Arthur Schurig Francisco Pizarro, der Eroberer von Peru Nach den alten Quellen erzählt von Arthur Schurig 1922 Carl Reissner Dresden Vorwort Mein Ende 1917 im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenes Buch »Die Eroberung von Mexiko durch Ferdinand Cortes« wollte das unvergeßbar schwere Schicksal des Kulturvolkes der Mexikaner zur Zeit des Einbruchs der Abendländer in die Erinnerung der Deutschen zurückrufen. Der Nachhall ist nicht ausgeblieben. Gerhart Hauptmanns »Weißer Heiland«, Eduard Stuckens »Weiße Götter« und Klabunds »Montezuma« legen wohl Zeugnis davon ab. Es ist bedeutsam, daß sich alle drei Dichtungen auf die Seite des überfallenen und vergewaltigten Volkes stellen. Das vorliegende Pizarro-Buch war von vornherein als Gegenstück zum Cortes-Buche geplant. Es stützt sich im ersten Drittel vor allem auf den zuerst 1534 in Sevilla (por Bartolomé Perez, in Folio, 45 unnumerierte Blätter) gedruckten Bericht: »Verdadera relacion de la conquista del Peru« von Francisco de Xerez, dem Geheimschreiber Francisco Pizarros in den Jahren 1530 bis 1534 Neuere Ausgabe in der: Coleccion de libros que Tratan de Ameéica raros o curjosos, Bd. I: Verdadera relacion de la Conquista del Peru por Francisco de Xeres ... Madrid 1891. Es gibt davon eine alte italienische Übersetzung (Mailand 1535), eine mangelhafte französische (von Ternaux-Compans, Paris 1837), eine deutsche (von Ph. H. Külb, Stuttgart und Tübingen bei Cotta, 1843), sowie eine englische (von Clemens R. Markham, London 1872). . Ergänzungen und Fortsetzungen dieses Berichtes bilden die erhaltenen Aufzeichnungen einiger andern Augenzeugen, so insbesondre der Bericht des Miguel Estate Ebenfalls im Bd. I der eben genannten »Coleccion«. , – ein amtliches Schreiben von Hernando Pizarro (1533) Gekürzt in deutscher Übersetzung zu finden im Bändchen 301 der Insel-Bücherei: Berichte von der Entdeckung Perus von Augenzeugen und Mitkämpfern. , – die »Relacion del Descubrimiento y Conquista de los Reynos del Perú« von Pedro Pizarro (vollendet 1574), – die »Historia del Descubrimiento y Conquista de la Provincia del Perú« von Augustin de Zarate (Antwerpen 1555, in Quarto) Zu finden in der bekannten Sammlung von Gonzalez Barcia: Historiadores primitivos de las Indias occidentales, Madrid 1849. , – die »Cronica del Perú« von Cieza de Leon (Sevilla 1553) und weniges andre. Die späteren, Chronisten sind im Laufe der Erzählung gelegentlich genannt. Benutzt ist auch die ehedem vielgelesene deutsche Übersetzung: »Geschichte der Eroberung von Perú« (Leipzig, F. A. Brockhaus, 1848, 2 Bände) des gleichnamigen englischen Werkes von William H. Prescott. Andere deutsche Darstellungen des Lebens und der Taten Francisco Pizarros und seiner Brüder, von denen Hernando und Gonzalo hervorragen, sind mir nicht bekannt. Auch hat sich wohl noch kein Dichter des packenden Stoffes irgendwie angenommen. Arthur Schurig Dresden, am 18. Januar 1922 Francisco Pizarro und seine Brüder I Francisco Pizarro (1478–1541), der spätere Generalkapitän, Marques und Ritter des Santiago-Ordens, Kaiserlicher Statthalter von Neu-Kastilien, berühmt als Eroberer von Perú, ist geboren in Truxillo, einer ländlichen Stadt des Gaues Estremadura. Sein Vater war Gonzalo Pizarro, einer der zahlreichen armen Edelleute, die in allen Jahrhunderten die Königlichen und Kaiserlichen Ranglisten zieren. Er hat es bis zum Obristen im Fußvolk gebracht und ist unter den üblichen Auszeichnungen Teilnehmer an verschiedenen Feldzügen, insbesondere in Italien unter Gonzalo von Cordova, dem Gran Capitano, gewesen. Verheiratet war dieser Pizarro mit einer Dame aus altem Geschlecht. Ein Sohn aus dieser Ehe ist Hernando Pizarro, von dem im Laufe dieser Erzählung des öfteren die Rede sein wird. Er ist, hundert Jahre alt, um 1565 in Truxillo gestorben. Witwer geworden, beglückte der alte Haudegen Gonzalo eine junge Magd namens Francesca Gonzales mit flüchtiger Liebschaft. Ihr hat Francisco Pizarro sein Leben zu verdanken. Später ist sie die Mutter eines gleichfalls unehelichen Sohnes geworden, der als Martino de Alcantára ein abenteuerliches Dasein führte. Ein dritter und vierter Bruder oder vielmehr Halbbruder unseres Francisco Pizarro, von andern Geliebten des Vaters stammend, sind: Juan Pizarro (gefallen 1536) und Gonzalo Pizarro (1506–1548). Auch auf diese beiden kommen wir zurück. Eine Verwandte vom Oberst Pizarro war die Mutter des Ferdinand Cortes (1485–1547), des Eroberers von Mexiko: Katilina Pizarro Altamirano. Francisco Pizarro wuchs auf dem väterlichen Gut auf. Das früheste, was wir von ihm wissen, ist, daß er als kleiner Junge die Schweine hütete. Seine Feinde haben ihn ob dieser homerischen Beschäftigung gelegentlich den »Porquero« (Sauhirt) gescholten. In eine Schule ist er nie gegangen. Lesen und Schreiben blieb ihm fremd. Ja, es wird berichtet, daß er nicht einmal seinen Namenszug malen konnte, sondern zeitlebens nur einen selbstbewußten Schnörkel unter die diversen Dokumente zu setzen pflegte. Gesagt sei allerdings, daß im damaligen Spanien manch hoher Herr mit Tinte und Feder ebensowenig wie dieser glückliche Landsknecht umzugehen verstand. Was unser Francisco bis zu seinem 32. Lebensjahre trieb, ist der Nachwelt im Einzelnen leider unbekannt. Wahrscheinlich ist er mit sechzehn oder siebzehn Jahren Soldat geworden und hat früh zu befehlen gelernt. Er war von kräftigem Körperbau, gewöhnt an Mühsal und Entbehrung. Mit Passion saß er auf einem guten Pferde, liebte das Ballspiel, schwamm wie eine Fischotter und begab sich leidenschaftlich gern in Gefahr. Vom Hazard, besonders wenn ihm die liebe Frau Fortuna ihre Rückseite zeigte, bekam man ihn nicht so leicht weg, es sei denn, Soldatenpflichten riefen ihn. Den Tafelfreuden hingegen gab er sich maßvoll hin. Auch beim Becher verlor er nie seine Würde. Seine Kleidung war immer schlicht und solid, auch in späteren Jahren, wo er ein berühmter und machtvoller Mann war. Hierin glich er Hannibal und Bonaparte. Dem obersten Führer dürfen nur Roß und Degen kostbar sein. Am 11. Juni 1496 kehrte Kolumbus von seiner ersten Amerikafahrt zurück. Alsbald war ganz Spanien erfüllt von phantastischen Eroberungsplänen. Vermutlich hat sich Pizarro an der zweiten Reise des großen Entdeckers beteiligt, die am 30. Mai 1498 von Sevilla aus vonstatten ging. Der Zwanzigjährige verblieb in der Neuen Welt; aber erst 1510 hören wir Bestimmtes davon. In diesem Jahre beteiligte er sich, von Hispaniola (Haiti) aus, an einer Unternehmung des abenteuerlichen Ritters Alonzo de Hojeda, nach Neu-Andalusien, auf der Tierra Firme (Festland) am Golf von Darien. Ursprünglich wollte sich auch Ferdinand Cortes, der damals in San Domingo (auf Haiti) weilte, an diesem Zug beteiligen, aber sein glücklicher Stern hielt ihn im letzten Augenblick ab. Der Versuch, sich in Uraba festzusetzen, mißlang. Hojeda für seine Person begab sich sehr bald nach Hispaniola zurück, um Hilfskräfte heranzuholen. An seiner Stelle blieb Franzisco Pizarro zurück. Aber die giftigen Pfeile der Karaiben lichteten die kleine Schar der Ansiedler, und schließlich mußte sich der winzige Rest auf einem kleinen Fahrzeuge einschiffen. Auf der Fahrt nach Veragua (auf dem Isthmus) traf man ein Schiff des Enciso, von dem nochmals die Rede sein wird, bei dem sich auch der alsbald berühmt gewordene Vasco Nunez de Balboa befand. Mit diesem schloß Pizarro Freundschaft. Balboa machte sich eigenmächtig zum Führer der neuen Niederlassung Santa Maria, und von diesem Ort aus unternahm er mit dreihundert Mann – darunter Pizarro – am 1. September 1513 einen denkwürdigen Zug. Es gelang ihm am 25. September desselben Jahres als erster Europäer die bis dahin legendäre Südsee zu erblicken. Unter feierlicher Entfaltung der Fahne Kastiliens nahm er Besitz von dem neuen Lande am San Miguel-Golf, wie er ihn taufte. Am 19. Januar 1514 traf die Expedition, reich an Gold und Perlen, wieder in Santa Maria ein. Nach Balboas Tode (1517), der den Intrigen von Rivalen zum Opfer fiel, oder wohl schon vordem, schloß sich Pizarro dem grausamen und berüchtigten Avila, genannt Pedrarias, an, dem Statthalter der Castilla aurifia. In dessen Dienst nahm er an verschiednen gefahrvollen Entdeckungs- und Raubzügen in das Innere der Landenge teil. So wurde Francisco Pizarro i. J. 1515 zusammen mit einem adern Ritter namens Morales nach dem Gestade der Südsee ausgesandt. Es galt, die Perleninsel im Golf von San Miguel zu brandschatzen. Beide Führer haben hier aus Habgier manch üble Tat begangen. 1519 ward die Stadt Panama gegründet, in so ungesunder Gegend, daß man die ursprüngliche Ansiedlung bald wieder aufgeben und in einiger Entfernung neu erbauen mußte. Wiederum war der Hauptmann Pizarro dabei, noch immer kein reicher Mann. Bereits über vierzig Jahre alt und längst kein Neuling auf amerikanischer Erde mehr, besaß er damals nichts als eine kleine Farm in schlechter Gegend. Da brachte im Jahre 1522 der Ritter Pascual Andagoya, auf der Heimkehr von einem Zuge, der bis Puerto de Pinas vorgedrungen war, die ersten allerdings märchenhaften Nachrichten von einem mächtigen, goldstrotzenden Kulturreiche noch weiter im Süden. Es war das nachmalige Peru. Diesen Namen hatte das Land damals noch nicht. Seine Herkunft ist ungewiß. Die älteste Schreibweise lautet: Pirú. Vielleicht rührt der Name von dem Flusse Birú her, dessen Mündung die Bezeichnung Puerto de Pinas trägt, und Birú war in der Sprache der dortigen Eingeborenen nicht der Name des Flusses, sondern bedeutete nur »der Fluß«. Nach andern hieß der Kazike (Häuptling), dem Pizarro später (1526) genauere Nachrichten über das Land seiner Hoffnung verdankte, Pirú. Nach einer dritten Überlieferung soll es in einem der Täler des Landes einen Stamm Pirú gegeben haben. In der Inkasprache hieß das Reich: Tahuantinsuyu, d. h: Vier-Sonnen-Land. Zur Zeit der Entdeckungen war Peru alles Gebiet zwischen den heutigen Staaten Colombia und Chile. Viel später haben sich die Staaten Ecuador und Bolivia gebildet. Heute stößt Peru an Ecuador, Brasilien, Bolivia und Chile, ohne daß allenthalben seine Grenzen feststünden. Sein jetziger Umfang (mit seiner Hauptstadt Lima) umschließt etwa 1 300 000 Quadratkilometer Bodenfläche. Durch dieses ganze Land, vom 4. bis zum 18. Grad südlicher Breite, zieht sich die Sierra von Perú hin, in einer Länge von 1550 km, etwa gleich der Entfernung von Christiania bis Mailand. Diese Sierra ist ein Teil der Cordilleren oder Anden (d. h. Kupferberge); die höchste Erhebung im Gebiet von Perú ist der dreiköpfige Coropuna, 6600 m hoch. Zur Zeit, da Pizarro sein Augenmerk auf Perú richtete, erstreckte es sich als das Reich der Inkas, längs des Stillen Ozeans ungefähr vom 2. bis zum 37. Grade südlicher Breite, also in einer Länge von mehr denn 3000 km. In das Innere des Kontinents reichte es mehrfach weit über die Cordilleren. Die Inkas, ein kleines Herrenvolk, ursprünglich wohl keine Amerikaner, sondern fremdländische Seefahrer, Mongolen oder vielleicht Wickinger, um das Jahr 900 nach Südamerika verschlagen, seit etwa 1150 in Kuzko und am Titikaka-See ansässig, hatten um 1325 alle ändern bildungsärmeren Stämme an der langen Küste unterjocht. Überall hatten sie Heeresstraßen und Burgen angelegt und den Unterlegenen ihre Religion aufgezwungen, den Sonnenkult. Noch der Großvater des Herrschers, der zu Pizarros Zeit auf dem Throne saß, der in der Landesgeschichte berühmte Topak Yupanki der Große, hatte gegen andre Stämme blutige Feldzüge unternommen. Er hatte sein Heer durch die gefurchtete Wüste Akatama geführt und war bis in den Süden des heutigen Chile gedrungen. Topak Yupankis Sohn, Huayna Kapak, nicht minder kriegerisch, hatte seine Eroberungen entlang der Sierra nach Norden ausgedehnt, über den Äquator hinaus, und hatte seinem Reiche die Provinz Quito hinzugefügt. Königstadt war Kuzko, »die heilige Stadt«, im Tale des Huatanay, eines Nebenflusses vom Urubamba, 3800 m hoch in den Bergen. Es ist heute noch (mit 30000 Einwohnern) die berühmteste, wenn auch nicht reichste Stadt Perus. «Hoch über ihr ragte stark befestigt die Königsburg. Auf dem Hauptplatze der Stadt prangte das berühmteste Gotteshaus des Reiches, die »Korikancha« (der goldene Hof)- Neben dem Sonnentempel stand das hochangesehene prächtige Kloster der Sonnenjungfern. Wahrscheinlich hatte der König Huayna Kapak Kunde von den Eroberungs- und Raubzügen. der Europäer, die sich im Norden, auf dem Isthmus, festgesetzt hatten. Als er sein Ende herannahen fühlte, versammelte er seine Generale, Minister und Oberpriester um sich und verkündete ihnen schlimme Zeiten. Er war der dreizehnte Herrscher in der Reihe seiner Familie. Er starb gegen das Jahr 1525. Rechtmäßiger Thronerbe war der Prinz Huaskar, der Sohn seiner Frau und Schwester. Nun aber hatte Huayna Kapak nach Eroberung des Landes Quito Gefallen daran gefunden, im Schlosse des besiegten Königs zu residieren und dessen hinterlassene Tochter in seinem Harem aufzunehmen. Sehr bald besaß die junge Schöne sein Herz, und, obgleich nach des Landes Sitte nur Inka-Töchter das Recht dazu hatten, erhob er sie zu seiner rechtmäßigen Gemahlin, zur »Koya«. Der Sproß dieser letzten Liebe des Königs war Prinz Atahuallpa, ein lebhaftes, kluges, rassiges Kind. Sein Vater zog ihn allen seinen älteren Söhnen vor. Schon als noch kleinen Jungen nahm er ihn mit ins Feld, teilte sein Zelt mit ihm und aß mit ihm aus einer Schüssel. In seinem Letzten Willen verfügte er, daß »Inka Huaskar sein Nachfolger auf dem Throne Perus werden, Inka Atahuallpa aber die Krone von Quito tragen solle« auf die er den natürlichsten Anspruch habe. Beiden Brüdern gebot er Frieden und Freundschaft unter sich zu halten. Damit glaubte er gut und recht entschieden zu haben, aber er zerstörte sein eigenes Werk und untergrub die Einheit im Reiche. Er war bei seinem Volk beliebt gewesen. Sein Tod wurde im ganzen Lande betrauert. Sein einbalsamierter Leichnam ward feierlichst nach Kuzko gebracht und im Sonnentempel beigesetzt. Sein Herz verblieb im Tempel seiner geliebten Stadt Quito. Viele seiner Haremsdamen und Höflinge begingen, uralter Sitte gemäß, Selbstmord, um den dahingegangenen verehrten König auf dem Gang in die Sonnenheimat begleiten zu dürfen. In den Jahren 1525 bis 1527 herrschte Atahuallpa im Lande Quito, während im Reiche Peru zunächst noch die Kaiserin-Witwe Kiui Tschimpu Rahua, unterstützt vom Vormund und Oheim des Kronprinzen, dem General Tschalkutschima, die Regierung ausübte. II Am 13. August 1521 hatte Ferdinand Cortes durch die Erstürmung der ihm entrissenen Hauptstadt Temixtitan die Eroberung von Mexiko besiegelt. Die Kunde seines genialen Feldzuges hatte die Gemüter aller Spanier diesseits wie jenseits des Atlantischen Meeres von neuem erhitzt. Ein Conquistador wie der Markgraf vom Tale Oaxaka zu werden, war aller abenteuerlichen Seelen höchster Traum. Auch Francisco Pizarro berauschte sich an der Kunde von diesen kühnen Taten, und gewiß hat er die Erstdrucke der berühmten beiden Briefe des Cortes an Kaiser Karl V. aus den Jahren 1520 und 1522 gelesen. Sie sind in Sevilla 1522 und 1523 von einem deutschen Drucker Jakob Kronberger prächtig in Folio gedruckt. Der Lorbeer seines Landmannes und die Sage vom Goldlande hinter den Cordilleren ließen Pizarro nicht mehr schlafen. Mit noch zwei andern, mehr gold- als ehrsüchtigen Männern beriet er seinen Plan wieder und wieder. Diesen beiden Abenteurern gebühren hier einige Worte. Der eigenartigere und markantere ist Diego de Almagro, ein Offizier, der von der Pike auf gedient und damals schon manchen Sturm erlebt hatte. Man nimmt an, daß er in der Stadt Almagro in Neu-Kastilien geboren ist. Er war ein Findelkind. Heißblütig, störrisch, ungeschlacht, offenherzig, derbgutmütig, tatenlustig und beutegierig: das waren im großen und ganzen seine Eigenschaften; Wein, Weib und Spiel sein Vergnügen. Lesen und Schreiben verstand er nicht. Der Dritte im Bunde: war der Padre Hernando de Luque, ein verbummelter spanischer Geistlicher, ehedem Schulmeister, dann Vikar an der Stiftskirche in Panama, ein Mann, der es unter den Kolonisten zu einigem Ansehen gebracht hatte, wahrscheinlich als trefflicher Berater in schwierigen Angelegenheiten, ein gerissener Patron, wie man zu sagen pflegt. Im Laufe seiner problematischen Existenz hatte er sich ein kleines Vermögen zusammengescharrt. Er gilt als der Geldgeber in diesem Triumvirat; in Wirklichkeit standen hinter ihm andre Leute, in Amt und Würden, die sich nur heimlich zu beteiligen wagten. Wir kommen später hierauf zurück. Unter anderen war zunächst der Statthalter Pedrarias pekuniär am Unternehmen beteiligt. Die beiden Capitanos stellten je ein Schiff samt Ausrüstung aus eigenen Mitteln. Pizarro wurde Befehlshaber, Almagro Intendant. Pizarro hatte die Soldaten und Schiffsleute anzuwerben, einheitlichen Geist in die bunte, nicht leicht zu behandelnde Landsknechtshorde zu bringen, ihre Pferde und Waffen zu prüfen usw. Almagro sollte die Lebensmittel und Tauschwaren besorgen, den Sold der Leute auszahlen und anderes mehr. Luque beabsichtigte in Panama zurückzubleiben, um den Nachschub zu regeln. Sowie die amtliche Erlaubnis vom Statthalter erteilt war – Versprechen aller Art halfen da notgedrungen nach –, ging es an den Kauf der Schiffe und ihre Ausrüstung. Die größere der beiden Karavellen hatte sich Balboa bauen lassen, in der nämlichen Absicht, Peru zu entdecken. In den sieben Jahren seit seiner Hinrichtung hatte es abgetakelt im Hafen von Panama gelegen. Schwieriger war die Anwerbung der Mannschaft. Franzisco de Xerez, Pizarros späterer Geheimschreiber, von dem die Nachwelt den anschaulichsten Bericht über die Eroberung von Peru besitzt (zuerst gedruckt in Sevilla 1534), erzählt, es seien damals 112 Mann einschließlich einer Anzahl von Indianern (als Diener und Träger) zusammengekommen. Wirklich Kampffähige wären es keine 80 Mann. Wahrscheinlich wurde jeder angeworben, der leidlich gesund and bewaffnet antrat. Auch ohne daß wir das Vorleben aller dieser mehr oder minder dunklen Ehrenmänner kennen, dürfen wir annehmen, daß es eine wahre Teufelsbande gewesen sein mag. Das Gold war das heilige Zeichen, unter dem sie siegen wollten, und auf das Kreuz des Heilands wurden sie feierlich vereidigt, denn es waren dem Namen nach Christen, die da auszogen, Ungläubige mit dem Evangelium der Menschlichkeit zu beglücken – durch Feuer und Schwert. III Montag, den 14, November 1524, lichtete Pizarros Karavelle die Anker. Almagro sollte mit dem zweiten kleineren Schiffe, das noch nicht fertig ausgerüstet war, baldmöglichst nachkommen. Die gewählte Zeit der Abreise war ungünstig. In der Regenzeit herrschen an der Küste von Panamá bis Lima widrige Winde. Damals hatte man freilich noch keine Erfahrungen hierin. An der Perleninsel vorüber ging die Fahrt durch die große Bucht von San Miguel zunächst in Richtung auf das Vorgebirge von Puerto de Pinas, bis wohin, wie gesagt, bereits Andagoya gekommen war. Pizarro hatte sich alle Nachrichten über Peru und die Fahrt dahin verschafft, die nur aufzütreibea waren. Viel war das nicht. Er fuhr buchstäblich in unbekannte Lande. An diesem ersten Ziele angelangt, im heutigen Colombia, ließ er sein Schiff in die breite Mündung des Birú steuern. Einige Leguas stromauf warf man die Anker aus. Die Streitmacht ging ans Land, etwa 60 Mann und 12 Träger. Die Schiffsleute blieben an Bord. Es begann ein Zug ins Innere, von Pizarro in Person geführt. Der flache Streifen Küstenland, der sich vor den Cordilleren hinzieht, war in der Flußnähe Sumpf und Morast, bewachsen mit Gehölz, dessen wirrer Unterwuchs schwer gangbar war. Weiter weg vom Wasser war der Boden steinig und hügelig. Die Spanier in ihren Stahlhelmen, Panzerhemden und Baumwollenkollern, belastet mit ihren Büchsen, Armbrüsten, Piken und Schwertern, kamen kaum vorwärts. Die Hitze war groß, die Luft heiß und feucht. Als der Capitano sah, daß der Marsch zu nichts führte und daß seine Leute solchen Mühsalen nicht gewachsen waren, brach er die Expedition ab und kehrte nach dem Schiffe zurück. Man gewann das Meer wieder und landete ein paar Tage später abermals, mehr südlich, begnügte sich jedoch, Holz und Wasser einzunehmen. Auf der Weiterfahrt kam Regen, Gewitter, Sturm. Die See tobte. Das kleine Schiff hielt kaum stand. Das Trinkwasser wurde knapp. Endlich nach zehn Tagen konnte man landen. Wieder ward weitergesegelt. Man stellte fest, daß Almagro viel zu wenig Vorräte mitgegeben hatte. Fleisch gab es bald nicht mehr. Das Mehl wurde in sparsamsten Portionen verteilt. Natürlich sank damit die Stimmung an Bord von Tag zu Tag, und so verwegen Pizarros Herz auch war, er mußte wohl oder übel den Befehl zur Umkehr erteilen. In jener Bucht, wo man vor dem großen Sturm Holz und Wasser geholt hatte, ging die Karavelle zum zweitenmal vor Anker. Der Ort trägt noch heute den Namen Puerto de la Hambre (Hungerhafen), zum Gedächtnis der Leiden, die Pizarro und seine Genossen hier zu erdulden hatten. Es war um den 22. Januar 1525. Das Land war hier genau wie an der Mündung des Birú, flach und sumpfig. Soweit der Blick reichte, starrte undurchdringliches Gehölz, zu beiden Seiten der endlosen Küste. Dahinter strahlte die hohe Sierra, stumm und majestätisch. Nirgends sah man Menschen. In der unheimlichen Einöde flatterten vereinzelte Seevögel, grau wie das Gestade; hier und da am Himmel ein Geier oder Kondor aus den Bergen. Und doch begrüßten die halbverhungerten Seefahrer dies Land als alten Bekannten inmitten ihrer Verlassenheit. Man landete ein Stück stromauf und baute ein Hüttenlager. Unaufhörlich prasselte der Regen auf das lederharte Laub des Urwaldes. Das eingesalzene Schweinefleisch war längst verzehrt; Mehl gab es nur noch für die Kranken. Als Nahrung dienten zunächst Schaltiere, Beeren und Krauter. Fast alle klagten, jammerten, machten ihrem Führer heimlich und offen Vorwürfe. Pizarro blieb fest: unmöglich konnte er vor Ablauf der ihm bewilligten Dauer des Zuges nach Panama zurückkehren, ohne Gold, ohne die einwandfreie Entdeckung des gesuchten indianischen Kulturlandes. Er wäre für allezeit erledigt und obendrein wirtschaftlich ruiniert gewesen. Und ganz abgesehen von alledem: als Mann, als Soldat, als Held, der fest an sich selber glaubte, durfte er seinen Plan nicht aufgeben. Er versammelte die Offiziere und die Mannschaft und legte ihnen seinen Standpunkt in knapper, anschaulicher, ehrlicher Rede dar. Er erinnerte an die Ergebnisse und Berichte der früheren Fahrten nach dieser Gegend. An dem Vorhandensein des Goldlandes sei nicht zu zweifeln. Er erinnerte an Cortes und an das Wunderbare, das er mit seiner kleinen unverzagten Schar erlitten und erkämpft hätte. Ohne Mut und Ausdauer sei der gleiche Erfolg unmöglich. Er habe sich entschlossen, die Karavelle nach der Perleninsel zu schicken, um frische Vorräte zu holen und die nicht mehr Felddienstfähigen heimzugeleiten. Die Entfernung sei nicht groß; in zehn, zwölf Tagen könne das Schiff zurück sein – und der neue Versuch, nach Peru vorzudringen, sei ermöglicht. Pizarros gelassene zuversichtliche Beurteilung der zweifelhaften Lage stimmte die Verzagten um. Als Narr wollte keiner nach Panama zurück. Eitel und stolz ist jeder Spanier. Und das Gold lockte von neuem. So ward einer der Offiziere namens Montenegro mit dem Schiff abgesandt. Pizarro mit etwa 50 Genossen und einigen Indianern verblieb im Lager. Nach der Abfahrt der Karavelle unternahm er kleine Entdeckungszüge mit Trupps, die er zumeist persönlich leitete. Es galt Nahrungsmittel beizutreiben und womöglich Ansiedlungen von Eingeborenen festzustellen. Aber alle Versuche blieben ergebnislos. Krankheit und Tod lichtete die Schar. Das sehnsüchtig erwartete Schiff ließ sich nicht wieder blicken. Man litt »Hunger und Herzeleid«, wie Xerez in seiner naiven Art berichtet. Da brachte eine der Patrouillen, die Pizarro klugerweise nach wie vor Tag um Tag aussandte, die Meldung zurück, man habe in der Ferne einen Lichtschein im Walde erblickt. Sofort brach der Capitano mit einer kleinen Schar Freiwilliger auf, um in der bezeichneten Richtung Näheres zu erkunden. In der Tat fanden sie ein indianisches Dorf, dessen Bewohner beim Anblick der seltsamen weißen Männer entsetzt flohen. Pizarro marschierte in das verlassene Dorf und ließ die Lebensmittel aus den Hütten zusammentragen: Mais, Kakao, einige Hühner. Es war wenig, aber den Ausgehungerten köstlich. Etliche der fortgelaufenen Einwohner kamen aus Neugier wieder in Sicht. Pizarro ließ ihnen seine freundschaftliche Gesinnung bedeuten. Da kehrten sie zurück in ihr Dorf, verwundert, daß Fremde, denen sie nie ein Leid angetan, aus der Ferne gekommen seien, um zu rauben, statt sich in ihrer eigenen Heimat zu erbauen, was sie brauchten. Die Wilden trugen die Antwort auf ihre Frage um Hals und Handgelenk: das verruchte Gold, den Satan des Abendlandes! Pizarro hatte eine andre Frage auf dem Herzen: »Was wißt ihr von Perú?« Man bestätigte ihm die Legende. Zwölf Tagreisen hinter den Bergen habe ein mächtiger König geherrscht, dessen Gebiet von einem noch mächtigeren, weiter im Süden herrschenden Herrn, einem Sohne der Sonne, erobert worden sei. Man meinte den Inka Huayna Kapak, der das Land Quito seinem Reiche einverleibt hatte, schon vor einem Menschenalter. Durch den Tauschhandel, der sich entspann, ward die Lage der Spanier gebessert. Endlich, Mitte März 1525, traf Montenegro mit der Karavelle samt guten Vorräten wieder ein. Seine Verzögerung erklärte sich durch allerlei mißliche Zwischenfälle, insbesondere den Sturm, der das Schiff auf dem Wege nach der Perleninsel verschlagen hatte. Nach ein paar schlemmerhaften Tagen begab sich Pizarro mit dem Rest seiner Leute – es waren über zwanzig gestorben – an Bord. Abermals ging es entlang der Küste gen Süden. Hin und wieder landete man und machte einen kleinen Streifzug in das Küstengebiet. So stieß man eines Tages auf ein Indianerdorf, dessen Bewohner beim Nahen der Weißen das Weite suchten. Man fand Nahrungsmittel und grobgearbeitete Zierate aus Gold; zugleich aber Menschenfleisch am Rost bratend. Vielleicht wohnte hier ein karaibischer Stamm – oder die Spanier sahen Schreckbilder. Entsetzt suchten sie ihr Schiff auf und segelten weiter. Nach einem starken Sturm ließ man die Anker an einer flachen Landspitze fallen, die den Namen Punto Quemada bekam. An einem Durchhau im Urwalde erkannte Pizarro, daß in der Nähe eine Niederlassung zu finden sein müsse. Sofort trat er mit der größeren Hälfte seiner Leute einen Erkundungszug an. Eine Legua vom Meere, auf einer Anhöhe, zeigte sich ein Dorf, größer als alle bisher entdeckten, von einer Pfahlmauer umschlossen. Wie immer waren die Eingeborenen geflohen. Es fanden sich reichliche Lebensmittel und auch goldene Schmucksachen, die Pizarro, der sonst streng auf Zucht hielt, der Beutegier seiner Genossen preisgab, denn er wußte, daß der Golddurst, wenn er ab und zu ein wenig befriedigt wird, weiter wächst und währt. Es stellte sich heraus, daß die ohnehin wenig seetüchtige Karavelle einer gründlichen Ausbesserung bedurfte, ehe man die nicht ungefährliche Küstenfahrt mit Sicherheit fortsetzen konnte. Infolgedessen beschloß Pizarro, das Schiff nach Panama zurückzuschicken, damit es daselbst instand gebracht werde. Zuvor aber würde Montenegro mit der Hälfte der Streitmacht auf einen Erkundungszug in das Innere des Landes abgesandt. Die Indianer hatten ihr Dorf verlassen, um ihre Weiber und Kinder in Sicherheit zu bringen, behielten aber durch Beobachter die Spanier im Auge. Alsbald sammelten sich ihre Krieger, und wie sie sahen, daß sich der Feind geteilt hatte, beschlossen sie, taktisch richtig, die beiden Abteilungen voneinander abzuschneiden und einzeln anzugreifen. Nachdem der Trupp des Montenegro einige Leguas marschiert und in die Vorberge der Cordilleren gelangt war, sah er sich urplötzlich rückwärts von buntbemalten nackten Indianern unter grausigem Kriegsgeheul angegriffen. Pfeile und Wurfspieße hagelten auf die kleine Schar. Ein paar Augenblicke herrschte Panik. Dann aber schwärmten die Armbruster aus und eröffneten ihr Feuer. Die anderen griffen die wilden Scharen mit Schwert und Lanze an. Bald waren die Angreifer wieder verschwunden. Drei Spanier waren gefallen; mehrere verwundet. Inzwischen erfolgte auch der Angriff auf Pizarros Trupp. Der Capitano ließ die Indianer gar nicht erst an die Verschanzung heran, sondern unternahm rechtzeitig einen Gegenstoß. Es kam im Vorfeld zu heißem Gefecht. Pizarro, dessen Rüstung und Befehlsgesten den Führer verrieten, konnte sich der Pfeile kaum erwehren. An sieben Stellen durchstießen sie ihm den Panzer. Die Indianer wurden zurückgeworfen, stürmten aber immer von neuem an. Einmal strauchelte Pizarro. Schon umringte ihn ein Haufen heulender Indianer, aber er richtete sich rasch wieder auf und erschlug zwei der Angreifer. Die übrigen wichen zurück. Nunmehr rückte Montenegro mit den Seinen an. Da verließen die Wilden den Kampfplatz. Abermals waren zwei Spanier gefallen und mehrere verwundet. Im ganzen waren 5 Mann tot und 17 Mann verwundet. Pizarro berief einen Kriegsrat. In der Mehrheit war man der Ansicht, Pizarros Zug sei nicht ohne Erfolg. Die Kunde von einem gesitteten Reiche sei bestätigt. Gold sei im Lande. Man müsse das Unternehmen auf besserer und größerer Grundlage fortsetzen und zu diesem Zwecke zunächst nach Panama zurückkehren. Der Capitäno verschloß sich dem nicht. Er willigte ein, nahm sich aber vor, in eigener Person der Stadt Panama und dem Statthalter fernzubleiben. Er schiffte sich mit seiner Truppe ein und ging in Chicamá, einer spanischen Niederlassung auf der Landenge, westlich von Panamá, ans Land. Von dort aus sandte er die Karavelle samt seinem Schatzmeister Nikolas de Ribera mit einem ausführlichen Reisebericht und dem erbeuteten Gold zu Pedrarias. Dies geschah zu Anfang Juni 1525. Ende Mai war auch Pedro de Almagro mit dem zweiten Schiffe und etwa 70 Mann in See gegangen, in der Absicht, verabredungsgemäß zu Pizarro zu stoßen. Die vereinbarten Zeichen ließen ihn die verschiedenen Landungsorte seines Genossen auffinden. So gelangte er nach Punto Quemada, wo er ganz wie Pizarro, auf einem Streifzuge ins Innere, an das befestigte Dorf kam. Der kampflustige Almagro erstürmte es an der Spitze seines Trupps und setzte es ergrimmt in Brand. Der Angriff hatte ihn nämlich einen Speerschuß in das eine Auge eingetragen, und trotz aller Pflege verlor er es unter großen Schmerzen. Die Fahrt ward fortgesetzt, und zwar nach mehreren goldbringenden Zwischenlandungen bis zu einer Bucht von wunderbarer landschaftlicher Schönheit. Es war am 24. Juni, am Johannistage. Deshalb taufte Almagro den dort (ungefähr 4 Grad nördlich des Äquators) mündenden Fluß: Rio de San Juan. Der Fluß ist später insbesondere dadurch wichtig geworden, als er zur Nordgrenze von Pizarros Machtbereich erklärt ward. Die am Ufer gelegenen Dörfer verrieten höhere Kultur als alle bisher gesehenen. Almagro war sich klar, daß Pizarro keinesfalls so weit wie er gekommen war, vielmehr wahrscheinlich bereits wieder nach Panamá zurückgekehrt oder gar spurlos umgekommen sein mochte. Richtigerweise hielt er es für angebracht umzukehren. Er tat es und erfuhr nun an der Perleninsel Pizarros Aufenthalt. Etwa Ende Juli oder Anfang August 1525 trafen sich die beiden Genossen in Chicama. Almagro hatte beträchtlich mehr Gold zusammengeraubt als Pizarro. Dies bestärkte sie in ihrem Glauben an den alten Plan, und so gaben sie sich von neuem das feierliche Versprechen, das Unternehmen unbedingt fortzusetzen. IV Almagro begab sieh nach Panama, um des Statthalters Genehmigung zu einer zweiten Ausfahrt zu erwirken und vom Padre de Luque neue Mittel zu bekommen. Pedrarias hatte gerade den Kopf voll. Sein Unterbefehlshaber in Nikaragua war ihm widersetzlich, und so sah er sich genötigt, eine Strafexpedition dahin anzutreten. Als Almagro dem Übelgelaunten seine Sache vortrug, ward er glatt abgewiesen. Am liebsten hätte der ungläubige und eigennützige Pedrarias Pizarros gesamte Mannschaft unter sein eigenes Kommando genommen. In ablehnender Haltung verlangte er Rechenschaft über den Verlust an Leuten während der ihm ergebnislos dünkenden Fahrt nach Peru. Nunmehr setzte der schlaue Padre alle seine Überredungskunst ein. Auf ihn hatten Pizarros Bericht und Almagros mündliche Erzählung den allerstärksten Eindruck gemacht. Gleich seinen beiden Genossen zweifelte er jetzt weniger denn je am Erfolge des gemeinsamen Planes, sobald man seiner Ausführung ernstlich und zäh alle Kräfte und Mittel widme. Das Unternehmen hatte zwar bereits 15000 Goldpesos gekostet. Was tat das? Eine große Sache erfordert große Mittel. Nun war Pedrarias mit einer kleinen Summe beteiligt. Luque erbot sich, sie ihm sofort bar zurückzuzahlen, und stellte ihm obendrein für den Fall des Gelingens 1000 Goldpesos ihn Aussicht, wenn er die erbetene Genehmigung zu einem zweiten Versuche erteile. Der habsüchtige und geizige Pedrarias widerstand diesem Angebot nicht und erteilte endlich die Genehmigung. Offenbar standen sich Pizarro und Pedrarias schlecht. Um den immer noch in Chicama Lauernden zu ärgern, verlieh der Statthalter dem Almagro den nämlichen Rang wie jenem. Vermutlich wollte er, daß der eine den anderen im Zaume halte. Pizarro war empört. Man berichtet, er habe geargwöhnt, Almagro hätte den Pedrarias dazu angeregt. Erwiesen ist dies nicht; aber fortan mißtrauten sie einander, ohne es sich merken zu lassen; und Pizarro, der wie alle Kraftnaturen nur zu lieben oder zu hassen verstand, vergaß seinen Verdacht nie wieder. Um dies vorwegzunehmen; Pedrarias verblieb nicht mehr lange auf seinem Posten. Bereits im Jahre 1526 ward er durch Pedro de los Rios ersetzt. Das war ein Ritter aus Cordova. Die spanische Regierung ließ ihre Vertreter in den Kolonien nicht allzu lange an wichtigen Stellen, damit sie sich nicht zu Alleinherrschern entfalteten. Pedrarias lebte noch etliche Jahre als Privatmann, verstrickt in allerlei unrühmliche Prozesse, teils persönlicher, teils amtlicher Art. Eine großzügige Natur ist er wohl nicht gewesen, wenngleich ihm gewisse Verdienste um den jungen Pflanzstaat kaum abzusprechen sind. Man darf auch nicht vergessen, daß Mustermenschen nach dem Maße heimatlicher Konvenienz in keinem Jahrhundert in einer sich erst entwickelnden Kolonie am Platze sind. Nunmehr erneuerten die drei Genossen ihren Vertrag, dessen Wortlaut – der Geburtsschein sozusagen des heutigen Perú –, unterzeichnet am 10. März 1526, uns in den noch ungedruckten, um 1620 niedergeschriebenen »Annales« des Lizentiaten Fernando Montesinos erhalten ist. Dieser denkwürdige Pakt, »im Namen des Friedensfürsten« zum grausamen Untergang einer friedsamen Nation ausgefertigt, beschworen auf ein Meßbuch und das Symbol des christlichen Glaubens, verabredete die Eroberung, Vernichtung und Verteilung eines mächtigen Reiches, von dem die drei Vertragsschließenden kaum mehr wußten als vom Land auf dem Mond. Im Gegensatz zur damaligen öffentlichen Meinung, die das Unternehmen der drei Männer geringschätzig belächelte, spricht diese Urkunde von der Größe und den Grenzen, von den Schätzen und Erträgnissen Perús mit einer geschäftlichen Bestimmtheit, wie sie wohl niemals einer Vision zuteil geworden ist. Pädre de Luque zerbrach nach der Unterzeichnung des Vertrags im Beisein von drei ehrbaren Zeugen – Almagro sowohl wie der nunmehr auch in Panamá weilende Pizarro setzten nur ihre Schnörkel unter das Dokument – eine geweihte Hostie in drei Teile und reichte sie seinen beiden Genossen. Unter Tränen der Ekstase aßen die drei den Leib des Herrn und Heilands. Übrigens stand hinter Luque, der diese Tragikomödie inszenierte, jetzt ein andrer Geldmann, der Lizentiat Gaspar de Espinosa, mit 20000 Goldpesos, wie aus einer späteren Urkunde vom 6. August 1531 hervorgeht. Dieser Espinosa war ein angesehener und einflußreicher hoher Verwaltungsbeamter in Panamá. Pizarro erwarb zwei größere Segelschiffe, die sich in weit tüchtigerem Zustande befanden als die beiden früheren. Auch Vorräte wurden in reichlicherem Maße eingekauft. Schwieriger war die Anwerbung von wirklich brauchbaren Teilnehmern an der »Expedition nach Peru« (wie es an den öffentlichen Anschlägen hieß). Von den 190 Mann, die am ersten Zuge teilgenommen hatten, waren etwa 125 übrig. Mancher davon war nicht mehr felddienstfähig, und mancher spürte wenig Lust, neuen Mühsalen entgegenzugehen, vielleicht abermals ohne goldenen Lohn. So kamen nur 160 Mann zusammen; diesmal einige mit Pferden. Im Waffendienst brauchbare Gäule waren geschätzt und teuer. Zur Zeit (1520), als Ferdinand Cortes gegen Mexiko zog, kostete ein gutes Pferd durchschnittlich 500 Goldpesos. Südlich der Landenge standen sie beträchtlich höher im Werte: unter 1000 Goldpesos war keins zu haben. Später, als der Goldstrom aus Peru floß, zahlte man dafür 2500 Pesos und noch mehr. Die Berichte über den ersten Zug erwähnen den Gebrauch von Hakenbüchsen und Geschützen nicht. Jetzt wurde eine kleine Anzahl von Büchsenschützen angeworben. Artillerie fehlte wiederum. In dieser wie in manch anderer Hinsicht war Cortes besser ausgerüstet gewesen. Kuba war mit der Heimat unmittelbar durch das Meer verbunden, während Panamá, eine noch junge Kolonie und durch rauhes Gebirge vom Nordmeere getrennt, eine ungünstige Basis zu einem Feldzuge bot. Alles in allem muß man sagen: die Streitmacht, mit der Pizarro ein starkes Reich zu bekämpfen sich erkühnte, war mehr denn ungenügend. Zieht man dazu die weite Entfernung der armseligen Operationsbasis und die schlechte Verbindung mit ihr in Betracht, so bestaunt oder bewundert man Pizarros Wagemut. V Die Ausreise der beiden Karavellen erfolgte im Sommer 1526. Der Tag ist nicht genau bekannt. Pizarro befehligte auf dem einen, Almagro auf dem andern Schiffe. Als Lotse diente Bartolomäo Ruiz, ein kluger, tatkräftiger, erfahrener Seemann, der die Südsee einigermaßen kannte. Er war aus Moguer in Andalusien gebürtig, einem Orte, der schon dem Kolumbus tüchtige Seeleute gestellt hatte. Ruiz verschmähte das ängstliche Hinfahren an der Küste. Er ging in die hohe See und steuerte geradenwegs nach der Mündung des Rio de Juan, dem südlichsten bisher erreichten Punkt. Die Luftlinie zwischen beiden Orten beträgt 550 km. Ohne Unfall und in wenigen Tagen fuhr man in den Strom ein. Pizarro und Almagro landeten, überfielen mehrere Dörfer, trieben Gold und Silber in nicht unbeträchtlicher Menge bei und nahmen auch einige Eingeborene zwangsweise mit an Bord. Pizarro, der sich dauernd Gedanken machte über die unzulängliche Gefechtskraft seines kleinen Heeres, setzte es durch, daß man diese erste Beute als Werbemittel nach Panama zurücksandte. Eins der Schiffe ging also unter Almagro ab, um weitere Mannschaften anzulocken. Das andre kleinere, unter dem Kommando von Ruiz, erhielt den Auftrag, eine Erkundungsfahrt nach Süden auszuführen. Vor allem kam es Pizarro darauf an, bestimmte Nachrichten über das Reich Peru zu erhalten. Er selber blieb mit etwa 60 Mann am Rio de San Juan, in der Absicht, an geeigneter Stelle ein festes Lager zu errichten und von da aus Streif- und Beutezüge ins Innere des Landes zu unternehmen. Ruiz fuhr ab. Bei günstigem Wind und Wetter nahm er seinen Kurs entlang der Küste gen Süden. An der Insel Gallo (ungefähr 2 Grad nördlicher Breite) ging er vor Anker. Die Kunde von der erneuten Ankunft der weißen Männer hatte bereits das ganze Küstenland durcheilt. Dem Seemann entging dies nicht, und da er keine Eroberung, sondern nur Erkundung vorhatte, unterließ er den ursprünglich geplanten Landungsversuch, fuhr weiter und erreichte am 21. September 1526 die Bucht von Sankt Matthäus, wie er sie benannte. Die Ufer wimmelten von Neugierigen, die das Schiff der Fremden angafften. Die Dörfer, die man von Bord aus erblickte, machten den Eindruck von gesitteten Stätten. Offenbar hatte man weder Furcht noch Feindseligkeit im Sinne. Gleichwohl verzichtete der vorsichtige Ruiz auch hier auf die Landung und ging wieder in die hohe See. Wie glücklich sein Einfall war, sollte sich alsbald zeigen. Zur Überraschung aller kam ein Schiff mit einem großen viereckigen Segel an zwei Masten in Sicht. Es war eine sogenannte »Balsa«, ein flaches Fahrzeug aus Holz mit einem Verdeck aus Rohr. Es hatte ein Steuer und keine Ruder. Die Spanier waren um so mehr erstaunt, als man bisher weder im Nordmeere noch in der Südsee auf oiffener See fahrende Indianer angetroffen hatte. Ruiz behandelte die Leute auf das freundlichste. Sie gewannen Zutrauen und zeigten alles, was sie in ihrer Balsa hatten: goldenes Gerät, Gefäße aus Silber, polierte Spiegel, Stoffe aus Wolle und Baumwolle. Unter anderm besaßen sie eine Wage zum Abwiegen von Edelmetall. Am bemerkenswertesten aber waren feine Gewebe, mit bunten Abbildern von Vögeln und Blumen bestickt. Damit stellte Ruiz das bisher nur vermutete Vorhandensein eines Landes mit höherer Kultur fest. Er erfuhr fernerhin, daß die Stadt Tumbez nur wenig weiter im Süden liege, daß in ihrer Nähe im Lande große Schafherden weideten, von denen die Wolle stamme, und daß in den Häusern der Herrscher und Reichen an Gold und Silber ebensoviel vorhanden sei wie an Holz und Stoffen. Sechs der Indianer, von denen zwei aus Tumbez waren, behielt Ruiz auf seinem Schiffe, um sie als Dolmetscher auszubilden. Die übrigen ließ er auf ihrer Balsa weiterfahren. Sodann setzte er seine Erkundungsfahrt fort. Er kam bis zum Punto de Pasado, etwa einen halben Grad südlich des Äquators gelegen, und errang den Ruhm, der erste Europäer zu sein, der in dieser Gegend die Mittagslinie der Erde überschritt. Damit hielt er seinen Auftrag für erfüllt und trat die Rückreise an. Nach insgesamt 60 bis 70 Tagen traf er wieder am Rio de San Juan ein. Während der Abwesenheit des Ruiz hatten Pizarro und seine Schar mancherlei zu überstehen. Irregeleitet durch Eingeborene, die ihm versichert hatten, wenige Leguas hinter dem Küstengehölz läge trockenes offenes Land, waren die Spanier nach Abfahrt des Schiffes in den Urwald marschiert; aber der Erwartung entgegen wurde der Wald immer düsterer und gewaltiger. Man geriet in die Vorberge der Cordilleren und schließlich in grausige Schluchten und Felsen. Über den Hängen erblickte man die steilen Wände des Gebirges und weiter in der Ferne die hohen Gletscher und vereisten Gipfel. Die Tierwelt wurde bunter und seltsamer. Man sah Affen, Papageien, Tapire, Jaguars, riesige Eidechsen, große Schlangen, zahllose Ameisen, grellfarbige Falter, allerlei Gewürm. An einem Flusse, der auf einem indianischen Boot überschritten wurde, fiel einer der Spanier einem Krokodil zum Opfer. Als die letzten vierzehn Mann auf dem Kanoe übersetzten, strandete es, und aus dem Hinterhalt stürzten Indianer hervor, die auf der Lauer gelegen hatten, und machten alle vierzehn nieder. Man mußte zurück an die Küste, wo endlich der Lagerplatz ausgesucht wurde. Hier flogen Moskitos in unerträglicher Zahl. Um sich vor ihnen zu schützen, grub man sich tief in den Dünensand. Man nährte sich in der Hauptsache von Kartoffeln, Kakaobohnen, Mandelbaumfrüchten. Die mitgebrachten Vorräte waren zumeist auf dem Marsche durch den Urwald und bei dem Flußübergange verlorengegangen. Die Stimmung der kleinen Schar war verzagt und verdrossen. Nur wenige nahmen sich an ihrem Führer ein Beispiel, der gelassen und zuversichtlich auf die Rückkehr der Schiffe wartete. Zuerst traf Ruiz wieder ein. Sein Bericht, gestützt durch die handgreiflichen Beweise der auf der Balsa eingetauschten Waren, ließ die fast allgemeine Verzweiflung sofort in neue Reiselust und Beutegier umschlagen. Alle diese zusammengewürfelten, meist ungebildeten, sittlich minderwertigen oder verkommenen Abenteurer fielen von Extrem zu Extrem, je nach dem die Suggestionskraft des Goldes mit ihrem Mut, ihren Hoffnungen und Launen spielte. Dann erschien auch Almagros Karavelle mit Lebensmitteln und Vorräten. Er hatte Glück gehabt. Als er im Hafen von Panamá einlief, vernahm er, daß an Pedrarias Stelle Don Pedro de los Rios getreten war. Zunächst wagte er nicht zu landen, sondern schickte erst nach dem Padre de Luque, um zu erfahren, wie der neue Statthalter dem Unternehmen in Peru gesonnen sei. Luque brachte günstigen Bescheid, und der Statthalter erschien persönlich im Hafen, um Almagro zu begrüßen. Die heimatliche Regierung hatte ihn angewiesen, neue Unternehmungen zu fördern, zum mindesten nicht zu hindern. Zufällig war aus Spanien ein Trupp frischer kriegs- und beutelustiger Leute angekommen, die den alten Ansiedlern vielfach bereits lästig geworden waren. Almagro warb sie zum beiderseitigen Vergnügen sofort an. So brachte er eine Verstärkung von 80 Mann mit. Die Kopfzahl des Heeres stieg dadurch wieder auf etwa 220. VI Unter allgemeiner Zustimmung traten die beiden Schiffe die Weiterfahrt nach dem Süden an. Inzwischen war es aber Spätherbst (1526) geworden, und widrige Winde peitschten das Meer. Oft war tagelang Sturm und Gewitter. Gleichwohl erreichte man die schon bekannte Insel Gallo. Man landete, ohne daß sich die Eingeborenen irgendwie feindselig zeigten, rastete vierzehn Tage und besserte die Fahrzeuge aus. Auf der Weiterfahrt erreichte man die Bucht von Sankt Matthäus. Alle waren entzückt von dem hier freundlicheren Gestade, seinen vielfach mit Kartoffeln, Mais und Kakaobüschen bebauten Fluren und den zahlreichen Dörfern. Auf der Höhe von Takamez erkannte man schließlich eine kleine indianische Stadt mit richtigen Straßen und etwa 2000 Häusern sowie weiten Vororten. Näher kommend sah man deutlich, daß die Männer und Frauen Goldschmuck und Edelsteine trugen. Man befand sich an der Küste des Landes Quito, das besonders goldreich war. In Peru selbst war Juwelenschmuck ein Vorrecht der Edelleute. Hier in der Nähe vom Strom gibt es übrigens noch heute ergiebige Smaragdgruben. Boote mit Bannern und bewaffneten Kriegern kamen an die spanischen Karavellen. Offenbar empfand man keine Furcht vor den Fremdlingen, und Pizarro hütete sich, Feindseligkeiten zu eröffnen. Er landete persönlich mit einem kleinen Trupp von Armbrustern und Bogenschützen sowie etlichen Pferden. Aber seine Absicht, sich mit den Bürgern der Stadt in gutes Einvernehmen zu setzen, scheiterte an der immer drohlicheren Haltung der Eingeborenen. So blieb nichts weiter übrig als wieder an Bord zu gehen. Die den Indianern ungewohnten Ritter zu Pferd waren es, die den Respekt vor den Spaniern aufrecht hielten. Schon sammelten sich am Hafen regelrechte Heereshaufen. Pizarro berief einen Kriegsrat. Er schilderte den Vertretern der Mannschaft die Lage, wie er sie sah. Es sei klar, sagte er, daß man sich mit anderthalbhundert Mann in der Front in diesem starkbevölkerten, sichtlich kriegerischen Lande nicht lange halten könne. Von einem Marsche tief ins Innere könne hier keine Rede sein. Man müsse es an anderer Stelle versuchen, weiter im Süden. Der Sprecher der Männschaft forderte den endgültigen Abbruch der Expedition. Die Eingeborenen seien in ungeheurer Mehrzahl, wohlgerüstet und militärisch organisiert. Eine friedliche Unterwerfung sei undenkbar, eine gewaltsame unmöglich. Je weiter man nach Süden käme, um so zahlreicher und größer seien die Ortschaften. Kurzum, die Sache sei aussichtslos. Almagro widersprach dem. Heimkehren, ohne das geringste erreicht zu haben, bringe Schimpf und Schande. Obendrein habe jeder Teilnehmer am Zuge in Panamá mehr oder minder Schulden und Zahlungspflichten. Der Abbruch dieser Expedition würde die Unternehmung nach Perú auf Jahre hinaus gänzlich erledigen. Die Gläubiger würden auf Erfüllung ihrer Ansprüche dringen. Folglich drohe jedem der Schuldturm. Er für seine Person irre lieber frei in der Wüste herum als daß er gekettet im Gefängnis sitze. Er schlage vor, nochmals in Panama Verstärkungen anzuwerben. Was man jetzt mit Fug und Recht vom Lande Perú berichten dürfe, von allen den offen daliegenden Reichtümern, dies werde die Unternehmung in ganz andres Licht setzen als bisher. Man könne gewiß sein, daß neue Freiwillige in Scharen zur Fahne kämen. Pizarro lachte ingrimmig. »Das alles ist schön und gut« – erklärte er – »für Euch, Don Almagro, der Ihr auf Eurem Schiffe bequem hin und her fahrt und Euch in Panamá bei Euren Freunden pflegen und hegen lasset, während die, die hierbleiben, wie immer unter meinem Kommando, in der Einöde mit Hunger und Wilden kämpfen und Tag um Tag dem Tod ins Auge blicken.« Almagro unterbrach ihn heftig. Dann wolle er die Tapferen führen, die bereit seien, hier zu warten, bis die sichere Zufuhr an Streitkräften einträfe. Sein Ton war derart erbost, daß nicht viel fehlte und beide Kapitäne wären aufeinander losgegangen. Schon hatten sie die Hand am Schwert. Da legte sich der Schatzmeister Ribera und der Oberlotse Ruiz ins Mittel, und es gelang ihnen, die erhitzten Führer zu beschwichtigen. Man versöhnte sich und einigte sich dahin, daß Almagro wiederum mit einem Schiffe nach Panamá gehen und Pizarro wiederum an geeignetem Orte in einem Strandlager in Perú zurückbleiben solle. So trat man die Rückfahrt an und versuchte mehrfach, in geschützten Buchten zu landen. Aber nirgends ließ die kriegerische Haltung der Eingeborenen ein Verbleiben tunlich erscheinen. Von neuem murrten die Mißvergnügten und Verzagten. Der gewählte Ort war als trostlos verschrien. Aber Pizarro verharrte auf dem einmal gefaßten Entschluß. Es war wohl im Dezember 1526, als Almagro von der Insel Gallo nach Panamá abging. In den Briefen der Zurückgelassenen, die dem Schiffe mitgegeben wurden, beschuldigte man beide Führer, in ihrer tollkühnen Habsucht trieben sie die ganze Mannschaft in Tod und Verderben. Almagro war schlau genug, insgeheim eine gründliche Auslese aller Briefschaften vorzunehmen. Die Jammerbriefe flogen in die Fluten. Einer aber, in einem Baumwollballen versteckt, entging ihm doch. Er war an die Gattin des Statthalters gerichtet, strotzte von Beschwerden und war von einem halben Dutzend Miesmachern unterschrieben, wie es deren in jedem Heere gibt, sobald die Gefahren des Krieges die allgemeine Stimmung drücken. Bald nach Almagros Abfahrt schickte Pizarro auch das andere Schiff unter dem Vorwande, es müsse ausgebessert werden, bei Nacht und Nebel nach Panama. Damit machte er die Sehnsucht nach der Heimat, die sich unter den Zurückbleibenden immer wieder hörbar machte, zur Utopie. Obendrein wußte er es so einzurichten, daß die gefährlichsten Unzufriedenen abgeschoben wurden. Eine kleine zuverlässige Schar war ihm lieber als eine größere ohne einheitliche Gesinnung. Almagros abermaliges Erscheinen im Hafen von Panama erregte große Bestürzung unter den Freunden und Anverwandten der Perú-Fahrer. Dazu kam die Wirkung des geheimen Briefes an die Frau des Statthalters. Und schließlich machten auch die Begleiter Almagros nicht den zuversichtlichen und beglückten Eindruck, den man nach den großen Worten bei der Anwerbung erwartete. Kurzum, es verbreitete sich das Gerücht, Pizarro halte die nicht Zurückgekehrten gewaltsam an einem ungesunden und unheilvollen fernen Orte zurück, von wo wahrscheinlich keiner je wieder heimkomme. Pedro de los Rios schenkte dieser pessimistischen Darstellung Glauben und wies das Gesuch Almagros und Luques, nochmals Teilnehmer anwerben zu dürfen, nicht nur entschieden ab, sondern verlangte sogar Bericht über den Stand der Unternehmung und Rechenschaft über die bisherigen Menschenverluste. Schließlich glaubte er sich verpflichtet, einen Beamten nach der Insel Gallo zu entsenden, mit dem Auftrage, jeden Spanier zurückzubringen, der ihm erkläre, er wünsche die Heimkehr. Seine Wahl traf einen Ritter aus Cordova namens Tafur. Mit zwei Schiffen ging er alsbald ab. Ahnungslos von alledem, saß Pizarro mit den Seinen auf der Insel Gallo. Von den Eingeborenen hatten sie nichts zu befürchten; sie hatten das Eiland verlassen. Es regnete fast ununterbrochen. Außer Krebsen, Kräutern und Muscheln bot sich keinerlei Nahrung. Die vorhandenen Vorräte an Salzfleisch und Maismehl waren knapp. Man litt mancherlei Entbehrung, auch an Bekleidungsstücken, Decken und Gerät. Dazu gab es nicht die geringste geistige Ablenkung. Als Ritter Tafur erschien, ward er stürmisch bewillkommnet. Man vergaß, daß man ausgezogen war und sich verpflichtet hatte, einen großen Plan auszuführen. Das Nächstliegende triumphierte wie immer unter Menschen, die sich für Notleidende ansahen. Nicht Perú, sondern Panamá war mit einem Male das Dorado. Anders Pizarro. Luque und Almagro hatten ihm durch einen der Schiffsleute heimlich einen Brief zugehen lassen und ihn von der neuen Lage in Kenntnis gesetzt. Sie beschworen ihn, der Sache treu zu bleiben, und versprachen ihm hoch und heilig, falls er auf seinem Posten ausharre, die nötige Hilfe zu schicken, so wie es ihnen möglich wäre. Der Capitano dachte nicht daran, als Narr an der Spitze von hundert niedergebrochenen Schelmen in Panamá zu erscheinen. Der Brief bestärkte ihn in seinem eignen festen Willen. Alsobald ließ er alle seine Offiziere und Mannschaften auf dem Waffenplatze antreten und gab ihnen in kurzen klaren Worten kund, daß er auf der Insel Gallo verbleiben werde, bis Almagro mit den beiden Schiffen und der versprochenen Verstärkung wiederkäme. Man hörte ihn schweigend an. Darauf zog Pizarro seinen Degen, zog eine lange Linie über den Erdboden, von Osten nach Westen, und fuhr dann in seiner Rede fort: »Kameraden und Freunde! Hier auf dieser Seite, im Süden, wohnt Mühsal, Hunger, Entbehrung, Regen, Sturm, Verlassensein und vielleicht – der Tod! Dort auf der andern, im Norden, lockt Lust und Lotterei! Hier Perú, dort Panamá! Hier Ruhm und Reichtum, dort Spott und Armut! Die Wahl steht jedem von Euch frei. Bedenkt aber, daß ihr Kastilianer seid! Was mich anbetrifft, ich gehe in das Reich der Sonne!« Damit überschritt er die symbolische Linie. Dreizehn Männer folgten ihm: der Oberlotse Bartolomäo Ruiz, der Schatzmeister: Nicolas de Ribera, Pedro de Candia, Cristoval de Peralta, Domingo de Soria Luce, Francisco de Cuellar, Alonso de Molina, Pedro Alcon, Garcia de Jerez, Anton de Carrion, Alonso Briceno, Joan de la Torre, Martin de Paz. Mit Recht hat die Geschichte die Namen dieser dreizehn Getreuen der Nachwelt überliefert. Die andern blieben kleinmütig und verzagt. Don Tafur war ratlos. Mit diesem Falle hatte der Statthalter nicht gerechnet. Schließlich blieb seinem Abgesandten nichts übrig, als die an Bord befindlichen Vorräte an Pizarros Schatzmeister abzugeben. Er schiffte die Abtrünnigen ein und fuhr mit seinen beiden Schiffen wieder heim. Ruiz der Lotse schloß sich ihm auf Pizarros Wunsch an. Der Capitano und seine zwölf Helden blieben standhaft zurück. Wäre dies nicht geschehen, so wäre Pizarros Stern erloschen und Peru hätte ein andrer zu andrer Zeit erobert. Bald nach Tafurs Abfahrt ließ er ein Floß bauen und siedelte nach der fünfundzwanzig Leguas nördlicher (fünf Leguas vom Festland gelegenen) Insel Gargona über, die er vermutlich vorher hatte erkunden lassen. Ungefähr zu Beginn des Jahres 1527 landete man daselbst. Das kleine, nur von wenigen friedsamen Indianern bewohnte Eiland war bergig, zum Teil mit Wald bedeckt, hatte Quellen und Bäche und war reich an Wild aller Art. Hier erbaute man ein Hüttenlager, dem eine Kapelle der Madonna nicht fehlte, denn Pizarro hielt darauf, daß seinen rauhen Gefährten das Vertrauen auf die göttliche Vorsehung nicht verlorenging. Nur der höhere Mensch trägt seinen Stern in sich selbst; die ändern bedürfen einer gemeinsamen Zuflucht. Jeden Morgen und jeden Abend hielt Pizarro eine kleine Andacht ab. Er ließ ein Loblied zu Ehren der heiligen Jungfrau singen und sprach würdevoll das Gebet. Monate vergingen. Umsonst spähten die Posten hinaus ins Meer. Es zeigte sich kein Schiff. Nur in klaren Nächten erblickte man zuweilen Feuerzeichen, die aber nicht ihnen galten: ferne Lichter auf der Höhe der Cordilleren, vielleicht an heiligen Orten, wo man dem Mond und den Sternen opferte. Der Statthalter war über Pizarros Halsstarrigkeit entrüstet. Lange weigerte er sich ihm Hilfe zu schicken, aber Almagro und Luque hörten nicht auf ihn zu bestürmen. Erst im April 1527 gab er die Erlaubnis, daß eine Karavelle abgehe, mit ganz wenig Leuten und dem strengen Befehl, Pizarro habe binnen sechs Monaten (d. h. Ende Oktober) mit allen seinen Gefährten in Panama einzutreffen. Fünf Monate waren seit der Abreise der Abtrünnigen verstrichen, und selbst Pizarro hegte heimlich Zweifel, ob sich Almagro je wieder sehen lassen werde. Der Jubel der kleinen Schar, als eines Tages die weißen Segel in Sicht kamen, war grenzenlos. Pizarro für seine Person war enttäuscht, als er das Nähere hörte. Er hatte auf Verstärkung seiner Gefechtskraft gerechnet. Aber wie alle genialen Naturen fand er sich sofort mit der neuen Lage ab. Wenn ihm die Eroberung von Peru vorläufig auch unmöglich blieb, so genügte es schließlich zunächst, das Reich ordentlich zu erkunden. In dieser Absicht schiffte er sich ein. Zwei seiner Gefährten, die krank darnieder lagen, mußten unter Obhut etlicher ihnen freundlichen Indianer zurückbleiben. Natürlich nahm er jene sechs Tumbezianer mit, die inzwischen zu Dolmetschern ausgebildet worden waren. Unter Führung des Ruiz ward der Kurs auf Tumbez genommen. Es wehte leiser Südwind, aber man kam doch langsam weiter. Vorbei an der Insel Gallo, am Vorgebirge Takames, am Kap Pasado, gelangten sie über den bisher von Europäern erreichten Punkt hinaus. Mit Genugtuung sah Pizarro, wie die Gestade ihm zur linken von Tag zu Tag fruchtbarer und lieblicher wurden. An die Stelle der Sandstrecken und Felsen traten Fluren und Wälder. Überall grüßten Hütten und Dörfer, und über den fernen Wäldern, Hügeln und Bergen verrieten Rauchsäulen, daß da auch Menschen wohnten. Nach zwanzig Tagen kam das Schiff in die prächtige Bucht von Guyaquil. Man erblickte stattliche Städte. Der breite Gipfel des mächtigen Chimborazo ward sichtbar und der silberne Kegel des Kotopaxi. Es war wohl Anfang Juli 1527, als die Höhe von Tumbez erreicht war. An der Insel Santa Clara fielen die Anker. Die Insel war unbewohnt, aber die Indianer, die man an Bord hatte, versicherten, es geschähen hier zu gewissen Zeiten Opferfeste. In der Tat fand man Weihgaben aus Gold. Am andern Morgen näherten sich die Spanier der Stadt. Einige Balsas kamen entgegen. Es war ein Kriegsgeschwader auf dem Wege nach der nicht fernen Insel Puna. Man rief etliche der peruanischen Offiziere an Bord. Sie kamen. Erstaunt erblickten sie die Dolmetscher, ihre Landsleute. Durch diese erfuhren sie, die weißen Männer seien in friedlicher Absicht erschienen. Man wolle Lebensmittel gegen Waren tauschen. Eine Menge Volk versammelte sich im Hafen und gaffte das ungewohnte Fahrzeug mit den seltsamen Fremdlingen an. Alsbald erschien der Bürgermeister (der Kuraka) der Stadt. Offenbar hielt er die Spanier für höhere Wesen und gab Befehl, ihnen reichlich Lebensmittel zu liefern. Es dauerte nicht lange, da steuerten mehrere Balsas auf die Karavelle zu, reichlich beladen mit Kartoffeln, Mais, Kakao, Bananen, Ananas und andern Landesfrüchten, für die man damals noch keine Namen hatte, wie Maiswein (Tschitscha und Sora) und Koka (einer Art Kautabak mit berauschender Wirkung). Auch Fasane und Fische brachte man, dazu etliche lebendige Lamas, die Pizarro bis dahin nur nach ein paar groben Zeichnungen kannte, die Balbao im Besitz gehabt hatte. Diese »Peruanischen Schafe« fanden große Bewunderung. Zufällig hielt sich ein Inka-Edelmann in Tumbez auf. Als er von der Ankunft der Fremden vernahm, begab er sich in den Hafen und fuhr auf einem Boot nach dem spanischen Schiffe. Pizarro erkannte an seiner Haltung und Tracht sowie an der Ehrfurcht des Volkes, daß es ein Edelmann des Landes war, den er vor sich hatte, und empfing ihn voll Höflichkeit und Hochschätzung. Er zeige ihm die Karavelle und ließ ihm durch einen der Dolmetscher alles erklären, was ihm wunderbar vorkam. Darnach lud er ihn zur Mittagstafel ein. Auch diese erregte das Gefallen des peruanischen Grandseigneurs, insbesondere der treffliche Tarragona, den ihm Pizzaro kredenzte. Er sei besser als der einheimische Wein. Man muß wissen, daß die Peruaner überaus gern zechten, vom König abwärts bis zum Kuli. Seine Neugier ging noch weiter. Er fragte den Capitano, woher er und seine Mannen kämen, aus welchem Anlaß und mit welchem Begehr. Pizarro hielt eine wohlgesetzte kleine Rede, die der Dolmetscher dem Peruaner vermittelte. Er sei Untertan und Abgesandter des größten Herrschers auf Erden, in dessem Machtbereich die Sonne nicht untergehe. Er, der Kaiser des Römischen Reiches, habe ihn, einen seiner Feldhauptleute, hergeschickt, den König dieses Landes zu begrüßen. Der hohe Herr glaube an einen andern, besseren und gewaltigeren Gott als die Leute dieses Landes. Dessen Verkünder sei Jesus Christus, der Herr der Welt. Wer an ihn glaube, gehe nach seinem irdischen Tode ein in die ewige Seligkeit. Der Peruaner hörte aufmerksam zu, blieb aber schweigsam. Schließlich verabschiedete er sich auf das verbindlichste. Vermutlich waren ihm die rauhen Landsknechte, die den merkwürdigen fremden Hauptmann umgaben, höchst verdächtig. Ebenso das, was man ihm da vorgefabelt hatte von fremden Königen und Göttern. Ihm war kein Mächtigerer bekannt als der König von Perú, und daß es über dem erhabenen Sonnengotte einen noch höheren Gott irgendwo geben solle, ging ihm auch nicht in den Sinn. Gleichwohl, er war Gast auf einem fremden Schiffe an einer fremden Tafel, und so erlaubte er sich keinen Widerspruch. Beim Abschied schenkte ihm Pizarro ein Beil, daß seine Bewunderung erregt hatte. In Perú gab es kein Eisen. Da der Inka-Edelmann nicht verfehlt hatte, die Spanier einzuladen, die Stadt zu besichtigen, schickte Pizarro Tags darauf einen seiner dreizehn Getreuen, Alonso de Molina, in Begleitung eines Negers aus Panamá, ans Land. Er brachte dem Kuraka von Tumbez ein Gastgeschenk, bestehend aus einem Schwein und etlichen europäischen Hühnern; beide Tierarten kannte man damals in Perú noch nicht. Als Molina und der Neger dem Ruderboot entstiegen, wurden sie von zahllosen Eingeborenen umringt. Des Spaniers Gesichtsfarbe, sein langer Bart, seine Kleider, seine Waffen, alles ward angestaunt, zumal von den Weibern. Da auch sie ihm gefielen und er dies sich nicht zu knapp anmerken ließ, so bedeuteten ihm die Schönen des Landes, er solle in Tumbez bleiben und sich die Allerschönste von ihnen aussuchen. Noch mehr aber staunte man den Othello an. Niemand wollte glauben, daß seine schwarze Haut waschecht sei, und alsbald versuchten etliche Beherzte, ihm die sonderbare Farbe mit Tüchern abzureiben. Der Mann aus Timbuktu ließ sich dies schmunzelnd gefallen, wobei er freundlich sein blendendweißes Gebiß zeigte. Da wollte sich jedermann zu Tode lachen. Nicht minder imposant dünkte den Peruanern das grunzende Schwein, und als gar der Hahn sein Kikeriki ertönen ließ, schlug man die Hände über dem Kopf zusammen und fragte, was das Tier sage. Diese Fremdlinge mit den wundersamen Tieren waren zu kurios. Alonso ließ sich zum Kuraka führen, der in einem prächtigen Hause wohnte. Türsteher hüteten sein Tor, und im Palaste strotzte es von goldnem und silbernem Gerät. Die beiden Spanier hätten es am liebsten eingepackt, aber Beutemachen war noch nicht an der Zeit. Das Stadtoberhaupt bewirtete seine Gäste, nahm Schwein und Hühner voll Lob und Freude in Empfang und zeigte den beiden Fremden die Burg und die Stadt. Erstere war aus grobbehauenen Steinen errichtet, machte einen großartigen Eindruck und nahm einen großen Flächenraum ein. In ihrer Nähe stand ein Sonnentempel, wiederum reich an goldnen und silbernen Dingen. Als Molina und sein Begleiter gegen Abend wieder auf dem Schiffe eintrafen und Bericht erstatteten, dünkte dem Capitano alles das stark übertrieben. Deshalb sandte er am nächsten Morgen den bewährten Ritter Pedro de Candia zur Stadt, um Molinas märchenhafte Erzählung nachzuprüfen. Don Pedro führte seinen Auftrag in voller Rüstung aus, sein Schwert am Koppel, eine Hakenbüchse auf der Schulter. Die Leute von Tumbez gerieten ob des im grellen Sonnenschein unheimlich funkelnden Panzers in noch größeres Staunen denn Tags vorher. Um diese Wirkung ins Wunderbare zu steigern, schoß Don Pedro seine Hakenbüchse gegen ein Holzbrett ab. Beim Knall des Gewehrs fiel die Menge vor Schreck in die Knie. Um die Göttlichkeit des Fremdlings auf die Probe zu stellen (so berichtet die Sage), ließ man nun einen Jaguar, der seit langem eingesperrt war, los. Die wohl hornalte Bestie setzte sich dem Ritter gemütlich zu Füßen. Da trug die Volksmenge den »Überirdischen« jubelnd nach dem goldreichen Sonnentempel. Sicher ist, daß sich Don Pedro eines überaus freundlichen Empfanges zu erfreuen hatte. Auch ihm zeigte man Stadt und Burg und sogar das Innere des Tempels. Als er am Abend zu Pizarro zurückkehrte und ihm Bericht erstattete, fand er nicht genug begeisterte Worte. In der Tat war Tumbez eine blühende Hafen- und Handelsstadt. Gelegen am gleichnamigen Fluß, war es unter der Regierung des zwölften Inkakönigs, Topak Yupanki dem Großen, um 1475 zum Reiche Perú gekommen. Durch ein Netz von Bewässerungsgräben war das ursprünglich trockene und wenig fruchtbare Küstenland dieser Gegend in ein wahres Paradies verwandelt. Der Goldreichtum des Flusses hatte das Seine dazu beigetragen; kurzum Tumbez war damals ein kleines Marseille. Zwei Jahrzehnte später (1548), als Pedro Cieza de Leon, der älteste Schilderer Perús (in seiner Cronica del Peru, Sevilla 1553), die Stadt besuchte, lag die einst gewaltige Burg in Trümmern; die Stadt war entvölkert und verkehrslos, ihre ehedem herrliche Umgebung verwüstet und verödet. So wenige Jahre spanischer Herrschaft hatten ein Land von vielhundertjähriger Kultur in die Barbarei zurückgeworfen! Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist Tumbez in neuem Aufblühen. Noch immer ist die Vegetation hier üppiger und frischer als sonstwo an der heute ganz kahlen Küste. Pizarro und die Horde der Abenteurer berauschte sich am Berichte Molinas und Candias. So war die Kunde vom Goldlande Perú doch kein Märchen! Offenbar war es an Schätzen noch viel reicher als das so fabelhaft reiche Mexiko. Es galt also, den Zug des Cortes zu wiederholen. Am liebsten hätten die Spanier die schöne Stadt auf der Stelle geplündert und einen Beutezug ins Innere unternommen. Aber Pizarro war klug und weise; er verbot Plündern und Raub bei Todesstrafe und gestattete nur ehrlichen Tauschhandel. Hätte er die Zucht seiner Leute damals nicht mit aller Strenge aufrecht erhalten, so wäre Perú vier Jahre später nicht erobert worden. Es kann kein Zweifel bestehen: der gute Eindruck, den die Spanier 1527 in Tumbez gemacht haben, hat den Untergang des Inkareiches begründet. Nie hat sich die herzliche Gastfreundschaft eines Volkes blutiger gerächt als die der Peruaner, da sie die Spanier zum ersten Male begrüßten. Es wäre ihr gutes Recht gewesen, die habgierigen Eindringlinge allesamt mit Knütteln totzuschlagen! Wer ein Kulturvolk aus Eroberungslust antastet, hat keinen Anspruch auf Barmherzigkeit. Von Tumbez aus fuhr die Karavelle der Spanier weiter nach Süden, immer an der Küste hin, lief im Hafen von Paita ein und erreichte, etwa Ende September 1527, die Mündung des Sana (unter dem 7. südlichen Breitengrade). Überall erblickte man saubere Dörfer und stattliche Farmen, bebaute Fluren, Heeresstraßen und Brücken, Kanäle und Teiche, zahllose Merkmale von Reichtum und Gesittung; Auf den Hügeln am Sana sah man eine peruanische Begräbnisstätte. In einem Tempel standen Mumien, behangen mit Gold und Edelsteinen. Man verstand sich im alten Perú auf diese merkwürdige Kunst ähnlich wie im alten Ägypten. Und nirgends zeigten sich die Peruaner den Fremdlingen feindlich. Die Fahrt ging bis zum 9. Breitengrade, bis zur Bucht von Kasma. Pizarro wäre noch weiter gefahren, aber seine Mannschaft rebellierte. Ohne Zaudern gab er nach; denn der Zweck seiner großen Erkundungsfahrt war bestens erreicht. Von der Heimreise ist ein seltsames Zwischenspiel zu berichten. Man legte an einem Orte an, den die Spanier Santa Cruz tauften. Daselbst hatte eine vornehme Indianerin ihre Besitzung. Als die Karavelle vor Anker gegangen war, kam sie auf einer Gondel, um die Fremdlinge zu sehen. Pizarro empfing sie voll Galanterie und beschenkte sie mit allerlei abendländischem Tand. Von ihr eingeladen, machte er am andern Abend seinen Gegenbesuch, begleitet von einigen seiner Offiziere. Eine Ehrenpforte aus grünem Laub und bunten Blumen empfing ihn. Während des lukullischen Mahles tanzten und sangen Jungfrauen und Jünglinge. Bei Tisch fragte die peruanische Edeldame den Capitano, was die Fremden in dies Land führe. Da ließ er sich die Standarte reichen, die sein Stabstrompeter zu tragen pflegte, hielt eine kleine heitere Rede, in der er sagte, er sei im Namen seines Kaisers gekommen, um dies Paradies samt der Schönen darin zu erobern. In der Schlußwendung bat er sie, zum Zeichen, daß sie den neuen Herrn anerkenne, das Banner zu schwenken. Die Indianerin, der ein Dolmetscher die Worte vermittelte, nahm es lachend entgegen und tat wie ihr geheißen. Pizarro küßte ihr die Hand, stolz und frohgemut, daß ihm die erste Eroberung im fremden Lande so leicht geworden war. Im Vorbeifahren landete man abermals in Tumbez. Der verliebte Alonso de Molina und noch ein andrer blieben in der Stadt. An ihrer Stelle schifften sich zwei oder drei Tumbezianer ein, um mit nach Panama zu fahren und Spanisch zu lernen. Schließlich sollten die beiden Kranken von der Isla Gargona geholt werden. Einer war gestorben; der andre samt den Indianern, die ihn gepflegt hatten, wurde mitgenommen. Nach einer Abwesenheit von 18 Monaten, genau am letzten Tage der vom Statthalter gewährten Frist, wohl am 31. Oktober 1527, lief Pizarros Schiff im Hafen von Panamá ein. Seine Wiederankunft erregte das größte Aufsehen. Allgemein hatte man geglaubt, Pizarro und Genossen seien verlorene Leute. Jetzt bestaunte man alle die mitgebrachten Beutestücke, besonders die seltsamen Schafe. Man gönnte und neidete den Entdeckern ihren Ruhm, je nachdem man an die Aussicht auf ein zweites Mexiko glaubte oder bezweifelte. Pedro de los Rios, der Statthalter, verhielt sich den Hoffnungen und Plänen des Capitano gegenüber gänzlich ungläubig; zum mindesten stellte er sich aus Mißgunst so. Das Vorhandensein eines reichen Kulturlandes im Süden war zwar unleugbar. Es zu unterwerfen, forderte aber zweifellos erhebliche militärische und wirtschaftliche Mittel. Die Sache erheischte also Geld und Menschen, die seiner Kolonie abgingen, und eine gewisse Verantwortung hatte er obendrein. Alle Utopien abwehrend, erklärte er gemessen und nüchtern, einen neuen Staat errichten auf Kosten des von ihm verwalteten älteren, dünke ihn untunlich. Und weitere Menschenleben aufs Spiel zu setzen, könne er nicht zulassen. Für die paar goldenen und silbernen Kleinigkeiten und das Dutzend Lamas seien schon genug brave Leute geopfert. Keiner der drei Verbündeten ließ sich abschrecken. Das nötige Geld mußte beschafft werden, und es gab keine andre Hilfe als einen Appell an den Kaiser, und dies wiederum konnte nur durch die Person eines der drei Entdecker mit Erfolg geschehen. Wer war der geeignetste dazu? Luque war durch sein Amt an Panama gefesselt. Der von Gestalt kleine, im Verkehr mit hohen Herren unbeholfene, obendrein durch den Verlust des einen Auges entstellte Almagro, eine brave Wachtmeisternatur ohne diplomatische Fähigkeiten, traute sich selber nicht an diese schwierige Mission. Es blieb Franz Pizarro übrig, der Weltmann genug war, bedachtsam und zielbewußt, um auch am allerhöchsten Ort die rechten Worte zu finden. Seine Geistesgegenwart verließ ihn nie. Feigheit und Furcht kannte er nicht, und keiner konnte die Mühsale und Gefahren der bisherigen Entdeckungsfahrten und die Wunder und Schätze des neuen Goldlandes so anschaulich und verführerisch schildern wie er. Er war ein geborener Erzähler. Gleichwohl sträubte er sich vor seinen beiden Gefährten. Insgeheim mißtraute er ihnen, überzeugt, daß auch sie ihm innerlich mißtrauten. Er hatte keine Freunde in der Welt als sich selber und seinen Stern. Vor einer neuen Fahrt in den Süden, vor einem verwegenen Zug ins unbekannte Innere seines ihm vom Schicksal verheißenen Reiches, davor bangte ihm nicht Was der kühne Cortes zu seinem Glück gewagt, wollte auch er wagen! Vor seinem Kaiser frei und ehrlich zu reden, das bereitete ihm kein Herzeleid. Aber alle die unumgänglichen Katzbuckeleien, ehe er zur Audienz gelangte, waren wenig nach seinem Geschmack. Hier sah er Gefahren, in denen er sich nicht auskannte. Almagro legte wieder und wieder alle Gründe dar. Luque unterdrückte seinen heimlichen Zweifel und pflichtete ihm bei. Und so gab Pizarro schließlich die Zusage, indem er den beiden andern beteuerte, er werde ihren Vorteil wahren wie den seinen. Man brachte 1500 Dukaten zusammen, damit sich der Abgesandte höfisch ausstatten konnte. Pizarro überquerte die Landenge und ging in Nombre de Dios auf ein Schiff, das im Frühjahr 1528 nach Spanien absegelte. Der Ritter Pedro de Candia, der weltgewandteste aus der kleinen Schar der Getreuen, ward ihm als Adjutant mitgegeben. Ferner wurden drei Soldaten, zwei Peruaner und drei Lamas mitgenommen; dazu eine kleine Auswahl von Schmucksachen, Gefäßen aus Gold und Silber, Waffen und Gerät als greifbare Zeichen aus dem Wunderlande. VII Im Mai 1528 erreichte Pizarro mit seinen Begleitern Palos, den Hafen von Sevilla. Offenbar war sein Kommen bereits im Heimatlande bekannt, jener Oberrichter zu Santa Maria namens Enciso, dem Pizarro von Anno 1513 her eine Geldsumme schuldete, empfing ihn mit einer Vollstreckungsurkunde, und da Pizarro zu andern Dingen nach Europa gekommen war als eine veraltete Schuld zu begleichen, zahlte er nicht einen Pfennig, worauf ihn der pfiffige Pandektenmann einfach in den Schuldturm stecken ließ. Das war ein übles Debüt. Zum Glück gelang es dem Ritter Pedro, seinen Kommandeur den Klauen des rücksichtslosen Gläubigers zu entreißen, indem er sich an die Öffentlichkeit wandte. Der Kaiser gab Befehl, den Entdecker Perus seine Reise fortsetzen zu lassen. Karl V. {bekanntlich von 1519 bis 1556 deutscher Kaiser) befand sich damals im zweiten Kriege gegen Franz I. Drei Jahre zuvor hatte er bei Pavia gesiegt. Hinterher hatte der ewig kampflustige Franzosenkönig den Madrider Frieden von 1526 als erzwungen und somit ungültig erklärt. Im Mai 1527 war Rom von den deutschen Landsknechten gestürmt worden. Jetzt stand der Kaiser auf der Höhe seines Ruhmes. Die amerikanischen Kolonien lagen ihm wenig am Herzen. Er hat sie zu keiner Zeit wirklich gefördert. Aber berichten ließ er sich immer gern von den Abenteuern seiner kühnen Kapitäne. Eben hatte er den Eroberer von Neu-Hispanien (Mexiko) in Toledo, wo er Hof hielt, empfangen und sich von dessen leidensvollen Feldzuge nach Honduras (1524 bis 1526) erzählen lassen. Huldvoll nahm er jetzt Pizarros Bericht entgegen. Er betrachtete die exotischen Schätze und Stoffe, bewunderte das stattliche Lama, das man ihm vorführte, und vergoß Tränen, als ihm der beredte Kondottiere von der Seefahrt ins Unbekannte, von der Hungerinsel, von den Gefechten der tapferen kleinen Schar gegen Legionen Indianer, von all den Entbehrungen und Todesgefahren und zuletzt von den Tempeln, Goldschätzen und Seltsamkeiten des großen Reiches Peru erzählte. Er ernannte ihn zum Statthalter und Obergeneral von Neu-Kastilien (Peru), knöpfte ihm den Sankt-Jago-Orden an den Feldrock und sagte ihm allergnädigst, seine Sache werde dem »Rate von Indien« zur Prüfung und Förderung übergeben werden. Ferdinand Cortes bekam erst im Juli 1529 Bescheid, und auch Pizarros »Kaiserlicher Vertrag« trägt kein früheres Datum als den 26. Juli 1529. Dies Dokument ist in mancher Hinsicht merkwürdig. Pizarro ward zum Statthalter des zu erobernden Landes ernannt, wobei das ihm untertänige Reich eine Küstenlänge von 200 Leguas haben sollte. Er erhielt alle Rechte eines Vizekönigs, gewisse hohe richterliche Würden auf Lebenszeit und ein Jahresgehalt von 725 000 Maravedis (1600 Goldpesos), selbstverständlich aus den Einkünften der Kolonie, die erst erobert werden sollte. Seine Pflichten bestanden darin, daß er binnen sechs Monaten eine wohlgerüstete Streitmacht von 250 Mann aufzustellen hatte, davon 100 Mann aus den amerikanischen Kolonien. Zur Aufbringung der Artillerie und des Kriegsgeräts wurde ihm eine unbedeutende staatliche Beihilfe gewährt. Sechs Monate nach seiner Wiederankunft in Panama hatte er daselbst mit seinem Expeditionskorps sich einzuschiffen und nach Peru zu segeln. Almagro bekam 300000 Maravedis (700 Goldpesos) Jahresgehalt zugesichert und wurde zum Befehlshaber der Festung Tumbez ernannt. Dazu erhielt er den Rang und die Rechte eines Hidalgo. Pater Luque bekam (wunschgemäß) das Bistum Tumbez, dazu den grotesken Titel »Schutzherr der Indianer Perus«. Sein Jahreseinkommen ward auf l000 Dukaten festgesetzt. Bartolomäo Ruiz heimste den Titel »Großlotse der Südsee« ein, dazu eine Dotation. Ritter Pedro de Candia wurde Artillerie-Kommandeur. Auch die übrigen elf Getreuen von der Insel Gallo bekamen ihren wohlverdienten Lohn in Titeln und Ämtern in spe. Am wenigsten Ehren und Würden winkten in diesem Vertrage dem Capitano Don Diego de Almagro. Hier verrät sich Pizarros Passivität seinem in Panama verbliebenen Genossen gegenüber. Er hätte gewiß ohne viel Mühe auch ihm einen hochklingenden Titel verschaffen können. Die geraume Zeit, die Pizarro auf Bescheid warten mußte, benutzte er, um Offiziere und Mannschaften anzuwerben. Vor allem gewann er seine vier Halbbrüder: Hernando Pizarro, Martin de Alcantara, Gonzalo Pizarro und Juan Pizarro. Die drei letzten waren froh, daß sich ihnen eine gute Gelegenheit bot, zu Reichtum und Macht zu gelangen; sie ordneten sich von vornherein und allezeit willig dem berühmt gewordenen Bruder unter. Hernando dagegen trug immerdar den kastilianischen Edelmann zur Schau. Gleichwohl hat er im Dienst niemals den Respekt und Gehorsam verletzt, den er als guter Offizier seinem General schuldete. Er hat ihn redlich unterstützt Pizarro kam es darauf an, persönlich treue Offiziere um sich zu scharen. Er hatte sich oft genug einsam und verlassen gesehen, und er glaubte, Blutsverwandtschaft, zumal in gemeinsamer Gefahr, sei die stärkste aller Stützen. Es fehlte Pizarro an Geld. Ohne Verbindungen und Empfehlungen wäre es ihm unmöglich gewesen, die nötigen Leute aufzubringen. Hernando Pizarro half ihm, auch Ferdinand Cortes, ein Verwandter seines Vaters, wie schon gesagt. Er hatte gleich bei seiner Ankunft im Hafen von Palos eine Begegnung mit dem berühmten Eroberer gehabt. In der Folge kamen sie öfters zusammen. Pizarro verdankte ihm manch wertvolle Weisung und manchen brauchbaren Teilnehmer seines Unternehmens. Die sechs Monate waren bald abgelaufen. Drei Karavellen lagen im Hafen von Sevilla, bereit, Mannschaft, Kriegsgerät und Vorräte aufzunehmen, aber noch waren die 150 Mann nicht vollzählig und die Ausrüstung recht dürftig. Da vernahm Pizarro, daß der »Rat von Indien« im Begriffe sei, die Schiffe und die Mannschaft besichtigen zu lassen. Es war im Januar 1530. Sofort entschloß er sich, mit dem größeren Teile seiner Streitmacht auf der größeren Karavelle unverzüglich abzusegeln. Er fuhr nach Gomara, einer der Kanarischen Inseln. Den Befehl über die beiden andern Schiffe übertrug er seinem Bruder Hernando mit dem Auftrag, ihm sobald wie möglich zu folgen. Als die Kommission des »Rates zu Indien« in Palos eintraf, war Pizarro bereits auf hoher See. Hernando versicherte den Herren, die Expedition sei vollzählig. Man schenkte ihm Glauben oder tat wenigstens so, und die beiden zurückgebliebenen Karavellen gingen gleichfalls nach Gomara ab. Das vereinte Geschwader traf nach guter Fahrt im Hafen von Santa Marta (an der Nordküste Südamerikas) ein. Nach kurzer Rast ging Pizarro wieder in See und erreichte den Hafen Nombre de Dios. Chronisten überliefern, er habe geplant, von Santa Marta aus die Landenge zu überschreiten. Das ist wohl aber kaum anzunehmen; es sei denn, er habe heimlich die Absicht gehabt, seine Streitmacht von Panamá fernzuhalten. In Nombre de Dios wurden die Ankömmlinge von Almagro und Luque begrüßt, die begierig auf die Erfüllung ihrer ehrgeizigen Wünsche waren. Almagro war höchst verstimmt, als er vernahm, wie wenig für ihn gesorgt worden war. Pizarro versprach ihm, ihn jederzeit als ihm gleichgestellt anzusehen und zu behandeln. Ja, er verzichtete zugunsten des Mißvergnügten auf sein Adelantamiento. Voller Argwohn fügte sich Almagro in das Unabänderliche. Mit großem Pomp und Prunk zog Pizarro an der Spitze seines kleinen Heeres in der Stadt Panamá ein. Um sich zu rächen, kargte Almagro mit dem Gelde, das er inzwischen aufgebracht hatte. Hernando Pizarro überwarf sich sogar mit ihm, während Francisco Pizarro alles versuchte, den verbitterten Genossen wieder unternehmungslustig zu stimmen. Schon drohte Almagro, auf eigene Faust den Zug nach Peru anzutreten, was arge Zersplitterung unter der ungeduldig gewordenen alten und neuen Mannschaft zur Folge gehabt hätte. Da gelang es dem Richter Antonio de la Gama, die beiden Pizarros mit dem biederen, aber kleinlichen Almagro einigermaßen zu versöhnen. Es war die alte Geschichte: Herrennaturen und Plebejer vertragen sich schwer, wenn sie sich in das Kommando teilen sollen. Franz Pizarro hatte sowieso reichlich viel Feinde in Panamá. Jetzt schürte und hetzte der den Spießbürgern näher stehende Korporal gegen den Kapitän, wo er nur konnte. Schließlich aber rückte er die angesammelten Vorräte und Waffen sowie 700 Goldpesos heraus, indem er sich doch wohl sagte, daß er ohne den ihm verleideten, aber als Führer unvergleichlichen Pizarro im ganzen Leben nicht Peru erobern könne. Der verschlagene Luque und hinter ihm der Goldgeber Espinosa, der von San Domingo herüberkam, um die gefährdete Sache ins Fahrwasser zu bringen, taten, was sie nur konnten. Pizarro verzichtete hochnotpeinlich zugunsten Almagros auf seine Würde als Adelantado, wobei er versprach, die kaiserliche Genehmigung nachträglich erwirken zu wollen. Auch sonst wurden dem Benachteiligten allerlei Zugeständnisse gemacht. Am Johannestage (am dritten Weihnachtstage) 1530 fand die feierliche Vereidigung der Teilnehmer und die Weihe der Kaiserlichen Standarte, die Pizarro aus Spanien als Hoheitszeichen mitgebracht hatte, sowie der Fahnen der Mannschaft in der Stiftskirche zu Panama statt. Frater Juan de Vargas, ein Dominikaner, der sich dem Zuge auf Geheiß der Regierung anschloß, hielt die Rede und reichte allen Offizieren und Soldaten das Abendmahl. Er redete von einem Kreuzzuge wider die Ungläubigen, von der Ausbreitung des Christentums und der Erlösung heidnischer Seelen aus satanischer Finsternis durch die von Gott dazu berufenen Kastilianer. In den ersten Tagen des Januars 1531 lichteten die drei Karavellen die Anker. An Bord waren außer den Seeleuten 27 Reiter, 190 Mann zu Fuß, dazu etwa 30 Indianer als Dolmetscher, Diener und Träger. Zum Frater Juan de Vargas hatten sich noch etliche andre Dominikaner gesellt. Ob sich Europäerinnen oder Indianerweiber mit einschifften, wissen wir nicht. VIII Pizarros Absicht, auf hoher See bis Tumbez zu kommen, ward durch widrige Winde vereitelt. Er sah sich gezwungen, in die Bucht von San Matteo einzulaufen. Hier schiffte er seine gesamte Streitmacht aus, entschlossen, auf dem Landwege nach Tumbez zu marschieren, das er zu seinem militärischen Stützpunkt zu machen plante. Die Entfernung bis dahin betrug etwa 600 km. Die Schiffe sollten an der Küste folgen. Der Marsch war voller Mühsale. Durch den anhaltenden Regen waren die Flüsse angeschwollen. Die Übergänge kosteten Verluste an Menschen, Pferden und Gepäck. Man kam nur langsam vorwärts. Die erste längere Rast erfolgte, im Hauptorte der Landschaft Koake, nach ungefähr 120 km Marsch. Die kleine Stadt wurde überraschend angegriffen. Pedro Pizarro, einer der Teilnehmer am Zuge, ein entfernter Verwandter des Capitano, erzählt in seinem Bericht: »Wir überfielen sie mit dem Schwert in der Hand, denn wenn wir die Indianer von unserm Nahen unterrichtet hätten, würden wir daselbst nicht eine solche Menge von Gold und Edelsteinen gefunden haben.« Die Einwohner flohen zum größeren Teile, ohne viel retten zu können. Man erbeutete Schmucksachen und Gerät aus Gold und Silber, sowie Haufen von Smaragden, die damals noch nicht recht geschätzt wurden. Pizarro teilte sich einen Smaragd von der Größe eines Taubeneies zu. Er hatte den Befehl gegeben, jedwedes Beutestück abzuliefern. Die Gesamtbeute verteilte er, unter Abzug eines Fünftels für die Regierung, nach bestimmten Sätzen für Offiziere, Kombattanten und Troßleute. Daß die Beute recht beträchtlich war, geht schon daraus hervor, daß Gold im Werte von 20000 Pesos auf einem der Schiffe nach Panama gesandt ward, um Schulden zu bezahlen. Auch die vorgefundenen Vorräte an Maismehl, Kartoffeln, Kakao, an Geflügel, Lamas usw. waren groß; sie sicherten die gesamte Verpflegung auf mehrere Monate. Ein anderes Schiff ward nach Nikaragua entsandt, um Teilnehmer zu werben. Nach acht- bis zehntägiger Rast wurde der Weitermarsch angetreten, von der übriggebliebenen Karavelle in der Flanke begleitet. Abermals galt es, große Strapazen zu ertragen. Die Regenzeit war vorbei. Jetzt brannte und blendete die heiße Sonne. Die schweren mit Baumwolle gepolsterten Panzerhemden und die Eisenhelme drückten unerträglich. Dazu trat eine ansteckende Krankheit auf, die eiternde Geschwüre am Körper hervorrief und den Ergriffenen arg schwächte. Die Dörfer, Weiler und Hütten, die man antraf, waren von ihren Bewohnern verlassen. Der ehemalige gute Ruf der Spanier bei den Indianern war nun längst dahin. So erreichte man die Bucht Puerto Viejo. In dieser Gegend bis zur Bucht von Guayaquil war der Indianerstamm der Yumbos ansässig. Ihr Hauptdorf hieß Yokay und lag sechs Leguas südlich der späteren Stadt Puerto Viejo. Nach einiger Verhandlung unterwarf sich der Kazike der Yumbos freiwillig, gewiß zur großen Freude der Spanier, denen es vor Kämpfen mit großen Stämmen graute. Sie brachten Gold und Silber und ließen den Durchmarsch durch ihr Gebiet ruhig geschehen. In Puerto Viejo erschienen auf zwei Schiffen Verstärkungen aus Panamá, eines davon unter Führung eines Hauptmanns Benalcazar mit dreißig Mann. Am Golf von Guayaquil ward gerastet. Damit waren ungefähr zwei Drittel des Weges bis Tumbez zurückgelegt. Etwa 10 km entfernt lag die große, den Spaniern nicht unbekannte, durch ihren Handel reiche Insel Puna, die erst unter der Herrschaft des Königs Huayna Kapak nach hartem Kampfe dem Inkareiche unterworfen worden war. Pizarro beschloß sie zu erobern. Er nötigte die Indianer der Küste, ihm Flöße zu bauen und zu bemannen, und landete damit auf der Insel. Der oberste Kazike der Punaner unterhandelte mit den Spaniern. Auf beiden Seiten fürchtete man den Kampf. So gelang es Pizarro, sich auf friedsamen Wege auf der paradiesischen Insel einzunisten. Er verbot zunächst jedwedes Plündern. Die Zeit dazu dünkte ihm noch nicht gekommen; Aber die Soldateska verübte Einbrüche, Erpressungen und Schändungen, so daß es zu einer heimlichen Verschwörung der Insulaner kam. In einer bestimmten Nacht sollten alle Fremdlinge ermordet werden. Durch Verrat erfuhr Pizarro das nur allzu gerechtfertigte Vorhaben. Vielleicht auch war die angebliche Verschwörung ein bloßes Hirngespinst, um Anlaß zur Plünderung und Vergewaltigung zu finden. Kurzum, Pizarro gab Befehl, den obersten Kaziken, in dessen Palast er sein Quartier hatte, nebst dreien seiner Söhne und zwei andern Edelleuten gefangen zu setzen, sodann die Besatzung des Palastes und der Stadt niederzumachen. Nachdem dies geschehen, wurden Hunderte von wohlhabenden Indianern in ihren Wohnungen ermordet, die Frauen und Mädchen vergewaltigt. Die allgemeine Plünderei ergab stattliche Beute. Die Spanier blieben selbstverständlich unter den Waffen. Man verschanzte sich in einem Teile der Stadt. Wie zu erwarten, begann die empörte Bevölkerung einen Angriff. Die Spanier machten ihrerseits Gegenangriff, und es gelang ihren Reitern, Armbrustern und Büchsenschützen, die ungeordneten Scharen niederzuwerfen und in die nahen Wälder zu jagen. Haufen von Toten bedeckten den Kampfplatz. Auch drei oder vier Spanier waren gefallen; viele verwundet. Hernando Pizarro hatte eine Verletzung am Knie. In den nächsten Tagen ließ Francisco Pizarro die Umgebung der Stadt durch starke Patrouillen absuchen. Jeder Indianer, dessen man habhaft ward, verfiel der spanischen Mordlust. Drei Wochen wüstete man unter den Insulanern, deren Rest sich versteckte oder nach dem Festlande entkam. Ein angebliches Kriegsgericht untersuchte die Verschwörung und verurteilte ein Dutzend indianischer Edelleute zum Tode. Sie wurden teils durch das Schwert hingerichtet, teils verbrannt. Der Kazike mußte dem Kaiser Karl den Vasalleneid schwören; dann entließ man ihn, damit er die noch vorhandenen Eingeborenen beschwichtigte. Als auf der Insel Puna, die jetzt Isla de Santiago hieß, nichts mehr zu erbeuten war, ging Pizarro wieder nach dem Festland und setzte den Marsch auf Tumbez fort. Um diese Zeit traf das nach Nikaragua gesandte Schiff nebst einem andern ein; mit ihm der Hauptmann Hernando de Soto, der später als Entdecker des Mississippi berühmt geworden ist und unter den Fluten des großen Stromes 1541 sein Grab fand. Er war mit Pedrarias nach Amerika gekommen und wurde als vielerfahrener Mann allgemein begrüßt. Soto brachte hundert Mann und mehrere Pferde mit. Pizarros Streitmacht betrug nunmehr etwa 300 Mann zu Fuß und 50 Reiter. IX Inzwischen war in den inneren Verhältnissen im Reiche Perú ein Wandel eingetreten. Der Kronprinz Huaskar hatte als vierzehnter Inka den Thron seiner Väter bestiegen. Einige Jahre blieb sein Verhältnis zu seinem Halbbruder Atahuallpa, der im Lande Quito selbständig herrschte, ungestört. Huaskar wird von den Chronisten als sanftmütiger und friedsamer Mensch geschildert, während Atahuallpa verwegen, tatendurstig und kriegliebend war. Er trachtete danach, Gebiet und Macht zu erweitern. So kam es, daß sich die beiden Brüder mehr und mehr entfremdeten. Intriganten an beiden Höfen verstanden diesen durch die verschiedene Natur begründeten Gegensatz allmählich zur gegenseitigen Feindschaft zu treiben. Irgendeine an sich belanglose Grenzfrage brachte es zu offenem Streit und schließlich zum Kriege. Der Überlieferung nach kam es zu einem Gefecht bei Tomebamba, der größten Stadt der Grenzgegend. Atahuallpa geriet in die Gefangenschaft seines Halbbruders. Es gelang ihm jedoch, wieder zu entrinnen und sich an die Spitze eines ansehnlichen Heeres zu stellen. Er war damals noch nicht dreißig Jahre alt. Da er ein geborener Soldat war, vergötterten ihn die Truppen. Unterstützt von zwei im Krieg ergrauten tüchtigen Feldherren, Kizkiz und Tschalkutschima (dieser war ein Bruder der Königin-Witwe), begann Atahuallpa den Vormarsch gen Süden. Bei Ambato, zu Füßen des Chimborazo, den die Spanier für den höchsten Berg der Erde hielten, begegneten sich die Heere der feindlichen Brüder. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend währte der wütende Kampf. Atahuallpa blieb Sieger. Tausende deckten die Walstatt, darunter der peruanische Heerführer. Atahuallpa ließ seinen Sieg nicht unausgenutz. Sofort nach der ersten Entscheidung setzte er mit seinem Heere den Marsch fort und nahm alsbald das befestigte Tomebamba, das ebenso wie die gesamte Provinz Kanaris zwar schon längst zum Lande Quito gehörte, trotzdem aber zum Könige Huaskar gehalten hatte. Die Stadt, die sein Vater geliebt hatte, ward von Atahuallpa in Brand gesteckt und ihre Einwohner niedergemacht. Auf dem weiteren Vordringen ergab sich eine Stadt nach der andern widerstandslos. Das grausame Schicksal von Tomebamba hatte gewirkt. Dann aber hielt die Insel Puna (in der Bucht von Guayaquil), die von Peruanern besetzt war, den Marsch auf. Wenn diese Insel die Heeresstraße längs der Küste des Festlandes auch nicht gerade beherrschte, so konnte man doch nicht ohne weiteres an ihr vorüberziehen. Nun gelang es dem klugen Atahuallpa, nach einigem Verweilen die Stadt Tumpez, deren Bürger schon immer zu ihm geneigt hatten, gänzlich auf seine Seite zu bekommen und sich bereit zu erklären, die feindlichen Kräfte auf der Insel Puna in Schach zu halten. Dadurch konnte er mit seihen Truppen weiter auf das noch ferne Kuzko marschieren. In Kaxamalka (dem heutigen Cajamarca), ungefähr in der Mitte der Gesamtentfernung von Quito bis Kuzko, rastete Atahuallpa einige Tage. Diese schöne gepflegte Stadt, berühmt durch ihre warmen Quellen, in wunderbarer Lage inmitten eines Gebirgsbeckens von fünf Leguas Länge und drei Leguas Breite, von der gebildetsten Bevölkerung des ganzen Reiches bewohnt, machte er zu seinem Haupt-Etappenort. Während seine beiden Feldherren mit der Hauptmacht weiterzogen, blieb er selber hier, mit einer Abteilung (etwa 5000 Mann jüngerer Jahrgänge) des Heeres, und errichtete ein festes Lager im Süden der Stadt, am Warmbade. Kizkiz und Tschalkutschima gelangten in Eilmärschen an den Apurimak, einen gewaltigen Zufluß des Amazonenstromes. Zweifellos waren die in Peru gebräuchlichen eigentümlichen Hängebrücken aus dicken Weidentauen mit Bohlenbelag vom Gegner zerstört. Das Hindernis ward schleunigst überwunden, und bald betrat das Heer die Hochebene von Vilcaconga unweit Kuzko. König Huaskar hätte nach der erlittenen Schlappe – auf Rat der Priesterschaft – alle noch vorhandenen Streitkräfte in seiner Hauptstadt zusammengezogen. Vom Standpunkte der Strategie war dies wohl kaum die rechte Maßnahme, es sei denn, sein Land wäre von vornherein ganz und gar nicht kriegsbereit gewesen. Vor dem Nahen des feindlichen Heeres bezog er eine Gefechtsstellung am Südende der Hochebene. Auf beiden Seiten war man sich bewußt, daß alles auf dem Spiele stand. Wiederum ward vom Morgen bis zum Abend mit aller Leidenschaft auf beiden Seiten gekämpft. Die Gefechtsstärken sind uns nicht überliefert. Vermutlich befehligte Huaskar das numerisch größere Heer, während das seines Bruders durch soldatische Zucht, bessere Bewaffnung und größere Kriegserfahrung überlegen war. Wiederum war das Kriegsglück Atahuallpa hold. Bei Sonnenuntergang war der Widerstand der um eine gerechte Sache Kämpfenden gebrochen. In wilder Unordnung wichen die Peruaner auf Kuzko zurück. Das Schlachtfeld war mit Toten und Sterbenden besät. Noch lange nach dem Einbruch der Spanier mahnten dort Massen bleichender Knochen daran daß es die Einigkeit ist, die allein ein Reich vor fremden Eroberern sichert. Die Sieger stürmten den Wankenden auf den Fersen nach. Wie es sich für einen König geziemt, wenn sein Volk nach heldenmütigem Kampfe untergeht, kämpfte Huaskar mit tausend Getreuen in der Nachhut. Fast alle fanden den Tod. Den König schützte nur der Umstand, daß sein Feind ihn lebendig in die Gewalt bekommen wollte. Noch in der Nacht marschierten die beiden Generale in die Hauptstadt ein. Der gefangengenommene Huaskar ward auf Befehl seines Bruders unter Wahrung seiner Würde in die Burg der Stadt Xauxa (Jauja) gebracht. Macchiavell sagt in seinem Fürstenspiegel: um in einem eroberten Lande sicher zu herrschen, genüge es, die Familie des früheren Herrschers auszurotten. Das berühmte Buch ist 1532 in Rom erschienen, also zufällig im Jahre der Schlacht in der Hochebene von Vilcaconga. In der Alten wie in der Neuen Welt waren die Menschen die nämlichen Raubtiere. Atahuallpa berief die sämtlichen Mitglieder des geschlagenen Herrscherhauses in das Schloß von Kuzko, indem er ihnen sagen ließ, eine gemeinsame Beratung erachte er als das beste Mittel, das Land wieder zu Ruhe und Ordnung zu bringen. Der größte Teil des Inka-Adels leistete dem Aufruf Folge. Atahuallpa erschien selber nicht. Er hatte den Befehl gegeben, die gesamte Versammlung niederzustechen. Er schonte keinen. Halbbrüder, Oheime, Vettern sanken hin. Sogar Frauen und Jungfrauen der Königsfamilie wurden hingeschlachtet. So berichtet Garcilasso de la Vega (1540–1616) in seinen »Commentarios Reales«; aber da er selbst ein Inka-Edelmann war (seine Mutter war eine Enkelin des Königs Topak Yupanki), so straft er seine eigene Geschichtsschreibung Lügen. Zweifellos geschah die Ausrottung nicht so gründlich, wie er behauptet hat, denn im Verlaufe der Geschichte Perus ist so mancher Abkömmling der Inkas hervorgetreten. Auch Huaskar blieb zunächst am Leben. Schon vor der Entscheidungsschlacht hatte König Atahuallpa von den Missetaten der Spanier auf der Insel Puna vernommen, aber erst als er unbestrittener Herr von Peru geworden war, im Sommer 1532, konnte er sich mit dem vermeldeten Vorfalle näher beschäftigen. X Gegen Ende des Marsches auf Tumbez erfuhr Pizarro zum ersten Male durch einen indianischen Dolmetscher vom Bruderkriege zwischen Huaskar und Atahuallpa. Nichts konnte ihm angenehmer und förderlicher sein; erinnerte er sich doch einer Weisung des Generalkapitäns Cortes, dessen Heldengestalt ihm allezeit vorschwebte: »Erzeugt Zwist im Volke, das Ihr bekriegt! Schürt ihn und benutzt ihn!« Noch waren ihm die tatsächlichen Verhältnisse völlig unklar, aber er beschloß, sich alsbald Gewißheit zu verschaffen und sich scheinbar auf die Seite des Siegers zu stellen. Seine Hoffnung, in der Stadt Tumbez einen zuverlässigen Stützpunkt zu gewinnen, sollte sich nicht erfüllen. Er hatte im Gefängnis auf der Insel Puna eine Anzahl Tumbezianer gefunden, sie befreit und nach ihrer Heimat entsendet. Damit glaubte er sich die Stadt, die ihn im Jahre 1527 gastlich empfangen hatte, zu verpflichten. Aber die Kunde von der Grausamkeit und Raubgier der Spanier auf Puna machte in Tumbez viel stärkeren Eindruck als die Freigabe der Gefangenen. Man durchschaute die Absicht der Fremdlinge, und so ergriff man die drei Spanier, die mit den Freigelassenen gekommen waren, und opferte sie den Göttern. Ebenso ermordete man den seit 1527 in Tumbez wohnenden Alonso de Molino samt seinem Genossen. Gleichzeitig bildete man eine Volkswehr und bewaffnete sie. Eilboten an den Befehlshaber der Provinz gingen ab. Wären geordnete Zustände im Reiche gewesen, wie noch vor einem Jahre, so hätte man auf das baldigste Anrücken einiger Bataillone rechnen können. Jetzt freilich waren die Telegraphenstationen zerstört und das Heer war aus seinen Friedensstandorten weggenommen. Notgedrungen beschloß man, die Stadt zu räumen und sich ins Innere des Landes zurückzuziehen. In der leeren Stadt und am Hafen verblieben nur Patrouillen. Pizarro hatte auf Balsas, die ihm die Edelleute auf Puna hatten stellen müssen, drei Spanier nebst einem Dolmetscher und Tauschwaren vorausgeschickt. Als diese Leute landeten, wurden sie von den Streifscharen überfallen und samt den Waren weggeschleppt. Die Balsas wurden entfernt. Drei Tage darauf kamen die drei Karavellen. Mit ihnen Pizarro. Er landete seine Streitmacht, was den Rest des Tages in Anspruch nahm, und sandte am andern Morgen zwei der Schiffe zurück, um den Rest seiner Leute und Pferde zu holen. Inzwischen begab er sich mit einer ausgewählten Schar von Offizieren und Mannschaften in den burgartigen Palast des Kuraka und bezog daselbst sowie in einem benachbarten, ebenfalls verteidigungsfähigen Hause Quartier. Mit Staunen nahm er wahr, daß die Stadt von ihren Einwohnern verlassen war und daß kein Palast und kein Haus mehr wertvolle Gegenstände enthielt. Wer Tumbez nicht ehedem in seinem Schmuck und Reichtum geschaut hatte, zweifelte angesichts der armseligen öden Räume an der Wahrheit aller der verlockenden Schilderungen. Eine ausgesandte Patrouille, die den Fluß aufwärts streifte, fand weder die Balsas noch die drei Spanier noch den indianischen Dolmetscher. Man griff etliche Indianer auf und stellte fest, daß sich auf den Höhen und an den Waldrändern Scharen bewaffneter Eingeborenen versteckt hielten. Pizarro verhörte die Aufgegriffenen, ohne Wesentliches zu erfahren, und entließ sie wieder mit dem Auftrage, den Kuraka von Tumbez aufzusuchen und ihm im Namen des Kaisers zu sagen, Pizarro und seine Hispanier seien in friedlicher Absicht, ganz wie ehedem, gekommen. Er solle ihm die drei Leute von den Balsas zurücksenden und die Einwohner veranlassen, in die Stadt zurückzukehren. Niemandem werde Leid geschehen. Weigere sich der Kuraka aber, dies Gebot zu erfüllen, so müsse Pizarro mit Feuer, und Schwert wider ihn ziehen und ihn und sein Volk als Aufständische vernichten. Mehrere Tage vergingen; es kam keine Antwort. Dagegen sah man Scharen von Indianern in der Ferne auf dem jenseitigen Ufer Schanzen bauen. Der Fluß war vom Frühlingswasser dermaßen angeschwollen, daß er ungangbar schien. Höhnisch rief man den Spaniern von drüben zu, sie sollten hinüberkommen. Nachdem die gesamte Streitmacht in Tumbez versammelt war, ließ Pizarro ein großes Floß zimmern und setzte achtzig Mann zu Fuß und vierzig Reiter aufs andre Ufer unter der Führung des Hauptmanns Hernando de Soto. Dies währte vom Morgen bis zum Abend. Soto hatte den Befehl, die Indianer zu züchtigen, weil sie Spanier ermordet hatten und Rebellen seien. Falls sie um Frieden bäten, solle er im Namen seiner Majestät des Kaisers mit ihnen verhandeln. Soto marschierte noch in der Nacht gegen die verschanzte Stellung der Indianer und griff sie bei Morgengrauen an. Es blieb beim Fernkampf. Eine Menge Feinde wurden getötet, viele verwundet und etliche gefangengenommen. Gegen Abend verließen die Indianer die Schanzen, und auch Soto zog sich in ein verlassenes Dorf zurück. In der Frühe des andern Morgens nahm er die feindliche Stellung und sandte Streiftrupps aus, um die Zurückgegangenen zu verfolgen. Gleichzeitig schickte er einen Unterhändler mit ein paar Dolmetschern ab. Der indianische Führer namens Kilimassa empfing den fremden Gesandten ehrerbietig und ließ dem spanischen Hauptmann sagen, er hätte auch seinerseits gern einen Unterhändler geschickt, und nur aus Furcht, die Spanier könnten ihn umbringen, wäre es nicht geschehen. Jetzt aber werde er persönlich mit einigen Edelleuten zu ihm kommen. Darauf verhandelte man im Lager der Spanier. Der Kazike bat, die Feindseligkeiten zu verzeihen. Er unterwerfe sich dem Kaiser und seinem Stellvertreter. Soto versicherte ihm darauf, der Krieg sei zu Ende und die Indianer sollten unbesorgt in ihre Wohnstätten zurückkehren. Die Spanier setzten wieder über, unter Mitnahme der in der indianischen Stellung vorgefundenen Lebensmittel, und führten den Kaziken und seine Begleiter vor Pizarro. Der vernahm den Gefechtsbericht des Hauptmanns, dankte Gott, daß kein Spanier gefallen und keiner verwundet war, und ordnete einige Rasttage an. Kilimassa ward befragt, warum sich die Tumbezianer empört und acht Spanier zurückhielten. Sie wären doch gut von ihnen behandelt worden. Pizarro habe die auf der Insel Puna vorgefundenen Gefangenen freigegeben. Wenn er feindselige Absichten gehabt hätte, so würde er auch keine Waren vorausgeschickt haben. Wo seien die drei Spanier, die die Gefangenen begleitet hatten? Wo seien die drei, die auf den Balsas die Waren gebracht hätten? Wo sei Alonso de Molina und sein Gefährte? Der Kazike erwiderte, die beiden in Tumbez zurückgebliebenen Spanier seien längst verstorben und über die sechs Vermißten vermöge er keine Auskunft zu geben. Er wäre nicht dabei gewesen, weder wie die Gefangenen von der Insel Puna noch wie die drei Balsas ankamen. Er werde jedoch Nachforschungen anstellen und die Schuldigen ausliefern, falls sie ergriffen würden. Des weiteren befragt, warum die Stadt Tumpez verlassen sei, gab er an, eine Seuche wäre daran schuld und der lange Zwist mit den Insulanern auf Puna. So blieb dem Capitano nichts übrig als die Gesandtschaft zu entlassen; Der Kazike hielt sein Wort: es fanden keine Feindseligkeiten mehr statt. Die Bevölkerung freilich kehrte nicht zurück, und die Mörder der acht Spanier wurden nicht ausgeliefert. Pizarro sah ein, daß die grausame Vernichtung der Insulaner ein schwer wieder gut zu machender Mißgriff gewesen war und daß er alles aufbieten müsse, um die Indianer des Festlandes nicht noch mehr zu reizen. Angesichts der ungeheuren Überlegenheit der Peruaner in der Zahl waren fortdauernde Gewaltmaßnahmen aussichtslos, ja gefährlich. Es gab nur einen Weg, zur Hauptstadt des Landes und in den Besitz der Macht zu gelangen: zielbewußte Diplomatie. Die Stimmung seiner Leute war miserabel. Der Hinweis auf die Reichtümer von Peru, die den Spaniern sicher seien, verfehlte jetzt jede Wirkung. Man wollte Gold sehen! Da unzufriedene Truppen niemals in Untätigkeit belassen werden dürfen, entschloß sich Pizarro zu größeren Streifzügen. Den Plan eines kraftvollen Vorstoßes ins Innere des Landes, in Richtung auf die Hauptstadt, schob er hinaus. Zuvor mußte eine feste Operationsbasis gegründet werden. Tumbez schien ihm dazu ungeeignet. Er teilte seine Streitmacht in drei Teile. Der Hauptmann Soto bekam den Auftrag, mit der einen Abteilung die Hänge der Sierra zu erkunden. Er selber rückte mit der zweiten Abteilung am Sonntag nach Pfingsten, am 16. Mai 1532, nach Süden vor. Mit dem Rest, zumeist Kranken und Kriegsuntüchtigen, verblieb Hernando Pizarro in Tumbez. Für seinen Erkundungszug gab Francisco Pizarro den strengen Befehl, sich jedweder Plünderung zu enthalten und freundliche Indianer friedlichst zu behandeln. Lebensmittel habe man übergenug. Es gelte, einen guten sicheren gesunden rückwärtigen Stützpunkt für den eigentlichen Eroberungszug in das goldreiche Innere zu suchen und auszubauen. Ohne bereitwillige Hilfe der Eingeborenen sei dies sehr schwierig, wenn nicht unmöglich. So begann der Marsch in der Sommerglut des schattenlosen steinigen Küstenlandes. Nach drei Tagen kam man in ein großes Dorf in den Vorbergen und rastete daselbst drei Tage. Nach wiederum drei Tagen, am 25. Mai erreichte man die breite Staatsstraße, die vorzüglich angelegt und stellenweise gepflastert war. Wiederum rastete man in einem Orte, der reich an Lamaherden und allerlei Vorräten war. Er lag an einem Flusse namens Turikarami, dem heutigen Rio Chira. Die Gegend, zumal stromauf, war dichtbevölkert. Pizarro empfing eine Reihe von kleinen Gesandtschaften. Nirgends stieß er auf Widerstand. Pizarro erkundete das Gelände zwischen dem Rio Chira und dem Rio de Piura auf das sorgsamste, entdeckte einen guten Hafen (Payta) und fand im fruchtbaren Tale Tangara einen zur Ansiedlung geeigneten Ort, den er San Miguel de Piura taufte. Hier (unter dem 5. Breitengrade) beschloß er die erste Kolonie von Peru zu gründen. Der Ort liegt 30 Leguas (etwa 180 km) südlich von Tumbez. Man begann sofort Blockhäuser und Palisaden zu errichten. Die feierliche Einweihung des Ortes geschah am Sonntag den 29. September 1532, am Michaelistage. Obgleich, wie gesagt, die Bevölkerung friedlich blieb, hielt es Pizarro für angebracht, eine Art warnendes Exempel zu inszenieren. Wahrscheinlich auch wollte er seiner beutegierigen Soldateska einen Festtag bereiten. Kurzum, er unterwarf ein großes Dorf in den Bergen, das sich unbotmäßig gezeigt hatte, mit Feuer und Schwert, indem er einen Hauptmann mit 66 Mann und 25 Reitern aussandte. Das Dorf wurde gestürmt, der Kazike auf den Scheiterhaufen gesetzt, und der Ort dem Erdboden gleichgemacht, selbstverständlich nach ausgiebiger Plünderung. Das erbeutete Gold und Silber ward nach Abzug des kaiserlichen Anteils an die Truppe verteilt. Inzwischen war Soto nach mancherlei Gefahr und Mühsal und nach Entdeckung mehrerer Goldsandlager wieder in Tumbez angekommen. Er und ebenso Hernando Pizarro wurden von Tumbez nach San Miguel beordert. Diese Reise machten sie auf den beiden Karavellen, denen sich ein Kauffahrteischiff zugesellt hatte. Es gehörte einem unternehmungslustigen Kaufmanne in Panama, der mit Waren, Gerät und Munition auf gut Glück nachgefahren war, um Geschäfte zu machen. Er kam wie gerufen und tauschte seine Waren gegen Gold und Silber um. Zugleich aber brachte er dem Capitano die mißliche Nachricht, daß Diego de Almagro in Panamá eine Perúfahrt auf eigene Faust vorbereitete. Sofort entsandte Pizarro seine beiden Karavellen nach Panama mit soviel Gold und Silber als nur möglich, Dazu lieh er sich die Beuteanteile vieler andrer, um den Ruf seines Erfolges zu verstärken. An Almagro gab er einen Brief mit, in dem er ihm klar genug vorhielt, daß im Lande Peru niemand etwas zu suchen habe, der nicht unter des Kaiserlichen Statthalters Fahne kämpfe. Der Bau von San Miguel schritt vorwärts. Pizarro veranlaßte die Einwohner mehrerer indianischer Dörfer, sich in der Niederlassung anzusiedeln. Er ernannte Richter, Schöffen und andre Beamte. Der Dominikaner Vicente de Valverde ward der Seelsorger der Kolonie, ein Eiferer und Abenteurer tollster Art. XI Pizarro hatte während all dieser Tätigkeit neue Nachrichten über das Reich der Inka eingezogen. So war ihm der kaum beendete Brüderkrieg nicht mehr ganz unbekannt. Auch erfuhr er, daß der Sieger, König Atahuallpa, nur zwölf bis fünfzehn Tagesmärsche von San Miguel entfernt lagere, in Kaxamalká. Der Ort liegt im Gebirge, 350 km (in der Luftlinie) südwestlich von San Miguel. Er entschloß sich, nach Kaxamalká zu marschieren und sich nach dem Vorbilde des Generals Cortes der Person des Inkakönigs zu bemächtigen. Dieser Plan war ebenso vag wie kühn. Pizarro vertraute auf sein Glück und überließ alles andere der natürlichen Entwickelung. Am Dienstag den 24. September 1532 begann er den Vormarsch. Seine Streitmacht belief sich auf: 87 Mann zu Fuß, bewaffnet mit Lanze und Schwert, 67 Reiter, 20 Bogenschützen (als besondre Abteilung unter dem Befehl eines Offiziers), 3 Büchsenschützen, dazu etwa 25 Indianer als Diener und Träger, insgesamt etwa 200 Köpfe. An Artillerie hatte er zwei kleine Feldschlangen (Falkonette). In San Miguel blieben etwa 50 Spanier zurück, unter dem Befehl von Antonio Navarro. Bei ihm weilte der von der Regierung jüngst nachgesandte kaiserliche Schatzmeister nebst seinem Stabe. Der Übergang über den Piura ward auf zwei Flößen bewerkstelligt. Die Pferde schwammen zur Seite. Die erste Nacht verbrachte man am jenseitigen Ufer in einem Dorfe. Eine Offizierspatrouille ging in Richtung auf Kaxamalka voraus. Nach drei Tagesmärschen, auf der vorhandenen guten Straße im Piuratale, gelangte man am 27. September nach einem größeren befestigten Dorfe, in dem ein Kazike seine Burg hatte. Bis hierher war die Patrouille gelangt, deren Führer es bereits gelungen war, mit dem Kaziken ein Bündnis zu schließen. Pizarro verblieb hier vom 27. September bis zum 7. Oktober. Da der Kommandant von San Miguel in einem Briefe um Verstärkung bat, sandte Pizarro 3 Reiter und 4 Mann zu Fuß zurück. Die Rasttage wurden benutzt, Zucht und Ordnung in das kleine Heer zu bringen. Am 7. Oktober brach man wieder auf und erreichte am Mittag das befestigte Dorf eines Kaziken namens Pabor. Der war ehedem ein mächtiger Mann gewesen, aber König Huayna Kapak, der Vater Atahuallpas, hatte ihm zwanzig Ortschaften zerstört und viele seiner Krieger getötet. Voller Rachsucht und als fanatischer Anhänger des Königs Huaskar, erfüllte ihn Pizarros Erscheinen mit neuen Hoffnungen. Er gab ihm allerlei Auskünfte über das Land, sein Staatswesen, seine Straßen und seine Hilfsquellen. XII Es ist hier wohl angebracht, einiges Wenige über Land und Leute im alten Peru zu sagen. Wie gelegentlich bereits erwähnt, haben dreizehn Inkakönige geherrscht, ehe Huaskar und Atahuallpa an die Herrschaft in Kuzko und Quito kamen. Diese dreizehn Inkas füllen die Zeit von etwa 1150 bis 1525. Der erste Fürst hieß Inka Manko Kapak. Der mächtigste und berühmteste ist wohl Inka Topak Yupanki, genannt der Große, gewesen, der von etwa 1450 bis 1480 regiert haben mag. Vor den Inkas soll es in Peru neunzig Könige aus einem andern Herrscherhause gegeben haben. So viel ist gewiß, daß vor der Kultur der Inka eine viel ältere bestanden und geblüht hat. Dies bezeugen monumentale Trümmer von Palästen, Tempeln und Festungswerken im Lande, die nach übereinstimmender Überlieferung zum mindesten ein Jahrtausend älter als die Bauten der Inkakönige sind. Was wir hiervon wissen, verdanken wir den Memorias antiguas historiales y politicas del Pirú (vollendet im Jahre 1642, gedruckt 1882) des Fernando Montesinos, die bis auf die Sintflut zurückgehen. Vieles, was er berichtet, ist Fabelei; hinwiederum hat er während seiner fünzehnjährigen Arbeit die besten Quellen benutzt, die heutzutage zum Teil verschüttet sind. Der älteste Chronist ist Pedro de Cieza de Leon; sein Werk ist bereits 1553 in Sevilla erschienen; ein Nachtrag kam erst 1880 zutage. Wichtig sind die Comentarios Reales de los Incas (Sevilla 1609) von Garcilasso de la Vega (geboren 1539 zu Kuzko; er war der Sohn eines Conquistadors und einer Inka-Prinzessin, einer Schwester vom König Huaskar). Erwähnt sei noch der Bericht von den Altertümern des Reiches Peru (1613) von Juan de Santacruz Pachacuti Yamqui, einem Ureingeborenen aus dem alten Geschlechte der Kollahua, einer durch die Inka entthronten Herrscherfamilie eines Indianerstammes in der Cordillera. Zur Zeit des Einfalles der Spanier war das Reich Peru ein festgefügter kommunistischer Staat mit einem absolutistisch herrschenden Königshause. Heer, Priesterschaft und Beamtentum bildeten drei Pyramiden, die den Thron stützten. Jeder Privilegierte tat seine Pflicht wie eine gutgehende Uhr. Die Masse des Volkes arbeitete ebenso prompt und gewissenhaft, ohne irgendwelchen Druck zu empfinden. Je älter eine Kultur ist, um so mehr sind alle politischen Begriffe in Fleisch und Blut übergegangen. Jeder leistete, was er konnte, willig, froh und behaglich. Keiner mutete dem Andern etwas zu, was über dessen Kräfte gegangen wäre. Von einer gewissen Altersgrenze an hörte die Pflicht der Arbeit eines Jeden auf. Es bestand die allgemeine Wehrpflicht; das Heer ward von Berufsoffizieren geführt. Privateigentum gab es im Volke nicht. Was man erntete oder schaffte, ging zu bestimmten Teilen in die Vorratshäuser des Landes, Der Adel, sowohl der eingeborene, in seinen alten Rechten belassene, wie der eingewanderte höhere der Inkas, setzte seine Ehre darein, nach den Gesetzen und Bräuchen vorbildlich zu leben. Der König galt als ein höheres Wesen. Die Inkas (König und Adel) bildeten eine dünne, aber gesunde und kraftvolle Oberschicht über eine Menge von allmählich unterjochten Stämmen, die, in den zahlreichen Tälern und Hochebenen lebend, ehedem nebeneinander bestanden hatten, vielfach ohne viel Berührung miteinander zu haben. Erst die Inkas verbanden die Stämme zu einem Volke, bauten die großen Heeresstraßen samt einem Netz von Nebenwegen, richteten die großartige Kanalisation ein, die selbst das ehedem unfruchtbare Küstenland in ein Paradies verwandelte. (Nach dem Einbruch der Spanier sind diese Verkehrs- wie Wasserwege nach und nach wieder verfallen; heute ist der Landstrich längs der Küste zumeist Einöde.) Cieza de Leon erzählt: »Wenn ein Inka in Friedenszeiten sein Reich bereiste, so geschah dies unter Prunk und Pracht in einer kostbaren Sänfte. Um sie marschierte die Leibgarde, Bogenschützen und Lanzenträger, ihr voraus gegen 500 Schleuderer; ebensoviel bildeten die Nachhut. Die Offiziere waren bei ihren Truppen. Weit vorweg, auf den Haupt- wie auf den Seitenstraßen, eilten tüchtige und zuverlässige Läufer, die des Herrschers Ankunft verkündeten und diesem ihre Berichte über alles Nötige zurücksandten. Um den Inka zu sehen, strömte das Volk von überall her. Es sammelte sich auf den nahen Hügeln und Höhen. Beim Erscheinen des Königs begrüßte man ihn laut als Sohn der Sonne. Ehe der Zug kam, säuberte man die wohlgepflegte große Heeresstraße von allem, was der Zufall hingestreut hatte. Es durfte kein Strohhalm liegen bleiben. Der Inka legte täglich vier Leguas (etwa 25 km) zurück, selten mehr. An passenden Stellen ließ er halten, um sich über die Zustände des Landes zu vergewissern. Er hörte jeden freundlich an, der ihm in sauberer Kleidung irgendwelche Not und Klage vorbrachte. Jede Sache ward untersucht, der Übelstand beseitigt und der Schuldige bestraft. Die Soldaten des Zuges verließen niemals die Straße; sie betraten kein fremdes Haus. Nachtquartier fanden alle in den Tombas, in denen reichliche Vorräte ruhten. Dazu brachten die Bewohner naher Städte und Dörfer allerlei frische Nahrungsmittel. Männer, Weiber und Jünglinge standen überall in Menge bereit, den Dienst als Träger zu tun. In regelmäßigen Abständen warteten andre Trupps zur Ablösung. Man rechnete sich diese Leistung zur Ehre an.« XIII Da der Kazike Pabor öfters von einem Orte Kaxas redete, der ein paar Tagesmärsche entfernt läge und der Standort der Vortruppen Atahuallpas wäre, schickte Pizarro heimlich den Hauptmann Soto mit einer starken Patrouille (Reiter und Fußvolk) aus, um den Tatbestand festzustellen, und falls er Inkatruppen begegne, sich mit ihnen friedlich zu verständigen. Soto ritt noch am selben Tage ab, während Pizarro erst am Morgen des 8. Oktober weitermarschierte und bis zu einem Dorfe namens Saran gelangte. Es sei hier eingefügt, daß sich an der großen Heeresstraße, die Kuzko mit Quito (1600 km) ver- band, immer etwa 25 km voneinander entfernt, sogenannte Tambos befanden. Das waren größere oder kleinere Kastelle mit einem steinernen Herrenhause für durchreisende Edelleute und höhere Beamte nebst einer kleinen Kaserne und allerhand Vorratsschuppen, einem geräumigem Hofe und einer Umwallung. Die Straße selbst war vorzüglich gepflegt. Da Pizarro diese Tambos natürlich benutzte, so darf man annehmen, daß er täglich etwa 25 km vorwärtskam. In Saran wartete Pizarro auf Sotos Rückkehr. Aber erst nach acht Tagen stellte er sich ein, am 16. Oktober. Diese Zeit wurde benutzt, um das Heer gefechtsfähig zu machen. Soto hatte zwei Tage (den 7. und 8. Oktober) gebraucht, um nach Kaxas zu gelangen. Er rastete nur zu den Mahlzeiten. Man hatte hohe Berge zu übersteigen, da man den Ort überrumpeln wollte. Aber bei aller Vorsicht und obgleich man gute einheimische Führer hatte, stellten feindliche Späher die Annäherung der Spanier fest. Ein paar davon nahm man fest. Hierdurch unterrichtete man sich über die Zustände und die Zahl der Einwohner in Kaxas. Der Ort lag in einem tiefen und engen Tale. Die Spanier näherten sich der Stadt in Gefechtsordnung und zogen unbehelligt ein. Da Soto sah, wie beunruhigt die Kaxaner waren, tat er ihnen kund, er käme im Auftrage des Statthalters in friedlichster Absicht. Alsbald stellte sich ein königlicher Beamter ein, bei dem sich Soto nach dem weiteren Wege erkundigte sowie über die vermutliche Aufnahme der Spanier in Kaxamalka durch den König Atahuallpa und über die Lage der Hauptstadt. Er erfuhr, Kuzko sei noch dreißig Tagreisen entfernt. Die Stadt sei groß, eine Tagreise im Umfang. Das Königsschloß sei vier Armbrustschüsse lang. Der Prunksaal darin habe einen Fußboden mit Silberbelag, Wände und Decken aus Silber- und Goldplatten. Nach dem unglücklichen Ausfall, des Bruderkrieges herrsche Atahuallpa und bedrücke das Reich durch große Steuern und schreckliche Grausamkeiten. Der Tyrann habe vor wenigen Tagen noch im Lager bei Kaxamalka verweilt. Am 9. Oktober kam Soto nach Guakamba, einem Orte an einem Flusse, etwas größer als Kaxas, mit einer stattlichen Burg. Kaxas wie Guakamba lagen seitwärts der großen Heeresstraße Kuzko-Quito. Sehnsüchtig erwartet, traf Soto am 16. Oktober wieder bei Pizarro ein. Noch zwei Tage (den 17. und 18. Oktober) verblieb das kleine Heer in Saran, weil die Sotosche Patrouille einiger Rast bedurfte. Der Statthalter benutzte diese Tage, um einen ausführlichen Bericht über den bisherigen Verlauf des Feldzuges und von den neuen Nachrichten über Peru für die Kolonisten von San Miguel zu diktieren. Der Bericht ging nebst Proben der Wollstoffe aus Kaxas und Guakamba sofort ab. Xerez fügt hier hinzu; »In Spanien später wußte man diese Gewebe nicht genüg zu rühmen und zu schätzen, weil man sie eher für Seide denn für Wolle hielt, und auch wegen der ungeheuren Arbeit und der aus Gold geschlagenen Figuren, die kunstreich in den Stoff eingewirkt waren.« Der 19., 20. und 21. Oktober waren Marschtage. Man kam durch kein Dorf, auch an keinen Brunnen, so daß man Mangel an Wasser hatte. Am Abend des 21. erreichte man ein Kastell, das aber verlassen war. Nahe im Tale lag ein Dorf namens Kopiz, in dem der Kazike der Gegend wohnte. Am Morgen des 22. brach man früh auf, bei Mondenschein. Gegen Mittag kam man in das nächste Kastell. Es hatte prächtige Gemächer, aber keinerlei Mundvorräte und kein Wasser. Ein paar Indianer waren da und vermeldeten, zwei Wegstunden weiter wohne ein Kazike. Der Marsch ward fortgesetzt. Das Dorf hieß Motux. Hier berichtete man dem General, Atahuallpa habe vor kurzem in der Gegend Aushebungen machen lassen. Dreihundert Mann seien rekrutiert worden, und der Kazike habe sich wegen dieser Angelegenheit nach dem Kriegslager zu Kaxamalka begeben. Pizarro rastete vier Tage (vom 23. bis zum 26. Oktober). Dann kamen wieder zwei Marschtage (27. und 28. Oktober) durch stark bevölkerte Täler. Quartier ward immer in den Tambos genommen. Nirgends geschahen Feindseligkeiten. Der Marsch am 29. Oktober führte durch sandiges Gelände. Darauf kam man in ein bevölkertes Tal, durch das ein reißender Fluß strömte. Da er angeschwollen war, schlag man das Nachtlager am diesseitigen Ufer auf. Pizarro entsandte einen Offizier und ein paar schwimmkundige Leute, die sich am andern Ufer festsetzen sollten, um den Obergang zu decken. Diesen Auftrag übernahm der Obrist Hernando Pizarro. Als er drüben war, kamen ihm Indianer aus einem der jenseitigen Dörfer entgegen und empfingen ihn freundlich. Er nahm Quartier in einer Burg. Obwohl ihm die Eingeborenen keinerlei Mißlichkeiten bereiteten, nahm er doch wahr, daß sie den Spaniern nicht wohlgesinnt waren. In allen umliegenden Dörfern waren die Indianer im Auszuge begriffen, offenbar auf höheren Befehl. Man schaffte alle bewegliche Habe fort. Vergeblich fragte Hernando, was dies bedeute. Ob König Atahuallpa die Spanier friedlich oder feindselig erwarte? Wohl aus Furcht vor dem Inka wagte niemand Bescheid zu geben. Da ließ Hernando einen der Häuptlinge ergreifen und foltern. So erfuhr er, daß Atahuallpa die Spanier mit einem Heere erwarte. Vortruppen ständen am Fuße der Höhe, ein Korps auf der Höhe, und die Hauptmacht lagere bei Kaxamalka. Der Häuptling gab ferner an, er sei Ohrenzeuge gewesen, wie der Inka höhnisch ausgerufen habe, kein Spanier solle je mehr das Meer wiedersehen. Am Morgen des 30. Oktober traf Hernandos Meldung ein. Der Statthalter befahl, Bäume zu fällen und drei Flöße zu bauen. Es geschah. Der Übergang währte bis zum späten Nachmittag. Die Pferde schwammen. Pizarro verließ keinen Augenblick seinen Standort am Ufer, und als der letzte Mann über das Wasser war, setzte auch er hinüber. Man nahm Unterkunft in der Burg. Abermals wurde ein Kazike hochnotpeinlich vernommen. Er sagte aus, der Inka läge mit 50000 Mann bei Guamachuko, an der Straße von Kaxamalka, Vier Tage rastete man (vom 31. Oktober bis zum 3. November). Am Tage vor dem Weitermarsche hatte Pizarro eine Unterredung mit einem Kaziken, den er fragte, ob er sich getraue, als Spion der Spanier nach Kaxamalka zu gehen und Nachrichten über die Zustände daselbst einzuziehen und ihm zu überbringen. Der Indianer erwiderte, als Spion könne er nicht hingehen, wohl aber als ordentlicher Abgesandter. Dabei könne er das Nötige feststellen, vor allem Atahuallpas Gesinnung den Spaniern gegenüber und ob Truppen in den Bergen ständen. Pizarro war damit einverstanden. Er entsandte den Kaziken. Er solle sich nach eigenem Gutdünken verhalten und, falls er Truppen bemerke, sofort einen der ihm mitgegebenen Indianer zurückschicken. Ferner solle er mit Atahuallpa und seinen Generalen sprechen und ihnen versichern, daß die Spanier niemandem Leid zufügten, sobald sie friedlich und freundlich empfangen würden. Wenn er diesen Auftrag gut ausführe, über alles die Wahrheit berichte und den König willig mache, werde ihn Pizarro als seinen Freund und Bruder behandeln, ihm Vorteile verschaffen und im Krieg und Frieden auf seiner Seite stehen. Der Indianer gelobte es und machte sich auf den Weg. Pizarro setzte seinen Marsch durch das Tal fort und lagerte nach drei Tagesmärschen jedesmal in einem Kastell. Das war am 4., 5. und 6. November. Am zuletzt erreichten Ort mußte Pizarro die bisher benutzte schöne breite Heeresstraße verlassen und rechts die minderwertige Straße nach Kaxamalka einschlagen. Man machte den Statthalter aufmerksam, daß dieser Weg über schwieriges Gebirge führe, das Atahuallpa mit Truppen besetzt habe. Pizarro blieb bei seinem Vorhaben. Der Inka wisse, sagte er, daß die Spanier bisher schnurstracks wider ihn marschiert wären. Wenn sie jetzt abschwenkten, müsse der Feind dies als Wankelmut und Feigheit ansehen und seinerseits an Zuversicht und Hochmut gewinnen. Der gerade Weg auf Kaxamalka sei der einzig richtige. Man solle ihm vertrauen und sich nicht schrecken lassen durch übertriebene Nachrichten über das Heer des Atahuallpa. Die gute Sache werde siegen! Man gab dem Führer recht. Am Fuße des Gebirges angelangt, rastete man einen Tag (am 7. November), um die nötigen Vorkehrungen zum Aufstieg in die Sierra zu treffen. Pizarro hielt einen Kriegsrat ab und beschloß, mit 60 Mann zu Fuß und 40 Reitern unter seinem Kommando einen allezeit gefechtsfähigen Vortrupp zu bilden und den Rest des Heeres nebst der Bagage unter dem Befehl eines Hauptmannes in bestimmter, immer einzuhaltender Entfernung und in steter Verbindung mit dem Vortrupp nachfolgen zu lassen. So begann am 8. November der Aufstieg. Die Pferde am Zügel, erreichte man gegen Mittag eine Burg, die den Paß beherrschte. Mit wenigen Truppen hätte man den Spaniern hier den ungemein steilen Weg verlegen können. Einen zweiten Paß aber gab es weit und breit nicht. Es zeigte sich kein Verteidiger. Offenbar hatte Atahuallpa eine ganz andre Absicht; er wollte die weißen Männer in das Innere seines Landes verlocken und dort vernichten. In der Burg, die von einer starken Steinmauer umgeben war, nahm Pizarro sein Mittagsmahl ein. Es war bitterlich kalt. Die Pferde, an die heiße Luft der Täler gewöhnt, husteten. Nach Tisch ging der Vortrupp weiter. Ein Meldegänger überbrachte der Nachhut den Befehl, unverzüglich den vom Feind freien Paß zu durchziehen und die Nacht in der Burg zu verbringen. Pizarro und seine hundert Mann erreichten am Nachmittag eine andre Burg, die der Hochebene näher lag. Es fanden sich daselbst ein paar Indianer und Indianerinnen. Die Einwohner des nahen Dorfes waren geflohen. Man erfuhr, Atahuallpa befände sich seit drei Tagen in Kaxamalka. Es sei viel Kriegsvolk bei ihm. Soweit man es wisse, erwarte er die Spanier in friedlicher Absicht. Bei Sonnenuntergang traf ein Indianer ein aus dem Gefolge des Kaziken, den Pizarro nach Kaxamalka abgeschickt hatte, mit der Meldung, es seien zwei Gesandte des Königs auf dem Wege zu Pizarro. Atahuallpa befände sich in Kaxamalka. Unterwegs habe man kein Kriegsvolk angetroffen. Der Statthalter teilte dem Führer der Nachhut dieses mit und ließ ihn wissen, daß er am kommenden Tage nur noch wenig vorrücken und die Nachhut erwarten werde, um dann wieder geschlossen weiterzumarschieren. Am Morgen des 9. November erstieg die Vorhut die Hochebene und erwartete in der Nähe einiger Bäche die Nachhut. Man schlug die baumwollenen Zelte auf, die man bei sich hatte, und zündete Feuer an, da es auf der Höhe unerträglich kalt war. Den Boden bedeckte dürres gelbes Gras (Pajonal). Sonst wuchs hier nichts. Gleichzeitig mit der Nachhut traf von der andern Seite her die Gesandtschaft ein, die der Inka abgeschickt hatte. Sie brachte zehn Lamas mit. Nach der feierlichen Begrüßung vermeldeten diese Boten, Inka Atahuallpa begehre zu wissen, an welchem Tage die weißen Männer in Kaxamalka einträfen, damit er ihnen Lebensmittel entgegenschicken könne. Der Statthalter erkundigte sich eingehend nach dem Fürsten, insbesondre nach dem Stande des Krieges, den er gegen seinen Bruder führe, wie er wisse. Man erwiderte ihm, der König residiere seit fünf Tagen in Kaxamalka und habe nur eine geringe Streitmacht um sich, da seine Haupttruppen noch in Kuzko ständen. Der Krieg sei beendet, der Feind geschlagen, der Bruder in des Siegers Hand. Pizarro hielt es für angebracht, die große Macht seines Gebieters anzudeuten. Atahuallpa sei gewiß ein mächtiger König und ein großer und glücklicher Feldherr, aber der Kaiser habe noch größere Herren zu Vasallen als Atahuallpa, und seine Generale hätten die halbe Welt besiegt. Er selbst suche des Königs Freundschaft. Er sei gekommen, sein Reich zu durchziehen, um ans andre Weltmeer zu gelangen. Wenn der Inka sein getreuer Bundesgenosse sein wolle, werde er ihm helfen, die Herrschaft in seinem Reiche zu befestigen. Wolle er aber Krieg mit ihm, so solle er ihn haben. Es werde ihm ergehen wie allen, die Pizarro vor ihm bekämpft und besiegt habe. Niemand aber erleide Leid und Unrecht von ihm, und mit niemandem begänne er Krieg, der ihn nicht dazu nötige. Als die indianischen Botschafter solches hörten, standen sie eine Weile stumm da. Sodann erklärten sie, sie würden ihrem Könige vermelden, daß die weißen Männer alsbald nach Kaxamalka kämen. Man werde ihnen Lebensmittel entgegensenden. Am 10. November zog Pizarro weiter, immer noch durch das Gebirge dem jenseitigen Tale zu. Während der Nacht kam man in Hütten unter. Am 11. vollendete man den Abstieg und rastete am 12. in einem Tambo. Daselbst traf der nach Kaxamalka abgesandte Kazike wieder ein. Er hatte nichts ausrichten können und berichtete, in der Ebene von Kaxamalka rüste man sich zum Kampf. Zahlreiches Kriegsvolk sei um den Inka. Er selber sei nicht vorgelassen worden. Man habe ihn schlecht behandelt und geradezu bedroht. Die Stadt sei von den Bewohnern auf Befehl des Herrschers geräumt. Pizarro wußte genug. Er hatte auf der Hut zu sein. Am nächsten Tage (am 14. November) wurde der Marsch fortgesetzt. Man nächtigte in der Prärie. Es kamen abermals Abgesandte des Inka mit Lebensmitteln. Am 15. November, an einem Freitage, brach Pizarro bei Morgengrauen auf. Eine Wegstunde vor Kaxamalka macht er Halt und erwartete die Nachhut. Er teilte seine Truppen in drei Abteilungen und richtete alles zum Einzug in die Stadt her. In Reih und Glied zogen die Spanier um die Vesperzeit ein. Es war ein ungewöhnlich kalter Tag, und scharfer Ostwind ging. XIV Kaxamalka hatte nur 2000 Einwohner, aber die Menge königlicher Bauten, die ihre Mauern umschloß, machte sie zu einer ansehnlichen und überaus gepflegten sauberen Stadt. Die in der Nähe (eine Legua weiter östlich) befindlichen, seit uraltersher bekannten heißen Quellen waren die Ursache dieser Bevorzugung. Die in der Tat von ihren Bewohnern verlassene Stadt hatte einen sehr geräumigen dreieckigen Hauptplatz (die Spitze nach Süden), der auf allen drei Seiten von langen steineren Hallen umrahmt war. An der östlichen Basis stand das Königsschloß mit einer stattlichen Freitreppe nach dem großen Platz zu und einem Hintertor, an das man unmittelbar nach der Heeresstraße gelangte, die vom Warmbad und den Bergen nach der Stadt führte. Die Häuser von Kaxamalka waren zumeist aus Lehm und mit Balken und Stroh gedeckt, nur die Paläste aus Stein. Dicht vor der Stadt, auf einer kleinen Anhöhe, inmitten eines Heiligen Haines, strahlte blendend weiß die Moschee des Sonnengottes. Eine ziemliche Anzahl andrer kleinerer Tempel überragte die Häuser. Etwas von der Stadt entfernt, thronte die Burg, von einer schneckenförmig dreimal um ihren Hügel sich windenden Steinmauer umgürtet. Gewiß lagen hier in Friedenszeiten ein paar Kompagnien des stehenden Heeres in Garnison. Pizarro ließ seine Truppen auf den großen Platz rücken. Er erwartete einen Empfang durch Atahuallpa. Aber der Inka kam nicht, sondern blieb in seinem Lager am Warmbad. Ungeduldig begab sich der Statthalter auf den Turm des Königschlosses und schaute nachdenklich nach den östlichen Bergen hin, wo er am Hang die langen Reihen weißer Zelte erkannte: das Lager des Herrschers von Perú. Als es gegen Abend zu regnen und hageln begann befahl Pizarro, in den Hallen am großen Platze Quartier zu nehmen. Die Artillerie, die Pferde und die Bagage legte er unter dem Befehl des Artillerieführers in die Burg. Die Tore der Stadt wurden durch starke Posten bewacht. Pizarro war voller Sorge, wenngleich er es sich nicht anmerken ließ. Was hatte Atahuallpa vor? Darüber war sich Pizarro in Zweifel. Es beunruhigte ihn und so sandte er noch am 15. November seinen besten Offizier, den Hauptmann Hernando de Soto, mit fünfzehn Reitern nach dem feindlichen Lager, mit dem Auftrage, zu versuchen, Audienz beim Inka zu erlangen. Soto war noch nicht lange abgeritten, da kam Hernando Pizarro, um sich Befehle zu holen für den Fall eines feindlichen Angriffes während der Nacht. Francisco erzählte seinem Bruder, daß er Soto abgeschickt habe. Hernando äußerte seine Bedenken. Man habe nur 60 Reiter. Obendrein seien mehrere Pferde marode. Fünfzehn zu detachieren, dünke ihn mißlich. Greife der Feind sie an, so sei man hier wie dort zu schwach. Jedwede Schlappe aber werde das Schlimmste nach sich ziehen. Daraufhin entsandte Pizarro alle gefechtsfähigen Reiter unter dem Kommando von Hernando Pizarro, mit dem Auftrage, den Umständen gemäß zu handeln. Ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß Hernandos Bericht über diesen seltsamen Ritt (geschrieben im Jahre 1533) auf die Nachwelt gekommen ist, so daß wir hier manche Einzelheit wissen. Soto trabte mit seinen fünfzehn Reitern die breite Heeresstraße hin, die von Kaxamalka nach dem Warmbad führte. Links und rechts weiteten sich Wiesen. In einer halben Stunde war die Legua zurückgelegt. Man kam an einen seichten Fluß. Eine Holzbrücke führte hinüber. Peruanische Posten standen drüben. Offenbar erwarteten sie die Fremdlinge; aber sie verrieten weder Freundschaft noch Feindschaft. Die vorsichtigen Spanier mieden die Brücke und ritten durch das träge Wasser. Dann fragten sie nach dem Königlichen Quartier. Einer der Indianer erbot sich zum Führer. Soto folgte ihm zu Pferd, seine Reiter am Flusse lassend; nur der indianische Dolmetscher Felipillo (Philippchen) kam mit. Zu beiden Seiten der Straße leuchteten die Zelte der Peruaner durch den trüben Abend. Soto gelangte an ein geräumiges Lusthaus. Es war weiß getüncht; rote bizarre Figuren auf den Flächen. Ringsum ein Säulengang. Dahinter ein halboffener Hallenhof. Auf dem Vorplatz ein Weiher, von weißem Stein umfaßt. Hier ließ man den Ritter und seinen Begleiter eine Weile warten. Inzwischen kam Hernando Pizarro, mit ihm sein Adjutant; beide zu Pferde. Alsbald geleitete man die vier Reiter in den großen rückwärtigen Hof des Gebäudes, der sichtlich öfters zu Empfängen diente. Der Inka saß auf kostbaren Kissen, erhöht, unter der Halle des Lusthauses, einfach gekleidet, auf dem Haupt den scharlachroten Turban (Llautu), dessen Troddel ihm tief über die Stirn fiel. Diese »rote Troddel« (Paytscha) war das geheiligte Zeichen seiner Königswürde. Bei ihm standen Generale, Edelleute, Minister, der hohe Priester, sowie einige Frauen, alle in Gala, reich geschmückt und in feierlicher Haltung. Weiter ab in Gruppen sah man andere hohe Würdenträger. Die drei spanischen Offiziere näherten sich dem Fürsten in langsamem Schritt, ohne abzusitzen. Nahe vor ihm machten sie Halt und begrüßten den Inka mit spanischer Grandezza. Atahuallpa erwiderte den Gruß mit einer vornehmen Geste, ohne ein Wort zu sagen. Keine Miene seines jungen schönen energischen Gesichts verriet seine Gedanken, seine Stimmung, seinen Willen. Die nämliche Gelassenheit und Urbanität waltete über dem gesamten Hofstaate. Unter nochmaliger Verbeugung begann Hernando Pizarro zu sprechen. Satz für Satz ward dem Fürsten durch Felipillo in die Inka-Sprache übertragen. Er sagte, er sei der Bruder des Feldherrn der Spanier, abgesandt, dem Herrn des Landes seine Ankunft in Kaxamalka zu vermelden. Sie kämen weither über das Weltmeer im Auftrage des mächtigsten Herrschers der Erde. Don Francisco Pizarro bäte den Inka, ihm die Ehre eines Besuches zu vergönnen und seine Trappen zu besichtigen. Er habe von seinem jüngsten Siege vernommen, und er sei bereit, auf seiner Seite zu kämpfen. Der Inka blieb schweigsam. Nichts an ihm zeigte an, daß er den Fremdling verstanden hatte. Einer der Edelleute ihm zur Seite erwiderte für ihn das eine Wort: »Gut!« Nichts in der Welt hätte den Spaniern eindringlicher bedeuten können, daß sie unangenehme Eindringlinge waren, als das königliche Schweigen und dies eine kurze herrische Wort des Granden. Hernando Pizarro unterbrach schließlich die unheimliche Stille. Er bat den Inka, ihm in eigener Person zu sagen, wie er sich zu ihnen stellen wolle. Auch ersuche er ihn untertänigst, ihnen Quartiere in Kaxamalka anzuweisen. Ein feines Lächeln flog über Atahuallpas bisher unbewegte Züge. Sodann erwiderte er: »Sagt Eurem General meinen und meines Hofes Besuch auf morgen an! Er möge mit seinen Soldaten Quartier in den Gebäuden am großen Platz nehmen, alle ändern Paläste aber frei lassen. Das Übrige werde ich morgen persönlich anordnen.« Die freie Seite des Hofes gewährte Ausblick in die weite Ebene. Der Hauptmann Soto, dem offenbar ein schwerer Stein von Herzen gefallen war, verspürte das Bedürfnis, dem Inka zu imponieren. Er war der beste Reiter in Pizarros Heer, und er hatte bemerkt, daß der Inka an seinem edlen Pferde, das ungern stillstand und schon längst ungeduldig in die Trense b|ß, Gefallen fand. Da ritt er an, setzte über die Barriere hinweg, die den Hof von den Wiesen trennte, und legte drüben einen großen Zirkel an, auf dem er die volle Schönheit seines Tieres zeigte. Allmählich verstärkte er den Galopp zur wilden Karriere. Unversehens verließ er dann die Bahn und ritt auf Atahuallpa los. Einen Schritt vor ihm parierte er das Pferd, indem er es scharf auf die Hinterhand setzte, und ließ es langsam steigen. Der Schaum sprühte über das Gewand des Inka. Alles wich erschrocken zurück. Nur Atahuallpa blieb unbeweglich wie aus Marmor. Zwei Diener wollten dem fremden Ritter in die Zügel fallen. Da winkte der Fürst leicht ab. Später ging die Kunde, der Inka habe die Voreiligen in der folgenden Nacht als Feiglinge hinrichten lassen. Jetzt wurden den Spaniern Brot, Wein und Früchte angeboten. Sie dankten und nahmen nur den Tschit- scha-Wein, der ihnen in riesigen goldenen Pokalen von holden Händen gereicht ward. Nun erst kam Leben in die Gruppen. Die spanischen Offiziere dünkten sich wie in einem arabischen Märchen. Beim Wiederabreiten bildeten Hunderte von glänzend bewaffneten Kriegern, die Lanzen bei Fuß, in schweigsamer Haltung, Spalier. Als die Vier wieder in Kaxamalka waren, fanden sie kaum Worte, all die Herrlichkeit zu schildern, die sie geschaut. Pizarro hörte seines Bruders Erzählung schweigsam an. Das Gerücht von tausend und abertausend Kriegern im Gefolge des Inkas mochte wohl stimmen. Schützten diese Scharen die fabelhaften Schätze dieses Reiches nicht genug? Standen, ini Hinterlande, insbesondere in der fernen Hauptstadt des Landes, nicht noch andre Zehntausende? War der heutige Empfang und der morgige Besuch im Grunde etwas anderes als das spöttische Spiel eines Allgewaltigen mit einem dem sicheren Tode geweihten Häuflein verwegener Narren? Was war zu erwarten, was zu tun? Die zahllosen Lagerfeuer, die durch die dunkle Nacht wie unheimliche Schicksalssterne leuchteten, gaben den nachdenklich gewordenen Landsknechten keine ermutigende Antwort. Nur Pizarro, der einzige, der nicht einen Augenblick an seinem Glücke zweifelte, war sich klar. Er entschloß sich zu einer verwegenen Tat. Gelang sie, so war er Herr von Peru; mißlang sie, so war es um ihn und seine Genossen geschehen. Keinem verriet er seinen Plan. Für die Nacht ordnete er scharfen Wachtdienst an. Den Ortsdienst übernahm Hernando Pizarro. Am ändern Morgen, Sonnabend den 16. November 1532, kam ein Offizier Atahuallpas mit der Botschaft, der König werde erst am Nachmittag den fremden Befehlshaber aufsuchen. Die Indianer im Gefolge dieses Gesandten plauderten mit den Indianerinnen, die zum Troß der Spanier gehörten. Sie warnten sie und rieten ihnen zu entfliehen. Atahuallpa habe die Absicht, die Fremdlinge anzugreifen und zu vernichten. Der Offizier richtete im Namen seines Herrschers aus, Atahuallpa werde mit bewaffneter Macht kommen, weil Pizarros gestrige Gesandtschaft bewaffnet bei ihm erschien sei. Der Statthalter erwiderte, der König möge kommen, wie es ihm beliebe. Er werde ihn als Freund und Bruder empfangen. Kaum war der Bote fort, da sah man auch bereits die peruanischen Truppen anrücken. Eine halbe Stande vor der Stadt machten sie Halt and marschierten links und rechts der Straße aufden Wiesen auf. Hinter der Front wurden in langen Linien Zelte aufgeschlagen. Dieser Anmarsch währte bis zum Mittag. Auf der Heeresstraße im Rücken der Peruaner wimmelte es von Truppen und Fahrzeugen. Eine Weile später erschien ein zweiter Gesandter mit der Meldung der König könne erst am nächsten Tage erscheinen. Pizarro geriet in Erregung. Seine Truppen hatten in der Nacht nur wenig geschlafen, standen seit Morgengrauen unter Waffen, waren müde, erregt, ungeduldig. Nichts macht Soldaten und Soldatenpferde untüchtiger als Warten in banger Stimmung. Und was bedeutete Atahuallpas Unentschlossenheit? Er ließ dem Fürsten sagen, er bäte um Erfüllung seines gestrigen Versprechens. Es sei alles bereit, ihn nach Gebühr zu empfangen. Er erwarte ihn zu seiner heutigen Abendtafel die nicht eher begänne als er da sei. Pizarro legte 20 Mann gefechtsbereit in sein Quartier am großen Platze. Die Reiter standen in zwei Trupps abgesessen bei ihren Pferden hinter den Hallen; den einen befehligte der Obrist Hernando Pizarro, den andern der Hauptmann Hernando de Soto. Das übrige Fußvolk lag in drei Abteilungen in den Hauptstraßen, die zum Markte führten, gewissermaßen im Hinterhalt. An sämtlichen Toren der Stadt standen Posten und Patrouillen. Die beiden Geschütze waren auf die Anmarschstraße gerichtet. Der Platz selbst blieb leer. Hernando Pizarro revidierte unausgesetzt alle Abteilungen, Wachen und Patrouillen. Alle ermahnte er in kurzer leutseliger Rede, schlagfertig zu bleiben, mutig zu sein, Gott und ihrem Führer zu vertrauen und, sobald der Befehl erteilt sei, mit Kraft und Umsicht das Nötige zu tun. Ein abendländischer Soldat, der seine Sache brav und klug mache, könne es gut mit fünfhundert Wilden aufnehmen. Am Nachmittag kam ein dritter Bote. Atahuallpa werde alsbald mit geringem Gefolge ohne Waffen kommen und die Nacht in Kaxamalka verbleiben. Man solle das »Schlangenhaus« am großen Platze für ihn bereit halten. Das war ein steinerner Palast, der ein Schlangenbild an der Stirnmauer trug. Unmittelbar darauf sahen die Spanier, daß ein Vortrupp die Stellung der Peruaner verließ und auf die Stadt zukam. Es war eine Schar Indianer in schachbrettartig bunter Tracht, die das Amt hatten, die Straße zu säubern. Es folgten weitere Trupps, in andrer Kleidung, Sänger und Tänzer. Dann kam ein Trupp Soldaten, dann ein Stab von Offizieren, in goldnen und silbernen Panzern und Helmen, ohne Waffen, in ihrer Mitte KönigA tahuallpa auf einer hohen offenen Sänfte, die mit Papageifedern bekleidet und mit Gold- und Silberschmuck behangen war. Dem königlichen Tragsessel folgte der Hofstaat, darunter zwei andre Sänften, auf denen Großwürdenträger saßen, sowie zwei Hängematten mit Standespersonen, alle von zahlreicher Mannschaft getragen. Den Schluß bildete ein starker Trupp Soldaten; die Offiziere wiederum in goldener und silberner Rüstung. Sowie der Vortrupp die Plaza betrat, teilte er sich in militärischer Ordnung, um dem König und seinem Gefolge Spalier zu bilden. Der Gesang, der den Spaniern aus der Ferne wie »Gesang der Hölle« geklungen hatte, verstummte. Der Tragsessel des Herrschers gelangte zur Mitte des Platzes und ward dort zur Erde gestellt. Insgesamt standen, wohlgeordnet, jetzt etwa dreitausend Personen da, aber kein einziger Spanier. Verwundert fragte Atahuallpa seinen höchsten Begleiter: »Wo sind die Fremdlinge?« In diesem Augenblick trat der Padre Vicente de Valverde, der Geistliche im Stabe Pizarros, später Bischof von Kuzko, aus dem Quartier des Statthalters und schritt in heuchlerischer Würde über den Platz auf den König des Landes zu, die Bibel in der einen, das Kruzifix in der andern Hand. Vor Atahuallpa angekommen, begrüßte er ihn mit priesterlicher Geste und begann im Predigerton zu ihm zu sprechen: »Im Namen Gottes des Herrn, im Namen Jesu des Heilands der Welt, im Namen der Christenheit begrüße ich Euch! Seid unser Freund! Gott hat uns hierher gesandt. Ich bringe Euch seine Botschaft, die geschrieben steht in diesem heiligen Buche. Empfangt unseres Kaisers, des Herrn der Welt, Statthalter. Er wartet auf Euch!« Andrer Überlieferung nach soll Valverde eine längere Rede gehalten haben, die mit der Aufforderung schloß, Atahuallpa solle sich zu Kaiser Karls Vasallen erklären und den Christenglauben annehmen. Pizarros Dolmetscher Felipillo, ein Indianer aus der Stadt Tumbez, ein Schelm, der sein Vaterland tausendfach verriet, machte den Vermittler – auf seine Art. »Man hat mir vermeldet,« erwiderte Atahuallpa voller Ernst und Würde, ohne auf Valverdes Worte einzugehen, »daß Ihr Fremdlinge auf Eurem Wege hierher gemordet und geplündert habt.« Der Mönch bestritt die Tatsache, indem er die Schuld auf die Indianer im spanischen Gefolge zu schieben versuchte. »Und was Ihr sonst gesagt habt, von Eurem Gott, Eurem Glauben, Eurem Kaiser, so mag es wohl sein, daß Euer Herr groß und mächtig ist, aber über mir steht kein Fürst auf Erden. Ich verstehe nicht, daß ihm irgendwer ein Land geschenkt haben soll, das ihm gar nicht gehört, Ebensowenig geht mich Euer Gott an. Ich verehre den meinen ...« Dabei wies er auf die glutrot hinter den Bergen untergehende Sonne. »Dort steht Gott und blickt auf uns herab, auf seine Kinder!« Sodann ließ er sich die Bibel reichen. Der Dominikaner händigte ihm den Folianten ein. Der König versuchte die Schließe aufzuhaken. Da es ihm nicht gelang, streckte Valverde den Arm aus, um behilflich zu sein. Diese Bewegung war offenbar gegen die höfische Sitte in Perú. Atahuallpa stieß des Priesters Hand mit leichtem Schlag zurück. Nach einem weiteren Versuche öffnete er das Buch, blätterte drinnen, ohne die geringste Verwunderung zu zeigen, und warf es dann gelangweilt zu Boden. Wahrscheinlich hatte er vom Sinn der priesterlichen Rede und vor allem von der Bedeutung des Buches nichts verstanden, denn es ist nicht anzunehmen, daß der kulturell ungleich höherstehende Peruanerfürst die Fremdlinge in ihrem Glauben verletzen wollte. Er war gewillt, die Spanier mit der Höflichkeit eines großen Herrschers zu behandeln. Mehr war er sich nicht schuldig. Daß ein Buch etwas Heiliges sein könne, ahnte er nicht. »Sagt Eurem General,« begann er von neuem, »daß ich Rechenschaft verlange über Euer Verhalten in meinem Reiche. Ich werde nicht eher von hier fortgehen, als bis Ihr für alles Unrecht, das Ihr begangen, Genugtuung geleistet habt.« Valverde hob die Bibel auf. In dramatisch übertriebener Empörung eilte er zu Pizarro, der auf das Erstbeste wartete, was sein Vorhaben vor der Mit- und Nachwelt motivieren sollte. »Seht!« rief der Gottesmann dem Feldherrn zu. »Während wir uns vor diesen Barbaren heiser reden, zieht Trupp auf Trupp in die Stadt! Unser Heiligstes ist geschändet. Wehrt Euch! Greift an! Haut die Heiden nieder! Gott gibt Euch allen Absolution!« Der General-Kapitän küßte das Kruzifix. Dann gab er das verabredete Signal. Der Artilleriehauptmann ließ die Geschütze abfeuern. Das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff der Spanier. Pizarro zog sein Schwert und stürmte unter dem Schlachtruf: »Hie Sankt Jago!« aus seinem Hause auf Atahuallpa los. »Hie Sankt Jago!« erklang es jetzt auch in den Zugangsstraßen. Die bereitstehenden Abteilungen marschierten auf den großen Platz. Die Reitertrupps drangen mit ihren Lanzen in die Haufen der Wehrlosen. Trompeten schmetterten. Die Hakenbüchsen krachten. Allerwegs wilde Rufe, Waffenlärm und Pferdegewieher. Die Bestürzung der Peruaner kam grenzenloser Panik gleich. Hunderte fielen, zu Boden geritten, niedergesäbelt, totgestochen. Keiner dachte an Widerstand; keiner hatte ja Waffen mitgebracht. Die Edelleute scharten sich um ihren König. Die Spanier ritten Bresche, und schon stand Pizarro vor Atahuallpa, der wie gelähmt auf seinem Tragsessel saß und mit flammendem Auge rings um sich im Dämmerlichte Tod und Verderben walten sah. Sein Gegner brach sich Bahn durch das wilde Getümmel. » Nadie hiera al Indio so pena de la vida! « rief er mit Donnerstimme. »Niemand vergreife sich am Inka, wem sein Leben wert ist!« Getreue hatten Atahuallpas Sänfte erfaßt, um ihn davon zu tragen. Sie kamen nicht vom Fleck. Der Sessel schwankte hin und her. Ein paar der Träger sanken zu Tode getroffen nieder. Der hohe Sitz neigte sich. Atahuallpa fiel hinunter. Spanier fingen ihn auf. Ein Landsknecht, Miguel Estete, riß ihm die rote Troddel von der Stirn, das Königsabzeichen. Pizarro nahm den Fürsten persönlich gefangen und sorgte dafür, daß er unversehrt in eines der nahen Häuser gebracht wurde. Damit war des Eroberers verwegener Plan ausgeführt und gelungen. Außer Atahuallpa waren zahlreiche Gefangene gemacht worden: Edelleute, Offiziere, Würdenträger, Soldaten, Diener, insgesamt an tausend. Auf dem Großen Platze lagen die Toten in Reihen und Haufen. Den Entflohenen ward eifrig nachgesetzt. Viele von ihnen fielen auf den Feldern vor der Stadt In Ganzen wurden zweitausend Peruaner hingeschlachtet. Als es Nacht geworden war, ließ Pizarro abermals die Geschütze abfeuern und die Trompeten zur Retraite blasen. Es fand ein Appell vor seinem Quartier statt. Pizarro fragte die vor der Front stehenden Hauptleute: »Ist jedermann wohlbehalten?« Hernando Pizarro meldete: »Kein einziger Hispanier ist verwundet, nur eines unsrer Pferde!« Da nahm der Statthalter den Helm ab und rief den Truppen zu: »Danken wir Gott dem Herrn inbrünstig für das erhabene Wunder, das uns heute widerfahren! Ohne seine besondere Gnade und Hilfe wäre es unmöglich gewesen, bis hierher vorzudringen, und unmöglich, über so zahlreiche Feinde den Sieg zu erringen. Gott war mit uns! Wolle er uns weiterhin in Barmherzigkeit beizustehen. Wiewohl der Allerhöchste mit uns ist, müssen wir doch immerdar auf der Hut sein. Dreitausend unsrer Feinde sind tot und gefangen. Zehntausend lagern dort an den Bergen. Alle sind sie hinterlistig, grausam, kriegserfahren. Ihr König ist in unsrer Hand. Man wird alle Tücke und List anwenden, ihn zu befreien. Haltet also gute Wacht! Jeder tue seine Pflicht! Wir müssen zu jeder Stunde gefechtsbereit sein!« Darauf begab er sich in sein Quartier, in das man inzwischen den gefangenen Inka gebracht hatte. Halbnackt saß er da. Bei der Gefangennahme hatten ihm die spanischen Landsknechte sein kostbares Gewand vom Leibe gerissen. Pizarro ließ ihm einheimische Kleider bringen. Sodann setzte er sich zu ihm und versuchte ihm durch Felipillo Trost zuzusprechen. Der unglückliche Fürst verriet seinen seelischen Zustand nicht. »So ist das Kriegsglück!« soll er in meisterlicher Selbstbeherrschung gesagt haben. An der Abendtafel erzählte er gelassen, man habe ihn von der Stunde der Landung an über das Tun und Treiben der Spanier unterrichtet. Ihre geringe Zahl trage die Schuld, daß er die Gefahr unterschätzt habe. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, sie allesamt beim Aufstieg zum Passe oder nach der Ankunft in Kaxamalka zu vernichten. Atahuallpa, damals ungefähr dreißig Jahre alt, war gut gebaut und wohlbeleibt, kräftiger denn sonstwelcher Peruaner, mit schönem energischem Gesichtsausdruck und feurigen Augen, ungemein gemessen in seinen Bewegungen bei offizieller Gelegenheit, im vertraulichen Kreise lebhaft und gesprächig. Feierlich und ernst vor seinen Landsleuten, war er in der Folgezeit den Spaniern gegenüber höflich, gütig, unbefangen und gern heiter. Öfter äußerte er scherzhafte Einfälle. Alles in allem: er war Grandseigneur. Die Grausamkeit, die ihm die abendländischen Geschichtsschreiber nachzusagen pflegen, ist erdichtet oder übertrieben, um die barbarische Behandlung zu rechtfertigen, die er durch die Spanier erdulden mußte. Die Weltgeschichte ist immer nur eine Kette von Treubrüchen, Vergewaltigungen und Lügen. Atahuallpa war der gastlichen Einladung von Fremdlingen gefolgt, vertrauensvoll, ohne Waffen, ohne bewaffnete Begleitung. Jetzt saß er zwar am Tische Pizarros, aber als Gefangener durch Hinterlist und unritterlichen Überfall. Am andern Morgen wurde die Stadt von den Toten gesäubert. Patrouillen durchstreiften das Vorfeld und das verlassene Zeltlager vor dem Tore. Ein Trupp von 60 Reitern ritt nach dem Warmbade. Auch das große Lager war verlassen. Der General Ruminjahuai, der Führer der im Lager zurückgebliebenen Truppen, deren Zahl vielleicht noch fünftausend betragen haben mag, war auf die Nachricht von der Gefangennahme des Inka merkwürdigerweise abmarschiert. Man kann sieh diese Maßnahme nur damit erklären, daß im Reiche Peru niemals etwas geschah und geschehen durfte ohne den bestimmten Allerhöchsten Befehl. Im Augenblick des unvoraussehbaren Geschehnisses stand die Staatsmasehine einfach still. Nirgends leistete man den geringsten Widerstand. Die Beute der Spanier war geradezu riesenhaft. Man schleppte eine beträchtliche Zahl von Indianern und Indianerinnen zusammen; dazu eine große Menge Lamas, Gerät aus Gold und Silber, kostbare Stoffe und Edelsteine. Man zählte 80000 Pesos Gold, 7000 Mark Silber, 14 besonders große Smaragden. Viele seiner Offiziere rieten dem Statthalter, alle Gefangenen abzuschlachten oder ihnen wenigstens die Hände abzuhauen. Pizarro wies dies ab. Er gestattete jedem Spanier, sich etliche Indianer und Indianerinnen als Sklaven auszuwählen. Die übrigen entließ er unter der Bedingung, sich unverzüglichst und friedlichst in ihre Heimatsorte zu begeben. Offenbar sagte er sich richtigerweise, daß weiteres Morden die gefährliche Lage der Spanier nur verschlimmern müsse. Auch in der Stadt fand man reiche Vorräte an wollenen und baumwollenen Stoffen in prächtigen Farben. Man hätte mehrere Schiffe damit befrachten können. An Lebensmitteln ward übergenug erbeutet. An manchem Tage schlachtete man bis zu hundertundfünfzig Lamas. Die Spanier wüsteten und verwüsteten sinnlos. XV Kuzko, die Hauptstadt des Reiches, lag etwa 1200 km weiter südöstlich. Pizarro hätte am liebsten den Vormarsch unverzüglich fortgesetzt, so schwierig es gewesen wäre. Gleichwohl zögerte er und zwar aus wohlerwogenen Gründen. Er konnte sich mit seinen geringen Truppen und Kriegsmitteln nicht noch mehr vom Landungsort entfernen. Rückwärtige Verbindung hatte er sowieso nicht. Dazu kam das Erfordernis, den gefangenen Inka in sicherm Gewahrsam zu halten, denn an dessen Person knüpfte sich das weitere Schicksal der Spanier. Und schließlich war die Stimmung unter den Soldaten alles andre als kriegslustig und zuversichtlich. Die Bestien wollten Beute machen. Ein andres Ideal kannte die Horde nicht. So sandte Pizarro einen Eilboten nach San Miguel mit dem Auftrage, den dortigen Spaniern seinen großen Erfolg zu verkünden und vor allem genaue Meldung zu holen, ob und welche Verstärkungen aus Panama eingetroffen wären. Bis zum Eintreffen dieser Nachrichten war er keineswegs untätig. Ein Heer, und mag es noch so klein sein, muß bekanntlich stets Beschäftigung haben. Pizarro ließ die Mauern der Stadt nach abendländischer Art in Stand setzen. Jede Spur an die Ereignisse des 16. Novembers wurde getilgt. Sodann ward eines der Steinhäuser zur christlichen Kirche hergerichtet und dem Heiligen Franziskus geweiht. Die Dominikaner hielten darin tagtäglich die Messe ab. Atahuallpa beobachtete alles, was die Fremdlinge taten. Sehr bald erkannte er, daß der Sinn der Eroberer nur den einen Drang hatte: nach Gold. Alles andre, ihre militärische Zucht, ihr regelmäßiger Gottesdienst, ihr organisierendes Beamtentum, diente jenem Einen. Ohne die Gier und Hoffnung auf Gold wären sie auseinandergestoben. Sie mochten ihm fortan vorreden, was sie wollten, der kluge Fürst glaubte nicht an ihre angeblichen Ideale von der Verbreitung ihres Glaubens und ihrer Zivilisation. Und in der Tat, das Christentum des 16. Jahrhunderts hatte nichts mehr gemein mit dem der Frühzeit, und die Zivilisation dieser Spanier war blutige Barbarei. Diesen Goldhunger beschloß Atahuallpa auszunutzen, um sich die Freiheit zu verschaffen. Die Sache schien ihm zu drängen, denn sein besiegter Rival, König Huaskar, der in Andamarka, nicht allzufern von Kaxamalka, gefangen saß, durfte gar nicht erst erfahren, daß der Sieger Atahuallpa inzwischen selber ein Besiegter geworden war; andernfalls mußte ihm die Herrschaft über das ganze Reich geradezu von selber wieder zufallen. Ohne seine innere Unruhe zu verraten, erklärte Atahuallpa, wenn Pizarro ihn freilasse, verpflichte er sich, den Fußboden des Zimmers, in dem sie beide gerade weilten, mit Gold zu bedecken. Der Generalkapitän erwiderte nichts. Die anwesenden Offiziere lächelten ungläubig. Dies reizte den Inka, dem Gold so viel galt wie einem Abendländer Messing. »Nicht nur den Boden,« rief er, temperamentvoll wie er war, »das ganze Gemach, so hoch Ihr mit der Hand reichen könnt!« Dabei streckte er seine Hand so hoch er konnte. Die Spanier machten große Augen. Pizarro war nachdenklich geworden. So manches fuhr ihm durch den Sinn: das Gerücht vom fabelhaften Goldreichtum des Landes, das ihn vor nunmehr acht Jahren auf den Gedanken gebracht hatte, Perú zu erobern. Und hatte ihm Atahuallpa nicht selber von seiner Hauptstadt, seinen Schlössern, den Tempeln seines Landes und seinen Schätzen auf das Lebhafteste erzählt? Hatte er nicht gesagt, daß die Dächer mit Goldziegeln gedeckt und die Mauern mit Goldplätten bedeckt seien? Im Moment rief ihm der Dämon, der ihn durch so viele Gefahren hierher geführt, heimlich zu: »Nimm all das verheißene Gold Und überlaß den Mann und sein Reich dem Schicksale!« Gewiß waren ihm alle seine Spanier, von den Hauptleuten abwärts bis zu den Schreibern und Pfaffen, nur gefolgt des Goldes wegen. Es bot sich ihnen in märchenhafter Fülle! Und er? Er, der er vor der Mit- und Nachwelt ein zweiter Alexander, ein zweiter Julius Cäsar, zum mindesten ein zweiter Ferdinand Cortes sein wollte? »Ich werde das Gold nehmen!« entschloß er sich. »Und das Reich Perú dazu.« Blitzschnell sah er im Geist den Verlauf seines Planes. Das Gold sollte die Soldateska nur noch golddurstiger machen! Hundertmalmehr sollte ihm der gefangene Inka auftürmen, ohne selbst dann die heißersehnte Freiheit zu bekommen! Was brauchte ein abendländischer christlicher Ritter einem eingesperrten morgenländischen Heiden das Wort zu halten? Das Pakt ward geschlossen. Einer der Offiziere zog einen roten Strich in Reichhöhe an der Wand hin, und der Kaiserliche Notar setzte die Bedingungen des Vertrages umständlich und feierlich auf: den berüchtigten Fetzen Papier, der die Geschichte der Europäer zur endlosen Groteske macht! Nach den Angaben von Pizarros Geheimschreiber Xeres hatte das Zimmer eine Länge von 22 Fuß und eine Breite von 17 Fuß; die vereinbarte Höhe betrug 9 Fuß. Dieser Raum sollte mit goldnen Bechern, Krügen, Töpfen, Schüsseln, Platten usw. binnen acht Wochen angefüllt werden, ebenso ein anstoßendes kleineres Zimmer dreimal mit Silbergerät. Sofort sandte Atahuällpa Boten nach Kuzko und in die größeren Städte seines Landes mit dem Befehl, man solle alles goldne Gerät und Zierat aus den Königlichen Palästen, aus den Tempeln und Staatsgebäuden schleunigst fortnehmen, sammeln und nach Kaxamalka bringen. Der Inka verblieb in Pizarros Quartier. Wenngleich er scharf bewacht wurde, erfreute er sich doch ziemlicher Freiheit, und vor allem wurde er von jedermann seinem Range gemäß behandelt. Er trüg keine Fesseln, verfügte über mehrere Gemächer, hatte die Favoritin seines Harems bei sich und lebte völlig ungestört. Es bildete sich sogar ein kleiner Hofstaat um ihn. Er empfing Edelleute und Untertanen unter strenger Wahrung der peruanischen Etikette. Auch der Vornehmste zog vor der Audienz seine Schuhe aus und trug als Zeichen seiner Ehrfurcht eine symbolische kleine Last auf dem Rücken. Pater Valverde versuchte es mit Bekehrungsversuchen. Der Inka hörte ihm gelassen und aufmerksam zu. Eines soll ihn bewegt haben. Als der Dominikaner ihm vorhielt, der Gott der Peruaner habe ihn in Not und Gefahr verlassen; folglich könne er nicht der höchste Gott in der Welt sein, da gab er dies voll Ernst und Würde zu. Mehr aber erreichte der Priester nicht. Insgeheim beschäftigten ihn ganz andere Dinge. Der gefangene Huaskar hatte von der Gefangennahme Atahuallpas und seinem Vertrage mit den Spaniern erfahren. Um seine Freiheit wiederzuerlangen, bot er dem Statthalter ein weit größeres Lösegeld als sein Bruder an, wozu er sagen ließ, Atahuallpa kenne die Stadt Kuzko und ihre Schätze gar nicht. Er habe nur flüchtig in der Hauptstadt verweilt und wisse die Reichtümer des Landes nicht zu finden. Atahuallpa erfuhr Huaskas Angebot. Noch mehr beunruhigte ihn Pizarros Mitteilung, er wolle Huaskar nach Kaxamalka bringen lassen, um unparteiisch zu untersuchen, wer von beiden Brüdern wirklich Anspruch auf den Thron von Perú habe. In Wahrheit sah sich Pizarro als Herrn des Landes an, und es war ihm völlig gleichgültig, ob Atahuallpa oder Huaskar legitimer König war. Den großen Wert aber dieser Frage für die Spanier hatte er längst erkannt. Nur war ihm noch nicht klar, in wessen Wagschale er seinen Degen werfen sollte. War es vorteilhafter für seine eigenen Pläne, diesen oder jenen als rechtmäßigen Herrscher zu erklären, d. h. zu einem Werkzeug zu machen, durch das er selber schrankenlos im ganzen Lande schalten und walten konnte. Es galt zunächst festzustellen, welcher von beiden Nebenbuhlern den Herzen der Peruaner näherstand. Atahuallpa durchschaute den fremden Bedrücker, und er wußte auch, daß sich das breite Volk, vor eine Wahl gestellt, für den friedliebenden milden Huaskar erklären werde, ebenso die Mehrheit des übriggebliebenen alten Inka-Adels. Zu ihm hielten die neuerungssüchtigen Geister. Und vor allem die Armee. Es gab nur einen Weg, der ihn retten konnte, den politischen Mord. Huaskar mußte verschwinden. Dann war es Atahuallpa, den Pizarro am Leben und Ansehen erhalten mußte, um nicht selber unterzugehen. Er erteilte einem seiner Getreuen den geheimen Auftrag, Huaskar zu ermorden. Es geschah unverzüglich. Der unglückliche Fürst ward im Flusse Andamarka ertränkt. Man sagte dem Toten viel Gutes und Schönes nach, aber man darf nicht vergessen, daß sowohl den spanischen wie peruanischen Geschichtsschreibern daran lag, ihn zum Nachteile Atahuallpas als rechten und gerechten Herrscher zu feiern. Huaskar war wohl ein Weichling sein Leben lang, Atahuallpa hingegen ein leidenschaftlicher Mann, der um seine Freiheit, seine Macht, sein Leben rang. Die Nachwelt muß ihn höher schätzen als den Schwächling, den er besiegt und sodann geschont hatte, solange er ihm unschädlich dünkte. Langsam aber stetig gingen inzwischen die anbefohlenen Gold- und Silbersendungen ein. Die Verwunderung der habgierigen Abendländer wuchs mit jedem Tage. Zugleich mehrte sich ihre geheime Angst. Die Häufung so unglaublicher Schätze war vielleicht nur List und Tücke. Wer bürgte, daß ein allgemeiner Aufstand der Peruaner im Gang war, um am Tage der Erfüllung des hohen Lösegeldes all dies Gold und Silber mit dem Blute der Spanier zu färben? Das unheimliche Gerücht einer Volkserhebung wollte nicht verstummen. Ja, man bezeichnete klipp und klar die 70 km weiter südlich gelegene kleine Stadt Huamachuko als Sammelort der Aufständischen. Pizarro hielt dem gefangenen Fürsten das Gerücht vor und forderte Aufklärung. Atahuallpa wies die Anklage, er zettele insgeheim eine Verschwörung im Lande an, erregt zurück, indem er beteuerte: »Kein einziger meiner Untertanen würde es wagen, ohne meine ausdrückliche Erlaubnis mit Waffen in meinem Wohnorte zu erscheinen. Und ich, dessen Leben in Eurer Hand ist, ich sollte den unsinnigen Befehl zu einem Versuche geben, der mein sicherer Tod wäre? Ihr habt in meiner Person die volle Sicherheit für meine unbedingte Friedfertigkeit Euch gegenüber.« Pizarro beschwerte sich weiterhin über die Saumseligkeit beim Aufbringen des ausbedungenen Lösegeldes. Atahuallpa lächelte. »Kennt Ihr die großen Entfernungen so wenig?« erwiderte er. »Einen Eilboten kann man in fünf Tagen von Kaxamalka nach Kuzko schicken. Ein stark belasteter Träger aber braucht zu derselben Strecke mehrere Wochen. Sendet von Euren Leuten wen Ihr wollt nach meiner Hauptstadt! Ich will Euren Boten einen Geleitsbrief mitgeben. Sie können sich überall überzeugen, daß alles Nötige im Gang ist, um das geforderte Gold zusammenzubringen, und nirgends werden sie feindselige Umtriebe bemerken.« Der Statthalter beschied sich. Insgeheim bekam der Hauptmann Hernando Pizarro den Auftrag, mit einer Abteilung von zwanzig Reitern und einigen Büchsenschützen in der Richtung auf Huamachuko den Zustand von Land und Leuten zu erkunden, vor allem aber den berühmten Tempel zu Pachakamak mit seinen fabelhaften Goldschätzen zu inspizieren. Er brach am Dreikönigstage 1533 auf. Vierzehn Tage zuvor (am 20. Dezember 1532) trafen etliche indianische Boten in Kaxamalka ein mit einem Briefe aus San Miguel, worin vermeldet ward, daß der Hauptmann Diego de Almagro auf drei Karavellen mit 120 Mann und 84 Pferden aus Panama im Hafen von San Miguel eingetroffen war. Zugleich wären 30 Mann auf einer kleineren Karavelle aus Nikaragua angekommen. Almagros Schiffe hatte der Großlotse Bartolomäo Ruiz geführt. Die Fahrt beider Geschwader, die sich unterwegs trafen, war nicht ohne Mühe und Not vor sich gegangen. Man wußte nicht, wo Pizarro gelandet war. Schon wollte man in Puerto Viejo umkehren, da brachte die Karavelle, die Almagro auf Tumbez vorausgesandt hatte, Nachricht von Pizarros Ansiedelung zu San Miguel. Hier angekommen, erfuhr Almagro von dem ungeheuren Lösegelde, das der Inka verheißen habe und das bald zusammengetragen sei. Die Goldgier des Landsknechtsführers und seiner Abenteurerschar stieg zur Glut. Am liebsten wäre man unverweilt aufgebrochen. Etliche Ansiedler warnten davor. Dem heimtückischen und herrschsüchtigen Pizarro solle man sich nicht ohne weiteres anvertrauen. Almagro gab diesen Stimmen recht und wartete. Erst als Pizarros Antwort auf seine Meldung kam, entschloß er sich zum Marsche nach Kaxamalka. Pizarro schrieb ihm, er freute sich, daß sein längsterwarteter lieber Genosse gelandet sei; er erwarte ihn in seinem Hauptquartier und lasse sogleich das nötige Gold einschmelzen, um die Schiffsmieten zu bezahlen, damit die Karavellen so bald als möglich zurück nach Panamá segeln könnten. Pizarros Freude war echt. Gold hatte er in Hülle und Fülle, und gern gab er davon, was er zu geben hatte. 150 Mann Verstärkung waren ihm wichtiger als sonst etwas. Almagros Geheimschreiber namens Perez hatte dem Schreiben Almagros an Pizarro ein Brieflein an Pizarros Geheimschreiber Xerez beigelegt. Intrigant, der er wie fast alle jene Abenteurer war, ließ er Pizarro vor Almagro warnen. Dieser sei durchaus nicht gekommen, um die zweite Rolle zu spielen. Pizarro kannte Almagros Eifersucht zur Genüge. Auch wußte er sehr wohl, daß persönliche Zwietracht unter den Truppenführern einer Kolonie immer nur gemeinsamen Schaden zur Folge hat. So übersandte er dem mißtrauischen Genossen den Brief des Verräters zum Beweise seiner eigenen Treue. Almagro war beruhigt, verfehlte aber nicht, seinen Sekretär auf der Stelle an den Galgen zu befördern. XVI Hernando Pizarros Zug verlief in folgender Weise. Aufgebrochen am Nachmittage des 6. Januars, eines Montags, erreicht der Trupp (20 Reiter und etliche Schützen mit Hakenbüchsen) am Abend einen kleinen Ort, fünf Leguas entfernt. Am folgenden Tage kam man über Jchoka bis Kuankasanga und am Vormittag des 8. Januar nach Huamachuko. Die kleine Stadt liegt, heute wie damals, in ihrem fruchtbaren Talkessel. Der Hauptmann und seine Leute wurden bestens aufgenommen. Nirgends sahen sie auch nur die Spur einer vorbereiteten Volkserhebung. Man traf hier auf einen Halbbruder Atahuallpas, der von Süden her unterwegs war, um die Goldzufuhr zu beschleunigen. Offenbar hatte der gefangene Fürst tatsächlich alles getan, was er nur konnte, um die ersehnte Freiheit endlich wiederzuerringen. Von diesem Fürsten erfuhr Hernando, daß zwanzig Tagreisen hinter ihm der General Tschalkutschima mit einem ganzen Zuge von Goldträgern komme. Hernando vernahm einige angesehene Eingeborene, die er beiseite nahm, das heißt regelrecht foltern ließ, um festzustellen, was man über diesen Offizier wisse. Er erfuhr, was man den verängstigten Schelmen eintrichterte: Tschalkutschima stehe sieben Tagreisen weit an der Spitze von 20.000 Mann. Er rücke heran, um die weißen Männer in Kaxamalka umzubringen und den Inka zu befreien. Einer gestand sogar, er habe kürzlich mit Tschalkutschima getafelt und gezecht. Das war alles Fabelei. Hernando tat aber, als glaube er den Unsinn, und erklärte seinen Leuten, es sei seine Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen. Man müsse dem peruanischen General unverzüglich entgegenmarschieren. Am 10. Januar begann der Weitermarsch. Am 11. kam man nach Andamarka. Abermals vernahm Hernando, man erwarte die Ankunft eines hohen Offiziers namens Tschalkutschima, der einen großen Goldzug führe. Zurzeit befände er sich in der Stadt Xauxa (Jauja). Nunmehr offenbarte Hernando seinen Leuten sein bis dahin verschleiertes Vorhaben: die große Moschee von Pachakamak aufzusuchen. Dieses peruanische Heiligtum lag an der Meeresküste unweit der heutigen Hauptstadt Lima. Der Ort war von alters her gottgeweiht, ursprünglich dem Fischgotte, das heißt dem Teufel. Nach dem Einbruch der Inkas wurde oberhalb des alten am Gestade stehenden Tempel, auf drei breiten Terrassen, hoch über der Stadt, dem Sonnengott ein großartiges neues Heiligtum errichtet. Aus politischer Klugheit ließ man das alte hölzerne Gottesbild ruhig an seinem Ort. Mit der Zeit sollte es von selbst der Vernach- lässigkeit anheim fallen. Sogar das alte Orakel, in der Inkasprache »Rimak« (daß heißt: Der Sprecher) genannt, blieb unbeseitigt. Pachakamak heißt »Weltschöpfer«; das war ein Beiname des Sonnengottes. Vermutlich haben die Inkas die nahe Stadt, deren älterer Name uns nicht bekannt ist, so umgetauft. Der Ort lag von Anda- marka über 500 km entfernt. Am 14. Januar brach man auf. Etliche Eingeborene dienten als Führer. Am Abend blieb man nach Überschreiten von zwei Bächen in Totopamba. Überall empfingen die Indianer die Fremden gastlich und stellten ihnen Träger. Am 15. übernachtete man in Koronga. Auf der Mitte des Weges dahin kam der Zug durch einen schneegefüllten Engpass. Damit war die Cordillera blanca auf dem 4000 m hohen Paß von Condorhuasi (Kondorhaus) überschritten. Am 15. Januar blieb man in Pinga, einem kleinen Orte, den seine Bewohner aus Furcht vor den Ankömmlingen verlassen hatten. Diese Tagreise war mühevoll. Stellenweise mußte man auf steilen Stufen, die in das Gestein geschlagen waren, abwärts steigen. Für die Pferde war das nicht ohne Gefahr. Am 16. erreichte man einen größeren Ort im Tale, nachdem man den reißenden Bergstrom auf einer Netzbrücke überquert hatte. An diesem Orte rastete Hernando zwei Tage, wiederum bestens bewirtet. Am 19. Januar kam man in eine Ortschaft, bei der abermals eine Hängebrücke über das Gewässer führte, und marschierte dann noch zwei Leguas weiter, nachdem neue Träger gestellt worden waren. Man sah zahlreiche Dörfer und Mais-Plantagen. Am 21. erreichte man den Rio Santa. Am 26. Januar war Rasttag. Am 27. blieb man in Pachikoto. Hier verließen die Spanier die große Staatsstraße, die nach Kuzko führte und die man die letzten fünf Tage benutzt hatte. Am 28. ward ein Ort namens Markara erreicht, inmitten von wasserreichen Weiden voller Herden. Man befand sich bereits im heißen Küstenlande. Mais und Obst gab es hier im Überfluß. Längs eines Flußes ging es am 3. Februar weiter durch die überall angebaute Ebene. Am 4. kam man nach Parpunga, einem Orte an der Meeresküste. Es gab hier eine starke Burg, an deren Haupttor zwei Tiger (Steinbilder) wachten. Die Bewohner waren geflohen, stellten sich aber schließlich wieder ein. Hier rastete man zwei Tage. Damit war die von niedrigen Mauern eingefaßte Küstenstraße erreicht, die Hernando Pizarro des weiteren benutzte. Mehrere Male waren Flüsse zu überschreiten. Brücken gab es nicht, weil diese Gewässer breit, aber nicht tief waren. Die Eingeborenen leisteten dabei überall bereitwillig Hilfe, stellten Träger und lieferten Lebensmittel. Am 8. Februar gelangte man an den Guamamayo, der angeschwollen und reißend war. Der Übergang machte viel Mühe. Nach weiteren vier Tagesmärschen, am 14. Februar 1533, zog Hernando gegen Abend in Pachakamak ein. In seinem Bericht an den Königlichen Gerichtshof zu San Domingo (vom November 1533) sagt Hernando Pizarro: »Wir brauchten 22 Marschtage. Die Straßen über die Berge und Pässe sind bestaunenswert. Obwohl das Gelände ungemein zerschnitten und ungleich ist, sind die Straßen fast sämtlich gepflastert. In der ganzen christlichen Welt gibt es keine Wege von der Schönheit der peruanischen großen Staatsstraße«. Der Kuraka der Stadt empfing die Spanier an der Spitze der oberen Beamten. Der Hauptmann und seine Mannschaft nahmen Quartier in einigen großen Gebäuden am Ende des Ortes. Alsbald verkündete Hernando, daß er im Auftrage des Kaiserlichen Statthalters gekommen sei, das Gold aus dem Tempel abzuholen. Man möchte es unverzüglich zusammentragen und ihm übergeben. Der Häuptling beriet sich mit den Priestern und Beamten und erklärte darauf seine Bereitwilligkeit. Insgeheim hatte man andre Absichten. Zunächst wollte man Zeit gewinnen. Hernando sah sich die Zauderei nicht lange an, sondern verlangte in den Tempel geführt zu werden. Man geleitete ihn in das alte Heiligtum des Fischgottes. In einem düsteren Saale, in dem die Luft dumpf und schwer war, stand der Holzgötze, ihm zu Füßen goldne Gaben. Obgleich die herrschenden Inkas den Dämon nicht anerkannten, erfreute er sich im abergläubischen niedern Volke noch immer großer Beliebtheit. Insbesondere schätzte man das Orakel. Es ging die fromme Sage, der Gott sei allgewaltig, sein Zorn schrecklich, und nur der Priester dürfe ihm nahen. Als Hernando Pizarro trotzdem den gefürch- teten Raum betrat und das Götterbild vor aller Augen zerschlagen und verbrennen ließ, da glaubte jedermann, er sei mächtiger als der Teufel. Die Mauern um das Heiligtum und auch das Gebäude waren damals bereits dem Verfall überlassen, offenbar weil die Inka-Regierung keine Mittel zur Erhaltung bewilligte. Von Staatswegen da war eben nur der Sonnentempel oben auf der Höhe. Diesen wagte der wohlunterrichtete Hernando nicht anzutasten. Er begnügte sich, das Heraustragen der Geräte und der Wandplatten aus Gold und Silber zu erzwingen. Es waren 90000 Pesos Gold. Nun galt es, Tschalkutschima aufzufinden. Man sagte dem spanischen Kondottiere, der Gesuchte stehe mit viel Gold und viel Kriegsvolk nur vier Tagreisen fern. Hernando sandte einen Boten zu ihm mit der Aufforderung, zu ihm zu stoßen, da ihm der ganze Weg zu beschwerlich sei. Er möge einen Ort an der großen Heeresstraße bestimmen, an dem der Zuerstangekommene den Andern erwarten solle. Tschalkutschima antwortete, er sei damit einverstanden, und nannte einen passenden Ort zur Begegnung namens Pombo. Daraufhin brach Hernando am 3. März auf und erreichte am Abend den am Meere gelegenen Ort Guarva. Am 4. verließ er die Küste und marschierte einen Fluß entlang, dessen Ufer dichtbewaldet waren. Nachts blieb er in Guaranga. Am 5. kam man bis Aillon; am 6. bis Chincha, nachdem ein steiler Gebirgspaß überwunden war. Die Pferde versanken bis an den Gurt im Schnee. In Chincha, wo viele Herden grasten, blieb man zwei Tage. Samstag den 8. März erreichte man Kaxatambo, einen größeren Ort in einem tiefen Tale, wiederum reich an Herden. Der Dorfschulze leistete den Spaniern allerlei Dienste. Man war noch drei Tagreisen vom verabredeten Ort entfernt. Hernando erfuhr, daß Tschalkutschima nach wie vor in Xauxa weilte, entschloß sich aber doch, zunächst besagten Treffpunkt zu erreichen. Am 10. übernachtete man in Oyu, mitten in den Bergen; am 11. am Chinchay Cocha (4000 m hoch), einer 40 km langen und 15 km breiten Lagune. Am Mittwoch den 10. März traf man in Pombo ein. Mehrere peruanische Offiziere und Edelleute nebst einigem Kriegsvolk warteten hier. Hernando Pizarro ward ehrerbietig empfangen. Tschalkutschima war tatsächlich noch in Xauxa, hatte aber 150 Lasten Gold mitgeschickt. Der spanische Hauptmann sprach seine Verwunderung über das Fernbleiben des Generals aus. Man erwiderte ihm, Tschalkutschima erwarte erst noch große Mengen Gold aus Kuzko. Offenbar aber hatte er die Absicht, sich der Macht Pizarros zu entziehen. Dies bestimmte Hernando, ihn in Xauxa aufzusuchen. Freitags den 14. brach er auf und erreichte am 16. die Stadt Xauxa. Der General war abwesend. Erst am 17. stellte er sich ein. Aufgefordert vom spanischen Befehlshaber, ihm nach Kaxamalka zu folgen, brachte er allerhand Ausflüchte vor. Schließlich aber erklärte er sich dazu bereit. Tag und Nacht blieben die Spanier in Gefechtsbereitschaft. Tag um Tag kamen Transporte von 30 bis 40 Lasten Gold und Silber an. Tschalkutschima, einer der tüchtigsten und tapfersten Feldherren Ata- huallpas, erfreute sich hohen Ansehens bei der Bevölkerung. Die alten Berichte fabeln, er habe zahlreiche Truppen bei sich gehabt. Wahrscheinlich aber war es nur eine geringe Bedeckung. Am 21. März trat Hernando Pizarro den Rückmarsch an, begleitet von Tschalkutschima. Am 3. April übernachtete man in Huari, einem schwer zugänglichen and gut befestigtem Orte. Der General erzählte, hier habe während des Bruderkrieges ein mehrtägiges Gefecht stattgefunden, in dem Huaskars Heer geschlagen worden sei. Erst am 25. Mai 1553 (am Pfingstsonntag) zog Hernando Pizarro mit aller seiner reichen Beute wieder in Kaxamalka ein. XVII Inzwischen hatten sich die Dinge im spanischen Hauptquartiere wenig verändert, aber es war doch mancherlei geschehen. Etliche Tage nach Hernandos Abmarsch hatte Franz Pizarro im Einverständnis mit Atahuallpa eine Gesandtschaft (einen Offizier und zwei Mann) nach der Hauptstadt Kuzko abgeschickt, mit dem Auftrage, sich zu überzeugen, ob die Goldtransporte im rechten Gange seien. Durch den Begleitbrief des Inka ward den Gesandten allerorts die beste Aufnahme zuteil. In Sänften, von Indianern geschleppt, die sich an den Poststationen regelmäßig und unverzüglich abwechselten, hatten sie die 600 Leguas bequem und rasch zurückgelegt. Auch hieran erkennt man, daß Perú damals durchaus kein barbarisches Land war. Die Spanier staunten über die Menge blühender und sauberer Städte und Dörfer, die sie unterwegs sahen. Hier sei eine Schilderung eingefügt, die wir von Cieza de Leon haben, in seiner Cronica del Perú (1553). Sie gilt nicht der Landschaft, die jene drei Spanier damals durchzogen, sondern der Provinz Kollja, aber das ist unwesentlich. »Dieser Gau ist der gebietreichste und menschenvollste von ganz Perú. Er beginnt bei Ayaviri, reicht bis Karakonja und wird von vielen Flüssen bewässert, die alle der Südsee zuströmen. In den fast das ganze Jahr hindurch grünen Tiefebenen (Vegas) könnten alle uns bekannten Getreidearten gedeihen. Die nicht angebauten Fluren werden von zahlreichen Lamaherden belebt. Tage und Nächte sind fast immer gleich lang. Der Winter beginnt im höhergelegenen Gelände im Oktober und währt bis Anfang April. Er bringt dort oft strenge Kälte und hindert nicht nur den Baumwuchs, sondern sogar den Anbau von Mais, der Hauptgetreideart hierzulande. Die Ortschaften stehen nahe beisammen, haben steinerne strohbedeckte Häuser und sind stark bevölkert. Auf den Feldern baut man hauptsächlich Kartoffeln. Sie ist hier die Hauptnahrung der Eingeborenen. Männer wie Frauen tragen Wollkleider; die Männer als Schmuck eine mörserartige Wollmütze, Tschuko genannt, die Frauen Kapuzen wie unsere Mönche. Sie haben uralte Gebräuche. Die Toten ehren sie mehr als die Lebenden, wiewohl sie ihren Vornehmen mit sklavischer Unterwürfigkeit begegnen. Edelleute und Würdenträger erscheinen niemals ohne Leibwache und werden stets auf Tragsesseln getragen; zu Fuß gehen sie grundsätzlich nicht. Viele der Vornehmen sind kluge und erfahrene Leute, was aus ihrer Rede und Antwort hervorgeht. Man hat eine eigene Zeitrechnung und gewisse Kenntnisse vom Umlauf der Himmelskörper, besonders der Sonne und des Mondes. Hiernach berechnet man das Jahr, das zehn Monate zählt. Wichtige Begebenheiten erben sich in Volksliedern und Romanzen von Geschlecht zu Geschlecht fort. So wird nichts Erinnerungswertes vergessen, obgleich man keine Schriftzeichen hat. Gemäß der allgemeinen Weltanschauung widmet man den Wohnungen der Lebendigen geringe Sorgfalt, während die Ruhestätten der Verstorbenen kostbar ausgestattet werden, als ob das höchste Glück auf Erden ein schönes Grabmal sei. Nahe den Dörfern sieht man allerorts kleine viereckige, aus Stein und Erde errichtete Türme, meist mit Steinplatten, selten mit Stroh gedeckt, mit Türen dem Sonnenaufgang zu; das sind die Grabstätten. Die Begräbnisfeiern sind umständlich. Die Verwandten und Freunde des Gestorbenen weinen und jammern tagelang. Man schleppt allerlei Totengaben herbei, besonders junge Lamas und Mais. Zu Ehren des Toten werden Zechgelage veranstaltet; an Tschitscha wird dabei nicht gespart. War der Dahingegangene ein Vornehmer, so folgt seinem letzten Gange die gesamte Dorfgemeinde. Man verbrennt an seinem Grabe zehn bis zwanzig Lamas, tötet wohl auch einige seiner Frauen und Kinder, im Wahne, daß sie ihm in die andere Welt begleiten, daß er ihrer daselbst bedarf. Die Hinterbliebenen, zumal die Diener, schneiden sich zum Zeichen ihrer Trauer das Haupthaar kurz. Die Priester stehen in hohem Ansehen.« In Kuzko fand ein feierlicher Empfang durch die Behörden und das Volk statt. Die den Spaniern angewiesenen Quartiere ließen nichts zu wünschen übrig. In der Hauptstadt war es besonders »die große Moschee«, die ihre höchste Bewunderung erregte. Dieser Sonnentempel hatte den Namen Korikancha (Goldhag). Er bestand aus einem Hauptbau nebst mehreren Kapellen und Nebengebäuden. Eine Steinmauer umschloß das Ganze, das beträchtlichen Umfang hatte. Der Tempel war so imposant, daß einer der Eroberer (Sarmiento), der ihn im vollen Glanze gesehen, versichert, in ganz Spanien ließen sich nur zwei Bauten mit ihm vergleichen. Das Innere war buchstäblich mit Gold bedeckt. Dem Eingang gegenüber hing eine ungeheure Sonnenscheibe mit einem Menschengesichte und zahllosen, die Wand füllenden Strahlen, alles aus purem Gold mit tausend und abertausend funkelnden Smaragden. In der Frühe ward das Haupttor weit geöffnet, so daß die Morgensonne den hohen weiten Raum des Heiligtums mit ihrem Licht erfüllte und an ihrem goldnen Ebenbilde und von allen den Goldplatten der andern Wände in wunderbaren Flammenfluten zurückstrahlte. Das Gold hieß im Volksmunde der Peruaner »Sonnentränen«. Die Nebenkapellen waren dem Monde, den Planeten, dem Siebengestirn geweiht. Das polierte Silber, das hier vorherrschte, glänzte und gleißte mit wundersamem Reiz. Mit Hilfe von Spiegelungen in den Regenbogenfarben verstanden die Priester märchenhafte Stimmungen zu erzeugen. Die heiligen Geräte im Tempel, die Räucherpfannen, die symbolischen Tier- und Pflanzenfiguren, riesig in ihren Maßen, grotesk in ihren Formen, alles aus Gold, Silber und Smaragd, erhöhte das Geheimnisvolle. Der Tempel von Kuzko war das Nationalheiligtum. Die ganze Stadt und ihre Umgegend waren heilig. »Jede Quelle, jeder Pfad, jeder Stein,« sagt ein alter Chronist, »war den Pilgern, die von nah und fern kamen, ein Mysterium«. Zumal die Inka-Edelleute wähnten nicht glückselig sterben zu können, wenn sie nicht noch einmal die Sonnenstadt besucht hatten. Von dem Goldschmuck des Tempels wurden im Beisein der drei Spanier siebenhundert Platten abgerissen. Als die habgierige Gesandtschaft sich damit nicht zufrieden erklärte, brachte man Gold von andern Stellen her. Schließlich zog man mit 200 Lasten Gold ab, jede von vier Indianern getragen. Die drei Spanier hatten sich in der Hauptstadt sehr mißliebig gemacht, weil sie sich anmaßend und frech betrugen, vor allem aber, weil sie in das Kloster der Sonnenjungfern eingedrungen waren und daselbst Liebeleien anzuknüpfen versucht hatten. Diese Sonnenjungfern waren, gleich den Vestalinnen im alten Rom, keine Priesterinnen, sondern Dienerinnen des Sonnengottes. Man nannte sie Akllas. Sie wurden aus den jungen Mädchen des ganzen Landes ausgewählt. Nur die schönsten und untadeligsten aus den besten Familien nahm man. Mit dem achten Lebensjahre kamen sie in das Kloster. Für den Dienst im Tempel zu Kuzko suchte man aus der Schar der herangewachsenen Jungfrauen nur Töchter von Inka-Edelleuten heraus. Auch der Harem des Inka rekrutierte sich aus diesen Akllas. Die Aufnahme darin galt als hohe Ehre für die Familien der Erkorenen. Die Zahl dieser Nonnen soll über tausend betragen haben. Einschließlich der Mägde wohnten etwa dreitausend Frauen, und Jungfrauen im Kloster. Je zehn standen unter Obhut einer Matrone (Mamakona). Zwanzig Eunuchen bildeten die Torwache. Die Nonnen wurden auf das Beste erzogen, köstlich gekleidet, erlesen ernährt und überaus gepflegt. Ertappte man eine der »Auserwählten« bei einer Liebschaft, so wurde sie zur Strafe lebendig begraben, ihr Liebhaber erdrosselt. Die Familie der Sünderin war auf immerdar entehrt. XVIII Im Juli 1533 war so viel Gold und Silber zusammengeschleppt, daß die geldgierigen Landsknechte dem Statthalter erklärten, es sei an der Zeit, das vorhandene in Barren umzuschmelzen und die Verteilung vorzunehmen. Francisco Pizarro war damit einverstanden. Ihm dünkte der Aufenthalt in Kaxamalka lang genug. So begann die Einschmelzung. Manches wertvolle Kunstwerk ward dabei vernichtet: Vasen, Krüge, Tierfiguren, Pflanzenbilder, Ornamente. Nur wenige blieben unversehrt, um als Proben indianischer Kunst dem Kaiser überreicht zu werden. Insgesamt waren 1½ Millionen Pesos Gold und über 50000 Mark Silber zusammengekommen. Nach Abzug gewisser Unkosten ward das Kaiserliche Fünftel beiseite gestellt (262259 Pesos Gold und 10121 Mark Silber). Francisco Pizarros Anteil betrug 57222 Pesos Gold und 2350 Mark Silber. Zudem erhielt er den Thronsessel des Inka, auf 25000 Pesos geschätzt. Hernando Pizarro bekam 31080 Pesos Gold und 2350 Mark Silber; der Hauptmann de Soto 17740 Pesos Gold und 724 Mark Silber. Auf jeden Reiter kamen: 8800 Pesos Gold und 362 Mark Silber; auf jeden Mann zu Fuß: 4400 Pesos Gold und 180 Mark Silber. Die Troßknechte usw. erhielten je 1100 Pesos Gold und 40 Mark Silber. Almagro und seine Leute, die am Feldzuge nicht unmittelbar teilgenommen hatten, bekamen zusammen 20000 Pesos Gold. So steht es in der noch erhaltenen notariellen Verteilungsurkunde (Acta de Reparticion del Rescate). Dem widersprechend berichtet Antonio de Herrera, einer der berühmtesten Geschichtsschreiber der Neuen Welt, in seiner Historia general de los Indias occidentale desde 1492–1545 (Madrid 1601 und 1615), Almagro und die mit ihm Gekommenen hätten 100000 Pesos Gold erhalten; aber wahrscheinlich ist damit eine andere Summe gemeint, wohl der Vorschuß auf Almagros Expedition nach Chili, von der noch die Rede sein wird. Soviel steht fest, daß man allgemein mit der Verteilung der Gold- und Silberbeute einverstanden gewesen ist. Kein Chronist berichtet von Klagen oder Einwänden. Der Pater Hernando de Luque war kurz vor Almagros Abreise in Panamá gestorben. Seine Ansprüche waren auf den bereits genannten Lizentiaten Gaspar de Espinosa in San Domingo übergegangen. Wie er abgefunden worden ist, wissen wir nicht. Die Kirche des Heiligen Franziskus in Kuzko wurde mit 2220 Pesos Gold bedacht. Auf die Ansiedler in San Miguele kamen 15000 Pesos Gold. Wie das nicht zu verwundern war, beeinflußte dieser Goldstrom die Preise für Pferde, Waffen, Kleider, Lebensmittel usw. Xerez erzählt hierzu: »Ich will nicht versäumen, auch die Preise anzugeben, die man in Perú für die Lebensmittel und andre Waren bezahlte, wiewohl manche es mir nicht glauben werden, weil sie in der Tat übertrieben waren. Ich verbürge mich aber für die Richtigkeit meiner Angaben, weil ich es mit eignen Augen gesehen und mir manches selber gekauft habe. Ein Pferd wurde mit 2500 Pesos, ein andres mit 3300 verkauft und erworben. Eine Flasche Wein (3 Schoppen) kostete 60 Pesos. Ich habe mir selber einmal zwei Schoppen für 40 Pesos geleistet. Ein Paar Pantalons kosteten ebensoviel, ein Mantel 100–120 Pesos, ein Schwert 40–50 Pesos, eine Zehe Knoblauch ⅓Peso, ein Buch Papier 10 Pesos usw.« Der Peso d'oro ist keine Goldmünze, sondern ein Wertbegriff. Das Goldstück jener Zeit war der Castellano (6,72 Castellanos = 1 Unze Gold). Der Handelswert des Goldes schwankt in den verschiedenen Zeiten und Ländern. Im Jahre 1850 konnte man sagen: 1 Kastilianer ist 3,07 Dollars wert, aber man kaufte um 1533 in Spanien für 1 Kastilianer soviel wie 1850 in New York für 12 Dollars. Somit hätte z. B. Francisco Pizarros Goldanteil einen Kaufwert von 700.000 Dollars (von 1850!) oder nach englischem Geld 120.000 Pfund Sterling gehabt. Es war eine ungeheuerliche Beute, wie sie in der Weltgeschichte nicht ihresgleichen hat – den Goldtribut Deutschlands gemäß dem Versailler Vertrag nicht mit in Betracht gezogen! Die Verteilung fand auf der Plaza zu Kuzko in feierlicher Weise statt. Vor versammelter Mannschaft erklärte der Generalkapitän, er habe »unter dem Beistand Gottes des Herrn nach bestem Wissen und Gewissen das schwierige Werk der Teilung vollbracht.« Hernando Pizarro ward beauftragt, das Kaiserliche Fünftel nach Spanien zu geleiten. Wohl Anfang August 1533 machte er sich auf die Reise über San Miguel, Panamá, Nombre de Dios nach Sevilla. XIX Nach der Verteilung des Lösegeldes hätte Pizarro den Inka freilassen müssen. Darüber kann es keinen Streit geben. Ja, der Capitano hatte vom kaiserlichen Notar eine Urkunde aufsetzen und öffentlich aushängen lassen, in der erklärt ward, Inka Atahuallpa habe seine Verpflichtung voll erfüllt. Man könnte darnach annehmen, Pizarro sei willens gewesen, nun auch seinerseits den Pakt zu halten. Diese Absicht hat er vor sich selber nie gehabt; es sollte nur so scheinen, vor dem Kaiser und vor der Nachwelt, als habe er sein gegebenes Wort wirklich erfüllen wollen, aber die Mehrheit seiner Genossen habe ihn daran gehindert. Wäre Francisco Pizarro lediglich Soldat und Feldherr gewesen, nicht zugleich auch der einzige politische Führer der Kolonie, so gäbe es nichts zu seiner Entschuldigung. Er sagte sich: »Wenn dieser kluge und energische Peruanerfürst wieder ein freier Mann ist, muß er sich an uns rächen, aus Selbstachtung wie aus Vaterlandsliebe. Folglich darf ich, der ich die höchste Verantwortlichkeit habe, ihn nicht freigeben. Es wäre unser aller sicherer Untergang.« Der Inka wartete sehnsüchtig auf die Freilassung. Unter den Spaniern schätzte er nur zwei: Hernando Pizarro und den Ritter de Soto. Der erstere weilte nicht mehr in Perú. So war es einzig Soto, dem er sein Herz ausschüttete, und er täuschte sich in diesem Ritter nicht. Soto vertrat das gerechte Verlangen des unglücklichen Fürsten ehrlich und nachdrücklich. Francisco Pizarro gab ihm freilich keine klare Antwort. Mehr und mehr ging das Gerücht um, die Peruaner bereiteten eine Erhebung vor, um ihren König zu befreien und ihr Land von den spanischen Barbaren zu erlösen. Jeder berichtete jedem davon, während keiner den Ursprung des Geredes anzugeben wußte und noch weniger den geringsten Beweis hätte erbringen können. Pizarro vernahm derlei gern. Wahrscheinlich gab er insgeheim dem Märchen neue Nahrung. Immer lauter behaupteten vage Zungen, Atahuallpa stehe in Verbindung mit Verschwörern. Auf sein Geheiß sammele sich in Quito ein ungeheures Heer. Ja, benachbarte wilde Stämme, die legendären Karaiben, die Hunnen der Neuen Welt, seien im Anmarsch, an die dreißigtausend Mann. Atahuallpas ärgster Feind war der indianische Dolmetscher Felipillo. Er hatte eine Liebschaft mit einer der Damen im Harem des Inka. Er war dabei erwischt worden, und Atahuallpa war über den ihm angetanen Schimpf empört. Nach den Gesetzen seines Reiches war der Sünder der Strafe des Verkehrtaufhängens verfallen. Einer der königlichen Eunuchen ergriff ihn und wollte ihn aufknüpfen; mit Mühe und Not ward er vor dem Halsgericht durch hinzukommende Spanier bewahrt. Aus Rachsucht setzte er immer verwegenere Gerüchte unter die Landsknechte, die großenteils ängstlich, abergläubisch und beschränkt waren. Man trug dem Oberbefehlshaber den Verdacht offiziell vor. Pizarro war von der Haltlosigkeit der Gerüchte überzeugt. Wenn er den Inka hätte rechtfertigen wollen, so wäre ihm dies nicht schwer gefallen. Er hätte auch bloß bestimmte Beweise von den Anklägern zu fordern brauchen. Pizarro war niemals schüchtern vor seinen Soldaten; aber es fiel ihm gar nicht ein, auch nur einen Finger für den widerrechtlich gefangengehaltenen Fürsten zu rühren. Im Gegenteil: was bisher vager Plan gewesen, ward jetzt fester Entschluß. Atahuallpas Todesurteil war besiegelt. In komödienhafter Entrüstung stellte er den Inka zur Rede. »Was soll der Verrat?« fragte er ihn. »Habe ich Euch nicht allezeit als König gehalten und Euren Worten stets vertraut wie denen eines Bruders?« »Ihr treibt Euren Scherz mit mir, wie so oft!« erwiderte Atahuallpa. »Wie kann ich in meiner Gefangenschaft daran gehen, mein Volk gegen Euch aufzubringen? Ich bitte Euch, verschont mich mit solchem Hohn!« Dies sagte er voller Natürlichkeit, lächelnd und ruhig. In der Tat hatte er bisher dem Worte eines Soldaten geglaubt. Jetzt ahnte ihm Unheil, und vielleicht kam ihm der Gedanke, daß seine Freiheit entweder niemals oder nur durch List und Gewalt wieder zu erringen war. Ihm graute vor der Treulosigkeit und Falschheit der weißen Männer. »Glaubt mir, General,« fügte er hinzu, »unter meinem Volke bereitet sich kein Aufstand vor. Ich müßte es wissen; ich müßte es befohlen haben. In meinem Reiche wagt kein Vogel gegen meinen Willen zu fliegen!« Er sprach die Wahrheit. Pizarro verhörte den General Tschalkutschima, der noch immer im Hauptquartier verweilte. Auch das war Komödie. Der Peruaner erklärte, das Gerücht sei bösartige Verleumdung. Dasselbe beteuerte Hernando de Soto. Er bot sich an, mit wenigen Reitern einen Erkundungsritt nach Huamachuko auszuführen, dem angeblichen Sammelort der Aufständischen. Pizarro gab seine bedenkliche Haltung nicht auf, ordnete dauernde höchste Alarmbereitschaft für die ganze spanische Besatzung an und revidierte die Wachen, Posten, Patrouillen auf das Unermüdlichste. Niemand konnte einen anderen Zweck vermuten. Die lästige ewige Gefechtsbereitschaft brachte die allgemeine Feindseligkeit auf den Siedepunkt. Man murrte mehr und mehr. Schließlich forderte man eine kriegsgerichtliche Untersuchung des Verdachtes, in den Atahuallpa geraten war. Gewisse Wortführer, die in solchen Fällen stets auftreten, urteilslose Schwätzer und Polterer, die in jeder andern Sache kein Mensch ernst genommen hätte, erklärten, solange der heimtückische Inka sein Leben behalte, werde das Land nicht zur Ruhe kommen und die Gefahr für die Spanier nicht aufhören. Dieser Partei, die sich mit einem Male bildete, gehörte vor allem Almagro und die mit ihm aus San Miguel nachgekommenen Beamten (u. a. der Schatzmeister Riquelme) an, d. h. nach der Soldatensprache von heute: die Etappen-Helden, die es schon im Trojanischen Kriege gegeben hat. Hinter diesen schürte der Pfaffe Valverde. Pizarro heuchelte Widerstreben. Angeblich, um zu einer sicheren Beurteilung der militärischen und politischen Lage des Landes zu gelangen, in Wahrheit aber, um einen lästigen Ehrenmann zu entfernen, sandte er den Ritter de Soto mit etlichen freiwilligen Reitern nach dem 100 km fernen Huamachuko. Kaum war Soto abgeritten, da brach, von gewandter Hand erregt, wahrscheinlich von Valverde dem Dominikaner, geradezu eine Panik unter den Spaniern in Kaxamalka aus. Man bedrängte den Statthalter von allen Seiten. Er gab sofort nach und berief ein Gericht von drei Richtern, zu dessen Vorsitzenden Diego de Almagro ernannt ward. Ein Staatsanwalt vertrat die kaiserliche Regierung. Der Angeschuldigte bekam den üblichen Rechtsbeistand. In der Anklageschrift standen zwölf Beschuldigungen: 1. Inka Atahuallpa hatte Vielweiberei getrieben, 2. Er hatte Götzendienst getrieben und Menschenopfer angeordnet, 3. Er hatte nach dem Übergange der Macht im Lande Neu-Kastilien unberechtigterweise Tribute und Steuern eingezogen und davon seinen Haremsdamen und Würdenträgern verschwenderische Geschenke gemacht, 4. Er hatte Truppenansammlungen im Lande anbefohlen, 5. Er hatte einen ungerechten Krieg gegen seinen Bruder Huaskar angestiftet und geführt, 6. Er hatte den legitimen Fürsten von Peru vom Throne gedrängt, 7. Er hatte König Huaskar ermorden lassen, 8. Er trachtete allen Hispaniern nach dem Leben, u. a. m. Ganz abgesehen von der Lächerlichkeit, dem Inka einen uralten Brauch seines Landes (Vielweiberei), sogar seine Religion (Götzendienst) zum Vorwurf zu machen, hatten die Spanier kein Recht, ihn für den »ungerechten Krieg« und die »Entthronung des legitimen Königs« zur Rechenschaft zu ziehen. War etwa der Krieg des spanischen Eindringlings gerechter? Oder Pizarros gewaltsame Verdrängung Atahuallpas? Was ferner die angeblichen »Menschenopfer« anbelangt, so waren dies, soweit sie unter der Regierung des Inka noch vorgekommen waren, freiwillige Todesgänge, wie an anderer Stelle dieses Buches dargelegt wird. Lächerlich auch war die Beschuldigung, Staatsgelder zuungunsten der Spanier »verschwendet« zu haben. Ernsthafter ist die Anklage des Brudermordes; aber auch hier hatte Pizarro kein Recht, sich zum Richter aufzuwerfen. Von allen Punkten bleibt also nur der Verdacht, Atahuallpa habe eine Volkserhebung zu erregen versucht. Den Beweis hierfür ist Pizarro der Nachwelt schuldig. Eine Frage für sich wäre es zu untersuchen, ob ein kriegsgefangener König, der ein ungeheures Lösegeld aufgebracht hatte, um seine Freiheit wiederzugewinnen, und der sich in schnödester Weise betrogen sehen mußte, nicht alle Mittel anzuwenden berechtigt war, um die Erfüllung eines ehrlichen Vertrages von seinen Feinden zu erzwingen? Die Nachwelt kann nicht anders als sich auf Atahuallpas Seite stellen. Wenn Francisco Pizarro als der Treulosesten einer in der Geschichte der Menschheit gilt, so hat dies seine volle Berechtigung. Nur elf Spanier waren gegen diesen Prozeß. Ihre Namen sind uns überliefert: Blas de Atienza, Pedro de Ayala, Alonso de Avila, Diego de Claver, Francisco de Claver, Francisco de Fuentes, Hernando de Haro, Juan de Herrada, Pedro de Mendoza, Diego de Mora, Francisco Moscaso. Diese Wenigen erklärten: die eigenmächtige Hinrichtung des Inka, nachdem er im Vertrauen auf den mit Pizarro geschlossenen Vertrag ein so hohes Lösegeld gezahlt, vertrüge sich nicht mit der Ehre Spaniens. Selbst wenn der Verdacht, der auf Atahuallpa ruhe, durch Tatsachen bewiesen werde, habe nur der Kaiser das Recht, den König eines unterworfenen Staates vor einen Gerichtshof zu fordern. Ohne die Allerhöchste Bestätigung könne keinerlei Urteil rechtsgültig werden. Folglich habe das ganze Verfahren keinen Zweck. Wenn die Voruntersuchung ergäbe, daß den Inka irgendwelche Schuld treffe, so sei er nach Spanien zu bringen. Der Protest der elf Landsknechte ward schlecht und recht zu Papier gebracht und Pizarro förmlich überreicht. Der General beachtete ihn nicht, und das Verfahren begann. Man vernahm zehn Indianer, von denen sieben Werkzeuge Valverdes waren. Felipillo übersetzte die Aussagen ins Spanische. Er benahm sich dabei so schamlos, daß ein Kazike namens Quesoi sich weigerte, mit mehr als der allen verständlichen Geste der Bejahung oder Verneinung zu antworten. Nach der Vernehmung der angeblichen Zeugen brach unter dem Vorsitz von Pizarro eine lebhafte Erörterung aus über die wahrscheinlichen guten oder üblen Folgen, die des Inka Hinrichtung nach sich zöge. Die Chronisten berichten, der »hochwürdige Pater Vicente de Valverde« habe die Frage der Zweckmäßigkeit zugunsten der Partei des Almagro entschieden. Inka Atahuallpa ward in allen Punkten für schuldig erklärt und einstimmig zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Die Hinrichtung habe in der kommenden Nacht zu erfolgen. Man schrieb Freitag den 29. August 1533; es war der Sankt-Johannis-Tag. Als dem Fürsten das Todesurteil verkündet wurde, war er sichtlich betroffen. Wohl hatte er oft schon diesen Abschluß seines Unglücks vorausgesehen. Als er ein paar Tage zuvor einen Kometen am Abendhimmel erblickte, hatte er darauf hindeutend zum Ritter de Soto gesagt: »Ein Großer meines Reiches wird dahingehen!« Im Augenblick übermannte ihn tiefer Schmerz. »Was habe ich getan,« rief er dem Statthalter zu, »daß mich solches Schicksal trifft? Und just durch Euch!« Pizarro blieb stumm. Da ließ sich der Inka, sonst ein Meister der Selbstbeherrschung, hinreißen zu sagen; »Ich biete Euch nochmals ein Lösegeld, doppelt so hoch wie das gezahlte! Gebt mir nur die nötige Zeit: ich werde es zusammenbringen!« Der Statthalter ließ ihn wegführen und an Hand und Fuß mit Ketten fesseln. Stolz reckte sich der Peruaner auf und duldete diese letzte Schmach. Alsbald nahte ihm der Pater Valverde, um ihn im Namen des Christengottes zu trösten und zu bekehren. Oft schon hatte der Bischof den vergeblichen Versuch gemacht, Atahuallpa zur Taufe zu bereden. Als der Inka am Abend am Pfahl auf dem Scheiterhaufen stand, flehte ihn der Mönch mit erhobenem Kruzifix abermals an, er möge Christ werden, und versprach ihm, seine qualvolle Todesart zu mildern. Da erklärte sich Atahuallpa bereit. Wahrscheinlich verabscheute er den Feuertod. Er stellte die Bedingung, daß man seinen Leichnam nach Quito bringe und einbalsamiere und dort im Tempel zur Seite der Mumien seiner mütterlichen Vorfahren beisetze. Sodann fand die christliche Taufe feierlich statt. Zur Ehre Johannes des Täufers erhielt der Bekehrte den Namen: Johannes von Atahuallpa. Der jüngste Christ bat, man solle sich seiner unmündigen Kinder annehmen. Sodann ließ er sieh, in stoischer Ruhe, die Garrota um den Hals legen. Der Henker drehte den Strick und erdrosselte ihn. Die umstehenden Spanier sangen das Credo, überlaut, um das Klagegeheul der Indianer zu überschreien. So starb der letzte regierende König von Peru. Eine Schar von Indianern, Männer wie Weiber aus dem Adel wie aus dem Volke, zogen unter dumpfem Trommelschlag vor Pizarros Quartier, wo Atahuallpa seine Wohnung gehabt hatte. Sein Leichnam blieb die Nacht über auf dem Marktplatze liegen, bewacht von einer Schar schweigsamer Getreuen. Am andern Morgen ward sie in der Kirche des Heiligen Franziskus fürstlich aufgebahrt. Der Seelenmesse, die der Bischof Valverde mit aller Zeremonie abhielt, wohnte Pizarro mit seinen Offizieren bei. Draußen vor der Kirchentüre sangen Indianerinnen ein Klagelied. Man öffnete ihnen. Sie drangen ein, etliche Schwestern des Inka vorweg, um dem geliebten Toten ein letztes Lebewohl zu sagen. Mehrere seiner Frauen, Schwestern und Edelleute waren in der Nacht freiwillig in den Tod gegangen, um den Inka in das Land der Sonne zu begleiten. Entgegen seinem letzten Willen ward Atahuallpa von den Spaniern im Friedhof von San Francisco zu Kaxamalka begraben. Der Sage nach haben ihn die Peruaner später wieder ausgegraben und in Quito bestattet. Am Tage nach der Hinrichtung kam Hernando de Soto von seinem Erkundungsritt zurück. Als er das Ereignis vernahm, eilte er in seiner Entrüstung sofort zu Pizarro. Er fand ihn in seinem Quartier, einen großen Filzhut ins Gesicht gezogen, voller Trauer und Schmerz. Als ihm der Ritter meldete, in Huamachuko stände kein Heer; weit und breit sei von einem Aufstand auch nicht das geringste zu spüren, und somit sei Atahuallpa schändlich verleumdet worden, da erklärte der Heuchler, er sähe ein, daß er eine voreilige Tat begangen habe. Valverde, Riquelme und Almagro hätten ihn bedrängt und getäuscht. Als Soto dann die drei zur Rede stellte, schoben sie ihrerseits die Schuld auf den Statthalter. XX Solange der Inka lebte, ohne dessen Befehl in Peru nichts geschah, war das Land im wesentlichen in Ruhe und Tatenlosigkeit verblieben. Erst jetzt, wo das Herz des Volkes aufgehört hatte zu schlagen, wagten etliche tüchtige, ehrgeizige und ihr Vaterland liebende Männer, selbständig aufzutreten. Um die Einheit des Reiches war es geschehen. Der Inka-Adel war durch Atahuallpas Sieg und durch Pizarros Handstreich vom 15. November zusammengeschmolzen. Die Armee war auseinandergelaufen; einzelne Teile standen unter dem Befehle von Generälen in Quito und in Kuzko. Das Volk begann wieder in Stämme zu zerfallen. Jahrhunderte an spartanische Ordnung und Zucht gewöhnt, erwachten im Einzelnen bisher unbekannte Laster und Lüste. Man sah, welchen Wert die Weißen dem Gold und Silber beilegten. Man lernte den Begriff des Geldes kennen. Man beobachtete die Zügellosigkeit der Spanier dem weiblichen Geschlechte gegenüber. Man erkannte, daß die bisher angebeteten Götterbilder in den Staub sanken, ohne daß des Himmels Rache auf die Tempelräuber und Gottesschänder herabfuhr. Kurzum, die Untertänigkeit, der Glaube, die Moral der Eingeborenen war ins Wanken gekommen. In Quito eignete sich alsbald der Inka-General Ruminjahuai die oberste Gewalt an, derselbe, der bei dem Überfall am 15. November 1532 die im Warmbad zurückgebliebenen Truppen befehligt hatte. Den Heeresrest in Kuzko befehligte der General Kiskiz, dem der Tod des Königs durch eine heimliche Botschaft des Generals Tschalkutschima, den die Spanier in Kaxamalka zurückhielten, mitgeteilt wurde. Pizarro hatte die grenzenlose Macht, die ein Inkakönig bei seinem Volke, von den Generalen, Oberpriestern und Ministern bis hinab in die breiteste Masse, seit Jahrhunderten genoß, wohl erkannt. Daß diese Tradition zu wanken begann, konnte er noch nicht wissen. Durchaus richtig entschloß er sich, sofort einen Nachfolger auf Atahuallpas Thron zu setzen. Dieser Schattenkönig war natürlich von vornherein nichts als ein Werkzeug des Eroberers von Peru. Rechtmäßiger Erbe der Herrschaft war ein zweiter Sohn des Königs Huayna Kapak, Manko, damals noch keine dreißig Jahre alt, ein kluger kühner edler Idealist, der seine hohen und schweren Pflichten als Führer seines Landes über alles andere zu setzen bereit war. Er stammte von derselben Mutter wie Huaskar, gehörte also der Partei Atahuallpas nicht an. Pizarro wußte damals nicht viel von diesem Prinzen, hatte auch keinerlei Verbindung mit ihm. Dagegen befand sich der älteste Sohn des hingerichteten Herrschers in seiner Gewalt, ein etwa siebzehnjähriger junger Mann, der Prinz Topak Huallpa. Diesen ließ der Statthalter krönen. Unter peruanischem Zeremoniell schmückte er ihn eigenhändig mit der roten Troddel, dem Königssymbol, und ließ die Krönung im Lande verkünden, soweit dies den Spaniern möglich war. Die in Kaxamalka befindlichen Indianer erkannten den jungen Fürsten gern an, waren sie doch ausnahmslos Anhänger der Partei Atahuallpas. Inka Topak Huallpa sah sehr bald, daß er in Wahrheit der Sklave des fremden Statthalters war. Er wurde schwermütig und ging ein wie ein edles gefangenes Tier. Nunmehr galt es, das Reich weiterzuerobern und sich vor allem endlich der Hauptstadt zu bemächtigen. Pizarro durfte aus politischen und militärischen Gründen nicht zögern, und alle Andern waren der nämlichen Meinung – aus Goldgier. Man wußte, daß die Tempel, zumal der von Kuzko, von goldnem Gerät strotzten. Verzögerte sich der Vormarsch noch länger, so brachten die Priester immer mehr kostbare Stücke in Sicherheit. Wer nicht felddienstfähig war, auch der größere Teil des Beamten- und Schreibervolks, das sich in Kaxamalka eingenistet hatte, ward nach San Miguel zurückgeschickt. Etliche, die genug Beute eingeheimst zu haben vermeinten und kein Verlangen nach neuer Kriegsgefahr verspürten, schlössen sich ihnen an. Man lud das Gold und Silber auf Lamas. In vier Schiffen gelangten diese Vorsichtigen von Nombre de Dios nach Sevilla. Unter ihnen war Pizarros Sekretär, Francisco de Xeres, ein Sevillaner, der hierüber folgende Angaben gemacht hat: »Am 5. Dezember 1533 lief das erste dieser Schiffe im Hafen von Sevilla ein. Auf ihm befand sich der Hauptmann Christoval de Mena, der 8000 Pesos Gold und 950 Mark Silber als sein Eigentum mitbrachte, ebenso Juan de Losa, ein Geistlicher aus Sevilla, der 6000 Pesos Gold und 80 Mark Silber besaß. Von den andern Zurückkehrenden waren insgesamt 38946 Pesos Gold an Bord. »Am 9. Januar 1534 lief die zweite Karavelle namens Santa Maria del Campo in den Strom von Sevilla ein. Mit ihr kam der Hauptmann Hernando Pizarro, des Statthalters und Generalkapitäns Bruder, an. Auf dem Schiffe befanden sich für S. M. den Kaiser 153000 Pesos Gold und 5048 Mark Silber. Außer dem kaiserlichen Anteil trug das Schiff an Privatgut noch 310000 Pesos Gold und 13500 Mark Silber, alles in Barren in große Kisten verpackt. Für S. M. waren ferner an Bord: 38 goldene und 48 silberne Gegenstände, darunter ein Adler aus Silber, dessen Leib zwei Eimer Wasser faßte, und ein Götzenbild aus Gold, groß wie ein vierjähriges Kind. »Am 3. Juni 1534 liefen die dritte und die vierte Karavelle ein. Francisco Rodriguez führte die eine, Francisco Pabon die andre. An Bord waren an Privatgut: 146518 Pesos Gold und 30511 Mark Silber. »Die genannten und einige andre Gegenstände nicht mitgerechnet, brachten alle vier Schiffe insgesamt: 708580 Pesos Gold, i Pesos (= i Castellano) gilt gewöhnlich 450 Maravedi; somit hatte die nach Spanien gebrachte Beute einen Wert von 320 Millionen Maravedi. Das gesamte Silber belief sich auf 49008 Mark. Nimmt man auf die Mark acht Unzen und rechnet sie zu 2210 Maravedi, so hatte das Silber den Wert von 108½ Millionen Maravedi.« XXI Mit 500 Mann (einschließlich etwa 150 Indianern) brach Francisco Pizarro an einem der ersten Tage des Septembers 1533 auf, mit ihm der junge Inka Topak Huallpa sowie der General Tschalkutschima. Die beiden ließen sich nach peruanischer Art in offenen Prunksänften tragen, umgeben von ihrem zahlreichen Hofstaate. Der Marsch erfolgte auf der großen peruanischen Heeresstraße, die keine Schwierigkeiten bot, solange sie durch die Ebene oder durch hügeliges Gelände führte. In der Sierra hingegen überwand sie zuweilen starke Steigungen durch breite Treppen, die für Fußgänger, Sänften und beladene Lamas gangbar waren, Reitern, Pferden und Fahrzeugen aber große Mühe verursachten. Auch die Hängebrücken waren für Reiterei und Fuhrwerk unverwendbar. Maultiere, die in der spanischen Heimat unentbehrlich sind, hatte man damals in Peru noch nicht. Über Huamachuko und Huanuco (1800 m hoch) erreichte man das fruchtbare schöne Tal von Xauxa, ohne auf irgendwelche Feindseligkeiten der Eingeborenen zu stoßen. Überall hatte man in den Tambos genügende Vorräte gefunden. Wohl erfuhr Pizarro durch seine Patrouillen, daß der Zug der Spanier von peruanischen Streiftrupps zur Seite begleitet wurde, aber diese wichen stets aus und mieden die Begegnung. Erst dicht vor der Stadt Xauxa, in der Pizarro einige Tage zu rasten gedachte, stellte er fest, daß ihm feindliche Truppen in der Stärke von etwa l000 Mann den letzten Flußübergang verwehrten. Die Brücke war abgebrochen, der Fluß von schmelzendem Schnee im Hochgebirge angeschwollen. Der Generalkapitän ließ die Reiterei unter Sotos Führung durch das Wasser vorgehen. Trotz eines Hagels von Pfeilen, Wurfspießen und Steinen gelang der Versuch. Alsbald verließen die Indianer ihre Stellung und suchten das Weite. Unter Trompetengeschmetter zogen die Spanier in die schmucke und saubere Stadt ein und machten es sich in den verlassenen Palästen bequem. Pater Valverde durchstöberte die Tempel, stürzte die Sonnenbilder und hängte an ihrer Stelle Madonnen auf. Gold und Silber fand sich wenig. Die Peruaner hatten alles Wertvolle in sichere Verstecke gebracht. Während der Rasttage in Xauxa erhielt Soto den Auftrag, mit 60 Reitern einen größeren Erkundungsritt in der Richtung auf Kuzko zu unternehmen. Soto hatte unterwegs ein Scharmützel mit Indianern zu bestehen, die ihm einen Gebirgspaß verlegen wollten. Zwei oder drei seiner Reiter fielen. Er überschritt den Mantaro und den Apurimac und zog entlang der Sierra de Vilcaconga. Als er unweit Kuzko in die Berge abbog, traf er abermals auf peruanische Streifscharen. Unter Verlust etlicher Reiter und Pferde erzwang Soto den Durchmarsch. Er hatte einen Meldereiter zurück nach Xauxa gesandt und um Nachschub gebeten. Dieser traf unter Führung Almagros zu guter Stunde ein. Als er die Sierra de Vilcaconga betrat, vernahm er die Trompetensignale, die Soto fortgesetzt ertönen ließ, und erreichte im Eilmarsch den Schauplatz des bereits tagelangen Gefechts. Mit vereinten Kräften gewannen Soto und Almagro den oberen Ausgang des Passes, wo sie eine feste Stellung bezogen, um Pizarros Truppen zu erwarten. Die Eingeborenen zogen sich in die Berge zurück und verschwanden. Als der Generalkapitän Meldung hierüber empfangen hatte, hielt er Feldgottesdienst ab. Es mag ihm wohl ein schwerer Stein vom Herzen gefallen sein, als er die Gewißheit erhielt, daß reguläre Truppen, vom General Kiskiz oder sonstwem geführt, auf dem Wege nach Kuzko offenbar nirgends standen und auch die irregulären Banden nicht weiter zu befürchten waren. Gleichwohl benutzte er den von Soto unterdrückten Guerillakrieg, um dem General Tschalkutschima, der ihm längst lästig war, den Prozeß zu machen. Er warf ihm vor, in Verbindung mit den »aufständischen« Truppen der Peruaner zu stehen. Der General wies den Vorwurf würdevoll ab. Trotzdem ließ ihn Pizarro in Ketten legen. Dazu kam der unerwartete Tod des Inka Topak Huallpa. Auch für dieses zufällige Ereignis machte man den Peruaner verantwortlich. Man verdächtigte ihn des Giftmordes am jungen Fürsten. Es mochte Ende Februar 1534 sein, als Pizarro endlich von Xauxa aufbrach. Er ließ daselbst eine Besatzung von vierzig Mann zurück, auch sein Privateigentum. Offenbar hatte er schon damals die Absicht, aus der Stadt eine spanische Ansiedlung zu machen. Kaxamalka war unterdessen in die Hände der Peruaner gefallen. Ein Bruder des hingerichteten Königs, Titu Atauschi, setzte sich dort fest. Nach der Vereinigung mit Sotos und Almagros Truppen drang Pizarro in das Tal von Xaquixahuana. Eine Tagereise von Kuzko entfernt, barg es in köstlicher Landschaft zahlreiche Landhäuser und Schlösser von vornehmen Bewohnern der Hauptstadt. Hier rasteten die Spanier mehrere Tage, auf das Üppigste verpflegt. Und hier fand das Kriegsgericht über Tschalkutschima statt, eine Wiederholung der Tragikomödie, die dem Inka Atahuallpa das Leben gekostet hatte. Der peruanische General ward ebenfalls zum Feuertode verurteilt. Diesmal hatte Valverde keinen Erfolg. Als er dem Verurteilten versprach, seine Todesart werde sich mildern, wenn er sich taufen lasse, entgegnete der tapfere Offizier mit militärischer Kürze, das Christentum sei ihm unverständlich. Würdevoll bestieg er den Scheiterhaufen und starb in den Flammen, ein Lied an den Sonnengott auf den Lippen. Zwei, drei Tage darauf machte der rechtmäßige Thronerbe Prinz Manko dem Statthalter seinen Besuch, begleitet von einem großen prunkvollen Gefolge. Pizarro empfing ihn hocherfreut und geradezu herzlich. Es lag ihm unsagbar daran, mit dem jungen Inkafürsten in gutem Einvernehmen zu stehen, d. h. auch ihn zu seinem Werkzeuge zu machen. Den klugen Prinzen seinerseits hatte die Erkenntnis geleitet, daß eine Erhebung wider die fremden Eindringlinge zunächst aussichtslos war. Die dünne Oberschicht der bisher herrschenden Inkas hatte ihren ehedem so starken Einfluß auf die Urbevölkerung verloren. Das alte Heer war auseinandergelaufen; ein neues aufzustellen, hielten ehrliche Berater für unmöglich, und mit regellosen Streiftruppen konnte man die Spanier nicht vernichten. Am Freitag den 14. November kam Pizarro in die Nähe der Stadt. Er sah ihre Türme und Zinnen im Rot der Abendsonne, verschob aber den Einzug in die Hauptstadt seines Reiches auf den kommenden Morgen. Gefechtsbereit marschierten die Spanier ein. Vor dem Haupttrupp ritt Francisco Pizarro, das Kaiserliche Banner hinter sich. Prinz Manko folgte ihm in seiner Sänfte. Viel Volk war, vor wie in der Stadt, zusammengeströmt, um die Weißen Männer und ihren Führer zu sehen, von denen sie schon so manches Schreckliche gehört hatten. Wenige wohl ahnten, daß mit der Ankunft der Eroberer in der Hauptstadt die Freiheit, der allgemeine Wohlstand und die hohe Kultur des alten Landes auf Jahrhunderte hinaus dem Niedergange verfallen war. Auf der Plaza machte der Heereszug Halt. Pizarro nahm Quartier in einem großen burgartigen Palaste, den Inka Huayna Kapak erbaut hatte. Nach dem Großen Platze zu hatte er eine geräumige Halle. Die Stadt war die größte der Neuen Welt. Die Altstadt soll damals aus drei- bis viertausend Häusern bestanden haben, die Vorstädte aus etwa 20000 Wohnstätten. Darin wohnten insgesamt etwa 160000 Einwohner. In zahlreichen Palästen hauste der Adel. Über der Stadt thronte die Königsburg. Außer dem (bereits beschriebenen) Haupttempel gab es eine Menge kleinerer Kirchen und Kapellen. Auch die Steinhäuser waren mit kunstvollen Strohdächern gedeckt. Die Straßen waren schmal und lang; sie kreuzten sich in rechten Winkern. Von der Plaza gingen vier Hauptstraßen aus, die an den Toren in die vier Hauptheeresstraßen des Landes übergingen. Der Platz war mit schönen Kieselsteinen gepflastert. Mitten durch die Stadt floß ein breiter Kanal mit herrlich klarem Wasser, der auf eine Länge von zwanzig Leguas von Steinmauern umbettet war. In bestimmten Abständen führten steinerne Brücken über ihn. Das Leben und Treiben der Indianer in ihrer bunten Tracht war sehr lebhaft. In einem fort kamen und gingen Scharen aus den Dörfern der Umgegend und der Ferne. Eine gut- organisierte Polizei regelte den starken Verkehr. Es gab Zoll- und Steuerstellen, Gerichtshöfe, große Magazine, Kasernen usw. Pizarro, der sich gelegentlich gerühmt hat, »auch nicht eine Kornähre« wäre »ohne seine Erlaubnis« abgepflückt worden, verbot in einem Heeresbefehl seinen Spaniern das gewaltsame Betreten der Indianerhäuser. Der Befehl mag wohl im allgemeinen eingehalten worden sein, aber die Paläste, Staatsgebäude und Tempel sind planmäßig geplündert worden. Vor dieser Räuberei waren nicht einmal die schmuckbehangenen Königsmumien in der Korikancha sicher. Übel war auch die ins Sinnlose gehende rohe Vernichtung aller Kunstgegenstände, die irgendwie an den Sonnenkult gemahnten, durch die glaubenswütigen und zumeist ungebildeten spanischen Pfaffen und Mönche. Um angeblich versteckte Tempelschätze, Staatskassen, Privatreichtümer zu ergattern, sparte man die Anwendung der Folter nicht. Es kam Beute zusammen, an Gold 580000 Pesos, an Silber 215000 Mark. Jeder Reiter erhielt 6000 Pesos Gold, jeder Mann zu Fuß 3000. Einschließlich der 40 Spanier in Xauxa belief sich die Stärke des Heeres damals auf 480 Mann. Es wird berichtet, daß Würfel und Karten unter den Spaniern maßlos im Schwange waren. Ein Reiter namens Mancio Serra de Leguizamo hatte als Beuteanteil eine goldne Sonne erhalten, die nicht in Barren umgeschmolzen worden war, weil es um die feine Arbeit schade gewesen wäre. Diese Sonne verjeute ihr Besitzer gleich in der ersten Nacht, und ein Spottvogel meinte, er habe die Sonne verspielt, ehe sie aufgegangen. Dies ist noch heute in Spanien ein geflügeltes Wort: juega el sol antes que amanezca! XXII Zu Beginn des Jahres 1534 inszenierte Pizarro die Krönung des Prinzen Manko zum Inka. Die Feier fand auf dem Großen Platze zu Kuzko statt, in Gegenwart des gesamten spanischen Heeres, vieler peruanischer Edelleute und Würdenträger, der aufgestellten Königsmumien und einer zahlreichen Volksmenge. Pater Valverde, jetzt Bischof von Kuzko (in der Folge bestätigt vom Papst Paul III.) las die Messe. Pizarro band dem Fürsten eigenhändig die rote Troddel an die Kopfbinde. Darauf leisteten die höchsten eingeborenen Beamten in der landesüblichen Form den Treueid. Dann las der kaiserliche Notar eine Urkunde vor, in der die Oberhoheit der spanischen Krone anerkannt ward. Unter dem flatternden Banner Kastiliens erfolgte die allgemeine Huldigung. Der junge Inka trank dem Statthalter mit einem goldnen Pokale zu. Pizarro umarmte den neuen Scheinkönig, und Trompetenrufe verkündeten den Schluß des Schauspiels. Am 24. März desselben Jahres veröffentlichte Pizarro, abermals mit feierlichem Gepränge, die neue Verfassung der Stadt Kuzko. Es wurden zwei Alkaden (Richter) und acht Regidores (Räte) ernannt; unter letzteren Juan und Gonzalo Pizarro, die jüngeren Brüder des Eroberers. Gleichzeitig erfolgte die Verteilung von Häusern und Ländereien an die Spanier, die sich zu Ansiedlern der Stadt erklärten. Es wird berichtet, seit diesem Tage habe sich Pizarro nicht mehr »Generalkapitän« wie bisher, sondern »Statthalter« titulieren lassen. Gegen Ende seines Lebens ward er wohl zumeist »Marques« angeredet. Der neubackene Bischof machte sich alsbald an die Bekehrung der Indianer zum Christentum. Wo es ihm nicht durch Versprechungen und Konzessionen gelang, erreichte er es durch Gewalt. Auch richtete er Schulen für die Kinder der Eingeborenen ein, in denen natürlich der Religionsunterricht die Hauptrolle spielte. Es sei hier vorauserzählt, daß die Indianer ein paar Jahre später dem Dominikaner bei passender Gelegenheit wohlverdientermaßen den Garaus gemacht haben. Folgerichtig begann Pizarro nunmehr die spanische Herrschaft auf die einzelnen Gaue des Reiches auszudehnen. Zu diesem Zwecke sandte er Expeditionen aus. Zunächst galt es, Kiskiz, den letzten peruanischen General, zu beseitigen. Den Auftrag erfüllte Almagro an der Spitze einer Reiterschar, der sich Inka Manko anschloß. Kiskiz fiel auf der Flucht nach einem ihm unglücklichen Gefechte von der Hand eines Indianers. XXIII Wie schon erwähnt, war Hernando Pizarro mit dem kaiserlichen Benteanteil am 9. Januar 1534 im Hafen von Sevilla gelandet. Der Kaiser hielt sich damals in Calatayud auf, wo er die Cortes von Aragonien versammelt hatte. Hernando ward zum Vortrag befohlen. Er erzählte in höfischer ritterlicher Art von den Abenteuern, die sein Bruder Franz und seine kleine Schar bestanden hatten, von der Gründung von San Miguel, vom mühevollen Vormarsch durch die gewaltige Sierra, von der kühnen Gefangennahme des Inka, von der Zahlung des großen Lösegeldes, sowie von der Absicht des weiteren Zuges wider die feindliche Hauptstadt. Von der Hinrichtung des Inka Atahuallpa wußte Hernando noch nichts, da sie ja erst nach seiner Abreise erfolgt war. Er berichtete von dem Goldreichtum und der Fruchtbarkeit des Landes, von seiner merkwürdigen Kultur und seinen Einrichtungen. Als Beweise zeigte er goldenes Gerät, Kunstgegenstände, Stoffe und andres mehr vor. Der Kaiser belohnte die Taten Pizarros und seiner Offiziere huldvollst. Die Grenzen der Statthalterschaft des Generalkapitäns wurden um 70 Leguas nach Süden ausgedehnt, wodurch sie vom Rio San Juan bis etwa zum 13. südlichen Breitegrad reichte. Die Stadt Kuzko lag im Grenzgebiet, ein Umstand, der sehr bald der Anlaß zu schweren Streitigkeiten zwischen dem Statthalter von Neu-Kastilien (Peru) und dem des südlich angrenzenden Landes Chili (Neu-Toledo) werden sollte. Dieses neue Kolonialgebiet ward auf eine Küstenlänge von 200 Leguas dem diesmal nicht leer ausgehenden Diego de Almagro zugeteilt. Selbstverständlich hatte er sich sein Reich, ganz wie ehedem Francisco Pizarro, erst zu erobern, Almagro hatte nicht versäumt, einen eigenen Geschäftsträger an den spanischen Hof zu entsenden. Hernando Pizarro ward zum Ritter des San-Jago-Ordens ernannt und erhielt die Genehmigung, eine Flotte auszurüsten und zu befehligen, um neue Verstärkungen nach der Kolonie seines Bruders zu bringen. Die Kunde vom fabelhaften Goldreichtum Perus tat Wunder. In kurzer Zeit hatte er eine vorzüglich ausgerüstete Expedition auf den Beinen. Im Spätherbst des Jahres 1534 liefen seine Karavellen aus und erreichten glücklich den Hafen von Nombre de Dios, wohl gegen Ende des Januars 1535. XXIV Je mehr die Kunde vom Goldlande Peru die Welt in Verwunderung und Abenteuerlust versetzte, um so größer ward der Zuzug neuer Beutegieriger. Der durch seine tapfere Teilnahme an den Feldzügen des Cortes in Mexiko berühmte Ritter Pedro de Alvarado war seit 1521 Statthalter des durch ihn eroberten Landes Guatemala. Obgleich er ein schwerreicher und mächtiger Mann war, drängte es ihn immer wieder zu neuen Taten. Kaum hörte er von Pizarros Erfolgen, da übernahm der »Sohn der Sonne« (wie die Mexikaner den schöngestalteten kühnen Mann genannt hatten) auch schon auf eigne Kosten mit 500 bestens ausgerüsteten Kriegsleuten, darunter 250 Reiter, einen Zug, um Quito, der ehemaligen Residenz Atahuallpas, einen Besuch abzustatten. Er sagte sich, daß dort unbedingt noch viel zu holen sei. Durch seine vorzüglichen Verbindungen mit der Heimat und dem Hofe glückte es ihm, die Erlaubnis des Kaisers zu erlangen, mit der einen Bedingung, daß er Pizarros Gebiet unberührt zu lassen habe. Ehe diese Genehmigung in San Salvadore eintraf, hatte er auf eigne Faust zwei Karavellen, geführt von dem uns gleichfalls aus den berühmten Berichten des Ferdinand Cortes berühmten Schiffshauptmann Garcia Holguin, an die peruanische Küste ausgeschickt. Hierdurch gelangte Alvarado zu genaueren Nachrichten über die Ereignisse in Peru, vor allem von dem gewaltigen Lösegelde des gefangenen Inka. Er erfuhr auch, daß in Nikaragua Nachschub für Francisco Pizarro angeworben worden war und marschbereit stand. Rasch entschlossen segelte der Kondottiere mit den zwei Karavellen nach Nikaragua und nahm diese Truppen samt ihren drei Schiffen, deren Eigentümer er gut bezahlte, in seine eigenen Dienste. Mit diesen fünf Karavellen landete er im März 1534 im Hafen von Puerto Viejo, schiffte seine Mannschaft aus und trat unverzüglich den Vormarsch auf Quito an. Zweifellos wußte er sehr wohl, daß die Provinz Quito zur Statthalterschaft Pizarros gehörte, wenngleich dieser sie vorläufig beiseite gelassen hatte, um sich erst im eigentlichen Peru gründlich festzusetzen. Wie dem auch gewesen sein mag: Alvarado schützte Unwissenheit vor und zog los. Nur passierte ihm am Rio de Diable das Malheur, daß ihm sein angeworbener indianischer Führer bei Nacht und Nebel entwischte. Die Folge war, daß sich die Expedition in den Tälern und Schluchten der Sierra verirrte. Man kam in eine Gegend von Eis und Schnee, aus der man sich nicht wieder herausfand. Gegen Kälte war das an das warme Klima von Guatemala gewöhnte kleine Heer nicht ausgerüstet. Viele, zumal von den Berittenen und ganz besonders von den unabgehärteten Indianern, deren man an die 3000 mit hatte, kamen um. Dazu trat Mangel an Nahrungsmitteln sein. Man verzehrte die erfrorenen Pferde. Man hatte Frauen mit, die bald nicht mehr fortkonnten. Um das Unglück vollzumachen, begann der zwölf Leguas von Quito entfernt liegende Vulkan Kotopaxi Asche zu regnen. Gleichwohl setzte Alvarado den Marsch fort, überwand die Schneepässe und erreichte das Tafelland in der Gegend von Riobamba mit etwa 360 Spaniern und nur noch 1000 Indianern. An Pferden waren keine 50 mehr gebrauchsfähig. Es muß hier nachgeholt werden, daß Pizarro beim Abmarsch von Kaxamalka zum Befehlshaber von San Miguel, seinem einzigen Stützpunkt im Rücken, einen seiner zuverlässigsten Offiziere, den Ritter Sebastian Benalcazar, ernannt hatte. Das war im Herbst des Jahres 1533. Dieser Benalcazar langweilte sich nicht lange beim Kartoffelbau in der friedsamen Ansiedlung, sondern kam ganz wie Pedro de Alvarado auf den Gedanken, sich Quito näher zu besehen. Mit 140 Mann, darunter 60 Reiter, und einer gutausgesuchten indianischen Hilfstruppe machte er sich im Februar 1534 auf den Marsch nach der Hochebene von Quito. Er hatte den gangbarsten Weg vorher erkunden lassen, sodaß er mehr Glück hatte als sein Nebenbuhler aus Guatemala, von dessen Zug er natürlich keine Ahnung hatte. In der Gegend von Riobamba stieß er auf die ihm entgegengeschickten Truppen des peruanischen Generals Ruminjahuai, der sich, wie erwähnt, nach dem Tode des Inka Atahuallpa eigenmächtig zum Herrn des Landes Quito gemacht hatte. Es kam zu mehreren Gefechten zwischen ihm und den Spaniern aus San Miguel. Benalcazar siegte und pflanzte die Fahne Kastiliens auf die Zinnen der alten Inkastadt. Zu Ehren seines Generals – oder aus Gerissenheit und schlechtem Gewissen – taufte er die Stadt um in San Francisco del Quito. Zu seinem Ärger entdeckte er nach dem Einzuge, daß ihn die Einwohner um die Beute geprellt hatten: es fanden sich keine nennenswerten Schätze. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß die Spanier alles anwandten, um hinter die Verstecke zu kommen, aber die Unglücklichen, die auf die Folterbank geschleppt wurden, kannten diese Orte selber nicht. Inzwischen hatte Alvarado zu seiner nicht geringen Verwunderung die unverkennbaren Spuren abendländischer Kulturtätigkeit wahrgenommen: verunreinigte Landstraßen, niedergebrannte Dörfer, vergewaltigte und totgeschlagene Weiber, aufgewühlte Gräber, gestürzte Sonnenbilder und dergleichen. Die Lage ward noch kurioser. Almagro, der (wie berichtet) beauftragt war, den General Kiskiz zur Strecke zu bringen, war auf der Verfolgung dieses gefährlichen Gegners gleichfalls an die Hochebene von Quito gekommen. Als er die Nachricht von der Ermordung des Generals erhielt, marschierte er trotzdem weiter. Er hatte in San Miguel, wo er sich Verstärkungen zu holen gedachte, erfahren, daß der Hauptmann Benalcazar eigenmächtigen Eroberungen nachging. Unter Mord und Brand kam er nach Riobamba. In der Nähe dieses Ortes hatte er alsbald eine Unterredung mit Benalcazar. Beide Offiziere trafen sich, wohlgewappnet und beschützt, und so einigten sie sich, statt Krieg wider einander zu führen, indem sie gegenseitig ihre harmlosen Absichten im Sinne des Großen-Ganzen versicherten. Almagro wußte noch immer nicht, daß er inzwischen Statthalter von Chili geworden war. Nunmehr erwarteten Almagro und Benalcazar den ihnen gemeldeten Anmarsch Alvarados in einer befestigten Stellung südlich oder südöstlich von Riobamba. Schon standen die kleinen Heere zur heimlichen Freude der Eingeborenen einander gefechtsbereit gegenüber, da sandte Almagro einen seiner Offiziere zur Unterhandlung zu Alvarado. Almagros gesunder Menschenverstand gebot ihm einzulenken. Während die Feldherren verhandelten, verbrüderten sich auch schon die Abenteurer beider Parteien. Alvarados Leute, denen der mühevolle Zug nach Quito wenig Spaß machte, hörten von den Schätzen in Kuzko. Sofort war die Mehrzahl geneigt, zu Francisco Pizarro, dem rechtmäßigen Oberbefehlshaber, überzugehen. So kam man überein, daß der Statthalter von Peru 10000 Pesos Gold an Pedro de Alvarado zu zahlen habe, wofür ihm dieser seine Schiffe, Truppen, Vorräte und Munition übergeben sollte. Es waren – abgesehen von Alvarados eigener Karavelle – insgesamt 12 Schiffe verschiedenster Größe. Die Summe war hoch, aber auch die Kosten waren beträchtlich gewesen, und selbstverständlich forderte jeder einzelne Teilnehmer seinen Anteil. Alvarado sagte sich wohl, daß er im Grunde gar kein Recht habe, in der Kolonie Pizarros Eroberungszüge zu veranstalten. So unterzeichnete er in ehrlicher Resignation den Vertrag und betrachtete sich von Stund an als schaulustigen Peru-Reisenden. Als solcher ließ er bei Pizarro durch einen Eilboten anfragen, ob er ihm seinen Besuch machen dürfe. Pizarro antwortete in einem herzlich gehaltenen Schreiben. Pizarro befand sich auf dem Marsche von Kuzko nach dem Norden seines Reiches. Er war sich klar, daß sein persönliches Erscheinen unerläßlich war. In Kuzko hatte er seinen Bruder den Ritter Juan Pizarro mit 90 Mann zurückgelassen und ihm ans Herz gelegt, die neue Ansiedelung mit allen Mitteln des Friedens zu fördern und zu vergrößern. Es galt, die Zuneigung der Eingeborenen zu erwecken, großzuziehen und nützlich zu machen. Juan Pizarro war seiner Natur nach dieser Aufgabe gewachsen. Er war den Indianern wirklich ein Freund. Inka Manko begleitete den Statthalter. Unterwegs, in Xauxa, veranstaltete er dem spanischen General zu Ehren eine große Hofjagd in peruanischer Form. Das Jagdrecht im alten Peru hatte allein der König. Keinem Untertanen war es erlaubt, sich an einem Stück Wild zu vergreifen. Das ganze Land war in große wohlverwaltete Jagdbezirke eingeteilt. Alljährlich fanden vier große Treibjagden in jedem Revier statt. Zur größten erschien der Inka persönlich. Eine solche Jagd war ein großes Ereignis für das Volk. In ungeheurem Kreise werden zehn, zwanzig, ja fünfzig Tausend Treiber angestellt, mit Piken und Spießen bewaffnet. Alle Raubtiere und alles Wild ward aufgescheucht. Man tötete die Raubtiere (Jaguare, Wildkatzen, Pumas, Nasenbären, Tapire usw.) und trieb die Hirsche und die wollreichen Huanacos in das engere Jagdrevier. Die Treiber bekamen reichliche Jagdanteile, so daß diese Jagden wahre Volksfeste waren. Die Herren, die daran teilnahmen, erlegten Hunderte von Tieren. In Pachakamak, am Meere, fand die denkwürdige Zusammenkunft Pizarros mit Alvarado statt. Es war im Herbst 1534. Beide standen in der Mitte der Fünfziger; beide waren weltberühmte Generale; beide kühne Eroberer. Sie verstanden sich auf den ersten Augenblick und verlebten zusammen ein paar heitere üppige Tage in wechselseitiger Hochschätzung und Anerkennung. Pizarro veranstaltete glänzende Festmähler, Zechgelage, Turniere, Auffuhrungen. Beim goldnen Sherry rollte der Würfelbecher, und schöne Inkajungfrauen verkürzten, mehr oder minder freiwillig, den spanischen Offizieren die heißen Nächte. Herzlich verabschiedet verließ Pedro de Alvarado den Hafen von Pachakamak, um wieder nach Guatemala za segeln. Wenige Jahre später verunglückte er auf einem Zuge in Neu-Galizien, als er zu Pferd einen allzusteilen Hang erklimmen wollte; das Tier fiel auf ihn und erdrückte ihn. Ein Bruder Pedros war Diego de Alvarado, ein Ritter, dessen edle Eigenschaften zu rühmen sind. Er hatte am Zuge nach Quito teilgenommen und war dann im Heere Pizarros verblieben. Ein Vetter von beiden war der Hauptmann Alonso de Alvarado, fortan gleichfalls im Heere Pizarros. Nach Alvarados Abreise ging der Statthalter daran, eine neue Hauptstadt zu gründen. Vermutlich hatte ihn Alvarado überzeugt, daß die Hauptstädte von Kolonien am besten am Weltmeere gedeihen. San Miguel lag zu weit im Norden; Kuzko zu sehr im Gebirge, obendrein an der Grenze von Pizarros Machtbereich. Zunächst dachte er an Pachakamak, aber nach sorgfältiger Gelände- und Küstenerkundung entschied er sich für den Ort, wo noch heute die Hauptstadt des Landes liegt, an der Mündung des Rimac, am Fuße des Cerro San Cristobal, etwa 12 km vom Meere entfernt, in einer Höhe von 430 m. Die neue Besiedelung erhielt den Namen: Ciudad de los Reyes (Königsstadt), zu Ehren der heiligen drei Könige, an deren Kalendertage (am 6. Januar 1535) der Ort festbestimmt ward. Die feierliche Gründung fand am Sonntag den 17. Januar statt. Der spanische Name hat sich nicht eingebürgert; um 1555, vielleicht schon von Anbeginn, nannte man die Stadt »Lima« (wohl verdreht aus Rimac). Der Ort wuchs rasch. Noch heute steht das damals erbaute Haus der Vizekönige (Casa de los vireyes), die Kathedrale, der Palast des Erzbischofs. Die Straßen der Stadt, deren Grundriß dreieckig war, sind nach altspanischer Weise schachbrettartig und geräumig angelegt. Die Einwohnerzahl betrug im Jahre 1746: 60000; im Jahre 1875: 100000; im Jahre 1908 (ohne die Vororte) 140000, mit ihnen etwa 200000. Sehr zahlreiche Kirchen und Klöster unterbrechen die Straßen und Gassen. Schmutzig und armselig – im Gegensatz zur sauberen und vornehm wirkenden Stadt Lima – ist der Hafenort El Callao (Die Zunge; 1537 gegründet) mit 50000 Bewohnern, Ihm gegenüber liegt die Insel San Lorenzo. Heutzutage führt die Oroya-Bahn von Lima durch das Rimac-Tal in das landschaftlich herrliche Gebirge. Bei San Bartolomé, 64 km von Lima weg (1500 m hoch), hat man das Küstenland hinter sich; in Matucana (90 km von Lima entfernt) befindet man sich bereits gegen 2400 m hoch in den kühlen Bergen. Durch dieses Rimac-Tal führte die alte Inkastraße von Pachakamak über Oroya nach Xauxa (JauJa); es war bereits damals stark besiedelt. Um den tatenlustigen Almagro und andre unruhige Geister zu beschäftigen, gewiß auch, um ihn sich fern zu halten, beauftragte ihn Pizarro, den Oberbefehl in Kuzko zu übernehmen und von dort aus einen Zug nach Süden (Chili) zu unternehmen. Man wußte noch nicht, daß Pizarros Machtbereich um 70 Leguas südwärts ausgedehnt worden war. Vermutlich meinte der Statthalter, Kuzko läge außerhalb seines Reiches; innerhalb seiner Grenzen sah er den Genossen und Nebenbuhler offenbar nicht gern. Der mißtrauische Almagro hatte, wie berichtet, einen besondern Vertrauten nach Spanien geschickt, der zugleich mit Hernando Pizarro in Sevilla landete. Dieser Mann erfüllte seinen Auftrag auf das Beste. Wie brauchbar, ergeben und findig er war, geht allein daraus hervor, daß er seinem Herrn, gerade am Tage seines Einzugs in Kuzko, einen Auszug der kaiserlichen Urkunde überreichte, die ihn zum Statthalter von Chili erhob. Almagro war überglücklich, endlich ein unabhängiger Machthaber zu sein. Von Stund an ließ er sich »Marschall« titulieren. Juan Pizarro übergab ihm den Oberbefehl. Almagro glaubte, Kuzko gehöre zu seinem Bereiche und benahm sich darnach. Seine Eitelkeit flüsterte ihm ein, er sei ein zweiter Cäsar. Jetzt wollte er der Welt zeigen, daß Diego de Almagro hundertmal genialer und tüchtiger als Francisco Pizarro war. Die Soldateska von Kuzko, die zum größeren Teile aus dem Expeditionskorps des Pedro de Alvarado stammte, freute sich, der Zucht des gefürchteten Pizarro entkommen zu sein; Almagro war ein gutmütiger Bramarbas. Alsbald beging man die gröbsten Zügellosigkeiten. Pizarro hatte streng darauf gehalten, daß die Soldaten und Ansiedler die Häuser und Fluren der Eingeborenen nicht betreten durften und daß ihr Privateigentum unverletzlich sei. Jetzt pfiff man auf diese Vorschriften und Verfügungen. Man war frei. Man plünderte und raubte, mordete und schändete. Pizarros Brüder, Juan und Gonzalo, mahnten Almagro vergebens. Francisco Pizarro bekam Nachricht hiervon. Inzwischen hatte auch er einen Auszug der kaiserlichen Entschlüsse erhalten. Sofort sandte er einen Offizier nach Kuzko mit dem Befehl, Almagro habe das Kommando an Juan Pizarro zurückzugeben. Er begründete diese scharfe Maßregel damit: es könne am kaiserlichen Hofe übel gedeutet werden, wenn er seine neue Macht bereits innehabe, ehe die allerhöchste Ernennung offiziell eingetroffen wäre. Zugleich befahl Pizarro, Almagro solle den Zug nach Chili unverzüglich antreten. Der »Marschall« fühlte sich nicht mehr als Pizarros Untergebener. Er behielt das Kommando und blieb in Kuzko. Vergebens forderten die Brüder Pizarros die Ausführung der Befehle des Statthalters. Die Offiziere, Beamten, Soldaten und Ansiedler teilten sich nun in zwei Gruppen, während die indianischen Edelleute und Bürger insgeheim frohlockten. Die Pizarros hatten alle Ordnungsliebenden und Maßvollen auf ihrer Seite. Es fehlte nicht viel und der Streit wäre mit den Waffen entschieden worden, da erschien Francisco Pizarro persönlich. Der Siebenundfünfzigjährige hatte sich auf seinen Gaul gesetzt und die 600 km in acht bis zehn Tagen zurückgelegt, ungeachtet des Höhenunterschiedes von 3500 m. Es war zu Anfang Juni des Jahres 1535. Bei der ersten Begrüßung wahrte Pizarro alle Formen. Er umarmte den Marschall, wie dies Sitte war, und fragte im Beisein der beiden Stäbe, was die Ursache des sonderbaren Zwistes in seiner Hauptstadt sei. Almagro wagte es nicht offen unbotmäßig zu sein. Es wäre ihm auch wohl übel bekommen. Er schob die Schuld auf das Verhalten von Juan und Gonzalo Pizarro. Die Situation spitzte sich zu, aber es gelang klugen Freunden, die Entscheidung zu vertagen. Man hörte beide Parteien, erinnerte beide Führer an die alten Verträge, appellierte an Waffenehre und gutes Beispiel. Die Verhandlung endete damit, daß Pizarro und Almagro am 12. Juni einen neuen Vertrag unterzeichneten, dessen wesentliche Punkte folgende waren: 1. Pizarro wie Almagro verpflichteten sich, keinerlei Bericht an den Kaiser zu senden, ohne daß der andere den Wortlaut kenne und billige; 2. Kosten wie Gewinn der Expedition zur Eroberung von Almagros Gebiet (Chili) sei von beiden Genossen zu teilen; 3. Almagro verpflichtete sich, Kuzko und das Land im Umkreise von 30 Leguas als unantastbares Gebiet Pizarros zu achten. Wie feindselig sich die Vertragschließenden gegenüberstanden, geht daraus hervor, daß sie in der Urkunde gegenseitig die unverbrüchliche Wahrung der Abmachung beteuerten; den Wortbrüchigen aber solle Gottes Zorn treffen, und er solle seines Lebens und Eigentums verlustig gehen. Der Vertrag wurde obendrein feierlich auf eine Hostie beschworen und von mehreren Zeugen mit unterschrieben. Etliche Wochen später trat Almagro seinen Zug nach Chili an. 570 Spanier ließen sich anwerben; dazu etwa 1000 Indianer. Ein Bruder des Inka Manko namens Paullo Topa (offenbar Christ!) sowie der Hohepriester von Peru, Huilljak Umu, schlossen sich seinem Stabe an. Zunächst brach die Vorhut auf, 150 Mann unter der Führung des Hauptmanns Juan de Saavedra. Nach dem Abmarsch des verhaßten Störenfrieds eilte Francisco Pizarro nach Lima zurück. Der Ausbau der neuen Ansiedlung war ihm zur Leidenschaft geworden. Müde des Krieges, war es seine Sehnsucht, sein Leben als Gründer einer wunderbaren Stadt, als friedlicher Regent zu beschließen. XXV Der Marques de los Atavillos (solcher war er durch Kaiserliche Ordre geworden; Atavillos ist der Name einer der fruchtbarsten Gaue des Reiches Peru) sollte sich beschaulicher Tätigkeit nicht lange erfreuen. Um die Ansiedler in San Miguel, Xauxa, Kuzko, Lima, Truxillo (gegründet im Herbst 1535) wirtschaftlich zu stützen, verlieh er Encomiendas und Repartimientos (d. h. Ländereien mit einer bestimmten Anzahl von Eingeborenen als Arbeiter). Diese zwangsweise Verteilung der Indianer war, ehrlich gesagt, Einführung der Sklaverei! Es sei betont, daß in den ändern spanischen Kolonien die Klagen über die Schinderei der hilflosen Urbewohner bei weitem schlimmer waren; aber auch in Peru sind Tausende von Indianern und Indianerinnen durch Mühsal und Peinigung bei kärglichster Nahrung in den Tod getrieben worden. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es, »die Pest der persönlichen Sklaverei der Indianer habe die Körper und die Seelen sowohl der Sklaven wie der Herren in gleichem Maße verdorben«. Das will besagen: das Elend der Indianer war so maßlos wie die Roheit der Spanier. Vor nichts hatte der kastilianische Landsknecht Ehrfurcht. Aus Habgier und Kulturlosigkeit zerstörte er, was ihm in die Hände fiel. Mit ihm wetteiferten »aus christlichen Gründen« Pfaffe und Mönch. Die vier Pizarros verabscheuten dieses brutale Tun und Treiben und zügelten es, wo sie nur konnten, aber sobald sie nicht persönlich zugegen waren (das Land Peru war groß!), wurden die Ausschreitungen um so schlimmer. Vieles aber geschah mit Pizarros Genehmigung. Die Sonnenjungfern, deren es in den Klöstern von Kuzko und andernorts an die 6000 gegeben hatte, die Blüte des Landes, buchstäblich wie köstliche Blumen aufgezogen und gepflegt, wurden an die Offiziere und Soldaten, Schreiber und Ansiedler verteilt. Nur die allerwenigsten wurden als Ehefrauen geschätzt und geschützt. Die meisten verdarben als Mägde und Dirnen; viele gingen freiwillig in den Tod, wenn ihnen die Flucht nicht gelang. Man kann den wahren Wert einer Armee, gleichviel ob sie in einem Kulturlande oder unter Barbaren weilt, in jedem Jahrhundert daran messen, wie sich der Offizier, der gemeine Mann, der Troßknecht zu den Frauen und Jungfrauen des Landes stellt. Die Spanier in ihren amerikanischen Kolonien haben sich mit wenigen rühmlichen Ausnahmen auf das Unritterlichste benommen. Das Vorbild Alexanders des Großen, der die edelsten und schönsten Töchter eines eroberten Landes als hohe Auszeichnung den Besten seines Heeres vermählte, war leider den kastilianischen Kondottieri in der Regel unbekannt. Ferdinand Cortes glänzt hierin als schöne Ausnahme; der alte Plutarch war nicht umsonst sein Liebling von Jugend auf. Ähnlich ist der Glauben eines besiegten Volkes zu achten; nichts ist heilloser als der Eifer und Übereifer der Missionare. Die Inkas, die beim Einbruch in Peru das Holzbild des Fischgottes und gewiß auch andre Götzen ruhig stehen ließen und die Tempel ihres erhabenen Sonnengottes gelassen daneben erbauten, waren klug und weise; Valverde und seine gehirnkranken Kollegen dagegen, die unter Mord und Totschlag christliche Massentaufen abhielten, verdienen die Verachtung der Nachwelt. Es war die natürliche Folge der abscheulichen Vergewaltigungen aller Art, deren sich die Spanier jahrelang schuldig gemacht hatten, daß es endlich im Volke der Peruaner gärte. Es entstand in Kuzko eine geheime Verschwörung, die sich über das ganze Reich ausbreitete. Den Mittelpunkt bildeten der Inka Manko und der Hohepriester des Landes, Huilljak Umu. Die im Lande verstreuten Inka-Edelleute organisierten auf Grund der alten Wehrordnung des Reiches die Volkserhebung. An einem vorbestimmten Tage des Januars 1536 sollte sie ausbrechen, den Spaniern unerwartet. In der Tat hat kein Peruaner, weder in der Oberschicht des Adels noch im breiten Volke, das heilige vaterländische Geheimnis verraten. Bald nachdem Francisco Pizarro die alte Königsstadt verlassen hatte, verschwand Inka Manko heimlich aus Kuzko, um sich persönlich an den Vorbereitungen zu beteiligen. Gleichzeitig entwich Huilljak Umu dem Stabe Almagros. Die Entfernung des Inka fiel zunächst nicht weiter auf. Nun aber hatte Pizarro ungefähr 1000 Mann aus dem Gau Kanaris in sein Heer eingestellt. Die Kanaris-Indianer, ein kriegerischer Stamm, im Lande Quito ansässig, waren noch keine sechzig Jahre von den Inkas unterworfen und mit dem übrigen Reiche nicht völlig verschmolzen. Sie hielten zu den Conquistadoren, in der heimlichen Hoffnung, eines Tages wieder frei zu werden wie ihre Großväter. Durch einen Häuptling der Kanaris ward Juan Pizarro auf die Flucht des Inka Manko aufmerksam gemacht. Sofort setzte sich der Ritter an die Spitze einer Reiterschar, verfolgte den Fürsten und ergriff ihn in einem Walde unweit der Stadt. Man brachte ihn zurück und sperrte ihn in die Burg von Kuzko. Kein Spanier ahnte das Motiv der Flucht. Kurze Zeit darauf traf Hernando Pizarro in Kuzko ein. Er hatte die kaiserlichen Verfügungen nach Lima gebracht und sollte nun am wichtigsten Orte der Kolonie den Befehl führen. Offenbar rechnete Francisco Pizarro mit der baldigen Rückkehr Almagros und seiner Leute, die man fortan »die Chilianer« nannte. Hernando stattete dem gefangenen Inka unverzüglich seinen Besuch ab. Es ist überliefert, daß er ein Freund des Inka Atahuallpa (Mankos Bruder) gewesen war; die Chronisten behaupten sogar, Atahuallpa hätte sein Leben nicht eingebüßt, wenn Pizarros Bruder im Hauptquartier verblieben wäre. Auch der junge Inka gewann sein Herz. Hernando schenkte ihm die Freiheit und seine Freundschaft. Er unterwies ihn im Reiten, Schießen und Exerzieren, erzählte ihm von Spanien und dem europäischen Leben, lehrte ihn die Anfangsgründe der kastilianischen Sprache und ließ sich dafür in die Sprache und Geschichte der Inka einweihen. Der Fürst soll sehr rasch ein vorzüglicher Reitersmann geworden sein. Seine Dankbarkeit bewies der kluge Peruaner dadurch, daß er den spanischen Obristen verborgene Schätze finden ließ. Eines Tages erzählte er ihm, er wisse, wo die Priester eine Bildsäule seines Vaters Huayna Kapak aus purem Golde versteckt hätten; es sei in einer Höhe der Cordillera. Hernando, dessen Goldhunger größer war als seine Kenntnis der Inkaseele, glaubte seinem Schützling allzu gern. Er erteilte ihm den nötigen Gebirgsurlaub und gab ihm zwei spanische Unteroffiziere mit, die sein besondres Vertrauen genossen. Die drei machten sich gegen Weihnachten 1535 auf die Reise. Wochen vergingen: keiner kehrte wieder. Schließlich kam Hernando zur Erkenntnis, daß er getäuscht worden war. Er beauftragte seinen Bruder Juan, mit 60 Reitern den verdächtigen Urlaubsübertreter einzuholen. Der Ritter Juan kam auf seinem Streifzug an den Eingang des vier Leguas südlich von Kuzko entfernten Yucay-Tales, in dem das Lieblingsschloß der Inkakönige lag, einen der köstlichen Orte zu Füßen der Sierra. Hier traf Pizarro die beiden Soldaten, die den Inka begleitet hatten. Von ihnen erfuhr er, daß der Fürst an der Spitze von Truppen stände, deren Vormarsch auf Kuzko bald zu erwarten sei. Das ganze Land sei in sichtlicher Unruhe. Ihnen sei kein Leid zugefügt worden; der Inka habe sie allergnädigst laufen lassen. Juan ritt in das Tal ond gewahrte alsbald auf dem jenseitigen Ufer des Yucay-Flusses die befestigte Stellung eines Inka-Heeres. Die Brücken waren abgebrochen. Pizarro überlegte sich die Sache nicht lange und ritt mit seinen 60 Reitern in breiter Front durch das nicht sehr tiefe Wasser. Ein Hagel von Steinen, Pfeilen und Wurfspießen begann von drüben. Alsdann aber zogen sich die Indianer in ihre Schanzen zurück. Die Spanier sammelten sich, stellten sich in Gefechtsform auf und ritten langsam an. Gegen ihre gewohnte defensive Taktik wagten die Indianer, offenbar weil sie sich an Zahl vielfach überlegen sahen, einen Angriff in mehreren Haufen, in der Absicht, die Spanier zu überflügeln und von drei Seiten zu fassen. Es kam zum Lanzenkampf. Die Spanier hatten es zum ersten Male in Peru mit regulären, gutbewaffneten und gefechtstüchtigen Truppen zu tun. Die indianischen Lanzen waren mit harten Kupferspitzen versehen. Die Phalanx der Kämpfer trug Baumwollkoller und Lederhauben. Andre Haufen hatten Bogen, Wurfspieße, Steinschleudern, Schwerter und Keulen. Beim Gegenangriff der Reiter unter dem gewohnten Schlachtrufe »Hie San Jago!« wankte der Haupttrupp der Indianer, verlor aber seine Ordnung keineswegs. Langsam wichen sie nach den Bergen, die sie hinter sich hatten, und zogen sich schließlich in die Sierra zurück. Über die Zahl der indianischen Truppen ist nichts überliefert. Mehr als tausend können es kaum gewesen sein. Auf beiden Seiten war mannhaft gefochten worden. Mehrere Spanier, mehrere Pferde und vielleicht ein halbes Hundert Indianer hatten ihr Leben verloren. An Wunden war kein Mangel. Die Spanier biwakierten am Eingange eines Seitentales. Am andern Morgen sah man auf allen Höhen und in allen Pässen Scharen von Indianern. Einige Male erfolgten Angriffe, ohne daß es zum Nahkampf gekommen wäre. Juan Pizarro verblieb in seinem Lager. Da, am dritten oder vierten Tage, kam ein Eilbote aus Kuzko: die Hauptstadt sei belagert; Juan solle sofort zurückreiten. Unter Jubelrufen der Indianer verließen die Spanier das Tal des Yucay. XXVI Pedro Pizarro berichtet, 200000 Indianer hätten Kuzko blockiert. Die Zahl ist – wie stets bei den spanischen Chronisten – märchenhaft. 20000 Mann genügten, die Stadt einzuschließen. Inka Manko hatte sein Hauptquartier in einem steinernen Kastell, einem Tambo, das durch Erdwälle verstärkt ward. Juan Pizarro kam ohne Kampf durch die indianische Linie. Offenbar hatte der Kriegsplan der Belagerer richtigerweise die Aushungerung der Spanier zum Endziel. Hernando war hocherfreut, als er den schon für verloren gehaltenen Bruder wiedersah. Insgesamt betrug seine Streitmacht nunmehr: etwa 80 Reiter und 120 Mann zu Fuß, dazu 1000 Mann Kanaris-Indianer. Es war in der ersten Februarwoche des Jahres 1536. Die Verbindung mit Lima und den andern Ansiedlungen war und blieb völlig abgeschnitten; die Indianer ließen keinen Boten durch. Jeder Versuch, den Francisco oder Hernando Pizarro machte, scheiterte. Die Belagerer, von denen der Chronist Pedro Pizarro berichtet, sie seien »zahlreich gewesen wie die Sterne am Himmel einer lichten Sommernacht«, setzten die Stadt durch zahllose, mit Baumwolle umwickelte und in Harz getauchte Brandpfeile in Flammen. Fast alle Gebäude hatten Strohdächer. Da starker Wind ging, gelang der Versuch bereits am ersten Tage. Die Spanier mußten sich auf die Plaza zurückziehen und sich darauf beschränken, die Steinhäuser, Tempel und Hallen dieses Viertels zu retten. Die Hitze und der Rauch in den brennenden Teilen der Stadt sollen furchtbar gewesen sein. Es wird berichtet, auch das Dach des Virakocha-Tempels am großen Platze (an der Stelle der heutigen Kathedrale), der in eine Marienkirche umgewandelt war, habe am ersten Tage des Brandes dreimal Feuer gefangen. Die Spanier hatten anderweitig bereits so viel zu löschen, daß sie das Gebäude seinem Schicksal überließen. Alle dreimal verflackerten die Flammen wie von selbst: die heilige Jungfrau hatte es sich nicht nehmen lassen, den Brand ihres Hauses eigenhändig zunichte zu machen. Der sonst nicht immer ganz zuverlässige Garcilasso de la Vega berichtet hierzu, selbst Indianer hätten die Madonna mit dem Eimer hantieren gesehen. Auch Pater Acosta, der vierzig Jahre nach dem wunderbaren Ereignis ins Land kam, bezeugt es mit feierlichen Worten. Für die gläubige Nachwelt können somit Zweifel nicht bestehen. Auch der Heilige Jakob (Sankt Jago), mit Flammenschwert und Ritterschild, auf prächtigem weißem Hengst, ward während der Kämpfe mit den Belagerern mehrfach von glaubwürdigen Augenzeugen gesehen. Ohne solche überirdische Hilfe hätte sich das Häuflein der so überaus tapferen kastilischen Landsknechte wohl unmöglich gegen 200000 bis auf die Zähne bewaffnete Indianer fünf Monate halten können! Wie verheerend der Brand und die nachfolgende lange Belagerung gewirkt haben, geht aus einer Bemerkung des Bischofs Valverde hervor, der im Jahre 1536 nach Spanien beurlaubt war. Er schreibt am 20. März 1539 an den Kaiser: »Hätte ich nicht gewußt, dies ist die Stadt Kuzko: ich hätte sie nicht wiedererkannt!« Unversehrt waren nur der große Sonnentempel und das Kloster der Sonnenjungfern, das die Peruaner aus Ehrfurcht geschont hatten. Während des Brandes, der mehrere Tage wütete, machten die Belagerer die vier großen Zugangsstraßen vor der Stadt an vielen Stellen durch Pfahlhindernisse ungangbar, um der spanischen Reiterei den Ausfall zu erschweren. Dazu war es ihnen gelungen, sich während des allgemeinen Tumults der Burg zu bemächtigen, von deren Höhe sie die Stadt und den Großen Platz mit Steinen beschießen konnten. Ähnlich wie Kuzko wurden gleichzeitig Lima, Truxillo, Xauxa, San Miguel belagert. Alle Farmen, die von diesen Niederlassungen weiter ab lagen, wurden überfallen; ihre Bewohner niedergestochen; alle Pässe und Heeresstraßen sorglich besetzt und bewacht. Hernando Pizarro erfuhr durch dunkle Gerüchte, daß sich ganz Peru wider die Fremden erhoben habe. Ein Dutzend blutiger Köpfe ermordeter spanischer Farmer, die einmal nachts über die Mauern und Wälle in die Stadt geworfen wurden, bestätigten ihm die vage Kunde. Man hielt einen Kriegsrat ab. Irgendwer machte den Vorschlag, die Hauptstadt aufzugeben und sich nach dem Meere durchzuschlagen. Es sei rühmlicher, den Durchbruch mit dem Schwert in der Hand zu wagen, gleichviel ob mit oder ohne Erfolg, als sich wie Raubtiere in der eigenen Höhle einräuchern und aushungern zu lassen. Pizarros Bruder, die Ritter Gabriel de Roja und Ferdinand Ponce de Leon, der Schatzmeister Riquelme und wenige andere waren gegen diesen Vorschlag. Mit der Aufgabe der alten Königsstadt sei alles aus. Man müsse den wichtigen Posten mit aller Kraft verteidigen und halten. Die kastilische Waffenehre lasse keine Wahl: Hier siegen oder hier sterben! Hernando Pizarro forderte mehr: man müsse zum Angriff übergehen, man müsse einen großen Schlag wagen. Zunächst aber dürfe die Burg nicht länger mehr ein Stützpunkt des Feindes bleiben. Man gab dem Kommandanten Recht. Juan Pizarro ward mit der Ausführung dieses Entschlusses betraut. Um das Augenmerk der Belagerer abzulenken, verließ Juan Pizarro an einem der nächsten Abende die Stadt an der Spitze von 60 Reitern in der entgegengesetzten Richtung. Auf großem Umwege gelangte er auf die Paßstraße im Rücken der Burg, und es glückte ihm, unbemerkt an den Wall zu kommen und die Wache zu überrumpeln. Das äußere Tor war durch große Quader verrammelt. Pizarro ließ sie beseitigen und kam vor den Innenwall. Jetzt erst merkten die Peruaner, die an nächtliche Kämpfe nicht gewohnt waren, die Anwesenheit des Feindes. Es kam zum Handgemenge. Die Spanier berannten den Wall. Juan Pizarro erkletterte als einer der Ersten einen Söller. Da traf ihn ein schwerer Stein. Zu Tode getroffen, leitete er mit lauter Stimme seine Truppen. Erbittert führten sie den Sturm durch und sprangen in den Hof. In diesem Augenblick begann Hernandos Angriff von der Stadtseite her. Nachdem der Inka-Offizier, der in der Burg den Befehl führte, gefallen war, fiel sie in die Hände der Spanier. Vierzehn Tage nach diesem Siege erlag Juan Pizarro seiner Wunde. Allgemein betrauerte man ihn als tapferen Ritter, maßvollen Menschen und beliebten Führer. Durch planmäßige Streifzüge hinter die Linie der Belagerer, durch Überfälle ihrer Tambos und Herden, ergänzten die Belagerten immer wieder ihre Vorräte. An Wasser fehlte es nicht; der Fluß sowie zahlreiche Brunnen spendeten es zur Genüge. So gingen fünf Monate dahin. XXVII Die Belagerung von Lima ward bald wieder aufgegeben, weil sie aussichtslos war. Man kann eine Stadt am Meere ohne Flotte nicht aushungern. Obendrein begünstigte die weite Ebene die Reiterei. Kurzum, nach mehreren tüchtigen Schlappen zogen sich die Peruaner in die Sierra zurück. Francisco Pizarro versuchte nun die Verbindung mit seinem Bruder Hernando herzustellen. Viermal im Laufe der Monate April bis Juli 1536 sandte er starke Abteilungen unter seinen besten Offizieren aus. Die Indianer ließen sie in das Bergland, um sie dann zu überfallen. Die ersten beiden Expeditionen kamen bis auf den letzten Mann um. Aber auch die späteren mußten unter großen Verlusten umkehren. Während des Aufstandes sind im Ganzen 700 Spanier umgekommen; allein bei den Versuchen, Kuzko zu entsetzen, 470 Mann. Der Statthalter war ratlos. Er sandte eine Karavelle nach Truxillo mit der Aufforderung, diese Ansiedlung aufzugeben und mit aller Habe nach Lima zu kommen. In Truxillo faßte man die Lage nicht so ernst auf; wahrscheinlich hatte auch hier die Belagerung nicht lange gewährt. Man kam nicht. In Lima war man sogar der Meinung, es sei das Beste, mit Mann und Maus nach Panamá zurückzukehren; Perú sei doch unrettbar verloren. Angesichts dieser so wenig zuversichtlichen und mutigen Haltung seiner Kolonisten und Soldaten (die tüchtigsten Teile seines Heeres waren in Kuzko und bei Almagro) wandte er sich brieflich an die Statthalter von Panamá, Nikaragua, Guatemala und Mexiko und bat dringend um Beistand. Sein Schreiben an Pedro de Alvarado vom 29. Juli 1536 ist erhalten. Im August änderte sich unverhoffter Weise die ganze Lage. König Manko brach die Blockade ab, entließ den größeren Teil seines Heeres in die Heimat und beschränkte sich darauf, mit etwa 6000 Mann Kerntruppen eine feste Stellung südöstlich Kuzko einzunehmen. Den Stützpunkt der Stellung bildete eines der Kastelle an der Heeresstraße Kuzko-Arequiha. Es lag auf der Hochebene; nach Kuzko zu war die Burg uneinnehmbar, während das Gelände im Rücken, nach dem Yukay-Tal zu, weniger steil war und allmählich abfiel. Von da beobachtete man durch Patrouillen und Streifkorps die Hauptstadt und die ändern drei Zugangsstraßen. Die Ursache dieser Maßnahmen lag in den Verpflegungsverhältnissen des Heeres und des Landes. Ehedem hatte man in den Kornhäusern des Reiches stattliche Vorräte. Durch den Bruderkrieg und durch das maßlose Wüsten der Spanier waren die Lebensmittel, auch die Herden, knapp geworden. Die Bestellung der Felder war unumgänglich. Die Spanier in Kuzko atmeten auf. Hernando Pizarro entschloß sich sofort zu einem Gewaltstreich. Es galt, den Inka zu überraschen und wieder gefangen zu nehmen. Mit einem Trupp von etwa 80 Reitern und 120 Schützen brach Hernando eines Morgens in aller Frühe auf und rückte auf großem Umwege vom Yukay her gegen die Burg. Beim Morgengrauen brach man aus einer Schlucht hervor. Pizarros Erwartung, die Besatzung läge noch im tiefsten Schlafe, erfüllte sich nicht. Ein Hagel von Geschossen aller Art empfing die Spanier. An eine Erstürmung des Kastells war nicht mehr zu denken. Noch einmal im Laufe des Tages versuchte man es. Sodann trat man den Rückzug ins Tal an. Gonzalo Pizarro mit den Reitern deckte ihn gegen die heftigen Verfolger. Nicht ohne Verluste gewannen die Spanier das jenseitige Ufer des Flusses. Erst nach Anbruch der Nacht erreichten sie das Tor der Stadt Kuzko. XXVIII Während all dieser bedeutsamen Ereignisse war das Expeditionskorps des Marschalls Almagro gen Chili marschiert, zunächst auf der Heeresstraße, die von Kuzko nach Süden führte. Dann war man linker Hand in einen Nebenweg abgeschwenkt. Dadurch geriet man in unwirtliche Gegend. Man kam durch Schluchten, Pässe, über schmale Steige, kurze Hochebenen, in tiefe Täler mit reißendem Wasser, Moränen, dichte Wälder, unter Sturm, Kälte, Gletscherluft, Höhensonne. Man litt Hunger; man fror; man verzweifelte. Mit Mühe ging es vorwärts. In grausamster Weise zwang man die mitgenommenen Indianer sowie jeden Eingeborenen, dessen man habhaft ward, das Gepäck zu schleppen. Man band die Unglücklichen zu Dutzenden zusammen, damit sie nicht fortliefen. Zu Hunderten starben sie erschöpft und verhungert. Die Dorfer, Weiler und Hütten, an denen die Spanier vorüberkamen, brannten sie nieder. Wer nicht als Lastvieh mitgenommen wurde, ward niedergestochen. Als einmal drei Landsknechte vermißt wurden, mußten dreißig Häuptlinge den Feuertod erleiden. Der genaue Weg der Expedition ist uns nicht bekannt. Nach wochenlangem Irrmarsche gelangte man in das Küstenland. Vermutlich drang man schließlich zwei, drei Tagesmärsche weit in die Wüste Atakama. Dann streikte die Soldateska, und Almagro kehrte mit dem Haupttrupp um. Nachweisbar ist er weiterhin nordwärts im Küstengebiet nach Arequipa marschiert; der Ort liegt 60 Leguas (350 km) südlich von Kuzko. Hier verweilte der Marschall längere Zeit, und hier erfuhr er vom Aufstande der Peruaner. Eine kleine Abteilung ist, immer die Küste entlang, unter der Führung des tapferen und zähen Obristen Rodrigo de Orgonez bis zum Rio Maule, der Südgrenze des Inkareiches (unter dem 38. Breitengrade), vorgedrungen. Kulturstädte und Goldschätze fand Orgonez ebenso wenig wie Almagro. Damit stand sein Urteil über Chili fest: das war nicht das heißbegehrte Dorado! Man hielt einen Kriegsrat ab. Almagros Offiziere wie auch die Ältesten der Mannschaft drangen auf sofortigen Rückmarsch nach Kuzko. Das sei die Hauptstadt der Chilianer! Allein seinem Sohne Diego sei er eine energische Tat schuldig. Der junge Almagro war damals sechszehn Jahre alt. Er war das Kind einer Indianerin aus Panamá. Almagro liebte ihn zärtlich. Zunächst schickte der Marschall eine Gesandtschaft an den Inka Manko nach dessen Hauptquartier. Sie ward wohl aufgenommen, und der Fürst erklärte sich zu einer persönlichen Zusammenkunft mit Almagro in seinem Lustschlosse im Yukay-Tale bereit. Dieser Bescheid traf den Marschall auf dem halben Wege Arequipa-Kuzko. Er marschierte weiter, bis Urkos, und begab sich von da mit einigen Offizieren und einem Trupp Reiter nach dem verabredeten Verhandlungsort. Die Zusammenkunft mit dem Inka war inzwischen durch die Ereignisse unmöglich geworden. Hernando Pizarro hatte erfahren, daß Almagro im Begriff stand, Kuzko in seine Hand zu bekommen. Sofort begann er sich zu rüsten. Diese kriegerischen Bewegungen in der Hauptstadt machten den Inka stutzig. Höchstwahrscheinlich hatte Almagro die hochverräterische Absicht gehabt, sich mit ihm wider Hernando Pizarro zu verbinden, um diesen aus dem Wege zu räumen. Der Inka mißtraute ihm jedoch, und, ermuntert von seinen Offizieren, entschloß er sich zu einem Handstreich, ehe sich die beiden spanischen Heere vereinten. Mit etwa 5000 Mann (die Zahl steht nicht genau fest!) überfiel er die 500 Mann Almagros in Urkos. Ohne Erfolg. Er mußte sich in sein Kastell zurückziehen. Nunmehr sandte Almagro einen seiner Offiziere zu Hernando Pizarro mit der Aufforderung, ihm als Kaiserlichen Statthalter Von Neu-Toledo (Chili) die zu seinem Machtbereiche gehörige Stadt Kuzko freizugeben. Der Abgesandte wies eine notarielle Abschrift der Kaiserlichen Verfügung vor, aus der ersichtlich war, daß Pizarros Reich 270 Leguas südlich des Rio de San Juan sein Ende habe. Kuzko läge außerhalb dieser Grenze. In Wirklichkeit stand die Südgrenze von Neu-Kastilien (Perú) durchaus nicht einwandfrei fest. Eine genaue Messung war unmöglich. Nach der ungefähren Schätzung lag Kuzko im Grenzgebiet, noch innerhalb der scheidenden Linie. Die Schuld, eine so wichtige Grenze nicht klipp und klar festlegbar zu machen, trug der keinem Europäer unbekannte »grüne Tisch«. Almagro hätte aber gut getan, vorläufig nachzugeben, denn im Falle des Zweifels hat der ältere Besitzer nach uraltem Brauch immer den Vorrang. Der alte Hitzkopf dachte nicht daran, sich klug und weise zu benehmen. Er glaubte im Rechte zu sein. Er wollte herrschen; wollte vor allem handeln, ehe ihm der verhaßte Francisco Pizarro in Person gegenüberstand. Das war sein Untergang! Almagro bekam von den Behörden der Stadt zur Antwort, die Frage der Grenze werde einigen messungskundigen Lotsen in Lima vorgelegt. Deren Entscheidung solle gelten. Bis dahin müsse sich jede Partei geduldigen. Daraufhin schlossen Hernando Pizarro und Almagro einen Waffenstillstand ab. Beide verpflichteten sich, ihre Truppen an Ort und Stelle zu belassen und sich jedweder feindseligen Handlung zu enthalten. Inzwischen waren Regen und Kälte eingetreten. Almagros Truppen wurden mißvergnügt. Man munkelte, Hernando Pizarro verstärke die Befestigung von Kuzko. Auch traf die Nachricht ein, ein starkes Korps aus Lima unter dem Befehle des Hauptmanns Alonso de Alvarado (eines Vetters des berühmten Pedro aus dessen aufgelösten Perútruppen) sei im Anmarsch. Das sei Verrat! Alvarado war tatsächlich auf dem Wege von Lima nach Kuzko, mit dem Auftrage des Statthalters, Hernandos Truppen gegen Inka Manko zu verstärken. Von Almagros Rückkehr war Francisco Pizarro beim Abgange dieses Offiziers noch nicht unterrichtet. Der Marschall gab dem Drängen seines Heeres willig nach, war es doch sein innigster eigener Wunsch. In der finsteren stürmischen Nacht des 8. Aprils 1537 zog er in Kuzko ein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Er schlug sein Hauptquartier in der Hauptkirche auf, ließ alle Tore der Stadt durch starke Reiterpatrouillen besetzen und beauftragte den Obristen Rodrigo de Orgonez, die beiden Pizarros zu verhaften. Orgonez drang mit fünfzig Mann zu Fuß in das Steinhaus am Großen Platze, das Hernando und Gonzalo Pizarro bewohnten. In der geräumigen Innenhalle des Palastes lag eine Wache von zwanzig Mann. An der Treppe enstand ein Handgemenge. Auf beiden Seiten fielen ein paar Landsknechte. Da man nicht vorwärtskam, ließ Orgonez das Holzdach mit Feuer bewerfen. Alsbald stand es in hellen Flammen. Die Balken begannen zu brennen. Da ergaben sich die Pizarros. Kaum hatten sie mit ihren Leuten das Haus verlassen, da stürzte das ganze Dach ein. Die Pizarros sowie ein Dutzend ihrer Offiziere kamen ins Gefängnis. Im übrigen geschahen keine Gewalttaten. Zum Stadtkommandanten ernannte Almagro den Ritter Gabriel de Roja, einen Liebling Pizarros. Die bürgerlichen Behörden erkannten den Marschall wohl oder übel als Oberbefehlshaber von Kuzko an. An Alonso de Alvarado ging unverzüglich ein Ordonnanzoffizier ab, mit einem Schreiben und der Aufforderung, dem Marschall als rechtmäßigem Generalissimus Gehorsam zu leisten. Alvarado lag mit seinen 500 Mann (Reitern und Fußvolk) seit etwa 10 bis 12 Wochen in Xauxa, also 400 km nordwestlich von Kuzko, 200 km östlich von Lima, im Gebirge. Warum er nicht weitermarschiert war, ist nicht bekannt. Da er als ein zuverlässiger und tüchtiger Offizier Pizarros zu gelten hat, muß er seinen bestimmten Grund gehabt haben. Vielleicht lautete sein Auftrag dahin, zunächst Xauxa zu entsetzen und zu schützen. Als Almagros Abgesandter ihm die Aufforderung zur Rebellion überreichte, ließ er ihn auf der Stelle in Arrest legen und meldete den Vorfall dem Statthalter mit der Versicherung, daß er seinem Fahneneide treu bleibe. Almagro, ergrimmt über diesen Widerstand, unternahm sofort einen Zug wider Alvarado. Beim Ausmarsch ermahnte Orgonez den Marschall, den beiden gefangenen Brüdern Pizarro die Köpfe abschlagen zu lassen. »El muerto no mordia! (Ein Toter beißt nicht!)« meinte er nach dem alten spanischen Sprichworte. Almagro wäre dem Rat herzlich gern gefolgt, wenn es sich auch um Francisco Pizarro gehandelt hätte. So aber sagte er sich: »Der Übrigbleibende wird mir umso gefährlicher!« Er vermochte sich nicht zu entschließen und begnügte sich damit, die beiden Gefangenen in das beste Gewahrsam bringen zu lassen und strengste Bewachung anzuordnen. Almagros und Alvarados Truppen stießen am Rio de Abancay zusammen. Durch die verräterische Haltung eines seiner Offiziere, des Ritters Pedro de Lerma, kam Alvarado in eine so mißliche Gefechtslage, daß er sich mit dem ihm treuen Teile seiner Leute ergeben mußte. Diese sogenannte Schlacht von Abancay spielte sich am Donnerstag den 12. Juli 1537 ab. Inzwischen hatte Francisco Pizarfo in Lima mancherlei Zufuhr erhalten. Der bereits mehrfach erwähnte Lizentiat Gaspar de Espinosa war mit 250 Mann aus Panama herbeigekommen. Ferdinand Cortes, der Statthalter von Mexiko, sandte eine Karavelle mit allerlei Vorrat, Munition, Kleidern. Das Gleiche schickte der Statthalter von Tierra firme. Jetzt sah sich Pizarro im Stande, mit 450 Mann (darunter 200 Reiter) einen Zug nach Kuzko anzutreten. Er führte ihn persönlich. Da erfuhr er die Rückkehr Almagros, die Gefangennahme seiner Brüder Hernando und Gonzalo, sowie das Mißgeschick Alvarados. Sofort kehrte er nach Lima zurück, unter der Annahme, daß Almagro auf Lima marschieren werde. Er machte die Stadt verteidigungsfähig und sandte den Lizentiaten Espinosa, auf den er sich unbedingt verlassen konnte, mit mehreren Offizieren nach Kuzko. Die beiden Genossen waren sich darin einig, daß ein Krieg von Spaniern gegen Spanier in jedem Falle unvorteilhaft für den Statthalter sei und ihm am Kaiserlichen Hofe auf das Übelste ausgelegt werden müsse. Besser war es, den Almagro durch List und Hinterlist zu beseitigen. Er sei zweifellos ein Rebell; somit wären alle Mittel heilig. Die erste Aussprache zwischen dem derben, anmaßend gewordenen Haudegen und dem klugen verschlagenen Rechtsgelehrten verlief ergebnislos. Der Marschall behauptete, nicht nur Kuzko, auch Lima gehöre in seinen Machtbereich. Von irgendwelchem Verzicht seinerseits könne keine Rede sein. Der Lizentiat stellte ihm bei der weiteren Verhandlung in beredter Weise vor: bis zur endgültigen Grenzfestsetzung durch eine Kaiserliche Kommission müsse allein die Weltklugheit beiden Gegnern die größte Nachgiebigkeit gebieten. Almagros Forderungen seien ebenso maßlos wie zweifelhaft. Der Marschall erwiderte, wenn er vielleicht auf Lima verzichte: Kuzko gäbe er nie und nimmer heraus! Da brach Espinosa die Unterredung ab, indem er gelassen meinte: »El vencido vendico, y el vencidor perdido! (Der Besiegte ist besiegt, aber der Sieger verloren!)« Wahrscheinlich hätte Espinosa einen dritten Versuch gemacht, aber ein merkwürdiger Zufall fügte es, daß er eines plötzlichen Todes starb. Immerhin mäßigte sich Almagro. Ohne es in Worten kundzugeben, verzichtete er auf Kuzko, und beschloß zugleich, sich innerhalb seiner unbestrittenen Grenze eine neue Hauptstadt nahe dem Meere zu gründen. Es kam lediglich Arequipa in Frage, in mittlerer Höhe (2325 m) unter dem 16. Breitengrade, in gesündester Lage, am Fuße des Misti (5686 m), eines noch tätigen Vulkans, heute die zweitgrößte Stadt von Peru. Es liegt 100 km vom Meere entfernt. Wäre Almagro Diplomat gewesen, und dies mußte er als Statthalter sein, so hätte er seinen Gegner überzeugen sollen, daß er neue Wege betrat. Ehe er seinen zweiten Zug nach Chili begann, sandte er den Obristen Orgonez gegen Inka Manko. Dieser zog sich sofort aus dem Yukay-Tale in die Sierra zurück. Der Spanier verfolgte ihn und sein kleines Heer. Da entließ er es und suchte, begleitet von seiner Lieblingsfrau und drei, vier getreuen Dienern, in einem abgelegenen Gebirgsgutshofe eine Zuflucht. Immer wieder rieten Almagros Parteigänger, die beiden Pizarros zu beseitigen. Dem im Grunde gutmütigen Marschall graute es vor den Folgen. Überdies hatte Hernando Pizarro einen Fürsprecher und Freund in Diego de Alvarado gefunden, dem Bruder des berühmten Pedro, mit dem er, wie erwähnt, 1534 nach Peru gekommen war. Diego hatte dann am ersten Zug nach Chili teilgenommen. Die Chronisten rühmen ihn als echten Edelmann. Oft besuchte er Hernando im Gefängnisse, spielte und zechte mit ihm, und eines Abends verlor er an ihn 80000 Kastilianer. Als er dem Gewinner andern Tags eine regelrechte Schuldverschreibung und einen Teil des Goldes überbrachte, zerriß dieser die Urkunde und lehnte das Gold ab, indem er lachend versicherte, er schätze zur Zeit nur das Gold der Freiheit. Diego de Alvarado rechnete ihm diesen großmütigen und insgeheim überaus klugen Verzicht hoch an. Als der Marschall von Kuzko aufbrach, ging natürlich auch Diego mit, und er brachte es zuwege, daß Hernando Pizarro die Expedition mitmachte. Almagro gewann auf dem kürzesten Wege die Küste, durch das liebliche Tal von Chincha. Die Gegend gefiel ihm dermaßen, daß er daselbst unweit des Gestades, 200 km südlicher denn Lima, eine Niederlassung gründete, die seinen Namen tragen sollte. Die Siedelung lag ähnlich wie Kuzko im Grenzgebiet, so daß zu erwarten war, daß Pizarro dies als neue Herausforderung ansehen werde. Während der ersten Arbeiten in Almagro traf die Meldung aus Kuzko ein, daß Gonzalo Pizarro und Alonso de Alvarado mit den übrigen gefangenen Offizieren aus ihrem Gefängnisse entflohen waren. Bald darauf erfuhr man, daß die Flüchtlinge glücklich in Lima beim Marques Pizarro eingetroffen waren. Das war ein gefährlicher Schlag. Almagro wußte: Kein Pizarro vergißt ihm angetane Schmach! Gonzalos Rache war ihrn gewiß. Um so mehr erstaunt war er, als ihm Francisco Pizarro von neuem einen Vergleich anbot. Der Marschall, der seiner Natur nach nicht lange nachtrug, ahnte den untilgbaren tiefen Haß des Marques nicht. Nach einem kurzen Briefwechsel beschloß man, die Entscheidung des Streites dem Frater Francisco de Bovadilla zu überlassen. Das war ein Mönch, der sich des Rufes der Rechtlichkeit und Unparteilichkeit auf beiden Seiten erfreute. Nach dieser Abmachung trafen sich Pizarro und Almagro persönlich am 13. November 1537 in Mala, einem Orte an der Küste zwischen Lima und Chincha. Als der Marschall den Saal betrat, in dem der Marques bereits im Kreise seiner ersten Offiziere stand, zog er seine Mütze und begrüßte den alten Waffengefährten in seiner gewohnten biederen Soldatenart. Francisco Pizarro erwiderte dieses ehrliche Zeichen der Wiederannäherung flüchtig und hochmütig. Im Tone des Generalissimus stellte er alsbald die Frage, warum Almagro entgegen der feierlichen Abmachung des Waffenstillstandes sich der Königsstadt bemächtigt und die Brüder und Unterführer des Kaiserlichen Stellvertreters und Statthalters gefangengesetzt habe. Almagro legte seinen Standpunkt dar, die Gründe seiner Erbitterung, seine Ansprüche, seine ihm vom Kaiser verbrieften Rechte. Rede und Gegenrede gingen in heftigen Wortwechsel über. Es ward gewitterschwül im Saale. Jeden Augenblick konnten die Degen blinken. Einer der anwesenden Offiziere glaubte den Marschall warnen zu müssen, indem er eine damals allbekannte Melodie vor sich hinpfiff: Tiempo es el caballero, Tiempo es de andar de aqui! Da stürmte Almagro aus dem Hause, setzte sich auf sein Pferd und galoppierte nach Chincha zurück. Es ist überliefert, daß er nur durch diese rasche Tat der Gefangenschaft entgangen sei. Es habe ein Trupp Landsknechte den Befehl gehabt, ihn auf ein bestimmtes Zeichen zu verhaften. Man darf wohl annehmen, daß Pizarro wirklich diese Absicht gehabt hat. Er hätte damit Verrat mit Verrat vergolten. Ungeachtet dieses Intermezzos entschied Francisco de Bovadilla, es habe unverzüglich eine Karavelle nach dem Rio de San Juan abzugehen mit einer Kommission von Lotsen, um den Breitengrad der Nordgrenze von Pizarros Reich genau auszumessen. Unter Hinzufügung der 270 Leguas (=1514 km) sei dann die Südgrenze zu ermitteln. Bis zur Verkündung des endgültigen Ergebnisses habe Almagro Kuzko herauszugeben. Ferner sei Hernando Pizarro sofort freizulassen, unter der Verpflichtung, daß er die Kolonie binnen sechs Wochen verlasse und sich nach Spanien einschiffe. Jedwede Feindseligkeit sei einzustellen. Francisco Pizarro wie Almagro sollten sich an unbestrittenen Orten aufhalten. Pizarro erklärte sich mit dieser vorläufigen Entscheidung einverstanden; Almagros Leute (die Chilianer) äußerten Spott und Hohn. Pizarro nähme sich das Paradies von Kuzko, Almagro sei in die Hölle von Chili verwiesen. Noch wußte man nichts von den Bodenschätzen dieses herrlichen Landes! Man beschuldigte den Schiedsrichter, er sei ein Söldling des habsüchtigen Marques und forderte Hernandos Kopf. Mit Mühe beschwichtigte Diego de Alvarado die erregten Geister. Aus Besorgnis um seinen Bruder bot Francisco Pizarro nochmals eine Unterhandlung an. Almagro ging darauf ein. Er sagte sich in seinem gesunden Menschenverstande, daß ihm aus dauernder Feindschaft mit einem so mächtigen Feinde nichts Gutes erwachsen könne. Der neue Vergleich bestimmte, die endgültige Entscheidung in die Hand des Kaisers zu legen. Die Stadt Kuzko sei vorläufig Almagro zu belassen. Hernando Pizarro sei freizugeben; er habe die Kolonie binnen sechs Wochen zu verlassen. Diese Abmachung war gerecht und billig, und es ist bedauerlich, daß Francisco Pizarro als Herr eines großen Gebietes, das koloniale Arbeit in Hülle und Fülle bot, sich nicht zu einem großmütigen Verzicht aufgeschwungen, sondern seinem persönlichen Rachebedürfnis weiterhin nachgehangen hat. Die große Idee der Spanischen Weltherrschaft leuchtete nicht in ihm. Hätte er im Kampfe mit seinem Temperament, bei jedwedem Zweifel über seine und Anderer Rechte allezeit diese Idee zur Schiedsrichterin gemacht, so hätte er all das Unheil der kommenden Jahre im Keim erdrückt. Almagro erwies dem gefangenen Hernando die Ehre, ihn persönlich in seinem Kerker aufzusuchen, ihm seinen Degen wiedereinzuhändigen und ihm herzlich Glück zur Freiheit zu wünschen. Er hoffe (sagte er), daß alle ehemaligen Zwiste vergessen und begraben seien, und daß die alte Kameradschaft sie fortan wieder festverbünde. Hernando erwiderte, nichts läge auch ihm mehr am Herzen. Sodann leistete er den Eid auf den ihm vorgelegten Vergleich, und Almagro führte ihn aus dem Gefängnisse in sein Quartier. Nach dem Abschiedsmahl, an dem die Offiziere des Stabes teilnahmen, ritt der Freigelassene nach Mala, wo Francisco Pizarro weilte. Der junge Diego de Almagro (damals achtzehn Jahre alt) gab ihm das Geleit. Der Marques begrüßte beide auf das freundlichste und erwies Almagros Sohn die ehrenvollste Aufmerksamkeit. Im Herzen brütete er dunkle Rache. XXVIII Kaum hatte Almagros Sohn samt seinen Begleitern Pizarros Lager verlassen, da versammelte der Marques seine Hauptleute und erklärte in einer alle Gemüter packenden Ansprache, der Tag der Vergeltung sei angebrochen. Indem er Almagros Absichten und Taten mit drastischen Worten schilderte, kennzeichnete er ihn als Rebellen wider Kaiser und Reich. Man müsse ihm das verräterische Handwerk legen. Eher habe Perú keinen Frieden und keine Ordnung. Alles sei bereit. Er selber sei zu alt und kriegsmüde. (Das war Diplomatie!) Daher lege er die Führung des Feldzugs in die Hände seines Bruders. Hernando Pizarro wandte ein, er sei zu seinem Leidwesen durch den Vertrag verpflichtet, die Kolonie zu verlassen. »Verträge mit Rebellen gelten nichts!« rief der Marques. Im Einklang damit teilte der Statthalter dem Marschall kurz und bündig mit, er fordere ihn auf, seinen Anspruch auf Kuzko aufzugeben und innerhalb seines Gebietes zu verbleiben. Andernfalls habe Almagro alle Folgen auf sich zu nehmen. Almagro lag gerade an einer alten galanten Krankheit, die ihn von Zeit zu Zeit schwer heimsuchte, darnieder. Körperlich und seelisch gebrochen, konnte er nicht daran denken, persönlich wider Pizarro in den Kampf zu ziehen. Er vermochte weder zu gehen noch zu reiten. So übertrug er dem erprobten treuen Roderigo von Orgonez das Kommando. Während des Marsches auf Kuzko, den Almagro in einer Sänfte mitmachte, verschlimmerte sich sein Leiden dermaßen, daß er in Bilkas (nahe bei Huamanga) drei Wochen verbleiben mußte. Sein Heer zog ohne ihn weiter und nahm Kuzko gegen Ende März 1538 ein. Zehn Tage später meldete man den Anmarsch des Hernando Pizarro mit dem Heere des Statthalters. Der Marques hatte, nach Überschreitung des Passes von Guaitara, einige Wochen in Ica gerastet, um seine Truppen auf das beste auszurüsten und vorzubereiten. Hernando bekam Instruktionen für alle nur möglichen Fälle. Sodann war Francisco Pizarro nach Lima zurückgekehrt. Hernando marschierte über Nasca im Küstengebiet auf Umwegen, um Gebirgskämpfen aus dem Wege zu gehen. Bei seinem Nahen hielt Almagro einen Kriegsrat ab. Er selber neigte zu Verhandlungen. Ein Teil der Offiziere wollte es auf Belagerung und Verteidigung ankommen lassen. Die Stadt war gut in Stand. Orgonez widersprach. »Es ist zu spät! Ihr habt Hernando Pizarro aus den Händen gelassen. Jetzt müßt ihr ihm im offenen Felde entgegentreten!« Die Begründung dieser Meinung überzeugte schließlich die Anderen. Almagro entschloß sich zur Entscheidungsschlacht. Insgeheim bangte ihm davor. Die Krankheit lähmte seine soldatische Zuversicht. Orgonez bezog eine Stellung bei Las Salinas, 5 km östlich von Kuzko. Sein Heer war rund 500 Mann stark, davon die Hälfte Reiter, Haken- und Bogenschützen hatte er wenig; hingegen 6 Feldgeschütze (Falkonette), die er in zwei Batterien auf den beiden Flügeln in Stellung gehen ließ. Sein Fußvolk war mit der langen Lanze ausgerüstet. Es ist kaum möglich, sich ein getreues Bild der Schlacht von Las Salinas am Sonnabend den 6. April 1538 zu machen. Dazu müßte man das Gelände durch eigene Anschauung kennen. Die zeitgenössischen Berichte sind ungenau; die späteren laienhaft. Es wird berichtet, die von Orgonez gewählte Stellung sei ungünstig gewesen, weil ihr Vorfeld (mit dem Fluß und einem Sumpfe) die volle Ansnutzung der Kavallerie gehindert habe. Pizarros Heer entwickelte sich vom Lager aus, das am Abend vorher jenseits des kleinen Flusses errichtet worden war. Ebenso wie Orgonez stellte Hernando seine Pikeniere (etwa 400 Lanzenträger) in der Mitte auf, seine Reiter (deren er etwa 180 hatte) auf beiden Flügeln. Seine Hauptstärke lag in seinen Musketieren (etwa 120 Schützen). Artillerie hatte er keine. Es standen also 500 gegen 700 Mann, davon 250 gegen 180 Reiter. Pizarros Truppen waren sowohl an Zahl wie an körperlichem Zustand überlegen. Die Stimmung war auf der Seite der »Chilianer« stark erbittert, aber auf beiden Seiten war man sich bewußt, daß für beide Parteien alles auf dem Spiele stand. Hernando führte das eine Reiter-Karree, Alvonso de Alvarado das andre; Gonzalo Pizarro das Fußvolk. Pedro de Valdivia (der spätere Held vom Arauco) die Büchsenschützen. Der Kampf begann am Morgen nach einer Ansprache Pizarros, in der er insbesondre an die Überrumpelung von Kuzko und an die noch ungesühnte Schlappe von Abancay erinnerte. Seinen letzten Worten folgte der übliche dreimalige begeisterte Zuruf der Truppe. Sodann ward die Messe gelesen, ohne die kein Soldat ins Gefecht ging, mochte er sonst noch so gottlos sein. Drei Stunden später war das Massenduell zu Ende. Gonzalo hatte es durch einen flotten Übergang seiner 90 Reiter eröffnet. Im Artilleriefeuer, das zu damaliger Zeit sehr schwerfällig von statten ging, gewann er das andre Ufer und ritt frontal an. Ihm folgte der tiefe Haufe der Pikeniere. Valdivia brachte seine Schützen geschickt auf einer seitlichen Anhöhe in Stellung und schoß auf den ihm nächsten Reitertrupp. Orgonez zog ihn zurück und vereinigte beide Reiterhaufen zu einem. Es entspann sich die übliche Ritterschlacht unter den Rufen: »El Rey y Almagro!« – »El Rey y Pizarro!« Nach den alten Berichten, die gern übertreiben, soll es 150 Tote gegeben haben. Gleichwohl kann man annehmen, daß im Gefecht insgesamt vielleicht 50 gefallen und ebenso viele auf der Flucht niedergestochen worden sind. Der Schlacht sahen zahllose Indianer von den benachbarten Hügeln zu, auch viele der spanischen Ansiedler aus Kuzko, sogar Frauen. Almagros Sänfte hielt nahe der Stellung seiner Truppen. Als er erkannte, daß ihm das Waffenglück untreu ward, setzte er sich auf ein Maultier und ritt unter großen Schmerzen nach der Burg von Kuzko. Rodrigo de Orgonez jagte auf einen Ritter zu, den er für Hernando Pizarro hielt und stieß ihn mit seiner Lanze nieder. Einen zweiten brachte er auf die nämliche Weise zur Strecke. Einen dritten erlegte er mit dem Schwerte. Eben schrie er »Vittoria!« – da traf ihn eine Kettenkugel und drang ihm durch das Gitter des Visiers. Einen Augenblick verlor er das Bewußtsein. Das Pferd sank unter ihm tot zusammen. Als er sich von Sattel und Steigbügeln losmachte, überfiel ihn ein halbes Dutzend Landsknechte. »Ist kein Ritter zur Stelle, dem ich meinen Degen gebe?« fragte er, da er sah, daß er der Übermacht verfallen war. Einer der Angreifer, namens Fuentes, erklärte sich dafür; er erhielt das Schwert des Gefangenen, stieß ihm aber den Dolch tief in die Herzgegend. Die Andern schlugen ihm den Kopf ab und steckten ihn auf eine Lanze. Diese unedle Tat bezeugt, daß Zucht und ritterlicher Sinn im Heere Pizarros nicht, zum mindesten nicht mehr allenthalben walteten! Auch während der Verfolgung und der Plünderung in den Quartieren der Offiziere Almagros in Kuzko wurden reichlich viele Schandtaten begangen. Zum Beispiel ward der von siebzehn Wunden bedeckte Ritter Pedro de Lerma auf seinem Krankenlager von einem Landsknecht ermordet, den er ehedem einmal mit Fug und Recht dienstlich bestraft hatte. Die Soldaten des Marschalls traten zumeist ohne weiteres in Pizarros Dienst; auch etliche Offiziere. Die meisten jedoch weigerten sich und blieben lieber in der Burg eingesperrt. Almagro war im Heere beliebt. Hernando fühlte sich vor den mehr als 1000 Landsknechten, die in Kuzko versammelt waren, nicht so recht behaglich. Sie kamen mit allerlei Forderungen, Wünschen, Plänen, und er wandte alle seine Beredsamkeit auf, um sie loszuwerden. Eine Anzahl von Offizieren und Leuten verließ die Stadt, so auch Diego de Almagro, der nach Lima gesandt wurde. Andre wandten sich nach Xauxa, Truxillo, San Miguel. Mancher auch machte sich auf, um in Spanien seine Tage behaglich zu beschließen. XXIX Krank und gebrochen fiel der Marschall Almagro in die Hände Hernando Pizarros. Sowie in Kuzko endlich einigermaßen Ruhe und Ordnung herrschte, eröffnete man den Prozeß wider den gefangenen Rebellen. An die tausend Folioseiten sollen zusammengekommen sein, wie Antonio de Herrera, einer der berühmtesten Historiker der Neuen Welt, in seiner »Historia general« (Madrid 1605) berichtet. Diese Akten sind leider nicht erhalten. Das Verfahren endete am 8. Juli 1538 mit der Verurteilung Almagros zum Tode durch das Schwert: weil er Krieg gegen den Vertreter des Kaisers geführt, den Untergang vieler Spanier verschuldet, mit dem Inka ein Bündnis gemacht und die Stadt Kuzko widerrechtlich besetzt und geplündert habe. Das Urteil wurde dem Verurteilten durch einen damit beauftragten Mönch am Tage der Verkündigung mitgeteilt. Der kranke Almagro, dem Hernando Pizarro alle Hoffnung gemacht und manche Aufmerksamkeit erwiesen hatte, um seine tiefe Niedergeschlagenheit zu heben, vermochte den unerwarteten Spruch kaum zu glauben. Er ließ Hernando um eine Unterredung bitten. Um sich am moralischen Zusammenbruch seines Feindes zu weiden, kam Pizarro. Almagro war dermaßen körperlich und seelisch schwach, daß er seine Würde vergaß und in bewegten Worten um sein Leben bat. Er wies auf die ehemalige Waffenbrüderschaft hin, auf seine Dienste und Verdienste und schließlich auf sein im Kampf um Peru ergrautes Haar. Er habe keinen Begehr mehr als den kurzen Rest seiner Tage in Frieden zu verbringen. Hernando ließ ihm volle Zeit, sich zu demütigen, und erwiderte sodann in spöttischem eiskaltem Tone: er sei verwundert, einen alten Offizier und tapferen Ritter so würdelos reden zu hören. Er habe den Tod verdient, und er solle seine Rechnung mit Gott und der Welt männiglich abschließen. Da drohte der Marschall: »Meine Freunde werden sich an den Kaiser wenden, der diesen mir ungerecht angetanen Schimpf nicht unvergolten lassen kann.« Hernando brach die Unterredung ab und empfahl sich. Jetzt gewann der General seine Selbstbeherrschung wieder. Er bat den Ritter Diego de Alvarado zu sich, legte ihm seinen Sohn und seine Angelegenheiten ans Herz. Alles, was er besaß – und er war ein schwerreicher Mann – gab er in die Hände seines Kaisers zurück, wobei er nachdrücklichst darauf aufmerksam machte, daß seine Abrechnung mit Francisco Pizarro noch nicht regelrecht erledigt sei. Alvarado versuchte Hernando Pizarro zu Aufschub zu bewegen, indem er erklärte, das Urteil müsse zum mindesten vom Statthalter, wenn nicht vom Kaiser, unterzeichnet werden. Er erreichte nichts als die Umwandlung der Todesart. Statt daß dem Verurteilten vor versammeltem Heere auf der Plaza das Haupt abgeschlagen werde, solle er im Gefängnis durch die Garotta sterben. Noch am Abend ward das Urteil vollstreckt. Almagro beichtete, nahm das Abendmahl und fügte sich seinem Schicksal. Sein Leichnam wurde bei Fackel*licht auf den Großen Platz gebracht, wo ihm der Henker urteilsgemäß den Kopf abschlug. Ein Herold verkündete den Vollzug. Der Ritter Ponce de Leon, ein Freund des Toten, ließ ihn in sein Haus tragen. Die feierliche Beisetzung erfolgte am Tage darauf in der Kirche der gnadenreichen Jungfrau. Hernando und Gonzalo Pizarro wohnten der Zeremonie in voller Rüstung bei. Merkwürdig ist das persönliche Verhalten von Francisco Pizarro. Es besteht kein Zweifel, daß Prozeß wie Urteilsvollzug auf seine Anordnung erfolgt ist. Sehr bald nach dem Eingang der Meldung vom Siege bei Las Salinas war der Statthalter von Lima aufgebrochen, blieb aber in Xauxa. Offenbar scheute er sich, Kuzko zu betreten, solange die zwischen ihm und Hernando festverabredete Beseitigung ihres gemeinsamen Feindes noch nicht vollendete Tatsache war. In Xauxa empfing er den jungen Diego de Almagro, versicherte dem arg Betrübten, seinem Vater werde kein Leid geschehen, und entsandte ihn nach Lima, wo er im Hause Pizarros auf das beste aufgenommen wurde. Das gleiche versicherte er dem Bischof und einigen Rittern, die von Kuzko kamen, um Fürsprache für Almagro einzulegen. Der Statthalter stand in reger Verbindung mit seinem Bruder. Wenige Tage vor der Urteilsvollstreckung brach er endlich von Xauxa auf. In Abancay, also vor den Toren der so umstrittenen Hauptstadt, empfing er Hernandos Meldung, daß der Rebell hingerichtet war. Er tat, als sei er überrascht und ergriffen. Andern Tags zog er als Triumphator in Kuzko ein, in stolzer Haltung, heiteren Sinnes, in einem Prunkrocke, den ihm Ferdinand Cortes verehrt hatte, unter den jubilierenden Klängen eines Reitermarsches. Almagro war um 1470 geboren, also zur Zeit seines Abganges aus dieser Welt beinahe siebzig Jahre alt. Sein Charakter, seine Vorzüge, seine Fehler, seine Verdienste gehen aus seinen Taten zur Genüge hervor. Der große Gedanke, der in der spanischen Weltherrschaft lebte und webte, war der goldne Faden seines Daseins nicht. Der Drang nach Reichtum und Macht ist als das Leitmotiv seines Lebens anzusehen. Damit verliert er jedwede Gloriole. Als Soldat war er Haudegen und Draufgänger; das Zeug zum Staatsmann und Organisator fehlte ihm. Er war ein leutseliger Vorgesetzter, ein guter braver Kamerad; ein Mann, der auf Leben und Lebenlassen hielt, zuweilen Verschwender und Wüstling. Infolgedessen stand es mit der Zucht unter seinen Untergebenen nicht berühmt. Er drückte allzuoft beide Augen zu. Zweifellos haben die Brüder Pizarro ihm gegenüber ohne Rücksicht und Erbarmen gehandelt, aber man kann nicht sagen, er habe sein schlimmes Ende nicht verdient. XXX Von neuem tat Francisco Pizarro allerlei, sein Reich innerlich zu stärken und zu einen. Wie schon erzählt, hatte sich in Quito der Ritter Sebastian Benalcazar gewissermaßen selbständig gemacht. Es war ihm durch planmäßig ausgeführte Streifzüge gelungen, die Provinz fester in die Hand zu bekommen. Somit war er auf dem besten Wege, sich ein eigenes Reich zu gründen. Pizarro hatte dies erfahren, und sowie der Aufstand der Peruaner erloschen war, schickte er einen Bevollmächtigten zu ihm mit der Aufforderung, unverzüglich zu ihm nach Lima zu kommen. Aber es war bereits zu spät. Benalcazar hatte sich nach Europa begeben, vermutlich um sich sein Gebiet vom Kaiser bestätigen zu lassen. Des weiteren bekam Gonzalo Pizarro den Auftrag, einen Zug gegen die Charkas-Indianer zu führen. Dieser kriegerische Stamm hatte seinen Sitz innerhalb der Statthalterschaft Almagros, etwas östlich des großen Sees (unter dem 18. Breitengrade), der den schönen Namen Lago de Poopo trägt. Pizarro hatte gehört, im Gebiete dieser Indianer lägen ergiebige Silbergruben. Es kam zu heftigen Gefechten mit den Eingebornen. Hernando Pizarro ward mit Hilfstruppen nachgesandt. Ihm gelang die Unterwerfung, und Francisco belohnte ihn mit den Silbergruben von Porco. Unweit davon liegen die damals noch unentdeckten berühmtesten Silberbergwerke Perús, die von Potosi (4000 m hoch). Die alte Stadt Charkas heißt übrigens heute Sucre (2700 m hoch). Die ganze Gegend hat heute noch eine reiche Zukunft, sobald sie endlich mit Lima durch eine Eisenbahn verbunden sein wird. Ein Jahr war seit Almagros Tod verstrichen, da schickte sich Hernando Pizarro endlich an, nach Spanien zurückzugehen. Beide Brüder wußten sehr wohl, daß dem Diego de Alvarado, der am Kaiserlichen Hof weilte, um Almagros Sache zugunsten von dessen Sohne zu führen, das Feld nicht länger allein überlassen werden durfte. Bei seiner Abreise mahnte Hernando seinen Bruder ernstlichst, sich vor den »Chilianern« zu hüten. Das seien Desperados, die vor nichts zurückscheuten, um sich an ihm zu rächen! Es sei unbedingt nötig, daß Almagros Anhänger auseinandergesprengt würden. Noch immer hockten sie in Kuzko beieinander. »Und dann,« riet er ihm, »halte dir eine zuverlässige Leibwache! Bisher war ich es, der dich beschirmt hat.« Der Marques lachte. »Sei unbesorgt,« erwiderte er ihm, »jedes einzelne Haar auf den Köpfen der Parteigänger Almagros bürgt mir für meine Sicherheit!« Im August 1539 schiffte sich Hernando Pizarro in Lima ein. Um Panamá zu meiden, landete er in Tehuantepec, dem mexikanischen Hafen am Südmeere, den Ferdinand Cortes i. J. 1524 angelegt hatte. Was in Panamá zu fürchten war, geschah in Mexiko. Auf dem Wege von Tehuantepec nach Vera Cruz ward Hernando Pizarro verhaftet; aber der Vizekönig Antonio de Mendoza gab ihn wieder frei, da er kein Recht hatte, einen Offizier aus einer ganz anderen selbständigen Kolonie festzuhalten. Nachdem Pizarro mehrere Wochen auf den Azoren verweilt hatte, um bestimmte Nachrichten von mächtigen Freunden am Hofe abzuwarten, begab er sich schließlich nach Valladolid zum Kaiser. Mit großem Prunk zog er in der Stadt ein. Bei Hofe empfing man ihn mit großer Zurückhaltung. Diego de Alvarado hatte ihn gehörig angeschwärzt. So befreundet sie ehedem gewesen: das Versprechen, das Alvarado dem Marschall Almagro in dessen Todesstunde gegeben, lag ihm näher am Herzen als die Erinnerung an alles andre. Immerhin gelang es dem gewandten und reichen Hernando Pizarro, sich in der Umgebung des Kaisers sehr bald gute und tüchtige Freunde zu erwerben. Er sparte nicht mit seinem Golde, und Festmähler und Gastgeschenke taten das ihre. Dazu verstand er es, die Taten, Gefahren und Rechte seines berühmten Bruders in das volle Licht zu stellen, Almagro hingegen als Verräter und Rebellen zu brandmarken. Alvarado, der mehr Soldat als Hofmann war, ärgerte und erbitterte sich über diese Wendung und Verzögerung. Er war nach Spanien gekommen, um eine kaiserliche Entscheidung zugunsten des jungen Almagro zu erwirken. Vor allem galt es, dessen pekuniäre Ansprüche zu sichern. In seinem Zorn forderte er Hernando Pizarro zum Zweikampf heraus. Dieser hatte keine Neigung, seine und seines Bruders so wichtige Sache einem ritterlichen »Gottesgericht« anzuvertrauen. Man lebte im Cinquecento – und fünf Tage nach seiner Herausforderung trug man den Ritter Alvarado zu Grabe. Er war an Gift gestorben. Kein Mensch wagte es offen, Hernando Pizarro des Mordes zu beschuldigen. Gleichwohl ward er verhaftet. Ohne daß ein Urteil vorlag, saß er volle zwanzig Jahre auf der Veste Medino del Campo. Erst anno 1560 ließ man den nunmehr Fünfundneunzigjährigen frei. Hernando ertrug die lange Gefangenschaft voll Gleichmut, und die letzten fünf, sechs freien Jahre seines Lebens soll er »im Geruche der Heiligkeit« gestanden haben. Sein Vermögen war lange beschlagnahmt gewesen, aber noch immer war er ein reicher Mann. Nach einer im Wortlaute erhaltenen Königlichen Cedula empfing er i. J. 1555 allein 10000 Dukaten aus den Silbergruben von Porco, die ihm nach wie vor gehörten. Seine Familie blieb in hohen Ehren. So ist noch sein Enkel vom König Philipp IV. (1621–1665) huldvollst zum Marques de la Conquista (Markgraf der Eroberung) ernannt worden. In der Tat hat Francisco Pizarro niemals einen tüchtigeren und tapfereren Helfer gehabt als seinen ältesten Bruder. Der Prozeß gegen Hernando Pizarro ist wohl im Sande verlaufen. Man konnte ihm nicht nachweisen, daß er die Hinrichtung Almagros eigenmächtig angeordnet und vollzogen habe. Herrera, dem zahlreiche Urkunden und Briefe von Conquistadoren vorgelegen haben, berichtet, Hernando habe nach einem bestimmten Befehl des Statthalters gehandelt. Höchstwahrscheinlich hat er diese Aussage dokumentarisch gestützt. Wenn man auch weder Hernando noch Francisco Pizarro klipp und klar den Prozeß machen konnte oder wollte, so erkannte man doch im Kaiserlichen Rate, daß die Zustände in Perú zu wünschen übrig ließen. Am liebsten hätte man die Verwaltung der zweifellos fest eroberten aber noch nicht innerlich beruhigten so wertvollen Kolonie einem andern übergeben, aber man wußte sehr wohl, daß sich der Eroberer nicht ohne weiteres beiseite stellen ließ. Was man bei Ferdinand Cortes im Vertrauen auf dessen Kaisertreue gewagt, wagte man nicht bei einem Manne, der sich kraft seines verbrieften Rechts ganz gewiß von niemandem absetzen ließ. Man wählte den kaiserlichen Rat Cristoval Vaca de Castro, Mitglied des Audiencia von Valladolid, einen gerecht und rechtlich denkenden Juristen, der neben vielseitigen reichen Kenntnissen als ein Meister machiavellistischer Urbanität galt. Soldat war er nicht; ein solcher wäre auch Pizarro gegenüber nicht am Platze gewesen. Seine Aufgabe war, die eigentliche Regierung in die Hände zu bekommen; seine Vollmacht aber wies ihn lediglich als kaiserlichen Untersuchungsrichter aus. Er hatte das Recht, Beschwerden von Eingeborenen zu prüfen und zu entscheiden, Maßregeln zur Verhütung von Unbill aller Art anzuordnen und offizielle Berichte an den Kaiser zu erstatten. Für den Fall von Pizarros Tod hatte er seine eigene Ernennung zum Statthalter von Neu-Kastilien in der Tasche. Dies letztere besagt alles. Vaca de Castro ging im Herbst 1540 in Sevilla an Bord, erreichte Nombre de Dios, ritt auf einem Maultiere über die Landenge und bestieg in Panamá eine Karavelle, die ihn nach Lima bringen sollte. Unterwegs litt er Schiffbruch, so daß seine Ankunft in Perú stark verzögert wurde. Inzwischen ereignete sich Geschehnis auf Geschehnis. XXXI Durch den Krieg der Spanier untereinander hatte die ehemals so straffe Ordnung im Lande arg gelitten. In den spanischen Ansiedlungen, deren Zahl und Größe langsam zunahm, waren die Indianer zu Sklaven gemacht worden. In den Gegenden, wo die Europäer noch nicht unmittelbar herrschten, verwilderten die Eingeborenen. Inka Manko begann den Guerillakrieg; anders ausgedrückt, er wurde Raubritter. Er scharte um sich einige Hundert ehemalige Soldaten, setzte sich in den Vorbergen zwischen Kuzko und Lima fest und überfiel die Karawanen der Spanier. Seine Banden brachen unvermutet in die Niederlassungen ein, raubten Vieh, brannten Farmen nieder und mordeten jeden Weißen, den sie erwischten. Die gegen die Wegelagerer und Räuber ausgesandten Patrouillen vermochten nichts auszurichten. Unter Verlusten kamen sie wieder. Einmal geriet ein Trupp von dreißig Spaniern in einen Hinterhalt und wurde bis auf den letzten Reiter niedergemacht. Schließlich beauftragte Francisco Pizarro seinen Bruder Gonzalo mit einem größeren Zuge gegen den Inka, der sich bei der Annäherung der Truppe in die Cordillera zurückzog. Mehrfach fanden Plänkeleien statt, auch kleine Gefechte, aber ein entscheidender Schlag war unmöglich. Jeder Verlust an Streitkraft ersetzte sich wie von selbst durch Zuzug andrer Indianer. Seine Schlupfwinkel aber in den unwegsamen rauhen Bergen waren nur durch Zufall zu finden. Der Statthalter sah ein, daß auf diesem Wege keine Ordnung zu erzwingen war. Er mußte sich auf Verhandlungen legen, und da er wußte, daß der Fürst Ehrfurcht vor dem Bischof von Kuzko hatte, beauftragte er diesen damit. Valverde lud den Inka zu einer Unterredung ein, aber der Peruaner lehnte sie ab, und zwar aus einem merkwürdigen Grunde. Er hatte beobachtet, daß der Bischof bei Begegnungen mit dem Statthalter zuerst grüßte und dabei den Hut abnahm. Ein Mann aber, der unter Pizarro stehe, habe nicht die Macht, ihm vor einem Treubruche des Generals zu bürgen. Nunmehr forderte der Marques den Inka zu einer persönlichen Unterhandlung auf. Der Inka ließ sagen, er sei bereit dazu, und bestimmte als Ort sein verlassenes Lustschloß im Yukay-Tale. Pizarro begab sich alsbald dorthin und sandte von da dem Inka ein reiches Gastgeschenk entgegen, um ihn geneigter zu stimmen. Ein unglücklicher Zufall fügte es, daß der Bote (einer der Mohren, die Pizarro in seinem Gefolge hatte) unterwegs von Eingeborenen überfallen, totgeschlagen und beraubt wurde. Wie schon gesagt, das Land war völlig verwahrlost. Mit ziemlicher Gewißheit kann man annehmen, daß diese Missetat ohne Befehl und ohne Wissen des Landesfürsten geschah. Pizarro nahm das Gegenteil an und rächte sich in seinem Jähzorn maßlos. Auf einem Streifzuge durch die Sierra war die Lieblingsfrau des Inka den Spaniern in die Hände gefallen, ein schönes junges Weib. Der Statthalter ließ ihr die Kleider vom Leibe reißen und sie vor der Front seiner Soldaten nackt an einen Baum binden. Sie ward mit Ruten zu Tode gepeitscht und im Sterben mit Pfeilen gespickt. Die verwöhnte Inkafrau erlitt diese grausame Todesart ohne Klage und ohne Laut. Die hartgesottenen Landsknechte sollen vor Bewunderung oder Mitleid beinahe rebelliert haben. Pizarro gründete nunmehr nach einem bestimmten Plane militärische Stützpunkte im ganzen Lande: kleine Forts, in den je zehn, zwölf Soldaten und etliche Ansiedler (zunächst Neulinge) angesiedelt wurden. Diese Siedelungen hatten untereinander Verbindung zu halten, um bei Annäherung von Indianertrupps gemeinsame Maßnahmen zu treffen. In großen Abständen wurden größere Kastelle mit stärkerer Besatzung unter einem Offizier angelegt, um die sich größere Ansiedlungen mit einem Amtsgebäude bildeten. Der Handel, der den Fahnen folgt, tat das Weitere. Viele dieser Militärkolonien entwickelten sich zu blühenden Ortschaften. Eine solche Niederlassung war Huamanga, gelegen zwischen Kuzko und Lima. Im Bezirk Charkas entstand Villa de la Plata (Silberstadt). Auch Arequipa verdankt seinen Ursprung als spanische Stadt dieser Kolonisation. Francisco Pizarro war mit wahrer Leidenschaft bemüht, diese friedliche Durchdringung des Landes mit allen Mitteln zu fördern. Den Verkehr zu heben und von neuem zu sichern, war sein unermüdliches Bemühen. Er sorgte, daß Handwerker ins Land kamen. Er führte die europäischen Getreidearten ein und brachte den indianischen Ackerbau wieder in Ordnung. Vor allem galt sein Interesse den Bergwerken. Und diese waren es, die immer neue Ansiedler aus dem Abendlande anlockten. Dieser Zuwachs hatte die Folge, daß auch die Abenteuerlust im Lande Perú wieder stieg. Die Ankömmlinge aus Spanien meinten nicht über das Weltmeer gesegelt zu sein, um Kartoffeln und Mais zu bauen. Pizarro kam diesem Drang nach Außergewöhnlichem gern entgegen und veranstaltete Expeditionen. So ward i. J. 1540 ein Zug nach Chili unternommen, den Pedro de Valdivia führte. XXXII Das Gebiet von Quito überließ Francisco Pizarro seinem Bruder Gonzalo mit dem besonderen Auftrag, es nach Osten zu erforschen und zu besiedeln. Nach Osten, das heißt nach dem Amazonenstrome zu, dem größten Strome Amerikas, der in hundert Armen aus dem östlichen Rücken der Cordilleren zusammenflutet. Damit gelangte auch dieser damals dreiunddreißigjährige Bruder des Eroberers in eine hervorragende Stellung. Er war als Soldat ebenso tüchtig wie Hernando Pizarro, mutig und tapfer, aber kein Diplomat, kein Intrigant, kein Komödiant. Körperlich ein angenehmer und gewandter Mann, ward er als der beste Fechter Perús geschätzt. Auch zu Pferd kam ihm keiner gleich. Er soll Gemüt und Humor besessen haben, dazu eine ehrliche offene Art und echte Leutseligkeit. Seine Soldaten bewunderten und liebten ihn. Er verstand sie für alles zu begeistern, was ihm selbst am Herzen lag. Mit einem Worte, er war ein geborener Offizier. Im Kleinkrieg, wie er gegen die Indianer notwendig war, galt er als Meister. Seine Passion war es, besonders schwierige und verwegene Züge persönlich zu leiten. Zum Feldherrn und Organisator fehlte ihm der kalte berechnende Sinn. Gonzalo erhielt die Nachricht von seiner Ernennung zum Statthalter von Quito in Kuzko im Dezember des Jahres 1539. Er war hocherfreut, denn gerade dieser Gau bot unbegrenzte Möglichkeiten zu Entdeckungsfahrten nach dem östlichen Gebiet, über das als »das Land des Zimts« tausend Fabeln im Umlaufe waren. Er begab sich sofort dahin, und es dauerte nicht lange, so hatte er ein Expeditionskorps von 350 Spaniern (darunter 150 Reiter) und 4000 Indianern angeworben. Reichliche Vorräte an Lebensmitteln (allein 1000 lebendige Schweine) wurden aufgebracht. Zu Anfang des Jahres 1540 brach Gonzalo auf. Solange der Weg durch das Inka-Reich führte, auf der alten Heerstraße, gab es nur geringe Schwierigkeiten. Man kam durch Gegenden, in denen die Eingeborenen noch in Zucht und Ordnung lebten. Der schlechte abendländische Einfluß hatte hier noch nicht gewirkt. Dann aber betrat man unwirtliches Gebiet, das östliche Hochgebirge. Die großen Strapazen lichteten die Reihe der Spanier und Indianer. Dazu erlebte man ein starkes Erdbeben. Voller Grauen sah man ein ganzes Dorf unter höllischen Schwefeldämpfen in der Erde versinken. Endlich gelangte man hinab in die jenseitige weite Ebene. Waren eben noch eisige Winde, Schnee und Kälte zu ertragen, so kam man jetzt in eine erdrückende Treibhausluft. Schwere Gewitter und wochenlanger Regen hemmten den Marsch, der über schlammigen Boden mühselig dahinschlich. Etwa zehn Wochen nach dem Aufbruch von Quito war das Land Canelas (Zimtland) erreicht. Weite Wälder voll der kostbaren Bäume waren damit entdeckt. Wenn man sie hätte sogleich ausbeuten können! Durch Eingeborene erfuhr Gonzalo, daß zehn Tagreisen weiter gutbevölkertes, goldreiches Land läge. Obschon der Zweck der Expedition (die Feststellung des Zimtlandes) erreicht war, beschloß er im Einverständnis aller Teilnehmer den Weitermarsch. Das Gold lockte, so fabelhaft fern es war. Wälder und Prärien (Savanas) wechselten ab in schier ungeheuerlicher Ausdehnung. Man fand Baumriesen, die zu umfangen sechzehn Männer mit ausgebreiteten Armen nötig waren. Wiederum begann unaufhörlicher Regen. Beim Marsch durch den Urwald mit seinem Gewirr von Schlinggewächsen blieb kein Waffenrock, keine Hose, kein Stiefel ganz. Dazu gingen die Lebensmittel auf die Neige. Die tausend Schweine waren längst in der besseren Welt. Jetzt schlachtete man die großen Hunde, deren fast jeder Spanier mehrere bei sich hatte. (Man benutzte sie zur Jagd auf Eingeborene!) Aber auch diese waren längst kaum mehr als Haut und Knochen. Kurzum, es hieß Vegetarianer werden, eine grund-unsoldatische Sache, zumal auf einem solchen Marsche. Einen Tag der Freude brachte der erste Anblick und das Erreichen des Rio Napó, etwa im Mai 1540. Man zog ein paar Tage am Ufer hin; dann überschritt man ihn auf einer notdürftigen Brücke, die Gonzalo bauen hieß. Man hatte gehofft, am andern Gestade wäre das Vorwärtskommen leichter. Es war ein Irrtum. Der gleiche hohe Urwald hüben wie drüben! Erschöpft von Mühsal und Hoffnungslosigkeit hielt Pizarro an einem geeigneten Orte eine Rast von acht Wochen ab. Um das Gepäck und die Marschunfähigen fortzubringen, ließ er eine große Zille bauen. Holz war genug da; die Nägel wurden aus den gesammelten Hufeisen der längst umgestandenen und aufgegessenen Pferde geschmiedet. Statt Pech verwandte man Gummi und Harz, das den Bäumen entquoll. Das fertige Fahrzeug vermochte 200 Mann und alles Gepäck zu bergen; es war das erste abendländische Schiff, das diesen entlegenen Strom befuhr. Zum Kapitän ernannte Pizarro den Ritter Francisco de Orellano, aus Truxillo in Spanien gebürtig, einen verwegenen Mann, dem er mit diesem Kommando die Unsterblichkeit verlieh. Er ist der erste Europäer, der den Amazonenstrom, den König der amerikanischen Ströme, von der Einmündung des Napó bis zur Mündung in den Atlantic, auf einer Strecke von 300 km, befahren hat, und dies auf einem fragwürdigen Schiffe. Erst 102 Jahre später (1743) unternahm ein andrer Abendländer, der Franzose de la Condamine, die gleiche Reise. Wochenlang ging der Marsch weiter. Gonzalo führte den Haupttrupp zu Fuß entlang des Flusses, während die Zille die gleiche Strecke auf dem Wasser zurücklegte, so daß man abends Vorräte und Gepäck bereit fand. Von den Eingeborenen hörte man immer wieder, einige Tagreisen weiter fange bevölkertes Gebiet an. Schließlich machte Pizarro Halt. Auf diese Weise den Vormarsch fortzusetzen, schien unmöglich. Er ließ ein Lager errichten und gab Orellano den Auftrag, mit 50 ausgesuchten Leuten weiterzufahren und aus dem bevölkerten Gebiete Nahrungsmittel heranzuschaffen. Der Ritter samt Schiff und Genossen fuhr ab – und ward von den Zurückbleibenden nicht mehr gesehen. Die rasche Strömung führte das Schiff in drei Tagen an die über 1000 km entfernte Vereinigungsstelle des Napó mit dem Amazonas. Da er auch dort keine Ansiedlung von Eingeborenen fand, sah er sich vor der Frage: sollte er zurückgehen (was zu Schiff unmöglich war) oder weiterfahren? Man hielt Rat. Das liebgewonnene Schiff verlassen, wollte keiner. Der Gedanke, die Anderen im Stiche lassen zu sollen, ward erwogen. Aber schließlich: eine Umkehr brachte auch ihnen weder Hilfe noch Rettung. So fuhr man in den Amazonenstrom ein, dem fernen Ozean entgegen. Das war ein mannhafter Entschluß, von Erfolg gekrönt. Die Einzelheiten der Fahrt gehören nicht in dies Pizarro-Buch, denn zur Stunde, wo sich Orellano absonderte, verließ er seinen General. Es sei hier nur bemerkt, daß sein Schiff unter Überwindung von tausend Gefahren die Mündung des Stromes erreichte und sodann die Insel Margarita. Von da begab er sich nach Spanien. Im Jahre 1544 begründete er eine Ansiedlung an der Mündung des Amazonenstromes, den er Rio Orellano taufte. Dieser Name hat sich nicht eingebürgert. Der Mönch Carvajal, einer der fünfzig Genossen auf der wundersamen Fahrt, hat einen Bericht veröffentlicht (man findet ihn in der berühmten »Historia de las Indias« von Gonzalo Fernandez de Oviedo), in dem er erzählt, am Einflüsse des Rio Negro habe man Dörfer angetroffen, die nur von Weibern bewohnt seien, und diese Weiber wären ihnen »como amaconas« vorgekommen. Danach bekam der Strom seinen bleibenden Namen. Vergebens harrte Gonzalo Pizarro der Wiederkehr des Schiffes. Nach etlichen Wochen entschloß er sich zum Weitermarsche. Acht Wochen brauchte man, um die 200 Leguas (1150 km) zurückzulegen, bis man an den Amazonenstrom kam. Als man dort weder eine Spur vom Ritter Orellano noch vom Beginn eines Kulturlandes vorfand, gab Pizarro das weitere Vordringen auf. Während man noch rastete, stellte sich, verlumpt und halbverhungert, einer der Fünfzig ein, ein Landsknecht namens Sanchez de Vargas, der sich an der Weiterfahrt nicht beteiligt hatte, angeblich weil er sich darüber beunruhigte, daß man Pizarro und seine Gefährten im Stiche ließ. Die gefühlvollen Bedenken dieses weißen Raben im Jahrhundert Machiavells hatten ihr Gutes: Pizarro wußte nun bestimmt, woran er war. Es blieb ihm und seinen Leuten kaum etwas andres übrig als den langen beschwerlichen Rückweg anzutreten. Man war 400 Leguas (2300 km) von Quito entfernt. Ein Jahr war vergangen, daß man von dort weggegangen war. Somit stand man vor einem Heimmarsche, der mindestens abermals ein Jahr währen mußte. So gräßlich der Gedanke war: in der Beratung, die Gonzalo Pizarro mit den Tüchtigsten seiner Gefährten abhielt, fand man keinen anderen Ausweg. Mit dem Mute der Verzweiflung machte sich die zusammengeschmolzene Schar auf den Weg. Ende Juni 1542 (nach fünfzehn Monaten Marsch) erreichte man die Hochebene von Quito. Achtzig Spanier und 1200 Indianer waren es noch, die gebrochen und entstellt einzogen, in Tierhäute gekleidet, mit verrosteten Waffen, ohne Pferde und ohne Beute. Aber sie hatten den Ruhm, eine Entdeckungsfahrt hinter sich zu haben, die in der Geschichte Amerikas kaum ihresgleichen hat. XXXIII Nach Almagros Beseitigung beging Francisco Pizarro den großen Fehler, nicht alles zu tun und zu versuchen, sich mit der Partei des Marschalls zu versöhnen. Dank seiner Diplomatie galt nicht er, sondern Hernando Pizarro als der Mörder Almagros. Allgemein glaubte man an eine unmittelbare Rachetat Hernandos. Der Marques zerstreute die Chilianer, die dadurch nur um so treuer zusammenhielten. Er stieß ihre Führer vor den Kopf; reizte und beleidigte sie, indem er ihnen seine Verachtung und Furchtlosigkeit bei jeder Gelegenheit durchblicken ließ. Dadurch machte er sich erbitterte Feinde. In sonderbarem Gegensatz dazu behielt er den nun etwa zwanzigjährigen jungen Almagro nach wie vor in Lima. Allmählich sammelten sich, ungehindert vom Statthalter, eine reichliche Anzahl seiner Freunde und Anhänger in der Stadt. Der junge Mann brannte darauf, die Statthalterschaft von Neu-Toledo anzutreten, die ihm der Vater in seinem Letzten Willen anvertraut hatte. In stiller Hoffnung glaubte er fest daran, daß es seinem väterlichem Freunde Alvarado inzwischen gelungen sei, seine Bestätigung beim Kaiser durchzusetzen. Er wie seine Anhänger waren arm und ohne Hilfsmittel. Es wird berichtet, zwölf Ritter, die in ein und demselben Hause zu Lima wohnten, hätten nur einen einzigen Mantel besessen, den sie – zu stolz, ihre Armut öffentlich zu verraten – der Reihe nach beim Ausgange trugen. »Die armen Teufel!« pflegte Pizarro zu sagen, wenn ihn jemand vor den Chilianern zu warnen wagte. Es fiel ihm nicht ein, selbst weite Ritte in die Umgegend anders als allein zu machen. In der Stadt ging er selten mit Begleitern. Er fühlte sich frei und sicher. Um diese Zeit traf die Nachricht ein, daß die Kaiserliche Regierung einen Richter nach Perú entsendet habe (Vaca de Castro), der sich über die Wirren in der Kolonie unterrichten solle. Pizarro war über die ihm drohende Beaufsichtigung wenig erbaut, aber es lag nicht in seiner Natur, sich Sorgen zu machen. Er war sich gewiß, daß er mit dem ihm aufgehalsten Tintenmanne schon fertig werden würde. In dieser Zuversicht gab er den Befehl, ihn bei seiner Ankunft mit den ihm gebührenden Ehren zu empfangen und ihm jedwede Bequemlichkeit im Quartier und auf seinen Reisen zu bereiten. Almagros Anhänger setzten große Hoffnungen auf den hohen kaiserlichen Beamten. In der Annahme, daß er in San Miguel landen oder anlegen werde, wählten sie sofort zwei Gesandte, die ihn in Trauertracht begrüßen und ihm ihre Klagen vortragen sollten. Aber der treffliche Lizentiat erschien nicht. Es vergingen Monate, bis schließlich die Kunde einlief, seine Karavelle sei irgendwo im Norden an der Küste gescheitert und niemand wisse das Schicksal der Seeleute und Fahrgäste. Das war ein harter Schlag für die Chilianer, und der junge Almagro schrieb damals einem Vertrauten, sein und seiner Freunde Elend sei zu groß geworden, um es länger ertragen zu können. Und in einem späteren Schreiben vom 15. Juli 1541 an die Audiencia von Panama sagt er, seine Leiden damals seien hinreichend gewesen, um den Verstand zu verlieren. Die Feindseligkeit der Chilianer begann sich immer dreister zu zeigen. Man grüßte den Statthalter beim Begegnen auf der Straße schlecht, mitunter gar nicht; und einmal fand man frühmorgens am Galgen vor dem Tore von Lima drei Stricke, an den drei Zettel hingen mit den Namen: Pizarro, Velasquez (das war der Richter), Picado (der Geheimschreiber). Letzterer war besonders verhaßt, da alles durch seine Hände ging, weil der Marques bekanntlich schreibunkundig war. Picado war infolgedessen ein ebenso mächtiger wie hochmütiger Mann, dem man wohl nicht mit Unrecht vorwarf, er beeinflusse den Statthalter zuweilen nicht im Sinne des Gemeinwohls. Im Juni 1541 beschlossen die Anhänger Almagros, zur entscheidenden Tat zu schreiten: Francisco Pizarro zu ermorden. Es sollte am Sonntag den 26. Juni 1541 geschehen. Von den Verschwörern, deren Seele der heißblütige junge Diego de Almagro war, sollten zwanzig auf dem Großen Platze im Hause Almagros zusammenkommen und den Statthalter, der Sonntags die Messe besuchte, beim Heraustreten aus der Stiftskirche überfallen. Zu gleicher Zeit sollte an einem bestimmten Fenster eines Hauses an der Plaza eine weiße Fahne herausgesteckt werden, als Zeichen für die übrigen Eingeweihten. Die Chronisten leugnen zum Teil, daß Diego de Almagro um diesen Plan gewußt habe. Gleichwohl ist es im höchsten Grade wahrscheinlich. Sein Hauptberater war ein Ritter namens Juan de Rada, der von der Pike an gedient und dem Marschall Almagro seine Laufbahn zu verdanken hatte. Es war sein leidenschaftlicher Wunsch, den Sohn seines verehrten Generals zum Herrn von Peru zu erheben. Es hat selten in der Weltgeschichte eine Verschwörung gegeben, die nicht auch ihren Verräter gehabt hätte. Auch hier fühlte sich einer der Geheimbündler veranlaßt, seinem Beichtvater das Geheimnis anzuvertrauen. Selbiger eilte schleunigst zu Picado, und so erfuhr Pizarro die dunkle Geschichte. Der Marques lachte aber und meinte: »Das Pfäfflein hat Sehnsucht nach dem Bischofshute!« Sodann ließ er sich Velasquez, den Richter von Lima, holen und bat ihn, nach eignem Gutdünken das Nötige zu veranlassen. Velasquez teilte die Unbekümmertheit seines Herrn und Meisters und versicherte ihm, es werde ihm kein Ungemach geschehen. Statt die Rädelsführer ohne Verzug in sicheren Gewahrsam zu bringen, begnügte er sich mit der Absicht, die Verdächtigen im Auge zu behalten. Als der Sonntag herangekommen war, unterließ Francisco Pizarro den gewohnten Besuch der Frühmesse, indem er seiner Dienerschaft sagte, er fühle sich nicht wohl. Inzwischen hatten sich Rada und seine Genossen in der Halle von Almagros Haus versammelt und warteten auf den Kirchgang des Statthalters. Als der aufgestellte Beobachter meldete, Pizarro sei nicht zur Messe gegangen und angeblich krank in seinem Quartier, gerieten die Verschwörer in Aufregung und Bestürzung. Sie argwöhnten, ihr Vorhaben wäre entdeckt. Man beriet. Die einen meinten, da ihr Leben verwirkt sei, müsse man rasch noch alles wagen. Andre schlugen vor, auseinanderzugehen und sich harmlos zu benehmen. Angesichts dieses Schwankens riß der Ritter de Rada die Haustüre auf und stürzte nach der Statthalterei mit den Worten: »Mir nach! Sonst melde ich dem Marques unsern Plan!« Wohl oder übel folgten ihm alle andern mit dem Rufe: »Heil dem Kaiser! Nieder mit dem Tyrannen!« Es war mittags 12 Uhr, damals die Tischzeit in den spanischen Kolonien. Für gewöhnlich war um diese Zeit der Große Platz menschenleer. Die Wenigen, die aus ihren Häusern kamen, weil sie den Tumult hörten, kümmerten sich nicht um die Bedeutung der sonderbaren Mittagsstörung. Der Palast des Statthalters lag auf der andern Seite, dem Hause Almagros gegenüber. Der Vorhof war durch ein festes Tor verschlossen. Es stand offen. Im Hofe traf der laute Trupp der Verschwörer auf zwei Diener. Einer rannte ins Haus; den andern stach man nieder. Der Fliehende rief: »Hilfe! Hilfe! Die Chilianer kommen, den Marques zu morden!« Pizarro saß noch bei Tisch. Das Mittagsmahl war eben zu Ende. Drei, vier Ritter und Offiziere waren bei ihm, die sich nach seinem Befinden erkundigt hatten, dazu der Richter Velasquez und der jüngst ernannte Bischof von Quito, der sich eben beim Statthalter abmelden wollte. Auch Martine de Alcantára, Pizarros Halbbruder, sein Hausmarschall, war im Saale. Als man den Lärm im Hofe vernahm, begaben sich fast alle anwesenden Herren in den Vorsaal und die breite Treppe hinab, um die Ursache festzustellen. Als sie die bewaffnete, wilderregte Schar in die Halle stürzen sahen, zogen sie sich zurück, um alsbald über einen Altan in den Garten zu springen und das Weite zu suchen. Velasquez befand sich unter diesen Feiglingen. Der Marques erkannte die Gefahr. Er rief dem Ritter Francisco de Chaves, einem Offiziere seines Stabes, zu, er solle die Türe nach dem Vorsaale zu schließen. Der Befehl war im ruhigsten Tone ausgesprochen, aber die Panik war bereits eingetreten. Statt die Türe zu verrammeln, öffnete Chaves einen Flügel, um hinauszuschauen. Im selben Augenblicke stießen ihn die schon draußen Stehenden nieder und Rada und seine Genossen drangen mit blanken Waffen in den Saal, rufend und schreiend: »Wo ist der Marques? Nieder mit dem Tyrannen!« Pizarro war mit seinem Bruder Martino in das Nebenzimmer gegangen, um den Panzer anzulegen und sich den Helm aufzusetzen. Er war noch nicht fertig. Alcantára und Pizarros beide Edelknaben stürzten mit gezogenen Degen zurück in den Saal, damit der Marques Zeit gewänne. Auch der noch anwesende Offizier vom Dienst versuchte mutigen Widerstand. Es begann ein Kampf. Zwei Verschworene fielen; Alcantára und die Pagen bluteten. Der Offizier ward überwältigt. Da erschien Francisco Pizarro. Er hatte den Panzer fortgeworfen. Den rechten Arm mit dem Mantel umwickelt, eilte er mit dem Degen dem Bruder zu Hilfe. Es war zu spät. Martino und die Pagen sanken zu Boden. Abermals fielen zwei der Verschworenen, vom ergrimmten Marques hingestreckt. Einen Augenblick wichen alle andern zurück; dann stürzten sie im Rudel auf ihr Opfer. Rada packte einen seiner Genossen und warf ihn Pizarro entgegen. Der spießte ihn mit dem Degen auf. Im selben Moment erhielt er einen starken Säbelhieb am Halse. Taumelnd sank er in die Knie, von den Schwertern Radas und den andern vielfach durchbohrt. »Jesus, sei mir gnädig!« rief er; da traf ihn der Todesstoß. XXXIV Sowie die Verschwörer ihre Mordtat begangen hatten, eilten sie auf die Plaza und riefen den jungen Almagro zum Statthalter und General aus. Alle seine Parteigänger waren rasch zur Stelle. Der Ritter de Rada hatte alsbald 300 Bewaffnete unter seiner Fahne. Pizarros nächste Freunde und höhere Offiziere wurden verhaftet; sein Haus sowie das seines Sekretärs Picado geplündert. Im übrigen nahm man den bisherigen Machthabern nur Waffen, Pferde und Munition. Viele erklärten sich für die neue Regierung, u. a. der Schatzmeister Riquelme, ein ängstlicher Schelm. Wer es nicht tat, war seines Amtes verlustig. Schlimm erging es dem Geheimschreiber. Man ergriff ihn – er hatte sich in das Haus Riquelmes geflüchtet, der ihn verriet, um sich den Chilianern gefällig zu erweisen –, und er wurde ins Gefängnis geworfen, das er nur zum Gange zu Folter und Schafott wieder verlassen sollte. Erst jetzt geriet die Einwohnerschaft in Erregung. Um die Parteien zu beschwichtigen, zogen die Mönche vom Orden der barmherzigen Brüder mit vorangetragenem Kruzifix durch die menschenvollen Straßen. Zumeist erkannte man als Gewalthaber den jungen Diego de Almagro an, der, von aufgeputzten Rittern und bezechten Landsknechten umgeben, stolz auf gestohlenem Gaul unter Trompetenschall und Paukenschlag mit Triumphatormiene seinen Umzug durch die Stadt machte. Das ist in allen Jahrhunderten die nämliche Groteske! Die Leichen Pizarros und seiner fünf Getreuen blieben in ihrem Blute liegen, wo sie lagen. Fanatiker verlangten, man solle den toten Löwen köpfen und den Kopf am Galgen ausstellen, aber Freunde des Toten bewogen Almagro, ein stilles Begräbnis an angemessenem Orte zu gestatten. Ein treuer Diener, dessen Frau und drei Mohren, die zu Pizarros Haushalt gehörten, wickelten ihren gemordeten Herrn in ein großes Tuch und trugen ihn bei Anbruch der Nacht nach der Stiftskirche. In einem Winkel war eiligst ein Grab gegraben worden. Der Hausgeistliche sprach ein kurzes Gebet, und beim Schimmer von ein paar armseligen Wachskerzen fand der bisher so Gewaltige ohne Prunk und Pracht seine letzte Ruhestätte. Erst über zehn Jahre später, als Perú zu Ruhe und Frieden gekommen war, wurden Francisco Pizarros Gebeine wieder ausgegraben, in einen fürstlichen Sarg gelegt und unter einem stattlichen Grabmale in einer der Kapellen der Kirche feierlich beigesetzt. Im Jahre 1607 überführte man den Sarg in die neue Stiftskirche von Lima, wo noch heutigentags das Grabmal des Eroberers an seine Taten erinnert. Gewiß ist man berechtigt, ihm viel Übles und Arges vorzuwerfen. In der Geschichte Spaniens steht Francisco Pizarro in der Reihe der Helden, d. h. der Männer, die für das, um was sie kämpften, allezeit und immer wieder freudig ihr Leben einsetzten; in der Geschichte Perús ist er die Verkörperung des schlimmsten Schicksals; in der Geschichte der Menschheit ist er einer der Träger jener uns dunklen Willenskraft der Schöpfung, die wir den ewigen Kampf nennen. Pizarro ist 63 Jahre alt geworden. Die Nachwelt hat zwei Bildnisse von ihm. Das eine, auf das die beiden Stiche zurückgehen, die diesem Buche beigegeben sind, ist vermutlich i. J. 1529 in Spanien gemalt. Ein andres, das den Marques in bürgerlicher Tracht (mit der Capa y espada, dem schwarzen Mantel der spanischen Granden) darstellt, etwa a. d. J. 1536, hängt noch heute im ehedem vizeköniglichen Palast zu Lima. Sein hinterlassenes Vermögen hätte ungleich größer sein können. Große Summen spendete er für die Staatsbauten in seiner geliebten Stadt Lima. Der Kaiser hatte ihm ein Gebiet mit 20000 Untertanen als Privateigentum verliehen, aber er hat niemals seine Rechte hierauf geltend gemacht, ebenso nicht seine Erben. Er war Junggeselle; in den letzten sieben Jahren teilte sein Hauswesen eine der Töchter des Königs Atahuallpa. Sie hat ihm eine Tochter und einen Sohn geschenkt. Letzterer ist jung gestorben. Die noch junge Mutter heiratete nach Pizarros Tode einen spanischen Ritter namens Ampuero, dem sie nach Spanien folgte. Pizarros Tochter Francesca begleitete sie und verheiratete sich um 1552 mit ihrem siebenundachtzig jährigen Oheim Hernando Pizarro, wahrscheinlich um ihm eine Erbin zu sein. Seine Festungshaft war offenbar nur dem Namen nach ein Gefängnis. Der bereits (S. 206) erwähnte Enkel von Hernando Pizarro, Don Juan Pizarro, Marques de la Conquista, stammt wohl aber nicht aus dieser Ehe. Unmittelbare Nachkommen von diesem leben als Landedelleute unter gleichem Namen noch heute in der Gegend von Truxillo. XXXV Alsbald nach dem Staatsstreich sandte Almagro Bevollmächtigte nach allen spanischen Ansiedlungen, unter militärischer Bedeckung, um seine Anerkennung im ganzen Lande zu erzwingen. In Truxillo und in Arequipa leistete man dieser Aufforderung ohne Einspruch Folge. In Kuzko fand man einigen Widerstand, aber Almagros Partei bekam das Übergewicht. Wer sich der Anerkennung verschloß, verlor Amt und Stimme. Ähnliches geschah andernorts. Abgewiesen wurden die Beauftragten in Quito. Es bildeten sich zwei der alten Regierung getreue Gegenheere: das eine in der Nähe von Kuzko (wahrscheilich in Xauxa) unter dem Hauptmann Alvarez de Holguin; das andre in Quito unter Alonso de Alvarado. (Gonzalo Pizarro war von seinem Zuge nach dem Amazonas noch nicht zurück.) Holguin setzte sich in Besitz von Kuzko, jagte die Chilianer weg und setzte die alten Behörden von neuem ein. Alvarado setzte sich mit dem inzwischen (im Frühjahre 1541) im Hafen von Buenaventura gelandeten Christoval Vaca de Castro in Verbindung. Zu den 350 km von dort bis Popayán (800 km nördlich von Quito) hatte er ein volles Vierteljahr gebraucht. In Popayán erfuhr er in den ersten Julitagen des Jahres 1541 die Ermordung Pizarros. Sowie er Alvarados Schreiben empfangen hatte, setzte er seine Reise nach Quito fort. Gonzalo Pizarros Stellvertreter, Alvarado, empfing ihn auf das fürsorglichste. Ein Dritter stellte sich ein: der Ritter Benalcazar, der an der Spitze eines kleinen Korps aus Spanien zurückgekehrt war. Als er sah, daß die Provinz fest in der Hand Alvarados war, verzichtete er auf seine heimlichen eigenen ehrgeizigen Pläne und erklärte sich bereit, gegen Almagro zu kämpfen. Jetzt hielt es Vaca für angebracht, die kaiserliche Bestallung vorzuweisen, die ihn im Falle von Francisco Pizarros Tod zum Statthalter von Perú ernannte. Alvarado und Benalcazar verbargen ihr Erstaunen, äußerten gewisse Bedenken, gelobten aber dem kaiserlichen Willen ihre Treue. Inzwischen wuchs Almagros Partei, und sein Heerführer, der Ritter de Rada, war auf das eifrigste bemüht, wohlausgerüstete Truppen aufzustellen. Um das dazu nötige Geld zu haben, beschlagnahmte man alle öffentlichen Kassen und Gelder. Da dies nicht reichte, ward Picado, der im Kerker sitzende Geheimschreiber, vernommen und gefoltert, um zu erfahren, wo der Marques etwa noch verborgene Schätze habe. Er gestand nichts, sei es, daß er es nicht verraten wollte, sei es, daß er die Orte wirklich selber nicht wußte. Wahrscheinlich hatte Pizarro sein Vermögen längst in der Heimat angelegt. In ihrer Wut darüber ließen die Führer der Partei den unglücklichen Sekretär ohne langen Prozeß öffentlich auf der Plaza von Lima köpfen. Es wird berichtet, der Bischof Valverde habe sich für Picado verwendet. Vermutlich glaubte der graugewordene Sünder, er müsse sich als oberster Seelensorger in Szene setzen. Kurze Zeit darauf baten Valverde und Velasquez (der Richter) um die Erlaubnis, ihre Ämter niederlegen und sich nach Spanien einschiffen zu dürfen. Andre Anhänger Pizarros schlossen sich an. Valverde hielt sich im November 1541 in Turmbez auf. Sodann besuchte er die Insel Puna. Offenbar wollte er, in der Absicht, seine Erlebnisse in Peru zu beschreiben, noch einmal alle die Orte sehen, an denen sich ehedem wichtige Ereignisse abgespielt hatten. In Puna erreichte ihn sein Schicksal. Er fiel in die Hände der Indianer, die ihn samt seinen Begleitern totschlugen. Verdienste um die Eingeborenen, deren Schutzherr er hätte sein sollen, kann man ihm mit dem besten Willen nicht nachweisen. Im Gegenteil, er gehörte zu jenen heimtückischen Fanatikern, die Christi Namen mit Blut besudelt haben, wo sie nur konnten. Während man sich noch rüstete, erhielt Almagro die Nachricht, daß Holguin mit seinem Heere in der Stärke von 300 Mann von Kuzko aufgebrochen war, um Alvarado entgegenzumarschieren. Diese Vereinigung mußte verhindert werden. Almagro hatte nur Aussicht auf den Enderfolg, wenn er erst Holguins, dann Alvarados Truppen einzeln vernichtete. Es wäre falsch, anzunehmen, Almagro habe ein selbständiges Reich Perú errichten wollen. Das wäre offener Abfall vom Mutterlande gewesen. Daran war aus hundert Gründen gar nicht zu denken. Almagro wollte vor allem das Erbe seines Vaters antreten, d. h. als Statthalter von Neu-Toledo anerkannt werden. Zweifellos aber trachtete er danach, Pizarros Gebiet an sich zu reißen und, falls dies ihm gelänge, die Provinz Quito dazu. Über eines war er sich wohl nicht genügend klar: daß die Kaiserliche Regierung ihm ein so großes Reich nur anvertrauen werde, wenn er es ohne Bürgerkrieg fest in den Händen hatte. Wie die Dinge lagen, hätte er sich von vornherein auf Chili beschränken sollen. Und wie töricht, verblendet und schlecht beraten muß er gewesen sein, wenn er geglaubt hat, daß man die Ermordung Pizarros ohne weiteres hingehen lasse. Vaca war ein sehr bedächtiger und umsichtiger, aber zielbewußter und zäher Mann, hart und unerbittlich, berechnend und weitblickend, klug und verschlagen. Er sandte Alvarado mit dem Heere (etwa 500 Mann) vor, vermutlich auf dem Wasserwege, so daß wir ihn im Spätherbst 1541 im Hafen an der Mündung des Huaura stehen sehen, 600 km nördlich von Lima. Vaca für seine Person besuchte alle Niederlassungen, die auf seinem Wege lagen, von Quito bis Truxillo, ohne sich zu übereilen. Man erkannte ihn überall an, denn er machte den besten Eindruck auf die Ansiedler, die nichts mehr ersehnten als gründlichen Frieden im Lande und eine ordentliche und gerechte Regierung. Almagro gedachte Holguin bei Xauxa zu fassen. Da ereignete sich auf dem Marsche dahin ein folgenschweres Ereignis: sein Feldherr, der Ritter de Rada, starb plötzlich. Er war Sechziger, hatte in seinem Soldatenleben viel erlebt und sich insbesondere seit dem Staatsstreiche allzuviel zugemutet. Er war der Organisator und die Seele des Unternehmens. Er starb an einem Fieberanfall. Bisher hatte Diego de Almagro sich in allem auf Rada, den treuen, erfahrenen und uneigennützigen Vasallen, verlassen. Von Stund an nahm er die Zügel in die eigene Hand. Keinen seiner Offiziere konnte er zum selbständigen General machen, schon nicht, weil sie untereinander (als echte Hispanier!) maßlos eifersüchtig waren. Seine beiden besten Unterführer waren Christoval de Sotelo und Garcia de Alvarado. Es dauerte nicht lange, da erschlug Garcia den Sotelo bei einem Wortwechsel. Der Überlebende betrug sich dann derart anmaßend, daß Almagro ihn beseitigen mußte. Er drang mit einem Dutzend Landsknechten nachts in sein Quartier und ließ ihn erschlagen. Sein strategisch richtiger Plan, Holguin vor seiner Vereinigung mit Alonso de Alvarado anzugreifen, mißglückte. Als er in die Gegend von Xauxa kam, war der Gegner bereits durchmarschiert und im Passe des Sierra verschwunden. Ihm zu folgen, hätte in jenem Gelände keinen Zweck gehabt. So begab er sich nunmehr nach Kuzko, um sein Heer mit allen Kräften schlagfertig zu machen. Der schon öfters genannte Ritter Pedro de Candia, ein Grieche von Geburt, verstand sich auf den Geschützbau und die Anfertigung von Waffen und Rüstzeug aller Art (Büchsen, Lanzen, Panzerhemden, Helme usw.). Durch seine Geschicklichkeit gelangten die Chilianer in den Besitz von sechszehn Kanonen verschiedenen Kalibers, gegossen aus einer Legierung von Kupfer und Silber. An letzterem Metall war durch die inzwischen entdeckten Gruben von Potosi kein Mangel. Ebenso verfügte man zur Bereitung von Schießpulver reichlich über Salpeter aus einem Bergwerke bei Kuzko. Eine unerwartete Verstärkung brachte das plötzliche Wiedererscheinen des Inka Manko, der ihm nicht nur seine etwa 1000 Mann für den Fall der Gefahr feierlich versprach, sondern ihm auch eine Menge Schwerter und Rüstungsstücke aus früher gemachter Beute auslieferte. Wahrscheinlich sah er im jungen Almagro, dem Mestizen, den kommenden Befreier des Landes. Trotz seiner tüchtigen Kriegsbereitschaft versuchte Almagro in durchaus verständlicher und verständiger Weise den Weg friedlicher Auseinandersetzung. Er schickte im Frühjahr 1542 ein ausführliches Schreiben an Vaca de Castro, der unterdessen sein Hauptquartier nach Lima verlegt hatte. In diesem ehrerbietigen und gemessenen Briefe erklärte er, daß er im Grunde nicht die Absicht habe, dem Vertreter Seiner Majestät mit Waffen entgegenzutreten. Er wolle nichts, als sich Neu-Toledo sichern, das seinem Vater zugewiesen und ihm vererbt worden sei. Das Gebiet Francisco Pizarros mache er dessen Nachfolger nicht streitig. Er schloß mit dem Vorschlage, die Entscheidung der heimatlichen Kaiserlichen Regierung zu übergeben und sich bis dahin jeder auf sein Gebiet zu beschränken. Der hochmütige Vaca gab keine Antwort. Nunmehr entschloß sich Almagro zum Äußersten und trat in der zweiten Hälfte des August 1542 den Vormarsch an. Unter dem weißen Banner der Chilianer hatten sich 500 Mann geschart (200 Reiter, 200 Pikeniere, 100 Büchsenschützen). Die Artillerie (16 Geschütze, davon 8 leichte und 8 schwere) führte Pedro de Candia. Vaca hatte mit der nämlichen Schwierigkeit zu tun wie jüngst Almagro. Als er von Truxillo in Huaura eintraf, fand er seine beiden Obristen Alonso Alvarado und Alvarez de Holguin in zwei scharf getrennten Lagern vor. Er kam just zurecht, um einen Zweikampf zwischen den beiden Offizieren zu verhindern. Die Herausforderung war bereits erfolgt, aber es gelang dem gewandten Statthalter, die Eifersüchtigen zu versöhnen, indem er erklärte, er werde, wenngleich nicht Soldat von Beruf, den Oberbefehl über sein Heer selbst führen und beide bei jedweder Beratung hören. Sodann war er mit einer kleinen Abteilung bis Lima vorgerückt, während er die Hauptmasse nach Xauxa vorschob. Auf die Meldung von Almagros Anmarsch eilte er mit seinen Truppen, die sich inzwischen aus San Miguel, Truxillo, Arequipa usw. verstärkt hatten, nach Xauxa. Er hatte 700 Mann vereint, darunter 300 Reiter, die aber an Tüchtigkeit den gegnerischen nachstanden, auch schlechter beritten waren. An Artillerie besaß er nur vier Falkonette. In Xauxa erhielt Vaca ein Schreiben von Gonzalo Pizarro, der, wie bereits erzählt, Ende Juni 1542 wieder in Quito eingetroffen war und jetzt dem Statthalter seine Dienste anbot. Vaca dankte ihm auf das verbindlichste, lehnte sein Angebot aber ab und bat ihn unter Ausdrücken der Bewunderung, er solle sich zunächst gründlich von den großen Strapazen seiner Expedition nach dem Zimtlande erholen. Vaca hatte schon alle Mühe, mit Alvarado, Holguin und anderen fertig zu werden. Den unbotmäßigen Benalcazar hatte er bereits kurzerhand nach Popayán (sozusagen in die Etappe) zurückgeschickt. Noch einen ewig tatenlustigen Kondottiere in seinem Stabe bändigen zu sollen, dazu verspürte er zumal zu so entscheidender Zeit keine Neigung. Gonzalo nahm ihm die Abweisung natürlich schwer übel. Die Geländeerkundung ergab, daß eine Stellungnahme bei Huamanga (170 km südlicher) besser sei als eine solche bei Xauxa. Darauf rückte Vaca bis dahin vor, während Almagro bei Bilkas (60 km entfernt) stehen blieb. Abermals sandte er dem Statthalter einen Vergleichsvorschlag. Vaca ging auf eine Unterhandlung ein, lediglich um Zeit zu gewinnen, den Krieg zunächst moralisch zu führen. Er machte heimliche Anknüpfungsversuche mit Almagros bedeutendsten Offizieren. Einer seiner Agenten, den der offizielle Unterhändler als Indianer verkleidet mit sich nahm, ward entlarvt. Auf der Folter gestand er alles und wurde als Spion gehenkt. Vaca stellte folgende Bedingungen: 1. Auslieferung aller Personen, die an Pizarros Ermordung unmittelbar beteiligt waren, 2. Auflösung von Almagros Heer. Dafür sicherte er ihm und allen seinen andern Anhängern die kaiserliche Amnestie zu. Almagro beriet sich mit seinen Hauptleuten. Allgemein war man der Meinung, daß die Bedingungen unannehmbar seien, da man sich gegenseitig feierlichst unverbrüchliche Treue gelobt habe. Auch war die Episode mit dem ertappten Agenten nicht angetan, das Vertrauen zum Statthalter zu stärken. Kurzum: die Würfel sollten fallen. Während der Verhandlung und Beratung hatte Vaca seine Stellung verändert. Jetzt stand er in der Ebene von Chupas, die günstiger für den Reiterkampf war. Das Wetter war scheußlich. Regen, Hagel, Schnee und Stürme jagten sich. Es war hundekalt. Die durchnäßten und durchfrorenen Truppen gerieten in Mißstimmung. Alles drängte zur Entscheidung. Am Spätnachmittag des 16. September 1542 stießen beide Heere aufeinander. Vaca de Castro hatte sein Zentrum (die Pikeniere und Bogenschützen) selber führen wollen. Auf einem prächtigen Rappen, eine leuchtende Feldbinde über dem Panzer, im Schmucke des Sankt-Jago-Kreuzes, ritt er die Fronten der zum Gefecht aufmarschierten Truppen ab und hielt die übliche Ansprache, in der er darauf hinwies, daß der Kaiser den Bürgerkrieg verabscheue und jeden ehren werde, der ihn für immerdar beende. Auch verfehlte er nicht, das sämtliche Hab und Gut der »Rebellen« zur freien Beute zu erklären. Wie klug dieses Versprechen war, geht aus einer Bemerkung in einem Berichte des Capitano Carbajal (1543) hervor, wo es heißt, des Statthalters Rede habe die Landsknechte dermaßen ergriffen, daß man »wie zu einem Ball ins Gefecht« gegangen wäre. Dem hier zum ersten Male erwähnten Francisco de Carbajal (1474 - 1548) gebühren einige Worte als einem Prachtexemplare des Raubtieres Mensch, wie es in den Tagen der Renaissance brillierte. Er hatte bei Ravenna, Pavia (1525), beim Sturm auf Rom ruhmvoll mitgekämpft; später war er nach Mexiko gegangen, und 1536, als Pizarro Beistand gegen die aufständischen Indianer erbat, hatte ihn Ferdinand Cortes nach Perú entsandt. Der Marques hatte ihn mit einem Landgute bei Kuzko belohnt. Als Reitersmann, der er als hoher Siebziger noch war, hatte er die Gegend um Kuzko Tag für Tag durchstreift. Er kannte jeden Paß, jede Höhe, jedes Tal, jeden Pfad, jeden Bach. Ehe Vaca in Lima ankam, hatte er seine Besitzung verkauft und war gerade im Begriffe, sich nach Alt- Kastilien einzuschiffen, um dort seine letzten Tage in aller Behaglichkeit zu verleben; aber die Heimfahrt war unmöglich, weil Vaca de Casto alle Schiffe beschlagnahmt hatte. So verfiel Carbajal von neuem dem Dämon des Kriegs. Er stammte aus Arévalo (gelegen in der Mitte zwischen Valladolid und Madrid) und soll niederer Herkunft gewesen sein. Almagros Artillerie versagte im Auftakt der Schlacht. Pedro de Candia (einer der dreizehn Getreuen von anno 1527!) war insgeheim von Vaca zurückgewonnen worden. Als Almagro wahrnahm, daß Pedro über den Feind hinwegschießen ließ, ritt er nach dessen Beobachtungsstand, stellte ihn ergrimmt zur Rede und stach ihn mit dem Degen nieder. Alsbald wirkte das Artilleriefeuer verheerend. Alonso de Alvarado, der die Reiterei des rechten Flügels führte, erlitt große Verluste und kam nicht an den Gegner heran. Da entsandte Vaca – der auf Alvarados dringende Bitte Abstand genommen hatte, vordere Truppen im Gefecht zu führen, und sich nun begnügte, die noch nicht eingesetzten 40 Reiter der Reserve zu befehligen – den Obristen Carbajal mit einer Abteilung Büchsenschützen, die auf einem verschmitzten Umwege dem Feinde in den Rücken fiel. Carbajals Geländekenntnis brachte hier reiche Frucht. Als es endlich zum Nahkampf kam, hatte Holguin schweren Stand gegen die dicken Indianerschwärme auf dem rechten feindlichen Flügel unter dem Inka Manko. Er selbst fiel zu Beginn des Gefechts. Im Mittelpunkt der Schlacht, zwischen den Pikenieren beider Parteien, ging es heiß her. Es biß mancher ins Gras, und Zarate berichtet sogar, daß beim Füllen der entstehenden Lücken Offiziere hinter der Front mit dem Degen nachhalfen. Auch das Reitergefecht, das sich entspann, war über die Maßen heftig, denn jeder Chilianer war sich darüber klar, was ihm nach einer Niederlage drohte. Lange blieb es zweifelhaft, ob den weißen oder den roten Bannern das Kriegsglück zufallen solle. Es dunkelte bereits stark, als Vaca erkannte, daß der entscheidende Punkt auf seinem rechten Flügel lag, wo Alvarados Reiter auf das leidenschaftlichste mit denen Almagros kämpften. Jetzt ritt er mit seinen vierzig frischen Reitern an. Die bereits matten Leute Alvarados legten sich von neuen ins Zeug und unterstützten ihrerseits den Angriff des Statthalters. Dreizehn von den vierzig fielen, aber die Schlacht war gewonnen. Almagros Reiter wichen. Es war neun Uhr abends geworden, als Vaca die Trompeten blasen ließ und damit die Verfolgung abbrach. Viele der Besiegten vermochten sich nur dadurch zu retten, daß sie Gefallenen die roten Abzeichen abnahmen und sich ansteckten. Vaca verblieb die Nacht hindurch auf dem Gefechtsfelde. Die Nacht war bitterkalt und kostete manchen Schwerverwundeten das Leben. Erst am Morgen begannen die Feldschere und Ärzte ihre Tätigkeit, und auch die Mönche, die den Sterbenden den letzten Trost brachten. In vier großen Gruben fanden die Toten ohne Unterschied der Partei die letzte Ruhe. Die Leichen der höheren Offiziere (Holguins und anderer) brachte man nach Huamanga. Über all den Soldatengräbern flatterten nebeneinander die zerfetzten roten und weißen Fähnlein. Es waren insgesamt an die 300 Mann gefallen. Der Verlust des Siegers war größer als der des Besiegten; das Artilleriefeuer hatte das seine getan. Almagro floh nach Kuzko, dessen Behörden ihn in Gewahrsam nahmen. Ehe Vaca nach der Königsstadt weiterzog, hielt er in Huamanga ein strenges Gericht ab. Hier zeigte sich der erbarmungslose Jurist! Vorsitzender war der Lizentiat de la Gama. Vierzig der Gefangenen wurden zum Tode verurteilt; dreißig andre zum Verlust der einen oder beider Hände. Einige wenige kamen mit Verbannung aus Perú davon. Die Urteile wurden sofort vollzogen. Vaca de Castro war der Meinung, nur durch außergewöhnliche Unerbittlichkeit könne die vom Kaiser eingesetzte Regierung volles Ansehen und volle Macht erringen. Der Einzug in Kuzko geschah unter großem Prunk. Auch dadurch führte er sich bei den Ansiedlern wie bei Eingeborenen als erster Machthaber wirkungsvoll ein. Sofort nach dem Einmarsche fand das Kriegsgericht über den jungen Almagro statt. Er wurde wegen Rebellion zum Tode verurteilt und auf dem Großen Platze zu Kuzko durch den Henker enthauptet. Er hatte keine andre letzte Bitte, als neben seinem Vater bestattet zu werden. Ohne daß er sich, wie gebräuchlich, die Augen verbinden ließ, beugte er seinen Hals und erlitt das Unvermeidliche in Fassung und Würde. Seinem Willen gemäß brachte man seine Überreste nach dem Kloster La Merced, wo der Marschall seine Ruhestätte gefunden hatte. Diego de Almagro war zweiundzwanzig Jahre alt, als er sterben mußte. In vielem ähnelte er seinem Vater. Sein Schicksal hätte er, ohne sich und ihm untreu zu werden, kaum ändern können. Der Mord an Pizarro war ein Akt der Privatrache, wie sie im Secento gang und gäbe war. XXXVI Während sich alles das ereignete, begab sich Gonzalo Pizarro nach Lima. Er verhehlte seine Verstimmung niemandem. In der Tat hatte er alle natürlichen Rechte auf die Statthalterschaft seines Bruders. Vaca de Castro erfuhr seine bitteren Reden, und da ihm daran lag, Pizarros Gereiztheit zu besänftigen, forderte er ihn auf, nach Kuzko zu kommen. Vorsichtig, wie er war, legte er zugleich eine Besatzung nach Lima. Gonzalo leistete dem Rufe Folge. An der Spitze eines wohlgerüsteten Gefolges von Rittern zog er in Kuzko ein. Seine Unterredung mit dem neuen Statthalter verlief zeremoniell. Vaca riet ihm, sich auf sein schönes Besitztum in Charkas zurückzuziehen, und Pizarro sah wohl ein, daß dies zur Zeit das Tunlichste sei. Vacas Urbanität und Sicherheit machte Eindruck auf ihn. Ohne Groll schied er von ihm und begab sich nach Porco, wo er sich an die planmäßige Ausbeutung seiner reichen Silbergruben machte. Sein Reichtum stieg dadurch ins Ungemessene. Der Statthalter entließ den größeren Teil seines Heeres und begann sich mit allem Eifer der Verwaltung des Landes hinzugeben. Um die Berufssoldaten zu beschäftigen, schickte er eine Expedition nach dem Ursprungsgebiet des La Plata. Seine Fürsorge galt in ehrlichster Weise auch den Eingeborenen, indem er eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen erließ, die sie vor Erpressungen und Mißhandlungen schützen sollten. Er forderte sie auf, sich in den spanischen Ansiedlungen selbständig niederzulassen, und unterstützte die Familien, die dem Folge leisteten. Um die Plünderungen der Indianerdörfer zu verhindern, richtete er in den Tambos Herbergen ein, die zum Teil von Indianern verwaltet wurden. Dadurch hob und sicherte sich der Verkehr auf den ehedem so gefahrlosen Staatsstraßen wieder einigermaßen. Die Repartimientos wurden nachgeprüft und eingeschränkt. Fernerhin gründete er Schulen für die Kinder sowohl der Spanier wie der Eingeborenen. Vor allem versuchte Vaca die im ganzen Lande arg zerrütteten Geldverhältnisse zu ordnen und zu stärken, sowie auf einen regelmäßigen Export von Landeserzeugnissen hinzuwirken. Damit eröffnete Vaca de Castro Wege und Pläne, für die man ihm allgemein hätte dankbar sein müssen. Die Vernünftigen im Lande erkannten seine guten Absichten gewiß an; aber Vaca war nicht beliebt, zumal er die Repartimientos angetastet hatte. Die spanischen Ansiedler hatten nur ein Bestreben: mit allen Mitteln reich zu werden. Wer ihnen hierin irgendwie Hindernisse bereitete, war ihr Mann nicht. Vacas Berichte in die Heimat nahmen keine Rücksicht auf Privatinteressen, die seinem Kolonie-Ideal zuwiderliefen. Ihm dünkte eines mit vollem Rechte schmachvoll für die Spanier: die Knechtung der Eingeborenen. Nicht daß er im modernen Sinne ein Menschenfreund gewesen wäre: sein starkes Rechtsgefühl sprach auch hier. Er war überzeugt, daß der Kastilier auch in seiner fernsten Kolonie rechtlich und gerecht denken und handeln müsse. Voller Abscheu wandte er sich gegen jedwede Barbarei. Es war ihm zu Ohren gekommen, daß die Farmer mit Bluthunden Jagd auf Indianer machten, daß man Indianerdörfer überfiel, um Jungfrauen zu rauben, daß man altgewordene indianische Arbeiter totprügelte oder verhungern ließ, und ähnliches mehr. Vacas Berichte stärkten die unablässigen Bemühungen eines Mannes, der von seinen Zeitgenossen vielfach als übertreibender Fanatiker verspottet worden ist, der jedoch in der Geschichte Amerikas eine edle Rolle spielt: Las Casas, des Bischofs von Chiapa. Im Jahre 1542 überreichte der Dominikaner dem Kaiser sein reiches Material zugunsten der bedrückten Indianer in den amerikanischen Ansiedlungen. Die Folge war, daß umfangreiche Verordnungen ausgearbeitet und erlassen wurden, die allerdings reichlich nach Bureaukratismus rochen. Man rückte den Repartimientos zu Leibe, indem man neue Verordnungen erließ, um sie stark einzuschränken und zu beaufsichtigen, und mit gänzlicher Entziehung bei nachgewiesenem Mißbrauch der zugewiesenen Eingeborenen drohte. Man hat es für merkwürdig befunden, daß ferner ein Vizekönig ernannt ward unter Zurückberufung des Statthalters Vaca. Wahrscheinlich war er am Kaiserlichen Hofe verdächtigt worden. War die Schlacht in der Ebene von Chupas wirklich unvermeidlich, war das ihr folgende Strafgericht nicht allzu grausam gewesen? Vielleicht auch waren Vacas kulturelle Verdienste in Spanien noch unbekannt. Und schließlich hielt man ihn wohl für nicht genug repräsentativ. Der Kaiser wählte für den so schwierigen Posten den Ritter Blasco Nuñez Vela, gebürtig aus Avila, einen stattlichen, tapferen, wenngleich schon älteren Mann von altem Adel. Er hatte sich die Hochschätzung Karls V. in verschiedenen hohen Ämtern errungen. Gleichwohl war die kaiserliche Wahl verfehlt, wie sich durch die kommenden neuen Wirren in Perú sehr bald herausstellen sollte. Dem neuen Vizekönig gab man einen Gerichtshof aus vier Richtern mit weitgehenden Befugnissen bei. Der bis dahin bestehende Gerichtshof in Panamá ward aufgelöst, weil Perú die wichtigere Kolonie geworden war. Zur Hauptstadt wurde Lima endgültig erklärt. Blasco Nuñez schiffte sich am 3. November 1543 in San Lucar ein, begleitet von seinem glänzenden Gefolge und seinem Gerichtshofe. Er landete Mitte Januar 1544 in Nombre de Dios. Seine erste Maßregel auf amerikanischem Boden war die Beschlagnahmung eines Schiffes mit Silberbarren aus Perú, das eben den Hafen verlassen wollte, um nach Spanien zu segeln. Das Silber sei Ertrag von Sklavenarbeit, erklärte der Vizekönig. Damit machte er den Hauptpunkt seines Regierungsprogrammes aller Welt deutlich genug bekannt. In Perú hörte man die Nachricht vom neuen Kurs unter Murren und Mißbilligung. In Panamá angekommen, erklärte er 300 Peruaner, die von ihren spanischen Herren dorthin verschachert worden waren, für freie Bürger von Perú und befahl, sie nach ihrer Heimat zurückzubefördern. Selbst seine Audiencia erhob Gegenvorstellungen: er solle mit derlei scharfen Maßregeln lieber warten, bis er seinen Posten im Lande angetreten hätte. Ruhig und bestimmt erwiderte Nuñez, er sei hier nicht da, um die Kaiserlichen Gesetze zu erörtern, sondern um sie auszuführen, gleichgültig um Eindruck und Folgen. Unter vorläufiger Zurücklassung des Gerichtshofs, von dem ein Mitglied erkrankt und nicht reisefähig war, segelte der Vizekönig nach Tumbez, um von dort aus zu Lande weiterzugehen. Zur Verwunderung der Spanier wie der Indianer ließ er sein und seines Gefolges Gepäck auf Maultiere laden, und wo eingeborene Träger notwendig waren, bezahlte er sie reichlich. In Tumbez hatte man ihn bestens empfangen; auf seinem weiteren Marsche ließen die Begrüßungen in den Ansiedlungen immer mehr an Freundlichkeit zu wünschen übrig. Mit Mühe erreichte es Vaca de Castro, der von Kuzko nach der Küste eilte, daß sein Nachfolger in Lima mit den ihm gebührenden Ehren bewillkommnet ward. Er selber empfing ihn in tadelloser Weise. Es war am 17. Mai 1544. XXXVII An jenem Tage, wo sich Gonzalo Pizarro nach seinen Besitzungen in Porco und Potosi zurückgezogen hatte, war er durchaus nicht ein endgültig Verzichtender. Im Gegenteil; nur sagte er sich damals, die Stunde sei noch nicht gekommen, in der er dem ganzen Lande der erwünschte Machthaber sein werde. Das Reich, das er als treuer Helfer seines berühmten Bruders mit erobert hatte, hielt er vor Gott und der Welt für sein natürliches Lehen. Hatte ihn die Einsetzung des Vaca de Castro bereits erbittert: die Ernennung eines Vizekönigs sagte ihm klar, daß man am Hofe des Kaisers auch nicht im Entferntesten daran dachte, der Familie Pizarro die Regierung der Kolonie zu belassen. Gonzalo Pizarro galt in Alt-Kastilien als entlassener Offizier, der seine Schuldigkeit getan und außer seiner gewiß reichen Beute keine weiteren Ansprüche an den Staat hatte und hegen durfte. Die Neuerungen, die Blasco Nuñez mit reichlicher Übereile einzuführen begann, machten ihn vom ersten Tage an verhaßt. Naturgemäß sah sich der um sein Hab und Gut besorgt gewordene Ansiedler nach einem Gegenführer um. Es bedurfte keiner Propaganda. In ganz Perú gab es nur einen, dem man die nötige Tatkraft zutraute: Gonzalo Pizarro. Man hinterbrachte ihm die vermutlich erdichtete Nachricht, Nuñez habe sich scharf gegen Pizarro geäußert. Unter Anderm sollte er gesagt haben: Man dürfe das Land nicht länger in den Händen von Schweinehirten belassen. Das wäre eine taktlose Anspielung auf die fragwürdige Erziehung von Francisco und Gonzalo Pizarro gewesen. Auch munkelte man von großen Prozessen gegen die Inhaber von Repartimientos und dergleichen. Gonzalo Pizarro hatte sich weniger vorzuwerfen als sonst welcher Führer in den amerikanischen Kolonien, und selbst Nuñez würde sich wohl schwer gehütet haben, dem populären General etwas am Zeuge zu flicken. Gleichwohl lieh Gonzalo allem törichten Gerede ein williges Ohr, bis er sich schließlich einbildete, Blasco Nuñez sei von vornherein sein persönlicher wie politischer Gegner. Als ihn, zu Beginn des Sommers 1544, die Bürger von Kuzko aufforderten, ihre Sache zu vertreten, leistete er dem Rufe Folge. Er kam an der Spitze von zwanzig Rittern und ward als Generalverweser von Perú begeistert begrüßt. Erfreut und zuversichtlich nahm er diesen Titel an unter der Bedingung, daß man ihn auch zum Generalkapitän der Kolonie erkläre. So wenig es in der Absicht der Ansiedler lag, einen neuen Bürgerkrieg unvermeidlich zu machen, erfüllten sie ihm doch seinen wohlberechneten Wunsch. In bescheidener Haltung nahm er diese entscheidende Würde entgegen. »Ich habe dies nur getan«, schrieb er später in seinem beachtenswerten Bericht an Pedro de Valdivia, »für den Kaiser, für Indien, vor allem für Perú.« Alsbald begann Pizarro seine Vorbereitungen. Zunächst ließ er die sechzehn Geschütze des seligen Pedro de Candia aus Huamanga holen. Tausend Indianer hatten die Ehre, dabei Vorspann zu leisten. In kurzer Zeit war ein wohlgerüstetes Heer von 400 Mann auf den Beinen; davon war die Hälfte vorzüglich beritten. An Geld fehlte es dem reichen Manne nicht. Noch immer war der alte Obrist Francisco de Carbajal im Lande, und zwar im Silbergrubengebiet von Charkas. Als dort die Nachricht von den neuen Verordnungen wider die Repartimientos bekannt ward, beschloß er abermals, nach Alt-Kastilien zurückzukehren. Aber es fand sich keine Gelegenheit. Der Vizekönig ließ niemanden mit Reichtümern aus dem Lande heraus. Pizarro benutzte die ärgerliche Laune des alten Feldherrn und ließ ihm die Aufforderung zugehen, den Befehl über sein Heer zu übernehmen. Carbajal ließ ihm antworten, er sei achtzig Jahr alt und sehne sich nach seiner Heimat. Und doch gab er schließlich nach und erschien in Kuzko. Inzwischen tat Blasco Nuñez alles, um die Einschränkung der Eingeborenenarbeit zu erzwingen – im Gegensatz zu Antonio de Mendoza, dem Vizekönige von Mexiko, der die neuen Verordnungen zunächst nicht durchführte, sondern Vorstellungen dagegen beim Kaiserlichen Hofe erhob und damit voll staatsmännischer Klugheit und Umsicht die innere Ruhe seiner Kolonie rettete. Wohl vernahm Nuñez vom Eintreffen Pizarros in Kuzko und von seinen Rüstungen, aber in seiner Unkenntnis der Verhältnisse und Charaktere machte er sich keine Sorgen. Um diese Zeit fand Inka Manko, der letzte König von Perú, seinen Tod. Er hatte nach der Niederlage der Chilianer eine Anzahl von ihnen in seinem Lager in der Sierra aufgenommen. Bei einem Streit erschlugen die Spanier den Fürsten. Einzelheiten sind unbekannt. Den Mord büßten alle andern Weißen mit ihrem Tode. Mit Inka Manko verlosch die stille Hoffnung der Peruaner, die alte Freiheit wiederzugewinnen. Pizarro hatte aussprengen lassen, er rüste einen Zug gegen den Inka, der nach wie vor zuweilen das Land unsicher gemacht hatte. Jetzt ließ er die Maske fallen und trat den Vormarsch auf Lima an. Unterwegs wurde ihm eine Anzahl angesehener Ritter untreu, angeblich weil sie sich nicht damit befreunden konnten, daß Pizarro in Kuzko Staatsgelder in seine Kriegskasse hatte wandern lassen. Wahrscheinlicher aber waren diesen Herren die Herzen in die Hosen gerutscht. An Stelle der Abgefallenen traten reichliche andre aus den Ansiedlungen, die man auf dem Marsche berührte, so daß sich die Kopfzahl des Heeres langsam verdoppelte. Der Weg führte über die Ebene von Chupas. Carbajal geleitete Pizarro in die Stellungen und erläuterte ihm die damaligen Vorgänge. Jetzt rüstete auch Blasco Nuñez. Er rief alle felddienstfähigen Bürger zu den Waffen, goß Kanonen aus den Kirchenglocken und griff gleichfalls tief in die Staatskassen. Um genügend Truppen, Pferde und Maultiere zu bekommen, zahlte er hohe Handgelder und anständige Preise. Mitten in diesen Vorbereitungen traf die Audiencia in Lima ein. Unterwegs hatte sie sattsam erfahren, welche Folgen die neuen Verordnungen, gegen deren buchstäbliche Ausführung sie sich bereits in Panamá erklärt hatten, nach sich zogen: die völlige Zerrüttung der Ruhe und Ordnung im Lande. Der Lizentiat Cepeda war der Wortführer der drei anderen, ein Ränkeschmied, der die Autorität seines Vorgesetzten zerstörte. Nuñez beging Mißgriff über Mißgriff. Um den passiven Widerstand der Bürgerschaft zu brechen, ließ er ehrenwerte Leute verhaften, so auch den bisherigen Statthalter Vaca de Castro, ohne triftige Gründe. Bei einem Wortwechsel in seinem Hause erstach er einen angesehenen Ritter. Als nun Pizarro mit seinem Heere näher kam und in Xauxa stand, beging Nuñez seine letzte Torheit. Er ordnete an, die Stadt Lima solle geräumt werden, da sie gegen den Feind nicht zu halten sei. Er wollte sich mit dem Heere und der Bürgerschaft nach Truxillo zurückziehen. Alle Frauen und alle Habe sollten auf Schiffen fortgebracht werden. Dem widersetzte sich die Audiencia. Nach einer nächtlichen Sitzung verhaftete sie, unterstützt vom Volke, den Vizekönig, erklärte ihn für abgesetzt und schickte ihn unter einer Bewachung nach Spanien zurück. Sodann eröffnete man die Unterhandlung mit Pizarro. Dieser empfing die Gesandtschaft, die ihn aufforderte, die vorläufige Regierung der Audiencia in Lima anzuerkennen. Pizarro erwiderte, das Volk von Perú habe ihn zum Nachfolger seines Bruders berufen, und er forderte seinerseits die Audiencia auf, ihn schleunigst zum Statthalter auszurufen, andernfalls werde er die Stadt erstürmen und der Plünderung preisgeben. Durch diesen groben Bescheid gerieten die vier Pandektenhelden in die größte Verlegenheit. In ihrer Angst wandten sie sich an Vaca de Castro, der noch immer auf einer der Karavellen im Hafen in Arrest saß. Was er ihnen rate? Vaca hüllte sich in kluges Schweigen. Inzwischen traf der Obrist Carbajal, begleitet von einem halben Hundert Landsknechten, nächtlicher Weile am Tore von Lima ein. Man öffnete ihm und seiner höhnisch kleinen Schar. Er begab sich in den Palast des Vizekönigs, ließ alle die Ritter aus ihren Betten holen, die jüngst vom Heere Pizarros ausgekniffen waren, und stellte ein ironisches Verhör mit ihnen an. In der Morgenfrühe requirierte er drei Maulesel, setzte die drei Hauptschelme darauf und führte sie vor die Stadt, wo er alle drei an einem großen Baume aufhängen ließ. Zu dem Vornehmsten der drei sagte er in seiner trockenen Art: »In Anbetracht Eures Ranges sei es Euch verstattet, den Ast, an dem Euer Hochwohlgeboren gehenkt zu werden geruhen, höchstselbst auszusuchen!« Als die fortgesetzt tagende Audiencia diesen schlechten Witz vernahm, entschloß sie sich, die Statthalterschaft Gonzalo Pizarro zu übertragen. Daraufhin zog dieser am 28. Oktober 1554 mit 1200 Spaniern und 1000 Indianern, die seine Artillerie zogen, in Lima ein. An der Spitze der Reiter, die den Zug beschlossen, ritt er selber auf einem mächtigen Ritterpferde, in voller Rüstung, eine purpurne Mütze auf dem Kopfe. Vor ihm her trug man das Banner Kastiliens; diesem zur einen Seite die Flagge der Stadt Kuzko, zur andern die Standarte Francisco Pizarros mit dem Wappen, das der Kaiser ihm und den Seinen verliehen hatte. Die Glocken der Stadt läuteten, soweit sie nicht in Gestalt der Kanonen des erledigten Vizekönigs Salut donnerten, und ganz Lima jubelte dem Einziehenden zu. Die Audiencia empfing ihn auf der Plaza, leistete ihm den Amtseid und rief ihn sodann offiziell zum Statthalter von Perú aus. Pizarro bezog den Palast, in dessen Speisesaal noch die Blutspuren vom 26. Juni 1541 sichtbar waren. Mehrere Tage lang fanden Festmähler, Turniere und Stierkämpfe zu Ehren des neuen Herrschers statt. Man wiegte sich allgemein in der Hoffnung, der ewige Frieden sei endlich für Perú angebrochen. XXXVIII Wie erzählt, sollte der abgesetzte Vizekönig nach Spanien abgeschoben werden. Die Audiencia hatte ihm eins ihrer Mitglieder, den Richter Alvarez, zur Aufsicht mitgegeben. Kaum aber war die Karavelle aus dem Hafen von Lima gesegelt, da begab sich Alvarez in die Kabine des Gefangenen und kündigte ihm die Freiheit an. Vermutlich bewog ihn hierzu seine ängstliche Natur. Er befürchtete, in Panamá auf Schwierigkeiten zu stoßen, die ihm schließlich an den Kragen gehen könnten. Blasco Nuñez war hocherfreut und entschloß sich, sein Glück im Lande Perú noch einmal zu versuchen. Als erfolgloser und weggejagter Vizekönig ohne einen Pfennig Geld in Kastilien erscheinen zu sollen, kam ihm allzu schäbig vor. Er überlegte sich seine Lage hin und her und faßte schließlich den Entschluß, es in Quito zu versuchen. Diese Provinz lag am weitesten ab von Pizarros Machtmittelpunkt. So landete er im Oktober 1544 in Tumbez, wo es ihm gelang, Anhänger zu finden, die damit rechneten, dermaleinst ob ihrer Treue zur legitimen Regierung belohnt zu werden. Von da zog er mit den angeworbenen Truppen tatsächlich nach Quito; das war 800 km Weg. Von Quito aus knüpfte er mit dem Hauptmann Benalcazar an, der noch immer Befehlshaber in Popayán war, im nördlichsten Gau von Perú. Quito und Popayán liegen wiederum ungefähr 800 km auseinander. Benalcazar sandte ihm Truppen und riet ihm, eine feste Stellung am Piura (bei San Miguel) einzunehmen. Seinen strategisch einwandfreien Vorschlag begründete er mit dem Hinweise darauf, daß San Miguel als Haupthandelsplatz zwischen Panamá und Lima reiche Hilfsmittel bot. Nuñez, der von Krieg und Kriegführung nichts verstand, tat, wie ihm geheißen, und nistete sich mit seinen 500 Mann am besagten Orte ein. Auch Vaca de Castro gelang es zu entkommen. Pizarro hatte die Audiencia bei Seite geschoben. Um sich ihrer gänzlich zu entledigen, zog er den Cepeda, den gefährlichsten der noch vorhandenen drei Richter, ganz auf seine Seite, indem er ihm lukrative Aufträge erteilte. Alvarez war als Begleiter von Nuñez entfernt. Es blieben ein gewisser Zarate, der dauernd krank daniederlag, sowie ein gewisser Tepeda. Dieser bekam den Befehl, dem Kaiser einen Bericht über die letzten Geschehnisse im Lichte von Pizarros Auffassung zu überbringen. Schon war seine Karavelle bereit, die Anker zu lichten, da ward Pizarro andren Sinnes. Es war Carbajal, der ihm von diesem Schritte dringlich abriet. »Ihr seid schon viel zu weit gegangen,« meinte der Vielerfahrene, »als daß Ihr hoffen dürft, die Verzeihung der heimatlichen Regierung zu erlangen. Ihr könnt Euch nur noch durch Piken und Büchsen rechtfertigen!« An Stelle des Richters Tepeda ging Vaca de Castro heimlich an Bord, beredete den Schiffskapitän, ihn nach Panama zu fahren, und verschwand bei Nacht und Nebel. Es gelang ihm, nach Spanien zu kommen, wo man ihn verhaftete und nach der Veste Arévalo brachte. Dort saß er volle zwölf Jahre, ohne daß der Prozeß, den man gegen ihn eröffnete, ihm irgendwelche Verbrechen nachzuweisen vermochte. Der Hauptpunkt der Anklage ging auf unerlaubte Bereicherung im Amte. Der Nachweis, daß er von Perú ärmer wiedergekommen war, als er dahin ausgezogen war, erwirkte schließlich seine Freisprechung im Jahre 1558. In seine alten Würden und Ehren wiedereingesetzt, hat er sich für den Rest seines Lebens der Gnade seines Landesherrn zu erfreuen das bittere Vergnügen gehabt. Fortan war Gonzalo Pizarro unbeschränkter Alleinherrscher in Perú. Auf das Beste beraten von Francisco de Carbajal, befestigte er allerorts sein Ansehen und seine Macht. Die einstigen Hauptgegner seines ermordeten Bruders ließ er zum Tode verurteilen, begnadigte sie aber und begnügte sich, sie aus Peru zu verbannen. Seine Landmacht war vorzüglich im Stande. Dazu begann er eine Kriegsflotte zu bauen, deren Stützpunkt Arequipa wurde. XXXIX Am 4. März 1545, am selben Tage, an dem Nuñez in Quito auszog, ging Pizarro in Lima an Bord seiner Karavelle,um in Truxillo zu dem Heere zu stoßen, das in der Stärke von 600 Mann den Landweg dahin eingeschlagen hatte. Ohne Verzug trat er dann, an der Spitze der Truppen, den Vormarsch auf San Miguel an. Beim Nahen des berühmten Gegners verloren die minderwertigen Truppen des Vizekönigs ihr bißchen Mut, und es blieb ihm nichts übrig, als dem Drängen seiner Soldaten nachzugeben und sich in die Berge zurückzuziehen. Pizarro, der einer Entscheidungsschlacht voll Zuversicht entgegengesehen hatte, war höchst ärgerlich, als er den feigen Abmarsch seines Gegners erfuhr. Gebirgskämpfe machen keinem Feldherrn Vergnügen. Trotzdem entschloß er sich, Nuñez durch Dick und Dünn nachzusetzen, bis er ihn faßte oder aufrieb. Die Vorhut befehligte Carbajal; aber er hatte Mißgeschick. Nuñez bekam und behielt einen beträchtlichen Vorsprung. Nach einem für beide Heere mühevollen langen Zickzackmarsche von etwa 1000 km durch Hochgebirge, Sümpfe, Wüsten, Pässe und Täler gewann Nuñez die Hochebene von Quito. Die Marschverluste waren groß. Wer unter des Vizekönigs Truppen nicht mehr weiter konnte, war verloren. Carbajal ließ alle Nachzügler, die ihm in die Hände fielen, ohne Gnade niederstechen. Auch in Quito, wo man ihm wenig Entgegenkommen zeigte, weilte Nuñez nicht lange, sondern zog von da nordwärts, dem Gebiete Benalcazars zu, seinem eignen, übrigens auf die Hälfte zusammengeschmolzenen Heere mißtrauend. Auf dem Marsche hatte er mehrere Offiziere beseitigen lassen, aus Argwohn, sie stünden mit dem Gegner in Verbindung. Pizarro setzte die nutzlose Verfolgung bis in die Los Pastos fort. Dann machte er kehrt und ging auf Quito zurück, um seine ermatteten Truppen aufzufrischen und zu verstärken. Carbajal ward nach dem Gau La Plata entsandt, wo ein Aufstand unter dem Hauptmann Diego Centeno ausgebrochen war, dem sich die Eingeborenen angeschlossen hatten. Carbajal zerstreute die Truppen des Empörers, ohne seiner selbst habhaft zu werden. Pizarro blieb, lauernd wie ein Löwe auf seine sichere Beute, in Quito, während sich auch Nuñez zunächst, in Popayán, erholte. Seine Heeresstärke stieg wieder auf 450 Mann, davon 150 Reiter. Pizarro gebot nach seinen eigenen Angaben über 600 Mann, darunter ebenfalls 150 Reiter. Erst am 18. Januar 1546 kam es in der Nähe von Quito zur Entscheidung. Benalcazar ward mehrfach verwundet und kampfunfähig; sein Unterführer Cabrera fand den Tod. Blasco Nuñez, der über Panzer und Abzeichen einen indianischen Baumwollkoller trug, um sich im Falle einer Niederlage die Flucht zu erleichtern, wurde im Kampfe verwundet und sank vom Pferde. Einer der Offiziere Pizarros erkannte ihn, zufällig einer, der ihm Rache geschworen, weil er seinen Bruder bei einem Wortwechsel niedergestochen hatte. Er trat an den hilflos Daliegenden heran und befahl seinem Diener, einem Mohren, ihm den Kopf abzusäbeln. Auf eine Pike gesteckt, ward das abgeschlagene Haupt des Vizekönigs als Siegeszeichen in die Front getragen. Das war der Ausgang der Schlacht. Pizarro ließ den toten Nuñez in der Stiftskirche von Quito mit allen Ehren bestatten. Der gefangene Benalcazar erhielt die Erlaubnis, nach Popayán zurückzukehren, nachdem er sein Ehrenwort gegeben, nie wieder gegen Pizarro die Waffen zu ergreifen. Von den andern Rittern, die in die Hand des Siegers gefallen waren, fanden die meisten Gnade; nur einige unmittelbar an der Ermordung Francisco Pizarros Beteiligte mußten ihr Leben lassen. Damit war der Bürgerkrieg, an dem im Grunde nur die heimatliche Kaiserliche Regierung schuld gewesen, bis auf Weiteres beendet. Blasco Nuñez Vela ist alles in allem eine traurige und unselige Gestalt in der Geschichte Perús. Ein sturer Buchstabenmensch ohne ritterliches Gemüt, in Amtsdingen unaufhaltbar, im Leben und im Felde ohne praktischen Sinn, voller Zaudern und Argwohn, war er an einen Platz gestellt, dem er in keiner Beziehung gewachsen war. Es bleibt bedauerlich, daß man ihn im Jahre vorher nicht zum Wohle des Landes gründlich beseitigte. Der Sieg von Anaquito (wie man ihn nennt) ward in ganz Peru gefeiert und gepriesen. Damit [waren ?] die verhaßten und gefürchteten »Neuen Verordnungen« erledigt. Gonzalo Pizarro galt als »Befreier des Volkes«. Er belohnte und entließ die Kriegsteilnehmer, reichlich beschenkt mit Land und Zubehör. Durch maßvolle Verfügungen hob er die Lage der Eingeborenen. Sogar die kaiserlichen Steuern trieb er ein, indem er den Ansiedlern vorhielt, man dürfe sich das Wohlwollen der Krone nicht ganz verscherzen. Selbst sein gestrenger Nachfolger (Pedro de la Gasca) hat zu Pizarros Ruhm vor der Nachwelt bekannt, für einen Tyrannen sei seine Regierung gut gewesen. Gonzalo Pizarro hatte damit den Gipfel seines Glückes erreicht. Mit Hilfe seiner Kriegsflotte unter dem tüchtigen Admiral Hinojosa bemächtigte er sich der Stadt Panamá, von da aus durch einen Handstreich des Hafens und der Stadt Nombre de Dios und dadurch der unmittelbaren Verbindung mit Europa. Jetzt erstreckte sich sein Reich vom Atlantischen Ozean bis zum Arauco. Durch die ungeheuer reichen Silbergruben von Potosi war seine Herrschaft auch wirtschaftlich auf das Großartigste gestützt. Der geniale Carbajal riet ihm, die Witwe des Inka Manko (die Koya) zu heiraten und sich zum Könige von Perú ausrufen zu lassen. Durch die Verbrüderung mit dem Volke werde er ein großes Reich gründen, dem kein abendländischer Fürst etwas anhaben könne. Pizarro besaß den Weitblick des alten Kosmopoliten nicht. Hätte er seinen Rat befolgt, hätte er unter seinen Ansiedlern, Offizieren und Soldaten den Gedanken an ein neues mächtiges, unabhängiges Vaterland zu erwecken verstanden, so wären die Staaten an den Cordilleren mit einer längst einheitlichen Bevölkerung heute mächtiger und glücklicher als sonst welche amerikanische Nation. XL Am Hofe zu Valladolid war man über die Ereignisse in Perú, soweit man sie erfuhr, empört und beunruhigt. Wie arg entstellt die Nachrichten lauteten, beweist allein der Umstand, daß man in ganz Kastilien glaubte, Gonzalo Pizarro sei ein verhaßter Tyrann, ewig im Kampfe mit seinen Untertanen. Die Niederlage des unfähigen Blasco Nuñez faßte man als Schmach und Schimpf für König und Volk auf. Philipp II. (der Sohn des Kaisers, der in Flandern weilte und das Zepter Spaniens ihm anvertraut hatte) hielt eine lange Beratung ab, an der u. a. der Herzog von Alba teilnahm. Den Empörer durch eine militärische Expedition niederzuschlagen, war bei der enormen Entfernung ein Ding der Unmöglichkeit. Es mußte mit den Mitteln des Geistes erfolgen. Auf der Umschau nach dem geeigneten Manne geriet der Staatsrat auf einen Professor der Gottesgelahrtheit an der Hochschule zu Salamanca: Pedro de la Gasca (1496-1567). Der damals fünfzigjährige Theologe entstammte einem alten Adelsgeschlechte, das sich von Casca, einem der Mörder Cäsars, herleitete. Er hatte seinem Kaiser schon mehrfach fanatische Treue bewiesen und war als Visitador besonders in den zahlreichen Ketzergerichten jener blutig-dunklen Zeit berühmt oder berüchtigt geworden. Selbst bei kriegerischen Dingen hatten seine Fähigkeiten Erfolge gehabt. Unter dem harmlosen Titel »Vorsitzender der Königlichen Audiencia« gab man ihm weitgehende Befugnisse. Er hatte die Vollmacht, sich im gegebenen Falle an die Spitze jeder administrativen, militärischen und juristischen Behörde stellen zu können. Er war befugt, Repartimientos zu bestätigen, aufzuheben, zu erweitern, neu zu vergeben. Er durfte Truppen anwerben, Krieg erklären, Beamte absetzen, andre ernennen. Er hatte Begnadigungsrechte, vor allem für jeden, der in den gegenwärtigen oder vergangenen inneren Wirren gegen die Krone und ihre Vertreter focht. Er durfte die »Neuen Verordnungen« einschränken und aufheben. Gegen Geistliche hatte er das Recht der Verbannung. Es stand ihm keine feste Besoldung zu, aber er konnte über die Staatskassen in Panamá und in ganz Perú unbeschränkt verfügen. Für die verschiedenen Fälle gab man ihm kaiserliche Schutzbriefe aller Art mit, ja sogar eine Anzahl Blankette mit der eigenhändigen Unterschrift des Kaisers. Auch die Statthalter von Mexiko, Nikaragua usw. hatten ihm im Notfalle Hilfe zu leisten. Zu seinem Adjutanten ernannte man den Obristen Alonso de Alvarado, den ehedem so treuen und tapferen Anhänger Francisco Pizarros. Er hatte seit 1541 am spanischen Hofe gelebt und erfreute sich des größten Ansehens. Am 26. Mai 1546 ging Gasca mit einem kleinen Gefolge in San Lucar an Bord; Mitte Juli landete er in Santa Marta. Hier erst erhielt er die Nachricht von der Schlacht bei Añaquito und ihren Folgen. Des Vizekönigs Tod war ihm nicht unliebsam, denn dadurch hatte er ganz freie Hand. Zunächst begab sich Gasca nach Nombre de Dios, wo der Hauptmann Hernan Mexia mit einer starken Besatzung (denn der Platz war hochwichtig) den Befehl führte. Der Offizier hatte strenge Anweisung, verdächtigen Personen das Betreten der Landenge zu verbieten. Gasca kam mit dem Gebaren eines schlichten Geistlichen und täuschte zunächst den Kommandanten. Gleichwohl kam er bald dahinter, daß der Ankömmling kein ungewöhnlicher Mensch war und daß ihm das »suave in modo, fortiter in re« auf der Stirn geschrieben stand. Gasca suchte ihn tagtäglich auf, plauderte von Untertanentreue, Gehorsamspflicht, Vaterlandsliebe, Empörern, friedlichen Mitteln, Amnestie usw.; mit einem Worte, er umgarnte ihn nach allen Regeln der seelischen Suggestion und erreichte es, daß Mexia seine Treue zum Kaiser aufrichtig beteuerte. Sodann ging Gasca nach Panamá und bearbeitete den Admiral Hinojosa, der daselbst den Befehl führte, unter dem Beistand von Mexia und Alvarado in gleicher Weise, aber zuvörderst ohne Erfolg. Hinojosa stellte die verfängliche Frage, ob Gasca auch die Vollmacht habe, Pizarro als Statthalter zu Perú zu bestätigen. Seine Verdienste wie der Wille des Volkes berechtigten ihn zu diesem Anspruche. Gasca gab die doppeldeutige Antwort, zur rechten Zeit werde er alle seine Vollmachten vorweisen; eines Punktes aber könne er im Voraus versichert sein: jeder treue Diener des Landes werde nach Gebühr belohnt. Damit wenig zufrieden, schrieb Hinojosa an Pizarro, meldete ihm die Ankunft des verdächtigen kaiserlichen Boten und seine bisherigen Umtriebe, indem er hinzufügte, er glaube nicht, daß er ihm die Bestätigung als Statthalter bringe. Dieses Schreiben ging mit einer Galeere nach Lima ab, auf der auch ein Dominikaner die Erlaubnis hatte mitzufahren. Dieses Mönches versicherte sich Gasca. Er gab ihm einen Aufruf an die Geisdichkeit von Perú mit sowie eine Bekanntmachung, in der im Namen des Kaisers die Aufhebung der Neuen Verordnungen erklärt und jedem, der zum Gehorsam zurückkehre, Amnestie zugesichert ward. Diese Proklamationen sollte der Mönch im Lande verteilen; und er tat es auch ungeachtet der Gefahr. Auf einem andern Schiffe sandte Gasca einen sieben Seiten langen, überaus freundlich gehaltenen Brief an Pizarro, dem ein huldvolles Schreiben des Kaisers beilag. Gasca beschwor Gonzalo bei seiner Ritterehre, der Krone Gehorsam zu leisten und keinen neuen Bürgerkrieg zu erregen. Ein zweiter Brief war an Cepeda gerichtet, der sich zum Vertrauten Pizarros emporgeschwungen hatte und großen Einfluß auf dessen Entschlüsse besaß, zumal Carbajal in Potosi an den Silbergruben weilte. Während Gasca auf die Antwort und Wirkung seiner Briefe wartete, kamen öfters Leute aus Perú, die er bei sich empfing, um sie über die Stimmung im Lande auszuhorchen. Die Einen sagten aus, Pizarros Beliebtheit sei bei seiner Freigebigkeit und Leutseligkeit größer denn je; andre verdächtigten ihn als willkürlichen Tyrannen, Prasser und Verschwender. In Wirklichkeit erfreute er sich damals tatsächlich der Geneigtheit der guten Bürger wie des großen Haufens; man feierte ihn in Romanzen als edlen Ritter und kühnen Helden. Obwohl Pizarro die Ankunft des »Kaplans«, wie er spottete, nicht tragisch nahm, so ordnete er doch allerlei an, um ihm und seinen Sendungen die Landung in den peruanischen Häfen zu verwehren. Er mochte wohl eine bange Ahnung haben, daß dieser sonderbare Heilige Waffen führte, denen seine Macht nicht gewachsen war. In dieser Stimmung ließ er durch Cepeda ein Schreiben an den Kaiser aufsetzen, in dem er die Vorgänge in Peru schilderte und erläuterte und um die Allerhöchste Bestätigung in seinem Amte bat. Dieses merkwürdige Gesuch vertraute er einer Gesandtschaft an, die der Ritter Lorenzo de Aldana führte und der u. a. auch Loaysa, der Bischof von Lima, zugehörte. Aldana kam bloß bis Panamá, wo er und seine Begleiter der Redekunst des »Kaplans« unterlagen. Zugleich überbrachten sie auch ein Schreiben der Bürgerschaft von Lima, unterschrieben am 14. Oktober 1546 von siebzig der angesehensten Ritter und Ansiedler. Man beglückwünschte den neuen Statthalter, bedauerte jedoch, daß er zu spät gekommen wäre; das Land befände sich endlich in Ruhe und Ordnung; Pizarro sei geachtet und beliebt. Er habe die besten Ansprüche auf die Statthalterschaft. Man bäte daher zum Wohle Perus, Gasca möge ihn in seinem Amte bestätigen und damit neue schwere Unruhen verhüten. Nachdem Aldana einen Einblick in Gascas Vollmachten getan hatte, hielt er seine Sendung für erledigt und stellte sich dem neuen Statthalter zur Verfügung. Sein Beispiel wirkte entscheidend auf den unschlüssigen Hinojosa. Am 19. November 1546 legten er sowie seine Schiffshauptleute ihre Ämter in einem feierlichen Akt auf der Plaza von Panamá in die Hände Gascas. Der Statthalter verkündete ihnen die kaiserliche Verzeihung, begrüßte sie als treue Vasallen des Reiches und verlieh ihnen ihre Heeresstellen von neuem. Sie leisteten von neuem den Fahneneid, und alsbald wehte auf sämtlichen Schiffen das Banner Kastiliens. Damit hatte der kluge Diplomat den Schlüssel zu Perú in den Händen. XLI Inzwischen waren Gascas Briefe in Lima eingetroffen. Pizarro eröffnete sie im Beisein Carbajals, der wieder bei ihm weilte, und Cepedas. Noch wußte man nichts vom Abfall der Flotte. Der alte Kondottiere, der eine seltsame innere Voraussicht hatte, war der Meinung, Pizarro solle die Bedingung annehmen und sich dem Statthalter unterwerfen. Anders sprach Cepeda, den sein schlechtes Gewissen trieb. Er riet zum Äußersten – und Pizarro, der seine Statthalterschaft bedroht sah, gab seiner unaufrichtigen, aber gewandt vorgetragenen und verführerischen Beurteilung der Lage Recht. Carbajal zuckte mit den Achseln. Er pflegte in kurzen Sprüchen zu reden. »Wie Ihr wollt! Galgen oder Schlachtfeld! Ich bin 83 Jahre alt!« Nicht allzulange darauf traf die Kunde vom Verrat Hinojosas ein, gleichzeitig mit der Meldung, Centeno sei wieder aufgetaucht und marschiere auf Kuzko, und in Quito habe man den Pizarro treu ergebenen Kommandanten Puelles ermordet. Jetzt war es zur Umkehr zu spät; Gascas Sendbote hatte unverrichteter Dinge wieder abreisen müssen. Pizarro verlor seinen Mut nicht einen Augenblick. Er sammelte und rüstete seine Parteigänger. Es waren rund 1000 Mann, geschart um Fahnen, die nunmehr Pizarros Namenszug trugen. 500 Büchsenschützen kamen zusammen. Die Ausgabe für die Kriegsvorbereitung soll insgesamt eine halbe Million Pesos betragen haben. Um die Mitte des Februars 1547 hatte Gasca ein Geschwader von vier Schiffen unter dem Befehl des Ritters Aldana ausgesandt. Es hatte in Truxillo angelegt und diese Stadt für die kaiserliche Partei gewonnen. In Lima angelangt, überreichte Aldana seinem ehemaligen Herrn und Meister seine Vollmacht. Pizarro zerriß sie und warf sie ihm ungelesen vor die Füße. Die unter den Soldaten und Ansiedlern verbreiteten Proklamationen taten ihre Wirkung. Allgemein erschrak man über Gascas weitgehende Vollmacht. In der Folge desertierten eine Menge Ritter und Landsknechte und schlugen sich nach Truxillo durch. Unter diesen Flüchtlingen war jener Ritter, der dem zu Tode verwundeten Vizekönig auf dem Schlachtfelde von Anaquito so unritterlich den Kopf hatte abschlagen lassen. Gerade ihn begnadigte Gasca, der unausbleiblichen Wirkung gewiß. Als der Spötter Carbajal davon hörte, sang er die Verse eines alten Volksliedes vor sich: Estos mis cabellicos, madre; Dos a dos me los lleva el aire ... (Mutter, der Wind weht mir das Haar vom Haupt; Immer auf einmal zwei weht er hinweg!) Pizarro sah ein, daß ihm in Lima das Heer nicht mehr lange treu bleiben werde. Er verließ die Stadt und marschierte mit nur noch 500 Mann nach Arequipa, wo sich ihm das kleine Korps anschloß, das er nach Kuzko gegen Centena entsandt hatte. Auch dieses war durch Desertation arg verringert. Centena hatte die Pässe besetzt. Am 10. April 1547 verließ Gasca mit der gesamten peruanischen Kriegsflotte den Hafen von Panamá. Starker Sturm überfiel das Geschwader, so daß man in Gargona Ausbesserungen vornehmen mußte und erst am 13. Juni den Hafen von Tumbez erreichte. Hier fand Gasca zahlreiche Übertrittserklärungen von Rittern im Innern des Landes vor. Er benachrichtigte alle diese, sich in Xaxamalka zu sammeln. Dorthin sandte er den Obristen Hinojosa mit den gelandeten Truppen und dem Befehl, von Xaxamalka auf Xauxa, sein künftiges Hauptquartier, zu marschieren. Mit einer kleinen erwählten Reiterschar ritt er für seine Person auf der Küstenstraße zunächst nach Truxillo und von da nach ein paar Tagen Rast nach Xauxa. Hier bekam er die Meldung Centenos, daß er die Pässe gegen Chili besetzt halte und daß er hoffe, Pizarro zu fassen. XLII Centeno stand in der Nähe des Titicaca-Sees und verlegte Pizarro den Weg nach Chili. In der Tat hatte sich dieser entschlossen, sich weiter nach Süden zurückzuziehen. Um den Kampf mit Centeno zu vermeiden, begann er mit ihm zu unterhandeln, ohne dadurch etwas zu erreichen. So kam es zur Waffenentscheidung am südöstlichen Zipfel des Sees, nahe der alten Inkastadt Huarina. Es war am 26. Oktober 1547, als die beiden Heere einander begegneten. Auf Centenos Seite standen 1000 Mann, darunter 250 gutberittene Reiter und 150 Büchsenschützen. Die 600 Pikeniere, in der Eile angeworben, waren minderwertig. Pizarro seinerseits gebot über 480 Mann, darunter 350 Büchsenschützen und nur 85 Reiter. Die Büchsenschützen, die Carbajal ausgebildet hatte und persönlich führte, waren ausgezeichnet. Diese Truppe entschied die schon halb verlorene Schlacht. Die Reiterei hingegen ward völlig geschlagen. Pizarro, der wie immer auf prächtigem Streitroß in glänzender Kleidung mitten im Getümmel focht, verlor sein Pferd im Kampfe und geriet in die größte persönliche Gefahr. Von Centenos Heer fielen 350 Mann; von den Verwundeten starben noch 100 in der eiskalten Nacht. Pizarro verlor 100 Mann und fast alle Pferde. Die Beute war groß, zumal an Silberbarren. Im Lager Centenos fanden die Sieger das Siegesmahl auf langen Tafeln fertig gedeckt vor. Selten haben es sich ungebetene Gäste so gut schmecken lassen wie Pizarros Landsknechte an jenem Oktoberabend. Carbajal leitete die Verfolgung, ohne die kein Sieg ein Sieg ist. Unermüdlich ritt der Dreiundachtzigjährige auf seinem festen, aber unscheinbaren Gaule, unter gewöhnlichem Indianerkoller seinen Rang verbergend, auf den schlechten Gebirgswegen mit allen noch übrigen Reitern auf Beutepferden den Fliehenden nach. Wer erwischt wurde, war ein Kind des Todes. Centeno, der, weil er leidend war, in einer Sänfte die Sierra zu gewinnen versuchte, mußte unterwegs das Polster mit dem Sattel tauschen. Es gelang ihm zu entkommen. Nach diesem unerwarteten Siege gab Pizarro seinen Plan, nach La Plata zurückzugehen, auf und erreichte nach kurzer Rast die Stadt Kuzko. Ein Triumphbogen empfing ihn. Die biederen Bürger der alten Königsstadt waren politische Chamäleons. Pizarro wohnte mit seinen Offizieren und Soldaten dem Te Deum in der Stiftskirche bei. Dann begab er sich sofort in sein Quartier und lehnte alle anderen Ehrungen ab. Die Nachricht vom Mißgeschick des so siegessichern Centeno rief im Lager von Xauxa ziemliche Bestürzung hervor. Aber Gasca ließ sich nicht irremachen. Am 29. Dezember 1547 brach er auf und zog über Huamanga in den Gau Andaguaylas, in dessen mildem Klima er sein Winterquartier bezog. Hier verblieb er bis in den März des kommenden Jahres. Nach wiederhergestellter Gesundheit stellte sich Centeno wieder ein; auch Benalcazar erschien mit Truppen. Bald nach ihm meldete sich Pedro de Valdivia, der aus dem Süden von Chili kam, um Nachschub anzuwerben. Gasca begrüßte ihn besonders herzlich. »Ihr allein seid mir lieber als 800 Mann Verstärkung!« soll er zu ihm gesagt haben. Außer diesen tapferen Offizieren kamen nach und nach ins Lager die Bischöfe von Lima, Quito und Kuzko, die vier Richter der neuen Audiencia und eine Anzahl angesehene Beamte und Geistliche. Selbst diese unkriegerischen Herren stärkten die Zuversicht des Heeres; ihr Kommen bewies, daß man für eine gute Sache kämpfte. Die Truppenstärke stieg auf 2000 Mann, davon 1000 Büchsenschützen. An Reitern hatte Gasca etwa 300; dazu 11 Geschütze. Hinojosa bekam den Oberbefehl; Alvarado wurde stellvertretender Befehlshaber, Valdivia Obrist im Stabe. Beim Vormarsch auf Kuzko bereitete der Übergang über den Apurimak viel Schwierigkeiten. Man mußte eine Brücke bauen, um die Geschütze und die Bagage über den breiten Strom zu bekommen. Trotzdem die Vorhut Pizarros den Brückenbau zu verhindern versuchte, gelang er. Carbajal riet daraufhin, Kuzko unter Mitnahme aller Kassen und Schätze zu räumen. Gasca rechne auf die Gelder, ohne die er 2000 beutegierige Soldaten nicht lange beisammenhalten könne. Wenn sich Pizarro in die Sierra zurückzöge, vermöge ihm der des Geländes unkundige Gegner nichts Ernstliches anzuhaben, während Pizarro ihn durch Streifzüge und Überfälle mürbe machen könne. Die Zeit als Helferin ändere manches! Pizarros Temperament drängte zu rascherer Entscheidung. Carbajal fügte sich ironisch lächelnd. Er war Fatalist. Es lag ihm längst nichts mehr am Leben. Nur riet er, sofort den Paß zwischen dem Apurimak und Kuzko zu besetzen. »Ich werde die Sache selber machen! Gebt mir 200 Büchsenschützen!« »Vater,« erwiderte ihm Pizarro, »bleibt lieber bei mir! Ich bedarf Eurer.« Darauf erhielt Juan de Acosta diesen wichtigen Auftrag, dessen Ausführung der Ritter regelrecht verballhornte. Als er in jugendlicher Saumseligkeit mit seinen 200 Schützen an die Paßnähe kam, fand er ihn von den gegnerischen Vortruppen besetzt. Ein Deserteur hatte dem Feinde den Plan verraten. Unverrichteter Dinge kehrte Acosta um. Nunmehr nahm Pizarro eine Stellung im Tale von Xaquixaguana, etwa 27 km westlich von Kuzko, ein. Er verfügte über 900 Mann und sechs Geschütze. Diese Streitmacht war trefflich ausgerüstet; doch es fehlte der Mehrheit die Hauptsache: unbedingte Zuverlässigkeit. Am Morgen des 8. April, am Karfreitag des Jahres 1547, kam es zur letzten Entscheidung, aber das Kriegsglück lächelte dem Eroberer nicht mehr. Noch ehe die Schlacht sich voll entwickelte, gingen die Truppen nach und nach auf die kaiserliche Seite über. Mit ihm trabte der Ritter Garcilasso de la Vega ab, der Vater des späteren Chronisten, und mancher andre. Als selbst Cepeda, der Führer der Pikeniere, angesichts aller das Weite suchte und auch auf den Rückhalt des Heeres, die Büchsenschützen, kaum mehr zu rechnen war, gab Pizarro seine Sache auf und ließ »Das Ganze halt!« blasen. Die ihm noch Treuen begaben sich auf die Flucht. Pizarro ritt an diesem Tage ein kräftiges temperamentvolles Pferd von kastanienbrauner Farbe, auf dem der elegante Reiter, die Lanze schwingend, so recht das Bild eines wahren Ritters und Helden abgegeben hatte. Jetzt hielt er von der Höhe seiner Stellung stumm Ausschau. »Sterben wir wie Römer!« rief ihm Acosta zu. »Besser als Christen!« erwiderte der mutlos Gewordene und ritt sein Pferd langsam an, in Richtung auf die bergan heranrückenden Scharen seiner Feinde. Als ein Ritter auf ihn zukam, übergab er ihm seinen Degen. Zu Gasca geführt, der mit seinem Stabe hinter seinen Truppen zu Fuß hielt, grüßte ihn Pizarro ehrerbietig vom Pferd herab. Der ruhmlose Sieger dankte kühl und stellte, unsoldatisch und unritterlich wie nur ein Pfaffe sein kann, ohne Weiteres eine Art Verhör mit ihm an. Empört zogen sich die kaisertreuen Ritter zurück, um die Demütigung eines ehrenwerten Mannes nicht mit ansehen zu müssen. Auf die törichten Fragen, warum er das Land in Aufruhr gestürzt, den Vizekönig umgebracht, gegen die Regierung gekämpft und die angebotene kaiserliche Gnade ausgeschlagen habe, erwiderte Gonzalo Pizarro in kurzer knapper Rede: »Meine Familie war es, die dies Land erobert hat. Ich hatte allen Anspruch auf die Statthalterschaft und habe für mein Recht gefochten.« »Gewiß,« entgegnete Gasca, »Euer Herr Bruder hat Perú für Kaiser und Reich erobert. Dafür hat Seine Majestät ihn und Euch aus dem Staube emporgehoben. Francisco Pizarro war ein treuergebener Diener sein Leben lang; aber Ihr wart undankbar und ungehorsam.« Pizarro schwieg und ward abgeführt. Carbajal versuchte, nachdem abgeblasen war, sein Glück auf der Flucht. Beim Übergang über den Fluß stürzte sein Pferd. Da ergriffen ihn seine eignen Leute und brachten ihn in der Hoffnung auf besondre Belohnung ins feindliche Lager. Sein Lieblingslied: »Mutter, der Wind weht mir das Haar vom Haupt...« vor sich hersummend, ritt er, in den Ausgang seines Schicksals ergeben, mitten in der fluchenden und ihn höhnenden Horde dahin. Im Lager traf ihn Centeno, der ehrfurchtsvoll grüßend an ihn herantrat, um ihn von der Soldateska zu befreien. »Wer seid Ihr?« fragte ihn spöttisch Carbajal. »Kennt Ihr mich nicht? Bin Diego Centeno!« »Verzeihung, edler Don!« rief der alte Held, auf Centenos schimpfliche Flucht anspielend. »Ich hatte nur noch Euern Hintern im Gedächtnis und Euer Gesicht vergessen!« XLIII Die spanischen Gerichtsschreiber, die Grund genug hatten, auf ihrer Hut zu sein, denn im Lande der Inquisition saßen die Köpfe noch wackliger auf allzu freien Menschen wie sonstwo im Cinquecento, haben Gonzalo Pizarro und Francisco de Carbajal alle nur möglichen Schandtaten vorgeworfen. Für Pizarro sprechen seine Taten zur Genüge. Grausamer als Valverde, Vaca de Castro, Blasco Nuñez, Pedro de la Gasca und wie die Gottesmänner und Regierungsvertreter alle hießen, war er keineswegs. Im Gegenteil. Daß er, der Miteroberer des Landes, in den Kampf ziehen mußte gegen einen Rivalen, den ihm sein undankbarer, schlecht unterrichteter und gewissenloser Kaiser in den Weg sandte, um ihn rücksichtslos seiner Ansprüche zu berauben, das war sein tragisches großes Schicksal. Er war zu stolz und selbstbewußt, als daß er sich und sein gutes Recht verleugnet hätte. Wäre er Diplomat und Machiavellist gewesen wie sein Gegner Gasca: wer weiß, ob ihn dieser, aus Selbstgefälligkeit, Furcht oder Vorsicht, nicht doch schließlich als Statthalter bestätigt hätte. Was Carbajal anbelangt, so muß man auch ihn als einen echten Sohn seiner harten und rauhen Zeit auffassen. Eines war er mehr als alle andern, die je unter ihm oder gegen ihn gefochten haben: tapfer und treu. Noch am Tage der Schlacht, die keine war, genannt die bei Xaquixaguana, hielt Gasca das Kriegsgericht über die beiden Gefangenen ab. Alonso de Alvarado und ein Mitglied der Audiencia, der Lizentiat Cianca, hatten die fragwürdige Ehre, als Untersuchungsrichter zu tagen. Die Sache dauerte nicht lange. Pizarro und Carbajal wurden zum Tode verurteilt. Als man Carbajal das Urteil, er solle tags darauf auf dem Schlachtfelde gevierteilt werden, verkündete, meinte er gelassen: »Sie können mich bloß töten!« Er hatte sich längst damit abgefunden. Man wollte ihm einen Geistlichen aufdrängen. »Wozu?« fragte er. »Es lastet nichts auf meinem Gewissen, es sei denn der halbe Real, den ich einem Krämer in Sevilla noch schuldig bin und den ich zu bezahlen vergaß, als ich Anno Dazumal die Heimat verließ.« Als er in den Korb stieg, in dem er von zwei Maultieren zur Richtstätte geschleppt werden sollte, scherzte er: »Also, nicht bloß als Säugling: auch als Greis liegt man in der Wiege!« Auf dem Richtplatz empfingen ihn trotz aller Ablehnung etliche Geistliche. Inständig bat ihn einer, er solle ihm als Zeichen seiner Büßfertigkeit das Pater Noster oder das Ave Maria nachsprechen. Er gab ihm keine Antwort, aber als im selben Moment der Henker an ihn herantrat, spottete der Unverbesserliche: »Pater noster, ave Maria!« Anders ging Francisco Pizarro in den Tod. Er sollte enthauptet werden. Auch in seinen letzten Stunden durfte ihn niemand in seinem Gefängnisse aufsuchen. Den Rest des Tages wandelte er in seinem Zelte auf und ab. Als die Nacht anbrach, benachrichtigte ihn Centeno, der die Wache hatte, daß seine Hinrichtung am kommenden Mittag erfolgen solle. Er legte sich zur Ruhe, schlief aber nicht lange, sondern ging wiederum hin und her, tief in Gedanken versunken, bis der Morgen graute. Den Weg zur Richtstätte am 9. April 1548 legte er in würdevoller Haltung zurück, prächtig gekleidet, wie er dies in glücklichen Tagen geliebt hatte, in einen Mantel von gelbem Samt. Seine letzte Bitte, ihm nicht die Arme zu fesseln, wie dies bei Hinrichtung üblich war, erfüllte man ihm. Ein Mönch trug das Kruzifix vor ihm her. Als er das Blutgerüst erstiegen hatte, hielt er eine kurze Ansprache an die Landsknechte, die es umstanden. Dann, in seinem letzten Augenblicke, küßte er das kleine Medaillon, das er zu tragen pflegte, mit dem Bilde der Madonna, die seine Schutzherrin gewesen war. Sein Kopf wurde nach Lima gebracht, wo er am Galgen neben dem Haupte Carbajals ausgestellt ward. Seine Güter nebst den Silbergruben von Potosi wurden beschlagnahmt, sein Haus in Lima der Erde gleichgemacht und der Platz zur ewigen Wüstenei erklärt. Den Leichnam ließ Centeno in der Marienkapelle zu Kuzko beisetzen. Bei seinem Tode war Gonzalo Pizarro erst zweiundvierzig Jahre alt. XLIV Das Schicksal fügte es, daß die Hauptverräter an Gonzalo Pizarro ihn nicht lange überlebten. Cepeda entging zwar der Hinrichtung, weil Gasca erklärte, durch seinen Abfall habe er der guten Sache einen großen Dienst geleistet. Gleichwohl ward er nach Spanien gesandt, wo man einen Prozeß wegen Hochverrats wider ihn eröffnete. Er verteidigte sich mit viel Geschick, aber noch vor der Urteilsverkündigung starb er im Gefängnisse. Diego Centeno überlebte das Jahr 1549 nicht; Hinojosa ward im Jahre darauf in La Plata ermordet; und Pedro de Valdivia, der berühmte Eroberer von Chili, fiel kurze Zeit später am Arauca. Acosta und drei, vier andre Ritter, die sich nicht vor ihrem Führer ergeben hatten, wurden am selben Tage mit ihm hingerichtet. Am Morgen darauf brach Gasca sein Lager ab und marschierte auf Kuzko, wo er mit dem nämlichen Jubel empfangen ward wie vor kaum einem halben Jahre sein Gegner. Seine erste Handlung war, daß er eine Anzahl Ritter, die nach der Schlacht in der Stadt Zuflucht gesucht hatten und auf Begnadigung rechneten, festnehmen ließ und vor ein Kriegsgericht stellte. Ein Dutzend von ihnen ward hingerichtet oder auf die Galeere geschickt. Die Güter aller Bestraften verfielen der Krone und wurden später zu Dotationen verwendet. Besondre Milde und Gnade kann man Gasca nicht nachrühmen. Ein schweres Stück Arbeit bereitete ihm die Entlohnung aller derer, die ihm bei der Niederwerfung der Empörer mehr oder minder Dienste geleistet hatten. Man erhob maßlose Forderungen. Drei Monate saß der gewissenhafte Gasca an der Bearbeitung der zahlreichen Vorschläge und Gesuche, aber trotz aller angestrebten Gerechtigkeit erzeugten seine Entscheidungen große Unzufriedenheit und starke Verstimmung. Bemerkenswert ist es, daß er Repartimientos in der Regel nur auf die Lebenszeit der Empfänger verlieh. 250 Repartimientos wurden vergeben; sie schwankten in ihrem Jahresertrag zwischen 100 und 3500 Pesos ensayados. (Ein solcher Peso galt gleich 1,20 Dukaten.) Die dadurch verteilten Jahresrenten betrugen insgesamt 130000 Pesos. Die Enttäuschung vor allem im Heere war so groß, daß die drohende Rebellion nur dadurch im Keime unterdrückt wurde, daß man den Rädelsführer an den Galgen hing. Noch vor der Verkündigung der Dotationen (die Urkunde ist vom 17. August 1548) verließ Pedro de Gasca die Stadt Kuzko und zog sich nach Lima zurück. Seine weitere Tätigkeit als Statthalter galt friedlichen Bestrebungen. Sowie er der Überzeugung war, das Reich Perú sei zu Frieden und Ordnung gebracht, schiffte er sich im Januar 1550 mit dem königlichen Schatze ein und erreichte Sevilla ohne Zwischenfälle. Der Kaiser, der in Flandern weilte, entbot ihn sofort zu sich, zeichnete ihn huldvoll aus und ernannte ihn zum Bischof von Palencia. Dies blieb er bis 1561. Er starb, 71 Jahre alt, zu Valladolid und ruht daselbst in der Kirche der Santa Maria Magda- lena unter einem noch heute erhaltenen Grabmal. XLV Gonzalo Pizarros großartiger Gedanke, ein einziges peruanisches Reich von Panamá und Nombre de Dios bis zum Arauca zu bilden und auszubauen, hat sich bis auf den heutigen Tag nicht erfüllt; aber Carbajals Traum, ein vom Mutterlande Kastilien unabhängiges neues Vaterland Perú zu gründen, hat sich vor nun hundert Jahren verwirklicht. Das spanische Kolonialreich, geboren am 11. Oktober 1492, am Tage, da Christoph Kolumbus den Boden Amerikas betrat, umfaßte nach und nach die Antillen, Florida, Yukatan, Mexiko, Honduras, Panamá, Nikaragua, Guatemala, Venezuela, Kolombia, Perú, Chile usw. Seine höchste Macht erreichte es bereits um 1550. Der Aufstieg des britischen Imperiums warf dann die spanische Welt zu Boden. Auf Lepanto (1571) folgte allzurasch der Untergang der Armada (1588), und seit 1704 hockt der englische Geier auf dem Felsen von Gibraltar. Das Mißgeschick des Mutterlandes hemmte auch die Entwicklung des spanischen Amerikas. Mit der Schlacht bei Ayacucho am 9. Dezember 1824 endete die spanische Herrschaft in Perú. Damals haßte man jeden nicht an der Cordillera geborenen Spanier. Allmählich aber ist auch hierin ein merkwürdiger Wandel eingetreten. Heute zählt man achtzehn freie spanisch-amerikanische Republiken, dazu zwei »Irredenti«. Der Gebietsgröße nach sind dies: Argentinien, Bolivien, Mexiko, Perú, Kolumbien, Venezuela, Chile, Äquatorien, Paraguay, Uruguay, Kuba, Nikaragua, Honduras, Guatemala, Panamá, Costa Rica, Dominikanien, San Salvador. Die Philippinen und Puerto Rico sind der Raubgier der Vereinigten Staaten zum Opfer gefallen. Jene achtzehn Staaten umfassen 13¾ Millionen Quadratkilometer Land mit 77¾ Millionen Menschen. Angesichts der üblen, mehr und mehr zu Tage tretenden Folgen des Pan-Amerikanismus, für den der geschäftstüchtige Yankee seit dreißig Jahren mit allen Mitteln Propaganda macht, hat sich neuerdings das spanische Blut in den geistigen Führern und langsam auch im Volke in Erinnerung gebracht. Dem angelsächsischen Amerika beginnt sich ein spanisches Amerika zielbewußt entgegenzustellen. Dieser hispano-amerikanischen Idee ist es zu danken, daß das weltverhaßte deutsche Volk sowohl an den Pyrenäen wie an der Cordillera echte Freunde hat. Und so mag dieses Buch, das die Eroberung von Perú von neuem erzählt, in den Hinweis ausklingen, daß Perú, das Vier-Sonnenland, auch noch heute ein wunderbar reiches und schönes Gebiet für Eroberer ist, nicht für solche, die mit Schwert und Hakenbüchse kommen, wohl aber für jeden, der gute deutsche Kultur und Kraft in sich mitbringt.