Richard Voß Michael Cibula 1905 Seiner teuren Freundin Frau Mathilde Muhr geb. von Colomb zugeeignet. In jungen Jahren hatt' ich einen Traum Von einem glanzverklärten Dichterleben. Ich hielt mich selbst für einen grünen Baum, Der müden Wandrern könnte Schatten geben. Jetzt weiß ich's längst! Der Wipfel ist ein Blatt, Verdorrt in sonnenschwülen Sommertagen. Der Herbstwind rauscht ... Das Blatt wird welk und matt Auf Sturmesschwingen brausend fortgetragen. Drum, statt mit frühlingsfrohem Rosenglanz Der Freundin teuren Namen zu umgeben – Als dürres Herbstlaub wie ein Totenkranz, Nimm dieses Stück von meinem besten Leben. Bergfrieden , 24. September. Einführung In den Karpathen, dort, wo sie am höchsten und wildesten sind, liegt, fernab von jeder Kultur, in einem engen und waldreichen, aber schönen und fruchtbaren Tale ein uraltes Dorf. Das Tal heißt die Verrös und das Dorf Piatra. Piatra wurde von den Römern gegründet, welche schon während der Republik in die Karpathen kamen und daselbst in der Verrös die ersten Silbergruben und Goldbergwerke Europas ausbeuteten, Minen, von denen seit geraumer Zeit jede Spur verloren gegangen. Die Bauern von Piatra nennen sich nicht Ungarn, sondern »Nachkommen der Römer«. Sie bewohnen Blockhäuser, die sich wie eine vom Lämmergeier bedrohte Herde schwarzer Bergschafe hoch am Rande der Schlucht zusammendrängen, an den Klippen hängend, als ob sie sich aneinanderklammerten, um nicht hinabzustürzen. Ringsum nachtet der Tann, dicht und mächtig wie Urwald. Er steigt aus der Tiefe auf, hoch hinan bis zu den ungeheuren Felsenwänden der Alpen. Hin und wieder erhellen freie Stellen das Waldesdunkel, die, von weitem gesehen, im Sonnenschein wie große goldige Lichter auf dem schwarzen Grunde schwimmen. Noch sind solcher märchenhaften Eilande inmitten des Meeres von düsteren Arvenwipfeln und Tannenspitzen nur wenige; und es befinden sich dieselben beinahe ausschließlich auf der, dem Dorfe Piatra gegenüberliegenden, sonnigen und fruchtbaren Seite der Schlucht. In der Tiefe bahnt sich ein ungestümer Bach zwischen Felsentrümmern und entwurzelten Riesenfichten seinen jungen Lebensweg. Das Wässerlein braust und schäumt wie in Wut über die vielen Hindernisse, die sich seinem Laufe entgegenstemmen. Vorwärts drängend stürmt es von Klippe zu Klippe. Wald und Gebirge wimmeln von edlem Wild, von Hirschen und Rehen. Auf den Halden balzt der Auerhahn, höher hinauf haben Schneehühner und Berghasen ihr Revier, wilde Schafe und Ziegen sind häufig, der Bach liefert köstliche Forellen, und in den Waldseen wird den Muränen und den Aalen nachgestellt. Aber es gibt auch Adler und Lämmergeier, Luchse und Wölfe, und seit alters her sind die Bauern von Piatra berühmte Bärenjäger. Ein einziger Weg führt aus der Welt in die Wildnisse des Verröstales, eher ein Pfad zu nennen als eine Straße. Gras und Blumen überwuchern ihn, und was von den abschüssigen Wänden an Gestein und Erdreich darauf niederrollt, bleibt liegen. Bis zu dem nächsten spärlich bewohnten Tale braucht ein tüchtiger Fußgänger einen starken Tagesmarsch. Die Bauern von Piatra sind seßhafte, schwerfällige Leute, die sich ungern vom Flecke rühren. Daher kommt es, daß nur der eine oder der andere dieses Völkchens von der Welt mehr zu sehen erhält, als Felsen und Wald. Es ist auch ein jeder damit zufrieden, und niemand wünscht sich in seinem Leben mehr zu sehen, als Felsen und Wald, die beide den Bauern von Piatra gehören, so viel sie davon erblicken. Vielleicht macht diese stolze Umschau, die sie tagtäglich halten, sie so selbstbewußt: ein echter Bauer von Piatra hat in seinen Augen etwas von dem Blick eines Herrschers. Was etwa der eine oder der andere winters am Herdfeuer den Seinen von der Welt jenseits ihrer Felsen und Wälder zu erzählen weiß, klingt den Zuhörern so befremdlich, daß sie ungläubig den Kopf dazu schütteln; sie lauschen, als hörten sie Märchen. Aber zu den wirklichen Märchen, die sie einander erzählen, hat noch niemals ein Bauer von Piatra den Kopf geschüttelt. Indessen das seltsamste, das von diesem seltsamen Alpenvolke berichtet werden muß, ist: daß es, auf Grund seiner sagenhaften römischen Abstammung, sein Dorf für einen freien Ort, sein Gebirge und seinen Wald für einen freien Staat hält; und noch sagenhafter mag es sich anhören, daß man die kleine Felsenrepublik in Frieden das scheinen läßt, was sie seit unvordenklichen Zeiten zu sein behauptet. Kein Bauer von Piatra sendet seine Söhne zum Heeresdienst, keiner weiß von einer Regierung, keiner fragt nach einem Herrn und nach Gesetzen. Wie sie die Welt vergessen haben, so sind sie von der Welt vergessen worden. Über ihre absonderlichen Rechte und Befugnisse haben sie uralte Dokumente aufzuweisen, ehrwürdige vergilbte Urkunden, deren Echtheit und Unantastbarkeit noch keiner von ihnen angezweifelt hat; das wäre auch keinem zu raten. Dieses Geschlecht von Wald- und Bergkönigen von Gottes- und eigenen Gnaden ist ein überaus stattlicher Menschenschlag: hoch und schlank von Gestalt, die Glieder kräftig und zugleich geschmeidig, das Gesicht dunkel, mit großen und stolzen Zügen. Alle haben prachtvolles helles Haar und schwermütige dunkle Augen. Die Frauen sind häufig sehr schön. Es ist ein ernsthaftes und schweigsames Volk. Die unerhörte Abgeschlossenheit ihres Tales, das Düstere ihrer Berge und Wälder hat sie selbst verschlossen und düster gemacht. Sie leben in einer Wildnis, von deren Größe und Furchtbarkeit etwas in ihre Seelen überging. Die Bauern von Piatra haben ihre eigene Tracht, schön und phantastisch; sie sprechen ihre eigene Sprache, die, beschränkt in ihren Ausdrücken, voller Pathos ist; sie haben ihre eigenen Gebräuche und Gesetze, und es ist beinahe, als hätten sie auch ihre eigene Religion, trotzdem sie dem Namen nach Katholiken sind. Heimatliche Sage und Sitte achten Sohn und Enkel, wie Vater und Großvater sie geachtet haben; wer dagegen seine Stimme erhebt, gilt als Frevler, des Todes würdig. Es ist ein Volk, das keine Feste kennt und keine Lieder singt; dafür quillt ihm ein unerschöpflicher Born von Märchen und Geschichten. Die Phantasie dieser einsamen Menschen bevölkert die ganze Landschaft mit gespenstischen Wesen, mit Geistern und Alraunen. Jeder Berg hat seinen Kobold oder seine wilde Frau; aber es gibt unter der ganzen großen Geisterschar keinen, der dem Menschen freundlich gesinnt wäre. Alle sind tückisch und feindselig. bringen Unheil, locken ins Verderben, stürzen in den Tod. Wer von einem Bären zerrissen, unter einer Lawine oder einem Bergsturz begraben wird, wer in einen Abgrund stürzt und vom Blitz erschlagen wird, der ist den finsteren Mächten zum Opfer gefallen. Und da der Unglückliche unkommuniziert gestorben, gilt er überdies für ewig verdammt. Je dumpfer diese Waldleute dahinleben mit Seelen, welche die ewige Musik des Urwalds, das Rauschen und Brausen der Wipfel in Schlaf gewiegt hat, ein um so mächtigeres Leben gewinnen die wenigen ursprünglichen Empfindungen, aus denen ihre Gefühlswelt besteht: ihre Heimatliebe und jener finstere, furchtbare Aberglaube, den sie ihre Religion nennen. Was eine wurde ihre tiefste und reinste, das andere ihre verderblichste und wildeste Leidenschaft. Um größeren Herden zu nähren, bieten Piatras Umgebungen zu wenig Weideland. Zwar hätten sie aus der anderen Seite der Schlucht für ihre Tiere Futter in Fülle gefunden; da sie sich indessen nun einmal diesseits befanden, blieben sie auch dort. Auch sind die Bauern von Piatra niemals eigentliche Viehbauern gewesen; ebensowenig Feldbauern. Drüben auf der Südseite war vortreffliches Ackerland, aber drüben war Waldung, und kein Bauer von Piatra wäre jemals auf den Gedanken gekommen, daß man, um Ackerland zu gewinnen, Wald ausroden könne. Seitdem man vor geraumer Zeit die »neue« Kirche gebaut hatte, war in der Verrös kein größerer Holzschlag ausgeführt worden. Die »neue« Kirche war ganz aus kostbaren Zirbenstämmen errichtet; im übrigen auch sie nichts anderes, als ein mäßig großes Blockhaus, lang und schmal, an der Seite mit einem hohen Anbau, den die Waldleute voller Stolz »den Turm« nannten. Die Glocke, die in diesem Turm tagsüber gar viele Male geläutet ward, stand bei jung und alt in hohem Ansehen, als sei sie eine vornehme Persönlichkeit. Späterhin bemächtigte sich vieler Gemüter der leidenschaftliche Wunsch, in Piatra ein steinernes Gotteshaus zu besitzen. Die Beratungen, die darüber ein Jahrzehnt hindurch abgehalten wurden, führten zu keinem Ergebnis; denn wie sollte man in Piatra eines Baumeisters und vieler Steinmetzen habhaft werden? Selber Steine zu brechen, heranzuschleppen und zu schichten, duldete die Würde der Bauern von Piatra nicht, und an seiner Würde hätte ein Bauer von Piatra selbst nicht um Gottes- und der Heiligen willen sich etwas vergeben. Überdies verstand sich die Kunst der Waldleute nur auf Holz. Auch stimmten die Cibula gegen den Steinbau. Die Cibula gehörten zu einer der ältesten Familien des Dorfes, aus der die größten Bärenjäger Piatras hervorgingen. Es waren Männer von trotziger und zornmütiger Art; und wenn es in Piatra überhaupt geschehen konnte, daß jemand sich gegen einen geheiligten Brauch erhob, war dieser große Übeltäter sicher ein Cibula: nur ein Cibula konnte es wagen, eigene Gedanken zu haben und zu sagen, was er dachte. Niemand gebürdete sich so wild über alles, was in Piatra streng nach dem Herkommen geschah, wie die Cibula; trotzdem verteidigte niemand in der Gemeinde die alten Rechte so entschieden, liebte niemand das Walddorf mit seinen eigentümlichen Sitten so glühend wie diese Familie. Sie stand in großem Ansehen, wurde jedoch ihrer unbezähmbaren Natur und ihres wilden Wesens halber allgemein gescheut, so daß die Republik möglichst Frieden mit diesen Republikanern zu halten suchte. Die Cibula also stimmten gegen den Steinbau. Aber für die Errichtung der neuen Kirche war der ganze Stamm der Dozana, die, indem sie dem alten Freistaat seit langen Zeiten seine Priester gaben, die geistlichen, infolge dessen auch die weltlichen Machthaber Piatras waren. Da dies einmal Brauch geworden, dachte niemand arges dabei – außer wiederum die Cibula. Diese unruhigen Köpfe behaupteten: Piatra wäre eine freie Bauerngemeinde und kein Priesterstaat! Als Folge ergab sich, daß seit Menschengedenken die Dozana und die Cibula miteinander in Fehde lagen, Piatra demnach, wie weiland Verona, seit Menschengedenken in zwei feindliche Lager geteilt war. Bei dem wilden Blute und den heißen Leidenschaften, welche beiden Parteien gemeinsam waren, würde dieser Zwist sicher nicht ohne Gewalttaten geblieben sein, wären die Cibula nur die heftigsten und nicht zugleich auch die frömmsten Gemüter Piatras gewesen: so oft im Gemeinderate ein Priester seine Stimme erhob, glühte in den Augen der Cibula die alte Erbfeindschaft auf; aber sowie derselbe Mann in der Kirche seines Amtes waltete, senkten sich vor dem Diener Gottes die trotzigen Häupter. Im Gemeindehause war der Dozana des Cibula schlimmster Feind, in der Kirche sah jeder Cibula in seinem Nebenbuhler nur den geweihten Diener des Herrn, vor dem er in Demut die Knie beugte, wenn jener ihm das Allerheiligste zeigte. Und demselben verhaßten Manne beichtete der Cibula seine Sünden und ließ sie sich von ihm vergeben; von demselben verhaßten Manne hoffte er auf seinem Sterbebette die Versicherung der Versöhnung mit Gott und eines ewigen Lebens zu empfangen. So hielten es alle Cibula mit allen Dozana, die Priester waren, und niemals wäre es ihnen in den Sinn gekommen, daß in Piatra ein anderer als ein Dozana hätte Priester werden können. Sie wären die ersten gewesen, sich gegen einen Fremden zu wehren: gehörte es doch mit zu jenen verbrieften heiligen Rechten und uralten Privilegien der Waldleute, sich ihre Geistlichen aus der Gemeinde zu erwählen. Schon bei Lebzeiten des jeweiligen Geistlichen traten die Häupter von Piatra zusammen und bestimmten aus dem Stamm der Dozana den Nachfolger, der zuweilen – ein zweiter Cincinatus – von den Herden hinweg, oder von der Jagd auf Bären zurückberufen wurde. Ohne an die Möglichkeit eines Widerstandes zu denken, fügte sich der Erwählte dem Beschlusse der Väter und ließ sich hinausschicken in die fremde, unbekannte und gefürchtete Welt, zunächst um zu lernen. Starb inzwischen der Geistliche, so sandten die Waldleute eine Deputation in die nächste Stadt, sich von dort einen Interimspriester zu erbitten, der in Piatra als hochangesehener Gast behandelt wurde, ohne daß jemals die Waldleute Zutrauen zu ihm gefaßt hätten. Unterdessen bereitete sich der junge Waldbauer zum Waldpriester vor. Mit Lesen und Schreiben begann es, um mit der Erteilung der Weihen zu enden. Erst wenn in des Jünglings Locken die Tonsur eingeschoren worden, durfte er zurückkehren in die heimatlichen Wälder, nach denen er sich in Sehnsucht verzehrte. Was ganze Dorf machte die festlichsten Anstalten zum Empfange seines jungen zukünftigen Regenten, Häuser und Küche wurden geschmückt, es ward gejagt, gefischt und geschlachtet – es ward gekocht, gebacken und gebraten. Ward auch gebraut! Ehe an dem großen Tage die Sonne aufging, zog, wer mitziehen konnte, Männer, Frauen, Kinder im Festschmuck dem Ankömmling entgegen. Es war wie eine Prozession. Die lauten Gebete der frommen Schar weckten das Echo der Felsen, schaurig die erhabene Stille der Wälder durchhallend. So wanderten sie bis zu der Grenze ihres Gebietes; ein Kreuz bezeichnete den Ort, Hier erwarteten sie ihren heimkehrenden Sohn. Wer sich vor dem neuen Geistlichen am tiefsten neigte, das waren die Cibula. So lebten sie von Geschlecht zu Geschlecht, so lebten sie noch Ende des letzten Jahrhunderts, in welcher Zeit die Begebenheiten, die in diesen Blättern erzählt werden sollen, sich ereigneten. Erstes Kapitel Die Juden kommen! »Die Juden kommen!« Das Geschrei drang aus dem Walde. Wie ein Schwarm Tauben, die der Habicht auseinander getrieben, flüchteten die Kinder ins Dorf. Hinter hohem Taxusgebüsch versteckt, hatten sie schon seit einer Woche jeden Morgen nach den Händlern ausgespäht. Heute nun, in früher Stunde, sahen sie die fremden Männer mit ihren Saumtieren nach Piatra heraufsteigen: dort, wo der Tann sich lichtete und der Pfad steil an den wilden Wänden der Verrös emporlief. Sogleich faßte Angst die Kinder. Schreiend rannten sie davon, sich bei ihren Müttern zu bergen. In ihren langen, faltigen Röckchen aus ungebleichter Leinwand und mit den nackten Füßen sahen sie aus, als hätten die Juden sie aus den Betten gejagt. Wie das in der Welt so zugeht, wurden bei der allgemeinen Flucht die Schwächeren von den Stärkeren im Stich gelassen. Wehklagend liefen die Mädchen hinter den Knaben drein, die Frühlingsblumen, mit denen sie sich beladen, warfen sie fort, so daß der Weg mit Anemonen, Veilchen und Primeln bestreut wurde. Nur Urs Cibula blieb bei seiner Spielgefährtin zurück. Die kleine Ilja Dozana, die in ihrem weißen Kleide und dem Kranz von Narzissen wie eine junge Nymphe aussah, weinte bitterlich; aber ihr Freund tröstete sie: »Wenn die Juden dir etwas zu leide tun, sage ich's meinem Vater; dann schlägt mein Vater die Juden tot, und bin ich erst groß, so helfe ich ihm.« Dabei schüttelte er zornig seine gelben Locken und machte ein wildes Gesicht, gerade so wie er seinen Vater es machen sah, wenn in dessen Gegenwart von den Juden die Rede war. Aber die kleine Ilja weinte nur um so bitterlicher; sie schluchzte: »Nicht totschlagen! Nicht totschlagen!« Darüber wurde Urs Cibula so zornig, daß er seine beste Freundin ihrem Schicksal überließ, welches kein anderes war, als bei lebendigem Leibe von den Juden gebraten und gespeist zu werden. Er lief fort, wohl an die hundert Schritte; als er sich umsah, stand die kleine Todesbraut ganz gelassen mitten im Wege, Sie weinte sogar nicht mehr. Da machte der treulose Ritter schleunigst kehrt, so daß er atemlos bei seiner verlassenen Dame anlangte. Jetzt lachte diese. Hand in Hand gingen nun beide Kinder ruhig hinter den Flüchtenden her. Sie plauderten, »Jetzt geben wir den Juden wieder unseren süßen Honig, so viele Schinken und alle unsere hübschen Felle,« klagte das kleine Hausmütterchen. Aber der Knabe berühmte sich: »Wir geben ihnen nichts; mein Vater gibt keinem Juden auch nur ein Stück. Den Schinken essen wir selbst und den Honig auch; unsere Felle aber und unsere heiligen Frauenbilder, die bringt mein Vater in die Stadt. Die ist weit.« Als Trost fiel dem Mädchen ein, was ihre liebe Mutter für Honig, Schinken und Felle von den Juden bekam: bunte Bänder, süße Gewürze. Da jedoch die Mutter ihres Spielgefährten keine dieser Herrlichkeiten eintauschen würde, schwieg sie, um ihren Freund nicht zu kränken. Im Dorfe trennten sie sich. Beide Kinder wohnten in den zwei schönsten Häusern von Piatra. Aber das Haus von Iljas Mutter lag neben der Kirche, hatte eine prächtige Halle und ein höheres Dach, als dasjenige der Eltern von Urs Cibula. Dafür stand das letztere dicht am Rande der Schlucht und war von einem herrlichen Blumengarten umgeben. »Die Juden kommen!« Die Frauen traten aus den Häusern und eilten die Gassen hinab, den flüchtenden Kindern entgegen. Jede Mutter bemächtigte sich ihres kleinen schreienden Eigentums, nicht ohne Besorgnis, daß diesem schon durch den bloßen Anblick der Juden ein Leides zugefügt worden. Noch ein hastiges Gespräch mit den Nachbarinnen, lautes Rufen nach den Männern, und die Frauen zogen sich in ihre sicheren Häuser zurück, zunächst um die Kinder und sich selbst mit geweihtem Wasser zu besprengen. Darauf wurden zum Schutz der Kleinen die Mägde und älteren Töchter herbeigerufen und diesen auch die Hut der Säuglinge übergeben. Die Jungfrauen sperrten die Kinder in die Kammern und drohten ihnen: »Seid ihr nicht brav, so bekommen euch die Juden zum Schlachten.« Das zähmte die Wildesten. Unterdessen legten die Bäuerinnen ihre Festtracht an: nicht der Fremden wegen, die sie verachteten, sondern sich selber zu Ehren und damit alles nach Brauch und Herkommen geschehe. Die weißen faltenreichen Gewänder mit den langen, bis zu den Knien herabhängenden Ärmeln und den bunt gestickten Säumen kleideten das schöne Frauengeschlecht der Verrös gar feierlich. Um die kräftigen Hüften trugen sie starke Stricke, dicht mit den leuchtenden Brustfedern des Auerhahns besetzt, daß es aussah, als wären die Bäuerinnen von Piatra mit Juwelen gegürtet; auf dem hellen Haar prangte eine hohe Haube aus zottigem schwarzen Bärenfell, die Hochzeitsgabe des Bräutigams. Mächtige Ketten schwarzer Granaten umschlossen in vielen Reihen den braunen Hals. Während die Bäuerinnen sich so schmückten, gedachten sie voller Hoffnung und zugleich voll geheimen Bangens der längst mit Sehnsucht erwarteten Ankunft der Fremden, die Heiligen bittend, das Gedächtnis ihrer Hausherren zu stärken, damit nichts, was von den klugen Ebräern einzutauschen erwünscht oder nötig wäre, vergessen werde. Aber sie durften nicht wagen, zu mahnen; denn in der Verrös besaßen die Frauen – obgleich Frauen einstmals in der Verrös Heldentaten begangen und Piatra von seinen Feinden befreit hatten - - nur mehr oder minder leise Stimmen im Rate des Hauses; erhoben sie indessen einmal ihre Stimmen, so geschah das mit solchem Nachdruck, daß der Mann ohne weiteres verstummte. Heute jedoch, auf der offenen Gasse, wo der Tausch geschlossen wurde, mußten sie, dem Brauche gemäß, schweigen. Nun hatten sie freilich den ganzen langen Winter hindurch eifrig Sorge getragen, daß jedes Stück, dessen Haushalt und Familie bedurfte, häufig genannt, ausführlich besprochen und so den vergeßlichen Gemütern der Männer eingeprägt worden. Trotzdem hegten die guten Weiber nicht unbegründete Zweifel, ob ihre Eheherrn auch alle Wünsche in Erinnerung behalten würden; denn gewisse weibliche Bedürfnisse schien das Gedächtnis der Gatten und Väter niemals bewahren zu können. In den meisten Häusern von Piatra fehlte es an Bandwerk, Wollenzeugen, Kochgeschirren und an manchen anderen nützlichen oder angenehmen Geräten und Dingen. Sicher war, daß die Männer zum mindesten die kostbaren Gewürze gänzlich vergessen würden! Und wie ließ sich ohne Gewürze Kuchen bereiten? Und wie ohne Kuchen ein Fest feiern? Fehlte der Kuchen oder mißriet er wegen Mangel an den nötigen Gewürzen, so würden die Männer sicher nicht säumen, zu murren. Trotzdem wurde jedes Jahr das eine oder das andere nicht reichlich genug oder schlecht von ihnen eingehandelt. Und jedes Jahr wurden die Waldleute von den klugen Juden betrogen. Das letztenmal hatten die Händler ihnen verdorbene Gewürze gegeben, das Mehl war mit Staub vermischt gewesen und zwischen dem Flachs hatte Hanf gesteckt. So hatten die Bäuerinnen ihre großen Kümmernisse und Nöte; und es war ein Trost für die beschwerten Gemüter, daß die gute Gottesmutter, die sich ja auf Hausfrauensorgen verstehen mußte, an allem Leid, das den Bäuerinnen von Piatra widerfuhr, getreuen Anteil nahm. »Die Juden kommen!« Auch die Männer gerieten bei der Nachricht in Aufregung, so viel es bei einem Bauern von Piatra die Würde zugab. Jeder ließ seine Arbeit und trug mit dem Sohne oder Knecht alles, was längst in den Kammern aufgespeichert lag, hinaus auf den Platz vor der Kirche. In geziemender, ehrerbietiger Entfernung von dem Heiligtume stellte ein jeder auf, was er besaß: Honig und Käse, gedörrte Bärenschinken, und getrocknete Forellen, Felle und Häute; auch allerlei Federwerk und Holzschnitzereien, in welchen Arbeiten die Leute von Piatra große Künstler waren. »Die Juden kommen!« rief der Priester Stefan Dozana seiner Schwägerin Maura zu, die ihm nach dem Tode ihres Mannes in dem alten Familienhause der Dozana die Wirtschaft führte. Er kam mit hastigen und starken Schritten aus dem Walde. Den langen weißen Bauernmantel über seinem Priesterrock, auf dem Kopf die Mütze von Otterfell, die Büchse über der Schulter, glich er eher einem bäuerischen Krieger, als einem Diener des Evangeliums. Als er ins Haus trat und mit heftiger Bewegung die Kappe abnahm, ließ sich nur an dem kurzen Gekraus in der Mitte des hellen Lockengewirres erkennen, daß dieser Kopf die Tonsur trug. Er war noch jung, eine hohe Gestalt, ein Gesicht mit stolzen und festen Zügen. Wenn er in der Kirche das Kreuz aufhob, so hielt er das heilige Zeichen wie ein Szepter über den geneigten Häuptern seiner Gemeinde; und wenn er über ihnen den Segen sprach, tat er es wie ein Fürst, der den Ritterschlag erteilt. Seine Augen glühten wie in Kampfbegier, und seine Lippen waren so rot und heiß, als hätten sie lieber auf eines lebendigen Weibes Mund brennen, als der himmlischen Jungfrau die wächsernen Hände küssen mögen. Mit volltönender Stimme, der das Gebieten natürlich war, wies Stefan Dozana Schwäherin und Gesinde an, nach den Tauschwaren zu sehen und sie auf den Platz zu schaffen. Denn da die Bauern von Piatra ihren Seelenhirten nicht mit Geld, sondern mit den Erzeugnissen des hohen Tatra zahlten, so waren in keinem Hause sämtliche Kammern so wohlgefüllt, so wurden in keinem Hause der Frühling und mit ihm die Ankunft der Juden so ungeduldig erwartet, wie in dem ansehnlichen Balkenhause neben der Kirche, das seit Jahrhunderten die Familie der Dozana bewohnte. »Die Juden kommen!« kündigte Michael Cibula mit rauher Stimme seinem Weibe an, das im Garten mitten unter ihren Blumen saß und aus blühendem Rosmarin eine Brautkrone wand. Und er gebot ihr: »Geh ins Haus, schicke Simo nach dem Knaben und lasse dich bis zum Abend nicht auf der Gasse sehen.« Sogleich raffte Josepha die duftenden Zweige zusammen und erhob sich langsam. Ihre sanften und schwermütigen Augen suchten schüchtern den düsteren Blick ihres Mannes; aber Michael Cibula wandte sich ab und ging ins Haus. Noch ehe Josepha ihm folgen konnte, trat er schon wieder heraus, die Büchse in der Hand, die Mütze auf dem Kopfe. »Ich gehe in den Wald. Rüste das Abendmahl, ohne auf mich zu warten; vor Nacht komme ich nicht zurück.« Er ging, traurig sah Josepha ihm nach. So gern hätte sie ihm etwas gesagt, irgend etwas; denn sie wußte, daß es dem rauhen Mann jetzt wild und zugleich weh um das Herz war. Doch fand sie niemals das rechte Wort. Jedes Frühjahr, wenn die Waldleute den Besuch der jüdischen Händler erwarteten, ereignete sich im Hause Michael Cibulas dasselbe: noch ehe die Kinder, hinter den Taxusbäumen versteckt, nach den ersehnten und zugleich gefürchteten Fremden ausspähten, verdüsterte sich Michael Cibulas Antlitz und Wesen, die beide niemals heiter waren. In stillem Ingrimm ging er umher, mehr als je von dem Gesinde gefürchtet, von den Nachbarn gescheut und von seinem Weibe mit bangem Flehen angesehen, mit Blicken heimlicher Liebe, auf welche Josepha nie eine Antwort empfing. Kamen die Juden, so befahl er sein Haus zu schließen; er selbst verließ das Dorf. An dem allgemeinen Tauschgeschäft beteiligte er sich niemals. Jedes Jahr stieg er mit den Knechten schwerbepackt in die Täler und Ebenen nieder; lange blieb er aus, um mit reichem Erwerbe wieder zu kommen. Jedes Jahr ward sein Gemüt mehr und mehr erfüllt von allem, was er in den Städten sah, jedes Jahr hielt er nach seiner Heimkehr im Gemeindehause lange und feurige Reden: von dem Großen und Gewaltigen, davon die Welt voll war. Er berechnete seinen Gemeindegenossen den Vorteil, den es ihnen bringen würde, wenn sie mit ihren Waren in die Städte auf den Markt zögen; er bewies ihnen, wie sie von den Juden betrogen wurden, und pries, was sie lernen, erwerben und gewinnen könnten. Und jedes Jahr schüttelten die Bauern zu solchen hitzigen und wunderlichen Reden die Köpfe, bis Michael Cibula in hellem Zorne davonging. Aber am meisten kränkte es ihn, daß einer gegen ihn war, der für ihn hätte sein müssen, wenn ihm das Wohl und Gedeihen der Gemeinde am Herzen lag: das war Stefan Dozana. Der Priester hätte es besser wissen müssen. Allmählich versammelten sich die Waldleute vor der Kirche. Ihre Röcke waren von demselben Stoff und von ähnlichem Zuschnitt wie die Gewänder der Frauen, am Saum mit breiten, bunten Lederstücken besetzt, oft in den kunstvollsten Mustern. Sie trugen Schuhwerk von Wildleder, das bis hinauf zu den Knien reichte und gleichfalls bunt ausgenäht war. Ein weiter, weißer Mantel vervollständigte die schöne Tracht. Der Kopf blieb unbedeckt, im reichsten Lockenschmuck prangend; den Jungen fiel das Haar tief in die Stirn hinein. Das Aufstellen der Tauschwaren geschah ohne Unruhe und Hast; man hörte dabei kein lautes Wort. Nachdem alles geordnet, trat jeder an das Seinige heran, würdevoll die Händler erwartend. Auch Stefan Dozana stand hinter seinen Waren; sie lagen der Kirche am nächsten. Jetzt rückten die Frauen an, langsam und feierlich schreitend. Ohne sich bei den Männern aufzuhalten, traten sie, je nach Rang und Alter, dicht an die Kirche, mit ihren hellen Kleidern den dunklen Hintergrund der Holzwände förmlich erleuchtend. Zwischen ihnen und den Männern blieb ein freier Raum; so erheischte es in Piatra der Brauch. Die Juden kamen. Es waren braune, fremdartig aussehende Männer mit schwarzen, klugen Augen und langen Bärten, in dunkle Kaftane gekleidet. Einige hatten ein verschmitztes, andere ein würdiges Aussehen, die meisten führten hochbeladene Maultiere hinter sich her; aber dieser und jener von den jüngeren zog an einem schweren Karren oder trug sein Bündel auf dem Rücken. Die Waldleute empfingen sie wie Könige, die Audienz erteilen: tief neigten sich die Ebräer vor ihnen. Dann packten sie ab. Die Rast nach der beschwerlichen Reise hatten sie vor dem Dorfe gehalten, denn die Bauern von Piatra gewährten keinem Juden längeren Aufenthalt zwischen ihren Häusern, als notwendig war, den Tauschhandel abzuschließen; und auch dieser durfte nicht über ein gewisses Zeitmaß ausgedehnt werden: Vormittags war ihnen gestattet zu kommen, am Nachmittage mußten sie wieder gehen. Niemals hatte ein Jude in Piatra genächtet, niemals war ein Jude in Piatra gespeist und getränkt worden. Die Cibula allein hatten einst von diesem uralten Brauch eine Ausnahme gemacht und schwer dafür büßen müssen. Jetzt begann bei den einen der Tausch, bei den anderen das Geschäft. Die einen verhandelten mit unerschütterlicher Ruhe und Würde, die anderen unter leidenschaftlichen Gestikulationen und mit mächtigem Geschrei. Von ferne standen die Weiber, voller Aufregung allen Vorgängen folgend, aber nicht wagend, näher zu treten. Über dem seltsamen Bilde blaute der leuchtende Frühlingshimmel, die dunkeln Wipfel des Urwalds, die starren Felsenhäupter der Karpathen schauten darauf herab, und die heilige Sonne beschien mit göttlicher Gerechtigkeit Juden und Christen. Zuweilen gelang es Vogelgesang und Bachesbrausen, die gellenden Stimmen der Händler zu übertönen. Von den wilden Verrösfelsen schwang sich ein Adlerpaar auf und kreiste über der Schlucht. Die Fremden hatten ihre sämtlichen Schätze aufgestellt, alles, was in der Verrös von weiblichen Gemütern begehrt werden konnte, lag kunstvoll ausgebreitet auf dem grünen Rasen: ganze Hügel von Flachs und seinen weißen Wollenzeugen, Bollwerke von bunten Bändern und seidenen Tüchern, duftende Gefilde von Spezereien und Gewürzen. Bekümmert gewahrten die Frauen, wie die Blicke ihrer Hausherren über diese Herrlichkeiten hinwegglitten und auf Dingen haften blieben, welche den guten Weibern in diesen Augenblicken leicht entbehrlich erschienen; auf blinkenden Äxten und Messern, auf Säcken voll Pulver und Blei, auf mancher guten Büchse. Aber lange mußten die klugen Ebräer die weisen Bauern mit ihren Schätzen reizen und locken, bis sie von den Waldleuten erreichten, was zu erreichen sie die weite und mühselige Reise unternommen hatten. Erst als die Sonne sich neigte, machte der Anbruch der Dämmerung dem Tausch und Geschäft ein Ende; denn es hätte gegen jeden Brauch und alles Herkommen verstoßen, die Unterhandlungen am nächsten Morgen wieder aufzunehmen; der Vorteil dieser alten Sitte war sicher nicht auf Seite der Bauern zu suchen. Während die Juden unter lautem Wehklagen über ihre schweren Verluste ihre Tiere beluden, ihre Karren und Kasten füllten, traten endlich auch die Weiber zu den erhandelten Gegenständen heran, und manches starke Frauengemüt bekam einen großen Schrecken. Aber erst nachdem alles in die Häuser gebracht und in den Kammern geborgen worden, begann das Beschauen und Klagen, das Prüfen und Schelten. Dann ward mit diesem und jenem zur Nachbarin geeilt und von neuem beschaut und geprüft und geklagt. Wer bei dem Vergleich gut fortkam, der konnte im stillen triumphieren, der wurde beneidet; war aber das Mißvergnügen auf beiden Seiten, so erschallten die Lamentationen im Chorus. Das war dann wenigstens Trost. Schelten und Trösten dauerten bis spät in die Nacht hinein, und es war dieses Wesen gewissermaßen Brauch geworden, der so heilig gehalten ward, wie jede andere heilige Sitte des Walddorfes. Und ebenso war es Sitte geworden, daß nach diesem Tage die Männer in Piatra schlechte Nachtruhe hielten. Und das will bei solchen Waldmenschen etwas besagen. Aber die Bauern von Piatra verstanden das Unvermeidliche mit Würde zu tragen. Zweites Kapitel Ein Jude bleibt Spät abends kam Michael Cibula von seinem Ausgange heim. Es war so finster, daß das Felsengebirge als eine einzige ungeheure schwarze Masse in den sternenlosen Himmel hineinwuchs. Im Walde war es dumpf wie in einem Gewölbe. Aber unbeirrt setzte Michael Cibula seinen Weg fort, so mit dem Orte vertraut, daß er kaum auf den Weg zu achten brauchte. In tiefem Sinnen schritt er dahin; denn in der Einsamkeit verlor sich dieser Mann stets in einem Labyrinth von Gedanken. Vollends in dieser Frühlingsnacht glich Michael Cibulas Geist dem mit dichtem Gewölk überzogenen Firmament: auch in seiner Brust waren, gleichwie am Himmel die Sterne, alle leuchtenden Gedanken ausgelöscht. Er näherte sich dem bereits in tiefem Schweigen ruhenden Dorfe, als plötzlich hart am Wege eine dunkle Gestalt sich erhob, wie wenn sie dem Boden entstiege. Michael Cibula, der als echter Waldmann so gut wie jeder andere Bauer von Piatra seinen unerschütterlichen Geister- und Teufelsglauben hatte, beeilte sich, drei Kreuze zu schlagen und den üblichen Spruch zu murmeln. Solchermaßen gegen jede Anfechtung des Bösen und alle Gefahren einer nächtlichen Geisterbegegnung gefeit, blieb er vor der unheimlichen Gestalt stehen, vollkommen darauf gefaßt, von dem Spuke angeredet zu werden, und bereit, eine derbe Antwort zu erteilen, eine echte Cibulaantwort. »Michael Cibula!« Das Gespenst kannte seinen Namen! Dennoch mußte es ihn schlecht kennen, sonst hätte es schwerlich die Sprechweise eines Ebräers angenommen. Das war gerade der rechte Ton, um Michael Cibula in Versuchung zu führen! In jedem Falle war es ein dummes Gespenst. »He, du da! Wer bist du und was willst du?« Demütig erwiderte das Gespenst: »Ein Jude bin ich und ein Geschäft will ich mit dem Bauern Michael Cibula machen.« Aber der fuhr drei Schritte vor dem eifrigen Geschäftsmann zurück. Einen Juden hatte er für ein ehrliches Gespenst gehalten, vor einem Juden hatte er drei Kreuze geschlagen und sogar den Geisterbann gesprochen! Für einen solchen Unhold hätte ein Fluch und ein Fußtritt genügt. In Hellem Zorne schnaubte Michael Cibula den Ebräer an: »Du ein Geschäft mit mir machen! Mache du dein Geschäft mit dem Teufel oder mit der verdammten Seele eures Judas Ischarioth oder sonst mit jedem, der ein Geschäft mit einem räudigen Hund machen will.« »Das sollt Ihr tun,« flehte der würdige Sohn Israels. »Fort, Jude!« Michael Cibula schrie es, als ob er Apage Satanas ! riefe. Aber der Jude war beharrlicher, als der Teufel: der Jude blieb. »Ich bin ein ehrlicher Jude und es ist ein ehrliches Geschäft,« versicherte er mit weinerlicher Stimme, seinen langen hagern Leib windend. »Ist auch ein gutes Geschäft,« setzte er hinzu, rühmend und lockend zugleich. »Daß du mit deiner ehrlichen Schächerseele und deinem guten Wuchergeschäft vermaledeit seiest!« schrie Michael Cibula und hatte nun wenigstens den Fluch von der Seele. Doch wäre für den Juden der Christ ohne den Fluch kein rechter Christ gewesen; deshalb sagte der Händler mit neuem Mute und neuer Hoffnung im besten Lockton: »Es sind die reichen Juden von Tar, welche machen wollen mit den Bauern von Piatra das Geschäft. Es ist ein großes Geschäft!« »So ködre die Bauern von Piatra, du jüdischer Kuppler! Vielleicht, daß sie dieses Geschäft mit euch machen!« versetzte Michael Cibula mit bitterem Hohne, der ihm selbst in die Seele schnitt. Der Ebräer schlich hinter ihm her. »Ich sag's dem Michael Cibula. Der Michael Cibula soll machen das große Geschäft mit den reichen und ehrlichen Juden von Tar.« Da löste sich Michael Cibula auch der Fußtritt vom Herzen. In weitem Bogen flog das Jüdlein zu Boden, mitten in das Dickicht und Dornengestrüpp. Er lag und wimmerte kläglich. Tief aufatmend, ohne einen Augenblick stehen zu bleiben und umzuschauen, setzte Michael Cibula seinen Weg fort. Er war jedoch noch keine hundert Schritte gegangen, als er es schon wieder hinter sich drein huschen hörte. »Die Juden von Tar lassen melden dem Bauern Michael Cibula\ –\ – « »Daß dich der Teufel hole, du Höllenbrut,« brauste Michael Cibula auf. »Wer sind diese Bestien von Juden von Tar, die dem Michael Cibula durch ein solches Tier etwas melden lassen?« »Er heißt Michael Cibula und kennt nicht die Juden von Tar!« kreischte der Jude voll höchsten Erstaunens. Und er fuhr fort, sich über die Unwissenheit des Bauern zu wundern. »Kennt nicht die Juden von Tar und es hat doch ein Jude von Tar Mirjam Cibula zum Weibe genommen, Leben doch ihre Nachkommen noch heute und lassen es sich Wohlergehen vor dem Gott unserer Väter.« Es war ein Glück für den Juden, daß Wut und Grimm Michael Cibula für einen Augenblick übermannten, sonst wäre die lange Rede des geschwätzigen Mannes vielleicht seine letzte gewesen. Nachdem der Bauer einen Augenblick regungslos wie gelähmt dagestanden, ging er mit schweren Gliedern langsam weiter und es kostete ihn Anstrengung, zu reden. »Sage mir, Jude, was ist es, das die Juden von Tar mir durch dich melden lassen?« Sogleich war es dicht neben ihm; er hörte es in seine Ohren flüstern, als zischelte eine Schlange ihm zu: »Die Juden von Tar sind weise. Sie wissen viele Dinge; sie wissen, daß die Felsen der Verrös Silber bergen und die Bäche über Gold hinfließen. Und es wissen die weisen Juden von Tar, daß die Bauern von Piatra nicht anrühren dürfen dieses Silber und nicht nehmen können dieses Gold. Denn die weisen Männer, die ihre Väter waren, erließen ein Verbot, den Felsen der Verrös ihr Silber zu rauben, und sie gaben ihrem Stamme den Befehl, den Bächen zu lassen ihr Gold. Und die Bauern von Piatra halten dieses Gesetz ihrer Väter heilig, gleich einem Gebot ihres Gottes.« Noch immer hielt sich Michael Cibula in Gewalt: er mußte von dem Juden noch mehr in Erfahrung bringen. »Von wem erfuhren die Juden von Tar alle diese Dinge?« murmelte er und konnte die Worte kaum aussprechen. »Von Mirjam Cibula.« Michael Cibula griff um sich, in die Luft hinein. Der ganze mächtige Mann zitterte, er würgte die Worte hervor: »Und weil Mirjam\ –\ –« Er bekam den Namen nicht über die Lippen. »Und weil das Weib alle diese Dinge den Juden von Tar verraten hat, schicken die Juden zu mir, auf daß ich das Gebot brechen und das Gesetz umstoßen solle?« In seiner Stimme klang es wie Grollen und Rollen, als ob ein Gewitter sich in seiner Seele zusammenzöge, und wie vor einem Gewitter bei schwüler Luft ward dem Juden zumute. Langsam wich er zurück vor der gewaltigen Gestalt des Bauern, sich krümmend, als wollte er sich in seinen eigenen Leib verkriechen. »Rede, Jude: warum schicken die Juden von Tar zu mir?« »Darum: wenn Michael Cibula den Juden von Tar helfen will, daß sie eingelassen werden in die Verrös und ihnen zugewiesen werden die Felsen, welche bergen das Silber, und die Bäche, welche dahinfließen über das Gold – wenn Michael Cibula ihnen zu solchem verhelfen will, wollen sie ihn machen zum mächtigsten und reichsten Mann der Erde.« »Warum gerade mich?« fragte Michael Cibula, seine Lippen blutig beißend und nach Atem ringend, als ersticke er. »Weil die Juden von Tar Macht und Reichtum zuwenden wollen dem Hause, daraus einst einer ihres Stammes sich ein Weib nahm.« Zugleich sprang der Mann behende zur Seite, denn er gewahrte, wie der Bauer zu einem gewaltigen Schlage den Arm hob. Es war unmöglich, bei der Finsternis den Fliehenden zu verfolgen. In ohnmächtiger, sinnloser Wut rüttelte Michael Cibula an dem Stamm, hinter dem der Ebräer verschwunden, als fasse und zermalme er den Leib des Mannes. Bis in den Wipfel erbebte der Baum. Da vernahm Michael Cibula aus der Ferne den höhnenden Ruf: »Wenn der Bruder der Mirjam Cibula nicht will werden der reichste und mächtigste Mann, so fragen die Juden von Tar einen anderen. Wenn der Bauer zu dumm ist, wird weise sein ein anderer.« Michael Cibula schrie auf und stürzte blindlings nach der Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Ein gellendes Gelächter, ein Rascheln und Brechen in den Gebüschen, und die Nacht wurde wieder so still wie sie dunkel war. * Am nächsten Morgen nach einer schlaflos verbrachten Nacht begab sich Michael Cibula zur Wohnung Stefan Dozanas. Er ging aber nicht hinein, sondern wartete vor dem Hause, bis der Priester herauskam, um die Messe zu lesen; dann trat er ihm in den Weg, und da Stefan Dozana noch vor der Kirche stand, auch seinen Bauernmantel und noch nicht den Priesterrock anhatte, fühlte Michael Cibula sich nicht veranlaßt, ihn zu grüßen. »Höre, Stefan Dozana,« begann er in seinem rauhsten Ton, mit einem seiner finstersten Blicke. »Höre, ich habe mit dir zu reden.« »So komm nachmittags in mein Haus.« »Ich habe jetzt mit dir zu reden.« »Dann sprich schnell, denn ich habe nicht lange Zeit dich anzuhören.« »So lange ich hier mit dir rede, wirst du Zeit haben, mich anzuhören.« Sie sahen sich an und der Haß loderte beiden Männern gleich heiß aus den Augen. Dann fragte der Priester den Bauern: »Was hast du mir zu sagen?« »Als ich gestern nach Hause kam, spät abends, um den Juden nicht zu begegnen, lauerte mir ein Jude auf. Er war aus der Judenstadt Tar und begehrte ein Geschäft mit mir zu machen. Da ich nun mit Juden keine Geschäfte mache, drohte der Mann, zu dir zu gehen. War er bei dir?« »Weshalb willst du das wissen?« »Weil ich es wissen will.« »Ist das alles, was du mir zu sagen hast?« »Ich weiß, daß der Jude bei dir war.« »Dann brauchst du mich nicht zu fragen.« »Er kam in der Nacht zu dir.« »Da du es weißt, brauche ich es dir nicht erst zu sagen.« »Sagte er dir, daß er mit mir das Geschäft habe machen wollen?« »Wenn er es mit mir machen wollte, würde er mir schwerlich gesagt haben, daß du das Geschäft abgewiesen hast.« »Hast du es angenommen?« »Und wenn ich es angenommen hätte?« »Dann,« entgegnete Michael Cibula, und er sprach plötzlich ganz ruhig und gelassen, »dann würde ich dich töten müssen.« Wieder sahen sich beide an in unversöhnlicher Feindschaft. »Weil deine Schwester Maria den Juden von Tar den Gold- und Silberreichtum der Verrös verraten hat, würdest du mich töten müssen, wenn ich den Juden behilflich wäre, zu dem Gold und Silber zu gelangen?« »Dann würde ich dich töten müssen,« wiederholte Michael Cibula mit eisiger Ruhe. »Meine Schwester – die verflucht sei in alle Ewigkeit – soll keinen Bauern von Piatra dazu bringen, die alten Gesetze und Verbote unserer Väter umzustoßen.« »Michael Cibula!« »Ich frage dich: was hast du den Juden von Tar durch ihren Boten antworten lassen?« »Und du glaubst, daß ich dir das sage?« »Wenn ich das nicht glaubte, hätte ich dich nicht hier gefragt, sondern hätte dich vor die Gemeinde gefordert, mir dort Rede zu stehen. Welche Antwort gabst du den Juden von Tar?« Stefan Dozana erhob seine rechte Hand. »Siehe meine Hand an.« Es war eine mächtige Hand, deren Schlag einen Menschen hatte töten können. »Was ist mit deiner Hand?« »Damit gab ich dem Boten meine Antwort.« Michael Cibula nickte voll düsterer Befriedigung. »Das dachte ich von dir.« Aber zugleich regte sich in ihm ein Gefühl wie Neid. »Übrigens konntest du den Juden von Tar gar keine andere Antwort erteilen; es lebt in Piatra niemand, der die Stelle kennt, wo die alten Bauern von Piatra ihre Schätze gesammelt. Als unsere Väter das Gesetz verfaßten, trugen sie zugleich Sorge, daß es nicht umgestoßen werden konnte; denn sie verschütteten die Gruben und vernichteten jede Spur. Selbst den Bächen gaben sie ein anderes Bett. Und wie auch die Bauern im geheimen nach Gold suchten, hat doch keiner jemals eine Spur davon wieder aufgefunden.« »So konntest du freilich leicht verschmähen, der reichste und mächtigste Mann der Erde zu werden,« entgegnete Stefan Dozana mit einem höhnischen Lächeln. Michael Cibula wollte auffahren; in demselben Augenblicke begann die Glocke zur Messe zu läuten; er verstummte, und Stefan Dozana begab sich in die Kirche. Mit jenen fabelhaften Schätzen der ehemaligen Bewohner Piatras, mit dem Verschütten der Gruben und dem Ableiten der Bäche, deren Wasser über reines Gold geflossen sein sollte, verhielt es sich einer Sage nach – und bekanntlich war in Piatra Sage soviel wie Historie – folgendermaßen: Irgend ein fabelhafter Fürst aus Polen hatte von großen Schätzen vernommen, die in einem wilden Tale der Karpathen von Bauern gesammelt worden waren. Goldgierig sandte der Fürst viele Krieger hin, den Ort auszukundschaften. Aber die Bauern von Piatra rollten von ihren Felsen große Steinblöcke auf die Andringenden herab und versperrten mit ihren Leibern den Eingang der Schlucht, die zu ihrem Tale führte. Viele der Bauern wurden erschlagen, der Polen aber noch mehr. Diese mußten unverrichteter Sache wieder abziehen. Da kam der Fürst selbst mit einem großen Heere. Furchtbar war die Schlacht. Fast alle Waldleute verloren das Leben, ihre Schätze wurden eine Beute des Feindes. Und die Polen blieben in der Verrös als Herren. Dreißig Krieger ließen sie als Besatzung zurück, und die dreißig Krieger wurden in einer Nacht von den Weibern der Getöteten erschlagen. Davon vernahm irgend ein König von Ungarn, und dieser fabelhafte König belohnte die Weiber von Piatra königlich: er belehnte sie und ihre Nachkommen mit ewigen Rechten und ewigen Freiheiten, wie alles auf uralten Pergamenten zu lesen stand. Die Bauern von Piatra gingen in die Messe! Sie gingen jeden Morgen in die Messe und jeden Abend auch; am liebsten wären sie auch jeden Mittag und Nachmittag gegangen; und es wäre ihnen als ein großes Unglück erschienen, hätten sie einmal nicht in die Kirche laufen können. Das kam indessen nur vor, wenn sie krank waren oder auf dem Sterbebette lagen, und dann kam die Kirche zu ihnen ins Haus; dann wurde das Sterbebett zum Altar, darauf ihre brechenden Augen das Allerheiligste gewahrten, ihrem sterbenden Munde der göttliche Leib gereicht ward, so daß gar mancher sein letztes Stündlein für das glücklichste und herrlichste seines Lebens hielt. Auch an diesem Morgen füllten sie das kleine, dunkle Gotteshaus; sie überfüllten es. Die enge Halle, die vor einem halben Jahrtausend für die Väter gerade ausgereicht hatte, faßte nicht mehr die Söhne und Enkel. Sie knieten vor der Türe und auf dem Platze. Michael Cibula freilich meinte, daß sie auch im Walde knien könnten, unter Wipfeln und Felsen, und daß das grade für die Waldleute der rechte Platz sei. Aber heute drängte auch er sich hinein; denn während er noch mit Stefan Dozana sprach, hatte er Josepha kommen und eintreten sehen. Sonst pflegte sie, wenn beide nicht zusammen kamen, auf ihren Mann vor der Kirchtür zu warten. Doch heute trat Josepha ohne ihn in die Kirche. Weshalb? Und Michael Cibula drängte seinem Weibe nach, mit einer Hast, daß alle auf ihn sahen. Da stand er nun unter den Männern, wollte beten und fand nicht die Andacht zum Gebet. Immer mußte er auf- und hinüberschauen, wo unter den Weibern Josepha kniete: keine hatte so reiches goldiges Haar wie sie, keiner stand das helle Gewand, der dunkle Granatschmuck und die schwarze Pelzhaube wie seinem Weibe. Ihre Augen konnte er nicht sehen, die hielt sie auf ihre gefalteten Hände gesenkt. Aber Michael Cibula wußte: keine hatte solche dunklen und solche – traurigen Augen wie sie. Wenn sie den Priester ansah, leuchteten ihre Augen gewiß auf. Und während des ganzen Gottesdienstes spähte er, anstatt zu beten, zu Josepha hinüber, ob er ihre Augen nicht aufleuchten sähe. Aber Josephas Kopf blieb gesenkt. Da wies Stefan Dozana seiner Gemeinde das Allerheiligste. Michael Cibula beugte sich in Demut und Zerknirschung so tief, daß seine Stirne fast den Boden berührte. Während er so dalag, fiel ihm ein: Jetzt sieht sie den Priester an! Jetzt können sie sich ansehen, ohne daß jemand es gewahrt. Wie ihre Augen sich jetzt herzen und küssen mögen! Seine Zähne stießen knirschend zusammen; aber er richtete sich nicht auf; er blieb sogar länger am Boden liegen, als die anderen. Als er sich endlich erhob, war Josepha schon aufgestanden. Die Gemeinde drängte sich zu dem Priester, alle ließen sich segnen. Nur Josepha blieb stehen, wo sie stand. Hart an Michael Cibula vorüber schritt Stefan Dozana. Noch war er in diesem Augenblick für Michael Cibula nicht Stefan Dozana, sondern der Priester, der den Leib des Herrn austeilte, der das Blut des Heilandes trank, ein fast heiliger Mann. Und als er an ihm vorbeikam, neigte der Bauer sein Haupt und ließ sich segnen. Es schien, als ließe der Priester seine Hand auf der Stirn seines Feindes länger ruhen, als auf dem Haupte der anderen. Vor der Kirchentür wartete Michael Cibula auf Josepha, und als diese kam, schritten beide, wie immer, schweigend ihrem Hause zu. Sie gingen dicht nebeneinander, und doch lag ein Abgrund zwischen diesem Weibe und diesem Manne, wie er nicht tiefer zwischen den Felsen von Piatra und den Abhängen des Kryvan war, dem schönen Gebirge jenseits der Schlucht. Als die beiden Gatten sich ihrem Hause näherten, sprang ihnen ihr kleiner Sohn entgegen, sich zwischen sie und an seine Mutter drängend. Aber Michael Cibula trieb den Knaben fort. Während heute Stefan Dozana in der Kirche die Hand auf dem Haupte seines Feindes hatte ruhen lassen, mußte er daran denken, daß er die Rache in seiner Hand hielt. Er hielt sie in beiden Händen. In der einen Hand hielt er die Rache als Mensch, in der andern als Priester. Seine Rache als Mensch ließ sich durch ein Weib vollführen, seine Rache als Priester durch sein Priestertum. Er konnte das eine ober das andere, er konnte beides wählen. Er konnte Michael Cibula zuraunen: Ich vermag dich von deinem Weibe zu scheiden. Und er konnte ihm zudonnern: Ich scheide dich von Gott! Und doch hatte seine segnende Hand heute schwer auf dem Kopfe seines Feindes geruht. * Der Bote der Juden kehrte inzwischen zu der Stadt Tar zurück und meldete: »Sie wollen das Geschäft nicht machen.« »Hast du gesprochen mit dem Bruder der Mirjam?« forschte der Patriarch der Juden, ein schöner, gewaltiger Greis, der ihn ausgeschickt hatte. »Ich werde nicht wieder mit ihm sprechen zum zweitenmal.« »Was sagte Michael Cibula?« »Was soll er gesagt haben? Er stieß mit dem Fuß nach dem Juden wie nach einem räudigen Hund, und hätte den Juden am liebsten totgeschlagen wie einen räudigen Hund,« entgegnete der gekränkte Bote mit einer Jammermiene. »Und der Priester?« forschte der Greis. Der Jude machte ein Gesicht, als ob er greinen wollte, grinste jedoch nur. Dabei kniff er, wie im höchsten Entzücken, beide Augen ein, schnalzte mit der Zunge, als ob er eine Lieblingsspeise koste, und deutete auf sein Gesicht, dessen eine Wange eine seltsame Spur zeigte, fast wie das Merkmal eines gewaltigen Backenstreiches. Und er wimmerte: »Was fragt mich Baruch Kolon nach der Antwort des Priesters, seht, wie des Priesters Antwort geschrieben steht auf meinem Gesicht. Aber\ –\ –« und der Jude dämpfte seine Stimme zum Flüstern, »aber ein Geschäft ließe sich machen mit ihm.« Er riß plötzlich beide Augen auf und schielte dem Patriarchen verschmitzt in das ehrwürdige Antlitz. »Aber es müßte sein ein Geschäftchen.« »Wie meinst du das?« »Nu, das mein' ich.« Als Baruch Kolon bald darauf dem Weibe seines Sohnes Jehuda begegnete, sagte er ihr: »Ein Mann aus Tar ist in der Heimat deiner Mutter Mirjam gewesen und hat mit dem Bruder deiner Mütter gesprochen. Es ist dort ein Land, darin Milch und Honig fließt.« Die schöne Jüdin war blaß geworden, ihre dunklen Augen füllte ein heißer Glanz; doch wagte sie nicht, den Patriarchen weiter zu fragen. Sie ging zu ihren Kindern, denen sie den ganzen Abend von der Heimat ihrer toten Mutter erzählte. Dort war es schön! Drittes Kapitel Die Juden bleiben Der Frühling verging, es verging der Sommer. Urs Cibula half dem Hirten seines Vaters die Ziegen- und Schafherden hüten, mit den flinken Tieren um die Wette weit im Walde und hoch zwischen den Felsen umherkletternd, so daß er oft tagelang ausblieb und seine sanfte Mutter sich um ihn sorgte. Im Schatten der Fichten, auf weichem Moospolster, oder im Sonnenschein unter Gestein und Geröll liegend, ließ er die duftenden Alpenkräuter über sich zusammenschlagen und starrte zwischen nickenden Blumen und Gräsern in die blaue Himmelsflut. Er dachte an nichts und an vieles: an die frische Bärenfährte, die der Hirt in der Nähe der Herden aufgespürt, an den Adlerhorst, den er selber entdeckt, an Ilja Dozana und an die Blumen, die sie am meisten liebte. Und er dachte an die Juden, die den lieben schönen Heiland ans Kreuz geschlagen. Dann ward er »wild« wie der Vater. »Und du weißt, mein Vater heißt Michael Cibula!« Der Herbst kam, brachte graue, kalte Tage, und die Waldleute rüsteten sich für den Winter. Die Männer untersuchten ihre Waffen und Fallen, gossen Kugeln, schliffen ihre Schnitzmesser und musterten die Vorräte an trockenen Arvenstämmen und Zirbenholz. Die Weiber hatten viel in den Flachskammern zu schaffen. Sie suchten Spindeln und Spulen hervor, hantierten mächtig an den Webstühlen herum und geboten mit schärferen Stimmen als gewöhnlich den Töchtern und Mägden. Auch die Jungfrauen von Piatra blieben nicht müßig, Spindel und Spule mußten sie freilich in Anbetracht ihrer Jugend und Unerfahrenheit den Müttern und älteren Mägden überlassen. Denn in Piatra ward der Schlüssel zur Flachskammer nur der Erfahrung anvertraut, und um mit genügender Würde am Webstuhl sitzen zu können, mußte man gar erst Bäuerin sein. Dagegen führten die blondhaarigen, braunäugigen Töchter der wilden Verrös in der Federkammer des Hauses die unbestrittene Herrschaft, bei der es gar lustig und bunt zuging. Da lagen vor den jungen Mädchen die schimmernden Hüllen aller der Vögel, die Brüder und Väter das Jahr über erlegt hatten. Jede Art hatte ihren besonderen Platz, durch eine zierliche Schranke von der anderen getrennt. Hier leuchtete neben dem dunkelbraunen Gefieder des Falken und Weihen das wie Kleinodien schillernde Federkleid des Auerhahnes und des Fasanen; dort glänzte der weiße Flaum der wilden Gänse und Schneehühner; der silbergraue von Kranich und Reiher. Wer zählte die Schnepfen, Birkhühner und Krammetsvögel, die Blaudrosseln und Buntspechte, die Pirole, Häher und Wildtauben, welche alle ihr fröhliches Leben hatten lassen müssen, um die Kammer der Jungfrauen von Piatra zu füllen! Die eine oder die andere konnte sogar mit der Krause eines Lämmergeiers, konnte mit Adlersfittichen prunken. Sorglich wurden die Federn geprüft, die Farben gewählt und die Muster ersonnen, welche von den geschickten Händen der jungen Künstlerinnen auf Bänder und Gürtel genäht werden sollten. Auch trug in der Verrös jede Braut an ihrem Ehrentage ein Kleid mit breitem, buntem Federsaum, das sie selber verfertigt hatte: an langen Winterabenden, wenn in dem mächtigen Ofen die Tannenscheite prasselten, der Sturm um das Haus heulte und die Ahne Schauergeschichten erzählte, welchen auch, den horchenden Jungfrauen nicht wenig zum Trost, die Burschen von Piatra zuhörten. Dann gab es ein Drehen und Wenden, ein Kichern\ –\ – Und jede Jungfrau von Piatra trug Sonntags und Feiertags eine hohe steile Federkappe, die auf dem goldigen Haar wie ein Diadem strahlte. Es war an einem trüben Novemberabend. Tief drückten die Wolken auf die Felsen der wilden Verrös herab, als wollten die schwarzen Himmelsdünste die herbstliche Erde unter sich begraben, da erscholl durch die Gassen des Dorfes wieder einmal der Ruf: »Die Juden kommen!« Alles lief aus den Häusern, man steckte die Köpfe zusammen, fragte, riet, wußte nichts, ward aufgeregt und immer aufgeregter. »Die Juden kommen!« Und je näher sie kamen, um so angstvoller wurden die Gesichter der Frauen, um so düsterer die Blicke der Männer. Die Kinder begannen sich zu fürchten und erhoben ein Zetergeschrei. Und die Juden kamen. Sie kamen im Herbst, zu einer Zeit, wo ihr Kommen nicht Brauch war, wo sie gar nicht kommen durften. Aber sie kamen nicht als Händler mit Sack und Pack, mit Maultieren und Karren; sondern sie kamen als Flüchtlinge und Verfolgte; sie kamen mit Weibern und Kindern, mit Habe und Gut, soviel sie davon gerettet hatten. Sie kamen in großer Menge. Zahlreicher beinahe als die Waldleute lagerten sie vor dem Dorfe und schickten Abgesandte: eine von den Christen vertriebene, umherirrende Judengemeinde bäte die Bauern von Piatra um Herberge und Schutz. Seit Piatras Blockhäuser standen, war den Bauern von Piatra kein solches Ansinnen gestellt worden. Die Erregung ergriff selbst die Gemüter der Würdevollsten. Bei anbrechender Nacht kamen die Häupter der Familien vor der Kirche zusammen. Die Beratung währte so kurz, daß Michael Cibula nicht einmal Gelegenheit bekam, aus vollem Herzen wild zu werden. So schickten denn die Waldleute die Boten der Ebräer mit dem Bescheide zurück: Die Bauern von Piatra weigerten den Juden Herberge und Schutz, und sei es auch nur für eine einzige Nacht. Die Waldleute waren noch nicht auseinander gegangen, als schon die Ältesten der vertriebenen Judengemeinde auf dem Kirchplatz erschienen, schöne Greise, die den Fürsten der Verrös an Würde des Wesens und Hoheit der Erscheinung nichts nachgaben. Tief sich vor den Bauern neigend, baten sie, vor dem Dorfe ihr Lager aufschlagen und ihr Feuer anzünden zu dürfen: nur für eine einzige Nacht! So groß war der Christen Haß, daß sie die Bitte beinahe geweigert; aber so groß war der Juden Demut, daß sie dem Stolz der Bauern beinahe geschmeichelt hätte. Als nun der Älteste der jüdischen Gemeinde flehend den Saum des Gewandes von Stefan Dozana erfaßte und auch der Rabbiner ihm huldigte, da geschah es, daß auf des Priesters Fürsprache hin die Bauern von Piatra den Juden vor ihrem Dorfe zu bleiben gewährten: doch nur eine einzige Nacht! Michael Cibula ging zornig davon. Über Nacht fiel der erste Schnee, er fiel so stark, daß die Feuer der Juden verlöschten. Zugleich trat heftiger Frost ein. Unter gellendem Geschrei kamen am Morgen die Weiber der Juden ins Dorf gelaufen. Sie hielten ihre halbnackten Kinder in die Höhe und wehklagten, daß ihre Kinder umkommen müßten, wenn die Waldleute ihnen nicht Obdach gewährten, nur für diesen einzigen Winter! Die schwarzhaarigen leidenschaftlichen Frauen boten in ihrer Verzweiflung einen schrecklichen Anblick dar. Es gab einen großen Tumult. Aber die Ältesten der Juden wiesen die Weiber mit den Kindern zurück, traten mit entblößten Häuptern vor die Waldleute, neigten sich tief und baten, für den Winter bleiben zu dürfen; außerhalb Piatras, wo es den Herren von Piatra beliebe, Dafür wollten sie nächstes Frühjahr zahlen: Mehl und Flachs, Pulver und Blei, für jeden Mann ein Pfund und für jedes Weib ein halbes. Nachdem sie ihre Bitte demütig vorgebracht, begaben sie sich sofort wieder in ihr Lager zurück, dort des Bescheides der Waldleute zu harren. Diesesmal tagten die Häupter feierlich im Gemeindehause. Sie saßen an dem gewaltigen Tische aus Eschenholz, daran schon die Ahnen über das Wohl und Wehe der Waldrepublik zu Rate gesessen, und legten ihre braunen Stirnen in ernsthafte Falten; denn ernsthaft erschien allen die Wendung der Dinge. Die Bauern von Piatra erkannten die Notlage der Fremden an, aber die, welche sie um Hilfe in der Not angingen, waren Juden. Wären die wilden Tiere des Waldes verfolgt und verwundet vor ihr Dorf gekommen, um sich bei den Menschen zu bergen, die Waldleute hätten die wilden Tiere von ihren Wohnstätten vertrieben. Also: Fort mit den Juden! Da stieg in Stefan Dozanas Seele etwas auf, das für die verfolgten wilden Tiere bat. Aber es war nicht Erbarmen, das den Priester sich erheben und für die Juden sprechen hieß: »Sie haben sich vor uns gedemütigt. Weisen wir sie fort, so ziehen sie davon gleich Verhungernden, denen der Gesättigte die Brotrinde verweigert, und die nun hinziehen, um elend zu sterben. Dann wären wir die Gedemütigten. Bleiben sie aber – nur für einen einzigen Winter und an dem Ort, den es uns beliebt ihnen anzuweisen, so müssen sie in ihrer Erniedrigung vor uns beharren. Und welcher Anblick könnte Gott und den Heiligen wohlgefälliger sein, als der von Juden, die sich vor Christen erniedrigen! Was könnte uns vom Himmel höher angerechnet werden, als wenn wir über den Stamm, der das Lamm Gottes geschlachtet, triumphieren? Deshalb sage ich: Laßt die Juden bleiben.« Nicht zufällig war es, daß Stefan Dozana bei dieser Rede auf Michael Cibula blickte, diesen wütenden Todfeind der Juden. Und während der Priester ihn ansah und die wilde Bewegung gewahrte, die über sein Gesicht zuckte, dachte er an den Grimm, den Michael Cibula empfinden würde, wenn es ihm gelingen sollte, das Bleiben der Juden durchzusetzen. Deshalb riet er nochmals mit starker Stimme: »Ich stimme dafür, daß die Juden bleiben.« Da sprang Michael Cibula vom Sitze in die Höhe. Seine Faust ließ er auf den Tisch niederschmettern, daß ein Beben durch den vielhundertjährigen Stamm ging, und er rief: »Einen Feind Gottes und dieser christlichen Gemeinde nenne ich jeden, der dafür stimmt!« Durch die Versammlung ging ein Flüstern, die Bauern neigten die Köpfe zu einander wie die Wipfel im Walde, ehe sie vor dem Ausbruch des Sturmes rauschend zusammenschlagen. Stefan Dozana entgegnete auf die wilden Worte mit kaltem Hohn: »Jeder in dieser christlichen Gemeinde weiß, weshalb Michael Cibula die Juden haßt; er haßt die Juden – nicht weil sie die Feinde Gottes sind, sondern weil Maria Cibula, seine Schwester, einen Juden und Feind Gottes geliebt hat. Wessen Haus eine solche Erinnerung bewahrt, dessen Mund sollte schweigen, wo gerechte Männer sonder Liebe und Haß ihre Stimmen für oder wider erheben.« Als sich Michael Cibula von seinem alten Widersacher vor den Häuptern der Gemeinde solcher Art an die Schande seines Geschlechtes gemahnt hörte, leuchtete es in seinen Augen auf wie eine vom Sturm angefachte Flamme. Seiner kaum mächtig, wandte er sich von Stefan Dozana ab, der Gemeinde zu. »Mit dem Hasse, von dem meine Seele voll ist, stimme ich wider die Juden, ich werde wider sie stimmen, so lange ich meine Stimme erheben kann. Die Juden kommen zu uns. Sie sind in großer Not und bitten um Herberge und Schutz. Ein Jude lag in großer Not in unserem Walde und mein Vater ließ den Juden aufheben und gewährte ihm Herberge und Schutz. Und was tat der Jude? Meines Vaters Hand hatte seine Wange gestreichelt, er aber ballte seine Hand und schlug mit der Faust in das Gesicht dessen, der ihm Gutes getan. Der Jude erschlug seines Wohltäters Herz und nahm ihm die Tochter. Nehmet die Juden auf in ihrer Not, streichelt ihnen die Wangen und sie werden euch mit der Faust ins Gesicht schlagen – ins Herz! Sie werden euch euren Frieden nehmen. Was nun den Mann anbetrifft, der im Rate dieser christlichen Gemeinde für Aufnahme der Juden stimmt, so laßt es mich ihm ins Gesicht sagen: Ich warne euch vor diesem Manne! Häupter dieser christlichen Gemeinde, ich, einer der euren, Michael Cibula, ich warne euch, auf Stefan Dozana zu hören. Nicht weil sein Stamm meinem Stamme seit Menschengedenken feind, nicht, weil er mir in tiefster Seele verhaßt ist, nicht weil er mir sein Lebenlang Böses angetan und antun wird, warne ich euch vor diesem Manne – sondern weil dieser Mann zu jenen Priestern gehört, die statt zu dienen, herrschen wollen. Ich warne euch vor Stefan Dozana, der über euch herrschen will wie der Herr über seine Knechte. Und nun stimmt mit ihm für die Aufnahme der Juden, die er euch als Geißel geben will, um daraus für sich ein Zepter zu machen.« Damit ging Michael Cibula, wie das seine Art war, in vollem Zorne hinaus, mächtig die schwere Türe hinter sich zuschlagend. Düster blickten die Versammelten sich an, düster sahen sie auf ihren Priester. Dieser war erblaßt. Doch faßte er sich, stand auf und sprach mit einer Stimme, die er mit Mühe in seiner Gewalt hielt: »Jeder in dieser Gemeinde weiß es, und der Mann, der soeben in wildem Zorne davon ging, hat es selbst gesagt, daß er mein Feind sei. Und jeder von euch weiß, daß dieses Mannes Weib, Josepha, mir schon als Kind in inniger Liebe zugetan war, und daß ehemals sie und ich im ganzen Dorfe für ein zukünftiges Paar galten. Da kam der wilde Cibula und erwarb sich die Jungfrau von ihrem Vater zum Weibe. Und ferner weiß jeder von euch, daß Josepha Cibula ihrem Manne zwar eine gehorsame und ergebene, aber eine bleiche und stille Hausfrau ist. Mehr braucht keiner zu wissen, der vorhin die sinnlose Rede des jähen Mannes vernommen. Denn es hat Michael Cibula keinen anderen Grund, gegen die Juden zu stimmen, als den, in allem gegen mich zu sein. Nun erwägt, ob ich schweigen oder sprechen soll, ob ihr an mich glauben, oder mir mißtrauen wollt, ob ihr auf mich zu hören gedenkt, oder auf jenen.« Lange war es still in der Halle, Stefan Dozana dünkte die Luft in dem hohen Raume so schwer und schwül, daß es ihm den Atem versetzte. Dann neigten die Genossen mit bedeutungsvollen Blicken sich einander zu und der Älteste sprach: »Wir wollen dir glauben und wollen auf dich hören. Mögest du bei deinen Worten eingedenk sein, daß du unser Priester bist, in dessen Hände Gott das Heil unserer Seelen gegeben hat.« Damit war das Schicksal Piatras entschieden. Stefan Dozana aber sprach: »Ich stimme dafür, daß die Juden bleiben, wo es uns beliebt, so lange es uns beliebt. Aber ich stimme gegen die Bezahlung, die sie uns gegeben haben; sei sie auch hoch, Ihren Lohn für Herberge und Schutz laßt uns verwerfen; statt dessen laßt uns ihre Dienste heischen. Sie sollen dienen! Sie sollen dienen, wie unsere Knechte dienen mit Rücken und Händen. Aber nicht uns sollen sie dienen, sondern Gott und den Heiligen. Gott wird an den dienenden Juden Wohlgefallen haben, und in seinem Wohlgefallen wird Gott unserer und unserer Sünden gnädig gedenken. Hört, was ich rate. Bekannt ist, wie unsere christliche Gemeinde seit vielen Jahren nach einer neuen Kirche verlangt. Denn unsere Kirche ist zwar ein alter Tempel, darin unsere Väter seit einem halben Jahrtausend und länger Gott und die Heiligen angebetet haben. Aber immer weniger vermag das Gotteshaus die wachsende Gemeinde zu fassen. Auch ist es ein unansehnlicher Bau, unwürdig Gottes, seines Sohnes, dessen göttlichster Mutter und der Heiligen. Lasset uns Gott, Christo, seiner göttlichsten Mutter und den Heiligen eine neue Kirche bauen! Lasset sie uns bauen aus Stein, mit hohem Turm und innen herrlich geschmückt; je herrlicher sie sein wird, um so mehr werden wir Gnade finden für unsere Sünden, die zahllos sind wie Sand am Meer. Und es ist euch bekannt, daß wir des Baues einer steinernen Kirche nicht kundig sind. Die Juden sollen uns die steinerne Kirche bauen. Lasset uns von diesen Feinden Gottes und der Heiligen Gott und seinen Heiligen eine Kirche bauen. Und wenn sie zu dem Baue nur die Steine brechen und herbeischleppen, so wäre das Gott so wohlgefällig, daß am Tage des Gerichts unsere Sünden von uns abfallen würden wie im Herbst die welken Blätter vom Baume. Deshalb stimme ich, so lange ich meine Stimme erheben kann, für das Bleiben der Juden.« Und mit ihm stimmten alle. Laut riefen sie ihrem Priester nach. Alle dachten nur an die neue Kirche und an den Sieg über die Juden, nur an die Freude Gottes und an die Vergebung ihrer Sünden; kein einziger, dem Michael Cibulas Warnung in den Sinn gekommen wäre. Von Stefan Dozana angeführt, zog das ganze Dorf ins Lager der Juden. Und die Ebräer erhielten den Bescheid: Die Bauern von Piatra erteilen der vertriebenen Judengemeinde Erlaubnis, an einem von der Gemeinde noch zu bestimmenden Orte zu bleiben, sich daselbst aus Zweigen und Moos Hütten zu bauen und diese Hütten ein volles Jahr zu bewohnen. Dafür haben die Juden den Bauern von Piatra zu geben: weder Mehl noch Flachs, weder Pulver noch Blei, wohl aber ihre Dienste von der Zeit ab, wo der Schnee von den südlichen Abhängen des Kryvan fortgeschmolzen ist, bis daß er dort wiederkehrt. Und es bestehen diese Dienste in Folgendem: an einer noch zu bezeichnenden Stelle Steine zu brechen und diese nach dem Dorfe zu schaffen. Weigern sich die Juden, den Bauern von Piatra solche Dienste zu leisten, so sollen sie binnen drei Stunden das Lager räumen; und am Abend des nächsten Tages muß auch der letzte Ebräer dem Gebiete der Waldleute fern sein. In welchem Zwecke die Juden den Bauern solche Dienste leisten sollten? Zu einem heiligen Zweck. Was mit den gebrochenen Steinen geschehen sollte? Aus den Steinen sollte eine Kirche gebaut werden. Da erschallte das jüdische Lager von Wehgeschrei. Die Waldleute gingen wieder: in einer Stunde wollten sie Bescheid haben. Nachdem sie sich entfernt, traten die Juden unter ihre wehklagenden Weiber und geboten Ruhe; und als es still geworden, begann Baruch, der Älteste, Weiseste und Gerechteste, zu der bedrängten Gemeinde zu reden: »Jehovah schlägt sein Volk mit schwerer Not, Verjagt haben uns die Christen, uns vertrieben aus unseren Hütten und von unseren Äckern. Unsere Dörfer mußten wir verlassen und hingeben viel köstliche Habe und reiches Gut, um denen zu entgehen, die uns hassen und verfolgen. Denn sie trachten uns nach dem Leben, uns, unsern Weibern und unsern Kindern. Aber der Herr deckte sein Volk vor unseren Feinden mit einer Wolke, daß unsere Feinde mit Blindheit geschlagen wurden. Also hat Gott sein Volk nicht verlassen. Er hat uns geführt in dieses Tal, wo es gibt Wald und Weide, wo es geben wird Acker und Feld. Es hat der Herr uns gewiesen in dieses Land, von dem die Sage geht, daß die Felsen Erz und kostbares Gestein bergen und die Bäche reines Gold. Der Herr hat es seinem Volke gezeigt: Hier sollt ihr Hütten bauen! Darum müssen wir bleiben, darum müssen wir den Christen dienen. Fordern sie von uns, für ihren Gott einen Tempel zu bauen, so müssen wir bauen den Tempel. Und wir werden wohnen bleiben und reich und mächtig werden im Lande; und Gott, der Herr, wird segnen das Werk unserer Hände, die für den Tempel der Christen Steine gebrochen. Er wird segnen unsere Häupter, die für den Tempel der Christen Steine getragen. Wir werden gesegnet sein, wir und unsere Kinder bis ins sechste und siebente Glied.« Tiefe Stille folgte dieser Rede des großen Weisen und kein Mund wagte Widerspruch. Auch der Rabbiner der Juden, der junge Jehuda, trat vor und rief: »Gelobt und gepriesen sei der Herr, unser starker und gewaltiger Gott, der sein Volk in diese Wildnis geführt und ihm das Land zeigte, wo stehen sollen seines Volkes Hütten, wo weiden sollen seines Volkes Herden, wo blühen sollen seines Volkes Äcker und leben und gedeihen seines Volkes Kinder und Kindeskinder. Das ist das Land, darin für Israel Milch und Honig fließt.« Und es trat vor des Jehuda junges Weib. Sie hieß Dozia und wurde von den Juden geehrt, als ob sie eine Königin sei. Das geschah sowohl um ihrer großen Schönheit, als um ihrer Tugend willen, die beide ohnegleichen waren. Und es geschah, trotzdem ihre Mutter eine Christin gewesen. Dieses herrliche Weib trat vor, bückte sich, hob mit ihren prachtvollen Armen einen schweren Stein auf, legte ihn auf ihr stolzes Haupt und rief lachenden Mundes: »Sehet, wie leicht!« Da jubelten alle, die es sahen, hoben große Steine auf und riefen frohlockend: »Sehet, wie leicht!« Darauf begaben sich die Ältesten mit ihrem Patriarchen Baruch Kolon und ihrem Rabbiner Jehuda zu den Bauern von Piatra, neigten sich tief und sprachen: »Die Juden von Tar wollen euch dienen.« Am Abend dieses ereignisvollen Tages war es in Piatra, als ob die Waldleute ein Fest feierten. In langen Reihen zogen Frauen und Jungfrauen durch die Gassen, geschmückt wie am höchsten Feiertage, und riefen einander mit Heller Stimme zu: »Die Juden von Tar dienen uns!« Und alle lachten. »Die Juden von Tar brechen uns Steine!« Und alle jubelten: »Die Juden von Tar tragen uns Steine!« Und alle priesen Gott. Jubelnd kam Urs Cibula nach Hause gelaufen: »Vater! Vater! Steine tragen uns die Juden von Tar!« Aber Josepha wehrte ihrem Knaben. Sie tat es mit einem so bleichen Gesicht, sie deutete mit einer so angstvollen Gebärde nach der Kammer des Vaters, daß das Kind erschrak, verstummte und sich angstvoll an seine Mutter schmiegte. Aus der Kammer drang ein Ton – – Josepha wußte nicht, war es ein Fluch oder ein Stöhnen gewesen. * Auch im Lager der Juden gab es Sorgen und Leidenschaften, welche die dunkle Nacht nicht zur Ruhe bringen konnte. Von der Seite ihres Mannes erhob sich die schöne Dozia, schlich aus dem Zelt und trat in die feierliche Finsternis heraus. Sie stand, lauschte auf das Tosen des Waldbachs im Grunde der Schlucht, auf das Rauschen der Wipfel im Walde und starrte in die Nacht, bis ihre Augen sich an die Schatten gewöhnten und sie das beschneite Dorf wie in einer Nebelwolke schwebend erblickte. Das war die Heimat ihrer Mutter gewesen, die nun die ihre werden sollte und die ihrer Kinder. Dasselbe Dorf, aus dem ihre Mutter hatte weichen müssen, als sei sie von der Pest behaftet, nahm jetzt die Tochter auf. Ihrer Mutter war der Fluch ihres Volkes gefolgt – würde der Mutter Segen den Fluch vernichten können, den der Haß von Christen und Juden auch auf ihrer Kinder Häupter geschleudert? Oder würde an den unschuldigen Kindern der Väter Sünde heimgesucht werden? Geschrieben stand, daß es so geschehen sollte bis ins sechste und siebente Glied. Und Dozia schlich zurück. Aber nicht wieder an die Seite ihres Mannes, sondern zu ihren Kindern, bei denen sie wachte und betete, bis der Morgen graute. Denn sie wußte: nicht Gottes Stimme – die Stimme eines Weibes hatte die vertriebenen Juden von Tar in dieses Tal geführt. Doch der weise Baruch Kolon wußte es besser. Viertes Kapitel »Hier lasset uns Hütten bauen.« Und die Bauern von Piatra wiesen den Juden von Tar einen Fleck an, der lag – damit ein Abgrund die Kinder des Himmels von den Kindern der Hölle trennte – auf der anderen Seite der Schlucht, an den südlichen Abhängen des Kryvan, eines gewaltigen und herrlichen Gebirgsstockes. Aber damit die Christen sich jederzeit an dem Anblick der erniedrigten Juden weiden könnten, war die Stelle, welche die Fremden als Wohnstätte zugeteilt erhielten, Piatra gerade gegenüber und an einem der schönsten Plätze des großen und schönen Gebietes von Piatra. Es war eine weite Halde, die hoch an den Lehnen des Kryvan emporlief; fast den ganzen Tag beschien die Sonne die heitere Wiese. Nirgends sonst in der Verrös trug der Boden so kräftige Kräuter, nirgends zeigte sich ein so saftiger Graswuchs wie hier. Nirgends sonst stieg das wilde Gebirg in so sanften Hängen hinan. Prächtig und mächtig stand ringsum der Wald mit vielhundertjährigen Stämmen. Er schützte die Halde vor den Lawinen des Kryvan. Stefan Dozana kannte die Fruchtbarkeit und Schönheit dieses Platzes sehr wohl. Aber er bedachte, daß man grade vom Hause Michael Cibulas aus, welches von allen Gebäuden Piatras der Schlucht am nächsten lag, den vollen Überblick über das neue Judendorf hatte. Das bedenkend, wußte er die Gemeinde zu bestimmen, jene Stelle zu wählen. Auf diese Weise sollte Michael Cibula täglich vor Augen gehalten werden, wer in Piatra der Mächtigere sei. Sorglich prüften die Juden den Platz, sowohl seine Lage und Umgebung, als auch Boden, Gestein und Gewässer. Nachdem sie lange betrachtet und geprüft, sprach der weise Baruch Kolon: »Großes Heil ist Israel widerfahren. Hätte der Herr seinem Volke freie Wahl gegeben, sich von dem Lande, so weit und so hoch es vor uns liegt, zu wählen die Stätte, welche die gesegnetste sei, um seines Volkes Hütten zu tragen, und hätte der Herr sein Volk erleuchtet mit Weisheit bei der Wahl – ich sage euch: wir hätten gewählt von allem Lande die Stätte, die uns zugewiesen haben unsere Feinde, welche uns demütigen wollen und schlagen. Hoch wird erhoben werden, wer tief erniedrigt worden, Gott, dich loben wir, Herr, dir danken wir. Hier laßt uns Hütten bauen!« Und es ward ein großes Frohlocken unter den Juden. Schon in den nächsten Tagen schmolz an den südlichen Abhängen des Kryvan der Schnee wieder; an der nördlichen Seite dagegen blieb er liegen, so daß bei den Juden Frühling zu sein schien, während die Christen bereits Winter hatten, und jene im Sonnenschein, diese im Schatten lagen. Die Fremden liefen in den Wald, und da ihnen verboten war, Stämme zu fällen, erkletterten die jungen Männer die Bäume und hieben Äste ab, reichlich so stark wie mäßige Stämme. Diese wurden von den Frauen und Kindern nach der Wiese gezogen; andere beluden sich mit Zweigen oder sammelten in großen Tüchern Moos. Es war ein fröhliches Stättegründen. Unterdessen bestimmten die Ältesten den Umkreis des Wohnortes, sie bestimmten die Gassen, und wo ein freier Platz bleiben, wo das Gemeindehaus und wo der Tempel erbaut werden sollte. Darauf segnete der Patriarch die Stätte und das Hüttenbauen begann. Es war keine Arbeit, sondern eine Freude, und die Vertriebenen feierten nachträglich mit Tannenzweigen das Laubhüttenfest. Wenn die schöne Dozia daher wandelte mit grünen Ästen beladen, so war's, als schritt eine Göttin des Waldes einher. Doch gebürdete sich die stolze Erscheinung gar holdselig menschlich. Sie scherzte mit den Frauen und Mädchen, lachte die Männer an, streute den Kindern weiches Moos in die Locken. Für ihre Tochter Makkabea wand sie eine Krone aus Tannenreis, welche zu dem flammenden Haargewirr des Kindes gar herrlich stand; weniger paßte diese Zierde zu den Augen, die wild unter dem feierlichen Schmuck hervorglühten. Jedoch Makkabea riß sich den Kranz wieder ab. Ihr Bruder Asarja sah es, hob ihn auf und hing ihn über ein hölzernes Kreuz, mit dem die Waldleute einen Platz bezeichnet hatten, wo jemand auf jähe Weise um sein Leben gekommen. Das gute Wetter dauerte mehrere Tage; aber kaum hatten die Juden ihre Hütten gebaut und sich mit ihrem Habe häuslich eingerichtet, als der Winter mit Macht hereinbrach und alle Bemühungen der Sonne, dem Kryvan seine leuchtenden Gewänder zu entreißen, vergeblich waren. Den Himmel, nachdem er viele Tage lang ununterbrochen ein dichtes Flockengeriesel über das Tal ausgeschüttet, überschwemmten Fluten tiefsten Azurblaues, in welches die Felsengebirge, ähnlich einem Zuge gewaltigen weißen Gewölkes, hoch hinein ragten. Im Grunde der Schlucht toste der Bach zwischen Eismauern hin, darüber die bereiften Büsche ihre langen silbernen Zweige niederfallen ließen. Wie Hallen eines kristallenen Zauberpalastes stiegen an den Felsen die Wälder auf. Wenn die Sonne hinein schien, alle leuchtenden Tiefen mit Glanz füllend, so war es ein Schimmern und Flimmern, als hätte das Gestein sich geöffnet und Gold und Silber ströme heraus. Gleich am ersten Tage war für Dozia, für ihren Mann und ihre Kinder, sowie für den Patriarchen Baruch eine Hütte aus Steinen aufgeführt und innen mit Moos und Tannenzweigen verkleidet worden. In einer der Abteilungen des grünen Raumes wurde ein Webstuhl aufgestellt, daran Dozia die schönen schimmernden Gewänder webte, die sie gewöhnlich trug, und die sie nur jetzt, in dieser Zeit der Trübsal für Israel, mit dunkeln Kleidern vertauscht hatte. In diesem Winter gedachte sie sich ein Trauergewand zu weben, das sie anlegen wollte, wenn im Frühling die Juden den Christen Frondienste leisten würden. Sie saß vor dem hohen Stuhle so schön und emsig als wäre sie die herrliche Heidin Penelope. Sah Dozia von ihrer Arbeit auf, so erblickte sie durch das kleine Fenster das herrliche Bild des winterlichen Gebirges und sie erblickte das schwarze Balkenhaus der Cibula, darin ihre Mutter geboren worden war. Mit welcher Deutlichkeit entsann sie sich der vielen Erzählungen ihrer Mutter von diesem Hause! Mit leiser, bebender Stimme waren sie dem Kinde zugeraunt worden, gleich Heimlichkeiten, die laut werden zu lassen Todsünde war. Wie hatte Dozia gelauscht, wie hatte ihre Phantasie sich das Haus der Cibula aufgebaut: ein Tempel in Blumenhainen, unter rauschenden Wipfeln, hoch über der Tiefe schwebend. Das Haus der Cibula, der Wald von Piatra und die Felsen der Verrös waren die Märchen gewesen, die Dozia von ihrer Mutter vernommen, und die sie dann selbst ihren Kindern erzählte; auch leise und heimlich. Nun waren die Märchen Wahrheit geworden, und diese unerbittliche Wirklichkeit der Dinge krampfte ihr starkes Herz zusammen. Zerfallen lag der Tempel, die Haine waren zu Wildnissen geworden, das Blumengefilde eine Öde von Felsen und Klippen. Vergeblich versuchte sie die Gestalt ihrer Mutter heraufzubeschwören; sie vermochte das holdselige Bild nur in schattenhaften, schwankenden Zügen zu bannen. Grade hier, in der Heimat ihrer Mutter, wo alle Erinnerungen der Gestorbenen als Gebilde vor ihr aufstiegen, versagte sich die Verklärte der Tochter. In solchen dunkeln Stunden war es Dozia, als gliche das finstere Haus der Cibula mit seinem hohen, spitzen Dache einer Riesenfaust, die feindselig zu ihr herüberdrohte: Was will die Jüdin in der Heimat ihrer christlichen Mutter? Zuweilen lag es auf ihr wie das Gefühl einer Schuld, einer schweren Verantwortung. Endlich schwand die Kälte; die rauhe Luft ward milder, Frühlingsstürme brausten auf, zersplitterten die Wipfel, rüttelten an den Schneemauern und Eiswänden, daß diese barsten und mit Donnergetöse ins Tal stürzten. Dann feierte die Sonne ihren Liebestriumph. Mit heißem Bemühen schälte sie die Hüllen von der toten Erde, küßte die schöne Gestorbene wieder ins Leben zurück. Sie erstand unter dem Brautgesang der Vögel, den heiligen Leib mit Blumen bedeckt. Auf den Abhängen des Kryvan blühten Anemonen und Primeln volle zwei Wochen früher als in den Waldungen Piatras. Noch hatten die Kinder der Ebräer sie nicht gepflückt, als schon die Waldleute den Juden Botschaft sandten und die Ältesten vor die Häupter der Gemeinde beschieden. Stefan Dozana wies ihnen den Felsen, davon sie Steine brechen, und den Ort, wohin sie diese tragen sollten. Darauf gebot man den Knechten der Christen mit unverhohlenem Triumph: »Beginnt!« Und die Juden begannen. Es war, als sei für das Volk Israel die alte Zeit der Sklaverei wiedergekommen, jene Zeit, wo die Kinder des heiligen Stammes den Ägyptern helfen mußten, ihre ewigen Tempel und Königsgräber erbauen. In den Felsen der Verrös arbeiteten die Männer der Juden, und die Weiber trugen auf ihren Köpfen das Gestein den weiten beschwerlichen Weg nach dem Dorfe. Als Makkabea zum ersten Male ihre Mutter im Trauergewand Steine tragen sah, schrie sie laut auf; Asarja schlich davon, betete und dankte Gott, daß er seine leidenschaftlich geliebte Mutter den Christen Dienste tun ließ. Dieses älteste Kind Dozias hatte ein trübseliges Gemüt, das bei großer Sanftmut bedenklich zum Dunkeln und Phantastischen neigte und bei allen Erscheinungen des Lebens, die nicht Liebe und Frieden waren, tiefe Qualen erduldete. Der Steinbruch lag in einer Kluft des Kryvan; die Frauen mußten mit ihrer Last zuerst in die Schlucht hinab, alsdann auf der anderen Seite wieder hinauf und durch das ganze Dorf ziehen. Die Waldleute blickten auf den Zug der Steinträgerinnen wie siegreiche Fürsten auf das unterjochte, ihnen dienende Volk. Sie duldeten, daß ihre Frauen die jüdischen Weiber verspotteten und beschimpften, daß ihre Kinder den Kindern der Juden ins Gesicht spien. Nur Michael Cibula wandte sich grimmig von dem verhaßten Anblick ab, und sein Sohn war der einzige Knabe im Dorfe, der nicht in das allgemeine Spottgeschrei miteinstimmen durfte. Diese unverdiente und ungerechte Schmälerung seiner Freuden versetzte Urs in heftigen Zorn; selbst Ilja konnte ihn nicht trösten. Weil diese zu weinen anfing, sobald ein Judenkind verhöhnt oder angespuckt wurde, bekam Urs ganz feindselige Gesinnungen gegen seine beste Freundin. Einmal machte der Ingrimm in des Knaben Seele sich gewaltsam Luft. Einer Schar von Judenkindern, welche Steine trugen, ging ein Mädchen voran, nicht viel größer als Ilja Dozana; doch lag ein schwerer Stein auf ihrem Kopfe, der von leuchtenden Locken umringelt ward. Es war fast, als habe das seltsam schöne Kind sich den Block aufgelegt, um den Brand auf ihrem Haupte zu löschen. Als Makkabea die beiden Christenkinder gewahrte, blieb sie stehen und starrte mit ihren großen glühenden Augen zu ihnen hinüber. Doch sah sie nur den Knaben an, mit einem so eigentümlich erstaunten und erschrockenen Blicke, daß es diesen heiß und kalt überlief, als sollte ihm etwas zu leide geschehen. Bleich vor Zorn ging er auf das Judenkind zu, dessen Gesicht, das die gelbliche Blässe des Elfenbeins hatte, ebenso staunend und erschrocken betrachtend, wie er selbst angesehen wurde. Dicht vor Makkabea hintretend, hob er die Hand und schlug der Wehrlosen ins Antlitz, gerade über die Augen. Der Stein entglitt ihr; sie wankte und fiel, hart mit der Stirn aufschlagend, so daß sie sogleich blutete. Aber nur Ilja Dozana hatte laut aufgeschrien, als Urs seine Mißhandlung ausführte. Makkabea erhob sich augenblicklich wieder, wischte das Blut aus dem Gesicht, hob sich den Stein von neuem auf den Kopf. Alles das tat sie langsam, dabei fortwährend den Christenknaben anschauend. Erst als die anderen Kinder sie jammernd umringten, wandte sie dem jungen Fanatiker den Rücken und ging langsam davon, als sei nichts geschehen. Sie hatte kein Wort gesprochen und ihr Blick bis zuletzt seinen Ausdruck von Schrecken und Staunen behalten. Urs sah, wie ihr rotes Haar voller Blut klebte, wie Blut aus der Stirn über das Gesicht rann. Als Michael Cibula seines Sohnes Tat erfuhr, blieb er vollkommen ruhig; er nahm den Knaben bei der Hand und begab sich mit ihm auf die andere Seite der Schlucht zu den Juden hinüber. Dort ließ er sich die Hütte des Rabbiners Jehuda Kolon zeigen, trat ein, berichtete dem Rabbiner die Missetat seines Knaben und verlangte, daß das geschlagene Mädchen gerufen würde. Dozia kam mit ihren Kindern; Makkabea trug noch die Stirne verbunden. Nun sollte der Christenknabe dem Judenmädchen Abbitte tun. Urs regte sich nicht. Michael Cibula erblaßte und griff nach seinem Sohne, als ob er ihn würgen wollte. Da legten sich die Eltern ins Mittel und baten für den trotzigen Knaben. Noch bei ihren ersten freundlichen Worten war Urs bereit, sich zu demütigen. Sein Vater sprach ihm die Worte vor: »Ich, Urs Cibula, bitte Makkabea Kolon für meine schändliche Tat um Verzeihung.« Als Jehuda und Dozia den Namen des jungen Missetäters hörten, wurden sie bleich und wagten nicht aufzusehen. Und beide erschraken in tiefster Seele, als Makkabea leidenschaftlich ausrief: »Deinen Schlag behalte ich doch im Gesicht!« Ohne ein weiteres Wort ging Michael Cibula davon; Urs ließ sich mehrere Tage lang weder vor seinem Vater noch vor seinen Kameraden sehen. Endlich suchte Ilja Dozana ihn auf und fand ihn in den Verrösfelsen, wo sie oft zusammen spielten. Als der Knabe das Mädchen kommen sah, warf er sich auf den Boden und war nicht zu bewegen, sein Gesicht zu zeigen. Diesen ganzen Sommer hindurch blieb er im Gebirge bei den Hirten. * Für Stefan Dozana brachte der Sommer eine ununterbrochene Reihe von Festen: als Bauer von Piatra und als ein Dozana konnte er jeden Tag von neuem seinen Triumph über Michael Cibula genießen und als Priester jeden Tag die Demütigung der Juden feiern. Auf der Gasse und in der Kirche, im Bauernrock und im Priesterkleide predigte er den Waldleuten den Haß gegen Israel, verkündigte er das Heil, das der Gemeinde durch die Unterjochung der Juden zuteil werden würde. So war es denn um die Vergebung ihrer Sünden gut bestellt: mit jedem Stein, den jüdische Hand von ihren Felsen brach, sank eine Schuld von ihnen ab. Stefan Dozana stand bei der Baustelle und zählte an den herbeigeschleppten Bausteinen die abgelösten Sünden seiner Gemeinde. Endlich war es geschehen: der letzte Stein lag da! Aber nach des Priesters Meinung waren der Sünden, die den Waldleuten vergeben werden mußten, noch viele. Ein halbes Jahr lang hatten die Juden für die Christen Pönitenz und Buße verrichtet und ihnen den Weg zum Himmel gebahnt; es mußte schön sein, sich diesen Weg mit glatten Steinen pflastern, womöglich mit Blumen bestreuen zu lassen. Meisterlich verstand Stefan Dozana diese Himmelsbahn zu schildern: voller Ruheplätze für die armen Seelen, mit Rosen und Lilien besteckt, so daß man nur zu pflücken brauchte, um sich zur Feier der ewigen Seligkeit zu bekränzen. Solchermaßen vorbereitet, waren die Bauern von Piatra im geheimen froh, als die Juden eines Tages, da sich auf die Abhänge des Kryvan die erste Schneedecke gelegt, zu ihnen kamen und sich erboten: die Himmelsstraße für die Christen mit schönen glatten Steinen zu belegen. Die Ältesten traten vor die Häupter der Gemeinde, neigten sich tief und sprachen: »Duldet unsere Hütten noch ein zweites Jahr auf dem Berge Kryvan, so wollen wir für euch und euern Gott den Tempel bauen, dessen Steine wir gebrochen und herbeigetragen.« Und ehe noch die Waldleute etwas erwidern konnten, zog Baruch Kolon aus seinem Kaftan eine Rolle, die er vor ihnen ausbreitete. Darauf erblickte, man die herrlichste Kirche: mit, einem hohen Turm, an der Pforte zwei Säulen, die ein schimmerndes Gebälk trugen, über dem ein strahlender Engel schwebte; dieser hielt eine Tafel, darauf stand geschrieben: »Diese Kirche erbauten den Bauern von Piatra zum ewigen Gedenken die vertriebenen Juden von Tar. Gebt Gott die Ehre!« Um die Kirche herum waren die Waldleute mit Weib und Kindern abgemalt, wie sie sich ihres herrlichen Heiligtums freuten. Mit großem Gefolge kam ein Bischof geritten, um die Kirche zu weihen; und als der Bischof den stolzen Bau erblickte, erhob er staunend die Hände. Dasselbe tat sein Gefolge und alles fremde Volk, das mit dem Kirchenfürsten gekommen war. Abgemalt waren auch die Blockhäuser des Dorfes, der Wald, die Schlucht, das Gebirge, alles so, wie es in Wirklichkeit zu sehen. Und ehe die Waldleute von ihrem freudigen Erstaunen, das vor den Juden zu verbergen sie aller ihrer Würde bedurften, sich erholt hatten, sprach Baruch Kolon: »So, wie ihr es hier vor euch sehet, bauen wir euch und eurem Gotte den Tempel. Dafür sollt ihr uns dulden auf dem Berge Kryvan noch ein zweites Jahr oder so lange, bis wir den Tempel vollendet. Und es soll Gott zu Ehren und euch zum ewigen Gedenken geschehen.« Also redete der Patriarch demütig und würdevoll zugleich, und als er geendet, wandten er und die Ältesten sich zum Gehen, um des Bescheides der Gemeinde zu harren. Da erhob sich Stefan Dozana und rief: »Bleibet und bauet!« Michael Cibula sprang auf. Bleichen Angesichts, mit geschwollenen Stirnadern, streckte er beide Hände empor und schrie: »Es muß abgestimmt werden! Wer dafür stimmt, der ist ein Verräter an seiner Heimat, ein Übeltäter an seinen Kindern, ein Verbrecher gegen Gott und ein ganz unsinniger Mann.« Er stürzte zu Baruch Kolon hin, riß diesem das verführerische Bild aus der Hand, zerfetzte es in hundert Stücke: »So gebe ich meine Stimme ab! Und zugleich schwöre ich, Michael Cibula, bei den heiligen Sakramenten: wird die Kirche, deren Abbild ich soeben vor euren Augen zerrissen, von diesen Juden aufgebaut, so hören ich und mein ganzes Haus auf, Glieder dieser unchristlichen Gemeinde zu sein.« Und wieder schritt Michael Cibula in heißem Zorne davon und wieder neigten sich bald nachher die Juden tief vor der Gemeinde. Denn, um ihrer vielen Sünden und um ihrer Seligkeit willen wollten die Bauern von Piatra die Kirche von den Juden von Tar erbauen lassen: »Gott zu Ehren und sich selbst zum ewigen Gedenken.« Eiligst kehrten die Ältesten in ihr Dorf zurück, zunächst um den von Michael Cibula zerrissenen Bauplan wieder herzustellen. Als die Juden den Bescheid der Bauern von Piatra vernahmen, erhoben sie ein großes Frohlocken. Nur Jehuda ging still davon und zu seinem Weibe. »Alle stimmten für den Bau der Kirche durch die Juden; allein der Bruder deiner Mutter Mirjam stimmte dagegen. Er tat es mit so wilden und zornigen Worten, wie ich sie niemals von einem Christen gegen uns gehört habe. Alle werden in der neuen Kirche Gott dienen und beten, nur deiner Mutter Bruder nicht. Denn so sind wir ihm verhaßt, daß er und sein ganzes Haus lieber in der Wildnis beten geht, als in dem Heiligtum, welches jüdische Hände errichtet. Auch scheint er zu merken, was mein Vater Baruch für Israel Großes ersonnen hat.« Am Abend kam Dozia zu dem Vater ihres Mannes, ihr prachtvolles Haar gelöst, daß es sie wie ein langer schwarzer Schleier umwallte. So herrlich und zugleich so gramvoll anzusehen, warf sie sich vor Baruch Kolon nieder und rief zu ihm auf: »Führe unser Volk wieder fort von hier! Denn du weißt es: nicht Gottes Stimme war es, die Israel in dieses Tal geführt, sondern die meine, die du dann deinem Volke als Stimme Gottes gedeutet. Führe uns wieder fort! Sonst schlägt uns der Fluch, der auf uns ruht, uns schlägt er und unsere Kinder bis ins sechste und siebente Glied.« Und sie klagte und weinte vor Baruch Kolon die halbe Nacht hindurch. Aber der Weise wollte des Weibes Schreien nicht hören und schalt ihre Rede Unglauben und Zweifel an dem Willen des Himmels, der durch ihren Mund zuerst zu ihm und dann durch ihn zum Volke gesprochen hatte. Da ging Dozia hinweg und am nächsten Morgen legte sie von neuem ihr Trauergewand an, Baruch Kolon aber sprach zu den Seinen: »So erfüllt sich auch hier das Wort des Herrn.« Fünftes Kapitel Und sie bauten! Und sie bauten! Zunächst für sich selbst. Statt der Hütten aus Zweigen und Moos bauten sie Häuser aus Balken und Stein. Sie bauten so wohl und so fest, als ob nicht allein sie, sondern auch ihre Nachkommen die Häuser bewohnen sollten – bis ins sechste und siebente Glied. Die Waldleute hätten Einsprache dagegen erheben können, namentlich, was das Fällen der Bäume anbetraf, ließen sich indessen genügen, darüber zu erstaunen. Sie spotteten auch wohl, daß die Juden sich für das eine Jahr so große Mühseligkeiten bereiteten; und da Steine brechen und Steine tragen ihre liebste Lebensbeschäftigung zu sein schien, verachteten sie sie nur um so mehr. Nur dem Priester Stefan Dozana wollten ihre Anstalten bedenklich erscheinen; als er jedoch gewahrte, mit welchen wütenden Blicken Michael Cibula nach dem schönen Kryvan hinüberblickte, schwieg er dazu. Der Winter blieb überaus mild und beinahe schneefrei, so daß die Juden die ganze Zeit hindurch für sich Steine brechen und ausmauern konnten. Wieder halfen Weiber und Kinder, und wieder war die Arbeit ein Fest, waren die Mühseligkeiten Freuden. Die herrliche Dozia indessen schienen die Steine schwerer zu drücken als im vergangenen Sommer, wo sie doch als Magd der Christen getragen: trauervoll schritt sie in ihrem düsteren Gewande dahin. Ihre Kinder und die Stammgenossen verstanden dieses verwandelte Wesen nicht und empfanden Scheu vor Dozias dunklem Ernst. Als die Milde der Witterung auch nach Weihnachten anhielt, sandten die Waldleute nach dem Kryvan hinüber: die Ebräer möchten mit dem Bau der Kirche beginnen! Doch ließen die Juden zurücksagen: es sei beschlossen und besprochen worden, daß sie erst nach Ostern anfangen sollten. Das hatte seine Richtigkeit. Bei der allgemeinen Aufregung, die über den stolzen Kirchenbau und die nochmalige Unterjochung der Fremden in Piatra herrschte, hatte man bei dem Abkommen, welches die Christen mit den Juden getroffen, nicht genug den Anfangstermin beachtet, den der weise Baruch Kolon auf die christlichen Ostern gesetzt. Freilich lag um diese Zeit gewöhnlich noch tiefer Schnee in der Verrös. So mußten sich die Waldleute gedulden; es wurde ihnen schwer genug. Denn seit dem Herbst träumten und sannen sie nichts anderes, als ihre Kirche fertig zu sehen, und wäre es nur, um auf der Tafel, die der schwebende Engel hielt, lesen zu können, von wem das herrliche Heiligtum gebaut worden und wem »zum ewigen Gedenken!« Aber in ihren Gedanken setzten alle an Stelle des Wortes: Gedenken etwas anderes und alle lasen: zum ewigen Dank! Nach Weihnachten waren die Bauten der Ebräer auf den Abhängen des Kryvan bereits so weit fortgeschritten, daß die Juden Arbeiter entbehren konnten. Unter den Ältesten fanden viele Beratungen statt, worauf die Entbehrlichen die Kolonie verließen und hinab in die bewohnten Täler zogen, und weiter in die Ebenen und Städte. Nach einigen Wochen kamen sie wieder zurück, ihrer mehr, als gegangen waren. Sie brachten hochbeladene Maultiere mit, Zugvieh, allerlei Geräte, Sämereien und sonst viel Nützliches. Die Waldleute gewahrten alles und freuten sich; denn sie meinten, daß alles für den Bau ihrer Kirche geschähe. Und als Baruch Kolon mit seinem Sohne zu ihnen herüberkam, sich tief vor ihnen neigte und bat, die Bauern von Piatra möchten den Juden von Tar gewähren, die Wiesen, welche ihre Hütten umgaben, bis zur Grenze des Waldes mit Gemüsen und anderen Früchten des Feldes bestellen zu dürfen, damit sie sich mit ihren Weibern und Kindern bei der harten Arbeit des Sommers kräftig nähren könnten – als der Weise vom Berge Kryvan voller Demut so sprach, gewährten die Leute vom Walde, um was man sie bat. Aber es sollten nur solche Feldfrüchte sein, die im Frühling gepflanzt wurden und im Herbst geerntet sein mußten. Diese Erlaubnis, auf dem Berge Kryvan zu säen und zu ernten, wurde den Ebräern nicht in Übereinstimmung aller erteilt, und es waren viele in Piatra, die laut dagegen murrten. Die Unzufriedenen mehrten sich, als man eines Tages eine stattliche Viehherde, Tiere von einer viel besseren Art, als die Bauern von Piatra sie besaßen, in das Judendorf eintreiben sah. Da nun die Waldleute hinübersandten, um wegen der Herden Beschwerde zu führen, kam der ehrwürdige Baruch Kolon selbst, um seinen Stamm zu entschuldigen: die Kinder Israels hätten nach Milch geschrien. Ob sie die unschuldigen Kindlein hätten schreien lassen sollen? Die Bauern beharrten bei ihrem Unwillen und wollten die Herden auf ihrem Berge nicht dulden. Aber diesesmal legten sich die Bäuerinnen ins Mittel, und das mit solchen kräftigen Stimmen für die Notdurft der jüdischen Kinder, daß die Männer wohl oder übel schweigen mußten. Auch waren die Heiden nun einmal da. Es war aber durch die Fremden Streit und Unfrieden in die fromme Gemeinde gekommen, so daß in Piatra täglich gehadert wurde. Schuld an diesem Unwesen trug die Erregung, die sich seit der Ankunft der Ebräer aller bemächtigt und die Gemüter aus ihrer Dumpfheit aufgerüttelt hatte. Es war nicht anders, als wären die Bauern von Piatra aus einem vielhundertjährigen Schlaf aufgewacht und wüßten nun nicht, was anfangen mit ihren Lebensregungen: ob sie stehen oder gehen, schweigen oder sprechen sollten. So taumelten und schrien sie dann und benahmen sich im Gefühl ihrer Kraft gleich ungebärdigen Knaben, die sich schon Männer dünken. Und schuld daran war der gegenseitige Haß der beiden mächtigsten Häuser des Walddorfes. Diese Leidenschaft, welche erst die Ankunft der Juden völlig entfesselt hatte, spaltete das Dorf in zwei feindliche Lager: hie Dozana, hie Cibula! Der Streitruf der Dozana war mächtiger, der der Cibula dagegen klang wilder. Doch war es, wie überall, auch hier die Macht, die entschied. Vielleicht, daß ohne den Bau der neuen Kirche die Partei Michael Cibulas zugenommen hätte; denn dem Christentum vieler Gemüter war durch die einmalige Demütigung der Juden und das Anbahnen der Himmelsstraße Genüge geschehen, so daß sie wohl auf fernere Triumphe über die Feinde Gottes und eine Pflasterung jenes überirdischen Weges verzichtet hätten. Aber die neue Kirche mit ihrem hohen Turme, ihrem schwebenden Engel, ihrer leuchtenden Gedenktafel, war das Danaergeschenk der Juden an die Christen. Und sie bauten! – – Baruch Kolon war von früh bis spät auf dem Bauplatz. Wenn der Patriarch, die Rollen mit den Plänen in der Hand, auf dem Gestein saß, glich er in dem langen Gewande, mit dem schönen, gewaltigen Greisenantlitz und dem silberweißen Bart, der über die Brust herabwallte, einem der heiligen Erzväter seines Volkes. Genau, wie es auf dem Plane verzeichnet, gab er alles an, jedem seine Tätigkeit zuweisend. Während der Arbeit sprach er Worte der göttlichen Weisheit, so daß die Juden den Christen einen Tempel bauten, in dem sie andachtsvoll den Verkündigungen ihrer Propheten lauschten. Mit dem Bauen übereilten sie sich nicht, führten noch keine Mauern auf, sondern glätteten vorerst die Steine, meißelten die Verzierungen aus, bildeten die Säulen, das Gebälk und den schwebenden Engel. Sie taten das alles mit solcher Kunst, daß die Waldleute, die nur weiches Holz zu behandeln vermochten, staunend zusahen und sich, wiewohl mit steigender Ungeduld, in den langsamen Fortschritt des Baues fügten. Stefan Dozana besuchte den Bau jeden Tag. Doch geschah es häufig, daß die weisen Lehren und frommen Sprüche des Patriarchen den Priester vertrieben. Dann blickten die Ebräer sich an, als habe der Gott der Juden über den Gott der Christen triumphiert, nicht bedenkend, daß da ist nur ein einziger, alleiniger und einiger Gott. Zwei Tage in jeder Woche blieben die Ebräer auf ihrem Berge: am jüdischen Sabbath und am christlichen Sonntag. Im ersten Jahr ihrer Dienstzeit hatten sie auch an den Festtagen der Christen Steine brechen und tragen müssen, und die Bäuerinnen standen im Festschmuck auf der Gasse und höhnten und beschimpften die Juden lauter als an Wochentagen. Jetzt fingen die Bauern an zu befürchten, daß der Heiligkeit des Werkes Abbruch geschähe, und so ungeduldig sie auch waren, so sehr sie sich auch gebürdeten wie Kinder, die nicht erwarten können, bis sie das Begehrte bekommen, so baten sie doch schließlich Stefan Dozana, die Juden am Sonntage feiern zu lassen. Diesen Tag benutzten die Ebräer, um an ihren neuen Häusern und auf den neuen Feldern zu arbeiten, deren jungfräuliche Erde herrliche Früchte zu geben versprach. Es waren in diesem Sommer nur die jüdischen Männer im Dienste der Christen. Als die Bauern sich darüber beklagten und auch die Arbeit der Frauen und Kinder verlangten, wurden sie mit ihrer Forderung kalt abgewiesen: Dieselbe sei unberechtigt! Nur mit den Juden sei der Vertrag geschlossen worden. Seit wann man Verträge mit Weibern und Kindern mache? Aber die Weiber und Kinder hätten im vergangenen Sommer auch Steine getragen, antworteten die Christen. Sie hätten aus freiem Willen den Männern geholfen. So blieben denn die Frauen und Kinder zu Hause, gruben und pflanzten, säten und jäteten – ernteten! Die Waldleute sahen ihre schöne, grüne Halde bis zur Grenze des Waldes umgeackert und in Parzellen eingeteilt; sie sahen die üppig aufsprießende Frucht, sahen die ebräischen Frauen und Kinder mit froher Gartenarbeit beschäftigt und hatten darüber ihren stillen und lauten Ärger, den letzteren besonders die Frauen. An schönen Abenden, wenn nach dem Untergang der Sonne die Stille des Tales noch stiller ward, vernahmen sie den Gesang der Juden. Es waren düstere, eintönige und feierliche Weisen; aber sie sangen doch, während die Waldleute schwiegen. Selbst die Herdenglocken der jüdischen Gemeinde klangen viel froher als die von Piatra. Gesang und Glockenläuten entflammten Michael Cibula zu hellem Zorn; aber am meisten reizte ihn der Juden Tätigkeit auf den Feldern. Er sah jene tun, was die Christen hätten tun sollen, und das schon vor einem halben Jahrtausend. Er hatte gemahnt und gemahnt und immer von neuem der Gemeinde vorgeschlagen, auf den sonnigen Abhängen des Kryvan Feldfrüchte zu bauen. Doch die weisen Häupter hatten zu allem den Kopf geschüttelt: Waldbauern wären sie, Waldbauern blieben sie! Hätte der Vater nicht Korn und Flachs gebaut, so sollte es auch der Sohn nicht tun. Nun, die Söhne taten es nicht, aber die Juden. Blieb dieses Volk noch ein drittes Jahr in der Verrös, so würden im dritten Jahre die Juden auf der Christen Gebiet Weizen schneiden; für die Christen blieb die Spreu übrig. Und Michael Cibula lachte grell auf. Es dauerte lange, indessen endlich kam es so weit: sämtliche zum Bau der Kirche nötigen Steine lagen behauen und geglättet. Sie glänzten und gleißten im Sonnenschein; aber ringsum war die Erde aufgewühlt, der Rasen zertreten, so daß es keinen frohen Anblick gewährte. Die Säulen und das Gebälk jedoch waren im Schatten des Waldes selbst gezimmert und hergerichtet worden und bedeckten den dunkeln Moosgrund wie die Trümmer eines Tempels, darüber der wilde Wald aufgeschossen. Der Engel stand an einem Platze, den Heckenrosen und Efeu überspannen. Auf Kopf und Schultern des Seraphs setzten sich die Vögel und sangen dem schönen blassen Steinbilde alle ihre Lieder, als wollten sie den glänzenden Marmor zum Leben erwecken. Auf die Tafel, darauf noch keine vielbedeutenden Lettern eingegraben standen, malte die Sonne geheimnisvolle goldene Chiffern, eine strahlende Runenschrift, welche die Menschen nicht zu deuten vermochten. Und doch gab auch sie »Gott die Ehre.« Während der schöne Cherubim, der die Bauern von Piatra an der Schwelle ihres Gotteshauses zu ewigem Gedenken mahnen sollte, noch voll göttlicher Ruhe auf das Weben des Waldes zu lauschen schien, ergriff immer heftigere Ungeduld die Bauern. Sie ließen ihre Arbeit im Stich und liefen aus den Häusern, um die Steine zu ihrer Kirche im Sonnenschein leuchten zu sehen. Endlich – es war Hochsommer geworden – wurde der Grundstein gelegt. An diesem Tage durfte kein Jude über die Schlucht, Piatra feierte den Tag als glänzendes Fest. Die Partei der Cibula hielt sich grollend zurück; doch sie wurden immer kleiner, und mit jedem Baustein, der in der Sonne aufglänzte, gewannen die Dozana einen neuen Genossen. Sie taten sich mächtig hervor und empfingen die Ehren des Tages, daß es fast war, als würde nicht zu einem Hause Gottes, sondern zu einem Tempel der Dozana der Grundstein gelegt. Noch stand dort, wo sich das Heiligtum erheben sollte, der Wald, auch ein Tempel, mit düstern Riesensäulen, dunkeln Hallen und dämmerungsvollen Kuppeln. Feierliche Stimmen füllten die schönen Wölbungen: Waldesweben, Windessausen und Sturmgebraus. Auch der Altäre waren viele: für alle Götter! Sammetweiche Moosdecken bekleideten sie, das Himmelswasser des Taues glänzte darauf und die Erde opferte dafür ihre Blumen und Früchte. Den schallenden Chorgesang ließen die Vögel ertönen; aber Betende und Priesterin zugleich war die Natur. Wenn diese göttliche Verkünderin der Herrlichkeiten des Himmels bei dem großen Hochamt des Frühlings das Allerheiligste enthüllte und sich das Mysterium der Wiedergeburt vollzog, ging ein Beben durch den Tempel, als durchströme ihn der lebendige Odem Gottes. Doch die Menschen bauten ein anderes Heiligtum zu anderem Gottesdienst; und als der Grundstein dieses Sanktuariums in die Tiefe sank, ging es wiederum durch den Wald wie ein großes Erschauern. Aber nicht der Hauch Gottes war davon die Ursache, sondern die Hand des Menschen, die an den Stamm, der dort stand, wo der Altar sich erheben sollte, die Axt anlegte. Es war eine gewaltige Zirbenkiefer, und als sie krachend stürzte, lief ein Seufzen durch die Wipfel, daß es schier schaurig klang. Auf der andern Seite der Schlucht lauschten die Juden den dumpf dröhnenden Schlägen, die das Echo wie in wildem Hohne nachhallte; und als der erste Stamm fiel, begegneten sich die Blicke der Kinder Israels. Es war Sabbath, so daß auch die Juden den großen Festtag der Christen heiligten. Nur die schöne Dozia blieb in ihrem Trauergewand, das sie doch sonst an jedem Feiertage gegen ein glänzendes Kleid vertauschte, Michael Cibula aber, der von seinem Gärtchen aus den Wipfel des stolzen Baumes Wanken, sich neigen und sinken sah, ging voll schmerzlichen Ingrimms in sein Haus und in des Hauses entlegenste Kammer. Aufgeschreckt von dem Geprassel, flogen ringsum die Vögel davon, so daß auf dem Platz, wo in Zukunft das Wort Gottes gepredigt werden sollte, ein langes banges Schweigen ward. Dann erhob der Priester seine Stimme.\ –\ – * Es war in diesem Jahre nicht mehr die Rede von dem Fortziehen der Ebräer; denn wer hätte dann die Kirche bauen sollen? Die Waldleute hatten vom Zusehen nicht das Bauen gelernt. So blieben denn die Juden ruhig in ihren festen Häusern auf dem Kryvan wohnen und keiner von ihnen tat, als könnte es anders sein. Wahrend im Herbst die Männer anfingen, die Mauern der christlichen Kirche aufzuführen, beackerten die Frauen mit der Pflugschar die Felder. Wie eine Göttin in all ihrer Schönheit schritt als erste der Pflügerinnen Dozia hinter den Stieren her, kräftig den langen Stecken über den mächtig gehörnten Häuptern schwingend, Asarja und Makkabea lasen die Steine zwischen den schwarzen Schollen aus. Die heilige Feldfrucht, mit der die Juden diesen Herbst den ersten Acker ihrer neuen Heimat bestellten, war der Weizen. Auch sonst hatten die Ebräer den Sommer für ihre junge Ansiedelung trefflich zu nutzen gewußt. Die Kinder der Waldleute suchten Blumen und Nester, fingen Käfer und Schmetterlinge, vergnügten sich mit Kiesel und Sand – die Judenkinder spielten ihrer Natur nach weniger des Vergnügens, als um des Nutzens willen. Sie erkletterten die Felsen des Kryvan, sammelten Gras und Kräuter, die sie nach Hause schafften und trockneten; sie stiegen in die Klüfte, suchten nach Kristallen und Erzen, sie dämmten die Bache ein und suchten nach – Gold. Stefan Dozana wollte vor Ungeduld vergehen. Trotzdem die Erbauer Steine auf Steine schichteten, schienen die Wände der Kirche nicht höher aufzusteigen; es war fast, als wäre der weise Baruch Kolon auf die List der weisen Frau Penelope verfallen. Frühzeitig trat Frost ein, das Bauen mußte eingestellt werden. Alsbald rüstete sich wieder eine Schar von Juden zum Auszug in die Ebene, und wieder kamen sie – diesesmal nach noch längerer Abwesenheit – mit neuen Stammgenossen, neuem Vieh und neuer Habe zurück; diesesmal verstohlen und bei Nacht. Auch diesen dritten Winter verbrachte Dozia zum großen Teil am Webstuhl. Als das gehorsame Weib ihres Mannes tat sie, was Jehuda ihr zu tun hieß; sie schnitt die schwarzen Fäden vom Holze und füllte das Schifflein mit leuchtender Seide. Denn es sollte ein gar herrliches Gewand werden: auf purpurfarbenem Grund scharlachrote Arabesken. Jede Königin des Orients hätte sich in den prächtigen Stoff hüllen können, es sollte Dozias Festkleid werden, wenn die vertriebenen Juden von Tar den Tempel weihten, den sie sich in der neuen Heimat erbaut hatten. Doch es schien, als wirkte Dozia sich ein Schmerzenskleid. Herzeleid war der Webstuhl, Harm das Schifflein und Sorgen der Einschlag; und wenn die Kinder die Mutter quälten, ihnen Geschichten zu erzählen und die alten Märchen wieder zu hören verlangten, seufzte Dozia und schwieg. * Und sie bauten! Doch es waren keine heiligen Hallen, sondern ein Gebäude des Hasses, zu dem Stefan Dozana und Michael Cibula unablässig Stein auf Stein trugen. Offen waren die Feindseligkeiten zwischen den beiden alten Gegnern ausgebrochen. Aber nach wie vor ließ Michael Cibula von dem Priester sich die Beichte abnehmen; tiefgebeugt lag er vor seinem Feind auf den Knien, diesem die geheimsten Regungen seines wilden Gemütes bekennend. Nur eine einzige Empfindung verhüllte er vor dem Priester: das war die unsinnige Liebe zu seinem Weibe, seine wütende Eifersucht auf einen anderen. Und tief gebeugt bekannte er seinen Haß gegen den Mann, dem er es eingestand. Das geschah kurze Zeit, nachdem die Juden am Kryvan sich aus Zweigen Hütten gebaut hatten. Aber der Priester konnte ihm die Sünde nicht vergeben: nicht der Sünde selbst wegen, sondern weil der Sünder unbußfertig in den Beichtstuhl gekommen. So ging denn Michael Cibula in seinen Sünden herum und wollte nicht bereuen und verzehrte sich doch in Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott. Unsäglich war sein Hunger nach dem Labsal des göttlichen Fleisches, sein Durst nach dem göttlichen Blut, Ein volles Jahr hatte er die Qual getragen; dann kam er wieder zu Stefan Dozana, beichtete wieder, wurde unbußfertig befunden, wurde wieder zurückgewiesen von der Gemeinschaft, von der Vergebung, von dem Heile. Das war geschehen, als die Juden schon im zweiten Jahre auf dem Kryvan wohnten, ihre Hütten in Häuser umwandelten, ihre Äcker bebauten, ihre Herden weideten. Wilder und wilder wurde in Michael Cibulas Seele die Sehnsucht nach den ihm vorenthaltenen Gnadenmitteln des Himmels; wilder und wilder loderte in ihm sein Haß auf gegen Stefan Dozana. Im dritten Jahre der Anwesenheit der Juden kam er zum dritten Male in den Beichtstuhl. Er war dem Verschmachten nahe. Der Priester sprach zu ihm: »Bekenne deine Sünde.« Darauf Michael Cibula: »Ich bekenne sie.« Aber der Atem stockte in seiner Brust, Stefan Dozana mußte ihn mahnen. »Wessen klagst du dich an vor Gott und mir, der ich eingesetzt bin in Gottes Namen, Sünden zu vergeben und Sünden zu strafen?« »Ich klage mich an,« begann Michael Cibula mit heiserer Stimme, »ich klage mich an, daß ich einen wilden Haß in mir trage, und daß ich mit diesem Hasse in mir umhergehe wie ein rasendes Tier, das sich jeden Tag auf den Mann stürzen möchte, den ich hasse, mehr als die Sünde, ärger als den Bösen. Denn ich muß diesen Mann als meinen größten Feind erachten, der mir übles antut und mich zu verderben sucht. Aber vor allem hasse ich ihn, weil er diesem Dorfe den Frieden genommen. Und dieser Mann bist du selbst!« Wohl niemals war eine ähnliche Beichte abgelegt. Blassen Angesichts sprach der Sünder, blassen Angesichts horchte der Priester. Ein langes Schweigen folgte; dann vernahm Michael Cibula die gedämpfte Stimme Stefan Dozanas: »Kommst du bußfertig mit deiner Sünde zu Gott?« Keine Antwort, Stefan Dozana hörte nur den keuchenden Atem des Sünders. Lange harrte er; dann frug er wiederum: »Bereust du?« »Nein!« Nein! Obgleich die gepeinigte Seele des Sünders vor Verlangen nach der Kommunion fast verging – nein! Obgleich Stefan Dozana, der Priester, die Rache in seinen Händen hielt – dennoch: nein! Wiederum ein langes, langes Schweigen. Auch der Beichtiger rang mit Gott, und Gott war ihm barmherzig. Also noch einmal, ein letztesmal: »Bereust du deine Sünden?« »Nein! Nein!« »Du bereust deine Sünden nicht als Mensch; aber du bereust sie gewiß als Christ? Als Christ, der lechzt nach der Vergebung des Herrn, der verschmachtet nach dem Brunnen der göttlichen Gnade?« Doch auch jetzt nur ein Stöhnen als Antwort. »Gedenke des ewigen Heils deiner Seele!« Mächtig klang der Ruf, warnend, drohend, gebieterisch. Da, mehr ein Aufschluchzen als Worte: »Ich bereue – als Christ\ –\ –« »So sei dir als Christ im Namen Gottes vergeben. Ziehe hin in Frieden und sündige hinfort nicht mehr.« Am nächsten Tage empfing Michael Cibula aus Stefan Dozanas Händen den Leib des Herrn, ging gespeist und getränkt von dannen und – sündigte weiter. Sechstes Kapitel Die Kinder, an denen die Sünden der Väter heimgesucht werden sollen Einer der ersten Eindrücke, den Michael Cibulas Sohn von den Erscheinungen des Lebens empfing, war die gewaltige Gestalt seines Vaters und dessen düsteres und schönes Gesicht, um das eine Mähne gelber Locken bis auf die Schultern herabhing. Mit beiden derben Händchen in dieses Geringel zu fassen, daran kräftig zu zerren und zu zausen, war höchstes Glück. Und der wilde Mann hielt seinem Knaben ganz still. Es war ein kluger Junge, der mit dunkeln, blitzenden Augen scharf um sich sah; seine Sprache war noch ein Stammeln und Lallen, als er schon von mancherlei Kenntnis hatte. Er wußte, daß im Hause alle sich vor seinem Vater fürchteten, am meisten die Mutter; und er merkte, daß die Mutter den Vater sehr lieb hatte, aber diese Liebe ängstlich verbarg. Wenn Michael Cibula in seiner rauhen Weise mit seinem Weibe verkehrte, versetzte ein staunender, fragender Blick seines jungen Sohnes ihn häufig in heißen Zorn. Weil er sich nicht zu mäßigen vermochte, ging er alsdann gewöhnlich, die Türe hinter sich zuschmetternd, hinaus in den Wald, wo er sich mit der Axt an einem Baume austobte. Während er auf den mächtigen Stamm einhieb, daß die Splitter flogen, grübelte er über die Frage nach, die er in den Blicken des Knaben gelesen zu haben glaubte: warum tust du so wild gegen meine Mutter? Du bist ihr ja doch so gut! Erst wenn der Stamm stürzte, fiel es wie eine Last von der Seele des Mannes: was konnte der Knabe davon wissen! Urs liebte seine Mutter zärtlich; da Josepha ihn jedoch nur im geheimen liebkoste und in Gegenwart ihres Mannes mit ihrem Sohne nur scheu verkehrte, trotzte das Kind und lehnte sich gegen die heimliche mütterliche Zärtlichkeit mit solcher Heftigkeit auf, daß Josepha oft in Tränen ausbrach. Dann hätte der Knabe vor Herzeleid vergehen mögen und wäre doch eher gestorben, als seinen Kummer merken zu lassen. Er war seines Vaters echter Sohn, Zoll für Zoll ein Cibula. Oft, wenn er des Nachts aufwachte, sah er einen goldigen Schein über sich. Das waren die langen losen Haare seiner Mutter, die an seinem Bette saß, sich über ihn beugte, seufzte und flüsterte. Urs starrte auf den Glanz, bis die Augen ihm wieder zufielen und er davon träumte. Später konnte er sich seine stille und blasse Mutter niemals ohne diese Gloriole vorstellen. Auch die alte Russka liebte Urs zärtlich. Sie war die Amme von Michael Cibulas Vater gewesen, ein verwelktes, schemenhaftes Geschöpf mit einem unheimlichen, wirren Wesen. Diese greise Sibylle hielt den kleinen Urs auf ihren Knien, wie sie seinen Großvater und Vater auf den Knien gehalten. Betete sie nicht, so plapperte sie vor sich hin. Sie erzählte dem Knaben lange Geschichten, von denen er wenig verstand, die aber – wohl weil sie ihm meistens in dunkler Abendstunde geheimnisvoll zugeraunt wurden – einen mächtigen Eindruck auf ihn machten. Oft fürchtete er sich dabei entsetzlich, tat aber keinen Laut, aus Angst, daß seine Mutter Russka ihr Geschichtenerzählen verbieten könnte. Auch alte Balladen bekam er von seiner Wärterin zu hören; wenn diese den zahnlosen Mund öffnete, war's, als beginne eine Mumie zu reden. Urs Lieblingsgeschichten waren die von der schönen Helja Scarpa, welche einen Priester gern gehabt, und von der goldhaarigen Maria Cibula, welche um eines Juden willen Jüdin geworden. Kam zufällig der Vater oder die Mutter dazu, so brach die Alte ab, fing an über den Priester zu zetern und die Juden zu verwünschen. Priester und Juden wurden für Urs zu Schreckgestalten, vor denen er frühzeitig eine heftige Abneigung empfand. Sein bester Freund war der junge Knecht Simo. Dieser kam niemals aus dem Walde nach Hause, ohne ihm etwas zu bescheren: glatte bunte Steine, schimmernde Kristalle, einen Vogel oder sonst ein Getier. Einmal brachte er einen jungen Bären mit, dessen Mutter Michael Cibula im schwarzen Grunde erlegt hatte. Sein kleiner zottiger Namensvetter ward Urs Cibulas liebster Spielgefährte, Daß der kleine Vierfüßler seinem Kameraden im Eifer des Vergnügens weidlich das Gesicht zerkratzte, tat der guten Freundschaft keinen Abbruch. Auch der zweibeinige junge Bär blieb nicht sanft, und oft durchtönte das Jammergeheul des zerbläuten Petzlein das Haus. Weniger rasch befreundete sich Urs mit Ilja Dozana. Ihre Mutter hatte sie eines Tages zum Besuche bei Josepha mitgebracht, und das Kind, fein und zierlich wie eine Puppe, stand erschrocken in dem fremden Zimmer, unter den fremden Leuten. Als man es gar zu sehr musterte und bewunderte, zog es weinend ein Mäulchen und steckte, da es sich nicht anders zu helfen wußte, schleunigst das Fingerchen hinein. Urs staute von einem Winkel aus das kleine wunderbare Wesen an; jedoch kaum sah er des Mädchens mächtige schwarze Augen sich mit Tränen füllen, als er fortlief und das Kostbarste herbeischleppte, was er besaß: seinen Petz, mit dessen zottigem Fell und kalter Schnauze er dem Kinde plötzlich ins Gesicht fuhr, welche Bärenliebkosung ein lautes Angstgeschrei zur Folge hatte. Während der ganzen Zeit ihres Besuches sah Urs die kleine Ilja nicht mehr an, so verachtete er sie. Aber auch seine heiße Liebe zu seinem wilden Freunde kühlte sich von diesem Tage an in bedenklicher Weise ab. Später, als Urs sich herabließ, an den Spielen auf der Dorfgasse und im Walde teilzunehmen, und sich sogleich zum Tyrannen von Klein-Piatra emporschwang, nahm er großmütig Ilja Dozana unter seinen Schutz. Übrigens bedurfte die kleine Waldprinzessin keines Kavaliers. Denn obgleich sie eher einer Elfe als einem Menschenkinde glich, wußte sie sich gegen die neckenden Bösewichter und plumpen Gesellen der Dorfjugend von Piatra so würdevoll zu benehmen, daß ihr von dieser öffentlichen Macht allgemeine Schonung gezollt wurde. Aber Urs Cibula hatte sie einmal schwach gesehen und bewahrte das in so guter Erinnerung, daß er am liebsten den Blumen verboten hatte, Ilja Dozanas reizendes Gesichtchen zu streifen. Flog ein Schmetterling oder Käfer gegen sie an, so ruhte er nicht eher, als bis der Arme seine Todsünde mit dem Leben bezahlt hatte. Oft schlich er von den Spielen fort und kletterte mit Maurus den Ziegen und Schafen nach. Maurus war der Hirtenknabe des Dorfes. Dieser junge Wildling lehrte Urs allerlei Wissenschaften der Natur: auf die Stimme des Waldes lauschen und sie verstehen, er lehrte ihn den Flug der Vögel und die Fährten des Wildes erkennen, auch sonst manches Geheimnis, das Feld und Wald vor den Menschen bewahren. In solchen Offenbarungen gingen dem Knaben die Mysterien der Natur auf; sie belebte sich für ihn, gewann Gestalt und Antlitz. Jetzt verstand er auch das Raunen der alten Sibylle Russka. Zwischen Begierde und Grausen kämpfend, stahl er sich des Abends an die Seite der alten Wärterin und flehte sie flüsternd an: »Erzähle, Russka, erzähle!« Und Russka erzählte. Frühzeitig wurde Urs Cibula mit der Gewalt der Elemente und den Schrecken der Wildnis vertraut; er kannte nichts anderes auf der Welt als Felsen und Wald. Schaurig war's, wenn der Sturm Piatra umtobte, wenn Schnee die Häuser halb vergrub, wenn im Frühling die Lawinen und Gießbäche niederdonnerten, ringsum die Wälder verheerend und die Felsen in die Tiefe reißend. In strengen Wintern wagten sich die hungrigen Wölfe bis in die Gassen von Piatra, dann tönte des Nachts ihr belferndes Geheul um die Häuser. Urs war Zeuge, wie sein Vater manchen Isegrimm vom Fenster aus niederschoß. Dafür waren Frühling und Sommer um so heiterer. Dann standen die Felsen der Verrös in Blumen gehüllt, Blumen schmückten den Moosboden der Wälder, Blumen säumten das Bett des Wildbaches, Blumen blühten vor den bunten Heiligenbildern und in Ilja Dozanas hellem Haar. Fröhlich klang das Geläute der Herden und fröhlich war's, durch Wald und Feld zu streifen, den Forellen im Bache nachzustellen und den Horst des Falken aufzuspüren. Gute Zeit war's auch, im Sonnenschein auf dem Rücken zu liegen und über sich zu schauen, tief, tief hinein in den leuchtenden Himmel, der zwischen den grauen Felsen ruhte wie\ –\ – Aber Urs wußte nichts von Bildern und Metaphern, wenn er sich auch über alles seine besonderen Gedanken machte. Nichts jedoch verursachte solchen Eindruck auf das leicht erregbare Gemüt des Knaben, wie das hölzerne Frauenbild in der großen Kammer des Hauses, vor dem Tag und Nacht ein Lämpchen brannte, und dem von allen auf geheimnisvolle Weise tiefe Verehrung gezollt wurde – am meisten von seinem Vater. Die Gestalt dieser Frau war hager und starr, hager und starr war das Gesicht; es war von bräunlicher Farbe und hatte einen feindseligen, grausamen Ausdruck. Die fremde Frau trug ein prächtiges Kleid, bunt und golden, auf ihrem Haupte glänzte eine Krone und sie hielt in den steifen Händen einen blutigen Kranz. Vor diesem Bilde fürchtete Urs sich mehr, als vor allen Geschichten Russkas; es schien ihn mit seinen bösen Augen anzusehen, als wollte es ihm etwas zu leide tun. Als seine Mutter ihn zum ersten Male zu dem heiligen Bilde aufhob, damit er es küsse, schrie er entsetzt auf. Grade trat Michael Cibula in die Kammer. Die Furcht und, den Abscheu des Knaben vor dem Bilde gewahrend, entriß der Vater in heftigem Zorn das Kind seiner Mutter und mißhandelte es. Aber Urs wollte das häßliche Bild nicht küssen. Er tat es erst, als er hörte, wie die Mutter, seines Starrsinns wegen, hart von dem Vater angefahren wurde; von da an küßte er das Bild, so oft es von ihm verlangt wurde. Aber er tat es mit fest geschlossenen Augen, aufeinander gepreßten Lippen und mit einem Ausdruck in seinem Gesicht, der dieses seinem Vater ähnlich machte, wenn Michael Cibula »wild« war. Daß sein Vater jeden Tag vor der häßlichen Frau den Kopf neigte und lange Zeit mit leiser Stimme zu ihr sprach, sich sogar vor ihr auf den Boden warf, erfüllte die Seele des Knaben mit Staunen und Grausen. Wer war die bunte Frau mit den bösen Augen? Was sagte ihr sein Vater? Wollte sie ihm etwas zu leide tun? Diese Fragen und Ängsten, denen Urs niemals Worte verlieh, reizten die lebhafte Einbildungskraft des Knaben und füllten seine Seele mit verworrenen Vorstellungen, mit phantastischen Bildern. Und das Kind haßte die Frau im goldenen Kleide, die es jeden Tag küssen mußte. Wie erschrak der Knabe, als er eines Tages in den Händen seines Vaters ein anderes Holzbild sah: auch eine Frau, mit einem ebenso starren Gesicht und ebensolchen Augen. Der Vater hielt ein Messer in der Hand, als wollte er die Frau totstechen. Urs lief fort, und als er seinen Vater wieder sah, blickte er scheu auf dessen Hände, ob diese wohl blutig wären. Nach einigen Tagen schlich er sich wieder in die Kammer; da stand neben dem ersten Holzbilde ein zweites. Erst später verstand er, daß der Vater eine Menge solcher Holzbilder schnitzte, eines genau so wie das andere, daß in Piatra alle Madonnenbilder von seinem Vater gemacht worden waren, und daß dieser im Frühjahr mit den anderen Tauschwaren auch viele seiner Frauen in die Städte zu den fremden Menschen brachte. Daß sein Vater vor einem Bilde, welches er selbst verfertigt hatte, auf die Knie fiel, waren für den Knaben Rätsel, für die seine Begriffe nicht ausreichten. Aber auch als er es später begriff, überkam ihn stets von neuem ein Grausen, daß alle diese Bildwerke mit den starren Augen aus seines Vaters Händen hervorgingen und in die weite Welt gesandt wurden. Auch die Juden haßte der Knabe. Seine Mutter hatte ihn noch nicht lehren können, die Gottesmutter und die Heiligen zu lieben, als er schon vom Vater gelernt hatte, die Juden zu hassen; denn Michael Cibula ließ es sich angelegen sein, dem Kinde seine Leidenschaften einzuflößen, Leidenschaften, mit denen er geboren worden, die sein Vater von seinem Vater empfangen. Er gab für seinen Haß keinen Grund an; es mußte Urs genügen, daß er hassen sollte. So wurden für Urs die Juden nach und nach zu Geschöpfen, die wie die wilden Tiere des Waldes verfolgt, gequält und vertilgt werden mußten. Er wunderte sich, daß sein Vater Wölfe und Bären schoß und nicht Juden: er, wenn er erst groß geworden, wollte auch Juden schießen. Kein Tag verging, an dem Urs seinen Vater nicht rufen hörte: »Die Juden! Die vermaledeiten Juden!« Aber einmal hörte er ihn murmeln: »Der Priester, der vermaledeite Priester!« Josepha stand neben ihrem Sohne und ward bei diesen Worten bleich wie eine Sterbende. Niemals vergaß Urs den Blick, den der Vater auf die Mutter warf; der Blick war wie eine Flamme gewesen. Als dann die Juden in die Verrös geflüchtet kamen und sich auf dem Kryvan anbauten, warf der Sohn bald dieselben bösen Blicke zu ihnen hinüber wie der Vater. * Im gleichen Alter mit Urs Cibula und Ilja Dozana standen Asarja und Makkabea Kolon, die Kinder Jehudas und Dozias. Asarja war ein feiner, zarter Knabe, mit einem Gesicht, wie Christus gehabt haben mochte, als er vor den Rechtsgelehrten im Tempel sprach. Er war bleich und hatte lange, tiefschwarze Locken. Zuweilen bekamen seine dunklen Augen einen Blick, groß, weit und leuchtend, als sähe er Dinge, die nicht wirklich waren. Noch schaute der Knabe mit diesem Seherblick nicht voraus in die Zukunft, sondern zurück in die Vergangenheit: Er sah wieder die Flammen lodern, welche die Häuser der Seinen verzehrt hatten; er sah das schreckensbleiche Gesicht des Vaters, das tränenvolle Antlitz der Mutter, als der Patriarch Kolon in die Kemenate trat, mahnend, daß es Zeit sei zu flüchten. Er sah sich und die Seinen fliehen in der dunkeln Nacht, am Tage sich in den Wäldern verkriechen, viele Nächte, viele Tage lang. Und die schwermütigen Augen des Judenknaben schienen an Himmel und Erde die Frage zu stellen: Warum? Auf der Flucht war es gewesen, eines Abends. Der Himmel hing voll wilden Gewölkes, das, einem ungeheuren Vorhänge gleich, über die glühende Abendsonne herabsank. Die Juden durchwanderten eine öde Gegend. Sie kamen an einem Hügel vorüber, der einsam in der Steppe aufstieg und sich wie eine düstere Kuppel gegen den flammenden Himmel abhob. Droben stand ein hohes Kreuz, daran ein nackter, blasser Leichnam hing. Alle Juden wandten die Gesichter ab, Asarja aber stand von Entsetzen gelähmt, so daß seine Mutter ihn mit sich fortziehen mußte. Sich zu ihrem Knaben hinabneigend, raunte sie ihm zu, wer der Gekreuzigte sei: Jesus Christus, der Nazarener, ein Gottessohn. Nun begehrte der Knabe den Mörder zu wissen. Scheu um sich blickend, ob jemand sie hören könnte, flüsterte Dozia ihm zu: »Die Juden.« Da entrang sich ein Weheschrei des Knaben Brust. Er flehte seine Mutter an, mit ihm zurückzukehren und dem Gemordeten zu helfen. Aber Dozia lächelte traurig und belehrte ihren Sohn, daß es ein Bild sei, welches die Christen zum Andenken an den gekreuzigten Gottessohn errichtet hatten. Als Asarja sich noch einmal umschaute, war ihm, als verbreite der feurige Himmel eine Blutlache um das Bild. So behielt der Judenknabe das heiligste Zeichen der Christen unauslöschlich in seinem Gedächtnis. Und nachdem Dozia ihm die Geschichte des heiligen Nazareners erzählt hatte, sah er Golgatha stets als den einsamen Hügel in der nächtlichen Steppe, über dem der trauernde Himmel zerriß, um über die Untat der Juden und den Tod des Gottessohnes blutige Tränen zu weinen. Asarja war ein seltsam träumerisches Kind. Baruch Kolon schüttelte über den Knaben sein weises Haupt und sprach: »Der Herr hat die Seele des Knaben Asarja geschlagen mit Gedanken: sehet, wie sie sich nicht regen kann! Der Herr spende den Gedanken des Knaben Asarja Licht, auf daß sie, wenn er ein Mann geworden, sein Gemüt erleuchten, das voller Finsternis ist. Denn oft sind die Gedanken in eines Mannes Stirn gleich einer Quelle lauteren Wassers, darein geschüttet worden viele unheilvollen Säfte, so daß Übel trifft den, der davon trinkt. Lasset uns den Herrn anflehen, um der Gedanken des Knaben Asarja willen.« Also der Patriarch. Jehuda aber und sein Weib beteten jede Nacht über dem Haupt ihres Knaben. Es konnte vorkommen, daß Asarja stundenlang darüber nachsann, weshalb die Sonne nicht auch des Nachts scheine, und weshalb die eine Blume gelb, die andere rot blühe? Die leidenschaftliche Makkabea dagegen dachte über nichts nach. Sie hatte für alles eine scharfe Beobachtung, ein rasches Verständnis und ein unerbittlich gerechtes Urteil. Oft unterhielten sich die beiden Kinder über die Christen. Bei diesen eigentümlichen Gesprächen übernahm Asarja die Fragen, Makkabea die Antworten. »Warum hassen sie uns?« »Weil wir anders sind.« »Warum sind wir anders?« »Weil wir einen andern Gott haben.« »Warum haben sie einen andern Gott als wir?« »Weil ihr Gott von uns totgeschlagen ist.« Asarja seufzte tief auf, ließ den Kopf hängen und blieb lange stumm. Plötzlich fragte er, seine traurigen Augen zur Schwester erhebend, leise und angstvoll: »Wußten die Juden, als sie den Nazarener kreuzigten, daß er ein Gott sei?« »Jehova wird es ihnen wohl gesagt haben.« Asarja starrte seine Schwester mit Entsetzen an, begann zu zittern, so daß er ihr unheimlich wurde und sie ihn zu beruhigen suchte: »Vielleicht hat auch Jehovah es nicht gewußt.« Aber Asarja blieb verstört. Wenn er fortan einem Christen begegnete, wich er scheu vor ihm aus, als fühlte er sich gegen ihn eines Verbrechens schuldig. Während Makkabea den Spott und Hohn der Christenkinder wie eine junge gefangene Königin ertrug, senkte Asarja sein Haupt. Sie sollten mich nehmen und auch totschlagen, dachte er oft und fragte nie mehr, warum die Juden von den Christen gehaßt wurden. Eines Tages kam er zu seinem Vater gelaufen, dem er mit leuchtenden Augen sagte: »Ich freue mich so sehr!« »Warum freust du dich?« »Weil die Juden die Christen nicht hassen.« Jehuda streichelte liebreich seines Sohnes Locken und wachte fortan mit noch größerer Strenge darüber, daß in seiner Gemeinde die Christen nicht geschmäht wurden. Auch für seine Enkelin Makkabea hatte der greise Baruch eine Weissagung: »In ihr lebt eine wilde Seele, die zertrümmern wird das Gefäß ihres Leibes, gleichwie gärender Most den Krug. Es wird ihr Geist dahinfahren wie eine Flamme im Sturmwind.« Erschreckt durch diese Worte des Propheten waren die Eltern beständig bemüht, die Tiefen in der Natur ihrer Tochter mit sanften Regungen zu erfüllen und die Finsternis in diesem jungen Gemüt durch Lehren hoher Menschlichkeit zu lichten. Aber Makkabea wehrte sich dagegen, daß ihrem innersten Wesen Gewalt angetan werde und duldete in sich nichts Fremdes. Dabei liebte sie ihre Eltern abgöttisch, besonders ihre Mutter, der sie an Schönheit glich. Nur hatte Dozia Haare, schwarz wie das Gefieder des Raben, und in ihren dunkeln Augen brannte ein wilderes Feuer. Nicht von dem sanften Geist ihrer Mutter hatte sie ihren Haß gegen die Christen geerbt; der lebte in ihrem jüdischen Blute seit mehr als zehn Generationen, die alle von den Christen verachtet und gehaßt, gequält und unterdrückt, verfolgt und gejagt worden waren. Es hätte der Hand eines Gottes bedurft, um dieser Kinderseele den Haß zu nehmen. Die Juden von Tar hausten bereits im dritten Jahr in der Verrös auf dem Berge Kryvan; und noch konnte Makkabea nicht vergessen, daß ihre Mutter für den Tempel der Christen Steine getragen und daß sie selbst von einem Christenknaben ins Gesicht geschlagen worden war. Und sie hatte jenem nichts getan, nichts, als daß sie den Christenknaben mit den goldigen Locken und zornigen Augen schön gefunden. Rings um den Platz, wo die neue Kirche der Christen sich erheben sollte, waren Gras und Blumen zertreten. Von den spielenden Dorfkindern kam keines hin; denn seitdem die Fremden nicht mehr Steine trugen, wurden sie von den Christen wieder sehr gefürchtet. Eifrig waren Mütter und Mägde beschäftigt, durch hundert Schauergeschichten von dem Heißhunger der Juden nach Christenkindern diese in ihrem heilsamen Entsetzen zu erhalten. Nur Ilja Dozana sonderte sich häufig von den Gespielen ab und begab sich furchtlos an den gemiedenen Platz. Sie ging nicht gern dorthin und dennoch ging sie: grade als würde sie hingezogen. Sie stand gewöhnlich von ferne unter den Arven und schaute hinüber, wo die Hammerschläge erklangen und die hellen Mauern sich höher und höher erhoben. Auch Asarja und Makkabea kamen häufig zu diesem Platze. Die Juden hatten von ihrem Wohnort zu dem Dorfe der Waldleute einen Pfad durch das Geröll und den üppigen Pflanzenwuchs der Schlucht ausgetreten. Diesen klommen die beiden Kinder hinab und wieder empor, wenn sie ihrem Vater nachschlichen, der abwechselnd mit dem Patriarchen auf dem Bauplatze seinen Glaubensgenossen aus dem heiligen Buche vorlas: Psalmen und fromme Sprüche, Lehren einer tiefen und dunklen Weisheit, und hochherrliche Gesänge. Beide Kinder kauerten hinter dem Gestein und hörten zu: Makkabea mit dem Antlitz einer jungen Sibylle, Asarja wie im Traum. Jeder Hammerschlag der Bauleute dröhnte ihm wie eines der Worte seines Vaters, so daß in seiner Phantasie der christliche Tempel mit jüdischen Glaubenslehren erbaut ward und selbst die Steine von der Macht und Herrlichkeit Jehovahs widerhallten. Einmal erblickte Asarja hinter sich im Schatten des Waldes eine kleine, schlanke Gestalt, in ein faltiges weißes Hemd gekleidet, das am Saum mit roten und blauen Blumen bestickt war. Er starrte hin, als sähe er eine Vision, und stammelte: »Sieh, Makkabea, ein Engel!« »Ein Christenmädchen!« Aber Asarja hatte sich bereits erhoben und langsam und scheu sich der Arve genähert, an deren leuchtendem Stamm das Mädchen stand. »Wer bist du?« »Kennst du mich nicht?« »Ist es wahr, daß du eine Christin bist?« Ilja nickte. »Ich bin ein Jude, mein Vater heißt Jehuda,« sagte er leise. Dazu schwieg das Mädchen. Nach einer Weile kam es bebend von den Lippen des Knaben: »Wenn du eine Christin bist, so hassest du mich.« Ilja sah ihn an, sagte jedoch noch immer nichts. Da seufzte Asarja tief auf, wandte sich ab und wollte gehen, als Ilja ihn anrief: »Du, höre!« Asarja blieb stehen und wandte sich um. »Ist das deine Schwester?« »Das ist Makkabea, meine Schwester.« »Ich möchte sie um etwas bitten.« Asarjas Augen strahlten auf; aber Ilja wurde verwirrt und senkte die ihren zu Boden. »Ich mochte deine Schwester bitten, daß sie ihm vergibt.« »Wem soll Makkabea vergeben? Was soll sie vergeben?« stammelte Asarja. »Sie weiß es. Sage ihr nur: Ilja Dozana bittet sie, ihm zu vergeben, Willst du es ihr sagen?« Dankbar lächelte Ilja den Judenknaben an und verschwand hinter der Arve. Ganz verklärt kehrte Asarja zu seiner Schwester zurück. »Ich soll dir sagen: Ilja Dozana bittet dich, daß du ihm vergibst. Es war gewiß ein Engel.« Aber Makkabea lachte laut auf. Fortan schlich Asarja, so oft er konnte, allein und heimlich zu der Arve; doch Ilja wollte ihm nicht wieder erscheinen. Er dachte immerfort an sie, und in die dunkle Seele des Knaben fiel ein Glanz, der vom Himmel war. Was das Gebet seiner Eltern und die segnende Hand des Patriarchen nicht vermochten, das wirkte an ihm ein Christenmädchen: von Iljas Kinderlippen vernahm der Judenknabe zuerst das große göttliche Wort, welches das Evangelium werden sollte, das er einstmals selbst Juden und Christen verkündigen würde: »Vergebt ihnen!« Siebentes Kapitel Die neue Kirche Ihre Mauern fingen an, sich stattlich zu erheben. Sie stand an einem stolzen Platz: dicht am Rande der Schlucht, als eine Gottesburg über dem Abgrunde. Leuchtend durchbrach das Gestein das Waldesdunkel, gleich einer Lichtwelle, die wuchs und wuchs. Arven und Edeltannen, Bäume des Urwaldes, umrauschten das junge Gemäuer, und die starren Häupter des Felsengebirges stiegen darüber empor. Nachts umschlichen die wilden Tiere der Verrös den Bau; fauchend wichen Fuchs und Marder davor zurück und die Wölfe scheuten den Ort. Aber die Rehe, die des Abends äsend aus dem Walde traten, schauten mit ihren frommen Augen eine Weile schier andächtig auf die heiligen Wände, und die Wildtauben ließen sich durch keine Hammerschläge von ihren Nestern in den Baumwipfeln vertreiben. Als es wiederum Sommer geworden, reifte der Juden Getreide: wie ein Goldfeld breitete sich das schöne Ährenland rings um ihre Häuser aus. Die Waldleute schauten hochmütig darüber hinweg; und Michael Cibula vermochte den Anblick nicht zu ertragen. Auch Stefan Dozana sah nicht gern hinüber. Schon Anfang August konnten die Juden ernten. Unter den Händen der Weiber sank das goldene Korn, und die Kinder trugen den Reichtum der Felder in vollen Armen ins Haus. Die schöne Dozia schritt mit ihrer Sichel wie mit einem Zepter längs der Frucht dahin, die so hoch stand, daß sie die Schnitterin überragte. Folgsam der Bitte ihres Mannes, hatte sie ihr dunkles Gewand abgelegt und sich festlich geschmückt; denn als Fest wurde auf dem Kryvan dieser erste Erntetag gefeiert. Es war an einem leuchtenden Oktobertage, als der Patriarch mit seinem Sohne und den Ältesten vor Stefan Dozana und die Häupter der Waldleute trat. Tief sich verneigend, begann der Weise: »Beliebt es euch, so prüft und beschaut das Werk, welches mein Stamm vollbringen durfte für euch und euern Gott, zu eures Gottes und euern Ehren, und sich selbst nicht zur Schmach. Denn wir haben dafür empfangen von euch und euerm Gott: Wohnung und Herberge, Acker und Gastfreundschaft für drei Jahre winters und sommers. So kommt nun mit uns und empfanget aus unseren Händen, was euer ist, und lasset uns in Frieden ziehen.« Sie gingen alle hin: Christen und Juden, Herren und Knechte, die einen in lautem Triumph, die anderen voll heimlichen Frohlockens. Da stand der schöne Bau fertig und vollendet. Über den Säulen des Eingangs schwebte der Cherubim; in der einen Hand hielt er eine Siegespalme, in der andern die Tafel. Aber die Tafel war noch unbeschrieben. An der Seite der Kirche erhob sich der Glockenturm schlank und hoch, höher als die höchste Tanne der Verrös. Alle umschritten sie den Turm und die Kirche, Christen und Juden. Jeder Stein des Baues war wohl behauen, geglättet und gefügt; keines Messers Spitze hatte in den Fugen Eingang gefunden. So scharf Stefan Dozana und die übrigen auch schauten und prüften, vermochten sie doch nicht an der Arbeit einen Fehl zu entdecken, so daß sie dieselbe wohl oder übel loben mußten. Aber der Priester sagte: »Ehe wir sie ziehen lassen, sollen sie mit uns hineingehen.« Drinnen sah es aus wie in einer Ruine. Den Boden bildete die zerstampfte und aufgewühlte Erde, die Mauern standen kahl, kahl die Altäre und Nischen; grau und öde starrten die Wölbungen der Decke herab und die scheibenlosen Fenster glichen den Höhlungen einer Brandstätte. Die Waldleute standen betroffen, blickten sich unsicher an und murrten: »Wie kann hier Gott und den Heiligen gedienet werden?« Stefan Dozana fuhr wild auf die Juden ein, doch der weise Baruch Kolon erwiderte in Demut: »Wir bauten den Tempel, wie zu bauen wir verheißen hatten. Wollet schauen den Plan, den wir euch gewiesen und den ihr in eurer Weisheit für gut befunden.« Und Jehuda, welcher mit zwei langen Papierrollen erschienen war, öffnete die eine derselben und wies dem zürnenden Priester und den murrenden Bauern den Plan; und wie es darauf verzeichnet stand, so war alles ausgeführt worden. Nun wandte sich das Mißvergnügen der Waldleute gegen den Priester und wurde so laut und so heftig, daß Stefan Dozana vor Zorn und gekränktem Stolze erblaßte. Die Juden standen unter bescheidenem Schweigen in der Ferne; kaum daß sie sich ansahen. Ihr Patriarch trat vor und sprach: »Mich und meinen Stamm bekümmert, daß Ihr nicht loben mögt, was wir euch und eurem Gott zu Ehren errichtet haben.« Was war voller Demut gesprochen, klang indessen wie offenbarer Hohn. Auch wurden die Bauern daraufhin noch lauter, so daß Stefan Dozana wilde Worte zu hören bekam. Er wußte sich keinen Rat. Da winkte Baruch seinem Sohne, und Jehuda nahm die zweite Rolle, öffnete sie und wies den Waldleuten ein zweites Bild. Dieses war so bunt und prächtig, daß die Bauern Jehuda in heller Verwunderung umdrängten. Es stellte das Innere einer Kirche dar. Wunderbar schimmerten die Wände, schimmerte die Decke und der Fußboden, über dem Hochaltar flammte eine mächtige goldene Sonne und schwebende Engel trugen in der Glorie das Kreuz mit dem Gottessohn empor. Auf einem Thron erhob sich ein strahlendes Bildnis der Himmelskönigin, riesengroß, in herrliche Gewänder gehüllt, die Krone auf dem Haupte, mit Blumen und Edelsteinen überschüttet. Im Halbkreise der Nischen standen die Heiligen, auf welche von der großen goldenen Sonne ein überirdischer Schein fiel. Die Kirche war voll Betender: Frauen und Männer mit hellen Haaren, in hellen Gewändern. Vor dem Hochaltar stand der Priester und wies den Bauern von Piatra das Allerheiligste. Über die Schar der Knieenden ergoß sich Abglanz himmlischen Lichtes. Auf das Bild deutend, sprach der Patriarch: »Sehet das Bildnis eures Tempels, dessen äußere Gestalt meine Söhne euch bauten. Nehmet es hin und schmücket darnach diese Hallen.« Und wiederum klang es wie Hohn. Wild blickte Stefan Dozana auf das Bild herab; er rief: »Wenn wir Gott und den Heiligen diese Kirche nach diesem Bildnis schmückten, würden wir das herrlichste Heiligtum im Lande haben und aller unserer Sünden los und ledig sein.« Und Stefan Dozana riß das Bild aus Jehudas Händen, hob es wie ein Banner und Siegeszeichen in die Höhe, daß es von allen gesehen ward. Und alle schrieen auf ihn ein; denn alle begehrten ihrer Sünden los und ledig zu sein. Aber sie gedachten ihres Unvermögens, die Kirche mit solcher Pracht zu schmücken, und ein großes Zagen bemächtigte sich aller Gemüter. Und sie gedachten ihrer Sünden, sie gedachten auch des Ruhmes, vor allen anderen sündigen Christen im Reiche das herrlichste Heiligtum zu besitzen. Um diesen Ruf für ihr Walddorf und für ihre Seelen die Vergebung zu erwerben, hätten sie die Juden von Tar noch viermal vier Jahre auf dem Kryvan wohnen und ernten lassen. Aber die Ebräer schienen nichts anderes zu begehren, als in Frieden ziehen zu dürfen. Da geschah etwas, das einem Mirakel glich. Stefan Dozana sah es zuerst und stieß einen lauten Schrei aus, daß alle erschrocken auf ihn blickten. Sprachlos deutete er auf den Hochaltar, der noch ein natürlicher Felsblock war. Die Juden waren von dem Stein, darauf die volle Sonne schien, zurückgewichen; da sahen es auch die Waldleute: auch sie glaubten ihren Augen nicht trauen zu dürfen, standen und staunten und wagten nicht an das Wunder heranzutreten. Es lag auf dem Altar ein Schatz zusammengehäuft und hoch aufgeschüttet: Gold und Silber, so viel der große Stein zu fassen vermochte. Wie Feuer glühte und gleißte der Schatz in der Sonne, als wären auf dem Steine, darauf dem Höchsten gedient werden sollte, Opferflammen entzündet. Manche Stücke des Goldes und Silbers waren auf den Boden gerollt; aber weder Juden noch Christen bückten sich darnach. Die Augen der Waldleute waren geblendet. Weder von ihnen, noch von den Juden sprach einer ein Wort. Es herrschte eine Totenstille. Stefan Dozana sah aus, als könnte er um des Goldes – um der Kirche von Piatra willen – einen Mord begehen, und das an dem Altar, der die Schätze trug. Den Blick starr auf den Glanz gerichtet, wich er von den Bauern fort, nach dem Steine hin, wie durch übernatürliche Kräfte von dem Reichtum angezogen. Von den andern rührte sich niemand. Da vernahmen die Waldleute eine Stimme, die bei der großen Stille schier schauerlich durch den öden Raum hallte: »Dieses Silber und Gold wollen wir euch geben zum Eigentum, wenn ihr uns gebt zum Eigentum den Berg Kryvan mit allem Walde und aller Weide, mit allem Gestein und allem Gewässer.« Es war die Stimme des ehrwürdigen Patriarchen Kolon; aber den Waldleuten bedünkte es, als spräche die Stimme des Versuchers zu ihnen. Mancher wollte aufschreien: weiche von uns, Satanas! Aber trotzdem schwiegen sie alle. Es schwieg auch Stefan Dozana. Er stand vor dem Altar und streckte darüber die Arme aus; mit einem Ausdruck, als flehe er den Himmel an um die Erlösung von allen Übeln, und der Himmel habe ihm durch das Gold und Silber der Juden Erlösung von allen Übeln gewährt. Er rief: »Im Namen\ –\ –« Dann stockte er. Er hatte sagen wollen: »Im Namen Gottes erwerbe ich diesen Schatz für die Kirche!« Aber seine Gedanken verwirrten sich, daß er beinahe gerufen hatte: »Im Namen des Teufels schließe ich den Pakt!« In demselben Augenblick hörte er außerhalb der Kirche Schritte sich nähern. Er lauschte. Seine Arme sanken am Leibe herab, seine Züge verzerrten sich, sein Gesicht ward fahl. Michael Cibula stürzte in die Kirche. Er kam zu einer schlimmen Stunde. Trotzig drängten sich die Waldleute zusammen; die Juden warfen sich bedeutsame und bedenkliche Blicke zu, Jehuda erblaßte. Langsam schritt Michael Cibula auf den Hochaltar zu, nicht den Schatz, der darauf lag, sah er an, sondern den Mann, der bei demselben stand. Eine Weile ließ er seine Augen fest auf Stefan Dozana ruhen, wandte sich dann von dem Priester ab, den Bauern zu: »Wem gehört das Gold und Silber?« Keiner der Bauern beantwortete die Frage, Baruch Kolon trat vor: »Unser ist das Gold und Silber.« »So nehmt, was euer ist,« rief Michael Cibula mit wildem Blick und deutete gebieterisch auf den Schatz. Keiner der Juden rührte sich. Ihr Patriarch antwortete würdevoll: »Wir boten das Gold und Silber den Bauern von Piatra. Noch haben sie unser Gebot nicht abgelehnt.« »Ihr botet!« schrie Michael Cibula auf. »Was botet Ihr? Den Mammon! Wofür botet ihr diesen? Für unserer Seelen Seligkeit!« »Für den Berg Kryvan.« Einen Augenblick war es, als wolle sich Michael Cibula auf den Patriarchen losstürzen. Doch der Greis stand so hoheitsvoll und ehrfurchtgebietend da, daß der wütende Christ vor dem Juden zurückwich. »Ihr uns Geld bieten!« stieß er mit keuchendem Atem hervor. »Wer seid ihr, daß ihr uns etwas zu bieten wagt? Juden, verruchte, verfluchte Juden, räudiger als einer, den die Pest behaftet, schändlicher als einer, der seine Mutter erschlagen. Und Ihr bietet uns Gold? Gold für unser Land\ –\ –« Außer sich warf er sich über den Stein und riß die Schätze herab, daß sie rings den Boden bedeckten. Und wieder bückte sich weder Jude noch Christ, ein Stück von den zerstreuten Reichtümern aufzunehmen. Stefan Dozana war hinweggetreten. Neben dem Felsblock, der bestimmt war, das Allerheiligste der Christen zu tragen, stehen bleibend, erhob Michael Cibula seine Rechte und rief, während er sein mähnengleiches Haar, das um sein Gesicht flatterte, zurückwarf: »Todfeindschaft schwöre ich jedem, der seine Hand hebt und dem Gebot der Juden zustimmt. Wer stimmt dafür?« »Ich!« rief Stefan Dozana, trat vor und erhob seine Hand. Damit war die Todfeindschaft zwischen den beiden Männern vor Juden und Christen beschworen. Das fühlten alle und alle blieben stumm, bis allmählich unter die Waldleute Bewegung kam. Zuerst traten nur einzelne zu Stefan Dozana, dann ihrer mehr und mehr. Zuletzt standen fast alle neben dem Priester; denn alle wollten mit dem Gold der Juden ihre Kirche ausschmücken, und alle hofften durch die geschmückte Kirche ihrer Sünden los und ledig zu werden. Die Kunde von diesem Ereignis hatte sich mit Blitzesschnelle durch das Dorf verbreitet. Die Weiber liefen herbei. Sie füllten den Platz vor der Kirche, drängten in das Portal; doch wagten sie sich nicht hinein. Sie sahen den Boden mit Gold und Silber bedeckt und gebärdeten sich wie Verzückte. Auch die wenigen Anhänger Michael Cibulas kamen und gesellten sich zu ihm; aber man sah es ihnen an, daß sie lieber bei Stefan Dozana gestanden hätten. Während dieser Vorgänge bewahrten die Juden ihre Ruhe und Würde. Nur Jehuda sah verstört aus und warf flehende Blicke auf seinen Vater; doch der Patriarch beachtete ihn nicht. Als Michael Cibula die mächtige Wirkung erkannte, welche der Schatz der Juden und das Beispiel des Priesters auf die Bauern ausübte, als er erkannte, daß sie für Geld einen Teil ihrer Heimat hergeben würden – an die Juden hergeben würden! – da war es dem Manne, als wankten um ihn die Berge, als habe Gott ihn verlassen, als gebe es fortan kein Glück und keinen Glauben mehr für ihn auf der Welt. Ein ungeheurer Schmerz bemächtigte sich seiner, daß er hätte laut aufschreien mögen, eine wütende Scham stieg in ihm auf, daß er am liebsten fortgegangen wäre, um sich in der Wildnis zu verbergen. Aber er bezwang sich. Noch einen letzten Versuch wollte er machen, seiner Heimat noch eine letzte Mahnung zurufen; und von der Stelle aus, wo Stefan Dozana seiner Gemeinde den gekreuzigten Heiland weisen, wo Piatras Priester für die Sünden aller das göttliche Blut trinken sollte, redete Michael Cibula zu den Waldleuten: »Bevor ihr es tut, bedenkt, was ihr tut. Ein halbes Jahrtausend und noch länger steht das Dorf Piatra in diesem Tale, ohne andere Nachbarn zu haben, als Berg und Wald und die Tiere des Berges und des Waldes. Bären und Wölfe haben wir gejagt und getötet; aber eher können wir mit Bären und Wölfen Frieden halten, als mit den Juden. Bären und Wölfe können uns zerreißen, aber die Juden werden schlimmer mit uns verfahren: sie werden uns den Frieden nehmen! Seht hin: sie haben uns den Frieden bereits genommen, denn sie haben uns Gold und Silber geboten. Aber bis jetzt sind nur wir es, deren Seelen sie mörderisch geschädigt; geben wir ihnen jedoch für das Geld den Berg, den sie fordern, so werden sie auch die Seelen unserer Kinder und Kindeskinder verderben. Wollt ihr die Seelen eurer Kinder diesen Bären und Wölfen, die einst den Leib des Heilands zerrissen und das Blut des Herrn getrunken, zum Fraße geben? Gold und Silber bieten uns die Juden, Gold und Silber für unseren herrlichen Berg Kryvan, Gold und Silber für ein Stück unserer Heimat! Was hat der Kryvan euch getan, daß ihr ihn verschachern wollt? Soll der Kryvan für Piatra zum Golgatha werden, darauf die Juden unseren Frieden ans Kreuz schlagen? Der Kryvan ist das Herz der Verrös – wollt ihr das Herz eurer Heimat herausreißen und den Juden hinwerfen? Für Silber und Gold! Der Kryvan wird vom Himmel geliebt. Die himmlische Sonne bescheint ihn am längsten von allen unseren Bergen - - wollt ihr allen Sonnenschein der Verrös den Juden zum ewigen Eigentum überlassen? Für Silber und Gold! Begehrt ihr Silber und Gold, so reißt unsere Berge auf, so trocknet unsere Bäche und Wasserfälle aus und durchwühlt Felsen und Erde nach Silber und Gold, wie es unsere Väter getan haben sollen. Unsere Väter sammelten sich Schätze und verloren um ihrer Schätze willen fast Freiheit und Leben, weshalb sie die Spuren vertilgten, die zu ihnen führen. Und sie verfluchten die Hände, die es wieder tun würden. Wisset ihr, warum sie es taten? Weil unsere Väter wollten, daß ihre Söhne und Enkel ihre Freiheit behalten sollten. Aber tausendmal besser, ihr übertretet das Gebot eurer Väter und entreißet den Bergen Silber und wühlet aus der Erde Gold, als daß ihr es aus den Händen der Juden nehmet. Tausendmal besser, ihr traget selbst die Schuld an dem Verlust eurer Freiheit, als ihr verliert sie durch jene. Denn jedes Stück Gold und Silber, das ihr aus diesen verfluchten Händen nehmet, wird in euren Händen Fluch erzeugen. Fluch wird von diesem Stein, der ein Altar werden soll, ausgehen, denn mit Fluch haben diesen Stein die Juden überschüttet. Niemals wird diese Kirche ein heiliger Raum sein. Ein halbes Jahrtausend und länger waren wir Waldleute ein freies Volk. Sobald wir mit den Juden die Herrschaft über diesen Wald und dieses Gebirg teilen, werden wir Knechte sein. Und wir waren so lange ein stolzes Volk, Wenn wir den Schatz der Juden nehmen, werden wir ein Volk sein, dem ewig auf der Stirne die Scham brennt. Wir werden gekennzeichnet sein vor Gott und den Menschen, daß jeder, der uns erblickt, ausruft: sehet, das sind jene, die einst frei und stolz gewesen, jetzt aber Knechte und Buben sind. Deshalb besser Diebe und Räuber zu Nachbarn, als diese; besser, die Heiligen in einer Höhle anbeten, als in einer Kirche, die mit dem Gold und Silber dieser geschmückt worden ist. Denn Gott will nicht, daß ihm in Schanden gedient werde. Nun stimmt für der Juden Gebot oder dagegen. Ich habe euch nichts mehr zu sagen.« Das Haupt hoch erhoben, ein grimmiges Lächeln um den Mund, zornigen Schmerz in den Augen brennend, schritt Michael Cibula über das Gold und Silber fort, dicht an Stefan Dozana vorbei, weder Juden noch Christen beachtend, zur Kirche hinaus. Einer aber hätte ihn gerne zurückgehalten: Jehuda Kolon, Baruchs Sohn, der Rabbiner der Juden. Stefan Dozana hatte seinen stolzen Gegner reden hören, hatte ihn wie ein Sieger die Kirche verlassen sehen, und Grimm und Haß hätten ihn beinahe erstickt. Im Grunde seines Herzens mahnte ihn eine Stimme, die rief: Michael Cibula hat recht! Aber er wäre lieber gestorben, ehe er diesem guten Geist die Worte nachgesprochen hätte. Er sah, wie die Mahnung seines Feindes die Bauern erschüttert hatte, wie sie zauderten und schwankten; er fürchtete, daß sie das Gebot der Juden ausschlagen, daß sie das Gold nicht nehmen würden; er erkannte die Gefahr, mit dieser einen Niederlage seine Herrschaft für immer zu verlieren, sie an Michael Cibula zu verlieren! Und er wollte sie für sich haben, allein für sich; er wollte sie an sich reißen und festhalten, durch welche Mittel es auch sei, seinetwegen durch das Verderben seiner Heimat, durch sein eigenes ewiges Verderben. So reizte er denn die Bauern zum Widerstand auf: »Es gilt das ewige Heil eurer Seelen und das eurer Kinder bis ins sechste und siebente Glied! So begreift doch! Es wollte der Mann, der soeben davonging, euch und eure Kinder um das Heil eurer Seelen betrügen; denn was forderte Michael Cibula in wilden Worten von euch? Gott und den Heiligen in einer Höhle zu dienen! Michael Cibula verlangt von euch, daß ihr Gott und die Heiligen lästern sollt. Weil er die Juden mehr haßt als die Sünde, will er euch zu einer Todsünde verlocken. Denn es ist eine Todsünde, den Himmel um einen so herrlichen Tempel bringen zu wollen. Sehet diese kahlen Mauern, diese nackten Altäre, diese öden Wände! Sehet dieses Bild und sehet das Silber und Gold auf den Boden geworfen. Nicht die Juden haben diesen Schatz auf den Felsblock gelegt, sondern Gott selbst durch die Hände der Juden: Michael Cibula hat auf den Boden geschleudert, was Gott uns gegeben hat, damit wir seine Kirche zieren können, wie es seiner Herrlichkeit würdig ist. Wehe uns, daß wir solches von Michael Cibula geduldet haben.« Er hatte noch nicht ausgeredet, als das Bild schon wieder umdrängt wurde, als von den Christen schon einige sich bückten, das Gold zu sammeln. Länger ertrugen es die Frauen nicht. Auf einen Wink Stefan Dozanas stürmten sie herbei. Sie schauten das Bild und stießen Rufe des Entzückens aus. Dann warfen sie sich auf die Erde, um das Gold aufzuraffen, und häuften den Schatz von neuem auf dem Felsen zusammen. Stefan Dozana fuhr fort: »Warum sage ich euch: wer wider das Gebot der Juden stimmt, der stimmt wider die Kirche: und wider die Kirche stimmen, heißt Gott und den Heiligen ins Antlitz schlagen. Wollt ihr eure Hand aufheben gegen das göttliche Antlitz des Herrn? Wer das tut, der begeht eine Todsünde gegen den heiligen Geist, von der kein Gebet und keine Fürbitte erlösen können. Er fahre dahin in die Verdammnis! Und seine Kinder bis ins siebente Glied. Dieses Haus soll sein eine Burg unseres christlichen Glaubens. Je strahlender es zum Himmel aufleuchtet, um so strahlender wird die Gnade des Himmels herableuchten auf uns: wer von euch will sein sündiges Haupt mit Dunkel bedecken?« Er erhob seine Hand und deutete hinaus. »Und so wie er sich selbst aus der Gemeinde der Christen scheidet, wird der Zorn Gottes ihn scheiden von denen, die mit leuchtenden Stirnen vor ihm stehen. Er soll sterben, ohne die Versöhnung empfangen zu haben: verflucht soll er sein, im Leben und im Tode!« Stefan Dozana kannte die Gemüter der Menschen, für welche zu sorgen seines Amtes war. Die Juden aber standen und sahen sich an; nicht sie hatten das Gold aufheben müssen. Über das Antlitz des Patriarchen glitt ein Leuchten, Jehuda wandte sich ab wie in Scham. Dennoch hätte Stefan Dozana kaum gesiegt, so gewaltig waren die Gemüter durch Michael Cibula gepackt worden, wären die Frauen nicht gegenwärtig gewesen. Diese begannen laut zu schluchzen und zu wehklagen, daß der öde Raum von ihrem Jammer widerhallte. Als sie die Männer noch immer unentschlossen sahen, erhoben sie einen Tumult, dem Stefan Dozana Ruhe gebot; darauf begab er sich zum Hochaltar. Er mußte daran denken, wie vor wenigen Augenblicken Michael Cibula hier gestanden, und daß es wohl groß, aber nicht immer klug sei, erhobenen und stolzen Hauptes von dannen zu gehen. »Dieses Silber und Gold bieten uns die Juden für unseren Berg Kryvan. Er ist ein schöner Berg, wert solchen Schatzes. Michael Cibula nannte den Kryvan das Herz unserer Heimat und schalt, uns, daß wir es Gott und den Heiligen zum Opfer bringen wollten. Und er nannte den Kryvan den Sonnenschein der Verrös. Wenn wir unseren Sonnenschein den Juden verkaufen, um diese Kirche zu schmücken, so wird die Sonne von Gottes Gnaden uns bescheinen, daß wir geblendet dastehen. Aber Michael Cibula meint, daß wir das Gesetz umstoßen sollten, welches unsere Väter uns gaben – Michael Cibula fordert von uns, die Toten in ihren Gräbern zu schänden. Und das alles aus Haß gegen die Juden. Silber und Gold soll sich in unseren Bergen und Bächen finden – mag es so sein! Unsere Väter haben es besessen und wir haben die Kunde davon fast vergessen; unsere Väter haben um ihrer Schätze willen fast Freiheit und Leben eingebüßt, wir werden durch den Schatz dieser Juden das ewige Leben erwerben. Unsere Freiheit aber, die lassen wir uns nicht rauben; weder durch Gold und Silber, noch durch jene! Verflucht nannte Michael Cibula dieses Gold, und Fluch, so sagte er, werde davon ausgehen. Wohl! Mit der Wandlung, die sich mit Hilfe dieses Schatzes vollzieht, indem wir damit unser Heiligtum zieren, wird sich auch der Fluch in Segen wenden. Sehet diese Hand voll Gold! Jetzt halte ich den verfluchten Mammon, über ein Jahr werde ich an dieser Stelle das Allerheiligste halten, und es wird dasselbe Gold sein und doch nicht dasselbe. Denn was jetzt schnödes Metall ist, das ist dann göttliches Mysterium. Michael Cibula nannte diese fremden Männer unsere Nachbarn. Das werden sie niemals sein; denn wenn sie bleiben, so bleiben die Juden auf dem Kryvan, durch eine Schlucht von uns getrennt: niemals darf weder Brücke noch Steg über diese Schlucht führen, so daß ewig der Abgrund Christen und Juden scheidet. Wie ohne Gottes Willen niemals ein Jude zum Heil gelangen wird, so soll er ohne unsern Willen niemals zu uns herüber gelangen. Unsere Nachbarn bleiben Wald und Felsen und die wilden Tiere des Waldes, wie es gewesen seit einem halben Jahrtausend und länger. Wer stimmt wider die Juden?« Nicht ein einziger tat es! Trotzdem die Christen es gewesen, die das Gold aufgenommen, neigte der Patriarch sich tief vor den Waldleuten, am tiefsten aber neigte er sich vor dem Priester. Jehuda war still hinausgegangen. Achtes Kapitel »Töte sie!« In derselben Stunde wurde im Gemeindehause zwischen den Bauern von Piatra und den Juden von Tar der Pakt geschlossen; doch beinahe hätte der Handel sich noch im letzten Augenblick zerschlagen. Denn die Ebräer bestanden darauf, das ihre Ältesten und ihr Rabbiner mit den Häuptern der Waldleute und dem Priester bis in die nächste Stadt niedersteigen sollten, um daselbst alles nach der Form rechtens zu ordnen und festzustellen. Aber die Bauern weigerten sich, diese Forderung zu erfüllen, behauptend: sie wären ihre eigenen Herren und hätten ihre eigene Gerichtsbarkeit. Was sie in der Stadt bei Fremden sollten? Oder in den Dörfern bei anderen Waldleuten? Noch niemals hätten die Bauern von Piatra ihre Angelegenheiten vor anderer Leute Türen getragen, sondern alle Dinge nach uraltem Brauch und Recht unter sich selber geordnet. So wäre es gewesen, so sollte es bleiben. Lange redeten und stritten sie hin und her. Aber der Bauern letztes Wort war – und selbst ihr Priester konnte kein anderes sagen – wer uns nicht als Freibauern und Selbstherren anerkennt, der braucht mit uns keinen Pakt zuschließen, der mag nehmen, was sein ist, und uns lassen, was unser ist. Sie brachten ihre Urkunden herbei: vergilbte, halb vermoderte Pergamente, darin ein König von Ungarn, dessen Name mehr der Sage als der Geschichte angehörte, den Bauern von Piatra alle Rechte zusprach und alle Freiheiten verbriefte; Dokumente, die von keinem anderen Herrscher in späterer Zeit von neuem bestätigt worden. Diese Papiere wiesen die Waldleute den Juden mit einer Feierlichkeit, als enthüllten sie ein Mysterium. Indessen die Ebräer waren nun einmal Ungläubige und sie sprachen untereinander: »Was sollen uns diese Fetzen!« Die Waldleute verstanden die Worte nicht, aber sie verstanden ihre Mienen, und die ihren wurden wild, wie die Juden niemals zuvor die Gesichter der Christen gesehen hatten. Aber der Patriarch mit einem jugendlichen Aufleuchten seiner alten Augen redete zu den Schwankenden: »Schließen wir den Pakt, wie sie von uns heischen: nach ihrem Brauch, welcher ist ehrwürdig und heilig. Eher würden wir rütteln können an diesen Bergen, als daß diese rühren werden an ihrem Versprechen. Denn es halten diese ihr Wort Freunden und Feinden – Christen und Juden. Sie werden die Rechte, die sie uns geben an ihrem Heimatboden verteidigen in alle Ewigkeit, als waren es ihre Rechte – vor Christen und Juden. Darum laßt uns schließen mit ihnen den Pakt. Und lasset uns geloben vor dem Gott, der auch ist ihr Gott, zu halten ehrwürdig und heilig den Bund, als wäre er geschlossen auf dem Berge Sinai vor dem Gott unserer Väter.« Darauf wurde der Pakt geschlossen. Laut dessen erhielten die Ebräer von den Waldleuten zum ewigen Besitz und Eigentum: Allen Wald und alle Weide auf dem Berge Kryvan, auch alles Gestein und Gewässer. Grund und Boden zu einem Wege, so weit jenseits der Schlucht Wald und Gebirge Eigentum der Bauern war. Der Weg sollte so breit sein, daß ein Dreigespann von Ochsen ihn befahren konnte. Der Bach, der in der Schlucht floß, blieb ungeteiltes Eigentum der Bauern von Piatra. Über diesen Bach sollte niemals weder Brücke noch Steg führen. Keinerlei Gemeinschaft sollte zwischen Christen, und Juden bestehen; nicht im guten, nicht im bösen. Wer diesen Vertrag verletzte, hatte sich einem Gericht zu stellen: war es ein Jude, einem christlichen Gericht, war es ein Christ – keinem jüdischen Gericht. Wenn ein Jude einen Christen beleidigte oder kränkte, konnte er aus dem Tale verwiesen werden; wenn ein Christ einen Juden schädigte, sei es an Ehre oder am Gut oder am Leben, durfte der Jude Klage führen bei den Christen. Es versprachen die Christen den Juden, sie in Frieden ihrem Gott dienen zu lassen. Versuchte jedoch ein Jude, einen Christen von seinem Glauben abspenstig zu machen, so sollte der Jude des Todes sein. Die Christen sollten in ewigen Zeiten die Juden ans ihrem Eigentum und Besitz nicht vertreiben dürfen, sonst sollte Gott ihnen nicht gnädig sein. Über alle diese Punkte wurden von Stefan Dozana und Baruch Kolon Urkunden aufgesetzt und dieselben von den Häuptern der Waldleute und den Ältesten der Ebräer feierlichst bestätigt. Für die Waldleute unterzeichnete Stefan Dozana: »Im Namen der freien Bauern von Piatra,« für die Ebräer unterschrieb Baruch Kolon: »Im Namen der freien Judengemeinde vom Berge Kryvan.« * Während dieser Vorgänge im Gemeindehause stand Josepha in ihrem Garten. Dieses reizende Stückchen Erde hing mit seiner Überfülle von Blüten wie ein riesengroßer Blumenkorb über dem Abgrund. Josephas Gärtlein war in Piatra hochberühmt. Keine Bäuerin, selbst nicht die vornehme Maura Dozana, hatte einen solchen Reichtum an blühenden Gewächsen aufzuweisen. Es war Brauch geworden, daß alle Bräute in Piatra ihre Hochzeitskronen von blaublütigem Rosmarin aus Josephas Garten empfingen: alle Bräute und alle – Toten. Diesen wurde der letzte Ehrenschmuck von blassen Tazetten oder weißen Rosen, in der blumenarmen Zeit aber ans dunklem Taxus gewunden. Und ebenso war es in Piatra Brauch geworden, daß Michael Cibulas Hausfrau alle diese Kronen und Kränze selbst wand, die blauen sowohl, wie die weißen und grünen. Josephas Gesicht und Wesen paßten so zu dieser gedankenschweren Beschäftigung, daß der Brauch allen ganz natürlich vorkam. Hatte sie eine Krone zu winden, so zeigte sie sich den ganzen Tag über feierlich, als sei sie in der Kirche. Und man sah es ihrem Gesichte an, ob sie einen Brautkranz oder einen Totenkranz wand: bei den blauen und glückseligen Kränzen war ihr Antlitz tief ernst und traurig; bei den weißen oder dunkeln dagegen leuchtete es förmlich auf. An dieser Beschäftigung seines Weibes hatte Michael Cibula seinen heimlichen und lauten Ärger, mußte sich indessen dem Brauch fügen. Übrigens hätte Josepha, so nachgiebig sie sich auch sonst ihrem Manne gegenüber zeigte, die traurigen und heiteren Kränze sich nicht nehmen lassen. Auch in diesem Jahre waren die schwarzen Wände von Michael Cibulas Haus noch im Oktober bis zum Giebel mit den schönen, feurigen Blumen der spanischen Kresse umsponnen, so daß es von weitem aussah, als hinge ein leuchtender Teppich vom Dach zum Boden. Die Nelken wucherten, daß ihnen gewehrt werden mußte: ihre langen Ranken voll purpurner Knospen fielen wie rinnendes Blut an den Felsenwänden nieder. Astern und Dahlien mischten ihre bunte Pracht durcheinander; die Stockrosen glichen Blütenbäumchen, zwischen denen mächtige Königskerzen ihre goldigen Kelche hervorschimmern ließen, Rosmarin, Lavendel und Menthe füllten die Luft mit Wohlgeruch. Josepha war in den Garten gekommen, um für ihr Marienbild einen Strauß zu pflücken. Sie hatte sorgsam die schönsten Blumen gesucht, stand aber immer noch und schaute hinab in die wilde Schlucht, in deren Tiefe durch die schwarzen Tannen der Bach aufblitzte, schaute in die Höhe zu den wilden Felsgipfeln, die beim Untergang der Sonne wie Flammen emporloderten. Dann blickte sie gedankenvoll dem blassen Nebel nach, der, aus der Tiefe aufbrauend, den Felsen des Kryvan entlang irrte, Josepha dachte: gerade wie eine arme gefangene Seele. Michael Cibulas Weib, das so still und lautlos dahinlebte, als wäre ihre Seele bereits zur Ruhe gegangen, fühlte sich an diesem Abend von einer dumpfen Angst befangen. Heute hatte sich folgendes ereignet: Michael Cibula lag auf seinem Bärenfell und Josepha hechelte mit Russka in der Spinnkammer Flachs, da kam Urs ins Haus gelaufen. Seine Mutter vernahm durch die geschlossene Türe des Knaben erregte Stimme. Gleich darauf hörte sie Michael Cibula aufspringen mit einem Laut wie ein verwundeter Bär. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder, so daß sie Zeit brauchte, sich zu erholen. Als sie dann in die Stube trat, stand ihr Mann da, in die Luft greifend, als erwürge er einen. Dabei murmelte er: »Der Priester! Das hat mir der Priester getan!« Josepha erbebte und schritt mit erhobenen Händen auf ihn zu. Er winkte sie zurück und herrschte ihr zu: »Du bleibst im Hause und redest mit keinem ein Wort.« Dann ging er, Urs schlich ihm nach. Josepha blieb eine Weile regungslos stehen, seufzte tief auf und begab sich in die Kammer an ihre Arbeit zurück, schweigend, als wäre nichts geschehen. Da öffnete Russka ihren welken Mund und begann ein Lied zu krächzen: von einem Waldbauern, der ein Mädchen gern hat, aber Priester werden muß. Das Mädchen wird von einem andern zum Weibe genommen. Eines Abends treffen sich der Priester und das Weib in einem wilden Walde und der Priester spricht das Weib an: »Warum kommst du nicht zu mir in die Beichte?« »Weil ich Euch nichts zu beichten habe.« »Bist du so sündenlos?. Ich will dir eine Sünde zu beichten geben, damit du zu mir in die Kirche kommen mußt.« Und er küßte sie auf den Mund. Die alte Sibylle wurde nicht müde, die Ballade von der schönen Helja Scarpa, mit der sie schon Josephas Sohn in Schlaf gesungen hatte, vor sich hin zu plärren. »Hör auf mit deinem Singsang!« bat Josepha. Russka ließ sich indessen nicht stören, die letzte Strophe wiederholte sie sogar. Nach einer Weile begann sie: »Du bist lange nicht zu Stefan Dozana beichten gegangen. Er wird bald kommen und dich fragen, ob du auch so sündenlos seiest, wie die schöne Helja Scarpa gewesen. Dann wirst du bald Sünden in die Beichte tragen können.« »Du schwatzest!« rief Josepha streng, und ihre blassen Wangen röteten sich. »Dein Bube gleicht Michael Cibula,« kicherte das Weib. »Die schöne Helja Scarpa hatte auch einen Sohn, der seinem Vater glich. Was half's ihr? Sie mußte doch dem Priester ihre Sünden beichten.« »Du sollst schweigen!« befahl Josepha, und in ihren sanften Augen blitzte ein Strahl auf, so hell und heiß, als käme er aus Michael Cibulas Augen. Während Russka noch vor sich hinmurmelte und murrte, sahen beide durch das Kammerfenster, wie die Bauernweiber die Gasse hinabliefen. Russka wollte sogleich hinaus und fragen, was es gäbe, denn die Mägde waren seit dem Morgen im Walde und die beiden allein im Hause. Aber mit ungewöhnlich strenger Miene gebot ihr Josepha, zu bleiben. Die Alte schielte tückisch zu ihr hinüber und kreischte: »Ich weiß schon. Bei der neuen Kirche schlägt Michael Cibula Stefan Dozana tot. Ich weiß auch, warum.« Sie begann laut zu beten: die Litanei für eine Seele, die in ihren Sünden dahinfahren muß. Josepha saß, lauschte auf das Geplärr der Alten und fühlte sich mehr und mehr von Grausen gefaßt. Plötzlich sprang sie auf. Sie hatte den bekannten Schritt vernommen und unterdrückte mit Mühe einen Freudenschrei, Michael Cibula kam nach Hause. Sie warf der Alten einen Blick zu, der diese verstummen machte, wartete noch eine kleine Weile und ging dann leise hinüber in die Stube, wo Michael Cibula lang ausgestreckt auf seinem gewöhnlichen Ruheplatz lag, das Gesicht nach der Wand zugekehrt. Josepha wollte zu ihm gehen, bezwang sich jedoch und verließ das Zimmer, um für die Großmutter Blumen zu pflücken, aus Dankbarkeit dafür, daß sie sich von einer dumpfen Sorge befreit fühlte. Die Dämmerung brach herein, schwere Schatten entstiegen der Schlucht und krochen die Felsen hinauf; über die noch immer leuchtenden Gipfel sich wälzend, wurden sie von dem Brand des Sonnenuntergangs ergriffen. Zuletzt loderten nur noch die höchsten Spitzen, einer langen Reihe verglimmender Riesenfackeln vergleichbar. Stiller ward es in den Baumwipfeln, lauter schwoll aus der Tiefe das Brausen des Waldbachs herauf. Die irrende Wolke zog als langer schmaler Nebelstreif vom Kryvan fort zur Schlucht hinaus. Josepha dachte: Die arme Seele hat den Ausweg gefunden. Die ihre aber tastete und suchte vergebens. Wie hätte sie es Michael Cibula sagen, wie hätte dieser sie verstehen sollen? Ihr junges Leben verzehrte sich in Sehnsucht, das erlösende Wort auszusprechen; aber sie fand es nicht und blieb stumm. Da kam Urs nach Hause; er sah die Mutter im Garten stehen und lief zu ihr. »Weißt du's schon, Mutter? Die Juden werden unsere Nachbarn. Stefan Dozana hat ihnen unseren Kryvan verkauft: für Silber und Gold!« Und der Knabe sah sie mit seines Vaters zornigen Augen an. »Und der Vater?« brachte Josepha mühsam über die Lippen. »Der hat in der Kirche geredet, daß alle erschraken,« rief Urs begeistert. »Aber dann ist er gegangen und Stefan Dozana hat gesprochen und dann haben sie das Silber und Gold aufgenommen und den Juden unsern Kryvan verkauft.« Des Knaben Lippen zuckten. Als er jedoch den Schmerz seiner Mutter gewahrte, tröstete er sie, wie er vor Jahren Ilja Dozana getröstet hatte. »Laß es gut sein, Mutter, der Vater treibt die Juden schon wieder fort. Bin ich erst groß, helfe ich ihm und töte sie alle.« »Hat der Vater wilde Worte gegen Stefan Dozana gesprochen?« fragte Josepha und holte Atem. »Stefan Dozana fürchtete sich vor dem Vater,« rief Michael Cibulas junger Sohn voll Verachtung. »Alle fürchteten sich vor ihm, nur ich nicht – – Und auch die Juden nicht,« setzte er nach einer Weile niedergeschlagen hinzu. »Aber dann ging der Vater davon und dann sprach Stefan Dozana und dann nahmen sie das Silber und Gold.« »Weiß es der Vater?« »Der ist ja fortgegangen. Ich will es ihm sagen. »Nein! Nein!« Und sie hielt ihn angstvoll zurück. Da vernahmen sie laute, wirre Stimmen, sie mußten vom Gemeindehause kommen. Nun sahen sie einen Mann die Gasse heraufeilen; vor Michael Cibulas Hause blieb er stehen. »Das ist Stefan Dozana, Mutter. Er will zum Vater,« flüsterte der Knabe seiner Mutter zu. Josepha drückte ihren Sohn an sich, heftig und schweigend. Der Knabe fühlte, wie sie zitterte. Jetzt erblickte Stefan Dozana das Weib seines Todfeindes, betrat den Garten und schritt langsam auf Josepha zu. Sie mußte an die schöne Helja Scarpa denken und ein Schauer überlief ihren Leib. »Josepha Cibula, Gott mit dir! Ist dein Mann im Hause?« Er trat dicht vor sie hin und sah ihr ins Gesicht. Da erkannte sie, daß der Priester gekommen sei, seine Rache zu kosten. Ihre Kraft zusammennehmend, erwiderte sie: »Mein Mann ist drinnen. Habt Ihr einen Auftrag für ihn?« »Schicke den Knaben hinein und lasse ihm sagen, daß ich ihn sprechen möchte.« »Ich will es ihm selbst sagen,« erwiderte Josepha und wandte sich dem Hause zu. Aber Urs riß sich von seiner Mutter los und lief ins Haus. »Urs! Urs!« rief sie angstvoll und wollte ihrem Sohne nach. Stefan Dozana vertrat ihr den Weg. »Du weißt, was ich deinem Manne zu sagen habe?« »Ja.« »Du weißt, daß ich es bin, der ihm das antut?« »Ja.« »Und du weißt, warum ich es ihm antue? – – Antworte!« »Ich weiß es.« Er sah ihr starr in die Augen. Beide schwiegen. »Josepha Cibula,« begann er von neuem mit leiser, rauher Stimme, »Josepha Cibula, gedenkst du noch der Zeit, wo es bei Gott beschlossen schien, daß du Josepha Dozana heißen solltest? Und jetzt stehe ich vor dir und muß dich Josepha Cibula nennen!« »Michael Cibula erwartet Euch im Hause. Ich bitte Euch: habt Ihr mit meinem Manne zu reden, so geht hinein.« »Josepha, gedenkst du dessen noch?« Sie dachte an die schöne Helja Scarpa und stand zitternd vor ihm, die Hand am Herzen, als empfände sie dort einen heftigen Schmerz. Als Stefan Dozana sie zum zweiten Male fragte, schloß sie die Augen, seufzte tief auf und sagte leise: »Ich denke daran, daß Ihr ein ehrwürdiger Priester seid, und daß ich jetzt Josepha Cibula heiße. Und ich denke daran, daß Gott, den Ihr verkündet und zu dem ich bete, es also beschlossen hat.« Stefan Dozana antwortete nicht gleich; aber dann flüsterte er ihr zu: »Weißt du auch, daß du ein bleiches und trauriges Weib geworden bist, und daß die Leute, wenn sie von dir reden, die Achseln zucken und sagen: sie hat einmal einen andern gern gehabt, Josepha Cibula, weißt du das?« Sie wußte es! Sie wußte, daß alle von ihr glaubten, was ihr die jähe Schamröte ins Gesicht trieb, wenn sie nur daran dachte. Von der alten Russka bis zu ihrem eigenen Manne glaubten es alle, und nur Gott und die heilige Jungfrau wußten es besser. Aber aufschreien hätte sie mögen, vor Scham zu Boden sinken, als sie jetzt vernahm, daß auch der Priester es glaubte. Dieser deutete Josephas Schweigen falsch, so daß sein Herz mit einem satanischen Jubel sich füllte. Es schien ihm, daß er heute, nachdem er dem Teufel seine Seele verkauft, neben der Herrschaft auch das Weib empfangen sollte, für dessen zeitlichen Besitz er gern eine zweite ewige Verdammnis erlitten. Jetzt hielt er Michael Cibulas Herz in der Hand und er wollte dieses Herz zermalmen. »Josepha,« stieß er hervor, »die du von Michael Cibula nicht aus Liebe zum Weibe genommen wurdest, sondern aus Haß – aus Haß gegen mich! Josepha, die auch du tödlich von diesem Manne beleidigt wurdest, die auch du diesen Mann tödlich hassen mußt – die Stunde unserer Rache ist gekommen.« Damit verließ er sie, die ihn mit wachsendem Grausen und Entsetzen angestarrt hatte, als spräche ein Wahnsinniger zu ihr, als sei sie selber von Sinnen gekommen. Aber es war zu dunkel geworden, als daß Stefan Dozana den Blick des Weibes hätte erkennen können. An der Tür blieb er noch einmal stehen, wandte sich und erhob winkend seine Hand. Dann hörte Josepha, wie er die Tür aufstieß und ins Haus zu ihrem Manne ging. In halber Bewußtlosigkeit näherte sich Josepha dem Hause. – Wenn er jetzt vor Michael Cibula trat und ihm sagte: Du wirst von deinem Weibe gehaßt, aber ich werde von ihr geliebt! Ihr Mann würde ihm glauben. Und sie konnte nicht hingehen und aufschreien: »Es ist nicht wahr! Und hast du mich auch aus Haß gegen ihn zum Weibe genommen, so liebe doch ich dich. Jener aber ist unser Feind und er will uns beide verderben!« Aber ihr Mann würde seinem Feinde geglaubt haben und nicht seinem Weibe. Was sollte sie tun? Das, was sie immer getan: schweigen und leiden. Und suchen nach dem erlösenden Wort, wie eine gefangene Seele nach dem Ausgang sucht. Jetzt stand sie an der Türe; aber sie ging nicht hinein. Sie drückte das Gesicht gegen das Holz und es fiel ihr ein, daß sie beten müsse. Um was? Daß der Priester ihrem Manne gnädig sein möge! Um ihretwillen tat er es ihrem Manne an, ihrem Manne und dem ganzen Dorfe; um Michael Cibula zu kränken, hatte er durchgesetzt, daß die Juden blieben, daß der Kryvan für Silber und Gold verkauft worden: weil er sie einmal geliebt hatte und weil Michael Cibula sie, um Stefan Dozana zu kränken, zum Weibe genommen. Einmal\ –\ – Sie erinnerte sich seiner Worte von vorhin und in welchem Ton sie gesprochen worden. Und er war ein Priester, ein Gesalbter des Herrn, ein Bräutigam der Kirche. Als solchen hatte sie ihn verehrt, seitdem sie aufgehört, ihn zu lieben; und nun – nun beging der Priester eine Todsünde, nun streckte ein Gesalbter des Herrn die Hand nach ihr aus, nun wurde sie von einem Bräutigam der Kirche in wilder Lust begehrt, sie, das Weib eines anderen! Sie stöhnte auf; dann lauschte sie von neuem in Todesangst. Denn sie wußte: Todesschmerz litt in diesem Augenblicke Michael Cibula. Und sie durfte nicht bei ihm sein, sondern mußte vor der Türe stehen, eine Ausgeschlossene und Verstoßene. Drinnen standen die beiden Todfeinde einander gegenüber. Nur ein Lämplein aus rotem Glas, das vor dem Madonnenbilde brannte, warf auf ihre Gesichter einen schwachen Schein; es war wie Abglanz eines blutigen Lichts. Die Augen des Holzbildes blickten mit einem Ausdruck auf die beiden nieder, als wollten sie sagen: das habe ich vollbracht und noch anderes werde ich vollbringen! Stefan Dozana begann: »Ich komme zu dir, um dich an den Tag zu mahnen, wo du zu mir kamst, da ich als ein junger Priester in dieses Dorf heimgekehrt war. Du kamst zu mir, um mir anzukündigen, daß du ein Weib nehmen wolltest, und daß ich dich mit der Jungfrau vermählen solle. Heute nun komme ich zu dir, um dir anzukündigen, daß die Juden von Tar die Juden vom Berge Kryvan geworden sind. Und ich könnte dir heute zur Vergeltung an jene Stunde noch mehr sagen, schweige aber, bis auch dafür der rechte Augenblick gekommen ist. Bei allem, was geschehen ist und geschehen wird, Michael Cibula, erinnere dich, daß wir heute vor allem Volk unsere Todfeindschaft beschworen haben.« »Bei allem werde ich mich daran erinnern,« erwiderte Michael Cibula, jedes Wort betonend. »Und jetzt erinnere ich mich daran, daß du in meinem Hause bist.« »Wir können uns auch im Walde begegnen oder in der Kirche im Beichtstuhl.« »Im Walde, ja! Aus der Kirche hast du mich vertrieben und vertrieben hast du mich aus dem Beichtstuhl für immerdar. Das falle am schwersten auf dich!« »So sende dein Weib Josepha, damit ich ihr die Sünde vergebe, den Gatten nicht zu lieben, mit dem ich sie vermählt,« rief der Priester ausbrechend voll wilden Hohns. Michael Cibula erhob die Hand zu einem Schlage, der seinen Feind zu den Füßen des Madonnenbildes niedergestreckt hätte; aber er ließ die Hand wieder sinken. * Josepha vernahm, wie die Türe aufgerissen und zugeschlagen wurde und gleich darauf im Vorraum schwere Schritte ertönten. Sie wich von der Haustür zurück, sich gegen die Wand in den tiefen Schatten an die Blumen drängend, wo sie sich niederkauerte. Stefan Dozana trat aus dem Hause, schloß die Türe, tat einige Schritte, spähte um sich und rief leise: »Josepha!« Er war ihr so nahe, daß sie sein Kleid hätte fassen können; aber schaudernd preßte sie sich an das Gesträuch, damit nicht das Gewand dieses Priesters sie berühre, dem sie noch bis vor kurzem ihre Sünden gebeichtet, den sie noch gestern voll Ehrfurcht gegrüßt hatte, dem sie noch heute, wäre sie ihm auf der Gasse begegnet, demütig die Hand geküßt hatte. »Josepha!« rief Stefan Dozana zum zweiten Male, eindringlich und flehend. Sie biß die Lippen blutig, damit ihnen kein Ausruf des Abscheus entschlüpfe. »Josepha!« zum dritten Male, drohend, gebieterisch, beinahe laut. Er suchte sie im Garten. Aber da füllte sich die Gasse mit Männern und Weibern, die vom Gemeindehaus herkamen, wo die Juden soeben die Kaufsumme Stück für Stück aufgezählt hatten. Laut riefen die Waldleute nach ihrem Priester. Bei dem Hause Michael Cibulas trat er ihnen entgegen; Jubel empfing ihn. Wie eine Verbrecherin schlich sich Josepha ins Haus, nicht in die Stube, in der sie ihren Mann vermuten mußte, sondern in die Spinnkammer. Die Mägde und Knechte waren noch immer nicht zurück, nur Russka und den Knaben traf sie dort. Beim Scheine der Öllampe hechelte die Alte Flachs und erzählte Urs Geschichten, als jedoch die Mutter eintrat, hörte sie jäh auf und begann zu singen – den letzten Vers von der schönen Helja Scarpa. Nebenan fiel etwas dröhnend zu Boden. Es klang, als ob von zorniger Hand ein Stuhl umgestoßen worden wäre. Sonst kein Laut. Totenblaß setzte sich Josepha an ihre Hechel und griff nach dem Flachs. Urs kam und drängte sich an sie; sie streichelte seine Locken, ohne zu wissen, daß sie es tat. Als die Alte ihr Geschrei geendet hatte, meinte sie: »Morgen ist Sonnabend, morgen kannst du in die Beichte gehen. Ich hörte, daß Stefan Dozana zu Michael Cibula sagte, daß du kommen würdest und daß er dir deine Sünden vergeben wollte: vor einer Stunde warst du noch sündenlos. Wo bist du dem Priester begegnet?« Aber Josepha antwortete nicht und Russka begann laut zu beten. Dann kam das Gesinde nach Hause, ungewöhnlich lärmend. Josepha stand auf, reinigte sich sorglich von dem Flachse und begab sich hinaus, um nach dem Nachtmahl zu sehen, Knechte und Mägde umringten sie und schrien auf sie ein; sie deutete jedoch nach der Tür, hinter der Michael Cibula sich aufhielt, und das Gesinde verstummte. Der Abend nahm seinen gewöhnlichen Verlauf: unter dem Heiligenbilde ward der Tisch gedeckt. Als Josepha in das Zimmer trat, befand sich Michael nicht darin, doch hörte sie ihn in der Kammer an seiner Schnitzbank. Sie hob den umgestürzten Stuhl auf, und als alles zur Mahlzeit bereit war, schickte sie den Knaben hinein, den Vater zu holen. Michael Cibula kam, er schien ruhig zu sein. Urs sprach das Tischgebet, man setzte sich, aß und trank. Nachdem das Gesinde gesättigt, fragte der Bauer nach den verrichteten Arbeiten und bezeichnete die neuen für den nächsten Tag, alles genau so, wie es jeden Abend der Brauch war. Nach dem Essen wiederum ein langes Gebet unter dem Muttergottesbilde; doch sprach diesesmal der Bauer vor. Die übrigen sprachen nach. Hierauf sagte das Gesinde gute Nacht und einer nach dem andern entfernte sich; keiner durfte Licht zu seiner Schlafstätte mitnehmen. Dann begab sich Urs zu Bett, dann auch Josepha. Michael Cibula ging noch einmal in seine Schnitzkammer. »Ich töte das Weib, wenn sie es mit dem Priester hält.« Er saß bei einer geweihten Wachskerze und schnitzte an dem Gesicht einer Muttergottes. Tief beugte er sich darauf herab, denn er hatte gerade die Augen in das harte Holz zu schneiden. »Ich töte das Weib, wenn sie es mit dem Priester hält.« Er schnitzte und schnitzte. Jetzt waren die Augen fertig. Sie sahen ihren Schöpfer an: »Ja, töte sie!« Und Michael Cibula saß, sein Werk in der Hand, und starrte dem Bildnis in die blöden Augen, So saß er noch, als es im Dorfe Mitternacht schlug. Neuntes Kapitel Die Juden vom Berge Kryvan Nachdem die Juden im Gemeindehause den Pakt geschlossen und die Kaufsumme aufgezählt hatten, begaben sie sich sogleich nach ihrem Dorfe zurück, den Weg in die Schlucht hinab, den fortan Gras überwuchern sollte. Bei der Dunkelheit mußten sie des jäh abfallenden Pfades achten und den Patriarchen leiten, so daß sie nur wenig miteinander reden konnten. »Jehovas Wille ist geschehen.« »Erfüllt ist, was uns verheißen ward.« »Unser ist das Land, das der Herr uns gewiesen.« Ein vierter aber sprach nichts; er dachte nur: das Geschäft ist gemacht. Auch Jehuda blieb stumm. Dann gelangten sie auf den Grund der Schlucht und schritten über den Steg – zum letztenmal! Droben erwartete alles Volk die Abgesandten in tiefem Schweigen. Und Baruch trat mitten unter sie und verkündete seiner Gemeinde: »Ihr seid die Juden vom Berge Kryvan.« Alle streckten die Arme auf, lobten und dankten Gott mit lauter Stimme. Darauf eilten die Weiber in ihre Häuser, um noch, zur Nacht ihr Haus und sich selber zu schmücken und in Eile ein Festmahl zu richten. Dozia hatte nicht unter den harrenden Frauen gestanden, sondern war in ihrer Kammer geblieben. Sie hörte das Freudengeschrei der Ihren; und als Jehuda nach Haus kam, trat ihm sein Weib als eine Trauernde entgegen. Auch er sprach: »Wir sind die Juden vom Berge Kryvan geworden.« Er sagte es leise, als ob er seinem Weibe ein großes Unglück verkünde, Dozia sah ihn kummervoll an und erwiderte: »Wie benahmen sich die Christen?« »Gierig nach Silber und Gold, wie man sagt, daß nur die Juden wären.« »Und der Bruder meiner Mutter Mirjam?« »Michael Cibula kam in mächtigem Zorne und predigte wider uns, gleich einem Erzengel. Seine Worte fielen auf mein Haupt wie Feuer; denn er sagte, daß wir sie verderben würden, und daß es besser sei, Wölfe und Bären als Nachbarn zu haben, als uns: wo wir hinkämen, säeten wir Unheil, und Unheil würden sie ernten.« Dozia faßte nach ihres Mannes Hand und hielt sie fest in der ihren. Sie fragte: »Und dann ließen die Christen uns doch die Juden vom Berge Kryvan werden?« »Weil ihr Priester es wollte.« »Warum sagst du das in solchem Tone? Ein Priester bist auch du.« »Als ich heute diesen Priester der Christen zu seinem Volke reden hörte, überfiel mich eine wilde Angst, weil auch ich ein Priester bin, in dessen Mund Gottes Wort gelegt worden, es dem Volke zu predigen. Denn furchtbar ist, wie Gottes Wort in eines Priesters Munde entstellt und Gottes Name mißbraucht werden kann.« Dozia fragte nicht mehr. * Einige Tage darauf feierten die Juden das Laubhüttenfest; es geschah zum erstenmal, seitdem sie in der Verrös waren. Denn der Patriarch hatte ihnen befohlen, die heiligen Tage nicht eher zu begehen, als bis sie es auf ihrem eigenen Grund und Boden vermöchten. Vier Jahre hatten sie harren und darben müssen, jetzt ergriff sie ein Freudentaumel. Es war nicht anders, als hätten sie die vier Jahre in der Wüste zugebracht und nun plötzlich eine Oase gefunden mit Dattelpalmen und frischen Quellen. Kaum war die Festwoche zu Ende, so begannen sie auf ihrem Besitztum eine starke Tätigkeit zu entfalten. Von neuem wurde der Kryvan nach allen Richtungen hin durchforscht, ausgemessen und die Eigenschaften seines Bodens, seiner Wälder, seines Gesteines und Gewässers einer scharfen Prüfung unterzogen. Es wurden Pläne gemacht, Bestimmungen getroffen und Gesetze gegeben; es wurde der Bau eines Gemeindehauses und eines Tempels beschlossen. Magazine sollten angelegt, Quellen eingefaßt, Brunnen ausgemauert werden. Man wollte die Herden vergrößern. Schon im nächsten Frühjahr gedachte man eine Straße in den Fels zu sprengen und Schächte in den Kryvan zu führen. Aber sogleich machte sich die Gemeinde daran, ringsum den Wald auszuroden. Nur die Arven und Tannen, welche in dichtem Kranze die Niederlassung auf der Bergseite umstanden, durften nicht gefällt werden; und es wurden die Bäume vom Patriarchen heilig gesprochen: wer an den Bannwald, der das Dorf vor den Lawinen des Kryvan schützte, die Axt anlegte, sollte gleich einem Mörder geächtet werden und des Todes schuldig sein. Denn gewaltig waren die Schneemassen, die jedes Jahr vom Kryvan herabstürzten, und schrecklich die Verheerungen, die sie anrichteten. Ohne das schützende Bollwerk des Waldes wäre die schöne Halde, auf welcher das Judendorf sich erhob, sehr bald eine wilde Trümmerstätte geworden. Überall waren die Juden tätig, nur auf dem Felde nicht: ihr Feld hatten sie bereits gedüngt, gepflügt und gesäet, bevor das Abkommen mit den Bauern von Piatra geschlossen worden. Sie hatten es des Nachts getan und trockenes Reisig über den Acker geworfen, damit die Waldleute das Bestellen der Felder nicht gewahr werden sollten. Die Bauern von Piatra, die sich um ihre Nachbarn nicht zu kümmern gedachten, ärgerten sich über jeden Axthieb, der laut zu ihnen herüberschallte; sie ärgerten sich über jeden Baum, den sie stürzen hörten. Obgleich es sie nichts mehr anging, schauten sie scharf hinüber auf alles, was die Nachbarn taten und trieben; und da sie diesen beinahe in die Fenster hineinsehen konnten, nahmen in Piatra Verdruß und Aufregungen kein Ende: warum lebten die Juden nicht so ernsthaft, ruhig und bedächtig wie die Christen? Allein die steinernen Häuser der Ebräer, darüber die Waldleute früher nur verwundert oder spottend den Kopf geschüttelt, wurden jetzt zu Steinen des Anstoßes für sie. Denn wie durften Juden besser wohnen als Christen?! Bald sahen die Bauern ihre Nachbarn Anstalten treffen, um neue Häuser zu errichten, sie sahen den Grund ausgraben für einen großen Bau: hart am Rande der Schlucht, der neuen Kirche von Piatra gerade gegenüber. Mächtige Steine wurden von Ochsen auf den Platz geführt. Und die Waldleute erfuhren, daß die Juden im Sinne hatten, sich aus diesen Steinen einen prächtigen Tempel zu bauen – ihrer Kirche gerade gegenüber! Sollten sie das dulden? Sie schickten Boten hinab in die Schlucht; und obgleich der Steg noch nicht abgebrochen war und die Männer also hätten hinüber gelangen können, schrien sie vom Rande der Schlucht aus den Juden zu, herabzukommen und sie anzuhören. Das taten die Juden, den Steg zwischen sich, verhandelten die beiden Parteien miteinander über das wilde Wasser hinüber. Um sich bei dem Tosen des Bergbachs verstehen zu können, mußten sie aus vollem Halse schreien. »Einen Tempel wollt ihr bauen?« »Das wollen wir.« »Unserer Kirche gerade gegenüber?« »Ja.« »Das erlauben wir nicht.« »Ihr habt uns nichts zu verbieten und nichts zu erlauben.« »Baut euern Tempel an einem anderen Ort.« »Wir bauen ihn dort, wo es uns gefällt.« »Seid nicht so frech!« »Seid nicht so töricht.« »Wartet, wir wollen euch\ –\ –« Und die törichten Waldleute wären beinahe über den Steg gelaufen, um die frechen Juden, die nicht tun wollten, was die Christen von ihnen begehrten, zu züchtigen. Aber Stefan Dozana erinnerte noch rechtzeitig an den geschlossenen Vertrag und mahnte zum Frieden. Da wandten die Bauern von Piatra den Juden vom Berge Kryvan den Rücken. Sie kletterten den Weg, über den das Gras wachsen sollte, wieder empor, nicht ohne um eine Erkenntnis reicher geworden zu sein: die Juden konnten in der Tat tun und lassen, was sie wollten, und die Christen durften dem zusehen. Es mußten demnach die Waldleute wohl oder übel sich darein ergeben, daß, wenn sie zur Kirche beten gingen, die Juden drüben dasselbe taten, oder doch tun konnten; und mancher in Piatra hegte großes Bedenken, was zu diesem unheiligen Gegenüber die Heiligen sagen würden. Auch konnte es der himmlischen Jungfrau kaum angenehm sein, durch den Anblick des jüdischen Tempels jederzeit an ihre Herkunft erinnert zu werden. Immer dringlicher wurden also für die Waldleute die Gründe, ihre neue Kirche mit möglichster Pracht auszuschmücken. Auch in diesem Jahre trat der Winter ziemlich milde auf, so daß die Juden ihre Arbeiten im Freien fast ununterbrochen fortsetzen konnten. Wieder halfen Frauen und Kinder und wieder konnten Asarja und Makkabea ihre schöne Mutter Steine tragen sehen. Zum Frühjahr wurde der Bau der Straße in Angriff genommen: so breit, daß darauf ein mit drei Ochsen bespannter Wagen fahren konnte. Die Straße durchschnitt das ganze Gebiet der Waldleute jenseits der Schlucht und gab in Piatra neues Ärgernis, welches neue, fruchtlose Beschwerden zur Folge hatte. Noch stand im Vertrage die Gewährung der Straße mit klaren Worten verzeichnet und die Waldleute mußten zugeben, daß die Juden sich in ihrem Rechte befanden. Ihr Verdruß wurde dadurch nicht vermindert. Auch erregte es sie höchlich, daß die Fremden sich mit der nächsten Gemeinde in Verbindung setzten, von der sie die Erlaubnis erhielten, ihre Straße weiter durch deren Gebiet führen zu dürfen. Stefan Dozana stieg selbst zu dem Nachbarorte herab. Es war auf dem unwegsamen Pfade eine mühselige Wanderung, von welcher der Priester voller Unmut zurückkehrte. In der Gemeinde bildete diese Reise ihres Priesters und dessen Ohnmacht, den Juden zu wehren, den Gegenstand hitziger Reden. Auch mißfiel den Waldleuten, daß die Judengemeinde beinahe wöchentlich sich vergrößerte. Die Ankommenden brachten ihr Gesinde und ihr Vieh mit. Aber auch das mußten jene sich gefallen lassen. Denn waren sie gleich die Bauern von Piatra, so waren die anderen doch die Juden vom Kryvan und frei, nach ihrem Gefallen zu tun. Wie der Haß der Waldleute gegen die Juden von Jahr zu Jahr wuchs, das hatten von Jahr zu Jahr mehr die jüdischen Händler zu erfahren. Es blieb während des Tauschgeschäftes nicht mehr bei finsteren und feindseligen Blicken, es fielen auch wilde Worte, es wäre fast zu wilden Taten gekommen. Die Juden erschraken, schlossen den Handel eiliger ab und zogen schon des Nachmittags wieder davon. Aber obschon in diesem Jahre die jüdischen Händler bereit gewesen wären, sich den Waldleuten zuliebe zu geschlagenen Männern zu machen, hatten die Bäuerinnen doch noch niemals so viel Ursache gehabt, über das schlechte Gedächtnis ihrer Hausherren Klage zu führen. An Gewürze und Bandwerk hatten die Männer überhaupt nicht gedacht. Und nicht einmal, daß die guten Frauen in der Frühlingsnacht dieses Jahres über die erlittene Unbill bei ihren Eheherren ihre Herzen erleichtern durften. So war der Unfrieden denn auch in die Häuser gezogen. Einige Anhänger Michael Cibulas sprachen laut aus: man müsse fortan gemeinsam in die Ebene und die Städte hinabziehen, um selbst die Lebensbedürfnisse gegen die Landesprodukte einzutauschen. Während des ganzen Winters waren die Waldleute für die Ausschmückung ihrer Kirche tätig gewesen. Stefan Dozana hatte Zeichnungen entworfen und nach diesen arbeiteten die Bauern ihre Schnitzereien, Kirchentüre und Chorstühle. Sie waren aus vielhundertjährigem Zirbenholz und versprachen Wunderwerke der Holzschneidekunst zu werden. Jedes Ornament war verschieden: fabelhaftes Getier wechselte mit Früchten, mit Blumen und herrlichem Gerank. An der Türe waren bekränzte Teufelsfratzen angebracht, Genien und Frauen, nackt und schön wie die Sünde. Zuerst nahmen die frommen und strengen Gemüter Piatras an diesen satanisch-schönen Leibern heftigen Anstoß; aber Stefan Dozana deutete ihnen seine Gestalten als der heiligen Schrift entnommen, so daß sie sich schließlich beruhigten. Durch diese Zeichnungen erwies sich, daß die Gemeinde einen Priester besaß, der zugleich ein großer Künstler war. Aber keiner wußte es, er selber am wenigsten. Auch die Frauen von Piatra betrieben emsig und geheimnisvoll ein kunstreiches Werk: sie stickten dem Muttergottesbilde ihrer neuen Kirche aus dem seltensten und glänzendsten Gefieder der Verrös einen prächtigen Mantel. Gar zu gern hätte die Gemeinde das große Muttergottesbild von Michael Cibula schnitzen lassen, dessen Madonnen hohen Ruhm genossen. Seitdem derselbe jedoch in seiner Rede vor dem Altar solche Feindseligen und unchristlichen Gesinnungen gegen Gott und die Heiligen bewiesen, hätte jedes Werk von seiner Hand Gott und die Heiligen beleidigen müssen. Nachdem in diesem Frühjahr die jüdischen Händler dagewesen waren, rüstete sich Stefan Dozana für eine lange Reise in die Ebene und in die Städte. Vier Jünglinge begleiteten ihn. Sie trugen, in feste Ledersäcke verpackt, das Silber und Gold der Juden, den Kaufpreis für den Berg Kryvan. Eine Schar Kinder mit ihren Eltern und Angehörigen geleiteten den Priester ein Stück Wegs. Alle drei Jahre an einem bestimmten Tage nach Ostern führte Stefan Dozana eine solche Kinderschar zu einer Kapelle, die zwei Tagemärsche von Piatra entfernt in einem schönen und heiteren Tale lag. Dort versammelten sich alle drei Jahre an einem bestimmten Tage die Priester entlegener Waldgemeinden, sämtlich von festlich gekleideten Kindern, Knaben und Mädchen, und deren Familien gefolgt. Vor der kleinen Kapelle schlugen die Wallfahrer ein Lager auf und harrten des hochwürdigsten Bischofs. Mit großem geistlichem Gefolge, mit Koch und Schenk rückte der Kirchenfürst an und ließ sich auf vier Tage bei der Kapelle häuslich nieder. Am ersten Tage war Beichte und Hochamt, am zweiten Firmelung der Kinder, am dritten erteilte der Bischof den jungen Christen das Sakrament, am vierten hörte er Beschwerden und Klagen an, schlichtete Streitigkeiten, versprach Abhilfe, strafte und lohnte, schalt und lobte, segnete und verwünschte und regierte mit einem Wort wie ein großer weltlicher Herr. Es kam aber aus seinem Munde mehr Strafe und Tadel als Belohnung und Lob. Bevor der Bischof wieder fortzog, beichteten ihm auch die Priester der Walddörfer, und manchen unter ihnen nahm er streng ins Gebet. Dabei konnte es vorkommen, daß einem geistlichen Sünder die Absolution verweigert wurde, und die kleine freundliche Kapelle am Waldessaum wußte, was Bannspruch und Acht sei. So war denn Bischof Mauricius ein strenges Oberhaupt der streitbaren Kirche, von allen gescheut, von vielen gefürchtet, von manchen gehaßt. Hinter seinem Rücken wurden die Mienen finster, aber vor seinem Angesicht wurden sie blaß, und es gab unter den Waldpriestern nur einen einzigen, dem man es ansah, wie schwer es ihm ward, sein Haupt vor dem zornmütigen Herrn zu neigen: Stefan Dozana. Es gefiel dem Bischof Mauricius gar nicht, daß dieser eine so wenig demütig vor ihm stand, und er sann schon lange darauf, wie er den Trotzigen beugen könnte. Und zwar gleich recht tief. Das wußte Stefan Dozana. Es war ein heiteres Bild, an dem sonnigen Frühlingsmorgen vor dem Priesterhause von Piatra die Kinder versammelt zu sehen. Alle trugen neue Kleider, und jedes Kind hatte eine Last auf dem Rücken: die Wanderkost! Munter tummelte sich das Völklein durcheinander, ungeduldig auf den Augenblick des Abzuges harrend, als ginge es statt der ernsthaften Firmelung einem lustigen Spiele entgegen. Ebenfalls in Festtracht, ebenfalls einen Packen auf dem Rücken standen Väter und Mütter, Basen und Vettern, Gevatter und Gevatterinnen. Die Männer führten hohe dicke Stöcke von Erlenholz, die Frauen hielten ihren Rosenkranz zwischen den Fingern. Weil nun einmal die Jungen zwitschern, wie die Alten singen, ahmten Knaben und Mädchen ihren Eltern nach. Wer nicht mitzog, war wenigstens gekommen, die anderen abziehen zu sehen. Da waren noch im letzten Augenblicke allerlei Aufträge zu erteilen oder noch einmal einzuprägen. Dieser wollte eine vom Bischof geweihte Kerze, jener ein Traktätlein, ein Heiligenbild oder ein Fläschchen wundertätigen Öles mitgebracht haben, das letztere heilsam für jedes Übel oder Leid, bei Mensch und Vieh. In bitterem Neide standen von fern die Kinder, die erst das nächstemal, in drei Jahren, ausziehen sollten; stolz schauten die kleinen Reisenden auf jene herab. Wer aber schon zum zweiten Male mitzog, der gebürdete sich den Neulingen gegenüber wie der Wissende gegen den Laien. Und voll bitteren Neides und Leides stand hinter einem blühenden Schlehdorn Urs Cibula und spähte durch die schimmernden Zweige traurig zu den fröhlichen Festkindern hinüber. Eigentlich hätte er diesen Frühling mit ausziehen müssen, aber sein Vater hatte ihn schon im vorigen Jahre aus der Christenlehre genommen und von einer Firmelung des Knaben war fürs erste nicht die Rede. Wie hatte Urs sich darauf gefreut, mit Ilja Dozana durch die Wälder zu ziehen, zur Kapelle und zu dem heiligen Bischof! Denn Ilja Dozana befand sich unter den Kindern, welche in diesem Jahre ihr Christentum bestätigen sollten. Soeben trat sie mit ihrem Ohm und ihrer Mutter aus dem Hause, die reizendste von allen! Aber ihr liebliches Gesichtchen war traurig und sie hielt die Augen gesenkt. Jetzt sah sie auf und blickte umher. Sie schien jemand zu suchen und nicht zu finden. Da bewegten sich die Zweige des Schlehdorns heftig, als ginge ein Wind durch die Blüten, und Ilja wußte, wo der Gesuchte stand, Sie schlich zu dem Busche, brach ein Zweiglein ab und flüsterte in die Blüten hinein, daß sie am liebsten auch dableiben möchte, und daß er nicht so traurig sein sollte. Ein Schluchzen antwortete ihr. Das war ein fröhlicher Kirchgang durch Wald und Gebirg, über frühlingsgrüne Matten, an blumigen Hängen dahin. Eine Wanderung war's, auf der so häufig als möglich gerastet und so wenig als möglich gefastet ward. Zwar ließen die alten Christen es sich angelegen sein, den jungen Christen ernsthafte Mienen zu zeigen und sie erbauliche Reden hören zu lassen, oder die Kinder mußten geistliche Gesänge intonieren und lange Litaneien abbeten; aber Frühlingsluft und Sonnenschein gaben allzu großen Ernst und allzu eifrige Frömmigkeit nicht zu. Nur Stefan Dozana schritt schweigsam in düsterem Sinnen an der Spitze des Zuges. Für ihn war der Frühling eine schlimme Zeit; denn für ihr was eine Zeit mächtig Sehnens und gewaltigen Lebens. Frühlingstürme durchbrausten seine Seele, Frühlingsfluten durchströmten sein Herz. Dann bedurfte es starker Dämme, dann war ein heißes Ringen nötig, dann tobte in ihm so lange der Mensch, bis dieser ermattet war und sich dem Priester ergab. Dann war der wilde Geist für eine kleine Weile still. Gegen Abend des zweiten Tages gelangten die Wanderer zu einer weiten, schönen Wiese, an deren Saum ein Kirchlein stand, daneben eben eine Reihe von Bretterhütten aufgeschlagen wurde. Bereits waren die meisten Gemeinden angelangt und alle kamen, die Bauern von Piatra und deren Priester zu begrüßen. Noch ließ sich diesen Grüßen anmerken, daß die Leute aus der Verrös nirgends Freunde hatten. Alle wußten bereits von der neuen Kirche zu Piatra und von den Juden vom Berge Kryvan. Die geistlichen Herren umringten Stefan Dozana, fragten, hörten und staunten. Die einen bezeigten höchste Verwunderung, die anderen konnten ihren Neid nicht verbergen. Stefan Dozana nahm das eine wie das andere gelassen hin. Hatte er sich in früheren Jahren stolz gezeigt, so benahm er sich in diesem Frühlinge schier hochmütig; und wie ihr Priester tat, so taten die Bauern von Piatra. Denn auch diese wurden umringt und ausgeforscht, auch diese angestaunt und beneidet. Ihr Ruhm verbreitete sich, sowohl um ihrer Kirche willen als auch wegen ihres Triumphes über die Juden, durch das ganze Lager. Dann langte Bischof Mauricius an. Außer seinem Gefolge kamen mit ihm Krämer und Händler, Die einen zogen mit Getränken und süßem Backwerk herbei, die anderen mit Rosenkränzen, Heiligenbildern, Traktätlein und wundertätigen Mitteln. Es war wie auf einem Jahrmarkt. Alle Priester huldigten dem Bischof, und alles Volk ließ sich kniend von ihm segnen. Die Kinder wurden nahe der heiligen Person des Kirchenfürsten aufgestellt. Stefan Dozana stand in den letzten Reihen, was sogleich von den scharfen Augen seines Vorgesetzten bemerkt wurde. Bischof Mauritius war ein stattlicher Herr und sah aus, als ritte er lieber ein mutiges Streitroß als ein frommes Maultier. Seine Gesichtszüge waren hart und von einer leidenschaftlichen Willenskraft, Aber sein dunkler Blick hatte etwas Pfäffisches, und um den strengen Mund konnte ein böses Lächeln liegen. Wenn der Bischof diesen Blick und dieses Lächeln zeigte, warb es manchem, der sonst keine Furcht kannte, unheimlich zu Mute. Der nächste Tag begann mit einem allgemeinen Gebete, dem der Bischof beiwohnte. Nach beendigter Andacht wurden die Kinder zu der Weihe geschmückt, die an ihnen vollzogen werden sollte. Sie liefen in den Wald und pflückten Blumen, aus denen Mütter und Gevatterinnen Kränze wanden; die Knaben bekamen mächtige Sträuße. Jetzt ward auch die Kapelle mit Blumen geziert und vor derselben unter einem hohen Baldachin von Blütenzweigen und grünem Laub ein großer Altar gebaut. Es war ein feierlicher Gottesdienst unter freiem Himmel, und feierlich war's, als die Kinder im Chorus das Bekenntnis ihres christlichen Glaubens ablegten. Die großen Worte erhielten, von den kindlichen Lippen gesprochen, etwas unendlich Rührendes; aber beinahe schaurig klang von diesen selben unschuldigen Lippen das Bekenntnis an eine Erbsünde zu glauben, an eine ewige Schuld und ewige Verdammnis. Es war gut, daß die Kleinen nicht wußten, was sie sagten. Dann traten sie einzeln vor den Bischof hin, um durch seinen Segen aufgenommen zu werden in die Gemeinde der in Zukunft Seligen oder Unseligen. Als Ilja Dozana vor dem Bischof stand, dachte sie nicht an Gott und die Heiligen, sondern an Urs Cibula und dessen Sündhaftigkeit, so daß ihr die Tränen aus den Augen stürzten. Am Abend des zweiten Tages traf es sich, daß Stefan Dozana an entlegener Stelle dem Bischof begegnete. Er blieb stehen, um den Herrn an sich vorüberschreiten zu lassen; denn es dünkte ihn, als ob auch der Bischof die Einsamkeit suchte. Aber Bischof Mauricius redete ihn an. Er tat es wie einer, der an etwas ganz anderes denkt, als er sagte: »Was ist das für ein Gerücht über eine neue Kirche in Piatra?« »Die Bauern von Piatra haben sich eine neue Kirche erbauen lassen.« Auch wenn Stefan Dozana mit einem Bischof sprach, klang seine Stimme nicht demütig, und die Ohren des Bischofs waren gewöhnt, demütige Stimmen zu vernehmen. Weshalb erwiderte denn auch er in einem ganz besonderen Tone: »Die Bauern von Piatra ließen sich eine Kirche erbauen? Sie ließen sich? Wer gestattete ihnen, sich eine Kirche bauen zu lassen?« »Niemand, denn sie fragten niemand.« Aber diese Antwort überhörte der Bischof, obgleich sie durchaus nicht leise gegeben worden. »Von wem ließen sich die Bauern von Piatra eine Kirche bauen?« »Von den Juden von Tar.« »Was bedeutet das? Eine christliche Gemeinde läßt sich von Juden eine Kirche erbauen?« »Es geschah zur größeren Ehre des Herrn,« erwiderte Stefan Dozana und holte tief Atem, wie einer, der sich Gewalt antun muß. Bischof Mauricius überlegte: der Juden wegen konnte er den Priester nicht demütigen. Er hatte zu Genüge vernommen, welchen Triumph die Erniedrigung der Juden von Tar durch die Bauern von Piatra bei allen erregte. Auch war es ja wohl zur »größeren Ehre Gottes« geschehen. Er mußte auf etwas anderes sinnen. »Die Juden waren von Christen vertrieben worden. Ihr nahmt die Vertriebenen auf?« »Damit sie uns dienen sollten.« »Wo sind die Ebräer jetzt?« »Jetzt?« »So fragte ich.« »Die Kirche ist noch nicht vollendet,« wich Stefan Dozana der Frage aus, und das Blut stieg ihm zu Kopf. »Wann wird sie vollendet sein?« »Nächstes Frühjahr.« »Nächstes Frühjahr werde ich kommen, um die Kirche, welche die Juden für euch bauten, einzuweihen.« Das ward verheißen wie eine ungeheure Gunst, wie eine Gnade des Himmels. Aber aus Stefan Dozanas Antlitz wich plötzlich alles Blut und er stand bleich vor dem Bischof. Er vermochte nicht einmal ein Wort des Dankes zu stammeln. Da war es, daß die Augen des Bischofs mit einem sonderbaren Blick in das Gesicht des Priesters spähten und ein Lächeln um seinen Mund sich legte. »Bevor ich abziehe, spreche ich Euch noch – im Beichtstuhl.« Und mit einer Handbewegung, die nichts weniger als ein Segen war, ging Bischof Mauritius seines Weges. Wilde Gedanken stiegen in Stefan Dozanas Seele auf, da er durch den einsamen Wald irrte, wilde Gedanken gegen den Mann, der von der Kirche als sein Oberhaupt eingesetzt worden, dem er morgen beichten, von dem er sich morgen seine Sünden vergeben lassen sollte. Was hatte der Bischof in der Verrös zu suchen?! Die Gemeinde von Piatra konnte in ihrer Kirche beten, ohne daß sie von einem Bischof geweiht worden wäre. In Piatra wollte Stefan Dozana sein Haupt auch vor einem Bischof nicht beugen; genug, daß er es vor Gott und den Heiligen tat. Als Bischof Mauricius am letzten Tage vor der Kapelle die Priester der verschiedenen Waldgemeinden nach der Beichte kommunizierte, fehlte einer darunter: der Priester von Piatra! Stefan Dozana waren seine Sünden nicht vergeben worden: um der Juden vom Berge Kryvan willen. Zehntes Kapitel Der schwarze Grund Inzwischen lebte Michael Cibula in Seelenkämpfen, die das ganze Innere des Mannes aufwühlten, Dabei brachen in diesem Geiste Empfindungen und Leidenschaften auf, wild und verderblich wie die zerstörenden Kräfte der Natur, und von eben solcher elementarer Gewalt. Michael Cibula hatte Wort gehalten: er schied sich und sein Haus von der Kirche seines Heimatortes; wenigstens von deren äußerlichen Brauchen und Formeln. Weder er noch Josepha besuchten ferner die Messe oder hörten die Vesper. Seitdem die Bauern die beiden nicht mehr in der Kirche sahen, hoben sie alle Gemeinschaft mit ihrem Hause auf. Mit Michael Cibula sprach keiner ein Wort, auf der Gasse wich man ihm aus, ebenso im Walde, Josepha galt bei den Frauen gleich einer Verlorenen, Urs wurde von den großen Kindern beschimpft, von den kleinen verhöhnt. Es dauerte nicht lange, so zog sich auch die Sippe von ihrem verfehmten Oberhaupte zurück, das Gesinde kündigte den Dienst: Michael Cibula war mit seinem Hause einer Acht verfallen, schrecklicher, als wäre sie von einem Bischof gegen ihn geschleudert worden. Er hätte jetzt lernen können, seine Heimat zu hassen, wie er die Juden haßte, aber die Liebe zu dem düsteren Tale und dem Walddorfe war für diesen Mann ein Lebensnerv; nur der Tod hätte seine mächtige Heimatsliebe zerstören können. Doch das eine hatten sie erreicht: daß er umher ging, als trüge er in der Brust eine blutende Wunde. Davon ließ er indessen keinen etwas merken. Grade in dieser Zeit der Verstoßung zeigte er die Miene eines gebietenden Herrn. Zuweilen jedoch, wenn Michael Cibula sich allein befand oder sich unbeobachtet glaubte und dann auf sein Haus oder auf die Wände der Kammer seines Hauses blickte, schmolz der Stolz und die Härte seines Blickes zu Weichheit und leidenschaftlicher Trauer; dann sah er mit einem so schmerzlichen Mitleid auf sein Haus, als schaute er es zum letzten Male, als wäre es Leben von seinem Leben, und er hätte im Sinn, diesem ein schweres Leid anzutun. Vor jedermann verhehlte er die Wunde in seiner Brust, und vor niemandem so ängstlich, wie vor seinem Weibe. Aber Josepha sah sie bluten, fühlte, wie sie brannte, und stand daneben wortlos und hilflos. Es folgte Josepha den Blicken, mit denen er sein Haus ansah, und ehe er mit sich im klaren war, ob er sein Vorhaben an dem Hause auszuführen vermöchte, wußte sie davon und wußte auch, wie alles kommen würde. Hilflos, wie Josepha neben ihrem Manne stand, befand sie sich ihrem eigenen Leid gegenüber. Ihr Geist erlag fast dem Banne, den das Dorf auf ihr Haus gelegt hatte. Seitdem sie keine Messe mehr hören durfte, war ihr zu Mute, als sei sie von allem Heil ausgeschlossen. Sie kam sich vor, wie von den Heiligen, wie vom Himmel verlassen. Sie fühlte sich so sündenvoll, daß sie nicht den Mut befaß, zu beten, und angstvoll vermied, dem Muttergottesbilde in die Augen zu sehen. Wenn sie von weitem die Kirche erblickte, die Glocken läuten hörte, die Nachbarinnen zur Messe gehen sah, so stand sie wie eine an allen Lebensgeistern Gelähmte. Wäre auf dem Kryvan eine Kirche gewesen und hätte sie, auf ihren Knien hinaufrutschend, dort zur Messe gehen dürfen – Michael Cibulas Weib wäre mit zerrissenen Gliedern und blutenden Wunden auf den Felsengipfel zur Messe gekommen. Einen furchtbaren Eindruck übte die Verfehmung seines Vaters auf Urs Cibulas Gemüt. Nicht die Ursachen begreifend, nur die Wirkungen gewahrend, litt der Knabe wahre Qualen. Und es geschah zu dieser Zeit seines Lebens, daß sein junger leidenschaftlicher Geist von der Welt und den Menschen Eindrücke empfing, die sich mit unauslöschlichen Lettern in seine Seele eingruben. Zuerst trotzte Urs dem Bann, der auf ihm lag; nach wie vor mischte er sich unter die Jugend des Dorfes. Den ersten, der ihn beschimpfte, schlug er nieder. Aber da fielen alle über ihn her, so daß er mit zerrissenen Kleidern und blutendem Gesicht endlich weichen mußte. Fortan verließ er das Haus nicht mehr, verbrachte die Tage in der Arbeitskammer neben seinem düsteren Vater, diesem beim Schnitzen seiner Marienbilder helfend (was er mit unüberwindlichem Widerwillen tat), verbrachte die Abende bei seiner alten, halb blödsinnigen Wärterin, auf deren Raunen und Flüstern lauschend. Oft sah er in der Ferne Ilja Dozana stehen und nach seinem Hause herüberspähen, sah er, wie das Kind sich näherte, wie es wartend vor dem Hause stand. Aber obgleich ihm vor Sehnsucht und Weh das Herz fast zersprang, ging er nicht zu ihr hinaus. Eines Nachts erwachte Urs, der neben seinem Vater schlief. Da sah er diesen aufstehen und leise in die Kammer gehen, wo über dem Tische das Marienbild stand. Eine Weile blieb alles still. Dann hörte der Knabe nebenan Murmeln, Seufzer – Stöhnen. Es klang wild und schauerlich, so daß Urs mit dem Kopf unter die Decke fuhr. Am Morgen kam ihm das Erlebnis der Nacht wie ein Traum vor, er unterließ es, der Mutter davon zu erzählen. Es war im Frühling und Stefan Dozana mit den Kindern bereits nach der Kapelle aufgebrochen, als Michael Cibula eines Morgens seinem Sohne zurief: »Willst du heute mit mir in den schwarzen Grund?« Urs wollte mit. Trotzdem der schwarze Grund für jedes Kind ein Ort des Grauens und des Schreckens war, wohin die bösen Kinder von ihren Vätern gebracht wurden, um dort von den Bären gefressen zu werden, trotzdem wollte Urs mit seinem Vater in den schwarzen Grund. Aber Josepha, die im Zimmer war, erblaßte. Auch den Erwachsenen galt der schwarze Grund als ein fürchterlicher Ort, wo es nicht geheuer war. Selten, daß einer nach der verrufenen Stätte kam, obgleich dieselbe gar nicht weit von Piatra entfernt lag und zum Gebiete der Waldleute gehörte. Wer hinkam, wußte seltsame Dinge zu berichten: von schönen Wäldern und lieblichen Wiesen, womit die Geister die Menschen anlockten. Der Zweifelnde, der etwa selber hinging, kam bekehrt zurück, denn er hatte die schönen Wälder und lieblichen Wiesen mit eigenen Augen gesehen. Unter welchem Zauber der schwarze Grund stand, bewies allein schon der Umstand, daß alle, die ihn gesehen, ihn beinahe immer im vollen Sonnenschein erblickt hatten, während doch das Tal, eben seiner Enge und seines Schattens wegen, schon von den Ahnen der »schwarze Grund« benannt worden war. Die ältesten Leute erinnerten sich, von den ältesten Leuten gehört zu haben, wie den schwarzen Grund weder Sonne noch Mond bescheine; folglich mußte der Sonnenschein, den die Wanderer erblickten, Blendwerk böser Geister sein. So kam es, daß fast jeder, der über dem schwarzen Grund die Sonne scheinen sah, schon von weitem vor dem Spuk die Flucht ergriff. Nicht minder Schauerliches erzählte man sich von einem See, der im schwarzen Grunde liegen sollte und ein so dunkles und trauriges Gewässer sei, daß die Ahnen ihn den »trüben Blick« benannt. Wer in dem »trüben Blick« sein Gesicht widerspiegelte, über dessen Seele gewannen die bösen Geister Gewalt; sie ruhten nicht eher, als bis er mit seinem Spiegelbilde zugleich in die unergründlichen Fluten gesunken. So waren denn die Sagen und Schauergeschichten, die man abends am Herdfeuer vom schwarzen Grunde erzählte, zahllos wie Blätter am Baume; und nur zwei lebten in Piatra, die nicht daran glaubten: Michael Cibula und Stefan Dozana, Und eben deshalb erblaßte Josepha, als sie vernahm, daß ihr Mann mit dem Knaben den schreckensvollen Ort besuchen wollte. Leise verließ sie das Zimmer, begab sich zu Russka und teilte ihr das Vorhaben ihres Mannes mit. Die Alte kreischte vor Entsetzen laut auf. Dann berieten die Weiber, was sie tun sollten, um den Knaben gegen die Geister zu feien. Sie riefen Urs in die Kammer, besprengten ihn reichlich mit geweihtem Wasser, hingen ihm ein Amulett um den Hals und raunten über seinem Haupte den Geisterbann. Unter Tränen preßte Josepha ihren Sohn ans Herz, flüsterte ihm zu, daß sie für ihn beten würde, und drückte ihm zuletzt ein Fläschchen mit vom Bischof geweihten Wasser in die Hand: das sollte der Knabe heimlicherweise in den See schütten und dazu drei Kreuze machen. Urs wurde bei diesen feierlichen Vorbereitungen unheimlich zu Mute. Er versprach, alles genau zu tun, küßte die Mutter, verbarg das Fläschchen in seinem Kleide und riß sich los. Draußen rief der Vater heftig nach ihm. Die beiden stiegen die Schlucht aufwärts, anfangs noch auf einem Pfade, der sich indessen mehr und mehr unter allerlei Pflanzengewirr verlor. Noch konnten sie die Richtung nicht verfehlen, denn der Bach, der die Verrös durchströmte, entsprang im dunklen Grunde. Bald umfing die Wanderer der Urwald. Hier war niemals ein Stamm gefällt worden; nur Sturm und Lawinen hatten bisweilen Lichtungen in das Dunkel gerissen, oder die mächtigen Bäume waren altersmorsch zusammengebrochen. Verwesend lagen die grauen Gigantenleiber der toten Waldesriesen am Boden, schier königlich aufgebahrt auf einem mit bunten Frühlingsblumen bestickten Moosteppich. Efeu und blühende Waldrebe bildeten den Sarkophag, darüber sich ein Gewölbe von goldigem Ginster und weißen Rosen schloß. Mit feierlichem Rauschen und Raunen neigte das blühende Leben sich zu den Toten herab. Das Grausen, von dem Urs in den Armen seiner Mutter befallen worden, verlor sich im Walde; er jubelte, als sie sich durch das Gestrüpp Bahn brechen mußten. Rankendes Geißblatt und Pfeifenkraut hielten als bunte Blütenbänder die Dickichte umschlungen; aber Brombeer, Stechpalme und Schlehdorn zeigten sich den Menschen, die in die schöne Wildnis eindringen wollten, als Feinde. Oft herrschte tiefe Dämmerung; doch das Brausen des Baches leitete sie. Einmal traten sie auf eine freie Waldstelle hinaus und erkannten, daß sie am Rande der Schlucht dahinschritten und daß die Felsen enger und enger über ihnen zusammenrückten. Zuletzt wurde die Schlucht zur Kluft. Sie gelangten an eine Stelle, wo hoch über ihnen der Bach an einer senkrecht abfallenden Wand in schäumendem, donnerndem Sturz in den dunkeln Grund sank. Hier war es schauerlich. Jetzt schoß das Wasser in wildem Wirbel um einen Felsen, nur spärlichen Raum neben sich lassend. Wie staunte Urs, als hinter den drohenden Klippen, gleichsam wie durch Zauberschlag, ein sonniges, heiteres Tal sich erschloß. Und ein schöner Zauber schien die Halde zu sein, die, von himmelhohen Felsen umgeben, wie ein in einen Abgrund gesunkener Garten vor den staunenden Augen des Knaben lag. Die Farbe des Gesteins ringsum war von einem schwärzlichen Grau, von gewaltigen roten und gelben Streifen durchflammt. Schnee deckte die Gipfel, die gleich einem weihen Gewölk über den finsteren Schroffen ruhten. Wälder füllten die Schluchten, Gletscher die Schründe; die blauen oder grünen Eisschollen drängten sich hervor, als wären sie begierig, sich hinab zu den Blumen der Tiefe zu stürzen. Von allen Seiten rieselte, rauschte und brauste es nieder, bald in mächtigem Sturze zu Tal donnernd, bald wie lange weiße Schleier von den Klippen herabwehend, die dunkeln Wände mit lichten Schaumbändern überziehend. Von allen Seiten, unter allen Wipfeln braute es auf wie feuchtes Nebelgewölk. Sämtliche Wasser und Wässerlein flossen drunten zusammen, einen jener Alpenseen bildend, denen, um ihrer dunklen, regungslosen Flut willen, überall vom Volke dunkle, unheilkündende Namen beigelegt werden. Der See, der im schwarzen Grunde im Sonnenschein aufleuchtete wie ein von Glück verklärtes schönes Menschenauge, war der »trübe Blick«. Rings umfingen ihn Matten, die Blumengefilden glichen. Narzissen säumten die Ufer, anzusehen, als wäre mitten in die Frühlingspracht Schnee gefallen. Man sah vor Blüten nichts Grünes. Auf der Wiese standen wahre Haine wilder Fruchtbäume, über und über mit weißen und rötlichen Knospen bedeckt, so daß an diesen Stellen die Blumen zu Hügeln aufgehäuft zu sein schienen. Diese reizende Wildnis wurde von zahllosen Vögeln bevölkert. Die Luft tönte von ihrem Gesange, als hatten in diesem glückseligen Tale Blätter und Blüten Sprache und redeten in Mailiedern zu einander. Schwärme von Blauspechten flatterten auf, Fasanen schossen mit schimmerndem Gefieder durch die Gebüsche, ein Zug wilder Schwäne ließ sich auf dem Alpsee nieder. Auf einem Hügel nahe am See, den herrliche Eschen beschatteten, weideten Hirsche und Rehe. Von Bären dagegen war nichts zu sehen und zu hören; nicht einmal Geister wollten erscheinen! Was diese letzteren anbetraf, fühlte sich Urs entschieden etwas enttäuscht. Langsam schritten Vater und Sohn dem See zu, in der blumigen Wiese eine breite Spur hinterlassend. Die Vögel, die zusammen mit Käfern und Schmetterlingen die Kelche umschwirrten, flogen vor ihnen her, als wollten sie ihnen das Ziel weisen. Urs fragte seinen Vater mehr, als dieser beantworten konnte; doch als der Knabe zu wissen begehrte, warum an dem schönen Orte kein Mensch wohnte, erhielt er die zornige Erwiderung: »Weil die Menschen törichte Geschöpfe sind.« Urs besann sich eine Weile und fragte dann: »Warum machen denn die Heiligen die Menschen nicht weise?« Ingrimmig lächelte Michael Cibula und sagte mit rauher Stimme: »Weil den Heiligen törichte Menschen lieber sind als weise; denn die törichten Menschen lassen sich von Priestern beherrschen: sie lassen sich aus lauter Hochmut und Eitelkeit von ihren Feinden Kirchen erbauen. Um ihren Feinden einmal ins Gesicht schlagen zu können, merken sie in ihrer Verblendung nicht, daß diese ihnen das Herz zerreißen. Aber der Himmel liebt zerfleischte Herzen.« »Darum haben wohl die Heiligen ihr blutendes Herz in der Hand?« »Darum! Aber man braucht kein Heiliger zu sein, um dem Himmel sein blutendes Herz darzubringen.« »Was muß man sonst sein?« »Nur ein Mensch! Aber ein unseliger Mensch.« »Was ist das, Vater: ein unseliger Mensch?« Michael Cibula sah seinen Sohn an. Mit einem Blicke, den der Knabe nie wieder vergaß, schaute er ihm fest und starr in die Augen. »Ein unseliger Mensch – das ist überhaupt kein Mensch mehr, kein Geschöpf Gottes, der ja die Menschen lieben soll. Ein unseliger Mensch ist gleich einem Tier, aber ein Tier ist besser daran als er. Möchtest du das niemals begreifen.« Sie kamen zum See, an dessen Ufern Urs bis über die Knie in Blumen versank. Die Schwäne, als sie die menschlichen Gestalten in der Wildnis erblickten, stießen langgezogene, schmetternde Töne aus, die fast wie wilder Wehruf klangen. Schwerfällig aus den Fluten sich erhebend, breiteten sie die mächtigen, schimmernden Fittiche aus und zogen in langer Kette den Eschen zu, in deren Schatten sie wie große Schneeflocken niedersanken. Freudig sprang Urs vor, bis dicht an den Rand des, klaren Wasserbeckens, darin er seine Gestalt erscheinen sah, so daß er im ersten Augenblick erschrocken zurückwich. Dann lachte er laut auf. Das Versprechen, welches er seiner Mutter beim Abschied gegeben, vergaß er, so daß Michael Cibula, als auch er hinzutrat, weder heimlich mit geweihtem Wasser besprengt, noch mit drei Kreuzen zum Schutze gegen die bösen Geister versehen ward. Urs hatte an anderes und wichtigeres zu denken als an das Fläschchen in seiner Tasche; denn der See wimmelte von Forellen. »Vater! Vater! So groß wie unsere Lämmer!« Und jeden Augenblick schwamm eine noch größere bis dicht ans Ufer heran. Während der Knabe am Wasser sich vergnügte, prüfte Michael Cibula bedächtig das Gras auf der Wiese, davon er sogar einige Halme in den Mund nahm und zerbiß. Er fand, daß die Matten im schwarzen Grunde trotz der vielen Blumen herrliche Weide geben würden. Auch den Boden untersuchte er, mit dem Fuße die schwarze und fette Erdkrume auswerfend. Der schwarze Grund erschien ihm fruchtbar und sonnig genug, um Weizen darauf bauen zu können; zum mindesten war der Boden hier mit ebensoviel Licht und Wärme bedacht, wie die südlichen Abhänge des Kryvan. Und Michael Cibula hatte plötzlich eine schöne Vision. Er sah an den fruchtbaren Ufern des herrlichen Alpsees ein stattliches Dorf sich erheben; er sah auf dem Hügel im Schatten der Eschen des Torfes Kirche mit hohem Glockenturm aufragen; er sah See und Dorf ringsum von grünenden Feldern und blühenden Matten umgeben; er hörte die fröhlichen Stimmen der Bewohner, das Jauchzen der Hirten, die Schläge der Axt; und er hörte das Geläute der Kirchenglocken. Deutlich vernahm er, wie es vom Hügel herab über den See klang: Friede! Friede! Doch das schöne Traumbild verrann, die Glocken verhallten. Aber obgleich es nur ein Traum gewesen, bestimmte Michael Cibula schon jetzt den Platz, wo einstmals das neue Piatra stehen sollte. Dann überlegte er, wie viel Stück Vieh aus den oberen Abhängen und Matten Nahrung finden könnten, und rechnete aus, daß es für hundert Kühe und mehr Sommerweide gab und Heu genug für den Winter. Darauf rief er seinen Knaben. Ganz verblüfft sah Urs seinen Vater an: Michael Cibula machte ein frohes Gesicht! Sie lagerten sich nun und verzehrten, was Josepha ihnen für die Rast mitgegeben: weißes Brot, frischen Schafkäse und die Hälfte einer gebratenen Hammellende, in deren Zubereitung Michael Cibulas Hausfrau Meisterin war. Auch für den Durst der Wanderer hatte sie Sorge getragen und einen großen Krug ihres besten Gerstensaftes ihrem Liebling wohlverpackt auf den Rücken gebunden, voller Kümmernis, an welchem schrecklichen Ort dieser gute Trank von Mann und Sohn getrunken werden sollte, und nicht ganz sicher, ob sie das Gefäß nicht für Bären und Geister füllte. Urs gönnte seinen stark beschäftigten Kinnbacken plötzlich eine Ruhepause; der Vater hatte ihn gefragt: »Also du würdest gern hier wohnen?« Das wollte Urs für sein Leben gern; denn: »Hier sind die Forellen so groß wie bei uns die Lämmer!« Er überlegte und setzte mit etwas weniger begeisterter Stimme hinzu: »Wie groß mögen da erst die Bären sein!« Michael Cibula lachte. »Vielleicht wie bei uns die Rinder,« meinte er belustigt. Es war das erstemal in seinem Leben, daß Urs den Vater lachen hörte. Nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt, lachte auch er, bis er nicht mehr konnte. Dann sagte er: »Aber es soll hier mehr Baren geben, als in Piatra Katzen,« und er sah sich dabei um – so nach der Seite. »Die Leute werden sich verzählt haben,« beruhigte ihn der Vater. »Wir zählen sie wohl einmal gelegentlich selbst.« Urs fühlte sich plötzlich schrecklich mutig, so daß er aufsprang und sich nach einem Bären umsah – nach einem Rudel von Baren! »Wo meinst du, sollten wir unser Haus hinbauen?« fragte ihn der Vater. Ohne sich lange zu besinnen, bezeichnete Urs den Platz, der ihm am besten gefiel: dicht am See, unter dem schönen, mit Eschen bestandenen Hügel. Der Vater sagte: »Ich will es mir überlegen.« Eifrig erkundigte sich Urs: »Nicht wahr, Vater, dann lassen wir keine Juden hier mit uns wohnen?« »Ebensowenig wie die Bären.« »Die Juden kommen nicht die Felsen herab?« »Lebendig nicht.« Michael Cibula stand auf. »Ob deine Mutter auch gern hier wohnen wird? »Vielleicht kommt sie nicht mit uns.« Da lachte Urs hell auf. »Und wenn wir wohnten, wo die Bären und die Juden wohnen; mit dir und mit mir zieht die Mutter überall hin – mit dir noch lieber als mit mir.« Jäh wandte sich Michael Cibula ab. »Du sagst der Mutter nichts!« gebot er. Bald darauf machten sie sich auf den Heimweg. Urs war plötzlich still und nachdenklich geworden; ihm fiel ein, daß nur die Eltern und er und die alte Russka an dem schönen See wohnen sollten, nicht auch Ilja Dozana. Als am Abend Josepha ihren heimgekehrten und geretteten Knaben voller Jubel in die Arme schloß und ihn ausfrug, wie alles gewesen sei, äußerte sich Urs ziemlich kühl über den »schwarzen Grund«: »Wie soll es gewesen sein? Die Forellen waren wohl groß, aber – kein einziger Bar und kein einziger Geist hat sich sehen lassen.« * An diesem Abend zerstörten die Juden den Steg, der die beiden feindlichen Ufer mit einander verband. Der wilde Bach riß die Balken tosend davon, hob sie hoch auf, drückte sie tief hinab. Es war als spielten die Wellen damit. Doch wurden sie dieses Zeitvertreibes bald müde. Sie warfen das Holz gegen die Felsen, wo es hängen blieb und von neuem eine Art Steg bildete, über den Asarja beinahe trockenen Fußes an das Ufer der Christen gelangte. Elftes Kapitel Josepha betet an Zwei volle Wochen mußten die Waldleute während der Abwesenheit Stefan Dozanas leben, ohne in die Messe zu gehen und ohne sich segnen zu lassen. In diesen vierzehn unchristlich hingebrachten Tagen hätte in Piatra kein Mensch sterben dürfen, oder Piatra wäre in Verzweiflung geraten. Um sich in etwas schadlos zu halten, verbrauchten sie unerhörte Mengen Weihwassers, legten die Rosenkränze kaum aus den Händen und beteten, was sie beten konnten. Den ganzen Tag füllten sie die Kirche, den ganzen Tag beinahe läuteten die Glocken. Sich an den frommen Klängen erbauend, brachten sie zugleich den Heiligen dadurch nachdrücklich ihre Frömmigkeit in Erinnerung und gaben ihnen die Versicherung, daß ihrer in Piatra nach wie vor in Treuen gedacht werde. Den ganzen Tag mußten auf dem Pfad die Kinder ausspähen, ob ihr Priester noch immer nicht zurückkehrte. Eines Abends endlich hieß es: er kommt! Und er kam, von einem ganzen Zuge von Männern und hochbeladenen Maultieren gefolgt. Die Waldleute eilten ihrem heimkehrenden Seelenhirten voller Jubel entgegen, begrüßten ihn mit Freudengeschrei und führten ihn triumphierend ins Dorf. Vor der alten Kirche machte der Zug Halt und sogleich wurden die Maultiere abgeladen. Darauf ließ Stefan Dozana von den fremden Handwerkern, die er für die Ausschmückung der Kirche geworben, sämtliche Ballen und Kisten aufschnüren. Die Waldleute standen mit ihren Kindern herum, selbst wie die Kinder. Auch der Würdevollste vergaß bei dem Anblick, der sich ihm bot, für einen Augenblick, daß er ein Bauer von Piatra sei, und freute sich wie ein ganz gewöhnliches Menschenkind. Was nun gar die Frauen anbetraf, so gebärdeten sich diese, als wäre es in Piatra niemals Brauch gewesen, daß die Bäuerinnen auf dem Kirchplatze in ehrerbietiger Entfernung von den Männern und schweigend dazustehen hatten. Sie drängten sich zu den ausgepackten Schätzen, als hätte Stefan Dozana von seiner Reise Kisten voller Ablaßzettel mitgebracht und nun alle die vergebenen Sünden auf den Rasen gestreut. Da waren Schreine, Leuchter, Kirchengeräte, alles schön und flimmernd. Da waren seidene Fahnen mit bunten Bildnissen, Meßgewänder, purpurfarbene Behänge für Altäre und Wände. Ferner ein volles halbes Dutzend Heilige! Gleich Unkraut lagen künstliche Blumen zusammengeworfen. Ein Riesenbild der Himmelskönigin mit wächsernem Gesicht und flächsernem Haar! Wohin die Waldleute schauten, überall glänzte und gleißte es ihnen entgegen. Wie ein Triumphator neben seiner Siegesbeute stand inmitten aller Herrlichkeiten Stefan Dozana, in diesem stolzen Augenblicke völlig vergessend, daß ein Bischof kommen werde, die Heiligtümer zu weihen, die er für das Gold und Silber der Juden erworben, gänzlich vergessend, daß dieser Bischof ihm Übles sann. Die Sonne ging unter und hinter dem Kryvan stieg der Mond auf; ein gespenstisches Licht ergoß sich über die Kostbarkeiten, die bestimmt waren, die neue Kirche von Piatra zu schmücken. Es war, als hätten die Geister der Verrös, um die Waldleute anzulocken, alle die Schätze zusammengehäuft. Die Bauern besaßen so manche kräftige Mittel, sich vor bösen Gewalten zu schützen, und schließlich hatte es so geringer Mittel bedurft, um sie bösen Gewalten zu übergeben. Allerdings war dazu ein Priester notwendig gewesen und eines Priesters Haß. * Gleich am nächsten Tage begannen die fremden Handwerker ihre Tätigkeit und erwiesen sich als tüchtige, geübte Künstler. Da war ein junger Maler, der die leeren Wände mit frommen, christlichen Gestalten füllen sollte, mit Märtyrern, Aposteln und Heiligen. Entzückt von der Schönheit der Waldleute, gedachte der Künstler seine Figuren nach ihnen zu malen – namentlich nach den Jungfrauen. Aber ein solcher Eifer für die heilige Kunst wäre dem Jünger Sankt Rafaels beinahe schlecht bekommen, indem den Waldleuten der Begriff eines Modells noch nicht aufgegangen war. Da der gute Jüngling das erste beste holdselige Mägdlein als sanfte Heilige abkonterfeien wollte – noch dazu aus schüchterner Ferne – rottete sich alsogleich ein Troß Bauern um den kunstbegeisterten Meister zusammen. Dieser, der nicht anders glaubte, als daß staunende Bewunderung für den Künstler und sein Werk die Zuschauer um seinen Sitz versammelte, begann sich als Träger höchster Kultur in der Wildnis zu fühlen und mischte und malte, was er nur mischen und malen konnte. Als er jedoch bei günstiger Gelegenheit umherschaute, sich an den verzückten Gesichtern des wilden Volkes zu erfreuen, da trafen ihn und sein Werk so finstere und drohende Blicke, daß er im ersten Augenblick glaubte, die katholische Kirche sollte einen Märtyrer mehr bekommen – im nächsten Augenblick hatte er Pinsel und Palette zusammengepackt. Er ging und klagte Stefan Dozana seine Künstlernot. Aber auch der Priester zeigte ihm ein feindseliges Gesicht und wies den Maler mit seinem Begehr nach schönen weiblichen Modellen kurz ab. Da half es denn nichts: die Heiligen mußten aus dem Gedächtnis gemalt werden und es erwies sich bei dieser Gelegenheit, daß der junge Künstler eine doppelte Art von Gedächtnis besaß: ein gutes und ein schlechtes, das schlechte für die Männlein, das gute für die Fräulein. Ein anderer der Fremden vergoldete und versilberte, was in der neuen Kirche nur irgend zu vergolden und zu versilbern war. Dieser wackere Künstler ließ über dem Hochaltäre die mächtige goldene Sonne aufgehen und auf Silbergewölk die Engel schweben, welche das Kreuz zum Himmel emporhoben. Ein dritter bildete an der Decke einen herrlichen Garten, so daß von dem Gewölbe Rosen und Lilien über den Häuptern der andächtigen Waldleute herabhingen. Ein vierter und fünfter belegte den Boden mit glatten, schimmernden Steinen und schloß die Fensterhöhlen mit bunten, leuchtenden Scheiben. Einer war mitgekommen, der setzte in der neuen Kirche ein Orgelspiel. So waren alle eitel Eifer und Tätigkeit für das junge Heiligtum. Denn auch die Waldleute selbst verrichteten kaum mehr eine andere Arbeit: die Männer schnitzten, die Frauen stickten. Die fremden Künstler, welche die Schnitzereien und Zeichnungen sahen, konnten Stefan Dozana nicht genug loben und drangen in ihn, daß er den Priesterrock an den Nagel hängen und dafür die viel lustigere Malerkutte anziehen sollte. Aber Stefan Dozana wies sie zornig zurück. An schönen Tagen kamen die Frauen mit ihrer Arbeit vor der alten Kirche zusammen, oder sie vereinigten sich auf einem freien Platz im nahen Walde. Dann gestaltete sich das fromme Werk zu einer gehaltenen Lustbarkeit, daran zuweilen die Jünglinge von Piatra teilnahmen, so daß der Mantel der Himmelskönigin häufig zum Deckmantel für heimliche Liebe ward. Doch war anzunehmen, daß die heilige Jungfrau das schöne Federgewand deswegen nicht mit weniger Freude tragen würde. Saßen sie im Kreise beisammen, so wählten die einen die Federn aus, die von den anderen zusammengelegt und von den geschicktesten auf goldgelber Seide in überaus zierlichen Mustern aufgenäht wurden. Um nicht müßig zu schwatzen und nicht nur mit den Händen, sondern auch mit den Lippen erbauliches zu verrichten, sang man Kirchenlieder und erzählte sich fromme Legenden, was nicht hinderte, daß dazwischen manches weltliche Wörtlein gesprochen oder gar geflüstert ward. Während die Frauen vor der Kirchentür und am Waldessaum saßen, befand sich Josepha meistens einsam im Garten. Seit vielen Jahren war dort kein solches Blühen und Knospen gewesen. Der Rosmarin blaute wie ein Stücklein herabgefallenen Himmels zwischen den weißen Rosen: Josepha hatte zehn Dörfer mit Brautkränzen und Totenkronen versehen können; aber in diesem Jahr heirateten die Mädchen in Piatra mit Kronen, die andere Finger als die ihren geflochten, und erst kürzlich war eine Frau ohne Josephas weiße Rosen begraben worden. Damit ihre Hände nicht ganz müßig im Dienst der Muttergottes blieben, wand Josepha für das neue Madonnenbild einen Dornenkranz. An den Dornen hing ihr Blut, und als der Kranz fertig war, sahen ihre Hände aus, als hätten sie Nadeln zusammengeflochten. Häufig kam Russka zu Josepha geschlichen, kauerte im Sonnenschein, wärmte ihre knöchernen Hände und begann ihren Geistergesang. Noch sang sie jetzt nie mehr das Lied von der schönen Helja Scarpa, sondern stets die Romanze von der armen Elsa von Brabant, welche, um die verlorene Liebe ihres Eheherrn zu gewinnen, diesem einen Zaubertrank braute: »Aus Tränen, so vergossen In Jammer und Schmerz, Aus Blut, so entflossen Eines Judenkindes Herz.« Die Tränen wollte Michael Cibulas Weib wohl herbeischaffen; aber den Zaubertrank würde sie doch niemals brauen können. Denn woher das Blut nehmen?! Ja, wenn es ihr eigenes hätte sein dürfen. »Bete darum!« riet ihr Russka, die in ihrer Herrin Seele lesen zu können schien. »Bete du nur darum! Für die schöne Dornenkrone kann die Muttergottes dir etwas Hübsches bescheren; es brauchen nur drei Tropfen zu sein.« Zuerst bekreuzte und segnete sich Josepha voller Entsetzen, dann lautete ihr Gebet: Führe uns nicht in Versuchung! zuletzt betete sie »darum«. Halbe Nächte lag sie auf den Knien. * Asarja quälte seine Schwester mit Fragen: »Hast du ihm vergeben?« Dann blitzte Makkabea statt aller Antwort ihn mit ihren schwarzen Augen an. Betrübt ging Asarja davon. Trotz des strengen Verbotes, den Bach in der Schlucht zu überschreiten, kletterte Asarja, von einem mächtigen Drange getrieben, häufig die steilen Wände hinab. Wie eine Wildkatze schlüpfte er mit seinem schlanken Körper durch das Gebüsch und durch das in dem kühlen Grunde üppig wuchernde Pflanzenwerk. Er ging den Bach entlang, bis er an die Stelle kam, wo die Baumstämme des zerstörten Steges hängen geblieben waren. Dort glitt er über den Bach und klomm auf der anderen Seite wieder hinauf. Weit hinter der neuen Kirche gelangte er dann zu dem Pfad, der nach Piatra führte. Nun schlich er durch den Wald dem Dorfe zu, bis zu der Arve, unter der ihm damals das schöne Christenmädchen erschienen. Hier wartete er stundenlang geduldig, ob er nicht in der Ferne Iljas zierliche Gestalt und leuchtendes Köpfchen erspähte. Asarja wußte, daß die Christenkinder ihn verhöhnen und beschimpfen würden, hätten sie ihn unter den Bäumen entdeckt; aber er wäre doch hingegangen, wenn er ihr, die seine Schwester gebeten, »ihm zu vergeben«, hätte zurufen können, daß »ihm« vergeben worden sei. Da er das nicht konnte, wagte er auch nicht, vor Ilja sich sehen zu lassen. Eines Tages fand Asarja hoch im Gebirge Blumen, wie er so schöne niemals gesehen. Es waren große weiße, leuchtende Sterne, mit goldigem Kelch und wie Silber schimmernden Blättern. In hellem Entzücken pflückte er davon, soviel er tragen konnte, stieg eilig herab und sogleich nach Piatra hinüber. Vor Ungeduld zitternd wartete er hinter der Arve. Endlich sah er sie. Sie kam mit vielen anderen Kindern auf dem Weg zur neuen Kirche gerade auf ihn zu. Die Knaben waren mit Tannengewinden beladen, die Mädchen trugen große Körbe voller Blumen. Damit wollten sie den Hochaltar schmücken, dessen Sonne vor einigen Tagen voller Glanz aufgegangen war und vor dem Stefan Dozana ein Gebet zu sprechen gedachte. In einiger Entfernung folgte den Kindern Urs Cibula, der Ausgestoßene und Verfemte. Einen Augenblick zauderte Asarja, nur einen Augenblick. Dann trat er mit seinen Blumen hinter der Arve vor, die Augen mit strahlendem Blick auf Ilja geheftet. Kaum sahen die Dorfkinder den Judenknaben, als sie laut zu schreien und zu höhnen begannen. Asarja aber kam ruhig näher. Unbeschreibliches ging bei dem Anblick des Judenknaben in der Seele Urs Cibulas vor; es geschah in einem Augenblick und ohne daß er sich dessen bewußt ward. Er sah einen des verhaßten Volkes, um dessentwillen seine Eltern in Schmach und Trübsal lebten, um dessentwillen er selbst den andern Kindern gleich einem Übeltäter nachschlich, er sah, daß dieser Judenknabe Ilja Dozana Blumen bringen wollte – – Im nächsten Augenblick stürzte er vor, raffte einen Stein auf, den ersten besten, warf den Stein. Der Stein traf nicht. Ein zweiter, ein dritter folgte. Der dritte Stein traf. Nun hoben alle Knaben Steine auf, nun flogen von allen Seiten Steine auf Asarja ein. Dieser blieb stehen; er ließ weder die Blumen fallen, noch wandte er sich zur Flucht. Die Augen heftete er fest auf Ilja, doch war sein Blick unsäglich traurig geworden. Schon blutete er aus mehreren Wunden. Daß ihr Opfer so stumm blieb, erregte die jungen Christen zur höchsten Wut. Die Mädchen warfen ihre Körbe hin und flohen schreiend dem Dorfe zu. Nur Ilja Dozana blieb. Urs gebärdete sich wie ein Rasender. Aber plötzlich stieß er einen Schreckensruf aus, die Hand, die soeben einen Stein schleudern wollte, sinken lassend: Ilja Dozana war von seinem Steine getroffen wurden. Sie hatte sich über das Opfer geworfen, dieses mit ihrem Leibe zu schützen. Asarja fand noch die Kraft, seiner Retterin zuzulächeln und mit einer matten Bewegung seines blutenden Hauptes auf die Blumen zu deuten: »Nimm!« Dann ward er bewußtlos. Aber auch Ilja sank über ihn hin. Als die Kinder die beiden niederstürzen sahen, entsetzten sie sich vor dem, was sie getan. Bis auf Urs ergriffen alle die Flucht. Ilja kam bald wieder zu sich, doch blieb sie am Boden neben dem Besinnungslosen kauern und starte auf das blasse Antlitz und das rinnende Blut. Sie selbst fühlte gar keinen Schmerz. »Ich bin schuld, daß sie ihn getötet haben,« klagte das Kind. »Er wollte mir Blumen bringen und ihr habt ihn totgeschlagen.« »Es ist ein Judenjunge!« rief Michael Cibulas junger Sohn verächtlich. »Aber er blutet doch auch,« sagte Ilja leise, wie in tiefem Erstaunen, und ihre Tränen begannen zu fließen. »Du sollst nicht um den Judenjungen weinen!« schrie Urs und wollte sie von Asarja fortreißen. Dabei faßte er sie zornig an der Schulter, wo sein Stein sie getroffen hatte, daß sie laut aufwimmerte. Sogleich ließ er von ihr ab und stand mit einem Gesicht neben ihr, als ob er sie gemordet hätte. Jetzt kamen sie aus dem Dorfe herbei, Männer und Frauen, unter den letzteren befand sich Josepha. Die Kinder hatten vor ihrem Hause geschrien: »Urs Cibula hat einen Judenjungen totgeschlagen!« Die alte Russka war zu ihr gewankt gekommen und hatte ihr mit gellender Stimme zugerufen: »Das hat dir die Muttergottes zum Dank für deine Krone beschert. Lauf hin und hol dir das Blut.« Und Josepha war hingelaufen. Hatte Urs den Judenknaben wirklich totgeschlagen, so war nicht ihr Sohn der Mörder, sondern dessen Mutter mit ihrem Gebet um Blut. Grausen packte sie. Sie kam zur neuen Kirche. Dort lag der Boden voller Blumen und Tannengewinde und dort lag der Judenknabe. Seine Brust war mit Edelweiß bedeckt und unter den hellen Blumen quoll Blut auf. Das ist sein Herzblut! dachte Josepha und sah ihren Sohn an, der mit dem Blicke eines Mörders dabei stand. Ihr zweiter Gedanke war: sein Vater wird ihn töten wollen und er ist doch gar nicht schuld daran. Ich trage die Schuld, ich habe aus ihm einen Mörder gemacht, ich, mit meinem Gebete. Mich müßte sein Vater töten. Zwei junge Bauern schickten sich indessen an, Asarja auf einer Bahre hinüber zu seinen Eltern zu tragen. »Es ist der Sohn des Priesters.« Sie sagten es so gleichgültig, als handle es sich nicht um ein Kind menschlicher Eltern. Auch die Frauen zeigten kein Mitleid; am wenigsten die, welche selbst Mütter waren. Manche traten zu Josepha und redeten sie an – zum erstenmal seit langer Zeit. Es war, als sei der Bann, der auf dem Weibe Michael Cibulas lag, plötzlich von ihr genommen. Aber Josephas Grausen wuchs und prägte sich derartig ihrem Gesichte auf, daß es die Frauen von ihr fortscheuchte. Sie wollte durchaus mit den Männern nach dem Kryvan hinüber; dasselbe wollte Ilja. Als sie Asarja aufhoben, fielen von seiner verwundeten Brust die Blumen herab. Ilja sammelte die Blüten sorgfältig und trug sie in die Kirche, wo sie dieselben wie eine Opfergabe vor den Hochaltar niederlegte. Dann setzte sich der kleine Zug in Bewegung. Urs schlich hinterdrein. Um den Verwundeten, der kein Lebenszeichen von sich gab, über die Schlucht bringen zu können, mußten die Männer den weiten Umweg bis zu dem herabgeschwemmten Stege machen, so daß es, als sie in dem Judendorfe ankamen, Nacht geworden war. Die Gassen lagen bereits still und öde. Ohne jemandem zu begegnen, gelangten sie zu dem Hause Jehudas, vor dem die Träger die Bahre niedersetzten, heftig pochten und sich darauf eilig entfernten. Josepha und Ilja blieben, und in einiger Entfernung vom Hause des Rabbiners drückte sich Urs gegen eine Mauer. Nach einer Weile kam Jehuda und öffnete, eine Leuchte in der Hand, die Tür. Josepha deutete auf die Bahre und sagte: »Jude, mein Gebet hat deinen Sohn umgebracht.« Aber Urs rief herüber: »Wir haben ihn gesteinigt, weil er ein Jude ist!« Jehuda, ohne ein Wort zu sagen oder einen Laut zu tun, beugte sich zu seinem Sohne herab, beleuchtete sein Gesicht, untersuchte seine Wunden, richtete sich auf: »Er lebt.« Josepha begann an allen Gliedern zu beben, Ilja schluchzte auf. »Ich muß seine Mutter rufen,« sagte Asarjas Vater leise, setzte die Leuchte auf den Boden neben der Bahre, aber so, daß sie des Verwundeten Gesicht nicht beschien, und ging ins Haus. Bald darauf trat er mit seinem Weibe wieder heraus. Dozia sah in ihrem langen dunklen Gewände so schön und in ihrem Schmerz so feierlich aus, daß Josepha vor der hohen Gestalt scheu zurückwich. Lange blieb Dozia über ihren Knaben gebeugt dann verkündete auch sie: »Er lebt!« Sie erhob sich. »Wer seid Ihr, die Ihr unserem Knaben das Geleit gabt?« Josepha antwortete nicht, Jehuda wollte sein Weib ins Haus führen, aber Dozia wehrte ihn ab. So ging denn der Rabbiner, um Belebungsmittel zu holen. Dozia redete Josepha von neuem an: »Wollt Ihr nicht bei uns eintreten, Euch ausruhen und uns dann melden, wie es zuging, daß man unserem sanften, guten Knaben solches antun konnte?« Das sprach Dozia mild und gütig. Sie hatte sich wieder über die Bahre gebeugt und suchte mit ihren Tüchern das Blut zu stillen. Josepha schüttelte heftig abweisend den Kopf; aber Ilja schluchzte: »Er wollte mir Blumen bringen, da haben sie ihn mit Steinen geworfen, weil er ein Jude ist.« Dozia nahm das Licht vom Boden auf; trat zu dem Kinde, leuchtete in dessen Gesicht und betrachtete es mit einem langen staunenden Blicke. »Wer bist du, der unser Knabe Asarja Blumen bringt?« Verwirrt durch die Hoheit der Jüdin, erschreckt durch den großen und glanzvollen Blick, mit dem die Mutter Asarjas sie ansah, vermochte Ilja nichts zu erwidern, Urs tat es für sie. Er kam vor und sagte: »Wenn der Judenknabe Ilja Dozana noch einmal Blumen bringt, wird er noch einmal gesteinigt. Aber dann schlage ich ihn tot.« »Urs! Urs!« rief Josepha mit ausbrechendem Jammer. Entsetzt sah Dozia auf den Knaben. »Du hast unserem Sohn das angetan, du – Urs Cibula!« Sie wandte sich zu Josepha. »Bist du seine Mutter?« »Ich bin Josepha Cibula.« Es war, als wollte Dozia zu ihr gehen, als wollte sie ihr etwas sagen; dem Ausdruck ihres Gesichtes nach mußte es etwas Furchtbares sein. Aber in diesem Augenblick ertönte im Hause Makkabeas lautes Jammergeschrei, Makkabea stürzte heraus und warf sich wehklagend über den Bruder hin. Jetzt kam Jehuda mit Leinwand und Salben, und auf der Schwelle erschien die ehrwürdige Greisengestalt Baruch Kolons, hinter der sich die Mägde drängten. Bei dem Anblick des blutigen, regungslosen Asarja heulten sie auf. Auch die Nachbarn liefen herzu, erhoben ein Zetergeschrei, und bald war der ganze Ort in wilder Aufregung vor dem Hause des Rabbiners versammelt. Aber Jehuda winkte allen, zurückzutreten, hob seinen Sohn auf und trug ihn hinein. Noch einmal wandte sich Dozia mit milder Rede an Josepha: »Wollt Ihr bei uns eintreten, so sollt Ihr uns willkommen sein.« Vergeblich wartete sie auf Antwort. Mit einem Seufzer folgte sie ihrem Manne, die Türe vor den Andrängenden schließend. Sie hatten Asarja entkleidet und in der Kammer seiner Mutter niedergelegt. Die jammernden Mägde mußten sich entfernen, nur die Seinen blieben bei ihm. Dozia wusch des Knaben Stirn mit starken Essenzen, wusch die Wunden und legte Balsam darauf. Als Asarja zur Besinnung kam, waren seine ersten Worte: »Vergebt ihnen!« Dabei sah er Makkabea an, die ihm mit dem Antlitz einer jungen Rachegöttin gegenüberstand. Bald darauf verfiel er in Fieberphantasien. Sein Leib wurde von glühenden Pfeilen durchbohrt, es regnete Feuerbrände auf ihn. Dabei heulten gräßliche Stimmen: Vergib uns, Jude! So vergib uns doch! Und je mehr er ihnen vergab, um so mehr quälten sie ihn, bis sein Leib eine einzige blutende Wunde war und aus seinem Haupte eine Flamme aufstieg. Plötzlich war's ihm, als würden seine zermarterten Glieder verklärt, als bette er sein glühendes Antlitz auf taufrischen weißen Lilien. Es ward licht um ihn wie ewiger Tag. Himmlischer Gesang erschallte. Und da er wieder um sich blicken konnte, sah er neben sich einen wunderschönen Engel im Strahlenkleide, eine leuchtende Blumenkrone auf seinem Sonnenhaar. Der Engel lächelte ihn an und sagte mit leiser, süßer Stimme: »Ich bin die Vergebung, die zu Christen kommt und zu Juden.« Da lächelte auch Asarja, und lächelnd verstummte er, lächelnd schlief er ein. Makkabea wurde zu Bett geschickt, die Eltern und Baruch Kolon hielten Wache. Flüsternd besprachen sie sich. »Sie vererben ihren Haß den Kindern,« meinte Jehuda traurig, »In ihren Kindern wird ihr Haß von neuem geboren; ihre Kinder werden die unseren immer wieder von neuem steinigen. So lebt der Fluch fort, von Geschlecht zu Geschlecht – er lebt in Ewigkeit.« Sein Seherantlitz erhebend, entgegnete der Patriarch: »Es werden kommen Geschlechter der Christen, welchen der Haß gegen unser Volk nichtig sein wird gleich dem Worte, das geschrieben steht im Sande des Meeres, darüber eine mächtige Wasserflut hinweggeht.« Aber Jehuda klagte: »Viele Wellen werden darüber hinweggehen müssen, bis sie das Wort des Hasses auslöschen; zu tief steht es eingegraben, nicht in Sand, sondern in Fels. Es wurde auch nicht mit einem Stift geschrieben, sondern mit dem Schwerte eingehauen. Und so tief drang der Schwertschlag, daß aus dem Felsen eine Quelle hervorbrach. Man kann hingehen und schöpfen aus dem Wort.« »Blut,« murmelte Dozia dumpf, »Judenblut.« Und sie blickte auf die Wunden am Haupt ihres Sohnes. »Es wird ausgelöscht werden und verwehen alles,« murmelte der Weise, »denn da ist nichts, was besteht, außer was Gottes ist. Es werden auch vergehen die Spuren des Blutes, welches geflossen aus den Wunden unseres Volkes. Denn da wird kommen ein gewaltiger Sturm, der fährt vom Himmel nieder zur Erde, hin über die Länder und wieder zum Himmel empor. Deshalb sollen wir nicht trauern, sondern hoffen.« »Und harren,« fügte Jehuda düster hinzu. Dozia wandte ihr kummervolles, Gesicht nach dem Greise hin. »Wird dieser Knabe die Zeit erleben, auf die wir hoffen und harren sollen?« Aber Baruch Kolon weigerte der angstvoll wartenden Mutter die Antwort. Als der Tag graute, verließ Baruch Kolon die trauernden Eltern. Da flüsterte Dozia ihrem Manne zu, wessen Haß ihrem Sohn die Wunden geschlagen, und Jehuda verbarg sein Gesicht in den Händen. * Erst gegen Mitternacht kamen Josepha und Urs nach Hause, Josepha hatte in einem fort vor sich hingemurmelt und geseufzt, aber ihrem Sohn noch immer kein Wort des Vorwurfs gesagt. Urs hätte sie lieber gegen sich toben sehen, als sie so murmeln und seufzen hören. In Michael Cibulas Schnitzkammer brannte noch Licht, Josepha wollte vorerst allein hineingehen und Urs sollte im Garten bleiben, bis sie ihn rufen würde. Aber Urs stellte sich vor sie hin und rief heftig: »Du sollst nicht für mich bitten!« Nun begann Josepha bitterlich zu weinen, was auf den Knaben eine solche Wirkung hatte, daß er, ohne ein weiteres Wort zu sagen, in den Garten schlich und die Mutter allein zum Vater gehen ließ. Mit wankenden Knien näherte sich Josepha der Kammertür, drückte sie mit Anstrengung auf und schob sich hinein. An der Tür blieb sie stehen, Michael Cibula saß und schnitzte; er hörte sein Weib kommen, sah aber nicht auf. Mit kaum vernehmlicher Stimme bot Josepha ihrem Mann den Abendgruß. »Ich war drüben auf dem Kryvan,« begann sie zagend und stockte. »Ist der Bube tot?« Und er schnitzte gelassen weiter. Die jungen Männer, die Asarja zu seinen Eltern hinüber getragen, hatten nicht gleichgültiger von dem Knaben gesprochen. Josepha lehnte sich gegen die Wand. Sie erwartete etwas Entsetzliches. »Wo ist Urs?« »Du willst ihn töten!« Und sie trat wankend vor. »Um des Judenknaben willen?!« fragte ihr Mann verächtlich. »Er lebt!« »Desto besser für ihn.« Josephas Gedanken verwirrten sich. »Du willst Urs nichts zuleide tun?« fragte sie, am ganzen Leibe zitternd, zwischen Furcht und Hoffnung schwankend. Michael Cibula beugte sich tief auf seine Arbeit herab. »Warum sollte ich dem Knaben etwas zuleide tun? Weil er sich frühzeitig darin übt, Juden totzuschlagen? Es ist besser, als übte er sich Katzen zu erwürgen.« In solcher Weise hatte Josepha ihren Mann noch niemals reden hören. Als damals Urs dem Judenmädchen ins Gesicht geschlagen hatte, mußte er dessen Eltern Abbitte tun. Das war vor vier Jahren gewesen. Und jetzt hatte er einen Judenknaben gesteinigt und sein Vater fand Gefallen daran. So war sein Haß gewachsen in den vier Jahren. Was würde daraus werden in abermals vier Jahren? Josepha entwich aus der Kammer, ging in den Garten, sagte Urs, daß sein Vater schrecklich zornig auf ihn sei, und daß er heute nacht bei seiner Mutter schlafen sollte. Aber Michael Cibula hatte sich nicht nur gelassen gezeigt, er war auch gelassen und ruhig. Eifrig, mit fast fieberhafter Arbeitslust schnitzte er, nachdem Josepha gegangen, weiter an seinem Holzbilde, diesem wiederum tief in die starren Augen blickend. Und wiederum sprachen die unbarmherzigen Augen zu seinem Geiste. Indessen diese Nacht befahlen sie ihm nicht: »Töte sie – töte das Weib!« Diese Nacht befahlen sie ihm: »Töte sie – töte die Juden!« Michael Cibula antwortete darauf: »Entweder werde ich sie töten, ich oder mein Sohn. Denn weder ich noch mein Sohn haben den Juden Frieden geschworen.« Und das Holzbild nickte ihm zu: »Es ist gut! Du oder dein Sohn!« So besprachen sich die beiden miteinander. * Josepha fand keinen Schlaf. Auch zu des Weibes Seele redete ein Dämon, und auch ihre Seele hörte darauf. Urs schlief so friedlich an seiner Mutter Seite, als hätte er tagsüber Blumen gepflückt und Schmetterlinge gejagt. Nachdem Josepha eine Weile auf seine tiefen Atemzüge gelauscht, stand sie auf und kleidete sich vollständig an. Dann besprengte sie sich mit Weihwasser, öffnete die Türe, schlich aus der Kammer und zum Hause hinaus. Sie hatte schon zu Bett gelegen, als Russka noch einmal zu ihr gekommen war, um sie zu fragen: »Nahmst du das Blut, das die Muttergottes dir zum Dank für deine Krone beschert hat?« Aber Josepha hatte, statt aller Antwort, laut zu beten begonnen. Russka jedoch war nicht vom Bette gewichen, hatte gemahnt und gescholten, hatte orakelt und geweissagt, Ihre letzten Worte waren gewesen: »Braust du ihm den Trank, so gewinnt er dich lieb, daß er nimmer von dir lassen kann. Aber das Judenblut muß von einem Priester gesegnet und unter die Hostie gehalten werden. Stefan Dozana segnet es dir. Geh mit dem Blute zu Stefan Dozana.« Damit war sie fort und Josepha lag wachend und dachte an das, was die Alte gesagt hatte; dann war sie aufgestanden und jetzt wollte sie das Judenblut holen. Aber zu Stefan Dozana konnte sie damit nicht gehen, unter die Hostie konnte sie es nicht halten, sie, die kein Priester mehr segnete, der keine Hostie mehr gereicht wurde. Aber der Trank würde nicht wirken, wenn er nicht gesegnet war. Ach, und wenn sie für sich selbst die Hostie hätte empfangen können! Was hätte sie gegeben für ein Stückchen des göttlichen Leibes\ –\ – Gott mochte ihrer armen hungernden Seele gnädig sein. Wie ein ruheloser Geist glitt die Gestalt des unseligen Weibes durch die Nacht. Sie gelangte zu den letzten Häusern des Dorfes, sie gelangte zu der neuen Kirche. Schwarz lag das Heiligtum da. Nur über der Tür haftete ein bleicher Schimmer gleich einem Nebelstreif. Das war der schwebende Engel mit der Siegespalme und der Siegestafel. Josepha trat ein. Die dunklen Gewölbe umfingen sie, als sei sie plötzlich in den Schoß der Erde gesunken. Geisterhaft hallte ihr Schritt in dem Räume. Dann kam das Grausen über sie. Sie fühlte ihre Glieder schwer werden, sie fühlte sich von glühenden Schauern überrieselt, von eisigem Frost geschüttelt. Ihr Haar schien zu Nadeln zu werden, die sich in ihr Fleisch bohrten und sich emporsträubten. Sie wollte die Heiligen anrufen, aber das Grausen erstickte ihre Stimme. Sie wollte fliehen, wollte hinsinken – – da dachte sie ihres Mannes, fühlte ihre Liebe für ihn, fühlte sie als eine Macht, die ihr Grausen überwand. Sie blieb und tastete sich weiter. Jetzt stieß ihr Fuß an eine Stufe. Das war der Hochaltar, vor dem Hochaltar mußten die mit dem Blute Asarjas getränkten Blumen liegen. – – Einen Schritt trat sie vor, und dann noch einen, Sie bückte sich, sie wollte fassen – – sie faßte – – ein menschliches Antlitz! Schwer lag ihre Hand auf der glatten, kühlen feuchten Haut. Kein Laut kam über ihre Lippen. Dann zuckte ihre Hand zurück und sank nieder, als habe ein Schlag sie getroffen. Da fühlte ihre Hand etwas Weiches, die Blumen! Unwillkürlich griff sie hinein, faßte sie, zog die Hand zurück. Es kostete sie Anstrengung, als ob sie etwas Fremdes, Hartes, Schweres aufhöbe statt des eigenen Armes. Ihre Sinne drohten zu schwinden: zu ihren Füßen hörte sie Töne, Seufzer, Worte – – Zuerst war's ein Lallen und Stammeln wie von einem, den im Traum der Alp drückt, dann kam Zusammenhang in die wirren Laute, dann ward es zur Sprache – zu welcher Sprache! Zu der Rede eines Priesters, der in Ekstase und Verzückung vor dem Altar zusammengebrochen war – in Raserei. Es war die Stimme Stefan Dozanas, die Michael Cibulas Weib dem Himmel ein Geständnis ablegen hörte, welches klang, als ob Lucifer, der gefallene Engel, Gott beichtete. Aber ihre Sinne waren zu zerstört, um viel davon zu verstehen. Nur das eine verstand sie: daß dieser Priester sich eher hätte in einen Abgrund werfen sollen, wo er am tiefsten war, als in die Arme der Kirche. Als Josepha wieder ihre Besinnung erlangte, fand sie sich vor ihrem Hause. Die Hand mit den Blumen darin hielt sie krampfhaft geschlossen. Acht Tage lang irrte sie umher, die Welt und die Menschen ansehend, als wären sie Trugbilder ihrer kranken Seele. Acht Nächte lang wachte und betete sie. Auch dann kam sie zu keinem Entschlüsse, kaum zu einem rechten Gedanken. Aber etwas tat sie. Jede Nacht stand sie leise auf, schlich aus dem Hause, hin zu – Stefan Dozanas Haus. Vor seinem Hause wartete sie, bis der Morgen graute. Eines Abends spät hatte Stefan Dozana noch etwas in der alten Kirche zu tun. Er nahm eine Leuchte und ging. Als er eintreten wollte, kauerte auf der Schwelle ein Weib, das sprach kein Wort, das sah ihn nur an. Es war ein Blick, vor dem auch der Mann stumm blieb. Er öffnete die Kirchentüre, ging hinein und ließ hinter sich offen. Das Weib folgte wie gewaltsam dem Priester nachgezogen. Dieser setzte die Leuchte nieder und ging zum Beichtstuhl. Das Weib folgte ihm. Sie flüsterten lange zusammen. Dann trat der Priester aus dem Beichtstuhl, begab sich in die Sakristei und kam wieder, in vollem Ornat, mit der Hostie in der Hand. Er ging zum Hochaltar. Das Weib folgte ihm. Sie wäre dem Priester in einen Abgrund gefolgt, hätte dieser sie mit der Hostie in einen Abgrund gewiesen. Er stand vor ihr, hob die Hostie, sprach darüber hin, brach sie. Das Weib war niedergesunken, daß ihr Kopf vor dem Manne am Boden lag. Wenn er den Fuß aufgehoben, hätte er ihn auf ihren Nacken setzen können. Aber er zertrat nur ihre Seele. »Dieses will ich dir reichen, wenn du vor mir niederfällst und mich anbetest.« Stefan Dozana sprach die Worte nicht, die der Versucher auf dem Berge in der Wüste zu Jesum gesagt; aber es war, als ob er sie gesagt hätte; und das unselige Weib, das zu seinen Füßen hingesunken lag, Gott anzubeten, sprach nicht, was Christus zu dem Versucher gesprochen, sondern sie lag da und betete an. Er reichte ihr die Hostie, und Josepha schob die blutgetränkten Blumen unter den göttlichen Leib, ließ diese und sich selbst segnen und glaubte ihre Seele gerettet zu haben. Gott sei ihrer armen, verlorenen Seele gnädig! Zwölftes Kapitel Bischof Mauricius kommt, sieht und beneidet Seit der Mißhandlung des Judenknaben waren mehrere Wochen verflossen und noch immer ließen die Juden keine Klage erfolgen. Da berieten sich die Waldleute mit ihrem Priester, schrien darauf nach dem Kryvan hinüber, den Juden zu und sendeten Boten in die Schlucht hinab. Einige Abgesandte der Ebräer standen auch richtig am Ufer des Baches. Nun riefen die Waldleute hinüber: »Den Bauern von Piatra täte das Geschehene leid; indessen, was hätte der Judenknabe bei ihnen zu tun gehabt? Überdies wäre bei dem Vorfall auch ein Christenmädchen verwundet worden, die Bruderstochter ihres Priesters, und das Kind liege schwer krank an der Verletzung darnieder. Trotzdem böten die Bauern von Piatra den Juden von Tar für den gesteinigten Knaben Entschädigung.« Die Juden riefen zurück, »Da sie keine Klage geführt hätten, so beanspruchten sie auch keine Entschädigung. Sie hätten aber nicht geklagt um des Christenmädchens willen, und weil dieses den Knaben mit seinem Leibe gedeckt. Denn diese eine Liebestat sei mächtiger als alle Missetaten. Übrigens waren sie nicht mehr die Juden von Tar, sondern die Juden vom Berge Kryvan.« Diese Antwort überbrachten die Boten den Waldleuten; sie machten gerade keine freudigen Mienen dazu. Den ganzen Sommer und Herbst arbeiteten die fremden Arbeiter an der Ausschmückung der neuen Kirche. Bis zum Winter hätte dieselbe vollendet werden können. Aber Stefan Dozana, der seit dem Frühling alle Hast verloren, mahnte stets, sich nicht zu übereilen, sich bei der Arbeit Zeit zu gönnen, und hätte diese am liebsten für den Winter ganz einstellen lassen. Die Waldleute vermochten sich das vollständig verwandelte Wesen ihres geistlichen und weltlichen Gebieters nicht zu erklären und grollten mit ihm. Fortan kamen die Gemeindehäupter selbst jeden Morgen zur neuen Kirche und trieben die Handwerker an: bis zum ersten Advent sollte alles fertig sein. Die Verkündigung der Engel an die Hirten wollten die Bauern in diesem Jahre im neuen Heiligtume vernehmen. Der junge Maler malte an seinem letzten Bilde. Es stellte eine junge Sünderin dar, die in allen ihren Sünden vor den Herrn treten will. Aber die Jünger weisen sie ab, scheu schleicht das Weib davon. Ihr schöner Leib ist in Qualen zusammengekrümmt, die zarten Schultern sind wie niedergedrückt von der Last ihrer Schande. Sie bricht fast zusammen. Sie wendet den Kopf zurück nach dem Herrn. Das Weib sieht nach Christus, mit einem Blick der wie ein Jammerlaut ist, wie ein Sterbeschrei, wie der Seufzer einer zur ewigen Höllenqual Verdammten. Aber Christus sieht den Blick nicht. Der Gedanke zu diesem Bilde war dem jungen Künstler gekommen, als er eines frühen Morgens Josepha Cibula aus der alten Kirche hatte treten sehen. Die junge Sünderin trug die Züge von Michael Cibulas Weib, sie hatte Josephas Blick. Zum letzten Advent räumten die Handwerker die Kirche. Das ganze Dorf strömte hinzu, und es erschien den Waldleuten ihr Heiligtum über die Maßen herrlich. Sie rühmten und brüsteten sich nicht wenig und mancher dachte bei sich, die Heiligen könnten den Heiligen danken, eine solche Kirche und eine solche Gemeinde zu haben. Zuletzt stellten die Bauern die Chorstühle auf, hingen die Tür ein und die Bäuerinnen legten der Muttergottes den Federmantel um. Und als nun vollends die leere Tafel, die der schwebende Engel hielt, ihre Inschrift bekam, da wußte kein Bauer von Piatra, welche Sünde ihm noch anhaften könnte, da glaubte jeder auf Rechnung der neuen Kirche in aller Frömmigkeit hinfort nach seinem Gefallen leben zu dürfen. Sie kamen zu ihrem Priester, ihn aufzufordern, die Kirche zu weihen. Aber Stefan Dozana antwortete: »Die neue Kirche will im Frühling der Bischof weihen.« Er hatte auf einen Tumult gerechnet. Ein solcher erhob sich auch, aber er war anderer Art, als der ehrgeizige Priester erwartet. Statt zu murren, jubelten sie; statt in ihren Priester zu dringen, selber die Weihen zu vollziehen, liefen sie hin und schlossen die Kirche ab, damit keiner darin bete, ehe das der Bischof am neuen Hochaltar getan. Stefan Dozana aber hatte wieder eine schlimme Stunde. Ungeduldig harrten die Waldleute des Frühlings. Sie zürnten dem Himmel, daß er gerade diesen Winter der Verrös so viel Schnee geschickt, sie schalten die Heiligen, daß diese nicht für einen zeitigen Frühling Sorge trugen, und haderten mit der heiligen Jungfrau, weil sie die Ungeduld der Bauern von Piatra nicht zu teilen schien. Sie spähten nach jedem Sonnenstrahl, nach jedem warmen Winde und wüteten gegen den Kryvan und die Juden, als drüben der Schnee schon zu schmelzen begann, während ihr Dorf noch tief im Winter steckte. Als der April sich seinem Ende näherte und das Tal immer noch hohen Schnee hatte, nötigten sie den Priester zu einer Prozession. Sie holten aus der neuen Kirche das Madonnenbild, trugen es auf einen ragenden Felsen und zeigten der Himmelskönigin das schneebedeckte Tal. Das wirkte. Die Muttergottes erschrak über die wilde Verrös und bald darauf ging der Schnee fort. Einige Wochen später brachte ein Bote die Nachricht, daß der Bischof mit großem Gefolge nach dem Waldtale unterwegs sei. Nun gab es in Piatra ein Leben! Das erste, was geschah, war, daß die Männer das Regiment freiwillig an die Weiber abtraten und diese mit ihren kräftigsten Stimmen unbeschränkt zu herrschen begannen. Sie schienen es anders gar nicht zu kennen. Während die Mägde die Blockhäuser reinigten, als ob diese rußige Pfannen seien, während die Kinder Blumen und grüne Zweige herbeischafften, daraus die Jungfrauen lange Girlanden wanden, mußten die Männer jagen und fischen, Netze aufstellen und Fallen legen. Auch die Hirsche und Rehe, die Auerhähne, Fasanen und Schnepfen, die Forellen, Muränen und Aale sollten erfahren, daß zum ersten Male, seitdem die Felsen der Verrös standen, ein Bischof in die Verrös kam, und was solches für die Verrös bedeute. Die Hirten suchten ihre fettesten Ziegen und Hammel, ihre zartesten Zicklein und Lämmer aus, und im Gemeindehause wurde der Tod eines Rindes, dreier Schweine und mehrerer Kälber beschlossen. Über das Federvieh hielten die Herrinnen von Piatra in eigener Person strenge Musterung. Und hoffte etwa ein feister Kapaun oder Puter, eine stattliche Ente oder Gans, ein junges Perlhühnchen im unbehaglichen Gefühl seines Fettes und seiner Zartheit sich vor den scharfen Blicken der Hausfrauen zu verbergen, so täuschten sie sich. Dann erlebten die Felsen und Wälder der wilden Verrös, daß eines strahlenden Maitages ein ansehnlicher, vornehmer und bunter Zug ihre Einsamkeiten durchkreuzte. An der Spitze ritt Bischof Mauricius, trotz seines geistlichen Kleides so streitbaren Aussehens, als gälte es, eine Schlacht zu schlagen, statt eine Kirche zu weihen. Im übrigen schien der gestrenge Herr vortrefflicher Dinge zu sein, wie sein Gefolge ihn selten gesehen, woraus diese Weisen dann schlossen, daß binnen kurzem ein anderer die heitere Laune des Bischofs nicht teilen würde. Indessen mühten sich alle, Mienen zu zeigen, als schrieben sie das leuchtende Antlitz ihres Oberhauptes einzig und allein der Wirkung des schönen Frühlingstages zu. Dem großen geistlichen Gefolge des Kirchenfürsten hatte sich auf seinem Zuge in die Wildnisse der Verrös viel fremdes Volk angeschlossen; die einen aus Andacht, die anderen aus Neugier, Und hofften jene durch die Wallfahrt Gutes für ihr Seelenheil zu gewinnen, so gedachten diese allerlei hübsche und wunderliche Neuigkeiten mit nach Hause zu bringen. Denn der Ruf des goldstrahlenden Heiligtums, seiner Erbauer und der Gemeinde von Piatra war weiter und weiter gedrungen, Piatras Namen bis an die Grenzen des Ungarlandes tragend. Aber man sprach davon, wie man sich eine Sage erzählt; nun wollten die Leute selbst kommen und schauen. Hinter dem Zuge schritten vier junge Mönche, die an starken Stäben eine Glocke mit sich fühlten. Die Glocke war ein Geschenk des Bischofs Mauricius für die neue Kirche von Piatra. Häufig ward Rast gehalten. Teils wegen der Gliedersteifheit der geistlichen Herren infolge des langen Rittes, teils um die Schönheit des Landes, das man durchzog, besser zu genießen; endlich auch weil, einer alten hochehrwürdigen Sitte gemäß, solche Rast unter freiem Himmel stets mit angenehmen Stärkungen verbunden war. In gerechtem Mißtrauen gegen die Herbergen, die bei einem Ritte in die Verrös am Wege liegen könnten, hatte der bischöfliche Koch den größten aller Reisekörbe packen und dem zuverlässigsten aller Maultiere auf den Rücken schnüren lassen. Dieser Umsicht war zu danken, daß nicht nur die Fischgallerten und die Wildbretpasteten in einem Zustande hoher Vollkommenheit die Wälder der Verrös erreichten; auch die Laune der geistlichen Herren, die sich Gallerten und Pasteten wohlschmecken ließen, war eine vortreffliche. Das war ein buntes Bild, wie solches die tiefen Schluchten niemals geschaut; auf grünem Platz unter den Wipfeln des Urwalds eine fröhliche Tafelrunde streitbarer Wiener der Kirche. Nicht allein Rosen und Lilien trug da der Boden, sondern auch gebratene Kapaune und feurigen Tokaierwein. In ehrerbietiger Entfernung lagerte das Volk, und wer mit seiner Zehrung schneller fertig als ihm lieb war, der schaute mit ganz besonderer Andacht hinüber. Aber Bischof Mauricius gebot, alles, was an Kapaunen, Pasteten und Gallerten übrig geblieben, wieder einzupacken, denn: es kennt der Mensch nicht die Dinge, die da kommen werden. Obgleich mit den Wildnissen des hohen Tatra nicht gänzlich unbekannt, machte Bischof Mauricius, je weiter sie vordrangen, ein um so erstaunteres und bedenklicheres Gesicht. Zu seinem Gefolge sich wendend, bemerkte er: »Erst wenn man diese Täler sieht, erscheint begreiflich, was man von diesem Volke Befremdliches und Seltsames hört: nur hier konnte sich eine Republik von Waldbauern konstituieren und bis auf unsere Tage erhalten. Wenn das andere, was man von diesen Gegenden bei uns fabelt, ebenso wahr ist und diese Felsen voller Erze, diese Bäche voller Gold sind, so sollte man bei uns mehr der Bauern von Piatra und ihres wilden Tales gedenken. Ich fürchte, die Juden ließen sich den Bau der Kirche von diesen Waldleuten teuer bezahlen.« Und der Bischof Mauricius nahm sich vor, im offenen und geheimen mancherlei scharf zu betrachten und genau zu erkunden. Verhielt es sich, wie ihm berichtet worden, so würde er die Reise in diese Wildnis nicht umsonst unternommen haben. Solche Beschlüsse und Aussichten machten des Bischofs Stimmung immer heiterer, so daß sich sein Gefolge immer verwundertere Blicke zuwarf. Manche ließen ihren ersten bösen Verdacht fallen, wenn sie auch nicht begreifen konnten, wie öder Fels und wilder Wald auf des Menschen Gemüt eine solche rosige Wirkung auszuüben vermöchten. Und auch die Einsichtsvolleren, die besser über Ursache und Wirkung Bescheid geben konnten und genau wußten, welche herrlichen Gottesgaben alter Tokaier und Wildbretpastete waren, selbst diese Klugen fühlten sich diesesmal von ihrer Einsicht im Stiche gelassen. Mit einem Male umwölkte sich des Bischofs Stirn: an eine freie Stelle gelangend, wo sich ein hohes Holzkreuz erhob, trat ihm, an der Spitze der Waldleute, Stefan Dozana entgegen. Alle, die vorher noch nie einen Bewohner der Verrös gesehen, schauten staunend auf die Männer, die mit ihren hellen Locken und düsteren Augen, hoch und mächtig wie ein Geschlecht von Waldkönigen dastanden; alle blickten staunend auf die Frauen, welche in ihrer fremdartigen Schönheit, in den langen, weißen Gewändern und dem funkelnden Federschmuck eine Versammlung von Fürstinnen zu sein schienen. Sämtliche Waldleute – bis auf ihren Priester – warfen sich vor dem Bischof nieder, der mit größerer Würde, als stünde er vor dem Hochaltar seiner Kathedrale, segnend seine Rechte aufhob. Dann winkte er Stefan Dozana zu sich heran. »Der Weg in die Verrös ist weit und wild.« Das war das einzige, was der Bischof zum Waldpriester sagte, und er sprach das wenige nicht grade mit besonders gnädiger Stimme. Und grade nicht mit besonders demütiger Miene entgegnete Stefan Dozana: »Der Weg wird selten von Fremden gezogen, was auch nicht not tut.« Gegen Abend erreichte der Zug das Dorf, und zum letzten Male sang die alte Kirchenglocke als einzige metallene Himmelsstimme des Tales den Christengruß. Klar und voll klang das Geläute über die Wipfel der Schlucht. Durch die reine Luft drangen die Töne weit hinaus in der Stille des Abends, bis zu den Felsen des schwarzen Grundes, wo Michael Cibula sie vernahm und in schweren Gedanken sein Haupt neigte, Josepha, die nicht mit den anderen Frauen dem Bischof hatte entgegenziehen dürfen, faßte Urs bei der Hand und begab sich mit dem Knaben zu der Taxushecke, hinter der die Kinder im Frühling nach den kommenden Juden ausspähten. Als der heilige Mann auf der Straße vorbei kam, warf sich Michael Cibulas Weib, von dem Bischof ungesehen, mit ihrem Sohn auf die Knie. So empfing auch sie ihr bescheidenes Teil von der gnadenspendenden Nähe. Bei der neuen Kirche erwarteten die Greise, die Gebrechlichen und Kinder den Zug. Auch Russka war darunter und schrie im Chor der anderen Weiber den Bischof gellend um seinen Segen an. Die Kinder, die den ganzen Nachmittag auf dem Wege, den der Zug kommen sollte, hin und her gelaufen waren, standen jetzt mit den Blumen, die sie dem heiligen Mann zu Füßen streuen sollten, verlegen da und hätten am liebsten die Flucht ergriffen. Aber Bischof Mauricius hatte bereits von dem frommen Christenkinde gehört, das voll jungen, heiligen Glaubenseifers einen Judenknaben gesteinigt, und winkte den Kleinen – ganz gegen seine sonstige Art – gnädig zu. Da wagten sich die mutigsten heran, die anderen wurden von Müttern und Gevatterinnen hingezogen und nun schütteten alle ihre Körbe aus, so daß der Bischof plötzlich bis an die Knie in Blüten stand. Alsdann besichtigten die Fremden die Kirche und sahen mit eigenen Augen die Wahrheit des Märchens. Von Stefan Dozana und den Häuptern der Gemeinde geleitet, umschritt der Bischof mit seinem Gefolge den herrlichen Bau; da er jedoch schwieg, schwiegen alle. Ehe er in die Kirche trat, las er mit lauter Stimme die Inschrift über dem Eingang. Den Wildleuten war dabei zu Mute, als würde ihr Preis und Ruhm mit Engelszungen gesungen. Sie achteten nicht des seltsamen Tons, mit welchem die stolzen Worte gelesen wurden. Stefan Dozana aber fühlte, wie alles Blut ihm zum Herzen drang. Dann hörte er den Bischof fragen: »Wer hat diese Türe verfertigt?« »Die Bauern von Piatra.« »Nach welchen Mustern?« »Nach meinen Entwürfen.« »Nach Euern\ –\ –« Mehr sagte Bischof Mauricius nicht; aber das Gefolge sah scheu von der Tür und den beiden Männern hinweg. Nun aber trat der Bischof ein; doch außer seinem geistlichen Geleite, den Häuptern der Gemeinde und Stefan Dozana durfte niemand folgen. Gern wären jetzt die geistlichen Herren in laute Ausrufe der Verwunderung ausgebrochen; da indessen der Bischof immer noch schwieg, mußten auch sie stumm bleiben. Die Waldleute, deren Gemüter in diesem Augenblick vor Glück und Stolz erbebten, mißdeuteten das allgemeine Schweigen, es der Ehrfurcht vor dem Ort und dem Staunen über dessen Herrlichkeit zuschreibend. Keiner von ihnen blickte in das Gesicht ihres Priesters. Während dessen wurde die neue Glocke vor der Kirche niedergestellt und von den Jungfrauen bekränzt. Im vollen Ornat trat später der Bischof heraus; im Meßgewand, mit einem silbernen Weihwasserbecken folgte dem Kirchenfürsten Stefan Dozana. Der Bischof besprengte, taufte und segnete die Glocke. Darauf wurde sie von den Ältesten aufgenommen, in den Turm getragen, dort aufgezogen und im Glockenstuhl aufgehängt. Ihr erstes Geläute am Morgen des folgenden Tages sollte für Piatra höchsten Stolz und höchste Freude bedeuten. Das Gefolge zurückwinkend, trat der Bischof mit Stefan Dozana hart an den Rand der Schlucht; nach dem Kryvan hinüber deutend, warf er fragend hin: »Dort wohnen die Juden, die euch die Kirche erbaut haben?« »Dort wohnen sie.« »Die Lage ihres Dorfes ist besser als die des euern. Warum nahmt ihr nicht selber den guten Platz?« »Piatra liegt nun einmal an dieser Seite der Schlucht.« »Das ist kein Grund, den herrlichen Berg fortzuschenken.« »Wir verkauften den Berg.« »Ihr hättet euch drüben von neuem ansiedeln sollen.« »Das ging nicht an.« »Ihr gabt den besten Teil eures Tales hin – an Juden!« »Juden gaben uns das Beste unseres Tales – unsere Kirche.« Bischof Mauritius antwortete nicht, so daß ein schweres Schweigen entstand. In Stefan Dozanas Seele kam eine Stille wie an gewitterschwülen Tagen vor einem Sturm. Von neuem begann der Bischof: »Die Juden haben bessere Häuser als ihr.« »Sie bauten aus Stein. Die Bauern von Piatra sind Waldbauern.« »Die Juden haben Äcker und roden den Wald aus – euer Dorf umgibt eine Wildnis. Seht, sie legen eine treffliche Straße an! Seht, sie führen Stollen in den Berg und suchen nach Silber und Gold. Ihr habt allen euern Reichtum dem Volke überlassen, das den Heiland gekreuzigt.« Heiße Röte überzog das Antlitz des Redenden. Heftig rief er aus: »Das muß untersucht, das muß rückgängig gemacht werden!« »Das ist unmöglich,« entgegnete Stefan Dozana kalt. Und er setzte nach einer Pause hinzu: »Auch geht das niemand etwas an.« Da traf ihn ein Blick des Bischofs. Es war ein ganz seltsamer Blick, aber des Priesters Augen hielten ihm stand; beinahe, daß er dem Bischof seinen Blick zurückgegeben hätte. »Morgen ein Weiteres davon,« sagte der Bischof, jählings sich abwendend, »Es wird Zeit, sich nach einer Herberge umzuschauen. Wo wohne ich?« »In meinem Hause.« »Ich störe Euch ungern.« Und man sah es seinem Gesicht an, daß er lieber bei dem geringsten Bauern Unterkunft genommen. »Es ist Gemeindebeschluß, daß der Bischof bei dem Geistlichen wohne,« konnte Stefan Dozana sich nicht enthalten, auf das Gesicht des Bischofs hin zu erwidern. »Gehen wir also.« Es begann zu dunkeln; drüben glänzten die Lichter der Juden auf. Dem Bischof schienen sie Heller zu brennen als die der Waldleute. Sie schimmerten über die Schlucht, durch den Wald wie ein Gewimmel von Johanniskäfern. Von ganz Piatra geleitet, begab sich der Bischof nach dem alten Hause der Dozana, an dessen Schwelle Maura Dozana, die Mutter Iljas, den Kirchenfürsten empfing. Als dieser die kniende Frau, die immer noch von großer Schönheit war, segnete, blickte er von neuem auf sonderbare Weise nach dem Priester hinüber, und auch diesesmal erwiderte Stefan Dozana den Blick. Darauf machte er den Bischof mit dem Weibe bekannt. »Es ist die Witwe meines Bruders.« Stumm trat Bischof Mauricius ins Haus; nur dessen Bewohner folgten ihm. Die geistlichen Herren und die Mönche wurden bei den Bauern untergebracht, desgleichen die vielen andächtigen und neugierigen Fremden. Doch mußten manche mit Scheuern und Ställen fürlieb nehmen. Das Nachtmahl nahm Bischof Mauricius in einer von vielen Wachslichtern erleuchteten Laube vor dem Hause ein. Rotblühende Bohnen und Geißblatt bildeten den schimmernden Baldachin; prächtiges altes Linnen, von bunten Ornamenten durchwebt, bedeckte die Tafel; in zinnernen Schüsseln, die wie Silber glänzten, wurden von der stattlichen Hausfrau die Gerichte aufgetragen: gebratene und gesottene Forellen, Schinken und Zunge eines Bären, in würzigen Kräutern gedampft, Wild und Geflügel, am Spieß gebraten, eingekochte Früchte und Honiggebäck. Es war ein Mahl, das ein König sich hatte schmecken lassen können; aber düster saß Bischof Mauricius seinem stummen Wirt gegenüber und rührte die Speisen nur aus Höflichkeit an. Er beneidete die Juden um den Kryvan. Dreizehntes Kapitel Bischof Mauricius weiht und die Juden taufen Bevor Bischof Mauricius die Kirche weihte, trug Josepha ihren Dornenkranz, mit einem Tuche bedeckt, im Morgengrauen der Mutter Gottes hin. Viele Kränze waren von den Frauen und Jungfrauen in die Kirche getragen worden – am hellen Tage und im offenen Triumph. Das Bild der Himmelskönigin stieg wie aus einem Garten auf, selbst aus ihrem heiligen Leibe schienen Mairosen und Lilien zu sprießen. Diese Spenden mußten Maria wohlgefälliger sein als Josephas heimlich dargebrachtes dunkles Geflecht. Sie wußte nicht, wie sie über alle die Blüten zur Mutter Gottes hingelangen sollte, stand hilflos mit ihrem Kranze da und schaute zur heiligen Jungfrau hinüber, mit einem Blicke, welcher dieser hätte wie ein Dorn ins Herz dringen sollen. Aber obgleich Maria ihr Herz gleich einem Strauß, groß und rot, vor die Brust gesteckt trug, verzog sie doch bei Josephas tottraurigem Blick keine Miene. Diese mußte sich durch die Blumen zu dem Bilde einen Pfad bahnen, den sie, um keine Blüte zu zerdrücken, vorsichtig ging. Mit flehender Gebärde drückte sie ihren Kranz in die göttlichen Hände, die sich zu keinem Segen für sie regten. Es war, als habe sie einem Leichnam etwas in die Hand gelegt. Sie sank nieder und preßte ihre Stirn gegen Marias Füße. Maria hatte ihr das Blut beschert, nun sollte Maria ihr auch die Tränen geben. Denn seitdem Josepha das Blut unter die Hostie gehalten, war sie so elend geworden, daß sie nicht einmal mehr zu weinen vermochte. Und ohne Tränen war der Zauber nicht zu brauen, und ohne den Zaubertrank erwarb sie sich nicht die Liebe ihres Mannes, und ohne die Liebe ihres Mannes konnte sie nicht länger mehr leben. Sie betete bis der Tag anbrach. Als sie sich erhob, stand die Schmerzensreiche im vollen Sonnenglanz da; aber dieses Frauenbild begann nicht zu singen und zu klingen wie jener Felsenleib in der Wüste. Damit niemand ihr begegne, ging Josepha nicht durch das Dorf, sondern machte einen weiten Umweg durch den Wald. Aber gerade hier traf sie einen, der, seinem Aussehen nach, die Nacht auch nicht in süßem Schlafe zugebracht hatte. Bei seinem Anblick zuckte Josepha zusammen, als habe sie auf eine Schlange getreten; da sie indessen nicht fliehen konnte, trat sie beiseite, ihn vorbei zu lassen, und um ihn nicht ansehen zu müssen, schloß sie die Augen. »Wo kommst du her, Josepha?« fragte Stefan Dozana mit einer Stimme, wie er sonst zu niemanden sprach. Josepha deutete mit dem Kopfe nach der Richtung, woher sie gekommen war. »Und wo willst du hin?« Josepha deutete nach dem Dorf zu. »Warum gehst du durch den Wald nach Hause?« Josepha machte eine leidenschaftliche ablehnende Gebärde. »Weil dich niemand sehen soll?« Josepha nickte heftig. »So scheust du dich vor den Menschen?« Sie stand da ohne Bewegung, ohne Laut. »So scheust du dich vor den Menschen?« wiederholte Stefan Dozana und setzte hinzu: »Weil du dich ein einzigesmal hast von mir auf die Wangen küssen lassen?« Josepha blieb stumm und regungslos; auch die Augen öffnete sie nicht. Da küßte er sie auf den Mund. Sie stieß einen dumpfen Wehlaut aus und brach vor ihm zusammen, als hätte er sie mit einem Messer ins Herz getroffen. Mit fahlem Gesicht, zuckenden Lippen, mit Blicken wütender Leidenschaft beugte er sich zu ihr herab, faßte sie an der Schulter und rüttelte sie. »Josepha!« schrie er sie an, »Josepha!« Sie antwortete nicht. »Ist es die Furcht vor der Sünde?« Ihr Körper bebte unter seinen wilden Händen, daß es sie wie Fieberfrost schüttelte. Da raunte er ihr zu: »Ich bin ein Priester, ich kann Sünden bestrafen und Sünden vergeben – ich kann es im Namen Gottes. Aber deine Sünde vergebe ich dir nicht, so wenig, wie ich mir die meine vergebe. Ich will dich durch eine Sünde an mich binden wie mit glühenden Ketten! Wir wollen miteinander Sünden begehen, zahllos wie Sand am Meer! Wir wollen um unserer Sünden willen miteinander verdammt werden – miteinander ewige Qualen erdulden. Du bist mein, du gehörst mir, als ob du des Satans wärest und der Hölle gehörtest!« Erbarmen! Erbarmen! Erbarmen! schrie es in ihrer Seele auf, aber über ihre Lippen kam kein Laut. »Höre!« flüsterte Stefan Dozana. »Ich habe eine wilde Nacht gehabt, in der ich mit Leib und Leben dem Bösen verfallen. Bleibst du so liegen, so reiße ich dich auf und schleppe dich, wenn heute der Bischof die Kirche weiht, vor den Altar, küsse dich vor allem Volk, zeihe uns vor allem Volk der Sünde und lasse uns vor allem Volk vom Bischof verdammen. Er ist ja doch nur gekommen, um mich zu verderben. Wenn dann Michael Cibula hört, daß sein Weib\ –« Er verstummte, Josepha hatte bei dem Namen ihres Mannes die Augen aufgeschlagen und ihn angesehen; und vor diesem Blick verstummte Stefan Dozana. Sie ist verrückt geworden, dachte er, vergebens gegen ein furchtbares Grausen kämpfend. Ihre Blicke auf ihn geheftet, erhob sie sich, stand sie vor ihm. Da ließ Stefan Dozana vor ihr ab, da floh er vor ihr. Hätte die Muttergottes auch Josephas Gebet erhört und ihr in ihrer Not Tränen gespendet – trotz des geweihten Judenblutes und trotz der Tränen, »vergossen in Jammer und Schmerz,« hätte sie den Zaubertrank nicht brauen können: war doch Michael Cibulas Weib von den wilden Lippen Dozanas jetzt auch auf den Mund geküßt worden. Daß ihr jetzt selbst der Zaubertrank nimmer helfen würde, ihres Mannes Liebe zu gewinnen, das war es gewesen, was Josepha plötzlich eingefallen war, als sie ihre Augen aufgeschlagen und Stefan Dozana angesehen hatte mit einem Blick, daß dieser glaubte, sie sei von Sinnen gekommen. * Mit dem Morgen begann in Piatra das festliche Leben. Den Mittelpunkt des fröhlichen Treibens bildete die neue Kirche, deren Anblick die Waldleute wie auch die Fremden keine Stunde missen wollten. So gedachte man denn auch, das Mahl, bei dem alle Gäste der Gemeinde waren, am Rande des Waldes unter den Bäumen einzunehmen. Nur der Bischof und die Geistlichen sollten an einer Tafel speisen. Sie wurde unter den dichtesten Baumkronen aufgeschlagen; in den Zweigen hingen die Jünglinge Blumengeflechte auf, so dicht und bunt wie nur möglich. Indem man die Gewinde miteinander verschlang, stellte man rings um die Tafel ein in den Lüften schwebendes Gehege dar. Für die übrigen war der Erdboden Tafel und Stuhl zugleich; Moos und Rasen bildeten das Tischtuch. Von dem Platz des Bischofs aus erblickte man, über die neue Kirche hinweg, den Gipfel des Kryvan. Schon in früher Morgenstunde prasselten am Waldesrande die Feuer, daran die Mägde und Hausfrauen mit Zubereitung der Speisen beschäftigt waren, die festliche Arbeit in Festtracht verrichtend. Zwischen den Herdstellen und dem Torfe liefen die Kinder hin und wieder, schleppten die Fische und das Geflügel, die Schinken und Speckseiten herbei, brachten die fetten Hammel, die Ziegen und Zicklein, brachten das geschlachtete Rind, die Kälber und Schweine, brachten alles, was in Pfannen und Töpfen gesotten, gedampft und geschmort oder auf Spießen über dem Feuer gebraten werden sollte. Herrlich war das Festgebräu und das Festgebäck geraten, so daß die wackeren Frauen in ihrer Freude über die langen Reihen köstlich duftender Brote, Wecken und Kuchen ihres Kummers über die fehlenden Gewürze völlig vergaßen. Die Leute von Piatra wollten den Fremden zeigen, daß man bei ihnen zu leben wisse. Auch der geringste und kleinste dieser kleinen Waldesfürsten schritt heute stolz einher; was die großen anbetraf, so trugen diese ihren Rücken schon für gewöhnlich so steif, daß sie in dieser Hinsicht beim besten Willen nichts Außergewöhnliches mehr zu leisten vermochten. Während die Dorfleute wie ein aufgestörter Ameisenhaufe durcheinander wimmelten, betrachtete der Bischof schon am frühen Morgen mit den geistlichen Herren scharfen Blickes die Gegend. Doch immer von neuem wandten sich seine Augen der dem Dorfe genüberliegenden Seite der Schlucht und dem Kryvan zu; und immer von neuem verdunkelte sich das strenge Gesicht beim Anblick des Judendorfes, seiner Wälder, Wiesen und Felder. Heftige Gedanken stiegen in ihm auf und wurden, kaum gedacht, zu leidenschaftlichen Wünschen. Wenn aber ein ehrgeiziger und mächtiger Mann Wünsche hegt, so Pflegt diesen leidenschaftliches Verlangen zu folgen. Und hier hegte ein Priester die Wünsche, hier galt das Verlangen dem Glanz und der Macht der katholischen Kirche. Heute vermochten die Einsichtsvolleren die düstere Schrift auf dem Antlitz des Kirchenfürsten besser zu deuten; und einer, der sich auf solche geistlichen Hieroglyphen ganz besonders verstand, faßte sich das Herz, die Gedanken seines Herrn von dessen Mienen abzulesen. Zum Bischof tretend, sprach er mit nicht allzulauter Stimme und möglichst vorsichtiger Gebärde: »Was für ein schöner Platz wäre dort drüben den Juden abzugewinnen, um darauf ein Kloster zu erbauen.« »Was soll der Kirche in dieser Wildnis ein Kloster?« versetzte Bischof Mauricius scharf und kehrte in tiefem Unmut dem Einsichtsvollen den Rücken. Da wußte der, daß er recht gelesen hatte, und dachte: wir sind zu spät zu diesen Waldleuten gekommen! Und der einsichtsvolle Mann überlegte: sollte es wirklich zu spät sein? Er wollte dafür die Heiligen und den Bischof sorgen lassen. Dann war es Zeit, ins Dorf zurückzukehren, um sich für den Gottesdienst vorzubereiten. Der Bischof begab sich in das Haus seines Wirtes und legte den goldschimmernden Ornat an, aber seine zornmütigen Gedanken und seine Wünsche behielt er: auch sie waren ein priesterlicher Schmuck, von ihm angetan Gott zu Ehren und den Heiligen zum Wohlgefallen. Jetzt erscholl Geläut. Es war die Stimme der neuen Glocke, über die der Bischof gestern abend den Segen gesprochen und welche die Bauern von Piatra zum ersten Male in ihre neue Kirche rief. Ihr Ton war hart und gellend. Mit diesen harten, gellenden Tönen sollten die Waldleute fortan zur Taufe und zum Grabe getragen werden; diese harten, gellenden Töne sollten sie fortan jeden Tag an den Himmel mahnen; sie sollten ihr Leben in der Wildnis begleiten, von Stunde zu Stunde; sie sollten ihnen ihr höchstes Glück und ihr tiefstes Weh verkünden. Und was sie an Freude genossen, an Leid erlitten, würde die harte, gellende Glockenstimme um keinen Ton milder machen. Die Sonne mochte scheinen oder nicht, es mochten Winterstürme brausen oder Lenzeslüfte wehen, Blumen im Tale erblühen oder verwelken – nichts in der Natur und nichts im Menschenleben würde den harten, gellenden Tönen jemals einen weicheren Klang geben. Michael Cibula, der mit Weib und Kind und einigen wenigen Getreuen in seinem Hause saß, sprach, als er den Schall der neuen Glocke vernahm, laut und feierlich: »Hört, sie läuten sich selbst den Unfrieden ein! Ich sage euch: nicht eher wird wieder Frieden werden, als bis keine Hand mehr an den Glockenstrang rührt.« Dabei hatte Michael Cibula etwas Weissagendes in seinem Blicke, als ob er der Sohn des alten Baruch Kolon wäre. Die alte Glocke schwieg heute – seit vielen hundert Jahren zum erstenmal! Der vertraute Ton, der bis dahin wie die Stimme einer Mutter zu den Waldleuten gesprochen hatte; in Trübsal mit ihnen klagend, im Glück sich mit ihnen freuend, erklang nicht mehr. Da hatten auch sie das dumpfe Gefühl, als laute die neue Glocke eine neue Zeit für sie ein. Stefan Dozana schritt hinter dem Bischof drein wie einer, der einen großen Sieg erfochten und in seinem eigenen Triumphzug als Gefangener, mit Ketten belastet, einherziehen muß. Sechs Priester trugen den Baldachin über Bischof Mauricius, als dieser durch das geschmückte Dorf und die Reihen des knienden Volks der Kirche zuzog. Vor und hinter ihm flatterten in der sonnigen Luft die Fahnen und Banner, mächtige, mit blühendem Rosmarin umwundene Kerzen flammten um den Leib des gekreuzigten Erlösers, Weihrauch braute auf, daß die Gestalt der Muttergottes, von welcher der Federmantel wie ein aus Juwelen und Perlen gewebtes Gewand niederfloß, in Wolken zu schweben schien. Dann drängte alles dem Bischof nach in die von Orgelton durchbrauste, von Sonnenschein und Lichterglanz erfüllte Kirche. Das Geläute verklang. Neben den Feuern am Waldessaum standen die Mägde und lauschten auf Orgelspiel und Gesang. Dann ward es still. Und Bischof Mauricius heiligte und weihte die Stätte. – – In der Wildnis erhob sich die Kirche; ein Haus des Herrn und der Heiligen, aber zugleich ein Denkmal des Sieges der Christen über die Juden. Als solches sollte es dastehen unter den Gipfeln des Felsengebirges, unter den Wipfeln des Urwaldes, hoch und hehr über dem Abgrund; als solches sollten seine Steine predigen von der ewigen Feindschaft und dem ewigen Hasse zwischen der Gemeinde Christi und den Kindern des Stammes, der Christus gemartert und gekreuzigt hatte. Ja, zum »Gedenken« war diese Kirche erbaut worden. Der Mensch soll gedenken, daß er ein Sünder ist von Mutterleib an. Er soll gedenken, daß er in seinen Sünden dahinfahren muß in die ewige Verdammnis. Gedenken soll der Mensch des Zornes Gottes, und daß da keine andere Gnade ist, als bei Gott, keine andere Hoffnung, die Gnade zu erwerben, als zeitlebens seiner Sünden eingedenk zu sein. Und es soll der Mensch nicht gedenken, seine Feinde zu lieben und wohlzutun denen, die ihm übles getan, und Gutes zu erweisen, denen, die ihn hassen und verfolgen – sobald es Juden sind! Er soll auch nicht gedenken, zu vergeben, wie Christus am Kreuze vergab – sobald es Juden sind! Das Gedenken der Menschen immer auf das zu lenken, was Gott wohlgefällig, ist die heiligste der vielen heiligen Pflichten eines Priesters. Aber Gott wohlgefällig ist, die Juden zu hassen, zu verfolgen und ihnen Böses anzutun, wo man nur kann, wie man nur kann: »Darum gedenket!« Und Bischof Mauricius sprach weiter. Er sprach vom Berge Kryvan und den Juden; und wie die Waldleute den täglichen und stündlichen Anblick ihrer Feinde sich auferlegt hätten, um sich täglich und stündlich mahnen zu lassen: zu gedenken, was sie Christi vergossenem Blute schuldig wären. Er sprach von den gottbegeisterten Christenkindern, die den Judenknaben gesteinigt, und wie diese Kinder ihren Eltern ein Vorbild gegeben hätten: »Darum gedenket!« Und die Waldleute gedachten. Sie gedachten, wie sie die Juden gedemütigt, wie sie sich von den Juden die Kirche hatten erbauen lassen; sie gedachten, wie sie den Juden den Kryvan, ihres Tales »Sonnenschein«, verhandelt hatten – alles zur größeren Ehre Gottes und sich selber zum Ruhm, alles, weil sie täglich und stündlich ihrer Sünden eingedenk waren, deren Bestrafung und deren Vergebung. Und sie gedachten, daß sie los und ledig wären aller Schuld. Und Bischof Mauricius schloß seine donnernde Rede: »Alles, was ich euch sonst noch sagen könnte, stehet mit flammenden Buchstaben geschrieben auf den Mauern dieser Kirche, ein leuchtendes Menetekel. Leset! Ihr Bauern von Piatra, leset die göttliche Schrift: Erhoffet nicht eher Vergebung eurer Sünden, als bis ihr meine Feinde, die ihr vor mein Haus gesetzt, wieder aus der Nähe meines Hauses vertrieben! Daß diese Schrift nicht nur auf den Mauern eurer Kirche, sondern täglich und stündlich in euren Herzen brenne, solches sei vor Gott in diesem Hause mein erstes Gebet. Amen!« Wie ein einziger tiefer Seufzer ging es durch die Kirche. – – An dieser aber war die Weihe vollzogen worden, anstatt mit einem Segen mit einem Fluch. Beinahe wild drängten die Waldleute hinaus, um draußen aufzuatmen, als wären sie einem Kerker entronnen. Ihr Tal und ihr Gebirge schien ihnen verwandelt. Selbst das Rauschen ihres herrlichen Waldes klang ihnen fremd und unheilvoll. Mit Augen, darin etwas von dem Neid des Bischofs, von dem Hasse Michael Cibulas aufblitzte, sahen sie zu ihren Nachbarn hinüber. Jener einsichtsvolle Priester aber, der am Morgen die scharfe Widerrede des Bischofs erfahren hatte, dachte: Es wird nicht zu spät sein. Und in seinem priesterlichen Geiste sah er bereits auf dem Berge jenseits der Schlucht zwischen Wiesen und Feldern die Mauern eines stattlichen Klosters sich erheben, hörte er bereits einen hellen, Ton: den Klang reinen Goldes. In der Kirche blieben nur die Fremden zurück. Sie drängten sich betend um die Altäre und Heiligenbilder und behängten die Gestalt der Muttergottes mit kleinen wächsernen Gliedmaßen. – – So wurde die neue Kirche von Piatra an diesem Tage zum zweiten Male geweiht: vom Volke zu einem Wallfahrtsort, dessen Muttergottesbild von diesem Tage an Wunder bewirkte. * Bis zum Abend währte das Festmahl, bei dem die Fremden es sich am wohlsten sein ließen; die Waldleute aßen, wie nur Waldleute zu essen vermögen; aber sie taten es ohne Freude, nur mit Stolz. Die meisten saßen mit Gesichtern da, als ob sie bei jedem Bissen des Festbratens, bei jedem Schluck des Festtrunkes im »Gedenken« sich übten, Bischof Mauritius schaute achtsamer auf den Kryvan und die Felder der Juden, als auf Schüsseln und Teller, jedes neue Gericht mit einem neuen Einfall und Entschluß würzend. Auf diese Art genoß er die kommenden Freuden mehr, als die gegenwärtigen: der Ehrenplatz, den die Waldleute dem Kirchenfürsten bereitet hatten, sollte sich für sie in eine Stätte bitterer Not verwandeln. Auch das war nicht gut, daß Stefan Dozana, als Priester von Piatra, die Ehre gebührte, zu Rechten des Bischofs zu sitzen. Schon bei der Predigt hatte Stefan Dozana dagesessen, als ob er jeden Augenblick aufspringen, hinstürzen und den anderen von der Kanzel herabreißen wollte. Und so auch jetzt wieder. Er sah die Blicke des Bischofs, er las des Bischofs Gedanken, saß da und belauerte beides. Das Ende des Festes bildete die allgemeine Trunkenheit der Fremden; ihr Geschrei und ihr Gesang durchhallte bis nach Mitternacht das Dorf. Ein Glück war es für sie, daß die Waldleute das Gastrecht so heilig hielten; sonst wäre mancher, welcher der heiligen Jungfrau zur Heilung seines kranken Leibes ein Wachsbild angehängt, nicht mit heilem Leibe von der Wallfahrt nach Piatra heimgekehrt. Aber die Bauern ertrugen das Ärgernis, als wäre der Mantel, darein sie sich hüllten, noch immer die Toga ihrer Ahnen. Um so kräftiger äußerten die Bäuerinnen ihre Ansicht. Gewohnt, daß keine andere Meinung sich hervorwagte, wenn sie einmal die ihre abgegeben hatten, warteten sie auch diesmal tiefes Schweigen im Ehebette ab. Dieses trat auch ein – aber nach einem Fluche, wie solcher an jener frommen Stätte noch niemals vernommen worden. Da drückte manche tapfere Bäuerin, deren Ahnin vielleicht einen der dreißig Polen erschlagen, sich eng an den Rand der gewaltigen Lade und in die Tiefe der ungeheuren Federsäcke hinab, nicht sich rührend, wenn eine Erschütterung der mächtigen Bettpfosten der lauschenden Frau meldete, daß einer der Herrscher von Piatra sich schlaflos in schweren Regierungssorgen umher wälzte. So verlief den Waldleuten dieser höchste Feiertag ihres Lebens. * Auch die Juden hatten am Morgen auf das Geläute der neuen Glocke geachtet. Als wäre es auch ihr Fest, stand die ganze Gemeinde um ihren Patriarchen versammelt. Baruch Kolon sprach: »Ihr Hohepriester ist gekommen, zu segnen das Werk unserer Hände. Lasset heute die Arbeit und verhaltet euch still in euren Häusern, auf daß wir ihnen an ihrem Fest kein Ärgernis geben; es schweige im Walde die Axt, es schweige auch im Kryvan das Poltern der Steine. Aber vernehmt, welchen Namen wir geben wollen an diesem Tage diesem Dorf, das segnen wird der Herr, damit es blühe und gedeihe und wachse zu einer Stätte, wo seinem Volke Friede und Freude werde auf Erden. Es soll heißen: Reii-mi-Bal.« Reii mi Bal aber waren die Worte, welche Dozia damals bei ihrer Ankunft gesprochen, als sie den Stein aufgehoben und auf ihre Schulter gelegt. Alle, die es gesehen, hatten ihr nachgejubelt: Reii mi Bal – Sehet wie leicht! Vierzehntes Kapitel Was Stefan Dozana und Michael Cibula dazu sagten Bischof Mauritius befand sich mit Stefan Dozana in des Priesters Zimmer, das dem hohen Gaste zur Herberge eingeräumt worden. Der hohe Würdenträger der Kirche saß in einem altertümlichen, mit einem Bärenfell ausgelegten Lehnsessel an dem mächtigen Tische, den allerlei vergilbte Schriftstücke bedeckten. Stefan Dozana stand vor ihm. Durch das geöffnete Fenster schien die volle Morgensonne ins Gemach, so daß die mit Arvenholz getäfelten Wände in rötlichem Glanze schimmerten. Ein Busch weißen Flieders streckte durch das Fenster einige seiner Blütenzweige herein und drängte, gleich einem strengen Wächter, Goldregen und Rotdorn zurück, als hätten diese die Absicht zu lauschen. Doch Goldregen und Rotdorn dachten nicht daran, Goldregen und Rotdorn ließen sich von der Morgenluft anwehen, ließen sich von Schmetterlingen umgaukeln, von Käfern und Bienen umschwirren und fanden, daß das viel schöner sei, als den Gesprächen zweier feindlicher Priester zuzuhören. »Die Rechte und Freiheiten, die sich die Bauern von Piatra seit alten Zeiten und für alle Zeiten anmaßen, sind im Laufe der Jahre null und nichtig geworden. Demnach fehlt den Bauern von Piatra jegliches Recht, in ihre Gemeinde vertriebene Juden aufzunehmen und siedeln zu lassen.« »Und wen hätten die Bauern von Piatra fragen sollen?« »Den Bischof.« »Und wenn sie den Bischof gefragt hätten\ – \ –« »So hätte der Bischof ihnen den Verkauf des Berges Kryvan zum Zweck der Ansiedlung einer Judengemeinde untersagt.« »Dann war es besser, daß sie nicht fragten.« »Ihr hättet euch dem Willen des Bischofs widersetzt?« »Wir hätten unsere Rechte und Freiheiten vor dem Bischof behauptet – wir behaupten sie auch vor Kaiser und Papst.« »Das wagt Ihr mir ins Gesicht zu sagen, Euerm Oberhaupt?« »Käme der Sohn Gottes nach Piatra und wollte den Bauern von Piatra ihre Rechte absprechen und ihre Freiheiten nehmen, so würde ich dasselbe unserm Herrn und Heiland ins Gesicht sagen.« Sprachlos starrte Bischof Mauricius seinen Gegner an. Stefan Dozana stand indessen so gelassen vor ihm, wie er gelassen gesprochen hatte; aber über seinen Augen traten die Adern gleich einer Geschwulst hervor. »Dennoch werden die Juden fort müssen,« rief Bischof Mauricius. »Die Juden werden bleiben müssen,« erwiderte Stefan Dozana, machte eine Pause und fuhr in demselben Tone fort: »Und zwar müssen die Juden bleiben auf Grund eben jener Rechte und Freiheiten, welche wir uns nach bischöflicher Ansicht anmaßen, und kraft deren wir die Juden bei uns wohnen ließen und ansässig machten, ohne deswegen den Bischof zu fragen. Es müssen die Juden bei uns bleiben, weil an diese Rechte und Freiheiten nicht gerührt werden darf. Denn diese Rechte und Freiheiten sind unser seit langer Zeit, werden unser bleiben für alle Zeiten und kann keine neue Zeit daran ändern.« »Ihr redet wie ein Bauer, Stefan Dozana,« rief der Bischof mit bösem Spott. »Ich bin eines Bauern Sohn,« entgegnete der Verhöhnte mit einer Stimme und in einem Tone, als sagte er: ich bin der Sohn eines Königs. »So höre ich denn den Vater sprechen, der ein Bauer war. Daß Ihr außer eines Bauern Sohn auch Priester und Diener der Kirche seid, läßt sich aus Eurem Reden und Gebaren nicht erkennen. Um Euch als Priester zu kennzeichnen, bedarf es Eures priesterlichen Kleides. Noch erscheint dasselbe auf Eurem Körper mehr als Mummerei, denn als Euch zugehöriges Gewand.« Dabei deutete er auf Stefan Dozanas Tonsur, die der üppige Lockenwuchs fast überwucherte und die der Priester selbst für des Bischofs Kommen nicht hatte scheren lassen. Auch im Zimmer sah Bischof Mauricius sich um, namentlich die Jagdtrophäen und Büchsen scharf ins Auge fassend. Stefan Dozana bemerkte den Blick; fast, daß er gelächelt hätte. »Die Priester von Piatra müssen sich gegen Bären und Wölfe wehren können. Wenn ich einem Hirten, der in den Felsen verunglückt ist, das heilige Öl spenden will, muß ich die Büchse mit mir führen, sonst könnte es geschehen, daß der Arme ohne Sakrament in den Tod gehen müßte. Es ist bei uns manches anders als an anderen Orten, und weil wir in einer Wildnis hausen, herrschen bei uns besondere Bräuche, die man uns – wenn ich als Priester reden und raten darf – lassen möge. Denn es sind wir Waldleute vergleichbar den Eis- und Schneefeldern auf unseren Bergen im Frühling: ein Schuß bringt sie ins Rollen und Stürzen. Zuerst nur ein Stücklein, wächst es und wächst, bis die Lawine ein ganzes Tal verheert.« Bischof Mauricius sah auf. »Der Schuß soll getan werden! Ich sage Euch noch einmal und zum letztenmal: Was die Bauern von Piatra ihre Rechte und Freiheiten nennen, ist vor dem Gesetz Schall und Schaum.« »Das sollte der Bischof den Bauern selbst sagen. Er würde dann hören, ob die Bauern von Piatra seine Sprache verstehen.« »Ich werde eine Sprache zu ihnen reden, die ihnen verständlich sein soll.« »Da sie Bauern sind, sind sie zu ungelehrig, eine andere als ihre eigene Sprache, oder das, was Wald und Fels oder der Himmel zu ihnen spricht, zu verstehen. Darauf hören sie, das verstehen sie, dem folgen sie. Es reden aber Wald und Fels und Himmel in der Verrös immer ein- und dieselbe Sprache, und diese – um sie dem Bischof zu deuten – heißt: Fürchte Gott und scheue niemand. Deshalb rate und warne ich zum letzten Male: Was die Bauern von Piatra einmal erfaßt haben, das halten sie fest.« »Da Ihr dem Bischof Gehorsam weigert, wird Euch die Kirche zur Unterwerfung zwingen, Stefan Dozana!« drohte der Bischof dem Priester. »Gedenkt Ihr und Eure Bauern Euch auch der Kirche zu widersetzen?« »Wenn die Kirche uns unsere Rechte und Freiheiten nehmen will, so ist auch die Kirche unser Feind, und gegen die Angriffe seines Feindes muß man sich wehren. Wir sind gläubige Katholiken. Was fordert die Kirche mehr von uns?« »Jetzt die Austreibung der Juden.« »Die Juden haben mit uns einen Pakt geschlossen; die Juden müssen bleiben.« »Seid Ihr von Sinnen, Mann, eine solche Sprache gegen Euren Bischof zu führen?!« »Ich spreche zum Bischof, wie ich zu Gott sprechen würde.« Bischof Mauricius schritt mit heftigen Schritten auf und ab; Stefan Dozana blieb ruhig auf seinem Platze stehen. Sein Blick fiel durch das Fenster über die Blüten hinweg auf den Wald und die Berge seiner Heimat, als deren Sohn er sich in diesem Augenblick in allen seinen Empfindungen fühlte. Plötzlich blieb der Bischof vor ihm stehen und rief ihm zu: »Kommt zur Besinnung, Dozana! Kommt zur Vernunft, Mann! Euer Wahnsinn könnte von schlimmen Folgen sein. Es darf die Kirche einen widersetzlichen Priester nicht ungestraft lassen. Schon allein was ich in den Bildwerken der neuen Kirchentüre von Eurem zügellosen und gänzlich unpriesterlichem Sinne erkannt habe, würde genügen, Euch zur Verantwortung zu ziehen. Hütet Euch, Stefan Dozana! Wenn Euch das Heil Eurer Heimat am Herzen liegt, so hütet Euch. Wenn Ihr Euch und den Bauern von Piatra die Macht erhalten wollt, die der Priester von Piatra über sie ausübt, so demütigt Euch jetzt vor Eurem Bischof und Herrn. Es hatten bisher die Bauern von Piatra nur Priester aus ihrer eigenen Gemeinde – das ist ein Aberwitz! Ich müßte Sorge tragen, daß die Bauern von Piatra fortan nur diejenigen Geistlichen erhalten, welche der Bischof ihnen bestimmt; ich müßte Stefan Dozana\ – \ –« Betroffen von der Wirkung seiner Worte, brach Bischof Mauricius mitten im Satze ab: Stefan Dozana schien seinen Sinn ändern zu wollen. Fast furchtbar anzusehen war die Wandlung seiner Mienen. Noch niemals hatte der Bischof ein Gesicht gesehen, darin sich eine solche Verstörtheit, ein so wütender Seelenkampf abspiegelte. Dicht zu dem Priester herantretend, flüsterte der Bischof ihm zu: »Laßt die Bauern von Piatra die Juden vom Kryvan vertreiben, weiht den durch die Feinde Gottes geschändeten Berg dem heiligen Mauritius und\ –\ –« Wieder stockte der Bischof in seiner Rede, denn wieder war die Wirkung derselben eine schier übergewaltige. »Ein Kloster auf dem Kryvan!« rief Stefan Dozana, »Sankt Mauricius in der Verrös ein Heiligtum gründen, Mönche über die Bauern von Piatra und über deren Priester gebietend – – Eher geben wir dieses Land dem Reiche und dem König von Ungarn, eher lassen wir den König von Ungarn für die widerspenstigen Bauern von Piatra auf den Bergen eine Fronveste erbauen.« »Priester, daran sollst du gedenken!« rief der Bischof und schritt mit mühsam bewahrter Haltung der Türe zu. Dort wandte er sich noch einmal nach Stefan Dozana zurück. »Die geistlichen Herren, die mit mir kamen, wußten mir viel von einem gewissen Michael Cibula zu erzählen, über den sie allerlei Seltsames vernommen hatten. Was ist das für ein Mann?« »Auf eine Frage nach Michael Cibula vermag ich keine Antwort zu geben.« »Er soll der einzige gewesen sein, der gegen den Bau der Kirche durch die Juden geredet hat.« »Der einzige.« »Und gegen ihre Ansiedelung auf dem Kryvan.« »Er hat sich deswegen von uns losgesagt.« »Von der Gemeinde?« »Und von der Kirche.« »So vernahm ich. – – Ihr seid sein Feind?« »Wie er der meine ist.« »Sein Weib war Euch einstmals verlobt, bevor Ihr zum Priester bestimmt wurdet. Er nahm sie Euch?« »Ja!« »Darum haßt Ihr ihn?« »Darum. Und um anderer Dinge willen.« »Ich werde zu ihm gehen.« »Ich will bischöfliche Gnaden den Weg weisen.« »Das ist unnötig. Wahrend ich mit Michael Cibula rede, ruft die Gemeinde zusammen.« * Als der Bischof das Zimmer verlassen hatte, bewegten sich die Zweige vor dem Fenster, und zwischen den weißen Fliederbüscheln erschien ein holdseliges, erschrockenes Mädchenantlitz, das gleich darauf in den Blüten wieder untertauchte. Ilja hatte sich in den Garten geschlichen. Weil sie es gewesen, die den Judenknaben mit ihrem Leibe vor den Steinwürfen gedeckt hatte, sollte sie dem Bischof nicht vor die Augen kommen. Geduldig hatte sie sich in die Gefangenschaft gefügt und von den ganzen Festlichkeiten nur das Glockengeläut und den fröhlichen Lärm vernommen: durfte doch auch Urs Cibula nicht mit dabei sein! überdies war ihr verwundeter Arm immer noch lahm und mußte in einer Binde getragen werden. Aber trotz des strengen mütterlichen Verbotes hatte sich Ilja diesen Morgen in dem Garten versteckt; denn sie wollte den heiligen Bischof sehen, sie wollte ihn sogar um etwas bitten, und das recht herzlich. Obgleich sie damals, als er sie firmelte, Furcht vor ihm gefühlt, wie sie solche nicht einmal vor Michael Cibula und ihrem finsteren Priester-Ohm hatte, wollte sie Bischof Mauricius um etwas bitten. Sie hörte des Ohms lautes und zorniges Sprechen, schlich hin und kauerte sich unter dem Fliederbaum nieder. Da ward ihr angst und bang. Plötzlich wurde es still über ihr. Nun faßte sie sich ein Herz, richtete sich auf, teilte behutsam die Zweige und sah ihren Ohm mitten im Zimmer stehen mit einem Gesicht – –. Erschrocken wich sie zurück und stand mit Tränen in den Augen unter den Goldregen und dem Rotdorn. Denn wenn der Bischof mit ihrem Ohm zornig war, würde er gewiß nicht tun, um was sie ihn bitten wollte. Da kam er – gerade auf sie zu! Langsam ging er durch den Garten; einige Male blieb er stehen. Plötzlich leuchtete etwas vor ihm auf: Ilja Dozana stand am Wege mit einem großen Zweig Goldregen, den das Kind mühsam mit der einen gesunden Hand abgebrochen hatte. Es streckte die schöne Blütenfahne dem Bischof entgegen. Nun war Bischof Mauricius kein Herr, der die Kindlein zu sich kommen ließ, obgleich sie in Scharen zu ihm kamen und er oft über den Text zu predigen hatte: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.« Vollends an diesem Morgen war er mit gar zornigem Herzen der Stellvertreter des Herrn, So wollte er denn an Ilja vorbeigehen, unfreundlich die Blumen abweisend; aber das Kind hatte ein so holdseliges Gesicht, sah ihn mit großen, leuchtenden Augen so bittend an, daß er unwillkürlich stehen blieb. »Wer bist du, Kind?« »Ilja Dozana,« »Bist du die Tochter – Maura Dozanas?« Beinahe, daß der Bischof das Mädchen gefragt, ob es die Tochter Stefan Dozanas wäre. Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er hastig hinzu: »Hast du einen kranken Arm, kleine Ilja?« Ilja hätte gern den Kopf geschüttelt; aber da der Arm nun einmal krank war, so nickte sie – nur ein ganz klein wenig. »Bist du gefallen? Nein? Was ist dir sonst geschehen? So antworte doch, wenn du gefragt wirst.« »Ach, der Stein! Aber er hat gar nicht nach mir werfen wollen.« »Wer wollte nicht nach dir werfen und hat es doch getan?« Ilja zauderte zu antworten. Dann leise, ganz leise: »Urs Cibula,« »Ist das der Sohn von Michael Cibula? Und der hat mit einem Stein nach dir geworfen?« »Nach Asarja, dem Judenknaben; dabei hat er mich getroffen. Bitte, schelte ihn darum nicht. Und sage ihm, bitte, daß er auch die Judenknaben nicht mehr mit Steinen werfen soll – nicht den Asarja und nicht die anderen. Er hat mir ja nur Blumen bringen wollen.« »Der Judenknabe dir?« Ilja nickte. »Ganz still hat er dagestanden und sich von allen mit Steinen werfen lassen. Er war nicht einmal böse, und sie haben ihn doch halb tot geworfen. Ach, wie er geblutet hat!« Der Bischof reimte sich die Sache zusammen. »Komm mit mir, kleine Ilja. Du sollst mir zeigen, wo Urs Cibulas Vater wohnt.« Ilja war sogleich bereit, mit ihrem Goldregenzweig in der Hand schritt sie neben dem Bischof hin. Unterwegs klagte sie ihm, daß Michael Cibula die Juden totschlagen wollte, daß auch Urs das wollte, sobald er erst groß geworden. In strengem Tone verwies der Bischof Ilja ihr Mitleid mit den Juden und unterrichtete sie in der Lehre des Hasses. Aber das Kind verstand nicht viel davon. Auf der Gasse lief jung und alt zusammen, den Bischof zu begrüßen und sich von ihm segnen zu lassen. Doch fiel es dem Bischof auf, daß die Männer sich heute von ihm zurückhielten. Mit dunkler Miene berührte er flüchtig die Stirnen der Knienden, ihnen beinahe heftig seine Hand entziehend, die alle küssen wollten. Michael Cibula saß in seiner Schnitzkammer, als Russka hereinschrie: »Der Bischof kommt vorbei!« Darauf schleppte sich die Alte eilig hinaus, um sich auf der Gasse vor dem Bischof niederzuwerfen. Michael Cibula erhob sich. Konnte der Bischof ihn in seiner Kammer auch nicht sehen, so wollte er doch ehrfurchtsvoll dastehen, wenn der heilige Mann vorbeiging. Den gestrigen ganzen Tag und die ganze Nacht hatte er schwer mit sich gekämpft, ob er nicht den Bischof anflehen sollte, ihm und seinem Weibe die Beichte abzunehmen. Aber was nur eine demütige Bitte war, hätte leicht wie eine heimliche Verleumdung Stefan Dozanas aussehen, leicht zu einer offenen Anklage seines Feindes führen können. So ging Michael Cibula denn nicht zum Bischof. Jetzt stand er am Kammerfenster, sah den Bischof, dem ein Schwarm von Weibern und Kindern folgte, die Gasse herauf, grade auf sein Haus zukommen und hatte das Gefühl, als ginge an seinem Hause das Heil vorbei. Da trat er, wie in Furcht, plötzlich von einer großen Seelenschwäche befallen zu werden, vom Fenster zurück, setzte sich an die Schnitzbank, griff zur Arbeit und begann eifrig an dem Dornenkranz zu schnitzen, den die Muttergottes in Händen hielt. Und das Holzbild sagte zu ihm: »Geh hinaus, lade den Bischof ein, in dein Haus zu treten, und beschuldige Stefan Dozana.« Aber er erwiderte: »Das kann ich nicht.« Darauf das Holzbild: »Du wirst noch ganz andere Dinge vollbringen müssen.« In diesem Augenblick ward die Kammertür geöffnet und Josephas bleiches Gesicht schaute herein. »Der Bischof bleibt vor unserem Hause stehen. Ich glaube, er will zu uns,« meldete sie leise und angstvoll. Michael Cibula erblaßte: Der Bischof hatte an seinem Hause vorübergehen wollen; da gab ihm die heilige Jungfrau den Gedanken ein, hereinzukommen; aber – und er setzte das Holzbild heftig hin – aber darin bin ich dir doch nicht zu Willen! dachte er und warf dem Bilde einen finsteren Blick zu. »Warum will die heilige Jungfrau, daß der Bischof in unser Haus komme?« fragte Josepha und begann zu zittern. »Damit ich Stefan Dozana bei dem Bischof verklage.« »O Maria, Gottesmutter!« schrie Josepha auf. Es war ein furchtbarer Blick, den Michael Cibula seinem Weibe zuwarf. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie sich vor ihm niederwerfen; aber er stieß sie zurück, daß sie gegen die Wand taumelte. Dann ging er hart an ihr vorbei aus der Kammer dem Bischof entgegen. Wankend folgte Josepha. Am liebsten hätte sie sich in Verzweiflung hingeworfen. Aber mitten in ihrem Jammer fiel ihr ein, daß der Bischof im Vorbeischreiten über ihr das Kreuz schlagen würde, und daß diese segnende Berührung der heiligen Hand ihr in allen ihren Sünden zum Heile gereichen könnte. Der Bischof erstaunte, als er Michael Cibula, von dessen wildem Sinn er so viel übles vernommen, neben seinem Weibe auf der Schwelle seines Hauses fand: kniend, mit tief gesenktem Haupte, wie ein im Innersten zerknirschter und zermalmter Büßer. Voller Salbung sprach er den Gruß; aber den Segen verweigerte er noch. Es war ihm, als hörte er das Weib einen leisen Wehelaut ausstoßen. Nun erhoben sich die beiden und wichen zurück, um den Bischof eintreten zu lassen. Dieser wandte sich zu der Frau: »Ich habe mit deinem Manne zu reden.« Er winkte Josepha, zurückzubleiben. Dann trat er ins Haus. Zum ersten Male in seinem Leben überkam Michael Cibula das dumpfe Gefühl, als könnte der Mensch reicher wohnen. Bekümmert sah er sich in dem niedrigen und düsteren Gemache nach einem der Heiligkeit seines Besuches einigermaßen würdigen Sitze um. Am liebsten hatte er sein und seines Weibes Festkleider genommen und diese unter die Füße des Bischofs gebreitet. Mit einer zagenden Gebärde bot er dem Kirchenfürsten den Sessel an, der unter dem Muttergottesbilde stand und der von Josepha sowie von Michael Cibula selbst als Betschemel benutzt ward. Höchste Andacht und tiefste Inbrunst, die Ausbrüche eines flammenden Glaubens, zusammen mit Empfindungen wilden Jammers und Herzeleids, hatten dem schlechten Sessel eine Weihe gegeben, wie solche kein Bischofsstuhl oder Thronsessel besaß. Wäre der Heiland selbst in dieses Haus gekommen, er hätte, auf diesem Stuhle zu Gericht sitzend, Michael Cibula und seinem Weibe vieles vergeben. Bischof Mauricius nahm Platz; demütig stand der mächtige Mann vor ihm. »Michael Cibula,« begann der Bischof in strengem Ton, »ich bin gekommen, Euch zu ermahnen und scharf zu Eurem Gewissen zu reden. Denn es sollt Ihr und Euer Weib der Gemeinde ein unchristliches Beispiel geben. Ist es wahr, daß ihr beide nicht mehr die heilige Messe besucht, zu keiner Predigt geht, seit langem nicht gebeichtet, also auch seit langem nicht kommuniziert habt? Michael Cibula, antwortet mir: ist, was man mir über solchen Lebenswandel von Euch und Eurem Weibe berichtet hat, die Wahrheit?« »Es ist die Wahrheit,« antwortete der Gefragte mit einem tiefen Seufzer. Josepha vernahm draußen vor der Tür den Schmerzenslaut ihres Mannes, sank in die Knie und barg ihr Gesicht in den Händen. Es kam Michael Cibula hart an, die Frage zu tun, und er vermochte nur mit Anstrengung zu sagen: »Vergebt, hochwürdiger Herr Bischof, von wem erfuhret Ihr solche unchristliche Dinge über mich und mein Weib?« »Die die Wahrheit sind,« schaltete der Bischof ein. »Die die lautere Wahrheit sind. Wer berichtete sie bischöfliche Gnaden?« »Genug, sie wurden mir berichtet,« »Das ist freilich genug,« sagte Michael Cibula langsam und schwerfällig, kaum wissend, was er sagte; denn gerade dachte er: Stefan Dozana hat mich bei dem Bischof verklagt, das hat mir wiederum Stefan Dozana angetan! Aber – und er sah nach dem Holzbild der Muttergottes hinauf – aber darin bin ich dir doch nicht zu Willen! Und wieder antworteten ihm die Augen der Heiligen mit einem bösen Blick: Du wirst noch ganz anderes nach meinem Willen vollbringen, du und dein Sohn! Plötzlich trat Michael Cibula dem Bischöfe näher, neigte sich zu ihm herab und sagte mit gedämpfter Stimme, als verrate er ein Geheimnis: »An dem unchristlichen Lebenswandel, den ich und mein Weib führe, trage ich allein Schuld; denn ich verbot ihr, zu tun, was auch ich nicht tue, und da sie ein folgsames Weib ist, gehorsamt sie mir. – Eure bischöflichen Gnaden kann ihrem Gesicht ansehen, mit welchem Jammer.« »Warum laßt Ihr das Weib in dem Jammer und entreißt sie der Gnade des Himmels?« Auf diese Frage war Michael Cibula nicht gefaßt gewesen. Warum ließ er sein Weib in dem Jammer, darin sie vor seinen Augen zugrunde ging? Weil er Stefan Dozana haßte, und weil sie Stefan Dozana\ – \ – Wenn das wahr wäre, dann wollte er sie ja töten. Besser, er tat es, als sie langsam an ihrem Jammer zugrunde gehen zu lassen. Er konnte dem Bischof auf seine Frage nicht antworten. »Vielleicht nimmt bischöfliche Gnaden dem Weibe die Beichte ab,« stammelte er und sah fast flehend den Bischof an, »Es würde ihr in ihren Sünden zum Heile gereichen.« »Sendet Euer Weib zu dem Priester, zu dessen Gemeinde sie gehört.« »Zu Stefan Dozana!« Alles, was Michael Cibula dem Bischof verschweigen wollte, sprach er, schrie er mit dem Namen aus. Selbst der Bischof, der doch mit allen Schattierungen des Hasses vertraut war wie ein Sänger mit den Tönen, entsetzte sich über den Haß, der in des Mannes Augen auffunkelte. Aber er wollte die Flamme nur anfachen, sie nicht aufschlagen lassen; deshalb suchte er das Gespräch von solchen wilden Empfindungen abzulenken, anderen dunkeln Regungen zu: auch einem Haß, aber einem Gott wohlgefälligerem und den Zwecken des Bischofs besser dienendem Haß: dem Haß gegen die Juden. Da mochten die Flammen lodern! »Lassen wir das Weib; aber Ihr, Michael Cibula, warum verleugnet Ihr den Herrn?« Michael Cibula hätte nur den Namen Stefan Dozanas zu nennen brauchen; er schwieg jedoch. Der Bischof zürnte: »Gott läßt sich nicht ungestraft versuchen! Oder wähnt Ihr, daß Gott Euch suchen wird? Wie wollt Ihr mit Euern Sünden einstmals vor ihm bestehen?« Michael Cibula wußte es auch nicht; er wußte nicht, was tun. Sollte er den Bischof anrufen: Gebt uns einen anderen Priester! Dieser ist der Sünden wider den heiligen Geist so voll, daß er keine Sünden vergeben kann. Sollte er sagen, in welchem wilden Kampfe gegen Gott er sein Leben verbrachte und wie er manche Nacht wachend vor dem Marienbilde lag in halber Zerrüttung seiner Sinne? Sollte er sprechen, sollte er anklagen? Er schwieg. Der Bischof war betroffen; bei so großer Demut solcher Starrsinn! Was sollte er von einem Manne denken, der als zerknirschter Sünder vor ihm stand und doch gänzlich unbußfertig erschien? Er mußte einen andern Weg einschlagen, wollte er durch dieses Mannes Leidenschaften erreichen, was zu erreichen er sich vorgenommen. Es war ja nicht Michael Cibulas und dessen Weibes Seelenheil, das ihm bei diesem Besuche am Herzen lag. So begann er denn von neuem: »Auch vernahm ich, daß Ihr Euch dem Bau der neuen Kirche widersetztet.« Da richtete Michael Cibula sein gebeugtes Haupt empor. »Ja, hochwürdiger Herr Bischof, ich widersetzte mich.« »Warum?« »Weil die Juden die Kirche erbauen sollten.« Und in seinem Auge lohte die Glut, die der Bischof lodern lassen wollte, wie ein Blitzstrahl auf. »Ich vernahm von Euerm Judenhaß und ich als Christ und als Bischof kann Euch nicht darum schelten. Man berichtete mir indessen: ein Weib Eures Stammes habe sich mit einem Juden vergangen. Demnach hätte Euer Haß seinen Ursprung nicht in dem lauteren Quell Eurer Gottesliebe, und nicht darin, daß Juden es waren, die unsern Herrn und Heiland an das Kreuz geschlagen, sondern es käme Euer Haß aus einem anderen, unreinen Born. Gott würde wohlgefälliger auf Euern Haß blicken, wenn Ihr solchen allein um seines gemarterten Sohnes willen empfändet. Denn was Eure persönlichen Feinde betrifft, so stehet geschrieben: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen. Als Euern persönlichen Feinden sollt Ihr den Juden vergeben, aber als die Feinde Gottes sollt Ihr sie hassen und verfolgen und übles an ihnen tun, Ihr und Euer ganzes Haus. – – Was habt Ihr mir darauf zu erwidern?« Und Michael Cibula erwiderte: »Hochwürdiger und heiliger Bischof. Wie Ihr vernommen habt, so ist es; ich kann von meinem Namen die ewige Schande nicht nehmen. Eine, die Maria Cibula hieß und meine leibliche Schwester war, wurde vom Teufel verblendet, daß ein junger und, wie sie sagen, schöner Jude Gewalt über ihre unsterbliche Seele gewann. Sie ging mit ihrem satanischen Buhlen davon und wird nach Gottes Willen eines schrecklichen Todes gestorben sein; denn sie wurde von den Ihren verflucht, daß sie ewige Flammenpein erleide, und nie wird eines Cibula Hand sich betend für sie erheben. Mein Vater hat diese Tochter, die gar holdselig gewesen, im Herzen getragen wie sonst nichts auf der Welt. Dann aber hat er alle Liebe für sie getilgt und aus seinem Herzen gerissen und sein Herz so mit Haß gegen sie erfüllt, daß, wenn er einem Juden ins Gesicht sah, diesem war, als sei ihm ins Antlitz gespien worden. Und seht, hochwürdiger und heiliger Herr Bischof, diesen Blick hat mein Vater seinem Sohn, und ich habe ihn dem meinen vererbt, und mein Sohn wird ihn wiederum seinen Söhnen als Erbe hinterlassen. Speie ich nun, so zu sagen, jedem Juden, den ich ansehe, ins Gesicht, weil ein Jude meine Schwester ins ewige Verderben gestürzt hat, so gibt mein Blick zugleich jedem Juden, so zu sagen, einen Faustschlag ins Gesicht, weil Juden unseren Herrn und Heiland gekreuzigt haben. Daraus mögt Ihr erkennen, welcher Art mein Haß ist. Niemals aber kam mir in den Sinn, daß mein Haß Gott wohlgefällig sein könnte. Denn auch ich kenne den Spruch, daß wir unsere Feinde lieben und vergeben sollen denen, die uns hassen und verfolgen, und Gutes tun solchen, die uns Böses erweisen. Und so dachte ich denn: Gott fordere von uns, auch die Juden zu lieben, und ich nahm schweren Herzens die Sünde auf mich, glaubend, daß mein Haß vor Gott eine mächtige Schuld sei. Ähnliches habe ich schon einmal vor Stefan Dozana und der Gemeinde gesprochen; aber ich danke dem Himmel, daß er es mich heute vor dem hochwürdigen und heiligen Herrn Bischof sagen läßt. Denn das ist, als ob der Himmel selber mich hört.« Eine Weile blieb es so still in der Kammer, daß Michael Cibula das erstickte Schluchzen Josephas draußen vor der Türe vernahm, ein Ton, der dem gewaltigen Menschen ans Herz griff. Er stand und lauschte darauf. »Michael Cibula, Ihr habt viel gesündigt, aber – um Eures Hasses willen wird Euch viel vergeben weiden.« Doch Michael Cibula sah nicht weniger sündenvoll aus. Nicht, daß er an des Bischofs Worten gezweifelt hätte, aber er verstand den Sinn der Worte nicht. Der Bischof erhob sich . »Die Juden müssen wieder fort.« »Wenn das geschehen könnte.« Und Michael Cibula machte ein Gesicht wie ein Verschmachtender, dem in der Wüste ein Quell gezeigt wird. »Das wird geschehen.« Doch der Glanz auf Michael Cibulas Zügen erlosch so schnell, wie er gekommen war. »Wie könnte das geschehen?« »Mit des Himmels Willen durch meine Hand. Hört: Eure Stimme hat einen starken Klang in der Gemeinde. Ihr müßt heute Eure Stimme mit der meinen gegen die Juden erheben,« »Ich habe meine Stimme immer gegen die Juden erhoben und werde das immer tun. Aber um zu bewirken, die Juden aus diesem Tale zu vertreiben, dazu ist meine Stimme zu schwach. Das müßt Ihr, hochwürdiger Herr Bischof, mit des Himmels Hülfe allein vollbringen. Ihr werdet es, und ich werde Euch dafür danken; mehr, als hättet Ihr meinem Weibe und meinem Sohne das Leben gerettet,« Und wieder sah er den Bischof an, so leuchtend und verklärt, als sei ihm Vergebung aller seiner Schuld verheißen worden. Dann sagte er noch einmal mit ernstem Glauben und vollem Vertrauen: »Wie wollt Ihr es vollbringen? Die Juden sind in der Verrös ansässige Leute geworden.« »Dasselbe sagte auch Stefan Dozana. Ich ließ mir von ihm die alten Dokumente vorlegen, auf welche hin der Pakt mit den Juden geschlossen worden. Nachdem ich die Urkunden geprüft, erkannte ich, daß sie längst hinfällig und ungültig geworden sind, daß demnach der Vertrag mit den Hebräern gesetzlich und rechtlich ungültig ist. Ihr seht, was ich vollbringen will, ist nicht schwer; denn ich habe das Recht auf meiner Seite. Trotzdem wäre mir lieb, die Sache mit Eurer Hülfe zu tun. Ihr werdet zu den Bauern in einer Sprache reden, die sie besser verstehen, als die meine. – – Warum seht Ihr mich so an?« »Ich habe nicht verstanden,« murmelte Michael Cibula. »Der Pakt mit den Juden wäre ungültig, weil wir gar nicht das Recht hätten, mit ihnen einen Pakt zu schließen?« »So ist es.« »Was sagt Stefan Dozana dazu?« »Die Juden müßten bleiben. Er ist weniger eifrig, Gott und der Kirche zu dienen, als Ihr; sein Haß gegen die Feinde des Herrn ist geringer als der Eure. Nie hätte er sonst geduldet, daß die Juden vom Kryvan Besitz ergriffen, nicht um alle ihre Schätze. Ich habe Grund, streng mit Eurem Priester ins Gericht zugehen. Doch was sagt Ihr dazu?« »Dasselbe, was Stefan Dozana dazu sagte: die Juden müssen bleiben.« Der Bischof glaubte nicht recht verstanden worden zu sein, überzeugte sich indessen bald eines anderen. Denn wie er die Sache auch begründete und auslegte, wie er auch mahnte und warnte, wie er schließlich auch zürnte und drohte – Michael Cibula blieb dabei, wie Stefan Dozana dabei geblieben war: »Unsere Rechte lassen wir uns nicht nehmen. Die Juden wurden von uns aufgenommen, die Juden müssen bleiben; denn wir haben ihnen unser Wort verpfändet.« Michael Cibula sah dabei nach dem Muttergottesbild auf und murmelte: Töten könnte ich sie – ich oder mein Sohn; denn ich und mein Sohn, wir haben ihnen nicht Frieden gelobt. Laut setzte er hinzu: »Aber die Bauern von Piatra müssen die Juden in Frieden auf dem Kryvan leben lassen.« »Ist das Euer letztes Wort? – – Wolltet Ihr nicht, daß ich Eurem Weibe die Beichte abnähme und ihr die Hostie reichen sollte? Hört, wie sie vor der Türe in ihrem Jammer sich windet.« »Wenn Ihr das tun würdet\ –\ –« »Ich weigerte mich vorhin; indessen – vielleicht besinne ich mich eines anderen. Vielleicht besinnt auch Ihr Euch eines anderen und besseren. Während ich mit Euch sprach, hat Stefan Dozana die Gemeinde zusammenrufen lassen, vielleicht\ –\ –« Da wurde Michael Cibulas Gesicht zu dem Antlitz eines Menschen, für den es keine Hoffnung mehr gibt, weder auf Erden noch im Himmel. Ein ungeheurer Schmerz zuckte in seinen Augen auf. Dann trat er ehrerbietig zur Seite, um den Bischof, der sich bereits nach der Tür gewendet hatte, vorbeischreiten zu lassen. Ohne zu segnen, wie er gekommen war, entfernte sich Bischof Mauricius. Er ging hart an Josepha vorbei, die immer noch hingesunken am Boden lag. Sie wollte nach dem heiligen Gewande haschen, aber ein Blick ihres Mannes untersagte es ihr. Fünfzehntes Kapitel Michael Cibula hält eine Rede und Bischof Mauricius schleudert einen Bann »Der Bischof beruft die Bauern von Piatra zum Rat.« Diese Meldung erging von Haus zu Haus, und sie erregte in jedem Hause Verwunderung und Befremden: seitdem die Blockhäuser von Piatra standen, hatten sich die Bauern nur selbst zum Rate zusammengerufen. Für den Bischof war die Kirche da. In der Kirche konnte er predigen und verkündigen, segnen und verdammen, wie er wollte; aber im Gemeindehause von Piatra, da redeten die Bauern von Piatra – die Bauern allein! Unwillig, mit gefurchten Stirnen, legten die Häupter der Gemeinde ihre Festtracht an, scharf die Weiber zurückweisend, die bei allem, was den Bischof anbetraf, schier überlaute Stimmen vernehmen ließen. Langsam machten sie sich alsdann auf den Weg; und trafen sich zwei unterwegs, so sagten ihre Blicke zueinander: »Das geschieht wider allen Brauch!« In tiefem Schweigen begaben sie sich nach dem Platz vor der alten Kirche, wo das Gemeindehaus lag, ein nicht minder alter und ehrwürdiger Bau wie das Gotteshaus. Und in tiefem Schweigen standen sie und schauten nach dem Hause der Dozana hinüber. Sobald Stefan Dozana heraustrat, wollten sie ihn fragen, was das bedeutete und seit wann in Piatra der alte Brauch abgeschafft wäre. Sie wollten statt des Bischofs den Priester zur Rede stellen. Aber von Stefan Dozana war nichts zu sehen und zu hören, und der Bischof sollte noch bei Michael Cibula sein. So trat denn einer nach dem andern ins Gemeindehaus, Alle, die nicht hinein gehörten, versammelten sich mit den Weibern auf dem Platze. Weil aber die Waldleute dem Bischof, in Anbetracht der Heiligkeit seiner Person und seines Amtes, auch da in Ehrfurcht begegnen wollten, wo er wider den Brauch handelte, ließen sie aus der alten Kirche einen Sessel holen, dessen Lehne ihre Väter geschnitzt und mit symbolischen Darstellungen verziert hatten. Diesen Stuhl setzten sie auf einen von den Frauen gewirkten Teppich in der Mitte der Halle vor die Bänke der Häupter. Und jeder beschloß bei sich, daß der Bischof, wenn er auf diesem Sitze saß, als ein hochangesehener Gast behandelt werden sollte, aber nicht als mehr. Solches sich vornehmend, betrachtete mancher heimlich das Schnitzwerk des Sessels, dessen Seitenlehnen aus einem seltsamen langohrigen Tier gebildet waren, das mit allen vier Füßen an einem Pflanzenschafte in die Höhe kroch, um droben aus einem Gefäß zu trinken. Die Bauern wußten nicht, ob das Tier einen Hund, eine Katze oder ein Lamm vorstellen sollte. Stefan Dozana hatte das Langohr als einen Wolf gedeutet, der an dem Baum der Kirche emporklimmt, um aus dem heiligsten Kelch zu trinken. Aber die Bauern waren damit nicht zufrieden gewesen: sie wollten keinen Wolf zu dem Heiligtum hinlassen. In tiefem Ernst und Schweigen saßen sie und harrten des Bischofs und ihres Priesters. Für den Bischof wäre es gut gewesen, wenn er die Bauern von Piatra nicht gar zu lange hätte warten lassen; und ferner: wenn er sie aufmerksam betrachtet hätte, bevor er in ihrem Gemeindehause zu ihnen redete. Denn es bestand die Versammlung aus Gestalten, mächtig und fest wie die Zirbenbalken der Decke; aus Männern mit Gesichtern, hart und braun wie das Holz der Wände, das die Jahrhunderte dunkel gefärbt. Und nützlich wäre für Bischof Mauricius gewesen, wenn er die Blicke der versammelten Männer beachtet hätte, wie sie auf die Felle und Geweihe der Elenne schauten, die als der Halle einziger Schmuck an der Täfelung hingen. Denn beim Anblick dieser seltsamen Jagdtrophäen gedachten die Bauern von Piatra ihrer Väter, die noch das Elenntier in den Wäldern der Verrös gejagt hatten. Und sie gedachten dabei ihrer Väter Rechte und ihrer Väter starken und stolzen Sinnes, so daß der Anblick der schwarzen, morschen Häute und des fahlen Gehörns Größeres bewirkte, als hätten sie unter den prunkenden Wappenschildern gefürsteter Ahnen gesessen. Aber noch öfter, als auf diese ehrwürdigen Siegeszeichen ringsum, blickten sie heute auf den einen leeren Platz in ihrer Mitte: seit länger als einem Jahr blieb bei ihren Versammlungen der Stuhl Michael Cibulas frei; und statt ihrer stolzen Väter zu gedenken, gedachten sie jenes einen stolzen Sohnes, der sich von ihnen losgesagt und geschieden hatte. Bei solchen Gedanken wollte es manchen bedünken, daß sie den Juden den Bau der Kirche teuer bezahlt hatten. Aber – sie wollten es den Juden gedenken! Da sahen sie durch die geöffnete Tür, wie draußen eine Bewegung entstand; sie sahen den Bischof in vollem Ornat, als ginge er zum Hochamt in die Kirche, über den Platz kommen. Mit dem Bischof kam alles Gefolge; und wie gestern bei der Weihe, so trug auch heute jeder ein schimmerndes Gewand. Da alle aus dem leuchtenden Tag in die dämmerige Halle traten, war es den Waldleuten, als wälze sich mit ihnen eine Lichtwoge hinein. Hinter den Fremden fiel die Türe zu. Nur einer der Priester im Gefolge des Bischofs trug ein dunkles Kleid: der Priester von Piatra; und es mochte das der Grund sein, weshalb alle Bauern mehr auf ihn, als auf den Bischof sahen. Unbekümmert um alle die Blicke, schritt Stefan Dozana seinem Platz zu. Hier blieb er stehen, und als die Versammlung den Bischof grüßte, tat es auch Stefan Dozana. Bischof Mauricius setzte sich; hinter ihm, gleich Fürsten, die einem Kaiser dienten, stellte sich das Gefolge auf. Sogleich eröffnete der Bischof den Rat. Ohne sich zu erheben, begann er: »Ich, Bischof und Oberhaupt dieser katholischen Christengemeinde von Piatra, klage diese alle an, daß sie von ihrem Besitz und Eigentum den Juden, diesen Feinden Gottes und der Kirche, Land und Wald, Gestein und Gewässer zum ewigen Eigentum übergeben haben. Ich beschuldige die Bauern von Piatra des Ungehorsams gegen Gott und der böswilligen Übertretung der Gebote Gottes. Und ferner erhebe ich gegen die Bauern von Piatra Anklage und Beschwer, daß sie als Untertanen der Kirche durch Aufnahme einer vertriebenen Judengemeinde auf christlichem Gebiet die Kirche in ihren Rechten geschädigt und die Heiligen beleidigt haben; auch beleidigt haben mich, ihren Bischof! Ich fordere von den also Beschuldigten sofortige Lösung des mit den Juden eingegangenen Vertrages, den ich hiermit als unrechtmäßig, weil ohne Genehmigung der Kirche geschlossen, und infolgedessen für ungültig und null und nichtig erkläre. Ich vermahne die Schuldigen zur Unterwerfung und zum unbedingten Gehorsam; ich rufe die katholischen Christen an und gebiete ihnen im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und der heiligen Jungfrau die Vertreibung der Juden.« Hätte der Bischof den Bauern von Piatra geboten, ihr Dorf in Flammen zu stecken, ihre Kirche zu berauben, ihre Weiber und Kinder zu töten, so hätte solcher Befehl keine gewaltigere Wirkung hervorzubringen vermocht, als diese Forderung des Bischofs. Sprachlos saßen die Waldleute da, starrten auf den Bischof, als erblickten sie in ihm etwas, das ihre Lebensgeister lähmte. Es geschah, daß dieses harte Männergeschlecht erblaßte, was sicher nicht geschehen wäre, hätten soeben alle ihr Todesurteil vernommen. Der Bischof, um niemandem Zeit zu lassen, zur Besinnung zu kommen, fuhr sogleich fort; mit einer Stimme, die unheimlich lebendig die Totenstille durchdrang, donnerte er den Waldleuten zu, daß sie sich Rechte und Freiheiten anmaßten, die sie nicht mehr besaßen, die, wenn sie dieselben überhaupt jemals besessen hätten, längst verjährt und nichtig wären. Da die Bauern das vernahmen, ging eine Erschütterung durch die Versammlung, als hätte unter ihr der Boden gebebt. Viele sprangen von ihren Sitzen auf, mit Mienen, als wollten sie aus dem Hause stürzen. Und Bischof Mauricius, der bei dem allgemeinen Erzittern einen Augenblick hatte verstummen müssen, sprach weiter, die Waldleute auffordernd, sich zu unterwerfen: »Wenn nicht den Gesetzen des Staates, die von der Welt sind, so doch den Geboten der Kirche, die vom Himmel sind!« »Auch diesen widersetzen wir uns!« Voller Scheu sahen die Bauern auf den Mann, der im Priesterkleide dastand, und dem Bischof diese Antwort, mit der er vor seiner Gemeinde der Kirche und deren Oberhaupt den Gehorsam aufkündigte, gelassen ins Gesicht sagte. Stefan Dozana hatte seine kühne Erwiderung in aller Namen gegeben; aber noch wagte es keiner, zu ihm zu treten und ihm das Wort offener Empörung gegen das Heiligste laut nachzusprechen, noch lagen die Seelen aller im Banne des Entsetzens. »Wehe jedem, der auf jenen hört, welcher fürderhin euer Priester nicht mehr sein wird. Wehe jedem, der auf einen Mann hört, über dessen Haupt die Acht schwebt. Jeder wahre Christ sage sich los von einem, der durch seinen Ungehorsam gegen die Kirche sich von Gott und den Heiligen lossagt. Jeder wahre Christ bedenke das Heil seiner Seele und mache nicht gemeinsame Sache mit jenem, der seine geheimsten Sünden von euch auf den Türen eurer Kirche verzeichnen ließ und dem allein schon darum das Tor des Paradieses verschlossen sein wird.« Nun berühmten sich die Bauern von Piatra, wahre Christen zu sein; dennoch zauderten sie, von ihrem Priester zu lassen. Da rief Bischof Mauricius: »Hört, ihr Irregeleiteten und Verblendeten, hört auf mich, euern Bischof, der zu euch redet im Namen des Himmels, den ihr schwer beleidigt habt. Wer nicht für mich ist, der ist wider mich, spricht der Herr; und wider Gott ist, wer für jenen ist, weshalb ich jeden, der zu ihm steht, mit diesem zugleich banne und verfluche! Darum erleuchte Gott eure Sinne, daß ihr die Sünde erkennt und euch dadurch bewahrt vor der Strafe, welche die Sünde trifft und welche abzubüßen, die Ewigkeit nicht ausreicht, Herr! Herr! Herr! Erbarme dich ihrer!« Und Bischof Mauricius sprang, wie von heiligem Zorn gepackt, von seinem Sitze auf, beide Hände unter lautem Flehen emporstreckend. Da sah es Stefan Dozana. Er sah es ihnen an den Augen an, daß sie von ihm abfallen würden, daß die meisten bereits von ihm abgefallen waren. Und es erkannte der Priester, daß er heute gestürzt wurde durch dasselbe, was ihn in seiner Gemeinde so hoch erhoben hatte: durch den glühenden Glaubenseifer der Bauern von Piatra. Er selbst hatte die heilig-unheilige Flamme geschürt, sie mit dem vollen Bewußtsein geschürt, daß sie zur Brandfackel werden könne. Jeder Stein, den er von den Juden zum Bau der Kirche hatte herbeischleppen lassen, war gleich einem Funken gewesen, den er in die Gemüter der Seinen geschleudert; nun stand das Heiligtum, nun schwang der Bischof die Fackel, nun schlugen die Flammen über seinem eigenen Haupte zusammen. Auch wenn Stefan Dozanas Seele nicht der jenes Lucifer ähnlich gewesen wäre, so würde er in dieser Stunde, wo sein ganzes Leben gleich einem zerbrochenen Gefäß vor seinen Füßen lag, haben verstehen lernen, wie in einem Augenblick eines Engels Seele von Gott abfallen kann. Aber schon im nächsten Augenblick dachte Stefan Dozana nicht mehr an sich, sondern nur an die, welche von ihm abfielen. Und er gedachte nicht ihrer Untreue gegen ihren Priester, sondern nur an den Verrat, den sie an sich selbst begingen, und daß sie aufgeben und verleugnen konnten, was die Vater seit Jahrhunderten erworben, besessen und erhalten hatten. Daß die Bauern von Piatra ihren Priester verließen, vermochte er ihnen zu verzeihen; aber daß sie sogleich bereit waren, ihrer Rechte sich zu begeben, ihrer Freiheit sich zu entäußern – im Handumdrehen, vor diesem Bischof – daß sie in einem Augenblick verloren geben konnten, was sie ihr ganzes Leben lang mit einer Leidenschaft und Inbrunst ohnegleichen geliebt hatten – das verzieh er ihnen nie, dafür haßte und verachtete er sie fortan wie sonst nichts auf der Welt. Und der Priester von Piatra, der in seinem Herzen stets ein Bauer von Piatra geblieben – aber ein echter, von der alten, großen Art! – fühlte in dieser Stunde den gewaltigsten Schmerz seines Lebens. Und vollends verloren gab er seine Sache, für vollends gewonnen hielt Bischof Mauritius die seine, als plötzlich die Türe aufging und Michael Cibula in die Halle trat. Da erinnerten sich die Waldleute, wie sehr Michael Cibula stets gegen die Juden gewesen; und alle drängten nach ihm hin, so daß Stefan Dozana ganz allein stand. * Um niemanden sich kümmernd, schritt Michael Cibula auf den Bischof zu, neigte sich ehrerbietig und fragte: »Habt Ihr, hochwürdiger und heiliger Herr Bischof, diesen versammelten Männern Euern Willen vorgetragen?« »Sie haben mich gehört.« »Und welches ist die Antwort dieser Männer gewesen?« »Sie erkennen ihre Sünde und sind gewillt, ihre Sünde zu büßen.« »Welche Sünde ist es, die sie erkennen?« »Ihren Ungehorsam gegen die Kirche.« »Und wodurch sind sie gewillt, diese Sünde zu büßen?« »Sie beugen sich.« »Sie beugen sich!« fuhr Michael Cibula wild auf, mäßigte sich jedoch sogleich und fragte von neuem voll tiefer Ehrfurcht den Bischof: »Wem beugen sich die Bauern von Piatra?« »Gott und mir, Gottes Bischof.« »So werden sie tun, was der Bischof ihnen zu tun befiehlt?« »Sie werden die Juden vertreiben.« Wieder wollte Michael Cibula auffahren, aber wiederum bezwang er sich. Mit finsteren Blicken auf Stefan Dozana deutend, fragte er: »Und ihr Priester?« »Ihr seht: Stefan Dozana steht allein.« Ein heißer, leuchtender Strahl fuhr aus Michael Cibulas Augen zu dem einsam dastehenden Manne hinüber, der trotzig den Blick seines Todfeindes ertrug. »So wäre unter allen diesen Männern außer Stefan Dozana kein einziger, der Euerm heiligen Willen sich widersetzt?« »Kein anderer! Denn auch Ihr scheint Euern widersetzlichen Sinn geändert zu haben.« »Nein, Herr Bischof, ich bin eines Sinnes mit diesem Manne.« Und Michael Cibula trat langsam von dem Bischof fort, zu Stefan Dozana hin. Dieser stand da, als sei er von einer Kugel getroffen worden. Es wäre ihm in diesem Augenblick das liebste gewesen. Ruhig blickte Michael Cibula nach dem ergrimmten Bischof hinüber; aber ein wildes Lächeln zuckte über sein Gesicht, als er die Aufregung der Bauern gewahrte. »Darf ich in diesem Hause reden?« fragte er in seinem früheren Ton tiefster Ehrerbietung den Bischof, der heftig entgegnete: »Ich kann Euch in diesem Hause das Recht, zu reden, nicht verwehren, sonst würde ich es tun; denn Eure Worte wirken gleich Gift auf manches Gemüt. Deshalb warne ich diese hier vor Euren Worten; und Euch rate ich: ehe Ihr sprecht, zu bedenken, was Ihr sprecht. Zugleich erinnere ich auch Euch, daß die Kirche nicht allein widersetzliche und schuldige Priester mit dem Banne belegt. Auch Euch, Michael Cibula, droht die Acht – wie allen denen, welche der Kirche den Gehorsam versagen, Sie alle, alle sollen verflucht sein!« Den Schluß seiner Rede donnerte Bischof Mauricius den Bauern zu; diese traf die Bedrohung mit dem Kirchenbanne und dem Fluche tief ins Herz. Schon sah sich jeder geächtet und verflucht, verstoßen von der Kirche, ausgeschlossen von den Sakramenten, schon sah jeder seine Seele einer ewigen Flammenqual überantwortet. Wild begann es in den dumpfen Gemütern zu garen, ein ungeheurer Sturm sich vorzubereiten – gegen Michael Cibula und Stefan Dozana, für den Bischof! Was bedeuteten ihre weltlichen und zeitlichen Rechte gegenüber ihrer himmlischen Anwartschaft? Sie sollten ihrer verlustig gehen und das um der Juden willen! »Die Juden müssen fort!« Ein einziger schrie es. Dann schrien es alle. Alle schrien: »Die Juden müssen fort!« Triumphierend blickte Bischof Mauricius auf Michael Cibula. Dieser wartete, bis wieder Ruhe entstanden, dann rief er: »Ich habe von dem hochwürdigen und heiligen Herrn Bischof die Erlaubnis erhalten, reden zu dürfen.« Aber alle murrten. Schließlich mußte der Bischof selbst Stille gebieten. Nun trat Michael Cibula vor. »Die Juden müssen fort. – – Damit der hochwürdige und heilige Herr Bischof unsere Gemeinde nicht in Acht und Bann tue, müssen die Juden fort. Damit wir nicht verflucht werden, müssen wir den Juden unser gegebenes Wort brechen. Damit unseren Seelen keine Gefahren drohen, damit wir selig leben und selig sterben können, müssen wir unseren Rechten entsagen, müssen wir dem Bischof uns beugen, unsere Freiheiten hingeben, unsere Ehre verlieren, müssen wir zu Schurken und Buben werden. – – Wißt ihr, wie es kommen wird? Wenn von jetzt an ein Jude uns wortbrüchig schimpfen, ein Jude uns ins Gesicht Schurken und Buben nennen wird, so müssen wir uns den Schimpf gefallen lassen, denn – der Jude hat recht. Jeder Jude kann uns fortan ins Gesicht speien, und wir müssen still halten; denn – der Jude hat recht! Auf daß der hochwürdige und heilige Herr Bischof uns gute Christen und gehorsame Diener der Kirche heißen kann, sollen wir falsche, schändliche, niederträchtige Kreaturen werden. Denn der hochwürdige und heilige Herr Bischof befiehlt: die Juden müssen fort! Und: die Juden müssen fort! schreien die Bauern von Piatra.« Er schwieg einen Augenblick, Als er dann weitersprach, murrten die Bauern nicht. Schwerlich auch, daß der Bischof noch einmal Ruhe geboten hätte. Die Juden müssen fort! Ich sage euch: die Juden sind da, und weil sie einmal da sind, müssen sie bleiben. Denn als sie den Pakt mit euch schlossen, glaubten sie, daß ihr ihn heilig halten würdet. Heilig und unverletzlich ist er, und heilig und unverletzlich muß er bleiben. Wenn ihr das tut, was der hochwürdige Herr Bischof euch zu tun befiehlt; wenn ihr die Juden vertreibt – ihr wißt nicht, was dann für euch kommen wird. Der hochwürdige Herr Bischof weiß es, aber der hochwürdige Herr Bischof sagt es euch nicht; darum muß ich es euch sagen: Dann lebt ihr ohne Acht und Bann wie geächtet; dann seid ihr gesegnet, als wäret ihr verflucht; dann schleicht ihr euch gleich Verbrechern in eure Kirche, die euch diejenigen bauten, welche ihr vertrieben habt; dann schaut ihr gleich Dieben und Räubern auf den Schmuck eures Heiligtums, das ihr mit dem Silber und dem Golde jener schmücktet, denen ihr euer Wort gebrochen; dann fühlt ihr euch gleich Mördern, wenn in der Hostie für euch der Leib des gemordeten Gottessohnes niedersteigt. An euren Lippen wird Blut kleben, aber es wird nicht das Blut Christi sein. Darum müssen die Juden bleiben! Nun wird der hochwürdige Bischof euch sagen: es sei keine Sünde, Juden das Wort zu brechen, sondern eine Gottestat. Das weiß ich nicht. Aber das weiß ich: hätte ich einem räudigen Tier mein Wort gegeben, so würde ich einem räudigen Tier mein Wort halten. Darum und aus vielen anderen Gründen müssen die Juden bleiben. Aber dann wird der Bischof uns in Bann tun. Das ist ein schweres Unglück für uns. Indessen ein noch schwereres Unglück wäre es, wenn der Bischof uns heute segnen würde. Denn dann wären wir nicht länger freie Männer, sondern Knechte. Wie wollen wir vor unseren Vätern bestehen, wenn wir ihnen begegnen in der Ewigkeit und als Knechte eines Bischofs zu ihnen kämen? Besser, wir treten dermaleinst vor sie gebannt und verflucht, aber als freie Männer, wie unsere Väter gewesen. Warum dürfen wir nicht tun, was zu tun uns geboten wird; sondern wir müssen uns dem Willen des hochwürdigen und heiligen Herrn Bischofs widersetzen, und wir müssen uns um unserer Väter willen in Gottes Namen in den Bann tun und ächten lassen. Wenn der Bischof auch Gott vertritt, so ist er doch nicht Gott. Das sei unsere Hoffnung!« Noch standen die Bauern und kämpften gegen den Sturm in ihrer Seele und fürchteten sich davor, daß er losbrechen könnte. Michael Cibula sah ihre Not und daß er sie vollends von sich selbst befreien und losrütteln müsse. Doch da er weiter an ihrem Herzen reißen wollte, verbot der Bischof ihm zu reden. Nun murrten die Bauern wider den Bischof; sie murrten so laut und in so drohendem Tone, daß Michael Cibula ihnen Ruhe gebieten mußte. Dann sprach er weiter, dem Bischof den Rücken kehrend: »Was meint ihr wohl, wenn heute unsere Väter an unserem Platze ständen – was meint ihr wohl, daß unsere Väter sagen würden, nachdem ein Bischof zu ihnen gesprochen: »Begebt euch eurer Rechte und Freiheiten, handelt unehrlich, oder ich, der Bischof achte und fluche euch!« Was, meint ihr, hätten unsere Väter wohl auf eine solche Forderung dem hochwürdigen und heiligen Herrn Bischof entgegnet?« Und plötzlich, dem Bischof sich zuwendend, rief Michael Cibula mit mächtiger Stimme: »Tief hätten sich unsere Väter vor dem Bischof geneigt; aber entgegnet hätten sie ihm: »Hochwürdiger und heiliger Herr Bischof! Unsere Rechte, deren Ihr uns berauben wollt, sind von unseren Vätern auf uns gekommen, damit wir sie hoch und heilig halten und sie als hoch und heilig unseren Söhnen hinterlassen sollen. Und hoch und heilig, wie unser Recht, gilt uns unser verpfändetes Wort. Deshalb, hochwürdiger und heiliger Bischof, tut, was Eures Amtes ist, und laßt uns tun, was unser Recht ist.« So würden unsere Väter sprechen, stünden sie heute an unserem Platz, und nachdem sie also gesprochen, würden sie vor dem Bischof sich neigen und schweigend diese Halle verlassen. Wer von den Söhnen wird heute nicht das Gleiche tun, was seine Väter an seiner Stelle hier getan hätten?!« Und vor dem Bischof sich neigend, wollte Michael Cibula die Halle verlassen, wollten alle die Halle verlassen. Aber da, auf einen Wink des Bischofs, riß einer vom Gefolge die Türe auf. Herein stürzten die Weiber und drängten die Männer zurück. * Und von einem aus dem Gefolge ließ Bischof Mauricius den Bann vorlesen, den er über Piatra verhängte – über ganz Piatra! Mit gewaltiger Stimme rief der Priester den furchtbaren Fluch über die Bauern und ihre Weiber und ihre Kinder aus; aber so mächtig er auch rief, ging, doch manches Wort des entsetzlichen Fluches unter in dem Ächzen und Schluchzen der Weiber. Wen die Halle nicht mehr fassen konnte, der stand auf dem Platze und schaute nach dem Hause hinüber, als stünde dieses in Flammen und es verbrennten alle, die darinnen waren. Aufheulten die Frauen. Viele warfen sich nieder. Mit dem ganzen Leibe lagen sie am Boden und schrien den Himmel, die Heiligen und den Bischof um Gnade an. Aber die Gnade wurde ihnen verweigert. Da sprangen sie wieder auf, stürzten zu ihren Männern hin, schrien auf sie ein, flehten und baten; flehten und baten für sich, für ihre Kinder. Aber ihrer Bitten wurde nicht geachtet. Sie drohten, sie verwünschten – – Die Männer standen vor den Rasenden mit Gesichtern, die erstarrt schienen. Da rauften die Weiber in aberwitziger Angst ihr Haar, stürzten mit flatterndem Haar hinaus und in die Kirche, warfen sich vor den Altären, vor den Heiligen, vor der Muttergottes hin, zerschlugen sich die Stirnen, rangen die Hände und füllten die Wölbungen mit ihrem Jammergeschrei. Andere holten ihre Kinder herbei, schleppten sie zu ihren Vätern hin, ließen die unschuldigen Kinder vor den unbarmherzigen Vätern jammern und flehen. Aber die Männer hörten nicht. Da, mit einem wildgerufenen Anathema, verließ der Bischof die Halle, und sein Gefolge eilte ihm nach als wie in der Flucht. Nun begaben sich auch die Bauern nach Hause, in tiefem Ernst und Schweigen, wie sie gekommen waren. Die Weiber liefen, ihre Männer verwünschend, hinterher. Voller Entsetzen entwichen die Fremden aus Piatra. * Langsam schritt Michael Cibula seinem Hause zu. Da, hörte er hinter sich seinen Namen rufen; laut, angstvoll, fast flehend. Er erkannte die Stimme. Aber da er sich nicht denken konnte, weshalb jene Stimme ihn so laut und flehend anrief, blieb er nicht stehen, kehrte sich auch nicht um, sondern ging ruhig seines Weges. Vor seinem Hause stand Josepha, und als sie ihren Mann kommen sah, da war es, als wollte sie mit ausgebreiteten Armen auf ihn zustürzen. Doch ehe sie ihn erreichte, wankte sie, fiel hin und schlug mit dem Kopf hart auf dem Boden auf. Michael Cibula glaubte, auch sein Weib habe ihn anwinseln wollen; er ließ daher Josepha liegen und schickte Russka zu der Bewußtlosen hinaus. Dann schloß er sich in seine Schnitzkammer ein. Das Holzbild grollte ihm, um es zu begütigen, mußte Michael Cibula eine schwere Sühne geloben. Stefan Dozana, nachdem er umsonst laut und flehend Michael Cibula angerufen, ging in den Wald, wo er am wildesten war, warf sich dort auf den Boden nieder und weinte bitterlich. Sechzehntes Kapitel Piatra excommunicata Der Bischof war fort, aber sein finsterer, feindseliger Geist war geblieben. Er ging in Piatra um und verödete die Gassen; er drang in die Häuser und machte sie unwohnlich; er schlich sich in die Herzen und erfüllte sie mit Grausen Gleich einer schwarzen, gespenstischen Gewitterwolke, die sich tiefer und tiefer senkte, lag über Piatra der Kirchenbann. Die Menschen, die unter der Acht lebten, vermochten nicht zu atmen; sie glaubten ersticken zu müssen. Es drückte auf sie herab wie der Deckel eines Sarges: sie fühlten sich lebendig begraben. Alle waren sie geächtet: Männer, Frauen, Kinder\ –\ – Alle waren sie ausgeschlossen von der Wohltat der heiligen Sakramente. Alle waren sie ausgeschlossen von der Gnade Gottes. Ihr Priester Stefan Dozana durfte seines Amtes nicht walten; ihn und Michael Cibula traf der große und schwere Bann. Ausgeschlossen von der Gnade Gottes, ausgeschlossen von den Sakramenten, geächtet und priesterlos würden die Bauern von Piatra mit ihren Weibern und Kindern bleiben, bis sie der Kirche und dem Bischof Gehorsam leisteten, bis sie ihrer Rechte und Freiheiten sich entäußerten, bis sie Pakt und Wort brachen – bis sie die Juden vertrieben. So sollten sie gezwungen werden: nicht durch die Gewalt des Staates, sondern durch den Zorn der Kirche; nicht durch die Gesetze der Welt, sondern durch die Gebote des Himmels. Aber die Bauern von Piatra ließen sich nicht zwingen. Der Bann traf sie, als schlüge sie die Hand Gottes; aber zwingen ließen sie sich nicht. Es war, als sei in dem Walddorf ein großes, gräßliches Sterben, als sei in Piatra die Pest ausgebrochen. Auch die Glocke der neuen Kirche war verstummt. Wortlos und scheuen Blickes schlichen die Waldleute aneinander vorüber. Sie arbeiteten nur so viel, als für ihren Lebensunterhalt notwendig war, und das kaum. Nichts taten sie mit Lust und Freude, alles gleichsam mit gebundenen Händen. Die meisten der Männer befanden sich tagsüber im Walde und im Gebirge, rührten jedoch kaum eine Arbeit an, sondern verbrachten die Stunden in dumpfem Grübeln und Brüten. Die Frauen füllten von früh bis spät beide Kirchen, wo sie weinend und ächzend vor den Altären und den Heiligenbildern auf den Knien lagen und wild den Himmel anschrien. Sie kümmerten sich weder um Haus noch Herd, weder um Mann noch Kind; und kehrten die Bauern spät abends heim, so fanden sie den Tisch ungedeckt, die Speisen gar nicht oder schlecht bereitet, so empfingen sie finstere Mienen, feindselige Blicke, wilde Worte. Es kam für Piatra eine Zeit, wo die Augen der Männer hohl und ihre Wangen fahl wurden. Aber zwingen ließen sie sich nicht. Wurde ein Kind geboren, so durfte es nicht getauft werden; rang einer mit dem Tode, so durften ihm die Sterbesakramente nicht gereicht werden. Eine schwangere Frau glich jetzt in Piatra einer Mänade: schon im Mutterleibe war ihr Kind verflucht! Und hatte die Frau unter Qualen das Verfluchte zur Welt gebracht, so hätte sie es am liebsten erwürgt. Wer sich dem Tode nahe fühlte, litt noch lebend alle Martern des Verdammten. Gräßlich war dann das Geschrei der Angehörigen nach dem Priester, herzzerreißend das Flehen des Sterbenden um den letzten Trost, herzzerreißend der Jammer der Seinen. Aber zu der Mutter, die ihr Kind nicht taufen lassen, zu dem Sterbenden, der sich nicht mit Gott versöhnen konnte, kam Stefan Dozana; und obgleich er den Bauernrock trug und sein Haar über der Tonsur wachsen ließ, obgleich er äußerlich den Priester ganz und gar von sich getan, war er doch niemals mehr Priester und Seelsorger gewesen, als in dieser Zeit der Prüfung und Not. Mächtig klang seine Rede vor den Verzagenden und Verzweifelnden. Aber sie wollten nicht auf ihn hören, sie wandten sich ab von ihm; in dem Augenblick, da ihr Priester zum erstenmal in seinem Herzen sich ihnen näherte, kehrten die Verzagenden und Verzweifelnden ihm den Rücken, und manchen Weibes letztes Wort war eine Verwünschung gegen Stefan Dozana. Er las nicht mehr die Messe; aber er fuhr fort seiner Gemeinde zu predigen: statt in der Kirche, außerhalb derselben. Es waren auch dort nur wenige, die willig waren, ihn anzuhören. Aber auch für die wenigen zu reden, war er stets bereit, und niemals hatte seine Stimme einen volleren Klang gehabt. Sie drang weit hinaus in den Wald, und das Echo der Schlucht sprach seine Worte nach. Und niemals hatte Stefan Dozana den Waldleuten so viel von der Gnade des Himmels und der Ungerechtigkeit der Welt, von schweren Prüfungen und von der Kraft, diese zu überwinden, zu sagen gewußt, und es war nicht seine Schuld, daß die Gemeinde auf die Rede eines anderen lauschte. Denn Michael Cibula sprach auch – predigte auch. Nur daß er es nicht vor der Kirche tat, sondern im Gemeindehause, oder auf der Gasse, in den Häusern, im Walde, überall, wo er sah, daß ein starkes Menschenwort not tat. Seit seinen großen Worten vor dem Bischof klang seine Rede den Waldleuten wie der Donner der Lawinen, wie das Brausen des Sturms. Aber kein Lawinendonner und Sturmesbrausen in seiner Rede konnte die Bauern zu dem einen bewegen, wovon seine ganze Seele voll war: ihr Heimatsdorf zu verlassen und in den schwarzen Grund überzusiedeln, fern von den Juden. Und doch sah er das einzige Heil für Piatra darin, daß Piatra aufhörte zu sein und ein neues Piatra entstand. Indessen solche großen und kühnen Gedanken fanden in dem Hirn der Waldleute keinen Raum. Auch hafteten ihre Seelen an der düstern und wilden Schlucht wie die Wurzeln der Tannen an dem Felsengrunde. Aber Michael Cibula liebte seine Heimatserde auch – nichts auf der Welt liebte er mehr – und dennoch hatte er sie verlassen wollen. Da er nun aber sah, daß niemand seinem Drängen Gehör gab, entschloß auch er sich zu bleiben; wenigstens so lange, bis die Not vorüber war, bis die Prüfung überstanden. Freiwillig hatte Stefan Dozana die Herrschaft über Piatra in die Hände eines Stärkeren gelegt und damit seinem Feinde überlassen, was so lange den Stolz seines Lebens ausgemacht hatte: mit freiem Willen und ohne sich voller Groll von den Menschen zurückzuziehen. Nur daß er ging, wenn Michael Cibula kam, daß er schwieg, wenn jener sprach. Auch geschah es nicht wieder, daß Michael Cibula laut und fast flehend hinter sich herrufen hörte. Aber hatte Stefan Dozana tagsüber sein Haupt vor allen hochgetragen, so war er nachts, oder wenn niemand ihn sah, ein zerbrochener, vernichteter Mensch. Dann floh er in die Wildnisse des Urwaldes, in die Öde des Felsengebirges, wo er sich ausraste, bis er mit zermalmtem Herzen dalag, wie er in jener Nacht in der neuen Kirche vor dem Hochaltar gelegen. So kämpfte und litt er darum, daß er seinem Todfeinde überließ, was einst sein gewesen, beides: Herrschaft und Weib. Es konnte nicht ausbleiben, daß man in Reï-mi-Bal das Drama von Piatra Szene für Szene erfuhr. Weil die Christen ihres Bischofs Geboten den Gehorsam versagten und sich weigerten, die Juden auszutreiben, waren sie gebannt und verflucht: Männer, Weiber, Kinder\ –\ – Als sie im Hause der Kolon davon vernahmen, verhüllte der Patriarch sein Haupt und Jehuda schrie laut auf. Dozia aber zerriß das schöne Gewand, das sie trug, und saß mit starren, tränenlosen Augen, während das ganze Haus Jammer und Wehklagen erfüllte, als wäre dem Hause Kolon der Sohn und Erbe gestorben. So kam auch für Reï-mi-Bal eine Zeit der Not und der Prüfung. Lange berieten die Juden; dann schickten sie eine Deputation nach Piatra hinüber, um den Christen ihren Dank zu bringen. Der Patriarch selber wankte am Stabe mit und wollte nicht dulden, daß man ihn auf dem beschwerlichen Wege trug oder nur stützte. Tief wollte er sich mit seinem Sohne und vor allen den großmütigen Christen neigen; am liebsten hätte er seine Knie vor ihnen gebeugt. Doch die Häupter der Bauern und Michael Cibula ließen die Juden gar nicht vor sich. Einen ganzen Tag und eine halbe Nacht warteten die Ebräer vor dem Dorfe; dann kehrten sie trauernd um. Am nächsten Tage saßen sie und berieten von neuem, was sie an den Christen für ihre Großmut tun könnten, damit diese nicht zu erdrückend auf ihnen laste. Nach langem Sinnen und Reden diktierte Baruch Kolon im Namen der Judengemeinde von Reï-mi-Bal seinem Sohne ein Schreiben an Stefan Dozana, darin wurde den geächteten Bauern unter anderem gesagt: »Eine Kirche bauten die Juden für euch und euern Gott, und tief drückten die Steine die Häupter der Kinder Israels nieder – gebt uns, unseren Weibern und Kindern Felsen zu tragen, damit Israel sein Haupt wieder aufrichten darf! Viel Böses und Unrechtes mußten die Juden von den Christen erleiden, aber eurer Missetaten erfüllten unsere Seelen mit Freude und Dank gegen Jehova – sehet uns an, wie wir jetzt dastehen vor euch, erdrückt von eurer Großmut, murrend wider den Gott unserer Väter und die Herzen voll Trübsals. Aber gedacht soll es werden von uns bis in das vierzehnte Glied, daß die Juden vom Berge Kryvan gelitten unter der Großmut der Bauern von Piatra. Seit es Juden gibt und Christen, haben die Juden nicht erfahren von Christen, was wir von euch erfuhren. Nun ermesset selbst, was ihr an uns, unseren Weibern und Kindern getan\ – \ –« Auf solche Worte voller leidenschaftlichem Pathos ließen die Bauern von Piatra durch Stefan Dozana der Judengemeinde vom Berge Kryvan erwidern: »Nicht um der Juden willen haben wir die Juden nicht vertrieben, sondern um unseret- und um unserer Väter willen. Folglich brauchen die Juden so wenig unter der Großmut der Christen zu leiden, wie diese unter ihrer Dankbarkeit zu leiden wünschen.« Und wiederum gab es im Hause der Kolon einen Tag der Trauer und der Klage, und wiederum berieten die Juden die halbe Nacht hindurch, fanden nichts und wollten eben schweren Herzens auseinandergehen, als die Türe sich öffnete und Dozia hereintrat, bleich, mit tief umschatteten Augen. Die Männer sahen sich betroffen an; denn streng blieben die Weiber von ihren Versammlungen geschieden und von ihrem Rate ausgeschlossen, Baruch Kolon fuhr zornig auf, und Jehuda trat zu seinem Weibe, als müsse er es schützen. Dozia sagte: »Meine Stimme, die euch in dieses Tal geführt, soll euch jetzt mahnen, dieses Tal wieder zu verlassen. Geächtet und verflucht sind die Christen; sie sind es, weil sie uns nicht vertreiben wollten – lasset uns selbst von diesem Tale scheiden, auf daß der Fluch wieder genommen werde von den Christen und von uns. Höret auf meine Stimme! Es ist nur die Stimme eines unverständigen und angstvollen Weibes; aber vielleicht ist es Gott, der heute durch meine Stimme zu euch redet.« Sie schwieg. Finster schauten die Juden auf die mutige Frau; aber Baruch Kolon winkte seinem Sohne gebieterisch, sein Weib hinauszuführen. Nachdem Dozia die Halle verlassen, redete Baruch Kolon: »Wahrlich, eines unverständigen Weibes Mund hat soeben gesprochen in diesem Saale, wo nur ertönen sollen Worte der Weisheit. Wahrlich, nicht Gott hat durch dieses Weibes Mund soeben zu uns geredet. Denn Gott ist Weisheit! Und Gottes Weisheit und Gottes Wille ist es gewesen, welcher unser Volk hierher geführt. Es hieße Gott versuchen, wenn wir seine Weisheit und seinen Willen mißachten wollten und fortgehen von da, wo wir soeben erst gebaut unsere Häuser, soeben erst gepflügt unsere Äcker, soeben erst Heimat und Frieden gefunden haben. Freveln hieße es gegen Gottes Weisheit und Willen, wenn wir selbst uns vertreiben wollten aus dem Lande, das uns und unseren Nachkommen bestimmt worden ist. Denn es ist gegen Gottes Weisheit und Willen, daß wir von neuem sollen wandern und irren, von neuem sollen sein flüchtig und unstät auf Erden. Aber hört, was ich rate, womit wir den Christen ihre Großmut vergelten können. Vielleicht ist es mein Mund, durch welchen heute Gott zu euch redet. Viel des Silbers und Goldes ward den Christen von uns für den Berg Kryvan gezahlt; aber viel des Silbers und Goldes, so dachten wir, würden die Felsen und die Bache des Berges Kryvan uns wiedergeben. Gesucht haben wir lange, aber gefunden haben wir nichts! Wohl: lasset uns suchen von neuem! Lasset uns suchen, bis wir gefunden haben. Dann lasset uns wiederum vor die Christen treten, dann lasset uns den Christen sagen: »Unser ist nur dieses Berges Gestein, aber nicht dieses Berges Silber und Gold. Nehmet denn, was euer ist.« Also der Weise. Lange berieten die Juden. Dann gingen sie auseinander, leichteren Herzens, als sie gekommen waren. Nur Dozia wollte sich nicht trösten lassen. Mehrere Wochen trug Jehuda es mit sich herum, ehe er davon zu seinem Weibe sprach. Das geschah eines Sabbathabends. Die Kemenate der schönen Dozia strahlte im Glanze vieler Wachskerzen, die auf hohen silbernen Leuchtern flammten; um die Lichter schwebte bläulicher Dunst verbrannter Spezereien, sich wie ein feiner Nebel in dem Gemach verbreitend, das die Wohlgerüche Arabiens erfüllten. Die Teppiche, welche Wände und Decke bedeckten, schimmerten mit ihrem Goldgrunde, darein amarantfarbene Arabesken eingewebt waren, wie der Baldachin eines orientalischen Fürsten, Alpenblumen waren auf den Boden gestreut. In einem Gewande von silbergrauem Damast, ein gelbes Seidentuch um das Haupt geschlungen, ruhte Dozia ans ihrem Lager, das mit dem Fell eines schwarzen Löwen bedeckt war. Nur ihre Kinder befanden sich bei ihr. Den ganzen Abend hatte Asarja sie gequält, ihm von der Großmutter Mirjam zu erzählen. Dozia hätte es nicht getan, aber Asarja war kaum von seinen Wunden genesen und bat mit solcher Herzlichkeit, daß es seine Mutter ängstigte. Um den Knaben nicht noch mehr aufzuregen, erzählte sie: »Sie fürchtete Gott und liebte die Menschen, obgleich die Menschen ihr Übles getan. Sie soll gewesen sein holdselig anzusehen, schlank wie eine Lilie des Feldes, mit Augen wie eine Hindin und Haar, das war\ –\ –« Hier wurde Dozia heftig von Makkabea unterbrochen: »Das weiß ich, Mutter! Großmutter Mirjams Haar war wie meines ist, Judith sagt: Großmutter Mirjams Haar sei wie gesponnen Gold gewesen; aber Rebekka meint: wie loderndes Feuer. Ich möchte Haar haben wie Feuer!« Mit einem seltsamen, tief erschrockenen Blick sah Dozia auf ihr leidenschaftliches Kind, das vom Boden aufgesprungen war und mit blitzenden Augen dastand, Asarja erhob sich leise, ging zur Mutter, schmiegte sich an sie und schaute ängstlich nach seiner Schwester hinüber. »Was haben Judith und Rebekka, denen ich verboten, mit euch über eure Großmutter zu reden, dir sonst noch von dieser gesagt?« fragte Dozia. Ihre Stimme bebte. »Sie haben mir gesagt, Großmutter Mirjam sei eine Christin gewesen!« rief Makkabea mit erstickter Stimme, warf sich nieder, schluchzte und weinte, daß es sie schüttelte wie ein Krampf. Voller Weh hielt Dozia ihr Kind umfaßt. Während sie die Zuckungen der zarten Glieder mehr als eigene Schmerzen fühlte, gedachte sie der Weissagung des Patriarchen von der wilden Seele ihres Kindes, die ihm innewohne und es einst zerstören würde. Aber Asarja stand da mit einem glückseligen Lächeln auf den blassen Lippen: seine Großmutter Mirjam war eine Christin gewesen! Endlich wurde Makkabea still und lag in ihrer Mutter Armen, blaß und regungslos, als wäre sie tot. Asarja sollte eine der Mägde rufen, um der Mutter zu helfen, das Kind zu Bett zu bringen. Da schlug Makkabea die Augen auf, sah Dozia mit einem unbeschreiblichen Blicke an und bat: »Erzähle von Großmutter Mirjam.« Dozia wollte nicht; doch als sie eine Bewegung machte, sich zu erheben, zuckte Makkabea so schmerzhaft zusammen, daß Dozia blieb und nun über ihre Tochter gebeugt, leise zu erzählen begann. Asarja kniete neben der Mutter nieder und wagte nicht, Atem zu holen. »Es waren einmal Christen, die wohnten in einem finsteren, wilden Wald. Sie fürchteten Gott und liebten niemand; aber die Juden haßten sie. Wenn diesen Christen in ihrem Walde ein böser Geist begegnete, so machten sie ein Zeichen, welches so mächtig war, daß der böse Geist von ihnen weichen mußte. Dasselbe Zeichen machten sie vor einem Juden. In dem Dorfe war eine junge Christin, gar holdselig anzusehen, schlank wie die Lilien auf dem Felde, mit Augen wie eine Hindin und Haaren, die verglichen die einen mit gesponnenem Gold, die anderen mit lodernden Flammen. Diese junge, liebliche Christin fürchtete Gott und liebte die Menschen; vor den bösen Geistern machte sie das heilige Zeichen, daß diese ihr nichts anhaben konnten. Und sie machte dasselbe Zeichen vor den Juden, die jedes Jahr, wenn auf den hohen Bergen und in den finsteren Wäldern der Schnee schmolz, zu den Christen gezogen kamen. Die Jungfrau hieß Maria, Maria aber bedeutet bei den Christen dasselbe, was Mirjam bei den Juden bedeutet. Eines Jahres waren die Juden wieder gekommen und wieder fortgezogen. Am Abend ging Maria allein durch den wilden Wald; da hörte sie jammervoll seufzen. Sie dachte, es sei ein böser Geist, der sie versuchen wollte, stand und schlug das Kreuz. Doch sie hörte wieder die jammernde Stimme, so daß sie meinte, es sei ein Mensch, dem ein Unheil widerfahren, und mutigen Herzens hinging. Es war aber ein Jude. Er war von einem hohen Felsen herabgestürzt und hatte sich das Bein zerschmettert. Als Maria gewahrte, daß der Verunglückte ein Jude war, wollte sie zuerst flüchten. Aber sie wurde mit so sanfter und flehender Stimme angerufen, zu bleiben und zu helfen, daß sie sich ein Herz faßte und näher trat. Da sah sie, daß der Jude ein wunderschöner Jüngling war, und als sie das viele Blut erblickte, das von ihm geflossen war, schrie sie auf und vergaß in ihrer Angst gänzlich, das heilige Zeichen zu machen. – Da geschah es, daß, nach dem Glauben der Christen, der Jude Gewalt über ihre Seele gewann\ ...« Dozia hielt inne. Leise wurde die Türe geöffnet, Jehuda trat ein. Erstaunt blickte er auf die Gruppe am Boden. Er wollte fragen, aber Dozia winkte ihm ernsthaft Schweigen zu. Dann fuhr sie fort zu erzählen: »... Da warf sich Maria neben dem Juden nieder, in dessen quellendes Blut hinein, und jammerte laut. Der Jude wollte der Christin etwas sagen, doch die Augen fielen ihm plötzlich zu, sein Kopf sank zurück – nur daß er sie noch freundlich anlächeln konnte. Maria glaubte, er wäre tot und fiel über ihn hin, als hätte der Tod eines verhaßten und verfluchten Juden die Christin ins Herz getroffen. Sie blieb bei ihm die ganze Nacht. Am nächsten Morgen fanden die Waldleute beide, die Christin neben dem Juden. Sie hoben ihn auf – lieber hätten sie ihn liegen lassen! Aber der Vater der Jungfrau, der ein mächtiger Mann war, gebot ihnen, den Verwundeten in sein Haus zu schaffen, wo er bleiben sollte, bis er gesundet war. Er blieb den ganzen Sommer. Als er dann heil und gesund fortging – mitten in der Nacht – ging er nicht allein. Denn es hatten der Jude und die Christin einander zu lieb, so daß sie nicht mehr voneinander lassen konnten.« Dozia schwieg, aber Makkabea wollte noch mehr wissen. Asarja drängte sich ungestüm an seine Mutter und Jehuda nickte seinem Weibe freundlich zu. Da erzählte Dozia weiter. »Sie konnten nicht mehr lassen voneinander, so daß die christliche Maria zu einer jüdischen Mirjam ward. Den Glauben ihrer Väter schwur sie ab und dem Glauben ihres Gatten schwur sie sich zu. Wo sie hätte hassen müssen, liebte sie, und dem Manne, vor dem sie das Zeichen zum Schutz der bösen Geister hätte machen sollen, gebar sie eine Tochter. – – Als ich noch ein Kind war, starb meine Mutter.« Und Dozia drückte ihr Antlitz in tiefem Gram gegen den Kopf ihrer Tochter. Jehuda trat herzu, hob sein Weib vom Boden auf, küßte sie und sprach ihr liebreich zu. Als Dozia Makkabea in die Kammer führen wollte, fühlte sie sich am Gewande festgehalten. Es war Asarja. »Haben auch die Juden dem Großvater und der Großmutter geflucht, wie die Christen ihnen fluchten?« fragte der Knabe, und seine Augen hatten wieder den weiten, gespannten Blick, mit dem er Dinge zu schauen schien, die andere nicht sahen. Dozia erwiderte: »Die Juden haben dem Großvater nicht geflucht; es waren auch nicht die Juden, denen übles angetan wurde, sondern solches geschah den Christen – von einem Juden.« Die Kinder lagen bereits zu Bett, als Makkabea noch einmal aufstand und zu ihrem Bruder schlich. »Asarja!« »Bist du's, Makkabea?« »Ich bin's, Asarja.« Und Makkabea drängte ihr Gesicht an das ihres Bruders; er fühlte ihren Atem an seiner Wange, als wie eine Flamme so heiß. Sie raunte ihm zu: »Asarja, die Christen haben Großmutter Mirjam gemordet.« »Die Juden haben den Christen Übles angetan,« erwiderte Asarja ebenso leise. »Ach, Makkabea, immer haben die Juden den Christen Übles angetan.« »Haben die Christen dich nicht gesteinigt?« »Mußten sie das nicht, wenn wir ihnen doch nur Böses erweisen?« »Du bist gar kein rechter Jude!« rief Makkabea und ging von ihm fort, zornig wie eine beleidigte Königin. * »Wir handelten nicht recht an unseren Kindern,« klagte Dozia. »Nun haben sie es aus fremdem Mund erfahren, die Mägde Rebekka und Judith waren ungetreu. Ihre Eltern hätten es ihnen sagen müssen. Aber sie schienen noch zu sehr Kinder zu sein; doch sie sind es nicht mehr. Hättest du den Blick Makkabeas gesehen und das Gesicht deines Sohnes! Das Mädchen wird ihr Haß verderben, den Knaben seine Liebe. Dozia sprach, als wäre etwas von Baruch Kolons Sehergeist auf sie übergegangen. Aber welche Mutter sähe nicht zuweilen mit den Augen einer Kassandra in die Zukunft ihres Kindes? Nachdem die Eltern das Ereignis und alle seine Wirkungen auf die Gemüter der Kinder besprochen und bedacht hatten, wie sie den mächtigen Eindruck möglichst zu mildern vermöchten, schickte sich Jehuda an, die schweren Gedanken, die ihn in den letzten Wochen bedrückt, von seiner Seele zu wälzen. »Ohne den Cibula hätten die Christen auf ihren Bischof gehört und nach seinem Willen getan. Dem Manne aus dem Stamm deiner Mutter haben die Juden zu danken, daß sie nicht zum zweiten Male vertrieben wurden.« »Ich kann es ihm nicht danken,« erwiderte Dozia. »Uns wäre besser, wenn durch des Cibula Worte die Juden zum zweiten Male vertrieben worden wären. Dieses Cibula Sohn war es, der gegen Asarja den ersten Stein aufhob, gegen den Blutsverwandten.« »Was wußte der Knabe davon!« versuchte Jehuda die Tat zu entschuldigen. »Hätte er davon gewußt, so wäre Asarja von ihm nicht nur gesteinigt, sondern auch gekreuzigt worden,« rief Dozia. »Trotzdem bin ich der Meinung, daß Michael Cibula endlich erfahren muß, wer seinem Hause gegenüber wohnt.« Dozia erschrak. »Hast du deine Gedanken deinem Vater verraten?« »Zuerst solltest du sie erfahren.« »Ich danke dir.« Jehuda schaute seinem Weibe mit tiefem Forschen in die Augen. »Du scheinst zu befürchten, daß Unheil daraus entstehe?« »Unheil ist aus dem Schweigen entstanden. Ich erwäge, was Gutes daraus entstehen könnte, und finde nichts.« »Dennoch meine ich, daß wir es Michael Cibula wissen lassen müssen,« wiederholte Jehuda. »Zu welchem Zweck?« »Um größeres Unheil zu verhüten. Es ist das Blut seines Stammes, das in deinen und der Kinder Adern fließt, und schon ist von diesem Blut von seinem Stamme vergossen worden, – – Was sitzest du so versunken?« »Ich denke, daß du recht haben kannst und daß Michael Cibula von uns wissen muß.« »Wenn auch du das denkst, will ich morgen hinübergehen und es ihm sagen.« Aber dagegen hatte Dozia Bedenken. »Sein Geist ist wild, der deine ist sanft. Ihr dürft einander nicht begegnen. Sein Weib war bei uns, und wenn sie auch nicht in unser Haus kommen wollte, so kann doch ich bei ihr eintreten.« »Du wolltest\ – \ –« »Ich will morgen zu ihr gehen und es ihr sagen. Da es sich dabei um eine Frau handelt, mögen wir Frauen mit einander reden; und obgleich Josepha Cibula eine Christin ist und ich eine Jüdin bin, werden wir uns doch verstehen.« »Du bist mein liebes, weises Weib.« »Und weißt du: ich werde unseren Knaben mit mir nehmen.« »Warum nicht auch Makkabea?« Aber Dozia wollte sich nur von ihrem Sohn nach dem exkommunizierten Piatra begleiten lassen. Siebzehntes Kapitel Dozia bringt Josepha die erlösenden Worte Frühzeitig am nächsten Morgen tat Dozia ein dunkles Gewand an, legte einen schwarzen Schleier über ihr Haar und ihre Stirn, rief Asarja und ging mit diesem zu Baruch Kolon, dem Jehuda seines Weibes Vorhaben berichtet hatte. Der Patriarch segnete seine Schwieger und seinen Enkel für ihren schweren Weg und sprach: »Möchtet ihr Frieden geben und nehmen.« Nun gingen sie fort; doch Asarja wußte noch nicht, wohin er seine Mutter begleiten sollte. Alle, die in Reï-mi-Bal auf der Gasse waren, grüßten das Weib ihres Rabbiners ehrfurchtsvoll und schauten der hohen Frauengestalt verwundert nach; denn in der letzten Zeit geschah es selten, daß man die schöne Dozia außerhalb ihres Hauses zu sehen bekam. Seitdem die vertriebenen Juden von Tar fest und sicher in einem schnellaufblühenden Orte saßen, zeigte sie sich der Gemeinde nur im Betsaal. Dozia nachblickend, sagten die Juden zu einander: »Wandelt sie nicht dahin wie eine Königin?« Und keiner dachte bei ihrem Anblick daran, daß die Mutter der stolzesten und tugendhaftesten Tochter des jüdischen Stammes eine Christin gewesen; dermaßen erfreuten sich die Juden an Dozias Schönheit und Hoheit, und so sichtbarlich lag der göttliche Geist Israels auf diesem Weibe. Es war ein glanzvoller Septembermorgen, an dem die Jüdin mit ihrem Sohn diesen frühen Ausgang unternahm. Der Schlucht entstieg eine leichte Dunstwolke die, von den Sonnenstrahlen getroffen, in einen Nebel diamantener Funken zerstob. Zuweilen wurde zwischen einem solchen Strahlengeriesel ein Stück Fels oder Wald sichtbar. Hoch in den Lüften leuchteten unter einem tiefblauen Himmel frisch beschneite Gipfel so licht, als wäre dort oben ewige Tag. »Wohin gehen wir, Mutter?« hatte Asarja wiederholt gefragt, aber stets eine ausweichende Antwort erhalten. Er war niedergeschlagen, weil Makkabea zu Hause gelassen worden war, und kam sich wie im Unrecht gegen die Schwester vor. Auch mußte er immer von neuem staunen und darüber sinnen, daß seine Großmutter eine Christin gewesen. Was würde Ilja Dozana dazu sagen? Seitdem sie ihm das Leben gerettet, hatte er sie nie wieder gesehen; und dann wunderten und kümmerten sich seine Eltern, daß er immer noch zu kranken schien, obgleich seine Wunden bereits geheilt waren. Schon war vom Ausgang des Ortes an die neue Straße mit Steinen gepflastert. Sie führte eine lange Strecke durch Äcker, deren Früchte bereits zum größten Teil geerntet und eingebracht waren. Den angebauten Feldern folgte ein weites Stück Rodung, das für den Getreidebau vorbereitet wurde. Ehe sie in den Wald traten, kamen sie an dem Stollen vorüber, den die Juden in den Kryvan getrieben, um nach Erzen zu suchen, nach Silber und Gold. Dozia beachtete und betrachtete alles; sie sah, daß der Juden Werk gesegnet war. Doch je größer ihr der Segen erschien, um so mehr fiel es ihr drückend auf das Herz: leicht war es gewesen, den Ort Reï- mi-Bal zu gründen – leicht, weil es Müh und Arbeit gewesen – aber schwer würde es sein, den Segen Reï-mi- Bals zu ertragen – schwer, weil er nicht Lohn, sondern Spende war. Und Dozia fühlte sich in tiefster Seele bekümmert, daß man die Stätte nach ihren Worten getauft hatte. Sie gingen denselben Weg, auf dem damals die Waldleute den besinnungslosen Asarja getragen. Plötzlich wußte der Knabe, wohin er seine Mutter begleiten sollte: Zu Ilja Dozana! Sein Trübsinn wich von ihm wie Nebel im Sonnenlicht. Der Glanz des Tages spiegelte sich auf seinem bleichen Gesichte wieder. Er lief von seiner Mutter fort und pflückte Blumen, bereit, sich zum zweiten Male steinigen zu lassen. Dozia merkte sogleich, für wen ihr Sohn sich mit Blüten belud, und beschloß im stillen, heute die beiden Mütter zu besuchen. Demütig wollte sie bei beiden vor der Türe stehen bleiben, wenn man sie nicht einlassen sollte. Sie überschritten den Bach und gelangten jenseits desselben auf das Gebiet der Christen. Sogleich ward ihr Weg schattig, die Landschaft wild und unbebaut. Plötzlich sagte Asarja, der wieder neben der Mutter herging: »Ich weiß auch, warum der Jude die Felsen herabstürzte.« Dozia mußte sich besinnen, was der Knabe meinte. Dann sagte sie: »Er hatte sich oben im Wald verstiegen und fiel ab.« »Er hatte unten im Wald Maria Cibula gesehen und mußte zu ihr hinunter,« rief Asarja triumphierend. Seine Mutter mußte lächeln. Sie kamen nach dem exkommunizierten Piatra; weil Dozia nicht an der neuen Kirche vorbeigewollt, hatten sie einen weiten Umweg gemacht. Trotz des Sonntags waren nur wenige Menschen auf der Gasse. Auch hier blieben alle stehen, auch hier schauten alle auf das Judenweib; aber mit Blicken, unter denen Dozia ihr Haupt sinken ließ – nicht aus Furcht, sondern aus Trauer. Mit einer jähen Bewegung riß sie Asarja an sich, sein Gesicht fest an ihren Leib pressend, wie um ihren Sohn vor diesen Blicken zu schützen. Da vernahm sie hinter sich Stimmen; dumpfe, schauerliche, fürchterliche Töne. Es waren jedoch keine Verwünschungen, die ihr nachgerufen wurden, sondern Klagen, die einem Verstorbenen galten. Erbebend wich Dozia, so weit sie vermochte, beiseite, den Leichenzug an sich vorbeizulassen. Der Tote lag im offenen Sarge; es war ein Mann. Deutlich konnte Dozia das fahle, starre Gesicht sehen. Nicht vom Todeskampf war dieses Antlitz so gräßlich entstellt; ein ganz anderer, ein viel entsetzlicherer Ausdruck lag darauf: wie ewiger Haß, wie ewige Qual und ewige Verzweiflung. Und wie voll ewiger Verzweiflung erschallten die Klagen um diesen in Verdammnis dahingegangenen, geachteten Christen. Als die Trauernden das Judenweib erblickten, ward das dumpfe, vieltönige Gemurmel zu einem einzigen gellenden Aufschrei: »Auf die Knie, Jüdin!« Keiner hob seine Hand gegen sie, keiner wich aus dem Zuge; aber alle schrien ihr zu: »Auf die Knie!« Dozia umschlang ihren Knaben, nahm ihm seine Blumen aus dem Arm, warf diese mitten auf den Weg, grade vor die Bahre, und zog dann Asarja mit sich nieder. Nicht aus Furcht vor den Lebenden kniete sie, sondern aus Ehrfurcht vor dem Toten. Aber auch als die Bahre mit dem Leichnam an ihr vorüber war, blieb sie noch auf den Knien liegen und erhob sich erst, als der letzte des langen Trauergeleits an ihr vorbeigekommen war. Das tat Dozia, weil sie sich auch vor den Lebenden demütigen wollte; sie tat es mit ihrem Sohne im Namen ihres ganzen Volkes. Die alte Russka kauerte vor dem Hause im Sonnenschein, hielt den Rosenkranz zwischen den knöchernen, gekrümmten Fingern und plapperte vor sich hin, dieselbe Litanei wie damals, als sie noch die junge Russka gewesen war und Maria Cibula auf ihren Knien geschaukelt hatte. Seitdem Piatra geächtet worden, tat sie nichts anderes, als irgendwo zu lauern, wo es warm war: entweder im Hause am Herdfeuer oder vor dem Hause im Sonnenschein, und sie tat nichts anderes als mit dem Rosenkranz in der Hand vor sich hin zu plappern. Da sie kaum noch schlief, trieb sie das unheimliche Wesen beinahe die ganze Nacht hindurch. Auch durfte sie keinen Augenblick verlieren, um sich die ewige Seligkeit zusammenzubeten. Denn da auch sie geächtet war, so würde auch sie eines unchristlichen Todes sterben; und da in Piatra keine Messen mehr gelesen werden durften, so würde auch für ihre arme Seele nichts geschehen, diese aus den Flammen des Fegefeuers zu erlösen. Demnach mußte Russka für sich selbst sorgen. Neunzig Jahr war sie alt, lebte sie bis hundert, so durfte sie hoffen, nach zehn Jahren unaufhörlichen Betens ihre Seligkeit zusammengebetet zu haben. So mußte sie denn nebenbei auch darum beten, hundert Jahre alt zu werden; und sie betete nebenbei um das Verderben der Juden, von denen sie nur zwei kannte und mühsam unterschied: der eine hieß Pilatus und hatte den Heiland zum Tod verurteilt, der andere hieß Simeon und hatte Maria Cibula einen Liebestrank eingegeben. Durch den einen war das Erbübel in die Welt – nach Piatra gekommen, der andere trug Schuld, daß in der Welt keine Messen mehr gelesen werden durften und die Menschen sterben mußten wie Tiere! Seitdem in der Welt keine Messen mehr gelesen wurden, ging alles drunter und drüber, seitdem war keine Ordnung mehr auf der Welt: statt erst beim jüngsten Gericht zu erstehen, standen die Toten schon jetzt wieder auf! Am hellen, lichten Tage gingen sie durch die Gassen, kamen zu den Häusern und redeten die Lebendigen an. Mit der Stimme der toten Maria Cibula rief es am hellen, lichten Tage Russka an; aber Russka wunderte sich über nichts mehr, kaum, daß sie mit ihren halb erloschenen Augen aufsah, als sie mit Maria Cibulas Stimme sich fragen hörte: »Ist Josepha Cibula im Hause?« Russka plapperte fort und fort; denn um der toten Maria Cibula willen mochte sie von ihrer ewigen Seligkeit keine Stunde einbüßen. Doch nickte sie. »So geh hinein und sage ihr, daß sie herauskomme.« Toten muß man gehorchen, sonst nehmen sie einen mit und Russka wollte hundert Jahre alt werden. So raffte sie sich denn auf, wankte ins Haus und in die Kammer, wo Josepha bei ihrem Linnen stand. Michael Cibula war nicht zu Hause. Verdrießlich, daß sie um der toten Maria Cibula willen ihr Beten unterbrechen mußte, sagte Russka: »Ich soll dich rufen. Die tote Maria Cibula steht draußen vor der Tür und will mit dir reden.« Und sie fuhr sogleich mit doppeltem Eifer in ihrer gestörten Andacht fort. Josepha starrte die Alte mit Entsetzen an, aber Russka bekümmerte sich nicht weiter um ihre Herrin; da sie nicht hinaus zu der toten Maria Cibula mochte, schlich sie in die Küche an den Herd. Nun wollte zwar Josepha nicht hundert Jahr alt werden, sondern hatte sich lieber heute als morgen ins Grab gelegt; aber so voller Sünden, wie sie war, und ohne ein einzigesmal von ihrem Manne freundlich angeblickt worden zu sein, mochte sie doch nicht in die Verdammnis eingehen. Also folgte sie gehorsam dem Rufe der toten Maria Cibula und begab sich mit wankenden Knien zur Türe. Da sah sie vor dem Hause das wunderschöne Judenweib stehen, an ihrer Hand den Knaben, den ihr Sohn beinahe getötet hatte. Aber so sehr ihr auch vor dem Geiste Maria Cibulas grauen mochte, wäre ihr die Erscheinung der Toten lieber gewesen als der Besuch dieser Lebendigen. Bangend trat sie vor – nicht über die Schwelle; stumm stand sie da. »Sei mir gegrüßt, wenn du auch nicht von mir gegrüßt sein willst,« begann Dozia mit ihrer tiefen, klangvollen Stimme. »Ich bringe dir meinen Sohn. Siehe, er ist wieder heil und wohl. Der Herr, unser aller allmächtiger Gott, segne den deinen.« »Er ist mit seinem Vater im Walde,« stammelte Josepha, deren Augen sich bei den weichen Worten der jüdischen Mutter mit Tränen gefüllt hatten – die ersten, die sie seit langer Zeit weinen konnte. Dozia beugte sich zu Asarja herab und flüsterte ihm etwas zu, worauf der Knabe von ihr fort, tiefer in den Garten hinein ging. Nun trat die Jüdin vor – bis zur Schwelle, deutete auf dieselbe und sagte leise: »Auf dieser Schwelle hat meine Mutter Mirjam, welche Maria Cibula hieß, als Kind und Jungfrau gesessen – die Schwelle dieses Hauses sei gesegnet immerdar.« Josepha wußte nicht, wie ihr geschah. Diese herrliche Frau, der sie nicht ohne Scheu ins Gesicht sehen konnte, die Tochter Maria Cibulas, der Verwünschten und Verdammten, für deren armen Seele sie manche Stunde in heimlichem Gebet auf den Knien gelegen! Und dieser Maria Cibula Tochter stand vor ihr und segnete die Schwelle ihres Hauses, über welche die Mutter heimlich mit ihrem satanischen Buhlen entwichen war. Und der Enkel Maria Cibulas war es gewesen, den ihr Urs, nachdem er schon der Schwester ins Antlitz geschlagen, hatte steinigen wollen. Das arme Weib wußte nicht aus noch ein. Kaum vermochte sie ihres Mannes zu gedenken und dessen wütenden Hasses. Dozia gewahrte die Angst der Christin und fühlte Mitleid mit ihrer Not. Hätte Josepha sie aufgefordert, mit ihr in das Haus ihrer Mutter zu treten, sie hätte abweisend den Kopf geschüttelt. Um einer solchen Einladung zuvorzukommen, bat sie: »Gewähre, daß ich mich niedersetze auf diese Schwelle, die das Gedächtnis an meine Mutter Mirjam für mich weiht, daß sie mir der köstlichste und heiligste Platz der Welt ist. Ich bin müde von dem langen und schweren Leid, welches ich um meine Mutter gelitten, und möchte auf dieser Schwelle einen Augenblick davon ausruhen.« Und sie setzte sich – zu Josephas Füßen. Diese regte sich nicht. Obgleich ihr Kleid das Gewand der Jüdin streifte und sie der unheiligen Berührung hatte ausweichen sollen, blieb sie unbeweglich. – Wenn grade jetzt Michael Cibula nach Hause gekommen wäre! Als sei sie mutterseelenallein, lehnte Dozia ihr Haupt gegen den Türpfosten, schlang beide Arme um ihre Knie, und gerade vor sich hin, auf die Blumen des Gartens sehend, begann sie zu Josepha zu sprechen, als rede sie mit sich selbst: »Die Welt ist voller Jammer und Trübsal. Keiner kann sich dagegen wehren, alle müssen es über sich ergehen lassen, wie sie über sich ergehen lassen müssen Frühling und Herbst, Sommer und Winter, Regen und Wind, den himmlischen Tag und die göttliche Nacht. Also kommt auch Jammer und Trübsal über die Menschen und sind beide Kinder Gottes, wie Glück und Freude Kinder Gottes sind. Deshalb sollen wir nicht murren, sondern flehen, daß unsere Herzen stark werden und fest unsere Seelen. Denn nur schwache und kleinmütige Herzen verzagen, wenn sie der züchtigt, der sie liebt. Und Schuld und Sünde sind in der Welt. Gleich Dieben und Räubern schleichen sie sich in das Herz und stehlen es Gott und rauben das Herz dem Himmel. Dann wachsen Jammer und Trübsal, wie eine Wasserflut wächst; und es gibt keine andere Rettung, als mit seiner sündigen Seele hineinzustürzen in das Meer von Leiden und Reue. Dann wird der Geist Gottes schweben über den Wassern, und aus den Fluten, darin der Geist Gottes lebt, wird steigen der entsündigte Mensch.« Ein Schluchzen, wie aus der Brust eines Gemarterten kommend, unterbrach Dozias Rede. Da sie sich umwandte, blickte sie in ein Frauengesicht, so blaß von Leiden, so entstellt von Jammer und Trübsal, daß die Jüdin vermeinte, in das Antlitz jenes allerschmerzlichsten Weibes zu sehen, welches die Christen abbildeten mit einem Schwerte im Herzen. Unaufhaltsam entstürzten Josephas Augen die Tränen und ihr war, als löse sich damit das Feuer in ihrer Brust und rinne dahin in flammenden Tropfen. Doch da Dozia aufstehen und zu der Weinenden treten wollte, bat diese sie mit unwiderstehlicher Gebärde, sitzen zu bleiben und weiter zu reden. Und Dozia, dem Weibe Michael Cibulas näher rückend, redete weiter\ –\ – »Und in der Welt sind Haß und Liebe! – – Niemand weiß, woher sie kommen, aber jeder fühlt, wohin sie gehen: gerade ins Herz! Und jedermanns Herz bewältigen sie, daß aus der Menschen Haß und Liebe werden kann Jammer und Trübsal, so groß wie sonst nichts auf der Welt, eine Not, die aufschreit zum Himmel. Denn es kann kommen, daß der Mensch haßt, was er lieben sollte, und liebt, was er hassen möchte; und es kann geschehen, daß er haßt, wo er geliebt wird, und liebt, wo er gehaßt wird. Und es ist nicht zu sagen, welcher Jammer von beiden der größere ist. Es könnte ein solcher Mensch, dessen Liebe der andere nicht sieht, oder nicht sehen mag, zweifeln an der Liebe des allmächtigen und allgütigen Gottes. Aber für einen solchen Menschen ist ein gewaltiges Wort gesprochen worden, ein Wort, so göttlich und groß, daß es die verzweifelnde Seele aus einem Abgrunde emporhebt in die offenen Himmel hinein. Es heißt dieses Wort: Wenn ich dich lieb habe, was geht es dich an? Aber wie wir nun einmal geschaffen sind, wir müssen unser Heimlichstes und Heiligstes, unsere Liebe, einander laut ins Gesicht sagen; sonst vermeinen wir nicht bestehen zu können. Viele von uns empfinden das Wort; aber nur wenige wissen, daß allerheimlichste Liebe allerheiligste Liebe ist. Und ist alles Göttliche auf Erden mit dem einen Worte gesagt: Wenn ich dich lieb habe, was geht es dich an?« Josepha weinte nicht mehr. Sie, welche Michael Cibula heimlich liebte, welche durch ihre heimliche Liebe so voller Jammer und Trübsal war, so voller Schuld und Sünden geworden, daß ihre Seele in einem Meer von Leiden und Reue unterging, dieses unselige Weib fühlte in den Worten der Jüdin den Geist der Menschenliebe und lauschte darauf, als würde ihr mit Engelszungen das Evangelium gepredigt! Denn es verkündete Josepha ihr Allerheiligstes, das war ihre allerheimlichste Liebe: »Wenn ich dich lieb habe, was geht es dich an?« Dann erklärte Dozia, weshalb sie das alles sagte: »Um den Jammer und die Trübsal zu deuten, um zu deuten die Sünde und die Schuld, welche durch die heimliche Liebe des Juden Simeon ihren Anfang nahm. Um den Haß zu deuten, der entstanden, weil für den Juden Simeon nicht das Wort Gottes geschrieben stand. Denn er ging hin und offenbarte der Christin Maria seine Liebe, die, wenn sie die allerheimlichste geblieben, die allerheiligste geworden wäre. Auch das ist eine schwere Schuld, daß Juden und Christen nicht unterlassen können, einander ihren Haß zu offenbaren, da doch geschrieben steht, daß wir nicht hassen sollen. Und es sollten Juden und Christen zu dem einen Gott nur ein Gebet haben; und dieses gemeinsame Gebet sollte lauten: Herr, laß uns beginnen, einander heimlich zu lieben, so heimlich, daß keiner von dem anderen weiß, daß jeder zu dem anderen sagen würde: Was geht es dich an?« Dozia schwieg; aber Josepha saß in solcher Verzückung, daß sie das Verstummen der weichen Stimme gar nicht merkte. Wie im Herbst welke Blätter vom Baume fallen, so fiel von ihr der Jammer ab, so fiel von ihr ab ihre Schuld – wie im Frühling junge Blätter am Baume sprießen, so wurde ihr Leben wieder geboren. Ihre Liebe war die heilige, denn sie war heimliche Liebe! Was ging es Michael Cibula an, wenn sein Weib ihn lieb hatte?! Dozia hatte sich zu Josepha emporgerichtet und flüsterte ihr zu: »Auf dieser Schwelle saß meine Mutter Maria, ein unschuldiges Kind, das nichts wußte von Haß – von dieser Schwelle wich meine Mutter Mirjam, ein schuldvolles Weib, das viel wußte von Liebe. – – Josepha Cibula, sollen nicht auch wir auf dieser Schwelle sitzen und nichts wissen von Haß, aber viel wissen von Liebe? Josepha Cibula – um unserer unschuldigen Kinder willen sollten wir Mütter in allerheimlichster Liebe auf dieser Schwelle sitzen, damit unsere Kinder ihrer Mütter Segen empfangen, der stärker ist als der Väter Fluch.« Und Dozia schlug ihre herrlichen Augen zu Josepha auf, so daß Michael Cibulas Weib von dem leuchtenden Blick willenlos, unwiderstehlich, gewaltsam zu ihr gezogen ward, hin an das erlösende Herz dieser Jüdin. Achtzehntes Kapitel Weshalb Michael Cibula zu Stefan Dozana kam Urs hatte seinen Vater in den Wald begleitet. Auf dem Heimwege wurde er nicht müde, ihn zu fragen: »Wann gehen wir wieder in den schwarzen Grund?« »Hast du solche Eile, dahin zu kommen?« »Wir wollten uns ja an dem See ein Haus bauen.« »Warum wollten wir das?« »Weil wir keine törichten Menschen sind.« »Du hast gut behalten. Aber die Bären und Geister?« »Pah, die!« rief Urs mit unendlicher Verachtung; dann triumphierte er: »Aber die großen Forellen.« »Richtig, die großen Forellen! Ich will es mir überlegen.« Seit den letzten Wochen tat Michael Cibula nichts anderes, als sich die Sache zu überlegen. Die Not in Piatra wuchs und wuchs, es mußte dagegen etwas getan werden; es mußte ein neues Piatra entstehen, ein Piatra, welches nicht das Judendorf täglich vor Augen hatte, ein Piatra, das des Bannes los und ledig wurde, ohne sich dem Bischof zu unterwerfen, ohne sich seiner Rechte und Freiheiten zu begeben. Zuerst mußte das eine, dann das andere geschehen. Zunächst mußten die Bauern ihren wahnwitzigen Aberglauben in bezug auf den schwarzen Grund fahren lassen und ihre Geisterscheu vor dem herrlichen Tal verlieren: zunächst mußten sie erkennen, was für ein gesegneter Grund es sei. Erst wenn das vollbracht war, erst dann konnte ein gewaltsames Losreißen von dem alten unheilvollen Boden erfolgen, erst dann ein Verpflanzen aller Lebenswurzeln in die neue lichte und heilsame Stätte. Es mußte ein Anfang gemacht werden – mit ihm und seinem Hause! Aber immer noch schwankte Michael Cibula, immer noch überlegte er. Sie hatten sich in ihrer großen Not so fest an ihn geklammert. Wenn er ging, wer blieb dann zurück, an den sie sich halten konnten? Stefan Dozana blieb, der verfluchte, der geächtete Priester, den jetzt alle verleugneten, von dem jetzt alle sich abwendeten. Auf Stefan Dozana würde er sich jetzt verlassen können. Es war am Nachmittag, als Michael Cibula aus dem Walde zurückkehrte. Eigentlich hatte er bis zum späten Abend ausbleiben wollen; doch ein Gefühl, beinahe wie gewaltige Sehnsucht, packte ihn plötzlich und trieb ihn nach Hause. In der ganzen vergangenen Woche hatte er sein Weib kaum zu sehen bekommen; Josepha schwand gleich einem Schatten dahin. Trotzdem sie seit der großen Rede ihres Mannes vor dem Bischof die angesehenste Bäuerin von Piatra geworden, ging sie umher, gleichsam mit zermalmtem Herzen. Was Michael Cibula damals im geheimen befürchtet, weshalb er Josepha, als sie ihm an jenem Tage mit offenen Armen entgegenkam und dann vor ihm hinstürzte, liegen gelassen hatte, war nicht geschehen: nie trat ein Wort der Klage über Piatras Geschick auf ihre Lippen. Diese blieben jetzt Tage lang geschlossen, so daß Michael Cibula seiner Frau gern gute Worte gegeben hätte, damit sie ihren Mund aufgetan, wäre es auch zu dem schweren Vorwurf gewesen, daß durch ihn der ungeheure Jammer über Piatra gekommen. Aber Josepha schwieg und es schwieg Michael Cibula; und doch schwebten beiden die Worte auf den Lippen, beide hatten die Lippen nur zu öffnen brauchen, um die erlösenden Worte zu sprechen. Aber zwischen beider Herzen lagen Argwohn, Leid und Schuld; und sobald ein guter Genius ihrem stummen Jammer Sprache leihen wollte, wurde ihr Mund von jenen Dämonen geschlossen gehalten. Je näher Michael Cibula heute dem Dorfe kam, um so mehr beschleunigte er seine Schritte, so daß Urs schließlich mit glühendem Gesicht neben seinem Vater herlief. Doch da Michael Cibula, um die Ecke seines Hauses biegend, in Josephas Blumengärtchen trat, blieb er plötzlich stehen, seinen Augen nicht trauend. Auf der Schwelle seines Hauses, neben seinem Weibe, saß die Jüdin von Tar und ihr Knabe stand neben seinem Weibe, mit einem Gesicht, als wäre er hier zu Hause. Christin und Jüdin hielten sich gleich Schwestern umfaßt und die Christin lächelte die Jüdin glückselig an; dann flüsterten die beiden Frauen zusammen, und nun lächelte auch die Jüdin. Hätte Michael Cibula sein Weib in den Armen Stefan Dozanas oder tot auf der Schwelle gefunden, es wäre ihm ein lieberer Anblick gewesen. Mächtig war sein Zorn, aber noch mächtiger sein Schmerz über diesen ungeheuren Verrat. Jetzt schrie neben ihm Urs angstvoll auf: »Mutter!« Mit einer jähen Bewegung wandte sich Josepha um. Da übermannten Michael Cibula Schmerz und Zorn. Vor stürzte er, um die Jüdin mit ihrer Brut von der Schwelle seines Hauses zu treiben, um sein Weib für die ihm angetane Schmach zu züchtigen. Schon hatte er gegen Dozia die Hand erhoben, als Josepha ihm zurief: »Sie ist die Tochter deiner Schwester Maria!« Michael Cibula taumelte zurück, als ob er mit der erhobenen Hand sich selber gezüchtigt hätte. Dozia war aufgestanden, sie sagte: »Der Geist meiner Mutter kam über mich, da ich von ihr zu deinem Weibe sprach. Er zog dein Weib zu mir hin. Verzeihe ihr, sie konnte nicht tun, wie sie um deinetwillen gern getan hätte; sie konnte mich und meinen Knaben nicht von dieser Schwelle weisen. Denn der Toten Wille ist mächtiger als der der Lebendigen; und der Wille meiner toten Mutter war es, welcher mich und meinen Sohn zu dieser Schwelle geführt.« Michael Cibula stieß eine Verwünschung aus – das einzige, was er zu reden vermochte. Da nahm Dozia Asarja bei der Hand und trat mit dem Knaben weit von der Schwelle zurück. »Frieden zu geben und Frieden zu nehmen, bin ich gekommen,« sprach sie laut und feierlich. »Lässest du mich und meinen Sohn in ewigem Unfrieden von dieser Schwelle gehen?« Sie sah ihn flehend an. Aber Michael Cibula, seiner kaum mehr mächtig, winkte ihr heftig zu gehen. Und Dozia ging. Kaum war sie fort, als sich Urs laut weinend an den Hals seiner Mutter warf. Ohne Weib und Sohn eines Blickes zu würdigen, begab er sich ins Haus, in die Kammer, wo an der Wand das große Weihwasserbecken hing. Es war das letzte gesegnete Wasser, welches sich in Piatra befand, und solange das Dorf im Bann lag, war keine Hoffnung vorhanden, neues zu bekommen. Michael Cibula nahm das Becken, ging damit hinaus und schüttete das geweihte Wasser bis auf den letzten Tropfen über die entheiligte Schwelle, so daß für sein entweihtes Weib kein Tropfen übrig blieb. Noch tat er Josepha nichts an, nur den Knaben riß er ihr fort. Darauf schloß er sich in der Kammer bei seinem Holzbilde ein, mit dem er wiederum eine lange Unterredung hatte. Wunderlich aber erging es Josepha. Anstatt ganz gebrochen zu sein, blieb sie durch das erlösende Wort der Jüdin wie neubelebt. Sie tröstete ihren Knaben, sah nach den Mägden und bekümmerte sich mit besonderer Sorgfalt um das Nachtmahl, an dem jedoch ihr Mann nicht teilnahm. Das geschah zum erstenmal in ihrer Ehe; Josepha mußte dem verwirrten Gesinde sagen, daß der Bauer unpaß sei, welche Nachricht neues Staunen hervorrief; denn Michael Cibula unpaß! Frühzeitig schickte Josepha die Dienstleute und Urs zu Bett, sie selbst blieb in einer sonderbaren Tätigkeit fast die ganze Nacht hindurch auf. Fast die ganze Nacht hindurch packte sie Kisten und Truhen voll Linnen, Gewänder und sonstiger Frauensachen; grade als wollte sie am nächsten Morgen von ihrem Manne fort. Sie tat diese Arbeit mit beinah heiterer Geschäftigkeit. Dabei gebürdete sie sich wunderlich. Sie konnte zuweilen ein Stück, das sie bereits in der Hand hielt, wieder fortlegen, mit gefalteten Händen dastehen, lächeln und murmeln: »Wenn ich ihn lieb habe, was geht es ihn an?« So trieb sie es, bis der Morgen graute, bei allem Jammer und Elend, bei aller Schuld, Sünde und Reue glückselig über die allerheimlichste und allerheiligste Liebe. Am nächsten Morgen zeigte sich Michael Cibula zur gewöhnlichen Stunde im Hause, sah nach dem Nötigen, befahl indessen Dinge, über welche Knechte und Mägde im geheimen verwundert die Köpfe schüttelten; ein lautes Wort darüber wagten sie selbst nicht hinter Michael Cibulas Rücken. Einer der Knechte wurde nach dem Hirten hinauf geschickt mit dem Gebot, sogleich die Herde nach Piatra herabzutreiben – in der ersten Septemberwoche! Die anderen erhielten ähnliche, unverständliche Weisungen; alle Arbeit im Wald ward unterlassen, keiner durfte sich vom Hause entfernen. Josepha, ohne daß ihr Mann es ihr aufgetragen hätte, setzte die Tätigkeit der Nacht den ganzen Tag fort und beruhigte die aufgeregten Mägde. Gleich nach dem Mittagsmahl legte Michael Cibula seine Sonntagskleider an und verließ das Haus. Mit feierlichem Gesicht trat er bei einem seiner Nachbarn ein, der zu den Häuptern der Gemeinde gehörte. Der alte Bauer merkte sogleich, daß etwas Ungewöhnliches den Nachbarn zu ihm führte, trieb alle, die im Zimmer waren, hinaus, setzte sich dann seinem Gaste gegenüber und wartete schweigend, daß dieser reden würde. Ohne Einleitung oder Umschweif, der nicht in Michael Cibulas Art lag, sagte er gerade heraus: »Ich komme zu dir, um dir zu melden, daß ich aus Piatra fort will.« »Du willst aus Piatra fort\ – \ –« Und fast daß das Haupt der Gemeinde aufgesprungen wäre. Seitdem es Bauern von Piatra auf der Welt gab, hatte noch kein Bauer aus Piatra fort wollen. Dem Gemeindehaupt wirbelten die Gedanken im Kopf umher wie Spreu im Winde. Er mußte das Unerhörte noch einmal hören; und so fragte er denn, als hätte er nicht recht verstanden: »Du willst aus Piatra fort, du, Michael Cibula?« »Ich will fort; mit meinem ganzen Hause will ich fort,« erklärte dieser mit einer Stimme und Miene, als wäre er entschlossen, keine Katze, die zu seinem Hause gehörte, zurückzulassen. »Mit deinem ganzen Hause willst du fort?« »Und du sollst mir dazu deine Genehmigung geben.« Das Haupt der Gemeinde hatte bei dem Wirbelwind in seinem Kopfe seine Gedanken immer noch nicht sammeln können. So vermochte er denn nur den Kopf zu schütteln und mit möglichst nachdenklichem Gesicht zu murmeln: »Meine Genehmigung – nun ja – daß du fort willst von Piatra – mit deinem ganzen Hause – – Sagtest du nicht so?« »So sagt' ich.« Da erleuchtete den Mann plötzlich ein Gedanke: die Sache mußte vor die Gemeinde. »Die Sache muß vor die Gemeinde.« »Das mag sein. Jetzt frage ich dich: erteilst du mir deine Genehmigung, oder erteilst du sie mir nicht? Denn ich will nichts tun ohne die Genehmigung der Gemeinde – weil es einmal so Brauch bei uns ist.« »Meine Genehmigung hast du. Aber es muß vor die Gemeinde kommen. Warum willst du von Piatra fort – mit deinem ganzen Hause?« »Das ist meine Sache.« »Wohl wegen des Bannes?« »Das ist meine Sache. Ich will mit meinem ganzen Hause in den schwarzen Grund übersiedeln.« »Wohin?!« »In den schwarzen Grund! Dort will ich mir mit der Genehmigung der Gemeinde ein neues Haus bauen, und die Gemeinde soll mir im schwarzen Grund ein Stück Ackerland zuerteilen, auch Weide und Wald.« »Ackerland – Weide – und Wald – im schwarzen Grunde\ –\ –« »Nirgends sonstwo!« Das war zu viel. Alles, was das Haupt der Gemeinde noch zu denken und zu sagen vermochte, war: »Wenn ein Bauer von Piatra sich ein neues Haus baut, so helfen die andern ihm bauen.« »So ist es in Piatra Brauch.« »Mit der Genehmigung der Gemeinde werden die Bauern dir helfen, dein neues Haus zu bauen.« »Gut – mit der Genehmigung der Gemeinde.« »Wir wollen dir alle helfen im schwarzen Grunde.« »Dank euch allen! Es soll aber noch nicht darüber geredet werden.« »Nur in der Gemeinde.« »Und höre: wenn ich gehe, bleibt doch Stefan Dozana zurück.« »Freilich bleibt der zurück.« »Er wird euch meine Meinung über alles sagen.« »Deine Meinung – – Stefan Dozana?!« »Daß ihr euch nicht untersteht, auf ihn nicht zu hören!« Damit entfernte sich Michael Cibula. Er ging zu einem anderen Haupte der Gemeinde, er ging zu allen. Allen trug er mit demselben feierlichen Antlitz sein Anliegen vor. Einen jeden ersuchte er um Genehmigung, Piatra mit seinem ganzen Hause verlassen zu dürfen, von jedem erbat er sich im schwarzen Grunde Weide und Wald und die Erlaubnis, daselbst ein Haus aufzurichten. Jeden einzelnen bedeutete er: Michael Cibula ginge, aber Stefan Dozana bliebe, überall begegnete er dumpfem Staunen, Mißtrauen und Zweifel, hie und da schweigendem Vorwurf: jetzt willst du fort von uns?! Bei allen erweckte sein plötzlicher Entschluß Verwirrung und Trauer. Aber alle erteilten ihm die erbetene Erlaubnis, alle verhießen, mit ihm zu kommen und ihm das Haus bauen, auch den Acker bestellen zu helfen – da er den Acker nun einmal haben wollte. Keiner versuchte ihn zu warnen und ihm abzureden, keiner bat ihn, zu bleiben; denn alle kannten sie ihn. Noch spät am Tage kamen sie im Gemeindehause zusammen. Als sie dort die Sache berieten, war Michael Cibula nicht dabei. Alle schauten auf seinen leeren Platz und alle erinnerten sich heute der Worte, die er einst von diesem Platze aus zu den Bauern von Piatra gesprochen. Sie hatten aus seinem Munde viele harte und wilde Worte vernommen, aber stets waren es gerechte, oft gewaltige Worte gewesen. Und nun sollte diese mächtige Cibula-Stimme für immer im Rat der Gemeinde verstummen?! Es traf aller Herzen, so daß es war, als stünden die Häupter der Gemeinde an einer offenen Gruft. Der aber, um den sie trauerten, hatte an diesem Tage noch einen letzten Gang zu tun; denn noch war Michael Cibula nicht bei allen gewesen, noch fehlte der letzte: Stefan Dozana. * Stefan Dozana befand sich in dem Zimmer, darin die Unterredung mit dem Bischof stattgefunden hatte. Wieder stand das Fenster offen und wieder drängte sich, an dem Fliederbusch vorbei, der wachhaltende Zweig hinein; blütenlos, mit großen, dunklen Blättern. Und wieder war der Tisch bedeckt mit vergilbten Schriften und grauen Dokumenten; und vor den ehrwürdigen Papieren, welche die Freiheit Piatras bedeuteten, saß in dem Stuhl, darin Bischof Mauricius gesessen, Stefan Dozana, das Gesicht mit einem eigentümlich gespannten Ausdruck über die Urkunden gebeugt. So trieb er es seit vielen Wochen Tag und Nacht. Oft, wenn er draußen im Walde war, packte ihn eine jähe Angst um diese Papiere, daß er rasch umkehrte, als stünde Piatra in Flammen. Dasselbe geschah ihm, wenn er vor der Kirche den wenigen, die noch auf ihn hörten, predigte. Er vermochte dann kaum auszureden, eilte nach Hause, schloß sich in sein Zimmer ein, las und studierte, als enthielten die Schriften die Verkündigung alles Heils. Oder er fuhr nachts aus dem Schlafe empor, wie von einem Alp gedrückt, zündete Licht an und saß, gleich einem Geizhals bei seinen Schätzen, die Nacht hindurch über die fahlen Blatter gebeugt, welche die unverletzlichen Rechte und ewigen Freiheiten der Bauern von Piatra verbrieften. Er untersuchte die Urkunden, bis sein Gesicht immer bleicher und verstörter wurde, nicht anders, als entdeckte er, daß seine Schätze falsches Gold und Silber wären und, was er für Edelsteine gehalten, wertlose Scherben. Oft scheuchte ihn erst die aufgehende Sonne hinweg. Mehr und mehr bemächtigte sich seiner Seele ein entsetzlicher Argwohn. Wie, wenn die Bauern von Piatra jenem Geizhalse glichen, der Schätze zu besitzen vermeinte und Scherben besaß? Wenn der Bischof recht hatte: wenn die ehrwürdigen Schriften verjährt, die geweihten Urkunden ungültig wären?! Wie, wenn die alten, heiligen Rechte und Freiheiten der Bauern von Piatra gar nicht mehr bestünden?! Es glich dem Wahnsinn, was bei solchen Gedanken in dem Hirn Stefan Dozanas aufstieg, darin zuckte und wühlte, daß ihm oft war, als würde sein Kopf von Ameisen zernagt. Noch hatte er keine Bestimmtheit erlangt, noch vermutete und beargwöhnte er nur. Und es erhöhte seine Qual, daß er, der unwissende Waldpriester, es wohl niemals mit voller Gewißheit würde ergründen können. Vielleicht täuschte er sich – vielleicht! Und da war niemand, dem er seine Zweifel und Qualen verraten durfte, niemand, den er in das Geheimnis zu ziehen wagte. Er mußte der Beichte gedenken und wie viele vor ihm ihre Seelen entlastet hatten – was für ein Trost mußte das jenen gewesen sein! Stefan Dozana ging umher, fast erdrückt von Qualen, die er keinem Priester verraten konnte. Auch durfte er keinem Sachverständigen die Schriften vorlegen, daß dieser sie prüfe und über ihre Gültigkeit entscheide. Beinahe mit Gewalt hatte der Bischof sie nehmen wollen, so daß Stefan Dozana das Eigentum der Bauern von Piatra beinahe mit Gewalt vor ihm und seinem Gefolge hatte schützen müssen. Und des Bischofs letzte Worte zu Stefan Dozana hatten die Drohung enthalten, zur Untersuchung dieser Papiere einen Sachverständigen und Rechtsgelehrten nach Piatra senden zu wollen. Wenn dieser nun eintraf? Und er konnte jeden Tag eintreffen! Jeden Morgen, wenn Stefan Dozana erwachte, dachte er: ob er heute wohl kommt? Und was dann? Was dann, wenn der sachverständige Mann die Papiere einsah, sie wertlos befand, solches dem Bischof und aller Welt bekannt machte, der Kirche und dem Reich? Wenn sie dann alle kamen, alle etwas von Piatra haben wollten; wenn dann die Bauern ohne ihre Rechte und Freiheiten dastünden\ –\ – Was dann? Dann die Unfreiheit! So oft an seine Tür gepocht wurde, fuhr er zusammen und sah mit einem Blicke auf, als habe er einen Mord begangen und erwarte, die Häscher eintreten zu sehen. Heute dunkelte es bereits, als Stefan Dozana zusammenschreckte und gespannten Blickes auf die Türe sah: es hatte gepocht und Michael Cibula trat ein. * Mit den in Piatra üblichen Worten grüßte Michael Cibula den Priester, mit den üblichen Worten antwortete dieser. Dann ging er schweren Schrittes und setzte seinem Besucher einen Stuhl hin. Doch Michael Cibula blieb stehen. Ein schwüles Schweigen herrschte in dem dunklen Raume; schnell brach die Nacht herein. »Ich komme,« begann endlich Michael Cibula, »weil zu den Häuptern der Gemeinde der Priester gehört, und weil ich heute bei allen gewesen bin in einer Sache, die die Gemeinde angeht.« »Einer, auf dem die Acht liegt, ist kein Priester mehr. Du hättest nicht zu kommen brauchen.« »Für mich ist der ein Priester, den ich dafür halte, und dich halte ich für einen Priester, trotz des Bischofs und seiner Acht, die auf mir nicht minder liegt.« »Das ganze letzte Jahr, da ich noch Priester und ungeachtet war, und wo du mich hättest in der Kirche aufsuchen können, kamst du nicht,« »Nein, da kam ich nicht,« wiederholte Michael Cibula langsam und schwerfällig. Er setzte hinzu: »Auch mein Weib kam da nicht. Und wärst du heute noch ungebannt und ihnen allen noch ein Priester, und könnte ich dich in der Kirche aufsuchen, so käme ich auch heute nicht zu dir – weder ich noch mein Weib! Denn während du im letzten Jahr allen noch als ein Priester galtest, warst du mir keiner mehr. Erst als du in unserer Halle allein standest und dich vom Bischof allein wolltest ächten und bannen lassen, um unserer Rechte und unserer Freiheiten willen, erst da galtest du mir wieder als Priester. Jetzt weißt du, wie es steht zwischen dir und mir; und jetzt will ich dir sagen, weshalb ich gekommen bin.« Schwer aufatmend schwieg er. Stefan Dozana stand und schaute unverwandt durch das Fenster. Er beobachtete, wie Wald und Berg mehr und mehr in Dunkelheit sanken, wie der Fliederbusch sich schwarz gegen die noch helle Luft abhob. Jetzt bewegte der Abendwind die Zweige. Eine Magd kam mit Licht. Jählings wendete sich Stefan Dozana um, so daß der Lichtstrahl ihn blendete und er die Hand vor die Augen legen mußte. Heftig gebot er, das Licht wieder hinauszutragen. Wie in einem Blitze hatte er Michael Cibulas Gesicht aufleuchten sehen; und auf einmal – zum erstenmal – erkannte er, wie schön und mächtig dieses Gesicht war. Erst als das Zimmer wieder dunkel geworden, nahm er die Hand von den Augen. »Du wolltest mir sagen, weshalb du zu mir kamst.« »Um dir zu sagen, daß du in Piatra fortan der einzige sein wirst.« »Wie meinst du das?« »Daß ich von Piatra fortgehe und daß du der einzige bist, der mit einer starken Stimme zum Mahnen hier bleibt.« »Du gehst von Piatra fort?« »Schon morgen.« »Wohin gehst du?« »In den schwarzen Grund – mit meinem ganzen Hause.« Hätte er jetzt Stefan Dozana ins Gesicht sehen können! Aber Stefan Dozana hatte sich bereits wieder dem Fenster zugewendet. – – Was für ein Gesicht mochte er gemacht haben, da er plötzlich vernahm, daß Michael Cibula fortging. Um jetzt einen Augenblick in der Seele dieses Priesters lesen zu können, hätte Michael Cibula die Qualen des Fegefeuers um ein Jahrtausend länger erleiden mögen. Da er Stefan Dozana nicht ins Gesicht sehen konnte, wollte er wenigstens auf dessen Stimme lauschen. Wehe dem Weibe und wehe dem Priester, hätte ein einziger Ton in seiner Stimme die Prüfung vor Michael Cibula nicht bestanden! Da sagte Stefan Dozana: »Ich weiß, warum du fortgehst.« Michael Cibula mußte diese Stimme freisprechen – in jedem Ton! Nicht einmal erstickter Triumph bebte in ihr auf. Kein Triumph darüber, daß der siegreiche Feind ging und der Zurückbleibende Piatra für sich allein hatte. »Ich weiß, warum du fortgehst,« wiederholte Stefan Dozana. »Nun?« »Da wir die Juden nicht vertreiben können, willst du versuchen, uns von hier zu vertreiben.« »Das will ich.« »Aber die Bauern von Piatra werden sich nicht vertreiben lassen.« »So leicht nicht.« »Wie willst du es anfangen?« »Das laß meine Sache sein.« »Deine Sache allein?« Michael Cibula zauderte zu antworten; darauf meinte er bedächtig: »Das käme darauf an.« Eine Pause; dann Stefan Dozana leise, mit heiserem Flüstern: »Als ich damals in der Halle allein stand, da tratest du zu mir. Als alle mich verließen, da\ –\ –« Er stockte; es schnürte ihm beinahe die Kehle zu. Doch als hätte der andere gar nicht gesprochen, nahm Michael Cibula den Satz wieder auf: »Das käme darauf an – ob es meine Sache allein sein soll. Es ist eine große Sache, die ich mit keinem teilen möchte. Es ist gewissermaßen eine heilige Sache. Ich weiß nicht, ob ich meinen eigenen Bruder daran teilnehmen lassen würde - - nur meinen Sohn. Aber mein Sohn ist ein Knabe. Die großen und heiligen Sachen, die er für die Himmelskönigin und für die Bauern von Piatra vollbringen soll, liegen noch weit in der Zukunft. Die Sache selbst aber muß ich allein tun. Du wirst auch darin wieder gegen mich sein; hast du doch die Juden zu uns gebracht, hast du doch Piatra eine neue Kirche gegeben.« Die letzten Worte klangen dem Priester, als erhielte er einen Faustschlag ins Gesicht. Ein wütender Kampf tobte in seiner Brust. Michael Cibula hörte sein heftiges Atmen; er wartete eine Weile und fuhr fort: »Ich gehe, du bleibst; weil ich gehe, frage ich dich: wie gedenkst du es fortan hier zu halten? Gedenkst du dem Bischof auch ferner das Recht zu versagen, das er sich angemaßt, den Bauern von Piatra Befehle zu erteilen; und gedenkst du unsere Freiheiten, trotz des Bannes und der Acht, die auf uns liegen, vor diesem Bischof und vor allen, die daran rühren, zu verteidigen; oder bist du Sinnes, dich bald zu ergeben? Da ich zu dir trat, fand ich dich mit finsterem Antlitz bei den Schriften, welche diese Rechte und Freiheiten der Bauern vor Gott und aller Welt beurkunden: gedenkst du sie den Bauern von Piatra aufrecht zu erhalten, mit aller deiner Kraft, in allem, was uns in jenen Schriften von den Vätern her zuerkannt worden? Darauf sollst du mir jetzt erwidern, als stünde ich vor dir in der Kirche und du sprächest zu mir über der Hostie.« Und Stefan Dozana erwiderte: »Ich sage dir, als ob ich in der Kirche stünde und die Hostie zwischen uns hielte: trotz Bann und Acht gedenke ich dem Bischof zu widerstehen und gegen ihn alle unsere Rechte und Freiheiten zu schützen mit aller meiner Kraft! Ich gedenke, die Heiligkeit dieser Urkunden aufrecht zu erhalten vor Gott und vor aller Welt, als ob ich – Michael Cibula hieße.« Die beiden Todfeinde standen in der Finsternis einander gegenüber; jeder suchte in des andern Mienen zu lesen, und beide fühlten, wie ihre Augen in einander ruhten. Und Michael Cibula wußte, daß er würde in Frieden dahinziehen können – insofern es für einen Cibula Frieden gab – in Frieden mit seinem ganzen Hause im schwarzen Grunde für die Cibula ein neues Haus erbauen, in Frieden seinen Acker bestellen und seine Herde würde werden können, bis alles gediehen war zu der großen und heiligen Tat, die ganz Piatra den Frieden wiedergeben sollte. Nachdem er Stefan Dozana mitgeteilt hatte, weshalb er zu ihm gekommen, hätte er wieder gehen können. Noch zauderte er noch. Denn da Stefan Dozana ihm jetzt wieder als Priester galt, hätte er ihm gern gebeichtet, ganz gleich, ob hier im Hause oder in der Kirche. Freilich, von seinem Weibe mußte er auch diesesmal schweigen; indessen etwas anderes lastete ihm schwer auf dem Herzen. So sagte er denn mit der Stimme und in dem Tonfall, die er sich angewöhnt hatte, im Beichtstuhl anzunehmen: »Ich bekenne mich auch einer Sünde schuldig, die ich wie keine andere bereue.« Gleichsam in der Erwartung, Stefan Dozana werde mit der üblichen Formel entgegnen, schwieg er. Da jener stumm blieb, bekannte Michael Cibula weiter: »Als ich gestern heimkehrte, fand ich vor meinem Hause bei meiner Frau eine Jüdin mit ihrem Knaben: Dozia, des Rabbiners Jehuda Kolon Weib, mit dem Buben, den mein Sohn fast zu Tode gesteinigt. Und es ist dieses Judenweib die Tochter meiner Schwester Maria.« Stefan Dozana entfuhr ein Ausruf des Staunens; sonst aber schwieg er. Nach einer Pause setzte Michael Cibula sein seltsames Bekenntnis fort. »Sie kam, um mir Frieden zu bieten, ich jedoch hieß sie gehen und sprengte geweihtes Wasser über den Platz, auf dem die Jüdin gesessen, und war und bin noch voller Zorn gegen mich selbst. Denn als ich meiner Schwester Maria Tochter, die doch eine verfluchte Jüdin ist, von meinem Weibe und meinem Hause forttrieb, da dauerte mich plötzlich das stolze Weib. Und es ist dieses Mitleid die Sünde, die ich mir von allem, was ich bisher gesündigt habe, am wenigsten verzeihen kann.« Und ohne für die schwer bereute Schuld von dem Priester, dem er sie gebeichtet hatte, Absolution zu verlangen, verließ Michael Cibula das Haus seines Feindes. Neunzehntes Kapitel Der letzte Tag im Hause Cibula Michael Cibula wunderte sich, daß er genau ebenso anfing wie alle anderen Tage. Um von diesem letzten Tage keine Minute zu verlieren, stand er schon beim Morgengrauen auf und ging in den Wald. Die Sterne erblaßten. Um alle Dinge webte sich grauer Nebelschein, wie solcher über den Wassern gelegen haben mochte, ehe der Geist Gottes das Licht von der Finsternis schied. Zuerst streifte ein göttlicher Hauch den Himmel. Ein Schimmer zitterte darüber hin, der von Minute zu Minute mehr zu einem hellen Glanze wurde. Vom Himmel stieg es dann zur Erde nieder. Als unwiderstehlicher Sieger kam der Tag. Er berührte mit seinem Flammenstabe die Alpengipfel, daß diese auflohten. Es empfingen die Täler das Feuersignal; sie sollten sich vorbereiten: bald würden aus ihnen die Schatten entweichen. Nun regten sich drunten geschäftig die Nebel. Der Morgenwind jagte die Dünste auf, trieb sie aus den Schluchten, riß sie von den Klippen. Plötzlich erstrahlte es über dem Kryvan, als bräche aus seinem Felsenhaupt eine Quelle glühenden Goldes hervor. Sie stieg und stieg – die Sonne. Daß die Sonne an dem letzten Tage, da im alten Hause der Cibula Söhne dieses Geschlechtes wohnten, genau ebenso aufging wie an tausend anderen Tagen! Michael Cibula sah alles, wie er es tausendmal gesehen hatte, aber er begriff nicht recht, daß er es genau ebenso sah. Dann versuchte er, sich vorzustellen, wie es sein würde, wenn er nicht mehr da war? Alles würde sein, als lebten er und sein Sohn ruhig im Hause der Cibula weiter. Nach hundert Jahren, wenn es in der Verrös längst kein Piatra mehr gab; nach tausend Jahren, wenn im schwarzen Grunde vielleicht kein Cibula mehr lebte – immer würde es hier bleiben, wie es heute war, Geschlechter kamen und Geschlechter gingen, aber die Natur blieb dieselbe: ein vergehendes Menschengeschlecht vermochte ihr Antlitz so wenig zu verändern wie ein verwelkendes Blatt. – – Und Michael Cibula fühlte, wie ein Schauer ihn überlief. Sein Geist empfing an diesem letzten Tage die Ahnung dessen, was Ewigkeit sei. Dann kehrte er zurück. Er ging die Pfade durch den Wald und das öde Gestein mit der Empfindung, als gäbe es für ihn keine Möglichkeit, sie je noch einmal wieder zu gehen, als sei er der letzte Mensch, der hier schreite. Mit bedeutsamem Blick betrachtete er diesen und jenen ihm wohl bekannten Baum oder Fels, beinahe mit der sichern Gewißheit: Baum und Fels wüßten, daß Michael Cibula an ihnen vorbeiging und niemals wieder vorbeigehen würde. Als er dann sein Haus vor sich sah, von der Sonne beschienen, von Herbstblumen umblüht, mit der wirtlichen Rauchwolke über dem Dache, erschrak er, als stünde er plötzlich einem Menschen gegenüber, den er heute noch ermorden wollte. Da fiel ihm ein, daß sein Weib noch von gar nichts wußte; denn er hatte die Häupter der Gemeinde gebeten, über sein Vorhaben bis zum Morgen zu schweigen. Vielleicht hatte Urs geplaudert. Aber wie hätte Josepha aus dem Geschwätz des Knaben die Wahrheit erkennen können? Und er – er hatte ihr nichts verraten von dem, was seine Seele bewegte. Angstvoll hütete er vor seinem Weibe, was seine Seele barg, damit ja keine der vielen Hüllen, die er sorgsam über sein Inneres gebreitet hielt, von einem Windstoß der Erregung aufgeweht würde und Josepha plötzlich hätte erblicken können, was er an Heimlichem und Heiligem in sich trug. Je wilder es in seinem Gemüte tobte, um so stummer lebte er neben jener dahin, eher den Feind in seinem Innern lesen lassend, als seinem Weibe gönnend, mit ihm zu leiden. Und nun sollte er ihr den größten Schmerz seines Lebens enthüllen! Denn so viel ahnte er doch, daß sein Weib so blind nicht an seiner Seite dahin lebte, um nicht zu wissen, daß er sich selbst ins Herz traf, wenn er sich selbst von Piatra vertrieb. Aber er wollte Josepha ihre Auswanderung ankündigen, ohne dabei nur mit der Wimper zu zucken; er wollte ihr von seiner Selbstverbannung reden, als handle es sich um einen gleichgültigen Gang, von dem sie morgen zurückkommen würden. In ihr Gesicht wollte er dabei sehen! Von Stefan Dozanas Mienen hatte er gestern keinen Zug erkennen können; und hatte er gestern Stefan Dozanas Stimme freisprechen müssen, so wollte er heute über Josephas Stimme und Gesicht zu Gericht sitzen, und wehe ihr, mußte er über sie das Schuldig aussprechen. Dann stand er im Garten unter Josephas Blumen und sah hinüber nach der Schwelle seines Hauses, wo gestern an der Seite seines Weibes das Judenweib kauerte. Aus den dunklen und doch so sanften Augen seiner Schwester Maria hatte die Vergangenheit ihn angestarrt, mit der tiefen und doch so weichen Stimme seiner Schwester Maria hatte sie zu ihm gesprochen, mahnend und flehend zugleich. Nach Frieden verlangend war diese Stimme ertönt; und in einem Seufzer über den ewigen Unfrieden, den er begehrte, war sie verklungen. Aber in seiner Seele redete die verklungene Stimme noch immer. Sie sprach zu ihm von seinen Kinderzeiten, er hörte sie das Eiapopeia singen, mit dem er in Schlaf gewiegt worden war. Denn die Stimme seiner Mutter war in einem Liebesworte erstorben, da er mit einem Schrei zum Leben erwachte: die Stimme jener Maria war Schwester- und Mutterstimme zugleich für ihn gewesen. Und dieselbe Stimme flüsterte ihm von den Spielen, die das Kind auf den Knien dieser mütterlichen Schwester gespielt; sie raunte ihm von den Gebeten, die sie den Knaben gelehrt hatte; sie mahnte ihn daran, daß ihm einst der Name Maria als der Name zweier heiliger Wesen erschienen war: der Gottesmutter und seiner holdseligen Schwester! Dann aber wich die Vergangenheit von der Schwelle seines Hauses; und immer noch klagte er sich der Sünde an, daß er fast Mitleid gefühlt hatte, da er sie vertrieb. * Josepha war bereits zu Bett gewesen, als ihr Mann in der vergangenen Nacht nach Hause gekommen war. Zu Tode ermattet von der Gewalt des neuen Daseins, das sie seit kurzem führte, war sie in dem Augenblick, da sie Michael Cibulas Schritte vernahm, mit dem Bewußtsein seiner Nähe fest eingeschlafen. Als sie früh erwachte, verrichtete auch sie, anstatt wie sonst vor dem Bilde der Muttergottes, ihre Morgenandacht draußen vor dem Feuerbildnis der aufgehenden Sonne. Dann ging sie ins Haus, und ihr Mann trat zu ihr in die Kammer. Stumm grüßte er, ließ sich seinen Morgenimbiß bringen und verzehrte ihn auf den letzten Bissen. Nachdem Josepha abgeräumt hatte, sagte er in seiner rohen Weise: »Du mußt sogleich die Flachskammer räumen und dein Linnen zusammenpacken lassen, auch sonst allen Hausrat.« Dabei beobachtete er sie scharf. Wie, wenn sie bei seinen nächsten Worten totenblaß würde oder gar laut aufschrie – – Er glaubte nicht recht zu verstehen, als Josepha ruhig erwiderte: »Die Flachskammer habe ich schon gestern geräumt, auch alles Linnen gepackt. Mit dem Hausrat kann das heute geschehen, damit wir morgen fortkommen.« »Fort – wohin?« »Ich denke, in den schwarzen Grund.« »So haben die Bauern also doch ihren Weibern geschwatzt.« rief Michael Cibula zornig. »Keine hat mir etwas gesagt.« »Dann hat der Bube geplaudert.« »Urs verriet mir: er wisse etwas, aber er dürfe nichts sagen.« »Woher weißt du es denn?« Er wandte sich von ihr ab und machte sich am Tisch zu tun. Leise sagte Josepha: »Ich weiß es längst.« Und grade als wollte sie sich entschuldigen, setzte sie noch leiser hinzu: »Es war nicht schwer, es zu wissen.« »Es war nicht schwer, es zu wissen?« stieß Michael Cibula hervor. Aber er fragte nicht, weshalb es ihr nicht schwer gewesen, zu wissen, was in seiner tiefsten Seele vorging. Sich ein Herz fassend, gestand sie: »Lange Zeit wartete ich, daß du kommen und es mir sagen würdest. Beinahe hätte ich dich schon im Frühling gebeten, von hier fortzugehen; denn eher gewinnen wir doch keinen Frieden! Aber da kam der Bischof und ächtete uns, und da mußtest du bleiben. Nun aber wird es wohl nötig sein, fort zu gehen.« Als Michael Cibula sie mit solchen klaren Worten aussprechen hörte, was er ihr so sorgfältig zu verheimlichen gesucht; als er vernahm, daß sie schon längst seine Vertraute gewesen, die sein Leiden gekannt, von seinen Kämpfen gewußt hatte; als es sich enthüllte, daß eine Andere – die Mutter seines Sohnes! – lange Zeit schweigend mit ihm zusammen gekämpft und gelitten hatte und vielleicht noch elender gewesen war als er selbst: da ging eine gewaltige Erschütterung durch den Mann. So mußte es einem zu Mute sein, der bei dichter Finsternis in ungeheurer Einsamkeit zu wandeln vermeint und sich auf einmal vertraulich bei der Hand gefaßt fühlt. Kaum, daß Michael Cibula zu murmeln vermochte: »Gehst du so gern von hier fort, daß du die Zeit nicht erwarten kannst?« Josepha schwieg. »So antworte doch!« fuhr er auf. Doch Josepha antwortete nicht. Da mußte er wohl oder übel aufschauen – um sich sogleich wieder abzuwenden. Denn mit welchem Blick sah sein Weib ihn an, Gott im Himmel, mit welchem Blick! Sein Herz begann zu klopfen, daß es ihm den Atem benahm, gegen seine Schläfen pochte das Blut. Ein Schwindel ergriff ihn. Vor seinen Augen wirbelte ein Heer goldiger Punkte auf – – Er kannte seine eigene Stimme nicht mehr, als er sagte: »Nun ja – ich weiß – du bist\ –\ –« Er wollte sagen: Du bist mein geliebtes Weib! sagte aber: »Ich weiß, du bist nicht so, wie andere Frauen sind.« Wie sie niemals, auch vor ihrem Sündenfalle nicht, gewagt hatte, zu ihrem Manne zu reden, so redete Josepha jetzt zu ihm. »Es ist gewiß so am besten – du wirst gewiß wissen, weshalb es so am besten ist. Wir ziehen fort und bauen uns ein neues Haus: im schwarzen Grund, oder wo es auch sei. Du bist überall der Michael Cibula von Piatra, und ich kann überall stolz auf dich sein, – wie im Frühling, als der Bischof da war und du dir und den Bauern von ihm kein Unrecht zufügen lassen wolltest. Damals war ich so stolz auf dich, daß ich umfiel, als ich dich kommen sah – vor lauter Stolz und Freude! So stolz werde ich auch im schwarzen Grunde auf dich sein, was immer du tun und treiben wirst. Denn alles, was du tust, wird gut und zum besten sein.« »Meinst du?« »Ja,« antwortete Josepha feierlich, als würde sie vor dem Altar gefragt, ob sie an Gott glaubte. Das Sprechen fiel Michael Cibula immer noch schwer; jedes Wort kam wie aus einer wunden Brust über seine Lippen. »Der schwarze Grund ist verrufen. Es sollen Geister dort umgehen und Bären darin hausen, so viele wie Murmeltiere.« Er wußte, was sie darauf antworten würde, wollte es jedoch von ihr hören und lauschte mit angehaltenem Atem. Als Josepha ihm erwiderte, daß sie die Geister und Bären nicht scheute, mußte er an Urs denken, und was der Knabe ihm damals über die Mutter gesagt: daß sie überall hingehen würde, wo der Vater hinginge. Was der Bube alles wußte, manches sogar besser als sein Vater! Dann wurde Michael Cibula beredt: »Du wirst sehen, es ist schön droben: Weide und Wald wie nirgend wo anders. Und so viel Sonnenschein! 's ist ein See droben mit Forellen, so groß – wahrhaftig so groß wie bei uns die Lämmer. »Wie die Lämmer?!« Und Josepha lachte. So leise es gewesen war, so hatte sie doch gelacht. Michael Cibula hätte beinahe laut aufgeschluchzt. Kein Wort konnte er mehr sagen. »Wir bauen uns im schwarzen Grunde ein neues Haus,« plante Josepha. »Der Stall muß aber größer sein als der unsere hier. Denn wenn es dort droben so gute Weide gibt, so können wir mehr Vieh halten als hier unten. Dann ziehe ich alle unsere Kälber auf. Und einen Heuschuppen müssen wir bauen, auch einen kleinen Hühnerstall. Hier hat es das liebe Federvieh gar zu erbärmlich gehabt; das lief so herum, die Hühner konnten legen, wohin sie wollten. Das schickt sich nicht.« »Das schickt sich gar nicht!« rief Michael Cibula aufgebracht und über Josephas vagabundierendes Federvieh mit lebhaftem Unwillen den Kopf schüttelnd, als wäre das eine Sache, die eigentlich vor die Gemeinde müßte. »Unsere Bienen nehmen wir doch auch mit?« fragte Josepha, bedachte sich und meinte etwas niedergeschlagen: »Es wird dort keine Blumen geben.« »Alles steht voll von Blumen,« versicherte Michael Cibula mit strahlender Miene. »Dann werden wir gleich diesen Herbst zwei neue Stöcke herrichten müssen. Wie freue ich mich!« Nun vertraute er ihr an, wobei er sich zu ihr hinbeugte – ganz nah! »Wir bekommen auch einen Acker. Was meinst du, sollen wir darauf bauen? Diesen Herbst noch.« »Weizen.« Da freute sich auch Michael Cibula. * Eine Stunde später wußte ganz Piatra: Michael Cibula geht in den schwarzen Grund! Und ganz Piatra wußte: die Juden haben es Michael Cibula mit dem bösen Blick angetan; uns werden sie es auch noch antun, uns werden sie auch noch aus unseren Häusern vertreiben. Ganz Piatra lief vor dem Hause der Cibula zusammen, klagend, als ob darin ein Sterbender sei. Am meisten lamentierten die Weiber über Josepha, weil diese so heiter tat: das könne nicht mit rechten Dingen zugehen! Im geheimen freuten sich die meisten über das Auswandern der Cibula; denn nun hofften sie, und zwar womöglich sogleich, von ihren Männern zu erreichen, daß die Juden vertrieben würden, damit sie wo möglich am nächsten Sonntag wieder zur Messe würden gehen können. Das Gesinde zeigte verstörte Mienen. Der Bauer hatte jedem freigestellt, mit ihm zu gehen oder zu bleiben. Nun wußten die Leute nicht, was tun. Da trat Josepha zu den Schwankenden, sprach sie freundlich an, doch ohne ihnen zuzureden. Endlich entschlossen sich alle, Michael Cibula in den schwarzen Grund zu begleiten. Vollkommen gleichgültig nahm Russka die große Nachricht von der Übersiedlung auf. Wenn man nur an einen Ort zog, wo es sich beten ließ. Und da sie das überall konnte, nur im Grabe nicht, so war ihr jeder Ort recht, der nicht das Grab war. Voll lauten Jubels war Urs, als habe er keine Heimat zu verlieren. Glückselig lief er bald zur Mutter, bald zum Vater und tat, als sähe er Ilja Dozana nicht, die seit dem Morgen scheu und traurig in der Ferne stand. Auch die anderen Kinder wagten sich heute nicht zu dem Knaben hin: die Auswanderung seines Vaters hatte Urs einen Nimbus verliehen, grade als wäre ihm Vater oder Mutter gestorben. Später kamen die Häupter der Gemeinde und boten, dem Brauche gemäß, Michael Cibula nochmals mit aller Feierlichkeit an, ihm sein neues Haus zimmern zu helfen. Mit den üblichen feierlichen Worten dankte Michael Cibula. Josepha brachte Speisen und Getränk; und da von dem Vorgesetzten kein Bissen und kein Schluck übrig gelassen werden durfte und für jeden Mann so viel auf dem Tische stand, daß ihrer drei hätten satt werden können, so blieb zum Reden nicht viel Zeit. Auch Stefan Dozana kam, auch ihm mußte Josepha die Hand reichen. Mit dem Blicke eines Tigers, der seine Beute belauert, spähte Michael Cibula aus einem Winkel des Zimmers nach dem Paare hinüber. Doch weil er nur Josepha ansah, entging ihm der geisterhafte Ausdruck auf Stefan Dozanas Gesicht. Als die Dämmerung anbrach, ward im Hause der Cibula die letzte Habe verpackt. Josepha konnte sich beim Anblick der leeren Räume nicht mehr vorstellen, daß sie jemals wohnlich gewesen waren. Jeder Gegenstand hatte darin seinen bestimmten Platz gehabt, an dem er schon vor hundert und aberhundert Jahren gestanden, und der Enkel hatte ihn für ebenso unverrückbar gehalten wie der Ahn. Auch Michael Cibula blickte voll dumpfer Verwunderung auf die Verödung seines Vaterhauses. Schon wie es hatte geschehen können, daß die braunen gewaltigen Schränke, die mächtigen Bettladen, die wuchtigen Tische und Truhen auseinander genommen und als gewöhnliche Bretter über einander geschichtet wurden, allein das deuchte dem Cibula eine unerhörte Sache zu sein. Wie um sich in diesem Wirrwarr zurecht zu finden und für Augen und Geist einen Anhalt zu gewinnen, klammerte sich sein Blick an das Marienbild. Denn dieses mit dem Tische darunter, war das einzige, was man für die Nacht noch an seiner Stelle gelassen. Höhnisch starrten die gespenstischen Augen des Holzbildes auf die leeren Räume herab, daß Cibula über den feindseligen Ausdruck auf dem Antlitz seines Idols erschrak: trug er doch seit dem Morgen das Bildnis seines leise auflachenden Weibes im Herzen. Dann stand Josepha zum letzten Male in ihrem Garten. Zum letzten Male sah sie, wie aus der Schlucht die Dunkelheit heraufwuchs, höher und höher, mächtiger und mächtiger. Ein Heer schattenhafter Giganten krochen die Schatten den schönen Felsenleib des Kryvan hinauf; rings umher Finsternis verbreitend, verschlangen sie das Dorf der Juden, ihre Felder und Wälder, verschlangen sie das ganze Gebirge mit seinem letzten Tagesschein auf den Gipfeln, verschlangen sie den ganzen Himmel\ –\ – Josepha war's, als wälzte sich der Tod herauf, und plötzlich empfand sie den Abschied von der Heimat, daß sie, wie in jähen körperlichen Schmerzen, leise aufstöhnte. Da funkelte über ihr der erste Stern, groß, still und leuchtend. Als wollte das schöne Himmelslicht den Gedanken Josephas den Weg weisen, schwebte es langsam das Firmament empor. Wunderbar getröstet ging Josepha ins Haus, um zum letztenmal das Lämpchen vor dem Muttergottesbild mit Öl zu versorgen und die letzte Abendmahlzeit zu rüsten. Keiner durfte ihr dabei helfen. Als alles bereit stand, rief sie ihren Mann, den sie in seiner ausgeräumten Schnitzkammer fand, wo er beim Schein der letzten geweihten Kerze an seine Schnitzarbeit die letzte Hand legte: ein Heiliger, welcher der Muttergottes sein blutendes Herz darbrachte. Das Herz des Heiligen schnitzte Michael Cibula als letzte Arbeit in seinem Hause; aber statt daß an dem Herzen Blut herabfloß, ließ er eine schöne, hohe Flamme daraus aufschlagen. Ruhig wartend stand Josepha hinter ihm. Nachdem die Flamme aus dem Herzen des Heiligen aufgegangen, sagte sie laut und feierlich: »Komm und iß in diesem Hause das letzte Stück Brot und trinke in diesem Hause den letzten Schluck Milch – Gott der Herr gesegne dir beides.« »Amen,« sprach Michael Cibula, stand auf, stellte den Heiligen nieder und legte das Schnitzmesser fort – aber nicht mehr an den alten Ort. Dann folgte er seinem Weibe. Das Gesinde stand schon versammelt, auf den Bauern und die Bäuerin wartend; nur der Sohn des Hauses fehlte. Cibula schickte den Hirten, ihn zu suchen, aber nach einer Weile kam Mauro allein zurück. Josepha sah, wie ihr Mann die Stirn runzelte; sie glaubte zu wissen, wo der Knabe sei, und eilte hinaus, ihn zu holen. Auf der Schwelle der alten Kirche, die Gras und Blumen überwucherten, saß Urs mit Ilja. Sie hielten sich fest umschlungen und hatten die Wangen aneinander gelehnt. Leise trat Josepha hinzu, legte wie zum Segen ihre Hand auf die Stirnen beider Kinder, küßte sie beide. Dann zog sie ihren Knaben sanft in die Höhe und führte ihn nach Hause. Als sie alle beisammen waren, sprach Michael Cibula das Tischgebet; darauf setzten sie sich, kaum wagend, mit den Stühlen zu rücken und den Löffel zu heben. Das letzte Mahl im Hause der Cibula ward eingenommen, als säßen die Geister aller derer mit zu Tische, die in dem Hause, das die Enkel jetzt verlassen wollten, einst lebten und starben. * Dann kam die letzte Nacht im Hause der Cibula. Sie kam mit dunklem, feierlichem Weben, mit den heiligen, geheimnisvollen Schauern einer Brautnacht. Ein Geist ging im Hause um. Aber es war nicht der ruhelose Schatten eines Cibula, sondern ein Seraph war's, ähnlich der Himmelsgestalt, die Asarja in seinen Fieberphantasien gesehen. Auf den Strahlen des Sternes, zu dem Josepha in ihrer Not aufgeblickt hatte, huschte es in das düstere Haus; es schlich durch die öden Kammern, und als es zu dem Bildnis der Muttergottes kam, hielt es mit stillem Lächeln die Hand über das Lämplein, damit die bösen Augen des Bildes nicht sahen, was nur gute Geister schauen durften. Am frühen Morgen erwachte Michael Cibula. Ihm hatte geträumt, die Heilige sei aus dem Hause gewandelt; und so lebhaft war der Traum gewesen, daß er aufstehen wollte, um nachzusehen. Da fielen seine Augen auf das Gesicht seines Weibes neben ihm. Heller Sonnenschimmer verklärte es, daß Josepha aussah wie damals, als sie noch nicht Josepha Cibula hieß. Er konnte den Blick nicht davon abwenden und vergaß darüber den Traum und das Bildnis der Mutter Gottes. Doch dann stand er leise auf, ging in den Garten und grub die Pflanzen aus, die er heimlich mitnehmen wollte: Josepha sollte in ihrer neuen Heimat unter ihren alten Blumen sitzen. Vor allen anderen grub er Rosmarin aus; denn von Rosmarin ein Kranz hätte sein bräutliches Weib schmücken sollen an dem Abend vor der letzten Nacht, die Josepha im Hause ihres Gatten schlief. Zwanzigstes Kapitel Stefan Dozana kämpft im schwarzen Grunde mit bösen Geistern und Bären Ehe sie am nächsten Morgen fortzogen, begab sich Josepha in die Messe, daß alle es sahen. Eine Neugeschaffene schritt sie im Festgewand zum letztenmal über die Schwelle des Hauses, in Michael Cibulas Augen mit einer Hoheit umkleidet, als trüge sie eine unsichtbare Krone. Langsam wandelte sie durch das Dorf, jeden freundlich grüßend. In der Nähe der alten Kirche begegnete ihr Stefan Dozana, der aus seinem Hause kam, um sich mit den Häuptern der Gemeinde bei Michael Cibula zu versammeln. Scheu trat der Priester vor dem Weibe seines Feindes zur Seite: wenn Josepha ihm jetzt allein im einsamen Walde begegnet wäre, hatte Stefan Dozana auch dort voller Ehrfurcht sie an sich vorüber schreiten lassen. Sie ging in die neue Kirche. Wie erstaunte sie, als sie ihren Dornenkranz in den Händen der Himmelskönigin voller Rosen sah, die über Nacht erblüht zu sein schienen. Irgend eine fromme Hand hatte früh am Morgen der Dornenkrone diesen Blütenschmuck gegeben, aber Josephas gläubige Seele empfand es als ein Wunder: die heilige Jungfrau selbst hatte für das schuldige Weib Fürbitte getan, daß dieses nun vor Gott und den Menschen eine Entsündigte geworden war. Nachdem sie ihre heiße Andacht verrichtet, eilte sie nach Hause, wo man sie bereits erwartete. Michael Cibula hatte die in der Nacht ausgegrabenen Pflanzen in der Wiege verwahrt, und es erschien ihm dieses alte Familienstück das einzige Gerät zu sein, würdig, von seinem Weibe in die neue Heimat getragen zu werden. Er selbst half Josepha die Wiege auf das Haupt zu heben. Dann brachen sie auf. Michael Cibula war der letzte, der das Haus verließ. Da er die Tür hinter sich zumachte und den Schlüssel umdrehte, war's ihm, als schlösse er einen Sarg. Er hatte das Gefühl, als stünde er an einem offenen Grabe und müßte dem toten Hause seiner Väter die Leichenrede halten: »Im Glauben, daß du den Cibula Obdach und Wohnung gewähren würdest, so lange in der Verrös die Berge stehen, wurdest du von einem Cibula erbaut. Hoch über der Tiefe leuchtetest du durch den Wald und fröhlich spielten auf deiner Schwelle die Kinder der Ahnen. Winterstürme brausten um deine Wände, Lenzeslüfte tauten von deinem Dache den Schnee, Sonnenbrand bräunte dich. Die Kinder, die auf deiner Schwelle gespielt, saßen dort als Jünglinge und Jungfrauen, als Väter und Mütter, als Greise und Greisinnen – wurden über deine Schwelle ins Grab getragen. Und es war einer wie der andere: starr und stolz, trotzig und treu, fest im Glauben, heiß im Lieben und heiß im Hassen, wild in Worten, aber gerecht in Taten. So erbte der Geist der Cibula von Geschlecht zu Geschlecht. Geschlecht auf Geschlecht, du Haus der Cibula, ward in deinen Kammern geboren, ward über deine Schwelle hinausgetragen – Geschlecht auf Geschlecht sollte noch in deinen Kammern geboren und über deine Schwelle hinausgetragen werden. Aber da kam einer, der verläßt deine Kammern und zieht von dir hinweg gleich einem vertriebenen und flüchtigen Mann. Noch stehen die Berge der Verrös, aber nie wieder wird auf der Schwelle des Hauses der Cibula ein Kind der Cibula spielen\ –\ –\ –« Und Michael Cibula war zu Mute, als müßten zu dem Begräbnis seines Vaterhauses die Glocken der alten Kirche läuten, als müßte er in das offene Grab Schollen hinabwerfen. Krachend war die Tür des vereinsamten Hauses zugeschlagen, knarrend hatte in dem Schlosse der Schlüssel sich gedreht, den Michael Cibula jetzt herauszog und zu sich steckte; dann wandte er sich ab, seinem Weibe zu. * Ein großes Geleit folgte den auswandernden Cibula in ihre neue Heimat; alle Häupter der Gemeinde und viele der jüngeren Männer. Sie trugen die Habe der Cibula und waren sämtlich mit Heiligtümern gegen die bösen Gewalten des schwarzen Grundes versehen. Auch Stefan Dozana ging mit, auch er trug einen Packen. Das übrige Gut war den Kühen aufgebunden worden. Allen voraus ging Urs. Er mußte das heilige Madonnenbild der Cibula tragen, was dem Knaben jede Freude an dem Auszuge benahm; mit finsterem Gesicht hielt er in beiden Armen das verhaßte Bildnis steif vor sich hin. Die Weiber beteten laut, die Männer sprachen den Chorus, so daß der Auszug der Cibula einer Wallfahrt von ganz Piatra glich. Wort, wo sie den letzten Blick auf das Dorf hatten, rasteten sie zum ersten Male; darauf sagte Michael Cibula zu den seinem Hause folgenden Weibern: »Kehrt jetzt zurück und bittet die Heiligen, daß sie euch mit euern Männern und Kindern, mit euerm Vieh und Habe bald denselben Weg ziehen lassen.« Da erhoben sämtliche Weiber von neuem ihr Jammergeschrei, umringten Josepha und beklagten ihr Schicksal, mit ihrem Manne in den verzauberten Grund ziehen zu müssen, unter Geister und Bären. Aber Josepha dankte den Frauen, tröstete sie und riet ihnen: »Tut, wie Michael Cibula euch sagt; denn er hat recht in allem und wird mit Hilfe der Heiligen alles zum besten wenden.« Da schrien die Weiber über Josepha; es war nicht anders, als sähen sie diese bereits im Sarge. Und so, jammernd und wehklagend, traten sie den Heimweg an. Unter tiefem Schweigen wurde die Reise fortgesetzt; man hörte nur das Rascheln des verdorrten Farrenkrautes unter den Füßen der Wanderer und das Rauschen der Wipfel. Zuweilen mußte dem Zuge mit der Axt der Weg gebahnt werden, zuweilen brüllte ein Rind auf, blökte kläglich ein Schaf; oder man vernahm plötzlich das schrille Murmeln Russkas, die zwei Mägde führten und die im Abbeten des Agnus nicht nachließ. Dann übertönte das Brausen des Wildbachs jedes andere Geräusch. Den schwarzen Grund füllte der Glanz des herbstlichen Sonnentags. Der dunkle Wasserspiegel des trüben Blicks leuchtete auf, über die Wiesen hatte der scheidende Sommer seine letzten Blüten geschüttet, die herbstlichen Eschenwälder, die den ganzen Bergkessel umzogen, kränzten die düsteren Felsmassen mit gewaltigen goldiggelben und purpurroten Gewinden. Von allen Seiten wehten die Wasserfälle und Sturzbäche den Einziehenden entgegen und der Ozean der Luft schlug über den schimmernden Felsenkuppen mit azurnen Wellen zusammen. So erblickten die Bauern von Piatra das gefürchtete Tal und schlugen das Kreuz gegen den Zauber. Stefan Dozana aber rief: »Wahrlich, auch hier sind die Heiligen!« Nun nahm Michael Cibula seinem Sohne die Muttergottes ab und zeigte dem Bild das schöne Tal; da faßten die Bauern von Piatra Mut und folgten dem Bildnis. Sie gingen zum See, umschritten das Wasserbecken, bis sie zu dem mit Eschen bewaldeten Hügel gelangten. Hier gebot Michael Cibula Halt und sprach laut und feierlich: »Siehe, Maria, Gottesmutter, siehe die Stätte, wo stehen soll das neue Haus der Cibula, darin dein Name soll heilig gehalten werden, solange unter seinem Dache ein Cibula wohnt. Und hilf uns, Maria, Himmelskönigin, daß wir vor unseren Feinden, die deine Feinde sind, an dieser Stätte Ruhe gewinnen.« Mit seinen starren, grausamen Augen schaute das Bildnis auf die blühende Wiese, den leuchtenden See, das schimmernde Gebirge. Dann stellte es Michael Cibula auf einen von den Fluten umspülten Felsen und Josepha legte von ihren Blumen davor nieder. So wurde der Heiligen in der neuen Heimat der Cibula der Altar bereitet. In dem trüben Blick spiegelte sich das fahle Antlitz des Byzantinerbildes; aber keiner gedachte des Fluches, der jeden, der hier in die Wellen schaute, seinem Spiegelbilde nach, in die Tiefe ziehen sollte. Nun legten alle ihre Packen ab, das Gesinde überließ die Herde, die sich im schwarzen Grunde bereits heimisch zu fühlen schien, dem Hirten; alle rasteten und stärkten sich durch Speise und Trank. Darnach bestiegen die Männer den Hügel. Eine Wiese führte vom See sanft aufwärts zur Höhe, aber auf der anderen Seite gähnte ein schrecklicher Absturz, so daß Stefan Dozana, dicht an den Rand tretend, erschrocken zurückwich. Doch war der Platz herrlich, von Eschen beschattet, deren Stamme zwei Männer nur mit Mühe umspannen konnten, und deren Zweige bis zum Boden herabhingen: wer im Sonnenschein darunter stand, glaubte unter einer goldenen, mit Smaragden ausgelegten Kuppel zu stehen. Und herrlich war von hier aus der Blick auf Tal und Gebirge, doch ward für Michael Cibula die schöne Rundsicht beinahe verdorben; denn dort, wo die Verrös lag, ragte ein graues, mächtiges Felsenhaupt auf: der Kryvan. Als er den Kryvan sah, bedachte Michael Cibula, daß hier zwar für ihn und manchen anderen kein Platz sei, um heitere Umschau zu halten, wohl aber ein Ort, um angesichts jenes Berges dunklen Gedanken nachzuhängen und über finsteren Plänen zu brüten, und daß es gut sein würde, dem Platz eine Weihe zu geben. Zu Stefan Dozana tretend, sagte er zu seinem alten Feinde: »Damit du meine Meinung kennst, so wisse: nicht eher werde ich ruhen, als bis auf diesem Platze den Bauern von Piatra eine Kirche gebaut worden, von Christenhänden und aus den Bäumen dieses Waldes; sei nun dein Wille, mich daran zu hindern oder mich darin zu fördern.« Stefan Dozana las in Michael Cibulas Gesicht einen unerschütterlichen Entschluß. Er fragte: »Was hast du vor?« »Wenn du an diesem Platze eine Kirche weihest, wirst du es erfahren haben.« Er wandte sich ab; der Priester sah ihm finster nach und dachte: Er will an Piatra sühnen, was ich an Piatra verbrochen habe. Niemals kann Friede sein zwischen uns. Darauf machten sich die Männer daran, die für den Bau des Hauses nötigen Bäume zu bezeichnen. Doch Michael Cibula wehrte ihnen und erklärte: es sollte auf dem Hügel kein einziger Baum gefällt werden. Die Stämme für den Bau sollten an einer anderen Stelle genommen werden, deren Entfernung vom Ufer ziemlich beträchtlich war. Heftig wurde darüber hin und her gestritten. Als man schließlich Stefan Dozana nach seiner Meinung befragte, stimmte dieser Michael Cibula bei. Darauf geschah es so, wie letzterer gewollt hatte. Michael Cibula und Stefan Dozana begannen zusammen auf dem Boden den Grundriß des Hauses aufzuzeichnen; die anderen errichteten unterdessen aus Zweigen drei Hütten: die eine für Cibula und den Hausrat, die zweite für die Bauleute und die dritte für das Gesinde. Am Abend war man damit fertig. Den besten Teil der Arbeit dieses ersten Tages, sowie auch den besten Erfolg aber hatte Urs gehabt. Er hatte gefischt und gefangen: eine Forelle! Und war sie auch nicht grade so groß wie ein Schaf, so konnte sie doch so groß wie ein Lämmlein sein. Josepha sott den Fisch mit mancherlei Kräutern, übergoß ihn mit frischer geschmolzener Butter und trug dieses erste Mahl im schwarzen Grunde den Häuptern der Gemeinde auf. Man aß dazu Gerstenkuchen und trank Milch. Bald begaben sich alle zur Ruhe. In der Nacht trat Josepha aus der Hütte. Sie ging zum See, auf dessen dunklen Fluten der Sternenhimmel ruhte, und warf eine Opfergabe für die unheimlichen Gewalten des Sees in das stille Gewässer hinab. Es war das mit Asarjas Blut getränkte Edelweiß, das Josepha so lange aufgehoben hatte: aber das Weib Michael Cibulas bedurfte keines Zaubertrankes mehr. * Genau nach dem Plan des alten Hauses der Cibula ward das neue Haus aufgebaut: genau so lang und so breit, keine Türe, kein Fenster anders; dieselben Kammern, dieselben Umgänge unter dem Dache. Zu einer einzigen Neuerung entschloß sich Michael Cibula und das lediglich seinem Weibe zuliebe: das war eine Halle vor dem Hause nach dem See zu. Stefan Dozana riet, sie mit bunten Farben zu bemalen, und Michael Cibula wollte im Frühjahr Kresse, Waldrebe und Geißblatt dort pflanzen. Auch Sonnenblumen und Stockrosen sollten davor blühen, Josephas Rosmarin, ihre weißen Rosen und roten Nelken. Während die einen das Haus zimmerten, bauten die anderen den Stall. Michael Cibula aber, nachdem er lange geprüft und gewählt, grub ein Stück Wiese zu Ackerland um und säete das neue Feld an; womit, das wußte nur Josepha. Schnell stieg bei dem ununterbrochen schönen Herbstwetter der Balkenbau in die Höhe. Man hatte den Eschenstämmen die Rinde gelassen, so daß sie im Sonnenschein glänzten, als seien sie mit Silber beschlagen. Alle waren tätig, aber niemand arbeitete so eifrig wie Stefan Dozana. Er schaffte für zwei, als wäre ihm das lang entbehrte Zimmern höchste Lust, als wäre er glückselig, endlich einmal die Kraft seiner Muskeln und Sehnen prüfen zu können und das an den stärksten Stämmen, an den wuchtigsten Balken. Man konnte dem Manne ansehen, wie die harte Arbeit ihm gut tat, wie der geächtete Priester mit der Axt am Baume sich von Brevier und Agnus erholte. Mit Freuden blickte Michael Cibula auf den starken und stattlichen Mann, von jedem Argwohn befreit, derselbe könnte auch seines Weibes Wohlgefallen erregen. Aber trotz seiner fast wilden Lust an der Arbeit hatte Stefan Dozana während dieses strahlenden Herbstes die dunkelsten Tage seines Lebens; es waren Tage, in denen seine Seele von neuem allen bösen Gewalten der Hölle verfiel. Auch er war in seinem Innersten verwandelt. Seitdem er wie ein Simson seine Locken wachsen ließ und den Rock des Priesters mit dem Kleide der Bauern vertauscht hatte, seitdem er als Priester geächtet worden, war Stefan Dozana als Mensch wiedergeboren. Und mit der Wiedergeburt kam die Erkenntnis. Er erkannte, daß er nur durch Soutane und Stola, nur durch Messen und Brevier seine Natur jeden Tag von neuem hatte in Banden halten können. Dann hatte er eines Weibes Kuß auf seinem Mund gefühlt, dann war jener Bischof gekommen. Nicht länger bußfertigen Sündern die Beichte abnehmend, hätte er selbst seine Sünden beichten mögen; nicht länger das Allerheiligste der Kirche in Händen haltend, hätte er das Allerheiligste des Lebens an seine Brust reißen mögen. Das Blut des Heilands nicht mehr trinkend, hätte er den Kelch des Glückes an seine Lippen setzen und an seinem Herzen die wunderbare Wandlung vollziehen lassen mögen. Seitdem er nicht mehr lieben durfte, hatte er herrschen wollen und hatte er geherrscht; nun er nicht mehr herrschen konnte, hätte er um eines Weibes willen, vor dem er jetzt die Augen zu Boden schlagen mußte, am liebsten Knechtdienste getan. Waren sein priesterliches Kleid und sein priesterlicher Fanatismus für ihn das gewesen, was für einen reißenden Strom Dämme und Böschungen sind – wie mußte es ihm ergehen, da man ihm plötzlich nahm, was die Gewalten seiner Natur so lange mühsam gebändigt hatte? Täglich lebte er mit Josepha, die zu den Frauen gehörte, welche Mütter sind und Jungfrauen zu sein scheinen. Wenn Stefan Dozana sie ansah, gewahrte er nur an dem tiefen Glanz ihrer Augen und an der feierlichen Ruhe, die jetzt stets über ihrem Wesen lag, daß sie nicht mehr achtzehn Jahre alt sei, während er sich fühlte, als sei er wieder zwanzigjährig geworden. Für jeden hatte sie ein liebreiches Wort, einen freundlichen Blick; gleich einem guten Geiste waltete sie im Lager, alle Dämonen des Ortes verscheuchend. Nur an ihm ging sie fremd und kalt vorüber, nur ihm versagte sie Wort und Blick; und sah sie ihn einmal an, so ruhten ihre Augen streng auf dem Mann, der in böser Stunde mit dem Kelch in der Hand als Versucher zu ihr getreten, und den sie nicht nur für ihres Mannes, sondern auch für ihren ärgsten Feind ansah. Mit Empfindungen, wie sie selbst seinem wilden Geiste bisher fremd geblieben, gewahrte Stefan Dozana, daß Michael Cibula plötzlich mit seinem Weibe verkehrte gleich einem heimlich Liebenden, den die zärtlichste Neigung beglückte. Bei den von Leidenschaft trunkenen Blicken, die er Michael Cibula auf sein Weib werfen sah, ward ihm zu Mute, wie einem Verdammten, der die Seligen sieht. Dann erinnerte er sich der Rechte, die er einst auf Josepha besessen und aus welcher Ursache sie das Weib des andern geworden; dann erinnerte er sich, diese blühenden, lebenswarmen Lippen einmal geküßt, diese zärtliche Gestalt einmal an seinem Herzen gehalten zu haben. Und er erinnerte sich, daß Michael Cibula noch immer sein Feind sei, und daß er noch immer die Rache in seiner Hand hielt. Wie, wenn er jetzt die Rache aus seiner Hand entließ, Michael Cibula mitten in seinem Bräutigamsglück ins Gesicht schlug: siehe, dein Weib verachtet mich zwar, aber sie hat mich einmal\ –\ – Aber Stefan Dozana erinnerte sich, wie dieser Mann im Gemeindehause vor dem Bischof neben ihm gestanden, und Stefan Dozana schwieg. Doch darüber hatte er keine Macht, daß der reißende Strom in ihm jeden Tag mehr und mehr anschwoll, Frühlingsfluten gleich, die brausend gegen die Dämme donnern. Wollten sie sich gar nicht mehr zurückdrängen lassen, so konnte der wilden Natur nur die wilde Natur helfen. Dann wich er von den Menschen in die Einsamkeiten des schwarzen Grundes. Nach der harten Tagesarbeit suchte er noch spät abends Ermüdung und Ermattung als Jäger zu finden. Die Büchse über der Schulter, klomm er in der Dämmerung pfadlos durch das unbekannte Gebirge. Oft ging er an Abgründen entlang, die alles überboten, was er an Schrecken der Alpenwelt bis dahin gesehen hatte. Aber nie strauchelte er. Oft konnte er weder vorwärts noch zurück; er mußte den Schimmer der Sterne oder den Schein des jungen Mondes abwarten, bis er versuchen konnte, weiter zu gelangen. Dann stand er in der Dunkelheit zwischen den Schlünden wie zwischen offenen Grüften und hatte die Wahl, in welches Grab er hinabstürzen wollte. Wenn er so zwischen Himmel und Erde schwebte, über sich Gletscher und Fels, unter sich Gletscher und Fels; dann konnte er die Welt für eben erst erschaffen, noch nicht von Menschen bewohnt und sich selbst für einen Geist halten, der nicht wußte: sollte er zum Himmel hinauf oder zur Erde hinab. Aber da erschuf Gott das Weib\ –\ – Und es konnte geschehen, daß er plötzlich, der Abgründe und der Finsternis nicht achtend, gleich einem Rasenden niederstieg ins Tal zum Seegestade. Drunten umschlich er die Hütte der Cibula, mit Mörderblicken um sich spähend, fühlend, wie sein Gesicht sich verzerrte und kalter Schweiß aus der Stirn brach. Jetzt sah er etwas – Michael Cibula sein Weib umschlingend! Jetzt hörte er etwas – leise Worte wie Liebesgeflüster! Dann stand er und lauschte darauf. Wenn er abends mit der Büchse davonging, sagte er, daß er jagen wollte; doch er rührte das Gewehr nicht an. Er ließ das Wild an sich vorüber, kaum aufschauend, wenn es vor ihm in den Kieferdickichten rauschte und zwischen den dunkeln Nadeln das mächtige Geweih eines Hirsches erschien. Es war grade, als ginge er einem anderen, edleren Wild nach. Das würde er dann, sobald es ihm schußgerecht kam, treffen – mitten ins Herz. Einmal stieß er auf Michael Cibula. Dieser stand am Rande eines Abgrundes, spähte hinab, regte sich nicht, sah nicht den Feind. Vor Stefan Dozanas Augen breitete sich plötzlich ein blutroter Schimmer. Seine Hand griff nach der Büchse, seine Finger zuckten nach dem Hahn. Da warf er sich hin, drückte das Gesicht auf den felsigen Boden und stöhnte vor Qual. Er blieb so lange liegen, klammerte sich so lange an dem Felsen fest, bis Michael Cibula gegangen war. Dann sprang er auf. Aber Blut mußte er sehen; und das noch heute, das gleich! Er wußte das Lager eines Bären. Dahin ging Stefan Dozana. Als er vor der Höhle anlangte, war die Nacht angebrochen. Er trat dicht vor den Eingang und schoß seine Büchse ab. Beim Blitze seines Schusses sah er eine schwarze zottige Gestalt aus der Finsternis auftauchen. Der Bär war getroffen und stieß ein dumpfes Wutgebrüll aus. Kaum hatte Stefan Dozana sein Gewehr wieder geladen, als er die Augen des Ungetüms glühen sah – dicht vor sich! Dennoch fehlte er diesesmal. Nun entspann sich in der Dunkelheit zwischen Mensch und Tier ein grausiger Kampf. Da er nicht mehr die Zeit hatte zu laden, schmetterte er den Kolben seiner Büchse auf den Kopf des Bären nieder. Ein Wutgeheul folgte dem Schlag. Stefan Dozana fühlte sich von zwei gewaltigen Armen gepackt und wie in einen Schraubstock an einen weichen, heißen, zottigen Körper gepreßt; er fühlte den schnaubenden Atem des Ungetüms in seinem Gesicht und sein Gesicht von Blut überrieselt. Aber es gelang ihm, den Arm so weit zu bewegen, daß er sein Jagdmesser ziehen konnte. Ohne zu sehen, blindlings stach und stieß er um sich. Immer fester und entsetzlicher umschlang ihn der Bär, seine Rippen krachten, die Krallen zerfetzten sein Fleisch, ihm war's, als wälzte sich ein Fels auf seine Brust, als würde er mit Feuer übergossen. Er hörte sein eigenes Röcheln, doch empfand er weder Schmerzen noch Furcht, sondern nur eine rasende Blutgier. Er fühlte, wie ihm das Blut der Bestie in den Mund floß, und trank das Blut; er hätte am liebsten seine Zähne in die Brust des Untiers geschlagen, wäre am liebsten selbst zur Bestie geworden. Dann dachte er noch: jetzt wird Michael Cibula die neue Kirche von Piatra bauen! Dann schien ihm die Nacht eine schwarze, zottige Masse zu sein, die ihn erdrückte; dann wußte er nichts mehr vom Leben. Am anderen Morgen fand ihn Michael Cibula unter dem toten Bären. Er war furchtbar zugerichtet, doch lebte er noch. Der Körper des Bären hatte an fünfzig Stiche. Das Messer saß dem Untier im Herzen, die Klinge war abgebrochen. Einundzwanzigstes Kapitel »Wenn ich dich lieb habe, was geht es dich an?« Als auf dem Acker im schwarzen Grund die Saat in kräftigen Halmen aufsproß, stand das neue Haus der Cibula so weit fertig, daß es bezogen werden konnte. Schnell war der Hausrat eingeräumt, jedes Ding an demselben Platz, den es im alten Hause innegehabt. Aber während Michael Cibula am liebsten das ganze Jahr hindurch Tag und Nacht Sonnenschein gehabt hätte, damit die Holzwände sich schnell bräunten, hatte Josepha an dem blanken Holzwerk, von dem die buntbemalten Geräte so heiter abstachen, ihre stille Hausfrauenfreude. Auch sonst nahm sie an der Wirtschaft einen so regen Anteil wie nie zuvor. In der neuen Flachskammer sah es nicht anders aus wie in der alten. Aber sie betrachtete alles darin mit Augen, als erführe sie erst jetzt, welche Gabe des Himmels der gelbliche, seidenweiche Flachs sei, was für trauliche und freudenspendende Geräte Haspel und Spindel. Und gar erst der Webstuhl! Konnte es etwas Lustigeres und zugleich Beschaulicheres geben, als ein solcher Webstuhl war?! Da saß sie und ließ das Schifflein mit den silberhellen Fäden durch die Spulen hin und her laufen. Und mit dem Schifflein gingen die Gedanken. Und ehe sie es sich versah, war das Stück fertig gewirkt, war das Gewand gewebt, und siehe, es war ein Feierkleid. Und gar nicht weit davon, in der Schnitzkammer, saß Michael Cibula an seiner Arbeit. Es war dieselbe graue Hobelbank, dasselbe rötliche Arvenholz, dasselbe Messer, das in der neuen Schnitzkammer den gleichen Platz hatte wie in der alten; es war dasselbe Holzbild, daran er schnitzte: seine Muttergottes, die Heilige der Cibula! Aber er war unzufrieden mit seiner Arbeit wie niemals zuvor; es gelang ihm nicht, dem Antlitz die übliche Starrheit zu geben, ohne die das Bild gar nicht Michael Cibulas Heilige, gar nicht die Heilige der Bauern von Piatra war. Wie er sich auch quälte, immer kam etwas Neues hinzu: etwas Weiches, Sanftes und Liebliches, etwas von einem irdischen Weibe. Vollends die Augen gelangen ihm nicht mehr. Denn wo war der böse, grausame und höhnische Blick geblieben? Schier holdselig sahen sie ihn an, mit einem strahlenden Lächeln, mit dem andere Augen ihn jetzt so oft ansahen. Daß ihm plötzlich seine ganze Kunst abhanden gekommen, war dem Manne ein schweres Herzeleid, Oft kam er sich wie verzaubert vor. Dann legte er mißmutig das Messer aus der Hand und verließ die Werkstatt. Wenn er in das Zimmer trat, wo an der Wand das Urbild seiner Muttergottes stand, ging er mit gesenkten Augen und bösem Gewissen daran vorüber, den starren Blick der Madonna fürchtend. Denn er wußte, daß sie von heftigem Zorn gegen ihn erfüllt sei; eben jenes anderen Angesichts willen, das er jetzt schuf. In allem übrigen konnte sie zufrieden sein. Als hätte sie niemals den alten Platz verlassen, als wäre sie niemals aus der Verrös in den schwarzen Grund übergesiedelt, thronte sie in der heiligen Ecke des Hauses, über dem Tische und dem ewigen Lämpchen. Aber sah Michael Cibula das Holzbild nie mehr in der alten Weise an, so sprach dasselbe doch in der alten Weise zu ihm, und das nicht nur, wenn er bei seiner Arbeit saß. Selbst draußen auf dem Acker oder im Walde hörte er die harte, gellende Stimme; jede Nacht weckte sie ihn aus friedlichem Schlafe auf, zerstörte sie ihm den seligsten Traum. Und, grade als wäre sie Bischof Mauritius, der den Bauern predigte, mahnte die Himmelskönigin: »Denke daran! Denke daran, wer mich in die unheilige Öde getrieben. Jede Stunde, jeden Augenblick deines Lebens denke daran!« Und da geschah es jetzt zuweilen, daß Michael Cibula der Muttergottes antwortete: »Ach, laß doch das!« An demselben Tage, als das Haus und der Stall fertig dastanden, waren die Waldleute aus dem schwarzen Grunde fortgezogen; aber einen hatten sie zurücklassen müssen. Schwer verwundet, mit zerrissenen Gliedern, bewußtlos, dem Tode nahe, lag Stefan Dozana in einer der Kammern des neuen Hauses. Michael Cibula pflegte ihn und wich in den ersten Tagen auch nicht des Nachts vom Lager seines Feindes, Josepha durfte nicht helfen; sie kochte nur die Salben und Heilwasser und bereitete die kühlenden Getränke. Aber obgleich kein Weib an das Krankenbett trat, wurden Stefan Dozanas Wunden von so weicher Hand verbunden, seine brennende Stirne so sanft gekühlt, seinem lechzenden Munde so behutsam der Trunk zugeführt, als wäre er von eines Weibes Sorge umgeben. Niemand hatte geglaubt, daß Michael Cibulas rauhe Stimme, sein wuchtiger Schritt so leise sein könnte. Zuweilen erhielt Urs die Erlaubnis, mit seinem Vater um den Verwundeten zu sein. Sobald jedoch Stefan Dozana zu phantasieren begann, ward der Knabe fortgeschickt. Dann hörte Michael Cibula den wilden Reden seines Feindes unbeweglich zu, keine Miene verändernd. Er hörte ihn noch einmal jenen nächtlichen grausigen Kampf bestehen. Noch war es kein Bär, mit dem er rang, sondern ein Mensch: Michael Cibula! Auf ihn stieß er mit dem Messer, sein Blut trank er, seine Brust hätte er am liebsten mit den Zähnen zerfleischt. Und seinem Feinde beichtete Stefan Dozana in seinen Phantasien mit wütenden, wie Wahnwitz klingenden Worten. Aber der Mann, der diese Geständnisse vernahm, hörte zugleich auch eine furchtbare Anklage: Stefan Dozana klagte einen an, schuldig zu sein an seiner Schuld ... Er war nicht schlecht gewesen, der junge Stefan Dozana, kein gemeiner Geist. Da war einer gekommen, der hatte seine Seele verdorben und sie für die Ewigkeit der Gottheit abspenstig gemacht, durch eine einzige Tat: daß er ein Weib nahm. Michael Cibula saß mitten in der Nacht allein an Stefan Dozanas Lager, und als der Fiebernde Josephas Namen rief, bald in lautem Rasen, bald mit vertraulichem, zärtlichem Flüstern, da war es ihm oft, als müßte er sich auf den bewußtlosen Mann stürzen, der wehrlos dalag, und ihn mit seinen Händen erdrosseln. Aber er regte sich nicht, und wer jetzt in der Kammer so fürchterlich aufseufzte, war nicht der Verwundete. Eines Abends gewahrte Michael Cibula, daß dem Kranken das Bewußtsein allmählich zurückkehrte. Leise erhob er sich, ging hinaus, suchte Josepha auf und sagte: »Ich muß auf den Acker. Unsern guten Weizen ernten jetzt schon die Hirsche und Rehe; da will ich denn doch als Hausherr ein Wörtlein dreinreden. Unterdessen wache du bei ihm. Er wird ganz ruhig bleiben.« Damit nahm er seine Büchse, nickte seinem Weibe freundlich zu und ging. Josepha hätte lieber eine Magd in die Kammer geschickt, wagte indessen nicht, dem Gebote ihres Mannes zuwider zu handeln. Ihre Scheu bekämpfend, bereitete sie einen frischen Kühltrunk, mit dem sie sich zu Stefan Dozana begab. Um den Kranken nicht zu stören, nahm sie kein Licht mit. Auch schien der aufgehende Mond hell in die Kammer. Drinnen war die Luft so dumpf, daß Josepha sogleich das Fenster öffnete. Dann trat sie an das Bett. Der Kranke hielt die Augen geschlossen; mit seinem bleichen, vom Mond beleuchteten Gesicht hätte Josepha ihn für einen Toten halten können. Sie stand da, sah mit Entsetzen das entstellte Gesicht und sagte unwillkürlich, beinahe laut: »Stefan Dozana, ich vergebe dir.« Wie von diesen Worten ins Leben zurückgerufen, schlug Stefan Dozana die Augen auf. Doch vermochte er sich noch nicht zurechtzufinden. Nur, daß er Josepha in Glanz und Glorie vor sich sah, daß er sie hatte sagen hören: Stefan Dozana, ich vergebe dir. Er dachte: du bist tot. Der jüngste Tag ist angebrochen und Gott kündigt dir durch einen Engel seine Gnade an. Es ist doch schön, Vergebung zu finden und selig zu werden. Er schloß mit einem Lächeln die Augen von neuem, lag still da und wartete auf die Posaunen des Gerichts. Statt der schmetternden Töne vernahm er leises Schluchzen, Er wußte: das ist Josepha Cibula. Sie weint über deine gerettete Seele. Wo mag Michael Cibula sein? Und er empfand plötzlich eine solche Sehnsucht, seinem einstigen Feinde in der Ewigkeit zu begegnen, daß er aufstehen wollte, um durch alle Himmel Michael Cibula zu suchen. Wieder die Augen öffnend, sah er den Platz, wo Josepha gestanden, leer, doch statt ihrer ein wundersames Bild: ein herrliches Tal, ganz aus silberheller Glorie gebildet. In Glorie leuchtete das gewaltige Gebirge, leuchteten die Bäume und Gräser, leuchteten Himmel und Erde. Er dachte: es ist das Paradies. Wie Josepha Cibula und ihr Mann sich freuen werden, miteinander im Paradiese zu sein, in aller Ewigkeit beisammen! Ob Michael Cibula den Bauern von Piatra wohl im schwarzen Grunde die neue Kirche gebaut hat? Er war doch ein herrlicher Mensch. In diesem Gedanken schwanden ihm von neuem die Sinne. Josepha eilte unterdessen über die bereiften, im Silberglanz des Mondes leuchtenden Wiesen dem Acker zu, wo am Saum des Waldes Michael Cibula soeben einen Hirsch, der sich die junge Weizensaat schmecken ließ, niedergestreckt hatte. Laut rief sie nach ihrem Manne. »Was ist geschehen?« »Stefan Dozana ist zum Leben erwacht. Er ruft nach dir.« »Nach mir?« Das war in einem so sonderbaren Ton gesagt, daß Josepha erwiderte: »Flehentlich ruft er nach dir.« »Das mußt du geträumt haben; aber ich will zu ihm gehen.« Eilig kehrte er mit Josepha zurück. Als sie dem Hause sich näherten, fragte er: »Hat Stefan Dozana dich gesehen und erkannt?« »Er hat mich angeschaut.« »Und er hat wirklich nach mir gerufen?« »Warum sollte er nicht?« »Weil du bei ihm warst.« Josepha brach in Tränen aus; weniger der Worte als des Tones wegen, in dem sie gesagt worden, und der nicht wild und aufgebracht, sondern unsäglich traurig war. »Wir wollen Gott und den Heiligen danken,« sagte ihr Mann, »daß er am Leben geblieben. Denn obgleich er mein Feind war von Jugend auf, so sollen wir doch unsere Feinde lieben und an diesem Mann habe ich schweres Unrecht getan.« Dann gingen sie beide zu Stefan Dozana und wachten zusammen an seinem Bette die ganze Nacht. Vor Stefan Dozanas Augen war der blutige Vorhang, der damals vor seinem Blicke sich niedergesenkt, für immer gewichen, in der wilden Seele war es still geworden, als ob es darin Abend werden sollte. Langsam heilten seine Wunden, sowohl die, welche ihm die Tatzen des Bären geschlagen, als die anderen, tödlicheren, für welche nur liebende Hände Balsam bereiten konnten. Aber eine große Schwäche blieb dem Genesenden zurück, daß er einem hilflosen Kinde gleich war. Dann schämte er sich vor Michael Cibula. Denn so ist der Mensch: sein Leben hatte er Michael Cibula zu danken und dankte es ihm; aber sich von ihm bei seinem schwankenden Gang durch das Zimmer stützen zu lassen, diese kleine Hilfe wies er wie eine Beleidigung zurück. Noch seltsamer war, daß auch Michael Cibula sich schämte. Voller Scham bot er ihm seine Liebesdienste an, so geringe und so wenige wie möglich; voller Scham war er sich in der Gegenwart des siechen Mannes seiner strotzenden Kraft und seines Liebesglückes bewußt. War er mit dem Genesenden zusammen, oder glaubte er, dieser könne ihn hören, so versuchte er nach wie vor seine Stimme zu dämpfen und seinen schweren Schritt leise zu machen. Im übrigen verkehrten die beiden Feinde in möglichst fremder Weise miteinander, jeder angstvoll bemüht, den anderen nicht in seine Seele blicken zu lassen. Und ebenso scheu verbargen sich Michael Cibula und Josepha in ihrem neuen Leben vor Stefan Dozana. Niemals wieder konnte dieser Blicke belauern, darin Liebes- Leidenschaft aufglühte, nie wieder konnte er Josepha unter den Blicken ihres Mannes erröten und erblassen sehen, als wäre sie ein junges Weib am Hochzeitsabend. Scheu und still lebten beide neben dem genesenden Gast: in allerheimlichster, in allerheiligster Liebe. Als das neue Haus bezogen worden war, hatte Michael Cibula, entgegen jedem Brauch, nicht die geringste Feier gestattet, so daß das Gesinde im geheimen murrte. Mitten in der Woche nun ordnete Michael Cibula plötzlich einen Festtag an: als Stefan Dozana zum ersten Male in der gemeinsamen Stube einen Teil des Tages verbrachte. Eifrig, mit glühenden Wangen hantierte Josepha seit dem frühen Morgen am Herde, kramte alle ihre Gewürze hervor, mischte und mengte, briet und buk, trug dann eigenhändig mit strahlender Miene die Speisen auf den mit buntem Festlinnen prangenden Tisch. An diesem saß auf dem Ehrensitze, den der Hausherr willig geräumt, Stefan Dozana, und während vor den Plätzen der anderen die gewöhnlichen bunten Holzschüsseln standen, glänzte vor dem Gaste des Hauses Cibula Zierde und Stolz: der Ahnen Zinngeschirr. Kaum konnten die schwachen Hände des Genesenden den mächtigen Krug an die Lippen führen. Aber schier feierlich war es, als das letzte der Festgerichte aufgestellt ward: die geräucherte und nun gebratene Keule eines gewaltigen Bären. Stumm, mit tiefernster Miene deutete Cibula auf eine Stelle, wo das Fleisch vielfach durchlöchert war, und alle blickten scheu auf den Jäger, welcher der Hausfrau das Wild in die Küche geliefert. Und Michael Cibula erzählte: »Das Fell nahmen die Bauern nach Piatra mit. Sie wollen es in der Kirche aufhängen, aber nicht in der neuen; denn da ist vor lauter Pracht kein Raum zu solchen Ehrengeschenken. In der alten Kirche wird es für alle Zeiten aufbewahrt bleiben, und die Mütter werden den Kindern von dem Manne berichten, der den Bären getötet. Dann laufen die Kinder hin und zählen die Löcher in der Bärenhaut; doch wer nicht bis fünfzig zählen kann, zählt sie nicht. Ein Gerber würde nur wenig für solches Leder zahlen. – – Und die Mütter werden ihren Kindern von dem Priester und Bärenjäger Stefan Dozana erzählen, wenn das Fell längst in einer anderen Kirche hängt, in einer neuen! Wenn dann die Kinder hinlaufen, um an den Löchern des Felles bis fünfzig zählen zu lernen, dann werden für die Bauern von Piatra bessere Zeiten gekommen sein. Das walte Gott!« Das war die Festrede, die Michael Cibula seinem Gaste hielt. Wie ungeduldig Stefan Dozana auch sein mochte, aus dem schwarzen Grunde fortzukommen, so mußte er doch erst die Stärkung seines Körpers abwarten. Dieses unfreiwillige Harren gab ihm von neuem Gelegenheit, das wundersame Tal kennen zu lernen. Während das Gebirge als himmelhohe Schneewand aufstieg, an welchem die Wasserfälle und Bächlein gefroren in bunten Eiskristallen herabhingen, schmolz im Grunde der frischgefallene Schnee stets schon nach wenigen Tagen. Kein rauhes Lüftchen wehte, so daß die Frauen im Dezember ihre häuslichen Arbeiten in der Halle verrichten konnten und im Rühmen und Preisen des neuen Wohnorts kein Ende fanden. Mit eigenen Augen konnte Stefan Dozana sehen; wie der »schwarze Grund« viele Tage lang in einen silbernen Grund sich verwandelte. Denn da in den tiefen Kessel kein Windhauch hinab gelangte, so zerstörte nichts die märchenhaften Gefilde, die der Reif jede Nacht von neuem schuf. Nur beim See, wohin mittags die Sonne kam, verging die schimmernde Pracht, aber nur um einem anderen lieblichen Wunder Raum zu machen: überall, wo die Sonne hinschien, drängte sich Blüte an Blüte. Es waren Schneerosen. Als Knospen rosig überhaucht, leuchteten die erblühten Blumen im reinsten Weiß um einen goldigen Kelch. So kränzten sie, die Narzissen des Winters, den schwarzen Spiegel des trüben Blickes, so pflückte sie Josepha für ihr Heiligenbild. Einmal trat Stefan Dozana zu Michael Cibula in dessen Werkstatt. Da sah er den Künstler vor seinem Werk sitzen und finster darauf niederschauen. Am liebsten hätte er es wieder vernichtet. Doch Stefan Dozana stand vor dem Bildnis, als habe er eine Vision, als empfinge er eine Offenbarung, Endlich rief er aus: »Wahrlich, dieses holdselige und himmlische Weib ist die Jungfrau, welche Gottes Sohn geboren und welche für unsere Sünden am Throne Gottes Fürbitte einlegt. Maria, Heilige, jetzt erkenne ich dich!« Und fast wäre er vor der Gestalt, die Michael Cibula nach dem Bilde seines Weibes geschaffen, hingesunken und hätte angebetet. Zugleich mußte er jener Frauengestalten gedenken, die nach seinen Entwürfen an der Tür der neuen Kirche geschnitzt worden waren, und ein Gefühl zuckte in ihm auf, daß er sich von dem Antlitz der Madonna abwenden mußte. Auch Josepha sah er diesen ganzen Tag nicht in die Augen; aber später bestürmte er Michael Cibula, statt der finsteren Heiligen diese Himmelskönigin in der heiligen Ecke seines Hauses aufzustellen. Doch Michael Cibula machte ein Gesicht dazu, als wäre von ihm gefordert worden, Gott zu lästern. Obgleich noch immer sehr schwach, wollte Stefan Dozana doch zu Weihnachten nach Piatra zurück, um das heilige Fest mit seiner geächteten Gemeinde zu verbringen. Es würde ein großer Jammer werden und ein starkes Wort not tun. Ob Michael Cibula mit Weib und Kind während der Festwoche nicht in Piatra verweilen wollte? Aber Michael Cibula verneinte. Nun wurde nach Piatra ein Knecht geschickt, der mit einem Maultier zurückkam. Er brachte schlechte Nachrichten: die Bauern lebten in hellem Unfrieden mit ihren Weibern und verzehrten sich in Haß und Mißgunst gegen die Juden, deren Dorf immer mehr zur Stadt wurde. Alle wollten sie Michael Cibula wieder zurückhaben; einige hätten nach Stefan Dozana gefragt. Der Bischof hätte nichts von sich hören lassen. Solche Mitteilungen machte der Knecht Michael Cibula allein; dieser gebot dem Manne Schweigen und begab sich zu Stefan Dozana. »Der Knecht hat das Maultier gebracht. In Piatra schreien alle nach dir: sie wollen ihren Bärentöter haben. Zeige dich ihnen nur recht als solchen. Den Bauern tut ein Bärentöter jetzt mehr not als ein Priester.« Und er mahnte zur Eile. Nochmals bat Stefan Dozana: »Komm mit! Den Bauern von Piatra tut Michael Cibula jetzt mehr not als Stefan Dozana.« Michael Cibula schüttelte den Kopf und lachte. Das Lachen kam ihm jedoch nicht von Herzen. Als Stefan Dozana zum dritten Male bat, ward er zornig. »Was scheren mich die Bauern von Piatra! das sage ihnen nur.« Und zornig ging er zur Kammer hinaus. Am nächsten Morgen halfen sie dem Priester auf das Maultier, der Knecht belud sich mit seinen Sachen und Michael Cibula gab ihm mit Josepha das Geleit. Sie waren bereits eine ziemliche Strecke vom Hause entfernt, als Michael Cibula plötzlich erklärte, er müßte noch einmal zurück, etwas Vergessenes zu holen. Josepha bat ihn, den Knecht zu senden; aber er bestand darauf, selbst umzukehren. Sie sollten nur langsam vorausgehen. Damit war er schon fort. Schweigend ritt Stefan Dozana weiter, Josepha schritt neben ihm her. Gern wäre sie zurückgeblieben; denn sie gewahrte auf Stefan Dozanas Gesicht einen Ausdruck, der ihr bang machte. Der Knecht war weit voraus. Um jedem unziemlichen Wort vorzubeugen, sagte sie: »Ungern sieht Michael Cibula Euch ziehen; denn Ihr seid ein werter Gast in seinem Hause gewesen. Doch die Bauern von Piatra bedürfen Eurer.« »Er wollte nicht mit,« murmelte Stefan Dozana. »Verdenkt ihm das nicht. Wenn er seine neue Heimat lieb gewinnen will, muß er dort bleiben.« Leise setzte sie hinzu: »Es wird ihm schwer genug,« »Meint Ihr? Doch Ihr müßt es wissen.« Das sagte er in einem Ton, der Josepha das Blut ins Gesicht trieb, obgleich es ein ehrerbietiger Ton gewesen und zuversichtlich und freudig klang. Hastig sagte sie: »Auch denkt er, daß es für die Bauern nicht tauge, wenn er mit Euch heimkäme.« »Wieso nicht tauge?« Weil er ihnen doch nur von dem Einen reden könnte, was sie nicht freuen würde.« »Ihr meint von der Übersiedlung Piatras nach dem schwarzen Grund?« »Daran denkt er Tag und Nacht.« Das sagte sie mit tiefer Traurigkeit. »Ihr sorgt Euch um Euren Mann?« »Daran denkt er Tag und Nacht,« wiederholte sie leise. »Niemals wird er die Bauern für sein Vorhaben gewinnen!« rief Stefan Dozana. »Das weiß er und dennoch denkt er daran Tag und Nacht.« Stefan Dozana antwortete nicht; er schien schwer mit sich zu kämpfen. Dann meinte er, und er konnte dabei seiner Stimme kaum Herr bleiben: »Er denkt auch noch an anderes; Tag und Nacht denkt er daran, daß er ein geliebtes Weib hat.« Es war das reuigste Geständnis, das dieser Mann machen konnte, und Josepha verstand, Josepha dankte es ihm. Ihn voll anblickend, sagte sie: »Ich habe Euch ein Unrecht abzubitten.« »Ihr mir?« »Daß ich einst wähnen konnte, Ihr wäret Michael Cibulas ärgster Feind.« »Ich war sein ärgster Feind.« Da empfahl ihm Josepha mit einem holdseligen Lächeln den Mann, dessen ärgster Feind er gewesen. »Ihr werdet bei ihm sein, wenn ihm etwas zustoßen sollte.« »Wie redet Ihr nur!« rief Stefan Dozana. »Was sollte ihm zustoßen? Bei Michael Cibula ist sein Weib. Das Allerschlimmste, was ihm begegnen könnte, wäre, daß ihr nicht bei ihm wäret.« »Ihr habt mir soeben das Allerbeste gesagt,« entgegnete Josepha lächelnd. Dann wurde sie wieder ernst: »Ich weiß jetzt, daß Ihr bei ihm sein werdet, und bin ruhig.« Stefan Dozana hielt sein Maultier an; sie wollten auf Michael Cibula warten, den sie von weitem kommen sahen. Josepha plauderte: »Ihr müßt mir versprechen, Euch zu schonen, ihr Männer werdet immer gleich wild! Euch freilich muß ich loben; denn Ihr waret ein geduldiger Kranker. Gott im Himmel, und wie schrecklich Ihr darniederlagt! Wißt Ihr auch, daß die heilige Jungfrau an Euch ein Wunder getan?« »Sie hat mir vergeben,« erwiderte Stefan Dozana leise. »Sie hat Euch gerettet!« sagte Josepha feierlich. »In der Nacht, in der ich zur Besinnung kam, trat sie zu mir an mein Bett und sprach: Stefan Dozana, ich vergebe dir.« »Das werdet Ihr geträumt haben,« stammelte Josepha. »Sie kam zu mir in eitel Glanz gehüllt, und da sie schied, war die Welt voller Glorie. Von jener Stunde an bin ich genesen. Freilich war es ein Wunder.« »Seid nur recht glücklich darüber,« flüsterte Michael Cibulas Weib so leise, daß der Priester sie nur mit Mühe verstehen konnte. »Gott will, daß wir glücklich seien. Was weiß ich jetzt, und ich danke Gott und der heiligen Jungfrau, daß sie es mich lehrten. Lernt auch Ihr glücklich sein, damit Ihr dem Himmel alle Tage dafür danken könnt.« Andächtig hatte Stefan Dozana zugehört; dann sahen sie Michael Cibula schon ganz nahe und der Priester bat: »Kann ich nichts für Euch tun, was Euch lieb wäre?« »Ihr könnt für mich beten. Das ist jedem lieb, und Euer Gebet käme gar aus dem Munde eines Priesters. Und Ihr könntet hinauf in das Judendorf gehen, in das Haus des Rabbiners Jehuda, und dessen Weib von mir grüßen. Wollt Ihr das von Herzen gern für mich tun, so seid von Herzen dafür bedankt.« »Ich verspreche Euch, es von Herzen gern zu tun.« »Und sagt ihr: was sie zu mir gesprochen, waren Worte der Erlösung gewesen, die der Herr gesegnet und an mir in Erfüllung gebracht hätte. Sagt Dozia Kolon: ich lasse sie grüßen und sie erinnern: Wenn ich dich lieb habe, was geht es dich an.« »Wenn ich dich lieb habe, was geht es dich an?« Und Stefan Dozana sah Josepha beinahe mit Entsetzen in das holde, von Glück verklärte Gesicht. In diesem Augenblick kam Michael Cibula heran. Er trug einen verhüllten Gegenstand; in einem möglichst gleichgültigen Ton sagte er zu dem Scheidenden: »Dir gefiel das Holzbild. Ich hätte es doch aus meiner Kammer entfernen müssen, denn die heilige Jungfrau zürnt mir wegen des Götzenbildes. Wenn du es mit dir nehmen magst – hier ist es.« Damit reichte er Stefan Dozana das Bildnis hin, welches das Antlitz und die Züge seines Weibes trug. Stumm blickte der Beschenkte von Michael Cibula auf Josepha. Er dankte nicht mit Worten; aber sein Herz wiederholte die Botschaft, die er soeben vernommen hatte: »Wenn ich dich lieb habe, was geht es dich an?« Zweiundzwanzigstes Kapitel Was Gott verantworten muß und was Stefan Dozana verantworten will Das Weihnachtsfest schien von den Waldleuten in dumpfer Verzweiflung hingebracht werden zu sollen. Es war in Piatra ein Klagen, als würde der ganzen Menschheit der Heiland geboren, nur den Bauern von Piatra nicht. Der Jammer der Frauen besonders war so groß geworden, daß sie keine Worte mehr dafür fanden. Stumm gingen sie in ihren Häusern umher, stumm blieben sie auf der Gasse. Da geschah es zum erstenmal, daß die Männer mit scheuen Blicken ihren Weibern ins Gesicht spähten. Nicht einmal die Freude der Kinder sollte das Fest heiligen; selbst sie wurden durch den Bann zu anderen Geschöpfen. Sie befanden sich einem Schauervollen gegenüber, das sie zwar nicht begriffen, das aber ihre Lust still machte und allen ihren Jubel erstickte. Bereits in diesem ersten Winter der Ächtung spielten die Kinder der Waldleute fast ausschließlich: »Bischof Mauricius« und »Judenvertreiben«. Bei beiden Spielen ging es nicht lustig, sondern wild zu. Und nun kam Weihnachten! Aber in keinem Hause mengten die Mütter Mehl, Honig und Gewürze; in allen Häusern erschallten die jammernden Klagen der Kleinen: »Zu Weihnachten gibt es keinen Honigkuchen!« Das schnitt mancher Mutter tiefer ins Herz, als wenn sie ihre Kinder nach Brot hätte schreien hören. Dennoch sollten die Kinder der Bauern von Piatra auch am Weihnachtsfeste dieses unseligen Jahres beschert bekommen, und zwar auf eine so geheimnisvolle Weise, daß sie fast wunderbar erschien. In der Nacht, in welcher den Christen der Heiland geboren, schritten ein jüdisches Weib und ein jüdischer Knabe durch das Dorf der Waldleute und legten auf der Schwelle jedes Hauses etwas Eingehülltes nieder und das Weib murmelte über jeder Schwelle einen Segensgruß. Hell schien der Mond und verklärte die winterliche Welt, er verklärte die beiden wandelnden Gestalten und goß sein leuchtendes Licht über die Häupter von Christen und Juden, so daß es eine wahrhaft heilige Nacht war. Heimlich, wie sie gekommen, gingen sie wieder; und sie empfanden, als wäre ihnen, die gegeben hatten, gegeben worden, als hätten sie, die Segen gebracht, Segen empfangen. Am nächsten Morgen zeigte sich für die Kinder der Waldleute die durch den Mangel von Honiggebäck am Weihnachtsfest völlig aufgelöste Weltordnung einigermaßen wieder hergestellt: in Tannenreis gewickelt, fand sich vor jeder Tür in Piatra ein mächtiges Stück goldig-braunen, köstlich duftenden Lebkuchens. Da ging ein Ruf des Staunens und des Glückes durch das ganze Dorf. »Das Christkind hat unseren Kindern Honigbrot beschert, das Christkind ist zu den Geächteten nach Piatra gekommen!« Laut weinten die Frauen, auch über die starren Züge der Männer zuckte eine heftige Bewegung; die Kinder aber hatten alle ihren Jubel wiedergefunden. Nun kosteten die Bäuerinnen das himmlische Gebäck und ward darob ein großes Kopfschütteln, Staunen und Wundern; denn es schien, daß die Muttergottes im Himmel schier besser mit Mehl und Honig umzugehen wußte, als auf Erden die Bäuerinnen von Piatra. Da nahm sich jede wackere Hausfrau im geheimen vor: sollte sie trotz der Acht des Bischofs durch die Gnade Gottes dereinst selig werden, so wollte sie die liebe Gottesmutter nach dem guten Rezept ihrer Backwaren befragen, und jede erhoffte sich Vorteil davon. Und noch etwas setzte alle in Verwunderung: daß das Christkind vor manchem Hause Honiggebäck niedergelegt hatte, darin es keine Kinder zum Verzehren der Süßigkeit gab. Und niemand vermochte für eine solche Unwissenheit des Christkindleins, die ehelichen Verhältnisse der Bewohner Piatras betreffend, eine Erklärung zu finden; es hatte denn der kleine Heiland durch diese Kuchenspenden den kinderlosen Eltern andeuten wollen, daß bei Gott kein Ding unmöglich sei. Schon dachte manche, der solche Verkündigung geworden, voll heimlicher Sorge an Windel und Wiege. Aber das hatte das Christkind erreicht, daß die armen Geächteten inmitten ihrer Verzweiflung von neuer Hoffnung erfüllt wurden, und daß man in Piatra auch ohne Messe, Beichte und Kommunion das Weihnachtsfest feierte. Drei Tage und drei Nächte brannten in der alten und der neuen Kirche auf allen Altären, vor allen Heiligenbildern die Wachskerzen; drei Tage lang läuteten die Waldleute die Glocken; drei Tage durchzogen in langen Reihen Weiber und Kinder singend das Dorf. So dankten die Bauern dem Himmel für das Wunder, welches er für ihre Kinder hatte geschehen lassen, weil diese – einen Judenknaben gesteinigt! So vernahmen die Juden von Reï-mi-Bal die Mär und glaubten dieselbe; so vernahmen sie Dozia und Asarja und wußten es besser, sagten es aber nicht; so drang sie bis zum Bischof Mauricius. Der jedoch fand an dem Wunder wenig Gefallen, schwieg dazu, handelte aber darnach. * Als Stefan Dozana zu seiner Gemeinde zurückkehrte, mußte er erkennen, was viele, was die meisten in ihrem Leben einmal erkennen müssen: er war gar nicht vermißt worden! Dieser Mann, dessen ganzes Sinnen darauf gestanden hatte, über seine Gemeinde zu herrschen, dem zu diesem Zweck jedes Mittel recht erschienen war, dessen gewalttätiger Geist und dessen Herrschsucht es dahin gebracht, aus einer Gemeinde freier Bauern seine Untertanen zumachen; dieser Mann mußte erkennen, daß er in wenigen Wochen vergessen worden wäre – hätte nicht in der alten Kirche das Fell eines Bären gehangen, der zufälligerweise von ihm erlegt worden. Was Stefan Dozana als Priester an den Bauern von Piatra getan, das Gute sowohl wie das Böse, war ihrem Gedächtnis schier über Nacht entschwunden; doch seines nächtlichen Bärenkampfes gedachte jedermann. Um einer zerfetzten Bärenhaut willen von seinen Landsleuten geehrt zu werden, das war eine Demütigung, die der stolze Mann nicht überwand. Jede Strafe für sein vergangenes Tun wäre ihm lieber gewesen, als dieser Lohn für diese eine Tat. Auch wühlte in ihm die Erkenntnis, daß die Waldleute, von ihm, ihrem Tyrannen, erlöst, glücklich gewesen wären, sich einem anderen unterwerfen zu können. Diese innere Unfreiheit der Bauern von Piatra erfüllte Stefan Dozana von neuem mit jenem heftigen Schmerz, den er damals im Gemeindehause vor dem Bischof empfunden. Und noch dankte er dem Himmel, daß es nicht der Bischof war, den die Waldleute zu ihrem zweiten Tyrannen begehrten, sondern – Michael Cibula. Solche Gedanken führten ihn zu allerlei düsteren Betrachtungen: hätte der Bischof recht, wären die Urkunden wirklich verjährt und ungültig, die Rechte und Freiheiten der Waldleute wirklich null und nichtig, und es käme demnach die Kirche, sich ihre Rechte, es käme das Reich, sich die seinen zu nehmen – sie verdienten es gar nicht anders! Waren sie knechtisch gesinnt, wie er jetzt erkannte, so konnten sie auch Knechte werden. Mochte die Kirche ihre Mönche, der Staat seine Diener nach Piatra schicken; mochten in der Verrös Klöster entstehen; mochte der Bischof zum zweiten Male kommen und die Waldleute in ihr Gemeindehaus berufen – nicht zum zweiten Male würde Stefan Dozana allein auf seinem Platz in der Halle stehen; verleugnen würde er sie, welche die Freiheit ihrer Väter verleugneten. So dachte Stefan Dozana in seinem Zorn und Schmerz. Doch dann saß er wieder halbe Tage und Nächte lang an seinem Tisch über die Papiere gebeugt, und sein von Leiden entstelltes Gesicht verzerrte die Qual fruchtlosen Suchens. Trat er dann nach solchen Stunden vom Tische fort zu dem Bilde der Himmelskönigin, sah er zu diesem holdseligen Antlitz auf, so verschwand der schreckliche Ausdruck aus seinen Zügen, so wurden seine Mienen friedlich und feierlich. Niemals betete er zu dem Bilde; aber die Empfindung, mit der er davorstand, konnte ihm als Gebet angerechnet werden. Solange er noch kein geachteter Priester gewesen, hatte er die Liebe zur Gottesmutter jede Stunde auf seinen Lippen tragen müssen; jetzt blieb, eines tröstlichen Wortes gedenkend, sein Mund stumm. Vielleicht verstand die Gottheit dieses Schweigen. Erst im Frühling vermochte er das Versprechen, welches er Josepha gegeben hatte, zu erfüllen; denn erst im Frühling waren seine Kräfte so weit gediehen, daß er sich zu Fuß durch die Schlucht nach der Judenstadt begeben konnte. Es war eines Sonnabends, da er, nachmittags aufbrechend, gegen Abend an den Fuß des Kryvan gelangte. Kaum hatte er den Wildbach an seichter Stelle überschritten, als er an den verschiedensten Zeichen das Gebiet der Juden erkannte. Da war der Wald ausgeholzt, damit Licht und Luft die Stämme umfließe, da waren die alten Bäume gefällt, zersägt und geschichtet, da war an gelichteten Stellen für Nachwuchs gesorgt. Doch hatte den jungen Pflanzungen das Wild großen Schaden getan, woraus er schloß, daß die Juden grade keine großen Jäger vor dem Herrn seien. Dann gelangte er auf die Straße, die so kühn und zugleich so gut gebaut war, daß er erstaunte; in zwei gewaltigen Windungen führte sie die Abhänge des Kryvan hinan. Aus dem Walde tretend, der immer mehr sich von der Judenstadt zurückzog, schritt er durch die sprießenden Saaten, über denen heiliger Sabatfriede ruhte. Aber auch hier gewahrte Stefan Dozana die Einbrüche des Wildes. Es war ihm leid um den zerstörten Segen des Feldes. Jetzt leuchteten durch die Dämmerung die weißen Häuser der Judenstadt über ihm; der Weg wendete sich und jenseits der Schlucht dunkelten die Häuser Piatras herüber, eher dem Horste eines Raubvogels gleichend als menschlichen Wohnstätten. Stefan Dozana war so in seine Betrachtungen versunken, daß er zusammenfuhr, als er plötzlich ganz in seiner Nähe Gesang vernahm, eintönig und feierlich. Nun gewahrte er erst, daß unterdessen die Nacht eingebrochen, und daß er am Rande der Schlucht stand, nicht weit von dem Tempel der Juden. Sie hielten Gottesdienst und mußten wohl ein großes Fest begehen; denn von seinem Platze aus konnte Stefan Dozana durch die offene Türe in die Synagoge hineinsehen, und ihm war, als schaute er in die aufgehende Sonne. Inmitten von Goldglanz und Lichtgluten sah er ein strahlendes Abbild der Bundeslade mit den sieben heiligen Leuchtern. Um das hehre Heiligtum standen, als schwebten sie über den Häuptern der Gemeinde, Jungfrauen in weißen Gewändern, schön wie Cherubime. Sie sangen. Dann schlugen die Pforten des Heiligtums zu. Auch hier ist ein Mysterium, dachte Stefan Dozana. Ob auch hier ein Gott ist? Der Gott des alten Testamentes! Wodurch unterscheidet sich dieser von dem Gotte der neuen Offenbarungen? Die neuen Offenbarungen lehren von einem Sohne Gottes, der gekreuzigt worden. War Christus nicht der Sohn desselben Gottes, der Moses im flammenden Dornbusch erschien? Und man nannte die Juden die Feinde Gottes? Sie wurden von den Christen gehaßt, verfolgt; sie wurden von ihnen Vertrieben, getötet?\ ... Stefan Dozana wollte warten, bis der Gottesdienst vorüber war. Über seinen dunklen Gedanken leuchtete der klarste Sternenhimmel. Endlich öffneten sich die Türen wieder und der Tempel leerte sich. Stefan Dozana wartete, bis der letzte der andächtigen Gemeinde gegangen, bis der Glanz des Heiligtums erloschen war. Dann ging auch er, ohne einem Menschen zu begegnen. Bald fand er das Haus des Rabbiners, an der Schlucht, dem Hause Michael Cibulas gerade gegenüber. Auch war es, wie es der Wohnung des Rabbiners gebührte, stattlicher als die anderen Häuser des Ortes, dem nun auch Stefan Dozana den Namen einer Stadt beilegen mußte. Obgleich die Haustüre offen stand, klopfte er an. Asarja, der eben mit einer Leuchte in der Hand über den Hausflur ging, sah ihn zuerst und erschrak bei dem plötzlichen Anblick des Christenpriesters so heftig, daß er das Licht fallen ließ. Es verlöschte am Boden. Wie von Wehmut ergriffen über das Entsetzen, das er einflößte, sagte Stefan Dozana mit leiser und milder Stimme: »Ich komme, um deiner Mutter Dozia einen Gruß zu bringen. Rufe sie heraus.« Asarja war es, als tastete die Hand des Priesters nach der seinen; er faßte sich ein Herz, griff zu und hielt die Hand des fremden, feindlichen Mannes fest. »Wenn du meine Mutter grüßen willst, will ich dich zu ihr führen.« Und ehe er etwas erwidern konnte, fühlte sich Stefan Dozana von dem Judenknaben in den Hausflur gezogen, Asarja öffnete eine Türe, und die in der Kemenate Dozias beim Festmahle versammelte Familie Jehudas sah plötzlich auf der Schwelle Stefan Dozana stehen. Und Asarja hielt den Priester bei der Hand, Asarja führte ihn hinein ins Haus, Asarja war es, der mit einem Worte das Erstarren bannte, das über alle gekommen war. »Er will die Mutter grüßen,« Nun erhoben sich alle, Jehuda, sein Weib und der Patriarch, alle traten auf Stefan Dozana zu und bewillkommneten ihn, als wäre ein hochgeehrter Gast in ihr Haus getreten. Nur Makkabea zog sich scheu vor dem Christen zurück. Dozia trug ihr purpurfarbiges Gewand und sah wie eine Königin aus; aber ihr Gruß war fast demütig. Jehuda sagte: »Du trittst an einem hohen Festtage bei uns ein: wir haben heute unseren Tempel geweiht. Gefällt es dir, an unserem Tische Platz zu nehmen und von unserem Brote zu essen, so soll dieser Tag ein dreifach gesegneter sein.« Auch Baruch Kolon sprach: »Gnade hat Gott gewährt seinem Volke, daß du in Frieden zu einem seines Volkes gekommen bist,« Stefan Dozana wollte eine rauhe und feindselige Antwort geben; doch die Stimme versagte ihm: er fühlte sich zu Tode ermattet und konnte nur ablehnend winken. Indessen duldete er, daß Asarja, der seine Hand nicht loslassen wollte, ihn zu einem Sessel führte. Da verließen ihn die Kräfte, daß er, um nicht zu sinken, schnell sich setzen mußte. Nun trat Dozia zu ihm. Auf einem silbernen Teller bot sie dem Gaste ungesäuertes Brot, in einem silbernen Becher gemischten Wein. Trotzdem Stefan Dozana von brennendem Durste gequält wurde, setzte er den Becher nur an die Lippen, das Brot wies er ab. Dann richtete er an Dozia seinen Auftrag aus: »Mich sendet Josepha Cibula, des Michael Cibula Weib. Ich soll dich von ihr grüßen und dir sagen, daß die gesegneten Worte, welche du auf der Schwelle ihres Hauses zu ihr gesprochen, an ihr in Erfüllung gegangen seien und ihr die Erlösung gebracht hätten. Solches ist meine Botschaft an dich.« In tiefer Bewegung blickte Dozia zu ihrem Manne hinüber. Dann bat sie: »Erzähle uns von Josepha Cibula. Auch von Michael Cibula und seinem Sohne; sie sollen alle aus ihrem Hause fort sein, so daß der Cibula altes Haus einsam und tot steht. Wir tragen deshalb großen Kummer; denn es ward uns gesagt, wir hätten sie aus ihrer Heimat vertrieben. Nun liegt auch das auf uns, und beinahe wird es zu viel.« »Erzähle uns von Urs Cibula!« rief Asarja. Da überlief es Stefan Dozana, als habe er aus dem Munde des Knaben Gottes Wort vernommen; scheu blickte er auf Dozias jungen Sohn. Alle hörten ihm zu, wie er erzählte, nur allein Makkabea blieb in ihrer Ecke stehen und ihre Augen sahen böse herüber. »Die Cibula leben in einem Tale, das der schwarze Grund geheißen wird; es ist aber ein lichter Grund, darüber der Geist Gottes schwebt. Er schwebt sichtbarlich über dem Haupte Josepha Cibulas, so daß auch ihr Mann gesegnet ist. Er hat gesäet und wird ernten. Sein Sohn ist ein wilder Knabe, in dessen Seele Gutes und Böses noch nicht geschieden ist. Wer kann wissen, was aus dieser Saat aufgeht, ob es Unkraut oder Blumen sein werden.« Makkabea war, als Stefan Dozana so sprach, näher getreten. Dann blieb es eine Weile still. Die Christen pflegen zu sagen: es fliegt ein Engel durch das Zimmer. Oder kommt der Seraph nicht, wo Juden zusammen schweigen?! Stefan Dozana wollte sich erheben und gehen; allein er saß wie gebannt, schaute auf das strahlende Gemach, die schimmernden Geräte, schaute in das gute Gesicht Jehudas, schaute auf das herrliche Weib, die blühenden Kinder; und er mußte sich gewaltsam mahnen, daß er sich bei einem Priester befände. Er sprang auf. Mit verwandeltem Gesicht, ganz anders, als er gekommen, ging er. Jehuda wollte ihn begleiten, Asarja seine Hand fassen; aber beides heftig abwehrend, eilte Stefan Dozana aus dem Hause. ... Was war das für ein Gott, der seinen Priestern gewährte, Menschen zu sein wie die andern, und Menschen zu bleiben? Der auch seinen Gesalbten gönnte, ihr Haupt an eines teuern Weibes Brust zu legen und an die Wangen lieblicher Kinder zu lehnen? Es war ein allliebender, allgütiger Gott! Was war das für ein Gott, der seinen Priestern verbot, zu sein wie andere Menschen mit all ihrem Glück und all ihrem Leid? Der sie des reinsten und höchsten Glückes beraubte? Es war ein grausamer, tyrannischer Gott! Es war ein selbstsüchtiger Gott. Es war ein Gott, der nichts neben sich duldete, auch nicht das Menschenglück seiner Priester. Was hatten sie begangen, daß sie von diesem Glücke ausgeschlossen waren, daß sie abseits stehen mußten von der Gemeinschaft der Glücklichen? Es war eine Ungerechtigkeit! Sie sollten den Menschen die Gottheit verkündigen, sie preisen als den Quell aller Gnade und aller Glückseligkeit im Himmel und auf Erden; wie konnten sie das, da die Gottheit ihnen so feindlich entzog, was sie doch dem größten Sünder spendete? Wie sollten die Priester ihre Gemeinden in allen ihren Sorgen und Leiden trösten und aufrichten können, sie, die nichts wußten von den Sorgen und Leiden eines Gatten und Vaters? Aber auch von des Weibes Seele wußten sie nichts, die sie nie ein Weib an ihr Herz nehmen durften. Sie verkündeten die Gottheit des Herrn des Himmels und der Erde; doch jene Gottheit, die in der Seele eines liebenden Weibes auf die Welt gesendet wird, blieb ihnen verhüllt. Und warum? Um Gott besser dienen zu können! Diente der Christenpriester Stefan Dozana seinem Gotte besser als der Judenpriester Jehuda Kolon dem seinen? Stockte in dem Munde des Judenpriesters, nachdem er soeben zu seinem Weibe gute und zärtliche Worte gesprochen, die Verkündigung des Wortes Gottes? Ward dadurch das Wort Gottes in seinem Munde entweiht? Oder, wenn er mitten in seinen Gedanken an Gott seiner Kinder gedachte, sei es in Glück oder in Leid, wurden des Priesters Gedanken dadurch entheiligt? Geheiligt wurden sie dadurch, zehnfach und dreißigfach! Für ihn indessen waren solche Gedanken Todsünden, die freilich von den Priestern der alleinseligmachenden Kirche zu Tausenden begangen wurden. Aber alle Schuld daran, alle Verantwortung dafür auf das Haupt der Kirche! Mochte sie zusehen, wie sie darin vor Gott bestand. Als ob Gott nicht einen Sohn zum Kreuzestot auf die Welt gesendet, als ob dieser Sohn keine Mutter gehabt hätte! Aber Gottes Priester waren verflucht, ohne Familie zu leben. Doch nicht die Priester aller Religionen – Gott sei Dank!\ ... Solche Gedanken waren die nächtlichen Begleiter Stefan Dozanas auf seinem nächtlichen Heimwege. Sie folgten ihm in sein Haus, das ihm, obgleich in seinem Zimmer Licht brannte, noch nie so dunkel erschienen war; sie schritten mit ihm in seine Kammer, die ihm, mit dem glanzvollen Bilde der Kemenate, mit Dozia und ihrer Kinder Gestalten in der Seele, noch nie so öde gedäucht hatte. Ohne sich in das Wohnzimmer zu begeben, wo Maura auf ihn zu warten schien, wollte er sich angekleidet auf das Bett werfen, als seine Schwägerin in die Kammer trat. Rauh fuhr Stefan Dozana sie an: »Warum bist du aufgeblieben? Du hättest nicht auf mich zu warten brauchen.« »Es ist jemand gekommen,« flüsterte sie und sah scheu hinter sich auf die Tür zu seinem Wohngemach. »Gekommen? Wer? Ein Fremder?« Maura nickte: »Er kam gegen Abend und wartet drinnen auf dich.« »Der Bischof?!« »Einer, den der Bischof schickt – der Schriften wegen.« Seit beinahe einem halben Jahre hatte Stefan Dozana diesen Abgesandten des Bischofs erwartet, seit beinahe einem Jahre sich darauf vorbereitet. Nun er gekommen war, traf es ihn wie etwas Unvorhergesehenes. Kaum vermochte er seine Gedanken zu sammeln, kaum zu verstehen, was Maura ihm ankündigte: »Die Bauern haben auf morgen in aller Frühe einen Rat angesagt. Auch dir ist er angezeigt worden.« »Wirklich, auch mir,« murmelte er. »Vielleicht werde ich hingehen.« »Jetzt mußt du zu dem Fremden.« »Was ist es für ein Mann?« forschte Stefan Dozana und erschrak über den sonderbaren Ton seiner Stimme. »Er sieht aus wie einer, der sehr viel weiß.« »Er wird auch sehr viel wissen.« Damit schritt er langsam der Tür seines Zimmers zu. Dabei dachte er: Wozu Gott uns Priester zwingt, das mag Gott verantworten – wozu ich diesen Mann zwingen will, das werde ich verantworten. Dreiundzwanzigstes Kapitel Stefan Dozana veranlasst einen berühmten Rechtsgelehrten, falsches Zeugnis abzulegen »Seid Ihr Stefan Dozana, der geächtete Priester dieses mit dem Bann belegten Dorfes?« »Ich bin Stefan Dozana von Piatra. Doch Ihr, wer seid Ihr?« »Titus Mila, Doktor der Rechtsgelehrsamkeit.« »Und was wollt Ihr von mir?« »Mich sendet Euer Bischof.« »Zu welchem Zweck?« »Gewisse Urkunden und Dokumente der Bauern von Piatra zu prüfen.« Stefan Dozana wiederholte: »Zu welchem Zweck?« Den weisen Mann, der zugleich ein berühmter Mann war, begann das unhöfliche Fragen eines geächteten Waldpriesters zu ärgern; gereizt rief er aus: »Der Bischof sendet mich, damit ich durch eigenen Augenschein mich überzeuge, ob die bewußten Urkunden und Dokumente echt oder gefälscht, gültig oder ungültig seien. Vermutlich sind sie gefälscht, also ungültig.« »Vermutlich sind sie gefälscht, also ungültig,« sprach Stefan Dozana dem berühmten Mann langsam nach. Dann sagte er von neuem in seiner unhöflichen Art: »Und Ihr wißt, was die bewußten Schriften beurkunden und dokumentieren sollen?« »Irgend welche eigentümlichen Rechte und Freiheiten, aus früheren Jahrhunderten herrührend, welche dieses eigentümliche Waldvolk sich anmaßt.« »Ganz recht: irgend welche eigentümlichen Rechte und Freiheiten, die wir uns anmaßen. – – Und wenn Ihr nun ergründen solltet, daß wir uns unsere Rechte und Freiheiten fälschlich anmaßen, was gedenkt Ihr dann zu tun?« »Es offenkundig zu machen,« »Worauf wir aller unserer Rechte und Freiheiten verlustig gehen würden? Auf Eure Aussage hin!« »Welche in diesem Falle entscheidet,« erklärte der berühmte Mann dem bäurischen Priester seine Autorität. »Doch wenn Eure Aussage lauten würde: die Urkunden der Bauern von Piatra sind echt, sind nicht seit geraumer Zeit verfallen und ungültig?« »So wird meine Aussage schwerlich lauten.« »Doch wenn sie so lautete? Wäre Euer Wort auch dann entscheidend?« »Vollkommen.« »Seid Ihr dessen sicher?« forschte der ungläubige Priester. »Bei meinem großen Rufe\ –\ –« Aber Stefan Dozana unterbrach die Entrüstung des berühmten Mannes, dessen Ruf sonderbarerweise noch nicht bis nach Piatra gedrungen war. »Freilich, Herr: bei Eurem großen Rufe! Nun bin ich sicher, Herr. Bei Eurem großen Rufe ist Eure Aussage in jedem Falle entscheidend. Das ist für die Bauern von Piatra – für ihre Rechte und Freiheiten nämlich – von großer Wichtigkeit.« Einigermaßen betroffen über die plötzliche Bereitwilligkeit, mit welcher der düster blickende Waldpriester seinen Ruf als großer und berühmter Rechtsgelehrter anerkannte, bemerkte Doktor Titus in milderem Tone: »Ich würde in jedem Falle meine Aussage zu begründen und zu behaupten wissen.« »Ihr würdet in jedem Falle für die Wahrheit und Richtigkeit Eurer Aussage einstehen?« »Mit meinem ganzen Rufe als Gelehrter.« »Der sehr groß ist.« »Meine Bemühungen um die Wissenschaft, besonders was Kenntnis und Richtigstellung von Dokumenten und Urkunden anbetrifft, erfreuen sich allgemeinster Anerkennung,« äußerte Doktor Titus mit ruhiger Würde. »Das ist mir lieb zu hören, Herr. Ihr seid in dergleichen Dingen ein unbestechlicher Richter. Auch würdet Ihr niemals falsches Zeugnis leisten?« Scharf schaute der berühmte Mann auf den Priester; aber Stefan Dozana stand ruhig vor ihm und sah ihn an. »Ich verstehe Euch nicht, Stefan Dozana.« »Ich sagte: mir sei lieb, zu hören, welchen allgemein geachteten Mann und Gelehrten der Bischof nach Piatra geschickt.« Sich des kühlen Empfanges von seiten der Bauern von Piatra erinnernd, rief Doktor Titus mit erneuter Entrüstung: »Dennoch weigern sich die Bauern, mich Einsicht in die Papiere nehmen zu lassen. Ich erfuhr, daß dieselben sich in Euren Händen befinden.« »Es verhält sich so, wie man Euch berichtet hat. Aber wenn die Bauern Euch die Einsicht in die Papiere weigern, so vermag ich nicht, sie zu gewähren.« »Es ist der Wille des Bischofs, daß mir die Papiere vorgelegt werden sollen,« rief der Doktor empört. »Der Bischof hat die Bauern von Piatra geächtet, aber ihren Willen konnte er ihnen nicht nehmen; daß er ihnen ihren Willen lassen mußte, bezeugt sein Bann. Also, Herr: durch den Willen des Bischofs vermögt Ihr in Piatra nichts auszurichten.« »So müßte ich, falls Ihr mir die Papiere nicht vorlegen wolltet, wieder gehen, ohne sie auch nur gesehen zu haben?« »Das würdet Ihr wohl müssen, Herr. Es ist ein weiter und beschwerlicher Weg nach Piatra, Das hätte der Bischof für Euch bedenken sollen.« Doktor Titus erblaßte vor Zorn. »Steht es so? Gewalt kann ein einzelner Mann nicht anwenden.« Stefan Dozana bedachte sich; dann sagte er: »Wenn Ihr morgen unverrichteter Dinge wieder gehen müßtet, so würde nach Euch sehr bald ein anderer kommen?« »Vermutlich! Vermutlich würden dann gleich ihrer mehrere kommen und vielleicht nicht nur vom Bischof geschickt.« Dem stimmte Stefan Dozana bei. »Das denke ich auch. Deshalb sollt Ihr die Papiere besichtigen und prüfen. Wir wollen lieber mit Euch zu tun haben, mit Euch allein, als mit anderen.« Und Stefan Dozana spähte von neuem scharf in das Gesicht des berühmten Mannes, darauf er das Bewußtsein seiner tiefen Gelehrsamkeit ausgeprägt fand, sonst nichts anderes. Erfreut, alle Schwierigkeiten so rasch gehoben zu sehen, versicherte Doktor Titus mit herablassendem Wohlwollen: »Ich werde dem Bischof berichten. Er soll erfahren, daß Ihr mir freundlich entgegengekommen seid.« »Das haltet, wie Euch gut dünkt. – – Wo gedenkt Ihr Herberge zu nehmen während der Zeit, die Ihr der Papiere wegen hier zubringen müßt?« »Wo? Da die Papiere sich hier befinden, so\ –« »Verzeiht, Herr. Mein Haus kann keinen Gesandten des Bischofs beherbergen. Euch am wenigsten. Deshalb müßt Ihr bei einem der Bauern Wohnung nehmen. Hat die Frau, die Ihr hier fandet, Euch Speise vorgesetzt?« »Ich führte noch eigenen Vorrat mit mir.« Stefan Dozana zeigte, wie lieb ihm das sei. Mit mühsam verhehltem Unwillen erkundigte sich Doktor Titus: »Für diese eine Nacht werdet Ihr mich doch bei Euch aufnehmen können?« »Ein Lager kann ich Euch auch für diese eine Nacht nicht bieten. Wollt Ihr jedoch hier den Morgen abwarten, so möchtet Ihr in jenem Stuhle keine allzu üble Nachtruhe halten. Aber vergeßt nicht, daß ich Euch nicht geladen habe. – – Ihr werdet müde sein. Morgen in aller Frühe rede ich Euretwegen mit den Bauern: Ihr sollt die Papiere prüfen, Ihr und kein anderer.« Stefan Dozana nahm das Licht und entfernte sich, seinen Gast im Dunkeln allein lassend. Der berühmte Mann tastete sich, vollständig starr vor Staunen, nach dem Lehnsessel, wickelte sich mühsam in die Bärenhaut und machte sich, bis er einschlief, über die Bauern von Piatra und ihren geachteten Priester allerlei Gedanken, gelehrte und ungelehrte. Am nächsten Morgen in aller Frühe gab es im Gemeindehause zwischen den Häuptern der Bauern und Stefan Dozana einen heißen Kampf. Denn die Bauern wollten nicht, was Stefan Dozana wollte: sie wollten dem berühmten Rechtsgelehrten, den Bischof Mauricius zu ihnen geschickt, ihre Urkunden zur Prüfung nicht überlassen. Stefan Dozana kam in starke Versuchung, ihnen mit den Worten des Bischofs zuzudonnern: »Eure Rechte und Freiheiten sind null und nichtig!« Aber er gedachte Michael Cibulas, und was er diesem betreffs der Urkunden gelobt hatte; und er beschloß: wenn einer über Piatra herrschen soll, darf dies nur ein Bauer von Piatra! Und da Stefan Dozana nicht mehr herrschen konnte, sollte es Michael Cibula sein. So hoffte er, diesem sein Versprechen, Piatras Freiheiten und Rechte vor dem Bischof und der ganzen Welt zu behaupten, erfüllen zu können. Hätte der Bischof heute Stefan Dozana reden hören, würde er ihm schwerlich wie damals höhnend zugerufen haben: »Ihr sprecht ja wie ein Bauer, Stefan Dozana!« Denn dieser Bauernsohn, um die Gemeinde zu seiner Meinung zu bekehren, sprach, wie nur ein Priester sprechen konnte. Trotzdem wäre es ihm kaum geglückt, seine Sache durchzusetzen, so sehr war seine Macht über die Gemüter geschwunden, hätte er nicht Michael Cibulas Namen zu Hilfe gerufen und die Bauern in diesem ihnen mächtig klingenden Namen angegangen, dem Fremden die Urkunden zur Prüfung zu überweisen: »damit er in der neuen Kirche vor dem Hochaltare die Gültigkeit der Urkunden und die daraus sich ergebende Unverletzlichkeit der Rechte und Freiheiten der Bauern auf das Allerheiligste beschwöre!« Da erst willigten sie ein. Sofort begab sich Stefan Dozana nach Hause, wo der berühmte Mann noch friedlich auf seiner Bärenhaut schlummerte, rüttelte ihn wach und kündigte ihm an: »Unter einer Bedingung mögt Ihr noch in dieser Stunde die Urkunden einsehen und prüfen.« »Welche Bedingung wäre das?« forschte Doktor Titus mißtrauisch, nachdem er mit Mühe seine fünf gelehrten Sinne gesammelt hatte. »Daß ich der erste bin, der Euern Ausspruch erfährt.« »Ihr sollt der erste sein.« »Und daß Ihr vorher zu niemandem irgend welchen Argwohn äußert; was ich Euch auch sonst nicht raten möchte.« »Welchen Argwohn meint Ihr?« »Irgendwelchen Argwohn bezüglich der Gültigkeit unserer Dokumente. Was sollte ich anders meinen?« »So haltet Ihr selbst sie für ungültig und hinfällig?« rief Doktor Titus im höchsten Erstaunen. »Ich bin bereit, die Hostie darauf zu nehmen, daß ich sie für gültig und heilig halte, jetzt und immerdar. Und ich denke, daß Ihr sehr bald dasselbe werdet beschwören können.« Dies sagte Stefan Dozana in einem Tone und mit einer Miene, daß dem berühmten Manne plötzlich ganz seltsam zu Mute ward. Er meinte hastig: »Da ich auf eure Forderung eingehe, so gebt mir die Papiere.« »Zuerst werde ich Euch zu dem Bauern begleiten, der Euch Herberge geben wird. Während Ihr dort ein Frühmahl einnehmt, schaffe ich Euch die Papiere.« Mit ganz sonderbaren Begriffen über die Gastlichkeit der Waldleute folgte Doktor Titus seinem Führer in ein nahegelegenes Bauernhaus, wo auch der Mönch untergebracht war, der ihn in die Wildnis begleitet hatte. Auch dort empfingen den gelehrten Mann keine allzu freundlichen Mienen; aber es wurde ihm eine mehr als reichliche Mahlzeit aufgetragen. Da Doktor Titus bereits gefürchtet hatte, die Wissenschaft würde ihr leuchtendstes Licht in Piatra am Hungertode verlieren, hielt der würdige Gelehrte ein Festessen, bei dem er sich in aller Stille und mit aller Inbrunst selbst leben ließ. Dann kam Stefan Dozana mit den Urkunden. Eine ganze Woche hindurch sah und hörte er nichts von dem Abgesandten des Bischofs; nur daß er an den Mienen der Bauern merkte, wie diese über den langen Aufenthalt des Fremden und über das lange Beschauen ihrer höchsten Heiligtümer ergrimmt waren. Endlich eines Morgens kam der Mönch zu Stefan Dozana und fragte an, zu welcher Stunde Doktor Titus den Priester ungestört sprechen könnte. Stefan Dozana bestimmte eine späte Abendstunde desselben Tages. Frühzeitig gebot er seiner Schwägerin und dem Gesinde, zu Bette zu gehen. Am nächsten Morgen sollte das Vieh in die Berge getrieben werden; da brach man schon vor Tagesgrauen auf. Dann erwartete er vor dem Hause den Gelehrten. Es dauerte lange, bis dieser kam, mit ihm der Mönch, der die Urkunden zurückbrachte. Stefan Dozana grüßte höflich, erhielt knappen Gegengruß und führte Doktor Titus in sein Zimmer. Hier nahm er dem Mönch die Papiere ab, sah bedächtig nach, ob nichts fehle, und verschloß sie dann in eine Truhe, worauf Doktor Titus den Mönch fortschickte. Bevor jedoch der Gelehrte zu reden anheben konnte, sagte Stefan Dozana: »Ich habe noch einiges in der alten Kirche zu tun. Vielleicht beliebt es Euch, mich dahin zu begleiten. Auch möchte ich Euch dort, ehe wir hier miteinander reden, gern etwas zeigen.« Da er den finsteren Mann nicht unnötig aufbringen wollte, erklärte sich Doktor Titus bereit, ihm zu folgen. Es waren nur wenige Schritte. Stefan Dozana ließ den Fremden eintreten und schloß dann die Tür hinter sich zu. Sie befanden sich in tiefer Finsternis. »Was bedeutet das?« rief Doktor Titus ärgerlich. Wäre er ein weniger berühmter Gelehrter und ein furchtsamerer Mann gewesen, so hätte er vielleicht etwas ängstlich gerufen. »Sogleich zünde ich Licht an,« erwiderte Stefan Dozana gelassen. »Wollt Euch einen Augenblick gedulden.« Er entfernte sich einige Schritte. Der Gelehrte benutzte die Gelegenheit, tastete hinter sich nach dem Schlosse: der Schlüssel war abgezogen. Bereits hatte Doktor Titus die Abfassung einer Abhandlung: »Die Bauern von Piatra, ihre Abstammung, Gebräuche und Urkunden« beschlossen. Es versprach ein bedeutsames Werk zu werden, mit bewunderungswürdiger Gelehrsamkeit und Sachkenntnis geschrieben. Seit einer Woche häufte der berühmte Mann Material auf Material zusammen, sein gelehrter Kopf war voller Noten über »die Bauern von Piatra, ihre Abstammung, Gebräuche und Urkunden«. Unterdessen Doktor Titus den sonderbaren Brauch des Abschließens der Kirchentür hinter einem Besucher schleunigst ad notam nahm, zündete Stefan Dozana Licht an: zwei Wachskerzen auf dem Altare, als sollte ein nächtliches Hochamt gehalten werden. Denn auch das Allerheiligste stand dort. Befremdet schaute sich Doktor Titus in dem altertümlichen Raume um, der ihm eher eine Katakombe als eine Kirche zu sein schien. Die Wände waren so dunkel, als wären sie mit brauner Farbe angestrichen; schwerfällige Holzsäulen stützten die Decke, riesenhafte Schatten werfend. Nur um den Altar war es hell, Fledermäuse durchstrichen lautlosen Fluges die Halle, im Turm klagte ein Käuzchen. »Ihr wolltet mir etwas zeigen,« sagte Doktor Titus. »Und Ihr laßt mich allerdings Absonderliches sehen; denn eine solche Kirche sah ich noch nie.« »Ihr sollt noch mehr absonderliche Dinge zu sehen bekommen.« Stefan Dozana nahm eine Kerze vom Altar, ging zur Wand und leuchtete in die Höhe. Der Gelehrte folgte ihm. »Wißt Ihr, was das ist?« »Ein Bärenfell, wenn ich nicht irre. Was ist daran Absonderliches zu sehen?« »Bemerkt Ihr die vielen Löcher?« »Das Fell ist an hundert Stellen zerrissen und zerstochen.« »Nur an fünfzig Stellen.« Damit trat Stefan Dozana zurück, setzte den Leuchter wieder auf den Altar und erzählte: »Mit dem Bären, dessen Fell Ihr da hängen seht, hat ein einzelner Mann gekämpft. Es geschah in finsterer Nacht. Indessen der Bär den Mann zu erdrücken suchte, hat dieser ihm fünfzigmal sein Messer in den Leib gestochen. Zuletzt stieß er dem Untier das Messer ins Herz. Da brach der starke Stahl.« »Wer war der Mann? War es ein Bauer von Piatra?« »Ich war's.« Doktor Titus fuhr zurück. Er fühlte, daß ihm kalter Schweiß von der Stirne rann und atmete auf, als er den Priester ganz gelassen sagen hörte: »Und jetzt sagt mir: was entdecktet Ihr in den Urkunden der Bauern von Piatra?« »Daß sie gänzlich wertlos sind.« »Das bedeutet, daß die Rechte und Freiheiten der Bauern von Piatra fürderhin nicht mehr bestehen werden?« »Diese sogenannten Rechte und Freiheiten sind längst verjährt und hinfällig; auch wurden sie niemals von irgend einem Fürsten des Landes bestätigt oder wieder erneuert. Nur der Abgeschiedenheit eures Winkels habt ihr es zu danken, diese ganze Zeit hindurch so unbehelligt geblieben zu. sein. Ihr seid ungarische Untertanen wie alle im Lande. Außerdem gehört ihr zu der Diözese des Bischofs Mauricius, steht unter seiner Oberhoheit und seid ihm im besonderen untertänig.« »Und sind ihm im besonderen untertänig – – Inwiefern sind wir das?« Doktor Titus erklärte die Sache. Er sprach mit ungemeiner Gelehrsamkeit und Weitschweifigkeit. Mit Tacitus und den alten Römern begann er; es folgten die römischen Bischöfe im allgemeinen und die ungarischen Bischöfe im besonderen; es folgten die Bauern von Piatra: die ältesten, die alten, die neuen. Die jetzigen Waldleute und Bischof Mauricius machten den Beschluß. Dazwischen wimmelte es von Päpsten, Kaisern und Königen, von Bullen und Privilegien, von Verjährungen und Verfügungen. Mit wahrhaft antiker Ruhe hörte Stefan Dozana zu. Als der Gelehrte jedoch, durch die Andacht seines Zuhörers bis zur Inspiration gebracht, im Eifer sich anschickte, sein ganzes großes und umfangreiches Werk über »die Bauern von Piatra, ihre Abstammung, Gebräuche und Urkunden« in Tabellenform vorzutragen, als Doktor Titus den Inhalt seines gelehrten Hauptes mit allem darin angesammelten Material und allen Noten vor Stefan Dozana auszuschütten begann, da unterbrach dieser den berühmten Mann. »Von Eurem Standpunkt aus mögt Ihr recht haben: alle unsere Rechte und Freiheiten sind verjährt, wir sind ungarische Untertanen, wie alle anderen, ganz besonders aber sind wir dem Bischof Mauricius untertänig – vielmehr, wir wären es, wenn ich nicht hier auf das Allerheiligste schwören würde, daß wir es nicht werden.« Damit legte Stefan Dozana seine rechte Hand auf die Monstranz. »Und ferner schwöre ich, daß auch Ihr auf das Allerheiligste ein Gelübde leisten werdet, so der Himmel mir in dieser Sache beisteht.« »Ich kann beschwören, daß alles, was ich Euch gesagt habe, die reine Wahrheit ist,« »Das könnt Ihr geloben, jedoch das sollt Ihr nicht geloben; denn ich verlange von Euch ein anderes Gelöbnis. Da Ihr Euch indessen weigern dürftet, morgen vor der versammelten Gemeinde dieses Gelöbnis freiwillig auf die Monstranz zu leisten und sodann über den ganzen Vorgang eine Urkunde aufzusetzen – ich sage, weil Ihr solches schwerlich aus eigenem Antriebe tun möchtet, so vernehmt, was ich Euch vorschlage: Wir sind beide in der Nacht in dieser Kirche allein. Die Kirche ist verschlossen. Würdet Ihr schreien, so würde niemand Euch hören; denn während Ihr mir Eure Weisheit vortrugt, ist der letzte im Dorfe zu Bette gegangen und eingeschlafen; wenn aber ein Bauer von Piatra einmal eingeschlafen ist, weckt ihn so leicht nichts wieder auf.« »Ihr wollt mich morden!« schrie Doktor Titus auf und er gedachte dabei seines herrlichen Werkes über den »ersten Rechtsfall der Römer«. Dieses Werk, das seinen Autor unsterblich machen sollte, würde er der Welt unvollendet zurücklassen müssen. Arme Welt! Ein tiefes Bedauern überkam ihn; nicht mit sich selbst und seinem hingemordeten Leben, sondern ein Bedauern mit der Wissenschaft. Noch einmal rief er schmerzlich aus: »Ihr wollt mich morden? In der Kirche vor dem Altar!« Und er gedachte jenes griechischen Weisen, zu dem die Mörder stürmten, als er grade seine unsterblichen Zeichen in den Sand schrieb; und wie Archimedes gefleht hatte: Zerstört mir meine Kreise nicht! so hätte Doktor Titus gern seinen Mörder gebeten: Laß mich meinen »ersten Rechtsfall der Römer« vollenden! Aber er schöpfte wieder neue Hoffnung für dieses Werk, als er Stefan Dozana sagen hörte: »Wenn ich Euch morden wollte, so könntet Ihr ja nicht morgen vor der Gemeinde auf die Monstranz beschwören, daß die Urkunden so echt und gültig sind, wie das Urkunden nur sein können.« »Eine solche abscheuliche Lüge sollte ich beschwören?« rief Doktor Titus mit ehrlichem Abscheu. »Eine solche Schändlichkeit und Niedertracht mutet Ihr mir zu, mir, Titus Mila, Doktor des heiligen römischen Rechtes?! Mann, wißt Ihr, daß\ –\ –« »Daß Ihr ein großer Gelehrter und ein berühmter Mann seid, dessen Aussagen unzweifelhaft sind. Ich weiß es, Herr. Eben deshalb werdet Ihr, so Gott will, schwören; und eben deshalb werdet Ihr – so die Heiligen mir beistehen – eine Urkunde aufsetzen, daß Ihr den Schwur freiwillig vor der ganzen Gemeinde geleistet habt.« »Niemals werde ich das,« schrie der Gelehrte, vor Zorn und Entrüstung an allen Gliedern bebend. Jede Todesfurcht war verschwunden, er gedachte sogar nicht mehr seines herrlichen Werkes, das, allem Anschein nach, nun wirklich unvollendet bleiben würde. »Hört!« mahnte Stefan Dozana. »Ihr werdet Euch denken können, daß ich Euch jene Geschichte von der Erlegung des Bären nicht erzählt habe, um mit Euch zu schwatzen, oder gar um vor Euch zu prahlen. Deshalb vernehmt: Was ein Gottesgericht ist, wißt Ihr, der Ihr ein gelehrter Mann seid, besser, als ich es euch zu sagen vermöchte. Nun könnt Ihr mir einwenden, daß dasjenige, was bei den Vätern Brauch gewesen, nicht mehr bei den Söhnen Sitte ist. Darauf erwidere ich Euch: in Piatra besteht bei den Söhnen noch der Brauch der Väter. Gottesgerichte kann man überdies zu allen Zeiten und an jedem Orte halten. Und sagt selbst, Herr: wo könnte man es besser als in einem Hause Gottes, in einer Sache, von der ich nicht will, daß Menschen sie entscheiden, sondern allein Gott. Macht Euch daher bereit, mit mir zu kämpfen.« »Mit einem, der einen Bären bezwungen hat, als wäre das Untier ein Knabe, soll ich, ein schwacher Mann, einen Kampf bestehen? Und dann wollt Ihr mich nicht morden?!« »Wartet!« gebot Stefan Dozana. Er zog ein langes, scharfes Messer hervor und legte es auf den Altar neben die Monstranz; darauf nahm er einen starken Strick und fesselte seinen rechten Arm, indem er ihn an seinem Leibe festband. Voller Grausen sah Doktor Titus diesen Vorbereitungen zu. »Nehmt das Messer! Dann werde ich die Kerzen auslöschen, dann ringen wir in der Dunkelheit miteinander. Ich schwöre Euch zu, daß ich keinerlei Waffen bei mir trage. Erliege ich in dem Kampfe, so hat Gott gegen mich entschieden, so braucht Ihr kein Gelübde zu leisten, so könnt Ihr von dem Ergebnis Eures Forschens, die Dokumente der Bauern von Piatra betreffend, dem Bischof und aller Welt Kunde geben. Erlieget dagegen Ihr im Kampfe – fallt Ihr vor mir zu Boden, so will Gott, daß Ihr um unserer Rechte und Freiheiten willen falsches Zeugnis leistet, so werdet Ihr morgen vor der Gemeinde unsere gültigen Ansprüche auf unsere Rechte und Freiheiten beschwören. Nehmt das Messer!« »Wenn ich mich nun weigerte, in solchen Wahnsinn einzuwilligen, und mich lieber von Euch ermorden lassen würde\ –\ –« »So würde ich Euch ermorden müssen; Euch und die anderen, die nach Euch kämen.« »Man würde den Mord entdecken.« Da lächelte Stefan Dozana grimmig. »Man sieht, daß Ihr hier fremd seid, sonst würdet Ihr wissen, daß die Verrös voll schrecklicher Abgründe ist, in die mehr als einer hinabgestürzt sind. Auch scheint Ihr gänzlich vergessen zu haben, wie wild und gefährlich der Weg, den Ihr zurückzulegen habt, und daß bis spät in den Sommer hinein dort Lawinen niedergehen; wie leicht könntet Ihr von einer solchen auf dem Heimwege verschüttet worden sein. Jetzt entscheidet Euch.« »Ihr seid ein Ungeheuer!« schrie Doktor Titus außer sich. »So mit einem Manne der Wissenschaft umzugehen! Mensch, wenn ich hier umkomme, bleibt mein Werk über den ersten Rechtsfall der Römer unvollendet. Denn der Doktor Zamosius ist ein schnöder Ignorant, er würde mein Werk vollständig verpfuschen! Es müßte als Fragment herausgegeben werden, als elendes Bruchstück! Wie wolltet Ihr meinen Tod vor der Wissenschaft verantworten!« »Wenn ich Euern Tod nur vor Gott verantworten kann, und das will ich.« »Unglücklicher, warum wollt Ihr so Gräßliches tun? Bedenkt doch\ –\ –« »Herr, ich habe alles bedacht. Euch begreiflich zu machen, warum ich so Gräßliches mit Euch vornehme, würde mir niemals gelingen, trotzdem Ihr ein so gelehrter und berühmter Mann seid. Darum entscheidet Euch. Entweder wir halten hier ein Gottesgericht, oder Ihr kommt mit Eurem Mönch nicht lebend aus diesem Tale; und nach Euch wird es anderen ebenso ergehen.« Doktor Titus bedachte sich. Auch der Mönch stand in Gefahr, um sein Leben zu kommen. War das Leben dieses Mönches ihm nicht gewissermaßen anvertraut worden? Und die anderen, die nach ihm kommen würden – – Freilich würden ohne Zweifel schnöde Ignoranten darunter sein, Gegner der historischen Wahrheit, Feinde seines Werkes über den ersten Rechtsfall der Römer; mit einem Worte: elende Skribenten! Aber dennoch – – Und Doktor Titus entschied sich. Unter zwei Bedingungen wollte er sich, in den wahnsinnigen Kampf mit dem Bärentöter einlassen: die Lichter sollten nicht ausgelöscht werden und Stefan Dozana sollte seinen gefesselten Arm losbinden und gleichfalls ein Messer nehmen. »Wie Ihr wollt.« Und er dachte: Ich werde auch ungefesselt nicht den Arm gegen dich heben und kein Messer gegen dich brauchen. So ließ er sich denn von Doktor Titus losbinden, ging zur Türe, schloß auf, ging hinaus und schloß wieder hinter sich zu, Doktor Titus setzte sich auf eine Stufe des Altars und bereitete sich auf das Entsetzliche vor. Hoffentlich kam er bei dem Kampfe um! Dann nahm er freilich unter diesen Barbaren ein ruhmloses Ende und der Doktor Zamosius schrieb zu seinem unvollendeten Werke ein Vorwort, darin der Ignorant dem berühmten Manne einen Nachruf hielt: »Eine Säule der Kultur, eine Stütze der Wissenschaft ist nicht mehr: Doktor Titus Mila ist auf rätselhafte Weise zu den Unsterblichen gegangen.« Doktor Titus sah gedrückt vor sich hin. Er las seinen eigenen Nachruf, las ihn in dem erbärmlichen Stil des Ignoranten; ja, er entdeckte darin einen gröblichen Lapsus. Und es war nicht einmal eine Korrektur mehr möglich! Der Lapsus blieb in alle Ewigkeit: Doktor Titus Mila wurde in Gemeinschaft mit einem gröblichen Lapsus unsterblich. Und er stöhnte laut auf. Stefan Dozana kam mit einer Waffe zurück. Mühsam erhob sich der Doktor, ergriff mit zitternder Hand das Messer, schloß die Augen und empfahl sein Werk und den Stil des Doktors Zamosius dem Himmel. Kaltes Grausen überrieselte ihn, er taumelte vor, stieß zu, fühlte, daß er getroffen hatte, öffnete die Äugen, sah Blut fließen und brach ohnmächtig zusammen. * Am anderen Tage strömten die Waldleute ihrer neuen Kirche zu; es war nicht anders, als hätte der Bischof die Acht von ihnen genommen, als sollten sie dem ersten Hochamte beiwohnen. Auf dem Altar war die Monstranz aufgestellt – zum ersten Male seit der Bann Piatra betroffen. Alle warfen sich vor dem höchsten Heiligtum nieder und lagen, mit dem Gesicht den Boden berührend, eine Weile regungslos da. Dann hörten sie eine schwache, zitternde Stimme sagen: »Ich schwöre auf die Monstranz, daß ich die Dokumente und Urkunden, welche die Rechte und Freiheiten der Bauern von Piatra bezeugen, nach bestem Wissen und Können untersucht und sie völlig zu Recht bestehend und gültig befunden. Und ich gelobe mit feierlichem Lide, daß ich solches Zeugnis leisten will vor dem Bischof und vor aller Welt.« * In der Nacht darauf vernahm Michael Cibula Schritte vor der Haustür und hörte seinen Namen rufen. Er erkannte Stefan Dozanas Stimme, stand auf und öffnete. »Welches Unglück ist in Piatra geschehen?« »Es ist in Piatra kein Unglück geschehen. Ich komme nur, um dir zu sagen, daß der Bischof einen berühmten Rechtsgelehrten zu uns sandte, um unsere Urkunden zu prüfen, und daß Doktor Titus, der übrigens ein wackerer und tapferer Mann ist, die Gültigkeit der Dokumente vor der ganzen Gemeinde in der neuen Kirche auf die Monstranz beschworen hat. Auch hat der Mann eine Schrift aufgesetzt und unterzeichnet, darin steht, daß er seine Erklärung und sein Gelübde freiwillig geleistet.« »Wer sollte ihn denn gezwungen haben. Er beschwor nur, was wahr ist: unsere Rechte und Freiheiten sind unantastbar und heilig,« »Das sind sie.« Stefan Dozana kehrte noch in derselben Nacht nach Piatra zurück: der wackere und tapfere Doktor Titus lag fieberkrank in seinem Hause und bedurfte der Pflege. Vierundzwanzigstes Kapitel Sie soll leben! Michael Cibulas Weizen reifte. Jeden Tag ging er hinaus zu seinem geliebten Acker, schaute nach und maß an Josepha die Länge der Ähren: es schlug die goldige Frucht über dem goldigen Haar seines Weibes zusammen. Auch Josephas Garten gedieh herrlich. Der Rosmarin hatte abgeblüht, aber die weißen Rosen standen in voller Pracht. Brautkränze hätte Josepha in diesem Sommer nicht mehr winden können, aber Totenkronen genug. Ihr Lieblingsplatz war unter jenem Felsen, daraus Michael Cibula am Tage ihrer Ankunft das Heiligenbild gestellt hatte, und wo jetzt Stockrosen und mächtige Sonnenblumen blühten. Wenn Josepha dort saß, neigten sich die leuchtenden Blumengesichter über sie, so daß die Glückliche diesen ganzen Sommer ihren eigenen Sonnenschein hatte. Und an Sonniges dachte sie, allein unter dem schönen Steine sitzend, dicht über der Seeflut, welche ihr Bild wiederspiegelte. Wenn sie dann an den kleinen, winzigen Linnenstückchen nähte, gedachte sie des Sonnenstrahles, der zum Herbst in ihr Haus fallen sollte, so recht vom Himmel herab in ihr und ihres Mannes Leben hinein. Sie hatte gehört, daß die Gedanken der Frau, deren Leib gesegnet ist, auf das Ungeborene wirkten, und sorgte nun mit heiliger Mutterliebe für das Kind, das noch unter ihrem Herzen lag. Fiel ihr ein, wie nahe ihre Stunde sei und wie sie schon für manche, die einem Kinde das Leben gegeben, eine weiße Totenkrone gewunden, so lächelte sie still vor sich hin, als wäre ihr anvertraut worden, daß solche Mütter die seligsten wären. Wenn dann die Mägde von der schweren Stunde sprachen, die ihrer Bäuerin bevorstand, entgegnete Josepha, es würde gewiß eine leichte Stunde sein, und duldete in ihrer Gegenwart kein banges Wort. Auch Michael Cibula trug Sorge um das Ungeborene, und das in einer Art, welche die Gottheit der Cibula leicht gegen das Kind hätte aufbringen können; sie sah so wie so böse genug auf Josephas heiligen Leib herab. Aber Michael Cibula ging mit Vorsicht zu Werke. Als er eines Tages das Lämplein mit Öl füllte, stieß er wie von ungefähr gegen das Holzbild, daß dieses herabfiel und sich beschädigte. Behutsam trug Michael Cibula die Figur in seine Werkstatt, um die zerbrochene Krone wieder zusammen zu leimen. Doch schien es, als vergäße er sein Vorhaben, so daß die heilige Ecke leer blieb und Josepha fortan bei ihren Gebeten nicht mehr von den starren Augen der Himmelskönigin angeschaut, also dem Ungeborenen kein Schaden mehr zugefügt werden konnte. Im übrigen brachte das erwartete Ereignis keinerlei Veränderungen in seinem Gemüte hervor und zwischen ihm und seinem Weibe war niemals die Rede davon. Nur blieben sie jetzt beide des Abends, nachdem Urs und das Gesinde zu Bett gegangen, noch lange in der Halle vor dem Hause beisammen. Schon standen Säulen und Gebälk üppig umrankt, und waren Caprifolium und Waldreben diesen Sommer auch nur spärlich gekommen, so gediehen Hopfen, Bohnen und Kürbis um so kräftiger. Da saßen dann die zwei im Dunkeln eng nebeneinander, sprachen wenig und lauschten auf das Rieseln und Rauschen all der Gießbäche und Wasserfälle, und schauten durch das Gerank auf die Riesenschatten des nächtlichen Gebirges. Sie sahen die Sterne hinter den schwarzen Felsenhäuptern aufsprühen und still und feierlich ihre Bahnen ziehen; sie sahen das Spiegelbild des leuchtenden Firmaments auf dem See ruhen, als läge dort in der Tiefe ein zweiter Himmel mit allen seinen Sternen versunken; sie sahen den jungen Mond wie eine blutige Narbe am Himmel stehen, sahen ihn jeden Abend größer und gelber werden, bis er hell auf sie herabschien, das schöne Tal mit Glanz füllend. Aber sie dachten sich nichts dabei\ –\ – Dann ward der Weizen geschnitten, und obgleich Josepha jeden Tag ihre Stunde erwartete, wollte sie sich nicht nehmen lassen, bei dieser ersten Ernte zu helfen. Michael Cibula schnitt neben ihr und fühlte sich neben seinem gesegneten Weibe auf seinem gesegneten Acker als ein gesegneter Mann. Ihm war zu Mute, als ernte er nicht nur das Glück seines Hauses, sondern das Glück von ganz Piatra ein; jede Hand voll Ähren, die er ergriff, erschien ihm als eine Spende der Heiligen, für die er dem Himmel Opfer darbringen müßte. Er suchte die schönsten und schwersten Ähren aus, ließ sie von Josepha zusammenbinden und von seinem Sohne nach Piatra bringen: die Bauern möchten ihm die Bitte erfüllen, diese ersten Ähren seines Ackers als ein Geschenk Michael Cibulas in der alten Kirche über seinem ehemaligen Sitze aufzuhängen. Urs ging und kam mit der Meldung zurück, daß nach seines Vaters Wunsche geschehen sei. »Staunten sie nicht über die Ähren?« forschte Michael Cibula. Aber Urs behauptete: »Sie ärgerten sich nur.« Doch da fuhr sein Vater auf: »Das lügst du!« Und ging nach seiner alten Art zornig davon. Eines Morgens nach dem Frühmahl sagte Josepha zu ihrem Manne: »Diese Woche mußt du nach den Herden sehen. Du brauchst einen ganzen Tag, um zu ihnen hinauf ins Gebirge und wieder herunter zu kommen. Es wäre mir recht, wenn du heute gingest; denn mir ist, als könnte morgen oder übermorgen meine Stunde kommen.« »So will ich heute auch nicht gehen; denn deine Stunde könnte heute schon kommen.« »Heute gewiß noch nicht. Geh nur und nimm Urs mit dir. Ihr müßt aber gleich aufbrechen.« Michael Cibula hatte Sorge um sein Weib und deshalb keine Lust zu dem weiten Gange; doch da kam schon Josepha und brachte für ihn und den Knaben die Zehrung. Sie ging mit schweren Schritten und suchte sich heimlich an Geräten und Wänden zu stützen. Urs quälte den Vater gleich zu gehen; so brachen sie denn auf. Sie waren schon hinter dem See, als Urs ausrief: »Da steht noch die Mutter!« Michael Cibula wandte sich um und sah Josepha im Garten bei den weißen Rosen, die sie gleich einem leuchtenden Gewande zu umhüllen schienen. Sie winkte und grüßte herüber. Dann sahen sie sie langsam, langsam dem Hause zugehen. Plötzlich blieb sie stehen und die Zurückblickenden hörten sie nach einer Magd rufen. Diese kam; Vater und Sohn wandten sich und setzten ihren Weg fort. Es war ein Tag, so recht nach Michael Cibulas Herzen, ein Sonnentag, wie er nach seiner Meinung nur über diesen Tälern und diesen Bergen ruhen konnte. Ein prächtiges weißes Gewölk stand regungslos am tiefblauen Himmel, Erde und Fels strahlten eine milde Wärme aus, es duftete nach Salbei und Menthe, die Luft tönte von dem Summen der Käfer und Bienen. Zum ersten Male kam es Michael Cibula zum vollen Bewußtsein, was ihm und seinem Weibe bevorstand. Wie ein seliger Schreck durchzuckte ihn die Vorstellung: Sein Weib wird dir ein Kind gebären, vielleicht morgen schon! Vielleicht ist schon morgen ein Menschenkind mehr auf der Welt. Und er dachte. – – So lange er klein ist, hat es der Mensch gut, so lange ist seine Welt die Brust und der Schoß der Mutter. Auch später mag es noch gehen, wenn er Blumen pflückt, Schmetterlinge fängt und die ganze Welt nur zu seiner Freude da zu sein scheint. Allmählich kommt es anders – Michael Cibula vermochte auch nicht zu sagen, inwiefern. Wenn er es so recht bedachte: eigentlich war es seltsam, daß der erwachsene Mensch ein so ganz anderer war als das Kind; ein Mensch, der liebte und haßte, der anbetete und verachtete, ein Mensch voller Neid und Eifersucht, voller Zorn und Wut, ein Mensch, der das Beste und das Schlechteste vollbringen konnte, der einen Teufel zur Seite hatte, oder einen Engel. Das alles konnte aus dem kleinen Menschenkinde werden, das sich aus der Nacht des mütterlichen Schoßes mit einem Schrei ans Tageslicht rang. Es war seltsam! Vielleicht morgen schon würde ein Mensch mehr auf der Welt sein. Und dieser neue Mensch war sein und seines Weibes Kind, war Fleisch von seinem Fleische, Geist von seinem Geiste, in Leiden geboren zu Leiden. Wer konnte das ausdenken?! Michael Cibula war froh, als Urs, der wie ein junger Hund bald weit voraus, bald hinterdrein lief, sich zum Vater gesellte, diesen durch Geschwätz und Fragen seinen Grübeleien entreißend. Da jedoch sein Herz von dem Ungeborenen voll war, erzählte er dem Knaben allerlei geheimnisvolle Dinge von der baldigen Ankunft des neuen Geschwisters. Aber Urs hatte schon so viel über diese unbekannte Größe hören müssen, hatte schon seit geraumer Zeit vergeblich auf deren Ankunft gewartet, daß er seinem Vater zuhörte, wie ein Weiser das Gerede eines Toren anhört: du Armer, was bildest du dir ein! Denn Urs hatte in seinem Innern längst jede Hoffnung auf das Eintreffen des schon so lange verheißenen Wunderkindes aufgegeben und schwankte in seinem Gemüte zwischen Schmerz und Zorn. Herrlich war der Aufstieg gewesen, herrlich war es droben: eine weite Wiese, wie ein grüner Strom zwischen zwei Gletschern eingeklemmt, deren ungeheure graue Schollen aus schwarzen Klüften hervorstarrten. Dem Hirten war auf dem Weideplatz, neben einem aus dem Gestein entspringenden Quell eine Hütte gebaut worden; der höchste und älteste Baum weit umher, eine vom Sturm zerzauste, vom Blitz gespaltete Fichte stand neben dem Blockhause. Hinter der Alm teilte eine gewaltige Senkung die Berge, so daß man von dort über eine völlig neue, glanzvolle Gebirgswelt in unabsehbare Fernen schaute. Urs jubelte, als er tief unter sich den schwarzen Grund mit dem See und dem Hause entdeckte, war aber höchlichst entrüstet, daß alles so klein aussah und sogar die mächtigen Eschen nur als winzige hellgrüne Pünktchen erschienen. Von den Menschen war nun vollends nichts zu sehen; stand doch fest, daß die Mutter im Garten war und zu ihnen heraufwinkte. Bei dieser Vorstellung wurde auch Michael Cibula von Sehnsucht gefaßt, die Gestalt seines Weibes zu erkennen, so daß er mit dem Knaben ausspähte und mit diesem sich ärgerte, weil man von einem fünftausend Fuß hohen Berge nicht alles zu gewahren vermochte, was im Tale vorging. Doch die Sehnsucht vergaß er, als er von dem Hirten vernahm, daß das beste Stück der Herde sich verstiegen habe und abgestürzt sei. Michael Cibula ergrimmte. Kaum hielt er sich zurück, den fahrlässigen Knecht zu züchtigen. Die ganze Schönheit des Tages und alle Herrlichkeit des Gebirges ward ihm durch die böse Nachricht vergällt. Es war ihm, als hätte ein schweres Unglück ihn betroffen, als wäre der erlittene Verlust durch nichts zu ersetzen. Der Hirt mußte ihn an die Stelle führen, wo das Rind, das man zerschmettert im Abgrunde liegen sah, abgeglitten war. Schon kreisten die Geier über dem Leichnam. Michael Cibula ließ sich die Büchse des Hirten bringen und lauerte mordgierig so lange, bis er einen der Geier getroffen hatte. Es dämmerte bereits, als Vater und Sohn den Abstieg antraten. Der Dunkelheit und des müden Knaben willen konnte Michael Cibula nur langsam vorwärts kommen. In seinen Gedanken noch immer bei dem gefallenen Tier, achtete er des Weges kaum. Bei Nacht kamen sie zum See. Urs konnte kaum noch weiter; auch Michael Cibula lag der gehabte Verdruß schwer in den Gliedern. Im Garten sahen sie jemanden wartend stehen; das konnte nur Josepha sein. Jetzt erst erinnerte sich Michael Cibula wieder des Zustandes seines Weibes und nahm sich vor, seinen Zorn vor ihr zurückzuhalten. Als sie näher kamen, erkannte er, daß die Frauengestalt nicht Josepha, sondern Russka war. Das welke Weib stand da wie ein Bild aus Holz, das bei seinem Näherkommen zu reden begann: zuerst nur wirre Laute, dann wirre Worte, die Worte einer Wahnsinnigen! Denn wie konnte es wahr und vernünftig sein, daß Michael Cibula eine Tochter geboren worden und daß sein Weib mit dem Tode rang. Er hörte es, aber er begriff es nicht. Er hörte Urs weinen und schluchzen, hörte Russka lallen und stammeln, er sah die Mägde aus dem Hause stürzen und mit lautem Jammer ihm entgegeneilen; aber begreifen konnte er es nicht. Langsam ging er weiter, starr auf das Haus sehend, auf das Licht in der Kammer. Das Licht brannte so hell, und in der Kammer bei dem hellen Licht sollte sein Weib liegen und mit dem Tode ringen – – Hier, bei ihren weißen Rosen, hatte sie diesen Morgen gestanden und ihm nachgeschaut. Die Knospen an den Büschen konnten seit heute morgen noch nicht erblüht sein; aber sie, sie lag und rang mit dem Tode! Da er den Geier schoß, hatte sie vielleicht noch seiner gedacht, ihn geliebt und jetzt – – Jetzt lag sie und rang mit dem Tode. Alles das dachte er, schaute immer das Licht an, hörte das Weinen, ging langsam, ganz langsam. Plötzlich, wenige Schritte vom Hause, fing er an zu laufen; er sprang ins Haus, stürzte in die Kammer. Sie lag auf dem Bette bleich wie das Linnen, das sie umgab. Die Hände lagen lang ausgestreckt auf der Decke, und waren steif und starr, fahl, wie aus Wachs gebildet. Die Augen hielt sie geschlossen. Michael Cibula hatte zuerst die steifen, fahlen Hände gesehen. »Josepha!« Es war kein Ruf, es waren gelallte wilde Laute. Das Gesinde wagte sich nicht in die Kammer, aus der die furchtbaren Töne drangen, und die jammernden Mägde verstummten. Sie lebte noch. Als sie so fürchterlich angerufen ward, lief ein Schauer durch ihren Körper; aber sie konnte die Augenlider nicht mehr heben, sie konnte nur noch die Lippen bewegen. Es war, als wollte sie lächeln. Michael Cibula dachte: Sie lebt noch, vielleicht wird sie leben bleiben, aber – einen Priester! Um Gotteswillen einen Priester für mein sterbendes Weib! Zwar war auch sein Weib exkommuniziert. Was scherte ihn das?! Sie sollte nicht sterben, ohne die letzte Ölung empfangen zu haben, nicht sterben wie ein Tier. Ein Priester! Ein Priester! Er mußte einen Priester herbeischaffen, welcher der Exkommunizierten das letzte Sakrament reichte. Stefan Dozana! Aber Stefan Dozana war selbst ein Geächteter! Nein! Wenn Stefan Dozana seinem Weibe die Versöhnung mit Gott brachte, so ward er dadurch ein Geweihter. Also zu Stefan Dozana! Noch einen Blick warf er auf Josepha, einen Blick, der ihr verbot, zu sterben, bevor er zurückgekehrt, der ihrer scheidenden Seele befahl: Du bleibst, bis ich wieder komme und den Priester bringe. Dann hinaus! Da trat ihm Russka entgegen und hielt ihm auf ihren Knochenarmen etwas hin. Es war in Linnen gewickelt und wimmerte. »Dein Kind, deine Tochter, dein Kind lebt!« Mit einer Verwünschung stürzte Michael Cibula an seinem Kinde vorüber, in die Nacht hinaus. * Wie ein flüchtiger Mörder, auf dessen Fersen die Verfolger sind, stürmte er dahin. Todesangst sträubte sein Haar. Sie darf nicht sterben! Nicht eher darf sie sterben, als bis sie durch Stefan Dozana die Versöhnung mit Gott und die Versicherung des ewigen Lebens erhalten. Er bat den Himmel nicht, sein Weib noch so lange am Leben zu lassen – er gebot dem Himmel, wie er der scheidenden Seele seines Weibes geboten hatte, nicht von dannen zu gehen, sondern des Priesters zu harren. Ein gewaltiger Trotz gegen Gott stieg in ihm auf, so daß er seinen Willen dem Willen des Himmels entgegensetzte: Sie darf nicht sterben! Wie um besser an die Sterbende zu denken und sie dadurch mehr zu seinem Willen zwingen zu können, schloß er die Augen; und so, mit geschlossenen Augen, raste er weiter. Aber bald verlor er den Weg unter den Füßen. Er mußte stehen bleiben, mußte um sich sehen und versuchen, sich zurecht zu finden. Wenn sie jetzt starb\ –\ – Er ballte seine Hände, er zerbiß die Lippen, er hob seine Faust und schüttelte sie gegen den Himmel. Sie darf nicht sterben! Wie Schatten glitten links und rechts an seinem Wege die Felsen und Bäume vorüber, ein Schatten schien er selbst zu sein, ein Dämon, der durch die Finsternis dahineilte. Laut sprach er vor sich hin, seufzte, stöhnte, schrie auf. War es denn immer so weit bis nach Piatra gewesen? Der Weg schien sich zu dehnen, zu wachsen, schien kein Ende zu nehmen. Daß er dem weiten Wege kein Leids antun konnte! Dann wiederum mußte er denken, daß während er in halbem Wahnsinn durch die Nacht hetzte, Tausende und Tausende von Menschen in friedlichem Schlummer lagen, daß Tausende und Tausende von Müttern jetzt Kinder gebaren und am Leben blieben. Und sein Weib starb! Und es schien Michael Cibula im Himmel kein Gott und auf Erden keine Gerechtigkeit mehr zu sein; das ganze Antlitz der Schöpfung war ihm verzerrt. Jetzt erkannte er: jene himmelhohe schwarze Masse vor ihm war der Kryvan! Immerfort stürzte er vorwärts. In seiner Brust arbeitete es, als ob sein keuchender Atem sie sprengen wollte. Da kam ihm ein entsetzlicher Gedanke: Wenn Stefan Dozana nicht zu Hause wäre? Zufällig grade diese Nacht nicht zu Hause! Dann würde er in die Kirche einbrechen und für sein sterbendes Weib das Heiligtum vom Altar reißen. Oder wenn Stefan Dozana sich weigern sollte, mit ihm zu kommen? Er war ein geächteter Priester. Es war gar nicht seine Pflicht, mit ihm zu kommen; ja, er durfte nicht mit ihm kommen, er beging eine schwere Sünde, die heilige Ölung zu spenden. Auch war Stefan Dozana sein Feind. Michael Cibula hatte ihm das Weib genommen, jetzt konnte Stefan Dozana durch sein Weib an ihm sich rächen, wie noch nie ein Mensch sich gerächt. Aber – wenn Stefan Dozana sich weigern sollte, so würde er eine Untat begehen! Die ersten Häuser von Piatra – – Gott und den Heiligen sei gedankt! Dort das alte Haus der Cibula! Zwölf Jahre hatte er mit seinem Weibe dort gelebt und ihrer kaum als etwas Besonderes gedacht. Nur ein einziges Jahr jener verlorenen zwölf Jahre zurück; nur ein halbes, ein viertel Jahr; nur einen Tag, eine Stunde\ –\ – Die alte Kirche, das Gemeindehaus, das Haus Stefan Dozanas. »Öffne, Stefan Dozana! Ums Himmelswillen, öffne!« Einige Augenblicke vergingen, während welcher Michael Cibula glaubte von Sinnen zu kommen. Endlich wurde die Tür aufgetan, Stefan Dozana erschien. »Schnell! Nimm das heilige Öl und die Monstranz! Schnell, schnell, mein Weib liegt im Sterben!« Er schrie es Stefan Dozana ins Gesicht hinein. Hätte dieser einen Augenblick gezaudert, wäre er vor ihm auf die Knie gesunken. Aber Stefan Dozana zauderte nicht. Da fiel Michael Cibula etwas ein. »Vielleicht bleibt sie bis morgen leben, vielleicht noch länger – – Ich könnte ihr eine Freude machen, eine letzte Freude im Leben. Aber warte nicht auf mich! Eile voraus! Sie kann jeden Augenblick sterben, jeder Augenblick des Zögerns kann sie um das ewige Leben bringen. Eile! Spende ihr! Rette sie! Rette ihre sterbende Seele!« Dann wieder fort! Er eilte zur Schlucht, er stürzte die Schlucht hinab. Dornen zerrissen ihm Gesicht und Hände, Steine polterten ihm nach und fielen neben ihm in die dunkle Tiefe, in die er hinabglitt. Er kam an den Bach, aber nicht mehr fähig zu einem Sprunge, lief er ins Wasser hinein, wo er grade stand. Er geriet an eine tiefe Stelle, er fühlte, wie er den Boden unter den Füßen verlor, wie er umgerissen ward. Wütend schrie er auf, spannte alle seine Kräfte an und erreichte das jenseitige Ufer. Nun die Schlucht wieder hinauf, pfadlos, durch Dickicht, über Geröll. Dann ins Judenhaus, zum Hause Jehudas. Auch hier ein Aufschrei: »Öffnet! Öffnet! Öffnet!« Wahrend er wartete, warf er sich auf der Schwelle nieder und ruhte aus – zum erstenmal, seitdem er von der Sterbenden fortgestürzt war. Als er Schritte hörte, sprang er auf. Jehuda öffnete. »Mein Weib stirbt! Sage deinem Weibe: Josepha Cibula liege im Sterben, Nur das sage ihr. Ich muß fort.« Und noch einmal begann der gräßliche Lauf. Wenn er hinstürzen und zusammenbrechen wollte, schrie er sich selbst an: »Dein Weib stirbt!« Aber sogleich setzte er hinzu: »Sie darf nicht sterben! Nicht eher, als bis sie\ –« Aber weiter reichten seine Gedanken nicht mehr. Sogar auf den Namen des Priesters, der ihm voraus auf dem Wege zu seinem sterbenden Weibe war, konnte er sich nicht mehr besinnen. Der Morgen graute. Da holte er am See Stefan Dozana ein, der die Stola umgetan hatte und die Heiligtümer trug. Auch er war geeilt, so sehr er konnte, auch sein Gesicht war fahl, auch er hatte mit seinem mächtigen Willen den Willen des Himmels zwingen wollen: Sie darf nicht sterben! Als könnte sie ihn hören, rief Michael Cibula ihren Namen: »Josepha! Josepha!« Und noch einmal: »Josepha!« Seinem zerrütteten Geiste war es, als antwortete ihm aus der Ferne ihre Stimme: leise, ganz leise, wie ein Seufzer verklingend. Aber wenn sie ihm antworten konnte, so lebte sie noch. Sie sollte leben! Ein Schwindel ergriff ihn. Der Gedanke an die Möglichkeit, daß sie leben bleiben könnte, die Vorstellung dieses ungeheuren Glückes erstickte ihn, tötete ihn fast. Er wankte, er taumelte, Stefan Dozana faßte ihn und führte ihn ins Haus. Hier war alles still. Fünfundzwanzigstes Kapitel »Selig, die im Herrn sterben« Er scheuchte alle von der Leiche hinweg, schloß die Kammertüre und setzte sich auf eine Truhe neben dem Bette. Nun war es ihm, als seien er und die Tote die einzigen Menschen auf der Welt. Dieses einzige Menschenpaar war aus dem Paradiese vertrieben, war von dem ewigen Leben ausgeschlossen, war der ewigen Verdammnis überantwortet. Denn Michael Cibula fühlte sich auch noch im Tode eins mit seinem Weibe, er fühlte sich so sehr als ein Leib und eine Seele mit dieser Gestorbenen, daß ihm deuchte, auch er läge tot, auch er sollte begraben werden. Wer aber würde sie begraben, da nur er und sie noch auf der Welt waren, zwei einsame Tote?! Während er auf das Begräbnis wartete, kamen ihm allerlei Gedanken – Gedanken, die am Himmel und an Gottes Gerechtigkeit rüttelten. Indem sie dem Leben die Opfergabe des Weibes darbrachte, in des Weibes höchster Liebestat war sie dahingegangen, und sie sagten, daß es in die Verdammnis sei. Denn so stand es geschrieben, so ward es verkündigt, so ward es geglaubt: Wer in seinen Sünden dahinfuhr, ohne das letzte Sakrament empfangen zu haben, der konnte nicht eingehen ins Paradies. So glaubte es auch Michael Cibula, Er hatte nie einen Christen gesehen, oder von einem Christen gehört, der es nicht geglaubt hätte. Freilich wußte er, daß es Menschen gab, die es nicht glaubten; aber das waren Ungläubige, das waren Juden. In Flammen leiden\ –\ – So stand es geschrieben, so ward es verkündigt, so ward auch das von ihm geglaubt. Er war noch ein Kind, als er bereits für die armen Seelen, die in Flammen litten, beten mußte. Alle Cibula hatten in Flammen gelitten, aber nur kurze Zeit, dann waren sie eingegangen in das Paradies; denn alle Cibula waren gestorben, versehen mit dem letzten Sakrament und mit Gott versöhnt. Diese Tote war die erste seines Namens, die in ihren Sünden dahingefahren, unversöhnt mit Gott, und diese erste war sein Weib! War sie wirklich die erste? Maria Cibula, die das Weib des Juden geworden, mußte die ewige Verdammnis erleiden. Nie hatte ein Cibula für ihre Seele gebetet, nie würde ein Cibula für ihre Seele beten, in Ewigkeit war Maria Cibula verdammt! In Ewigkeit war Josepha Cibula verdammt. Aber es gab ja Gebete für die armen Seelen, es gab Messen für sie, es gab vielerlei, das die armen Seelen von Qualen erlösen konnte: es gab Hoffnung für sie! Freilich, lange würde es dauern, viele Gebete mußten gesprochen, viele Messen gelesen werden. Er wollte beten, alle sollten beten: Urs, Russka, Stefan Dozana – alle! Und wozu waren die Heiligen da? Zur Fürbitte! Und Maria, die schmerzensreiche Gottesgebärerin? »Töte sie!« hatte sie einstmals zu ihm gesagt. Es war, als stünde das Holzbild in der Kammer neben ihm, am Bette der Toten. Deutlich vernahm er die harte, gellende Stimme: »Töte sie!« Ganz laut erwiderte er: »Sieh doch hin, ich habe sie ja getötet! Nicht durch meinen Haß, meine Liebe hat es getan; aber getötet habe ich sie doch. Sieh hin! Dein Wille ist geschehen.« Und Michael Cibula sprang auf, als wollte er die Heilige der Cibula von der Toten fortjagen. Nein, nicht Maria wollte er anrufen, für seines Weibes verdammte Seele Fürbitte zu tun. Dann saß er wieder da, starrte auf das fahle, stille Gesicht, grübelte über das Mysterium des Todes und tastete mit seinen armen Begriffen an dem Ungeheuern, Unfaßlichen herum wie ein Blinder, der auf einem hohen Berge steht, nichts von der Weite um ihn her erkennen kann und nur den Stein am Wege fühlt, den er mit seinem Stabe betastet. Er grollte mit Josepha, daß sie gestorben war, ohne seinen Willen zu erfüllen, ohne gewartet zu haben, wie er ihr geboten. Etwas von seinem alten Haß gegen sie fühlte er in sich aufsteigen: so stumm, wie sie jetzt vor ihm lag, war sie zwölf Jahre lang an seiner Seite dahingegangen. Tote waren so trotzig, so stolz! Keinen Laut konnte man ihnen abbetteln, keinen Laut ihren Lippen entreißen, die im Leben überströmen konnten von Liebesworten. Ein Toter war viel stolzer, trotziger und unerbittlicher als selbst Michael Cibula. Dann ging die Sonne auf. »Josepha, du mußt aufstehen!« Als gestern die Sonne aufging, da war sie aufgestanden und hinausgetreten in den leuchtenden Tag, da war alles so gewesen, wie es nicht anders sein konnte. Wenn morgen die Sonne aufging, würde es sein, wie es heute war, heute und fortan alle Tage: Josepha stand nie wieder auf. Aber heute beschien die Sonne noch ihr Antlitz, welches sie von morgen an nie wieder bescheinen würde; heute war noch ein glücklicher Tag. Er stand auf und öffnete das Fenster. Die Sonne schien ihm so grell ins Gesicht, daß er die Augen schließen mußte. * Später wurde ihm gesagt, daß die Jüdin gekommen sei. Als er sie zum letzten Male gesehen, hatte sie neben seinem Weibe auf der Schwelle gesessen und Josepha hielt sie freundlich umfaßt. Deshalb sollte die Jüdin die einzige sein, welche die Tote anrühren durfte. Er öffnete die Tür und trat auf die Schwelle. Da waren alle versammelt und alle wichen vor seinem Anblick zurück. Stefan Dozana erhob sich und verließ leise das Zimmer. Die Tür zur nächsten Kammer stand offen. Ein neugeborenes Kind wimmerte dort und eine fremde, weiche Frauenstimme suchte es zu beschwichtigen. Michael Cibula sagte: »Die Jüdin soll zur Bäuerin kommen.« Dann ging er wieder in das Sterbezimmer. Nach einer Weile trat Dozia ein. Sie sprach kein Wort, stand ruhig da, aber Michael Cibula ward plötzlich zu Mute, als legte sich eine kühle Hand auf seine glühende Stirn. Ohne sich zu ihr zu wenden, redete er Dozia an: »Du bist zu meinem Weibe gekommen, aber sie ist schon tot. Vielleicht erweisest du der Toten den letzten Liebesdienst, obschon du eine Jüdin bist.« »In dieser Kammer bin ich keine Jüdin,« entgegnete Dozia, »sondern nur ein Weib. Den Liebesdienst, den du mich der Toten erweisen lässest, erweisest du mir.« Und wieder war es Michael Cibula, als fühlte er die weiche, kühle Hand auf seiner Stirn. Dann ließ er die Jüdin mit seinem Weibe allein. Draußen gebot er dem Gesinde: »Bedient die Frau, die in der Kammer bei der Bäuerin ist, und seid ihr in allem gehorsam. Wer das nicht will, der kann auch aufhören, mir zu gehorchen.« Er ging in seine Schnitzkammer, wo das Holzbild stand, nahm dieses, trug es hinüber in Russkas Kammer und stellte es über der Wiege auf, darin das Neugeborene lag. Es wimmerte kläglich. Michael Cibula mochte das Kind nicht ansehen, denn auf der Welt war ihm nichts so verhaßt wie dieses Kind. Nun mußte er daran denken, den Sarg zu zimmern, und ging in den Schuppen, darin er das Holz verwahrte, aus dem er die Gottesgebärerinnen schnitzte. Lange wählte er unter den Stämmen. Endlich entschied er sich für eine Esche, deren Wipfel im letzten Herbst, bald nach ihrer Ankunft im schwarzen Grunde, der Blitz zersplittert hatte. Diese Esche wollte er zu vier Brettern zersägen. Es war eine Arbeit, die er nicht allein vollbringen konnte; doch mochte er sich dabei von keinem Knechte an die Hand gehen lassen. So suchte er denn Stefan Dozana auf, den er bat, ihm die Bretter zum Sarg zerschneiden zu helfen. Schweigend folgte der Gerufene. Sie sägten den Baum in der Mitte durch, klemmten den unteren Teil des Stammes ein und schnitten die Bretter, ohne ein Wort zu sprechen. Dann ging Michael Cibula, um zum Sarge das Maß zu nehmen. Dozia war bei der Toten, die in ein Linnen gehüllt dalag. Josephas Haare waren gelöst und über sie gebreitet; die langen, lichten Strähne reichten ihr bis zu den Füßen, so daß Michael Cibulas Weib wie von Strahlen bedeckt dalag. Als er eintrat, stand Dozia auf und ging leise hinaus. Er nahm das Maß; er nahm es möglichst groß. Leise kam Dozia zurück und sagte: »Dein Weib hat sich ihr Kind geholt. Ich werde es der Mutter an die Brust legen.« »Tu das,« erwiderte er und ging hinaus. Er empfand über den Tod des Kindes eine Befriedigung, wie sie ein strenger, aber gerechter Richter über den Tod eines Mörders empfinden mag: die Vergeltung hatte den Totschläger ereilt, übrigens wußte er, daß es die Augen der Heiligen gewesen, die das Kind getötet hatten; schon am Morgen hatte er gewußt, daß das Kind sterben würde. An Josephas Lieblingsplatz im Garten trug er die Bretter: zum Felsen, wo die Stockrosen und Sonnenblumen blühten. Dort begann er den Sarg zusammenzuschlagen. Urs kam geschlichen, setzte sich auf den Stein unter den Blumen und sah dem Vater zu. Der aber kümmerte sich nicht um den Knaben, dessen Augen vom Weinen geschwollen waren, und der von Zeit zu Zeit krampfhaft aufschluchzte. Es war, als wäre das Kind eine Waise geworden. Mit jedem Hammerschlage, den Michael Cibula tat, führte er einen Schlag gegen sein Leben so daß, als der Sarg fertig gezimmert war, Michael Cibulas Leben in Stücke zertrümmert lag. Dann stellte er den Sarg mitten in die Sonne. »Das ist nun dein letztes Haus im schwarzen Grunde! Nicht Sonne noch Mond scheinen hinein, du hörst darin nicht Regen noch Wind. Still ist's in deinem letzten Hause, und über deinem Haupte liegt die schwere Erde. Als Kind spieltest du damit, später pflanztest du Blumen hinein, und nun hast du gar dein Haupt darunter gebettet: zu Erde wirst du selbst. Und in der Erde, die auf dein Haupt drückt, schlummern zugleich mit dir tausend Keime, haften tausend Wurzeln, ist tausendfältiges Leben eingesargt. Es regt sich, es sprießt hervor, es wachst und blüht! Du bleibst stille im Dunkeln. Es gönnt uns der Himmel nur für eine kurze Weile sein Licht, Aber der tote Leib in der dunkeln und stillen Erde hat es besser als die Seele, die in Sünden dahinfahrt in die Verdammnis. Es wird Abend, Josepha. Gestern um diese Zeit, da schoß ich den Geier, der über dem gefallenen Rind kreiste; den Maulwurf, der sich zu dir hingräbt, muß ich ruhig graben und wühlen lassen. Als der Hirte mir sagte, daß das Rind abgestürzt sei, meinte ich, mir könnte nichts Ärgeres geschehen. Das war gestern. Heute habe ich dir deinen Sarg zimmern müssen. Ob mir wohl noch Arges im Leben geschehen kann?« Er ging zu den weißen Rosen und pflückte davon. Es geschah zum erstenmal in seinem Leben, daß er Blumen brach; mühsam genug ging es ihm von der Hand, Hatte er einige Zweige gebrochen, so legte er sie behutsam in den Sarg, Er nahm nur solche Rosen, von denen er annehmen konnte, daß sie gestern noch nicht aufgeblüht gewesen. Als der Boden des Sarges mit Knospen bedeckt war, trug ei ihn in die Totenkammer. Ganz allein legte er Josepha hinein. Um das tote Kind kümmerte er sich nicht. Dozia blieb bei der Leiche zurück und er begab sich mit Stefan Dozana in die Halle, wo er mit dem Gesinde zu Nacht aß. Der Sitz neben ihm war leer. Fortan würde er für ihn immer leer bleiben, auch dann, wenn ein anderer dort saß. Bei jedem Löffel Milch, bei jedem Bissen Brot war es ihm, als müßte Josepha Hunger leiden. Es schmeckte ihm vortrefflich, er hätte ihr gar zu gern von dem guten Essen gegönnt. Zugleich geriet er in ein dumpfes Staunen darüber, daß er es sich schmecken lassen konnte. Doch ward ihm um vieles besser zu Mut: als würde ihm ein Kleid von Eisen abgenommen. Dem Gesinde kündigte er an, daß morgen Feiertag sei und daß sie morgen die Bäuerin begraben würden. Zu Stefan Dozana sagte er: »Es ist nun doch alles gleich! Da du ihr nicht mehr das Sakrament reichen konntest, sollst du auch nicht ihre Leiche einsegnen. Aber weil du einmal da bist, so bleibe nur. Morgen gehst du dann und nimmst ihren Buben mit und behältst ihn während des Sommers bei dir. Er ist noch immer nicht gefirmelt. Da magst du ihn einstweilen zu dir in die Christenlehre nehmen. Was kümmert's mich, daß du ein Geächteter bist.« Urs, der das mit angehört, lief zu Russka und flüsterte ihr mit wichtiger Miene zu: »Morgen wird die Mutter begraben; dann nimmt Stefan Dozana mich nach Piatra mit, dort ist Ilja Dozana, und in die Christenlehre darf ich auch gehen.« * Ganz allein hielt Michael Cibula Leichenwache. Er hatte den Sarg auf einem weißen Linnen mitten in der Kammer niedergestellt und zu Häupten der Toten eine Kerze angezündet. Der Deckel lag daneben, ebenso die Heiligtümer, die Stefan Dozana für die Sterbende mitgebracht hatte. Durch das offene Fenster schimmerten die Sterne, die kühle Nachtluft wehte herein. Große silbergraue Falter kamen, vom Lichte angezogen, in die Totenkammer geflogen. Sie schwirrten um die Flammen und um Josephas goldiges Haar; ein schöner Nachtschmetterling setzte sich auf der Gestorbenen Stirn, als wäre es eine weiße Blüte. Das Gesinde hatte aufbleiben wollen, um für die Seele der Bäuerin zu beten; aber Michael Cibula hatte alle zu Bett geschickt und dabei in dumpfer Verzweiflung die Worte wiederholt, die er am Abend zu Stefan Dozana gesagt: »Es ist nun doch alles gleich!« So waren denn nur Russka und die Jüdin wach geblieben. Michael Cibula hörte die eine in ihrer Kammer murmeln und ächzen, die andere saß in der Halle, als ob sie darauf wartete, gerufen zu werden. Der vierte aber, der in dieser Nacht kein Auge zutat, stand im Garten und sah nach dem Lichtschein, der aus dem Fenster der Totenkammer über die Blumen fiel. In der Ferne da zu stehen und auf diesen schwachen Schimmer zu blicken, war das einzige, was bei Josephas nächtlicher Totenfeier auf Stefan Dozanas Teil kam. Bis nach Mitternacht saß Michael Cibula, ohne sich zu regen, ohne seine Augen von dem stillen Antlitz zu wenden. Manchmal durchzuckte sein Gehirn der Gedanke: wenn ich sie noch lange so ansehe, muß sie bald die Augen aufschlagen. Was wird sie mir dann sagen? Daß ihre Seele im Fegfeuer sei und daß die Flammen fürchterlich brennen? Oder sie wird mir sagen, wie lange die Ewigkeit währt. Oder, daß ihr Geist ohne den Priester nicht zur Ruhe kommen kann. Was mag es sein, was Tote, wenn sie aufwachen und reden könnten, den Lebendigen sagen würden – – Ob der Mensch es anzuhören vermag, ohne dabei von Sinnen zu kommen? Da sie ihn nicht ansehen wollte, beging er etwas Grausiges. Er kniete hin und hob mit beiden Händen die beiden starren Augenlider der Toten auf. Da traf ihn Josephas letzter Blick erloschen und gespenstisch – – Gräßliches ist es, was die Blicke der Toten den Lebendigen erzählen. Michael Cibula grauste es. Er kam sich vor, als habe er Josephas Leiche geschändet; ihm schien, als wäre an seinen Händen von der Toten etwas haften geblieben: sie waren schwer und eisigkalt. Eine Weile kämpfte er mit dem Grauen; dann ging er, um Russka zu rufen. Als er den Rücken wendete, war's ihm, als stünde Josepha hinter ihm; doch schaute er nicht zurück. Dozia kam ihm entgegen. Er sagte ihr nichts, aber er kehrte sogleich um, ließ die Türe hinter sich offen und setzte sich an seinen alten Platz. Die Jüdin ging ihm leise nach und ließ sich, auf einen Schemel hinter ihm nieder. Eine Stunde und mehr verging, ohne daß eines der beiden ein Wort sprach. Plötzlich fragte Michael Cibula: »Sage, Jüdin, welchen Todes starb deine Mutter Maria, die eine Christin gewesen ist?« »Ich war noch ein Kind, da meine Mutter starb.« »Und haben deine Leute dir nie von dem Tode deiner Mutter gesprochen?« »Das haben sie.« »Nun? Nu weißt doch, daß deine Mutter von den Ihren verflucht ward?« »So sagte man mir.« »Also muß sie eines unchristlichen Todes gestorben sein.« »Wenn du damit meinst: eines jüdischen Todes, so hast du recht.« »Ich meine: sie ist eines Todes gestorben ohne Sakrament und Ölung, Sie ist ohne Vergebung und Versöhnung in ihren Sünden dahingefahren. Sie ist mit ihren Sünden in alle Ewigkeit verdammt. Nie hat ein Christ für ihre Seele gebetet, nie wurde für sie eine Messe gelesen, ihre Seele schmachtet im Fegefeuer,« »Die Seele meiner Mutter ist im Paradiese.« »Im Paradiese?! Die Seele der Verfluchten, die ohne Sakrament und Ölung gestorben, für die niemals gebetet und gebüßt worden, für die kein Heiliger Fürbitte getan\ –\ –« Aber Dozia wiederholte: »Die Seele meiner Mutter ist im Paradiese, wo jetzt die Seele deines toten Weibes ist. Beide begegnen sich und grüßen sich jetzt.« »Auch meines Weibes Seele ist ja im Fegefeuer,« murmelte Michael Cibula, ein Stöhnen erstickend. »Auch meines Weibes Seele leidet jetzt Qualen. Sie ist gestorben als eine Exkommunizierte, ohne Sakrament und Ölung, ohne Vergebung ihrer Sünden empfangen zu haben; sie ist gestorben, wie deine Mutter Mirjam starb.« »So ist sie eines seligen Todes gestorben.« Michael Cibula wendete sich jäh um und stammelte: »Wie kann die Verfluchte eines seligen Todes gestorben sein?« »Sie starb in dem Herrn, ihrem Gott, Und es steht geschrieben: Selig sind, die im Herrn sterben; denn sie sollen das ewige Leben haben.« »Wo steht das geschrieben?« »Es ist ein Wort Gottes.« »Aber was heißt das: selig im Herrn sterben?« »Sieh dein Weib an!« »Mein Weib\ – \ –« Und Michael Cibula begann am ganzen Leibe zu zittern. Dozia fuhr fort: »Kein Mensch kann schöner im Herrn sterben, als dein Weib im Herrn gestorben ist; kein Mensch kann sicherer das ewige Leben erhalten, als dein Weib es erhalten wird. Selig die Toten, denn ihnen ist das Reich Gottes. Selig, selig, selig dein Weib!« Sprachlos starrte Michael Cibula die Jüdin an. Es war nicht allein der Sinn der Worte, die ihn im Innersten der Seele erschütterten, sondern vielmehr der Ton ihrer Stimme, ihr feierliches Wesen, die ganze Hoheit der jungen Frau, die vor ihm stand, wie aus einer anderen Welt zu ihm gekommen. Endlich brachte er hervor: »Woher willst du wissen, daß mein armes Weib im Herrn gestorben ist, wie du es nennst?« Wieder sagte sie nichts als: »Sieh doch dein Weib an!« Gehorsam ihren Worten, als habe er sein Weib wirklich noch nicht angeblickt, wendete sich Michael Cibula dem Sarge zu. Da schien auf dem Gesicht der Toten ein Frieden und ein Schimmer zu ruhen, von dem er bis dahin nichts gesehen hatte. Noch stand er und betrachtete die Verklärte, als Dozia leise neben ihn trat. »Weißt du, welchen Gruß dein Weib mir geschickt hat?« »Mein Weib – dir einen Gruß?« »Durch den Priester Stefan Dozana.« »Wann hat sie dir den Gruß geschickt?« »Sie trug schon dein Kind unter dem Herzen.« »Und da ließ sie dir durch den Priester sagen\ –\ –« »Sie habe die Erlösung empfangen.« Da empfing die Erlösung auch Michael Cibula. * Bis der Morgen anbrach, beredete sich Michael Cibula an der Leiche Josephas mit der Tochter seiner Schwester Maria, Frieden nehmend und Frieden gebend. Dann ging er, holte ein Grabscheit und bedachte, wo das Grab hinkommen, wo der Kirchhof des neuen Piatra liegen sollte. Er entschied sich für eine schönen, friedlichen Platz unter dem Hügel, dort, wo derselbe jählings abfiel. Ringsum wuchsen Haselnußbüsche, Ginster und wilde Rosen. Unmittelbar am Felsen stach Michael Cibula den Rasen aus und begann eifrig zu graben. – – Das ist nun das erste Grab. Wann wird das zweite daneben kommen, und für wen wird dieses zweite gegraben werden? Wird es auch um den nächsten Toten einen solchen Jammer geben? Und wird auch dieser selig im Herrn dahingehen? Wer weiß, wie lange Josepha mutterseelenallein zwischen den Ginster- und den Haselnußbüschen liegen muß. Wenn erst auf dem Hügel eine Kirche steht und von oben die Glocken her abklingen, dann werden viele zu ihr kommen, dann ruhen viele neben ihr aus. Viel Herzeleid wird dereinst mit Herzeleid hier zur Ruhe gebracht werden, viel Jammer, wohl auch viele Sunden, viel Schuld und Ungerechtigkeit, Aber das grüne Gras wird über alle Gräber wachsen, dieselbe Sonne sie alle bescheinen, und allen Toten wird Gott dermaleinst gnädig sein. Denn das weiß ich jetzt!\ – \ – Er ruhte aus. Die Vögel ringsum sangen dem Tage entgegen, und die nicht singen konnten, zwitscherten doch. So war's denn in dem jungen Licht ein Jubilieren, als hätten die Blätter an den Bäumen Stimmen bekommen. Andächtig hörte Michael Cibula zu. Das ist ein Fink und das ein Goldhähnchen. Nun fangen die Amseln an. Das dort drüben am See ist eine Rohrdommel. Die Amsel lockt das Weibchen, jetzt antwortet dieses. Und jetzt sind beide zusammen! Gott segne euch den Tag! Da die Sonne aufging, verstummten die Vögel; es ward stiller als in der Kirche vor dem Gottesdienst. Aus den Büschen trat ein Reh, schaute dem grabenden Manne eine Weile zu, ging dann äsend zurück. Auch ein Häschen lief über den Platz, blieb stehen, machte Männchen, hüpfte weiter. In der Ferne stand Stefan Dozana und blickte sehnsüchtig herüber. Als Michael Cibula seiner ansichtig wurde, rief er ihn herbei, gab ihm schweigend das Grabscheit und ließ ihn das Grab fertig schaufeln. Er selbst setzte sich hin und sah jede Schaufel Erde, die aufgeworfen wurde, aufmerksam an. Von Zeit zu Zeit bückte er sich und las einen Stein auf oder einen Regenwurm. Als die Grube tief genug geworden, säuberte Stefan Dozana den Grund und Michael Cibula bedeckte ihn mit Gras und Blättern. Darauf traten sie schweigend den Rückweg an. Eine Stunde später wurde Josepha begraben. In der Nacht zogen von allen Seiten Gewitter auf; grade über dem Tale stießen die Wolken zusammen und entluden sich. Es war, als stände der Himmel in Flammen, als stürzten die Berge ein. rechts und links, dicht neben ihm in den Boden. Michael Cibula lag in tiefem Schlafe, daraus er erst erwachte, als auf dem Hügel in einen Baum der Blitz einschlug. Das Gesinde war aufgestanden, und saß jammernd und laut betend zusammen. Stefan Dozana und Dozia waren bereits fortgegangen. Michael Cibulas erster Gedanke war: Wie würde Josepha sich jetzt fürchten! Gut, daß sie nichts von dem Unwetter hört. Dann ging er hinaus. Der Baum auf dem Hügel stand in vollen Flammen. Die Knechte kamen mit Äxten, um ihn umzuhauen. Der Felsen unter Michael Cibula bebte, die Blitze kreuzten sich und schlugen rechts und links, dicht neben ihm, in den Boden. Der Baum brannte vom Fuß bis zum Wipfel, eine mächtige und prächtige Feuersäule! Sie lohte dicht am Abgrund empor, unmittelbar über dem frischen Grabe. Doch da kein Sturm war und der nächste Baum weit entfernt stand, schickte Michael Cibula die Knechte wieder fort. Er blieb droben. Sobald es möglich war, sich dem brennenden Baume zu nähern, hieb er mit der Axt den Stamm tief ein, und zwar auf der Seite nach dem Berge zu, damit er beim Stürzen nicht auf das Grab fallen konnte. Es war der letzte Liebesdienst, den er seinem toten Weibe zu erweisen vermochte. Plötzlich begann der Regen zu strömen. Nun wird sie naß, dachte er und lief hinab zum Grabe. Da stand er und hätte, um die Stätte gegen den Regen zu schützen, sich am liebsten darüber hingeworfen. Ein namenloses Mitleid mit dem armen, hilflosen Grabe ergriff ihn. Er brach in Tränen aus. Sechsundzwanzigstes Kapitel Aus heißer Liebe und aus heißem Hasse Zunächst bestellte Michael Cibula seinen Acker, den anderen Teil des Herbstes brachte er auf dem Gebirge zu. Den Hirten, der ihm das beste Stück seiner Herde hatte verunglücken lassen, sandte er hinab ins Tal und versah selbst dessen Arbeit. Zwischen Felsen und Gletschern hausend, wandte er sich von neuem der Welt und dem Leben zu; in der erhabenen Öde der Alpenwelt seine Tage verbringend, bereitete sich sein Geist auf das vor, was er aus heißer Liebe und aus heißem Hasse zu tun gedachte. In der ungeheuren Einsamkeit, die ihn der Erde entrückte und dem Himmel näher brachte, kam er zu der Erkenntnis, daß sein Vorhaben, das er im Sinne trug, gut sei. So lange es die Witterung ohne Schädigung für das Vieh zuließ, blieb er droben; als jedoch der erste Schnee fiel, trieb er ab. In seiner gewöhnlichen Weise sah er nach dem Hausstand und der Wirtschaft, legte noch einige neue Äcker an und freute sich über den kräftigen Saatenstand auf seinem ersten und geliebtesten Felde. Als Winterarbeit trug er seinen Knechten auf, ein Stück Waldung zu roden und die Bäume an den See zu schaffen; auch die Mägde mußten helfen. Verwundert fragte sich das Gesinde, was der Bauer im Frühling zu bauen gedächte. Denn die Stämme waren das herrlichste Holz und ihrer so viele, daß aus dem geschlagenen Wald ein halbes Dorf aufgerichtet werden konnte. Neben dem neuen Hause stand aber bereits nicht nur ein großer Stall, sondern noch ein zweites Gebäude, zur Bergung des Heues und der Feldfrüchte bestimmt. Auch Michael Cibula fällte Bäume. Aber er tat die Arbeit nicht mit den anderen zusammen, sondern erkor sich für den Winter den Hügel zum Arbeitsplatz: auf dem Hügel fällte er die Eschen. Da die Bauern die schönen Bäume für den Bau seines Hauses hatten umhauen wollen, hatte er sich diesem Vorhaben mit Heftigkeit widersetzt; nun tat er es selbst, und niemand durfte ihm helfen. Bereits gegen Weihnachten war ein großer Platz freigelegt. Zu beiden Seiten desselben ließ Michael Cibula einige der ältesten und schönsten Eschen stehen; alle anderen jedoch fielen unter seiner Axt. Als er damit fertig war, machte er sich daran, den Gipfel des Hügels zu ebnen. Die langen Winterabende verbrachte er einsam in seiner Schnitzkammer. Wieder erschuf er nach dem Bilde der Heiligen seiner Familie die Gottesgebärerin, und wieder wurde, wie in früheren Tagen, das Abbild dem Urbilde gleich, so daß der Künstler hoffen durfte, seine Kunst nicht verloren zu haben. Dennoch war er nicht zufrieden damit. Immer von neuem gestaltete er das Antlitz der Göttin, immer von neuem war er bemüht, in Formen auszudrücken, was er als leuchtendes Bildnis in der Seele trug. Doch so oft er auch die holdseligen verklärten Züge in seinem Holze zu bannen versuchte, immer wieder entglitten sie ihm. Jeden Abend saß er bis spät in die Nacht hinein auf, zuletzt wie im Fieber, mit Angstschweiß auf der Stirn an seinem Werk gestaltend. Glaubte er endlich: jetzt hast du es gefaßt, jetzt ist es dir gelungen! so schaute er plötzlich wieder in die bekannten starren Züge, so blickten ihn plötzlich wieder die bösen Augen an – so hörte er wieder die alte, harte, gellende Stimme reden. Das Holzbild sprach: »Da bist du ja, Michael Cibula! Wolltest du fort von mir?« Michael Cibula antwortete: »Ich wollte nicht fort von dir, sondern nur von deinen Augen.« Das Holzbild höhnte: »Es sind die Augen, die mir deine Väter gegeben haben. Seit wann ist einem Bauern von Piatra und einem Cibula nicht recht, was von seinen Vätern stammt?« Darauf erwiderte Michael Cibula demütig: »Meine Schuld gegen dich mag groß sein; aber bedenke: deine Augen haben Josephas Kind getötet und mir auch sonst viel Übles angetan.« Sagte die Heilige: »Undankbar sind die Menschen! Die Sünde ihrer eigenen Gedanken geben sie dem Himmel schuld.« Aber Michael Cibula fragte: »Ist es nicht der Himmel, der dem Menschen seine Gedanken gibt? Was kann der Mensch für seine Augen und Sinne – was kann der Mensch für seine Gedanken?« Da zürnte die Heilige der Cibula. »So soll der Himmel Schuld sein an eurer Sünde! Wißt ihr nicht, daß der Himmel euch eurer sündigen Gedanken willen verdammt?« Das mußte Michael Cibula zugeben, doch meinte er: »Gegeben werden sie uns darum doch. Wir können nichts dafür und nichts dagegen tun. Aus demselben Grunde verdienen wir auch kein Lob und keinen Lohn, wenn unsere Gedanken gut sind. Aber was willst du, daß ich tun soll, um dich wieder zu versöhnen? Denn ich möchte gern Frieden haben mit dir und mit allen.« Es forderte die Heilige von ihm: »Gelobe mir deinen Sohn zu eigen.« Michael Cibula erschrak heftig. Obgleich er wohl wußte, was das Bildnis meinte – denn er trug sich seit einiger Zeit mit demselben Gedanken – fragte er doch: »Wie meinst du das?« »Gelobe deinen Sohn der Kirche.« »Aber es ist in Piatra nicht Brauch, daß ein Cibula Priester wird,« wendete Michael Cibula ein. »Gib mir deinen Sohn,« beharrte das Holzbild bei seiner Forderung. »Es ist noch ein Knabe,« stammelte Michael Cibula, von Mitleid ergriffen. »Gedenke Abrahams!« mahnte das Bildnis. »Gott forderte von Abraham das Opfer seines Sohnes, und Abraham nahm den Knaben, band ihn und zückte das Messer nach ihm.« »Aber Gott gab Abraham für seinen Sohn den Widder,« rief Cibula aus. »Was gibst du mir für den Knaben?« »Die Vergebung deiner Sünden.« »Die begehre ich nicht.« »Die ewige Seligkeit.« »Die begehre ich nicht.« Da geriet das Holzbild in Zorn: »Dann den Lohn deiner Taten.« »Den begehre ich mir!« Er wurde gemahnt: »Du hast mir schon damals deinen Sohn versprochen, als du ungehorsam warst und dem Bischof nicht halfst, die Juden zu vertreiben. Auch ohne deinen Willen ist dein Sohn mein und soll nach meinem Willen Taten vollbringen.« »Was willst du den Knaben tun lassen?« »Ernten soll er, was du gesät hast.« »Ich habe mit Maria Cibulas Stamm Frieden geschlossen.« »Was geht das mich an? Denke daran, daß die Bauern von Piatra noch den Unfrieden haben.« »Darum will ich ja tun, was mir im Sinn liegt.« »Tu, was du willst. Die Acht kannst du von den Bauern von Piatra doch nicht nehmen.« »Das ist wahr.« »Es müßte denn sein, daß sie dem Bischof sich beugen.« »Das sollen sie nicht!« »Und sich ihrer Rechte und Freiheiten begeben.« »Das sollen sie nicht!« »Gibst du mir deinen Sohn?« »Wird dann die Acht von Piatra genommen werden, ohne daß Piatra seine Rechte und Freiheiten verliert?« »Ja.« Darauf spann Michael Cibula den ihm gegebenen Gedanken zu einem langen Faden aus und wirkte den Faden zu einem festen Gewebe. Und er hielt es für ein Kleid der Gottheit, gläubig und im Innersten überzeugt: nun habe er gefunden, womit er den Bischof versöhnen könne, ohne daß sich die Bauern von Piatra ihm beugten; nun habe er gefunden, wodurch der Bann von Piatra genommen werden würde, ohne Piatra in seinen ewigen Rechten und Freiheiten zu schädigen. An seinen Knaben und seinen eigenen Gehorsam gegen Gott die Fäden knüpfend, schnitt er das Gewebe ab; Piatras Glück und Piatras Frieden aber waren der Einschlag auf seinem Webstuhl gewesen. Nachdem er solcher Art das Opfer bei sich beschlossen hatte, teilte er sein Vorhaben der Heiligen mit: »Dein Wille geschehe. Aber du mußt vorher einen Pakt mit mir schließen. Damit das Opfer meines Knaben Gutes bewirke und Segen trage, erweise dich bei dem Bischof tätig. Denn nur, wenn Bischof Mauricius von Piatra die Acht nimmt, auch Stefan Dozana wieder als Priester einsetzt – nur dann gelobe ich meinen Knaben dir und der Kirche.« Und das Holzbild nickte: »Ich werde bei dem Bischof dafür wirken und tätig sein: ist doch dein Sohn der junge Christ, welcher den Judenknaben gesteinigt. Dessen soll der Bischof, wenn du ihm den Knaben bringst, eingedenk sein.« Das alles vernahm Michael Cibula in seiner Seele. Nachdem sein Gemüt mit allem fertig geworden, wartete er nur noch auf das Frühjahr, um alles zur rechten Zeit vollbringen zu können. Im März ging er einmal nach Piatra, daselbst seinen Sohn zu sehen und eine Unterredung mit Stefan Dozana zu haben. Den Knaben kannte er kaum wieder, so blühten seine Wangen, so blitzten seine Augen, so hell klang seine Stimme. Jede Gebärde, jede Bewegung war voller Jugendkraft und Lebenslust. Er war in dem halben Jahre mächtig gewachsen und versprach, nicht minder stattlich zu werden wie sein Vater. Alles Finstere war aus des Knaben Wesen gewichen, als wäre es niemals darin gewesen. Es war ein schönes, frohes, glückliches Menschenkind. Und neben seinem Sohne sah Michael Cibula Ilja, bereits kein Kind mehr; Stefan Dozana zeigte seinem Besuche die beiden mit einem Lächeln: »Sie haben sich lieb.« Das Wort fuhr wie ein Schlag in Michael Cibulas Seele. Mit Stefan Dozana hatte er folgendes Gespräch: »Wie steht es sonst hier? Du kennst den Sinn der Bauern von Piatra, beharren sie in ihrer Meinung über den schwarzen Grund?« »Sie erkennen, daß ihr Aberglauben töricht und daß der schwarze Grund ein gesegnetes Tal ist.« In Michael Cibulas Gesicht leuchtete es auf; leidenschaftlich rief er: »Und sie wollen dennoch nicht meinem Beispiele folgen?« Bedächtig erklärte Stefan Dozana: »Dieser oder jener mag darunter sein, der es wohl möchte; aber keiner von ihnen spricht es aus, oder wird es jemals aussprechen. Du kennst ihre harten Köpfe.« »Starrköpfe sind's!« murrte Michael Cibula. Stefan Dozana zuckte die Achseln. »Und du meinst, daß es gänzlich unnütz sei, zu ihnen zu reden?« forschte der andere. »Gänzlich unnütz!« »Es ist wahr: sie können nicht lassen von ihrem Dorf, aber\ –« Stefan Dozana unterbrach ihn; er gestand: »Und vor allem können sie nicht von ihrer Kirche lassen.« »Von der neuen?« »Von der alten haben sie längst gelassen.« »Nicht lassen von dem, was ihr Unglück verschuldet!« rief Michael Cibula außer sich. »Vielleicht grade deswegen halten sie so fest daran,« sagte Stefan Dozana düster. »Das, worum wir am meisten leiden müssen, lieben wir am meisten. Die Bauern von Piatra hängen an dem neuen Gotteshaus wie an Weib und Kind, die Bäuerinnen wie an ihrer Seligkeit.« »So muß man sie von Weib und Kind, so muß man sie von der Seligkeit losreißen!« Und er ging, ohne sich aufhalten zu lassen, Zoll für Zoll der alte, wilde, unbändige Cibula, heiß in der Liebe, und heiß im Hasse. Schon nach drei Wochen kam er wieder zu Stefan Dozana. »Höre,« sagte er zu diesem, »höre, ich habe einen Traum gehabt, drei Nächte hintereinander ein und denselben Traum. Josepha kam zu mir und gebot mir: ich sollte zu dir gehen und dich auffordern, die Heiligtümer aus der neuen Kirche in dein Haus überzuführen, denn in der neuen Kirche drohe ihnen Verderben. Tu, was der Geist meines Weibes dir befohlen hat. Du weißt, den Toten muß man gehorchen.« Stefan Dozana dachte: Wenn Josepha etwas von mir will, so hätte sie es mir wohl selbst sagen können. Und er beneidete Michael Cibula um die Erscheinung. Als es Abend geworden, begaben sich beide nach der Kirche, die Heiligtümer zu holen. Viele Weiber begegneten ihnen, hoch mit Linnen beladen, welches sie hinunter in die Schlucht trugen, um es in dem Bach zu waschen. Darin blieb es die Nacht über liegen. Am anderen Morgen begann dann das große Waschfest in Piatra, das drei Tage währte und jeden Frühling und Herbst zur bestimmten Zeit abgehalten wurde. Mochte die Witterung noch so ungünstig sein, gewaschen wurde in Piatra in jenen Tagen. Michael Cibula schaute voll Teilnahme auf das rege Treiben des Völkchens. Manche der Frauen redete er an, ob sie auch alle ihre Wäsche hinunter an den Bach getragen hätten? Aber er fragte nur die Ärmeren und schien durch die bejahenden Antworten, die er von allen Seiten erhielt, höchlich befriedigt. Einmal sagte er zu Stefan Dozana: »Das wird eine wilde Nacht werden. Schau die Windwolken am Himmel!« »Frühlingswind!« meinte Stefan Dozana gleichmütig. »Die ganze letzte Woche hat es hier jede Nacht gestürmt.« »Im schwarzen Grunde ist es bereits so warm, daß man die Nächte im Freien zubringen könnte,« rühmte Michael Cibula seine neue Heimat. »Das kann hier jetzt kaum das Vieh.« »Aber das Vieh weidet doch schon im Walde?« »Bereits seit drei Tagen,« erwiderte Stefan Dozana. »Sind Kranke oder Bettlägerige im Dorfe?« erkundigte sich Michael Cibula. »Nur Helja Scarpa, die Unsinnige.« »Lebt die immer noch?« »Sie weiß nicht viel davon.« »Dann mag es gehen. – Sollte einmal bei solchem Winde Feuer auskommen, so bleibt in Piatra kein Haus stehen.« »Das könnte leicht sein.« Sie kamen zur Kirche, die Michael Cibula erst ein einzigesmal betreten hatte; damals, als ihr Inneres vollendet war. In der Dämmerung glichen die hohen Wölbungen mit ihrem Gold- und Silberschmucke einem schier unirdischen Raume. Michael Cibula war es, als beträte er den Vorraum des Paradieses. Schauer überliefen ihn, kaum, daß er vorwärts zu schreiten wagte. Über dem Hochaltar strahlte unter der Kuppel das Kreuz. Das Zwielicht umhüllte die mächtige Sonne wie mit Schleiern, die Engel gewannen bei dem fahlen Schein gespenstisches Leben. Stefan Dozana beugte vor dem Hochaltare seine Knie; aber Michael Cibula, obgleich Grausen ihn beinahe übermannte, stand aufrecht da. Sodann nahm Stefan Dozana die höchsten Heiligtümer aus ihrem verschlossenen Schrein und schickte sich an, die Kirche wieder zu verlassen. Aber Michael Cibula stand noch immer auf demselben Fleck, so daß der andere ihn laut anrufen mußte. Mit einem tiefen Seufzen wandte er sich ab und folgte dem Priester. Draußen vor der Türe blieb er stehen. »Solltest du die Kirche nicht schließen?« sagte er, halb fragend, halb auffordernd, mit einem unsicheren Blick. »In Piatra ist es Brauch, daß die Kirche auch bei Nacht offen bleibt. Weißt du das nicht mehr?« »Freilich,« murmelte Michael Cibula, »freilich«. Damit niemand erkennen konnte, was er aus der Kirche forttrug, hatte Stefan Dozana die Heiligtümer mit einem Tuche bedeckt. Unbeachtet kamen sie bis an sein Haus; doch Michael Cibula wollte nicht eintreten. »Willst du in der Nacht in den schwarzen Grund zurück?« »Ich bleibe die Nacht hier.« »So schlafe doch bei mir.« »Ich will diese Nacht in meinem Hause schlafen.« »Aber so iß wenigstens mit uns.« »Ich habe mir heute einen Fasttag auferlegt. – – – Gute Nacht.« »Gute Nacht.« Stefan Dozana trat ins Haus und Michael Cibula begab sich in die alte Kirche. Hier betete er, wie er sein Lebtag nicht gebetet hatte. * Es mochte gegen Mitternacht sein, als Michael Cibula sich von den Knien erhob. Erst jetzt vernahm er, wie der Sturm um die Kirche fuhr, ein echter Verrös- Frühlingssturm! Die Schlucht aufwärts brauste er einher, der alte Balkenbau zitterte und ächzte unter den wütenden Umarmungen der Windsbraut, durch die blinden, in Blei gefaßten Fenster sah Michael Cibula den jungen Mond hinter dem Felsengebirge versinken; noch stand das Himmelslicht, ein blutroter Streifen, gleich einem Flammensignal über dem schwarzen Gipfel des Kryvan, im nächsten Augenblick war es erloschen. Bei dem Schimmer des ewigen Lämpchens sah sich Michael Cibula in der Halle um. Nur weniges Gerät war darinnen: die Kirchenstühle, darauf die Väter gekniet, darauf sie kniend die Monstranz gegrüßt und in Demut und im Glauben die Verkündigungen Gottes empfangen; die Beichtstühle, deren braunes und morsches Holz alle die Bekenntnisse und Seufzer der Väter vernommen; das Taufbecken, aus dem sich das Christentum auf ihre Stirnen ergossen; das Weihwasserbecken, darein Michael Cibula schon als ganz kleines Kind seine Hand getaucht – so tief er sie hineinstecken konnte! Das alte Madonnenbild, der Altar, die Kanzel – – diese letzteren heiligen Geräte ließen sich nur gewaltsam entfernen. Da hing auch das Bärenfell, Stefan Dozanas Bärenfell, von dem noch die Kinder erzählen sollten. Wenn er in seinem Hause noch eine Stunde schlafen wollte, konnte er sich das Bärenfell mitnehmen; denn dort fand er nur die nackte, harte Diele. Also nahm er das Fell herab. Langsam schritt er durch das schlafende Dorf; nirgends sah er Licht. Der Wind war so stark geworden, daß er dagegen ankämpfen mußte. Doch da der Sturm von der neuen Kirche herkam, würde man – für den Fall, daß in solcher Nacht in Piatra Sturm geläutet werden mußte – das Glockengeläut im Dorfe deutlich vernehmen können. Auch hatte die neue Glocke einen harten, gellenden Ton. Das war gut. Jetzt kam er zu seinem Hause; er zog den Schlüssel aus der Tasche. – – Schlüssel und Schloß mußten ganz verrostet sein. Es deuchte Michael Cibula ein Menschenleben her zu sein, daß das alte Haus der Cibula so tot dastand. Merkwürdigerweise vermochte er ziemlich leicht zu öffnen; eine schwere, schwüle Luft schlug ihm entgegen. Als er in die große Kammer trat, hätte er beinahe laut nach Josepha gerufen. Aber zum Schlafen war's nun doch nicht mehr Zeit. Auch hätte der Wind sich wenden können, und das wäre schlimm gewesen. Das Bärenfell hatte er im Garten gelassen, möglichst weit vom Hause. Er ging im Dunkeln durch alle Räume; in jedem Gelasse hielt er sich eine Weile auf, am längsten in Josephas Flachskammer. Dann begab er sich hinauf unter das Dach, wo noch von früher her das Werg aufgeschüttet lag; als man ausgezogen war, hatte man das nutzlose Zeug dagelassen. Er stieß eine der Dachluken auf. Wind fuhr ihm ins Gesicht, Sternenschein leuchtete ihm entgegen. Nun begann er aus Werg ein langes Seil zu flechten, mit dem er einen großen Haufen des weichen Materials umschnürte. Das getan, riß er vom Dach die Schindeln ab, bis eine Öffnung entstanden war, groß genug, um das Bündel hindurchzwängen und auf die Gasse hinab werfen zu können. Darauf entfernte er sich; aber das Haus schloß er hinter sich nicht wieder zu. Schwer beladen mit dem Packen Werg machte er sich auf den Weg. Da es in Piatra nicht Brauch war, im Dorfe Nachtwache zu halten, sah ihn niemand. Vor der alten Kirche legte er seine Last nieder, ging hinein und schickte sich an, sämtliche Gerätschaften hinauszutragen. Den morschen Altar und die Kanzel brach er in Teile auseinander. Er trug und schleppte, daß ihm der Schweiß über das Gesicht rann. Nach einer halben Stunde stand alles mitten auf dem Platz zusammengehäuft, obenauf das uralte Holzbild der Himmelskönigin. Jetzt nahm Michael Cibula das Werg wieder auf, überzeugte sich, daß er Zunder und Stahl bei sich führte, und ging weiter – zur neuen Kirche, in die Kirche hinein. Hier legte er sein Bündel nieder, schlug Feuer, zündete eine der Altarkerzen an und suchte sich in dem ihm unbekannten Raume zurecht zu finden. Durch die Sakristei begab er sich hinauf in den Turm und von diesem durch eine Öffnung unter das Kirchendach. Dieses war nur mit Schindeln gedeckt und darunter lag der ganze Dachstuhl aus Holz frei da. Es konnte also so vor sich gehen, wie Michael Cibula es sich ausgedacht hatte. Er schaffte das Werg hinauf, öffnete den Bund, teilte ihn in vier Haufen, die er in die vier Ecken des Dachstuhls trug. Das getan, nahm er die Kerze und steckte jeden der Haufen in Brand. Er blieb droben, bis der Qualm ihn zu ersticken drohte, bis die Flammen ihm ins Gesicht schlugen. * Dieses Getöse und Getön war nicht Sturm! Wer läutete über dem exkommunizierten, schlafenden Piatra die Glocke der neuen Kirche? Zu welchem Hochamt rief sie das Volk der Geächteten in der Stille der Nacht? Sie fuhren empor – – Was für ein wildes Morgenrot lohte auf über Piatra? Flammenschein! »Feuer! Feuer! Feuer!« Wen die harten, gellenden Glockentöne nicht weckten, der erwachte bei dem furchtbaren Ruf, der mächtiger war als Sturm und Geläute. Jetzt ward auch die Glocke der alten Kirche gezogen. Noch einmal rief sie die Bauern von Piatra an, Leben und Habe zu retten und dann ihr Dorf in Flammen auflodern zu sehen. Sie stürzten auf die Gasse. Da leuchtete es ihnen entgegen: über ihrer neuen Kirche eine gewaltige, feurige Krone. Piatras neue Kirche brannte! Ein Wehgeschrei gellte auf, als würde Piatras Glück von Flammen verzehrt. Alle eilten hin, vergaßen ihrer Häuser, ihrer Habe, vergaßen der Ihren, um Piatras neue Kirche vor dem Flammentode zu retten. Aber schon war die Decke zusammengebrochen, schon war das Innere eine einzige Feuersflut. Sie wollten sich hinein werfen. Da hörte das Geläut über ihnen auf, da drängte sich ihnen einer entgegen mit geschwärztem Gesicht, mit versengtem Haar und versengten Kleidern, eine schreckliche Gestalt. Michael Cibula! Er wies die Bauern von Piatra aus ihrer brennenden Kirche zurück, nach ihren Häusern hin; denn schon nahm der Sturm die prasselnden, flatternden Flammen, schwang sich sausend mit ihnen in die Lüfte, riß sie dahin, zündete überall Fackeln an, trug die zischenden, sprühenden Feuergarben von Dach zu Dach, spielte mit ihnen Ball, streute über Piatra brennende Blumen aus, schmückte jedes Haus mit gelben und roten lodernden Gewinden. Michael Cibulas mächtigem Geiste und mächtigen Worten gehorsam, retteten die Bauern, was sich retten ließ. Wo die Flamme am höchsten aufstieg, war sie für die Waldleute das Zeichen: dort war Michael Cibula zu finden! Dort war auch Stefan Dozana. Vom Kryvan den alten Weg über die Schlucht kamen die Juden zu Hilfe; aber die Christen wehrten ihnen. Untätig mußten sie dem ungeheuren Brande zuschauen; keine menschliche Macht vermochte der Zerstörung Einhalt zu tun. Es war, als wäre das Feuer eine wilde Bestie, welche sich in unersättlicher Gier heulend auf ihre Beute stürzte; als wären die tosenden Flammen Christen, welche, rasend geworden, über Juden herfielen, nicht ruhend, bis sie das Herz ihrer Feinde zerfleischt. Wie ein von Haß und Rache beseelter Dämon wälzte sich das wütende Element über Piatra. Als bräche ein Feuerstrom aus dem Felsen, flutete es über die Klippen hinweg, in den Abgrund hinab. Bald brannten unterhalb Piatras die Bäume der Schlucht, bald brannte oberhalb Piatras der Wald. Ringsum erglühte das Felsengebirge im Widerschein. Über den Kryvan breitete es sich wie ein Königsmantel, eine Gloriole umfloß die Judenstadt. Der Sturm peitschte die Flammen. Er schlug in die Feuerflut, daß sie sich aufbäumte, daß sie in Wirbeln durch die Lüfte kreiste. Element kämpfte mit dem Element. Voller Ingrimm standen die Waldleute und schauten dem wilden Schauspiele zu. Beinahe all ihr Hab und Gut war gerettet. Aber was kümmerte sie Hab und Gut! Wer gab ihnen ihre Häuser wieder, ihre alten, von den Vätern gebauten Häuser! Doch mochten auch ihre Häuser in Flammen aufgehen – wer baute ihnen ihre Kirche wieder auf?! Da lag gerettet vor der alten Kirche beinahe jedes Gerät; doch von der neuen Kirche war kein einziges Stück den Flammen entrissen worden. So hätten sie denn die alten Heiligtümer am liebsten selbst in die Flammen geworfen. Plötzlich kam eine Bewegung in die stumpfe Menge. Ein Mensch war am Verbrennen! Wer? – Ein Weib. – Wer? Wer? – Helja Scarpa! – Die Unsinnige! – Laßt sie umkommen! – Nein! Rettet sie! – Wer wird um Helja Scarpa sein Leben wagen? Um ein unsinniges Weib! Einer wagte es: Michael Cibula. Sie wollten ihn mit Gewalt zurückhalten; denn das Haus stand in vollen Flammen und mußte jeden Augenblick zusammenstürzen. Doch er wollte mit Gewalt hinein. Da hielt Stefan Dozana ihn fest. Sie rangen miteinander, ein Kampf war's wie um Leben und Tod; aber den Bären hatte Stefan Dozana bezwungen, Michael Cibula bezwang er nicht. Und Michael Cibula stürzte in das brennende Haus, Qualm wirbelte auf\ – \ – Siebenundzwanzigstes Kapitel Michael Cibulas letzte Rede Dann ging die Sonne auf; aber das von den Römern gegründete Piatra beschien sie nicht mehr. Über der Trümmerstätte lag eine schwere, schwarze Dampfwolke. Wie der Rauch eines ungeheuern Brandopfers stieg es empor, schwebte es dem aufsteigenden Himmelslicht entgegen. Der Sturm war zu einem säuselnden Lüftchen geworden; es spielte und tändelte mit den aufzuckenden Gluten. Noch brannte der Wald – die Waldleute ließen ihn brennen. Eine fahle Lohe wälzte sich den Berg hinan, höher und höher. Sie trieb die flüchtenden Tiere der Wildnis vor sich her; aber die Vögel sanken in Scharen, mit versengten Flügeln, erstickt in die Flammen. Die wilden Verröswände standen da, vom Feuer umspült gleich dem Brünhildenfels. Durch die qualmenden Schutthaufen zogen die Bauern von Piatra: Männer, Weiber, Kinder. Sie trugen auf einer Bahre den sterbenden Michael Cibula. Aber Helja Scarpa, das unsinnige Weib, das vom Leben nicht viel wußte, war gerettet worden. Sie trugen ihn auf den Platz vor der alten Kirche. Bei den Trümmern des Gemeindehauses ließ er sich niederlegen. Schweigend umdrängten die Waldleute ihren sterbenden Sohn. Der Jammer um den Tod dieses einen hatte ihre wilde Klage um den Untergang Piatras stumm gemacht. Es traten die Häupter der Waldleute zu Stefan Dozana, von diesem Geächteten fordernd, dem anderen Geächteten das Sakrament zu geben: was in Piatra seit Jahren keinem Sterblichen zu teil geworden, das sollte diesem einen zu teil werden! Die Bauern von Piatra wollten nicht, daß ihr größter Sohn eines unchristlichen Todes verbliche. Stefan Dozana tat die Stola um und nahm das Heiligtum. Aber Michael Cibula winkte, ihn aufzurichten, und deutete an, daß er reden wollte. Doch war's, als wäre auch seine Stimme verbrannt; nur ein Röcheln drang aus seiner zerquetschten Brust. Sie schafften Wasser herbei, das Stefan Dozana auf das Drängen der Weiber mit der Monstranz berührte. Von dem geweihten Trank flößten sie Michael Cibula ein. Stefan Dozana kniete neben ihm. Nach einer Weile konnte der Sterbende seinem alten Feinde zuröcheln: »Tue alles Priesterliche ab von dir.« Stefan Dozana gehorchte. Dann sprach Michael Cibula weiter: »Jetzt frage sie, wer nach ihrem Glauben die neue Kirche in Brand gesteckt hat?« Stefan Dozana warf einen Blick namenlosen Entsetzens auf ihn und blieb stumm. Heftig winkte ihm der Sterbende, zu reden; Stefan Dozana sagte also: »Er läßt euch fragen, von wem ihr meint, daß Piatra in Brand gesteckt worden sei?« Doch Michael Cibula war damit nicht zufrieden. Stefan Dozana mußte sich von neuem zu ihm herabbeugen: »Die Kirche!« raunte er ihm zu. »Die neue Kirche in Brand gesteckt; nicht Piatra. Sag's ihnen!« Da schrien alle auf: »Die Juden!« Als die Juden, die sich noch auf der Brandstätte befanden, das vernahmen, flohen sie. Denn sie meinten nicht anders, als daß man sie töten würde. »Sag ihnen: ich sei's gewesen.« Aber Stefan Dozana wollte es nicht sagen. Mit fahlem Gesicht stand er da und ließ sie schreien: »Die Juden! Die Juden!« Immer wilder, immer wütender wurde das Rufen. Einige schickten sich an, die fliehenden Juden zu verfolgen. Auch das ließ Stefan Dozana geschehen. Da geschah etwas Furchtbares. Wer es sah, verstummte in seinem Rachegeschrei und wich voller Entsetzen zurück. Michael Cibula hatte sich in die Höhe gerichtet, stand aufrecht da, mit seinen versengten Haaren und Kleidern eine kaum menschliche Gestalt; und kaum menschlich klang die Stimme, mit der er in das Todesschweigen hineinrief: »Ich habe die Kirche in Brand gesteckt!« Und noch einmal: »Ich war's, ich!« Dann brach er wieder zusammen. Stefan Dozana schrie den Bauern zu: »Er ist unsinnig geworden!« Aber sie sahen es an des Sterbenden Blicken, alle sahen es: es war so, wie Michael Cibula gesagt hatte. Sie standen um ihn her, als hätten sie erfahren, daß ihre neue Kirche von den Heiligen in Brand gesteckt worden sei. Stefan Dozana nahm den Krug mit dem geweihten Wasser, um Michael Cibula zu trinken zu reichen. Einen Augenblick war's, als wollten sie ihrem Priester das Gefäß aus den Händen reißen; doch dann ließen sie es geschehen, daß dem Sterbenden das geweihte Wasser eingeflößt wurde. Michael Cibula flüsterte Stefan Dozana zu: »Sage ihnen, warum ich's getan: Damit sie von ihrem Dorfe lassen, damit sie in den schwarzen Grund übersiedeln, damit sie ihren Frieden wiedergewinnen.« Stefan Dozana sagte es ihnen; aber sie veränderten keine Miene, nur die Weiber schrien wild auf. »Jetzt frage sie: Ob sie das neue Piatra im schwarzen Grunde wieder aufbauen wollen?« Und da Stefan Dozana flehend, beschwörend die Hände erhob, mit einer gebieterischen Gebärde noch einmal: »Frage sie!« Laut rief Stefan Dozana: »Michael Cibula läßt euch fragen, ob ihr das neue Piatra im schwarzen Grunde wieder aufbauen wollt? Bedenkt: um Piatras Glück und Frieden willen hat er Piatra in Brand gesteckt, hat er seine Seele mit einer solchen Sünde belastet. Euch konnte zu Glück und Frieden nur dann verholfen werden, wenn ihr Piatra aufgabt und wo anders das Glück und den Frieden suchtet, die euch hier verloren gegangen. Und da ihr freiwillig dazu nicht zu bewegen wart, mußtet ihr zu eurem Glück und zu eurem Frieden gezwungen werden. Und so: um seiner Liebe willen, nahm er die Sünde auf sich. Wie groß muß seine Liebe zu euch und Piatra sein, daß er darum zum Brandstifter ward! Seht doch: er stirbt an seiner Liebe zu Piatra! Um eures Glückes und eures Friedens willen stirbt Michael Cibula.« Doch die Bauern standen um den Sterbenden schweigend, mit finsteren Blicken. Eine Empfindung, schrecklicher als Todesqual, verzerrte Michael Cibulas Züge, sprach aus seinen Augen zu den Bauern: eine Erwartung, Angst und Bitte, für welche die Sprache keinen Ausdruck hat. Aber jetzt richtete sich Stefan Dozana auf. Mit einer Stimme, wie solche die Gemeinde der Waldleute niemals von ihrem Priester gehört, donnerte er ihnen zu: »Habt ihr nicht gehört? Um eures Glückes und eures Friedens willen liegt Michael Cibula als Sterbender vor euch! Um eures Glückes und eures Friedens willen, die ihr hier verloren habt, gibt er sein Leben hin; nicht nur sein zeitliches, sondern auch sein ewiges Leben! Denn so hat er euch und Piatra geliebt, daß er um euch und Piatras willen seine ewige Seligkeit dahingegeben und an Gottes heiligstes Haus Hand angelegt hat. Niemals ward eine solche Tat begangen – niemals wird eine solche Tat wieder begangen werden! Und ihr könnt dastehen, könnt diesen sterben sehen und nichts tun, ihm seinen schrecklichen Tod zu erleichtern?! Scham darüber brenne eure Herzen ärger, als das Feuer eure Häuser gebrannt hat. Söhne des alten großen Römervolkes nennt ihr euch? Niemals hat das alte Rom einen solchen edlen Sohn besessen. Wißt ihr, was das alte Rom einem solchen Sohn getan haben würde? Denkmäler hätte es ihm gesetzt, seinen Namen unter die Namen seiner Heiligen gebracht und im Rühmen seiner Tat kein Ende gefunden. O, Michael Cibula! Michael Cibula! So fahre denn in Jammer und Verzweiflung dahin!« Und er wendete sich ab und trat zurück, so daß der Sterbende ganz allein lag. Alle sahen auf ihn, aber keiner sprach. Doch allmählich wich der unversöhnliche Zorn einer anderen Empfindung. Plötzlich rief einer, der ganz hinten stand: »Michael Cibula, ich siedle in den schwarzen Grund über.« Da kam Bewegung unter die Menge. Sie flüsterten, murmelten, sie riefen: »Auch ich! – Michael Cibula, auch ich! – Und ich! – – Und ich\ –\ –« Alle riefen es, alle drängten zu ihm hin. Die Frauen begannen zu weinen und zu schluchzen; aber die Männer schrien ihnen zu, still zu sein: Michael Cibula sollte in seinen letzten Augenblicken kein Wehklagen hören. Michael Cibula war glücklich. Ein Kinderlächeln zuckte um das Antlitz des sterbenden Mannes. Er winkte Stefan Dozana zu sich und hauchte: »Sag ihnen, ich hätte es gewußt! Sag ihnen, ich hätte Bauholz an den See bringen lassen. Auf dem Hügel werden sie die Eschen niedergeschlagen und den Boden geebnet finden – für die neue Kirche, weißt du! Daß sie ja dein Bärenfell darin aufhängen. Es liegt unter Josephas Blumen, unter dem Rosmarin, weißt du\ –\ –« Das Bewußtsein verließ ihn. Er hatte indessen noch nicht alles vollbracht, was er vor seinem Tode vollbringen mußte; noch einmal rang sich sein gewaltiger Geist ins Leben zurück. Stefan Dozana führte seinen Sohn herbei und Michael Cibula tat Stefan Dozana seine Bestimmungen, seinen letzten Willen kund. Dieser mußte schwören, alles auszuführen und zu erfüllen. Er wagte nicht, den Sterbenden für den Knaben zu bitten, der Priester werden sollte, um den Bischof zu versöhnen. Michael Cibulas letzte Augenblicke nahten. Von neuem drangen die Waldleute in Stefan Dozana, daß er ihren größten Sohn kommunizieren sollte. Fast mit Gewalt nötigten sie ihn, die Stola umzutun und den Kelch zu ergreifen. Noch einmal trat Stefan Dozana als Priester zu dem Sterbenden, während sich alle auf die Knie warfen. Da sagte Michael Cibula mit vernehmbarer, deutlicher Stimme: »Selig sind, die im Herrn sterben.« Und sich weigernd, den Kelch zu empfangen, starb er. * Michael Cibula war nicht der zweite, welcher unter der Felswand, zwischen den Ginster- und Haselnußbüschen neben Josepha zu liegen kam: sie begruben ihn bei seinen Vätern, als den letzten, den die Bauern von Piatra auf ihrem Friedhofe hinter der alten Kirche bestatteten. Mitten in dem eingeäscherten Piatra, mitten zwischen rauchgeschwärzten Trümmern gruben sie ihrem toten Helden das Grab. Die verkohlten Stämme des Waldes, dessen Wipfel den Friedhof der Waldleute beschattet hatten, umstanden dieses letzte Grab, ein Totenhain ohnegleichen! Es war, als sollte rings um diesen Gestorbenen nie wieder ein Blatt grünen, nie wieder eine Blume sprießen, als wäre um Michael Cibulas Gruft die Natur selbst in schwarze, gespenstische Ruinen gesunken, zu Schutt und Asche verfallen – als hätte sie sich in ein Denkmal seiner Taten verwandelt. Es war am dritten Morgen nach dem Brande, als auf dem frischen Grabe nebeneinander zwei Trauernde saßen. Ilja hatte verweinte Augen, aber in den Blicken von Urs lag ein Ausdruck, wie solcher einem Knaben sonst nicht eigen ist. Urs war auch kein Knabe mehr. Leise besprachen sie sich. Ilja sagte: »Heute ziehen wir alle in den schwarzen Grund, wo der schöne See ist und wo deine liebe Mutter begraben liegt. Ich werde das Grab von dir grüßen und deiner Mutter sagen, du wärest zum Bischof gegangen.« »Und sage ihr, was mein Vater getan hat, und daß er nun tot sei. Sie wird es wohl schon wissen. Denn meine Mutter ist nicht im Fegefeuer, sondern im Paradiese.« »Auch dein Vater ist bei deiner Mutter. Ohm Stefan sagt: dein Vater sei eines seligen Todes gestorben, wie niemals ein anderer.« »Mein Vater war\ – \ –« Aber die Stimme brach dem Knaben. Mit abgewendetem Gesicht tastete Ilja nach ihres Freundes Hand, faßte sie und hielt sie fest in der ihren. Beide schwiegen. Nach einer Weile begann Urs dem Mädchen Mut einzusprechen: »Fürchte dich nicht vor den Geistern und Bären. Mit dem Bären wird dein Ohm fertig und das mit den Geistern ist dummes Geschwätz. Im Sommer bitte deinen Ohm, daß er mit dir auf unsere Bergweide hinauf steigt. Dann sieh dir droben unser Haus an, wie klein das ist. Ja, und dann den See mit den Forellen, und, und\ –\ – « Jetzt standen auch Urs die Augen voll Tränen. Ilja versuchte ein heiteres Gesichtchen zu machen. »Ich will mir alles ansehen; es wird alles wunderschön sein. Weißt du: ich werde immer denken, du seiest bei mir und sähest es auch. Sei nur nicht traurig. Du gehst in die große Stadt zum Bischof. Da sind so viele Leute.« »Ach, die Leute\ –\ –« »Der Bischof ist gewiß ein guter Mann. Als er mit mir zu deinem Vater ging, tat er gar freundlich. Tu ja, was er dir sagt.« »Was soll er mir sagen?« »Daß du einmal die Juden nicht totschlagen sollst.« Da flammte Urs auf. »Alle will ich sie totschlagen! Ich sag's auch dem Bischof.« »Urs! Lieber Urs!« »Sie sagen alle: um der Juden willen sei mein Vater gestorben.« »Das sagen sie gewiß nur so!« rief das Mädchen angstvoll. Urs entriß ihr seine Hand, sprang auf, sah wild um sich. Zwischen den schwarzen Bäumen des Friedhofes erschienen welche von den Mördern seines Vaters. Es waren Jehuda, Dozia und deren Kinder. Sie kamen gerade auf das Grab zu, das sie nach Christensitte mit Blumen schmücken wollten. Urs stand da, als müßte er das Grab seines Vaters vor Schändung verteidigen. Ilja stellte sich neben ihn. Ihre Augen flehten Urs für die Juden an, baten die Juden für Urs um Schonung. So stand das Mädchen zwischen den beiden als Mittlerin und Fürsprecherin. Dozia wollte den verwaisten Knaben liebreich anreden, gewahrte seinen feindseligen Blick, ging schweigend an den Kindern vorbei zu dem Grabe und legte darauf ihre Blumen nieder. Dasselbe taten die anderen. Nur Makkabea blieb vor Urs stehen; sie wollte etwas sagen, sah Ilja an, schwieg und legte ihren Kranz vor aller Augen auf ein anderes, fremdes Grab. Eine Weile standen die Juden stumm neben dem Hügel Michael Cibulas. Dann wandte sich Jehuda an den Knaben: »Wir kommen zu dem Grabe deines Vaters und wir legen nach christlichem Brauche Blumen auf das Grab deines Vaters, weil diese Frau und diese Kinder Blut von seinem Stamme sind, weil dein verstorbener Vater an der Leiche deiner Mutter mit den Nachkommen seiner Schwester Maria Frieden geschlossen. Daran denke, der du dieses Toten einziger Sohn bist.« Sie warteten, ob Urs etwas sagen würde, aber der regte sich nicht; da gingen die Juden. Im Vorbeischreiten begegneten sich Asarjas und Iljas Augen. Asarjas Augen fragten: Was sagst du dazu, daß meine Großmutter Mirjam eine Christin war? Und Iljas Augen erwiderten: Ich freue mich! Ich freue mich von ganzem Herzen! Die Juden hatten den Friedhof noch nicht verlassen, als Urs auf das Grab zustürzte, sämtliche Blumen, mit denen seine Verwandten dasselbe geschmückt hatten, aufraffte und weit wegschleuderte. Nur Makkabeas Kranz ließ er liegen; denn was kümmerte ihn das fremde Grab? * Eine Stunde später war Urs unterwegs zum Bischof; Stefan Dozana gab ihm eine Strecke weit das Geleit. »Ich würde dich selbst zum Bischof führen; aber die Bauern bedürfen meiner. Auch bist du kein Knabe mehr.« »Seid ohne Sorge: ich finde den Weg zum Bischof.« »Du weißt alles, was du dem Bischof sagen sollst?« »Ich habe nichts vergessen.« »Noch eines hat dein sterbender Vater mir für dich aufgetragen.« »Was ich dem Bischof sagen soll?« »Du sollst ihm sagen, daß dein Vater sein ganzes Gut, welches er in Piatra besessen, dem Bischof vermacht habe – für ein Kloster. Das Heiligtum soll auf dem Platze gebaut werden, wo euer Haus gestanden hat.« »Ich will es dem Bischof sagen.« »Dein Vater hat eine Bedingung an die Schenkung geknüpft. Ich mußte ihm geloben, sie dir mitzuteilen. Aber wenn du nicht willst, so brauchst du es dem Bischof nicht zu sagen.« Stefan Dozana ward es schwer, sein Gelübde zu erfüllen, so schwer, daß er blaß wurde und nach Atem rang. »Der Bischof soll das Gut von deinem Vater nur dann zum Eigentum erhalten, wenn er den Bann von mir nimmt. Aber wenn du es dem Bischof nicht sagen willst, so kannst du davon schweigen.« »Da mein Vater es wünschte, muß ich es sagen« »Es ist wahr: Da dein Vater es wünschte – – Vielleicht tut es der Bischof nicht.« »Das weiß ich nicht.« Bald darauf trennten sie sich. Der eine zog fort, einem Verhängnis entgegen, der andere kehrte zurück zu einem Leben, welches fortan nur eine schwere Sühne sein sollte. Vielleicht, daß wir von den Kindern erfahren, an denen die Sünden der Väter sollen heimgesucht werden.