Ernst Willkomm Der Halligmann Ein Strandbild 1 Fahrt durch die Westsee Während der Blockade der deutschen Seehäfen durch die Dänen im Jahre 1849 war die Schiffahrt auf Nord- und Ostsee sehr gehemmt. Die handeltreibende Welt fühlte sich höchst ungemütlich, am meisten die Kaufherren an Elbe und Weser, denn gerade auf die Mündungen dieser beiden Hauptströme Deutschlands hatten die schlauen Dänen ihr Augenmerk gerichtet. Selbst die Dampfschiffahrt litt unter den kriegerischen Zeitläufen, und so wurden auch Reisende, die sich sonst um den Streit der Deutschen und Dänen wenig kümmerten, in ihren Plänen doch häufig sehr gestört. Nur an den nordfriesischen Küsten, in der sogenannten Westsee, wo schleswig-holsteinische Kanonenboote kreuzten und das Ansegeln dänischer Schiffe verhinderten, gab es damals noch einen dürftigen Küstenfahrtsverkehr. Wer da Lust hatte, sich einem kleinen, leichten Fahrzeuge, wie sie den Verkehr zwischen jenen Inselbrocken vermitteln, anzuvertrauen, und sich nichts daraus machte, wenn vielleicht eine dänische Korvette Neigung zeigen sollte, Jagd auf das Fahrzeug zu machen, der konnte gerade in jenen Tagen ungestörter denn je den Archipelagus der Westsee, eine für Bewohner des deutschen Binnenlandes noch ziemlich unbekannte Welt, besuchen und sich nach Herzenslust darin umsehen. Auch mir kam dieser Einfall. Ich mietete die Schaluppe eines Schiffers aus der Wilstermarsch und ging von Glückstadt aus eines schönen Julimorgens unter Segel. Der Wind war nicht vorzüglich. Er wehte sehr ungleich, wendete sich häufig und schwoll oft zu starken Böen an, die uns recht unbequem wurden, da wir jetzt unsere Segel reffen, dann wieder aufziehen mußten. Indes erreichten wir mit dem Ebbestrome die Mündung der Elbe und hielten auf die Außendeiche zu, denen ich während der Tiefebbe einen Besuch zu machen die Absicht hatte. Ich mußte mein Vorhaben jedoch aufgeben, da der Wind umsprang und nach der Aussage meines Steuermannes mit der lebhaften Brise vorzügliches Segeln nach der Westsee sein sollte. Der breitschultrige Dithmarscher behauptete, wir würden noch vor Sonnenuntergang in die Hever einlaufen, und hätten wir diese erst erreicht, dann sei es ihm gleich, wo er mich aussetzen solle. So glitt denn das leichte Schifflein mit seinen drei weißen, weit ausgespannten Segelschwingen pfeilschnell über die gelbgrauen Wogen, die es tanzend umspülten, bis die breiten, dunkelgrünen Flutwellen der Nordsee es mit weichen Armen, wie die schmeichelnde Mutter ein geliebtes Kind, umfingen. Kein Stand wird wohl öfter und nicht selten trauriger getäuscht als der Stand der Schiffer. Jetzt voll Hoffnung, der Hafen schon in Sicht, auf dessen sicherem Grunde der Rettungsarm des Ankers sich festklammern soll, ist binnen wenigen Minuten durch einen unerwarteten Windstoß Hoffnung und Hafen verschwunden, und nur die rollenden Berge und Schluchten einer brüllenden Wasserwüste stürzen in wildem Tosen an dem zerbrechlichen Nachen vorüber. Uns sollte es zwar so schlimm nicht ergehen, dagegen aber trieb uns die hochgehende Flutwelle in den Nachmittagsstunden zu weit nordwestlich, da uns die Böen am Morgen zu lange aufgehalten hatten und wir nun in den heftigen Wellenkampf gerieten, der sich an den Küsten der Westseeinseln und in der muschelförmigen Einbuchtung des großen Meeresbeckens zwischen den beiden durch den Kanal und um die Nordspitze Englands rollenden Flutströmen erhebt. Nur sehr kundige Schiffer, genau vertraut mit den Eigentümlichkeiten dieser Flutwirkungen an den Küsten Nordfrieslands, vermögen durch äußerst geschickte Handhabung so des Steuers, wie der Segel Aufenthalt und oft noch fataleren Zufällen zu entgehen. Die Sonne stand nur noch wenige Mondbreiten über den goldig glänzenden Wogen, und noch konnten wir von der Insel Pellworm kaum einen etwas dunkler gefärbten Streifen auf der weiten Meeresfläche erkennen. Auch nahm der Wind wieder sichtlich ab, je mehr der Tag sich neigte. Die Segel bauschten nicht mehr, sie hingen schlaff herab oder flappten wohl auch gegen Mast und Stenge. »Wir müssen Anker werfen, Herr«, sagte der Schiffer, »sobald die Nacht hereinbricht. Um Mitternacht läuft das Wasser ab, und dann ist nicht gut steuern zwischen den Bänken und Watten.« Mir war dies sehr einleuchtend, nicht aber erwünscht. Ein Nachtquartier in dieser Meeresöde, auf kleiner Barke, in einer Kajüte, wo ich nur sitzend den Oberkörper aufrichten konnte, hatte wenig Anlockendes. Außerdem fragte sich's noch, ob das Wetter auch gut bleiben würde, denn je mehr die Sonne sich dem vom Meere begrenzten Horizonte näherte, desto mehr verdächtig aussehende Wolken stiegen gegen Nordwest aus der Flut auf. Inzwischen rückten wir dem Archipelagus der Westsee doch etwas näher, denn kurz vor Sonnenuntergang konnten wir deutlich einige Häuser auf Pellworm erkennen. Links von diesen wie in Blut getauchten spitzen Hügeln standen mitten im Meere teils einzeln, teils in Gruppen geordnet, wunderliche Zacken, die jedermann für gewaltige Felstrümmer halten mußte. Ich wendete mich fragend an meinen Piloten, um zu erfahren, welche Namen wohl die Küstenfahrer diesen Zacken und Kegeln beigelegt haben möchten. Zu meinem nicht geringen Erstaunen erwiderte dieser, es seien dies menschliche Wohnungen, »Häuser der Halligmänner«. Für Leser, welche niemals die nordfriesischen Marschen betreten haben, wird es nötig sein, hier ein paar Worte über jene interessante und leider zu wenig gekannte Inselgruppe der Nordsee einzuschalten. Außer den größeren Inseln Nordstrand, Pellworm, Föhr, Amrum und Sylt, welche samt und sonders zum Herzogtum Schleswig gehören, gibt es zwischen denselben zerstreut noch eine Anzahl von etwa vierzehn kleineren Inselbrocken, die ebenfalls bewohnt sind, in ihrer völligen Schutzlosigkeit gegen die Wirkungen der Fluten jedoch, namentlich aber der Sturm- und Springfluten, höchstwahrscheinlich dereinst ganz vom Meere verschlungen werden. Wie jene größeren Inseln sind auch diese kleineren Inselbrocken Trümmer einer vor Jahrhunderten durch ungeheure Spring-Sturmfluten untergegangenen Welt. Zum Unterschiede von den Inseln der Westsee nennt man diese dürftigen Überbleibsel eines ehedem ungemein fruchtbaren und reich bevölkerten Landes »Halligen«, ihre Bewohner aber »Halligmänner«. Die Hallig unterscheidet sich nun folgendermaßen von der nordfriesischen Insel. Diese bildet entweder, wie Amrum und Sylt, in ziemlicher Höhe aufsteigendes Land, auf der Süd- und Westseite durch gewaltige Sandwälle, die Dünenketten, geschützt gegen den Andrang sturmbewegter Wogen, oder sie halten durch hohe Erdwälle (Deiche) nach allen Seiten hin wie durch Schanzen die Meerflut und ihre Einwirkungen ab. Zu diesen letzteren Inseln gehören Föhr, Pellworm und Nordstrand. Weil nun wenigstens zur Flutzeit, noch mehr aber bei lang andauernden Stürmen, das Niveau des Meeres um mehrere Fuß das feste Erdreich dieser Marschinseln übersteigt und dadurch zwar die große Fruchtbarkeit derselben bedingt, leider aber auch die Möglichkeit zerstörender Überschwemmungen stets vorhanden ist, so setzen die Bewohner dieser Inseln ihre Häuser auf künstlich erbaute Erdhügel, welche den Namen »Warften« führen. Auf ebensolchen Warften stehen die Häuser der Halligmänner, nur sind die Warften der Halligen höher und gewöhnlich auch bedeutend fester gebaut. Die Hallig nämlich hat keine Deiche, weil es unmöglich ist, auf diesen dürftigen Erdscheiben, die wie grüne Schollen auf dem Meere schwimmen, so viel Material aufzutreiben, um daraus feste Deiche, die stets Millionen verschlingen, erbauen zu können. Die Halligen erheben sich selten mehr als zwei bis drei Fuß über die gewöhnliche Fluthöhe der Nordsee, einzelne werden stellenweise von jeder Flut überspült. Sie bilden alle ohne Ausnahme grasige Erdflächen, angefüllt mit Tümpeln salzigen Wassers. Baum oder Strauch kennt der Halligbewohner nicht, ebensowenig erquickendes, frisches Quellwasser. Als Trinkwasser benutzt man deshalb das aufgefangene, künstlich filtrierte Regenwasser, oder führt reines Brunnenwasser vom Festlande ein, was natürlich bloß in der guten Jahreszeit und auch da nur unter günstigen Witterungsverhältnissen möglich ist. Die Bewohner der nordfriesischen Inseln treiben gegenwärtig vorzugsweise Ackerbau und Viehzucht, nebenbei auch Fischerei und Schiffahrt. Der Halligmann dagegen ist vor allem und zuerst Seemann, mit Fischfang und Viehzucht beschäftigt er sich bloß, insoweit das karge Stück Erde, das er bewohnt, ihm dies gestattet. Getreidebau kennt der Halligmann nicht. Er ist glücklich, wenn die Flut ihm den Bau einiger Kartoffeln und das Einheimsen des wenigen Grasertrages gestattet, das der lehmige Boden hervorbringt. Dies dörrt er, stapelt es hoch auf um fest in die Warft gerammte Pfähle, und erhält davon seinen kleinen Viehstand, der großenteils Schafe, mitunter wohl auch einige Kühe zählt. Auf diese sonderbar gestalteten Baue in der unabsehbaren Wasserwüste trieben wir jetzt im langsam niedersinkenden Abenddunkel zu. Seewärts, wohl über eine deutsche Meile entfernt, glitt, gegen das mattglänzende Himmelsgewölbe sich scharf und in vergrößertem Maßstabe abzeichnend, eine große dänische Fregatte mit vollen Segeln über das langsam aufwogende Meer. Durch das Fernrohr konnten wir noch deutlich die Flagge an der Gaffel erkennen. »Der geht nach dem Lister Tief«, sagte der Dithmarscher. »Ich möchte ihm wohl eine Mütze voll Wind wünschen, damit er sich die Rippen am Roten Kliff einstieße, wenn wir uns dabei nicht selber ein Grab in der Tiefe des Salzwassers bestellten. Aber das tut nichts; zugrunde geht er doch einmal, mag's dauern, so lange es will – Gott verdamm' mich!« Dieser patriotische Wunsch ist bis jetzt noch nicht in Erfüllung gegangen. In jener Nacht konnte so leicht kein Schiff Schaden leiden; denn die anfangs so drohend aussehenden Wolken zerstreuten sich bald nach Sonnenuntergang, der Himmel mit seiner Sternenpracht umfaltete Erd' und Meer wie ein großer Gottesmantel, und die Luft war so ruhig, daß nur die Bewegung der wachsenden Ebbe und später der wieder zunehmenden Flut bald surrend, bald plätschernd an die Planken unserer Schaluppe schlug. Das Lot in der Hand stand der Dithmarscher am Steuer. Im falben Licht der nordischen Sommernacht erhielten die festen, harten Züge des alten Seemanns etwas Eisernes. Man fühlte sich sicher und geborgen an seiner Seite, denn das Bewußtsein, vollkommen Herr seines Fahrzeuges zu sein, sprach aus seiner breiten Stirn. Endlich zog er das Lot ein und ließ den Anker fallen. »Wenn's nicht gar zu hart weht«, sagte er, »so schlafen wir hier ruhiger, wie heutzutage alle Potentaten zusammengenommen.« Darauf reffte er die Segel ein, ordnete noch mancherlei auf dem Deck, wobei ein handfester, sehr wortkarger Bursche ihm behilflich war, und stieg dann in die Kajüte rückwärts hinab, indem er mich einlud, seinem Beispiel zu folgen. »Meine Küche«, setzte er lachend hinzu, »steht Ihnen zu Gebote, Herr, aber freilich enthält sie wenig Delikatessen: Tee oder, wenn Sie wollen, auch Kaffee, hartes Schwarzbrot und getrockneten Fisch nebst echtem Genever reicht aus für einen hungrigen Magen. Wenn's beliebt, seien Sie mein Gast«. Der Seemann hielt indes mehr, als er versprochen hatte und zeigte damit, daß er den Geist der Zeit, wo das Gegenteil Sitte ist, durchaus nicht begriff. Wir ließen es uns in dem engen niedrigen Raum bei düster brennender Tranlampe und belebter Unterhaltung vortrefflich schmecken, rauchten nach genossenem frugalen Mahle eine Zigarre zusammen, sprachen, was damals nur allzunahe lag, von »Krieg und Kriegsgeschrei«, bis der Dithmarscher Neigung zeigte, sich dem Traumgott in die Arme zu werfen. Müde von der scharfen Seeluft, überraschte uns beide der Schlaf sehr bald, obgleich ich nicht recht wußte, wie ich meine Gliedmaßen in der kurzen Koje am bequemsten zusammenpacken sollte. Diese unbequeme Lage ward auch Ursache, daß ich lange vor Sonnenaufgang erwachte. Der Dithmarscher schlief fest, und seinem Schnarchen nach war an baldiges Aufwachen des alten Seemannes nicht zu denken. Auch sein schweigsamer Gehilfe bekundete seine Existenz durch merkwürdig gurgelnde Töne. Mir ward die Zeit lang in der dunstigen niedrigen Kajüte, in der ich nicht aufrecht zu stehen vermochte, und da ich in so engem Raume unmöglich die eingeschlafenen Glieder mir vertreten konnte, so öffnete ich die Kajütentür und stieg durch die schmale Luke hinauf aufs Deck. Weißlicher Nebel lag auf der unermeßlichen Meeresfläche und den schwarzgrauen Wattenfeldern, die von der langsam steigenden Flut bereits hie und da überspült wurden. Die Luft war still, aber schneidend, und das fernher tönende Gebraus, das sich in kurzen Zwischenräumen, jetzt dumpfer, jetzt lauter vernehmen ließ, verkündigte das Anschwellen der Meereswoge durch den Flutstrom. Im Zenit glänzten noch einige Sterne matt durch den zerfließenden Nebel, was einen hellen Sonnentag versprach. Nach einer Viertelstunde klopfte und rüttelte die heftiger bewegte Woge bereits so stark an den Planken der Schaluppe, daß der Dithmarscher davon erwachte, rasch aufsprang und mit dem Oberkörper ohne Hut und Buseruuntje aus der Luke auftauchte. »Schon wach, Herr?« fragte er kurz und fast barsch, als er mich am Steuer sitzend gewahr ward. »Ist's Flut?« »Ich glaube«, versetzte ich, »aber der Wind scheint uns abermals nicht günstig zu sein.« »Ist kein Wind«, erwiderte er nach kurzem Ausschauen und Lauschen. »Wenn die Flut kommt, kentert allemal die Brise. Ändert sich bei Halbflut. Jack«, rief er hinunter in den Raum, »spute dich und fege das Deck, in einer Stunde, wenn die Kimm sich färbt, lichten wir Anker.« Der Dithmarscher verschwand wieder in der Kajütenluke. Bald darauf erschien der schweigsame Jack am Bug und begann die Reinigung des Decks. Es war wenig Kunst dabei, indem der Fegende nichts weiter zu tun hatte, als eine Art Besen aus aufgedrieselten Tauenden ins Meer zu tauchen und damit das Verdeck oberflächlich abzuscheuern. Während dieses Geschäftes, das der Bursche langsam und verdrießlich beendigte, brach der Morgen an. Die graugrünliche Flut, die immer höher schwoll und bereits über alle Watten in weißlichen Schaumbergen brauste, bot einen eigentümlichen Anblick. Das ganze Meer schien von unten aufzukochen, und obwohl nur ein kaum merklicher Windhauch wehte, der eben hinreichte, die aufgehißten Segel zu füllen, schlugen doch die Wogen hüben und drüben an die Schiffswände und umspülten schäumend den Bug. Wir steuerten nordwärts, kamen aber nur langsam von der Stelle, da wir meistenteils kreuzen mußten. Inzwischen näherten wir uns nach anderthalb Stunden doch mehr und mehr den Halligen, die jetzt im purpurnen Schein der Morgensonne trotz ihrer traurigen Öde und Kahlheit von Ferne ganz interessant anzusehen waren. Die einzeln stehenden Häuser mit den hohen steilen Strohdächern auf den künstlichen Warfthügeln bildeten je nach der Richtung, die wir nahmen, so merkwürdig pittoreske Gruppen, daß man wohl die Augen daran weiden konnte. Dabei schien es, als ob die deutlich erkennbaren Herden weidender Kühe und Schafe auf der Meerflut spazieren gingen, denn die Fläche der Hallig selbst zeigte sich erst bei größerer Annäherung an dieselbe. Während der stille Bursche auf Befehl des Dithmarschers die Segel umlegte, je nachdem unser Kurs dies nötig machte, führte er selbst mit kundiger Hand das Steuer und erzählte mir Seemannsgeschichten. Besonders viel wußte er von den Leiden und Entbehrungen der Halligbewohner mitzuteilen, die er offenbar für die unglücklichsten Geschöpfe auf der ganzen weiten Erde hielt. Dagegen ließ er stets durchblicken, daß er nirgends anders als in der fetten Marsch leben möge und daß die Welt außerhalb der Marsch eigentlich doch wenig oder nichts wert sei. Zwischen Gröde und Hooge, zwei der größeren Halligen, auf denen es Kirchen und Pfarrer gibt, legte sich der Wind gänzlich. Es war vorauszusehen, daß wir unmöglich eine der friesischen Inseln erreichen würden, da wir nur mit dem Ebbestrome treiben konnten. Der Dithmarscher schlug deshalb vor, bei Langeneß, der größten dieser bewohnten Inseloasen in der wildbewegten Westsee, zu landen. Ich würde da, meinte er, in jedem Hause gastliche Aufnahme finden, könne mir die Einrichtung der Häuser genau besehen, mich satt plaudern mit alten Seeleuten, deren es auf dem närrischen Erdflecken immer noch genug gäbe, und wenn dann am nächsten Morgen der Wind etwas günstiger sei, wolle er mich wohl bis Föhr oder Amrum mittelst Kreuzen und Segeln weiterschaffen. Der Vorschlag war annehmbar und jedenfalls einem abermaligen Verbleiben auf dem sehr beengten Schiffe weit vorzuziehen. Ich gab daher meine Einwilligung und so hielten wir denn auf das noch ziemlich entlegene Langeneß zu, von dem wir außer zwei Kirchturmspitzen nur die höchsten Häusergiebel wie Zuckerhüte aus der spiegelglatten Meereswelle auftauchen sahen. Nach vierstündigem Segeln oder vielmehr Kreuzen erreichten wir das flache Wiesenland. Der Dithmarscher lief in eine kleine, in den lehmigen Erdfleck von der Salzflut gewühlte Bucht ein, befestigte sein Schiff, das er selbst zu verlassen wenig Lust bezeigte, und bedeutete mir, ich könne nun gehen, wohin ich wolle und bleiben, wo es mir am besten gefiele. Wäre ich nur sonst genügsam in meinen Ansprüchen, was leibliche Nahrung beträfe, an Unterhaltung würde ich keinen Mangel haben. 2 Im Hause eines Halligmannes Etwa einen Büchsenschuß von unserm Landungsplatze entfernt lagen drei ganz stattlich aussehende Häuser nahe nebeneinander auf ihren begrünten Warften. Die Bauart war bei allen die nämliche, so daß sie wie Häuserbrüder aussahen, nur schien das in der Mitte gelegene größer als die beiden andern, und um vieles älter zu sein. Die hell mit Ölfarbe bestrichenen Fensterladen glänzten fast ebenso schön in der Sonne als die spiegelklaren Fensterscheiben. Am Fuße der Warften weideten eine ansehnliche Zahl dunkelbrauner Schafe, die emsig das dürftige Gras abrupften, welches der unfruchtbaren Scholle entsproßte. Unfern den Wohnhäusern auf der Warft erhoben sich große Heuschober, aus deren oberem Kegel eine Stange emporragte. Sie erinnerten mich lebhaft an die Heuschober auf dem Kamme des Riesengebirges, die ganz ähnlich gebaut, nur ungleich größer als die der Halligen sind. Ein Paar blondlockige Buben spielten lachend um einen dieser Schober, indem sie sich gegenseitig zu haschen und einander wieder zu entschlüpfen suchten. Sonst war weit und breit kein menschliches Wesen zu sehen. Die helle Julisonne brannte so heiß hernieder auf das gänzlich baum- und strauchlose Eiland, daß es in der libyschen Wüste kaum heißer sein konnte, als jetzt bei gänzlicher Windstille auf dieser fernen Hallig der Nordsee. In der Voraussetzung, daß die älteste und größte Wohnung das Besitztum eines wohlhabenden oder einflußreichen Mannes sein möge, schritt ich derselben zu, erstieg die Warft auf kreuz und quer emporführender Treppe und trat, da die Tür des Hauses offen stand, in den Flur. Auf wiederholtes Klopfen hörte ich eine sonore Männerstimme drinnen etwas rufen, das meinem Gehör nach wie »good day« klang. Da es freundlich gesprochen ward, so hielt ich es für eine Einladung einzutreten, und klinkte die Tür auf. Überrascht blieb ich auf der Schwelle stehen. In einem niedrigen, ungemein sauber aufgeputzten Zimmer, das die Sonne voll beleuchtete, saß ein breitschultriger alter Mann hinter einem mit künstlich geflochtener Decke von buntem Stroh überbreitetem Tische, beschäftigt in einem großen Buche zu lesen. An den Wänden, von denen drei großenteils mit kleinen viereckten weißen Kacheln ausgesetzt waren, die mancherlei Figuren bildeten, hingen Abbildungen verschiedener Schiffe, die meisten mit fliegender Hamburger Flagge an der Gaffel. Der Name jedes Schiffes war zugleich mit jenem des Reeders und des Kapitäns unter dem Bilde zu lesen, auch die Hafenstadt genannt, nach der es bestimmt gewesen. Die Malerei war sauber, obwohl nicht besonders kunstreich. An der Flurseite stand ein eiserner, oben abgeplatteter Ofen, wie sie durch ganz Schleswig üblich sind. Über dem Ofen an der Wand fiel sogleich das Modell eines Briggschiffes vorteilhaft in die Augen, das mit größter Akkuratesse gearbeitet und bis auf das kleinste Tau ganz so wie ein wirkliches Seeschiff dieser Art ausgerüstet war. Unter demselben hing ein Fächer aus Elfenbein geschnitzt, an dessen einzelnen Enden Pfauenfedern angebracht waren. Die außerordentlich kunstreiche Arbeit sowie die Form des Fächers ließen ein außereuropäisches Erzeugnis künstlerischer Tätigkeit in ihm erkennen. Ein krummer malaiischer Dolch bestätigte dies noch mehr. Im übrigen befand sich nichts besonders Auffälliges in dem Zimmer, man müßte denn die blütenweißen Vorhänge am nördlichen Ende desselben dafür gelten lassen, welche, wie dies in allen echt friesischen Häusern der Fall ist, die in die Wand hineingebauten Lagerstätten verhüllen. Feiner Sand bedeckte die weiß gescheuerten Dielen. Bei meinem Eintritt stand der alte Mann auf und begrüßte mich mit jener schwer zu schildernden Leichtigkeit, die stets ein sicheres Zeichen langjährigen Weltverkehrs ist. Zugleich bemerkte ich das fein geschnittene, aber schon etwas gealterte Gesicht einer Frau, die von der Breitseite des Ofens verdeckt, mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt war. Ich erklärte mein Kommen mit wenigen Worten und ward sogleich durch einen ehrlichen, festen Händedruck des noch sehr rüstigen Greises als Gast freundlich willkommen geheißen. Er nötigte mich, Platz am Tische zu nehmen, schloß das vor ihm liegende Buch und stellte es hinter den Vorhang eines an der Wand angebrachten Bücherbrettes, bei welcher Gelegenheit ich eine ganze Reihe gut gehaltener Einbände und in einem tieferen Fache einen großen Tubus nebst mehreren mathematischen Instrumenten, wie Seefahrer sie brauchen, bemerken konnte. Mein Auge schweifte dabei seitwärts durchs Fenster, wo der Anblick einer langen Reihe von Warften, das glänzende Meer und fern am Horizonte die schneeweiße Hügelkette der Sanddünen von Amrum mich fesselten. Die Frau in einfacher friesischer Tracht, die mir der Greis als seine Schwiegerin vorstellte, entfernte sich und es entspann sich nach Beantwortung der an mich gerichteten Frage: von wannen ich komme, zwischen uns ein lebhaftes Gespräch, das, wie dies damals nicht anders sein konnte, von dem Kriege mit Dänemark handelte. Der greise Seemann, – denn einen solchen hatte ich vor mir – der die Welt genau kannte, der in Südamerika, am Kap der guten Hoffnung, auf Jamaika, in China und Japan und wieder auf Island und dem Nordkap ebenso heimisch war wie auf der Warft der Hallig, wo wir saßen, machte kein Hehl aus seiner politischen Überzeugung, es wäre jedoch mehr als überflüssig, dieser hier nochmals Worte zu leihen. Als erfahrener Seemann sprach er sich vorzugsweise über die allerdings nur zu leicht bemerkbaren Fehler aus, welche im Kampfe Deutschlands mit Dänemark im Seekriege gemacht worden waren und noch täglich gemacht wurden, und da er die Dänen sehr wohl kannte, überhaupt mit seinem gesunden, scharfen und in der Schule eines erfahrungsreichen Lebens ausgebildeten Verstande auch die politischen Verhältnisse besser kannte wie mancher Bewohner des Festlandes, so fällte er über den ganzen leidigen Krieg ein Urteil, das ich jetzt niederzuschreiben Bedenken trage. Während dieses Gespräches ging die Schwiegerin ab und zu, breitete über die schon erwähnte Strohdecke, die ich für ein chinesisches Fabrikat hielt, ein schneeweißes Damastgewebe und trug Kaffee nebst feinem Weizengebäck auf. Das Geschirr war von schönstem Neusilber, die Tassen sehr altmodisch, aber von wertvollem Porzellan. »Langen Sie zu«, sagte der Greis, indem er mit gutem Beispiel voranging. »Auf einer Hallig gibt es keine Delikatessen, aber man wird doch satt, wenn man haushält und zu rechter Zeit Küche und Keller mit dem Nötigen versorgt. Also Sie wollen die nördlichen Inseln besuchen?« Ich bejahte, und der alte Seemann gab mir bereitwillig Antwort auf Fragen, die ich an ihn richtete. Auch nach Wetter und Wind erkundigte ich mich, um zu erfahren, ob ich wohl am nächsten Tage eine gute Reise erwarten dürfe. »Für sechs bis acht Tage bürge ich«, versetzte der Halligmann, »nachher kann's wechselnde Winde geben. Jetzt verdirbt Ihnen höchstens ein Gewitter die Aussicht vorn Roten Kliff, wenn Sie dasselbe auf Sylt besuchen wollen.« Die Schwiegerin, obwohl sie längere Zeit im Zimmer verweilte, mischte sich doch durchaus nicht in unser Gespräch. Sie schien überhaupt sehr still zu sein, und trog nicht alles, so mußte sie manche trüben Erfahrungen gemacht haben, und tiefer Gram noch heute an ihrem Herzen nagen. Den alten Seemann liebte sie übrigens mit der Innigkeit eines dankbaren Kindes; denn ihr etwas verschleiertes und nach innen blickendes Auge leuchtete allemal glänzend und wie verklärt, sobald sie den Greis ansah oder nur seine Stimme hörte. Nach genossenem Kaffee schlug der Halligmann vor, einen Gang »durchs Land« zu machen, damit ich seine Heimat etwas genauer kennenlernen möge; er sei auf dieser Erdbrocke geboren, die in seiner Jugend noch um vieles größer gewesen und wolle nun auch, nachdem er sich länger als vierzig Jahre auf allen Meeren herumgetrieben, mit Gottes Hilfe hier sterben und begraben werden. »Seeleuten glückt dies selten«, setzte er hinzu und dabei verdüsterte sich sein offenes Gesicht einigermaßen, »die meisten versenkt man in die gemeinsame grüne Wogengruft, die aller Herren Länder vom Nord- zum Südpol bespült.« Außer der Konstruktion der Warften war auf diesem Spaziergange wenig genug zu sehen. Die Warften verdienen aber in der Tat eine Besichtigung. Von ihrem Baue hängt in den Stunden der Gefahr gewöhnlich die Rettung des Halligmanns und seiner Familie ab. Es ist nicht genug, einen Erdhügel aufzuführen, um darauf Haus, Stallung und die Futtervorräte für das Vieh zu setzen, man muß besonders darauf Bedacht nehmen, tief in die Warft und in deren Untergrund, in das eigentliche Halligland hohe, feste und starke Föhrenstämme einzurammen, deren aus dem Warfthügel hervorragende Enden zugleich die Haupthaltstützen des Bodenraumes bilden, welcher über der eigentlichen Wohnung des Halligmannes unter dem hohen Dache des Hauses herabläuft, stark verschalt und überhaupt gegen die Einwirkungen jeden Wetters so gut wie möglich geschützt wird. Dieser Bodenraum ist gleichsam das Rettungsboot der Halligbewohner. Zu ihm führt von dem Flur eine hölzerne, abnehmbare Treppe hinauf, die man nach erfolgter Rettung der Familienglieder, des Viehstandes und der vorzüglichsten Besitztümer aushebt und ebenfalls nach dem Boden heraufzieht. Die Halligmänner werden gewöhnlich zur Beobachtung solcher Vorsichtsmaßregeln genötigt, wenn die Springflut im Spätherbst oder Frühjahr zugleich mit anhaltendem Nordweststurm eintritt. Dann nämlich überflutet der Meeresschwall nicht bloß das flache Halligland, sondern er rast mit der ganzen Riesenkraft empörter Brandungswellen um die Erdhügel der Warften, unterwäscht sie, zertrümmert Fenster, Laden, Türen und Wände der Wohnungen, und bahnt sich oft mitten durch Zimmerraum und Stallung ein Bett. Währt der Sturm lange und beginnt er noch vor Eintritt der Springflut zu toben, so richtet er jedesmal furchtbare Verheerungen an, indem alsdann die Höhe der Flut das Doppelte einer gewöhnlichen Flut beträgt, und mit verzehnfachter Kraft gegen Klippen, Inseln und Küstengelände prallt. Bei solchen Naturereignissen zerschlägt das stürmende Meer auch die festesten Warften wie Spreu, nur die eingerammten Baumstämme bleiben, währt die Sturmflut nicht ungewöhnlich lange, als sichere Träger des Daches mit dem Bodenraume stehen. Der Salzschaum des Meeres sprüht zwar oft selbst über diese hohen, spitzen Strohdächer hin, von den Fluten verschlungen wurden sie aber immer nur dann, wenn die Stützen des Hauses der wühlenden Wogenkraft nicht widerstehen konnten. Der Halligmann zeigte mir auf unsrer Wanderung mehrere sumpfige Vertiefungen, in denen sich auch hin und wieder Wassertümpel gebildet hatten. »Das sind Überbleibsel von der letzten hohen Springflut«, sagte er. »Die strudelnden Wellenberge bohrten sich tief ein in das Erdreich, und als die Flut sich endlich wieder verlief, hatten wir eine Menge grastragendes Land verloren. Wo sonst Hunderte von Schafen hinreichend Nahrung während des ganzen Sommers fanden, lag nun der bloße schwere Lehmgrund zutage, und was das Schlimmste war, in solcher Tiefe, daß er sich unter der Fluthöhe des Meeres befand. Es bilden sich seitdem fast bei jeder Flut salzigschmeckende Pfützen in diesen Vertiefungen, die selbst der Weide verderblich zu werden scheinen, denn das Vieh will in unmittelbarer Nähe solcher Tümpel das Gras nicht fressen.« Welch trauriges, welch unglaublich dürftiges, ödes, von steten Gefahren bedrohtes Leben führen doch diese armen Menschen, dachte ich bei mir selbst, und wollte schon etwas Ähnliches gegen meinen Führer äußern, als ich noch zu rechter Zeit an dem stolzen Ausdruck seiner Mienen bemerken konnte, daß er ganz anderer Meinung sein müsse. »Es kommen selten Fremde zu uns«, fuhr er nach kurzem Schweigen fort, gegen den Strand abbeugend und der niedergehenden Sonne den Rücken kehrend, »am seltensten aus dem Innern Deutschlands. Natürlich! Entweder haben sie nie etwas von diesen mitten im Meere gelegenen Erdbrocken gehört, oder sie halten es nicht der Mühe wert, sich dieselben in der Nähe zu besehen. Daran tun sie aber bitterböses Unrecht. Schön, was man für gewöhnlich schön nennt, ist diese Welt freilich nicht, dafür leben Menschen auf diesen Schollen, die besser als andre wissen, was es heißt, Gott und eigner Kraft vertrauen. Klügere Menschen mag es allüberall geben, mutigere, entschlossenere, mit größerer Ausdauer ausgerüstete, frömmere und eben deshalb innerlich mit ihrem Schicksal zufriedenere finden Sie nirgends auf Erden wieder. Und darauf ist der Halligmann stolz, darf er stolz sein. Darum nennt er die paar zerbröckelnden Erdstückchen, die uns die See noch übriggelassen hat, mit Freudigkeit die glücklichen Inseln, auf denen bis diesen Tag weder Streit, noch Eifersucht, noch Haß, noch andre niedern Leidenschaften und am allerwenigsten die privilegierten Beförderer derselben, die Advokaten, eingezogen sind. Das Stück Boden, auf dem Sie stehen, ist schlecht und unfruchtbar, allein er ist frei, dieser Boden und von Menschenblut, so weit das Gedächtnis der ältesten Leute reicht, nie besudelt worden. Nur wenn die starke Hand Gottes über uns kommt, nicht um zu strafen, sondern um uns zu prüfen: dann sinkt wohl da und dort ein Unglücklicher mit zerschmettertem Schädel in die Wogen.« Solche Zufriedenheit, verbunden mit so gewaltigem Glaubensmut, mußte überraschen. Der Ungläubige mag gern darüber spotten, der Psychologe wird diese Charakterrichtung des Halligbewohners leicht erklärlich finden. Auf dem Rückwege zeigten übrigens die Häuser benachbarter Halligen so abenteuerlich gestaltete Formen, daß ihr Anblick viel Fesselndes hatte. Je tiefer die Sonne sank, desto röter färbten sich die hohen spitzen Dächer, und als sie nur noch als kolossaler Ball auf dem Meere sich zu schaukeln schien, erglühten sie in solcher Purpurpracht, daß man sie für ungeheure, aus der Tiefe der grünen Meerflut aufschlagende Flammen halten konnte. Bevor wir die Wohnung des Greises wieder erreichten, sah ich einen schlanken, kräftigen Mann in bequemer Seemannstracht die Warft hinanschreiten. »Das ist mein jüngster Sohn«, sagte der Halligmann. »Er hat jetzt müßige Tage, da die Schiffahrt seit dem Wiederausbruch des Krieges daniederliegt. Vergangenen Herbst kam er von einer dreijährigen Reise aus Ostindien zurück. Er ist Steuermann auf einem Hamburger Barkschiffe. Endet, was Gott geben wolle, der Krieg, so geht er noch vor Anfang des Herbstes in See, und zwar nach Kalifornien. Es ist mein letzter, Gott erhalte ihn!« Eine Träne glänzte im Auge des Greises. »Hatten Sie mehrere Söhne?« »Sechs«, lautete die Antwort, »Fünf starben den Seemannstod. Es ist merkwürdig«, setzte er hinzu, »mich warf die launenhafte Salzflut immer aus, so oft sie mich auch verschlang. Da bin ich denn alt und stumpf geworden und werde nun wohl, wie andre ehrliche Leute, auf trockenem Lande sterben. Geschieht's, so soll man auf meinen Grabstein unter meinen Namen die Worte setzen: Er überlebte seine Kinder bis auf zwei, einen Sohn und eine Tochter. Der Herr schenke ihm Gnade!« Inzwischen war die Sonne im Meer versunken, und obwohl es noch ein paar Stunden dämmerte, breiteten sich doch bald weiße Nebel über die See und hüllten Nahes und Fernes in ihre weichen, faltigen Schleier. Im Zimmer fanden wir den Abendtisch gedeckt, der Teekessel sang auf dem Kohlenbecken, und den Steuermann trafen wir plaudernd mit seiner Schwägerin. Ohne zu fragen, wer ich sei und woher ich komme, reichte mir der in seinen besten Jahren stehende Mann die kräftige Hand, bot mir eine Zigarre an, während die Schwiegerin dem Alten seine Pfeife brachte, und bald saßen wir in traulichem Gespräche nebeneinander, das diesmal von fremden Ländern und Sitten handelte und in kurzer Zeit auf das so naheliegende Kapitel der Stürme und Schiffbrüche übersprang, die mit dem Leben jedes Seemanns unzertrennlich sind. »Und doch läßt sich der furchtbarste Sturm auf offener See«, bemerkte der Greis nach Beendigung einer Erzählung seines Sohnes, »vorausgesetzt, daß man ein gutes Fahrzeug unter seinen Füßen hat, leichter ertragen, als wenn das Haus auf dem Lande, worin man wohnt, in dessen Innern man sein Liebstes sicher geborgen wähnt, urplötzlich in ein segel- und steuerloses Schiff verwandelt wird und nirgends mehr Rettung und Hilfe zu finden ist.« Die Schwiegerin erblaßte, stand rasch auf und verließ das Zimmer. »Du hast ihre schmerzhafteste Wunde aufgerissen«, fiel der Sohn dem Vater ins Wort. »Sie kann den Bruder und die beiden Kinder nicht vergessen.« »Verdenk's ihr auch nicht«, erwiderte der Greis, »da es nun aber doch wider Willen geschehen und mir das unbedachtsame Wort entschlüpft ist, so soll der Herr auch erfahren, wie die Sachen zusammenhängen. Hanna kommt nicht eher wieder, bis sie sich ausgeweint hat, und das Herz eines alten Seemanns beruhigt sich über einen harten Verlust immer am leichtesten, wenn er darüber sprechen kann. So hören Sie denn.« 3 Eine Szene aus dem Leben des Halligmannes »Es ist Ihnen ohne Zweifel bekannt«, hob der Greis seine Erzählung an, »daß die ganze Inselgruppe der Westsee, wie wir Seeleute diesen Teil des Nord- oder Deutschen Meeres nennen, durch häufig sich wiederholende Sturmfluten entstanden ist. Vor tausend und mehr Jahren bildete, allen Chroniken nach, dies heutige Inselmeer noch ein großes zusammenhängendes Land voll wohlhabender Bewohner, nach abermals tausend Jahren aber ist wahrscheinlich von den gegenwärtigen Inseln kein einziges Stück mehr übrig, höchstens werden weitgestreckte Sandbänke oder kleiige Watten den Seefahrern dann sagen, daß dereinst bewohnte Inseln in dieser Meeresgegend belegen waren. Glücklicherweise gehören hohe und anhaltende Sturmfluten zu den Seltenheiten. Oft vergeht ein halbes Jahrhundert, ehe ein derartiges Ereignis über alle Küstenbewohner der Nordsee hereinbricht, denn nicht nur wir Halligmänner werden davon bedroht, auch die Festlandsfriesen im Schleswigschen, die Dithmarscher, die Anwohner der Elbe, Weser und Ems bis tief nach Holland hinein haben gleiche Leiden mit uns zu tragen. Die Wut des entfesselten Elementes kennt aber dann auch keine Grenzen. Was der andauernde Fleiß einiger Generationen mit unsäglicher Mühe geschaffen hat, das vernichten alsdann wenige Stunden. Das empörte Meer verschlingt Millionen und die Menschenopfer, welche es fordert, übersteigen bei weitem die Zahl der Toten in tagelang fortgesetzten Feldschlachten. Die Geschichte kennt Sturmfluten, in denen siebzigtausend Menschen binnen wenigen Stunden das Leben verloren. Ein derartiges entsetzliches Naturereignis und zugleich eins der furchtbarsten hinsichtlich der Verwüstung, die es anrichtete, erlebte ich hier auf derselben Stelle, wo wir jetzt friedlich beisammensitzen. Ich war von einer weiten Reise heimgekehrt, hatte gut verdient und freute mich recht, die beiden Enkel wiederzusehen, von denen ich erst einen kannte; denn meine Schwiegertochter hatte während unserer Abwesenheit einem zweiten Knaben das Leben geschenkt. Ich sage »unserer«, weil mein ältester Sohn mich als Steuermann begleitete und, wie Sie wohl denken können, nicht geringe Sehnsucht nach dem geliebten Weibe und dem neugebornen Kleinen hatte. Auf der Rückreise erfuhren wir in Kapstadt, daß die junge Mutter gesund, das Kind stark und kräftig sei; Ende Oktober nahmen wir bei Helgoland einen Lotsen an Bord, mein Sohn aber war nicht mehr zu halten. Er bestieg eine eben nach Husum fertig liegende Sloop, um von dort möglichst schnell die stille Heimat erreichen zu können. Ich selbst führte mein Schiff in den Hafen Hamburgs, berechnete mich mit dem Reeder und langte vierzehn Tage später auf meiner väterlichen Hallig an. Zufriedener und glücklicher war uns selten ein Winter vergangen. Meine Schwiegertochter blühte wie eine Rose, der älteste Knabe lief bereits, sprach mit talfernder Zunge sein gutes Friesisch und schaute den Vater mit großen, gläubigen Augen an, wenn er von den Wundern Afrikas, Asiens oder Australiens erzählte. »Auch Seemann werden«, sagte dann am Schluß solcher Erzählungen der kleine derbe Bube und patschte vor Freuden in seine Hände. Die Großmutter aber, meine unvergeßliche Elisabeth, saß bei ihrem Spinnrade und dachte, wenn der glänzend feine Flachs sich zwischen ihren Fingern zum festen Faden gestaltete, an eine Braut für den blonden Enkelsohn. Genug, ein glücklicheres, innigeres Familienleben war nicht wohl denkbar. So kam das Weihnachtsfest heran, wo als liebste Christbescherung noch zwei meiner Söhne heimkehrten. Sie fuhren auf dänischen Schiffen, der eine als Untersteuermann, der andere noch als Maat. Beide waren tüchtige Jungen, sag ich Ihnen, flink bei der Arbeit, unverwüstlich bei lustigen Gelagen, dabei redlich, fromm und sparsam. Sie hatten sich in zwei Jahren, wo sie mir nicht mehr zu Gesicht gekommen waren, ein hübsches Stück Geld verdient und wollten mir dies zum Aufbewahren einhändigen, um nicht darum zu kommen, bevor sie neu geheuert würden. Es fehlte unserm Glück nichts als die Dauer und die noch abwesenden Familienglieder. Heut danke ich Gott, daß er damals mein Gebet nicht erhörte, ich würde sonst vermutlich noch ärmer sein, als ich es ohnehin schon bin. Das geht gewöhnlich so. Fühlt man sich recht zufrieden, recht sicher in seinem Glück, so ist die Wohnung, die es birgt, gewöhnlich auch schon dem Untergange geweiht.« Der Halligmann faltete die Hände und schien mit nach oben gerichteten Augen ein stilles Gebet zu sprechen. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner breiten Brust, worauf er folgendermaßen fortfuhr: »Der Winter war ziemlich streng, die See zwischen den einzelnen Halligen fror zu, es fiel starker Schnee, was alles zusammen den Verkehr erleichterte, die Geselligkeit unter den Halligbewohnern mehrte. Je seltener dies vorkommt, desto lebhafter ergriff man die einmal dargebotene Gelegenheit, und so führten wir in unserer nordischen Abgeschlossenheit ein gewissermaßen großstädtisches, jedenfalls aber beneidenswertes Leben. Ende Januar dagegen schlug die Witterung plötzlich um, die bis dahin herrschend gewesenen Ost- und Nordostwinde verwandelten sich in Süd- und Südwestböen, welche die See in steter Aufregung erhielten. Das Brausen der Wogen schlug Tag und Nacht an unser Ohr, so daß einem nicht daran Gewöhnten wohl bei diesem ewigen Wellengebrüll das Herz hätte erbeben mögen. Wir hörten jedoch nichts davon; vielmehr hofften wir, daß die Frühjahrsstürme sich wahrscheinlich etwas früher einstellen, mithin dem Seefahrer bald wieder die Pfade über den Ozean bahnen würden. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Von den meisten, welche damals als Seefahrer den Winter auf den Halligen zubrachten, betraten nur wenige die Planke eines Schiffes wieder. Trüb und düster war der verhängnisvolle Morgen des 22. Februar 1825. Der Wind ging nordwestlich und wehte den ganzen Tag über stark aus dieser Richtung. Um Mitternacht erwarteten wir den Eintritt der Flut, diesmal der Springflut. Meine ganze Familie war bei mir versammelt zur Feier eines Familienfestes. Die beiden kleinen Kinder meines ältesten Sohnes schliefen längst ruhig in ihrer Wiege und wir übrigen hatten uns eben um den Tisch gesetzt, um fröhlichen Herzens ein Glas Punsch zu trinken. Heftiger und immer heftiger tobte bei niedrig ziehenden Wolken der Nordwest, daß die eisernen Krampen an den Fensterladen erzitterten und das Haus bei jedem neuen Stoße in seinen Grundfesten erbebte. Mein ältester Sohn, den schon längst eine dunkle Ahnung beschlichen hatte, stand gegen neun Uhr abends auf, um hinauszusehen und einige Beobachtungen anzustellen. Er trat bald wieder ein, riegelte die Eichentür des Hauses fest zu und sagte sichtlich beunruhigt, denn sein Auge schweifte von einem zum andern: »Vater, es weht sehr hart; ich fürchte, wir bekommen eine schlimme Nacht. Die ganze Hallig ist weiß von der brechenden See. Der Schaum leckt herauf bis an die vierte Stufe der Warft.« »Du irrst wohl, mein Sohn«, erwiderte ich, innerlich erschreckt über diese Rede. »Noch ist nicht einmal Tiefebbe, wie wär' es möglich, daß die See schon jetzt so hoch gehen könnte?« »Weiß nicht, Vater«, versetzte der Steuermann, »aber ich denke, im Atlantischen Ozean mag gegen Mittag ein heftiger Sturm aufgesprungen sein, der den rückrollenden Ebbestrom aufgestaut hat und ihn nun vor der Zeit wieder zurückwirft ins Deutsche Meer.« »Wächst der Sturm?« fragte ich. »Er wächst und allen Anzeichen nach wird er noch lange wachsen.« Jetzt hielt es auch mich nicht länger hinter dem Tische. Ich griff nach meinem Südwester und trat selbst hinaus in die stürmische Februarnacht. Es war ein seltsamer Anblick, den da mein Auge sah. Dicke, schwarze Wolken, die wie Riesenbärte niederhingen und in wildem Flattern Luft, Meer und die Dächer der Häuser fegten, rollten in grauenvoller Eile an mir vorüber und ließen mich nichts erkennen, als eine strudelnde grauweiße Wasserwüste. Der Wogenkampf des zurückstürzenden Ebbestroms war so heftig, daß schon jetzt ganze Flocken salzigen Schaumes bis herauf auf den Gipfel der Warft flogen und mir das Atmen erschwerten. Um mich genau von der Lage der Dinge zu unterrichten, stieg ich die Warft hinab. Mein Sohn hatte recht; das Wasser spülte über die dritte Stufe herauf! Entschlossen kehrte ich um, denn es war hohe Zeit zu handeln, wenn wir mit Gottes Hilfe einem furchtbaren Schicksal entgehen wollten. »Wie steht's?« raunte mein Sohn mir bebend zu, als er mich wiederkommen sah. »Nicht gut«, versetzte ich, die Besorgnis, die ich hegte, vorsichtig unterdrückend, »indes ist unsere Lage keineswegs hoffnungslos. Der Sturm weht nicht regelmäßig, sondern in Böen, ein Zeichen, daß er schwerlich lange anhält oder doch bald umspringt. Hole jetzt unsere Mutterschafe und zeige dich als Mann. Ich will versuchen, die Weiber zu beruhigen. Drei Stunden sind eine lange Zeit für bedachtsam arbeitende und schaffende Männer. Legt sich also der Sturm nicht vor Eintritt der Flut, so können wir doch um Mitternacht auf alles Kommende, auch auf das Entsetzlichste vorbereitet sein.« Vertraut mit den mancherlei Gefahren unseres insularischen Lebens, fanden sich die Frauen mit großem Gleichmute in das Unabänderliche. Meine Schwiegerin Hanna sorgte, wie das Mutterherz ihr gebot, zuerst für ihre Kinder. Vorsichtig trug sie die schlummernden Kleinen auf den Bodenraum, wo sie die scheinbar sicherste Lagerstätte für dieselben aufsuchte. Daneben wurden von mir die Truhen mit unsern Wertsachen gestellt, auch die inzwischen herbeigeholten Schafe an den Hauptpfosten des Hauses festgebunden. Damit zustande gekommen dachten wir, soweit möglich, an Verpalisadierung des Unterhauses, indem wir innerhalb der fest verriegelten Türe die schwersten Kisten und Kasten aufstellten und ein Gleiches auch bei den nach Nordwest gekehrten Fenstern versuchten. Gegen elf Uhr waren unsere Sicherheitsmaßregeln beendigt. Die Frauen befanden sich bereits auf dem Boden, nur wir Männer blieben noch im untern Raume, um die Wirkungen der kommenden Flut eine Zeitlang beobachten und danach die etwaigen Folgen ermessen zu können. Der Sturm heulte grauenhaft; seine Gewalt mehrte sich mit jeder Viertelstunde. Auch trat die Flut volle zwei Stunden früher ein, als sie der Berechnung nach unsere Küsten erreichen konnte, Beweis genug von der Gewalt der aufgewühlten Wasserwogen im großen Ozean. Schon um zehn Uhr stand die halbe Warft im Meeresschwall. Kein Nachbar konnte dem andern mehr beispringen, keiner in dem Heulen, Rasen und Brüllen zweier empörter Elemente dem andern zurufen. Nach elf Uhr schlug die Brandung mit solcher Gewalt gegen Türe und Fenster, daß überall die Salzflut durchsickerte und das Zimmer binnen wenigen Minuten sich mit trübem Meerwasser füllte. Eine halbe Stunde später stand das Meer in gleicher Höhe mit dem Plateau der Warft, die sich bäumenden, übereinanderstürzenden Wogen zerbrachen die Wände, spülten den Ofen fort, zerschlugen die eichenen Pfosten und bahnten sich einen freien Weg mitten durch mein Besitztum. Noch gewannen wir Zeit uns selbst zu den Unsrigen auf den Boden zu retten. Die Leitertreppe ward nachzogen und sogleich mit Brettern benagelt, um sie im Falle der höchsten Not als tragbares Floß benutzen zu können. Springfluten erreichen gewöhnlich eine Höhe von 20 bis 25 Fuß über den Ebbestand des Meeres, setzen also nicht nur die Halligen gänzlich unter Wasser, sondern überschwemmen die häusertragenden Warfthügel fast zur Hälfte ihrer Höhe. Dies hat jedoch keine Gefahr, da sich die Dauer einer regelrecht verlaufenden Springflut fast bis auf die Minute berechnen läßt. Anders die Sturmspringfluten. Sie sind Meteoren zu vergleichen, die plötzlich erscheinen, aller Berechnung wie aller seemännischen Erfahrung spotten und nur Befriedigung finden in ihrem dämonischen Rasen. Ihre Verwüstungen sind daher wahre Erdrevolutionen, und nur dem Gegeneinanderrennen aus ihren Bahnen geschleuderter Weltkörper zu vergleichen. Ein sturmgepeitschtes Meer ist zugleich ein furchtbarer, staunenerregender und majestätischer Anblick, die Verheerungen einer Sturmspringflut aber sind nur entsetzenerregend. Man glaubt den Untergang der Welt, die Wiedergeburt des Chaos vor sich zu sehen! Nie im Leben werde ich es vergessen«, fuhr der greise Halligmann nach kurzem Schweigen fort, »was ich in jener Schreckensnacht gelitten habe. Jede neue Sturmwoge schlug ein Stück mehr von dem so fest gezimmerten Hause weg, so daß schon nach ein Uhr morgens nur noch die unser schwankendes Dach tragenden Pfähle von dem eigentlichen Baue übriggeblieben waren. Dabei stieg die Flut noch immer und mußte meiner Berechnung nach mindestens noch gegen zwei volle Stunden steigen. Das Heulen des Sturmes, das Brüllen der See war so sinnbetäubend, daß wir uns nur noch durch Zeichen verständigen konnten. Um nicht fortgeweht zu werden, banden wir uns gegenseitig fest an die Leiter, befestigten die Wiege der Kinder daran und erwarteten so unser Schicksal. Die Verwüstungen auf den weiter seewärts gelegenen kleineren Halligen mußten schrecklich sein; denn wenn von Zeit zu Zeit ein heller Mondstrahl die stürmische Flut matt überglänzte, sah man weithin das Wogenfeld mit Häusertrümmern, mit treibendem Vieh, mit Hausrat bedeckt, und oft konnte man Menschengestalten mit flatternden Haaren auf solchem treibenden Gute schaudernd entdecken. Lange widerstand das sehr fest geflochtene Strohdach meines Hauses dem Rütteln und Zausen der Windsbraut, endlich aber bohrte sie sich doch ein, und nun flogen die festen Schauben wie Schneeflocken um uns, daß wir Mühe hatten uns vor Beschädigung zu hüten. Bald stand nur das Sparrwerk noch, und wovor wir bis dahin verschont geblieben waren, der stete Anblick des stürmenden Meeres, der in solcher Lage entmutigend wirken, unsere Kräfte erschlaffen, uns versteinern mußte, lag jetzt unverhüllt vor aller Augen! Mein Weib, gottergeben und frommgläubig, betete. Hanna suchte die Kinder gegen die salzigen Schauer zu schützen, die in kurzen Zwischenräumen unsere zitternde Arche überschütteten. Ich und meine Söhne gaben acht auf die Schwankungen des Pfahlwerks in der Warft und auf die Bewegung der Wogen. Hielt das Erdwerk der Warft bis die Flut wieder sank, so konnten wir uns für gerettet halten; wo nicht, dann teilten wir das Los von Tausenden in dieser todesreichen Erdennacht. Wie ein todeswürdiger Verbrecher dem entscheidenden Spruche seiner Richter entgegenharren mag, so warteten wir auf den Moment der größten Springfluthöhe. Schon konnten wir Männer mit ausgestrecktem Arm die rollenden Wogen erreichen und noch immer war die Flut im Steigen begriffen. Schwoll sie noch einen Fuß höher an, so überströmte sie unser Asyl und spülte uns erbarmungslos in die wirbelnde Tiefe hinab. Noch eine bange halbe Stunde und der entscheidende Augenblick kam. Schwarzen Gebirgen ähnlich, deren oberster Kamm mit Schnee bedeckt ist, rollten die ungeheuren, unübersehbaren Flutwogen heran. Wir sahen sie, da die Wolken seit Mitternacht höher zogen, deutlich aus ziemlicher Ferne nahen. Auf das frühere oder spätere Zerbersten des Wogengebirges kam jetzt alles an. Brachen diese fürchterlichen Gebirge, bevor eins derselben uns erreichte, so konnten wir uns halten. Bisher waren nur die Trümmer solcher Wogen an uns herangetrieben und hatten ihre Schaumschauer über uns ausgegossen, jetzt aber rollten sie immer näher, wurden immer höher, weil die nachdrängende Gewalt der Hochflut ihre Kraft verdoppelte. Endlich erkannte ich, daß die Wasser nicht mehr schwollen, sondern standen; allein der Sturm wütete fort und die Gefahr blieb dieselbe. Plötzlich trat eine Pause im Sturme ein, d. h. rund um uns auf einem kleinen Raume tobte er nicht, wohl aber hörten wir sein Rasen und Pfeifen vor und hinter uns. Im Westen glänzte Mondschein auf dem Meere, der helle Schimmer verschwand, und die Nacht, eine Nacht finsterer denn je, stieg aus dem Meere am Horizonte wieder auf. Sie kam näher, immer näher – ein Brausen und Sausen, wie wir's noch nie gehört in den durchlebten Stunden der Angst, erfüllte die Luft, als ob aus dem Schoße der Tiefe ein zweiter Orkan aufsteigen wolle. Abermals brach der Mond durch das Gewölk, und nun sahen wir stieren Auges, während unser Haar vor Entsetzen sich bäumte, soweit die Blicke reichten, eine stahlgraue Wogenwand von der See heranrollen, als hätte das Weltmeer sich bis zum Zenit emporgerichtet, und wolle Inseln und Festland auf ewig bedecken! »Klammert euch fest an die Leitertreppe!« schrie ich mit aller Kraft der Stimme den Meinigen zu, indem ich selbst ein Gleiches tat. Das fürchterliche Gebirge näherte sich auf den Flügeln des Sturmes. Es mochte noch hundert Fuß von uns entfernt sein, als der glänzende Silberkamm turmhoch in weißen Säulen gen Himmel spritzte, die unermeßliche Woge zerbarst und als brodelnder, alles in seine Wirbel begrabender Schaum gegen uns heranschwalgte. Der rasende Strudel erfaßte, begrub uns, ehe wir uns besinnen konnten. Herabstürzend in das Wogengrab hörte ich noch das Krachen des Gebälkes, das der wütende Schwall zerschlug. Dann verließen mich die Sinne, wie lange, wer mag es wissen!...« Der Greis verhüllte sein Gesicht und dicke Tränen rollten über seine Finger herab auf das weiße Gewebe, das den Tisch bedeckte. Sein Sohn sah schweigend und ernst vor sich hin; ich lauschte mit angehaltenem Atem. Als der alte Seemann seiner Bewegung Meister geworden, fuhr er mit gedämpfter Stimme also fort: »Mein Erwachen, werter Herr, war traurig und wahrlich, Gott wolle mir vergeben, wenn ich sündige, in jenem Augenblicke, als damals der Herr mir die Augen wieder öffnete, hätte ich wohl gewünscht, ein paar Faden tief auf den Algen des Meeres zu ruhen bei den zahlreichen Opfern, welche der Sturmflut erlegen waren. Eine fahlgraue, gräßlich wogende See tobte rund um mich. Die Treppenleiter war zerschlagen und durch Zufall an einem Pfahle, der über die Flut emporragte, hangengeblieben. Die Schwere unserer Körper hatte sie gehalten, denn sie ruhte auf einem halb fortgespülten Heuhaufen, wie wir sie auf den Warften für die Winterzeit aufzuschichten pflegen. Hannas Bande waren nicht zerrissen, wie die der andern. Ihren Körper hoben und senkten die Wogen, nur Kopf und Brust waren frei, und obwohl sie nicht atmete, glaubte ich doch Leben in ihr zu entdecken. Meine drei Söhne, mein braves Weib, die beiden kleinen Kinder, das gerettete Vieh: Alles, alles hatte die erbarmungslose Flut fortgespült, begraben! Seeleute müssen sich schnell fassen, sonst sind sie ewig verloren. Was ich verloren hatte, wußte ich, das möglicherweise zu Erhaltende lag aber nahe vor mir und darauf richtete ich zuerst mein Augenmerk. Die Flut sank, der Sturm hatte seine wildeste Kraft verloren. Ich rief Hanna bei Namen, ich rieb ihre Schläfen und Brust, ich blies ihren kalten bleichen Lippen Odem ein. Mein Bemühen blieb nicht fruchtlos. Die Scheintote regte sich, atmete schwer auf, erwachte endlich. Aber, Gott im Himmel, welch ein Erwachen, welch eine Rückkehr zu vollem Bewußtsein war dies! – Lassen Sie mich schweigen von den Jammerszenen, die nun folgten, von dem Weheruf der Mutter, die ihre Kinder suchte und nie wiederfand; die nach ihrem Gatten bittend die Hände ausstreckte und doch sein Angesicht niemals wiedersehen sollte; die Trost suchen wollte bei der frommen Schwiegermutter und das treue, milde Auge der Geliebten nirgend auf Erden wiederfand! Wir waren gerettet, die einzigen aus unserm Hause, von unserer Familie, die in jener Nacht auf den Halligen weilten; denn leider fanden auch sämtliche Verwandte und Geschwister Hannas damals in den Fluten ihren Tod! Achtzehn volle Stunden mußten wir armen Schiffbrüchigen ausharren, bis uns Rettung kam. Daß wir diese Zeit überlebten, ist mir noch heut ein Wunder, denn die Nacht war kalt, der darauf folgende Tag rauh. Dennoch blieben wir beide gesund und am Leben. Die Körper unserer Lieben haben wir mit keinem Auge je wiedergesehen. Das empörte Meer hat sie in unsichtbare Atome zerschlagen oder weit hinaus in den Ozean fortgeschwemmt. Die Festlandsfriesen ließen uns die freundlichste Pflege angedeihen, und obwohl auch dort das Meer entsetzliche Verwüstungen angerichtet, Häuser und Felder zerstört und zahllose Menschenleben gefordert hatte, nahmen sich die gleich uns betrübten Brüder unserer doch mit wahrhaft christlicher Liebe an. Man glaubte damals allgemein, die Halligen würden ganz untergegangen oder doch so zerstört sein, daß sie nie wieder von Menschen bewohnt werden könnten. Auch ich teilte anfangs diese Meinung. Als sich aber die Flut verlaufen hatte, der klare, blaue Himmel wieder gnädig über die Erde sich wölbte und über den grauen Wattenfeldern die bekannten Erdflächen wieder sichtbar wurden; da erfaßte uns ein wunderbares Heimweh. Kein Gott hätte mich auf dem Kontinent gehalten. Ich mußte wissen, wie es dort aussah, wo ich geboren worden war; ob es wohl möglich sein würde, auf dem überflutet gewesenen Heimatboden noch einmal eine feste Hütte zu erbauen. Denn das Menschenherz, lieber Herr, ist ein gar wundersames Ding. Es zieht ihn, und mag er ein halbes Jahrhundert in paradiesischen Gefilden verlebt haben, zuletzt doch wieder dahin zurück, wo er das Licht der Sonne erblickt, den ersten Gotteshauch auf dieser Welt mit durstiger Lippe eingezogen hat. So hielt es denn auch mich nicht lange auf dem Festlande. In einfachem Nachen ruderte ich mich hinüber nach der vaterländischen Hallig. Ich fand die Warft bis auf ein paar unscheinbare Brocken fortgeschwemmt, die Stützbalken meines Hauses zertrümmert. Aber der Erdfleck, wo es gestanden, wo ich so viele glückliche Stunden verlebt hatte, der war noch vorhanden, den hatte der gnädige Gott mir erhalten, und da sank ich denn dankend in meine Knie und gelobte dem Ewigen, fleißig, fromm und ehrlich das zerstörte Leben wieder von neuem zu beginnen, wenn er mich dazu ausrüsten wolle mit seiner Kraft. Und hatte ich denn nicht Ursache zu danken aus vollem überströmendem Herzen? Freilich war ich ärmer geworden um vieles; ich hatte mein Weib, drei Söhne und zwei liebe Enkel verloren, allein sie waren doch alle den Tod der Gerechten gestorben. Drei Söhne aber, eine Tochter und eine tugendhafte Schwiegerin lebten mir noch, ich fühlte mich gesund, und so war es ja meine Pflicht zu schaffen und zu wirken, dieweil ich noch Kraft dazu besaß. So begann ich denn mit Gottes Hilfe abermals eine Warft zu erbauen, fester und höher, als die zerstörte war. Auf ihr errichtete ich dies Haus, und Gott gab seinen Segen zu meinem Tun. Zwar raubte mir später die tückische Woge in fernen Zonen noch zwei Söhne, einen aber ließ sie mir, und – Dank und Preis sei Gott dafür – dieser eine und letzte, es ist ein braver Junge! Meine Schwiegerin blieb mir treue Haushälterin, meine Tochter fand ebenfalls ihr Unterkommen, der da verheiratete sich gut, machte sein Glück auf der See, wie auch ich stets bereichert heimkehrte von späteren Reisen, und so rufen wir denn, wenn wir einmal jener schweren Prüfungstage gedenken, aus vollem, von Dank überfließendem Herzen aus: Der Herr hat alles wohl gemacht!« Es war spät geworden während dieser Erzählung. Hanna, deren blasses, leidendes Gesicht einige Male durch die Türspalte geblickt hatte, trat wieder ein und begab sich an ihren gewöhnlichen Platz am Ofen, wo sie eine weibliche Arbeit zur Hand nahm. Das Gespräch wandte sich jetzt heiteren Gegenständen zu, wodurch die Eindrücke der so tragischen Katastrophe zum Glück wieder etwas verwischt wurden. Erst gegen Mitternacht geleitete mich der vielgeprüfte Halligmann nach meinem Schlafgemach. Am nächsten Morgen ward ich schon früh geweckt. »Entschuldigen Sie, werter Herr«, redete mich der Seemann an, »Sie kennen jedenfalls das Sprichwort: Wind und Flut warten auf niemand. Da nun die Flut bereits eingetreten ist und der Wind, jetzt allerdings noch flau, sich später wohl auch noch bemerkbar machen wird, möchte ich, als alter Kapitän, Ihrem Dithmarscher doch keine Blöße geben. Sie äußerten gestern, daß Sie heut nach den Inseln wollten. Auf diese Äußerung fußend, werfe ich Sie mit Ihrer Erlaubnis auf gut nordfriesisch sozusagen zur Tür hinaus, doch nicht als Feind, sondern als Freund. Bevor Sie jedoch an Bord gehen, frühstücken Sie in der Eile noch mit mir. Ich begleite Sie dann an den Strand. Mein Sohn ist schon vorausgeeilt, um Ihr Kommen dem Dithmarscher anzumelden. Er wird sich, sollte es auch zehn Minuten länger dauern, als verabredet worden ist, bei dem gereisten Steuermanne nicht langweilen.« Eine so freundliche Einladung abzuschlagen, wäre mehr als unhöflich gewesen. Ich folgte meinem Wirte, der indes als echter Seemann doch keine Ruhe am Frühstückstische hatte. Er stand schon fix und fertig angekleidet vor mir, während ich noch freundlich dankende Worte an die edle Dulderin, Hanna, richtete. Rasch empfahl ich mich, um an Bord zu eilen. »Ist heut guter Segelwind?« fragte ich meinen Jollenführer. »Ja, Herr, wenn er nicht kentert«, versetzte dieser echt dithmarsisch trocken. Ich stieg an Bord. Der Sohn des Halligmanns schüttelte mir die Hand zum Abschiede. Als der Wind die Segel blähte und wir vom Lande abdrehten, zog der Greis seine Mütze und rief mir nach: »Glückliche Reise, Herr, und wenn Sie dereinst wieder in die Halligen kommen sollten, vergessen Sie nicht an die Tür meines Hauses zu klopfen. Öffne ich dann auch nicht selbst, so tut's doch wohl der da (auf seinen Sohn zeigend), Hanna oder einer von meinen Enkeln. Gott sei mit Ihnen!« Der Wind trieb unser Fahrzeug rasch in die See hinaus, den Alten aber sah ich neben seinem Sohn noch lange am Strande stehen und den Lauf unseres Schiffes verfolgend. Als er endlich langsam seiner Warft zuschritt, schnalzte der Dithmarscher mit der Zunge und sagte: »Das ist ein Mann, ein ganzer Kerl. Es brauchte sich kein Kaiser zu schämen, den Hut vor ihm abzuziehen!«