Richard Skowronnek Das bißchen Erde Roman Verlag Peter J. Oestergaard G. m. b. H. Berlin-Schöneberg Engelhorns Romanbibliothek 1 Der alte Lentz und Miken Dannappel, die Köchin, die schon den Eltern des Grafen Malte in Treue gedient hatten, standen auf der Freitreppe des Vellahner Schlosses und erwarteten die Heimkehr ihres jungen Herrn. Zwei lange Jahre hatte er sich da unten in Afrika umhergetrieben, und die beiden alten Leutchen waren oft in banger Sorge gewesen, ob er aus all den Fährnissen mit wilden Völkerschaften und reißenden Tieren heil zurückkommen würde. Der älteste Sohn des Schloßgärtners Parbs nämlich, der als Steward auf einem Woermanndampfer gefahren war und in allen afrikanischen Fragen wohl als Sachverständiger gelten durfte, erzählte die gruseligsten Geschichten. Da holten sich die Löwen fast allnächtlich ihren Neger aus dem Karawanenlager, wie hier die Füchse einen feisten Gockel aus dem Hühnerstall, und wenn auch der alte Lentz den Gärtnerssohn einen lügenhaften Aufschneider nannte, Miken Dannappel schüttelte dazu nur mißbilligend und sorgenvoll den weißhaarigen Kopf. Löwen gab es in Afrika, das wußte sie noch von der Schule her, und wie leicht konnte so ein unvernünftiges Vieh sich in stichdunkler Nacht vergreifen? Einen mecklenburgischen Edelmann zum Fraß fortschleppen statt eines heidnischen Negers, an dem schließlich nicht allzuviel gelegen war ... Sie schlief erst wieder ruhig, als eine Depesche dem Verwalter gemeldet hatte, der junge Herr wäre wohlbehalten in Europa gelandet, in einer italienischen Stadt, deren Namen sie sich nicht zu merken vermochte und in der er sich nach dem Rate des Arztes einige Wochen aufhalten sollte, um nicht gar zu unvermittelt aus dem heißen Klima Afrikas in den kühlen mecklenburgischen Frühling zu kommen. Je mehr aber diese Wochen sich ihrem Ende näherten, desto beklommener wurde es ihr um das alte Herz. In dem stillen Winkel, in dem das Leben sonst so ruhig seinen Gang ging, hatte sich vieles geändert, und gar manches war geschehen in den zwei Jahren, was dem jungen Grafen Malte die Heimat wohl ebenso verleiden mochte wie damals, als er zum ersten Male in die Fremde zog. Damals hatte er fortgehen müssen nicht ohne eigene Schuld, heute aber zog sich über ihm ein Schicksal zusammen, für das er nichts konnte und das er wehrlos erwarten mußte. Alter Haß hatte es ihm gewoben und eine Feindschaft, die in längst vergangene Jahre zurückreichte ... »Wat hei woll dartau seggen ward?« sagte Miken und hob die glanzlosen Augen von dem ewigen Strickzeug zwischen den zitterigen Händen. Der alte Lentz aber seufzte bekümmert auf. Seine Gedanken gingen tagaus, tagein ja auch nur um diese einzige Frage ... »Che, wat ward hei woll dartau seggen?« Und ingrimmig fügte er hinzu: »Ah pfui Deuwel ward hei seggen, und das is mich ja 'ne schöne Überraschung! Was soll denn aus mir werden, wenn das Kleine, was in Hohenrömnitz erwartet wird, sich nun als einen männlichen Knaben ergibt? Und hatte der griese Esel es überhaupt nötig, sich auf seine alten Tage noch 'ne junge Frau zu nehmen?« »Um Gottes willen, Lentz« – Miken legte erschrocken die Hand auf die Brust –, »in so einer respektlosen Art und Weise sprechen Sie von Seiner Exzellenz, dem Herrn Erblandmarschall?« Der Alte entschuldigte sich ein wenig jesuiterisch. »Ich hab' natürlich nur gemeint, so würd' vielleicht unser Graf Malte sich über seinen Herrn Onkel ausdrücken, wenn man ihm nämlich die unangenehme Neuigkeit mitteilt. Ich aber möchte mit aller schuldigen Subordinatschon befürworten, daß er sich von Rechts wegen so ausdrücken dürft'! All die Jahre ist er zu dem Hohenrömnitzer Majorat der nächste Erbe gewesen und hat sich sozusagen auf diesen Beruf eingerichtet. Soll er vielleicht mit eins umsatteln und Geld verdienen lernen, bloß weil in Hohenrömnitz der Storch unterwegens is? Und das kleine Bündel fängt an zu quäken, du Großer, steh mal auf, jetzt setz' ich mich auf deinen Platz?« Miken spie rasch hintereinander dreimal aus. »Möchten Sie's vielleicht noch beschreien, Sie alter Dröhnbartel, Sie? Mich heben sowieso schon die Ängste, aber ich tröst' mich, unser himmlischer Vater wird das Unrecht nich zulassen in seiner Gnade.« »Fräulein Dannappel,« sagte der alte Lentz gekränkt, »deswegen is man noch kein Dröhnbartel nich, wenn man von was spricht und man zersorgt sich Tag und Nacht darüber. Und neben dem lieben Gott regiert leider auch der Deuwel die Menschheit, namentlich, was die weibliche Hälfte angehen tut. Nichts als Hinterlistigkeiten haben diese Rackers im Kopf, und wie sie die Männer am besten wohl betrügen können! Davon wär' noch manches zu sagen, aber ich nehm' Rücksicht, daß Sie doch noch immer eine ledige Frauensperson sind, und verkneif' mich das also.« »Das möcht' ich mich auch ausgebeten haben,« erwiderte Miken, und in ihr verschrumpeltes Altweibergesichtlein, kaum wie zwei Fäuste so groß, trat eine flüchtige Röte. »Die Moden wollen wir doch nich anfangen, Herr Lentz, daß Sie in Beisein von 'nem unschuldigen Mädchen über unpassende Sachen sprechen!« Sie rückte energisch die weißgestärkte Haube zurecht und klapperte in emsigem Stricken mit den stählernen Nadeln. Nach einer kurzen Weile aber hob sie wieder den Kopf und fuhr mit der Zungenspitze neugierig über die schmalen Lippen. »Oder haben Sie vielleicht von dem Kammerdiener Paalzow aus Hohenrömnitz was Neues gehört über die junge Frau Gräfin? Sie brauchen sich ja nich auf einer ordinären Art und Weise auszudrücken, sondern können mich das auf einer mehr verblümten Manier mitteilen. Ich werd' Sie schon verstehen.« Lentz zuckte mit den Achseln. »An Ihrem Verständnis, Fräulein Dannappel, zweifel' ich nich, Sie sind ja kein Kind mehr, sondern mit Gottes Hilfe mehr als siebzig Jahre auf der Welt. Aber den Krischan Paalzow hab' ich seit drei Wochen nicht gesehen, und was er mir damals erzählt hat, wissen Sie ja. Ein richtiger Herr Geheimer Medizinalrat ist bestellt für den Tag, aus Berlin, weil die hiesigen Doktoren dem Herrn Erblandmarschall nich klug genug sind.« »Na ja,« sagte Miken, »auf die Unkosten kömmt es ja wohl nich an, wenn es sich um einer so wichtigen Sache handelt. Aber kleine Kinder sind anfällig, auch wenn ein Herr Geheimer Medizinalrat neben ihnen steht, aus Berlin. Wieviel kleine Kinder hab' ich nich schon sterben gesehen! An Masern oder Keuchhusten, an Bräune oder Zahnkrämpfen ...« »Oder Scharlach,« fügte Lentz mit einem fast freudigen Nachdruck hinzu. »Dem Schlachter Röper in Moltzahn sind vergangenes Jahr drei Kinder an Scharlach gestorben, in einer Woche. Aber ich will natürlich nich gesagt haben, daß ich dem Kleinen, was sie drüben in Hohenrömnitz erwarten, so was anwünschen täte. Wenn's ein Mädchen gibt, kann es meinetwegen hundert Jahre alt werden?« »Von meinetwegen erst recht,« erwiderte Miken, »denn ein Mädchen kann unserem Herrn Grafen ja wohl nich das Majorat nehmen. Und überhaupt, wenn man von so was spricht, muß man sich nich gleich was Böses 'bei denken ... es is vielmehr nur so im allgemeinen. Wenn es einen Jungen gibt, wird der liebe Gott schon wissen, wie er alles am besten lenkt ...« »Che,« sagte Lentz, »das wird er wohl wissen in seinem unerforschlichen Ratschluß ...« Danach schwiegen die beiden Altchen, standen fröstelnd in der Abendkühle und hingen ihren langsamen Gedanken nach, die unablässig um eine einzige Sorge kreisten. Um die Sorge, ob dem einen, den sie betreut hatten vom ersten Tag, der ihnen teuer war, als stammte er aus ihrem eigenen Fleisch und Blut, an seinen Rechten kein Abtrag geschehe. Und halb unbewußt ballte sich in ihnen ein kalter Haß gegen den andern, der noch nicht geboren war, dessen erster Atemzug aber alles einstürzen ließ, was sie an Hoffnungen und Wünschen für den Rest ihrer Tage aufgebaut hatten ... Am andern Ende der Dammallee, die von der Schloßinsel zum festen Lande führte, ließ sich das Rollen von Wagenrädern vernehmen. »Jetzt kömmt er,« sagte Miken mit einem tiefen Atemzug, und Lentz wiederholte: »Che, jetzt kömmt er!« Zwei Augenpaare blickten angestrengt in den dichten Abendnebel hinaus, der in breiten Schwaden vom See her über die noch kahlen Erlen der Dammallee gezogen kam, und zwei treue Herzen begannen in freudiger Erregung rascher zu schlagen. Auf diesen Augenblick hatten sie zwei lange Jahre gewartet ... Das Rollen des Wagens kam näher, schon konnte man das Schnauben der vier Rappen vernehmen, die der alte Leibkutscher Fuhbel noch wie ein Jüngling vom Sattel aus fuhr. Mit einem kurzen Bogen lenkte er um den Vorgarten in die schmale Auffahrtrampe, und auf einen leisen Zungenschnalzer standen die Gäule mit einem einzigen Ruck, so daß der Wagenschlag genau vor der Mitte der Freitreppe hielt. Aus dem leichten Gefährt schwang sich ein hochgewachsener junger Mann und nahm die drei Treppenstufen mit einem einzigen Satz. Miken griff mit zitternder Hand nach seiner Rechten, um sie an die Lippen zu ziehen, er aber umfaßte das alte Weiblein und schwenkte es in überströmender Wiedersehensfreude hoch in die Luft. »Ne, Jungfer Miken, das wollen zwei Liebesleutchen wie wir doch nicht einführen,« rief er übermütig und küßte sie mitten auf den Mund. »Ach Gott nein, Herr Graf, nich so stürmisch,« kreischte sie beglückt und verlegen zugleich, der alte Lentz aber stand dabei, fuhr sich mit dem Handrücken verstohlen über die Augen. »Ich freu' mich doch bannig, daß der Herr Graf wieder zu Hause sind. Und daß der Herr Graf wieder ganz gesund sind. Wie früher, eh' daß Sie nach Afrika gingen!« »Ja gottlob, Alter, wieder ganz gesund,« sagte Malte mit einem Aufatmen. »Da draußen fällt vieles von einem ab, was man hier als große Wichtigkeit ansieht!« Er schüttelte dem Getreuen die Hand und sah ihm fest in die Augen. Beide wußten sie, wie es gemeint war, denn der alte Weißbart hatte ja vor zwei Jahren die verhängnisvolle Liebesgeschichte mitgemacht vom vergnügsamen Anfang bis zum traurigen Ende. Hatte schon früher immer die heimlichen Brieflein getragen nach Alten-Krakow und zurück, und wer weiß, was damals geschehen wäre, wenn er nicht in jener mondhellen Mainacht plötzlich dagestanden hätte unter den drei Eichen auf dem Krakower Galgenberg? ... Wie aus dem Boden gewachsen stand er mit einem Male da, denn er hatte sich ohne Zaudern aufgemacht, als er im Schreibzimmer des Grafen Malte den versiegelten Brief gesehen hatte mit der Aufschrift: »Morgen früh Seiner Exzellenz dem Herrn Erblandmarschall Grafen Römnitz auf Hohenrömnitz durch reitenden Boten zu bestellen.« Hatte einen Gaul aus dem Stalle gerissen und das Tier halb zuschanden gejagt, bis er mit seinen scharfen Augen erkennen konnte, daß die beiden auf der Bergkuppe noch aufrecht standen. Da sprang er ab und pirschte die letzten paar hundert Schritte sich kriechend heran, kam gerade noch zur Zeit, Gott sei Dank! Mit einem gewaltigen Satze warf er sich dazwischen, wand seinem jungen Herrn die Waffe aus der Hand ... Einen Faustschlag mitten ins Gesicht bekam er zum Dank, daß ihm das helle Feuer aus den Augen spritzte, aber das gefährliche Schießeisen gab er nicht wieder her. Und inzwischen hatte die Krakower Baroneß es wohl mit der Angst bekommen. Laut aufweinend lief sie den Berg hinab, band ihr Reitpferd los und jagte von dannen, als graute ihr plötzlich vor dem Tode, den sie doch noch eben gesucht hatte. Denn von ihr nämlich war der Vorschlag ausgegangen, allem Herzeleid ein rasches Ende zu bereiten ... Graf Malte aber sah ihr wie geistesabwesend nach, und plötzlich lachte er laut auf, lachte und lachte, bis das Lachen in ein Schluchzen überging. Danach ließ er sich willig den Berg hinunterführen, und schweigend ritten sie nebeneinander nach Hause. Am Hoftor verhielten sie, denn Lentz mußte die beiden Pferde in den Stall bringen. Und sein Herr sah ihn mit einem Verzeihung heischenden Blick an. »Hat's sehr weh getan, Alter?« »Nein, Herr Graf, ich hab's in der Aufregung gar nicht gespürt. Und viel wichtiger is es wohl, daß Sie jetzt den Brief zerreißen werden, der wo im Schloß auf dem Schreibtisch liegt.« Da blickte der junge Herr eine ganze Weile vor sich hin auf den Boden. »Lieber ist's mir schon, du bleibst noch ein paar Stunden bei mir. Aber, nicht wahr, du sprichst zu keinem Menschen darüber, was eben geschehen ist? Auch zu mir nicht.« Und ein wenig zögernd fügte er hinzu: »Oder vielleicht ist es besser, du nimmst meinen Wotan, weil der noch frischer ist als deine abgetriebene Kragge, und reitest nach Alten-Krakow hinüber. Es könnte doch sein, daß dort vielleicht ein Unglück passiert wäre, und ich gebe dir mein Wort, ich warte ... also ich warte bestimmt, bis Du wieder zurück bist.« Da sagte Lentz nur: »Zu Befehl« und schwang sich in den andern Sattel. An einem Worte seines jungen Herrn war nicht zu zweifeln, und er konnte ruhig reiten. Nach zwei Stunden berichtete er wahrheitsgemäß, im Alten-Krakower Schlosse wäre alles ruhig, der Nachtwächter machte seine Runde wie sonst, und kein Fenster wäre hell. Woraus man also wohl auch schließen dürfte, daß nichts Besonderes vorgefallen wäre ... Graf Malte aber nickte nur, stand auf und verbrannte den Brief Blatt für Blatt an der auf dem Schreibtisch stehenden Kerze ... Und weil sie nach der Aufregung doch nicht schlafen konnten, mußte der Alte erzählen. Von einem andern Ritte, den er vorzeiten mit dem Vater seines jungen Herrn ausgeführt hatte. Er erzählte die Geschichte nicht zum ersten Male, aber darauf kam es im Augenblicke ja nicht an, sondern mehr auf den Zeitvertreib. Und sie hatte zudem eine Nutzanwendung, die ein wenig auf den vorliegenden Fall paßte ... Am 16. August war es gewesen, bei Rézonville, und den Hinweg hatten sie mit brausendem Hurra gemacht, an der erschöpften eigenen Infanterie vorbei, über die feindlichen Schützenschwärme hinweg, bis der glorreiche Angriff an der feststehenden Mauer einer noch frischen Zuavenbrigade zerschellte. Da jagten die Trümmer der beiden Husarenregimenter über das mit Toten und Verwundeten besäte Schlachtfeld zurück, der Unteroffizier der Reserve Lentz neben seinem Rittmeister, dem Grafen Römnitz. Und mit einem Male brach der Gaul des Unteroffiziers zusammen, begrub seinen Reiter unter sich – eine Chassepotkugel hatte ihm, von hinten her im Bogen einschlagend, das Rückgrat zerschmettert. Da parierte der Graf seine Grauschimmelstute auf der Stelle. »Hallo, Lentz, lebst du noch?« schrie er hinab, denn er duzte seinen Unteroffizier, weil er doch mit ihm zusammen in Hohenrömnitz aufgewachsen war. »Zu Befehl, Herr Graf,« schrie der Unteroffizier zurück und arbeitete sich mit Schmerzen unter dem verendenden Gaule hervor. »Aber ich kann nicht aufstehen, ich glaube, ich habe mir das rechte Bein gebrochen.« »Na, dann muß es eben anders gehen!« Graf Römnitz beugte sich hinab und hob mit einem Griff seiner eisernen Faust den Unteroffizier Lentz vor sich in den Sattel. »Ein Hohenrömnitzer Kind soll nicht sagen dürfen, seine Herrschaft hätte nicht zu ihm gehalten!« Und weiter ging's im Schritt, bis die zersprengten Schwadronen hinter der zum letzten Angriffe vorgehenden preußischen Infanterie sich wieder sammeln konnten. Die brave Grauschimmelstute Arabella – ihr in Silber gefaßter rechter Vorderhuf stand als ein Erinnerungszeichen da drüben auf dem kleinen Rauchtische – hatte willig die doppelte Last getragen. Und als Graf Römnitz seinen Unteroffizier einem Lazarettgehilfen übergab, sagte er bloß: »Na schön, das hätten wir bis so weit glücklich geschafft. Nun mach, daß du wieder gerade Beine kriegst, und wenn du mich mal ebenso in Dreck und Speck liegen siehst, reit auch nicht vorbei.« »Zu Befehl,« hatte er erwidert, dabei aber in seinem Innern einen heftigen Schwur getan. Nur bot sich keine Gelegenheit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, denn er mußte bis zum Ende des Feldzugs an seinem zersplitterten Bein im Lazarett liegen, und der Herr Rittmeister kam heil zurück. Bloß die brave Arabella war unter ihrem Reiter im Dezember vor Orleans bei einem Rekognoszierungsgefecht gefallen. Und als der Unteroffizier Lentz wieder leidlich zu Wege war, trat er vor seinen ehemaligen Eskadronchef hin. »Halten zu Gnaden, Herr Graf, ich hätt' eine Bitte. Eigentlich nämlich bin ich ja gelernter Tischler und hab' soweit in Moltzahn bei meinem Meister das Auskommen. Aber wenn der Herr Graf mich als Diener annehmen wollten, möcht' ich's vielleicht noch ein büschen besser haben.« »Na schön,« sagten der Herr Graf, »wird gemacht, und man hat doch eins um sich, wo man mal ab und zu von Kriegsgeschichten klöhnen kann und so ...« Der Alte machte eine kleine Pause, denn jetzt kam die Nutzanwendung seiner Geschichte, nur fand er nicht gleich die rechten Worte dafür ... »Che, da bin ich denn 1872 hier eingetreten, aber es war nich so sehr wegen dem guten Leben als wegen dem 16. August. Und immer hab' ich drauf gelauert, daß mein Herr Graf mal so recht in Gefahr kommen sollt', weil ich mich doch wegen Rézonville bei ihm revanchieren wollte. Aber es is leider Gottes nie nich dazu gekommen, denn sie sind ja einen soweit ganz schönen Tod im Haus gestorben. Erst heute hab' ich mich ein büschen revanchieren können, und es war sehr gut für mich, denn stellen Sie sich mal vor, Herr Graf, was mir da oben wohl passieren würd', wenn ich zu der großen Armee einrück. ›Zur Stelle,‹ sag' ich, und mein sel'ger Herr Rittmeister darauf: ›Na schön, Lentz, da bist du ja endlich, und wenn es dir paßt, kannst du wieder bei mir eintreten. Aber, schwere Not nochmal, weshalb hast du nicht aufgepaßt, als mein einziger Junge drauf und dran war, unter den Schlitten zu geraten?‹ Da müßt' ich denn doch wohl die Augen unter mich schlagen – nich? – und als ein Schubbjack dastehen, der sich wegen Pflichtvergessenheit genieren muß? ...« Der helle Morgen drang schon durch die Ritzen der Fensterläden, und draußen in den dichten Efeuranken und hohen Linden lärmten die Spatzen, als Lentz mit seiner Geschichte zu Ende war. Graf Malte stand auf, öffnete die Tür und trat auf den kleinen Erker hinaus, von dem man einen weiten Ausblick hatte über den Vellahner See und die grünenden Saaten bis zu dem Hohenrömnitzer Walde, der wie ein dunkler Saum am fernen Horizont stand. Und mitten aus diesem dunkeln Saume ragte ein trutziges Bauwerk in die Höhe, ein aus Findlingssteinen festgefügter runder Turm, über dem ein bunter Farbenfleck im hellen Sonnenlicht schwamm, die Wappenfahne der Römnitze, die hoch über dem Schlosse im Morgenwind flatterte ... Da stand er eine ganze Weile schweigend, und als er sich endlich zurückwandte, hob sich seine Brust unter einem tiefen Atemzuge. »Ist gut, Alter, und ich danke dir. Wenn's aber ans Schämen ginge, müßte ich wohl zuerst damit anfangen – die Flinte ins Korn zu werfen und sich feige zu drücken, ehe es überhaupt zum Kampf gekommen ist! Der Alten-Krakower wird sein einziges Kind doch nicht unglücklich machen, nicht wahr? Und schließlich bin ich immer noch der Erbe von Hohenrömnitz, da sollte ihm wohl die Wahl nicht schwer fallen zwischen mir und dem alten Nußknacker in Hinrichshagen? Und die Streitigkeiten aus längst vergangenen Zeiten, noch von meinem seligen Papa her, die sind doch mit einem guten Wort aus der Welt zu schaffen? Ich brauche ja nur das Wildgatter an der Grenze wieder abreißen zu lassen, und alles ist in Ordnung?« ... So sprach er noch eine Weile fort mit leuchtenden Augen, und der Alte nickte dazu, redete eifrig zum Guten. Wer noch an einer Hoffnung hing, tat sich so leicht nicht ein Leid an. Die eigentliche Gefahr kam erst wieder, wenn es mit dieser Hoffnung vorbei war, und dann galt es, die Augen offen zu halten ... Am selben Vormittage noch fuhr Graf Malte zur Werbung nach Alten-Krakow, und zwei Stunden später kam er heim. Das Gesicht bleich wie ein Leintuch und die blauen Augen wie erloschen vor Schimpf und Gram. »Um Gottes willen, Herr Graf, was ist bloß geschehen?« fragte Lentz, als er ihm den Wagenschlag öffnete; der junge Herr aber wehrte nur mit einer müden Handbewegung ab, und Fuhbel, der Leibkutscher, jagte mit den vier Rappen wieder die Dammallee entlang, daß der leichte Wagen in den Geleisen schleuderte. Eine Stunde später kehrte er mit dem Herrn von Lewenitz aus Tüschow zurück, der mit dem Grafen Malte als Reserveoffizier in demselben Regimente stand, bei den Friedeberger Dragonern. Die beiden jungen Herren schlossen sich im Schreibzimmer ein, besprachen sich eine ganze Weile lang, und da wußte Lentz, daß es sich um eine Ehrenangelegenheit handelte. Vor jenen langen Jahren, als sein seliger Herr Rittmeister sich mit dem Moltzahner Amtshauptmann schoß, hatte es ähnliche Vorbereitungen gegeben. Was aber zwischen dem Baron von Köhnemann auf Alten-Krakow und dem Grafen Malte eigentlich geschehen war, war nicht in Erfahrung zu bringen. Der Leibkutscher Fuhbel, der mit seinem Gespann auf der Freitreppe gehalten hatte, wußte nur zu berichten, es müßte etwas Fürchterliches gewesen sein. Die junge Baroneß hätte geweint, daß es draußen zu hören war, der Alten-Krakower immer dazwischen mit seiner groben Stimme, daß die Fenster klirrten, und mit einem Male hätte auch Graf Malte aufgeschrien, so unnatürlich und laut, daß es ihm draußen im Sattel ganz kalt über den Rücken lief. Und eine kleine Weile später wäre der junge Herr herausgekommen, mit dem Taschentuche vorm Gesicht, und es hätte ausgesehen, als könnte er sich nicht recht auf den Füßen halten. Ganz mühsam wäre er in den Wagen gestiegen, und da hätte der Baron von Köhnemann den Fensterflügel aufgerissen und dem Davonfahrenden noch etwas nachgeschrien, aber weil die Räder über das holperige Steinpflaster rasselten, wäre es, Gott sei Dank, nicht zu verstehen gewesen. Das war alles, was der Leibkutscher Fuhbel zu berichten wußte, aber Lentz meinte, es wäre mehr als genug, damit die beiden Herren sich am nächsten Morgen mit der Pistole in der Hand gegenübertreten müßten. Und im allerletzten Grunde eigentlich um nichts anderes als um ein paar wertlose Knochen, um ein plundriges Hirschgeweih, das der Baron von Köhnemann vor jenen langen Jahren nicht hatte herausgeben wollen, obwohl zwischen Vellahn und Alten-Krakow seit ewigen Zeiten eine gerechte Jagdfolge bestand, wie es sich unter anständigen Nachbarn gehörte. Damit hatte es angefangen. Aller Haß und alle Wirrnis stammte aus dieser lächerlich kleinen Ursache ... Der Hirsch hatte auf Vellahner Gebiet die Kugel bekommen, war, schwerkrank, über die Grenze gewechselt und in einer Alten-Krakower Kiefernschonung verendet. Nach altem Brauch und Herkommen gehörte das Geweih dem Schützen, aber weil es ein ganz braver Vierzehnender war und der Hirsch nicht von dem Vellahner Gutsherrn selbst erlegt worden war, sondern nur von seinem Revierjäger Schwarz, verweigerte der Baron von Köhnemann unter allerhand nichtigen Ausreden die Herausgabe der Trophäe. Der Revierjäger Schwarz, dem der Abschuß des Hirsches von seinem Herrn als Belohnung gewährt worden war für das Abfassen eines Schlingenstellers, beschwerte sich in einem respektvollen Schreiben und erhielt keine Antwort. Da machte der Vellahner Herr die Sache des Revierjägers zu der seinigen, ritt persönlich nach Alten-Krakow hinüber, um die leidige Angelegenheit mit einer kurzen Aussprache in Ordnung zu bringen, denn was Recht war, mußte Recht bleiben. Der Nachbar konnte nicht willkürlich die alte Jagdfolge brechen, nur weil der Schütze auf der andern Seite kein Herrenjäger war. Aber sei es, daß der Baron von Köhnemann an dem Tage mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bett gestiegen war oder bei Tisch zu viel Rotwein getrunken hatte, statt der gütlichen Einigung gab es eine gröbliche Auseinandersetzung, und der Vellahner Herr kam mit leeren Händen wieder heim. Zuerst ärgerte er sich darüber, dann aber lachte er, daß seine ganze schwere Gestalt schütterte; er hatte ein Mittel gefunden, dem Alten-Krakower die »Jagdgnietschigkeit« gründlich und für alle Zeiten zu versalzen. Dem Revierjäger Schwarz schenkte er zum Troste den Abschuß eines andern braven Hirsches – es gab ja genug davon in der Vellahner Wildbahn –, am nächsten Tage aber begann am Grenzrain ein eifriges Arbeiten. Zweieinhalb Meter hohe Eichenpfähle wurden in kurzen Abständen eingegraben und dazwischen feste Eisendrähte gespannt, ein Gatter wurde errichtet, das dem Alten-Krakower für immer den freien Wildwechsel abschnitt. Damit war es auch mit seiner Hirschjagd vorbei, denn sein Revier war nur klein, umfaßte knapp tausend Morgen. Als ein schmaler Zipfel schloß es sich an die ausgedehnten Vellahner und Hohenrömnitzer Waldungen, die wiederum mit den großherzoglichen Staatsforsten einen meilen- und meilenweiten Komplex bildeten. Von der andern Seite aber war keinerlei Zuzug zu erwarten, denn hinter der Alten-Krakower Feldmark lagen drei große Dörfer, und der emsige Wirtschaftsbetrieb der Bauern behagte dem edlen Rotwilde nicht, das schon gegen geringfügige Störungen empfindlich war und gar leicht seinen Standplatz wechselte. Als nun der Baron von Köhnemann sah, daß es mit dem Gatter Ernst wurde, zog er andere Saiten auf und schickte das einbehaltene Geweih des Vierzehnenders mit einem höflichen Entschuldigungsschreiben zurück, das Ganze wäre nur ein bedauerliches Mißverständnis gewesen. Der Vellahner Herr jedoch erwiderte ebenso höflich, zu seinem Leidwesen könnte er die verspätete Entschuldigung samt dem Geweih nicht annehmen. Auf dem Heimwege damals nach der fruchtlos verlaufenen Unterredung hätte er sich das Wort gegeben, soviel an ihm läge, würde er dafür sorgen, daß sein Herr Nachbar keine Hirsche mehr zu schießen bekäme, und sein Wort müßte man halten. Der Alten-Krakower wiederum revanchierte sich mit einer gerichtlichen Klage wegen Besitzstörung, aber er wurde in allen Instanzen abgewiesen, obwohl er unter Beweis stellen konnte, daß er vor Errichtung des Gatters mehr als zwanzig jagdbare Hirsche alljährlich abgeschossen hätte und das Vierfache an Kahlwild. Und das verhielt sich in der Tat so, denn seine tausend Morgen Wald bestanden fast ganz aus dichten Kiefernschonungen, weil er vor Jahren bereits wegen drückender Schulden die alten Buchen und Eichen hatte herunterschlagen lassen, und das Hochwild zog sich namentlich zur Winterzeit nach den Dickungen, da es dort reichliche Gelegenheit zum Schälen an den saftigen Kiefernsprossen hatte. Um die Zeit aber lud der Baron von Köhnemann sich ein halb Dutzend Moltzahner »Schützenbrüder« ein – anständige Jäger gaben sich zu so unweidmännischer Hantierung nicht her –, die Schonungen wurden mit hohem Jagdzeug umstellt, und es hub ein Morden an, daß am Abend nach solchen »Jagdtagen« zuweilen mehr als dreißig Stück Rotwild auf der Strecke lagen. Und dieser nicht unlohnende Betrieb hatte mit einem Male ein Ende, als an der Vellahner Grenze das feste Gatter stand, denn der Revierjäger Schwarz leistete sich zuweilen noch eine kleine Extrarache. Von Zeit zu Zeit setzte er seine beiden Teckel Waldmann und Waldine nächtlicherweile in die Alten-Krakower Schonungen, und die scharfen kleinen Racker machten ganze Arbeit. Was an Rot- oder Schwarzwild noch in den Dickungen steckte, rückte aus, salvierte sich vor den bösartigen Kläffern ins Vellahner Revier, durch die »Einsprünge«, die man wohlweislich im Gatter angelegt hatte; eine Art von großen Mausefallen, die dem Wilde wohl das Einwechseln, aber nicht mehr die Rückkehr gestatteten ... So kam es, daß schon nach wenigen Monaten der Baron von Köhnemann, wie man zu sagen pflegte, »keinen Schwanz mehr« in seinem Revier besaß, auf seiner nächsten Winterjagd kamen ein kümmerliches Stück Damwild und ein räudiger Fuchs zur Strecke. Der Vellahner Herr lachte nur, wie es seine Art war, ein herzhaftes schütterndes Lachen, als ihm das klägliche Ergebnis berichtet wurde. ... Vielleicht aber, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, weiter in die Zukunft hinauszusehen, daß er dann das Gatter wieder abgerissen hätte. Etliche Jahre später zahlte es ihm der Nachbar an dem einzigen Jungen heim ... Der Alten-Krakower war ein leidenschaftlicher Jäger. Ein »Schießer« mehr als ein Weidmann, aber das sind bekanntlich die Schlimmsten! Als es nun im eigenen Revier nichts mehr zu erlegen gab, hing ihm die Büchse untätig im Schranke, denn von den Nachbarn wurde er aus Rücksicht auf den Vellahner nicht eingeladen. In seine Seele aber fraß sich ein dumpfer Groll, und nicht bei sich selber suchte er die Schuld, sondern bei dem andern, der ihm durch sein böswilliges Vorgehen die herrlichste aller Lebensfreuden, die Betätigung der Jagdpassion, geraubt hatte. Wenn er den Namen des Grafen Römnitz hörte, spie er aus, und allmählich entwickelte sich zwischen den beiden Nachbargütern eine Feindschaft, wie sie ingrimmiger wohl kaum ersonnen werden konnte. Alle Tage gab es Streitigkeiten wegen irgendeiner geringfügigen Grenzverletzung, jeden kleinen Anlaß benutzte der Alten-Krakower zu einem Prozesse, die Forstbeamten schossen sich wechselseitig die Hunde tot, und wenn die Knechte auf dem Tanzboden zusammentrafen, setzte es blutige Köpfe. Da riß auch dem sonst so gutmütigen Vellahner Herrn der Geduldsfaden. Eines Tages traf er den Alten-Krakower an der Feldgrenze, beide Herren waren allein, und was zwischen ihnen sich abgespielt haben mochte, wußte kein Mensch zu erzählen. Nur als der Vellahner heimkehrte, sagte er mit seinem schütternden Lachen zu seinem Vertrauten: »Du, Lentz, heute hab' ich's dem da drüben« – den Namen Köhnemann sprach er nicht gern aus – »unter vier Augen gründlich besorgt. Prozesse kann er mit mir führen, so viel er will, hoffentlich aber unterläßt er's von jetzt an, mir über die Grenze hinweg Schimpfreden an den Kopf zu schmeißen.« Von dem Alten-Krakower aber wurde erzählt, er wäre von dem Zusammentreffen nur ganz mühselig nach Hause gekommen und hätte unter dem Vorwande eines Hexenschusses drei Tage lang das Bett hüten müssen. Und in der ganzen Umgegend gab es ein Schmunzeln, denn so ziemlich jedermann gönnte ihm wegen seiner ewigen Stänkereien die unfreiwillige Bettruhe – So spann sich die Feindschaft von Jahr zu Jahr und hörte nicht auf, selbst als der Vellahner Herr eines Tages das Zeitliche gesegnet hatte. Nur die Prozeßakten des Barons von Köhnemann bekamen ein anderes Aktenzeichen. Nicht mehr gegen den Grafen Römnitz lauteten sie, sondern gegen die Vellahner Gutsverwaltung. Alles andre aber blieb wie sonst, die Kühe wurden gepfändet, wenn sie einmal über die Grenze liefen, die Förster schossen sich gegenseitig die Hunde tot, und die Knechte verprügelten einander, wenn sie auf dem Tanzboden zusammenstießen. Und nur zwei Menschen gab es, die sich an die alte Feindschaft nicht kehrten. Ein blondhaariges Mädchen, das frisch aus der Strelitzer Pension in das freudlose Vaterhaus zurückgekehrt war, und ein schlanker junger Mann, der eben bei den Friedeberger Dragonern sein Jahr abgedient hatte und nun auf dem väterlichen Gute sich ein wenig um die Wirtschaft kümmern sollte, um später einmal das Hohenrömnitzer Majorat zu übernehmen, zu dem er aller menschlichen Voraussicht nach der nächstberechtigte Erbe war. Die Ehe seines Oheims, des Erblandmarschalls Grafen Römnitz, war schon seit mehr als siebzehn Jahren kinderlos ... Beim ersten Male, als die beiden Nachbarskinder sich an dem Gatter auf der Grenzscheide trafen, er mit der Büchse über der Schulter und sie hoch im Sattel, musterten sie einander wohl verstohlen, aber ohne Gruß zogen sie weiter, denn das Gatter und die alte Feindschaft standen ja zwischen ihnen. Als sie jedoch am nächsten Nachmittage sich genau zu derselben Stunde und an derselben Stelle trafen – ganz zufällig natürlich – lächelten sie heimlich, und es kam wohl von selbst, daß sie in ein Gespräch gerieten. Wie dumm es von den Vätern gewesen, sich in eine so abgründige Feindschaft zu verstricken, statt in friedlicher Nachbarschaft zu leben. Und noch ganz gut entsannen sie sich der Zeiten, da sie als kleine Kinder im Vellahner Schloßparke gespielt hatten ... Danach trafen sie sich öfter, nur als der Alten-Krakower Baroneß aus väterlichem Mißtrauen zu den allnachmittäglichen Ausflügen ein Reitknecht beigegeben wurde, verlegten sie die Zusammenkünfte auf den späten Abend. Da pflegte der Baron von Köhnemann mit einigen gleichgestimmten Herren im Strelitzer Hof zu sitzen in Moltzahn und, wenn er die Karten in der Hand hielt, fand er selten vor zwei Uhr morgens heim. Die junge Baroneß Gertrud aber schlüpfte dicht vermummt zum Parktürchen hinaus, stiefelte unverdrossen den Galgenberg hinauf. Dort oben war vor jenen uralten Zeiten die Richtstätte gewesen. Das Landvolk mied den Platz in abergläubischer Scheu, sie aber fürchtete sich nicht, denn unter den drei Eichen stand einer, der in Sehnsucht ihrer harrte. Der brave Wotan wieherte leise auf, ein starker Arm umfaßte sie, und zwei rote Lippen suchten verlangend ihren Mund; denn von dem Bedauern über die alte Feindschaft waren sie längst zu heißer Liebe gekommen. Und bei jedem Abschiede erneuerten sie den Schwur, in Treue auszuharren, bis bessere Zeiten kämen, bis Malte im Besitze des Hohenrömnitzer Majorates als ein vollwichtiger Werber vor den alten Widersacher seines Vaters hintreten dürfte ... So ging das heimliche Verhältnis schon ins dritte Jahr, die beiden wurden einander jedoch nicht müde. Je weiter das Ziel ihrer Sehnsucht sich hinausschob, desto inniger wurde ihre Liebe, und sie waren ja jung, was verschlug es ihnen, wenn sie noch eine Weile länger warten mußten? Eines Tages aber kam die Baroneß in Tränen aufgelöst zu dem abendlichen Stelldichein. Etwas Schreckliches war geschehen, der Vater hatte ihr eröffnet, binnen jetzt und vier Wochen hätte sie den Kammerherrn Baron von Perkwald auf Hinrichshagen zu heiraten. Das wäre sein unabänderlicher Entschluß, und sie sollte nur eilends mit dem Beschaffen der Aussteuer anfangen, denn vier Wochen wären gar bald herum. Sie warf sich ihm zu Füßen, aber kein Bitten und Flehen half ihr. Je heftiger sie weinte, desto mehr geriet er in Harnisch, und schließlich stieß er sie von sich, schlug schmetternd die Tür hinter sich zu. Und er ließ ihr die Wahl. Ob sie den eigenen Vater in Not und Schande sehen wollte oder die Gattin eines angesehenen Herrn werden, an dessen Seite sie ein Leben im Überfluß führen könnte ... Da gab es natürlich keinen andern Ausweg als ein rasches Ende, und Malte war ganz und gar damit einverstanden. Was bot ihm denn die Zukunft, wenn er auf die Vereinigung mit dem Liebsten verzichten mußte, was er auf Erden besaß? ... Unter Tränen und Küssen beschlossen sie, gemeinsam zu sterben, und malten sich im Überschwange der Trostlosigkeit aus, daß es besser wäre, tot zu sein, als ein langes Leben voll Kummer zu tragen. Weil sie aber keine Waffe bei sich hatten, verschoben sie die Ausführung ihres Entschlusses auf den nächsten Abend. Malte zudem hatte noch allerhand Anordnungen vor seinem Hinscheiden zu treffen, den Oheim in Hohenrömnitz zu benachrichtigen, daß das Majorat nach Gottes unerforschlichem Ratschlusse nunmehr wohl an die märkische Seitenlinie der Römnitze übergehen müßte. Die Baroneß aber wiederum war gewissermaßen verpflichtet, ihrer treuesten Pensionsfreundin über das letzte so traurige Kapitel ihres Liebesromans im voraus Bericht zu erstatten. Von dieser falsch beurteilt zu werden, wäre ihr schrecklich gewesen, den Vater hingegen beschloß sie ohne eine Zeile des Abschiedes zu verlassen. Wer seine einzige Tochter als ein Handelsobjekt bewertete, verdiente es nicht anders! ... Also vorbereitet trafen sie sich zum letzten Beisammensein, und wer wollte es den beiden Kindern verdenken, wenn sie mit dem Abschiednehmen immer und immer wieder zögerten? Die Maiennacht war lau und warm, am blassen Himmel über den hohen Eichen schwamm der volle Mond, und in dem niedrigen Buschwerk sang ohne Aufhören eine Nachtigall. Sie beide aber hatten sich vor der Trennung noch so vieles zu sagen ... Endlich war es Zeit, denn es ging wohl schon auf Mitternacht, und von irgendwoher drang klappernder Hufschlag durch die Stille. Eine Störung war unterwegs, es galt, sich zu eilen. Nur eine kurze Weile verging noch, denn sie vermochten sich nicht zu einigen, wer zuerst den dunkeln Pfad beschreiten sollte. Ein jedes wollte vor dem andern dieses Jammertal verlassen, und ein gleichzeitiges Sterben war leider ausgeschlossen, denn eine einzige Waffe besaßen sie nur. Und da, plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, stand ein Dritter zwischen ihnen, warf sich auf Malte und begann mit ihm lautlos zu ringen. Die Baroneß aber schrie laut auf vor Schreck, rannte in sinnloser Angst den Berg hinab und jagte mit verhängten Zügeln davon. Erst als sie fiebernd in ihrem Bette lag, fing sie wieder an zu denken, und immer raunte eine Stimme an ihrem kleinen Ohr: »Wer weiß, wozu es gut war, vielleicht gab es doch noch eine allerletzte Hoffnung?« Der liebe Gott, zu dem sie in dieser Zeit so innig gebetet hatte, konnte sie doch nicht ganz im Stich lassen ... Am andern Tage aber, gegen Mittag, war es mit dieser Hoffnung vorbei. Da saß sie als eine Gefangene in ihrem Zimmer, weinte still vor sich hin und rang die Hände. Neben ihr standen zwei stumpfsinnige Küchenmägde, glotzten sie aus großen Augen an und paßten, ob sie irgendeine verdächtige Bewegung machte. Dann nämlich hatte die eine den strengen Befehl, sie festzuhalten, die andre aber sollte an die Treppe eilen und laut um Hilfe schreien ... Und im Erdgeschosse ging der Vater auf und ab, sprach laut mit sich selbst und lachte dazwischen: »Das war für das Gatter und für die Hirsche und für etwas, wovon niemand was weiß« ... Immer wieder schrie er die höhnischen Worte gegen die Wände, indessen ihr Liebster den Weg zurückfuhr, den er gekommen war. Nur hatte er auf dem Hinwege noch nicht den unauslöschlichen Makel im Angesicht getragen ... Da biß sie sich die Lippen wund in unsagbarem Weh. Was gestern noch eine halb kindische Torheit gewesen, war heute ein unentrinnbares Gebot. Danach konnte ein Mensch doch nicht weiter leben ... Mit gerungenen Händen flehte sie die Mägde an, sie nur eine einzige Minute allein zu lassen, aber die beiden ungeschlachten Frauenzimmer zeigten grinsend die weißen Zähne: »Nee, Baroneß, dat geiht nich, de gnä' Herr Baron hätt et verbaden. Un wenn wi nich hören daun, dann göfft et Schacht!« ... Da gab sie es auf und fügte sich anscheinend in ihr Schicksal – – – – Um die Kaffeezeit kehrte Herr von Lewenitz von Alten-Krakow nach Vellahn zurück. Graf Malte war ihm vor Ungeduld ein Ende weit auf der Dammallee entgegengegangen. Fuhbel hatte in den Hof zurückkehren müssen, um das Gespann zu wechseln, das schon seit dem frühen Vormittag auf den schweren Lehmwegen in den Sielen ging, und aus den Gesichtern der beiden Herren war nicht zu erkennen, wie der Baron von Köhnemann die Forderung wohl aufgenommen haben mochte. Nur wollte es dem alten Lentz bedünken, als wäre der Herr von Lewenitz in seinem Benehmen weit förmlicher als noch vor wenigen Stunden. Nach kurzer Zeit schon fuhr er wieder nach seinem Gute Tüschow zurück, Graf Malte gab ihm auf die Freitreppe hinaus das Geleit, und es war eigentlich auffallend, daß sie sich ohne Händedruck voneinander verabschiedeten. Das aber war wohl nur ein Zufall, der Tüschower mochte es eilig haben, wieder nach Hause zu kommen. Und im übrigen ging alles seinen Gang, wie es bei solchen Gelegenheiten wohl Brauch war. Graf Malte schrieb einige Briefe, die er sorgfältig siegelte und in der Schublade verwahrte, gegen Abend zog er seine Leutnantsuniform an und ließ den Wotan satteln, um nach Moltzahn hinüberzureiten. Er hätte in einer dienstlichen Angelegenheit mit dem Herrn Bezirkskommandeur zu sprechen, und da wußte Lentz genau Bescheid, daß es am andern Morgen in aller Herrgottsfrühe mit dem Baron von Köhnemann einen Zweikampf geben würde. Sein seliger Herr Rittmeister hatte damals auch dem Bezirkskommandeur eine Meldung abgestattet, ehe er den Moltzahner Amtshauptmann anschoß. Nur, es wurmte ihn doch mächtig, daß sein junger Herr diese Duellgeschichte so geheimnisvoll behandelte, ihn nicht ein bißchen ins Vertrauen zog. Damals war das anders gewesen, bei seinem seligen Herrn Rittmeister. Der hatte ganz gemütlich mit ihm geplaudert, als er sich am Nachmittage im Park eine Stunde lang »im Pistolenschießen überhörte«, wie er sagte, um zu sehen, ob Auge und Hand noch in der gehörigen Übung wären. Und als ein Schuß nach dem andern im Schwarzen saß, lachte er auf, sein gutmütiges schütterndes Lachen: »Es geht immer noch, Lentz, und da wollen wir's morgen früh glimpflich machen, den Herrn Amtshauptmann nur ein bißchen am Bein ankratzen. Das ist für ein paar ungebührliche Redensarten in der Betrunkenheit schließlich Strafe genug« ... Als Malte in den Sattel stieg, trat Lentz hinzu und hielt ihm den Bügel. »Verzeihen, Herr Graf, aber ich möchte um den Schlüssel zu dem untern Schubfach im Gewehrschrank bitten. Der Pistolenkasten ist schon ein paar Monate nich nachgesehen, und morgen früh soll alles doch wohl in Schick und Ordnung sein, nich?« Der junge Herr hob erstaunt den Kopf. »Morgen früh der Pistolenkasten?« ... Gleich danach flog eine jähe Röte über sein Gesicht, und er zog die Augenbrauen finster zusammen. »Kümmer dich gefälligst nicht um Dinge, die dich nichts angehen! Verstanden?« Da erwiderte er nur: »Zu Befehl« und trat gekränkt zurück. Als sein junger Herr aber in die Dammallee einbog, rief er ihm vorsorglich nach, er möchte sich doch beim Reiten in acht nehmen, bei dem Gaule schiene ein Eisen lose zu sitzen. »Hab's schon gemerkt,« rief Malte über die Schulter zurück, »aber für dieses eine Mal wird's wohl noch halten!« Wotan bekam die Sporen eingesetzt, so daß er aus seinem gemächlichen Trab in gestreckten Galopp fiel, und der alte Lentz kehrte bekümmert und niedergeschlagen auf die Diele zurück. Eine plötzliche Angst hatte ihn überfallen, daß bei der Duellaffäre irgend etwas nicht in Ordnung wäre, und er wußte ja, wie heikel die Herren in diesen Fragen dachten. Wenn einer von ihnen darin einen Verstoß beging, mieden die andern ihn wie einen Pestkranken, taten ihn mit seinem ganzen Hause in Acht und Bann. Und das mußte wohl so sein, denn die Herren hatten sich ja selbst diese Gesetze gegeben ... Soviel er aber auch grübelte und nachdachte, er konnte nicht finden, wie sein Graf Malte gegen diese Gesetze verstoßen haben sollte. Der Baron von Köhnemann hatte ihn am Vormittage schwer beleidigt, am Nachmittage kriegte er prompt seine Forderung, am nächsten Morgen aber wurde er über den Haufen geschossen. Und das von Rechts wegen. Wenn dieser alte Stänker von der Welt war, gab es wieder Frieden im Land, und daß Graf Malte bei diesem Zweikampfe etwa den kürzeren ziehen sollte, war ausgeschlossen. Seine Hand war sicher und sein Auge scharf, und oft genug hatte er's ja mit angesehen, wie er von dem kleinen Erker aus, der vor dem Schreibzimmer lag, die auf dem See ziehenden Haubentaucher schoß. »Lentz, zähl mal, fertig, eins, zwei, drei« ... Auf das Kommando eins hob sich schon die Pistole, im selben Augenblicke krachte der Schuß, und der Taucher zeigte die weißschimmernde Brust, paddelte im Verenden mit den schwärzlichen Schwimmern in der Luft. Woher also diese plötzliche Angst, die ihm fast das Herz abdrückte und die ihn jedesmal überfiel, wenn Menschen, die ihm nahestanden, ein Unheil drohte? Und fast immer war diese Vorahnung eingetroffen, auch beim Tode seines Herrn Rittmeisters. Noch am Vormittage hatte der ihn scherzend gefragt: »Na, Lentz, was machst du heute für ein beteppertes Gesicht? Hast du Zahnschmerzen, oder plagen dich vielleicht wieder deine Ahnungen?« Da hatte er ausweichend geantwortet, es wäre ihm nicht gut, wohl wegen einer Erkältung, am Abend aber kam die Erfüllung. Der Herr Rittmeister setzte sich in der heitersten Laune zu Tisch, führte ein Glas Rotwein zum Munde, und mit einem Male sackte er auf dem Stuhle zusammen, das Glas fiel aus seiner Hand, zerschellte klirrend auf der Diele. Er sprang eilends hinzu, aber es war nichts mehr zu helfen. Sein Herr Rittmeister seufzte tief auf, streckte sich noch einmal, und es war zu Ende – – – Die alte Miken kam aus der Küche herauf, fragte ängstlich, was all das Hin und Her am Tage wohl zu bedeuten hätte, der Besuch des Herrn von Lewenitz und die beiden Fahrten nach Alten-Krakow. Da brummte er sie erst mißmutig an, das wären Männersachen, die neugierige Frauenzimmer nichts angingen, als er aber sah, daß in dem Gesicht seiner treuen Dienstgefährtin die bange Sorge stand, erbarmte er sich und erzählte das wenige, was er wußte. Und danach setzten sie sich zusammen, sprachen flüsternd, was den Baron von Köhnemann wohl bewogen haben mochte, seine Tochter dem Kammerherrn von Perkwald auf Hinrichshagen zu versprechen, der mit ihm beinahe im selben Alter stand und sein verschworener Saufbruder und Spielkumpan war im Strelitzer Hof in Moltzahn. Und sie fanden keine andere Erklärung, als daß der Alten-Krakower durch seine liederliche Wirtschaft bis an den Hals in Schulden geraten wäre und nun an der Hand seines einzigen Kindes einen Ausweg suchte; denn der Hinrichshagener war schwerreich, und alles, was er anfaßte, wurde zu Gold. Dieses neumodische Düngemittel, das man Kali nannte, wurde auf seinem Gute gefunden, eine Aktiengesellschaft aus Berlin befaßte sich damit, es tief aus der Erde zu graben. Die Eisenbahn wurde gebaut von Moltzahn nach Waren, die ganze Gegend, durch die sie ging, war schwarze Erde, Lehmboden und Mergel – das einzige Kieslager weit und breit besaß der Hinrichshagener! Und ebenso verfolgte ihn das Glück am Spieltische in Moltzahn. Tausende gewann er zuweilen in einer Nacht, und es war ein offenes Geheimnis – in so einem kleinen Städtchen bleibt auf die Dauer ja nichts verborgen –, daß der Graf Hacknitz auf Waschow und Zühr sich erschossen hatte, weil er dem Herrn von Perkwald die ins Ungeheure angewachsenen Spielschulden nicht zahlen konnte. Also war wohl auch der Alten-Krakower bei ihm in die Kreide geraten und zahlte nun mit dem jungen Leibe seiner Tochter. Man wußte ja, daß der Hinrichshagener seit dem Tode seiner Frau wieder auf Freiersfüßen ging und sich auf allen Edelhöfen in der Runde einen Korb nach dem andern holte. Der Reichtum wäre ja ganz schön gewesen, wenn er nur nicht diese ekle Beigabe gehabt hätte: ein vertrocknetes und verhutzeltes Männchen mit kahlem Kopf, dem mitten im Gesicht eine kupferne Nase brannte ... So klöhnten die beiden Altchen fort und fort, gruselten sich gegenseitig ein mit längst vergangenen Geschichten, bis mit einem Male die Wanduhr zwölf Schläge tat. Da erschraken sie heftig, denn nun war es klar, daß bei der heikeln Ehrenangelegenheit irgend etwas nicht stimmte. Ihr junger Herr hätte doch sonst schon längst wieder zu Hause sein müssen ... Und plötzlich schoß es Lentz durch den Kopf, der Alten-Krakower hatte sich geweigert, für die schwere Beleidigung Satisfaktion zu geben, Graf Malte aber war nach den strengen Anschauungen der andern Herren ein Ehrloser, der von nun an auf der Welt nichts mehr zu suchen hatte! Verrückt war das, wenn man genauer hinsah, aber der junge Herr war doch in diesen Anschauungen aufgewachsen und wartete das Urteil der andern gar nicht erst ab, sondern vollzog es an sich selbst mit eigener Hand ... Miken schrie hell auf vor Angst, sie eilten beide auf die Freitreppe hinaus und bohrten die Augen ins Dunkle, als müßte irgendwoher die schreckliche Gewißheit kommen. Aber nichts regte sich in der tauschweren Frühlingsnacht, nur vom See her kam der gurgelnde Werberuf der Taucher und ab und zu das Streiten und Zanken der Wasserhühner, die glucksend in dem jung sprossenden Schilfe fischten ... Fern im Osten über dem Hohenrömnitzer Walde zeigte sich schon der erste bleiche Schimmer des kommenden Tages, das glatte Wasser des Seespiegels erschauerte in krausen kleinen Wellen, als endlich am andern Ende der Dammallee Hufschläge erklangen. Von einem im Galopp einherrasenden Pferde, und an dem klappernden Eisen konnte man's deutlich hören, daß es der Wotan war. Da rieb Miken die vor Frost erstarrten Hände und atmete tief auf. »Gottvater, hebb Dank, hei lewt noch!« Und Lentz fügte hinzu: »Che, noch hat hei sich nix andahn. Äwerst wat nu?« »Ton lewen Herrgott beden, dat hei helpen möcht. Un uppassen as 'n Schäperhund, dat hei keen Dummerhaftigkeiten nich anrichten kann. Uns' jung Herr Graf nämlich« ... Der Reiter hielt auf schaumbedecktem Gaule vor der Freitreppe, zwang seine von heftigem Trunk und Gram verstörten Züge zu einem Lachen. »Wat denn? Dat is doch nachtslapende Tid, wo ohle Lüd int Bedd gehören? Äwerst dat dröfft sich good: Du, Lentz, könnt'st mi mal de Flint runnerhalen. Hinner den Schapstall lungert 'n Voß 'rümmer, könnt sien, dat hei noch dor is un eck emm wat up 't Ledder brennen könnt!« Wie öfter die Herren tun, sprach er so recht gemütlich im heimischen Platt, um ja keinen Argwohn aufkommen zu lassen, aber der alte Lentz hatte wohl verstanden, was eigentlich gemeint war. Zunächst einmal galt es, den jungen Herrn ins Haus zu bekommen, damit man ihn besser unter Aufsicht hatte ... »Chewoll, gliek,« erwiderte er und stieg mit zitternden Knien die Treppe empor. Oben aber öffnete er das Fenster und rief hinunter: »Es geht nich, der Gewehrschrank is zu, und Herr Graf haben den Schlüssel ja wohl in der Tasche.« »Himmeldonnerwetter noch einmal,« fluchte Malte und schwang sich aus dem Sattel, gab Miken die Zügel in die Hand. »Jetzt wird mir der Fuchs wohl durch die Lappen gehen, und ich hab' mich umsonst auf seinen Balg gefreut.« Schwerfällig und mit unsicherem Tritt tastete er sich von der im Dunkel liegenden Diele die Treppe zum Herrenzimmer empor, oben aber gab es einen unerwarteten Widerstand. Der alte Lentz stand breitbeinig vor dem Gewehrschrank und rührte sich nicht von der Stelle. »Mit allem schuldigen Respekt, Herr Graf, aber wenn Sie hier 'ranwollen, müssen Sie mich schon umbringen. Auf alles, was gestern und heute passiert is, hab' ich mir meinen Vers gemacht, und ich geh' nich von der Stelle. Ich will an meinem sel'gen Herrn Rittmeister nich zum Hundsfott werden und nachher da oben alle Tage die gerechten Vorwürfe hören!« »Unsinn,« sagte Malte, »du phantasierst dir da was zusammen, was in Wirklichkeit nicht existiert. Unterdessen läuft mir der Fuchs am Schafstall fort, und ich hab' das Nachsehen!« »Ah nein, Herr Graf,« erwiderte der Alte hartnäckig, »der Fuchs sitzt nich am Schafstall, sondern drüben in Alten-Krakow. Und ich seh' ordentlich, wie er sich eins lacht in seinen weißen Bart, daß Sie ihm in die Falle gehen. Auf den Augenblick freut er sich ja bloß, wenn er mal da oben im Vorbeifliegen zu meinem sel'gen Herrn Rittmeister sagen kann: »Na siehst du, da hast du's! Jetzt hab' ich's dir doch ausgezahlt wegen dem Gatter und den Hirschen, aber anders, als du's dir wohl gedacht hast?« ... Malte zog unschlüssig das blonde Schnurrbärtchen zwischen die Zähne, mit Gewalt war nichts auszurichten. Der Alte da vor dem Gewehrschrank hob noch immer einen Zentnersack mit der rechten Hand, der Ausgang eines Ringkampfes wäre zum mindesten zweifelhaft gewesen, inzwischen aber lief das ganze Haus zusammen. Also verlegte er sich aufs Parlamentieren, versuchte der treuen alten Seele auseinanderzusetzen, wie sehr er sich gegen die Anschauungen seines seligen Herrn Rittmeisters auflehnte, wenn er hier den Zugang zum Gewehrschranke versperrte. Der Vater wäre der erste gewesen, der in diesem trostlosen Falle dem eigenen Sohne die Waffe in die Hand gedrückt hätte. Und ohne es zu wissen, gebrauchte er fast dieselben Worte, die am selben Tage eine andre gesprochen hatte. »Sieh mal, Lentz, und hör mir vernünftig zu, gestern war's eine halbe Kinderei, aber heute ist's Ernst, nach dem, was mir geschehen ist, kann ein Mann von Ehre nicht weiterleben. Der Baron von Köhnemann hat mich heute vormittag tätlich beleidigt und verweigert mir jetzt die Genugtuung. Ich habe den Vorfall meinem vorgesetzten Bezirkskommandeur gemeldet. Er gab mir den Rat, meinen Gegner mit der Reitpeitsche zur Satisfaktion zu zwingen, und als ich darauf sagte: ›Herr Oberstleutnant, das geht nicht, ich kann mich doch nicht an dem Vater des jungen Mädchens vergreifen, das ich bis heute als meine Braut ansehen durfte,‹ zuckte er mit den Achseln. ›Ja dann, Herr Graf, bleibt Ihnen nichts andres übrig, als den Spruch Ihrer Kameraden anzurufen. Aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, wie dieser Spruch lauten wird: Wer einen Fleck am Frack hat, muß ihn ausziehen. Das überlegen Sie sich wohl recht gründlich, ehe Sie weitere Entschlüsse fassen‹ ... Damit ging ich in den Strelitzer Hof, traf die ganze Umgegend so ziemlich, denn heute war ja Fohlenmarkt gewesen, und es war ein toller Betrieb in der alten Bude. Alles trank mir zu, niemand hatte eine Ahnung, was mir passiert war. Und ich trank mit. Die andern brauchten ja nicht zu wissen, daß es für mich ein Abschied war. Aber nach der ersten Flasche Sekt wollte es mir scheinen, als wäre alles gar nicht so schlimm. Irgendwo mußte es doch ein Mittel geben, aus der Verschmetterung mit Anstand herauszukommen ... »Als die andern sich zum Spielen hinsetzten, nahm ich mir den Panschenhagener Bredow beiseite – den Älteren, weißt du, der auch mit mir in der Reserve von den Friedeberger Dragonern steht –, erzählte ihm die ganze Geschichte und bat um sein Urteil. Der Bezirkskommandeur hätte mir zwar schon seine Meinung gesagt, der Tüschower heute nachmittag ebenfalls, aber die wären ja wegen ihrer überschroffen Ansichten bekannt. Und ich bat ihn, es nicht als Feigheit anzusehen. Wenn man dreiundzwanzig Jahre alt ist, so sagte ich ihm ungefähr, bäumt sich's doch einem da innen auf, wenn man so hundföttisch Schluß machen soll. Man hofft, es könnte vielleicht doch noch einen anständigen Ausweg geben ... »Also der Panschenhagener hört mir zu, nur seine Augen werden immer größer. Wie ich fertig bin, fragt er, ob sich das alles wirklich so zugetragen hätte, und als ich natürlich ja sage, steht er auf: ›Dann, Herr Graf Römnitz, wundere ich mich nur, daß Sie sich erlaubt haben, heute abend noch in unserer Gesellschaft zu erscheinen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, da ist niemand darunter, der nicht ganz genau wüßte, was er in einem solchen Falle zu tun hätte‹ ... »Ich sagte nur: ›Scharmant, Herr von Bredow, das wollte ich von Ihnen hören. Grüßen Sie mir die andern Herren, ich reite jetzt nach Hause und werde Sie nicht mehr behelligen, außer noch bei einer Gelegenheit, bei der Sie nicht persönlich zu erscheinen brauchen. Sie können es mit einer Visitenkarte abmachen und einem Kranz an die Adresse meines Herrn Onkels in Hohenrömnitz.‹ Damit ließ ich meinen Wotan vorführen, bezahlte meine Rechnung, und hier bin ich jetzt, hab' dir alles genau erklärt. Wenn du nicht so eine treue alte Seele wärst, hätte ich nicht den langen Sermon gehalten, aber jetzt ist's genug. Jetzt gib den Platz frei, oder ich muß – so leid es mir täte – Gewalt anwenden.« »Herr Graf,« erwiderte der Alte respektvoll, es is das erstemal in meinem Leben, wo ich gegen meine gnädige Herrschaft in Ungehorsam dastehe. Aber es bleibt dabei! Von diesen Ehrensachen verstehe ich nichts, nur befürworte ich, die Herren, die so den Mund aufreißen, urteilen wie ein Ochs über den Geschmack von einer Muskatnuß. Ausprobieren taten sie es noch nich, wie es schmecken mag, wenn man als ein junger Mensch aus dem Leben gehen soll, und man hat noch nichts davon gehabt. Und ich frage weiter, wie kann ein Mensch dem andern die Ehre abschneiden, wo er selber keine hat? Der Herr Baron von Köhnemann aber hat keine Ehre mehr, denn damals, als ihm mein seliger Herr Rittmeister unter vier Augen das Fell vergerbte wegen seiner Niederträchtigkeiten und so, hat er sich ganz ruhig verhalten hinterher und keine Forderung nach Vellahn geschickt, sonst müßte ich's doch wissen. Also, wenn man urteilt, wie die Herren urteilen, hat er keine Ehre mehr, und wenn er einen beleidigt, gilt es nich. Das is, als wenn ein Dorfköter bellt, hat immer mein sel'ger Herr Rittmeister gesagt, und wenn der Herr Graf das dem Herrn Bezirkskommandeur und dem Panschenhagener unter die Nase reiben wollten, möchten sie wohl klein beigeben und nich mehr so großspurig mit Menschenleben um sich schmeißen. Mit Menschenleben! Als wenn man die sich auf dem Markt neu kaufen könnte wie ein Paar Stiefel, und die alten taugen nichts mehr und so!« ... Lentz hatte sich in einen heiligen Eifer gesprochen, sein junger Herr aber zuckte nur mit den Achseln. »Das sind billige Ausflüchte, wird jeder sagen, die mir hinterher eingefallen sind, aber, schließlich hast du recht. Man kann mal probieren, ob die andern nicht drauf anbeißen. Und jetzt wollen wir schlafen gehen, morgen ist ja auch noch ein Tag.« Er tat, als wenn er müde wäre, hielt gähnend die Hand vor den Mund. Und fast wäre der Alte ihm darauf hereingefallen. Schon wollte er sich mit kurzem Gruße zurückziehen, als es ihm plötzlich auffiel, daß Graf Maltes Augen mit einem Male aufleuchteten. Und solche flackernden Augen hatte keiner, der müde war ... Da kehrte er wieder um, stellte sich, ohne ein Wort zu sprechen, auf seinen alten Platz. Graf Malte aber ging auf und ab; man konnte deutlich hören, wie er vor Zorn mit den Zähnen knirschte. Und plötzlich kam ein dumpfer Wehlaut aus seiner Brust, er warf sich auf den Widerspenstigen, der ihm den Weg versperrte, es gab ein heftiges Ringen. Er hatte den Untergriff, der Zorn verlieh ihm schier übermenschliche Kräfte, und es dauerte nur ein paar Augenblicke, bis sein Gegner mit dem Kopfe gegen die Schreibtischkante flog. Er aber durchwühlte mit fliegenden Händen seine Taschen nach dem Schlüssel zum Gewehrschranke. Da fing Lentz an, laut zu rufen: »Zu Hilfe, Miken, zu Hilfe!« Denn allein wußte er sich keinen Rat mehr ... Die Alte aber war längst schon zu Bett gegangen, hatte dem Wotan einen Klapps gegeben, daß er sich die Dammallee entlang zum Stalle trollte. Auf der zugigen Freitreppe war es bitterkalt geworden, und die beiden oben im Schreibzimmer wurden wohl auch ohne sie fertig, vielleicht hatte Lentz nur wieder einmal Gespenster gesehen. Als sie jedoch den lauten Hilferuf vernahm, ließ sie sich kaum Zeit, in den Unterrock und die Filzpantoffeln zu schlüpfen, hastete eilends die Treppe empor. Graf Malte schrie sie heftig an, als sie mit dem Lichte in der Hand auf der Schwelle stand, sie aber konnte kein Wort hervorbringen vor Schreck, blies nur das Licht aus und schlich zitternd zum nächsten Stuhle. Und was Männerworten und Vernunftgründen nicht gelungen war, schaffte sie mit ihrem schier fassungslosen Weinen. Wie ein Häufchen Unglück saß das jammernde alte Jüngferlein in dem tiefen Ledersessel neben dem Schreibtische, in einem Aufzuge, in dem sie sich vor Mannsaugen wohl noch nie in ihrem Leben gezeigt hatte. Unaufhaltsam rannen ihr die Tränen über das runzelige Gesicht, und weil sie in der Angst und Aufregung das Taschentuch vergessen hatte, putzte sie sich die Nase mit ihrem flanellenen Unterrocke. Graf Malte aber mußte trotz allem Kummer und Zorn mit einem Male auflachen bei dem rührend-komischen Anblicke, und weil inzwischen auch die bösen Weingeister verflogen waren, schlug sich von diesem Lachen eine Brücke zu ruhigerer Überlegung. Und wer wollte es ihm mit seinen dreiundzwanzig Jahren verdenken, daß sich in seinem Herzen zugleich eine ganz leise Hoffnung zu regen begann? Wenn das Wahrheit war, was der Alte vorhin erzählt hatte, daß der Baron von Köhnemann schon seit Jahren einen Schimpf herumtrug, den er nicht abgewaschen hatte, gab es vielleicht doch noch einen mit Ehren zu beschreitenden Weg, der aus aller Not wieder ins Helle zurückführte. Wenn aber nicht, war es ja immer noch Zeit, die unabweisbare und nach altem Herkommen vorgeschriebene Schlußfolgerung zu ziehen. Verargen konnte es ihm niemand, daß er nicht leichtfertig und halb im Rausche an die Ausführung des letzten Entschlusses gegangen war, den ein Mann auf dieser Welt zu fassen hatte. Und wer mochte wissen, wie all die aufrechten Herren, die über seinen Fall so kühl aburteilten, sich wohl benehmen würden, wenn sie das Schicksal in die gleiche Lage versetzte? Ob sie nicht auch vielleicht nach einem rettenden Auswege suchten, der ihnen das Weiterleben ermöglichte, und ob sie wohl nicht die Neigung verspüren würden, im eigenen Falle milder zu richten als in einem fremden? Zurückgekommen war ja noch keiner, der an sich selbst das Urteil vollstreckt hatte, um zu erzählen, ob er ohne Zaudern die ins Dunkle führende Straße beschritten hatte ... Außerdem aber, und das war wohl der triftigste aller Gründe, sein Leben gehörte ihm ja nicht allein! Da drüben in Alten-Krakow saß eine, der er sich angelobt hatte und die ohne Schutz zurückblieb, wenn er von dannen ging. Zum mindesten hatte sie doch den Anspruch, daß er ihr noch einen letzten Gruß schickte und ihre Verzeihung erbat, wenn er das Gebot der Ehre höher stellen mußte als alle übrigen Pflichten ... Lentz hatte sich mühselig nach dem schmerzenden Sturze erhoben, wischte sich die blutende Stirn und trat, ohne ein Wort zu sprechen, vor den Gewehrschrank, sperrte den unheilvollen Weg mit seinem breiten Rücken. Ganz selbstverständlich war es, daß er wieder an diesen Platz ging, und kein Vorwurf war in seinem Gesichte zu lesen. Wie ein wachsamer alter Hofhund stand er da, der von seinem ungerechten Herrn für einen guten Dienst der Treue mit einem Fußtritte belohnt worden ist. Das tat sehr weh natürlich, aber deswegen durfte man doch nicht aufbegehren oder gar seine Pflicht versäumen ... Graf Malte fühlte es heiß in die Augen steigen, er ging auf den Alten zu, und es gab ein paar Minuten, in denen alle von Geburt und Rang gezogenen Grenzen verschwanden. Mit einem aus tiefstem Herzen kommenden Aufschluchzen schlang der Jüngling seine Arme um den Hals des Greises und schmiegte den Kopf an die treue Brust. Miken aber trat hinzu, klopfte ihm fürsorglich den Rücken, damit er sich an den Tränen nicht verschluckte, und sprach allerhand beruhigende Worte. Das war vielleicht ein recht lächerliches Bild, der junge Offizier in Dragoneruniform, der in den Armen eines alten Dieners seinen Kummer ausweinte, indessen ein verschrumpeltes Weiblein ihm begütigend den Rücken klopfte. Den dreien aber war es recht feierlich und heilig zumute, und sie schämten sich nicht, denn als Menschen standen sie da, bei denen es auf Äußerlichkeiten nicht ankam. Wie bei dem Bauernjungen, der zum Begräbnis seiner Großmutter eine rote Weste angezogen und das Mißfallen des Küsters erregt hatte. »Wenn 't Hart man swart is,« hatte er erwidert, »und uns' lewen Herrgott hätt scharpe Oogen. De Kledasch deiht em nich schenieren, denn hei kiekt ja dörch und dörch« ... Malte trocknete sich die Augen. »Na, ist gut, ihr Leutchen, und jetzt wollen wir schlafen gehen. Ich verspreche euch, ich werde vernünftig sein.« Die beiden Alten aber trauten ihm nicht, brachten ihn ins Schlafzimmer hinüber wie vor jenen langen Jahren, als er noch eine vater- und mutterlose Waise gewesen war. Und er ließ es sich ruhig gefallen. Ganz heimelig wurde es ihm dabei zumute, als die beiden an seinem Bette saßen und wie früher immer auf sein Einschlafen warteten. Alte Erinnerungen standen auf, er fing an zu plaudern, als hätte es die beiden Tage mit all ihrer Not und Pein nie gegeben, und allmählich gewannen Jugend und Ermüdung ihr Recht. Die Augen fielen ihm zu, und mit einem Lächeln schlief er ein, denn er war ja in sorgsamer Hut ... Der alte Lentz stand auf, nickte der treuen Dienstgefährtin zu, sie sollte Wache halten, bis er zurückkäme. Er wollte nur mal nach Moltzahn hinüberreiten zum Herrn Justizrat Stahmer, um für den kommenden Tag eine zuverlässige Unterstützung zu haben. Der Herr Justizrat war ein alter Freund des verstorbenen Vaters, und man konnte wohl annehmen, daß er für alles, was zu sagen war, eindringlichere Gründe finden würde, als ein einfältiger Diener. Und da geschah es zum ersten Male seit schier vierzig Jahren, daß Miken keine Eifersucht verspürte gegen ihren männlichen Widerpart in der Gunst der Herrschaft, sondern so etwas wie Fürsorge. Sie hob den Kopf mit der weißen Nachtmütze, unter der ein paar dünne graue Zöpflein über den Rücken hinabhingen, unten mit einem schwarzen Fitzelbande prall eingeflochten, so daß sie wie steife Rattenschwänze in die Luft ragten. »Mooden Sei sick ook nich to veel to? Gistern all dat Gerooder, un hüd wedder? Sei sünn doch keen Jüngling mehr, un laten Sei doch lewer den Fuhbel rieden?!« ... Da lachte er nur, »Unkraut verdarwt nich, wenn't ook up 'n Meßhupen smeeten ward,« als er aber die Treppe hinunterstieg, wurde ihm ganz eigentümlich zumute. Die alte Miken mußte wohl dicht vor ihrem seligen Ende stehen, daß sie sich auch um andre Leute zu kümmern anfing, als nur um ihren geliebten jungen Grafen Malte?! Und er schüttelte noch mit dem Kopfe, als er längst schon im Sattel saß, auf einem widerspenstigen Ackergaule nach Moltzahn trabte, um den Herrn Justizrat Stahmer zu alarmieren ... Und endlich kam ihm die Erleuchtung. Sie war nur deshalb so besorgt, weil sie befürchtete, er hielte die Anstrengung nicht aus, könnte unterwegs zusammenklappen, und ihr junger Herr müßte ohne wirksamen Zuspruch bleiben. Da war er zufrieden, daß er für ihr seltsames Verhalten die zukömmliche Erklärung gefunden hatte, vergönnte dem im tiefen Lehme einherkeuchenden Gaule ein Ende Schritt und fing an zu überlegen, wie er dem Herrn Justizrat die Störung der Nachtruhe wohl plausibel machen würde. In einer so heimlichen Familienangelegenheit hätte er doch eher nach Hohenrömnitz reiten müssen, zum Herrn Erblandmarschall, der seinem jungen Herrn als Vatersbruder doch eigentlich am nächsten stand. Aber er wußte nicht, ob der Herr Justizrat sich in den alten Geschichten auskannte, die da mitsprachen. Vor jenen langen Jahren hatte die schöne Melitta von Hollen den jüngeren Grafen Römnitz dem älteren vorgezogen. Nur zwei wußten noch um all die aufregenden Kämpfe in der Familie, der Herr Erblandmarschall auf Hohenrömnitz und der vertraute Diener des Vellahner Herrn. Die übrigen waren längst weggestorben im Laufe der Zeit, grüner Rasen wuchs über stillgewordenen Herzen, nur der Haß in der Brust des Verschmähten lebte immer noch. Stand mit jedem Jahre neu auf, mit jedem Jahre, das gekommen war, ohne ihm aus eigener Ehe den heißersehnten Leibeserben zu bringen. Da war es also wohl geratener, die Hilfe an einem andern Orte zu suchen. Der Herr Erblandmarschall hätte bei dem Neffen vielleicht Öl in das brennende Feuer gegossen, statt es mit besonnener Hand zu dämpfen, hätte in der schwierigen Ehrenangelegenheit vielleicht noch schroffer geurteilt als der Herr Bezirkskommandeur in Moltzahn und die Herren von den Friedeberger Dragonern ... Am andern Morgen in aller Frühe kam der Justizrat Stahmer nach Vellahn heraus, und er brachte einen vortrefflichen Bundesgenossen mit. Einen herrlichen Maientag mit leuchtendem Sonnenschein, der das Herz jeglicher Kreatur vor Lebensfreude höher schlagen ließ. Diesen Bundesgenossen aber nützte er weidlich aus, verlegte die Unterredung mit dem jungen Schloßherrn nicht auf die immer im Halbdunkel liegende Diele, sondern in den im ersten Frühlingsgrün prangenden Park. Da schritten sie auf den sauber geharkten Wegen dahin, bunte Blumen blühten in dem gepflegten Rasen, rings um die Insel blaute der See, und allenthalben in Buschwerk und Gezweig jubilierte ein frühlingstrunkenes Konzert. Die Amsel und Singdrossel flöteten, die Schar der Finken fiel ein mit schmetterndem Schlag, und im sprossenden Schilf die Haubentaucher knarrten den Baß. Da hatte der Herr Justizrat es nicht sonderlich schwer, den Jüngling an seiner Seite zu überzeugen, daß es besser wäre, sich noch eine Weile im Sonnenlichte zu freuen, als im dunkeln dorthin zu fahren, von wannen es keine Wiederkehr gab ... Zudem aber war er nicht mit leeren Händen gekommen. Noch vor der Ausfahrt hatte er mit dem Bezirkskommandeur eine gewichtige Rücksprache gehalten, und unter dem Gesichtspunkte, daß der Alten-Krakower es seinerzeit verabsäumt hätte, sich für eine gröbliche Beleidigung Genugtuung zu holen, bekam der leidige Ehrenhandel ein wesentlich anderes Aussehen. Wenn auch vor dem Gerichte der Kameraden nicht auf einen bedingungslosen Freispruch zu rechnen wäre, so würde wohl niemand unter ihnen es dem Vellahner jungen Herrn verargen, wenn er diesen Spruch nicht erst herausforderte, sondern vorher und freiwillig ein Kleid ablegte, das bei ihm doch nur eine Äußerlichkeit wäre. Ein passender Vorwand für das Abschiedsgesuch ließe sich wohl finden, und man dürfte annehmen, daß es nicht allzu streng auf die Triftigkeit seiner Begründung geprüft werden würde. Graf Malte warf unmutig ein, das wäre ein wenig rühmlicher Rückzug. Und er könnte sich doch nicht auf den Marktplatz stellen in Moltzahn und jedem vorbeikommenden Standesgenossen seinen Entschuldigungsvers hersagen! Aber auch dafür wußte der Herr Justizrat ein gutes Auskunftsmittel. Er brauchte nur eine Weile von der Heimat fortzugehen, bis sich das Gerede beruhigt hätte, indessen würden seine Freunde schon dafür sorgen, daß ihm dieses Fortgehen nicht als ein feiges Ausweichen gedeutet würde. Und der Zufall wäre günstig. Ein entfernter Verwandter hätte ihm vor einiger Zeit geschrieben, eine deutsche Handelsgesellschaft bereitete eine Expedition ins Innere von Afrika vor, um am Oberlaufe des Kongo die reichen Kautschukwälder auszubeuten. Alles wäre schon beisammen, nur ein paar Herrenjäger fehlten noch, die vielleicht aus Passion mitziehen wollten und für das zu erwartende Jagdvergnügen einen Teil der Expeditionskosten tragen. Da leuchtete es in Maltes blauen Augen auf, in seinen Adern regte sich das Abenteurerblut seiner Vorfahren, gleich danach aber ließ er den Kopf wieder sinken. Was sollte hier wohl aus seiner Herzallerliebsten werden, wenn er nur an sich selbst dachte und in die lockende Ferne zog? Doch auch diese Sorge wußte der Herr Justizrat ihm auszureden. Mit teilnahmsvollem Gesichte legte er ihm die Hand auf die Schulter. »Mein lieber Herr Graf,« sagte er, »dieses ritterliche Gefühl ehrt Sie ganz besonders, aber ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß Sie an dem Schicksal der Baroneß von Köhnemann nichts ändern werden, ob Sie nun fortgehen oder hierbleiben. Ihr Vater hat sich durch eigene Schuld in eine schwere Gefahr verstrickt – die amtliche Diskretion verbietet es mir, mich näher darüber zu äußern –, aber ich glaube Ihnen die Versicherung geben zu dürfen, daß die junge Dame selbst Sie bitten wird, ein Verhältnis zu lösen, das zu einer Vereinigung nie und nimmer mehr führen kann. Sie muß ihrem Vater das eigene Glück opfern, oder sagen wir mal, dem Spielteufel, der ihn so weit gebracht hat. Das ist sehr traurig, gewiß, aber glauben Sie einem alten Manne, der in einem langen Leben vieles gesehen und einiges auch selbst durchgemacht hat: alles geht vorüber! Erst glaubt man, es wäre nicht zu tragen, um ein weniges später fügt man sich, und schließlich verdrängen neue Schmerzen die alten, kaum daß eine Erinnerung von ihnen bleibt. Und es ist gut so. Was sollte aus uns armen Menschenkindern wohl werden, wenn ein gütiges Geschick uns nicht die Fähigkeit des Verwindens in die Wiege gelegt hätte?« ... Der alte Herr brach ab und sah mit schwimmenden Augen in den lachenden Frühlingstag hinaus. Und das junge Gräflein zu seiner Seite schwieg still, denn das eigene Schicksal wollte ihm plötzlich nicht mehr so übermächtig groß erscheinen wie noch vor wenigen Stunden. Dem weißhaarigen Manne da hatte ein grausames Geschick die Gattin geraubt und drei blühende Söhne. Im Zweikampf war der eine gefallen, der andre als ein Opfer seines ärztlichen Berufes, und der jüngste irgendwo in der Fremde als ein Taugenichts verdorben, gestorben. Ganz allein war der alte Herr zurückgeblieben und hatte weitergelebt. Hatte sich nach den schweren Schlägen wieder aufgerichtet, wie ein fest verwurzelter Eichenstamm, über dessen Wipfel die Windsbraut dahingefahren war. Ein paar Äste lagen abgebrochen am Boden, aber der Stamm selbst war unversehrt ... Der Justizrat Stahmer fing wieder an zu sprechen, aber alle bisher erörterten Fragen schienen für ihn abgetan. Von einer Reise erzählte er, die er vor einigen Jahren mit dem Schiffe Meteor an den Küsten Italiens und Dalmatiens ausgeführt hätte. Und wie ihm dabei das schmerzliche Bedauern gekommen wäre, daß es nun schon zu spät wäre, auch alle andern Herrlichkeiten dieser schönen Erde zu genießen. Und weiter sprach er von der Geist und Körper erfrischenden Jagdpassion, der auch er in seinen wenigen Mußestunden huldigte. Welch ein Hochgefühl es schon wäre, einen braven Hirsch zu strecken, wieviel köstlicher aber wohl ein Sieg sein müßte, den man über ein wehrhaftes Wild davongetragen, über einen Löwen etwa oder einen jener mächtigen Sumpfbüffel, die den Schützen annehmen, wenn die angetragene Kugel nicht tödlich gewesen war. So sprach er noch eine Weile lang fort, bis er plötzlich nach einem Blicke auf die Uhr erklärte, er müßte schleunigst ins Städtchen zurück, einen wichtigen Termin wahrzunehmen, der für den Vormittag vor dem Amtsgerichte anstände. So eilig hatte er's mit dem Aufbruche, daß Graf Malte ihm kaum noch das Versprechen abnehmen konnte, sich telegraphisch zu erkundigen, ob die Expedition ins Innere Afrikas nicht inzwischen vielleicht schon abgegangen wäre ... Das wollte der Herr Justizrat natürlich gerne besorgen. Sein leichter Wagen rollte auf der Dammallee davon, und Malte blieb in einer seltsamen Erregung zurück. Noch vor einer Stunde hatte er an diese afrikanische Jagdreise nicht gedacht, jetzt aber wäre es ihm fast als ein nicht wieder gut zu machendes Unglück erschienen, wenn er sie hätte aufgeben müssen. Prüfend trat er vor seinen Gewehrschrank, hielt strenge Musterung, welche der zahlreichen Waffen wohl den Strapazen einer tropischen Expedition standhalten dürfte. Und da diese Musterung nicht zu seiner Zufriedenheit ausfiel, mußte Lentz eine telephonische Verbindung mit Berlin herstellen, mit einem Waffengeschäft, dessen Inhaber in Ausrüstungen für afrikanische Jagdausflüge eine vielgerühmte Erfahrung besaß. Da gab es denn eine umfangreiche Bestellung, und eine zweite Verbindung sorgte für die weitere Ausrüstung in einem andern Geschäfte. Natürlich nur bedingungsweise, denn ganz sicher wäre die Reise noch nicht, eine Beruhigung war es aber immerhin, daß bei der Leistungsfähigkeit der Geschäfte die Ausführung der Bestellung kaum drei Tage in Anspruch nehmen würde. Der späte Nachmittag brachte endlich die Gewißheit, einen telephonischen Anruf des Herrn Justizrats Stahmer, ein Platz bei der Expedition wäre noch frei, nur das Vergnügen nicht ganz billig. Zwanzigtausend Mark hätte er zu erlegen, wofür ihm allerdings später ein gewisser Anteil an der zu erwartenden Kautschukausbeute überlassen würde. Aber er müßte sich rasch entscheiden, denn in acht Tagen führe die Gesellschaft von Genua ab. Da rief er zurück, er hätte sich schon entschieden und der Kostenpunkt könnte in diesem besondern Falle wohl keine Rolle spielen. Seines Wissens hätte Vellahn in den letzten Jahren reichliche Überschüsse gebracht, im übrigen aber wäre das die Sache des Gutsverwalters Bergemann. Der hätte die benötigte Summe einfach bereitzustellen. Darauf meinte der Justizrat Stahmer, dann wäre es wohl am besten, noch mit dem Nachtzuge nach Berlin zu fahren, um andern Tags mit dem Leiter der Expedition alles Nähere zu besprechen, und er wünschte von Herzen eine glückliche Reise und gesunde Wiederkehr. »Heißen Dank,« sagte Malte und hängte den Hörer an. Schon lange nicht mehr hatte er ein solches Frohgefühl verspürt wie in diesem Augenblicke. Ein verschlossenes Tor tat sich vor ihm auf, das in die Freiheit führte. Weit dehnte sich die Straße im Sonnenlicht, und in blauender Ferne lockten Abenteuer und Gefahren ... Mit fiebernder Eile betrieb er die Vorbereitungen zur Abreise. Um elf Uhr des Nachts hielt der Berliner Schnellzug in Waren, aber zwei Stunden brauchte man zum mindesten dorthin bei den vom Frühjahrsregen aufgeweichten Landwegen, und vorher waren noch allerhand zeitraubende und wenig erquickliche Angelegenheiten zu erledigen. Zunächst einmal der Brief an den Bezirkskommandeur mit einem ausführlich motivierten Abschiedsgesuch – schon der bloße Gedanke an die widerwärtige Schreibarbeit trieb ihm den Schweiß auf die Stirn! Und daß er erdichtete Vorwände zusammentragen mußte, denn von den eigentlichen Beweggründen durfte doch in dem Schriftstücke keine Rede sein ... Dann aber kam das Unangenehmste von allem, der leider nicht zu vermeidende Abschiedsbesuch in Hohenrömnitz. Daß der Onkel Christoph als Oberhaupt der Familie gegen die geplante Reise etwas einzuwenden haben würde, war kaum anzunehmen, er kümmerte sich ja auch sonst nicht um das Tun und Treiben seines Neffen und Erben. Immerhin aber war es doch möglich, daß er nach den Beweggründen für diese plötzliche Reise fragte, und dann mußte man unter den kalten grauen Augen zu berichten anfangen. Wunden entblößen, die schon bei der leisesten Berührung wehe taten, den Schleier von Dingen reißen, die am besten verhüllt und zugedeckt bleiben für alle Zeiten. Denn wie man's auch drehen und wenden mochte, diese so hastig beschlossene Reise war eine Flucht. Feige Flucht vor einem Schicksal, das er sich selbst bereitet hatte, als er die tätliche Beleidigung unerwidert ließ ... Ein unbändiger Zorn fiel ihn an, daß er in dem schmachvollen Augenblicke den Schimpf nicht heimgezahlt hatte mit Zinseszinsen. An dem andern wäre es dann gewesen, sich die vorgeschriebene Genugtuung zu holen, und sie wäre ihm nicht verweigert worden, weiß Gott! Er hatte ja auch schon die Hand erhoben, aber ein geller Aufschrei ließ ihn innehalten. Die Tochter hatte sich vor den Vater geworfen, umschlang ihn mit klammernden Armen, als wollte sie ihn schützen oder zurückhalten – der Teufel mochte wissen, was sie wollte! Nur man selbst kam wieder zur Besinnung, sah drüben nicht den Gegner stehen, sondern einen weißhaarigen, in sinnlosen Zorn geratenen Greis, und nachher war es zu spät. Nachdenken durfte man in solchen Augenblicken nicht ... Wie Feuer brannte die Stelle, und sie wies einen andern Weg als zu bunten Abenteuern. Aber für diesen war es jetzt zu spät. Den hätte er beschreiten müssen, als der Herr von Lewenitz da draußen auf der Freitreppe sich ohne Händedruck verabschiedete. Alles übrige, was er hinterher unternommen hatte, war feige Ausflucht gewesen, blasse Todesfurcht hatte ihn nach Moltzahn gejagt zu dem Bezirkskommandeur und nachher zu der Aussprache mit dem Panschenhagener Bredow. Überall hatte er heimlich auf Rettung gehofft, wenn er sich ganz streng auf Herz und Nieren prüfte, und wer mochte wissen, ob er gestern mit dem alten Lentz so gröblich umgesprungen wäre, wenn er nicht anderthalb Flaschen Sekt im Leibe gehabt hätte ... Heute lief ihm schon ein kalter Schauder über den Rücken bei dem bloßen Gedanken, was geschehen wäre, wenn die treue Seele, die Miken, sich gestern nacht auch nur ein paar Minuten verspätet hätte ... Das war blanke Feigheit, gewiß, aber der brutale Hang zum Leben war stärker als all die ungeschriebenen Gesetze, die den Angehörigen seiner Kaste das Todesurteil sprachen bei Verfehlungen, die andre vielleicht mit einer Beleidigungsklage vor dem Schöffengericht sühnten ... Ganz schimpflich und ehrlos kam er sich vor, daß er das bißchen Mut zu dem raschen Entschlusse nicht mehr finden konnte, aber er vermochte sich nicht zu helfen, diesen Mut brachte er bei nüchterner Überlegung nicht auf. Da raunten allerhand werbende Stimmen an seinem Ohr, was hast du denn mit deinen dreiundzwanzig Jahren schon gehabt vom Leben, daß du es fortwerfen willst? Tausend Freuden birgt die Zukunft im Schoße, die du noch nicht gekostet hast, und da sollst du dich still davonschleichen, während die andern an der reich besetzten Tafel sitzen? Nur damit ein paar in den engen Anschauungen ihrer Kaste verstrickte Herren nicht die Achseln zucken, wenn dein Name in ihrer Gegenwart genannt wird? ... Einen toten Gaul freut kein Hafer mehr, heißt es in dem alten Sprichwort, und was hast du davon, wenn diese Herren nach deinem Hinscheiden mit einer gewissen Anerkennung sagen: »Der Malte Römnitz? Ah, das war ein braver Kerl! Hatte es nicht verdient, daß ihm der Ziegelstein auf den Kopf fiel, aber er wußte wenigstens, was er danach als ein echter Edelmann zu tun hatte« ... Indessen aber weiden sich an deinem blühenden Körper längst schon die Würmer, du hörst diese schmeichelhaften Worte nicht mehr, und drüben in Alten-Krakow der räudige alle Wolf lacht sich eins in die gelben Zähne ... Das waren ketzerische Gedanken, bei denen der letzte Sproß eines ureingesessenen mecklenburgischen Adelsgeschlechtes sich eigentlich scheu umsehen mußte, ob ein Fremder sie ihm nicht von der Stirn las. Aber sie waren da, und Gott allein mochte wissen, woher sie kamen ... Ob es daran lag, daß er seit seinem zwölften Jahre ohne rechte Führung gewesen war nach dem allzu frühen Tode des Vaters? In den Händen von vielleicht schlecht gewählten Erziehern, die ihm allerhand verschrobene Flausen in den Kopf gesetzt hatten, statt seinen Geist in die vorgeschriebenen und zukömmlichen Bahnen zu lenken! ... Da war vor allem einer gewesen, der ihn fast fünf Jahre unterrichtete. Der rotköpfige Siewers, ein ewiger Kandidat der Theologie, der alle Jahr einmal in Rostock zum letzten Examen ansetzte, immer aber vor der Tür des Prüfungszimmers wieder umdrehte. Nicht aus mangelndem Wissen, sondern weil es ihm jedesmal als eine Lumperei erschien, Gesinnungen zu heucheln, die er nicht teilte, das Bekenntnis eines Glaubens abzulegen, den er längst nicht mehr besaß. Da kehrte er nach etlichen Tagen tiefen Trunkes wieder zu dem kärglichen Brote der Hauslehrerei zurück, sammelte Kräfte zu einem neuen Anlaufe ... Und es war ein gar seltsamer Unterricht, den er seinem Zögling erteilte. Bei gutem Wetter strichen sie im Vellahner Walde umher, lagen irgendwo stundenlang auf einer sonnigen Wiese und sprachen über die tiefsten und letzten Fragen des Menschentums. Das heißt, das junge Gräflein hörte zu, und der rotköpfige Siewers sprach. Sprach sich allerlei Zorn und Ingrimm von der Seele, ohne daran zu denken, was er bei seinem Schüler anrichtete. Vielleicht aber auch trieb ihn dabei eine seltsame Lust, in das Herz dieses Sprößlings aus uraltem Adel allerlei Keime zu senken, die später einmal aufgehen sollten, zu Gutem oder Bösem. Baute auf und zerstörte, zeigte jedes Ding von zwei Seiten, wie es sich ausnahm, wenn man es unter diesem Gesichtswinkel betrachtete oder jenem. Dem Schüler blieb es überlassen, sich aus diesen Widersprüchen einen Vers zu machen, denn der Lehrer meinte, selbständiges Denken wäre die Hauptsache, ein jeder hätte sich in allen Fragen der Politik und Religion, der Moral und Ehre den eigenen Weg zu suchen. Und mancherlei aus diesen Stunden blieb in dem empfänglichen Gemüte des halbwüchsigen Jungen hängen, aber nicht immer das für ihn Bekömmlichste. Von der Religion etwa, daß die erhabenen Lehren des Urchristentums durch einen herrschsüchtigen Klerus verdreht und verfälscht worden wären, bis sie ein handliches Werkzeug zum Knebeln aller freiheitlich gerichteten Geister ergeben hätten; von der Politik, daß es ein Ekel wäre, sich mit ihr zu beschäftigen, weil jede der Parteien, die das allgemeine Wohl im Munde führten, nur darauf aus wäre, den eigenen Wanst an der Staatskrippe zu mästen; und von der Moral endlich, daß es am besten wäre, sich mit ihr überhaupt nicht den Sinn zu beschweren. Nur die Skrupellosen kämen vorwärts in dieser heuchlerischen Welt, die keine Bedenken kennten, außer dem einen, nach außen hin sorgfältig den Schein des Gerechten zu wahren. Und ähnlich verhielte es sich mit dem Begriffe der persönlichen Ehre. Die sie als ein altererbtes Vorrecht ihres Standes verteidigten, hätten zumeist von wirklicher Ehre keine Spur im Leibe, denn nicht darauf käme es an, sein Leben rein äußerlich nach gewissen überlieferten Formeln einzurichten, sondern auf den Adel der Gesinnung. Und ganz töricht wäre es, jeden Quark mit der Degenspitze aufzuheben, immer die Waffe in der Faust zu führen zur Verteidigung seiner Ehre; danach müßte der beste Fechter auch der größte Ehrenmann sein oder ein schlechter Schütze das verächtlichste Subjekt. So sprach der Theologiekandidat Siewers, der das linke Bein nachschleppte wegen einer im Duell davongetragenen Pistolenkugel und dem unter gelichtetem Haar die Hochquarten und Terzen in dichter Reihe saßen. Und in der nächsten Stunde wiederum focht er mit leuchtenden Augen alle seine zahlreichen Mensuren noch einmal durch, erzählte von den gewaltigen Schmissen, die er ausgeteilt, und daß die herrlichste aller Männerfreuden sich im Busen regte, wenn sich drüben im Gesichte des Gegners die ersten blutigen Treffer zeigten ... Das war ein recht krauser Unterricht, und ein Glück war es nur, daß es zuweilen im Sommer auch Regenwetter gab und man im Winter nicht auf sonnenbeschienenen Wiesenschlenken liegen konnte. In diesen Zeitläuften nämlich wandelte sich der Weltweise in einen strengen Präzeptor, der mit dem jungen Gräflein ernsthafte Wissenschaften paukte. Nur alle Monate einmal, gleich nach dem Ersten, war er verschwunden, da fuhr er nach Rostock hinüber, zu seinen früheren Verbindungsbrüdern. Um sich geistig wieder ein wenig aufzufrischen, wie er sagte, in Wirklichkeit aber, weil dem verbummelten alten Studenten das Geld in der Tasche brannte und er keine Ruhe hatte, bis er es im Kreise gleichgestimmter Kumpane wieder vertan hatte. Und von einem dieser Erholungsausflüge kehrte er nicht wieder zurück. Ein kurzer Brief nur kam nach Vellahn, er hätte aus persönlichen Gründen mit der verhaßten Klerisei einen Waffenstillstand geschlossen. Für kurze Zeit bloß, um das letzte Examen zu bestehen, denn seine sonst so geduldige Jugendliebste wollte nicht mehr länger warten. Der müßte er wohl oder übel das Opfer seiner Überzeugungen bringen, später aber gedächte er das Wort Gottes an einem Platze zu lehren, an dem ihm die Herren des hochwohlweisen und stets infalliblen Consistorii gewogen bleiben könnten. Als Missionar in Afrika, und er freute sich schon darauf, den dickschädeligen Niggern ein Christentum von ganz besondrer Art beizubringen ... So schrieb der rothaarige Kandidat Siewers, sein Schüler aber trauerte ihm eine ganze Zeitlang nach, bis er ihn über dem Nachfolger vergaß. Das war nämlich ein gar lebenslustiger junger Mann, der einer viel amüsanteren Unterrichtsmethode huldigte. Bei Tage wurde geschlafen, am Abend aber fuhr man nach Moltzahn hinüber oder nach Waren und kehrte erst lange nach Mitternacht wieder heim. In allerhand Spelunken führte dieser Kandidat seinen Zögling, lehrte ihn ungezählte Seidel Bier trinken und feile Mädchenlippen küssen. Graf Malte aber lachte nur zu den mit allem schuldigen Respekt vorgebrachten Ermahnungen seines alten Dieners, denn das lockere Treiben mit dem lebenslustigen Hauslehrer behagte ihm sehr. Erst als es sich darum handelte, vor der Prüfungskommission in Schwerin das Einjährigenexamen zu bestehen, ging er ein wenig in sich, begann mit seinem Präzeptor ein überstürztes Lernen. Aber es hätte nichts genützt, wenn von dem rothaarigen Theologiekandidaten her nicht eine gewisse Grundlage dagewesen wäre und die Herren Examinatoren bei dem zukünftigen Erben der Hohenrömnitz, der einmal kraft seiner Geburt den Rang eines Erblandmarschalls bekleiden sollte, ein Auge zugedrückt hätten. Nach diesem wenig rühmlichen Ergebnisse jedoch gab er sich selbst einen Stoß, der Hauslehrer wurde entlassen, und das Dienstjahr bei den Friedeberger Dragonern war ihm nicht ohne Nutzen. Das Grüblerische war von ihm abgefallen, von dem Theologiekandidaten her, und die Schlaffheit der allzufrüh gekosteten Genüsse, die ihn dessen Nachfolger gelehrt hatte. Vor einer andern Gefahr aber bewahrte ihn die Baroneß von Alten-Krakow ... Nur wenigen der jungen Herren von Adel war es gegeben, sich selbst genug zu sein, an den zehrenden langen Abenden in der Stille des Gutshofes sich mit einem guten Buche zu beschäftigen oder den Wirtschaftssorgen für den kommenden Tag. Und nicht die schlechtesten waren es, die die Ungeduld aus der Enge hinaustrieb. Zu allen Rennen, die mit einer Tagesfahrt zu erreichen waren, unter irgendwelchem Vorwande nach dem vom Teufel und seinen Bundesgenossen erschaffenen Berlin oder nach Waren und Moltzahn. Dort saßen noch mehrere, die auch vor dem Alleinsein geflohen waren, und unter ihnen die schlechten Kerle, die nur auf den Augenblick lauerten, den Würfelbecher auf den Tisch zu stülpen oder die lockenden Spielkarten auszubreiten. Vor diesem Zeitvertreib aber war das junge Gräflein bewahrt worden, denn an den langen Abenden hatte es eine bessere Kurzweil, als im Strelitzer Hofe in Moltzahn oder im Hotel zur Stadt Hamburg in Waren unter halbtrunkenen Zechkumpanen zu sitzen. Und der Alte hatte willig die heimlichen Brieflein besorgt von Vellahn nach Alten-Krakow und zurück. Wie ein besonders gutes Werk war es ihm erschienen mitzuhelfen, daß längst verjährtem Hasse die Versöhnung folgte. Bis er sehen mußte, daß von allen Gefühlen, die ein Menschenherz bewegten, der Haß das längste Gedächtnis besaß – – – – – Wie vom Schlage gerührt standen Lentz und die treue Miken, als Graf Malte ihnen ankündigte, schon am Abende ging es fort zu einer langen Reise, von der er nicht sagen könnte, wann sie wieder in die Heimat zurückführte, und sie sollten sich tummeln, die Koffer herbeizutragen, Kleider und Wäsche bereitzulegen. Im ersten Augenblicke glaubten sie, es wäre ein neuer Versuch, ihre Wachsamkeit zu täuschen; erst als sie hörten, daß der Justizrat Stahmer zu dieser Reise geraten, beruhigten sie sich. Und mit wehem Herzen machten sie sich an die aufgetragene Arbeit, fingen an, in Gedanken schon Abschied zu nehmen von dem einen, der ihnen teuer war. Malte aber trat auf die Freitreppe hinaus; es war Zeit, nach Hohenrömnitz zu reiten. Und ein anscheinend fremder Junge fiel ihm auf, der sich an den Erlen der Dammallee herumdrückte. In Vellahn kannte er alle Tagelöhnerkinder von Gesicht und Namen ... Er pfiff ihn an: »Hollah, mien Sähn, wat sökst du?« Und der Jungs trat verlegen näher, zog einen verknüllten Brief aus der Tasche. »Eck si ut Ohlen-Krakow. De Kammerjumfer Merie hätt mi dat gäwen. Eck sull't bloß räwerdragen un utrichten, Antwurt wär nich nödig, hädd de gnä' Baroneß befahlen« ... Da griff er mit zitternder Hand nach dem Briefe. Es waren nur ein paar mit Bleistift gekritzelte Zeilen und von darüber vergossenen Tränen halb verwischt ... »Vergiß mich, Liebster, ich muß mich fügen. Gott ist mein Zeuge, es geht nicht anders, es handelt sich nicht um meine armselige Person allein. So viel Schreckliches ist um mich her, und das Schicksal, das auf mich wartet, ist schlimmer als der Tod. Die Augen habe ich mir schon blind geweint, aber es geht nicht anders, ich muß mich fügen. Denk nicht schlecht von mir, ich bitte Dich, lieber Malte! Ich müßte ganz und gar verzweifeln, wenn Du mir nicht glauben würdest. Ich küsse Dein liebes Angesicht und werde Dich niemals vergessen« ... Er knitterte das schmale Blatt in der Hand zusammen, ein jäher Schmerz flog ihm durch die Brust. Er sah sein blondes Liebchen, wie es sich wehrte und verzweifelt gegen den Vater rang, bis es sich bescheiden mußte und mit verweinten Augen einen kümmerlichen Abschiedsbrief schreiben. Und ein heller Zorn sprang ihn an, nach Alten-Krakow zu reiten und zu guter Letzt noch auszuführen, wozu die andern alle ihm geraten hatten. Den heimtückischen Alten zu Boden schlagen, die Tochter aber vor sich aufs Pferd nehmen und heimreiten in sein festes Haus ... Da mochten sie dann herkommen und Sturm laufen, er lachte nur und schickte sie mit blutigen Köpfen wieder fort. Was er einmal genommen hatte, gab er nicht mehr heraus ... Aber das waren natürlich leere Hirngespinste, die so rasch wieder verflogen, wie sie gekommen waren. So hatte einmal vor jenen grauen Jahren einer seiner Vorfahren gehandelt, als man ihm die Geliebte ins Kloster gesperrt hatte, und in der Familienchronik war von dessen eigener Hand ein gar ergötzlicher Bericht zu lesen. Wie die Strelitzer Nönnlein geschrien hätten, als er an der Spitze seiner Reisigen vor das Kloster ritt und mit dem Schwertknaufe gegen das verschlossene Tor pochte: »De Jungfer Bredowin schall rutkamen, denn ehr Brüdgam stünn buten un hädd nich veel Tied« ... Der Wächter blies Sturm, die Klosterknechte liefen zusammen, aber es half ihnen nichts, was der Graf Römnitz sich vorgenommen hatte, führte er durch. Ein Dutzend Schädel wurden dabei eingeschlagen, aber was lag daran? Knechte gab es genug, und man löste sich hinterher mit einer Buße. Zehn Rostocker Silbergulden zahlte damals ein Herr für das Leben eines Knechtes, und das war mehr als genug, wenn man in Betracht zog, daß das Leben des Heilands einstmals um eine nur dreifach höhere Summe verkauft worden war ... Der Bericht des Römnitzer Grafen schloß mit der Bemerkung, der Ritt nach dem Strelitzer Kloster hätte die Aufwendungen verlohnt. Vier Söhne wüchsen ihm aus der Ehe mit der gebürtigen Bredowin heran, und jeder von ihnen verspräche, ein Edelmann nach dem Herzen Gottes zu werden ... Und zu ihrem Nutzen und Frommen hätte er das Abenteuer niedergeschrieben, damit sie sähen, daß ein Herr sich stets auf die eigene Faust verlassen müßte ... »Läwer Unrecht dauhn, as Unrecht lieden,« hieß es in der alten Chronik, »un wer dat Metz an rechten Ende hat, de hat ook gewonnen. Wenn uns' lewen Heiland liehrt hat, man müßt ook de annere Back hinhollen nah den ersten Streich, so liggt dat daran, dat hei keen gebürtigen Mecklenbörger west is. Dat is nich good fär de hiesigen Toständ, un doräwer werd eck mi mit emm utenannersetten, wenn wi in himmlischen Höhen uns' Kaltschaal drinken dauhn un de lewen Engelein maken mit Fläuten un Zymbal de Musik dartau« ... So hatte der Graf Römnitz im Jahre des Heils 1480 geschrieben und etliche Jahre früher gehandelt. Sein letzter Nachkomme aber ließ es bei den bloßen Gedanken, spielte ein paar Augenblicke damit, was die Herrschaften der Umgebung wohl sagen möchten, wenn er eine Gewalttat begehen würde, aber das Grübeln und Nachdenken zerstörten den Entschluß, kaum daß er die Schwelle des Bewußtseins überschritten hatte ... Er schob das Brieflein, das ihm der fremde Junge gebracht hatte, in die Brusttasche, schwang sich in den Sattel und setzte dem behäbigen Gaul die Sporen ein. Am Ende der Dammallee aber bog er nach links ein. Nach Hohenrömnitz, statt nach Alten-Krakow ... Und während er mit verhängten Zügeln den festen Weg entlang jagte, als wäre er auf der Flucht, schalt er sich selbst mit bittern Vorwürfen. Nach dem ersten Schmerze über den unwiderruflichen Abschied hatte sich in seiner Brust ein leises Gefühl der Zufriedenheit geregt, daß er nun ja auch frei wäre, tun dürfte, was ihm beliebte. Das war vielleicht recht kläglich, aber er war ja mit sich allein wie in jenen Stunden, als er mit verzweifeltem Hoffen einen letzten Ausweg suchte. Aus andrer Wirrsal, aber die Art war dieselbe. Eine gar seltsame Art des Suchens: man brauchte nur ein wenig die Augen zuzudrücken, und der Weg öffnete sich von selbst ... Zudem, beim zweiten Male empfand man nicht mehr dasselbe Schamgefühl wie beim ersten. Viel leichter schon setzte man sich über alle Skrupel hinweg, und viel williger stellten sich die Entschuldigungen ein ... Die Erwägungen, daß man mit dreiundzwanzig Jahren doch nicht schon ein fertiger Mann wäre und daß man für Irrungen immerhin die Entschuldigung der Jugend hätte als mildernden Umstand ... Kläglich, gewiß, aber aller Zorn gegen sich selbst verfing nicht. Ein lockendes Wunderland tat sich auf, weit hinten in der Ferne, köstliche Abenteuer warteten und geheimnisvolle Wege, die keines Menschen Fuß zuvor beschritten. Und nur ein einziges Bangen beschwerte die Brust, daß sich im letzten Augenblicke noch vor diesem Wunderlande ein Hindernis türmen könnte ... Aber das Glück war günstig, der Abschied in Hohenrömnitz verlief zu Anfang glimpflicher, als er erwartet hatte. Wie immer verging eine geraume Weile, bis der anmeldende Lakai den Bescheid zurückbrachte, Seine Exzellenz wären für den Herrn Grafen zu sprechen. Der Erblandmarschall liebte es, seine Besucher warten zu lassen, und in seinem Hause ging es fast förmlicher zu als am großherzoglichen Hofe. Mit beklommenem Herzen folgte Malte dem voranschreitenden Diener durch die Flucht der Halbdunkeln Prunkgemächer, in denen die steifen Möbel mit schützenden Überzügen standen. Ein seltsames Bangen überkam ihn jedesmal in dem alten Hause, und er vermochte es sich kaum vorzustellen, daß er hier einmal als Herr stehen sollte. Fremd sahen ihn die Bilder an den Wänden an, ein Frösteln zog durch die Zimmer und Säle, und fremd klang sein sporenklirrender Schritt auf dem spiegelnden Parkett. Drüben aber in Vellahn war es warm und heimelig, jeder Winkel war ihm vertraut, und von überall her grüßten liebe Erinnerungen ... Über einen hallenden Korridor ging es, der zu dem bewohnten Flügel des Schlosses führte, Hirschgeweihe hingen an den Wänden schier ohne Zahl, alte Waffen dazwischen, und in einer langen Reihe standen die starren Eisenrüstungen der Römnitze aus jenen Zeiten, in denen eine gepanzerte Faust mehr gegolten hatte als ein ganzes Bündel verbriefter und gesiegelter Rechte. Die leeren Armschienen lagen auf dem Kreuzgriffe der hohen Schwerter, und über den geschlossenen Visieren thronte die Helmzier, der auf den Hinterpranken aufgerichtete, zum Angriffe schreitende Bär ... Der Diener öffnete eine Flügeltür, Malte stand in dem Schreibzimmer seines Oheims. Durch helle Fenster grüßte der im ersten Frühlingsgrün prangende Park herein; an den bis zur Hälfte eichengetäfelten Wänden hingen im Laufe der Jahrhunderte eingedunkelte Bilder von etlichen Römnitzen, die sich in der langen Geschichte der Familie besonders hervorgetan hatten, bis zu jenem sagenhaften ersten Vorfahr hinauf, der als ein Lehnsmann Heinrichs des Löwen den eisenbewehrten Fuß auf slawisches Land gesetzt hatte. Im Burgfried des Vellahner Schlosses hing ein verrostetes Kettenhemd, das er der Überlieferung nach getragen haben sollte. Das Bild aber in Hohenrömnitz war das Phantasieerzeugnis eines höfischen Malers aus dem siebzehnten Jahrhundert. Und er hatte den Lehnsmann des Welfenherzogs gemalt, wie er ihn sich dachte. Als einen Reiter mit hohen Büffelstiefeln, einem blanken Küraß und breitem Federhut; mit einem Knebelbarte, wie ihn der bei Lützen gefallene Schwedenkönig getragen hatte, Spitzenaufschlägen an den Ärmeln und einem Korbdegen an der Seite. Aber unter dem in der rechten Ecke angebrachten Wappen, dem aufrechten Bären im weißroten Schilde, stand mit verschnörkelten Buchstaben zu lesen: » Winifredus Romeniciae comes, obiit anno Domini 1173 « Die Inschrift war das einzige an dem Bilde, was mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Eine urkundliche Überlieferung nämlich besagte, daß der Graf Winifred Römnitz bei der Verteidigung seines festen Hauses Vellahn gegen den aufrührerischen Wendenfürsten Ratis im Jahre 1173 gefallen wäre. Schon hätte er seinen Gegner im ritterlichen Zweikampfe gestreckt gehabt, als ihm ein schwirrender Heidenpfeil die Kehle durchbohrte ... Unter diesem Bilde stand der Herr Erblandmarschall, wie er es zu tun pflegte, wenn es sich um Entscheidungen in wichtigen Familienangelegenheiten handelte. Gleich als wenn er sich unter den Augen des Ahnherrn eines glücklichen Ausganges im vornhinein versichert halten dürfte. Und keine Miene in seinem bartlosen Predigergesichte verriet, daß er längst schon wußte, was sich am vergangenen Tage zugetragen hatte ... Mit einem gemessenen Neigen des Kopfes empfing er den Neffen, hörte schweigend zu, als dieser nach einigem Stocken die Erlaubnis zu einer geplanten längeren Auslandsreise erbat. Nach den Gründen fragte er nicht, begnügte sich mit der Angabe, es wären Verhältnisse eingetreten, die das Fortgehen für einige Zeit ersprießlicher erscheinen ließen als das Verbleiben in der Heimat. Danach verbreitete er sich mit einigen wohlabgewogenen Worten über den bildenden Nutzen solcher Auslandsreisen, wünschte dem Neffen mit einem kühlen Drucke der wohlgepflegten Hand eine gute Fahrt und glückliche Wiederkehr. Die Audienz war zu Ende, schon wollte Malte sich mit einem erleichterten Aufatmen zum Gehen wenden, aber es gab noch einen kurzen Aufenthalt. Der Kammerdiener Paalzow erschien in der zum Nebenzimmer führenden Tür, meldete nach einem fragenden Blicke, Ihre Exzellenz ließen um die Erlaubnis bitten, dem jungen Herrn Grafen Adieu sagen zu dürfen. Der Hausherr nickte mit einem Achselzucken Gewährung und wandte sich zum Fenster. Rührszenen liebte er nicht, und seine Gattin hatte leider allzu nahe am Wasser gebaut. Bei jeder Kleinigkeit flössen ihr die empfindsamen Tränen über die Wangen ... Die Frau Erblandmarschall trat über die Schwelle. Eine kränkliche kleine Dame, die fast immer in Schwarz gekleidet ging. Sie gehörte der schier zahllosen Sippe der Bledows an, und in ausgeprägtem Verwandtschaftsgefühle trauerte sie bei jedem Todesfalle der in allen deutschen Landen verbreiteten Familie mit. Bald kürzere, bald längere Zeit, je nach dem näheren oder entfernteren Grade der Zugehörigkeit. Und im Laufe der Jahre hatte sich in ihrem leidenden Gesichte, das immer noch die Spuren einstiger Schönheit zeigte, ein seltsamer Zug ausgebildet. Als wenn sie immerfort um Entschuldigung bitten müßte, daß sie ihren einzigen Daseinszweck nicht erfüllt hätte. Als die zukünftige Stammutter eines neu aufblühenden Geschlechtes der Römnitze war sie in dieses Haus geholt worden, aber sie hatte die auf sie gesetzten Hoffnungen gröblich enttäuscht. Die Ehe des Herrn Erblandmarschalls war kinderlos geblieben, dem jüngeren Bruder aber wuchs aus glücklichem Herzensbunde ein blühender Knabe heran, nach Gesetz und Recht ein Erbe des Vaters und Oheims zugleich. Und noch ein andres Leid nagte ihr am Herzen. Sie wußte wohl, daß sie ein kümmerlicher Notbehelf gewesen, daß der ältere Römnitz sie nur geheiratet hatte, weil er von einer andern verschmäht worden war. Gegen diese andre hatte sie lange gerungen um die Liebe des Gatten, bis sie sehen mußte, daß aller Kampf vergebens war. Nicht einmal ihr Andenken vermochte sie auszulöschen, und da erschien es ihr zuweilen als eine gerechte Strafe des Himmels, daß ihm die heißersehnte Nachkommenschaft versagt blieb ... Mit dem spitzenbesetzten Taschentuche in der seinen Hand trat die Frau Erblandmarschall auf den Neffen zu, schloß ihn bewegt in die Arme. »Mein lieber armer Junge, du willst fort für längere Zeit, hat mir eben der Paalzow gesagt? Und was ist das nur für eine schreckliche Geschichte mit dem Alten-Krakower? Ist das nicht auf irgendeine Weise wieder gutzumachen?« Der Herr Erblandmarschall wandte den hagern Kopf über die Schulter. »Keine Emotionen, liebe Elfriede, bitte ich! Das sind Dinge, über die man am besten nicht spricht. Am allerwenigsten aber, wenn man nicht um Rat gefragt wird.« »Lieber Christoph,« wandte die kleine Dame schüchtern ein, »er hat sich gewiß nur nicht getraut, er kennt ja deine schroffen Ansichten. Aber dein Wort gilt so viel ... versuch es doch einmal bei dem Baron von Köhnemann! Vielleicht stellt er sich, und Malte würde ja wohl vernünftig sein ... es muß doch nicht immer gleich auf Tod und Leben gehen! Ich habe ja schon oft gehört, daß in solchen Fällen eine Art von Komödie ausgeführt wird, bloß damit die liebe Nachbarschaft Ruhe hat?« ... Und da sie keine Antwort bekam, fuhr sie zaghafter fort: »So eine Reise ist schrecklich. Nach Afrika! Das ist doch nicht, als wenn man für ein paar Wochen nach der Riviera fährt ... Tausend Gefahren lauern ringsum, man sagt sich Adieu und weiß nicht, ob man sich jemals wiedersieht?« ... Der Herr Erblandmarschall hatte sich wieder umgedreht, so daß sein Gesicht im Schatten stand. Und hart wie Steine fielen die Worte von seinen schmalen Lippen. »Liebe Elfriede, ich wiederhole, ich bin nicht gefragt. Und das ist mir lieb. Ich möchte mich nicht mit dem Ruhme jenes alten Römers bedecken, der in der eigenen Familie Todesurteile sprach. Aber wenn ich meinem Neffen vorhin eine glückliche Wiederkehr wünschte, war das eine leere Redensart. Ich wünsche ihm in Wahrheit, daß er da draußen eine Gelegenheit findet, mit Ehren die Heimfahrt zu vermeiden. Hier ist kein Platz mehr für ihn, auf Hohenrömnitz haben nur Leute gesessen, deren Wappenschild blank war!« Malte hatte schweigend dagestanden, die Zähne in die Unterlippe gegraben. Und plötzlich fuhr ihm durch die Seele ein heller Strahl, der verborgene Zusammenhänge enthüllte. Noch nie hatte er aus dem Munde des nächsten Verwandten ein Wort der Liebe gehört, und jetzt glaubte er zu wissen, weshalb ... Er richtete sich hoch auf, und seine blauen Augen blitzten. »Ah nein, lieber Onkel, den Gefallen tue ich dir nicht, ich komme wieder! Mein Recht hier wahrzunehmen ... Fremde Leute waren milder als du, haben mir gezeigt, daß man ein kostbares Gut nicht fortzuwerfen braucht um einen wertlosen Flederwisch. Die Anschauungen der Menschen sind wandelbar, hat mich einer der Lehrer gelehrt, die du mir aussuchtest. Vor ein paar hundert Jahren noch wurde am Scheiterhaufen gesengt, wer anders war als der blöde Haufe ringsum, heute lachen wir darüber. Und wir leben in einer rascheren Zeit. Nach zwei Jahren vielleicht, wenn ich gesund aus Afrika heimkomme, lacht man darüber, daß einer aus dem Leben gehen sollte, weil er zu anständig dachte, die Hand gegen einen Greis zu erheben. Verrotteter Formelkram ist das, aber dir paßt er vielleicht ins Geschäft« ... Der Herr Erblandmarschall zuckte mit den Achseln. »Das sind billige Phrasen. Beklage dich bei dir selbst, wenn ich mich nicht freue, in dir meinen Nachfolger zu sehen. Aber ich kann es nicht ändern. Die diesem Hause die Gesetze gaben, konnten nicht voraussehen, daß es mal einem anheimfallen würde, der seine Ehre verwirkt hat!« »Onkel Christoph,« schrie Malte auf, und die kleine alte Dame stammelte: »Um Gottes willen! Um Gottes willen, das ist ja ein blankes Todesurteil« ... Der Herr Erblandmarschall wandte sich wieder zum Fenster, als wenn der Fall für ihn erledigt wäre. Malte aber trat dicht auf ihn zu, und heiß ging sein Atem. »Ah nein, lieber Onkel, mit diesen Sachen habe ich mich abgefunden. Gestern und heute. Du hast deinen günstigen Augenblick verpaßt. Der war gestern nachmittag, als mir der Tüschower Lewenitz aus Alten-Krakow den Bescheid gebracht hatte. Da war es Zeit, und ich hätte vielleicht deinem Urteil gehorcht. Heute lache ich darüber, denn ich glaube zu wissen, woher es stammt. Und ich verspreche dir eins. Wenn ich hier der Herr bin, wird dein Andenken ausgelöscht. Keiner meiner Nachkommen soll erfahren, daß es einen Christoph Römnitz gegeben hat, der seinem Nachfolger den Tod wünschte« ... Der ältere Graf Römnitz wurde bleich bis in die Lippen; unwillkürlich hob sich seine Hand. Aber der Jüngere stand gespannt und zur Abwehr bereit. Glühender Haß flog aus einem Augenpaar ins andere ... »Es ist gut,« sagte der Ältere, »zieh hin! Wenn dir die Wiederkehr beschieden ist, kannst du handeln nach deinem Belieben. Herr ist Herr« ... Malte wandte sich langsam ab. In einem der steiflehnigen Sessel saß die kleine alte Dame, vor Schreck in sich zusammengesunken. Er zog ihre seine Hand an die Lippen. »Hab Dank, liebe Tante, ich weiß, du meinst es gut« ... Mit klirrenden Sporen schritt er den langen Korridor zurück an den eisernen Rüstungen vorbei und den vielen Hirschgeweihen, durch die halbdunkeln Prunkgemächer bis zu der säulengetragenen Freitreppe, an der sein treuer Wotan stand, in der Obhut eines weißlivrierten Reitknechtes mit einem roten Kragen über dem langen Rocke. Er schwang sich in den Sattel und hob die Hand gegen den weitgestreckten Bau der Hohenrömnitz, über dem sich der aus Findlingssteinen gefügte Burgfried hob, so alt wie sein Geschlecht. »Auf Wiedersehen,« sagte er, und in seiner Brust regte sich helle Freude. Wie ein Sieger jagte er die Straße entlang, die heimwärts nach Vellahn führte. Und er wunderte sich, daß er vor dem gefürchteten Oheim so kühne Worte gefunden hatte. Fast war es ihm, als hätte aus seinem Munde ein andrer gesprochen. Einer, der ihm vor Jahren einmal die breite Hand auf den blonden Scheitel gelegt hatte ... »Mein Junge, nimm dich in acht vor dem Hohenrömnitzer, ich kann dich vielleicht nicht mehr lange bewahren. Zwischen ihm und dir steht etwas ... Das bißchen Erde, das er doch nicht mitnehmen kann; nur hätte er es gerne einem andern vererbt ... Einem, der ihm näher steht ... Denk daran, wenn ich nicht mehr bin, und nimm vorsichtig auf, was er dir rät« ... Das hatte er mit einem Ohre gehört, zum andern aber war es ihm wieder hinausgegangen in seinem jugendlich-leichtfertigen Sinn; nur heute – Gott sei Dank – war es plötzlich in ihm aufgestanden, ganz wie von selbst. Daß er aber im heißen Zorn die rechten Worte der Abwehr gefunden hatte, dankte er einem andern. Einem rothaarigen kleinen Theologiekandidaten, der beim Gehen das linke Bein nachschleppte, auf sonnigen Waldwiesen aber mit heißem Eifer von allem sprach, was Menschenherzen bewegte. Der hatte ihm die Waffen geliefert zu dem Streit, und ein dankbares Grüßen flog in die Feme, irgendwohin, wo der kleine Rotkopf sein seltsames Evangelium predigen mochte ... So ritt das junge Gräflein in Siegerfreude dahin, wunderte sich über seinen trotzigen Mut, nur über eines wunderte es sich nicht. Daß einem zur Überzeugung werden konnte, was man selbst vor wenigen Stunden noch als leere Ausflucht angesehen hatte ... Zwei gar tüchtige Advokaten hatten ihm die Überzeugung eingebleut. Die Todesfurcht und die Lust am Leben ... Es dunkelte schon, als der alte Leibkutscher Fuhbel mit den vier Rappen vor der leichten Kalesche an der Vellahner Freitreppe vorfuhr. Der Leiterwagen mit dem Gepäck hatte sich bereits zwei Stunden früher auf den Weg nach Waren gemacht zu dem Berliner Schnellzuge. Zwei alte Leutchen standen auf der Freitreppe, tauschten leise Worte in dem lauen Frühlingsabend, der wie eine frohe Verheißung sich still über die Lande breitete. Die Rappen scharrten im Kies der Auffahrtsrampe, Graf Malte kam von der Diele her und schüttelte ein paar treue Hände. »Ist gut, und macht mir das Herz nicht schwer« ... Er sprang in den Wagen, Fuhbel hielt die Rechte an dem blanken Zylinderhut mit der rotweißen Kokarde. Er schnalzte leise mit der Zunge, und die Rappen zogen an. »Auf Wiedersehen« klang es von hüben und drüben, die beiden auf der Freitreppe standen aber noch lange, bis von dem fortrollenden Wagen nichts mehr zu hören war. Von dem Dorfe am Seeufer klang ein dreifaches Hurra herüber, das der Verwalter Bergemann dem scheidenden jungen Herrn mit den Kätnern ausbrachte. »Ob hei woll wedderkömmt,« fragte Miken, wischte sich mit der arbeitsharten Hand über die Augen. Aber sie bekam keine Antwort. Lentz mußte plötzlich husten, weil ihm so eine verdammte kleine Seefliege mit eins in die unrechte Kehle gefahren war. Danach gingen sie auseinander, ein jedes an seine Besorgungen. Und es wurde für lange Zeit gar still und einsam auf der Vellahner Schloßinsel ... Wenn aber Graf Malte fern in Afrika unter dem funkelnden Kreuz des Südens die langende Sehnsucht nach der Heimat schickte, stellte sie ihm sich immer in dem Bilde zweier alten Leutchen dar, die auf einer efeuumsponnenen Freitreppe standen. Der Weißbart mit einer verwitterten Husarenmütze auf dem Kopfe, die er einem besondern Tage zu Ehren trug, und das alte Jüngferlein, ein ewiges Strickzeug zwischen den nimmer rastenden Händen. So standen sie wartend, wenn er sich zuweilen verspätet hatte bei der Heimkehr vom Alten-Krakower Galgenberge; zwei Paar treue Augen spähten die Dammallee entlang, die von der Schloßinsel zum festen Lande führte, und barmten sich, ob ihrem geliebten Sorgenkinde nicht ein unvermutetes Unglück zugestoßen wäre – – – – 2 Die erste Begrüßung mit den beiden Getreuen war vorüber, aber die Wiedersehensfreude schwang noch lange in ihren Herzen nach, wie der Ton einer stark angeschlagenen Saite. Immer wieder sahen die beiden Altchen ihren heimgekehrten jungen Herrn an, freuten sich, daß sie ihn wieder hatten, und nickten einander zu, wenn sie bemerkt zu haben glaubten, daß er sich gegen früher zu seinem Vorteil verändert hätte. Fast noch größer schien er ihnen geworden zu sein, aber das war wohl nur Einbildung, weil sie selbst den Rücken gebückter trugen als vor zwei Jahren und langsam schon in die Erde zurückwuchsen. In einem jedoch täuschten sie sich nicht, aus dem Jüngling war ein Mann geworden, der aus klaren Augen in die Welt blickte und fest in seinen Schuhen stand. Der ließ sich von dem Hohenrömnitzer drüben noch lange nicht die Butter vom Brote nehmen! Nur Miken fand, er wäre viel zu hager im Gesichte geworden, aber das wollte sie schon bald wieder herausfüttern. Lentz hingegen meinte, das stände ihm gerade schön, und eine Entdeckung freute ihn ganz besonders. Der junge Herr lachte genau so, wie sein seliger Herr Rittmeister gelacht hatte, dasselbe schütternde Lachen, das so ansteckend wirkte. Das lag wohl daran, daß in den zwei Jahren seine Brust eine richtige breite Mannsbrust geworden war, aber es war doch eine große Freude, daß der Sohn dem Vater auch in solchen Äußerlichkeiten glich. Wenn man die Augen schloß, konnte man glauben, die Zeit wäre stillgestanden ... Malte Römnitz aber freute sich nicht weniger, daß er die beiden Altchen noch in leidlicher Rüstigkeit wiedergefunden hatte. Gar manchmal hatte er da draußen gebangt, sie könnten nicht mehr da sein, wenn er heimkäme. Und das wäre ihm ein schwererer Verlust gewesen als mancher andre. Mit allem, was ihm seit der frühesten Jugend an Schicksalen widerfahren, waren sie beide doch unlöslich verbunden, und immer hatten sie in blinder Treue zu ihm gestanden ... Gleich nach seiner Ankunft hatte er einen raschen Gang durch den Park gemacht und alle Räume des Schlößchens, wie um sich zu überzeugen, daß alles noch da wäre, was er vor zwei Jahren verlassen. Jetzt saß er an dem runden Tische auf der Diele, die vom Frühjahr an immer als Wohnzimmer diente, und ließ sich gut schmecken, was Miken an heimatlichen Leckerbissen aufgetragen hatte. Eine milde Gänsebrust gab es als Vorspeise, wie ein Rosenblatt so zart, eine würzige Leberwurst mit Majoran und Speckklümpchen, die vierzehn Tage lang im Rauch von Buchenspänen gehangen hatte, und zum Schlusse einen wohl fünfpfündigen Hecht aus dem Vellahner See. In einer Sauce aus Meerrettich und saurer Sahne schwamm er, mit allerhand Grünzeug und einigen Pfefferkörnlein angerührt. Wie der Kern einer jungen Haselnuß schmeckte sein weißes Fleisch, das Köstlichste aber waren die keinen Klößchen, deren Hauptbestandteil die bräunliche Leber bildete ... Mit einer wahren Andacht aß Malte, ließ sich zwischen den einzelnen Gerichten die gehörige Zeit und trank einen alten Rauentaler noch vom Vater her, den Lentz zur Feier der Heimkehr aus dem Keller geholt und gehörig am Brunnenwasser gekühlt hatte. Ganz wohlig und glückselig war ihm zumute, und er erzählte, wie manches liebe Mal er sich da draußen nach Mikens Kochkunst gebangt hätte. Wenn der Niggerkoch ein zähes Huhn auf den Tisch setzte mit einem Brei aus Hirsegrütze oder einen Antilopenrücken, den man kaum schneiden konnte, weil er gleich nach dem Erlegen des Wildes aufs Feuer gekommen war, dann hätte er jedesmal den Reisegefährten den Mund wässerig gemacht, ob sie sich wohl vorstellen könnten, wie ein Vellahner Spießerrücken schmeckte, von Fräulein Dannappel mit Liebe und Butter und Sahne nebst einigen Wacholderbeeren gebraten. Immer hätte er ausreißen müssen danach, damit die andern ihn nicht erschlügen ... So erzählte er scherzend, Miken aber stand dabei und errötete vor Freude wie ein junges Mädchen, dem zum ersten Male eine Liebeserklärung gemacht wird. Und plötzlich lachte Graf Malte auf. Fast hätte er vergessen gehabt, ihr den Gruß eines alten Verehrers zu bestellen, der noch heute in ganz besondrer Treue ihrer gedächte. Wer sie müßte raten, wer das wohl gewesen sein könnte. Miken wurde noch röter und legte ordentlich erschrocken die Hand auf die Brust. »Gott steh' mich bei, aus Afrika? Ich hab' doch da unten keine Bekanntschaften?« ... Und Lentz fügte mit einem Schmunzeln hinzu, ein Menschenfresser wäre es wohl kaum gewesen, der hätte sich etwas Saftigeres herausgesucht. In so gehobener Stunde durfte er sich wohl ein kleines Scherzlein vor dem jungen Herrn verstatten. Danach lachten sie alle drei, und Graf Malte erzählte, auf der Rückreise hätte er in der großen Negerstadt Tabora zu seiner Überraschung und Freude den ehemaligen Theologiekandidaten Siewers getroffen, aber nicht als Missionar, sondern als wohlhabenden Händler, der auf weiten Fahrten ins Innere Kautschuk und Elfenbein gegen billigen Kattun und Glasperlen von den Eingeborenen tauschte. Die christliche Lehre wäre nicht gut für die Nigger, denn in diese dicken Schädel dürfte es niemals hinein, daß alle Menschen dieser Welt eigentlich Brüder wären, darunter litte nur der Respekt und das Geschäft. Und weiter erzählte er, wie er in dem gastfreien Hause des ehemaligen Lehrers sich acht Wochen lang gesund gepflegt hätte von dem bösen Tropenfieber und einem tiefen Riß am Bein, den er einem angeschossenen Büffel verdankte. Fast immer hätten sie dabei von der Heimat gesprochen, der rothaarige Siewers und seine rundliche Frau mit einem dicken Buben auf dem Arm, der zum Schreien dem Vater glich. Nur daß er nicht das Bein nachzog, weil er noch nicht laufen konnte, und unter dem roten Kraushaar natürlich keine Schmisse hatte ... »Das war ein Ruhepunkt in all den bunten Abenteuern,« schloß Graf Malte und sah nachdenklich vor sich hin. »Und wir haben auch noch über manches andre gesprochen, was nur mich allein anging. Vieles wurde mir dadurch klar, wo ich im Dunkeln herumgetappt hatte« ... »Che,« sagte Miken, »dieser Herr Kannedat Siewers is wohl immer schon 'nen possierlichen und nachdenklichen Mensch gewesen. Einmal is er zu mich in die Küche gekommen, wie ich gerade eine Gans zwischen die Kniee geklemmt hatte und mit dem Messer in' Kopf das Blut abzapfte. Da fragte er, ob ich mich wohl bewußt wäre, ein Geschöpf Gottes zu töten, das gleich mir eine unsterbliche Seele hätte. Ich lachte bloß: ›Herr Kannedat, das muß doch sein, wegen dem Wohlgeschmack, und das Blut gibt hinterher Schwarzsauer mit Backpflaumen und Klöße. Eine unsterbliche Seele aber haben wir Menschen bloß allein.‹ Da zuckte er die Achseln: ›Wissen Sie das ganz genau, Fräulein Dannappel?‹ Mir war ganz gruselig zumut, und in einem Sinnieren ging ich 'rum, bis am andern Mittag der Herr Kannedat sich das Schwarzsauer schmecken ließ, daß nur die Knochen übrigblieben. Da merkte ich denn, daß er bloß ein Spaßmacher war und den Leuten allerhand nichtsnutzige Flausen in den Kopf setzte.« »Ja,« sagte Malte, »ein Spaßmacher, der es verdammt ernsthaft meinte« ... Danach gab es eine schweigsame Pause, und Miken empfahl sich mit einem Knickse, sie hätte noch in der Küche zu tun. In Wirklichkeit, weil jetzt nach allem Ermessen der unangenehme Teil des Abends begann. Der junge Herr hatte genug erzählt von sich selbst, jetzt kamen die Fragen nach dem, was sich in den zwei Jahren zu Hause zugetragen hätte. Die Antwort darauf überließ sie gerne ihrem alten Dienstgefährten. Und Lentz sah ihr brimmelnd nach. So waren schon die Frauenzimmer: wenn es Ernst wurde, drückten sie sich! Aber auch er gedachte sich nach Möglichkeit »diplomat'sch« zu verhalten, seinem jungen Herrn den ersten Abend in der Heimat nicht zu verderben. Wenn er morgen früh erfuhr, was sich in Hohenrömnitz zugetragen hatte, war noch immer Zeit genug ... Graf Malte schob den Teller zurück und steckte sich behaglich eine Zigarre an. »Na, nu los, Alter, und hübsch der Reihe nach! Meinen Leib hat die Miken satt gemacht, für das übrige mußt du sorgen. Und ich muß sagen, ich bin gründlich ausgehungert in den zwei Jahren. Wenn die andern Herren ihre Post bekamen, hab' ich mich immer still beiseite gedrückt und manchmal fast das Heulen gekriegt. Daß mein Herr Onkel mir nicht schrieb, brauchte mich nach dem Abschied ja nicht zu wundern. An den Tüschower Lewenitz aber hatte ich mich zweimal gewandt und herzlich gebeten, er möchte mir doch über einiges, was mich besonders interessierte, Nachricht geben. Er hat's anscheinend nicht fertiggebracht, vor lauter Bedenken; nur bei meiner Rückkehr aus dem Innern fand ich in Dar es Salam eine Postkarte mit einer Ansicht vom Strelitzer Hof in Moltzahn. Und darauf stand mit Bleistift gekritzelt: ›Du wardst di ja bös wunnern, mien Sähn, wenn du wedder to Hus kömmst.‹ Kein Name darunter, aber nach der Handschrift konnte es wohl der Tüschower gewesen sein.« »Che,« sagte Lentz und kraute sich mit möglichst unschuldiger Miene den Kopf, »da weiß ich nu nichts von. Den Herrn von Lewenitz hab ich in diese ganze Zeit nur einmal gesprochen, auf 'n Pferdemarkt in Moltzahn. Er fragte noch in Vorbeigehen: ›Na, immer noch zu Wege, alter Knackstiebel?‹ aber wegen eine Postkarte oder so hat er sich nicht zu erkennen gegeben. Da denk ich mir so, mit dem Wundern meint er vielleicht die neue Verfassung, wo die Regierung uns nu mit eins geben will. Da wundern wir uns nämlich alle darüber, denn was die alte Verfassung is, die war doch wohl noch ganz gut, nich? ... Oder geht es uns vielleicht schlecht bei unsern gnädigen Herrschaften, haben wir nich unser reichliches Auskommen? Chewoll, sag' ich, es geht uns sogar sehr gut, aber der Hohenrömnitzer Lehrer, wo ich neulich mit ihm drüber diskerierte, meinte mitnichten. Mehr Volksschulen müßten wir haben, damit ein Strahl von die allgemeine Bildung auch in das mecklenburgische Land fallen täte, und dazu müßten wir wohl erst 'ne neue Verfassung kriegen. Da sagt' ich ihn aber, ah nein, Herr Kanter, das wär wohl ganz verkehrt! Bildung für den, wo Bildung gehört. Wenn aber die, wo hinterm Pflug herzugehen haben, um 'ne Portschon klüger werden als die vorm Pflug, dann is zu End mit unserm alten Mecklenburg! Nich?« Malte hatte unwillkürlich lächeln müssen. »Hast recht, mit dem alten Mecklenburg wäre es dann wohl zu Ende. Aber fragt sich nur, ob das neue nicht besser wäre!‹ Lentz fuhr ordentlich erschreckt in die Höhe. ›Halten zu Gnaden, Herr Graf, dann wissen Sie wohl nich, wie weit daß es bei uns schon gekommen is? Bei der letzten Reichstagswahl haben wir hier in der Suppenterrine von der Frau Verwalter, wo als Urne gedient hat, bereits einen roten Stimmzettel gefunden! Hier bei uns in Vellahn, wo der Herr Verwalter doch immer persönlich die Wahl geleitet hat, indem daß er den Leuten den zukömmlichen Stimmzettel gab und aufpaßte, daß sie ihn auch richtig in die Terrine legten. Also der Herr Verwalter war starr, der Förster Schwarz war starr, ich aber sagte zu ihnen ›Sehen Sie, meine Herren, das kömmt bloß davon, daß in den Zeitungen immer von diese vertrackte Verfassung die Rede is, und Gedrucktes können die Kerls lesen. Da bildet so 'n entfamtiger Snösel sich denn ein, er dürft sich ungestraft solche Ordnungswidrigkeiten erlauben und so!‹ Weil wir nu aber uns ungefähr denken konnten, wer daß die rote Stimme abgegeben hatte, nämlich der Koppelknecht Bohn, und er hat nämlich früher mal in Rostock gearbeitet, also da lud ihn der Herr Verwalter sich zu eine politische Unterredung in den Schafstall.« »Nanu,« fragte Malte verwundert, »in den Schafstall? Wenn da ein Fremder 'reinkommt, fängt doch die ganze Gesellschaft zu blöken an, daß man vor lauter Spektakel nicht sein eigenes Wort versteht?« Der Alte machte ein ganz ernsthaftes Gesicht, nur seine weißen Schnurrbartspitzen zuckten verräterisch. »Wohl, wohl, Herr Graf. Aber das hat nu wieder auch den Vorteil, daß von außen niemand hören kann, was drinnen verhandelt wird. Zu der Unterredung hatte der Herr Verwalter sich nämlich einen handlichen Haselstock geschnitten, und wie er mit dem Koppelknecht Bohn wieder aus dem Schafstall 'rauskam, waren sie sich einig. Da hatte der nu wohl die richtige politische Meinung gekriegt.« In Maltes Stirn hatte sich eine unmutige Falte gegraben. »Na, lassen wir das jetzt, darüber werde ich mit dem Verwalter Bergemann mich mal gehörig aussprechen. Die Wirtschaft mit dem Stock in der Hand wollen wir doch gefälligst bleiben lassen! ... Aber sag mal, schon die ganze Zeit über ist's mir aufgefallen: was sind denn das für helle Flecke in der Tapete zwischen den Hirschgeweihen? Da hingen doch früher immer die alten Delfter Teller, die mein seliger Großvater mitgebracht hat, als er noch am Hof von Holland Gesandter war?« Lentz griff sich in den Halskragen, die Frage war ihm sehr unbequem. »Die alten Teller? Che, da hat die Miken wohl vergessen, sie nach dem Großreinemachen wieder hinzuhängen. Auf ihre letzten Jahre ist sie nämlich sehr schwach von Gedächtnis geworden. Und Miken, sag ich immer zu sie, es is man ein Gottesglück, daß gewisse Körperlichkeiten auch bei Ihnen fest angewachsen sind wie bei andern Menschen. Sonst täten Sie die mal noch irgendwo vergessen und 'rumliegen lassen.« »Schwindel nicht, Alter, ich seh' dir's ja an der Nase an, da ist etwas nicht in Ordnung. Also 'raus mit der Sprache, wo sind die Teller?« »Nun denn« ... Lentz druckste noch ein Weilchen herum, aber jetzt gab's kein Ausweichen mehr ... »die sind in Hohenrömnitz drüben. Auf Befehl von Seiner Exzellenz dem Herrn Erblandmarschall.« Malte stand auf, und seine von der Tropensonne gebräunten Wangen färbten sich um einen Schatten dunkler. »Ach nee! Und da hast du nicht die Herausgabe verweigert? Weißt du denn nicht, daß Vellahn mir gehört mit allem drum und dran, solange ich der Erbe des Majorates bin?« »Che, das weiß ich wohl,« sagte Lentz verlegen, »und ich hab's dem Herrn Erblandmarschall auch mit allem schuldigen Respekt vorgestellt. Aber da kam ich bös an. Ich hätte den Schnabel zu halten und zu gehorchen. ›Und die Teller werden sofort heruntergeholt, nach Hohenrömnitz geschafft. Meine Frau Gemahlin wünscht es so, basta!‹ Und das hatte seine Richtigkeit. Die Frau Erblandmarschall waren ja wie närrisch vor Entzücken über das alte Scherbenzeug, und da gab es keinen Widerspruch. Seine Exzellenz tun ja alles, was sie ihr nur an den Augen absehen können.« »Erlaube mal!« Graf Malte ließ sich wieder in den Sessel fallen und machte eine Handbewegung, als wäre es in dem Kopfe seines alten Getreuen nicht ganz richtig. »Was hast du eben gesagt? Mein Onkel Christoph täte alles, was er seiner Frau an den Augen absehen könnte? Und meine gute Tante Elfriede soll mit einemmal vor Entzücken über die alten Teller närrisch geworden sein? Die kannte sie seit ungefähr vierzig Jahren und hat niemals den Wunsch geäußert, sie zu besitzen?« ... Lentz sah geradeaus, schnüffelte nur ein wenig, als müßte er sich aussteigender Tränen erwehren. »Wohl, wohl, Herr Graf. Wegen der seligen Frau Erblandmarschall möchten die Teller da vielleicht noch vierzig Jahre hängen. Aber sie is gestorben, kaum sechs Wochen nach Ihrer Abreise. Schon im Herbst, das Trauerjahr war noch nich zur Hälfte herum, haben Seine Exzellenz frisch geheiratet und, wie die Leute erzählen, sollen sich seine Hoffnungen ja wohl erfüllen. In Hohenrömnitz drüben wird ein Erbe erwartet!« So, nun war es heraus, alles auf einmal. Gesagt hatte es doch werden müssen, also war es schon besser, man machte ganze Arbeit. Malte aber schleuderte mit einer heftigen Bewegung seine Zigarre in das offene Kaminfeuer. Donnerwetter nochmal, das war ja eine unerwartete Bescherung, die ihm ganz plötzlich über den ahnungslosen Kopf gepladdert war! Wie eine Hagelwolle war es gekommen aus heiterem Himmel, und wo sie lang gezogen war, lagen geknickte und zerschlagene Hoffnungen ... Es dauerte eine ganze Weile, bis er seine Bestürzung soweit gemeistert hatte, daß er wieder ruhig sprechen konnte. Jetzt fange ich an zu verstehen, was der Tüschower Lewenitz mit seiner Postkarte gemeint hat! Aber wollen uns doch nicht gleich ins Bockshorn jagen lassen. Daß mein Herr Onkel sich auf seine alten Tage lächerlich macht, kann ich ihm nicht verwehren. Aber damit seine Ehe rechtsverbindliche Folgen hat, dafür gibt es beim Hohenrömnitzer Majorat gewisse gesetzliche Vorschriften. Die Frau Erblandmarschall muß von altem Adel sein, sechzehn richtiggehende Ahnen haben von Vater- oder Mutterseite, sonst gilt es nicht! Sonst kann ihr Herr Sohn einen weißgeschälten Weidenstab in die Hand nehmen und sich wo anders einen Platz suchen. Also los, was ist meine neue Frau Tante für eine Geborene?« Der alte Lentz zuckte bekümmert mit den Achseln. »Das wissen wir hier alle nich. Seine Exzellenz haben die Frau Gemahlin im Herbst vor 'nem Jahre mitgebracht, wie sie von der italienischen Reise zurückgekommen sind. Die Trauung soll auch da unten gewesen sein, in einer Gegend, die Mailand genannt wird. Wegen dem schönen Wetter, meint der Kammerdiener Paalzow, das dort wohl sein soll das ganze Jahr über, wie bei uns im Frühling. Und ein ganzer Hümpel Menschen is bei dieser Heirat mitgekommen nach Hohenrömnitz. Eine Schwester und ein Bruder von der Frau Gräfin, mit 'nem kohlschwarzen Bart bis unter die Augen, 'ne Frau Schwiegermutter wie eine Zitrone so gelb, und sie schlampt fast immer in' Schlafrock herum. Das schlimmste aber is die Dienerschaft. Alle Mecklenburger sind mit eins entlassen worden, auch die Deerns. Dafür sind denn Kerls gekommen und Mäkens, ebenfalls aus diesem Mailand. Den Kerls möcht' man nich für fünf Minuten sein Portemonnaie zum Verwahren geben, meint der Paalzow, aber die Deerns wären ganz leckrig anzusehen. Wie die Druwäppel so rund allenthalben, und wenn sie sich so durch den Park bewegen tun, könnt man's dem Herrn Erblandmarschall eigentlich nich verdenken, daß er sich auch so eine Mailänderin geheiratet hat.« Malte war ungeduldig geworden. »Meint der Paalzow,« wiederholte er ärgerlich. »Aber diese Mauseratzergesellschaft – zum Beispiel dieser Zitronenvogel von Schwiegermutter – kriegt doch Briefe? Weshalb ist der alte Esel da nicht so gescheit gewesen, sich mal die Adresse zu merken?« Lentz kraute sich den weißen Kopf. »Wohl, wohl, Herr Graf, aber das wär ebenso ungefähr, als wenn man einen Kolkraben fragen möcht: ›Wieso kannst du eigentlich nich so schön singen wie ein Karnalienvogel?‹ Weshalb merkt sich der Paalzow so eine Adresse nich? Weil er in seine Jugend nich gelernt hat, Geschriebenes zu lesen! Vogelnester finden, das könnt er. Aber in den Wissenschaftlichkeiten war er immer man ein Schwachmatikus!« Malte machte eine abwehrende Handbewegung, das letzte hatte er nur mit halbem Ohre angehört. »Es ist gut. Morgen früh reite ich nach Hohenrömnitz hinüber, da werde ich alles erfahren ... Mein Onkel muß mir ja Rede und Antwort stehen. Und jetzt laß mich 'raus. Ich muß den heißen Kopf noch ein bißchen in die kühle Nachtluft tragen.« »Wohl, wohl, Herr Graf« ... Lentz half seinem jungen Herrn in den Überrock, reichte ihm aus dem Ständer auf der Vorderdiele einen derben Krückstock. Und während er ein Gesicht machte, als wäre er an all diesen betrüblichen Nachrichten schuld, sagte er zaghaft: »Es kann doch aber vielleicht drüben in Hohenrömnitz eine kleine Komtesse geben? Die Miken und ich, wir beten drum jeden Morgen und Abend« ... Malte lachte auf, ein kurzes ingrimmiges Lachen. »Und die in Hohenrömnitz ums Gegenteil. Der liebe Gott hat dann das Aussuchen, aber weil die drüben in der Mehrzahl sind oder vielleicht lauter schreien, neigt er sich zu ihnen. Na gute Nacht, Alter, und geh in die Baba. Den Weg in mein Schlafzimmer finde ich nachher schon allein« ... »Gute Nacht, Herr Graf,« sagte Lentz und schloß hinter dem Davongehenden die hohe Glastür. Er löschte das Licht und saß noch lange neben dem verglimmenden Kaminfeuer. Eine Handvoll trockener Buchenspäne warf er darauf, daß die Flamme für ein paar Minuten wieder hoch aufloderte ... alte Leute konnten in diesen kühlen Frühlingstagen Wärme wohl gebrauchen. Und während die gierig fressenden Zungen in die Höhe leckten, um gleich danach wieder zusammenzusinken in ewig wechselndem Spiel, sann er längst vergangenen Zeiten nach, wo hier diese vom Alter braun gebeizte Diele noch eine Stätte des Frohsinns gewesen war. Lange hatte es nicht gedauert, nur fünf, sechs Jahre, aber es war eine Freude gewesen, in dem Vellahner Hause zu dienen ... Da am runden Tische saß sein Herr Rittmeister, ein Mann von gewaltigen Gliedern, und wenn er abends aus der Wirtschaft kam, die er besser und gewissenhafter führte als irgendein gelernter Inspektor, füllte sein gutmütiges, schüttelndes Lachen die Halle. So gut aufgelegt war er immer in den Zeiten seines Glücks, daß er über jede Kleinigkeit lachen konnte – eine Stubenfliege brauchte nur schief über das Tischtuch zu krabbeln! Und er hatte gut lachen, der Graf Heino Römnitz, denn die schöne Komtesse Melitta von Hollen hatte ihn ausgewählt unter all den zahllosen Herren, die um ihre Hand warben. Einen der mecklenburgischen Herzöge hätte sie haben können, auch den älteren Grafen Römnitz, der ihr mehr bieten konnte, als das bescheidene Vellahn, aber sie war ihrem Herzen gefolgt, hatte den jüngeren Bruder dem älteren vorgezogen, trotz allem Widerstande ihrer Verwandtschaft. So wunderschön war sie noch im Tode, daß der Römnitzer Schloßpfarrer nicht weitersprechen konnte vor Rührung, und gar manches Männerauge in der Trauerversammlung richtete sich mit Leid auf den, der diese Herrlichkeit hatte verlieren müssen nach so kurzer Zeit ... Vielleicht hatte er sie nur durch sein herzliches Lachen gewonnen, denn sie selbst lachte so gerne. Ordentlich hell wurde es auf der alten Diele, wenn die beiden zusammensaßen und sie fiel mit ihrem seinen Stimmchen ein. Nur, es kam eine Zeit, nicht allzulange nach der Geburt des kleinen Grafen Malte, da mußte sie sich öfter in das Nebenzimmer flüchten, weil nach dem Lachen manchmal ein böser Husten kam. Und der frohgelaunte Mann auf der andern Seite des Tisches sollte es nicht merken ...; wenn's wieder auf den Sommer ging, verlor sich dieser Husten immer ganz von selbst. Aber eines Abends war er nicht zu stillen. Die Frau Gräfin kam wieder auf die Diele zurück, und ganz hilflos stand sie da. Sprechen konnte sie nicht, deutete nur auf ihren Mund, von dem sich ein paar feine rote Fäden nach dem Kinn zu hinabzogen. Das Taschentuch aber in ihrer linken Hand war ganz rot von Blut ... »Um Gottes willen, Litte, was ist dir?« schrie der Herr Rittmeister, fing die Umsinkende auf. »Und rasch, Lentz, den Doktor aus der Stadt! Der Deuwel holt dich, wenn du in 'ner Stunde nicht wieder zurück bist« ... Da war er gefahren, daß unter den Rädern die Funken spritzten und die Gäule keinen Hauch Atem mehr hatten in den ausgepumpten Lungen, aber der Arzt konnte nichts mehr helfen. Weil die Frau Gräfin ihren Mann so sehr liebte, daß sie ihm auch nicht den geringsten Kummer bereiten mochte, hatte sie über ihre böse Krankheit gescherzt und gelacht, mit allerhand Hausmittelchen heimlich an sich herumkuriert, bis es zu spät war. Alte Weiber gingen aus und ein im Schloß, die unter der Schürze ekelhaft schmeckende Tränke brachten, und der Revierjäger Schwarz mußte Füchse schießen, weil deren gedörrte Lunge gegen die Auszehrung ein besonders gutes Heilmittel sein sollte. Alles hatte die Frau Gräfin geduldig geschluckt, aber nichts hatte geholfen ... Sechs Wochen nach jenem Abend war die Diele schwarz ausgeschlagen, und der schwere Eichensarg stand zwischen brennenden Lichtern. Der Herr Graf aber ging wie ein Irrer umher, und wenn man ihn anredete, gab er verkehrte Antworten ... Nach dem Begräbnis standen die Teilnehmenden noch lange herum, keiner mochte zuerst den Anfang mit der Abfahrt machen. Und der Herr Erbland Marschall trat auf den Bruder zu, um ihm vor den Leuten sein Beileid auszudrücken. Seit der Verlobung hatten sie sich nicht mehr gesehen, außer ganz zufällig einmal, nur in so schwerer Stunde gehörte es sich wohl, daß Brüder sich die Hand schüttelten. Aber der Jüngere wies ihn unwirsch von sich, verbiß sich in seinen Schmerz wie ein weidwund geschossener Keiler, der die Rotte von sich abwehrt und einsam ins Dickicht zieht. Der Herr Erblandmarschall machte ein gekränktes Gesicht und zuckte zu den andern Herrschaften die Achseln, als wenn er hätte sagen wollen, an ihm läge es nicht, wenn das alte unliebsame Verhältnis weiter bestände. Und danach ging er in den Park hinaus, der kleinen Kapelle zu, in der man vor einer Viertelstunde die junge Frau Gräfin zur ewigen Ruhe gebracht hatte. Der Weg zur Kapelle führte um den linken Schloßflügel herum und am Seeufer entlang, und Gott allein mochte wissen, weshalb der Diener Lentz auf den Gedanken kam, dem Herrn Erblandmarschall in angemessener Entfernung zu folgen. Vielleicht weil er den kleinen Grafen Malte vermißte, der bei dem allgemeinen Trubel mit einem Male verschwunden war. Der vierjährige kleine Bursch hatte das Begräbnis ganz artig mitgemacht, weil er's noch nicht verstand, was ihm in dem silberbeschlagenen Eichensarg davongetragen wurde, und weil die Miken ihm eingeredet hatte, das Mütterchen wollte nur mal eine Nacht draußen schlafen, käme morgen wieder. Und als bei dem Bedienen der vielen Gäste niemand seiner achtete, war er in den Park hinausgestapft, um sein Mütterchen selbst zu fragen. Aber er stemmte sich vergebens gegen die schwere Gittertür, und kein Rufen half. Unter den vielen Blumen und Kränzen hervor, die sich zu einem Berge türmten, kam keine Antwort. Da hatte er nach einer Weile wohl vergessen, weshalb er eigentlich ausgezogen war, suchte sich am Seeufer die Taschen voll Kieselsteine und vergnügte sich damit, sie vom Bootsteg aus ins Wasser zu werfen. Bei jedem Plumpser lachte er hell auf, und Lentz wollte schon wieder umkehren. Dem Kleinen konnte nichts passieren, der Herr Erblandmarschall war ja keine dreißig Schritte entfernt. Da aber wandte sich der vor ihm Gehende um, spähte nach allen Seiten, und schier grauenhaft war sein aschfahles Gesicht anzusehen mit der Hakennase über dem seltsam verzerrten Munde ... »Um Gottes willen, Exzellenz!« schrie er auf, der andre aber blieb stehen, straffte seine hagere Gestalt, und von dem schrecklichen Ausdrucke in seinem Gesichte war nichts mehr zu sehen. »Du hast recht, Lentz,« sagte er ganz ruhig, »es ist ein Unfug, so ein kleines Kind ohne Aufsicht zu lassen. An dem Bootssteg geht's wie vom Dach in die Tiefe, und wie leicht kann da ein Unglück passieren« ... Ohne Gruß schritt er den Weg zurück, den er gekommen war, und eine Viertelstunde später rollte sein Wagen die Dammallee entlang, die von der Schloßinsel zum festen Lande führte. Lentz aber sprang hinzu, umfaßte seinen kleinen Herrensohn und trug ihn auf die Dienerkammer. Dort schien er ihm am besten in Sicherheit, und vielleicht stammte aus dieser Stunde seine blinde Liebe? ... Vom Herrn Rittmeister erbat er sich die Erlaubnis, mit dem kleinen Gräflein in einem Zimmer schlafen zu dürfen, aber noch manchmal schreckte er mitten in der Nacht empor, beruhigte sich nicht eher, als bis er nach dem schmalen Bettchen zu seiner Rechten hinübergetastet hatte ... Vielleicht hatte er sich damals nur getäuscht, weil ihm das Zerwürfnis der beiden Brüder aus dem Hause Hohenrömnitz bekannt war. Oder aber er hatte doch recht gesehen – wer wollte ihm Gewißheit darüber geben? Auch den Rechtlichsten sprang zuweilen wie ein Versucher ein verbrecherischer Gedanke an, und sonderbar war es, einem niedrig Geborenen kaum begreiflich, wie alles Sinnen und Trachten dieser hohen Herren um die Herrschaft ging. Auf dem bißchen Erde, das sie doch nicht mitnehmen konnten ... Ein unabänderliches Gesetz schrieb ihnen vor, wem sie ihren zeitlichen Besitz zu hinterlassen hätten, und da gab es zuweilen unauslöschlichen Haß zwischen dem in der Macht wohnenden und seinem Erbfolger. Schon zwischen Vater und Sohn gab es manchmal diesen Haß, wenn der eine die Zügel zu lange hielt und der andre konnte seine Zeit nicht erwarten. Um wieviel mehr also, wenn der Besitzer selbst kinderlos war und sein Gut nur für einen verwaltete, dessen Dasein ihm vom ersten Schrei an ein immerwährendes Herzeleid war? Weil seine Mutter ihn einem andern geboren hatte – – – +++ Ein lauer Nachtwind hatte sich aufgemacht, die vom See hergekommenen Nebelschwaden weit hinaus ins Land getrieben. Oben am sternenklaren Himmel schwamm der volle Mond, weißliche Wölkchen zogen an ihm vorüber. Wenn sie ihn verdeckten, leuchteten sie heller auf und zeigten einen Kreis matter Regenbogenfarben. Vorboten von Sturm und schlechtem Wetter; für eine Welle aber noch war es mild und warm, mit schwülem Hauch kam der Frühling in die Lande. Die vom Winde bewegten Zweige der hohen Erlen zu beiden Seiten der Dammallee waren noch kahl, aber überall an der bräunlichen Rinde saßen die klebrigen Knospen, von Saft geschwellt und bereit, unter den nächsten Sonnenstrahlen die Hülle zu sprengen. Die Schilfwand über dem Wasser stand gelb vom vorigen Jahr, zischelte und raschelte im Winde, aber dazwischen hoben schon neue Sprossen die messerscharfen grünen Spitzen, gerollte Mummelblätter schoben sich langsam vom Grunde empor. Und überall an der Oberfläche des mondbeschienenen Wassers ein Schnalzen und Springen, ein Haschen und Jagen silbergeschuppter kleiner Leiber, die dem urewigen Triebe folgten, der die Welt erneuerte von Jahr zu Jahr. Hechte und ungefüge Barsche fuhren dazwischen mit plantschendem Getöse, schluckten und mordeten ohne Unterlaß; unten aber lauerte die gleitende Sippe der Aale, schlürfte den rinnenden Rogen, denn für sie war es Erntezeit. Und ohne ihr sorgliches Bemühen hätte die Schar der Ukeleie sich ins Unermeßliche vermehrt im See, allen andern Bewohnern den Platz genommen und die Nahrung dazu. Nur die Räuber aus der Vogelwelt taten bei diesem löblichen Werke nicht mit, denn sie waren mit eigener Minne beschäftigt. Mitten auf dem See warben die Haubentaucher mit tiefem Balzlaut um die Gunst ihrer Schönen, im Schilf aber jagten sich die schwarzen Wasserhühner mit schrillem Pfiff. Wie das »Picksen« einer streichenden Waldschnepfe klang es, nur bedeutend gröber. Und es war ein gar streitsüchtiges Volk. Allenthalben gab es erbitterte Kämpfe, bis der besiegte Nebenbuhler mit klatschendem Flügelschlage aufs offene Wasser entfloh ... Malte Römnitz ging hastig die Dammallee entlang, die von der Schloßinsel zum festen Lande führte. Gar nicht erwarten hatte er es können in der Fremde, bis er wieder den deutschen Frühling sah, und jetzt schritt er achtlos an ihm vorüber. Groll und Erbitterung füllten seine Brust, und er haderte mit dem Schicksal, das ihn aus tausend Gefahren errettet und hell ins Elternhaus zurückgeführt hatte, nur um ihm zu zeigen, daß er heimatlos geworden war ... Eine leere Ausrede vor sich selbst war es doch nur gewesen, zu glauben, der sonst so kühl abwägende Onkel Christoph hätte vielleicht eine Ehe geschlossen, die nicht dem strengen Hausgesetze entspräche. Und ebenso töricht die Hoffnung, in der Hohenrömnitz drüben könnte es eine Enttäuschung geben an dem mit Bangen erwarteten Tag, ein unbeträchtliches kleines Frauenzimmer statt des heiß vom Himmel erflehten Knaben. So viel Glück hatte er nicht ... Dann aber hieß es den Platz räumen und das Bündel schnüren, denn es war einer zur Welt gekommen, der der Herrschaft näher stand ... Von Rechts wegen durfte er sich nicht einmal mehr den Wanderstecken schneiden im Vellahner Parke ohne dessen gnädige Erlaubnis, denn von dem Augenblicke an, da dieser den ersten Atemzug getan, war er selbst rechtlos. Nichts durfte er mitnehmen als sein persönliches Eigentum und was er sich an Geldeswert durch sparsame Wirtschaft vielleicht erworben haben mochte. Alles übrige fiel dem Nachfolger anheim, denn das Gut Vellahn mit dem Schlosse und viertausend Morgen Acker und Wald war ein Lehen, das seinem Inhaber nur so lange zustand, als er der nächstberechtigte Anwärter des Hohenrömnitzer Majorates war. Verlor er das Erbrecht, verlor er zur selben Stunde auch das Lehen ... Zu Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts hatte es der damals regierende Graf Römnitz geschaffen, um dem heranwachsenden Sohne ein Feld der Tätigkeit zu geben, und damit er nicht gar zu ungeduldig aus das Ableben des Vaters zu warten brauchte. Wie ein kluger König hatte er gehandelt, der dem Thronfolger eine Provinz verlieh, in der er als Herrscher schalten durfte nach seinem Belieben, und damit seine Machtbegier dem Vater den allzulange schon behaupteten Platz nicht neide. Und das war ein weises Gesetz gewesen, solange die Hohenrömnitz sich in gerader Folge vererbte, solange in dem Vellahner Lehen der eigene Sohn des regierenden Herrn saß mit dem dort geborenen Enkel. Zur Grausamkeit aber wurde es, wenn es einen traf, der als Erbe aufgewachsen war und mit einem Male zur Seite treten mußte, wenn der zur Welt gekommen war, der dem im Besitze Wohnenden näher stand ... Und dagegen gab es kein Auflehnen, es war eines jener Gesetze, die für einen Abkömmling der alten Adelsgeschlechter so selbstverständlich waren wie die, nach denen sich das Weltall mit seinen Gestirnen bewegte. Von Anbeginn waren diese Gesetze gewesen, und es war nutzlos, sie an dem Maßstabe einer neuen Zeit zu messen. Außer man war ein aus der Art geschlagener Schädling, der mit frevelnder Hand den Grund zu zerstören gedachte, auf dem das eigene Geschlecht im Lauf der Jahrhunderte seine Größe behauptet hatte ... Altes Königsrecht war es, das Reich nur dem Erstgeborenen zu hinterlassen, und die Vasallen hatten es von ihren Herren gelernt. Als eine kluge Bestimmung, dem Oberhaupte der Familie für alle Zeiten einen gefesteten Besitz zu gewährleisten, statt diesen durch Erbteilung in immer winziger werdende Flicken zu schneiden, bis die letzten Abkömmlinge wieder auf kleinen Bauernhöfen saßen, um das bißchen Notdurft und Nahrung robotten mußten wie vorzeiten die Hörigen ihrer Väter ... »Robot« war ein Slawenwort, hieß Frohnde auf deutsch und stammte aus jener grauen Vergangenheit, da die deutschen Herren ins Land gekommen waren, um den slawischen Eingesessenen das Evangelium zu bringen und sie zu Knechten zu machen. Und aus dieser Zeit mochte wohl auch das Gesetz stammen, die Herrschaft nur dem Erstgeborenen zu hinterlassen; es schützte die Kaste der Eroberer vor raschem Verfall. Der erste der alten Geschlechter blieb immer oben, die Nachgeborenen mochten zusehen, wo sie ihren Unterhalt fanden, im Troß der Fürsten ihre Fortüne suchen oder irgendwo anders in deutschen Landen, wo ein Heerbanner errichtet war und rasche Gesellen gesucht wurden, die alles zu gewinnen hatten und nichts zu verlieren außer ihrem Leben. Wenn ihnen das Glück günstig stand, eroberten sie in der Fremde ein Besitztum und gründeten ein eigenes Herrengeschlecht ... So war vor jenen Hunderten Jahren ein Nachgeborener der Hohenrömnitz als ein Abenteurer in die Weite geritten, hatte dem Burggrafen von Nürnberg geholfen, die märkischen Edelsitze zu brechen und die trotzigen Junker zu Paaren zu treiben. Zur Belohnung war ihm das umfangreiche Lehen eines Herrn von Köckeritz zugefallen, nachdem er am Kremmener Damme mit eigener Hand dafür gesorgt hatte, daß dieses Lehen erledigt und frei wurde. In jenen unruhigen Zeiten war das Erben ein rasches Geschäft, man erschlug den Vorgänger im Besitz und setzte sich an seine Stelle ... Nur die Nachkommen des Streiters vom Kremmener Damme waren untüchtig gewesen, hatten die eroberte Bodensässigkeit nicht zu wahren gewußt in all den Nöten, die über das märkische Land kamen. Und seither zehrten sie nur von einer Hoffnung, die ihnen der reisige Vorfahr hinterlassen hatte ... Ehe er nämlich von der Hohenrömnitz zu der Fahne des Burggrafen von Nürnberg ritt, hatte er sich von dem älteren Bruder sein Anrecht an der Heimat verbriefen lassen und besiegeln in heißem Wachs und unbrechbarem Eide für sich und seine Nachkommen. Wenn der Hauptstamm der Römnitze einstmals einging nach Gottes unerforschlichem Ratschlüsse, hatten seine Sprossen das Recht, und keine spätere Abmachung sollte ihnen im Wege stehen ... Seither saßen die Römnitze des Nebenstammes auf kleinen Gütern in der Mark oder dienten im preußischen Heer und Beamtenstande. Den Grafentitel hatten sie verloren im Laufe der Zeiten, nur das alte Recht war ihnen verblieben, das Recht an dem aus Urzeiten stammenden Besitze der Familie, von den gemeinsamen Ahnen her. Kaum eine am fernen Horizonte sich zeigende Morgendämmerung war es, aber doch ein Recht, das einmal Wirklichkeit werden konnte aus Vergangenheit und in die Zukunft langendem Traum ... Menschengeschicke waren wandelbar, und schon manches blühende Geschlecht war nach einer Zeit der Herrschaft in die Vergessenheit gesunken ... Wie ein überständiger Eichenstamm, der vermorscht zusammenbrach, aus einer seiner weit verästelten Wurzeln aber schoß ein neues Bäumlein in die Höhe, reckte sich und wuchs ... Und niemand vermochte vorher zu sagen, an welcher Stelle sich der Nachfolger erheben würde. Irgendwo in einer Grenzgarnison führte ein Römnitz seine dreißig Männerchen als ein kleiner Leutnant über den sandigen Exerzierplatz. Tat seinen Dienst und zehrte von einer Hoffnung, die wie eine Sage in seinem Geschlechte ging. Da oben im Mecklenburgischen lag ein riesenhafter Besitz, den er nie gesehen hatte, an dem er aber ein Recht besaß. Bei nüchterner Überlegung war es keinen durchlochten Heller wert, aber man konnte von ihm träumen ... Ein großes Sterben kam ins Land, das alle dem Erbe Näherstehenden dahinraffte, man hielt seinen Einzug in der aus grauen Zeiten stammenden Burg und führte ein Leben in Herrlichkeit und Freuden ... Unwillkürlich mußte Malte denken, wie nahe diese Zukunftsträume der märkischen Römnitze ihrer Verwirklichung gewesen waren. Er selbst hätte nur damals vor zwei Jahren ein rasches Ende zu machen brauchen, und die Ehe seines Oheims Christoph wäre auch fernerhin kinderlos geblieben. Dann saß aus der Hohenrömnitz drüben der Älteste der Nebenlinie, ein preußischer Major außer Diensten, der in Görlitz seine kümmerliche Pension verzehrte, und in dem Lehen Vellahn dessen Sohn, augenblicklich Leutnant in irgendeinem Infanterieregiment oder Referendar an einem Amtsgericht. Und ebenso von Rechts wegen, wie er selbst jetzt aus seinem Besitz gestoßen wurde, wenn in kurzer Frist dem Inhaber des Majorats ein Sohn geboren wurde ... Die Geburt einer Tochter aber hätte an der bestehenden Nachfolge nichts geändert, denn die Fräulein der alten Geschlechter waren rechtlos, wurden mit einer geringfügigen Mitgift abgefunden, wie die nachgeborenen Söhne mit einem kargen Taschengelde ... Und da zum ersten Male fing der junge Graf Römnitz an zu denken, daß Recht auch Unrecht werden konnte ... Wenn man es nämlich am eigenen Leibe verspürte, und er entsann sich eines, der jedwedes Ding auf Erden von zwei Seiten beleuchtet hatte, je nach der Partei, auf der man stand. Auf seiten der Besitzenden oder der Entrechteten ... Solange er der nächstberechtigte Erbe der Hohenrömnitz gewesen, hatte er es als ein selbstverständliches Recht empfunden, daß er als Neffe dem Oheim in der Herrschaft folgte. Ein himmelschreiendes Unrecht aber dünkte es ihn, wenn er jetzt besitzlos und heimatlos werden sollte, nur weil der Älteste aus dem Hause Römnitz aus neuer Ehe einen Erben erwartete, der ihm näher stand als der Sohn des Bruders ... Seit er denken konnte, war er, Malte Winfried Heino Römnitz, der vom Schicksal berufene und auserwählte Nachfolger seines ersten Ahnherrn gewesen. Ein Recht war es gewesen, das keine Willkür ihm nehmen konnte, und jetzt war es kaum das Papier wert, auf dem es geschrieben stand, weil einer im Kommen war, der ihn mit dem ersten Lallen seines Mundes von dem so lange besessenen Platze trieb ... Tausende von Meilen war er gewandert, weil ihn dies Recht in die Heimat rief und eine Pflicht, eine Pflicht, die sich ihm erst in der Not und der Fremde offenbart hatte: seinen dereinstigen Untertanen ein gerechter und milder Herr zu werden. Sein Recht war eine Seifenblase, die der Hauch eines Kindes in die Luft blies, und seine Pflichten ungeborene Geschöpfe, die im Vorsatze stecken blieben gleich treibenden Keimen, denen ein jäher Frost in der Frühlingsnacht das Leben abschnitt ... Also da war es am besten, wieder umzukehren und den Weg zurückzugehen, den man gekommen war. Nur ein paar Wochen noch abzuwarten, bis man die Gewißheit hatte, in der Zwischenzeit aber sich still zu verkriechen, um nicht das Mitleid der Nachbarn hervorzurufen, oder gar ihren Spott ... Oder, am allerekelhaftesten, ihre nachträglichen guten Ratschläge! Wie man dieses hätte vermeiden können und jenes hätte tun müssen, um als ein Braver und Gerechter den tüchtigen und ungefährlichen Ochsenpfad des Herkommens zu gehen. Nur schade, daß diese Neunmalneunweisen auf zwei Fragen keine Antwort wußten. Weshalb er gerade als ein schuldlos Bemakelter die Heimat hatte verlassen müssen, und weshalb er bei der Rückkehr den ihm von Anbeginn gebührenden Platz durch einen andern besetzt fand ... Persönliches Unglück nannten die einen es vielleicht mit einem Achselzucken, die andern aber hatten eine halb fromme, halb abergläubische Erklärung. Tausend Eichenstämme standen zu einem Walde vereint, vom gleichen Samen gezeugt und vom gleichen Boden ernährt. Dieselbe Sonne schien ihnen, derselbe Regen tränkte ihre Wurzeln, nur wenn ein Unwetter über sie hinzog, gab es eine Auswahl. Schwarz ballten sich die Wollen über dem ganzen Walde, stöhnend und ächzend beugten sich alle Kronen im Sturme, der vernichtende Strahl aber fuhr nur auf ein paar vereinzelte nieder, immer in der gleichen Bahn, ob das Wetter nun von Osten oder Westen, von Süden oder Norden kommen mochte. Immer wieder traf der lohende Strahl ihren Stamm, zerfetzte ihre Kronen und verbrannte ihr Mark, schlug sie immer von neuem, auch wenn sie als verdorrte Strünke standen, die laublosen Äste in die Luft gereckt. »Gezeichnete des Himmels« nannte der Volksmund diese Stämme, auf die sich aller Groll der oben wohnenden Gewalten entlud. Keine einzige Schuld hatten sie aufzuweisen, als daß sie in der ewig gleichbleibenden Bahn des Verhängnisses standen. Ihre Nachbarn blieben unversehrt, richteten sich nach vorübergezogenem Unwetter wieder auf und wuchsen weiter in grünender Pracht ... Warum und weshalb? Müßig war es, auf solche Fragen eine Antwort zu suchen ... +++ Am Ende der erlenbestandenen Dammallee, wo sie ins feste Land führte, lag das zum Vellahner Schlosse gehörige Dorf. Zwei Reihen niedriger Katen mit kleinen Gärtchen davor, die an eine zum Seeufer parallel ziehende Straße stießen. Mitten darin erhob sich der Wirtschaftshof mit seinen langen Ställen aus rotem Ziegelstein, dahinter das Wohnhaus des Verwalters. Ein weißgetünchter Bau mit altväterischem Strohdache, von zwei mächtigen Linden beschirmt. Kein Licht mehr erhellte die Fenster. Alles war zeitig zur Ruhe gegangen in der schweren Zeit der Aussaat, die allen Schaffenden harte Arbeit brachte. Und Malte schritt mit einem Gefühl der Erleichterung die stille Straße entlang, froh, daß er niemandem Rede und Antwort zu stehen hatte. Bis ihm mit einem Male einfiel, wie unterschiedlich der Abschied vor zwei Jahren von dem heutigen Willkomm gewesen war. Damals hatte das ganze Dorf vor dem Verwalterhause gestanden; ein dreifaches Hurra hatte ihm das Geleit auf die Reise gegeben. Heute aber hatte sich seine Wiederkehr ohne Feierlichkeit abgespielt, und auf seine verwunderte Frage hatte der alte Leibkutscher Fuhbel erwidert, das läge wohl nur daran, daß der Herr Verwalter schon am Vormittage in dringenden Geschäften hätte nach Moltzahn fahren müssen. Damit hatte er sich zufrieden gegeben, jetzt aber stellte sich ihm für die unterbliebene Begrüßung die richtige Deutung ein. Nicht mehr der heimkehrende Herr war er diesen Leuten gewesen, sondern nur noch ein unbeträchtlicher junger Mann, an dessen Wohl- oder Übelwollen nichts gelegen war. In ein paar kurzen Wochen hatten sie hier einen andern zu begrüßen, und für den sparten sie wohl ihre Begeisterung auf. Und mit einem bittern Auflachen mußte er daran denken, wie er für diese Menschen in der Fremde allerhand gute Vorsätze gefaßt hatte. Ihnen ein milder und gerechter Herr zu sein, ihr Wohlergehen stets vor das eigene zu stellen ... In dem letzten Hause der Dorfstraße, das um ein beträchtliches höher und geräumiger gebaut war, als die übrigen, brannte noch eine helle Lampe hinter den blanken Fensterscheiben. Ihr Schein fiel auf einen gepflegten Garten, in dem die Beete für die kommende Aussaat schon sauber geharkt und gerichtet waren. Der frisch gestrichene Gartenzaun prangte in hellem Grün, und in der jetzt noch kahlen Buchenlaube hatte Malte manches liebe Mal gesessen, wenn er sich nach einem frühen Pirschgange an einem Glase Milch erquickte. »Wohl bekomm's, Herr Graf«, hatte die rundliche Förstersfrau dazu gesagt, ihr Mann aber, wie ein Zaunstecken so dürr, stand dabei und erzählte eine seiner lügenhaften Jagdschnurren, wegen deren er berühmt war in der ganzen Gegend bis weit über Waren hinaus ... Malte konnte ihn deutlich sehen, wie er am Tische saß, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen, und über einer ungewohnten Schreibarbeit schwitzte. Da regte sich in ihm einen Augenblick lang der Wunsch, einzutreten und Guten Abend zu sagen, aber das Gefühl der Verbitterung ließ ihn wieder umkehren. Von dem biedern alten Jägersmann hatte er's eigentlich am allerwenigsten erwartet, daß er ebenso wie die andern den Mantel nach dem von der Hohenrömnitz herüberwehenden Winde hängte ... Vom Hofe her kam eine ganze Meute gejagt, die beiden edeln Schweißhunde Cora und Unkas, die Hühnerhunde Hektor, Tell und Diana und dazwischen die Schar der krummbeinigen Teckel. Heulend und laut bellend stürmten sie gegen das verschlossene Tor, drängten sich an den Latten des Gartenzaunes, treuer als die Menschen ... Kaum hatte ihnen der leise von der Straße her ziehende Lufthauch die vertraute Witterung zugetragen, da stürmten sie heran, den heimgekehrten Herrn zu begrüßen. Und Malte trat an das Tor, schob mit einem Griffe den hölzernen Riegel zurück, ließ seine alten Freunde und Weidgenossen ins Freie heraus. Da erst gab es den rechten Willkomm ... Kein Bellen mehr war es, sondern ein jubelndes Freudengeheul, und Malte hatte Mühe, sich in der ihn ungestüm umdrängenden Schar auf den Füßen zu halten. Hier griff er liebkosend in eine faltige Wampe, dort tätschelte er einen Rücken oder beutelte einen der Teckel am langen Behang. Im Herzen aber wurde es ihm warm, und er fand sein altes Lachen wieder ... Am Hause öffnete sich ein Fensterflügel, der Förster steckte den grauen Kopf heraus. »Unkas, Tell, was ist das für ein Spektakel? Werdet ihr wohl auf den Hof zurück, ihr Kroopzeug?!« »Lassen Sie nur, Schwarz,« rief Malte lachend zurück, »sie bringen mir bloß das Hurra aus, das der Verwalter Bergemann und Sie vergessen haben« ... »Um Gottes willen, der Herr Graf!« Der Förster fuhr ins Zimmer zurück, und ein paar Augenblicke später kam er barhäuptig durch den Garten gelaufen. In seinem von Wind und Wetter rot gebeizten Gesicht, das ein struppiger Schnurrbart in zwei Hälften teilte, stand deutlich die frohe Überraschung geschrieben. »Nein, Herr Graf, ist das eine unverhoffte Freude! Willkomm zu Hause und Weidmannsheil!« Malte schüttelte die respektvoll ausgestreckte Hand. »Weidmannsdank! Aber ich wundere mich doch ein bißchen, lieber Schwarz, daß ich mir bei meinen Leuten den Willkomm erst holen muß, sozusagen. Hat Ihnen denn der Verwalter von meiner Ankunft nichts mitgeteilt?« »Nicht 'ne Silbe, Herr Graf! Ich Hab' ihn schon seit zwei Tagen nicht gesehen, weil ich mir die Finger krumm schreiben muß an den Holzabrechnungen für die Hohenrömnitzer Verwaltung.« »Nanu,« fragte Malte verwundert, »was haben Sie denn mit der zu tun?« Der Förster kratzte sich den grauen Kopf. »Halten zu Gnaden, Herr Graf, das hab' ich mich manchmal auch gefragt. Aber was soll unsereins da machen? Mit eins kommt ein Ukas von Seiner Exzellenz dem Herrn Erblandmarschall, der Vellahner Förster soll alle Vierteljahr vor der Hohenrömnitzer Verwaltung Rechnung ablegen? Da muß man doch Order parieren, nich? Namentlich wenn einem deutlich dabei gewunken wird, du fliegst auf die Straße, wenn du dich weigerst?« Malte lachte bitter auf. »Mein Herr Onkel hat es ein bißchen eilig mit der Erbschaft für seinen kommenden Sprößling. Aber ich lebe ja noch, und der andre ist noch nicht auf der Welt! Na, ist gut, und wird sich alles finden« ... Er wollte sich mit kurzem Gruße zum Weitergehen wenden, der alte Jägersmann aber sah ihn mit bittendem Blicke an. »Das werden der Herr Graf mir doch nicht antun, an meinem Haus ohne Einkehr vorbeizugehen? Und wie soll ich wohl vor meiner Frau bestehen, wenn sie Ihnen nicht Guten Tag sagen darf? Unter uns gesagt, Herr Graf, sie ist mir in dieser Zeit ganz wie tiefsinnig geworden und denkt immerfort nur zwei Gedanken: ›Wenn unser junger Herr doch bloß gesund zurückkommen möchte, und, lieber himmlischer Vater, hilf, daß es da drüben in Hohenrömnitz ein rechtes nüdliches lüttes Mädchen gibt!‹ Aber es sind auch noch andre hier, die ebenso denken« ... Da nickte Malte nur, sprechen konnte er nicht – – – Wie ein Brummkreisel tummelte sich die rundliche kleine Frau, wußte vor Freude nicht, was sie dem lieben Ehrengaste alles an Gutem antun sollte. Einen wohl zwanzigpfündigen geräucherten Schinken schleppte sie aus der Speisekammer herbei, lockeres Schwarzbrot und goldgelbe Butter, und war untröstlich, daß der junge Herr nach dem reichlichen Mahl bei Miken nur eine kleine Kostprobe zu sich nahm. Erst nach wiederholter Aufforderung setzte sie sich an den Tisch, neben dem ihr Mann in geziemender Haltung stand und wie es sich gehörte, wenn man den gnädigen Herrn Grafen zu Gaste hatte. Malte aber empfand es mit heller Freude, daß er auch hier noch zwei Getreue besaß, die zu ihm hielten, selbst in bedrohlichen Zeiten ... Und er ging mehr aus sich heraus, als es sonst seine Art war, erzählte einige der zahlreichen Abenteuer, die er auf seiner afrikanischen Reise erlebt hatte. Wie er seinen ersten Löwen erlegt hatte beim ungefährlichen Ansitze gleich einem harmlosen Rehbocke, wie ihn aber nur ein Wunder vom sichern Tode errettet hatte, als ihn der weidwund geschossene Büffel in die Luft schleuderte. Nach hinten war er geflogen, das rasende Tier aber stürmte vorwärts, nahm in sinnlosem Zorn seinen schwarzen Büchsenspanner an, stieß und trampelte den armen Kerl in den quebbigen Sumpfboden mit seiner letzten Kraft, bis er über dem formlosen Körper zusammenbrach ... »Gott steh' mir bei,« sagte die rundliche kleine Frau, »das ist ja noch schlimmer als ein angeschossener Keiler!« Der hagere Förster aber hatte mit leuchtenden Augen zugehört. Unwillkürlich faltete er die Hände und schickte einen Stoßseufzer zum Himmel. Wenn ihm das Schicksal solche Abenteuer beschert hätte, was wollte er da wohl für Stücklein erzählen?! ... So etwas mußte doch ausgeschmückt werden, mit allerhand Zutaten verbrämt, nicht aber in nüchterner Manier erzählt, wie ein trockener Bericht in der Zeitung? Und kaum erwarten konnte er's, bis er seine eigene Schnurre zum besten geben durfte von der Art, wie er sie sich auf den einsamen Gängen im Vellahner Revier ausdachte und zurechtlegte ... »Das ist ja nun wohl interessant, Herr Graf, aber auch bei uns zu Hause erlebt man allerhand merkwürdige Dinge. Wollen Herr Graf zum Beispiel glauben, daß sich einer von meinen Teckeln, der Murx, zum richtigen Aviatiker ausgebildet hat?« »Ach nee,« sagte Malte und lehnte sich im Stuhle zurück. »Ein Teckel als Aviatiker? Das ist in der Tat eine merkwürdige Geschichte ... Wenn Sie es nicht sagen würden, lieber Schwarz, würde man eine solche Behauptung wohl in das Reich der erstunkenen Jagdanekdoten verweisen!« Dazu machte er ein scheinbar ernstes Gesicht, denn der Alte konnte verstockt werden, wenn man nicht so tat, als wenn man ihm unbedingt glaubte ... Der Förster legte mit treuherzigem Gesicht die Hand auf die Brust. »Wer mich kennt, der weiß, daß ich nur wirkliche Erlebnisse erzähl' ... Nich, Herr Graf? Und ich kann doch nichts dafür, daß sich da manchmal Ereignisse abspielen, die mit den gewöhnlichen Grundsätzen, nach denen sich die Dinge dieser Welt in Erscheinung setzen, nur schwer zu vereinbaren sind. Unsereins kann bloß die Tatsachen berichten, die Gelehrten aber mögen sich hinterher den Kopf zerbrechen, warum das passiert ist und wieso ... Also dieser Murx – Herr Graf haben ihn vor der Abreise vielleicht noch als kleinen Welpen von der Waldine gekannt – war schon von Jugend auf ein merkwürdiger und seltsamer Hund. Stundenlang saß er auf einem Fleck, sah nachdenklich vor sich hin, und ich wollte ihn schon abschaffen, weil er mir nicht munter genug war. Aber da merkte ich eines Tages, daß dieses nachdenkliche Wesen seinen guten Grund hatte. An ihm fraß nämlich der Ehrgeiz, sich über seinen Stand als Teckel hinauszuarbeiten, mehr zu werden als seine Vorfahren! Das kommt ja auch bei den Menschen vor, wieso also nicht bei den Hunden? Wie zum Beispiel der Sohn eines Scharwerkers es mit dem Ehrgeiz kriegt, über den Vater hinauszuwachsen und – sagen wir mal – Tischler zu werden, so hatte der Murx sich in den Kopf gesetzt, Hühnerhund zu werden. Als ich eines Tages mit der Diana ins Feld ging, um ein paar Rebhühner zu schießen, lief er mit, und, was soll ich Ihnen sagen, Herr Graf? Er machte es bedeutend besser als die Alte! Während die planlos in den Kartoffeln herumpreschte, suchte er sich das Volk nach reiflicher Überlegung in einer kleinen Wiese auf, stand fest vor, und als ich eine Doublette schoß, apportierte er mir die beiden Hühner. Zu putzig war es anzusehen, wie der kleine Kerl die Hühner hoch im Fang anschleppte! Da sagte ich mir natürlich, solch ein seltenes Talent muß weiter ausgebildet werden, ernannte den Murx sozusagen zu meinem persönlichen Adjutanten. Auf Fasanen führte ich ihn ab und auf Enten, arbeitete mit ihm auf der kalten und warmen Schweißfährte, und mit jeder neuen Aufgabe wuchs sein Ehrgeiz. Zuletzt wurden die andern Köter ihm aufsässig, denn er besorgte all ihre Geschäfte, sie selbst hatten nichts mehr zu tun. Wo sie ihn erwischten, bissen sie ihn, ich mußte ihn nachts in mein Schlafzimmer nehmen, sonst hätten die andern ihn aus Brotneid umgebracht ... »Also eines Tages geh' ich mit ihm an den See, Enten schießen. Das war seine ganz besondere Passion, denn da konnte er sich vor seinen Artgenossen so recht hervortun, weil die Teckel doch sonst nicht ums Sterben ins Wasser gehen. Er aber plantschte ordentlich drin vor Vergnügen! Na, ich schoß denn drei oder vier, und mit einemmal rutschte mir eine ein bißchen unversehens heraus, ich schmeiß' noch hin, aber mir war so, als hätt' ich vorbeigefunkt. Nur der Murx hatte, wie immer, besser aufgepaßt. Unverdrossen rudert er ins offene Wasser hinaus, und richtig, die Ente kommt runter, weil sie doch noch ein paar Schrote gekriegt hatte. Drei Schritte vor ihm fällt sie ein, taucht natürlich, er aber ihr nach wie 'ne Otter, hat sie am rechten Schwimmer erwischt, ›Brav, Murx,‹ ruf' ich, ›brav, und hierher apporte‹, und da passiert doch ganz was Dolles: ein Seeadler, der wie ein Punkt oben in der Luft stand, stürzt herab, schlägt den Hund und die Ente und, heidi, wieder nach oben! ... Einen Augenblick stehe ich starr, das Herz stößt es mir fast ab, daß ich meinen geliebten Murx auf eine so niederträchtige Weise verlieren soll. Im nächsten Augenblick aber schon habe ich den Drilling auf Kugelschuß eingestellt, ziehe mit und, bems, der Adler plumpt mit tadellosem Blattschuß ins Wasser. Gott sei Dank, sage ich, das hat noch mal geschlumpt, dann aber stehe ich da und sperr' den Mund wie ein Scheunentor auf: mein Murx kommt nicht herunter, sondern fliegt mit der Ente weiter! ... ›Murx,‹ schrei' ich, ›bist du verrückt geworden?‹, er aber winkt nur mit dem rechten Vorderlauf, und ein paar Minuten danach war er in den Wolken verschwunden. Ich ging traurig nach Hause, meine Frau aber gab mir die Aufklärung. ›Siehst du,‹ sagte sie, ›das kommt davon, daß du mir immer abends die Zeitung laut vorgelesen hast. Von den Fortschritten der Luftschiffahrt und so, und daß die Menschen jetzt fliegen können wie die Vögel. Da hat der Hund es mit dem Ehrgeiz gekriegt, das mal auch zu probieren, und jetzt werden wir den lieben kleinen Kerl natürlich nie mehr wiedersehen‹ ... Das ist denn auch leider eingetroffen. Noch heute soll er zurückkommen, der Racker, und wo er 'rumfliegen mag, weiß allein der Himmel« ... Malte lachte, daß der Stuhl mit ihm schütterte, die rundliche kleine Frau aber tupfte sich mit den Fingerspitzen die Augenwinkel. »Geh, geh, Alter! Daß du mit dem armen kleinen Murx deinen Spaß treiben würdest, hab' ich nicht gedacht.« Und zu Malte gewandt, fügte sie hinzu: »Nämlich, Herr Graf, der Hund war mir ans Herz gewachsen wie ein leibliches Kind wegen seiner Anhänglichkeit, und ich hab' wochenlang um ihn getrauert, als der gemeine Mensch drüben in Alten-Krakow ihn totgeschossen hatte. Weil er ein paar Schritte über die Grenze gelaufen war hinter einem Karnickel her. Und ich muß sagen, wär' ich an der Stelle von meinem Mann gewesen, ich hätt' es diesem niederträchtigen Kerl ausgezahlt!« ... Der Förster Schwarz strich sich heftig den buschigen Schnurrbart, und seine Augen wurden dunkel. »Schwatz nicht dummes Zeug, Alte! Eine Kugel hatte ich nicht im Lauf, und für einen Schrotschuß stand mir der Schinder zu weit. Er hätte mich bloß ausgelacht!« »Wer,« fragte Malte. »Der alte Baron Köhnemann?« »Nein, Herr Graf, der Alten-Krakower Förster Witthaar. Den Herrn Baron hat, Gott sei Dank, vor anderthalb Jahren schon der Deuwel geholt. Leider bloß an einer Lungenentzündung, wie andre ehrliche Menschen auch ... Wenn's nach Verdienst gegangen wir', hätt' ihm wohl ein andres Ende zugestanden. Aber die alte Feindschaft ist natürlich geblieben. Und ich revanchier' mich schon noch einmal bei meinem Herrn Kollegen drüben in Alten-Krakow! Mit Salz schieß' ich dem Kerl auf den Puckel, daß er ein Jahr lang sich die Schwären kratzen muß« ... Er brach ab und ballte zornig die Faust. Danach aber lenkte das Gespräch ganz von selbst in eine Bahn, die der Heimgekehrte bis dahin vermieden hatte. Innerlich hatte er darauf gebrannt zu erfahren, was in den zwei Jahren seiner Abwesenheit drüben in Alten-Krakow geschehen sein mochte, aber eine direkte Frage hatte er nicht stellen wollen. Die Wunde selbst war wohl schon längst zugeheilt, aber man hütete noch immer die Narbe, als könnte sie unter einer unvermuteten Berührung wieder aufbrechen. »Nämlich,« begann die rundliche kleine Frau zu sprechen, »der alte Baron Köhnemann hatte sich wieder einmal im Strelitzer Hof einen Tüchtigen eingeschwenkt. Weil seine Tochter nach dem Hinrichshagener Witwe geworden war, kaum sechs Wochen nach der Hochzeit, und er wußte nicht, wie es mit der Erbschaft stand und so. Nachher hat es sich ja herausgestellt, daß sie das ganze Vermögen bekam, aber er wußte es eben noch nicht. Da soll er an vier Flaschen Rotspohn getrunken haben, und der Kutscher ebenso, nur natürlich in Kümmel. Auf dem Heimweg dann hat er seinen Herrn wohl aus der Kalesche verloren, in seinem Dröhn aber sich nicht umgesehen, sondern zu Hause ruhig ausgespannt. Da hat denn der Alten-Krakower Herr die Nacht über in der Kälte gelegen, und wie sie ihn am andern Morgen suchen gingen, kannte er keinen mehr. Die Baroneß aber ist nach seinem Begräbnis lange fort gewesen, und auch jetzt kommt sie immer nur auf ein paar Wochen nach Haus. Das Schloß hat sie verpachtet mit der Jagd, an einen Herrn Bankdirektor aus Berlin, der immer in einem Automobil angefahren kommt, und neulich wurde erzählt, sie würde das ganze Gewese überhaupt verkaufen. Weil ihr's zu beschwerlich wäre, die Wirtschaft zu kontrollieren von Wiesbaden aus. Da soll sie sich nämlich eine große Villa gebaut haben, und ich kann's ihr nicht verdenken. In so einer schönen Gegend, wo man nur eine Viertelstunde zu fahren braucht, und man steht an dem herrlichen Rheinstrom. Des Abends aber kann man wieder Theater haben oder Konzert, statt der Einsamkeit hier in so einem alten mecklenburg'schen Haus. Da besinnt man sich doch nicht, als schöne junge Witwe, wo man wohl lieber wohnt, nich?« »Täuw, täuw, Ohlsch,« sagte der Förster mit leisem Vorwurf, »und sprich nicht von Dingen, die peinlich sind. Wegen der Vergangenheit und so! Der Herr Graf interessieren sich wohl auch mehr für die Jagd. Und da muß ich berichten, daß dieser Berliner Herr Bankdirektor der Vellahner Gutsverwaltung zehntausend Mark geboten hat, wenn das Gatter abgerissen wird. Weil er sich nämlich mit einem langjährigen Kontrakt bei der Alten-Krakower Pachtung sozusagen in die Nesseln gesetzt hat. Aber ich habe befürwortet, das Gatter bleibt stehen. Was braucht so ein Berliner Herr Bankdirektor Hirsche zu schießen hier bei uns in Mecklenburg? Das ist doch ein Unfug, nich? Und überhaupt, wo mein hochseliger Herr Graf das Gatter errichtet hat, in einer ganz bestimmten Absicht, da hat es auch stehen zu bleiben. Das Geweih hab' ich heute noch nicht von dem Hirsch, der zu all dem Streit den Ursprung gegeben hat« ... Und er strich ingrimmig den buschigen Schnurrbart. Die kleine Frau aber schlug die fleischigen Hände zusammen. »Nun sehen sich der Herr Graf bloß dieses verdrehte Mannsbild an! Alle Wände im Haus hängen schon voll von Knochen, nirgends ist mehr eine Handbreit Platz, und da jammert er um das eine Geweih, annijiert uns hier mit seinen Jagdgeschichten! Nämlich, wo er mich vorhin unterbrochen hat, wollt' ich nur noch bemerken, daß man sich hier allgemein und sehr verwundert, daß die junge Witwe gar nicht mehr ans Heiraten denkt. Nichts als Körbe teilt sie aus, und man erzählt sich, fast auf jedem Schloß in der Umgegend soll einer davon stehen. Bei dem Panschenhagener Herrn soll einer stehen, bei dem Schwingendorfer einer, und bei dem Tüschower sogar zwei. Der hat wohl das schöne Hinrichshagener Geld am nötigsten gebraucht, und da ist er zweimal fragen gekommen, aber es hat ihm nichts genützt.« So erzählte die rundliche kleine Förstersfrau voll Eifer, als Malte aber nur schweigend zuhörte und mit keinem Zeichen seine Teilnahme verriet, zuckte ihr Gatte die Achseln, als hätte er sagen wollen: »Da hast du's mit deinen Frauenzimmergeschichten! Ernsthafte Menschen langweilen sich dabei bloß.« Und er fing an zu berichten, daß die Aussichten für die Jagd so gut wären wie schon seit langem nicht mehr. Die Rehböcke versprächen nach dem milden Winter ganz kapitale Gehörne zu schieben, mit den Hirschen aber wäre es geradezu eine Pracht. Zum mindesten zehn jagdbare müßten in diesem Herbst zur Strecke kommen, darunter ein paar gewaltige Recken, die jetzt schon im Baste beinahe armlange Stangen trügen. Und mit listigem Augenzwinkern erzählte er, wie es ihm gelungen wäre, die Angriffe des Herrn Erblandmarschalls auf den Vellahner Wildbestand zu vereiteln. Da wurde Malte mit einem Male wieder lebhaft, solange die Frau Försterin von den Schicksalen seiner einstigen Jugendliebe sprach, hatte er an sich gehalten. Unziemlich wäre es ihm erschienen, auch nur mit einem Wimperzucken zuzugeben, daß er einmal in dem Leben dieser jungen Witwe eine besondere Rolle gespielt hatte. Es war wohl genug geklatscht und getratscht worden darüber nach seiner plötzlichen Abreise, und von seiner Heimkehr schien man sich vielleicht eine Fortsetzung des interessanten Liebesromanes zu erwarten. Das war natürlich Unsinn und ausgeschlossen. Ein jedes von ihnen hatte sich zurechtgefunden auf seine Art nach der fürchterlichen Wirrsal jener Zeit, und dabei sollte es verbleiben. Für Liebesgeschichten gab es auch keinen Platz, wo es um harte Männersachen ging ... Eine Ungebühr sondergleichen war es, daß der Oheim sich unterfangen hatte, in sein Jagdrecht zu greifen, während er abwesend war, denn dieses war ein Recht ganz besonderer Art. Gewissermaßen das feinste und oberste, das einem Herrn zustand ... Auf Maltes Stirn schwoll die Zornader, und er legte schwer die Hand auf den Tisch. »Erlauben Sie mal, Schwarz! Mein Onkel hätte hier in Vellahn Treibjagden abgehalten und Herren hergeschickt mit der Erlaubnis, einen guten Hirsch abzuschießen?« »Wohl, wohl, Herr Graf! Aber ich konnte doch keine Revolution machen und sagen, ich gehorche nicht? Ich hab' mir anders geholfen, denn ein alter Waldläufer kennt doch viele Schliche, nich? Bei den Treiben in freier Wildbahn gingen mir immer die Hirsche durch die Treiberkette zurück. Irgendeiner von den Lümmels war beim Drücken zu laut gewesen oder es lag an einer andern Ursache – das Wild kam nicht vor die Schützenlinie. Daß ich im Morgengrauen quer durch die Schonungen einen dünnen Draht gespannt hatte, brauchten Seine Exzellenz ja nicht zu wissen! Und ähnlich machte ich es mit den Lappjagden. Meine Teckel waren dann durch irgendeinen Zufall des Nachts vorher immer ausgekommen und hatten die Jagen, die am nächsten Morgen einzustellen waren, leer gemacht. Die Herren zogen wieder ab, ohne den Finger krumm gemacht zu haben, und Seine Exzellenz waren höchst ungnädig. Ich wäre ein ganz untüchtiger Beamter, der sich sein Lehrgeld als Hochwildjäger eigentlich zurückzahlen lassen müßte!« ... Der alte Förster lachte still vor sich hin, daß um seine blanken Augen in dem pergamenttrockenen Gesicht sich tausend Fältchen zogen ... »Ich hab' natürlich nicht widersprochen, Herr Graf, aber ich hatte mein Vergnügen dafür, wenn der neue Herr Schwager von Seiner Exzellenz zu mir zum Pürschen kam. Das war jedesmal ein reines Theater, denn er fieberte geradezu vor Jagdpassion und wurde unter seiner braunen Haut ganz blaß, wenn er ein Stück Wild zu sehen kriegte. Aber, weiß der Deuwel, was in die Vellahner Hirsche gefahren sein mochte, näher als auf vier-, fünfhundert Schritt ließen sie ihn nicht heran. Dann sprangen sie immer flüchtig ab, er konnte so vorsichtig pirschen, wie er wollte. Und er hielt mir hinterher lange Vorträge, woran es gelegen hätte, seiner Meinung nach, focht mit den Händen in der Lust, und die Worte überpurzelten sich bloß so. Ich sagte: ›Zu Befehl‹, und ›beim nächsten Mal wird es besser gehen‹, aber daß ich hinter seinem Rücken den Hirschen mit dem Taschentuche gewinkt hatte, während er sich anpirschte, das hab' ich ihm natürlich nicht auf die Nase gehängt. Manchmal tat er mir ja ein bißchen leid, aber ich konnte ihm nicht helfen. Eine Treue hat man doch nur zu seiner eigenen Herrschaft. Und wie sollte ich wohl vor Ihnen bestehen, Herr Graf, wenn Sie bei der Rückkehr fragten: ›Schwarz, was ist aus meinen Hirschen geworden?‹ ... Offen aufsässig werden konnte ich nicht. Da wäre ich geflogen und ein andrer an meine Stelle getreten, der gefügiger war. Also da frage ich den Herrn Grafen jetzt gehorsamst, ob ich wohl recht gehandelt habe?« Malte stand auf, schüttelte dem Getreuen die Hand. »Gut war's, Alter, und von jetzt an wollen wir denen da drüben in Hohenrömnitz gründlich die Zähne zeigen. Das heißt, solange wir's noch können. Aber, sagen Sie mal – das interessiert mich im Augenblick ganz besonders – wie haben Sie diesen Italiener eigentlich angeredet? Hatte er vielleicht einen Titel oder so was Ähnliches?« Der Förster blickte ein wenig verwundert auf. »Herr ›Conte‹ hab' ich immer zu ihm gesagt. Der Verwalter hat mir erklärt, das wär' in Italien dasselbe wie bei uns ein Graf. Aber, ich kann mir nicht helfen, es will mir nicht in den Kopf, daß solche ausländischen Herrschaften für voll zu estimieren sein sollten. Wenn dieser Herr Conte hier zum Pirschen kam, mußte ich immer hinsehen, ob er nicht einen Leierkasten bei sich hatte und einen kleinen Affen auf der Schulter.« Die Frau Försterin schalt, er würde sich mit seinem losen Mundwerk noch mal um den Hals reden, Malte aber sah mit trübseligem Lächeln vor sich hin. Es stimmte schon, was er befürchtet hatte. Seine neue Frau Tante in Hohenrömnitz war aus altadeligem Geschlecht! Dazu war sein Herr Oheim ja auch viel zu vorsichtig, um eine junge Dame zu heiraten, die nach dem strengen Hausgesetze nicht als vollkommen ebenbürtig anzusehen wäre. Na und dann noch ein paar kurze Wochen, und es war mit dem Zähnezeigen hier vorbei ... Er griff nach Stock und Mütze, der Förster wollte ihm das Geleit geben, aber seine rundliche kleine Frau schob sich dazwischen, und vor der Gartentür faßte sie ihren Besucher bei der Hand. »Würden Sie's 'ner alten Frau sehr übelnehmen, Herr Graf, wenn sie sich erlauben wollte, Ihnen einen guten Rat zu geben?« »Bewahre, Mutter Schwarzin! Guten Rat kann man immer gebrauchen« ... »Nun denn« – sie tat erst einen tiefen Atemzug – »Sie brauchten nur nach Alten-Krakow zu reiten, und alles übrige könnt' uns egal sein. Ob in Hohenrömnitz nun ein Jung zur Welt käm oder 'ne lütte Deern, das könnte dann wohl ganz egal sein!« »Ach nee,« sagte Malte belustigt und stemmte den Arm in die Seite, »das müssen Sie mir schon ein bißchen näher erklären.« »Gott, Herr Graf« – die kleine Frau rieb sich in einiger Verlegenheit das fleischige Kinn mit der freien Hand – »da ist doch nicht viel dran zu erklären. Sie brauchen wirklich nur nach Alten Krakow zu reiten! Und es trifft sich gut. Die verwitwete Frau Baronin von Perkwald ist vor acht Tagen angekommen, ob sie aber noch lange dableibt, das weiß ich nicht.« »Ach so,« sagte Malte, »jetzt verstehe ich. Wer das sind Hirngespinste, liebe Mutter Schwarzin. Was da vor jenen zwei Jahren war, das ist eine belanglose Jugendeselei gewesen, wie sie ein jeder wohl mal durchmacht. Und eine längst begrabene Geschichte bei mir und bei ihr. Ich möchte nicht, daß sie nach meiner Rückkehr wieder ausgebuddelt wird. Vor allem aber liegt mir daran, daß der gute Ruf der jungen Dame nicht wieder von allerhand hämischen Mäulern über die Straße geschleppt wird. Und deshalb werde ich nicht nach Alten-Krakow reiten. Gute Nacht, Mutter Schwarzin.« Er wollte sich zum Gehen wenden, die kleine Frau aber hielt ihn in hellem Eifer am Rockärmel fest. »Ein kurzes Augenblickchen nur noch, Herr Graf! Ich sprech' doch nicht leichtfertig daher, und wenn ich mir herausnehme, Ihnen einen guten Rat zu geben, will ich Sie nicht in den April schicken. Das würd' mir wohl kaum zukommen, nich? ... Also vor drei Tagen war ich nach Moltzahn gefahren, Sämereien zu kaufen und ein paar Kleinigkeiten für die Wirtschaft zu besorgen. Und wie ich aus dem Laden komme, von dem Kaufmann Jürgensen gleich am Markt, wer begegnet mir da? Die Frau Baronin von Perkwald! Zum Verlieben sah sie aus in dem blauen Cheviotkleid, ganz eng anliegend, wissen Sie, Herr Graf, nach der neuesten Berliner Mode, und nur einen Kragen aus Silberfuchs um die Schultern. Dazu so einen ganz großen Hut mit seidenen Bandschleifen, also ich sag' Ihnen, Herr Graf, wie der leibhaftige Frühling sah das liebe junge Frauchen aus! Ich knicks' natürlich, sie dankt mir ganz leutselig und geht vorbei. Auf einmal aber, nach ein paar Schritten, dreht sie wieder um: ›Ach, meine liebe Frau Förster, entschuldigen Sie gütigst, daß ich Sie aufhalte. Ich möchte nämlich gerne wissen, ob vom Herrn Grafen Römnitz eine Nachricht da ist, wann er wohl wieder nach Hause kommt. Es ist nur wegen des Gatters, und weil der Herr Direktor Steinfeld mit ihm persönlich darüber verhandeln möchte.‹ Da gab ich ihr denn Auskunft, daß wir den Tag der Rückkehr selbst nicht wissen würden, sie nickte mir noch freundlich zu, die Frau Baronin, und wir gingen auseinander.« Malte hatte geduldig zugehört, jetzt lachte er kurz auf. »Das ist alles, Mutter Schwarzin?« »Ja,« sagte sie und sah ihn vergnügt aus ihren kleinen Äuglein an, »bloß noch 'ne ganze Kleinigkeit war dabei. Die Frau Baronin wurde rot wie ein Pfingströschen, wie sie nach Ihnen fragte, Herr Graf, und das mit dem Gatter war doch bloß eine Ausrede.« »Und darauf bauen Sie gleich ein ganzes Luftschloß auf? Na denn Gott befohlen, Mutter Schwarzin! Junge Damen wechseln gar leicht mal die Farbe, da muß man keine Staatsaktion draus machen« ... Er ging mit langen Schritten davon, die rundliche kleine Frau aber sah ihm mit einem stillen Schmunzeln nach, bis seine hohe Gestalt an der Wegbiegung zwischen den Bäumen verschwand. Und sie schmunzelte noch, als sie wieder in die Stube zurückkehrte, in der zahllose Hirschgeweihe an den Wänden hingen und die helle Lampe über einem weißen Tischtuche brannte. Der hagere Förster blickte von der sauern Schreibarbeit auf, schob die Brille, die er vor seinen weitsichtigen Augen tragen mußte, auf die Nasenspitze. »Na, Alte, hast du dir da draußen einen Kuppelpelz verdient?« »Vielleicht,« sagte sie. »Vorläufig wollte er ja noch nichts davon wissen, aber die süße Medizin, die ich ihm eingegeben hab', wird wohl ihre Schuldigkeit tun. Die Mannsbilder sind ja eins wie das andre. Eingebildet und von sich selbst eingenommen bis übers Dach hinaus. Trotzdem er's nicht wahr haben wollte, hab' ich's ihm doch angesehen, wie sehr es ihm geschmeichelt hat, daß die Frau Baronin ihn noch nicht vergessen hat. Jetzt wird er mit einemmal finden, daß es ihm eigentlich genau ebenso gegangen ist, und wenn das Glück gut ist, können wir in acht Wochen Hochzeit feiern.« Der Förster Schwarz steckte bedächtig die ausgegangene Pfeife wieder in Brand. »Täuw, täuw, Ohlsch, und immer langsam fahren mit den jungen Pferden! Da ist manches zwischen, was sich nicht wegblasen läßt wie eine Flaumfeder. Aber es wär' ein Segen. Wenn man sich überlegt, daß man sich womöglich auf seine alten Tage noch 'ne neue Herrschaft suchen soll ...« »Na und der arme Jung? Hast ja gehört, wie der Bergemann es uns neulich vorgerechnet hat, was ihm bleibt, wenn er von hier 'raus muß. Die Überfahrt nach Amerika und noch ein paar Groschen, um sich's da drüben eine Weile mitanzusehen, ob er Kellner werden will oder Stallknecht. So ziemlich das Edelste an Blut, was wir haben in Mecklenburg, und das soll so hundsföttisch zugrunde gehen?« ... Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen, ihr Gatte aber blies eine mächtige Rauchwolke in die Luft. »Wenn nur die Hälfte von dem in Erfüllung geht, was ich dem Hohenrömnitzer Herrn schon angewünscht hab' in dieser Zeit« ... »Ja,« sagte die rundliche kleine Frau, »aber auf die anständigen Leute hört der liebe Gott wohl nicht mehr. Und denk an mein Wort: das gibt einen Jungen drüben in Hohenrömnitz! Ich hör' schon die Glocken läuten und den Pfarrer auf der Kanzel: ›Rufe mit mir Hosianna, liebe Gemeinde, Gott der Herr hat uns eine große Freude beschert. Unserm gnädigen Herrn Grafen ist ein Sohn geboren worden, und dankerfüllt heben wir unsre Augen mit dem beglückten Elternpaar zu dem Allgütigen, der heißen Gebeten Erhörung geschenkt hat‹ ... Ah, pfui Deuwel nochmal« ... Sie spie aus und trug den mächtigen Schinken wieder in die Speisekammer zurück. Der alte Jägersmann aber griff mit einem Seufzer nach dem verhaßten Schreibkiel und malte Zahlen in endlosen Tabellen. Die schwere Saufeder, auf die man den wehrhaften Keller rennen ließ, lag ihm besser in der Hand ... +++ Der Hühnerhund Hektor, ein »Brauntiger« mit mächtigen Gliedern, hatte in gewaltigem Satze den hohen Gartenzaun überfallen, jagte mit gesenkter Nase aus der Fährte seines Herrn dahin, der ihn beim Fortgehen anscheinend vergessen hatte. Zwei Jahre lang hatte er sich nach ihm gebangt, heute hatte es endlich ein Wiedersehen gegeben, und nun sollte er bei den andern Hunden bleiben, statt wie früher immer seinen gebührenden Platz einzunehmen? Bei Tag an seiner linken Seite, des Nachts aber auf der abgewetzten Keilerschwarte vor dem Bett, als ein treuer Wächter, der jedem feindseligen Gaste an die Kehle fuhr. Einen kurzen Blaffer stieß er aus, als er seinen Herrn erreicht hatte, und der nahm ihn freundlich auf. Klopfte ihm die starke Brust, »recht so, Hektor, brav so,« und danach gingen sie zu zweien die Straße entlang, die nach Alten-Krakow führte. Jeder in seinen eigenen Gedanken. Der Hühnerhund Hektor in freudigem Träumen von kommenden Jagdtagen, an denen er die Völker der Rebhühner aus den Kartoffelfeldern hochbrachte, sein Herr aber in Erinnerungen verloren, die in längst vergangene Tage zurückführten ... Wie manches liebe Mal war er diesen selben Weg in fiebernder Erwartung geritten, ob sein blondes Liebchen wohl bei dem verschwiegenen Stelldichein sich einfinden würde! Denn nicht immer war es sicher, daß sie sich von Hause losmachen konnte. Wenn den mürrischen alten Herrn die Gicht plagte, mußte sie ihm vorlesen bis spät in die Nacht hinein, und der Weg auf den Galgenberg war ihr versperrt. Er aber stand unter den drei Eichen, paßte auf jeden Laut, um schließlich, wenn die gewohnte Zeit längst verstrichen war, mit traurigem Herzen den Heimweg anzutreten. Das war dann ein verlorener Abend gewesen, den man ausstreichen mußte im Leben. Ebenso wie man jetzt die ganze Zeit ausstreichen mußte als nutzlos vertan. Der einzige Gewinn war ein verpfuschtes Leben und ein untilgbarer Makel. Die Hand war schon längst vermodert, die ihn geschlagen hatte, aber der Makel blieb bestehen, und als ein eiserner Riegel schob er sich vor alle Wünsche und Hoffnungen, die in eine hellere Zukunft langen wollten ... In zahllosen Nächten, wenn die Zeltgenossen längst schon im tiefen Schlafe lagen, war er in Bohren und Grübeln sich darüber klar geworden, daß die Vergangenheit abgetan sein mutzte, wenn er wieder den Boden der Heimat betrat. Ein neues Leben mußte anfangen mit ernsthafter Arbeit und vielfältigen Pflichten, und als er nach langen zwei Jahren aus dem Innern des schwarzen Landes wieder nach der Küste zog, hoffte er im innersten Schrein seines Herzens, jetzt eine klare Bahn zu finden. Vollgerüttelte siebzig Jahre hatte der eigensüchtige Greis auf der Hohenrömnitz gesessen, fast fünfzig davon in unumschränkter Herrschaft. Es war Zeit, daß er Platz machte, die Zügel seinem Nachfolger überließ. Und hundert gute Werke hatte er sich ausgedacht in den einsamen Stunden, in denen man das Schicksal durch wohlgefällige Vorsätze zu bestechen hofft, mit ihm handelt wie mit einer Partei, die hinreichenden Gründen zugänglich ist. Ein gerechter Herr hatte er werden wollen, der Gutes tat und jedem das Seine gab mit reichlichem Maß, aber das blinde Wesen, das die Schicksale der Menschen würfelte in blödem Zufallsspiel, war ungerührt geblieben. Statt einer klaren Bahn fand er neue Wirrsal, wie ein im Winde treibendes Blatt war er, dem jeder wechselnde Lufthauch eine neue Richtung wies ... Ein fest in seinem Recht Stehender war er sich vorgekommen, und jetzt war er einem törichten Paar- oder Unpaarspiel ausgeliefert. Ein unbeträchtliches Nichts war er oder ein Herr, je nachdem, ob in dem alten Hause der Hohenrömnitz ein Knabe zur Welt kam oder ein rechtloses Mädchen ... Da wäre es freilich am gescheitesten gewesen, aus all dieser schwankenden Unsicherheit auf festen Boden zu springen, die Hand zu ergreifen, die sich ihm entgegenstreckte. Und wie hatte die rundliche kleine Förstersfrau gesagt? Er brauchte nur nach Alten-Krakow zu reiten und er war geborgen! Ein Skrupelloser an seiner Stelle hätte es vielleicht getan, ihm aber war von dem raschen Zugreifen seiner Ahnen nichts verblieben. Ein Zauderer und Zweifler war er, und der Teufel mochte den rothaarigen kleinen Gesellen holen, der ihn das Nachdenken und Grübeln gelehrt hatte! ... Es schmeichelte ihm ja nicht wenig, daß die blonde Gertrud Köhnemann noch immer an ihn dachte, aber er hätte doch als ein Lügner dastehen müssen, wenn er jetzt als einer ihrer zahlreichen Bewerber auf den Plan trat. Der Schlag damals hatte alles übrige ausgelöscht, es war wirklich nichts andres gewesen als eine holde Torheit, die man halb aus Langerweile angefangen hatte, halb im Drange der sich ungestüm regenden Jugend ... Und die für alle Zeiten geschworene Treue hatte nur eine gar kurze Weile vorgehalten. Schon auf dem Schiffe, das nach Afrika ging, hatte er sich ganz sinnlos in eine brünette kleine Engländerin verliebt, die ihrem Gatten in die Kolonieen folgte. Der Sieg war nicht schwer gewesen, aber noch ganz deutlich entsann er sich der heftigen Gewissensbisse, die jedem Beisammensein folgten ... Bis die Gewohnheit die Reue erstickte ... Und noch ein andres kam hinzu, das ihm verwehrte, das abgerissene Band wieder zu knüpfen. Ein Gefühl fast des Ekels ... Neben dem blonden Kopfe der Gertrud Köhnemann sah er einen widerlichen Greis, wie einen jener Gnomen, die in der Sage spukten. Der reckte seine dürren Finger aus, sie aber fand keinen Widerstand ... Statt ihr keusches Magdtum mit dem Tode zu verteidigen, unterwarf sie sich. Und wie ein Makel war es an ihr, den keine Wasser abwaschen konnten. Bis ihm mit einem Male einfiel, daß er wie ein Pharisäer sich über die andre erhob. Weil er sein kümmerliches Leben mehr geliebt hatte als seine Ehre, war er vor jenen zwei Jahren in die Fremde gegangen. Draußen lief man ganz leidlich herum, in der Heimat aber galt das alte Recht. Mit dem neuen Leben war es nichts, die Vergangenheit hob ihre starke Hand und forderte den Zins ... Da lehnte er sich mit dem Rücken gegen eine der alten Eichen, die die Straße zu beiden Seiten säumten, und ein Aufschluchzen erschütterte seinen starken Körper. Andern ging das Leben dahin in glatter Bahn, kaum der Schatten einer Sorge trübte ihren Weg. Ihm aber türmten sich Hindernisse und Verhaue überall, und schließlich wurde man müde, dagegen anzurennen ... Hektor, der Brauntiger, hatte im Grabenrande ein Karnickel aufgestöbert, und da ihn kein mahnender Pfiff zurückhielt, hatte er sich das Vergnügen einer kleinen Privatjagd geleistet und war dem flinken Ausreißer bis zu dem schützenden Erdloche nachgeprescht. Jetzt hielt er ein paar hundert Schritte voraus auf der mondbeschienenen Straße und gab Standlaut. Stürmte mit hellem Hals und rief wie bei einem verendeten Wild, das er tot verbellte. Da wischte sein Herr sich über die Augen und eilte vorwärts ... Mitten auf dem Wege lag eine Frauengestalt in dunklem Reitkleide, platt auf dem Gesicht und die Arme vor sich gestreckt, wie sie im Sturze hingeschlagen sein mochte. Ein paar Schritte dahinter aber stand ein edler Gaul, wieherte leise auf und hob den rechten Vorderlauf, der unterhalb des Kniegelenkes lose hin und her schlenkerte. Ein zierlicher Schimmel war es mit Araberblut in den Adern, und in seinen klugen Augen war deutlich die Bitte um Hilfe zu lesen ... Ein Jammer war es um das prächtige Tier, und »armer Kerl« mußte Malte denken, während er sich über die bewußtlos am Boden Liegende beugte, »dir kann kein Mensch mehr helfen, du bist erledigt« ... Ein jäher Schreck flog ihm durch die Brust, denn das Haar, das da vor ihm in lockern Strähnen unter dem runden schwarzen Hute hervorquoll, war blond. Mit zitternden Händen griff er zu und drehte den Frauenkopf vorsichtig zur Seite, aber – Gott sei Dank wollte er fast sagen – das blasse kleine Gesicht war ihm fremd. Wie das Gesicht einer schlafenden Puppe sah es aus mit den geschlossenen Augen, dem runden Oval und dem zierlichen Stumpfnäschen über dem kleinen, sanftgeschwungenen Mund. Die aber, an die er zuerst gedacht hatte in jähem Erschrecken, hatte ein schmales Antlitz mit dunkeln Augenbrauen über einer seinen geraden Nase ... Eine kleine Weile lang kniete er ratlos in dem noch vom letzten Regen her feuchten Sande. Wie das Unglück gekommen sein mochte, war ziemlich leicht zu erklären. Zu beiden Seiten der Straße im dichten Brombeergestrüpp lagen Hunderte von Karnickelbauen, die unterirdischen Gänge der kleinen Wühler liefen weit ins Feld hinaus und wohl auch unter dem Wege hin. Die fremde Dame da hatte nicht darauf geachtet, war womöglich im Karriere über die gefährliche Stelle gesprengt, und der Sturz war fertig. Der arme Gaul brach sich in einem der heimtückischen Löcher das Vorderbein, seine Reiterin aber flog in weitem Bogen vornüber aus dem Sattel ... Ob sie sich bei dem Sturze verletzt hatte, war nicht zu erkennen, eine schwere Erschütterung aber hatte es wohl gegeben, sonst wäre diese tiefe, einer Erstarrung gleichende Ohnmacht nicht zu erklären gewesen. Das Zartgefühl eines innerlich anständigen Menschen jedoch hielt ihn davon ab, die fremde junge Dame zu untersuchen. Nur ganz leise legte er sein Ohr an ihre Brust, und als er vernahm, daß das Herz noch mit schwachen Schlägen trieb, atmete er erleichtert auf. Aber was jetzt weiter? Ins Dorf zurücklaufen, um einen Wagen zu holen, ging nicht an. Wer mochte wissen, wie lange sie in dem dünnen Kleide schon auf dem feuchtkalten Erdboden gelegen hatte ... Also da blieb nichts andres übrig als ein rasches Zugreifen. Bis zum Dorfe waren es vielleicht zweitausend Schritte, aber so weit getraute er sich das zierliche Persönchen wohl zu tragen ... Er nahm sie vorsichtig in die Arme, legte ihren Kopf auf seine linke Schulter und ging mit behutsamen Schritten den Weg zurück, den er gekommen war. Bei der Bewegung hatte sich ihr lockeres Haar vollends gelöst, hing ihm wie ein langer blonder Schleier über den Arm, und der Wind wehte es ihm im Vorwärtsschreiten um die Kniee. Hinter ihm aber erklang ein unsicheres Trappen, und er brauchte sich nicht umzuwenden, um zu wissen, woher es kam. Der brave Schimmel schleppte sich mühsam auf drei Beinen hinter seiner Herrin her, aber niemand konnte dem Getreuen mehr helfen. Nur die mitleidige Kugel gab es noch, die ein nutzlos gewordenes Leben auslöschte ... Von dem weichen Frauenkörper in Maltes starken Armen ging eine wohlige Wärme aus, die ihm das Blut rascher durch die Adern trieb. Und ein seltsames Zärtlichkeitsgefühl regte sich in seinem Herzen für die hilflose Unbekannte, die ihm ein Zufall in den Weg geworfen hatte. Wer war sie und wo kam sie her? Noch vor einer Viertelstunde hatte er nichts von ihr gewußt, jetzt hatte irgendeine launische Welle sie zusammengetragen. Für wie lange? Die nächste führte sie wieder auseinander, nichts blieb zurück als die Erinnerung an ein flüchtiges Abenteuer ... An seinem Halse spürte er ein merkwürdiges feuchtwarmes Gefühl. Für einen Augenblick lockerte er die rechte Hand und griff hin. Als er sie wieder zurückzog, war sie voll Blut. Und vom Halse rann es ihm weiter am Körper entlang. Da ging er mit langen Schritten dahin, die zu Anfang so leichte Last in seinen Armen wurde schwerer und schwerer. Ein seltsames Bangen schnürte ihm die Brust. Halb um das Leben, das hier vielleicht neben seinem Herzen verrann, halb um sich selbst. Ihm war es, als trüge er sein Schicksal ... Im Forsthause war noch Licht, Gott sei Dank. Er lehnte sich mit der Schulter an die Planken des Hoftores und wollte rufen, aber nur ein pfeifender Laut kam aus seiner Kehle. Die Hunde schlugen an und stürmten wieder gegen den Gartenzaun, Hektor antwortete von der Straßenseite her, und es gab einen wahren Höllenspektakel, der mißtönend die Stille der Frühlingsnacht zerriß. Am Hause öffnete sich ein Fensterflügel, der Förster steckte den grauen Kopf heraus und fragte ärgerlich, was der Lärm zu bedeuten hätte. »Ich bin es, Graf Römnitz,« rief Malte zurück, »und rasch. Es hat ein Unglück gegeben!« »Um Jesu Barmherzigkeit willen,« schrie die Frau Förster auf, die hinter ihrem Manne gestanden hatte, und flink wie eine Kugel schoß sie zur Tür heraus, über den Vorgarten hinweg. Mit zitternder Hand schob sie den Riegel zurück, fragte nicht lange erst, sondern griff zu, half die Verunglückte ins Haus tragen. Ihren Gatten aber blies sie zornig an, er sollte nicht herumstehen wie der dumme August im Zirkus, sondern Riechsalz aus der kleinen Hausapotheke herlangen, Verbandzeug und Karbolwasser. Und als die Bewußtlose auf dem saubern Bette lag im Schlafzimmer, schickte sie die beiden Männer hinaus, machte sich mit flinken linden Händen an ihr Samariterwerk ... Malte steckte sich eine Zigarette an nach all der Aufregung und gab dem Förster einen kurzen Bericht. Fragte zum Schluß, wer die unbekannte junge Dame wohl sein könnte. Der Alte blickte zuerst verwundert auf, dann aber verbesserte er sich. »Ja richtig, Herr Graf, Sie können es natürlich nicht wissen. Das ist die Frau Gemahlin von dem Berliner Bankdirektor, wo ich Ihnen vorhin erzählte, daß er die Alten-Krakower Jagd und das Schloß gepachtet hat. Und von uns verlangt, wir sollen das Gatter niederlegen gegen angemessene Entschädigung. Da möchte ich denn doch befürworten, was geht das uns an, ob sich dieser Herr Bankdirektor nun mit der Pachtung 'reingelegt hat? Soll es vielleicht wieder dieselbe Schweinerei geben wie früher? Wo der Herr Baron Köhnemann uns das ganze Kahlwild abgeschlachtet hat im Winter und manchen braven Hirsch? Wenn wir ihn nicht vorher gekriegt hatten. Und überhaupt, erst seit das Gatter steht, kann man doch daran denken, sich einen Hirsch ordentlich heranwachsen zu lassen im Geweih, bis er richtig zum Abschusse reif ist. In Hohenrömnitz wird nicht geludert, in den großherzoglichen Staatsforsten auch nicht, und jetzt soll das womöglich wieder anders werden? Das Gegnietsche wieder anfangen um jeden jagdbaren Hirsch, kaum daß er sich den Bast von den Stangen gefegt hat?« So sprach der grauköpfige Förster in zornigem Eifer, Malte aber hatte von der langen Rede nur den Anfang vernommen, und der hatte ihm einen fliegenden Stich durchs Herz gegeben. Die Blondhaarige da hinter der braungestrichenen Schlafzimmertür war eine verheiratete Frau, das Eigentum eines andern hatte er in seinen Armen getragen. Der kam her und bedankte sich, das Abenteuer war zu Ende ... Am Gartenzaun vor dem offenen Fenster erklang ein schmerzliches Wiehern. Malte hob die Hand. »Da draußen steht einer, den wir vergessen haben. Sehen Sie mal nach, Schwarz, ob noch was zu helfen ist. Der arme Kerl hat in dem verdammten Karnickelloch das rechte Vorderbein gebrochen. Ich hatte keine Zeit, mich um ihn zu kümmern« ... »Zu Befehl, Herr Graf« ... Der Förster nahm die Hacken zusammen, ging vor die Tür hinaus ... Und nach wenigen Minuten kam er zurück, zuckte mit den Achseln. »Der Röhrenknochen gesplittert, ein ganzes Stück herausgesprungen, hängt nur lose an einem Hautfetzen. Alles mit Sand verschmiert, es ist ein Jammer um so ein prachtvolles Tier« ... Und er ging zum Gewehrschranke, holte den Drilling heraus. Malte aber wandte sich ab und preßte die Handflächen vor die Ohren. Den Schuß, der einem edeln Leben das Ziel setzte, mochte er nicht hören ... Mitten aus kraftstrotzendem Sein heraus ... Der muskelgeschwellte Körper war gesund, nur einer der schlanken Vorderläufe hing zerschmettert herab. Mit dem Rennen war es vorbei für alle Zeiten, aber zum Karrengaul hätte es vielleicht noch gereicht nach einem langwierigen Heilungsprozeß. Nur lohnte das nicht die Kosten ... Und was war er selbst denn viel andres als ein so mühsam zurechtgeflickter Karrengaul? Auch bloß eine Kleinigkeit war an ihm damals kaput gewesen, das bißchen Ehre ... Sophisterei war es doch nur, sich das wegzudisputieren, und gerade gut genug für die Fremde, wo niemand fragte: Hast du nicht vielleicht einen bösen Fleck auf der weißen Hemdenbrust? In der Heimat wehte eine schärfere Luft, aber der Teufel sollte das ewige Grübeln und Denken holen! Schließlich trieb es einen doch noch zu einem ruhmlosen Ende ... Ein dröhnender Schuß zerriß die schweigsame Nacht, vom Seeufer kam hallend das Echo zurück. Der Förster trat wieder ins Zimmer, ging zum Gewehrschranke und reinigte mit einem Wischstocke den abgeschossenen Lauf. »Ekelhaft,« brummte er in den buschigen Schnurrbart, »und bei 'nem Hirsch fällt einem nichts drüber ein. Aber bei so einem Tier, das mit den Menschen zusammenlebt ... er hat mich verstanden, Herr Graf, als ich ihm den schlanken Hals klopfte: Schimmelchen, es ist Halali! Und wie ich das Gewehr hob, sah er mir fest in die Augen« ... »Es ging wohl nicht anders,« sagte Malte und steckte sich eine neue Zigarette an. Aber die Hand bebte ihm, als er nach dem Streichholz griff ... Die Frau Förster kam aus dem Schlafzimmer, zuckte mit sorgenvollein Gesicht die rundlichen Schultern. »Sie will nicht zu sich kommen. Wie ein Zuckerengelchen liegt sie in den weißen Kissen, ich kann deutlich ihren Atem hören, aber sie will nicht zu sich kommen. Und auch das Blut steht nicht aus der kleinen Wunde hinter dem Ohr ... Also vorwärts, Alter, nach Moltzahn zum Doktor, und Sie, Herr Graf, vielleicht nach Alten-Krakow hinüber. Die Herrschaften da werden doch sicher schon in heller Sorge sein« ... Malte sprang auf. So war es recht. Nur nicht so untätig dasitzen und grübeln ... Er eilte mit langen Schritten die Dorfstraße entlang, quer über den weiten Wirtschaftshof. Und mit dröhnender Faust schlug er gegen die Tür der Knechtekammer: »Holla, ihr Kerls, rasch auf, und die vier Rappen vor den Kaleschwagen!« Eine verschlafene Stimme kam zurück: »Was, Herr Graf?« Da wiederholte er zornig den Befehl, fügte hinzu: »Es geht um ein Menschenleben! In einer Stunde muß der Doktor im Försterhause stehen, und der Deuwel holt euch, wenn die Rappen in zehn Minuten nicht angeschirrt sind« ... »Zu Befehl, Herr Graf« ... »Na also« ... In der Knechtekammer flammte Licht auf, begann ein hastiges Rumoren. Malte aber lief zum Stalle hinüber, öffnete das breite Tor. Aus der Geschirrkammer holte er einen Sattel, den Weg kannte er im Dunkeln. Ein warmer Brodem schlug ihm in dem langen Gange entgegen, an dem zu beiden Seiten die Gäule standen. Ein Schütteln erklang bei seinem Eintritte und das Klirren von Halfterketten. »Wotan,« rief er, und ein Aufwiehern antwortete ihm. Ein paar Minuten später jagte er zum Hoftor hinaus, nachdem er mit einem flüchtigen Blicke gesehen hatte, daß zwei barbeinige Knechte die Kalesche aus dem Wagenschuppen zogen. Gott sei Dank, man gehorchte ihm noch in Vellahn. Nicht mal die Zeit zum Anziehen der Hosen hatten sich die Kerle gelassen ... Hinter dem Dorfe versammelte er die Zügel in der Hand und lenkte den Gaul auf den hartgetretenen Flußsteg, der neben dem Wege am Feldraine lief. Da war er sicher vor den heimtückischen Karnickellöchern. Und unwillkürlich schoß es ihm durch den Kopf, nun ritt er doch nach Alten-Krakow. Wer seine Gedanken galten einer andern als der, die die Frau Förster bei ihrem Ratschlag gemeint hatte – – ? ? +++ Auf halbem Wege, noch ein ganzes Ende vor dem ragenden Galgenberge, begegnete ihm ein rasch, fahrender Wagen. Ein Herr saß darin in hellgrauem Mantel und eine Dame mit kleinem Lodenhut und Schleier. Er brauchte kaum hinzusehen, um zu wissen, wer es war ... Das schmale Gesicht mit der seinen geraden Nase unter den dunkeln Augenbrauen kannte er gar wohl ... Er hob die Hand, weil der Kutscher auf dem Bocke parieren wollte. »Weiterfahren!« Und mit kurzem Bogen schloß er sich an den Wagenschlag. Die junge Dame auf dem Rücksitze machte eine vorstellende Bewegung: »Herr Graf Römnitz – Herr Direktor Steinfeld aus Berlin« ... »Angenehm« ... »Angenehm« ... Malte mußte unwillkürlich auflachen. So ging es schon zu in der lieben Heimat. Erst mußten die Formalitäten erledigt werden, ehe das Wichtigere an die Reihe kam. Und er berichtete kurz, was geschehen war. Seine Mitwirkung beidem Abenteuer verschwieg er. Nur daß die junge Frau in seinem Försterhause läge und mit den gewöhnlichen Hausmitteln nach dem schweren Sturze nicht zum Bewußtsein zu bringen wäre. Eine fettige Stimme im Wageninnern antwortete ihm. »Das hat sie nun, und so mußte es kommen! Ich hab' ihr so dringend abgeraten, aber sie wollte nicht hören. Durchaus im Mondschein einen romantischen Spazierritt machen! Und wie, sagen Sie, Herr Graf? Das Pferd hat man erschießen müssen? Vielleicht wäre es doch besser gewesen, vorher einen Tierarzt zu fragen! Fünftausend Mark habe ich bezahlt bei Beermann in Berlin, und wer weiß, ob nur die Versicherung einen Pfennig wiedergibt« ... Malte fühlte einen Knäuel des Ekels im Halse aussteigen, aber er erwiderte nichts. Wortlos ritt er in stuckerndem Trab neben dem Wagenschlag her, und die mit dem kleinen Lodenhut auf dem blonden Haar zog den dicken Mantel fester um ihre schlanken Glieder. Und Malte wunderte sich. Vor dem Wiedersehen hatte er sich zuweilen gefürchtet da drüben, wenn er überdachte, was werden sollte, wenn er wieder heimkehrte. Und jetzt ging es ganz ohne Erschütterung vorüber ... Der Doktor Harkenschmidt aus Moltzahn war mit den Frauen im Schlafzimmer. Die Untersuchung dauerte lange. Der Förster Schwarz stand drömelnd in einer Ecke der Wohnstube. Seine Schlafenszeit war längst schon gekommen, und im Dunkeln überfiel ihn die Müdigkeit. Da drückte er sich still hinaus. Wenn man ihn brauchen sollte, würde man schon rufen ... Die Lampe wurde drüben gebraucht. Malte saß am Schreibtische, rauchte eine Zigarette nach der andern, der dicke Bankdirektor aber schritt ruhelos auf und ab, strich sich mit einer zur Gewohnheit gewordenen Bewegung von rückwärts über den kahlen Schädel. Und stoßweise entlud er seinen Ärger. Daß er diese mecklenburgische Pachtung bis an den Hals satt hätte ... Daß er den Jagdagenten, der ihn mit falschen Vorspiegelungen getäuscht, verklagen würde, und nicht der kleinste Teil seines Ingrimmes ging gegen die zierliche kleine Frau, um die sich da drüben hinter der braungestrichenen Tür der Doktor mühte. Weil sie aus unerklärlichen Gründen einen plötzlichen Ekel gegen das Getriebe der Großstadt empfunden, hätte er ihr den Gefallen getan. Und jetzt säße er da mit der Bescherung. Die Jagd gleich Null, und von irgendwelchem Verkehr mit der Nachbarschaft keine Rede. Nur mit dem Auto immer hin und her kutschieren zwischen Berlin und Alten-Krakow, denn die Geschäfte könnte man doch nicht vernachlässigen ... Malte hörte schweigend zu, warf den letzten Zigarettenstummel durch das offene Fenster. Und etwas wie ingrimmige Schadenfreude regte sich in seiner Brust. »Sie hätten nicht in Mecklenburg pachten sollen, Herr Direktor. Wir sind eine rückständige Nation. Bei uns geht's noch zu wie vor fünfhundert Jahren. Vor dem Geldbeutel keinen Respekt. Zehn Scheffel Salz und ritterbürtige Herkunft sind hier so unsere Bedingungen; bis auf die Knochen muß man sich gegenseitig als richtig befunden haben« ... Er brach ab, denn plötzlich war ihm durch den Sinn geflogen, daß er ja auch draußen stand, weil er in dem letzten, feinsten Sieb als untaugliche Spreu durch die Maschen gefallen war ... Danach schwiegen sie beide in der dunkeln Stube, die nur von ein paar durch die Fenster kommenden Mondstrahlen erhellt war. Und Malte biß sich auf die Lippen. Hochtrabende Worte hatte er gesprochen, die ihm nicht zukamen. Der andre wollte hinein in den festgeschlossenen Kreis, und er stand draußen. Jede zufällige Begegnung konnte ihn Lügen strafen, wenn er sich so benahm, als wenn er noch ein Zugehöriger wäre ... Der Doktor kam mit der Lampe aus dem Schlafzimmer, gefolgt von der jungen Baronin Perkwald. »Gott sei Dank,« sagte er, »Herr Direktor, die Gefahr ist vorbei. Eine nicht ganz leichte Gehirnerschütterung, aber unter der Pflege der Frau Försterin wird sich's bald zum Guten wenden. Ich habe sie genügend instruiert. Wenn Sie jetzt Ihre Frau Gemahlin sehen wollen, ich habe nichts dagegen. Nur natürlich keine leidenschaftlichen Schmerzensäußerungen, das könnte ihr schaden. Höchstens eine mäßig temperierte Freude, daß der böse Unfall so glimpflich abgelaufen ist« ... So sprach der freundliche alte Doktor, rieb sich die Hände. Ein fetter Bissen war es in der sonst kärglichen Praxis, und da gehörte es sich wohl, daß man in Ansehung des Honorars den Fall ein wenig schwerer darstellte, als er in Wirklichkeit war. Der Ehemann aber brummte etwas zwischen den Zähnen, was wie »unnötiges Gerudere« klang, strich sich mit seiner gewohnheitsmäßigen Bewegung über den kahlen Kopf und ging mit dem Arzt ins Nebenzimmer. Malte sah ihm ingrimmig nach. Würgen hätte er den Kerl mögen wegen seiner gefühllosen Gleichgültigkeit ... Und die junge Baronin Perkwald hatte den Blick aufgefangen. Sie zuckte mit den Achseln. »Er gibt sich schlimmer, als er eigentlich ist. Er tut alles, was er ihr an den Augen absehen kann. Sie aber ist so ziemlich das launenhafteste Persönchen, das mir je vorgekommen ist. Alle Viertelstunde irgend etwas andres. Diese Pachtung hier hat sie ihm auch eingeredet, und da kann man's ihm eigentlich nicht verdenken, wenn er unmutig wird. Allzu viel Takt freilich scheint ihn nicht zu drücken« ... »Kannst ihn ja aus dem Pachtvertrage wieder 'rauslassen,« erwiderte er fast feindselig. Sie aber schüttelte den Kopf: »Kann ich leider nicht. Ich werde erst in anderthalb Jahren mündig, und mein Vormund hat den Vertrag geschlossen. Ein Vetter meines verstorbenen Mannes. Er verwaltet mir mein Vermögen und Hohen-Krakow. Hinrichswalde war ja Majorat, es ist an den Gottfried Perkwald gefallen, der früher bei den Wandsbecker Husaren stand.« »Ja richtig,« sagte Malte zerstreut, »er war ja der Nächste dran.« Sein Blick hing an der braungestrichenen Tür, die zum Nebenzimmer führte ... Sie schwieg gekränkt, hatte Mühe, die dummen Tränen zurückzuhalten. Das Wiedersehen nach zwei langen Jahren hatte sie sich anders vorgestellt. Frauen fühlen nicht so wie Männer, und in der Erinnerung kam es ihr nicht mehr so unerträglich schwer vor, was damals geschehen war. Sie hatte es ja auch verwunden und sich danach wieder aufgerichtet. Und ganz selbstverständlich war es ihr immer erschienen, daß er nach der Heimkehr vor sie hintrat: »Da bin ich wieder, Gertrud. Na, und wie ist's nun mit uns beiden?« ... Statt dessen stand er steif wie ein Klotz, und seine Gedanken weilten bei einer andern. Da wurden ihr vor jäh aufschießender Eifersucht die Augen dunkel. »Du kennst Frau Direktor Steinfeld wohl schon von früher her?« Malte blickte verwundert auf. »Wieso? Und was meinst du damit, wenn ich fragen darf?« Sie tat so, als hätte sie das letzte nicht gehört. »Ich hatte es geglaubt, entschuldige. Und da möchte ich doch ... möchte ich doch« ... Einen Augenblick kämpfte sie noch mit sich, aber der Haß und die Eifersucht waren stärker ... »Es geht ein häßliches Gerede über sie in der Nachbarschaft. Sie soll anders sein als hier unsere Damen. Daß sie von Berlin fortgegangen ist, hatte seinen besondern Grund. Nicht wegen der Jagdpassion ihres Mannes, sondern wegen eines andern. Ein Friedeberger Dragoner soll es sein, und sie hat ihn kennen gelernt, wie er auf der Kriegsakademie war. Deswegen ist sie hierhergezogen, weil sie ihn leichter treffen kann« ... »Das ist doch wohl nichts als leeres Gerede,« gab er zornig zurück. Und »ah nein« erwiderte sie, »man hat sie zusammen gesehen, mehr als einmal. Sie und den Oberleutnant Bredow, den jüngsten Bruder vom Panschenhagener!« Er richtete sich feindselig auf. »Weshalb erzählst du mir das eigentlich, Gertrud?« ... »Weil ... weil ...« Sie ballte das Taschentuch in der schmalen Hand und stampfte mit dem Fuße auf. Es war zu töricht. Jetzt kamen ihr doch die dummen Tränen und schnürten ihr die Kehle zu, daß sie nicht weitersprechen konnte. Und da verstand er sie endlich. Aber er konnte ihr nicht helfen, schlaff ließ er die Arme hängen. Behutsam suchte er nach den passenden Worten, um sie nicht gar zu sehr zu kränken ... »Sieh, Gertrud, und du darfst mir da nicht böse sein ... manchmal hab' ich's ja auch gedacht ... aber dann war da immer etwas ... als wenn der eine Schlag auch alles andre totgeschlagen hätte. Oder – ich will mich nicht besser machen, als ich bin ... damals, vor zwei Jahren, warf ich alles andre hinter mich. Nach Fug und Recht hätte ich mich totschießen müssen, aber ich war zu feige dazu. Es hatte mal einen gegeben, der mich immer lehrte, die Dinge dieser Welt von der andern Seite anzusehen, zu erkennen, daß das meiste, woran die andern glaubten, wertlos war. Wenn man sich nämlich auf einen andern Standpunkt stellte ... Ich kann dir das nicht so richtig klarmachen, vielleicht ... manchmal, wenn ich's fassen will, zerrinnt es mir selbst in den Fingern. Es läuft ungefähr darauf hinaus, alles, was du tust, ist recht. Du mußt dich nur durchsetzen können. Stark genug sein, den andern in die Zähne zu lachen. Und daran fehlt's bei mir, an der innern Festigkeit. Mit einem Fuß stehe ich noch immer in der alten Überlieferung wie in einem zähen Brei, der andre tappt haltlos ins Leere ... Die neuen Lehren mach' ich mir zu eigen, weil sie in meinen Kram passen, weil sie mir das bißchen Leben wenigstens lassen. Vor ein paar Stunden noch sagte ich zu einem, ja, ich bin wieder ganz gesund. Das war ich draußen. Hier zu Hause hat's mich wieder gepackt: das sind doch alles nur leere Ausreden! Rings um mich stehen meine Richter, du hast nichts mehr zu suchen zwischen uns ... Und noch eins kommt hinzu: der Platz, auf dem ich sie vielleicht hätte zwingen können, da steht ein andrer davor. Ein Nichts bin ich, eine Null, von einem lächerlichen Zufall häng' ich ab, ob's drüben in Hohenrömnitz einen Jungen gibt oder ein Mädchen« ... Er schlug die Hände vors Gesicht und ließ sich schwer in den nächsten Stuhl fallen. Einen Augenblick zauderte sie, dann trat sie zu ihm, strich mit leiser Hand über sein Haar. »Sei doch nicht so verzweifelt, Malte! Du hast doch Freunde, die zu dir stehen. Und man muß sich nicht niederschlagen lassen. Damals hatte ich auch geglaubt, ich könnte es nicht ertragen. Bis das bittere Muß kam. Es ging nicht anders, ich mußte! ... Später vielleicht werde ich dir's erklären ... es ist das etwas, an das ich nicht rühren kann, das Andenken meines Vaters. Und ich durfte ihn nicht im Stich lassen, sein Name war der meine, ich war doch das Freifräulein Köhnemann – die Letzte ihres Namens, fünfhundert Jahre hatte er ohne Makel bestanden. Also da mußte ich doch, nicht wahr? ... Und es ging« ... Sie schmiegte sich dichter an ihn, in ihre blauen Augen trat ein zärtlicher Schein ... »Du lieber armer Junge du! Wie habe ich auf dich gewartet! ... Und veracht mich nicht, daß ich mich dir so antrage ... ich habe Angst um dich, ich könnte dich wieder verlieren. Hast mich doch immer dein kleines Mütterchen genannt, das dich vor dummen Streichen bewahrt, einen ordentlichen Menschen aus dir macht ... Und darfst mich ruhig ansehen, wie früher ... mein verstorbener Mann hat es mir nicht nachgetragen, daß ich mich ... daß ich ihm eine Pflegerin nur war, aber nie ... Purpurne Nöte stieg ihr bis zu den Haarwurzeln empor, sie schwieg und wartete auf Antwort. Malte zuckte zurück, als müßte er einem Schlage ausweichen, und es dauerte eine Weile, bis er sprechen konnte. Aber seine Stimme klang heiser. »Ich bin kein Lump, Gertrud, ich kann nicht lügen ... ich kann nichts annehmen, das ich nicht vergelten kann ... Wenn du dir einen Gefallen tun willst, vergiß mich! Ich bin es nicht wert, daß andre sich um mich mühen« ... Sie trat ein paar Schritte von ihm fort, strich sich mit der Hand über die Stirn, als müßte sie einen törichten Traum verscheuchen. Sie ging zum Fenster, lehnte die Stirn gegen das harte Holz des Kreuzes und schluchzte leise auf. Aber nur ein kurzes Weilchen dauerte die Schwäche. Sie preßte die Zähne aufeinander, daß es ein leises Knirschen gab, und richtete sich auf ... »Es ist gut« ... Malte aber stand noch ein paar Augenblicke lang, und ihm war zumute, als müßte er sich auf die Knie werfen und um Verzeihung bitten für die rohen Worte. Aber sie waren doch die Wahrheit, und er konnte sich nicht anders machen, als er war ... Er senkte den Kopf und ging still zur Tür hinaus – – ? ? 3 Mit kaltem Nordwind und Hagelschauern pochte der neue Morgen gegen die Fensterscheiben. Der Wettersturz, den die in lichten Regenbogenfarben schimmernden Wölkchen prophezeit hatten, war eingetroffen. Der Vellahner See warf schwere Wellen gegen das Parkufer, das gelbe Schilf bog sich tief zum Wasser hinab unter dem Drucke des Windes, und alle Kreatur, die liebetrunken den einziehenden Frühling gefeiert hatte, barg sich in heimlichen Winkeln. Nur ein Krähenpaar stelzte auf dem schmalen Sandstreifen am Ufer entlang, spähte mit hungrigen Augen nach irgendeiner Beute, die auf den schmutziggrauen Wellen schwamm. Malte saß übernächtig an dem runden Tische in der Halle, er hatte erst gegen Morgen ein wenig Schlaf gefunden. Das Frühstück stand unberührt auf dem blütenweißen Linnen, nur einen hastigen Schluck Tee hatte er genommen und auf Mikens bescheidenes Zureden mit einem abwehrenden Kopfschütteln geantwortet. Da ging sie bekümmert in ihre Küche hinunter, faßte den Vorsatz, ein ganz besonders schmackhaftes Mittagessen zu bereiten. Essen mußte doch der Mensch auch bei allen Sorgen, um nicht von Kräften zu kommen. Und mit leerem Magen sah man alles viel schwerer an ... Lentz störte mit trübseligem Gesicht das Feuer im Kamine auf, legte einen halben Arm voll trockener Buchenscheite nach. In der weiten Halle wehte es kalt aus den im langen Winter ausgekühlten Mauern ... Malte hatte das Kinn in die Hand gestützt und starrte in die weißen Hagelschwaden hinaus, die der Wind vor den hohen Fenstern vorüberwirbelte. Der Kopf tat ihm weh von all dem Grübeln und Denken. Aber damit kam er nicht um einen Schritt vorwärts, irgendein Entschluß mußte gefaßt werden, der wenigstens wie nach einer Tat aussah ... Er wandte das Gesicht nach dem Kamin: »Lentz!« »Herr Graf?« »Der Verwalter Bergemann soll kommen, mit den Abrechnungen von den letzten zwei Jahren!« »Zu Befehl!« Mit einem leisen Seufzer richtete der Alte sich vor dem Kamine auf und ging zur Tür hinaus. Was die Abrechnung mit dem Verwalter bringen würde, wußte er wohl. Eine neue Enttäuschung und ein gar kümmerliches Ergebnis. Vor jenen langen Jahren hatte er sich ja manchmal eine mahnende Frage erlaubt, ob der junge Graf nicht Lust verspürte, ein ebenso tüchtiger Landwirt zu werden wie sein verstorbener Vater, der die scharfen Augen überall hatte und nichts von seinem Eigentum verkommen ließ. Als sein Herr aber mündig geworden war, verbot solche Mahnungen der Respekt, wenn man auch unter der Hand erfuhr, daß der Verwalter Geld auf Zinsen lieh und in Rostock ein Haus gekauft haben sollte, wie es hieß, um sich einmal in der Großstadt zur Ruhe zu setzen. Die Redereien der Leute waren keine Beweise, und zum Denunzianten hatte er kein Zeug. Es war ja auch ziemlich gleichgültig, wie hier in Vellahn gewirtschaftet wurde, solange drüben die Hohenrömnitz als sicheres Erbe stand. Jetzt aber war es um jeden Pfennig leid, der in fremde und unrechte Taschen gewandert war ... Malte sah eines der Küchenmädchen über den verschneiten Vorgarten rennen, sein Befehl war ausgeführt. So eilig lief die Dirn, daß ihr der buntbedruckte Kattunrock um die nackten Kniee flog; nach ein paar Augenblicken war sie in dem weißlichen Gestöber zwischen den Erlen der Dammallee verschwunden. Noch ungefähr eine halbe Stunde, und er erfuhr von dem Verwalter, wie groß das Vermögen war, mit dem er ein neues Leben anfangen mußte, wenn hier die Herrlichkeit zu Ende war. Und dann konnte er noch ein paar Wochen so sitzen und durch die Fensterscheiben starren, bis auf der langen Allee die Nachricht geflogen kam, in der Hohenrömnitz ist der zur Welt gekommen, der ihn von seinem Platze verdrängte. Alles, was von außen kam auf die Vellahner Schloßinsel, mußte diesen Weg passieren. Und er entsann sich, wie er als Knabe zuweilen hinter den hohen Fenstern gestanden hatte, das Gesicht gegen die Scheiben gedrückt. Weit in der Ferne schlossen sich die beiden Baumreihen zu einem engen Tor zusammen vor dem spähenden Blick, und durch dieses Tor, hatte er immer gedacht, müßte eines Tages ein Wunder kommen ... Mechanisch griff er nach einem Stapel von Briefen und Kreuzbandsendungen, der vor ihm auf dem Tische lag. Und es fiel ihm ein, auch deswegen den Verwalter zur Rede zu stellen. Er hatte ihm von Berlin aus doch die Adresse geschrieben in Dar es Salam, von der aus ihn Briefe erreichen würden. Jetzt lagen sie hier in Haufen, und da draußen war er manchmal vor Sehnsucht nach einem Gruße aus der Heimat fast verhungert ... Wer schließlich war ja auch das egal. Den Gruß, den sie ihm jetzt geboten, hatte er ja noch zeitig genug bekommen ... Er drehte den Stapel um und fing von rückwärts zu lesen an. Rechnungen kamen, Anpreisungen von Geschäften, ein Schreiben vom Bezirkskommando zu Moltzahn: der Abschied aus dem Offizierkorps des Beurlaubtenstandes war ihm in Gnaden bewilligt. Na schön, das hatte er sich denken können ... Eine besondere Zierde dieses Beurlaubtenstandes hatte er nie gebildet; der Abschied war den Herrschaften wohl ebenso leicht gefallen wie ihm ... Wieder ein paar belanglose Briefe, ein neues Schreiben des Bezirkskommandos. Eine Anfrage, ob er im Mobilmachungsfalle bereit wäre, bei den Etappenkommandos im Rücken der operierenden Armee ein seinen Fähigkeiten entsprechendes Kommando zu übernehmen. Natürlich! Die Fähigkeit, dreißig stumpfsinnigen Dragonern mit Hurra voranzureiten, wenn's zur Attacke ging, hatte er nicht mehr. Die besaßen nur jene aufrechten Herren, die nicht nachdachten, wenn sie einen Schlag ins Gesicht bekamen, die zurückschlugen, ob ihnen nun ein Gleichaltriger gegenüberstand oder ein vor Zorn sinnlos gewordener Greis, der Vater des jungen Mädchens, um dessen Hand man warb. Der mochte dann zusehen, wie er sich seine Genugtuung holte, denn in den ungeschriebenen Gesetzen, die den sogenannten Ehrenkodex bildeten, hieß es, eine Beleidigung, die augenblicks erwidert wurde, war kompensiert. Der letzte Schlag zählte dann allein. Verrückt war das, und nutzlos, auch den übrigen Krempel noch zu lesen. Den sauber geschichteten Stapel von Jagdzeitschriften konnte man allenfalls aufheben für die langen einsamen Abende ... Unter den Kreuzbandsendungen war eine, die dieselbe Handschrift trug wie die Postkarte, die er in Dar es Salam vorgefunden hatte. Er riß den Umschlag auf, er enthielt eine Nummer des »Moltzahner Anzeigers«, eines Blättchens, das zweimal in der Woche erschien, die Bekanntmachungen der Amtshauptmannschaft brachte, einige Nachrichten aus dem Kreise und dem Städtchen und etliche Anzeigen der Geschäftsleute Daß der Kaufmann Jürgensen am Markt eine neu eingetroffene Sendung von Matjesheringen annoncierte und das Manufakturwarengeschäft von David Lilienthal in der Friedeberger Straße die letzten Novitäten der Saison, stets räumungshalber, weit unter dem Selbstkostenpreis. Unter den »Nachrichten aus Stadt und Umgebung« stand eine Notiz, die mit einem dicken Blaustiftstriche umrandet war. »Aus zuverlässiger Quelle erfahren wir, daß in dem Hause Hohenrömnitz ein freudiges Familienereignis bevorsteht. Seine Exzellenz der Herr Erblandmarschall hat aus diesem Anlasse geruht, dem hiesigen Armenamte die Summe von tausend Mark zu überweisen. Hoffen wir mit dem großherzigen Spender, daß sich ihm alle Hoffnungen erfüllen, die er an das Eintreten dieses Ereignisses knüpft. Seit zweihundert Jahren hat sich das Hohenrömnitzer Majorat immer vom Vater auf den Sohn vererbt. Weite Kreise der Bevölkerung wünschen von Herzen, daß unsrem verehrten Herrn Erblandmarschall am Abend seines segensreichen Wirkens beschieden sein möge, diese Freude zu erleben. Der bisherige Anwärter des Majorats, Graf Malte Römnitz, dessen Name vor zwei Jahren viel genannt wurde, ist von seiner afrikanischen Expedition noch immer nicht zurückgekehrt. Nach Erkundigungen, die wir an maßgebender Stelle eingezogen haben, darf er für verschollen gelten.« Malte knitterte das Blatt in der Hand zusammen und hieb es ingrimmig auf den Tisch. Fehlte nur noch, daß ihm das Blättchen einen gefühlvollen Nachruf gewidmet hätte mit sanftem Tadel seiner Verfehlungen gegen die Standessitte! Gott sei Dank, er lebte noch, war wieder zurückgekommen. Aber wie hatte gestern abend eine zu ihm gesagt? »Du hast doch Freunde, die zu dir stehen« ... War das vielleicht auch ein Freund, der in hämischem Bemühen dafür sorgte, daß dieser Zeitungsartikel ihm ja nicht verloren ging? Zum Teufel mit der ganzen Gesellschaft! ... Er griff mit beiden Händen zu in jählings aussteigendem Zorn, schleuderte Briefe und Zeitungen in den offenen Bogen des Kamins. Was brauchte er das übrige Zeug noch zu lesen? ... Ein schmales hellblaues Kuvert war zu Boden gefallen. Er hob es auf, um es den andern in die gierig auflodernden Flammen nachzuwerfen, doch mitten in der Bewegung hielt er inne. Der Umschlag trug eine Handschrift, die er nur zu gut kannte: »Seiner Hochgeboren Herrn Grafen Malte Römnitz, Schloß Vellahn bei Hohenrömnitz. Bitte nachsenden!« Nach dem Poststempel zu schließen, hatte der Brief ungefähr anderthalb Jahre auf ihn gewartet ... Es waren nur ein paar Zellen ... »Lieber Malte, ich habe lange gezaudert, ob ich Dir schreiben soll. Aber ich bin ganz frei, habe nach niemandem zu fragen. Ein ganz ungewohntes Gefühl ist das. Und da soll es doch mein erstes sein, Dir in die Ferne einen Gruß zu senden. Gott behüte und schütze Dich in allen Gefahren, darum bete ich jeden Morgen und Abend. Vergiß mich nicht, wie Dich nicht vergessen wird Deine Gertrud« ... Er ließ sich mit einem Aufstöhnen in den Stuhl zurückfallen und deckte die Hand über die Augen. Wenn er diesen Brief bekommen hätte zur Zeit, als er geschrieben war! ... Da wäre vieles zu ändern gewesen – – ? Ganz ohne Sinn und Verstand war er mit einer Gesellschaft, die ihn nichts anging, in der Wildnis umhergezogen. Zu Hause wartete indessen eine auf ihn, die er längst verloren glaubte ... Die ganze Expedition war nichts weiter als ein groß angelegter Schwindel gewesen. Dreißig Tagereisen hinter der Küste ungefähr wurde der kaufmännische Leiter plötzlich schwer krank, ließ sich zurücktransportieren. Die vier Herrenjäger mit dem verdrehten kleinen Maler, der sich der Expedition angeschlossen hatte, zogen nach langer Beratung weiter. Die Route war ja vorgezeichnet, und sie mochten ihr Geld nicht unnütz verlieren. Unermeßliche Reichtümer warteten in der Ferne, wenn man nur die Urwälder am Mittellaufe des Kongo erreichte. Da hing der Kautschuk, der in Europa fast mit Gold aufgewogen wurde, in dicken Klumpen an den Bäumen, man ließ ihn durch die zahlreichen Eingeborenen sammeln, nach dem Fluß schaffen und das Geschäft war fertig. Außer ihm und dem kleinen Maler waren noch drei Narren vorhanden, die ihr letztes Geld an dieses Märchen gesetzt hatten. Wie sich in den Gesprächen am Lagerfeuer in den langen Nächten allmählich herausstellte, auch Leute, die in der Heimat nichts mehr zu suchen hatten. Verlorene Söhne, denen das Elternhaus keine Wiederkehr wünschte ... Drei davon waren unterwegs geblieben, an dem Sumpffieber, das den Menschen bis auf die Knochen ausmergelte ... bei ihm und dem kleinen Maler hatten die Kräfte noch gereicht bis Tabora. Und dort hatte er eine unvermutete Hilfe gefunden ... Aber besser wäre es ihm gewesen, unterwegs zusammenzubrechen wie die andern drei. Ein paar Tage wurde dann immer gerastet, aber wer dran war am Sterben, beeilte sich. Er sah ja, daß die andern mit Ungeduld darauf warteten, sich weiterzuschleppen der rettenden Küste zu ... Es pochte an der Glastür, die auf den Vorgarten führte. Malte hob den Kopf: »Herein« ... Ein vierschrötiger Mann mit blondem Vollbart trat über die Schwelle, einige Kladden und Rechnungsbücher unter dem Arm. Er schüttelte die Hagelkörner von der Mütze, klappte die Hacken zusammen: »Willkommen in der Heimat, Herr Graf« ... Malte ging ihm ein paar Schritte entgegen. In der Rechten ballte er den Brief, und der Zorn packte ihn, daß er fast die Selbstbeherrschung verlor. »Herr,« schrie er den Eintretenden an, »den Willkommen hatten Sie mir gestern abend zu entbieten! Wo waren Sie da, wenn ich fragen darf?« Der Verwalter Bergemann blickte verwundert auf. »Entschuldigung, Herr Graf! Vormittags hatte ich in dringenden Geschäften zu tun in Moltzahn. Als ich heimkam, fand ich eine eilige Botschaft vor, die mich nach Hohenrömnitz rief. Seine Exzellenz hielten mich so lange auf, daß ich zu meinem Bedauern nicht mehr in der Lage war« ... Malte schnitt ihm mit einer kurzen Bewegung das Wort ab. »Bin ich hier noch der Herr oder mein Onkel?« »Sehr wohl, Herr Graf, aber es sind während Ihrer Abwesenheit doch Verhältnisse eingetreten« ... Malte hob die Hand. »Darüber werden wir uns später unterhalten. Jetzt erst mal frage ich Sie, weshalb haben Sie mir nichts nachgeschickt in den zwei Jahren? Wie ein Strolch zog ich in der Fremde herum, der keine Heimat hat, und ich hatte Ihnen doch befohlen, mir alles nachzuschicken, was irgend von Belang wäre?« ... Der vierschrötige Kerl mit dem blonden Vollbart hob die breiten Schultern. Um seine treuherzig blickenden Augen zwinkerte ein verstohlenes Lächeln. »Gott, Herr Graf, wie soll unsereins wohl entscheiden, was wichtig ist und was nicht? Da hab' ich mir eben gesagt, in der letzten Tasche findet sich alles. Wenn der Herr Graf nach Hause kommen, erfahren Sie ja doch alle Neuigkeiten« ... Malte fühlte es dunkel werden in den Augen vor Zorn, aber er riß sich gewaltsam zusammen. Hinter dem Frechen da drüben, der früher mit krummem Rücken nur zu ihm gesprochen hatte, stand sein Herr Oheim ... »Es ist gut, Herr Bergemann,« sagte er langsam, »Sie sind auf der Stelle wegen Ungehorsams entlassen.« »Was?« schrie der andre auf. »Fast vierzehn Jahre habe ich Ihnen in Treuen gedient, und das soll mein Lohn sein?« Malte steckte sich, während der vierschrötige Kerl in drohender Haltung ein paar Schritte näher trat, eine Zigarette an. »Sie irren sich, Herr Bergemann. Meinem Onkel haben Sie gedient, nicht mir. Und da ich noch für eine Weile hier der Herr bin, werden Sie bis zwölf Uhr mittags mit Sack und Pack und Kind und Kegel jenseits der Vellahner Grenzen sein. Ich dulde keinen ungetreuen Diener auf meinem Hofe.« Der Verwalter machte eine wegwerfende Handbewegung. »Gestatten, Herr Graf, daß ich gehorsamst darüber lache! Über meine Entlassung haben doch noch andre Instanzen ...« Weiter kam er nicht. Der Hühnerhund Hektor, der unter dem runden Tische lag, hatte schon von Anfang an die Unterredung mit leisem Knurren begleitet. Jetzt hatte er wohl die ausholende Armbewegung mißverstanden ... wie eine losgeschossene Kanonenkugel flog er dem blondbärtigen Kerl gegen die Brust, daß er hintenüberschlug. Das Tischtuch mit dem Teegeschirr riß er bei dem jähen Ansprung herunter, aber es kümmerte ihn nicht. Mit blitzendem Fang suchte er neben dem schützend vorgehaltenen Arm die Kehle des Feindes, wie ihn der Alte mit dem grauen Schnurrbart gelehrt hatte, als er ihn an einem ordentlich in dicke Säcke eingepackten Scharwerksjungen auf den Mann dressierte. Es gab ein fürchterliches Durcheinander, die Teller und Schüsseln kollerten über den Boden, und der Verwalter schrie hinter dem vorgehaltenen Arm: »Um Gottes willen, Herr Graf, rufen Sie den Hund zurück« ... Malte sprang zu, riß den Anstürmenden am Halsband in die Höhe: »Pfui, Hektor, kusch dich und down« ... Der Hund gehorchte, legte sich zur linken Seite seines Herrn nieder, den Kopf auf die Vorderläufe geschmiegt. Nur seine gelben Lichter blitzten, und über den weißschimmernden Fängen hoben sich drohend die roten Lefzen ... Der Verwalter erhob sich mühsam, suchte seine zu Boden gefallenen Bücher zusammen. »Ein Beest ist das! Im vorigen Sommer hab' ich gesehen, wie er dem Förster Schwarz einen Rehbock fast dreißig Schritte weit apportierte, wie einen Hase frei im Fang. Nur das Hinterteil schleppte über die Wiese« ... Malte lachte kurz auf. »Brav, Hektor, brav! ... Und Sie sehen, Herr Bergemann, es gibt hier noch einige, die zu mir halten. Aber beruhigen Sie sich, auch ohne den tüchtigen Hektor wäre ich mit Ihnen fertig geworden!« Er reckte die stählernen Arme ... »Na, wie ist's nun, wollen wir abrechnen?« »Befehl, Herr Graf« ... Der Verwalter entnahm einer Kladde einen langen Zettel. »Hier, Herr Graf, ist die Zusammenstellung. Ob sie stimmt, können Sie ja in den Büchern nachprüfen lassen. Achttausend Mark rund hat die Vellahner Gutsverwaltung als Guthaben stehen bei der Landwirtschaftlichen Bank in Waren. Sechzehn Wispel Roggen liegen noch auf dem Speicher, nicht ganz so viel Weizen, und Futter nebst Kartoffeln natürlich genug bis zur neuen Ernte. Das sind die Aktiva. Die Passiva hingegen« ... Malte hob die Hand. Unter der braunen Tropenhaut war er blaß geworden bis in die Lippen. Achttausend Mark! Das war zum Verhungern zu viel, zum Leben zu wenig. Er mußte erst einmal heftig unterschlucken, ehe er seiner Stimme die nötige Festigkeit zutraute. »Erlauben Sie mal, Herr Bergemann! Unter meinem Vater hat Vellahn durchschnittlich vierzigtausend Mark im Jahr gebracht. Nachher hat mein Onkel in Hohenrömnitz die Kontrolle gehabt, aber es wird wohl nicht viel weniger geworden sein. Das muß doch irgendwo geblieben sein, nicht wahr? Und in diesen letzten zwei Jahren habe ich doch keinen Pfennig verbraucht außer den viertausend Mark, die Sie mir auf telegraphische Order nach Genua schickten?« Der Verwalter sah von dem Zettel auf und legte die rotgebrannte Hand auf die Brust. »Wollen mich der Herr Graf vielleicht der Unterschlagung beschuldigen? Erst wird man hier von einem wütenden Hund gewürgt, und jetzt soll man womöglich als ein Betrüger und Schuft dastehen? Ah nein, Herr Graf, das werd' ich mir nicht gefallen lassen.« Malte zuckte die Achseln. »Ganz nach Belieben, Herr Bergemann. Inzwischen aber haben Sie wohl die Freundlichkeit, mir zu erklären, wo all mein Geld geblieben ist?« »Sehr wohl, Herr Graf! Aber da ist nicht viel zu erklären, steht alles in den Büchern. Bis zu Ihrer Mündigkeit habe ich mit Seiner Exzellenz dem Herrn Erblandmarschall abgerechnet. Die Unterschriften stehen zu Ihrer Verfügung. Nachher, als Sie zu befehlen hatten, habe ich Ihnen Rechnung gelegt. Hier in den Büchern sind Ihre eigenhändigen Unterschriften, daß Sie alles für gut und richtig befunden haben. Für diese letzten zwei Jahre aber müssen Sie sich an Ihren Herrn Oheim wenden. Achtundzwanzigtausend Mark haben Exzellenz befohlen, für Meliorationen und Drainage zu verwenden und sechstausend für Erneuerung des toten Inventars. Ob die Ausgaben notwendig waren, hatte ich nicht zu entscheiden. Ich hatte nur zu gehorchen.« Malte schloß einen Moment lang die Augen. Überall, wo er hingriff, traf er auf die Hand seines Onkels, die sich würgend um seine Existenz legte. Aber niemals bisher hatte es einen so offenen Angriff gegeben wie heute, daß er zurückschlagen konnte. Und das wollte er weidlich besorgen. Er atmete tief auf. »Herr Bergemann, habe ich Ihnen vor meiner Abreise den Auftrag gegeben, über die Verwaltung meines Lehngutes Vellahn vom Herrn Erblandmarschall irgendwelche Anordnungen entgegenzunehmen?« »Nein, Herr Graf.« »Habe ich Ihnen insbesondere befohlen, die mir gehörigen Einnahmen aus meinem Gute zu seiner Verfügung zu stellen?« »Nein, Herr Graf. Seine Exzellenz kamen kurz nach Ihrer Abreise zu mir herübergeritten. Vellahn wäre wieder unter Hohenrömnitzer Verwaltung. Da habe ich natürlich geglaubt, Sie hätten bei Ihrem Abschiedsbesuche drüben entsprechende Weisungen hinterlassen.« Malte lachte ingrimmig auf. »Bei dem Besuche damals war von andern Gütern die Rede. Mehr um gewisse Ideale ging es, aber sie hatten einen verdammt praktischen Hintergrund. Na denn ... ich danke Ihnen! Und es bleibt dabei. Bis zwölf Uhr mittags haben Sie den Hof verlassen.« Der Verwalter hob seine Mütze auf. »Ich bitte doch den Herrn Grafen, zu berücksichtigen ...« Sein junger Herr aber schnitt ihm mit einer kurzen Handbewegung die Rede ab. »Nein, Herr Bergemann, es bleibt dabei. Während der paar Wochen, die mir hier vielleicht noch vergönnt sind, will ich Reinlichkeit um mich haben. Und Leute, die zu mir halten. Wenn Sie Glück haben, sind Sie in kurzer Zeit wieder hier und lachen mich aus. Nur fürchte ich, der Herr Erblandmarschall kennt Sie zu gut. Wenn Vellahn erst seinem eigenen Sohne als Lehen gehört, wird er's Ihnen vielleicht nicht mehr anvertrauen.« Der Verwalter murmelte irgend etwas zwischen den Zähnen, was ungefähr so klang, »wir sprechen uns noch«, und verließ ohne Gruß die Halle. Malte aber suchte auf dem Tische nach der Glocke, bis er mit einem Male entdeckte, daß sie zwischen zerbrochenen Tellern und Tassen samt Gänsebrust und Leberwurst in einer breiten Lache Tee schwamm. Da klatschte er in die Hände: »Lentz« ... Der Alte trat über die Schwelle: »Um Gottes willen, was hat es denn hier gegeben?« Sein junger Herr lachte fröhlich auf. So leicht war ihm schon lange nicht mehr zumute gewesen. An Geld war er ein Bettler, aber er hatte doch ein Ziel vor Augen. Und eine Handhabe, dem Herrn Oheim ans Leder zu gehen ... »Scherben hat es gegeben, mein guter Alter. Ruf eins von den Küchenmädeln, sie soll den Kram zusammenfegen. Ich reit' indessen nach Hohenrömnitz mit 'nem dicken Knüppel in der Faust. Da steht auch so 'n wackeliger aller Topp ... vielleicht daß ich ihm eine gehörige Beule hauen kann« – – – – +++ Draußen auf der Freitreppe fuhr ein schnittiges Juckergespann vor mit einem geschlossenen Coupé dahinter. Ein Diener in hechtgrauer Livree, ungefähr wie ein Leibjäger gekleidet, sprang vom Bocke, fragte, ob der Herr Graf Römnitz für den Herrn Bankdirektor Steinfeld zu sprechen wäre. Malte sagte höflich: »Ich lasse bitten«, innerlich aber wünschte er den unerwarteten Besuch zu allen Teufeln. Mit dem Abenteuer von gestern abend hatte er sich abgefunden in einer langen schlaflosen Nacht ... Das mußte ein Ende haben, es hatte ihn genug gekostet ... Ohne all diese Ereignisse, die ihm die Nerven aufgepeitscht hatten, wäre manches vielleicht anders gekommen ... Wer mochte wissen, ob er an anderm Orte und unter andern Umständen der blonden Gertrud Köhnemann so schroff geantwortet hätte? ... In nachträglichem Erwägen hatte es ihn doch seltsam am Herzen gerührt, daß sie ihm während der Zeit der Trennung die Treue gewahrt hatte. Alles, was ledig war an ritterbürtigen Herren im Kreise, warb um sie, für ihn aber hatte sie ihr Magdtum aufgespart. Und da hatte er ihr in frevelhafter Verblendung eine Demütigung zugefügt, die sie nie vergessen konnte ... Einer flüchtigen Sinnesregung wegen, die kalt geworden war über Nacht ... Herr Direktor Steinfeld hatte sich umständlich aus seinem kostbaren Zobelpelze gewickelt, jetzt kam er mit ausgestreckten Händen auf Malte zu. »Mein verehrtester Herr Graf, wie soll ich Ihnen nur danken? Erst jetzt eben habe ich von der braven Förstersfrau erfahren, wie aufopfernd Sie an meiner Gattin gehandelt haben. Eine halbe Meile haben Sie die schwere Last auf den Armen getragen ... reden Sie mir nicht dazwischen, ich weiß, was sie wiegt! Ich hab' sie auch mal im Arm getragen, inzwischen hat sie noch zugenommen. Und der Doktor hat mir gesagt, ohne Ihr energisches Eingreifen hätte es sicher eine Lungenentzündung gegeben, als Komplikation zu der Gehirnerschütterung. Na und dann« ... Die Stimme ging ihm in eine höhere Tonlage über, er wischte sich mit der ringgeschmückten Hand über die Augenwinkel. Malte hob die Schultern, halb ärgerlich, halb belustigt. »Sie machen zu viel Aufhebens von einer Selbstverständlichkeit, Herr Direktor. Wenn ich auf meinem Weg einer hilflosen Scharwerksdirn begegnet wäre, ich hätte sie ebenso nach Hause getragen, zum Dorf zurück.« Herr Steinfeld legte den kahlen Kopf auf die linke Schulter und schmunzelte. Es bot sich die Gelegenheit, einen Witz zu machen, der seiner Ansicht nach gut war. »Sie sagen, Herr Graf, ich mach' Aufhebens? Sie haben aufgehoben! Und ich schätze, Sie haben schon gewußt, wen Sie da aufgehoben haben. Die einzige Tochter von Karl Sartorius, dem ersten Direktor der Bank für Handel und Industrie. Wenn sie schon geerbt hätte, hätten Sie ungefähr dreizehn Millionen zu tragen gehabt.« Malte verneigte sich spöttisch. »Herr Direktor, es interessiert mich natürlich ungemein, daß Ihre Frau Gemahlin eine so stattliche Mitgift zu erwarten hat, aber ich gebe Ihnen noch einmal die Versicherung, der Reichtum Ihres Herrn Schwiegervaters hatte auf meine Entschließungen nicht den geringsten Einfluß. Um so weniger, als ich erst in meinem Försterhause erfuhr, wem ich eigentlich den geringfügigen Dienst erwiesen hatte ... Na und wie ist's nun? Darf ich Ihnen zum Schluß noch mit 'nem Kognak und einer Zigarre aufwarten?« Herr Steinfeld klappte die Hacken zusammen: »Angenehm?« Und als die Zigarre brannte, fügte er mit einem halb wehmütigen Lächeln hinzu: »Ich habe Sie schon verstanden, Herr Graf. Gestern abend schon. Entschuldigen Sie, wenn ich ein bißchen aus mir herausgehe, trotzdem. Ich bin nicht der Protz, für den Sie mich halten. Das ist bloß eine schlechte Angewohnheit von Berlin her. Da imponiert nur das Geld. Es ist der Wertmesser für alles, alles können Sie damit kaufen. Auch den adeligen Verkehr. Aber glauben Sie nur nicht, daß wir uns darüber täuschen, was das für 'ne Sorte ist, die sich zu unsern Abfütterungen drängt und den Hausherrn hinterher anpumpt. Alles wurmstichig« ... Malte verneigte sich höflich. »Ich weiß wirklich nicht, Herr Direktor, weshalb Sie mir das alles erzählen?« Herr Steinfeld trank seinen Kognak aus. »Am Schluß werden wir schon zusammenkommen. Aber eine Frage inzwischen: kennen Sie Berlin?« »So ungefähr wie wir alle hier. Was um die Friedrichstraße herumliegt, außerdem den Unionklub und das Kasino am Pariser Platz. Zu weiteren Entdeckungsfahrten haben wir meistens keine Zeit.« »Na sehen Sie?« Herr Steinfeld steckte sich die ausgegangene Zigarre wieder an. »Da haben Sie von dem wirklichen Berlin keine Ahnung. Das bedeckt ungefähr zwei Quadratmeilen mit seinen Ausläufern, sein Herz aber sitzt in einem verräucherten Haus, von der einen Seite die Burgstraße, von der andern die Spree. Da wird das Schicksal gemacht für alle. Nicht nur für die paar hundert Jobber, die da um die Schranken drängen und schreien, um einen kärglichen Gewinn für den Tag herauszuschlagen. Das sind nur unumgängliche Begleiterscheinungen. In Wirklichkeit prallen da ganze Ströme aufeinander, die zusammenstoßen und einen Ausgleich suchen, man steht mittendrin an sogenannter leitender Stelle und muß scharf aufpassen, daß man in dem Strudel nicht weggespült wird. Das reißt an den Nerven, und man muß eine Ablenkung haben, um frisch zu bleiben und widerstandsfähig. Man baut sich eine Villa im Grunewald, freut sich ein Jahr lang daran, im nächsten Jahr spektakelt die Elektrische einem am Vorgarten vorüber. Man pachtet ein Schloß mit einer Jagd, aber die Jagd steht nur auf dem Papier, und das Schloß bietet die einzige Zerstreuung, daß man durch viele Zimmer wandern kann, bei gutem Wetter auch durch den Park. Sie werden mir zugeben, Herr Graf, das ist nur ein sehr mäßiges Vergnügen, nicht wahr?« Malte nickte bestätigend. Er hatte achtungsvoll den volkswirtschaftlichen Auseinandersetzungen zugehört, ohne groß verstanden zu haben. Immerhin war ihm soviel klar geworden, daß Herr Steinfeld mit seiner Pachtung nicht recht zufrieden war. Darüber hatte er sich ja schon gestern abend verbreitet. Da sagte er also: »Herr Direktor, nach allem, was ich von Ihnen höre, scheinen Sie ein wohlhabender Mann zu sein. Lassen Sie hier die Alten-Krakower Jagd laufen und pachten Sie sich eine neue. Aus langjähriger Erfahrung kann ich Ihnen die Versicherung geben, sie taugt nichts. Mein Gatter schneidet ihr den Wildwechsel ab.« Herr Steinfeld kniff die Augen ein. »Sind Sie verheiratet, Herr Graf?« ... Und als Malte, ein wenig verwundert, verneinte, fuhr er fort: »Na sehen Sie, das hab' ich mir gleich gedacht, sonst würden Sie nicht so reden. Wenn Ihre Frau, und sie wäre nämlich die einzige Tochter von Karl Sartorius – also, wenn die behaupten würde, nur die Mecklenburger Luft hier täte ihren Nerven wohl, würden Sie da vielleicht wo anders pachten?« ... Malte schüttelte den Kopf. Zum Widerspruch fehlte ihm jeder Grund. Nur eine häßliche Äußerung fiel ihm wieder ein, die er am vergangenen Abend zornig zurückgewiesen hatte. Diese Vorliebe für den Aufenthalt in Mecklenburg erklärte sich anders. Weil in Friedeberg die Dragoner standen und unter ihnen der Panschenhagener Nachgeborene, der Kurt Bredow ... aber auch egal. Was gingen ihn hier all die Menschen an – in ein paar Wochen war er ein Landfremder, der mit schmalem Beutel in die weite Welt zog ... Herr Steinfeld hatte die Kopfbewegung seines Gegenüber als eine Zustimmung aufgefaßt. »Sehen Sie, Herr Graf, Sie würden auch versuchen, von so einer Pachtung loszukommen. Die Frau Baronin Perkwald hat mir ebenfalls vor ihrer Abreise heute früh versichert, sie will auf ihren Vormund in diesem Sinne einwirken ... Nämlich, sie fand bei unsrer Rückkehr eine Depesche vor, die sie plötzlich nach Wiesbaden zurückrief« ... Malte nickte bloß. Die Depesche glaubte er zu kennen, sie war natürlich nur ein Vorwand. Es gab ihm einen Stich im Herzen. Aber das war nun vorbei ... Sie ging ihm aus dem Wege. Daß sie sich noch einmal wiedersahen nach der Auseinandersetzung von gestern abend, war ausgeschlossen. Und recht so. Einmal mußte doch Schluß gemacht werden mit der Vergangenheit. Herr Steinfeld fuhr fort zu sprechen. »Ich habe meiner Frau natürlich sofort mitgeteilt, daß die Frau Baronin Perkwald uns in dieser Hinsicht entgegenkommen will, aber – was glauben Sie wohl, Herr Graf – sie will nicht fort. Jetzt noch weniger als früher. Ein ›Vergnügen‹ ist das, unter uns gesagt! Aber ich als geduldiger Ehemann muß gehorchen. Mein Schwiegervater nämlich, der Geheime Kommerzienrat Sartorius, ist auch sozusagen mein Vorgesetzter, und er liebt sein einziges Kind wie seinen Augapfel. Also, wie gesagt, da ist nichts zu machen! ... Aber da ich als alter schlesischer Oberförsterssohn von dieser mecklenburgischen Villeggiatur wenigstens mein bißchen Jagdvergnügen haben möchte ...« Malte blickte ein wenig verwundert auf. »Entschuldigen Sie: ›Schlesischer Oberförsterssohn‹? ... Ich hatte geglaubt« ... Herr Steinfeld lachte vergnügt. »Kann's mir ungefähr denken, was, aber das war ein Irrtum. Ich bin nach dem Abiturientenexamen mit siebzehn Jahren in Berlin Banklehrling geworden ... da nimmt man sich das an im Lauf der Zeit. Mit meinen Berufsgenossen an der Börse rede ich – na sagen wir mal – noch prägnanter! ... Aber wie ist's nun mit uns beiden, Herr Graf? Sie sprachen da vorhin von Ihrem Gatter. Ich habe mich erkundigt ... wenn Sie es abreißen, kann ich in Alten-Krakow eine ganz gute Jagd haben. Ich würde sie natürlich absolut weidmännisch und pfleglich behandeln – auf mein Wort! Und für das Umlegen des Gatters will ich zehntausend Mark bezahlen. Ich denke, das ist ein Angebot, dem Sie näher treten könnten?!« Malte stand auf. »Ich bedaure, Ihnen nicht dienen zu können, Herr Direktor.« »Na, na,« meinte Herr Steinfeld begütigend, »ich lasse doch mit mir reden! Die zehntausend Mark waren natürlich nicht mein letztes Wort. Namentlich, wo wir uns gestern doch auch persönlich näher getreten sind« ... Malte verneigte sich ein wenig spöttisch. »Sehr liebenswürdig von Ihnen, mir auf diese Weise Ihre Dankbarkeit auszudrücken, Herr Direktor, aber wir haben uns in dieser Angelegenheit nicht ganz verstanden. Es würde Ihnen wenig helfen, wenn ich die zehntausend Mark einstecke und das Gatter umlege. In vier Wochen vielleicht habe ich hier nichts mehr zu sagen, und das Gatter wird wieder aufgerichtet.« »Erlauben Sie mal«, gab der andre ganz verwundert zurück, »und das müssen Sie mir ein bißchen näher erklären!« ... Malte aber schüttelte zornig den Kopf. Es wuchs ihm nachgerade schon zum Halse heraus. Seit er in der Heimat war, erinnerte ihn jeder Augenblick, jedes Wort, das gesprochen wurde, daran, daß er hier nur wie ein Vogel auf dem Dache saß ... Schließlich brauchte er sich doch nicht vor jedem hergelaufenen Kerl bis aufs Hemd auszuziehen mit all seinen Sorgen und Nöten ... Und seine Antwort fiel schroffer aus, als es sonst seine Art war ... »Das werde ich mir lieber schenken! Ich müßte Ihnen sonst so einen ähnlichen Sermon halten, wie Sie mir über Ihre Börsengeschichten. Das ist nun mal so bei uns in Mecklenburg. Wer näher dran ist an dem bißchen Erde, hat recht. Der andre mag zusehen, wo er bleibt ... Deswegen aber kann ich mit Ihnen jetzt nicht verhandeln. Sollte Ihre Frau Gemahlin auch später noch für den hiesigen Landaufenthalt schwärmen, stehe ich vielleicht zu Ihrer Verfügung. Im andern Falle müßten Sie sich nach Hohenrömnitz wenden! ... Na, wie ist's nun? Darf ich Ihnen noch mit einem Kognak aufwarten?« ... Herr Steinfeld nickte lächelnd. »Ich bin fast schon draußen, Herr Graf! ... Und von diesen Verhältnissen habe ich gehört. Sie passen wirklich nicht mehr in unsre Zeit ... ich möchte sagen, wie hier Ihr ganzes Land. Sie sind auch so ein altmodischer Mensch. Mit dem Geschäft um das Gatter hätten Sie mich ganz glatt hereinlegen können ... ich hatte ja keine Ahnung, daß von Ihnen getroffene Abschlüsse für Ihre Nachfolger nicht rechtsverbindlich sein könnten« ... »Herr Steinfeld?!« ... Malte brauste auf und hob unwillkürlich die Hand. Der andre aber zog gleichmütig seinen kostbaren Zobelpelz an, den er vorhin über eine Stuhllehne geworfen hatte. »Na was denn, Herr Graf? Wollte ich Sie vielleicht beleidigen? ... Im Gegenteil, Ihnen ein Kompliment machen! So eine übertriebene Ehrlichkeit findet man auch nur noch in Mecklenburg. Bis fünfzehntausend Mark wäre ich gegangen, hatte ich mir vorgenommen. Tadellos ist das, wie Sie an mir gehandelt haben ... ich danke Ihnen herzlich!« Er machte eine korrekte Verbeugung und ging zur Tür. Mit der Klinke in der Hand aber wandte er sich noch einmal um: »Würden Sie mir jetzt noch einen sehr großen Gefallen tun, Herr Graf?« »Wenn ich kann – mit Vergnügen!« »Nun denn« ... Herr Steinfeld stockte erst ein wenig ... »meiner Frau einen Besuch machen. Sie brennt darauf, ihren Lebensretter kennen zu lernen ...« Malte war ihm ein paar Schritte zur Tür gefolgt. »Geht's Ihrer Frau Gemahlin denn schon ein wenig besser?« »Bloß besser? ... Wer sie gestern abend gesehen hat, würde es kaum glauben: als ich heute morgen ankam, wollte sie mit Gewalt schon aufstehen! ... ›Liselotte, sagte ich zu ihr, du bist wie 'ne Katze. Du kannst vom Dach fallen, und es schadet dir nichts!‹« ... Herr Steinfeld nahm den blanken Zylinderhut in die Linke, strich sich mit der Rechten über den kahlen Kopf ... »Der Doktor hat ihr natürlich diesen Übermut gelegt. Wer ich muß nun in dringenden Geschäften nach Berlin zurück – unter uns gesagt ... es handelt sich um einen Millionenabschluß! Und ich hab' die ganzen einleitenden Verhandlungen geführt. Es ruft die eiserne Pflicht, alle andern Rücksichten müssen schweigen! ... Ja, und da wäre es mir doch eine rechte Beruhigung, meine Frau hier unter guten und zuverlässigen Menschen zu wissen« ... Er streckte die Hand aus, eine kurze Hand mit rötlichen Haaren auf den Fingerrücken ... Malte sah ihn an, in den wasserblauen Augen da drüben stand ein seltsamer Ausdruck. Fast wie in den Augen eines verprügelten Hundes, der scheu emporblickte: du bist ein anständiger Kerl, nicht wahr, du wirst nichts Unrechtes tun? ... Ekelhaft war das ... Und unwillkürlich mußte er an den Friedeberger Dragoner denken, von dem ihm gestern eine andre erzählt hatte ... Er verneigte sich mit zusammengeklappten Hacken, die ausgestreckte Hand übersah er geflissentlich. »Ich werde mir natürlich gestatten, Ihrer Frau Gemahlin meine untertänigste Aufwartung zu machen. Im übrigen dürfen Sie ganz beruhigt sein. Die Frau meines Försters ist recht zuverlässig. Ich darf mich wohl dafür verbürgen, daß es der Patientin an sorgfältiger Pflege nicht fehlen wird.« ... Herr Steinfeld zögerte immer noch mit dem Abschied. »Das ist es nicht allein, Herr Graf. Der Doktor hat mir vorhin erklärt, vor acht Tagen wäre nicht daran zu denken, meine Frau nach Alten-Krakow zu transportieren. Und ich weiß nicht, wann mich die Berliner Geschäfte loslassen ... Wäre es da sehr unbescheiden, wenn ich Sie bitten würde, meiner Frau ab und zu ein bißchen Gesellschaft zu leisten? Sie kommt mir sonst um vor Langewelle bei ihrem nervösen Temperament« ... Er fuhr sich wieder mit der Hand über den Kopf, in seinen Augen stand derselbe halb scheue, halb bittende Ausdruck geschrieben ... Malte zuckte die Achseln. »Das kann ich leider nicht versprechen. Ich weiß selbst noch nicht, ob ich in den nächsten Tagen nicht wieder verreisen muß« ... »Nun ... jedenfalls ... herzlichsten Dank, Herr Graf« ... »Keine Ursache, Herr Direktor« ... Das schnittige Juckergespann mit dem geschlossenen Coupé fuhr davon, die Dammallee entlang, die von der Schloßinsel zum festen Lande führte. Draußen war aus den rieselnden Hagelschauern ein dickes Schneegestöber geworden, wie mitten im Winter. Die dichten Flocken tanzten im Winde, daß man keine drei Schritte weit sehen konnte; über den grünenden Rasen des Vorplatzes, die Krokusse auf den runden Beeten, legte sich eine weiße Decke. Malte trat in die Halle zurück, griff sich mit zwei Fingern zwischen Hals und Kragen. Ekelhaft war das alles ... Dieser Mann, der aller Würde bar schien, wenn es um die Millionen seiner Gattin ging ... wie ein plumper Tanzbär, der widerwillig die Füße zum Tanzen hob ... Wenn er gekonnt hätte, hätte er vielleicht dreingeschlagen! Aber da war der Ring durch die Nase mit einer schweren Kette daran ... eine leichte Frauenhand brauchte nur daran zu zupfen, und er mußte sich fügen – – – Natürlich dachte er nicht daran, der kleinen blonden Frau in seinem Försterhause einen Besuch zu machen. Die Nacht, in der er grübelnd dagelegen hatte, von den heißen Gedanken von einer Seite auf die andre geschmissen, war zu lang gewesen. Das mußte ein Ende haben! In diesen letzten Stunden hatte er mehr gedacht als andre in einem ganzen Leben. Es ging in seinen Kopf nicht mehr hinein. Und noch ein andres war dabei ... etwas von den Gewissensbissen, die er damals auf dem Schiffe empfunden hatte, als ihn die törichte Leidenschaft für die brünette Engländerin erfaßte. Das war natürlich Unsinn ... nach dem Abschied gestern abend war er ja noch freier als damals. Angst war es, sich in ein neues Abenteuer zu stürzen, denn aus dem langen Gang, bei dem er geglaubt hatte, er trüge ein kleines Heiligenbild, und aus den eifersüchtigen Worten der andern war ihm ein seltsam aufreizendes Gefühl zurückgeblieben. Mal nachzusehen, was sich hinter den geschlossenen Augenlidern mit den langen dunkeln Wimpern wohl bergen mochte ... eine Madonna oder ein kleines Laster ... Er schlug mit der flachen Hand auf die wieder mitten auf dem Tische stehende Glocke: »Lentz?!« Der Alte kam aus dem Nebenzimmer. »Herr Graf?« »Schick nach dem Hof hinüber, der Fuhbel soll mir den Wotan satteln. Ich will nach Hohenrömnitz reiten!« »Zu Befehl, Herr Graf« ... Malte stieg die Treppe empor, die zu seinem Ankleidezimmer führte. Es gehörte sich wohl, daß man zu der entscheidenden Unterredung einen anständigen Rock anzog. Und er legte sich zurecht, wie er die Feindseligkeiten mit dem Herrn Erblandmarschall am besten wohl eröffnete. Ob er ihm gleich an den Hals fuhr, oder ob es geratener wäre, sich zunächst einmal aufzubauen als wieder auf dem Platze befindlich und dem andern das erste Wort zu überlassen ... Mitten darin aber fiel ihm ein, weshalb wohl die Gertrud Köhnemann – sie »Frau Baronin Perkwald« zu titulieren, brachte er nicht fertig – diesem Berliner Bankdirektor ein so plötzliches Entgegenkommen gezeigt haben mochte? Sie wollte ihren ganzen Einfluß aufbieten, daß ihr Vormund in eine Lösung des lästigen Pachtvertrages willigte? ... Dafür gab es eigentlich doch nur eine Erklärung: sie wollte die andre mit möglichster Beschleunigung aus seiner Nähe entfernen! ... Aber wiederum, wenn man sich's recht überlegte, war auch das Unsinn, sonst hätte sie selbst doch nicht so plötzlich das Feld geräumt?! ... Aber, Schluß, aus: sie sollten ihn doch in Frieden lassen, die kleinen Frauenzimmer – er hatte jetzt andres zu denken! Und plötzlich lachte er fröhlich auf: das war in aller Wirrsal der einzige vernünftige Ausweg ... Man raffte hier alle erreichbaren Gelder zusammen und fuhr nach Berlin! Vorhin hatte er's ganz gedankenlos und als einen leeren Vorwand ausgesprochen, jetzt aber war es die einzige vernünftige Lösung. Da schlug man alles tot, was man noch an Geld besaß, jagte von einem Vergnügen ins andre, brauchte nicht zu denken, und eines Tages, mitten in Rausch und Dusel und Stumpfsinn kam die Entscheidung, so oder so ... nach oben oder nach unten ... Ein Nichts war man, das still im Dunkeln verschwand, oder ein hochgeehrter Ehrenmops ... Erblandmarschall des Großherzogtums Mecklenburg, Herr auf Hohenrömnitz, vor dem die Ritterbürtigen im Kreise den Rücken bogen, trotzdem sie ihn noch kurz zuvor wie einen Aussätzigen behandelt hatten – – – +++ Das Wetter war plötzlich wieder umgeschlagen, nur ein ohnmächtiges Rückzugsgefecht war es gewesen, das der abziehende Winter dem siegreichen Frühling lieferte, über der verschneiten Flur lachte die strahlende Sonne, der grimmige Nordwind hatte eins über den Kopf gekriegt, das ihm das Blasen verleidete, und von allen Ästen tropfte es. Aprilschnee hat keinen langen Bestand ... Malte ritt in einer Art fröhlicher Entschlossenheit die Dammallee entlang. Überall unter der weißen Decke sah schon wieder der feuchtglänzende Boden hervor ... Vom See her riefen die Taucher »ork ... ork ...« eine schwarzgraue Nebelkrähe, die sich in den letzten Wipfel einer Erle geschwungen hatte, lockte mit dem mißtönenden Balzlaut ihrer Sippe den Gefährten: »kam ut – kam ut« ... Komisch war es eigentlich, daß diese struppigen Buschklepper auch einen Liebesruf hatten ... Alles regte sich von neuem Leben ringsum, kaum daß das Unwetter vorüber war, und da sollte er allein den Kopf hängen lassen in Trübsal und Hoffnungslosigkeit? Noch war es ja nicht so weit, daß er hier den Platz räumen mußte, und wenn er sich's recht besah, hatte er sich doch gar zu sehr niederdrücken lassen, seit er wieder auf heimatlichem Boden stand ... Mußte das Glück denn immer auf die andre Seite schlagen in dem großen Würfelspiel? Einmal konnte es doch auch ihn treffen ... Und er entsann sich eines Morgens aus seiner Afrikanerzeit, wo es auch paar oder unpaar geheißen hatte, um Leben oder Sterben ... Noch fünf oder sechs reichlich gemessene Tagesmärsche war es bis Tabora, beide hatten sie sich nur mühsam erhoben, er und Peter Nägelein, der kleine Maler. Das Fieber leuchtete in ihren hohlglänzenden Augen, schüttelte sie, daß ihnen die Zähne aufeinanderschlugen vor Frost. Aber für einen reichte es nur noch in dem blechgefütterten Medizinkasten, den einer der drei letzten treugebliebenen Nigger zwischen anderm Unentbehrlichen auf dem Rücken trug. Sie hatten zu leichtsinnig gewirtschaftet mit den kostbaren weißlichen Pulvern ... Da sagte der kleine Maler: »Ehrliches Spiel, Gräflein. Paar oder unpaar ... Wer richtig rät, kommt vielleicht nach Hause. Der andre ...« Er schluckte auf und zog eine Münze aus der Tasche, eines jener kleinen englischen Dreipencestücke, das er vielleicht als eine Art von Glücksbringer im Geldbeutel trug ... »Unpaar,« sagte Malte und starrte aus fieberglänzenden Augen auf den flachen Handteller des andern, in dem die Entscheidung lag ... »1875,« sagte der kleine Maler, »Sie haben gewonnen,« und ließ sich kraftlos zur Erde gleiten. Die dünne Münze rollte irgendwohin auf den ausgedörrten Boden ... Ganz selbstverständlich war es, daß er hier liegen blieb. Sein Genosse zog weiter. Das Schicksal hatte ja für ihn entschieden, und es ging ums Leben. Da gab es kein Überlegen, jeder war sich selbst der Nächste. Es nützte ja auch nichts, wenn der andre noch eine Weile bei ihm blieb, er vertrödelte nur die kostbare Zeit ... Und er wehrte ab, als der sich über ihn beugte. »Nur keinen langen Abschied, Gräflein. Freuen Sie sich lieber ... Und wenn Sie mal durch das kleine Nest im Thüringischen kommen sollten ... Sie besinnen sich vielleicht, wir haben ja oft genug davon gesprochen ... Da in der Apotheke am Markt wohnt ein braunes Mädel. Ihre Eltern wollten es nicht leiden, aber vielleicht interessiert sie's, daß ich bis zuletzt an sie gedacht hab'« ... Und er drehte sich auf die Seite ... Malte aber stand mit zusammengebissenen Zähnen da. Bei den andern war es ihm nicht so nahegegangen, hier aber wäre er sich wie ein Hundsfott vorgekommen, wenn er sich allein weiterschleppte ... Und er sah sich das Malerchen an, eigentlich war es nur noch ein kleines Bündel Knochen mit 'nem bißchen Haut darüber ... wenn er sich mit den drei Niggern vor eine Trage spannte, schaffte er's vielleicht ... wenigstens, bis sie endlich auf die Karawanenstraße stießen, die von Tabora ins Innere führte ... Da sagte er nichts, traf die nötigen Vorbereitungen, und der keine Maler wurde aufgeladen. Er widersprach nicht, ließ es sich ruhig gefallen. Nur die Tränen stürzten ihm aus den Augen ... Und am nächsten Tage kam Hilfe. Ein englischer Gentleman überholte sie, der mit seinen zahlreichen Trägern von einer Jagdexpedition zurückkehrte. Es bedurfte keiner großen Bitten, damit er statt der beiden Weißen ein halb Dutzend Ballen von Trophäen am Wege zurückließ ... So war es gegangen damals, das Glück hatte zu ihm gestanden. Vielleicht ließ es ihn auch jetzt nicht im Stich, wo er's ebenso nötig gebrauchte ... +++ Auf dem Verwalterhofe ging alles seinen gewohnten Gang, nichts deutete darauf hin, daß Herr Bergemann sich zum Abzuge rüstete. Er griff kaum nach der Mütze, als sein junger Herr hoch zu Roß vorm Tor hielt. Und er mußte erst angerufen werden, ehe er sich zu einem kurzen Bericht bequemte. Er hätte auf telephonische Anfrage in Hohenrömnitz den Bescheid erhalten, er brauchte sich um die plötzliche Kündigung nicht zu kümmern. Seine Exzellenz der Herr Erblandmarschall würden in den nächsten Tagen persönlich herüberkommen, um den Fall zu untersuchen. Malte richtete sich im Sattel auf. »Dazu gehört noch ein andrer. Ehe der auf der Welt ist, hat mein Herr Onkel hier nichts zu untersuchen. Also ist's vielleicht schon so weit?« ... Und als der Verwalter, ein wenig erstaunt über die seltsame Frage, den Kopf schüttelte, lachte er kurz auf: »Na schön, Herr Bergemann, dann bin ich hier für ein Weilchen noch der Alleröberschte. Und es bleibt dabei. Bis zwölf Uhr mittags. Sie haben noch anderthalb Stunden Zeit, Ihren Kram zusammenzupacken« ... Der Verwalter trat einen Schritt näher. Unter seinen buschigen Augenbrauen blitzte es heimtückisch auf: »Und wenn ich nicht gehorche, Herr Graf?« ... »Dann, Herr« ... Malte setzte dem Gaul die Sporen ein, daß er in jähem Ansprunge vorwärts schoß. Der andre wollte zur Seite ausweichen, er aber griff zu mit seiner stählernen Faust. Einen kurzen Ruck nur, und er hatte den widerspenstigen Kerl mit dem roten Gesicht am Sattelknopf. Der brave Wotan verhielt auf einen Schenkeldruck auf dem Flecke. Und er beugte sich mit zornsprühenden Augen hinab: »Dann, Herr, jage ich Sie wie einen räudigen Hund von meinem Hofe! Ich rate Ihnen, warten Sie's nicht ab. Solange ich noch in Vellahn der Herr bin, geht's hier nach meinem Belieben! ... Vorwärts, Wotan« ... Der Gaul bekam die Hilfe zum Galoppansprung links, wie eine Strohpuppe schleuderte Malte den vierschrötigen Gesellen zur Seite. Im Davonreiten aber biß er sich auf die Lippen vor Ärger, daß er sich vom raschen Zorn hatte hinreißen lassen. Nun, er konnte sich nicht helfen. Im Augenblick, da der ungetreue Diener ihm widersprach, hatte er hinter dessen Gesicht ein andres gesehen. Ein glattrasiertes Predigerantlitz, in dem sich die schmalen Lippen zu höhnischem Lächeln verzogen. Da erst hatte er zugepackt in maßlosem, alle Schranken umreißendem Haß und Zorn ... Er jagte mit verhängten Zügeln die Dorfstraße entlang, am Försterhause erst merkte er, daß er einen verkehrten Weg eingeschlagen hatte, nach Alten-Krakow, statt nach Hohenrömnitz. Aber es war gut so. Da konnte er seinen treuen Weidgesellen, den Förster Schwarz, als grimmigen Wächter aufbauen im Verwalterhofe, daß sein Befehl auch ausgeführt wurde ... Die rundliche kleine Frau stand in der Haustür unter dem breit ausladenden Hirschgeweih, spähte mit vorgehaltener Hand nach der Sonne, ob das gute Wetter wohl Bestand haben würde. Er rief sie an: »Mutter Schwarzin, ist Ihr Mann zu Hause?« Sie spie erst kurz dreimal aus, ehe sie antwortete. Bei der unerwarteten Anrede hatte sie sich heftig erschrocken. »Ach du mein lieber Gott, der Herr Graf!« ... Und »nein, Herr Graf«, fügte sie hinzu, »aber er muß jeden Augenblick wieder zurückkommen. Er ist nur auf 'nen Sprung in den Holzschlag, weil was in seiner Kladde nicht stimmte bei der Abrechnung.« Malte ordnete etwas am Zaumzeug, beugte sich nach vorn. »Na ist gut. Wenn er wieder da ist, richten Sie ihm aus ...« Weiter kam er nicht, am Hause klang ein Fensterflügel. Ein sauberes Mädel mit der Zofenkrause über dem schwarzen Haar steckte den Kopf heraus. »Ha 'ck de Ehre mit 'n Herrn Jrafen Römnitz?« fragte sie in unverfälschtem Berliner Dialekt. »Zu dienen,« gab er zurück, und die Schwarzhaarige rief eifrig: »Det haben sich de gnä'ge Frau jleich jedacht! Se freut sich sehr, aber Herr Jraf möchten de Jüte haben, noch 'nen Momang draußen zu bleiben. Wir sind hier 'n bißken beschränkt in der kleenen juten Stube, und so früh hatten wir auf den jeehrten Besuch nich jerechnet« ... Er wollte erwidern, es hätte durchaus nicht in seiner Absicht gelegen, der Frau Direktor eine Staatsvisite zu schneiden, aber der Fensterflügel war schon wieder geschlossen. Da stieg er aus dem Sattel und band den braven Wotan mit dem Zügel an den Gartenzaun. Es ging schon in einem hin. Besser war es auch, den Auftrag dem Förster persönlich zu erteilen. Bis der zurückkam, erledigte er hier den Besuch. Schließlich war es doch 'ne Art von Pflicht, vor der man sich nicht gut drücken konnte ... Hinter dem Hause auf dem Hofraume gab es lautes Gebell. Die Hunde hatten seine Stimme erkannt, aber bei Tage lagen sie an der Kette, und die Teckelmeute war in einen engen Zwinger gesperrt. Malte trat auf den sauber geharkten Gang, der zur Haustür führte. »Na, Mutter Schwarzin – Ihrer Einquartierung scheint es ja schon ein gut Teil besser zu gehen?« Die rundliche Förstersfrau machte ein finsteres Gesicht, das zu ihrem sonst so freundlichen Wesen schlecht passen wollte. Und in ihrem Ingrimm sprach sie unwillkürlich Plattdeutsch ... »Bloß bäter? ... De lütt Fru is so gesund, as Sei un ick! Un de Düwel hett uns dat nah Vellahn dragen. Dat zwirbelt de Mannslüd man bloß so dörchennanner ... De Herr Doktor ut Moltzahn is all ganz verdreht, un mien Ohlen balzt ook schon as 'n Birkhahn! ... Tschuit ...« Zu komisch sah es aus, wie sie die drallen Arme gleich Flügeln von sich spreizte und den Ruf nachahmte. Malte aber mußte unwillkürlich auflachen. »Sind Sie eifersüchtig, Mutter Schwarzin?« ... Und ernster fügte er hinzu: »Ich versteh' Sie schon ganz gut, außer den beiden Birkhähnen meinen Sie noch einen dritten. Aber der hat leider schwere Sorgen im Kopf, der denkt nicht an so törichten Zeitvertreib« ... Die kleine Frau sah ihn von unten her an, seufzte auf und zuckte mit den Achseln. Eine ganze Geschichte lag in der kurzen Pantomime. Aber die Vordersätze schenkte sie sich, brachte nur den betrüblichen Schluß: ... »Die Frau Baronin Perkwald – vorhin hat's der Herr Direktor erzählt, wie er seiner Frau Gemahlin die Zofe brachte und die Koffer aus Alten-Krakow – ja also die Frau Baronin fährt noch heute mittag nach Wiesbaden zurück. Gestern abend, ehe der Doktor kam, sagte sie zu mir, sie würde vielleicht noch drei Wochen dableiben ... Es scheint, von gestern zu heute hat sie sich anders besonnen« ... Malte blickte zu Boden ... »Ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, Mutter Schwarzin! Und was soll ich Ihnen darauf sagen? ... Einen zerbrochenen Topf soll man nicht kitten ... wenn er aufs Feuer kommt, geht er wieder aus dem Leim. Man muß auch ehrlich sein gegeneinander ... und Totes wird nicht wieder lebendig« ... Die rundliche Förstersfrau machte eine wegwerfende Handbewegung. Der Ärger siegte über den anerzogenen Respekt ... »Ah was, Herr Graf! Weshalb schlug dem Deuwel seine Großmutter ihren Enkelsohn? Weil er – entschuldigen Sie vielmals, Herr Graf – eine Dummheit begangen hatte! ... Und das mit der Ehrlichkeit, ach du mein lieber Gott? ... Eigentlich stak mir auch ein andrer im Kopf, als ich meinen Alten heiratete. Das legt sich! Jetzt heben mich schon immer die Ängste, wenn er abends mal 'ne Stunde länger als sonst im Wald bleibt« ... Sie brach ab, eine flüchtige Röte huschte über ihre Wangen, als hätte sie schon zu viel von ihrem Allereigensten hergegeben ... Wenn es wenigstens noch was geholfen hätte! Aber der junge Herr stand schweigsam, nagte mit den weißen Zähnen an der Unterlippe. Und seine Augen hingen an der Haustür, als könnte er's gar nicht mehr erwarten, daß sie sich endlich auftun würde – – – +++ Die schwarzhaarige Zofe trat auf die Schwelle: »Die jnäd'ge Frau lassen bitten« ... Malte klappte die sporenbewehrten Hacken zusammen und zog die Weste zurecht, als wäre es ihm eine besondere Ehre. Die Frau Försterin ballte hinter ihm die Faust: o über dieses wetterwend'sche Mannsvolk! Wenn irgendwo ein paar blanke Augen lockten, da liefen sie hin, alles andre war vergessen. Aber daß es da drinnen nach dem ersten Anfang keine Fortsetzung gab, dafür wollte sie sorgen. Acht Tage, hatte der Herr Doktor gesagt, zum mindesten! Das war Unsinn ... Diese Berliner Dame hatte sich so rasch erholt, daß sie schon morgen wieder im Wagen sitzen konnte zur Rückfahrt nach Alten-Krakow. Und sie ärgerte sich, daß sie dem Herrn Grafen nicht mitgeteilt hatte, was die Apotheker-Dörthe erzählte, die alte Dorfhexe, die im Mondschein heilkräftige Kräuter suchte. Zwei hatte die gestern abend reiten sehen auf dem Krakower Weg, eine Dame in langem Kleid und einen Herrn in Uniform ... Sie sprachen laut miteinander, als stritten sie sich, aber sie hatte nicht sonderlich darauf geachtet, und die beiden ritten weiter ... Malte stand in der niedrigen Wohnstube seines Försterhauses. Die Zofe schloß hinter ihm die Tür, ein schwerer Duft wie von fremdartigen Blumen schlug ihm entgegen. Hinter dem runden Tische auf dem braunen Ripssofa saß ein blondes Persönchen in einem kleidsamen Morgengewand aus lichter Seide und Spitzen. In einem blassen Gesicht leuchteten ein paar ganz unwahrscheinlich große blaue Augen, eine schmale, von funkelnden Ringen bedeckte Hand streckte sich ihm entgegen. »Haben Sie Dank, Herr Graf! Innigsten Dank! ... Ich weiß alles, was Sie für mich getan haben. Der liebe Doktor hat's mir erklärt ... wenn ich noch eine halbe Stunde länger auf dem kühlen Erdboden gelegen hätte ... Lungenentzündung, aus ... erledigt, Liselottchen!« Malte führte die kleine Hand an die Lippen. »Das ist wohl eine Übertreibung, gnädige Frau. Die Herren Ärzte übertreiben immer ein bißchen. Damit es hinterher größer aussieht, was sie geleistet haben ... Ich bin bescheidener. Es war keine große Heldentat, Sie das kurze Endchen nach Hause zu tragen ...« Über das schmale Gesicht huschte ein Lächeln, unter roten Lippen blitzten zwei Reihen weißer Zähne. »Soll das heißen: den Dank, Dame, begehre ich nicht?« ... Malte sah in einiger Verwirrung auf, das Blut schoß ihm unter die gebräunten Wangen. In dem leichten Flirt der Großstädter war er nicht genug bewandert, um eine gleich kecke Antwort zu finden. Und er erwiderte, ein wenig schwerfällig: »Sie haben sich doch schon bedankt, gnädige Frau! Viel zu überschwenglich. Wenn Sie so wollen, bedanken Sie sich bei dem Zufall, der mich den Weg entlang führte ... Und Sie sind ja, Gott sei Dank, glimpflich davongekommen. Aber der arme Gaul« ... Sie fragte hastig: »Was ist's mit meinem Ali?« ... Da zögerte er erst ein wenig, aber sie hätte sich doch wohl nicht mit einer leeren Ausflucht begnügt ... »Der ist koppheister gegangen. Der rechte Vorderlauf gesplittert bis zum Knie – es war nichts mehr zu helfen. Wäre doch nur unnütze Quälerei gewesen ... ich hab' ihn durch meinen Förster erschießen lassen!« Sie griff mit der Hand nach dem Herzen und lehnte sich zurück mit geschlossenen Augen. Zwei dicke Tränen lösten sich unter den dunkeln Wimpern, rollten ihr langsam über die Wangen. Malte aber empfand eine Art von Freude dabei. Wer so aufrichtig fühlte, konnte doch innerlich nicht schlecht sein ... Frau Liselotte zog ein spitzenbesetztes Tüchlein, tupfte sich die Augen. »Verzeihen Sie, Herr Graf, es ist mir sehr nahegegangen. Man hat nicht allzu viel Freunde, und da tut's um jeden leid, der verloren geht« ... »Ich kann's Ihnen nachfühlen,« erwiderte er ernsthaft. »Man gewöhnt sich an so einen Kameraden!« Danach schwiegen sie beide, es gab eine lange Pause. Ihm legte sich's unter dem schwülen Dufte in dem niedrigen Zimmer wie ein eiserner Reif um die Stirn, er wußte nicht, wie er die Unterhaltung weiterführen sollte. Die kleine Frau aber hatte in ihrem leichtbeweglichen Spatzenköpfchen ein paar ungewohnte nachdenkliche Augenblicke. Ob es nicht doch besser wäre, nach Berlin zurückzukehren? ... Ein leichtsinniger Flirt war gestern abend zu Ende gegangen ... fast bangte es ihr, einen neuen anzufangen. Der da drüben schien von einem andern Schlag. Einer, dem das Blut dick in den Adern floß, der's womöglich schwer nahm, was nur ein Zeitvertreib sein sollte, um die tödlich langweiligen Stunden zu kürzen ... Aber da war etwas, was sie unwiderstehlich lockte. Der Starke da drüben hing an einer andern. An einer, die mit dem ganzen kühlen Hochmut ihrer Kaste jeden Versuch einer Annäherung zurückgewiesen hatte ... Und die wartete nur auf seine Rückkehr. Teilte einen Korb nach dem andern aus ... Der kleine Friedeberger Dragoner hatte sie ja über den ganzen Klatsch in der Umgegend unterrichtet. Eine Bewegung fiel ihr ein, die die andre an sich hatte, immer wenn sie mit ihr sprach. Immer hob sie ein wenig den Rocksaum an, wenn sie einander im Schlosse oder Parke begegneten ... Eine ganz kurze Bewegung war es nur, aber sie markierte deutlich den Abstand: ich bin eine makellose Frau, der niemand was nachsagen kann ... O wie sie sie haßte! ... Und endlich bot sich ein günstiger Zufall, all die Demütigungen heimzuzahlen. Nur mußte man den jungen Riesen da auf eine besondere Art anfassen. Schon unter dem ersten leichtfertigen Wort war er scheu geworden ... Frau Liselotte richtete sich aus der schmerzlichen Versunkenheit wieder auf, fuhr leicht mit der Hand über die Stirn. »Was ist das Leben, mein lieber Herr Graf? Eine einzige Reihe von Verlusten! Schließlich steht man ganz allein ... fragt sich, was hat das alles für einen Zweck?« Er widersprach. Im Innersten erleichtert, daß das bedrückende Schweigen ein Ende hatte. »Nun, gnädige Frau, Sie haben doch Ihren Gatten ... Ihre Eltern« ... Sie schlug die langbewimperten Augen auf, sah ihn voll an. »Ich meine die innerliche Einsamkeit. Tausend Menschen können um einen sein, man ist doch allein. Und da empfindet man eines Tages einen Ekel vor dem Getriebe ringsum. Man geht fort, sucht etwas andres. Etwas Ursprüngliches, wo nicht geheuchelt wird, nicht gelogen noch betrogen ... Meine Bekannten in Berlin wundern sich, daß ich als geborene Großstädterin mir keine andre Zerstreuung weiß, als hier durch die weiten Wälder zu streifen und mit mir allein zu sein. Auf die Frage weiß ich keine Antwort, zucke mit den Achseln. Was soll ich ihnen erklären? Daß ich hier ganz still und zufrieden bin? ... Durch einen Zufall habe ich diesen gesegneten Fleck Erde hier kennen gelernt. Ich gedenke nicht, mich so bald von ihm zu trennen« ... Malte wollte irgend etwas antworten, aber alles, was sich ihm in Gedanken formte, war banal. Da schwieg er lieber. Aber ein heiliger Zorn stieg ihm auf gegen alle, die dieser reinen Frau Schlechtes nachsagten. Und weshalb? Nur, weil sie sich absonderte und anders war als die übrigen ... Geradezu frevelhaft jedoch erschien es ihm, sie mit dem Panschenhagener Zweitgeborenen in Verbindung zu bringen. Einem widerwärtigen verlebten Burschen, der wie ein Halbaffe aussah, in eine bunte Jacke gesteckt ... Und der hätte sich weiden dürfen an all den Herrlichkeiten da drüben, an dieser holdseligen Verkörperung aller Keuschheit und Reinheit? Ein Verbrechen war es, so etwas nur zu denken! ... Frau Liselotte fing wieder an zu sprechen. Fast als hätte sie erraten, was ihn in seinem Innersten bewegte ... in ihrem feinen Stimmchen war ein bitterer Klang. »Natürlich sucht man hinter dieser Flucht in die Einsamkeit etwas andres. Aber ich lasse mich nicht anfechten. Wenn die Menschen lange genug geredet haben, hören sie von selbst auf. Unsereins hat dafür die Genugtuung, sie so recht von Herzens Grund zu verachten!« ... Malte verneigte sich zustimmend. Er entsann sich, daß er ähnliches gedacht hatte, vor jenen langen zwei Jahren, ehe ihn das Urteil der andern in die Fremde trieb ... Aber zu dieser Verachtung mußte man stark sein und ohne Makel. Nicht im Innersten immer von dem quälenden Bewußtsein geschlagen, die andern haben ja recht ... Es klopfte an der Tür, die Frau Förster steckte den Kopf herein. »Entschuldigung, Herr Graf, wenn ich störe. Mein Mann ist eben zurückgekommen. Und denn – möchte ich gehorsamst bemerken – der Herr Doktor hat mir eingeschärft, die gnädige Frau soll sich ganz ruhig verhalten. Wenn er heute nachmittag wiederkommt und findet sie schlechter ... Wer kriegt die Vorwürfe? ... Ich!« Malte war aufgestanden. Sein Besuch hatte nicht lange gedauert, aber es war ihm recht so. Seiner Höflichkeitspflicht hatte er genügt, es war Zeit, daß er die Flucht ergriff. Von der zierlichen kleinen Frau ging ein ganz unsagbarer Zauber aus ... er fühlte es deutlich: wenn er noch länger in ihrer Nähe blieb, war er ihr ohne Rettung verfallen ... Und was frommte es, sich das Herz mit einer hoffnungslosen Leidenschaft zu beschweren? ... Frau Liselotte legte, ein wenig schmollend, den mit dicken blonden Flechten beschwerten Kopf auf die Schulter. Die Bewegung stand ihr reizend. »Es ist schrecklich, wenn man so tyrannisiert wird! Aber sie hat leider recht, die liebe Frau Försterin ... Nun denn: auf Wiedersehen! Hoffentlich recht bald!« ... Sie streckte ihm über den Tisch hinweg die schmale ringgeschmückte Hand entgegen. Er verneigte sich, unterließ es aber, die Hand an die Lippen zu führen. »Jedenfalls wünsche ich herzlich auch weiter gute Besserung!« Damit hatte er nichts versprochen ... Und als er wieder auf dem sandbestreuten Gartenwege stand, atmete er auf. Der Besuch da eben mußte sein letzter gewesen sein ... Der Förster Schwarz nahm die Hacken zusammen: »Herr Graf haben befohlen?« »Ja richtig! Nehmen Sie sich ein paar handfeste Leute und sorgen Sie dafür, daß der Verwalter Bergemann sofort meinen Hof verläßt. Ich habe ihm wegen Untreue und Gehorsamsverweigerung ohne Frist gekündigt.« Über das rotgebrannte Gesicht des alten Weidmanns flog ein heller Schein. »Und das von Rechts wegen, Herr Graf! Bloß diesen Dachs hätt' man schon früher ausräuchern müssen. Ehe er so viel Speck und Feist angesetzt hatte unter seiner dicken Schwarte« ... Malte schwang sich in den Sattel, um nach Hohenrömnitz zu reiten. Als er den Gaul zur Straße wandte, glaubte er hinter den weißgestärkten Fenstervorhängen ein feines Gesichtchen zu erblicken mit dicken blonden Flechten darüber. Vielleicht war es auch nur eine Täuschung ... er wandte sich nicht um, das hier mußte ein Ende haben! Eigentlich hatte es ja noch gar nicht angefangen, aber welcher Narr rannte wohl mit sehenden Augen in eine Gefahr, nachdem er sie erkannt hatte? ... Und sollte es noch mehr solcher Nächte geben, in denen man sich ruhelos von einer Seite auf die andre warf, von Selbstvorwürfen und begehrlichen Gedanken geplagt? ... Gedanken, die zudem nutzlos waren, denn die kleine Frau in ihrer kühlen Reinheit ging ohne Anfechtungen ihren Weg ... Ein paar blaßblaue Augen sah er vor sich in einem fettigen Gesicht, die ihn, keine Stunde war es her, mit scheuer Bitte angeblickt hatten. Da nickte er nur: kannst ganz ruhig sein, es geschieht dir nichts ... +++ Die weißrote Fahne auf dem Turm der Hohenrömnitz hing schlaff an der Stange herab, kein Lüftchen regte sich, die Frühlingssonne schien warm. Den Schnee hatte sie schon längst aufgezehrt, nur ein feuchter Glanz lag noch über den grünenden Saaten und den bräunlich schimmernden Wiesen. Der Bach, dessen Quelle im Schloßbrunnen entsprang, rann geschwätzig neben dem Wege zu Tal. Gelbe Blumen blühten an seinem Rand, das Volk der Stare stelzte dazwischen, suchte emsig nach dem täglichen Brot. Der Frühling war ein gar freigebiger Herr und reich gedeckt sein Tisch ... Malte ließ seinen Gaul in Schritt fallen, es ging bergan. Und etwas von der alten Beklommenheit überkam ihn, wie früher immer, wenn ihn eine lästige Pflicht nach dem Hause des Oheims geführt hatte. Wenn er sich's recht überlegte, war die Unterredung nutzlos. Sein Schicksal ging auch ohne sie seinen vorgeschriebenen Gang, heftige Worte konnten daran nichts ändern. Und alles übrige war auch durch einen Anwalt zu besorgen. Dem mußte sich der Herr Erblandmarschall ja ebenso stellen wie ihm auf die Frage, wo die Einkünfte von Vellahn geblieben waren ... Weit hinten im Park vor der Gartenterrasse waren ein paar bunte Farbenflecke. Er sah schärfer hin ... eine ganze Gesellschaft war es, die sich dort im Sonnenschein erging. Eine Dame mit einem leuchtendroten Schal um die Schultern wurde von einem Diener im Rollstuhl gefahren, ein Herr in hellem Anzüge schritt daneben, hielt mit einem Schirm die allzu grellen Sonnenstrahlen fern. Voran gingen zwei andre Damen in bunten Frühjahrskleidern, die eine davon fett und rund, die andre schlank und hochgewachsen. Ein schwarzbärtiger kleiner Kerl daneben, der einen dicken Mops im Arme trug ... Malte lachte kurz auf: eine Idylle! Der Herr Erblandmarschall im Kreise seiner neugegründeten Familie. Und alles seliger Hoffnungen voll, wie rings die liebe Natur im Frühling ... Als wenn kein böser Frost mehr kommen konnte über Nacht, in dem manch zartes Pflänzlein welkte ... Da stieg ihm ein grimmiger Zorn empor: die andern da wandelten lachend im Sonnenschein, er aber ritt hier in finstern Sorgen und Gedanken. Mußte als ein Bettler abziehen, verhöhnt und ausgelacht, in der Hohenrömnitzer Wiege lag ein Eindringling. Schlug die Augen auf, und alles rings um ihn war sein ... Der Haß packte ihn an und schüttelte ihn, rote Flammen brannten vor seinem Gesicht ... Wenn er jetzt dem Gaul die Sporen einsetzte und über die Parkmauer flog ... Das Volk da vor der Terrasse stob auseinander, er aber richtete sich im Sattel auf: »Holla, hier bin ich! Und freut euch nur nicht zu früh« ... Aber das war natürlich Unsinn ... die Zeiten, in denen man mit gepanzerter Faust dazwischengriff und das Messer am rechten Ende packte, waren vorüber ... Der Kerl, der ihm an der säulengetragenen Freitreppe den Gaul abnahm, sah geradezu lächerlich aus in der Hohenrömnitzer Livree. Ein brauner Knirps, der den Arm recken mußte, damit er in den Zügel langte. Früher hatte hier ein blonder Schlagetot gestanden, der schweigend sein Amt übte. Der kleine Affe da aber sprudelte mit raschen Bewegungen kauderwälsche Worte. Wohin er den »Cavallo« führen sollte, war ungefähr der Sinn. Malte nahm ihn ins Genick, pflanzte ihn auf den Boden: »Hier bleibst du stehen mit dem »Cavallo«, mein Sohn, ich gedenke mich nicht lange aufzuhalten!« Das schien er zu begreifen ... Auf der Vordiele empfing ihn ein ähnlicher kleiner Kerl, nur war die Verständigung leichter. Mit der höheren Verantwortung wuchs anscheinend die Kenntnis des Deutschen. Wen er anzumelden die Ehre hätte, fragte er. Malte griff in die Tasche seines Reitrockes, von früher her steckten noch ein paar Visitenkarten darin. Nur der »Leutnant der Reserve« stimmte nicht mehr, aber das war wohl gleichgültig ... »Da, mein Sohn, aber ich hab' es ein bißchen eilig!« Der Kleine verschwand mit einer Verneigung, und wie immer dauerte es eine endlose Weile, bis der Bescheid zurückkam. Diesmal aber lautete er ein wenig unerwartet. Seine Exzellenz bedauerten sehr. Wann sie zu sprechen wären, würden sie dem Herrn schriftlich mitteilen. Malte lachte ingrimmig auf. »Ah nee, min Jung, dat göfft' hier nicht! De Moden wölln wi nich inföhren!« Er schob den Kleinen mit einer Handbewegung zur Seite, ging durch die Halbdunkeln Prunkgemächer, den langen Korridor entlang, in dem die eisernen Rüstungen standen unter den zahllosen Hirschgeweihen an der Wand. Mitten auf dem Wege begegnete ihm der alte Kammerdiener Paalzow, das letzte Überbleibsel aus früherer Zeit. Erhob die zittrigen Hände ... »Um Gottes willen, Herr Graf, da draußen hat es eine Ohnmacht gegeben. Ihre Exzellenz die Frau Erblandmarschall haben sich über die plötzliche Meldung so erschrocken, und da sind Seine Exzellenz natürlich um sie bemüht« ... Malte legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ach nee, Paalzow, sprechen Sie noch Deutsch? Ich wundere mich zu Tode! Na denn grüßen Sie meinen Onkel recht schön, wenn die Ohnmacht meiner neuen Frau Tante vorüber wäre, möchte er sich in sein Schreibzimmer bemühen. Da warte ich auf ihn. Sonst bin ich gegen Damen rücksichtsvoll, aber diesmal ermangle ich des Zartgefühls. Meine Angelegenheiten sind wichtiger!« Der Alte knickte zusammen, hob die Augen gen Himmel, als wenn er mancherlei auf dem Herzen hätte. Dann aber nickte er, ging langsam zur Gartenterrasse zurück. Malte trat in das eichengetäfelte Zimmer, in dem die alten Römnitze hingen, die sich im Laufe der Jahrhunderte durch irgendeine Großtat aus der Menge der übrigen gehoben hatten. Und eine seltsame Laune trieb ihn, sich unter das Bildnis seines ersten Vorfahren zu stellen, an den Platz, auf dem sonst immer der andre stand, wenn es sich um wichtige Entscheidungen handelte. Der guten Vorbedeutung halber ... Wohl eine halbe Stunde war vergangen, bis sich endlich die Tür auftat. Der Erblandmarschall trat über die Schwelle. Und Malte mußte bei allem bangen Ernst fast auflachen, so hatte der alte Herr sich verändert. Die langen grauen Predigerlocken waren gefallen, das Haar starrte in kurzen Borsten um den eckigen Kopf, wie bei einem Kavallerieleutnant, der sich mit dem Handtuch kämmte, und – wahrhaftig – einen kohlrabenschwarzen Schnurrbart hatte sich der Herr Onkel wachsen lassen! Das Lächerlichste aber war der modische helle Anzug mit einer Blume im Knopfloche ... na ja, wenn man mit siebzig Jahren noch eine junge Frau genommen hatte ... Der Erblandmarschall runzelte die Stirn. »Mein Anblick scheint deine Lachlust herauszufordern?« Malte verneigte sich knapp. »Ich habe keinen Grund, aus Höflichkeit zu lügen. In meinem Gedächtnis stehst du wie ein alter Konsistorialrat, und da fand ich es komisch, daß du dich so verändert hast. Aber wir wollen uns nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten. Ich bin gekommen, um ein paar kurze Fragen an dich zu richten, zu denen ich nach Gesetz und Recht befugt bin.« Der Erblandmarschall neigte den kurzgeschorenen Kopf. »Ich bin zu deiner Verfügung. Aber möchtest du nicht lieber?« ... Und er machte eine einladende Handbewegung nach einem der breiten Ledersessel in der Mitte des Zimmers. »Danke verbindlichst«, sagte Malte mit einem Lächeln, »ich stehe hier recht gut. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal im Leben Gelegenheit haben werde, unter den Augen meines ersten Ahnherrn um mein Recht zu fechten ... Also erstens einmal: du hast nach dem Tode deiner ersten Frau wieder geheiratet, Onkel Christoph. Dazu bedurftest du keines Menschen Zustimmung. Ich aber habe das Recht zu der Frage, ob diese Ehe unserm Hausgesetze entspricht. In Ansehung der Deszendenz nämlich, die du etwa zu erwarten hättest« ... Der hagere alte Herr richtete sich auf, schob zwei Finger der Rechten in die diskret gemusterte Seidenweste. »Meine Frau ist eine geborene Komtesse Roccabruna. Ihr Adel ist so alt und rein wie der meinige. Die Dokumente darüber kannst du einsehen, sie liegen im Hausarchiv.« »Sehr wohl, Onkel Christoph, ich werde sie durch meinen Rechtsbeistand sorgfältig prüfen lassen. Aber da ist noch etwas andres dabei, was mir soeben erst eingefallen ist. Den Wortlaut des alten Pergamentes, das in der Hohenrömnitz die Erbfolge regelt, habe ich nicht genau mehr im Kopfe, ich habe in den Papieren meines Vaters nur mal eine Abschrift gelesen. Aber ich entsinne mich dunkel, da ist des öfteren das Wort »mecklenbörgisch« vorgekommen. Ich vermute, vielleicht nicht mit Unrecht, es bezieht sich darauf, daß auch die Ehefrau des Hohenrömnitzer Herrn aus hiesigem, angesessenem Adel stammen soll.« Der Erblandmarschall machte eine rasche Bewegung, die mit seinem sonst so gemessenen Wesen in merkwürdigem Widerspruche stand. »Das ist ein Irrtum. Davon ist in der Urkunde nicht die Rede. Wenn du willst, kannst du dich im Archiv sofort davon überzeugen« ... Malte schüttelte den Kopf. »Ich danke. Zu Hause habe ich ja eine Abschrift. Ich werde ihren Wortlaut ebenfalls durch meinen Rechtsbeistand prüfen lassen. Und nun zu einer andern Abrechnung.« Der ältere Graf Römnitz hob die gepflegte Hand. »Einen Augenblick noch! Du gebrauchst hier immer das Wort »Rechtsbeistand«. Soll das heißen, daß du mit mir einen Prozeß anzufangen gedenkst?« Der Jüngere zuckte mit den Achseln. »Das wird von den Umständen abhängen. Nach allem, was ich gehört habe, wird sich's ja bald entscheiden, ob hier in dem alten Hause der künftige Erbe zur Welt kommt oder ein unbeträchtliches Komteßlein, das mich nichts angeht. In diesem Falle hätte ich natürlich keinen Grund, mich irgendwie zu strapazieren. Dann sitze ich ruhig in Vellahn und warte, bis meine Zeit kommt.« »Sonst aber würdest du dich nicht scheuen, meinen guten Namen durch die schmutzigen Gossen eines Skandalprozesses zu schleifen?« Der Erblandmarschall richtete sich zornig auf, die Erregung trieb ihm das Blut in die hagern Wangen. Malte aber sah ihm fest in die Augen. »Der Name ist auch der meinige, Onkel Christoph. Aber du selbst hast es dir zuzuschreiben, wenn ich alles, was du tust, mit Mißtrauen aufnehme. Wäre an deiner Stelle ein andrer, würde ich mich still fügen ... gut ... das Schicksal hätte gegen mich entschieden. Bei dir muß ich immer denken, du wärest imstande, dem Schicksal im entscheidenden Augenblicke nachzuhelfen, wenn es nicht so läuft, wie du willst.« In den Augen des Älteren sprühte es auf. »Das ist heller Wahnwitz. Törichte Faseleien eines unreifen, schlecht erzogenen Knaben« ... Malte trat einen Schritt näher. Je mehr der andre sich erregte, desto kühler wurde er selbst. »Onkel Christoph, es dürfte sich empfehlen, die Worte ein wenig mehr zu wägen, ehe du sie aussprichst. Einmal habe ich mich schon in schwere Ungelegenheiten gebracht, weil ich vor weißen Haaren zu viel Respekt hatte. Von diesem Fehler bin ich kuriert. Und nun sprich weiter!« ... Der Erblandmarschall machte eine wegwerfende Handbewegung, ging zum Fenster und sah in den sonnenbeschienenen Park hinaus. »Es ist genug. Schick deinen Anwalt her, er wird alle dir zustehenden Auskünfte erhalten.« Malte verneigte sich spöttisch. »Ich werde mir erlauben, ihn zu begleiten. Auch aus Mißtrauen. Aber du mußt schon entschuldigen, ich habe noch mehr auf dem Herzen ... Du sagtest eben, ich wäre schlecht erzogen. Darf ich dagegen fragen, wer seit meinem zwölften Jahre meine Erziehung geleitet hat?« Der Erblandmarschall wandte den Kopf über die Schulter. »Ich habe an dir stets meine Pflicht getan. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!« »Ah nein, Onkel Christoph!« Malte ging auf ihn zu, und der Haß übermannte ihn plötzlich, daß er hervorsprudelte, was sich in ihm angesammelt hatte in dieser Zeit. Wahres und vielleicht Falsches, Bewiesenes und etliches, was so ungeheuerlich war, daß man selbst in Gedanken davor zurückschreckte ... »Du hast mich gehaßt von meinem ersten Atemzuge an. Niemals habe ich von dir auch nur einen Hauch Liebe erfahren, ein Eindringling war ich dir immer, der nach einem Platze langte, den du für einen andern bestimmt hattest. Für einen, der dir näher stand. Aber der kam nicht. Und ich tat dir nicht den Gefallen, das Genick zu brechen. Mich kalt aus dem Weg schaffen zu lassen, fehlte dir wohl der letzte Mut ... Du wolltest mich anders verderben! Entsinnst du dich vielleicht noch eines rothaarigen kleinen Theologiekandidaten, der das linke Bein nachschleppte? ... Der hat mich – es ist noch gar nicht so lange her – darüber aufgeklärt, nach welchen Grundsätzen ich deiner Weisung nach erzogen werden sollte. Ein verbummelter Lump sollte ich werden, der in irgendein Moderloch geriet, um als ein Unwürdiger der Nachfolge verlustig zu gehen! Das heißt, so offen hast du das natürlich nicht ausgesprochen, als heiliger Mann und Vorsitzender des Konsistoriums ... Der Rothaarige aber verstand dich. Nur dauerte ich ihn, und da erzog er mich auf seine Art. Es ist mir zum Guten ausgeschlagen, ohne etliche seiner Lehren hätte ich dir schon längst den Gefallen getan, mich selbst aus dem Wege zu räumen. Jetzt aber lebe ich noch, sogar zwei Jahre Afrika habe ich überstanden und – wenn Gott mir weiter hilft – gedenke ich dir das Leben herzlich sauer zu machen!« Er hielt erschöpft inne, trat wieder auf seinen Platz zurück. Der Erblandmarschall hatte schweigend dagestanden. Jetzt wandte er sich um, stützte die langen Arme rückwärts auf das Fensterbrett. In seinen hellblauen Augen mit den dicken Wülsten darunter stand ein kalter Schein. »Bist du fertig, ja? ... Nun denn – es ist wohl das letztemal, daß wir uns sehen, da möchte ich dir auch einiges zum Abschied sagen ... In einem hast du recht, geliebt habe ich dich niemals. Ich hatte keine Veranlassung dazu. Was in mir von Liebe war, hatte eine ertötet. Durch schnöden Treubruch. Vielleicht hat dir dein Vater erzählt, daß deine Mutter meine heimlich Verlobte war. Bis er dazwischentrat ... es ist gut, es hellt sich alles aus. Vielleicht hielt mich eins nur aufrecht damals, ihm auch nicht den andern Platz noch zu räumen. Die Herrschaft hier, die er mir nicht nehmen konnte, solange ich lebte ... Ich führte ein Weib heim, meine Ehe blieb kinderlos, ihm wuchs ein Erbe heran, der meinige zugleich. Ich mußte mich fügen ... Gott hielt schwer seine Hand über mir ... Als du in meine Obhut kamst, tat ich meine Pflicht, du warst immerhin aus dem Blute meines Vaters. Die andern, die da in der Mark warten, sind Fremde, von unserm Geschlecht durch Jahrhunderte geschieden. Und zuweilen« – der alte Herr fuhr sich mit der gepflegten Hand über die Augen – »zuweilen empfand ich etwas Seltsames für dich. Etwas, das sich schwer in Worte fassen läßt ... Du warst von dem Fleisch und Blut der einen, die meine Liebe verraten hatte ... Das war immerhin ein Band ... Aber da kam der Tag, an dem du hier vor mir standst, du vermessener Knabe, und mich als ein Nichts behandeltest. Mein Andenken auslöschen wolltest, wenn du einmal in Hohenrömnitz der Herr wärest! Da habe ich mich hier in diesem Zimmer auf die Knie geworfen und geschrien: Herr, hilf! Herr, hilf, daß dieser Nichtswürdige zuschanden wird! ... Und von da an wandte sich mein Schicksal ... der Schoß meines jungen Weibes ist gesegnet, und ich vertraue dem Höchsten, der mich so weit geführt hat: er wird mir den Erben schenken aus meinem eigenen Blut. Wenn ich dereinst mich zur ewigen Ruhe begebe, nehme ich den Trost mit, hier auf der Hohenrömnitz herrscht mein Sohn!« ... Malte lachte kurz auf. »Bist du fertig, Onkel Christoph ... ja? Nun denn, laß dir sagen, was du mir eben erzählt hast, war Historie, wie sie ungefähr in unsern Volksschulen gelehrt wird. Der Erzieher, den du mir aussuchtest, hat mir den Blick dafür geschärft. Und jetzt frage ich dich: wo ist mein Vermögen geblieben unter deiner Verwaltung? Weshalb hast du mir es unterschlagen, frage ich dich? ... Und weshalb hast du dir in diesen letzten zwei Jahren das Recht angemaßt, über mein Hab und Gut zu verfügen? über das letzte bißchen, was ich jetzt brauche wie ein Stück Brot?« Der Erblandmarschall tat ein paar Schritte vorwärts, drückte auf eine Klingel, die auf dem Schreibtische stand. »Jetzt ist es genug! Einem Tollhäusler, wie sich's gehört. Ich habe keine Lust, mich in dem Hause hier, solange es noch mir gehört, schmähen und nichtswürdiger Vergehen beschuldigen zu lassen?« In den Augen des Jüngeren blitzte es unheilkündend auf. »Lieber Onkel, es könnte umgekehrt kommen. Ich glaube, ich bin stark genug, all dein welsches Gesindel da einen Stock tief durchs Fenster zu befördern. Und dich voran. Ich spüre ein seltsames Gelüsten, dich so zu beschimpfen, daß du dich mir morgen früh stellen müßtest als ein Edelmann dem andern! Der Ausgang dieser betrüblichen Affäre ... nun, ich will nicht prahlen, aber vielleicht liegt's dir daran, dich deiner lieben Familie noch ein Weilchen länger zu erhalten« ... Der Kammerdiener Paalzow erschien in der Tür: »Exzellenz befehlen?« ... Der Erblandmarschall stand da, vor Zorn und Ingrimm keines Wortes mächtig. Malte winkte lächelnd mit der Hand. »Es ist gut, Sie können wieder gehen. Mein Onkel hat nur aus Versehen die Glocke berührt!« Der Alte zog sich wieder zurück mit verwundertem Kopfschütteln, der Erblandmarschall ließ sich in den nächsten Stuhl fallen. Er krampfte die magern Hände ineinander und dämpfte mühsam seinen kochenden Zorn. »Ich hätte daran denken sollen, daß du der Sohn deines Vaters bist. Sein Blut verleugnet sich nicht, er schreckte auch nicht vor dem Letzten zurück ... Also was willst du nun von mir? Vor Wochen schon, als mir deine bevorstehende Rückkehr angekündigt wurde, machte ich mich auf irgendeine Art von Nötigung gefaßt ... Malte zuckte mit den Achseln. »Bei mir ist's verraucht, Onkel Christoph, ich will deine Worte nicht auf die Wage legen. Ich verlange nichts weiter als mein Recht. Nach dem Berichte meines soeben entlassenen Verwalters Bergemann hast du den Überschuß der letzten zwei Jahre dazu verwandt, auf meinem Gute Vellahn unnötige Verbesserungen vorzunehmen. Ich stehe wie ein Bettler da, wenn ich hier den Platz räumen muß« ... Er brach ab und sah mit schwimmenden Augen ins Leere. Der andre aber ersah behend seinen Vorteil ... »Lieber Malte,« sagte er und bemühte sich, seiner Stimme einen milden Klang zu geben, »es sind böse Worte gefallen zwischen uns ... die Erregung entschuldigt vieles, aber du selbst hast ja eben schon wieder eingelenkt. Und auf deine Fragen will ich dir Antwort geben, ich habe nichts zu verbergen, meine Hände sind rein. In der Zeit, als du noch nicht mündig warst, habe ich die Vellahner Abrechnungen dem Obervormundschaftsgericht vorgelegt, mir für jeden Pfennig die Billigung dieser Behörde eingeholt. Ebenso war es auch jetzt. Du warst fluchtähnlich davongefahren, ich bin dein Lehnsherr immer noch, es war meine Pflicht, auf dem verlassenen Gute nach dem Rechten zu sehen. Und da fand ich arge Mißstände vor. Ehe ich aber an ihre Beseitigung ging, holte ich ebenfalls ein Gutachten der zuständigen Behörde ein ... ich sah gewissermaßen eine Szene wie die hier jetzt eben voraus« ... »Du warst sehr vorsichtig, lieber Onkel,« warf Malte bitter ein. »Ah nein,« erwiderte der Erblandmarschall, »in dem Bewußtsein meiner Verantwortlichkeit tat ich nichts als meine strenge Pflicht gegen das mir anvertraute Gut. In einem aber« – er hob unwillkürlich seine Stimme – »befleißigte ich mich der Vorsicht, die du eben an mir rühmtest: beim Abschluß meiner Ehe! Da erwog ich sorgfältig auch das Letzte, weil ich Anfechtungen voraussah. Und nun kann ich dir zum Abschied nur den einen Rat geben: spar Zeit und Mühe und Geld. Meine Verwaltung des Lehnsgutes Vellahn steht ebenso unantastbar da wie die Rechtsgültigkeit meiner Ehe.« Malte warf den Kopf in den Nacken zurück. »Ich verstehe, Onkel Christoph! Wie hatte ich auch glauben können, du wärest imstande, irgendeinen unüberlegten Schritt zu tun! Besonders mit meinem Gelde hast du es dir ganz vortrefflich überlegt: wer kein Geld hat, kann keine Prozesse führen, namentlich nicht, wenn es um einen Streitgegenstand geht wie die Hohenrömnitz! Beim ersten Termin schon wären meine paar Groschen zu Ende. Also gehab dich wohl, ich reite nach Vellahn zurück. In ein paar kurzen Wochen wird sich alles entscheiden« ... Er wandte sich zur Tür, doch eine Handbewegung des andern ließ ihn innehalten. Der Erblandmarschall erhob seine hagere Gestalt aus dem breiten Ledersessel, ging ihm ein paar Schritte nach. »Einen Augenblick noch, lieber Neffe ... vielleicht hatte diese so heftige Auseinandersetzung auch ihr Gutes. Du sagtest eben, in ein paar kurzen Wochen wird sich alles entscheiden. Ich vertraue Gott dem Allmächtigen, der mich bis hierher geführt hat, er wird seine gnadenspendende Hand nicht abziehen von mir bis zuletzt. Wer seine Wege sind unerforschlich, vielleicht hat er seinem demütigen Knechte noch eine neue Prüfung aufgespart – die schwerste von allen – ... Und da möchte ich dir einen billigen Ausgleich vorschlagen.« Malte wandte sich überrascht zurück. »Du mir, Onkel Christoph?« »Jawohl, denn du dauerst mich trotz deiner Verblendung. Und hör mir gut zu, ich werde mich kurz fassen« ... Der Erblandmarschall wog jedes Wort, ehe er's aussprach ... »Die Hohenrömnitz vererbte sich bisher nur im Mannesstamme. Aber solche Bestimmungen können geändert werden mit Einwilligung aller Beteiligten. Die Herren von Römnitz im Märkischen sind mit Geld abzufinden. Dir biete ich einen andern Preis: das Lehnsgut Vellahn für dich und deine Nachkommen für alle Zeiten! Du brauchst nur zuzustimmen, daß die Hohenrömnitz sich fortan auch nach der Kunkel vererbt ... Daß ich meinen Besitz hinterlassen kann, wem ich will, auch wenn mir jetzt eine Tochter geboren wird?« ... Malte stand eine kurze Weile überlegend. Das war ein Angebot, das er nicht erwartet hatte ... Eine Sicherheit gegen jeden Wechsel des Schicksals ... Wie es auch kam, er war geborgen ... Geborgen vor aller Sorge um das bißchen Notdurft und Nahrung ... Als ein behäbiger Herr konnte er sich aufbauen auf kleinem, aber sicherem Besitz ... »Überleg nicht lange,« drängte der andre, »sonst könnte mich vielleicht wieder gereuen, was ich dir eben geboten habe, wie ... wie unter dem Drange einer höheren Eingebung, möchte ich sagen! Es ist ehrlich und christlich, gibt jedem sein Teil ... Komm, wir rufen die Zeugen herbei und beschwören es über dem Schwertknauf nach altem Brauch ... Die Urkunde kann später ausgefertigt werden« ... Malte blickte auf, zu rasch vielleicht, sonst wäre ihm der seltsam gespannte Ausdruck in den Augen des Älteren entgangen. Er trat einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. »Nein, Onkel Christoph, ich lehne ab. Weil du es mir bietest. Bei einem andern hätte ich's mir reiflich überlegt und vielleicht zugestimmt. Bei dir versehe ich mich irgend einer Heimtücke, die dahinter lauert, und lehne ab.« »Du bist zu Unrecht verbittert,« sagte der Erblandmarschall, »ich will dir die neue Kränkung nicht anrechnen und lege sie zu dem übrigen. Aber bedenke wohl, Gott der Herr sieht auf uns herab! Vielleicht streckt er in diesem Augenblicke die Hand aus nach dem Zünglein der Wage und lenkt es auf die rechte Seite« ... Malte zuckte mit den Achseln. »Onkel Christoph, du stehst dich mit ihm besser – vielleicht tut er dir den Gefallen. Vielleicht sagt er sich aber auch, ›dieser Kerl von Erblandmarschall strapaziert mich bei jedem unbeträchtlichen Quark, ich will zur Abwechslung mal dem andern helfen. Der hat mir noch nie mit seinen Sorgen die Ohren vollgequengelt!‹ ... Also unsre Chancen sind so ziemlich gleich. Ich will die meinige ruhig abwarten.« »Du willst es dir nicht noch einmal überlegen?« »Nein, lieber Onkel.« »Das ist dein letztes Wort?« »Mein letztes. Alles oder gar nichts! Dein Drängen aber bestärkt mich in dem Glauben, daß hier doch wohl alles nicht so in Ordnung ist, wie du sagtest. Nun, das wird sich ja bei näherer Prüfung herausstellen« ... Der Erblandmarschall straffte seine hagere Gestalt. »Ich biete dir eine Wohltat, nach der jeder andre in deiner Lage mit beiden Händen greifen würde – du antwortest mir mit einer Beschimpfung. Es ist genug, Gott der Herr wird zwischen uns entscheiden! Eins aber wisse« – er trat einen Schritt näher und hob die Hand wie zum Schwur – »wenn er mir beisteht, werde ich kein Mitleid kennen. Dann kannst du vor meiner Schwelle im Elend verkommen, ich werde nicht den Finger rühren, dir zu helfen!« Malte lachte kurz auf. »Gott sei Dank, lieber Onkel, jetzt sind wir uns wenigstens wieder einig! Verlaß dich drauf: wenn ich hier mal was zu sagen habe, werde ich mit der fremden Sippschaft da draußen auch nicht viel Federlesens machen!« Er wandte sich ab, schritt sporenklirrend zur Tür hinaus. Der andre aber sah ihm mit haßerfüllten Augen nach ... es gab Krieg, Geschrei in allen Gassen ... Er mußte vor strengen Richtern Rede und Antwort stehen. Nicht nur hier in der Heimat, wo sein Ansehen übermächtig war, sondern auch in der Fremde, wo er nur einer war unter vielen ... unter vielen, denen da Recht gesprochen wurde, ohne Ansehung der Person ... Und in einem hatte der Verhaßte richtig vermutet: ein einziges kurzes Wort hatte er bei allem kühlen Abwägen übersehen, als er sich entschloß, eine neue Ehe einzugehen! Ein einziges Wort nur, aber es wog so schwer, daß darum diese Ehe nicht mehr galt, als hätte er sie mit irgendeiner Scharwerksdirne geschlossen ... In der Abschrift, die ihm sein Bibliothekar nach Mailand schickte damals, hatte es nicht gestanden, als er aber nach der Heimkehr das Archiv öffnete und die alte Urkunde hervorholte, war es da. Grinste ihn höhnisch an ... Ein paar Buchstaben waren es nur in der verschnörkelten Mönchsschrift des sechzehnten Jahrhunderts auf festem Pergament ... Und da kam ein Tag ... Seine junge Gattin flüsterte ihm in vertrauter Stunde ins Ohr, daß sich unter ihrem Herzen eine frohe Hoffnung regte ... Da wurde ein Aufrechter, der sich bis dahin keines Makels zeihen durste, zum Fälscher ... aus Haß ... In Sampierdarena, einem kleinen oberitalienischen Städtchen, lebte ein gar geschickter Mann, der nicht nur alte Tizians und Tintorettos herstellte, sondern auch die dazu gehörigen Urkunden für die kauflustigen Amerikaner, die solche Schätze in weltentlegenen Dorfkirchen aufstöberten ... Der Conte Roccabruna hatte von ihm gehört und übernahm die Besorgung ... Als er zurückkehrte, stand an der verhängnisvollen Stelle ein ungefährliches Wort, eine Vorschrift, die von jedem Frauenzimmer zu erfüllen war ... Eine »mecklenbörgisch Jungfrouw« nur durfte der Herr der Hohenrömnitz freien, daraus war eine »tugendhafte« geworden ... so geschickt war die Arbeit, daß man selbst mit einem starken Vergrößerungsglase keine verräterische Spur zu bemerken vermochte ... Und ebenso leicht war das übrige auszuführen ... Zwei Abschriften gab es nur von der alten Urkunde, in Vellahn und bei dem Moltzahner Notar ... Der Justizrat Stahmer war gestorben, sein junger Nachfolger gab bereitwillig die Akten heraus, als man ihm den verlockenden Antrag machte, Rechtsvertreter der Herrschaft Hohenrömnitz zu werden. Und nicht schwerer war es mit der andern Abschrift ... Man fuhr nach Vellahn hinüber, der Alte da, der das verlassene Schlößchen hütete, hatte keinen Argwohn ... Man beschäftigte ihn unauffällig unten auf der Diele, indessen oben der andre in sorglos aufbewahrten Papieren suchte – schimpflich war es, sich so zu erniedrigen! ... Und nur eine Entschuldigung gab es: es war niemand mehr da, den man schädigte. Der einzige verschollen in fremder Erde, vielleicht längst schon begraben und vermodert, die andern aber, die in der Mark saßen, hatten die Hoffnung wohl längst aufgegeben. Und Fremde waren es, kaum ein Tropfen mehr von dem Blute des Ahnherrn floß in ihren Adem ... Jetzt aber war der wiedergekehrt, den die Freveltat am nächsten schlug, und neben ihm stand eine starke Helferin ... Keines Menschen Auge konnte die Tat entdecken, nur gab es da etwas Unheimliches ... Die Sonne mit ihrem Licht ... Wenn man es in einem geschliffenen Glase fing, war es wie das Auge Gottes, das im Dunkeln sah ... alle Heimlichkeiten wurden vor ihm offenbar. So scharf sah es, daß es zu unterscheiden vermochte, ob eine Schrift vierhundert Jahre alt war und die andre dazwischen nur ein paar Monate ... Der Erblandmarschall ließ sich in einen der breiten Ledersessel fallen, kalter Schweiß perlte ihm auf der Stirn ... und vor seinen Augen verwandelte sich das Schreibzimmer in einen weiten Saal ... Eine Wimmelnde Menge füllte die eine Hälfte, reckte die neugierigen Hälse, auf der andern Seite saßen die Richter im schwarzen Talar. Aber sie trugen die Züge der Römnitze, die da an den eichengetäfelten Wänden hingen ... Und der älteste von ihnen sprach: Christoph Winifred Siebold Römnitz, dein Schild wird zerbrochen, dein Andenken in unserm Geschlechte ausgelöscht! ... Er aber schlug die Hände vor das Gesicht: ja, ihr Herren, mir geschieht, was Rechtens ist, denn ich habe immer nur den Haß gekannt, niemals jedoch seine verzeihende Schwester, die Liebe ... Einmal trat sie mir in den Weg, und ich stieß sie von mir ... Ein schlanker Knabe stand neben dem Sarge seines Vaters, streckte hilfesuchend die Arme nach mir, denn er war ganz allein ... Ich aber wandte mich ab, denn ich sah in dem Knabenantlitz zwei Augen, die mich einst lachend verraten hatten – – – An der Tür pochte es, er hob den Kopf. Eine jugendschöne schwarzhaarige Frau trat über die Schwelle. Sie ging langsam, denn sie trug ein kostbares Leben. Und in einem fremdländisch klingenden Deutsch fragte sie, wo er so lange bliebe. Der peinliche Besuch wäre ja längst schon wieder fort ... Da erhob er sich rasch, führte sie behutsam zum nächsten Sessel. Und er entschuldigte sich mit einem Lächeln, er hätte ein paar Minuten allerhand Törichtes gedacht – – – +++ In der Nacht, die diesem Tage folgte, brannte es im Hohenrömnitzer Schlosse. Der Herr Erblandmarschall hatte noch spät in seinem Schreibzimmer gearbeitet und war dabei wohl vom Schlafe übermannt worden. Eine unwillkürliche Bewegung warf die Lampe um, das brennende Öl ergoß sich über den Tisch, ein wahres Wunder war es, daß der greise Schloßherr mit dem Leben davonkam. Die Flammen hatten schon seine Kleidung ergriffen, er aber besaß die seltene Geistesgegenwart, sie mit Hilfe eines Sofakissens zu ersticken. Schwere Brandwunden erlitt er dabei an Gesicht und Händen, und jeder andre an seiner Stelle hätte wohl laut um Hilfe gerufen. Der Herr Erblandmarschall aber bezwang die heftigen Schmerzen, um seine der Schonung bedürftige Frau Gemahlin nicht zu erschrecken. Ohne Aufhebens holte er einen Teil der Dienerschaft herbei, ihren Anstrengungen gelang es, das gefahrdrohende Feuer auf seinen Herd zu beschränken ... So ungefähr lautete der wahrheitsgemäße Bericht, den der neue Bibliothekar zur Widerlegung übertriebener Gerüchte dem »Moltzahner Anzeiger« übersandte. Er schloß damit, daß der Brand leider einen Schaden angerichtet hätte, der durch keine noch so hohe Versicherungssumme gedeckt werden könnte. Einige aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert stammende Urkunden sowie die alte Familienchronik des Hauses Römnitz, die der Herr Erblandmarschall zu Studienzwecken dem Archiv entnommen hätte, wären dem gierigen Elemente zum Opfer gefallen. Ein unersetzlicher und namentlich vom Standpunkte des vergleichenden Sprachforschers schwer zu bedauernder Verlust, denn die Chronik nämlich wäre zum großen Teil in mittelalterlichem Platt geschrieben, dem niedersächsischen Idiom, das damals die Umgangssprache selbst der vornehmsten Kreise bildete ... Und es folgte eine kurze, aber von gründlichem Studium zeugende Abhandlung, daß diese Sprache im Laufe der Jahrhunderte verhältnismäßig geringfügige Wandlungen durchgemacht hätte. Die einschneidendste eigentlich nur dadurch, daß sie von stolzer Höhe zum Ausdrucksmittel der niedersten Volksschichten herabgesunken wäre ... 4 Herr Christian Sötebeer, der Wirt des »Strelitzer Hofes« zu Moltzahn, stand vor der Glasveranda seines stattlichen Hauses am Marktplatze und ließ sich behaglich die liebe Frühlingssonne auf die weiße Weste scheinen, die ihm ein rundliches Bäuchlein prall umspannte. Die Geschäfte gingen gut, und so recht zufrieden stand er da mit seinem feisten Vollmondsgesichte, in dessen Mitte eine stumpfe Nase leuchtete gleich einem umgestülpten kleinen Kupferkessel. Seine Stammgäste behaupteten, wenn er im Dunkeln ginge, brauchte er keine Laterne, anderseits aber war ihnen diese rötlich strahlende Nase ein vertrauenerweckendes Zeichen, daß Herr Sötebeer in seinem geräumigen Weinkeller nicht bloß theoretisch Bescheid wußte! Wenn er in seiner freundlich-behäbigen Art versicherte: »Dieses Weinchen ist gut, das kann der Vater mit dem Sohne trinken«, durfte man sich darauf verlassen. Schlechte Weine führte er überhaupt nicht, das überließ er der Konkurrenz, ebenso die minderwertigen Gäste. Im Strelitzer Hofe verkehrte ausschließlich ein vornehmes Publikum, die Spitzen der Behörden, der hohe und höchste Adel der Umgebung. Und Herr Sötebeer verstand seine Gäste vortrefflich zu behandeln, so daß sie sich bei ihm wohl fühlten. Zwei Eigenschaften zeichneten ihn besonders aus vor allen andern Wirten. Daß er's nämlich verstand, zur rechten Zeit hinzusehen und zur rechten Zeit fortzusehen, je nachdem. Wenn an dem großen runden Tische eine Flasche leer war, erspähte er es sofort, gab dem Kellner einen Wink, und es stand eine volle da, der Schaden war behoben. Wenn aber die Herren zu später Stunde zusammenrückten, der Würfelbecher über einem zweigeteilten Papierbogen rasselte oder die Karten sich auf dem Tische breiteten, sah Herr Sötebeer nicht hin. Es interessierte ihn nicht, was da getrieben wurde, denn er hatte leider gar keinen »Kartenverstand«, wußte einen König nicht von einer Dame zu unterscheiden. In andern Hotels trat der Wirt in solchen Fällen an den Tisch, sagte: »Meine Herren, ich muß Sie darauf aufmerksam machen, Hasardspiele sind polizeilich verboten« und ließ sich erst durch das Versprechen einer großen Zeche zur Duldung bewegen. Herr Sötebeer war durch seine mangelnde Kenntnis vor solchen Mißgriffen geschützt. Und die große Zeche kam ganz von selbst, wenn erst die Köpfe heißer wurden. Dann floß der teure französische Champagner in Strömen, wie Wasser schütteten die jungen Herren ihn hinab, und kein Mensch schmeckte es mehr heraus, daß Herr Sötebeer aus patriotischen Gründen längst schon einen deutschen Schaumwein unter welscher Flagge segeln ließ. Er hatte ein Herz für die heimische Industrie, und weshalb sollten die Franzosen all das schöne Geld verdienen? Seine Gäste befanden sich wohl dabei, konnten ungestört sich an ihrem Spiel vergnügen, denn sie waren ganz unter sich. Zweifelhafte Elemente duldete Herr Sötebeer in seinem Hause nicht, nicht einmal in der Bierstube, in der ausschließlich wohlsituierte Bürger verkehrten, verständige und gesetzte Leute, die sich bewußt waren, daß den jungen Herren von Adel von alters her das Vorrecht zustand, ihr Geld zum Fenster hinauszuwerfen im Kartenspiel, in Sekt oder aus irgendeine andre Art und Weise. Da hatte sich kein Mensch darum zu kümmern, am allerwenigsten die Polizei. Und sie neideten dem Wirte des Strelitzer Hofes nicht den fetten Verdienst. Wenn ein Herr von Adel in ihren Laden kam, schlugen sie ja auch einige grobe Prozente auf den Preis der Ware. Wie eine Respektsverletzung wäre es ihnen vorgekommen, sie ebenso billig zu verkaufen wie bei einem rein bürgerlichen Handel ... Über den gepflasterten Marktplatz kam mit klappernden Hufen ein einzelner Reiter getrabt. Herr Sötebeer kniff die Äuglein ein, die unter den fettgepolsterten Wangen ohnedies schon fast verschwanden, und erkannte ihn wohl. Gestern, auf dem zwanglosen Abend der »Kameradschaftlichen Vereinigung von Reserveoffizieren aus Moltzahn und Umgebung«, war viel von ihm die Rede gewesen. Und es hatte nur eine Stimme gegeben, er müßte natürlich geschnitten werden »bis auf die Knochen«. Lange Zeit war er verschollen gewesen, und man hatte schon angefangen, mit einer gewissen bedauernden Achtung von ihm zu sprechen. Daß er wohl eingesehen hätte, für Leute seines Schlages wäre in der Heimat kein Platz, und daraus die einzig mögliche und anständige Schlußfolgerung gezogen. Seine plötzliche Heimkehr aber zeigte deutlich, daß er doch jenes letzten, den wahren Edelmann auszeichnenden Ehrgefühls entbehrte, und demgemäß hätte man ihn natürlich bei zufälligen Begegnungen zu behandeln. Diese Ausführungen des Tüschower Herrn von Lewenitz hatten allgemeine Zustimmung gefunden, und Herr Sötebeer hatte aufmerksam zugehört. In seinem Strelitzer Hof sollten die Herren der Kameradschaftlichen Vereinigung nicht in die Verlegenheit kommen, solchen peinlichen Begegnungen ausgesetzt zu sein! Er wußte schon, was er dem Renommee seines Hauses schuldig war, und solche Affären erledigte er ganz still und schmerzlos ... Der junge Graf Römnitz verhielt seinen schweißbedeckten Gaul vor der Glasveranda. »Na,« sagte er gemütlich auf platt, »Vadder Sötebeer, wat maken Sei fär 'n kamisch Gesicht? As 'n Kater, de dunnern hört? Wunnern Sei sick, dat eck wedder to Hus bin?« Der Wirt des Strelitzer Hofes verneigte sich, soweit es sein dickes Bäuchlein zuließ. »Nein, Herr Graf. Ich habe schon gestern abend gehört, daß Herr Graf aus Afrika wieder glücklich zurück sind. Ganz gehorsamst willkommen! ... Es war viel die Rede von Ihnen gestern abend. Wir hatten nämlich den allwöchentlichen zwanglosen Abend der Kameradschaftlichen Vereinigung, und Herr von Karnitz auf Götschendorf war zufällig an der Bahn gewesen, wie Sie ankamen.« »So, so,« sagte Malte und ordnete irgend etwas am Zaumzeug, »war wieder mal die ganze Klerisei beisammen? Na, dann rufen Sie irgendeinen dienstbaren Geist! Der Kerl soll aber 'nen Strohwisch nehmen und mir den Gaul ordentlich abreiben, ehe er ihn in die Box führt. Es ist warm, und ich bin ein bißchen scharf zugeritten« ... Er hob schon das Bein, um sich aus dem Sattel zu schwingen, Herr Sötebeer aber sah mit strahlender Freundlichkeit in die Höhe, zerfloß fast vor Untertänigkeit und Ergebung. »Ach, einen Augenblick, Herr Graf! Ich möchte nämlich Hochdieselben bitten, sich geneigtest nicht zu derangieren. In meiner Ausspannung ist leider alles besetzt ... einige von den Herren sind der Bequemlichkeit halber gleich über Nacht geblieben, sitzen da drinnen beim Frühschoppen ... neuer Besuch ist dazugekommen ...« »Na, aber irgendein Bonze wird doch da sein, der mir den Gaul auf dem Hof herumführt, bis ich was gefuttert Hab' und beim Rechtsanwalt gewesen bin?« ... Herr Sötebeer wurde noch freundlicher. Eine Verneigung folgte der andern, so daß ihm das Blut beängstigend zu Kopfe stieg. »Auch das nicht, Herr Graf! Leider nicht! Zu meinem allergrößten Bedauern nicht! Es ist ein ganz fatales Zusammentreffen ... ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber alle meine Leute sind beschäftigt, und so was kann doch wohl mal vorkommen, nich?« ... Malte grub die weißen Zähne in die Unterlippe, er hatte verstanden. Und er ärgerte sich, daß er nicht gleich so hellhörig gewesen war. Einen kurzen Augenblick überlegte er, ob er das winselnde Gemüse da unten nicht auf den Kopf schlagen sollte, daß es auf dem Pflaster einen großen Fettflecken gab. War er denn schon ein solches Nichts, daß ihm dieser feist gewordene ehemalige Kellner den Unterstand verweigern durfte? Hier in Moltzahn, wo der Name Römnitz fast mehr galt als der des allerhöchsten Landesherrn ...? Der Ingrimm schüttelte ihn, aber er bezwang sich mühsam. »Es ist gut, Herr Sötebeer, Sie sind ein außerordentlich tüchtiger Geschäftsmann. Ich wünsche Ihnen, daß Sie sich nicht verspekuliert haben. Die Moden wechseln. Ein neuer Herr Erblandmarschall könnte vielleicht finden, daß drüben im Hotel zur Stadt Rostock auch ein ganz angenehmer Aufenthalt ist ... na Sie verstehen mich schon. Da laufen die andern dann nach« ... Herr Sötebeer salvierte sich auf die oberste Stufe seiner Veranda. Diesen Herren war nicht zu trauen, von ihren hochseligen Vorfahren her hatten sie eine gewisse Neigung zur Gewaltsamkeit an sich. Der junge Randiener Graf von Dißnack zum Beispiel warf immer gleich mit 'nem Sektglase, wenn der vor Müdigkeit eingeschlafene Kellner der erforderlichen Aufmerksamkeit ermangelte ... Und oben verneigte er sich von neuem, murmelte allerhand entschuldigende Worte. Der gnädige Herr Graf sollten um Gottes willen doch nicht glauben ... und es wäre wirklich nur ein bedauerlicher Zufall ... Malte lachte kurz auf. Zu komisch sah der kleine Kerl aus, wie er sich immerfort verneigte, daß die dicken Armwürste fast den Boden berührten. »Na schön, Herr Sötebeer, dann grüßen Sie mir die Herren von der Kameradschaftlichen Vereinigung recht herzlich. Ich komme mal nächstens herüber, um in aller Gemütlichkeit was auszuprobieren. Heute habe ich dazu keine Zeit. Weiter brauchen Sie nichts auszurichten!« ... Und er lachte noch, als er quer über den Markt zum Hause des Justizrates Stahmer ritt. Bis er plötzlich aufschlucken mußte. So grüßte ihn wieder einmal die Heimat, nach der er sich zuweilen gebangt hatte da draußen, daß ihm das Herz wie ein schwerer Stein hinter den Rippen hing ... Aber weshalb wunderte er sich? Darauf hätte er sich ja gefaßt halten müssen, als er gestern abend das zweite Schreiben des hohen Bezirkskommandos las ... Die Herren mit dem blanken Schild ritten vorn. Wer einen Klecks dran hatte, war gerade gut genug, hinter der Front die Arbeit von Troßknechten zu verrichten ... Der Teufel sollte das holen, und das ließ er sich nicht gefallen ... Vor dem Hause des Justizrates Stahmer lungerte ein halbwüchsiger Junge herum. Er warf ihm die Zügel zu: »Da, mien Sähn, föhr mi dat Peerd 'n beeten up un dal, eck kam gliek wedder rut« ... »To Befehl, Herr Graf« ... Malte stieg die knarrende Holztreppe empor. Immer hübsch eins nach dem andern ... Zuerst kam der Herr Onkel in Hohenrömnitz an die Reihe, das übrige fand sich später, mal bei Gelegenheit. Die Herrschaften hier sollten sich nur nicht einbilde», er ließe sich von ihnen so ohne weiteres den Platz anweisen draußen vor der Tür ... Den Kleinmut hatte er abgetan, endlich, und mittlerweile war er ja auch zwei Jahre älter geworden, hatte in der Zeit mehr erlebt und durchgemacht als sie alle miteinander ... Und er freute sich schon auf den Tag, da er sich einen von ihnen aus unbeträchtlichem Anlasse herausfischen würde. Nur um an einem Beispiel festzustellen, daß niemand sich anmaßen dürfte, an ihm vorbeizusehen oder ihm die Genugtuung zu weigern ... Oben in der Schreibstube empfing ihn ein junger Mann mit einer scharfen Brille vor den kühlblickenden Augen. »Womit kann ich dienen, mein Herr?« Malte stellte sich vor und fügte hinzu, er wünschte den alten Sachwalter seines Hauses, den Herrn Justizrat Stahmer zu sprechen. Der andre verneigte sich höflich. »Ich bin sein Nachfolger. Mein Herr Kollege hat mir bereits vor anderthalb Jahren die Praxis verkauft, ist nach Berlin gezogen, um sich zur Ruhe zu setzen, dort aber schon nach kurzer Zeit gestorben. Er hat von seiner wohlverdienten Muße nicht viel gehabt.« »Tut mir herzlich leid,« sagte Malte mit ehrlichem Bedauern, »aber Sie werden mir jedenfalls auch die gewünschte Auskunft geben können. Ich komme aus Vellahn und habe dort unter den Papieren meines Vaters vergeblich nach der Abschrift eines ganz bestimmten Dokumentes gesucht. Es muß irgendwie in Verlust geraten sein. Aber das hat nicht viel auf sich, ich weiß genau, daß eine weitere Ausfertigung sich hier bei Ihren Akten befinden muß.« »Die Akten des Lehnsgutes Vellahn,« erwiderte der andre, »sind auf Anforderung Seiner Exzellenz nach Hohenrömnitz gegangen. Ich gestatte mir hinzuzufügen, daß ich schon seit längerer Zeit die Funktionen eines Justitiars der Herrschaft Hohenrömnitz ausübe. Falls Sie, Herr Graf, also beabsichtigen sollten, an die Durchsicht des fraglichen Dokumentes irgendwelche Entschließungen zu knüpfen, die in die Rechtssphäre meines Herrn Mandanten übergreifen, müßte ich bedauern, Ihnen nicht weiter dienen zu können.« Malte hatte die geläufige Auseinandersetzung nur halb verstanden. »So, so,« sagte er langsam, »das ist ja ein ganz toller Fall. Ich gehe zu Hause an den Schrank in meinem Schreibzimmer, denke, ich brauche bloß 'reinzugreifen ... Alles ist da, nur das eine Schriftstück fehlt! Ich jage hierher – Sie sagen mir, die Akten sind drüben in Hohenrömnitz! Sie werden mir zugeben, Herr Justizrat, das kommt mir einigermaßen merkwürdig vor« ... Der andre klappte die Hacken zusammen. »Nur ›Rechtsanwalt‹, wenn ich bitten darf, Herr Graf. Was aber die Sache selbst angeht, so bin ich nicht in der Lage, Ihnen eine irgendwie geartete Auskunft geben zu können. Ich habe die umfangreichen Akten seinerzeit nicht gelesen, sondern auf Anordnung des Vellahner Lehnsherrn, Seiner Exzellenz des Herrn Erblandmarschalls, einfach zusammengepackt und nach Hohenrömnitz geschickt.« »Aha«, sagte Malte und rückte näher an den Schreibtisch, »bisher war es mir nur 'ne Vermutung, aber jetzt möchte ich darauf schwören, da ist irgendeine grobe Schweinerei passiert. Da werden wir also meinem verehrlichen Lehnsherrn recht gründlich ans Leder gehen! Es handelt sich nämlich« ... Der Herr Rechtsanwalt stand auf. »Verzeihen Sie, Herr Graf, ich darf Ihnen nicht weiter zuhören. Ich bemerkte schon vorhin, ich bin der Vertreter Ihres Herrn Oheims. Zwei Parteien zugleich kann man nicht dienen. Wenn Sie mir aber gestatten wollen, sozusagen unter Comment suspendu ein paar Worte zu sprechen« ... »Ich bitte« ... »Nun denn, Herr Graf, ich entnehme aus Ihren Worten, Sie beabsichtigen, mit Seiner Exzellenz irgendeinen Prozeß anzufangen. Ich möchte Ihnen den Rat geben, sich darauf nicht einzulassen, es wäre von vornherein aussichtslos. Der Herr Erblandmarschall hat erst vor kurzem mit mir eine ganz eingehende Beratung abgehalten aus Anlaß des ihm bevorstehenden freudigen Familienereignisses. Ich habe sämtliche in Betracht kommende Dokumente aufs sorgfältigste geprüft, die Ehe des Herrn Erblandmarschalls Grafen Römnitz entspricht in jeder Hinsicht und voll und ganz den Anforderungen Ihres strengen Hausgesetzes. Wenn aus dieser Ehe ein männlicher Erbe entspringt, haben Sie nicht die geringsten Ansprüche. Im entgegengesetzten Falle aber« ... »Danke,« sagte Malte und stand auf, »die Litanei habe ich nun schon oft genug gehört. Wenn's 'ne lütte Deern gibt, darf ich noch ein Weilchen sitzen bleiben auf Vellahn, bis zum nächsten freudigen Ereignis in der Hohenrömnitz! Wieviel Töchter ich meinem Herrn Onkel in ununterbrochener Folge wünsche, können Sie sich wohl denken! Bin ich für die Konsultation etwas schuldig?« Der Rechtsanwalt gab ihm lächelnd das Geleit zur Tür. Diese jungen Herren vom hohen Adel hatten zuweilen ganz merkwürdige Anschauungen über das, was im Justizbetrieb gang und gäbe war ... »Herr Graf, ich bemerkte schon vorhin, daß ich als Vertreter der Gegenpartei« ... »Ja richtig,« sagte Malte, »ich hatte es nur vergessen. Dann werde ich mir eben einen andern Rechtsanwalt suchen« ... Er ging die knarrende Holzstiege hinab, unterwegs aber mußte er sich schwer auf das Geländer stützen. Es gab keinen Zweifel mehr, in dem stolzen alten Hause, zu dem er gehörte, wurde gelogen und betrogen! Als wenn ihm plötzlich ein Schleier vor den Augen zerriß, sah er die klare Handschrift seines Vaters vor sich ... »eine mecklenbörgisch Jungfrouw soll es sin von untadeligem Adel« ... Das eine Wort, das sein Recht war, hatte man ihm gestohlen, damit er's nicht finden sollte, wenn er gegen alles Erwarten wieder heimkehrte! Und der Dieb war das Oberhaupt seiner Familie, der Name Römnitz stand am Pranger, wenn er entlarvt wurde ... Schmachvoll war es und kaum auszudenken, schier ekelhaft das hämische Gezischel im Lande, wenn die Schandtat vor aller Öffentlichkeit offenbar wurde ... Ein paar Sekunden lang schloß er die Augen, stand schwankend da, ob es nicht besser wäre, alles ruhen zu lassen und still heimzureiten ... Da aber flog der Haß über ihn mit lohendem Fittich: da drüben stand sein Recht! Ehrlos war er selbst, wenn er darum nicht kämpfte mit Klauen und Zähnen! Und der andre hatte ja auch nicht gezaudert, sondern war blindlings seinem Haß gefolgt ... Unten auf der Straße stellte er den Jungen, der den braven Wotan auf und nieder führte. »Segg mal, mien Sähn, göfft dat hier nich noch 'nen annern Awkaten?« »Chewoll, Herr Graf,« kam eifrig die Antwort, »äwerst da gahn bloß de armen Lüd hen. Hei is nämlich 'n Jud ...« »Um so besser,« lachte Malte ingrimmig auf, »Leute, die Grütz' im Kopf haben, kann ich gebrauchen!« – – – Herr Rechtsanwalt Markuse, der auf der andern Seite des Marktplatzes sein Bureau hatte, empfing den unerwarteten Klienten mit besondrer Zuvorkommenheit und hörte ihm eifrig zu. Ließ sich den interessanten Fall mit allen Einzelheiten auseinandersetzen und tat manche Frage dazwischen, die von eindringendem Verständnis zeugte. Als sein Besucher endlich fertig war, legte er den scharfgeschnittenen Kopf ein wenig auf die Seite und spielte nachdenklich mit einem langen Bleistifte ... »Gewiß, Herr Graf, wie Sie die Sache darstellen, spricht vieles dafür, daß während Ihrer Minderjährigkeit und auch in den letzten zwei Jahren das Lehnsgut Vellahn in einer Art und Weise verwaltet worden ist, die – gelinde gesagt – nicht gerade in Ihrem Interesse lag. Aber, Sie sagen es selbst, alle dort von Ihrem Herrn Onkel getroffenen Maßnahmen sind unter Zustimmung des Obervormundschaftsgerichtes geschehen. Die öffentliche Meinung dürfte vielleicht finden, daß der Herr Erblandmarschall trotz des nahen Verwandtschaftsverhältnisses an Ihnen recht lieblos gehandelt hat, über solche Sentiments aber hat das Gericht nicht zu urteilen, es hat nur die nackte Rechtslage zu prüfen. Und da stehen die Unterschriften der Behörde unter den Rechnungsabschlüssen. Alles ist für gut und richtig befunden, Sie werden mit Ihrer Klage abgewiesen, von Rechts wegen! ... Und nicht viel anders steht es mit Ihrer Absicht, die Ehe Ihres Herrn Oheims anzufechten, sie entspräche nicht den Bestimmungen des Hohenrömnitzer Hausgesetzes und die aus ihr zu erwartende Deszendenz wäre infolgedessen von der Erbfolge ausgeschlossen. Auch dieser Prozeß erscheint mir von vornherein wenig aussichtsvoll.« Malte beabsichtigte, etwas dazwischen zu sagen, der Rechtsanwalt aber hob die Hand. »Bitte, Herr Graf, ich möchte Ihnen meine Ansicht über die Rechtslage zunächst einmal im Zusammenhange vortragen, über Einzelheiten können wir uns nachher unterhalten ... Also, ich gebe zu, Ihre Angabe, die Abschrift von der Hand Ihres Herrn Vaters sei plötzlich in Vellahn verschwunden, und die Tatsache, daß Ihr Herr Oheim die Akten des verstorbenen Justizrates Stahmer nach Hohenrömnitz hat schaffen lassen, das beides zusammen, ja das macht allerdings beim ersten Hinsehen einen etwas befremdenden Eindruck. Für die Überführung der Vellahner Akten wird aber Seine Exzellenz als Lehnsherr sicherlich eine recht plausible Erklärung haben, die dem Gerichte genügt, und selbst wenn auch aus diesen Akten die Abschrift des Dokumentes verschwunden sein sollte, wird das wenig Eindruck machen. Es fehlt an jedem schlüssigen Beweise, daß sie sich überhaupt jemals bei den Akten befunden hat! Ebensowenig aber werden wir beweisen können, daß eine solche Abschrift in Vellahn existiert hat, unter den nachgelassenen Papieren Ihres Herrn Vaters.« »Aber ich kann's beschwören,« sagte Malte erregt, »ich habe das Blatt mit meinen eigenen Augen gesehen!« Der Rechtsanwalt schüttelte den Kopf. »Sie sind Partei, Herr Graf, Ihr Eid wird nicht angenommen. Nun bleibt uns noch das im Schloßarchiv zu Hohenrömnitz aufbewahrte Original der Urkunde, dessen Einsichtnahme Ihnen, als dem nächstbeteiligten Interessenten, nicht verwahrt werden darf. Und da möchte ich aus meiner Kenntnis des Herrn Grafen Christoph Römnitz – ich hatte verschiedene Prozesse gegen ihn zu führen – ja also da möchte ich aufs entschiedenste bezweifeln, daß sich in der Urkunde an der von Ihnen angezogenen Stelle das Wort »mecklenburgisch« finden sollte! Ich halte es für ganz und gar ausgeschlossen, daß der Herr Erblandmarschall bei einer so wichtigen Handlung, wie der Eingehung einer neuen Ehe, eine derartig einschneidende Vorschrift übersehen haben sollte! Und da neige ich fast zu der Ansicht, daß in diesem Falle, wie Shakespeare sagt, der Wunsch des Gedankens Vater war. Sie haben sich's so lebhaft vorgestellt, das Wort müßte in dem Dokumente drinstehen« ... »Ah nein,« sagte Malte und legte die schwere Faust auf den Tisch, »ich sehe es so klar und deutlich vor mir, wie hier die Schrift auf dem Aktendeckel!« Und er erhob seine Stimme: »Wenn das Wort in der Urkunde fehlt, dann ist diese Urkunde gefälscht!!« Der hagere kleine Mann auf der andern Seite des Schreibtisches sprang auf und sah ihn schier entsetzt an. »Um Gottes willen, Herr Graf, das ist eine Behauptung ... Sie sprechen von Seiner Exzellenz dem Herrn Erblandmarschall Grafen Römnitz!! Dem ersten und angesehensten Edelmanne nicht nur hier unsers Kreises, sondern weit darüber hinaus« ... »Jawohl,« sagte Malte nachdrücklich, »von meinem Onkel Christoph auf Hohenrömnitz! Der mir mein Erbe nicht gegönnt hat vom ersten Tage, wo ich auf der Welt war, weil er mich haßte, wie ... nun wie meinen verstorbenen Vater nur noch! 'ne Stunde lang müßte ich Ihnen erzählen, alte Geschichten ausbuddeln, woher das alles gekommen ist – mir selbst sind erst vor kurzer Zeit die Augen aufgegangen. Aber jetzt begreifen Sie wohl, weshalb die beiden Abschriften haben verschwinden müssen, die eine aus meinem Schranke in Vellahn, die andre aus den Akten?« ... »Höchst seltsam in der Tat! Und wenn man dazuhält, daß der Herr Erblandmarschall aus seiner zweiten Ehe wirklich auf Nachkommenschaft zu rechnen hat« ... »Na dann kommen Sie,« drängte Malte, »wir nehmen sofort einen Wagen und fahren nach Hohenrömnitz hinaus. Mein Onkel hat mir ja zugesichert, ich dürfte das Dokument jederzeit einsehen« ... Der Rechtsanwalt war in der Stube auf und ab gegangen, die Hände auf den Rücken geschlagen. Jetzt blieb er stehen und schüttelte den Kopf mit den an der Schläfe schon grau gefärbten Haaren. »Mein lieber Herr Graf, das dürfte uns wenig helfen. Gesetzt den Fall, Sie hätten recht: die Technik ist heutzutage auch auf diesem Gebiete so weit vorgeschritten, daß uns der Herr Erblandmarschall die Urkunde getrost zur Ansicht vorlegen dürfte! Wir würden nichts herausfinden. Falls wir aber, was ich nebenbei auch noch bezweifle, einen Gerichtsbeschluß durchsetzen, sie zur Prüfung durch Sachverständige für einige Zeit in die Hand zu bekommen ... ja dann, fürchte ich, wird sie ebenso verschwinden wie ihre beiden Abschriften. Der Zufälle gibt es viele auf der Welt. Weshalb sollte in Hohenrömnitz zum Beispiel nicht plötzlich mal ein Brand ausbrechen?« ... »Ja dann aber,« sagte Malte eifrig, »wäre doch für jeden vernünftigen Menschen die Beweiskette geschlossen. Dann läge es doch klar auf der Hand, daß mein Onkel in seinem blinden Haß auch vor diesem letzten Mittel nicht« ... »Einen Augenblick, Herr Graf,« unterbrach ihn der andre, »haben Sie vorhin bemerkt, wie entsetzt ich auffuhr, als Sie hier Ihren Verdacht äußerten?« »Allerdings« ... »Nun sehen Sie, genau so wird es dem Herrn Staatsanwalt gehen, wenn er unsre Anzeige in die Hand bekommt. ›Um Gottes willen,‹ wird er sagen, ›das ist ja eine ganz unerhörte Verleumdung gegen unsern allverehrten Herrn Erblandmarschall! Und aus so wenig substantiierte, man könnte fast sagen, frivole Behauptungen hin leite ich ein Verfahren selbstverständlich nicht ein!‹ ... Also wir bekommen einen abschlägigen Bescheid, beschweren uns beim Landgericht in Waren. Dort dieselbe Geschichte, allgemeines Entsetzen, die Beschwerde wird glatt abgewiesen ... Und da möchte ich doch sagen, die ganze Sache sieht mir sehr nach einem anständigen Vergleiche aus. Wenn ich Sie vorhin recht verstanden habe, ist Ihnen von seiten Ihres Herrn Onkels für den Verzicht auf die Erbfolge das Lehnsgut Vellahn geboten worden, zu ewigem Besitz für sich und Ihre Nachkommen« ... Malte schnitt mit der flachen Hand durch die Luft. »Diesen Vergleich habe ich schon abgelehnt. Eher verrecke ich wie ein Hund an der Straße, ehe ich aus der Hand meines Onkels ein Almosen annehme!« »Nun,« wandte der andre ein, »Almosen ist wohl kaum der richtige Ausdruck. Vellahn umfaßt meines Wissens etwa viertausend Morgen guten Acker, Wald und Wiesen ... Außerdem wäre da vielleicht auch noch manches andre zu überlegen. Die Frage zum Beispiel, ob das Kind, das der Herr Erblandmarschall erwartet, auch am Leben bleibt. In diesem Falle würde doch wieder Ihr Erbrecht in Kraft treten?! ... Und ich gehe wohl nicht fehl, daß die Gegenpartei in Anbetracht der besondern Umstände auch zu weiteren Zugeständnissen bereit sein würde ... Wenn Sie also die Unterhandlungen mir anvertrauen wollten, würde ich mich wohl anheischig machen« ... Malte unterbrach ihn rauh. »Heißen Dank, Herr Rechtsanwalt, mit meinem Herrn Onkel unterhandle ich nicht mehr. Ich will nichts weiter als mein Recht. Und deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Es muß doch noch irgendeinen andern Weg geben, ihm ans Leder zu gehen? Nicht nur durch diesen Herrn Staatsanwalt, der vor Respekt gleich zusammenklappen würde wie ein Taschenmesser!« ... »O ja, gewiß, die Zivilklage. Aber das ist eine Geduld- und Geldsache mit höchst zweifelhaftem Ausgange. Ehe sie entschieden wird in letzter Instanz, kann Ihr ganzes Geschlecht ausgestorben sein, und für die Gerichtskosten würde wohl das Lehnsgut Vellahn nicht ausreichen in Ansehung des riesigen Objektes. Das ist natürlich ein wenig übertrieben,« fügte der Rechtsanwalt hinzu, »aber eins bleibt jedenfalls bestehen: ein gehöriges Stück Geld ist zu dem Prozesse nötig!« »O weh,« sagte Malte mit einem verlegenen Lächeln, »damit sieht's freilich nicht sehr festlich aus. Unter uns, ich bin ein ziemlich armes Luder. Auf dem Speicher ein paar Wispel Weizen und Roggen, die ich an den ... ja, die ich« ... »An den Juden verkaufen kann,« vollendete Herr Rechtsanwalt Markuse, als der andre stockte. »Sprechen Sie's nur ruhig aus, mich geniert es nicht, daß die Getreidehändler meistens meines Glaubens sind. Es ist ein ganz anständiges Geschäft!« »Nun denn,« versetzte Malte, »außerdem noch etwa achttausend Mark bares Geld in Gestalt eines Guthabens bei der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank in Waren. Ich fürchte, das wird für den Prozeß nicht ganz reichen?« ... »Bei der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank in Waren?« Über das blasse Stubenhockergesicht des Rechtsanwalts glitt ein mitleidiger Schimmer. Er reichte seinem Klienten ein Zeitungsblatt vom Tische: »Da, bitte, lesen Sie, Herr Graf!« Malte streckte die Hand aus. Die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen. Gerade nur die Überschrift hatte er gelesen, »Fallissement der Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank in Waren«, dann knüllte er das Blatt in der Faust, ließ sich schwer in den Stuhl zurücksinken. »Mein Herr Onkel scheint wirklich mit dem lieben Gott in einem ganz besondern Verhältnis zu stehen,« sagte er heiser. »Kaum vor vier Stunden gab er mir den Rat, mein bißchen Geld nicht in einem Prozeß zu verplempern, und jetzt ist's schon fort« ... Der andre trat zu ihm, legte leise die Hand auf seine Schulter. »Es ist ein harter Schlag, Herr Graf. Wer vielleicht ist's auch ein Fingerzeig. Ich an Ihrer Stelle würde es mir jetzt noch einmal überlegen, ob der gebotene Vergleich unter diesen Umständen einem aussichtslosen Prozesse nicht vorzuziehen wäre« ... Malte sah ihn feindselig an. »Sind Sie mein Rechtsanwalt oder der meines Onkels?« ... Und nicht ganz so schroff fügte er hinzu: »Sie können sich vielleicht in die Gedankengänge von unsereinem nicht ganz hineinversetzen! Da wächst man auf als Erbe des größten Besitzes im ganzen Lande, wird vom Schicksal hin und her geschmissen, kehrt glücklich heim mit tausend guten Vorsätzen in der Brust, und mit einem Male wankt das alles. Heimtückisch hat Ihnen einer den Boden unter den Füßen weggezogen. Da sucht der bedächtige Bürgersmann wohl nach einer rettenden Planke, unsereins aber greift nach der Gurgel des Gegners: du oder ich, und wenn's nicht anders geht, wir alle beide« ... Er sah einen Augenblick starr geradeaus mit zusammengebissenen Zähnen ... »Na, ist gut! Was bin ich Ihnen für die Konsultation schuldig?« »Herr Graf,« sagte der andre, »ich hätte Ihnen gerne geholfen, aber Sie haben meinen Rat ja nicht annehmen wollen. Was nun das Honorar angeht ... Einer Ihrer Tagelöhner, der Heinrich Fiedler, prozessiert gegen die Vellahner Gutsverwaltung wegen ungerechtfertigter Lohnabzüge. Er ist unzweifelhaft im Recht, aber Ihr Verwalter Bergemann macht allerhand Einwendungen, die nur schwer zu widerlegen sind« ... »Ich habe verstanden,« erwiderte Malte, wollte ihm die Hand schütteln. Aber der kleine Rechtsanwalt stand schon in der Tür zum Wartezimmer, aus dem der bittere Armeleutegeruch gleich einer Wolke drang ... »Empfehle mich bestens, Herr Graf, und der Nächste, wenn ich bitten darf« – – – +++ Unten im Flur mußte Malte sich ein paar Augenblicke lang gegen die Wand lehnen, ehe er wieder ins Helle hinaustrat. Ein Gefühl der Verlassenheit und Ohnmacht war über ihn gekommen, lähmte seine Knie. Draußen, durch die halbgeöffnete Tür deutlich erkennbar, hob sich am schmalen Ende des Marktplatzes die alte Stadtkirche. Ein verwitterter Ziegelbau, der nach der Überlieferung aus dem vierzehnten Jahrhundert stammte. Daneben der runde Glockenturm, ein trutziges und hochragendes Bauwerk aus unbehauenen Findlingssteinen wie der Burgfried der Hohenrömnitz. Die Jahrhunderte hatten ihm nichts anhaben können, fest und aufrecht stand er da. Ein kleiner Dackel sprang kläffend an seinem Fuße herum ... da mußte Malte fast auflachen: das war das rechte Bild! Der feste Turm da drüben der Herr der Hohenrömnitz, das kleine Hündchen aber er. Er konnte soviel kläffen, als er wollte, der Turm blieb stehen ... Und da beschlich ihn wieder der alte Kleinmut: ob es doch nicht besser wäre, demütig mit dem vorliebzunehmen, was er vorhin verächtlich ein Almosen genannt hatte? ... Ein Grauen kroch ihm den Rücken entlang, wenn er an die Zukunft dachte ... Alles ringsum trieb ihn wieder auf den dunkeln Weg, den er damals gemieden hatte ... Ein paar Leute kamen die Treppe herunter, er nahm sich zusammen und trat auf die Straße hinaus. Als er in den Sattel stieg, kam über den Marktplatz eine elegante Gig gefahren, eine junge Dame saß auf dem Kutschierbock und lenkte die schlank trabenden Hannoveraner mit sichrer Hand in die zum Bahnhofe führende Straße. Ein hoch mit Gepäck beladener Leiterwagen rumpelte hinterdrein. Malte wandte den Kopf zur Seite, mit einem einzigen kurzen Blick hatte er erkannt, wer da von dannen fuhr. Und nach den vielen Koffern und Kisten zu schließen, dachte sie wohl nicht mehr an eine Wiederkehr ... es war aus und vorbei für alle Zeiten ... natürlich, denn er hatte sie ja bis aufs Blut gekränkt gestern abend ... Da schoß es ihm jäh durch den Sinn, hier bietet dir das Glück vielleicht zum letzten Male die Hand ... setz deinem alten Wotan die Sporen ein und reit nach ... wenn du recht herzlich um Verzeihung bittest ... »Ah pfui Teufel,« sagte er laut zu sich selbst, so daß der Junge, der ihm den Bügel hielt, verwundert aufblickte. Er warf ihm ein Trinkgeld zu und ritt langsam die Straße hinab, die zwischen niedrigen Häusern ins flache Land hinausführte, nach Vellahn ... Und mitten im hellen Sonnenschein trieben sich finstere Gedanken hinter seiner Stirn ... War er denn schon so erbärmlich klein gewogen, daß er hinter einer Weiberschürze Zuflucht suchen mußte? Noch dazu mit einer eklen Lüge im Herzen? Überall, wo er ging und stand, dachte er an eine andre, mitten in den Verhandlungen, die er mit dem Rechtsanwalte geführt hatte, war ihm das Bild der zierlichen kleinen Frau plötzlich vor den Augen erschienen ... Hatte ihm das Blut rascher durch die Adern getrieben und die Gedanken verwirrt, so daß er den Faden der Rede verlor ... Das mußte natürlich auch ein Ende haben, dieses törichte Gefühl, aber mit dem Bilde im Herzen konnte er der Gertrud Köhnemann doch keine Liebe vorheucheln? Selbst wenn es ums Leben ging, einen letzten Stolz mußte man doch behalten ... Der Weg führte bergan, der alte Wotan fiel in Schritt, warf unwillig große Schaumflocken von der Gebißstange. So schweren Dienst hatte er schon lange nicht mehr getan, fast fünf Stunden ging er unter dem Sattel, und dazwischen hatte es nur eine kurze Futterpause gegeben. Die Freude, die er beim ersten Wiedersehen mit seinem Reiter empfunden hatte, war beträchtlich gedämpft, und mit banger Sorge sah er in die Zukunft. Wenn diese Anstrengungen sich von nun an womöglich Tag für Tag wiederholten, fühlte er sich ihnen nicht mehr gewachsen. Da mußte man also beizeiten klug vorbauen – es waren ja noch genug Jüngere im Stall, die weniger geleistet hatten als er ... Auf der Höhe am Wegweiser, wo die Straße sich gabelte, rechts nach Hohenrömnitz, links nach Vellahn, blieb er stehen. Der im Sattel schnalzte mit der Zunge, drückte die Schenkel an, er aber schüttelte nur unwillig den Kopf, daß die Schaumplacken flogen, ließ die Ohren hängen. Und da begriff's der da oben endlich ... Er klopfte ihm den feuchten Hals und gab das Antreiben auf: »Hast recht, Alter, verschnauf dich ein Weilchen. Und oft werd' ich dich wohl nicht mehr strapazieren« ... Die Sonne neigte sich zum Untergange, golden fiel ihr Schimmer über die grünen Wintersaaten, den noch kahlen Sturzacker und den bräunlichen Buchenwald, in dem zwischen schwellenden Knospen die trockenen Blätter hingen vom vorigen Jahr. Von fernher, hoch über dem schwarzen Saume, der den Blick begrenzte, kam ein Blitzen und Funkeln wie von einem kostbaren Geschmeide ... Die goldene Spitze der Fahnenstange auf dem Hohenrömnitzer Burgfried war es, die im Abendsonnenschein ihre Strahlen warf ... Alles ringsum, so weit die blitzenden Strahlen reichten, war sein, wenn ... ja wenn ... Malte biß die Zähne aufeinander und starrte in den funkelnden Glanz, bis er die schmerzenden Augen schließen mußte. Und ein jäher Zorn fiel ihn an, das Schicksal mit einer Gewalttat zu seinen Gunsten zu wenden. Er brauchte nur nach Hohenrömnitz zu reiten: lieber Onkel, verzeih, ich hab's mir inzwischen überlegt. Ich nehme deine Bedingungen an, zuvor aber möchte ich die Urkunde sehen, die du mir heute mittag schon ja zeigen wolltest ... Gewiß, sagte der andre, und sie standen in dem Erdgeschoß des Burgfriedes allein ... ein Diener noch vielleicht, der die Lampe hielt beim Öffnen des eisernen Schrankes, aber darauf kam es nicht an, im Notfalle nahm er es mit zweien oder dreien auf. Und dann ein rascher Griff, er barg das kostbare Dokument in der Brusttasche, zwei Faustschläge rechts und links – ehe die beiden wieder zu sich kamen, saß er längst schon im Sattel, war auf und davon ... Die Sachverständigen beugten sich über das Pergament, wiesen mit dem Finger auf die Stelle: hier, da sitzt die Fälschung! ... Er aber stand dabei, schlug ein höhnisches Lachen auf: laß ihn dir jetzt einsalzen, deinen Bankert, Onkel Christoph, die Hohenrömnitz ist mein ... Dem braven Wotan war es beim Stehen in dem kühlen Frühlingsabend mit einem Male kalt geworden. Er schubberte mit der schweißbedeckten Haut und setzte sich ganz von selbst wieder in Trab, den gewohnten Weg entlang nach Vellahn. Und sein Herr fiel ihm nicht in den Zügel, lachte nur kurz auf. Aus seinen gewalttätigen Entschlüssen wurde nichts. Sei es, daß die eigenen Gedanken ihm in den Arm fielen oder ein unvernünftiges Vieh, das in einen andern Weg lenkte. Wer wollte wissen, welcher Weg der richtige war? ... Und während er in stuckerndem Trabe dahinritt, graute ihm vor dem langen Abend mit seiner Einsamkeit. Was blühte ihm in dem stillen alten Haus? Ein neues Verhör mit dem Diener Lentz, ob in den zwei Jahren nicht doch ein Fremder das Schreibzimmer betreten hätte, ein neues Kramen und Suchen in alten Papieren und Schränken, und schließlich der brütende Stumpfsinn. Am Ende betrank man sich, nur um vor den quälenden Gedanken Ruhe zu finden und wie ein nasser Sack so schwer ins Bett zu fallen. Aus den Gedanken wurde ja doch keine Tat ... Drüben aber in der niedrigen Stube des Forsthauses saß eine und wartete auf ihn ... »Auf Wiedersehen,« hatte sie gesagt, »hoffentlich recht bald!« ... Eine zierliche Feine war es, von ganz anderm Schlage als all die plumpen Landfräuleins in der Runde ... mit wuchtendem Schritte gingen die in ihren Schuhen, und schwerfällig waren ihre Bewegungen ... Und man versündigte sich ja noch nicht, wenn man an die im Forsthause dachte. Törichtes Begehren konnte man fest im Busen verschließen, und die einsame kleine Frau dachte auch ja an nichts andres als einen ehrbaren Zeitvertreib ... Es dunkelte schon, als er wieder vor der Freitreppe hielt, und fast mußte er lachen: die lieben beiden Altchen standen fröstelnd in der Abendkühle da, wie sonst, als wären die beiden letzten Jahre spurlos vorübergegangen. Er stieg aus dem Sattel, gab die Zügel dem wartenden Reitknechte: »Na, was Neues, Lentz?« Der Alte nahm ihm Hut und Reitstock ab. »Chewoll, Herr Graf, ein Brief is gekommen von der gnädigen Frau Bankdirektor, wo sich nach dem Unfall gestern in der Försterei einquartiert hat. Die Zofe hat ihn eben gebracht. Und denn: der Verwalter is ja soweit ganz friedlich abgezogen. Erst wollte er wohl noch ewige Fisimatenten machen, aber der Herr Förster hat ihn auf den Schwung gebracht« … Das letzte hatte er gar nicht gehört, es interessierte ihn auch nicht. Er hob den Kopf: »Wo ist der Brief? Und ist Frau Steinfeld vielleicht schon wieder nach Alten-Krakow gefahren?« »Noch nicht,« sagte Lentz, »aber vorhin war die Frau Förster da. Sie meint', lang würd' sie sich die Rawasche nicht mehr ansehen. Es macht ihr zu viel Arbeit, in einem fort auf ihren Mann aufzupassen. Kaum daß sie den Rücken dreht, sitzt er in der Stube bei der Frau Direktor drin, macht Augen wie ein verliebter Kater und erzählt ihr Jagdgeschichten.« Und Miken, die auf einer Tablette den Brief gebracht hatte, fügte eifrig hinzu: »Che, und den Geruch, hat sie gesagt, würd' sie wohl nich in 'nem Jahr 'rauskriegen aus den Tapeten und ihren Betten. Nach Rauchtabak müßt' es in einer ordentlichen Försterwohnung riechen, meint sie, aber nich nach Parfäng wie in 'nen Apothekerladen!« Malte riß ärgerlich den Umschlag auf. »Die gute Schwarzin soll sich gefälligst nicht haben! Frau Steinfeld bleibt da, so lange es der Arzt für nötig hält. Wenn's nicht anders geht, kann sie ja bis zu ihrer Genesung hier im Schloß wohnen, und ich zieh' für die paar Tage ins Verwalterhaus!« ... »Ach du mein lieber Gott,« wollte Miken sagen, Lentz aber hieß sie mit einer kurzen Handbewegung schweigen. Wenn man bei solchen Dingen widersprach, machte man sie nur schlimmer ... In dem Briefe standen nur ein paar Zeilen in einer großzügigen steilen Schrift, fast wie von einer Männerhand. Er wartete nicht, bis die Lampe angesteckt wurde, trat ans Fenster. Der letzte Abendschimmer, der durch die Scheiben drang, reichte noch gerade zum Lesen ... »Der prächtige alte Förster hat mir viel von Ihnen erzählen müssen, mein lieber Herr Graf, ich habe den ganzen Tag an Sie gedacht. Man findet so selten Menschen, deren nähere Bekanntschaft verlohnt. Ich bange mich fast danach, Sie wiederzusehen. Und morgen früh muß ich fort von hier ... Liselotte S.« Malte schob den Brief in die Brusttasche, die Hand zitterte ihm dabei. Ein Fieber und eine Unrast brannten in seinen Adern, wie in jener Stunde, als ihm hier einer von dem fernen Wunderlande gesprochen hatte und lockenden Abenteuern ... »Rasch, Lentz, leg mir 'nen anständigen Rock zurecht, und du, Miken: eins von den Küchenmädeln soll sofort nach dem Forsthaus springen und eine schöne Empfehlung ausrichten. In spätestens einer halben Stunde würde ich mir die Ehre geben, der gnädigen Frau meine Aufwartung zu machen.« »Chewoll,« sagte die Alte und stieg leise brimmelnd die Treppe zur Küche hinab. Dazu brauchte sie nicht erst die Frau Försterin, das fühlte sozusagen ein Blinder mit dem Krückstock: der junge Herr brannte lichterloh! Aber was war da zu machen? Man mußte es brennen lassen! Einem jungen Menschen konnte man leider keinen alten Kopf aufsetzen ... Und nachher, als sie auf der Diele das unberührte Nachtessen wieder abräumte, spann sie denselben Faden weiter. »Haben Sie gerochen, Lentz? An dem Brief war auch Parfäng!« »Che,« sagte er, »ich hab das wohl gemerkt. Aber neulich hab' ich aus Langeweile in ein' Buch gelesen, das wär' jetzt so Mode. Auch die feinsten Damen würden sich mit einem Wohlgeruch begießen, und jede tät' sich 'nen andern 'raussuchen für sich allein. Das da, zum Beispiel, hat vorhin die Frau Förster gemeint, wär' so was wie Flieder mit 'nem lütten Schuß Pferdestall dazwischen.« »Ach was,« erwiderte Miken ärgerlich, »'ne anständige Frauensperson, wenn sie sauber ist und tugendhaft, hat sie den besten Wohlgeruch! Wenn sie Parfäng an sich gießt, hat sie was zu verstecken! Und haben Sie das wohl an unsrer seligen Frau Gräfin erlebt, wenn sie durch die Stube ging? Höchstens nach ein büschen Lawendel hat es gerochen, von wegen der Wäsche« ... »Na ja,« meinte er achtungsvoll, »das war auch 'ne Frau Gräfin !« Und nach einer Pause fügte er beklommen hinzu: »Aber ich weiß nich, Miken – mich is das all den ganzen Tag so schwer auf der Brust ... und ich möcht' auch nichts unnütz bereden, aber das gibt hier bald ein Unglück. Das hat mich noch nie betrogen« ... Sie zuckte geringschätzig mit den Schultern. »Das braucht einem nicht erst zu schwanen, das Unglück is schon da! Die Frau Förster hat ja vorhin erzählt, wie schön daß sie's wieder eingefädelt hatte mit der Alten-Krakower Baroneß, und da mußte mit eins diese schlechte Person dazwischenkommen mit ihrem Parfäng! ... Ich hab' noch nie nich geflucht in meinem Leben, aber da möcht' man wirklich Himmelkreuzmillionenschockdonnerwetter zu sagen!« ... »Fürs erstemal ging es schon ganz gut,« meinte Lentz mit einem trüben Lächeln. Und sorgenvoll sprach er weiter: »Mit unserm jungen Herrn aber ... eins zieht das andre nach. In so einer Zeit, und man wartet auf eine Entscheidung von der Gnade unsres lieben Herrgotts, da soll man sein Herz nich mit 'ner Sünde beflecken. Er läßt sich nicht spotten« ... »Che,« sagte Miken »und bei diese Frau Bankdirektor aus Berlin können Sie sich nich mit ihrem breiten Puckel dazwischenstellen, wie damals beim Gewehrschrank. Das würd' wohl nich viel helfen« ... Danach schwiegen die beiden Altchen, jedes in seine trüben Gedanken versunken. Bis Lentz wieder zu sprechen anfing, mehr zu sich selbst ... »Es kommt ja ganz bestimmt und gewiß, aber wenn man sich's vorstellt, will es einem gar nich in den Kopf herein. Vierzig Jahre hat man nun in diesem Haus seine Arbeit gehabt, gegessen, getrunken und geschlafen, und mit eins soll das zu Ende sein? ... Ich weiß gar nich, was ich dann mit mir anfangen werd', wenn das hier zu Ende ist« ... Und er sah mit schwimmenden Augen in den hellen Kreis, den die Lampe auf dem Tischtuche zeichnete. »Na,« sagte Miken und strich sich energisch die weiße Schürze glatt, »noch is er ja nich auf der Welt, der uns hier alle zum Tempel 'rausjagt. Und in diesen letzten Tagen hab' ich in der Zeitung was gelesen, und es is mich eine rechte Tröstung gewesen, daß es nämlich auf vier Jungen in Deutschland immer fünf Deerns gibt ... Statistik nennen sie das. Diese Statistik wünsch' ich unserm Herrn Erblandmarschall von Herzen!« »Ich auch, weiß Gott!« ... »Na schön,« sprach Miken weiter, »aber ich habe mich für den andern Fall die Sache nu so zurechtgelegt! Fünfzehnhundert Taler hab' ich gespart, da zieh' ich nach Rostock und fang 'n Handel mit Grünzeug an und Räucherfisch. Bloß von meine Renten zu leben, dazu fühl' ich mich noch zu rüstig – ich muß was zu arbeiten haben!« »Nach Rostock,« sagte Lentz gedankenvoll. »Na wie wär's, Miken, wenn wir beide da zusammenziehen möchten?« ... »Ach Gott, Herr Lentz« ... Eine flüchtige Röte huschte über das verschrumpelte Altjungferngesichtlein, und sie sah an ihrer dürftigen Gestalt hinunter. »Zusammen? Ich mein', das möchte wohl die Trauungskosten nich mehr verlohnen« ... »Fräulein Dannappel,« erwiderte er ernsthaft, »das meine ich auch nich. Ich bin Sie nich nachgestiegen, wie Sie noch 'ne nüdliche runde Deern waren – also werden mich solche Dummerhaftigkeiten auch heute nich beifallen. Ich möcht' nur einen Unterstand haben, daß ich Arbeit suchen kann. Meine achttausend Taler, die ich gespart hab' in vierzig Jahren, die sind ... ja, da hab' ich eine Verfügung darüber getroffen für einen andern. Unsereins weiß sich doch eher zu helfen, wenn es hier mal zu Ende is« ... Miken fuhr sich mit der Hand über die Augen, heulte laut auf. »Lentz! ... Un da deent man mit so 'nem rugen Kierl tosamen, mehr as dörtig Jahr ... zankt sick un schimpt sick männigmal, wil hei immer as 'n Swinegel rümmergeiht, de Stacheln nah buten gestellt« ... »Che,« sagte Lentz mit einem trüben Lächeln, »oder as 'n Pannkoken. De ruge Schal is buten, dat söte Plumenmus sitt inwendig ... da möt man sick ierst dörchfreten ... von buten nah binnen« ... +++ In der guten Stube des Försterhauses brannte die Lampe über dem weißen Tischtuche, warf durch das offene Fenster ihren hellen Schein auf die sauber geharkten Beete hinaus. Als Malte nach der Klinke der Gartentür griff, erklang drinnen ein fröhliches Lachen, wie das Klingen eines silbernen Glöckleins hörte es sich an. Ihm aber war es wie eine Warnung, kehr um ... In Einsamkeit und Trauer, hatte er geglaubt, würde sie sitzen, oder zum mindesten in banger Erwartung, und jetzt lachte sie – lachte aus vollem Halse, weil sie von dem alten Förster irgendeine Schnurre gehört hatte ... Das Herz schlug ihm bis in die Kehle hinauf, wie vor einer schweren Entscheidung, gleich danach aber schalt er sich selbst einen Narren. Weil sie mit seinem Schicksal ein bißchen Mitleid empfand, konnte sie selbst doch nicht in Sack und Asche trauern? ... Er klopfte an und trat ein ... Der Förster Schwarz hatte sich nach einer kurzen Respektspause empfohlen, seine rundliche Gattin aber blieb am Ofen stehen, setzte ein feindseliges Gesicht auf und strickte unverdrossen an einem langen Wollenstrumpfe. Da verlief die erste Unterhaltung recht einsilbig. Frau Liselotte bedankte sich für den gütigen Besuch, er gab seiner Freude Ausdruck, daß sie so rasch sich von dem bösen Sturze erholt hätte, und es entstanden lange Pausen des Schweigens. Nur ein heimliches Einverständnis war zwischen ihnen und gab dem tropfenweis rinnenden Gespräch einen seltsamen Reiz: sie beide wünschten die lästige Zuhörerin von Herzen über alle Berge! Und die rundliche Frau Försterin schien endlich verstanden zu haben. Gegen halb zehn Uhr packte sie ihr Strickzeug zusammen, ging mit einem unwirschen Gutenachtgruß aus dem Zimmer. Als wenn sie hätte sagen wollen: »Ich habe lang genug aufgepaßt. Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen« ... Noch eine Weile lang hörte man ihre tappenden Schritte durch die dünne Decke des Oberstockes, bis sie sich endlich zur Ruhe begab ... Frau Liselotte streckte das ringgeschmückte Händchen über den Tisch: »Endlich! ... Endlich komme ich dazu, mich zu freuen, daß Sie gekommen sind. Ich verzweifelte schon, ich müßte ohne Abschied fortgehen, und da kamen Sie endlich!« ... Er führte die kleine Hand an seine Lippen. Wie ein Rosenblatt so zart lag sie in seiner breiten Ritterfaust. Er aber sagte mit einer gewissen Bitterkeit, von dieser Verzweiflung hätte er nicht viel gemerkt. Als er an der Gartentür gestanden, wäre es ihm vorgekommen, als hätte sie sich recht gut unterhalten ... »O Gott,« seufzte sie auf, »mißgönnen Sie mir das bißchen Zerstreuung? Wenn man ein so freudloses Leben führt wie ich, da ist man für jeden kleinen Sonnenstrahl empfänglich, den der Zufall bringt ... Und gerade bei Ihnen, Herr Graf, hatte ich auf ein wenig Verständnis gerechnet« ... »Na ja,« sagte er schwerfällig, »ich lache auch herzlich gerne, aber wenn es einem so koddrig geht wie mir« ... Er brach ab, denn es widerstrebte ihm, von seinen Sorgen zu sprechen. »Ich habe davon gehört,« erwiderte sie leise, »es muß schrecklich sein, wenn man bei der Heimkehr alles so verändert findet! Und ich möchte Ihnen so gerne helfen, aber was vermag eine schwache Frau? Nichts als ein recht herzliches Mitleid empfinden« ... Und als er nicht antwortete, fuhr sie fort: »Seltsam ist es, wie der Zufall die Menschenkinder durcheinanderwirbelt. Gestern vormittag hatte ich noch keine Ahnung von Ihnen, heute sitzen wir uns gegenüber, sprechen von dem Letzten, was unsre Herzen bewegt. Fast ist es wie eine Fügung ... Und ich glaube daran ... An jene geheimnisvolle Macht, die Menschen zueinanderführt, die freudlos durch das Leben wandern ... ein umgekehrter Magnetismus ist es gewissermaßen, der Gleiches zu Gleichem gesellt« ... Sie brach ab, eine kleine Träne schimmerte zwischen ihren seidenweichen Wimpern ... Und Malte saß da, verschränkte die groben Hände ineinander, daß die Gelenke krachten, und wußte nichts zu erwidern. Zu hoch war der Flug der Gedanken, da konnte er nicht mit. Nur das Herz schwoll ihm in der Brust, schnürte ihm fast den Atem ab ... Und die zierliche kleine Frau fuhr fort zu sprechen mit dem feinen Stimmchen, das sich wie Sammet so weich ins Ohr schmiegte. Erzählte von einer trostlosen Jugend mitten in Luxus und kalter Pracht ... einer Jugend ohne Liebe, denn die Eltern lebten getrennt ... ganz einsam hätte sie zwischen den beiden haßerfüllten Menschen gestanden, von zwiespältigen Gefühlen hin und her gerissen. Und weiter erzählte sie, wie sie dem ersten gefolgt wäre, der um sie warb, nur um aus diesen trostlosen Verhältnissen herauszukommen ... Einem wenig achtungswerten Menschen, den sie leider zu spät in seiner ganzen Hohlheit erkannt hätte ... Bloß um ihr großes Vermögen wäre es ihm gegangen und um den gewaltigen Einfluß des Schwiegervaters, der in der Handelswelt aus unbeträchtlichen Nullen vollwichtige Ziffern zu machen verstand ... Und seither lebten sie gewissermaßen aneinander vorbei, kein gemeinsames Band wäre zwischen ihnen als die stille Übereinkunft, dem Gerede der Welt keine unnötige Nahrung zu geben. Sie ginge in die Einsamkeit mit ihrem Schmerz, er aber käme von Zeit zu Zeit zu Gast, um wenigstens den Schein zu wahren ... So sprach Frau Liselotte mit ihrem feinen Stimmchen, und der junge Graf Römnitz hörte zu. Manches war da, was ihn an eigenes Erleben erinnerte ... er war ja auch ohne Liebe durchs Leben gegangen; der ihm am nächsten stand nach dem Verluste der Eltern, verfolgte ihn mit unauslöschlichem Haß ... Mit zehrendem Mitgefühl sah er das zierliche kleine Persönchen an, das da drüben, von Trauer und Schmerz überwältigt, den blonden Kopf gegen die harte Leiste des Sofas lehnte. Die großen Augen geschlossen ... wie ein dunkler Schimmer lagen die langen Wimpern über den zarten Wangen ... Die Brust zersprengte «e ihn, fast vor Liebe und Mitgefühl ... Und da geschah es fast wie ein Wunder ... Eine sanfte Röte stieg ihr ins Gesicht, wie unter einem Zwange stand sie auf mit geschlossenen Augen und tastete sich um den Tisch ... ging ein paar Schritte ins Zimmer, mit einem leisen Wehlaut sank sie in dir Knie ... Da griff er zu, um sie zu stützen, willenlos hing sie in seinem Arm. Er preßte sie an sich, bedeckte ihr Gesicht, Mund und Augen mit brennenden Küssen ... Und mit einem Male kam sie wieder zum Bewußtsein, sah ihn aus zornigen Augen an. Mit der geballten kleinen Faust stieß sie ihn gegen die Brust, wehrte sich heftig in Verwirrung und Scham, nur um so fester griff er zu. Da erlahmte ihr Widerstand, und zwischen brennenden Küssen stammelte sie abgerissene Worte, halb wie ein widerwilliges Geständnis ... Schon in der ersten Sekunde hätte sie's gefühlt, daß sie ihm verfallen wäre mit Leib und Seele, er aber raunte an ihrem kleinen Ohr, ihm wäre es nicht anders ergangen. Nur ein ganzes Ende früher schon. Als er sie gestern abend in seinen Armen nach Hause getragen, wäre ihm zumute gewesen, als trüge er sein Schicksal ... Danach saßen sie lange zusammen, Hand in Hand, tauschten Küsse und allerhand törichte Liebesworte. Wenn er aber einen Anlauf nahm, um ernsthaft über die Zukunft zu sprechen, über die Schritte, die nun doch notwendig wären, ihre unwürdige Fessel zu lösen, hielt sie sich lachend die Ohren zu ... Womit er sich jetzt schon den Kopf beschwerte, das käme alles von selbst! ... Aber ein Stelldichein wollten sie verabreden für den nächsten Tag – ob sie ihn nicht heimlich besuchen könnte in seinem Schloß? Sie verginge vor Neugier, zu sehen, wie ihr Liebster hauste ... In Maltes Seele regten sich Bedenken, was würden wohl Lentz und die Miken dazu sagen? ... Wer schließlich war er doch der Herr und reichlich erwachsen, und weshalb sollte er seine Braut nicht in seinem Hause empfangen, wenn auch unter etwas ungewöhnlichen Umständen? ... Und ob sie nicht wenigstens eine Freundin hätte, die bei dem Besuche als Anstandsdame mitkommen könnte, fragte er. Da schloß sie ihm mit einem Kusse den Mund: »O du lieber großer Junge du, ganz allein will ich mit dir sein, und wo soll ich hier in der Geschwindigkeit eine Freundin hernehmen? Vielleicht die stolze Baronin Perkwald?« ... Es gab ihm einen Stich im Herzen, als sie den Namen aussprach, aber sie konnte ja nicht wissen, an was sie damit rührte ... Und er tat, als überlegte er eifrig, wie sie es am besten anstellen könnten, damit sie ungesehen ins Schloß käme. Auf der Straße, die durchs Dorf führte, wäre es unmöglich, bis es ihm plötzlich einfiel, auf der andern Seite läge ja der See! Wenn sie mit Dunkelwerden am Ufer warten wollte, würde er mit dem Boote kommen, sie abholen. Und er beschrieb ihr genau die Stelle. Eine gewaltige Eiche stände ganz allein am Rande einer niedrigen Fichtenschonung, sie könnte gar nicht fehlgehen. Und sie brauchte sich nicht zu fürchten, denn er würde natürlich längst vor ihr am Platze sein, mit dem Boote im Uferschilf warten ... Sie schmiegte sich zärtlich an ihn: »Mich fürchten, wenn du in meiner Nähe bist?« ... Und mit einem unsäglich liebreizenden Lächeln fügte sie hinzu: »Wie der Zufall spielt ... Nichts als Ruhe habe ich für meine alten Tage hier gesucht, und jetzt erlebe ich ein romantische Abenteuer nach dem andern« ... »Alt?« sagte er mit trunkenen Augen und zog sie an sich, daß er das Pochen ihres Herzens spürte, »das Leben fängt jetzt erst an! Für mich bist du die Jüngste und Schönste und Herrlichste auf der Welt! Und ich werfe alles hinter mich, nur dir gehöre ich allein. Will dir dienen als dein getreuer Knecht und Herr zugleich, dich schirmen und schützen gegen alle Gefahr« ... Sie erschauerte leicht in seinem Arm, an der zum Nebenzimmer führenden Tür pochte es leise. Frau Liselotte strich eilig die verwirrten Haare zurecht, setzte sich ehrbar wieder aufs Sofa. »Herein,« sagte sie mit klarer Stimme. Die Zofe erschien auf der Schwelle. »Gnä' Frau, ick bitt' sehr um Entschuldigung, aber der Herr Doktor hat mir jesagt, er reißt mir 'n Kopf ab, wenn ick Sie nich um elf Uhr wieder zu Bett bring'« ... Frau Liselotte lächelte. »Diese Herren Ärzte – die reinen Tyrannen!« ... Sie sah nach einer auf dem Tische stehenden kleinen Stutzuhr, schlug erschreckt die Hände zusammen: »Aber wahrhaftig, es ist ja schon mehr als 'ne halbe Stunde drüber! Wie beim Plaudern die Zeit vergeht ... nun denn, Herr Graf, entschuldigen Sie eine arme Patientin, wenn Sie Ihnen für heute den Stuhl vor die Tür setzt« ... Malte errötete heftig vor Verlegenheit. Erst jetzt bemerkte er, daß er sitzen geblieben war, wie ihm später einfiel, vor Verwunderung, daß die kleine Frau so rasch von einer Stimmung in die andre fand. Wer sie sah, wie sie so ruhig mit der Dienerin sprach, hätte wohl kaum geahnt, daß sie noch vor wenigen Minuten in heißer Umarmung trunkene Liebesworte gestammelt hatte ... Er sprang auf, entschuldigte sich verwirrt, er hätte gar nicht gemerkt, wie spät es schon wäre. Sie streckte mit kokettem Lächeln die ringgeschmückte Hand über den Tisch ... »Nun, jedenfalls ein Beweis, daß Sie sich nicht gelangweilt haben, Herr Graf ... Auf Wiedersehen also, recht bald ... Und, Marie, nehmen Sie die Lampe, leuchten Sie dem Herrn Grafen« ... Während Malte das zierliche Händchen an die Lippen führte, drang es wie ein Hauch an sein Ohr: »Denk an mich, Liebster, und träume von mir« ... Wie trunken ging er hinaus, auf dem Flur griff er in die Tasche, leerte sein Portemonnaie in die ausgestreckte Hand. Und er achtete nicht darauf, daß die hübsche Zofe trotzdem ein wenig zufriedenes Gesicht machte. Als wenn sie von den Gästen ihrer Herrin noch ein andres Trinkgeld gewöhnt wäre ... +++ Draußen schien der Vollmond am wolkenlosen Himmel, fast taghell lag die Dorfstraße da mit den niedrigen Häuschen zu beiden Seiten. Malte blickte nach dem Forsthause zurück, hinter dessen Fenstern eben das Licht erlosch: da schlummerte sein Glück! Wie ein Sturmwind so rasch war es gekommen, jetzt durfte es wohl der Ruhe pflegen ... In ihm aber war es wie ein seliger Rausch, trieb ihn, irgendeine Torheit zu begehen. Laut zu schreien und zu lärmen, quer feldein zu rennen oder Rad zu schlagen vor Freude ... Jetzt erst hatte er die Liebe kennen gelernt; alles, was vorher gewesen war, erschien ihm wie ein Trunk abgestandenen Wassers gegen brausenden Schaumwein ... Wie Feuer rann es durch seine Adern, in seinem Herzen war ein Klingen und Singen und das unsägliche Glücksgefühl durchdrang ihn von Kopf bis zu Füßen. Ordentlich leicht schritt er dahin, aller Sorgen ledig ... Ein plattköpfiger, dickbäuchiger Kerl wimmelte da irgendwo herum, den schob man mit einer Handbewegung beiseite: verziehen Sie sich gefälligst, Sie bejammernswertester sämtlicher Sterblichen, Sie haben hier nichts mehr zu suchen. Wer einen Edelstein besitzt und hält ihn wie einen wertlosen Kiesel, braucht sich nicht zu wundern, wenn er ihn verliert ... Auf der hellen Straße kam ihm ein Männlein entgegen, das anscheinend beim abendlichen Trunke schwer geladen hatte. Im Zickzack ging es, von einer Seite zur andern. Er sah schärfer hin, es war der alte Leibkutscher Fuhbel. Lachend hielt er ihn an. »Na, Fuhbel, du scheinst ja 'nen Lütten gehoben zu haben?« Der Kleine blieb erschrocken stehen, riß die Mütze vom Kopfe und nahm sich zusammen. »Ach du mein lieber Gott, der Herr Graf! Und entschuldigen Sie man vielmals, Herr Graf, es wird nich wieder vorkommen« ... »Unsinn,« sagte er lachend, »weshalb soll man nicht mal über die Stränge schlagen? Wo hast du dir denn den Affen geholt?« »In Hohenrömnitz, Herr Graf. Da ist es abends zu gemütlich im Zuterreng mang diese Italieners! Die Kerls spielen auf ein Instrument, wo sie Mandeline zu sagen, wie 'ne Fiedel is es, nur ein büschen dicker, und sie spielen mit die Hand, die Deerns aber kloppen auf so 'ne lütte Trommel mit Schellen dran und drehn sich, daß man die drallen Waden sieht. Zu appetitlich is das!« Malte drohte ihm mit dem Finger. »Fuhbel, Fuhbel! Und was sagt deine Alte dazu?« Der Kleine spuckte in die Hand und machte eine nicht mißzuverstehende Handbewegung. »Gar nichts sagt sie, ich krieg' bloß meine gewöhnliche Portschon Schacht. Weil sie nämlich stärker is wie ich. Aber es nutzt nichts. Wenn ich 'n Abend frei hab', lauf ich doch wieder hin« ... »Unverbesserlicher alter Sünder,« lachte Malte und wollte weitergehen. Der Kleine aber machte ein Gesicht, als wenn er noch etwas auf dem Herzen hätte. Dablieb er stehen: »Na, was noch weiter, Fuhbel?« »Zu Befehl, denn noch weiter ... also heute war das Vergnügen man kurz im Zuterreng. E» hat nämlich im Schloß gebrannt« ... Malte schreckte zusammen: »Gebrannt?« Der Alte aber hob beruhigend die Hand. »Es war man bloß ein lüttes Feuer, weil Exzellenz die Lampe umgestoßen hatte im Schreibzimmer oder so. Der Herr Schwager kam in den Zuterreng gelaufen, sagte was auf italienisch, und da haben wir es mit 'nem paar Dutzend Eimer Wasser ausgelöscht, ganz still. Daß nämlich die Frau Erblandmarschall nich beunruhigt werden sollte und wegen dem Kleinen keinen Schaden nich kriegen. Es is auch nich viel passiert ... bloß der Teppich verbrannt und auf dem Schreibtisch 'n Hümpel Papiere, und eins von die alten Bilder war angesengt. Aber der Paalzow hat gemeint, das wär' weiter nich schlimm, das könnt' man wieder zurechtmachen mit 'n büschen Firnis und Ölfarb'« ... Malte hatte schweigend zugehört. Wie hatte am Nachmittag der kleine Rechtsanwalt gesagt? ... Er würde sich gar nicht wundern, wenn es nächstens mal in Hohenrömnitz zufällig brennen würde ... Der Zufall war gar rasch eingetreten, und nur ein paar alte Papiere waren verbrannt ... »Gute Nacht, Fuhbel« ... »Gute Nacht, gehorsamst, Herr Graf« ... Malte ging langsam weiter, das übermütige Glücksgefühl war verflogen ... »Nur ein paar alte Papiere waren verbrannt« ... Während er hier tändelte und koste, hatte man ihm drüben sein Recht gestohlen. Er war drauf und dran gewesen, danach mit kühner Faust zu greifen, der Kleinmut hatte ihn auf den andern Weg geführt. Oder, wenn er sich genau auf Herz und Nieren prüfte, verliebte Sehnsucht ... Gar nicht erwarten hatte er's können, bis er wieder nach, Hause kam, er hätte ja den alten Wotan mit kaltem Blute in den Weg lenken können nach Hohenrömnitz. Aber da saß eine zierliche Feine im Försterhause, wartete auf ihn ... Und mit einem Male lachte er aus vollem Halse auf: was plagte er sich hier um alte Papiere – sie waren jetzt ja wertlos für ihn wie ein Flederwisch! Mit der zierlichen Feinen hatte er sich ja eben verlobt, ohne daran zu denken, was für strenge Gesetze drüben in der Hohenrömnitz auf einer alten Eselshaut geschrieben standen ... Oder war seine zukünftige Frau Eheliebste vielleicht eine »mecklenbörgisch Jungfrouw von untadeligem Adel?« ... Mit je sechzehn Ahnen von Vaters- und Mutterseite? ... Ein gewöhnlicher Kaufmann war ihr Vater, freilich mit ungezählten Däusern. Und das war ganz gut so, für den Fall, daß es hier schief ging ... Daran hatte er, weiß Gott, nicht gedacht, als er den Arm nach ihr ausstreckte, an alles andre eher – sein Gewissen war rein! Er brauchte sich nicht zu schämen ... er hätte um sie geworben, auch wenn sie arm gewesen wäre wie eine Kirchenmaus! Aber der ungeheure Reichtum – wenn er sich recht entsann, hatte der kahlköpfige Dicke von dreizehn Millionen gesprochen – war keine unangenehme Begleiterscheinung. Von der Summe konnte er sich keine rechte Vorstellung machen, vielleicht war sie groß genug, um damit die ganze Hohenrömnitz zu kaufen ... Und lustig schoß es ihm durch den Sinn: wie, wenn sich nun drüben die Hoffnungen nicht erfüllten? Wenn er nach wie vor der Erbe blieb? Dann hatte der Herr Onkel sich in der eigenen Schlinge gefangen, konnte nicht herkommen und sagen: »Diese Ehe ist nicht gültig, sie entspricht nicht unserm Hausgesetz!« ... Man lachte ihm in die Zähne: »Bitte, produzier es doch, das Pergament, worauf das geschrieben steht ... Und, wie sagst du, es ist damals bei dem Brand in deinem Schreibzimmer vernichtet worden? ... Ach, wie schade! Nun mußt du wohl mit mir einen Prozeß anfangen! Aber bis der entschieden wird in letzter Instanz, können ganze Geschlechter aussterben ... Und wie alt bist du, lieber Onkel? Siebzig Jahre« ... Zu lustig war das – – Auf der Diele brannte noch Licht. Lentz trat herzu, nahm ihm Hut und Stock ab. »Die Miken hat noch 'n büschen was Kaltes hingesetzt auf den Tisch. Weil Herr Graf doch zu Mittag und Abend nichts gegessen haben« ... Malte hieb ihn vergnügt auf die Schulter. »Essen? ... Nee, Alter! Aber hol 'ne Buddel Sekt aus dem Keller! Ich möchte für mich solo allein ein freudiges Ereignis begießen!« Der Alte griff mit frohem Schreck nach dem Herzen. »Um Gott, Herr Graf, hat es vielleicht drüben 'ne lütte Komteß gegeben?« ... »Nee, noch nich! Aber vielleicht kommt das auch noch mit Gottes Hilfe. Vorläufig sind mal erst in der Hohenrömnitz ein paar alte Schwarten verbrannt« ... Er reckte die Arme in die Lust: »Lentz, ich bin glücklich ... glücklich wie noch nie, seit ich auf der Welt bin ... Ich kann dir das nicht näher erklären, du und die Miken, ihr altmodischen Leutchen, würdet es ja doch nicht verstehen« ... Lentz nickte nur, stieg schweigend in den Keller hinab. Er brauchte keine näheren Erklärungen, er war ja auch mal jung gewesen als flotter Husar. Und er hatte den schwülen Geruch wahrgenommen, den sein Herr in den Kleidern mitbrachte ... Den kriegte man nicht, wenn man nur so still in der Stube saß und sich ehrbar unterhielt ... Da mußte man schon ganz nahe zusammenrücken mit der, die diesen Geruch an sich hatte – – – 5 Als wenn sie Bleisohlen an den Füßen hätten, schlichen die Tage, wollten kein Ende nehmen vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Und keine Ungeduld half, die Entscheidung kam nicht und kam nicht ... Am Morgen stand man auf: vielleicht heute? ... Wer der Abend kam langsam herangekrochen, es stand alles noch so ungewiß wie zuvor. In einer Art von Dämmerzustand lebte er dahin, träge und tatenlos, kaum, daß er einmal am Tag über die lange Dammallee ging, um mit dem Vogte, der an Stelle des entlassenen Verwalters die Wirtschaft führte, die dringendsten Arbeiten zu besprechen. Zuweilen überfiel ihn dabei ein Arger gegen sich selbst, daß er bei diesen Besprechungen nicht viel mehr als eine Art von nickender Pagode war ... Erst wenn man in den vielfältigen Betrieb der Landwirtschaft ein wenig schärfer hineinsah, merkte man, über wie viele Kenntnisse und Erfahrungen ein Herr verfügen mußte, der seinen Besitz selbst verwalten wollte. Und diese Kenntnisse sich anzueignen hatte er in törichtem Leichtsinn versäumt, war allerhand bunten Abenteuern nachgelaufen in der Zeit, in der andre lernten ... Dann faßte er im Augenblicke gute Vorsätze, ließ sich eifrig erklären, weshalb jetzt dieses geschehen mußte und weshalb jenes ... am Tage danach hatte er die Lust wieder verloren. Was frommte es, daß er hier mit Fleiß die Saat bestellte? Die reife Frucht gehörte ja doch einem andern ... dem, der nach ihm kam ... Stundenlang saß er dann auf der Diele, starrte untätig durch die Scheiben der Glastür auf die lange Doppelreihe von Erlenbäumen hinaus, die sich weit hinten vor dem spähenden Auge zu einem engen Tor zusammenschloß ... Und durch dieses Tor mußte eines Tages die Entscheidung kommen, ob er ein Herr war oder ein Bettler ... Am Abend jedoch, kaum daß die erste Dämmerung sich neigte, überfiel ihn eine seltsame Unrast ... Dann ging er in den Park hinaus, löste das Boot von der Kette und ruderte nach der andern Seite hinüber, wo der See fast schon an Alten-Krakower Gebiet stieß. Eine gewaltige breitästige Eiche ragte am Ufer, ganz einsam zwischen einer niedrigen Fichtenschonung ... Er wußte genau, er wartete umsonst, aber wer mochte wissen, ob sie nicht doch vielleicht dastand, die Eine, der all seine Gedanken gehörten ... dastand und wartete ... vielleicht ... Erst wenn die Nacht mit ihren schwarzen Schatten sich über Wald und Wasser legte, ruderte er wieder heim ... vielleicht morgen ... Der Traum von Glück war gar kurz gewesen, kaum zwei Tage hatte er gedauert ... Und er begriff es immer noch nicht ... Als er sie am ersten Abende wieder zurückruderte an die Stelle, von wo aus sie den nächsten Weg hatte nach Alten-Krakow – zur Sicherheit hatte er ihr noch ein Ende weit das Geleit gegeben, bis dicht an den Park, – hatte sie ihm unter tausend Küssen geschworen, sie wäre sein für immer, würde alles daran setzen, das verhaßte Band zu lösen, das sie noch mit der Vergangenheit verknüpfte ... Am nächsten Abend aber schon wartete er vergeblich, bis tief in die sinkende Nacht, zwei qualvolle Tage vergingen danach ohne eine Spur von Nachricht, bis der dritte endlich die Aufklärung brachte. Ein kurzes Brieflein aus Berlin. Ein paar Zeilen nur, wie ein Verzweiflungsschrei ... »Vergiß mich, Liebster ... sie sperren mich hier ein ... erklären mich für toll ... mein Vater war fast unmenschlich in seinem Zorn ... beinahe geschlagen hat er mich, daß ich eine solche Schande über ihn bringen wollte ... und ich bin zu schwach, die Ketten zu brechen ... vergiß mich ... vergiß mich ... Da hatte er einen schier wahnsinnigen Brief zurückgeschrieben, ein einziges, stammelndes Flehen und Bitten, sie sollte ihn nicht verlassen. Und was läge ihm an dem schnöden Geld und Gut ... barfuß sollte sie zu ihm kommen, er würde sie aufnehmen, wie es einer Braut geziemte! Und nicht fürchten sollte sie sich, er stände ja vor ihr, würde sie schützen. Ihr zuliebe wollte er in einen Vergleich willigen, den er bisher als schmachvoll zurückgewiesen hätte, ohne Sorgen könnten sie wohnen in dem kleinen Schloß, das ihr bei dem ersten Besuche so gut gefallen hätte ... Auf diesen Brief hatte sie nicht geantwortet. Er aber fuhr jeden Abend hinüber nach dem andern Ufer ... Und zuweilen überfielen ihn die Zweifel. Ob er nicht vielleicht nur ein leichtgläubiger Tor gewesen war, der für unauslöschliche Liebe genommen, was die kleine blonde Frau bloß als müßigen Zeitvertreib angesehen hatte ... Damit aber tat er ihr bitteres Unrecht ... Sein Brief hatte sie sicherlich gar nicht erreicht, oder man hinderte sie daran, ihm zu antworten ... sie hatte ja geschrieben, man sperrte sie ein ... Und schließlich war ihm die abendliche Fahrt zur Gewohnheit geworden, wie das Hinausstarren auf das enge Tor; man wartete, dämmerte dahin und träumte ... Wie anders alles hätte kommen können, wenn er zur rechten Zeit den kecken Mut des Zugreifens gefunden hätte ... In der Hohenrömnitz drüben und hier in Vellahn ... Das ganze Gewächshaus hatte er geplündert damals an jenem ersten Abend, um die Zimmer mit Blumen zu schmücken, und als die beiden Altchen mit verwunderten Augen seinem Treiben zusahen, hatte er sie bei den Händen gefaßt: »Freut euch mit mir, ihr beiden Getreuen, heute zieht hier eine Braut ein? Eure zukünftige Herrin, die ihr hoffentlich so lieb haben werdet wie mich« ... »Gottvater steh' mich bei,« hatte Miken erwidert, »kann man sich denn mit einer Frau verloben, und der Mann is noch da? Und keine Scheidung is noch nich gewesen und so?« ... »Ja, das kann man,« hatte er darauf lachend gesagt, »das ist die neue Zeit, die nicht nach altem Formelkram fragt! Die rechte Liebe muß nur da sein, von beiden Seiten« ... Und am Abend führte er sie herein, die Zierliche, Feine ... »Da, das ist dein zukünftiges Reich« ... Sie lief durch alle Zimmer mit ihren kleinen Füßchen, so rasch, daß der alte Lentz mit der Lampe kaum folgen konnte. »Himmlisch,« sagte sie zu allen steifen Möbeln und den dunkeln Bildern an den Wänden, »wie aus einem alten Märchenbuch geschnitten ist das« ... Danach saßen sie an dem runden Tische auf der Diele, er aß wie ein Scheunendrescher, denn er hatte ja einen Fastentag nachzuholen, und keine Sorge mehr beschwerte ihm den Sinn, verschlug ihm den Appetit ... Sie aber nippte nur an einem Glase Wein, und mit einem Male sagte sie leise: »Schick doch diese lästige Alte fort! Wie eine Ohreule steht sie da, paßt auf jedes Wort« ... Denn er war nämlich auf die vortreffliche Idee gekommen, die Miken auf der Diele aufzustellen, als Ersatz für die mangelnde Anstandsdame gewissermaßen ... Er schüttelte den Kopf. »Verzeih, Liselottchen, aber das geht nicht. Du mußt dich hier schon ein bißchen unsern altmodischen Anschauungen anbequemen. Du bist meine Braut, und sie müßte ja vor ihrer zukünftigen Herrin den Respekt verlieren, wenn wir hier allein tafeln würden wie ein leichtfertiges Liebespaar« ... »Du hast recht,« sagte sie, trank ihm mit freundlichem Lächeln zu. Nicht lange danach aber verspürte sie ein plötzliches Kopfweh, wohl noch von dem Sturze her, und da drängte er selbst zum Aufbruche. Damit sie nur ja nicht an ihrer Gesundheit Schaden nähme ... Schweigend fuhren sie über den See, schwelgend stiegen sie aus und gingen an der niedrigen Fichtenschonung entlang, bis im Alten-Krakower Schlosse die Lichter aufblitzten. Er hatte ein paarmal besorgt gefragt, ob sie arge Schmerzen hätte, sie hatte nur abweisend den Kopf geschüttelt, es wäre nicht so schlimm. Da überkam ihn ein Bangen, ob er irgend etwas bei ihr verfehlt hätte, aber sie beruhigte ihn, es wäre nur die Sorge um die Zukunft, die sie so einsilbig machte. Aber er sollte sich darum nicht kümmern, sie würde es schon durchfechten ... Er umfaßte sie, zog sie an sich. »Komm, ich gehe mit dir nach Berlin, damit du nicht allein bist. Den widerwärtigen kleinen Tropf, dessen Namen du trägst, um den kümmern wir uns nicht. Vor deinen Vater aber treten wir hin, Hand in Hand ... er wird nicht nein sagen, wenn er sieht, wie rein und ehrlich wir uns lieben« ... Sie reckte sich zu seinem Munde, küßte und biß ihn fast ... »O du lieber großer, dummer Junge du ... Wie du dir das alles vorstellst!« ... Sie schlüpfte aus seinen Armen, eilte davon. Noch ein halbes hundert Schritte konnte er sie sehen, dann entschwand sie ihm in der Dunkelheit ... Und schon hatte er sich zur Heimkehr gewandt, da kam es wieder heran auf leisen Sohlen ... er schrak heftig zusammen, als sie ihn mit ihrem seinen Stimmchen anrief. Sie stand verschämt da mit niedergeschlagenen Augen: »Verzeih, aber das ist unter Brautleuten wohl so ... einmal Adieu sagen reicht nicht für eine lange Nacht« ... Da standen sie lange in seliger Umschlingung, tauschten Schwüre und Küsse, bis plötzlich ein Windstoß durch die Wipfel fuhr ... schwere Regentropfen fielen auf die trockenen Blätter, die den Boden bedeckten. Da schauerte sie zusammen, entwand sich ihm. »Gute Nacht ... gute Nacht und adieu ... und, bitte, laß mich jetzt gehen ... morgen abend wieder warte ich hier auf dich« ... Zwei Abende war er vergeblich hinausgefahren, am dritten Tage endlich war der Brief gekommen, er sollte sie vergessen ... Aber das ging nicht so rasch. Ein Menschenherz war keine Schiefertafel, über die man mit einem nassen Schwämme fuhr – alles war ausgelöscht ... Und in den Stunden der Verzweiflung fragte er immer wieder, warum gerade ihm das? Weshalb schlug ihn gerade das Schicksal mit so harter Hand? War er denn so viel schlechter als all die andern ringsum? ... Die jungen Herren von Adel aus seiner Bekanntschaft spielten und tranken, liefen leichtfertigen Abenteuern nach, scherten sich um Tod und Teufel nicht, und es ging ihnen gut! Er aber hatte seines Wissens doch immer einen leidlich anständigen Lebenswandel geführt, weshalb also ersann das Wesen da oben, das die Menschengeschicke lenkte, immer neue Strafen für ihn? ... Wenn es ihn gewissermaßen mit Gewalt auf den dunkeln Weg drängen wollte, den er bisher gemieden hatte, weshalb hatte es ihn da überhaupt auf die Welt kommen lassen? ... Auf die Fragen wußte er keine Antwort, und keine Menschenseele war ringsum, mit der er sich aussprechen konnte ... Die Einsamkeit würgte ihn zuweilen, daß er fast schreien mußte vor Angst, und mehr als einmal hatte er in dieser Zeit den kalten Lauf der Waffe schon an die Schläfe gesetzt ... Eine Art von Trotz nur hielt ihm im letzten Augenblicke die Hand und eine Neugierde, welch einen neuen Schlag das Schicksal für ihn wohl noch in Bereitschaft hielt ... +++ Eines Abends – der Tag seiner Abreise jährte sich gerade zum zweiten Male – kam er von seiner gewohnten Fahrt auf dem See zurück. Es graute ihm ordentlich vor den langen Stunden in seinem einsamen Schreibzimmer ... Lesen konnte er nicht, dazu jagten ihm die Gedanken zu unruhig hinter der Stirn – es blieb nur der Trunk ... Der gute alte Rotwein, der noch vom Vater her im Keller lag ... Bei der ersten Flasche spürte man noch nicht viel, aber bei der zweiten wurden einem die Augenlider schwer, man sagte: »Gute Nacht, Lentz« und ging stumpfsinnig zu Bette ... Der Hühnerhund Hektor legte sich als Wächter auf die abgewetzte Keilerschwarte, und ein paar Stunden lang hatte man Ruhe vor allem Grübeln und Denken ... Auf der Diele brannte längst schon die Lampe, auf dem runden Tische in der Mitte wartete das Nachtessen. Vom Kamin her trat ein schmächtiger junger Mensch in den Lichtschein. »Guten Abend, Gräflein! Und höchste Zeit, daß Sie kommen. Ich hab' einen Hunger wie ein Wolf. Lange hätt' ich's vor all den Herrlichkeiten da nicht mehr ausgehalten!« Er stutzte erst einen Augenblick, dann schrie er auf: »Peter Nägelein! Malerchen! Wie kommen Sie hierher?« Der Kleine schüttelte ihm die Hand. »Merschtendeels zu Fuß. Ich hab' mich so durchgemalt von Basel über Frankfurt und Berlin bis hierher. Es gibt noch immer Leute, die sich für zehn Mark pro Kopf porträtieren lassen. Und Sie hatten mich doch in Genua feierlichst eingeladen damals?!« ... »Aber natürlich, und ich freue mich von ganzem Herzen« ... »Na sehen Sie,« sagte Peter Nägelein, »diese Einladung war mir, wie irgend ein Dichter sagt, der Leuchtturm am Meere meines Lebens. Und jetzt werden Sie mich überhaupt nicht mehr los, hier bleibe ich, bis ich ein berühmter Mann und Präsident der Akademie geworden bin! Sie hätten damals vor Tabora nicht so leichtsinnig sein sollen, mir das Leben zu retten« ... »Aber Peterchen,« erwiderte Malte fröhlich, »Sie halten wieder Volksreden! In der Zeit hätten Sie schon längst einen kleinen Elefanten verzehrt haben können! Und besinnen Sie sich noch, wie Ihnen der lange Rueder – Gott hab' ihn selig – das Antilopensteak vom Teller stahl? Weil Sie mit der Gabel immer in der Luft herumfochten und begeistert die Farben eines Sonnenuntergangs schilderten?« ... »Wird mir so leicht nicht wieder passieren,« sagte der Kleine, fing an zu futtern wie ein hungriger Wolf, der aus Polen kam. Und während er sich von dem sanft geräucherten Schweineschinken ein schier daumendickes Stück schnitt, begann er zu erzählen, wie es ihm seit der Trennung ergangen war. Die dreihundert Mark, die ihm Malte in Genua geliehen, hatte er nicht lange in der Tasche behalten. Bis Berlin sollten sie reichen, aber da ging zufällig ein Zug nach Monte Carlo, und ihm kam der Gedanke, das wäre ein Wink des Schicksals. Dreihundert Mark waren ein Riesengeld, wenn man nur ein bißchen Glück hatte, konnte man damit die Bank sprengen ... In München nachher von seinen Renten leben in einer wunderbaren Marmorvilla, keinen Kitsch mehr malen, sondern nur das, wozu der Heilige Geist einen trieb. Und es hatte ja genug Leute schon gegeben, die den Räubern in Monte erheblichen Gewinn abjagten ... Aber es kam natürlich wieder einmal anders. Schon in der ersten halben Minute war die Marmorvilla flöten, es fiel schwarz statt rot, sein Geld wurde mit einer langen Harke fortgescharrt. Weil er sich nämlich mit Kleinigkeiten nicht abgab, hatte er die dreihundert gleich auf den ersten Schlag gesetzt. Da sah er, daß das Schicksal ihm nicht wohlwollte nach alter Weise, aber ein Glück war immerhin noch dabei, daß man nämlich in welschen Landen nach Franken rechnete, nicht nach den Markstücken, die er sich gepumpt hatte. Der Währungsunterschied war ihm verblieben, und er Widerstand der Versuchung, den Bau der Villa von neuem in Angriff zu nehmen es war doch kein ganz sicheres Geschäft! Die paar Groschen aber reichten wenigstens bis Deutschland zurück. Da verstanden einen die Leute doch, wenn man ihnen auseinandersetzte, wie jammerschade es wäre, wenn ihre charakteristischen Züge nicht der Nachwelt erhalten blieben ... Peter Nägelein ging von dem Schinken zur Leberwurst über, wandte sich später dem bräunlichen Spickaal zu, dem kalten Lammbraten, der rosigen Mettwurst und dem milden Käse – schier unglaublich war es, was alles in den spindeldürren kleinen Kerl hineinging! Und während er eifrig kaute, erzählte er weiter. Wie er quer durch Deutschland gezogen, immer dem gesegneten Mecklenburg zu, um hier bei freier Verpflegung seine Schuld abzuarbeiten. Für die dreihundert Mark nämlich wollte er seinen Gastgeber zweimal porträtieren. Einmal als Kniestück und zum zweiten hoch zu Roß für die Ahnengalerie. Das würde so ungefähr den Sommer über dauern, dann aber hoffte er, dank Maltes gewichtiger Empfehlung, auf weitere Arbeit in den Schlössern ringsum. Zu höheren Preisen natürlich, aber immer bei »freier Station«. Seit er gesehen, wie herrlich man hier lebte, gedächte er aus diesem gesunden Ländchen so bald nicht wieder hinauszugehen. Und schließlich wäre es ja auch egal, wo man sich seine Marmorvilla verdiente ... So schwatzte er fort, und Malte hörte ihm lächelnd zu. Weshalb sollte er sich und dem andern die Wiedersehensfreude mit trübem Unkenruf verderben? Die Bertreibung hier aus dem Paradiese kam ja ganz von selbst und früh genug ... Als der kleine Maler endlich gesättigt den Teller zurückschob, drückte Malte auf die Schelle: »Jetzt vorwärts, Lentz, das Beste, was wir im Keller haben! Heute ist ein Freudentag ... Und nicht zu wenig gleich, damit du den Weg nicht noch ein paarmal zu machen brauchst!« »Che,« sagte Lentz mit einem zweifelnden Blicke auf das schäbige Röcklein des Gastes, »da sind noch vier Flaschen 1876er Chateau Margaux da, Schloßabzug. Wir haben sie immer aufgehoben, wenn mal wer so recht schwer krank sein sollte« ... »Hol sie nur 'rauf,« erwiderte Malte lachend, 'nem Gesunden bekommen sie erst recht. Und wir müssen uns sowieso ordentlich dranhalten, sonst geraten all die guten Tropfen hier womöglich noch in eine falsche Kehle« ... Es gab einen langen Abend danach. Peter Nägelein wußte von seiner Wanderung noch einen ganzen Sack voll lustiger Schnurren zu erzählen, von ihren gemeinsamen Erlebnissen auf der langen Reise sprachen sie, und merkwürdig war es, wie leicht sich ihnen all die Entbehrungen und Strapazen in der Erinnerung ausnahmen. In der Wirklichkeit damals waren sie oft ganz verzweifelt gewesen, hatten zuweilen schon alle Hoffnung aufgegeben ... Und endlich, bei der dritten Flasche des köstlichen Weines, schloß auch Malte sein Herz auf, erzählte, wie feindselig ihn die so heiß ersehnte Heimat empfangen hätte; sprach von der herben Enttäuschung der letzten Wochen, und wie er danach ganz verzagt und zu Boden geschlagen wäre, sich nicht mehr zu raten noch zu helfen wüßte ... Der kleine Maler hatte teilnahmsvoll zugehört. »Liebes Gräflein,« sagte er nach einer kleinen Pause, »ich weiß nicht, ob Sie vor die rechte Schmiede gekommen sind, wenn Sie von mir in diesen Liebesaffären einen Rat erwarten oder einen Tip, wie die seltsame Geschichte wohl aufzuklären wäre. Ich habe darin zu wenig Erfahrung, ich hatte es bisher immer nur mit einer zu tun, der Apothekerstochter, von der ich Ihnen in Afrika drüben erzählte, wie wir einander mal die Herzen ausschütteten. Wenn Sie es interessiert ... ich hab' sie nach meiner Rückkehr wiedergesehen. Ich konnte mir's doch nicht verkneifen, den Kurs über mein Heimatstädtchen zu nehmen – Sie verstehen mich –, um mal nachzusehen, was sich dort in den zwei Jahren geändert haben mochte. Es war ein gemischtes Vergnügen. Ein paar von den würdigen Verwandten, die mir prophezeit hatten, ich würde einmal hinterm Zaun verrecken, hatten ja inzwischen selbst das Zeitliche gesegnet ... leider nicht alle! Und mein braunes Apothekertöchterlein schaukelte ein Kind. Stand am Fenster eines schönen Hauses am Markt und hielt einen strammen Jungen im Arm, lachte mit ihm und war anscheinend sehr glücklich. Oben an dem Hause aber prangte an einem großen Firmenschild der Name des Erzeugers: ›Franz Müller jr., Manufakturwaren, Wolle und Leinen ...‹ Es war schon immer ein sehr tüchtiger junger Mann gewesen, und die Frau Apothekerin hatte recht gehabt, mit Wolle und sauberer Leinwand verdiente man entschieden mehr, als wenn man diese letztere mit Ölfarben beschmierte. Ich stand einen Augenblick und rechnete nach, wann mein Liebchen mich wohl schon vergessen haben mochte, und kam zu einem recht betrüblichen Ergebnis. Kaum ein Vierteljahr hatte es gedauert, bis Herr Müller junior über mein Andenken den Sieg davongetragen hatte ... Das tat recht weh ein paar Tage lang, dann aber fing ich allmählich an, mich aufzurichten. Daß ich in eine ziemlich unzulängliche junge Dame wohl zu viel von meinem Allereigensten hineingetragen, sie auf ein Piedestal gestellt hatte, das ihr nicht zukam ... Ich hatte mich damals an dem unweigerlichen Nein ihrer Eltern fast verblutet, ging in die Wüste, sie aber tröstete sich drei Monate später schon mit einem andern ... Wenigstens meine Todesnachricht hätte sie abwarten können, oder ob nicht doch etwas aus mir würde. Sie hatte ja nur noch ein Jahr bis zu ihrer Mündigkeit und war dann frei in ihren Entschlüssen« ... Er brach ab, sah trübsinnig in sein Glas und trank es auf einen Schluck leer, ließ es sich wieder füllen ... »Sie haben hier bei Ihnen im Mecklenburgischen für solche Dinge ein ganz ausgezeichnetes Sprichwort: ›Dat is so, as dat Ledder is‹ ... Und vielleicht finden Sie in meiner Geschichte auch eine kleine Nutzanwendung für Ihr trauriges Erlebnis, Gräflein ... Wenn die junge Dame, von der Sie erzählten, nicht bloß ein frivoles Spiel mit Ihnen getrieben hat, wird sie wiederkommen. Unmöglichkeiten, meine ich, gibt es nicht für eine Frau, die wirklich liebt ... Ein paar Minuten am Tag wird sie doch für sich haben, um eine Zeile mit Bleistift kritzeln zu können: ›Harr aus, wart auf mich‹ ... Und auch die Möglichkeit, diese Zeile in den Postkasten zu befördern. Alles übrige ist Unsinn und faule Ausrede« ... »Holla, Malerchen,« sagte Malte, »nicht so voreilig! Wer sagt Ihnen denn, daß sie meine Antwort auf ihren Brief überhaupt bekommen hat?« Peter Nägelein hob die schmächtigen Schultern. »Ich weiß nicht, es ist etwas bei Ihrer Geschichte, was mich stößt. Allerhand ... gegen die sogenannten unverstandenen Frauen hab' ich überhaupt ein Mißtrauen! Meine Wirtin in München beklagte sich auch in dieser Hinsicht, gleich am ersten Abend, und ehe ich mich versah, lehnte sie an meiner Brust ... ›Ach,‹ sagte sie nur, aber ich weckte sie aus ihrer Ohnmacht nicht auf. Nach meiner Schätzung wog sie zweihundert Pfund – ich vermochte nicht daran zu glauben, daß in einer so starken Leiblichkeit eine empfindsame Seele wohnen sollte! Und ich hatte recht. Nach zehn Minuten kam sie ganz von selbst wieder zu sich, kündigte mir wegen Lieblosigkeit zum nächsten zulässigen Termin« ... Malte wollte zornig aufbegehren, der Kleine aber hob die Hand. »Ich weiß schon, Gräflein, das ist ein unwürdiger Vergleich. Aber da ich neben meiner Rolle als Hanswurst zuweilen auch den ernsthaften Menschen spiele: morgen werde ich nach Berlin fahren, auf Ihre Kosten natürlich! Wenn ich wieder zurückkomme, werden wir ganz genau Bescheid wissen. Ob wir vor Freude den Tanz der Matabele aufführen dürfen – besinnen Sie sich noch, wie die schwarzen Kerle die Glieder verrenkten? – oder eine Trauerpulle trinken, am Grabe vernichteter Hoffnungen. Einverstanden?« Und als Malte nickte, fuhr er lebhafter fort: »Das andre aber, das bißchen Hab und Gut? Du mein lieber Gott – Wer wird sich von solchen Unbeträchtlichkeiten denn gleich niederschlagen lassen?! ... Im Notfalle male ich die Schandtaten Ihres Herrn Onkels auf eine große Leinwand, wir kaufen einen Leierkasten und ziehen auf den Jahrmärkten herum. Ich verfüge über eine poetische Ader und einen leidlichen Tenor – Sie brauchen bei den Pointen nur mit dem langen Stock auf die bildliche Darstellung zu tippen! ... Aber noch sind wir ja nicht so weit. Und ich kann mir nicht helfen – einem so anständigen Kerl wie Ihnen, kann es nicht schief gehen! Der liebe Gott hat sicherlich mit Ihnen ganz was Besonderes vor, daß er Sie so schüttelt und beutelt. Eine Läuterung vielleicht, um aus Ihnen ein ausgesuchtes Musterexemplar von mecklenburgschem Edelmann zu ziehen. Irgendwas wird er mit Ihnen schon im Sinn haben« ... »Der liebe Gott?« fragte Malte bitter. »Ich Hab' nicht viel von ihm gespürt, so lang ich auf der Welt bin.« ... Und der Kleine sagte schlicht: »Ich glaub' an ihn. Nur natürlich, er hat keine Zeit, sich um jeden Quark zu kümmern. Damals aber vor Tabora, als Sie weitermarschieren sollten mit den Niggern, da bat ich ihn so recht demütig, herzlich und inständig. Er half mir, Sie kehrten um« ... »Das war doch selbstverständlich,« erwiderte Malte, aber er entsann sich, wie seltsam ihm damals zumute gewesen war. Fast als hätte ihn jemand am Wams zurückgerissen: »Kehr um!« ... Danach schwiegen sie, die letzte Flasche blieb ungetrunken. Und als Malte sich auf sein Lager streckte, war ihm ein wenig leichter zu Mute. Viel helfen konnte ihm der kleine Maler ja nicht in seinen Bedrängnissen, aber es war schon eine Wohltat gewesen, sich einmal ordentlich und gründlich aussprechen zu dürfen zu einem ernsthaften und mitfühlenden Menschen, den das Schicksal auch nicht mit sanften Händen angefaßt hatte. Oder der liebe Gott ... wer mochte das wissen?– – – +++ Am andern Vormittag – die Sonne schien längst schon über Berg und Tal – wachte Malte von einem hellen Lachen auf, das unter den Fenstern seines Schlafzimmers erklang. Drei Stimmen lachten da durcheinander ... zwei davon kannte er ganz genau, die von Lentz und Miken, die dritte aber ...? Ja richtig? Peter Nägelein, das Malerchen, das gestern gekommen war ... Mit beiden Beinen zugleich stieg er aus dem Bett und lugte durch die Ritzen der Läden ... Da saß Miken unten aus einem Stuhl in ihrem besten Sonntagsstaat, der Maler hatte einen großen Papierblock auf den Knien und zeichnete eifrig. Lentz aber sah ihm über die Schulter zu, schmunzelte über das ganze verwitterte Gesicht, und plötzlich lachten alle drei wieder hell auf – Peter Nägelein hatte wohl zur Kurzweil eine seiner Schnurren erzählt? ... Da ließ Malte sich kaum die Zeit, in die Kleider zu schlüpfen, und stieg eilends hinunter. Und so vereifert waren die drei, daß sie gar nicht merkten, wie er sich im dichten Haselbusch vorsichtig heranpirschte. Da stand er eine ganze Weile lang, sah mit seinen scharfen Augen, wie auf dem weißen Papier mit raschen, sichern Strichen das Bild der alten Miken entstand. Und eine Art von Neid stahl sich ihm ins Herz: der konnte etwas, der Kleine! Wie es auch kam, er verstand eine Kunst, die ihn in schweren Zeiten über Wasser hielt, später vielleicht zu Erfolgen und Wohlstand führte. Er aber hatte nichts weiter gelernt, als ein widerspenstiges Roß zu meistern und mit der Kugel ins Schwarze zu treffen. Das waren brotlose Künste – jeder Stallknecht konnte sie und jeder Jägerlehrling ... Und in diesem Augenblicke leistete er sich einen heiligen Schwur. Wenn ihn das Schicksal auf dem Platze ließ, für den er seit Anbeginn bestimmt war, wollte er lernen und lernen, um als ein rechter Herr dazustehen, der seinen Besitz zum Segen verwaltete für sich und die, die zu ihm gehörten ... Und später, als er mit Peter Nägelein auf der Diele beim Frühstück saß, spann er denselben Faden weiter. Daß er sich einen tüchtigen Landwirt zum Verwalter nehmen wollte, wenn sich hier seine Verhältnisse endlich geklärt hätten. Bei dem aber gedächte er in die Schule zu gehen wie ein richtiger Lehrling; denn das wäre der Fehler der meisten Herren ringsum, daß sie an die Verwaltung ihrer Güter mit mangelnder Vorbildung gingen. Auf dem Kasernenhofe oder dem Exerzierplatze könnte man keine Landwirtschaft lernen, aber bei ihm wäre es ja noch nicht zu spät. Und einen gewissen Schimmer hätte er schon, allzu viel brauchte er nicht nachzuholen ... Der kleine Maler langte nach dem gewaltigen Schinken, für den er seiner vortrefflichen Eigenschaften wegen noch vom Abend vorher eine heftige Zuneigung empfand: »Lobenswert, sehr lobenswert! Und ich wünsche Ihnen von Herzen, daß es dazu kommt. In Ihrem Interesse und dem meinigen ... es wäre schandbar, wenn wir aus diesem gelobten Land wieder auswandern müßten! ... Und eine erfreuliche Mitteilung kann ich Ihnen jedenfalls heute schon machen: wir haben eine ganze Menge Geld gespart. Die Berliner Reise fällt weg« ... Malte hob argwöhnisch den Kopf: »Wie meinen Sie, Peterchen?« Der Kleine zögerte ein wenig, über sein vertrocknetes Gesicht flog es wie ein mitleidiger Schimmer. »Nun ... ich bin heute schon recht früh aufgestanden, überall herumgekrochen in meinem neuen Quartier, von außen und innen ... herrlich ist das alles! Das efeubewachsene kleine Schloß, das mal' ich uns heute noch zum Andenken. Und was da alles so unbeachtet herumsteht ... Mensch, Gräflein, die alten Zinnkrüge allein sind ja ein Vermögen wert! Wenn wir die in Berlin verkloppen, können wir zwei Jahre davon leben!« »Gehören leider nicht mir,« warf Malte ein, »die muß ich bei der Übergabe alle abliefern. Aber Sie wollten mir doch was von der Berliner Reise erzählen?« »Ja richtig,« sagte Peter Nägelein und schlug sich vor den Kopf. »Also ich war auch nach dem Dorf hinausgepilgert, und da habe ich eine ganz scharmante ältere Dame kennen gelernt, die Frau Förster Schwarz. Der geräucherte Schweineschinken, den sie mir vorsetzte – sie saß nämlich gerade mit ihrem Manne beim Kaffee, als ich meinen Besuch machte, und ich ließ mich nicht nötigen – ja also, der Schinken war mindestens so gut wie dieser hier! Der alte Herr mußte gleich nach dem Frühstück ins Revier, Bäume pflanzen, glaub' ich, und ich benutzte die Gelegenheit, mich bei seiner behäbigen Gattin ins Vertrauen zu schleichen. Es dauerte auch nicht lange, und sie erzählte nur allerhand. Wie hieß doch gleich das Nachbargut, auf dem dieser Berliner Bankdirektor die wenig vergnügliche Jagd gepachtet hat?« ... »Alten-Krakow,« erwiderte Malte. Und mit einer wegwerfenden Handbewegung fügte er hinzu: »Die gute Frau Försterin klatscht gerne ein bißchen. Ich kann mir schon denken, was sie Ihnen erzählt hat. Aber ich kann ihr nicht helfen, es ging damals nicht anders. Auch heute würde es nicht gehen ... Wenn man mit allen Fasern an einer hängt ... Der einen Einzigen, da müßte man doch ein Schuft sein, wenn man vor eine andre hintreten würde ... na, ist gut, Schluß! Sie soll mich damit in Frieden lassen« ... »Ja natürlich,« versetzte der Kleine, »habe ich mir auch gedacht!« Und er machte sich eifrig über seinen Schinken her. Es tat ihm leid, daß er angefangen hatte. Er hatte ja gestern gesehen, wie schwer der arme Kerl da drüben an dem leidigen Liebeshandel trug. Und wer mochte wissen, was besser war! Eine solche Wunde sich selbst zu überlassen oder einen Heilungsprozeß zu versuchen, dessen Ausgang zum mindesten zweifelhast war ... Malte fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als müßte er törichte Gedanken verscheuchen, und plötzlich schien er sich auf etwas zu besinnen: »Ja aber, da war doch noch etwas andres« ... »Nein, wirklich nicht« ... »Nee, Peterchen, so kommen Sie mir nicht weg! Sie hatten doch was vorhin ... ja richtig, die Berliner Reise! ... Also weshalb soll die jetzt mit einemmal wegfallen?« »Nun denn« – der kleine Maler atmete tief auf – »Sie erfahren es wahrscheinlich doch einmal ... und vielleicht ist es besser, Sie wissen es jetzt gleich ... Also, Sie erzählten mir doch gestern, Sie hätten es nicht begreifen können, daß Sie auf Ihren Brief nach Berlin ohne Antwort geblieben wären. Und Sie wüßten sich das nicht anders zu erklären, als daß man die junge Dame dort unter strenger Bewachung hielte?« ... »Allerdings« ... »Also denn ... also denn, das stimmt nicht ganz. Frau Steinfeld ist seit drei Tagen wieder in Alten-Krakow. Ganz allein. Von irgendeinem Kerkermeister oder so was ähnlichem ist weit und breit nichts zu sehen!« Malte sprang aus. Dunkelrot färbte der Zorn sein Gesicht. »Das ist eine Lüge! Eine ganz gemeine, niederträchtige Lüge« ... Peter Nägelein zuckte mit den Achseln. »Es ist die lautere Wahrheit! Die Frau Försterin ist dieser Dame ja nicht sonderlich wohlgesonnen, aber wie sollte sie wohl dazu kommen, etwas in die Welt zu setzen, was nicht wahr wäre? Lügen haben kurze Beine ... Sie brauchten ja nur einen Boten nach Alten-Krakow zu schicken, um festzustellen, was an der Geschichte dran ist« ... Malte stöhnte auf. »Drei lange Tage, und ich sitze hier wie ein Narr« ... Der Kleine trat zu ihm, legte ihm in ehrlicher Teilnahme die Hand auf den Arm. »So was tut weh, lieber alter Junge, ich kenn' das! ... Aber jetzt nehmen Sie Ihr Herz in beide Hände – der schwerste Hieb kommt noch! ... Nämlich die Frau Förster hat ihren Mann auf Kundschaft geschickt, um festzustellen, ob an einem ganz bestimmten Gerüchte etwas Wahres wäre. Zugleich mit der heimlichen Nebenabsicht, ihm eine gesunde Kur angedeihen zu lassen. Der alte Herr hatte sich nämlich lächerlicherweise in die verführerische junge Dame arg verschossen und ging ganz kopfhängerisch umher« ... »Weiter!« drängte Malte ungeduldig. »Es ist nicht mehr viel zu sagen. Gestern spät abends ist der Alte kuriert nach Hause gekommen. Frau Steinfeld war nach der andern Seite hinausgeritten von Alten-Krakow, nach dem kleinen Städtchen« ... »Friedeberg?« ... »Ganz recht, so heißt es. Der Förster war ihr nachgegangen, und es fiel ihm nicht schwer, sich auf ein paar Dutzend Schritte heranzupirschen. Drei Pferde standen auf der Chaussee, ein Bursche in Dragoneruniform hielt sie am Zügel. Die beiden aber« ... Aus der Kehle des andern kam ein gurgelnder Laut, er deckte die Hand über die Augen und brach schwer auf dem Stuhle zusammen. Der kleine Maler stand mit mitleidigem Herzen daneben. Zu helfen aber war da nichts. Solche Dinge mußte jeder für sich allein abmachen, zusehen, wie er mit ihnen fertig wurde ... Malte erhob sich schwerfällig, ein wehes Lächeln glitt über sein Gesicht. »Entschuldigen Sie, Peterchen ... es ist mir nur eben da drinnen was kaput gegangen. Und jetzt lassen Sie mich« ... Er wandte sich zur Tür, griff auf der Vordiele nach Reitstock und Mütze, ging langsam die Dammallee entlang, deren Bäume schon die ersten krausen Blätter zeigten. Wie zarte grüne Spitzen standen sie an den bräunlich schimmernden Zweigen ... Der kleine Maler ließ ihn allein gehen, machte nicht erst den Versuch, ihm zu folgen. Er konnte sich ungefähr denken, wohin er wohl gehen würde. Es war eine Kur auf Tod und Leben. Kam er zurück, konnte er sich vielleicht langsam ausheilen ... Der alte Diener trat ins Zimmer, um das Frühstücksgeschirr abzuräumen. Er blickte verwundert auf, wo sein Herr geblieben wäre, unterließ aber zu fragen. Und während er schweigend am Tische hantierte, formte sich in dem rastlos schaffenden Kopfe des Malers ein Bild ... »Treue« wollte er's nennen, unwillkürlich aber legte er's in längst vergangene Zeiten zurück. Vielleicht weil der Alte da ihm erzählt hatte, nach der Überlieferung wären seine Vorfahren mit den Grafen Römnitz zugleich hier ins Land gekommen, als Dienstleute ... Ein junger Reitersmann lag erschlagen im Blachfelde, sein reisiger Gefolgsmann saß am Wegrain, das Haupt des Herrn in seinem Schoß gebettet. Mit gramerfüllten Augen sah er in die sinkende Sonne, unaufhaltsam rannen ihm die Zähren über das verwitterte Gesicht, in dem sich ein kurzer weißer Schnurrbart sträubte ... Und der Alte ließ sich gerne von ihm zeichnen. Der kleine Malersherr wußte bei der Arbeit gar zu lustige Schnurren zu erzählen. Nur vermochte er sich nicht zu erklären, weshalb er dabei in einer ganz bestimmten Stellung im Graben sitzen mußte und ein trauriges Gesicht machen. Die Miken auf ihrem Stuhle hatte es bedeutend bequemer gehabt und lachen dürfen, soviel sie wollte ... Bei der Arbeit verfloß die Zeit, es ging schon auf Mittag, als Malte auf schaumbedecktem Gaule wieder vor der Freitreppe hielt. Er schwang sich aus dem Sattel, die Augen lagen ihm tief in den Höhlen in dem hagern Gesicht. »Es stimmt, Peterchen,« sagte er heiser, »sie ist da.« »Waren Sie denn drüben im Schloß?« Malte lachte ingrimmig auf. »Da ist mir seit einer gewissen Zeit der Eintritt verboten – ich erzähl' es Ihnen mal bei Gelegenheit! Ich hab' es anders geschafft ... ich traf einen alten Bekannten, einen Hütejungen aus Alten-Krakow, der mir schon 'mal eine Nachricht gebracht hatte. Mittlerweile ist er zum Stallburschen aufgerückt, ja, und der erzählte mir ... na ist gut! ... Und nun rasch, Kleiner, ziehen Sie sich um! In fünf Minuten hält hier der alte Fuhbel mit dem Wagen. Wir sind bald wieder zurück, ich hoffe, das andre ... na, wir werden's schon 'rauskriegen. Aber rasch, rasch« ... Peter Nägelein sah mit trübem Blick auf sein schäbiges Röcklein hinab: »Umziehen? Ich fürchte, wegen allzu großen Längenunterschiedes dürfte mir Ihre Garderobe nicht recht passen. Und meine eigenen Sachen ... ja ... die sind noch unterwegs« ... Wenn es also bei dieser Gelegenheit auf ein besonders festliches Gewand ankommen sollte, möchte ich wohl lieber zu Hause bleiben« ... Malte legte ihm die schwere Hand auf die Schulter. »Das wäre vielleicht das allergescheiteste, auch für mich. Ich hätte an den drei Tagen ohne Nachricht eigentlich genug haben müssen! Aber der Mensch ist ein komisches Tier ... er kriegt nie genug, wenn es auch bitter schmeckt wie Galle! ... Das Festgewand aber – trösten Sie sich, Kleiner – in den Augen der Herrschaften, die wir da treffen werden ... also ich könnte mich in schneeweißes Leinen kleiden, ich hätte vor ihnen doch einen Klecks am Rock« ... +++ In Moltzahn war Fohlenmarkt. Alles, was Pferdezuchttrieb im weiten Umkreise, hatte sich in dem kleinen Städtchen ein Stelldichein gegeben. Schwärzliches Gewimmel drängte in den engen Gassen, das Städtchen hatte seinen großen Tag. Auf dem weiten Marktplatze standen die jährigen Füllen in langen Reihen, die Händler, die von weither gekommen waren, aus dem Lauenburgischen, Hommerschen und aus der Mark, gingen prüfend auf und ab, ließen sich hier eines der jungen Tiere vorführen, dort ein andres. Landwirte waren es meistens, die sich mit der weiteren Aufzucht befaßten, um die Dreijährigen dann an die Heeresverwaltung zu verkaufen oder – in besondern Glücksfällen – an die Landesgestüte. Der Fohlenhandel war ein Lotteriegeschäft. Auf ein paar Dutzend Nieten gab es einen ordentlichen Treffer, und auch die erfahrensten Käufer konnten sich täuschen. Aus einem stolzen Jährling wurde zuweilen ein Krümper, während ein Unscheinbarer sich manchmal zu einem fehlerlosen Staatsgaul entwickelte. Die Herren aber, die ihn gezogen hatten, freuten sich neidlos über den Gewinn, denn das Geschäft der Züchter und Händler war streng geschieden. Beim nächsten Mal zahlte es sich wieder aus. Das Gestüt, aus dem ein ausnahmsweise hervorragender Jährling hervorgegangen war, verkaufte den ganzen Aufwuchs zu höherem Preise ... Und an das Geschäft schloß sich ein sportliches Vergnügen. Der »Moltzahner Reiterverein« hielt auf dem Stadtanger einen Wettbewerb ab im Springen und Reiten. Ein paar bescheidene Preise wurden verteilt, die sich meistens die Herren von den Friedeberger Dragonern holten. Wenn das Vergnügen zu Ende war, löste die Wagenburg rings um den Anger sich auf, die Damen fuhren nach Hause, die Herren aber blieben zurück der geschäftlichen Abschlüsse wegen, die nach altem Brauch im »Strelitzer Hof« geregelt wurden. Herr Christian Sötebeer, der Besitzer, aber war auf der Höhe, denn der Fohlenmarkt war einer seiner großen Erntetage. Der Schweiß lief ihm in hellen Strömen über das feiste Gesicht, unermüdlich jedoch wanderten seine Äuglein von Tisch zu Tisch, jeder seiner Gäste kam zu seinem Recht. Später, wenn die würdigen alten Herren fortgefahren waren und die Karten auf dem Tische lagen, konnte er sich erholen. Dann brauchte er nur aufzupassen, daß unten im Keller der Champagner aus dem richtigen Fache geholt wurde. Aus dem deutschen. Nach dem französischen hatten die jungen Herren nur unnötigerweise am nächsten Tage dicke Köpfe ... Als Fuhbel seine vier Rappen an das Ende der Wagenburg lenkte in kunstvoller Fahrt, war der » Concours hippique «, wie die bescheidene Veranstaltung ungefähr mit demselben Rechte genannt wurde, mit dem Herr Sötebeer seinen Schaumwein » Pommery goût américain « taufte, schon im vollen Gange. Ein Herr im bunten Dreß und zwei Friedeberger Dragoner versuchten sich mit ihren wenig trainierten Gäulen im Hochsprung. Die Richter – unter ihnen ein hochgewachsener alter Herr mit schwarzem Schnurrbarte – standen auf einer erhöhten Tribüne mit Notizbüchern in der Hand, die Damen, in lichten Toiletten, hatten sich in den Wagen aufgerichtet. Nach jedem gelungenen Sprunge klatschten sie in die Hände oder winkten begeistert mit ihren farbigen Sonnenschirmen ... Als sein Wagen in die Reihe rückte, lachte Malte kurz auf. Er hatte es gut getroffen. Neben ihm hielt ein eleganter Sandschneider mit zwei rassigen ungarischen Juckern. Der Kutscher stand vor den unruhigen Gäulen, hielt sie fest im Zügel, die Dame im Wagen war von einem großen, mit Spitzen besetzten Sonnenschirm halb verdeckt. Beim Anfahren des neuen Besuchers jedoch wandte sie unwillkürlich den mit blonden Flechten beschwerten Kopf, ein leichtes Erschrecken glitt über ihr Gesicht. Aber es dauerte nur einen kurzen Augenblick. Gleich danach streckte sie die Hand über den Wagenschlag: »Aber nein, Herr Graf, wie ich mich freue« ... Und zugleich legte sie den breiten Sonnenschirm auf die andre Seite, damit sie vom Rücken her gegen zudringliche Blicke gedeckt war. Malte stieg schwerfällig aus seiner alten Kalesche: »Ebenfalls, gnädigste Frau. Und ich bitte sehr um Entschuldigung, falls ich Sie störe ... ich vermutete, Sie hier zu treffen, und weil wir uns so lange nicht gesehen haben, ja, da wollte ich ein paar kurze Fragen an Sie richten« ... Das Weitere verstand Peter Nägelein nicht, die Unterhaltung zwischen den beiden wurde von da an flüsternd geführt. Er sah nur, wie die großen blauen Augen da drüben sich langsam mit Tränen füllten, zwei rote Lippen sich verächtlich schürzten und der lange Graf Römnitz den Kopf tiefer sinken ließ. Er tat ihm leid, der arme Kerl, aber zugleich fing er an zu begreifen, daß dieses holdselige Frauenbild einem Manne wohl die Sinne verwirren konnte und das Herz dazu. Wie ein zierliches Porzellanfigürchen stand sie da, wie ein Unschuldsengelchen im weißen Kleid. Nur Maleraugen sahen schärfer ... Da war um den sanft geschwungenen Mund ein Zug, der an das lasterhafte, wissende Lächeln der Frauenbildnisse erinnerte aus dem alten Florenz ... Der Wettkampf auf dem grünen Rasen war zu Ende, der Herr von Bredow von den Friedeberger Dragonern hatte auf einem langbeinigen Schinder dank seiner überlegenen Reitkunst die Konkurrenz im Hochsprung gewonnen. Nichtendenwollendes Beifallklatschen erscholl aus der Wagenburg, während der Sieger zu der Tribüne schritt, um aus den Händen des Herrn Erblandmarschalls den Preis zu empfangen ... Malte kletterte wieder auf seinen Sitz zurück, sprach halblaut zwischen zusammengebissenen Zähnen: »Für alles hat sie eine Ausrede. Und, hol' mich der Teufel, ich kann nicht anders, ich muß ihr glauben ... Ich weiß nicht, soll ich jetzt dem Förster Schwarz das Genick abdrehen oder mir selbst? ... Frieden hat sie gestern abend gestiftet in einer befreundeten Offiziersfamilie! Morgen wird sie mir alles erklären, auch das andre, weshalb sie geschwiegen hat ... na ist gut!« ... Er sprach mehr zu sich selbst, als zu dem andern, sah mit schwimmenden Augen starr geradeaus ... Um die Tribüne der Preisrichter entstand eine Bewegung, ein Reitknecht in Hohenrömnitzer Livree drängte seinen abgetriebenen Gaul durch die Menge, rief seinem Herrn eine Meldung zu. Der Erblandmarschall stand erst eine Weile regungslos. Dann stürzten ihm die Freudentränen aus den Augen, er nahm den Hut ab und faltete die Hände zu inbrünstigem Gebet ... Malte hatte nicht hingesehen, der kleine Maler zupfte ihn am Ärmel. »Sie, Gräflein, was ist das für ein komischer alter Herr, der da drüben zwischen allen fremden Leuten betet?« »Das ist mein Onkel Christoph. Der steht mit dem lieben Gott in einem ganz besondern Verhältnis, bespricht sich mit ihm über jeden Quark« ... Durch die schwarzgedrängte Menschenmenge lief es wie eine Welle, eilte von Wagen zu Wagen: in der Hohenrömnitz war der langersehnte Erbe zur Welt gekommen ... Auf der Richtertribüne riß ein Herr den Hut vom Kopfe, rief mit hallender Stimme über den Platz: »Unser allverehrter Herr Erblandmarschall, Seine Exzellenz Graf Römnitz, hat soeben eine höchst freudige Nachricht erhalten. Seine erlauchte Frau Gemahlin hat ihn vor einer Stunde mit einem Sohne beschenkt! Wir alle hier freuen uns mit dem glücklichen Elternpaar, wünschen seinem Sprößling von Herzen alles Gute und blühendes Gedeihen ... der zukünftige Erbe der Hohenrömnitz: hurra, hurra, hurra« ... Die Menge hatte den Ruf aufgenommen, brausend rollte das dreimalige Hurra über den Platz. Hüte und Tücher wurden geschwenkt, der Herr Erblandmarschall schüttelte dem Redner die Hand und verneigte sich gerührt nach allen Seiten ... Malte hatte regungslos zugehört, jetzt sagte er heiser: »Also es ist aus! ... Kein Geld, kein Gut, keine Ehre mehr ... nur zu einer Abschiedspulle reicht's noch. Kommen Sie, Kleiner, aber nicht mit so 'nem betrübten Gesicht! Die Leute hier brauchen es uns doch nicht anzusehen, wie sehr wir verschmettert sind« – – – Im Strelitzer Hof war es noch leer, Herr Sötebeer hatte auf dem Festplatze zu tun, unangefochten gelangten sie in eine von dem breiten Ofen halb verdeckte Ecke. Der Kellner brachte die bestellte Flasche Sekt, schenkte ein ... »Na prost, Peterchen,« sagte Malte, leerte sein Glas auf einen Zug. »Also es ist aus, ganz aus ... morgen geht es auf die weite Reise! ... Ich hatte es ja nicht anders erwartet, aber ganz im hintersten Winkel da innen steckte doch noch immer ein bißchen Hoffnung ... vielleicht ... aber ja, sagen Sie mal, wie wir vorhin fortgingen, hab' ich mich da wohl von Frau Steinfeld verabschiedet?« »Ich weiß es wirklich nicht« ... »Na, ist ja auch egal! ... Und jetzt werden wir langsam austrinken, nach Hause fahren. Aber nur nicht trösten, bitte! Das kann ich nicht vertragen« ... Der kleine Maler sah schweigend in sein Glas. Er hatte gar nicht den Versuch gemacht, irgendein Trostwort zu sprechen. Wie es in dem andern aussehen mochte, konnte er sich denken. Und ebenso konnte er sich denken, wie danach wohl das Ende sein würde ... Billige Redensarten waren da nutzlos, und um als Kellner drüben in Amerika sein Leben zu fristen, dazu war der Graf Malte Römnitz denn doch wohl zu stolz ... Von der Tür her erklang Säbelklirren, zwei Herren traten in die geräumige Gaststube, und weil sie sich allein glaubten, unterhielten sie sich ganz laut. Malte erkannte sie an der Stimme, es war der Herr von Lewenitz auf Tüschow und der Panschenhagener Nachgeborene, der Oberleutnant von Bredow von den Friedeberger Dragonern ... »Kellner, zwei Glas Helles,« rief der Herr von Lewenitz durch das Lokal, »ich hab' einen Durst zum Umfallen!« Und zu seinem Begleiter gewandt, sprach er weiter: »Sie haben heute mal wieder einen Torkel entwickelt, Bredow – drei erste Preise, es ist kolossal! ... Ein Trost nur, daß wir Ihnen das nachher im Makao wieder abknöpften werden! Wer so viel Glück in der Liebe hat wie Sie« ... Der Friedeberger Dragoner strich sich den spärlichen Schnurrbart. »Na ja, es ist schon doll! Sie ist wieder da. Vor drei Wochen hatte ich ihr den Laufpaß gegeben ... Die Geschichte wurde mir nämlich ein bißchen sengerich, in Ansehung des Mannes. Die kleine Kröte war manchmal verdammt unvorsichtig. Aber gestern abend hat sie mich beruhigt: hei hett nix to seggen! Wir trafen uns nämlich halbwegs Friedeberg und Alten-Krakow« ... Weiter kam er nicht. Malte war in der Ecke hinter dem Ofen so ungestüm aufgesprungen, daß er fast den Tisch umriß. Mit zwei langen Schritten stand er vor dem kleinen Reiteroffizier. »Herr von Bredow, Sie haben sich eben erlaubt, in so nichtswürdigen Ausdrücken von einer mir nahestehenden Dame« ... Der Friedeberger Dragoner trat einen Schritt zurück, zuckte nichtachtend mit den Achseln. »Herr Graf Römnitz, ich bitte, mich nicht zu belästigen. Ich wünsche nicht, mich irgendwie mit Ihnen auseinanderzusetzen oder zu unterhalten.« Auf Maltes weißer Stirn schwoll die Zornader. »Herr Oberleutnant von Bredow, ich habe mir soeben erlaubt, Ihr Verhalten als ein nichtswürdiges zu bezeichnen?!« ... Der Dragoner tat, als hörte er nicht. Er wandte sich mit einer gleichgültigen Frage an den Herrn von Lewenitz, aber seine Haltung war gespannt. Die Linke hielt die Säbelscheide, die Rechte lag in der Nähe des Korbes auf der Lauer ... »Ja, also, was ich sagen wollte, lieber Lewenitz« ... Aus Maltes Brust kam ein dumpfer Laut, schwer fiel seine Hand in das Gesicht des andern ... »Da und da und noch einmal« ... Der lange Herr von Lewenitz warf sich dazwischen, einen Augenblick dauerte es nur, und er flog mit dem Kopfe gegen den Ofen, blieb mit ausgestreckten Armen und dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen. Eine Klinge blitzte in der Luft, eine Sekunde danach war sie in Maltes Händen, brach unter seinem Fuß mit kurzem Klirren. Der Dragoner wischte sich das Blut aus dem Gesicht und sprach stammelnd: »Ich hoffe, Sie werden mir Genugtuung geben, Graf Römnitz?« ... Malte lachte höhnisch auf. »Na und wenn nicht? ... Wenn ich nun mal ausprobieren wollte, was Sie danach tun werden? Sie und der so korrekte Herr von Lewenitz da, der mir damals nicht mal die Hand gereicht hat zum Abschied ... ich wäre wirklich neugierig!« ... Der Dragoner stöhnte auf. »Herr, ich bitte Sie« ... Malte schleuderte ihm den Säbelkorb vor die Füße. »Da! ... Eigentlich wollte ich ihn mir zum Andenken mitnehmen, aber es lohnt nicht der Mühe. Schicken Sie mir Ihre Zeugen – ich werde mich bis zum Abend zu Hause halten!« ... Er warf dem Kellner ein Geldstück zu, schritt hinaus. Der kleine Maler folgte ihm, noch ganz betäubt. In kaum einer Minute hatte sich alles abgespielt, wie eine Windsbraut war es gekommen und vorübergezogen, ein paar Menschenschicksale lagen auf dem Weg ... Sie saßen im Wagen, die Rappen zogen an. »Um Gottes willen,« sagte Peter Nägelein, »liebster, bester Herr Graf, wie konnten Sie sich nur so hinreißen lassen?« Malte schnitt mit der Hand durch die Luft. »Das verstehen Sie nicht, Kleiner! ... Keiner kann aus der Haut heraus, die ihm mal angemessen ist ... Alle Theorieen sind Unsinn – zwei Jahre lang hab' ich auf diesen Augenblick gewartet, vielleicht ohne es selbst zu wissen ... Ich bin wieder was: zwei Herren aus altem Adel müssen sich mir wieder stellen, ganz so wie früher ... es gibt keine Ausrede, sie müssen sich mir stellen! Achselzucken und Wegsehen gibt es nicht mehr ... nur, natürlich, es wäre furchtbar, wenn ich für eine ungerechte Sache fechten würde ... aber schließlich ist auch das egal ... aus ist aus« ... Gegen Abend kamen die Kartellträger, der Panschenhagener Majoratsherr und ein Rittmeister von den Friedeberger Dragonern. Malte empfing sie auf der Diele, die kurze Verhandlung wurde stehend abgemacht. Er stellte seinen Sekundanten vor, den Herrn Kunstmaler Peter Nägelein, und bat um Entschuldigung, wenn er selbst sich gegen allen Brauch bei der Festsetzung der Bedingungen beteiligte. Sein Vertreter wäre in diesen Fragen nicht recht bewandert. Die beiden Herren verneigten sich schweigend zum Zeichen der Zustimmung, jeder von ihnen sagte danach seinen Vers auf. Der Panschenhagener überbrachte die Forderung seines jüngeren Bruders, der Rittmeister die des Herrn von Lewenitz. Auf gezogene Pistolen mit Stecher, Kimme und Korn, fünfzehn Schritte Barriere und Kugelwechsel bis zur vollständigen Kampfunfähigkeit eines der beiden Kontrahenten. Malte neigte zustimmend den Kopf. »Angenommen, selbstverständlich, meine Herren! ... Und der Ort?« »Möglichst ungestört natürlich,« sagte der Panschenhagener. »Leider ist die Moltzahner Polizei schon argwöhnisch geworden durch den geradezu unerhörten Vorgang« ... »Keine Kritik, bitte, Herr von Bredow« ... »Ah, Pardon, selbstverständlich« ... »Danke!« ... Malte verneigte sich höflich: »Ich bin der Geforderte, mir steht es zu, den Ort zu bestimmen. Ich möchte den Herren also vorschlagen, die Lichtung in meinem Jagen achtzehn. Sie kennen den Platz ja wohl noch von den Treibjagden her – wir frühstückten da immer. Wenn es Ihnen recht ist, um fünf Uhr, gegen vier ist ja schon Büchsenlicht. Ich werde meinen Förster instruieren, daß er sich bei dem Knallen nicht etwa einbildet, es wären Wilddiebe im Revier« ... Die Herren klappten mit kurzer Verneigung die Hacken zusammen, wandten sich schweigend zur Tür. Malte hielt sie mit einer Handbewegung zurück. »Einen Augenblick noch, wenn ich bitten darf ... Ich bin in einiger Verlegenheit um den Unparteiischen, den ich ja eigentlich stellen müßte ... mein Herr Onkel dürfte durch das freudige Ereignis in seinem Hause wohl verhindert sein« ... Der Rittmeister von den Friedeberger Dragonern erwiderte: »Wir werden uns gestatten, Ihnen diese Sorge abzunehmen, Herr Graf. Einer meiner älteren Kameraden wird sicherlich dazu bereit sein ... in dem vorliegenden Fall ist es ja nichts weiter als eine bloße Formalität« ... Es folgte eine neue allseitige Verneigung; eine Minute später rollte der Wagen, der die beiden Kartellträger gebracht hatte, wieder die Dammallee entlang ... Malte reckte die starken Arme in die Luft, aus seiner Brust kam es wie ein Jauchzen ... »Herrgott, hab Dank für diesen Augenblick! Zwei lange Jahre habe ich daran geschleppt, jetzt bin ich wieder rein« ... Er schlug mit der flachen Hand auf die Schelle, die auf dem runden Tische stand. »Lentz!« »Herr Graf?« »Sieh nach, ob der Pistolenkasten in Ordnung ist! Diesmal gibt es Verwendung für die beiden alten Eisen, morgen früh« ... In den Augen des Alten leuchtete es auf. »Zu Befehl, Herr Graf, wird besorgt werden« – – +++ Der frühe Morgen hob sich stahlblau hinter den Fenstern, ein harter Knöchel pochte gegen die Tür. »Auf, auf, Peterchen, es wird Zeit« ... »Ja, sofort« ... Der kleine Maler sprang aus dem Bett, zog sich hastig an. Kein Auge hatte er geschlossen während der ganzen Nacht, immerfort nur gegrübelt, ob es aus all dem Schrecklichen nicht einen Ausweg gäbe. Aber kein Nachdenken half, das Schicksal ging seinen Gang, er lag mit einem unter demselben Dache, der sich dem Tod geweiht hatte ... Es gab keinen Zweifel, der bevorstehende Zweikampf war dem nichts andres als eine rechte und günstige Gelegenheit, mit Ehren dahinzufahren nach einem verirrten Leben, verirrt durch fremde und eigene Schuld ... Und weil ihm ein andrer den Platz genommen hatte, auf den er sich vielleicht hätte retten können ... Wie oft hatten sie in vergangenen Tagen da draußen gesprochen, wie sinnlos es wäre, Fragen der Ehre mit der Waffe in der Faust zu entscheiden, mit einem Zweikampfe, in dem nicht die bessere Sache siegte, sondern die geübtere Hand. Und jetzt kam der, der damals am eifrigsten gesprochen, bei der ersten Gelegenheit her, warf alle Vernunftgründe über Bord und frohlockte ordentlich, daß er wieder unter Gesetzen stand, die er früher gar nicht genug hatte verspotten können ... Peter Nägelein kam blaß und übernächtig auf die Diele, Malte saß schon beim Frühstückstische, aß und trank mit gesundem Appetit. Als wenn ihm eine harmlose Spazierfahrt bevorstände, nicht aber eine Entscheidung um Tod und Leben ... Und ebenso gelassen schien der alte Diener. Mit ruhigem Gesichte stand er hinter dem Stuhl seines Herrn, reichte ihm die Schüsseln und antwortete auf die zur Sache gehörigen Fragen. Ob der Kutscher rechtzeitig da sein würde, und ob die Pistolen in Ordnung wären. Die Pistons richtig gereinigt und durchgeblasen, damit es nicht womöglich einen unliebsamen Versager gäbe ... Malte winkte mit der Hand. »Da, setzen Sie sich, Peterchen, und futtern Sie gründlich. So eine Geschichte dauert manchmal lange, und wer weiß, wann Sie wieder was zu essen kriegen ... Außerdem vielleicht, wenn Sie zurückkommen, sitzt schon hier der Vertreter meines kleinen Nachfolgers: ›Tut mir leid, Herr Nägelein, aber Sie müssen sich ein andres Quartier suchen‹« ... Der kleine Maler schüttelte den Kopf. »Entschuldigen Sie, Herr Graf, aber ich könnte wirklich keinen Bissen herunterkriegen« ... »Na denn nicht« ... Draußen fuhr der Wagen vor, Malte stand auf. »Es wird Zeit, Lentz, ruf mir die Miken« ... Das alte Weiblein trat über die Schwelle, die Augen vom Weinen dick verschwollen. Aber sie beherrschte sich, Lentz hatte ihr ja erklärt, um was es sich handelte, und daß es nicht anders ginge ... Ihr junger Herr umfaßte sie, küßte sie herzlich auf den Mund. »Mein liebes altes Mikchen, hab Dank für alles. Für deine Liebe und Treue ... Es tut mir leid, daß ich für dich nicht so sorgen konnte, wie ich's gerne gewollt hätte« ... Da verließ sie die Selbstbeherrschung. Sie warf ihre Arme um ihn und schluchzte laut auf. »Mien lewen, lewen Jung! Dat du mi man wedderkömmst! Mien Hartblood möcht eck hingäwen, dat du mi man wedderkömmst« ... Er entwand sich ihr sanft, aber seine Stimme klang rauh. »Wird schon alles werden, Mikchen« ... Der Wagen rollte die Dammallee entlang, in den Erlen zu beiden Seiten flöteten die Amseln, die am frühesten aufstanden von der ganzen Vogelschar an jedem Morgen. Und deutlich klang ihr Sang: Tirilit ... schon wieder wird es Tag ... Tag ... Tag ... die Sonne kommt, die liebe Sonne, Sonne ... tirilit ... tirilit ... Peter Nägelein zog die Decke fester um die Kniee, ihn fror in der Morgenkühle. Und er begann halblaut zu sprechen, damit der alte Diener und der Kutscher auf dem Bocke ihn nicht hören sollten. »Lieber Herr Graf, das ist ja verrückt, was wir da tun! Ganz unsinnig! Sie haben Ihre Genugtuung weg, mögen die beiden andern sich selbst helfen, jetzt! Und ich kann mir's nicht anders denken: Sie wollen sich den beiden als Scheibe hinstellen! Um ein sogenanntes ehrenvolles Ende zu finden. Aber das ist doch Unsinn! Sie können doch noch was machen aus Ihrem Leben! ... Etwas Nützliches! überlegen Sie sich's doch, wir werden schon was 'rauskriegen« ... Malte schüttelte den Kopf, steckte sich die ausgegangene Zigarre wieder an. »Da ist nichts mehr zu überlegen, das hab' ich alles heute nacht besorgt – gründlich? Soll ich vielleicht Steine kloppen gehen an der Chaussee? ... Viel mehr habe ich nicht gelernt! Ob durch meine eigene Schuld oder die eines andern – das ist jetzt egal. Ich bin ein ganz nutzloser Mensch, es ist kein Platz für mich da auf der Welt! ... Im übrigen aber sind Sie im Irrtum: ich selbst werde meinem Leben ein Ende machen, mit eigener Hand, wenn es an der Zeit ist, diese Ehre gönne ich keinem andern. Die beiden aber da, die auf mich warten, die schicke ich voran. Den einen, weil er ein nichtswürdiger Schädling ist, der mir vergiftet und besudelt hat, was mir eine Weile das Höchste und Heiligste war auf der Welt ... den andern, weil er einmal als Pharisäer sich über mich erhoben hat! Da beißt keine Maus einen Faden von ab, Schluß, aus! ... Und jetzt, bitte, keine unnützen Volksreden mehr! Ich brauche meine Ruhe wie ein Stückchen Brot – was jetzt kommt, ist kein Kinderspiel« ... Der Wagen hielt zwischen hohen Buchenstämmen, die Herren von der Gegenpartei warteten schon. Es waren ihrer eine ganze Menge, der Unparteiische, ein Herr vom Ehrenrate der Friedeberger Dragoner, die zwei Sekundanten, ein Arzt in Uniform, der sein schweres Besteck ausbreitete, und schließlich der Oberleutnant von Bredow und der Herr von Lewenitz. Die beiden blickten finster drein, trugen im Gesichte die deutlichen Male der erlittenen Unbill, die nur im Blute des Gegners zu tilgen waren ... Malte stieg mit seinem Sekundanten aus, der alte Lentz folgte ihnen mit dem Pistolenkasten. Es kam eine stumme Begrüßung, eine korrekte Vorstellung aller Beteiligten und die Erledigung der notwendigen und üblichen Formalitäten. Der Unparteiische, ein älterer Rittmeister von den Friedeberger Dragonern, schritt die Distanz ab, vier abgebrochene Zweige wurden in je fünf Schritten Entfernung auf den Boden gelegt. Die Waffen wurden ausgelost, danach die beiden Plätze, der Unparteiische versammelte die Duellanten zu einer kurzen Ansprache um sich. »Meine Herren, es ist meine gesetzliche Pflicht, einen Versöhnungsversuch anzustellen« ... Nach einer kleinen Pause, da keiner der drei Gegner eine Bewegung machte, fuhr er fort: »Die Versöhnung wird von allen Seiten abgelehnt! ... Im Namen meines Kameraden von Bredow habe ich jedoch noch eine Erklärung abzugeben. Er bedauert es aufs lebhafteste, in einem vertraulichen Gespräch die Pflichten der üblichen Diskretion verletzt zu haben. Hingegen aber versichert er auf Ehre und Gewissen, daß er sich keiner prahlerischen Lüge schuldig gemacht hat. Seine Worte entsprachen der Wahrheit. Haben Sie von dieser Erklärung Kenntnis genommen, Herr Graf Römnitz?« Malte nickte schweigend zum Zeichen, daß er verstanden hätte; ein paar Sekunden lang wurde es ihm dunkel vor den Augen, über sein Gesicht breitete sich eine aschfahle Blässe ... Der Unparteiische sprach weiter. »Meine Herren, die Regeln sind Ihnen bekannt. Der Vorschrift gemäß annonciere ich jedoch, ich werde ›fertig‹ sagen, danach langsam von eins bis fünf zählen, ›halt‹ rufen. Nach fünf darf nicht mehr geschossen werden. Herr Oberleutnant von Bredow, als der erst Beleidigte, Herr Graf Römnitz – ich bitte, sich auf die ausgelosten Plätze zu begeben!« Malte stützte sich schwer aus die Schulter seines Sekundanten, als er über die spärliche Grasnarbe der Lichtung schritt. »Das letzte war infam, das schmeißt alles um, was ich mir vorgenommen hatte ... Also leben Sie wohl, Peterchen ... auf meinem Schreibtische liegen die Briefe. Den einen, an Frau Steinfeld, bitte ich zu vernichten. Es steht einiges darin, was ich ... ja was ich vor dieser Erklärung da eben geschrieben hatte ... Alles ist mir da drinnen beschmiert und besudelt ... na egal, erledigt! Und jetzt heulen Sie nicht ... Da drüben, zehn Schritte neben meinem Gegner ist Ihr vorgeschriebener Platz ...« Der kleine Maler verschluckte mannhaft seine Tränen, einer der Herren mußte ihn hinführen, er fand sich allein nicht zurecht. Ihm war, als müßte er schreien: »Das ist ja verrückt, was ihr hier treibt, das ist das leichtfertige Frauenzimmer ja gar nicht wert« ... aber kein Laut drang aus seiner Kehle, wie gelähmt stand er in Erwartung des nahenden Unheils ... Es kam eine kurze Pause des Schweigens, der Morgenwind hatte sich plötzlich aufgemacht, strich durch die Buchenwipfel, wie Rauschen von schweren Schwingen hörte es sich an ... Der Unparteiische stellte die üblichen Fragen. »Sind die Herren Duellanten auf ihren Posten?« ... Als die Antworten zurückgekommen waren, sagte er ›fertig‹ und fing an langsam zu zählen ... Malte stand regungslos mit schlaff herabhängendem Arm. Der Oberleutnant von Bredow hob rasch und exakt die Pistole – den Bruchteil einer Sekunde stutzte er, als der andre nicht die geringsten Anstalten zur Gegenwehr traf ... Dann ein kurzes, scharfes Zielen, ein reißender Knall, ein leichtes Wölkchen vor der Mündung der Waffe ... der junge Graf Römnitz sank in die Kniee, schlug dumpf wie ein gefällter Baumstamm zu Boden – durch die lichten Buchenzweige kam über die Höhe der erste Sonnenstrahl ... Peter Nägelein schrie laut auf, die Tränen schossen ihm in die Augen, er stolperte, raffte sich auf und rannte hin ... Der am Boden Liegende versuchte, sich auf den Arm zu stützen ... sah um sich, deutlich kam das Wort »Ehre« aus seinem Munde, ein Röcheln folgte danach, blutiger Schaum trat auf seine Lippe». Kraftlos sank er zurück, lag regungslos. Nur die Brust hob und senkte sich ... Die Herren ringsum standen schweigend, die Augen lagen tief in den bleich gewordenen Gesichtern. Dem Oberleutnant von Bredow klappten die Zähne aufeinander, er stammelte: »Herrgott, himmlischer Vater ... aber er hat mir doch ins Gesicht geschlagen« ... Der Regimentsarzt hatte sich neben dem Gefallenen hingekniet. Nach kurzer Untersuchung stand er auf, trocknete sich die blutige Hand am Taschentuche. Er zuckte mit den Achseln und sagte halblaut zu dem Unparteiischen: »Schwerer Lungenschuß, Herr Rittmeister ... ich glaube, wir quälen ihn bloß unnütz ... Höchstens eine Viertelstunde, glaube ich, kann es noch dauern ... Wenn wir nur etwas hätten, ihm den Kopf zu stützen« ... Der alte Lentz hatte sich zu Boden gesetzt, das Haupt seines Herrn in den Schoß genommen. Während er ihm die roten Schaumblasen von den Lippen wischte, rannen ihm die klaren Tränen in den sturen weißen Schnurrbart ... Die andern standen ringsum, warteten schweigend auf das Ende ... Und plötzlich lachte der kleine Maler mitten im Weinen zornig auf. »Sie ›glauben‹, Herr Doktor, Sie ›glauben‹! Ich aber habe es gesehen , wie einer nach solchem Schuß in drei Wochen wieder auf den Beinen war, drüben in Afrika. Die andern Nigger hatten ihm nur ein paar Graspfropfen in die Schußlöcher gesteckt. Und der da ist mehr wert als ein armseliger Nigger, mehr wert als wir alle zusammen hier ... Er selbst war vom Fieber ausgemergelt bis auf die Knochen, und doch hat er mich im Sonnenbrand weitergeschleppt, und da soll ich ihn hier« ... Die Stimme schlug ihm über, er konnte nicht weitersprechen. Der Regimentsarzt hob die Schultern. »Ob's so zu Ende geht, oder so ... Aber wenn wir ihn im Wagen transportieren sollten ... bei den schlechten Wegen und den unausbleiblichen Erschütterungen« ... Der lange Herr von Lewenitz trat vor, rauh kamen die Worte aus seiner Kehle. »Wenn's weiter nichts ist ... ein paar junge Buchenstangen sind bald abgeschlagen ... Wir legen die Wagenkissen drüber ... und, ja, es ist nicht nur darum, weil ich auch noch eine Rechnung mit ihm habe« ... Die Trage war gerichtet, der Todwunde aufgeladen. Peter Nägelein wollte bei dem Transporte helfen, aber er langte nicht hoch genug hinauf. Der alte Lentz und die drei mecklenburgischen Herren, die die Stangen mit der schweren Last auf ihre Schultern gehoben hatten, waren zu lang. Da ging er hinterher und machte sich auf andre Weise nützlich. Betete im stillen zu dem, an den er glaubte: »Herrgott, himmlischer Vater, hilf ... hilf, wie du mir damals geholfen hast ... Glaub mir doch, er ist zu schade, daß er so hundsföttisch zugrunde geht ... Rechne ihm nicht an, daß er von dir nichts wissen wollte, er wird dich schon finden ...« Die Tränen liefen ihm aus den Augen in den Mund, er schluckte sie unter und betete weiter, gleich als könnte das Leben da vor ihm nicht aus seiner reglosen Hülle weichen, solange er betete ... Der traurige Zug kam durch das Dorf, Männer, Frauen und Kinder schlossen sich schweigend an, folgten ihm über die Dammallee, die vom festen Lande zum Schlosse führte ... Im Vorgarten, über dem die helle Morgensonne schien, standen sie dichtgedrängt und stumm wartend, bis der alte Lentz auf die Freitreppe trat. »Ju könnt wedder to Hus gahn, uns' Herr Graf lewt noch. De Dokter säd, hei künn nix seggen, hei stünn in Gottes Hand ... Also, Lüd, denn makt dat Gesangbook up, da steiht 'n goodet Gebet in: ›Für die gnädige Herrschaft, wenn sie in Not oder Gefahr befindlich ist!‹ ... Dat bed ju so recht bünnentlich und hartlich! ... Wenn een äwerst nich lesen kann, da geiht denn dat ook woll mit 'n Vaterunser« ... Die Menge löste sich langsam auf, die Männer gingen wieder zur Arbeit zurück. Über die Dammallee kam ein Wagen gefahren, vier schlank trabende Braune davor, die ein Kutscher in weißer Livree und rotem Kragen vom Sattel aus lenkte. Der Herr Erblandmarschall schien es gar eilig zu haben, das dem Neffen gegebene Wort einzulösen! ... Neben ihm saß sein Rechtsbeistand mit dem Hohenrömnitzer Oberinspektor, ein Landreiter auf dem Bocke. Der Vertreter der Polizeigewalt jedoch sah sorgenvoll drein trotz des schweren Säbels zwischen seinen Knieen. Sein Vorgesetzter hatte ihm befohlen, Seine Exzellenz bei der Besitzergreifung des Lehngutes Vellahn zu unterstützen, etwa sich regendem Widerstande des bisherigen Insassen kräftig zu begegnen. Das aber war leichter gesagt als getan – er kannte den jungen Grafen Malte! Wo der hinschlug mit seiner groben Faust, wuchs kein Gras. Und der Kellner im Strelitzer Hof hatte ja bei der Vernehmung erzählt, wie unglimpflich er mit zwei starken Herren zugleich umgesprungen wäre, dem Herrn Oberleutnant von Bredow und dem Baron von Lewenitz, der sechs Fuß hoch in seinen Stiefeln stand. Da würde er mit einem kleinen Polizeibeamten wohl noch viel weniger Federlesens machen ... Dem Herrn Erblandmarschall fiel es auf, daß vom Schlosse her so viel Leute kamen. Er ließ den Wagen halten und sprach einen der Tagelöhner an: »Was ist denn da drüben los? Hat's da vielleicht eine Volksversammlung gegeben?« Der Angeredete riß die Mütze vom Kopfe, nahm die Hacken zusammen. »Halten zu Gnaden, Exzellenz, nein! Vorhin haben sie den Herrn Grafen Malte auf einer Bahre gebracht, er lag da wie tot und rührte sich nicht. Da sind wir mitgegangen, aber der Lentz sagte eben, es wär' noch ein büschen Leben in ihm, wir sollten für ihn beten. Und da gehen wir jetzt wieder nach Haus« ... Der Kutscher wollte weiterfahren, ein Zuruf ließ ihn wieder halten. Der Herr Erblandmarschall schloß ein paar Sekunden lang die Augen ... Der Herr da oben, der die Menschenschicksale lenkte, meinte es gut mit ihm, stand ersichtlich auf seiner Seite. Nach dem unermeßlichen Gnadengeschenke von gestern nahm er ihm heute die einzige Sorge vom Herzen, die ihn noch drückte ... Von einem Sterbenden brauchte er keine Feindseligkeiten mehr zu befürchten für sich und seinen kleinen Sohn! ... Nur hätte es sich natürlich vor den Leuten übel ausgenommen, wenn er in einem solchen Augenblicke rücksichtslos von seinem Rechte Gebrauch gemacht hätte ... Da ließ er den Herrn Rechtsanwalt und die beiden Beamten aus dem Wagen steigen, fuhr allein zum Schlosse. Der Landreiter aber mit seinem langen Säbel sprang so hurtig vom Bocke, daß er fast hingefallen wäre. Auch ihm war erheblich leichter zumute als noch vor wenigen Minuten. Er hatte eine Frau und sechs kleine Kinder zu Haus. Da dankte man seinem Schöpfer, wenn er einen vor der Ausführung gefährlicher Amtshandlungen bewahrte ... Der Rittmeister von den Friedeberger Dragonern, der als Unparteiischer fungiert hatte, empfing den Herrn Erblandmarschall auf der Diele, erstattete ihm kurzen Bericht über den Verlauf des Zweikampfes und seine Veranlassung; fügte hinzu, er hätte mit den andern Herren sein möglichstes getan, den Verletzten ohne Erschütterungen ins Schloß zurückzuschaffen, der Ausgang aber natürlich stände in Gottes Hand ... Der Herr Erblandmarschall hatte mit schmerzbewegtem Gesichte zugehört. »Die Wege des Höchsten sind unerforschlich,« sagte er, »uns geziemt nur, in Demut das Haupt zu beugen« ... Bei jedem einzelnen der Herren bedankte er sich für die seinem Neffen geleistete Hilfe, ging ins Nebenzimmer, in dem der Regimentsarzt um den Todwunden bemüht war. Ein hagerer kleiner Mensch saß am Kopfende des Bettes, hielt eine mit blutigem Wasser gefüllte Schüssel, die alte Miken jedoch stand unnütz dabei. Sie hätte gerne geholfen, aber vor Tränen konnte sie nichts sehen, und die dummen alten Hände versagten ihr den Dienst ... Der Arzt war mit seiner Arbeit zu Ende. Auf einen fragenden Blick des Herrn Erblandmarschalls zuckte er mit den Achseln. »Ich glaube kaum, Exzellenz,« sagte er flüsternd. »Oder vielmehr, ich halte es leider für gänzlich ausgeschlossen. Aus der Literatur sind mir ja einige günstig verlaufene Fälle bekannt, aus dem russisch-japanischen Feldzuge. Da wurde verschiedentlich berichtet, daß Lungenschüsse wieder ausheilten. Bei denen aber handelte es sich um glatte Schußkanäle mit einer Breite von etwa acht Millimetern. Hier jedoch – es tut mir leid, daß Exzellenz nicht etwas früher gekommen sind, sonst hätten Sie sich persönlich davon überzeugen können – ja, hier also ist der Ausschuß ungefähr wie ein Zweimarkstück so groß! Ich habe mich darauf beschränkt, das Loch zu verschließen, wundere mich aber offen gestanden, daß der Patient noch immer ... ja, er muß über eine selten widerstandsfähige Natur verfügen!« Der Herr Erblandmarschall bedankte sich auch bei dem Herrn Regimentsarzte, bat ihn, seine schätzenswerte Kunst und Erfahrung dem Patienten bis zuletzt zu widmen. Dann trat er an das Lager seines Neffen, sah lange auf das wachsbleiche Gesicht hinab und bewegte die Lippen in stillem Gebet. Verzieh dem Sterbenden und empfahl seine Seele der Obhut des Höchsten ... Als er wieder aufblickte, glaubte er zu bemerken, daß der hagere kleine Mensch am Kopfende des Bettes ihn mit seltsam höhnischen Augen ansah. Aber das war wohl nur eine Täuschung gewesen. Der Kleine erhob sich, machte eine respektvolle Verneigung. »Peter Nägelein ist mein Name, Exzellenz, ich war mit Ihrem Herrn Neffen in Afrika. Und ich glaube, ich kann Sie beruhigen. Ich bin zwar nur Laie, aber ich habe gesehen, wie da drüben noch ganz andre Löcher zuheilten, trotz Schmutz, Insekten und – nicht zu knapp wahrscheinlich – Bazillen. Und wer zwei Jahre Afrika ausgehalten hat ... ja also, ich hoffe es wird schon wieder werden, Exzellenz!« ... Da bedankte der Herr Erblandmarschall sich auch bei Herrn Nägelein für den trostreichen Zuspruch, fuhr nach gemessener Frist wieder nach der Hohenrömnitz zurück. Und er war höchlichst zufrieden, daß es ihm vergönnt gewesen war, statt unnachsichtiger Strenge verzeihende Milde walten zu lassen. Im übrigen aber verstand ein Arzt wohl mehr als ein Laie, er brauchte den bisherigen Inhaber des Lehngutes Vellahn nicht austreiben zu lassen, dem wies ein Höherer den Weg ... Und nur rein menschlich erschien es ihm, wenn er sich jetzt einer dankbaren und gerechten Freude hingab. Da drüben hinter dem dunkeln Saume des Waldes, wo die weiß-rote Fahne im Winde flatterte, schlief sein kleiner Sohn. Gar winzig waren noch seine Glieder, aber der Herr, der ihm so weit geholfen hatte, würde sie groß werden lassen und stark ... auch ihm selbst noch etliche Jahre schenken in Rüstigkeit und Gesundheit, damit er über den ersten Schritten des Werdenden wachen könnte ... Das Vergehen einer dunkeln Stunde war ihm verziehen, hell schien die Sonne der Gnade über ihm und seinem Haus ... Auf dem Heimwege überholte er die Vellahner Förstersfrau, die ein kleines Wäglein selbst kutschierte, einen speckfetten Gaul mit der Peitsche vorwärts trieb in den tiefen Geleisen. »Wohin denn so eilig, Frau Schwarzin?« fragte er leutselig. »Bloß nach Moltzahn, Exzellenz, ein paar Einkäufe besorgen« ... Die elegante Equipage mit den vier raschen Braunen davor flog vorüber, die rundliche Frau Försterin sah ihr ingrimmig nach. »Dat war eck di grad up de Näs hängen, wat eck in Moltzahn to dohn hebb,« sagte sie feindselig, zog ihrem Rößlein eins über den speckigen Rücken, daß es für ein paar hundert Schritte in eine beschleunigte Gangart fiel. Eine lange Depesche trug sie in der Tasche, die nach Wiesbaden gehen sollte. Ungefähr drei Taler würde sie wohl kosten, war eigentlich schon ein Brief, aber es stand alles drin. Auch daß dieser Friedeberger Soldatendoktor anscheinend einen Quark verstände und daß die Frau Baronin daher einen ordentlichen Arzt mitbringen sollte. Die Kosten würden gedeckt werden, denn es läge noch eine Menge Weizen und Roggen auf dem Speicher – – – +++ Die Flagge über dem Burgfried der Hohenrömnitz wehte halbmast seit vier Tagen schon, die blanke Fahnenspitze war in schwarzen Flor gehüllt. Es war anders gekommen, als der Herr Erblandmarschall es sich gedacht hatte ... Ein kleines Menschenlichtlein, das vom ersten Augenblicke an nur mühselig geflackert, war erloschen, wie von einem Windhauche ausgeweht ... Keiner der berühmten Ärzte, die um die eichengeschnitzte Wiege standen, hatte helfen können – einer, der ein Herr hatte werden sollen über tausend Menschen und eine weite Strecke Land, lag als ein verwesendes Klümpchen Fleisch zwischen starrer weißer Seide und Blumen gebettet ... In der weiten, schwarz ausgeschlagenen Halle stand der kleine Katafalk, sechs Lichter brannten zu Häupten und Füßen ... schweigend sahen die Herren und Damen aus dem Geschlechte der Römnitze von den Wänden herab. Und sie spürten kein Mitleid mit dem Greis, der seit Wochen sich weder Haar noch Bart geschoren hatte, mit tränenlosen Augen neben seinem toten kleinen Sohne saß ... Dort unten hatten sie auch einmal gelegen, die Welt ging weiter ihren Gang ... ein neues Bild fügte sich an die schon fast endlose Reihe ... Aber es gehörte nicht zwischen sie, der Kleine da unten war ein Eindringling gewesen aus fremdem Blut ... ein Eid war gebrochen worden, ehe er zur Welt kam ... Und deshalb schlug ihn Gott, der Herr, ihn und den Vater ... Allerhand Gerüchte gingen durch das Land, von denen niemand wußte, ob sie wahr oder falsch waren ... Zwei Tage und Nächte hätte der Herr Erblandmarschall die Leiche seines kleinen Sohnes in den Armen getragen, geschrien und gebetet, bis der Schloßpfarrer ihn mit sanftem Zuspruchs zur Vernunft zurückgebracht. Danach aber hätte eine Austreibung begonnen, all das welsche Volk hätte das Schloß verlassen müssen. Von fürchterlichen Szenen erzählte man sich zwischen dem Erblandmarschall und seiner Gemahlin ... Den alten Kammerdiener Paalzow hätte das Gewissen getrieben, seinem Herrn zu offenbaren, was er erspäht hätte in argwöhnischem Sinn ... Daß man mit einem vertrauensseligen Greis ein freventliches Spiel getrieben ... Der angebliche Bruder der jungen Schloßherrin wäre einer gewesen, der ihr näher stand ... eine ganze Gesellschaft von fremdländischen Abenteurern hätte sich zusammengetan, um einen frechen Raubzug zu unternehmen, einen Raubzug, der nun, im letzten Augenblicke; sozusagen glücklich vereitelt worden war ... So schwirrten die Gerüchte, und die Beteiligung an dem Leichenbegängnisse war stärker als sonst bei so unbeträchtlichem Anlasse. Schon viele kleine Kinder waren in der Hohenrömnitz zur Welt gekommen und gestorben, niemals jedoch zuvor hatte sich ein so zahlreiches Trauergefolge eingefunden ... Aber die Neugierigen kamen nicht auf ihre Kosten. Und wieder einmal konnte man sich überzeugen, wie wenig solchen unsichern, aus dem Nichts entstandenen Gerüchten zu trauen war. Die fremde Dienerschaft stand an ihrem Platze wie sonst, zur Seite des kleinen Sarges aber saß der Herr Erblandmarschall mit seiner ganzen Familie ... als der Schloßpfarrer seine ergreifende Predigt hielt, gab es ein einziges einträchtiges Schluchzen. Sogar der Geistliche konnte seine Rührung nicht bemeistern, sprach mit tränenerstickter Stimme, als er daran erinnerte, welch ein Jauchzen durch die andächtige Gemeinde gegangen wäre noch vor wenigen Wochen. Hosianna und Lob und Preis hätte sie gesungen dem allgütigen Herrn, der dem Hause Hohenrömnitz den Erben schenkte! Derselbe Herr hatte ihn sich wieder zurückgeholt in sein himmlisches Reich ... nur Menschenfürwitz fragte, warum und weshalb? ... Die ganze Trauerversammlung stand gerührt bei den herzbewegenden Worten, bloß der Herr Erblandmarschall sah starr geradeaus mit tränenlosen Augen. Er hatte wohl schon genug geweint in den Tagen und Nächten vorher ... Der lange Zug setzte sich in Bewegung, der kleinen Dorfkirche zu, unter deren Fußboden in weitem Gewölbe die Römnitze den letzten Schlaf schliefen. Die Gruft war geöffnet, der kleine Sarg glitt an den Leinentüchern langsam hinab. Der Pfarrer sprach mit halblauter Stimme die letzten Geleitworte: »Der Herr sei mit dir, segne deinen Eingang und Ausgang« ... Da aber geschah etwas Seltsames. Der Herr Erblandmarschall schrie plötzlich mit gellender Stimme: »Es ist nicht wahr, er läßt sich nicht spotten ... den ungetreuen Knecht schlägt er mit schwerer Hand« ... Der alte Kammerdiener Paalzow sprang zu, fing den Umsinkenden in seinen Armen auf. Die Trauerversammlung aber stand bestürzt, ging in einiger Verstörung auseinander. Die Glocken oben im Turm läuteten noch, als die Wagen schon in dichter Folge über die Schloßbrücke rollten ... Und bei der Heimfahrt sprach man mit Bedauern davon, daß der übermäßige Schmerz dem Herrn Erblandmarschall wohl den Sinn verwirrt hätte ... Nur zwei Gäste verweilten noch länger, sahen sich mit spähenden und hungrigen Augen in den reichen Besitztum um. Von weither waren sie zu dem Begräbnis gekommen, die beiden Herren von Römnitz aus der Nebenlinie, die der Todesfall am nächsten anging. Ein ältlicher Major außer Diensten in Zylinder und schwarzen Handschuhen, dazu sein ältester Sohn, ein lang ausgeschossener Infanterieleutnant mit einer schwarzen Binde um den blauen Ärmel ... Drei hatten vor kurzem noch gestanden zwischen ihnen und der Hohenrömnitz ... Jetzt lag der eine sicher unter kaltem Gestein, der zweite war ein niedergebrochener Greis, und der dritte rang in dem kleinen Schlößchen Vellahn mit dem Tode. Nach allen zuverlässigen Berichten war es nicht anzunehmen, daß er wieder hochkam, dazu war die Verwundung zu schwer gewesen ... Ein weites Tor tat sich vor ihnen auf zu Reichtum, Glanz und Besitz, nicht mehr so lang war der Weg ... ganz in der Nähe wirkte die rosige Hoffnung, die jahrhundertelang nur wie ein wesenloser Nebelstreif am fernen Horizonte gehangen hatte ... Was eine Sage fast nur gewesen war, wurde Wirklichkeit, und wohlverwahrt war die Urkunde, die der weit in die Zukunft blickende Ahn sich hatte ausfertigen lassen, ehe er aus der Hohenrömnitz zog, um dem Markgrafen von Brandenburg gegen die trotzigen Junker zu Hilfe zu reiten – ? +++ Auf Pfingsten ging es, im Vellahner Park blühte der Flieder, was in Sträuchern und Hecken schlüpfte, war längst schon beim Nesterbauen. Drinnen in dem kleinen Schlößchen aber hatte es lange und bange Wochen gegeben, und gar oft hatte es aus des Messers Schneide gestanden, ob der trübe Unkenruf des Regimentsarztes recht behalten sollte oder die helle Zuversicht des Malerchens. Aber endlich kam ein Tag, an dem Malte Römnitz nach langer Bewußtlosigkeit zum erstenmal wieder die Augen aufschlug, klar und ein wenig verwundert um sich blickte, als wenn er eine Frage auf dem Herzen hätte. Weshalb unter denen, die um sein Bett standen, eine fehlte, deren Nähe er zuweilen doch deutlich verspürt hatte. Ihre sanfte Stimme hatte er gehört und ihre leichte Hand auf seiner heißen Stirn gefühlt, aber nur drei standen da, Lentz, die alte Miken und Peter Nägelein. Die eine fehlte ... Der kleine Maler lachte zwar übers ganze Gesicht, aber er machte eine drohende Handbewegung: »Hier wird noch nichts gesprochen, hier wird nur geschlafen, hat der Herr Professor befohlen!« ... Da schloß Malte gehorsam wieder die Augen, ein schmerzlicher Zug flog über sein blaßgewordenes, abgemagertes Gesicht. Das waren nur Träume gewesen, er hatte sich's gleich gedacht! ... Die saß ja weit fort von hier in Wiesbaden, deren Hand zu spüren er vermeint hatte ... er hatte ja damals selbst gesehen, wie sie mit dem Wagen voll von Kisten und Koffern zum Bahnhofe fuhr ... Eine schlanke junge Dame, die hinter dem Kopfende des Bettes gesessen hatte, stand auf, verließ leise das Zimmer. Peter Nägelein ging ihr nach und schüttelte ihr freudestrahlend die Hand: »Ich glaube, wir haben's jetzt geschafft, aus dem Gröbsten ist er 'raus!« Sie nickte lächelnd, auch in ihrem Gesicht stand helle Freude. »Ich glaube auch. Aber meine Zeit ist um, ich muß wieder fort« ... »Um Gottes willen, Frau Baronin,« sagte er erschreckt, »jetzt wollen Sie uns verlassen? Wo es endlich auf die Genesung geht?« ... »Gerade deshalb! Es lag doch nur an einem Zufall, daß er mich vorhin nicht ebenso gesehen hat wie Sie und die beiden andern. Und ich möchte Sie herzlich bitten, daß es bei unserm Abkommen bleibt. Daß Sie's ihm nicht sagen, daß ich hier bei seiner Pflege ein wenig geholfen habe ... Ich bin ja überhaupt nur gekommen, weil ich ... nun weil die Frau Försterin mir depeschiert hatte, er läge im Sterben. Sonst ... da ist denn doch zu vieles und Schweres geschehen« ... Sie brach ab. denn sie fühlte, daß ihr die Tränen kamen. Sonst war sie nicht so weichmütig, aber die letzten Wochen mit allen Anstrengungen und Sorgen hatten sie mürbe gemacht und schwer mitgenommen. Peter Nägelein sah trübselig vor sich hin. »Tut mir leid, aber ich kann es verstehen. Er selbst hat mir zweimal davon gesprochen. Das erstemal, als ich ankam, und dann kurz vor dem Zweikampfe« ... Er machte eine kleine Pause und hob den Kopf: »Ja aber, meine verehrteste Frau Baronin, jetzt hilft das nichts! Immer mit dem verdammten Zartgefühl und bloß so halben Worten, da kommt man nicht vom Fleck. Wenn Sie mir also nicht die Erlaubnis geben, frei von der Leber weg reden zu dürfen« ... Sie errötete bis unter die Haarwurzeln: »Ich bitte darum« ... Er holte tief Atem: »Nun denn ... also von der blöden Torheit, die ihm fast das Leben gekostet hat, war er schon kuriert, ehe er sich diesem Herrn Oberleutnant von Bredow als Scheibe hinstellte. Daß er sich in diese Berliner Dame aber verliebt hatte, dürfen Sie ihm nicht nachtragen. Die konnte auch andern Leuten den Kopf verdrehen. Und über eins darf ich Sie jedenfalls beruhigen, sie hat sich in unserm braven Malte getäuscht. Der hat überhaupt gar nicht verstanden, was sie eigentlich« ... Die junge Baronin Perkwald errötete noch heftiger, hob die Hand. »Es ist gut, Herr Nägelein ... Und das habe ich ihm schon verziehen. Es war noch etwas andres dabei. Sie wollte vielleicht auch mich treffen, weil ich mich von ihr fernhielt und auf die Freundschaft nicht eingehen wollte, die sie mir – viel zu überschwenglich für meinen Geschmack – gleich in den ersten Tagen angeboten hatte ... Sonst nämlich, ja ... sonst wäre es doch ganz unverständlich, weshalb sie mir den Brief geschickt hat, den Malte ihr« ... Peter Nägelein schrie fast auf. »Den Brief haben Sie gelesen und sind doch gekommen?!« ... Sie nickte nur, die Tränen schossen ihr unaufhaltsam aus den Augen. Peter Nägelein stand ein paar Augenblicke ratlos, dann flog ein heller Schimmer über sein Gesicht. »Sie brauchen sich nicht zu schämen, meine liebe Frau Baronin. Das ist ... ja also, Donnerwetter nochmal, was sind Sie für ein prachtvolles Frauenzimmer! ... Das heißt, ich bitte um Entschuldigung, das ist mir nur so herausgefahren! Aber man könnte vielleicht noch etwas andres dazu sagen. Ein paar Worte, die einer gesprochen hat, der in seinem Hauptberuf Apostel war, im Nebenamt ein Dichter: ›Sie verträget alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles!‹ Und die Hauptsache schließlich: ›Sie höret nimmer auf‹« ... »Na ja,« sagte die junge Baronin Perkwald und trocknete sich die Augen – »wenn wir schon so offen darüber sprechen – sonst wäre ich auch nicht gekommen! ... Aber nur Dankbarkeit will ich nicht. Und deshalb muß ich jetzt fort« ... »Verstehe ich voll und ganz,« erwiderte der kleine Maler ernsthaft, aber der Schalk lachte ihm dabei schon wieder aus den Augen: » Der Gefahr dürfen Frau Baronin sich nicht aussetzen! ... Aber es braucht doch nicht gleich bis Wiesbaden zu gehen, Alten-Krakow ist um diese liebe Frühlingszeit ja auch ganz schön. Jedenfalls hätte es unser Patient da näher, wenn der Herr Professor es ihm endlich erlaubt, aus die Brautschau zu fahren« ... Danach lachten sie beide, schüttelten sich herzhaft die Hand. Gute Freundschaft hatten sie längst schon geschlossen in den bangen Stunden am Krankenbette. Jetzt aber verknüpfte sie ein noch engeres Band, die Liebe zu einem, der ihnen gleichermaßen teuer war – – – – Als der berühmte Rostocker Chirurg, der von der Baronin Perkwald zur Behandlung gerufen worden war, seine nächste Krankenvisite machte, war er mit dem Patienten wenig zufrieden. Zwar die Wunde war über alles Erwarten gut zugeheilt, die Atmung in dem verletzten Lungenflügel funktionierte vorzüglich, und man durfte annehmen, daß das Narbengewebe sich im Laufe der Zeit von selbst abstoßen würde. Aber zur vollständigen Genesung gehörte mehr. Der Geist mußte sich wieder aufrichten in dem geschwächten Körper, sonst blieb sie nur Stückwerk. Und daran fehlte es dem jungen Grafen Römnitz. Ganz teilnahmlos lag er da, nicht mal ein Lächeln flog über sein Gesicht, als er hörte, daß er gesund wäre, nun langsam wieder aufstehen dürfte ... Da nahm der Herr Professor sich den kleinen Maler vertraulich beiseite. »So geht das nicht, Herr Nägelein, mit Kraftbrühe und sonstigen Stärkungsmitteln kriegen wir ihn nicht hoch. Lachen muß er wieder, Sie müssen ihm nichts als lustige Geschichten erzählen, damit er wieder blanke Augen kriegt.« »Hm,« sagte der Maler, »daß ihm inzwischen die kleine Konkurrenz um das Majorat weggestoßen ist, ist das vielleicht lustig genug?« »Für den Anfang gewiß,« erwiderte der Professor, »aber es muß noch viel dicker kommen. Und, sagen Sie mal, da war hier doch immer eine reizende junge Dame zur Pflege, die verwitwete Frau Baronin Perkwald?! ... Weshalb ist die eigentlich nicht mehr da?« »Das erzähle ich Ihnen ein andermal. Das sind, wie man hierzulande sagt, ›olle Kamellen‹. Ich glaube, sie genieren sich voreinander. Und ich trage vom medizinischen Standpunkte aus ebenfalls Bedenken, sie wieder zusammenzubringen. Die Frau Baronin würde es ja wohl aushalten, er aber hat doch einen immerhin noch der Schonung bedürftigen Lungenflügel« ... Der Herr Professor lachte. »Wenn es weiter nichts ist? So eine ausgeheilte Lunge hält viel aus. Namentlich Freude. Da verträgt sie eine ganze Masse!« »Vielleicht schon morgen?« »Auch heute! Setzen Sie ihn in einen Rollstuhl ... Das Wetter ist wie geschaffen dazu. Na und wenn es so weit ist, vergessen Sie mich nicht mit der Verlobungsanzeige!« ... Der Herr Professor fuhr in guter Laune davon, Peter Nägelein aber sah ihm, in Gedanken verloren, nach. Er war ein ehrlicher Makler, aufs Ungewisse hin unternahm er nichts. Dazu war die junge Baronin zu schade ... Und danach beschloß er zu handeln ... Er ging in das Krankenzimmer zurück. »Holla, Gräflein, jetzt hat's mit dem Faulenzen geschnappt! Der Professor hat 'ne Luftkur verordnet. Und sehen Sie mal, wie draußen die Sonne lacht! Das Herz kann einem aufgehen dabei« ... Malte hob mit müder Abwehr die Hand, aber es half ihm nichts, er wurde warm angekleidet, in einen Rollstuhl gesetzt und in den blühenden Park gefahren. Hilflos wie ein Kind mußte er sich's gefallen lassen. Die Arme und Beine, an denen die straffen Muskeln gestanden hatten in stolzer Pracht, waren wie Zaunstecken so dünn, nichts als Haut und Knochen ... Der alte Lentz schob den Rollstuhl, Miken tappte hinterdrein, wie ein mit Speck abgeriebenes Osterei glänzte ihr Gesicht vor Freude. »Herrgott, himmlischer Vater,« murmelte sie zwischen den welken Lippen, »daß du mich das noch erleben läßt?!« ... An einem sonnigen Platze vor blühenden Fliederbüschen ließ Peter Nägelein halten. Unten am Ufer trieben leise blaue Wellen an den Sand, durch eine Lücke zwischen den Parkbäumen bot sich eine schöne Aussicht auf den Hohenrömnitzer Burgfried und eine lange Stange, an der die leicht sich blähende Fahne immer noch halbmast hing zum Zeichen der Trauer ... Er lehnte sich mit dem Arme leicht auf den Rollstuhl und beschloß, vorsichtig zu Werke zu gehen, mit Unwichtigem anzufangen, die großen Kanonen aber zuletzt anzufahren ... »Sagen Sie mal, Gräflein,« begann er, »Sie haben in diesen Wochen öfter den Namen des Herrn von Lewenitz genannt. Darf ich fragen, in welchem Sinne?« Malte hob matt die Hand. »Sie waren doch dabei im Strelitzer Hof. Er hat noch ein Recht an mich. Sagen Sie ihm, wenn ich wieder auf meinen Füßen stehen könnte, würde ich mich ihm stellen. Aber er sollte besser treffen als dieser Stümper von Dragoner« ... »Na na na,« sagte der kleine Maler, »vielleicht gibt es da etwas, wobei es ohne Knallen abgeht. Ich habe inzwischen Euren Ehrenkodex gewälzt, weiß mächtig Bescheid darin. Es ist ein arg verwickelter Fall ... ich war doch Augenzeuge und weiß beim besten Willen nicht zu sagen, bei wem der letzte Hieb sitzen geblieben ist! ... Wohingegen bombensicher feststeht, daß der lange Tüschower bloß durch einen Zufall dazwischengeriet, als Sie sich mit dem Leutnant so gröblich auseinandersetzten. Da hat also nach meiner bestimmten Zeugenaussage das hochwohlweise Ehrengericht entschieden, es käme jetzt nur noch auf Sie an. Wenn Sie erklären, Sie hätten eigentlich den Herrn von Bredow gemeint, als Sie den Herrn von Lewenitz nach dem Ofen beförderten, kann dieser letztere auch weiterhin am Königsgeburtstag einen bunten Rock tragen, ohne Ihnen vorher ein Loch in den Bauch schießen zu müssen« ... »Meinetwegen,« gab Malte gleichgültig zurück. »Wenn er es wünscht, bitte ich sogar ab ... es ist ja so egal« ... »Schön,« sagte Peter Nägelein, »Punkt eins meiner Sorgen wäre erledigt! ... Jetzt zum zweiten! Entsinnen Sie sich vielleicht, daß Sie in Ihren Fieberphantasien erhebliche Kämpfe mit einem alten Herrn ausfochten, der Ihnen durchaus Vellahn wegnehmen wollte und ein Wort, von dem Sie hartnäckig behaupteten, es wäre verbrannt? ... Nicht? ... Na denn sehen Sie mal da über den See ... wie hängt wohl drüben über dem alten Turm die Flagge?« ... Malte versuchte sich aufzurichten. »Um Gottes willen, mein Onkel Christoph« ... »Nee, zuerst mal bloß sein kleiner Sohn,« versetzte der Maler herzlos und in gesundem Egoismus ... »Wat dem een sien Uhl, dat is dem annern sien Nachtigall – es ist, Gott sei Dank, niemand mehr da, der uns hier 'rausjagen kann! Und entschuldigen Sie, wenn ich mich mit erwähne, aber ich habe es Ihnen ja schon vor langen Wochen gesagt: ehe ich nicht Akademiepräsident bin, kriegen Sie mich hier nicht los« ... Malte hatte geraume Zeit schweigend gesessen, jetzt machte er eine müde Handbewegung. »Es ist gut! ... Meine Ehre habe ich wieder ... mein Recht an dem bißchen Erde« ... »Ich verstehe schon,« sagte Peter Nägelein lächelnd, »es fehlt noch etwas! Bei Ihrer Trauung werde ich dem Pastor einen Tip geben, daß er das betreffende Kapitel aus dem Korintherbrief zum Text seiner Rede nimmt! ... Aber ehe ich Ihnen jetzt die Lichter an dem Weihnachtsbaum anstecke, möchte ich eine ganz reelle Auskunft haben. Welche von den beiden jungen Damen meinten Sie eben, als Sie das Wort ›Liebe‹ nicht aussprachen? Die Berlinerin oder die Baronin Perkwald?« Der andre sah wirr um sich, machte eine gewaltige Anstrengung, sich auf die Füße zu stellen. »Ich hab' nicht bloß geträumt, sie ist wirklich hier?« »Nee,« versetzte der kleine Maler, »so rasch geht das nun nicht. Aber sie ist erreichbar ... Telefonieren Sie mal nach Alten-Krakow, Herr Lentz. Sagen Sie der Frau Baronin einen schönen Gruß von mir und ich ließe sie bitten, hier jetzt wieder die Pflege zu übernehmen! Ich garantiere ihr dafür, sie darf es wieder tun« ... »Aber gern, Herr Nägelein,« sagte der Alte, setzte sich in Trab, um auch nicht eine einzige Minute zu versäumen ... Malte ließ sich in den Stuhl zurückfallen, schlug die Hände vors Gesicht, die hellen Tränen quollen ihm zwischen den Fingern hindurch: »Lieber Vater im Himmel, das hab' ich nicht verdient« ... Und der Kleine ließ ihn ruhig gewähren. Freude war ja gesund, hatte der Herr Professor gesagt! ... Erst nach einer Weile spann er den Faden weiter. »Nee, weiß Gott, verdient haben Sie's nicht, Gräflein. Aber der Herr gibt's den Seinen im Schlaf ... ich hab' Ihnen ja schon einmal auseinandergesetzt, daß er wohl ganz was Besonderes mit Ihnen vorhat. Und wenn ich ihn recht verstehe, hat er mich hier als eine Art von Hofhund eingesetzt. Damit ich aufpasse – der Deuwel holt Sie nämlich, wenn Sie jetzt nicht ein Musterexemplar werden von Herr und Ehegemahl?!« ... Der andre nickte nur, sprechen konnte er nicht ... Und Peter Nägelein begann zu erzählen, was sich alles in diesen langen Wochen zugetragen hatte. Erzählte möglichst genau und ausführlich, denn es galt, eine ganze lange Zeit der Erwartung auszufüllen. Selbst bei raschem Zufahren brauchte man von Alten-Krakow bis Vellahn reichlich dreiviertel Stunden ... Aber schon nach wenigen Minuten kam ihm die laue Frühlingsluft zu Hilfe: ein gleichmäßiges Schnarchen begleitete den geläufigen Fluß seiner Rede – der im Rollstuhl neben ihm war sanft eingeschlafen! ... Da schwieg er natürlich, und unwillkürlich stahl sich ihm ein wenig Neid in die lautere Seele. Er hatte es nicht so gut getroffen, daß ihm eine die Treue hielt ... Die junge Dame fern im Thüring'schen hatte sich gar rasch mit einem andern getröstet ... Auf dem gelben Kies des Parkweges erklang ein leichter Schritt, der kleine Maler rüttelte den Schlafenden an der Schulter. »Holla, aufgeschaut, da kommt wer« ... Und er trat rückwärts durch die Fliederbüsche ... Malte Römnitz blickte wirr um sich ... »Gertrud!« schrie er auf, breitete die Arme. Sie eilte zu ihm, drückte ihn sanft in den Stuhl zurück. Und sie küßte ihn nicht auf den Mund, sondern auf eine kleine Narbe, die wie ein weißer Fleck sich auf seiner linken Wange abzeichnete. Er verstand sie ... Die letzte Spur alten Hasses war ausgelöscht ... Frühling war um sie und Liebe – – –