Rudolph Stratz Die kleine Elten Roman aus der Berliner Bühnenwelt I. Also heute war der große Tag! Eine bedeutsame Energie lag auf Valeska Eltens schönem Gesicht, während sie sich vor dem Spiegel des Hotelzimmerchens die Haare machte. Auf dem Teppich stand ihre irdische Habe. Ein großer Koffer mit kostbaren Theatertoiletten – ihr Schatz und Heiligtum, zu dem noch drei ähnliche, als Frachtgut nachkommende Ungetüme gehörten –, ein paar Hutkartons und ein kleines Kofferchen, das ihre »Zivilsachen«, Wäsche usw. barg. Auf dem Tisch lag der Bühnen-Almanach. Daneben ein Stoß Briefe von Agenten und Direktoren, ein Brenneisen, ein großer Bogen, auf dem sie in zierlicher Schrift ihr Repertoire verzeichnet hatte, einige Papilloten und ein Pack mit blauem Seidenband zusammengehefteter Zeitungsausschnitte. Das waren die Kritiken über ihre Tätigkeit am Bergheimer Stadt-Theater. Ein schöngeistiger Gymnasialoberlehrer hatte sie geschrieben. Das Herz des schwerverheirateten Mannes war in hoffnungsloser Liebe zu ihr entbrannt gewesen, und siegreich trug ihn in seinen Rezensionen der Schwung der Begeisterung über holperige Perioden und ciceronianische Schachtelsätze hinweg, wie feurige Pferde den Jagdwagen über den Knüppeldamm reißen. Sie hatte ihm denn auch zum Abschied freundlich die Hand gedrückt und versprochen, zu schreiben. Dabei kam sie sich sehr dankbar vor. Denn was brauchte sie jetzt in Berlin noch den Oberlehrer aus der Provinz, in Berlin, dessen Brausen und Tosen geheimnisvoll in ihr Hotelzimmer drang. Da stand es gedruckt im »Börsen-Courier«, dessen letzte Nummer neben ihr vor dem Spiegel lag, in der Rubrik »Hinter den Kulissen«: »Die Direktion des Westend-Theaters hat Fräulein Valeska Elten vom Stadt-Theater in Bergheim für die beginnende Saison verpflichtet. Den Abschluß vermittelte die Hasselsche Agentur.« Eine dürftige, kleine Notiz – aber wie inhaltreich für Fräulein Elten, die sich noch immer vor dem Spiegel mit ihren langen, kastanienbraunen Flechten abquälte. Natürlich – wenn man Eile hat, geht es erst recht nicht! Und wieviel hatte sie heute zu tun, an dem grosten Tag, der sie in den Berliner Kampf ums Dasein führte. Einige Haarnadeln zwischen die Zähne geklemmt, mit ungeduldig flackernden Augen, beendete sie die Frisur und stieß vorsichtig den langen silbernen Pfeil durch das hochgesteckte Nest. Dann stand sie auf, warf noch einen Blick auf die blau angestrichene Notiz des »Börsen-Couriers«, deren paar Worte sie schon auswendig konnte, und sah sich dann in dem Stehspiegel an. Es war, als hielte sie Musterung für den Kampf, der ihr bevorstand. Ihre feinen Nasenflügel blähten sich, die schmalen Lippen preßten sich fest aufeinander, und in den Augen zitterte wieder ein unstetes grünliches Licht, wie das einer lauernden Katze. Es war ein harter Kampf, das wußte sie. Was hatte sie für Waffen? Wieder blickte sie in den Spiegel. Kein Zweifel, sie war hübsch! Sehr hübsch sogar! Das vornehme Oval des Gesichts, über dessen schmaler Stirn die braunen Löckchen sich kräuselten, der kluge, etwas spöttische Ausdruck, der aus den lebhaften Augen sprach und um die Mundwinkel zuckte, die schlanke, mittelgroße Gestalt – gegen das alles war nichts einzuwenden. Freilich – der Teint! Etwas Puder war kaum mehr zu entbehren, wenn man sich acht Jahre hindurch in der Kulissenluft kleiner Provinzbühnen herumgetrieben hat. Jetzt zählte sie sechsundzwanzig. Für Berlin ist das kein Alter. Aber Zeit war es doch, hohe Zeit, den Erfolg zu packen. Mit Schönheit allein macht man das nicht. Dazu gehören – die Elten zählte sich das in ihrem Nachsinnen, während sie sich in eine Ecke des Sofas lehnte, gewissenhaft auf –, dazu gehören außerdem Konnexionen, Geld, Tatent und Glück. Konnexionen hatte sie keine! Wie sollte sie solche auch als fahrende Provinzschauspielerin anknüpfen? Und Geld sehr wenig. Die Koffer, etwas Schmuck und 412,50 Mark in der Tasche war alles, was sie ihr eigen nannte. Talent? Ja, sie hatte Tatent. Aber wie weit es für Berlin reichte, wußte sie nicht. Sie war klug genug, das einzusehen. »Ich glaube, ich bin überhaupt klug!« sagte die Elten für sich und trat wieder vor den Spiegel. »Wirklich ... Und wer in Berlin klug ist, macht sein Glück!« Das Glück ... ja! ... Das war es schließlich doch, wovon alles abhing. Was war es anders als Glück, daß Herr Hochmann, der Direktor des Westend- Theaters, zufällig auf einer Geschäftsreise in Bergheim übernachtete und abends ins Theater ging, und daß sie gerade an diesem Abend in einer ihrer besten Rollen, der Iza im »Fall Clémenceau«, auftrat? Nach dem ersten Akt war Direktor Hochmann, ein älterer Herr mit ausgeprägtem Schauspielergesicht, auf die Bühne gekommen, einen Augenblick suchend stehengeblieben und dann direkt auf den zierlichen Pagen zugeschritten, der eben an der Hand des Bildhauers Clémenceau wiederholt sich vor dem klatschenden Publikum verbeugt hatte. Tags darauf war sie für den nächsten Herbst an das Westend-Theater zu Berlin engagiert. Heute, am 15. August, hatte sie sich zu melden. Am 1. September begann die Saison. »Ja, Glück must man haben,« dachte Valeska Elten bei sich, »klug must man sein...und hübsch...dann kann es doch schließlich nicht fehlen...« Und getröstet beendete sie ihre Toilette. Dann überlegte sie, was der heutige Tag von ihr verlangte. Erst Meldung beim Direktor. Da konnte man etwa um zehn Uhr hingehen. Dann Besuch beim Agenten. Dann Rundfahrt bei den Kritikern der großen Blätter. »Wie heißen denn die Kerle eigentlich?« brummte sie vor sich hin, schlug den Almanach auf und begann mit einem Bleistift die Adressen auf ein Blatt Papier zu kritzeln. Das wollte sie dem Kutscher geben, da sie selbst Berlin nicht kannte. Der würde schon sehen, wie man am raschesten von der Jerusalemer nach der Beuth- und von der Zimmer- nach der Breiten Straße kommt. Die Namen der Herren Doktoren – denn sie hegte die allgemeine Bühnenüberzeugung, daß ein Theaterkritiker unbedingt Doktor sei – notierte sie sich besonders. Visitenkarten hatte sie sich auch schon gerichtet ... kleine, zierliche Dinger, auf denen lithographiert der Name »Valeska Elten« und darunter, von ihrer eigenen Hand geschrieben, »Mitglied des Westend-Theaters« stand. Auf einige hatte sie noch weiter hingekritzelt: »Bittet bei ihrem Debüt um gütige Nachsicht.« Aber diese auszugeben, war noch nicht Zeit. Wußte sie doch gar nicht, welche Rollen sie bekam. Hoffentlich schöne! Sie wußte, in Berlin wurden alle die Sensationsrollen »kreiert«, die sie in der Provinz dem Bergheimer Publikum vorgespielt hatte, die Magda und die Iza, die Alma und die Adah, die Rita und die Nora und viele andere. Und ebenso ehrte man da die Franzosen: Vielleicht durfte sie die Francillon oder Cyprienne spielen, vielleicht die Frou-Frou oder gar Marguerite Gauthier, die Kameliendame. Das sollte herrlich werden. Sie blätterte in dem Genossenschafts-Almanach die endlose Reihe der Berliner Theater durch, sie überschlug die Opern-, Operetten-, Possen- und Vorstadtbühnen, sie warf nur einen flüchtigen Blick auf die anderen großen Schauspielhäuser, das Königliche, das Berliner, das Deutsche, das Neue, das Lessing-, das Residenz-, das Wallner-Theater, bis sie endlich an ihren eigenen Kunsttempel kam. Da stand's unter der Rubrik Berlin: XXVII. Westend-Theater. (Erbaut 1836, renoviert 1886, mit elektrischer Beleuchtung versehen 1890. Das Theater faßt 1050 Personen. Spielzeit vom 1. September bis 30. Juni.) Eigentümer: Hans Schliephacke, W, Bismarckstraße 107. Direktion: Egbert Hochmann, Ehrenmitglied des Stadt-Theaters zu Walstett, Ritter des fürstlich Gnadenheimer Hausordens vom wachsamen Sperber und des Rhenaschen Verdienstkreuzes am grün-gelben Bande, W, Lützowplatz 104, führt die Oberregie. Schauspiel-Vorstände: Harald Grillon, Inhaber des Sterns von Lichtenstein (um den Hals zu tragen), und Hans Bauer, Regisseure. Bureau, Inspektion und Kasse: Franz Reichau, Sekretär, Heinz Rüsemer, Bibliothekar, Willy Krause, Inspizient, F. Hertha Kautz, Souffleuse, Ernst Seiffert, Kassierer, Ernst Berg, Inspektor, Fritz Kaltschmiedt, Theaterdiener. Rechtskonsulent: Dr. Eugen Horwitz. Theaterarzt: Dr. G. Mans. Darstellende Mitglieder: Herren: Louis Adolf, Hans Bauer (siehe Regisseure), Heinrich Franke, Hans Frey, Harald Grillon (siehe Regisseure) ... Hier wurden ihr die Herren zu langweilig. Sie las weiter: Damen: Anna Maria Dobschütz, Käthe Hannemann, Pepi von Hochleitner, Franziska Ilgen, Elly Krause, Mizi Stadinger, Thilda Thorbeck ... Aber was sagten ihr diese Namen weiter? Waren ihre Trägerinnen jung oder alt, schön oder häßlich, talentvoll oder nicht? Darüber gab der Almanach keine Auskunft. Sie mußte ihre Feindinnen persönlich sehen. Sie legte den Almanach weg, setzte den Hut auf, zog ihr Jäckchen an, steckte die letzte Nummer ihres Agenturblattes, des »Norddeutschen Bühnenboten«, der für die 24 Mark jährliches Abonnement alle Quartale einmal ihren Namen nannte, in die Tasche und ging hinunter, um zu frühstücken. Mit der Schokolade brachte ihr der Kellner einen Brief. Ein großer Brief mit dem Poststempel Bergheim, die Adresse in gedrungener, schräger Militärhandschrift. Sie öffnete und lachte laut auf. Er war doch wirklich zu naiv, der gute Junge, trotz seiner vierundzwanzig Jahre! Schickte er ihr da allen Ernstes eine Photographie, auf der er mit seiner Braut in ganzer Figur abgebildet war, er aufrecht stehend, in knapper Husarenuniform, auf den Säbel gestützt, sie zu seiner Rechten sitzend, mit freundlich lächelndem, rundem Kindergesicht. »Zu dumm sieht sie aus!« dachte Valeska zornig und drehte die Photographie um, um zu sehen, ob auf der Rückseite etwas stände. Da war nichts, auch ein Begleitschreiben lag nicht bei. Es war eben nur der letzte Gruß ihres kleinen Freundes, mit dem sie zwei Jahre hindurch in Bergheim Leid und Freud' geteilt. Jetzt war sie in Berlin, und er heiratete. Im Trubel seiner Verlobung, des Schuldenbezahlens und Wohnungeinrichtens hatte er noch Gelegenheit gefunden, einige tausend Mark für sie zu erübrigen. Davon waren ihre neuen Toiletten und ihre ganze sonstige Equipierung bestritten worden. Der gute Fritz wollte sie doch nicht ohne Ausstattung in die Reichshauptstadt ziehen lassen und sah sich infolgedessen vier Wochen lang zwischen zwei Aussteuern, der offenkundigen seiner Braut und der heimlichen seiner »Kleinen«, die ihm übrigens an Wuchs beinahe gleichkam, stehen, so daß sein armer Kopf alle Mühe hatte, diese beiden heterogenen Dinge nicht zu verwechseln. Jetzt war die Sache erledigt. Sie hatten sich unter ehrlichen Tränen getrennt. Das war das letzte Abschiedszeichen. Ihm mochte vielleicht noch ab und zu einmal in dem Philisterium der Ehe die Erinnerung an jene wunderlich gemischte Stimmung von gedankenloser Lebenslust und Neckerei, von träumender Sinnlichkeit und unerklärlicher Wehmut aufsteigen, mit der die Vergangenheit solche Verhältnisse vergoldet. Und sie ...? Die Worte der Magda aus der »Heimat« fielen ihr ein: »Weißt du denn, ob er der einzige war?« Sie seufzte. Was war aus den beiden anderen geworden? Der eine, der kurische Baron, der ihr während ihres Aufenthalts in Riga den Hof gemacht und sie des Abends in seinem Wagen zum Strande nach Bolderaa geführt hatte, der war, als er ernstlich davon phantasierte, sie zu heiraten, von der Familie eingeheimst und auf eines seiner »Gütter«, wie er sie nannte, verschickt worden. Dort sollte er inzwischen ein Landfräulein geheiratet haben und seinen Daseinszweck darin erkennen, das alte Schwertbrüder-Geschlecht derer von Mayenhausen, soweit an ihm lag, nicht aussterben zu lassen. Und der andere? ... Sie sah ihn vor sich ... den schmucken, glänzenden Kürassier-Rittmeister, dem sie zu Ende der achtziger Jahre am Stadt-Theater zu Erfurt angehört. Sie hatte ihn leidenschaftlich geliebt. Ihr Auge wurde feucht, wenn sie an ihn dachte. Eines Tages war er um die Ecke! Ab nach Amerika! Ein Jahr darauf stürzte er sich – ein zerlumpter Bettler – von einem Wasserturm in Milwaukee auf das Pflaster hinab. Er starb auf der Stelle. Und wieder klang in ihrer Erinnerung die tiefe, wohltönende Stimme, die damals an einem lauen Juliabend zum letztenmal an ihr Ohr gedrungen, während sie sich schluchzend an seine Brust lehnte und in all ihrem Kummer doch merkte, wie stark die auswattiert war. »Leb' wohl, mein liebes kleines Mädchen! ... Mög's dir in diesem Leben besser gehen als mir!« – Valeska trocknete sich die Augen. Sie fühlte sich so allein, so verlassen auf der Welt. Eine tiefe, unbestimmte Sehnsucht erfaßte sie, ein Drang, sich irgendwo mit geschlossenen Augen anzuschmiegen und nach zärtlich streichelnder Liebe zu bangen. Aber sie richtete sich entschlossen auf. Mit diesen Dummheiten war es vorbei! Auf die Weise kam man nicht vorwärts! Vier Jahre hatte sie, dem Rittmeister zuliebe, in Erfurt gesessen, und nur die Freundschaft zu dem Husaren Fritz hatte sie bewogen, ein zweites Jahr nutzlos in Bergheim zu bleiben. Jetzt mußte das ein Ende nehmen. Sie wollte sich nicht mehr verlieben – den Entschluß hielt sie in grimmer Energie fest –, sie wollte Karriere machen! Mit Neid sah sie auf die glückliche Braut, deren Photographie sie immer noch in der Hand hielt. Die hatte es gut im Leben! Von den Eltern verwöhnt und verhätschelt, mit Sorgfalt vor allem Häßlichen und Widerwärtigen bewahrt, gehegt und gepflegt, als sei sie ein köstliches Kleinod, und nun noch einen so lieben Kerl, wie ihren Fritz, zum Mann – ja, die konnte wohl ihrem Schöpfer danken. Aber wahrscheinlich tat sie es nicht und wußte gar nicht, um wieviel besser es ihr im Leben ging als ihr, Valeska Elten, der armen Bühnenzigeunerin, die allein und haltlos in dem Reiche des Scheins und der Lüge umhertrieb, das für sie die Welt bedeutete, gierig verfolgt von den Männern, mitleidig verachtet von den Frauen der guten Gesellschaft, deren lispelnde Wohlerzogenheit es nicht zu fassen vermag, daß ein Mensch hungern und dürsten und frieren, und daß er lieben und sich die Liebe da nehmen kann, wo er sie in seinem armen Dasein findet. »Aber wartet nur!« Valeska Elten knöpfte sich energisch die Handschuhe zu, warf einen Blick auf die Uhr und trat in die Augustsonne hinaus auf die Friedrichstraße. Donnernd und brausend schlug ihr im Rädergerassel und Pferdebahngeklingel, im Fluten der Menschenmassen und dem Geschrei der Verkäufer der glühende Atem der Weltstadt entgegen. II. Der Wagen hielt vor dem Portal des Westend- Theaters, das verlassen, im Sommerschlafe, dalag. Nur ein Trupp Mimen stand am Eingang. Herren mit kleinem Ferienschnurrbart und einzelne Damen. Neugierig musterten sie Valeska, die aus der klapperigen Droschke – in ihrer Unerfahrenheit hatte sie natürlich eine zweiter Klasse genommen – herausstieg und sich von dem Portier den Weg in das Direktionsbureau zeigen ließ. In dem Vorzimmer, in das man sie führte, saßen bereits wartend zwei Damen und erwiderten stumm ihren Gruß. Offenbar auch Schauspielerinnen. Die eine eine junge, bildhübsche Blondine mit keckem Stumpfnäschen und großen Kinderaugen. Die andere älter, unscheinbar gekleidet. Ihr scharfgeschnittenes, unter der Schminke verwelktes Gesicht trug einen müden, leidenden Ausdruck. Sie mußte einmal sehr schön gewesen sein. Komische Alte oder so was, jedenfalls ungefährlich. Hingegen die andere ... Valeska schaute vom Fenster, wo sie stand, verstohlen auf die Blondine, die ihren Blick ruhig aushielt. Die beiden schönen Mädchen sahen sich schweigend und feindselig an. Eintönig tickte die Uhr. Sonst regte sich nichts in dem Gemach. Endlos langsam verstrich die Zeit. Viertelstunde auf Viertelstunde. Valeska glaubte vor Ungeduld zu vergehen. Endlich hielt sie es nicht mehr aus. »Wo nur der Direktor bleiben mag!« sagte sie zu der Blondine. »Max Bucher ist drinnen bei ihm,« erwiderte die, »es ist wegen des neuen Stücks. Da hat er für uns Neuengagierte keine Zeit!« Valeska hatte eine dumpfe Erinnerung, als habe sie irgendwo den Namen Bucher gelesen. Genau wußte sie es nicht. Es war ja jetzt auch gleich. »Sie sind auch neu engagiert?« fragte sie harmlos. »Ja ... ich komme vom Lobensteiner Stadt-Theater. Hochmann sah mich da als Iza im ›Fall Clémenceau‹ und ...« »So ...mich auch ...«, sagte die Elten scharf, »in Bergheim ...« »Auch als Iza?« »Ja. Ich habe ihm sehr gefallen!« Also zwei Rivalinnen des Rollenfaches! Die Damen verstummten. Die Blondine sah neidisch auf die Elten, und die wieder dachte bei sich: hübsch mag die Kröte schon ausgesehen haben ... als Page und dann ... vor allem in der Atelierszene ... Die blasse Dame im Hintergrund seufzte und sah auf die Uhr. Immer mehr machte sich der schwüle Augusttag im Zimmer geltend. Da rauschte es im Vorflur wie von leichtem Schleppenfegen. Line schlanke, hochgewachsene Dame zu Anfang der Dreißiger, mit interessantem, aber keineswegs schönem Gesicht, schritt, ohne nach rechts und links zu sehen, quer durch das Zimmer und öffnete die Tür zum Allerheiligsten. »Morgen, Direktor!« sagte sie beim Eintreten nachlässig, dann, in höflicherem Tone: »Guten Morgen, Herr Bucher!« Damit schloß sich die Tür. Man hörte nur noch undeutliches Stimmengewirr und Gelächter. Das mußte etwas Besonderes sein! Valeska sah sich fragend nach den andern um. »Die Dobschütz!« sagte die Dame im Hintergrund mit müder Stimme. Die Dobschütz! ... Also das war hier offenbar ein großes Tier! Die Elten und die Blondine trafen sich in einem ängstlichen Blick nach der Tür, wo jene verschwunden. Wieder verstrich eine Weile in stummem Antichambrieren. Da ging die Tür wieder auf, die Dobschütz kam zurück, neben ihr ein dicker, mittelgroßer Herr in den Sechzigern, einen Zwicker auf der Nase und mit einer mächtigen Glatze. »Lassen Sie sich von dem Alten nicht bange machen, Herr Bucher,« sagte die Dobschütz im Vorübergehen, »die große Szene wird gespielt, wie ich es will und wie Sie's geschrieben haben! Ich garantiere Ihnen ... der dritte Akt steht wie 'ne Mauer!« Damit war sie hinaus. Ihr Begleiter mit flüchtiger Verbeugung gegen die Damen hinterher. Der Theatersekretär hatte inzwischen deren Karten dem Direktor hineingetragen und kam wieder zurück. »Der Herr Direktor bedauert,« sagte er zu der blassen Dame, »für seriöse und komische Alte ist keine Verwendung mehr. Alles komplett. Eine Empfehlung an Herrn Hassel!« – Dann zu der Blondine: »Bitte, gehen Sie nur hinein!« Die blasse Dame stieß einen müden Seufzer aus, erhob sich und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, den Raum. »Die hätten Sie Ende der sechziger Jahre hier sehen sollen,« sagte der Sekretär zu Valeska, »eben in diesem Theater ... Wir haben noch die alten Kassenbücher ... Jedesmal ausverkauftes Haus, wenn sie auftrat ... und jetzt ...« Er zuckte mitleidig die Achseln. »Du lieber Gott, ja ... es ist nichts und wird nichts mehr mit ihr ... sie kann einen wirklich dauern!« Ein Frösteln überlief Valeska. Das war auch ihr Schicksal in zehn, fünfzehn Jahren, wenn sie nicht klug und tätig war! Da kam die Blondine zurück, etwas mißvergnügt und niedergeschlagen, wie es schien, und empfahl sich mit freundlicher Kopfneigung Valeska und dem Sekretär. »Na ... bitte ... nur 'rein, Fräulein!« Valeska trat in das Direktionszimmer, wo Herr Hochmann hinter einem großen, mit Schriftstücken bedeckten Tische saß. »Guten Morgen!« sagte er zerstreut und reichte ihr über den Tisch seine kleine fleischige Hand. »Nun, wie steht's, Fräulein ... Fräulein ...« Er warf einen Blick auf ein vor ihm liegendes Blatt. »Richtig, Fräulein Elten von Bergheim ... na, wie steht's ... haben Sie sich denn den Sprachfehler jetzt abgewöhnt? ... Oder war das eine andere?« unterbrach er sich, als er Valeskas erstauntes Gesicht sah. »Sie sind doch Fräulein Elten ...?« »Das bin ich«, sagte die hübsche Schauspielerin pikiert. »Sie sahen mich doch in Bergheim, Herr Direktor ...« »Als Iza ... natürlich ... und engagierte Sie ... erinnere mich, mein Fräulein, erinnere mich ... habe soviel im Kopf ...«, setzte er etwas gereizt hinzu. »Wir bringen gleich zur Eröffnung der Saison eine große Novität ... das Neueste von Max Bucher ... Sie begreifen, daß ich darüber manches andere vergesse.« Max Bucher! Valeska kannte nichts von ihm, aber sie wußte, daß der löbliche Bergheimer Magistrat auf Zucht und Sitte im Theater hielt und »denen Histrionen«, wie es im preußischen Zensuredikt heißt, so manche gefährliche Neuheit vorenthielt. Dazu gehörten wahrscheinlich auch die Werke des berühmten Bucher. Sie schwieg also in ehrfurchtsvoller Teilnahme. »Ja ... wie war mir denn?« sagte der Direktor und hielt sinnend die Hand gegen die kahle, schweißperlende Stirn. »Ich hatte Ihnen doch eine Rolle darin zugeteilt ... he ... Herr Rüsemer ...«, rief er dann, erhob sich und öffnete die Tür. »Herr Rüsemer ... bitte ... bleiben Sie sitzen, Fräulein ... Herr Rüsemer, haben Sie die Rollen zu ›Ellinor‹ bei der Hand? Ja? Dann geben Sie, bitte, dem Fräulein die Rieke ...« Ein freudiger Schreck durchzuckte Valeska bei der Kunde, daß sie in wenigen Wochen eine Rolle kreieren werde. »Rieke« .... was mochte das wohl sein? Wahrscheinlich eines der modernen Hinterhausstücke. Einerlei ... ihre »Alma« konnte sich schon sehen lassen ... Da gab ihr der Sekretär das dünne blaue Heft. »Ellinor«, Schauspiel in 4 Akten von Max Bucher, stand oben auf der ersten Quartseite. Und rechts unten: »Rieke, Dienstmagd. ½ Bogen.« Ein halber Bogen nur! Entsetzt schlug sie das Blatt um und las. Erster Akt. Erste Szene. Rieke (tritt von links ein, mit dummdreistem Lächeln). Madame ... der Herr Baron is draußen! Ellinor. ... und außerdem hab' ich Kopfweh ... Rieke. ... da soll ick ihm nich 'rinlassen? Ellinor. ... also meinetwegen ... ich lasse bitten ... Rieke. Is jut! (Ab links.) Das war der erste Akt! Im zweiten Akt hatte sie die siebente Szene. Zu sprechen war da überhaupt nichts. Sie trug nur Tee herein, reichte ihn herum und ging wieder. Der dritte Akt brachte ihr vor der großen Schlußszene ein kurzes Auftreten: Rieke (rasch von links). Madame ... eben kommt der jnädige Herr ... Adalbert. Mut, Ellinor! Rieke (für sich). Na ... nu wird's jut! (Ab links.) Im vierten Akt ging sie überhaupt leer aus. Das war die »Rolle«. »Was haben Sie denn?« sagte Hochmann, den die Debatte mit Bucher und der Dobschütz offenbar nervös erregt hatte. »Was machen Sie denn für ein Gesicht?« »Die Rolle ist so klein ...« erwiderte Valeska stotternd ... »und ...« »Ja ... soll ich Ihnen zu Ehren die ›Maria Stuart‹ spielen ... oder was wünschen Sie sonst ...« »... und ... und ich kann gar nicht berlinerisch sprechen«, fuhr sie mit dem Mut der Verzweiflung fort. »Ach was ... wo sind Sie geboren? ... in Eisenach? Nun also ... wer von nördlich des Mains ist, spielt die norddeutschen Dialektepisoden, wer südlich, die süddeutschen! Das ist doch ganz einfach!« »Ja aber ... ich habe doch in Bergheim ....« » Was haben Sie in Bergheim?« Der Bühnenleiter zog eine Schublade auf und holte nach kurzem Suchen einen bedruckten Bogen hervor. »Ist das Ihr Kontrakt oder nicht ...?« Allerdings ... das war ihr Kontrakt, eine endlose Reihe enggedruckter Paragraphen mit all den unwürdigen Bestimmungen, die diese Sklavenformulare enthalten. Sehr genau war darin festgesetzt, daß sie an das »Westend-Theater« als Schauspielerin engagiert sei, keine Rolle zurückweisen und in ihrem künstlerischen Fache keine Tätigkeit verweigern dürfe, die nicht offenbar mit Gefahr für Leben und Gesundheit verbunden, daß sie bei Gastspielen Anrecht auf Beförderung in der dritten Klasse der Eisenbahn und der zweiten des Dampfschiffes habe, daß sie für ihre Toiletten – mit Ausnahme der Männerkleider –, für Trikots, Wäsche, Schmuck und Fußbekleidung aus eigenen Mitteln aufkomme und dafür eine Gage von 300 Mark monatlich beziehe, wenn nicht die Direktion von ihrem Rechte Gebrauch mache, sie, sobald sich auf den ersten Proben ihre künstlerische Unfähigkeit herausstelle, oder sobald sie innerhalb der ersten vier Wochen nach Beginn der Saison einmal aufgetreten, oder sobald sie über eine gewisse Zeit hinaus krank gewesen, ohne weiteres zu entlassen. Ebenso konnte sie gegen Ende der Saison entlassen werden, während sie sich ihrerseits für drei Jahre fest an das Theater gebunden hatte. Ja ... da war nichts zu machen! Die Elten schwieg. »Wo sollte denn das hinführen, Kind,« sagte der an sich sehr gutmütige Direktor etwas versöhnlicher, »wenn jeder nur die besten Rollen haben wollte? Da müßte man sie schließlich verlosen, um allen gerecht zu werden. Wenn es mit Ihnen geht, bekommen Sie auch größere Aufgaben. Und nun adieu! ... Morgen um zehn ist Probe!« Er reichte ihr die Hand. Valeska ging verstört in den Vorraum zurück. Diese Hunderolle! ... und in einem Dialekt, den sie nicht beherrschte ... und als schlampige Dienstmagd angezogen, wo sie zu Hause die großen Koffer voll glänzender Toiletten hatte ... und womöglich noch mit rotgeschminkten Backen und Armen ... es war furchtbar! Eine unsägliche Wut gegen den Autor der »Ellinor« stieg in ihr auf. »Glauben Sie, daß man das Dings oft spielen wird?« fragte sie draußen den Sekretär. Der schien ganz entsetzt. »Das ›Dings‹! ... Aber Fräulein ... ein Werk von Bucher ... hoffentlich macht es was!« »Und wie oft gibt man's dann?« »Solang es geht! ›Die kleine Herzogin‹ haben wir in der vorigen Saison hundertundzweiundzwanzigmal gespielt.« Valeska verspürte einen gelinden Schauder. Einhundertzweiundzwanzigmal diese Köchin verzapfen ... sie, die in Bergheim die ersten Rollen gespielt, nimmermehr! Mit dem festen Entschluß, in solchem Falle kontraktbrüchig zu werden, stieg sie die Treppe hinunter und schritt durch das Portal. Da stand die Blondine noch in eifrigem Gespräch mit einem schönen, hochgewachsenen Mimen, dem das spärliche Haupthaar in langen Strähnen auf den trotz der Sommerhitze umgeworfenen Radmantel fiel. Das war Harald Grillon, der erste Liebhaber, Regisseur und Gegenstand des schauernden Entzückens aller Backfische im Tiergartenviertel. Er lüftete mit einem verbindlichen »Grüß' Gott!« den Kalabreser, als sie vorbeischritt. Sie dankte und bemühte sich, während sie, das blaue Heftchen in der Hand, in den Wagen stieg, so fröhlich und unbefangen auszusehen, als sei ihr eine Bombenrolle anvertraut worden.   Sie fuhr nach der Hasselschen Agentur. Persönlich kannte sie Herrn Hassel nicht. Aber er hatte ihr Engagement wie viele andere am Westend- Theater vermittelt, und sie hielt es für angezeigt, ihn zu besuchen. Vielleicht konnte er ihr helfen. Viel Gutes hatte sie freilich nicht von ihm gehört. Seine Agentur gehörte keineswegs zu den alten und wohlangesehenen Berlins, sondern näherte sich vielmehr in bedenklichem Grade jener Sorte von Vermittlungsbureaus, für die der Kulissenjargon einen in keiner Weise salonfähigen Ausdruck geschaffen hat. In dem behaglich eingerichteten Vorzimmer blieb sie lange Zeit allein. So saß sie stumm und müßig da. An das Antichambrieren gewöhnte sie sich schon allmählich. Im Nebenzimmer, beim Agenten, war Josef Jeserich, der berühmte Wandervirtuose und »Mauerweiler«, ein Mann, dessen imposanter Gesichtsausdruck schon sagte, daß für ihn die Achse des Weltalls mitten durch seine Garderobe ging. Ein erregtes Gespräch klang zu Valeska hinaus. Es handelte sich um die Zusammenstellung einer Gastspieltournee. Die Namen der Direktoren und Intendanten, der Autoren, deren Stücke in Frage kamen, der beteiligten Schauspieler, die Tantiemeberechnungen und Provisionssätze, die Durchschnittserträge der einzelnen Theater, die Kosten für Ankauf eines vielversprechenden französischen Stückes, das alles schwirrte bunt durcheinander. Man schien sich nicht einigen zu können. Wenigstens erhob sich der Mime plötzlich, ergriff seinen Hut und öffnete die Tür zum Vorzimmer. Der Agent lief hinter ihm her. »Ich habe doch nun mal nicht die Verfügung über die Kasse des Direktors Schwarze,« rief er erregt, »wenn der Mann mir sagt ... so und so ... und mehr kann ich nicht ...« »Ich komme morgen wieder, Herr Hassel«, sagte der Tragöde mit leiser, melodisch aus tiefer Brust klingender Stimme, grüßte freundlich die kleine Schauspielerin, die beim Eintritt ihres berühmten Kollegen aufgestanden war, und ging. Der Agent, ein großer, wohlbeleibter Herr mit schneeweißem Patriarchenbart und spärlichem Silberhaar, unter dem eine rosige Glatze schimmerte, hörte mit freundlichem Lächeln Valeskas Klagen an. »Ja ... Fräulein ... zu machen ist da nichts!« sagte er. »So mir nichts, dir nichts kriegt man nicht erste Rollen in Berlin. Seien Sie froh, daß ich Sie an das schöne Theater gebracht habe ... jetzt seien Sie fleißig und geschickt ... suchen Sie die einflußreichen Leute für sich zu gewinnen ... Haben Sie Seybling vielleicht kennengelernt? ... Nein? ... Da halten Sie sich daran. Der und die Dobschütz spielen die erste Flöte. Wenn Sie natürlich Schliephacke auch für sich interessieren können, ist's um so besser.« Seybling ... Schliephacke ... Valeska sah den Agenten fassungslos an. Aber Herr Hassel hielt es offenbar für überflüssig, sie aufzuklären. »Also machen Sie's gut, Kind!« sagte er väterlich. Und vertraulicher setzte er hinzu: »Und verplempern Sie sich nicht! Das Westend-Theater ist ein heißer Boden.« »Wer ist denn da besonders gefährlich?« fragte die hübsche Schauspielerin naiv. »Ich möchte Sie vor allen Dingen vor dreien warnen! ... Der eine ist Seybling, der andere ist Harald Grillon und der dritte ...«, der Greis lächelte mild und schalkhaft, »der dritte bin ich selbst! Also seien Sie klug und werden Sie weder Frau von Seybling noch Frau Grillon ...!« »... noch Frau Hassel!« setzte Valeska kaltblütig hinzu. Derlei Dinge waren ihr nichts Neues. »Ich verstehe. Guten Morgen!« »Guten Morgen, liebes Fräulein!«   Nun begann die Rundfahrt auf den Redaktionen. Valeska hielt sie nach ihren Provinzerfahrungen für unbedingt erforderlich. Erst später erfuhr sie, daß man in Berlin bereits angefangen habe, sich von diesem Brauch zu emanzipieren, oder ihn durch das Versenden von Visitenkarten an die Kritiker zu ersetzen. Von diesen traf sie auch nur wenige an. Einige Feuilletonredakteure empfingen sie freundlich, aber mit der Miene vielbeschäftigter Männer, ein oder zwei große Blätter nahmen die Anzeigen von Gastspielen und Debüts überhaupt nur auf schriftlichem Wege entgegen. Es war doch ganz anders als in Bergheim, wo sie, der Stern des Theaters, der den ganzen Winter hindurch den Kasinotafeln und Stammtischen, den Damenkaffees und Backfischkränzchen unerschöpflichen Gesprächsstoff lieferte, von Zeit zu Zeit, wenn eine besonders günstige Kritik über sie erschienen, neckisch lachend in das düstere Redaktionszimmer rauschte, um dem Redakteur völlig den Kopf zu verdrehen und nach einem Plauderviertelstündchen sich durch ein Spalier staunender Metteure, Laufburschen und Expedienten mit lieblicher Herablassung zu empfehlen. Dies Berlin! Diese eisige Gleichgültigkeit, die ihr entgegentrat, diese geschäftsmäßige Seelenlosigkeit im Verkehr, diese blinde, ebenso geschäftsmäßige Anbetung des Erfolges! In der Leipziger Straße, auf deren Schattenseite sie langsam zu Fuß ihrem Hotel zuschritt, blieb sie vor einem Schaufenster stehen. Die Photographien zahlreicher Schauspielerinnen hingen darin, wahllos zwischen Potentaten, Abgeordneten, Schriftstellern, Afrikaforschern und sonstigen Berühmtheiten des Tages. Unter jeder Photographie stand auf einem Zettelchen der Name. Viele Namen waren es nicht. Etwa ein Dutzend, das immer wieder in den Schaufenstern der Papiergeschäfte und Buchläden auftauchte. Sie blickte beinahe ehrfurchtsvoll auf die Bilder dieser Kolleginnen. Die hatten also den Erfolg errungen! Aber wie – das hätte sie gar zu gern gewußt. Und da fiel ihr ein: sie trug ja noch einen Brief in der Tasche. Einen Brief, den ihr Bruckhoff, der alte Direktor des Bergheimer Stadt-Theaters, an den einst weltberühmten Menschendarsteller Sparski in Berlin mitgegeben. Als junger Bursche war er mit Sparski zusammen an »der Burg« engagiert gewesen ... »damals« ... »unter Laube« usw. ... beides blutige Anfänger, die sich dann während ihres wechselvollen Lebenslaufes nicht mehr aus den Augen verloren hatten. Jetzt hatte sich Sparski schon lange krankheitshalber von der Bühne zurückgezogen. Man sprach nicht mehr von ihm, der einst der Abgott des Publikums, ein Gegenstand bewundernden Neides für die Kollegen, ein Schrecken der Ehemänner und ein wonniger Dämon der Frauen gewesen war. »Direkt helfen wird er Ihnen nicht können, Elten,« hatte der alte Bruckhoff zu ihr gesagt, »aber klug ist er, mein Freund Sparski ... sehr klug. Er kennt Berlin, er kennt das Theater, er kennt die Menschen. Suchen Sie ihn recht bald auf und grüßen Sie ihn von mir.« Valeska entschloß sich, das jetzt gleich zu tun. Vielleicht fand sie da Trost und Ermunterung. Eine Droschke führte sie vor ein unsauberes, altes Haus in einer stillen Seitenstraße. Eine brummige Magd öffnete die Flurtür, nahm die Karte in Empfang und führte sie in das Zimmer. Valeska trat in einen Raum, in dem bereits das Dämmern des Augustabends brütete. Verblaßte Plüschmöbel, zahllose Lorbeerkränze mit lang herabhängenden Schleifen, Photographien mit Widmung und Diplome an den Wänden, die Luft von dem beklemmenden Dunst welker Blätter, Kölnischen Wassers und bessarabischen Tabaks erfüllt. »Bitte, mein Fräulein!« ließ sich plötzlich eine tonlose Stimme vom Fenster her vernehmen. »Treten Sie näher... setzen Sie sich...« Jetzt erst sah sie den siechen Mimen. Er saß in einem Rollstuhl, vom Schlafrock umhüllt, eine Decke über die Knie gezogen. Die magere, gebrechliche Greisengestalt war nach vornüber gesunken. Aus dem leichengelben, durchfurchten und leidenden Gesicht hefteten sich die Augen in stechendem, lüsternem Glanz auf die Gestalt des schönen Mädchens. »Setzen Sie sich, mein Fräulein!« wiederholte er hüstelnd. »Sie bringen mir einen Brief meines Freundes Bruckhoff. Bruckhoff ist ein Esel. Sonst schickte er Sie nicht zu mir. Denn ich bin, wie Sie sehen, lebendig tot. Eine Leiche auf Urlaub. Noch dazu augenblicklich in gelindem Morphiumdusel. Ich bin mit mir und meinen Schmerzen allein. Menschen kriege ich nur zu sehen, wenn sie jetzt noch etwas von mir wollen. Also was wollen Sie?« Valeska wagte vor Beklemmung kaum zu atmen. Dies boshafte, vom Schlafrock umschlotterte Gerippe, das da hüstelnd vor ihr lag, das war Sparski, von dessen Romeo und Prinz Heinz die alten Schauspieler nur mit feuchten Augen, in bewunderndem Schauer sprachen? Entsetzlich!... Aber sie faßte sich Mut. »Ich möchte Ihren Rat,« sagte sie stockend, »ich kenne Berlin so wenig, und ich bin ganz allein hier... und... und ich... ich möchte Karriere machen...« Es war, als drängen ihr die stechenden Augen des Alten bis in das Innerste der Brust. »Karriere ... Karriere ...«, wiederholte er höhnisch. »Karriere ...« Dann versank er in nachdenkliches Schweigen. Eine lange Pause entstand. Plötzlich hob der im Lehhnstuhl wieder zu sprechen an. »Du willst wissen, wie man Karriere macht«, sagte er leise; seine Augen funkelten, und ein boshaftes Lächeln verzerrte seinen welken Mund. »Ich will es dir sagen, mein schönes Kind ... denn bei dir fällt die Giftsaat vielleicht auf rechten Boden!« Die Schauspielerin sah ihn erschrocken an. »Was bist du denn?« fuhr der Alte hämisch flüsternd fort. »Du bist eine Magd der Menge! Jeden Abend hast du einen neuen Herrn über dir, einen tausendköpfigen, launischen, ungerechten, undankbaren Herrn. Dem dienst du in buntem Tand und Flitter, solange du Rot auflegst und Rollen lernst. Darum sei demütig und verschlagen wie eine Magd. Schmeichle deinem Herrn im Lampenlicht, verachte ihn in deinem Stübchen und sieh, wie du ihm entrinnen kannst. Liebe niemand! Keiner liebt dich, viele deinen Leib. Und hasse niemand. Das hält unnütz auf. Aber lebe ehrbar oder werde wieder ehrbar in Berlin. Das stimmt dir die Weiber mild und macht die Männer toll. Und wenn du einen verliebten Toren gefunden, so beichte ihm deine Vergangenheit und lasse dich von ihm retten. Aber verliebe dich nicht in ihn und gewähre ihm nichts. Sonst heiratet er dich nicht. Und die Jahre wandern, deine Schönheit vergeht, und du sitzest als komische Alte in Meseritz oder Kötzschenbroda. Und bist vielleicht bloß alt, nicht komisch. Bist du aber gerettet, dann fluche dieser Bestie, dem Theater, und allem, was daran hängt. Und wenn die Bestie dich wieder lockt, dann denke an mich und meinesgleichen. Und nun leben Sie wohl, mein Fräulein!«   Draußen auf der heißen Straße blieb Valeska Elten traumverloren stehen. Sie fühlte sich wie betäubt von den Worten des Alten. »Aber recht hat er schon!« sagte sie endlich tief aufatmend und winkte einer Droschke, um nach dem Hotel zu fahren. III. Schon von Bergheim aus hatte sich Valeska, die wußte, wie schwer einzelne Damen in großen Städten Unterkunft finden, ein Quartier in nächster Nähe des Theaters gesichert. Eigene Möbel besaß sie nicht – so leidenschaftlich sie sich auch eine hübsche kleine Einrichtung ersehnte und erträumte –, im Hotel zu wohnen, war zu kostspielig; so war sie auf Grund eines Inserats in der »Vossischen Zeitung« mit Frau von Haidenschild, einer angeblichen Offizierswitwe, in Verbindung getreten, die in der Lützowstraße Zimmer mit und ohne Pension auf Tage, Wochen und Monate an respektable Herrschaften beiderlei Geschlechts vermietete. Es dämmerte schon sehr stark, als Valeska, nachdem sie ihre Rechnung im Hotel bezahlt und die Koffer verschlossen, vor der Flurtür des Hauses in der Lützowstraße stand. Das Haus selbst hatte ihr, die in der Provinz nichts von der aufdringlichen Eleganz Berliner Mietkasernen kennengelernt hatte, mit seinem verschlossenen Eingang, seinem Treppenläufer, dem geschnitzten Geländer und den bunten Fenstern sehr imponiert. Neben der Flurtür, hinter der Klaviergehämmer und das Kläffen eines kleinen Hündchens erscholl, klebte eine ganze Menge schiefgenagelter Visitenkarten und das emaillierte Täfelchen, das »Frau von Haidenschilds Pensionat für In- und Ausländer« anzeigte. Eine daneben befindliche Doppeltür, die offenbar zu separaten Zimmern führte, trug eine große Karte mit einer Grafenkrone darüber. Albert Graf zu Vach Königl. Kammerjunker und Reg.-Assessor Potsdam. Langestall Nr. 7, part. Valeska las das mit Erstaunen. Nie kam so ein vornehmer Mann in diese Pension? Und wenn er in Potsdam wohnte, was brauchte er dann ein Zimmer in Berlin? Sie trat wieder an die Flurtür und musterte im Dämmerlicht die dort angehefteten Karten. Auf der obersten stand: Lenze Herausgeber und verantwortlicher Redakteur der Europäischen Korrespondenz. Sprechstunden nur im Bureau, W, Lützowstr. 303 III, von 5½ - 7½ Uhr. Schräg darunter hing ein Kärtchen, das nur die Worte enthielt: Le vicomte d'Asagata. Und darunter: Floriano de Curera y Guzman. Attaché de l´Amb. de de la Rep. que de Nicaragua. Ganz unten endlich ein Blatt: Franz Bergmann Königl. Reg.-Bauführer und Leutn. d. Res. Eine merkwürdige Gesellschaft, dachte die Elten beklommen und zog die Klingel. Vielleicht lag da ein Mißverständnis vor. Das alles machte einen so unheimlichen und feinen Eindruck. Aber es war kein Mißverständnis. Frau von Haidenschild öffnete eigenhändig die Tür, freute sich sehr, das Fräulein zu begrüßen, und führte sie unter einem endlosen Wortschwall durch den halbdunklen Korridor, zu dessen beiden Seiten sich in unbestimmten Umrissen Zylinder, Damenhüte, Mäntel und Jäckchen abhoben, in ein freundliches zweifenstriges Zimmer. Es sei alles schon in Ordnung, meinte sie, während Valeska sich in dem Raume umsah. Es hätten schon wiederholt Damen vom Theater bei ihr gewohnt. Für die Toilettenkoffer sei auf dem Boden ein sehr schöner, heller und luftiger Verschlag. Müsse darin gekramt werden, so sei das Dienstmädchen zur Verfügung, auch die Portierfrau, die mit fünfzig Pfennigen die Stunde zufrieden sei. Ein großer Waschkorb, um des Nachmittags Toiletten nach dem Theater und zurück zu schaffen, stehe für gewöhnlich auf dem Hängeboden, sei aber jederzeit disponibel. Der große Stehspiegel könne genau so gerückt werden, wie es das Fräulein für das Rollenlernen wünsche. Eine gute Hilfsschneiderin für Reparaturen und kleine Änderungen wohne im Hause, komme auch, wenn das Fräulein die Toiletten nicht aus den Augen lassen wolle, aufs Zimmer, in welchem Falle sie, Frau von Haidenschild, nur um eine Placierung der Nähmaschine auf eine Gummidecke bäte, da sonst erfahrungsgemäß die unterhalb wohnende Partei Lärm zu schlagen pflege. Wünsche das Fräulein, abends aus dem Theater abgeholt zu werden, so sei obbemeldete Portierfrau gegen billige Vergütung gern dazu erbötig. Denn es wäre doch Sünde, für die paar hundert Schritte eine Nachtdroschke zu zahlen. »Und der Preis ist also 175 Mark?« fragte Valeska. Jawohl, 175 Mark – alles in allem! Wohnung, Licht, Bedienung. Wenn Fräulein Elten dem Mädchen für besondere Dienste eine Vergütung spenden wolle, stände dem nichts im Wege, ebenso für Frühstück, das wohl spät gewünscht würde. Hier sei die Klingel. Und Mittagessen – was dieses betreffe, so sei allen anderen Damen die vierte Nachmittagsstunde die angenehmste. »Ach, es wohnen noch mehr Damen hier?« Valeska schien das als eine Tröstung zu empfinden. Aber gewiß – nur liebe sie, Frau von Haidenschild, es nicht, wenn die Damen ihre Visitenkarten außen an der Tür befestigten. Das sei in Berlin nicht üblich. »Und welche Damen sind das?« »Nun, mein Fräulein,« sagte die Vermieterin etwas pikiert, »das sind die beiden Misses Simpson ... zwei Schottinnen, die hier ein Musikkonservatorium besuchen ... aus sehr guter Familie ... ein Onkel soll irgendwo in Schottland Erzbischof sein ... dann Fräulein Klein, eine Gouvernante, die hier eine neue Stellung sucht, nicht mehr die Jüngste, aber ein prächtiges Wesen ... dann ich selbst und eine alte Dame aus der Provinz ... das ist alles ... sehen Sie ... hier ...« Und damit führte sie die Elten über den Korridor in das dämmrige »Berliner Zimmer«, das als Salon eingerichtet, mit dicken Teppichen belegt und nur durch eine Portiere vom Flur getrennt war. »Hier haben wir unsern Versammlungsraum, wo Sie, wenn Sie Lust haben, die Damen abends treffen ... ganz, wie es Ihnen beliebt, natürlich ...« »Oh ... wirklich ...«, sagte Valeska. Sehr verlockend schien ihr diese Aussicht nicht. »Und ebenso, wenn Sie Besuche empfangen, Fraulein Elten,« fuhr die Haidenschild eifrig fort, »aber ich bitte Sie ... das ist ja selbstverständlich ... Damen vom Theater können das ja gar nicht vermeiden ... es kommt ein Agent ... oder ein Direktor aus der Provinz ... oder der eine und andere Kollege ... oder ein Journalist, der das und jenes wissen will ... sehen Sie ... diese Herren können Sie hier im Salon ganz prächtig und ungestört empfangen ... nicht wahr?« Das hieß mit anderen Worten: Auf deinem eigenen Zimmer, meine Liebe, dulde ich vorläufig keine Herrenbesuche. Valeska begriff das und nickte. Frau von Haidenschild schien befriedigt. »Es wird Ihnen schon hier gefallen«, sagte sie und kletterte auf einen Stuhl, um das Gas im Korridor anzuzünden. Im Lichte der aufflackernden Flamme sah Valeska, daß ihre Beschützerin eine etwas quabblige und schlampig angezogene Dame zu Anfang der Fünfziger war, die aber doch in der gezierten Sprache und würdevollen Haltung eine aristokratische Gewähltheit festzuhalten suchte. »Gott weiß, wer der ihr seliger Mann war!« dachte sie bei sich. »Ich esse ein saures Brot,« sagte, als habe sie ihre Gedanken erraten, Frau von Haidenschild, indem sie von dem Stuhl herabstieg, »mein guter Mann, der Rittmeister, hat mir eigentlich nichts hinterlassen als die Möbel und unseren schönen Namen. Sie wissen ja, wie es mit den Schulden beim Militär geht ...« Tatsächlich war der »Rittmeister«, der Sprosse eines verkommenen Geschlechts, zeit seines Lebens in einem pommerschen Städtchen den Honoratioren mit dem Schermesser um den Bart gegangen und des Abends nur ein- bis zweimal im Monat nüchtern gewesen. Nach seinem Tode hatte die Witwe, die ältere Kunstfreunde vor Jahrzehnten als Ballettelevin im Schweriner Hoftheater gesehen haben wollten, das Geschäft verkauft und aus dem Erlös sich die Pension in der Lützowstraße eingerichtet. Valeska war im Begriff, in ihr Zimmer zurückzutreten, als die Nebentür aufging und ein kleines Männchen mit gelbem Gesicht und kurzem, schwarzem Schnauzbart herauskam. Das Männchen grüßte höflich, zwinkerte mit seinen vergnügten Schlitzäuglein Valeska freundlich an und ging die Treppe hinunter. »Aber das ist ja ein Japanese!« sagte die Elten in kläglichem Ton. »Gewiß!« bestätigte Frau von Haidenschild. »Der Vicomte von Asagata, der hier Medizin studiert ... aus einer der vornehmsten Familien Japans. Sein Vater ist dort Finanzminister. Sie werden sehen ... er ist ein zu lieber, freundlicher Mensch ... und so solide ...«, sie lächelte mit jener mütterlichen Anerkennung, die die Zimmervermieterinnen Berlins den wenigen tugendhaften Chambregarnisten zollen, »so solide ... man glaubt es kaum.« »Wahrscheinlich ist er in eine Japanesin verliebt«, meinte die Elten und wollte nun wirklich in ihr Zimmer, als die Türklingel klang und ein herrschaftlicher Lakai von lümmelhafter Majestät auf der Schwelle erschien. »Eine Empfehlung vom Herrn Grafen,« sagte er, den Hut etwas lüftend, zu der alten Dame, »und er käme heute abend aus Potsdam herüber.« Der Haidenschild schien das unangenehm. »Es ist gut!« sagte sie zu dem Lakaien, der sich, einen neugierigen Blick auf Valeska werfend, würdevoll entfernte. Diese erwartete, daß sie von ihrer redseligen Wirtin eine Aufklärung über den Grafen und seinen Diener erhalten würde, aber es erfolgte nichts, und sie ging in ihr Zimmer, um sich wohnlich einzurichten. Es war ein recht hübsches Zimmer. Die beiden Fenster gingen auf die Lützowstraße, deren Pferdebahngeklingel unablässig herauftönte. In einer Ecke stand, durch einen Wandschirm verdeckt, das Bett. An den beiden Seitenwänden befanden sich verschlossene und mit Draperien verhängte Türen. Hinter einer dieser Türen ertönte jetzt ein Poltern. Ein Stuhl fiel um, ein kräftiges, männliches Gähnen wurde hörbar, dann einige Flüche in unverständlicher Sprache. Es schien, als ob da jemand aus dem Schlaf erwache. Man hörte Wassergeplätscher, dann, wie ein Herr mit knarrenden Stiefeln und leise pfeifend im Zimmer auf und ab ging. Das häufige Zuschlagen von Kommoden- und Schranktüren zeigte, daß er dabei Toilette machte. Zugleich ertönte wieder die Türklingel. Der Theaterdiener des Westend-Theaters war da, um Fräulein Elten das gedruckte Wochenrepertoire und ein Exemplar der Hausordnung zum Unterschreiben zu bringen. Fräulein Elten war zwar zweifelhaft, ob der Theaterdiener zu den »Männern« im Sinne der Haidenschild oder, wie sie meinte, zu den geschlechtslosen Wesen vom Schlage der Kellner, Friseure und Schneider zu rechnen sei, entschied sich aber doch, auf den Flur hinauszutreten. Dort empfing sie die Nachricht, daß bis auf weiteres – Sonntags ausgenommen – Probe zu »Ellinor« stattfinde und ferner »Die kleine Herzogin«, das Repertoirestück der letzten Saison, neu einzustudieren sei – für sie schien keine Rolle darin übrig –, dann las sie bei dem flackernden Gaslicht die Hausordnung, überzeugte sich, daß sie Klagen und Beschwerden nur schriftlich, Reklamationen gegen das Repertoire nur bis Sonntag mittag zwölf Uhr einreichen dürfe, daß es ihr unter keinen Umständen erlaubt sei, sich aus Berlin zu entfernen, daß sie vielmehr, wenn sie auf mehr als zwei Stunden ihre Wohnung verlasse, ihre Adresse dort hinterlegen müsse, daß sie bei Erkrankungsfällen sofort ein Attest des Theaterarztes einzureichen habe, daß die Weigerung, eine Rolle zu übernehmen, die sofortige Entlassung nach sich ziehe, und eben dies auch infolge andauernden schlechten Memorierens, ungebührlichen Betragens und ärgerlichen Lebenswandels unvermeidlich sei, und viele andere, mit Entlassungsdrohung und dem Abzug von viertel, halben und ganzen Monatsgagen gezierte Paragraphen, die sie nur flüchtig durchlas, um dann ihren Namen darunterzukritzeln. Eben war sie damit fertig und der Theaterdiener empfahl sich, als wieder eine Tür heftig aufging. Ein Paar bestaubte Lackstiefel flogen heraus, ein hübscher junger Mensch mit bräunlichem Teint und dunklem Haar erschien, in Maroquinpantoffeln, mit lichten Beinkleidern und einem geflickten Hemd angetan, auf der Schwelle und zog sich bei Valeskas Anblick blitzschnell, in gebrochenem Deutsch eine Entschuldigung stotternd, zurück. »Das ist der Attaché«, sagte die Haidenschild und hob die winzigen Lackstiefel auf. »Sehen Sie 'mal den Fuß ... wie 'ne Dame ... das soll bei allen vornehmen Südamerikanern so sein. Er wohnt jetzt schon ein Jahr hier. Viel zu tun hat er nicht. Den halben Tag sitzt er im Café und himmelt die Büfettmamsell an. Die andere Hälfte schläft er. So gegen Abend wird er munter und geht aus. Was er dann treibt, mag ich gar nicht wissen. ›Sie brauchen eigentlich gar keinen Hausschlüssel, Herr Baron!‹ hab' ich ihm neulich gesagt. ›Sie kommen ja doch erst um sechs Uhr morgens wieder zurück, wenn das Haustor schon offen ist.‹« Eine merkwürdige Gesellschaft, dachte Valeska wieder, als sie in ihr Zimmer zurückging, um sich nun endlich einzurichten. Das war bald geschehen. Die Wirtin stellte eine Lampe auf den Tisch, brachte Tee und empfahl sich wieder. Aus dem Salon hörte man das Lachen und Plaudern einiger Damenstimmen. Valeska ging müßig in dem dämmrigen Zimmer auf und ab. Sie langweilte sich. Zum Lesen hatte sie nichts, zum Briefschreiben war sie zu müde, und zum Schlafen war es zu früh. So wollte sie noch ein bißchen ins Freie gehen, um die frische Nachtluft zu genießen. Aber kaum war sie, gemächlich schlendernd und sich neugierig rechts und links umblickend, in die menschenwimmelnde, hellerleuchtete Potsdamer Straße eingebogen, so redete sie ein elegant gekleideter junger Mann so unverschämt an, daß sie entsetzt auf die andere Seite der Straße ausbog. Aber nach einer Minute wiederholte sich dort dasselbe Schauspiel – nur daß es diesmal ein alter, respektvoll aussehender Herr war, der hüstelnd und leise eine Frage an sie stellte. Um ihm zu entgehen, trat sie an ein Schaufenster. Aber gleich darauf tönte es: »Warm heute abend ... Fräulein ... was?« Und ein hübscher junger Mensch, anscheinend ein Offizier in Zivil, stand lächelnd neben ihr. Sie drehte sich um und eilte, so rasch sie konnte, nach Hause. Ab und zu ertönte ein Räuspern oder ein lachender Zuruf hinter ihr. Und alle die Menschen, die den breiten Bürgersteig belebten, schienen gar nichts an der Art zu finden, wie man sie behandelte, und die Schutzleute schauten nachdenklich in das Gewühl der Menge. »Mein liebes Fräulein,« meinte Frau von Haidenschild, als Valeska wieder bei ihr eintrat, »wenn Sie es schon nicht lassen können, um ein Viertel auf zehn Uhr abends noch auszugehen, so müssen Sie durchaus so elegante Toiletten wie diese vermeiden und dafür einen schwarzen Schleier vornehmen. Wer so hübsch und schick ist wie Sie ...« »Es ist empörend ...«, sagte die Elten bleich und dem Weinen nahe, »bin ich denn vogelfrei in Berlin, daß jedermann ...« »Das ist die Weltstadt. Da ist eine einzelne Dame wirklich beinahe vogelfrei, und wir tun uns noch was darauf zugute, daß wir solch weltstädtisches Leben haben! ... Aber kommen Sie doch ein bißchen in den Salon ...«, setzte die Haidenschild gutmütig hinzu, »und beruhigen Sie sich! Es ist Ihnen ja nichts weiter geschehen.« Im Salon befanden sich die anderen Damen, die bei der Haidenschild wohnten. Die beiden Schottinnen, zwei rothaarige, sommersprossige Mädchen von knochigem Körperbau und mächtigen, blendendweißen Gebissen, dann Fräulein Klein, eine bleiche, müde Gouvernante in den Dreißigern, und eine ältere, kleine Dame aus der Provinz, die in Berlin den Ausgang eines Prozesses gegen ihre Verwandten abwartete. Die Schottinnen bearbeiteten, halblaut im Takte zählend, das Klavier in der Ecke und unterhielten sich dazwischen kichernd in ihrer Muttersprache, die Valeska nicht verstand. Über etwas Französisch, das sie sich in den letzten Jahren eingetrichtert, gingen ihre Sprachkenntnisse nicht hinaus. Die blasse Gouvernante schwieg und seufzte. Die kleine Dame unterhielt sich mit der Haidenschild darüber, daß der neben ihr wohnende Regierungsbauführer Bergmann demnächst von seiner achtwöchigen Reserveoffiziersübung zurückkehren und sie dann wieder allnächtlich durch sein spätes und geräuschvolles Nachhausekommen ängstigen werde. Alles in allem eine höchst langweilige Gesellschaft. Valeska wollte sich auf ihr Zimmer zurückziehen. Sie fragte ihre Wirtin, ob sie nichts zu lesen habe. Gewiß ... den »Lokal-Anzeiger«! Wie sollte dies Organ aller Zimmervermieterinnen, Waschfrauen und Herrschaftsköchinnen von Berlin hier fehlen? Allein der »Lokal-Anzeiger« war nicht da. Es ergab sich, daß der vorhin nach Hause gekommene Doktor Lenze ihn mit auf sein Zimmer genommen hatte. Ehe Frau von Haidenschild noch bei ihm klopfen konnte, erschien Lenze selbst, zum Ausgehen gerüstet, das Blatt in der Hand, auf der Schwelle. Ein schlanker, stutzerhaft elegant gekleideter Mann in den Dreißigern, mit langem Schnurrbart, zahllose Schmisse auf dem scharfgeschnittenen, verlebten Gesicht, trat er spöttisch lächelnd auf die Haidenschild zu und überreichte ihr feierlich die Zeitung. Dann machte er auch Valeska eine tiefe Verbeugung, so daß sie sich einen Augenblick hindurch von dem Vorhandensein einer Glatze in seinem sorgfältig gescheitelten Haupthaar überzeugen konnte. Die neue Hausgenossin schien ihn zu interessieren. »Also wirklich beim Westend-Theater, gnädiges Fräulein?« sagte er, trat ohne weiteres in den Salon und nahm im hellen Sommerpaletot, den spiegelnden Zylinder in der Hand, auf dem nächsten Fauteuil Platz ... »Nun ... haben Sie schon um Fräulein Dobschütz' Gunst gebuhlt?« »Nein!« sagte die Elten. »Ich werde es auch nicht tun.« »Hm.« Lenze lächelte ironisch ... »Mut zeiget auch der Mameluck! Was macht denn der alte tüchtige Hochmann? ›Steht‹ die ›Ellinor‹ schon? Grüßen Sie ihn und sagen Sie ihm, es gäbe einen Durchfall mit Pauken und Trompeten.« »Mein Gott,« fragte Valeska erschrocken, »woher wissen Sie denn das alles?« Ihr Gegenüber sah sie belustigt an. »Sie kommen aus der Provinz, mein gnädiges Fräulein,« sagte er, »sonst müßten Sie wissen, daß ich, Hermann Lenze, den sie im ›Kaiserhof‹ Doktor und den sie im ›Café Schiller‹ sogar Herr Leutnant nennen – im Vertrauen gesagt, ich war einmal wirklich Tertianer im Kadettenkorps –, also daß ich, Hermann Lenze, gemäß meines Kontraktes mit der Firma Casselmann und Co. und als Herausgeber der dieser Firma gehörenden ›Europäischen Korrespondenz‹ verpflichtet bin, alles zu wissen ... nicht nur in meinem eigentlichen Fache, der Politik, sondern überhaupt alles ... alles« wiederholte er mit Nachdruck, da Valeska verlegen lächelte ... »Alles, mein Fräulein!« Die impertinente Sicherheit des Fremdlings machte einen tiefen Eindruck auf die Elten. »Wenn Sie alles wissen«, sagte sie mit raschem Entschluß, »wollen Sie mir da ein paar Fragen beantworten?« »Bitte« ... erwiderte Herr Lenze geschäftsmäßig ... »Sie wollen wissen, wer die Dobschütz ist? Ich antworte kurz und bündig: die Dobschütz ist ein Racker! Sie wollen wissen, wer Hochmann ist? Hochmann ist ein guter Kerl, ein fleißiger und geschickter Regisseur und spielt leidlich die humoristischen Väter. Viel zu sagen hat er in seinem Theater nicht.« »Sagen Sie mir um's Himmels willen ...«, bat die Elten, » wer hat denn in diesem Theater etwas zu sagen?« »Die Dobschütz!« »Und wer noch?« »Herr von Seybling.« »Ja – wer ist denn das nur?« Lenze sah sie prüfend an. »Seybling? Ritter des Takowa-Ordens!« sagte er kurz. »Ja, bitte ...«, meinte die Elten melancholisch, »verspotten Sie mich nur! Es geht mir ohnedies schon alles wie ein Mühlrad im Kopf herum.« Das schien Lenze leid zu tun. »Also im Ernst gesprochen,« sagte er, »Seybling ist früherer Kavallerieoffizier und ein sehr kluger Mensch. Er ist in allen Ehren aus dem Dienste ausgeschieden, hat reich geheiratet und betreibt jetzt Geschäfte im großen Stil. Wenn er in seinem trottenden Gigerlschritt, die silberbeschlagene Keule in der Hand und das Monokel im Auge in die Börse tritt, so zittern vor ihm alle, die es angeht. Er hat schon die gerissensten Kulissiers hereingelegt. Ihn ›kann keiner‹.« »Schrecklich!« sagte die Elten. »Nachmittags ist er auf dem Rennplatz, erscheint dann abends mit seiner schönen Frau in irgendeiner Loge und soupiert später mit der Dobschütz, wenn er nicht in den Klub spielen geht.« »Schrecklich«, sagte die Elten wieder. »Aber was hat denn das alles mit dem Westend-Theater zu tun?« »Zum Komödienspielen gehört doch Geld,« erwiderte der Journalist kaltblütig, »der olle Hochmann hat nicht 'nen Groschen. Seine Geldgeber sind ein Konsortium von Börsenleuten, an dessen Spitze Seybling, der Freund und Beschützer der Dobschütz, steht.« Valeska seufzte. »Nun sagen Sie mir bitte nur noch eines: wer ist Schliephacke?« »Schliephacke ist ein alter, friedlicher Herr und unter anderem Besitzer des Westend-Theaters. Er bezieht jährlich davon 125 000 Mark Pacht.« »Und was tut er dafür?« »Nichts. Er besitzt das Theater. Auch den Fundus hat Hochmann von ihm zur Miete.« »Ach Gott, wie ist das alles verwickelt.« Die kleine Elten hielt sich verzweifelnd den hübschen Kopf. »Gar nicht verwickelt, mein Fräulein!« sagte der andere ruhig. » Sie mühen sich im Schweiße Ihres Angesichts, proben täglich zwei bis drei Stunden, spielen ebensolange, verbringen eine weitere Stunde in der heißen, stickigen Garderobe, lernen halbe Nächte hindurch Rollen und bekommen dafür in einem Monat noch nicht so viel, daß Sie sich auch nur die notwendigsten Bühnentoiletten ehrlich selbst beschaffen können. Ihren Kolleginnen geht es ebenso. Der größte Teil Ihrer Kollegen, alle Angestellten und Arbeiter, erwerben knapp durch angestrengte Arbeit das zum Leben Nötige. Hochmann selbst quält sich bei Tag und Nacht und kommt auf keinen grünen Zweig. Was er verdient, fressen ihm die Mietrente an Schliephacke und die Zinsen an Seybling und Genossen wieder weg.« »Also leben die eigentlich von uns!« »Sie säen nicht, sie ernten nicht,« sagte der Journalist, »aber es geht ihnen recht gut auf Erden. Denn sie sind Kapitalisten, und wir – Sie und ich, mein Fräulein – sind arme Teufel. Und wenn ihr euch am Sonntag abend im ausverkauften Hause stundenlang müht, daß der Beifall dröhnt und der Schweiß euch Streifen in die Schminke zieht, so bekommt ihr darum nicht einen Groschen mehr. Freilich müßten jene auch den Verlust tragen, wenn Hochmann umwirft. Aber das kommt nicht vor, und sie könnten's verschmerzen.« »Ja, das ist aber doch ...« »Das ist eine alte Geschichte, mein Fräulein – und wem sie just passiert, der wird Sozialdemokrat, offen oder heimlich. Das sind wir hier alle!« Er stand auf und strich über den Zylinder. »Und nun, wie wär's? Soll ich 5ie nicht ein bißchen in Berlin herumführen? ... Nein? Dann nicht. Deswegen brauchen Sie doch nicht so entrüstet auszusehen, mein gnädiges Fräulein ... ich denke mir nichts Böses dabei. Auch muß ich 'nen Moment in den Reichstag ... es ist Abendsitzung, Sie wissen, die große Vorlage; dann aufs Telegraphenbureau, dann in den »Kaiserhof«... Ach bitte, Frau von Haidenschild, lassen Sie mich morgen in aller Frühe wecken, so um neun Uhr etwa, ich muß zeitig in das Kultusministerium. Gute Nacht, meine Damen!« »Schade um den Herrn Lenze,« sagte die Haidenschild, ihm nachschauend, »so ein talentvoller Mensch und dabei...« sie neigte sich vertraulich zu Valeska ... »Sie müssen nicht alles ernst nehmen, was er sagt. Er hat schon dreimal gesessen ... in Plöhensee ... wegen Preßvergehen. Aber das rechnen sich die Herren ja fast zur Ehre!« Lange noch saß Valeska sinnend in ihrem Zimmer. Es war ihr, als läge der Morgen dieses ersten Tages in Berlin seit Wochen hinter ihr. so viel hatte sie heute erlebt und erfahren. Aber nichts Erfreuliches. Sie kam sich so klein vor, so winzig klein und unbedeutend. So überflüssig in diesem lärmenden, riesenhaften, kalten Berlin. Wenn sie mich morgen hier tot finden, dachte sie, sich in die Bettdecke einwickelnd, so kräht kein Hahn danach. Höchstens kriegt eine andere die Rolle der Rieke... vielleicht die Blondine... der möcht' ich's gönnen. – Sie versuchte zu schlafen. Aber das Geklingel der bis nach Mitternacht rollenden Pferdebahnwagen hielt sie wach. Wie würde das enden? Wäre sie doch in Bergheim geblieben, wo jeder Mensch sie kannte, wo die Spaziergänger auf den Straßen sich nach ihr umschauten und ein geflüstertes: »die Elten« alle Augenblicke hinter ihr erscholl. Und wo sie ihren kleinen Husaren Fritz hatte, den lieben Kerl. Sie fühlte sich entsetzlich einsam und verlassen. Sie schob im Dunklen den Kopf zur Seite, als wolle sie sich irgendwo zärtlich anschmiegen, und stieß unsanft mit der Stirn gegen die Wandtapete. Und die Tränen kamen über sie. Sie schluchzte lautlos in die Kissen, während draußen die Pferdebahnen klingelten und über den Flur her das schwere Atmen der Damen – die Herren bummelten natürlich alle noch in Berlin herum – in regelmäßigen Pausen erscholl. Wäre sie doch in Bergheim geblieben! Aber da klang ihr wieder die Warnung des siechen Mimen Sparski im Ohr: »Und die Jahre wandern, deine Schönheit verblüht, und du sitzest als komische Alte in Kötzschenbroda oder Meseritz. Und bist vielleicht nur alt, nicht komisch!« Nein! Sie wollte Karriere machen! »Und vielleicht findest du auch hier einen Freund!« flüsterte es ihr lockend zu, während sie in Halbschlaf versank. Sie fuhr wieder auf. »Ich will mich doch nicht mehr verlieben!« sagte sie halb weinend vor sich hin. »Ich mache mich bloß unglücklich damit. Ich will nicht, ich will nicht.« Aber als sie von neuem einschlief, führte sie der Traum in das Bergheimer Stadt-Theater, wo man den »Lohengrin« gab. Es war, als trüge Lohengrin die Züge ihres verstorbenen Rittmeisters, den sie so oft wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Schwanenritter geneckt. Und von ferne klang leise und sehnsüchtig der Traum der Elsa: »Ein golden Horn zur Hüften, Gelehnet auf sein Schwert, So trat er aus den Lüften Zu mir, der Recke wert.« Draußen auf der Treppe knarrte leise die Zimmertür des Grafen Vach. Ein paar halblaute Worte, das leichtsinnige Auflachen einer süßen, vornehmen Frauenstimme, das warnende, tiefe Murmeln eines andern – dann ging die Tür behutsam ins Schloß. Der Spuk war verschwunden.   Undeutlich hatte ihn Valeska vernommen. Jetzt schlief sie wieder fest ein. Und wieder sah sie Lohengrin vor sich stehen, und seine blauen Augen hefteten sich gütig auf sie, die arme kleine, ratlose Theaterprinzessin, und wieder hörte sie die süße Melodie: »Mit züchtigem Gebaren Gab Tröstung er mir ein.« Und aufjauchzend klang es zum Zittern der Harfen und Geigen: »Des Ritters will ich wahren! Er soll mein Streiter sein.« IV. »Also erster Akt, erste Szene ... Fräulein Dobschütz, Sie sitzen beim Aufgehen des Vorhanges auf dem Kanapee rechts vorn ... so ... nun Fräulein Elten von links ... drei, vier Schritte in die Mitte ... halt ... genug ... nun los!« Valeska war noch ganz atemlos. Gegen Morgen war sie, erschöpft von den Eindrücken des ersten Tages in Berlin, in tiefen Schlummer versunken und hätte ohne Frau von Haidenschild, die an ihre Tür klopfte, wahrscheinlich die erste Probe verschlafen. Nun war sie gerade noch zurechtgekommen, ehe der Direktor auf die Bühne trat, und den neuen Kollegen vorgestellt worden. Sie trat also von links vor. »Madame, der Herr Baron is draußen«, sagte sie etwas befangen zu der Dobschütz, die in verächtlicher Majestät dastand und sie kaum ansah. »Lauter, Fräulein«, bemerkte Hochmann. »Es sind die ersten Worte. Das Parkett ist noch unruhig!« »Madame, der Herr Baron is draußen«, sagte die Elten mit lauterer Stimme. »Und nicht so spitz sprechen, Fräulein! Rieke ist als ›Mädchen für alles‹ bei einem Schnittwarenhändler in Dienst... bei einem Schnittwarenhändler...«, wiederholte Herr Hochmann sinnend mit dem Tone ruhiger Überzeugung. »Also etwas dreister... etwas robuster! So... weiter...« Fräulein Dobschütz blickte in ihre umfangreiche Rolle und warf nachlässig ihr Stichwort hin. »Da soll ick ihm nich 'rinlassen?« fragte die Elten. »Also meinetwegen... ich lasse bitten...«, erwiderte die Dobschütz. »Is jut!« »So... nun markieren Sie ein vertrauliches Lächeln, Fräulein Elten... Sie sind Mitwisserin des Ehebruchs!« rief der Direktor eifrig. »Zurück an die Tür links. Sie öffnen sie, lassen Herrn Grillon eintreten... werfen einen lächelnden Blick auf die Herrschaften und diskret ab!... Weiter.. zweite Szene!« »Uff!« sagte die Elten halblaut und trat hinter die Pappwand, die einstweilen das geschlossene Zimmer markierte, in dem sich das Stück abspielen sollte. Dort blieb sie stehen. Für die nächsten zwanzig Minuten hatte sie nichts zu tun. Es war angenehm hell auf der Bühne und in dem ganzen, modern eingerichteten Theater, in das durch die Deckenkuppel das Licht des Sommertags eindrang. Das imponierte ihr, die an die dämmrigen alten Häuser der Provinz gewöhnt war, und sie äußerte sich darüber zu der Dame, die neben ihr stand und wie sie nur eine kleine Rolle in dem Stück hatte. Es war ein nicht sehr hübsches, aber distinguiertes Mädchen von feinen Formen und offenbar von vieler Bildung. »Ja ... wenn man aus der Provinz kommt ...«, sagte Thilda Thorbeck. »Ich bin jetzt schon drei Jahre in Berlin. Sie werden hier manches anders finden.« »Gewiß!« bestätigte die Elten. »Es herrscht hier im Theater schon ein ganz anderer Ton als in der Provinz ... etwa gar an den Sommerbühnen ... alles ist so viel feiner und gebildeter ...« »Freilich ... hier und auf allen größeren Bühnen hält man auf gute Formen und den Ton der Gesellschaft«, meinte die Thorbeck. »In dieser Hinsicht sind wir Damen hier besser daran als auf gewissen Stadt- Theatern ... ich verkehre hier ziemlich viel in der Gesellschaft«, setzte sie, absichtlich leichthin, dazu, »und wundere mich oft, wie seltsame Vorstellungen man zum Beispiel in Offizierskreisen über das Theater hegt. Die Herrschaften sehen das vom Standpunkt des Dilettantentheaters aus an. Sie glauben, wir kommen hier vormittags zusammen, um Allotria zu treiben und uns die Cour schneiden zu lassen. Und es ist doch oft ein recht schwerer Beruf.« »Na, meine Rolle überanstrengt mich nicht«, sagte die Elten. »Also Sie verkehren in Offizierskreisen?« »Mein Vater ist selbst Major a. D.« »Oh!« erwiderte Valeska. Daß die neue Freundin einen lebendigen, wenn auch pensionierten Major zum Vater habe, machte auf sie, die Eisenacher Schreinerstochter, denn doch einen starken Eindruck. Außer ihnen beiden und der Dobschütz war nur noch eine Schauspielerin in dem Stück beschäftigt, ein zierliches Persönchen, das einen Schal um den Hals trug und stark hustete. »Mizi hat wahrscheinlich wieder bis ein Uhr nachts bei ›Kroll‹ gesessen«, sagte die Thorbeck zu Valeska. »Sehen Sie nur, wie verschlafen sie ausschaut; die Haare hat sie sich auch nicht ordentlich gemacht. Das ist eine!« Also das war Mizi Stadinger, die naive Liebhaberin des Westend-Theaters. Von Valeskas männlichen Kollegen hatten auch nur fünf in der Novität Rollen erhalten. Harald Grillon, der erste Liebhaber, dann ein etwas gallig aussehender Väterspieler, der den betrogenen Ehemann gab, endlich einige Sterne dritten und vierten Ranges. Alle waren gegen sie höflich und freundlich. »Hätte ich nur eine bessere Rolle«, seufzte Valeska bei sich. Sie hatte so schön davon geträumt, sich auf der Probe mit irgendeiner Glanzleistung einzuführen und zu hören, wie man »Alle Achtung!« und »Die wird!« in den Ecken tuschelte. Und jetzt dieses Dienstmädchen! Selbst im zweiten Akt, wo sie gar nichts zu sprechen hatte, machte sie nichts recht. Erst erklärte die Dobschütz, es sich verbitten zu müssen, daß Fräulein Elten beim Markieren des Teeanbietens zwischen sie und das Publikum trete und sie »decke«, und beantwortete Valeskas Entgegnung, daß sie die Tassen doch nicht von rechts servieren könne, mit impertinentem Achselzucken. Dann war wieder die Zeit ihres Eintritts falsch. Wenn sie ausgerechnet in dem Moment erschiene, wo die Dobschütz eine besonders pointierte Bemerkung auf den Lippen habe, so wende sich das Publikum Fräulein Elten und ihren Tassen zu und die Pointe fiele unter den Tisch. Also wurde das Stichwort geändert, und die Szene erreichte ihr Ende. Hochmann ermahnte die Elten nur noch, sich zu Hause an einem Tisch das Hantieren mit dem Teebrett hübsch einzuüben, damit sie nicht durch Klappern und Klirren den Dialog störe oder gar eine Tasse fallen lasse, was die ganze Szene »werfen« könne. Valeska schwieg trotzig. Sie, die in Bergheim alles, was gut und teuer war, gespielt hatte, sollte hier stumm wie ein Tisch mit einem blödsinnigen Teebrett über die Bühne laufen! Es war wirklich empörend und ihr Groll gegen den abwesenden Dichter, der diese Schandrolle geschrieben, kaum mehr einer Steigerung fähig. Aber das Schlimmste kam im dritten Akt. Valeska trat von links auf die Bühne und sagte, allerdings ziemlich teilnahmlos: »Madame... eben kommt der jnädige Herr...« Der Direktor sprang erregt auf. »Ja... aber, Elten... Sie sagen das so ungefähr wie: ›Der Mann mit dem Koks ist da!‹... Erfassen Sie doch die Situation!... Ein Ehebruch... ein Ehebruch«, wiederholte er sinnend. »Draußen steht der Ehemann... Sie bringen die Nachricht... sehen Sie... so!« »Das Fräulein weiß wahrscheinlich noch nicht recht, was ein Ehebruch ist!« sagte die Dobschütz halblaut und mit müdem Lächeln zu Grillon, der aber auf den Scherz nicht einging. Inzwischen glitt der Direktor in der Rolle der erschrockenen Rieke von links hinten nach der Mitte. Der alte Herr machte ein fürchterliches Gesicht, seine Augen quollen fast aus den Höhlen, und seine Stimme zitterte, als er der ehebrecherischen Dobschütz die Meldung brachte. »So, mein Kind, nun noch einmal!« Diesmal brachte die Elten die Worte besser heraus, aber die Stellung schien nicht die richtige. Hochmann faßte sie an der Hand und lief mit ihr bis an den runden Tisch rechts vorn, wo die Dobschütz und Harald Grillon saßen. »So machen wir's!... Beim Eintreten zuerst ein erschrockenes ›Madame!‹... Nun quer über die Bühne... Sie treten links neben Fräulein Dobschütz; dadurch gewinnen Sie die Front gegen das Publikum ... man hört Sie besser ... so ... nun aufgeregt und rasch den Satz geflüstert ... aber deutlich ... man muß jedes Wort verstehen ... nun bleiben Sie stehen ... die Herrschaften fahren erschrocken auf und sehen sich an ... bitte, lieber Grillon!« »So ist die Stunde der Entscheidung da«, las Grillon gleichgültig aus seinem Heft. »Wir wollen ihr fest ins Antlitz sehen, mag kommen, was da will. Mut, Ellinor!« Abermals fühlte sich Valeska von Hochmanns Hand fortgezogen. »Auf ‹ ›Mut, Ellinor!' ‹ kommen Sie um den Tisch herum nach links! So ... in der Mitte bleiben Sie stehen ... sehen sich noch einmal nach beiden um ... nun Ihren Satz ...« »Na, nu wird's jut!« sagte die Elten. »Ja, wenn Sie das in die Hinterwand hineinflüstern, versteht Sie kein Mensch!« schrie Hochmann in vollem Eifer. »Fräulein Elten will das Stück dem Publikum schonend beibringen!« sagte auf der rechten Seite der Bühne die Dobschütz halblaut zu Grillon. »Deswegen lasse ich Sie doch hier in der Mitte halten«, fuhr der Direktor fort. »Erst blicken Sie noch einmal nach rechts ... so ... wenn Sie nun den Kopf wieder geradeaus wenden, haben Sie die Front gegen das Parkett und können deutlich sprechen ...nun ...?« »Na, nu wird's jut!« rief die Elten mit Nachdruck in den leeren Zuschauerraum hinein. Eine Bewegung des Entsetzens ging über die Bühne. »Sie mordet das Stück ... sie bringt es um!« schrie Hochmann verzweifelt und lief auf Valeska zu. »Aber, Kind, wo in aller Welt spricht man denn noch direkt zum Publikum? Das läßt man sich ja kaum mehr in Neutomischl gefallen!« »Wissen Sie, Direktor,« sagte von drüben her Grillon, »die Szene ist wirklich gefährlich. Bei diesem Satz kann leicht gelacht werden, auch wenn ihn Fräulein Elten ganz richtig ausspricht.« »Ach, gefährlich!« brummte der Direktor unsicher. »Was ist schließlich nicht gefährlich bei diesem Parkett!« Dabei warf er einen Blick zorniger Verachtung auf die leeren Bankreihen im Saale unten, die ihn gespenstisch angrinsten. »Wenn die Premierenbande einmal anfängt mitzuspielen, dann kann es bei jedem Wort losgehen.« »Ja ... aber ...« »Bitte, sagen Sie es doch Bucher! Er hört ja auf nichts! Sie kennen doch seinen Dickschädel. Ich habe mich gestern genug mit ihm gestritten. Ich ändere nichts und lasse die Geschichte laufen, wie sie mag!« In resigniertem Tone fuhr der Direktor, zu Valeska gewendet, fort: »Liebes Fräulein, Sie müssen diese Worte vor sich hin sprechen ... sie müssen Ihnen im Schrecken, beinahe unbewußt, von den Lippen gleiten ... sehen Sie ... so!« »Na, nu wird's jut!« sprach ihm die Elten nach. »Das war wieder zu leise ... zu undeutlich ... hören Sie noch einmal!« »Na, nu wird's jut!« wiederholte die Elten. »So ... jetzt wird es! ... Noch einmal!« »Na, nu wird's jut!« sagte sie in innerlicher Verzweiflung. »Schön, nun die ganze Szene noch einmal!« Valeska ging, unhörbar seufzend, nach hinten, markierte durch zwei Bogenschritte das Eintreten, und die Szene wurde wiederum durchgenommen. »Die Kleinigkeit noch einmal!« sagte Hochmann. Diesmal ging der Auftritt besser, aber trotzdem klang es zum Schluß: »Die Kleinigkeit noch einmal!« Nach der vierten Wiederholung war der Direktor halbwegs zufriedengestellt. »Weiter ... die große Szene!« rief er. Der Väterspieler stürzte mit grimmigem Gesicht herein, und Valeska konnte hinter die Pappwand treten. »Das ist doch die reine Tierquälerei!« sagte sie, die Stirn trocknend, zu Thilda Thorbeck. »wenn das die nächsten vierzehn Tage so weitergeht, so danke ich schön!« »Und schließlich fällt das Stück durch«, sagte Thilda lachend, »und alles war verlor'ne Liebesmüh'. Freilich, wir können das kaum beurteilen ... wir gehen zu sehr nach den Rollen.« »Ein Quark ist's!« meinte die Elten grimmig und mit der Sicherheit der Provinz. »So 'ne abgedrosch'ne Ehebruchsgeschichte.« »Ehebruch zieht immer!« widersprach die Thorbeck etwas altklug. »Die Hälfte des Publikums besteht doch aus Damen, und die lieben das! Es gruselt ihnen so angenehm, und die Dobschütz macht es auch wirklich gut. Einen Schrei hat sie ... na, Sie werden ja hören.« »Gott sei Dank!« Valeska gähnte verstohlen. »Im vierten Akt hab' ich nichts mehr zu tun. Da kann mich der Alte nicht mehr schurigeln.« »Der ist imstande und probiert das ganze Stück heute noch einmal durch«, meinte Thilda. »Mit den kleinen Rollen hat man eine schreckliche Last. Da sehen Sie die Mizi Stadinger, die hat im Vergleich zu uns noch eine Bombenpartie.« Die kleine Naive stand unfern von ihnen mit zwei Schauspielern zusammen und erzählte ihnen in dem schleppenden Tone eines verwöhnten Kindes von der Sommerreise, die sie mit ihrem Prinzen gemacht. Sie war mit ihm in Trouville gewesen und hatte dort eine Menge Kavaliere kennengelernt, namentlich einen ungarischen Fürsten, der aber unter Kuratel stand, einen wunderschönen schottischen Lord, der fabelhaft reich gewesen sei, und einen italienischen Herzog, letzterer ein ganz kleiner, gelblicher Mann mit Säbelbeinen, aber aus einem 3000 Jahre alten Geschlecht. Sie, die Mizi, habe diese Kavaliere alle abfallen lassen. Denn sie sei nicht so! Die beiden Mädchen, die das Geschwätz mit anhörten, sahen sich verstohlen und halb lächelnd an. Offenbar, dachte Valeska, ist Thilda Thorbeck solide! Als Offizierstochter und wenn sie in den feinsten Kreisen verkehrt ... Und laut fragte sie: »Wo wohnen Sie eigentlich, Fräulein?« »Ich wohne bei einer bekannten Familie, an die ich empfohlen war ... in der Friedrich-Wilhelm-Straße«, sagte Thilda. »Und Sie? Haben Sie eigene Wirtschaft?« »Bei 300 Mark Gage?« erwiderte Valeska melancholisch. »Ach nein! Ich habe mich in dem Pensionat der Frau von Haidenschild eingemietet – ganz in Ihrer Nähe.« Sie wußte, daß diese Tatsache die Kollegin günstig stimmen würde. Und wirklich sagte diese einige Zeit darauf nach kurzem Zögern: »Was machen Sie so des Abends? Ich fühle mich eben sehr einsam. Die Familie, wo ich wohne, ist noch in der Sommerfrische, alle Bekannten sind verreist, ich bin ganz allein in der großen Wohnung.« »Wollen wir vielleicht gegen Abend ein bißchen spazierengehen?« fragte Valeska. »Vielleicht darf ich Sie abholen ... um fünf Uhr etwa?« »Jawohl, um fünf.« Thilda Thorbeck war es recht. »Das sei das Ende!« tönte in diesem Augenblick die Stimme der Dobschütz. Sie machte eine Bewegung, als ob sie einen Giftbecher leere, steckte dann ihre Rolle in die Tasche und sah phlegmatisch den Direktor an. »Na, genug für heute!« sagte der, aufstehend. »Mahlzeit, meine Herrschaften!« »Guten Morgen, Herr Direktor! Mahlzeit! Mahlzeit!« tönte es von verschiedenen Seiten, und die Bühne leerte sich. Nach kurzer Zeit lag das Theater verlassen da. Nur der Schritt der Feuerwache dröhnte alle paar Stunden durch die leeren Räume. Langsam schritt Valeska durch die erstickende Sonnenglut nach Hause. »Ein Hundeleben!« seufzte sie, auf die Uhr sehend. Es war halb zwei Uhr mittags. Die Probe hatte dreieinhalb Stunden gedauert. Vorgestern um diese Zeit! Ach, wie anders war es da gewesen! Da hatte sie mit pochendem Herzen und unbestimmter Siegeszuversicht im Eisenbahncoupé gesessen und hatte die Minuten gezählt, bis sie den Fuß auf Berliner Boden setzen konnte. Und jetzt!? Am liebsten wäre sie sofort wieder abgereist. Die Probe hatte sie ganz mutlos gemacht. Wie, wenn sie nur solche Rollen wie diese zu spielen bekäme? Den ganzen Winter hindurch – vielleicht drei Jahre lang! Das war ein furchtbarer Gedanke. Und um so furchtbarer, als sie nichts dagegen tun konnte. Sie war hier machtlos in Berlin, das fühlte sie, ein Spiel des Zufalls, die Beute eines glücklichen oder unglücklichen Augenblicks. Ein matter Windhauch, der durch die Lützowstraße ging, trieb einen Fetzen Papier vor ihr her über das Pflaster. So geht es auch mir, dachte sie. Ich habe überhaupt keinen Willen mehr. Direktor, Publikum, Kritik und Schneiderin sind meine Schicksalsgötter. Mögen sie mir gnädig sein!   V. Valeska hatte einsam auf ihrem Zimmer zu Mittag gegessen, sich über das schale Patzenhoferbier geärgert, das Frau von Haidenschild als Tafelgetränk eingeführt hatte, und sehnte, des Alleinseins ungewohnt, die fünfte Stunde herbei, wo sie die neue Freundin zum Spaziergang abholen sollte. Sie fand sie zu ihrem Erstaunen schon in dem Torflur ihrer wartend, einfach, aber mit harmloser Koketterie gekleidet und offenbar sehr erfreut über ihre Pünktlichkeit. »Ich möchte Ihnen vorschlagen,« sagte Thilda Thorbeck schnell und etwas erregt, »daß wir in die Kunstausstellung gehen. Es sind da wundervolle Bilder und ein schattiger Park und Militärmusik und ...« Und »Er«, dachte die Elten. Sie merkte schon, daß die Sache auf ein Stelldichein hinauslief, bei dem sie die Rolle des »Elefanten« spielen sollte. Laut aber erwiderte sie: »Wie Sie wollen, Fräulein! Ich bin zu jeglicher Schandtat bereit.« Sie stellten sich also auf den Vorderperron eines Pferdebahnwagens, auf dem ein kalkbespritzter Arbeiter sie müßig anstierte, und fuhren längs des Tiergartens, an der Siegessäule und dem Generalstabsgebäude vorbei, über die Alsenbrücke. »Da ist die Kunstausstellung!« sagte Thilda und deutete vor sich hin. »Da? Das große rote Gebäude links?« fragte die Elten, in der Sonnenglut unter Schirm und Schleier blinzelnd. »Nein, das ist ja ein Zuchthaus oder sowas!« »Ach so! Da hinten das stattliche weiße Ding mit den Türmchen?« »Das ist die Garde-Ulanen-Kaserne!« erwiderte Thilda lachend. »Also der Riesenkasten rechts ... aber der sieht ja aus wie ein Bahnhof ... oder gar wie zwei Bahnhöfe.« »Es ist auch der Lehrter Bahnhof,« sagte die Thorbeck, »aber das, was zwischen dem Bahnhof, dem Zuchthaus und der Kaserne liegt ... ja ... da ... das bunt herausgeputzte Eisen- und Glasgerippe, das ist das Preußische Landes-Ausstellungs-Gebäude.« »Das könnte auch schöner sein!« meinte die Elten despektierlich. »Der Staat kümmert sich doch viel zu wenig um die Kunst!« »Viel zu viel noch,« sagte Thilda, »alle Augenblicke wird uns in Berlin ein Stück verboten, bis es das Oberverwaltungsgericht wieder freigibt. Die Polizei in der Kunst, das ist wie die Kuh im Porzellanladen! Es kommt nichts Gescheites dabei heraus!« »Gehen Sie in die ›Freie Volksbühne‹, Fräulein,« sagte plötzlich der Arbeiter vor ihnen, griff an die Mütze und stieg ab, »an die kann der Staatsanwalt nich tippen!« Die Elten sah ihm erstaunt nach. »Haben denn die Arbeiter hier ihre eigene Bühne?« fragte sie. »Zwei!« Thilda lachte. »Die ›Freie‹ und die ›Neue Freie‹! Ich hab' selbst mal in den ›Webern‹ mitgespielt. So ein dankbares Publikum findet man gar nicht wieder.« »Also das ist die berühmte ›Freie Bühne‹?« »Nein, die ›Freie Bühne‹ war wieder etwas anderes. Daneben gab es auch noch eine ›Freie Deutsche Bühne‹ und eine ›Fresko-Bühne‹.« »Ehe ich das alles begreife, werde ich hundert Jahre alt!« seufzte die Elten und stieg mit der Freundin die Treppe zu dem Ausstellungsplatz hinunter. Am Eingang zu der Glashalle wollte sie sich gewissenhaft von einer der Verkäuferinnen einen Katalog erstehen, Aber Thilda wehrte ihr. »Wenn Sie sich jedes einzelne Bild nach der Nummer ansehen wollen, brauchen Sie zwei Tage. Das meiste sind doch Schmieralien. Wir schlendern am besten so durch, und ich zeige Ihnen das Hauptsächlichste.« Das Hauptsächlichste wird wohl ein Leutnant sein, dachte die Elten. Aber sie muß ihrer Sache sehr sicher sein, daß sie gerade mich als Gardedame mitnimmt. Denn ich bin doch viel hübscher! Daran war kein Zweifel. Die Thorbeck war gerade noch passabel zu nennen und dabei äußerst mager. Übrigens schien diese sehr ungeduldig, daß sie Valeska gar nicht aus dem vordersten, dem Ehrensaal, wegbringen konnte, wo die zahlreichen, mit minutiöser Genauigkeit abgepinselten Uniformen und Paraden deren höchstes Interesse erweckten. »Das ist alles so reell gemalt«, meinte sie naiv. »Zum Beispiel hier ... auf dem Orden kann man ganz deutlich die Inschrift lesen ... und ebenso der Helm hier ... von dem Kürassiermajor ... der ist ganz genau nach der Vorschrift.« Aber Thilda zog sie mit sich fort und ließ ihr kaum Zeit, ab und zu eines der Genrebildchen zu bewundern, die namentlich im Düsseldorfer Saal ihr Entzücken erregten. Den Großvater mit dem Enkel auf den Knien, das mit der Katze spielende Mädchen, die Heimkehr des Reservisten, alle die schönen Bilder, die sie so oft in den Familienblättern gesehen, hingen da in Reih' und Glied, und sie zürnte wirklich der Thorbeck, die sie immer weiter drängte, weil die wirklich guten Bilder, namentlich das Gemälde »Größenwahn«, im letzten Saale hingen. Also denn man zu! Nur einmal blieb Valeska noch stehen und warf einen erstaunten Blick in den Nebensaal. Es schien, als sei da zwischen den bunten Leinwandrahmen ein Loch in die Wand gebrochen, durch das das Tageslicht hereinströmte. Jenseits des Loches sah man eine Sanddüne, auf der eine alte Frau zwei Ziegen hinter sich herzerrte. Weiter nichts. »Ein Werk Max Liebermanns«, sagte Thilda. »Gefällt es Ihnen?« Das wußte Valeska nicht. »Es ist so ganz anders«, sagte sie beklommen und folgte Thilda zu dem Bilde »Größenwahn«. Schon von weitem leuchtete ihr die virtuos gemalte Gestalt des irrsinnigen Mimen entgegen, der, die Pappkrone auf dem Haupt, in eine zerlumpte Decke gewickelt, majestätisch inmitten seiner verhungernden Familie in der Dachkammer stand. »So was zu malen! Schrecklich!« sagte sie. »Es gibt doch so viele nette Sachen, Blumen und Landschaften und Soldatenbilder und hübsche Mädchen, warum denn nun ausgerechnet gerade...« Aber Thilda hörte nicht mehr auf sie. Sie blickte aufgeregt und, wie es schien, etwas erschrocken auf die beiden Herren, die kopfschüttelnd vor dem Gemälde standen. Zwei kann sie sich doch nicht bestellt haben, dachte Valeska. Also hat »Er« zur Vorsorge sich auch einen Heldenvater mitgebracht – wirklich reizend! In der Tat war der eine der Herren schon anfangs der Vierzig. Ein stattlicher, hochgewachsener Mann, in dessen dunklem Vollbart und Haupthaar bereits die ersten Silberfäden schimmerten. Zahlreiche kleine Fältchen spielten in dem wettergebräunten, durchgeistigten Gesicht, über dessen ernst, beinahe müde blickenden Augen blendendweiß der obere Teil der Stirn glänzte. Also ein Landwirt oder ein Offizier. Eher ein Offizier, nach dem tadellosen Sitz des grauen Sommerzivils und der straffen Haltung zu schließen. Sein Begleiter, ein kleiner, etwas hinkender Herr zu Ende der Zwanzig, der eben höflich grüßend auf Thilda zutrat, war offenbar nicht militärisch, sondern akademisch gebildet. Beweis: der mächtige »Durchzieher«, dessen rosige Narbe ihm vom linken Ohr quer über die Backe bis in den Mundwinkel lief. Dies tadellose Exemplar konnte nur in der Heidelberger Hirschgasse oder der Göttinger Landwehr entstanden sein. Anderswo, zumal auf Universitäten mit Glockenschlägern statt der Korbklinge, wäre es niemals gediehen. Thilda war ihm einige Schritte entgegengegangen. Sie sprachen leise miteinander. Dann machte sie eine Bewegung, als wollte sie sagen: »Ich habe sie nun einmal mitgebracht! Wie konnte ich denn wissen...!« Am besten ist, ich ziehe mich zurück, dachte Valeska. Aber schon traten die beiden auf sie zu, und die Thorbeck stellte ihr den Regierungsassessor von Rönne vor. Eine kurze Pause entstand. Offenbar handelte es sich darum, wie der andere Herr, der sich ihnen näherte, die Begegnung auffassen würde. Valeska hatte den Eindruck, als sei es die Absicht des Assessors gewesen, seinen Begleiter gewissermaßen mit Thilda zu überrumpeln, und als sei sie, Valeska, beiden nun sehr im Wege. Aber der Fremde machte gute Miene zum bösen Spiel. Als wohlerzogener Mann mußte er sich den Damen vorstellen lassen. »Nun, Max,« wendete er sich gelassen zu dem anderen, »ich sehe, du triffst Bekannte.« »Ja, gestatte, lieber Albrecht!« stotterte der Assessor aufgeregt. »Mein Stiefbruder, Major von Rönne – Fräulein Thorbeck vom Westend-Theater!« »Ich habe schon viel von Ihnen gehört, mein Fräulein!« sagte der Major, sich verbeugend, mit halbem Lächeln. Thilda wurde blutrot, erwiderte aber nichts. »Und hier ...« Natürlich wußte der Assessor den Namen nicht. »Fräulein Elten, meine Kollegin«, sagte Thilda rasch. »Sie war so freundlich, mich heute zu begleiten. Frau Haupt, unsere alte Wirtschafterin, ist unwohl.« »Doch hoffentlich nichts Ernstliches?« »Nein. Ein bißchen Influenza.« Man verstummte wieder. Valeska begriff jetzt so ziemlich den Zusammenhang. Offenbar war der ältere Herr gegen die Verlobung seines Bruders mit einer Schauspielerin. Und gerade heute, wo dieser ihn glücklich in die Falle gelockt und gezwungen hatte, Thilda kennenzulernen, brachte sich das Unglücksgeschöpf auch noch eine Kollegin mit! Und noch dazu eine so abschreckend hübsche! Eine nette Situation. – »Ja, wie wäre es ...«, meinte der Asessor stockend – er wußte, daß er eine besondere Dummheit sagte –, »wollen wir uns nicht die Bilder ansehen?« Also sah man sich die Bilder an. Thilda ging mit ihrem Auserkorenen voran. Der Major trat an Valeskas linke Seite. Der wünschte sie jetzt auch ins Pfefferland! Valeska empfand das und schwieg. Sie konnte doch das Gespräch nicht eröffnen. Aber da hörte sie schon neben sich eine wohlklingende Stimme. »Verzeihen Sie, mein Fräulein!« sagte der Major halb lächelnd und sah sie von der Seite an. Valeska, dachte blitzschnell daran, daß sie im Profil eigentlich am wenigsten hübsch sei. »Ich komme so gut wie nie ins Theater, wahrscheinlich habe ich die Ehre, neben einer unserer berühmtesten Schauspielerinnen zu gehen?« »Ich? Ach du lieber Gott!« die kleine Elten sagte das, stehenbleibend, mit dem Brustton so ehrlicher Überzeugung, daß beide hell auflachten. »Nein, wahrhaftig, Herr Major,« fuhr sie dann fort, »ich bin froh, wenn ich's Leben hab' hier in Berlin!« »Sind Sie denn schon länger in Berlin, mein Fräulein?« fragte Herr von Rönne. »Erst seit vorgestern, und ich komme mir hier so klein vor, aber so klein ...« Valeska deutete, mit der Hand auf den Boden zeigend, das winzige Maß ihrer hiesigen Bedeutung an. »Ich habe die Empfindung, als wäre ich eine ganz, ganz kleine uralte Frau ... hier in Berlin!« Der Major lachte. »Also kommen Sie aus der Provinz, mein Fräulein?« »Ja, aus Bergheim!« Valeska atmete erleichtert auf. Sie empfand es dankbar, daß der so geistvoll und überarbeitet aussehende Mann sich zu einem Gespräch mit ihr zwang, das sie ohne Schwierigkeit führen konnte. »Dort hat es mir viel besser gefallen. Aber schließlich ... man muß doch nach Berlin ...« »Ist das so nötig?« »Ja gewiß!« sagte Valeska ernsthaft. »Hier macht man Karriere – oder auch nicht! Ich für meinen Teil wähle das letztere!« »Das glauben Sie ja selbst nicht, mein Fräulein!« Der Major sah sie mit höflichem Lächeln an. »Ich werde in nächster Zeit die Theaternachrichten in den Blättern verfolgen, um rechtzeitig von Ihren Triumphen zu erfahren.« »Wie soll ich denn ohne Rollen triumphieren?« rief Valeska verzweifelnd aus. »Man gibt mir ja keine! Das ist gerade, wie wenn Sie ohne Ihr Bataillon den Feind schlagen sollten!« »Das heißt ... verzeihen Sie den Vergleich ...«, fügte sie nach einer Weile kleinlaut hinzu. »Unser Komödienspiel darf man natürlich nicht mit so ernsten Dingen zusammen nennen!« Aber Herr von Rönne schien nichts dabei zu finden – im Gegenteil! »Das ganze Leben ist ein Kampf, mein Fräulein,« sagte er ruhig, »und in der ganzen Welt spielt man Komödie. Das geschieht nicht nur auf den Schlachtfeldern und nicht nur im Theater des Abends von sieben bis zehn.« »Gott sei Dank!« Thilda hatte sich flüchtig umgedreht, um nach Valeska zu schauen, und wandte sich wieder zu ihrem Begleiter. »Die freunden sich miteinander an!« Der Assessor lächelte überlegen. »Mein Bruder ist ein vollendeter Weltmann und als preußischer Stabsoffizier jeder Situation gewachsen. Er unterhält sich mit dem kleinen Mädchen so gut, wie er es ebenso notgedrungen mit irgendeiner törichten Durchlaucht oder einem bissigen Vorgesetzten tun würde. Das ist Sache der Form. Sein Geist weilt weit von hier bei seinen Aktenstücken und Kriegsplänen!« »Aber wir wollen ihm zu Hilfe kommen!« Und sich mit Thilda zu den andern gesellend, begann er den Cicerone zu spielen und die Gemälde zu erklären. »Ist das ein gutes Bild?« hatte Valeska gerade vor einem Münchener Impressionistenwerke vertrauensvoll den Major gefragt, und der hatte ihr lachend geantwortet: »Zu viel Ehre, mein Fräulein! Ich verstehe gar nichts davon, aber ich finde es scheußlich!« Der Assessor übernahm nun also die Führung. Man wanderte durch die farbenglühenden Räume Italiens, man besuchte die blutrünstigen, riesigen Spanier, bei denen die Mädchen vergebens nach einem Bilde ohne Mord und Leichen suchten, man sah die belgischen Armeleutmaler, die stillosen Engländer, man studierte zahllose deutsche Bilder, trotzig hingestrichene Impressionistenstücke neben sorgsam von Frauenhand für den Verkauf zurechtgepinselten Stilleben, zum Kasinoschmuck angefertigte Fürstenporträts, Landschaften im alten Stil mit riesigen, unwahrscheinlich tintenschwarzen Schatten und lichtgraue moderne Luftstudien. »Warum scheint denn auf den neuen Bildern nie die Sonne?« fragte Valeska. Aber niemand wußte eine Antwort. Bald wurde man müde vom vielen Schauen. Bunte Farbenflecke tanzten vor den Augen, und dem Major erschien, wie er behauptete, die ganze Ausstellung nur noch als eine ungeheure Masse durch Ölflecke verdorbener Leinwand, aus der man weit besser Hemden für die Waisenkinder hätte machen sollen. Der Assessor führte also die Gesellschaft ins Freie und, als ob es sich von selbst verstände, auf das große halboffene Rundell zu, worin sich das Weinrestaurant der Ausstellung befand. Gegenüber spielte die Kapelle des 2. Garderegiments gerade den »Feuerzauber«, ein dichter Menschenstrom flutete langsam dazwischen hin, und rechts und links erstreckten sich unten auf dem Kiesboden die schwarzwimmelnden Biertische. Auch in dem Rundell war alles schon von der besseren Welt der weintrinkenden Kreise erfüllt, allein ein Kellner hatte, gegen das Versprechen reichlichen Trinkgelds, einen Tisch an der offenen Balustrade reserviert. Valeska schien jetzt die Zeit gekommen, sich zu empfehlen. »Also auf wiedersehen morgen früh,« sagte sie zu Thilda und reichte ihr die Hand, »ich danke Ihnen auch schön!« Thilda wußte nicht recht, was sie machen sollte. Da wandte sich der Major an Valeska. »Sie Ärmste haben wohl noch eine große Rolle zu lernen?« »Ach nein!« »Ja, was machen Sie denn dann, wenn Sie jetzt nach Hause kommen?« »Nichts. Ich gehe in meinem Zimmer herum, rauche eine Zigarette und hadere mit meinem Schicksal!« »Ja, das verstehe ich nicht!« sagte Herr von Rönne und sah sie an. »Dann bleiben Sie doch bei uns, mein Fräulein!« »Aber natürlich!« pflichtete der Assessor bei. »Bitte ganz gehorsamst!« »Ja, wenn es Sie nicht stört«, sagte die Elten und stieg neben dem Major die Treppe hinauf. »Ich bin so froh, wieder einmal unter Menschen zu sein – ich fühle mich so schrecklich verlassen in Berlin ...« »Seltsam ...«. Der Major nahm ihr den kleinen Sonnenschirm ab und stellte ihn gegen einen leeren Stuhl. »Ich dachte immer, gerade den Damen vom Theater fehlte es an Abwechslung nicht!« »Manchen freilich nicht,« erwiderte Valeska, tugendhaft seufzend, »und dann die berühmten Schauspielerinnen, die freilich, um die dreht sich ja alles. Über die schreibt man Romane und Theaterstücke, sogar Orden kriegen sie; aber wer kümmert sich um uns arme kleine Würmer?« »Da haben Sie recht!« sagte Thilda, während sie sich setzten. »Aber ich glaube, es geht überall so; die große Menge sieht immer nur die Ausnahmen, und uns andere verurteilt sie nur so in Bausch und Bogen und denkt, daß wir alle ohne Perlenkolliers und eigene Equipagen nicht existieren können und dafür des Abends so ein Viertelstündchen Komödie spielen!« Valeska schwieg sittsam. In ihr aber regte sich der verbrecherische Gedanke: »Wenn die von meinem kleinen Husaren wüßte, die würde sich wundern!« Thilda aber ahnte nichts dergleichen. »Da geht Mizi!« sagte sie zu Valeska und deutete auf die kleine Stadinger, die eben hüstelnd und in schläfriger Respektabilität unten am Arme eines hübschen bartlosen Menschen vorbeischritt. »Ist das der Prinz?« fragte die Elten. Nein, der Prinz von Dunn speiste eben ahnungslos in seinem Kasino. Dies war nur der Naturbursche des Spree-Theaters. »Ormes Vater ...«, sagte Valeska bedauernd im Mikosch-Dialekt und sah den beiden nach, »wie host du dir verändert!« Die andern lachten, und der Major fragte scherzend: »Haben Sie das auch in Bergheim gelernt, mein Fräulein?« »Ach nein,« sagte die Elten leicht errötend, »dort gibt's keine Ungarn ...« »Aber Husarenoffiziere!« rief der Assessor. »Der berühmte Harwitz stand auch eine Zeitlang bei dem Regiment ... erinnern Sie sich, Fräulein Thilda?« »Gewiß!« sagte Thilda. »Ihm schrieben sie ja hier schon in der Reitstunde das große Wort zu: ›Kerl lümmelt sich da auf dem Gaul herum wie die Ariadne auf dem Naxos!‹« Die kleine Elten konnte sich nicht mehr halten: »Donnerwätter!« sagte sie zu Thilda und kopierte täuschend den näselnden Kavalleristenton. »Önneroffizier, jebrauchen Sie jefälligst nich immer Jleichnisse aus biblische Jeschichte!« Darüber entstand erneute Heiterkeit. Valeska aber wandte sich zu dem Major und sagte ernsthaft: »Das ist nun wirklich eine Errungenschaft aus Bergheim, oder vielmehr aus unserer Sommersaison im Bade Holl. Da kamen die Herren immer des Abends in Zivil herüber und gingen einfach hinter die Kulissen ...« »Und wurden nicht weggewiesen?« »Aber ich bitte Sie, sie nahmen ja immer eine ganze Proszeniumsloge, und in den Knopflöchern hatten sie kleine Sträußchen stecken, die warfen sie uns dann auf die Bühne ... ach, das waren zu reizende Menschen!« Thilda machte ein etwas bedenkliches Gesicht. »Ich bin froh, daß ich kein Sommerengagement mehr anzunehmen brauche,« sagte sie, »diese trostlose Schmierenwirtschaft ...« »Da liegt Poesie drin!« widersprach die Elten lebhaft. »Und zu drollig ist's manchmal! Früher«, wandte sie sich zu dem Assessor, »soll in dem Badetheater eine furchtbar geizige Direktorin gewesen sein. Die machte im ›Freischütz‹ den Wolfsschluchtzauber selbst mit und galoppierte als Wildschwein auf allen vieren über die dunkle Bühne. Eines Abends aber leuchtete ihr Max mit seinem Kohlenpfännchen ins Gesicht und fragte höflich: ›Guten Abend, Frau Direktor! Wo wollen 5ie denn so spät noch hin?‹« »Das rechte Auge eines Wiedehopfs,« deklamierte Thilda, »das linke eines Luchses ...« »Das linke ist Luxus!« bestätigte die kleine Elten ernsthaft und fuhr dann eifrig fort: »Einmal – das hab' ich von diesem Sommertheater doch selbst gehört – da versprach sich die Amalie in den ›Räubern‹, und der Direktor zog ihr dafür anderthalb Mark ab. Einen Taler sollte sie für den ganzen Abend bekommen. Da ging sie in ihre Garderobe und zog sich aus. Daraufhin streikten auch Franz Moor, der Pfarrer und alle Räuber, bloß der Kosinski nicht, ein strebsamer polnischer Anfänger. Mit dem spielte Karl Moor allein das Stück zu Ende. Sowie der Kosinski auftrat, fragte er ihn: ›Wo sind meine Räuber?‹ – ›Tott, großer Hauptmann!‹ – ›Und mein Bruder?‹ – ›Auch tott!‹ – ›Und Amalie und ...?‹ – ›Tott ... alles tott!‹ Daraufhin sagte Karl Moor: ›Dem Manne kann geholfen werden!‹ und ging ab. Und erst als der Vorhang fiel, schrie eine Stimme von der Galerie: ›Der alte Moor sitzt ja noch im Hungerturm!‹« »Immer noch besser als hier im Parodie-Theater«, bemerkte, sein Monokel festklemmend, der Assessor. »Da sperrten sie den alten Moor in den Durst turm und stellten eine große Weiße davor!« Die beiden Mädchen schüttelten sich vor Lachen, und Thilda rief: »Das ist doch dort, wo in den Ritterstücken zum Schluß der Lampenputzer kommt und alles auf der Bühne totschlägt?« »Gewiß!« bestätigte der Assessor. »Früher gab man da schöne Stücke: ›Die Ehre oder die Jöhre, oder wenn ick so wat höre!‹ und die ›Haubenlerche‹, oder ›Lerche, Liebe, Leichtsinn und Lumpenmatz‹, Schauspiel in zwei Hauben und einer Lerche! Jetzt aber muß man in das American-Theater gehen. Das ›Kind in der Kommode‹ ist einfach groß!« »Det Kind is 'n Affe!« murmelte die Elten, die dies kleine Meisterwerk des Berliner Verismus aus der Reklamschen Bibliothek kannte. »Und ick bin sein Vater ... jloobt et mir!« Abermals schrien die drei vor Entzücken. Valeska aber wandte sich mit vor Lachen feuchten Augen zu dem Major, der ihr das Weinglas füllte. »Wir sind zu kindisch!« sagte sie. »Sie müssen sich wirklich bei uns langweilen.« »Ich beneide Sie, mein Fräulein,« sagte Herr von Rönne, und es zuckte seltsam über sein müdes, geistvolles Gesicht, »und es tut mir wohl. Ich weiß kaum, wieviel Jahre vergangen sind, seitdem ich kein so frisches, helles Lachen mehr um mich hörte.« »Sprechen Sie, bitte, vor ihm nicht von Kindern!« flüsterte der Assessor rasch Valeska zu, während sein Bruder sich eben zu einem vorübergehenden Kellner wandte. »Er hat vor fünf Jahren seine beiden einzigen Knaben an der Diphtheritis verloren.« »Der Ärmste!« Valeska empfand ein tiefes Mitleid mit dem freundlichen, vornehmen Manne. »Ist er denn auch Witwer?« »Nein. Die Frau lebt noch!« Thilda hatte nichts von dem Gespräch gehört. »Was machen Sie denn für ein Gesicht?« rief sie über den Tisch herüber zu Valeska. »Sie sehen ja wieder aus wie drei Tage Regenwetter. Und dabei hat sie eine Bombenrolle in unserem neuen Stück!« erklärte sie, zu den beiden Herren gewandt. Die kleine Elten, die schon ein paar Gläser Rheinwein getrunken hatte, wurde traurig. »Spotten Sie nur!« sagte sie kläglich. »Jetzt, wo ich ein bißchen vergnügt bin ... ich komme mir ohnedies schon vor wie ein gescheuchter Hase ... hier in Berlin!« »Scheint Ihnen aber gut zu bekommen, gnädiges Fräulein!« bemerkte der Assessor. Allein Valeska ließ sich nicht überzeugen. »Ich bin ein armes Häsulein!« trällerte sie und schlug mit den Fingern den Takt auf den Tisch. »Sie auch, Fräulein Thilda ... die Dobschütz bringt uns um.« »Wer ist denn die Dobschütz?« fragte der Major. »Kennen Sie die Dobschütz nicht?« Valeska schien sehr verwundert. »Dann seien Sie froh. Das ist eine Ausgeburt der Hölle, nicht wahr?« »Jawohl!« Thilda konnte das mit gutem Gewissen bestätigen. Wer die Dobschütz umbrachte, tat ein gutes Werk. »Sie haben leicht lachen,« sagte sie zu den Herren, »aber wir Ärmsten ... wir ...« »Wir sind zwei arme Häsulein!« trällerte die Elten wieder und leerte seelenvergnügt ihr Glas. »Besonders ich! Alle piesacken sie mich hier in Berlin ... und ich hab' doch keinem was getan! Es ist ein Elend!« »Ach, Kinder,« sagte sie dann träumerisch, »hier ist es doch zu nett! Die Musik und die bunten Bilder und die vielen Menschen ... und ... und so alles ... Gestern um die Zeit war ich beinahe verzweifelt! Ich habe heute die halbe Nacht geweint«, wandte sie sich zu dem Major und sah ihn aus ihren großen, seelenvollen Augen an. »Und kamen sich als armes Häschen vor!« lachte der Assessor. Thilda goß ihr Wein ein: »Ich glaube, das Häschen hat es faustdick hinter den Löffeln!« »Ich?« Valeska bemühte sich, ihre unschuldigste Kindermiene aufzusetzen, während ihr der Schalk um die Mundwinkel zuckte. »Ich hab's schon vorhin dem Herrn Major gesagt ... ich bin froh, wenn ich nur das Leben hab' ...« »Und die Rolle der Rieke!« lachte Thilda. Valeska schlug zornig mit der kleinen, geballten Faust auf den Tisch. »Diese Rieke!« rief sie empört. »Diese Rieke, dieses Scheusal ... morgen schick' ich dem Alten die Rolle zurück! Die kann er sich sauer kochen lassen! Ich spiele sie nicht! Diese Rieke ...!« Dabei sah sie sich doch aber etwas ängstlich um, ob jemand ihre despektierliche Musterung gehört habe. »Sie werden die Rolle spielen,« sagte inzwischen Thilda kaltblütig, »und wenn das Stück was macht, werden Sie sie hundertmal spielen und, wie Sie eben treffend bemerken, froh sein, daß Sie das Leben haben.« »Natürlich werde ich das!« Valeska war schon wieder ganz kleinlaut. »Aber sagen Sie alle: ist es nicht eine Erbärmlichkeit, solche Rollen zu schreiben? Zu was haben wir denn die Theaterzensur? Die sollte solche Rollen verbieten, statt der Stücke!« Der Major hatte die ganze Zeit schweigend dagesessen. »Um was handelt es sich denn eigentlich, mein Fräulein?« fragte er jetzt. »Um unsere Novität ... Ellinor heißt sie. Ganz habe ich sie heute noch nicht kapiert. Aber es ist eine bösartige Ehebruchsgeschichte!« »Zum Schluß nimmt die Dobschütz Gift!« rief Thilda dazwischen. »Wenn sie's nur in Wirklichkeit täte!« Valeska faltete fromm nach Kinderart die Hände. »Ich wollte es ihr ja gerne aus der Apotheke holen!« »Und ich zahl's!« setzte Thilda schwermütig hinzu. »Der Gedanke ist kindisch, aber göttlich schön!« »Aber, meine Damen!« Der Major schien ehrlich erschrocken. »Ja, Sie kennen das Theater nicht!« sagte die kleine Elten. »Da wird man so!« Nein, der Major kannte wirklich das Theater nicht. »Sie haben mir heute eine ganz neue Welt eröffnet, meine Damen!« sagte er lachend. »Ich war wirklich nahe daran, zu vergessen, dast es überhaupt noch vergnügte Kinder dieser Welt gibt, und bin meinem Bruder jetzt wirklich dankbar, daß er mich auf ein paar Stunden meinem finsteren Aktenloch entrissen hat.« Thilda warf ihrem Verehrer einen strahlenden Blick zu. »Nun, sehen Sie!« Valeska schaute Herrn von Rönne ernsthaft ins Gesicht. »Die Welt geht also nicht unter, auch wenn Sie einmal nachmittags keine Schlachtenpläne machen.« Sie fühlte sich außerordentlich wohl und schwatzte und lachte in einem fort! Sie erzählte von dem dicken bayerischen Rittmeister, der in ihrem berühmten Bade Holl gesagt haben sollte: »Im Dienscht bin i a Viech!« und nach einer Weile nachdenklich hinzugesetzt: »Und i bin immer im Dienscht!« Und von dem Mimen, der eigentlich stotterte, sich aber des Abends ver..s..s.. stellte. Sie warf das scharfsinnige Rätsel auf, wie man seiner eigenen Zigarre begegnen könne – wenn man nämlich gerade nach Hause käme, während die Zigarre ausgeht –, und riß in dem strahlenden Übermut, mit dem sie ihren Unsinn vorbrachte, die Herren mit sich hin. Auch Thilda war zufrieden. Anfangs hatte sie mit gelindem Bangen bemerkt, wie Fräulein Elten anfing, aus sich herauszugehen. Bald aber merkte sie, daß diese sehr sicher die Grenzen des Erlaubten innezuhalten wußte und bei aller Lustigkeit in Sprache und Benehmen sich nichts vergab. Eine sechsjährige Erziehung durch die preußische Kavallerie hatte da Wunder gewirkt. So schlenderte man vergnügt durch den Park, in dem das blaue Licht der Bogenlampen seinen Schein auf die wimmelnden Massen warf; man besuchte den Pergamontempel und die Osteria mit ihren verrückten Wandgemälden, man zeigte Valeska das »Nasse Dreieck«, wo Tausende von Menschen gleichzeitig Drehersches Bier tranken, und war im Begriff, die »Klause« aufzusuchen, als der Assessor etwas zögernd auf die Uhr sah. »Lieber Albrecht,« sagte er, »entschuldige, daß ich dich erinnere. Wir sind heute abend zu Westrows eingeladen!« »Ja, aber doch erst auf acht Uhr!« »Ja – halb acht ist es!« Darüber entstand allgemeine Aufregung. Niemand hatte geglaubt, daß die Zeit so rasch verstrichen sei. »Schade!« sagte Valeska offenherzig, während sie mit Thilda in einen Wagen stieg, und schüttelte den Herren herzlich die Hand. »Daß Sie gerade heute eingeladen sein müssen; es war so nett ... das heißt ... wenigstens für mich. Sie, Herr Major, haben natürlich das Recht und die Pflicht, uns zu grollen, daß wir Sie in Ihren Kriegsplänen ge...« Aber da zog der Gaul schon an, die Herren lüfteten ihre Hüte, und der Wagen rollte davon. Unterwegs schüttete Thilda der neuen Freundin ihr Herz aus: Sie sei mit dem Assessor so gut wie verlobt. Dieser wolle dann seinen Abschied nehmen und ein Gut kaufen. Dazu aber gehöre die Einwilligung seines Stiefbruders, des Majors, der schon seit zehn oder zwölf Jahren infolge einer Erbschaft über ein bedeutendes Vermögen verfüge. Viel habe er selbst davon nicht, denn er lebe eingezogen nur seinem Dienste. »Glauben Sie, daß ich ihm gefallen habe?« fragte sie ängstlich. »Aber natürlich!« sagte Valeska mit imponierender Bestimmtheit. »Er ist ja selbst rasend in Sie verschossen!« Thilda lachte hell auf. »Der ...! Aber ein Glück war es, daß Sie mitkamen! Gott weiß, wie es ohne Ihr Geschwabbel geworden wäre!« »Vermutlich sehr langweilig«, meinte Valeska und schlug dann vor, an der Jostyschen Konditorei auszusteigen und zur Abkühlung nach all den aufregenden Ereignissen Schokolade zu trinken. Das taten sie also. Dann gingen sie zu Fuß nach Hause in Thildas Wohnung und aßen dort auf dem Balkon zu Abend. Ihren Tee schlürfend, hörte Valeska geduldig die Geständnisse ihrer Freundin an, wonach ihr »Er«, nämlich der Assessor, schon seit Jahren als die Krone und Perle aller Männer erschienen sei. Unwillkürlich kamen sie dabei in das Bühnen-»Du« hinein, während sie, Zigaretten rauchend und dicht aneinandergeschmiegt, in die dunkle, warme Augustnacht hinausblickten. Gegen zehn Uhr erinnerte sich Valeska, daß sie keinen Hausschlüssel mithatte. »Gute Nacht, du süßer Hammel!« sagte sie aufstehend und küßte die Freundin. »Schlaf gut und träum' von ›ihm‹!« »Von wem träumst denn du?« fragte Thilda, ihren Kuß erwidernd. Aber Valeska war durchaus nicht zu Geständnissen geneigt. »Ich träume jede Nacht von meiner Urgroßtante«, sagte sie vergnügt, lief nach Hause und schlief, sich immer noch vor Lachen schüttelnd, ein. VI. Die säuerliche Langeweile der norddeutschen Gesellschaft brütete in dem engen Raum, wo der alte Generalleutnant z. D. von Westrow seine Gäste versammelt hielt. Viele waren es nicht, nur Verwandte, ausnahmslos dem märkischen Schwertadel entstammend, aus dem Lande »zwischen Luch und Bruch« gesprossen, dessen Sand und Sumpf seit Jahrhunderten in zahllosen Schlachten das Blut ihrer Sippen aufgefangen. Der alte General war Witwer. Er hatte sich seit seiner Pensionierung ein etwas jugendliches, tänzelndes Wesen und eine aufgeregte Sprechweise angewöhnt. Trotzdem verfiel der kleine, silberhaarige Herr rapide in dem erzwungenen Müßiggang. Zu seiner Rechten saß, als die vornehmste Dame der Gesellschaft, die hagere, distinguierte Exzellenz von Isingen. Ihr Mann, der General der Infanterie z. D., saß gegenüber. Er war ein straffer, finster blickender Militär, der seine Zeit noch lange nicht für verronnen hielt. War doch in letzter Zeit mehr als ein zur Disposition gestellter Herr mit glänzendem Erfolg wieder »ausgegraben« worden. Manche hielten ihn denn auch noch für einen »kommenden Mann«. Von dem runden, biederen Hauptmann von Harwitz, der gegenüber seiner hübschen Frau am Ende der Tafel saß, erwartete man keine solche Karriere. Die Familie war einig, daß er an der Majorsecke stranden und ein Bezirkskommando erhalten würde. Er fühlte sich etwas ungemütlich, weil er neben der stillen, bleichen Frau von Elcke saß. Die Greisin war schon seit fast einem Menschenalter Witwe. 1870 hatte ihr der Tod in einer Stunde den Gatten und beide Söhne entrissen; an jenem furchtbaren 18. August, da auf den Feldern von St. Privat, wie sich sonst ihr anderer Nachbar, der Generalstabsoberst v. d. Lünne, auszudrücken pflegte, eine Generation des preußischen Gardeadels von der Erde vertilgt wurde. »Habe selbst an der einen Kirche vierzig tote Herren von der Garde in Reihen liegen sehen,« bemerkte er dann wohl, »und was ist das schließlich gegen den Siebenjährigen Krieg, wo allein siebenunddreißig Wedells und vierzig Kleists vor dem Feinde starben.« Dann war da noch der Oberst von Westrow von der schwarzen Linie, ein flotter Feldsoldat, mit seiner Frau und zwei niedlichen, kaum dem Backfischalter entwachsenen Töchtern, und einige Leutnants, Isingens und Westrows durcheinander, darunter ein oder zwei mit ihren jungen Frauen. In der Mitte war für den Major von Rönne ein Stuhl reserviert, weiter unten einer für seinen Stiefbruder, den einzigen Zivilisten in diesem Kreise. Hatte doch sein lahmes Bein den Ärmsten gehindert, dem Beispiel der Vorfahren zu folgen. Wirklich erschienen die beiden Brüder einen Augenblick zu spät, und der Major begann beim Eintreten sich in beinahe auffälliger Verlegenheit zu entschuldigen. Aber der kleine General ließ ihn gar nicht zu Worte kommen. »Tjä ... tjä ... Liebster, Bester!« rief er eifrig. »Keine Exküsen ... bitte jehorsamst ... in Ihrer schönen, verantwortlichen Stellung kommt der Dienst vor allem, und erst, wenn der getan ist, sind Sie Mensch und können an anderes denken ... und darunter auch an Ihren alten Freund und Jönner Westrow! Hier, lieber Major ... und Sie da unten ... Sie Assessor! ... Karl, die Suppe für die Herren, aber ein bißchen dalli ... sehen wirklich übermüdet aus, Major!« So setzte man sich. Wenn die wüßten, wo wir herkommen, dachte der Assessor, während er die Serviette entfaltete. Aber soll ich ihnen etwa sagen, daß wir uns mit zwei kleinen Theaterprinzessinnen im »Nassen Dreieck« verbummelt haben? Entsetzlich! Das bei ihrem Eintritt unterbrochene Gespräch wurde wieder aufgenommen. »Nein, ich versichere Sie,« sagte die hübsche kleine Frau von Harwitz mit ihrer Kinderstimme, »Hans Dobrecht stand im 5. Garde-Regiment, ehe er heiratete und sich zu den 22. Husaren versetzen ließ.« »Es waren damals drei Dobrechts in dem Regiment,« bemerkte in seinem tiefen Baß der Oberst von Westrow, »man nannte sie die drei D's.« »Ja,« sagte Herr v. d. Lünne, »der dicke Dobrecht, der dolle Dobrecht und ... ja ... und ...« »Und der dumme Dobrecht,« ergänzte der Hauptmann von Harwitz behaglich, »den meint meine Frau ja eben!« Darüber lachte man. »Wo sind denn die beiden andern hin?« »Der eine steht noch im Re'ment«, sagte unten einer der Leutnants von Isingen. »Das ist der dicke,« hieß es, »der soll jetzt ein ›Streber‹ geworden sein.« »Und der andere hat auch geheiratet und als Reichmeier seinen Abschied genommen. Lebt jetzt in Wiesbaden. Seine Frau ist eine Tochter von dem General von Ehrenschwert II.« »Der die 80. Kavalleriebrigade hat?« »Ja, eben der! Früher bei den Winterfeldt-Dragonern.« »Ist denn der so reich?« »Ja ... die Frau hat's ... eine Amerikanerin! Sind übrigens vier Töchter da!« Und so kam man von den Dobrechts auf die Ehrenschwerts und von diesen auf die ihnen vervetterte Sippe der von Messow auf Pletzow, deren einer Sprosse, der 10. Kürassier, eben sich mit einem Fräulein Westrow verlobt hatte. Herrn v. d. Lünne, den eleganten Generalstäbler und Prinzenadjutanten, langweilte diese Familiensimpelei denn doch allmählich. Er wandte sich zu dem Major. »Na, alter, tüchtiger Rönne, was machen denn Sie für Geschäfte?« Der fuhr wie aus einem Traum auf. »Danke, ganz gut, lieber Lünne«, sagte er rasch. Er hat mich gar nicht verstanden, dachte der Generalstäbler und fügte laut hinzu: »Und wie geht's der Frau Gemahlin?« »Meiner Frau? ... Wie immer!« sagte der Major ruhig. »Sie wissen ja – von Besserung kann kaum mehr die Rede sein!« »Nun, nun, nur immer Kopf hoch!« Der elegante Herr v. d. Lünne sah etwas verwirrt auf seinen Teller nieder. Er hatte ganz vergessen, daß Frau v. Rönne schon seit Jahren bettlägerig war. Bald nach dem Tode ihrer beiden Kinder hatte sich das schleichende Leiden eingestellt. Die Ärzte hielten das Ende für nahe. Aber der Major war nicht der Mann, andere unnütz in Verlegenheit zu lassen. »Haben Sie schon die neueste Sache von Boguslawski gelesen, Lünne?« fragte er über den Tisch hinüber. Der Generalstäbler bejahte eifrig, und sofort waren die beiden Herren in ein Fachgespräch über die bei der ersten Besetzung von Orleans 1870 begangenen Fehler vertieft. Aber bald wurden sie wieder gestört. »Hören Sie mal, lieber Lünne,« rief der Oberst von Westrow vom unteren Ende der Tafel mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme, »Sie sind ja doch vereidigter ›Bärenführer‹ ...« »Das ist nämlich ein Spitzname für die Adjutanten der Duodezprinzen«, belehrte flüsternd seine kleine blonde Tochter den neben ihr sitzenden Assessor. »... und kennen alle Hofgeschichten«, fuhr der Oberst fort. »Nu sagen Sie mal, die jetzige Großfürstin Arkad ist doch eine geborene Stayningen-Westerfeld; hier Exzellenz meint, sie sei eine Stayningen-Altstayningen.« »Nicht doch, Exzellenz,« erwiderte Herr v. d. Lünne verbindlich, »diese Linie ist erloschen. Sie ist eine Stayningen- Westerfeld, aus der zweiten Ehe des Fürsten mit Prinzeß Clara Dietenstein.« Darüber entspannen sich neue Erörterungen, an denen sich auch die Damen lebhaft beteiligten. Der Major schwieg. Mehr denn je ermüdete ihn dieses stundenlange Hin- und Hergerede über Verwandte und Bekannte, die eigentlich so wenig des Interessanten boten. Er war viel im Reiche umhergekommen. In Kasinos und Honoratiorenklubs, an Fürstentafeln und als Manövergast der Schlösser hatte er in Ostpreußen wie in Schwaben, an der Elbe wie am Rhein die oberen Zehntausend kennengelernt. Und doch war es dem Major von Rönne, als habe er sein ganzes Leben auf einer Art Insel zugebracht, einer Insel, die außer ihm noch einige hundert oder tausend Menschen beherbergte. Und das seit dem Tage, da man ihn, den neunjährigen Knirps, in die Kadettenuniform eingeknöpft, viele Jahre hindurch bis jetzt. Diese Insel hatte er in jeder Stadt neu vorgefunden, in die ihn das Schicksal führte. Immer dieselben Kasinos und Kasernen, derselbe Kreis glänzender Uniformen, der sich, nicht unfreundlich, aber bestimmt, gegen die übrige Welt abschloß. Und in dieser Welt mußte sich doch auch leben lassen. Und sie selbst, sie lebten doch von dieser Welt. Denn von fern her, wo die Maschinen summten und surrten, wo aus der Handwerksstätte der Hobel schrillte und der Hammer klang, wo der Bauer zitternden Armes mit der Pflugschar die fettglänzenden Schollen umlegte und der Winzer mit Bastschnur die Rebenschößlinge aufband, von da kam das Geld, die Hunderte von Millionen, deren die Armee bedurfte. Gewiß, diese Armee war notwendig: für den Frieden, zu dem jene Welt betete, und für den Krieg, den er ersehnte. Aber der Krieg kam ja nicht. Seit zwei Jahrzehnten stand man nun gewappnet und wappnete sich alljährlich stärker, und die anderen rüsteten dagegen, und schließlich ... Die Geschichte jenes mittelalterlichen Turniers fiel ihm ein, wo sechzig Ritter ohne einen Schwertstreich vor Staub und Hitze in ihren überschweren Harnischen erstickten. Da entstand ein Stühlerücken. Die Exzellenz von Isingen hob die Tafel auf und schritt am Arme des Gastgebers in den Salon. Dort blieb man noch einige Zeit, Kaffee trinkend und plaudernd, stehen. Dann verzogen sich die Damen ins Nebenzimmer, und bald entwickelte sich dort eine lebhafte Unterhaltung, bei der der zahlreiche Kindersegen der Familien Westrow und Isingen, die Dienstbotenfrage und das Problem »Hertzog oder Gerson?« die Hauptrolle spielte. Die Männer blieben zurück, um bei einem Glase Bier zu plaudern. Das Gespräch nahm sofort eine Wendung zu ernsten Dingen. Der finstere General von Isingen, der bis dahin fast fortwährend geschwiegen, entwickelte in glänzender Knappheit seine Ansichten gegen die zweijährige Dienstzeit, wegen der er seinen Abschied genommen; der Generalstäbler widersprach höflich unter Darlegung der politischen Verhältnisse, die er bis auf das kleinste beherrschte; einer der jungen Leutnants, der fließend Russisch sprach, berichtete von seinem Aufenthalt im Lager zu Krasnoje Selo, und die andern hörten aufmerksam zu. »Traurig, aber wahr!« sagte Lünne zu dem Major. »Solange die Damen da sind, kann man über nichts Ernsthaftes reden. Über den Gothaer Almanach, die Rangliste und den Familientratsch kommen sie nun einmal nicht hinaus!« »Solange ich mich entsinne,« meinte der Major, »war das wohl immer so.« »Und wissen Sie, woher das kommt?« fuhr der Generalstäbler fort. »Weil unsere Frauen keine eigenen Interessen haben. Wir zwingen sie, sich an unseren Berufssorgen, an Dienst- und Personalfragen zu beteiligen. Aber alles das, was ihnen eigentlich zukommt, wodurch eine Frau den Salon beherrscht, die Konversation leitet und die Männer aus ihrer Fachsimpelei herausreißt, das liegt bei ihnen brach.« »Und was ist das?« »Alles mögliche,« sagte der Generalstäbler achselzuckend, »Musik, Kunst, Bühne, Literatur – das alles gibt es für uns kaum. Nein, widersprechen Sie nicht, lieber Rönne, in uns als Gesamtheit lebt noch das gesunde altpreußische Barbarentum. Und wir haben recht, es zu bewahren; denn es hat uns groß gemacht im Volke der Dichter und Denker.«   »War das mal wieder langweilig bei Westrow!« seufzte der Assessor, während er mit seinem Bruder durch die stille Nachtluft nach dessen Wohnung schritt. »Wie immer!« sagte der kurz. »Vielleicht war es heute noch der besondere Kontrast ... erst im Ausstellungspark und dann ...« Er blieb aufgeregt stehen. »Also Thilda hat dir gefallen?« »Ich habe dir schon gesagt: wir sprechen noch darüber!« erwiderte der Major. »Vor allem reise in den nächsten Tagen in die Neumark und suche Onkel Klaus zu beruhigen. Dem haben sie von hier geschrieben, du seiest mit einer Balletteuse verlobt!« »Ach, diese ...« Der Assessor ballte grimmig die Faust und schwieg eine Weile. »Übrigens ein verrücktes Mädel, das sie da mitbrachte,« sagte er dann, »findest du nicht?« »Wer? Ach so, diese Kleine?« erwiderte der Major gleichgültig. »Ja ...!« »Du hast nicht so auf sie geachtet,« fuhr sein Bruder fort, »aber eigentlich ist sie bildhübsch!« »Ein reizendes Geschöpf ist sie!« sagte Herr von Rönne, vor seiner Haustür stehenbleibend, und reichte dem Assessor die Hand. »Gute Nacht!« »Gute Nacht, Albrecht! Also du bist nicht böse wegen der Überrumpelung?« »Nein!«   Oben im Flur erwartete der Bursche den Major. Die gnädige Frau, meldete er, die Lampe anzündend, schliefe schon seit dem frühen Abend. Der Major wußte, was das hieß. Man hatte durch Morphium ihre Schmerzen lindern müssen. Leise trat er in ihr dämmeriges Gemach und warf einen Blick auf das blasse, verwelkte Gesicht der Leidenden, das regungslos, mit geschlossenen Augen, in den weißen Kissen lag. Dann kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück. Ein feiner Zigarrendunst erfüllte den Raum. Auf dem großen Studiertisch warf die Lampe ihr gelbes Licht über die ringsum ausgebreiteten Karten und Pläne, die Bücher und Manuskripte. Links in der Ecke stand eine Büste Moltkes neben einem Bücherbrett, auf dem Clausewitz' gesammelte Werke und das Generalstabswerk von 1870 sich befanden. Rönne setzte sich an den Tisch. Er wollte noch arbeiten. Seit das Unglück über ihn gekommen, das ihm die Kinder raubte und die Frau aufs Krankenlager warf, war der Dienst sein Trost und seine Erholung. Aber lange schon merkte er mit innerem Schrecken, wie der Dienst ihm schwerer und schwerer wurde. Das, was er als junger Offizier verzweifelt in sich niedergekämpft, stieg von neuem auf. Damals hatte er durchaus seinen Abschied nehmen wollen, in jener Zeit, wo er sich nach der rohen, gemütsverhärtenden Öde des Kadettenlebens, den Brausejahren des ersten Leutnantstums allmählich zum Manne reifen fühlte. Da gab es Tage, wo ihm, dem feinfühligen, stillen Denker, alles umher unerträglich schien, das rohe Brüllen der Unteroffiziere im Kasernenhof, das eintönige Plärren der Kartoffeln schälenden Mannschaften daneben, das rüde Angeschnauztwerden von seiten der Vorgesetzten, die ihn vielleicht am Abend vorher freundlich als ihren Gast bei sich gesehen hatten ... und das alles geheiligt durch den »Dienst«, jenen unfaßbaren, unwägbaren Begriff, in dem er damals nur die Vernichtung der Persönlichkeit erkennen konnte. Aber was hätte er werden sollen? In jenem Lande der Freiheit, in jenem Strom der großen Welt, zu der ihn ein unbestimmtes Sehnen trieb, sah er so viele gescheiterte Offiziersexistenzen, so wenige, die es zu etwas gebracht. Und die waren ausnahmslos wohlhabend gewesen. Er aber war arm! Und so beschied er sich und fügte sich dem Willen der Familie, dem Rat der Vorgesetzten, der Stimme der Vernunft. Gewaltsam zwang er alles in sich nieder, was ihn an seine Wünsche hätte erinnern können; er sah kein Buch mehr an, er hatte keine Interessen mehr als seinen Dienst, er ging auf im Treiben des Exerzierplatzes und des Kasinos. Und als ihn dann eine Erbschaft in den Stand setzte, zu heiraten, als er in der neuen Stellung eines Kompagniechefs zum erstenmal selbständig zu befehlen, nicht wie bisher durch zwölf Jahre bloß zu gehorchen hatte, und als zwei Blondköpfchen ihn vom Fenster militärisch grüßten, wenn er an der Spitze seiner Leute zurückritt, da schien alles gut. Jetzt war er wieder allein. Fast schlimmer als allein. Und die Zukunft lag trübe vor ihm. Jahre und Jahre hatte er auf den Krieg gehofft. Jahre und Jahrzehnte verrannen, und die Armee stand unbeweglich. Die alte Generation schwand dahin, die neue kam und ging. Von den Generalen, die man zu seiner Fähnrichszeit teils mit Ehrfurcht, teils nur mit Furcht genannt, wußte man jetzt kaum mehr die Namen, von seinen Altersgenossen war schon wohl die Hälfte aus der Armee verschollen. So würde es auch ihm dereinst ergehen. Er fühlte sich älter, als er war. 1872 hatte er mit achtzehn Jahren die Epauletten empfangen. Jetzt stand er zu Anfang der Vierzig. Aber schon zeigte sich da und dort ein leichter silberner Schimmer in seinem Haar, und sein Auge blickte müde. Die Last eines unbefriedigten, ihm zwecklos erscheinenden Daseins drückte schwer auf ihn. Oft dachte er daran, seinen Abschied zu nehmen. Aber was dann? Einen neuen Beruf zu ergreifen, dazu war es zu spät. Und nur seiner Persönlichkeit zu leben, wie er es als junger Leutnant geträumt und jetzt als wohlhabender Mann tun konnte, ungehindert die Welt zu durchstreifen, deren Leid und Freud' er bisher nur vom Kasinofenster aus betrachtet, dazu mußte er wirklich frei sein. Der Major warf einen Blick durch die Zimmerflucht, die ihn von dem Krankenbett seiner Gemahlin trennte, und setzte sich schweigend an die Arbeit. Aber während er sich über seine Manöverkarten beugte, klang es wie ein leises, helles Lachen an sein Ohr, und eine übermütige Stimme flüsterte ihm zu: »Sie sehen, die Welt geht nicht zugrunde, auch wenn Sie einmal einen Tag lang keine Schlachtpläne machen.« VII. Langsam neigte sich der August seinem Ende zu. Es entging Valeska nicht, daß allmählich in dem Leben des Berliner Westens eine bedeutsame Veränderung eintrat. Man sah häufig Gepäckdroschken, von den Bahnhöfen kommend, vor den Häusern des Tiergartenviertels halten; auf den Straßen erblickte man sonnengebräunte Gesichter. An den Litfaßsäulen, wo den August hindurch zwischen den riesigen, schreiend bunten Plakaten der Tingeltangel und Sommergärten allein der graue Zettel des Lessing-Theaters die großen Bühnen vertreten hatte, zeigte sich eine lange Reihe von Annoncen, die für den 29. August oder 1. September die Wiedereröffnung der verschiedenen Theater anzeigten. Das Westend-Theater sollte am 29., einem Donnerstag, mit »Ellinor« herauskommen. Schon zwei Wochen vorher war dem Publikum durch eine an alle großen Zeitungen versandte Notiz diese Tatsache gemeldet worden. Seitdem folgten sich in kurzen Zwischenräumen die Nachrichten, daß die Proben zu »Ellinor« begännen, daß dieselben rüstig fortschritten, daß in der Novität die Damen Dobschütz, Stadinger und Thorbeck, die Herren Grillon und Frey hervorragend beschäftigt seien. Der Umstand, daß die Zensur zwei kleine Stellen beanstandet hatte, gab zu weiteren Mitteilungen Anlaß, die zunächst ein bevorstehendes Verbot des Stückes ahnen ließen, um mit dessen nach gütlicher Vereinbarung erfolgter Freigabe desto angenehmer zu überraschen. Daß zahlreiche auswärtige Bühnenleiter sich um die Novität bewarben, mehrere ihr Eintreffen zu der Premiere in Aussicht gestellt, blieb gleichfalls nicht verschwiegen. Und da an allen diesen Nachrichten etwas Wahres war, fanden sie unbeanstandet ihren Weg bis in die größten Blätter. Valeska sehnte den Beginn der Saison herbei. Sie langweilte sich tödlich. Jeden Morgen war von zehn bis ein oder zwei Uhr Probe zu »Ellinor«. Dann ging sie nach Hause zum Mittagessen, und von da ab lag der Nachmittag und Abend in gähnender Leere vor ihr. Mit Thilda war sie zwar öfters zusammen. Doch waren deren Hausgenossen vom Bade zurückgekehrt und nahmen sie für sich in Anspruch. Anziehend waren diese Leute, ein pensionierter Rechnungsrat mit Familie, gerade nicht, und auch Thilda selbst wurde auf die Dauer mit den ewigen Verhimmelungen ihres bei dem Onkel Klaus in der Neumark weilenden Assessors allmählich langweilig. Und andere Bekanntschaften hatte sie nicht. Zwar war Herr Hassel, der Agent, einmal bei ihr erschienen, um sich mit väterlichem Wohlwollen nach ihrem Befinden zu erkundigen. Doch empfing sie ihn, durch trübe Erfahrungen gewitzigt, im Salon in Gegenwart der ab- und zugehenden Frau von Haidenschild, und der Greis empfahl sich still. Im Theater traf sie auch nur die paar Kollegen, die in »Ellinor« beschäftigt waren. Die andern erschienen allenfalls einen Augenblick auf dem Bureau. Thilda zeigte ihr Käthe Hannemann, ein großes, üppiges Mädchen mit weichlich-schönen Zügen, und Franziska Ilgen, eine pikante Brünette in feuerroter Sommerbluse und großem Strohhut. Aber zu persönlicher Bekanntschaft kam es nicht. Sie hätte ja leicht Verbindungen anknüpfen können. Harald Grillon und ein anderer Kollege hatten bei ihr vorgesprochen, mußten sich aber mit Zurücklassung ihrer Karten entfernen. Dann hatte sich eine ältliche, runde Dame an Valeska herangedrängt und sie aufgefordert, sie zu besuchen. Es verkehrten bei ihr viele Damen vom Theater! Das war in gewissem Sinne richtig. In ihrer Wohnung fanden ab und zu Gesellschaften statt, wo sich jüngeren Kavalieren und Offizieren in Zivil die Gelegenheit bot, eine Anzahl kleiner Mädchen von Chor und Komparserie der Vorstadtbühnen kennenzulernen. Natürlich in allen Ehren. Darauf hielt die Dame in ihrem Haus. Was weiter aus dem Verhältnis wurde, ging sie nichts an. Aber Valeska fertigte sie schnöde ab. »An mir werden Sie keine Provision verdienen!« sagte sie gleichmütig und wandte ihr den Rücken. Ebenso widerstand sie der ihr von Frau von Haidenschild nahegelegten Versuchung, bei einigen von ihr genannten Familien Visite zu machen. Thilda hatte sie gewarnt: »Es sind die alleruntersten Schichten der Börse! Du wirst dort nur eingeladen, um hübsch auszusehen, dir von den Herren das zuflüstern zu lassen, was sie sich den anderen Damen gegenüber nicht gestatten, und zum Schluß als Dank für Wein und Braten der jubelnden Gesellschaft etwas möglichst Verfängliches zu deklamieren. Hast du Glück, so triffst du dort auch einmal eine gefeierte Tingeltangelsängerin als Kollegin an!« Da ging sie also nicht hin. Sie war überhaupt an Grau von Haidenschild irre geworden, seit sie neulich durch Zufall einen Blick in die sonst hermetisch verschlossenen Flurzimmer des Grafen Vach geworfen hatte, in denen die Magd eben scheuerte. Das war keine Garçonwohnung, nein, ein raffiniert ausgestattetes blauseidenes Boudoir mit Hängeampel und Himmelbett, mit einem großen Bärenfell und türkischen Wandteppichen. Ehe sie sich noch von ihrem Erstaunen erholte, lief Frau von Haidenschild an ihr vorbei in das Zimmer und schlug die Tür zu. Von innen hörte man, wie sie die säumige Magd ausschalt. Seitdem lebte die Haidenschild mit Valeska auf dem Kriegsfuß, wenn sie auch nichts zu sagen wagte. Endlich war der Tag vor der Aufführung der »Ellinor« gekommen. Er brachte die Kostümprobe, die um ein halb elf Uhr begann. »Pass' auf!« sagte Thilda lachend in der Garderobe zu Valeska, während sie sich das Gesicht vor dem Spiegel mit Kakaobutter einrieb, daß es glänzte ... »Mit diesem Anzug kommst du nicht durch! Du siehst viel zu zierlich und niedlich aus in dem weißen Häubchen und der weißen Schürze und den Hackenstiefelchen und den bloßen Armen! So geht eine Wirtin in der Operette, aber nicht eine Berliner Dienstmagd!« Und richtig! Kaum war der Vorhang in die Höhe gegangen und Valeska auf der Bühne erschienen, so erhob sich Hochmann, der einsam vorn im Parkett saß – der Autor hatte sich mit ihm endgültig überworfen und nahm nicht mehr an den Proben teil –, und klopfte energisch ab. »Unmöglich, Elten ..., unmöglich!« rief er ... »warum nicht lieber gleich in Balltoilette? ... Sie sind Dienstmädchen bei einem Schnittwarenhändler – bei einem Schnittwarenhändler ...«, wiederholte er sinnend ... »Sehen Sie sich bitte nachher das erste beste Dienstmädchen an ... Nebenan in der Markthalle am Magdeburger Platz finden Sie, soviel Sie wollen, und kleiden Sie sich danach ... So – nun weiter!« Die Elten seufzte, beorderte, nach Hause zurückgekehrt, Frau von Haidenschilds Magd zu sich, sah sie prüfend an und entließ das grinsende Geschöpf mit befriedigtem Kopfnicken. Eine Stunde darauf klingelte sie ihr wieder, und die Magd sah beim Eintreten mit dumpfem Erstaunen, daß das Fräulein sich inzwischen auch in ein besseres »Mädchen für alles« verwandelt hatte. »Haben Sie Zeit?« fragte Valeska ... »Ich möchte mit Ihnen auf den Boden hinaufgehen ..., so, wie ich bin ..., und ein wenig in meinen Koffern kramen.« »Aber da wird ja det neue Kleid staubig!« grinste die Magd. »Das soll es ja gerade!« sagte Valeska unwirsch. »Nachher mache ich noch ein paar Ölflecke hinein, und Sie können mir die blaue Schürze da am Herd etwas rußig machen. Es muß alles ganz echt werden!« Als die beiden nach einer halben Stunde mit klappernden Schuhen vom Boden wieder herunter kamen, begegnete ihnen auf dem Hausflur ein hübscher, etwas verlebt aussehender junger Mann. Valeska erblickend, blieb er stehen, legte den Arm um sie und küßte sie, als ob sich das von selbst verstände. »Mein Herr ...« schrie die Elten empört. »Mein Fräulein!« sagte der Kavalier freundlich lächelnd, lüftete seinen Hut und stieg die Treppe hinunter. »Er hält Ihnen doch für'n Dienstmädchen!« kicherte die Magd, strahlend vor Entzücken. »Der wird sich wundern, wenn ick ihm sage ...« »Wer ist es denn?« »Der Herr Jraf von Vach!« »Sie sagen ihm kein Wort ... verstanden!« befahl Valeska zornig, ging auf ihr Zimmer und zog sich um. Ein unverschämter Mensch, dachte sie bei sich, ein Glück, daß es wenigstens ein Graf war!   »Sie werden sehen, Gnädigste,« sagte am selben Abend Dr. Lenze, der Herausgeber der »Europäischen Korrespondenz«, zu ihr, »es gibt einen Durchfall mit Pauken und Trompeten!« »Woher wissen Sie denn das?« Valeska sah den blassen Journalisten, der trotz seiner stutzerhaften Kleidung so merkwürdig verkommen aussah, belustigt an. »Das liegt in der Luft!« erwiderte Herr Lenze kurz. »Freilich, man irrt sich auch zuweilen, wenn Sie sich entschließen wollten, heute, an diesem schönen Sommerabend, mit mir einen kurzen Spaziergang zu machen, erzähle ich Ihnen mehr darüber.« Allein Valeska dachte nicht an einen solchen Spaziergang. An allerlei kleinen Anzeichen, namentlich an der Häufigkeit der Begegnungen, die der Herausgeber der »Korrespondenz« mit ihr herbeizuführen wußte, merkte sie zwar, daß er gründlich in sie verschossen war – der erste in Berlin! – aber das fehlte noch, sich mit solch einem Habenichts, der Plötzensee von inwendig kannte, und zwar, wie sie jetzt erfahren, nicht nur wegen Preßvergehen, sich in Dummheiten einzulassen. Außerdem gefiel er ihr auch nicht. Er war kein richtiger Kavalier und war kein rechter Journalist, sondern ein Zerrbild von beiden, das ihr höchstens ein gewisses Mitleid einflößte.   Am folgenden Tage, dem 29. August, stand Valeska, von der letzten kurzen Probe kommend, andächtig in der Sonnenglut vor einer Litfaßsäule und las den Zettel des Westend-Theaters. »Rieke, Dienstmagd . . Valeska Elten« hieß es da ganz am untersten Ende des Personenverzeichnisses. Sie seufzte. In Bergheim hatte sie immer ganz hoch oben gestanden. Wo waren jetzt ihre Träume von der »Francillon« und der »Magda« geblieben? Es war noch taghell, als sie gegen halb sieben Uhr abends hinüber in das Theater ging, um sich in ihrer Garderobe mit Ruhe umzukleiden, da sie ja die ersten Worte in dem Stück hatte. Von Publikum noch keine Spur. Ein paar in der Sonne blinzelnde Schutzleute vor dem Theater und, in weitem Bogen um sie kreisend, zwei oder drei Billetthändler. Einer von diesen bot Valeska zwei gute Parkettsitze in der vordersten Reihe an, und sie lachte noch über diese Idee, als sie schon in den Bühnenraum trat. Von den andern war noch keiner da. Doch stand auf der Bühne bereits die Dekoration des ersten Aktes, ein kleinbürgerliches Wohnzimmer. Sie sah sich darin um und blickte durch das Loch im Vorhang in den Zuschauerraum, der hell erleuchtet, aber vollkommen menschenleer vor ihr lag. Auch auf der Szene war niemand zu sehen. Ihr eigener Schritt verhallte lautlos in dem Bühnenteppich, als sie wieder nach hinten ging. Es war beinahe unheimlich. Aber schon während sie sich in ihrem erstickend heißen Zimmerchen mit Hilfe der Garderobiere in die bewußte Rieke verwandelte, wurde es um sie lebendig. Zuerst kam Thilda zu ihr herein und warf sich phlegmatisch in das Kostüm der englischen Gouvernante. Furchtbar mager ist doch das Mädel! dachte Valeska, sie verstohlen ansehend. Dann liefen draußen Garderobefrauen und die Friseusen hin und her, offenbar von der allmächtigen Dobschütz in Bewegung gesetzt, und aus dem Nebenraum hörte man, wie Mizi Stadinger, nach ihrer Gewohnheit einen Gassenhauer pfeifend, herumkramte. Als Valeska geschminkt und kostümiert auf die Bühne trat, herrschte auch da schon reges Treiben. In der ersten Kulisse standen rechts und links zwei Feuerwehrwachen im blinkenden Helm zum Dienst bereit, im Souffleurkasten hatte sich Frau Kautz in ihrem verschossenen, rotgefütterten Lehnstuhl niedergelassen und blickte, an einem Strumpfe strickend, in das während der Proben vielfach mit roten Strichen, mit überklebten und eingeschriebenen Stellen versehene Buch des Stückes, das vor ihr aufgeklappt lag; der Inspizient ging in seinem charakteristisch lautlosen, schleichenden Schritt, das Regiebuch in der Hand, auf und nieder und warf zuweilen einen prüfenden Blick auf den großen Tisch im Hintergrund, wo die Requisiten für den ersten Akt: ein Hut, ein Mantel, ein Pack Zeitungen, eine Schnapsflasche mit zwei Gläsern, ein paar Stoffmuster, beisammen lagen und standen. Auf der Szene selbst waren zwei Arbeiter, am Boden kniend, damit beschäftigt, eine Seitenwand besser zu befestigen. Gedämpft klang ihr vorsichtiges Pochen durch das Geflüster auf der Bühne und das dumpfe Summen und Sesselklappen, das vom Zuschauerraum drang. Hochmann selbst ging mit großen Schritten auf und nieder, ein zierliches Ordenskettchen auf dem Frack, und ab und zu die weiße Binde zurechtzupfend. Wie immer, wenn er aufgeregt war, verspürte er alle fünf Minuten Brandgeruch aus irgendeinem Winkel des Theaters und ließ sich nur mit Mühe durch den Hausinspektor beruhigen. Harald Grillon saß, rosig geschminkt, mit langem, blondem Schnurrbart und wie ein Jüngling aussehend, auf einem der Rohrstühle hinter der Szene und überlas murmelnd seine Rolle. Die Luft war schwül. »Sprich nur jetzt niemanden an,« sagte Thilda leise zu ihrer Freundin, »ich rate dir im guten.« Der Direktor sah auf die Uhr. »Bitten Sie Fräulein Dobschütz,« sagte er zu dem Inspizienten und verließ durch die kleine eiserne Tür den Bühnenraum, um in der Direktionsloge neben seiner Frau Platz zu nehmen. Bald rauschte denn auch die Dobschütz auf die Bühne, sehr bleich und nervös, ein Flakon mit Kölnischem Wasser in der Hand, und ging mit der Miene einer gekränkten Herzogin quer über die Szene bis zu dem Sessel rechts vorn, wo sie sich niederließ und schweratmend regungslos dasaß. »Bühne frei!« rief der Inspizient leise. Die Theaterarbeiter verschwanden in zwei Sprüngen, und Thilda huschte durch die Mitte hinaus, so daß die Dobschütz allein zurückblieb ... »Herr Grillon, ... Fräulein Elten, ... an den Eingang links ... so ...« Das erste Klingelzeichen tönte. Eine längere Pause entstand. Da gab Hochmann, von seiner Loge aus das Publikum betrachtend, einen fast unmerklichen Wink. Zwei kurze Glockenschläge, ein in der ersten Kulisse links gezischtes »Auf!«, und der Vorhang ging in die Höhe. »Hinaus!« Der Inspizient zog mit der linken Hand an einer Schnur die Papptür auf, mit der rechten schob er Valeska nach vorn. In der plötzlichen Totenstille, die im Hause eintrat, machte Valeska die Meldung, daß der Herr Baron draußen sei, ließ Harald Grillon, der schon hinter der Kulisse sein sonniges, Herzen knickendes Lächeln auf dem Gesicht fixiert hatte, herein und verschwand nach links. »Heiß ist es heute!« sagte sie zu Thilda, die da nervös gähnend auf einem Strohstuhl saß, und nahm neben ihr Platz. »Ich bin jetzt schon ganz naß!« Dann schwiegen beide. »Das Haus ist kaum halb voll,« versetzte Thilda nach einiger Zeit, »natürlich – eine Augustpremiere ...« »Um so besser, wenn's durchfällt«, meinte die Elten. Aber ihre Freundin bat sie dringend, hier nicht laut von derlei zu sprechen. Wieder saßen sie eine Weile still beisammen. Von der Bühne her drang eintönig durch die dünne Pappwand die Stimme der Dobschütz und Grillons sonores Organ. Vor ihnen schritt, seine Rolle hinmurmelnd, mit kniffligem Gesicht der Väterspieler, den sein Weib, die Dobschütz, da draußen betrog. Dann kam die Mizi, apathisch wie immer, stellte sich an die Mitteltür und wurde vom Inspizienten hinausbefördert. »Findest du nicht, daß ich scheußlich aussehe?« fragte nach einiger Zeit Valeska und blickte an ihrem groben Kattunkleid und der blauen Küchenschürze hinab. Aber Thilda war nicht dieser Meinung. »Es steht dir ganz gut,« sagte sie, »auch der Wuschelkopf, den du dir da zurechtgemacht hast, und die Schlappschuhe ... eben, weil es gar nicht zu deiner Erscheinung und zu deinem hochmütigen Gesichtchen paßt. Du siehst aus, wie 'ne Prinzessin auf dem Maskenball!« »Um so besser!« sagte die Elten. »O Gott, die Hitze!« Mizi kam durch die Mitte zurück, setzte sich neben die beiden und summte, mit den Beinen schlenkernd, töricht eine ganz leise Melodie vor sich hin. Dann war der Akt zu Ende. Ein mattes Prasseln drang aus dem Zuschauerraum und erstarb, noch während Grillon und die Dobschütz sich verbeugten. Der zweite Akt neigte sich dem Ende zu, als Valeska, ihres Stichwortes harrend, mit dem Teeservice an die Tür links trat. Voll bitteren Zornes betrachtete sie dieses Teebrett. Sie empfand eine Art persönlichen Hasses gegen die leeren Tassen, die leere Kanne, das leere Sahnentöpfchen und die anderen Dinge, die darauf lagen und standen. Sie dachte an die Glanzrollen, die sie in Bergheim gespielt, und an die einzelnen »Schlager« in diesen Glanzrollen. Sie wiederholte sich im Geiste das lachend-empörte »Hinaus! ... hinaus!« der Magda und Almas naiv- verderbte Frage: »Aber heute darf ich doch noch auf den Maskenball gehen?«, und dann Francillons berühmten Aufschrei: »Er hat gelogen!« und Ritas herziges: »Ihr bleibt der König auch in Unterhosen!« und ... Aber da fiel ihr Stichwort, und sie trat hinaus. Nachdem der Tee serviert war, hatte sie im Hintergrund unauffällig stehenzubleiben – durchaus unauffällig, Fräulein Dobschütz liebte kein stummes Spiel, während sie selbst sprach – und zu warten, bis die Gesellschaft sich entfernte. Dann blieb sie allein in einer stummen Szene auf der Bühne zurück, räumte den Tisch ab und verschwand nach links. Bis dahin hatte sie gut fünf Minuten Zeit. Sie musterte den Zuschauerraum. In langen Reihen saßen da wie Wachsfiguren die stummen Gestalten, vorn ganz lückenlos, gegen das Ende des Saales in verteilten Gruppen. Nichts regte sich an ihnen. Man glaubte, das schwere, eintönige Atmen dieser Hunderte von Menschen zu hören. In den Logen, die nur »garniert«, das heißt in den vordersten Plätzen besetzt waren, bewegte sich ab und zu etwas. Es wehte ein Fächer, ein Theaterzettel knisterte, man hörte das Rücken eines Stuhles. Besonders in der Proszeniumsloge links, hart an der Bühne, war es unruhig. Dort saß ein Schwarm eleganter Herren, Rohrstöcke mit goldenen Knöpfen in der Hand, die Zylinder auf dem Knie, mit schimmernder Hemdbrust und schwarzen Binden, ein zerschlissenes Chrysanthemum im Knopfloch des Smoking-Coats. Das waren Seybling und seine Freunde. Doch hatte Thilda der Elten nicht sagen können, wer von den Herren Seybling selbst war. Sie kannte ihn nur dem Namen nach. Er zeigte sich selten auf der Bühne oder im Direktionsbureau und war den meisten dieser kleinen Welt nur ein Begriff, ein unkörperliches Wesen, mit dem sich die Vorstellung ungeheurer Geldsummen verband. Valeska blickte wieder in das Parkett. Von diesen fremden Menschen da unten, deren Gesichter wie lange Reihen weißer Flecke undeutlich sich im Dämmerlicht abhoben, hing also ihr Schicksal ab! Das war das gefürchtete Premierenpublikum Berlins, oder wenigstens ein Teil davon – denn das Tiergartenviertel befand sich noch meist in der Sommerfrische –, jene achthundert oder tausend Menschen, die, heute abend im Westen, morgen im Osten der Hauptstadt auftauchend, souverän der deutschen Bühne und Bühnenliteratur den Stempel ihres Willens aufdrückten. Denn was nicht in Berlin die Feuertaufe empfangen – Valeska wußte das schon von Bergheim her –, dem begegnete die Provinz mit mitleidiger Geringschätzung. »Wenn ich nur ein paar von diesen Leuten kennte,« dachte sie, in das Parkett blickend, »nur einen einzigen wenigstens!« Und einen einzigen kannte sie wirklich! Es war gar kein Zweifel. Da unten saß in einer der vordersten Reihen der Major von Rönne, in Zivil natürlich ... in demselben grauen Zivil, das er neulich getragen. Wenn sie die Augen etwas schloß, um nicht durch das Flimmern des Rampenlichts geblendet zu werden, erkannte sie ihn ganz genau. Merkwürdig! Er hatte doch gesagt, daß er nie ins Theater ging! Aber ehe sie noch darüber nachdenken konnte, erhoben sich vorn Grillon, die Dobschütz und die anderen und traten nach rechts ab. Die Souffleuse gab ihr, vom Buch aufsehend, ein Zeichen. Sie schritt also vor und begann den Tisch abzuräumen. Alle Augen, das fühlte sie, waren in diesem Moment auf sie, die allein auf der Szene stand, gerichtet. Ein lautloses Schweigen herrschte im Zuschauerraum wie auf der Bühne. Selbst die Souffleuse war verstummt. Nur die Tassen und Löffel klirrten leise. Wozu diese stumme Szene notwendig sei, hatte sie einmal auf der Probe gefragt, und Hochmann hatte sie belehrt, daß dies den jetzt verpönten Monolog ersetze. Und Grillon hatte maliziös gemeint: »Man kann nicht in einem fort ehebrechen! Es muß auch Pausen geben!« – Endlich war sie fertig und trug das Brett hinter die Kulissen. Ein ironisches Klatschen erscholl da und dort. »Was heißt denn das?« fragte sie verblüfft den Inspizienten. Aber der zuckte die Achseln und ging weiter. Es herrschte überhaupt eine unangenehme Stimmung. Das merkte sie, wenn sie auch nicht recht begriff, warum. Besonders gegen das Ende des Aktes. Da scholl plötzlich ein- oder zweimal ein undefinierbares, dumpfes Geräusch aus dem bisher lautlosen Parkett, eine Art kurzes Murmeln, das sofort wieder verstummte. Hinter der Szene brachte es eine tiefe Wirkung hervor. Man sah sich an und zuckte bedeutsam die Achseln. Aber niemand sprach ein Wort. Und dann fiel der Vorhang, und das Prasseln klang noch matter als bisher hinterdrein. Die Szene wurde geändert. Theaterarbeiter liefen mit Möbeln hin und her, es tönte leises Hämmern und Pochen. Valeska stand müßig ganz im Hintergrund an der staubigen Backsteinmauer, neben dem Tisch, an dem der Inspizient seine Requisiten für den dritten Akt ordnete. Da trat ein Herr durch die Tür, die zum Zuschauerraum führte, und ging langsam längs der Wand nach hinten. Valeska betrachtete ihn neugierig. Das war also einer der Gigerl, von denen sie schon soviel in den Witzblättern gelesen. Aber freilich kein lächerlicher Gigerl. Im Gegenteil, der finstere, hünenhaft gebaute Dandy mit der weitläufig schlotternden Kleidung und der goldenen Keule imponierte ihr ungemein. Zu ihrem Erstaunen blieb er neben dem Requisitentisch stehen und warf aus seinen grauen, stählern glänzenden Augen einen Blick auf sie. »Den möchte ich nicht im Zorne sehen!« dachte Valeska beinahe furchtsam. »Das ist ja ein gefährlicher Mensch!« Aber der Fremde war augenblicklich durchaus nicht grimmig. »Nun ...!« sagte er ganz leutselig zu dem Regisseur, der, herbeikommend, ihn jetzt erst erblickte. »Sie haben ja da eine neue Kraft gewonnen ... wollen Sie mich nicht vorstellen?« »Aber ... bitt' schön, Herr Baron! ... Herr ... Herr von Seybling ... Fräulein Elten ...« Herr von Seybling! Ein freudiger Schrecken durchzuckte Valeska. »Oder störe ich Sie etwa?« fuhr jener fort. »Manche Künstler lieben es nicht, in den Zwischenakten aus dem Geiste ihrer Rolle gerissen zu werden.« »Ach bitte ...«, sagte Valeska scheu und sah zu dem Stutzer empor, dessen Riesengestalt sie hoch überragte, »meine Rolle ist nicht so groß.« »Aber Sie sehen wenigstens reizend aus! Darüber ist in unserer Loge alles einig!« »Ach ... in der Proszeniumsloge?« fragte Valeska schnell. »Da, wo alle die Gig... wo die Herren sitzen?« »Wo die Gigerl sitzen«, bestätigte Herr von Seybling ernsthaft. »Aber im Vertrauen gesagt, mein gnädiges Fräulein, es gibt gar keine Gigerl, sondern nur einige Menschen in Europa, die sich anständig anziehen. Und für manche andere fängt der Stutzer schon beim reinen Hemdkragen an!« »Ja ... verzeihen Sie bitte ...«, sagte Valeska, »ich bin eben erst aus der Provinz angekommen und fühle mich noch so dumm in Berlin ...« »Da läßt sich schon Rat schaffen, mein Fräulein!« Seyblings stählerner Blick heftete sich unverwandt und prüfend auf ihr Gesicht. »Ihnen kann es hier nicht fehlen, wenn Sie ...« Aber da tönte das Klingelzeichen zum dritten Akt. »Auf Wiedersehen!« sagte Seybling, reichte ihr seine Rechte, in der ihre schmale Hand fast verschwand, lüftete höflich den spiegelnden Zylinder und ging davon. Thilda kam in großer Aufregung heran. »Ich habe Seybling noch nie auf der Bühne gesehen. Er muß eigens wegen dir heraufgekommen sein!« »Tant mieux!« meinte die Elten leichtsinnig und mit pochendem Herzen. Thilda warf ihr einen strafenden Blick zu. »Sprich nicht so!« sagte sie kurz. »Sie ist doch ein blondes Schaf!« dachte Valeska und schwieg.   Wiederholt war während des dritten Aktes wieder jenes unheimliche Murmeln und Grollen im Parkett erklungen, und die Stimmung hinter den Kulissen wurde immer beklommener. Valeska hätte zu gern durch das kleine Drahtgitter in der ersten Kulisse einen Blick in den Zuschauerraum geworfen. Aber erstens stand der Feuerwehrmann davor, und zweitens war der unbefugte Aufenthalt dort bei zehn Mark Strafe verboten. Jetzt kam ihr Stichwort. »Nur man dreist!« sagte der Inspizient – sie wußte nicht recht warum – und ließ sie hinaustreten, um die Meldung zu erstatten, daß der gnädige Herr zurückkomme. Wieder entstand das Murmeln und Brausen, aber stärker als bisher, und verschlang beinahe Grillons Antwort. Die Angst überfiel Valeska. Gott sei Dank, sie hatte nur noch einen Satz! »Na ... nu wird's jut!« sagte sie mit gepreßter Stimme. Aber im nächsten Augenblick glaubte sie vor Schreck in die Erde zu sinken. Ein Sturm der Heiterkeit, Bravorufe, Händeklatschen und Gelächter erschütterte das Haus. Hatte sie sich versprochen ...? Oder war etwas an ihrer Kleidung ...? Nein. Sie warf einen ratlosen Blick auf das Publikum. Ein erneuter Jubelausbruch folgte. »Lacht nicht, ihr Ochsen!« zischte neben ihr Grillon fast lautlos durch die Zähne, und dann, vor Wut in sein angestammtes Wienerisch verfallend, zu Valeska: »Schau', daß d' weiterkommst!« Die ließ sich das nicht zweimal sagen. »Um Gottes willen,« flüsterte sie hinter der Kulisse zitternd dem Inspizienten zu, »was hab' ich denn gemacht?« »Ha, Elende!« klang da von der Bühne der Aufschrei des betrogenen Ehemanns. Ein donnernder Jubelsturm folgte. »Was sollen Sie denn getan haben?« erwiderte der Inspizient mürrisch. »Das Stück geht um die Ecke. Sie sehen's ja!« Bloß das Stück! Valeska seufzte erleichtert auf, lief in die Garderobe und zog sich so schnell wie möglich um. Als sie zurückkam, spielte man den vierten Akt. Das Unheil war im vollen Gange. Jedem fünften Satz folgte Lachen, Grollen und ironischer Beifall. An besonders markanten Stellen mischte sich Grunzen und Getrampel hinein. »Schluß! Schluß!« tönte es von zwei, drei Stimmen, dann dagegen protestierendes Zischen und ein schwacher, langgezogener Pfiff. Dann wurde es wieder ruhiger, und das Spiel ging weiter. »Gedenket der armen, unschuldigen Schauspieler!« sagte Thilda, von der Szene kommend. »Gott sei Dank ... ich bin fertig!« Die Mizi folgte ihr. »Brr!« sprach sie schläfrig und schüttelte sich wie ein nasser Pudel. »Heute sind sie wieder gut ...!« »Das verzapfen wir wohl nicht oft mehr?« fragte Valeska. »Und sie trugen einen Toten hinaus ...«, versetzte Mizi kaltblütig, »und sie riefen: sancte! sancte! ... Er aber verstand: Fangt ihn! Fangt ihn!, und er entwich!« Diesen Geistesblitz hatte Prinz Duyn, ein alter Korpsstudent, sie gelehrt. »Pssst!... meine Damen!« mahnte der Inspizient im Vorüberstreichen. Und in der Tat... es war draußen wieder ruhig geworden. Grillon und die Dobschütz, die die große Schlußszene hatten, boten ihre ganze Kraft auf, um das Stück wenigstens zu einem ehrenvollen Ende zu bringen. Es gelang ihnen. Das Publikum ging mit. Schüchterner Beifall regte sich da und dort. Und schon kam der Schluß. »Das sei das Ende!« rief die Dobschütz in hinreißender Leidenschaft und leerte den Giftbecher. Eine kurze, beklommene Pause... »Prost!« krähte es aus einer Loge. Ein brausender Heiterkeitssturm begleitete das Fallen des Vorhangs. Dann ein langes, energisches Zischen, ein heftiges Händeklatschen beim Anblick des rechts und links verrollenden eisernen Vorhangs, und das Haus leerte sich. Die Dobschütz hatte den Giftbecher von sich geschleudert, daß es klirrte. »Ich spiele die Rolle nicht wieder«, sagte sie kurz zu den Umstehenden und ging in ihre Garderobe. Valeska war im Begriff, ihr zu folgen und zu sehen, ob Thilda mit dem Abschminken fertig sei, als plötzlich Seybling wieder vor ihr stand. »Gratuliere!« rief er lachend schon von weitem. Valeska war empört. »Ich kann nichts dafür!... So eine Rolle...! Mit der hätte die Wolter selbst umgeschmissen!« »Aber Sie haben sich ja brillant aus der Affäre gezogen!« lachte Seybling. »Sahen reizend aus in Ihrem sprachlosen Entsetzen! Das Publikum hat sich königlich amüsiert!« Er war dicht vor sie hingetreten und sah sie unverwandt an. Sie bemühte sich, ruhig zu bleiben. Mit heiß flackernden Augen hielt sie seinem kalten, durchdringenden Blick stand. Es war ja kaum ein Zweifel mehr – wie ein Gefühl beklemmenden und erstickenden Triumphes stieg der Gedanke in ihr auf –, sie hatte auf Seybling, den Gewaltigen dieser kleinen Scheinwelt, einen tiefen Eindruck gemacht. Jetzt hieß es klug sein, klug wie die Schlangen! Dem da gegenüber mußte man va banque spielen, dachte sie blitzschnell. Er sollte sehen, daß sie etwas anderes war als das typische »kleine Mädchen« mit fünfundsiebzig Mark Monatsgage und festem Verhältnis, keines jener Sumpfblümchen der Großstadt, das er so en passant zu pflücken gedachte. »Ja... wirklich eine schlechte Rolle...«, sagte der Dandy und faßte wie in der Zerstreutheit ihre Hand. »Sie haben gewiß schon größere gespielt?« »Die allerersten!... Am Bergheimer Stadt-Theater!« »Oh... und welche spielen Sie am besten?« Valeska empfand, wie er ihre Hand hart in der seinen preßte. Sie entzog sie ihm und sah ihm fest ins Gesicht. »Meine beste Rolle ist die Jungfrau von Orleans!« »Oh... die Jungfrau?...« »Ja!« Herr von Seybling zog lächelnd den Hut. »Gute Nacht, mein Fräulein!« »Gute Nacht, Herr Baron!«   Im Vestibül traf Seybling seine Freunde. »Nun?« fragte Hammerschmiedt, der kleine, millionenschwere Gigerl. »Wie ist's mit dem Mädchen aus der Fremde?« »Das Mädchen aus der Fremde ist ein Karnickel,« sagte Seybling, zum Ausgang schreitend, »ich bin gar nicht dazu gekommen, sie einzuladen.« »Wolltest du sie denn einladen?« Prinz Duyn, ein blasser, distinguierter Herr mit langem Schnurrbart, schob seinen Arm unter den Seyblings. »Ja... zur Dobschütz. Wir feiern doch bei ihr die neue Rolle. Wird freilich ein Leichenfest statt des Siegesgelages...« Seybling lachte. »Die hätte sich schön geärgert, wenn ich ihr die Kleine mitgebracht hätte!« »Ja... warum haben Sie's denn nicht getan?« forschte Hammerschmiedt. Seybling zuckte die Achseln. »Sie sagt, sie wäre die Jungfrau von Orleans!« »Oh!« stöhnte der Gigerl.   VIII. In dem prachtvoll ausgestatteten und hell erleuchteten Salon der Dobschütz saßen Seybling, Prinz Duyn, Hammerschmiedt und zwei andere Herren schon seit längerer Zeit wartend beisammen. Sie rauchten und gähnten. Die Dame des Hauses kam immer noch nicht zum Vorschein. Sie war eine halbe Stunde nach den Herren aus dem Theater eingetroffen, aber unter der Angabe, daß sie nach der Anstrengung und Aufregung etwas ruhen müsse, sofort in ihr Schlafzimmer gegangen. Von dort erschien jetzt ihre Gesellschafterin, ein undefinierbares, ältliches Wesen, das abwechselnd als Tante und als Cousine der Dobschütz bezeichnet wurde, und meldete, das Fräulein ließe den Herren gute Nacht sagen. Sie käme heute nicht mehr zum Vorschein. Seybling brauste auf. »Was soll das nun wieder heißen! Wenn ich Weiberlaunen haben will, kann ich zu Hause bleiben! Dort krieg' ich sie gratis ... Aber hier will ich meine Ruhe ...« Duyn suchte ihn zu beruhigen. Die Dobschütz sei durch die mißglückte Premiere doch natürlich aufgeregt. Da könne man es ihr nicht nachtragen, wenn ... Aber der andere ließ sich nicht überzeugen. Er verlange rücksichtsvolles Benehmen. Das fehle noch, daß sie ihm noch seine Gäste nach Hause schicke, nachdem sie selbst diese kleine Feier gewünscht. Und mit wuchtigen Schritten durch den Salon gehend, stieß er die Nebentür auf und verschwand in den inneren Gemächern. Von dort hörte man undeutlich seinen erregten Wortwechsel mit der Dobschütz. »Ich habe Hunger!« sagte nach einiger Zeit im Salon der kleine Hammerschmiedt. »Scheußlich langweilige Situation ...« »Die Unsolidität ist überhaupt das Langweiligste, was es gibt!« versetzte Duyn gähnend. Er trug sich schon seit einiger Zeit mit Heiratsprojekten. »Morgen wird's wieder heißen, es hätte hier eine Orgie stattgefunden.« »Oder wie Ihre Mizi neulich sagte ...«, lachte einer der anderen, »bei der Dobschütz feiern sie wahre Orchideen ...« Obwohl man den Stumpfsinn der Mizi kannte, erschien dieser Ausspruch den Herren doch unglaublich. Aber sie waren zu faul zu widersprechen und schwiegen. »Schade! ... Wenn wenigstens die Kleine mitgekommen wäre ...«, unterbrach Hammerschmiedt nach einiger Zeit die Stille. »Scheint ein tüchtiges Mädchen zu sein ... aus der müßte man was machen ...« »Tun Sie's doch!« erwiderte der Prinz. Die andern lachten. Sie wußten, daß der kleine Millionengigerl rettungslos in ein Verhältnis mit Franziska Ilgen vom Westend-Theater verstrickt war. Sie hielt ihn äußerst kurz, duldete nicht, daß er sie »du« anredete, obwohl sie diese Anrede oft genug gebrauchte, und vertraute ihm jeden Monat einige tausend Mark zu Ultimospekulationen an. Einen Gewinn von fünfzig Prozent erwartete sie dabei unter allen Umständen. Wie er erzielt wurde, das war Hammerschmiedts Sache, der seufzend, um sie in guter Laune zu erhalten, aus seiner Tasche die Gewinnsummen zahlte und nicht einmal einen Dank dafür bekam. Endlich kam Seybling zurück, ärgerlich und allein. »Es ist nichts zu machen ...«, sagte er, »sie will nun einmal nicht ... eigensinnig wie ein Maulesel ... ich muß euch wirklich um Entschuldigung bitten ...« Dagegen protestierten die Herren. Weiberlaunen seien eine Fügung des Geschicks, die ein Mann nicht voraussehen oder vermeiden könne, eine »höhere Gewalt« im Sinne des Handelsrechts. »Gehen wir in den Klub!« schlug Prinz Duyn in seiner leisen, vornehmen Sprechweise vor. Seybling sah sich finster im Zimmer um. »Es bleibt uns wirklich nichts anderes übrig. Denn uns hier allein zu Tisch zu setzen ...« Nein. Das wäre ennuyant. Die Herren brachen auf. »Aber ich habe es satt«, sagte Seybling, während sie auf der Straße dahinschlenderten. »Sie wird wirklich unerträglich. Im Theater hassen sie sie wie die Sünde ... sogar die Garderobieren kriegt man kaum mehr dazu, sie zu bedienen ... alle Stücke, in denen sie spielt, fallen neuerdings durch, und nun fängt sie gar noch an, ihre Mucken und Launen gegen mich herauszukehren ...« »Anna, zu dir ist mein liebster Gang ...!« trällerte der kleine Gigerl an seiner Seite mit mißtönender Stimme. Die andern lachten. Seybling blieb stehen. »Aber nicht mehr lange ...«, sagte er finster. »Es gibt nächstens ein Ende mit Schrecken ...« Die Herren wollten ihm das nicht glauben. Seit einem Jahre rede er davon und könne sich doch von der Dobschütz nicht losmachen, die mit der Vornehmheit ihres Wesens und ihrer geistvollen Konversation die meisten Damen der großen Welt in den Schatten stelle. Und dann das Gerede der Gesellschaft ...! An sein Verhältnis mit der Dobschütz habe man sich nun allmählich gewöhnt ... wenn er aber, als Ehemann, jetzt noch ein neues anfinge ... »Das ist mir total gleich!« erwiderte Seybling kaltblütig. »Ich kenne im Leben nur Genuß und Erfolg, wenn ich das beides habe, mögen die ›alten Weiber beiderlei Geschlechts‹ über mich schwatzen, was sie wollen ...« »Ganz mein Prinzip!« sagte der törichte Hammerschmiedt, und sie traten in den Klub.   Inzwischen saß die Dobschütz im türkischen Schlafrock auf dem Bettrand und starrte auf das Taschentuch, das sie in der Hand hielt. Große feuchtrote Flecke zeigten sich darin. Sie hustete wieder einmal Blut, wie immer nach besonderen Anstrengungen und Aufregungen. Nur ein einziger Mensch wußte außer dem Arzt von dem schweren Leiden, das ihr seit Jahren näher und näher schlich: ihre Gesellschafterin, die eigentlich ihre leibliche, sie blind anbetende Schwester war. Die Welt durfte nichts davon ahnen, wie es um sie, die gefeierte Künstlerin, stand. Das wäre die Vernichtung ihrer Karriere gewesen. Und der Gedanke, mit mitleidigem Achselzucken zu den gefallenen Größen gelegt zu werden, andere neben sich aufkommen zu lassen, war für sie schrecklicher als der Tod. Lieber beherrschte sie sich bis zum äußersten. Aber die nervöse Reizbarkeit eines von Körperleiden gequälten Menschen, den blinden Haß gegen ihre blühenden jungen Kolleginnen konnte sie nicht überwinden. Und man zahlte ihr diesen Haß reichlich zurück. Neulich war sie wieder einmal beim Arzt gewesen – nicht beim Theaterarzt natürlich, sondern bei einem berühmten Spezialisten –, aber sie hatte nichts Tröstliches gehört. Vollkommene Ruhe und Schonung, war sein dringender Rat, langer Aufenthalt im südlichen Klima und der Bühne für immer entsagen. Der Bühne entsagen! Sie lachte zornig bei diesem Gedanken. Was bot dann das Leben noch ihr und ihrem Ehrgeiz? Denn ihr Ehrgeiz war brennender denn je und wurde weniger denn je gestillt. Welche Überwindung und Anstrengung sie heute die Riesenrolle der »Ellinor« gekostet hatte, das wußte nur sie und ihre Schwester. Und was war der Lohn? Das Gelächter der Menge. Sie löschte das Licht aus und blieb wachend im Dunkeln liegen.   Im Klub machte unterdessen Hammerschmiedt, der Gigerl, zwei anderen Herren den frivolen Vorschlag, die kleine Dingsda von heute abend ... äh ... richtig ... die Elten ... auszuwürfeln! Wem sie zufiele, der habe die Pflicht, etwas Vernünftiges aus dem Mädel zu machen. Das erregte Entrüstung. »Ich möchte wohl wissen, Hammerschmiedt, was Sie aus einem Frauenzimmer machen?« sagte Prinz Duyn melancholisch. Der Gigerl widersprach pikiert. Man solle doch nur sein Fränzchen ansehen! Als er sie kennengelernt, habe sie mit dem Messer gegessen und beim dritten Glase Sekt zu johlen angefangen ... und jetzt ... Ja ... jetzt war Franziska Ilgen eine perfekte Dame, der man die einstige Kellnerin in keiner Weise ansah. »Und außerdem kommen Sie Seybling ins Gehege,« nahm ein anderer Herr das Thema wieder auf, »dem hat es Fräulein Elten angetan!« Seybling zuckte lachend die breiten Schultern. »Ich weiß es selbst noch nicht,« sagte er und gab Karten, »aber ein Karnickel ist sie, und es kann jedenfalls nichts schaden, wenn ich sie zunächst ein bißchen zappeln lasse ...«   IX. »Ein außerordentliches Verdienst um die deutsche Bühne erwarb sich gestern abend eine in Berlin bisher völlig unbekannte Dame, Fräulein Valeska Elten, indem sie das neueste Opus des berühmten Herrn Bucher mit Grazie und Eleganz zu Fall brachte. Die Provinz, der sie entstammt, wird es der schönen Dame danken, daß sie sie vor der Bekanntschaft mit diesem Werke bewahrte. Ob freilich auch Autor und Direktor, das wissen wir nicht ...« Valeska, die im Café Bellevue auf der Terrasse sitzend die Rezensionen durchstudierte, schob das Blatt gleichgültig beiseite. Sie wußte durch Thilda und andere, daß ihr schwerlich etwas Schlimmeres passieren konnte, als von den Adelsmenschen des »Kleinen Wächters an der Panke« gelobt zu werden. Aber in den anständigen Blättern war ihr Name überhaupt nicht genannt. Nur im »Berliner Herold« stand eine kurze Zeile über sie. »Eine bildhübsche Anfängerin,« hieß es da, »die in der Rolle einer Dienstmagd auftrat, kann verlangen, daß wir unser Urteil über sie verschieben, bis sie sich uns in größeren und dankbareren Aufgaben gezeigt hat.« Sie eine Anfängerin! Es war empörend. Und dabei taten die Leute, als ob die Rollen nur so vom Himmel herabfielen wie die reifen Pflaumen vom Ast. Und heute abend sollte sie diese Rieke nochmals spielen! Ihr graute davor. Aber als sie nachmittags über die Straße ging, klebten bereits rote Streifen schräg über den Zetteln des Westend-Theaters. Wegen »plötzlicher Erkrankung« des Fräulein Thilda Thorbeck wurde die »Kleine Herzogin«, das Kassenstück der letzten Saison, gegeben. Natürlich war Thilda gesund wie ein Fisch im Wasser. Valeska erfuhr das im Theaterbureau, wo sie für den Abend ein Billett zu der »Kleinen Herzogin« erbat und zu ihrem Stolze einen Platz in der 1.-Rang- Loge erhielt. Sie benutzte diese Gelegenheit. »Kommt denn nicht jetzt eine Novität, wo ich eine bessere Rolle kriege?« fragte sie vertraulich den Sekretär, Herrn Reichau. »Das kann ich Ihnen nur ins Ohr sagen, mein Fräulein!« Valeska zögerte. Sie wußte, daß sie bei dieser Gelegenheit einen Kuß auf die Backe bekam ... Nun schließlich ... was tut man nicht für die Kunst ...? Aber als Herr Reichau sie geküßt, sagte er zu ihrem Schrecken: »Es tut mir unendlich leid, mein Fräulein. Sie werden in der nächsten Zeit kaum zum Auftreten gelangen. Die beiden Repertoirestücke, zu denen Sie morgen Rollen zugeschickt bekommen, halten wir nur in Reserve, und die nächste Novität ist überhaupt noch nicht besetzt.« Valeska drehte dem hinterlistigen Sekretär zornig den Rücken und verschwand. Nun konnte sie also spazierengehen. Und vielleicht wochenlang! Denn am ersten Abend war es zwar gähnend leer in der »Kleinen Herzogin« gewesen – ein Freitag im August! –, dann aber begann sich das Stück zu »erholen«, und mit dem steten Steigen der Kasseneinnahmen verstärkte sich das Gerücht, daß das Lustspiel, das über alles Erwarten immer noch »etwas mache«, den ganzen September beherrschen werde. Valeska war ganz mutlos. Sie langweilte sich und kam sich unglaublich überflüssig in Berlin vor. Wozu erhielt sie eigentlich zehn Mark täglich, wenn sie nichts dafür zu leisten hatte? Und mit Beklemmung erwartete sie den 15. September. An diesem Tage hatte die Direktion das Recht, ihr, nachdem sie einmal aufgetreten, zum 1. Oktober zu kündigen. Dann saß sie auf dem Pflaster und konnte sehen, wo sie Unterschlupf fand. Irgendwo in der Provinz, wo dann in dem ewigen Rollenlernen und der Plackerei der flüchtigen Proben ihr der Berliner Aufenthalt bald nur mehr als ein bunter Traum erscheinen würde. Endlos langsam rollten ihr so die Tage dahin. Valeskas feste Hoffnung, daß Herr von Seybling sich ihrer annehmen werde, schwand von Tag zu Tag. Sie hatte bestimmt geglaubt, schon am Morgen nach der »Ellinor« einen Brief von ihm zu bekommen. Aber es erfolgte nichts. Der allmächtige Dandy schien sie schon wieder völlig vergessen zu haben. Offenbar hatte sie sich zu herbe gegen ihn benommen – recht wie ein Gänschen aus der Provinz –, und statt ihm zu imponieren, nur sein flüchtiges Interesse ertötet. Endlich entschloß sie sich, ihm zu schreiben. Einen ganzen Vormittag kaute sie an der Feder, schlug wegen einzelner Worte, über deren Orthographie sie sich nicht ganz im klaren war, in ihrem kleinen deutsch-französischen Diktionär nach und befleckte sich die Fingerspitzen mit Tinte, bis endlich ein zierliches Briefchen fertig war, in dem sie Herrn von Seybling hochachtungsvoll und ergebenst bat, seinen Einfluß im Westend-Theater darauf zu verwenden, daß ihr bessere Rollen zuerteilt würden. Erst nach acht Tagen kam die Antwort, ein majestätisches Kuvert aus dickstem englischem Papier mit aufgepreßtem Wappen und darüber gedruckter Adresse des Absenders. Herr von Seybling ließ durch seinen Sekretär bedauern, daß er auf das Westend-Theater keinerlei Einfluß habe, am wenigsten aber auf dessen Repertoire und sonstige interne Angelegenheiten, die durchaus dem Ermessen des Herrn Direktor Hochmann unterständen. In markigen Zügen stand darunter schräge aufwärts gerichtet sein Name. Valeska zerriß weinend vor Wut den Brief in winzige Stückchen. Also auch das war umsonst! Sie hätte sich selbst ohrfeigen mögen. Und der gefürchtete 15. September rückte immer näher. »Liebste Beste!« sagte sie am Abend vorher flehend zu Thilda ... »Du spielst ja morgen nicht ... nimm mich bitte irgendwohin mit. Ich halte es nicht aus, den ganzen Tag dazusitzen und zu warten, ob der Kündigungsbrief kommt oder nicht.« Die blonde Thilda seufzte. Sie hatte auch schwere Sorgen. Ihr Assessor war von dem Onkel in der Neumark so gut wie unverrichteterdinge zurückgekehrt. Es war ihm nicht gelungen, den alten Herrn davon zu überzeugen, daß sie, Thilda, nicht ihren Lebensunterhalt als Balletteuse im kurzen Röckchen verdiene, und selbst der Hinweis, daß sie die Tochter eines Majors sei, verfehlte seine Wirkung. »Es gibt verlorene Töchter, wie es verlorene Söhne gibt. Die einen gehen nach Amerika, die andern zur Bühne ...« erklärte Onkel Klaus und ließ sich nicht einmal dann erschüttern, als sein Neffe ihn daran erinnerte, daß ja auch Onkel Klaus selbst, der Neumärker Familienpatriarch, in seiner fernen Jugend einmal intime Beziehungen zu einer Operettensängerin gepflogen haben sollte. »Aber geheiratet habe ich sie nicht ...«, schnauzte er los, »... und danke meinem Schöpfer dafür!« Als einzige Konzession hatte er dem Major von Rönne, den er hochschätzte, geschrieben und ihn um Auskunft gebeten. Ehe der Brief abging, wollte der Major Thilda noch einmal treffen. Man würde am nächsten Abend zusammen im Opernhaus sein – die beiden Herren, Thilda und Fräulein Hippel, die Tochter ihres Quartierwirtes, des Rechnungsrats – und dann zusammen soupieren. »Eigentlich könntest du ja mitkommen,« meinte die gutmütige Thilda ... »wenn du nicht zu viel Unsinn schwabbelst ...« »Danke schön!« sagte die Elten und küßte sie ... »Du bist wirklich ein lieber Kerl! Und ich will ganz brav sein ...«   Sie war denn auch wirklich anfangs sehr still, als sie nach der Oper mit den andern bei Hiller zusammensaß. Die Angst vor dem Kündigungsbrief, der allerdings bis zum Nachmittag, wo sie ihre Wohnung verlassen, noch nicht eingetroffen war, die Wagnersche Musik, die sie wie immer aufgeregt und schwermütig gemacht hatte, die hölzerne Steifheit des neben ihr sitzenden verwelkten Fräulein Hippel, das alles lastete auf ihr. Außerdem trug der Major Uniform, Waffenrock und Epauletts mit glitzernden Silberfrangen, und sein Bruder Frackjackett und schwarze Binde. Sie hatte zwar auch, zur großen Überraschung und Beruhigung Thildas, ein sehr hübsches und dabei raffiniert einfaches Abendkostüm angelegt, aber sich doch in der Loge des Opernhauses zwischen all der distinguierten Gesellschaft sehr feierlich und beklommen gefühlt. Und bei Hiller, wohin der Major die Gesellschaft eingeladen, wich diese Stimmung keineswegs. Sie kannte die vornehmen Linden-Restaurants bisher nur vom Hörensagen als die Orte, wo Mizi und Konsorten ihre »Orchideen« feierten, und es imponierte ihr alles in dem Lokal, die feierlichen Galgenphysiognomien der Kellner, die massenhaften Spiegel an den Wänden, die kleinen Spiritusflämmchen unter der Silberschüssel, auf der der gebratene Kapaun lag, und die staubige Bordeauxflasche, deren Inhalt der Kellner in eine schräg auf einem Strohgestell lagernde Glaskaraffe goß. Was wußte man in der Provinz von solchen Finessen? Man hatte sich in dem halbleeren Vorderraum niedergelassen, durch den ab und zu Gäste nach den hinten gelegenen Separatzimmern schritten. Plötzlich fuhr Valeska auf. Eine helle, metallische Stimme schlug an ihr Ohr. »Meine Frau noch nicht da?« fragte dicht neben ihr im Eintreten Herr von Seybling einen sich tief verneigenden Kellner. Nein. Gnädige Frau waren noch nicht gekommen. »Melden Sie ihr, daß ich drinnen warte«, sagte Herr von Seybling und wollte nach hinten gehen, als sein Blick auf Valeska fiel. Einen Augenblick stutzte er, dann grüßte er vorüberschreitend mit höflichem Lächeln. Valeska dankte durch eine würdevolle Kopfneigung. Sie empfand eine tiefe Genugtuung, daß der Stutzer sie gerade hier und in dieser feinen Gesellschaft gesehen hatte, zusammen mit einem Major in Uniform und einem Zivilisten, der beinahe als ein Gigerl angesprochen werden konnte. Aber ehe noch die beiden Mädchen der Gesellschaft alles Wissenswerte über Herrn von Seybling mitgeteilt hatten, verbeugten sich die Kellner von neuem auf das tiefste. »Der gnädige Herr sind schon vorausgegangen!« Eine bildschöne, schlanke Blondine mit kühnem, vornehm geschnittenem Köpfchen rauschte, ohne rechts und links zu sehen, schnell durch den Saal. Ein junger Husarenoffizier klirrte hinter ihr drein. »Frau von Seybling!« sagte Thilda. Valeska empfand ein merkwürdiges Gefühl der Eifersucht. »Zu dumm!« rief sie aufgeregt. »Wenn ich ein Mann wäre und so 'ne Frau hätte, dann ...« »... würde ich mich um die Dobschütz nicht kümmern!« ergänzte ihre Freundin, als sie etwas verwirrt abbrach. Damit war man also wieder bei der Dobschütz und dem Westend-Theater angelangt. »Ähneln denn eigentlich alle Damen des Theaters außer Ihnen beiden dieser schrecklichen Dobschütz?« fragte der Major, um die kleine Elten, die den ganzen Abend so still und mit sorgenvollem Gesicht dagesessen hatte, zum Sprechen zu bringen. »O nein!« sagte Valeska rasch. »Im Gegenteil ... die Dobschütz ist ein Unikum ...« »Wer sie umbringt, tut ein gutes Werk!« lachte Herr von Rönne. Valeska bejahte eifrig. »Überhaupt ... man tut uns unrecht ... hier in Berlin ... wie man so von uns denkt ... zum Beispiel ... das Westend-Theater hat einen recht üblen Ruf ... und doch versichere ich Sie ... ein Teil der Damen lebt ganz solide und achtbar. Im Publikum glaubt man das aber um's Totschlagen nicht ...!« »Erzählen Sie mir doch einmal, wer Ihre Kolleginnen sind!« sagte der Major scherzend. »Belehren Sie mich, mein Fräulein! ... Also da ist zuerst die Dobschütz ...« »... dann kommt lange Zeit gar nichts ...« Valeska sann nach. »... dann ... nun, Thilda kennen Sie ja, und ich sage Ihnen im Vertrauen: das ist ein liebes Mädel! ... Dann ich ... wie Sie über mich denken, weiß ich nicht ...« »Sie kriegen heute durchaus keine Komplimente zu hören, mein Fräulein!« bemerkte der Major ernsthaft. »Schön! ... Dann ist also da die Mizi Stadinger ... ein unglaubliches Geschöpf ... immer schläfrig ... immer leichtsinnig ... dabei gutmütig wie ein Kind ... viel Talent hat sie freilich nicht ... aber das schadet ihr ja nichts ...« »... und dann? ...« »... dann ist da Käthe Hannemann ... ich weiß nicht, ob Sie sie neulich im Theater gesehen haben ... ein großes, schönes Mädchen ... ich verkehre nicht mit ihr, denn sie ... freilich ... andererseits ... ihre ganze Familie lebt von ihr ... ihre alten Eltern ... ihre Schwester, die sie um keinen Preis zur Bühne gehen lassen will ... sogar ein Bruder auf der Universität ... Ich finde das eigentlich greulich ...« Valeska brach einen Augenblick verlegen ab und fuhr dann fort: »Nun ... da ist weiter Elly Krause, ein herziges Ding, noch ganz jung ... das ist der Liebling des ganzen Theaters. Sie lebt bei ihren Eltern ... pensionierten Beamten ... Niemand kann etwas gegen sie sagen. Und Talent hat sie ... Talent ... ich wollte, ich hätte soviel Talent ... und dabei ist sie immer freundlich und liebenswürdig gegen alle ... bis zu den Bühnenarbeitern herunter ...« »Weiter ...«, sagte Herr von Rönne. »Dann haben wir die Franziska Ilgen, eine Brünette und unzertrennliche Freundin der Hannemann. Sie gibt ihr auch sonst nichts nach ... und dabei ist sie geizig ... man glaubt es kaum ... und alles Geld, was sie sich so zusammenhamstert, das schleppt sie gleich auf die Bank und verhandelt da stundenlang, wie sie es recht hoch anlegen soll. Manchmal erschrecken wir sie und sagen, die Deutsche Bank sei pleite oder die preußischen Konsols wären außer Kurs gesetzt ... aber sie glaubt jetzt nicht mehr recht daran ... ja ... und dann ... da ist noch Mary Esser ... die ist verheiratet ... ihr Mann ist der Schauspieler Frey ... sie haben drei reizende Kinder und leben sehr glücklich ... dann zwei Mütter ... die interessieren Sie wohl kaum ... und Elisabeth Neumann, die mit mir zusammen engagiert worden ist ... sehr hübsch und schnippisch ... mit blonden Haaren und blauen Augen ... das dumme Ding hat sich sofort wahnsinnig in unseren Heldenspieler Harald Grillon verliebt. Und dabei hat der graue Haare und ist ein alter Mann ...« »Vergiß Pepi von Hochleitner nicht!« rief Thilda herüber. Richtig ... die Pepi! »Faul, talentvoll und gefräßig!« sagte Valeska kaltblütig auf die Frage des Majors. »Faul wie die Sünde! Sogar die Rollen lernt sie im Bett und stöhnt dabei vor Verzweiflung – und kann sie schließlich doch nicht. Und dabei so begabt ... wenn sie nur wollte ... Schade um die! ... Aber da ist nichts mehr zu hoffen ...« Damit war die Liste des Westend-Theaters erschöpft. Denn die Kolleginnen mit 75 bis 150 Mark Monatsgage, jene Dämchen, die der Direktor selbst scherzend »die Kleinen von den Meinen« nannte, zählten doch eigentlich nicht mit. Inzwischen war Champagner erschienen. Valeska liebte ihn leidenschaftlich – ihr kleiner Freund in Bergheim hatte das oft genug seufzend gegen das Ende des Monats hin konstatiert –, und in den vier Wochen ihres soliden Berliner Aufenthalts war kein Tropfen über ihre Lippen gekommen. Aber sie hielt an sich und antwortete auf die Frage, ob sie Sekt tränke, zerstreut lächelnd: Gewiß ... denn ein armes Wurm wie sie, die an das lauwarme Patzenhofer der Frau von Haidenschild gewöhnt sei, müsse das Gute nehmen, wo es sich fände. Immerhin fühlte sie, als sie die perlende Schale absetzte, wieder einigen Lebensmut. »Warum ich heute so traurig bin?« sagte sie zu Herrn von Rönne. »Ach ... du lieber Gott ... ich habe allen Grund dazu. Wenn ich jetzt nach Hause komme, so liegt ein Brief auf dem Tisch, und in dem Brief steht, daß ich zum ersten Oktober gekündigt bin ...« »Ja ... und dann?« »Dann ...?« Valeska seufzte schwer. »Dann geht das alte Elend von neuem an ... der Rundgang bei den achselzuckenden Agenten und überall dasselbe ›Bedaure, liebes Fräulein!‹ ... und das Antichambrieren in den Direktionsbureaus und endlich ein Telegramm aus der Provinz: ›In Meseritz oder Kötzschenbroda wird eine erste Liebhaberin gesucht‹ ... Natürlich zu zwei Drittel Gage ... 50 Taler oder so was und ein Benefiz gegen Ostern ... und man reist seufzend dritter Klasse hin und macht seine Besuche auf den Redaktionen, und alles ist, wie es früher war und in zehn Jahren sein wird ...« Der Major sah ihr ins Gesicht. »Nein, Fräulein Elten,« sagte er ruhig, »Sie dürfen nicht aus Berlin weg ...« Valeska zuckte schweigend die Achseln. »Nicht wahr ...«, begann sie nach einer Weile wieder, »das glauben Sie nicht, daß wir auch unsere bitteren Sorgen haben, wir Theaterprinzessinnen, die man sich im Publikum immer so als eine Art unnützer bunter Schmetterlinge vorstellt ... Sorgen, so gut wie ein Mann, der mitten in seinem Beruf steht. Und eigentlich haben wir es noch schlimmer ... einen Mann läßt man wenigstens in Ruhe ... aber wir ... Sie können sich gar nicht vorstellen, wer alles hinter uns drein ist ... und ... ach ... wir wollen nicht davon sprechen ... schenken Sie mir lieber noch ein Glas Sekt ein ... das ist doch noch ein Lichtblick ...« »Nun ... sehen Sie ...«, sagte der Major, eingießend, »es wird nicht so schlimm werden ... da ... da lachen Sie ja schon wieder ... ja ... verstellen Sie sich nur ... es zuckt Ihnen doch um die Mundwinkel ... nur immer tapfer ... so ist's recht! ...« Die beiden stießen miteinander an, und ihre Augen suchten sich, während sie das Glas an die Lippen setzten. Der Assessor, der die ganze Zeit mit Thilda getuschelt hatte, während Fräulein Hippel steifleinen dasaß, machte den Vorschlag, noch einen Schlummerpunsch zu trinken – das sei eine Spezialität, die Fräulein Elten kennenlernen müsse –, und zwar nicht in dem sonst eigens für diesen Zweck konstruierten Café Bauer, sondern, in Anbetracht der außerordentlich milden Witterung, auf der Terrasse des Cafés Bellevue, wo man im Freien sitzen könne. So brach man also auf und schritt langsam die menschenleeren Linden hinunter ... voraus der Assessor mit seinen beiden Damen, dann Herr von Rönne mit Valeska. »Ich versichere Sie,« sagte Valeska, »ich bin hier in Berlin so mutlos geworden ... so hoffnungslos ... Wenn ich jetzt noch einmal vor die Wahl gestellt würde, ob ich Schauspielerin werden wolle oder nicht ... wahrhaftig ... ich würde lieber Holz hacken oder Gesellschafterin werden bei einer alten Dame und ihr den Mops nachtragen und aus Zola vorlesen ...« Sie hätte es gern vermieden, stets von sich zu sprechen. Aber der Major brachte sie immer wieder darauf. »Es war doch Ihr freier Wille,« fragte er auch jetzt, »daß Sie zur Bühne gingen?« Valeska zuckte mit den Achseln. »Wie man's nimmt! Das fing schon an, als ich kaum dreizehn Jahre war. Da fanden wir eines Tages den Vater tot in der Werkstatt liegen ...« »In der Werkstatt ...?« Valeska errötete leicht. »Ja ...«, sagte sie dann ganz tapfer, »mein Vater war Schreinermeister in Eisenach. Warum soll ich's Ihnen nicht eingestehen? ... Daß ich keine Reichsgräfin bin, werden Sie sich ja wohl schon gedacht haben ... Und er war ein so guter Mann ... so freundlich gegen mich und alle! ... Ich sehe sein Bild noch so deutlich vor mir ... und am lebendigsten, denken Sie sich, gerade aus meiner frühesten Kinderzeit. Da lief ich heimlich der Mutter davon und kroch in meinem roten Röckchen die Steinstufen zur Werkstatt hinauf. Die waren warm von der Sommersonne und ungeheuer hoch. Und oben in der Werkstatt roch es nach Leim und frischem Holz, und am Boden lagen die Hobelspäne, mit denen ich spielte ... und mein Vater hob mich in den Armen hoch und ließ mich nach seinem Bart greifen ... ›Du ... du Mäuschen ... du!‹ sagte er dann immer ... und ich schrie vor Vergnügen ...« Valeska brach plötzlich ab und sah mit feuchtschimmernden Augen zur Seite. »Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle ...«, sagte sie leise. »Es kann Sie ja unmöglich interessieren.« »Aber Sie kamen doch nicht schon mit dreizehn Jahren zur Bühne ...?« fragte der Major, ohne darauf zu achten. »Doch!« sagte Valeska. »Eigentlich sollt' ich zum Ballett gehen ... aber dazu war's schon zu spät ... nun ... und im Thüringischen gibt es, wie Sie wissen, eine Menge kleiner Hoftheater ... da war es nicht schwer, so ab und zu in Pagenrollen und dergleichen auf der Bühne verwendet zu werden ... erst in Hildburghausen ... dann in Gotha ... dort bekam ich zuerst auch einmal einen kleinen Satz zu sprechen und sang zuweilen im Chor mit ... aber auf die Dauer war die Stimme zu schwach ... und dann starb die Mutter, und bei der Schwester wollte ich nicht bleiben ... sie hatte einen Schlosser geheiratet ... die andere war damals schon mit ihrem Manne nach Amerika ausgewandert ... es geht ihnen ganz gut drüben ... und da kam ich nach Erfurt ans Stadt-Theater ... zuerst in kleinen Rollen ... dann stieg ich so allmählich in die Höhe ... und dann von Erfurt nach Riga und von Riga nach Bergheim mit zwei Sommerengagements in Bad Holl ... und endlich von Bergheim hierher ... Sie sehen ... das ist eine sehr einfache Geschichte ... man denkt immer, uns vom Theater müßte Gott weiß wieviel Romantisches passieren ... aber ich hab' noch nichts davon gemerkt ...« »Aber immerhin ...«, sagte der Major, während sie sich im Café Bellevue niedersetzten und das langweilige Fräulein Hippel sich zur allgemeinen Freude empfahl, »... haben Sie doch die Hauptsache erreicht ... Sie sind in Berlin ...« »Sie sehen ja, wie es mir hier geht ...« Valeska schaute trostlos vor sich hin. »Ich bring' es zu nichts. Manchmal ... da glaub' ich, es stecke etwas in mir ... ein rechtes, echtes Talent ... und es kommt eine Art Kraftgefühl über mich, das mir fast die Brust zersprengt und den Atem nimmt. Aber das dauert nicht lange. Und selbst wenn ... so wäre mir noch immer nicht geholfen; denn wir Frauenzimmer können ja nichts selbst aus uns machen ... wenigstens die meisten – das ist eine alte Erfahrung beim Theater –, es muß ein Anstoß von außen kommen ... dann glaubt das Publikum, es hat uns ›entdeckt‹, und ruft uns zwanzigmal heraus ... und in Wirklichkeit haben wir uns doch selbst erst in einer bestimmten Rolle gefunden ...« »Aber dann ist der Bann gebrochen?« Valeska nickte. »Ich muß da immer an das schlafende Dornröschen denken. Ist es einmal erweckt, dann bleibt es auch wach, und alles umher beginnt zu grünen und zu blühen ...« »Und Ihnen hat sich der Prinz noch nicht genaht?« »Die Prinzen,« versetzte Valeska lachend, »die sich uns nahen ... die lehren einen alles andere, nur nicht, wie man eine ernste Künstlerin wird. Das kann nur ein wahrer, echter Freund tun ... und den gibt's nicht ...« Eine kurze Pause entstand. Herr von Rönne sah sie an. »Wollen Sie mich als Freund betrachten?« fragte er. Valeska sah beklommen lächelnd vor sich hin. »Ich weiß gar nicht ...«, sagte sie scheu, »wie kann so ein unvernünftiges Ding wie ich ...« Herr von Rönne lachte auf. »Sie wissen doch schon, Fräulein Valeska ...«, unterbrach er sie, Komplimente bekommen Sie heute nicht zu hören ...« »Recht so!« sagte die kleine Elten und streckte ihm ihre schmale Hand hin, um seine Rechte kräftig zu schütteln. »Ich danke Ihnen! ... Wir wollen gute Freunde sein!«   Thilda hatte inzwischen, mit dem Assessor an der Balustrade stehend, den Mond angehimmelt. Jetzt mahnte sie zum Aufbruch. »Ich habe solches Herzklopfen ...«, sagte Valeska, während sie zusammen die Potsdamer Straße hinunterschritten. »Wenn ich jetzt den Brief zu Hause finde ...« »Darüber müssen wir gleich Gewißheit haben«, versetzte der Major rasch. »Gehen Ihre Fenster auf die Straße?« »Ja.« »Dann müssen Sie uns von oben Nachricht zurufen. Ich bestehe darauf!«   Die drei standen nicht lange vor Valeskas Haus in der Lützowstraße, als oben ein Fenster aufging und ein leises, silbernes Lachen erscholl. »Es ist nichts da!« rief eine helle Stimme in das Dunkel hinaus. »Ich bleib' in Berlin! ... Gute Nacht und nochmals schönen Dank ...!« Das Fenster schloß sich klirrend, und ein Vorhang sank herab. »Das freut mich wirklich für sie ...«, sagte die sanftmütige Thilda und ging mit ihrem Assessor voraus. Ihr Begleiter blieb noch einen Augenblick stehen. »Ich bleib' in Berlin! ...« Eine eigene frohe Beklemmung legte sich ihm auf die Brust. Er sah zu dem schweigenden Fenster hinauf. »Und das nennst du Tor Freundschaft!« schoß es ihm blitzschnell durch den Kopf. »Es gibt keine Freundschaft zwischen Mann und Weib. Nur Haß und Liebe. Und wir hassen uns nicht ... Dornröschen ... schlafe wohl! ...« X. »Und ich bin doch dafür ... die Dingsda ... äh ... ja ... richtig ... die kleine Elten auszuknobeln!« Hammerschmiedt, der Gigerl, wiederholte diesen seinen früheren Vorschlag blöde und ohne besondere Hintergedanken. Es lag ihm nur daran, den Stumpfsinn zu verscheuchen, der wieder einmal bleiern über dem kleinen Zirkel im Chambre séparée lag. Es war wirklich zum Solidewerden! Prinz Duyn, der nervöse Lebemann, gähnte verstohlen hinter der hohlen Hand, die Mizi neben ihm blinzelte, des Abendbrotes harrend, in das Kerzenlicht, und gegenüber saß Franziska Ilgen schweigend und Zigaretten rauchend da und starrte zu der gemalten Decke hinauf, als wollte sie dort die Streifen und Pünktchen zählen. Keiner hatte dem anderen mehr etwas mitzuteilen. Sie kannten sich zu gut und zu lange. Unter diesen Umständen tat der Vorschlag des Millionengigerls, der sich triumphierend im Kreise umsah, seine volle Wirkung. Der Prinz zwar räusperte sich nur und warf Hammerschmiedt einen ärgerlichen Blick zu. Die beiden Mädchen aber waren empört. »Es ist doch ein unglaublicher Mensch!« sagte die Mizi mit ungewohnter Lebhaftigkeit. Franziska aber packte ihn am Arm und funkelte ihn mit ihren schwarzen Augen an wie eine gereizte Katze. »Ein Glück, daß niemand mehr dein Geschwätz ernst nimmt! Sonst könntest du jetzt etwas erleben ...« »Aber liebes Fränzchen ...«, suchte der Gigerl zu begütigen, »bedenken Sie doch ...« Das Fränzchen ließ ihn nicht ausreden. »Du bist ein Tropf!« sagte sie kurz und sah ihn so gebieterisch an, daß Hammerschmiedt verstummte und sich zornig auf die Lippen biß. »Und außerdem«, tönte hinter ihm eine helle, metallische Stimme, »können Sie mal mit solchen Bemerkungen in des Deubels Küche kommen.« Der Gigerl fuhr herum und erkannte in der mächtigen Gestalt hinter seinem Stuhl Herrn von Seybling, der während des Wortwechsels eingetreten war. »Guten Abend, meine Damen!« Der finstere Stutzer verbeugte sich mit leise ironischer Höflichkeit. »Ich ging eben auf dem Korridor vorbei und hörte, wie Sie Hammerschmiedt den Kopf wuschen ...« »Ja ... ist es denn nicht empörend?« schrien die beiden Damen wie aus einem Munde. »Freilich!« Seybling setzte sich in Paletot und Zylinder rittlings auf einen Stuhl, trank Duyns Sektschale aus und fuhr dann, zu dem Gigerl gewendet, fort: »Ja ... wie gesagt ... in des Deubels Küche, lieber Hammerschmiedt. Die Dame verkehrt hier in der guten Gesellschaft ...« »Das tun wir auch!« meinte Mizi und warf einen Blick voll Seelenfreundschaft auf den blassen, aristokratischen Prinzen Duyn. Aber Seybling achtete nicht darauf. »Die Dame, von der Sie sprechen,« sagte er nachdrücklich zu Hammerschmiedt, »saß neulich mit einer Gesellschaft, in der sich ein Stabsoffizier in Uniform ...« »... in Uniform?« fragte Fränzchen erstaunt. »... in Uniform befand ... drüben bei Hiller. Also nehmen Sie sich mit Ihrem Würfelspiel in acht!« »Daraus müßte man schließen, daß sie solide ist«, meinte der Prinz, und der Gigerl nickte düster und gedankenschwer. »Fabelhaft!« sagte die Mizi. Die schwarze Franziska überdachte eine Weile den Fall. »Schließlich ...«, meinte sie achselzuckend, »mit einem scheinheiligen Gesichtchen kommt man weit in der Welt. In gewissen Dingen sind alle Männer gleich. Ich will jetzt nicht von Seiner Durchlaucht hier sprechen ... der ist aus lauter Vornehmheit vertrauensselig ... oder etwa gar von Hammerschmiedt – du lieber Gott ... sein Stock da in der Ecke ist ja klüger als er –, aber daß sogar ein Mann wie Sie ... bloß weil er die Dame einmal in solcher Gesellschaft gesehen hat ... das kann doch auch ein Zufall sein ... daß er da gleich ohne weiteres annimmt ...« »Er ist ja in die kleine Elten verliebt ...«, rief Hammerschmiedt, froh, eine Gelegenheit zur Rache zu finden, »... verliebt wie 'n Fähnrich. Er hat es neulich selbst eingestanden.« »Ich habe die Mutmaßung geäußert!« erwiderte Seybling etwas ärgerlich. Denn er liebte es nicht, vor den Damen des Westend-Theaters, die auch ihrerseits ihm, dem Jupiter tonans dieses kleinen Bühnenreichs, mit einer gewissen scheuen Höflichkeit begegneten, vertraulich zu werden. »Schließlich ... wer kennt sein Herz?« »Nun ... und wenn's auch nicht so ist ...«, meinte der melancholische Prinz. »Du kennst doch Griesebachs Gedicht: Daß andre dich vor mir besessen, Ich hab's an deiner Brust vergessen. Du sahst mich an so kindlich rein. Der erste glaubt ich dir zu sein. Und immer, wenn ich wiederkam, Umhüllte dich so süße ...« Aber hier intervenierten die Damen und verbaten sich energisch den »Neuen Tannhäuser« und ähnliche unmoralische Gesänge. Eine kurze Pause entstand. »In acht Tagen kommt's heraus ...«, brach endlich die schöne Franziska, die sich immer noch den Fall überlegt hatte, das Schweigen, »bei dem neuen Einakter ...« »Was für ein Einakter?« »Er heißt: ›Der Hausfreund.‹ Aus dem Französischen. Der Direktor suchte einen, weil in der ›Kleinen Herzogin‹ doch nur sieben Rollen sind. Aber in dem Einakter sind eigentlich auch nur drei. Wissen Sie, was er da tut?« »Nun?« »Ja ... es ist wahrhaftig wohl toll!« erklärte Mizi. »Er läßt einfach durch den Sekretär noch eine Gesellschaftsszene hineinschreiben. Vier Rollen. Jede nur von ein paar Worten ... für mich und Fränzchen und die Thorbeck und die Elten. Ein paar Worte! Und dafür hat man das Vergnügen, sich in die größte Balltoilette zu werfen und zu schminken, und der ganze Abend ist hin!« »Da sehe ich Papa Hochmann vor mir ...«, lachte Seybling, »wie er sich die Hände reibt und milde murmelt: ›Es ist mir eine Beruhigung, wenn ich meine Damen um mich weiß. Ich liebe es nicht, wenn meine Damen abends auf Tiergartendiners posieren oder bei fremden Premieren in der 1.-Rang-Loge sitzen. Nein. Komödiespielen ist für meine Damen besser!‹« »Ja ... wenn man zu spielen hat! Aber vier Worte ...« »Gerade!« Der Stutzer blickte Franziska mit verstecktem Spott an. »Sie beziehen täglich zehn Mark Gage. Also für jedes Wort, das Sie sprechen, zweieinhalb Mark! Die Sorma kriegt nicht annähernd soviel!« Das verblüffte Mizi, so daß sie ganz erstaunt schwieg. Franziska aber lachte und meinte: »Es ist doch nur eine Toilettenausstellung! Der Direktor weiß, wie das beim Publikum zieht! Und nun werden wir ja sehen. Die Thorbeck natürlich kommt wieder wie 'ne Vogelscheuche. Die kauft sich in einem Geschäft in Berlin C abgelegte Toiletten ...« »... von Damen der höchsten Aristokratie nur einmal getragen ...«, ergänzte Mizi. »Elly Krause spielt auch mit ...«, fuhr Franziska fort, »natürlich als Backfisch. Die hat's leicht. Immer dasselbe Mullfähnchen ... heute mit blau, morgen mit rosa. Aber wie die Elten kommen wird, darauf bin ich wirklich gespannt.« Seybling erhob sich. »Sehen wir also dem großen Ereignis mit Fassung ins Auge! In acht Tagen ... nicht wahr? ... Schön ... wir kommen in die bekannte Proszeniumsloge. Und nun guten Abend, meine Damen!« »Bleiben Sie doch noch ein bißchen!« bat Franziska. Sie wollte die Gelegenheit benutzen, den einflußreichen Mann für sich zu interessieren. Aber der Stutzer hatte keine Zeit. »Es warten im Nebenzimmer Geschäftsfreunde auf mich ...«, sagte er, »und da Sie so verdächtig mit den Augen zwinkern, meine Damen, will ich Ihnen auch ihre Namen nennen. Es sind die Herren Rhodanopoulo und Leibowitsch ... zwei der greulichsten Schurken, die die Levante je erzeugte ... ich mache mit ihnen Getreidespekulationen ... in Odessaer Weizen ... für gerissene Zeitgenossen ein gutes Ding ... Gute Nacht!« Damit ging er. An der Tür stieß er mit dem Kellner zusammen. »Gott sei Dank! ... Die Austern!« sprach Mizi befriedigt. Sie schob dem Prinzen die Platte zu, der alsbald daranging, etwas Zitronensaft in eine Auster zu träufeln, mit dem Messer den Bart herauszunehmen und den Fuß durchzuschneiden. Dann hielt er ihr die Schale hin. Sie schlürfte die Auster schläfrig aus und wartete, bis eine zweite fertig war. Franziska, die die Natives nicht liebte, starrte, Zigaretten rauchend, zur Decke ... der Gigerl schwieg verdrossen ... und wieder legte sich der bleierne Stumpfsinn des Chambre séparée über den kleinen Kreis. XI. Fette Teintschminke, Potonié . . . . 20 Mark Fette rote Schminke, Dorin . . . . . . 15 Mark Grauschwarzer Krayon . . . . . . . . 5 Mark Roter Krayon . . . . . . . . . . . . 5 Mark Blauer Krayon . . . . . . . . . . . . 3 Mark Lippenschminke . . . . . . . . . . . . 5 Mark Trocken Dunkel-Rouge . . . . . . . . . . 3 Mark Trocken Hell-Rouge . . . . . . . . . . 3 Mark Fettpuder . . . . . . . . . . . . . . . 4 Mark Veloutine, Fay . . . . . . . . . . . . . 6 Mark Mascaro . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Mark Nasse Schminke, Eau de Lis . . . . . . . 3 Mark _____________ 73 Mark Ein Schminkkasten . . . . . . . . . . 80 Mark Eine hellblonde Perücke aus natürlichem Haar . . . . . . . . . . . . 80 Mark _____________ 160 Mark Traurige Begebenheiten zum Ersten des Monats: Garderobiere . . . . . . . . . . . . . 5,-- Mark Friseuse . . . . . . . . . . . . . . . 5,-- Mark Theaterdiener . . . . . . . . . . . . . 3,-- Mark Garderoben-Putzfrau . . . . . . . . . . 1,-- Mark Korbträgerin . . . . . . . . . . . . . 5,-- Mark Schneiderin für kleine Reparaturen . . . 11,50 Mark Ein Paar grünseidene Ballschuhe . . . . 7,-- Mark Ein paar Ballhandschuhe . . . . . . . . 12,-- Mark _____________ 49,50 Mark _____________ Zusammen 282,50 Mark Nicht ohne Mühe hatte sich Valeska diese Summen zusammengerechnet. Es war doch ein ganzer Posten, beinahe die Hälfte ihres Barvermögens. Aber der Gagetag war ja nahe, und außerdem ... es mußte sein! Zunächst die Neuequipierung mit französischer Schminke. An den Provinztheatern hatte sie sich mit der billigen deutschen beholfen. Aber hier in Berlin ... nein ... das ging jetzt schon in einem hin. Ebenso die Perücke. Mit ihren alten, schlechten war kein Staat zu machen. Und sie wußte, daß Blond sie auf der Bühne reizend kleidete. Die übrigen Ausgaben verstanden sich eigentlich von selbst. Ohne Trinkgelder kommt man beim Theater so wenig durch wie sonst in der Welt. Sie hatte in dem Einakter, der am nächsten Sonnabend in Szene gehen sollte, nur zwei Sätze zu sprechen, Aber troßdem freute sie die Rolle. Sie gab ihr doch Gelegenheit, den Eindruck ihrer Dienstmagd Rieke zu verwischen. Diesmal erschien sie nicht als schlampiges »Mädchen für alles«, sondern als strahlende Ballkönigin, und nicht ohne Rührung gedachte sie ihres guten kleinen Husaren, dessen Großmut sie die prachtvollen Ballroben und sonstigen Toilettenschätze verdankte, die oben auf dem Boden wohlverwahrt der Auferstehung harrten. »Und vielleicht kriege ich auch bessere Rollen,« dachte sie, »wenn man erst sieht, was für wundervolle Kostüme ich hab' ... und der Neid und das Staunen der andern! Vielleicht steche ich sogar die Dobschütz aus!« Freilich ... schauspielerisch konnte sie sich in der Rolle nicht weiter betätigen. Und eine zweite, etwas umfangreichere Partie, die mitgeschickt worden war, schien zu einem in Reserve gehaltenen Stück zu gehören; denn von Proben dazu war keine Rede. Immerhin blätterte sie, müßig im Zimmer auf und nieder gehend, das vergilbte weiße Heftchen durch. Außen auf dem Umschlag standen die Namen ihrer Vorgängerinnen, Johanna Töry und Marie Schaffranek, die beide offenbar schon lange nicht mehr dem Westend-Theater angehörten. Eine Menge Randbemerkungen, die beide im Laufe der Zeiten angebracht hatten, fanden sich in dem Buche. Gleich auf der ersten Seite stand: »Eine feine Nummer!« Und dicht darunter, halb ausradiert, aber noch erkennbar: »P. ist ein Esel ...« Die zweite Szene schien Fräulein Johanna Töry auf der Probe Verdruß bereitet zu haben, denn sie schrieb an einer Stelle lakonisch: »Hier schimpfte der Alte!« Und bald darauf folgte die geheimnisvolle, offenbar an sie selbst gerichtete Warnung: »Hänschen ... wahr' Dich!« ... So ging es weiter. Ganz am Schlusse stand melancholisch in derselben zierlichen Handschrift: »Adieu, Berlin ... du Hundenest ...« Und darunter hatte die pedantische Schaffranek geschrieben: »Es heißt: Spree-Athen!« Das Fräulein Hänschen scheint auch böse Erfahrungen in Berlin gemacht zu haben ..., dachte Valeska und blätterte wieder rückwärts, bis sie zu dem Umschlag kam, auf dem der Name »Johanna Töry« stand. Und daneben – sie bemerkte es erst jetzt, denn es war sorgsam wegradiert – von der Hand der Schaffranek die Worte: »Du armes Hascherl!« und ein schiefes Kreuz. Jetzt erinnerte sich Valeska. Sie hatte davon gelesen, daß Johanna Töry, ein schönes Mädchen zu Anfang der Zwanziger, im Begriff, ein Engagement in Hamburg anzutreten, innerhalb weniger Tage im Hotel dem Typhus erlegen sei. Auch im Bergheimer Theater war davon gesprochen worden, und ein Kollege, der sie kannte, hatte nachdenklich gesagt: »Der wird auch viel vergeben, denn sie hat viel geliebt.« Sie hatte recht! Valeska legte das Heft, vor dem ihr graute, leise auf den Tisch. Sie hatte wahrlich recht, das tote Hänschen. Was war das bißchen Leben ohne Liebe? Besser sterben. Die kleine Elten seufzte. Ist man verliebt, so ist man verrückt. Und ist man nicht verliebt, so ist die Welt ein großer Novembertag.   Und wieder ging sie müßig auf und nieder. Es war ihr unbehaglich in ihrem nüchternen Zimmer. Sie kam sich darin als eine Fremde vor, wie überall auf der Welt. Nirgends ein Heim, nirgends ein Zufluchtsort, in den sie sich vor den Stürmen der Welt retten konnte wie ein gescheuchter Vogel in sein Nest. Nebenan schnarchte der südamerikanische Attaché, der wieder erst morgens gegen acht Uhr nach Hause gekommen war. Über den Korridor her tönte das abgehackte Klaviergehämmer der Schottinnen, die zu zweit das geduldige Instrument bearbeiteten, und weiter hinten die Stimme der Frau von Haidenschild, die das Dienstmädchen ausscholt. Und unten klingelten über die Lützowstraße die Pferdebahnen, und die helle Herbstsonne glitzerte auf dem sauberen Pflaster. Es litt Valeska nicht länger in der Wohnung. Sie beschloß, wie sie es jetzt oft tat, ein Weilchen ziellos durch den Tiergarten zu schlendern. Diesmal freilich in besonders trüber Gemütsverfassung. Eine eigene sehnsüchtige Traurigkeit kam über sie, während sie langsam durch die laubüberschütteten, einsamen Pfade dahinschritt. Die arme Töry ... die war nun tot. Nicht lange, nachdem sie ihr »... Adieu, Berlin ... du Hundenest« in die Rolle geschrieben. Und sie stellte sie sich vor, wie sie jetzt im Sarge lag, tief unter der Erde, vermodert und zerfallen der blühende Leib, das schone Gesicht, das einst so viele entzückt. Aber schließlich ... die hatte es gut ... die hatte es überstanden. Kampf, Liebe und Leid dieser Erde lagen hinter ihr. Die kleine Elten seufzte, und durch ihren armen Kopf dämmerte die Ahnung von der tiefen Zwecklosigkeit aller irdischen Dinge.   Was hatte sie nun von ihrem Berliner Dasein, auf das sie sich so sehr gefreut? Sechs Wochen lebte sie hier, schlicht und ehrbar, in tiefster Zurückgezogenheit. Und niemand dankte es ihr, niemand lohnte es ihr, niemand bemerkte sie überhaupt in der uferlosen Menge. Sechs Wochen ohne einen Freund, ohne einen Menschen, dessen Hand sie vertrauensvoll fassen, dem sie ihre kleinen Leiden und Freuden berichten, ihre kleinen Sorgen beichten konnte. Sie fühlte ... das würde sie auf die Dauer nicht ertragen. Und was hatte sie auch davon? ... Was hatte sie überhaupt von dem ganzen Leben ...?   »Nun ... so in Gedanken, Fräulein Valeska?« tönte neben ihr eine Stimme. Die kleine Elten fuhr auf. »Ach ... Sie sind es!« sagte sie und streckte mit sonnigem Lächeln dem Major von Rönne, der in Zivil vor ihr stand, die Hand entgegen ... XII. Eine Weile standen sie schweigend beisammen und blickten in den Goldfischteich hinunter. Dann nahm Rönne das Wort. »Wie ist Ihnen der Abend neulich bekommen?« »Danke!« sagte Valeska. »Das war der letzte Lichtblick! Seitdem bin ich ganz trübsinnig.« »Haben Sie denn noch immer keine Rolle?« »Ein Röllchen,« die Elten seufzte ... »ein Röllchen, winzig wie ein Kind. Vier Worte im ganzen. Und dazu muß ich als Herzogin kommen und vor der Hannemann zwei feierliche Hofknixe mit allen Schikanen machen.« »Sie Ärmste ...«, der Major blickte sie von der Seite an ... »und darüber denken Sie also jetzt nach?« Die kleine Elten war heute in ihrer traurigsten Stimmung. Sie schaute tiefsinnig auf den glatten Spiegel des Teiches. »Ich denke darüber nach ...«, sagte sie langsam, »ob ich nicht da hineinspringen soll ... kopfvor ... schwimmen kann ich nämlich nicht ...« Aber Herr von Rönne schien gar nicht für die Romantik aufgelegt. »Dann würden Sie jämmerlich um Hilfe schreien«, lachte er, »und naß wie eine Katze mit der sicheren Anwartschaft auf einen Stockschnupfen wieder herausgezogen werden, und ein Schutzmann brächte Sie in Ihre Wohnung ...« Einen Augenblick ärgerte sich Valeska, dann stimmte sie in seine Heiterkeit ein. »Sie haben ganz recht. Es war nur dummes Gerede. Eigentlich bin ich doch immer noch fidel. Warum, weiß ich freilich nicht.« »Warum sollten Sie nicht heiter sein ...«, erwiderte Rönne ruhig. »Wie viele Menschen haben denn das Glück, wie Sie, jung, schön und gesund zu gleicher Zeit zu sein? ...« Valeska antwortete nicht. Er macht mir wahrhaftig Komplimente ..., dachte sie erstaunt und schritt neben ihm den schattigen Fußweg der Charlottenburger Chaussee entlang. Zu ihren Füßen raschelte das Herbstlaub, auf das zwischen den Zweigen hindurch die Sonne tanzende Lichter warf, und vom Kleinen Stern her trug ein Windstoß die verwehten Klänge der Drehorgel, hinter der bettelnd der blinde Invalide stand.   »Warum tragen Sie so oft Zivil?« fragte Valeska endlich, nur um etwas zu sagen. Rönne fuhr wie aus einem Traume auf. »Es ist bequemer ...«, sagte er, »wenn man so zwecklos durch die Gassen schlendert ...« »Tun Sie das denn oft?« Ihr Begleiter zuckte die Achseln. »Was sollte ich viel anderes tun, wenn ich mein Aktenloch verlassen habe?« Valeska schwieg befangen. Sie wußte von Thilda, daß der Major dicht davor stand, Witwer zu werden. Aus der Bewußtlosigkeit, in der Frau von Rönne seit Monaten lag, glitt sie jetzt langsam und unmerklich in das Nichtsein hinüber ...   Ein eleganter Offizier sprengte in kurzem Galopp auf dem Reitpfade nebenan vorbei. Den Major erblickend, legte er verbindlich die Hand an die Mütze und verbeugte sich im Sattel gegen ihn und seine Begleiterin. »Dieser Generalstäbler hat eine große Karriere vor sich«, sagte Rönne zu Valeska, die ängstlich ihr Kleid zusammengerafft hatte, um es vor den auffliegenden Staubbrocken zu schützen ... »Oberst von der Lünne.« »Ein schönes Pferd hatte er ...«, meinte die kleine Elten nachdenklich ... »nicht wahr?« Der Major lachte. »Das habe ich ihm verkauft ... vor ein paar Wochen ... allzuviel taugt es nicht ...« »Nun, wenn ich ein Pferd hätte und reiten könnte ...« Valeska sann nach ... »Nein ... das würde ich nicht verkaufen.« Rönne nickte ihr Beifall. »Die Pferde sind noch mit das beste an der ganzen Schöpfung. Ich habe große Lust, mir selbst ein kleines Gestüt anzulegen, wenn ich einmal wirklich Gutsbesitzer bin ...« »Wollen Sie denn ein Gut kaufen?« »Ich besitze schon eins«, erwiderte Rönne, »in Schleswig ... schön an einem See gelegen ... und an dem Ufer ein großer Park von uralten Buchen. Aber ich komme nicht dazu, mich darum zu kümmern. Der Dienst läßt mir keine freie Stunde.« »Da würde ich den Dienst aufgeben ...«, seufzte die Elten ... »Sie Glücklicher ... ein Gut ... mit einem Park ... und einem Teich ... ich kann mir gar nicht vorstellen, was das für ein Gefühl sein mag, irgend etwas auf der Welt wirklich zu besitzen ..., daß man sagen kann: das da ist mein, und niemand darf es mir rauben ... Ich kenne das gar nicht ...« Der Major wollte sie trösten. Aber ihre Gedanken blieben bei dem Gute. »Sicher ist auch ein Hühnerhof da«, träumte sie, »mit türkischen Enten und Purzeltauben und einem recht großen Puterhahn ... im Bade Holl ... da war im Kurhaus so ein Hühnerhof ... da fütterte ich immer die Tiere ... macht Ihnen das keinen Spaß ...?« »Ehrlich gestanden,« erwiderte der Major »... ich weiß nicht einmal, ob ein Hühnerhof da ist. An solchen bescheidenen Freuden gehen wir Männer nun einmal achtlos vorüber. Aber ein großer Stier ist da. Der liegt im Stall an zwei Ketten ... und zwei ausgezeichnete Hühnerhunde ... und ... ja richtig ... ein Hahn ist doch vorhanden. Die Bestie weckt einen ja immer bei Tagesanbruch mit ihrem heiseren Krähen ...«   Wieder schwiegen sie eine Weile. »Ja ..., auf dem Lande muß es schön sein«, sagte die kleine Elten endlich und sah sehnsüchtig zwischen den Zweigen hindurch ins Weite. Rönne blickte sie von der Seite an. »Auf dem Lande gibt's kein Theater und kein Komödienspiel. Und soviel ich höre, kann das niemand entbehren, der einmal hinter den Kulissen war ...« Valeskas Augen behielten ihren sehnsüchtigen, beinahe traurigen Ausdruck. »Das ist nur so eine Meinung,« sagte sie leise, »ich möchte gern vom Theater weg ... für immer ... es wird ja doch nichts aus mir ...« »Und dann?« »Dann ... das ist ja eben ... dann möchte ich reisen ... weit ... weit in die Welt hinaus. Ich kenne ja so wenig von der Welt. Solange ich mich erinnere, habe ich in dem Theaterkram gesteckt ... in Staub und Schminke ... und falschem Plunder und buntbekleckster Leinwand. Der ist überall gleich ... in welche Stadt man kommt ... auch in Riga ... Da war ich das einzige Mal im Ausland ... aber da ist's nicht hübsch ... kennen Sie Rußland?« »Nein.« »Dort ist's zu komisch. Die Droschkenkutscher heißen dort Fuhrleute, und wenn man ihnen kein Trinkgeld gibt, fangen sie an zu schreien: ›Erbarmen Sie sich!‹ ... Das Theater ist schön. Es liegt frei da ... zwischen den Boulevards ... aber ich möchte nicht wieder hin. Aber nach Italien möchte ich einmal ... da muß es wunderbar sein ... und überallhin, wo der Himmel blau ist und die Welt schön ...« »Nun ... wenn Sie einmal Ihre Hochzeitsreise machen ...«, meinte Rönne belustigt, »da geht man immer nach Italien!« Valeska sah zu Boden, und es zuckte schmerzlich um ihre Mundwinkel. »Ich eine Hochzeitsreise ...«, sagte sie leise, »ich ... wer heiratet mich denn ...? Wer heiratet denn eine Schauspielerin ...? Wir sind ja verfemt ...« »Nun ... man hat ja Beispiele genug ...« »Ja ... wenn sich ein vertrottelter ungarischer Magnat von einer verschmitzten Balletteuse einfangen läßt ... dann nennt man das eine Künstlerehe und macht ein großes Geschrei davon. Und die großen Künstlerinnen ... nun ja freilich ... denen ist alles erlaubt ... und sie finden Männer trotz alledem ... aber wir armen Kleinen ...« »Gerade da kommt es doch ganz auf die Persönlichkeit an.« »Man verdammt uns in Bausch und Bogen.« Valeska schüttelte wehmütig den hübschen Kopf ... »... und im Vertrauen gesagt ... man hat nur zu oft recht. Es ist erschreckend, wie leichtsinnig manche in den Tag hineinleben ...« »Ja ... die Versuchung mag groß sein«, sagte Herr von Rönne und sah sie mit einem merkwürdigen, forschenden Blick an. Valeska errötete leicht. »Die Hauptsache ist ... man muß von vornherein fest bleiben! Ist einmal der erste Schritt getan, dann geht's rasch bergab, und jeder meint, er könne ... hingegen ... ist man fest geblieben ... einige Zeit hindurch ... dann spricht sich das doch allmählich herum, und man bekommt etwas mehr Ruhe ...« »Ja ... aber verzeihen Sie mir meine Frage ...«, sagte Rönne, immer mit demselben seltsamen Blick, »ich habe mich in letzter Zeit in den hiesigen Theaterverhältnissen zu orientieren gesucht ... Sie begreifen ... nur wegen des Fräulein Thorbeck ...« Valeska nickte. »... und höre da überall, daß es für Schauspielerinnen, die Salondamen oder erste Liebhaberinnen geben, fast unmöglich ist, ihre Toiletten von ihrer Gage zu bestreiten ...« Valeska nickte wieder. »Es kommt auf die Theater an. Bei manchen ist's möglich, bei andern nur sehr schwer ...« »Ja ... und was macht denn nun eine Dame, die ...?« »Ach ... Sie meinen etwa Thilda«, sagte Valeska rasch ... »Ja ... die hat etwas Zuschuß von zu Hause ... und kriegt da und dort einmal von Verwandten ein Kleid geschenkt und schlägt sich so durch ...« »Ja ... aber andere sind doch nicht in solcher Lage ...« Rönne sah sie wieder forschend an. Er meinte sie selbst ... kein Zweifel. Valeska hatte ihm ja genug von ihrer armen Herkunft erzählt. Und antworten mußte sie doch irgend etwas. »Ja ... ich zum Beispiel ...«, sagte sie stockend, »... ich habe das freilich nicht. Mein Glück war, daß ich ein kleines Erbteil bekam, als meine Eltern starben und die Hinterlassenschaft zwischen meinen Schwestern und mir geteilt wurde. Es ist nicht viel, aber es reicht gerade aus, um die notwendigsten Toiletten anzuschaffen ...« Rönne schaute ihr schweigend ins Gesicht. Sie hielt seinen Blick aus. »Da müssen Sie viel beim Theater gelitten haben ...«, sagte er endlich kurz. »Jawohl ...«, bestätigte die kleine Elten tugendhaft und hatte dabei ein sehr böses Gewissen. Aber schließlich ... sie konnte ihm doch nicht von ihrem Bergheimer Husaren erzählen.   Sie waren in einen einsamen Seitenpfad des Tiergartens eingebogen und gingen langsam dahin. Was bedeutet nur das alles, dachte Valeska bange. Ein Gedanke stieg in ihr auf, den sie gar nicht auszudenken wagte. Plötzlich blieb sie stehen. Auf einem Strauche, hart am Weg, saß ein kleiner Zaunkönig, wippte piepsend mit dem Schwanz und sah so frech drein, als gehörte ihm die Welt. »Ach, das goldige Viehchen ...«, flüsterte die kleine Elten entzückt und bog sich über das Gezweige, um ihn zu bewundern. »Das goldige Viehchen«, wiederholte sie nach einer Weile und sah über die Schulter hin strahlend nach ihrem Begleiter. Dann wandte sie sich wieder dem Vogel zu. Rönne sah, wie vorsichtig sie atmete, um ihn nicht zu verscheuchen. Ein schräger Sonnenstreif flimmerte durch das Geäst und vergoldete die wirren braunen Strähnchen, die sich in ihrem zarten Nacken kräuselten. Ringsum war alles still. Nur die Blätter rauschten, und in den Zweigen sang der kleine Vogel sein Lied ...   »Nun ... gehen wir weiter ...«, sagte Valeska, sich umwendend, als der Zaunkönig plötzlich mißvergnügt piepsend davongeflattert war ... »war das ein herziger Kerl ...« Und ihre Augen waren beinahe feucht vor Bewunderung über das Tierchen. Aber, während sie noch dastanden, zeigten sich dicht vor ihnen zwei Gestalten in der nahen Wegkrümmung. Zwei ahnungslose Menschen. Ein blasser, bebrillter Student und eine kleine Konfektioneuse. Sie glaubten sich ganz unbelauscht. Er hatte den Arm um sie geschlungen, und in langsamem Vorwärtsschreiten küßten sie sich fortwährend ernst und mit Ausdauer. Plötzlich merkten sie, daß sie nicht allein waren. Die Kleine stieß einen leisen Schrei aus und drehte das errötende Köpfchen nach der anderen Seite. Der Student sah sehr verwirrt drein. Beide machten, daß sie weiter kamen.   Valeska schaute ihnen belustigt nach und wandte sich dann zu Rönne. Aber das Lachen, das verstohlen um ihre Lippen zuckte, verschwand, als sie seinen Gesichtsausdruck sah, diesen Blick tiefer, leidenschaftlicher Zärtlichkeit, der wie gebannt auf ihr lag. Und der Gedanke, den sie bisher nie ausgedacht, den sie für unmöglich gehalten, stieg plötzlich zu voller Gewißheit in ihr auf, daß ihr Herz zu hämmern begann und ein Gefühl von banger, glücklicher Überraschung unbestimmt durch ihren Kopf wogte: »Herrgott ... er ist in dich verliebt ...«   Sie sprachen stockend von gleichgültigen Dingen, bis sie vor Valeskas Wohnung in der Lützowstraße angekommen waren. Rönne reichte ihr die Hand. »Wann sehen wir uns wieder?« Valeska überlegte. »Von morgen ab sind täglich Proben zu dem Einakter, der am Sonnabend herauskommt. Aber am Sonntag vormittag ... da ...« »Also am Sonntag ...« XIII. Ein sprühender, kalter Herbstregen fegte durch die Straßen, auf denen die grau-nüchterne Morgenstimmung Berlins lag. Es klopfte draußen an Valeskas Tür. Lange und energisch. »Fräulein Elten ... Sie müssen aufstehen ...«, klang die Stimme der Frau von Haidenschild vom Flur. Ein längeres Schweigen. Dann folgte als Antwort ein müdes »Ja ... ja ... gleich ...« von innen, und die Bettstelle ächzte. Damit gab sich die Haidenschild aber nicht zufrieden. »Ja ... ja ... gleich! ...«, rief sie durch die Tür, »... und dann schlafen Sie sofort wieder ein. Das kenne ich nun schon!« Und wirklich ... drinnen war es schon wieder still geworden. »Fräulein Elten ...«, die Haidenschild hämmerte ausdauernd gegen das Holz, »es ist Sonnabend ... es ist Kostümprobe heute ...« »Oh ... ja ... Kostümprobe ...«, klang es matt von innen. »Und es ist neun Uhr ... neun Uhr, Fräulein ... um halb zehn müssen Sie drüben sein!« Das wirkte! Frau von Haidenschild hörte, wie drinnen etwas mit gleichen Füßen aus dem Bett sprang. Gleich darauf knarrte die Diele in der Nähe der Tür, und sie vernahm Valeskas noch ganz schlaftrunkene Stimme: »Danke schön ... und, bitte, recht rasch den Kaffee!«   Valeska kam gerade noch zurecht. Auf halb elf war die Kostümprobe – oder »Generalprobe«, wie das Publikum sie beharrlich nennt – zu dem Einakter »Der Hausfreund« angesetzt. Und eine Stunde mußte man schon zu dem Frisieren, Schminken und Toilettemachen rechnen. Es herrschte ein ungewohntes Leben auf dem langen, halbdunklen Korridor, der auf der einen Seite durch die Zugänge zur Bühne, auf der anderen durch die Türen der einzelnen Garderobezimmer begrenzt war. An jeder Tür standen auf Papptäfelchen die Namen der beiden Inhaberinnen. Nur die Dobschütz hatte einen Raum für sich allein, und am anderen Ende des Ganges war eine große, heute leere Garderobe für die gesamte Komparserie eingerichtet. Alle Augenblicke wurden Türen aufgemacht und zugeschlagen. Man rief nach der Friseuse. Ein halbes Dutzend Garderobieren eilte geschäftig hin und her. Von der Bühne her tönte dumpf das Pochen und Hämmern der Arbeiter, aus den Garderobezimmern Geschwätz und Gelächter und ein langgezogenes de–re–mi–fa–sol in Käthe Hannemanns klangvoller Altstimme. Zum erstenmal seit Eröffnung der Saison waren fast sämtliche Damen auf der Bühne beschäftigt. Die Dobschütz in der Hauptrolle, die Hannemann und Elly Krause in kleineren Partien, endlich Valeska, Thilda, Mizi Stadinger und die Ilgen in den bewußten vier Worten. Pepi Hochleitner und Elisabeth Neumann, die nicht in dem Einakter, aber abends in der darauffolgenden »Kleinen Herzogin« zu tun hatten, trieben sich ebenfalls auf dem Korridor herum, um nachher sich vom Parkett aus mit kritischen Blicken den Einakter oder vielmehr – was sie eigentlich allein interessierte – die Toiletten der Kolleginnen anzusehen.   »Was hast du denn nur heute?« fragte in der Garderobe Valeska zu Thilda Thorbeck hinüber, während sie, in tiefstem Negligé vor dem Spiegel sitzend, sich zum Schminken bereitmachte. Thilda zuckte die Achseln. »Ich habe Kopfweh!« sagte sie kurz. »Komisch!« dachte die Elten und sah sich in dem Toilettenraum um, den im bläulichen Schein des elektrischen Lichts ein wirres Durcheinander von Kleidern, Wäschestücken, Schminkrequisiten und vielen anderen Dingen erfüllte. »Es wird wohl der Ärger wegen ihres Kostüms sein ... natürlich ... sie kann es nicht wie die andern ...« Und in der Tat ... Thildas Robe, die im Hintergrund über einem Stuhl lag, machte einen entschieden dürftigen Eindruck. Sie war nicht neu und offenbar nachträglich für Thildas hagere Figur umgearbeitet. Valeska sah sie, wie schon oft, kopfschüttelnd von der Seite an. Entsetzlich mager war doch das Mädel! ... Diese Schlüsselbeine ... und überhaupt ... Die hübsche Elten blickte einen Augenblick befriedigt an sich hernieder. Dann fuhr sie rasch in den Cold- cream -Tiegel, beschmierte sich damit das ganze Gesicht und wischte es vorsichtig ab, so daß nur eine leicht glänzende Fettschicht auf der Haut zurückblieb. »Du bist heute so merkwürdig verdrossen, Thilda,« sagte sie, während sie sich unterhalb der Augen einige Striche mit Karmin-Fett-Rouge anbrachte und dieses dann mit spitzen Fingern nach den Schläfen verrieb und über die Backen hin verschwinden ließ, »hat sich der böse Onkel Klaus wieder aus der Neumark hören lassen ...?« »Nein!« erwiderte Thilda beinahe schroff. »Nun ... wenn du mir's nicht sagen willst ...« Valeska sah sich prüfend im Spiegel an und begann, sich vorbeugend, die Augenpartie zu bearbeiten. Erst zog sie vorsichtig mit dem grauen Fett-Krayon einen Strich von dem inneren Augenwinkel im Bogen unterhalb des Auges zur Schläfe und verrieb ihn mit dem Finger. Dann machte sie es ebenso mit den Augenlidern, gab reichlich Rosafettpuder auf das Ganze und nahm es, vorsichtig zwinkernd, mit einem Samtbürstchen wieder weg. Thilda schwieg noch immer. Sonst pflegte sie bei solchen Gelegenheiten ihrer Freundin unablässig von dem Assessor und was damit zusammenhing zu erzählen. Das ärgerte Valeska. Nachdem sie sich vermittels einer Hasenpfote voll Trockenrouge die Augenpartien ebenmäßig geglättet hatte, wandte sie sich zu Thilda und fragte: »Sag' mal ... hast du was gegen mich?« »Was sollte ich haben?« erwiderte Thilda gelassen. »Ich wundere mich nur ...« »Einen Augenblick ...« Valeska nahm das Mascarobürstchen und färbte sich sorgfältig mit der chinesischen Tusche die Augenbrauen und die Wimpern. »Über was wunderst du dich?« Thilda, die schon fertig geschminkt und angezogen war, trat zu der Elten und legte ihr die Hand auf den bloßen Arm. »So gib doch acht!« schrie diese ärgerlich. Sie hatte eben eine umgekehrte Stecknadel in der Hand, auf deren Kopf etwas Dunkelrot von dem Krayon klebte, und fuhr sich damit vorsichtig in die Augenhöhle. Erst machte sie sich einen starken roten Punkt in den inneren Augenwinkel, dann unterzog sie das Auge bis zur Hälfte mit einem roten Streifen und setzte endlich am äußeren Augenrand einen spitzen roten Strich auf das Schwarze. Dann färbte sie sich die Augenlider etwas rot und gab den Nasenlöchern durch Trockenrouge einen roten Glanz. »Also worüber wunderst du dich?« fragte sie, gereizt sich umdrehend, Thilda, die immer noch neben ihr stand. Sie ahnte schon, worauf die Sache hinauslief. »Über deine Toilette!« erwiderte Thilda und warf einen Blick auf Valeskas im Hintergrund ausgebreitete Robe. »Das ist ja ein wahrhaft verschwenderisches Kostüm ...« Die Elten färbte sich eben die Lippen mit roter Pomade. »Pah ... meine Toilette ...«, sagte sie, und ihre weißen Zähne blitzten. »Das Kleid hab' ich schon lange ...« »Nein,« erwiderte Thilda Thorbeck, »es ist von neuester Mode ... und nicht ein einziges Mal getragen.« Die kleine Elten wurde trotzig. »Gut,« sagte sie und überstäubte das ganze Gesicht mit Veloutine, dem rosa Trockenpuder, »wie du willst ... also es ist von neuester Mode und nicht ein einziges Mal getragen. Und nun störe mich nicht. Ich habe so schon beinahe die Ohren vergessen.« Und eilig begann sie sich die Ohrläppchen rot zu färben. Dann leerte sie nasse Rosaschminke auf ein Tellerchen und trug diese – vorsichtig, um keine Streifen entstehen zu lassen – auf Arme, Hände, Hals und Büste auf. Darauf kam weißer Fettpuder, sorgsam mit einer Pelzbürste verrieben, und nun war sie soweit fertig geschminkt und einer Wachspuppe ähnlicher als einem Menschen. Ihre Heftigkeit tat ihr leid. »Was hast du denn nur gegen die Robe?« fragte sie, während sie sich etwas Rouge zwischen die Finger tat. »Ich finde sie ganz hübsch ...« Thilda sah sie an. »Sie muß eine Unsumme gekostet haben«, sagte sie kurz. »Ja.« Es war Valeska lieb, daß sie sich in diesem Augenblick über den Tisch beugen und mit einem Wildlederläppchen das Email auf ihren Nägeln verreiben konnte. »Ich habe eine Erbschaft gemacht ... neulich ... von einer Tante ... und die benutzte ich, um mich für Berlin zu equipieren ...« Sie schwindelte das etwas stockend und sah Thilda bang von der Seite an. Sie würde ihr das nicht glauben ... natürlich ... solche Tanten gab es ja nur im Monde ... Thilda setzte sich ruhig wieder auf ihren Stuhl und kehrte ihr halb den Rücken zu. »Ich habe natürlich kein Recht, mich in deine Angelegenheiten zu mischen,« meinte sie, »aber da du mir selbst gesagt hast, daß du aus ganz armer Familie stammst ...« »Aber die Tante war reich!« Die kleine Elten stampfte vor Zorn auf den Boden. Sie ärgerte sich selbst über ihre ungeschickten Ausflüchte. Und da Thilda achselzuckend schwieg, setzte sie schnippisch hinzu: »Und meine Armut mache mir ja nicht zum Vorwurf. Es kann nicht nur Majorstöchter auf der Welt geben.« »Darauf habe ich keine Antwort!« sagte Thilda, und eine peinliche Stille entstand. Zum Glück kam in diesem Augenblick, zusammen mit der Garderobiere, Mizi Stadinger herein, ein Blatt Papier in der Hand. »Ich will mich für übermorgen krank melden,« sagte sie zu Valeska, »ich kann nicht spielen ... die vier Worte übernimmt ja jede andere im Augenblick.« »Was fehlt Ihnen denn?« »Eigentlich nichts. Aber ich muß meinen Prinzen besuchen. Es ist sein Geburtstag.« »Und was wollen Sie für eine Krankheit angeben?« »Ich weiß nicht!« meinte die Mizi. »Käthe Hannemann riet mir eben, ich sollte schreiben, ich hätte seit acht Tagen eine heftige Gehirnerschütterung ...« »Sie hat sich wieder einen Ulk mit Ihnen gemacht!« Valeska verbiß mühsam das Lachen, während sie sich von der Garderobiere in ihr Kleid helfen ließ. Die Mizi merkte das nicht. »Ich finde schon was ...«, sagte sie, »aber ... was ich Sie fragen wollte ... schreibt man Arzt oder Artzt?« »Ich glaube ... Artzt ...«, meinte Valeska sinnend. »Glauben hilft zu nichts ...«, versetzte die Kleine ärgerlich. »Ich muß es genau wissen, sonst lachen sie mich im Bureau wieder aus ...« »Und dabei spielen wir lauter hochadlige Damen heute abend,« lachte Valeska übermütig, »recht unorthographische Prinzessinnen ... das muß man sagen ... Thilda ... wie heißt es?« Thilda, die mit der Mizi auf sehr gespanntem Fuße stand, sagte kurz: »Es heißt Arzt ... natürlich!« Aber Mizi hörte kaum darauf. In dumpfem Staunen sah sie auf Valeskas schimmerndes Kleid, das die Garderobiere eben an der Seite zuhakte. Dann lief sie hinaus auf den Korridor, wo schon einige der andern Damen standen. »Kinder ...«, rief sie ganz aufgeregt, »... die Elten hat eine Robe ... das ist schon das Höchste ... wundervoll ... sage ich euch!« Das erregte Sensation. »Wie ist es denn?« fragte Käthe Hannemann, deren hohe Gestalt und schöne, verächtlich-sinnlichen Züge ebenfalls durch ein glänzendes Kostüm in das beste Licht gesetzt waren. Die Mizi berichtete eifrig: »Also aus grünem Damast ... mit langer Schleppe ... große grüne Puffärmel ... der ganze Ausschnitt ... die Schleppe und alles mit rosa Chrysanthemum besetzt ... vorn eine riesige Schleife aus silberdurchwirktem Tüll ... und darunter verfallend lichter, cremefarbener Tüll mit Silber gestickt ... und ...« Aber in diesem Augenblick trat die Elten selbst heran und merkte an dem staunenden Schweigen ihrer Kolleginnen, welch tiefen Eindruck sie machte. »Tausend Mark!« taxierte flüsternd die Hannemann, die beste Kennerin in solchen Dingen, das Kleid, und die andern nickten zustimmend. Und dreihundert Mark Monatsgage! »Tausend von dreihundert geht nicht,« tuschelte Franziska Ilgen zu Mizi, »also borg' ich mir eins. Nun werden die Herren wohl einsehen, daß ich recht hatte ...« »Ja ... diese Scheinheiligen«, seufzte Mizi in ehrlicher Entrüstung. Und ähnlich dachten die andern. Valeskas Stellung stand von Stund an fest, und nur die eine Frage blieb vorläufig offen: »Wie heißt er?«   Aber schon gab der Inspizient das Zeichen, auf den Bühnenraum zu kommen, da das Stück begonnen hatte. Der ganze Schwarm rauschte die steile Treppe hinauf, ein Gewirr von blendenden Schultern und knisternder Seide, von sorgsam frisierten Köpfchen und bunten Blumengirlanden, das sich seltsam von der grauen, staubigen Kulissenwelt ringsumher abhob. An der Pappwand blieben sie stehen und horchten, die Schleppen über dem linken Arm, mit vorgebeugtem Oberkörper auf ihr Stichwort. Ihre Busen hoben und senkten sich, eine Wolke feinen Parfüms entströmte der Gruppe, und ein Theaterarbeiter, der etwas abseits auf dem Boden lag, blinzelte wohlgefällig zu ihr hinauf. Als Valeska mit den andern auf die Szene trat, merkte sie alsbald, daß auch dem Direktor, der unten im Parkett thronte, ihre Toilette nicht entging. Er flüsterte mit dem danebensitzenden Regisseur und notierte sich dann etwas in sein Taschenbuch. Ihr ganzer Auftritt dauerte nur etwa fünf Minuten. Dann rauschten alle vier wieder nach den Garderoben zurück. »Und wegen dieser Kleinigkeit verliert man nun den ganzen Vormittag«, seufzte die Elten, während sie sich wieder mit Cold-cream abschminkte und das Gesicht trockenrieb. Thilda Thorbeck antwortete nicht. Valeska lief zu ihr hin und schlang ihr die bloßen Arme um den Hals. »Bist du mir denn wirklich böse?« Ihre Freundin machte sich los, sanft, aber unerbittlich. »Ich habe wahrhaftig keinen Grund, dir böse zu sein,« sagte sie, »aber ich glaube ... wir passen doch nicht so zueinander, wie ich dachte.« »Und das alles wegen dem dummen Kleid ...«, schluchzte die kleine Elten. »Geh ... Thilda ... sei doch lieb ... es ist doch nicht der Rede wert ...« Aber in diesem Punkte war Thilda unerbittlich. »Du weißt schon, was ich meine ...«, sagte sie ruhig, »die andern nehmen's dir nicht übel ... im Gegenteil ... da kannst du unbesorgt sein!« »Du bist recht häßlich ...«, Valeska verbarg weinend das Gesicht zwischen den Händen, »recht häßlich bist du ... soll man denn gar keine Freude mehr im Leben haben ... und was hat man denn davon? ... Man verachtet uns doch ... das kannst du mir glauben ... wenn man's uns auch nicht sagt ... ob wir nun so sind ... oder so ...« Und ohne auf den Gruß der Freundin, die das Zimmer verließ, und die Tröstungen der Garderobiere zu achten, schluchzte sie vor sich hin.   Inzwischen hatte Franziska Ilgen zusammen mit ihrer Busenfreundin Käthe Hannemann das Theater verlassen und begegnete auf der Straße Herrn von Seybling, der von einem Spazierritt im Tiergarten zurückkehrte. Als er die beiden schönen Mädchen erblickte, drängte er sein Pferd zu ihnen an den Bürgersteig. »Nun ... wie steht's mit dem Einakter morgen?« fragte er und lüftete höflich den Hut. »Großartig, Herr Baron!« erwiderte die schwarze Franziska. »Das heißt ... bis auf Fräulein Eltens Toilette ... über die werden Sie sich wundern!« »Wirklich?« »Ja, das ist doch wohl das Powerste, was noch dagewesen ist!« »Was willst du?« rief Käthe und warf den schönen, von aschblonden Flechten gekrönten Kopf in den Nacken. »Ein armes, braves Kind wie die Elten ...« Seybling sah sie aus dem Sattel forschend an und merkte den Spott, der um ihre Mundwinkel zuckte. »Oh ... wirklich ...?« sagte er befriedigt und legte die Schenkel an, um weiterzureiten. »Also auf morgen, meine Damen!«   »Nun ist nur noch die eine Rolle hier zu besetzen ...« Der Direktor Hochmann blätterte, wie er es seit einer Stunde schon tat, nachdenklich in einem umfangreichen Manuskript. »... die Astild ... die einzige, die ich in dem ganzen merkwürdigen Stück für total verzeichnet halte ...« »Ja ... undankbar ist sie jedenfalls sehr ... trotz ihres Umfangs ...«, pflichtete Reichau, der Sekretär, bei, »und umarbeiten kann sie der Autor nicht mehr ...« »Nein ... da er tot ist ...« Hochmann überlegte. »Wirklich ein Pech, mit dreißig Jahren als völlig unbekannter Mensch zu sterben, nachdem man eben solch ein Ding geschrieben hat. Es ist ein wahres Wunder, daß ich durch Zufall in meiner letzten schlaflosen Nacht gerade dies Buch aus dem Stoß von Manuskripten herausgegriffen habe ... Nun, wir werden ja sehen ... ich bringe es jedenfalls als nächste Neuheit ...« »Und die Astild?« Hochmann sann nach. »Eine böse Sache, wer die Rolle kriegt, ist geliefert. Abgetan vielleicht auf immer. Denn unser Publikum und auch ein Teil der Kritik kann gerade solch eine Rolle nicht von der Darstellung trennen. Und es ist nichts damit zu machen. Man muß darin umwerfen!« »Und dabei muß die Darstellerin schön sein,« meinte Reichau, »um diese edelmütige Kokotte wenigstens einigermaßen glaubhaft zu machen. Außerdem sehr schick ... und dann sind noch zwei glänzende Toiletten erforderlich.« »Toiletten ...« Hochmann sann wieder nach, und seine Züge erhellten sich. »Toiletten ... haben Sie die Elten heute auf der Probe gesehen?« »Ja. Die Robe war pompös!« »Schön! Also schreiben Sie: Astild – Fräulein Elten.«   XIV. Auf dem Lehrter Bahnhof stieg ein kleiner, fetter Herr aus einem Coupé erster Klasse, putzte sich die Brille und wartete mißvergnügt, bis sein mitfahrender Diener erschienen war und einen Wagen besorgt hatte. Während er zu dem Major von Rönne rollte, musterte er ärgerlich die neuen, im Bau begriffenen Stadtviertel, die sich auf der Moabiter Seite jenseits der Spree zeigten. Dies Berlin wuchs noch immer! ... Ein wahrer Wasserkopf der preußischen Monarchie! Der rheinische Abgeordnete, der diesen vielbelachten Ausspruch getan, hatte ganz recht. Und dieser neue Reichstag! Brauchte man wirklich eine so prunkvolle Schwatzbude, während ringsum die Landwirtschaft daniederlag? ... Freilich ... was wußte man hier in Berlin von der Neumark und ihren Leiden? Wer kümmerte sich um den Bauer? Wenn nur die Papierchen gut standen und der Freisinn triumphierte ... alles andere war ja gleich! Und grollend kroch er aus dem Klapperkasten, wie er die Droschke nannte, ließ den Diener mit dem Gepäck nach dem Hotel vorausfahren und stieg zu dem Major hinauf.   Der saß am Schreibtisch über seinen Karten, als der Besuch, ohne viel auf die Anmeldungsversuche des Burschen zu geben, bei ihm eintrat. »Onkel Klaus ... bist du es denn wirklich?« »Jawohl, mein Neffe!« Der alte Herr setzte sich behutsam nieder und stöhnte. »Diese verwünschten Treppen bei euch in Berlin! Und einen Stuhl stellen sie auf jeden Absatz, als ob man ein Spitalbruder wäre! ... Also ich bin hier, wie du siehst ...« »Aber warum? Das Herrenhaus ist doch jetzt ...« »Ich will sie sehen ...!« sagte Onkel Klaus gewichtig und mit einer Art von Würde. »Ich will dieses Fräulein Thorbeck sehen, das deinen werten Bruder verrückt gemacht hat. Ich habe darüber nachgedacht und mit dem Pastor gesprochen. Es ist meine Pflicht. Ein Christ darf niemand ungesehen verdammen. Also wo steckt sie?« Er blickte umher, als könne sie der Major etwa in irgendeinem Schreibtisch verborgen halten. »Sie spielt heute abend,« erwiderte der, »ich weiß es zufällig. Allerdings nur in einer kleinen Rolle ...« »Das hat dir wohl dein Bruder verraten?« brummte der Alte. »Der Schlingel braucht vorderhand gar nicht zu wissen, daß ich da bin ... also wenn es dir recht ist, gehen wir heute abend zusammen in dieses Kunstinstitut hinein ...« Der Major nickte stumm. »Du siehst schlecht aus ...«, begann der Alte wieder, ihn prüfend ansehend. »Nun ... freilich ... wie steht es denn?« fügte er leise mit einem Seitenblick hinzu. Rönne blickte zum Fenster hinaus ins Weite. »Noch wenige Wochen ...«, sagt der Arzt. »Und immer bewußtlos?« »Seit vielen Monaten ...« Es wurde still im Zimmer. Dann stand der alte Klaus auf und legte seinem Neffen die Hand auf die Schulter. »Albrecht ...«, sagte er, und durch die knarrende Stimme zitterte die Rührung seines wunderlichen, gütigen Herzens, »Albrecht ... trag' es als Mann ... Du brauchst wahrhaftig nicht zu verzweifeln. Das Schicksal hat dir dein Familienglück genommen ... nun ... du bist im besten Alter ... bist wohlhabend ... kannst jeden Augenblick unabhängig sein, wenn du den Dienst quittierst ...« Der Major fuhr herum und sah ihn an. »Was meinst du damit?« »Ich meine ...«, Onkel Klaus hielt die Hand auf seiner Schulter, »du wirst dir ein neues Familienglück schaffen ... nun gerade ... dem Schicksal zum Trotz ...« Rönne wandte sich wieder ab. »Daran darf ich nicht denken,« sprach er halblaut, »vorläufig wenigstens noch nicht ...« »Ach, Liebster!« Der Alte schüttelte wehmütig sein greises Haupt mit den spärlichen Haaren. »Wir sind allzumal Sünder, und die Gedanken kommen über uns ... wir mögen wollen oder nicht ...«   Zwei Stunden darauf betraten sie das Westend- Theater. Sie hatten an der Kasse noch die Vorderplätze zu der zweiten Proszeniumsloge links bekommen. Der Andrang war nicht groß; denn »Die kleine Herzogin« war abgespielt, und der Einakter »Der Hausfreund« zog für sich allein nicht zu sehr. Immerhin füllte sich allmählich das Haus, und auch die Kritiker erschienen, meistens sehr mißmutig, wegen der Viertelstunde Berufspflicht den weiten Weg machen zu müssen. Der Kassierer hatte seine ganze Kunst aufgeboten, um die Logen zu »garnieren«, das heißt die vorderste Reihe einer jeden zu besetzen und die zahlenden oder nichtzahlenden Parkettbesucher möglichst malerisch über das ganze Parterre zu verteilen, so daß das Ganze einen leidlich behaglichen Eindruck machte. Noch ehe die Vorstellung begann, öffnete sich rasch die Tür zur Proszeniumsloge Nummer eins. Ein Trupp elegant gekleideter Herren trat mit der Sicherheit alter Hausfreunde ein und nahm geräuschvoll Platz. Die beiden Herren nebenan, die nichts zu tun hatten, blickten unwillkürlich hinüber. »Natürlich kommen wir wieder zu früh!« klagte der Gigerl, der sich dicht neben Rönne, nur durch die offene Logenwand von ihm geschieden, niedergelassen hatte. »Ich sagte euch doch ... wir hätten ruhig noch im ›Bristol‹ sitzenbleiben können. Aber nein, da muß man mit dem letzten Bissen im Munde absausen ...« »Markieren wir den kleinen Mann, Hammerschmiedt!« lachte der hünenhafte Dandy neben ihm und stieß fast unhörbar mit seinem silberbeschlagenen Stock auf den Boden. »Heda ... Wirtschaft ... anfangen ...« »Seybling ist ungeduldig,« sagte Prinz Duyn aus dem Hintergrund der Loge, »ich weiß auch warum ...« »Die Dame, die ich liebe, nenn' ich nicht«, trällerte der schwarze, spitzbärtige Ritter von Sedlek, der sich in Geschäften seines Vaters, eines reichen Wiener Fabrikanten, in Berlin befand. Seybling drehte sich herum und zuckte die breiten Schultern. »Ich liebe sie noch nicht ...«, meinte er gleichmütig, »ich bewache mein Herz! Ich liebe immer erst, wenn ich sicher bin, kein Toggenburg zu bleiben ...« Seybling als Toggenburg! ... Das erregte Heiterkeit. »Und so saß er ... eine Leuche ...«, deklamierte Hammerschmiedt und brach plötzlich ab. »Also heute werden wir's ja sehen ... nach dem, was Fränzchen sagt ...« »Fränzchen hat wieder frech gelogen!« hieß es. »Das tut sie immer, wenn sie eine Viertelstunde mit Käthe Hannemann zusammen war ...« »Ihr werdet's ja sehen ...«, wiederholte der Gigerl ärgerlich. »Die Elten hat eine sublime Toilette ... Fränze hat sie mir beschrieben ... sie kommt übrigens heute auch nicht schlecht ... bordeauxrote Seide ...« »Ich denke, Sie wollten Fränzchen die Schneiderrechnungen abgewöhnen?« fragte Duyn ernsthaft. Der Gigerl stöhnte nur statt jeder Antwort, und die anderen lachten laut auf. In der Nebenloge wandte sich Onkel Klaus ärgerlich zu seinem Neffen: »Was ist denn das für Volks da nebenan?« Rönne schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Offenbar junge Lebemänner ...« »Die scheinen sich ja hier recht gemütlich zu fühlen«, brummte der Alte weiter und rückte seinen Stuhl zurecht; denn eben klang das Glockenzeichen, und der Vorhang ging auf. Käthe Hannemann stand auf der Bühne und sang schwermütig ein leises Lied vor sich hin. Das helle Licht umfloß ihre hohe Gestalt. Sie sah schön aus. »Ist sie das?« zischelte Onkel Klaus aufgeregt. Die Herren nebenan wandten etwas den Kopf und verbissen ein Lächeln. »Nein,« erwiderte der Major, seinen Ärger unterdrückend, »ich werde es dir schon sagen, wenn sie auftritt ...« »Schön, mein Sohn!« Der alte Herr lehnte sich behaglich zurück und blinzelte nach der Hannemann hinüber. Sie gefiel ihm. Und wie ein Klang aus endlos ferner Weite ging durch seinen greisen Kopf die Erinnerung an jene Jugendtage, da er mit der bewußten Operettensängerin gelacht und geküßt und getollt. »Gott weiß, wo die jetzt steckt ...«, dachte er bei sich. »Ich würde sie wohl nicht wiedererkennen ...«   Jetzt fiel auf der Bühne das Stichwort für die vier Damen, die hinter der Szene schweigend, mit hochgehobenen Schleppen, warteten. Sie kamen nicht auf einmal heraus, sondern der Reihe nach, um vor der Hannemann, die als regierende Fürstin in der Mitte der Bühne stand, ihre Reverenz zu machen. Zuerst Franziska Ilgen. »Die Marchesa von Ponte-Nero!« rief die kleine Elly Krause, die als Page an dem Eingang Wache hielt, und die schwarze Franziska trat vor, machte ihren Knicks und beugte sich über die Hand der Hannemann. Dann trat sie nach links. Hammerschmiedt sah in der Loge seine Freunde triumphierend an. In der Tat ... die Ilgen nahm sich in dem bordeauxroten Seidenkleid sehr pikant aus. »Die Contessa von Torre del Greco!« schrie der Page. Mizi erschien, verbeugte sich und trat neben die Ilgen. Beide wandten wie unabsichtlich die Köpfe nach links und zwinkerten blitzschnell aus rotuntermalten Augen ihren Freunden unten in der Loge einen Blick des Einverständnisses zu. Wieder öffnete Elly Krause die Tür, und ihre helle Kinderstimme erklang: »Die Baronin von Ankarström!« »Das ist sie!« flüsterte Rönne seinem Begleiter zu, während Thilda auftrat. In der Nebenloge entstand eine Bewegung gelinder Heiterkeit. »Diese Toilette!« »Entsetzlich!« sagte Seybling kurz. Der Prinz nahm das Opernglas vom Auge. »Was willst du?« meinte er. »Vielleicht ist das in Schweden neueste Mode!« »Ich kann die Thorbeck nicht ausstehen!« erklärte Hammerschmiedt, während diese auf der Bühne ihr Gespräch mit der Hannemann begann. »Sie ist mir einfach ein Greuel!« »Warum denn?« »Ja ... erstens ist sie häßlich ...« »Diese Schlüsselbeine sind unmöglich!« murmelte Seybling. »... und zweitens ist sie solide!« »Ach, gengan's!« Der spitzbärtige Wiener Ritter beugte sich vor. »Plauschen's nöt, Herr von Hammerschmiedt!« Aber die anderen Herren bestätigten sofort die Tatsache ... die Thorbeck sei wirklich ganz solide! ... Kein Wunder allerdings ... und Hammerschmiedt behauptete, er habe ein Verzeichnis aller soliden Schauspielerinnen Berlins ... es seien ihrer leider doch eine ganze Ecke ... und die Thilda stände obenan! ... »Na ... alsdann!« sagte der dunkle Wiener resigniert und setzte sich wieder zurück. In der Nebenloge gab Onkel Klaus seinem Neffen einen gelinden Stoß. »Haste jehört, Albrecht?« fragte er aufgeregt. »Jawohl!« »Was meinste ... die Zierbengels da nebenan ... die scheinen ja sehr genau Bescheid zu wissen ...« »Pst ... pst ...«, klang es unten aus dem Parkett. »Es sollte mich wahrhaftig freuen, wenn ich gerade durch diese Bürschchen ...« »Pst!« tönte es wieder. Rönne warf dem andern einen schweigenden Blick des Einverständnisses zu. Er wußte nicht, welche unerklärliche Angst ihm plötzlich die Brust zusammenpreßte. Oben auf der Bühne stellte sich die kleine Elly auf die Fußspitzen und machte den Mund weit auf. »Die Herzogin von Olivarez!« Ein lautes »Ah!« ging durch die Loge nebenan, während Valeska auf der Szene erschien. Sie sah in der Tat glänzend aus. Im ganzen Hause hoben sich die Operngläser. Ein Summen und Surren ging durch die Ränge. Langsam schritt sie auf die Hannemann zu, um mit tadelloser, abgemessener Grazie ihren Hofknicks auszuführen. Man hörte nichts als das Knistern und Rauschen des grünen Damastes, der in schweren Falten an ihrer schlanken Gestalt herabfiel und weit hinterher über den Teppich schleifte. Alle anderen Toiletten verblichen gegen diese Pracht. »Was sagt ihr nun?« tuschelte Hammerschmiedt. »Wißt ihr, was die Fränze gesagt hat? Das Kostüm kostet tausend Mark. Dreihundert hat sie monatlich. Tausend von dreihundert geht nicht ... also borg' ich mir eins!« »Die Fränze hat ein Schandmaul!« brummte Seybling. »Aber die Robe ... alle Achtung!« »Dös is a mudlsauberes Mädel ...«, erklärte im Hintergrund der schwarze Ritter. Nur Duyn schwieg. »Na ... Seybling ...«, fing Hammerschmiedt zu höhnen an ... »wie ist's denn nun mit Hiller und dem Major in Uniform und der Solidität?« Aber da drang ein so energisches Ruhezischen aus dem Parkett, daß sie notgedrungen verstummten. Inzwischen war die Szene schon zu Ende. Die vier Damen verneigten sich wieder vor der Hannemann und verließen würdevoll in derselben Reihenfolge die Bühne. Die Elten als die letzte. Langsam schritt sie an dem Pagen vorbei durch die Tür. Ihre weißen Schultern blinkten, der Damast glänzte im hellen Lichtschein, und hinterher rauschte die Schleppe. Ein Murmeln der Befriedigung ging durch das Haus. Dann wandte man sich der nächsten, der Schlußszene zu. Der Vorhang fiel und hob sich unter dem matten Beifall, der einem Einakter zu folgen pflegt. Im Parkett stand man auf und drängte nach den Ausgängen. Es kam die große Pause. »Bleib sitzen!« flüsterte Onkel Klaus seinem Neffen zu und hielt ihn am Arme fest. »Vielleicht erfahren wir von denen da nebenan noch etwas über diese Thorbeck ...« Rönne nickte wie geistesabwesend. Und wirklich nahm, mährend die andern Gigerl noch schweigend beieinander saßen, Prinz Duyn das Wort. »Nun seid ihr ja genügend vorbereitet ...«, sagte er mit seiner leisen, müden Stimme ... »Nun werde ich euch einmal einen Brief vorlesen ...« »Einen Brief?« »Ja. Die kleine Elten kommt doch aus Bergheim. Und Gott weiß, woher die Mizi erfahren hat, daß dort ein Vetter von mir, Aribert Duyn, bei den 22. Husaren steht. Na ... ihr wißt ja, wie die Frauenzimmer sind. Kurz und gut ... ich hatte keine Ruhe, bis ich ihm endlich schrieb.« »Und da ist die Antwort?« Duyn nickte. »Eigentlich müßtet ihr meinen Vetter kennen, um den Brief zu würdigen. Er ist ein verrücktes Huhn. Also da schreibt er ... Er überflog den Brief und heftete sein Auge auf eine Stelle: »Du fragst nach der kleinen Elten. Ich kenne sie gut, namentlich vom Bade Holl her. Sie war zwei oder drei Jahre hier in Bergheim und ist ein hochbegabtes, hübsches und durchaus anständiges Mädchen. Fritz Fellin, mein Regimentskamerad, mit dem sie während der ganzen Zeit ein Verhältnis hatte, hat jetzt geheiratet. Darum ging sie wohl fort nach Berlin. Er soll sie noch vorher fürstlich ausgestattet haben. Er ist überhaupt ein hochanständiger Mensch, nur leider jetzt auf der Hochzeitsreise.« Die Herren lachten laut auf. Nur Duyn blieb ernst. »Paßt auf,« sagte er, »... es kommt noch eine Nachschrift.« Und er las: »Vorher soll die kleine Elten in Gotha oder so gewesen sein. Die 9.Kürassiere, die da überall herumliegen, wissen wohl darüber Näheres. Ich kann Fellin jetzt nicht danach fragen, denn er ist, wie gesagt, leider auf der Hochzeitsreise. Besten Gruß Dein Vetter Aribert.« Wieder schüttelten sich die Herren vor Heiterkeit. »Da bin ich allerdings blamiert«, sagte Seybling und lachte herzlich mit. »Wieso denn?« krähte Hammerschmiedt ... »Ein ganz solides Mädchen ... da steht es schwarz auf weiß!« Duyn stand auf. »Go on, Seybling,« rief er ermunternd, »mache deine Schüchternheit wieder gut!« »Der Teufel auch!« Der Stutzer erhob sich halb ärgerlich ... »So ein Karnickel ... die soll sich wundern ... morgen mache ich bei ihr Besuch!« »Und Fräulein Eltens Glück ist gemacht!« ergänzte Duyn tiefsinnig, und alle Herren traten hinaus in das Foyer.   »Was hast du denn nur?« fragte Onkel Klaus verwundert seinen Begleiter. Rönne war aufgestanden. »Ich weiß nicht,« sagte er, »es muß wohl die Übermüdung vom Dienste sein. ... Da kommt ja mein Bruder. Er hat uns jedenfalls vom Parkett aus gesehen. Ich überlasse dich ihm für diesen Abend. Also auf morgen ...« Und ehe der verdutzte Alte noch etwas erwidern konnte, war Rönne aus der Loge gegangen, warf sich den Paletot um und trat in die Herbstnacht hinaus.   XV. Es war nicht der typische Berliner Sonntag, dieser Schrecken eines ästhetisch empfindenden Menschen, mit seinen Schwärmen von geschmacklos geputzten Kommis und aufgedonnerten Köchinnen und schwerfälligen Grenadieren, mit seinem Gedränge und Staub und Zigarrenqualm. Dazu war das Wetter zu schlecht. Es regnete nicht eigentlich, aber schwarze Wolken trieben im Sturm zerrissen an dem Herbsthimmel dahin, und ab und zu fielen schwere Tropfen. Der Tiergarten, in den sich sonst der Strom der Sonntagswanderung ergießt, lag halb verödet. Nur wenige Menschen standen bei dem Goldfischteich herum, als Valeska langsam am Rande des Gewässers entlangschritt. Die ganzen Tage hindurch hatte die Begegnung mit Rönne in ihr nachgeklungen. Sie stellte sich das Landgut vor ... den alten Buchenwald ... den glitzernden See ... und den Hühnerhof ... Und bei dem Gedanken an die Möglichkeit, daß sie da dereinst als Herrin schalten könne ... sie, die arme Bühnenzigeunerin, als eine Edelfrau und große Dame ... bei dem Gedanken kam es wie ein Schrecken über sie. Noch lebte jene ja, der das alles zugehörte. Aber tat sie ihr Unrecht? Nein ... es war ja kein Wort von Liebe zwischen ihnen beiden gefallen, kein Wort, das auf die Zukunft hindeutete. Und es würde auch kein solches fallen ... sie wußte das ... so lange nicht, bis die Zeit gekommen war. Und dann? ... Ihr Kopf schwindelte. – Durfte sie denn wirklich in ein Leben voll Ruhe und Reichtum eintreten, an der Seite eines Mannes, den sie über ihre Vergangenheit getäuscht hatte? Dagegen regte sich ihr Gewissen. Seit jener Unterredung mahnte es sie, Tag und Nacht. An dem Tage, wo es Ernst wurde, da sollte er alles erfahren! Ganz gewiß. Das war ihre Pflicht. Aber bis dahin war noch lange Zeit. Und inzwischen lernte er sie kennen, mehr und mehr, und sah, daß sie vielleicht doch nicht so schlecht war, nur ein armes, schwaches Menschenkind, und das Erbarmen kam über ihn. Dann rettete er sie vielleicht. Sie wußte, es gab Männer, deren Liebe in dem Mitleid gipfelt. Gesehen hatte sie freilich noch keinen.   »Wie schlecht Sie heute aussehen ...«, sagte sie scheu zu Rönne, als dieser auf sie zutrat. Er erwiderte nichts. Schweigend gingen sie nebeneinander denselben Weg wie vor wenigen Tagen. Es wurde Valeska bang ums Herz. »Sie fragen gar nicht, wie der Einakter gestern ausgefallen ist ...«, sagte sie endlich beklommen. Rönne schaute auf. »Ich war selbst im Theater ...« »Oh ... ich habe Sie gar nicht gesehen ...« Valeska wurde lebhaft ... »... freilich ... in der kurzen Szene ... wo saßen Sie denn?« »In der zweiten Proszeniumsloge links!« »Ach ... neben den Gigerln?« »Neben den Gigerln ...« »Keine sehr angenehme Nachbarschaft ...«, sagte Valeska nach einer Pause, »da mögen Sie eine schöne Unterhaltung gehört haben ...« »Man sprach von Ihnen!« erwiderte Rönne ruhig und sah sie an. »Man las einen Brief vor, den irgendein Prinz von den Bergheimer Husaren über Sie geschrieben hat ...« Valeska blieb stehen. Ein tödlicher Schreck zog ihr das Herz zusammen. Das konnte nur Aribert Duyn sein, der Intimus ihres Freundes Fritz. »Was stand in dem Brief?« fragte sie gepreßt. »Nichts Unfreundliches, wenn man den Maßstab dieser Herren anlegt. Hauptsächlich war von einem Leutnant von Fellin die Rede, der jetzt auf der Hochzeitsreise sein sollte ...« Valeska wunderte sich, daß sie weiterzugehen vermochte. Ein heftiges Zittern überfiel sie, und sie schluckte ein paarmal angstvoll. Jetzt war alles verloren. Sie schwieg. Da hörte sie neben sich eine leise, in Leidenschaft und Angst zitternde Stimme: »Valeska ... ist es wahr?« Am Herbsthimmel, auf den sie unverwandt die Augen richtete, flogen im Oktobersturm die Wolken. Eine tiefe, unsägliche Traurigkeit kam über sie. Die kleine Elten richtete sich auf und sah Rönne fest ins Gesicht. »Ja!« sagte sie mit rauher Stimme. »Es ist wahr. Ich habe ihn geliebt ... zwei Jahre lang. Ich will mich nicht besser machen, als ich bin ... und ich hätte es Ihnen auch gesagt, wenn einmal ...« Sie brach ab. Rönne hatte sich zur Seite gewandt. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen. »So ... und nun verachten Sie mich! ...« sagte die kleine Elten müde und matt. »Aber eines schwöre ich Ihnen: Ich habe ihn geliebt! Ich tat's, weil ich nicht anders konnte. Nie in meinem Leben hab' ich mich verkauft und werde es nie tun ...« Darauf schwiegen beide. Der Regen wurde stärker. Mißtönend klang sein Prasseln in den kahlen Zweigen und dem welken Herbstlaub. Plötzlich wandte sich Rönne zu ihr. »Leben Sie wohl; Valeska! ...« sagte er und ergriff ihre Hand. »Wenn Sie einmal in Ihrem Leben einen Freund brauchen ... oder Rat und Hilfe ... dann gedenken Sie meiner. Aber bis dahin ist es besser, wir sehen uns nicht wieder. Leben Sie wohl!« Valeska erwiderte nichts. Sie senkte wie betäubt den Kopf zur Erde. So schieden sie.   Nun war der Regen mit aller Macht losgebrochen. Die Luft verdunkelte sich. Triefende Schleier zogen sich um Baum und Strauch. Rönne stand unbeweglich. Er blickte der schlanken Gestalt nach, die fern, ganz fern, am Ende der langen Chaussee, in dem Regengeriesel verschwand. Da schritt, vielleicht zum letztenmal, leise auf leichten Füßen das Glück aus seinem Leben. XVI. Valeska stand vor ihrer Wohnung in der Lützowstraße. Wie sie dahingekommen, wußte sie selbst nicht genau. Sie war wie betäubt. Aber da war ihre Hausnummer und daneben das Plakat der Frau von Haidenschild, das Zimmer auf Tage, Wochen und Monate, für In- und Ausländer, mit und ohne Pension verhieß. Und vor dem Haustor – sie bemerkte es erst jetzt, während sie mechanisch den triefenden Schirm zusammenklappte, um einzutreten –, dicht an der Rampe des Bürgersteigs, hielt eine glänzende Equipage. Eine vornehme, dunkel lackierte Equipage, mit einer Wappenkrone am Türschlag. Zwei hochbeinige, hellbraune Karossiers davor. Auf dem Bock ein würdevoller Kutscher in weißem Zylinder und weißem Water- Proof. Ein jüngerer Diener in derselben Tracht stand wartend daneben auf dem Trottoir. Offenbar machte der Besitzer all dieser Herrlichkeit irgendwo in ihrem Hause einen Besuch. Aber bei wem? Sie überflog, während sie die Treppe hinaufstieg, halb gedankenlos im Kopf die einzelnen Parteien. So feine Leute waren eigentlich gar nicht darunter. In der Parterrewohnung ein praktischer Arzt, in der Beletage der Hauswirt, im folgenden Stock die Haidenschild mit ihren Schutzbefohlenen und darüber in den Mansardenwohnungen allerhand kleine Existenzen, die sie selbst nicht kannte. Da plötzlich hörte sie, als sie auf dem Treppenabsatz vor ihrer Wohnung stehenblieb, um Atem zu holen, wie oben die Flurtür aufging. Das heisere Organ der Haidenschild schien sich in Entschuldigungen zu erschöpfen, dazwischen eine metallisch klingende männliche Stimme. »Ah ... da ist ja das Fräulein ...« Herr von Seybling stand auf dem kleinen Platz vor der Tür, den seine mächtige Gestalt beinahe ausfüllte, und lüftete höflich den Hut, während Fräulein Elten die Treppe heraufkam. »Das nennt man Glück, Gnädigste ...«, sagte er, »war im Begriff, den Rückzug anzutreten ...« »Ja ... suchen Sie mich?« Valeska blieb erschrocken stehen. Der Dandy lächelte. »Wen denn sonst? Sie baten mich ja neulich um meinen Rat. Enfin ... mein Fräulein ... me voilà ... wohin befehlen Sie ...?« »Bitte ...« Die Elten war durch den unerwarteten Besuch so eingeschüchtert, daß sie ihn nur durch eine Handbewegung zum Eintreten in den Korridor auffordern konnte. Hier blieb Seybling stehen und schaute nach dem mit Portieren verhangenen Eingang zur Rechten. »In diesen Feld-, Wald- und Wiesensalon gehe ich nicht ...«, meinte er gutmütig, »Gott weiß, was da alles an greulicher Weiblichkeit hinter den Türen horcht ... wo sind Ihre eigenen Appartements, meine Gnädige?« »Ich habe nur ein Zimmer ...«, erwiderte Valeska scheu und blickte nach ihrer Tür. Die stieß Herr von Seybling ohne Umstände auf, daß das helle Licht auf den Korridor fiel. »Nach Ihnen, mein Fräulein!« Valeska überlegte ... schließlich ... das Zimmer war ja aufgeräumt ... vor dem Bett stand eine spanische Wand ... und zu machen war nichts weiter. So ging sie also hinein, und Seybling folgte ihr. Er war ihr behilflich, das Jäckchen abzulegen. Während sie dann den Hut abnahm und vor dem Spiegel flüchtig das Haar glattstrich, trat er an die Tür und studierte das dort mit einem Nagel angeheftete Wochenrepertoire des Westend-Theaters. Dies machte einen recht eintönigen Eindruck. Die erste Rubrik, Vorstellungen, war ganz durch »Die kleine Herzogin« und den »Hausfreund« ausgefüllt, die zweite, Proben, ziemlich leer, und ebenso von den darunter befindlichen kleineren Kolonnen die Abteilung »Neu einstudiert«. Die daneben befindliche Spalte »Neu« wies nur einen Namen auf. »Lilith«, stand da. Es war das geheimnisvolle Drama, in dem Valeska die Astild spielen sollte. Seybling schüttelte bedenklich den Kopf. Er und wenige andere Eingeweihte wußten, daß es flau, sehr flau mit dem Westend-Theater stand. Vielerlei wirkte da mit, die Ungunst der Zeiten, die Konkurrenz der anderen Bühnen und nicht minder die der Tingeltangel, die sich eben wieder einmal rüsteten, einen ihrer bekannten, durch Massenballetts, fleischfarbiges Trikot und Gassenhauer unterstützten Einbrüche in das Gebiet des eigentlichen Theaters zu unternehmen, dann der chronische Hader mit der Zensur und nicht zum mindesten – Seybling mußte sich das gestehen – die Leidenschaft der Dobschütz, alle ersten Rollen wahllos zu spielen. Das ermüdete schließlich das Publikum. Und Seybling wußte recht gut, daß Hochmann für diesen Winter nicht allzuviel Pulver zu verschießen hatte. An aussichtsreichen Novitäten war so gut wie nichts vorhanden. Aber da riß ihn Valeskas Stimme aus seinem Sinnen. »Bitte ... wollen Sie Platz nehmen ...«, sagte sie schüchtern, »hier stehen Zigaretten ... Zigarren habe ich leider nicht ...« »Das heißt mit anderen Worten, meine Gnädigste,« Seybling nahm auf einem unter seiner Last krachenden Rohrstuhl Platz, »Zigaretten rauchen Sie selbst, und Sie empfangen keine Herrenbesuche ... nicht wahr? ... Sehen Sie ... darum bin ich da! Ich muß Ihnen ernste Vorwürfe machen!« Valeska war sehr beklommen. Sie stand am Fenster, von dessen Lichtschein ihre schlanke Gestalt sich wie eine Silhouette abhob. »Haben Sie mir meinen Brief übelgenommen?« Der Dandy sah sie beinahe mitleidig an. »Ich nehme überhaupt nichts übel ...«, meinte er, »bin jenseits von Gut und Böse ... am wenigsten aber Briefe schöner Künstlerinnen. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen im Drange der Geschäfte anfangs etwas kurz antwortete. Sie sehen, ich mache mein Unrecht wieder gut.« Er trat, die dampfende Zigarette in der Hand, neben sie an das Fenster. Beide schauten durch die Scheiben hinunter auf die Straße, wo die Karossiers ungeduldig mit den Hufen das Pflaster scharrten und der Kutscher majestätisch, mit schräg gehaltener Peitsche, im Regen zwinkernd auf dem Bock thronte. »Sie wollen mir also Vorwürfe machen?« fragte endlich Valeska, sich vom Fenster wendend, und nahm alle ihre Selbstbeherrschung zusammen. Seybling schaute prüfend in dem ärmlichen Zimmer umher, über das charakterlose Mobiliar, das harte, schmale Bett, das man zwischen den Spalten der spanischen Wand erkennen konnte, über die schlechten Öldruckbilder an den Wänden, die schwindsüchtige Etagere, auf der Valeskas Bibliothek, bestehend aus einem deutsch-französischen Diktionär, dem Bühnen- Almanach und ein paar Reclam-Bänden, neben denen Rollenhefte und allerhand Nähzeug lag, und über den leeren Vogelbauer, für den sie schon seit einiger Zeit den Ankauf eines Kanarienhahnes plante. Sein Gesicht wurde finster. »Warum nehmen Sie es nicht ernster mit Ihrer Kunst?« fragte er schroff, beinahe herrisch. Valeska erschrak. »Ich nehme es ernst genug ...«, verteidigte sie sich, »aber ... ohne Rollen ... wie soll man da ...« »Rollen ... Rollen ...« Seybling schaute wieder zornig in dem Zimmer umher. »Was ist in einer ersten Rolle drin ...? Glut ... Leidenschaft ... Verzweiflung ... alles, was ein Menschenherz in seinen Tiefen aufwühlt! Und das wollen Sie hier in diesem lauwarmen Zimmerchen empfinden, in dieser kläglichen guten Stube mit Nähmaschine und Sofaschonern und Öldruckbildern an den Wänden? Nein, meine Liebe, erst muß man selbst etwas empfunden haben, ehe man andere mit sich fortreißt. Und hier, in dieser Umgebung, kann ja nichts entstehen als Langeweile und der Drang, um zehn Uhr abends schlafen zu gehen.« Er brach ab und durchmaß ärgerlich mit großen Schritten das Zimmer. »Ja ... wo sollte ich denn hin?« fragte Valeska bang. Seybling blieb vor ihr stehen und sah mit seinen stählern glänzenden Augen auf sie nieder. »In die Welt hinaus!« sprach er langsam. »In das volle Leben, wo die großen Sünderinnen gedeihen, die ihr kleinen Mädchen uns so schlecht vorspielt, weil ihr sie nicht versteht. Mit Verstand kommt ihr nicht weit. Ihr müßt empfunden haben, was ihr wiedergeben sollt ...« Die kleine Elten sah ihn bang an. »Man kann doch nicht alles selbst erleben!« »Alles ...?« sagte Seybling. »Was heißt alles? Was erlebt ihr Weiber denn? ... Die Liebe, die Liebe und abermals die Liebe! Die aber müßt ihr allerdings durchgekostet haben, wenn ihr wahre Künstlerinnen werden wollt ... die Liebe in allen ihren Erscheinungen ... in Hingebung und Verzweiflung, in Eifersucht und Entzücken. Und anderes habt ihr ja auch nicht darzustellen ... solange ihr nicht komische Alte seid oder so was ... immer nur die Liebe und wieder die Liebe. Die müßt ihr kennen – darum ist man von allen Zeiten her nachsichtig gegen euren Lebenswandel gewesen – und die volle Liebe, die große Leidenschaft gibt es nur in der großen Welt, wo man sich um die Schranken des Philistertums nicht kümmert ...« Valeska war in die Ecke des Zimmers zurückgewichen und sah ihn mit großen, angstvollen Augen an. »Dankt es Ihnen denn irgendein Mensch,« fuhr Seybling ruhiger fort, »wenn Sie hier in ihren vier Wänden versauern? Ich glaube nicht. Sie sind Schauspielerin. Das genügt für die satte Tugend unserer Zeit ...« Das war wahr. Der Trotz stieg in Valeska empor. »Sie haben recht ...«, sagte sie rauh, »danken tut es einem gewiß niemand. Aber ich verstehe nur nicht ... was ist das große Leben, von dem Sie sprechen?« Der Dandy schüttelte mitleidig den Kopf. »Sie können es sich sehr verschieden vorstellen ...«, meinte er, »zum Beispiel: Sie sitzen auf dem Deck eines Viererzuges, der vom Rennen zurückkehrt. Rings um Sie machen Ihnen die Sprossen unserer reichsten und vornehmsten Geschlechter den Hof ... vor Ihnen klingt das Jagdhorn, und tief unter uns wogt und wimmelt die gemeine Menschheit, zu Fuß oder in Kremsern oder in Droschken erster Güte ... und wir, die Halbgötter dieser Erde, rollen hoch über ihnen vorbei und lachen. Oder ein anderes Bild: Sie schreiten durch Ihre Wohnung ... eine Flucht von glänzend eingerichteten Gemächern, in denen die Dienerschaft Ihrer Befehle harrt ... Sie sehen heute Ihre Freunde bei sich zu Tisch, Männer aus der unnahbarsten Welt des Highlife ... Sie spielen lachend und plaudernd die Wirtin und genießen den ganzen Stolz und die Stellung der Hausfrau ohne alle die kleinliche Misere, die sonst damit verbunden ist. Und ein drittes Bild: Es sind Theaterferien. Sie reisen mit dem Freunde ins Weite, irgendwohin. Er führt Sie, wohin Sie wollen. Wir schlendern vormittags über den weißen Sand von Trouville und schlürfen ein paar Stunden darauf unseren Kaffee an einem Tischchen auf dem Boulevard des Italiens in Paris. Der Nachtschnellzug bringt uns nach Monaco. Wir kommen gerade noch zurecht, um in diesem mit Unrecht verrufenen, leichtsinnigen Paradies unser Glück zu probieren. Und gefällt es uns da nicht, so segeln wir weiter, hinaus auf das blaue Meer ... irgendwohin ...« Valeska hatte sich auf das Sofa geworfen. Sie war ganz ratlos und betäubt. Seybling musterte sie mit einem prüfenden Blick. »Glauben Sie nicht, daß ich den Versucher spielen will,« sagte er gleichmütig, »wenn ich Ihnen aus diesem muffigen Stübchen die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zeige. Ich tue es nur in Ihrem Interesse. Zum Beispiel gestern ... da spielten Sie eine Herzogin ... nebenbei gesagt, in süperber Toilette ... ja, aber armes Kind, wissen Sie denn, wie einer Herzogin zumute ist, wie sie denkt und spricht? Nein! ... Und in der nächsten Novität haben Sie die Astild ... ja, wissen Sie denn, was eine große Sünderin ist und was sie fühlt in ihrer Sünden Maienblüte? Nichts wissen Sie. Sie werden die Rolle noch schlechter spielen, als sie ohnedies schon ist, und werden alle Rollen schlecht spielen, solange Sie es nicht ernster und gewissenhafter mit ihrer Kunst nehmen ...« Seybling schwieg. Die kleine Elten stand auf und sah ihm trotzig und aufgeregt ins Auge. Ihre Stimme klang heiser. »Was soll ich also tun?« Der Besucher zuckte die Achseln. »Vor allem sollen Sie den Leuten, die es ehrlich und aufrichtig gut mit Ihnen meinen, nicht so unvernünftige Antworten geben wie neulich ... Sie wissen schon ...« Valeska senkte den Kopf. »Es fuhr mir so heraus!« sagte sie leise. »Ich will's nicht wieder tun.« Seybling zündete sich eine neue Zigarette an. »So ... sehen Sie!« meinte er erfreut. »So ein paar Wochen in Berlin tun doch Wunder. Und wenn Sie jetzt hübsch brav sein wollen, so verspreche ich Ihnen auch, daß ich mich für Sie verwenden werde. Ich sehe heute noch Hochmann. Vielleicht findet sich auch einmal eine schöne ältere Rolle, die Fräulein Dobschütz nicht mehr spielen will ... das ist das beste für Berliner Anfängerinnen, um sich auf ungefährliche Weise an großen Aufgaben zu versuchen. Denn in den Premieren ... das wissen Sie ja ... da weht ein scharfer Wind ...« Er sah auf die Uhr. »Ich muß fort!« sagte er. »Also adieu, meine Gnädige!« Valeska reichte ihm stumm und zitternd die Hand und begleitete ihn zur Tür. »Richtig!« sagte da der Dandy, stehenbleibend. »Ich muß Sie doch noch einmal sprechen, damit Sie wissen, ob ich etwas für Sie habe ausrichten können ...« Er sann nach. »Vielleicht heute abend ...?« »Im Theater?« »Ins Theater komme ich nicht,« erwiderte Herr von Seybling, »aber nach dem Theater. Ich weiß einen Ort, wo einige geistsprühende Menschen unter Führung meines Freundes Hammerschmiedt soupieren. Fräulein Ilgen wird wohl auch dabei sein. Wenn ich Sie bitten darf, an unserem bescheidenen Mahle teilzunehmen ...« Er lachte laut auf, als er Valeskas verstörtes Gesicht sah. »Sie haben ganz recht, sich zu ängstigen,« flüsterte er herzlich, »geben Sie acht ... ich verzehre Sie mit Haut und Haaren, sowie wir bei Dressel eingetreten sind, angesichts der ganzen Gesellschaft. Das ist so eine kleine Schwäche von mir ...« Und etwas ernster setzte er hinzu: »Nun ... seien Sie vernünftig! ... Was soll Ihnen denn geschehen! ... Sie sind um halb neun mit dem Abschminken fertig, fahren zu Dressel, unterhalten sich ein paar Stunden anregend im Kreise heiterer Menschen und setzen sich, wenn Sie müde sind, wieder in eine Droschke und fahren nach Hause ...« »Ja ... aber ...«, sagte Valeska stockend. Seybling hatte die Türklinke in der Hand. »Ich will Sie nicht drängen!« meinte er kaltblütig. »Wenn es Ihnen mehr Spaß macht, so gehen Sie vom Theater direkt nach Hause und vergähnen Sie den Abend in Ihrem öden Stübchen ... Aber glauben Sie nur nicht, daß ein Mensch in Berlin das merkt oder Ihnen gar dafür dankt ...« Das wirkte. Valeska hielt ihrem Besucher die Hand hin. »Ich komme«, sagte sie, schwer atmend. »Sie haben es gut getroffen ... mit Ihrem Besuch ... gerade heute.« Das hatte Seybling schon lange gemerkt, wenn er auch den Grund nicht ahnte. »Also ... vergessen Sie nicht ...«, ermahnte er, »Dressel ... Unter den Linden ... nahe der Friedrichstraße ... jeder Droschkenkutscher erster Klasse weiß es. Und dort fragen Sie nur nach meiner Gesellschaft.« Valeska nickte willenlos. »Und Ihr Wort darauf ... Sie kommen?« »Ich komme«, sagte die kleine Elten mit trauriger Stimme ... XVII. Den ganzen Nachmittag hielt Valeska mit trotziger Energie an ihrem Entschluß fest. Wenn sie schon eine solche sein sollte, wenn es kein Mittel gab, ihre Vergangenheit abzuschütteln ... gut! Sie zwang sich, an nichts zu denken, nichts zu überlegen als das eine, daß sie am Abend um neun Uhr mit Seybling und seinen Freunden bei Dressel soupieren würde. Schließlich ... was war denn auch weiter dabei? Das verpflichtete ja zu nichts.   Aber als sie sich am Abend, nachdem sie ihre paar Worte in dem Einakter gesprochen, in ihrer Garderobe abschminkte, erfaßte sie doch eine unbestimmte, quälende Angst. Mechanisch rieb sie sich mit Cold-cream die Schminke ab und dann mit einem Tuch das Gesicht trocken. Die Garderobiere, die ihr beim Umkleiden half, schwatzte allerhand. Sie achtete kaum darauf. Auch mit Thilda, die vor ihr fertig war und ging, hatte sie außer einem zweimaligen »Guten Abend!« kein Wort gewechselt. »Haben Sie schon jesehen, Fräulein?« meinte jetzt die Garderobiere zu Valeska, die sich, mit hochgehobenem linken Arm vor ihr stehend, ihr Zivilkleid an der Seite zuhaken ließ. »An dem jrünen Damast ist unten ein Stück vom Besatz losjetreten ...« Valeska sah auf die Robe und nickte gedankenlos. »Soll ick's nachher im Korb der Frau mitjeben, die Sie abholt ...?« fuhr die Garderobiere fort. Sie nickte wieder. »Ja ...«, sagte sie rauh, »und die Portierfrau braucht nicht auf mich zu warten. Ich komme heute später nach Hause, weil ich in Gesellschaft bin ...« Sie blickte auf die Uhr. So lange hatte das Umziehen noch nie gedauert. Es war nahe an neun. Rasch trat sie auf den Korridor hinaus, der verlassen dalag. Nur ein gelangweilter Feuerwehrmann stand ganz im Hintergrund. Von der Bühne her ertönten undeutlich erhobene, pathetisch schallende Stimmen durcheinander. Die Vorstellung der »Kleinen Herzogin« war in vollem Gange. Übrigens war es im Theater hundeleer gewesen, trotz des Sonntags. Namentlich in den Logen saßen kaum ein paar Menschen. Daß das schon im vorigen Winter wacklig gewesene Westend-Theater bis jetzt in dieser Saison sehr schlechte Geschäfte machte, war eine nicht mehr zu bezweifelnde Tatsache. Und eben jetzt hatte die Zensur wieder ein französisches Sittendrama, auf das man große Hoffnungen setzte, verboten. Schlimm, sehr schlimm. Aber Valeska hatte jetzt andere Dinge im Kopf. Leise ging sie durch ein Seitenpförtchen auf die Straße und zur nächsten Droschkenreihe hin. »Kutscher ... in dag Restaurant von Dressel ... Unter den Linden ... in der Nähe von ...« »Ick weiß schon, jnädiges Fräulein!« sagte der Kutscher gutmütig, dem Pferde die Decke abnehmend, und half ihr beim Einsteigen.   »Also darf ich die Herrschaften bekannt machen ... hier Herr Hammerschmiedt ... einer Ihrer wärmsten Bewunderer und Verehrer ... hier Herr Ritter von Sedlek aus Wien ... ich warne Sie vor ihm und seinem schwarzen Mephistobart ... meine Herren ... Fräulein Valeska Elten ... ein neu aufgehender Stern des Westend-Theaters.« Die beiden Herren waren aufgestanden und verbeugten sich höflich. »Nun ... und die Damen ...«, fuhr Seybling fort, »die kennen sich ja schon.« Ja ... allerdings kannte Valeska die beiden, die da mit den drei Herren an dem runden gedeckten Tisch der Chambre séparée saßen. Die Ilgen und die Hannemann! ... Das waren gerade die Rechten! Am liebsten wäre sie umgekehrt. Aber das ging nun nicht mehr, und sie nahm beklommen neben Seybling Platz. Zu ihrer Linken saß Herr von Sedlek. Gegenüber Hammerschmiedt zwischen den beiden Freundinnen, die anfangs energisch gegen diese Trennung protestiert hatten. Auch jetzt war Franziska Ilgen noch schlechter Laune. »Laß mich in Ruhe!« sagte sie unwirsch zu dem Gigerl, der sie begütigen wollte. Und der senkte trübsinnig den Kopf. »Ich weiß nicht, was Sie heute wieder haben, Fränzchen ...«   Das bei Valeskas Eintritt unterbrochene Gespräch wurde durch Seybling wieder aufgenommen. Offenbar wollte er der kleinen Elten Gelegenheit geben, sich unbeachtet an die neue Umgebung zu gewöhnen. »Ich mache ihn!« sagte er zu Sedlek. »Ich mache ihn ... verlassen Sie sich darauf ... zu Ultimo soll sich der grüne Junge verwundern ...« »Ja ... lieber Freund ...«, widersprach jener, »vergessen's nöt, daß der Verwaltungsrat ...« Aber da legte sich die Hannemann ins Mittel. »Kinder ...«, sagte sie und warf nach ihrer Gewohnheit das schöne Haupt verächtlich ins Genick, »wenn ihr jetzt nicht von eurer Börse aufhört, gehe ich auf und davon ...« »Sie haben recht, Fräulein Hannemann ...«, erwiderte Seybling ernst, »widmen wir uns den Damen, Herr von Sedlek ...« Er war gegen Künstlerinnen immer außerordentlich höflich. Das müsse so sein, meinte er. Schlecht behandeln dürfe man nur die Damen der guten Gesellschaft. Denn diese könnten sich wehren, indem sie einen heirateten oder sonstwie schädigten.   »Schön, daß Sie gekommen sind ...«, sagte er, während er Valeska Wein eingoß, »ich glaubte eigentlich nicht recht daran ...« »Wenn ich doch mein Wort gegeben habe ...« Sie sah beklommen auf ihren Teller nieder, auf dem einige Artischockenblätter lagen. Zu essen wagte sie nicht davon, ehe sie nicht gesehen, wie die andern das machten. Denn um keinen Preis hätte sie sich in dieser Gesellschaft eine Blöße gegeben. Eben als sie das glücklich begriffen, trat der Kellner wieder ein und beugte sich über Seyblings Stuhl. Die Herren Rhodanopoulo und Leibowitsch seien draußen und müßten vor ihrer Abreise nach Galatz den Herrn Baron durchaus noch einmal sprechen. »Sie mögen zum Deubel gehen ... wenn der nicht auch Protest einlegt ...«, brummte Seybling, trat aber doch, mit flüchtiger Verbeugung gegen seine Gesellschaft, hinaus, und man hörte vom Gange her, wie er jemand in verbindlichem Französisch ansprach. Dann verhallten die Stimmen. Wahrscheinlich begaben sich die Herren nach vorn in das Restaurant. In dem Sonderzimmer war ein kurzes Stillschweigen eingetreten. Dann sagte die Ilgen, nach der Tür blickend, als gäbe sie einem Gedanken der ganzen Gesellschaft Ausdruck: »Gestern hat er zum zweitenmal Krach mit der Dobschütz gehabt ...« »Wer ...?« fragte der Wiener. »Unser Freund Seybling?« Die Ilgen nickte und entwickelte ihre Theorie, daß ein solches Verhältnis immer mit drei Rucken gelöst werde. Den ersten Krach halte man noch für ein Mißverständnis, für einen unglücklichen Zufall ... beim zweiten fange man an, klar zu sehen und sich mit dem Gedanken einer Trennung vertraut zu machen ... und der dritte bringe eben das Ende. Nächstens sei also Seybling frei. »Und dann?« Herr von Sedlek machte ein ganz harmloses Gesicht und zwinkerte kaum mit den Augen, als niemand antwortete. Der Gigerl räusperte sich nur, die Damen lächelten. Es wurde bedeutungsvoll still in dem kleinen Kreise, und man blickte auf die kleine Elten. Gott sei Dank – Valeska atmete auf –, da kam Seybling zurück! »Die sind besorgt und aufgehoben ...«, sagte er, sich an den Tisch setzend. »Fräulein Elten ... Sie essen nichts ... Sie trinken nichts ... was ist mich das mit Ihnen? ... Hier ...«, er füllte ihr Glas, »jetzt stoßen Sie einmal hübsch mit mir an ... so ...« Sie leerte gehorsam ihr Glas und machte ein sehr unglückliches Gesicht. »Raten Sie einmal, was ich da habe ...«, fuhr der Stutzer mit gedämpfter Stimme fort, während die andern über irgendeine törichte Äußerung Hammerschmiedts in einen heftigen Wortwechsel geraten waren, »da sehen Sie mal.« Valeska erkannte in dem dünnen Heftchen, das er ihr in die Hand schob, ein Druckmanuskript des Dramas »Lilith«. »Ich weiß ...«, sagte sie, »in dem Stück spiele ich die Astild ...« »Leider!« erwiderte Seybling. »Das haben Sie wahrscheinlich Ihrer pompösen Toilette von neulich zu verdanken, und ändern läßt sich's nicht. Aber stecken Sie das Heftchen nur ein und sehen Sie sich einmal die Titelrolle an. Die ist wie für Sie geschrieben ...« »Aber die spielt ja Fräulein Dobschütz!« »Natürlich spielt sie Fräulein Dobschütz. Aber einmal wird sie ihr doch über ... oder sie ist gerade erkältet ... oder auf Gastspiel ... oder es ist eine Sonntagnachmittags- Vorstellung für die Vereine ... zu halben Preisen ... dann könnten auch Sie einmal die Partie bekommen ... im Vertrauen gesagt ...«, er beugte sich dicht an ihr Ohr, »ich habe heute schon Hochmann danach gefragt.« »Und was sagt er?« fragte Valeska, freudig erschrocken. »Was man gewöhnlich in solchen Fällen antwortet ... nicht ja und nicht nein ... die Hauptsache ist, daß Sie die Rolle bis auf den I-Punkt lernen, der Dobschütz absehen, was Sie können, und dann den rechten Augenblick abwarten.« Valeska starrte auf das Heftchen, das sie in der Hand hielt. Das »not for sale« , mit dem die Druckmanuskripte schließen, leuchtete ihr geheimnisvoll in fetter Schrift entgegen. Sie drehte das Buch um und las ebenso mechanisch auf der Vorderseite die Mitteilung, daß das Aufführungsrecht von »Lilith« allein durch den Verlag von Entsch in Berlin zu erwerben sei und österreichisch-ungarische Interessenten sich an den Hof- und Gerichtsadvokaten Eyrich in Wien wenden möchten. Sie traute der Sache nicht. Sie wußte jetzt, daß sich Hochmann in seine Theaterinterna überhaupt nicht hineinreden ließ, auch von Seybling nicht. Wahrscheinlich tat der Dandy nur so, um ihr Zutrauen zu gewinnen, und nahm die Sache gar nicht ernst. Immerhin steckte sie das Heftchen ein. »Danke schön!« sagte sie zu Seybling. »Was ist das für ein komischer Name ... Lilith ...« »Lilith, mein Fräulein,« erwiderte ihr Nachbar ernst, »war Adams erste Frau!« Das erregte Sensation am ganzen Tisch. Käthe bog sich erstaunt vor. »Hatte er denn zwei Frauen?« »Nach einer alten hebräischen Legende allerdings«, bestätigte Seybling, »erst die Lilith, dann die Eva!« »Und das Stück spielt im Paradies?« »Ha ... das könnte euch so passen ...«, murmelte der törichte Hammerschmiedt verstohlen vor sich hin. »Das Stück spielt in Berlin W«, erwiderte Seybling kaltblütig, »und in der Gegenwart ...« »Ja, aber was heißt denn dann Lilith?« Seybling lehnte sich im Stuhl zurück. »Lilith ist einfach das erste Weib im Leben des Mannes! Sie muß aus seinem Leben wieder verschwinden, ehe er sein eigentliches Weib, die Eva, die für ihn geschaffen ist, trifft. Sie wird für ihre Nachfolgerin geopfert, oder, um es Ihnen durch ein bekanntes Gleichnis plausibler zu machen: Wenn man Tee bereitet, schüttet man den ersten Aufguß weg. Er schmeckt bitter und herbe. Aber durch ihn wird der folgende Trank aromatisch. Das ist das Verhältnis von Lilith zu Eva ... oder, wenn Sie wollen, der Geliebten zur Ehefrau ...« »Und was ist Lilith in diesem Stück?« fragte Sedlek. »Eine kleine Konfektioneuse ...«, sagte Seybling, »vom Hausvogteiplatz in Berlin ...«   »... Verrückt ...«, meinte Käthe Hannemann ... »... aber es ist wahr ... wenn man so an seine erste Liebe denkt ...« Hammerschmiedt warf ihr einen mißtrauischen Blick zu. Es erschien ihm kaum denkbar, daß die Hannemann sich dieser Tatsache noch entsinnen solle. Die aber merkte nichts davon. »Ich möchte sterben in des Frühlings Tagen ...«, sang sie melancholisch und leise vor sich hin. »Um Gottes willen ... jetzt wird sie wieder sentimental! ...« schrie die Ilgen ... »... Käthe ... tu mir den einzigen Gefallen und verschon' uns heute mit der Kirchhofsmauer, hinter der du eingescharrt sein willst, und all dem übrigen Zauber! ... wir kennen's ja schon.« Die schöne Hannemann lächelte verächtlich. »Beruhige dich, lieber Franz ...«, sagte sie ... »... euch werde ich gerade mein Inneres enthüllen ... euch! ...« Und sie goß schwermütig eine große Schale Sekt hinunter.   »Na ... was haben's denn, Fräulein?« Der Ritter von Sedlek drehte scheinbar unabsichtlich die Platte mit dem gebratenen Fasanen so, daß die langen Schweiffedern Valeska im Gesicht kitzelten und diese erschrocken aus ihrem Brüten auffuhr ... »... Was ziehen's denn für ein trauriges Goscherl?« »Ich habe Kopfweh ...«, erwiderte die kleine Elten scheu. Seybling kam ihr gutmütig zu Hilfe. »Laßt mir das kleine Fräulein aus der Provinz in Frieden! Die muß sich hier erst eingewöhnen ...« Ja wirklich ... sie mußte sich hier erst eingewöhnen. Angstvoll sah Valeska vor sich hin. Vor ihr perlte der Sekt im Glase, der Kaffee dampfte aus kleinen Täßchen, in bläulichen Wolken zog der Zigarettendunst darüber hin, und wie aus weiter Ferne klang rechts und links das Gespräch an ihr Ohr. Vor wenigen Tagen noch hatte sie nebenan im Hillerschen Lokal mit Thilda und deren Herrn bei dem reizenden kleinen Souper gesessen. Wie anders war das doch gewesen. Damals als eine Dame der Gesellschaft, an der Seite eines Offiziers in Uniform, im offenen Restaurant ... Und jetzt ... im Chambre séparée ... mit einer Hannemann zusammen! Eine bittere Scham regte sich in ihr. Nicht, als ob irgend etwas Unschickliches hier gesagt oder getan worden wäre ... durchaus nicht! Aber die ganze Atmosphäre schien ihr wie vergiftet ... diese verstohlen zwinkernden Blicke ... die nur zur Hälfte ausgesprochenen Sätze ... das vielsagende Schweigen ... das ebenso vielsagende Lachen ... das alles flößte ihr ein unbestimmtes Grauen ein. Und dabei kam sie sich so unbeholfen und töricht vor in der Gesellschaft dieser kühlen Dandys, die alles kannten, alles gesehen hatten und für alles in der Welt nur noch ein ironisches Lächeln besaßen. Da waren die Bergheimer Husaren doch besser gewesen! Wie friedlich saß man da zusammen in Valeskas engem Wohnstübchen am Markte, ihr Freund Fritz, sein Intimus Aribert Duyn, der jetzt den abscheulichen Brief geschrieben, und noch einer oder der andere Attilaträger. Und sie hatte draußen auf dem Herde ihre kleinen Kartoffelpuffer gebacken, auf deren Zubereitung sie so stolz war, und hatte sie selbst im koketten Küchenschürzchen knicksend und lachend herumgereicht und das Lob der Herren in Empfang genommen, während ihr Freund das Flaschenbier in die Gläser goß. Später, wenn alles satt war, kam dann die Bowle oder der Glühwein, je nach der Jahreszeit, und man rückte in dem schummerigen Zimmer traulich aneinander. Sie sang mit ihrer klagenden, kleinen Altstimme: »Behüt' dich Gott ... es wär' so schön gewesen ...«, und die Husaren summten melancholisch den Refrain mit, und alles atmete Freude und Behagen. Während hier ... die Tränen stiegen ihr ins Auge. Man bemerkte es nicht. Denn eben machte Käthe den Vorschlag, zu tanzen. Das sei sehr gesund nach Tisch. Aber wer sollte spielen? Die Damen konnten oder wollten nicht und sahen fragend auf Valeska. Fügsam ging diese zu dem Klavier, das in der Ecke stand, und begann die »schöne blaue Donau«. Den Walzer konnte sie noch am besten. Hinter sich hörte sie das Schleppenfegen und leichte Atmen der Hannemann, die mit Sedlek tanzte. Er hielt sie fest umfaßt, und seine Augen funkelten. Eine tiefe, trostlose Traurigkeit erfaßte Valeska. Das also sollte das Ende sein ... hier ... in dieser Gesellschaft ... Und plötzlich erschrak sie. Die Worte gingen ihr durch den Kopf, die sie diesen Morgen noch aus tiefster Überzeugung zu einem Manne, der sie liebte, gesprochen: »Ich hab' mich nie verkauft, und ich werd' es nie tun, solange ich lebe ...« Ihre trotzige Verbitterung verflog. Ihr war, als ob sie aus einem bösen Traum erwache. Da legte sich ihr eine Hand leicht auf die Schulter. »Verzeihen's, Fräulein!« sagte der schwarze Wiener. »I will mal den Damen aufspüll'n.« Valeska stand auf und sah, daß Käthe und Fränzchen sich bereit hielten, um miteinander zu walzen. Und schon griff Sedlek virtuos in die Tasten und sang den Text nach Art der »Schrammeln«: »Dös is mei' Wien ... mei' Wien ... mei' Wien ... Dös is die Stadt, wo i geboren bin ...« Seybling war neben Hammerschmiedt getreten, um den beiden Mädchen zuzusehen, die sich selig in dem Dreivierteltakt wiegten. Niemand merkte es, wie die kleine Elten lautlos das Zimmer verließ ...   Man würde sie auslachen – das wußte sie –, und mit Seybling hatte sie es für immer verdorben. Aber das war ihr jetzt gleich. »Besorgen Sie mir ein Coupé!« sagte sie draußen zu dem Portier, der am Türeingang lehnte. Der Livreeträger machte ein verblüfftes Gesicht. Er ahnte schon, daß zwei Minuten später Seybling in grimmigster Laune vor ihm stehen würde. Aber schon fuhr ein Kutscher, der die Dame gesehen hatte, in kurzem Trab vor. Valeska nannte ihm ihre Wohnung und sank, schwer aufatmend, in die Polster nieder.   Natürlich hatte sie ihre Streichhölzer vergessen und mußte sich im Dunkeln zu ihrer Wohnung hinauf und den Flur entlang in ihr Zimmer tappen. Als sie in den dämmerigen Raum eintrat, wäre sie beinahe hingestürzt. Ein plumper Gegenstand befand sich da am Boden und hatte sie zum Straucheln gebracht. Sie bückte sich und griff danach. Es rauschte und knisterte wie von einem schweren Stoff zwischen ihren Fingern. Ein wilder Zorn stieg in ihr auf. Sie riß in der Dunkelheit das unselige Damastkleid aus dem von der Portierfrau gebrachten Toilettenkorb, sie schüttelte es in der Luft und schleuderte es in die Ecke, wo es als ein regelloser Haufen zusammengeballt liegenblieb. Dann machte sie Licht. Aus reiner Gewohnheit, weil sie es jeden Abend tat, ging sie zum Ofen, holte ein Kännchen mit warmem Wasser herunter, wusch sich damit das Gesicht und rieb es, während die Haut noch naß war, mit trockener Mandelkleie wie mit Seife ab. Eine feine Schicht Creme Simon kam endlich, als das andere abgespült war, darauf, um die Nacht über da zu bleiben. Sie seufzte auf, tief und hoffnungslos. Der heutige Tag hatte alle ihre Wünsche und Träume vernichtet. Aus einem Schubfach nahm sie das Bild ihres verstorbenen Rittmeisters. Das war doch der Mann, den sie am heißesten auf Erden geliebt hatte. Zu ihm flüchtete sie jetzt in ihrer Not, zu ihm, der nun schon lange drüben an den Ufern des Michigansees den ewigen Schlaf schlief. Sie preßte ihre Lippen auf das Bild und auf den Vers, den er daruntergeschrieben ... sie wußte genau, wann ... Sie kannte die Worte auswendig: »Hast du geliebt, spricht dich die Liebe frei! Des Weibes Liebe ist des Weibes Ehre! ...« Warum mußte er gerade sterben, er, der Gütige und Edle? Sie steckte die Photographie unter ihr Kopfkissen und legte sich schluchzend zur Ruhe.   Es war noch früh am Abend, nach Berliner Begriffen ... kaum elf Uhr. Draußen klingelten die Pferdebahnen, man hörte das Lachen und Plaudern der Menschen, das Rollen der Wagen. In Valeskas Zimmer war alles still. Erst als draußen, gegen zwei Uhr nachts, das Treiben verstummt war, erhob sie sich plötzlich und glitt wie ein weißer Schatten lautlos durch den dämmernden Raum. In der Ecke bückte sie sich nieder. Es war doch schade um das schöne Kleid, wenn es die ganze Nacht zerknüllt dalag ... Sie öffnete die knarrende Schranktür, hing es auf und strich vorsichtig mit der Hand im Dunkeln die Falten glatt. Dann legte sie sich wieder hin, still und trostlos. Nun war ja alles aus ...   XVIII. Nun war alles aus ... Valeska stand am Fenster und schaute in den grauen Herbstmorgen hinaus. Und während ihr Blick mechanisch den triefenden, vom Winde schiefgetriebenen Nebelschauern folgte und auf den naß spiegelnden Pflastersteinen hängenblieb, gingen wiederum die Ereignisse des gestrigen Tages durch ihren matten Kopf. Was hatte sie jetzt noch zu hoffen? Die paar Menschen, die ihr in guter oder schlechter Absicht hier helfen konnten, waren ihr fremd geworden. Und allein – das merkte sie schon – war sie hilflos in dem Kampf ums Dasein, der sie ringsum umgab. In dem öden Regenwetter draußen sah sie ihre Zukunft vor sich, die Zukunft einer Berliner Winkelschauspielerin, die ohne Rollen, ohne Verbindungen und Namen von einer Bühne zur andern pilgert. Da war es doch wahrlich besser in der Provinz, wo man wenigstens in kleinen Verhältnissen die erste war. Vielleicht an einem mittleren Hoftheater ... Dort bekam man die historischen Kostüme geliefert, man wurde anständig behandelt und brauchte nicht ewig vor der Kündigung zu zittern. Und dort, wo man doch noch eine Art von Mensch war, fanden sich gewiß auch Freunde. Vielleicht heiratete sie und verbrachte ihr Leben in einem traulichen süddeutschen Städtchen, fernab von der großen Welt und der großen Karriere. Und unwiderstehlich stieg der Gedanke in ihr auf: »Fort von Berlin!« Sie nahm rasch Hut, Schirm und Jacke, fuhr in die Gummischuhe – denn eine Droschke wagte sie sich bei ihren beschränkten Finanzen nicht mehr zu leisten – und ging zum Agenten. Herr Hassel war sehr erstaunt. »Es ist merkwürdig, mein liebes Fräulein ...«, sagte er sanft und fuhr sich mit der Hand abwechselnd über die rosige Glatze und den seidenweichen Patriarchenbart, »erst unterzeichnen die Damen blindlings irgendeinen Kontrakt, und dann tun sie, als sei der gar nicht auf der Welt! Sie sind doch hier am Westend-Theater auf drei Jahre engagiert! Muten Sie mir zu, daß ich Sie zum Kontraktbruch anleiten soll?« »Vielleicht läßt mich der Direktor los ...«, meinte Valeska und sah Herrn Hassel hoffnungsvoll an. Der schüttelte das Haupt. »Ich glaube nicht. Und wenn auch ... was wollen Sie denn, um Gottes willen, in der Provinz ... jetzt ... mitten in der Saison ...? Nein ...«, der Greis tätschelte sie milde auf die Schulter, »bleib' in Berlin, Kindchen ... hier ist's schön ...« Valeska entzog sich ihm mit einem ungeduldigen Ruck. »Ich werde es doch versuchen beim Direktor,« sagte sie aufstehend, »und wenn er es tut ...« »Dann bringe ich Sie sofort an die ›Burg‹ ...«, ergänzte der Greis und sah ihr mit stillem Lächeln nach.   Im Theaterbureau mußte Valeska warten. Fräulein Thilda Thorbeck war mit einem Rechtsanwalt drinnen beim Direktor. Außer ihr war noch ein zweiter Besucher in dem kleinen Raum. Er verhandelte mit dem Sekretär und ließ sich von diesem Adressen aufschreiben, offenbar für Kritiker- oder Kollegenbesuche. Ein Mann zu Anfang der Dreißiger, hager, mittelgroß und keineswegs ein Adonis. Im Gegenteil ... sein mageres, leichtsinniges Gesicht mit den aufgeregt glitzernden Augen war einfach häßlich zu nennen. Verführerisch häßlich ... dies bald kindlich gutmütige, bald faunische Lachen um die schmalen, sinnlich geschwungenen Lippen, die weichliche, klangvolle Stimme, die lässigen Bewegungen, das Mienenspiel, das in jedem Zucken den nervösen Stimmungsmenschen verriet. Der Sekretär stellte vor: »Herr Herbert Zajonchek, der in ›Lilith‹ bei uns auf Engagement gastiert ... Fräulein Elten ...« Valeska sah mit tiefem Interesse den Gast an. Zajonchek ... sie hatte den Namen wohl gehört. Eben jetzt hatte sein Träger, nach Beendigung eines lärmenden Ehescheidungsprozesses, seine Stellung an einer großen Provinzbühne verlassen müssen. Eine junge Aristokratin, erzählte der Kulissenklatsch weiter, habe seinetwegen Gift genommen – ein Glück, daß ein Arzt gleich zur Stelle gewesen –, und alle Gatten und Väter hatten aufgeatmet, als er glücklich fort war. Komisch, dachte Valeska, er sieht gar nicht so aus ... Gewiß war ja auch viel übertrieben. Aber das erkannte sie doch: das Hauptgeheimnis des Erfolges im Liebeskampf, das heiße Temperament, das sprühte und zuckte bei ihm durch alle Nervenfasern, bereit, gleich einem elektrischen Schlag auf einen jeden überzuspringen, der sich unvorsichtig näherte. Ein merkwürdiger Mensch! ...   Da kam Thilda heraus. Sie strahlte vor Wonne. Gestern schon hatte Onkel Klaus plötzlich nach dem Theater aus freien Stücken seine Einwilligung zur Heirat erklärt. Nun stand ihrem Glücke nichts mehr im Wege. Drinnen auf dem Tisch lag vor Hochmann die Konventionalstrafe von dreitausend Mark. Er hatte eingewilligt, Thilda sofort aus dem Kontrakt zu entlassen. Heute oder morgen trat sie zum letztenmal auf. Jetzt dachte sie nicht mehr an den Streit in der Garderobe, sondern drückte Valeska zärtlich an die Brust. »Laß dir's gutgehen, Schatzerl ... und im Sommer ... in den Theaterferien mußt du uns besuchen ... wir kaufen ein Gut in der Neumark ... ach ... wie bin ich glücklich ...« Die kleine Elten lächelte trübe. Sie wußte, die Einladung war nicht ernst gemeint, aber es freute sie doch. Und eine bittere Erinnerung stieg in ihr auf ... gestern um diese Zeit hatte sie mit Herrn von Rönne gesprochen. Nun war der schöne Traum dahin ... von dem Gute und dem Buchenwald am See ... und dem Geflügelhof mit dem großen Puter ... Aber da tönte eine joviale Stimme aus dem Nebenraum. »Na ... kommen Sie nur herein, Elten! ... Was haben Sie auf dem Herzen?« Sie trat ein. »Wollen Sie etwa auch heiraten?« fragte Hochmann aufgeräumt. Es schien, daß er Thildas Abgang als ein recht gutes Geschäft auffaßte. »Heiraten nicht ...«, stotterte die Elten, »aber weg möcht' ich von hier ...« »Was ...?« Hochmann legte die Hand ans Ohr. »Weg möchten Sie? ... Wohin?« »Irgendwohin ... in die Provinz!« »Und deswegen kommen Sie hierher?« fragte ihr Beherrscher erstaunt. »Darum Räuber und Mörder? ... Gehen Sie nach Hause, Kind, und lernen Sie Ihre Rollen ... Sie werden es schon noch einmal zu etwas bringen in Berlin. Sie haben Talent ... das weiß ich.« Valeska faßte einen heroischen Entschluß. »Kriege ich denn einmal die Rolle der ›Lilith‹?« fragte sie schüchtern. »Lilith ... Lilith ...« Hochmann machte ein Gesicht, als habe er diesen Namen nie gehört. »Herr von Seybling sagte mir, er habe ...« »Herr von Seybling sagt viel, wenn der Tag lang ist ...«, unterbrach sie der Direktor. »Adieu, Fräulein!«   Im Vorzimmer war Herbert Zajonchek im Begriff, zu gehen, als Valeska, ratlos und mit hochrotem Kopf, zurückkam. Gemeinsam stiegen sie die Treppe hinab auf die Straße, wo der Regen inzwischen aufgehört hatte. Dort blieb ihr Begleiter stehen. »Ich hab' doch keine Ahnung mehr ...«, sagte er in seiner weichen, stark wienerisch gefärbten Sprache, »geht's jetzt in diesem dalketen Spree-Athen rechts oder links nach meiner Klause ...?« »Wo wohnen Sie denn?« »Potsdamer Straße 404!« Valeska überlegte. »Das ist nur fünf Minuten von meinem Hause. Kommen Sie mit! Ich bringe Sie in Gottes Namen bis zu Ihrer Wohnung ...« Es interessierte sie doch, den merkwürdigen Menschen näher kennenzulernen, der sich eben von seiner berühmt schönen Frau hatte scheiden lassen und der bewußten Aristokratin eine bis zum Selbstmord sich steigernde Liebe eingeflößt hatte. Aber ihre Erwartung, derlei von ihm zu hören, täuschte sie. Wohl sprach Zajonchek mit großem Eifer, während sie langsam die Straßen hinabschritten. Aber das Thema war ein ganz ungeahntes: seine alte Mutter. Sie lebte irgendwo in einem kleinen österreichischen Städtchen. Ihretwegen allein schien ihm das Dasein noch der Mühe wert. Für sie müsse er Geld verdienen, hier in Berlin! Das sei jetzt seine Pflicht, wo er keine Familie mehr habe und auch nie mehr heiraten werde. Darum gastiere er, der gefeierte Künstler, am Westend- Theater. Valeska sah ihn von der Seite an. Es lag wirkliche Empfindung in seinen Worten. Offenbar tat es ihm wohl, einem weiblichen Wesen, das ihm sympathisch war, von seinen Sorgen zu erzählen. »Sehen's ... die Mutter ... liebe Kollegin ...«, sagte er träumerisch, »wenn man die nicht hätt'! ... Ich zum Beispiel ... nach alledem, was mir passiert ist ... na ... Sie wissen's ja wohl ... ich wär' wahrhaftig imstande, alle Weiber in Bausch und Bogen zu verwünschen, wenn ich nicht an die alte Frau da unten dächte ... die da in ihrem Stübchen in Bruck an der Leitha sitzt ... alle Wände hat sie mit meinen Lorbeerkränzen austapeziert ... und die da an mich denkt und für mich betet ... schauen's ... da wird einem doch wieder anders ums Herz ... da wird man wieder ein besserer Mensch ...« Er brach ab. Valeska sah zu Boden und nickte. Sie fühlte sich gerührt und auch etwas geschmeichelt durch seine Offenherzigkeit. »Ich hab' so Tage ...«, fuhr Zajonchek fort, »da muß ich davon sprechen ... zu irgend wem ... und Ihnen seh ich's an, Fräulein ... Sie fassen's nicht falsch auf ... Sie haben so ein liebes Gesichterl ... solche herzige Köpferln wachsen halt doch nur in Wien, um unsern alten Stephan 'rum ...« Die Elten blieb stehen und lachte laut auf. »Falsch geraten!« sagte sie. »Ich bin aus Eisenach.« »Schau ... schau!« Ihr Begleiter schüttelte nachdenklich lächelnd den Kopf. »Was die Preußen heutzutag' alles zuweg bringen ...« »Ja ... um Gottes willen ...«, fragte Valeska, »glauben Sie denn etwa, daß Eisenach in Preußen liegt?« Jawohl. Zajonchek war dieser Ansicht. »Dort heroben« sei alles preußisch oder so gut wie preußisch. Und Geographie habe er nie behalten können, überhaupt stets die Schule geschwänzt. »Ich bin immer ein Strick gewesen,« meinte er, »solang ich mich erinnern kann.« Das freute Valeska. »Das muß doch eigentlich so sein ...«, sagte sie, »bei uns vom Theater ...« »Natürlich ...«, bestätigte Zajonchek, »oder vielmehr ... man muß so 'ne Mischkulanz von allem vorstellen ... Sie wissen, wie's im Lied heißt: ›Und a bisserl Lieb' und a bisserl Treu und a bisserl Falschheit is allweil dabei ...‹« »Ja ...«, meinte die kleine Elten, »bequem ist's jedenfalls, wenn man das alles auf Lager hat. Aber ich bin für die Liebe und Treue allein. Die Falschheit können Sie für sich behalten ...« Aber ihr Begleiter war wieder nachdenklich geworden. »Ich wär' auch für die Liebe ...«, sagte er und sah träumerisch ins Weite, »wenn halt nur ...« Und plötzlich zu einem anderen Gedanken überspringend, sprach er leise und vertraulich: »Da schaun's her ...« Er hatte ein Medaillon hervorgezogen und öffnete die Kapsel. Sie blickte neugierig hinein. Es enthielt das Bild eines niedlichen kleinen Mädchens von etwa vier Jahren. »Ach ... wie süß ...« Die Elten sah ihren Begleiter erwartungsvoll an. »Aufs Frühjahr seh' ich's wieder, mein Maritscherl,« sagte er, und es lag ein zärtlicher Ausdruck in seinen sonst so begehrlich flackernden Augen, »die übrige Zeit ... Sie begreifen ... da ist sie bei der Mutter ...« »Ach ... Sie Armer! ...« Valeskas Stimme war voll Mitleid. »So ein herziges kleines Ding! ...« Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, dann blieb sie stehen. »So ... da sind wir vor Ihrem Hause. Nun bedanken Sie sich schön bei mir! ...« Zajonchek erfaßte ihre Hand so fest, daß sie zusammenzuckte. »Wann sehen wir uns wieder?« fragte er und sah ihr erwartungsvoll ins Auge. Valeska errötete leicht. »Nun ... übermorgen, denk' ich ... denn da beginnen die Proben zu ›Lilith‹ ...« »Und Sie spielen mit ... als was denn?« Sie schaute zu Boden. »Ich?« sagte sie. »Ich ... ich komme als ein ganz schlechtes Mädchen ...« »Und ich als ein ausgemachter Bösewicht! ...« Beide lachten laut auf. »Wir Armen!« seufzte die Elten mutwillig und reichte ihm nochmals die Hand. »Auf Wiedersehen!«   Eine Viertelstunde darauf saß sie in ihrem Stübchen, Stecknadeln zwischen den Zähnen, mit Nadel und Fingerhut ausgerüstet, und nähte an dem über ihre Knie gebreiteten Damastkleid den Besatz wieder fest. Draußen strömte der Regen, der Wind pfiff durch die menschenleeren Gassen, und auch in ihrem Zimmerchen war es empfindlich kühl. Im Vorflur schimpfte die Haidenschild mit dem Dienstmädchen, die Schottinnen hämmerten auf dem Klavier, der Attaché schnarchte nebenan. Valeska sann nach. Warum hatte sie eigentlich Berlin verlassen wollen? Es war doch wohl nur eine vorübergehende Stimmung gewesen. Gut, daß man sie nicht losließ. Was sollte sie denn in der Provinz? Diese Misere kannte sie doch nun schon. Man mußte eben in Berlin Geduld und Ausdauer haben, dann kam auch einmal das Glück. Und wenn man auch bis dahin so manchen harten Schlag bekam – Valeska sah träumerisch-lächelnd zum Fenster hinaus in das graue, kalte Regengeriesel – so schrecklich war schließlich der Aufenthalt in Berlin doch auch nicht ... XIX. »Eigentlich müßte das ein großer Erfolg werden«, meinte Valeska, als sie zwei Tage darauf, mit dem Rollenheft ein leichtes Gähnen verbergend, auf der Bühne des Westend-Theaters stand, »... wenn es schon bei der ersten Arrangierprobe solchen Skandal gibt ...« Zajonchek wandte sich nach ihr um. »Das scheint ja ein z'wideres Frauenzimmer zu sein ... die Dobschütz ... ist die immer so?« »Meistens!« Die Dobschütz war in der Tat diesen Vormittag unerträglich. Sie hustete nervös in ihr Taschentuch und sprach die Stichworte so leise, daß man sie kaum verstehen konnte. Und kaum hatte Harald Grillon, der in Vertretung des Direktors die Regie führte, sie daran zu erinnern gewagt, als sie mit ihm einen Streit begann, in den auch der mittlerweile herbeigekommene Hochmann selbst verwickelt wurde. Nach vielem Hin- und Herreden ging endlich die Probe weiter, und zwar in ziemlich raschem Tempo, da es sich heute nur darum handelte, das Drama »Lilith« einzurichten, die Stellungen anzuordnen und die Auftritte und Abgänge zu regeln. Auch gestrichen wurde fortwährend. Valeska hatte kaum eine Szene, in der ihr nicht Grillon nach kurzer Beratung mit dem Direktor das Heft aus der Hand nahm und den Text der Rolle durch energische Hakenzüge seines schwarzen Bleistifts auf die Hälfte verkürzte. Sie war damit zufrieden. Denn sie merkte schon: Eine »feine Nummer« war diese Astild keineswegs! Die Dobschütz war zuletzt ganz verstummt und begnügte sich, allen Bemerkungen ein impertinentes Achselzucken entgegenzusetzen. Plötzlich wandte sie sich an den Direktor: Es sei ihr nicht wohl. Sie wolle nach Hause. Ob nicht für den Rest der Probe der Regisseur ihre Rolle lesen könne? Hochmann machte ein sehr bedenkliches Gesicht. Aber schließlich ... das fehlte noch, daß ihm die Dobschütz jetzt, in dem entscheidenden Moment, krank wurde. So gab er ärgerlich seine Einwilligung. Die Dobschütz trat auf den Flur hinaus und blieb, da sie den Portier gebeten, ihr einen Wagen herbeizurufen, im Vorraum stehen. Dort traf sie Dr. Mans, den Theaterarzt, der eben auf einen Augenblick vorgefahren. »Sie sehen schlecht aus, mein Fräulein!«, sagte der alte Herr bedenklich ... »... recht schlecht ... es ist höchste Zeit, daß Sie gegen diese Erkältung, wie Sie es nennen, etwas Ernstliches tun ...« »Was soll ich denn tun?« »Sich schonen ... Gründlich schonen ... mal ein Jahr ausspannen und vernünftig leben ...« »Was nennen Sie denn leben?« unterbrach ihn die Dobschütz gereizt ... »... essen? ... trinken? ... schlafen? ... Das wäre mir nicht der Mühe wert! Mögen sie mich eines schönen Morgens tot im Bette finden, wenn nur bis dahin ...« Sie brach ab. Ein krampfhafter Husten erstickte ihre Worte. »Nun sehen Sie ...«, der alte Arzt schüttelte den Kopf, »... dieser Husten nach einer kleinen, mühelosen Probe! ... Wie soll denn das werden, wenn Sie diese Rolle erst wirklich spielen? ... Womöglich jeden Abend ...« Die Dobschütz schien selbst etwas verstört. »Ich kann mich diese Woche des Abends erholen,« sagte sie ... »... wir geben von heute ab bis zur Premiere der ›Lilith‹ die ›Freundinnen‹, das französische Sittenstück, das vor drei Jahren bei uns so viel machte ... darin spiele ich nicht ...« Der Sanitätsrat sah nach dem Flurschalter hinüber, hinter dem der Kassierer einsam und schläfrig saß. Denn oft vergingen Viertelstunden, ehe ein Kunde herantrat. »Allzu fieberhaftes Interesse scheint das Publikum an den ›Freundinnen‹ nicht zu nehmen«, meinte er. Die Dobschütz zuckte die Achseln. »Die Geschäfte gehen überhaupt erbärmlich. Die erste Novität durchgefallen, die zweite von der Zensur verboten und bei den alten Stücken das Haus hundeleer ... im Vertrauen gesagt ... ich glaube ... es ist allerhöchste Zeit, daß wir etwas machen ... die Gefahr steht vor der Tür ...« »... Scheint so ...«, meinte der Sanitätsrat nachdenklich. »Sie sehen also ... ich kann mich nicht schonen. Ich muß die Lilith spielen, ob es Ihnen recht ist oder nicht!« »Tun Sie, was Sie nicht lassen können!« Der Arzt lüftete seinen Hut, und sie trennten sich.   Als die Dobschütz ihre Wohnung betrat, schlug ihr ein leichter Zigarettenduft entgegen, ein Zeichen, daß Seybling auf sie wartete. Ein Gefühl freudiger Genugtuung durchzuckte sie, und ein verächtliches Lächeln ging über ihr Gesicht. Da war er also schon wieder, nachdem sie sich erst gestern abend – zum dritten Male in kurzer Zeit – gezankt und in bitterem Zorn getrennt! Sie wußte es ja ... er konnte nicht mehr von ihr lassen. Sie war ihm unentbehrlich geworden im Laufe der Zeit. Es fehlte ihm etwas, wenn er nicht bei ihr des Nachmittags seinen Tee trinken und bei ihrem bizarr- geistvollen Geplauder sich von den Geschäftssorgen, dem Gesellschaftszwang und der tödlichen Langeweile erholen konnte, die ihm der Verkehr mit den Damen der Gesellschaft einflößte. Langsam legte sie den Mantel ab. Das Treppensteigen hatte sie erschöpft. Sie rang nach Luft. Es war ihr seltsam angstvoll und unbehaglich zumute. Am liebsten hätte sie sich gleich hingelegt, bis die Beklemmung in der Brust vorübergegangen. Aber sie wollte Seybling nicht warten lassen und trat in den Salon. Das Zimmer war leer, nur die bläulichen Zigarettenwölkchen brauten darin noch auf und nieder, und auf dem Tische lag ein Brief. Während sie ihn aufriß, erkannte sie die Handschrift ihres Freundes. »Ich habe auf Dich gewartet,« schrieb Seybling, »um Dir noch einmal zu sagen, daß ich des Spieles müde bin und es endgültig und für immer bei unserer gestrigen Trennung bleibt! Leute von Welt wie wir sollten aber nicht als Feinde auseinandergehen. Ich komme noch einmal wieder. Dann wollen wir mit einem ruhigen Shake-hands Abschied nehmen ...«   Eine Viertelstunde darauf kam Seybling auch wirklich wieder. Er besaß einen Drücker, der den Flureingang geräuschlos öffnete. Die Dobschütz hatte ihm das anfangs sehr übelgenommen, sich aber schließlich achselzuckend in dies Symbol seines stets wachen Mißtrauens gefunden. Im Salon sah er die Dobschütz. Sie lag auf einer Causeuse, das Gesicht in den Kissen, seinen Brief zerknittert in der Hand. Es war, als ob sie schluchzte. Er trat auf sie zu. Aber dicht vor ihr blieb er erschrocken stehen. Er sah Blut. Blut, das ihr Taschentuch tränkte, Blut an ihrer Hand, auf der Causeuse ... überall. Und jetzt erst merkte er, daß im Nebenzimmer Menschen beschäftigt waren, die Kammerjungfer, die bleich und eilig ein Lager richtete, und ein junger Arzt aus der Nachbarschaft. Der Arzt erschien auf der Schwelle und sah ihn. »Das Fräulein hat einen Blutsturz gehabt,« sagte er rasch und nachdrücklich ... »... es ist keine unmittelbare Gefahr ... aber vollkommenste Ruhe vonnöten ... Es wäre besser, wenn ...« »Wenn ich gehe?« ergänzte Seybling mechanisch. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Der Arzt nickte. »Falls irgend etwas nötig ist,« murmelte Seybling ... »die Kammerjungfer kennt mich und meine Adresse ...« »Es ist nichts nötig als Ruhe!« Der Doktor warf einen besorgten Blick auf die reglos daliegende Gestalt und drängte den Besucher hinaus ...   Das alles war so unerwartet, so jäh gekommen. Seybling wußte nicht, ob er wachte oder träumte, während sein Coupé in rascher Fahrt durch die Straßen rollte. Wohin fuhr er eigentlich? Richtig ... er entsann sich. »Nach Hause!« hatte er dem Kutscher befohlen, der sich erwartungsvoll, die Hand an der Hutkrempe, vom Bock zu ihm herabgebeugt. Er sah durch das Fenster. Das war die Lützowstraße! Und in seinem Kopfe, der gewohnt war, rasch, beinahe instinktiv die Konsequenzen eines wichtigen Ereignisses zu ziehen, schoß ein Gedanke auf. Er zog an der Schnur. »Halten Sie an dem Hause von neulich!« befahl er dem Kutscher, der wieder stumm an den Hut griff. Bald darauf hielt in kurzem Ruck der Wagen, und Seybling stieg die steilen Treppen zu Valeskas Wohnung hinauf ...   Aber die Elten war nicht allein. Zajonchek saß neben ihr auf dem Sofa, als Seybling eintrat, und hielt ein Blatt Papier in der Hand. Er besuchte sie, seit ihrer neulichen Begegnung, täglich unter diesem und jenem Vorwand. Heute handelte es sich um einen eben eingetroffenen Brief seines Töchterchens, den er ihr durchaus vorlesen mußte. Sie werde sich wundern, was das kleine Maritscherl mit seinen vier Jahren schon für schlaue Einfälle habe. Geschrieben habe sie's natürlich nicht selbst, sondern der Wärterin diktiert. Aber der Stil! ... Und offenbar habe sie mit ihrem Fäustchen auch die Feder führen helfen ... das zeigten die Tintenflecke und Krakelfüße zur Genüge ... Valeska hatte mit tiefer Teilnahme das Briefchen betrachtet, in dessen Lektüre man durch den Besuch gestört worden war. Nun stellte sie sehr befangen die beiden Herren einander vor und bot Seybling einen Stuhl an. Der Dandy setzte sich und schwieg. Der Schauspieler gleichfalls. Eine unbehagliche Pause trat ein. »Lassen Sie mir den Brief bis zum Abend da!« sagte endlich die Elten zu Zajonchek ... »... Ich geb' ihn Ihnen wieder, wenn wir zusammen in die ›Freundinnen‹ gehen ...« »Da sind schon die Billette ...« Zajonchek zog sie aus der Westentasche halb hervor ... »... Nobel ... Parkettloge ...« »Und wenn Sie schreiben ... ach nein ... grüßen können Sie ja das Maritscherl nicht von mir ... schade ... aber ich werde eine große Puppe kaufen und der selbst einen hübschen Anzug machen ... die schicken wir ihr dann ... sie braucht gar nicht zu wissen, von wem ...« Zajonchek stand auf. »Ich hab's Ihnen ja gleich gesagt ... wer so ein liebes Gesichterl hat wie Sie, der hat auch ein liebes Gemüt ... also ... auf Wiederschauen heute abend ... ich hol' Sie ab ... Servus! ...« Und mit einer kühlen Verbeugung gegen Seybling verließ er das Zimmer. Der Dandy sah ihm einen Augenblick nach und richtete dann seine Augen fest auf Valeska. »Darum also!« sagte er trocken. »Was denn?« »Darum spielen Sie, wie neulich abends, die Spröde?« Valeska schaute beklommen zu Boden. »Sie sind mir gewiß recht böse wegen neulich?« »Natürlich bin ich böse! Mich allein für einen ganzen Abend zwischen Hammerschmiedt und der Hannemann zurückzulassen, ist eine Tat, die an Vatermord grenzt. Aber damit sind wir fertig. Jetzt begreife ich alles, da ich sehe ...« »Was sehen Sie?« Die Elten stand erregt auf ... »... Daß ein Kollege mich besucht ... weiter nichts ...« Der Dandy lächelte mit der Überlegenheit des vielerfahrenen Weltmannes. »Wozu der Zorn?« sagte er gleichmütig... »... Ich sehe hier zwei Menschen, die wahnsinnig ineinander verliebt sind ... bitte ... unterbrechen Sie mich nicht ... ich weist schon ... Sie haben sich noch kein Wort davon gesagt... aber Sie werden es sich sagen ... heute oder morgen oder übermorgen ... gleichviel wann ... und Sie wissen es beide schon jetzt genau, daß Sie sich lieben, und wer Augen im Kopfe hat, der sieht es ...« In dem Zimmerchen war es still. Nur von der Straße her drang undeutliches Rollen und Lärmen, und zuweilen zirpte der Kanarienvogel, den Zajonchek gestern – wie er behauptete, nur zur einstweiligen Aufbewahrung – mitgebracht. Singen wollte das Tierchen noch nicht, sondern hüpfte töricht piepsend von Stange zu Stange und zupfte an den Salatblättern, die zwischen dem Drahtgitter staken. Valeska sah ihm mit gedankenloser Aufmerksamkeit zu. Sie konnte keine Erwiderung auf Seyblings Worte finden. Endlich raffte sie sich auf. »Wir kennen uns ja kaum ... er und ich...«, sagte sie ... »... vor drei Tagen haben wir uns zuerst gesehen. Also schon daraus können Sie schließen ... daß es gar nicht so ist, wie Sie meinen ... und überhaupt...« Aber Seybling achtete gar nicht darauf. »Es ist merkwürdig«, meinte er gedankenvoll ... »höchst merkwürdig, daß die Menschen immer noch nach Entschuldigungen und Erklärungen suchen, wenn sie verliebt sind. Ihr liebt euch! Warum ... das wissen Sie nicht, das weiß er nicht ... das weiß nur die geheimnisvolle Macht, der wir diese buntschillernde Seifenblase verdanken, die wir mit tiefem Ernste die Welt nennen und als etwas Rechtes ansehen. Ein Unparteiischer möchte vielleicht finden, daß er einen recht guten und Sie einen recht schlechten Geschmack besitzen, aber einerlei ... ich bin in dieser Angelegenheit kein Unparteiischer und entsage von heute ab jeglicher Hoffnung auf Ihre Gunst. Und um so unbefangener können Sie meinen Rat annehmen. Merken Sie auf ... es ist ein seltenes und würdiges Ereignis, daß man einem schönen Mädchen aus reiner Menschenliebe einen guten Rat gibt ...« Die kleine Elten trat näher. »Was raten Sie mir?« fragte sie ängstlich. Seybling sah ihr prüfend ins Gesicht. »Haben Sie noch das Buch von ›Lilith‹, das ich Ihnen neulich gab?« »Ja gewiß!« »So setzen Sie sich hin und lernen Sie die Rolle der Lilith ... Wort für Wort ... so rasch wie möglich. Jetzt ist Sonnabend mittag ... Montag früh ist Probe ... bis dahin müssen Sie sie können ...« »Das ist unmöglich!« »Wenn man will, ist nichts unmöglich... auch nicht die Aufgabe, zehn oder zwölf Bogen in zwei Tagen und zwei Nächten zu lernen...« »Ja... und was habe ich davon?« »Wenn es je eine Rolle gab, mit der Sie einen Erfolg erringen können,« sagte Herr von Seybling langsam und beinahe feierlich...» ... so ist es diese... Sie ist wie für Sie geschrieben. Hochmann selbst hat, wenn er es Ihnen auch nicht sagt, mir bestätigt, daß Sie sie bei späteren Wiederholungen einmal spielen sollen...« »Dann hat es aber doch noch Zeit...«, meinte Valeska. Seybling lächelte mitleidig. »O Gott... wie verliebt!... Bisher verzehrten Sie sich vor Ehrgeiz... schrieben an mich um neue Rollen und Gott weiß was... und nun... seit vorgestern kommt Ihnen das Westend-Theater mit allem, was drum und dran hängt, als eine winzig kleine, lächerliche Sache vor... ein Liliputanernest fern am Rand des Horizonts... und der allein wichtige und denkwürdige Gegenstand ist ›Er‹...« »Bitte... hören Sie auf...«, sagte Valeska mit abgewandtem Gesicht... »Sie haben gar kein Recht, so zu sprechen!« »Das Recht des verschmähten Liebhabers!... Ist mir eine ganz ungewohnte Rolle. Ich bin Ihnen beinahe dankbar für diese neue Empfindung ... aber nun Scherz beiseite ... oder vielmehr bei dem gesamten Galgenhumor, mit dem ich hier die Rolle des Ritters Toggenburg spiele, sage ich Ihnen, Valeska Elten: Seien Sie gewappnet mit der Rolle der Lilith, ehe der Montagmorgen graut ... Wer weiß, was sich bis dahin ereignet!« Er öffnete die Tür und bot ihr seine breite Hand. »Grüßen Sie den Herrn mit dem unmöglichen Namen von mir ... und vergessen Sie nicht meinen Rat! Vielleicht bringt er Ihnen den Erfolg, nach dem Sie streben, und mir doch noch Ihren Dank ...«   XX. Also wirklich wieder verliebt ... Valeska saß fassungslos, wie aus einem Traume erwacht, da, viele Stunden, nachdem sie Seybling verlassen. Er hatte ihr erst die Augen geöffnet. Bisher war es ihr nicht in den Sinn gekommen, darüber nachzudenken, warum ihr Leben in diesen Tagen auf einmal wieder einen Inhalt gewonnen hatte. Es war, wie er sagte: Was ihr bisher in Berlin wichtig erschienen, das Westend-Theater, ihre Rollen, ihre Zukunft, das alles kam ihr jetzt so unendlich lächerlich und winzig vor, und dagegen wieder ... Ja ... es war kein Zweifel ... sie war verliebt ... verliebt, wie sie es nur je gewesen. Jetzt gestand sie es sich mit einem tiefen, glücklichen Aufatmen ein. Es war ja nicht das erstemal. Sie kannte das sehnsüchtige, quälende Gefühl, das sich langsam vom Herzen losrang und brustbeklemmend emporstieg, und sie wußte, da gab es keine Rettung dagegen. Es fiel ihr ein, daß sie die ganze letzte Zeit nicht mehr an ihren kleinen Freund in Bergheim gedacht, Selbst die Photographie des Rittmeisters war längst wieder unter dem Kopfkissen hervorgenommen und wohlverpackt irgendwo im Schreibtisch verkramt worden. Und nicht nur das lag weit hinter ihr. Auch ihre Erlebnisse in Berlin erschienen ihr wie durch einen Schleier. Unendlich ferne lag jener graue Vormittag, da sie vom Goldfischteich einsam und trostlos durch das Regengeriesel nach der Stadt zurückgeschritten. Vielleicht hatte der sie auch schon vergessen, von dem sie damals Abschied nahm ... Und wenn nicht ... ihre Schuld war es nicht, daß ihre Vergangenheit zwischen ihn und sie getreten ... Das wußte sie: Zajonchek würde sie nicht nach ihrer Vergangenheit fragen! Der war ihres Stammes, ein Kind dieser Welt wie sie, in Fehlern und Schwächen und Leichtsinn und Liebe. Der saß nicht über andere zu Gericht! Was man begreift und selbst durchlebt, das verzeiht man ... Sie lächelte träumerisch vor sich hin. Wie fest hatte sie sich vorgenommen, sich nicht mehr zu verlieben. Und nun hatte es gerade sechs Wochen gedauert, sechs öde, traurige Wochen. Freilich ... ein bißchen anders, als sie damals geträumt, sah der Schwanenritter doch aus, der ihr Trost und Hilfe in ihrer Berliner Not bringen sollte. Der als Lohengrin! Sie mußte herzlich bei dem Gedanken lachen und schämte sich gleich darauf. Was konnte er denn dafür, daß er kein schöner Mann war? Da tönte draußen die Klingel. Sie vernahm den Klang seiner Stimme. Reglos blieb sie sitzen, den Blick zu Boden geheftet, und hörte das Hämmern ihres Herzens. Zajonchek trat ein. Er erkannte, wie es um sie stand. Sie sahen sich an und sahen wieder weg. Und dann blickten sie einander fest an und fielen sich lachend in die Arme.   »Und nun gestehe mir, Maus ...«, sagte Zajonchek, während sie zusammen im Abenddunkel dem Westend- Theater zuschritten, »gestehe mir ... wer war dieser Baron heute vormittag?« »Ein Liebhaber von mir!« lachte die Elten mutwillig. »Du weißt gar nicht, wie viele ich hier hab' ... ich verdrehe jedem den Kopf, den ich will ... merken Sie sich das, mein Herr ...« »Und welche Nummer hat der?« scherzte ihr Begleiter und drückte im Gehen ihren Arm fest an sich. »Herr von Seybling? Das ist mein drittes Schlachtopfer ... in Berlin ... aber nein ... nun im Ernst gesprochen ... Er war also heute zum zweiten- und letztenmal bei mir ...« »Und was wollte er?« »Er sagt, du hättest einen sehr guten Geschmack!« »Und deswegen ist er die drei Treppen hinaufgestiegen?« »Nein!« erwiderte die kleine Elten und sah in stiller Zärtlichkeit zu ihrem Freunde empor. »Er brachte mir einen guten Rat mit. Ich will ihn auch befolgen. Er meint, ich solle die Rolle der Lilith in aller Stille lernen. Dann bekäme ich sie vielleicht einmal, wenn die Dobschütz krank würde oder so was ...« Zajonchek sann nach. »Recht hat er! Soll ich's dir einstudieren?« »Ach, das wäre reizend!« Valeska schlug wie ein Kind die Hände ineinander. »Und dann spielten wir ja den ganzen Abend zusammen, denn du hast ja die Hauptrolle im Stück ...« »Nun eben ... da wollen wir nächste Woch' gleich anfangen!« »Aber Seybling meinte, ich müsse bis Montag die Rolle können!« »Bis nächsten Montag! Das ist ja Unsinn!« »Ich weiß auch nicht, warum. Aber er hat es mir dringend geraten. Ich hab' den Nachmittag auch schon angefangen.« »Ach geh ...«, meinte der Schauspieler, »so pressiert's nicht ... na ... jetzt kommen wir wohl gar zu spät!« »Ja ... es scheint so!« sagte die Elten, während sie dem Theaterportal zuschritten. »Man sieht keine Wagen und keine Menschen mehr. Und heute, am Sonnabend und bei einer Neueinstudierung, müßte das Haus doch endlich mal voll sein.«   »Aber nein!« Zajonchek sah auf die Uhr und blieb im Foyer stehen. »Es fehlen ja noch drei Minuten an halb acht ... es hat noch nicht angefangen ... 's ist bloß keine Katz' im Theater ...« Beide blickten durch eine offene Logentür in den Zuschauerraum. Großer Gott ... was war das Haus leer! Vorn zwei, drei Reihen zahlender Sperrsitzinhaber, dahinter, um nur ein bißchen das Parkett zu füllen, sorgsam über alle Bänke hin einzeln verstreut, einige Dutzend Freibillettempfänger. In den Parkettlogen ein paar Menschen, im ersten Rang so gut wie niemand ... das Ganze ein trostloser Anblick. Die wenigen Besucher machten einen verdrossenen, gelangweilten Eindruck. Man sah ihnen das unbehagliche Gefühl an, das sich in einem leeren Hause von selbst erzeugt. Und aus dem Zuschauerraum, in dem das leise Gemurmel der vordersten Parkettreihen beinahe unheimlich verhallte, kroch dies Unbehagen hinaus in die Gänge und Foyers. Es nistete in den leeren Garderoben, wo mürrisch die alten Frauen saßen und die langen Reihen der leeren Kleiderhaken betrachteten, es spiegelte sich in den Gesichtern der Logenschließer, die heute fast ihren ganzen Vorrat an Theaterzetteln unverkauft wieder zurückgeben und auf Trinkgelder verzichten mußten, es brütete über dem Büfett, dessen Pächter und Kellner mißmutig auf die nutzlos aufgetürmten Schinkenbrötchen und das angestochene Bierfäßchen blickten. Wie ein erkältender Hauch ging es durch die schweigenden Räume. Ein dicker Herr kam aus dem Parkett zurück, ließ sich Hut und Mantel wiedergeben und ging weg. Seine schweren Tritte verklangen in dem kahlen Flur.   »Entsetzlich leer heute!« sagte Mary Esser, die schöne Frau des Väterspielers Frey, die mit ihrem Manne sich ebenfalls das Stück ansehen wollte, zu der Elten, ihrer Kollegin. »Es ist ja freilich diesen Abend Premiere im Spree-Theater ... aber trotzdem ... an einem Sonnabend! ... Nicht einmal die Vereine wollen mehr heran ... wie soll das nun die ganze Woche werden?« »Flau wird es!« murmelte der finstere Väterspieler. »Zwölfhundert Mark Tageskosten und zweihundert in der Kasse ... das gibt keine Rechnung ...« »Und wissen Sie das Schlimmste?« Frau Esser beugte sich zu Valeskas Ohr. »Ich höre eben, die Dobschütz soll krank sein!« Die Elten fuhr auf. »Wenigstens sagt es meine Schneiderin!« fuhr die andere fort. »Sie kam von dort und wurde vom Mädchen nicht vorgelassen, weil die Dobschütz im Bett liege. Wenn es auch nur ein vorübergehendes Unwohlsein ist ... denken Sie nur ... wer soll die Lilith spielen? Und aufschieben läßt sich's ja kaum mehr!« Da klangen die elektrischen Klingeln. Das Stück sollte beginnen. Das Ehepaar Frey trat in die Loge. Valeska zog ihren Freund beiseite. »Ich gehe nach Hause!« sagte sie, und ihre Stimme klang heiser vor Aufregung. »Ich lerne die Rolle der Lilith! Morgen früh mußt du kommen und mir sie einstudieren helfen.« »Ja ... wenn die Dobschütz wirklich krank ist ...« Zajonchek war ganz verwirrt. »Aber wieso wußte denn dieser Baron Seybling heute vormittag schon davon? Das begreife ich nicht ...« »Du begreifst noch vieles nicht!« sagte die kleine Elten und trat zur Garderobe, um sich Hut und Mantel wiedergeben zu lassen. »Und nun bringe mich vor meine Haustür. Jede Minute ist kostbar ...« XXI. Es war zwei Uhr nachts. Lange schon schliefen die Damen der Pension Haidenschild den Schlaf der Gerechten. Auch die Herren kamen allmählich nach Hause. Man hörte, wie sie eine Weile in ihren Räumen herumrumorten und die Stiefel vor die Tür setzten. Dann verlosch das Licht, und alles wurde wieder still. Nur in Valeskas Zimmer brannte immer noch die Lampe, und sie selbst ging, im weiten blauen Schlafrock, gelbe Mikadopantöffelchen an den Füßen, rastlos murmelnd auf und nieder. In der Hand hielt sie ein Blatt Papier, auf dem sie die Stichworte des ersten Aktes untereinander geschrieben hatte. Sie überhörte sich. Es ging! Nur selten mußte sie einen Blick auf das Buch werfen, das neben der Lampe aufgeklappt auf dem Tisch lag. Den Text ihrer Rolle hatte sie darin mit blauem, die Stichwörter mit rotem Stift angestrichen. Sie machte eine kleine Pause, um von dem schwarzen Kaffee zu schlürfen, der über einem Spiritusflämmchen warm stand. Dann griff sie nach dem Buche und nahm den zweiten Akt in Angriff. Sie war todmüde. Aber sie konnte sich nicht setzen. Sie war nun einmal gewohnt, im Gehen zu memorieren, und hatte das schon oft, wenn sie den Tag über acht Stunden und länger während der Probe, der Vorstellung, des Kleideranprobierens usw. auf den Beinen gewesen war, des Nachts beim Rollenlernen schmerzlich empfunden. Aber freilich nie so wie heute, bei dieser Kraftprobe, die sie sich auferlegt. »Es muß sein!« sagte die kleine Elten mit finsterer Energie vor sich hin. Und wieder ging sie in lautlosen, langsamen Schritten durch das Zimmer hin und her, in dem das leise Summen der Spiritusmaschine die einzige Begleitung zu ihrem eintönigen Murmeln bildete. Auch auf der Straße war es jetzt ganz still. Ein Glück, daß der südamerikanische Attaché nebenan noch nicht zu Hause war. Der hätte sich am Ende ihr halblautes Memorieren verbeten. Aber Gott weiß, wo der jetzt herumbummeln mochte. Und weiter und weiter lernte sie. Der Hinterkopf begann sie zu schmerzen, die Augen fielen ihr fast vor Müdigkeit zu, und immer häufiger mußte sie zu dem schwarzen Kaffee ihre Zuflucht nehmen. Aber ihr war es einerlei. Die Rolle sollte und mußte bezwungen werden. Als der Morgen anbrach, war sie bis zur Mitte des zweiten Aktes gekommen. Die Hälfte der gröbsten Arbeit lag hinter ihr. Aber nun konnte sie nicht weiter. Sie warf sich aufs Bett und schlief fast im selben Augenblick ein, während draußen sich das erste Leben des neuen Tages regte und der Attaché vorsichtig auf der Spitze seiner Lackstiefelchen in sein Zimmer glitt.   Am nächsten Morgen kam Zajonchek. Sie ging mit ihm das, was sie in der Nacht gelernt hatte, durch. Fast alle ihre Stichwörter waren in seiner Rolle enthalten, so daß sie gemeinsam ihre Szenen herunterspielen konnten, er als der junge Mann aus einer guten Familie des Berliner Westens, der nach standesgemäß verbrachter Jugend selbst einsieht, wie notwendig ihm die Heirat ist, sie als sein »Verhältnis«, die kleine Konfektioneuse vom Hausvogteiplatz, die jetzt aus seinem Leben scheidet, um der legitimen Herrin Raum zu schaffen. Er brauchte ihr nur selten die Aussprache eines Wortes, die Betonung eines Satzes zu verbessern. Den Geist der Rolle hatte sie erfaßt. Sie begriff dies kleine Mädchen, die sich dem geliebten Manne hingab, weil sie es nicht anders wußte und konnte, die nichts bereut, was sie tut, und doch dabei in ihrem tiefsten Innern zerknirscht von der Sündhaftigkeit ihres Tuns überzeugt ist. So probten sie die erste Hälfte des Stückes zu Ende. Dann begann Valeska, während ihr Freund zum Mittagessen ging, für sich weiterzulernen. Die Ruhe des Sonntags unterstützte sie. Selbst die Schottinnen hatten, um nicht einen Sabbatbruch auf ihr Gewissen zu laden, das Klaviergehämmer eingestellt. Die Haidenschild war auswärts zu Tische, sämtliche Herren ebenfalls fortgegangen. So konnte sie ungestört lernen und lernen. Als sie gegen Abend mit Zajonchek abermals die Rolle durchging, war nur noch der Schlußakt übrig. Aber den wollte sie allein vornehmen. Helfen konnte er ihr da nicht. Wie die Kleine sich ruhig von dem Geliebten trennt, wie sie mit müdem Lächeln in ihrem Dachstübchen das Gift ins Glas schüttet und trinkt, wie sie in seinen Armen stirbt, das konnte er ihr nicht lehren und zeigen. Sie mußte es empfinden. Und sie empfand es. Sie ging auf in dieser Rolle. Sie brauchte nach keinem Tone, nach keiner Stimmfärbung zu suchen. Das alles kam ihr zwanglos, wie wenn sie sich selbst spielte, und sie fühlte es deutlich: diese Rolle war ihr Prüfstein. Wurde sie der nicht gerecht, so war es am besten, das Bündel zu schnüren und, je eher, je besser, in die Vergessenheit der Provinz hinabzutauchen. Aber das fürchtete sie nicht. Eine frohe Siegeszuversicht erfüllte sie, während sie in der Nacht zum Montag mit dem dritten Akt kämpfte. Und endlich, in früher Morgenstunde, war auch der bewältigt, und sie sank in tiefen, traumlosen Schlaf.   Am Vormittag, als sie, blaß und übernächtig, in unfreundlichem Herbstwetter dem Theater zuschritt, faßte sie die Ernüchterung. Wozu am Ende die ganze Mühe? Wenn sie auf die Bühne trat, stand wahrscheinlich die Dobschütz schon wie gewöhnlich da, vielleicht mit einem noch verächtlicheren Gesichtsausdruck als sonst, und alles war beim alten ... Und selbst wenn nicht ... wer stand ihr dafür, daß sie gerade die Rolle bekam, daß das Stück nicht überhaupt abgesetzt wurde? Sie fühlte sich tief entmutigt. Da kam ihr die Mizi entgegen, wie gewöhnlich schlecht frisiert, verschlafen und trippelnd wie ein nasses Kätzchen. »Es ist keine Probe, Elten,« rief sie schon von weitem, »die Dobschütz ist krank!« »Oh!« sagte Valeska und blieb in freudigem Schrecken stehen. »Ist es arg?« »Weiß nicht!« erwiderte die Kleine phlegmatisch. »Wollen Sie doch noch in die Bude gehen? Na, dann kommen Sie nur dem Alten nicht zu nahe, der ist fuchsteufelswild!« Die Elten hörte ihre letzten Worte gar nicht mehr. Mit elastischen Schritten eilte sie dem Westend-Theater zu und stieg pochenden Herzens die Treppe hinauf zum Direktionsbureau. Im Vorraum stand Hochmann mit verstörtem Gesicht, um ihn herum die Regisseure, der Sekretär und sein sonstiger Stab. Der Theaterarzt nahm eben von ihm Abschied. »Es ist gar nichts zu machen,« sagte Dr. Mans trocken ... »... ich sah's kommen. Gefahr ist vorderhand nicht dabei, aber an ein Wiederauftreten vor Jahresfrist gar nicht zu denken, wenn es überhaupt je dazu kommt ...« »Und wo bleibe ich?« fragte Hochmann erbittert und wischte sich den Schweiß von der Stirne ... »... Das Stück muß heraus ... Es ist der Schlager der Saison ... und nun habe ich niemanden, der mir die Lilith spielt ... wenigstens nicht auf der Stelle. Ich muß die Premiere auf mindestens vier Wochen verschieben ...« »Ja ... das ist Ihre Sache ...«, sagte der joviale Sanitätsrat und reichte ihm die Hand, »... ich bin Gott sei Dank nicht Theaterdirektor und möcht's auch nicht werden ... Morgen, Direktor ...!« Während er sich zum Gehen wandte, trat Valeska entschlossen vor Hochmann hin. »Die Premiere braucht nicht verschoben zu werden, Herr Direktor!« sagte sie so ruhig wie möglich, »... ich kann die Rolle der Lilith auswendig.« Hochmann sah sie ebenso wie die andern verblüfft an. »Wie kommen Sie denn dazu?« fragte er langsam ... »Sie hatten sie ja gar nicht in der Hand.« »Ich hab' sie aus dem Buch gelernt, weil sie mir so sehr gefiel. Und ich weiß, ich würde ganz ausgezeichnet darin sein!« Die Herren lachten laut auf. Selbst Hochmann schmunzelte ein wenig. »Unsinn, Kind!« meinte er ... »Sie sind ja überhaupt noch in keiner Rolle von Bedeutung hier aufgetreten.« »Eben!« erwiderte die kleine Elten. Sie spielte va banque und war entschlossen, sich durch nichts einschüchtern zu lassen. »Einmal muß ein jeder seine erste große Rolle bekommen, und die ist wie für mich gemacht. Sie haben ja selbst davon gesprochen, sie mir später einmal zu geben ...« »Allerdings ...«, erwiderte Hochmann nachdenklich, »... oder vielmehr ... ich habe nichts gesagt ... durchaus nichts ... aber vor allem ... das ist doch blasse Renommage, Kind ... Sie kennen ja die Rolle gar nicht ... Sie rechnen darauf, daß Sie sie in der Eile notdürftig bis morgen ein wenig überlesen ...« Darauf antwortete Valeska nicht viel. Sie zog aus der Tasche ihr Buch der »Lilith« heraus, reichte es dem Direktor und sagte höflich: »Bitte!« Hochmann schüttelte erstaunt den Kopf und gab ihr die Stichwörter zu ihren ersten längeren Sätzen im ersten Akt. Die konnte sie gerade am besten. Sie wußte sie nicht nur auswendig, sondern auch schon zu betonen und mit Gebärden zu begleiten. Hochmann sah sie über das Buch hin mit forschendem Ausdruck an. Dann gab er ihr andere Stichwörter. Sie brachte die Antworten des ersten Aktes ganz fest, die weiter zum Schlusse hin etwas unsicher. Aber das Ergebnis war doch unzweifelhaft. Ihr Brotherr ließ das Buch sinken. »Wahrhaftig ... sie kann die Rolle!« sagte er erstaunt zu den Umstehenden. Die Elten nutzte ihren Vorteil aus. »Wenn wir ordentlich proben ...«, rief sie aufgeregt, »... es sind noch sechs Tage ... ich spiel' es am Sonnabend mit Leichtigkeit. In Bergheim hab' ich einmal ...« Hochmann unterbrach sie. »Daß Sie die Rolle können, beweist nichts,« sagte er, »... aber Sie scheinen mir auch wirklich dafür ... na ... kommen Sie einmal mit in mein Schreibzimmer ... und Sie, lieber Grillon!« In dem Allerheiligsten gingen sie die ganze Partie miteinander durch, Bogen um Bogen. Ab und zu sahen sich, wenn Valeska mit besonderer Leidenschaft einen Satz gesprochen hatte, Grillon und der Direktor schweigend an. Die Sterbeszene, die sie noch nicht ganz dem Wortlaut nach beherrschte, bat sie lesen zu dürfen. Da konnte sie die ganze Empfindung, mit der die Rolle sie erfüllte, die müden, kindlich-klagenden Töne, das traurige Lächeln des Abschiedes hineinlegen. Als sie geendet, sah Hochmann sie prüfend an. »Haben Sie das alles von sich allein, Elten?« fragte er kurz. »Ja«, erwiderte Valeska. »Na ... das sind ja merkwürdige Dinge, die wir hier erleben ...« Der Direktor öffnete mit raschem Entschlusse die Tür zum Nebenzimmer ... »... Herr Reichau ... bitte ... entwerfen Sie eine Notiz für die Blätter, daß an Stelle des plötzlich erkrankten Fräulein Dobschütz am Sonnabend Fräulein Elten die Titelrolle in ›Lilith‹ spielt.« »Gott sei Dank!« Valeska atmete aus tiefster Brust auf. »... Aber wer bekommt denn nun meine Astild?« Richtig ... die Astild! »Vielleicht Fräulein Neumann?« wagte Valeska hoffnungsvoll zu bemerken. Der schnippischen Blondine hätte sie die Schundrolle am ersten gegönnt. Und wirklich ... ehe noch Grillon zugunsten seiner Freundin intervenieren konnte, sagte Hochmann zu Valeskas inniger Genugtuung in gleichgültigem Tone: »Meinetwegen die Neumann ... ich habe schon damals zwischen ihr und Ihnen geschwankt.« »Und nun, liebe Elten,« wandte er sich dann ernst an sie, »halten Sie diese Woche die Ohren steif! Am nächsten Sonnabend geht's für Sie um Kopf und Kragen ...«   Vor dem Theater hatte Zajonchek ungeduldig auf Valeska gewartet. Nun ging sie an seiner Seite durch das Brausen und Fluten der Potsdamer Straße dahin. Sie hatte ihn gebeten, sie spazieren zu führen. Sie könne es jetzt nicht zu Hause aushalten. Es dränge sie nach einem Orte, wo recht viel Lärm und Getümmel sei. Ihr war es, als müsse sie Berlin in seinem gewaltigsten, mitleidlosen Getriebe aufsuchen, dies Berlin, mit dem sie sich in wenigen Tagen zum Kampf um Sein oder Nichtsein messen sollte. »Sag' ... Maus ... hast' denn gar keine Angst?« fragte Zajonchek sie erstaunt. Sie schüttelte träumerisch lächelnd den Kopf. »Wovor sollte ich mich denn fürchten? Du bist ja bei mir ... heute und am Sonnabend ...« XXII. Eine endlose Wagenkolonne schob sich langsam an dem hell erleuchteten, menschenwimmelnden Portal des Westend-Theaters vorbei. Bis weit die Straße hinauf wehten im Abenddunkel die hochgestellten Peitschen und blinkten die Helme der Schutzleute, die fluchend und schreiend die Reihen auf und nieder ritten. Am Eingang tönte in regelmäßigen Abständen das Klappen der Wagentüren und das »Los!« des Schutzmanns. Dazwischen strömten die schwarzen Schwärme der Fußgänger auf dem Trottoir dahin, an dessen Rande schon hundert Schritt vor dem Schauspielhause das Spalier der Programmverkäufer begann und mit seinem näselnden »Theaterzettel gefällig? ... Theaterzettel!« die Passanten bis zum Eingang verfolgte. Dort trieb, in scheuem Bogen die Polizei umkreisend, die Gilde der Billetthändler ihr Wesen. Vertraulich raunend drängten sich die dunklen Gestalten heran. »Es ist drinnen alles ausverkauft, mein Herr!... Parkettplatz, mein Herr!... Sehr schöner Parkettplatz... ganz vorn... sehen Sie nur nach, mein Herr... es ist drinnen alles ausverkauft...« Und wirklich war drinnen im Vorraum der Billettschalter durch eine grüne Gardine verhüllt, und vor ihr hing – nach einem geheimnisvollen Naturgesetz wie immer schief – das Papptäfelchen mit dem lakonisch-stolzen Worte: »Ausverkauft.« Je mehr Ankommende mißmutig vor diesem Täfelchen kehrtmachten, desto mehr verstärkten sich die flüsternden und zankenden Gruppen, die draußen in dunklen, zugigen Straßenecken um den Preis der Billette feilschten, bis endlich der Kauf – gegen das Drei- und Vierfache des Kassenpreises – abgeschlossen war. Aber es waren meist nur Fremde und vereinzelte Börsianer, die diesem Zwischenhandel ihren Tribut entrichteten. Die große Menge des Publikums war längst – zum Teil seit einer Woche und mehr – mit Einlaßkarten ausgerüstet. Man sah es an den sicheren, eiligen Schritten, mit denen alles dem Theater zustrebte und ohne Umschauen und Fragen sich in Foyer und Garderobe zurechtfand, daß keine gewöhnliche Zuschauerschaft sich heute versammelte. Das Premierenpublikum gab sich hier im Westend-Theater sein Stelldichein, dem deutlich ein Anstrich von Geschäftsmäßigkeit und berufsmäßigem Interesse anhaftete. Und gar in dem Parkett selbst, das sich rasch dichter und dichter füllte, konnten die paar anwesenden Fremden glauben, sich inmitten des Publikums eines kleineren Provinztheaters zu befinden. Ein jeder der Ankommenden schien den andern zu kennen. Wer eintrat, grüßte rechts und links, schüttelte da und dort den Herumstehenden die Hände, nickte Ferneren über die Bänke hin vertraulich zu und verbeugte sich zu der Logenbrüstung hinauf, die bereits ein ununterbrochener Kranz buntfarbiger Toiletten einrahmte. Freilich gingen auch viele schweigend aneinander vorüber und übersahen sich nach allen Regeln der Kunst. Aber die kannten einander erst recht. Das waren die intimen Feinde in dieser durch Interessenkonflikte und Kunstdoktrinen tausendfach gespaltenen Gemeinde. Das Premierenpublikum war unter sich! Man konnte die paar unbekannten Menschen zählen, die meist etwas gedrückt und verwundert in diese lärmende, lachende und durcheinander schwätzende Menge schauten. Sonst nur Leute, die »zum Bau« gehörten oder wenigstens des festen Glaubens lebten, daß ohne sie das gefürchtete Votum des Berliner Parketts, dieser ersten und beinahe einzigen Instanz für die moderne Bühnendichtung deutscher Zunge, unvollkommen und schief ausfallen müsse. Die Überzeugung von der Wichtigkeit dieser Mission war unverkennbar. Sie spiegelte sich trotz alles blasierten Plauderns und Witzelns in der Haltung der Versammlung wider. Ein nervöses, fiebriges Interesse für die Dinge, die da kommen sollten, lag wie eine elektrische Spannung in der schwülen Luft, bereit, je nach dem Verlaufe des Abends sich in tosenden Beifallsstürmen oder brausendem Hohngelächter zu entladen. Warm und lebendig war dies Interesse nicht – im Gegenteil ... es lag etwas Grausames, etwas Kampflustiges und Schadenfrohes von Anbeginn an darin, aber es war doch eben ein Interesse, in seiner zitternden, alles vorausahnenden und vorausfühlenden Empfangsfähigkeit, verblüffend für jeden, der nur den bleiernen Gleichmut eines philiströsen Provinzpublikums kennt. Und immer neue Schwärme drängten sich durch die Türen. Es schien, als sei das Theater schon bis auf den letzten Platz gefüllt, und doch nahm der Zuzug kein Ende, während draußen schon mahnend über alle Gänge und Treppen hin das durchdringende Zittern der elektrischen Klingeln tönte ...   In einer Loge des ersten Ranges saß Thilda Thorbeck an der Seite ihres Bräutigams. Sie hatte ihm zwar versprechen müssen, für die nächsten Jahre überhaupt gar nicht an das Theater zu denken, geschweige denn eine Vorstellung zu besuchen, aber in diesem einen Falle, wo es sich um den Triumph oder die Niederlage ihrer kleinen Kollegin handelte, machte man eine Ausnahme. Hinter ihr hustete und stöhnte Onkel Klaus aus der Neumark. Er war sehr unwirsch. Dies Premierentreiben mißfiel ihm. Auch entdeckte er, soweit er schaute, keine Bekannte. Lauter fremde, unheimliche, aufgeregte Gesichter. Und er wußte so genau, wo er jetzt seine Freunde finden würde! Die konservativen Abgeordneten saßen jetzt im Hofbräu in der Französischen Straße und im Leistbräu gegenüber dem alten Reichstag, die Herren seines früheren Regiments kneipten im Pschorrbräu in der Friedrichstraße, während andere dasselbe Bräu in der Potsdamer oder das Bürgerbräu der Leipziger Straße zum Abendtrunk vorzogen. Und ebenso würde es in den Reichshallen, dem Wintergarten, in der Weinstube des Kaiserhofs oder bei Hiller an Bekannten und Verwandten aus der Mark nicht mangeln. Statt dessen saß er jetzt hier in einem Theater, in dem er nicht das geringste zu tun hatte. Was sollte er eigentlich hier? Er war es gewohnt, wenn er nach Berlin kam, entweder mit seiner Gattin und den halbflüggen Töchtern einmal in das Königliche Schauspielhaus oder aber allein im Räuberzivil in das Residenz-Theater zu einem Pariser Sittenstück zu wandern und dann noch einmal en famille den Zirkus Renz aufzusuchen. Auch in »Charleys Tante« hatte er sich vortrefflich amüsiert. Aber diese eleganten Berliner Modetheater mit ihrem blasierten Börsianerpublikum flößten ihm einen unüberwindlichen Abscheu ein. Neben ihm saß der Major von Rönne, schweigsam und ernst. Desto mehr sprach sein Bruder. Er machte im Verein mit Thilda die beiden Herren auf die Sehenswürdigkeiten im Publikum aufmerksam, die er durch jahrelangen Theaterbesuch kannte. Er zeigte ihnen in dem Mittelrang die berühmten älteren Schriftsteller, die die Direktion zu solchen feierlichen Gelegenheiten einlud, und zwischen diesen Solokrebsen der Literatur, wie er sich in frivoler Weise ausdrückte, die weitbekannten anderen Berliner Bühnenleiter mit ihren Frauen, die nicht beschäftigten oder aus fremden Theatern gekommenen Modeschauspielerinnen, die, vom ganzen Publikum lorgnettiert, bekrittelt und bestaunt, von der Logenbrüstung herab heute, unbefangen lächelnd und fächelnd, ohne Gage mitspielten, die Intendanten und Direktoren aus der Provinz, die zufällig in Berlin anwesend oder eigens zur Premiere der »Lilith« gekommen waren. Und dann wies er ihnen unten in dem ungeduldig murmelnden und schwatzenden Parkett die markantesten Erscheinungen. Eine Anzahl Berliner Dramatiker, die großen Theateragenten und Bühnenverleger, ein paar Komponisten, Künstler und Gelehrte, und überall an den Ecken der vorderen Parkettreihen die Kritiker der bedeutenderen Blätter, die wie gewöhnlich im letzten Moment erschienen und eilfertig ihren gewohnten Plätzen zustrebten. Dazwischen die Feuilletonkorrespondenten auswärtiger Zeitungen, Schriftstellerinnen, haarbuschige Jünglinge auf -ismus, die schon am Nachmittag im Café Kaiserhof erklärt hatten, daß die ganze Sache wieder einmal »ein kolossaler Mist« sei, harmlose Kriminalschutzleute in Zivil, die ab und zu mit raschem Blick durch das Parkett nach den ihnen wohlbekannten Gesichtern der Berliner Taschendiebsgilde spähten. In den Parkettlogen einige der bekannten Premierenschönheiten, lachend, plaudernd und befreundeten Damen zunickend, an der Seite ihrer Männer, hinter ihnen da und dort die funkelnden Uniformen der Garde-Kavallerie und in schlichtem schwarzen Zivil einige höhere Offiziere z. D., die nach ihrer Pensionierung mit der Literatur in Fühlung getreten waren. Und im Proszenium endlich das Highlife, schimmernde Hemdbrust, schwarze Atlasbinden, glänzende Kahlschädel und blinkende Monokels, Leute vom Schlage Seyblings und seiner Freunde, die eine ganze Loge dicht an der Bühne innehatten.   Nun war das Haus ganz gefüllt und das erste Glockenzeichen verklungen. Ein ungeduldiges Summen und Surren webte durch die lichtüberfluteten Ränge, eine ununterbrochene nervöse Bewegung, ein Grüßen und Winken und Sichverbeugen und Zulächeln. Die Parkettstühle klappten, die Theaterzettel knisterten, die von Dunst, Staub und Parfüm erfüllte Luft begann drückend heiß zu werden, und von der Decke her spiegelte sich in breiten bläulichen Strahlen das elektrische Licht auf den schimmernden Damentoiletten, dem Samt der Logenbrüstungen und den blanken Köpfen im Parterre, das immer noch unruhig durcheinanderwogte. Da das zweite Zeichen. Das Haus verfinstert sich. Im Augenblick hat alles Platz genommen und setzt sich mit kurzem Räuspern zurecht. Und mit dem dritten Glockenschlag rollt lautlos der Vorhang vor einem Publikum in die Höhe, das, wenn es kein anderes Lob verdiente, doch an atemloser Aufmerksamkeit sicher von keiner Zuhörerschaft Europas erreicht wird.   Valeska trat aus ihrer Garderobe. Sie kam erst in der dritten Szene auf die Bühne. Die Friseuse, die Ober- und Untergarderobiere, ein ganzer Schwarm weiblicher Wesen umringte sie. Der Inspizient wich kaum von ihrer Seite. Auf seinen Wink hatte ein Theaterarbeiter sofort einen Stuhl herbeigetragen, damit sie sich noch etwas ausruhen solle. Die Kollegen traten heran und schüttelten ihr die Hand – selbstverständlich ohne den unheilbringenden Glückwunsch auszusprechen. Im Gegenteil, die Mizi sagte ihr freundlich: »Brechen Sie sich's Genick!« und dachte ihr damit etwas Liebes zu erweisen. Andere, wie die Ilgen und die Hannemann, hielten sich freilich abseits, und ihr schadenfrohes Lächeln sagte deutlich genug, was sie dachten. Aber das eine fühlte doch Valeska stolz und deutlich: Heute war sie die Herrin hier, sie, die vor kurzem noch eine Rieke und dergleichen gespielt. Von ihr hing Glück und Unglück dieser kleinen Welt heute abend ab. Sie war nicht einmal eigentlich aufgeregt. In wenigen Stunden – das wußte sie – war die Entscheidung gefallen. Sie konnte sie nicht mehr ändern. Sie konnte nichts tun, als ihr Bestes zu geben. Zajonchek war schon draußen. Sie hörte seine Stimme durch das dünne Lattengestell, hinter dem sie saß, und zuweilen die Antworten Mary Essers und Harald Grillons. Näher und näher kam ihr Stichwort. Und wie sie da mit immer stärker pochendem Herzen saß und aus den rotumränderten Augen vor sich hin auf das Leinwandgerüst starrte, das sie von der glänzenden, unheimlichen Welt der Premiere draußen schied, hatte sie nur die eine Empfindung: Die Augenblicke vergißt du in deinem Leben nicht wieder! – Diese Stille, diese fürchterliche Stille! Kein Laut aus dem menschengefüllten Zuschauerraum, von der Bühne das halblaute, scharfbetonte Plaudern Zajoncheks, hinter ihr die schlürfenden, vorsichtigen Tritte der Vorbeigehenden... es war beinahe unheimlich, obwohl sie das schon seit Jahren kannte. Wie bei einem Leichenbegängnis! fiel ihr ein, und gleich darauf mußte sie denken: Vielleicht wird es eins... für mich und für das Stück! Da stand der Inspizient neben ihr. »Aufgepaßt!« flüsterte er. »Gleich kommen Sie heraus!« Mechanisch raffte sie sich ihre ersten Sätze im Kopf zusammen. Da fiel ihr Stichwort. Sie trat hinaus auf die glänzend helle Bühne.   Erst als sie draußen zu sprechen begann, merkte sie, wie aufgeregt sie war. Das war nicht die gewöhnliche Nervosität, das landläufige Lampenfieber. Das war eine erstickende Angst, die ihr die Kehle zuschnürte und sie am freien Gebrauch ihrer Stimmittel, ja beinahe ihrer Glieder hemmte. Ab und zu gelang es ihr, sich freizumachen und aus sich herauszugehen. Und dann schien es ihr an einer leichten Bewegung im Parkett, als ob sie Fühlung mit dem Publikum gewänne. Aber gleich darauf war das wieder vorbei. Die alte Beklemmung kehrte wieder, und sie spielte ihre Rolle ängstlich und korrekt, wie sie sie auf der Probe gelernt. Die Furcht, etwas schlecht zu machen, wurde immer stärker als der Drang, etwas Gutes zu leisten. Das Publikum blieb lau und zuwartend. Ist es doch ohnedies nicht Brauch, schon im ersten Akt oder nach dessen Schluß Mißfallen zu äußern. So erscholl immerhin ein freundlicher Beifall, als sich die Gardine zum erstenmal senkte, und Valeska konnte sich an Zajoncheks Hand zweimal vor dem matt klatschenden Publikum verbeugen. Aber viel – das wußte sie – war damit nicht gewonnen.   XXIII. Der Theaterzettel verzeichnete jetzt eine kürzere Pause. Die große entscheidende Pause, in der das Premierenpublikum zwischen Bierseidel und Schinkenstulle das mutmaßliche Schicksal des Stückes feststellt, kam nach dem zweiten, mit einem stärkeren Abschluß versehenen Akt. Trotzdem hatte sich auch jetzt das Parkett gelichtet. Breite Lücken klafften da und dort. Die Logentüren gingen auf und zu, in den Gängen standen heftig gestikulierende und aufeinander einsprechende Gruppen. Sehr lebhaft war die Stimmung sonst gerade nicht. Man verhielt sich zuwartend. Die Zeit zur Kraftprobe zwischen Stück und Publikum, zur Entscheidung, welches von beiden der Gewalt des anderen unterliegen müsse, war noch nicht gekommen. An einzelnen Stellen wurde zwar schon ein Durchfall prophezeit, und die neuesten, in aller Hast von den vereidigten Premierenwitzbolden geschmiedeten Kalauer gingen von Mund zu Mund, aber im ganzen stand die Sache »flaumweich«, nicht gut und nicht schlecht. Jenseits des Vorhangs war die Stimmung gedrückt, sehr gedrückt, wie immer, solange man noch keine Fühlung mit dem Publikum gewonnen. Es herrschte keine Aufregung, aber man sprach nicht viel, man ging gedankenvoll auf und nieder, man starrte müßig in die Soffitten hinauf, und in den Ecken rekapitulierten flüsternde Paare noch in aller Eile ihre nächsten Szenen. Es war, als ob man sich auf einen schweren Kampf vorbereitete. Hochmann, der während der Pause in Frack und weißer Binde auf die Bühne kam, trug eine lächelnde, hoffnungsvolle Miene zur Schau. »Nun... es steht ja soweit ganz freundlich!« sagte er zu der Elten, aber seine Worte waren kurz, und ein besonderes Wohlwollen lag nicht darin. Valeska trat zur Seite. Sie empfand eine bittere, quälende Angst. Von überallher glaubte sie vorwurfsvolle Blicke auf sich gerichtet zu schauen, in jedem Augenzwinkern und Flüstern einen versteckten Hohn zu erkennen. Ein verzweifelter Drang ergriff sie, das Premierenpublikum zu sehen, das Ungeheuer, das unheimlich hinter dem herabgelassenen Vorhang summte und brummte. Sie ging auf die Szene und blickte durch das Loch in der Gardine hinaus in das Parkett. Menschen, überall Menschen, wie sie sie täglich zu Tausenden auf der Straße sah. Lachende, plaudernde, gähnende Alltagsgesichter, an denen durchaus nichts Besonderes zu bemerken war, nicht einmal ein auffallend boshafter oder tückischer Ausdruck. Und doch waren diese Leute so grausam gegen sie und blieben kalt bei allen ihren Bemühungen und fällten vielleicht in zwei Stunden, zerstreut zischend und mit den Gedanken schon bei dem warmen Abendbrot, das Todesurteil über sie. Freilich ... sie hatten die Mehrzahl für sich. Achthundert oder tausend Menschen gegen eine arme kleine Komödiantin! Bei dem Gedanken mußte sie beinahe lachen. Eine Art Galgenhumor erfaßte sie. Sie würde durchfallen und kühl pfeifend nach Hause schlendern und sich achselzuckend sagen: »Na ... denn nicht!« Da fühlte sie sich an der Schulter berührt. Zajonchek stand neben ihr. Seine Augen glänzten finster aus dem rosa gepuderten Gesicht. »Komm mit!« sagte er kurz, und sie traten in einen Winkel im Hintergrund der Bühne. Dort sah die Elten in banger Erwartung zu ihm auf. Er blickte ihr zornig ins Gesicht und faßte plötzlich ihre beiden Hände. »Warum spielst du so schlecht?« zischte er zwischen den Zähnen. »Willst du dich mit Gewalt unglücklich machen?« Valeska erschrak. »Ich kann nicht anders ...«, sagte sie beklommen, »ich habe solche Angst ... Gott ... wenn es nur schon vorbei wäre ...« Zajoncheks Augen brannten auf ihrem Gesicht. Sie empfand den Druck seiner Hände und fühlte sich wie hypnotisiert von seinem Willen. »Du wirst keine Angst mehr haben!« befahl er leise und herrisch. »Du wirst an mich denken und daß ich neben dir bin, und daß dir nichts passieren kann, wenn du nur halb so gut spielst wie bisher auf den Proben!« »Aber das Publikum ...!« stöhnte die Elten. »Kümmere dich den Teufel um das Publikum!« sagte ihr Freund barsch. »Das Publikum ist für dich nicht da! Spiele du deine Komödie, so gut du's kannst, einerlei wie's ausgeht! Wir beide behalten uns lieb und heiraten uns, ob du durchfällst oder nicht ... und das ist doch die Hauptsache!« Das war wahr! Valeska hatte die Empfindung, als fiele ihr ein Stein vom Herzen. Sie fühlte sich plötzlich frei und leicht. »Du Lieber, Süßer ...!« sagte sie zärtlich. »Du hast recht! Nenn ich nur dich hab'! ... Meinetwegen mag dann die abscheuliche Bande da unten tun und lassen, was sie will ...« »Sie wird schon mitgehen!« erwiderte Zajonchek mit gerunzelter Stirn. »Sowie du keine Angst mehr vor ihr hast. Denke nur immer daran: Was ist denn das alles hier? Ein kleines steinernes Haus inmitten des riesigen Berlins, dessen Hunderttausende und Millionen sich gar nicht um uns und die achthundert Leute da unten kümmern, und in dem Hause ein buntes Gaukelspiel, so nützlich und so dauerhaft wie ein Regenbogen. In zwei Stunden ist hier alles gewesen! Unsere Worte sind verhallt, das Licht erloschen, und der Hauskater schleicht einsam durch das dunkle Parkett. Und alles war wie ein Traum, ein schöner oder ein böser, je nachdem, und draußen auf den Gassen lärmt das wirkliche Leben weiter, das Leben, das wir beide jetzt in Freud' und Leid miteinander teilen wollen ...« Die Elten richtete sich auf, so hoch sie konnte. »Ja wirklich ... du hast recht!« sagte sie und sah ihn entschlossen an. »Und nun hab' ich auch wahrhaftig gar keine Angst mehr!« Zajonchek drückte ihre Hände zwischen den seinen und sah auf sie nieder. »Gut!« sagte er nachdrücklich. »Dann versprich mir, daß du dich jetzt tapfer hältst in unserer großen Szene im zweiten Akt, und daß du gleich unverzagt und mit allen Kräften loslegst, sowie du herauskommst ...!« »Ich schwör' es dir!« Valeska blickte kampflustig nach dem Vorhang, als könne sie es nicht erwarten, daß er wieder in die Höhe ginge. »Und wenn ich auch noch bis dahin einmal Angst bekomme, so sage ich mir einfach: ›Um halber dreizehn ist alles aus ... und er behält mich doch lieb ...«   Der zweite Akt hatte begonnen, mit einer Reihe von Gesellschaftsszenen, in denen Valeska noch nicht beschäftigt war. In rascher Kurve senkte sich »Lilith« dem Abgrund zu. Das Premierenpublikum fühlte sich durch die zahlreichen kleinen Ungeschicklichkeiten des Anfängerwerkes, die gefährlicher sind als die groben Fehler des Bühnenroutiniers, halb beleidigt und halb belustigt. Das Husten im Parkett – ein Zeichen mangelnder Aufmerksamkeit – wurde immer häufiger. Man rückte ungeduldig auf den Sesseln hin und her, man blätterte zerstreut in der Theaterzeitung. Der eine oder andere, der gegen das Werk Stimmung machen wollte, drehte sich, halblaut seufzend, auf seinem Sitz um und musterte gelangweilt die Nachbarschaft. Es war schwül in dem halbdunklen, schweigenden Hause. Ein jedes unvorsichtige Wort auf der Bühne konnte die Entscheidung herbeiführen, jenes aus Lachen, Widerspruch und ironischem Beifall gemischte Murmeln und Grollen, das unfehlbar ein Stück zu Grabe geleitet. Und schwüler, immer schwüler wurde es, während die Handlung der großen Szene zwischen der Elten und Zajonchek entgegentrieb, mit der der zweite Akt fiel und stand. »Daß die Dobschütz auch gerade jetzt krank werden mußte!« murmelte Hochmann in seiner Loge grimmig vor sich hin und warf einen spähenden Blick auf das in gereizter Aufmerksamkeit sich zurechtsetzende Parkett. Die Operngläser hoben sich, das Husten verstummte, es wurde still, während Valeska auftrat ...   Ihre ersten Worte erstaunten. Die Stimme klang hell und frisch und so sicher, daß man sie kaum wiedererkannte. Und ebenso war es mit dem Spiel. Das war frei und lebendig vom ersten Schritte an, den sie auf die Bühne getan. Und es entwickelte sich immer stärker und temperamentvoller, je mehr die Szene aus der verhaltenen Leidenschaft des Anfangs zu schrankenlos losbrechendem Sturme fortschritt. Man merkte es ihr an, daß sie jetzt erst die Hilfsmittel ihrer Kunst beherrschte und so erst die Kraft gewann, die tiefe, heiß strömende Empfindung zu offenbaren, mit der die Rolle sie erfüllte. Jetzt war es totenstill im Hause. Niemand sah sich um. Niemand las den Zettel. Die kleine Elten interessierte! Die schwüle Stimmung ließ nach. Ein gespanntes, hoffnungsvolles Lächeln zeigte sich auf einzelnen Gesichtern. Und wie ein magnetischer Strom flutete die versöhnliche Atmosphäre aus dem Zuschauerraum hinauf auf die Bühne. Valeska wußte nicht, ob sie gefiel oder nicht, sie kümmerte sich nicht darum, aber sie fühlte ihre Kräfte wachsen, sie empfand, wie alle Register der Stimme, alle Farbentöne der Leidenschaft mühelos ihrem Willen gehorchten, und ließ sich von Zajoncheks temperamentsprühendem Spiel fortreißen, daß die Szene wie ein heißer Wirbel über die Bühne flog. Nun kamen ihre letzten Worte. Sie sprach sie schon dicht an der Tür, durch die sie, die verlassene Kleine, für immer von dem Geliebten gehen sollte. Vor ihr stand Zajonchek, dahinter lag in unbestimmtem Halbdunkel der merkwürdig klein erscheinende schweigende Zuschauerraum. Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen. »Und ihr, die ihr im Weibe jetzt die Dirne und jetzt die Heilige seht, die ihr heute vor uns kniet, um uns morgen in den Staub zu treten – dir und deinesgleichen sag' ich: Ich bin dasselbe wie du ... ein Mensch wie du, nicht besser und nicht schlechter! Und wenn du meiner dereinst gedenkst, wirst du's erkennen und von mir sagen: Sie war, was wir alle hier sind auf Erden ... in Lachen und Weinen und Lieben ein armes Menschenkind!«   Die Tür fiel hinter Valeska zu. Sie blieb atemlos an dem Leinwandgestell stehen. Das Blut hämmerte in ihren Schläfen, und vor ihren Augen tanzten flimmernde Punkte. Da erhob sich draußen ein leichtes Prasseln, ein Rauschen, wie wenn der Herbstwind die welken Blätter über den Boden fegt. Das Prasseln wurde stärker, es schwoll mehr und mehr an, es gestaltete sich zum Lärm. Vereinzelte Zurufe klangen dazwischen. Auf der Bühne stockte das Spiel. Sie merkte, wie Zajonchek mitten im Satz abbrach, sie glaubte die Kollegen vor sich zu sehen, wie sie wartend auf offener Szene standen, bis der Beifall sich gelegt. Jetzt schien er schwächer zu werden. Aber plötzlich brach von oben, von der Galerie herunter, von neuem das Klatschen und Prasseln los und ging durch alle Ränge des Hauses. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, während sie reglos, mit zitterndem Herzen, an der Tür stand. Dann wurde der Lärm allmählich wieder schwächer. Sie horchte bang, bis das letzte Klatschen verhallt sei. Doch mit einemmal schwoll der Beifall, als er eben zu versiegen drohte, abermals zu seiner früheren Stärke an. Nun endlich verklang er. Ein paar Handflächen schlugen noch aneinander, ein abmahnendes sanftes Zischen tönte dazwischen, die Darsteller nahmen ihr Spiel wieder auf, und in ihre Worte mischte sich noch minutenlang das Summen und Brausen des aufgeregten Parketts.   Wie im Traum ging Valeska langsam nach hinten. Seltsam ... es war doch alles noch so, wie wenige Minuten zuvor. Die staubigen Versatzstücke in den Ecken, die Arbeiter in ihren Leinwandkitteln, das dämmernde Schweigen ringsumher. Und doch kam ihr das alles so vergoldet und erhellt und so farbig leuchtend vor, als lächle durch das Schnürwerk der Soffitten die Maiensonne direkt auf die Bühne des Westend-Theaters herab. Sie wußte kaum, wie ihr geschah. Eine Menge Menschen drängten sich im Garderobengang und auf der Bühne an sie heran und gratulierten ihr flüsternd und geheimnisvoll zu dem Erfolg, dem Beifall des Premierenpublikums auf offener Szene. Und sie reichte jedem die Hand, dem Inspizienten, den Kollegen, den Garderobieren, selbst einem alten Theaterarbeiter und einem Feuerwehrmann, der schmunzelnd in der Nähe stand. Aber sie tat es mechanisch und sprach ebenso mechanisch ihren Dank. Und dann sah sie plötzlich einen korpulenten, alten Herrn in Frack und weißer Binde vor sich stehen, der ihr die Hände drückte und sie belobte, und sie entsann sich, daß das ja ihr Direktor sei. Eben wollte sie ihm irgend etwas antworten, als von der Bühne das leise Surren des Vorhangs tönte. Der Akt war zu Ende. Ein matter Beifall rang draußen mit heftigem Zischen. »'raus, liebste Elten!« Hochmann schob sie zur Tür. »Rasch ... rasch!« Kaum war sie auf der Bühne, als das Zischen in dem Applaus verklang, der sich jäh und brausend erhob. Bravorufe ertönten aus den Sperrsitzen und den Logen. Sie faßte instinktiv nach Zajoncheks Hand und verbeugte sich mit schüchternem Lächeln. Dann fiel der Vorhang und stieg wieder, und wieder scholl einmütiger Beifall, als sie sich zeigte, und wiederholte sich vier-, fünfmal. Die Opposition hatte indessen geschwiegen. Jetzt erst, wo die Elten ihre Ehren eingeheimst, die man ihr gönnte, begann aufs neue der Sturmlauf gegen das Stück, und durchdringend und unermüdlich spann sich das Zischen von einer Beifallspause in die andere hinüber. »Gilt denn das Zischen auch mir?« fragte die Elten, vor Aufregung zitternd. Hochmann schüttelte den Kopf. »Kein Gedanke! Ihr Erfolg steht fest! Das gilt dem Stück. Sie wollen's umbringen. Liebste Elten ... retten Sie sie, die ›Lilith‹! ...« Die kleine Elten warf siegesfroh den Kopf zurück. Jetzt fürchtete sie das Premierenpublikum nicht mehr, im Gegenteil, sie empfand eine Art von inniger Zuneigung zu diesen guten Menschen da unten, die soviel Freude an ihrem Spiel hatten. »Ich rette das Stück, Herr Direktor!« sagte sie stolz. »Ich reiß' es an den Haaren durch dick und dünn!« Ein übermütiges Kraftgefühl schwellte ihr die Brust. Sie konnte ein leichtes Rachegelüst nicht unterdrücken. »Und glauben Sie mir ...«, sagte sie, »ich hätte auch die ›Ellinor‹ seinerzeit herausgerissen, wenn ich nicht darin die Rieke hätte spielen müssen ... diese Rieke ... diese ...« »Ja ... aber, liebes Kind ...«, Hochmann seufzte auf, »wer konnte dann das ahnen? Und Sie wissen ja, was der alte Laube immer sagte: ›Beim Theater ist nur eines gewiß: Es kommt alles anders!‹ ...«   XXIV. Ein aufgeregtes Stimmengewirr drang während der großen Pause durch das ganze Theater. Man lärmte und gestikulierte in den Logen, deren Türen jetzt offen standen und ununterbrochen die Besucher ein- und auspassieren ließen, in dem halbleeren Parkett, am Büfett, wo das Münchener Bier in Strömen schäumte, und vor allem im Foyer und in den Wandelgängen. Hier war kaum möglich, durchzukommen. Die Menschenklumpen stauten sich aneinander, sie lösten sich auf und schlossen sich fast sofort zu neuen, nervös debattierenden Gruppen zusammen, zwischen denen nur mühsam einzelne der Geschäftigsten durchzuschlüpfen, sich zu suchen und einander zuzuwinken vermochten. Es war erstickend heiß. Überall wehten die Fächer, die Damenschleppen rauschten, die Kellner drängten sich mit hochgehobenem Biertablett durch das Gewühl, und über alles hin zitterte aus Hunderten und aber Hunderten von Kehlen ein brausendes, aufgeregtes, vielfach zerrissenes Getöse, aus dem immer wieder der Name Valeska Eltens scholl. Um das Stück kümmerte man sich wenig. Das galt für so gut wie verloren. Aber die Elten! ... Das war die Sensation des Abends. Man hatte ganz unerwartet und überraschend ein neues Talent entdeckt, und man kam sich sehr wichtig und verdienstvoll angesichts dieser Tatsache vor, gerade weil sie so verblüffend kam und das blasierte Premierenpublikum in der angenehmsten Weise über einen sonst halb verlorenen Abend hinwegtäuschte. Nun regte sich auch schon überall der Stolz des Entdeckers. Man wollte doch nicht umsonst in der Lage sein, im Laufe der nächsten Tage auf den Tiergartendiners beiläufig zu erwähnen, daß man natürlich auch dabeigewesen, als die Dingsda, die kleine Elten, am Sonnabend im Westend-Theater entdeckt worden sei! Man mußte doch etwas Rechtes aus der Angelegenheit machen; und so wurde die Verkörperung der »Lilith« immer leidenschaftlicher und enthusiastischer gepriesen, je mehr die große Pause sich ihrem Ende nahte. Denn die Weltstadt besitzt keinen Gradmesser. Maßlos und ungeheuerlich, wie ihre stumpfe Gleichgültigkeit gegenüber allem heißen Wollen, wie ihre Brutalität gegenüber allem werdenden Können ist auch ihre leidenschaftliche Anbetung des Gelungenen, des Erfolges. Fühllos, vernichtend und befruchtend zugleich, wie die Natur, erkennt die Weltstadt nur das eine an, das ihr imponiert: die Kraft des Vollbringens; ja sie überschätzt sie im Taumel des Augenblicks. Aber sich diesem Taumel zu entziehen, ist schwer, und es mochten im Westend-Theater jetzt nur wenige skeptische Premierenkenner sich im Innern sagen, daß man nach einigen Monaten bedeutend nüchterner über Valeska Elten urteilen würde. Schließlich ... wenn das auch so kam ... für die kleine Elten war das einerlei. Bis dahin war ihr Name überall in den Berliner Zeitungen und den großen Provinzblättern genannt, alle Agenten und Direktoren waren auf sie aufmerksam geworden, in ihrem Schreibpult lagen ein halbes Dutzend erster Rollen und ein vorteilhafter neuer Kontrakt mit dem Westend-Theater. Ist man erst einmal so weit und dabei nur leidlich seiner Aufgabe gewachsen, so hat man auf Jahre hinaus im Berliner Kampf ums Dasein gewonnenes Spiel ...   »Eigentlich ist das Ganze doch mein Werk!« sagte Herr von Seybling in der Proszeniumsloge, reckte seine mächtigen Glieder und stieß die Tür zum Bühnenraum auf. Dort stand die Elten, von einem Haufen Menschen umgeben, halb lachend, halb weinend, und vor Aufregung am ganzen Leibe zitternd. Sie konnte den Beginn des dritten Aktes kaum erwarten. Als sie Seybling sah, eilte sie ihm herzlich entgegen und streckte ihm beide Hände hin. »Schönsten Dank, Herr Baron!« sagte sie fröhlich. »Das war der beste Rat, den ich in meinem Leben bekommen hab'.« Der Dandy beugte sich über ihre schmale gepuderte Hand und küßte sie bedächtig. »Und mein Lohn?« fragte er leise und ernst. Valeska lachte hell auf, mit einem übermütigen, klaren Kinderlachen. Sie wies auf Zajonchek, der in der Nähe stand. »Darf ich Ihnen meinen Bräutigam vorstellen, Herr Baron! ... In sechs Wochen ist Hochzeit!« Zajonchek verbeugte sich, ein gelassenes Lächeln auf den geschminkten Zügen. »Gratuliere!« Der Dandy zog nochmals Valeskas Rechte langsam an seine Lippen. »Sie erlauben doch ... Herr ... Herr Zajonchek ...? Und nun leben Sie wohl, Fräulein Elten ... lassen Sie sich's gutgehen ... mich brauchen Sie ja nicht mehr ...« »Ich danke schön!« erwiderte die kleine Elten und blinzelte ihm in schüchternem Spott nach.   »Nun ... haben Sie sie gesehen?« fragte in der Rönneschen Loge Onkel Klaus die eben eintretende Thilda. Jawohl ... Fräulein Thorbeck war auf der Bühne gewesen und nicht ohne Schwierigkeit zu Valeska vorgedrungen, um sie in aller Eile zu umarmen. »Ich habe ihr auch Grüße von allen ausgerichtet,« wandte sie sich um, »und von Ihnen besonders, Herr Major, wie Sie mir aufgetragen haben. Sie läßt Ihnen danken und Sie ausdrücklich viele, viele Male grüßen.« Herr von Rönne blickte schweigend vor sich hin. »Vernünftiges kann man natürlich nicht mit ihr reden,« fuhr Thilda fort, »sie lacht und schluchzt in einem Atem. Aber wissen Sie das merkwürdigste? ... Sie ist verlobt, seit ein paar Tagen ... mit dem Schauspieler Zajonchek. Schon in nächster Zeit wollen sie sich heiraten.« Rönne sah langsam auf. »Glauben Sie, daß sie glücklich wird?« Thilda zuckte die Achseln. »Lieber Gott ... eine Schauspielerehe ... da weiß man ja, wie es meistens abläuft: ein halbes Jahr Seligkeit ... ein Jahr Verzweiflung und dann ein freundschaftliches Auseinandergehen ...« Die Glocke klang, und der Vorhang rollte in die Höhe ...   Nun neigte sich der Abend seinem Ende zu. Leise und unfaßbar ging das Wehen des Erfolges durch das Haus. Valeska hielt ihr Wort. Sie rettete das Stück, das, sobald sie die Bühne verlassen, wie ein steuerloses Schiff im Sturme der Premiere auf- und niederschwankte. Auf sie richteten sich erwartungsvoll alle Augen hinter der Bühne, wenn draußen wieder einmal das unheimliche Murmeln des Parketts tönte oder die schnippische Blondine, die jetzt die Rolle der Astild spielte, verstört und tränenschluckend von der Szene kam. Man zählte die Minuten bis zu ihrem Wiederauftreten und atmete erleichtert auf, als draußen das erlösende Stichwort fiel. In einem erneuten Angstanfall trat Valeska hinaus. Wie, wenn sie jetzt noch umwarf? Wenn im letzten Augenblick ihr Glück wie eine Seifenblase zerrann? Aber das Publikum selbst kam ihr zu Hilfe. Es war heute nun einmal in seiner Gebelaune. Kaum hatte sie sich gezeigt, so scholl ihr eine schwache, aufmunternde Beifallssalve entgegen, ein Murmeln behaglicher Spannung belebte das Haus und erfüllte die Elten mit neuem Mut ...   Sie spielte die Sterbeszene, und während sie sie spielte, fühlte sie, daß sie dergleichen noch nie in ihrer Bühnenlaufbahn geleistet. Auf dem ärmlichen, harten Lager lang ausgestreckt blickte sie nach oben. Dicht über sich sah sie Zajoncheks Gesicht, der sich über sie beugte. Es war, als sprächen sie beide allein miteinander, fern von den Menschen, als nähme die Einsamkeit ihr altes, ewig neues Lied von Liebe und Leid in ihrem Schweigen auf. Im Zuschauerraum war es totenstill. Ihre Stimme klang darüber hin in müder Zärtlichkeit, in kindlich- klagenden, abgebrochenen Tönen. Und dann ein letztes, schweres Aufseufzen ... vom Halse des Geliebten, um den sie die Arme geschlungen, sank sie leise und langsam wie ein schlaftrunkenes Kind zurück in die Kissen. Da schloß sie die Augen. Geräuschlos glitt der Vorhang herab. Im Publikum war es noch einen Augenblick still. Aber sie fürchtete sich nicht. Sie wußte, ... das war das Schweigen der Ergriffenheit. Es erschien ihr als etwas Selbstverständliches, daß plötzlich und stürmisch der Beifall losbrach und sie immer und immer wieder an die Rampe rief. Sie gewöhnte sich schon an den Erfolg, sie begann die Hervorrufe zu zählen und das glückstrahlende Lächeln zu berechnen, mit dem sie den Applaus in Empfang nahm. Die Opposition war verstummt, das Stück gerettet. Hochmann drückte ihr aufatmend die Hand. »Das vergeß' ich Ihnen nicht, meine liebe Elten ... ich hab's ja gleich gewußt ... schon damals, als ich Sie in Bergheim das erstemal sah ... ja ... ich hab' einen Blick für die jungen Talente ... einen Blick ...« Er trat rasch zurück. Denn der Vorhang ging aufs neue in die Höhe. Längst waren die Logen gelichtet und die Mitte des Parkettes leer, Aber an den Seiten, an den Türen, in den Gängen standen immer noch dichte Gruppen, und wenn auch ihr Beifallklatschen schwächer klang, so drang der vielstimmige Bravoruf, der dazwischen tönte, um so erhebender zu Valeska empor. Endlich wurde das Haus still und leer. Eine endlose Wagenkolonne schob sich an dem Portal des Westend-Theaters hin, aus dem in schwarzen Strömen die Fußgänger quollen, und verteilte sich rasselnd und donnernd durch die nächtlichen Straßen. Der Platz vor dem Theater wurde öde, die Lichter erloschen, der bunte Spuk verflog ...   Eine halbe Stunde darauf trat Valeska an Zajoncheks Arm aus einer Seitentür. Ringsum war alles still. Über ihnen flimmerte in strengem kaltem Glanze der klare Sternhimmel. Sie drehte sich um und schaute nach dem Theater zurück, das in dunklen, unbestimmten Umrissen dalag. »War es denn wirklich kein Traum?« fragte sie leise. Zajonchek lachte. »Du Närrchen ... wirst's ja morgen in den Zeitungen lesen ... Du bist jetzt fast berühmter als ich ...« Er wollte sie mit sich fortziehen. Aber sie blieb stehen. Eine tiefe, unerklärliche Wehmut kam über sie. »Jetzt sterben!« flüsterte sie, träumerisch zum Himmel aufblickend, und schmiegte sich sehnsüchtig an die Schulter des Freundes. Der legte den Arm um sie. »Nix da von sterben! Wir wollen leben und uns zusammen des Lebens freuen ...« »Ach ja ...«, sagte die kleine Elten und sah mit tiefer, vertrauensvoller Zärtlichkeit zu ihm empor ... »Wir beide ... wir werden glücklich sein ... du und ich. Denn du kennst mich ... und du liebst mich ... und du weißt ... ich bin keine Heilige und keine Verworfene ... Du nimmst mich als das, was ich bin und wie es heute in meiner Rolle heißt: ›in Lachen und Weinen und Lieben ein armes Menschenkind‹ ...«