Seine englische Frau Rudolph Stratz Erstes Buch 1 »Es ist ein Spion!« sagte der alte britische Gentleman vom Lande zu den beiden Misses. »... Ein deutscher Spion ...« Jener deutsche Spion, von dem der Engländer jeden Morgen und jeden Abend in jedem Pennyblatt las, der überall im Inselreich war, wie Wind und Luft. Und ebenso unfaßbar und unsichtbar war wie diese. Der alte Herr vom Lande war förmlich erleichtert, daß der einmal körperliches Leben gewonnen hatte, in Gestalt dieses blonden jungen Teutonen, der hoch da oben auf steilen Kreideklippen saß und auf die Stadt Dover herniederschaute. Zwei Scoutboys in Khaki und Schlapphut hatten ihn zuerst entdeckt, sommersprossige halbwüchsige Späherknaben der Jugendwehr, die der General Baden-Powell angelsächsische Tugend lehrte: wie die Rothäute im Freien abkochen, jeden Tag ein gutes Werk tun und an den Küsten auslugen, ob die Deutschen noch nicht kämen ... Da war endlich einer. Ein unverkennbarer Germane. Er zeichnete sich mit seinem Strohhut, seinem aufgedrehten Schnurrbart, seinem gebräunten jugendlichen Gesicht scharf von dem Blaßblau des halbbewölkten, winddurchbrausten Aprilhimmels ab. Unter seinem Grassitz schossen die weißen Felswände senkrecht ein paar hundert Fuß tief in den schneeigen Gischt der Brandung und die grauen Wogen des Kanals. Der junge Mann ließ schwindelfrei die Beine über dem Abgrund baumeln. Er beugte sich zuweilen vor, sann und machte dann geheimnisvolle Einzeichnungen in ein kleines Notizbuch, das er auf den Knieen hielt. Gerade unter ihm, wie auf einem Präsentierbrett, lag der Hafen von Dover mit den wichtigen Neubauten des Admiralitätspiers, auf dessen Betonblöcken Hunderte von Arbeitern geschäftig wie Fliegen zwischen Zuckerstücken umherkrochen, lag der Leuchtturm, erhob sich mitten im Wasserbecken das Panzerfort und streckte schweigsam, schneckengleich seine Fühlhörner, zwei baumlange Kanonenrohre, in die Welt hinaus ... Der alte Herr vom Lande, der auf ein paar Tage an die Seeseite gekommen war, um ein wenig Salzluft zu schnappen, hatte sorgenvoll den Kopf geschüttelt, als ihn die beiden atemlosen Späherknaben auf den Spion da oben aufmerksam machten. Er kam gerade von der Beschäftigung, die einem respektablen englischen Gentleman in seinen Jahren angemessen war: er hatte Golf gespielt. Ein kleiner Junge trug ihm das Futteral mit Schlagstöcken nach. Er selbst wandte sich an die beiden ältlichen Misses, die kurz geschürzt, das Rakett in der Hand, auf dem Weg zum Tennisplatz waren. Sein Gesicht drückte gekränkte Achtbarkeit aus. Er wies in die Höhe. »Wir sind auf Schritt und Tritt von Spionen umringt!« wiederholte er nachdrücklich. »Ich glaube nicht, daß die deutschen Kellner in meinem Hotel Kellner sind! Es sind deutsche Offiziere. Der erste Gang der deutschen Geschäftsreisenden, die ich hier auf der Bahn traf, wird in Berlin nach dem Kriegsministerium sein. Nichts wäre törichter als zu leugnen, daß die vielen deutschen Barbiere in England ihre Helfershelfer vorstellen. Ich wage zu behaupten, daß mehr als eine der deutschen Gouvernanten, denen wir unsere Häuser öffnen, militärisch geschult ist und ihre Wahrnehmungen an das ›Vaterland‹ berichtet. Das alles ist kein Geheimnis. Aber da oben zeigt er sich wahrhaft zynisch offen!« Die Möwen schrieen und flatterten um die weißen Kreideklippen, als wollten sie das Vereinigte Königreich warnen, unten dröhnte und schwappte der Schaumgürtel des Meeres, der Wind stöhnte. Der junge Mann oben, dem alle Blicke galten, drückte sich den Strohhut fester auf den blonden Kopf. Dann kritzelte er wieder verdächtig in seinem Buch. »Oh ... ich entsinne mich!« sagte die ältere der beiden Misses zwischen ihren breit entwickelten Schneidezähnen hervor, »ich hab' ihn gestern schon drüben nahe bei Fort Bourgoyne gesehen.« »Und ich spät nachts noch von meinem Fenster aus auf der Esplanade!« ergänzte die Jüngere. »Er schwenkte seinen Stock und pfiff. Vielleicht gab er verabredete Zeichen!« »Es muß etwas geschehen!« erklärte der alte Herr vom Lande bestimmt. Das Fieber des Sportmanns, dem unvermutet ein seltenes und gefährliches Wild vor die Flinte kommt, hatte ihn erfaßt. Er schickte die Knaben in Khaki wieder nach oben. Sie sollten den Fremden belauern. Während die Jungen sich geduckt und vorsichtig an den Nichtsahnenden heranpirschten, schaute sich der Gentleman selbst nach hinten um. Überall' um ihn war in der Talsenkung hinter dem Schloß von Dover jetzt, in diesen ersten Nachmittagstunden, der Sport im Gang. Die Soldaten aus der nahen Kaserne traten sich den wuchtigen Fußball zu, junge Leute aus der Stadt übten das Cricket, Burschen aus dem Volke tummelten sich mit Lederbällen, die kleinen Golfkugeln schossen wie die Mäuse hunderte von Schritten weit zwischen den roten Fähnchen über den saftigen grünen Rasen, junge Mädchen standen in Reih und Glied und schossen mit Pfeilen nach der Scheibe, drüben flogen die Lawn-Tennis-Bälle – ganz England schien ein einziger großer Spielplatz, und da oben saß der Feind ... Eine Anzahl Offiziere hielt mitten im Hockey inne, als der Warnungszug sich ihnen nahte, voraus der alte Herr, dann die beiden Misses, der Golfjunge, zwei Foxterrier und mehrere Neugierige. Ein Hauptmann im weißen Flanellanzug zuckte die Schultern: »Viel Neues wird der Deutsche da oben nicht sehen, Sir!« » Well , Captain,« sagte der Gentleman erregt und außer Atem. »Lassen Sie die deutschen Spione nur gewähren! Wenn es zu spät ist, ist es zu spät! ... Ich werde auf jeden Fall Nachricht an die Behörden schicken, was hier vorgeht!« Er schrieb ein paar Zeilen auf seine Visitenkarte und sandte den Golfjungen damit im Trab bergab. Der Offizier war jetzt auch nachdenklich geworden. »Man könnte ja hingehen und nachsehen, was er treibt!« schlug er vor. Im selben Augenblick kam einer der Späherknaben in langen Sprüngen heran. »Nun – was ist mit ihm?« »Er singt!« »Er singt?« »Ja. Er liegt lang auf dem Rücken und singt! Dann setzt er sich wieder auf und schreibt in sein Buch!« »Vorwärts!« sagte der alte Herr entschlossen. »Dies Buch darf nicht außer Landes gehen!« Sie stiegen in schweigendem Zug die grünen Hügel hinan. Den Fremden konnte man jetzt nicht sehen. Überhaupt nichts als ein Stück Rasen, den weiten Himmel und das weite Meer. Das rauschte fernhin, in unruhigem, sonnenüberglitzerten Silbergrau. Drüben zur Rechten war am Horizont ein weißer Flimmer. Die Kreide der französischen Küste. Calais. Boulogne. Sturm kam von dort, pfiff hier oben über die kahle Höhe, nahm den Atem, ebbte ab und in der plötzlichen Stille hörte man auf einmal wieder ganz in der Nähe den Deutschen singen. Er lag auf dem Grasboden, die Hände unter dem Kopf verschränkt, ganz wie es der Späherknabe gemeldet. Dessen Kamerad kauerte zehn Schritte abseits in einer Bodenfurche und belauerte den Fremden so atemlos gespannt, mit funkelnden Augen, wie der Vorstehhund das Moorhuhn im Lager, ohne daß jener eine Ahnung davon hatte. Der schlug vielmehr im Ruhen gemächlich ein Bein über das andere, schaute hinauf in die hohe Himmelswölbung mit ihren fliegenden weißen Wolken und ihrem Sonnenblau und sang mit fröhlicher, ungeschulter Stimme: »Winterstürme wichen dem Wonnemond, in mildem Lichte leuchtet der Lenz ...« Die Briten verstanden die deutschen Worte nicht, keiner von ihnen sprach eine Silbe Deutsch. Immerhin machte sie das stutzig. Ein jodelnder Spion? ... Aber vielleicht war das gerade teutonische Hinterlist, sich harmlos zu geben ... » ... durch Wald und Auen weht sein Atem, weit geöffnet lacht sein Aug'.« Der Deutsche sang in heller Begeisterung. Förmlich andächtig. Er war ein hübscher Mensch. Groß, schlank, zu Ende der Zwanzig, mit kurzem blondem Haar und Schnurrbart und von der Sonne gebräuntem Gesicht. Auf dem lag ein lustiges Lächeln, Zufriedenheit mit Gott und der Welt und sich selber und seinem Schicksal. Lieber Himmel ja: Urlaub ... Freiheit ... 'n bißchen Geld in der Tasche ... um einen der Frühling ... Und wenn es auch nur ein englischer Frühling war, mit kalter Seebrise und kühler Sonne und einer kurzen, grauströmenden Regenhusche, dort weit überm Meer ... die wilden Narzissen beugten doch ringsum tausendfach ihre gelben Blüten im Wind, das Gras war grün, und aus ihm wuchsen blaue Veilchen, und ganz in der Ferne spielte jemand einen schottischen Dudelsack ... seltsam, träumerisch ... Man konnte die Augen schließen ... ein bißchen schlafen ... »Guten Tag, Sir!« Der englische Captain hatte sich in seinem weißwollenen Sportanzug neben dem Deutschen niedergesetzt und nickte ihm lächelnd zu. Der andere erwiderte es freundlich. »'Tag, 'Tag!« Die beiden muskulösen jungen Männer schauten sich prüfend an. Dann meinte der Brite harmlos: »Schon lange im Lande, Sir?« »Nein ... erst seit vorgestern ...« »Und immer hier in der Gegend?« »Ja. Ich sammle mir noch ein bißchen Mumm, bis ich nach London rutsche! ... Es hapert bei mir noch mit dem Englisch! Wissen Sie ... ich hab' vorläufig noch so meine eigene Aussprache ...« »Nach der zu urteilen, sind Sie ein Deutscher, Sir!« Der junge Mann lachte. Auch in seinen blauen Augen war ein lustiger Schein. »Na ... und ob!« sagte er. »In Deutschland dient ja jeder, nicht wahr?« »Freilich!« »Sie wohl auch?« »Gewiß! Ich bin sogar Offizier!« »In der aktiven Armee?« »Ja. Bei der Infanterie!« Es war ein nachdenkliches Schweigen. Hinter dem Rücken der beiden sammelten sich immer mehr Neugierige und beobachteten in stoischer britischer Ruhe und mit offenem Mund das Verhör, von dem nur der Deutsche selber noch nichts merkte. Der Captain riß ein paar Gräser aus dem Boden und meinte, da ihm nichts anderes einfiel, gewöhnheitsmäßig: »Ein schöner Tag heute, Sir!« »Ja. Ganz nett! Ein bißchen frisch!« »Gedenken Sie noch länger zu bleiben?« »Ich weiß noch nicht! Ich plane noch einen Besuch in der Nähe.« »Sie waren auch schon drüben, auf der anderen Seite, bei den Forts?« »Ja. Wie geht's übrigens Ihrer verehrten Frau Tante, wenn ich fragen darf? Ist die alte Dame wohl und munter?« »Welche Tante meinen Sie, Sir?« »Na... irgendeine werden Sie doch haben! Wenn Sie mich so ausforschen, muß ich doch auch ein bißchen Interesse für Sie zeigen!« sagte der junge Deutsche und lachte wieder. Der Brite stimmte nicht mit ein. »Es hat seine Gründe, Sir. Es hat seine Gründe. Ich bitte Sie um Verzeihung! Ein Gentleman kümmert sich bei uns gewiß nicht um den andern. Aber Sie sind Ausländer und ...« »Na... hören Sie! Wieviel Landsleute von Ihnen ich unterwegs in Deutschland getroffen hab'... wenn ich die hätte alle ausfragen wollen, woher und wohin...« »Aber Sie sind Offizier!« »Glauben Sie denn, daß ich Ihnen von hier oben aus Ihrem offenen Allerweltshafen was wegschauen kann?« frug der deutsche Leutnant belustigt. »Das würde Ihnen bei uns jeder Fähnrich sagen, daß hier nichts zu holen ist – aber auch nichts!« »Ich weiß es selber, Sir! Ich bin auch Offizier!« »Oh ... freut mich, Sie kennen zu lernen, Herr Kamerad!« Der Deutsche streckte im Sitzen dem Angelsachsen unbefangen die Hand hin. Der drückte sie und sagte dann zurückhaltend: »Sie haben aber auch an sonstigen Stellen sich Aufzeichnungen gemacht!« Die ganze Zeit über hatten seine Augen das verdächtige Notizbuch gesucht. Jetzt, bei einer raschen Bewegung des andern, sah er es. Es lag da am Boden. Ein dünnes, schwarzes Heft. Unscheinbar, wie es jeder Schuljunge besitzen konnte. Und doch standen vielleicht alle Geheimnisse des Inselreichs darin. Der Captain ließ den Blick nicht von dem unheimlichen Ding. »Sie würden sich und uns viel Sorge ersparen, Sir,« begann er langsam, argwöhnisch, »wenn Sie mich einmal einen Blick in dies Buch tun ließen!« Jetzt erst wurde der blonde Deutsche stutzig. »Sie wollen mich wohl hier richtig ausspionieren – was?« »Oder Sie uns, Sir!« Das entscheidende Wort war gefallen. Der Brite fügte hinzu: »Nur einen Blick, bitte!« Er hatte die Absicht, das Heft, wenn er es einmal in Händen hielt, um keinen Preis wieder herzugeben. Sein Gegner zuckte die Achseln. »Können Sie Deutsch? Nicht? Na – was hilft es Ihnen dann?« »Es könnten doch Pläne und Skizzen darin sein!« Der Hauptmann versuchte mit einem blitzschnellen, zäher Sportgewandtheit entstammenden Griff sich des Notizbuches zu bemächtigen. Aber der Leutnant war noch flinker. Er sprang auf die Beine, steckte es hastig in die Innentasche seines grauen Reisejacketts, knöpfte das zu, stülpte sich den Strohhut auf und versetzte scharf und bestimmt: »Lassen Sie gefälligst diese Scherze unterwegs, wenn ich bitten darf! ... Darin versteh' ich keinen Spaß!« Hinter ihm klang ein sonderbares, unartikuliertes, dumpfes Geräusch von vielen Stimmen. Der Deutsche drehte sich um. »Gerechter Strohsack!« sagte er. »Was ist denn das für eine Menagerie?« Es standen da wohl drei, vier Dutzend Menschen, die sich inzwischen angesammelt hatten: alte Gentlemen, Laufburschen, Misses, Soldaten, Arbeiter, Sportsleute. Und die meisten von ihnen ließen dies düstere Brummen eines Bärenzwingers ertönen. »Sagen Sie mal: ist den Leuten übel? Haben die was Unverdauliches gegessen?« »Sie grunzen Sie aus!« erklärte der Captain. »Sie geben ihre Beunruhigung und ihr Mißfallen über Sie zu erkennen!« Der deutsche Spion lachte und klopfte sich die Erdspuren von seinen Kleidern. »Na – dann will ich das Volksfest hier nicht weiter stören und den Schwerpunkt meiner Tätigkeit wo anders hin verlegen! Empfehle mich gehorsamst, meine Herrschaften! Schön klingt's nicht!« Der alte Herr vom Lande trat ihm finster in den Weg. Der andere blieb ärgerlich stehen. Er wurde ernster. »Hören Sie mal, Verehrtester, lassen Sie mich gefälligst ungeschoren! Ich habe mich, gerade weil ich Offizier bin, gehütet, einer verbotenen Stelle im Festungsbereich nahezukommen, ich habe meinen Paß, ich habe meinen regulären Urlaub nach England ... England ist, wie es doch allgemein heißt, das Land der Freiheit ... Na also ... bitte ...« »Aber das Buch!« »Das Buch geht Sie den Kuckuck was an! 'Morgen!« Er ging mit langen Schritten den Berg hinab, der Stadt zu. Der Captain gesellte sich hartnäckig zu ihm, dahinter die andern, zündete sich eine kurze Stummelpfeife an, paffte und meinte mit gewinnendem Lächeln: »Es ist nun einmal mit Ausländern solch ein Ding, Sir! Man kennt Sie nicht, Sir! Man weiß nicht, woher Sie kommen! ... Man kann sich an niemanden halten, Sir! ... Sagten Sie nicht, daß Sie jemanden hier besuchen wollten?« »Ja. Ganz in der Nähe!« »Auch einen Deutschen?« »Nein. Einen Engländer. Sein Vater wurde schon als Deutscher vor vierzig Jahren bei Ihnen naturalisiert!« »Und Sie kennen ihn?« »Na ... 's ist doch mein Onkel!« »Ich bitte Sie inständig, Sir: Nennen Sie mir seinen Namen!« »Mr. John Wilding!« »Oh! Mr. John Wilding auf Rosemary-Hills?« »Ja. Ich glaub', so heißt seine Klitsche!« M. Wilding ... Rosemary-Hills ... Der Deutsche hörte es hinter sich flüstern ... überall... Er wandte sich um und sah, daß sich die Gesichter verändert hatten. Man schaute ihn freundlicher an. Es lag beginnende Achtung in den Blicken. Beruhigte Respektabilität. Ein guter Name war da gefallen! »Mr. Wilding! Oh ... ich treffe ihn häufig auf der Bahn nach London!« sagte der Captain leutselig. Und die eine späte Miß versetzte: »Ein herrlicher Besitz, Rosemary- Hills!« Und die andere erklärte ehrfurchtsvoll dem alten Herrn vom Lande: »Ein sehr reicher Mann! Ein Citymann! Chef des Bankhauses Wilding und Kompanie.« »Oh ... das ist Ihr Onkel!« sprach der britische Offizier, und es lag in seiner Stimme etwas wie: Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt? ... »Ja. Sein Vater und der Vater meiner Mutter waren Brüder. Aus einer alten Patrizierfamilie. Aus Frankfurt am Main. Und wie die Preußen 1866 Frankfurt annektierten, da ärgerte das den alten Wilding, den Vater Ihres jetzigen hier, so, daß er mit seiner ganzen Familie und seinem Geld nach England auswanderte und englisch wurde.« »Ach ja ... ich erinnere mich jetzt ... Ich habe so etwas einmal vernommen!« »Viel haben wir eigentlich in Deutschland seitdem nicht mehr von ihm gehört! Aber ich dachte mir, wo ich doch nun schon mal in England bin, warum soll ich da nicht schauen, was aus den englischen Wildings geworden ist? Gerade gestern abend habe ich eine Karte geschrieben, ich käme dieser Tage einmal in Rosemary- Hills heran!« »Antwort haben Sie noch nicht?« »Nein!« »Wie wäre es, wenn Sie telephonierten, Sir? ... Rosemary-Hills liegt ganz nah von hier. Die Bürgschaft eines Gentleman wie Mr. Wilding würde natülich alle Schwierigkeiten beseitigen!« Der junge Deutsche schüttelte den Kopf. »Nee! Danke! Hab' ich nicht nötig, mich dort gleich als steckbrieflich verfolgten Verbrecher einzuführen! Ich weiß auch mit englisch Telephonieren nicht Bescheid! Ich hab' überhaupt diese ganze Affenkomödie hier dick! Guten Morgen, Sir!« Er sprang nun den Abhang hinab, ohne sich weiter um seinen Begleiter zu kümmern, der einen Augenblick nachdenklich stehen blieb und dann in eine Kneipe, eine Saloonbar, in einem der ersten Häuser am Weg eintrat, wo er sicher war, eine sehr gemischte Gesellschaft, aber auch einen Telephonanschluß zu finden. Die große Masse der Neugierigen wanderte unverdrossen der Spur des Spions nach. Als er sein Hotel unten am Hafen erreichte, stand draußen auf der Straße schon eine ganze Mauer von Menschen, und innen traten ihm zwei Gentlemen entgegen, die eben seinen Koffer oben im Zimmer durchsucht hatten. »Himmeldonnerwetter!« sagte er, erhitzt sich den Strohhut zurückschiebend. »Jetzt geht's mir aber doch allmählich übers Bohnenlied! ... Was fällt Ihnen denn ein? Wer sind Sie denn nun wieder?« »Die Obrigkeit, Sir! Bedaure, Sir, aber es ist unsere Pflicht. Sie haben Verdacht erregt ...« »Haben Sie etwas Verdächtiges gefunden?« »Nichts!« »Na also! Und hier ist mein Paß! Und damit basta!« Der Beamte in Zivil nahm den Paß, buchstabierte in den lateinischen Schriftzügen herum und frug dann höflich: »Sie sind der königlich preußische Oberleutnant Helmut Merker im 12. badischen Infanterieregiment Nummer 198 zu Alsheim an der Bergstraße – wo liegt dieser Platz, Sir?« »In der badischen Pfalz, nahe am Rhein!« »... Neunundzwanzig Jahre alt, protestantisch ... was heißt das hier? ... l... e...« »Ledig! ... Ich hab' noch keine Frau! Leider! ... Vorschriftsmäßig geimpft bin ich auch ... Einmal vorbestraft mit drei Mark wegen eigenmächtigen Öffnens einer Eisenbahnschranke ...« »Danke, Sir!« Der Beamte gab ihm den Paß zurück. »Was sind Ihre Eltern, Mr. Merker?« »Mein seliger Vater hat sich als Gymnasialdirektor durchs Leben geschlagen. Meine Mutter lebt als Witwe in Erbach im hessischen Odenwald ... Sie haben von ihr für die Sicherheit des britischen Reiches wenig zu fürchten! Sie ist eine stille Frau!« »Danke recht sehr, Sir! Sie haben Geschwister?« »Und ob! Die sind noch viel gefährlicher als ich! Mein ältester Bruder ist Chemiker in Ludwigshafen, und im Vertrauen: Reserveleutnant beim Großen Generalstab! Mein jüngster Offizier der Handelsmarine. Sie können sich vorstellen, wie der erst spioniert! Über den mittleren wollen wir lieber den Mantel der christlichen Liebe breiten. Meine Schwester ist an einen höchst gefährlichen Oberlehrer namens Nägelein verheiratet, Sir! Einen Alldeutschen! Er verzehrt jeden Morgen drei Engländer zum Frühstück!« »Bitte, bleiben Sie ernst! Was ist der Zweck Ihres Aufenthaltes in England?« »Mich über Ihre Landsleute zu wundern!« sagte der Leutnant Merker. »Kinder ... ich hätt' Euch für klüger gehalten! Betrachten Sie nur um Gottes willen diese Volksversammlung da draußen! Gilt die wirklich mir?« »Sie waren unvorsichtig, Sir! Sie sollen verdächtige Eintragungen in ein Notizbuch gemacht haben... Ich muß um Einsicht in dies Buch bitten... Oh, Sir ... Sie wechseln ja die Farbe ... Sie werden unruhig ...« »Der Gentleman wird immer unruhig, wenn die Rede auf dies Buch kommt!« versetzte ein Herr trocken. Der Beamte beharrte: »Bitte um das Buch, Sir! Sie stehen vor der Obrigkeit!« Der junge Deutsche schwankte, dann griff er in die Rocktasche und überreichte das Heft. »Lesen können Sie's ja doch nicht! Es sind deutsche Schriftzüge!« »Und was enthalten Sie, Mr. Merker?« »Mein Ehrenwort: nichts Staatsgefährliches!« »Aber was?« »Das ist meine Sache!« Die Briten schüttelten den Kopf und schauten ratlos auf die geheimnisvollen, kurz abgebrochenen Zeilenreihen. War denn niemand da, der das in das Englische übertrug? Die Kellner im Hotel? Aber der alte Herr vom Lande, dem die Sorge um das Wohl Britanniens auf dem Gesicht geschrieben stand, hob beschwörend die Hand. Das waren ja alles Deutsche!... Er hatte sich schon erkundigt: der Oberkellner hieß Karl Ruhsam. Er besaß in seinen glattrasierten Zügen etwas, was an Moltke und seine Schule erinnerte. Die jüngeren Kellner konnten noch weniger den schnurrbärtigen teutonischen Offiziertypus verleugnen! Was? Der Barbier von der Ecke? Der könne Deutsch? Aber um Gottes willen! Der Mann hieß ja Friedrich Dümmler! Er stammte aus Pirna in Sachsen. Er gab es offen zu ...! Überall Teutonen! Von neuem wurde man nervös. Die Unruhe verbreitete sich bis hinunter in den Speisesaal. Dort frug eine schwerhörige, grauköpfige Lady ihre Gesellschafterin, was denn die vielen Leute auf der Straße bedeuteten, und die schrie in das Hörrohr: »Man hat einen deutschen Spion gefangen!« und die alte Dame fing an zu weinen. Inzwischen war der Captain nachgekommen und in den Hotelflur getreten. Er verkündete in versöhnlichem Ton: » All right! Gentlemen! Ich habe an Mr. Wilding telephoniert und befriedigende Antwort erhalten. Mr. Merker ist in der Tat dort dem Namen nach wohlbekannt. Es ist schon ein Automobil von Rosemary-Hills unterwegs. In einer Viertelstunde spätestens muß es hier sein! Dann klärt sich ja alles auf!« »Hoffentlich!« sagte der Leutnant. »Herrschaften ... nehmt mir's nicht übel: aber Ihr blamiert euch ja vor ganz Europa und den umliegenden Ländern!« »Wie denken Sie unterdessen über ein Glas Brandy und Soda, Mr. Merker?« »Na, meinetwegen ...« Man setzte sich um einen Tisch, den Staatsgefangenen in der Mitte. Die Gentlemen zündeten ihre Pfeifen an und verteilten ihre Beine auf verschiedene Stühle. Das trotz der Frühlingswärme draußen flackernde Kaminfeuer sengte ihnen die Stiefelsohlen. Es war ganz gemütlich. Es herrschte ein kurzes Schweigen, in dem alle dem gleichen Gedanken nachzuhängen schienen. Einer von ihnen gab dem plötzlich Ausdruck und unterbrach die Stille: »Warum bauen Sie die deutsche Flotte, Mr. Merker?« »Weil wir's für nötig finden, Sir!« »Und weswegen nötig?« »Weil unser Seehandel der zweitgrößte der Welt ist nach dem Ihren, Sir!« Die Briten rauchten nachdenklich. Der Captain meinte: »Den Handel schützt man mit Kreuzern, Sir, nicht mit Dreadnoughts!« Der Leutnant Merker hob den Kopf. »Hat nicht Euer Minister im Jahre 1849 erklärt, er würde die deutsche Flagge auf dem Meer als Seeräuber betrachten? Schön! Um das zu verhindern, bauen wir Dreadnoughts!« Er wurde lebhaft. Seine blauen Augen leuchteten. »Und Ihr weidet uns nicht daran hindern! Ich bin im Binnenlande aufgewachsen, wenig vom Rhein weg- gekommen, höchstens mal in die Schweiz und so ... Ich hab' dieser Tage zum erstenmal in meinem Leben die See geschaut ... Und unsere Schiffe darauf ... Und den Hamburger Hafen und in ihm das größte Segelschiff der Erde ... und das war deutsch ...« »Die ›Potosi‹,« murmelte einer der Briten. »Und da ...« Helmut Melker sprang auf und deutete durch das offene Fenster. »Da sehen Sie hinaus, Gentlemen, wenn's beliebt!« Weit draußen, jenseits des Hafens, im freien Kanal stiegen nah und fern die Rauchsäulen der Dampfer empor, die im Engpaß zwischen England und Frankreich ihren Weg suchten. Mitten unter ihnen zog ein Ozeanriese von unwahrscheinlicher Größe seine Bahn. Alles andere neben ihm wurde klein. Das Wasser schäumte in weißem Schwall vor seinem Bug, hoch oben vom Mast flatterte die schwarz-weiß-rote Fahne und in ihr das Eiserne Kreuz. »Der ›Imperator‹!« sagte der Leutnant Merker, sein Fernglas einsteckend, mit vor Stolz geröteten Wangen. »Das größte Schiff, das je auf der Erde fuhr! Und wem gehört es? Uns! Der Hamburg- Amerika-Linie! ... Ja, sollen wir solche Schiffe draußen in der Welt schutzlos lassen, damit jeder Schmierlümmel in Haiti oder Liberia sie kapern kann, bloß weil es Euch so paßt? ... Nee, Verehrteste – das kann kein Mensch verlangen!« In seine Worte klang von fern das Rollen eines Automobils. Es bog dumpf tutend um die Ecke und hielt vor dem Hotel. Helmut Merker streifte es nur mit einem flüchtigen Blick. Es ging ihn nichts an. Sein Onkel saß nicht darin, noch sonst ein alter Herr, sondern drei gleichgültige, blau, grün und weiß verschleierte Misses. Die eine von ihnen wickelte sich aus ihrem Gesichtsschutz heraus und kletterte aus dem Wagen. Sie trug unter dem weißen Schleier ein weißes Automobilhäubchen mit weißseidenen Rosetten an den Seiten. Ihr dicker weißer Tuchmantel war offen und ließ darunter ein weißes Kleid sehen – alles an ihr war weiß. Lang und schlank, etwas vornübergebeugt, ging sie, in der sorglos schlenkernden Haltung einer Engländerin, die schmalen Schultern lässig bewegend, die Hände in den Taschen, in langen weißen Schuhen unter dem kurzen Rock, nach dem Eingang des Hauses. Ihr jugendliches Gesicht war trotz vieler Sommersprossen sehr hübsch. Es hatte einen freimütigen Ausdruck, drollig von dem Häubchen aus Großmutterzeiten überschattet, unter dem ein paar hellblonde Haarsträhne windzerzaust hervorlugten. An der Tür blieb sie stehen, nickte, immer mit einer selbstverständlichen Sicherheit des Auftretens, dem Wirt zu, der sich höflich verbeugte, und wechselte mit ihm ein paar Worte, lachte dann auf, frischer und lebhafter, als der junge Deutsche bisher bei den kühlen, fischblütigen Misses beobachtet hatte, und kam zu seinem Erstaunen, ihn unbefangen aus ihren blauen Augen musternd, schnurstracks auf ihn zu. Vor ihm stehen bleibend, streckte sie ihm eine schmale, sehnige Sportshand entgegen und sagte belustigt in einem englisch betonten, aber ganz gutem Deutsch: »Also Sie sind der Vetter aus Deutschland! Oh ... Sie machen ja hier nette Geschichten ...« Sein Unverständnis erkennend, setzte sie hinzu: »Vater ist nicht in Rosemary-Hills, sondern schon seit gestern in der City, niemand ist in Rosemary-Hills. Ich wollte auch gerade mit meinen Freundinnen nach London. Da meldet mir der Butler, es wäre hier mit Ihnen ein Unglück passiert, da bin ich rasch noch herüber ...« »Ein Unglück nicht!« sagte Helmut Merker, immer noch betroffen. »Nur ... die Engländer hier benehmen sich ein bißchen auffallend töricht ... Verzeihung ... Es sind ja Ihre Landsleute ... Sie betrachten sich wohl doch schon ganz als Engländerin?« »Oh, als was denn sonst? Mein Großvater wurde doch schon englisch!« Es klang ein wenig hochmütig von ihren roten Lippen. Er fuhr fort: »Na also, jedenfalls: ich bin der harmloseste Tourist von der Welt und verbitte mir diese Scherze hier. Bitte, führen Sie das doch Ihren verehrten Landsleuten hier mal zu Gemüte! ... Kommen mir die Kerle hier über meinen Koffer, veranstalten außen auf der Straße das reinste Volksfest, knöpfen mir mein Notizbuch ab ...« Das junge Mädchen wandte sich suchend um und erblickte das verhängnisvolle schwarze Heft in der Hand des einen Beamten, der nachdrücklich auf englisch sagte: »Da der Gentleman sich hartnäckig weigert, uns mitzuteilen, was er da hineingeschrieben hat ...« »Lassen Sie mich einmal schauen! Ich kann doch Deutsch, so gut wie Englisch!« »Hier, bitte!« »Nee ... Hören Sie ... Lassen Sie das gefälligst! Das Buch gehört mir!« »Sie sind sehr ängstlich!« rief der alte Herr vom Lande. »Das ist verdächtig!« Der Captain nickte und tat einen Zug aus seiner Stummelpfeife. »Well ... ich lege fünf zu zwei«, meinte er befriedigt, »daß wir jetzt ein Verzeichnis aller Küstenbatterien zu hören bekommen!« Und der eineBeamte forschte mit maliziösem Lächeln: »Wie denken Sie über die Landung in England, Sir? Sie sind ja ganz verwirrt und aufgeregt!« »Ich denke gar nichts, sondern will mein Eigentum wiederhaben! Geben Sie mal gleich her, Cousine!« Aber Miß Wilding trat gewandt einen Schritt zur Seite und klappte das Buch auf. Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß. »Sie sollen da nicht hineingucken, sag' ich!« »Oh ... das ist meine Pflicht als Britin!« Sie sprach das ganz kühl und geschäftsmäßig und fing aufmerksam an zu lesen, während er zornig die Lippen zusammenbiß und dann achselzuckend ein paar Schritte bis zum Fenster machte, sich umwandte und auf das Meer hinaussah, an dessen Horizont langsam der »Imperator« verschwand. Ringsum war Stille und Erwartung. Dann hörte sr plötzlich hinter sich ein helles Mädchenlachen. »Keine Sorge, Ladies und Gentlemen! ... Das sind keine Staatsgeheimnisse ...« »Sondern?« »Gedichte!« »Oh ...« »Ja. Patriotische Gedichte ... Deutschlands Größe ... Seine Zukunft auf dem Wasser ... Und so mehr...« Old England sah sich verblüfft an. Hierzulande machte kein Gentleman Gedichte, nicht einmal, wenn er krank war. Er ritt auf die Jagd oder spielte Polo oder fischte. Das junge Mädchen trat immer noch fröhlich lachend zu Helmut Merker, der sie gereizt und doch halb, wie um sich zu verteidigen, anfuhr und dabei das Heft in seine Tasche gleiten ließ. »Das geht doch weiß Gott niemanden etwas an ... Das ist mein Privatvergnügen ... Wenn man mal 'raus aus allem ist ... ganz frei ... zum erstenmal draußen in der weiten Welt ... und in so einer festlichen Stimmung ... ich hab' immer schon mal Verse gemacht ... auch früher schon im Kasino ... zu Kaisers Geburtstag ...« »Oh ... die Gedichte sind gewiß sehr schön!« Sie sprach es versöhnlich, da sie sah, daß ihre Heiterkeit ihn kränkte. »Sie müssen sie mir später einmal vorlesen!« »Fällt mir nicht ein!« Sie schaute ihn verblüfft an. Beide schwiegen. Dann versetzte sie mit angelsächsischem Gleichmut: »Ich habe jetzt hier mein Bestes getan. Ich gehe jetzt weiter nach London! Wenn Sie Pa dort morgen sprechen wollen – es ist noch ein Platz im Auto frei. Kommen Sie mit?!« »Die Leute lassen mich ja hier nicht weg. Sie sind ja rein aus dem Häuschen!« O nein! ... Man war jetzt allseits befriedigt. Die Sache war erklärt. Es war nur ein Mißverständnis gewesen, nicht der Rede wert! Man war wirklich traurig, dem Gentleman Ungelegenheiten bereitet zu haben. Aber vielleicht handelte der Gentleman künftig auch weise, wenn er in der Nähe von Festungen mehr Vorsicht walten ließ – ein Händegeschüttel ... Good bye , Sir ... Auch draußen auf der Straße lichtete sich die enttäuschte Menge. Nur die hartnäckigsten Neugierigen umstanden noch das Automobil, in dessen Decken und Kissen Miß Wilding, sich zum Aufbruch rüstend, herumwirtschaftete. Dabei rief sie mit heller Stimme und ganz gelassen in das Haus: » Well – fahren Sie mit?« Er wußte es selbst nicht... Es kam alles so plötzlich ... »Ja, eigentlich habe ich in dem Nest hier wirklich nichts mehr verloren!« »Dann machen Sie sich fertig! Ich setze Sie, wo Sie wollen, in London ab!« Der Koffer war schon ohnedies gepackt. Die Rechnung rasch bezahlt. Helmut Merkel trat an den Wagen und dachte sich dabei: Was ist das eigentlich alles für eine komische Kette von Dingen! Das junge Mädchen nickte ihm zu, mit dem ruhigen Vertrauen, das man einem Gentleman entgegenbringt, und stellte ihn ihren beiden Freundinnen vor: Miß Hunter – Miß Fife, Vollblutengländerinnen, die kein Wort Deutsch verstanden und bedeutend älter waren als sie selbst mit ihren dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Jahren. Dann war da noch Mac Gregor, ein stachelhaariger, menschenfeindlicher schottischer Otternhund. Damit war man beisammen, und das mächtige Auto rasselte auf und schoß dann beinahe lautlos davon, gen Norden, auf Canterbury zu. Der Chauffeur hatte einen anderen Weg in Vorschlag gebracht, aber vor einem kleinen Zug zähen Eigensinns um die Mundwinkel seiner jugendlichen Herrin war sein Einspruch im Entstehen verstummt. Er schien sie schon zu kennen ... Helmut Merker saß ihr im Wagen gegenüber. Sie hatte ihren weißen Schleier nur um die Ohren geknüpft. Das Gesicht blieb über dem hochgeklappten Halskragen frei. Er sah ihre klaren, regelmäßigen Züge. Es war eine eigene Reinheit darauf. Seelisch und ebenso in der Tönung der Haut, trotz der vereinzelten Sommersprossen. Der Wind rötete ihre Wangen und ließ ihre blauen Augen feucht schimmern. Dadurch wurde sie noch hübscher. Wie sie zuweilen an ihm vorbei die ihr entgegenfliegende Straße hinabspähte, trug ihr Antlitz, trotz seiner unbekümmerten Jugendlichkeit, einen eigenen gespannten und aufmerksam herben Ausdruck. Das mußte, schien ihm, der Sport machen. Die Gewohnheit des Zusammenreißens der Nerven bei jedem Wind und Wetter. Sie erzählte auch, daß sie das Auto oft eigenhändig steuere. Dann sagte er, sich den Hut bei der sausenden Fahrt fester auf den Kopf drückend: »Ein Glück nur, daß Sie wenigstens daheim waren! Hat denn der Onkel meinen Brief nicht erhalten?« »Ich weiß nicht. Er hat nichts davon erzählt!« »Komisch! Ich schrieb gestern, ich käm' mal bei Euch vorbei!« »Ach – das hat Papa wohl wieder vergessen!« Die harmlose Bemerkung verstimmte ihn etwas. Er fühlte sich leicht verletzt – eigentlich nicht nur seinetwillen, sondern mehr in seiner Würde als deutscher Offizier ... Wenn sich schon ein solcher bei diesen Halb- oder Dreiviertelengländern anmeldete, konnten sie doch weiß Gott ... Da kam eben gleich zu Anfang der britische Dünkel heraus. Seine Begleiterin bemerkte es nicht. Sie fuhr fort: »Pa vergißt alles, was nicht zum Geschäft gehört. Er hat nur Sinn für die City. Er ist zufrieden, wenn er in seinem Office in Old Broadstreet sitzen kann. Da arbeitet er vom Morgen bis zum Abend. Wir lachen immer schon darüber ...« »Was macht er denn eigentlich für Geschäfte?« Sie überlegte. »Ich glaube, viel nach Südamerika ...« »Und womit denn?« »Ja ... mir scheint mit Salpeter ... und anderem ... ich weiß wirklich nicht.« Er war erstaunt, daß sie das nicht besser wußte. Er frug: »Wo ist denn Ihre Frau Mutter?« »Mammy? ... Die sitzt noch an der Riviera! Der ist's hier noch zu kalt. Die kommt nicht vor dem ›Grand National‹ heim!« ›Grand National‹ ... Sie erkannte an seinem Gesichtsausdruck, daß er nicht verstand, was das hieß: Die Liverpooler Frühlings-Steeplechase, das größte Hindernisrennen der Welt! Wie man das nicht wissen konnte, war ihr unbegreiflich. Und zugleich war die Reihe des Erstaunens an ihm: Eine alte Dame, die durch ganz Europa fuhr, um ein paar Pferde laufen zu sehen, und danach ihre Lebenseinteilung regelte! Und die Tochter fand das offenbar ganz in der Ordnung. Er lenkte das Gespräch ab und forschte weiter. »Wir haben einander leider so völlig aus den Augen verloren, wir Wildings daheim in Deutschland und Ihr hier – ich weiß gar nicht recht Bescheid: Sie sind doch Jane?« Sie beugte sich seitwärts aus dem Wagen, um nach einem entgegenkommenden Hindernis, einem Trupp Hammel, zu sehen, und schüttelte, gegen den Wind zwinkernd, den blonden Kopf. »Das ist meine ältere Schwester, an Mac Cornick verheiratet, den Baumwollenmann in Liverpool – das heißt, meistens sind sie ja in Cheshire ... Galt-y- Bladur heißt ihr Platz dort ... Ich bin Edith ...« Sie sprach es englisch, wie ›Idis‹ aus. Er übersetzte es unwillkürlich in das deutsche Edith, sah mit Wohlgefallen in das schöne Mädchengesicht ihm gegenüber und meinte dann: »Ich freue mich, daß Ihr hier immer noch so das Deutschtum pflegt!« »Wieso?« »Nun – Sie sprechen doch ausgezeichnet Deutsch!« »Ich? Ja. Das ist aber eigentlich ein Zufall. Die Miß Cook, die einstige Gouvernante meiner Mutter, hat später ein Mädchenpensionat in Hannover gegründet. Da wurde ich aus alter Anhänglichkeit hingeschickt, weil mother doch immer auf Reisen und Pa immer im Geschäft war. Auf vier Jahre. Jane auch, meine Schwester. Meine Brüder können lange nicht so gut Deutsch!« »Also sind Ihre Eltern doch nicht eigentlich deutschfreundlich?« Sie lachte. »Pa ist nicht Freund und nicht Feind. Papa macht Geld!« »Und Ihre Mutter?« »Oh – Mammy ist das ganz egal, wo wir herstammen. Sie selber ist doch reine Engländerin von Geburt!« Er verstummte. Da war wieder dies Fremdartige – dies eigentümlich Insulare! In Deutschland hätte man liebevoll nach den Spuren der Ahnen geforscht, von Geschlecht zu Geschlecht, die Überlieferung fortgepflanzt. Hier kümmerte man sich nicht darum. Man war britisch und war zufrieden. Auch mit sich selbst. Dies junge Mädchen vor ihm war offenbar auch ganz von ihrer eigenen Vortrefflichkeit überzeugt. Sie besaß eine Sicherheit, um die man sie beneiden konnte. Es war um sie ein Hauch von Gesundheit und Lebensfrische ... gepflegte Haut, gepflegte Haare, gepflegte blendendweiße Zähne – viel Wasser und Seife – guter Hunger und Schlaf. Erkältung schien sie nicht zu kennen. Sie fuhr immer noch mit zurückgeschlagenem Schleier und halboffenem Mantel gegen den pfeifenden Wind. Zuweilen zeigte sie ihm mit ausgestreckter Hand irgendwo auf einem Hügel ein langgestrecktes, parkumgebenes Schloß im Tudorstil und nannte ihm den Herzog oder Lord, dem es gehörte. Sie wußte alle diese Namen auswendig, wußte auch, wie die Peers miteinander verwandt waren, was sie taten und trieben. Aber als er harmlos frug: »Verkehrt Ihr denn auch bei solchen Leuten?« war sie förmlich entsetzt. Welche Idee! Bei einem Lord! Papa war doch Citymann. Nein. Aber man kannte diese Familien. Jedermann in ganz England kannte sie ... Das Auto sauste gleichmäßig dahin. Eintönig glitt draußen, im ersten Frühlingsgrün, die britische Landschaft vorbei – Bäume und Wiesen, Wiesen und Bäume, weidende Rinder und Hammel und wieder Hammel und Rinder – kein Kornfeld, keine Kartoffeläcker, kein Bauernhof. Am Himmel ein blasses Blau, Wolkenflug, salzgesättigte Brise. Ein Städtchen ... lange Reihen winziger, wie eben aus der Spielzeugschachtel gepackter roter Backsteinhäuschen, Rauch, Schmutz und Schlackenlager einer Fabrik, wieder der weite, baumbestandene englische Park. In der Ferne erschien geisterhaft wie ein Schattenbild die Kathedrale von Canterbury und verschwand. Helmut Merker frug: »Nicht wahr, Ihr älterer Bruder ist doch verheiratet?« »Bill? Ja! ... Sie sollten einmal zu ihm gehen! Auf die Insel Wight. Sein Sitz heißt ›The Bungalow‹, bei Bonchurch! ... Es ist ein zu lieblicher Platz.« »Und was macht er denn da?« Sie verstand ihn nicht recht. »Nun, er lebt dort! Nach London kommt er eigentlich wenig. Nur Pa zuliebe manchmal. Er liebt die City nicht. Er ist auch nicht für Sport. Fred – der ist vielmehr ein Sportcharakter!« »Das ist Ihr jüngerer Bruder?« »Ja. Er ist augenblicklich in York beim Cricketmatch!« Der Leutnant Merker schwieg und dachte sich: Komische Familie! Wie eine Handvoll Flöhe! Da und dort! Wenn man sich die Wirtschaft daheim vorstellte, bis man glücklich die elenden sechs Wochen Auslandsurlaub sich herausgeschunden hatte ... Es fiel ihm ein, daß er sich doch auch einmal mit Ediths Freundinnen beschäftigen müsse, und er begann ein Gespräch mit den Misses, die sich seit einer Stunde über das gleiche Thema unterhalten hatten ... dunkelblau oder hellblau ... Oxford oder Cambridge ... das große Wettrudern auf der Themse ... »Deswegen muß ich doch nach London!« erläuterte Edith. »Morgen nachmittag ist es! ... Morgen abend habe ich drei Kasten Handschuhe gewonnen!« »Oder auch nicht!« rief Miß Fife. »Cambridge hat achtunddreißig Schläge in ...« Edith Wilding warf den hübschen blonden Kopf ins Genick und hob beinahe beschwörend, abwehrend die Hand. Sie war viel lebhafter als die nüchtern frostige, hagere Vollblutmiß ihr schräg gegenüber. Sie ließ die nicht zu Ende reden. »O nein! ... Viel Volk, das die Oxforder am Werke gesehen hat, hat mir gesagt, daß sie um zwei Längen besser sind als hellblau ...« Der deutsche Vetter vor ihr mußte über diese Leidenschaft lachen. Er erkundigte sich: »Das gibt wohl morgen einen Riesenzauber auf der Themse?« »Ja. Ich übernachte heute schon draußen in der Nähe bei Miß Fife. Wissen Sie: Man muß nicht in Mortlake bleiben! Man muß sich auf die andere Seite übersetzen lassen! Auf dem linken Ufer sind nicht so viel Leute! ... Es hat auch keinen Zweck, daß ich mich erst auf der Tribüne hinsetze! Wenn die Oxforder voraus sind, halt' ich es doch nicht aus auf meinem Platz ...« Sie schleuderte ihrer Freundin einen herausfordernden Blick zu und wiederholte in zäher Sportbegeisterung: »Mr. Fleck zahlt mir morgen drei Kasten Handschuhe!« – und dann zu ihrem Gast: »Augustus Fleck, der Schwager meines Bruders Bill! Er wäre nichts für Sie! Ein Jingo! Er mag die Deutschen nicht!« »Daher sein Name!« versetzte der Leutnant trocken. »Ja, aber das ist schon lange her! Er zieht sein Geld aus Manchester. Der Vater ist Spinner!« Es kam ihr nicht in den Sinn, den Vetter auch einmal nach seinen Verwandten in Deutschland und nach seinen Lebensverhältnissen zu fragen. Das interessierte sie offenbar gar nicht. Für Nichtenglisches hatte sie keine Neugier. Sie wickelte sich in ihren dicken, weißen Mantel und meinte wohlwollend: »Besuchen Sie nur morgen Papa! Er wird so froh sein! Aber gehen Sie besser zu ihm in die City, Old Broadstreet 202. In unserem Haus draußen in Belgravia finden Sie keine Katze. Pa ist auch jetzt immer in seinem Klub. Weil niemand von uns da ist – wissen Sie ...« »Ja, warum lassen Sie denn den alten Herrn so allein?« Wieder begriff sie nicht ganz. »Es ist doch sein freier Wille. Er wäre doch überall willkommen, bei Jane in Wales und bei Bill im Bungalow – und ich ginge gleich mit ihm nach Paris! mother auch. Aber er ist nicht aus der City wegzubringen.« »Und was haben Sie in nächster Zeit vor?« »Wir machen morgen abend einen Trip nach Schottland zu Freunden. Ich hoffe, ich werde ein paar gute Tage in Edinburg haben! Vielleicht können wir schon fischen!« »Nur ein paar Tage? Lohnt denn das die weite Reise?« »Es sind doch nur acht Stunden mit dem ›Fliegenden Schotten!‹« erwiderte sie erstaunt. Sie schien das ganze vereinigte britische Königreich so ungefähr als einen großen Tummelplatz für Sport und Spiel zu betrachten, in dem man nach Belieben hin und her rutschte. Sie war ihm so fremd in ihrer Art. Und doch gefiel sie ihm ausnehmend. Es war ihm trübe und ungeduldig bei dem Gedanken zumut, daß er morgen nur den alten Mr. Wilding und nicht sie sehen sollte. Aber offenbar hatte sie am kommenden Tag weder für den Vater noch gar für ihn Zeit. Sie sorgte für sich. Und für ihr Vergnügen. Sogar in der Art, wie sie jetzt im Wagen den anderen zunickte: » Well ! Wir sind bald da!« und dabei behaglich die Schultern dehnte und die geschmeidigen Arme von sich streckte, lag eine gesunde selbstsüchtige Frische. Und er überschlug im Geist ihren Tageslauf: Morgen bei der Regatta, die Nacht durch nach Schottland und dort gleich wieder an die Forellen oder Lachse. Was Nerven sind, das weiß die nicht ... Sie waren schon vor einiger Zeit in eine jener langen Reihen niederer Backsteinhäuser hineingefahren, die sich in all diesen Städten und Städtchen zum Ver- wechseln glichen. Aber diesmal nahm die schnurgrade Straße kein Ende mehr. Auch nach den Seiten hin nicht. Man erhaschte bei einer Wegüberführung einen Blick über Flächen von vielen Tausenden von Dächern, die sich wie die Wellen des Ozeans bleich und grau bis an den Horizont dehnten. Auch die Luft wurde grau. Es dämmerte. Mit seltsamer Geschwindigkeit brach die Nacht herein, lange vor der Zeit. Die Straßenlaternen schimmerten durch gelblich zähen, fast undurchdringlichen Nebel. Man sah kaum mehr zwanzig, dreißig Fuß weit. Das Auto fuhr im Schritt, eingekeilt in einen immer betäubender werdenden Verkehr von Wagenburgen und Fußgängermassen und winkenden Schutzleuten, und Edith Wilding schrie ihrem Begleiter durch den Lärm ins Ohr: »Wo soll ich Sie in London absetzen?« Er wußte es nicht. Da faßte sie die Sache praktisch auf. Sie rief: »Warum sollen Sie viel Geld zahlen? Als einzelner Herr gehen Sie gut in ein Terminushotel!« Und als er vor Charing Croß neben ihrem Auto stand und von ihnen Abschied nahm, reichte sie ihm so gleichmütig freundlich die Hand aus dem Wagen, wie sie es bei jedem anderen Gentleman auch getan hatte. »Grüßen Sie morgen Pa von mir!« hörte er noch einmal ihre helle Stimme. Dann ging das Auto rückwärts, schwankte und schoß in der Richtung nach dem Trafalgarplatz davon.   2 Wenn man, wie John Wilding, fünfundvierzig Jahre seines Lebens in der City zugebracht hatte, hörte man deren Lärm nicht mehr. Man war selbst gegen das neu eingeführte Donnergeratter der riesigen Automobilomnibusse taub geworden. Der alte Kaufherr hatte in seinem Privatkontor die Fenster gegen das Brausen der Old Broadstreet unten offen und saß dabei ruhig am Schreibtisch. Eine Sekunde lang ließ er, seiner Gewohnheit gemäß, die Lider über die müden Augen sinken, fuhr sich mit der flachen Hand über die Stirn, seufzte und warf einen Blick in den Stoß von Briefen, Schiffspapieren und Kurszetteln vor ihm. Er war ein kleiner, schmächtig gebauter Gentleman, mit grauem Haupthaar und grauem, am Kinn ausrasiertem Backenbart, die sorgenvolle Klugheit des Cityspekulanten auf dem stillen Gesicht. Kopfschüttelnd schob er die Schriftstücke zurück. »Es hat für uns gar keinen Zweck, den Posten noch unter die Dubiosen zu buchen!« sagte er auf englisch zu seinen Besuchern. »Die Forderung an Guzman, Johnson und Kompanie dort drüben ist glatt verloren. Das ist der dritte Fall dies Jahr!« Vor ihm saß sein Schwiegersohn MacCornick, der mit John Wildings ältester Tochter verheiratet war, und sein Gegenschwiegervater, Mr. Fleck senior, in Firma Fleck \& Son, dessen Tochter Bill Wilding, der ältere Sohn des Hauses, zur Frau hatte. Die beiden, der Baumwollimporteur aus Liverpool und der Spinner aus Manchester, waren in Geschäften nach London gekommen. MacCornick, ein großer, schwerfälliger, breitgebauter Mann in den Dreißigern, mit blondem Schnurrbart und träumerischem Phlegma in den wasserblauen Augen, meinte in seiner langsamen, von kaltblütiger Geschäftsklugheit gedämpften Sprechweise: »Die Zeiten sind nicht mehr so gut wie früher. Damals ging man über See und hatte nach zwanzig Jahren seine Renten und setzte sich zur Ruh'. Aber jetzt sind überall die Deutschen und die Yankees ...« »Und du hast gegen die in Südamerika nicht die richtigen Leute an der Spitze! Das ist's!« ergänzte knapp und trocken Mr. Fleck. Er saß, den Stock zwischen den Knieen, den Zylinderhut in das Genick geschoben, mit weit ausgestreckten Beinen und sah mit seinem langen, nüchternen, scharfverwitterten und glattrasierten Antlitz britischer aus als der Schotte neben ihm, obwohl seine Wiege noch in Köln gestanden. Das Angelsachsentum war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Der kleine alte Herr am Schreibtisch schaute ihn beinahe traurig an und versetzte: »Ja. Ich weiß wirklich nicht, warum ich in letzter Zeit fortwährend Verdruß hab' ... Wenn es schließlich auch diesmal wieder nur ein paar tausend Pfund sind, so ...« »Weil wir alle allmählich anfangen, alte Esel zu werden, Johny!« verkündete mit Donnerstimme von der Tür her, durch die er ohne anzuklopfen eingetreten war, der alte Mr. Mathes und trat, den Filzhut schief auf dem Kopf, die Hände in den Taschen, dem Manchestermann und dem Liverpooler nur flüchtig zunickend, näher. Er verstärkte noch sein heiseres Organ, um sich durch das Tosen der City draußen verständlich zu machen, beugte sich nieder und klopfte dem kleinen Herrn auf die Schulter. »Du bist verbraucht, old boy !« schrie er ihm ins Ohr. »Hallo ja ... Junge Kräfte müssen 'ran!« Und dann in verändertem geschäftsmäßigen Ton: »Kanada Pacific auf Erstes New York behauptet! Kaffernmarkt flau! Neue Hausse in Gummi! Gott schütz' uns vor dem Schwindel ...« Die beiden Gentlemen aus Lancashire betrachteten das alte Original mit mäßigem Wohlgefallen. Er gab wenig Sorgfalt auf sein Äußeres. Die Weste warf Falten über dem gewölbten Leib, die Hose Kniebausche über den vierkantigen Stiefeln. Bart und Hände waren ungepflegt. Aber ein Wechsel mit der Querschrift ›Karl Mathes‹ war gut. Der alte Junggeselle, den jeder Mensch der City kannte, hatte sich im Lauf der Jahrzehnte ein großes Vermögen erworben. Er fuhr fort, in einem schrecklichen, deutsch gefärbten Englisch, das er, obwohl längst naturalisierter Brite, sich nicht mehr abzugewöhnen die Mühe gab: »Finden Sie nicht auch, daß unser Johny allmählich einschrumpft wie ein Winterapfel, der gute Bursche? ... Ja ... seufze du, old boy ... Laßt Euch nur nichts von dem alten Spitzbuben vormachen! Heimlich macht er Geld wie Heu! Wenn wir 'raus sind, lacht er uns aus! Aber er schafft's nicht mehr allein ... Well ... Mr. Fleck ... wo steckt denn Ihr Sohn Augustus? Auch hier in der Stadt ...?« »Ich denke, er geht zum Oxford-Cambridge-Rennen, Sir!« versetzte der Manchestermann zurückhaltend. »Allein?« »Soviel ich weiß, hat er sich mit Miß Edith und ihrer Partie verabredet!« Mr. Mathes pfiff vielsagend durch die Zähne, legte den vierschrötigen Kopf auf die Seite und sah mit schlauem Augenblinzeln die beiden alten Herren an. »Einmal habt ihr ja schon eure Kinder miteinander verheiratet!« sagte er offenherzig. »Aber doppelt genäht hält besser ... was? ... All right ! ... Johny ... dann hast du ja, was du brauchst – einen jungen Bur- schen im Geschäft, der Haare auf den Zähnen hat ...« Den alten respektablen John Wilding berührte diese Taktlosigkeit peinlich. Er zog abwehrend die Augenbrauen hoch. »Was bringst du für Geschäfte?« frug er kühl. »Nachher! ... Ich komm' nachher noch mal 'ran! ... Sie wollen gehen, Gentlemen? ... Ich begleite Sie ein Stück! ... Ich möchte über meine Sache in New York mit Ihnen reden!« Die drei Herren empfahlen sich. John Wilding war allein. Wieder schloß er auf kurze Zeit die Augen. Es war, als ob er schliefe, trotz des Wagenlärms, des Geschreis der Zeitungsverkäufer, des Tutens der Automobilhuppen draußen. Dann raffte er sich auf, strich sich über die Stirne und rief durch das vor ihm stehende Telephon in das Erdgeschoß hinab: »Herr Zillke?« »Ja. Sir!« »Ist Herr Hinrichsen da?« »Er ist eben zu Herrn Schuster hinüber!« »Ich lasse ihn bitten, zu kommen!« Die ganze Unterhaltung wurde in deutscher Sprache geführt. John Wilding beschäftigte in seiner Firma fast nur junge deutsche Kaufleute, die in London sich in Englisch und in der hohen Schule des Handels vervollkommten. Sie waren billiger. Sie waren fleißiger. Sie waren gewandter. Sie lernten zu viel. Viel zu viel. Draußen merkte man es nachher an allen Ecken und Enden der Welt. Das war die Kehrseite der Sache. Aber was konnte ein einzelner im Wettbewerb der City dagegen machen? »Guten Morgen, Mr. Wilding!« Dietrich Hinrichsen, der Prokurist, stand an der Tür. Ein breitschultriger, unerschütterlich gelassener Hamburger mit derbschlauem Gesicht, auf dem ein höfliches Lächeln lag. »Guten Morgen, lieber Hinrichsen! Bitte ... nehmen Sie einmal Platz ... Und nun ohne Umschweife ... Sie haben ja wohl schon gehört, was heute wieder mit Guzman und Johnson passiert ist ... Es geht so nicht weiter ... Ich muß einmal meinen besten Mann auf ein paar Jahre hinüberschicken! Das sind Sie. Sind Sie bereit?« »Als was soll ich denn hinübergehen, Mr. Wilding?« frug Dietrich Hinrichsen ohne ein Zeichen der Überraschung. »Nun – als Vertreter der Firma! Was das Salär betrifft, da seien Sie nicht ängstlich. Daran wird es nicht scheitern!« »Da die Rede gerade darauf kommt,« sagte der Hanseate gemütlich in seinem bedächtigen, etwas platt *gefärbten Deutsch, das seinen Worten trotz der Gerissenheit in seinen Augen etwas Treuherziges gab. »Ich wollte auch schon die ganze Zeit einmal mit Ihnen darüber sprechen, Mr. Wilding! Daß Sie drüben eine festere Faust brauchen als bisher, das ist ja klar. Die Hamburger, meine Landsleute, gewinnen dort Tag für Tag an Boden!« »Das weiß ich!« »Und die haben bei mir bereits auf den Busch geklopft, Mr. Wilding, weil ich das Geschäft kenne! Wir haben diese ganzen Wochen verhandelt! Ich war auch einmal über den Sonntag drüben in Hamburg! Es ist mir dort eine glänzende Direktorenstellung angeboten, Mr. Wilding!« Der graue Citymann fuhr jäh auf. »So! Das ist der Dank ...« »Wofür denn, Mr. Wilding?« frug der Niederdeutsche kaltblütig. »Ich habe für Sie gearbeitet, zu Ihrer Zufriedenheit. Sie haben mich entlohnt, zu meiner Zufriedenheit. Da gibt es kein Bitte und kein Danke! ... Aber ich bin bereit, für Sie nach Südamerika zu gehen ...« »Oh, wirklich!« »Aber nicht als Ihr Angestellter, sondern als Teilhaber der Firma Wilding und Kompanie!« Es war eine Pause. Der Kaufherr starrte seinen Prokuristen so fassungslos an, als fürchtete er, jener habe sich zu einer so ungebührlichen Zeit wie zwölf Uhr mittags schon in Portwein oder Brandy übernommen. Dietrich Hinrichsen hielt freundlich seinen Blick aus. »Sie müssen mich nicht für verrückt halten, Mr. Wilding!« sagte er. »Sehen Sie: Sie sind doch nun in den Sechzigern! Von Ihren Herren Söhnen habe ich Mr. Fred eigentlich nie hier im Geschäft gesehen, Mi. Bill kommt einen Tag in der Woche und erledigt Unterschriften, ohne die Briefe zu lesen. Mr. Mac Cornick, Ihr Herr Schwiegersohn, ist ein guter Geschäftsmann. Aber er hat doch seine eigene große Firma in Liverpool. Daran hat er genug. Er will sich doch auch nicht überanstrengen. Höchstens von Dienstag früh bis Sonnabend mittag, wie die Herren alle hier. Ja, aber die Hamburger Herren arbeiten sechs Tage in der Woche von morgens um acht bis abends um sieben und noch länger. Sie auch, Mr. Wilding! Sie allein! Aber denken Sie doch nur, wenn Ihnen etwas zustößt! Irgend jemand muß dann doch auf die Dauer den Karren hier aus dem Dreck ziehen! Verzeihen Sie das Bild! ... Gut! Ich bin dazu bereit!« »Aber wie kommen Sie nur auf die Idee, als Teilhaber ...« Dietrich Hinrichsen hatte sich erhoben und stand breitschultrig und wuchtig da. »Weil ich nicht mein Leben lang für andere schuften will, Mr. Wilding!« sagte er mit starker Stimme, »sondern jetzt auch für mich und meine künftige Frau und mein Haus! ... Ich habe mit nichts angefangen! Aber ich will als wohlhabender Mann sterben, Mr. Wilding, und werd' es! Wenn es sein kann, mit Ihnen! Sonst – leider Gottes – gegen Sie!« »Das heißt, Sie drohen mir ...« »Gar nicht, Mr. Wilding! Ich bin die Höflichkeit selbst. Ich bin Ihnen erkenntlich für alles, was ich bei Ihnen und von Ihnen gelernt habe ... Es war nicht wenig ...« »Um mich jetzt zu verraten ... Pah!« sagte der alte Herr verächtlich, mit einer abwehrenden Handbewegung. »Pah ... ich kenne das! Sie sind der erste nicht von meinen jungen Leuten ...« »Erstens bin ich nicht junger Mann, sondern Prokurist, Mr. Wilding! Und zweitens will ich Sie nicht verraten, sondern Ihrer Firma dienen. Aber als Teilhaber, anders nicht ...« Wieder trat ein Schweigen ein. John Wilding trommelte mit den Fingern vor sich auf den Tisch. Auf seinen an sich feinen stillen Zügen kämpfte Überraschung und Gereiztheit mit der anerzogenen Ruhe eines alten Gentleman, der sich durch nichts, auch nicht durch die unerhörte Zumutung des robusten jungen Hanseaten vor ihm, aus der Fassung bringen ließ. Freilich: der hatte starke Schultern. Der trug das Geschäft. Man konnte einmal aufatmen ... ausspannen ... Von drüben klang es: »Ich bin ein Mann, der, was er tut, ganz tut, Mr. Wilding. Sie könnten sich drüben auf mich verlassen. Ich denke, Sie würden von da ab viel besser schlafen.« Der Citymann erwiderte nichts. Er machte nur eine abwehrende Handbewegung, als begriffe er je länger je weniger die Zumutung, einen solchen Vorschlag überhaupt ernst zu nehmen! Etwas anderes ging ihm dabei durch den Kopf ... Eine stille Hoffnung ... Auf dem leeren Stuhl da vor ihm hatte vorhin Mr. Fleck aus Manchester gesessen. Einmal hatten sie, wie es der alte Mathes gesagt, beide schon ihre Kinder miteinander verheiratet. Wenn sie es ein zweites Mal taten ... seine hübsche blonde Edith ... Augustus Fleck junior war scharf im Geschäft – der Sohn einer großen Firma ... Der alte Herr erhob sich. Er hatte seinen Entschluß gefaßt. Als er vor seinen Angestellten hintrat, war das wie der Zwiespalt zweier Welten: hier, hochmütige, durch den Herbst der Jahre ein wenig hilflose, angelsächsisch zähe Zurückhaltung – dort, in dem breiten Lächeln ihm gegenüber, jugendlich rücksichtsloses, beide Ellbogen brauchendes, teutonisches Draufgängertum. »Es tut mir von Herzen leid, Herr Hinrichsen! Aber da werden wir uns ja wohl trennen müssen!« Der alte Herr sagte es trocken. Er streckte aber dabei doch dem Prokuristen die Hand hin. Er schloß: »Ich sehe, Sie haben große Dinge im Kopf, Herr Hinrichsen! Zu große für mich! Ich will Ihrem Glück nicht im Weg stehen ...« »Nee ... Bitte ... Ich kündige meinerseits zum ersten Juli. Ich habe zuerst davon angefangen!« versetzte Dietrich Hinrichsen unbewegt. Und dann ernster: »Aber wünschen Sie mir nicht zu viel Glück, Mr. Wilding! Wenn ich im Auftrag der Hamburger nach Südamerika gehe, bring' ich Leben dort in die Bude! Anders als bisher! ... Ich leg' eine höllische Pace vor, wie man hierzulande sagt. Es wird heiße Kämpfe zwischen uns geben, Mr. Wilding!« »Das lassen Sie meine Sorge sein!« Der kleine Kaufherr verabschiedete seinen Angestellten durch eine kühle Kopfneigung, trat dann, während jener das Zimmer verließ, an das offene Fenster und schaute, die Hände auf dem Rücken, nachdenkend hinaus in das Gewühl der City, in dem der Grundsatz ›Zeit ist Geld‹ sich in sein Gegenteil zu verkehren schien. Denn alle diese Fahrzeuge auf der Straße, Omnibusse, Taxis, Cabs, Frachtkarren, schoben sich kaum Zoll für Zoll, langsam, ruckweise, vorwärts, und die Fußgänger stockten und stauten sich, mehr als sie schrittweise Boden gewannen, in dem rasenden, fiebernden Gewühl. Das Räderrasseln war so betäubend, daß John Wilding das Anklopfen und Eintreten eines neuen Besuchers in sein Zimmer gar nicht hörte. Erst als er sich umwandte, sah er sich plötzlich einem hübschen, schlanken, großen, sonnengebräunten jungen Mann in einem unenglisch hellen grauen Frühlingsanzug gegenüber, der seinen Strohhut – ein Strohhut in der City! – in der Hand hielt. Seine Gereiztheit machte sich Luft. »Wer sind Sie, Sir? Wie kommen Sie unangemeldet in mein Privatoffice, Sir? ... Sind Sie wieder von Dickson und Jeffries? ... Kommen Sie in Gummi? ... Ich mache nichts in Gummi! ... Es ist Schwindel bei den jetzigen Kursen, Sir! Das wissen Sie selber am besten!« Der junge Mann lachte aus vollem Hals. »Beruhige dich, Onkel!« sagte er auf deutsch. »Ich komme nicht in Gummi! Ich wollte dir bloß guten Tag sagen! Ich bin dein Neffe Helmut Merker aus Deutschland ...« »Ach so ...« Der alte Citymann war mehr verdutzt als freundlich. »So so ... Bitte ... setz dich!« »Danke! Ich hatte dir schon nach Rosemary-Hills geschrieben ... leider ohne Antwort ...« »Ja ... ich wollte das noch von hier aus tun ... Ich hab' so viel Geschäfte ... Ich kam noch nicht dazu ...« »Das ist aber nicht sehr freundlich, Onkel!« meinte der Leutnant Merker unbefangen. »Ein paar Zeilen hättest du mir schon schicken können! Sieh mal ... ich bin in Deutschland doch auch nicht der erste beste! Ich bin doch immerhin Offizier ...« John Wilding sah seinen Gast etwas unbehaglich an. Er wußte nicht recht, was er aus ihm machen sollte. Er hatte gar keine Fühlung mit Deutschland. Er hatte die dortige Verwandtschaft nur in ganz unbestimmten Umrissen im Kopf, durch den ihm auch immer wieder der Bruch mit seinem Prokuristen ging. »So? Du bist Offizier?« sprach er, um nur etwas zu sagen. »Bist du's gern?« »Mit Leib und Seele, Onkel!« »Und bist du auch gut gestellt? Beziehst du ein hübsches Gehalt?« Helmut Merker mußte über diese Auffassung seines Berufs lachen. »Nee, Onkel!« sagte er. »Seide spinnt man beim Kommiß nicht! Soll man auch nicht! Ich komme so grade mit Anstand durch! Offen gestanden: Mein Bruder, der Chemiker in Ludwigshafen, hat mir bisher durchgeholfen. Und dann verdiene ich auch ein wenig Geld durch Übersetzen militärwissenschaftlicher Werke – namentlich aus dem Englischen, Onkel ...« Das Gesicht seines Oheims wurde merklich kühler. Es lag darauf die unwillkürliche Mißbilligung des Londoner Citymanns gegen Menschen ohne Bankkonto. »Ja – wie denn?« meinte er langsam. »Du schriebst doch ... deine Mutter ist eine Frankfurter Wilding ... Ich höre doch immer, daß die Firma dort so prosperiert ...« »Oh und ob! ... Die Wildings dort sind große Leute. Die sind geadelt. Der Alte, der Bruder meiner Mutter, ist Geheimer Kommerzienrat. Die dünken sich Gott weiß was! ... Ich bin eigentlich deswegen nie zu ihnen hin ... Meine Mutter hat doch seinerzeit ein bißchen sehr abseits von ihnen geheiratet ... in Gymnasialkreise hinein ... den ehemaligen Hauslehrer ihrer Brüder ... Das haben sie ihr nie so recht verziehen! Die Fühlung ist so allmählich verloren gegangen – weißt du ...« »Zwischen uns und dem Frankfurter Haus schon seit einem halben Jahrhundert!« sagte der alte Kaufherr und unterdrückte ein Gähnen der Müdigkeit. »Seit mein seliger Vater nach 66 sein Geld dort aus der Firma zog, um sich hier zu etablieren! Da kam es zum Zerwürfnis ... Ich war damals ein junger Mensch ... das alles ist schon so lange her ...« Er schloß wieder halb die Augen. Dann frug er: »Nun – und was machst du hier?« »Gott ... ich hab' Urlaub ... ich schau' mir England an ... und bei der Gelegenheit wollt' ich auch mal den Verwandten guten Tag sagen ...« »O ja ... das ist sehr nett von dir!« pflichtete der alte Herr bei. Aber sein Blick hing in Sehnsucht an dem unerledigten Stoß von Geschäftsbriefen vor ihm. In einer Stunde, gegen zwei Uhr nachmittags, war Geschäftsschluß. Dann leerte sich die City in Blitzesschnelle. Das »Lange Wochenende« brach an. Bis Dienstag morgen herrschte Ruhe in allen Hauptbüchern und Geldschränken rings um die Bank von England. Da lag dies verwünschte Schreiben, daß der Wechsel von Guzman und Johnson in Protest gegangen ... so und so viel tausend Pfund Verlust zwischen Old Broadstreet und Valparaiso ... Drüben sagte harmlos fröhlich der jugendliche Besucher: »Gestern hab' ich schon Edith kennen gelernt! Sie läßt dich grüßen. Ich bin mit ihr im Auto von Dover bis hierher gefahren ...« »Oh ... bist du?« Bei der Erwähnung seiner Lieblingstochter wurde das stille, gedrückte Gesicht viel heller. Er schaute den deutschen Neffen freundlicher an. »Nun ... ich hoffe, wir sehen dich noch und auf länger. Ich kann dich leider jetzt gar nicht einladen. Ich esse selbst im Klub ... Da sind lauter alte Geschäftsleute ... das würde dich nur langweilen ... Aber in nächster Zeit ist meine Frau zurück ... Vielleicht kommst du einmal über Sonntag aufs Land!« »Na – jedenfalls will ich vorläufig nicht weiter stören!« sagte Helmut Merkel und erhob sich. Er ahnte jetzt auch, daß die Börsenzeit sich nicht für Plauderstündchen eignete. Der alte Wilding begleitete ihn bis zur Tür. Im Vorraum stand wieder sein Freund, Mr. Mathes, das Original, breitbeinig, eine Zigarre schief im Mundwinkel, einen alten Mantel nachlässig über die Schulter geworfen. Er wartete kaum die Vorstellung des jungen Mannes ab und schrie: » All right, Johny, ich hab' meine paar heutigen Angelegenheiten schon mit deinem Herrn Hinrichsen geordnet. Mit dem Mann kann man reden! Halt dir den mal warm! Das ist eine Perle! ... Good bye! « Er achtete nicht auf das bekümmerte Lächeln seines alten Freundes, sondern stieg, die Tür hinter sich zuschmetternd, mit dem Leutnant Merker die Treppe hinab. Er war den ganzen Vormittag in der City unterwegs, kannte jedermann und schloß sich leicht an jeden an, ein einsamer alter Junggeselle, den daheim niemand außer einer bejahrten, ihm ewig Furcht vor hinterlistigen Heiratsplänen einflößenden Haushälterin erwartete. So traten sie zusammen auf die Straße, Helmut Merker eigentlich von dem Besuch bei dem Onkel recht enttäuscht. Auch die Geschäftsbureaus selber hatte er sich viel großartiger vorgestellt. Er wußte nicht, daß bei der Enge des Raumes in der City auch reiche Leute sich mit wenig Platz begnügten, viele absichtlich etwas im altmodischen Äußeren ihres Kontors suchten. Um ihn war ein sonderbares gedämpftes Summen, wie vor einem Bienenstock. Sie gingen durch ein Netz winkliger Gassen, hinter der Bank von England, mittelalterliche Engpässe, über deren Asphalt kein Wagenrad fahren durfte. So war hier eine plötzliche unheimliche Stille, trotz der vielen Menschen, und eine große Börse unter freiem Himmel. Die Gentlemen standen, manche den Zylinder im Nacken, die meisten mit bloßem Kopf und die Hände in den Taschen, in Gruppen, mitten auf der Straße, verhandelten, schickten kleine Burschen mit Zetteln fort, liefen barhäuptig um die Ecke – immer nur Männer – junge Männer – selten einmal ein weibliches Wesen: ein Maschinenfräulein ... eine Kontoristin ... auch sie eilig wie die anderen ... ein Fieber über allem ... eigentümlich gespannte Gesichter ... unruhige Augen ... durch die Fenster aufgeregte Geschäftsgespräche – das Stampfen der Kopierpressen, das »Hallo« des Telephons ... Depeschenboten ... »Ja, mein lieber Herr Leutnant!« sagte der alte Mr. Mathes und warf seinen Zigarrenstummel einem gierig danach haschenden zerlumpten Strolch vor die Füße. »Hier wird nun so das Geld gemacht. Hier steht die große Suppenschüssel! Da kann jeder mithalten, der 'nen Löffel hat. Um ein Pfund Sterling können Sie sich schon 'ne Aktie kaufen und dafür 'nen Kaffern in Transvaal in die Mine klettern lassen oder einen Kuli in Indien in der Teeplantage schuften oder einen Malaien vor den Schiffskesseln im Roten Meer den Hitzschlag kriegen ... alles für zwanzig Reichsmärker ... Und Sie selber ziehen unterdessen Frack und weiße Binde an und gehen ins Savoyhotel zum Dinner. Drüben in Whitechapel sterben die Leute dabei vor Hunger auf offener Straße. Das darf Sie nicht stören! Gute Nerven, und Sonntags dreimal in die Kirche! Der liebe Gott wird schon wissen, warum er gerade die Engländer so lieb hat!« Er mußte seinen heiseren Baß verstärken. Sie näherten sich Fleetstreet. Um sie war ein atemloses Hasten und Fahren und Lärmen – Menschen – Menschen ohne Ende – in schwarz strömenden Wällen – alles eingehüllt in einen zähen, gelben, donnernden Nebel ... »Ja ... Sie erstaunt das!« sprach der verwilderte Londoner Junggeselle. »Mich nicht mehr! Ich mach' das nun schon fünfzig Jahre so mit! ... Es ist ein tolles Volk! ... Ich werd' mein Leben lang kein rechter Engländer!« »Warum sind Sie's denn dann geworden?« Das ungekämmte Original blieb stehen und lachte. »Hoho, Sie junger Mann – was wissen denn Sie von damals? Wissen Sie, was ich war, wie ich hierherkam? Ein kurfürstlich Hessen-Kasselscher Untertan! Nu berufen Sie sich mal irgendwo auf der Welt auf den Schutz von Hessen-Kassel! ... Vogelfrei war man, mein Liebster! Und kroch am besten so rasch wie möglich bei den Englishmen unter!« »Aber nach Siebzig hat sich das doch alles ganz geändert!« »Ja!« sagte Mr. Mathes, »und ich will Ihnen gestehen: ich hatte damals so eine Anwandlung und bin eines schönen Tages zu einem deutschen Konsul gegangen, um mich wieder naturalisieren zu lassen! ... Herrgott ... hat mich der Mann behandelt ... wie einen Stiefelputzer!... Da hab' ich mir gesagt: Danke! Da bleib' ich lieber ein freier britischer Bürger!« Sie schritten weiter, und dem Leutnant stieg das Blut ein wenig zu Kopf und er sagte: »Wissen Sie: an solchen Deutschen, die durch irgendeinen groben Beamten ihr Deutschtum gleich wieder verlieren, an denen hat das Reich auch nichts verloren!« Er biß sich hinterher selbst auf die Lippen wegen seiner Unhöflichkeit. Was ging ihn denn schließlich das alte Rauhbein da neben ihm an? Aber zu seinem Erstaunen nickte der ihm erfreut zu. »Sehen Sie ...« sagte er. »Herr ... Herr ... na ... ganz egal, wie Sie heißen ... solch eine Antwort hätt' man früher nicht gegeben ...« »Na ... ich meinte es ja nicht böse ...« »Da waren wir Deutsche zu bescheiden, da waren wir die Grünhörner ... standen in der Ecke ... es freut mich, daß ihr jetzt endlich Haare auf die Zähne kriegt ... dort drüben! Unsereiner ist ja zu alt! ... Na ... wenn Sie heimkommen – grüßen Sie mir Deutschland!« Er drückte dem andern die Hand, griff flüchtig an seinen Schlapphut und stieg bedächtig die Stufen zu einem Austernkeller hinab. Helmut Merker ging langsam allein durch das Menschengewühl gen Westen weiter. Er fühlte einen eigenen Trübsinn. Er fand selbst nicht dessen Grund. Er dachte sich: sehr freundlich war der alte Wilding gegen mich gerade nicht. Es scheint der Gesellschaft hier furchtbar egal zu sein, ob sie noch Verwandte in Deutschland hat. Na – uns kann's umgekehrt ebenso Wurst sein! Schluß! Dann fiel ihm ein: Weshalb hab' ich nur zu dem Onkel gleich ›Du‹ gesagt und zu seiner Tochter gestern ›Sie‹? Es kam mir so ganz von selber. Der Alte besitzt doch noch mehr Deutsches in seinem Gesicht. Die Edith aber ... da hatte man von vornherein das Gefühl, einer Miß gegenüber zu sein. Nein. Doch nicht ganz! Sie war viel lebhafter. Und schien ihm auch viel hübscher als sonst die hageren, vom Sport verwitterten Engländerinnen. Er sah diese klaren, regelmäßigen, ein klein wenig sommersprossigen Mädchenzüge mit den freimütigen blauen Augen und den halboffenen roten Lippen im Geist vor sich, und plötzlich begriff er die Ursache seines Verdrusses: Er hatte immer noch heimlich gehofft, heute, nach seinem Besuch in der City, irgend einmal am Tage mit Edith und ihrem Vater zusammen zu sein. Aber diese Familie besaß ja keinen Zusammenhalt. Jeder ging auf eigene Faust seiner Wege. Heute abend reiste Edith nach Schottland ... Ein struppiger Karrengaul neben ihm an der Bordschwelle trug in seiner Mähne die hellblaue Schleife von Cambridge, ein Droschkenkutscher dort drüben hatte ein Stückchen Dunkelblau von Oxford in das Ende seiner Peitschenschnur geknüpft. Eine blasse Verkäuferin, die über die Straße huschte, hatte ein hellblaues Band im Haar, die elegante Lady drüben im Auto einen Veilchenstrauß an der Brust. Bis mitten in den Kampf ums Dasein der Siebenmillionenstadt zog das ferne Wettrudern von sechzehn Studenten seine Kreise. Nah von Helmut Merkers Hotel hielten Reihen von hell- und dunkelblau geschmückten Automobilomnibussen. Die Schaffner luden die Vorübergehenden zum Einsteigen ein. Man würde unmittelbar bis an den Ort der Regatta fahren. Er nahm Platz. Es dauerte wohl eine Stunde und mehr, bis man, eine Brücke überquerend, die Themse bei Mortlake erreichte, und sein erster Eindruck bei deren Anblick war: um Gottes willen, wo kommen denn diese meilenlangen, riesigen Kohlenlager am Strand des Flusses her? Dann merkte er erst: was da schwarz, so weit man sehen konnte, die Ufer einsäumte, das waren alles Menschenköpfe – Menschenmassen – Zehntausende – Hunderttausende, und auf all den Gesichtern lag, als er ausstieg und sich unter die Menge mischte, seltsam ähnlich wie drüben in der City eine unruhige Spannung. Die beiden großen Triebfedern dieses Britenlandes: Sport und Geld ... Ein Fährmann trat, seine Kappe lüftend, auf ihn zu. Er wollte ihn hinüberrudern, auf das andere Ufer. Dort waren viel weniger Leute. Nur ein dünnes schwarzes Geriesel, dazwischen große grüne Rasenflächen. Das hatte Edith schon gestern gesagt. Und auch, daß sie mit ihrer Gesellschaft sich auf jener Seite aufhalten würde. Zum Glück. Dort drüben war noch eine Hoffnung, sie zu finden. Hier verlor sich der einzelne in der Völkerwanderung wie eine Stecknadel am Meer. Es war ihm jetzt klar, daß er nur ihretwegen hier draußen war. Ganz von selbst. So als ob das so sein müßte. Diese Ruderei an sich war ihm herzlich gleichgültig. Er ließ sich übersetzen, mit der Uhr in der Hand, als hätte er etwas Wichtiges zu versäumen. Er lief, jenseits gelandet, suchend von der Tribüne flußabwärts, durch Menschengruppen, stieg auf eine kleine Anhöhe, spähte, kam wieder zurück, das alles in einer Ungeduld, mit einem Herzklopfen, das ihm selber nachgerade lächerlich erschien, und mit einem wachsenden Zorn über sich und über das Vergebliche seiner Bemühungen. Dann blickte er auf. Es zuckte ein Stoß, eine Bewegung durch all die Menschen um ihn, ein Summen und Brausen. Es war Nachricht gekommen: die Boote hatten den Start in Putney verlassen. Die Regatta befand sich, noch fern von hier, in vollem Gang. In erwartungsvoller Spannung verstrichen Minuten auf Minuten. Schon bald eine Viertelstunde. Helmut Merker stand jetzt ärgerlich auf einer Stelle. Das Herumirren hatte keinen Zweck. Edith Wilding war nicht da! Wahrscheinlich war sie schließlich doch am andern Ufer geblieben. Von dort wurde mit Kappen gewinkt. Man hatte dort telephonische Nachrichten von unterwegs. Ein dicker Mann neben dem jungen Deutschen fing diese Zeichen auf und brüllte: »Oxford an der Spitze! Zwei klare Längen!« Um ihn und sein Geschrei herum entstand eine Bewegung in der Menge. Auch Helmut Merker wandte sich nach ihm. Da begriff er nicht, wo er bisher seine Augen gelassen hatte: kaum zwanzig Schritte von ihm entfernt stand ein hellblondes, schlankes Mädchen in weithin leuchtendem lila Rock und Jacke und großem Hut mit lila Schleife ... Er hatte bisher wohl schon zwanzig Misses auf den ersten Blick aus der Entfernung für Edith Wilding gehalten, aber diesmal war sie es wirklich! Und ebenso Mac Gregor, der graue Otternhund, ihr unvermeidlicher Begleiter. Sie erkannte Helmut Merker, kam aus der Gruppe ihrer Freunde auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. Es war ein Druck, so kräftig wie bei einem jungen Mann. Über seine Anwesenheit hier wunderte sie sich gar nicht. Es schien ihr selbstverständlich, daß jeder Mensch, dessen Zeit und Gesundheit es erlaubte, beim Oxford-Cambridge-Rennen nicht fehlen durfte. Sie frug nur: »Oh ... Sind Sie also auch über den Fluß hinüber?« »Ja. Ich dachte, ich würde Sie hier treffen!« Sie lachte. Es schmeichelte ihr offenbar ein wenig. Aber sie blieb ganz unbefangen. Sie ging, die Hände in den Taschen ihres Jäckchens, den hübschen Kopf leicht geneigt, einen Grashalm zwischen den Zähnen, wie ein Kamerad auf dem Sportplatz, neben ihm her. Um ihre Gesellschaft da hinten kümmerte sie sich weiter nicht. Hier tat jeder, was er wollte. »Waren Sie bei Pa?« »Ja. Aber nicht lange. Er hatte zu tun!« Sie nickte. »Oh ... Er hat immer zu tun. Er muß immer arbeiten. Das ist noch das Deutsche in ihm. Wir müssen oft darüber lachen!« Dann waren, nach dieser kurzen Ablenkung, alle ihre Gedanken wieder beim Sport. Sie schirmte die Augen mit der flachen Hand und spähte, ernsthaft wie ein Lotse am Steuerrad, den Fluß abwärts, auf dessen stillem leerem Spiegel nur ein paar Polizeiboote zu sehen waren. »Oxford zwei Längen ...« sagte sie gedankenvoll, als handle es sich um ein schwieriges wissenschaftliches Problem ... »Wo gehen Sie denn hin, wenn Sie aus Schottland zurück sind?« Sie antwortete nicht. Sie überhörte die Frage. Es gab jetzt nur Oxford-Cambridge. Es gab nur den Sport. Und es war ihr hier, auf diesem klassischen Regattaboden, ganz gleich, ob sie ihre Hoffnung auf den Sieg der Oxonians mit einem männlichen oder einem weiblichen Wesen an ihrer Seite austauschte. So schien ihm. Immerhin schlenderte sie unterdessen mit ihm immer weiter, von ihren Bekannten weg. Er dachte sich: Wie will sie die nachher in dem Trubel nur wiederfinden? Das muß sie sich doch selbst sagen! Und dann: na – meine Sache ist es nicht! Und um so besser für mich ... »Jetzt sind sie bald an der Flußbiegung!« sprach Edith grüblerisch. Man merkte ihr förmlich das Herzklopfen der Erwartung an. Er sah lächelnd von der Seite auf sie, mit einem innigen Wohlgefallen. Das war alles so voll Frische und Gesundheit. Alles aus einem Stück. So heiter. So natürlich. Er empfand eine tiefe Befriedigung, daß er sie doch noch glücklich hier draußen erwischt hatte. Ein jäher Ruck am Arm riß ihn aus seiner Versunkenheit. Sie hatte ihn mit einem unwillkürlichen, bebenden Griff gepackt – sie deutete mit der andern Hand in die Ferne, sie rief atemlos: »Sie kommen! Sie kommen!« Sie kommen! Es war ein Aufschrei von Zehntausenden zugleich, der die Luft erschütterte. In der kreiste plötzlich, man wußte nicht woher, hoch oben – wie aufgescheuchte Riesenvögel – ein Schwarm vorausgeeilter Aeroplane. Drunten verdunkelte sich der Fluß von den Rauchwolken einer ganzen Flotte eilig heraufdampfender, über und über von Menschen schwarzer Schiffe. Kleine Barkassen, Motorfahrzeuge, Kähne wimmelten dazwischen auf den aufgeregten Wellen – voraus, durch die leere Wasserfläche, schossen die Mittelpunkte des Ganzen – zwei schmale Rennboote mit je acht, in rasendem Taktschlag, wie die Irrsinnigen rudernden Gestalten. » Oxford is leading! ... Oxford is leading! « Edith Wilding schrie es begeistert. Sie hatte sich auf die Fußspitzen gestellt. Sie schwenkte ihr Taschentuch. Sie wiederholte selig, als sei der höchste Sieg auf Erden errungen, immer aufs neue: » Oxford is leading! « Er schüttelte sich vor Lachen über ihren Jubel. Und doch war sie ihm noch nie so reizvoll erschienen als gerade in diesem Moment völligen Selbstvergessens, Aufgehens in der glorreichen Ungewißheit des Spurts, mit dem stürmisch vorgeneigten Blondkopf, den geröteten Wangen, den leuchtenden blauen Augen. Nun war das große Schauspiel schon vorüber. Die Boote hatten hinter dem Ziel gestoppt. An Stelle des kurzen Fieberanfalls der Massen trat befriedigte Stille, englische Fischblütigkeit, wunderbare Ordnung, in der alles ineinander und durcheinander flutete. Es zog sich drüben in langen schwarzen Strömen quer über Land nach den Bahnhöfen. Auf der Straße nach Hammersmith sah man eine halbe Stunde weit eine Wagenburg geduldig haltender und zollweise vorrückender Automobile. Edith Wilding schien durchaus keine besondere Eile zu haben, wieder zu ihrer Gesellschaft zu gelangen. Es war auch eine ziemliche Strecke, die sie beide den Fluß hinuntergegangen waren und nun zurück mußten, und was er schon im stillen erhofft hatte, wurde jetzt zur Gewißheit: es erwies sich als ganz unmöglich, in dem Gewühl auch nur auf zehn Schritte Entfernung jemanden zu finden. Das junge Mädchen nahm das sehr gleichmütig auf. »Ich denke, meine Freunde haben mich schon verloren gegeben!« sagte sie, »und sind über die Themse zu unserem Auto zurück. Nun – ich treffe sie ja heute abend auf dem Bahnhof.« »Aber sie werden sich um Sie ängstigen!« Sie machte große Augen. Sie verstand ihn da wieder einmal nicht. Ängstigen? Wieso? Man hatte doch gesehen, daß sie mit einem Gentleman fortgegangen war! Was konnte ihr da zustoßen? Und der Vater? Ob der ihr nicht Vorwürfe machen würde? Ja, um Gottes willen – was ging denn das Pa an, was sie den Tag über trieb? Sie war doch ein erwachsener Mensch ... »Kommen Sie!« meinte sie heiter. »Wir gehen jetzt einfach hier weiter nach Richmond und setzen uns da auf die Bahn. Da haben wir vorher noch eine nette Teestunde am Fluß.« Er hatte das plötzliche unbestimmte Gefühl, als habe sie, bei all ihrem Sporteifer, diese Trennung von ihrer Gesellschaft nicht ganz unabsichtlich eintreten lassen. Es schien ihr vielleicht amüsanter, mit dem deutschen Vetter zusammen zu sein, als mit diesen Leuten, die sie längst in- und auswendig kannte. Er sagte sich in einer jähen Hoffnung: Aber dann muß ich ihr doch gefallen! ... Bei dem Gedanken wurde ihm siedend heiß ums Herz. Anmerken konnte er ihr nichts. Sie war ganz harmlos und wanderte leichtfüßig mit viel längeren Schritten, als er's bei einer Dame gewohnt war, neben ihm her am grünen Strand der Themse und ließ sich die herbe salzige Frühlingsbrise um die Ohren blasen und schaute sich zuweilen um, ob der schon etwas asthmatische Mac Gregor, ihr vierbeiniger Liebling, hinter ihnen herkeuche. Dann saßen sie zusammen in Richmond beim Tee. Im Freien, in einer Holzveranda, die gegen das Themseufer vorsprang. Noch war der Spiegel des Flusses grau und leer, die Hunderte und Aberhunderte von Booten, die später an schönen Sommertagen enggedrängt, beinahe Bord an Bord, die Wasserfläche bedecken sollten, lagerten noch am Strand in ihren Winterschuppen. Die Ranken um die Holzgitter des Vorbaues, auf dem der Kellner das Fünfuhrbrot richtete, trugen kaum sichtbare grüne Knospen. Die Bäume umher waren noch kahl. Es war die erste ahnende Herbheit des Vorfrühlings in der Luft, ein Sonnenglitzern drüben über dem Wasser. Ein jäher Windstoß. Von unten, von den Booten her, kam ein kräftiger Geruch von frischer Ölfarbe, Hammerschläge, die Stimmen der Schiffsbauer. Aber es war alles noch wie im Winterschlaf, halb verträumt. Helmut Merker schloß eine Sekunde die Augen. Da war es, als hörte man durch das gedämpfte Pochen nah und fern förmlich die Stille dieses lieblichen Erdenwinkels ... Man war wie in einem kleinen Stückchen Wunderland ... Man fühlte um sich den Frühling ... eine quälende, übermütige, glückselige Sehnsucht ... »Kellner, bitte, noch ein paar Buttertoasts!« sagte freundlich neben ihm das junge Mädchen. Sie hatte alles, was eßbar war, in ihren Bereich gezogen, kleine Kuchen und Cakes und Marmelade und Grahambrot, und trank dazu einen schweren, bernsteinfarbenen Teeaufguß und schenkte ihm ein. Sie hatte einen gesegneten Appetit. Er mußte lachen, als er sie so friedlich und emsig kauen und dabei aus ihren schönen blauen Augen ruhig über das englische Land hinblicken sah. Er war aus seinen unbestimmten deutschen Träumen in die Wirklichkeit zurückgeführt und nahm sich dankend, als sie ihm kameradschaftlich die vom Kellner im Laufschritt herbeigebrachte Platte mit heißen Butterschnitten hinhielt, und dachte sich: In diesem Lande ißt man eigentlich immer ... »Es ist ein hübscher Platz! Ist er's nicht?« frug Edith. Er gab keine unmittelbare Antwort. Er meinte: »'s ist doch eigentlich komisch! Wie ich heute zu Ihrem Vater kam, habe ich gleich ›Du‹ und Onkel zu ihm gesagt. Das schien mir ganz selbstverständlich. Und Sie sind doch seine Tochter, und doch nennen wir uns Sie ...« Edith Wilding entschloß sich zu einem letzten Buttertoast. »Oh ... im Englischen haben wir doch kein rechtes ›Du‹!« sagte sie. »Wie man das im Deutschen hält, das müssen Sie doch besser wissen als ich!« »Na natürlich duzt man sich bei uns mit seinen Verwandten! Weißt du was: wir wollen uns auch du nennen, Edith ...« Wider seinen Willen wurde er ein bißchen rot. Er war ganz aufgeregt. Er hielt ihr über den Tisch die Hand hin, damit sie einschlagen sollte. Sie deutete seine Bewegung anders. Sie schob ihm die Schale mit Orangenmarmelade hinüber, nach der er nach ihrer Meinung Verlangen trug, und versetzte dabei unbefangen, ihm klar ins Gesicht sehend: »O ja!« »Das ist aber ein bißchen wenig! Du mußt mir auch etwas sagen mit Du!« Sie lachte. »Du bist so komisch!« sprach sie. »Du bist so ganz anders als wie die Leute hier!« »Wieso denn?« »Ja – ich weiß nicht! Wenn du etwas sagst, meint man immer, da ist noch etwas dahinter, was du nicht sagst ...« »Etwas Böses?« »Oh! O nein! ... Vielleicht ist das immer bei euch in Deutschland so!« Sie lachte plötzlich wieder und legte ihre langen schmalen Sporthände auf dem Tisch ineinander. »Du machst ja auch Verse!« »Ja, leider!« gestand er gutmütig, wieder mit einem Anflug von Röte. Ihre naive Sicherheit verwirrte ihn. »Die mußt du mir einmal vorlesen! Sie sind gewiß ein gutes Ding ...« »Später – wenn wir uns erst besser kennen, Edith!« Er sprach es ernster. Die beiden jungen Leute schwiegen. Sie sahen sich nicht mehr recht an. Sie waren plötzlich beide verlegen. Seine Befangenheit hatte auch sie angesteckt. Um irgend etwas zu tun, beugte er sich zum Boden nieder und fütterte den dort kauernden Otternhund. Das stachelhaarige häßliche Geschöpf war bisher gegen ihn ausgesprochen unliebenswürdig gewesen. Es hatte ihn als einen Ausländer gemißbilligt. Auch jetzt wollte es nichts fressen. Aber sonderbar: es wedelte ein bißchen, prüfte ihn noch einmal mit seinen schönen Augen und leckte ihm dann die Hand. Edith hatte es bemerkt. Sie kniete neben ihrem Liebling nieder, streichelte ihn und rief, zu dem jungen Mann aufschauend, begeistert und gerührt: »Sieh nur! Mac Gregor hat dich lieb.« Und er blickte auf dies schöne Mädchengesicht hinab, das mit halboffenen Lippen da unter ihm lachte, und dachte sich in Wehmut und Verlangen: Ach ... hättest du mich doch ein bißchen lieb ... Sie hob sich elastisch auf die Füße und drängte jetzt plötzlich selber zum Aufbruch. Sie kam sonst zu spät nach London! Der »Fliegende Schotte« wartete nicht. Sie gingen durch die stillen, sauberen Gartenstraßen von Richmond bis zur Bahn und fanden einen Zug und fuhren, eingepreßt in eine Menge Volks, das vom Rennen heimkam, nach London hinein und stiegen da auf irgendeiner Station aus. Helmut Merker hatte keine Ahnung, in welchem Teil der Riesenstadt er sich eigentlich befand. Er fühlte sich in diesem Gewühl ein wenig hilflos und noch dazu mit der Sorge um eine Dame belastet, aber die warf nur einen raschen Blick nach vorn und sagte: »Oh ... da steht ja schon ein Bobby!« und stiefelte mit langen Schritten auf den nächsten Schutzmann zu und bat ihn höflich, aber doch so, wie man die Dienste eines Angestellten in Anspruch nimmt, sie quer durch die Menge zu einer Automobildroschke zu geleiten, und setzte sich mit einem flüchtigen Kopfnicken des Dankes drinnen zurecht, und Helmut Merker wunderte sich, während der Wagen dahinschoß, von neuem, wie sicher solch ein junges Mädchen ihren Weg fand, und selber für sich sorgte und kühl den Kopf oben behielt, so als wäre eigentlich ganz Großbritannien nur um ihretwillen da. Das Wildingsche Haus in Belgravia, vor dem sie hielten, enttäuschte ihn ebenso wie vormittags die Geschäftsräume der Firma in der City. Die englischen Wildings mochten doch wohl nicht so blödsinnig reich sein, wie man sich das daheim in Deutschland immer erzählte. Das war offenbar durch Hörensagen sehr übertrieben worden. Dies Gebäude hier, schmalbrüstig und eng, mit seinen vier Fenstern Front und drei Stockwerken aus Rohziegelbau sah nach nichts aus. Genau eben solche Häuser standen rechts und links, die Straße hinunter, bis zum Grosvenorplatz. Sie glichen einander wie ein Streifen noch zusammenhängender Briefmarken. An vielen waren die Läden noch geschlossen. Die gute Gesellschaft weilte noch auf dem Land oder im Süden. Sie kam erst Anfang Mai nach London. Edith Wilding erzählte das ihrem Vetter, während sie zusammen vor dem Hause standen. Sie sprach das Wort: »Gute Gesellschaft« häufig aus und immer mit einem gewissen Nachdruck, einem Ernst. So redete man in Deutschland etwa von Thron und Altar. Die »Society« spielte offenbar in ihrem Denken eine große Rolle, nach oder mit dem Sport die erste. Sie hatte ein paarmal schon eine verheiratete Freundin erwähnt, die »betitelt« sei – adelig – eine Honourable! und eine andere, eine Miß so und so, war durch einen Scheffel Erbsen mit irgendeinem Carl verwandt, ohne daß allerdings, wie es schien, der edle Lord davon übertriebenen Gebrauch machte. Das alles kam sehr harmlos heraus, drollig in seinen Augen. Sie gingen langsam auf dem ganz menschenleeren Bürgersteig auf und ab. Es fing an zu dämmern. Ein kalter Windstoß fegte die Straße hinunter, wirbelte Staub und Zeitungsfetzen auf, pfiff um die Ecke. Er frug besorgt: »Wirst du dich nicht erkälten?« Wieder mußte sie über ihn den Kopf schütteln. Erkälten? ... Man gehörte doch zu den respektablen Menschen! ... Man hatte doch den ganzen Tag Zeit, Sport zu treiben, sich abzuhärten ... Man hatte seinen Tub mit eiskaltem Wasser ... Kleine Leute kriegten den Schnupfen ... Krämer in ihren heißen Läden ... Komisch: diese kontinentalen Gedanken ... Dabei schaute sie aber ihren Gefährten freundlich an. Sie gefielen einander. Sie merkten es allmählich auch beide. Er dachte, sie würde ihm jetzt Lebewohl sagen und in das Haus treten, dessen Türspalt ein dicker glattrasierter Diener schon einmal geöffnet hatte. Aber sie setzte ihre Wanderung mit ihm auf und ab noch fort und tat zu seinem Erstaunen etwas, was er nie erwartet hätte. Sie frug ihn plötzlich nach Deutschland. »Du bist also dort Offizier?« »Ja.« »Mußt du da auch bald einmal hinüber?« »Wohin denn, Edith?« »Nun ... in die Kolonien!« Nach ihrer Auffassung waren die Soldaten hauptsächlich dazu da, die schwarzen, gelben und braunen Menschen dieses Erdballs im Schach zu halten, damit sie das Geldverdienen der Weißen nicht störten. Er verneinte lächelnd. »Mein Regiment nicht!« »Ist es ein ... ein sehr selektes Regiment – mit guten Leuten darin?« »Ein selektes ...? Ach, so meinst du ... Nee ... mit dem Gothaer Almanach haben wir wenig zu schaffen!« sagte Helmut Merker aufrichtig. »Es ist ein neuformierter Truppenteil. Fast nur Bürgerliche! ... Aber alles reizende Leute ... Ein famoser Geist ... Donnerwetter ja ... und dann die Garnison ... mein Bataillon liegt an der Bergstraße ... in der mildesten Gegend Deutschlands ... da blühen jetzt schon längst alle Obstbäume – es ist weiß wie Schnee von Blüten ... und überall wächst der Wein ... und im Sommer kannst du die Mandeln direkt vom Baum und die reifen Feigen aus der Hecke pflücken. Es ist wie in Italien!« »Oh,« sagte sie gedehnt. Das wunderte sie. Aber es kam ihr nicht in den Sinn, in das Wort eines Gentleman den leisesten Zweifel zu setzen. Er wurde eifrig. Er fuhr fort: »Und weißt du ... das ist mit dem Wein so eine Sache ... Wo der in Deutschland wächst, da ist ein anderes Leben. Da sind die Leute lustig. Überall am Rhein. Und ebenso bei uns in der Pfalz. Das wirkt auch auf die kameradschaftlichen Verhältnisse bei uns ein. Ich sag' dir: Es ist ein zu fideles Regiment! ... Schon mehr so etwas Süddeutsches ... Gemütliches ... Der Oberst kein Spielverderber. Die Kommandeuse jung und lustig. Die anderen Damen auch! ... Gott ... was haben wir schon für Geschichten angestellt ... Picknicks ... und Maskeraden im Winter ... und ein Jahrmarktsfest – bis aus Frankfurt sind da die Leute gekommen ...« »Oh!« meinte sie wieder. Er war ganz erstaunt, beinahe gerührt, daß sie sich endlich einmal für etwas, was ihn betraf, interessierte, und fügte hinzu: »Unser Weinkeller im Kasino zum Beispiel ist direkt berühmt ...« Das machte auf sie weniger Eindruck. Natürlich. Er begriff es. Sie forschte: »Hast du auch eine schöne Uniform?« »Dunkelblau mit scharlachroten Aufschlägen und auf dem Helm einen silbernen Greifen!« »So wie sie der Kaiser trägt?« »Na – so ungefähr!« »Kommt der Kaiser auch zu euch?« Er mußte lachen. »Alle Tage ja gerade nicht! ... Aber immerhin ... ein paarmal hab' ich Majestät schon zu sehen bekommen. Einmal, bei dem großen Kaisermanöver vor zwei Jahren, ritt er mit seinem Gefolge mitten in die Schützenlinie und redete mich auf die Gefechtslage an!« »Oh ... der Kaiser hat mit dir gesprochen?« »Ja.« Sie schwieg nachdenklich. Das imponierte ihr. Es dämmerte merklich und wurde immer kühler. Sie blieb vor dem Haustor stehen. Wieder war eine Pause. »Ich muß jetzt hinein und packen!« sagte sie endlich. »Nach Schottland. Wohin gehst du dieser Tage?« Es ärgerte ihn auf einmal, daß sie so kaltherzig von ihm weg- und ihrem Vergnügen im Norden nachfuhr. Er hatte das Gefühl, als täte sie ihm damit ein Unrecht. Es war ihm selber unerklärlich. Er hatte doch wirklich keinerlei Anspruch auf sie. Er kannte sie doch überhaupt erst seit gestern. Trotzdem übermannte ihn die Gereiztheit. Er erwiderte gesucht gleichgültig: »Gott... ich geh' wohl auch bald wieder aus London weg ... vielleicht nach Oxford ... dort ist mein Vetter, als Cecil-Rhodes-Stipendiat. Den wollt' ich einmal aufsuchen ...« Er sagte sich selbst: Wenn wir uns so trennen, dann kommen wir am Ende nie wieder zusammen! ... Es kämpfte ein Trotz in ihm – er wollte sich diesen britischen Wildings nicht aufdrängen – er merkte ja wohl: sie machten sich blutwenig aus ihm und der ganzen deutschen Verwandtschaft ... Dies junge Mädchen da auch, trotz ihres flüchtigen Interesses eben. Ein Lachs, den sie übermorgen in Schottland aus dem Wasser holte, verdrängte sicherlich in ihrem Kopf den letzten Gedanken an den deutschen Vetter. Aber trotzdem lastete es ihm auf einmal bleischwer auf dem Herzen, benahm ihm den Atem. Die Vorstellung: In diesem Augenblick siehst du sie zum letztenmal im Leben! Nein, das ging nicht. Er wollte sprechen, suchte nach Worten – da hub sie selber an: »Nun – wir haben ja deine Adresse in Charing Croß!« sagte sie gleichmütig und reichte ihm freundlich die Hand zum Abschied. »Da schicken sie dir ja einen Brief von uns nach!« »Ja – wenn ihr schreibt ...« »Natürlich hörst du noch von mir! Gute Nacht!« »Gute Nacht!« 3 »Zu komisch, daß wir uns hier erst, auf englischem Boden, über den Weg kommen! Du bist doch so nahe von uns in Garnison, Helmut! Du hättest längst meine Eltern in Frankfurt aufsuchen sollen!« Wolfgang von Wilding, der Oxforder Cecil-Rhodes-Stipendiat, reichte seinem Besucher, der ihm im vordersten der drei Zimmer seiner Collegewohnung gegenübersaß, Feuer für seine Zigarre. Er war ein paar Jahre jünger als Helmut Merker – gut gewachsen und tadellos gekleidet, mit länglichem, kluggeschnittenem Gesicht und der kühlen neudeutschen Sicherheit eines jungen Mannes aus bestem Hause. Denn es war nichts Geringes, dem Frankfurter Patriziergeschlecht der Wildings anzugehören. Er fügte hinzu: »Wir sind doch schließlich leibliche Vettern!« Der andere räusperte sich. »Na gerade deswegen können wir unbefangen darüber reden! Du weißt so gut wie ich, daß unsere Kreise verschieden sind und die Deinen die Heirat meiner Mutter nie gebilligt haben! Mein seliger Vater hat's ja schließlich bis zum Gymnasialdirektor gebracht! Er war ein angesehener Mann. Aber was ist das gegen euch! ... Ihr mit euren Millionen und dem neuen preußischen Adel und dein Vater Geheimer Kommerzienrat und ...« »Gott ... das ist doch alles nur äußerlich!« »Wir dagegen schlagen uns nur so eben mit Anstand durchs Leben. Ich bin ja Leutnant – aber mit einer verflucht geringen Zulage, die mir meine Mutter und mein ältester Bruder geben können. Der ist Chemiker. Mein anderer Bruder Offizier in der Handelsmarine. Das alles ...« »Eines versteh' ich nicht recht!« sagte der junge Patrizier. »Deine Mutter hat doch seinerzeit eine Mitgift erhalten, wie sie unseren Verhältnissen entsprach. Wenn wir auch damals lange nicht so viel hatten wie jetzt, so muß es doch schon eine ganze Ecke gewesen sein!« Der Leutnant Merker zuckte die Achseln. »Ich habe doch noch einen dritten Bruder!« sagte er. »Hugo heißt das Gewächs. Wo er augenblicklich steckt, wissen die Götter. Hoffentlich drüben in Amerika. An den hat Mama so ziemlich alles verschwendet. Und alles umsonst. Einfach um die Ecke! Fort mit Schaden!« »Ach so! Na ja ... so ungefähr dachte sich das mein Vater auch ... Also ... du kommst einmal nach Frankfurt, Vetter!« Helmut Merker antwortete nicht. Es ging ihm durch den Kopf: Nein. Als armer Verwandter mag ich nicht in der Bockenheimer Landstraße antreten. Dazu muß man reich sein. Reich werde ich nie in meinem Leben. Höchstens durch eine Heirat! ... Wenn ich dann da mit meiner Frau erscheine ... Und im selben Augenblick – es war lächerlich – sein Herz klopfte – er erschrak über seinen eigenen Einfall – sah er im Geist diese Frau vor sich. Lang, schlank, blond, unbekümmert, mit sportmäßig schlenkernden Schultern, lachend, daß die gesunden weißen Zähne blitzten, ein paar Sommersprossen in dem reizenden Gesicht ... Edith Wilding ... um Gottes willen! ... Und dann plötzlich: Ja – warum denn nicht? ... Und wieder: Ach Unsinn ... Er wandte erregt den Kopf zur Seite und schaute zum Fenster hinaus. Weithin dehnten sich da die uralten Bäume und grünen Wiesenflächen des Collegeparks. Zahmes Damwild äste auf ihnen. In der Ferne Sport- und Spielplätze aller Art, dahinter der Spiegel der Themse mit den Bootshäusern. Auf der anderen Seite sah man durch das Studier- und das Schlafzimmer in den Hof des College – ein Traum des Mittelalters – dämmernde Kreuzgänge, hohe Spitzbogen, bunte Kirchenfenster, Efeu an uralten Mauern – ein feierliches Schweigen der Vergangenheit über dieser Stille und Leere. Denn die Studenten waren alle fort, auf Osterferien. Nur der junge Deutsche, dem die Reise in die Heimat zu weit gewesen, war geblieben. Draußen sonnte sich ein mächtiger schneeweißer Angorakater auf dem Kies. Auch dies Tier hatte eine vornehme Ruhe an sich. Es war hier alles halb wie in einem Kloster, halb wie auf dem Schloß eines Lords – ein Edelrost der Jahrhunderte über den Dingen. »Und solche drei Zimmer wie du hat hier jeder im College?« »Jeder.« »Und du sagst: solche Colleges sind an die vierzig in Oxford?« »Ja. Und in Cambridge auch!« »Und du kommst natürlich hier mit deinem Cecil-Rhodes-Stipendium gar nicht aus?« Wolfgang von Wilding lachte. »Nee – weiß Gott! Ich brauche gut das Doppelte und Dreifache. Und dabei treibe ich so wenig Sport wie möglich! Sonst erst ...« Er brach ab und fügte ernster hinzu: »Ich hab' mich selbst gemeldet! Ich wollte her! Gerade als angehender Diplomat. Da bin ich ein weißer Rabe. Denn ich war in Deutschland nicht Korpsstudent! Ich hab' nie Sinn für diese Biertümpelei in unseren kleinen Universitäten gehabt. Die jungen Gentlemen hier, die reisen von Oxford aus um die Welt, schießen Tiger, reiten auf Elefanten, kennen in unserem Alter alle fünf Erdteile aus eigener Anschauung. Und bei uns in Göttingen oder so stecken sie sich inzwischen in Bierverruf, halten Biergerichte ab, trinken Bierjungen ... Und pfropfen dann nach drei Semestern die herkömmliche Juristerei drauf. Und wenn sie dann auf das wirkliche Leben losgelassen werden, dann blamieren sie uns ja manchmal ganz nett ... Das mach' ich lieber nicht mit!« Helmut Merker hatte nur halb zugehört. Seine Gedanken waren immer wieder bei Edith. »Sag mal, bei den hiesigen Wildings hast du dich gar nicht gezeigt?« frug er. »Nein! Erstens habe ich keine Lust, frühere Deutsche kennen zu lernen, die es nicht mehr sind. Ich bin Preuße und Deutscher durch und durch!« »Ich auch!« »Na hoffentlich! Und zweitens: Solche Leute wie die Wildings hier können überhaupt nicht mehr taxieren, wer von uns zu ihnen kommt! Sie legen immer noch den Maßstab an uns wie zur Postkutschenzeit. Alle Welt hier. Wir sollen für sie die armen deutschen Vettern bleiben und sind es weiß Gott längst nicht mehr. Na – und diesem Dünkel setze ich mich gerade bei Verwandten am wenigsten aus!« »Eigentlich hast du ja recht!« sagte der Leutnant ein bißchen gedrückt. Er entsann sich seines Empfangs in der City. »Hör mal: Sind denn diese englischen Wildings wirklich so reich?« »Sie haben natürlich Geld! Viel Geld! Nach unserem Begriffe! Es kommt eben darauf an, ob man den englischen oder den deutschen Gradmesser nimmt. Hierzulande ist solch ein Riesenreichtum ... Da verschwindet der einzelne!« »So toll, wie man es sich bei uns vorstellt, ist es also wohl doch nicht mit ihnen,« sagte Helmut Merker, in der Erinnerung an das kleine Kontor in der City und das kleine Haus im Westen Londons. Eigentlich stimmte ihn diese Entdeckung froh. Es war doch gut, wenn der Abstand zwischen ihm und Edith nicht zu ungeheuerlich war. Er dachte sich: Sonst schmeißen sie mich ja unbesehen hinaus, wenn ich ... Und dann kam es ihm wieder verrückt vor, daß er überhaupt mit derlei Hoffnungen spielte. Neben ihm versetzte der Vetter: »Du wunderst dich über den Luxus hier? Glaub mir: die jungen Gentlemen hier kommen aus solchen Verhältnissen und kehren in solche zurück. Denen ist das so selbstverständlich wie das tägliche Brot. Nach ihrer Überzeugung hat der liebe Gott Weltall und Menschheit ausschließlich zur Bequemlichkeit des englischen Volkes geschaffen! ... Es geht ihnen zu gut! Faul sind sie, Liebster ... faul ... faul bis zum Exzeß! Satt! ... Übersatt! Sie wollen sich nicht mehr rühren, außer beim Sport! ...« Er nahm den Hut und begleitete seinen Gast durch die altertümlichen Gassen und Plätze von Oxford zur Bahn. Überall ragten efeuumsponnen die Zinnen und Türme und Kapellenkuppeln der Colleges, von denen jedes mit seinen Höfen, Parken und Spielgründen eine kleine Stadt für sich bildete. »Das ist doch nun eine Universität!« sagte er. »Bei uns wird geehrt, wer etwa seinen Doktor summa cum laude macht. Darum kümmert sich hier kein Kuckuck. Die acht Burschen, die du vorige Woche in London das Wettrudern gegen Cambridge gewinnen sahst – das ist hier unser ganzer Stolz. Das sind Halbgötter auf Lebenszeit. Es ist kein Ernst hier ... ewige Spielerei ... Zurückgebliebenheit ... der Sport macht die Leute unmodern und unpraktisch. Es wird sich noch einmal manches an ihnen und ihrer Selbstgerechtigkeit rächen. Wenn ich's ihnen sage, lachen sie mich aus ... Na, ich danke dir schön für deinen Besuch! ... Auf Wiedersehen in Frankfurt! Wo bleibst du denn jetzt über Ostern? ... In London? ... Aber Menschenskind, da ist's ja zum Auswachsen ... da ist ja keine Seele ... nee ... hör mal... das ist eine Kateridee! Ich bin froh, daß ich zu Bekannten aufs Land gehen kann ...« »Ich hab' aber keine Einladung!« versetzte Helmut Merker in einer unwillkürlichen Erbitterung. Er beugte sich aus dem Fenster des Eisenbahnwagens, reichte dem Vetter die Hand zum Abschied, und der Zug setzte sich in Bewegung. Draußen vor den Fenstern des Wagens war das alte, sich überall gleichbleibende Bild – die weiten Rasenflächen, die weidenden Hammel und Rinder, das Städtchen mit seinen winzigen, wie auf eine Schnur gereihten Backsteinhäuschen, die Fabrik inmitten von Schlackenbergen, auf parkgrünem Hügel das Tudorschloß des Lords – Helmut Merker sah das alles mit leeren Augen. Zerstreut. Unzufrieden mit dieser Fahrt nach England, auf die er sich so gefreut hatte, und die nun ohne rechten Sinn und Verstand verlief. Längst war sein ursprünglicher Reiseplan umgeworfen. Wohl hatte er von London aus ein paar Sehenswürdigkeiten besichtigt, Kathedralen und Festen des Mittelalters – aber es war ihm ganz gleich gewesen, wo und wann sich Heinrich der Achte mit Anna Bullen getroffen, und welche Leute die Nacht vor ihrer Hinrichtung in diesem oder jenem Turm gesessen – es zog ihn immer wieder an die Themse zurück. Er klebte an seinem Hotel in Charing Croß. Er harrte dort. Alle Welt hatte ihm ja übereinstimmend versichert, die englische Post sei zuverlässig. Die Briefe wurden pünktlich überallhin an eine angegebene Adresse nachgesendet. Aber ihm schien es doch sicherer, hier an Ort und Stelle das versprochene Lebenszeichen von Edith Wilding zu erwarten. Seine Ungeduld wuchs. Sein Herz tat ihm förmlich weh, als er wieder in London vor der Schranke des Postverschlags in seinem Hotel stand und der Clerk innen trocken sagte: »Nichts da, Herr!« Eine tiefe Traurigkeit kam über ihn. Das war nun schon eine Woche her, seit er und Edith sich am Tag der Regatta getrennt. Er sagte sich bitter: Nun ja – die hat dich vergessen! Die ist doch solch ein Flatterkopf! Nur auf ihr Vergnügen erpicht. Sie braucht Leute, die ihr helfen, die Zeit totzuschlagen. Wer da ist, ist ihr recht. Wer nicht da ist – auch gut ... Und doch konnte er sich nicht von der Hoffnung und nicht von London trennen. So brachte ihm sein britischer Aufenthalt einen anderen Gewinst als er gedacht. Er lernte wirklich das steinerne Meer an der Themse kennen. Er durchstreifte in seiner fiebernden Unruhe nach allen Richtungen die größte Stadt, die die Erde je geschaut. Er sah in Piccadilly die athletischen, glattrasierten Angelsachsen der oberen Zehntausend in gesättigter Ruhe auf dem Weg zu ihren Klubpalästen und sah in Whitechapel Hunger, Laster und alle Not der Erde aus ausgemergelten Zügen grinsen. Er sah im Hydepark die Viererzüge und Automobile, die Schwärme von berittenen Gentlemen und Ladies und in der City auf den Gassen zum Fluß hinab in zerlumpte Kohlensäcke gehüllte Gestalten, die kaum mehr etwas Menschliches an sich hatten. Er sah die Spelunkenschwestern der Heilsarmee mit Halleluja und Paukenschlag gerettete Seelen aus der Destille zum Betsaal schleppen und sah die eleganten, jungen Suffragetten mit stoischer Ruhe, das Banner der Frauenrechte in der Hand, im Gewühl an den Straßenecken stehen oder, auf dem schmutzigen Boden knieend, mit Kreide ihr »votes for women« auf die Pflastersteine kritzeln, er sah die Anarchisten mit blutroten Fahnen unter freiem Himmel zu Mord- und Brandreden versammelt und Schutzleute, die ihnen, die Hände auf den Rücken gelegt, gähnend zuhörten. Er erkannte, daß es nichts gab, was man in dieser Stadt der siebeneinhalb Millionen nicht finden konnte – außer vielleicht einen unhöflichen Menschen. Und drang man durch den tosenden, menschenwimmelnden bleichen Nebel des Inneren gen Osten, hinunter ans Wasser, so ragten da die Waldungen der Schiffsmasten, dehnten sich die Docks, krächzten die Kranen in den Speicherluken, wirrte es wie in Ameisenhaufen, war ein Hauch des Meeres, der Weite – ein Ahnen, daß das eigentliche Großbritannien über See lag und dieser Welthafen und diese drei Inseln des Vereinigten Königreichs nur seine Vorposten bildeten. »Noch immer keine Briefe für mich?« »Nein, Sir!« Helmut Merker stampfte mit dem Fuß und ging, wie er es jeden Tag zehnmal tat, die große Bummelstraße, den Strand, entlang. Die Zeichen der nahenden Osterfeiertage mehrten sich schon: Überall waren Anschläge mit Anzeigen von Sonderzügen. Ganz London, schien ihm, rüstete sich zum Aufbruch. Nur ihn hatte man vergessen. Am nächsten Vormittag – es war bereits der Gründonnerstag, trieb ihn die Ungeduld in die City, in Old Broadstreet, bis vor das Kontor von Wilding und Kompanie. Er hatte nicht die Absicht, wieder einzutreten. Der alte Herr hatte ihn damals nicht gerade ermutigend empfangen. Er wollte bloß sehen. Auf irgend einen merkwürdigen Zufall warten. Aber zu seinem Kummer war auch da überall schon großer Kehraus. Flucht aus der Stadt. Die Buchhalter schlossen ihre Kassenschränke, die Chefs ihre Bureaus, die Türhüter die Haustore. Die eisernen Rollläden rasselten herunter. Er drehte sich um und wanderte hinaus nach Westen, nach Belgravia, wo die vornehme Welt wohnte. Er fand den Grosvenorplatz. Er fand auch in der Nähe das Wildingsche Haus. Alle Fenster waren dicht verhängt. Es befand sich offenbar keine Menschenseele darin. Enttäuscht machte er auch da kehrt. Er war so unmutig und, eigentlich ohne Grund, niedergeschlagen, daß ihm, als er in der Abenddämmerung sein Stübchen betrat, schon der Gedanke kam: Am Ende reise ich einfach von England ab. Aber wohin mit dem schönen Urlaub? Nach Frankreich durfte er als Offizier nicht. Bloß Belgien und Holland – das war doch jammerschade! Überhaupt – es war doch lächerlich, sich so in die Flucht schlagen zu lassen ... Mochten sich also die Wildings nicht weiter um ihn kümmern und er sich nicht um sie. Er blieb stehen. Ein freudiger Schrecken durchzuckte ihn. Sein Auge fiel im Zwielicht auf etwas Weißes auf dem Tisch. Es war ein Brief. Seine Adresse in großer steiler englischer Damenhandschrift. Er riß den Umschlag auf und las: »Lieber Vetter! Vorgestern bin ich aus Schottland zurückgekommen. Ich hatte da eine gute Zeit. Wir fanden guten Sport und ich habe da viel gefischt. Mein größter Lachs wog sechs Pfund. Aber andere fingen viel besser. Das Wetter war nicht gut. Es hat oft geregnet. So war das Wasser kalt und wir hatten viel darin zu stehen und das war nicht angenehm. Wir sind jetzt alle, ich und die Eltern und die Geschwister, hier im Bungalow bei Bonchurch, bei meinem Bruder. Ich habe Ma erzählt. Sie wäre so froh, wenn sie mit Ihnen ...« Das war durchgestrichen und es ging weiter: »... mit Dir zusammen sein könnte. Pa auch. Auch mein Bruder Dickie, dem der Bungalow gehört. Er und seine Frau lassen Dich bitten, ob Du nicht jetzt, nach dem Guten Freitag, über das lange Wochenende zu ihnen hinauskommen willst. Man kann in diesen Feiertagen wenig Sport haben. Aber Bonchurch ist ein lieblicher Ort. Wir hoffen, daß das Wetter gut werden mag. Und wir hoffen, daß Du kommst. Yours truly Edith Wilding ...« Auf dem Kaiufer, das im Osten das weite Hafenbecken von Portsmouth einsäumte, schlenderte Helmut Merker am Sonnabendmorgen in einem wilden Fieber von Ungeduld auf und ab. Vor ihm lag die graue, silberglänzende Wasserfläche von Spithead. Dahinter ein langgestreckter dunkler Streifen. Die Küste der Insel Wight. Er konnte sie deutlich mit bloßem Auge erkennen und mußte doch hier unnütz ein paar Stunden warten. Er hatte übersehen, daß sich an diesen Feiertagen alle englischen Fahrpläne änderten. Er sagte sich im Auf- und Abgehen: Ist das vielleicht ein Zeichen? Soll ich noch umkehren? Das ist verrückt. Sie hat mich doch eingeladen. Sie hat an mich gedacht. Aber wie? Ja, wer mir das sagen könnte! Wer mir überhaupt raten könnte! Das Leben ist nicht so leicht, als man glaubt. Wieder riß er seine Uhr heraus und zählte erbittert die Minuten ... Gräßlich, wie schneckengleich die dahinschlichen. Da hörte er hinter sich eine Stimme: »Helmut ... Donnerwetter ja ...« Ein kräftiger Schlag auf die Schulter traf ihn. Hinter ihm stand, als er sich umdrehte, ein junger Offizier der deutschen Handelsmarine – lustige blaue Seemannsaugen in dem kastanienbraun gebrannten Gesicht, das trotz seiner kaum fünfundzwanzig Jahre schon ein kurzgeschnittener, krausblonder Vollbart umrahmte, auf der Mütze die gekreuzten Anker und Schlüssel, das Wappen des Norddeutschen Lloyd. »Kurt!« Der Leutnant erkannte seinen jüngeren Bruder und schüttelte ihm überrascht die Hand. »Kerlchen – wo kommst denn du auf einmal her?« »Ich?« Der junge Seemann lachte. »Na – aus New-York. Wir müssen in Southampton einen Tag liegen. Kleiner Maschinendefekt. Da bin ich eben auf einen Sprung herüber, um mir mal die Bullerians da draußen anzusehen!« Es rauchte nah und fern auf der Reede von Portsmouth. Schwere, düstergraue, schwimmende Festungen lagen trage im Wasser, streckten schweigend ihre langen Geschützrohre aus den Kuppeln der Panzertürme. Kurt Merkel, der Kaiserliche Leutnant zur See der Reserve, prüfte zwinkernd, sachkundig diese Dreadnoughts und Invincibles und fuhr fort: »In Bremen muß ich gleich weiter! Wir schicken einen Dampfer erster Güte nach Australien, um unsere Baumwollonkel aus Melbourne und Sidney abzuholen. Alle Plätze schon gebucht. Es kann sein, daß ich dort abgelöst werde und gleich wieder zur Aushilfe über Japan und durch die States nach New-York gehe. Zum Frühlingsgeschäft. Dort wird jetzt alles hingebracht, was schwimmen kann. Siebzehntausend Yankees warten bei uns drüben auf die Überfahrt!« »Da kommst du ja rund um die Welt!« meinte der Landoffizier, und der Seemann erwiderte flüchtig, den Blick auf den Panzern draußen: »Na ja ...! Ich war's schon zweimal!« Für ihn war trotz seiner jungen Jahre der Begriff des Erdkreises sehr zusammengeschrumpft. Er fühlte sich hier in der Seebrise und dem Hafengeruch von Tang und Teer dem Älteren überlegen. Er lachte. »Na – was machst du denn so in England, du kleene Landratte? ... Gefällt's dir? Das glaub' ich! ... Aber laß dir nur nicht zu sehr von den Englishmen imponieren! Sei ja kein deutscher Michel! Wir sind auch nicht von Pappe! Wir haben ihnen schon eine höllische Ecke abgeguckt! Mehr als den Brüdern lieb ist ...« Der Infanterieleutnant nickte. Sein Bruder erschien ihm jetzt auf diesem Boden vertrauter als sonst, wenn er auf Urlaub in die Pfalz kam. Er begriff ihn hier viel mehr, hier in seinem Lebenselement, der See. Er sagte: »Weißt du, hier wird einem erst so klar, was dein Lloyd bedeutet oder die Hamburg-Amerika- Linie ...« »... Und unsere Schlachtflotte!« ergänzte der Schiffsoffizier. Er schirmte die Augen mit der flachen Hand und schaute wieder nach den feuerspeienden Ungetümen draußen. »Gott sei Dank! ... Wir können ihnen wenigstens jetzt mörderisch die Zähne weisen, wenn's durchaus sein muß! Glaub' mir, das ist das einzige Mittel, sich bei den Kerlen hier in Respekt zu setzen – und wenn sie dir auch zehnmal das Gegenteil versichern!« Er wurde ernster und wies auf ein seltsames Schiff, das unwahrscheinlich, wie ein Traumbild vergangener Zeiten zwischen den modernen Mordmaschinen mitten im Hafen lag – ein altfränkischer, dreimastiger Segler, drei weiße Linien von Stückpforten an den hohen Bordwänden: Nelsons »Victory«, die Siegerin von Trafalgar. »Damals haben sie alle Meere in der Tasche gehabt!« sagte Kurt Merker. »Da gab's eigentlich nur noch die britische Flagge und der Rest war Seeräuber. Aber die Zeiten sind vorbei. Es wächst ihnen über den Kopf. Sie können's nicht mehr schaffen. Du – ich muß jetzt weg. Sonst versäume ich den Zug nach Southampton. Viel Vergnügen in Old England! Ich schreib' dir mal aus Suez oder Vancouver oder sonst woher ...« Er drückte dem Bruder die Rechte und eilte sich, fortzukommen. Drüben, am Landungssteg, lag jetzt auch der Dampfer nach der Insel Wight bereit. Helmut Merkel betrat ihn rasch und entschlossen. Das Zusammentreffen mit dem Bruder hatte ihm Mut verliehen. Stolz. Er fühlte sich als Deutscher. Er sagte sich: Herrgott – was brauch' ich mich denn vor einer kleinen Engländerin zu fürchten? Oder gar vor einer Halbengländerin! ... Zur Hälfte ist sie doch von Abkunft deutsch ... Er ging durch die sauberen, stillen Straßen von Bonchurch. Freundliche kleine Häuser im Villenstil säumten sie. Südliches Immergrün umbuschte die Mauern. Bunte Blumen schwankten im Wind. Zuweilen sah man am Ende der Gasse stahlblau in der Tiefe ein Stückchen Meer. In einem dieser ländlichen Ruhesitze wohnten wohl auch die Wildings. Sein Herz klopfte. Er hatte sich am Bahnhof ungefähr nach der Richtung erkundigt. Aber nun führte der Weg steil bergab, verlor sich in Schluchten und üppigen Gärten, aus denen kaum einmal ein Dach oder ein Türmchen lugte. Es war niemand da, an den er sich wenden konnte. Nur dort, in der Ferne, stand ein junges Mädchen, ganz in Weiß, einen Strohhut auf dem Kopf, einen Tennisschläger in der Hand. Mit dem winkte sie plötzlich, ihren langen dünnen Arm erhebend und sich auf die Fußspitzen stellend, um sich besser bemerkbar zu machen. Er wandte sich unwillkürlich um. Nein. Hinter ihm war keine Menschenseele. Das lachende Nicken des blonden Kopfes da drüben galt ihm. Es war Edith. Jetzt erkannte er sie. Sie mußte Luchsaugen haben, daß sie ihn noch früher gesehen hatte ... Er lief auf sie zu. Sie kam ihm fast ebenso rasch mit ihren langen, schlenkernden Schritten, in denen eine sorglose Energie lag, entgegen. Sie schien ihm reizender als je. Sie schüttelten sich beide kräftig die Hände. Dann meinte er, freudig erregt und noch halb atemlos von der Eile: »Wie nett, daß wir uns hier zufällig treffen!« »Ich weiß doch den Zug ... Ich bin dir ein Stück entgegengegangen!« Er war ganz gerührt. »Ach ... ich dank' dir, Edith!« sagte er herzlich Sie lachte. »Für die hundert Schritte?« »Es ist so nett von dir! Ich fürchtete schon, du hättest mich längst wieder vergessen!« »O nein!« Sie sprach das ganz einfach und offen. Es war volle Ruhe auf ihren klaren, regelmäßigen Zügen. Aber es klang ernster. Oder es schien ihm so. Es drang ihm ins Herz. »Was hast du denn die ganze Zeit gemacht?« frug sie, wahrend sie zusammen weiterschritten. »Nichts Gescheites! Soll ich dir einmal die Wahrheit sagen?« Sie machte große Augen über diese Gewissensfrage eines Gentleman. »Aber das tut man doch immer!« »Na ja ... also ... ich hab' nichts getan, als auf einen Brief von dir gelauert, Edith! ... Die ganze geschlagene Zeit. Ich bin rein die Wände hinaufgegangen vor Ungeduld, bis eure Einladung mit Gottes Hilfe endlich kam!« »Da wird dich jetzt der Bungalow am Ende enttäuschen, wenn du so viel ...« »Ach ... der Bungalow! ... Auf dich hab' ich mich doch so riesig gefreut, Edith ... das übrige ist mir alles egal!« Sie antwortete nichts. Zum erstenmal zeigte sie Spuren von Befangenheit. Es war eine leise Röte auf ihren Wangen. Sie schaute im Gehen zu Boden und schlug dabei zerstreut mit dem Rakett durch die Luft. Sie war still geworden. Er auch. Er wagte nicht zu reden. Er fürchtete, durch irgend etwas Alltägliches diese seltsame, ahnungsvolle Frühlingsstimmung zu zerstören, die plötzlich über ihnen war, die um sie war, in diesen schattigen Schluchten, diesem südlichen Pflanzenwuchs, dieser weichen, an ferne Gestade erinnernden Luft. Ihre raschen Tritte hallten gleichmäßig ineinander. Sonst war da kein Laut. Kein Blatt regte sich. Es war wie in einem Traumland. Dann kamen Leute. Edith Wilding gab mit einer leichten Neigung des Kopfes ein paar Herren die Erlaubnis, sie zu grüßen. Sie fing wieder an, mit ihrem Gefährten zu plaudern. Sie wies ihm die Sehenswürdigkeiten am Wege: da die Cottage eines Baronets, dort der schloßartige Sitz eines Chicagoer Stahlkönigs, der immer nur auf vierzehn Tage im Jahr hierherkam. Er mußte über die Fülle von Abwehr und Abscheu lachen, mit der sie von den Amerikanern sprach. Er wies auf den nächsten, vornehm zurückgezogenen Landsitz zur Rechten und forschte scherzend: »Und welcher Lord wohnt da?« Ein großes, bizarres Gebäude in halb indischem Stil erhob sich mit vorspringenden Verandadächern auf einem Hügel. Ein farbiger Teppich von Beeten umlagerte es weithin und ging zum Meer hinunter in einen schattigen Park über. Nach rückwärts sah man die Glasdächer von Treibhäusern, Stallungen, eine Automobilgarage. Gärtner waren am Gitter tätig. Die roten Westen von Dienern schimmerten fern auf der Freitreppe. »Das ist der Bungalow!« sagte Edith Wilding unbefangen, öffnete die Tür mit einem Schlüsselchen und trat ein. Er folgte ihr in gedrückter Stimmung. So großartig hatte er sich das nicht gedacht ... »Das ist ja ein Riesending!« versetzte er, und sie schüttelte den Kopf. »Ach – das ist doch nur Dickies Sommersitz! ... Aber du mußt einmal nach Rosemary-Hills kommen, zu den Eltern! ... Das ist ein schöner Platz.« Ein Haushofmeister nahm ihn in Empfang und wies ihm sein Zimmer an. Während sich der Leutnant Merker von dem Reisestaub befreite, wurde ihm bei dem Blick über die weite blaue See da unten kummervoll ums Herz. Er war doch weiß Gott ein unverzagter Kerl. Aber der Abstand hier war zu groß! Die Leute hatten zu viel Geld! Es war ja sündhaft! Niemand konnte das nach ihrem Londoner Auftreten ahnen! Es dämmerte ihm jetzt, daß man England nicht in den Städten, sondern auf dem Land und über See suchen mußte ... Unter seinem Fenster hörte er Stimmen. Eine helle, wohlbekannte, die leidenschaftlich: »Out! ... Out!« schrie. Er schaute hinaus. Da war ein Tennisplatz. Weißgekleidete Gestalten darauf. Edith unter ihnen. Sie unterbrach ihr Spiel, als er kam, und stellte ihn vor. Erst ihrem Bruder Dickie, dem Hausherrn, einem rosigen, glattrasierten, wohlgenährten und wohlwollend lächelnden Dreißiger, und dessen Frau, einer spitzen, hageren kleinen Dame, die mit ihrem Gatten eben erst heimgekommen war. Weiter ihrem jüngeren Bruder Bill, einem Junggesellen, mit einer Stummelpfeife in dem gleichfalls bartlosen, humoristisch zwinkernden, hageren Sportgesicht und den Händen in der Hosentasche, dann einer Anzahl anderer Herren und Damen, deren Namen Helmut Merker nicht verstand. Einer dieser Gentlemen kam ihm bekannt vor. Es war ihm, als hätte er diesen stämmig und rundlich, ganz unenglisch gebauten Herrn mit dem zahnbürstenartig kurzgeschnittenen blonden Schnurbärtchen und der großen Glatze schon irgendwo getroffen. Aber er konnte sich nicht entsinnen wo. Er entnahm nur aus den Gesprächen, daß dies Mr. Augustus Fleck der Jüngere aus Manchester, der Schwager des Hausherrn, war. Nach diesem allgemeinen Händegeschüttel war für jedermann der Zwischenfall erledigt. Kein Mensch frug den Neuangekommenen weiter nach »wie« und »was«. Es war ein Gentleman mehr über das Wochenende da. Gut. Das Lawn-Tennis nahm seinen Fortgang. Die Bälle flogen. Helmut Merker hatte sich gesetzt und sah Edith zu, die mit ihrem Bruder Bill gegen Augustus Fleck und dessen Schwester Lucy, die kleine, schmächtige Frau des Hauses, spielte. Es war ein heißer Kampf zwischen den beiden Geschwisterpaaren. Bill schlug weitaus am besten. Er war, wie der junge Deutsche neben sich sagen hörte, ein Champion in allen möglichen Sportarten. Aber auch die anderen verstanden ihr Handwerk. Sie tummelten und wirrten sich durcheinander, vor der steilen Richtertreppe, auf der der faule Dickie Wilding behaglich mit hochgezogenen Knien thronte. Helmut Merker unten hatte nur Augen für Edith. Er verlor sich in Träumen. Er verfolgte ihre schlanke Gestalt in dem weißflatternden Rock, den blitzschnell den Ort wechselnden langen weißen Schuhen, den kämpfenden weißen Arm, wie ein flimmerndes Lichtbild in Sonne und Luft, eine Erscheinung, die plötzlich in nichts zergehen mußte. Es war Leidenschaft in ihren Bewegungen. Sie machte Sätze wie ein junges Füllen, schnellte sich in die Höhe und streckte sich, um einen Ball noch zu erhaschen, duckte sich lauernd nieder, mit einem gespannten Sportausdruck auf den gar nicht mehr mädchenhaften Zügen, mit erwartungsvollen Augen, zusammengebissenen Lippen. Alles an ihr war Leben. Selbstvergessenheit. Sie war mit Leib und Seele bei der Sache und, dank der Meisterschaft ihres Bruders, der sie wahrend des Spiels mit halblauten Grobheiten überhäufte, schließlich auch Siegerin. Lachend, rasch atmend und erhitzt trat sie vor den deutschen Vetter hin, strich sich die wirren Haare aus der Stirne und meinte: »Das war ein gutes Spiel – war es nicht? Was denkst du?« »Oh ... ihr sagt schon ›du‹ aufeinander!« versetzte trocken Bill Wilding hinter ihr und schloß vielsagend sein rechtes Augenlid. Er und sein älterer Bruder sprachen viel schlechter Deutsch als ihre Schwester. Sie hatten große Mühe damit. »Ihr habt eine Bruderschaft zusammen gemacht – ja?« Wieder färbten sich die Wangen des jungen Mädchens noch ein wenig röter, als sie ohnedies schon durch den Eifer des Spiels waren. Sie ließ den anderen nicht antworten, sondern versetzte rasch: »Es ist jetzt Zeit, sich zum Dinner umzuziehen, Vetter!« Und dann in einer plötzlichen Besorgnis: »Du hast doch einen Frack mit?« »Ja. Zum erstenmal in meinem Leben. Man muß sich doch nach den Landessitten richten!« »Man sollte sich überhaupt überall auf der Welt nach England richten!« sagte von drüben Mr. Augustus Fleck. Der junge Offizier sah den vierschrötigen kleinen Herrn, der äußerlich so wenig einem Briten ähnelte, erstaunt an. Aber er sagte nichts. Der andere fuhr fort: »Kultur und England – das ist ja ein und derselbe Begriff!« Helmut Merker lachte. »Und was bleibt da für uns minderbegabte Nationen übrig? – Für uns Deutsche zum Beispiel?« »Ich finde,« versetzte Augustus Fleck kühl und es lag eine unverkennbare Herausforderung in der Art, wie er seinen Gegner ansah. »Ich finde, daß der Deutsche im Ausland nichts besseres tun kann, als so rasch wie möglich im Angelsachsentum aufzugehen!« »Nanu!« »Schließlich tut er's ja doch! ... Je zeitiger, je besser! ... Es ist der einzige Weg nach oben, Sir!« »Na – Sie scheinen ihn ja eingeschlagen zu haben!« meinte der junge Offizier kaltblütig. »Trotz Ihres Namens!« »Für meinen deutsch klingenden Namen kann ich nichts. Ich bedaure, daß ich ihn als Engländer führen muß. Ich würde ihn gerne ändern!« »Wir würden Ihnen auch keine Träne nachweinen, Sir!« Die beiden jungen Männer sahen sich gereizt an. Helmut Merker hatte wider Willen einen roten Kopf bekommen. Diese absichtliche Herausforderung ging ihm doch über den Spaß. Und zum Überfluß fügte jener höhnisch hinzu: »Ich bin traurig, Sir, es sagen zu müssen! Aber ich bin Germanophobe!« »Na ... Sie müssen's ja wissen! Sie sprechen aber noch Englisch mit deutschem Akzent, Mr. Fleck ... Beinahe wie ich ...« »Und trotzdem bin ich britischer Imperialist ...« »Da lassen Sie sich nur ja nicht von Ihren neuen Landsleuten auslachen ...«, sagte der Leutnant trocken. Jetzt klang preußische Kasinoschärfe durch seine Worte. Der Deutschenfresser vor ihm fuhr auf: »Sir ... ich verbitte mir ...« »Ich mir schon lange, Sir ...« Der Hausherr trat breit und behäbig dazwischen. »Gentlemen! Es sind Ladies hier!« mahnte er phlegmatisch, und durch die plötzliche Stille sagte Edith zornig zu Augustus Fleck: »Unausstehlich sind Sie ... seit neulich ... seit dem Oxford-Cambridge-Rennen!« Im selben Augenblick wußte der junge Deutsche, wo er seinem Feind schon einmal im Leben begegnet war. Draußen am Themseufer. Da hatte Edith jenen mitsamt all ihren anderen Bekannten stehen lassen und sich an seiner, Helmut Merkers, Seite im Gewühl verloren. Er begriff nachträglich: das war Absicht gewesen. Das hatte Mr. Fleck gegolten. Und der schroffe Ausbruch von Deutschenhaß da drüben war der Rückschlag und hieß auf Deutsch Eifersucht ... Eifersucht ... Also war anderen schon etwas aufgefallen! Leuten, die Edith Wilding länger und besser kannten als er! Zu anderen Zeiten hätte ihn das selig gemacht, seinen Wagemut erhöht. Aber jetzt grübelte er in seinem Zimmer, während er sich umkleidete. Trübsinn erfaßte ihn. Er zog die Knöpfchen durch die Hemdbrust und sagte sich: Sie ist ja viel zu reich. – Er legte vor dem Spiegel die weiße Binde um und wiederholte: Rasend reich! – Er fuhr in den Frack und seufzte und gestand sich, während er auf das Heulen des Gongs hin die Treppe hinabstieg: Blödsinnig – unerhört reich! Die nimmt mich ja nie ... Unten im Drawing-Room war jetzt auch der Vater John Wilding. Der alte Citymann begrüßte seinen deutschen Neffen freundlicher als damals, mit Geschäftsorgen beladen und im Ärger über Geldverluste, in seinem Kontor. Es war ein guter Ausdruck in seinen alten, ein wenig müden Augen. Er hatte immer etwas Insichgekehrtes, beinahe Gedrücktes. Still saß er inmitten der lachenden und schwatzenden Tafelrunde. Deren Mittelpunkt war seine Frau. Lang, geräuschvoll, lebendig hager, den Kopf fortwährend nach rechts und links drehend und in ständigem Salonlächeln ihre großen, weißen, englischen Schneidezähne zeigend, glich Mrs. Wilding in ihrer schlanken, hohen, von hinten gesehen geradezu mädchenhaften Gestalt ihrer Tochter Edith. Ihr Gesicht war in ihrer Jugend wohl reizvoll gewesen. Jetzt wirkte es leer. Es erschien Helmut wie eine verwitterte Fassade, hinter der nichts mehr wohnte. Sie erzählte fortwährend und aufgeregt von der Riviera. Sie schätzte die Orte dort nur nach Zahl und Art des vorhanden gewesenen › people ‹ der englischen Besucher, ein. Je mehr, je besser. Und am besten, wenn Mitglieder des englischen Hochadels sich darunter befunden hatten. Einer von diesen, ein steinalter Earl, war in Mentone gestorben, und Helmut Merkel hörte, wie sie ganz gerührt sagte: ›Poor old Lord Dingsda ...‹, so als hätte sie mit dem Verstorbenen mindestens einen Scheffel Salz gegessen. So viel wußte er jetzt auch von England, daß Welten zwischen der Frau eines Citymannes und einem Peer lagen. Es war nur blinde Vergötterung. Andächtiger, verzückter Aufblick nach oben, in das Reich der Schlösser und neunzackigen Kronen. Hier und überall im Lande. Diese alte Mrs. Wilding, diese fahrige, grauhaarige, unermüdliche und dabei wolfshungrige Lady, war nur eine unter tausend. Sie war wie ein Sinnbild dieser ganzen gesellschaftlichen Heuchelei. Ihre Tochter Edith erschien ihm jetzt auf einmal in ihrer unbefangenen Mädchenfrische förmlich ein bißchen deutsch dagegen. Deutsch wie der Vater, der schweigsam, ein unscheinbarer kleiner Herr, oben am Tisch saß. Edith Wilding war jetzt nicht mehr die gelenkige Sportsmiß mit flatternden Röcken und wilden Sprüngen wie am Nachmittag. Sie hatte sich ganz in eine gemessene, junge Salondame verwandelt. Sie trug ein ausgeschnittenes weißes Kleid mit lichtgrünem Überwurf, der ihr hochfrisiertes Haar noch lichtblonder erscheinen ließ. Lebensgroße rosa Rosen waren da und dort in erhabener Stickerei in den Schnee des Gewandes eingefügt. Es sah seltsam aus, eigentlich ein bizarrer englischer Geschmack – aber es wirkte. Ihre weißen, ein wenig schmächtigen Schultern und Arme schimmerten im Kerzenlicht. Sie saß Helmut Merker gerade gegenüber. Er hörte, wie ihre Schwägerin Lucy ihr zurief: »Edith – warum hast du dich denn heute so hübsch gemacht?« »Wieso denn?« frug das junge Mädchen unbefangen, den Suppenlöffel vor sich in der Luft, und ihr Bruder Bill, der Sportmann, musterte sie humoristisch. » Well ! Sie hat ihr bestes Pferd aus dem Stall gezogen!« Miß Wilding tat, als hörte sie das nicht, sondern beschäftigte sich gleichmütig mit ihrer Suppe. Wenn sie wie jetzt den Kopf etwas vorbeugte, war ein Orchideenbusch in der Mitte der Tafel zwischen ihr und ihrem deutschen Vetter, so daß er sie nicht mehr sehen konnte. Er bemerkte nur auf den Gesichtern ringsum einen komischen Ausdruck, ein Lächeln, ein Einverständnis, so als wüßten sie alle etwas, was er nicht wußte und was ihn doch betraf, ihn am meisten. Wieder bekam er Herzklopfen. Das Blut stieg ihm heiß zu Kopf. Er vermied es, Edith noch einmal mit den Blicken zu suchen. Er schaute nach dem Ende der Tafel, wo John Wilding sich mit dem alten Mr. Fleck über Geschäfte unterhielt. Der greise Manchestermann sah mit seinem glattrasierten, nüchtern strengen Geierkopf weit britischer aus als sein Sohn, der Imperialist. Er und der Hausherr sprachen über den Scheck New-York, der wieder um so und so viel angezogen hatte. Es schien, daß sie sich über Wallstreet ärgerten. Der junge Deutsche verstand keinen Pfifferling davon. Er hatte nur immer wieder das Gefühl: diese Leute hier im Lande geben Gold mit der Rechten in die Welt hinaus und raffen mit der Linken das Gold wieder ein. Selber tun sie nichts ... Etwas Kaltes, Feuchtes berührte seine herabhängende Rechte. Er machte eine rasche Bewegung. Edith hatte es bemerkt. Sie schaute ihn über den Tisch fragend an. Er rief ihr freudig zu: »Mac Gregor hat mich erkannt! Er ist eben gekommen und hat mir die Hand geleckt!« Das schien ihm wie ein Glückszeichen, dieser Willkomm des alten grämlichen Burschen. Ihr auch. Sie nickte erfreut. Ihrer beider Augen lachten einander zu. Dann wurden sie plötzlich befangen und schauten schnell nach zwei verschiedenen Richtungen auseinander. Bald darauf brachen die Damen auf. Die Herren hatten sich erhoben und rückten dann nach englischer Art noch einmal zusammen. Sie plauderten über die sommerliche Segelwoche in dem nahen Cowes. Die versprach glorreich zu weiden. » The Kaiser « wurde erwartet, der König von Spanien und andere mehr. Helmut Merkler hörte nicht zu. Er träumte, die Zigarre zwischen den Lippen, vor sich hin und dachte an Edith, bis ihn sein Nachbar herzlich fragte: »Kennen Sie Mr. Jones, Sir?« »Welchen Mr. Jones?« »Na – den, der immer die Portweinflasche vor sich stehen läßt!« Der junge Deutsche hatte es in der Tat vergessen, die unermüdlich kreisende Karaffe weiter zu geben. Er lachte und holte das Versäumte nach und dachte wieder an Edith. Und sie an ihn ... Sie hatte das Damenzimmer verlassen und war, ein Tuch um die Schultern werfend, über die Freitreppe in den Garten hinabgestiegen. Die Luft war weich und still, vom Salzhauch der See gesättigt. Kein Windstoß rührte die Kronen der Palmen, die Agavenstauden, das Lorbeergrün umher. Ein würziger Duft stieg aus dem feuchten, fetten, englischen Rasen. Die Wiesenflächen und Parkhecken dehnten sich weithin in bläulichem Mondschein. Tief unten ruhte in seinem Schimmer still wie eine Riesenschüssel geschmolzenen Silbers das Meer. Das junge Mädchen ging lässig den Kiesweg entlang. Sie setzte sich auf eine Bank am Weg, schlug ein Bein über das andere und legte die Hände nach hinten über die Lehne. Sie drehte dem Haus den Rücken zu. Sie wandte auch nicht den Kopf danach. Wenn sie hier saß und die schöne Frühlingsnacht genoß, und wenn die Herren genug Portwein getrunken hatten und aufstanden, und wenn jemand sie dann sah und kam – ja – da konnte sie nichts dafür. Sie war dann sehr überrascht über dies Spiel des Zufalls ... Und da klangen Schritte den Weg entlang. Immer näher. Sie rührte sich nicht. Es nahm jemand Platz, dicht neben ihr, erfaßte plötzlich leise ihre Hand ... sie fuhr auf und hatte Mühe, eine Bewegung der Ungeduld zu unterdrücken. Das war ja ihr Vater ... Der kleine Herr lächelte sie freundlich an. Er war im Frack, mit bloßem Kopf. Im Mondschein war sein graues Haar beinahe weiß. Dadurch sah er älter aus als sonst. Eine Weile schwiegen beide. Sie in verbissenem Ärger. Er in stilles Sinnen verloren. Endlich hub er an: »Ich hab' von einem peinlichen Auftritt heute nachmittag gehört, Edith ...« »Ach ... es war nicht der Rede wert, Pa! Augustus hat sich ungehörig benommen. Wir haben ihn ja auch bei Tisch weit weg von dem anderen gesetzt, damit es nicht wieder Streit gibt!« »Hm ... du nimmst ja sehr Partei für den anderen!« »Nein – Pa! Aber wenn ein Ausländer und nun gar ein Deutscher bei uns zu Gast ist, muß er besonders geschützt werden. Ich hab' Dickie gehörig meine Meinung gesagt, daß er nicht energisch genug war ...« »So?« meinte der alte Citymann nach einer Pause. »Nun ja ... der junge Mann reist ja auch Dienstag wieder ab, und es ist gut. Aber Augustus bleibt. Er ist doch schließlich beinahe dein Schwager ...« »Ich hab' ihn mir nicht als Verwandten ausgesucht! Wenn mein Bruder und seine Schwester sich heiraten – was geht das mich an?« Es klang schnippisch und trotzig. Sie machte eine Bewegung, sich zu erheben und ins Haus zu gehen. Ihr Vater, der immer noch ihre Hand in der seinen hatte, hielt sie mit sanftem Zwang zurück. »Früher warst du netter zu ihm, Edith ...« »Ich hab' auch jetzt nichts gegen ihn, Pa! Ich find' ihn nur gräßlich! Er soll mich in Ruhe lassen!« »Was mißfällt dir denn an ihm so?« »Ach ... Pa ... das kann man nicht so sagen ... das weiß ich selber nicht ... Ich mag ihn eben nicht! ... Und jetzt weniger denn je ...« Wieder wechselten Vater und Tochter eine Weile kein Wort. Plötzlich fing der alte Großkaufmann von etwas ganz anderem an. »Du glaubst nicht, mein Kind,« sprach er gedrückt, » was an Geld aufgeht! Zuweilen bitte ich Mutter und die anderen, sich ein wenig einzuschränken. Niemand kümmert sich darum. Im Gegenteil. Die Antwort ist, daß ich womöglich noch acht Tage früher als sonst ein neues Scheckbuch brauche ...« »Ja, aber – Pa ... die Firma ...« »Die Firma Wilding und Kompanie, Kind – die ist jetzt wie eine Kuh, an der viel zu viel Hände zugleich melken. Mutter mit ihrem Aufwand, Dickie hier mit seiner großen Familie, Bill mit seinem Sport – an meinen Schwiegersohn Mac Cornick muß ich auch einen Zuschuß zahlen – du brauchst Geld – ich muß schließlich auch leben, so wenig dazu nötig ist ...« »Pa ... wir sind doch reich ...« »Wir sind wohlhabend, Edith! Aber ein Geschäft ist wie eine Maschine, die bedient sein will. Sonst wirft sie keine Zinsen ab. Kind: ich bediene diese ganze große Maschine von London bis Valparaiso und hinüber nach New-York seit Jahren ganz allein. Deine Brüder rühren keinen Finger. Und wenn, so haben sie nicht genug gelernt. Sie kommen nur und stören mir das Geschäft. Ich mache allein Geld für euch alle. Ich fange an, alt zu werden! Ich bin manchmal so müde ... so müde ...« Edith küßte ihn herzlich mitten auf die Stirne. »Du mußt dich mehr schonen, Pa!« sagte sie strahlend. »Ja – wie? ... Bezahlte Kräfte ... die kriegt man ... aber lieber Gott ... Ich hab's eben erst wieder mit meinem Prokuristen Hinrichsen erlebt ... der geht nun auch. Er war meine rechte Hand ... Nein ... sieh mal: jemand wie Augustus Fleck ...« Das junge Mädchen rang die Hände. »Pa! ... Bist du denn schon wieder bei Augustus?« »Er ist ein energischer, umsichtiger Kopf ...« »Ja. Ich glaub's ja gern, daß er was von seiner Baumwolle versteht!« »Er würde sich auch rasch in andere Branchen einarbeiten! ... Augustus Fleck als mein Schwiegersohn ...« Der alte Herr sprach es leise und gedrückt, wie mit schlechtem Gewissen. Er wagte nicht weiter zu reden. Edith Wilding sprang ungestüm mit einem Satz auf die Beine. »Pa ... Nun hört aber alles auf ...!« rief sie empört. »Du brauchst nur ›ja‹ zu sagen, Edith! ... Er wäre ja glücklich ...« Das junge Mädchen lachte plötzlich aus vollem Hals. Sie faßte die Sache jetzt heiter auf. »Ich soll mich ...? ... Wegen eurem Salpeter oder eurer Baumwolle soll ich mich ...? Guter alter Pa ... was hast du aber auch für Ideen?« »Mir ist das Herz so schwer, Kind!« murmelte der alte Wilding. Er entschuldigte sich schon fast. Sie beugte sich nieder, schlang ihre langen, dünnen, weißen Mädchenarme um seinen grauen Kopf, küßte ihn wieder zärtlich und sprach beinahe zu ihm wie zu einem betrübten Kind. Sie tröstete ihn. Sie belehrte ihn förmlich. »Pa – ich werde sparen! ... Hole dir doch den faulen Dickie heran! Und Bill! Wofür hast du denn deine Söhne? Oder nimm dir einen Sozius!« Soviel wußte sie als Kaufmannstochter doch von Geschäften. »Aber daß ich deswegen – Pa ... ich bin starr ... ich bin noch ganz entsetzt, daß man mir so etwas zumutet! ... Nein – Pa! Ich heirate, wen ich will ... Und wenn der Rechte kommt, dann frag' ich weder euch noch sonst jemanden!« »Es war ja auch nur so ein Gedanke!« sprach John Wilding kleinlaut. Er kam sich angesichts der lachenden Entrüstung seiner schönen Tochter nun selbst beinahe verbrecherisch vor. Er schaute still zu ihr empor, wie sie da lang und schlank und weiß im Mondlicht vor ihm stand, den blonden Kopf trotzig in den Nacken geworfen. »Geh jetzt, Kind!« versetzte er leise. »Ich möchte gerne noch ein wenig allein sein!« Sie küßte ihn zum drittenmal, gab ihm einen gleichmütigen Klaps auf die Schulter, als Zeichen, daß sie nicht mehr böse sei und den ganzen Vorfall nicht mehr ernst nehme, und wandte sich ab. Er hörte ihre elastisch schlenkernden Schritte sich entfernen und im Hause verhallen. Es wurde ganz still. Der alte Citymann saß stumm da, die erloschene Zigarre in der Hand. Er sah auf das weite Meer hinaus. Hell lag der Mondschein auf seinen gramvollen Zügen.   4 Es war Ostersonntag. Englischer Sabbat. Grau der Himmel. Grau und öde das Meer. Grau die Luft. Kirchhofsruhe im Bungalow, in den Landsitzen umher, in der ganzen Stadt. Die Hähne krähten nicht, die Hunde bellten nicht, die Wellen am Strand hatten ihr Plätscherspiel eingestellt. Die Straßen lagen verödet. Im Wildingschen Hause war keine Menschenseele geblieben. Alles, die Familie und ihre Gäste und die Dienerschaft hatten die Kirche aufgesucht, wie es achtbaren Briten ziemte. Helmut Merker streifte müßig in den Wohnzimmern und dem Garten umher. Er konnte doch nicht wohl in den anglikanischen Gottesdienst gehen. Aber er kam sich jetzt, wo all die anderen Menschen, Mitglieder der Hochkirche, Presbyterianer, Methodisten, schwarzgekleidet und mit respektablen Mienen den Bethäusern zuströmten, beinahe wie ein Heide vor. Er war auch allseitig bedauert worden, daß ihm kein evangelischer Ritus zur Verfügung stand. Die Hand der Hausfrau hatte ihm unauffällig eine englische Bibel in sein Zimmer gelegt. Man dachte wohl, daß er in der Stille seines Kämmerchens sich erbauen würde. Er versuchte es auch. Er las, den Kopf auf die Hand gestützt, das Vaterunser und buchstabierte mechanisch dreimal hintereinander: » Thy will be done! - Dein Wille geschehe!« und stand seufzend wieder auf. Seine Gedanken waren anderswo. Er wiederholte es sich: »Dein Wille geschehe!« – Ja. Er war in der Hand des lieben Gottes. Er wußte nicht, was ihm der Aufenthalt unter diesem Dache bringen würde: Sieg oder Niederlage. Unerhörtes Glück oder einen trüben, trüben Rückzug, der – das fühlte er – auf lange hinaus einen Schatten über sein Leben werfen würde. Oder das dritte und wahrscheinlichste: er hatte keinen Mut! Er fand nicht den Entschluß zu dem Wagnis. Er reiste einfach übermorgen ab und alles war gewesen und alles war zu Ende. In einer eigenen Schwermut schlenderte er im Freien dahin, trat in den Palmgarten, besuchte die Treibhäuser der Orchideen, die in feuchtwarmer Tropenluft ihre bizarren, buntgefleckten Schuhe und Löffel und Sterne entfalteten, er sah die Automobilgarage, den Stall mit den Luxusboxen der Pferde, durch das ebenerdige Fenster den behaglichen Salon der Dienstboten und rang im Weitergehen die Hände und sagte sich in heller Verzweiflung: Guter Gott – wenn sie doch ein bißchen weniger hatte! Wenn sie nicht so unmenschlich reich wäre! Er wanderte ziellos durch die Straßen von Bonchurch. Sie waren wie ausgestorben. Aus einer Kirche am Wege tönten helle Stimmen. Die Ladies sangen andächtig im Kirchenchor. Ein silberner Sopran schwang sich über die anderen hinaus. Er dachte sich: Am Ende ist das sie! Er hatte Sehnsucht nach Edith. Er war fiebernd unruhig. Auf dem Rückweg traf er einen der Gäste des Hauses, einen dort offenbar sehr vertrauten jungen Gentleman, der vom Gottesdienst kam. Sie sprachen zuerst wie immer vom Wetter. Dann konnte der junge Deutsche nicht an sich halten. Er frug: »Es ist so viel Wohlstand in Ihrem Lande. Ich möchte gerne einen Maßstab haben: Ist Mr. Wilding, mein Onkel, zum Beispiel nach Ihren Begriffen ein reicher Mann?« Der Gentleman nahm die kurze Pfeife aus den Zähnen. Er war in der City daheim. Er meinte: »Well, der alte Wilding, der Vater des jetzigen, war schon ein Zehntausendpfundmann. Jetzt hat er wohl das Doppelte und mehr!« »Im Jahr? An Einkünften?« »Ja natürlich!« sagte der junge glattrasierte Minenspekulant halb lächelnd über den Ausländer. In Helmut Merkers Herz schlich eine tiefe Trauer. Er rechnete sich im Gehen: An fünfmalhunderttausend Mark Rente jährlich! Nein! Ein zehnfacher Millionär gab ihm, dem Leutnant Merker aus Alsheim an der Bergstraße, doch nie und nimmer seine Tochter zur Frau ... »O ja, Wilding und Kompanie sind ein feines Haus!« wiederholte der Gentleman neben ihm nach einer Weile nachdenklich. »Im Salpetergeschäft steckt Geld – wissen Sie!« Der andere nickte nur trübe und betrat mit ihm den Bungalow. Da war eben alles aus der Kirche zurück. Edith schüttelte ihm die Hand. Es wurde ihm wieder frei ums Herz. Er erkundigte sich fröhlich: »Na – was machen wir jetzt?« Sie blickte ihn aus ihren blauen Augen erstaunt, beinahe verweisend an. Er kannte nun schon diesen abwehrenden Gesichtsausdruck hierzulande, wenn ein Festländer irgend etwas sagte oder tat, was nicht britisch war. Am heutigen Tage tat man doch natürlich nichts. Es war doch Sabbat. Klavierspielen so gut eine Sünde, wie Fußballschleudern oder Golfschlagen. Die Damen rückten sich mit Romanbänden in der Hand in Sofaecken zurecht, die beiden alten Herren gingen auf ihre Zimmer und beteten da nicht, sondern schrieben heimlich Geschäftsbriefe, die jungen Gentlemen saßen sinnend beschaulich vor dem flackernden Kaminfeuer, lächelten still, die Hände in den Taschen, oder blätterten in Sportnummern. Draußen tröpfelte matt der Regen auf die menschenleeren Straßen. Es rührte sich nichts. Der junge Deutsche sah es staunend. Die Leblosigkeit in diesen gemütlichen Räumen erinnerte ihn an das satte Behagen von Wiederkäuern. Neben ihm klapperte etwas. Edith Wilding hatte eine Platte mit einem halbfertigen Puzzlespiel vor sich. »Du kannst mir helfen!« sagte sie. Er setzte sich an ihre Seite vor das mächtige Viereck dieses Puzzle und frug, was es vorstellte. »Der Einzug des Vizekönigs von Indien in Delhi, nach dem Durbar, weißt du – nach der Krönung ...« Das, was sie am meisten interessierte, hatte sie schon früher fertig gemacht: die Gestalt der Vizekönigin. Die große Dame saß majestätisch im Palankin auf dem Elefantenrücken, die Hände im Schoß, den Blick geradeaus, steil aufgerichtet, im Profil wie eine ägyptische Herrscherin neben dem Pharao, ihrem Gemahl. Nun galt es, auch den und sein buntes Gefolge zusammenzusetzen. Es war nicht leicht. Und wie allmählich diese Reihen schreitender Elefanten, diese edelsteinübersäten indischen Fürsten, diese prunkvollen Leibwachen und Trabanten und Palmen und Tempel entstanden, da wehte es selbst aus diesen geschnörkelten, farbigen Holzstückchen den jungen deutschen Offizier wie ein Hauch des gewaltigen britischen Weltreiches an und war ihm, trotz der gähnenden Gentlemen und schmökernden Misses umher, zu einem Sinnbild seines Reichtums, seiner Selbstsucht, seines Blicks über See. Ihre Hände berührten sich, während sie die Bausteine suchten. Sie probierten und tauschten sie und nahmen sie sich gegenseitig weg und schlugen einander auf die Finger, wenn sie an einen Irrtum des anderen glaubten, und lachten halblaut und steckten wieder die Köpfe zusammen und waren glücklich, beieinander zu sein. Zuweilen, wenn sie zu heiter wurden, schaute irgend jemand im Zimmer nicht auf sie, sondern mißbilligend in die leere Luft hinein. Dann machten sie schuldbewußte Gesichter und vertieften sich schweigend, voller Ernst, in ihre Aufgabe und begannen bald wieder zu tuscheln und zu raunen, und die Zeit verrann ihnen im Fluge. Sie fuhren ungläubig auf, als der Diener plötzlich sich hinter ihnen räusperte und meldete, daß der Lunch bereit sei. Sie wußten wirklich nicht, wo diese drei Stunden eigentlich geblieben waren. Sie waren verwirrt ohne rechten Grund und kamen mit roten Köpfen in den Speisesaal. Dort herrschte eine eigentümlich kühle Stimmung, bei aller Höflichkeit gegen den Gast. Ms. Wilding war frostig und säuerlich liebenswürdig, ihr Mann gemessener, trocken verbindlich, wie damals in der City. Dickie, der rundliche, rosige Hausherr, war maulfaul wie gewöhnlich. Bill, der jüngere Bruder, hatte ein Monokel in seiner glattrasierten, faltigen Physiognomie und zwinkerte die Tafelrunde durch das Glas humoristisch an, als wollte er plötzlich von einem Geheimnis zu reden anfangen, das auf allen Lippen lag. Es machte die anderen geradezu erregt. Sie waren bei diesem stillen Grinsen so unruhig, als es ihnen ihr fischblütiges Temperament überhaupt gestattete. Helmut Melker sah es wohl. Es war ihm beklommen zumut. Es war ja nichts geschehen. Niemand konnte ihm einen Vorwurf machen. Aber es lag etwas in der Luft. Nur Edith selber, der eigentliche Mittelpunkt dieser Mißbilligung, blieb völlig unbekümmert. Gleich nach Tisch warf sie sich ein Wollmäntelchen um die Schultern, band sich einen Schleier um und sagte laut und harmlos: »So! Jetzt mache ich meinen Gesundheitsspaziergang! Kommst du mit, Vetter?« Schon daß sie allein im ganzen Hause ihn ›du‹ nannte und immer herausfordernd mit ihm Deutsch redete, gab ihnen beiden eine Sonderstellung. Ihr Vater und alle anderen verkehrten, seit sie sein fließendes Englisch gehört hatten, nur noch in ihrer Landessprache mit ihm. Helmut Merker hatte, als sie vor das Haus traten, die Empfindung: Sehr wohlwollend schauen die drinnen dir jetzt nicht nach! – Er und Edith gingen die Küste entlang nach Ventnor. Das Wetter war inzwischen wieder rauh und böig geworden. Schwere kalte Regentropfen klatschten ihnen ins Gesicht. Ediths schlanker Körper bog sich in seinen flatternden Kleidern wider den Sturm, der ihnen entgegenwehte. Sie hielt mit der einen Hand ihren Hut fest und raffte mit der anderen ihren Rock. So lief sie wie ein junges Pferd, das froh ist, aus dem Stall zu kommen, mit Siebenmeilenstiefeln drauflos. Sturm und Nässe störten sie gar nicht. Wer in England auf Windstille und Himmelsblau rechnen wollte, konnte lange daheim am Kaminfeuer sitzen. Dann kamen sie an einen der ›Chines‹ der Engpässe am Meer. Hier war die Luft stiller. Sie schritten auf dem weichen feuchten Sand zwischen See und Felsenufer dahin und schwiegen eine Weile. Er dachte wieder an die Einladung über das ›lange Wochenende‹. Übermorgen, am Dienstag vormittag, mußte er fort! Er frug: »Was hast du denn in nächster Zeit vor, Edith?« »Ich weiß noch nicht ...« »Ich glaubte, du hättest immer eine Unmasse Einladungen und Vergnügungen!« »Ja. Viele. Aber es ist nichts darunter, womit ich die Meinigen genug ärgern kann!« Er mußte lachen. »Warum willst du sie denn ärgern?« »Weil sie's auch tun!« Sie stieß im Gehen Steinchen mit der Fußspitze vor sich her und verstummte, den Zug zähen britischen Eigensinns um die Mundwinkel, den er an ihr kannte. »Oh ... es ist schimpflich!« sprach sie endlich und machte einen Seitensprung, um einer heranwallenden Welle zu entgehen. »Wer tut dir denn was, Edith? ... Sag's!« »Nun, Pa zum Beispiel gestern abend ... Und heute früh vor der Kirche ... Wenn es nicht meine Eltern wären, würde ich sagen: Es ist höchst gewissenlos und unchristlich, Citygeschäfte mit solchen Dingen zu vermengen. Noch dazu am Sonntag. Das ist doch Sabbatbruch! Ist's nicht?« »Ja – ich weiß ja gar nicht, was ...?« »Möchtest du Augustus Fleck heiraten?« »Nein!« gestand er lachend und aus vollster Überzeugung. » Well ! Ich noch weniger!« Das junge Mädchen sprach das trocken und geschäftsmäßig. Sie achtete nicht darauf, daß jetzt doch ein paar Schaumspritzer ihre Knöchel netzten, schüttelte nur im Weitergehen die Schuhe, daß die Tropfen flogen, und fuhr im gleichen Ton fort: »Überhaupt Manchester! ... Es ist kein feines Volk dort ... Viel schlecht erzogene Leute ... Und nicht von der Spinnerei wegkönnen ... Und wieviel Geld man auch hat, man bleibt von Amerika und dem New-Yorker Markt abhängig ...« Er mußte wieder über ihre Nüchternheit lachen. »Na – das hast du dir ja schon alles, scheint's, gründlich überlegt!« »Schon lange!« sagte sie halb verächtlich. »Das geht so schon Jahre. Aber jetzt quälen sie mich damit! Das lasse ich mir nicht gefallen!« Ein ganz unenglisches Temperament brach bei ihr durch. Sie stampfte, einen Augenblick stehen bleibend, mit dem Fuß. »Ich bin doch ein erwachsener Mensch! ... Ich bin frei! ... Ich bin unabhängig. Ich hab' auch, wenn Pa einmal nicht ist, meine Rente! Ich kann machen, was ich will! Ich geb's Pa schriftlich! Ich heirate Augustus Fleck gewiß nicht!« Er war völlig verdutzt über ihre Offenheit. Es kochte heiß in ihm. Er dachte sich: wenn sie dir das sagt, dann bist du ihr mehr, als du hoffst! Die Stunde kehrt nie wieder. Nutze sie! ... Jetzt sie festhalten – jetzt sie küssen – jetzt ihr sagen: du bist mein ... Da war plötzlich etwas von deutschem Stolz. Etwas Hemmendes. Er sah die frostig höflichen Mienen im Bungalow vor sich. Er war dort alles, nur kein willkommener Gast. Er wiederholte sich: Der Alte schmeißt dich einfach 'raus, wenn du ihn um die Hand seiner Tochter bittest! Nein, er wollte sich nicht vor diesen Engländern und Halbengländern demütigen lassen, als abgewiesener armer deutscher Vetter mit Schimpf und Schande abziehen ... Edith Wilding ging rasch und leichtfüßig neben ihm her und blinzelte gegen die Stöße der Böen ... Wenn ihn der Vater hinterher an die Luft setzte – ja ... Was half denn hier eine Verlobung – ein Kuß unter der regentriefenden Agavenhecke da an der Klippe? ... Der Abschied wurde dann erst recht schwer und bitter ... Das alles stürmte blitzschnell auf ihn ein. Und da war schon diese Felsenecke. Und jenseits der Ecke Menschen. Der Blick ins Weite. Ein Strand mit dem unvermeidlichen Pier. Ein hochgetürmtes Städtchen darüber. Seine Begleiterin wies mit der Hand darauf hin und sagte: »Ventnor ... Ist das nicht der schönste Platz an der Seeseite? Ich wollte, der Bungalow läge hier. Hier gibt es viel mehr Leute!« Sie war ganz wie sonst. Er schaute sie ein paarmal erregt und ungewiß von der Seite an, aber er konnte ihrem regelmäßigen, jugendlichen Profil nichts anmerken. Sie klomm so flink die steilen Gassen des Städtchens empor, daß weniger straffe Gentlemen als der junge deutsche Offizier sich hätten anstrengen müssen, um ihr zu folgen. Zu sehen gab es da oben eigentlich nichts. Sabbatstimmung. Regenverwaschene, menschenleere Straßen, geschlossene Läden, tiefes Schweigen. Sie waren umgedreht und wanderten nun hoch über den Klippen zurück. Unten dröhnte und kochte das Meer in einem meilenlangen weißen Schaumstreifen längs der Küste, frei flog der Blick über seine grenzenlose Fläche, schwere Rauchfahnen von Dampfern qualmten fern am Horizont. Edith Wilding sagte unvermittelt: »Findest du das eigentlich auch in der Ordnung, daß in Deutschland alle Frauen am Herd stehen müssen?« Er mußte lachen. »Wer hat dir denn das aufgebunden, Edith?« »Das weiß man doch! ... Alle Frauen bei euch sind Köchinnen!« »Ach, Unsinn ...« »Oder sie wischen Staub oder sie stricken Strümpfe. Sie sind dazu da, die Männer zu bedienen. Sie sind wie die Mägde! Deswegen sind sie auch so weit hinter den Frauen anderer Länder zurück!« »So? ... Das sind ja nette Neuigkeiten! Das muß ich sagen!« »Neuigkeiten!« Sie hob verächtlich die Schultern. Sie war merkwürdig gereizt. »Das war von jeher so! Dafür seid ihr berühmt in der ganzen Welt! ...« »Das war vielleicht mal so! Anderswo auch! ... Aber ihr Engländer begeht immer und ewig den Fehler, Deutschland nach der Zeit von Anno Tobak zu beurteilen. Ihr kneift krampfhaft die Augen zu gegen alles, was unterdessen bei uns passiert ist. Daher kommen dann eure komischen Urteile ...« »Anno Tobak war ich noch nicht auf der Welt!« sagte Edith Wilding. Sie fing plötzlich an, eigensinnig Englisch zu sprechen. »Aber ich war voriges Jahr wieder mit mother in Deutschland. Wir haben alle Plätze besichtigt. Überall waren Bierhäuser, größer als die Klubhäuser in Piccadilly – vier Stockwerke hoch in Berlin, und hinter den Fenstern viele tausend Männer, die Bier tranken. Wo haben sie ihre Frauen? Zu Hause! Da flicken sie unterdessen die Wäsche! Oh ... ich möchte nicht Frau in Deutschland sein! ... Ich nicht!« Sie versetzte es mit leidenschaftlicher Überzeugung. Er biß sich auf die Lippen. Das war die Folge von vorhin. Natürlich war das eine Dummheit gewesen. Und er konnte doch nicht anders. Er ging ärgerlich dahin. Sie fuhr in mitleidig-überlegener, englischer Kühle fort: »Das wirst du doch selbst zugeben, Vetter, daß die Frauen in Deutschland von Eleganz keine Ahnung haben. Sie sind lächerlich kleinstädtisch ... im Anzug ... in allem ... Sie sind ja auch so breit gewachsen! Oh... ich möchte nicht unter ihnen leben!« Er fuhr auf. »Du redest da wie der Blinde von der Farbe, Edith!... Ihr alle, hierzuland, in eurem Dünkel! ... Ihr kocht auch mit Wasser, glaub' mir! ... Denkt ihr denn, daß ihr alle durch die Bank so wunderschön seid?... Pah! Viel zu mager seid ihr!« »Danke!« sagte sie spöttisch. »Dich mein' ich nicht! Du kannst schon bleiben, wie du bist! Aber du bist eine Ausnahme! ... Im allgemeinen kriegt ihr viel zu scharfe Züge durch den Sport ... und laßt die Schultern vornüber hängen und ... wenn ich in London eine hübsche Erscheinung gesehen hab', war's immer eine Amerikanerin!« Das machte sie ganz wütend. »Natürlich: die Amerikanerinnen!« meinte sie verächtlich. »Die sind eben auch zu dreiviertel keine Ladies! ... Die haben auch das Unkultivierte ... Sie beißen sich die Nägel und schreien durch den ganzen Saal...« Jetzt wurde er auch über ihren britischen Hochmut zornig. »Was heißt denn das: ›auch‹? Bezieht sich das auf unsere deutschen Damen? .. . Die kennst du ja gar nicht ... Da hast du ja gar keinen blassen Schimmer... am wenigsten von Offiziersdamen! Sieh dich doch gefälligst einmal um – zum Beispiel bei uns im Regiment, was da für elegante junge Frauen sind! Die sind vom Rhein! Die haben Geld! ... Die ...« »Ein paar vielleicht! ... Dafür sind die anderen gewiß alle bettelarm!« »Neue sträfliche Unwissenheit!« sagte er. »Kein Leutnant bei uns darf heiraten, wenn er nicht achtzig- bis hunderttausend Mark hinterlegen kann! Außerdem muß sie auch von sehr guter Familie sein! Also unter Köchinnen kommst du bei uns nicht! Das darfst du mir schon glauben!« Das junge Mädchen antwortete nicht. Diese Sicherung der gesellschaftlichen Höhe im deutschen Offizierkorps schien plötzlich wieder beruhigend auf sie zu wirken. Sie machte ein sehr nachdenkliches Gesicht. In ihm zitterte der Ärger noch nach. Er versetzte: »Und im übrigen ist die Deutsche natürlich eine gute Hausfrau und ist stolz darauf und soll es sein! Die Frau gehört ins Haus!« »Nach euren veralteten deutschen Anschauungen natürlich!« Miß Wilding sprach immer noch herausfordernd Englisch und sah ihrem deutschen Vetter aus ihren klaren blauen Augen, in denen ein zäher Eigensinn glänzte, fest ins Gesicht. »Die englische Frau gehört dahin, wohin sie will. Ich lasse mir meine Freiheit von niemandem auf der Welt nehmen. Auch von meinem Mann einmal nicht, wenn ich je heirate...« Er zuckte die Achseln und ging wortlos dahin. Es hatte sich eine Kluft zwischen ihnen aufgetan. Sie schauten sich zuweilen im Weiterwandern an. Aber sie schwiegen beide hartnäckig. Keiner wollte den ersten Schritt zur Wiederannäherung tun. So langten sie unversöhnt vor dem Bungalow an und traten tropfnaß in das Haus, und Edith lief sofort die Treppe empor und kam bis zum Dinner nicht mehr zum Vorschein. Das Mittagmahl um sieben Uhr abends verlief steif und kühl. Helmut Merker wußte nicht: war das englische Nüchternheit und Sabbatstimmung an sich oder galt es ihm? Doch ihm! Er hatte die drückende Empfindung, daß hier ein störendes Element war, und das war er. Die Zeitungen hatten von neuen Reibereien und Sticheleien zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien berichtet. Als die Gentlemen nach Tisch beim Portwein saßen, kam die Rede darauf, und er war ganz entsetzt, zu sehen, wie wenig dies Angelsachsenvolk, das doch drei Viertel der Erde beherrschte und um die ganze Erde reiste, von seiner deutschen Heimat wußte. Er gab es auf, ihnen zu widersprechen. Er rauchte in trüben Gedanken seine Zigarre. Was er da um sich hörte, das waren, von anderen Lippen und in anderer Art, Ediths Anschauungen von heute nachmittag. Dann hatte er, gerade ehe man aufstand, noch einen neuen Zusammenstoß mit Augustus Fleck, der stark getrunken hatte und es plötzlich merkwürdig fand, daß alle Kellner in England Deutsche seien. Die Vorliebe gerade für diesen dienenden Beruf deute doch auf eine wunderbare Anpassungsfähigkeit der teutonischen Rasse. »Na – die haben Sie selber ja auch bewiesen!« sagte der Leutnant trocken, und folgte den anderen. Hinter ihm wurde gelacht. Aber er fühlte wohl: Er verbesserte seine Stellung im Hause nicht ... Drüben im Drawing-Room spielte man Bridge. Edith war mit darunter. Ebenso mit Leib und Seele dabei wie ihre Landsleute. Sie beugte sich gespannt über den Tisch. Helmut Merker kannte das Spiel nicht. Er stand schweigend abseits und sah zu. Sie schaute nicht zu ihm hin. Sie trotzte. Er auch. Nach Beendigung der Partie setzte sie sich mit zwei anderen jungen Mädchen in eine Ecke. Es waren ein paar rosige Schafe. Gott mochte wissen, was sie denen alles Wichtiges anzuvertrauen hatte! Sie redete unablässig auf die Wesen in weißem Mull ein und lachte dazu. Der junge Offizier beobachtete sie düster. Er hatte nur den einen Trost, daß sie sich auch um Mr. Augustus Fleck nicht kümmerte. Der Deutschenfresser gab sich auch keine Mühe, sich ihr zu nähern. Er saß im Nebenzimmer ganz behaglich hinter seinem Brandy und Soda und wartete. Natürlich. Er hatte Zeit. Er blieb. Sein Nebenbuhler mußte übermorgen früh sein Bündel schnüren. Jetzt, wo er sich mit Edith verzankt hatte, erschien dem dieser Entschluß als die Befreiung aus einer unhaltbaren Lage. Er stand, nachdem sich die Gäste getrennt, oben in seinem Zimmer und schaute in die dunkle, sturmbewegte Frühlingsnacht hinaus, in der man das nahe Meer wohl rauschen hörte, aber seine weißen Schaumkronen so wenig wie das Flimmern eines Sterns sah, und fühlte das Frösteln der Fremde. Und Edith Wilding selber war ein Mädchen aus der Fremde. Sie kam und ging. Schwand aus seinem Leben. Es blieb nur die Erinnerung ... Er setzte sich an den Tisch und stützte das Haupt auf die Hand. Er war erbittert und verbittert. Er steigerte sich selber immer mehr in einen düsteren Zorn. Einen Ärger über alles, was geschehen! Eine Furcht, durch längeren Aufenthalt hier sich lächerlich zu machen. Er. Ein deutscher Offizier. Er hatte das doch weiß Gott nicht nötig. Er drängte sich diesen Leuten nicht auf... Krämerseelen ... pah ... Jetzt ging sein hitziges Blut mit ihm durch ... Er bekam einen roten Kopf. Und wenn er zehnmal nur der bürgerliche Leutnant Merker von der Linieninfanterie war – so viel wie jemand, der mit Salpeter handelte und um Baumwolle feilschte, war er noch lange ... Er schlief elend diese Nacht. Am nächsten Tag, dem Ostermontag, war der englische Sabbat in neuer Auflage. Wieder Stille. Wieder Regen. Wieder Kirchgang. Wieder Stumpfsinn bis zum Lunch. Er hatte Edith bis dahin noch nicht zu Gesicht bekommen. Aber auch jetzt war ihr Platz am Tisch leer. Sie war nach dem Gottesdienst zu einer befreundeten Familie gegangen und schien, da sie sich nicht zeigte, dort geblieben zu sein. Das gab seiner Stimmung den Rest. Die allgemeine Unfreundlichkeit kam dazu. Man unterhielt sich wohl während des Essens mit ihm. Aber gleich nachher ging alles wieder seiner Wege. Niemand kümmerte sich um den Fremden. Er wartete noch ein paar Stunden bis vier Uhr nachmittags. Edith kam nicht. Da hatte er auf einmal genug. Er ging durch das leere Haus und suchte den Butler. »Sagen Sie mal, haben Sie jemanden zur Hand, der meinen Koffer zur Bahn trägt?« »Jetzt, Sir?« »Zu dem Abendzug! Ich muß leider fort!« »Sehr wohl, Sir!« Es war Helmut Merkers Absicht, oben in seinem Zimmer ein paar höfliche Abschiedsworte des Dankes an die englischen Verwandten zu schreiben und seine plötzliche Abreise mit unaufschiebbaren Geschäften zu begründen. Sie würden schon verstehen, wie er es meinte. Es war ja eigentlich verrückt. Er gestand es sich in einem lichten Augenblick selbst zu. Aber dann kam es wieder über ihn, trübte sein Denken, trieb ihn wieder in den Trotz hinein ... Er war nicht mehr Herr seiner selbst. Er war zu verliebt. Und war es zu hoffnungslos ... Alle die Fremdenzimmer des Oberstocks um ihn waren leer. Keine Menschenseele daheim. Auch kein dienstbarer Geist auf sein Klingeln hin zu erblicken. Er brauchte Tinte – denn die seine war ausgetrocknet – und trat auf den Flur hinaus. Leichte Schritte kamen rasch die Treppe empor. Er dachte, es sei das Hausmädchen, und ging ihr entgegen und stand vor Edith Wilding. Sie war ganz außer Atem. »Der Butler sagt, du wolltest fort?« »Ja.« »Aber warum denn?... Ich bin so angstvoll, es zu hören!« »Ich hab' schlechte Nachrichten aus Deutschland bekommen ... ich ...« »Helmut, schäm dich! ... Heute, am Ostermontag, gibt es keine Post ...« Beide waren eine Sekunde still. Dann brauste er auf. »Sag mal selbst: was tu' ich denn noch hier? Ich bin doch hier überflüssig!... Das sieht doch ein Blinder. Man läßt's mich auch merken! ... Du besonders! Du kommst ja gar nicht mehr zum Vorschein! Dieser Fatzke, dieser Vetter Augustus ... Mit dem Gewächs krieg' ich Krach, ehe es noch einmal Tag wird ... Da mache ich lieber freiwillig Schluß!... Denkt, was ihr wollt!... Ich denk' mir auch mein Teil ...« Er brach ab und setzte ruhiger hinzu: »Das ist übrigens alles Unsinn! Der Augustus und die anderen sind mir total wurst! Bloß deinetwegen geh' ich weg, weil du mich so schlecht behandelst!« Jetzt erst sah er, daß ihre Wangen blaß und ihre Augenlider leicht gerötet waren. Sie hatte sich die Tränenspuren sorgfältig abgewaschen. Aber sie mußte heute schon viel geweint haben, den Tag über. Sie frug gepreßt, mit sich kämpfend: »Wohin denn?« Der junge Offizier machte eine Bewegung des Unmuts in die Ferne hinaus. »Ich hab' England jetzt dick! Gründlich dick! ... Urlaub hab' ich noch! ... Da geh' ich lieber noch auf vierzehn Tage heim zu Muttern in den Odenwald! ... Da ist's still! Da stört einen keine Menschenseele ... Da kann man zu sich kommen und über allerhand nachdenken, wie's gekommen ist ... und wie's nicht gekommen ist ... und nicht hat sein sollen ...« Seine Augen wurden plötzlich feucht, seine Stimme schlug über ... er rang dagegen. Auch bei ihr sah er wieder helle Tränen... das gab ihm einen Schrecken ... nein ... mehr ... »Ja – nun heulen wir uns womöglich noch was vor!« sprach er erbittert. »Warum denn? Weshalb schaust du mich denn so an?« »Bleib doch noch ein paar Tage hier!« Er mußte zornig lachen. »Hier? ... Das gäbe ja bei euch eine Riesenfreude! Edith – nun gesteh einmal: Wer von euch möchte denn das wünschen?« Er stand dicht vor ihr. Er war einen halben Kopf größer als sie. Sie hob ihre klaren, trotz des feuchten Glanzes ruhigen Augen zu ihm auf und versetzte einfach: »Oh ... ich wäre so froh!« Da verstand er sie. Er beugte sich zu ihr nieder und legte den Arm um sie und küßte sie. Und küßte sie wild und küßte sie immer wieder und sie ihn. Niemand störte sie. Sie standen in dem stillen Gang im Oberstock, durch dessen Flurfenster fern unten das graue Meer dämmerte. Der Abend brach herein. Schatten krochen aus den Ecken. Sie küßten sich immer noch, allein in dem weiten Haus. Dann dröhnte unten die Türe. Stimmen hallten herauf. Die Familie Wilding oder ihre Gäste kehrten heim. Das brachte sie beide zur Besinnung. Sie ließen einander los und horchten. Edith nickte. »Oh ... das ist Pa ... Laß mich jetzt machen! Warte hier!« Sie und er küßten sich rasch noch einmal. Dann raffte sie ihren Rock und sprang leichtfüßig, mit offenen Lippen, eine atemlose Entschlossenheit auf den Zügen, hinab ins Erdgeschoß. Dort saß John Wilding vor seinen Papieren, hatte, nach seiner Gewohnheit, die Augen geschlossen, fuhr mit der Hand darüber und seufzte leise. Sie schlenderte unbefangen nickend mitten durch das Zimmer auf ihn zu. Er wandte den gefurchten Kopf. »Ach, du bist's!« sagte er matt und freundlich. »Störe mich jetzt lieber nicht!« »O doch, Pa!... Ich muß! Es ist etwas Wichtiges!« Sie setzte sich vor ihm auf die Platte des Schreibtisches, ließ die Füße hinunterhängen und schaute, die Hände im Schoß, bestimmt lächelnd, auf ihn hernieder, während von der Seite her das Lampenlicht ihre klaren regelmäßigen Mädchenzüge mit einem weichen Schimmer übergoß. »Ich habe mich nämlich eben verlobt, Pa!« »Was?« »Mit Helmut! ... Bleib nur ruhig sitzen, Pa! Es ist ja nun schon geschehen!« Sie legte ihm beschwichtigend die Hand auf die Schulter, um ihn am Aufstehen zu hindern, und lächelte versöhnlich. Der alte Herr behielt seinen Platz. Er hatte in seinem langen Leben so viel britische Kühle in sich aufgenommen, daß er sich äußerlich ganz in der Gewalt hatte. Er sagte nur mit großer Ruhe: »Daraus wird nichts!« »Oh ... Pa!« »Frag nur mother !« » Mother ist froh, wenn sie mich los wird! Es kommt nur auf dich an.« »Der junge Mann wird morgen abreisen!« versetzte John Wilding geschäftsmäßig in seiner stillen und trockenen Art. »Für solch einen Schwiegersohn dank' ich!« »Pa!« »Du sollst einen Kaufmann heiraten! ... Einen englischen Kaufmann! Einen Mann, der mich endlich im Geschäft entlastet!« Jetzt wurde Miß Wildings bisher bittender und weicher Gesichtsausdruck verächtlich. »Pa ... ich hab' dir vorgestern schon gesagt: Ich bin nicht aus Salpeter! Ich hab' nichts mit der City zu tun! ... Ich denke nicht an dein Geld! Ich denke an mich!« »Kurz und gut: Ich gebe meine Einwilligung nicht!« Das junge Mädchen ließ sich lebhaft vom Tisch heruntergleiten und stellte sich auf die Beine. »Oh ... Pa ... dann heiraten wir ohne die!« »Um Gottes willen!« sagte John Wilding leise und ganz entsetzt. Seine Tochter nickte. »Er ist bald achtzehn Tage im Land. Ich meine, da können wir sehr leicht in London getraut werden. Ich ziehe zu Lizzie Hunter und heirate von dort aus!« Der alte Citymann war noch immer fast sprachlos. Sie fügte hinzu: »Du wirst uns dann schon nicht als ›Paupers‹ herumlaufen lassen, Pa! Es wäre ja zu peinlich für die Firma!« »Und wenn ich es doch tu'?« »Dann mache ich einen Putzladen in Regentstreet auf. Alle meine Freundinnen werden kommen und kaufen. Ich helfe mir schon ... Aber ich fürchte, mother würde das peinlich sein!« Sie lächelte, schaute den Vater innig an und meinte: »Und du bist ja viel zu gut, um es dazu kommen zu lassen, Pa!« Der alte John Wilding war gut, fast schwach. Er hatte kein Rückgrat gegen die Seinen. Er war wehrlos gegen das zähe Angelsachsentum seiner Frau und seiner Kinder. Er vermied es, Edith anzublicken und schüttelte stumm den Kopf. »Sieh mal, Pa!« sagte das junge Mädchen eindringlich, vor ihm stehend und mit seinem Rockknopf spielend. »Du klagst immer, du hättest so viel Ärger und Sorgen. Da machst du nun doch einmal ein ganz ausgezeichnetes Geschäft, mit mir!... Er braucht doch nur fünftausend Pfund Kaution, in seiner Stellung, um mich zu heiraten! Damit wirst du mich los!« Der Alte schwieg. Seine Mienen glätteten sich etwas. »Denk einmal, wieviel Mitgift du Lucy hast geben müssen! Und ich mach' es so billig! Ich schädige die Firma wirklich nicht! ... Die paar tausend Pfund! Du sagst immer, ich soll beim Heiraten an dich und das Geschäft denken. Siehst du: ich tu's ja! ... Ich nütze, wie ich nur kann ...« John Wilding stand auf und ging langsam durch das Zimmer. Es war, als ob er wider Willen im Kopf rechnete. Die Worte der Tochter machten Eindruck auf ihn: das Lebensblut einer Firma, das Kapital, schonen – an Geld, an der Mitgift, sparen – freilich... Dann runzelte er wieder die Stirne: »Und dann ... ein Ausländer, Edith!« Es lag die ganze, selbst ihm allmählich zum Instinkt gewordene Abwehr alles Nichtenglischen darin. Sie rang die Hände. »Ein Verwandter, Pa!... Dein eigener Neffe ...« »Aber aus Deutschland!« »Du warst doch auch einmal Deutscher!« »Ja. Ich war es einmal!« sagte der alte Herr still. Nach einer Weile fügte er hinzu: »Da wart ihr alle noch nicht auf der Welt! Das ist so lange her. Und siehst du: wie du da stehst ... mit deiner Dickköpfigkeit... und nur an dich denkst und an nichts sonst ... das stammt aus diesem Lande hier. Das hast du nicht von mir! ...« Sie fühlte an seiner kleinlauten Art: sie hatte gesiegt! Sie lief auf ihn zu und schlang die Arme um seinen Graukopf und küßte ihn. Er meinte traurig: »Dank mir nicht erst! Was soll ich denn machen!? Du tust ja doch, was du willst! Ihr alle! Ich bin's schon gewohnt! ... Ich kann's nicht ändern!« Er hielt die Hände seiner Tochter fest und schaute ihr in die glänzenden jungen Augen. »Sonderbar!« sagte er. »Da führt dich das Leben wieder in die Gegend zurück, aus der wir einst hierher ins Land gekommen sind. Frankfurt ist gar nicht weit von der Bergstraße. Ich hab's nicht wiedergesehen, seit ich damals mit zwanzig Jahren mein Bündel geschnürt hab'.« »Du besuchst uns, Pa ...« Er beugte sich vor und küßte sie auf die Stirne. »Ach – was red' ich denn von mir? ... Ich bin ein alter Mann... Edith: ist's auch wirklich der Rechte?« »Ja.« »Ganz gewiß?« »Ganz gewiß!« Er schwieg. Sie stand ernst und wartete. Es war schon wieder steigende Ungeduld auf ihren Zügen. Das merkte er. Er fürchtete sich vor einem neuen Zusammenstoß mit ihrem Trotz. Er sagte plötzlich leise und hastig: »Nun gut denn! Schick ihn mir in Gottes Namen her!« Sie flog die Treppen hinauf und Helmut Merker, der immer noch auf dem Flur stand, um den Hals. Er hörte aus ihren abgerissenen Worten an seiner Brust: Es wird alles gut! ... Er fühlte ihre Last in seinem Arm ... Um ihn drehten sich die Wände, die Fenster, und draußen Meer und Nacht und ein fernes Schiffslicht auf den Wellen. Ein Fahrzeug in der Richtung nach Dover. Vor kaum vierzehn Tagen hatte er dort englischen Boden betreten – in ahnungsloser Neugier – in den Tag und in sein Schicksal hinein. Und hielt nun da alles Glück auf Erden. Ihm war es wie ein Traum ...   5 Der dumpfe Klang der Huppe, das einförmige Surren der Gummireifen ... eine lange Staubfahne dahinter – die Landstraße streckte sich weißgeschlängelt entgegen und ward von den eiligen Rädern verschlungen, die Augustsonne brannte vom wolkenlosen Spätnachmittaghimmel, ein paar Leute am Wege schimpften hinter dem Automobil. Die beiden innen saßen eng aneinandergerückt, Hand in Hand. Helmut Merker wandte das schwarzbebrillte Antlitz seiner verschleierten Frau zu und wies auf die grünen Höhen, die friedlichen Täler im Umkreis. »Das ist nun meine Heimat, Edith! Der Odenwald. Da kenn' ich jeden Weg und Steg. Da hab' ich schon als Bub mit meiner Botanisiertrommel herumgestrolcht und als Pennäler Räuber und Gendarmen gespielt und geh' jetzt da auf die Jagd. Es gibt weiter oben sogar noch im Freien Hirsche!« »Oh ... Es ist so schön!« Die junge Frau sah andächtig dies ewige Grün der Buchenwälder und Tannenforsten, an das sie von England her nicht gewohnt war. Das Automobil schoß steil zu Tal. Ein Städtchen lag da in fruchtbarer Senkung, Kirchtürme, ein altertümliches Schloß in der Mitte ... »Erbach!« Der Leutnant fing an, seine Handschuhe auszuziehen. »Nun machen wir also Muttern unsere Stippvisite! Sie freut sich so, dich kennen zu lernen, da sie nicht nach England zur Trauung kommen konnte!« »Oh ... ich liebe sie jetzt schon!« sagte Edith Merker. Er warf einen Blick auf die lederne Rückseite des Chauffeurs vor ihm. Dann küßten sich die beiden Hochzeitsreisenden hastig, machten harmlose Gesichter, als sei nichts geschehen, und fuhren durch die Gassen von Erbach, an dem langgestreckten Residenzschloß vorbei. Sie hielten an einem der mittelalterlichen kleinen Häuser und winkten und lachten im Aussteigen der alten Dame am Fenster zu. Die kam ihnen bis auf den Flur entgegen, schloß die Schwiegertochter in die Arme und schlug dann gerührt die Hände zusammen. »Ach, wie hübsch! ... Noch viel reizender als auf der Photographie!« »Nicht wahr, Mama!« sagte der junge Ehemann stolz. »Das haben wir fein gedeichselt! Na ... überhaupt ... Komm 'rein, Edith! ... Famos ... Kaffee ... Kuchen ... Blumen ... Herrgott ... hab' ich Hunger!..: Weißt du, Mutter ... so als neugebackener Automobilbesitzer! ... Wir haben unsere ganze Hochzeitsreise von Dover ab mit dem Auto gemacht ... Es war großartig ... so jetzt im Sommer... Paris ... Trouville ... Ostende ... Brüssel... Wie meinst du? Wie hübsch, das seiner Frau alles zu zeigen? Umgekehrt! Sie war der Bärenführer und ich hab's Maul gehalten. Die Edith war da schon überall. In Paris kennt sie sich aus wie ein Alter!« Edith Merker lachte und langte unbefangen nach den Schüsseln mit Gebäck und Eingemachtem und zog sie in ihr Machtbereich. »Hier ist's viel hübscher!« sagte sie zu der Schwiegermutter. »Erbach ist lieblich... fast so wie Chester!« Ihr Mann erklärte: »Wenn sie nämlich was schön findet, erinnert es sie an England!« »Oh ... aber ich will eine gute deutsche Frau werden!« Sie schaute ihren Gatten und dessen Mutter freundlich an. Warum die alte Dame dabei vor Rührung feuchte Augen bekam, begriff sie nicht recht. Es war ja alles in Ordnung. Unten auf der Straße standen die Buben um das Auto, und in ihm winselte Mac Gregor, der Otternhund, der als dritter mitreiste: Helmut Merker hörte es, sah auf die Uhr und sprang auf. »Schluß, Mutterchen! ... Nee, nee – unwiderruflich Schluß! ... Wir müssen weiter! ... In 'ner Stunde sind wir daheim! Mein Urlaub ist zu Ende. Morgen früh ist Dienst!« Er drückte fröhlich seinen blonden Schnurrbart auf die Lippen der alten Dame. »Nun kennst du sie ja!... Hauptsache!... Nächstens mehr! ... Wir haben ja jetzt das Auto ... Geschenk vom Schwiegerpapa! Ob das nicht viel kostet? ... Na ... mächtig! Aber er gibt uns ja auch einen höllischen Jahreszuschuß ... Mit dem Kasten da sind wir im Handumdrehen bei dir hier oben! Adieu! Adieu!« »Adieu!« rief Edith mit heller Stimme. Der Wagen jagte davon. Die junge Frau band sich den Schleier fester. Ihr Mann sagte: »Ja, das war nun Mama! Ich gönn' auch ihr so die Freude an dir! ... Sie hat ein schweres Leben hinter sich, Edith!« »Aber sie hat euch Söhne zu ordentlichen Menschen erzogen. Das ist doch die Hauptsache!« Er wickelte vorsorglich die Decke um die Kniee seiner Frau. »Bis auf einen, Schatz! Wenn Mama heute abend betet ... ich hab's oft im Nebenzimmer gehört: ›Lieber Gott! Schütze meinen armen Hugo! Schütze mein geliebtes Kind!‹ Das ist der, der um die Ecke gegangen ist ... an den sie alles Geld gehängt hat ... Ohne den verfluchten Bengel hätten wir ganz nett Kröten, könnten uns regen ... Na ... nun ist's ja gut! ... Wer glücklich dich erwischt hat ...« Er fühlte Ediths Hand sich leise in die seine schmiegen. Stolz erfüllte ihn: Donnerwetter ja – er hatte es weit gebracht ... Er glaubte manchmal selbst noch nicht recht an sein Glück. »Nun sind wir bald daheim in unserem eigenen Nest, Edith!« versetzte er zärtlich. »Die Villa wird dir schon gefallen. Es ist die größte und schönste, die im ganzen Ort zu mieten war. Was dir nicht gefällt, kannst du ja ändern!« »Sie wird wundervoll sein!« sagte Frau Edith. Sie pflichtete allem bei. Sie war mit allem einverstanden. Sie war geladen mit guten Vorsätzen, alles in Deutschland vortrefflich und nachahmenswert zu finden. Er küßte sie für dieses Wort. Stumm-selig fuhren sie weiter. Es begann zu dämmern. Blaß hing die Mondsichel fern im Osten über den Odenwaldbergen. Die Täler dunkelten mit ihren Lichtpünktchen einsamer Mühlen, auf weißlich dampfenden Matten lauschten scheu die Rehe. Käuzchenschreie klangen aus der Nacht der Buchenwälder ... geisterhaft strich der Wind durch die weite, weite Stille ... Es war das Land der Sagen, der Vergangenheit ... Der junge Offizier deutete hinüber, in die Ferne. »Dort drüben ist der Brunnen, wo Hagen den Siegfried erschlug!« »Oh!« Sie nickte beifällig. Aber er merkte: sie verstand das nicht. Na ja – woher sollte sie es denn auch haben – solch eine kleine Miß? Er lächelte gutmütig. Vor ihnen breitete sich plötzlich eine unabsehbare Ebene. Flach wie eine Tenne. Hunderte von Dörfern und Städten im Abendschein bis an verschwindende blaue Berge. Vor denen ein silbernes Geglitzer, wie von einem zerbrochenen Spiegel, im letzten Rot der Sonne. »Die Rheinebene!« sagte er. »Siehst du ... das da drüben ... das ist der Rhein! Jetzt kommen wir in die fröhliche Pfalz!« Eine weiche, warme Luft schlug ihnen im Niederfahren entgegen. Die Hänge an der Straße bedeckten sich mit dem dunklen Laub der Rebstöcke. Dörfer, die kleinen Städten glichen, dehnten sich breit und reich, schlossen sich beinahe aneinander auf dem uralten, von Mensch und Tier belebten, ununterbrochen wie zwischen Gärten hinführenden Völkerweg der Bergstraße. Und dann ein wirkliches Städtchen voll abendlichen Pfälzer Lärms, Kindergeschrei und Hundegekläff auf den Gassen, die Wirtshäuser voll von Menschen – da ein Gebäude, an dem das Auto langsam vorbeirollte, auf seiner großen, vorspringenden Veranda festlich mit bunten Lampen im grünen Weingerank geschmückt. »Oh – der Landlord macht eine italienische Nacht!« sagte Edith, und er verneinte lachend. »Das ist kein Wirtshaus, das ist unser Kasino! Sie haben gerade heute Bataillonsabend!« Nun sah auch sie das Rot der Kragen, das Knopfgeglitzer der Überröcke, heitere, schnurrbärtige, sonnenverbrannte Gesichter, die dem ihres Mannes glichen, Damen dazwischen, Ordonnanzen mit Gläsern, Musik im Hintergrund. Dann bog das Auto um die Ecke. Es wurde dunkler. Der Chauffeur steuerte nach Helmuts kurzen englischen Weisungen vorsichtig weiter durch die engen Gassen von Alsheim an der Bergstraße, und sein Herr schaute vergnügt nach dem Kasino zurück. »Da sitzen sie nun und picheln! ... Pfirsichbowle, schätz' ich ... und nicht zu knapp Sekt darin! ... 's ist eine fidele Blase, Edith ... du wirst schon sehen ...« Sie hatten ein altes düsteres Stadttor hinter sich gelassen. Frei auf einem Hügel lag eine große weiße Villa in reichem Grün, alle Fenster hell erleuchtet, das Gittertor der Einfahrt weit offen, das Portal oben mit Girlanden geschmückt. Helmut Merker sprang aus dem Wagen und hob seine Frau mit kräftigem Schwung der Arme zu sich heraus: »Willkommen, Edith, auf deutscher Erde und in unserem Haus!« Dann lachte er und stellte die Leute vor, die sich am Eingang zur Begrüßung bereit hielten, die Köchin und die Hausmädchen und Peter, den strammstehenden, bis zu den Ohren grinsenden Burschen: »Dumm ist er, Edith! Du wirst dich noch wundern! Aber ein guter Kerl – was, Peter?« »'Befehl, Herr Leutnant!« Etwas abseits stand Harriet, die aus England vorausgeschickte Zofe, lang, dünn, frostig den Blick zum Abendhimmel. Sie mußte sich doch sehr über diese unpassende Vertraulichkeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Haushalt wundern. Daheim in Großbritannien waren solche Beziehungen rein geschäftlich- kühler Art. Sie fühlte überhaupt: hier war kein rechter Platz für eine Lady dienenden Standes. Sie warf einen vielsagenden Blick hinüber zu dem Chauffeur, ihrem Landsmann. Helmut Merker schaute inzwischen vergnügt im Kreise und suchte. Endlich rief er laut: »Na – zum Kuckuck!... Wo steckt denn meine Schwägerin, die das alles so schön eingerichtet hat? Luise ... komm doch zum Vorschein! ... Lu-i-s-e!« Aber Frau Doktor Merker war schon am Nachmittag, nachdem sie noch die letzte Hand angelegt, nach Ludwigshafen zu ihrem Mann, dem Chemiker, zurückgereist, um die Neuvermählten nicht zu stören. Famos! Also gottlob – allein! Arm in Arm schlenderten die beiden miteinander durch die hellerleuchteten, behaglichen Räume, und die junge Frau schlug immer wieder die Hände zusammen. »Oh ... Darling ... Darling ... es ist wie ein Traum!« Er sah sie glückselig an, wie sie da stand, mit halboffenem Mund und großen Augen, gleich einem Kind zu Weihnachten. Es war ja wirklich ganz unwahrscheinlich, dies prunkende Haus mit seiner Fülle von Räumen, seiner Flut von elektrischem Licht, seinen Palmen und Perserteppichen und Bronzen, seinem wirklichen kleinen Geldschrank da verschämt in der Ecke – und draußen der weite Mondscheingarten mit dämmernden Büschen und weißen Kieswegen und Springbrunnen. Sie traten, nachdem sie sich umgekleidet hatten, hinaus. Ein lauer Abendhauch umschmeichelte sie. Die Rosenbeete dufteten. Nachtkäfer kreisten mit schwerem Summen. Am Himmel blinkten die ersten Sterne. Fern, jenseits des Rheins, blitzte zuweilen eine huschende rote Wand auf, zeigte einen Moment die Umrisse des Hardtgebirges und verschwand. »Wetterleuchten!« sagte der junge Ehemann. »Ich fürchte, es gibt Regen!« Sie überhörte seine Worte. Sie hatte ihren blonden Kopf an seine Schulter geschmiegt und schlenderte weltverloren mit ihm hin. »Oh! ... das ist schön hier!« sprach sie träumerisch, in einer mehr deutschen Weichheit. »Das ist wie in Italien. Ich war einmal mit Pa und Ma in Sorrento.« Dann wurde sie wieder die Alte. Sie sah umher, so wie der Brite Umschau hält, wenn ihm nach seiner Meinung etwas mangelt. »Wo sind die Mandeln?... Du hast mir versprochen, daß es bei euch – bei uns Mandelbäumchen gibt...« »Du stehst ja gerade drunter, Schatz!« Sie löste beinahe andächtig die reifen, dunkelgrünen Schalen aus dem Laub. Es imponierte ihr. »Und Feigen?« »Dort drüben – eine ganze Hecke voll!« Sie kauerten sich am Boden nieder. Da hingen unter den breiten Blättern die reifen, goldbraunen Früchte. Dort auch. Überall. Edith Meiler jauchzte auf. Sie kostete eine und plünderte dann die Hecke weiter. Er sah ihr lächelnd zu. Gott sei Dank – ihr Appetit hatte in dem fremden Klima nicht gelitten. Er schmauste mit. Sie hockten einträchtig nebeneinander im Dunkel. Über ihnen war der ganze Himmel jetzt voll klarer Sternenpracht. Ein kühler Hauch kam von den Höhen. Von drüben, vom Städtchen her, klangen durch die stille Luft die langgezogenen Trompetentöne des Zapfenstreichs. Der Leutnant summte mit: » Soldat – du sollst nach Hause gehn! Sollst nicht mehr bei dem Mädchen stehn! Der Haupt-mann hat's ge-sagt . ..« Sie lachte. »Müssen wir auch ins Haus?« »Besser ist's! Du verdirbst dir hier noch den Magen, Edith!« Das kam ihr komisch vor. Ein britischer Magen und ein Dutzend Feigen! Oder auch ein paar mehr! Aber sie stand auf und nahm den Arm ihres Mannes. Da schimmerten die hellen Fenster. Vor denen glitt zuweilen im Oberstock der rauschende, windgeblähte Schatten einer großen, schwarz-weiß-roten Fahne hin. Förmlich behutsam, auf den Fußspitzen, schlüpften sie in ihr Heim. Dort machte Edith, voll Eifers, sich als deutsche Hausfrau zu zeigen, eine Entdeckungsreise in die Küchengebiete im Erdgeschoß und kam nach einiger Zeit, rascher als sie hingegangen, zurück. »Oh, das sind keine guten letzten Neuigkeiten!« sagte sie mit komisch gespieltem Ernst. »... Nun ist Krieg zwischen England und Deutschland ausgebrochen!« Ihr Mann fuhr ungläubig auf. »Was? ... Zum Donnerwetter? ... Hast du die Zeitung ...?« Sie schüttelte lachend den hübschen Kopf. »Oh ... nur bei uns unten, Hellie! Harriet und Robinson«– das war der Chauffeur –- »sind ganz erschrocken. Sie sollten mit den anderen am unaufgeräumten Küchentisch essen! ... Sie haben jetzt ihr Dinner nebenan! Eins von den Hausmädchen bedient sie!« »Meinetwegen!« lachte Helmut Merker. Die junge Hausfrau meinte etwas gedrückt: »Sie haben mir beide erklärt, sie wollten morgen nach England zurückreisen! Ich habe sie gebeten, zu bleiben, und am Lohn zugelegt. Da haben sie gesagt, sie wollten sehen, was sie für mich tun könnten. Und Harriet hat gemeint, wir seien doch beide Engländerinnen, ich und sie, und es wäre wohl nicht achtbar von ihr, eine englische Lady in der Not im Stich zu lassen!« »Na – grüß die Donna von mir!« sagte der Leutnant trocken und schloß die Fenster des Speisezimmers. Leises Wetterleuchten zitterte fern über der Hardt ... »Oh – es waren doch zu viel Feigen!« sagte Edith bald nachher sachlich bestimmt bei Tisch und schob ihren Teller zurück. Sie hatte keinen Hunger. Er auch nicht. Er tat alles, was sie tat. Sie erhoben sich und schauten vom Balkon in die Nacht hinaus. Drüben im Städtchen waren helle Lichter. An einer Stelle, nicht sehr weit, die bunten Farbenpunkte von Papierlaternen, Musik – Stimmengewirr – helles Lachen. »Oh – da sind deine Freunde bei ihrem Fest!« sagte Edith, und er hatte einen Einfall. »Weißt du was: gehn wir mal auf einen Sprung 'rüber! ... Da lernst du das ganze Bataillon auf einmal kennen! Das macht sich viel gemütlicher als mit den steifen Besuchen!« »O ja!« sagte sie erfreut. Sie war mit allem einverstanden, was er wollte. Sie holte sich mit der raschen Bestimmtheit ihrer englischen Art Hut und Mantel und wanderte unbekümmert an seinem Arm durch die dunklen, krummen Gassen des Städtchens dem Lichtschein entgegen. »Nun kommst du zum erstenmal in deinen neuen Lebenskreis!« meinte er unterwegs. »Bist du ein bißchen aufgeregt, Edith?« »Oh, warum denn?« Sie verneinte unbefangen. »Sie freuen sich gewiß sehr, wenn wir kommen!« Oben auf der Veranda des Kasinos, wo alles bunt war von Uniformen und hellen Damenkleidern, hatte eben der dicke Hauptmann Kaltschmidt, der Vorsitzende der Weinkommission, sein Hauptkunststück zum Besten gegeben. Er entstammte selbst einer der großen Rebherrenfamilien aus der Neustadter Gegend, drüben in der Rheinpfalz. Ihm machte man kein X für ein U. Er hatte die Augen verbunden und kostete so ein Glas, das man hinter seinem Rücken gefüllt und ihm in die Hand gegeben hatte. Er ließ prüfend den Wein über die Zunge rinnen. »Forster Ungeheuer Trockenbeere-Auslese 1904.« »1903!« sagte der Stabsarzt Doktor Semmerau, selbst ein erprobter Weinbeißer, bedächtig. »Sonst stimmt's!« Ein Aufschrei der Bewunderung folgte. Oberleutnant Flülein, der Bataillonsadjutant, rief ungeduldig mit seiner scharfen Kommandostimme: »Herrschaften – das ist doch Unfug – mit dem Überrheiner, wo wir die schöne Bowle haben!« »Bowle ist 'n Weibertrank!« brummte der Hauptmann Kaltschmidt. Sein rötliches Junggesellengesicht leuchtete. Er trocknete sich den Schweiß von der Stirne. »Kinder ... 'ne Hitze ist heute wieder! Man möchte gerade ... Nanu ... was ist denn das?« Er riß die Augen auf. Es war ein liebliches Bild: In der Türe, die in das Innere des Kasinos führte, stand wie ein altenglisches Gemälde in einem Rahmen, hell vom farbigen Schimmer der Lampions übergossen, eine bildhübsche, blonde, schlanke junge Frau, ganz in Weiß, einen Strohhut auf dem Kopf, ein Tuch um die Schultern, und schaute mit einem freundlich sich einführenden Lächeln um die halboffenen, roten Lippen auf die Ladies und Gentlemen vor ihr, und neben ihr zeigte sich der Leutnant Merkel in seinem hellgrauen Urlaubszivil und verkündete stolz lächelnd, mit kräftigem Ton: »Nächtlicher Überfall, meine Herrschaften! ... Hier bringe ich meine Frau!« Alles sprang auf. Es war ein Stimmengeschwirr, ein Durcheinander der Überraschung, ein Hallo. Edith Merker wußte nicht, wieviel Hände sie zugleich schütteln, wie sie gleichzeitig nach rechts und links sprechen, all die Vorstellungen und Begrüßungen entgegennehmen sollte. Sie stand freimütig lachend im Mittelpunkt des Gedränges. Der Major, ein frischer, flotter Herr, hatte ihr als der erste ritterlich die Hand geküßt: »Seien Sie herzlich gegrüßt im Bataillon, meine verehrte gnädige Frau!« Dann wandte er sich ganz aufgeregt an den jungen Ehemann: »Na ... hören Sie mal, lieber Merker ... mir scheint, da haben Sie ja einen sehr guten Kauf getan ... das heißt: verzeihen Sie das etwas kühne Gleichnis ... ich meine nur ...« »Danke gehorsamst, Herr Major! ... Ich hoffe auch ...« Um Edith herum waren jetzt all die Damen: die Majorin, drei Hauptmanns-, vier Leutnantsfrauen. Eine von ihnen raffte, der Bedeutung des Augenblicks gemäß, die Trümmer ihres Pensionsenglisch zusammen: » We are so glad to meet you here ...« Aber Edith hob abwehrend und lachend die Hände. »Oh ... Sprechen Sie nur Deutsch! Ich kann gut!« Und die hübsche, kaum dreißigjährige Majorin Käufer rief begeistert ihrem Manne zu: »Oskar ... Sie kann Deutsch wie wir!« Edith Merker wollte ein übriges tun, wo man sie hier so herzlich aufnahm. Sie fügte hinzu: »Ich bin ja von Vaters her deutsch! Mein Vater ist noch in Frankfurt geboren!« Ihre englische Aussprache ließ freilich trotzdem die Ausländerin in ihren Worten erkennen, und zu ihrem Erstaunen machte auch die Versicherung ihres Zusammenhangs mit dem Deutschtum keinen rechten Eindruck. Sie kannte die deutsche Schwäche für fremdländisches Wesen nicht. Man wollte ja gerade eine Engländerin im Regiment haben. Das war neu. Das war drollig. Aber sie fühlte: Auch ohne das hätte man sie, gleichviel woher sie kam, mit ebensolcher ungekünstelter Freude begrüßt. Es war, als hätten all diese Menschen nur auf sie gewartet. Sie war ganz gerührt über den Empfang. Sie lief auf ihren Mann zu, und der faßte ihre beiden Hände und blickte sie belustigt an. »Na – Maus, was machst du denn für ein Gesicht?« »Ich – sie sind alle so gut zu mir, Hellie!« »Na hoffentlich!« »Ja aber warum denn? Sie kennen mich ja doch noch gar nicht!« »Du bist jetzt im Regiment! Das ist wie ... wie so 'ne Art Familie!... Da werden keine langen Kinkerlitzchen gemacht. Wer da hineinkommt, der gehört auch mit dazu!« »Oh!« sagte sie. Das Regiment ... Sie verstand das nicht recht. Aber es machte sie froh, daß das so war. Es gab ihr auf einmal solchen Halt in der Fremde. Beruhigt, heiter und hübsch saß sie zwischen dem lebhaften, weltmännischen Major Käufer und dem dicken, gemütlichen Hauptmann Kaltschmidt und hatte ein mächtiges Glas mit Pfirsichbowle vor sich und amüsierte sich, daß richtige Soldaten in blau- und weiß- gestreiften Leinenjacken bei Tisch bedienten, und wunderte sich, daß die Herren in Gegenwart der Ladies rauchen durften, und schaute den Tisch entlang und fand, daß die Damen fast alle sehr gut angezogen waren. Es war ganz, wie ihr Mann es ihr gesagt hatte: Man war hier gar nicht in der Wildnis. Sie war sehr zufrieden. Der Major Kauser erhob sich und klopfte an sein Glas. Es entstand eine erwartungsvolle Stille. Er räusperte sich. Dann begann er mit sehr lauter Stimme: »Meine Damen und Herren! Hier passiert für gewöhnlich nischt! Und auch das selten! Das wissen wir! Daran sind wir gewöhnt! Wenn sich hier mal was ereignet, so ist das ein Ereignis. Meine Herrschaften: dieser Fall ist heute eingetreten. Wir können, wenn wir heute auseinandergehen, uns sagen: mal was Neues! Und mal was Nettes! »Meine Herrschaften: wie unser guter Merker hier dies Frühjahr zu mir kam und Urlaub nach England haben wollte, da sagte ich zu ihm: ›Kind Gottes, was haben Sie denn dort verloren?‹ Meine Herrschaften: Herr Leutnant Merker war klüger als wir alle! Der hat schon gewußt, was er dort finden würde!« Er verstärkte noch den Klang seines Basses. An der Wand hinter ihm standen stumm, still wie die Bildsäulen, die Kasinoordonnanzen. »Meine Damen und Herren! Von Seiner Majestät dem Kaiser besitzen wir unter anderem das wertvolle Wort: ›Blut ist dicker als Wasser!‹ Unser allergnädigster Herr wollte damit ausdrücken, daß eine Stammesverwandtschaft zwischen uns und unseren Vettern jenseits des Kanals besteht. Und in diesem Falle, den wir hier vor Augen haben, besteht außerdem eine engere Verwandtschaft, eine Familienverwandtschaft zwischen einem deutschen Vetter und seiner englischen Base. So ist eine doppelte Gewähr für das Glück der Zukunft gegeben – na – und was wir hier von außen mit unseren bescheidenen Kräften dazu tun können – daran soll es wahrhaftig nicht fehlen!« Er erhob sein Glas gegen Edith Merker, die lachend und unbefangen aus ihren glänzenden blauen Augen zu ihm aufsah. »Meine verehrte gnädige Frau ... Eigentlich ist's ja Sache des Regiments ... aber unser verehrter Kommandeur weilt nicht in unserer Mitte – wir leben ja hier in der Verbannung als detachiertes Bataillon – fühlen uns aber dabei merkwürdig wohl – nicht, meine Herren? – ... also bin ich hier vorläufig der oberste Mann an der Spritze und heiße Sie in unser aller Namen herzlich in unserer Mitte willkommen und hoffe, Sie werden an der Seite Ihres Mannes die Trennung von Ihrer lieben englischen Heimat bald verwinden und eine frohe deutsche Soldatenfrau werden! ... Nochmals willkommen, gnädige Frau!« Er stieß mit ihr an. Edith lächelte dankbar. Die ritterliche Leichtigkeit deutscher Offiziere tat ihrem Frauenherzen wohl. Sie fühlte sich auch geschmeichelt, der Mittelpunkt des Ganzen zu sein. Der Reihe nach kamen alle zu ihr, die vor ihrem Stuhl stand, und ließen ihr Glas an das ihre erklingen, und dazu spielte die Musik auf den Wink des Adjutanten einen dreimaligen Tusch. Dann setzte man sich. Das Stimmendurcheinander begann wieder. Unten am Tisch war die Laune schon sehr lebhaft. Dort saß Helmut Merker als einziger Zivilist zwischen seinen Kameraden. Er war unendlich stolz auf seine Frau und auf alles. Wie hatte sich seine Stellung im Regiment jetzt verändert! Er merkte es an jedem Wort, an jeder Kleinigkeit. Er fühlte: Man begegnete ihm mit unwillkürlichem Respekt. Er war der Mann, der ein eigenes Auto besaß, eine große Villa bewohnte, fern in England einen Schwiegervater auf Geldsäcken sitzen hatte. Der Leutnant Gustavus goß ihm ein und meinte: »Na – du oller Rothschild – nu wirst du dir wohl auch noch 'nen Gaul zulegen!« Und er antwortete, unbewußt ein wenig nachlässig, im Stil eines englischen Klubmannes: »Ich denke, zwei!... Meine Frau reitet doch auch! Besser als wir alle!« Dabei suchte er mit den Augen Edith oben an der Tafel, und sie grüßte ihn mit einem leisen, lächelnden Kopfnicken. Die Musik spielte das Rheinlied. Frau Leutnant Flülein, eine große, stattliche Blondine, die einen schönen Sopran besaß, sang übermütig aus voller Kehle mit: »An den Rhein, an den Rhein – zieh nicht an den Rhein!... Mein Sohn – ich rate dir gut ...« Viele der anderen, Herren und Damen, stimmten ein. Der Gesang brauste aus dieser bunten, kleinen Lichterinsel des Kasinos über das verschlafene Städtchen und die im Mondschein dämmernde Ebene, in der fern dort drüben der Vater Rhein seine silbern glänzenden Fluten wälzte. Schwer hing das Weinlaub der Veranda über den fröhlichen Zechern, die Trauben in ihm zeigten schon die erste reifende Röte der Beeren, durch die Lücken der Blätter funkelten hoch die Sterne, wehte ein warmer Wind – Edith Merker hatte den Mund offen: Ihr, die von dem ewigen: › Oh, yes ‹ des Drawing-Room kam, waren diese lustigen Rheinländer ganz neu. Aber nett. Es ging zu wie in einer fidelen großen Familie. Jetzt wußte sie, woher ihr Mann dies übermütige Lachen in den Augen hatte, in das sie sich zuerst verliebt. Er saß, den Stuhl schon etwas zum Aufbruch zurückgerückt, und hörte nur halb auf die eindringlichen Vorschläge eines Kameraden in betreff einer Jagdpacht im Odenwald. Teuer, aber tip-top. Sogar Birkwild! »Na ja ... ich werde die Jagd ja wohl nehmen!« sagte er herablassend und gab Edith einen Wink. Es glückte ihnen, sich unbemerkt zu drücken. Eine Minute später standen sie schon vor dem Kasino und schritten längs der altertümlichen Häuser heim. Beide in rosiger Stimmung. Er schwenkte sein Spazierstöckchen und trällerte: »Guter Mond, du gehst so stille ...« Sie hatte, des Staubes wegen, ihr weißes Kleid gerafft, setzte energischen Tritts die langen schmalen Schuhe voreinander und sagte mit geröteten Wangen – ein ganz klein bißchen war ihr die Pfirsichbowle zu Kopf gestiegen: »Das ist zu nett ... in eurer Messe ...« Und dann sehr entschieden, mit einem glücklichen Lächeln und einem Blick nach oben: »Oh ... das Leben ist doch ein gutes Ding!« Er hätte sie am liebsten an sich gezogen und geküßt. Aber in einiger Entfernung hinter ihnen klirrte ein Säbel. Da ging auch ein Offiziersehepaar nach Hause. Edith fing an, von ihren Eindrücken zu erzählen. Oh – die Ladies waren zu reizend. Sie hatte auch gleich bei ihnen die Gründung eines Golfklubs angeregt. Fünf Damen hatten sich sofort als Mitglieder gemeldet. Man würde einen passenden Platz in der Rheinebene pachten und da guten Sport haben... »Frau Kauser ist auch eine sehr nette Frau!« berichtete sie weiter. »Ich habe sie eingeladen, sie möchte uns doch einmal besuchen!« Er blieb entsetzt stehen. »Du – die Majorin?« »Ja!« versetzte sie unbefangen. »Was hat sie denn da um Gottes willen geantwortet?« »Sie hat sehr gelacht und die anderen Damen auch und gemeint, sie würde schon einmal kommen!« »Teures Kind!« sagte der Leutnant Merker im Weitergehen. »Die Majorin Käufer ist deine Vorgesetzte. Der wirst du – oder vielmehr werden wir dieser Tage zuerst unsere Antrittsvisite machen!« »Oh ... Bei uns in England muß eine neugekommene Lady warten ... bis ...« »Du bist aber nicht in England, mein guter Schatz, sondern in der deutschen Armee!« Drüben über der Rheinebene flammte ein leises Wetterleuchten auf. Es lief über den ganzen Horizont, vom Taunus bis zum Wasgenwald ... Eine kurze Minute schwiegen die beiden. Dann gestand Edith Merkel reumütig, den Arm ihres Mannes nehmend: »Du hast sehr recht! ... All right ... Ich bin in der deutschen Armee! Ich werde gerne zuerst hingehen und Frau Käufer sehen!« Nun küßte er sie doch an einer stillen Ecke zum Dank. Als sie weitergingen, frug sie mit komischem Ernst: »Hellie – hab' ich noch viele Vorgesetzte?« Er mußte lachen. Es ist nicht so schlimm! ... Vor allem noch die Kommandeuse! Das ist die eigentliche Vorgesetzte aller Regimentsdamen!« Sie platzte belustigt heraus und marschierte in gleichem Tritt mit ihrem Mann. Es machte ihr keine Mühe. Sie war an lange Sportschritte gewöhnt. »Ihr seid zu drollig! ... In England kann man sich nicht denken, daß eine Frau Vorgesetzte hat!« »In England ist überhaupt manches faul!« sagte er. »Deswegen habe ich dich ja von dort weggeholt!« Er stieß die Türe seines Gartens auf. Die Mondnacht war zu schön. Er und Edith konnten sich nicht von ihr trennen. Sie setzten sich im Garten auf eine Bank. Es war nun schon gegen Mitternacht. Sie hielten sich umschlungen und träumten in die bläulich-silberne Weite hinaus. Um sie zirpten unermüdlich die Grillen. Von ferne kam Hundegebell. Der Pfiff einer Lokomotive. Dann lächelte die junge Frau. »Ich freue mich so auf morgen früh! Da gehen wir durch das ganze Haus und sehen alles erst recht im hellen Sonnenschein!« »Aber erst schlafen wir ordentlich aus!« »O ja!« Da pflichtete sie sehr bei. Sie war von ihrem Inselreich her alles eher als eine Frühaufsteherin. Er zog sie noch fester an sich. »Wenn ich nun damals in Dover nicht Gedichte gemacht hätte und sie hätten mich nicht verhaften wollen...« »Oh ... wie gut, daß sie es taten!« »Begreifst du jetzt, daß man Gedichte machen kann, Edith?« Seine Stimme klang weich, im Glück verloren. Sie nickte zustimmend. Ganz verstand sie das freilich immer noch nicht. Er fuhr aus seiner Weltvergessenheit auf. Ein dunkler Schatten war um die Ecke getreten und stand stramm. »Was haben Sie denn da zum Teufel, Peter!« »Herr Leutnant Flülein hat eine Kasinoordonnanz mit dem Parolebuch geschickt!« »Ach so!« Helmut Merker las in der Helle des Mondscheins, unterzeichnete mit dem Bleistift, gab das Buch dem Burschen, der sich damit trollte, und sagte, aufstehend und sich in den Schultern reckend, zu seiner Frau: »Uff – das gibt wenig Schlaf – diese erste Nacht! Um vier Uhr muß ich schon wieder aus den Federn!« »Was?« »Um fünf steht das Bataillon auf dem Exerzierplatz. Kombinierte Gefechtsübung mit dem Rest des Regiments, auf den wir irgendwo unterwegs in der Rheinebene stoßen! Das kenn' ich! Da kommen wir vor Mittag nicht heim!« Edith Merkel hob bittend die Hände. »Oh – dear me -– das geht doch nicht! ... Am ersten Tag ... sag doch ab!« »Ich glaube, du bist verrückt!« Er lachte dabei so ehrlich, daß sie ihm nicht böse sein konnte. Sie war nur betrübt. Dann wieder tapfer. »Ich werde auf dich warten!« sagte sie. »Und dann werden wir lunchen und nach dem Lunch fahren wir aus. Ich möchte so gerne morgen mit dem Auto nach Frankfurt. Ich will das Haus unserer Verwandten dort sehen!« Helmut Merker kannte seine junge Frau nun schon gut genug, um den heiligen Respekt einer freien Britin vor allem, was Adel und Reichtum hieß, zu verstehen. Ein Titel – er hieß Doktor oder Hauptmann oder Direktor – imponierte ihr gar nicht. Es mußte das »von« und die Millionen des Frankfurter Patriziergeschlechts der Wildings dahinter stehen. Zu denen wollte sie durchaus und sich in diesem großen Hause ihre Stellung machen. Das Ziel hatte sie mit angelsächsischer Beharrlichkeit vor Augen. Ihr Mann zündete sich nachdenklich eine Zigarette an. »Morgen nachmittag ist's mit Spritztouren Essig, mein Schatz! ... Ich hab' um vier Uhr Exerzieren auf dem Kasernenhof und nachher blüht mir noch ein Schuh- und Stiefelappell!« Sie machte erschrockene Augen. »O Gott... den ganzen Tag...,« sagte sie. »Warum tut ihr das? ... Warum gebt ihr euch so viel Mühe mit alten Stiefeln?« »Weil der Mensch nicht zum Vergnügen auf der Welt ist!« Er führte sie in das Haus und verschloß weitere Fragen auf ihren Lippen mit einem Kuß. »Das ist dir jetzt noch zu hoch, Maus! ... Du mußt dich erst hier einleben! Dann geht dir auf einmal ein Kerzenlicht auf. Dann siehst du, wie notwendig das ist! ... Da drüben fließt der Rhein! Überm Rhein lauern die Franzosen! Die haben schon oft hier in der Pfalz gesengt und gemordet, daß kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Wenn wir nicht höllisch aufpassen, daß bei uns in der Armee alles am Schnürchen geht, ist die Schwefelbande morgen früh schon wieder da!« Die junge Frau schmiegte sich vertrauensvoll an ihn. Sie war getröstet. »O ja!« sagte sie. »Ich will auch so sein wie du! Ich will sein, wie es in Deutschland gut ist!« Mitten in der Nacht wachte Edith Merker auf, setzte sich empor und schaute erschrocken und verwirrt um sich in das Dunkel, das nur eine unstet flackernde Kerze erhellte. Irgend etwas hatte sie geweckt – etwas wie eine Berührung, ein Hauch auf ihrer Stirne. Eine Gestalt beugte sich über ihr Bett – fremdartig – sie sah einen roten und blauen Schimmer, das Glitzern von Knöpfen, sie hörte das Rasseln eines Säbels – sie hätte beinahe aufgeschrieen .. . aber nein ... natürlich . . . Gott sei Dank: das war ja ihr Mann ... Sie hatte ihn nur einmal im Leben ein paar Stunden lang in Uniform gesehen, das war am Tag ihrer Trauung in London gewesen. Damals hatte ihr die Aufregung den klaren Blick benommen. Sie hatte durch den Brautschleier alles wie im Nebel geschaut. Sie hatte nur eine undeutliche Erinnerung an seine Erscheinung. Jetzt stand er sonderbar martialisch im Kerzenlicht vor ihrem Bett, die Schuppenkette unter dem Kinn, den Greif des Helmwappens durch einen grauleinenen Überzug verhüllt, in hohen Stiefeln, ein lächerliches kleines Schultornisterchen auf dem Rücken. Unten im Eßzimmer hörte sie den Burschen hantieren. Ein würziger Geruch von frischgebranntem Kaffee drang herauf. Vor den Fenstern kämpfte das erste ahnende Dämmergrauen mit der Finsternis. »Vier Uhr morgens, Schatz! sagte der Leutnant Merker und gab seiner Frau wieder einen Kuß, diesmal nicht auf die Stirne, sondern auf den Mund. »Adieu! Ich muß fort!« »Oh – was ist denn? ... Sind Diebe da?« Sie war immer noch schlaftrunken. Er mußte lachen. »Die hätten's gut – bei deinem gesegneten Schlummer! Ich bin aufgestanden, ohne daß du es gehört hast. Aber ohne einen Kuß konnt' ich doch nicht weg!« »Weg?« »Na ja – in den Dienst!« »Ach so ...« Sie seufzte. Nun begriff sie. Es pochte an die Türe. Harriet, die englische Zofe, erkundigte sich von außen. Sie sei sehr ängstlich, zu hören, ob die Lady krank sei? Es sei solch eine Unruhe im Haus. » All right! « schrie Helmut Merker etwas ungeduldig. Er sah unten im Hof Robinson, den Chauffeur, mit einer Stall-Laterne in der Hand stehen und besorgt nach den hellen Fenstern hinaufblinzeln. »Kinder – daran müßt ihr euch nun einmal gewöhnen, daß ich mit den Hühnern aufsteh'! Das ist anders als bei euch Schlafmützen in England!« Freilich, wenn dort der Hausherr vor Tag und Tau aus den Federn kroch, dann brannte es entweder, oder es stand ein unerhört glorreicher Sport in Aussicht. Aber hier – um mit den Soldaten zu üben ... Frau Edith schüttelte bang den Kopf. Ihr war auf einmal weinerlich und jämmerlich zumute. »Hellie ... laß mich nicht allein! Es ist doch solch eine unchristliche Zeit!« »Kind – was schwatzt du für Unsinn!« sprach der Leutnant Merker kaltblütig und schnallte den Tragriemen seines Revolvers an der Seite fester. »Oder fahre wenigstens mit deinen Freunden im Auto nach! ... Da holt ihr die Soldaten noch leicht ein!« Er faßte sie mit der Hand unter das Kinn und blickte sie belustigt an. »Du bist mir der geborene Stratege, Maus! An dir hätte Moltke seine helle Freude gehabt!... Peter... ist der Kaffee fertig?« »'Befehl, Herr Leutnant!« brüllte es von unten. »Na – denn man zu!« Er wollte sich von seiner Frau verabschieden. Aber die wehrte ab. Sie dachte jetzt auch an ihre Pflicht. »Schick mal den Burschen fort!« sagte sie entschlossen. »Du sollst nicht allein dein Frühstück haben! Ich komme mit hinunter!« Sie schlüpfte rasch in Morgenrock und Pantoffeln, setzte sich, immer noch schlaftrunken, neben ihren Mann, goß ihm Kaffee ein und strich geschäftig Butterbrot. Er fuhr ihr zärtlich mit der Hand über das unordentliche blonde Haar. »Du bist ja eine famose kleine Offiziersfrau! Wer hätte das gedacht!« Sie war stolz auf sein Lob. Und auf sich selber. Eigentlich war es ganz lustig, hier in dem hell von dem elektrischen Licht beleuchteten Eßzimmer – draußen der fahle Dämmer, Hähnekrähen, nicht Tag und nicht Nacht – einmal etwas ganz Neues – da sah Helmut Merker auf die Uhr und erhob sich. »Nun leg dich wieder in die Klappe, Schatz! Ich muß weg! Sonst versäum' ich das Zauberfest! Höchste Eisenbahn ...!« Die Haustüre schlug hinter ihm zu. Sie hörte seine raschen Tritte auf dem Kies. Das Klirren des Gartengitters. Dann tiefe Stille. Sie war allein. Sie stützte den hübschen Kopf auf die Hand und schaute vor sich hin. Komisch. Plötzlich ohne ihn ... Und seinetwegen war sie doch im fremden Land ... Harriet, die Zofe, streckte ihr übernächtiges Gesicht durch die Türspalte. Unverkennbare Mißbilligung dieser nächtlichen Ruhestörung lag auf ihren Mienen. Ihre Herrin wurde etwas ärgerlich – gerade weil sie ungefähr das gleiche empfand. Sie sagte auf englisch: »Was wollen Sie denn eigentlich, Harriet? Mr. Merker wird noch oft so früh aufstehen. Das ist sein Geschäft. Da ist nichts zu machen!« Aber sie selber konnte sich nicht entschließen, sich wieder hinzulegen. Sie saß müßig und unschlüssig da, die Hände im Schoß. Jetzt, wo es vor den Fenstern immer heller wurde, merkte sie: es regnete draußen. Es regnete Bindfaden. Die Welt lag trübe, grau in grau. Große Wasserpfützen standen auf dem Weg. Die fallenden Tropfen zogen darin einförmig ihre Kreise. Sie gähnte nervös. Sie drehte das elektrische Licht aus. Nun war das Zimmer sonderbar fahl. Fast unheimlich im Zwielicht. Sie setzte sich wieder. Sie sah sich im Spiegel. Sie war beinahe erstaunt über diese hübsche blasse junge Frau im weißen Morgenrock. Sie war zum erstenmal in ihrem Leben auf sich selbst angewiesen. In England hatte man immer die Eltern um sich gehabt, die Geschwister, die Freundinnen. Man hatte einen gemeinsamen Tageslauf, gemeinsame Ziele und Zeiten. Aber hier ... sie konnte doch nicht ihren Mann auf den Exerzierplatz begleiten ... Es regnete immer stärker. Nun hatte sie die Hoffnung: bei dem Wetter werden sie zu naß! Da bleiben sie daheim! ... Hellie kommt wieder nach Hause! ... Es war ein sehnsüchtiger Gedanke. Aber da nahte sich schon fern auf dem Weg ein schweres, dumpfes Schreiten von Hunderten von gleichmäßig marschierenden Stiefeln. Dann ein kurzer, scharfer Ruf: »Ohne Tritt!« Das Schüttern verwandelte sich in ein unbestimmtes Getrappel, kam um die Ecke – triefende Pferdeköpfe voraus – der Major steckte gerade im Sattel seinen Säbel in die Scheide. Er sah gar nicht so liebenswürdig aus wie am Abend vorher, sondern streng und ernst. Neben ihm ritt der Leutnant Flülein, eine Schärpe von der Schulter zur Hüfte, dahinter der vor ein paar Stunden noch so joviale, jetzt bärbeißig dreinblickende Hauptmann Kaltschmidt. Dann der lange Heerwurm der Pickelhauben, die Gewehre kreuz und quer im Regen, berittene Compagniechefs, Leutnants zu Fuß, dröhnender Gesang der Mannschaft ... jetzt kam die letzte Compagnie. Mitten unter den Musketieren, an der rechten Seite einer Sektion, erkannte Ediths Auge ihren Mann. Er schritt gleichmütig dahin. Sie dachte sich: Ach Gott, der Ärmste! Er ist sicher schon naß bis auf die Knochen! Sie konnte ihm nicht zuwinken. Sie hielt sich, der fremden Blicke wegen, in ihrem Negligé hinter dem Fenstervorhang verborgen. So sah er sie nicht, als er im Vorübermarschieren die Augen nach seinem Hause wandte. Er bemerkte nur unten im Hof den Chauffeur, der, eine kurze englische Stummelpfeife im Munde, seinen Lederanzug reinigte und, mit nüchterner Geringschätzung die Truppen musternd, seinen Herrn in der bunten Verkleidung gar nicht erkannte. Über Helmut Merker kam ein Anflug von Ärger: da hatte man nun einen 24 HP -Motor stehen und lief selber im Dreck herum! Gleich darauf war die Mißstimmung bei ihm vorbei, und er trat absichtlich mit seinen hohen Stiefeln in eine Pfütze, daß das Wasser spritzte. Fern verhallte der Marschtritt und Gesang. Frau Edith lauschte ihm kummervoll nach, bis sie nichts mehr vernahm als das leise einschläfernde Rieseln des Regens. Da wandte sie sich seufzend vom Fenster ab. Ein Frösteln überlief sie, trotz der lauwarmen Treibhausluft der Rheinebene. Es kam mehr aus der Seele. Es war ein Gefühl: Hier ist etwas um einen, über einem, das du nicht kennst! Dein Mann liebt dich, und doch geht er früh morgens aus dem Haus und läßt dich den halben Tag allein, drei Wochen nach der Hochzeit! Er muß! Andere wollen's! Und er gehorcht! Er gehört nicht nur dir! Und auch nicht nur sich, was dasselbe wäre! ... Er ist nicht unabhängig wie ein britischer Gentleman. Er hat fremde Menschen über sich. Nein – nicht eigentlich Menschen. Es war mehr ein Gesetz... eine sonderbare Weltanschauung... eine freiwillige Unterordnung ... Und da wurde es in ihr, wie sie mit gesenktem Kopf in ihr Schlafzimmer zurückging, allmählich klar: Ich bin nicht mehr in England! Die Inseln der Freiheit liegen hinter mir! Ich bin in Deutschland. Ich bin im Land der Pflichten ...   6 Weihnachten war schon vorbei. Es war der letzte Tag im Jahr. Aber noch lag kein Schnee auf diesen gesegneten Hängen des deutschen Südens an der Bergstraße. Es war mehr wie ein Winter in Italien, lauer Regen, linder Wind, graue weiche Luft. Das trübe Leuchten, das den Lauf der Sonne anzeigte, neigte sich schon, früh am Nachmittag, drüben im Westen über der Hardt zur Rüste, als der Zug an der Station Alsheim hielt und Frau Emma Nägelein, die Schwester Helmut Merkers, im Aussteigen energisch zu ihrem Gatten, dem Oberlehrer, sagte: »Natürlich hast du eine falsche Ankunftszeit geschrieben. Es ist niemand da!« Der Gymnasiallehrer, eine kräftige, vollbärtige, bebrillte Erscheinung, schaute aus seinen leuchtenden Blauaugen prüfend um sich. Er faßte den Fall ruhig auf. »Wir nehmen eine Droschke, liebe Emma, und fahren mit unserem Handgepäck zu deinen Geschwistern!« Und im Wagen erläuterte er: »Wenn ich Geschwister sage, so habe ich allerdings mehr und in erster Linie deinen Bruder im Auge. Denn seine Frau – ich muß gestehen, eine Deutsche wäre mir lieber!... Es kommt nun einmal nichts Gutes über den Kanal!« »Sei so gut und lasse deine ewigen Predigten hier unterwegs. Niemand kann dafür, wo er geboren ist. Edith auch nicht!« Frau Nägelein war blond, rundlich und kleinstädtisch- resolut. Ihr Gatte fügte sich. »Ich mache ihr ja auch keine Vorwürfe!« sprach er und stieg aus der Droschke, die vor der Villa hielt. »Was ist denn das für ein nächtlicher Geselle in schwarzem Leder? He ... Sie da ... guter Freund! Sind die Herrschaften zu Hause?« » I don't speak German, Sir! « Der Chauffeur Robinson schüttelte auf der Schwelle der Garage den Kopf. Aus dem Hause trottete ein alter grauer Otternhund. Eine hagere, ältliche Zofe rief ihn zurück. »Mac Gregor! Come here again! « »Hörst du diese Leute?« sprach der Oberlehrer dumpf zu seiner Frau. »Emma ... mir schwant Böses! ... Wie einen das Frauenzimmer majestätisch anschaut! ... Wir möchten zu Herrn und Frau Leutnant Merker, meine Beste! Wir sind über Neujahr hier eingeladen!« » What do you want, Sir, please? « Der Altphilologe und seine Frau verstanden kein Englisch. Sie schauten sich ratlos um. Ein paar unverkennbare britische Misses traten, ihre nassen Regenschirme zusammenklappend, von der Straße her mit der Sicherheit von Hausgästen in den Flur. Die eine überblickte die Sachlage und schrie aus voller Kehle in die Treppenwölbung hinauf: » Halloah, Edith! Any one for you !« » What's the matter? « Über dem Geländer oben erschien Ediths blonder hübscher Kopf und spähte in das Zwielicht hinab. »Oh ... wer ist da?« Doktor Nägelein warf sein bärtiges Haupt zurück und drückte sich die Brille fester, um nach oben zu schauen. »Nur ein paar Deutsche!« verkündete er. »Nicht mehr! ... Und beide leider der Landessprache hier im Hause nicht mächtig!« »Ach ... ihr seid's!« Frau Leutnant Merker flog in ein paar langen Sätzen die Stiege hinab. Sie hatte immer noch ihre ungestümen angelsächsischen Bewegungen des Lawn- Tennis- und Cricketplatzes an sich. Sie schüttelte denen unten herzlich mit ihrer langen nervigen Sporthand die Rechte, daß ihnen die Finger schmerzten. »Oh – ihr seid früher gekommen? All right ... Ich bin so froh ... Gleich wird euer Zimmer fertig sein! Kommt hier herein! Wir haben hier Tee. Da sind meine Freundinnen aus London: Miß Hunter und Miß Fife. Sie können leider kein Wort Deutsch. Wie ich diesen Herbst, während Hellie im Manöver war, nach England ging, hab' ich sie mir eingeladen ... Die Meinigen kommen im Frühjahr ... Das wird eine gute Zeit... Da ist Jam... habt ihr Cakes ...?« Sie plauderte unbefangen heiter, jung und gesund. Vor ihr war ein Fünfuhrtee, die Blüte englischer Kultur, aus Sandwiches und Backwesen und hundert Niedlichkeiten aufgebaut. Die Fenster standen trotz der Winterkühle weit offen. Es zog empfindlich herein. Gegenüber flackerte und glühte backofengleich ein Kamin und erhellte die heimatlichen britischen Turfbilder an den Wänden. Neben einem Anrichtetisch stand groß, breitschultrig, in Kniehosen und Wadenstrümpfen, der Butler, der Haushofmeister. Doktor Nägelein betrachtete ihn mißbilligend und glaubte in den unbewegten, glattrasierten Zügen des Mannes das gleiche Gefühl zu lesen. Sein Auge fiel auf einen Stoß englischer Romane. Daneben die ›Daily Mail‹ ... ein halbes Dutzend ›Ladies-Magazines‹ – England überall ... »Wie es mir geht?« sagte inzwischen Edith Merkel zu der Schwester ihres Mannes. »Oh – so gut! Hellie und ich sind so zufrieden miteinander! ... Ich habe mich hier schon ganz eingelebt ...« »Wahrhaftig?« »Ja. In England wundern sich alle, wie man so rasch deutsch werden kann! Und es ist mir doch gar nicht so schwer gefallen. Some tea, please? « Die kleine Frau Nägelein hatte etwas Humoristisches an sich. Als sie oben im Gastzimmer mit ihrem Mann allein war, platzte sie los. Der Oberlehrer ging düster auf und nieder. Er stieß mit dem Fuß einen der mächtigen englischen Tubs zur Seite, die in verschwenderischer Fülle und in allen Formen zum Wassergeplantsche bereit standen und schloß klirrend die sperrangelweit offenen Fenster. »Emma – nun weiß ich doch, wie es in einem englischen Hause ausschaut, ohne daß ich je in England war!« » Sie hat eben das Geld!« »Das ist's!« Der Schulmann blieb ingrimmig stehen, » Auri sacra fames ... Diese Leute plündern die ganze Welt und vergiften damit unser Deutschtum!... Und wir sind immer noch gegen sie wehrlos ... nationale Chamäleons ... Mimicry ... Vierzig Jahre nach Sedan ... Gerechter Bismarck ... steh uns bei!« »Sei still! Uns tun sie nichts!« »Weh tut's mir! Früher trieben die Franzosen bei uns Seelenfang. Jetzt die Briten! ... Merkst du, wie die Rasse auf alles abfärbt? Ich bin überzeugt, die Mäuse unter den Dielen pfeifen hier auf englisch, die Uhr dort drüben tickt englisch – es hat sich um die beiden herum ein englisches Fluidum gebildet, das ... In wenigen Tagen will er ja auch mit seiner Frau auf sechs Wochen mit Urlaub nach Ägypten ... Schließlich werden sie ihn noch ganz einseifen ...« »Mach dich jetzt lieber fertig!« sagte seine Frau. »Es geht bald zu Tisch!« Der Philologe seufzte auf und legte den schwarzen Bratenrock an. Er war der einzige, der an der Tafel dies Kleidungsstück trug. Alle anderen Gäste des Silvesterdinners, wohl zwanzig, waren in Frack und weißer Binde. Auch der Hausherr selber und ebenso sein ältester Bruder, der Ludwigshafener Chemiker, ein kluger, mit Schmissen übersäter alter Korpsstudent, der mit seiner Frau, einer eleganten jungen Mannheimerin, auf Geschäftsreisen weit in der Welt herumgekommen war und fließend Englisch sprach. Das ärgerte Doktor Nägelein bis ins Innerste. Ein deutscher Offizier in diesem Schwalbenschwanz vom Strand der Themse und der Seine. Mißvergnügt musterte er die Tafelrunde. Ihm schräg gegenüber saß die junge Frau des Hauses. Ihre weißen, englisch mageren Schultern schimmerten im Kerzenlicht, eine Perlenschnur um den Hals hob den zarten Glanz ihrer Haut. Sie trug eine seegrüne Robe. Ihre Freundinnen, die Misses, flimmerten ebenso in Blau und Rot, auf dem Tisch rankten sich Orchideen, Butler, Diener und Offizierburschen reichten Eisblöcke mit Kaviar herum, Schalen mit frappiertem Sekt – und das alles bei einem gemütlichen Zusammensein im Hause eines einfachen Infanterieleutnants! Rings um Doktor Nägelein herum wurde nur Englisch gesprochen. Ein halbes Dutzend Angelsachsen war eigens aus Homburg vor der Höhe herübergekommen, um hier, wenn auch Frau Leutnant Merker etwas von › French cook ‹, von französischer Küche, gemurmelt hatte, ihr richtiges heimisches, etwas verspätetes Christmasdinner zu haben, mit dem mächtigen Puterhahn und bläulichem Flammengezüngel um den Londoner Plumpudding. Links von Edith saß der Mittelpunkt der Gesellschaft. Ein Herr mit einem glattrasierten Gesicht, dessen Falten wie aus Stein gehauen schienen, so gleichmäßig blieb ihr Ausdruck. Er wurde Sir Edward genannt. Die Hausfrau war gegen ihn von einer aufgeregten Liebenswürdigkeit und ebenso ihr Gatte drüben zu dessen Frau. Sie schienen beide unendlich stolz darauf, dies steifleinene Ehepaar unter ihrem Dach zu wissen, das ihnen Empfehlungsschreiben nach Ägypten mitzugeben versprach. Doktor Nägelein glaubte zu verstehen, daß es sich namentlich um einen Lord in Kairo handelte, den Schwager dieses Sir Edward, und daß bei der Aussicht auf eine Bekanntschaft mit Seiner Herrlichkeit ein Sonnenstrahl über Ediths hübsches frisches Antlitz glitt. Sie beugte sich vor und rief, voll Eifer, einen Ausspruch ihres großen Gastes den anderen zugänglich zu machen: »Weißt du, was Sir Edward eben sagt: Alle Parlamente der Welt sollten sich einigen und kein Geld mehr für Kriegschiffe bewilligen!« »So?« »Sir Edward muß es doch wissen. Er ist doch M. P.« Ein Mitglied des britischen Unterhauses. Nach ihrer Ansicht war Westminster der Sitz aller politischen Weisheit auf Erden. »Und wer verfolgt dann zum Beispiel die Seeräuber?« Edith Merker wandte sich um Auskunft an den Sir und verdolmetschte: »Die englischen Schiffe!« »Ach so – die sollen bestehen bleiben?« »Ja natürlich! ... England sorgt dann für Ruhe überall.« »Na – dann sag ihm doch, bitte: So dumm sind wir nicht mehr! ... Wir bauten flottweg weiter!« »Sir Edward meint, er sei traurig, das zu hören!... Das müsse einmal zu einem Kampf mit ungleichen Kräften führen. Und einen solchen zu beginnen, deute auf irregeleiteten Idealismus ...« »Und Idealismus soll da wohl ein Tadel sein!« sprach der bisher so stille Oberlehrer Nägelein. »Ach nein – meine Liebe ... Er ist es nicht immer! ... Im Gegenteil ...« Seine blauen Augen flammten hinter den Brillengläsern auf und verklärten sein Gesicht. »Scheltet mir nur unseren deutschen Idealismus nicht!« sagte er. »Es ist das Beste, was wir haben!... Wenn wir's nicht mehr haben, sind wir am Ende! Er hat uns über zwei Jahrtausende weggetragen – von der Völkerwanderung zu Luther und Bismarck! ... Immer nur, wenn wir bereit waren, alles zu opfern, haben wir alles wiederbekommen. Das predige ich meinen Jungen in der Schule jeden Tag. Ich bin ein stiller Mensch und leb' in einem engen Kreis! Aber das laß ich mir nicht nehmen! ... Ich fühl' zu deutlich: das brauchen wir, wenn mal wieder die Not Eisen bricht! So ... nun kannst du weiter englisch reden, Helmut, ich spreche keinen Ton mehr!« Es war ein Schweigen nach seinen Worten. Die Briten hatten das Deutsch des Gentleman nicht verstanden, die anderen machten nachdenkliche Gesichter. Erst nach einiger Zeit kam die Unterhaltung wieder in Gang. Nach aufgehobener Tafel setzte sich Wolfgang von Wilding, der von seinem Frankfurter Weihnachtsurlaub herübergekommene Cecil-Rhodes-Stipendiat, zu dem Hausherrn. Er hatte eine sonderbar sichere und kaltblütige Art, mit den Briten umzugehen. Er war beinahe kurz angebunden mit ihnen. Aber es wirkte. So schienen sie es untereinander gewohnt. Höflichkeit unter Männern dünkte ihnen komisch. Der junge Patrizier drehte ihnen unbekümmert den Rücken zu, saß rittlings auf einem Stuhl und sagte gleichmütig: »Du... laß dir bloß von der Gesellschaft nicht zu sehr imponieren! ... Du warst bloß sechs Wochen und später acht Tage in England! ... Glaub mir, ich kenne sie besser!« »Was meinst du damit?« »Was ich dir an deinem Hochzeitstag in London gesagt hab': Kopf hoch, alter Kerl! Nacken fest! – Mit denen ist nicht zu spaßen!« Er beugte seinen Scheitel näher zu seinem Nachbar und dämpfte ein wenig seine Stimme: »Kind Gottes! Sie buttern dich ja ein! Nach Noten! Merkst du's denn nicht?« Helmut Merker war es unbehaglich zumut. »Du bist noch nicht verheiratet, Wolfgang!« sagte er zu dem Jüngeren. »Man ist schließlich seiner Frau Rücksichten schuldig ...« Der andere lachte. »Deine Frau ist reizend! Du kannst dafür täglich dem Schöpfer auf den Knien danken! ... Aber eben darum ... sieh mal: Leute wie dein guter Schwager da drüben in seinem feierlichen Pathos sind ja nicht so ganz mein Fall! Aber recht hat er!... Er ahnt, wo für dich die Gefahr steckt. Hüte dich!« »Kinder – ihr seid heute die reinen Unken!« sagte Helmut Merker lächelnd. Er war in rosiger Laune. Man sollte ihn diesen Abend nicht ärgern! Er freute sich über seine Frau, über sein Haus, über seine Gäste. Er war ein liebenswürdiger Wirt! Gegen sie alle. Voll einer gewissen, nachlässigen, natürlichen Vornehmheit. Der Luxus, der ihn umgab, seine fast gleichmäßige Beherrschung zweier Sprachen, der tadellose Sitz seines Fracks, alles hatte etwas Selbstverständliches. Die englischen Besucher waren sehr zufrieden mit diesem deutschen Gentleman. Sie standen, die Gläser in der Hand, mit den anderen an den geöffneten Fenstern, durch die die Winterluft kalt in Hitze und Helle der Räume strömte, und horchten auf den ersten Glockenschlag der Mitternacht ... » A happy new year !« rief Edith fröhlich und schwenkte ihr Punschglas. »Prost Neujahr« rief ihr Mann. Alle Gläser klangen zusammen. Es war für einen Augenblick – aber auch nur für einen Augenblick – eine Art teutonisch-angelsächsische Verbrüderung. Drüben im Städtchen flammte über dem Militärkasino, wo die unverheirateten Herren Silvester feierten, rotes bengalisches Licht auf. Man drängte sich in der Villa an die Fenster, um das zu sehen. Helmut und Edith benutzten die Gelegenheit und traten unbemerkt auf der anderen Seite auf den Gartenbalkon hinaus. Da standen sie still, mit bloßen Köpfen, unter dem eiskalten, sternübersäeten Winterhimmel, und hielten sich umfaßt, zwei dunkle Schatten in der Nacht. Die weite Rheinebene vor ihnen war voll Lichtpünktchen. Überall klangen und sangen von unsichtbaren Türmen die Neujahrsglocken, und in dies Friedliche und Träumerische der Jahreswende krachten die Schüsse, tönte Johlen und Schwärmerknattern. Die junge Frau fühlte einen Kuß auf ihren Lippen. Sie sah den blonden Kopf ihres Mannes zu sich hinuntergebeugt. Sie hörte seine leise und innige Stimme: »Dies Jahr war wie ein Wunder in meinem Leben. Ich bin ihm so dankbar. Es hat mir armem Kerl mehr gebracht, als ich je hab' hoffen und träumen dürfen!« »Oh – mir auch!« Sie sprach es nicht gefühlvoll, sondern mehr im Ton ruhiger Überzeugung. Die beiden küßten sich wieder. Eine gute Weile blieben sie noch Hand in Hand, aneinandergelehnt, und schauten in die Finsternis hinaus. Dann erschrak Edith. Um Gottes willen: Sir Edward wartete da drinnen! Was sollte er denken? Richtig: als sie, von der Lichterhelle geblendet, wieder in die Zimmer traten, hatte der große Gast schon sein Automobil unten im Hof bereit stehen. Er und sein Gefolge kehrten noch in dieser Nacht nach Homburg zurück. Das Ehepaar begleitete sie bis an die Haustüre. Doktor Nägelein hörte im Oberstock, wie Frau Edith unten strahlend noch einmal etwas von: › Thank you very much! ‹ und von Seiner Lordschaft und Ägypten rief, und biß sich die Spitze einer Havanna ab – das seltene Kraut wuchs hier förmlich wild in allen Räumen – und murmelte: »Verrückt ...« Als Helmut Merker wieder heraufkam, rückte sein Bruder, der Chemiker, seinen Klubsessel zu ihm in die Ecke und frug wie beiläufig: »Sag mal: wie stehst du denn nun mit deinem Regiment?« Der Leutnant war erstaunt. »Na – famos!... Vorgestern hättest du das ganze Bataillon hier genießen können! Großer Bierabend mit Damen und Weihnachtsbescherung! Ein Riesenklimbim!... Die Edith hat sich schließlich meine Uniformmütze aufgesetzt und als Tischälteste präsidiert!« »So was macht sie mit?« »Mir zuliebe alles! An sich ist ihr Zigarrenrauch und Bier gräßlich. Sie sitzt natürlich lieber im Drawing- Room und hat Leute im Frack um sich!« Die beiden Brüder schwiegen. Auf dem klugen Antlitz des Ludwigshafener Chemikers spielten Schatten des Zweifels. Endlich meinte er nachdenklich: »Mit den Frankfurter Wildings verkehrst du auch?« »Ab und zu!« »Und durch die mit anderen dortigen Krösussen? Und auch deine Frau mit den englischen Badegästen in Homburg?« »Auch in Wiesbaden! Da sind jetzt viel Amerikaner! ...« »Du führst also eigentlich so ein Doppelleben?« »Wieso?« »Na – an den geraden Wochentagen bist du, soweit ich sehe, Leutnant bei den Hundertachtundneunzigern in Alsheim! Und an den ungeraden fährst du als unabhängiger Kosmopolit übers Land. Weißt du... ich beneide dich um deine Elastizität!« Helmut Merker war ein wenig ärgerlich, daß man ihm heute gar keine Ruhe ließ. Er sagte in der kühlen, gedämpft zurückhaltenden Sprechweise eines Klubmanns: »Lieber Leopold ... Ich hab' doch nun einmal das Geld! ... Unserm alten Herrn in London macht es einen kindischen Spaß, immer mehr drüben zusammenzukratzen und an die Seinen zu verteilen! Soll ich ihm seine hochanständigen Schecks zurückschicken? Da wäre ich doch schön dumm!« »Das sage ich ja auch nicht, sondern ...« »Ja, also bitte: Wohin denn mit dem Mammon? Hier am Ort kann ich keine großen Sprünge machen, eben der Kameradschaft wegen. Ich muß mich doch nach dem Regiment richten. Die Leute sind ja alle in einer ganz netten Assiette! Aber natürlich: im Vergleich mit uns ... soll ich mir deswegen meine Riesenzulage sauer kochen lassen? ... Wir sind doch jung – wollen auch was vom Leben haben: Ich bin's Edith schuldig ... Na gut – da wird eben der Motor angekurbelt!... Los! Das schadet doch niemandem!?« »... als höchstens dir!« »Ich fühle mich pudelwohl...,« sagte der Leutnant gleichmütig und gähnte. »Aber es muß doch schließlich zu einem von beiden führen: Entweder Unlust am Dienst oder Überdruß an diesem Sir Edward und den Seinen. Und ich fürchte fast das erstere!« Helmut Merkel lehnte sich nachlässig zurück. »Sei unbesorgt: ich tue meinen Dienst! ... Ganz wie zuvor! Und hab' dabei den anerkannt ekelhaftesten Compagniechef im ganzen Regiment! Ein Kommißknüppel erster Güte!« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Das muß man im Gegenteil doch anerkennen, daß ich jetzt lediglich aus freien Stücken diene! ... Daß ich es absolut nicht mehr nötig hab', mir auf dem Exerzierplatz die Beine in den Leib zu stehen und mit meiner Frau hier in dem Nest zu verschimmeln... und daß ich trotzdem...« »... Und daß du trotzdem in zwei Hälften auseinanderfällst, mein Sohn!« sagte Doktor Leopold Merker und erhob sich. »Und kitten kann dich keine Menschenseele, wenn du nicht selber stand hältst und dies Old- England zum Teufel jagst! Na – Schluß! Ich hab' das Meine getan!« Sie gesellten sich wieder zu den Übrigen. Helmut Merker blieb den Rest des Abends nachdenklich. Er saß schweigend zwischen den anderen und drehte seinen blonden Schnurrbart. Schatten lagen auf seinem hübschen Gesicht. Er war froh, als endlich alles aufbrach und die Fremdenzimmer oben sich füllten und er mit seiner Frau allein war. Er ging mit ihr hinüber in ihre eigenen Räume. Sie war in ein weißes Negligé geschlüpft, stand vor dem großen Spiegel und kämmte ihr goldhelles Haar, das ihr frei über die Schultern herniederhing. Ihre Wangen waren gerötet: ... Sir Edward hatte zweimal von dem Trüffelpüree genommen ...! »Herrgott – dieser Sir Edward kommt mir nun auch schon nachgerade zum Halse heraus!« versetzte ihr Mann ungeduldig und schob einen Stuhl, der ihm im Wege stand, unsanft zur Seite. Sie sah ihn entsetzt an. Diese Sprache war ihr ganz neu. »Oh!« sprach sie langsam. Es lag eine Welt von Erstaunen und Mißbilligung darin. Sie erschien ihm in diesem Augenblick mit ihrem halboffenen Mund so englisch wie nur möglich. Er mußte selber lachen. »Verzeih!« sagte er. »Ich will dem langweiligen Burschen ja nicht unrecht tun! Es war ja reizend, daß er kam.« »Oh ... ich war so froh!« Allmählich glätteten sich ihre rosigen Züge wieder. Er streichelte ihr die Wangen. »Na ja – du bist ja auch ein dankbares Publikum! Ich meine nur: Wenn man so ganz unter diese Leute hineingerät...« »Oh – was für Leute?« »Na – deine verehrten früheren Landsleute mein' ich! Von denen wimmelt es doch am Nil. Ganz Ägypten ist doch englisch!« Ihr Blick war verständnislos. Was konnte einem denn Angenehmeres widerfahren als der Verkehr mit recht vielem und recht ausgewähltem britischen Volk. Sie sprach mißtrauisch: »Du hast gesagt, wir gehen nach Ägypten!« »Gewiß!... Aber schließlich: die Riviera wäre doch auch 'ne nette Gegend! Da treffen wir mehr Deutsche! Das hat doch auch was für sich – nicht?« »Du hast gesagt, wir gehen nach Ägypten!« »Aber heut hab' ich ein bißchen ein Haar darin gefunden! ...« »Du hast gesagt, wir gehen nach Ägypten!« Sie wiederholte es beharrlich, mit stiller britischer Zähigkeit. Sie hätte es nach ihrem freundlich-bestimmten Gesichtsausdruck auch noch zwanzigmal hintereinander erklärt, wenn es nötig war. Dabei bürstete sie sachlich und ruhig ihr langes seidenes Haar. Sie sah reizend aus. Er gab ihr von hinten einen Kuß auf den Hals. »Du bist ein gräßlicher blonder Eigensinn! ... Warum hast du dich denn so auf Ägypten verbissen?« »Verbissen? Gar nicht! ... Wenn man sich bei mir daheim etwas vornimmt, so muß man es tun – außer man wird krank. Wir haben die Schiffskarten. Wir haben die Empfehlungsbriefe! Was soll ich denn sagen, wenn ich die nicht ausnutze? ... Sir Edward verzeiht mir das nie! Und mit Recht!« Die junge Frau setzte sich, kreuzte die bloßen weißen Arme über der Brust und frug, immer noch erstaunt: »Warum fürchtest du dich denn auf einmal vor Ägypten?« »Weil dort Engländer sind und die Engländer die Deutschen hassen! Und du bist jetzt eine Deutsche!« Edith sprang auf. »Ja. Ich bin eine Deutsche! ... Ich bin dir als Frau hierher gefolgt. Die Meinen haben mir alle abgeredet – viel mehr noch als du weißt! Ich hab' es doch getan! Ich lebe hier an einem sehr kleinen Platz. Unser Haus ist auch klein. Wir haben wenig Leute. Wir sind hier in sehr einfachen Verhältnissen...« »Na ... ich danke gehorsamst ...« »Ich habe hier keinen Sport! ... Man kann keine Golfgründe pachten. Es gibt keine Fuchsjagden, wo ich mitreiten kann. Ich kann nur Lawn-Tennis spielen. Es ist sicherlich nicht gut für meine Gesundheit ...« »Aber ich bitte dich, Edith ...« »Ich bin von meiner ganzen Familie getrennt. Von allem, was bisher um mich war. In einem Land, wo ich nie das Meer sehe und wo es im Sommer fast so heiß ist und so viel Mücken sind wie in Indien! Ich habe keine Freundinnen hier. Die Damen sind gut zu mir. Aber ich bin doch eine Ausländerin. Mich mögen sie. Aber die Engländer im allgemeinen gar nicht. Wenn sie ihren Kaffee haben und beisammen sitzen, so verstehe ich vieles nicht, was sie reden, oder es langweilt mich ...« »Ja ... ja ... Schatz – das weiß ich ja alles ...« »Nun sag selbst: habe ich je mit einem Wort geklagt?« »Nein!« »Habe ich nicht immer ein heiteres Gesicht gemacht? Sogar vorgestern, auf dem schrecklichen Bierabend? Oh ... how awfully ... Meine Haare sind jetzt noch voll Rauch ...« Sie schüttelte ihre blonden Haarwellen, die ihr Antlitz wie das einer Märtyrerin mit einem goldenen Schein umrahmten, und fuhr fort: »Habe ich mich nicht an alles gewöhnt? ... Bin ich nicht mit dir in die Kaserne gegangen zu den Soldaten und hab' in der Küche Suppe aus dem großen Kessel gegessen und hab' dem Feldwebel die Hand gegeben und seiner Frau auch und hab' gesagt, ich sei so froh, sie zu sehen? ...« »Ja, ja, ja!« bestätigte der Leutnant Merker halb lachend. »Nun wohl, Hellie – das ist deine Welt und ich bin darin, und es ist meine Pflicht – und ich bin deine Frau. Aber manchmal muß ich auch einen Schritt in meine Welt machen dürfen und darin einen Atemzug tun. Das ist fair play ! Du hast gesagt, wir gehen nach Ägypten!« Er hielt sich die Ohren zu, als das schon wieder kam. Aber er hörte doch ihr bestimmtes, ganz freundliches, gar nicht aufgeregtes: »Oh, Hellie! Ein Gentleman hält sein Wort!« Er wurde zornig. »Seit ich dir das versprochen hab', haben sich unsere Beziehungen zu England wieder elend verschlechtert. Wenn man da fühlt, daß eine innere Stimme ...« »Es ist keine innere Stimme, sondern deine Verwandten. Oh – ich hab' es doch gesehen. Ich sehe manches, wovon ich nicht rede!... Es sind alles Antibriten ... Der zornige blonde Mann, dein Schwager, an der Spitze. Du hättest wegen ihnen eine Deutsche heiraten müssen, mit einem Kochlöffel in der Hand ...« »Laß doch diese Scherze! ... Und kurz und gut: ich möchte nicht nach Ägypten!« »Ich gehe!« »Allein?« »Oh – du wirst schon mitkommen!« Sie war ganz starr vor Eigensinn. Der schaute ihr förmlich aus den Augen. Sie schwieg. Sie wartete zäh, bis er wieder reden würde. Denn er war an der Reihe. Aber er blieb vor Ärger stumm. Sie folgte gelassen seinem Beispiel. Und mit einem innerlichen Schrecken merkten beide, während sie schlafen gingen: das war der erste ernstliche Zank in ihrer Ehe. Eigentlich kein Zank. Es gab keinen Streit und keine Tränen. Es tat sich plötzlich eine Kluft auf. Es war eine Entfremdung – nicht in dem, was sie einander waren – sie hatten sich ja so lieb und gerade jetzt, wo sie gegenseitig trotzten und sich nicht ansahen, mehr denn je – sondern in dem, woher sie kamen und wohin sie wollten. Deutschland und England stritten in ihnen. So hart und bitter wie draußen in der großen Welt. Der Gutenmorgenkuß war zögernd-frostig. Edith schwieg mit eiserner Beharrlichkeit, während sie zusammen beim Frühstück saßen. Er beobachtete sie stumm. Ihrem Appetit schadete es Gott sei Dank nichts. Sie kaute friedlich wie immer und musterte dabei die Stöße eingelaufener Glückwunschkarten. Sie begleitete ihn auch ohne Widerspruch des Mittags zwischen zwölf und eins auf die Neujahrs- und gleichzeitig Abschiedsbesuche vor der Reise und schritt neben ihm zu Fuß an dem klaren Wintertag durch die frostglitzernden Straßen des Städtchens dahin. Sie war blaß. Sie sah traurig aus. Sie ließ den Kopf hängen. Sie, seine liebe, kleine, goldene Edith ... Sie, der er alles im Leben verdankte. Es fiel ihm ein, was sie diese Nacht gesagt hatte:›ich sehe nie das Meer‹. Es hatte einfach geklungen. Ohne alle Rührsamkeit. Aber man mußte England kennen, um zu wissen, was das hieß: Das Meer, das überall das Vereinigte Königreich umbrandete, dessen stürmender Atem die Luft bis weit in das Binnenland hinein mit Salzhauch füllte – das Meer, dessen Urkraft er selbst damals gerade auf den Klippen von Dover besungen, ehe er seine jetzige Frau zum erstenmal geschaut ... Thalatta ... Thalatta ... du ewiges Meer. Er fühlte ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber. Sie hatte doch nun einmal zur Hälfte britisches Blut. Sie erschien ihm wie eine weiße Möwe, die man fern von der See in einem Käfig eingesperrt hielt. Einmal mußte doch solch freier Vogel seine Schwingen regen und hinausfliegen dürfen in die Weite. Und er mit ... Herrgott ... er war doch nicht sein Compagniechef, der Hauptmann Grempe, der mit einer alten Mannschaftshose im Kopf aufstand und mit einem schadhaften Magazingewehr auf der Seele schlafen ging! Sein Gesichtskreis war weiter! Sollte er sich vor den paar Engländern da unten am Nil fürchten? Es war ja lächerlich! Er ... ein guter Deutscher ... Zu Hause sah er zu seinem Erstaunen leere offene Koffer herumstehen. Edith hatte sie, ohne ihm ein Wort zu sagen, vom Boden herunterholen lassen. Nie hätte sie sonst am hohen Feiertag den Dienstboten solch einen Sabbatbruch zugemutet. Aber heute war das Absicht. Sie prüfte und ging dann gleich geschäftsmäßig ans Werk und versenkte eigenhändig ein Bündel Spitzenwäsche auf den Grund des einen Koffers. Da hörte sie über sich die Stimme ihres Mannes: »Du – leg doch auch gleich was von meinen Plätthemden dazu!... Ich komm' sonst damit nicht aus – ich kenn' das schon ...« Er hielt ihr auf den Armen einen ganzen Stoß gestärkter Wäsche hin. Sie schaute mit einem Sonnenschein auf den frischen Zügen über die Schulter zu ihm auf. Dann richtete sie sich empor. Die Plätthemden fielen zu Boden. Die beiden hielten sich umschlungen und küßten sich und lachten ... 7 Der von Ostasien heimkehrende Reichspostdampfer lag weit draußen auf der Reede von Suez, schon halb am asiatischen Ufer, über dem fern die grüne Palmeninsel der Mosesquellen sich aus dem gelben Sand Arabiens hob. Kornblumfarbig wogte das Meer mit aus der Tiefe aufwallenden glasgrünen, milchweißen, blutfarbenen Lichtern. Fahlviolett stand drüben der Sinai vor dem stahlblauen Himmel. Eine schwere schwarze Rauchschlange kroch als das Wahrzeichen Europas aus den Schloten des Dampfers quer über das glühende Bild. Er hatte keine Zeit. Er mußte weiter. Vor ihm flatterte schon das Lotsen- P im blauen Felde als Zeichen der Einfahrt in den Suezkanal. Er wartete nur auf die Dampfbarkasse des Lloydagenten, die sich, eine tanzende Nußschale, von Port Tewsik her über die weißwallenden Reihen von Schaumkämmen heranarbeitete. Zusammen mit dem Vertreter der Reederei sprang noch ein Herr in weißem Tropenhelm und grauem Europäerzivil auf die Stufen des Fallreeps, klomm flink, ohne sich um die hilfsbereiten Arme der Araber zu kümmern, an der senkrechten Bordwand empor und schaute sich suchend auf dem Verdeck um. »Ich möchte gern Ihren vierten Offizier sprechen!« sagte er zu einem vorbeikommenden Decksteward. »Ach nein – lassen Sie mal – da seh' ich ihn ja schon ...« Über das braungebrannte, von einem kurzgeschnittenen, niederländischen Blondbart umrahmte Gesicht des jungen Seemanns drüben flog ein Schimmer von freudigem Erstaunen. Er war gerade mit seiner Tätigkeit, dem Ausladen einiger Frachtstücke an die mit schrägen Rahen längs des Schiffskolosses liegenden arabischen Leichter, zu Ende und eilte mit ausgebreiteten Armen auf den Bruder zu. »Herrjesus – Helmut! Na, das ist aber nett!« »Meine Frau wäre mitgekommen,« sagte Helmut Merkel nach der ersten Begrüßung. »Aber weißt du: für eine Dame ist so 'ne Spritztour für die paar Stunden doch ein bißchen mühsam. Ich fahre jetzt mit bis Ismailia. Dann bin ich mit der Bahn bis heute abend wieder in Kairo. Dort haben wir für den Winter unser Hauptquartier aufgeschlagen. Famos. Leider bald zu Ende.« Den blonden Schnurrbart kurz geschnitten, die Hände in den Taschen, die Stummelpfeife im Mund, den Blick kühl über die Wellen, machte er den Eindruck eines vornehmen Engländers, wenigstens auf den jungen Seemann an seiner Seite. Die Sirene heulte, der Ostasiate setzte keuchend seine zwölftausend Tonnen in Bewegung und glitt langsam in die märchenhaft blaue Binnenflut der Bitterseen hinein. Oben auf der Kommandobrücke lehnten in einer Reihe, dunkel von dem Sonnenhimmel abgehoben, der Lotse, der Kapitän und zwei seiner Offiziere. Kurt Merker hatte jetzt keinen Dienst. Er konnte sich seinem Bruder widmen. Der nahm die durch den Lärm der Dampfpfeife unterbrochene Unterhaltung wieder auf und lachte. »Ja ... du kannst dir meine Frau in Kairo vorstellen, Kurt! Ich hab's ihr gesagt: wie wenn ein Entchen wieder ins Wasser kommt! ... So glückselig platscht sie da in der großen englischen Kolonie herum! Na... die ist ja auch direkt tip-top – eben richtige Briten ... wie man sie bei uns daheim gar nicht zu Gesicht bekommt!« »Und du machst mit?« »Gott ... 's ist doch interessant!« sagte der Leutnant Merker nachlässig. Er hatte trotz seiner zur Schau getragenen Zufriedenheit etwas Aufgeregtes an sich. Er war wie in einer Art von leichtem ständigen Rausch von Freiheit, »'mal was Neues! Das kannst du nicht so beurteilen, Kurt! Du bist heute in Singapore, und morgen in Tahiti, für dich ist die Erdkugel nur so ein besseres Karussell, auf dem du rundum fährst! ... Aber wenn man so wie ich zum erstenmal wirklich in die große Welt hinauskommt ...« Er unterbrach sich und rief einem vorübereilenden Deckkellner zu: » Some fire, please! « » Yes, Sir! « »Auf gut deutsch: Ein Streichholz, Krause!« sagte der Schiffsoffizier nachdrücklich. »Warum redest du denn nicht Deutsch, Helmut? Wir sind doch hier auf deutschem Boden! Siehst du nicht da hinten unsre schwarz-weiß-rote Flagge?« »Ja, ja ... verzeih ... es ist nur die verfluchte Gewohnheit! Ich glaub', ich hab' seit vier Wochen kein Wort Deutsch gesprochen!« »Auch nicht mit deiner Frau?« »Nein ... weißt du ... wenn man so mitten unter den Engländern drin steckt ... es ist ja auch gut, daß man sie mal wirklich kennen lernt ...« »Die Kerle kochen auch mit Wasser!« versetzte der deutsche Schiffsoffizier trocken. »Na ja ... von deinem Standpunkt aus gewiß ... aber wir daheim im Binnenland, wir wissen ja so gut wie nichts von den Engländern ... Wir unterschätzen sie rasend ... Wir machen uns keinen rechten Begriff von den Dimensionen, sogar, wenn man in England selbst ist, noch nicht. Da ist vieles altfränkisch und verstaubt. Das geb' ich ohne weiteres zu. Aber hier, draußen ... Donnerwetter ja ... sind das Kerle!« Der andere lächelte. »Na ... 's ist gut, daß sie dich nächstens wieder in deine Garnison einheimsen! Das kühlt dich hoffentlich ab! ... Du bist ja Feuer und Flamme ... Kerlchen, was ist denn nur in dich gefahren?« Helmut Merker zuckte die Achseln und lenkte das Gespräch ab. Erst nach dem Mittagsimbiß, der nun, wo man sich Europa näherte, schon Lunch und nicht mehr Tiffin hieß, kam er darauf zurück. Es war ein Schatten von Wehmut über seinen frischen Zügen. Er musterte, in den Schiffsstuhl zurückgelehnt, die zerlumpten Fellachen, die, an der Uferböschung des Kanals hinlaufend, sich vom Schiff Geld und Brotstücke zuwerfen ließen, und schlug seufzend ein Bein über das andere. »Nur noch acht Tage, Kurt – dann hat's geschnappt! Dann schreiben wir den einunddreißigsten März. Dann heißt's wieder heim in die Tretmühle ...« »Sie sollen dir nur dort die Hammelbeine tüchtig lang ziehen!« nickte der Jüngere. »Reif dazu bist du!« »Nee – so mein' ich's auch nicht! Faulenzen will ich absolut nicht! Nur ... daß man sich so gar nicht wählen kann, was man gerade gern tun möchte ... Daß einem immer ein Dutzend Leute im Genick sitzt... Die Edith ist darin so komisch ... Das heißt, es ist eigentlich gar nicht komisch bei jemand, der in England geboren und aufgewachsen ist ... Wir sind doch nun bald ein Jahr verheiratet. Aber es ist mir noch nicht gelungen, ihr den Begriff eines Vorgesetzten oder einer Vorgesetzten beizubringen. Für sie sind alle respektablen Menschen einander gleich. Keiner hat den Vorrang vor andern. Nur die Ladies vor den Gentlemen. Das ist auch der Geist hier – da, wo wir in Kairo verkehren. Es hat so etwas unendlich Angenehmes! Es macht das Leben so frei und leicht ...« »Und andere müssen das Geld dazu verdienen!« »Ja ... die Leute haben's eben! Das gilt als selbstverständlich! Es wird gar kein Wesens davon gemacht!« »Na und ihr ... euch schickt Schwiegerpapachen immer so munter die Moneten herüber?« »Ja. Das heißt... in letzter Zeit... gar zu grob wollten wir ihm doch nicht kommen!« »Was habt ihr denn da gemacht?« »Na – wozu hat denn der Mensch das Kommißvermögen!« meinte der Leutnant Merker träumerisch. »Das reißt ihr an?« »Nach Noten!« »Das ist aber doch furchtbar leichtsinnig!« »Das wäre bei anderen leichtsinnig, die darauf angewiesen sind! ... Aber wir – was glaubst du denn, daß die paar Kröten von Zinsen in unserm Etat jährlich ausmachen, gegenüber der väterlichen Zulage ... Das ist doch eine Formsache ... Vorschrift ... Alles bei uns. Man lebt hinter Stacheldraht und Drahtzäunen. Ach, es muß so schön sein, einmal ein freier Mann zu sein! ... Was ist denn dahinten für Grünzeug in der Wüste?« »Ismailia!« »Donnerwetter, da muß ich an Land! ... Also laß es dir gut gehen! Grüße Muttern, wenn du sie siehst! Adieu!« Langsam rollte der Eisenbahnzug durch die Wüste dahin. Helmut Merker war allein in seinem Abteil. Er hatte auf der einen Seite die hölzernen Gitterläden des Fensters geschlossen, um sich gegen die stechende Abendsonne zu schützen. Auf der anderen sah man wieder das Meer. Aber ein Meer von toten, bis an den Horizont reichenden Sanddünen, erstarrt in seinen Hügeln und Tälern, ein fahles, schwefelgelbes Licht über der unendlichen Einsamkeit. Und in dieser stillen Stunde frug er sich in einem plötzlichen Erstaunen: Bist du denn das wirklich, du? Der Oberleutnant Merker aus Alsheim an der Bergstraße, der hier frei wie ein Fürst lebt, der mit einem Lord und sonst der Blüte Britanniens verkehrt, ein unabhängiger Gentleman, weiter nichts? Es war so unwahrscheinlich – man war nicht umsonst im Land von Tausendundeiner Nacht, im Reich der Wunder. Und wieviel Wunder lagen noch dahinter, jenseits der Schwelle von Suez ... die Palmen Indiens, die Pagoden von China ... die Welt war so weit ... so weit ... Aber am ersten April morgens um sieben Uhr stand das zweite Bataillon in rechts abmarschierter Sektionskolonne, Front nach der Bergstraße, zum Exerzieren bereit. Und am rechten Flügel des zweiten Zuges der achten Compagnie eingetreten, den Säbel in der Hand, der Oberleutnant Helmut Merker. Und vorne, im Kampf mit seiner alten Himmelsziege, der Hauptmann Grempe, den Kopf vorgestreckt, um irgendeinen Fehler zu entdecken: ›Na, Herr Leutnant ... Ihnen steckt wohl der Urlaub noch in den Gliedern?‹ Lieber Gott – was ahnte der gute Grempe nun so eigentlich von der Welt? Aber er war der Vorgesetzte! ... Ein sonderbarer Begriff ... ein Vorgesetzter ... Es wurde Helmut Merker trübe zumut, je mehr die Dunkelheit über die Wüste hereinbrach. Er hüllte sich fröstelnd in seinen Paletot. Gedrückt saß er in der Ecke. Es wurde ganz nacht. Und dann plötzlich Lichterhelle. Eine mächtige Bahnhofwölbung. Tobendes Gewühl – Kairo. Draußen, in der bunten Nacht der Straßen das Farbengewimmel des Orients. Selten einmal zu dieser Stunde noch ein Europäer. Aber ihre Nähe schwebte über Türken und Arabern, über Fellachen und Kopten, über Syrern und Sudanesen. Man fühlte: sie waren da. Überall wachte ein unsichtbares Auge. Der Geist des weltumspannenden britischen Imperiums. Geräuschlos wie durch einen Fingerdruck auf einen elektrischen Knopf arbeitete dieser riesige Apparat. Ägyptische Große rollten vorbei, geputzte Leute vor der Karosse, levantinische Millionäre in Luxusautomobilen, da ritt ein Pascha mit seinem Gefolge – aber mitten in dem Volk, das ihnen ehrfürchtig nachstarrte, schlenderte irgendwo irgendein glattrasierter angelsächsischer Gentleman, einfach grau gekleidet. Von unbestimmtem Alter, den Sommerpaletot lose über dem Arm. Seinen kühlen prüfenden Augen entging nichts. Er, der einfache Fußgänger, war vielleicht einer der wirklichen Herren hier im Lande, nach seinem Willen tanzten da draußen die edelsteinbehängten orientalischen Puppen. Hier und überall auf der Erde. Was auch da draußen geschah, es geschah wenig ohne, fast nichts wider ihn. Als Volk sind sie von erstarrtem Dünkel – aber der einzelne macht so gar nichts aus sich. Das fiel Helmut Merker auf, während er zwei Stunden später mit seiner Frau in Frack und weißer Binde nach dem Dinner in einem der Fremdenpaläste am Esbekieh- Platz inmitten der Briten, ihrer Freunde, im Drawing- Room saß. Edith war glücklich. Das war die Gesellschaft, die ihr Herz ersehnte. Most selected ... ringsum waren Menschen, die irgendwie im siebten Grad von einem Earl abstammten, durch einen Scheffel Erbsen mit einem Lord vervettert waren ... die › society ‹ – der Traum einer Engländerin ... ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen leuchteten – sie plauderte nach rechts und links, dann geradeaus mit hinreißender Liebenswürdigkeit, in eine raffzähnige, gespenstig hagere, ältliche Miß hinein, die etwas ganz Besonderes war. Edith war lebhafter als die andern. Das machte das deutsche Blut. Ihr Mann blieb schweigsam. Er schaute vor sich in das Gewirr des glänzend hellen, weiten Raumes, in den Ballsaal dahinter, mit seiner Zigeunermusik – es war kein Mangel an schönen Frauen und Mädchen – aber er beachtete nicht die britischen Ladies, die schmächtigen Dollarprinzessinnen, die Pariser Mondainen und griechischen Millionärinnen – er betrachtete nur die Männer – die Engländer – mit Neid – jawohl mit Neid. Nicht mit Neid auf das, was sie waren, sondern wie gut sie's im Leben hatten. Die waren frei. Denen stand die Welt offen. Gott mochte wissen, wo sie überall herkamen. Dort drüben die braungebrannten, jungen Sportsmen im Frack hatten noch vor vierzehn Tagen am Blauen Nil Flußpferde geschossen: jetzt tanzten sie hier. Und der kleinere Herr mit dem lustigen Kindergesicht da vorn hatte draußen in der Halle seine Koffer reisefertig stehen. Er ging in ein paar Stunden als Kings messenger nach Afghanistan. Zwei oder drei der Familien umher waren auch auf dem Weg aus den Dschungeln Indiens nach der Londoner Season. Der stille Herr neben dem Leutnant hatte zwei Jahre in Äquatorialafrika zugebracht. Ein riesiger junger Bursche trat schlenkernden Schritts, lachend, ein Kabeltelegramm hochhaltend, heran. »Gute Neuigkeiten aus Tibet. Jack wohlauf!« Jack war sein Bruder. Man schlug sich da irgendwo, an der Nordgrenze Indiens. Unter den Anwesenden waren manche Sachverständige. Man besprach die Lage dort. Hinter Helmut Merker sagte ein älterer Gentleman leise und eindringlich zu den andern: »Ich habe beste Nachrichten über Hongkong. Der Aufstand im Innern wächst. Die Haltung der südchinesischen Vizekönige...« Kairo – Peking – Kalkutta – Nigeria... das wirrte sich im Gespräch durcheinander, floß zusammen. Die Erde ward zu einer Einheit. Und nicht einmal zu einer großen. Die Weltkugel schien plötzlich lächerlich klein. Und überall wehte der ›Union Jack‹, war das Schild des britischen Konsuls, qualmte der Rauch britischer Panzer. Der Leutnant Merker kämpfte mit sich, gegen sich. Als er später allein mit seiner Frau in ihren Räumen oben war, sagte er: »Weißt du: deine früheren Landsleute haben so etwas Beneidenswertes an sich. Sie sind alle satt!« »Oh! Das Dinner war doch nicht so gut!« Er mußte lachen. »So mein' ich's auch nicht! Ich meine: die Kerls haben's eigentlich nicht mehr nötig, auch nur den kleinen Finger zu rühren! Was sie tun, das geschieht aus freien Stücken! ... Gewiß, sie gehen unter die Menschenfresser und knallen sich am Ende der Welt mit den Wilden herum, aber man könnte sich ebensogut vorstellen, daß sie daheim bleiben und irgendwo Moorhühner schießen oder Cricket spielen.« »Natürlich arbeitet ein Gentleman nicht um sein Leben!« »Ja eben! Dann wären wir alle in Deutschland nach deinen Begriffen keine Gentlemen! Denn bei uns heißt es nun einmal durch die Bank: schuften! Da wird jedem sein Arbeitsplatz angewiesen und dann los! ... Ewig: du mußt! ... Du mußt! ... Du mußt! ... Und du mußt hier und du mußt dort und du mußt dies und du mußt jenes ... Es ist eigentlich gräßlich!« Er ging aufgeregt im Zimmer auf und nieder. Sie schaute ihn mit offenem Munde an. Ihr Gatte war ihr wieder einmal ein Rätsel. Nun schloß er, stehen bleibend: »Und wenn's einmal einer bei uns nicht nötig hat und macht doch – aus purer Gewissenhaftigkeit – die Tretmühle mit, so dankt es ihm keiner! Die guten Leutchen halten das für selbstverständlich. Dazu ist man doch, nach ihrer Überzeugung, einzig und allein auf der Welt da!« Frau Edith hörte nur halb zu. Ihr Kopf war anders eingestellt. Er haftete an den Sachlichkeiten dieser Erde, an praktischen Dingen, über deren Vorhandensein und Zweckmäßigkeit kein Zweifel walten konnte. »Wenn der Robinson unser Auto nur wirklich hochgeschraubt hat,« meinte sie nachdenklich, »sonst sind die Pneus plattgedrückt, wenn wir jetzt heimkommen!« »Ja, wenn wir jetzt heimkommen!« wiederholte er, mit einem ungeduldigen Seufzer, und dann nach einer Weile: »Erinnerst du dich an diesen athletischen jungen Engländer gestern, hast du das eingefallene Gesicht gesehen, die blauen Schatten unter den Augen? Er war jetzt zum zweitenmal umsonst im westafrikanischen Urwald, um eins von den aussterbenden weißen Nashörnern zu schießen. Er sagt, er geht, sowie er hergestellt ist, zum drittenmal hin, und wenn es ihm sein Leben kostet! Es ist ja Unsinn, natürlich ... aber der Mann tut doch wenigstens, was ihm paßt! Da kolkt ihm kein Vorgesetzter hinein!« »Hallo: stillgestanden!« sagte Edith und lachte. Es war das erste deutsche Wort, das sie seit langem sprach. Sie hatte es daheim auf dem Exerzierplatz aufgeschnappt, an dessen Rand sie sich zuweilen über die Rumpfbeugungen und den langsamen Schritt der Rekruten wie über eine Zirkusvorstellung zu amüsieren pflegte. Er seufzte. »Ja. Stillgestanden! Ewig stillgestanden!« sprach er und gab ihr einen Kuß. »Na ... Gute Nacht!« An einem der nächsten Tage saß er um die Mittagstunde, wo sich jetzt, in der zweiten Hälfte März, die Sonne schon glühend auf den Straßen fühlbar machte, im Schatten seines, auf den Palmengarten des Hotels hinausgehenden Zimmers, und schrieb an seinen Bruder Leopold nach Ludwigshafen. Er überlegte lange, bis er die richtigen Worte für den letzten Absatz seines Briefes fand. »Du hast immer und allezeit das Recht, mir Vorhalte zu machen, lieber Leopold! Wer so viel als älterer Bruder an mir und für mich getan hat, wie Du, den will ich stets mit Dankbarkeit anhören. Also deswegen brauchst Du Dich in Deinem letzten Brief nicht zu entschuldigen. Es fragt sich nur, ob es was hilft, was Du sagst! Du schreibst, Du hättest von deutschen Bekannten aus Ägypten gehört, wir seien in den sechs Wochen schon halbe Engländer geworden! Also so toll ist's nicht. Ich bin immer noch ein guter Deutscher – glaub' mir's!... Nur sehe ich jetzt die Welt ein bißchen anders an, als es vom Stammtisch im ›Roten Hahn‹ in Alsheim aus geschieht. Das kann mir keiner verdenken! Ich hab' eine gewisse Sehnsucht, Leopold! Das will ich gar nicht leugnen! Ich habe hier etwas entdeckt, was ich doch bisher nicht so recht kannte – was man in Deutschland überhaupt nicht kennt: den unabhängigen Gentleman! Das ist die eigentliche englische Blüte. Der Mann, der frei ist und doch kein Müßiggänger, sondern sich selbst sein Handeln vorschreibt. Es liegt so viel Würde und Anstand darin. So viel Männlichkeit. Ich muß gestehen: er hat's mir ein wenig angetan. Um so mehr, als ich mir immer sagen muß, daß ich jeden Augenblick so leben könnte, wenn ich wollte. Ich hab' ja Geld genug dazu, und meine Frau wäre selig, aus der kleinen Garnison weg in die Freiheit zu kommen, wenn sie mir es auch mit keinem Wort verrät. Dazu ist sie zu gewissenhaft. Sie hat es mir versprochen, eine deutsche Offiziersfrau zu werden, und das hält sie, so gut sie's eben kann! Und ebenso will ich meinem Beruf treu bleiben. Ich muß nur erst einmal aus dieser Luft hier heraus. Die hat so etwas in sich. Ich kann es nicht schildern. Man kommt sich vor wie der Herr der Erde. Man spricht immer Englisch und weiß selbst nicht warum. Darin geb' ich Deinen Bekannten schon recht. Aber lasse mich nur erst einmal wieder meinen Waffenrock zuknöpfen und den Säbel an der Seite fühlen – dann ist's schon gut! Gruß! Dein Bruder Helmut.« Dieser Gedanke an den ›unabhängigen Gentleman‹ ließ dem Oberleutnant Merker keine Ruhe mehr. Er sah diese von ihm beneidete Menschenklasse auf Schritt und Tritt um sich. Er sah diese fröhlich-gesunden, scheinbar von keiner Last und Sorge der Erde angekränkelten Sportsmen, wie sie des Morgens hinaus über den Nil in die Wüsteneinsamkeit der Pyramiden kanterten, er sah sie des Nachmittags als phlegmatisch- zufriedene Wasserratten im Schatten ihrer windgeblähten Segel auf dem Nil, er sah sie des Abends im Frack und weißer Binde im Geplauder mit den Damen und im Kreise der Männer, im ernsten politischen Gespräch. Er wußte auch, wie behaglich sie drüben in Altengland lebten, Füchse hetzten, die Füße gegen das Kaminfeuer stemmten, im Hydepark ihren Viererzug lenkten, bummelten oder sich nützlich machten, ganz wie jeder wollte, alle Dinge der Welt aus der Vogelschau überblickten und selber frei waren wie der Vogel in der Luft. Er war allmählich so aufgeregt, daß er kaum seine Geduld bewahren konnte, als der kleine kranke sächsische Gerichtsassessor Kuntze ihm eines Tages auf der Hotelterrasse wehmütig sagte: »Ja, ja – Herr College von der militärischen Fakultät: Die schönen Tage von Aranjuez – die sind nu auch bald vorbei! Nu heißt's wieder in die Hände spucken und an die Arbeit gehen!« Er wandte sich hochmütig und achselzuckend ab – jawohl: da unten, im farbigen Lärm der Straße, die Eseltreiber und Stiefelputzer – die mußten jeden Morgen ans Werk. Sonst hatten sie am Abend kein Kupferstück für Datteln und Brot. Aber ein unabhängiger, wohlhabender Mann wie er ... er eilte mit langen Schritten davon, und der kleine Sachse, der es doch gar nicht böse gemeint hatte, schaute ihm verwundert nach. »Was meinst du, Edith,« sagte er am nächsten Morgen zu seiner Frau, «wenn ich ans Regiment telegraphiere und um Nachurlaub bitte?« »Es wäre so schön! Wir könnten dann mit Brooklands durch Palästina reiten.« Das war eine schon lange vorbereitete Partie. Cook und Sohn hatten die Vorbereitungen getroffen. Man schlief unter Zelten. Man besichtigte die heiligen Stätten. Und vor allem: man wäre in allerbester, ausgewählter englischer Gesellschaft. Ediths Herz schlug höher bei dem Gedanken. »Wir haben auch die Einladung auf die Musgravesche Jacht,« fügte sie hinzu. »Zu der Kreuzfahrt nach den Ionischen Inseln. Oh... und dann Konstantinopel!... Nie war ich noch in Konstantinopel!« Sie sprach das so entschieden aus, als habe ihr das Schicksal einen Pflichtteil im Leben vorenthalten. »Gut. Ich kabele mit bezahlter Rückantwort!« sagte ihr Mann. »Aber ich weiß, was sie antworten werden!« Edith Merker verfiel auf einmal in das Deutsche und machte den ihr wohlbekannten preußischen Tonfall des Regimentskommandeurs in ihrer englischen Aussprache nach: »... ,Sie denken, der Dienst ist ein gutes Ding für andere! ... Oh ... Sie sind mir jetzt auch gut für den Dienst! ... Kommen Sie nur! ... Kommen Sie schnell! ... Hier stehen schon die Soldaten! ... Man wird in der Kaserne so froh sein, Sie zu sehen‹...« »Ja, spotte nur!« sagte ihr Mann. Es war ihm schon öfters aufgefallen, daß Edith ihren ursprünglichen Respekt vor ihrer neuen Umgebung verloren hatte und anfing, Alsheim und alles, was drum und dran war, humoristisch zu betrachten. »Ich telegraphiere!« Am nächsten Tag kam die lakonische Antwort: »Abgelehnt. Regiment.« Eigentlich hätte er es sich sagen können. Aber er saß doch, den Kopf auf die Hände gestützt, und war wütend. »Was man nun alles so wie zum Hohn vor der Nase hat: Einladungen zur Season nach London ... die Segelwoche in Cowes ... Herbstsport in Schottland! ... Sogar nach Indien bin ich zu Jagden eingeladen!« »Oh ... Sie verbieten dir ja alles!« sagte seine blonde Frau. »Meine Freundinnen haben gestern so gelacht, wie ich ihnen erzählt hab', wir dürfen nie eine Stunde weit irgendwohin fahren, wenn es unser Hauptmann nicht erlaubt! Sonst werden wir eingesperrt! Sie haben's nicht geglaubt!« Helmut Merker erwiderte nichts. Er blieb die letzten Tage vor Abgang des Dampfers in trüber und gereizter Stimmung. Den einen Abend hatte er, während sie im Kreise ihrer englischen Freunde saßen, seit fast einer Stunde kein Wort gesprochen. Er war in seine Gedanken versunken. Um ihn herum saßen Herren, die er nicht kannte. Vorgestellt hatte man sich einander kaum, nach zwangloser britischer Sitte. Es genügte, wenn man zur Gesellschaft der Lady Musgrave, der Gönnerin seiner Frau, gehörte. Die Gentlemen in den Klubsesseln plauderten halblaut. Plötzlich horchte er auf. Er hörte, wie einer leise und bestimmt zu den andern sagte: »Die deutsche Flotte hätte nie gebaut werden dürfen. Daß sie überhaupt schwimmt, ist die Verurteilung unserer Politik. Wir haben geschlafen!« »Und sie jetzt noch zu versenken, ist ein rauhes Werk!« meinte der zweite sinnend. »Und doch müssen wir es tun und Deutschland vernichten!« versetzte ein dritter mit einem sonderbaren, sorgenvollen Geschäftsernst. »Sobald wie möglich. Bis zum bittern Ende! Kein Opfer ist dafür zu groß!« Alle die anderen nickten und schwiegen. Helmut Merker sah sie betroffen an. Waren das die liebenswürdigen Gentlemen von vorhin? Und wie kamen sie dazu, das in seiner Gegenwart zu sagen? Natürlich – -sie hielten ihn, der die ganze Zeit nicht den Mund aufgetan, für ihren Landsmann! Im selben Augenblick rief Edith ausnahmsweise auf deutsch zu ihm hinüber: »Hellie – ich bin müde! Wir wollen schlafen gehen!« »Ich komme schon!« antwortete er, auch auf deutsch, und stand auf. Mit ihm zusammen schnellten die drei Herren aus ihren Sesseln empor. Sie waren ehrlich entsetzt. Sie starrten ihn hilflos an. Sie wußten nicht, was sie sagen sollten. Endlich begann der eine: »Ich bin wahrhaftig traurig, Sir ... ich ahnte nicht, Sir ...« Helmut Merker reichte ihm die Hand zum Abschied. »Bitte, erwähnen Sie es nicht weiter!« »Ich bitte um Verzeihung, Sir! Es war nicht für Sie bestimmt, Sir!« »Aber nichts, was wir nicht auch wissen! ... Guten Abend, meine Herren!« Oben im Zimmer atmete er befreit auf und streckte die Arme aus. »Uff, Edith: die Lektion hat mir not getan!« Sie war erstaunt. »Was ist denn geschehen?« »Nichts Besonderes! ... Nur ... es ist ganz gut, wenn einem mal die Schuppen von den Augen fallen!... Herrgott ja ... Man ist da mitten unter Leuten ... weißt du, Edith: Es ist hohe Zeit, daß wir wieder in unser olles, ehrliches Deutschland zurückkommen! Ich kann's auf einmal kaum mehr erwarten!« Er sprach jetzt wieder Deutsch. Sie auch. Sie meinte, den Schiffskoffer zuklappend, den sie schon fertig gepackt hatte: »Manchmal kann ich gar nicht verstehen, was du meinst!« Er legte zärtlich den Arm um sie und sagte: »Das ist, weil du drüben, jenseits des Kanals, geboren bist und ich hier, diesseits. Aber du bist mir ja über das bißchen Wasser gefolgt. Du bist meine liebe, süße Frau. Du wirst dich schon auch in Deutschland heimisch fühlen! »Oh ... Kairo und Alsheim!« sagte sie und lachte. Sie meinte es nicht böse. Der Vergleich belustigte sie. Er sah sie betrübt an. Er merkte diese Wandlung in ihrem Gesichtskreis und konnte doch nicht hindern, daß ihr hier, aus dem Sehwinkel der größten Stadt Afrikas, in der Nähe dreier Weltteile, die ferne kleine Garnison an der Bergstraße immer mehr zusammenschrumpfte, putzig und winzig wurde, wie eine ausgepackte Spielzeugschachtel mit bunten Bleisoldaten. Er betrieb voll Eifer die Reisevorbereitungen. Es trieb ihn aus Ägypten weg, wie aus Feindesland. Als sie ein paar Tage später im Hafen von Alexandrien am Bug des Lloyddampfers standen, wo eine Ahnung einer kühlen Brise wehte und sich die meisten Passagiere luftschnappend zusammengedrängt hatten, sagte er, mit einem Blick auf das weite Häusermeer unter der blauen Himmelswölbung, aus dem sich einsam ragend die Pompejussäule erhob: »Ich freue mich förmlich auf den Anblick der ersten deutschen Kaserne!« »Wie lange?« frug Edith und knüpfte sich die Schleierzipfel hinten fester. Das traf ihn jäh. Es lag etwas darin, als kennte sie ihren Mann besser als er sich selbst. Ihre Züge waren rosig und heiter. » Look here !« rief sie und deutete auf die Masten eines vor Ägypten gescheiterten Schiffs, die schräg und sonderbar mitten aus der Wasserfläche ragten. An ihnen vorbei nahm der Dampfer seinen Weg gen Norden, nach Europa.   8 »Zum Donnerwetter: die ganze Compagnie ist außer Tritt – bloß der Herr Leutnant Merker hat welchen!« Der Hauptmann Grempe jagte, den Säbel in der Rechten, ein wenig im Sattel vornüber, im kurzen Hoppelgalopp seines schon betagten Schlachtrosses um »die achte« herum wie der Schäferhund um die Herde. »Herrrr ... schließen Sie sich der Mehrheit an ... wechseln Sie den Tritt, wenn ich bitten darf – ja?« Der Unteroffizier neben Helmut Merker grinste verstohlen in sich hinein. Der selber zuckte, obwohl er im Dienst war, kaum merklich die Schultern – eine Bewegung, die dem Compagniechef nicht entging und dessen Grimm noch mehr reizte. Lieber Gott – das konnte doch mal passieren, daß man beim Aufmarschieren aus Sektionskolonne links in Zugfront nicht gleich in Tritt kam ... das heißt: eigentlich passierte es allerdings nur, wenn man nicht aufpaßte! Der Oberleutnant Merker gestand sich das selbst zu. Er war mit seinen Gedanken wo anders gewesen. Es war aber auch eine verrückte Idee von dem alten Grempe – jetzt plötzlich, mitten im August, noch einmal Compagnieschule zu üben ... »Beine 'raus – zusammengerissen! ... Die Compagnie hat mir, scheint's, durch Felddienst und Schießen so was Geniales bekommen! ... Das ist ein Schützenklub – aber keine Königliche Truppe – die Herren Offiziere natürlich immer ausgenommen ... Aber ich bringe Ordnung in das Volksfest ... Wartet nur! ... Wenn es euch Spaß macht, bis mittag hier draußen auf dem Exerzierplatz zu bleiben: ich hab' Zeit ...« Man hörte die im Zorn sich beinahe überschlagende Stimme des Hauptmanns durch den aufgewirbelten Staub. Ihn selbst sah man nur undeutlich wie ein Schattenbild von Mann und Roß bald da, bald dort. Die Sonne glühte auf die weite, von den anderen Compagnien längst verlassene Fläche. Eine Wolke von Schweiß und Menschendunst, ein Geruch von Stiefelschmiere und Leder brütete über der kleinen, unermüdlich nach dem Willen ihres Häuptlings bald nach rechts, bald nach links stampfenden, sich aufblätternden und zusammenziehenden, Schlangen- und Linealform annehmenden Kriegsmaschine. Der Oberleutnant Merker fand im stillen dieses Abäschern der Mannschaft in der Hundstagshitze sehr unnötig. Die Kerle waren ja schon viel zu schlapp. Es konnte jetzt nichts mehr klappen. Aber der Compagniechef wetterte weiter: »Ihr Zug hat schon wieder keine Richtung, Herr Leutnant Merker! ... Die Gewehre liegen wie Kraut und Rüben! Die Leute verwerfen sich im Oberkörper wie die alten Ägypter! ... Am linken Flügel machen sie durch die Bank krumme Kniee ... So stell' ich mir die selige Bürgerwehr vor ...« ›Natürlich marschieren sie krumm, weil sie müde sind!‹ dachte sich Helmut Merker wieder. Sagen durfte er nichts. Der Hauptmann richtete sich in seinen kurzgeschnallten Steigbügeln auf. »Ja – wenn ich von den Herren eben gar nicht unterstützt werde und am wenigsten gerade von dem Oberleutnant der Compagnie ... jawohl, Herr Leutnant Merker – Sie meine ich ... Sie machen ein so eigentümliches Gesicht, als ginge Sie die ganze Geschichte nichts an! Herr Leutnant, ich bitte Sie dringend, das zu lassen ... Sie haben es wirklich nicht nötig! Ihr Zug ist der schlechteste von allen dreien und das will wahrhaftig was heißen! Kein Wunder, wenn man ewig auf Urlaub ist ...« Der Hauptmann Grempe war schon heiser. Aber er strengte dafür seine Stimme nur noch mehr an. »Herr Leutnant Merker!« da und »Herr Leutnant Merker!« dort ... Er ritt auf ihm herum. Immer wieder hallte der Name über den Exerzierplatz. Über den trabte der Major mit seinem Adjutanten, Leutnant Flülein, dahin, von den Schießständen zurückkehrend. Er näherte sich den drei Staffeln von Pickelhauben und Gewehren, um die der Hauptmann Grempe kreiste. Er war jetzt oft wie durch Zufall in der Nähe der »Achten«, seit in der die Beziehungen zwischen Compagniechef und Oberleutnant in letzter Zeit immer hochgradiger gespannt geworden waren, und meinte, in einiger Entfernung haltend, zu seinem Begleiter: »Das geht so nicht weiter! Der Hauptmann Grempe ist ja eine Seele von einem Menschen, aber er versteht mir den Merker nicht zu behandeln! Er macht mir den Mann rein kopfscheu. Er treibt ihn mir noch aus dem Dienst. Ich werde dieser Tage mit dem Oberst sprechen. Der Merker muß in eine andere Compagnie!« Das Erscheinen des Bataillonskommandeurs hatte auf den Compagniechef abkühlend gewirkt. Er setzte sich im Sattel zurecht und wurde stiller. Sein Zorn vergrollte wie ein abziehendes Gewitter und er selbst zog bald mit der erschöpften Mannschaft heim in die Kaserne, deren hohe rote Dächer fern in der Sonnenglut flimmerten. Kaum waren dort auf dem Hof die Leute weggetreten, so ging Helmut Merker, zornig seinen Säbel in die Scheide stoßend, auf einen Herrn der Compagnie zu und sagte: »Also, meine Geduld ist zu Ende, Olszinski! Jetzt beschwere ich mich!« Der über und über bestaubte lange schlanke Leutnant von Olszinski zuckte die Achseln. »Worüber denn? Geschimpfe im Dienst! ... Ist ja blödsinnig, aber sein gutes Recht!« »Also ich schicke ihm einen Herrn auf die Bude! Ich ...« »Nicht zu machen, Merker! Seien Sie doch vernünftig!« »Oder ich setz' einfach meinen Helm auf und geh' zum Oberst und ...« »Lassen Sie das nur ja unterwegs! Gegen diese Art Behandlung ist man wehrlos! Da hilft nur ein dickes Fell!« Helmut Merker schwieg ärgerlich. Eigentlich sah er es ja auch ein: der Hauptmann bot ihm keine Handhabe. Er hielt sich innerhalb der dienstlichen Grenzen. Als die beiden Leutnants zusammen die Kaserne verließen, zündete er sich eine Zigarre an und frug erbittert: »Was hat er denn nur gegen mich? Ich hab' ihm doch nichts getan!« Der Leutnant von Olszinski lachte. »Vielleicht ärgert er sich, daß Sie zwei flotte Gäule im Stall stehen haben und er kraucht hier seit Menschengedenken auf seiner alten Himmelsziege herum. Das Vieh kriegt doch nächstens die Landwehrdienstauszeichnung! Ihr Automobil ist ihm nun gar ein Dorn im Auge. Ihre Villa. Ihre Auslandsreisen. Er ist ein Mann der alten Schule. Er findet das unmilitärisch ... Verweichlichung!« »Himmel-Donner-Türken! ... Ich tu' aber doch meinen Dienst! ... Seit fünf Monaten – seit ich aus Ägypten zurück bin, schwitz' ich hier meine Sünden ab! Bleiben Sie mal stehn, Olszinski! Hand aufs Herz: Bin ich ein schlechter Soldat oder nicht?« »Nee! Ein sehr guter!« »Und hab' ich in letzter Zeit etwa nachgelassen? Ganz ehrlich, Olszinski!« »Im Dienst an sich keineswegs! Das hab' ich dem Hauptmann neulich auch gesagt. Er hat mit mir über Sie gesprochen!« »So? ... Im Dienst nicht? ... Also schön! ... Das ist doch die Hauptsache!« »Gewiß!« »Aber es kommt so ein bißchen zögernd bei Ihnen heraus!... Es ist da noch was ... also außer Dienst... reden Sie ruhig, Olszinski ... ich schwöre Ihnen: ich nehme Ihnen nichts übel! ...« Die beiden jungen Offiziere gingen weiter durch das mittagstille, glutheiße badische Städtchen. Der Jüngere schüttelte den Kopf. »Nee – Merker ... wozu soll ich mir den Mund verbrennen. Mich geht's nichts an! ... Sie können außer Dienst machen, was Sie wollen ...« »Wenn Sie aber wissen, Olszinski, daß da irgendwo eine Mißstimmung besteht, dann ist es Ihre kameradschaftliche Pflicht ...« »Na gut!« sagte der Leutnant entschlossen. »Wenn Sie's durchaus wissen wollen – vielleicht ist's Grempe ganz lieb, daß Sie's erfahren. Er ist ein guter Deutscher. Er ärgert sich über die Ausländerei bei Ihnen!« »Aha!« »Er sagte mir in diesem Gespräch: ›Stellen Sie sich einmal einen englischen Offizier vor, der in seinen vier Wänden nur Deutsch spricht, mit Deutschen verkehrt, deutsche Zeitungen liest, sich in deutsches Zivil kleidet‹ – damit meint er Ihren Frack – ›glauben Sie, daß die Engländer an dem viel Freude haben würden? ... Wenn der seine Pflicht tut, dann tut er sie doch mechanisch und nicht aus dem Herzen!‹« ... Helmut Merker lächelte geringschätzig. »Das läßt sich schon vereinigen! Das geht nur gerade jemandem wie Grempe ein bißchen über den Horizont! Na – hoffentlich steht er ja auch mit dieser Auffassung für sich allein!« »Wir alle denken so, Merker!« sprach der Leutnant von Olszinski mit ungewöhnlichem Ernst. »Wir alle!« Der andere erschrak. Er runzelte die Stirne. »Wieso?« »Na ja – Sie haben's ja durchaus hören wollen: wir finden allgemein: Es ist ein bißchen toll mit Ihrem englischen Wesen! Wir können da nicht mit! ... nicht finanziell, meine ich das ... im Gegenteil ... die Moneten gönnt Ihnen ja jeder herzlich gern. Aber der ganze Zuschnitt in Ihrem Haus ist eben nicht deutsch! Deswegen haben sich so manche zurückgezogen, denen das nicht paßte! Man hat eben neuerdings den Eindruck: Sie sind nur noch zur Hälfte Offizier und Kamerad, lieber Merker!« Helmut Merker ging stumm, mit langen Schritten weiter. Sein Gefährte ergänzte: »Dadurch hat sich so eine gewisse Stimmung herausgebildet ... gar nicht feindselig gegen Sie – glauben Sie das ja nicht! Im Gegenteil: Sie sind uns ein lieber Kamerad! Es tut uns allen so leid, daß wir Sie schon so halb und halb haben hergeben müssen ... ich war nie in England ... ich weiß nicht, ob die Leute dort wirklich so viel Vorzüge besitzen ... aber uns hat der liebe Gott doch einmal zu Deutschen erschaffen! Also sein wir's! Das ist unser Standpunkt, lieber Merker!« Der Oberleutnant Merker strich sich mit der Hand über die Stirn. Sie waren schon nahe an seiner weißschimmernden Villa, der schönsten der Stadt. »Ja – ja!« sprach er nachdenklich. »Ihr faßt das eben alles ganz falsch auf! Das ist's! Na ... ich danke Ihnen aufrichtig, daß Sie mir's mal gesagt haben, Olszinzki! Adieu!« Er drückte ihm die Hand und betrat sein Haus. Schon im Flur hörte er die helle Stimme seiner Frau. Sie wanderte geschäftig treppauf, treppab, von einem Stab dienstbarer Geister gefolgt. Sie beratschlagte auf englisch mit Harriet, der Zofe, und Newman, dem Butler, und Robinson, dem Chauffeur, ließ durch den Burschen und den Gärtner Gardinen zurechtstecken, Schränke rücken, Bettstellen aufschlagen und war so beschäftigt, daß sie ihrem Mann nur eilig zunickte. Ihre hübschen Züge waren sonnenhell vor freudiger Erregung. »Eben haben sie noch einmal aus Köln geschrieben, Hellie!« sagte sie. »Also es bleibt dabei. Sie kommen alle morgen mittag hier an – Ma und Dickie und seine Frau und Bill und Jane ...« »Und dein Vater ist wirklich nicht mit?« »Nein. Pa ist in London geblieben. Mother schreibt, er käme kaum mehr aus der City heraus, so hätte er zu tun! ... Die Deutschen machten ihm so viel zu schaffen, drüben in Südamerika. Armer Pa! ... Aber die anderen! ... Ich freue mich so, Hellie ... Das erstemal, daß Ma und die Geschwister zu uns kommen! ... Sie haben doch ihren Vorsatz gehalten, uns das erste Jahr nicht zu stören ...« »Kannst du sie denn wirklich alle bei uns unterbringen?« Sie rechnete noch einmal nachdenklich an den Fingern. »Eins – zwei – drei – vier – fünf! ... Und zwei Servants! Oh – es ist ein hartes Werk, Hellie! Aber es geht! Ich bin schon dabei. Ich habe das halbe Haus umgeräumt! Ah – da sind die Kränze!« Es handelte sich darum, eine Girlande an der Türe anzubringen. Die Leute arbeiteten mit Hammer und Nägeln. Das Ehepaar ging hinauf in seine Gemächer, und während Helmut sich wusch und umzog, kauerte seine Frau, die Hände über den Knieen verschlungen, auf einem Schemel daneben und plauderte vergnügt weiter: »Acht Tage wollen sie bleiben! Ich habe für jeden Tag etwas vor. Morgen abend haben wir bei uns das große Dinner! Übermorgen fahren wir mit ihnen nach Heidelberg. Sonnabend ist bei uns im Garten italienische Nacht. Sonntag nachmittag großer Damenkaffee, und die Herren kommen nach, und wir improvisieren ein kaltes Supper und tanzen dann ... ach ... das wird so lustig ...« Er mußte lachen und verschloß ihr den Mund mit einem Kuß. Sie schaute aus ihren jugendfrohen, blauen Augen zu ihm auf. »Was machst du denn für ein Gesicht, Hellie?« »Gott – der ewige Ärger im Dienst!« meinte er unmutig. »Dieser Grempe! ... Dieser Kommißhengst! ... Den ganzen Tag tobt er auf einem herum. Man kommt sich schon ganz dumm vor!« »Oh ... und seine Frau hat neulich gesagt, durch mich sei ein falscher Geist in euer Regiment gekommen! Frau Gustavus hat es mir erzählt!« Helmut Merker hakte sich nervös seine Hauslitewka zu. »Ich finde es so unbillig!« versetzte er. »Gerade gegen mich! Ich hab's doch nicht nötig, mich jeden Morgen vor der Mannschaft schuhriegeln zu lassen wie ein dummer Junge! Ich könnte doch jeden Augenblick den Abschied nehmen und wir könnten uns hier irgendwo ankaufen ... oder sonst etwas! Ich diene doch nur aus Liebe zur Sache – zum Dienst! Darauf müßten sie doch ein bißchen mehr Rücksicht nehmen!« »Oh – das tun sie gewiß nicht! ... Im Gegenteil! Sie denken, es geht dir zu gut! ... Und der Hauptmann Grempe sagt sich: ›Aber auf dem Exerzierplatz bin ich der bessere Mann!‹ ...« »Ach – hol ihn dieser und jener!« Ihr Mann fuhr ärgerlich in die ausgeschnittenen Lackschuhe. »Gerade heute kommt mir dieser neue Krach so ungelegen! ... Ich bring' es nicht fertig, den Kerl um Urlaub zu bitten! ... Wir wollten doch heute abend nach Frankfurt hinüber, zu der großen Fete bei Wildings!« »Ja. Wir werden auch!« sagte Frau Edith sehr bestimmt. Diesen Verkehr in dem Millionenhaus ließ sie sich nicht entgehen. Ihr Mann war in ihrer Achtung und sie selbst in ihren eigenen Augen sehr durch ihre beiderseitige Verwandtschaft mit diesem stolzen Patriziergeschlecht der ehemaligen Freien Reichsstadt gestiegen, bei dem sie von ihrem ersten Besuch ab seit einem Jahr freundliche Aufnahme gefunden hatten. Sie verfehlte nie, in ihren Briefen in die Heimat den Reichtum dieses Hauses, die Menge der Dienerschaft, die Größe der Empfangsräume rühmend zu erwähnen. Sie war darin ganz Engländerin, in ihrem tiefeingewurzelten Respekt vor ererbtem Geld. Sie meinte: »Wozu brauchst du denn Urlaub, Hellie? Es ist doch nur für den einen Abend!« »Aber wenn er mir Dienst ansetzt ...« »Macht doch nichts!« »Man darf doch nachts nicht ohne Erlaubnis aus der Garnison weg sein!« »Das merkt doch niemand! Wir sind doch morgens, ehe es hell wird, wieder hier!« Er war noch immer schwankend. Sie versetzte in dem entschiedenen und allen Widerspruch abweisenden Ton eines Briten, dem man in seine Menschenrechte eingreift: »Also ich gehe, Hellie!« Da lachte er mit ihr, wie sie so entschlossen, eine freie Engländerin, dasaß. Natürlich. Das war ja Unsinn mit dieser übertriebenen Gewissenhaftigkeit! Die dankte ihm doch kein Mensch! Man dankte ihm überhaupt nichts! Er kam sich schlecht behandelt vor und beinahe töricht noch dazu, daß er sich das auf die Dauer gefallen ließ ... Die Schatten des heißen Augustabends sanken schon zwischen Odenwald und Hardt auf die Rheinebene nieder, große Nachtkäfer umsurrten das betäubend duftende Bunt der Blumenbeete, Fledermäuse schossen im Zickzackflug um die weißleuchtenden Mauern der Villa – da kroch dumpf schnaufend, mit zwei glühenden Augen wie ein Ungetüm aus seiner Höhle, das Auto aus dem Dunkel der Garage, der getreue, beflügelte Freund, der das Ehepaar Merker beinahe täglich aus der Eintönigkeit der kleinen Garnison, gleich einem dienstbaren Geist aus Tausendundeiner Nacht im Flug über Länder und Flüsse dahintrug. Sie stiegen ein, sie umkreisten in einem vorsichtigen Bogen das schon halb schlafende Pfälzer Städtchen und rasten die Bergstraße entlang, aus dem Badischen ins Hessische, durch die Bessunger Vorstadt und das plötzliche Lichtergefunkel der Darmstädter Ludwigstraße, in den Sand preußischer Föhrenwälder, und dann wurde der Nachthimmel rot über der mächtigen Handelsstadt, Laternen glitzerten im breiten Spiegel des Mains, drüben war Helle, Lärm und Leben der Zeil, das Auto hielt in der Bockenheimer Landstraße in Frankfurt. Helmut Merker und seine Frau entschuldigten sich bei dem Hausherrn wegen ihres Zuspätkommens. Der Generalkonsul und Geheime Kommerzienrat, Dr. h. c. , von Wilding war ein großer, trotz seiner gebeugten Haltung stattlich-breitschultriger Mann mit hoher, gefurchter Stirne, unter der zwei mächtige graue Augen forschend die Dinge an sich heranzuziehen schienen. Ein wilder, stark angegrauter Bart umgab den unteren Teil des Gesichts. So ahnte man mehr, als daß man es sah, die rücksichtslose, in beinahe grausamen Linien um den Mund eingegrabene Energie. Er hatte die Ruhe des königlichen Kaufmannes an sich, ein Mann, der überall, wo es Tat und Rat galt, in der Handelskammer und im Zentralverband deutscher Industrieller, in der Politik wie in der Lohnbewegung und als fünfzehn- oder zwanzigfaches Aufsichtsratsmitglied, an erster Stelle stand. Wenn er jetzt, lebhaften Ganges, liebenswürdig und gleich seiner Frau, auch einer Frankfurterin, die Blicke überall, durch die Reihen seiner Gäste schritt, so merkte man ihm nichts von den Kämpfen an, die er tagtäglich auf dem Weltmarkt nach außen, mit seinen Tausenden von Arbeitern nach innen durchfocht. Nur ein gewisser Ernst verließ ihn nie. Es war, als ginge die Sorge um die viele Verantwortung, die er im Leben trug, unsichtbar immer neben ihm, dem Millionär. Und etwas Ähnliches hatten auch die anderen Herren an sich, mit denen er sich, nachdem er seine Hausherrnpflichten erledigt, in einem Nebenraum bei der Zigarre zusammensetzte. Helmut Merker sah ihn durch die Türe des großen Saals. Der war voll Menschen. Drüben die Büfetts schwarz von einer gierigen Mauer. Unten im Garten leuchteten bunte Laternen, waren Zelte aufgeschlagen, fiedelte die Musik. Viel Uniformen. Helle Mächenkleider. Lachen. Die älteren Herren saßen in den Spielzimmern. Die großen Freitreppen waren voll Leute. Es schien, als sei halb Frankfurt und Umgegend eingeladen. Überall war Frohsinn. Der Reichtum dieses Hauses erwärmte, erzeugte Stimmung. Und gerade die Reichsten, die großen Geldverdiener, da drüben um den Geheimrat von Wilding herum, die allein machten sorgenvolle Gesichter, hinter denen man noch förmlich die Gehirne unter der Tageslast arbeiten sah. So sprachen sie auch miteinander, Grauköpfe und jüngere Herren. Helmut Merker beobachtete sie stumm von der Ferne. Er war seit heute vormittag in einer unruhigen und ungewissen Verfassung. Es war ihm nicht zum Reden zumut. Er kannte auch kaum ein Zehntel der Anwesenden. Edith mochte Gott weiß wo sein. Sie hatte einen fabelhaften Instinkt, unter hundert anwesenden Damen sofort die eine oder andere englische Landsmännin zu entdecken und Arm in Arm mit ihr zu verschwinden. So saß er still in seinem schwarzen Frack – den schlichten roten Infanteriekragen zeigte er in dieser Welt von Millionären und Exzellenzen nicht gerne. Er war hier lieber der Gentleman von außerhalb, der mit seiner schönen Frau und seinem Auto vorgefahren kam – und betrachtete die Herren da drinnen, die halblaut und ernst miteinander sprachen, und sagte sich: Engländer an ihrer Stelle würden jetzt behaglich beim Portwein sitzen und Gott einen guten Mann sein lassen. Die dort können's nicht, auch wenn sie wollten. Sie haben rein den Teufel im Leib: sie müssen schuften! Sonst freut sie das Leben nicht! Dann frug er sich: Mache ich es denn anders? Ich bin doch gerade so ein Esel! Fahre ich nicht jeden Morgen beim ersten Hahnenschrei in die hohen Stiefel und laufe atemlos in die Kaserne, nur um dort Grobheiten zu hören? Nie ein anerkennendes Wort dafür, daß ich freiwillig als reicher Mann weiter diene. Das gilt als selbstverständlich. Man hat die Pflicht dazu. Ja, du lieber Gott – drüben in England hat kein Mensch Pflichten. Jeder ist frei. Und wie gut lebt sich's dabei! Seine Gedanken wanderten weiter. Natürlich würde ich nicht nach England gehen! Das sicher nicht! Das kann auch Edith nicht verlangen! Das wird sie nicht! Ich würde mit ihr in Deutschland bleiben! Wir könnten uns ankaufen! Der Schwiegervater gibt schließlich schon das Geld! Er wird ja den hohen jährlichen Zuschuß los, wenn ich selbständig ein Gut bewirtschafte und Einkünfte daraus ziehe, statt ihm ewig auf der Tasche zu liegen. Das muß er sich doch selber ausrechnen. Er ist doch ein alter Kaufmann ... Wie hübsch, seinen eigenen Grund und Boden zu haben. Mit Edith. Dann war man wirklich frei. Unabhängig. Ganz wie in England. Der Oberleutnant Merker träumte vor sich hin. Um ihn war Lichterhelle und Festtrubel. Es tat ihm leid, daß der Sohn des Hauses nicht anwesend war. Wolfgang von Wilding, der frühere Oxford-Stipendiat, bereitete sich jetzt in Berlin auf seine juristischen Examina vor, um später in den Dienst der Wilhelmstraße zu treten. Er war klug. Helmut Merker hätte so gerne mit einem vernünftigen Menschen über seine Lage geredet. Sich selber traute er nicht recht. Er war zu sehr Partei. Und zu sehr aus der gewohnten Bahn geschleudert, durch das Glück dieser letzten Jahre. Ihm war manchmal zumut, als hätte er sich selber noch gar nicht wiedergefunden. Und aus dieser Erkenntnis heraus sagte er sich, endlich aufstehend: Ach was – das ist dummes Zeug! ... Derlei muß durchgebissen werden! ... Ich war Offizier. Ich bin's. Ich bleib's! Der Mensch soll sich selber treu sein ... Er sah auf die Uhr, stand auf und ging, seine Frau zu suchen. Es war schon nach Mitternacht. Zu spät wollte er mit ihr nicht heimkommen. Aber es war keine leichte Arbeit, sie in diesem Gewühl zu finden. Endlich hörte er sie wenigstens. Aus einer Gruppe im Nebenzimmer. Natürlich Engländer. Ihre Stimme lachte, plauderte, überströmte von Frohsinn. Sie und ihre Landsleute stellten gemeinsame Bekannte fest – die alte Mrs. Humphrey da – der Captain Scott dort – sie waren ein Herz und eine Seele. Ein Band schlang sich wie überall auf der Welt um das English people . Helmut Merker hatte Mühe, Edith, lange nach zwei Uhr morgens, endlich fort und in das Auto zu bringen. Es war eine mondhelle, lauwarme Sommernacht. Träumerisch rollten sie, eng aneinandergerückt, durch diesen schlafenden, weiten deutschen Garten, der die Pfalz hieß. Allmählich versank die Mondscheibe. Sie konnten in dem zähen, grauen Frühnebel nur noch langsam fahren. Warnend brüllte die Huppe und schreckte die verschlafenen Kutscher der Milchfuhrwerke und Gemüsekarren aus ihrem Dusel empor. Dann plötzlich ein Ruck: diese sonderbare, unermüdliche, im Viertakt schnaubende Seele im Gehäuse des Automobilmechanismus unter ihnen war entflohen. Die war tot. Stand still. Eine Panne. Die erste ernstliche Panne seit langer Zeit. Herr und Chauffeur mühten sich um ihr Fahrzeug, horchten, holten den Werkzeugkasten hervor. Helmut Merker kauerte in Frack und weißer Binde mitten auf der Landstraße und hämmerte. Seine Frau saß mit hochfrisiertem Haar und im Gesellschaftskleid, den Mantel um die Schultern, gelassen daneben auf einem Meilenstein. Sie hatte bei solchen Gelegenheiten den zähen Gleichmut der in allen Weltteilen und Wechselfällen heimischen englischen Rasse. Sie gähnte nur herzhaft. Die Sonne legte ihren ersten Feuerrand über die dunklen Linien der Odenwaldberge, überglühte den Osthimmel, wob ihr aufsteigendes Gold in sein erwachendes Blau. Es wurde hell und warm. Frau Leutnant Merker zog ihre Briefe von gestern heraus und begann sie noch einmal zu lesen. Seit zwei Stunden ging nun schon das Klopfen und Basteln drüben. Es brachte sie nicht aus ihrer Gemütsruhe. »Jetzt steigt mother mit den anderen bald in Köln in den Zug!« sagte sie hoffnungsvoll. »Oh ... ich freue mich! Schade nur um Pa! ... Ich habe manchmal rechte Sorge um Pa. Er sah schon vorigen Herbst so angegriffen aus!« Ihr Mann hatte vor Arger und Aufregung einen roten Kopf. Er hörte nicht recht auf sie hin. »Ein Segen, daß ich erst um acht Uhr Schießen hab'!« brummte er, den Chassisdeckel zuklappend. »Sonst säßen wir jetzt nett im Wurstkessel! ... Gott sei Dank... nun scheint die verfluchte Karre ja wieder zu gehen!« Sie kurbelten vorsichtig an. Das Auto gehorchte, All right! ... Nur drei gute Stunden Zeitverlust! Helmut tröstete im Weiterfahren seine Frau: »Na – das kann in den besten Familien mal vorkommen! Wir sind immer noch vor sieben daheim. Du kriechst dann gleich in die Klappe und ich schlaf' eben einmal eine Nacht nicht! Auch kein Unglück!« Edith nickte, mit einem leisen Seufzer. »Ja. In Deutschland lebt man mit der Uhr in der Hand. Immer heißt es: ›Schnell! Schnell!‹ In England hat man Zeit.« Sie hielten vor ihrer Villa. Der Leutnant Merker lief ins Haus und rief gleich nach dem Burschen. »Peter! ... Peter! ... Wo steckste denn, verfluchte Schlafmütze?« Aber kein Peter kam. Er war schon vor langer Zeit mit seinem Helm und seinem Gewehr aus dem Haus gerannt, berichtete Harriet, die Zofe, in zurückhaltender Ruhe. Draußen hatten viele Trompeter geblasen. Es sei ein unchristlicher Lärm gewesen. Und auf dem Tisch läge ein Zettel des Burschen an Mr. Merkel. »Bataillon 4 20 alarmiert! Peter.« Der Leutnant Merkel war eine Sekunde wie vom Donner gerührt. Die lächelnde, verwöhnte Gelassenheit eines Sonntagskindes, die ihm im letzten Jahre zu eigen geworden, verflog. Er war ganz blaß – ein Soldat, den man auf wildem Urlaub ertappt ... »Da haben wir die Bescherung!« sagte er. »Edith! ... Edith! ... Nun geht's uns schlimm!« In fliegender Hast warf er sich in feldmarschmäßige Ausrüstung. Seine Frau lief unterdessen rasch entschlossen in den Stall, zog mit Robinson, dem Chauffeur, den einen Gaul heraus und zäumte ihn selbst mit geübter Hand. Harriet, die Zofe, half die Sattelgurten festziehen, der Butler schnallte die Steigriemen, ganz England arbeitete, in solchen Dingen erfahren. Der Oberleutnant Merkel hatte, als er atemlos unten erschien, nur den Fuß in den Bügel zu setzen, und winkte seiner Frau und jagte davon. Von den Bauern unterwegs erfuhr er, wohin das Bataillon sich gewandt. In die Rheinebene hinaus. Vorwärts im Galopp! Zuweilen ein Stopp. Ein Horchen: Nein – noch nichts von Infanteriegeplacker und Rattern der Maschinengewehre! Gott sei Dank, sie waren noch nicht aneinander. Und da meldete ein altes Mütterchen aus dem Kartoffelacker: »Alleweil sind sie vorbeikumme, Herr Leutnant! Reite Sie als norr uff sellerie Hopfeschtange zu! Dahinner schtecke sie in der Kiesgrub'!« Wahrhaftig: da war alles rot und blau und funkelte von Gewehrläufen. Und da das Bataillon vom rechten Flügel abmarschiert war, war es auch gerade die letzte Compagnie, die achte – die seinige. Dem Leutnant Merker fiel ein Stein vom Herzen. Wenn es nur nicht gerade dieser Hauptmann Grempe gewesen wäre! Er galoppierte auf ihn zu und meldete sich zur Stelle. Lieber Himmel ja – man konnte doch auch einmal bei Alarm verschlafen haben – ein bißchen zu spät kommen – das konnte doch nicht den Kopf kosten. Aber der Compagniechef frug sofort trocken: »Glücklich von der Reise zurück? ... Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, Sie hier zu sehen! ... Sie kommen doch aus Frankfurt, Herr Leutnant?« Er bemerkte die Betroffenheit des anderen und fügte hinzu: »Ich nahm mir die Freiheit, mich bei Ihrem Burschen nach Ihrem Verbleib zu erkundigen. Er meldete mir, Sie hätten gestern abend bereits unsere Garnison Alsheim verlassen.« ›O Peter, du Rindvieh ...!‹ dachte sich der Leutnant Merker. Laut und dienstlich erwiderte er: »Zu Befehl, Herr Hauptmann! ... Ich war bei meinem Onkel, dem Geheimen Kommerzienrat von Wilding, und hatte auf dem Heimweg eine Panne!« Das Antlitz des Vorgesetzten wurde noch grämlicher. »Ich weiß nicht, was eine Panne ist! ... Dienstlich weiß ich es wenigstens nicht! ... Im Dienst gibt es keine Panne! ... Haben Sie noch etwas anzuführen, Herr Leutnant?« »Nein, Herr Hauptmann!« »Ich danke sehr, Herr Leutnant! ... Wollen Sie Ihren Zug übernehmen!« Diesen ganzen heißen Vormittag beschäftigte den Leutnant Merker der Gedanke: ›Was macht der biedere Grempe nu? Meldet er mich? Meldet er mich nicht? Nötig hätte er es keineswegs! Ich war noch vor dem ersten Schuß zur Stelle und von den höheren Vorgesetzten hat daher keiner bemerkt, daß ich durch Abwesenheit glänzte. Allmählich heiterte sich seine Stimmung auf. Sein angeborener Optimismus drang durch. Das Ergebnis seines Grübelns war: Dieser Grempe ist eine rauhe Schale mit einem edlen Kern! Gerade weil wir gestern wieder Krach miteinander gehabt haben, sammelt der Biedermann glühende Kohlen auf mein Haupt‹ ... Er dachte jetzt milder von seinem Compagniechef, der sogar, als man auf dem Kasernenhof wegtrat, keine weitere Standpauke vom Stapel ließ, sondern sich stumm entfernte, und kam in so rosig-leichtsinniger Laune wie der jüngste Leutnant heim. Edith war schon zum Ausgehen fertig. Es war höchste Zeit, die Verwandten an der Bahn abzuholen. Das ganze Haus war festlich mit Blumen geschmückt, im Speisezimmer stand die Tafel schon fertig gedeckt da. Das Dienstpersonal wartete. Frau Leutnant Merker wollte ihren britischen Verwandten zeigen, daß man auch in Deutschland zu leben wisse. Sie war aufgeregter, als es sonst ihr frischer, gesunder Gleichmut zuließ. »Weißt du – gerade weil sie gegen unsere Heirat waren, Hellie ...« sagte sie leidenschaftlich, »gerade deswegen sollen sie sich überzeugen, daß ... was kommt denn da?« Ein Regimentskrümperwagen hielt, von einem Füsilier gelenkt, vor der Villa und ihm entstieg der lange Regimentsadjutant. Er lächelte nicht so bestrickend liebenswürdig wie sonst. Sein Gesicht war gemessen ernst, während er sich gegen Edith verbeugte: »Meine verehrte gnädige Frau ...« und dann zu ihrem Mann: »Ach, lieber Merker – darf ich Sie einmal dienstlich unter vier Augen sprechen?« »Verflucht!« sagte Helmut Merker halblaut. Er wußte schon, was nun kam. Da sein Arbeitszimmer – die Türe geschlossen. Da er. Dort der Adjutant. Und dessen Stimme: »Sie sind dem Herrn Oberst durch Herrn Hauptmann Grempe vorhin bei der Kritik gemeldet worden. Herr Oberst erteilt Ihnen acht Tage Stubenarrest wegen unerlaubten Entfernens aus der Garnison. Darf ich um Ihren Säbel bitten? Danke sehr!« Der Adjutant barg den Säbel unauffällig unter seinem langen Mantel, den er zu diesem Zweck trotz der Sommerhitze umgehängt trug, und verschwand sporenklirrend. Der Krümperwagen rasselte davon. Der Leutnant Merker griff sich an den Kopf. Er rechnete unwillkürlich. Dreizehn Jahre vorwurfsfreie Dienstzeit. Das war der erste Stubenarrest seines Lebens. Von unten hörte er die weinerlich-erregte Stimme seiner Frau: »Hellie – so mach doch! ... Schnell! ... Der Zug muß ja schon da sein!« Er ging zu ihr hinunter, blaß vor allmählich, nach der ersten Überraschung, aufkochendem Zorn. »Fahr nur allein! Ich kann nicht mit! ... Ich darf nicht aus dem Haus. Ich darf auch niemanden in das Haus lassen ... Ich hab' mit Gottes Hilfe Stubenarrest!« Stubenarrest ... Sie schüttelte den Kopf. Das Wort war ihr ganz neu. Er erläuterte: »Ich bin auf Ehrenwort verpflichtet, während der nächsten acht Tage keinerlei Besuche außer dem des Arztes zu empfangen!« »Um Gottes willen: die Meinigen auch nicht?« Er überlegte. »Das weiß ich nicht! ... Die wahrscheinlich doch! ... Verwandte! ... Ich muß darüber telegraphisch beim Regiment anfragen! ... Bis dahin zieh' ich mich in mein Zimmer zurück! Ich leg' mich ins Bett! ... Ich bin überhaupt krank! ...« Die Wut übermannte ihn. »Sag's nur allen! ... Nee – sag's lieber nicht, daß sie mich eingelocht haben ... Kinder ... 's ist ja himmelschreiend!« Ein neuer Einfall verdüsterte seine Stirne noch mehr: »Aber darauf mach dich gleich gefaßt, Edith: Mit unseren Gesellschaften hier zu Ehren der Deinen ist's Essig! ... Setz dich nur gleich hin und schreib nach allen Windrichtungen für das Dinner morgen ab! ... Es ginge nicht! ... Der Hausherr sitzt!« »Da lacht uns ja alles aus!« »Dann laß sie kichern, bis sie bersten!« Er schlug grimmig mit der Faust auf den Tisch. »Ich hab' mir den Stubenarrest nicht ausgesucht! ... Was meinst du. ›ich soll mich nicht darum kümmern!‹ Ja, glaubst du denn, ich hab' Lust, auch noch vor dem Ehrengericht zu erscheinen? Nee – Kindchen – hier wird jetzt acht Tage in Sack und Asche gegangen! Schwarze Fahne aufs Dach! Tafel vor das Haus: ›Achtung! Hier sind die Blattern!‹ ... Herrjesusja – diese Leute! Sie blamieren mich vor Gott und der Welt ...« Helmut Merker lief zähneknirschend, mit gerungenen Händen, im Zimmer auf und nieder. In der Türe erschien Harriet und meldete auf englisch: »Ma'am! Die Köchin läßt sagen, die Trüffeln seien eben noch glücklich aus Frankfurt eingetroffen!« Edith winkte ihr erbittert, zu gehen. Was bei ihr sonst kaum vorkam, das geschah jetzt: auf einen Stuhl gekauert, den hübschen Kopf zwischen den Händen, brach sie in helle Tränen aus. Ihr Mann betrachtete sie rat- und atemlos. Auch daran war er schuld. Er erschien sich wie ein Verbrecher. »Halloah!« Fröhliche Stimmen riefen es von außen. Es trommelte, vom Garten, an die Fenster des im Erdgeschoß gelegenen Zimmers. »Halloah! Halloah!« Vergnügte englische Gesichter lugten durch die Scheiben. Da Mrs. Wilding, lang, hager, lachend, daß die großen weißen Schneidezähne blitzten – ihre Tochter Jane, ihre Schwiegertochter Lucy – deren Mann Dickie, rosig, rundlich, freundlich wie der Vollmond, Bill, der Junggeselle mit seinem hageren, humoristischen Sportgesicht – mit einem Blick überflog Helmut Merker die Gestalten draußen – ihm schien es in seiner Verwirrung sogar, als seien es ihrer noch mehrere – dann sagte er in dumpfer Ergebung zu seiner Frau: »Da sind sie! Und wir haben sie nicht einmal von der Bahn abgeholt!« Aber die Wildings nahmen das nicht übel. Oh gar nicht. Sie hatten ganz gut den Weg hierher gefunden. In England war man von der leicht bereiten deutschen Empfindlichkeit frei. Lachend, schwatzend, in bester Laune strömten sie wie ein Schwall durch das Tor in das Haus, hungrige, herzliche, aufgeräumte Leute. Dann ein Aufschrei der Ms. Wilding: »Oh ... Edith ... dear me ... du hast ja Tränen auf den Backen!« »Du hast geweint!« »Habt ihr euch gezankt?« Edith Merker schüttelte heftig den Kopf. »»Nein! Wir zanken uns nie! ... Es ist nur ... So komm doch, Hellie ...« Ihr Mann hatte noch einmal überlegt. Er sagte sich: Ach was, die nächsten Blutsverwandten sind doch kein Besuch im Stubenarresten! ... Alle anderen Menschen müßte ich 'rausschmeißen. Aber die nicht! Er trat vor und prallte im selben Augenblick wieder zurück. Sein Schwager Dickie schob ihm strahlend an den Schultern ein ganz unbekanntes Ehepaar entgegen. Dahinter noch eine fremde Dame. »Mr. und Mrs. Anthony. Unsere Freunde. Miß Talbot. Wir haben sie gestern im Kölner Dom getroffen und gleich mitgebracht. Heute abend fahren sie nach Heidelberg weiter!« Der Oberleutnant Merker starrte seine neuen Gäste entsetzt an. In diesen Sekunden schien ihm der ganze Auftritt lächerlich. Und doch ein Gleichnis für eine ernste Sache: Er war nicht Herr in seinem eigenen Hause, ganz im Gegensatz zu diesen Briten da vor ihm und ihrem Spruch: » My house is my castle !« Er verbeugte sich hastig vor den drei neuen Gesichtern. Dann raunte er verstört seinem Schwager zu: »Entschuldige mich bei den Herrschaften! ... Aber ich muß sofort von hier weg! Ich muß in mein Zimmer!« »Halloah ... warum denn, old boy ? Wir beißen doch nicht! Was fällt dir denn ein?« Helmut Merker wich gegen die Türe zurück: »Ich darf doch niemanden sehen!« versetzte er verzweifelt. »Ich bin doch sozusagen Gefangener!« »Hier in deinen vier Wänden?« »Ja.« Dickie Wilding tippte sich mit dem Finger auf die Stirn und schaute fröhlich seine Schwester Edith an, als wollte er fragen: Stimmt das alles? Bill, der Jüngere, zwinkerte lauernd mit den Augen. Er hatte sich mit ausgebreiteten Armen vor die Türe gestellt und sperrte dem Leutnant den Ausgang. »Hier geblieben, alter Mann! Haltet ihn fest!« »Zum Kuckuck – willst du mich denn vors Ehrengericht bringen!« rief Helmut Merker wütend. Er rang zähneknirschend mit dem hartnäckig seinen Platz auf der Schwelle verteidigenden, aus vollem Halse lachenden Schwager. Er war schließlich doch kräftiger als der schmalschultrige, zähe britische Sportsmann. Er schob ihn unsanft zur Seite, daß jener sich verdutzt die schmerzenden Rippen befühlte, und nicht mehr wußte: war das noch fair play oder schon rohe Gewalt, und sagte noch einmal im Türrahmen zu den fremden Gästen – und das Englisch kam ihm in diesem Moment selber töricht vor: »I'm so sorry!« – und stieg die Treppe hinauf. Unterwegs hörte er noch, wie seine Frau auf eine Frage ihrer Mutter mit tränenerstickter Stimme erwiderte: » Yes! It is a german institition! They call it: Stubenarrest !« ... Ja freilich war der Stubenarrest eine deutsche Einrichtung! Eine rein deutsche! Was verstanden diese Engländer unten, denen ihre persönliche Freiheit über alles ging, von solch einem Eingriff der Vorgesetzten in das eigenste Leben? Da stießen zwei verschiedene Welten aufeinander. Und er zürnte der seinigen – dem Reich des Gehorsams und der Disziplin. Er fühlte sich entwürdigt. Wütend ging er in seinem Zimmer auf und ab. Er glaubte zu hören, wie unten diese Mrs. Anthony oder wie sie hieß, mit großen, runden Fischaugen fing: »Oh – was ist denn dem Gentleman?« Er sagte sich, erbittert seine Zigarette wegwerfend: ›Die werden schließlich noch denken, ich hätte silberne Löffel gestohlen, weil man mich hier gleich einem Verbrecher einsperrt!‹ Vor Zorn zitternd, trat er ans Fenster. Da unten lief eilfertig der Diener aus dem Haus. Der brachte die Absage des großen Dinners durch das ganze Städtchen. Der Herr Leutnant seien plötzlich erkrankt! Er – ein Kerl, der Bäume entwurzelte! Das glaubte kein Mensch! Vom Kasino aus sickerte heute noch der wahre Tatbestand durch! Es gab ein Kopfschütteln hier, eine stille Heiterkeit dort! Es war einfach, um die Wände hochzugehen! Da brachten sie eben unten einen Stoßkarren voll Eis, um den Sekt zu kühlen. Himmelherrgottdonnerwetter! Er stand wieder mitten im Zimmer und ballte die Fäuste. Verraten und verkauft kam er sich vor ... hilflos ... ein Spielball fremder Mächte ... Von unten klangen dumpf die englischen Stimmen. Man erörterte offenbar leidenschaftslos den Fall. Man suchte sich in diese deutsche Sachlage einzuleben, wie man sich in Sitten und Gebräuche Indiens fand oder die Eigentümlichkeiten Chinas respektierte. Es war nicht britisch. Also war es nicht gut. Aber es war nun einmal da. Und es wäre unweise gewesen, gegen reale Dinge die Augen zu verschließen. Dann kamen feste, elastisch-schlenkernde Schritte die Treppe hinauf. Edith trat ein. Sie trug noch Tränenspuren auf dem Gesicht. Aber der Geist ihrer Rasse hatte gesiegt. Sie war über diese Geschichte hinausgekommen. Man faßte sie da unten nun allgemein humoristisch auf. »Oh ... poor Hellie!« sagte sie, die Hände zusammenlegend und ihm zulachend. »Unten ist Essen für eine Compagnie Menschen! Niemand weiß, was daraus wird – bei der Hitze... Ich will es ins Krankenhaus schicken ...« »Schmeiß es meinetwegen zum Fenster hinaus!« »Mr. und Mrs. Anthony und Miß Talbot lassen sich entschuldigen! ... Ich habe ihnen erklärt, daß hier in Deutschland viele Dinge anders sind als bei uns. Sie reisen jetzt weiter!« »Hol sie der Geier!« Sie schaute ihn vorwurfsvoll an. »Oh ... Hellie ... das solltest du nicht sagen ... Sieh mal ... da kommen Soldaten ...« »Die Bataillonsmusik ... für das Ständchen ...« sprach er dumpf. »Die habt ihr auch vergessen, abzubestellen! Bitte, rufe hinaus, daß sie sich heimscheren möchten! Ich darf ja mit niemandem verkehren. Ich hab' ja die Pest ... sozusagen ...« Als sie das Fenster wieder schloß, stützte er den Kopf auf die Hand und nagte nervös an der Unterlippe: »Ja – nun ist's auf acht Tage mit Sang und Tanz vorbei, Edith! Blödsinnige Zucht ... Ausgerechnet gerade, wo die Deinen ...« Frau Oberleutnant Merker schüttelte gleichmütig den blonden Kopf. » All right , Hellie! Das haben wir alles schon unten geordnet! Ein Haus mit einem Gefangenen darin ist sehr traurig. Es ist nichts für mother ! Ma ist gern heiter; sie verschiebt einfach ihren Besuch um eine Woche! Sie kommt morgen über acht Tage wieder! Bis dahin machen mother und die anderen einen Trip an den Rhein!« Helmut Merker seufzte auf. »Na ja ... das ist schon das beste!« sprach er erleichtert. Seine Frau streichelte seine Hand. »Sie wollen, daß ich mitgeh', Hellie!« sagte sie. »Weil ich die Meinigen so lange nicht gesehen hab' und mich so auf sie gefreut hab'. Ich habe geantwortet: ich weiß nicht, ob es gut ist, seinen Mann zu verlassen, wenn er gerade brummt!« Das Wort ›brömmt‹ klang komisch in ihrer englischen Aussprache. Er mußte lachen. Allmählich kam eine Art Galgenhumor über ihn. Er schaute Edith in das hübsche, frische Antlitz mit den erwartungsvoll lächelnden roten Lippen und nickte melancholisch: »Geh du nur! ... Schlag dir den Rhein um die Ohren! ... Dich haben sie ja Gott sei Dank nicht miteingesponnen!« »Oh ... ich danke dir!« sagte sie unbefangen und gab ihm wieder die Rechte, so, als hätte er ihr Urlaub bewilligt. »Ich hatte es so gehofft! ... Ich will es gleich mother melden!« Sie küßte ihn und lief, in den federnden langen Sprüngen, die sie immer noch an sich hatte, hinunter. Er hörte aus dem Erdgeschoß das Stimmengewirr. Das ewige: » Oh yes !« verdroß ihn. Er wollte nichts von den Engländern wissen. Aber hier in Deutschland ärgerte man ihn erst recht. Er stand in seiner jetzigen Verfassung zwischen den beiden Lagern, ganz auf sich angewiesen, eigentlich frei in der Luft. Ein Mann, der deutsch sein wollte mit der Freiheit des Briten! Da hob das eine das andere auf. Er konnte nicht mehr weiterdenken. Der Kopf tat ihm weh. Er wollte auch nicht mehr hinuntergehen und den Verwandten »Lebewohl« und »Auf Wiedersehen!« sagen. Vielleicht nahm ihm Herr Hauptmann Grempe auch das übel, und er hatte neue Scherereien. In acht Tagen fand er ja doch die ganze Gesellschaft wieder unter seinem Dach. So blieb er oben, ließ sich entschuldigen und nahm nur von seiner Frau, als sie reisefertig, mit freudig geröteten Wangen vor ihm stand, einen Abschied voll einer eigentümlich lächelnden Wehmut seinerseits. Sie kam ihm eigentlich recht selbstsüchtig vor, wie sie da unbekümmert von dannen ging und ihn seiner Haft überließ. Dann sagte er sich: ›Das liegt ihr im Blut! So sind sie drüben alle! Die Welt ist ihretwegen da, und sie sind auf der Welt, um sie zu genießen. Das Dogma ist ihnen so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie es gar nicht mehr merken. Sie haben nur einen Damm dagegen: ihr Billigkeitsgefühl! Hätte ich Edith gesagt: Es ist jetzt nicht die Zeit für Rheinreisen, so wäre sie ohne Klagen und Wimperzucken geblieben. Aber warum ihr das Vergnügen rauben? ... Das Vergnügen ist für sie ja das halbe Leben! Good bye , mein Lieb ...‹ Es war still in dem Haus, totenstill, diese acht langen Tage. Nur gleichmäßige Schritte hallten stundenlang oben durch die Zimmer. Der Oberleutnant Helmut Merker ging in Litewka und Hausschuhen, die Hände in den Hosentaschen, die Zigarette im Mund, unermüdlich auf und ab. Eine innere Unruhe trieb ihn. Er konnte nicht stillsitzen. Vom Tisch stand er nach wenigen Bissen wieder auf, die hellblauen Hefte der Einzelschriften des Großen Generalstabs, die er sich in einer letzten Anwandlung verbissenen dienstlichen Pflichtgefühls zurechtgelegt, klappte er ungeduldig schon nach den ersten drei Seiten wieder zu, zu schlafen vermochte er, an körperliche Bewegung und frische Luft gewöhnt, jetzt bei der Stubenhockerei nur wenige Nachtstunden – er hatte wahrhaftig reifliche, nur allzu reifliche Muße, sich tausend Dinge zu überlegen. Er musterte diese kostbar eingerichteten Räume, durch die er schritt, und frug sich: Bin ich deren Herr? – Nein: im Gegenteil! Sie halten mich gefangen. Ich bin ja hier in ihnen eingesperrt! Er sah durch die Fenster unten im Hof sein Automobil stehen und sagte sich: Gehört das mir? Augenblicklich wahrhaftig nicht! Ich darf ja nicht die zehn Schritte ins Freie machen und mich hineinsetzen. Sonst verliere ich dauernd das Recht, die Epauletten zu tragen. Er durchblätterte müßig die Visitenkartenschale im Flur. Klangvolle Namen: Frankfurter Patriziat, vornehme Engländer aus Homburg, Adel von der Bergstraße, Winzermillionäre vom Überrhein. Er dachte sich: Verkehre ich mit diesen Leuten? Augenblicklich nicht. Es ist ein Riegel vorgeschoben. Sie dürfen nicht zu mir und ich nicht zu ihnen bei mehr als Todes-, – bei Ehrenstrafe! ... Und im Weitergehen wälzte er immer das eine in seinem Kopf: Reichtum ohne Freiheit – das gibt es nicht. Da schließt eines das andere aus. Denn Reichtum im höheren Sinn ist eben Freiheit – die Möglichkeit, ganz so zu sein und zu leben, wie man möchte und es sich selbst schuldig zu sein glaubt. Wieder tauchte, wie eine Luftspiegelung aus der Sonne Ägyptens, die Gestalt des »unabhängigen Gentlemans« vor ihm auf – dieser Begriff, den er dort auf englische Art verwirklicht gefunden, und der ihn seitdem nicht mehr frei ließ und ihm als das beneidenswerteste Menschenlos erschien. Man brauchte deswegen sich doch nicht gleich auf die britische Seite zu legen. Derlei ließ sich doch auch in Deutschland verkörpern, als Merkmal einer beginnenden neuen Kultur. Es fiel ihm ein, wie er vor wenigen Tagen noch daran gedacht, sich irgendwo hier in Süd- Westdeutschland anzukaufen. Jetzt rückte der Plan in dieser eintönigen Zeit immer mehr in lockende Nähe. Er spielte nicht mehr damit. Er erwog ihn ernstlich. Ediths Zustimmung war er gewiß. Und wenn sie wollte, kriegte sie auch den Vater herum. Es war eigentlich die einfachste Sache von der Welt. Es war ein Unsinn, sich hier abzurackern, für nichts und wieder nichts. Die Verwandten seiner Frau mochten im stillen schön über ihn lachen. Sie selbst schrieb ihm alle Tage vom Rhein. Die Reise verlief herrlich. Er zuckte die Achseln. Natürlich: Was sollte denn diesen Leuten fehlen? Sie hatten ja alles, was man brauchte: Straußenmägen, unverwüstliche Laune und ein Scheckbuch! ... Sie wußten gar nicht, wie gut es ihnen ging. Die alle da drüben nicht ... Wie bleiern die Zeit dahinschlich! ... Die Stunden nahmen kein Ende! Jeder Tag schien eine Woche. Nein: ein Monat. Wenn man gewohnt war, vom frühen Morgen bis zum späten Abend jede Minute mit Dienst, Geselligkeit, mit Jagd und Autofahrten ausgefüllt zu sehen, wenn man immer seine lebensfrische junge Frau und Menschen aller Art um sich herum wußte, dann war einem jetzt wieder in dieser grämlichen Totenstille wie in einem Krankenzimmer zumut. So als sei man selber leidend. Er litt ja auch. Er kämpfte beinahe körperlich mit diesen Eindrücken der Einsamkeit. Er sagte sich: etwas Kurzsichtigeres können sie eigentlich nicht tun, als mich in der Geistesverfassung, in der ich augenblicklich bin, geschlagene acht Tage mir selber zu überlassen! Da verbeißt man sich immer mehr in seinen Ärger und seine Unlust! Alle Gründe dafür, daß es so nicht weitergehen kann, Gründe, die einem draußen, im hellen Sonnenschein, niemals in den Kopf kommen würden, fallen einem jetzt hinter den herabgelassenen Vorhängen, im Stumpfsinn dieses Stubenarrestes ein. Er zürnte dem Hauptmann Grempe persönlich nicht mehr. Er hatte sich zu einem höheren Standpunkt aufgeschwungen, dem kühlen, verächtlichen des Weltmanns. Dieser Grempe war ein System. Er verkörperte die Unfreiheit. Den Zwang an sich. Eine Reinkultur dienstlicher Beschränkung des persönlichen Willens. Andere Vorgesetzte mochten wohlwollender, weitschauender, nachsichtiger sein. Gewiß. Aber im Grunde blieb sich die Sache doch gleich. Mußte es sein. Ein unabhängiger Gentleman ... so wie in England... Es war ein schöner heißer Sommertag, als sich der Oberleutnant Merkel den Helm aufsetzte, den zurückerhaltenen Säbel umschnallte und, gleich einem Genesenden, dem der Arzt den ersten Ausgang gestattet, tief aufatmend in die Sonne und Helle hinaustrat, um sich bei den Vorgesetzten nach verbüßtem Stubenarrest zu melden. Mit dem Major ging es noch. Der war kein Spielverderber. Schlimmer war die Begegnung mit dem Compagniechef. Der Hauptmann Grempe empfing seinen ersten Offizier in seiner Wohnung. Durch die Trockenheit und Grämlichkeit, die er für gewöhnlich an sich hatte, schimmerte eine gewisse Unsicherheit durch. Die Schatten eines gewaltigen Wischers von oben, sich etwas besser mit seinen Herren zu stellen, auf deren Eigenart schonend einzugehen, ihre Dienstfreude nicht zu töten, zitterten über seinem Haupt. Er dankte für die Meldung und sagte dann ernst, auf einen Stuhl deutend: »Ich möchte gern die Gelegenheit benutzen, mich einmal mit Ihnen auszusprechen, Herr Leutnant!« Helmut Merker blieb stehen, bocksteif in Haltung und Miene. »Darf ich mir gehorsamst die Frage gestatten: Betrachten Herr Hauptmann dies Gespräch noch als ein dienstliches?« »Nee – gerade nicht, lieber Merker! Ich möchte einmal mit Ihnen ganz unbefangen als Mensch zum Menschen ...« »Ich bitte Herrn Hauptmann gehorsamst um Entschuldigung. Aber auf eine außerdienstliche Unterhaltung möchte ich verzichten. Sie würde auch zu nichts führen. Meine Entschlüsse sind schon gefaßt!« »So so!... Hm ... Und in welcher Hinsicht, Herr Leutnant?« »Darüber möchte ich mit dem Herrn Oberst, zu dem ich jetzt zur Meldung hinüberfahren will, an erster Stelle reden. Haben Herr Hauptmann noch Befehle?« »Nein - danke sehr!« Der Oberst war ein langgewachsener, lebhafter und bestimmter Mann. Schon nah am General. Auf den Zügen die kluge Bonhommie eines höheren Militärs, der nun schon seit einem Menschenalter die deutsche Armee in all ihrem Freud und Leid hatte an sich vorüberziehen lassen und der im Rückblick auf all die Entwicklungsstufen, die er selbst hinter sich hatte, in den Seelen der Fähnriche und der Leutnants, der Hauptleute und der Stabsoffiziere zu lesen verstand. Er sagte nach Entgegennahme der Meldung rasch und freundlich: »So – nun setzen Sie sich mal, bitte, Merker!« Und fuhr, als der Oberleutnant das diesmal ohne Widerrede getan, in halb kameradschaftlichem Ton fort: »Einsperren hab' ich Sie müssen! Das sehen Sie ja selber ein!« »Zu Befehl, Herr Oberst! Nachdem Herr Hauptmann Grempe mich einmal gemeldet hatte, so ...« »Na, schön! ... Nun lassen Sie sich keine grauen Haare darüber wachsen! ... Das gibt bei jemandem wie Ihnen noch lange keinen Fleck in der Konduitenliste! ... Ich glaube, es wird ganz gut sein, wenn wir einmal bei Ihnen mit der Compagnie wechseln! ... Ich hatte, schon eh' die Geschichte passierte, die Absicht, Sie zu dem Hauptmann Kaltschmidt zu tun. Ich glaube, mit dem werden Sie besser zusammenarbeiten – was?« »Ich würd' es ganz sicher können, Herr Oberst! Und bin Herrn Oberst zu gehorsamstem Dank verpflichtet. Nur leider ...« »Was denn? ... Guter Gott ... Mann ... Sie werden doch nicht?« Helmut Merker schöpfte tief Atem. Jetzt, in der Schicksalsstunde, fiel ihm das entscheidende Wort doch schwer. Es kam stockend, halblaut heraus. Er wurde dabei blaß. »Ich möchte Herrn Oberst bitten, mein Gesuch um Ausscheiden aus dem aktiven Dienst geneigtest zu genehmigen und es Allerhöchsten Ortes befürworten zu wollen!« Der Regimentskommandeur erhob sich. Sein Untergebener tat es gleichzeitig mit ihm. Die beiden standen sich in ihrer ganzen stattlichen Länge gegenüber. Dann sagte der Ältere gedämpft: »Tun Sie's nicht, Merker!« »Herr Oberst ... ich hab' es mir reiflich ...« »Weiß ich! Fürchtete ich! ... Hab' ich schon lange kommen sehen! ... An sich ... Guter Gott ... Sie haben längst Ihre pflichtschuldigen zehn Jahre abgedient, Sie haben Geld – wenn jemand gehen will – wir halten ihn nicht! Aber ich sag' es in Ihrem Interesse, mein Lieber! ... Und gewissermaßen auch im Interesse des Dienstes! Denn Sie sind ein sehr brauchbarer Offizier, Sie sind zum Soldaten geboren! Um Sie wär' es schade!« »Und trotzdem ... es ist nicht die Verärgerung über diesen einzelnen Fall, Herr Oberst, an dem ich ja schuld bin. Das war nur der letzte Anstoß. Wenn ich Herrn Oberst einmal die Gründe anführen darf, die ...« Der Regimentskommandeur hob abwehrend die Hände vor sich. »Die weiß ich; mein lieber Merker!... Die brauchen Sie mir nicht zu sagen! ... Glauben Sie, ich hätte nicht auch meine Augen? Sie sind jetzt, seit Ihrer Heirat, in der Stimmung: Was kostet die Welt? ... Und hier bei uns scheint Ihnen die Welt zu klein!« »Ja – das heißt ... Herr Oberst ... ich ...« »Nun möchten Sie 'raus! ... Ich weiß nicht, ob Ihnen auf die Dauer die Welt da draußen wirklich so groß erscheinen wird! ... Ich hab' immer die Idee, es ist bei Ihnen nur so eine Art Übergangsstadium. Es ist Ihnen das alles ein bißchen zu Kopf gestiegen ... Nehmen Sie mir meine Offenheit nicht übel ...« »Ich bin Herrn Oberst für jedes Wort dankbar! Ich weiß, wie gut es der Herr Oberst mit mir meinen!« Der ältere Offizier streckte lebhaft den Finger gegen ihn aus. »Sehen Sie, mein lieber Merker, solange Sie dies Gefühl noch haben, so lange gehören Sie noch innerlich zu uns!... Wenn Sie jetzt durchaus von uns weg wollen...« »Herr Oberst, mein Entschluß steht fest!« »Na ja ... also dann ist das vielleicht eine augenblickliche Notwendigkeit für Sie, daß Sie sich da draußen die Hörner ablaufen müssen! Man kann niemandem ins Herz sehen. Aber so viel Strategie müßten Sie doch schon intus haben, Merker, daß Sie sich daran erinnern: Man hält sich immer die Rückzugslinie frei! Lassen Sie sich ein Hinterpförtchen offen! Wer weiß, ob Sie's nicht bald wieder brauchen. Ich für mein Teil hoffe es!« »Und was raten mir da der Herr Oberst?« »Kommen Sie darum ein, daß man Sie ein Jahr lang ohne Gehalt beurlaubt! Ich werde das befürworten! ... Dann können Sie schließlich immer noch zurück und finden ein Plätzchen in der Armee für Sie frei! Wenn nicht bei uns, dann in einem anderen Regiment...« »Ich glaube nicht, Herr Oberst, daß ...« »Natürlich glauben Sie's nicht! Sonst stünden Sie ja nicht so düster, mit dem Dolch im Gewande, vor mir! ... Aber es schadet Ihnen ja auch anderseits nichts! ... Es hindert Sie nicht, sich in der Zwischenzeit den Wind um die Nase wehen zu lassen! ... Ist dann endgültig Schluß – na ... dann in Gottes Namen! ... Aber bis dahin würde ich mir doch mißtrauen ... an Ihrer Stelle! ... Glauben Sie mir, ich mein' es gut mit Ihnen.« Helmut Merker überlegte kurze Zeit. Dann sagte er: »Herr Oberst sind mir immer ein so gütiger Vorgesetzter gewesen! Ich danke Herrn Oberst gehorsamst! Ich werde diesen Rat befolgen!« »Nun schön! ... Das hör' ich gern! ... Also gehen Sie mit Gott, lieber Merker! Sie sind von jetzt ab bis zur Erledigung Ihres Gesuchs beurlaubt.« Frei! ... Helmut Merker sog in tiefen Zügen die heiße, staubige Straßenluft in die Lunge, als er das Haus seines Regimentskommandeurs verließ. Frei! Mechanisch dankte er der das Gewehr präsentierenden Schildwache an der Türe. Frei! Das mit dem Jahr Urlaub – das war nur Formsache. Eine vornehmere und langsamere Art des Ausscheidens aus dem Dienst. Anders faßte er das nicht auf. Er wollte den väterlich wohlwollenden Mann da drinnen nicht vor den Kopf stoßen. Er tat ihm den Gefallen ... Ohne jede Anwandlung von Sentimentalität vertauschte er daheim die schwere heiße Uniform mit dem dünnen Sommerzivil über dem kühlen bunten Leinenhemd und setzte sich den leichten Panama auf den sonnengebräunten Kopf. Jetzt hinderte ihn kein Grempe, hinzufahren, wohin er wollte: eine übermütige und kriegerische Stimmung ergriff ihn. Er sehnte sich nach seiner Frau. Gerade in diesem Augenblick brachte ihm der Postbote ihren täglichen Brief. Sie hatte mit den Ihren gute Tage am Rhein. Das Wetter war schön, aber heiß ... Na ja ... das wußte er ... das verzeichnete sie immer gewissenhaft nach der Sitte ihrer Heimat, wo das stürmische Inselklima eine so große Rolle spielte. – Ja ... und da der Schluß: Sie waren nun schon auf dem Heimweg. Heute nachmittag in Straßburg ... Er sah auf die Uhr. Er kam gerade noch mit dem Automobil in Heidelberg zu dem Baseler Schnellzug zurecht. Gegen Abend war er in der alten Reichsfestung am Rhein. Er eilte in das Hotel, das ihm Edith angegeben, und fand sie zum Glück allein auf ihrem Zimmer. Sie war bei seinem Anblick sprachlos. Und noch mehr, als er ihr nach den ersten Begrüßungsküssen meldete, was heute geschehen. Endlich frug sie: »Da können wir jetzt machen, was wir wollen?« »Ja!« »Können gehen, wohin wir möchten?« »Freilich, darling « »Auch nach England?« »So oft es uns beliebt?« Da faltete sie unwillkürlich, auf einem Stuhl, zwischen ihren offenen Koffern, sitzend, die Hände. Ihr Gesicht war ganz andächtig. Sie hob die Augen zum Himmel. »Oh ... Thy will be done ! ... Ich hätt' es nie von dir verlangt, Hellie! Ich habe dir versprochen, eine gute deutsche Regimentsfrau zu werden, und bin es auch geworden, ganz und gar! Aber wenn du das selber nicht mehr willst ... Es ist mir noch wie ein Traum... Oh ... Ich bin so froh ... so froh ...« Er dachte in diesem Augenblick nicht mehr an die dunkelblaue Uniform mit rotem Kragen, die daheim am Nagel hing. Er sah seine schöne junge Frau vor sich. Beide lachten und fielen sich glückselig in die Arme und küßten sich so stürmisch, als hatten sie sich heute zum zweitenmal gefunden und verlobt. Sie legte den Kopf an seine Schulter und schaute dankbar zu ihm auf, als hätte er's nur ihretwegen getan. Die Abendsonne fiel golden durch das Fenster. Drüben über den Dächern stand der Münster, himmelanragend und geheimnisvoll im letzten Tageslicht.   Zweites Buch 9 » Well – Mr. Merker – wohin?« Der kleine Mr. Woodland, früher Captain in Diensten Ihrer britischen Majestät in Indien, jetzt Londoner Klubmann, ein schmächtiger, fast zierlich gebauter alter Junggeselle, mit einem feinen, rosigen Gesicht, hob mahnend die Hand. »Versäumen Sie nicht den Start, Mr. Merker! Gleich wird das vierte Rennen beginnen!« Er sprach mit Helmut Merker beinahe so kordial wie mit einem seiner Landsleute. Denen glich jener auch äußerlich, in seinem karierten Ulster, dem hohen grauen Hut, dem am Riemen über die Schulter gehängten Fernglas, den aufgekrempelten Beinkleidern. Er hätte ganz wohl ein Fabrikbesitzer aus der guten Stadt Manchester sein können, deren Nähe drüben, am Ende der kahlen Flächen hinter der Rennbahn ein meilenweiter, düster unter dem trüben Frühjahrshimmel brütender Schornsteinqualm verriet. Er warf einen mißmutigen Blick über die grüne, von den schwarzen Massen der Zuschauer eingesäumte Rasenfläche, winkte dem Gentleman mit der Hand zu und sagte: » All right !« und ging weiter. Von drüben, vom Menschengewimmel des dritten Platzes her, klang wildes Geschrei bis zu der großen Tribüne. Die Volksbuchmacher standen dort, in Phantasieuniformen, in der Livree eines Hotelportiers, im Weiß eines Kochs, in grellen Clownmänteln, auf ihren Schemeln inmitten der Menge, eine mächtige Geldkatze vor dem Leib, und brüllten. Es klang wie das nächtliche Bellen großer Hofhunde. ›Vier zu fünf auf Usury‹ ... Um sie herum wettende Fabrikarbeiter, fahl von der Staubluft der Spinnräume und fiebrig vom Sport. Erst als Helmut Merker die Paddocks hinten erreichte, wurde es um ihn stiller. Hier waren nur die Auserwählten. Das alte Bild: die friedlich im Kreise stelzenden Pferde, die bunten, auf ihnen kauernden Jockeis, die sorgenvoll, mit zusammengebissenen Lippen, sie musternden Wettlustigen ... Es war keine sehr große Bahn, die von Manchester, und es war kein großer Tag. Nichts von der Nervenerschütterung der Grand National drüben in Liverpool, dem fröhlichen Volksfest des Derby. Es war guter Durchschnittssport. Tägliches Brot des Briten. Helmut Merker sah sich tiefsinnig die Tiere an. Er dachte sich: ›Warum eigentlich? Die Biester laufen heute nicht anders wie alle Tage ...‹ Da hörte er sich beim Namen gerufen. Sein Vetter Wolfgang von Wilding aus Frankfurt trat lachend mit einer Gebärde der Überraschung auf ihn zu. Die beiden jungen Männer schüttelten sich die Hände. Der ehemalige Cecil-Rhodes- Stipendiat meinte: »Na – nu hört aber die Weltgeschichte auf! Helmut, wie kommst du denn gerade hierher?« »Sehr einfach! Ich habe für den Sommer für meine Frau und mich und unser Töchterchen ein Haus in Wales drüben gemietet – ganz nahe von Galt-y-Bladur, dem Landsitz unseres Schwagers Mac Cornick. Da sind wir heute zu dem Rennen mit dem Auto herüber. So was läßt sich Edith nicht entgehen!« »Ist sie hier?« »Dort, auf der Klubtribüne! Ich bummle hier solo so 'n bißchen herum. Uff... ich sag' dir: ich bin froh, daß ich mal wieder Deutsch reden kann! Ich verlerne es hier fast ...« »Ja – hör mal ... ich bin, wie du wohl weißt, jetzt in Berlin, Streber im Auswärtigen Amt, und hab' die Geschichte nicht so recht verfolgt: Du hattest doch eigentlich die Absicht, dich in unserer Gegend anzukaufen? Nicht?« »Das wollt' ich allerdings – vorigen Sommer, wie ich das Jahr Urlaub nahm ...« Helmut Merker musterte unbehaglich, mit scheinbarem Interesse, eines der vorbeigeführten Pferde, das aus Aufregung vor dem Rennen schwitzte und rauchte. Er hatte etwas Gedrücktes an sich. Den klugen Augen des Vetters entging das nicht. »Ich hätt' es auch getan!« setzte er hinzu. »Aber der Alte sträubt sich! Der Schwiegerpapa! Nicht mit List und nicht mit Gewalt dazu zu bringen! Zulage, so viel man haben will und mehr! Aber die einmalige große Ausgabe für ein Gut – nee! Warum, das wissen die Götter! Der reine Eigensinn! Was liegt ihm denn am Geld? Er wühlt ja drin!« »Und was machst du denn jetzt?« »Vorläufig privatisiere ich in England, wie du siehst! ... Wir mußten doch herüber, um den Alten zu bearbeiten, und nachdem sich das zerschlagen hatte, war meine Frau nicht mehr, aus ihrer Heimat wegzubringen. Sie fühlt sich hier so wohl ...« »Das glaub' ich!« sagte Wolfgang von Wilding, mit einem eigenen Lächeln, das dem andern nicht entging. Der fuhr rasch, im Tone eines nachlässigen Weltmanns fort: »Im Season gehen wir jetzt ein bißchen nach London! Nachher nach Schottland – zum Sport in den Highlands! ... Später wohl an die See!« »Wie lange dauert denn noch dein Urlaub?« »Nicht mehr ganz ein halbes Jahr. Bis zum ersten Oktober!« »Und dann ...?« Dem Oberleutnant Merker war die Frage unangenehm. Er schaute hinaus auf die Rennbahn, auf der die Pferde in buntem Gänsemarsch erschienen und aufkanterten, und zuckte die Achseln. »Es ist doch mehr ein schonender Übergang ins Zivil. Der Oberst wollt' es so. Sonst wäre ich gleich abgeschnappt. So halten sie einen immer noch sozusagen par distance an der Strippe!« Er wechselte rasch und offensichtlich den Gesprächsstoff, der ihm nicht behagte. »Nun erzähl aber mal: Was hast du denn hier vor?« »Ich bin nur auf acht Tage rüber, um alte Oxforder Freunde zu besuchen!« Wolfgang von Wilding wies auf die Gruppe glattrasierter, vornehmer, junger Athleten, von denen er sich getrennt hatte. »Übermorgen geht's wieder heim! Aber 's ist ganz gut, sich die Engländer mal wieder von Zeit zu Zeit aus der Nähe anzusehen! Ich brauch' es für mein künftiges, diplomatisches Metier! Die Kerle seifen uns ja an allen Ecken und Enden der Welt ein! ... Aber mir machen sie nichts mehr vor!« Er hatte, wenn er von dem Angelsachsentum sprach, einen Ton, nicht von Überlegenheit, aber von sorgloser Unabhängigkeit. Gerade darin war er diesen Antipoden ähnlich. Er stand auch frei für sich über den Dingen. » Panem et circenses !« sagte er. »Ich kann mir nicht helfen: so, wie jetzt England ist, denk' ich mir immer das alte Rom. Riesenhaft und mit allen Zeichen des Verfalls. Weideflächen, wo früher die Bauern waren. Kein Brot im Land. Na – und ob nun das Korn damals aus Sizilien oder jetzt aus Argentinien kommt, ob man auf Gladiatoren oder auf Jockeis wettet... Donnerwetter ... da läutet's auch gerade!« Ein Glockenzeichen hatte den Ablauf der Pferde von dem fernen Startplatz gemeldet. Der junge Frankfurter Patrizier begab sich eilig nach vorne. Sein Vetter Helmut folgte ihm langsam. Mochte es auch um tausend Guineas gehen – das war hierzulande nichts Besonderes. Er hatte schon ganz andere Rennen miterlebt. Dutzende. Eigentlich war es immer dasselbe. Ein Aufschrei der Massen. Dann Stille. Vereinzelte Stimmen. Draußen auf dem grünen Rasen so wie jetzt in der Ferne rasch gleitender Flimmer des Jockei-Dreß. Ein-, zweimal in der Runde, bis zum Einlauf. Da kamen sie: die Gäule sich streckend, lang werdend, als wären sie aus Gummi, die Jockei-Zwerge unter wütendem Peitschengefuchtel auf ihren Hälsen, ein rasendes, vieltausendstimmiges, fast verzweifelt wie in Todesnot klingendes: » Usury! ... Usury! ... Go on!... go on!... Usury! ... go on ...! « Na schön ... da war dieser Gaul nun also glücklich der Erste am Ziel ... Es machte auf Helmut Merker keinen Eindruck. Seinen Vetter konnte er in dem Durcheinander nicht mehr entdecken. So wandte er sich um und betrat die für Klubmitglieder und deren Gäste reservierte Tribüne. Von nebenan, von dem ersten Platz, scholl schon wieder das Bellen der Buchmacher für das nächste Rennen. Nur waren sie hier, unter dem Zwanzig Mark-Publikum, manierlicher, beinahe wie gewöhnliche Menschen gekleidet. Neben jedem von ihnen stand auf ebenem Boden ein zweiter Galgenvogel und trug die Wetten in sein Notizheft ein. Die ganz vornehmen Mitglieder der Gilde lehnten abseits an dem trennenden Gitter. Sie trugen keine Geldtaschen um den Leib. Sie rechneten monatlich mit ihren Kunden ab. Sie glichen äußerlich Gentlemen. Dicht bei ihnen stand innen, in reserviertem Viereck, eine große Gruppe von Herren und Damen. Helmut Merker erkannte seine Frau. Sie jubelte. Ihre Augen glänzten. Sie hatte doch recht behalten mit ihrer unerschütterlichen Meinung für den Stall des Lords Soundso. Sie hatte auf Usury gewonnen. Ihr Mann hörte beim Näherkommen, wie sie, begeistert über ihren Sieg, ausrief: » It's not a horse! It's one and a half! – Das ist nicht ein Pferd, das sind anderthalb!« Er blieb schweigsam und in sich versunken, bis sie nach Schluß der Rennen im langen Zug der Autos an der eine Viertelstunde weit hintereinander harrenden Reihe leerer Straßenbahnwagen hinein nach Manchester fuhren. Im großen Midland-Hotel, wo sie aßen, war alles voll. Ein flutendes Menschengewimmel durch die Säle und Restaurants. Ihr eigener Tisch umrahmt von anderthalb Dutzend Gesichtern, von denen er die Hälfte gar nicht, oder nur ganz flüchtig kannte. Edith war mit ihnen allen vertraut, schüttelte Hände nach rechts und links, nickte Freunden in der Ferne zu. Sie war wieder daheim, in der großen Gemeinsamkeit der Ladies und Gentlemen, auf den britischen Inseln. Ihn betrübte das, so natürlich es war. Er aß wenig und saß nachdenklich da. An seinem Ohr verhallte das Sportgerede um ihn wie eintöniges Regengeplätscher im November. Dann kam, zu Ende des Mahls, Wolfgang von Wilding von einem Nebentisch, begrüßte erst Mrs. Merker und setzte sich dann zu ihrem Mann. Sie sprachen über dies und jenes, und der Frankfurter Patrizier versetzte gedämpft auf deutsch: »Hör mal: du hast doch einen Bruder Hugo?« »Sag lieber: ich hatt' ihn!... Er taugt den Kuckuck was!« »Er war der einzige von euch, den ich früher kannte. Er kam, wie ich eben Student geworden war, mal zu mir und versuchte einen Pump!« »Hoffentlich hast du ihn 'rausgeschmissen?« »Ungefähr! Mit etwas Geld auf der Hand! Stehst du mit ihm noch in Verbindung?« »Nein. Wir alle längst nicht mehr!« »Da wird dich das vielleicht interessieren: Also mit diesem Hugo en question bin ich vorige Woche von Calais nach Dover gefahren. Ich hab' ihn gleich erkannt, obwohl er sich fern vom Schuß hielt. Mit den Stewards stand er scheint's auf Du und Du. Er klappert offenbar also die Gegend bis London chronisch ab!« »Ich glaubte ihn in Amerika!« sagte Helmut Merker. Sein Blick und Ton hatten etwas Geistesabwesendes. Wieder hatte der andere das Gefühl, irgendwie auf ihn zu drücken, ihn unsicher und beklommen zu machen. Er begriff nicht recht, wie das zuging. Er stand bald auf und verabschiedete sich. »Auf Wiedersehen in Deutschland! Heute über acht Tage sitze ich schon wieder in der Wilhelmstraße. Ganz interessant. Gerade jetzt. Der politische Horizont umwölkt sich wieder einmal bedenklich ...« »Zwischen wem denn?« »Na – zwischen Liberia und Haiti nicht, sondern über der Nordsee! Zwischen denen hier und uns! Also lebt wohl!« ›Zwischen denen und uns‹ ... Helmut Merker klang es im Ohr nach, als der Vetter schon längst gegangen. Er dachte sich: Wo bin denn da ich? Auch zwischen denen und uns! ... Nicht Fisch und nicht Fleisch! Er erhob sich still, warf draußen seinen Mantel um und ging ziellos hinaus ins Freie. Es war schon dunkel. Lange Laternenreihen erhellten die schnurgeraden, endlosen Straßen von Manchester. Eine war wie die andere. Unermeßliche Menschenfluten wälzten sich wie trübe schwarzgraue Bäche auf ihnen hin, nahmen ihn mit. Um ihn englische Gesichter, englische Laute, englische Firmenschilder an den Häusern. Dann die Stille des jetzt verödeten Geschäftsviertels. Enge Gassen. Düstere, riesig ragende Wolkenkratzer – Zwingburgen des Reichtums von Lancashire und wieder Lärm und Leben von Oxfordstreet. Das Geschrei der Zeitungsjungen. Helmut Merker kaufte sich ein Abendblatt und überflog es unter einer Laterne. Ja. Da stand es, was der Vetter gesagt: Großer Lärm in London. Interpellation im Unterhaus. Deutschland schielt nach einer Kohlenstation im Persischen Golf ... Es fiel ihm ein: Ich bin doch noch Offizier. Ich trag' doch den Säbel an der Seite! Wer weiß, wann die Stunde kommt, wo ich ihn ziehen muß ...? » The last news! « schrieen um ihn die hellen Kinderstimmen der Zeitungsjungen, » Germany in Persia! « Die Volksmassen Englands strömten, die Policemen hoben warnend an den Straßenecken die Hand, betrunkene Weiber torkelten aus den Gin-Kneipen, ohne daß das einen Menschen wunderte – Helmut Merker frug sich auf einmal: ›Wie komm' ich denn hierher?‹ Er schüttelte den Kopf. Es schien ihm wie ein Gleichnis, daß er jetzt hier, in der fremden großen Stadt, völlig den Weg verloren hatte: Bei einem Schutzmann erkundigte er sich nach der Richtung und erreichte das Hotel, wo man im Eifer der Sporterörterungen kaum bemerkt hatte, daß er gegangen war, und ebensowenig, daß er wiederkam. Er nahm seinen Platz ein. Sein Auge schweifte durch den Saal. Er hatte eine unwillkürliche unangenehme Empfindung bei dem Anblick eines ihm bekannten Gesichts da drüben. Richtig: dieser kleine, unenglisch aussehende Herr mit dem zahnbürstenartig kurzen, blonden Schnurrbart, der dort offenbar mit anderen Spinnereibesitzern aus der Umgegend zusammensaß, war Augustus Fleck, der britische Imperialist und Ediths abgewiesener Freier. Zufällig trafen sich Helmuts Blicke mit denen des Manchestermanns drüben, ruhten eine Sekunde kalt ineinander. Helmut Merker schaute weg und wunderte sich über sich selber. Er konnte das sichere, fröhliche Gefühl des Triumphs über seinen Nebenbuhler nicht mehr aufbringen wie vor zwei Jahren. Ihm war immer, als hätte Augustus Fleck der Jüngere irgendwie an ihm Rache für seine Niederlage genommen. Es war irgendeine Macht in den Dingen – es hatte sich etwas in ihnen verändert, verschoben – oder in ihm selbst – er konnte es sich nicht klarmachen. »Die deutsche Flotte!« schrieen draußen die Zeitungsjungen durch Räderrasseln und Automobilgetute. Es war wie ein Weckruf. Er nahm einen Schluck Portwein, schwieg, sann vor sich hin ... »Deutschlands verdächtige Umtriebe in Koweit!« Die schrillen Kinderstimmen der Zeitungsboys wurden nicht müde. Helmut Merker hatte auf einmal die ehrliche Anwandlung, hinauszugehen und einem der Bengel ein paar hinter die Löffel zu hauen, nur als ein Gleichnis, als eine sinnbildliche Handlung zur Wahrung seines Standpunkts. Es war in ihm wieder die sonderbare Frage: ›Was hab' ich denn eigentlich hier verloren?‹ Und dann sagte er sich plötzlich selbst unerbittlich und offen:›Warum ich hier bin? Hier ist meine Frau. Und ich bin der Mann meiner Frau ... Und weiter nichts!‹ »Gewiß kommen wir auf acht Tage nach Cowes!« sagte Edith eifrig, oben am Tisch zu ihren Nachbarn. »Wir sind ja doch einen guten Teil des Sommers bei father in Rosemary-Hills! Wahrscheinlich bis tief in den Herbst hinein!« Helmut Merker runzelte die Stirne. »So?« sagte er. »Davon weiß ich ja noch gar nichts!« Sie lenkte sofort ein und lächelte. »Ich meine ja auch nur so, Hellie! Es ist ja noch nichts entschieden ...« »Oh ... wirklich?« »Pa wollte es nur so gerne! Ich sprach mit ihm in London darüber. Wo sollten wir denn auch sonst hin?« »Wir müssen doch auch einmal wieder nach Deutschland zurück, Edith!« »O nein!« Sie bereute das Wort in dem Augenblick, da sie es vorschnell ausgesprochen. Die Miene ihres Mannes hatte sich verdüstert. Sie merkte: sie hatte ihn jäh verletzt. Die Tischgesellschaft lachte wie über einen guten Witz und sah den Mr. Merker belustigt an. Sein Schwager Mac Cornick, der Liverpooler Baumwollmann, der ihm in seinem blonden Phlegma gegenüber saß, meinte, in einem Aufblitzen von Humor in seinen träumerischen blauen Geschäftsaugen: »Mir scheint, Helmut, Ihre Frau erlaubt das nicht, daß Sie nach Deutschland gehen!« Und Fred, der Sportsmann, der bei keinem Rennen fehlte, und heute eine Stange Gold bei den Buchmachern gelassen hatte, zwinkerte seinem deutschen Schwager humoristisch zu. Es hieß ungefähr: »All right – tüchtig unter dem Pantoffel – old boy – was?« Helmut Merker zuckte die Achseln. Er tat, als ginge ihn die Sache nichts an und schaute, seine Zigarre rauchend, ins Leere. So wandte sich das Gespräch wieder anderen Dingen zu. Dem Rennen heute. Usury! Usury war gewiß einen halben Stone besser als ihre bisherige Klasse. Sie stand glorreich nach Hause! Ihr Speed ... Ediths Mann hörte nicht zu. Er sagte sich: Was bist du denn eigentlich in den Köpfen dieser Leute dort? Nichts als der mitdurchgefütterte deutsche Vetter! ... Sie haben das Geld. Das ist ihr Rückhalt. Du hattest von Hause aus keinen Groschen. Aber die deutsche Armee stand hinter dir, gab dir höhere Werte, als man sie im Warenhaus kaufen kann, hob dich über dich hinaus, verlieh dir auch in den Augen dieser Ausländer Bedeutung als Glied eines großen Ganzen. Von ihr losgetrennt, bist du nichts. Eine Null. Ein Anhängsel des englischen Hauses Wilding ... Er blieb stumm, bis man aufbrach. In heller, herber Frühlingsnacht fuhr er mit seiner blonden Frau im Auto heim. Um sie dehnten sich im Mondschein die öden freudlosen Flächen der Fabrikgegenden von Lancashire. Sie waren allein im Wagen. Nur vorn, jenseits der Glasscheibe, als stummer Schatten, Robinson der Chauffeur, und zu ihren Füßen Mac Gregor, der greise Otternfänger. Die Gummiräder rollten leise, eilig. Die Maschine summte ihr rastloses Lied. Bäume, Dachfirste, Kirchtürme flogen draußen im Helldunkel vorbei. Die beiden schwiegen in ihren schweren Automobilpelzen lange Zeit. Sie fühlten etwas Trennendes zwischen sich. Dann sagte Edith plötzlich, zu seiner Überraschung, um ihn versöhnlich zu stimmen, auf deutsch: »Das war heute ein schöner Tag, nicht?« Sie war immer zufrieden, wenn etwas geschehen war. Wählerisch war sie darin nicht. Sie genoß alles, was die Jahreszeit bot: Sport, Gartenpartien, Bälle, Ausflüge – sie war darin ganz wie ihre Mutter. Er zuckte die Achseln. »O ja ... es war ja ganz nett, Edith! Eigentlich war es wie alle Tage! ... Ich möchte dich gerne etwas fragen ...« »Bitte, Hellie?« Sie war erfreut, daß er ihr nicht böse war, und lächelte ihm freundlich zu. Er versetzte: »Hast du mal darüber nachgedacht, wie das nun auf die Dauer weitergehen soll?« »Wie denn? Was soll sich denn ändern, Hellie?« »Also: man steht jetzt auf – nicht wahr – hat jeden Morgen sein kaltes Bad, seinen Tee und Frühstück – reitet spazieren ... nimmt seinen Lunch ... geht auf den Golfplatz ... kommt zum Fünfuhrtee heim ... zieht sich zum Dinner um ... sitzt im Drawing-Room ... trinkt seinen Brandy und Soda ... geht wieder zu Bett ... einen Tag um den andern – das ist, wie wenn man ein Uhrwerk aufzieht – bei dir – bei mir – bei allen Leuten, die ich hier kenne ...« »Well!« nickte sie und verbesserte sich gleich auf deutsch. »Freilich, Hellie ...« »Denn ob man mal zur Abwechslung Moorhühner schießt oder Lachse fängt oder hinter den Hunden reitet oder nach Coventgarden in die Oper fährt – das ändert ja an der Sache an sich nichts – höchstens an ihrer Form ...« Er sah ihr rosiges Gesicht unter dem Autoschleier, verständnislos, mit einer verwunderten Spannung auf sich gerichtet. Er dämpfte seine Stimme. Sie klang leise, fast ängstlich. »Ja ... das ist alles ganz gut und schön ... aber es muß doch auch einmal etwas anderes kommen, Edith ...« »Was denn?« »Das weiß ich nicht ... Ich habe nur so ein sonderbares Gefühl ... eine Ungeduld ... Ich erwarte immer etwas ... etwas Neues, woran man seine Kräfte erproben kann ...« Sie überlegte. Sie wollte so gern seinem Gedankengang folgen. Nun hatte sie es gefunden und schlug freudig vor: »Du mußt mehr Sport treiben, Hellie! Das wird dir gewiß gut tun!« Aber damit goß sie nur Öl ins Feuer. Er fuhr gereizt auf. »Euer Sport ist eine Spielerei! ... Nichts als Zeittotschlag, weil ihr nichts Besseres zu tun habt! Verrückt macht es einen auf die Dauer – dies ewige Pferde- und Lawn-Tennis- und Cricketgekolke ...« »Oh ... Hellie!« Mrs. Edith Merker sprach es sanft und vorwurfsvoll. Sie blickte ihn an, ob er noch ganz bei Trost sei. Es lag eine Welt in den zwei Worten. Gut, daß niemand außer ihr, hier im Mutterland des Sports, diese schimpfliche Äußerung gehört! Er rückte näher zu ihr heran und faßte ihre Hand. »Laß das gut sein, Kind!« sprach er. »Darüber ist mit euch nicht zu reden! ... Aber sag mal selbst: Kribbelt's dir denn nicht auch in den Fingern, wenn du mich so unserm Herrgott die Tage stehlen siehst? Kannst du mir das nicht nachfühlen, daß ich mir einmal einen Zwang wünsche: ›Das und das mußt du jetzt tun – sonst holt dich der Deubel ...‹ – statt dem ewigen Müßiggang ...?« Sie begriff nicht, wo er hinaus wollte. Sie überdachte ernstlich den Fall und fand nun, ihrer Hoffnung nach, das beruhigende Wort: »Alle leben doch so, Hellie – außer Pa! Warum du nicht?« »... Weil das Engländer sind und ich ... ich weiß nicht: vielleicht steckt der Tätigkeitstrieb uns Deutschen zu sehr in den Knochen ...« »Spekuliere ein bißchen an der Börse, Hellie! Meine Brüder tun das oft. Das zerstreut viele!« Er schüttelte verzweifelt den Kopf. »Gutes Kind: das ist doch immer dieselbe Couleur in Grün! ... Das seid ihr ... Was meinst du? Jawohl ... ich soll Geduld haben, bis die Londoner Season kommt und wir uns wieder bei irgendeinem Sir Tripstrill herumdrücken dürfen? ... Liebste ... dir macht das einen Heidenspaß ... ich hab's dick bis dahin!... Ich komm' mir unnütz vor ... Vollkommen unnütz ... das ist gräßlich ...« »Aber Hellie!« Sie weinte fast, weil sie so gar nicht seine plötzliche Aufregung begriff. Sie meinte es doch so gut mit ihm. Er hatte doch alles, was er brauchte. Und wenn nicht, dann bat man father darum, und der schrieb den Scheck. Es war doch alles so bequem und einfach. Sie erwähnte das auch und erntete von drüben nur dieselbe ablehnende Kopfbewegung. »Schau, Edith ... wir reden zwei verschiedene Sprachen und reden doch ausnahmsweise mal Deutsch! In Deutschland ist es eben nun einmal anders wie hier! Wenn jemand hier in Gottes Namen was tun will, dann tut er's auf eigene Faust. Er steht allein. Bei uns drüben – ich weiß nicht recht, wie ich's nennen soll – es arbeitet sich eben alles in die Hände. Es ist wie bei einem großen Neubau. Eine Unmasse Menschen sind für das gleiche Ziel tätig, und weil so viele den gleichen Willen haben, wird's auch was, und der einzelne kann stolz darauf sein, daß er mit dazu gehört! ... Bei uns hat das eine ganz andere Bedeutung – das Wort Arbeit ... oder gar Dienst ...« Er sprach das letzte unsicher, gedämpfter, wie vor sich selber zögernd, aus. Sie vernahm es wohl. Aber sie überhörte es absichtlich. Es paßte ihr nicht. Es erweckte Erinnerungen an Alsheim an der Bergstraße, an lächerliches Kleinstadtwesen, an trampelnde Ordonnanzen mit Blechmappen, an beiläufig-allgemeine Bemerkungen der Kommandeuse beim Tee, die die eingeladenen Regimentsdamen in gehorsamem Schweigen nach Bedarf auf sich beziehen konnten – Gottlob – das war vorbei! ... Von der nahen irischen See trug ein kräftiger Nordwind einen frischen, freien, salzigen Hauch durch die Nacht. Sie wickelte sich fester in ihren Pelz und wartete, ob er noch etwas sagen würde. Wirklich: Er begann wieder ... zwischen den Zähnen ... gedrückt ... »Edith: in fünf Monaten ist mein Urlaub zu Ende ... Dann heißt's: Friß, Vogel, oder stirb!« »Das war doch nur eine Formsache, Hellie!« tröstete sie ihn sanft. »Du meinst, ich bin schon so gut wie abgehalftert! ... 'raus aus der Armee! ... Nee, Kind ... noch lange nicht! ... Mein Plätzchen ist noch offen. Es steht nur bei mir ...« »Oh ... Hellie – das ist doch nicht dein Ernst ...« »Ja, warum denn nicht, zum Kuckuck?« Er war nervöser, als er selbst begriff. »Ich bin noch Offizier. Ich kann es bleiben. Und wenn ich fühle: ›ich muß es bleiben!‹ – ich bitte dich, Edith: versuche nicht, mich daran zu hindern ...« »OK ... I see ...« sagte sie. Es klang seltsam ... zögernd ... zugebend und zurücknehmend zugleich. Nach einer Weile begann sie freundlich: »Hellie ... Wie wir uns heirateten – bin ich nicht mit dir ohne Widerrede nach Deutschland gegangen, an diesen kleinen, heißen Platz mit den vielen Mücken, und habe nicht geklagt, nicht wahr?« »Nein!« »Und wie du dich da über Mr. Grempe geärgert hast, hab' ich dir mit keinem Wort zugeredet, aus deinem Regiment wegzugehen – nicht wahr?« »Nein!« »Und wie du dann in Deutschland einen Sitz kaufen wolltest, war ich auch dazu bereit und kann nichts dafür, daß Pa das Geld dazu nicht hergab – nicht wahr?« »Nein!« » Well , Hellie! Dann hab' ich doch das Meinige getan, um mit dir drüben zu bleiben, so sehr ich mein Land liebe. Und wie es also drüben mit uns auf keine Weise ging, warst du das nicht, der zuerst gesagt hat: ›Wir wollen einmal auf einige Zeit als unabhängige Leute nach England‹ – nicht wahr?« »Ja.« Edith Merker nickte und schloß: »Gut. Da bin ich erst mit dir hier herüber zurückgekommen. Aber nun bleib' ich hier ...« »Edith ...« »Doch, Hellie! Deine Heimat hat uns keine Freude bereitet. In meiner Heimat hat man uns mit offenen Armen aufgenommen. Hier ist es so schön! Hier bleib' ich!« »Aber Edith ... darüber habe doch ich zu be ...« »Deswegen will ich im Sommer zu father nach Rosemary-Hills. Father liebt mich. Er hat uns sicher den Landsitz in Deutschland abgeschlagen, weil er mich in der Nähe haben will. Hier in England kauft er uns gewiß etwas! Ich werde warten, bis die Kurse gut sind, und ihn dann gleich darum bitten, Hellie!« »Ja – und dann?« Er kam immer wieder auf dieses, ihr komische: Und dann? zurück. Sie machte große Augen. »Dann leben wir da, Hellie, bis wir mal sterben!« »Und was tun wir bis dahin?« »Oh – was alle tun ...« »Das heißt: Nischt! – Das ist ja eben das Verdammte!« Edith wurde etwas böse. »So? Nun – wer bei uns um sein Leben arbeitet, ist eben kein Gentleman!« Helmut Merker lächelte verächtlich. »Danach ist zum Beispiel mein Bruder Leopold in Ludwigshafen, der durch seine ehrliche Arbeit unsere ganze Familie über Wasser gehalten hat, der mich und Kurt hat erziehen und ausbilden lassen, der meine Mutter unterstützt hat, nachdem sie durch Hugos Leichtsinn alles verloren hatte, der jetzt redlich für seine Frau und seine Kinder sorgt, – danach wäre dieser tätige, nützliche, mitten im Leben stehende Mann in euren Augen ein unanständiger Bursche, weil er am Quartalsersten sein Gehalt empfängt, und vor jedem blödsinnigen Pflastertreter in Piccadilly ersterbt ihr in Ehrfurcht! Das ist ein Unfug! Das halt' ich nicht mehr aus! Das mach' ich nicht mehr mit!« »Früher dachtest du anders darüber!« sagte sie betrübt. Er nickte. »O ja! ... Ich hab' Lehrgeld bezahlt! Ich hab' euren unabhängigen Gentleman durchschaut, seit ich ihn selber spiele! ... Glaub mir: es ist ein fadenscheiniges Ding. Es ist von vorgestern. Früher galt es für vornehm, zu faulenzen. Heute nicht mehr. Heute schaut jeder, wo er Hand anlegt. Wenn man nicht Sportfex ist, schnappt man ja über bei dem Stumpfsinn hier. Nee, Edith – ich will und muß mich wieder nützlich machen. Das kann ich nur in dem Metier, das ich gelernt hab'! Und da ich nicht Schneidergeselle bin, sondern Offizier, so muß ich wieder zum Säbel greifen. Eigentlich furchtbar einfach ...« »Ich geh' nicht wieder nach Deutschland!« sagte Edith freundlich. Ihr Gesicht war sanft und hübsch wie immer. Ein plötzliches Bangen ergriff ihn. Er war in einer Ungewissen, zerrissenen Stimmung. Er schwieg lange Zeit. Sie hatten Crewe hinter sich gelassen und rollten den langen, niederen, dunkel am Nachthimmel abgezeichneten Berglinien von Wales zu. Endlich schaute er sie an. Er sagte leise: »Jetzt ist's gerade zwei Jahre her, daß wir uns in Dover zum erstenmal gesehen haben!« »Oh – das war der beste Tag meines Lebens!« Er nickte dankbar. »Nicht wahr? Wir lieben uns doch, Edith?« Wieder war sie erstaunt über die Frage. Natürlich liebte sie ihren Mann. Sehr. Er fuhr fort: »Da müssen wir zu überwinden suchen, was in uns gegeneinander kämpft. Wir müssen uns immer sagen: Das sind gar nicht wir selbst! Das sind unsere Rassen! Aber die dürfen uns nicht beirren!« »Nein, Hellie!« »Wir müssen uns nur nach uns selber richten!« »Ja, Hellie!« »Und da bist du meine gute, süße, tapfere Frau und gehst wieder mit mir nach Deutschland!« »O nein, Hellie!« Er biß sich auf die Lippen und verstummte. Der Mond schien hell. Das Auto rollte dahin. Der Weg begann zu steigen. Wald dunkelte umher. Vom Hang zur Rechten dämmerte eine ungefüge, turmlose Burg mit ihren grauen Steinmassen wie ein Drache des Mittelalters auf sie hernieder. Der Chauffeur vorne beugte sich stumm vor und schaltete die zweite Übersetzung ein. Die Maschine ratterte stärker, keuchte, stieg. Sie waren im Lande Wales, nicht mehr ferne von ihrem Heim. Er brach die Stille zwischen ihnen, in der er immer demselben Gedanken nachgehangen hatte. »Schau, Edith: Wenn ich doch muß! ... Da kann ich doch nichts dafür ...« »Was mußt du denn, Hellie?« »Es ist etwas wach in mir geworden ... Pflichtbewußtsein ... Oder Selbstbewußtsein ... Es ist zu stark. Wird immer stärker. Irgend etwas ruft mich ... nach Deutschland ...« »Ach ... du gehst ja nicht!« sprach sie ganz beruhigt. Sie war ihrer Sache sicher. Er fühlte, ohne daß sie selber es wollte, aus ihrem Ton zu ihm einen Unterschied gegen früher. Sie ordnete sich nicht mehr unwillkürlich unter, wie anfangs, als gläubige, ganz auf ihn angewiesene junge Frau in der Fremde. Sie hatte den Boden des Mutterlands unter den Füßen, sie hatte den Rückhalt an den Ihren, sie hatte das Geld. Sie betrachtete sich als den stärkeren Teil in der Ehe und war überzeugt, daß es so bleiben würde. Das klang selbst durch ihr Lachen. Sie schaute ihn übermütig an. »Was zieht dich denn so nach Deutschland, Hellie? Ist dir der Hauptmann Grempe lieber als ich? Ohne mich gehst du doch nicht! ... Ich komme nicht mit. Also bleiben wir beide hier ...« Sie betrachtete das gar nicht mehr als eine Kraftprobe, sondern als eine längst durch den Gang der Dinge entschiedene Sache. So erklärte sie, als sie einige Tage später auf ein paar Stunden zu Besuch in Galt-y-Bladur, dem gälischen Landsitz ihrer Schwester, Mrs. Jane MacCornick, war und mit der und ihrer Mutter den Nachmittagstee trank: »Ihr müßt mir alle helfen, daß mein Mann Vernunft annimmt! Er hat es doch hier so gut. Er hat es selbst so gewünscht! Was will er denn nun noch da drüben?« Mrs. Wilding ließ die siebente heiße Butterschnitte hinter ihren großen, weißen Schneidezähnen verschwinden, hungrig vom stundenlangen Tennisspiel, das ihr, der Fünfundfünfzigjährigen, so leicht fiel wie einem Backfisch. Sie war in Eile und Reisekleidung. Draußen harrte schon das Automobil. Sie mußte quer durch England nach Torquay im Süden, um da eine Freundin zu treffen, und dann nach Paris und auf einen Sprung an die Riviera zu Bekannten. Man hatte alle Hände voll zu tun im Leben. Sie nickte. » Father und ich wollen dich hier im Lande behalten, Edith!« »Das meint mein Mann auch, eine Engländerin soll keine Deutsche werden,« sagte Jane. »Die Deutschen sind unsere Feinde!« »Und meine Brüder fragen auch,« versetzte Edith Merker, »›warum willst du dich in Deutschland langweilen, wenn du dich in England amüsieren kannst‹ ...« Nach einem kurzen Schweigen setzte sie hinzu: »Ich hab' Hellie doch so lieb. Ich will nur sein Bestes. Und der Dienst drüben tut ihm nicht gut. Ich hab' es doch gesehen. Er leidet darunter, wenn sie dort mit ihrem Säbel fuchteln und mit kirschrotem Gesicht auf ihn einschreien ... Oh ... viel lauter als bei uns ein Mann auf der Straße schreien würde. Man denkt, sie bringen sich um. Nachher tun sie, als wäre nichts geschehen! Aber er erträgt das nicht. Wir würden in kurzem dieselbe Sache noch einmal durchmachen! Das können wir uns doch sparen!« »Ja, wahrlich!« sprachen die beiden anderen Ladies aus einem Mund. »Jetzt haben wir ja noch den ganzen Sommer vor uns!« schloß Edith Merker. »Vielleicht kommt er da von selbst zur Vernunft. Wenn nicht, dann muß Pa ein Machtwort sprechen. Er hat das Geld ...« »Und damit die Kontrolle!« versetzte Mrs. Wilding streng. 10 Helmut Merker ließ seinen Gaul in Schritt fallen, legte dem irischen Hunter die Zügel auf den Hals, lüftete seine Kappe und trocknete sich die Stirne. Die Sonne schien jetzt, um die Mitte September, so heiß wie im Hochsommer auf die Grafschaft Kent hernieder, den großen Garten Englands im Süden, der gerade um diese Jahreszeit dem einsamen Reiter so mahnend das Bild der heimischen Pfalz in die Erinnerung rief. Wie dort, so leuchteten auch hier die roten Äpfel aus weiten Wäldern von Obstbäumen, an hochgespanntem Draht rankten sich die grünen Hopfreben, waren Hunderte von Händen mit dem Einernten der goldfarbigen Dolden beschäftigt. Wenn er die Augen schloß und nur um sich die sonnige Wärme, unter sich das leise Knarren des Sattels auf dem Pferderücken verspürte, so konnte er sich einbilden, diese letzten zweieinhalb Jahre seien nur ein Traum gewesen, und der hier ritt, sei nicht ein Gentleman, im Süden Großbritanniens, der in das Heim seines Schwiegervaters John Wilding auf Rosemary-Hills zurückkehrte, sondern der Oberleutnant Merker vom 198ten Infanterieregiment in Alsheim an der Bergstraße, auf dem freundlichst geborgten Klepper des Bataillonsadjutanten, leichten Sinns und leichten Beutels – vor sich, da drüben, irgendwo hinter Rhein und Vogesen die Zukunft ... das Leben – Jetzt kannte er das Leben besser ... Er seufzte ... er griff in die Tasche und holte einen zerknitterten Brief heraus und las ihn wieder einmal, wie schon oft seit gestern: »Euer Hochwohlgeboren werden nochmals und diesmal dringend ersucht, sich endgültig darüber äußern zu wollen, ob Sie nach Beendigung Ihres in Kürze ablaufenden Urlaubs sich wieder um Verwendung im Frontdienst zu bewerben gedenken oder welches sonst Ihre Absichten sind. Ich sehe einer Meldung hierüber in nächster Zeit entgegen.« Es war eine dienstliche Anfrage des Regimentskommandeurs. Der Oberst selbst – der gleiche noch wie im vorigen Jahr – hatte das Schriftstück unterzeichnet. Der Leutnant Merker schaute es tiefsinnig an, schüttelte den Kopf, gab der träg gewordenen Stute eine Schenkelhilfe und ritt weiter. Um ihn war das Leben der englischen Landstraße: Farmer und Farmerfrauen, die auf leichten Wägelchen ihre Doppelponies selbst kutschierten, Radler, ein Trupp Backfische von einem nahen Schloß, mit langen flatternden blonden Mähnen, wie besessen im Jungensitz einhergaloppierend, ein würdevoller Lakai auf raschem Jagdpferd hinterdrein, friedliche Hammelherden am Grabenrand, Golf spielende Gentlemen auf den Wiesen ... England ... Immer wieder England ... Und überall sich gleich ... Helmut Merker furchte die Stirne und legte den rechten Unterschenkel leise an das Pferdehaar. Der Gaul zog im Galopp mit ihm davon. Durch zwei Reihen winziger Häuschen eines Städtchens, dann von der Landstraße ab, einem Hügel zu. Hoch oben auf dem thronte ein weißes Gebäude – fast ein Schloß – hohe Baumgruppen dahinter, bunte Teppichbeete, blauer Seespiegel mit dem träumerisch schwimmenden Schnee der Schwäne, Spaliere von Orangenbäumchen und Rosenhecken, Durchblicke weithin in stille Wald- und Wasserwildnis – es war wie eine Verkörperung schweren, fest gegründeten, großbürgerlichen englischen Reichtums. Ein breiter Fahrweg führte zu Rosemary- Hills empor. Unten am Parktor standen die Gitter offen. Eine weißgekleidete, junge Frau lehnte an ihnen. Ihr breitrandiger Strohhut war zum Schutz gegen die Sonne nach hinten gerückt und beschattete das regelmäßige, heiter-hübsche Gesicht. Sie schirmte die Augen mit der Hand und spähte. Dann winkte sie dem Heransprengenden fröhlich zu. Er schwang sich aus dem Sattel und begrüßte Edith und ging neben ihr, den Zügel des hinterher trottenden Pferdes lose um den Arm, den Weg hinauf. Edith Merkers lebhafte blaue Augen strahlten. Ihre zarten, ein wenig sommersprossigen Wangen waren frisch gerötet. »Gute Nachrichten, Hellie!« sagte sie auf deutsch. Es war schon ein besonderes Zeichen, wenn sie das tat. Sie unterhielten sich oft wochenlang nur englisch zusammen. Deutsch nannte er zuweilen in einer Anwandlung von trübem Humor ihre Sonntagnachmittagsprache. »Gute Nachrichten, Hellie! Ich hab' eben ernstlich mit Pa geredet! Du weißt, den ganzen Sommer ging es nicht! Wenn er über Sonntag aus der City kam, dann war er so schweigsam und mißgestimmt wie nie, solange ich mich erinnern kann, und hat alles von sich abgewehrt ... Father wird eben alt. Das ist's. Er schont sich nicht. Da kann man nicht helfen. Aber nun hab' ich mir ein Herz gefaßt und ihn heute früh, wie du weg warst, gefragt ... Und da war er so gut, so weich ... er hat sich im stillen schon alles überlegt – viel besser, als ich je hoffte ... Ich bin ihm so dankbar ... er will dir selbst nachher das Weitere sagen, Hellie ...« »Es handelt sich um unser Verbleiben in England?« »Ja! Natürlich!« »Da ist jedes Wort überflüssig, Edith!« versetzte er trocken. »Unsere Tage hier sind gezählt. Noch vierzehn! Dann geht's heim. In den Dienst! ...« Die junge Frau blieb stehen und starrte ihn an. Sie war plötzlich ganz blaß geworden. Er vermied es, ihrem Blick zu begegnen. Er sprach zwischen den Zähnen: »Gestern hab' ich einen Brief vom Regiment bekommen. In mein altes Regiment komm' ich wahrscheinlich doch nicht mehr! Gott weiß, wo sie mich hintun. Ist mir auch ganz gleich! ... Wenn ich nur erst mal England im Rücken hab'!« »Nein!« Es war ein empörter Aufschrei, so, als hätte er in ihrem Vaterland sie selbst beleidigt. Er hob zornig den Kopf. »Doch!« » Never, Hellie – never !« Das Blut stieg ihm in die Schläfen. Aber er beherrschte sich. »Erstens bleib' bitte beim Deutschen, wenn wir von Deutschland reden ...« »Ich will nichts von Deutschland hören!« »Und zweitens, Edith ...« noch immer zwang er sich zur Ruhe: »... mache dir doch klar: Einmal müssen wir zum Schluß kommen! Seit dem Frühjahr, den ganzen Sommer durch, geht nun der Kampf zwischen dir und mir! – Ich sag' ›ja‹ – du sagst ›nein!‹ ich sag' Deutschland, du sagst England – jetzt steht die Entscheidung vor der Türe ...« »Es ist schon entschieden!« Nun verlor er die Geduld. Er brauste auf. Seine Stimme, sonst schon an der frohgemuten Ruhe des englischen Gentleman geschult, hatte einen schneidenden, befehlenden Kehlklang, als stünde er auf dem Exerzierplatz. »Ich hab's satt, Edith. Es muß ein Ende nehmen. Dafür bin ich der Mann. Du hast mir zu folgen!« Sie schüttelte eigensinnig den Kopf und lächelte dabei sonderbar vor sich nieder, als wollte sie sagen: Du tust ja schließlich doch, was ich will ... Es schien ihm schon halb wie Spott, wie Mißachtung. Es machte ihn noch zorniger. Er fuhr fort: »Ich weiß, daß die Deinigen hinter dir stehen und dich aufhetzen! ... Aber ich hab' nicht einen Haufen Engländer oder Halb- Engländer geheiratet, sondern dich! ... Ich war ein Esel – das geb' ich zu: daß ich überhaupt mit dir hierher gekommen bin! ... Das hätt' ich nicht sollen! Wenn man dem Deubel den kleinen Finger gibt, dann nimmt er gleich die ganze Hand! ... Aber ich reiß mich los! ... Ich muß jetzt weg ... ich muß ...« Das Pferd hatte sich sacht vom Arm seines Herrn frei gemacht. Es schnupperte umher, wieherte und lief dann fröhlich nach dem Stall. Er achtete nicht darauf. Er hörte die Stimme seiner Frau: »Solange wir hier ohne eigenes Heim waren, Hellie, habe ich immer noch versucht, mich an den Gedanken zu gewöhnen, wieder nach Deutschland zu gehen! Oh – ich habe so darunter gelitten, Hellie. Ich hab' es heute father gesagt: ›Du machst es mir so schwer, meinem Mann zu widerstehen. Ich steh' ja vor ihm mit leeren Händen!‹ ... Father war so gut! ... Er hat mich gestreichelt und auf die Stirne geküßt und will uns hier ...« »Es ist mir ganz gleich, was er will! Ich dank' ihm für seine guten Absichten! Aber wenn er seinen ganzen Kassenschrank ausleert ... Ich muß heim und in den Dienst! Verstanden?« Helmut Merker erschrak. So hatte er seine sonst so gleichmütige Frau noch nie gesehen. Sie verfiel in einen Weinkrampf. Sie ballte die Hände. »Ich hasse Deutschland! – – Ich hass' es! ... Wir wollen englisch bleiben ... ich und Klein-Mary ... und du auch ... ja ... du auch ... Deutschland ist ein schreckliches Land. Die Männer trinken Bier und die Frauen Kaffee. Wenn ich auf die Post gehe, ist der Beamte grob zu mir. Wenn ich auf der Eisenbahn fahre, ist auch der Beamte grob zu mir. Wenn ich im Stadtgarten auf dem Rasen geh', so kommt der Beamte und schreit mich an. Man weicht mir auf der Straße nicht ordentlich aus. Oh ... Es ist kein Land für eine Lady!« Er wollte sie unterbrechen. Aber nun war sie im Zuge: »Eure Gesellschaften sind langweilig. Die Männer sitzen in einem Zimmer, die Frauen im anderen. Sie sprechen von den Dienstboten. Mich interessieren meine Servants nicht. Ich soll in Deutschland in die Küche gehen und nachschauen. Ich soll eine Hausfrau sein. Eine Lady geht nicht in die Küche. Gottlob: seit ich wieder in England bin, habe ich keine Küche mehr gesehen ...« »Niemand verlangt doch, daß du ...« »Und die Männer im anderen Zimmer reden von ihren Regimentern. Mir sind eure Regimenter gleichgültig. In euern Regimentern hassen sie England. Und wir sind doch so viel reicher als ihr. Guter Gott – was wäre unsere Majorin hier ... die Mrs. Kaufer – mit ihren fünfhundert Pfund im Jahr ... Nein ... nun laß mich reden ...« Atemlos, tränenerstickt, voll Zorn überstürzte sie ihre Worte: »Ich will keine Vorgesetzte, wie die Mrs. Kaufer! Ich will nicht anderen Damen gehorchen! ... Ich will nicht, daß sie mich zum Five o'clock einladen, und wenn ich dann dasitz', mir sagen: ›Ihr Federhut ist zu teuer, Liebste‹ ... oder: ›Geben Sie doch nicht sechs Gänge! Wir anderen können das nicht!‹ ... Ich kann nichts dafür, daß es Paupers gibt! ... Ich will tun, was ich will! In England tut jeder, was er will!« Sie stampfte erbittert, aus nassen Augen Helmut Merker anschauend, mit dem Fuß auf: »Und ich will meinen Mann für mich haben! Nicht einen, der jeden Tag vor Sonnenaufgang aufsteht und das ganze Haus mit Kaffeekochen in Unruhe bringt und seinen Säbel sucht und nach seinen großen Stiefeln schreit und in der Eile die Türen wirft und wegläuft, als ob es brennte, und der Bursche mit Gepolter hinterdrein, und nichts ist unsicherer, als wann er endlich wieder heimkommt ...« »Edith ...« »Ich will einen freien Mann – nicht einen, den sie wie einen Schul-Boy einsperren, weil er einmal des Abends in Frankfurt war – oh – was hab' ich geweint, über den Spott meiner Brüder! Ich will nicht einen Mann, der mit der Hand an der Mütze dasteht, steif und tot, wie die Wachsfiguren bei Madame Tussaud: ›Zu Befehl, Herr Major!‹ ... Ich will meinen Mann ... für mich ...« Sie schluchzte verzweifelt: »Ich will dich! ... Ich hab' dich doch so lieb ... da drüben stehen andere zwischen uns! ... Ich verlier' dich halb an fremde Leute in Uniform, die mich nichts angehen ... und ich will dich doch ganz für mich ... für mich allein ...« Die Stimme versagte ihr. Sie brach ab. Er stand ergriffen neben ihr. Endlich legte er leise den Arm um sie und versetzte: »Gerade, wenn du mich so liebst, Edith, mußt du mir folgen!« »Nein. Wenn du mich liebst, dann verläßt du mich nicht!« Sie trocknete sich schweratmend ihre Tränen. »Aber du liebst mich eben nicht, Hellie! ... Alle meinen's ... Mother meint es auch! Oh ... Es beschämt mich so ... Dir sind deine Soldaten und Gewehre und die schlechte Luft in der Kaserne und die groben Reden deiner Vorgesetzten – alles ist dir lieber als ich ...« »Was du mir bist, das brauch' ich nicht erst zu sagen!« Er sprach jetzt wieder ruhiger. »Das weißt du auch so gut wie ich! ... Wir könnten so glücklich miteinander sein. Es ist ja nur das Äußere, das ... Du hast doch vor dem Altar gelobt, mir zu folgen, Edith ...« Sie warf trotzig den blonden Kopf zurück. »Das hab' ich auch getan! Aber du hast mich freiwillig in meine Heimat zurückgebracht!« Er biß sich auf die Lippen und schwieg. Nach einer Weile versetzte er: »Das war dies eine Mal! ... Aber du hast in der Trauformel nachgesprochen, überhaupt deinem Manne Untertan zu sein ...« »Ach! Das nimmt doch niemand hier mehr ernst! ... Das ist veraltet. Das entspricht nicht mehr der Würde einer englischen Frau! Wir sind mündig! Wir sind gleichberechtigt. Viele meiner Freundinnen haben die Stelle bei der Trauung einfach weggelassen! Wenn ich eine Suffragette wäre ...« Sie war so aufgeregt, daß sie am ganzen Körper zitterte. Er schüttelte den Kopf. Er frug: »Ja, und wenn nun Mann und Frau verschiedener Meinung sind – wer soll denn dann in der Ehe den Ausschlag geben?« »Der, der das Geld gibt! ... Alles Geld kommt von mir!« Sie sah, wie er jäh zusammenzuckte. Sie bereute ihre Worte. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und wollte ihn begütigen. »Ich denke ja nie daran, Hellie! Nie! Was ist denn Geld zwischen uns? Nur die Meinigen sagen es immer!« Helmut Merker schüttelte mit einer leisen Bewegung ihre Rechte ab und trat zur Seite. Seine Frau sah ihn bekümmert und ratlos an. Sie hätte so gerne alles wieder gut gemacht. Aber sie wußte nicht wie. Sie fing an, sich zu fürchten. Er war so verändert. So stumm. Endlich versetzte er merkwürdig ruhig: »Du hast recht, Edith! Das war das entscheidende Wort!« »Ich meine es doch nicht so, Hellie!« »Ich weiß! ... Verzeih mir! ... Ich möchte jetzt gerne allein sein!« Er wandte sich ab. Sie rief ihm klagend nach: »Oh, Hellie, geh nicht so von mir! Ich hatte so gute Nachrichten: Pa will uns Rosemary-Hills hier als dauernden Wohnsitz geben. Wir werden es von ihm erben. Wir sollen es jetzt schon als unser Eigentum betrachten ...« Helmut Merker schüttelte finster den Kopf und stieg zwischen der Pracht der Teppichbeete zu dem mächtigen Bau auf dem Hügel empor. Hinter ihm war es still geworden ... Er ging in den rechten Seitenflügel, den er mit den Seinen bewohnte. An den stieß ein Turmerker. Nach drei Himmelsrichtungen sah man durch dessen Fenster die sommerlich lachenden Fluren Süd-Englands, ganz in der Ferne einen grauen, fein silbern flimmernden Streifen – das Meer. Es wehte ein schmeichelnder Duft aus den Blumenbeeten unten im Garten. Schritte knisterten da auf dem Kies des Weges. Edith ging langsam zwischen den blühenden Hecken, neben ihr die weißbehaubte Nurse, die den Wagen mit der kleinen Mary schob. Der oben sah es stumm. Er stand, ohne sich zu rühren. Dann griff er sich an die Stirne. Was war das alles? Um sich hatte er Frau und Kind, Reichtum, ein liebliches Land, Sorglosigkeit auf Lebenszeit ... warum mußte er denn fort? Was war das für ein Ruf von ferne, über den Wassern: Komm zurück! Ein Leben ohne Tagesmüh und Feierabend ist kein Leben. Erkenne dich selbst in deiner Arbeit! Zeige dich so deiner Frau – gerade, weil sie dich liebt, soll sie das in dir begreifen und ehren ... Er ging auf und ab. Hell schien die Sommersonne in das englisch heitere Gemach. Draußen zwitscherten die Vögel. Weit drüben, auf den Wiesen am Fluß, sprangen weiße Gestalten – junge Leute und Mädchen beim Fußballspiel. Das ganze Leben war hierzulande ein Spiel. Niemand begriff ihn. Auch Edith nicht. Die am wenigsten. Er frug sich verzweifelt: Was soll ich tun? Ich muß meine Seele retten und will doch meine Frau nicht verlieren! Wie mach' ich das? In seiner Tasche knisterte ein Papier. Er zog es hervor. Es war die Anfrage seines Regiments. Er studierte sie noch einmal durch. Plötzlich setzte er sich an den Tisch und griff nach einem Depeschenformular und fing an zu schreiben. »Melde ...« Da flüsterte wieder hinter seinem Stuhl ein unsichtbarer Versucher: Warum melden? Hier im Land hast du nur zu befehlen! Schau um dich: Alles, worauf dein Auge trifft, ist dein! Dies schloßartige Haus, die weiten Gärten – eine liebende, geliebte Frau ... was du dir nur als armer junger Kerl in Träumen ersehnt, schüttet das Schicksal über dich in Hülle und Fülle! Genieß es! Sonst Verdienst du's nicht! ... »Melde gehorsamst ...« Wieder das Stocken ... Die Stimme von hinten: Wenn du Engländer wärest, brauchtest du keiner Menschenseele zu gehorchen. Da trügst du das Haupt eisensteif im Nacken. Wärest Herr, hier und überall auf Erden, wo Briten wohnen ... Die Feder knirschte. Fest, langsam zog sie die Buchstaben: »Melde gehorsamst, daß ich wieder in Frontdienst einzutreten wünsche. Oberleutnant Merker.« Er stand schwer atmend auf. Es war, als würde die Welt hier um ihn grau. Als verblaßten Sonnenglanz und Sonnenschein. Er sagte sich: Was hilft's? Ich muß! Ich trete mein Glück und meinen Reichtum mit Füßen. Ich handle wie ein Verrückter. Aber ich kann nicht anders. Mögen sie mich auslachen! Dann ging es ihm, während er hinunterschritt, um die wichtige Depesche persönlich dem Butler zur Besorgung einzuhändigen, durch den Kopf: Nein. Sie werden nicht lachen! Sie werden Achtung vor mir haben! Vielleicht zum erstenmal wirklich Achtung! Er hatte das Blatt abgegeben und nahm den Rückweg außen um das Haus, an den ebenerdigen Eckfenstern des Arbeitszimmers seines Schwiegervaters vorbei. Die Scheiben waren geöffnet. Man hörte von innen Männerstimmen. Geschäftsfreunde, die aus London herübergekommen waren. Es waren kritische Zeiten. Der südpersische Konflikt zwischen Deutschland und England hatte sich verschärft. Auf der Börse fieberten die Kurse. Helmut Merker hatte gestern, beim Portwein nach dem Dinner, lang und breit davon sprechen gehört. Es interessierte ihn nicht. Er verstand davon nicht die blaue Bohne. Er konnte auch in dem flüchtigen Vorbeistreichen außen nicht erkennen, wer alles in dem dämmerigen, raucherfüllten Zimmer war. Nur Mr. Mathes, das alte City-Original, steckte seinen ungepflegten, verwilderten Grauschädel aus dem Fenster und schrie: » Well , Mr. Merker – gibt's Krieg?« »Hoffentlich!« sagte der deutsche Leutnant auf Urlaub, stehen bleibend. »Mit wem? Mit uns hier?« »Das ist Seiner Majestät Sache! Mir ist jeder recht!« Der alte Hagestolz oben lachte dröhnend. »Das sagt er so tapfer! Und dabei sitzt er hier weit vom Schuß!« »In vierzehn Tagen bin ich wieder auf dem Exerzierplatz, Herr Mathes!« »So? ... Wieder die armen Rekruten schinden? Das ist ja das Neueste? ... Warum denn? Seit wann zahlt denn das liebe Preußen so üppig, daß sich das noch für Sie lohnt?« Der Leutnant trat, die Hände in den Taschen, die Zigarette schief im Mundwinkel, an das alte Rauhbein heran und fixierte ihn. »Seien Sie mal ja still über Deutschland, Herr Mathes!« versetzte er kaltblütig. »Sie haben gar kein Recht, da mitzureden. Ich hab' es Ihnen schon vor Jahren bei Anfang unserer Bekanntschaft gesagt: auf Deutsche, wie Sie, legen wir daheim wenig Wert ... Guten Tag, Herr Mathes!« »Guten Tag!« erwiderte der Alte lachend und wandte sich ins Zimmer zurück. »Du – John: dein Schwiegersohn gefällt mir! Der weiß, wie man mit mir reden muß. Der versteht einen zu nehmen!« Außer ihm waren noch Mac Cornick, der blonde, träumerische Baumwollspekulant aus Liverpool, und der alte Mr. Fleck, der Manchestermann, anwesend. Beide saßen, in Depeschen und Berechnungen vertieft, und schauten erst auf, als John Wilding, dem andern die Antwort schuldig blieb. Da merkten sie: der kleine, alte Herr war eingeschlafen. Das widerfuhr ihm jetzt öfter. Er lag, in seinen Sessel zurückgelehnt, die Augen geschlossen, die Furchen tiefer Müde auf dem stillen, sorgenvollen Gesicht. Erst ein freundschaftlich bärenhafter Schulterschlag des Mr. Mathes ließ ihn auffahren. Er musterte eine Sekunde verwirrt die Geschäftsfreunde und war dann sofort wieder mitten in der Sache: »Ich sehe keinen Grund, vor der Hamburger Konkurrenz zurückzuweichen!« sagte er nüchtern und hartnäckig auf englisch. »Seit einem Jahr kämpfen wir in Südamerika drüben bis aufs Messer. Und ich kämpfe weiter!« Augustus Fleck der Altere streckte seinen hageren, glattrasierten Geierkopf mit den tiefen Hautfalten des Halses gegen den Hausherrn vor. Er zögerte etwas mit der Frage: »Sage: Wird es dir denn nicht zu hart? Kannst du es auf die Dauer ohne Mühe mit deinen flüssigen Geldern durchhalten?« Das freundliche Antlitz des alten Citymanns ihm gegenüber zeigte tiefes Erstaunen. Kopfschüttelnde Respektabilität. Schweigen auf eine peinliche Entgleisung. Auch die beiden andern blickten mißbilligend den skeptischen Lancashirer Spinner an. Was war überhaupt noch sicher in der City – wie konnte dann noch ein Akzept als Bargeld von Hand zu Hand gehen, wenn man schon die Unterschrift von John Wilding und Kompanie ...? Der selbst lächelte jetzt. Er hatte eine gütige Art, darüber hinwegzugleiten, mit der Milde eines abgeklärten, ruhigen, vielerfahrenen Mannes. »Wenn dir meine Wechsel nicht mehr sicher genug sind, Augustus ...« sprach er mit einer kaum merklichen feinen Ironie, über die die beiden andern lachen mußten, und der alte Geier verwahrte sich, selber ganz erschrocken über diese Zumutung: »Ich bitte dich! ... Ich hab' doch eben fünfundzwanzigtausend Pfund von dir hereingenommen. Und MacCornick und Mr. Mathes noch mehr!« »Nun eben!« schloß John Wilding aufstehend die Sitzung. »Ich denke, wir haben nun alles besprochen! ... Nur kalt' Blut! Der Markt wird sich auch wieder erholen ...« »... wenn es nicht Krieg mit Deutschland gibt!« brummte der Schotte. »... in dem wir Deutschlands Seehandel ruinieren!« ergänzte Augustus Fleck kühl. »Hoffentlich!« sagte John Wilding mit dem bedächtigen Nicken des Geschäftsmanns. Er begleitete die Besucher bis zum Tor. Unterwegs meinte er noch einmal, aus der Sorge seines Herzens heraus: »Hoffentlich! Dann hätten wir auch im Salpetergeschäft wieder freie Hand!« Er winkte den drei im Auto davonrollenden Gentlemen nach und kehrte in sein Arbeitszimmer zurück. Eine Weile saß er da, still in seinem Stuhl, den Blick starr geradeaus. Dann klingelte er dem Diener: »Ich lasse Mr. Merker bitten, zu mir zu kommen!« Als sein Schwiegersohn bei ihm eintrat, winkte er ihm, Platz zu nehmen. Die Handbewegung hatte etwas Geistesabwesendes. Er fuhr sich mit der Rechten über die Stirne und seufzte. »Das alles hier,« sagte er, »dies Rosemary-Hills, habe ich mir für später gebaut. Ich dachte, ich würde einmal hier bleiben können und in Ruhe meinen Lebensabend genießen. Dazu wird es nicht kommen! Ich muß in die City: Morgen, übermorgen, alle Tage! Die City läßt mich nicht los.« »Du solltest dich aber mehr schonen!« Der alte Herr nickte, mit einem bitteren Zug um die Lippen. Er sowohl wie der andere sprachen Englisch miteinander. »Erzähle das doch deinen Landsleuten, mein Lieber! Die sind an allem schuld!« Der Leutnant lachte. »Freilich! ... Was gibt's denn noch in der Welt, woran Deutschland nicht schuld ist?« »Überall,« sagte der graue Citymann, ohne darauf zu achten und in Gedanken verloren, »überall trifft man auf die Deutschen – der Kampf nimmt kein Ende. Ich muß jetzt auf meine alten Tage einen Boxermatch mit Hamburg austragen. Wann der aus sein wird, weiß ich nicht. Für mich wahrscheinlich erst nach meinem Tod.« Er schaute trübe vor sich hin. Helmut Merker hatte, wie er dem stillen, kleinen Herrn gegenübersaß, ein seltsames Gefühl des einander Fremdseins. Als er vor Jahren zuerst nach England gekommen, hatte er arglos und herzlich den Onkel in der City als Blutsverwandten begrüßt. Jetzt schien ihm der Schwiegervater, im engen Zusammenleben, immer mehr ein richtiger englischer Gentleman, den Stockbriten um ihn gleich geworden, verwittert und ergraut in der zähen Salzluft des Inselreichs. Und so dünkten ihm hier alle Dinge: Auf den ersten Blick verwandt. Vetternart. Dann allmählich die Erkenntnis: es liegen Welten zwischen uns und euch! Keine vermittelnde Brücke verbindet sie. Man muß Engländer werden, oder man kann unter euch nicht leben ... »So steht Rosemary-Hills den größten Teil des Jahres leer!« sprach der alte Herr müde. »Ich komme Sonntags einmal hinaus. Meine Frau noch weniger. Vielleicht noch Fred ab und zu. Dafür genügt ein Flügel. Der kann uns ja vorbehalten bleiben. Im übrigen mögt ihr, du und Edith, hier dauernd wohnen und es einmal von mir erben. Ich bestreite nach wie vor die Kosten. So habt ihr euer schönes Heim! Bist du zufrieden?« Helmut Merker hatte ruhig zugehört. Nun sagte er: »Danke sehr! Aber was tun wir von Deutschland aus mit Rosemary-Hills?« »Ihr bleibt hier!« »Wer will mich denn dazu zwingen?« »Ihr selbst in Deutschland!« versetzte John Wilding trocken. »Ich war seit beinahe fünfzig Jahren nicht dort! Ich hab' es meinem Vater versprechen müssen, nie, ohne äußerste Not, hinzugehen. Ich will es auch nicht! ... Ich hab' gar keine Lust, mir meine Todfeinde aus der Nähe anzusehen!... Du und Edith – ihr habt in Deutschland seinerzeit im ersten Jahr außerordentlich viel Geld gebraucht! Ich hab' es euch gegeben. Aber jetzt kann ich es nicht mehr geben und will es nicht. Jetzt brauche ich das Geld gegen Deutschland! Im Geschäft. Nach Deutschland schicke ich nicht einen Farthing mehr ... verstehst du ... nicht einen Farthing!« Der alte Herr war aufgestanden. Er schlug mit der Hand auf den Tisch. Er zitterte. Er war bleich. Sein Schwiegersohn erhob sich, stumm und verwundert. John Wilding ergriff eine Nummer der Hamburger Nachrichtens die zwischen einem Stoß englischer Blätter vor ihm lag, und schüttelte sie in der Luft, als beutelte er einen Feind am Kragen. Der gemessene, peinlich respektable Citymann war wie ausgetauscht. »Da lies einmal! Die Hamburger ... der Konzern Hinrichsen – verdoppeln ihre südamerikanischen Unternehmungen! Eine Zehnmillionenanleihe!« »Von den Geschichten hab' ich ja keinen blassen Schimmer!« »Aber ich, mein Lieber! ... Ich weiß, woher alles Unglück für uns kommt! Von euch da drüben! ... Ich bin alt! Ich möchte meinen Frieden mit Gott und den Menschen machen und mein Haus bestellen! Da springt ihr mir im Salpetergeschäft drüben an die Kehle ...« »Zum Donnerwetter: Ich doch nicht!« »Du nicht!« Der kleine Gentleman lief verstört im Zimmer auf und nieder. Er wußte kaum mehr recht, was er sprach. »Du willst wieder heim, in eure Armee, und mit der Armee an unserer Küste landen - was?« Der Leutnant Merker mußte trotz des Ernstes der Lage lachen. »Das ist ein Kohl, Vater, den man nur euch hierzulande aufbinden kann, weil ihr von militärischen Dingen so viel versteht wie ich vom Chinesisch. Das sage ich dir gerade als Offizier!« »Du wirst mir eure Geheimnisse auch nicht auf die Nase binden, mein Bester ...« »Jeder Waisenknabe auf dem Kontinent ...« »Es ist mir auch ganz gleich, ob es Krieg gibt!« schrie John Wilding mit rotem Gesicht. »Ich bin schon mit deinen Landsleuten in Krieg! ... Sie haben ihn mir aufgezwungen. Nun geht's bis zum bitteren Ende! ... Ich will keinen Deutschen unterstützen! – Ich schneide mir damit in das eigene Fleisch. Ich will nichts von einem Deutschen wissen. Du wirst hier bleiben, als Mann einer Engländerin – mit Engländer werden – verstanden?« »Verrückt!« »Mäßige diesen Ton!« sagte der alte Herr. Seine Lippen zitterten vor Zorn. »Du überhebst dich! Du faßt deine Stellung hier im Familienkreis falsch auf. Ich sehe die ganze Zeit, wie du deine Frau quälst. Ich will nicht, daß Edith länger leidet. Ich bin gesonnen, das gründlich abzustellen ...« »Das merk' ich!« »Nochmals: Nimm eine andere Sprechweise an!... Die deine ist unbescheiden! ... Die verbitt' ich mir! Am meisten von einem jungen Ausländer!« Helmut Merker schüttelte den Kopf. »Ich hab' dich nicht gereizt! Es muß etwas andres sein, was dich so in Aufregung bringt und wofür ich gar nichts kann! – Ich hab' lediglich mein gutes Recht ...« Sein Schwiegervater unterbrach ihn mit einer kurzen geschäftlichen Handbewegung. »Die Sache ist erledigt!« sagte er. »Ich habe meine Gründe! ...« »... das heißt: euer verfluchter Deutschenhaß. Für den dank' ich eben ...« »Ihr habt früher in Deutschland gehungert!« versetzte John Wilding. »Man kann euch auch jetzt noch hungern lassen! ... Was willst du denn in deiner Heimat ohne Geld? Sie nehmen dich ja nicht einmal ohne Geld wieder in der Armee. Du kannst Steine klopfen gehen!« Der kleine Citymann war jetzt wieder ruhig geworden. Er hatte, nun er seiner Sache sicher zu sein glaubte, schon fast seine stille Zurückhaltung wieder. Er setzte sich und kramte wieder in seinen Papieren: »Die Art, wie du meine Wohltaten aufnimmst, kränkt mich tief. Es zeugt von Verkennung deiner Stellung. Du bist hier rein der Empfangende. Vergiß das nicht! Auch Edith gegenüber in Zukunft nicht!... Ich bitte dich ernstlich darum ... Nun, du kennst jetzt meine Ansichten! ... Ich hab' jetzt zu tun ...« Als Helmut Merker das Zimmer verlassen, blieb er stehen und ballte die Fäuste. Die Wut zitterte in ihm. Er haßte dies ganze Land. Er haßte die roten Wimpelchen auf dem Golfrasen da unten. Er haßte die Porzellanpagode auf dem Seitengestell, die höhnisch nickend ihm die Zunge herausstreckte. Er haßte die Sportbilder an den Wänden und die illustrierten Magazine auf dem Tisch, er haßte beinahe sogar den grauen, alten Mac Gregor, der sich treuherzig wedelnd heranschleppte und zu ihm aufschaute, als wollte er sagen: ›Ja, mein bester Sir, so ist das Menschenleben! ...‹ Verfluchte Gesellschaft! ... Er lief in sein Zimmer, stand ratlos da – Edith war nirgends zu entdecken – raffte sich zusammen, fing an, über Hals und Kopf zu packen – Rasiermesser, Krawatten, Strandschuhe blindlings und kunterbunt in den Reisesack – hielt inne – ja – wohin denn? ... Man war ja gefangen ... man hing ja an der Strippe ... die Bande hielt einen ja fest ... Wenn er nur mit Edith hätte sprechen können! Das war der einzige Mensch, der ihm nahe stand in diesem ganzen verwünschten Inselkerker ... Wenn er es ihr nur hätte erzählen können, wie der Alte ihm plötzlich gekommen war ... rein aus dem Häuschen... So behandelte er, Helmut Merker, noch nicht einen Schuhputzer ... aber was war er denn viel mehr in den kalten Fischaugen dieser Leute? ... Oh ... Wenn Edith das erfuhr ... Er lachte wild auf und schmiß die gelblederne Tasche in die Ecke, daß der Inhalt wirr durcheinanderkollerte ... Sie wußte das alles doch schon lange vor ihm! ... Das geschah ja mit ihrem Willen, auf ihren Wunsch ... sie staken ja alle unter einer Decke! ... Er starrte auf eine Lederschachtel mit dem wohlgebügelten Cityzylinderhut, dem Wahrzeichen des Gentleman, und gab ihr einen sinnbildlichen Fußstoß, daß sie flog, und sagte sich zähneknirschend: Warum verkauft unsereins auch seine Seele!... Alles machen sie mit Geld! Man kann sich ihrer nur mit Geld erwehren. Gott sei Dank: Ich hab' doch noch etwas Geld... das Kommißvermögen... Er besaß eine dunkle Vorstellung, daß er und wahrscheinlich auch Edith im Lauf der Zeit wiederholt Summen von diesem Kapital abgehoben hatten. Wieviel – das ahnte er nicht. Auf der Bank in London, auf die er bei der Übersiedlung sein deutsches Konto hatte übertragen lassen, mußten sie's wissen. Dort konnte er sich Rechnung aufstellen lassen. So rasch wie möglich. Es war der letzte Weg zur Freiheit. Zum Rückzug über See. Sonst saß er hilflos hier fest. Er setzte sich atemlos an den Tisch, schrieb seiner Frau ein paar Zeilen: »Ich muß in Geschäften nach London. Bin zum Dinner wieder da« und fuhr zur Station. Dann kam derselbe jähe Wechsel wie überall in England: In zwei Stunden der Übergang von parkgrüner lieblicher Ländlichkeit in donnernden Nebel, von blauem Himmel und Sonnenschein in dämmernde Nacht des unermeßlichen schwarzen Ameisenhaufens an der Themse ... Wer Eile hatte, ging jetzt, zur Geschäftszeit, in der City zu Fuß. So verließ auch Helmut Merker in der Nähe der Bank von England sein Taxi, drängte sich durch das Gewirr und erreichte, am Kontor seines Schwiegervaters vorbei, die Filiale des deutschen Bankhauses. Seine Kehle war trocken, als er um einen Auszug seines Guthabens bat. Der Beamte ging und kam nach einiger Zeit zurück. Er reichte ihm ein Zettelchen. Auf dem stand mit Bleistift: »614 Pfund 13 Sh. Habet.« Wenig mehr als zwölftausend Mark ... Der Leutnant Merker sah verwirrt auf das Blatt. War das der Rest der Hunderttausend von vor zwei Jahren? Er frug: »Das ist alles?« »Ihr augenblicklicher Saldostand!« Er gab sich alle Mühe, sich seinen Schrecken nicht anmerken zu lassen. Er nickte nachlässig. »Danke! Es stimmt!« sagte er, grüßte und verließ den Raum. Draußen ging er planlos dahin, durch Cheapside und Holborn-Viadukt, die endlose Oxfordstreet entlang. Am Eingang des Hydepark standen Menschen. Eine Volksrednerin sprach schrill und wild gestikulierend unter freiem Himmel auf sie ein, drüben trommelte und sang die Heilsarmee, ein Lord mit hechtgrauem Zylinder lenkte seinen Viererzug in der Richtung nach Ladies Mile. Es war das alte Bild. Es war England. Helmut Merker sah es leeren Auges, verstört. Er wiederholte sich immer wieder: Ohne Geld kann ich aus England nicht weg. Ohne Geld kann ich mit Frau und Kind drüben in der Armee nicht ankommen! Großer Gott – was mach' ich denn nur? Er fing, in dem rauhen Pfeifen des Herbstwindes, der über die weiten, einsamen Rasenflächen um ihn strich, zu rechnen an. Es machte Mühe. Wer konnte sich nachträglich an all das Zeug erinnern – an die vielen Ausgaben – Wenn man eben mit dem, was der Schwiegerpapa gab, für den Augenblick nicht reichte und nicht gleich wieder um einen Scheck bitten wollte, hatte man sich kurzweg auf der Bank das Nötige geholt. Die Leute dort führten jedenfalls richtig Buch und Rechnung. Es mochte schon stimmen. Es summierte sich eben so gräßlich, wenn man so in den Tag hinein lebte ... Er war wie vor den Kopf geschlagen. Dumpf schlenderte er dahin. Er sagte sich, den Blick am Boden, den Zylinderhut in die Stirne gerückt, die erloschene Zigarette im Mundwinkel, immer von neuem: ›Ich bin in der Sackgasse. Es gibt keinen Ausweg. Keinen Rückweg. Ich bin ohnmächtig gegen meine Frau mit ihrem Vater. Die beiden sind einig. Sie haben das Heft in der Hand.. Sie sind stärker als ich. Ich bin ein Gefangener der Engländer auf Lebenszeit‹ Ihn fröstelte. Nie war ihm dieser britische Himmel so grau, dieser Wind so kalt, diese Gesichter so leer und langweilig erschienen wie heute. Er haßte sie. Er wollte fort von ihnen. Er wollte zurück. Ein verzweifeltes Heimweh packte ihn, deutsche Erde zu betreten – alles war besser als dies Nichtssein und Nichtstun hier, die Stallfütterung bis zum Grab. Er dankte für das englische Gnadenbrot. Deutscher Stolz erwachte in ihm dagegen. Und bittere Reue ... Da vor ihm, in Piccadilly, durch das er langsam seinen Rückweg gegen Osten nahm, schritten in gleichgültiger Ruhe die Mitglieder der Clubs, die Blüte des Inselreichs. Er sah diese steinernen, glattrasierten Gesichter, diese hageren athletischen Gestalten. Das war der ›unabhängige Gentleman‹, den er seinerzeit so bewundert. Gerade vor ihm ging solch ein vornehmer Angelsachse, ungefähr von seiner Größe, aber gut ein Vierteljahrhundert älter, das blonde Haar stark übergraut. Auf seinen nüchternen Zügen, in seinen ausdruckslos- wasserblauen Augen, in seiner lässig-steifen Haltung lag die Selbstgerechtigkeit des Insulaners: die Zufriedenheit, da zu sein, Brite zu sein, Mitglied jenes Clubs an der Ecke von Pall-Mall zu sein. Stille Genügsamkeit und grenzenloser Hochmut in Einem... Und Helmut Merker dachte sich in einem plötzlichen Schrecken: Herrgott – das bin ja ich in dreißig Jahren! Das ist wie ein Doppelgänger, der einem die Zukunft zeigt! Solch ein Kerl werd' ich auch hier allmählich mit Gottes Hilfe – aber ohne Recht und Grund, anders wie der da ... ich mache es ihnen nur äußerlich, aus verzweifelter Langeweile, nach ... trotte vom Club zum Dinner, vom Dinner zum Club, der unnützeste Bursche unter der Sonne ... Und drüben ist Deutschland ... mein liebes Deutschland ... Wieder war es wie ein ferner, gewaltiger Ruf über den Wassern. Er blieb stehen und sagte sich: Ich werd' noch verrückt! ... Dort ist mein Vaterland ... Hier hält mich meine Frau ... Eines streitet gegen das andere ... ich werd' verrückt ... Noch einmal überlegte er alle Hilfsquellen. Es gab keine. Er konnte in Deutschland keine schaffen, seiner Frau kein Leben bieten, wie sie es gewohnt war, es fordern durfte. Er mußte hier bleiben. Da drüben in der City, wo das Herz der Welt schlug, wo der Schweiß von Zulu und Kuli, der Schein der Bergmannslaterne und der Seewind im Segel, die Glut der Schiffskessel wie der Wassersturz afrikanischer Stromschnellen, alles, alles auf Erden sich in knisternde weiße Fünfpfundnoten verwandelte, dort holten sich John Wilding, und tausend andere den Reichtum förmlich aus der Luft. Die anderen Weißen, braunen, schwarzen Menschen waren ihnen leibeigen. Er auch – der Schwiegersohn ... Eine tiefe Traurigkeit ergriff ihn. Ein verfehltes Leben ... Eine hoffnungslose Zukunft... Und dabei das Lächerliche: Um einen der Überfluß. Alles, wonach man sich sehnte. Und alles nichts. Nur ein Hohn in den Dingen: Du wolltest ja ein unabhängiger Gentleman werden. Nun bist du's ... Er konnte sich nicht entschließen, in dieser trostlosen Stimmung heute nach Hause zurückzukehren. Er ging in das Cecil-Hotel, schickte eine Depesche an Edith: »Komme erst morgen,« und ließ sich ein Zimmer geben. Es dämmerte schon. Lang stand er am Fenster und schaute über die kleinen Gartenanlagen und das menschenleere Embankment tief unten hinaus auf die düstere Themse. Wie überall in London entweder tosender Lärm oder Kirchhofstille herrschte, so war auch hier plötzlich, während einem noch die Ohren vom Trubel des Strand klangen, ein beinahe unheimliches Schweigen. Zäher gelblicher Nebel über den Wassern, trübe, kleine Lichtkreise der Laternen in ihm – am anderen Ufer, rot und grün aufstrahlend, der Riesenumriß eines Mannes mit einer Flasche – eine jähe Flammenschrift über dem Horizont: ›Ein Whiskey von vielen Verdiensten‹ ... Wieder Dunkel. Zur Rechten, melancholisch wie die Mondscheibe leuchtend, das Zifferblatt des Big-Ben, das Wahrzeichen von Westminster – England... England überall... England für immer... Er atmete gepreßt. Ihm war zumut, als hätte man eine lebenslängliche Freiheitsstrafe über ihn ausgesprochen. Hoffnungslos trat er ins Zimmer zurück und machte Licht. Er hatte keinen Frack mit. Er merkte, wie sehr er in diesem einen Jahr schon anglisiert war, an dem Unbehagen, für diesen einen Abend den gewohnten Gesellschaftsdreß zu entbehren. Als er seinerzeit die Uniform ausgezogen, hatte er sie weiter gar nicht vermißt. »Oh ... ich Esel ...« sagte er verzweifelt. Die Tränen waren ihm nah, während er aus der Einsamkeit seines Zimmers hinunter in die Hotelflure ging. Unten, in den Wandelgängen, vor dem Glastor, war es voll von Menschen. An- und Abreisende in Gruppen. Koffer. Deutsche und französische Laute. Unablässig in dem großen Hof vorfahrende Autos. Aus einem stieg ein junger, elegant gekleideter Mann. Er sah Helmut Merker auffallend ähnlich. Aber seine hübschen Züge besaßen nicht dessen gesunde, sonnengebräunte Frische. Sie waren bleich und übernächtig. Seine Augen nicht so klar. Sie hatten einen eigentümlichen gespannten und gequälten Glanz. Ein blasiertes, ironisches Lächeln lag um seine Lippen. Er schaute sich, in Frack und weißer Binde, das Monokel im Auge, die Hände in den Taschen des kurzen khakifarbenen Sportpaletots, mitten in der Halle stehend, nach Bekannten um, erblickte plötzlich den andern und ging auf ihn zu: »Na ... alter Kerl...« sagte er vertraulich. »Sieht man dich auch mal bei Gelegenheit?... Eigentlich toll: Zwei Brüder ... leben beide seit einem Jahr in England und ... na ... ich bin ein kolossal reservierter Herr ... Ich wollt' dir nicht lästig fallen ... hätte deine hiesige spießige Verwandtschaft ja auch nur erschreckt!« Er zeigte vergnügt seine Zähne. Selbstsicher, voll einer flotten Frechheit, mit den Menschen fertig zu werden. Helmut Merkels Antlitz verdüsterte sich beim Anblick seines Bruders Hugo, des Bankvolontärs a. D., des verlorenen Sohns der Familie. Er trat einen Schritt zurück. Er nahm die Hand des andern nicht. Der lachte: »Immer noch so etepetete? Kinder: das steckt doch nicht an. Außerdem bin ich 'ne Seele von 'nem Menschen. Das habt ihr nur nie genug gewürdigt!« »Du hast unsere arme Mutter an den Bettelstab gebracht!« sagte der Leutnant Merker in aufsteigendem Zorn. »Du hast Schimpf und Schande über unsern Namen gebracht. Wir haben uns alle von dir losgesagt. Ich begreife nicht, woher du den Mut nimmst, hier auf einmal auf mich zuzukommen ...« Der Abenteurer nickte und schaute seinem älteren Bruder belustigt ins Gesicht. »Du hast's freilich schlauer angefangen, Helmutchen, als ich armes Luder! Wieviel hat dir denn der alte John Wilding mitgegeben? Ich rate dir, laß dich beizeiten auszahlen! Sonst sperren sie dir noch einmal die Temporalien! ... Es wackelt was in der City ... Es wackelt ... Es gibt einen Riesenkrach ...« »Ich glaube, du bist verrückt!« »Ich weiß, was ich weiß ...« »Du!« »Unsereins hört mehr, als ihr ahnt!« sagte der Bruder Hugo nachlässig. »Ich komme unter viele Leute. Ich habe viele Verbindungen! Also ... du bist gewarnt, mein Bester! Und zum Dank könntest du mir jetzt aus deinem großen Portemonnaie was pumpen. Ich bin grade nicht bei Kasse!« Helmut Merker hielt immer einen Schritt Abstand von dem Glücksritter. »Erstens hab' ich kein Geld ...« sagte er finster. »Hoho – fängt es beim Schwiegerpapa schon an?« »Glaub doch nicht, daß ich auf dein Gerede etwas gebe! Und zweitens: Wir alle haben genug Opfer für dich gebracht. Werde erst wieder ein anständiger Mensch. Laß das Spiel und ... und noch bedenklichere Sachen, die damit zusammenhängen ... Ernähre dich von deiner Hände Arbeit!« »Na – wenn du glaubst, daß sich die Karten von selber mischen ...« sagte der Abenteurer frech lachend. »Nee – oller Moraltrompeter – da bist du auf dem Holzweg! ... Ich arbeit' im Schweiß meines Angesichts! Oft bis morgens um fünfe!... Wenn andere schlafen können, dann sitz' ich wach ...ich sorg' für mich! Ich liege niemandem auf dem Beutel! ...« »Adieu ...« »Und eh' du mir Standpauken hältst ... über ehrliche Arbeit und so ... was tust denn du, mein Jüngelchen? Weniger wie ich! Nischt! ... Hast dich schleunigst auf die faule Haut gelegt und läßt dich von deiner Frau ernähren ...« »Sei still!« »Na – weißt du: das kann jeder! Das imponiert mir weiter gar nicht! Das gibt dir noch lange kein Recht, hier so großartig zu tun! ... Da tät' ich mich nun wieder schämen an deiner Stelle! Verstehst du mich? Herrgott – was der Mensch blaß wird! ... Nerven habt ihr, Kinders, Nerven! ... Na, ich danke! Da käm' ich weit damit, wenn ich keine besseren Nerven hätte ... Also, wie ist's mit cash ? Gib doch ein bißchen was von deinem Mammon ab! Hast du wirklich nichts bei dir?« Helmut Merker hatte sich abgewandt. Er lief davon, ohne sich um den andern zu kümmern, der ihm verblüfft und achselzuckend nachschaute und dann vertraulich zwei südlich schwarzbärtige, verdächtige Erscheinungen vom Monte-Carlo-Typ begrüßte. Er rannte über das lange Hofviereck des Cecil-Hotels und hinaus auf den Strand. Stundenlang schweifte er da draußen umher, durch die Lichterhelle und die zweifelhaften Gestalten der großen nächtlichen Londoner Bummelstraße, durch dunkle Seitengassen mit noch dunkleren Schatten – Matrosen – Lumpensammler – große Federhüte – am Themseufer hin, wieder zurück, immer gejagt durch das Bewußtsein: Also so weit bin ich gekommen, daß sogar dieser Mensch, der schon zweimal das Gefängnis von innen gesehen hat, in seiner Art auf mich herunterschaut! ... Er ist ein Desperado. Er fürchtet sich nicht vor dem Leben. Er bietet ihm eine eiserne Stirne. Ich bin in seinen Augen, und auch in denen der anderen, ein Mensch, der sich am Schürzenband seiner Frau durchs Dasein ziehen läßt ... Alle verachten mich schließlich! Und ich mich selber am meisten!« Spät nachts kam er in sein Hotel zurück, und warf sich erschöpft auf das Bett. Am nächsten Vormittag fuhr er heim. Als er ausstieg, reichte man ihm auf der Station eine eben für ihn eingetroffene Depesche. Sie kam aus Deutschland. Von seinem Regiment. Nicht dienstlich, sondern eine vertrauliche Vorhersage des Adjutanten. »Ab ersten Oktober 220tes Regiment Czenstowitz versetzt. Wernicke.« Czenstowitz ... Soweit er sich entsann, war das irgendwo da hinten in Schlesien in der Dreikaiserreichecke. Er war nie in der Gegend gewesen, überhaupt nie weiter als bis zur Elbe in den Osten des Reichs gekommen. Es war ihm auch ganz gleich, wohin ihn das Schicksal verschlug. Nur dienen ... dienen ... sich selber fühlen ... Nichts anderes hatte mehr in seinem Kopfe Raum. Er war wie im Fieber. Edith saß in ihrem Zimmer und las. Es war ein hübsches englisches Bild: die weißgekleidete junge, blonde Frau, der zierliche Teetisch daneben, Sonnenhelle und huschende Blätterschatten aus dem Grün vor dem Fenster, das buntfarbige Herbstastern umrahmten. Sie klappte ihren Roman aus der britischen Gesellschaft zu, sah zu ihrem Mann empor und sagte vorwurfsvoll: »Oh – Hellie? ... Wo bist du denn geblieben?« Es lag immer noch die alte Gemütsruhe in ihren Worten. Er dachte sich: Ja, du glaubst, du bist meiner sicher! ... Euch stört ja nichts in eurer göttlichen Gelassenheit. Aber heute stimmt die Rechnung nicht! ... Ihr taxiert uns Deutsche ja doch immer und ewig falsch ... Er trat dicht an seine harmlos lächelnde Frau heran und versetzte kurz und fest: »Folgendes sind die Neuigkeiten, Edith! Erstens: wir sind vom ersten Oktober ab nach Czenstowitz versetzt... in das dortige Infanterieregiment ...« Er las völlige Verständnislosigkeit in ihren blauen Augen. Er ergänzte: »So gemütlich wie in Alsheim ist es da wahrscheinlich nicht. Es wird schon ein ziemlich gottverlassenes Nest sein. Aber was hilft's!« »Ja,« sprach sie beruhigt. »Da wir doch nicht hingehen, Hellie!« »Nicht? Zum Donnerwetter – wenn's der Kriegsherr befiehlt.« Sie schaute in sanftem Erstaunen um sich. Da war doch überall das fröhliche alte England. »Oh ... Ich bin eine Frau, Hellie!« sagte sie. »Ich habe keinen Kriegsherrn!« »Aber ich!... Und zweitens, Edith: weißt du, wieviel noch von unserem Kommißvermögen übrig ist?« »Nein!« meinte sie gleichgültig. »Kaum mehr ein Achtel! In knapp zwei Jahren!... Ist das nicht schrecklich? Ich möchte mich selber ohrfeigen, wegen unserm Leichtsinn!« Auf die junge Frau vor ihm machte die Mitteilung weiter keinen Eindruck. Sie legte sich sorgfältig ein Lesezeichen in ihr Buch. »Was ist denn daran schrecklich, Hellie?« versetzte sie friedlich. »Wir bitten Pa, daß er uns den Pool wieder auffüllt! Pa gibt gern!« »Drüben gibt er uns keinen roten Heller!« Sie zuckte die Achseln, mit einer ungeduldigen Bewegung: »Laß doch endlich diese fixe Idee mit dem da drüben! Es ist ja schon langweilig!« Er setzte sich neben sie. Er sprach heftig auf sie ein. Seine Worte flogen. Seine Stimme zitterte vor Aufregung. »Ich habe mir alles überdacht und berechnet, Edith! Ich hab' jetzt nur noch einige Jahre bis zum Hauptmann zweiter Klasse. Für die achtzehnhundert und zwölfhundert Mark jährlich, die die Vorschrift als Zulage verlangt, reicht es noch von dem bißchen Kapital, bis ich in den Hauptmannsgehalt erster Klasse komme! Wir müssen uns natürlich höllisch einschränken, Edith: eine ganz kleine, bescheidene Wohnung – nur ein Mädchen neben dem Burschen – im Osten ist gewiß alles billig. Wenn wir da sehr, sehr sparsam sind ...« Er begegnete ihrem Blick und verstummte. In dem lag etwas Forschendes und Besorgtes – ein ehrliches Bangen: ›Um Gottes willen – du wirst mir doch nicht krank werden, Hellie?‹ Und zugleich erschien es ihm selber als ein ganz lächerlicher Gedanke, diese verwöhnte junge Frau hier aus allem Luxus ihres Lebens herauszureißen und in Not und Sorge an die russische Grenze zu verschleppen. Er konnte sie sich gar nicht in solcher Enge denken. Er wartete verstört, was sie erwidern würde. In ihrer Stimme klang nur fassungsloses Staunen. »Wir sollen in die Fremde unter die Paupers gehen, wo wir hier alles haben, was wir brauchen? ... Oh, Hellie ... was sagst du da? Man könnte sich ja vor dir fürchten!« »Was sein muß, muß sein!« Sie legte die Hände ineinander. »Ich soll wohl am Herd stehen und kochen? ... Und Strümpfe stopfen? Und kein Auto haben? ... Und Kleider vom vorigen Jahr tragen?« »Ja. Wenigstens, bis dein Vater Vernunft annimmt! Das wird er schließlich, wenn wir nur ...« »Oh, schäme dich, Hellie, einer Lady so etwas zuzumuten! Auch nur in Gedanken! ... Ich bin ganz erschrocken...« »Nicht nur in Gedanken! Das wird wirklich so!« »Nun höre aber bitte auf! ... Vergiß nicht, Hellie, daß du ein Gentleman bist ...« Seine Geduld war zu Ende. Er brach zomig los: »Ich pfeife auf euern verwünschten Gentleman! Ich bin ein Deutscher! Ich will was tun! ... Ich will was sein! ... Bei uns verachtet man nicht die Leute, die sich nützlich machen ... Da verachtet man die, die ihrem Herrgott die Tage stehlen wie ihr alle hier beisammen! ... Deinen Vater ausgenommen! Der ist der Packesel! ... Und ihr sitzt in eurem Egoismus da und laßt den alten Mann ruhig sich zu Tode arbeiten!... Schau doch mal deine Brüder an! Die Kerle stinken ja vor Faulheit ...« Edith Merkel hielt sich entsetzt die Ohren zu. »Oh ... Hellie ... Hellie ... nie hätte ich gefürchtet, von meinem Mann solche Worte zu hören!« »Sie stinken vor Faulheit! ... Jetzt wird alles gesagt. Ich nehm' kein Blatt mehr vor den Mund ... Ich mach' mir jetzt endlich einmal Luft. Ihr alle seid hier faul bis zum Exzeß! Ihr denkt nur ans Vergnügen! ... Deine Mutter rutscht wie eine Besessene in der Welt herum ... Ich kann mir euch alle gar nicht anders denken als mit dem Reisesack in der Hand, auf dem Weg zu einem › fun ‹! Es ist kein Ernst in euch, Edith! Euch geht's viel zu gut. Die ganze Woche laßt ihr andere Leute für euch schuften und dann lauft ihr Sonntags zweimal in die Kirche und tut scheinheilig mit eurer Frömmigkeit ... Oh ... Ich kenn' euch jetzt ... aber gründlich ... Ihr seid eigentlich eine tolle Gesellschaft ...« Frau Edith brach in helles Weinen aus. Sie fühlte in England sich selbst getroffen und gekränkt. Ihr Mann fuhr bitter fort: »Und weil ihr ums Totschlagen nichts tut, so sollen's andere auch nicht! Da fallt ihr unsereinem in den Arm, wenn er ehrlich und anständig seinem Beruf nachgehen will! ... Wollt ihn auch zu so 'nem Tagedieb machen! ... Zu so 'nem öden Sportfex! ... Einem langweiligen Londoner Pflastertreter! ... Danke gehorsamst! Dazu kriegt ihr einen Kerl wie mich nicht!« Die Tränen liefen strömend über Ediths Wangen. Sie hob beschwörend die Hände: »Hellie! Wir meinen es doch alle mit dir so gut!« Plötzlich wurde er ruhig. Unheimlich ruhig. »Nee, Kind!« sagte er kaltblütig. »Das ist nicht wahr! Und wahr ist, daß ihr auf mich herunterschaut! Nach euren Begriffen ist es gut und schön, wenn ein Mensch blödsinnig auf seinem Geldsack hockt. Aber es muß sein eigener sein. Sonst verachtet ihr solch einen Burschen! Besonders wenn es ein Ausländer ist! Habt übrigens ganz recht!« Sie weinte immer mehr. Sie warf sich auf den Diwan, den Blondkopf in den Armen. Er trat zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter: »Hast du mir nicht gestern gesagt: das Geld kommt von mir! ... Dein Vater hat mir gleich darauf dasselbe gesagt! Am Abend hat mir mein Bruder gesagt – ein Mensch, den man nicht mit der Feuerzange anrührt: Du lebst ja vom Geld deiner Frau! Nun ist's genug! ... Nun heißt's für mich: Darüber weg oder zugrunde! ... Ich geh' jetzt und hol' mir in Deutschland meine Selbstachtung wieder! ... Und du gehst mit hinüber! Du bist meine Frau!« Sie sprang auf die Füße. Sie schrie auf: »Du hast doch selbst gesagt: dort ist die Armut, Hellie!« Er zuckte zusammen. Sie fuhr fort: »Großer Gott – bin ich denn dazu geboren, zu hungern! Dann hätte ich anders erzogen werden müssen! Aber so ist's eine schimpfliche Grausamkeit, Hellie! ... Dem bin ich nicht gewachsen!« Sie lief auf ihn zu. Sie faßte seine Hände. Ihre Brust bebte. Aber es war schon wieder mehr Festigkeit in ihrer Stimme. » Und du auch nicht, Hellie! Du noch weniger! ... Du brauchst den Reichtum noch viel mehr als ich, weil du ihn früher nicht gehabt hast. Du taugst nicht zu einem Pauper! Und du taugst auch nicht mehr zu einem Soldaten!« »Edith!« »Schon einmal sind wir von dort weg! ... Jetzt, in einer so harten Lage, hältst du es erst recht nicht mehr aus!... Du wirfst doch bald wieder deinen Säbel fort! In einem halben Jahr sind wir doch wieder in England!... Wozu erst diese bittere Zeit durchmachen? Wozu sich hier auslachen lassen? ... Hellie ... ich bin deine Frau ... ich steh' vor dir ... ich hebe meine Hände zu dir auf und bitte dich: Nimm Vernunft an!... Bleib hier ...« »Ich kann nicht!« »Dann liebst du mich eben nicht mehr!« Sie schrie es auf. Sie schluchzte fassungslos und laut. Er schloß die Fenster, damit man draußen nichts höre, und sagte dann bestimmt: »Gerade, weil ich dich liebe, Edith, muß ich fort – ob mit dir oder vorläufig ohne dich. Denn ich weiß: du liebst mich ja doch! Du kommst mir bald nach, wenn du siehst, daß es mir ernst ist ...« » Nein!... Nein!« »Es hat nichts mit unserer Liebe zu tun, Edith! Die bleibt bestehen. Es ist nur eine Kraftprobe zwischen uns, wer der Stärkere ist – ob Deutschland oder England, in unserer Ehe! ... Diese Probe muß einmal entschieden werden! Der Mann muß der Stärkere sein. Wenn ich gehe, verlier' ich dich nicht, Edith, nur wenn ich bleibe! ... Denn dann bist du hier mein eigentlicher Kerkermeister. Kein Mensch kann den lieben, der ihn zeitlebens eingesperrt hält. Ich muß frei sein – wegen dir noch mehr als wegen mir!« Sie verstand nicht, was er meinte. Sie hörte nur einen neuen Vorwurf gegen sich aus seinen Worten. Sie fühlte sich schuldlos. Ungerecht behandelt. Sie blickte ihm verstört und doch in all ihrem Trotz ins Gesicht und trocknete dabei ihre Tränen. Die englische Zähigkeit kam zum Durchbruch. »Wir wollen jetzt nicht weiter streiten, Hellie! Du bist so aufgeregt, wie es ein Gentleman nie sein sollte. Du wirst auch wieder ruhiger werden. Wir haben ja Zeit. Es sind noch vierzehn Tage bis zum ersten Oktober!« »Das schon! ... Aber ich gehe jetzt gleich!« »Hellie!« »Heute noch! Ich halt' es nicht mehr aus!« Edith schrie wild auf und wich vor ihm zurück. Sie lief in das Nebenzimmer. Jetzt stand sie mit ihrem Töchterchen auf dem Arm auf der Schwelle. »Hellie ... da ist Klein-Mary!... Willst du's übers Herz bringen, uns beide zu verlassen ... deine Frau und dein Kind?« Er legte die Hand über die Augen, um das Bild da drüben nicht zu sehen. Er fühlte, wenn er das lange anschaute, dann hatte er verspielt für immer. Er faßte mit einem harten Griff nach der Türklinke. Seine Kehle war heiser. »Ich verlass' euch nicht!... Ich geh' nur voraus!... Ich mache Quartier für euch. Du kommst nach?« Sie schüttelte den Kopf. Sie sah seine Blässe. Wieder war die Siegeszuversicht in ihr wach, das Vertrauen auf die Selbstverständlichkeit, daß englischer Wille die Oberhand behielt ... »Nein, Hellie ... ich würde hier mit Klein-Mary warten, bis du zurückkommst ... du selbst ... in ganz kurzer Zeit ... das weiß ich ... Aber, gottlob – es wird ja nicht nötig sein! ... Du gehst nicht von mir, Hellie! ... Du kannst es ja gar nicht ...« Er stand dicht vor ihr, küßte plötzlich sie und das Kind – murmelte etwas – es klang wie: ›Auf Wiedersehen drüben‹ – und dann ... ihre Augen weiteten sich vor Schrecken ... er hatte doch die Kraft ... er wandte sich jäh ab ... er eilte durch die Türe ... die schloß sich hinter ihm... sie hörte seine hastigen Schritte auf der Treppe ... dann verklangen sie auf dem Kies des Gartens ... Durch den kam eben der alte Mr. Mathes aufwärts und erblickte Helmut Merker, der, den Strohhut in der Hand, sonst so, wie er im Hause ging und stand, an ihm vorbeilief, ohne einmal den Kopf rückwärts zu drehen. Er schrie: » Well , Mr. Merker – ist der Krieg erklärt? ... Müssen Sie zu den Preußen?« Er erhielt keine Antwort. Helmut Merker eilte weiter, blindlings die Straße entlang, an der Eisenbahnstation vorbei – dorthin konnte man ihm ja noch folgen, auf ihn einreden, ihn zurückhalten – auf Fußwegen quer über Land – durch irgendeinen fremden weitläufigen Park, in dem der Wächter am Eingang ihn höflich als einen Gentleman grüßte und Damwild neugierig von den Wiesengründen herüberäugte – auf der anderen Seite hinaus – er war jetzt schon gut eine Stunde unterwegs – da war ein Städtchen – spielende Gestalten, die Fußbälle flogen – drüben rauchte der Schlot einer Lokomotive. Es war ein Zug nach Dover. Er stieg ein und kam im Stadtbahnhof an und eilte an dem inneren Wasserbecken vorbei zum Hafen. Da war ein Hotel. Er blieb stehen. Sein Herz kämpfte sich in der Erinnerung zusammen. An der Stelle hatten er und Edith sich vor Jahren zum erstenmal gesehen ... Ein Augenblick der Schwäche. Dann schritt er weiter. Zäher Seenebel umher. Die Welt war grau. Wurde immer düsterer, sonnenlos, während er den endlosen, in die Wasserfläche hineinragenden Hafen-Pier entlangging. Hoch in der Luft, auf dem Fahrdamm neben ihm donnerte der Expreßzug, der die Fahrgäste aus London unmittelbar bis an das Schiff brachte. Zugleich mit ihnen erreichte er den Dampfer. Es war jetzt so trübe, daß man nicht mehr von dessen einem Ende zum anderen sehen konnte. Schattenhaft bewegten sich die Menschen auf ihm. Es war wie in einem Geisterland. Er frug sich: Was ist denn das alles? ... Wach' ich oder träum' ich? Was hab' ich denn getan? ... Die Dampfpfeife brüllte ... brüllte wieder ... ein drittes Mal. Ein Schiffsjunge stand vor Helmut Merker und bot ihm eine Lederdecke zur Miete während der Überfahrt an. Das brachte ihn wieder zu sich. Es durchschoß ihn: ›Wenn ich jetzt noch aussteige ...‹ Aber da erkannte er: der Dampfer war schon in Fahrt. Man hörte es nur an dem Gurgeln des Wassers unten an der Schiffswand. Sehen konnte man nichts als ein eintöniges Grau umher. Durch das suchte das Expreßboot das Ausgangstor, machte eine jähe Schwenkung und steuerte langsam, vorsichtig in die grauen Nebelmauern über dem Meer, in die unbestimmte Weite hinein.   11 Es war jetzt, in den Dämmerstunden vor dem Heiligen Abend, nichts von dem gewöhnlichen Lärm und Leben in der Infanteriekaserne von Czenstowitz. Die Treppen, die sonst vom Trampeln schwerer Stiefel widerhallten, die Flure mit ihren langen, in den Stützen stehenden Gewehrreihen, die Mannschaftsstuben lagen verödet. Der Kantinenpächter unten und die Flöhe in den Strohsäcken hatten magere Tage. Fast alle Musketiere waren auf Urlaub. Nur das Wachtkommando war geblieben: Waisen, die daheim niemand erwartete, Kerle, die etwas ausgefressen hatten, verheiratete Unteroffiziere. Die letzteren hatten sich in ihrem Eßsaal einen Christbaum angezündet. Ein Verlosungstisch mit Gaben stand daneben. Auch der Compagniechef der dritten hatte beigesteuert: Ein Kistchen Zigarren. Eine schöne Pfeife mit dem Bild des Kriegsherrn. Ein antiquarisches Prachtwerk: ›Kaiser Wilhelm der Große in Kampf und Sieg‹. Die Geldausgabe fiel ihm nicht leicht. Er war blutarm, mit seiner zahlreichen Familie, ein ruhiger, ernster Mann, schon nahe am Major. Nun verließ er die Kaserne, legte vor dem am Tor präsentierenden Posten zwei Finger an den roten Mützenrand und sagte zu dem ihn begleitenden Oberleutnant seiner Compagnie: »Morgen haben Sie ja wohl den Appell vor dem Kirchgang, lieber Merker ... Da werfen Sie bei der Gelegenheit auch gleich einen Blick ins Revier! ... In diesen Feiertagen müssen wir Ehemänner in die Bresche! ... Unsere beiden unverheirateten Herren sind natürlich heim zu Muttern!« »Zu Befehl, Herr Hauptmann!« Die beiden Offiziere schritten durch das winterliche Städtchen. Schnee lag auf den Dächern, war auf den ausgefahrenen Straßen, dem strohüberstreuten Marktplatz. In der Ferne brütete der Rauch der Fabrikschlote am grauen Himmel. Bunte Kopftücher umher, polnische Laute, struppige Pferdchen vor niedrigen Wagen, Leute im umgedrehten Schafspelz, mit slawischen Gesichtern – man war an der Grenze Deutschlands, im äußersten Winkel. Rußland und Österreich ganz in der Nähe. Ein eisigkalter Wind flog von Osten, von den Steppen und Wäldern, über das verschneite Land, die breiten, schmutzigen Straßen. Der Hauptmann von Tarowski schlug den Kragen seines Paletots hoch und sagte nach längerem Schweigen: »Wie geht es denn Ihrer Frau Gemahlin in England, lieber Merker? ... Haben Sie bessere Nachrichten über ihr Befinden?« »Jawohl, Herr Hauptmann!« »Wenn Sie schreiben, bitte auch unbekannterweise meine und meiner Frau beste Wünsche auf weitere Genesung!« »Danke gehorsamst, Herr Hauptmann!« Wieder waren die beiden nach diesen einsilbigen Antworten still. Die Sporenrädchen des Compagniechefs klangen fein auf dem holperigen Pflaster. Endlich begann er, nicht ohne Zögern: »Ja ... heute haben wir nun Weihnachten ... Im allgemeinen ist's ja nicht üblich, Urlaub anzubieten!... Ich war überzeugt, Sie würden selbst darum bitten!... Der Oberst auch. Sie hätten natürlich sofort welchen bekommen ...« »Ich bin doch kaum ein Vierteljahr wieder im Dienst, Herr Hauptmann!« »Ja, aber ich bitte Sie: wenn man seine kranke Frau im Ausland bei den Ihren hat zurücklassen müssen und hier als Strohwitwer lebt – das ist doch weiß Gott Grund genug zum Urlaub! ... Das täte mir von Herzen leid, wenn Sie sich den deswegen versagt hätten...« Der Oberleutnant Merker schwieg. Der andere fuhr fort: »Denn an sich die Spritztour nach England ... der Geldpunkt kann doch kein Hindernis sein, für jemanden wie Sie, dem der Ruf sagenhafter Schätze vorausgeht ...« Er lachte dabei unbefangen, im Bewußtsein seiner regiments- und armeebekannten Armut, die er bei allem Ernst seines Wesens mit einem gewissen Humor trug. Der neben ihm lächelte auch. Aber trübe. »Finden Herr Hauptmann wirklich, daß ich hier so großartig auftrete?« »Nee, Verehrtester!« sagte Herr von Tarowski aufrichtig. »Das wahrhaftig nicht! Das muß Ihnen der Neid lassen! Diese kümmerliche Einjährigenbude, in der Sie da bei der Kaserne hausen – unsere beiden anderen Herren in der Compagnie würden so ein Quartier mit Entrüstung von sich weisen. Ich hab' Sie schon ein paarmal dem einen verwöhnten jungen Dachs als spartanisches Muster hingestellt!« Wieder nach einer Pause setzte er hinzu: »Ich meine nur, weil aus Ihrer früheren Garnison so allerhand gemunkelt wurde... von Auto ... von Dienerschaft... ich kann Ihnen sagen, Merker, ich bekam anfangs einen gelinden Schrecken, wie ich hörte, Sie seien mir zugedacht. Na – um so angenehmer war ich dann enttäuscht!« Er blieb vor seinem Hause stehen und gab dem Leutnant herzlich die Hand. »Möchte nur bald die Sorge um Ihre liebe Frau von Ihnen genommen werden! ... Guter Gott – was hat man denn sonst vom Leben? ... Glauben Sie mir, ich kann's Ihnen nachfühlen, wenn ich jetzt zu meiner Frau und meinen Kindern hinaufsteig'... Sie gehen wohl heute abend ins Kasino, Merker?« »Nein, Herr Hauptmann! Mir ist nicht danach zumut!« »Was tun Sie dann?« »Ich bleib' bei mir zu Hause.« »Allein?« »Jawohl!« Der Compagniechef sah ihn stumm an. Irgend etwas stimmte da nicht. Das ahnte nun allmählich sogar er, der sonst in solchen Dingen die Arglosigkeit selber war. Helmut Merker war schon im Begriff, sich zu verabschieden. Da bezwang er sich plötzlich und sagte mit stockender Stimme: »Ich möchte nicht so von Herrn Hauptmann weggehen! ... Es kommt mir so lächerlich vor, daß ich da immer so ... so Komödie spiele...« »Ich versteh' Sie nicht, lieber Merker!« »Ich verdanke Herrn Hauptmann so viel... mehr, als ich ausdrücken kann – weil es mehr außerdienstlich ist – und ohne Absicht. Es wirkt mehr wie ein Beispiel ... Mein früherer Compagniechef war darin so anders ... Seine Art hat mich mit auch auf den falschen Weg gebracht ... Jetzt finde ich hier im Gegenteil grade den richtigen Wegweiser ...« Herr von Tarowski lachte und war erstaunt. »Na – das freut mich ja sehr, wenn meine Wenigkeit ... weiß zwar nicht, wie ich zu der Ehre komme ... aber was haben Sie denn nun eigentlich auf dem Herzen?« »Ich werde immer nach meiner Frau gefragt,« sagte der Leutnant Merker mühsam. »Und schwindle immer, sie sei krank! ... Gesund wie ein Fisch im Wasser ist sie, Gott sei Dank! ... Sitzt nur drüben in England bei den Ihren und bockt! Schon seit einem Vierteljahr. Ich schäme mich, einzugestehen, daß ich eine Engländerin zur Frau hab', die ich nicht dazu bringe, mir in meine Garnison zu folgen! ... Darum hatte ich das Märchen von ihrer Krankheit ausgesprengt ...« »Ach so ...« »Sie wird ja schon noch kommen! Ich hoff' es jeden Tag. Sie hält es ja auf die Dauer nicht aus ohne mich. Aber sie denkt, ich auch nicht ohne sie! Drum wartet sie. Ich auch. Wir schreiben uns oft – aber wir schreiben uns vorläufig jeder nur, daß wir fest bleiben. Unterdessen sitze ich hier als Strohwitwer ...« »Da zahlen Sie ja Ihren Dienstantritt teurer, als irgend jemand weiß, lieber Merker!« »Ich büße damit manches von früher ab, Herr Hauptmann!« Die beiden Männer schwiegen. Es dämmerte stark. Der Wind pfiff schneidend um die Straßenecke. Herr von Tarowski sah zu seinen traulich hellen Fenstern oben empor. »Gehen Sie jetzt gleich nach Hause?« frug er. »Ja. Das heißt: erst bummle ich noch ein bißchen in den Straßen herum!« Jetzt begriff der Compagniechef etwas, worüber man sich schon in der Garnison wie über manche andere Schrullen des Oberleutnant Merker gewundert hatte: Dieser komische Mann, der Millionär sein sollte und dabei ein Zimmerchen für fünfundzwanzig Mark monatlich bewohnte, der angeblich in England im Besitz vierzigpferdiger Automobile und kostbarer Gäule war und bei Tisch im Kasino nur ein Viertel Bier trank, und sich des Abends durch den Burschen Wurst und Brot auf die Bude holen ließ, dieser Sonderling hatte auch die Gewohnheit, fast allabendlich einsam um die Dämmerstunde auf dem Bahnhof zu erscheinen und schweigsam, die Hände in den Paletottaschen, bei der Ankunft des Berliner Schnellzugs in das Gewühl der aussteigenden Reisenden zu schauen, um dann, wenn sich das wieder verlaufen hatte, mit unbewegtem Gesicht in die Nacht hinauszutreten. Der Hauptmann dachte sich: Der Unglücksmensch wartet da doch wahrhaftig jeden Tag auf seine Frau! Er fühlte, daß er dem andern für sein Vertrauen etwas schuldig war. Er hätte ihm gern zum Dank eine Freundlichkeit erwiesen. Er sagte laut und lebhaft: »Also wissen Sie was, lieber Merker ... Bei mir da oben ist jetzt gleich Bescherung, früher als sonst, weil ich meine Mutter bei mir hab'! Die alte Frau gehört um sieben in die Klappe ... Kommen Sie mit 'rauf ...« »Aber Herr Hauptmann ...« »Zum Abendbrot nachher wag' ich Sie gar nicht einzuladen. Sie wissen, bei mir ist chronisch Schmalhans Küchenmeister. Aber einen Weihnachtsbaum sollen Sie doch wenigstens heute abend brennen sehen. Das ist ja sonst gottesjämmerlich ... Das kann ich nicht verantworten ...« Er nahm seinen Compagnieoffizier unter den Arm und zog ihn mit sich, die Treppe hinauf. Frau und Kinder erwarteten ihn schon. Es klingelte. Die Türe zum Guten Zimmer ging auf. Da strahlten die Kerzen. Der alte süße Weihnachtsduft verbrannter Tannennadeln zog durch die Luft. Von fern klangen die Glocken durch die verschneite Stille und läuteten das deutsche Fest der Liebe ein. Helmut Merker stand stumm ein wenig beiseite. Er dachte an heute vor einem Jahr. England. Sie hatten auch einen Tannenbaum aus dem Harz gehabt, im Londoner Hause der Wildings. Das wurde dort drüben auch immer mehr Mode. Sie hatten in Frack und weißer Binde um die runde Tafel gesessen, die der mächtige Christmas-Truthahn zierte. Man sprach von den Kursen, vom Ende der Hetzjagden und Wettrennen durch den gestern eingetretenen Frost, vom ewigen Menetekel: der deutschen Flotte. Ihm gegenüber hatte Edith gesessen. Er sah sie vor sich, in ihrem ausgeschnittenen, champagnerfarbenen Kleid mit nilgrünen Rosen. Sie liebte immer, nach englischem Geschmack, etwas zu Sonderbares, Grelles in den Farben. So saß sie wohl auch heute, jetzt um diese Stunde, drüben in der Mitte der Ihren, lachte vielleicht, dachte nicht an ihn. Doch! Sie tat's! Er wußte es. Sie litten ja beide. Nicht nur er allein. Seine Augen wurden feucht vor plötzlicher Sehnsucht nach Weib und Kind. Und doch war er den Tarowskis für das bißchen Licht und Lachen, das sie ihm gespendet, dankbar. Er drückte dem Hauptmann die Hand, küßte stumm die der Hausfrau, fuhr einem der am Boden spielenden Blondköpfe über den Scheitel und ging. In seiner Junggesellenstube daheim war es dunkel. Der Bursche war zur Weihnachtsfeier in der Kaserne. Helmut Merker zündete sich die Lampe an und schob eigenhändig einige Preßkohlen in den schon halberkalteten Ofen. Es war so kühl, daß man den Atem in der Luft sah. Er zog seine dicke Hausjoppe an, ging auf und nieder und schlug, um sich zu erwärmen, die Arme zusammen. Dann trat er ans Fenster. Die finstere Seitengasse hinter der Kaserne, auf die es hinausschaute, hatte heute ein ganz anderes Gesicht. Der Glanz von Weihnachtsbäumen leuchtete in goldenen Bahnen durch die Scheiben, verklärte draußen den schmutzigen, vielzertretenen Schnee. An zwei, drei Stellen sah man die Christtannen wie geheimnisvolle, flimmernde Märchengebilde hinter den Gardinen, man hörte fröhliche Stimmen ... Klavierakkorde ... Weihnachtslieder ... Der einsame Offizier wandte sich vom Fenster ab. Auf dem Tisch stand sein bescheidenes, kaltes Abendbrot bereit. Er schob es achtlos beiseite. Dabei sah er einige Postkistchen und Pakete auf dem Sofa. Die hatte der Bursche noch dorthin gelegt. Es waren die Weihnachtsgrüße der Seinen. Von der Mutter im fernen Odenwald, von dem Bruder am Rhein, von dem Schwager Oberlehrer. Ein Frühstückskorb war darunter. Ein paar silberne verkapselte Champagnerflaschenhälse ragten aus grünem Moos. Er wollte jetzt nichts auspacken. Sein Sinn stand nicht danach. Es hätte nur seine Schwermut vermehrt: Mutter und Geschwister hatten seiner gedacht. Aus England war kein Lebenszeichen gekommen. Nichts von seiner Frau. Nichts ... Es tat ihm bitter weh. Gerade zum heutigen Abend, wo sie ihn doch allein und verlassen wußte, hatte er wenigstens auf eine Zeile von ihr gehofft. Aber er grollte ihr nicht. Er sagte sich in der sonderbaren, leidenschaftslos-ergebenen Ruhe, die er allmählich im Laufe dieser schweren Monate gewonnen: ›Du da drüben mußt!... Wie ich auch muß!... Gott mag es wissen, wie er unsere Herzen führt und uns und den Widerstreit unserer Völker in uns versöhnt ...‹ Er war so milde und weich gestimmt, daß er sich entschloß, ihr nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Wenn sie stumm blieb: er schrieb ihr. Schrieb sich wieder einmal alles von der Seele. Er wollte kein Geheimnis vor ihr haben. Im Zimmer war kein Laut als das leise Knistern der Lampe und der Feder, die über das Papier glitt. »... durch die stille Nacht, über Deutschland und das Meer, gehen meine Gedanken zu Dir. Sie sind immer bei Dir. Heute noch mehr als sonst! Heute ist bei uns hier der Abend, wo man seinem Nächsten alles vergißt und verzeiht. Vergib Du mir, was ich Dir hab' antun müssen. Ich vergebe Dir auch. Ich liebe Dich. Mehr denn je. Und ich weiß, Du liebst mich nicht minder, Edith ... trotz alledem ... Wir haben einander nicht verloren durch diese Zeit der Trennung. Im Gegenteil ...« Er hielt mit Schreiben inne. Es war sonderbar und doch wahr: Manchmal hatte er den Eindruck, als kämen Edith und er einander dadurch, daß sie sich jetzt nur brieflich, aus der Weite, den letzten Grundgehalt ihrer Gedanken und Stimmungen, ihr eigentliches ›Ich‹ stiller Stunden offenbarten, viel näher als früher, im fortwährenden wirklichen Zusammensein, dem ewigen: › oh yes ‹ und › oh no ‹, Plattheit und Unrast des Tages, Geschwätz über Besuche, Toiletten, Gesellschaften ... Er schrieb ihr grundsätzlich Deutsch. Sie ebenso hartnäckig Englisch. Es war wie ein Sinnbild ihres Kampfes um die Seele des anderen. Er beugte sich über das Papier und fuhr fort: »Diese Zeit mußte vielleicht sein! Sie ist für uns beide notwendig. Für mich insbesondere. Ich habe in ihr das Beste fertig gebracht: mich wieder zu finden, ohne Dich dabei zu verlieren! Das ist ein großes Glück, Edith, wenn auch jetzt noch der Himmel über uns trübe ist! »Jeden Abend steh' ich, wenn der Zug aus Berlin ankommt, und schau', ob Du nicht aussteigst. Einmal wirst Du kommen. Das ist meine Hoffnung. Nur heute war ich nicht draußen. Ich war im Hause meines Compagniechefs. Das ist mir wie ein Spiegel. Sie haben nie einen Groschen überflüssiges Geld gehabt. Seine Frau hat mir erzählt, wie sie bei Versetzungen die Nacht vor dem Umzug auf Stühlen im leeren Zimmer sitzend zugebracht haben, um Geld zu sparen, und sich des Morgens am Hahn der Wasserleitung gewaschen. Sie haben oft kaum satt zu essen gehabt und sich immer nach außen mit Anstand durchgeschlagen. Sie haben sich ihr ganzes Leben hindurch, eigentlich Stunde um Stunde, etwas versagen müssen, was sie gern gehabt hätten, und haben es als eine Art Naturgesetz betrachtet, daß sie eben arm waren und andere reich. Damals, als sie heirateten, brauchte man weniger Kommißvermögen als wir. Er hat mir neulich gesagt: ›Gott sei Dank, das Geld ist noch intakt da. Für die Kinder!‹ Wir haben unseres in zwei Jahren verschwendet! Oder vielmehr ich. Du warst's ja gewöhnt! Es ist mir eine Lehre, was ich da vor Augen sehe! ... Wie ich jetzt hier nur von meinem Gehalt lebe – es ist ein Kunststück, aber ich bringe es fertig – und keinen Penny von Deinem Vater annehme, so wird mich auch, wenn wir einmal wieder beisammen sind, der Reichtum nicht mehr wie früher betören! Ich werde darüber stehen. So weit bin ich jetzt. Das weiß ich!« Er stand auf und ging durch das Zimmer. Es war immer noch kühl. Ihn fröstelte. Draußen, auf der Straße, war jetzt der Schein der Weihnachtsbäume erloschen. Es war fast dasselbe grämliche Dunkel wie jeden Abend. Helles Sterngefunkel über den verschneiten Firsten. Ein großer Planet stand drüben im Osten, mit seltsam klarem, grünlichem Licht. Helmut Merker setzte sich wieder an den Tisch und schrieb: »... wenn wir wieder beisammen sind, Edith! ... Manchmal macht es mich mutlos. Es dünkt mich zu schön. Zu viel. Wenn ich mein Leben von früher und das von jetzt überschaue, dann liegt dazwischen etwas – das ist wie ein Traum. Es war eine so lange, so goldene, so schöne Zeit – und jetzt scheint es mir doch, als hätte ich das alles, Liebe und Reichtum und Glanz, nur zwischen Einschlafen und Erwachen erlebt, und ich komme mir vor wie der Mönch von Heisterbach, vor dem tausend Jahre waren wie ein Tag. Ich glaube nicht mehr, daß dies Glück wahr war. Und dann sag' ich mir: das Glück warst doch Du, Edith! ... Und Du bist da. Du lebst! ... Du bist mir jetzt fern! ... Aber Du wirst mir auch wieder nah sein, und dann ist alles gut und aller Schmerz unserer Prüfung vergessen. Ich zähle die Tage, die Stunden bis dahin. Aber ich verliere nicht die Geduld. Ich dränge Dich nicht – ich befehle Dir nichts – ich versuche nicht. Dich zu zwingen – ich weiß: was Du tust, muß freiwillig geschehen, sonst hat es für uns beide innerlich keinen Wert ...« Unten schlug das Haustor. Er ließ die Feder sinken. Er dachte sich: ›Jetzt trappst gleich der Bursche herein und stört mich. Ich schick' ihn sofort hinaus, sowie er seinen Polackenschädel durch die Türe steckt!‹ ... Das Zimmer mündete unmittelbar auf die Treppe. Man hörte jeden Tritt von außen, wenn jemand die Stufen hinaufstieg. Aber das waren nicht die schweren Stiefel des Musketiers. Kräftige, leichte, wie federnde Schritte kamen rasch empor, blieben stehen, gingen weiter auf den knarrenden Bohlen, näherten sich dem Eingang ... Sein Herz klopfte ... Er stand auf ... Eine ungläubige Freude durchzuckte ihn – nein – ein Schrecken, daß er derlei für möglich hielt – das machte die Weichlichkeit der Weihnachtsstimmung ... und doch eine Hoffnung ... Es scharrte leise da draußen, als stände das Christkind auf dem Flur... Er verlor den Atem... er wußte nicht mehr, war es das Hämmern seiner Pulse ... klopfte es wirklich an die Türe, an der außen seine Visitenkarte angenagelt war ... Er lief hin ... er machte halt ... er horchte ... »Hellie ... oh Hellie ... are you here? « Er riß die Tür auf. »Edith ...« Sie stand draußen, fröstelnd, von einem in nassen Galoschen steckenden Fuß auf den andern tretend, in einem über und über beschneiten Pelzmantel. Seit einer Viertelstunde hatte ein schweres Schneetreiben über der Grenzstadt eingesetzt. Die Flocken hingen noch hinten in ihrem blonden Haarknoten. Ihr Schleier, durch den die blauen Augen und die von der Kälte roten Wangen schimmerten, war weiß bereift. Ein Hauch von eisig frischer Winterluft war um ihre jugendwarme, schlanke Gestalt. Sie fiel, wie hilfesuchend, in einem Atem lachend und weinend ihrem Mann um den Hals. »Oh ... Hellie ... Hellie!« »Edith ...« Er umschlang und küßte sie in fassungslosem, vor dem Erwachen in die Wirklichkeit zitterndem Glück – er führte sie in die Stube – er hatte seine Hand um sie gelegt – er fühlte sie ... sie war es leibhaftig ... er küßte sie wieder ... ihre Lippen waren kalt, aber sie erwiderten seinen Kuß ... er half ihr aus Pelz, Überschuhen, Schleiern, setzte sie auf einen Stuhl ... kniete vor ihr, ihre Hände in den seinen, schaute ihr ins Gesicht ... Ja, das war es ... Es beugte sich lachend, mit nassen Augen über ihn, im Lichtflimmer der Lampe zur Linken, die ihre regelmäßigen, hübschen Züge mit goldenem Leben übergoß ... Sie zog ihn an sich. Sie küßte ihn und er sie. Sie wiederholte immer, in einem glücklichen Ton: »Oh ... Hellie ... Hellie...« Endlich kamen sie ein wenig zu sich. Sie saßen nebeneinander auf dem Sofa, nah dem leise sprühenden Ofen, Hand in Hand. Es war kein Zweifel mehr. Sie war wirklich da. Seine Stimme zitterte. »Edith ... wo kommst du denn her?« »Direkt aus London! ... Oh ... ich hab' mich so nach dir gesehnt ...« »Und ich nach dir!« »... und wie Christmas kam, hab' ich es gestern früh nicht mehr ausgehalten und fuhr nach Viktoria- Station. Ich bin seit sechsunddreißig Stunden unterwegs. Oh – was war für Wintersturm auf dem Kanal!« Man mußte ihre britischen Nerven besitzen, um nach solchen Strapazen so frisch und rosig dazusitzen. Sie schaute ihren Mann zärtlich an, hielt ihm wieder die Lippen zum Kuß hin und schmiegte sich beruhigt an ihn. »Das ist gut, dich wieder zu haben!« sagte sie aufatmend. »Ich war so traurig ohne dich! ... So allein! Nur mit Klein-Mary! Sie läßt dich grüßen. Sie ist in London. Es geht ihr gut!« Und er schüttelte immer wieder glückselig den Kopf. »Bist du's denn wirklich? ... Es ist zu schön! Es ist gewiß nicht wahr! .. Schau ... beinahe jeden Tag' hab' ich draußen auf der Bahn gestanden und hab' auf dich gewartet ...« »Und ich bin so oft in London an Charing-Croß vorbei und hab' an dich gedacht!« »... und gerade heute war ich bei meinem Hauptmann.« Sie lachte. »... und unterdessen bin ich angekommen und ins Hotel und schnell hierher! Ich hab' zu Fuß gehen müssen, Hellie ... Es gab keinen Wagen ... wegen Christmas ... Ein Mann vom Hotel hat mich begleitet... sonst wär' ich stecken geblieben im Schnee...« Sie war immer noch durchfroren. Er streichelte ihre kalten Finger und rieb ihr die roten kleinen Ohren. Dann lief er zum Ofen und schürte das Feuer. Ihre frischen Züge leuchteten rosig in dem Geflacker auf. Sie schaute sich ungläubig, mit großen Augen in dem einfachen, möblierten Zimmer um. »Da wohnst du, Hellie?« »Ja.« »Wo hast du denn deine andern Räume?« »Mein Bursche hat auf dem Boden eine Kammer. Das ist mein ganzes Reich!« Es ging über ihre Fassungskraft. So hausten in England nicht einmal die Fabrikarbeiter. Sie breitete verstört die Arme aus. »Oh Hellie ... komm zu mir ... Was mußt du gelitten haben!« »Na – wenn's weiter nichts gewesen wäre!« sagte er, den Kopf an ihrer Brust. Ein Frieden unendlichen Glückes überkam ihn. Er schloß die Augen. Er hörte ihre Stimme: »Und das ist dein Supper?« Sie deutete erschreckt mit dem Finger auf den Teller mit Wurst und Brot. Er sprang auf und lachte. »Nein. Für heute nicht! Heute hat zum Glück meine brüderliche Liebe am Rhein an uns gedacht! Als ob er's geahnt hätte, der schlaue Leopold! ... Siehst du – da ist der Korb mit Sachen! ... Das reine Tischleindeckdich! ... Na ... das nachher! ... Aber die Pulle da, das wird dir gut tun... Warte...« Er entkorkte die eine Sektflasche. Kelche hatte er nicht. Er nahm seine beiden Biergläser. Sie stießen an und schauten sich in die Augen und tranken. Draußen lautete wieder eine Weihnachtsglocke durch die Stille. Die Schneeflocken tanzten vor dem Fenster. Man war von der Welt abgeschieden, als gäbe es nur dies kleine, dämmerige, warme Stübchen und sonst nur da außen eine einzige kalte Finsternis. Der Wein hatte sie belebt, aber so, daß sie plötzlich wieder fast zu weinen anfing. »Hellie – wie hast du denn nur dies Vierteljahr verbringen können ohne mich und Klein-Mary? Es bekümmert mich so!... Was hast du denn nur getan?« »Dienst!« sprach er ernst. »Dienst! Dienst!« Sie blinzelte kampflustig bei diesem Wort. Aber sie hielt an sich. Sie wollte ihn nicht ärgern. »Was bist du für ein dickköpfiger Mann!« sagte sie. »Wenige Frauen haben es gewiß so schwer wie ich!... Was hast du denn nur außer Dienst getrieben, Hellie?« »Nur an dich gedacht!« Das beruhigte sie wieder. Sie schlürfte ein wenig nachdenklich an ihrem Glas. Er frug: »Hast du Hunger, Maus?« »Ja.« »Na, Gott sei Dank!« Er lachte und packte die Gaben aus. Sie half ihm. Sie lachte mit. Es war so drollig: Plötzlich wie vom Himmel gefallen, der Tisch mit Speise und Trank, stiller Weihnachtsfrieden ... sie beide beisammen ... alles wieder gut ... zu Ende dies trübe böse Vierteljahr. Es war so düster gewesen – so viel Nebel in London, wohin sie im November von Rosemary-Hills übergesiedelt waren ... Sie erzählte es und aß dabei, und er hörte zu – und im Hause in Belgravia auch wenig Freude ... Pa immer stiller und in sich gekehrter ... Father alterte doch sehr, alle sagten es, und schlief die Nächte so schlecht ... Und mother war in Biarritz gewesen. Sie, Edith, hatte nicht mitkommen wollen. Sie hatte an nichts Freude. Sie war nirgends hingegangen. Nur arme Kinder hatte sie vorige Woche bescheren geholfen. Auch nicht gerne. Aber da die Lady Sidney selbst Patronesse gewesen ... Er dachte sich: ›Du kleiner snob – erstirbst du immer noch vor den Lords und ihren Frauen? ... Na, warte – das werden wir dir von jetzt ab schon in Deutschland abgewöhnen!‹... Sein Äußeres hatte sich etwas verändert. Er hatte sich den englisch gestutzten Schnurrbart wieder wachsen lassen und trug ihn lang ausgezogen, wie es in der Armee üblich war, er hatte wieder die straffe und bestimmte Haltung des Dienstes, auch die Uniform, die sie seit anderthalb Jahren nicht mehr an ihm gesehen, machte mit dem ungewohnten Rot ihrer Aufschläge, dem Glitzern der Knöpfe im Lampenlicht ihn ihr ein wenig fremd. Aber nur eine Sekunde. Dann plauderte sie eifrig weiter. Es gab ja so unendlich viel zu erzählen aus der Zwischenzeit, oder eigentlich immer dasselbe, was sie auch schon dann und wann geschrieben. Dickie hatte sich jetzt auf das Briefmarkensammeln verlegt – mehr Golf spielen wäre ihm besser bei seiner Neigung zur Körperfülle – und Mac Cornicks reisten jetzt bald für den Winter nach Ägypten, wo man eine ganz hervorragende Gesellschafts-Season erwartete, und Fred hatte bis in die letzte Zeit guten Sport in den Grafschaften gehabt. Und dem alten Mr. Mathes ging es gar nicht gut. Er war doch nun einmal zuckerkrank und trank dabei nur Portwein, der zweimal die Linie passiert hatte – und die Flecks in Manchester hätten bei der letzten großen Baumwollkrise sich gut eingedeckt gehabt und viel Geld gemacht. Und Miß Hunter ... Ihr Mann hätte gern gesagt: ›Laß doch diese ganze langweilige Gesellschaft unterwegs! Was scheren uns diese Sportkerle und Money-Menschen jenseits des Kanals? Ich kenne sie zur Genüge! ... Wir sind jetzt in Deutschland und bleiben da.‹ Aber es war so reizend, ihrem Geschwatze zuzuhören – diesem im letzten Vierteljahr sichtlich aus Mangel an Übung eingerosteten, drollig gefärbten Deutsch. Er hätte ihr am liebsten die roten Lippen mit einem Kuß verschlossen. Aber da flog die Türe auf. Michalski, der polnische Bursche, trat breit grinsend, seine Weihnachtspakete unter dem Arm, herein und stand verdonnert stramm ... Der Herr Leutnant und eine Dame! ... Helmut Merker stellte ihn seiner Frau vor, und die frug leutselig: »Ich hoffe, Sie fühlen sich hier wohl?« »B'fell!« »Na -das wollt' ich dir auch geraten haben!« sagte sein Herr, sich eine Zigarre anzündend. »Nu räum 'mal hier ab! Aber ein bißchen dalli ...« Er sehnte sich danach, mit Edith wieder allein zu sein. Die sah, als der Polacke mit den letzten Tellern verschwunden war, auf ihre Armbanduhr und erschrak. »Schon halb neun!... Was wird mother denken?« Der Leutnant furchte die Stirne. Er traute seinen Ohren nicht. »Wer – zum Kuckuck?« » Mother! « »Na – laß doch mother in London oder wo sie grade steckt, guter Dinge sein. Die amüsiert sich schon auf eigene Faust. Da sei unbesorgt!« » Mother ist doch hier!« Er riß die Augen auf. »Hier in Czenstowitz?« »Ja.« »Mit dir gekommen?« »Ja. Sie sitzt im Hotel und wartet auf mich!« »Grundgütiger Himmel!« Helmut Merker durchmaß das Zimmer und blieb mit gerungenen Händen vor seiner Frau stehen. »Edith ... Kind Gottes ... wie bist du denn auf diese Kateridee verfallen? ... Ging's denn wirklich nicht ohne die mother ? ... Du weißt doch: die und ich haben doch so wenig Glück miteinander! ... Und grade jetzt, wo wir beide uns in den nächsten Tagen so viel zu sagen haben ...« »Ich habe mich gefürchtet, Hellie! Die weite Reise ...« »Schwindle doch nicht, Maus! ... Du und fürchten! ... Du fährst auch allein nach Japan, wenn es sein muß. Ich kenne dich doch!« Edith Merker war aufgestanden. »Es kommt darauf an, was man auf der Reise vor hat!« sagte sie. »Dies ist für mich doch eine schwere Reise. Ich habe den ersten Schritt zu unserer Versöhnung getan, Hellie!« »Wenn ich hundert Jahre alt bin, werd' ich es dir noch danken!« » ... und für den Fall, daß dieser Schritt mißglücken sollte ... ich hatte solche Angst, dann elend und allein heimzufahren ... dann mußt' ich jemanden zum Trost bei mir haben ... Darum hab' ich mother gebeten ...« Eine unbestimmte Besorgnis erfaßte ihn. Seine Stirne umwölkte sich. »Mißglücken ... Edith? ... Da bist du doch! Wir haben uns doch gefunden ... Es ist alles gut ... Was denkst du denn an einen Rückzug – hier aus dem Schnee, wie Napoleon aus Rußland? ... Du ... Ich verstehe dich nicht ...« Seine blonde junge Frau stand dicht vor ihm und schaute ihm ruhig und entschlossen ins Gesicht. »Ich hab' es mir gesagt, Hellie ... und mother und die anderen haben es mir auch gesagt: du bist ein Mann und Männer sind eigensinnig. Oder sie nennen es Stolz. Sie denken, sie vergeben sich etwas, wenn sie zuerst die Hand hinhalten. Das ist unsere Sache. Wir müssen euch entgegenkommen und es euch leicht machen, nachzugeben...« »Worin denn?« Sie ließ die Augen durch den Raum schweifen. »Armer Hellie ... Hier hast du nun ein Vierteljahr gewohnt! Sag selbst: es war eine verlorene Zeit in deinem Leben!« »Nein, Edith – alles, nur das nicht!« »Du gibst es doch zu: du hast dich so verzweifelt nach mir und Klein-Mary und allem gesehnt?« »Das gewiß!« »Und dein Stolz hat dir verboten, das zu tun, was du so gern schon lange getan hättest – wieder heimzukommen! ... Oh ... Fahre nicht auf, Hellie! ... Ich verstehe das wohl! Du bist ein Mann. Es war dir zu hart, das erste Wort zu sprechen. Da hab' ich mich endlich entschlossen: dann sprech' ich es! Und hab' mich auf die Bahn gesetzt und bin hierher ...« »... um in Zukunft bei mir zu bleiben, Edith!« »Nein, Hellie!« sagte sie verwundert, ahnungslos. »Um dich endlich wieder zu uns heimzuholen! Er starrte sie entsetzt an. »Deswegen bist du hier?« »Ja – weswegen denn sonst, Hellie?« »Herrgott ... um endlich den Platz einzunehmen, auf den du von Gottes und Rechts wegen gehörst – hier an meiner Seite!« Er schrie es fast in seinem Zorn. Wieder musterte Edith den Raum. »Hier, Hellie! Um Gottes willen?« »Na – natürlich nicht in der möblierten Bude! Aber in drei Zimmern oder in vier! Wir werden uns schon durchfressen. Dein Vater muß ein Einsehen haben! Er wird seine leibliche Tochter und sein Enkelkind schließlich schon nicht verhungern lassen!« Die junge Frau vor ihm schüttelte den Kopf. »Pa hat neulich mit mir gesprochen! Sehr gut und ernst. Er sagt, er hat jetzt eine rauhe Zeit durchzumachen, im Geschäft! Es wird vorübergehen! Aber vorläufig muß er all sein bares Geld auf Südamerika verwenden. Er kann nichts nach Deutschland schicken!... Vater war recht gedrückt, wie er mir das gestand. Da hab' ich manches nachträglich begriffen, was ich früher bei ihm nur für Eigensinn gehalten hab'!« »Warum schränkt ihr euch denn nicht in England ein – he?« »Das kann man nicht, sagt father . Das fällt auf. Das schadet dem Kredit! ... Außerdem würden es die Meinigen auch nicht tun! Wir sind doch keine Paupers! – Nein – drüben geht alles seinen alten Gang. Wir beide kommen da so gut mit unter. Wir können so fröhlich und sorglos sein auf Rosemary-Hills! Es hat mir keine Ruhe gelassen. Ich hab' mir gesagt: Er bereut gewiß jetzt schon heimlich, was er getan hat! ... Ich bin gut! ... Ich vergess' es! Ich geh' und hol' ihn mir! ... Und das ist nun der Dank...« Es war ja eigentlich noch kein ›Nein‹ über seine Lippen gekommen. Aber es zeigte sich solch ein unheilverkündender, steinerner Ausdruck auf seinen Zügen. Etwas Leidendes und Unerbittliches zugleich. Er versetzte langsam: »Wie denkst du dir das eigentlich, Edith? Ich bin kaum ein Vierteljahr wieder in meinem Beruf, in meinem Vaterland ... weiß wieder, wozu ich auf der Welt bin – und soll euer Schlaraffenleben, von dem ich mich losgerissen hab'... mit den furchtbarsten Opfern ... mit einer Anstrengung wie ein Verrückter – das soll ich von neuem anfangen! Das kannst du nicht verlangen!« Edith Merker brach in wildes Weinen aus. Sie warf sich auf einen Stuhl, den Kopf vornüber auf dem Tisch. Sie schrie. »Dann liebst du mich nicht mehr!« »Edith!« »Dann liebst du mich nicht mehr! Das ist die Probe!« »Ich könnte dasselbe sagen, Edith!« »Ich bin zu dir gekommen! ... Da sitz' ich! ... Du hast nicht den Weg zu mir gefunden – diese ganze Zeit! Du liebst mich nicht mehr!« Sie schluchzte immer heißer. »Wahrscheinlich hast du mich überhaupt nie geliebt! Nur mein Geld!« »Du Schaf!« sagte er wütend. »Dann käme ich ja stante pede mit! Ich will dich ja gerade ohne Geld! Das ist doch der Beweis!« Einen Augenblick war sie verdutzt. Dann brach das Weinen von neuem los. »Nein. Das ist kein Beweis! Nur dafür, daß dir alles da drüben gleichgültig ist ... Deine Frau und dein Kind rufen dich!... Du hörst sie nicht! Du liebst sie nicht! Du liebst nur deine Soldaten hier! ... Wenn du die hast, bist du hier mutterseelenallein in dem elenden Raum glücklicher als drüben mit mir und ... Gut ... ich lasse dich deinen Soldaten! ... Oh ... wär' ich doch nicht gereist! ... Mother hatte mich gewarnt. Deswegen ist sie mit. Die kennt dich besser als ich. Weil sie dich nicht so liebt wie ich! Mich macht die Liebe blind. Und schwach! ... Aber jetzt hab' ich es hinter mir! ... Farewell! « Sie wollte hastig in ihren Pelz fahren. Er verhinderte sie. Er legte seinen starken Arm um sie. Er preßte sie an sich. »Du bleibst!« »Nein! ... Ich hab' hier nichts zu suchen! ... Ich bin so gedemütigt!... Ich will zu mother ins Hotel!« »Zum Kuckuck! – Laß die mother ! ... Die findet sich dort schon zurecht. Die ist nicht so ...« »Am Weihnachtsabend, Hellie ...« »Hier ist auch Weihnachten!... Du bist mein Christkind! ... Was streiten wir uns um morgen? ... Jetzt bist du da ... du bist vom Himmel zu mir heruntergeschneit... du bleibst bei mir ... Da halt' ich dich ... Morgen besuchen wir mother zusammen ...« »Oh Hellie ... Sie erwartet mich!« »Ich schicke ihr den Burschen mit einem Zettel, du wärst hier ... bei deinem Mann ... wo sonst? ... Herrgott ... was denkt sich denn die Alte eigentlich?« Sie rang die Hände. »Hellie ... du sagst: ›Die Alte‹!« »Ist ja ganz egal!« Er hielt sie umfangen. Er bedeckte ihr Gesicht, ihr blondes Haar mit Küssen. Sie fing wieder an zu weinen, den Kopf an seiner Brust. Er fühlte ihre Schwäche. Aber plötzlich machte sie sich frei, trat einen Schritt zurück und wiederholte verzweiflungsvoll: »Du liebst mich ja nicht!« »Wie oft sagst du es denn noch und weißt es selber zehnmal besser, Edith!« »Morgen oder übermorgen schickst du mich ja doch allein nach England zurück!... Ich seh' es dir an!... Alle lachen mich aus! ... So hab' ich die Reise nicht gewollt. Hellie! Wenn dir nichts daran liegt, immer mit mir zusammen zu sein, dann auch nicht die kurze Zeit. Ich gehe zu mother! « Nun war sie glücklich in den Pelz geschlüpft. Sie knüpfte sich mit zitternden Fingern den Schleier um. All die Enttäuschung und Kränkung, die sie empfinden mochte, zeigte sich nach außen nur in den Fältchen leidenschaftlichen Trotzes um Stirne und Mund. Sie warf den Kopf in den Nacken und ging nach der Türe. Er folgte ihr. »Wohin willst du denn nur um Gottes willen bei dem Hundewetter, Edith!« sagte er. »Du kommst ja gar nicht weiter! Du bleibst ja im Schnee stecken!« Sie legte die Hand auf die Klinke, mit einer verächtlichen Schulterbewegung ihrer sportgeschmeidigen Gestalt, die hieß: Ich arbeite mich schon durch ... wenn ich was will! ... Ich bin zäh! ... Er kannte sie. Er wußte: Nun war ihr Eigensinn unbeugsam!... Jede weitere Zurede verstärkte ihn vorläufig nur. Auch er fühlte sein Blut in den Adern hämmern. Er suchte nach einem Ausweg, um sie und sich zu beruhigen. Er stellte sich neben sie an die Türe und faßte ihre Hand. »Ich könnte dich ja mit Gewalt hindern, da in Nacht und Nebel hinauszulaufen, Edith!« Sie fuhr auf. »Das will ich doch sehen!« »Eben! Du machst mir dann solche Geschichten!... Ich weiß. Wir wollen vernünftig sein ...« Er unterbrach sich. »Ich bitt' dich nochmals von Herzen ... komm, zieh deinen Pelz wieder aus ... bleib hier!« Aber seine Weigerung, ihr den Willen zu tun, hatte sie versteinert. Sie beharrte, gleichgültig an ihm vorbeischauend: »Ich will zu mother !« Er konnte sich nicht täuschen: Jetzt ging sie! Ob mit oder ohne ihn! Er bebte bei dem Gedanken, sie diesen Abend wieder zu verlieren. Er sagte leise und liebevoll: »Also gut ... In Gottes Namen, Edith: Gehen wir zu deiner Mutter ... Was machst du denn für Riesenaugen? Ich bringe dich natürlich selber hin... Du würdest dich ja auch in den nächsten Gassen hier in der Altstadt im Dunkel und Schnee rettungslos verlaufen! Und wir sagen mother guten Abend und daß wir uns gefunden haben und wünschen ihr ein very happy Christmas und bleiben eine Viertelstunde bei ihr und unterdessen ... bist du eigentlich je im Schlitten gefahren, Edith?« »Ich glaube nicht, Hellie! Warum?« »Also unterdessen spannen sie unten im Hotel einen kleinen Schlitten an, ich setze dich hinein, wickle dich warm ein und fahre dich wieder hierher nach Hause. Morgen ist auch noch ein Tag! Da sind wir ruhiger. Da können wir über vieles reden, Edith! Was meinst du?« Sie antwortete nicht. Sie fing wieder an zu weinen. Es war ihm auch genug. Es war Zustimmung. Er war froh. Ihre Hand tastete nach der Türe. Er machte sie auf und geleitete Edith vorsichtig die dunkle Hühnertreppe hinunter und stieß das Haustor auf. Draußen stiebte der Schnee in weißen Strähnen. Die Laternen flackerten unstet. Der Wind heulte durch die menschenleeren Straßen. Er blieb stehen. »So, Edith! ... Nun haben wir genug von dem Anblick genossen! Nun kehren wir wieder um!« Sie nahm ihren Rock auf, senkte eigenwillig den Kopf gegen den Wind und stiefelte mit ihren langen, die Zähigkeit der Britin widerspiegelnden Schritten rücksichtslos durch die weißen Massen am Boden. Er hielt sich mit hochgeklapptem Mantelkragen neben ihr. Er stützte sie und redete wieder in der Einsamkeit der Christnacht auf sie ein. »Du mußt Mitleid mit mir haben, Edith! Nicht nur heute wieder zu mir kommen ... Immer ... Und Klein-Mary mitbringen ,.. Ich bin ja hier so verlassen!... Verlassener als je als Junggeselle! Damals, an der Bergstraße, war ich doch in meiner Heimat, die ich von Kind an auf Schritt und Tritt kannte, hatte meine Mutter in der Nähe ... meinen Bruder ... Hier aber« Ein Windstoß pfiff wütend um die Straßenecke, packte sie, schüttelte sie, daß sie taumelten. Er fuhr atemlos fort: »Hier bin ich ganz in der Fremde ... Hab' keine Menschenseele, die einem von früher her... Herrgott... man kriegt den ganzen Mund voll Schneeflocken ...« Er half ihr quer über den verschneiten Fahrdamm und zog sie dabei noch enger an sich. »Zu zweit ist einem das alles gleich! ... Wenn man sich nur hat... nicht wahr?... mag's dann draußen stürmen und heulen ...« Die junge Frau blieb erschöpft stehen. Um sie war nur das Schwarz der Nacht, das Weiß des Schnees. Ihre Stimme kämpfte mit einem Ausbruch verzweifelten Abscheus. »Das ist ein furchtbares Land! ... Ich wage nicht zu weinen, sonst frieren mir die Tränen am Schleier fest. Ich hatte gehofft, so wäre es auf der Welt nur in Sibirien! Wie können hier nur Menschen leben?« »Wir werden das Kunststück schon fertig bringen!« Sie ging weiter und schauerte trotz des Pelzes in sich zusammen. Ihre Zähne klapperten vor Frost. Es machte ihre Worte undeutlich und doch klangen sie bestimmt genug. »Nie werde ich hier leben, Hellie – nie! ...« Nach einer Weile setzte sie halberstickt hinzu: »Daß du das hier erträgst, Hellie – und, wie du selbst sagst, Einsamkeit und Armut dazu – das macht mir erst recht die Augen auf! Das zeigt mir, daß ich in deinem Leben weniger bin als ein Nichts!« Sie hörte auf nichts mehr, was er ihr sagte, sondern eilte, so rasch sie vermochte, weiter. Das Blut stieg ihm bei der Vergeblichkeit seiner Worte wieder zu Kopf. In einer wilden und gereizten Stimmung erreichte er mit seiner Frau das weihnachtlich verödete Gasthaus und das Zimmer ihrer Mutter. Und er konnte sich nicht helfen: Als er dort eintrat und Mrs. Wildings lange, beängstigend hagere Gestalt steif aufrecht vor einer Tafel mit Tee, geröstetem Brot und Ham and Eggs sitzen sah, als sie ihre ausdruckslos kühlen Augen auf ihn richtete, und mit einem frostigen, mißbilligenden Lächeln ihre großen, weißen Schneidezähne zeigte, da war es ihm, als throne hinter dieser Tafel nicht eine einzelne, ihm mißgünstige Lady, sondern Albion selber – dies Albion, dem seine Frau zur Hälfte entstammte, und das sie ihm ganz nahm. Aber er hielt an sich. Er begrüßte die Schwiegermutter und begann unbefangen auf englisch: »Sie kennen ja Ediths Dickkopf! Sie bestand darauf, Ihnen heute noch Gute Nacht zu sagen! Hätte ich nicht gewollt, so wäre sie allein drauf los marschiert. Da bin ich in Gottes Namen mit! ... Ich hoffe, Sie befinden sich wohl!« »Ich danke Ihnen! Bitte, nehmen Sie Platz! Ich hoffe ernstlich, daß auch Sie sich jetzt auf einem besseren Wege befinden, lieber Schwiegersohn!« Helmut Merker setzte sich. Der gletscherhafte Hochmut der alten Dame stimmte ihn in seiner Aufgeregtheit fast zum Lachen. »Ich kann nicht klagen!« erwiderte er. »Meine Vorgesetzten sind mit mir zufrieden. Von Neujahr ab bekomme ich die Führung einer Compagnie.« Ein eisig-verweisender Blick traf ihn von drüben. Eine Welt englischer Anmaßung lag darin. »Sie wissen so gut wie ich, daß es nicht auf Ihre militärischen Exerzitien hier ankommt, sondern auf die Stellung meiner Tochter in unseren Kreisen in England. Diese Stellung ist durch Ihre Schuld in besorgniserregender Weise bedroht. Edith ist seit Monaten eine Frau ohne Mann! ... Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, wie darüber in der Gesellschaft geurteilt wird. Zu Ihren Ungunsten! Es ist höchste Zeit und Sie sollten ängstlich sein, sich in den Augen der Gesellschaft zu rehabili ...« Helmut Merkel setzte sich in seinem Stuhl zurecht. »Ihre Gesellschaft drüben, verehrte Schwiegermama,« meinte er unumwunden, »ist ein Haufen Müßiggänger. Gestatten Sie, daß ich, wenn auch in englischer Sprache, einmal auf deutsch rede! Eine Anzahl Arbeitsfeinde beiderlei Geschlechts, die sich ihren Tag in der denkbar leersten und langweiligsten Art um die Ohren schlagen!« »Mr. Merker!« »Es ist ein bejammernswertes Schauspiel für ernsthafte Menschen! Und je älter die Leutchen sind, desto peinlicher wirkt ihre blinde Vergnügungssucht. Na – wenn es ihnen Spaß macht, meinetwegen! Mich geht's nichts an! Ich bin Gott sei Dank ein Deutscher!... Aber mitmachen tu' ich da nicht mehr! Und meine Frau ist auch nicht mehr so oberflächlich, sich das zu wünschen! Nicht wahr, Edith?« Die junge Frau antwortete nicht. Sie war blaß vor Schrecken über diese herausfordernde Sprache geworden. Ihre Mutter richtete sich noch steifer in ihrem Stuhl auf. Die gekränkte Würde Albions schaute kalt aus ihren Augen. »Ich bin erstaunt, Sie zu hören, Mr. Merker! Ich erwartete ernstlich, daß Sie Reue über Ihr Verhalten an den Tag legen würden ...« »Das kann ich nicht, Schwiegermama! Jeder tut, was er muß!« »Einem Gentleman sind die Gesetze seines Handelns vorgeschrieben! Und Ihre Handlungsweise, Mr. Merker ...« »Ob ich bei Ihnen drüben Beifall oder Mißfallen ernte, Schwiegermama, berührt mich gar nicht. Ich hab' euch früher viel zu sehr bewundert. Davon bin ich genesen, bis auf einen gesunden Rest. Ich bin ein Deutscher! Und meine Frau ist es durch ihre Heirat auch. Und ich will von euch nichts anderes, als daß ihr sie nicht hindert, zu mir nach Deutschland zu kommen ...« Er warf Edith einen Blick zu. Er wollte sie ermutigen. Er hoffte, sie würde ihm beistehen, wenigstens irgendein Wort sagen. Aber sie öffnete nicht den Mund. Sie saß trotzig und verbittert da, die Hände im Schoß. Das machte ihn ganz wütend: »An sich ist die Edith ein tapferer kleiner Kerl! Die wäre längst bei mir und mit mir, ohne euch! Ihr habt sie so verdreht erzogen, daß sie glaubt, Arbeit wär' eine Sünde, und sich vor dem Leben fürchtet ...« »Nichts kann schimpflicher sein, als was Sie da sagen, Mr. Merker!« Er lachte grimmig auf. Der entrüstet verweisende Blick der alten Lady rief in ihm das wach, was er schon früher unter den Engländern als das eigentümlich Altjüngferliche, Tantenhafte, Verstaubte in diesem so männlichen Volke empfunden hatte. Diese kühle Selbstgerechtigkeit brachte ihn ganz in Harnisch. Er schrie: »Gebt mir meine Frau! ... Himmelherrgottdonnerwetter... Gebt mir meine Frau und laßt mich ungeschoren! Ich will ja gar nichts von euch! Edith ... komm...« Edith Merker stand langsam auf. Sie war sehr blaß. Ihre Lippen zitterten. Sie sprach nicht. Sie rührte sich auch nicht weiter. Es war, als wisse sie selber nicht, was sie tun solle. Ihre Mutter warf einen prüfenden Blick nach dem Teekessel, füllte ihre Tasse, tat Zucker und Milch dazu und frug dabei ganz beiläufig: »Und wovon wollen Sie hier Frau und Kind ernähren? ... Mr. Wilding ist nicht in der Lage, Sie hier zu unterstützen! Selbst wenn er wollte, könnte er es in der gegenwärtigen Handelskonjunktur nicht!« Er biß sich auf die Lippen und schwieg. Da war das Verhängnis wieder. Er war gefangen. Die alte Lady fuhr unerbittlich fort: »Wie Sie es über sich bringen können, eine an englischen Komfort gewöhnte Dame hier erfrieren und verhungern zu lassen und dabei noch von Liebe zu sprechen ... Das ist dann eine wahrhaft teutonische Art, zu lieben! Dafür fehlt mir das Verständnis, Mr. Merker!« Jetzt entschloß sich auch Edith, noch einmal zu sprechen. »Wenn es sein müßte,« sagte sie mit erstickter Stimme, »... wenn eine große Not hinter uns stände, dann ginge ich mit dir bis ans Ende der Welt! ... Aber weil es dir Spaß macht, ein paar Leuten ›Gewehr über!‹ und ›Gewehr ab!‹ zu kommandieren und wieder solch einen Rock mit blanken Knöpfen zu tragen, den du vor ein paar Jahren so gern ausgezogen hast, deswegen sollen wir uns hier in Schnee und Eis begraben und sollen die schönsten Jahre unseres Lebens bei Wasser und Brot an diesem trostlosen Platz vertrauern, wo wir es so viel besser haben können als tausend andere! Das ist eine Marotte von dir! Das zeigt, daß du mich einer Laune opferst! ... So leicht opfert man nur, was einem nicht viel wert ist! ... Ich bin also wenig in deinem Leben! Ich geh' nebenbei mit! Du liebst mich nicht! Ich hab's schon lange gewußt...« »Edith ... du und deine Mutter ... ihr macht mich noch verrückt! Wenn ich dir nur in dein englisches Denken hinein begreiflich machen könnte, was ich hier ...« »Drüben bin ich, Hellie!... Drüben ist dein Kind!... Drüben ist dein Haus! Drüben wartet alles auf dich!... Und hier ist nichts als eine Bettlerwohnung und ein schmutziger polnischer Soldat! ... Und da schwankst du noch ...« »Ich schwanke nicht! Ich muß hier bleiben, Edith!« Sie schrie auf und warf sich laut aufschluchzend in die Sofaecke. »Hast du's gehört, mother ! Das ist seine Antwort! So demütigt er mich! So stößt er mich zurück, wenn ich mich ihm nähere!... Ach ... Wenn du mich liebtest, würdest du nicht so sprechen! ... Du hast ganz recht gehabt, mother ? ... Er liebt mich nicht mehr!« »Komm jetzt, Edith! ... Wir wollen gehen!« Sie stieß leidenschaftlich seine Hand zurück. »Nein. Ich geh' nicht mit dir! Du liebst mich nicht!« »Edith!« »Ich bleibe hier bei mother !« Er stand stumm, vor Zorn zitternd, vor den beiden Frauen. Mrs. Wilding sah ihm über den lampenerhellten Tisch hinüber gleichgültig streng wie eine grauhaarige Parze ins Gesicht. Er konnte den Blick dieser Fischaugen nicht mehr ertragen. Es zuckte ihm bis in die Fingerspitzen. Er hatte das Gefühl: Wenn ich hier noch lange bleibe und rede, gibt es ein Unglück! Hilflose Wut übermannte ihn. Na also gut denn! Mochten sie für heute ihren Willen haben ... »Wir sprechen morgen weiter, Edith!« sagte er mühsam. »Und unter vier Augen! Gute Nacht!« Er stürmte aus dem Zimmer. Ei lief draußen wie ein Sinnloser, Tränen in den Augen, durch Nacht und Schnee in der Heiligabendstille der Stadt umher. Und erst nach langen Stunden nach Hause. Übernächtig, mit blauen Schatten unter den Lidern, hielt er am nächsten Morgen den Kirchgangappell ab. Dann war er dienstfrei. Er eilte vom Kasernenhof nach dem Hotel und frug nach Frau Leutnant Merker. Der Portier sah ihn erstaunt an. Die beiden Damen waren schon vor Stunden abgereist, mit dem ersten Frühzug, der noch halb in der Nacht hier durchging. Wußten denn das der Herr Leutnant nicht? Helmut Merker drehte sich stumm um und ging langsam, vor sich auf den Boden schauend, wie ein Nachtwandler in seine Wohnung. Dort lag auf dem Tisch ein in seiner Abwesenheit abgegebener Brief. Von Ediths Hand. »Ich habe das Meine getan. Wirklich das Äußerste. Trotzdem will ich noch mehr tun. Ich bin heute abend mit mother in Berlin. In dem Hotel, in dem wir, du und ich, auf unserer Autotour damals auch gewohnt haben. Dort will ich noch vierundzwanzig Stunden auf dich warten! Bitte, bitte, Hellie: Finde den Weg zu mir und zu meinem Herzen!« Die gestrigen Worte des Compagniechefs klangen dem Leutnant im Ohr: »Warum nehmen Sie eigentlich keinen Weihnachtsurlaub nach England, lieber Merker? Sie kriegen ihn gleich!« ... Auch jetzt noch. Das wußte er. Er brauchte nur seinen Dienstanzug anzulegen und zum Hauptmann zu gehen, zum Major, zum Oberst. Jetzt, am Feiertagmorgen, traf er die Herren alle zu Hause. In einer Stunde war's getan. Er konnte leicht noch packen und den Mittagsschnellzug benützen. Dann war er gegen Mitternacht in Berlin. Fand seine Frau noch wach und seiner harrend, wenn er ihr rechtzeitig telegraphierte. Der Bursche war in der Kirche. Er öffnete selbst, immer noch halb geistesabwesend, den Schrank, nahm den Waffenrock heraus, zog ihn an, holte den Helm aus der Schachtel, setzte ihn auf – warf einen prüfenden Blick in den Spiegel – so – jetzt konnte er gehen ... Wohin? ... Seine Füße rührten sich nicht von der Stelle. Er stand ... Er sah grade vor sich hin ... Seine Lippen bewegten sich. Er sagte sich laut, was er dachte: Wenn sie dich in Berlin haben, haben sie dich auch schon halb in London. Dann ist kein Halten mehr. Dann widerstehst du nicht langer. Du liebst ja deine Frau viel zu sehr! ... Viel mehr, als sie weiß! Es ist der Anfang vom Ende! Hüte dich vor deiner schwachen Stunde ... Nein! ... Er nahm die Pickelhaube wieder vom Kopf. Er verpackte sie. Er vertauschte den Waffenrock mit der Litewka. Diese gleichgültigen Handgriffe waren ein Gleichnis: Ich bleibe fest! Ich bleibe hier. Ich bleibe deutsch!... Er stand am Fenster und schaute auf die beschneiten, weißfunkelnden Dächer hinaus. Seine Seele war nicht so hart wie sein Wille. Die weinte. Und wußte doch in sich den Trost: Es ist zu unser beider Bestem! ... Nur so werden wir gewiß einmal eins. So wahr die Sonne drüben am Morgenhimmel steht, so sicher betritt meine Frau den Weg, der zu mir führt. Wann es geschehen wird, wie – ich weiß es nicht! Ich fühle nur: Ich tue vor mir und meinem Gewissen das Richtige. Gott mag es lenken!   12 Die Season hatte in diesen ersten Tagen des Mai in London begonnen, ein sechswöchiges Prunkfest nicht der Stadt, nicht des Inselreiches, sondern der ganzen angelsächsischen Welt – eine Riesenvereinigung alles dessen, was auf Erden Englisch sprach, Englisch fühlte, Englisch dachte. Der Yankee-Krösus und der Minenkönig von Südafrika, der australische Arbeiterführer, der Kanadier und der Bur, die gelben und die braunen Menschen, ägyptische Prinzen, indische Fürsten in Turban und Diamantengefunkel, chinesische Mandarine, japanische Edle füllten wie in den Zeiten des alten Rom die Hauptstadt eines Fünftels der Welt, hausten in bis unters Dach überfüllten Hotels, hörten italienische Stimmriesen und deutsche Wagneropern in Coventgarden, sahen die russischen Tänzerinnen, die französischen Schauspieler, die britischen Rennpferde, genossen das Teuerste vom Teuern, was die Erde bieten mochte, und schauten in Ehrfurcht zu den Lords empor, die in steinerner Majestät ihre Viererzüge und Automobile durch den Korso des Hydepark lenkten. In dem waren die Stuhlreihen zu beiden Seiten der breiten Wiesenstraßen schwarz von Menschen. Zwischen ihnen wogte das Gewimmel der Reiter und Reiterinnen, tönte die Huppe der Kraftwagen, der Hornruf der Mailcoaches, rollte das Band von lebendem Luxus unablässig, feierlich um die Serpentine, über Rotten-Row und Ladiesmile, eine Heerschau von weltumspannendem Reichtum, wie sie nur dieser eine Ort und nur für diese paar Wochen zeigte. Der alte John Wilding saß in seinem Automobil, auf dessen Bock ein glattrasierter Lakai mit untergeschlagenen Armen seelenlos neben dem Chauffeur in die Sonne sah. Ihm gegenüber im Rücksitz seine Frau und seine ältere Tochter Jane Mac Cornick, beide aufgeputzt, das Society-Lächeln auf den Zügen, nach rechts und links grüßend, winkend, nickend, sich tief verbeugend, wenn etwas Besonderes kam. Edith Merker, die neben ihrem Vater saß, schaute bleich und abgespannt darein. Sie war zurückhaltend, fast in Halbtrauer, gekleidet. Sie achtete kaum auf den Jahrmarkt der Eitelkeit, der um sie rollte, trabte, lachte. Sie vergaß, nicht nur bekannte Herren, sondern sogar ältere Damen zu grüßen. Sie sah sie nicht. Ihre Gedanken waren anderswo. »Ich glaube, Pa schläft!« sagte sie endlich zu Mutter und Schwester. Es war ihr erstes Wort nach langer Zeit. In der Tat: der stille alte Herr hatte wieder die Augen geschlossen. Kein Wunder: Vom Morgen bis in den Nachmittag das Geldmachen in der City ... nun die einlullende, frische Luft ... aber da fuhr er von selbst auf: das Pflaster von Park Lane, längs dessen sie eben, nur durch das Eisengitter von den Straßen der Stadt getrennt, hinfuhren, war voll von schreienden Zeitungsjungen. Sie schwangen die noch von Druckerschwärze feuchten Blätter: ›Wiederaufleben des Konfliktes mit Deutschland im Persischen Golf. Die Lage wird ernster. Der Premier lehrt heute abend von seinem Schloß zur Parlamentssitzung in die Stadt zurück ...‹ » Stop !« sprach John Wilding matt. Das Auto hielt. Der Diener flog auf einen Wink seines Herrn vom Bock, lief durch eines der Tore, kam mit einer Nummer zurück. Der graue Citymann nahm sie, blätterte sie auf und durchlas während der Weiterfahrt die Depeschenspalten. Die Damen erschraken. Der alte Herr stöhnte plötzlich leise auf, ließ die Zeitung aus der Hand fallen und sank in sich zusammen. Sein Mund war offen, sein Kopf vornüber. Es sah schlimm aus. Wie ein Schlaganfall. Oder wenigstens wie eine Ohnmacht. Aber er war bei Bewußtsein. Er murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Seine Lippen zitterten nervös unter dem dünnen grauen Vollbart. Der Wagen hatte auf einen Zuruf von Mrs. Wilding wieder seinen Lauf gehemmt. Der Diener war abermals herabgesprungen und stand in unschlüssiger Hilfsbereitschaft, Befehle erwartend, neben dem Schlag. Der Chauffeur drehte sich besorgt auf dem Sitz um. Die Ladies im Auto waren aufgestanden und drängten sich um den Gatten und Vater. Der hob plötzlich das Haupt und schaute verwirrt um sich. Dann gewannen seine sonst freundlichen und stillen Züge einen schroffen Ausdruck. »Was ist geschehen?« frug er streng. »Was macht ihr für Gesichter? Warum halten wir hier plötzlich?« Niemand wagte zu antworten. Er fuhr gereizt fort: »Ich bin erstaunt. Man sieht auf uns. Ich wünsche nicht aufzufallen. Kein Gentleman fällt auf. Smith, auf Ihren Platz, wenn's beliebt!« »Ja, Sir!« »Und ihr setzt euch, bitte! ... So!« Er wandte energisch den Kopf nach dem Chauffeur. »Vor allem fahren Sie jetzt weiter!« Aber ehe sich noch die Gummireifen zum erstenmal drehten, stoppte drüben, auf der anderen Seite des Fahrdamms, ein anderes Automobil. Ein Geschäftsfreund John Wildings entstieg ihm und lief quer über die Straße auf ihn zu. Der Zylinderhut saß dem glattrasierten respektablen älteren Citymann in der Aufregung etwas schief in der Stirne. Er lüftete ihn vor den Damen und rief: » Well , Mr. Wilding! Schlechte Nachrichten! ... Die Deutschen ziehen ihr Schiff am Persischen Golf nicht zurück. Seit gestern liegt ein Geschwader von uns daneben. Die Lage spitzt sich zu ...« »Ich hab's gelesen, Sir!« »Gott schütz uns jetzt vor irgendeinem Mißverständnis ... der erste Kanonenschuß da unten entfesselt den Weltkrieg!« »So weit sind wir noch nicht!« sagte der alte Kaufherr trocken und matt. »Das sind Börsenmanöver! Kommen Sie von der Börse?« Der Fondsmakler nickte besorgt. »Jetzt eben, Sir! ... Die Stock-Exchange ist ohne Halt. Die Kurse stürzen rapid. Alle kontinentalen Plätze melden Panik. In Deutschland die ersten Runs auf die Sparkassen. In Frankreich Tumulte. Bis morgen wankt auf London hin auch New-York! Die Zeiten sind ernst, Sir!« »Sie werden sich auch wieder beruhigen!« »Nun – jedenfalls erhöhte Lloyds soeben die Versicherung für Kriegsgefahr auf fünfundzwanzig Prozent!« meldete der Stock-Broker. »Sie sollten einmal das Menschengewimmel da hinter der Börse sehen, Mr. Wilding! Es ist kein Spaß! Guten Tag, Sir!« »Ich danke Ihnen, Sir!« John Wilding reichte dem Jobber die Hand und befahl dann mit starker Stimme: »Nach Hause!« Der Wagen rollte in der langsamen, für den Hydepark vorgeschriebenen Gangart in der Richtung nach dem Triumphbogen davon. Der alte Citymann saß starr und steif und rührte sich nicht. Kein Fältchen auf seinem Gesicht zuckte. Seine Frau und seine Töchter wagten nicht, zu reden. Aus Kaufmannskreisen stammend, in der Welt des Kaufmanns aufgewachsen, kannten sie genau jene Handelskrisen, die von Zeit zu Zeit den geschäftlichen Himmel und die Stirnen der Männer umwölkten, wußten: Auf Sturm kam Sonnenschein ... Hochkonjunktur ... Heiterkeit und Geldüberfluß ... aber so ernst wie jetzt eben war ihnen das Familienhaupt nie erschienen. Dies sonderbar Geistesabwesende in seinem Blick ... wegen dieses einen neuen Glieds in der endlosen Kette englisch-deutscher Verstimmungen ... Er war gewiß krank. Er machte sich unnütz Sorgen. Man mußte den Arzt kommen lassen... Und ringsumher Menschen, Leben, Sonnenglanz, als sei gar nichts weiter vorgefallen. Diese glattrasierten Gesichter der Gentlemen, diese teils rosigen, teils sport- herben Züge der Ladies lächelten, zeigten vollkommene Sorglosigkeit, Freude am Gesellschaftsleben der Season. Man ritt und fuhr, man flirtete und medisierte, die Männer wiesen ihre Vollblüter, die Frauen ihre Brillanten der wohlwollenden Menge. Ein Bild des Genießens. Ein Mückentanz im Maienschein. Edith Merker hatte stumm neben ihrem Vater sitzend, die Hände im Schoß, das Treiben angeschaut. Als sie es im Rücken hatten und durch die Straßen des Westends fuhren, brach sie unvermittelt das Schweigen. »Er hat ganz recht: Wir sind ein Volk von Müßiggängern. Wenn die Zeiten so bedrohlich sind – warum kutschieren wir da alle weiter herum um den Hydepark und tun, als wäre nichts geschehen?« »Wer hat recht?« »Helmut, Ma!« Es war das erste Mal seit langer Zeit, daß sie freiwillig den Namen ihres Mannes aussprach. Seit ihrer morgendlichen Abreise aus Czenstowitz vor drei Monaten war sie außer Verbindung mit ihm. Sie empfing regelmäßig Briefe von ihm. Aber sie beantwortete keinen. Ihre Mutter und Schwester tauschten einen vielsagenden Blick. Mrs. Wilding räusperte sich. »Niemand scheint mir weniger berufen, darüber zu urteilen, als dein Mann, der vielleicht bald zu unseren Feinden zählt!« »Eben! Wo bleibe ich dann?« Die junge Frau richtete sich auf und fuhr gepreßt fort: »Daß er in schwerer Stunde lieber seinem Vaterlande dient, als sich hier amüsiert, das ... das kann ich ihm nicht zum Vorwurf machen!« Mrs. Wilding zog die Augenbrauen hoch. Es war ihr Shocking-Gesicht. Verweisendes Erstaunen. »Ich wundere mich, das von dir zu hören, Edith!« »Ich wundere mich auch, daß ich's sage, mother ! Aber es ist so! Ich schäme mich jetzt manchmal, wie wir so alle leben, für nichts und wieder nichts!« Die hagere alte Dame lächelte überlegen. Sie saß so aufrecht da, als hatte sie einen Ladstock verschluckt. »Soll ein Gentleman arbeiten, Kind? Oder gar eine Lady?« »Ja!« sagte Edith so wütend und entschlossen, daß die beiden Damen förmlich zusammenfuhren. Hoffentlich hatten es die Leute auf dem Bock nicht gehört! Es hatte wie eine Majestätsbeleidigung geklungen: Arbeit ... im Hydepark . ..! »Ja, mother ! ... Man sollte wohl arbeiten! In Deutschland und Amerika tut's jeder und stirbt nicht daran! Wenn das Nichtstun noch amüsant wäre! Aber ich finde es gräßlich langweilig!« Mrs. Wilding schwieg erschüttert. Was war denn dann ihr eigenes Leben gewesen? Seit ihrem achtzehnten Jahr war es in Sport und Trips nach dem Kontinent, in Gesellschaftstrubel und Zeitvertreib auf dem Lande daraufgegangen. Und das alles sollte hinterher fehlerhaft gewesen sein? Es war doch britisch. Es war doch gut. Eine gerechte Entrüstung füllte ihre Stimme. »Edith ... ich muß dich warnen: Ich beobachte das schon seit einiger Zeit, daß du dein gesundes Urteil über englische Menschen und Dinge verlierst!« »Ja ... es hat sich geändert, Mama!« »Und ich glaube auch – so sehr ich zögere, es auszusprechen – den Grund zu kennen! Es ist dein Mann!... Du bist von ihm getrennt. Aber sein Geist lebt in dir fort ...« Edith hob den Kopf. Ihre Mutter schloß: »Es scheint fast, als ob er jetzt, aus der Entfernung, mehr Einfluß auf dich ausübt als früher, so lange ihr zusammen wart!« »Ja!« versetzte Edith Merker so ruhig, daß Mrs. Wilding und Mrs. Mac Cornick sie ungläubig musterten. »Ja!« wiederholte sie nach einer Weile in einer leidenden Entschlossenheit. »Wundert euch das so? Mich auch! ... Aber ich kann nichts dafür! ... Ich fange an, die Welt mit seinen Augen anzuschauen! ... Es kommt so allmählich über einen!« »Dagegen muß man ernstlich ankämpfen, Edith!« Die junge Frau lächelte trübe. »Ach, gute mother – er ist ja so viel stärker als ich. Jetzt. Früher nicht. Jetzt bleibt er fest. Ist hart. Ich hätt' es nie geglaubt. Und ich ...« »Du solltest dir sagen, Edith, daß eine Engländerin ...« »Ich bin keine Engländerin und keine Deutsche! Ich bin eine Frau. Seine Frau. Ich will zu ihm ...« Es kam aus gepreßtem Herzen. Die Ladies staunten bange Edith Merker an. Die fuhr in einer Aufwallung plötzlicher Leidenschaft fort: »Ihr habt ihn nie zu nehmen verstanden. Immer habt ihr ihn geringschätzig behandelt, vom ersten Tag ab, wo er den Fuß in unser Haus gesetzt hat! Immer war er der arme deutsche Vetter und mußt' es fühlen! Daß ihn das allmählich erbittert und euch – und dank euch auch mir entfremdet hat, das ist eure Schuld!« »Niemand!« versetzte die alte Dame würdevoll. »Niemand hat ihn je gehindert, mit dir als Offizier in Deutschland zu bleiben. Es war sein freier Entschluß ...« »Ja. Das war sein Fehler! Den büßt er jetzt ab, da oben, in Sibirien! Und ihr seht das nicht ein! Ihr helft ihm nicht! Im Gegenteil: Ihr legt ihm Steine in den Weg ...« »Sollen wir eifriger sein als du selber, Edith? Willst du denn etwa zu ihm, in dieses schreckliche Land?« »Ich will!« sagte Edith Merker einfach. »Ich will bei ihm sein, wo es auch sein mag. Mir ist es gleich. Nur bei ihm. Dies letzte halbe Jahr war zu schrecklich!« Das hatten die beiden doch nicht erwartet. Eine gute Weile schwiegen sie in wortloser Mißbilligung, in den heiligsten Gütern Großbritanniens gekränkt. Endlich begann die hagere graue Lady: »Du bist leidend, Edith! Man sieht es dir an! Du schläfst schlecht. Du ißt nichts – du wirst immer blasser ... Du treibst keinen Sport mehr ... Nichts macht dir Freude – nichts gewinnt dir ein Lächeln ab ...« »Ist's denn ein Wunder, mother ?« »Du mußt dich zerstreuen, Edith! ... Andere Eindrücke haben!... Wir wollen packen und auf ein paar Wochen nach Paris!« Edith Merker sah ihre Mutter mit einem seltsamen Ernst an, der ihr früher fremd gewesen war. »Siehst du, Ma – das ist's!« sagte sie. »Die ganze Welt ist in Aufregung, die Kurse fallen, Pa sitzt da voller Sorgen. Mein Mann steht vor dem Krieg. An dir gleitet das ab. Du sinnst nur darauf, dich in Paris zu vergnügen! So seid ihr alle! Ihr wißt gar nicht, wie unrecht das ist, nur an sich zu denken! ... Ich hab's auch getan. Ich war ja so erzogen. Aber jetzt ändert sich in mir allmählich vieles. Ich hab' so viel Zeit, darüber nachzudenken ...« »Kind ... Kind ... besinn dich ... komm zu dir ... Du denkst deutsch! Du denkst wie dein Mann!« »Ja ...« sagte die junge Frau aufrichtig. »Ich glaube auch, daß ich das tue! Und immer mehr! Ich bin euch schon in vielem fremd, mother !« »Hast du's gehört, John: Ihre Eltern werden ihr fremd!« Mrs. Wilding lachte schrill auf, während das Auto vor ihrem schmalbrüstigen Herrschaftshaus nahe dem Grosvenor-Platz hielt. Ihr Mann kam ihr nicht zu Hilfe. Das ganze Gespräch war unbeachtet an seinem Ohr verklungen. Er stieg aus und ging schwerfälligen Schrittes sofort hinauf in sein Arbeitszimmer. Dort lagen Depeschen auf dem Tisch. Das Telephon läutete gerade, als er eintrat, Sturm durch den leeren Raum. Er setzte sich und fing an, durch den Draht zu sprechen. Die heisere Stimme des alten Mr. Mathes antwortete ihm. Bald kam das City-Original selbst, verwildert und schäbig wie immer, einen Stoß Papiere unter dem Arm, in einem Taxi angesaust. Andere Geschäftsfreunde folgten. Wagen um Wagen fuhr vor. Das Gemach oben füllte sich mit ernsten, halblaut sprechenden Gentlemen, die heute sogar ihr Dinner im Stich ließen, den Klub mieden, ihren Abendfrack nicht anzogen, im Ernst der Stunde. Dazwischen bimmelte immer wieder schrill das Telephon und unten, durch die vornehme Ruhe von Belgravia, heulten die Zeitungsjungen: ›Die letzten Neuigkeiten! ... Engländer und Deutsche einander gegenüber im Persischen Golf!‹ ... und dann eine helle Kinderstimme, die anderen Bengel überbietend, alle Schrecken der Geschäftsleute oben, der Börsen des Erdkreises vorwegnehmend: ›Kriegsgefahr mit Deutschland ...‹ Edith Merker saß inzwischen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester im Drawing-Room. Der Teekessel summte durch das Stimmgewirr der zahlreichen, zu Besuch gekommenen Damen. Zwischen ihnen standen all die vielen Tellerchen und Schüsselchen, mit den Butterschnitten und Kuchenstücken, den Süßigkeiten und Marmeladen eines umständlichen englischen Fünfuhrtees. Sie aßen und tranken, sie plauderten, die Tassen in der Hand, und stimmten einander ewig bei. Es war das alte Gesellschafts- und Sportgerede – Dinge, die auch die jüngere Tochter des Hauses früher brennend interessiert hätten. Sonderbar: jetzt hörte sie nur wie von außen zu. Wie ein Gast. Sie fühlte sich nicht mehr eins mit dieser Welt um sie her. Dann horchte sie auf. Eine ältere Lady, die Verwandte eines Mitgliedes des Unterhauses, die von den anderen mit großer Ehrerbietung behandelt wurde, sagte: »Wir werden im Kriegsfall hunderttausend Mann in Belgien landen und an den Rhein marschieren lassen. Da fallen sie den Preußen in den Rücken!« »Und dann?« Edith Merker sprach in letzter Zeit so selten, daß sich alles nach der ungewohnten Stimme umdrehte. Sie fügte gereizt, mit einem spöttischen Auflachen, hinzu: »Bismarck hat einmal gesagt: Dann wird er uns durch einen Landgendarmen verhaften lassen!« »Oh ...« Es rollte wie ein Schauer der Mißbilligung durch die Runde. Einige Ladies rissen die Augen auf – andere hatten den Mund offen – die dritten machten strafend ernste Mienen. Oooh ... das war nicht gut Englisch gesprochen. Die alte Dame von vorhin sagte das auch und stellte dabei ihre Tasse hin ... sie war wahrhaftig erschrocken ... Aber Mrs. Merker zuckte trotzig die Schultern. »Ihr habt ja keine Ahnung, was die deutsche Armee ist! Unsere Herren auch nicht! Sie dienen ja nicht! Ihr würdet euch wundern ...« »Ooooh ...« »Wir würden froh sein, wenn wir wieder heil auf unsern Schiffen sind! ... Die Deutschen lachen überhaupt über diese Idee!« »Großer Gott: Warum sagen Sie solche Dinge, Mrs. Merker?« »... weil ich die Frau eines preußischen Offiziers bin, Mrs. Simpson!« Es klang herausfordernd in seiner Unbefangenheit. Dabei wußte jeder in diesem Kreise, daß Edith Merker schon seit einem halben Jahr ihren Mann allein in Deutschland sitzen ließ. Die junge Frau machte sich nichts aus diesem vielsagenden Kopfschütteln und Lächeln. Sie fuhr heftig fort: »Überhaupt: unsere Art gegen Deutschland ist nicht die richtige! ... Einmal fürchten wir uns kindisch vor ihnen – so hab' ich seinerzeit meinen Mann kennen gelernt, als vermeintlichen deutschen Spion – dann wieder denken wir, sie sollen vor uns ins Mauseloch kriechen!... Die Deutschen machen es ebenso ungeschickt. So werden wir nie zueinander kommen!« Ediths Mutter zog ein Gesicht, als wollte sie sagen: ›Kriege du doch erst den einen Deutschen, der dein Mann ist, unter, ehe du über ganz England den Stab brichst!‹ Eine andere kühle, blonde britische Lady meinte laut: »Ich finde das nicht weise gesprochen von einer Engländerin, Mrs. Merker!« »Ich bin ja auch durch meine Heirat eine Deutsche!« »Oh, wie schrecklich!« rief eine sehr alte Dame. Man hatte es ihr erst begreiflich machen müssen, daß Mrs. Edith Merker eine Preußin – nein – eine Badenserin – kurz eine Deutsche sei! Nun war sie ganz verängstigt. Da hatte man die Vorposten des Feindes also schon mitten im Lande, hier am friedlichen Teetisch. Eine andere Lady forschte bang: »Fühlen Sie sich denn wirklich als Deutsche, Liebste?« »Nein!« »Was würden Sie denn da tun, Sie Ärmste, wenn es Krieg gibt?« »Ich werde Verwundete pflegen!« sagte Edith. »Die haben kein Vaterland. So wenig wie ich!« Sie stand auf und fügte hinzu: »Nützlich machen will ich mich! Ich fürchte, wir haben zu wenig Pflichten hier im Lande!« Damit ging sie hinaus, die Ladies sprachlos zurücklassend. Und ihr selbst war zumute, als sie die Türe hinter sich zumachte: Da drinnen ist England. Ich gehöre nicht mehr dazu! Sie stieg die Treppe empor und kam am Zimmer ihres Vaters vorbei. Es war offen. Die meisten Geschäftsfreunde hatten sich wieder entfernt. Nur der alte Mr. Mathes stand breitbeinig mitten in dem Gemach, die Hände in den Hosentaschen, die Zigarre schief im Mund. Mit seinem struppigen Haar und Bart, dem vorgewölbten Bauch, dem vernachlässigten Anzug schien er Edith die Verkörperung jenes Zerrbilds eines Deutschen, wie es der »Punch« zuweilen brachte. Er sagte mit seiner heiseren Stimme zu John Wilding: »Nein ... Johny: Ich wage mich nicht mehr weiter vor, so wenig wie die anderen Gentlemen, die uns eben verlassen haben! ... Ich habe mich schon viel zu tief in deine Haussemanöver eingelassen! Ich hab' kein Fiduz mehr darauf! Ich gäbe was drum, wenn ich meine Positionen lösen könnte!« John Wilding saß am Tisch, mit dem Rücken gegen die Türe. Er meinte leise, mit der Trockenheit des Geschäftsmanns: »Du kennst doch die deutsche Regierung! Sie gibt schließlich immer nach!« »Gottlob!« »Warum sollte sie es diesmal anders machen. Sie wird ihr Schiff abberufen. Die Kurse werden stürmisch haussieren ...« »Oder die Flinten einmal von selber losgehen! Ich trau' dem Landfrieden nicht! ... Bis auf weiteres heißt's bei mir: ›Hände weg!‹ ... Wozu hast du denn deinen Mitschwiegervater Fleck? ... Wozu hast du denn MacCornick?« »Sie wollen alle nicht mehr mit!« sprach der alte Citymann gedrückt und stützte, ohne sich umzusehen, die Stirne wider die Hand. »Na ... siehst du wohl ... Und ich soll der Dumme sein?« Mr. Mathes lachte herzlich. »Also guten Abend, old boy !« Er klomm, schnaufend und bedächtig, die enge Treppe hinab, um irgendwo in einer Kneipe des Westens oder in einem obskuren Klub sein einsames Mittagbrot einzunehmen. Er war Edith nicht mehr begegnet. Sie hatte schon vor ihm ihren Weg zu ihren beiden Zimmern im zweiten Stockwerk fortgesetzt. Da saß sie, die Hände im Schoß gerungen, um sich die wachsende Dämmerung, in einer steigenden Angst. Sie konnte das Geschrei der Zeitungsverkäufer draußen nicht mehr ertragen. Es malte ihr immer dräuendere Schatten in das Zwielicht des Gemachs. Die wuchsen in ihrer Einbildung: Der Krieg war schon erklärt! ... Ihr Mann mußte ins Feld. Gott sei Dank – er diente nicht in der Flotte ... es war keine unmittelbare Not ... aber sie war doch nicht bei ihm in der Stunde der Gefahr ... sie nahm nicht von ihm Abschied ... sie war hier im feindlichen Lager ... Und wenn jene Landung der hunderttausend Mann doch zustande kam, von der die Ladies unten schwatzten – wenn wirklich am Rhein die Kugeln pfiffen ... und sie sollte hier sitzen – warten, was geschah ... was für Nachrichten kamen ...? Sie sprang auf. Sie suchte sich zu beruhigen. Sie sagte sich: Es ist ja noch nicht so weit! ... Die Wolke wird sich verziehen wie immer. Und Helmuts Regiment steht im äußersten Osten, an der russischen Grenze. Da werden sie's lassen! Er kommt nicht vor den Feind! Der Feind – das sind wir! Das bin ja ich – seine eigene Frau ... Auf einmal hatte sie die Vorstellung, sie dürfe hier nicht länger bleiben. Es war Verrat. An ihm. Sie wußte, man ließ sie hier nicht gutwillig fort. Es gab schreckliche Auftritte mit den Eltern. Lieber in der Stille. Wie ein Dieb in der Nacht. Sie nahm Hut und Mantel und stieg behutsam nach unten. Bei ihrem Vater waren wieder Leute. Sie hörte jenseits der jetzt geschlossenen Türe ein näselndes Organ: » Well – man darf das nicht laut sagen, aber unser Erstes wäre doch ein unvermuteter Überfall auf die deutsche Flotte ... noch vor der Kriegserklärung ...« Edith Merkel trat auf die Straße. Es war ein warmer, lieblicher Frühlingsabend. Alles voll von Menschen. Herren im Zylinder und Cutaway, Damen in lichten Toiletten. Erst als sie den Trafalgarplatz überschritt, standen da erregte Gruppen, füllten drüben schwärzlich die Stufen der Nationalgalerie, drängten sich hier zwischen den ehernen Riesenlöwen um einen Volksredner, auf den von schwindelnd hoher Säule, wie vom Himmel her, Nelsons kleine, schmächtige Gestalt herniedersah. Auf dem lichterhellen Strand war ein noch tolleres Leben wie sonst. Ein ungestüm rennender Zeitungsjunge stieß an Ediths Kniee an, stolperte, griff an die Mütze: »Verzeihung, Ma'm!« und brüllte im Weiterlaufen: »Ungeheure Kohlenbestellungen der Admiralität in Cardiff! Sofort zu liefern!« Und wie ein Echo drüben eine Stimme: »Das Maltageschwader mit versiegelter Order in See!«, ein ferner Ruf: »Lloyds Risiko dreißig Prozent!« Ediths Herz klopfte. Sie blieb stehen. Ein Schutzmann bemerkte die einzelne Dame und geleitete sie höflich über den Fahrdamm. Sie dankte und setzte ihren Weg fort. Sie frug sich: Als was geh' ich hier? ... Bin ich eine Deutsche unter Engländern? Bin ich eine Engländerin, die nach Deutschland soll? ... Ich weiß es nicht! ... Ich weiß nur eines: ich will zu meinem Mann – zu meinem Mann ... Da war schon der Gitterabschluß vor dem Auffahrtshof der Charing-Croß-Station. Sie trat hinein. Oben in der mächtigen Bahnhofhalle war das gewohnte Getümmel. Es waren eben Festlandzüge angekommen. Reisende mit ihrem Handgepäck bahnten sich ihren Weg, suchten ihre Koffer, standen vor den Schranken der Zollabfertigung mitten auf dem Bahnsteig. Edith hörte, wie einer der Wartenden, ein Deutscher, laut in seiner Muttersprache zu einem englischen Geschäftsfreund, der ihn abgeholt hatte, sagte: »Es ist Bluff!... Auf beiden Seiten ... In drei Tagen scheint wieder die Sonne und keiner will's gewesen sein ...« Edith Merker trat zur Seite. Sie wollte nichts mehr hören. Sie war plötzlich tieftraurig. Mutlos. Unentschlossen angesichts dieser rauchenden Lokomotiven, dieser Pullman-Wagen, dieser eilenden Menschen. Es ging ihr durch den Kopf: Und wenn ich noch einmal reise, wie ich es schon vor einem Vierteljahr tat – wie komm' ich denn zu ihm? ... Mit leeren Händen! ... Ich bring' ihm nichts. Nichts als mich selbst! ... Er wird mich nehmen, küssen, glücklich sein ... Und doch bin ich ihm eine Last ... Hemme ihn auf dem Weg, den er schreitet ... Wovon sollen wir denn leben? ... Er kann dann mit mir, ohne Geld, nicht mehr Offizier bleiben! ... Ich werde erst recht wieder sein Unglück! ... Er wird mir vielleicht keine Vorwürfe machen. Aber ich ... ich selbst verzeih' es mir nie!... Ich tu' gerade das Gegenteil von dem, was ich ihm schuldig bin! Wenn ich ihm und mir helfen will, dann muß es hier sein! Ein neuer Gedanke hatte sie erfaßt. Eine letzte Hoffnung. Wenn je, dann war jetzt die Stunde dafür gekommen. Sie drehte rasch um, stieg vor dem Bahnhof in ein Taxiautomobil und fuhr zurück in das Haus ihres Vaters. John Wilding saß einsam beim Licht der grünüberglasten elektrischen Lampe an seinem Schreibtisch. Er trug, was er nur selten tat, den Zwicker vor den müden alten Augen. Vor ihm lagen nicht wie sonst die Telegramme, Börsenzettel und Abendblätter, sondern der Bradshaw, das englische Kursbuch. Er bemühte sich, den Graukopf sorgenvoll vornübergeneigt, dessen winzige Buchstaben und Zahlen zu entziffern. Bei dem raschen und energischen Eintreten seiner Tochter fuhr er zusammen, faßte sich und lächelte schwach: »Du bist's, Edith ...« sagte er. Die junge Frau setzte sich ihm in ihrer blonden, lebensstarken Frische straff gegenüber, schaute ihrem Vater fest in das gefurchte Antlitz und begann ohne weitere Einleitung: »Pa ... du mußt mich nach Deutschland lassen, zu meinem Mann! Es ist mein Menschenrecht. Ich hab' einen Deutschen geheiratet. Ich bin verpflichtet, ihm nach Deutschland zu folgen. Es ist eine Zeit, wo man sich entscheiden muß, wohin man gehört. Niemand kann verlangen, daß Helmut als preußischer Offizier jetzt zu uns kommt. Das würden sie nicht nur drüben als Fahnenflucht betrachten, sondern auch bei uns hier. Ich wünschte nicht, solch einen Mann zu haben! Also muß ich zu ihm!« Der alte Kaufmann sah sie, das Haupt in die Hand gestützt, schweigend an. Sie fuhr bittend fort: »Es handelt sich jetzt nur um das Geld! ... Um wenig Geld! Soviel du eben geben magst! ... Wir müssen eben damit reichen. Es ist gewiß billig, dort unten am Ende der Welt. Wir werden uns einschränken!« »Und ich soll den Hausstand eines Mannes bestreiten, der uns hier morgen vielleicht schon mit der Waffe in der Hand gegenübersteht?« »Hat er je ein Hehl aus seinem Beruf gemacht, Pa? Das hättest du früher bedenken müssen, ehe du deine Tochter einem Offizier einer fremden Macht zur Frau gabst! Jetzt ist es zu spät! Ich bete ja auch zu Gott, daß er diese Prüfung von mir abwendet: ›Hier mein Vaterland, dort mein Mann!‹ Aber er ist mein Mann! ... Er ist es vor allem andern!« Sie beugte sich im Sitzen mit gefalteten Händen eindringlich gegen ihren Vater vor: »Wir stammen doch selber aus Deutschland, Pa! ... Du bist doch noch in Frankfurt geboren! ... Wir fühlen uns ja freilich als Engländer ... ich auch ... ich kann nicht anders ... ich bin ja hier zur Welt gekommen und aufgewachsen ... aber wir sind doch nicht so wie die Leute, deren Vorfahren seit achthundert Jahren im Lande sitzen! ... Zu denen gehören wir nicht ... Sie betrachten uns auch heimlich immer noch als Deutsche! ... Ich will nach Deutschland! Du warst seit vierzig Jahren nicht in Deutschland! ... Du kennst es nicht mehr! Du weißt nicht, wie ...« »Ich werde es bald sehen!« sagte der alte Herr. Edith Merkel hielt erstaunt mit der Sprache inne. Er nickte. »Ich werde es bald sehen!« wiederholte er. »Ich fahre noch heute abend nach Deutschland, Kind!« »Du ... Pa ...?« John Wilding klappte seinen Bradshaw zu und erhob sich mühsam. Er mußte sich dabei mit der Hand auf die Tischplatte stützen. Seine Tochter flog jubelnd zugleich mit ihm empor. Sie wollte ihn umarmen. »Zu Helmut, father ? ... Du wirst mit ihm sprechen?« Ihr Vater wehrte sanft ab. Auf diesen Gedanken war er selber gar nicht gekommen. »Das ist es nicht, Edith! Ich habe Geschäfte drüben ...« »Wo denn, Pa?« »In Frankfurt!« Ihre blauen Augen waren weit vor Staunen. »In Frankfurt am Main?« »Ja.« »Aber ich denke ... du hast doch immer erzählt ... du hast Großpapa versprochen, nie mehr ...« »Dein Großvater wollte, daß ich ganz englisch würde!« sagte John Wilding ruhig. »Er war verbittert. Er wollte nichts mehr von Deutschland wissen! Drum hat er mir allerdings, wie ich als junger Mensch mit ihm hierherkam, das Wort abgenommen, nie ohne zwingende Not nach Deutschland zu gehen. Das Wort hab' ich auch gehalten ...« »Und jetzt fährst du doch hin? Was ist denn geschehen, father ?« »Nichts Besonderes ...« John Wilding drückte gleichgültig auf den Knopf, um den Diener zu rufen. »Nichts, was eigentlich mich betrifft. Aber die allgemeine Lage ist so ernst, daß sie meinen Entschluß rechtfertigt Schließlich habe ich das ja auch nur mit mir abzumachen! ... Ist mein Koffer gepackt, Smith? ... Das Auto vor dem Haus? ... Gut! Warten Sie unten!« Als sie wieder allein waren, wandte er sich zu seiner Tochter und legte ihr die Hand auf die Schulter: »Auf dieser Reise wird sich viel entscheiden. Auch dein Schicksal, Edith!« »Ich verstehe dich nicht, father ! – Ich bin ganz bang ...« »Ich kann dir jetzt nicht alles so sagen. Ich bin morgen nachmittag in Frankfurt und in drei, spätestens vier Tagen wieder zurück! Habe Geduld bis dahin, Edith!« »Laß mich mitfahren! Mir ist so angst um dich!« »Nein, Kind! Auf der Reise kann ich niemanden brauchen! Du würdest dich nur langweilen! ... Geschäfte ... nur Geschäfte ...« »Werde nur nicht krank, Pa! ... Du siehst so elend aus ... Wo wohnst du denn in Frankfurt?« »Ich weiß noch nicht! ... Wenn etwas Besonderes vorfallen sollte, so telegraphiert nur an den Geheimen Kommerzienrat von Wilding. Da trifft es mich! Es gibt da, trotz der ererbten Feindschaft, jetzt dringende Angelegenheiten zwischen den Frankfurtern und mir! ... Gott befohlen, Edith! ... Verlaß dich auf mich!« »Ja, father !« Ihre Stimme klang beklommen. John Wilding, küßte sie auf die Stirne, stieg die Treppe hinab, warf einen Blick in das leere Drawing-Room nach seiner Frau – sie war schon mit ihrer älteren Tochter nach Coventgarden in die Oper gefahren, wo man den Hof erwartete, seufzte – trat vor das Haus und setzte sich in sein Automobil, das eilends mit ihm in das Dunkel der Nacht hinausschoß.   13 Das war so lange her ... so lange ... damals war man jung ... jetzt war man alt ... Es lag ein Schleier davor ... vierzig Jahre und mehr ... da verschwamm die Wirklichkeit ... Nur ferne, unbestimmte Bilder standen noch vor den müden Augen ... Ein Winter der Aufregung in Frankfurt am Main. Auf den Ballender Senatoren und Patrizier alles voll von österreichischen Offizieren. Die Sektkelche hoch: ›Nieder mit den Preußen!‹ Und dann waren die Weißröcke eines Tages weg. In endlosem Schwall, schweren Gleichschrittes, mit dem Schrillen der Querpfeifen durch den Trommelwirbel, walzten sich die Pickelhauben über die Zeil. Und dort von oben läuteten Liebfrauenkirche und Paulskirche und Römer das Ende der Freien Reichsstadt ein. Und wieder ein Jahr später lag Stroh vor dem alten Patrizierhaus am Roßmarkt, unweit dem Goethehaus. Die Möbelwagen standen gepackt. Der alte Wilding, ein Witwer, schüttelte mit seinem siebzehnjährigen Sohn den Staub der Heimat von den Füßen. England kam ... England ... Anderthalb Menschenalter England. Das war das eigentliche Leben gewesen. Das davor ein Kinder- und Knabentraum in Alt-Frankfurts, winkeligen Gassen, an den Ufern des breiten Mains. John Wilding fand in dieser Nacht in der Schiffskabine keinen Schlaf. Er dachte an seine Jugenderinnerungen aus Deutschland. Das war wie eine weite friedliche Wiese, stille Bauernhöfe, verschnörkelte Städtchen, Glöckchengebimmel von der Dorfkirche, auf jeder dritten Station, wenn man mit der Bahn fuhr, ein neuer Bundesstaat – neue Uniformen – neues Geld: Hier an Frankfurt anstoßend die Landgrafschaft Hessen-Homburg, dort das Herzogtum Nassau, drüben das Kurfürstentum Hessen-Kassel und weiter nach Norden, in der Richtung gegen England, selbst halb englisch, das Königreich Hannover. Sein Verstand sagte ihm ja: das alles war, als er Deutschland verließ, schon ein Jahr lang von der Tafel der Wirklichkeit weggewischt. Aber er schaute es noch vor sich, weil sich keine neueren Bilder dazwischen drängten, schaute das Deutschland von damals, den Deutschen Bund in der Eschenheimer Gasse, zu der er oft noch als kleiner Junge hatte bedächtig und riesig den preußischen Gesandten, den Herrn von Bismarck- Schönhausen, schreiten sehen, schaute alles altfränkisch, zopfig, ärmlich, verglichen mit dem Mastengewimmel der weltumspannenden englischen Häfen, dem Tosen und Brausen der City. Als er morgens, von Blissingen kommend, die deutsche Grenze hinter sich hatte, lag dicker Frühnebel über der Welt. Allmählich lichtete sich der zu beiden Seiten der Bahn oder vielmehr, er ging in der Ferne aus dem Weißen in das Graue und Schwarze über, den Qualm der Schlote, der, so weit das Auge reichte, den Himmel färbte. In Wäldern ragten die Schornsteine. Wie kleine Städte dehnten sich die Fabriken und Hochöfen zwischen den Schlackenhügeln, in hundertachsigen Wagenreihen standen die Kohlentransporte auf den Geleisen, glitten die Kähne auf den Kanälen, keuchten die langen Schleppzüge auf dem Rhein. Die Industrieorte folgten sich so rasch, daß sie beinahe ineinander übergingen. Jeder ihrer Bahnhöfe war mit seinen Dutzenden von Schienensträngen, seinen Güterschuppen, seinem Gewühl des Verkehrs größer als der einer englischen Mittelstadt. Wo man im Vorbeifliegen von den Brückenüberführungen auf die Straßen niederblickte, wimmelte unten schwärzlich, tausendfach, ameisenartig das Volk der Arbeit. Der Charakter des D -Zugs selber änderte sich. Es fuhren jetzt fast keine Frauen mehr mit. Lauter Männer. Sie standen bis in die Gänge hinein. Geschäftsreisende, Direktoren, Rechtsanwälte der Aktiengesellschaften mit ihren Mappen. Ihr Gespräch drehte sich um das Geld – nur um das Geld. Man hörte es von überall. Ihre Mienen waren energisch und kühl. Sie stiegen ein und stiegen aus. Es nahm kein Ende. Und immer neue Schornsteine, neue Fabriken. Es war wie in Lancashire. John Wilding saß still da, beklommen. Er hatte Lust, sich die Augen zu reiben, ihm war, als träumte er das. Eine neue Welt tauchte da vor ihm auf. Das Gefühl einer ungeheuren Wandlung überkam ihn – einer Wandlung, von der er bisher wohl viel gehört, aber doch nichts Rechtes gewußt hatte. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Ein paar Stunden lang, im Tal des Rheins – ja – da war noch das alte Deutschland – das Land der Romantik, das die Fremden liebten, mit grauen Burgen am Hang, rebenumsponnenen Häusern, traulichen mittelalterlichen Nestern von Städtchen. Aber als der Zug sich jetzt im Abendgrauen Frankfurt näherte, entfaltete sich wieder wie zuvor das düster-gewaltige Bild des zwanzigsten Jahrhunderts, das Reich des Dampfes und des elektrischen Funkens – die Arbeiterstädte mit ihren noch ganz neuen Ziegeldächern, das Glühen der Hochöfen durch die Dämmerung, die Säulen der Schornsteine – die ganze Stadt Höchst da vorn war von ihnen überschattet. Eine Fabrik neben der anderen. Ein Gewühl. John Wilding hatte in diesen wenigen Stunden mehr erfahren als in manchen Jahren seines Lebens. Die bisherige Welt verschob sich vor seinem Blick. Er sagte sich: Nein. Das ist nicht englisch. Das ist Amerika ... Der Wagen hielt in der riesigen Frankfurter Bahnhofshalle. Der alte Citymann machte wieder große Augen. Dies Wirren und Wimmeln von Menschenmassen, dies Aus- und Einrollen der von allen Weltrichtungen hier in die Kopfstation einmündenden Züge, dies Sausen und Hasten der elektrischen Straßenbahnen vor dem Ausgangsportal war ihm neu. Überall ein Hasten – die Uhr in der Hand – time is money – das Bild stimmte so gar nicht zu dem, das er in seiner, durch die Jahrzehnte verblaßten Erinnerung mit sich trug. Damals hatte er hier, wo jetzt der Kofferträger sein Gepäck auf den Automobilomnibus lud, als Bube seinen Drachen von den Stoppelfeldern aufsteigen lassen. Da, wo er nun durch den Lärm und die Läden der Kaiserstraße hinrollte, war der Vater, ein ernster, strenger Mann, auf die Hühnerjagd gegangen, wenn er nicht drüben im »Wäldchen« mit den Seinen Erholung von der Kontorarbeit suchte. Dort, an den Taunusanlagen, hatte zu seiner Zeit Frankfurt erst angefangen. Da hatten nebeneinander die kleinen altfränkischen Bahnhöfe gestanden, hellgelbe, geschlossene Mietdroschken davor. Alles noch halb wie in der Postkutschenzeit. Selbst die Zeil, die gute alte Zeil, war kaum noch wiederzuerkennen. Wo war ihre freundliche Ruhe geblieben, ihre Behäbigkeit? Auch hier, im Lichterglanz des Frühlingsabends, schimmernde Schauläden, Massen von Menschen – der Kaufherr war verwirrt und verwundert, als er sich in seinem Hotelzimmer allein fand. Er wußte nicht mehr, war dies Frankfurt seiner Jugend ein Traum oder das, das er jetzt mit grauen Haaren wiedersah. An die Wirklichkeit der beiden Städte, an die Wandlung der einen in die andere vermochte er nicht zu glauben. Und doch sagte er sich: Stammte ich aus Düsseldorf oder Köln oder Mannheim und würde jetzt nach anderthalb Menschenaltern meine Heimat wieder betreten, so würde es mir ebenso ergehen. Überall in Deutschland ist das gleiche Blühen und Wachsen. Überall werden sie reich. Man sieht es. Er suchte im Adreßbuch den Namen seines Vetters und schüttelte den Kopf über dessen viele Titel und Würden: Geheimer Kommerzienrat, Generalkonsul, Dr. ing. hon. c. ... Auch der hatte hier eine andere Stellung, als sich John Wilding gedacht. Er mußte einer der ersten Männer der Stadt sein, das Leopoldche, mit dem er sich als zehnjähriger Bub im Hause ihres gemeinsamen Großvaters, des Herrn Senators, herumgebalgt. Alles war hier gewachsen, hatte sich ins Unwahrscheinliche vergrößert. John Wilding fühlte sich gedrückt, in all seiner kühlen englischen Respektabilität. Es war um ihn das Wehen eines neuen Geistes. Er war zu alt. Er hatte Angst davor. Und vor sich selber. Und vor der Zukunft. Er setzte sich hin und schrieb. Er hätte es gern herzlicher gestaltet. Aber britische Trockenheit und Zurückhaltung ließen das nicht zu. »Lieber Vetter Leopold! Ernste Geschäftsangelegenheiten, über die ich auch mit Dir sprechen wollte, führen mich zum erstenmal seit vierzig und mehr Jahren wieder in meine Vaterstadt. Ich denke daran, daß wir als Knaben miteinander gespielt haben, und nichts kann mir angenehmer sein als die Erinnerung daran, wie freundlich Du meine Tochter Edith während ihres kurzen deutschen Aufenthalts in der Garnison Alsheim bei Dir aufgenommen hast. Ich wäre wahrhaft erfreut, Dir dafür die Hand drücken zu dürfen. Hoffentlich geht es Dir und Mrs. von Wilding gut. Ich bitte, mich ihr zu empfehlen. Ich bin Dein gehorsamer Diener und Vetter John Wilding.« Er merkte bei der Abfassung der Zeilen, wie schwer ihm das Deutsch-Schreiben doch schon fiel. Mit dem Deutsch-Reden ging es noch ohne Not. Aber der Weg durch die Feder führte ihn vollständig in eine fremde Sprache hinein. Das war ihm eine plötzliche Last auf dem Herzen, hier, wo deutsche Luft und deutsches Wesen ihn umgab. Er sandte den Brief durch einen Boten, der auf Antwort warten sollte, nach dem nahen Hause des Vetters, nahm, von innerer Unruhe getrieben, seinen Hut und ging wieder auf die Straßen hinaus, ein kleiner, unscheinbarer Herr, der sich im Menschengewühl der Bürgersteige wie ein Tropfen Wasser in den Wellen verlor. Er stand trübe und sinnend vor dem elterlichen Patriziergebäude am Roßmarkt. Es hatte sich nicht viel verändert. Er konnte noch das zweifenstrige Giebelfenster erkennen, wo damals der junge Sohn des Hauses gewohnt, der noch nicht John, sondern Jeanche hieß, und unten im Kontor unter Aufsicht des alten bebrillten Prokuristen, des Herrn Bolzani, der trotz seines Namens ein guter Frankfurter war, in die Geheimnisse der italienischen Buchführung, in Skonto und Valuta, in Delkredere und Rimessen eindrang. Er hörte um sich das trauliche Frankfurter Deutsch, das er seit Jahrzehnten nicht mehr vernommen, er dachte an die Apfelweinkneipen drüben in Sachsenhausen, an die steinalte, blinde Tante Lottchen draußen in der Schönen Aussicht, die noch Goethes Mutter gut gekannt hatte, und deren sich jetzt außer ihm wohl kein Mensch mehr entsann, und immer trüber wurde dem einsamen alten Mann ums Herz – ein sonderbares Bewußtsein: das war der Anfang deines Lebens. Und jetzt ist hier wieder das Ende. Bald ist's so weit. Bald ruft dich der da oben. Bald hast du Hauptbuch und Sorgen hinter dir... Und das ist gut so ... Du kannst es ja doch nicht mehr tragen ... Es ist zu viel ... »Basse Se doch uff!« sagte neben ihm gemütlich ein Mann mit einer Traglast, der ihn angestoßen hatte. John Wilding schaute verwirrt um sich. Wo war er denn? Ach ja ... richtig ... Er schloß eine Sekunde die Augen und fuhr wieder mit der Hand über die Stirne, in einer seit Jahren gewohnten Bewegung. Dann ging er zurück nach dem Hotel. Er kümmerte sich nicht um den Weg. Er fand ihn unbewußt. Seine Füße trugen ihn blindlings wie einst als jungen Mann durch die krummen Gassen der Altstadt zur Zeil und zum Ziel. Vor dem Gasthof stand eine mächtige Stadtlimousine ... Davor, in tiefem Respekt von einem barhäuptigen Geschäftsführer geleitet, ein breitschulteriger, hochgewachsener Herr mit grauem Vollbart und gebieterisch unter der Zylinderkrempe vorspringendem Profil. Er sprach wie einer, dessen Wort Befehl war: »Also, wenn Mr. Wilding zurückkommt: ich war hier, um ihn zu holen ...« »Sehr wohl, Herr Geheimrat!« »... und freue mich, wenn er heute abend bei mir ißt!« »Sehr wohl, Herr Geheimrat! ... Oh ... da ist ja der Herr!« Die beiden Vettern, der große und der kleine, schauten sich einen Augenblick zweifelnd an. »Leopold?« »John?« Dann schüttelten sie sich die Hände und der Generalkonsul von Wilding sagte in seiner kurzen, bestimmten Art: »Na ja: wir sind beide grau geworden! ... Kein Wunder!... Komm mit! Steig ein! ... Die Suppe wartet!« »Aber ich muß doch erst den Frack ...« »Warum denn? Wir sind unter uns! ... Du wirst hungrig sein. Ich bin's auch! Ich hab' keine Zeit!« Das alles kam militärisch, selbstverständlich heraus. Ein ungestümer Wille, der gewohnheitsgemäß jeden Widerspruch und Widerstand mit einer Handbewegung beiseite schob. Leopold von Wilding ließ seinem englischen Vetter den Vortritt in das Automobil und folgte ihm dann. Auf der Straße blieben ein paar gutgekleidete Männer aus dem Volk mit roten Schlipsen stehen und sahen ihn finster an. Sie hatten ihren unversöhnlichsten Gegner erkannt, den Mann, der überall, in der Presse wie in der Volksversammlung, vor den Streikausschüssen wie in den Konferenzzimmern der Bankherren und Großindustriellen der Sozialdemokratie seine eiserne Stirne bot ... Jetzt, bei sich zu Hause, war er ein liebenswürdiger, wenn auch ernster Wirt. Sein Wesen stimmte zu dem schweren, unaufdringlichen Luxus, der vom Tor ab durch die Treppenhalle empor alle Räume erfüllte: Reicher, mit seiner lautlosen, glattrasierten Dienerschaft, seinen alten Meistern an den Wänden, seinem wuchtig prunkenden Silber und seinen Treibhausorchideen auf der Tafel konnte auch in England kein Patrizierhaus sein. John Wilding gestand sich auch das mit neuem Staunen. Er hatte die Frankfurter Hauptlinie des Hauses Wilding natürlich als wohlhabend im Gedächtnis. Aber er wußte auch, daß dieser Reichtum seinerzeit bei der Vermögensauseinandersetzung einen schweren Stoß erlitten hatte. Dieser Dunstkreis von Millionen über dem Tisch – das beurteilte er als Kaufmann am besten – war wenig ererbt, das meiste Erwerb, kam nicht von Zinsen alter Zeiten, sondern aus der Tätigkeit des Tages, spiegelte die rastlose Arbeit wider, die er seit heute früh an den Ufern des Rheins in jeder Gestalt verkörpert gesehen. Und wieder sagte er sich: Wo haben wir nur in der City unsere Augen? Wohl fürchten wir die Deutschen. Wohl schimpfen wir auf sie. Aber was sie eigentlich sind – jetzt sind – das wissen wir doch nicht ... Von Geschäften wurde natürlich bei Tisch noch nicht gesprochen. Es waren außer dem Geheimen Kommerzienrat von Wilding nur noch seine Frau, auch aus Alt-Frankfurter Senatorengeschlecht, und sein Sohn, der einstige Oxforder Cecil-Rhodes-Stipendiat, anwesend, der nun in Berlin im Staatsdienst stand. Der Hausherr ergänzte in einer Pause des Gesprächs das, was John Wilding sich im stillen dachte: »... Ja! Uns geht's gut, Vetter John!« sagte er. »Zu gut!« »Wieso zu gut?« »Wegen euch! ... Ihr verstopft uns die Ventile! Unser Deutschland von heute ist wie ein mächtig arbeitender Dampfkessel, geladen mit Expansionskraft, die nach außen drängt ... drängen muß ... nach einem Naturgesetz. Aber wo immer auch aufgespeicherter Wille nach einem Ausgang sucht, da steht ihr schon und versperrt ihm den Weg! ... Wenn du heimkommst, John, dann sag deinen Cityleuten einen Gruß von mir, und das Manometer in Germany stände auf 99! ... Wenn wir in die Luft fliegen ... wir sind euer bester Kunde! ... Wir nehmen euch mit auf die Reise und das ganze alte Europa dazu ... Zum Gaudium der Yankees und Japs ...« Er hob die Tafel auf, brannte sich eine Zigarre an und sagte zwischen den Zähnen halblaut und gleichgültig, aber dabei der ganze Mann eine einzige stählerne Tatkraft: »Und dann fangen wir von vorne an!« Er ging zur Türe. »Aber nun genug davon! ›Ein garstig Lied, pfui – ein politisch' Lied!‹ sagt unser großer Hiesiger, Goethe ... Zu solchen Klubdebatten bist du ja auch wohl nicht nach Deutschland gekommen, John?« Der alte Citymann schüttelte gedrückt den Kopf. Er folgte dem anderen in das Rauchzimmer. »Nein. Ich hab' mich nie viel mit Politik befaßt!« »Auch drüben nicht?« »Nein!« »Ich dachte, das müßte jeder waschechte Brite ...« »Ich hatte zu tun!« sagte John Wilding. »Und was die Waschechtheit betrifft – anfangs war ich doch eigentlich Deutscher ... galt wenigstens halb dafür ... und wie sich das dann im Lauf der Jahre verlor und ich eine Engländerin zur Frau hatte, ja ... Man spinnt sich dann so ein im Geschäft! Man schaut nicht mehr über das Kontor hinaus! Das weißt du ja auch! ...« »Nee – das weiß ich gar nicht, mein Liebster!« sprach der Geheimrat von Wilding entschieden. »Mich findest du überall! Ich bin in Deutschland bekannt wie ein bunter Hund! Besonders bei der roten Rotte Korah! ... Wenn die könnten, die hängten mich noch heute nacht mit Wonne! Macht mir Spaß! ... Ohne Feinde war' es mir langweilig auf der Welt... Wenn sie mich mal begraben, na – das allgemeine ›Uff!‹ hört' ich gerne ...« Er lenkte ab. »Na ... verdienst du wenigstens grob, Vetter John?« frug er in versöhnlicherem Ton und streifte dabei die Asche von seiner Havanna. »Geht das südamerikanische Geschäft?« »Danke! Es macht sich! Zur Not! Die goldenen Zeiten sind ja freilich vorbei! Die deutsche Konkurrenz...« John Wilding warf einen unsicheren Blick auf den Sohn des Hauses, der neben ihm in den eben angekommenen Abendzeitungen blätterte. In dessen Gegenwart wollte er nicht recht mit der Sprache heraus. Jetzt schlug der junge Diplomat, halb lachend, halb zornig, mit der Hand auf den Tisch und warf die »Daily Mail« weg. »Nee – Herrschaften ... Es geht nicht!« sagte er. »Es geht so nicht weiter! ... Da wieder: ›Warnung an Deutschland!‹... Als ob wir Schulbuben wären!... Die ganze Welt eine große politische Kinderstube und England darin die Gouvernante mit der großen Rute!... Verzeih, Onkel! Aber es wird direkt schon lächerlich!... Am lächerlichsten freilich ist unsere Geduld!« John Wilding schwieg. Er wollte keinen Streit. Er hatte anderes im Kopf und auf dem Herzen. Sein Neffe Wolfgang fuhr fort: »Da steht: Übermorgen ist die entscheidende Sitzung im englischen Unterhaus. Anfrage, was Deutschland im Persischen Golf zu suchen habe! Der Minister des Auswärtigen wird antworten! Herrjesus – wir sind dort mit demselben Recht wie andere Christenmenschen auch! Es wird ja nachgerade zu toll!« Er sah dabei kampflustig seinen britischen Oheim an. Der war, seit er Geld verdiente, seit fast einem halben Jahrhundert, grundsätzlich immer der Meinung der anderen. Er zuckte auch jetzt nur halb bedauernd die Schultern und nickte beistimmend. Es war Unruhe in ihm. Der Geheimrat merkte das. »Nun könntest du dich allmählich verziehen!« sagte er zu seinem Sohne. ... »Wenn ich deinen Brief vorhin recht verstanden habe, John, hast du mit mir Geschäftliches zu besprechen? Nicht wahr? ... Gut! Ich bin bereit!« Als der junge Mann das Zimmer verlassen hatte, nickte ihm der Finanzgewaltige mit dem mächtigen Graukopf nach und sprach: »Nimm's nicht krumm, Vetter John! ... Der Junge ist eben ein strammer Deutscher und soll's bleiben, so Gott will! ... Zum Beispiel ... nimmst du noch 'ne Zigarre? ... Hier ... bitte ... zum Beispiel ... wir sprachen bei Tisch von deiner Tochter Edith! ... Das ist eine allerliebste kleine Frau! Ich hab' mich immer gefreut, wenn sie hier bei uns war, mit ihrem drolligen Englisch-Deutsch! ... Aber dein Schwiegersohn ... der Merker ... offen gesagt: der hat mir gründlich mißfallen ... siehst du ... das war einer, den ihr da drüben glücklich bis über die Ohren eingeseift habt ... äußerlich ein simpler deutscher Infanteriste und innerlich schon halb ein Engländer ... blasiert ... arbeitsscheu ... stolz auf Geld, das er nicht verdient hat, genau so, wie ich meinen Sohn nicht sehen möchte ...« »Und nun sitzt er doch seit einem halben Jahr hartnäckig fern von Frau und Kind in seiner schlesischen Garnison ...« »Du hast es mir erzählt!« sagte der Geheimrat, »und ich hab' mich gewundert! ... Aber ich glaub' nicht daran ... ich meine, daß diese Wandlung bei ihm von Dauer ist! ... Wem sich die Faulheit mal so in die Knochen gefressen hat ... immerhin ... Aber nun genug davon! Zum Geschäft! ... Also: Ich höre!« Der alte Citymann holte tief Atem. Es war, als wenn er an etwas würgte. Er zog ein Notizbuch heraus und hielt es in der Hand. Aber er klappte es nicht auf. Er stockte. Endlich begann er unvermittelt: »Dein Sohn hat mir vorhin die Leviten gelesen! ... Du auch! ... Ihr meint, man müsse mehr Stellung im Leben nehmen ... Aber man verdirbt es dadurch mit so vielen ...« »Mir ganz wurst!« sagte der Geheime Kommerzienrat und rauchte. »Nun ... ich war da anderer Ansicht. Ich habe mich dazu nicht berufen gefühlt. Mr war jeder recht, mit dem ich Geld machen konnte!« Herr von Wilding zuckte gleichgültig die Achseln. Die ursprüngliche Schroffheit seines Wesens schimmerte nun, wo man sich den Geschäften näherte, hindurch. »Halte das, wie du willst!« sagte er. »Bei mir, einem Deutschen, brauchst du dich deswegen nicht zu entschuldigen! ... Du bist doch naturalisierter Engländer!« »Ja ... das wohl ...« »Was geht das also mich an? Wir wollen jetzt von unseren Angelegenheiten reden, John! Ich hab' nicht so viel Zeit.« »Eigentlich bin ich ja schon dabei!« Der kleine, gedrückte Citymann rang schwer nach Worten. Er nahm sein Tuch aus der Tasche und trocknete sich die Stirne. »Ist dir zu heiß? Soll ich das Fenster ...« »Nein ... danke ... du sagst, ich bin Engländer!... Aber wenn ich nun Frankfurt wiedersehe ... Ich bin doch hier geboren ... Es war doch meine Heimat...« »Zwei Vaterländer kann der Mensch nicht haben, mein Teuerster!« »Ich hab' sie doch als junger, unreifer Mensch nicht aus eigenem Entschluß verlassen, sondern weil mein Vater es so wollte ...« Der große, graubärtige Mann vor ihm ließ seinen eigentümlich herrischen Blick auf dem Besucher ruhen. Er lächelte sonderbar, während er versetzte: »Dein Heimweh kommt ein bißchen spät, mein guter John!« »So lange mein Vater lebte ...« »Dein Vater ruht seit dreißig Jahren in englischer Erde...« »Aber ich habe ihm versprechen müssen, nicht hierher zurückzukehren!« »Das mag ja alles sein!« Der Generalkonsul von Wilding war kein Mann von viel Geduld. Aber er hielt an sich. Er meinte nur kühl: »Wollen wir nicht jetzt das Geschäft ...« »Und ich hab' doch meine nächsten Blutsverwandten hier?« »Na ... hast du dich denn je um uns gekümmert! Auszahlen haben wir euch Londoner müssen und damit war es Schluß!« Der Frankfurter Patrizier lachte. »Sag, Vetter John ... seit wann bist du denn so sentimental auf deine alten Tage? Oder warst du's heimlich immer? ... Findet hier keine Gegenliebe!... Nee ... so sind wir nicht!... Immer die Beine warm und den Kopf kühl! Nun mach schon endlich dein Notizbuch auf und schieße los! ... Wenn das Geschäft was taugt, mach' ich es mit dir so gut wie mit jedem andern! Darin bin ich kein Unmensch! ... Da kenn' ich keine falsche Scheu ...« John Wilding blätterte sein Heftchen auf, aber er hielt es krampfhaft fest in der Hand. »Ja ... so sehr gut ist das Geschäft für den Anfang nicht,« meinte er stockend, bei jedem Wort mit dem Atem ringend. Der andere riß seine mächtigen, stahlharten und stahlblauen Augen auf. »Und deswegen kommst du damit zu mir? ... Danke gehorsamst! ... Findest wohl in ganz England keinen Dummen dafür und denkst: ›Da ist der deutsche Michel gerade recht!‹ Du!... So sind wir nicht mehr... nee!... nee!... Das war einmal, Anno Tobak!...« Er lachte herzlich. »›Wir sind Sie nämlich höllisch helle, mein Kutester!‹ ... wie der Sachse sagt! ... Da gib dir weiter keine Mühe! ... Da fangen wir lieber gar nicht erst an!« »So mein' ich es auch nicht!« Der alte Citymann sah mit einem so verzweifelten Blick auf, daß Herr von Wilding plötzlich ernst wurde und ihn lang und forschend, mit erwachendem Mißtrauen musterte. »So meine ich es wahrhaftig nicht!« wiederholte er fast bittend, unruhig die Hände bewegend, als könnte er damit die stockenden Worte beflügeln. »Das Geschäft geht im allgemeinen bei mir flau, wollt' ich nur sagen!... Die Hamburger Konkurrenz hat sich eben in den letzten zehn Jahren derart in Südamerika festgesetzt ... sie breitet sich immer weiter aus ... sie arbeitet sozusagen mit Nägeln und Zähnen ...« »Ja, denkst du, wir schicken unsere jungen Leute zum Kegelschieben hinüber?« »Nun hab' ich vielleicht auch einen Fehler begangen, vor ein paar Jahren. Ich habe meinen ersten Prokuristen gehen lassen, weil er unbescheidene Ansprüche stellte ...« »Taugte er was?« »Nie hab' ich einen so tüchtigen Mann gehabt! Er war meine rechte Hand!« »Herrgott ... so Leute wickle ich in Watte und stelle sie mir unter eine Glasglocke!« Der Geheimrat zündete sich eine neue Zigarre an. »Kerle, die was taugen! ... Ich dank' meinem Schöpfer für jeden, den ich find'! ... Die halt' ich! ... Die werden was durch mich! Das wissen sie auch überall in Deutschland ... Wie hieß er denn?« »Hinrichsen.« »Der, der jetzt da drüben in Chile alles macht?« »Ja ... der ...« »Und den hast du laufen lassen?« Herr von Wilding legte erschüttert die breiten, nervigen Hände ineinander. »John! John! John! ... Ich kenne dich ja nicht mehr, seit ich dich vor fünfzig Jahren drüben beim Großpapa Senator verwichst und dir den Hosenboden zerrissen hab' und dafür am Sonntagnachmittag nicht hab' mit ins Wäldche dürfen ... Aber ich hätte dich doch für schlauer gehalten!« »Ja, es ist nun einmal geschehen!« Der kleine, stille Londoner Kaufherr fing plötzlich an, rasch zu reden. Entschlossen ... mit dem Mut der Verzweiflung. Die Worte überstürzten sich ihm, je weiter er sprach, auf den Lippen. »Und seitdem geht bei mir das Geschäft unaufhaltsam zurück! Und ich bin alt! Und ich bin müde! ... Und ich bin krank! ... Und ich kann es nicht mehr übersehen! ... Und meine Söhne faulenzen und kommen nicht ins Kontor! ... Und mein Schwiegersohn in Liverpool kommt auch nicht, sondern hat selbst zu tun! Und meine Frau kommt und will Geld! Und meine Töchter kommen und wollen Geld. Und meine Schwiegertochter will Geld!... Alle hängen sie an mir wie die Blutegel... Und ich mag den Lärm der City nicht mehr hören ... ich will bloß Ruhe haben ... schlafen ... ach Gott... ach Gott...« John Wilding versagte die Stimme. Er saß da wie auf der Anklagebank, die Hände zwischen den zusammengepreßten Knieen gefaltet, den Blick starr von dem anderen weg auf einen Punkt am Fußboden gerichtet. Der Geheimrat legte die Zigarre beiseite. Jetzt wurde die Sache ernst. Das tat er nur in großen Augenblicken. Er frug unvermittelt: »Du bist in Geldverlegenheit, John?« Der alte Mann nickte zwei-, dreimal mit verbittertem Gesicht und seufzte dann schwer auf. Gott sei Dank: nun war es heraus ... »Vorübergehend oder ...?« »Die Firma leidet seit langem Not an flüssigen Mitteln. Jetzt immer mehr ... Sie braucht Kapital. Sonst kann sie nicht mehr bestehen!« »Nun ... an sich ist dein Haus doch gut!« sagte der Geheime Kommerzienrat ruhig. »Es blüht doch schon seit vierzig Jahren. Ein Wechsel auf Wilding und Kompanie ist doch noch in der City bar Geld?« »Gott sei Dank ist er's noch!« »Dann werden dich deine Freunde in der City doch auch stützen!« Herr von Wilding langte wieder nach der noch glimmenden Zigarre, mit einer Bewegung der breiten Schultern, die heißen wollte: Was geht das mich hier in Frankfurt an? »Es liegt doch im eigensten Interesse deines Konzerns, solch eine Krisis eines Millionenhauses zu vermeiden!« »Ich habe meine Freunde schon um Hilfe gebeten...« sagte John Wilding dumpf. Die Worte klangen schwer, eintönig, wie fallende Tropfen. »Meine nächsten Geschäftsfreunde ... Mr. Mathes ... Augustus Fleck ... meinen Schwiegersohn Mac Cornick ... alle ... Ich habe meinen Kredit bei ihnen schon überspannt, seit Jahren, um mich zu halten. Ich kann bei ihnen nicht um einen Penny weitergehen. Sonst schöpfen sie Verdacht! Sonst merken sie, wie es eigentlich mit mir steht...« Der Geheimrat von Wilding stand auf und schob seinen Stuhl zurück: »Wie steht es denn?« frug er mit starker Stimme, und in die hinein erklang von drüben, aus dem Munde des sitzengebliebenen alten Citymanns ein ächzender Aufschrei der Not: »Ich arbeite seit Jahren mit Unterbilanz! ... Ich täusche sie alle ... alle ... ich hätte längst meine Bücher schließen müssen ... Aber jetzt steht mir das Wasser am Hals ...« »Das heißt ...« »Ich bin bankerott! ... Ich bin bankerott ...« John Wilding saß, nachdem er das gesagt hatte, ganz still, wie geduckt unter dem Schicksal. Er wiederholte nur noch einmal leise: »Ich bin bankerott ...« Und dann nach einer Weile: »Für mich hab' ich wenig gebraucht! Aber die Meinen!... Die Meinen!...« Und endlich: »In England ist es nicht so wie hier, daß man sich nach der Decke streckt! Da heißt es: ›So lebt man! Und nun das Geld dazu her!‹ Ich hab' es nicht mehr schaffen können. Ich hab' vom Kapital gelebt ...« Nun war ein langes Schweigen. Leopold von Wilding ging bedächtig, in seinem wuchtig schütternden Tritt, die Hände nach seiner Art unter den Rockschößen auf dem Rücken verschlungen, in dem Zimmer auf und ab. Er überlegte. Sein strenges, bärtiges Gesicht war steinern von geschäftlicher Ruhe. Er blieb stehen: »Zweierlei ist nur möglich, Vetter John: Entweder deine Firma ist an sich noch gesund, braucht nur zur Sanierung einen Schuß Geld in die Adern ... Das kommt in den besten Familien vor, solch eine vorübergehende Krisis ... nun ... dann eröffne dich deinen Geschäftsfreunden ... zeige ihnen deine Bücher ...« Der kleine alte Herr vor ihm hob sich erschrocken, mühsam aus dem Sessel. Er machte eine abwehrende Handbewegung: »Nein ... nicht die Bücher!« keuchte er angstvoll. »Nicht die Bücher ...«« Wieder waren die beiden Männer ein paar Sekunden stumm. Der Frankfurter Handelsherr hob vielsagend die mächtigen Schultern. Dem durchdringenden Blick seiner kalten blauen Augen konnte der andere nicht standhalten, sondern sah scheu zur Seite. »Steht es so, Vetter John?« sprach er langsam. »Aber Mann Gottes ... Dann kommst du doch nicht hierher in Geschäften ... Dann steht doch offenbar eine Riesenschweinerei bei dir in London bevor und es handelt sich nur um Geldopfer von dritter Seite, um die in letzter Stunde zu vertuschen?« »Ja ... so ungefähr ...« »Und da soll ich ... ausgerechnet ich ... sag mal: Wie hast du dir denn das eigentlich gedacht ...« »Ich weiß mir doch keinen Rat mehr! ... Ich bin wie ein Verzweifelter hierher gereist. Es ist doch meine Vaterstadt...« Es war wieder ein Aufstöhnen der Angst. Der Geheimrat von Wilding rauchte in unerschütterlicher Ruhe seine Importe weiter. Er sagte: »So lange deine Geschäfte gut gingen, da warst du ganz fidel ein Engländer! Jetzt, wo Not am Mann ist, fällt es dir plötzlich ein, daß du ein Deutscher bist!... Solche Deutsche kenn' ich! Sind aber nicht mein Fall! ... John ... John ... denkst du nicht an das Bibelwort von den Lauen, die da ausgespieen wurden ...?« Der kleine Citymann stand fröstelnd, klapperig anzuschauen, mitten im Gemach und rieb sich zitternd die Hände. »Ich will nicht darauf pochen, daß ich aus Frankfurt bin. Ich hab' mein Leben lang Geschäfte gemacht. Ich bin nicht Deutscher und nicht Engländer. Aber ich bin doch dein Verwandter! Dein richtiger Vetter! Ich führe den gleichen Namen wie du! ... Das ist meine Hoffnung! Da glaub' ich, ein Recht auf meine Bitte zu haben! ... Dir geht es ja so gut! Die Summen, mit denen du mich unterstützst, sind ja nicht verloren! Sie können später ...« »In faule Sachen steck' ich keinen Groschen!« sagte der Geheimrat kaltblütig. »Und am wenigsten in ausländische! Ich hab' daheim eine bessere Verwendung für mein Geld!« »Es handelt sich ja auch nicht um eine Kapitalanlage, sondern um eine Unterstützung unter Verwandten! ... Schau ... hier in dem Notizbuch hab' ich . . .« John Wilding öffnete wieder mit zitternden Fingern das Lederheftchen. Sein Vetter winkte ab. Der Diener trat mit einem Tablett mit Biergläsern ein. »Ich kann mir nicht helfen!« sagte er. »Aber ... nimmst du wirklich kein Bier, Vetter? ... Nein? ... Na ... dann erlaube, daß ich ... So, nun gehen Sie, Max! ... Also: wieder unter vier Augen: nimm es mir nicht übel, aber ich bringe Ausländern gegenüber, die ich seit einem halben Jahrhundert nicht gesehen hab', nicht das Gefühl der Verwandtschaft auf. Da steht mir irgendein blutsfremder Deutscher, mit dem ich mein langes Leben hindurch zu tun gehabt hab' und den ich kenne, wirklich näher ...« »Aber es gibt doch Pflichten ... Wenn man die auch innerlich nicht anerkennt, erfüllen muß man sie doch! Solche Pflichten wählt man sich nicht! Die vererben sich auf einen ...« »Mein Lieber ...« versetzte der Geheime Kommerzienrat von Wilding und stand ragend, die Hände in den Hosentaschen, breitschulterig und breitbeinig vor dem kleinen, wieder in dem Sessel zusammengesunkenen Herrn. »Schau mich mal an: Ich hab' einen starken Buckel! Ich hab' so viel Pflichten auf mich geladen, hier in Deutschland, als ein Mann nur tragen kann! Freiwillig hab' ich's getan. Gern tu' ich's. Dazu bin ich da! ... Ich hab's dir ja gesagt: Ich bin in Deutschland überall mit an der Spritze! ... Aber warum ich auch noch dem Ausland gegenüber mir Pflichten aufhalsen soll, das sieht mein beschränkter Untertanenverstand nicht ein!« »Ich bin doch nicht aus dem Ausland! ... Sei doch nicht so hart ... ich bin doch aus Frankfurt!« Der Geheimrat nahm einen mächtigen Schluck aus seinem Glas und setzte sich dann rittlings auf einen Stuhl, die Arme über der Lehne verschränkt, seinem Gast gegenüber. »Wir müssen einmal deutsch miteinander reden, Vetter John!« sagte er. »Obwohl ich an sich die großen Worte nicht liebe! Aber manchmal sind sie notwendig. Denk mal zurück ... fast ein halbes Jahrhundert ... da waren wir junge Burschen ... Wir haben beide zusammengestanden auf der Zeil und haben gesehen, wie die Preußen eingerückt sind, Vogel von Falckenstein an der Spitze, und hinter ihm die Division Goeben, und wie sie die Hauptwache besetzt haben, und es war zu Ende ... Erinnerst du dich?« »Ja. Dunkel!« »Dunkel! Eben! Was ist dir das noch? Ihr seid nach England gegangen! Gut! Wir Wildings sind hier geblieben ... Glaubst du, daß das ein Spaß war, nach 66 ... John? Sechs Millionen Gulden Kriegsentschädigung ... in damaliger Zeit ... und alles vorbei!... Unser Frankfurt ... unser stolzes, altes Frankfurt... wo man die Kaiser gekrönt hat... wo der Deutsche Bund seinen Sitz hatte ... nichts mehr als eine simple, preußische Provinzstadt! ... Ich seh' noch unsern Großvater, den Senator, vor mir, wie der alte Mann in seinem Haus, nur ein paar Schritte von hier, gesessen hat und geweint wie ein Kind ... und um ihn die anderen alten Herren! ... Ich weiß noch, wie der Bolzani seinen Kopf durch die Türe gesteckt und geschrieen hat: ›Eben hat sich der Bürgermeister umgebracht!... Er hält es nicht mehr aus mit den Preußen!‹... Ich hab's nicht vergessen, wie mein Vater verboten hat, daß je in seinem Hause das Wort Bismarck genannt würde! ... Ja ... John ... Was habt denn ihr von den Zeiten gemerkt?« John Wilding schwieg. »Und dann kam Siebzig!« sagte sein Vetter. »Wo warst du da, John?« »In der City!« »Na – was mich betrifft, mein Lieber! Ich war mit! Ich hab' mir vor Metz das Eiserne Kreuz und in den Laufgräben den Typhus geholt und war bis zum Friedensschluß wieder gesund und bin mit den Preußen hier eingezogen, den Degen in der Hand – denn ich hatt' es im Krieg bis zum Reserveleutnant gebracht... Ihr habt inzwischen drüben Salpeter nach Hamburg importiert und viel Geld gemacht. Tu' ich auch!... Vortrefflich! Aber zuweilen muß der Mensch über sich 'raus, guter John ... 'raus!... Sonst taugt er nichts!« Der graue Citymann schüttelte nur bang den Kopf. Er verstand das alles nicht recht. Es war eine andere Welt, es waren andere Zeiten, als er sie kannte. Herr von Wilding fuhr fort: »Nun war ja alles gut in Deutschland, Vetter John, aber bei uns nicht!... Im Geschäft nicht! Da kamen die Gründerjahre. Da kam der Krach. Und unser Haus litt doppelt. Denn wir hatten euch englische Wildings auszahlen müssen. Das Bargeld war knapp. Und mein Vater legte sich hin und starb, und ich mußte als junger Kerl allein den Kopf oben behalten und schauen, wie es weiterging. Das waren Zeiten, wo ich nicht viel geschlafen hab' des Nachts vor Sorgen. Und des Morgens lagen viele Briefe in meinem Kontor, aber nie eine Zeile, ein Lebenszeichen, eine Anfrage von euch Londonern: ›Wie geht's?‹ ...« »Unsere Väter waren geschäftlich überworfen!« murmelte John Wilding. »Weiß ich!... Und dann endlich gab uns Bismarck den Schutzzoll und seitdem blüht es in Deutschland und auch ich bracht' meine Karre in Schwung ... Gottlob ... Heute steht meine Firma so fest, daß keine Weltkrise sie mehr erschüttern kann! ... Aber was ich geworden bin, das bin ich in Deutschland und mit Deutschland und durch Deutschland geworden. Ich hab' gar keinen Sinn für Engländer! ... In denen sehe ich nur Konkurrenten auf dem Weltmarkt, mögen sie nun mit mir denselben Großvater gehabt haben oder nicht!... Ich kann mir nicht helfen, Vetter John! Ich bin nun einmal so! ... Ich bin aus hartem Holz geschnitzt. Ich gelte überall für einen unangenehmen alten Kerl, mit dem nicht gut Kirschen essen ist!« »Ja. Du bist ein harter Mann!« sagte John Wilding und stand auf. Der Geheimrat legte ihm seine schwere Hand auf die Schulter: »Es tut mir ja leid!« sagte er. »Aber was soll der Mensch machen!... Ich kenn' nun einmal nur dreierlei: Meine Familie – mein Geschäft – und was ich dann noch übrig hab', damit widme ich mich den Dingen im Reich, so gut ich's eben verstehe, und hab' meinen einzigen Jungen nach Berlin geschickt, damit er auch dem Reiche diene. Und wenn mich unser Herrgott mal abruft, kann ich mir sagen: Ich war nicht bloß ein Käsekrämer! Ich bin in einer großen Zeit groß geworden und hab' mich redlich bemüht, nicht kleiner zu sein als meine Zeit! ... Und siehst du, Vetter John ... deswegen sind mir Leute wie du, die inzwischen nur im Ausland an ihr bißchen Geldverdienen gedacht haben, so unendlich fremd!« »Das fühl' ich!« versetzte der alte Citymann leise. Er hatte Tränen in den Augen. »Also, du hast nichts für mich?« »Nein, Vetter John!« Die Türe ging auf. Der Sohn des Hauses kam herein. Er hatte ein paar Briefe in der Hand und schien freudig erregt. »Verzeih, daß ich euch störe!« sagte er zu seinem Vater. »Aber ich habe eben Nachrichten aus Berlin ... unter der Hand ... Es wird dich auch interessieren! – Also wir geben diesmal in dem englischen Konflikt nicht nach! Unser Schiff bleibt im Persischen Golf. Das Londoner Kabinett hat seit heute amtlich davon Kenntnis!« »Verrate uns hier keine Staatsgeheimnisse!« Der Geheimrat machte ein gespanntes Gesicht. Er überflog den Brief, den ihm der Sohn gereicht. Der sah ihm über die Schulter. Dann wandte sich Herr von Wilding um. »Herrgott ... John? ... Wo ist er denn hin?« Der Citymann hatte, während die beiden ihm den Rücken drehten, lautlos durch die offenstehende Türe das Zimmer verlassen. Im Flur unten war kein Diener. Er nahm eilig, mit eigener Hand, den Hut von der Glasplatte des Kleidergestells und lief hinaus in den Vorgarten. Draußen sah ihn der Hausherr vom Fenster aus mit unsicheren Schritten beim Laternenschein den Fahrdamm der Bockenheimer Landstraße überqueren. Er wollte ihm noch nach. Aber sein Blick zeigte ihm: Es war zu spät. Die kleine, gebeugte Gestalt verschwand schon im Dunkel. Er drehte sich achselzuckend und sehr ernst um. »Da geht er nun hin!« sagte er. »Was soll ich tun? Ich bin nicht der liebe Herrgott! ...« »Was hat's denn gegeben?« »Nichts! Nichts! ... Aber ich werde morgen eine Stiftung für unsere Kriegsveteranen machen, Wolfgang, um mein Gewissen zu beruhigen!« John Wilding war in sein Hotel zurückgekehrt. Er schlief die Nacht vor Erschöpfung wie ein Toter. Am anderen Morgen erwachte er mit einem plötzlichen Schrecken, verlangte seine Rechnung und reiste ab. Er hatte Angst vor seiner Vaterstadt bekommen, Angst vor Deutschland überhaupt, das von draußen durch die Scheiben des Fensters mit seinen Schornsteinen und Schlackenhalden und Hochöfengeflacker wie ein Feind in den Eisenbahnwagen hineinlugte, ein Feind auf dem Weltmarkt, ein Feind des alten Citymanns im besonderen. Die Heimat stieß ihn aus. Er wußte nicht recht, warum. Er hatte doch nichts Böses getan. Im Gegenteil: Er war sein Leben lang respektabel gewesen, in die Kirche gegangen, hatte für die Seinen gesorgt, seine Steuern bezahlt, seine Angestellten angemessen besoldet – alles wie es einem ehrbaren Kaufmann zukam... Es waren Reisende mit ihm im Abteil. Sie hatten deutsche Zeitungen vor sich und sprachen aufgeregt von Politik und Kursen. Die Schiffahrtsaktien sanken rapid ... große Bestellungen auf Kohlen ... Nachtschichten drüben bei Krupp ... die Krisis verschärfte sich ... na ... übermorgen, nach der Unterhaussitzung in London, würde man ja sehen! ... John Wilding, hörte fiebernd zu. Er dachte sich: ja... übermorgen... was ist dann mit mir ...? Er fuhr über den Kanal und gleich weiter nach der Themsestadt. England war maiengrün. Sein ganzer Süden schien ein einziger großer Park. Einen Augenblick tauchte bald hinter Dover dort drüben Rosemary- Hills auf. Weißleuchtend beherrschte das schloßartige Landhaus von seinem Hügel aus die liebliche Gegend. John Wilding sah sein Eigentum erscheinen und wieder verschwinden und seufzte schwer und dachte sich: Was wird aus alledem? Es gehört ja kaum noch mir! Und beorderte, in Viktoria-Station angekommen, sein Gefährt gleich nach der City und rollte, scheu in dem Inneren des Taxameters zusammengeduckt, an seiner eigenen Stadtwohnung in Belgravia vorbei. Dort waren die Seinen. Aber er wollte sie nicht sehen und nicht von ihnen gesehen werden. Er hätte nicht mit ihnen sprechen können. Er fürchtete sich vor ihnen. Was war er ihnen denn noch mit leeren Händen? ... Sie hatten ja nie von ihm etwas anderes gewollt, als Geld!... Sie brauchten vorläufig gar nicht zu wissen, daß er wieder in London war. Er sagte sich mit einem wehen Gram: ›Ich war immer zu schwach gegen sie!‹ Es war hilfloser Zorn. Es kam zu spät. Er wußte es wohl. Es hätte auch früher nichts geholfen. Wie alle Vormittage, betrat er auch heute sein Kontor, dankte in seiner stillen, trockenen Würde auf die Grüße des sich erhebenden Personals, reichte dem Diener seinen Zylinder und begab sich in sein verglastes Privatbureau ... Da lagen die Briefe und Depeschen, die Schlußscheine und Konnossemente. Er fing an, sie durchzuarbeiten und frug sich dabei: ›Was mache ich denn da? ... Es hat ja keinen Zweck. Es ist ja alles vorüber! ... Es ist ja keine Hoffnung mehr oder es müßte ein Wunder geschehen ...‹ Ein Wunder hier in der City, wo all die Tausende von Gehirnen unverbrüchlich rechneten: zweimal zwei ist vier! Wo in den Tausenden von Hauptbüchern Soll und Haben unter dem Abschlußstrich jederzeit bis auf den Penny stimmen mußte und jedes Ding auf Erden seinen sorglich festgestellten Marktwert hatte ... Es war lächerlich, an ein Wunder zu denken! Der alte Herr stützte den Graukopf in die Hand und schaute durch das offene Fenster hinaus auf die Old Broadstreet. Der Himmel über den Dächern war blau. Unten, auf dem sonnenhellen Straßendamm wimmelte es schwarz von Menschen ... Menschen im bloßen Kopf ... Menschen mit schiefen Zylinderhüten ... Menschen im Taxi, nervös vornübergebeugt – ungeduldig, weil sie nicht vorwärts kamen ... Drüben, am Ende der Straße, gegen die Bank von England hin, war es, als hätte man mit dem Stock einen Ameisenhaufen durcheinandergerührt, so wuselte und wirrte es, scheinbar ziellos, winzig, durcheinander... John Wilding kannte das seit vielen Jahrzehnten. Er war groß geworden in der City und grau in ihr. Heute wunderte er sich zum erstenmal über ihre fiebernde Hast. Sie schien ihm töricht und zwecklos. Warum? Er merkte es: weil er sich selbst im Geiste nicht mehr recht mit dazu zählte! Er stand schon fast außerhalb. Für ihn war die wilde Jagd bald zu Ende. Das ahnte noch niemand... Aber in wenigen Tagen wußte es jeder... Der alte Mr. Mathes steckte den Kopf herein. Er hatte nichts von der kurzen Reise seines Geschäftsfreundes nach Deutschland vernommen. »Du, John ...« schrie er und fuchtelte mit dem Stock durch die Türspalte. »Kritischer Tag erster Ordnung ... Kein Mensch weiß mehr aus und ein ... Sie zählen sich wahrhaftig schon ›Krieg oder Frieden‹ an den Westenknöpfen ab!« Er spuckte unbekümmert auf den Boden und brachte dann den halbzerkauten Zigarrenstummel wieder im Mundwinkel unter. »Heute abend, nach der Parlamentssitzung werden wir ja klüger sein!« fuhr er fort. »Da werden wir wissen, ob sie drüben in Deutschland nachgeben oder nicht und was unsere Regierung dazu sagt! ... Aber dann ist's zu spät. Dann hilft's uns nichts mehr! ... Dann ist die große Gelegenheit verpaßt!... Was denkst du denn darüber?« »Nichts ... gar nichts ...« sprach der am Schreibtisch müde. Das verwilderte Original lachte. »Dir fallen die Zähne aus, Johny! Du beißt nicht mehr! ... Mit dir ist nichts mehr los! ... Wenn ich denke, wie wir in früheren Jahren zusammen geräubert haben ... na ... schlaf weiter ... old boy ... ich hab' keine Zeit ...« Er warf die Türe zu und stapfte davon, auf seinem ewigen Vormittagstrab zwischen Temple und Tower. Als er gegangen, erhob sich John Wilding in einer jähen Eingebung. Er preßte die Hand an das Herz. Er sann. Und sann. Ein Hoffnungsschimmer belebte seine Augen. Seine dürftige Gestalt straffte sich. Das Wunder... nein... kein Wunder... aber ein Glück... ein Zufall ... Eine Wissenschaft, die andere nicht hatten. Oder wenige nur ... Wie hatte der junge deutsche Diplomat, sein Neffe, vorgestern abend in Frankfurt gesagt: ›Ich habe Nachrichten aus Berlin: Wir weichen diesmal nicht zurück... Wir haben der britischen Regierung keine Zweifel darüber gelassen...‹ Und der Vater hatte noch gewarnt: ›Verrate hier keine Staatsgeheimnisse! ...‹ Und wenn dem so war, dann überspannte man an der Themse den Bogen nicht. Dann lenkte man doch wohl hier in letzter Stunde ein, so schien es John Wilding, dem Kaufmann, dessen instinktiver Wunsch und Wille und stetes Stoßgebet es war: Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen! Dann würde die heutige Abendrede des Ministers versöhnlich lauten. Dann kam allgemeiner Boom . Die Kurse stiegen, hier und auf dem ganzen Erdkreis. Wer das mit raschem Griff vorwegnahm, hielt eine goldene Ernte auf Kosten der Schwarzseher ... In farbigen Bildern malte sich das in dem Kopf des alten Mannes. Er schritt, die Hände auf dem Rücken, die Lippen lautlos bewegend, in seinem Kontor auf und ab. Er überlegte. Seit achtundvierzig Stunden war ihm eine neue Welt aufgegangen: Er hatte Deutschland gesehen, wie es jetzt war, in seiner Kraft und seinem Aufwärtsstreben. Dort hatte die Pickelhaube die Zipfelmütze verdrängt. Dort lebte nicht mehr der Michel von einst. Mit solch einem Land brach man nicht leichten Herzens Streit vom Zaun. Man würde sich ausgleichen ... sich versöhnen ... Alles würde gut... es hieß nur ... die unwiederbringliche Gelegenheit nutzen: Ein großer Schlag und Wilding und Kompanie waren noch einmal gerettet! Manche der fünftausend Makler an der Börse von London wunderten sich an diesem ohnedies schon fieberheißen Tag über die gewaltigen Kaufaufträge, die ihnen von John Wilding zugingen. Der galt sonst als ein Mann von großer Vorsicht. Er führte sein Geschäft in der hergebrachten, vornehmen, fast altfränkischen Weise. Aber heute gab er beinahe blindlings Order über Order. Nicht nur bei seinen gewohnten Stockbrokern. Er ging auch anderwärts, durch Bankaufträge, scharf ins Zeug. Wohl an einem Dutzend Stellen zugleich, die nichts von einander wußten. Er überspannte seinen da und dort schon merklich schwankenden Kredit bis zum Äußersten. Er rechnete selber kaum mehr nach, wieviel er eigentlich aufs Spiel setzte. Es war ja auch gleich. Es ging um Sein und Nichtsein heute abend .... Langsam, zögernd kam die späte Frühlingsdämmerung über die Achtmillionenstadt. John Wilding war immer noch in seinem Kontor. Er hatte den ganzen Tag die City nicht verlassen. Frau und Töchter mochten ihn immer noch in Deutschland wähnen. Die Vorderräume der Firma hatten sich geleert. Die Angestellten waren heimgegangen. Draußen verödeten die Straßen. Der Lärm des Tages ebbte. Es wurde sonderbar still. Der Bureaudiener öffnete die Tür zum Privatkabinett und bat verdutzt um Verzeihung. Er hatte nicht geahnt, daß sein Herr noch in dem fast dunklen Zimmer saß. Der stand auf und sagte milde: »Macht nichts! Geben Sie mir meinen Hut!« »Ein Taxi, Sir?« »Nein! Ich geh'zu Fuß!« Der Mann in der grauen, rot ausgeschlagenen Geschäftslivree half ihm ehrerbietig in den Mantel. John Wilding dankte mechanisch und schritt in den Maiabend hinaus, über die jetzt in ihrer Menschenarmut viel größer erscheinenden Gassen und Plätze der City, an der düster zum Nachthimmel ragenden Kuppel der St. Pauls- Kathedrale vorbei, den Strand entlang, durch Whitehall hinab zur Themse. Es war ein weiter, weiter Weg, ermüdend für einen alten Mann. Aber da hoben sich endlich die mächtigen Umrisse einer ganzen Stadt von Türmen und Schwibbogen aus dem vom Flußspiegel heraufkriechenden Nebel ab, seltsam spähte wie ein fahlgelbes Riesenauge das Zifferblatt des Uhrturms, des Big-Ben, in das Dunkel, das sich jetzt, bis John Wilding an sein Ziel gelangt, über Westminster senkte. All die Hunderte von Fenstern des Parlaments waren hell erleuchtet. Zu Tausenden standen draußen stumm, eine einförmige schwarze Masse, die Menschen. Sie harrten. Die Sitzung war schon lang im Gang. John Wilding drängte sich langsam, mühsam, Zoll für Zoll, nach vorne. Nie hätte er sonst sich in solch ein Gewühl begeben. Aber jetzt war ihm alles gleich. Er stand vor einem der Seiteneingänge des Parlaments. Er las mechanisch die Warnungsinschrift, daß hier nur der Eintritt für die fremden Diplomaten, die Lords und ihre ältesten Söhne sei. Er sah daneben als Hüter der Pforte einen großen, dicken, blonden Policeman, das Lederband seines Helms unter den Lippen. Er sah eine große Limousine vorfahren und aus ihr einen jüngeren Mann im Frack, mit umgehängtem Mantel, aussteigen, der im Inneren verschwand. In der Menge um ihn nannte man halblaut den Namen dieses Herzogs. Man kannte hier im Lande die großen Peers dem Aussehen nach, wie in Deutschland die Bundesfürsten. Das alles war John Wilding nicht neu. Er hatte es in seinem langen Leben Dutzende und Hunderte von Malen beobachten können. Aber heute setzte es ihn in dumpfes Erstaunen. Er hatte das sonderbare Gefühl, als ob der ganze Aufwand hier, die dunklen Menschenmauern, die in der Luft zitternde Erwartung nur seinetwegen aufgeboten sei, als sei er, der stille Mann aus der City, der eigentliche Spielball des Kampfes zwischen Deutschland und Großbritannien ... Er schluckte ein paarmal heftig. Er fühlte etwas in der Kehle stecken, das ihm den Atem nahm. Er arbeitete sich mühsam und geduldig seitlings, bis zu den eisernen Umfassungsgittern des großen Hofes von Westminster, durch. Die weite, draußen von dem schwarzen, unbestimmten Gewimmel der Köpfe umlagerte Fläche lag wie im Mondschein im bläulich-hellen elektrischen Licht. Automobile in Mengen hielten innen vor dem Portal. Ihre grellen Doppelaugen glotzten schläfrig-leuchtend, eng zusammengepfercht, gleich einer Herde von Ungetümen, in das Dunkel. Schweigsame, vereinzelte Menschengruppen, Chauffeure, Diener, Torwächter standen daneben. Zuweilen kam noch, sich durch die Massen am Eingang drängend, eine Mappe unter dem Arm, ein Nachzügler – ein verspäteter Abgeordneter oder sonst ein Politiker. Man glaubte in dem Schweigen förmlich die Tritte zu hören, mit denen die einsame Gestalt durch die Leere des Hofes nach der hellen Pforte schritt. Auf einmal eine Bewegung! Irgendwie war eine Nachricht aus dem Inneren gedrungen: ›Der Minister hat sich zu einer Erklärung der Regierung erhoben!‹ Jetzt kam die Entscheidung. John Wilding stellte sich auf die Fußspitzen. Es hatte gar keinen Zweck. Es war nichts zu sehen und zudem Nacht. Es war nur eine unwillkürliche Bewegung seiner Erregtheit. Dann stand er wieder still und geduldig, mit gesenktem Kopf, wartend, was aus Deutschland und England würde. Und was aus ihm würde, zwischen den beiden Mühlsteinen. Er dachte an die Worte seines Vetters, vorgestern in Frankfurt. Er fühlte matt: Eigentlich waren ihm die beiden Länder gleich. Er wäre in jedem seinem Erwerb nachgegangen. Auch in einem dritten. In einem beliebigen Weltteil. Er hatte kein Vaterland. Er vermißte es auch nicht. Er hatte nie ernstlich daran gedacht, daß er eines haben und wie ihm dann zumut sein könne. Aber andere fanden eine Schuld darin. Legten ihm seine Lauheit zur Last. Ihm schien, als rächte sich etwas in ihm und an ihm, was er selbst nicht begriff. Er hätte weinen mögen, wie er da in der Masse harrte, ein Sandkorn am Meer, einer unter zehntausend und doch anders als all die anderen. Die um ihn, das waren Briten, trotz ihrer fischblütigen Ruhe atemlos harrende Briten. Er war nicht wie sie. Und auch nicht wie drüben die Deutschen. Er sorgte nicht um sein Volk und um sein Land. Er sorgte um sein Geld. Wollte Geld aus dem ziehen, was geschah. Und ihm war, als rückten eben deswegen diese beiden furchtbaren Gewalten von beiden Seiten der Nordsee immer näher an ihn heran, preßten ihn zwischen sich, zerdrückten ihn wie eine Nuß ... Es waren die Menschenmauern, die den alten Citymann von rechts und links, von hinten und vorn so beengten, daß er kaum mehr Atem holen konnte. Er stöhnte auf. Er sah sich nach einem Schutzmann um, der ihm helfen möge. Aber im selben Augenblick bekam er Luft. Es war ein plötzliches Strudeln in den Massen, ein Durcheinanderwirren, das aus dem Inneren dieser Menge kam, über das Meer von Hüten hinlief, sich weithin fortpflanzte, an den fernen Häuserreihen brach. Ein Mann drängte sich durch die Gruppen und schrie. Dort wieder einer. Drüben ein Gentleman mit geschwungenem hechtgrauem Zylinder. Ein vierter. Ein fünfter, wohin man sah. Und immer derselbe Ruf: ›Der Minister hat gesprochen! Herausfordernd gegen Deutschland! Er verwirft die Antwortnote der Berliner Regierung ... England beharrt auf seinem Standpunkt ...‹ »Das gibt morgen einen schwarzen Freitag an der Börse, wie seit Jahren nicht!« sprach jemand neben John Wilding, zu seinem Gefährten. Ein anderer sagte, wild und kriegslustig, zu seinem Freunde: »Ich schätze, nun werden bald die Lichter in der Nordsee gelöscht!«. Und drüben ein dritter laut und barsch: »Ach was! Die City hat den morgigen Kurssturz schon eskomptiert!« ›Ich nicht!‹ dachte sich John Wilding mit einer sonderbaren, ihm selbst unheimlichen Ruhe. »Ich bin ruiniert ... ruiniert ... ruiniert ... Ich hätte mich auch sonst nicht halten können. Aber jetzt gibt es einen Zusammenbruch, von dem sie noch lange sagen werden! ... Es wird ein schimpfliches Schauspiel für jeden respektablen Kaufmann!« Er hatte ein Gefühl, als gehöre er schon jetzt aus der Gemeinschaft der Gentlemen heraus. Er löste sich aus den aufgeregten Gruppen um ihn. Er strebte scheu nach dem Dunkeln, nach der Themse hin. Dort, auf dem Embankment war es ganz leer und öde. Nur die Doppelreihe der Laternen schimmerte in einer endlos sich längs des Ufers in die Nacht hinein erstreckenden Linie. Da ging er eilig hin, blieb plötzlich stehen, sah erstaunt die einsam und geisterhaft zum Nachthimmel ragende Nadel der Kleopatra an, schüttelte den Kopf, als begriffe er alles nicht mehr, was um ihn war, und fühlte eine bleierne Müdigkeit. Ein herzbeklemmendes Unbehagen. Eine Droschke kam des Wegs. Er rief sie an und fuhr wieder nach seinem Kontor. Unheimlich still, ausgestorben, wie ein großer Kirchhof lag die City. Das Räderrasseln des Cab tönte straßenweit. Die dunklen Gestalten der da und dort vor den Banken stehenden Wächter wandten forschend, was das wohl bedeuten möge, den Kopf nach ihm. Auch der Hüter des Wildingschen Hauses trat sofort mißtrauisch heran, als der Wagen hielt. Dann erkannte er seinen Herrn, grüßte und öffnete ihm das Tor. Er wagte nicht, seine Verwunderung zu äußern. Er sah nur noch den Chef der Firma eilig in sein Privatbureau gehen und hörte, wie drinnen der Schlüssel umgedreht wurde. Warum John Wilding das tat, wußte er selber nicht. Es störte ihn doch jetzt niemand, mitten in der Nacht. Er handelte rein instinktiv. Alles an ihm war nur noch mechanisch, auch daß er jetzt seine Geschäftsbücher hervorholte und beim Schein des elektrischen Lichtes zu rechnen anfing. Die Zahlen tanzten ihm vor den Augen. Nein. Es waren schwarze Punkte. Ein Geflimmer. Eine Angst. Er schloß die Lider. Er war todmüde. Ein paarmal bewegte er sich noch und holte schwer Atem. Dann saß er ganz still, den Kopf auf der Brust. Sein rechter Arm hing herunter ... Es war nach neun Uhr morgens am nächsten Tag, der Geschäftslärm der City erst im Erwachen, als das Wildingsche Automobil vor dem Hause in Old Broadstreet hielt, und Edith Merker ausstieg und hastig in das Kontor eilte. In dessen Vorderräumen waren erst ein paar junge Leute anwesend, Deutsche, die der alte Herr ihrer Billigkeit und Pünktlichkeit wegen ausschließlich bei sich beschäftigte. Sie wußte das und frug rasch und besorgt auf deutsch: »Ist mein Vater hier?« »Jetzt schon? ... Nein, Mrs. Merker!« »Ganz gewiß nicht?« »Gewiß nicht, Mrs. Merker. Aber klopfen Sie doch einmal der Sicherheit halber an das Privatbureau, Herr Zillke! ... Nein: es antwortet niemand! Die Türe ist auch noch verschlossen, wie immer!« »Aber gestern war mein Vater da? Wir hörten zufällig spät abends von Bekannten, er sei in der City gesehen worden!« »Ja. Gestern war Mr. Wilding den ganzen Tag im Geschäft! ... Viel länger als sonst! Er war noch da, wie wir weggingen!« »Und dann? ... Warum ist er denn nicht zu uns nach Hause gekommen? ... Großer Gott... was heißt das nur?« »Ich weiß wirklich nicht, Mrs. Merker! ... Vielleicht hat der Nachtwächter eine Ahnung... Schuster... ist der Sam vielleicht noch da?« »Ach wo! Der geht doch schon immer um sieben Uhr früh weg! Höchstens, daß er noch manchmal auf dem Hof herummurkst! Na ... ich seh' mal nach!« Herr Schuster begab sich nach hinten und kam nach kurzem mit einem ratlosen und erschrockenen Gesicht zurück. »Nein. Er ist nicht zu finden, Mrs. Merker. Aber...« »Was denn ›aber‹? ... So reden Sie doch schon!« »Ihr Herr Vater ist doch hier! Man kann durch das Hoffenster in sein Privatkonto sehen. Da sitzt er im Stuhl und schläft!« »Um Himmels willen ... der arme Pa ... die ganze Nacht nicht im Bett...« Die junge Frau stürzte an die Türe und pochte. »So wach doch auf, Pa! ... Mach auf! ... Ich bin's! ... Edith! ...« Keine Antwort. Die beiden Kommis tauschten besorgte Blicke. »Mach auf, Pa!... Pa!... Lieber Gott... was ist denn das? So fest kann er doch nicht schlafen!« »Am Ende ist Mr. Wilding etwas passiert!« »Man müßte nach einem Schlosser schicken!« »Ach Unsinn, Herr Schuster! Die olle Tür! Fassen Sie mal an ... nee ... weiter da unten, Mensch! ... So!... Nu fest dagegengetreten... mit aller Kraft... Herrgott... der Lärm müßte ihn doch wecken!...« Die Türe krachte aus den Fugen. John Wilding störte das nicht. Er saß still, das graue Haupt auf die Brust gesunken, die Rechte am Boden wie am Abend vorher. Edith lief auf ihn zu. Sie kniete neben ihm nieder, sie umschlang ihn, sie schaute ihm in das seltsam wächserne Antlitz, sie schrie hellauf, in ungläubigem Schrecken: »Pa ... Pa ...« In die Vorderräume war ein großer, glattrasierter, älterer Herr hereingestürzt, erhitzt, Schweißperlen der Maiensonne auf der Stirne, der Fondsmakler, mit dem John Wilding auf seiner letzten Fahrt im Hydepark gesprochen. »Mr. Wilding da?« »Ja – da ist er schon ... aber ...« »Melden Sie mich bitte sofort! ... Ich müsse unbedingt mit ihm reden!... Es laufen seit einer Viertelstunde Gerüchte um ... Engagements Ihrer Firma ... ich traue meinen Ohren nicht ... ich will und kann es nicht glauben ...« »Da sehen Sie, Sir!« Der Stockbroker blieb erschüttert stehen. Neben ihm schrie Herr Zillke mit bebender Stimme durch das offene Fenster in das Gewühl der Straße draußen: »Mr. Evans!... Mr. Evans! ... Bitte, kommen Sie rasch!« Ein zufällig vorbeifahrender Arzt ließ halten, stieg aus, wand sich durch das Gewirr der Wagen auf den Bürgersteig durch, eilte in das Haus und blieb vor dem stillen Mann und der jungen Frau daneben stehen. Er fühlte nach dem Puls, untersuchte. Dann frug er halblaut: »Wer ist die Lady?« »Die Tochter, Sir!« »Es tut mir leid, es sagen zu müssen, Madam!... Ich kann hier nichts mehr helfen! ... Der Herr geb' Ihnen Stärke!...« »Um Gottes willen ... mein Vater ...« »Er ist heimgegangen, Madam! ... Es scheint ein Schlaganfall! Schon vor vielen Stunden!«   14 »Lieber Hellie! Ich habe Dir vor drei Tagen nach Czenstowitz telegraphiert. Aber Du kamst nicht und es kam keine Antwort. Da wurde ich ängstlich, von Dir zu hören, und habe an Dein Regiment telegraphiert, und es hat geantwortet, Du seist für eine Woche auf Urlaub nach Berlin. Da glaubte ich, ich hätte an Deine Mutter zu gehen, und habe ihr nach Erbach telegraphiert. Aber auch sie weiß offenbar nicht Deine Adresse in Berlin. So muß ich es Dir also in einem Brief schreiben, daß mein guter Vater in der Nacht von Donnerstag zu Freitag plötzlich an einem Schlaganfall verschieden ist. Vorhin haben wir ihn begraben ...« Edith Merkers blaue Augen füllten sich mit Tränen. Sie ließ die Feder sinken und holte ihr Tuch hervor. Im tiefen Schwarz der Trauer saß sie am offenen Fenster ihres Gemachs in Belgravia. Warmer Frühlingswind blies herein und blähte die blauroten Kattunvorhänge der beiden freundlichen, englisch-behaglichen Gastzimmer, die sie im Hause ihrer Eltern seit einem halben Jahr bewohnte. Draußen rollte Auto auf Auto vorbei, Wagen auf Wagen, Viererzüge – die Londoner Season war in vollem Gang. Sie störte kein Krieg und Kriegsgeschrei, kein Todesfall. Es war, als gäbe es nicht Not noch Leid auf der Welt ... Die junge Frau fuhr mit nassen Augen fort zu schreiben: »Seit ich von Czenstowitz am Weihnachtsmorgen weggefahren bin, habe ich auf Deine Briefe nicht mehr geantwortet. Aber nichts wäre schrecklicher, Hellie, als wenn Du deswegen glauben würdest, ich liebte Dich weniger als früher. Nein. Ich liebe Dich mehr. Ich habe von Weihnachten bis Ostern mit mir gerungen, um dies einzusehen, weil ich es eigentlich nicht einsehen wollte. Gott hat mich doch so eigensinnig geschaffen, und ich habe oft schon damit die Menschen betrübt. Aber nun weiß ich, daß ich das einsehen muß, und ich muß es Dir sagen, weil ich jetzt so ganz allein dastehe und doppelt verlassen bin, von meinem guten Pa und von meinem Mann ...« Nebenan hörte sie die helle Stimme der kleinen Mary. Sie lächelte schwach und traurig und blickte durch das Fenster: Ein Cab hielt unten. Ein alter Herr stieg aus und trat langsam, ernst und bedächtig in das Trauerhaus. Er war heute nicht der erste. Gleich nach dem Begräbnis hatte da unten im Drawing- Room eine geschäftliche Konferenz begonnen, zu der außer John Wildings Söhnen und Verwandten wohl ein Dutzend Citymen erschienen waren. Die Herren saßen nun schon drei, vier Stunden. Es war unter ihnen sonderbar still. Kaum einmal drang ein lautes Wort durch das nach britischer Sitte leicht gebaute Haus ... Edith Merker schrieb weiter: »Es ist wahrlich sehr unrecht von mir, an einem Tag wie heute an mich zu denken, Hellie! Ich täte es auch nicht, wenn ich Dich zum Trost bei mir hätte. Ich will zu Dir! Gott sei gelobt: Nun kann ich zu Dir! Der gute Pa ist nicht mehr! ... Er hat es sicher gut mit mir gemeint. Mir ziemt es nicht, mit ihm zu rechten! Er hat mich nicht zu Dir gelassen. Er hat mir nicht das Geld dazu gegeben. Immer wieder hatte ich ihn diesen Winter darum zu bitten und immerwieder schlug er es ab. Und ich selbst besitze doch nichts. Von dem Rest unseres Geldes, das Du mir hier im Herbst zurückgelassen hast, habe ich gerade noch zwanzig Pfund im Vermögen. Erst jetzt in den letzten Tagen wurde father weicher. Da hat er mir Andeutungen auf bessere Zeiten gemacht. Er reiste nach Deutschland. Gewiß hätte er jetzt nach seiner Rückkehr meinen Wunsch erfüllt. Aber da rief ihn Gott heim. Die Sonne hat so warm geschienen, wie wir ihn vorhin begraben haben. Und der Clergyman hat so trostvoll gepredigt ... ach Hellie ... ich weine ... Als ich noch ein Mädchen war, hat father mir oft gesagt, ich würde einmal eine Rente von fünfzehnhundert Pfund im Jahr erben. Das ist genug für Dich und mich in Deutschland ... ich schäme mich so, an das Geld zu denken. Aber es ist doch der Weg zu Dir und ich bin nicht nur eine Tochter, ich bin auch eine Frau und bin ohne meinen Mann und habe ihn jetzt erst so kennen und in anderer, so ernster Art lieben gelernt, seit er von mir ist ... Ich weiß nicht, wie sich das zusammenreimt. Aber es ist so. Ich möchte am liebsten fliegen, über das Meer und zu Dir. Du warst immer so gut zu mir ... Du hast mir immer geschrieben, obwohl ich schwieg. Aber jetzt, wo ich Dich mehr brauche als je – jetzt kommt keine Nach ...« Die Tinte spritzte über das Papier, so hastig ließ Edith Merker die Feder fallen und sprang auf. Das waren da unten nicht die dumpfen Männerstimmen von bisher – das war der auch halblaute, aber kurze und bestimmte militärische Tonfall, den sie kannte, deutscher Anklang in den englischen Worten. »Hellie!« Sie hielten sich umschlungen. Sie sprachen lange kein Wort. Sie küßten sich nur. Leidenschaftlich und immer wieder. Die junge Frau weinte still, vor Glück und Schmerz, im Zwiespalt der Seele, zwischen dem Tod von heute, dem Leben von morgen. Sie schmiegte sich an ihren Mann, wie voller Angst, er könnte sie plötzlich wieder verlassen. Sie schlug, unter Tränen lachend, die Augen zu ihm auf. »Endlich bist du da ... endlich ...« Helmut Merker war in einem dunklen Reisezivil, einen Trauerflor um den Arm. Groß, stattlich, straff stand er da und hatte sie im Arm. »Dank Mama! ... Sie hat deine Depesche an sie nach Berlin an die Kommandantur geschickt, wo ich mich als beurlaubt gemeldet hatte. Ich war nur auf einen Sprung in Berlin. Wegen militärischen Übersetzungen aus dem Englischen, wie früher als Junggeselle ...« Er brach ab. Sie verstand seinen suchenden Blick. »Klein-Mary ist mit der Nurse aus!« sagte sie. »Sie kommt in einer Stunde zurück. Da wirst du sie sehen! ... Ach, Hellie ... welch ein Unglück ... der arme Pa ... So ganz plötzlich! ... Ich war die erste, denk dir, die ...« Wieder kamen ihr, in der Erinnerung an die schreckliche Morgenstunde in der City, die Tränen. »Er hat so friedlich dagesessen, Hellie ... Niemand hätte geglaubt, daß er ... Es waren die vielen Geschäfte, Hellie – jetzt in dieser rauhen Zeit ... die Herren sagen, man weiß auch heute noch nicht, ob es Krieg oder Frieden gibt. Du darfst nicht in den Krieg, Hellie ... du nicht!« Sie klammerte sich an ihn. Er legte ihr die Hand auf den Scheitel und schaute ihr ernst in das hübsche, bange, blasse Gesicht. »An sich wünsche ich den Krieg, Edith! Sonst wäre ich kein Soldat! ... Aber wegen dir wünsche ich ihn nicht! ... Wo uns beide schon der Frieden getrennt hat – wie sollte das erst im Krieg zwischen uns werden?« »Ich bin da, wo du bist, Hellie! ... Immer und ewig!« »Du, Edith? Seit wann ist das? ... Das klingt anders wie früher ...« Sie faltete die Hände. »... Seit ich dich nicht gehabt hab' ... seit dem halben Jahr ... ich kann nicht ohne dich sein ... du bist stärker als ich ... Ich geh' mit dir bis ans Ende der Welt!« Wieder fanden sich ihre Lippen. Es war ein langer, heißer Kuß. Edith Merker schauerte zusammen. Sie fühlte eine Weihe über sich. Sie sagte leise: »Du kommst ja doch nie mehr nach England – das weiß ich jetzt! ...« »Nein!« »Also geh' ich mit dir nach Deutschland zurück ... Ich bin ja jetzt frei!« »Edith!« »... und es wird ja nicht Krieg geben! ... Ich will so sehr zu Gott bitten, daß er uns nicht straft! Es wird Frieden sein! Und wir werden in Frieden in Deutschland leben. Und du sollst Offizier sein! Und wo dich der Kaiser hinschickt, soll es mir recht sein! ... Und ich will immer so sein, wie es für dich gut ist! ... Ich bin eine halbe Deutsche, Hellie ... ich will mir solche Mühe geben, daß ich eine ganze Deutsche werd'!« Er zog ihre Hände an die Lippen und bedeckte sie mit Küssen. Er hatte selbst die Augen feucht. »Jetzt bin ich der glücklichste Mensch auf Erden, Edith!« sagte er, und sie schwiegen wieder und küßten sich und fuhren auseinander: Ediths Mutter trat herein. Sie wirkte in ihrer Trauerkleidung wie ein langer schwarzer Schatten, der steil aufgerichtet durch das Zimmer glitt. Sie hatte von der Ankunft ihres deutschen Schwiegersohns gehört, aber sie ging, in der Erinnerung an den Auftritt am Weihnachtsabend, ohne ihn zu beachten, mit einer trotz ihres Kummers strengen und frostig ablehnenden Miene so dicht an ihm vorbei, daß ihr dunkler Rocksaum ihn fast streifte, und versetzte, als wäre sie allein mit der jungen Frau im Zimmer: »Edith: die Herren wollen nachher mit uns sprechen ... wegen des Vermächtnisses! In einer Viertelstunde ...« »Das hat doch wahrlich Zeit! Eben kommen wir vom Kirchhof!« »Das meinte ich auch! Aber die Gentlemen sagen: Nein. Nichts sei dringender als das! ... Sie sind ängstlich, uns bald Mitteilungen zu machen! Also halte dich bereit!« Mrs. Wilding schritt, verkörperte eisige Würde, wieder zur Türe und hinaus. Der Oberleutnant Merker schaute ihr nach und zuckte die Achseln. »Ich kann in diesem Hause nicht bleiben, darling !« sagte er. »Und du als meine Frau auch nicht! ...« »Nein. Ich geh' mit dir!« Er schaute auf die Uhr. »... Ich mache für uns im Hotel Quartier. In einer Stunde bin ich wieder da. Inzwischen richtest du alles zur Übersiedelung für dich und Klein-Mary und die Nurse. Einverstanden?« »Ich tue alles, was du willst!« Helmut Merker küßte seine Frau noch einmal und eilte aus dem Zimmer. Sie blieb still stehen, wo sie war, in ihr ein Durcheinanderfluten, wie ein Kampf zwischen Nebel und Sonne, von Leid und Glück. Es war so rasch gegangen in diesen Tagen ... Schlag auf Schlag ... man konnte kaum mit. Das Schicksal nahm mit der einen Hand den Vater, gab mit der anderen den Mann. Ihr war feierlich zumute. Sie legte die Hände ineinander wie in der Kirche und weinte ... Das Rasseln der Automobile weckte sie aus ihrer ruhigen, gesammelten Stimmung. Die Geschäftsfreunde traten aus dem Haus und stiegen in ihre Wagen, manche schweigsam, mit ernsten, gedrückten Mienen, andere unruhig und erregt, in gedämpftem Wortwechsel. Sie fuhren nach Osten, in der Richtung nach der City davon. Edith hörte, wie der eine, ein dicker, feierlich und entrüstet aussehender Gentleman, dem Chauffeur laut die Adresse eines weitbekannten Londoner Rechtsanwalts zurief. Dann klopfte der Diener: ›Die Herren Wilding und Mac Cornick ließen Mrs. Merker bitten, doch zu der Besprechung hinunterzukommen‹ »Ja ... ja!« sagte die junge Frau und rührte sich nicht. Der Gedanke an Feilschen um Geld in dieser Stunde war ihr ein Abscheu. Es war ja genug da. Übergenug. Wieviel – das brauchte man doch nicht zu zählen ... Ihre Gedanken wanderten. Zurück an die Bergstraße. Nach Alsheim. Sie lächelte in der Erinnerung. Es war doch eigentlich so heimisch und traulich dort gewesen. Alle Menschen so gut zu ihr. Man lebte so friedlich und ohne Sorgen. So würde es auch jetzt wieder sein, drüben, an der russischen Grenze. Im neuen Truppenteil. Helmut sagte ja, die Armee sei wie eine große Familie ... Sie spähte die Straße hinab, ob er noch nicht zurückkäme. Sie konnte es kaum erwarten, bis er seinen Arm um sie legte und nun sein Kind und sie mit sich hinausführte. Dann stutzte sie und senkte lauschend und erschrocken den blonden Kopf. Was war das für ein Schrei da unten gewesen – im Drawing-Room?... Da wieder ...? Frauenstimmen ... Männer dazwischen... das Poltern eines Stuhls ... Türenschlagen ... irgend jemand rief nach Wasser für Mrs. Wilding ... Edith Merker stürzte die Treppe hinunter, Unten stand die Türe offen ... Ihre Mutter saß mit steinernem Gesicht und starren Augen in dem Sofa zurückgelehnt. Man besprengte sie mit Wasser. Am Fenster schluchzte Jane wild auf. Neben ihr weinte ihre Schwägerin Lucy leise und verzweifelt und hielt dabei, krampfhaft hilfesuchend, die Hand ihres Vaters, des alten Augustus Fleck, fest. Dickie, ihr Mann, kümmerte sich nicht um sie. Er lief verstört mit langen Schritten auf und nieder. »Ja – was habt ihr denn?« Ediths Schwager Mac Cornick hob das Haupt: »Ihr seid ruiniert! Wilding und Kompanie ist fallit!« »Und wie fallit!« meinte Fred. »Es bleibt kein Penny ... Pa hat die letzten Tage noch wie ein Toller spekuliert! Wir sind am Bettelstab! ...« Und Dickie blieb stehen und stöhnte: »Der schimpflichste Bankerott der City seit Jahren!« »Oh ... sagt das nicht von Pa ...!« Ediths Stimme schwankte vor Entsetzen. »Es ist sicher nicht wahr!« »Schau doch in die Bücher! ... Da stehen dir die Haare zu Berg! Es ist kein Wunder, daß father einen Schlaganfall bekam!« »Wir haben wirklich alles verloren?« »Alles und noch 'nen Pence dazu!« »Jeder hat seinen Stoß!« sprach Augustus Fleck dumpf vom Fenster. »Wir auch! Der alte Mathes ist so gut wie ruiniert!« »Großer Gott ... was wird denn nun geschehen?« »Dies Haus hier wird verkauft!« schrie Dickie verzweifelt. »Rosemary-Hills wird verkauft. Der Bungalow wird verkauft ... Galt-y-Bladur wird verkauft! ... Was wir haben, wird verkauft. Und es deckt nicht zu einem Viertel unser Soll! Es ist schmählich! Wir sind keine Gentlemen mehr ...« Und sein Bruder Fred, der Sportsmann, nickte erschüttert: »Totaler Niederbruch, Edith! Wir sind für immer aus den Rennen!« Dann wurde es still hier innen. Draußen rollte der Korso hinaus in den Hydepark, ging der Season- Trubel seinen Gang. Was war denn auch weiter geschehen? Ein Todesfall ... ein Bankerott ... lieber Gott ... am Strand der Themse lebten acht Millionen Menschen mit ihrem Leid und Freud! ... Die Frühlingssonne schien hell in den Raum. Sie beleuchtete die bleichen Züge der Männer, die verweinten Gesichter der Frauen. Man hörte nur noch das Schluchzen. Und niemand hätte sagen können, und die alle hier sich selbst am wenigsten, ob man in diesem Zimmer und in dieser Stunde mehr dem Familienoberhaupt oder mehr dem Familienvermögen nachtrauerte. Oder vielleicht war es beides zugleich, war John Wilding in seiner müden, gedrückten Art den Seinen immer mehr eine Art stets offenen Geldschreins als ein Gatte und Vater gewesen. Nur Edith konnte nicht weinen. Immer noch nicht! Sie war betäubt. Sie saß still da, als fürchte sie, daß bei jeder Bewegung neues Unheil entstehen, das Dach zu ihren Häupten einstürzen könnte ... Sie hatte nur den einen Gedanken an ihren Mann – ein Beben und Bangen: Wäre er doch schon hier! Bis dahin war sie willenlos ... sah und hörte wie im Traum dies Sonderbare, Unwahrscheinliche, Schreckliche um sie herum: die fremdartigen, verzerrten Züge der Ihren, die veränderten, im Schluchzen erstickten Stimmen, das erregte, fast groteske, ganz der Kühle und Würde eines britischen Hauses widersprechende Auf- und Ablaufen, Kopfschütteln, Händefuchteln – dies hysterische Auflachen in der Ecke und zähneknirschende Fluchen drüben ... ihr wurde angst und bang! Sie fürchtete sich vor den Ihren. Die schienen ihr wie unbekannte Menschen ... wie Kranke ... Da hörte sie draußen Helmuts Stimme. Er kam rasch herein. Er hielt ein Abendblatt in der Hand. Er begrüßte formlos, flüchtig die Anwesenden und fing unvermittelt: »Bin ich verrückt oder ist es alle Welt? Da steht in der Zeitung... fettgedruckt ... ganz vorn: ›Wilding und Kompanie in Konkurs‹!« »So so ...« sprach Dickie, schläfrig vor Gram und hoffnungslos. »Steht's schon in der Zeitung!« »Ja ... ist's denn wahr?« »Und ob ...« murmelte der Dicke, tränenschluckend wie ein kleines Kind. Helmut Merkel schwieg erschüttert. Er hatte unterwegs selbst den Verdacht gehabt – diesen lächerlichen Verdacht – und sich gesagt: »Nein! Es kann nicht sein! ...« »Ihr seid wirklich ...?« »Ja!« »Es ist nichts mehr da?« »Kein Farthing!« sagte Fred. »Nur Schulden! ... Laßt euch ja nicht in der City sehen, Gentlemen! Da schlagen sie uns mit nassen Lappen tot ...« Helmut Merker schaute nach seiner Frau. Sie war aufgestanden. Sie klammerte sich angstvoll an ihn. »Bitte! Bitte! Nimm mich mit! ... Ich fürchte mich so ... Dickie ... lache doch nicht immer so ... Es ist ja gräßlich ...« »Sie sind alle wie verrückt, Edith ...« Es wurde Helmut Merker selber unheimlich unter diesen stumpf vor sich hinstarrenden, lautlos im Selbstgespräch die Lippen bewegenden, schrill weinenden Menschen, die sich kaum um ihn kümmerten. Klar sah er nur seine Frau inmitten dieses Haufens Unglück und Verzweiflung, und sagte sich halb unbewußt: Da muß sie vor allem heraus ... Hier kann man ja den Verstand verlieren. »Wenn jetzt Pa noch einmal hereinkäme!« schluchzte Jane Mac Cornick. Die anderen fuhren zusammen. Es war, als habe man ein Gespenst und nicht den freundlichen, stillen, unermüdlich um die Seinen besorgten alten Herrn erwähnt. Dabei bewegte sich die Türe leise im Luftzug, wie wenn jemand unsichtbar dahinter stände. Es war Schweigen, ein Frösteln und Grauen. Von draußen klangen Huppen-Getute und Viererzug-Hornstöße des Hydepark-Karnevals. Edith schauerte. »Fort ...« bat sie tonlos. »Fort ...« »Komm!« Die anderen sahen beinahe gleichgültig dem Ehepaar nach, das das Zimmer verließ. Mochten sie tun, was sie wollten. Mochte jetzt jeder sehen, wo er blieb! ... Oben in den Räumen der jungen Frau war schon das Nötigste gepackt. Helmut Merker beugte sich zu seinem Töchterchen nieder. Er sah es zum erstenmal seit einem halben Jahr. Er nahm es auf den Arm und trug es hinter seiner Frau und der Nurse die Treppe hinunter durch das totenstille, wie ausgestorbene Haus, und setzte es in das Auto. Sie fuhren in das Hotel. Dort erst kam bei Edith der Rückschlag. Ihre Erregung löste sich in einen Weinkrampf auf. Er suchte sie zu beruhigen. Er streichelte ihr blondes Haar, ihre kalten Hände. Er küßte ihre blassen Wangen. Er wiederholte dabei immer von neuem, schon fast mechanisch: »Wir haben uns ja – wir beide! ... Wir haben uns wieder!« Und das war ihm wirklich wichtiger als all das andere, das er sich immer noch nicht in seiner Tragweite ganz klarzumachen vermochte. Es gelang ihm, seine Frau dazu zu bringen, daß sie sich auf dem Bett hinlegte. Er wickelte ihr sorgsam die Füße in eine Decke und rückte ihr die Kissen unter dem Haupt zurecht. Sie ließ es geschehen, mit dem Anflug eines matten Lächelns. Dann schloß sie erschöpft die Augen. Lange saß er an ihrem Lager und bewachte ihre Ruhe. Dann, als sie ihm zu schlummern schien, machte er der Nurse ein Zeichen, seine Stelle einzunehmen, und ging auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, um endlich sein Reisegepäck, das er bei seiner Ankunft morgens auf der nahen Station Charing Croß gelassen, zu holen. Er besorgte das fast geistesabwesend. Er war selbst immer noch wie vom Donner gerührt. Vor seiner Türe im Hotel angekommen, hörte er von innen eine eintönig und gleichmäßig redende Männerstimme. Er trat ein. Seine Frau saß bleich und müde, die Hände im Schoß, in ihrem schwarzen Trauerkleid auf dem Bett, ihr gegenüber der alte Augustus Fleck. Die hageren Züge des Mannes aus Lancashire schienen um zehn Jahre gealtert. Er hatte tiefe blaue Schatten unter den geröteten Lidern. Aber die Augen selbst blickten klar und kühl. Geld konnte man verlieren, aber nicht den Kopf. Seine Worte atmeten eine hölzerne, zähe Kälte: »Die Ladies haben sich jetzt allmählich etwas beruhigt,« sagte er. »Wir haben anfangen können, mit Mrs. Wilding über die veränderte Sachlage zu reden. Ich kannte ja den ungefähren Umfang des Unglücks schon seit gestern. Ich hatte Zeit, mir zu überlegen, welche Maßnahmen ... ich habe die Ehre, Ihnen guten Abend zu wünschen, Mr. Merker!« Der hagere Baumwollspinner verbeugte sich steif und förmlich gegen den preußischen Offizier. Er reichte ihm nicht die Hand. In all den Jahren, seit sie sich kannten, hatte diese kalte Entfremdung bestanden ... Helmut Merker begriff dies selbst am besten bei dem Vater Augustus Flecks des Jüngeren, dem er seinerzeit Edith abspenstig gemacht und der seitdem deren Elternhaus mit keinem Schritt mehr betreten hatte. Auch gegen die junge Frau beobachtete der Manchestermann dieselbe eisige Kühle. Aber immerhin war er als Gentleman höflich und schonend. Er streckte den langen Hals, der ihm immer das Aussehen eines alten Geiers gab, gegen Edith vor, räusperte sich und fuhr leidenschaftslos fort: » ... welche Maßnahmen sich da ergeben! ... Es ist mir lieb, wenn Mr. Merker auch die Güte hat, meinen Ausführungen zu folgen!« Er hielt eine Sekunde inne und fügte dann zögernd hinzu: »Ich und MacCornick haben auch große Verluste erlitten. Sie sind hart. Aber wir sind, Dank dem Herrn, nicht die ersten besten. Fleck and Son halten schon einen Puff aus. Daher sind ich und Mac Cornick in der Lage, für den Lebensunterhalt deiner Mutter zu sorgen!« Edith Merker nickte dankbar, aber zugleich mit einem leisen, wachsenden Ausdruck von Angst. Es war, als käme ihr jetzt erst allmählich etwas zum Bewußtsein. Der alte Herr fuhr fort: »Meine Tochter Lucy mit ihren Kindern nehme ich zu mir und ebenso natürlich Dickie, ihren Mann. Er mag sein Bestes tun, sich irgendwie nützlich zu machen. Daß Mac Cornick für Jane als seine Frau sorgt, ist selbstverständlich. Was Fred betrifft .... Er ist ledig. Er hat eine Menge von Freunden an allen Enden von England! ... Er ist ein wohlbekannter Sportcharakter! Solch ein junger Mann schlägt sich immer durch. Er ist selbst unbekümmert um seine Zukunft. Jetzt bleibst also nur noch du ....« Die junge Frau sah erschrocken auf und preßte die Lippen zusammen. Augustus Fleck fuhr in unerschütterlicher Ruhe fort: »Mr. Merker ist in Deutschland Offizier. Wir wissen, daß der Kaiser von Deutschland junge Offiziere ohne eigenes Vermögen nicht anstellt. Deswegen, Edith, hielt dich dein Vater hier zurück. Er hatte nicht mehr das Geld zu deiner Heimkehr nach Deutschland! Er rang in letzter Zeit um jede tausend Pfund und war ängstlich, es gegen jedermann zu verschweigen ....« Der alte Kaufherr aus Manchester überlegte und versetzte dann nachdrücklich: »Mr. Merker hatte sich, wie ich sah, mit dieser Sachlage schon abgefunden. Er blieb in Deutschland und du warst mit deinem Kinde hier. Nichts würde aufdringlicher von meiner Seite sein, als Mr. Merker einen Vorwurf daraus zu machen, daß er das ausübt, was er gelernt hat: das militärische Handwerk in einem fremden – und – ich darf es mit Mr. Merkers Erlaubnis vielleicht sagen – uns fast feindlichen Staat. Dich von dort aus mit seiner geringen Gage, die kaum zum eigenen Lebensunterhalt ausreichen dürfte, zu unterstützen, würde Mr. Merker unmöglich sein. Also wird dein Unterhalt, den in dieser Zeit dein Vater bestritten hat, nun uns, deinen Verwandten, zur Pflicht ... Bitte, Mr. Merker ... ich sehe, Sie springen auf ... Sie wollen sprechen ... Aber ich wäre Ihnen so dankbar, wenn Sie mich bis zu Ende kommen ließen ...« Er wehrte mit einer trockenen Handbewegung ab und schloß, wieder zu Edith gewandt: »Du könntest also mit deinem Töchterchen abwechselnd in meinem Hause in Manchester und bei Mac Cornicks in Liverpool eine dauernde Unterkunft finden und da leben. Das bieten wir dir hiermit an. Mehr können wir nach bestem Gewissen nicht tun! ... Ich weiß nicht, warum Sie die Faust ballen, Mr. Merker. Ich bin mir keines Unrechts bewußt. Ich erfülle hier meine Pflicht. Ich spreche als Christ, als Gentleman und als Brite – was eigentlich alles drei ein und dasselbe ist. Und bin nun fertig!« »Und Sie bilden sich ein, werter Herr ... « sagte Helmut Merker. Er kam nicht weiter. Seine Frau stand schluchzend, verzweifelt vor ihm. Sie faßte ihn an den Schultern. Sie versuchte ihn, zu seinem Erstaunen, von sich abzuwenden, gegen den Ausgang zu. Sie konnte nicht sprechen. Er machte sich los, musterte sie verblüfft und meinte: »Nanu ... Edith ... was soll denn das? Du schmeißt mich aus meinem eigenen Zimmer?« Nun endlich fand sie Worte. »Geh! ... geh ... ich bitte dich ... geh ...!« »Wohin denn ... um Gottes willen ...?« »Zurück nach Deutschland ... in deine Heimat ... zu deiner Mutter ... und zu deinen Brüdern ... und zu deinen Soldaten ...« »Und du? ... Und Klein-Mary?« »Wir bleiben hier!« »Ich glaube, du bist verrückt!« »Mich lasse nur hier! ... Kümmere dich nicht um mich! ... Ich kann es nicht mehr verantworten, daß ich deine Frau bin!« »Na ... ich bin damit ganz zufrieden!« »Ich bin dir nur eine Last im Leben! Nichts ist schrecklicher, als wenn eine Frau ihrem Mann nur eine Last ist!« »Du bist mir wahrhaftig genug ... « »Ja! Ein Bleigewicht! ... « Sie stieß es atemlos hervor. Augustus Fleck, dessen deutsche Sprachkenntnisse stark eingerostet waren, konnte ihren sich überstürzenden Worten nicht mehr folgen. Nur noch ihr Mann. »Ich häng' an dir! ... Ich zieh' dich in die Tiefe! ... Ohne mich würdest du ganz froh und gut in Deutschland leben, so wie es war, ehe wir uns kennen gelernt haben ... « »Das war eine verwünscht öde Zeit, Edith!« Sie schüttelte wild den blonden Kopf und breitete die Arme aus und schaute verzweifelt zum Himmel empor. »Warum hat uns der liebe Gott zusammengeführt, wo ich dir doch nur Unglück bringe? Das hast du nicht verdient, Hellie! ... Du bist Soldat! Und du bist Deutscher! ... Und das mußt du bleiben! ... Nichts seh' ich mehr ein wie das! ... Und ich ... ich ... ich ..., die dich so liebt ... ich hindere dich immer daran ... Mich mußt du meinem Schicksal überlassen! ... Du mußt über mich hinweg! ...« Sie sank laut aufweinend vor ihm auf den Boden nieder. Er hob sie sanft auf und zog sie an sich. » ... Nun also Schluß mit dem Kohl!« versetzte er. »Da bist du ... da bleibst du ... verstanden? ... Nee, Kindchen ... zapple nur ... ich lasse dich nicht los ... Und Sie, Mr. Fleck ...« Der greise Baumwollspinner stand in seinem dunklen Paletot an der Türe, den Zylinderhut in der einen, den Stock mit Goldknauf in der anderen Hand. Helmut Merker trat vor ihn hm und sagte auf englisch: »Ich danke Ihnen für Ihre guten Absichten, Mr. Fleck! Auch im Namen meiner Frau. Ihr Vorschlag ist der eines Gentleman ... Daß ich ihn nicht annehme, brauche ich nicht erst zu sagen ...« »Hellie!« »Du, Edith, sei gefälligst mäuschenstill! ... Also, Mr. Fleck, bitte, bestellen Sie jedem, den's angeht: Ich sei Manns genug, selbst für Frau und Kind zu sorgen!« »Ich weiß nicht, wie ... Mr. Merker!« »Ich auch noch nicht!« sagte Helmut Merker. »Aber wozu gibt einem denn der Himmel ein paar kräftige Arme?« »Ihre Gesinnung macht Ihnen Ehre, Mr. Merker! Sie macht Ihnen Ehre! ... Aber denkt man sie sich in Taten umgesetzt ... in bezahlte Arbeit, Sir! ... Gerade diese Befürchtung ist es ja, die mich hierher führt ... Wir sind von der Hand des Herrn schwer getroffen ... wir wollen ringen, oben zu bleiben, und der Herr wird uns helfen, unsere respektable Stellung in der Welt zu bewahren ...« »Meinetwegen! Wenn unser Herrgott gerade nichts Besseres vorhat ...« » ... aber um so mehr müssen wir ängstlich bedacht sein, daß kein Mitglied unserer Familie – also auch nicht Mrs. Merker – gesellschaftlich sinkt ... in Schichten verschlagen wird, die ...« »Meine Frau wird sich immer in sehr guter Gesellschaft befinden!« sagte der Leutnant. »In ihrer eigenen und in meiner! ... Mehr brauchen wir, offen gestanden, nicht!« Augustus Fleck wandte sich an die junge Frau. Er bemühte sich, etwas von väterlicher Milde in den Ausdruck seiner kalten Augen zu bringen. »Es ist nicht weise, Edith, wenn man das letzte verloren hat, auch noch das allerletzte hinterherzuwerfen!« Sie antwortete ihm nichts. Er hielt das für ein günstiges Zeichen. Er wiederholte: »Es ist nicht weise gehandelt! ... Das siehst du selbst ein! ... Du hast ja selbst eben Mr. Merker vorgeschlagen, dich wieder von ihm zu trennen ... vorläufig wenigstens ...« Edith schaute erstaunt auf. Sie strich sich mit der Hand über die Stirne. »Ich?« »Nun ja ...« »Dann weiß ich nicht mehr, was ich gesagt hab'! ...« »Edith!« »Ich tu', was er will! Er weiß es besser!« »Edith ... ich bitte dich ernstlich ...« Da sprang sie auf. Ihre Stimme war fest. »Er will, daß ich bei ihm bleib' ... Da geh' ich mit ihm, wohin er will! ... Durch dick und dünn! ... Da geschieht alles ihm und mir zugleich ... Da gibt es keinen Menschen und kein Ding in England, das mich davon abbringt!« »Wenn dem so ist, dann hab' ich hier allerdings nichts mehr zu suchen!« sprach Augustus Fleck. Er verbeugte sich steif und verließ das Zimmer. Als er gegangen, standen sie beide lange stumm und hielten sich umschlungen. Sie waren in der Stimmung, in der man unter Tränen lacht. In der man sich mit dem Wort von den Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde getröstet. In der der Hammerschlag des Schicksals Funken von Kraft und Wärme aus einem sprühen läßt, an die man selber vordem nicht glaubte. Edith trocknete ihre Augen und sagte hoffnungsvoll, wieder in ihr britisches Bibeltum zurückfallend: » The Lord will provide for us! « – Der Herr wird für uns sorgen ... Und Helmut Merker drückte ihr, wie einem tapferen Kameraden, die Hand. Vorläufig merkten sie ja noch nichts vom Kampf ums Dasein, waren hier oben in ihren luftigen Zimmern mit dem Ausblick auf die Themse geborgen gleich Schiffbrüchigen auf einer Insel. Sie blieben so den Abend und hatten sich, wie sie Hand in Hand auf dem Diwan saßen, so viel von dem Halbjahr ihrer Trennung zu erzählen, sich um Verzeihung zu bitten und einander zu vergeben, daß die Stunden im Flug vergingen. Schließlich legte sich eine tiefe Ruhe über sie beide. Sie kamen sich geläutert vor. Einer am andern ... Dann, gegen Mitternacht, fielen Edith vor Erschöpfung die Augen zu. Sie versank in einen ohnmachtähnlichen Schlaf. Er stand still, mit zusammengelegten Händen, vor ihr und betrachtete dies jugendlich- regelmäßige, liebliche, in seinem Schlummer, mit geschlossenen Wimpern, unbewegte Gesicht. Jetzt, ohne die Gefährtin seines Lebens, an die er bisher allein gedacht, die er, blind gegen alles andere, in diesen Stunden getröstet und gepflegt, kam er erst recht zu sich. Er fing an zu denken, zu sorgen. Die Zukunft ins Auge zu fassen. Es legte sich ihm schwer auf die Brust. Es machte ihn ratlos. Es war ein großer Unterschied, ob man sein bißchen Hirn nach Trostgründen für eine schluchzende kleine Frau durchstöberte oder ob man sich selber unerbittlich Rechenschaft ablegte: Was nun? Was morgen? Was wird aus dir und den Deinen? Das Zimmer wurde ihm in seiner Unruhe zu eng. Er verließ es leise und trat, den Hut in die Stirne gedrückt, die Hände in den Paletottaschen, auf die Straßen von London hinaus. Die Riesenstadt mit ihren Rätseln, ihrer Unermeßlichst, ihrem Licht und Dunkel, ihrem Wechsel von Überfluß und Hunger schien ihm jetzt wie das Schicksal selbst ... Auf dem Strand war noch Laternenglanz, Wagenrollen, Leben. Jetzt eben hatten die vielen Theater der Umgegend geschlossen. Herren in Frack und Zylinder, Ladies mit bloßem Kopf und in zarten Abendtoiletten überschritten, vom Schutzmann geleitet, den Fahrdamm, elegante Nachtschwärmer und ihre Damen strömten in das Savoy. Helmut Merker ging durch das alles durch. Manchmal dachte er, er träumte die letzten sechsunddreißig Stunden, seit er Berlin verlassen, um nach London zu fahren. London ... da vor ihm ragten in der Nacht die Courts of Inn am Eingang der City. Es war stiller um ihn geworden. Er blieb stehen und musterte das steinerne Stück Mittelalter mit seinen geheimnisvollen Höfen und Gängen. London ... Hatte ihn denn diese Stadt und dieses Land abermals im Bann? Wie kam er wieder hierher? Er wollte doch nicht und eine unerklärliche Macht, eine unsichtbare Hand schob ihn immer von neuem an den Ort, dem er entfliehen wollte. Es war wie eine Rache dafür, daß er einst freiwillig das Inselreich dem eigenen Vaterland vorgezogen ... Er schritt weiter und sagte sich unerbittlich: ›Damals hast du die Uniform an den Nagel hängen wollen ! Jetzt wirst du's müssen ! Darin hat dieser alte Geldkratzer aus Manchester, der ehrenwerte Augustus Fleck, ganz recht: Der Leutnant, der mit Familie in Deutschland nur von seiner Gage leben kann und leben darf, der müßte erst noch geboren werden! ... Es hat ein Ende ... Es hat ein Ende ...‹ Er war jetzt schon tief in der City. Er sah nicht eine lebende Seele ringsum. Doch – dort an der Straßenecke standen ein paar Gestalten – barhaupt, in alte Kohlensäcke gehüllt, mit verglasten Schnapsaugen –Nachttiere, wie sie Whitechapel drüben ausspie. Sie suchten Zigarrenstummel vom Boden auf, Orangenschalen, Gemüsereste, und verloren sich brummend im Dunkel. Helmut Merker sah ihnen nach und dachte sich: ›Ihr Paupers! ... Bin ich denn reicher als ihr? Heute noch! Aber wenn ich morgen die Rechnung im Hotel für mich und die Meinen bezahlt hab', hab' ich ungefähr gerade noch so viel wie ihr! Nämlich nichts ...› Er fand sich auf einmal vor dem niederen, fensterlosen Festungsdreieck der Bank von England. Er schritt die lange, graue Front entlang und bog um die Ecke von Old Broadstreet und stand vor einer Türe mit der Messingtafel: ›John Wilding und Kompanie‹. Er wußte nicht, wie er dahin gekommen. Er sah sich die geschlossenen Rolläden an, dies altfränkische, schmale, hochgiebelige Haus, an dem weiter nichts Besonderes zu bemerken war, und es ging ihm mit einem leisen Frösteln durch den Kopf: Also da ist es geschehen! Da hat sich unser Schicksal erfüllt ... Stille ringsum. Kein Mensch. Doch ... da, im Schatten des gegenüberliegenden Bürgersteigs, lehnte einer. Schaute wie er auf die Stätte von John Wildings Glück und Ende hin. Rührte sich nicht. Nein ... Plötzlich setzte er sich in Bewegung ... kam quer über die Straße – ein strupphaariger Mann in schäbigem Überzieher und schäbigem Filzhut, einen verwilderten Graubart um das rotgedunsene Gesicht —- jeder Laufjunge hier kannte das City-Original, den alten Mr. Mathes. Der blieb vor dem anderen stehen und lachte kurz und belustigt auf, indem er ihm mit dem Griff seines Stocks gegen die Brust tippte. » Well , Mr. Merker ... Sie hier? ... Trauern um den Schwiegerpapa? ... All right ! ... Ich auch! ... Wenn's mir was hülfe! Tut's aber nicht, old boy !« Er hatte an diesem Abend offenbar noch mehr Whiskey und Soda als gewöhnlich getrunken. Er fuhr, während Helmut Merker in unwillkürlichem Unbehagen schwieg, voll grimmiger Heiterkeit fort: »Ein höchst bemerkenswerter Fall! Ist er's nicht? ... Ein Straßenräuber sagt doch nur: ›Das Geld oder das Leben!‹ Das Schicksal aber hat unserem old Johny da oben beides in einer Nacht zugleich abgeknöpft!« Und dann: »Sehr eigentümlich, Mr. Merker: Sonst heißt es immer, es zieht den Verbrecher an den Ort seiner Tat zurück ... Aber hier versammeln sich statt dessen die Opfer ... Sie und ich ... haha ... na ... wir sind nicht die einzigen! ... Hinter John Wildings Kassenschrank wird's mehr Leidtragende geben als hinter seinem Sarg!« Als zählte er in diesem Augenblick zu diesem Trauergefolge, so langsam und schwerfällig setzte er sich bei seinen letzten Worten in Bewegung und schritt schnaufend, brummend, mit sich selber sprechend, fürbaß. Der Leutnant ging schweigend neben ihm her. Er hörte, wie der alte Fuchs kopfschüttelnd sagte: »Da hat man nun sein Leben hier verbracht ... hat tagaus, tagein sein Geschäft in der City gemacht ... Geschäft, wissen Sie, ist das Geld der anderen ... Das Geld muß man ihnen abnehmen und in die eigene Tasche stecken. Sie glauben nicht, Herr, bei wieviel Leuten ich das in meinem langen Leben getan hab'...« »Ich glaub's schon!« »Mir war jeder recht! ... Ich hab' sie alle hineingelegt. Nie war einer schlauer als ich! ... Man hat mich gefürchtet, Mr. Merker!« »Ich weiß!« »Auf einen Mann in der Welt hab' ich mich nur verlassen, der hieß Karl Mathes und geht hier neben Ihnen. Wissen Sie: Es gibt Schotten, da oben im Hochland, die sehen's den Leuten an, ob sie bald sterben werden. So hab' ich es den Leuten hier in der City angesehen, wann ihre Wechsel nichts mehr taugen würden, und bin rechtzeitig von ihnen weggegangen ... ganz still ...« Er blieb stehen und stieß Helmut Merker wieder vertraulich mit dem Knauf seines Stocks an die Rippen. »Bloß von einem nicht, wissen Sie! Von Ihrem Schwiegervater nicht, Mr. Merker! Der war schlauer als wir alle. Hat sogar mich geprellt bis zum letzten Atemzug! Ich hätt's old Johny nicht zugetraut!« Aus seinen Worten sprach nicht, wie sonst aus aller Welt Munde, Zorn, Kummer, Anklage, sondern eine sonderbare widerwillige Hochachtung vor einem Mann, der früher aufgestanden war als er. Er ergänzte:»Ich hab' elf Zwölftel meines Vermögens an Ihrem Schwiegervater verloren, Sir! Er hat mich geschoren wie das erste beste Grünhorn, Sir! Es bleibt mir eben noch genug zum Leben, bis mich bald mal der Schlag trifft. Zu viel Portwein und Brandy, wissen Sie, Sir! ... Kommen Sie! Da ist City Road! Wir wollen einen Trunk nehmen!« Es war eine zu dieser späten Nachtstunde noch offene ›Public Bar‹, in die er seinen Begleiter führte. Sehr gemischte Gesellschaft bevölkerte die Destille. Ihn störte das nicht! Er schien hier bekannt. Er bekam sogar für sich und den anderen zwei Stühle in der Ecke, während die übrigen Gäste stehend kneipten. Er leerte sein Whiskeyglas auf einen Zug, seufzte tief und forschte dann unvermittelt: » Well , Mr. Merker – was fangen Sie denn nun eigentlich an?« Helmut Merker war dem Alten willenlos durch das Londoner Straßenlabyrinth gefolgt. In dieser beklemmenden Mitternachteinsamkeit der City schien einem jede Menschenseele willkommen und ein Freund. Er war froh, sich über das, was ihm auf dem Herzen lastete, aussprechen zu können. »Vor allem muß ich meinen Abschied nehmen!« sagte er rasch und fest. »Ich muß für Frau und Kind sorgen, Herr Mathes! ... Das kann ich als Leutnant nicht und überhaupt nicht in Deutschland ... Dort ist alles voll von Menschen, die arbeiten wollen, meine gesellschaftliche Stellung ist mir überall nur im Wege, und ich hab' ja auch nichts gelernt, was mir daheim helfen könnte ...« Er brach ab, zündete sich eine Zigarre an und fuhr entschlossen fort: »Bei uns Zigarrenfritze werden oder als Versicherungsagent auf die Walze gehen – danke! ... Mit dem Leutnant a. D. ist das bei uns überhaupt so eine Sache! Die wenigsten würden mir glauben, daß ich nichts pecciert hab', sondern ohne meine Schuld Hab' aus dem bunten Rock heraus müssen ... Da hat man unnütz auch noch das Odium auf dem Buckel ... nee ... dann lieber die Ellenbogen ganz frei! ... Und da sag' ich mir: In Deutschland können viele Menschen Englisch, aber in England wenige Deutsch!« »Richtig!« »Und ich kann Englisch wie Deutsch! An meiner Aussprache merkt man mir hier noch den Ausländer an, aber sonst an nichts. Das ist das einzige, was ich außer meinem militärischen Beruf gründlich verstehe. Mir scheint, daran muß ich mich halten, das muß ich auszunützen suchen. Und das kann ich nur hier in England, wo ich zudem durch jahrelangen Aufenthalt Land und Leute viel genauer kenne als andere Deutsche!« »Das sind aber gelernte Kaufleute, Mr. Merker ... Und Sie nicht!« »Ich werd' es eben zu lernen suchen!« Es war eine Pause. August Mathes lächelte ungläubig vor sich hin. Dann sagte er: »Nichts von alledem werden Sie tun, Sir! ... Sie werden einfach die Verwandten Ihrer Frau für Sie sorgen lassen, wie die anderen auch!« Helmut Merkel hob den energischen, sonnenverbrannten Kopf: »Da kennen Sie mich flach, Herr Mathes! ... Ich nehme von der Blase kein Gnadenbrot! ... Ich hab' die Verwandten heute bereits 'rausgeschmissen – mit diesem Anerbieten!« »Und Ihre Frau?« »Die hat mir dabei geholfen! Die trennt sich nicht von mir! ... Die hat gerade solch einen Dickschädel!« »So ... so ...« sagte der alte Mathes nachdenklich, nahm einen Schluck und starrte vor sich ins Leere. Dann prüfte er wieder mißtrauisch den jungen Mann. »Sie hab' ich mir auch anders gedacht!« meinte er. »Wieso?« »Na ... so die Herrchen vom bunten Tuch! .. Die drängen sich doch sonst nicht so dazu, wenn's zu arbeiten gilt!« Der Leutnant neben ihm schlug mit der Faust auf die Bar, daß der Küfer drüben erstaunt auf den Gentleman blickte. »Was wissen denn Sie von deutschen Offizieren, Herr Mathes? Was wissen denn Sie von Deutschland überhaupt? ... Sie sind von dort weg – Gott weiß wann, und haben sich nie mehr darum gekümmert ... das sag' ich Ihnen ja jedesmal, wenn wir uns sehen ...« »Schimpfen Sie nur, Sir!« Der Alte sprach es ganz gemächlich. »Ich hab' ein dickes Fell! ... Ich bin selber grob!« »Und was haben Sie nun von England? Sie sind ein alter Mann und haben keine Familie und haben keine Heimat!« »... und seit gestern kein Geld ... Alles richtig ... sehr richtig, Mr. Merker ... Ich komme mir selber dumm vor – in letzter Zeit ...« »Das wollt' ich natürlich nicht sagen, sondern nur: Sie haben Ihr Leben lang gearbeitet und Geld verdient. Ich weiß nicht, warum Sie mir dies Recht absprechen wollen ... wo ich nicht wie Sie nur für mein eigenes wertes ›Ich‹, sondern für Frau und Kind zu sorgen hab'!« Der alte Mathes nickte. »Sie gefallen mir ... wissen Sie?« »Danke!« »Sie sind der einzige, der den Kopf oben behalten hat. Ich hätt' Ihnen das am wenigsten zugetraut!« »Meinetwegen halten Sie von mir, was Sie wollen!« Der alte Volksmann brummte etwas zu der Unhöflichkeit des anderen in seinen verwilderten Graubart und frug dann rasch und bestimmt: »Was kann ich für Sie tun, Sir?« »Für mich? ... Sie?« »Ich bin jetzt auch nachdenklich geworden!« sagte Karl Mathes. »Ich seh' die Dinge auch anders an, seit ein paar Tagen! ... Bisher hab' ich fremdes Geld eingezogen! Das hat mir Spaß gemacht! Aber jetzt nehmen sie mir meinen eigenen Cash. Das freut mich gar nicht! Ich fang' nicht noch einmal von vorn an! Ich bin zu alt! Sie aber sind ein junger Mann! ... Was kann ich für Sie tun, Sir?« »Verschaffen Sie mir Arbeit!« »Auch außerhalb Londons? ... Hier sind zu viele Deutsche!« »Wo Sie wollen!« »Etwa in Liverpool?« »Meinetwegen bei den Kaffern!« »Das, was ich jetzt noch besitze ...« sprach der alte Mathes sinnend und stand auf und zahlte für beide, »das steht bei Lucas Manners droben in Birkenhead. Es ist eine Company Limited. Old Lucas ist der leitende Mann. Er ist ein Deutschenfreund, weil er seine besten Geschäfte mit Deutschland macht. Er wird in seinem Kontor Platz für einen Gentleman Ihrer Art haben, oder ihn schaffen, wenn ich Sie empfehle! ... Wollen Sie?« »Ob ich will? ... Herrgott ... Sie fragen noch?« »Aber es ist ein ganz bescheidenes Auskommen, Sir!« »Wenn ich die Meinen nur vorläufig satt krieg', Herr Mathes!« » ... und weit – lassen Sie mich das offen sagen – weit werden Sie es in Ihrem Leben als Kaufmann nicht bringen, Mr. Merker! ... Sie sind nicht der Mann dazu! Satteln auch zu spät um!« »Das weiß ich, Herr Mathes! Ich hab' mir mein Schicksal nicht ausgesucht! Aber unterkriegen lass' ich mich von ihm nicht!« Sie waren in das Freie getreten und standen an einer Straßenecke. In einem letzten Anflug von Argwohn frug der Alte: »Wann würden Sie denn nach Liverpool reisen, um sich vorzustellen?« »Um acht Uhr geht morgen früh der erste Zug mit der London and North-Western! ...« Karl Mathes nickte befriedigt. » All right ! Bis Sie mittags ankommen, sind Sie von mir telegraphisch angemeldet! ... Gehen Sie dann gleich hin! ... Notieren Sie sich's ja: Lucas Manners, Cp. Lt., Birkenhead! So ... Geben Sie mir mal die Hand, Mr. Merker!« Er drückte die Rechte des anderen kräftig. Der wollte anheben, ihm zu danken. Aber er wehrte brummig, mit einer Kopfbewegung ab. »Nichts da! ... Erwähnen Sie's nicht, Sir! ... Ich muß jetzt schlafen gehen, Sir! - Gute Nacht!« Helmut Merker stand und schaute – immer noch fast sprachlos vor Überraschung – dem alten Mann nach, der schwerfällig durch das Dunkel einer Seitengasse, als einer der wenigen Menschen, die auch nachts dort wohnten, in seine geliebte City zurückschlürfte, die City, in der er seinen Reichtum erworben und verloren. Jetzt bog er wie ein Schatten um die Ecke und verschwand. Der junge Deutsche ging halb im Traum nach seinem Hotel zurück. Er brauchte fast eine Stunde dazu. Er klopfte leise an die Türe des Zimmers. Edith öffnete. Sie stand in ihrem langen weißen Gewand vor ihm. Er legte ihr die Hände auf die Schultern. »Edith ... gehst du überall mit mir hin?« »Ja.« »Bleibst du auch mit mir in England, wenn wir arme Leute sind?« »Ja.« »Wenn wir uns unsern Lebensunterhalt hier verdienen müssen?« »Ja ... aber ...« »Was denn?« »Du hast doch immer erklärt, Hellie, du wolltest nie wieder nach England zurück!« »Zum Faulenzen unter den Deinen – nein!« sagte er. »Aber zum Arbeiten – ja! Ich will doch sehen, ob ich uns nicht als ehrlicher Deutscher hier durchs Leben schlag'!«   15 Ein starker kurzer Aufschrei aus ein paar hundert Kehlen durchhallte den Saal der Baumwollbörse in Liverpool. Es war der Ruf, der sich gewohnheitsmäßig jeden Nachmittag ein paar Minuten nach drei Uhr wiederholte, wenn von New-York, wo es jetzt eben erst zehn Uhr morgens war, die dortigen Anfangskurse in Baumwolle eintrafen. Ein Angestellter in Uniform stand auf der erhöhten Plattform in der einen Ecke des Raums und notierte an der riesigen Tafel die einzelnen, einander rasch folgenden Ziffern. Unten im Saal kritzelten die Bleistifte in den Notizbüchern, wurde in fliegender Eile die Marge, die Preisspannung, berechnet ... Die paar Punkte Unterschied bedeuteten unter Umständen ein Vermögen. Mac Cornick, der schottische Baumwollimporteur, stand träumerisch und phlegmatisch im Haufen der anderen Börsenbesucher, die jetzt, nach der ersten Aufregung, plötzlich in Schweigen verfallen waren und sich kaltblütig und herausfordernd, die Hände in den Hosentaschen, gegenseitig musterten – hier Hausse – dort Baisse – lauernd, wer den ersten Vorstoß führen würde. Er überflog noch einmal seine laufenden Engagements und nickte. Das Geschäft stand gut. Drüben hob ein langer dürrer Gentleman den Arm und rief entschlossen mit einem näselnden Kehlton, der sofort den Amerikaner verriet: » I say ! ... 37-1/2!« Es wirkte wie ein Trompetenstoß! Ein wildes Stimmengewirr hinterher, erregte Gesichter, fuchtelnde Hände ... Der Kampf flackerte eine Sekunde hellauf und ebbte wieder in eine tiefsinnige Stille vor dem Sturm. Mac Cornick hatte vorläufig genug. Er ging die Galerie entlang, von deren Wänden reihenweise die lebensgroßen Ölgemälde der Bürgermeister von Liverpool niederschauten, und fuhr mit einem der vielen, ununterbrochen im Inneren des Wolkenkratzers auf- und niedersausenden Lifts hinauf in den Arbitration-Room. Die Nordfenster des langen schmalen Raums waren von oben durch Holzverschläge abgeblendet, so daß das Licht klar und doch gedämpft auf die vielen Kästen mit den für Handel und Wandel auf der ganzen Erde maßgebenden Baumwollproben fiel. Ein paar Herren standen mit ernsten Gesichtern, blaue Tüten in der Hand, vor einem der geöffneten Schübe und verglichen. Der Schotte nickte den Geschäftsfreunden flüchtig zu und frug einen Diener: »Mr. Fleck nicht hier?« »War hier, Sir! Ist, glaub' ich, hinauf in den Kaffeeraum, Sir!« »Danke!« Der Baumwollmann stellte sich wieder in einen der Lifts und durchmaß die letzten, von Reihen von Kontoren eingenommenen Stockwerke des Gebäudes bis unter das flache Dach. Dort hatten die Börsenleute ihr Klubrestaurant, hoch über der tief unten wimmelnden Stadt. Man genoß durch die großen Glasfenster einen weiten Überblick über das hügelige Häusermeer Liverpools. Junge Mädchen in weißer Schürze und in weißen Häubchen gingen umher und bedienten. Die Scheiben des Restaurants zitterten leise in dem rauhen Herbststurm, der von der Irischen See herüberblies. Es war schon Mitte November. An dem niederen Himmel jagten sich die zerrissenen, grauen Wolken. Hier oben, wo man wie in einer Laterne saß, konnte man glauben, ihnen ganz nahe zu sein. An einem Tisch hatte eine Gruppe aus Manchester herübergekommener Baumwollspinner Platz genommen. Unter diesen Lancashire-Leuten war auch Augustus Fleck der Jüngere. Er tat gerade, was er alle Tage tat: Er schimpfte wütend auf Deutschland. Und sah doch, so sehr er sich Mühe gab, sich durch den zahnbürstenartig kurzgeschnittenen Schnurrbart und die nachlässige Haltung zu anglisieren, äußerlich mit seiner kurzen, dicken Gestalt und dem runden Gesicht keineswegs einem Briten ähnlich. Mac Cornick setzte sich zu ihm. Solange die anderen Gentlemen da waren, sprachen sie beide auch nur vom Geschäft im allgemeinen, vom großen Eisenbahnstreik, von der Kriegsgefahr zwischen Deutschland und England, die jetzt, nachdem sie monatelang als schwarze Wolke am Himmel gestanden, sich wieder einmal allmählich verzog. Dann, als die anderen Spinner gegangen, rückten sie zusammen und erörterten ihre eigenen Angelegenheiten. Gott sei Dank: die schwersten Zeiten nach dem Sturze des Hauses Wilding und Kompanie waren für sie jetzt, nach Ablauf eines halben Jahres, überwunden. Man hatte erkannt, daß die beiden Firmen Fleck and Son und Mac Cornick immer noch gut waren. Der Schwiegervater hatte sie nicht mit in den Strudel gezogen. Und tüchtige Geschäftsleute waren sie beide – der Schotte wie der Jingo. Das wußte jeder, den es anging, zwischen New-York und Bremen. Es dämmerte schon, als sie ihre Besprechungen beendet hatten. Augustus Fleck der Jüngere sah nach der Uhr und erhob sich. Es war Zeit zum Zug nach Manchester. »Du gehst wohl noch ins Kontor?« frug er den anderen, seinen dicken Paletot zuknöpfend. »Nur auf einen Sprung! Ich fahre dann noch hinunter an den Landungssteg!« »Jetzt ... in der Dunkelheit?« »Ja ...« meinte der Importeur ein wenig zögernd. »Es ist doch gar kein Dampfer fällig ...« »Das nicht. Ich möchte vor dem Dinner einmal hinüber nach Birkenhead ...« Mr. Fleck schwieg. Mac Cornick fügte entschlossen hinzu: »Ich habe mit meiner Frau gesprochen! So geht das nicht weiter!« Sie fuhren im Lift an einem Stockwerk mit offenstehenden Baumwollkontoren nach dem anderen vorbei und hinab in die Tiefe. Als sie vor der Börse standen, sagte der junge Manchestermann eisig beim Abschied: »Tu, was du willst! ... Mich kümmert's nicht! Ich hab' meine Gründe!« »Nichts ist stichhaltiger als die! ...« Sie trennten sich. Mac Cornick gab unten in seinem Baumwollbureau noch einige Anordnungen, bürstete sich die weißen Flocken vom Ärmel und begab sich hinunter zum Fluß. Es war schon dunkel, als er dort ankam. Ein feiner Sprühregen klatschte nieder. Draußen, auf der schwarzen Wasserfläche, stöhnte der Wind. Der Dampfer, dessen Umrisse man nur unbestimmt in der Finsternis erkennen konnte, war voll von schwarzen, sich fröstelnd aneinanderdrängenden Menschen. Er ging, bald nachdem der Schotte ihn betreten, unter dem Heulen der Dampfpfeife ab. Man hätte glauben können, er stäche in die offene See – so lange, wohl zehn Minuten und mehr, währte die Fahrt durch das Dunkel des Mersey nach dem jenseitigen Ufer. Endlich schimmerten drüben die Lichter von Birkenhead. Die Hafenstadt und Vorstadt von Liverpool lag düster im Regentriefen des Novemberabends. Der Sturm brüllte den Fluß hinauf, fegte um die Ecken, warf einen fast zu Boden. Das war man hier und überall an der Seeseite gewohnt. Aber Mac Cornick war doch froh, als er einen Wagen fand und dem Kutscher sein Ziel, eine Straße noch jenseits der Vorstadt Claughton, bezeichnete. Der Cabby wunderte sich über den Liverpooler Gentleman. Das dort war eigentlich nicht recht mehr eine respektable Gegend. Dort wohnten mehr schon bessere Arbeiter. Er trieb sein Pferd an, überkreuzte den Hamilton Square, fuhr ein paarmal fehl und hielt endlich vor einem zweistöckigen Backsteinhäuschen, das genau so aussah wie hundert andere rechts und links von ihm, wie tausende und zehntausende in Birkenhead und Liverpool und ganz England. Der Baumwollgroßhändler stieg aus und bedeutete dem Kutscher, zu warten. Er musterte prüfend das kleine Haus und auf seinem kühlen Antlitz war ein ernstlicher Widerwillen vor einer solchen Art zu wohnen. Dann zuckte er die Achseln und schellte. Eine schlanke blonde junge Frau im Hauskleid öffnete und schaute spähend hinaus, wer der Besucher sei. Jetzt war der draußen wahrhaft erschrocken: Eine Lady, die eigenhändig das Haustor aufmachte ... Das war ein Ding, das eigentlich im Vereinigten Königreich keinen Platz hatte. Das war fast schon ein Zeichen des Niedergangs der britischen Rasse. Aber Edith Merker versetzte, ganz unbefangen, ihren Verwandten erkennend: »William? Wirklich? ... Oh ... ich bin so froh! ... Tritt ein! ... Mein Mann ist schon zu Hause ...« Der Schotte legte seinen nassen Havelock ab und konnte sich, während er den Regenschirm in die Ecke stellte, nicht enthalten, in einem ernsten und verweisenden Ton zu fragen: »Hast du denn kein Hauspersonal?« »Oh! Ich habe! Es ist eine Irin! Hörst du – da hinten rumort sie in der Küche! ... Hellie! Mac Cornick ist gekommen!« Es war ein freundliches, helles und behagliches Gemach zu ebener Erde, in das sie ihren Gast führte. Die Enge der vier Wände fiel nicht auf. Überall im Inselreich waren ja die Räume klein. Neben dieser Wohnstube war noch ein winziges Eßzimmer. Der Tisch schon sauber zu der Abendmahlzeit gedeckt. Ein paar Blumen darauf. Kamingeflacker. Die englische Gabe, überall und mit geringen Mitteln den Eindruck von Komfort zu erzeugen. Helmut Merker saß und las. Neben ihm am Boden spielte die kleine Mary. Es war ein trauliches Bild, wenn man wie Mac Cornick aus Nacht und Sturm kam. Die beiden Männer reichten sich die Hand und setzten sich, Edith ihnen gegenüber. Der Baumwollimporteur schwieg und schaute sich unbehaglich in dem Raum um. Er fühlte sich bedrückt. So sah also die Armut aus, britische Armut. Er mißbilligte, wie jeder Gentleman auf den drei Inseln, streng die Armut. Und was das wahrhaft Betrübende war: diese Paupers hier waren seine Verwandten. Er überlegte seine Worte. Er war ein Christ. Mangel an Geld war eine Heimsuchung Gottes. Er wollte also diese schon vom Herrn geschlagenen Menschen, die dabei ganz frisch und gesund aussahen, nicht unnötig verletzen. Kranken und Leuten ohne Scheckbuch war man Mitleid schuldig. So begann er schonend: »Ich hoffe, es geht euch gut?« »Sehr gut!« »Sie haben immer noch Ihre Stellung bei der Manners Company Ltd. inne, Mr. Merker?« »Ja!« »Sind Sie mit Ihrem Salär zufrieden?« Der andere machte eine Handbewegung durch sein kleines Reich. »Sie sehen, ich kann leben!« »O ja ... ich sehe!« Mac Cornick unterdrückte den Nachsatz: »Aber wie?« ... Ein Mann, der arbeiten mußte, um Bäcker und Fleischer zu bezahlen ... Es war ja eigentlich beklemmend für ein eingetragenes Mitglied der Liverpooler Baumwollbörse. Die junge Frau neben ihm sagte: »Erzähle doch: Ich hab' ja schon eine Ewigkeit nichts mehr von den Meinen gehört ...« »Ja ... da du das Haus meiner Frau, deiner Schwester, drüben in Liverpool mit keinem Fuß betrittst ...« Edith Merker legte die Hände ineinander und versetzte ruhig: »Lieber William ... diese Rücksicht sind wir euch schuldig! Wir sind untergetaucht. Wir arbeiten hart um unser Leben. Das ist in euren Augen ein Verbrechen. Leute wie wir können nicht zu euch, sogar wenn ich etwas dazu anzuziehen hätte, was nicht der Fall ist!« »Aber wir sind so traurig, daß ...« »Im Gegenteil! Ihr seid froh, daß wir euch nicht kompromittieren! Sonst würde meine Schwester viel öfter einmal nach uns sehen! Vor acht Wochen war sie zuletzt hier!« »Ja. Sie hat daheim bitterlich in der Erinnerung an euch geweint ...« »... Es wäre weise von ihr, wenn sie das uns überließe!« sagte Edith Merker. »Wie geht es ihr denn sonst?« »Nach Wunsch!« »Und mother ?« »Danke. Sie macht eben einen Trip nach Schottland!« Edith und ihr Mann sahen sich an. Es war geradezu gespenstig: Ma änderte sich nicht! Mit dem wenigen Geld, das ihr die Schwiegerkinder zahlten, schoß sie nach wie vor ruhelos in der Welt herum, auf der alten Jagd nach Vergnügungen. Nur nicht mehr nach Paris und Nizza, sondern nach ganz kleinen, billigen englischen Seebädern, nicht mehr im Kreise ihrer bisherigen Bekannten, sondern wahllos anderen alten, ebenso grauhaarigen und unermüdlichen Ladies des Mittelstandes zugesellt. »Und Dickie?« »Dickie? ... Nun, er hat sein kleines Haus auf dem Lande, nahe bei Manchester ... Da lebt er nun mit seiner Familie!« »Und was tut er?« »Er hat einen guten Golfgrund in der Nähe ... Da ist er den größten Teil des Tags!« »Und Fred ...« »Fred hat sich neulich in Burke beim Lawn-Tennis einen zweiten Preis geholt! Seine Freunde waren sehr stolz auf ihn. Ich glaube sogar, sie trugen ihn auf den Schultern davon. Er lebt da und dort bei seinen Freunden. Er ist überall willkommen, wo guter Sport ist!« »Also mit einem Wort: es wird weiter gefaulenzt!« sagte Helmut Merker kaltblütig. Der Großkaufmann zog die Brauen hoch. »Das klingt, als ob Sie stolz auf Ihre jetzige Lage wären, Mr. Merker!« »Na – wir fallen doch wenigstens niemandem zur Last! ... Das ist doch was – nicht wahr, Edith?« »Ja!« »Findest du wirklich, Edith, daß dein Mann recht hat?« »Oh ... ich denke: Ja! Was er will, das will ich auch!« Helmut Merker lachte. »Uns hat das Schicksal tüchtig zusammengehämmert – meine Frau und mich! Uns kriegen Sie nicht auseinander, Mr. Mac Cornick!« »Nichts ist mir erfreulicher, als das zu hören!« sagte der Schotte. »Und doch ... Es ist nun einmal unsere Anschauung: selber sein Geld arbeiten lassen, ist gut! Aber für andere um Geld arbeiten ... ist Ihnen das nicht selber peinlich, Mr. Merker?« »Ich stehe doch nicht hinter dem Ladentisch!« sagte der junge Mann. »Ich arbeite in einem geschlossenen Kontor gegen ein, wie ich zugebe, nicht gerade fürstliches Gehalt. In der gleichen Stellung könnte ich zum Beispiel in Deutschland ruhig Reserveoffizier sein. Das ist nun wieder mein Kriterium, Mr. Mac Cornick! Ich bin Deutscher!« »Aber Sie leben in England, dem sind Sie Rücksicht schuldig!« »Habe ich je die englischen Gesetze verletzt? ... Ich bin mir keiner Verfehlung bewußt!« »Sie haben Verwandte!« sagte der Schotte ernst und würdig. »Oder vielmehr: Mrs. Merker hat Verwandte, denen es nicht gleichgültig sein kann, daß ein Glied ihrer Familie sich in solch einer niederen Lage befindet. Es ist uns peinlich! Es schadet uns in der öffentlichen Achtung! Es wird darüber geredet ... Wir haben das ein halbes Jahr mitangesehen, weil wir genug mit uns selbst zu tun hatten. Aber nun muß hierin eine Änderung eintreten, Mr. Merker!« »Inwiefern?« »Sie müssen diese bezahlte Tätigkeit hier aufgeben und als Gentleman leben!« »Wovon denn?« »Lassen Sie das unsere Sorge sein! Wir werden Rat schaffen! ... Wir sind es Ihrer Frau schuldig!« »Das heißt: ich soll mich mit Dickie und Fred an der allgemeinen Bummelei beteiligen?« sagte der junge Deutsche. »So ist's doch gemeint? Eine kleine Rente ... ein Häuschen auf dem Lande ... auf Lebenszeit eingemottet ... Danke gehorsamst ... Ist nicht mein Fall ...« »Man könnte ja sehen, ob sich nicht bei mir eine Form der Tätigkeit ...« »Sie wissen so gut wie ich, daß ich von Baumwolle nichts verstehe! Bei Ihnen unnütz herumsitzen und mich dabei noch niederträchtig behandeln lassen, als der arme deutsche Vetter, der da das Gnadenbrot ißt ... ja ... Herrschaften! Ihr denkt immer, ihr Engländer habt das Selbstgefühl in Erbpacht genommen. Bitt' um Vergebung, Sir. Das haben wir auch!« »Sie führen eine aufreizende Sprache, Mr. Merker! Statt mir dankbar zu sein ...« »Sie wollen doch nicht uns eine Wohltat erweisen,« sagte Helmut Merker, »sondern Ihr wertes Ich vor der Unannehmlichkeit, arme Verwandte zu haben, schützen! ... Tut mir leid! ... Es wäre mir auch lieb, wenn ich das große Los gewänne! Bis dahin verdiene ich mir mein Brot selber!« Mac Cornick wandte sich an die junge Frau. »Edith ... ich hoffe ernstlich, wenn ich es auch nicht sehe, daß du entrüstet darüber bist, wie Mr. Merker mit deiner Zukunft spielt ...! ... Nein? ... Findest du denn nicht, daß das, was er sagt, höchst unbillig ist ... unweise ... unenglisch ...? ... Ich weiß wirklich keine stärkeren Ausdrücke mehr ...« »Wenn er sagt, er will lieber arbeiten, als dein Geld nehmen, so muß er es eben! ... Er war früher zu wenig stolz. Aber jetzt ist er es so sehr. Ich liebe es an ihm. Ich bin selber stolz darauf!« »Es mag ein deutscher Standpunkt sein, auf ein Salär von drei Pfund wöchentlich stolz zu sein!« sagte der Schotte trocken. »Darüber will ich mit einem Ausländer nicht rechten. Aber du bist Engländerin! Überlege es dir wohl, ehe du die Hand deiner Landsleute und Verwandten zurückstößt.« »Hast du je gefunden, daß ich schon als Mädchen besonders nachgiebig war?« frug die junge Frau freundlich. »Nein! Nichts warst du weniger!« »Darum eben gib dir keine Mühe. Es ist umsonst. Ich geh' mit meinem Mann durch dick und dünn!« »Gute Nacht!« sagte Mac Cornick, verließ das Haus und fuhr nach Liverpool zurück. Der Regen schüttete durch die sternlose Nacht hernieder. Er goß ebenso die nächsten Tage und Wochen und hüllte alles – die weite Stadt, den weiten Fluß, den weiten Himmel in ein eintöniges fließendes Grau. Der Seewind blies und brachte von Norden, von der Insel Man her, ein kurzes, stiebendes, weißes Flockengewimmel. Bleierner Nebel brütete wieder über der Welt – britischer Winter mit seinem Gerüttel an den klapperigen Fenstern, seiner Zugluft durch dünne Backsteinwände, seinem sengend flackernden Kamin. An dem rückte man jetzt enger noch als sonst zusammen, der Teekessel summte sein Lied, die bläulichen Wolken der Stummelpfeife kräuselten sich an der niederen Decke – nichts unterbrach die Stille dieser Abende, das Gleichmaß der Tage, und Helmut Merkel sagte einmal zu seiner Frau, die, die kleine Mary auf dem Schoß, neben ihm saß: »So ungefähr muß einem Taucher zumut sein, wenn er ganz unten auf dem Grund des Meeres angekommen ist! ... Der hört und sieht gerade so viel von der Welt wie wir ...« Die englischen Verwandten hüllten sich jetzt ganz in Stillschweigen. Man hatte jenseits des Mersey den Kopf voll von dem fieberigen Zickzack der Baumwollkurse und dem drohenden Streik der Webstuhlarbeiter, der Eisenbahnen, der Karrenführer, aller möglichen Arbeitsbienen in der großen Drohnenwelt des Vereinigten Königreichs. Man dachte mit Absicht nicht mehr an Mr. Merker und seine Frau da drüben in Birkenhead. Ein Clerk war kein Gentleman. Ein Mann, der freiwillig Clerk blieb, war ein Verrückter. Dem mochte der Arzt helfen. Oder der Seelsorger. Andere Briten konnten das nicht. Aus Deutschland kam auch nur selten ein Lebenszeichen. Alle vier Wochen ein Brief, kritzelig, von zitternder Hand, mit dem Poststempel Erbach im Odenwald. Was die Mutter schrieb, war immer das gleiche: »Ich danke Gott von Herzen, daß es Euch in England so gut geht und Du Dich in Deinem neuen Beruf so wohl fühlst! Aber Kinder ... seid doch bei Euren Automobilfahrten recht vorsichtig! Ihr fahrt immer so schnell. Ich weiß es noch von hier. Es muß ja nicht sein. Man kommt ja immer noch früh genug zum Ziel – nicht wahr?« Das war ihr frommer Glaube, in dem sie auch der Bankerott des Hauses Wilding und Kompanie nicht erschüttert hatte. Sie hatte das Ehepaar Merker immer so in Glück und Glanz gesehen; daß sie es sich unter anderen Verhältnissen nicht recht vorstellen konnte. Ihr Sohn ließ sie dabei. Er war nur besorgt, wenn einmal die Zeilen der Mutter ausblieben. Das kam gegen Ende des Winters ein paarmal vor. Frau Direktor Merker kränkelte. Sie konnte sich von den Folgen einer schweren Influenza nicht recht erholen. Sie schrieb einmal: »Kinder – ich glaube, ich mache es nicht lange mehr! ... Einmal vorher möchte ich Euch noch sehen! ... Gott geb' es, daß mein Wunsch in Erfüllung geht!« Und wieder, wie so oft in diesem letzten Jahr, fühlte Helmut Merker die Umwertung von Raum und Zeit durch das Geld. Früher wäre ihm solch eine Reise von Liverpool bis an den Rhein eine Kleinigkeit gewesen. Jetzt gab es keinen Urlaub und die paar Zehnpfundnoten, die sie beide noch besaßen, mußten für Fälle dringendster Not aufgespart bleiben. Der April war da – ein April, wie damals, als er vor Jahren zum erstenmal als junger Leutnant seinen Fuß auf englischen Boden gesetzt. Schneeschauer über gelben Schlüsselblumen und Narzissen, Sonnenblitze durch Regentau auf grünem Gras, Wind ... Wind ... Wind ... mochte der Himmel blauen oder grauen. An Sonntagnachmittagen, wenn alle respektablen Leute über das Wochenende hinaus auf dem Lande waren und Helmut Merker mit seiner Frau drüben in Liverpool zwischen festtäglich gekleideten Kommis und Fabrikarbeitern spazieren ging, schaute er oft, auf der freien Riesenfläche rings um St. George's Hall, zwischen den Statuen englischer Staatsmänner und Menschenfreunde stehend, hinab auf die große Stadt, oder er überblickte am Fuß der Wolkenkratzer des Ufers den majestätischen Spiegel des Mersey, auf dem sich die Schiffe des weltumspannenden Handelshafens wie Nußschalen in den Docks verloren, und prüfte die fern, mitten im Strombett lagernden Windhunde des Ozeans, die Riesendampfer der Cunard-Linie, die im Winter über und über vereist, wie schwimmende Gletscher, den Fluß heraufgekeucht waren und jetzt schmuck und ungeduldig in der Frühlingssonne schimmerten, und sagte nachdenklich zu der blonden Frau an seinem Arm: »Ja ... wenn die Briefe aus Erbach nicht immer wären, Edith ...« Sie verstand ihn nicht und schaute ihn fragend aus ihren blauen Augen an. Er ergänzte: »Ich meine: wenn Mama nicht wäre ... das vor allem hält mich von der Idee zurück ...« Er schaute wieder nach dem »Olympic«, dessen unwahrscheinliche Größe sich in schwarzer, schlanker Linie vom Grau der Wellen abhob, und meinte: »Der geht nun nach Amerika! In sechs Tagen ist man drüben! Dort gibt es Möglichkeiten ... hier bleibt ja doch alles beim Alten! Man kommt nicht weiter!« »Aber drüben kann man ganz untergehen, Hellie!« »Freilich!« sagte er. »Ich weiß es wohl! ... Es handelt sich um Tod und Leben!« Er brach ab und kam nicht mehr darauf zurück. Eine Woche später waren sie des Sonntags wieder von Birkenhead hinüber nach Liverpool gefahren und gingen bei klarem Frühlingsschein inmitten des Volks im Wavertree-Park spazieren. Sie waren jetzt schon so anspruchslos geworden, daß sie sich über alles freuten – über die warme Sonne – über die zahmen Schwäne auf den Gewässern – den weiten Blick ins Grüne – die Orchideenpracht und das Palmengefieder im Gewächshaus. Dort hatten sie ihren Nachbarn getroffen, der das Häuschen zu ihrer Linken bewohnte, Mr. Morton, den Maschinenbauer, der, glattrasiert und im Zylinder, mit der Würde eines Gentleman zwischen seinen Angehörigen dahinschritt. Sie hatten ihm und Mrs. Morton die Hand geschüttelt und die Hoffnung auf gutes Wetter ausgesprochen und waren dann weitergegangen. Plötzlich fühlte Edith, daß ihr Mann sie rasch in einen Seitenweg ziehen wollte. Sie lachte und frug: »Oh ... Hellie ... Was tust du? ... Es kann doch niemand von meinen Verwandten hier sein ... Heute am Sabbat doch sicherlich nicht ...« »Von deinen nicht, aber von meinen!« sagte er finster. »Siehst du drüben nicht den Wolfgang Wilding? Ich hab' ihn gern, aber ich hab' jetzt gar keine Lust ...« »Er hat uns schon bemerkt!« meinte die junge Frau und blieb stehen. Jetzt waren in ihr die englischen Erziehungsinstinkte so stark, daß sie dem herantretenden Frankfurter Patrizier freundlich wie sonst als Lady die Hand entgegenstreckte und mit sonnigem Lächeln sagte: »Oh ... Herr von Wilding ... Ich bin so froh, Sie zu sehen!« Das geübte Auge des jungen Weltmannes vor ihnen erkannte natürlich sofort die Einfachheit ihres Äußeren, die Zurückgebliebenheit in der Mode. Den schlichten Hut. Den ärmlichen Schirm. Er ließ sich nichts merken, sondern lachte unbefangen und erklärte sein Hiersein: »Ich bin nämlich eben mal schnell um die Welt gerutscht. Im November von Berlin fort... Ceylon... Hinterindien ... China ... Japan ... na ... so der ganze Schwamm ... und jetzt von den States hier herüber ... mit der Cunard-Linie ...« »Warum nicht mit einem deutschen Schiff?« frug Helmut Merker. Er mußte etwas sagen und fühlte doch gerade diesem Vetter gegenüber die Befangenheit der Armut. Wolfgang von Wilding lachte wieder: »... Weil ich gern ganz dumm und schläfrig in der Ecke sitze und zuhöre, was sich die Engländer so untereinander zu erzählen haben! Wenn sie wüßten, wer ich bin, vertrauten sie mir ihre Herzensgeheimnisse gegen Deutschland ganz gewiß nicht an. Es wäre auch sehr unhöflich von ihnen. Euch kann man nicht über den Weg trauen, Verehrteste!« »Euch?« sagte Edith. »Oh ... wir sind Deutsche!« »Mehr als je in meinem Leben!« ergänzte ihr Mann. »So? ... Na ... das freut mich! ... Ich hatte gehört, du seist jetzt ganz nach England verzogen ...« »Das allerdings!« »Und hier in den Betrieb von Verwandten in Liverpool oder Manchester eingetreten ... so hat man mir gesagt... verzeih ... ich weiß ja nichts Genaueres ... Du warst ja mit einem Schlag uns in Deutschland so völlig aus dem Gesichtskreis gerückt, und ich trat meine große Reise an ... na ... Es geht dir aber doch gut?« Die Frage klang unsicher. Niemand konnte besser als dieser junge Diplomat den Abstand zwischen dem verwöhnten Ehepaar von einst und diesen beiden einfachen, ruhigen, trotz ihrer Jugend ernsten Menschen ermessen. Helmut Merker sagte gelassen: »Wolfgang ... wenn du jetzt ein Brite wärest, gingst du schnell an uns vorbei. Nach englischer Ansicht ist die Berührung mit einem Mann ohne Geld gefährlicher als Typhus und Pest. Ein Gentleman sieht gern einem Tiger ins Auge, aber nicht einem Pauper. Und wir sind Paupers ...« »Na ... so arg wird es doch ...« »Obwohl du Diplomat bist, Wolfgang – diesen Zweifel bringst du doch nicht glaubwürdig heraus! ... Du weißt es besser! ... Du brauchst uns ja nur anzusehen! ... Wir machen auch gar kein Hehl daraus. Wir sind über viele Dinge hinaus – weißt du ...« Es widerfuhr dem jungen Weltmann selten, daß er nicht gleich eine gewandte Antwort fand. Aber diesmal schwieg er, und sein Vetter fuhr fort: »Ein großer Schritt ... vom Dandy zum Clerk. Der bin ich nämlich ... trag' es mir, bitte, nicht nach ... aber leben muß der Mensch – und ein noch viel größerer Schritt für Edith von Belgravia nach Birkenhead ... da drüben, wo die Schornsteine rauchen. Da wohnen wir. Ich kann dich kaum einladen, unser Haus zu betreten ... Was haben wir denn heute zum Essen?« Edith lachte. »Kalte Hammelkeule! Peggy kocht doch am Sabbat nicht!« »Na – was das betrifft ...« sagte Wolfgang von Wilding. »Herrschaften: ich hab' Hunger! Wenn ihr mich mitnehmen wollt ... Ich freu' mich riesig, daß ich euch getroffen hab'!« Wenn er es nicht schon geahnt hätte, wie es um das Ehepaar Merker stand, so hätte es ihm, der England und die Engländer kannte, der Anblick ihrer Straße, ihres Hauses verraten. Hier wohnte man nicht. Das schlug aller Respektabilität ins Gesicht. So wenig Leute, die etwas auf sich hielten, in Paris auf dem Mont- martre, in London auf der Surrey-Side, in Berlin im Scheunenviertel ihr Heim aufschlugen, so wenig zog man in solch eine Vorstadt hinaus. Man war deklassiert. Wollte es sein. Der Hausherr sagte es auch, als sie bei einem Pint Ale aus Zinnkrügen vor der kalten Hammelkeule saßen, die Edith eigenhändig auftrug. Denn Peggy, die irische Magd, war nicht salonfähig. Er trank dem anderen zu, unwillkürlich mit der Armbewegung des preußischen Offiziers: »Ich glaube, du bist der erste Gast, Wolfgang, den wir hier überhaupt zum Dinner haben! Wir leben hier gewissermaßen inkognito! ... Es stört uns auch niemand! Es ist merkwürdig, wie rasch der Mensch vergessen wird!« Wolfgang von Wilding ging, solange man bei Tisch war, nicht weiter auf diese Dinge ein. Aber als nach aufgehobener Tafel Edith hinaufgegangen war, um ihr Töchterchen zu Bett zu bringen, und die beiden Männer sich Pfeife und Zigarre anzündeten, hub er an: »Also leichten Herzens bist du nicht aus Deutschland und aus der Armee weg?« »Ich bin Soldat mit Leib und Seele!« »Ich meine nur, weil du doch damals in Alsheim freiwillig ...« »Das war die große Dummheit meines Lebens ... Was seitdem geschehen ist, das scheint mir wie eine Strafe dafür. Sogar der totale Zusammenbruch meines Schwiegervaters. Und nun hier das Schuften um das tägliche Brot!« »Ich dacht' immer, deine Frau hat so reiche Verwandte!« »Hat sie auch! Die finden unsere Existenz hier höchst unchristlich! ... Nach ihrer Meinung soll unsereins essen, trinken, schlafen und Sonntags dem Lord in der Kirche danken, daß man nischt zu tun braucht. Wie ich das abschlug, da sagten sie sich: Na ... wenn sich ein Pauper mit Gewalt nicht speisen lassen will, dann kann man ja die Bibel wieder auf das Stehpult legen und auf die Baumwollbörse gehen! Schluß!« »Du ... das gefällt mir aber sehr an dir!« sagte Wolfgang von Wilding nachdenklich. »Früher warst du nicht so« »Nee – wahrhaftig nicht! ... Man lernt immer 'was zu, wenn es einem schief geht!« erwiderte der junge Hausherr. Seine Frau kam herein, brachte eine Flasche Portwein, die sie inzwischen selbst in der Eile über die Straße geholt, und zwei Gläser, nickte ihnen zu und ging wieder. Er schaute hinter ihr her. »Du hast die Edith doch auch früher gekannt, Vetter! ... Kannst du dir das jetzt so bei ihr vorstellen ...? Das ist nicht nur heute abend so, dir zu Ehren ... nein ... so ist das immer, seit wir in des Deubels Küche sind! ... Als es uns noch gut ging, hat sie mich allein gelassen ... Jetzt in der Not ist sie mein Kamerad! Und ich glaube, sie hat noch nie darüber nachgedacht, ob das ihre Pflicht ist oder nicht ... Sie tut's eben ... Sie würde, wenn wir an irgendeiner wüsten Insel Schiffbruch litten, mit derselben stoischen Ruhe am Ufer hocken und ein Feuer anzünden! Sie weiß selber nicht, wie tapfer sie ist. Lieb gehabt hab' ich sie immer. Aber achten tu' ich sie jetzt ganz anders und noch viel mehr wie früher ...« »Ihr gefallt mir alle beide!« sagte Wolfgang von Wilding, wieder, in einem herzlicheren Ton, als es sonst seine glatte, liebenswürdige Weltmannsart war. Sein Vetter kam wieder auf das zurück, was ihn im Stehen und Gehen, im Wachen und Träumen beschäftigte: das deutsche Heer. »Was gäbe die Edith jetzt bei uns daheim für eine famose kleine Offiziersfrau! Jetzt hat sie sich die Hörner abgelaufen! Jetzt würde sie sich so gut bei uns einleben! ... Jetzt wäre sie nicht mehr eine englische Lady in einem preußischen Regiment, sondern würde eine Deutsche durch und durch, und würde mich verstehen und meinen Beruf und was Dienst heißt ... Und gerade, wenn man so weit ist, ist's eben dadurch auch zu spät und das Tor zu ...« Er versank, den blauen Wolken seiner Pfeife nachschauend, in Träumen: »Wie ich vor anderthalb Jahren nach Deutschland zurückging, um wieder Soldat zu werden,« sagte er, »da hatten wir glücklich gerade noch zwölftausend Mark von unserem Kommißvermögen nicht verputzt! Die ließ ich natürlich meiner Frau. Und die hat es ebenso natürlich in den paar Monaten darauf, ehe der Alte umschmiß, gewissenhaft für Handschuhe oder Blumen oder was weiß ich, ausgegeben! ... Hätten wir nur das bißchen Geld noch besessen – es hätte genügt, uns zur Not und mit Anstand bis zum Hauptmann erster Klasse über Wasser zu halten. Wir hätten in Deutschland in der Front bleiben können. So geht's! Hunderttausend schmeißt man ungestraft hinaus und über die letzten Groschen kommt man zu Fall ...« Er kam im Laufe des Abends mit einer unstillbaren Sehnsucht, einer unbewußten Hartnäckigkeit immer wieder auf die preußische Armee zurück. »Mein Oberst in Czenstowitz war so ein tadelloser Kerl! Wie ich mich bei ihm abmeldete, hielt er meine Hand lange fest und sagte: ›Ich lasse Sie ungern ziehen ... Wenn sich Ihre Verhältnisse wieder bessern sollten, was ich zu Gott hoffe ... wir halten Ihnen, solange wir können, bei uns einen Platz offen!‹« Und wieder nach einem Schweigen fügte er hinzu: »Ein Jahr war ich auf Urlaub. Dann war ich wieder ein halbes Jahr in der Front. Nun bin ich ein Jahr ganz weg. Zusammen zwei Jahre bei insgesamt dreizehn Jahren Dienstzeit ... Das ist nicht so schlimm. Da stellt einen Majestät bei guter Empfehlung immer noch wieder an. Aber natürlich ... die Zeit verrinnt ... jeder Tag entfernt einen weiter von der Möglichkeit. Es ist besser, man denkt gar nicht darüber nach. Es ist ja doch alles vorbei ...« »Und deine Tätigkeit hier als Kaufmann macht dir gar keinen Spaß?« Helmut Merker zuckte die Achseln. »Lieber Wolfgang ... du bist noch nicht verheiratet! Sonst wüßtest du, daß es eine verflucht ernste Sache ist, für Frau und Kind zu sorgen. Dagegen tritt alles andere zurück, auch ob man Freude an seinem Beruf hat oder nicht!« Er stand auf, ging zur Türe, um zu lauschen, ob Edith noch oben sei, kam zurück und sagte, sich wieder setzend, halblaut: »Schau mich doch mal an, alter Kerl, ob ich von Gottes und Rechts wegen in ein Kontor taug'? ... Ich zög' wahrhaftig lieber den Säbel, als daß ich die Feder in die Tinte tauche, und säße lieber auf dem Gaul als auf dem Drehschemel! Und wenn es wenigstens ein sicheres Brot wäre ... Ich bin doch kein gelernter Kaufmann! Im Handumdrehen wird man das nicht!« »Aber du hast doch hier die Stellung gefunden!« »Ja, Liebster ... durch Empfehlung! ... Der alte Mr. Mathes aus London hat hier immer noch viel zu sagen! Aber – offen gestanden – er liegt so gut wie im Sterben. Er kann den Verlust von gut elf Zwölftel seines Vermögens nicht verwinden. Er macht es höchstens noch ein Vierteljahr! Und was dann aus mir hier wird, wenn man auf ihn keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht ...« Er leerte den Rest in seinem Portweinglas, klopfte seine kurze Pfeife aus, stopfte sie neu und sprach dabei zwischen den Zähnen: »Schließlich bleibt einem doch nur Amerika! Dort kann jeder wenigstens hoffen, so lange, bis er stirbt! ... Es ist freilich erst recht ein Sprung ins Dunkle! ... Ich bin kein großer, geschäftlicher Kopf! ... Ich gäb' einen guten Compagniechef ab – ich könnt' es vielleicht bis zum Regimentskommandeur bringen oder gar, bei viel Glück, bis zur Brigade ... aber hier... ja nun ... das Leben muß gelebt werden ... Gib mir mal dein Glas! ... Du trinkst ja nichts!« Der junge Diplomat war schweigsam und nachdenklich geworden. Er brach zeitig auf. Er wollte am nächsten Tag mit dem ersten Frühzug nach London weiter. Sein Vetter begleitete ihn, der sich in diesen nächtlichen Vorstädten nie zurechtgefunden hatte, den weiten Weg bis nach Liverpool zurück. Als sie an der Lime-Street-Station vorbeikamen, von der aus Wolfgang von Wilding in wenigen Stunden die Stadt verlassen sollte, blieb er plötzlich stehen und frug: »Kann ich dir nicht irgendwie behilflich sein, Helmut?« »O doch!« »Wie denn? ... Bitte ... sprich ...« »Wohin gehst du jetzt?« »Zuerst zu meinem alten Herrn nach Frankfurt, um mich von der Weltumsegelung zurück zu melden, und dann weiter nach Berlin!« »Also ... wenn du in Frankfurt bist ... Es ist ja für dich mit eurem Auto nur ein Katzensprung... kaum ein paar Stunden ... fahre einmal nach Erbach hinüber und schau nach meiner Mutter!« »Ja. Gern.« Sie waren bis zu dem nahen Adelphi-Hotel weitergeschritten und hatten unter dessen Portal Halt gemacht. Helmut Merker fuhr fort: »Ich bin in Sorgen um ihr Befinden. Mein Ludwigshafener Bruder schreibt mir ja öfters darüber. Aber er ist selbst Sohn und sieht das, was er gerne sehen will ... Ich möchte, daß einmal ein Dritter mir ganz reinen Wein einschenkt. Willst du das?« »Du kannst dich auf mich verlassen!« Herr von Wilding hatte noch manches auf dem Herzen, was er dem Vetter sagen wollte. Aber nun war es zu spät. Helmut Merker drückte ihm stumm die Hand, ging mit großen Schritten quer über den Platz und die abfallende Ranelaghstreet hinunter und war schon im Dunkel der Nacht verschwunden ... Wenn die großen Liverpooler Dampfer von Amerika kamen oder dorthin abgingen, machten sie an dem Uferkai hinter dem riesigen Zollgebäude fest. Da war dann immer ein buntes Leben. Cab auf Cab mit Reisenden rollte unter die hölzerne Überdachung der Docks, Frachtwagen mit Haufen von Schiffskoffern knarrten heran, Agenten, Makler, Clerks liefen mit Papieren in der Hand, die Dampfkräne ächzten und sandten ihre eisernen Schwebeketten auf die steinerne Fläche vor der hochragenden Bordwand des Riesen nieder, weinende Damen wanderten mit Blumen über die langen, zum Verdeck führenden Laufstege, deren Eingänge nach der Stadt zu Schutzleute bewachten. Viel Volk sammelte sich immer davor und sah sich das Schauspiel an. Unter ihm stand in diesen Tagen, wenn ihn der Weg in Geschäften von Birkenhead nach Liverpool führte, ein paarmal auch Helmut Merker und betrachtete diese seltsame Mischung von Schicksalsernst und gleichgültiger Alltäglichkeit, die jede Abfahrt eines solchen Dampfers mit sich brachte, und sah die Europamüden, die da mit Sack und Pack, ohne sich umzuschauen, ihr schwimmendes Obdach für die nächste Zeit erklommen, und dachte sich: Wer weiß: Bald bist du auch darunter und gehst einer Zukunft entgegen, die noch unsicherer ist als alles bisher ... Acht Tage, nachdem Wolfgang von Wilding Liverpool verlassen, erhielt er einen Brief von ihm aus Frankfurt, gerade in dem Augenblick, als er auf die Trambahn springen wollte, um sein Kontor aufzusuchen. Unterwegs las er die Zeilen. »Lieber Vetter Helmut! Gestern war ich bei Deiner guten Mutter und saß zwei Stunden bei ihr. Ich hab' ihr viel von Euch erzählt und in der Form, wie sie selbst sich Euer Leben ausmalt. Ich wäre noch länger geblieben. Aber sie war zu erschöpft. Ich habe dann auch noch mit dem Arzt geredet, und getreu dem Versprechen der Wahrheit, das ich Dir gegeben habe, möchte ich Dir raten: Benutze, wenn Du irgend kannst, die kommenden Pfingsttage zu einer Fahrt hierher! ... Schiebe es nicht zu lange auf ... Niemand vermag vorherzusagen, was eintreten könnte und wann. Es besteht in diesem Augenblick keine unmittelbare Gefahr. Aber Du verstehst schon, lieber Helmut, was ich meine. Wenn Du hierher kommst, dann gehe, bitte, nicht an meinem Vater in Frankfurt vorbei. Ich habe ihm von Dir berichtet. Er würde Dich aus bestimmten Gründen sehr gerne einmal wiedersehen! Ich selbst sitze hier neben dem gepackten Koffer und fahre heute nacht nach Berlin in die Wilhelmstraße zurück. Bismarck wußte, warum er als Referendar schaudernd aus dem Staatsdienst floh. Aber ich bin kein Bismarck und bleibe. – Ich küsse Frau Edith in wahrhafter Hochachtung die Hand und drücke die Deine als Dein Wolfgang.« Helmut Merker steckte den Brief zu sich und ging langsam, mit gesenktem Haupt, den kurzen Weg von der Haltestelle bis zu seinem Bureau. Er verbrachte den Vormittag in schweren Gedanken und tat nur mechanisch sein Werk. Dann mußte er noch einen aus New-York gelandeten Geschäftsfreund, der Zollschwierigkeiten hatte, hinüber nach Liverpool und in den großen, von dem ragenden Uhrturm flankierten Wolkenkratzer des Amtsgebäudes am Ufer begleiten. Der Nachmittag verstrich und es dunkelte, bis er zurückkehrte und gleich den Weg nach seinem Heim einschlug. Edith öffnete ihm. Sie sah blaß und erregt aus. »Wo warst du denn?« sagte sie. »Ich habe seit drei Stunden nach dir telephoniert und dich nicht gefunden!« »Ja, wie soll man drüben am Hafen einen Menschen finden? Ist etwas geschehen?« »Eine Depesche ist gekommen! Von deinem Bruder aus Ludwigshafen. Da!« Er las: »Fahre so rasch wie möglich nach Erbach. Befinden ernst. Leopold.« Die beiden sahen sich einen Augenblick schweigend an. Dann versetzte Edith: »Wir müssen gleich reisen. Gottlob haben wir den Sparpfennig.« »Und Klein-Mary?« »Ich hab meiner Schwester Jane telephoniert. Sie war schon hier und hat sie abgeholt. Sie behält sie unterdessen bei sich!« »Ja ... und der Urlaub ...« »Heute ist doch schon Montag. Übermorgen schließt doch alles über Pfingsten!« Ihr Mann riß seinen Zylinderhut vom Haken und eilte nochmals in die Nacht hinaus. Nach einer Stunde kam er zurück. »Gott sei Dank, der Chef war noch in seiner Office ... Ich kann sofort reisen! Ich habe acht Tage frei! Wir müssen gleich packen!« »Es ist schon alles gepackt, Hellie! ...« »Dann erreichen wir noch den Nachtzug nach London, und sind morgen abend in Deutschland!« Er atmete schwer auf. »Ich fürchte, zum letztenmal für immer in Deutschland, Edith ...«   16 Auf dem Kirchhof zu Erbach waren die Leidtragenden versammelt. Es waren ihrer nur wenige. Die nun verstorbene Frau Gymnasialdirektor Merker hatte sich schon seit vielen Jahren so still in ihren Witwensitz im Odenwald zurückgezogen, daß die meisten der alten Freunde und Bekannten schon lange nicht mehr wußten, ob sie überhaupt noch lebte oder auch schon heimgegangen war. So standen nur die nächsten Familienangehörigen auf dem Gottesacker in süddeutscher Waldwelt, Helmut Merker und sein Bruder Leopold mit ihren Frauen, Kurt, der Jüngste, in seiner Offiziersuniform der Handelsmarine, ihre einzige Schwester und deren Mann, der Oberlehrer. Nur einer fehlte – der, der eigentlich und zum letzten der Mutter das Herz gebrochen – der verlorene Sohn. Niemand wußte, wo Hugo Merker, der Bankvolontär außer Diensten, augenblicklich weilte – welchen Namen er gerade führte. Niemand vermißte ihn. Man erwartete auch keinen weiteren Trauergast mehr. Es war alles zur Stelle. Die Bäume umher trugen das erste zarte Laub. Maiblau wölbte sich der Himmel. Leise wehte der Wind. Es war ein rauschendes Grünen auf den sanftgeschwungenen Höhenwellen im Umkreis. Eben wollte der Geistliche beginnen. Da tönte ganz aus der Nähe das verhaltene, wie dumpf um Aufschub bittende Tuten eines Automobils. Eine lange Staubfahne auf der weißen Chaussee zeigte den Weg, den es von Norden, vom nahen Michelstadt her, genommen. Jetzt verlangsamte es seinen Lauf und hielt beinahe lautlos vor dem Kirchhofsgitter. Ein großer, bejahrter Herr in aufrechter Haltung und mit gebieterischem Gesicht warf den Pelz von sich, unter dem der Traueranzug zum Vorschein kam, vertauschte die Automobilmütze mit dem umflorten Zylinder, den ihm der Diener aus dem Futteral reichte, und betrat, die schwarzen Handschuhe in der Rechten, auf den Fußspitzen, um nicht zu stören, den Friedhof. Erstaunte Blicke richteten sich auf ihn. So fremd waren, durch die Ehe der jetzt Verstorbenen, die Frankfurter Wildings der Familie Merker geblieben, daß von diesen niemand den in ganz Deutschland genannten Industriegewaltigen kannte oder auch nur erkannte. Nur Helmut wußte Bescheid und sagte, auf die halblaute Frage des Oberlehrers neben ihm: »Wer das ist? Mamas Bruder. Der Geheime Kommerzienrat von Wilding ...« Der Frankfurter Millionär hatte die in bescheidenen Verhältnissen lebende Schwester vor so manchem Jahr zum letztenmal gesehen. Aber jetzt war er doch gekommen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Er stellte sich in die vorderste Reihe, begrüßte Helmut mit einem kaum merklichen Blick, faltete die Hände und senkte während des Gebets das entblößte, graubuschig-mächtige, durchgearbeitete Haupt. Und der tiefe Ernst auf seinen hartgeschnittenen Zügen leitete ihn, den pflichtbeladenen, kampfumtobten Mann, in Gedanken in jene fernen Tage der Kindheit zurück, wo er und die jetzt Heimgegangene und John Wilding, den nun auch schon fern in England der grüne Rasen deckte, drüben im alten Frankfurt, im Hause des Onkel Senator, miteinander gespielt und gelacht ... Nach Schluß der Trauerfeier drückte er stumm den Kindern und Schwiegerkindern der Entschlafenen die Hand. Er sprach mit ihnen nichts, weil er sie nicht kannte. So wäre jedes Wort hier, am offenen Grabe, nur eine leere Alltäglichkeit gewesen. Zuletzt trat er zu Helmut und Edith. In der Art, wie er ihnen die Rechte reichte, lag eine verhaltene Herzlichkeit, die eigentlich über das Maß ihrer früheren Beziehungen, als das Leutnantsehepaar Merker noch in seinem Hause verkehrte, hinausging. »Mein Sohn wäre gerne selbst gekommen,« sagte er. »Aber er konnte unmöglich gleich wieder aus Berlin fort. Er hat mir viel von euch erzählt ...« Er brach ab, machte eine Pause und frug dann: »Wann gehst du nach England zurück?« »Morgen!« »Du mußt ja über Frankfurt fahren! Besuche mich da, bitte! ... Versprech' es mir!« »Wenn du willst ...« »Ja. Ich will!« Der Geheimrat von Wilding betonte diese Worte mit der ihm eigenen, keinen Widerspruch duldenden Bestimmtheit, wandte sich ab und zog den Pfarrer noch in ein kurzes Gespräch. Dann verabschiedete er sich. Für ihn war jede Minute kostbar. Jede Stunde hatte ihren baren Geldwert. Mit Sechzigkilometergeschwindigkeit raste sein Automobil, in stoßweisem, dumpfem Brüllen, nach der Handelsstadt am Main zurück. Helmut Merker und Edith blieben den Tag über in Erbach und ordneten zusammen mit den anderen die gesetzlichen Vorschriften. Leopold, der Chemiker, versprach den beiden Brüdern, die ihr Lebensweg bald wieder über die deutschen Grenzen hinausführte, hier, daheim, vom Rhein aus, für alles Nötige zu sorgen. Er wollte in dieser Nacht noch wieder in Ludwigshafen sein. Er forderte das Ehepaar Merker auf, als seine Gäste mit ihm zu kommen. Aber Helmut lehnte ab: »Wenn ich nur vierundzwanzig Stunden zu spät in Liverpool antrete, finde ich womöglich meinen Platz schon besetzt! Ich glaube manchmal, die Kerle warten nur darauf und suchen nur nach einem Vorwand – nicht wegen mir – mich würden sie ohne viel Federlesens auf das Pflaster setzen – sondern wegen Mr. Mathes ... Aber wir können wenigstens in deinem Wagen bis zur Bergstraße fahren und von da mit der Bahn nach Frankfurt!« Unterwegs redeten die beiden Brüder wenig. Auch Edith saß still neben ihrer Schwägerin. Der Wagen rollte rasch auf der sanft gegen Westen abfallenden Straße. Die Sonne stand dort drüben schon tief. Sie lugte in blutigem Gold über die niederen, tannenbewachsenen Kämme des Odenwaldes. Am Osthimmel, gegen den Katzenbuckel zu, grüßte schon flimmernd der Abendstern. Es war ein Käferbrummen in der Luft ... Mainacht ... Sie hörte, wie der Schwager an ihrer Seite ernst sagte: »Damals ... da hab' ich dir ja gerne als junger Leutnant mit durchgeholfen, Helmut ... Aber du weißt: ich hab' eine große Familie. Meine Mittel sind auch beschränkt. Ich muß an die Meinen denken! Immerhin: Für die Überfahrt ... für die erste Zeit in Amerika kannst du auf mich rechnen!« Und in diesem Augenblick wußte sie: ›Es ist entschieden! Wir gehen über das große Wasser!‹ Ihr war es gleich. Sie hatte auf dem Inselreich nicht die Scheu der Festländer vor Übersee gelernt. Sie blieb bei ihrem Mann. Gott mochte helfen ... Der Kutscher trieb die Pferde an. Die Ludwigshafener mußten sich eilen, wenn sie noch den Zug erreichen wollten. Unten dehnte sich, weit und groß und flach wie das Meer, die Rheinebene. Die Lichter unzähliger Dörfer glommen im Abendschein. Da, um die Ecke, endlich die Laternen des Städtchens an der Bergstraße. Der Wagen rasselte in gestrecktem Trab über das holperige Pflaster, hielt an der Station. Doktor Merker und seine Frau hatten gerade noch Zeit, den Zug zu besteigen. Dann rollte der schon hinaus in die Nacht ... Und nun erst standen Helmut und Edith, die hier bis zur Weiterfahrt noch eine Stunde Aufenthalt hatten, auf dem freien Platz vor dem Bahnhof und blickten sich, wie zum Bewußtsein kommend, gegenseitig erstaunt an und merkten auf einmal: Herrgott ... wir sind ja in Alsheim ... Natürlich in Alsheim. Von hier führte für die ganze Umgegend der große Talweg in den Odenwald, den sie herabgefahren waren. Aber sie hatten nicht darauf geachtet. Jetzt sahen sie es ... Der Mond war aufgegangen. In bläulichem, fast taghellem Schimmer lag das friedliche Städtchen. Weißer Blütenschnee leuchtete geheimnisvoll von den Wäldern der Obstbäume, in die es sich bettete. Ein süßer, würziger Hauch erfüllte die herbe Frühlingsluft. Rot leuchteten die Feuerpunkte der Fensterchen. Vom Kirchturm bimmelte eine Glocke die Nacht ein. Die beiden schritten stumm und still, fast ängstlich, durch die wohlvertrauten Straßen. Ja ... das war noch das alte Alsheim, mit seinem Pfälzer Lärm und Leben, seinem Kindergeschrei und Hundegebell auf der Gasse, seinen vielen, menschengefüllten, nach dem Bürgersteig zu offenen Wirtshäusern. Das alles kannten sie so gut – den Marktplatz mit dem Kriegerdenkmal ... und das Rathaus ... und das Heidelberger Tor mit dem alten kurfürstlichen Löwen aus rotem Sandstein ... und es war doch wie ein Traum und der Boden hier, über den sie gingen, nur noch das Sprungbrett zu einem andern Land. Auf einmal machten sie zu gleicher Zeit, ohne ein Wort zu sagen, Halt. Auf einem Parkhügel hob sich, in der Dämmerung des Mondes weiß leuchtend, eine prunkvolle Villa, die größte weit und breit, aus den Kieswegen und Rosenhecken und Lorbeerwipfeln des Ziergartens. Ein Teil der Fenster war hell. Man hörte fröhliche Stimmen von Herren und Damen – man sah lachende Mädchenköpfe ... die Gesichter junger Männer ... Dienerschaft ging ab und zu ... Es schienen Gäste da zu sein ... Gläser klangen ... Edith legte die Hände ineinander und starrte mit offenem Mund hinauf. »Oh ... unser Haus, Hellie!« sagte sie. Und er: »Ja ... da haben wir einmal gewohnt!« Sie standen im Schatten der Büsche, damit man sie nicht sähe, vor dem Gartengitter ihres einstigen Heims. Sie kamen sich wie Verstoßene vor. Sie kehrten still um und gingen in die Stadt zurück. Sie hatten jetzt auf einmal Angst, alle Welt müsse sie hier kennen, anhalten, fragen: ›Ja ... was ist denn aus euch geworden?‹ ... Aber jetzt, in der Nacht, achtete niemand weiter auf sie. Es war zu dunkel auf den Gassen. Nur an einer Stelle eine breite Lichtbahn, von oben, von der Terrasse des Kasinos herab. Auf ihr alles bunt von Uniformen und duftigen Frühlingskleidern ... Ordonnanzen ... Gläser und Flaschen ... und ein Gesang ... wieder das alte Leiblied, wie damals: »An den Rhein, an den Rhein, Zieh nicht an den Rhein! Mein Sohn, ich rate dir gut...« Die beiden unten, der junge Mann und die junge Frau, wagten nicht, diesen Lichtkreis zu überschreiten. Sie schauten nach oben wie vorhin nach der Villa. Es war wie ein Blick in ein verlorenes Paradies. Dann gingen sie langsam, mit gesenktem Haupt, einen Umweg durch Hintergassen machend, ihres Weges, und Helmut sagte halblaut: »An solch einem Abend sind wir damals von der Hochzeitsreise nach Alsheim gekommen, Edith! Erinnerst du dich?« Sie seufzte. Nach einer Weile meinte sie: »Es ist alles so anders geworden, Hellie! ... Und es ist doch nur ein paar Jahre her ...« Der Leutnant a. D. Merker nickte. »Ja. Ganz anders wie damals. Da waren wir wie die spielenden Kinder. Und haben verspielt! ... Kopf hoch! ... Komm! ... Nur nicht sich vor dem Leben fürchten!« Es klang rauh. Aber Kraft war darin. Trost für die junge Frau. Die schritt straff an seiner Seite bis zum Bahnhof. Da wandte er sich noch einmal um und sah im Mondschein sein Heimatland und nahm Abschied vom deutschen Süden und vom Grab der Eltern und von der Erinnerung an glückliche Tage. Und durch die Nacht brauste schon der Zug heran, der sie beide fort von hier und, für diesen Abend, nur bis Frankfurt führte. »Hier habe ich den folgenschwersten Leichtsinn meines Lebens begangen!« sagte Helmut Merker zu seiner Frau, als sie am nächsten Morgen die Steinstufen des von Wildingschen Prunkhauses in der Bockenheimer Landstraße hinaufstiegen. »Damals, wie wir von Alsheim mit wildem Urlaub hierhergefahren sind und sie mich am nächsten Tag in Stubenarrest gesteckt haben, und deine Verwandten lachten mich aus ... Rein verrückt vor Ärger haben sie mich gemacht ... England hat mir nie Gutes gebracht, außer dir ...« Sie blieben stehen, sahen sich um, ob jemand in den weiten Treppenhallen sei, und gaben sich einen Kuß. Dann meinte er im Weitersteigen: »Um ein Uhr geht unser Zug. Jetzt ist es zehn. Viel Zeit haben wir nicht für den Geheimrat. Ich weiß überhaupt nicht, was ich hier tu'!« »Warum gehen wir denn dann hin, Hellie?« »Na – wenn er's wünscht ... Und dann ... weißt du ... ich war doch damals ein ziemlicher Fatzke ... ich bin überzeugt, daß ich bei ihm seinerzeit nur sehr mäßiges Wohlgefallen erregt hab' ... Da will ich wenigstens jetzt zum Schluß einen etwas leidlicheren Eindruck hinterlassen ...« In dem Empfangsraum, in den man sie führte, erschienen sehr bald der Geheimrat von Wilding und seine Frau. Gleich nach der ersten Begrüßung sagte der große, grauköpfige Mann zu Helmut: »Wir wollen die Damen einander überlassen! ... Komm, bitte, mit in mein Zimmer ...« Dort setzten sie sich. Der Finanzgewaltige traf alle Anstalten, um ungestört zu sein. Er schaltete den Anschluß des auf dem Tisch stehenden Telephons aus, schickte seinen Sekretär weg, sagte dem Diener: »Franz!... Ich bin in die Aufsichtsratssitzung hinüber nach Höchst gefahren!«, brannte sich eine Havanna an, nachdem er seinem Gast die erste angeboten, und begann unvermittelt: »In dem Stuhl, in dem du sitzst, hat dein Schwiegervater voriges Jahr drei Tage vor seinem Tod gesessen. Er war zu mir nach Deutschland gekommen!... Er wollte etwas von mir! Ich hätte es tun können. Aber ich tat es nicht. Es ging mir gegen den Strich. Ich hab' gesagt: ›Bedaure! Nein!‹« Das ›Nein‹ klang hart und herrisch durch das Gemach. Herr von Wilding fuhr fort: »Ich hab' mir gleich gedacht: ›Es wird sein Ende sein. Der Mann ist verbraucht!‹ ... Und es war sein Ende. Es stand ihm schon auf der Stirne geschrieben, wie er hier aufstand und wegging. Ich fürchtete sogar, er würde sich etwas antun! Das geschah ja nun nicht. Das Schicksal kam von selbst. Aber den letzten Rest hab' ich ihm doch eigentlich geben müssen ...« Er streifte die Asche von der Zigarre und zuckte die Achseln. »Da kann ich nichts dafür. Ich sage immer: Mitleid gegen jedermann ist Grausamkeit gegen die paar, die's wert sind! ... Das verstehen die draußen natürlich nicht. Da bin ich als Gewaltmensch verschrieen. Na – meinetwegen! Ich ließe mir darüber keine grauen Haare wachsen, wenn ich sie nicht so schon hätte. Da gehe ich zur Tagesordnung über! Habe ich auch in diesem Fall getan ...« Nun fing er an, langsamer zu sprechen, die Worte bedächtig wägend. »Aber da blieb nun doch ein ungelöster Rest! Das kommt bei vielen Geschäften vor, daß sie an sich, im großen, durchaus richtig sind – aber es gibt bei ihnen Nebendinge ... Begleiterscheinungen, die im Gegensatz zum Ganzen stehen! ... Na – wo Opfer nötig sind, müssen sie gebracht werden! Ich bin so wenig blutscheu, wie ein General im Feld. Aber unnötige Opfer ... kurz und gut: Auf so einen Widerspruch in sich bin ich jetzt erst, nach Jahr und Tag, vorige Woche durch meinen Sohn aufmerksam gemacht worden ... Ein gescheiter Bengel – nicht? Oder ist das nur so bei mir die väterliche Affenliebe?« »Nein! Der wird es weit bringen! Das sagen alle!« »Na schön! Also seitdem habe ich eine gewisse Unruhe in mir, daß da etwas versäumt worden ist ... Darüber wollt' ich einmal mit dir sprechen! ... Ich kenne dich ja wenig ... du warst ein kleiner Leutnant ... ein bißchen blasiert ... ein bißchen sehr von dir überzogen ... warum, wurde mir eigentlich nie recht klar ... Deine Frau hat mir besser gefallen als du ...« »Mir auch!« »Warum hast du denn nun damals Knall und Fall den Abschied genommen?« »Weil ich ein Esel war ...« Herr von Wilding sah erstaunt auf seinen Neffen und meinte: »Na ... das ist wenigstens offen!« »Darf ich einmal reden, Onkel ... ganz wie mir's ums Herz ist?« »Dafür bist du ja hier!« Da beugte sich Helmut Merker über den Tisch vor und sprach rasch und eindringlich, die Augen fest auf den hartgeschnittenen Charakterkopf ihm gegenüber gerichtet, und es war wie eine Beichte seines ganzen Lebens. »Ich bin in engen Verhältnissen aufgewachsen, Onkel ... ich mußte mich immer nach der Decke strecken ... konnte froh sein, daß ich es mit Anstand bis zum Leutnant brachte ... war es eigentlich auch ... aber dabei hatt' ich doch im stillen die Idee: Es fehlt dir was!... Es müßte mehr sein ... Da brach plötzlich England über mich herein ... Frau ... Freiheit ... Geld ... das war zu viel auf einmal für meinen Grips, Onkel!... Ein Mann wie du wird darüber lächeln. Und der Wolfgang ist ja auch zu gescheit dazu. Aber ich war den verfluchten Engländern nicht gewachsen. Die waren stärker als ich. Die haben mich zu sich hinübergezogen. Meine Frau hat gar nicht schieben geholfen. Sie rührte keinen Finger. Sie war einfach wie sie war. Und es ging alles von selbst. In diesem greulichen Übergangsstadium, wie ich schon halb ein britischer Gentleman in preußischer Uniform war, da hast du mich kennen gelernt!« »Aha!« »Und wie einem so die alte deutsche Michelei in den Knochen steckt ... ich glaub', die Sünden der Väter wirken da in einem noch nach ... die törichte Idee, daß es überall anders besser ist als in Deutschland – so bin ich auch dazu gekommen, Dienst und Deutschland zu verlassen ... da kam ich mir noch furchtbar groß vor ... ich dachte, nun wäre ich 'was Rechtes ... als Londoner Pflastertreter ... aber beurteile mich nicht falsch ... das muß ich zu meiner Entschuldigung anführen: der Rausch war kurz und bald der Kater da ... Und wie ich da wieder Mensch war und nur noch wieder heim wollte, da war die Klappe zu. Da ließen sie mich nicht mehr hinaus aus dem Käfig. Rein durchgebrannt bin ich ... Frau und Kind hab' ich verlassen ... durchgehungert hab' ich mich ein halbes Jahr in der Front, in der Wasserpolackei!« »Ja – das hab' ich alles jetzt erst gehört!« »Und dann war auch das umsonst ... nach dem großen Unglück ... Ich mußte abermals nach England, um Frau und Kind zu ernähren! ... Ich muß in zwei Stunden wieder nach England ... Ich bin England mit Haut und Haar verschrieben und komme nicht mehr von ihm los. Es ist die Strafe, weil ich in meinem Leben eine schwache Stunde und ein schwaches Jahr gehabt hab' ... Jetzt sitz' ich drüben unter den Kerlen ... Hol sie der Kuckuck! ... Es ist vielleicht unrecht, das zu sagen. Ich hab' ja bei ihnen mein Brot! ... Aber ein Vergnügen ist's nicht ... Brot in der Fremde ... ich wandere lieber noch weiter aus ... Amerika ist immer noch besser!« »Was willst du denn dort anfangen?« »Das weiß ich selber noch nicht! ... In Liverpool lassen sie einen schließlich auch mal auf der Straße verhungern!« Der alte Kämpe vor ihm tat einen nachdenklichen Zug an seiner Zigarre. »Mit dir werden die Yankees nicht viel anfangen können!« sprach er. »Du wirst schließlich selber einer von ihnen. Aber keiner von den Großen!« »Ja ... rate mir doch etwas Besseres, Onkel! Ich weiß nichts!« »Hm ... sieh mal ... Eigentlich ist es ja wenig feinfühlig von mir, dir heute alle diese Gewissensfragen vorzulegen ... wenn man eben von einem offenen Grab kommt... ich verstehe deine Ungeduld und deinen Schmerz wohl. Aber man wird eben in Geschäften ein Dickhäuter. Man sagt sich: ›Zeit ist Geld!‹ ... Zeit haben wir beide nicht. Geld nur ich ... also ... darf ich weiterreden?« »Bitte, Onkel?« »Hast du denn nie daran gedacht, deinen alten militärischen Beruf wieder aufzunehmen?« Der junge Mann lachte bitter. »Soll ich denn von der Luft leben?« »Aber wärest du denn gerne wieder Offizier?« »Das fragst du noch ...?« »Nun ja ... nachdem du doch freiwillig schon einmal das schlichte Gewand des Bürgers, wie ihr's im Kasino nennt, angezogen hast ...« Helmut Merker sprang auf. »Erinnere mich nur nicht daran, Onkel! ... Ich hab's ja vorhin schon gesagt: ... Und wenn ich alt und grau bin – das bereue ich bis an mein Lebensende!... Daß ich einmal in meinem Leben dem innerlich untreu geworden bin, was mein Lebensinhalt hätte sein sollen und auch wirklich war und auch immer noch ist ... wenn auch nur noch in der Erinnerung ... wenn auch nur in Wünschen ... in hoffnungslosen Wünschen ... ich weiß – aber man träumt eben davon!... Es ist das letzte, was man hat, wenn es einem so hundsmiserabel geht wie mir, daß man sich Luftschlösser baut und sich einbildet: ›Jetzt wachst du auf, weil der Bursche außen klopft, und draußen hängt deine Uniform und drüben ist die Kaserne und du weißt, wozu du auf der Welt bist ... und machst dich nützlich, so gut du kannst, – in Deutschland nützlich ...‹« »Und wenn du wieder an einen so groben Vorgesetzten gerätst, wie damals ...?« »... mag er das Blaue vom Himmel heruntertoben ... ich schenk' ihm noch ein Schimpfwörterlexikon extra, wenn ihm nichts mehr einfällt ... Mich würde das bloß heiter stimmen, daß der Mann sich so aufregt ... höllisch piepe wäre mir überhaupt alles, wenn ich wieder Dienst tun könnte ... mögen sie mit mir machen, was sie wollen ... mögen sie mich Gott weiß wohin versetzen ... wieder in die Wasserpolackei oder in ein Drecknest an der Lothringer Grenze... ich nehm' es mit Handkuß ... mir wäre alles recht ...« Seine Wangen hatten sich gerötet. Seine blauen Augen blitzten. »Das ist wie bei einem alten Schlachtgaul, wenn er die Trompete hört!« sagte er. »Da geht die Vernunft mit einem durch! Es ist ja natürlich Unsinn! ... Woher sollt' es denn kommen ...? Vom Himmel fällt so 'was nicht ... Na ... also Schwamm drüber! ... Es ist jetzt Zeit für mich, Onkel! ... Ich will meine Frau holen und mich mit ihr ...« Herr von Wilding hatte seinen Platz behalten. »Bleib nur noch!« sagte er. »Wenn du den Zug versäumst, ist es auch kein Unglück, wie jetzt die Dinge stehen! ... Ich komm' auf das zurück, mein Sohn, was ich dir zu Anfang unseres Gesprächs über meine Unterredung mit deinem Schwiegervater erzählt hab' ... Es ist nicht angenehm, jemandem, bildlich, sozusagen die Pistole in die Hand zu drücken ... Aber wenn man's tun muß ... Man hat immer gegen mich ein Schlagwort: Mein Weg ginge über Leichen! Ja ... lieber Gott ... wenn ... was sind das dann aber auch für Kerle! ... Nee ... nee ... ich schlafe ganz gut ... mein Hausarzt, der alte Schmidt, wundert sich immer selbst darüber ... ich habe ein ganz reines Gewissen ...« Er erhob sich langsam aus seinem Ledersessel und trat in seiner mächtigen, breitschulterigen Gestalt vor den Neffen hin. »Und doch hab' ich in dieser Woche schlecht geschlafen ... wegen dir, du Schlingel ... du gingst mir im Kopf herum ... du kannst eigentlich stolz darauf sein ... du hast etwas fertig gebracht, was alle Leute, die mich hier den Rhein entlang und in Berlin und in allen möglichen Banken und Volksversammlungen ärgern, beim besten Willen nicht erreichen können ... nämlich, daß ich sie nicht bei der Nachtischzigarre abends bis zum nächsten Morgen total vergesse ...« »Ich weiß aber nicht, wie ich zu der Ehre komme, Onkel ...« »Das will ich dir erklären: Es ist nicht deine Person ... auch nicht, daß du mein Verwandter bist ... sondern ... wie ich vorhin sagte: Ein großes Recht kann ein kleines Unrecht in sich bergen! ... Hat man so 'was entdeckt, muß man es auch wieder gut machen!... Ich führe vor mir genau Buch und Rechnung, was ich anderen schuldig bin. Nun wohl: Ich habe deinem Schwiegervater klipp und klar erklärt: Ich fühle nicht die geringste moralische Verpflichtung in mir, irgendeinem Ausländer – und noch gar in den jetzigen Zeiten einem Engländer – mit meinem guten Geld aus der Patsche zu helfen, weil unsere Vorfahren einmal blutsverwandt waren. Da sag' ich umgekehrt: Wasser – das Wasser der Nordsee – ist dicker als Blut! Das trennt die drüben von uns! Gut. Auf dem Standpunkt steh' ich noch heute. Aber nun kommt das Gegenteil: ... der kategorische Imperativ der Gerechtigkeit: wenn du dem einen Verwandten nicht hilfst, weil er Ausländer geworden ist, so mußt du logischerweise einem anderen Verwandten helfen, weil er deutsch bleiben will und es nicht kann ... Das ist dein Fall ...« Helmut Merker schwieg. Der vor ihm fuhr fort: »Es scheint mir wenigstens meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit! Dadurch, daß ich John Wilding und Kompanie untergehen ließ, bist du in den Strudel nach England zurückgerissen worden und gerätst da oder in Amerika allmählich in die große angelsächsische Stampfmühle, auch wenn du dagegen kämpfst ... Du bist ja schon wirtschaftlich viel zu schwach zum Widerstand – und es geht wieder ein guter Deutscher wie Millionen vor ihm ohne Not seinem Vaterland verloren! Gegen solche Erscheinungen sträub' ich mich hartnäckig! Und am meisten, wenn ich da selbst nicht ganz 'ne weiße Weste bei dem Handel hab'! ...« Er machte eine Pause. Dann schloß er. »Ich habe nach dem Besuch deines Schwiegervaters dem Wolfgang gesagt: Lieber als daß ich mein Geld in diese Londoner Hexenküche hineinpfeffere, lieber mache ich eine neue Stiftung für unsere deutschen Kriegsveteranen, um mein Gewissen zu beruhigen. Das hab' ich auch getan. Aber ich muß die Stiftung wiederholen. Nicht für die Veteranen, sondern für einen jungen Kerl, wie dich. Wolfgang hat mir eine verhältnismäßig lächerlich kleine Summe genannt, die du brauchst, um dich mit Anstand bis zum Hauptmann erster Klasse über Wasser zu halten ... Es kam gerade die Rede darauf, als er euch am Sonntag in Liverpool um eure kalte Hammelkeule schädigte ...« »Ja, Onkel! Aber ich schwöre dir: Ich habe auch nicht im entferntesten daran gedacht, dadurch ...« »Das behaupte ich ja auch gar nicht!« versetzte Herr von Wilding kaltblütig. »Ich stelle nur fest: diese Summe steht von heute ab zu deiner Verfügung! Wenn du mal das große Los gewinnst, oder Feldmarschall wirst – na ja ... wahrscheinlich ist mir letzteres gerade auch nicht – dann kannst du sie ja meinen Erben zurückzahlen! ... Also nun sag den Englishmen drüben, sie könnten dir gewogen bleiben, und geh zu deinem Regiment ... Na ... was hast du denn noch?« »Onkel ...« »Ja ...?« »... Es ist mir so schwer, es richtig zu sagen ...« »... Was denn? ... Komm mir nur nicht mit falschem Stolz! ... Ich bin dir doch kein Fremder! ... Ich bin doch der Bruder deiner Mutter!« »Ja ... wenn du das gewesen wärst!... Aber du hast dich nie um sie gekümmert... nie um einen von uns ... du hast uns geflissentlich nicht anerkannt ... Erst wie ich durch meine Heirat reich war, da hat sich dein Haus mir geöffnet. Ihr wart hart gegen meine Mutter ... so furchtbar hart ... ich komme darüber nicht hinweg ...« Der Geheime Kommerzienrat von Wilding wiegte sein graues Haupt. »Wir sind allzumal Sünder ...« sagte er langsam. »Und ich bin am wenigsten ohne Schuld und Fehler – das weiß ich und werd' es einmal verantworten müssen. Und so lang man lebt, lernt man nicht aus und hat das Gestern zu bereuen. Das lehrt mich jeder Tag. Es gibt nur einen Weg: ›Besser machen, so lange man's noch kann!‹ Also sträube dich nicht!« »Onkel ... ich weiß nicht, ob ich das annehmen darf ...« »Oh ... aber ich nehme es für dich an!« sagte Edith Merker, die, von den Männern unbeachtet, in das Zimmer getreten war. Sie stand im Reisekleid, einen Schleier um das rosige Gesicht, auf der Schwelle. Ihr helles Englisch-Deutsch klang durch die plötzliche Stille. »Du sollst nach Deutschland zurück, Hellie! Du gehörst dahin. Hättest du mich nicht kennen gelernt, wärest du überhaupt dort geblieben. Ich bin an allem schuld. Also muß ich auch helfen, dich zurückzubringen ... Bitte, Hellie! Schlag ein! ... So ist's gut ...« Herr von Wilding nahm die Rechte, die ihm der andere stumm bot, und sagte zu dessen Frau: »Und dabei sind Sie selbst keine Deutsche.« »Ich bin es halb und will es ganz werden! ... Ich hab' es ihm geschworen. Vor dem Altar ...« Sie legte den Arm um ihren Mann. Und in ihrem Ohr klang der Bibelspruch der Trauungsworte nach: »Wo du hingehst, da gehe ich auch hin. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Gott ist mein Gott. Dein Land ist mein Land. Und nur der Tod soll uns voneinander scheiden...«