Richard Voß Villa Falconieri Die Geschichte einer Leidenschaft ... Es gibt glühende Seelen, psychisch und sinnlich gleich heiße Naturen, die ihren ganzen Einsatz immer in der Hand tragen, die ganz gegenwärtig sind in dem, was sie empfinden und wollen. Ihr Weg ist bedeckt mit Stücken ihres Lebens, die tot abfallen; und jeder Schlag, der sie trifft, trifft sie in den Herzpunkt. J. Marholm . George Sand besang das leuchtende Haus auf den immergrünen Abhängen des Albanergebirges, hoch über dem wonnigen Frascati und der feierlichen Campagna Roms; und Paul Heyse dichtete seine vielbewunderte »Villa Falconieri«. Der Herausgeber dieser Blätter verträumte ein halbes Menschenleben in Borrominis köstlichem Sommerpalast. Das pathologische Lebens- und Liebesdrama, welches daselbst mit einem ihm brüderlich nahestehenden italienischen Dichter sich abspielte, will er nunmehr berichten. Er thut es an des Freundes Schreibtisch, vor dem Abguß von Michelangelos »sterbendem Sklaven«, in dem farbenfrohen Freskenzimmer Carlo Marattas, wo der arme »Märtyrer seiner Phantasie« lebte und litt. Villa Falconieri im Frühling 1896. Erster Band. Maria. »Sie hätte sterbend leise leis' gesungen, Damit ihr Gatte denken sollt': sie leb' noch ...« Aus einer Grabschrift. Der Graf Cola Campana an Herrn Richard Voß Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland. Villa Falconieri, Frühling 1892. Nach alter schlechter Gewohnheit weiß ich wieder einmal nicht das Datum, lieber Getreuster. Es genügt, Dir zu sagen, daß um unser leuchtendes Haus ein wonniger Frühlingstag strahlt. Alles ist Glanz! Wo bleibt Ihr nur dieses Jahr? Die Mandelblüte kann doch unmöglich ohne Euch vorübergehen! Und bereits legt sich um die braunen Bignen der kokette blaßrote Blumensaum, bereits durchschimmert es überall rosig die Oliveten. Im Hause ist es freilich immer noch bitter kalt. Erschreckt nicht zu sehr: Ihr sollt es warm bei uns haben. Maria fuhr in eigener Person nach Rom – Ihr wißt, was das sagen will – um für Frau Melanies neuen Salon in einem Magazin der Via Tritone (oder Territone, um in Rosas Markendialekt zu reden) einen kleinen eisernen Ofen einzuhandeln, der direkt aus Eurem winterlichen häßlichen Deutschland kommt. Sie begreift zwar noch immer nicht, zu welchem Zweck es auf der Welt Oefen gibt und wie ein Mensch in unsern gewölbten steingepflasterten Hallen bei neun Grad Réaumur frieren kann; doch Frau Melanie zuliebe fuhr sie dennoch nach Rom. Es bleibt dabei: Ihr wohnt dieses Jahr unten im »apartamento nobile«. Und zwar Frau Melanie in dem Zimmer mit dem Michelangelesken-Plafond und den großen Wandgemälden aus Ovids Metamorphosen. Wir ließen die apfelgrünen vergoldeten Rokokomöbel hineinstellen, die zu der bunten Decke und den dunklen Bildern gut passen. Der Schreibtisch steht schräg vor einem der Fenster, die nach der Villa Mondragone hinausgehen; und vor dem andern hat der kleine schwarze Eiserne Platz gefunden. Eine Scheibe wurde glücklich zertrümmert und ein langes Rohr aus silberstrahlendem Zinkblech durchgeführt. Rosas Jüngste, die Ihr stark gewachsen und sehr hübsch finden werdet, heizte sogleich Probe; und sämtliche Donnen der Villa liefen zusammen und bestaunten das kleine glühende Ungetüm. Der Ofen brennt herrlich! Also: Kommt! Noch erwähne ich, daß Frau Melanie einen neuen Schreibtisch erhält. Er ist so lang und so breit, wie ein Schreibtisch überhaupt sein kann, und hat Platz für die Manuskripte von einem viertel Dutzend Trauerspielen, die Du zweifellos bereits wieder fix und fertig gedichtet hast, und die die arme Märtyrerin Deiner Feder samt und sonders kopieren muß. Auch ließ Maria für Frau Melanie einen Stickrahmen bauen, wie solchen in Frascati die Clarissinnen haben, und der etwas ganz Ausgezeichnetes sein soll. Dem Schreibtisch gegenüber wird der Arbeitstisch stehen; und während die unermüdlichen Hände die prächtige Decke von Atlas vieil or nach dem altvenetianischen Muster sticken, davon Ihr uns schriebt, können die schönen Augen unsrer lieben Frau an den Blumenstrahlen von Marias weißem Rosenbusch sich erfreuen. Also: Kommt! Eigens für Euch haben wir Rosa dieses Jahr wieder in die Küche genommen; und Rosa zur Hilfe Dionisia und Vittoria. Diese lassen sich von Carolina und Chiarina unterstützen, denen wiederum Cencio und Cé Hilfe leisten müssen. Ihr seht: alles ist beim alten geblieben und ohne den heiligen römischen Nepotismus kommt bei uns kein Ei in die Küche. Jedenfalls wird Richard, wenn er seinen famosen Risotto kocht, hilfreiche Hände genug finden. Also: Kommt! Der Park wimmelt von den vermaledeiten Vogeljägern, die kein Engel mit stammendem Schwert von den Pforten unseres Paradieses zurückhält. Jeden Nachmittag durchstreife ich daher Dickicht und Busch, »die Drosseln zu hüten«, wie Maria es nennt, mit einem leisen Lächeln um ihren ernsthaften Mund; und unsere getreue alte Ro sieht mich bereits von den Kugeln der racheschnaubenden Schützen durchbohrt. Ich hüte trotzdem. Aber Amseln und Blaudrosseln, Meisen und Stieglitze werden trotzdem massenweise umgebracht. Ich bin wütend darüber und lasse mir trotzdem die kleinen Opfer der Lieblingsleidenschaft meiner kindlichen Landsleute in Speck gewickelt, auf dem Rost gebraten, zur Polenta vortrefflich schmecken. Besonders die Lerchen sind dieses Jahr ungemein fett. Also: Kommt! Als ich kürzlich oben bei der Tusculana die frommen Kapuziner besuchte, zeigte mir der wackere Fra Rocco die neunerlei Arten Salat, die er auch dieses Jahr wieder für den » buonissiomo Signor Riccardo « gepflanzt hat. Sämtliche neun Sorten treiben bereits zarte goldgelbe Blättlein. Also – Die Oliven werden geschnitten. Weit und breit bedecken die Zweige den Boden, daß das frühlingsgrüne Land weit und breit mit silberhellem Laubwerk bestreut ist. Maria wand sich gestern mir zuliebe einen Zweig um die Stirn, und sah in diesem Schmuck so feierlich aus wie eine Priesterin der Minerva. Denn wie Ihr wißt, dient sie nur strengen Göttern. Sie versprach mir, sich für Euch wieder so fromm zu kränzen. Ich bitte Euch also – – Früher saß ich tagelang wie festgeschmiedet am Schreibtisch; jetzt sitze ich tagelang wie angebunden auf dem Rücken meines Pferdes. Gestern stürmte ich nach Tusculum und bis zum Kreuz hinauf. Es war ein toller Ritt, den mir nur ein Kunstreiter nachmacht, und ein solcher hätte sich dabei den Hals brechen können. Beim Kreuz, gerade unter dem antiken Travertinblock und dem eingemeißelten, jetzt fast verwaschenen R. V. pflückte ich die ersten Veilchen. Ich möchte Frau Melanie bald wieder mit tusculanischen Veilchen geschmückt sehen. Also: Kommt! Kommt! Da ich nichts, gar nichts zu thun habe; nicht arbeiten kann, nie mehr arbeiten werde. – – Und da ich trotz meines übermütigen Tons wieder einmal recht von Herzen trübselig bin ... Kurzum: ich sehne mich nach Euch! Kommt! Kommt! Kommt! * Dieser Sehnsuchtsschrei nach Eurer Gegenwart sollte durch Rosa eben zur Post befördert werden, als man uns Eure Briefe brachte: Ihr kommt dieses Jahr nicht? Die beiden Menschen, die für uns die Menschheit bedeuten, kommen nicht! Wir werden also noch einsamer sein als wir es schon sind. Wir werden sehr einsam sein. * Du arbeitest? Du kannst arbeiten? Du Glücklicher, Du dreifach Gesegneter! Und Du hast Erfolge gehabt? Die Erfolge gönne ich Dir, die Erfolge will ich nicht. Aber Deine Arbeit, die Möglichkeit zu arbeiten, die Kraft zu arbeiten ... Ich kann nicht arbeiten, nie mehr kann ich arbeiten! Vermagst Du Dir vorzustellen, was das heißt: nie mehr arbeiten können? Nicht können! Du hast sehr viel Phantasie, eine berüchtigte Einbildungskraft. Nimm davon, so viel Du hast, und stelle Dir dann vor: einen Maler, der nicht malen; einen Sänger, der nicht singen; einen Dichter, der nicht dichten – einen Lebenden, der nicht leben kann. Es läßt sich aber nicht vorstellen. Ich lebe. Ich gehe, stehe, bewege mich. Ich sehe, höre, rede. Ich esse, schlafe ein, erwache wieder. Jedenfalls bin ich weder todkrank noch blödsinnig; doch würde ich mir eher den Glauben geben können und damit Berge versetzen, als im stande zu sein, zu denken, zu arbeiten, zu dichten. So ist es seit Jahren und Jahren. Ich zähle die Zeit längst nicht mehr. Mein Herz ist leer, mein Hirn ist matt. Ich bin wie ein vertrockneter Brunnen, wie ein verdorrter Baum, eine ausgesogene Ackerscholle. Nimm mich als warnendes Beispiel: Hüte Dich! Denn Du arbeitest zu viel und zu sehr mit dem Herzen – viel zu sehr! Mit Deinem Herzen schreibst Du Tragödien. Das ist früher oder später sicherer Untergang: entweder so, oder so! Entweder ist es geistiges Siechtum, oder das Irrenhaus. Und beides ist noch nicht das Schlimmste. Denn es kann auch so kommen: entweder Verzweiflung an Dir selbst, oder Verzweiflung an der Menschheit. Entweder Größenwahn, oder Verbitterung. Und das ist das Schlimmste. Hüte Dich! Ich weiß, wie es ist, wenn man seine Seele nimmt: seine ganze Seele, und sie auf den litterarischen Trödelmarkt zum Verkauf bringt. Es mordet! Allmählich, langsam: Gedanke für Gedanke, Nerv für Nerv, Herzschlag für Herzschlag. Es mordet den ganzen Menschen. Mit dem Herzen beginnt es, mit dem Geist endet es. Die Bühne ist eine Mörderin. Wer sich ihr mit Leib und Seele ergibt, der kann nicht mehr los von der Sirene, der wird vergiftet, erwürgt, totgeschlagen. Hüte Dich! * Maria geht noch verschlossener und ernsthafter umher als sonst; denn: Ihr kommt nicht! Wie ich Dich liebe, so liebt sie Deine Frau, diese immer gleich Heitere, immer gleich Milde, diese alles Verstehende und alles Vergebende, diese Gerechte und Gütige. Unsere ganze Heerschar dienender Geister teilt unsern Kummer; und der kleine schwarze Eiserne steht so trübselig da wie ein rechter Pessimist, der nicht weiß, was er auf dieser kältesten aller Welten zu schaffen hat. Denn Maria hat ihr Kohlenbecken und die andern frieren, jeder auf seine Weise, den lieben langen Tag im Hause umher, wenn es draußen am Brunnen nicht grade etwas zu waschen, auf der Wiese unter den Steineichen nicht etwas zu trocknen, oder im Portikus nichts zu schwatzen gibt. Zum Glück sind diese drei guten Dinge bei uns stets im Ueberfluß vorhanden. Rosa läßt Dich sehr ernstlich fragen: für wen sie wohl so viele Erdbeeren von Nemi und Aprikosen aus der Villa Muti eingekocht hatte? Für wen die endlosen Schnüre Caldarelli, diesen Pilz aller Pilze, getrocknet? Für wen das kleine schwarze herzige Schwein gemästet, das Rosa so zärtlich liebt, und das sie, mit Rosmarin und Salbei gefüllt, à la Vater Homer, zum Grotta-ferrata-Fest am Spieße für Euch braten wollte? Vitto, die sich immer junonischer entwickelt, verlangt energisch zu wissen, wer jetzt abends mit ihr Briscola spielt, ihr Nummern für die Tombola sagt, und vom Schinkenfest rote Papiernelken, Haselnüsse und Ciambelli mitbringt? Als ich heute der gesamten Villa mitteilte: Ihr kämt dieses Jahr nicht, erhob sich ein Geschrei, als bräche eine Palastrevolution aus. Ihr werdet hoffentlich keine Nacht ruhig schlafen; denn ein gutes Gewissen könnt Ihr »unmöglich mehr haben, nachdem über dem leuchtenden Hause durch Eure Schuld solche schwarze Wolke« aufzog. Da ich Euch, Ihr Unentbehrlichen, so bald nicht wiedersehen soll, will ich wenigstens auf dem Papier bei Euch sein. Ich habe ja niemanden, zu dem ich reden darf! So reden, als spräche ich mit mir selbst; denn meine arme Maria, meine schöne blasse, unnahbare himmlische Liebe – Es liegt etwas zwischen uns. Was? Es ist etwas Geheimnisvolles, Dunkles, Unheilvolles. Ich finde nicht, was es ist, so sehr ich auch – Nein, ich finde es nicht ... Ich durchschaue Eure gute Absicht, wenn Ihr mit aller Eurer Liebesgeduld, Herzenswärme und eindringlichen Beredsamkeit immer wieder und wieder in mich dringt, den Versuch zu machen – nur den Versuch! – einmal aufzuschreiben: wie ich in die Villa Falconieri, dieser reinsten und zugleich leidenschaftlichsten Liebe meines Lebens, gekommen, wie ich in dieser gesegneten Villa Falconieri geblieben bin? Ich soll es für Euch aufschreiben: einfach und wahrhaftig, nicht anders ... als spräche ich zu mir selbst. Ich erkenne Euch ganz! Ihr hofft: es soll mir durch dieses schlichte, möglichst sachliche Aussprechen klar werden, daß ich in Wirklichkeit gar kein verlorener Mensch und verdorbener Poet sei, daß ich diese beiden tragischen Gestalten nur darstellen wolle, daß mir sehr gut geholfen werden könne – sobald ich nur ernstlich, sehr ernstlich wünsche, mir selber zu helfen. Ich weiß: auch Ihr haltet mich für einen, den jene große allgemeine Krankheit unseres zu Ende schleichenden Jahrhunderts befiel: für einen in der Einbildung Leidenden, für einen Neurastheniker – wie solcher modernster Patient heißt. Selbst Ihr meint: es komme lediglich auf eine Gewaltkur an, um meinen todkranken Willen zum Leben und zur Arbeit wieder gesund zu machen. Ihr möchtet mich meiner geliebten Einsamkeit entreißen, mich noch einmal in die Welt zurückführen. Ihr wollt mich wieder zu einem nützlichen Mitgliede der Gesellschaft machen. Seht! Ich liebe Euch so innig, daß ich Euch zuliebe mein Möglichstes thun werde, um – mich selbst zu überzeugen, wie sehr Ihr im Rechte seid. Angenommen also: alles sei Selbsttäuschung, mein ganzes Leiden sei imaginär, nur eine Ermattung der Nerven. Dann hätte ich volle zwanzig Jahre vergeudet und verloren. Zu dieser Erkenntnis, wollt Ihr, soll ich gelangen? Und wenn ich mich von der unerbittlichen Wahrheit Eurer Ansicht überzeugt haben werde – was dann? Was dann mit dem öden Rest eines verfehlten Lebens beginnen? Doch zunächst will ich aufschreiben, wie alles sich zugetragen hat. Und ich will in diesen Blättern so wahrhaftig sein wie ein Mensch in seiner Todesstunde. * Ich bin sicher mit einem melancholischen Geist und einer müden Seele geboren worden, geriet also schon durch meine natürlichen Anlagen in einen beständigen schweren Konflikt mit dem Leben. Bereits in meiner Kindheit wußte ich nicht, was ich mit mir anfangen sollte, da ich so ganz anders war als die andern, sogenannten normalen Menschen, da diese meine Absonderlichkeit mich immerfort fühlen ließen, da ich dadurch scheu und mißtrauisch wurde: nicht nur gegen die Menschen; sondern auch gegen mich selbst. Letzteres war das größte Unglück, welches mir geschehen konnte. Denn wer an sich selbst zweifelt, der verzweifelt. Und das ist der Anfang vom Ende. Meine früheste Umgebung und das lieblose, prunkhafte, kalte, rein äußerliche Milieu meiner ganzen Existenz arbeiteten beständig daran, solche gefährlichen Anlagen und Neigungen zu entwickeln und zu üppiger Entfaltung zu bringen. So geschah es, daß auf durchaus natürliche Weise aus einem verschlossenen phantastischen Knaben ein verträumter verworrener Jüngling wurde. Zugleich beseelte mich eine unbändige Sehnsucht nach allem Guten, Großen und Schönen. Weil ich überaus verlassen und einsam war, von keinem mich verstanden fühlte, daher auch zu keinem sprechen konnte; und weil ich doch beständig einen dunklen Drang in mir verspürte, zu sprechen und mich womöglich allen verständlich zu machen, begann ich in einer Art von ekstatischem Traumleben meine Gedanken und Empfindungen, meine Stimmungen und Eindrücke, mein Sehnen und Leiden, so gut es eben ging, auf dem Papier zu erklären. Und siehe! Ohne mein besonderes Hinzuthun gestalteten sich plötzlich Reime, Verse, Gedichte. Es erschien mir als etwas höchst Wunderbares. Durch einen brutalen Zufall wurden diese bedenklich jugendlichen Poesien gedruckt, veröffentlicht, gelesen. Und plötzlich hörte ich von allen Seiten: »Du bist ein Dichter!« Ein Dichter! Ich konnte es lange gar nicht begreifen ... Es hieß sogar: ich wäre ein Genie. Ihr kennt Italien und die Italiener; Ihr wißt, was Talent und Ruhm im Vaterlande Petrarcas und Dantes bedeuten: bei uns gehört der Dichter seiner Nation. Es ist etwas Großes davon. Aber die Menschen hatten mich zu früh gelehrt, mir zu mißtrauen; und als Italien anfing, an mich zu glauben, hatte ich den Glauben an mich bereits fast verloren. Ich sage Euch: die Kämpfe und Leiden eines Künstlerlebens, welches aus Zweifeln besteht, lassen sich nicht ausdenken. Das Dasein wird zur Qual, Qual ist jede Stunde. Man möchte einen Flammenbrand entzünden und ist nicht fähig, der Asche seines Unvermögens auch nur einen Funken zu entlocken. So wenigstens glaubt man selbst. Und was man selbst glaubt, ist schließlich maßgebend. Kommt zu solchem Mißverhältnis zwischen Wollen und Können, zwischen Erstrebtem und Vollbrachtem eine völlige Unerfahrenheit in Menschen und Dingen, ein ewiges Bedürfnis, Menschen und Dinge sich anders zu malen als sie sind: die ganze Welt in bengalischer Beleuchtung zu erblicken, so ist der Konflikt zwischen einer phantastischen hyperempfindsamen Künstlernatur und einer von banaler Gesundheit strotzenden Menschheit beinahe eine Notwendigkeit. Der Künstler muß zusehen, wie er mit sich selbst und der Welt fertig wird, ohne an der Welt und sich selbst zu Grunde zu gehen. Es mögen eingebildete Leiden sein. Gut! aber sie werden gelitten. Bisweilen ist der eingebildete Patient ein viel hoffnungsloserer Kranker als der Schwindsüchtige. Für gewisse Künstlernaturen ist das Leben das verschleierte Bild von Sais. Auch ich war der wißbegierige Jüngling, der, entgegen dem Gebote, die Hand ausstreckt, um vor dem geheimnisvollen Bildnis die Hüllen zu heben: jeden Tag um ein weniges mehr. Und jeden Tag mehr ward das Gesicht, das aus den Schleiern mich anblickte, zum Haupt der Meduse. Ich schrieb, was ich sah – was ich zu sehen glaubte. Ich sah Trauerspiele, nichts als Trauerspiele. Und ich dichtete nichts anderes. Die Stücke wurden aufgeführt und gefielen. Jetzt packte mich ein Fieber. Ich wollte die mich vernichtenden Zweifel künstlich betäuben, wollte mich durch narkotische Mittel berauschen, daß ich wenigstens im Rausch an mich glaubte. Mein Opiat war die Arbeit. Wie im Delirium schrieb ich und schrieb. Werk um Werk entstand, Tragödie auf Tragödie. Aber meine Seele wurde müder und müder. Mein Geist begann zu ermatten. Eine erste Liebe, die tragisch begann und tragisch endete, kam über mich wie ein Sturm. Jetzt erlebte ich das Große und Schöne. Aber es war eine schreckliche, eine vernichtende Schönheit. Mit einer Kraft, die stärker war als ich selbst, überwand ich die Krisis, ganz als wäre ich eine jener vollblütigen robusten und normalen Naturen. Von dem Todesübel der Leidenschaft blieb indessen etwas in mir zurück. Nur ein winziger Rest. Der genügte. Es war keine Krankheit mehr; doch ward es ein Siechtum. Mit fünfundzwanzig Jahren hatte ich erst einen Atemzug vollen Menschenlebens gethan. Im übrigen lag in fiebernder Arbeit ein Dasein bereits hinter mir. Wenigstens darin war ich ein treuer Sohn meiner Zeit. * Rasch, wie es angefangen, entwickelte es sich. Vor zwanzig Jahren im Frühling kam ich von meiner Vaterstadt Mailand nach Rom, wo im Valletheater mit Salvini und der Tessaro die Première meiner »Agrippina« stattfand. Sie hatte lärmenden Erfolg. Mitten in dem Getöse packte es mich wie Wahnsinn. Und doch war viel reine Vernunft dabei. Denn zum erstenmal erkannte ich mich selbst. Es war nicht anders, als wäre ich plötzlich durch einen einzigen Blick in meine Seele hellsehend geworden. Ich erkannte, daß meine heimlichen angstvollen Zweifel recht behielten, daß alle meine Betäubungsversuche nicht helfen konnten, mich auf die Dauer über mich selbst zu täuschen, daß mein sogenanntes Genie nicht einmal ein volles echtes Talent war. Ich erkannte in meinen famosen Jambentragödien die dramatische Hallucination, in meiner berühmten tragischen Leidenschaft das falsche Pathos, in meinen prächtig tönenden Versen den Schwulst. Mit einem Wort: ich erkannte, wie ich von einem Poeten nur den Namen besaß. Und ich erkannte ferner: mit unserer großen klassischen Ueberlieferung war es vorbei, die Zeit der Akademieen näherte sich ihrem Ende. Eine neue Zeit brach wie eine Sturmflut herein, eine Zeit, welche die alte Kunst fortspülte, eine neue heranschwemmte. Was für eine Kunst? Das war die Frage! Als sichere Antwort konnte ich sagen, daß es meine Kunst nicht sein würde. * Auch das erkannte ich: Wie du nun einmal beschaffen bist, wirst du mit deinen Werken in dieser neuen Aera der Dinge verloren sein und zu Grunde gehen. Sie werden dich und deine Arbeit abthun und fortwerfen wie unnütz gewordenes Gerät. Alles stand vor mir gleich einer Vision. Ich sah alles in unbarmherziger Schärfe, wie ich meine eigenen dichterischen Gesichte niemals erblickt hatte. Ich sah meine Zukunft als Poet und Mensch in dem Augenblick, da das Haus mir zujauchzte und mich mit Lorbeeren und Blumen überschüttete. Denn sie liebten mich sehr. Und in demselben Augenblicke, da ich das Kommende greifbar vor mir sah, sagte mir eine innere Stimme: Ein kranker Mensch gehört nicht unter lauter Gesunde, ein falsches Talent hat mit der wahren Kunst nichts gemein. Du mußt dich selbst ausscheiden, ehe sie dich heißen beiseite zu treten. Du mußt dich selbst begraben, bevor sie dich lebendig zu den Toten werfen. Während der Aufführung, inmitten meines Triumphes, verließ ich das Theater; und früh am Morgen, vor Sonnenaufgang, bestellte ich mir ein Pferd und verließ Rom. Ich mußte etwas Großes, Feierliches erleben, etwas, das meinen ganzen Menschen läuterte und erhob. So ritt ich denn durch die Porta San Giovanni der Morgenröte entgegen, in die Campagna hinaus. Als die letzten Wohnstätten hinter mir lagen, als die schweigende Wildnis mich umgab, vor mir die Albanerberge, neben mir die Sabina wie schimmernde Wolkenzüge vom frühlingsgrünen Grunde der weiten Steppe sich aufbäumten; und als nur die steinernen Ungetüme der antiken Wasserleitung mit mir zogen, der Kirchhof der Weltgeschichte mit seinen umblühten Grabstätten und braunen Trümmerhaufen sich aufthat – da ward mir in der erhabenen Ruhe zu Mute gleich einem, der sich selbst besiegt, der also auch das Leben bezwungen hatte. Keinen Ruhm mehr und keine Leiden; keinen Ehrgeiz und kein unerfülltes Streben; nie mehr große Wünsche und leuchtende Hoffnungen. Und nie mehr diese fürchterlichen, den Geist zerstörenden, das Herz zermalmenden Enttäuschungen. Ueber dem alt heiligen Berg Cavo ging die Sonne auf. Es war wundersam, vom Tage sich bescheinen zu lassen und denken zu dürfen: der Tag wird für dich ohne Qualen sein. Denn allein durch den bloßen Willen zur Verneinung des Lebens fühlte ich mich bereits vom Alpdruck des Lebens befreit. Einmal blickte ich zurück. Da lag Rom hinter mir zwischen den Hügeln versunken. Nur die Peterskuppel stand am Horizont wie ein lichtes schwebendes Himmelszeichen und nicht wie ein Werk von Menschenhand. Manchem mochte das Bild als Symbol gelten. Bei einer völlig biblisch wirkenden Cisterne vorbei, am Fuß der Weinberge, ritt ich in die Höhe: aus einer Wüste heraus, brachten mich wenige Schritte in ein paradiesisches Gefilde, durch welches die Straße aufwärts nach Frascati führte. Ich ließ die helle heitere Weinstadt hinter mir und lenkte mein Pferd durch einen Hohlweg dem Ruinenberg von Tusculum zu, wo ich vor vielen Jahren in fröhlicher Gesellschaft einen köstlichen Sommertag verbracht hatte. Bei der Villa Tusculana stieg ich vom Pferde und gab meinem müden Tier in der schönen Wildnis, die das verschlossene Haus der Napoleoniden umfing, freie Weide. Unterhalb der grasbewachsenen Schloßterrasse lag, von hochstämmigem Lorbeer dicht umbuscht, ein kleines Kapuzinerkloster, darin es zur Messe läutete. Selig die Einfältigen, die in diesen wonnigen Höhen, gleichsam über der Erde schwebend, einer göttlichen Idee dienen durften! Was sollte ich mit meinem Leben beginnen, der ich mich ascetisch von allem Lebendigen lostrennen wollte? Ohne des Wegs zu achten, schlenderte ich dahin: an Fragmenten eines halb vergrabenen prächtigen Marmorgebälkes, an zertrümmerten antiken Statuen und gestürzten Säulen vorüber. Ein Pfad, so bunt von Blumen, daß er wie mit Edelsteinen bestreut erglänzte, führte mich hinter das weitläufige Gebäude und durch ein lose in den Angeln hängendes verrostetes Gitterthor in einen kleinen quadratischen Garten, den mit schneeweißen Blumenwänden ein Wald von Laurustinus umschloß. Blühender Lorbeer streckte seine goldigen Zweige darüber. An der einen Seite stieß der reizende Ort an einen Anbau der Villa, die hier bis zum Dach hinauf gelbe und blaßrote Kletterrosen bedeckten. Sie umrankten eingelassene Reliefs von höchster Anmut und einer wahrhaft hellenischen Heiterkeit. Inmitten des Gärtchens befand sich ein rundes Brunnenbecken, statt des Wassers mit Marienlilien gefüllt. Die verwilderten Beete trieben in überschwenglicher Fülle Narzissen und Tulpen, Hyazinthen und Kaiserkronen. Jasmin und weiße Spiräen bildeten undurchdringliche Dickichte, darin Amseln und Blaudrosseln nisteten. Eine Welle von Wohlgerüchen schlug mir entgegen und die Morgensonne lag funkelnd auf jeder Blüte, jedem Blatt. Voll stillen Staunens durchschritt ich das Zaubergärtlein, trat an eine niedrige Brüstung und blickte in eine vom Silberschimmer der Oliven gefüllte Tiefe. Gleichsam versunken in der glänzenden Laubflut, sah ich auf mehrfach übereinander getürmten mächtigen Terrassen eine palastähnliche Villa mit langer leuchtender Fassade. Ueber der Säulenhalle des stark vorspringenden Mittelteils lag eine Loggia mit hoher schlanker Nische unter freistehender prächtiger Dachbekrönung, während die Seitenflügel eine festlich heitere Pfeilerarchitektur zeigten. Verschiedene monumentale Thore aus goldbraunem Travertin durchbrachen einen doppelten Mauerkreis und führten zu einem Hain von Steineichen, der feierlich das königliche Haus umdunkelte. Hochstämmige Pinien mit breiten glänzenden Wipfeln entstiegen dem Dickicht eines verwilderten Parkes. Ein Rosenfeld schimmerte durch das vielfarbige Grün zu meiner Höhe empor. Ein schwermütiger Teich träumte einsam zwischen schwarzen Cypressen. Lange stand ich, schaute hinab, empfand den Feiertagsfrieden der schönen Stätte und wurde von einer tiefen Sehnsucht erfaßt. Dort ein nutzloses Dasein nicht unedel zu Ende zu führen, ein krankes Gemüt zu bestatten, eine müde Seele zur Ruhe zu bringen.... Daran dachte ich in meinem ungestümen Verlangen, mich selbst aufzugeben – nur daran! Was ich in jener Traumstunde nicht bedachte: der Bauer, der im Schweiße seines Angesichts sein Feld bebaut, der Tagelöhner, der sein mühseliges Tagwerk redlich vollbringt – diese Männer sind im Vergleich mit solchem Sohn des Weltschmerzes nicht nur achtbare Weltbürger; sondern auch nützliche Mitglieder der Gesellschaft. Indessen mein melancholisches Temperament, zugleich mit einer sybaritischen Neigung, in landschaftlicher Schönheit zu schwelgen; mein Hang zu Träumerei und Einsamkeit – so viele heimlich wirkende Seelenkräfte unterjochten in jenem bedeutungsvollen Augenblick meinen ganzen Menschen mit der Gewalt eines entfesselten Elements. Ich bestieg wieder mein Pferd und ritt durch die Olivenwälder und Steineichenalleen hinunter. Ich ritt durch ein offenstehendes, mit großem Wappenschilde verziertes Thor in eine Kastanienpflanzung und gelangte durch ein zweites, sehr prächtiges, sehr barockes Portal, darüber in tief eingegrabenen Lettern der Name: Horatius Falconerius geschrieben stand, in den Steineichenhain, dessen vom Sonnenlicht durchfunkelte Dämmerungen mich wie ein Mysterium umfingen. Jetzt befand ich mich vor dem Hause. Kein Mensch war zu sehen, kein Laut zu hören. Sämtliche Thüren waren geschlossen und die Fenster durch Läden verwahrt. Auf den breiten Wegen wuchs Gras, die vielen bizarr geformten Steinsitze und Tische unter den Steineichen bedeckte dichtes Moos, die Fontänen und Wasserbecken lagen trocken, mit Unkraut gefüllt. Ein purpurfarbiger Teppich von Cyclamen überzog die Terrasse; vor dem Hause wucherten, ungepflegt und ungepflückt Rosen und eine baumstarke Glycinie bildete über dem Eingang zu dem ehemaligen Garten ein freistehendes blühendes Thor. Die Ranken des schönen Baumes waren bis in die Halle des Mittelbaues gekrochen, wo sie, die Säulen hinankletternd, von Bogen zu Bogen sich schwangen und die dort aufgestellten Büsten römischer Kaiser und Kaiserinnen jugendfrisch kränzten. Ich mochte das tiefe Schweigen nicht stören, den eingeschlummerten Genius des Ortes durch den Ruf einer Menschenstimme nicht wecken. So ritt ich denn weiter, um nach einem Wächter des stillen Hauses zu suchen. Ein Thor aus prächtigen korinthischen Säulen, die auf breitem Postament zwei steinerne Löwen trugen, führte von der Terrasse in den Wirtschaftshof. Aber auch hier war alles Verfall und Verlassenheit. Jetzt trabte ich langsam um das ganze Gebäude, das, je weiter ich kam, um so mehr den Eindruck eines verwunschenen Schlosses machte. Plötzlich vernahm ich den leisen Gesang einer Frauenstimme. Ich hielt das Pferd an und lauschte. Die Stimme hatte solchen tiefen dunklen Klagelaut. Aber Ton und Melodie des melancholischen Ritornells paßten zum Hause, als sei es dessen Geist, welcher sang. Die Sängerin begann einen neuen Vers. Jetzt verstand ich die Worte. Sie lauteten: »Blühende Ranken ... Sieh, wie sie schwanken im Wind! Schlafe doch, schlafe, mein Kind – Schlaft, ach, schlaft doch, Gedanken!« Der Stimme folgend, war ich der Sängerin ganz nahe gekommen. An der Rückseite der Villa öffnete sich im Erdgeschoß eine breite Wölbung, durch die ich in einen Hof blickte. Mir gegenüber befand sich eine hohe Mauer. Wo der graue Kalkbewurf abgefallen war, glänzte altrömisches Netzwerk zwischen bläulichem Basalt hervor: ein Zeichen, daß der Palast auf den Fundamenten einer antiken Villa errichtet worden war. Der Hof mußte unmittelbar unter dem Rosengarten liegen: denn von dem Mauerrand hoch oben stürzte sich sonnbeschienen eine Flut weißer Bansiarosen in die kühlen Schatten nieder, mit den seinen weichen Blüten den Torso einer antiken weiblichen Gewandstatue verschleiernd. Die schöne Figur stand bei der dicht mit zarten Nymphenfarren bewachsenen Wand in einem von wilden Kallas umwucherten Brunnen. Hier war auch die Sängerin. Sie saß auf dem Rand des Beckens, unter den blassen Blumen und gab ihrem Kinde die Brust, es zugleich mit ihrem schwermütigen Gesang einschläfernd. Die ganze Gestalt befand sich in dem Schatten, den der breite Blütenfall der lang niederhängenden Rosenranken über den grünen Grund warf. Aber über dem Haupt der jungen Mutter leuchtete der blumige Schein wie eine märchenhafte Gloriole. So erblickte ich Maria zum erstenmal. Sie war sehr schön! Von einer fremdartigen herben und unnahbaren Schönheit, wie sie die Alten in Priesterinnenstatuen und manche Präraffaeliten in ihren Madonnenbildern dargestellt haben. Aber ihre Marmorblässe und ein unbeschreiblicher Ausdruck von Schwermut milderten die Strenge des wunderbaren Gesichts, das, über den Säugling gebeugt, in dieser zärtlichen Haltung sogar etwas Holdseliges und rührend Jungfräuliches hatte. Der Kopf war unbedeckt und ich sah die Pracht des goldbraunen Haares, das in schimmernden Wellen an den bleichen Wangen herabfloß und tief im Nacken zu einem Knoten zusammengefaßt war. Dem Anzuge nach schien sie eine Frau aus dem niederen Bürgerstande zu sein; doch machte auf mich die ganze Erscheinung sogleich den Eindruck, als wäre es dieser jungen Mutter vollkommen gleichgültig, ob sie ein Kleid aus Seide oder Kattun trüge. Ich konnte mir keinen Grund für diese eigentümliche Vermutung angeben; ich hatte sie aber sogleich. Sie sah mich zu Pferde mitten im Thorweg halten, hob den Kopf ein wenig, unterbrach jedoch weder ihren Gesang, noch verhüllte sie ihre Brust. Sie sah mit einem teilnahmlosen zerstreuten Blick über mich hinweg und senkte die Augen sofort wieder auf das Kind. Geduldig wartete ich, bis der Säugling gestillt und fest eingeschlafen war. Jetzt verstummte sie, schloß ohne jede Hast ihr Kleid und stand auf. Wie sie mir langsam entgegenschritt, hatte ihre Haltung etwas, das mich veranlaßte, sie zu grüßen, als wäre sie eine Dame. Sie dankte mir kaum. Ich fragte: »Schläft das Kleine. Hoffentlich störte ich nicht?« »Ich ließ mich nicht stören.« Sie sprach zu meinem Erstaunen besser als gewöhnlich unsere Damen sprechen, selbst unsere Damen der besten Gesellschaft, Doch sprach sie zu leise und ausdruckslos, gewissermaßen zu apathisch, als daß ich von ihrem Organ einen Eindruck hätte erhalten können. Aber grade diese verschleierte Stimme berührte mich seltsam. Gleichgültig waren auch ihre Bewegungen, gleichgültig war die Haltung ihres Kopfes, war der Ausdruck ihrer Miene: gleichgültig darüber, was die Menschen von ihr dächten, gleichgültig gegen die Welt und das ganze Leben. Doch wie sie jetzt mit der Hand leise, leise über das Gesicht des schlafenden Kindes fuhr und es mit einem Tuche bedeckte, lag in dieser stillen Bewegung ein ganzer Himmel von Zärtlichkeit. Und was für wunderbare Augen sie hatte! Jene hellen Sphinxaugen, die wir Italiener »weiße Augen« nennen. Es gibt für diese farblosen und doch so leuchtenden Augen keinen bezeichnenderen Ausdruck. Ich wandte mein Pferd ins Freie zurück. Sie folgte mir. Als ich sie wieder ansah, flößte mir ihre prachtvolle, aber unbeschreiblich traurige Schönheit, jetzt voll von der Sonne beschienen, fast Schrecken ein. Jetzt erst sah ich auch, wie schlecht gekleidet sie war, nicht grade ärmlich, doch sehr nachlässig. Nur ihr herrliches Haar war gepflegt, und sie hatte die Hände einer Weltdame. Sie trug einen Ehering. Ich ließ mein Pferd neben ihr hingehen und begann von neuem ein Gespräch: »Finde ich hier wohl jemand, der mir die Villa zeigt?« Sie erwiderte: »Mein Mann ist in der Oliveta und unsere sämtlichen Leute sind dort beschäftigt.« »Ihr Mann –« Absichtlich stockte ich, was sie jedoch nicht beachtete. So mußte ich denn direkt fragen: »Hat Ihr Mann etwas mit dieser schönen Besitzung zu thun?« »Er ist Pächter der Tenuta, die zur Villa Falconieri gehört.« »So heißt dieses Märchenschloß?« »Es ist hier allerdings einsam.« Sobald sie etwas lauter sprach, hatte ihre Stimme einen tiefen Wohllaut. Aber sie blieb eintönig und schwermütig. »Ich beneide Sie um diese Einsamkeit!« rief ich aus. »O wirklich?« Sie sprach wie eine vornehme Dame, die eine ihr vollkommen gleichgültige Konversation führt und der es ganz einerlei ist, ob die Leute sich bei ihr unterhalten oder nicht. »Befindet sich die Villa auch jetzt noch im Besitz der Falconieri? Verzeihen Sie, wenn ich Sie ausfrage; aber der wundersame Ort hat es mir jedoch angethan.« »Die Falconieri sind nicht mehr Besitzer. Der letzte Fürst Falconieri hat die Villa vor einigen Jahren verlassen – verlassen müssen.« »Ich erinnere mich. Die Falconieri gehören zu den großen römischen Häusern, die verarmten.« »Vollständig, mein Herr. Der alte Fürst war in den letzten Jahren so arm, daß er sich nicht die Ausgabe machen konnte, mit der Bahn nach Rom zu fahren. Wenn der Fürst nach Rom mußte, verkaufte er schnell für den ersten besten Preis eine der prachtvollen Pinien oder Kastanien, durch welche die Villa berühmt war. Die herrlichsten Bäume sind auf diese Art geschlagen worden, und die alte Fürstin stickte im geheimen für Geld Altardecken und Meßgewänder.« Sie machte mir diese Mitteilungen in einer Art, als ob sie ebenso gut hätte schweigen können. Aber ich war ihr dankbar, daß sie mir Gelegenheit gab, ihre Stimme zu hören. »Wie schrecklich muß es sein, aus diesem Paradiese als Bettler vertrieben zu werden,« rief ich mit ehrlicher Teilnahme aus. »Ich bedauere diese Leute nicht.« Die schöne Stimme klang plötzlich hart. Sie beugte sich tief auf das schlafende Kind hinab; und ich konnte, als sie die herben Worte sprach, ihr Gesicht nicht sehen. In möglichst leichtem Tone fragte ich: »Was thaten Ihnen die armen Leute, daß Sie so wenig mitleidig sind?« Fast hätte ich hinzugefügt: »mit solchem Madonnengesicht!« Gelassen erwiderte sie: »Diese Leute thaten mir nicht das Geringste. Auch bin ich durchaus keine Sozialistin, wie Sie vielleicht meinen. Meinetwegen mögen sie schwelgen und vergeuden, so viel sie wollen und können. Aber es gibt noch größeres Elend auf der Welt, als gezwungen zu sein, einen Palast zu verlassen. Selbst hungern zu müssen ist nicht das Schlimmste.« »Was können Sie davon wissen: von noch größerem Elend!« Sie antwortete nicht sogleich. Dann sagte sie ermüdet: »Sie haben recht, mein Herr. Ich weiß nichts davon.« »Du scheinst sehr viel davon zu wissen,« dachte ich. * Einer Oliveta entlang, bei einer Gruppe prächtiger Cypressen und Steineichen vorüber, waren wir in den von Pinien überschatteten Hof der Tenuta gekommen, wo nur ein einstöckiges verfallenes Gebäude bewohnt zu sein schien. Ich wünschte heimlich, daß die schöne Frau mit den weißen Händen und dem armseligen Kleide hier nicht wohnen möchte. Zu meiner Freude ging sie an der Baracke vorbei und durch das Löwenthor auf die Schloßterrasse. »Die Villa liegt so verlassen da, als sei sie völlig unbewohnt.« »Einen kleinen Teil des Hauses bewohnen wir. Die Villa soll nämlich über hundert Zimmer haben, in denen jetzt niemand wohnt. Früher lebte hier eine schöne Gräfin aus Deutschland, die damals Pio IX aus Rom nach Gaeta gerettet hat.« »Das war die Gräfin Spauer! ... Es freut mich, daß Sie in dem schönen Hause wohnen.« Ich sah sie nicht an, wußte jedoch sehr genau, daß sie eine sehr erstaunte und unnahbare Miene machte und mich sogleich stehen lassen würde. »Mir wäre es lieber, wir wohnten in der Tenuta,« wies sie mich nach einer Pause mit großer Ruhe zurück. »Aber mein Mann zieht das Schloß vor. Leider kostet ihn seine Vorliebe für Paläste eine beträchtlich höhere Pachtsumme, und mehr, als wir überhaupt zahlen können.« »Aber das Wirtschaftsgebäude ist ja eine halbe Ruine!« »Für uns wäre es gut genug,« sagte sie rauh, nickte mir gemessen zu und schritt von mir fort, nach dem Hause hinüber. Eine Fürstin hätte von dieser Pächtersfrau Haltung lernen können. Wer war sie? Und was war es mit ihr? Alles war so ungewöhnlich: der Ort und die Frau! Gar zu gern wäre ich ihr nachgeeilt. Aber ich wagte es nicht; denn sie hatte mich in aller Form verabschiedet. Ich war daher freudig überrascht, als sie plötzlich stehen blieb, einen Moment zu zaudern schien und dann langsam zu mir zurückkam. Mein Pferd brachte mich sofort an ihre Seite. Mit kühler Höflichkeit sprach sie mich an: »Da das alte Haus Sie vollständig bezaubert zu haben scheint, da niemand von unsern Leuten vor Mittag zurückkommt und Sie gewiß keine Zeit zum Warten haben, will ich Ihnen das Haus zeigen.« »Es wäre sehr gütig! Aber der kleine Schläfer?« »Es schläft ganz fest, das arme Geschöpf.« »Weshalb bedauern Sie Ihr Kind?« »Lebt es nicht?« Sie that diesen pessimistischen Ausspruch ohne jede Spur von Pathos und Affektion; aber mit welch trauriger Miene, welch trostlosem Ausdruck! »Das Kind wird wachsen und gedeihen. Es wird Ihnen Freude machen, wird Ihr ganzer Stolz und gewiß einmal ein tüchtiger glücklicher Mensch werden.« »Glauben Sie, daß es glückliche Menschen gibt?« »Wie Sie das sagen!« »Ich frage nur; denn ich weiß es nicht,« »Warum sollte Ihr Kind durchaus ein unglücklicher Mensch werden? Ist es ein Knabe?« »Ein Mädchen – leider.« »Ich bitte Sie – –.« »Wenn es einmal groß ist und schön sein sollte, wenn es dann hoch im Preise steht und seinen Käufer findet! Mein armes Kind, o mein armes Kind!« Sie hatte wie zu sich selbst gesprochen, als mein Pferd zufällig eine heftige Bewegung machte. Jetzt errötete sie bis an die Haarwurzeln, was ihren stillen ernsten Zügen plötzlich einen überaus lieblichen, beinahe kindlichen Ausdruck gab. Leise sagte sie dann: »Ich führe Sie also durch das Haus.« Sie ging und kam nach einer Weile ohne das Kind und mit dem Schlüssel zurück. Ich sprang vom Pferde und folgte der wunderschönen seltsamen Frau. * Durch die mit antiken, als Sitze dienenden Kapitalen und verschiedenen Erinnerungstafeln an päpstliche Besuche geschmückte Vorhalle trat ich in einen Saal, dessen Wände auf das wunderlichste mit Fresken bedeckt waren... Zwischen prächtiger Säulenarchitektur bewegte sich eine bunte Gesellschaft längst verstorbener Falconieri mit ihren Gästen und ihrer Dienerschaft, während eine andere Generation des alten Fürstenhauses teils als Portraits, teils als in Loggien postierte Zuschauer hier ernsthaft, dort vergnüglich auf das heitere Gewimmel niederblickte. Unter den Frauen fiel mir besonders eine anmutige lustige etwas kokette Teresa und eine sehr schöne stolze und entschlossen blickende Ottavia Sacchetti auf. Von den Männern des Geschlechts erschien ein jugendlicher Lelio recht liebenswürdig und zugleich sehr leidenschaftlich. Zu beiden Seiten dieses frohen und festlichen Raumes, aus dem ich durch die Bogen der Vorhalle tief in die immergrünen Wipfel der Steineichen schaute, lagen in langer Reihe die Prunkzimmer des fürstlichen Sommersitzes; und da meine Führerin, nachdem sie mir geöffnet hatte, sich nicht mehr um mich kümmern zu wollen schien, so schlenderte ich behaglich von Gemach zu Gemach, in einem jeden Fenster und Jalousie aufstoßend, daß immer neue Lichtwogen die Dämmerung durchströmten. Es war überall das Nämliche: überall verblichener Glanz und verfallene Pracht. Tische mit kostbaren Platten von rosso und giallo antico , Lehnsessel mit verblaßten Vergoldungen, zerschlitzte Vorhänge an Thüren und Fenstern, schadhafter Ziegelsteinboden. Sämtliche Wände schmückten entweder Fresken, oder, die ganzen Wandflächen einnehmend, stark nachgedunkelte Oelgemälde. Aber die Stuccaturen der Decken atmeten die Anmut der Renaissance und waren so leuchtend, als wären sie eben aus des Künstlers Händen hervorgegangen. Der letzte Raum, den ich betrat, entzückte mich. Die Fresken stellten einen heiteren Hain vor, der einen schimmernden Tempel der Venus umschattete und einen Ausblick auf eine freie sonnige Landschaft gewährte. In den Blumendickichten standen Bildsäulen und Hermen, Altäre und Vasen. Fontänen durchrauschten den kühlen Grund, und ein lustiges Völklein beflügelter Genien war eifrig beschäftigt, Tempel und Hain für eine stille Liebesfeier zu schmücken. Sie flatterten durch die Wipfel, jagten die weißen Tauben der großen Göttin, schleppten schwere Blumengewinde herbei, rissen blühende Ranken von den Bäumen, bekränzten die Statuen, verzierten den Eingang ins Brautgemach. Nur ein kleiner fauler Schlingel schoß vergnüglich nach einer Elster, die auf einem Pinienast hockte. Über den Wipfeln stieg am tiefblauen Himmel strahlendes Gewölk auf, darin in eigener unsterblicher Person die Frühlingsgöttin erschien. Sie ließ einen Blütenregen herniederströmen, dessen duftige Fluten Amoretten ihr nachtrugen. Junge übermütige Winde bliesen die herabfallenden Blumen durcheinander. Um dieses wonnige Gemach lief eine offene Galerie; und als ich hinaustrat, stand ich über einer die doppelte Länge des Schlosses betragenden Gartenterrasse und dem in bacchische Fruchtbarkeit gebetteten Frascati. Ich überblickte das trümmerbedeckte römische Land bis weit in die große etruskische Bergebene hinein; ich überblickte den lichten Strand des Tyrrhenischen Meeres mit seiner dunklen Macchienwildnis, das Alpengebiet der Sabina mit lang hingestreckten kahlen Graten, schneebedeckten Gipfeln und grauen Felsenstädten. Als ich mich endlich von dem unvergleichlichen Anblick losriß, saß die schöne Frau in einem der mit apfelgrünem Damast bezogenen Armsessel und wartete auf mich. Sie lehnte in ihrem schlechten Kleide mit solchem Anstand in dem vornehmen Stuhl, wie wenn sie für einen Thron geboren wäre. Als ich ihr mein Entzücken über den köstlichen Raum ausdrückte, erklärte sie mir dessen Bestimmung »Nach einer Sitte, die über dreihundert Jahre alt sein soll, wurde für jedes junge Paar des Hauses in diesem Zimmer das Hochzeitsbett aufgestellt.« Und sie fügte nach einer Pause hinzu: »Hier erwürgte Ottavia Sacchetti in der Brautnacht den Mann, dem sie durch Zwang vermählt worden war.« Sie sagte das so gelassen, als berichte sie eine alltägliche Begebenheit. Dabei hatten ihre stillen Augen einen grausamen Ausdruck. »Hier erwürgte Ottavia Sacchetti in der Brautnacht den Mann« ... wiederholte ich mechanisch, und konnte meinen Blick von ihrem Gesicht nicht abwenden. »Weiß man die Ursache der gräßlichen That?« »Ist sie so schwer zu wissen?« »Wie? ... Ich verstehe Sie nicht –« »Ich sagte Ihnen ja, daß die unglückliche Ottavia durch Zwang ihres Mannes Weib ward.« »Weshalb ließ sie sich zwingen!« »Sie reden eben wie ein Mann.« »Also begreifen Sie die Mörderin?« »Ich begreife sie.« »Wie ist das möglich?!« »Vielleicht weil ich eine Frau bin,« war ihre gelassene Antwort. Ich wurde erregt. »Angenommen: ein Mädchen wird zu einem verhaßten Manne gezwungen, so –« Ich verstummte unter dem Blick dieser hellen unerbittlichen Augen. Sie vollendete meinen Satz: »So rächt die Frau die Gewalt, die ihrem Leib und ihrer Seele angethan worden – wenn sie sonst eine starke und stolze Seele besitzt. Darauf kommt es allerdings an.« Ich wollte erwidern. Aber sie stand auf und ging hinaus, ohne mich weiter zu beachten. Absichtlich blieb ich zurück und holte sie erst im Saal ein, wo ich sie unter dem Bilde jener Ottavia stehend fand. In den Anblick des Portraits versunken, sagte sie: »Diese Unglückliche wurde, weil sie ihre Ehre verteidigte, in Rom vor der Engelsbrücke als Mörderin enthauptet. Sie starb den Märtyrertod und sollte von gewissen Gattinnen wie eine Heilige verehrt werden.« »Was sind Sie für eine merkwürdige Frau!« Meinen Ausruf überhörend, wandte sie sich von dem strengen Antlitz Ottavias ab, den heiteren Mienen der reizenden Teresa zu. »Dieser jungen Falconieri ging es im Leben auch nicht sonderlich gut.« »Hatte die liebliche Frau etwa gleichfalls ein tragisches Schicksal?« »Sie wurde von ihrem Manne ertränkt hier in der Villa: in dem Teich, um den die Cypressen stehen.« »Aus Eifersucht?« Sie antwortete nicht. »Weiß man etwas von dem jungen Lelio dort oben?« fragte ich, lediglich um das unbehagliche Schweigen zu unterbrechen. »Vielleicht war es dieser junge hübsche Herr, um dessentwillen die reizende Teresa sterben mußte. Die beiden paßten zusammen. Ich denke mir oft, daß es der hübschen Teresa schwer geworden ist, aus der Welt zu gehen. Denn wenn man liebt und wiedergeliebt wird. – Aber wie selten mag beides zusammentreffen.« Nur um etwas zu sagen, rief ich aus: »Das ist ja eine eigentümliche Familie, diese Falconieri!« »Es hat auch sehr fromme Leute darunter gegeben. Verschiedene Falconieri waren Päpste; und die Familie ist sogar so glücklich, einen Heiligen und zwei Martyrisierte aufweisen zu können. Der heilige Alexander Falconieri und die beiden seligen Frauen liegen nebenan in der Kapelle bestattet. Sie thun noch heute Wunder für den, der glaubt, daß heute noch Wunder geschehen. Ich glaube es nicht.« Hatte sie mir vorhin Scheu eingeflößt, so fühlte ich jetzt große Teilnahme: dermaßen von Leiden erschöpft waren Blick und Miene. Plötzlich ertönte von den Steineichen her ein lauter, gebieterischer Ruf: »Maria!« Sie regte sich nicht. Der Ruf wurde wiederholt, diesmal fast drohend: »Maria! He, Maria!« Da sie nicht zu hören schien, machte ich sie aufmerksam: »Ich glaube, Sie werden gerufen.« »Es ist nur mein Mann,« erwiderte sie gleichgültig. »Er schreit immer so.« Sie verließ langsam, sehr langsam den Saal. * Die beiden waren ein herrliches Paar! Der Gatte meiner eigentümlichen Führerin gehörte nämlich zu den schönsten Männern, die ich jemals gesehen hatte. Er ritt einen feurigen Rappen mit langer Mähne und fast den Boden fegendem Schweif. Del schwarze Mantel des Campagnuolen drapierte mit seinem Faltenwurf die schlanke kraftvolle Gestalt; unter dem breiten Schlapphut hervor quollen dunkle Locken und das braune bartlose Gesicht hatte die klassischen Züge der Antike. Alcibiades konnte nicht vollkommener schön gewesen sein, als dieser Pächter der Villa Falconieri es war. Er sah mich unter einem Säulenbogen der Halle stehen, ritt näher und grüßte mich wie ein Weltmann. Noch mehr erstaunte ich, als der prachtvolle Bursche im Campagnuolenmantel in perfektem Französisch sich erkundigte, womit er mir dienen könnte. Ich erwiderte, was mich in die Villa geführt, und daß seine Frau die Liebenswürdigkeit gehabt hatte, mir einen Teil des Palastes zu zeigen. Er schaute zu ihr hinüber und sagte dann, laut lachend: »Darauf dürfen Sie sich allerdings etwas einbilden. Es liegt nämlich durchaus nicht in der Art meiner Frau, den Fremdenführer zu machen.« Der Blick, mit dem er sie ansah, sein Lachen und etwas in seiner Stimme paßte so gar nicht zu der berückenden Erscheinung des Mannes, daß es mich betroffen machte. Ich mußte denken: ›Oho! Du scheinst deine wunderschöne Frau nicht grade zärtlich zu lieben. Du scheinst überhaupt ziemlich brutal sein zu können, mein reizender Herr!‹ Ich entschuldigte die Dame durch die Dringlichkeit meiner Bitte und diese durch mein Entzücken über die Villa. Darauf stellte ich mich in aller Form vor. Er warf mir einen raschen blitzenden Blick zu, grüßte noch einmal mit großer Höflichkeit und sagte äußerst verbindlich: »Ihre Première gestern abend im Valletheater hatte gradezu sensationellen Erfolg.« Und er reichte mir mit einem Lächeln, das so anziehend war, wie vorhin sein Lachen abstoßend, ein Paket römischer Zeitungen. »Sie kennen mich?« »Das wundert Sie bei einem Bauern, der hier in aller Ruhe seinen Kohl pflanzt? Sie mögen daraus sehen, wie populär Sie sind.« »Sie sind sehr liebenswürdig, Herr –« »Vittorio Mariano.« Ich lüftete den Hut und sagte lächelnd: »Es scheint mir ein beneidenswertes Los, in der Villa Falconieri seinen Kohl pflanzen zu dürfen, Herr Mariano.« Er rief mit knabenhafter Fröhlichkeit: »Wenn Sie das im Ernst meinen, so werden Sie hoffentlich Ihre tragische Muse in unserm Idyll eine Stunde lang unter Menschen ein Mensch sein lassen. Ich habe heute die ersten Cucuzzi geerntet, der Spießbraten meiner Frau könnte dem Ruhm Ihrer Trauerspiele Konkurrenz machen, und zum Nachtisch verspreche ich Ihnen zwar nicht die Aepfel der Hesperiden, aber die Kirschen des Lucullus.« Mit prächtiger Bewegung des Kopfes schwang er sich vom Pferd und übergab es einem der eben aus der Oliveta heimkehrenden Knechte, der dann auch meinen Mietsgaul einfing und nach dem Wirtschaftshof führte. Ich mußte mich vorhin getäuscht haben: der Mann war gewiß ebenso liebenswürdig wie schön! Und zu den stolzen Falten des Campagnuolenmantels das Pariser Französisch: welche Kontraste! Meine Neugierde war stark erregt. Auch konnte ich mich nicht entschließen, fortzugehen, ohne Frau Mariano noch einmal gedankt – ohne sie noch einmal wiedergesehen zu haben. Sie war sogleich ins Haus gegangen, ohne sich um ihren heimkehrenden Gatten im geringsten zu kümmern, ohne ihn eines Blickes zu würdigen – wie ich es bei mir selbst nannte. Und sie hätte doch von Rechts wegen ganz vernarrt in ihn sein müssen! Denn als er jetzt Mantel und Hut abwarf, die Locken aus der Stirn schüttelte, staunte ich von neuem über die Herrlichkeit der jungen Gestalt. Uebrigens war ich jetzt in meinem Urteil ganz sicher, als ich vorhin in seinem Blick, in seinem Lachen, in seiner Stimme etwas zu erkennen geglaubt, was mich beinahe mit Widerwillen erfüllte: lag es doch in meiner Natur, bei jeder Medaille sogleich die Kehrseite zu sehen. Meinen eigenen Augen mißtrauend, war ich nunmehr bemüht, jenen flüchtigen Eindruck zu vergessen. Auch nahm die Vorstellung von dem Leben der beiden wunderschönen einsamen Menschen in dem Paradiese der Villa Falconieri meine dichtende Phantasie völlig gefangen. Herr Mariano, der ausgezeichnet gekleidet war und die Wäsche eines Dandy trug, geleitete mich nach dem Flügel der Villa, den ich noch nicht besichtigt hatte. Ueber dem Eingang stand der fünfte Psalm geschrieben: »Tritt ein in dein Haus –.–« Und gleich dahinter befand sich die von Benedikt XIII. geweihte Kapelle, darin in gläsernen Särgen die wunderthätigen Heiligen der Falconieri bestattet lagen. Eine Treppe aus aschgrauem Peperin mit tief ausgetretenen Stufen führte in das obere Stockwerk hinauf, wo die sonderbaren Pächtersleute ihre Wohnung hatten. Diese paßte nun wiederum ganz und gar nicht zu dem perfekten Französisch und der leuchtenden Wäsche des Hausherrn. Aber Herr Mariano benahm sich, als empfange er seinen Gast in einer ersten Etage an den Boulevards des Italiens. Die zerrissenen Gardinen, die verblichenen und zerfetzten Möbelbezüge, zerbrochenen Stühle und beschädigten Tische genierten ihn nicht im mindesten. Frau Mariano war nicht da. Ihr Mann ging nicht etwa hinaus, sie zu holen: sondern rief überlaut nach ihr. Endlich erschien sie und äußerte über meine gewiß unerwartete Anwesenheit weder Vergnügen noch Befremden. Sie bemerkte mich kaum. Erst jetzt, da ich die beiden zusammen sah, fiel mir an der schönen Frau die Aermlichkeit ihres Anzugs geradezu peinlich auf. Er paßte freilich zur ganzen Umgebung. Dem Kleide nach hätte sie sehr gut die Magd sein können. Und neben ihr der elegante Beau! Herr Mariano mochte meine Gedanken erraten; denn er musterte seine Frau mit einem Stirnrunzeln, dem sie jedoch nicht die mindeste Beachtung schenkte. Augenscheinlich war ihr ihr Kleid auch jetzt noch genau so gleichgültig wie die Verwahrlosung der Wohnung. »Ich rühmte dem Herrn deine Hühner. Sorge also dafür, daß du mit deiner Kochkunst Ehre einlegst.« Ich wollte sagen, daß ich nicht bleiben könnte, daß ich nach Rom zurück müßte. Aber ich sagte nichts. Dann fiel mir ein, daß ich mich Frau Mariano noch gar nicht vorgestellt hatte. Ihr Mann schien die Erfüllung irgendwelcher Form der Frau des Hauses gegenüber für vollständig unnötig zu halten. Ich nannte meinen Namen, meine Unterlassung, so gut ich konnte, entschuldigend, bemerkte jedoch nicht, daß ich auch ihr bekannt war. Ohne gesprochen zu haben, verließ sie das Zimmer. Mit einigem Stolz zeigte mir jetzt Herr Mariano seine Bibliothek; und von neuem sollte ich staunen. Ich sah eine vorzügliche Auswahl von Werken, in französischer sowie in englischer Sprache, in schönen Einbänden musterhaft aufgestellt. Sämtliche alte und neue Klassiker befanden sich darunter, und die philosophischen politischen und naturwissenschaftlichen Schriften der ersten Autoren. Auch die moderne Poesie war vertreten. Neben Leopardi stand ich. Derselbe Mann, der in Gegenwart eines Fremden mit seiner Frau wie mit einer fahrlässigen ungeschickten Dienerin verfuhr, besaß den Takt, mich nicht auf mich selbst aufmerksam zu machen, wodurch es mir möglich war, mich gleichfalls zu ignorieren. »Und dieses ist mein Lieblingsdichter. Ich lese ihn jeden Abend wie der Geistliche sein Brevier, wie ein Geldmann die Kurse.« Und er reichte mir ein kleines, besonders schön eingebundenes Buch: Es war eine lateinische Aeneïde. »Sehen Sie, Graf Campana!« Er trat zu einem der Fenster, die nach den Steineichen hinausführten, und zeigte mir die glanzvolle Ferne: Land und Meer. Ich sah die Tibermündung und Ostia; ich sah die heilige Insel und längs des hellen Gestades die Buschwälder von Laurentum und Ardea. »Das Land der Aeneïde!« rief mein Wirt mit leuchtenden Augen. Eine Magd, im Kostüm der Marken, kam und deckte den Tisch. Ich glaubte zu bemerken, daß Herr Mariano erwartet hatte, seine Frau würde wieder erscheinen, daß er wütend über ihr Fortbleiben war und sich nur mit Mühe beherrschte. Um seine Aufmerksamkeit von der fehlenden Hausfrau abzulenken, versuchte ich, ihn redselig zu machen, wobei mir sein lebhaftes Temperament und die Eitelkeit auf seine schöne absonderliche Person sehr zu Hilfe kam. Was ich, während wir lange auf das Essen warteten, und während unseres weinreichen Mahles – und was ich später, als ich die Villa bewohnte, teils durch Herrn Mariano direkt, teils durch andere über ihn erfuhr, will ich an dieser Stelle von ihm selbst mitteilen lassen. * Herr Mariano Rasse! Darauf kommt es an! Bei Weib und Mann! Ich bin von gemischter Rasse; aber die Mischung ist gut. Meine Mutter stammt aus dem uralten römischen Räubernest Rocca Priora, und mein Vater war französischer Künstler: Pariser Vollblut, mein Herr. Rocca Priora liegt dahinten hoch oben, Palestrina gegenüber. In der Tiefe erstreckt sich ein Weinland, daß es die Heimat des Bacchus sein könnte – bei den Leuten von Rocca wächst kaum ein Halm! Von ihrer braunen Höhe stieren sie seit Jahrhunderten auf die unter ihnen hingestreckte Ueppigkeit hinab. Das hat sie seit Jahrhunderten begehrlich gemacht, hungrig und gierig. Tief unten durch die Ebene führte ehemals die alte Poststraße von Rocca nach Neapel. Hier, zwischen Colonna und Zagarola, in der Nähe eines Hohlweges, besaß der göttliche Cäsar eine Villa: S. Cesareo heißt der Ort noch heutigentags. Und noch heutigentags geht der blutige Schatten des alten Herrn dort um. Die Reisenden, die früher mit Postkutsche und Vetturin von Rom nach Neapel fuhren, lehrte S. Cesareo Todesfurcht; denn bei S. Cesareo warteten die Briganten von Rocca Priora auf sie, und es hieß: Geld her oder das Leben! Von den Vorfahren meiner Frau Mutter lauerten wohl manche braune Bursche im Hohlweg bei den Trümmern der Cäsarvilla; und mein Herr Großvater war ein berühmter Brigant. Er hatte die Ehre, durch den Henker zu sterben. Ein anderer Ahn meines Hauses erhielt lebenslänglich Galeere; ein dritter wurde von seinem besten Freunde an die Sbirren verkauft. Noch heute gibt es in meiner Mutterstadt eine Bahre, darauf nur diejenigen zur letzten Ruhestatt getragen werden, die eines jähen Todes durch Büchse oder Dolch verstorben sind. Die Leute von Rocca leben nicht in menschlichen Wohnungen; sondern sie hausen in Höhlen. Winters gehen sie auf Wolfsjagd. Sie haben selbst etwas Wölfisches. Meine Mutter war wild und schön! Sie war schön wie eine griechische Liebesgöttin und wild wie eine sabinische Wölfin. Auch ebenso gierig. Sie stierte aus ihrem schwarzen feuchten Felsenloch so lange auf das goldene Weingefilde hinab, bis sie es in ihrer Wildnis vor Hunger nicht mehr aushielt. Sie stieg hinunter und ging auf Raub aus. Sie ging nach Rom. Hier stellte sie sich an der spanischen Treppe auf und lauerte auf Beute. Die Römer liefen zusammen, um das schöne wilde Menschentier anzustaunen. Sie lauerte geduldig, bis der Rechte kam. Dem sah sie nur in die Augen, um gleich zu wissen, daß es der Rechte sei. Von diesem ließ sie sich mitnehmen. Er wohnte wie ein Fürst in der Villa Medici am Pincio, war Bildhauer, hatte den Prix de Rome erhalten und sollte ein Genie sein. Das alles genügte jedoch noch nicht, um berühmt zu werden. Er besaß wütenden Ehrgeiz und hätte für Ruhm dem Teufel seine Seele verschrieben. Der Teufel kam denn auch zu ihm, und er verkaufte sich ihm: er sah an der spanischen Treppe das schöne Weib und nahm es mit sich. So kamen die beiden Gierigen zusammen. Der ehrgeizige Künstler hätte sein schönes Modell am liebsten eingeschlossen, wo weder Sonne noch Mond sie beschien: es sollte einzig und allein ihm angehören! Die »zu Tode geküßte Bacchantin« entstand. Es wurde das größte Werk der modernen Pariser dècadence und sein Schöpfer weltberühmt. Später zogen meine Eltern nach Paris. Dort wurde ich geboren und bald darauf von meiner Mutter verlassen. Der Mensch muß über alles objektiv denken; auch über die, denen er das Leben zu verdanken hat – wie die Redensart heißt. Ich hieß nach meiner Mutter Mariano und nach Victor Hugo Vittorio. Komische Kontraste, nicht wahr? Mein Vater beabsichtigte stets, mich in aller Form Rechtens zu adoptieren, kam aber nach Künstlerart niemals dazu. In dem Atelier meines Vaters verkehrte tout Paris: das ganze berühmte, geistreiche, elegante, frivole, blasierte, verlebte, verlotterte, verfaulte Paris! Gestern machte eine Herzogin die Honneurs, heute irgend eine Chansonnettensängerin. Turgenjew und Bizet, Felicien Rops und Coquelin waren Hausfreunde. Zu den kleinen Diners kamen Sardou und Jules Janin, Sarah Bernhardt und die Viardot Garcia. Alexandre Dumas Père half ich seine famosen Omelettes backen, Guy de Maupassant erzählte mir Liebesgeschichten, Madame Judic übte vor mir ihre Lieder ein. Da wird man begreifen – Ich wurde Soldat. Anstatt daß die Weiber mich toll machten, machte ich die Weiber toll. Aber ich will nicht renommieren. Man schickte uns zum Schutz des Kirchenstaats nach Italien. Ich kam nach Rom. Die Römerinnen liehen sich mit den Pariserinnen nicht vergleichen. Ich lernte einen römischen Bürger kennen. Der Mann war früher wütender Freischärler, hatte eine genußsüchtige lasterhafte Frau und eine wunderschöne madonnenreine und marmorkalte Tochter. Sie hieß Maria. Ich verliebte mich. Herr – zum erstenmal in meinem Leben war ich rasend verliebt! Und sie in mich ... Aber es lagen Umstände vor – Jenun, die wußte ich zu überwinden. * Sie machte in dem berühmten Atelier meines Vaters Sensation. Ihr Debüt in Paris war wie eine Première von Augier, wie ein neuer Roman von Zola. Man sprach eine volle Woche davon. Mein berühmter Vater wählte selbst für ihre Toilette die Stoffe, konferierte selbst mit dem Schneider. Aber sie war schon damals so – so sonderbar gleichgültig gegen alles. Gar nicht wie andere Frauen! Ueberhaupt – Ja, mein Herr, eine seltsame, sehr seltsame Frau. So halsstarrig! Und ich immer noch in sie verliebt. Toller als je, mein Herr. Ein Mann wie ich! Sie paßte gar nicht für die grande vie Bohème . Sie ließ sich dafür auch nicht erziehen. Aber ich hatte doch die schönste Frau und wurde darum beneidet. Wäre die schönste Frau nur etwas mehr ein schönes – Weib gewesen. Mein berühmter Vater meißelte nach ihr seine »Vestalin« und wurde dadurch noch berühmter; Guy de Maupassant verliebte sich in sie; Anatole France machte Gedichte auf sie und Sarah Bernhardt wollte sie für die Bühne ausbilden: sie hätte ein wundervolles Organ! Aber sie sprach kaum ... Sie sehen, ich bin aufrichtig. Was hülfe es mir auch, nicht aufrichtig zu sein? Ich bildete mir ein, die Frauen zu kennen; ich glaubte in dem einen wären alle gleich: ein Thema! In unendlichen Variationen zwar; aber doch immer eine Grundmelodie als unendliches Leitmotiv. Ich konnte es pfeifen wie eine Verdische Arie. Da plötzlich – Und diese eine Frau mußte grade meine Frau sein! Ueber zwei Jahre waren wir bereits verheiratet und hatten noch kein Kind ... Der Krieg von 1870 kam. Auch ich zog mit aus gegen die verd ... Prussiens. Vierundzwanzig Jahre war ich alt und wollte Heldenthaten verrichten; denn den Virgil trug ich schon damals in meiner Seele. Und das war noch das Beste an mir. Am liebsten hätte ich den alten König Wilhelm gefangen. Oder diesen Monsieur de Bismarck – Sacré bleu! Da kam der Schandtag von Sedan; und unter den Gefangenen, die der Prussien an der Maas machte, war auch meines berühmten Vaters heldenmütiger Sohn. Frankreich ward Republik, in Paris herrschte die Kommune – ich saß in Deutschland gefangen. Dort hörte ich: mein berühmter Vater war gestorben, im Hôtel Drouot die Auktion seiner Kunstsammlung abgehalten, kein roter Heller übriggeblieben. Von meiner wunderschönen Frau hörte ich nichts. Ich lief fort. Mit zerrissenen Sohlen, halb verhungert, zu Tode ermattet wie ein gehetztes Wild kam ich nach Paris. Ich kümmerte mich wenig um meinen toten berühmten Vater. Ich suchte meine lebendige schöne Frau. Irgendwo fand ich sie. Ich fand sie im Elend und nicht in einem kleinen eleganten Quartier, wie ich beinahe gefürchtet hatte. Ich war mit meiner Furcht einfach ein Narr gewesen. Denn: Diese Frau und ein kleines elegantes Quartier! Aber jetzt sollten die Dinge anders werden. * Jetzt waren wir arm wie Kirchenmäuse... Und ich liebte nun einmal Boule-Möbel und Sevres-Porzellan, Japanische Bronzen und Smyrnateppiche, Trüffelpüree und Austern, teuern Wein, teure Pferde. Was war zu machen? Wer zum gemeinen Handwerk des Lebens nicht taugt, der hat in sich den Stoff zu einem Künstler des Lebens. Aber auch dazu gehört Glück; und die Dirne Fortuna zeigte sich auf einmal so spröde gegen mich, beinahe wie – Man muß eben Philosoph sein ... Ich hatte einen Freund, der war ein echter Nachkömmling des alten griechischen Herrn Epikur. Dieser vollendete Lebenskünstler sagte eines schönen Tages zu mir: »Höre, mein Junge! Seitdem die Preußen in Paris waren, schmeckt mir hier die crême Gervais nicht mehr. Ich bin der ganzen Geschichte an der Seine überdrüssig geworden. Weißt du nicht irgendwo ein Tusculum, von wo aus wir uns den Weltspektakel eine kleine Weile mit ansehen können – nur so der Abwechslung halber. Ich nehme meinen superben Küchenchef mit und du deine schöne Frau. Was meinst du? Wir vier sollten es miteinander ein paar Jährlein wohl aushalten können, bis hier die Weltgeschichte wieder etwas heiterer geworden.« Ich erwiderte: »Seien wir klassisch! Gehen wir dorthin, wo Marcus Tullius Ciceros Tusculum gestanden haben soll. Dieses Paris ist eine elende Lappalie geworden. Die römische Campagna zu Füßen Childe Harold lesen, den Virgil und Horaz – das könnte das Leben für eine Zeit lang wieder lebenswert machen.« So nahmen wir denn jeder das Seine: mein Freund seinen Koch, ich meine Frau, schüttelten den Staub von Paris von unseren Schuhen, kamen nach Rom, wallfahrteten aber nicht zum Papst, sondern fuhren hinaus nach Frascati, wo grade der letzte der Falconieri zur rechten Zeit das Haus seiner Väter verlassen mußte. Die Villa Falconieri, dicht unterhalb Ciceros Tusculum, auf den Trümmern der Villa Luculls – das war just der rechte Ort, um in Muße meine geliebte Aeneïde zu lesen. Mein sachverständiger Freund kostete mit einem einzigen Blick alle die raffinierten Genüsse eines Landlebens in diesem buon retiro , mietete sogleich den Palast mit allen dazu gehörigen Ländereien, wollte der alten klassischen Schönheit mit Hilfe seines Pariser Dekorateurs neue, höchst pikante Reize verleihen, verdarb sich den Magen an einer Pastete, die sein Koch den Manen des Lucull zu Ehren bereitet hatte, legte sich hin, um – ewige Siesta zu halten. Es war sehr epikuräisch von ihm, aber nicht grade sonderlich freundschaftlich. * Jetzt waren wir hier, und jetzt wollte ich hier bleiben. Denn – Herrgott! – ist hier die Welt groß! Und wie wir auserwählte souveräne Naturen, die wir diese Größe empfinden, uns erhaben fühlen dürfen über das kriechende kleine Menschengesindel da unten! Also: wir blieben. Allerdings nicht unten im »Appartamento nobile«, nicht in dem Brautgemach der Falconieri. Wir blieben ohne Pariser chef de cuisine, ohne Ananashäuser und Orchideenzucht und den ganzen Krimskrams eines Luxus fin de siècle! Wir blieben als kleine bescheidene armselige Pächtersleute, die in Ruhe ihren Kohl pflanzen wollten. Aber – was wollen Sie? Wenn ich durch Vignolas pompöses Portal einreite: wenn mir durch die Steineichenwipfel Borrominis Palast entgegenstrahlt, so fühle ich meinen Durst nach Schönheit gestillt. Sie werden es kaum glauben: aber ich sehe mich an der Grazie des Hauses so trunken, daß ich diese häßliche Wohnung, diese schäbigen Geräte, diesen widerwärtigen Ziegelsteinboden kaum beachte. Und wenn ich durch meine Olivenhaine und Weingärten trabe und vom Rücken meines Pferdes auf die Campagna herabschaue – Herr! Es hat etwas Stolzes, Königliches, Erdenbefreites ... Und wenn ich abends meinen Virgil lese und vom Buch in die Höhe blicke: über das Land der Aeneïde hin, so begreife ich meine Pariser Schlemmerexistenz gar nicht mehr, und schlage das Kreuz über der geschminkten parfümierten eingeschnürten Hetäre an der Seine mit den verglasten Augen und den lüsternen Lippen, dem abgenützten erschöpften Leib und der feilen faulen Seele. Bleiben Sie bei uns, Graf Campana! Ein Jahr in der Villa Falconieri und Sie verstehen nicht mehr, wie Sie in der engen dumpfen Welt da unten so lange Atem holen konnten. Ein Jahr in der Villa Falconieri und Ihre arme wilde Poetenseele wird ruhig und friedlich wie ein schlafendes Kind! Ein Jahr in der Villa Falconieri und Sie kommen nie wieder fort! Das hatte ich beinahe vergessen: meine schöne seltsame Frau! In der Villa Falconieri wurde uns ein Kind geboren. Sie sehen: die heiligen Falconieri da unten in der Kapelle thun heute noch Wunder... Und er lachte. * Dieselbe Magd, die den Tisch gedeckt, brachte die Speisen. Nur zwei Couverts waren aufgestellt. Das Tischtuch war aus harter grober Leinwand, das Porzellan ein wertvolles französisches Service, das Glas schönes Krystall, der Wein herrlicher Frascataner, das Essen wohlschmeckende römische Bürgerküche. Das Weib aus den Marken bediente vortrefflich und mein Wirt leitete die Unterhaltung in vollendetem Weltton. Er plauderte, wie nur ein Pariser zu plaudern versteht, von Gott und der Welt: von seinen Erinnerungen an Flaubert und Mérimée, von Sardous neuestem Drama und Taines letztem Essay, von den Skandalen berühmter Liebespaare und dem Genie des ersten Napoleon. Dazwischen citierte er Victor Hugo und aus »Rolla« von Musset, den er bis zum letzten Wort auswendig kannte. Oder er schilderte mit Entzücken die wilden Reize der Tibermündung, wo Aeneas einst gelandet war, und die wir, vom Tische aufschauend, erblickten ... Dann wiederum römische Politik: Quirinal und Vatikan, Gesellschaft und Staat, Bebauung der Campagna und französische Rebenkultur, die er in seinen Vignen eingeführt hatte. Dreimal hatte er die Alte nach seiner Frau geschickt. Jedesmal hatte sie sagen lassen: sie könne nicht kommen. Jedesmal wollte er auffahren wie ein gereizter Stier, bezwang sich und stürzte ein Glas des schweren Weins hinunter. Jetzt erhob er sich hastig, bat um Entschuldigung und ging hinaus, um selbst seine Frau zu holen, meiner dringlichen Bitte: Frau Mariano bei ihrem Kinde zu lassen, nicht achtend. Die Magd – sie hieß Rosa, wurde jedoch einfach Ro gerufen – zeigte ein an Stumpfheit grenzendes Wesen. Sie schlich umher, als hätte sie Malaria. Es machte daher starken Eindruck auf mich, als dieses erschöpfte apathische Geschöpf plötzlich in unheimlicher Weise sich belebte. Mit der Gebärde einer Rasenden, mit funkelnden Augen trat sie ganz nahe an mich heran und flüsterte mir zu: »Jetzt schlägt er sie wieder. Er schlägt sie immer: Abend für Abend. Er schlägt sie noch einmal tot, der Schuft, der Mörder, die Bestie! Hört nur!« Ich war aufgesprungen und lauschte. Herr Mariano hatte die Thür hinter sich geschlossen Er mußte mit seiner Frau im Nebenzimmer sein: aber ich hörte nur ihn mit unterdrückter Stimme reden. Es klang wie Drohen. Plötzlich ein erstickter Wutschrei, dann ein Fall, dem Stille folgte. Mein Impuls war, zur Thür zu stürzen und der Mißhandelten zu Hilfe zu eilen. Allein Rosa umklammerte meinen Arm und hielt mich zurück: »Wenn Ihr dazu kommt, wie er sie mißhandelt, schlägt er sie gewiß tot. Oder er thut dem Kind was zuleide. Mißhandeln läßt sie sich von ihm; aber wenn er das Kind anrührt – Rasch setzt Euch wieder! Er kommt, der Henker, der Totschläger, die Bestie!« Ich gehorchte unwillkürlich. Die Magd sank gleichsam in sich zusammen und wurde wieder das welke matte fieberkranke Geschöpf. Herr Mariano trat ein, das Gesicht gerötet, die Stirnadern geschwollen, aber lächelnden Mundes: »Maria kommt sogleich. Sie gehört zu denjenigen Frauen, die ein wahres Genie haben, Mutter zu sein, und die für nichts anderes geboren werden, als einmal sogenannten Ebenbildern Gottes das Leben zu geben. Seitdem wir das Kind haben, ist auf der Welt nur das Kind da – was für den Gatten nicht grade angenehm ist. Ich muß meiner Frau bisweilen in Erinnerung bringen, daß sie auch noch einen Mann besitzt.« Er sprach französisch und immerfort mit liebenswürdigstem Lächeln. Während ich auf den Wohlklang dieser männlichen Stimme hörte, vernahm ich zugleich immerfort die Worte der treuen Rosa: »Der Totschläger, der Henker, die Bestie!« Ich vermochte kaum meine Erregung zu verbergen und Gleichgültiges zu reden. Nach einer Weile trat Frau Mariano ein. Auf Befehl ihres Mannes hatte sie einen Rest ihrer Pariser Herrlichkeit angelegt. Es war ein höchst unmodernes Kleid. Aber durch die Art, wie sie es trug, machte sie das Gewand über jede Mode erhaben. Ueber die Schultern hatte sie nachlässig ein gesticktes weißes Mousselintuch geschlungen, das auch den Hals umhüllte, wodurch das blasse Gesicht mit den lichten Scheiteln etwas eigentümlich Feierliches, beinahe Geisterhaftes erhielt. Sie brachte eine schöne silberne Schale voll schwarzer Kirschen, grüßte mich fremd und vornehm, stellte die Schale auf den Tisch und setzte sich schweigend in den Sessel, den ich für sie geholt hatte. Rosa trug in einer geschliffenen Flasche süßen Dessertwein auf und das Nationalgebäck: goldgelbe Ciambelli. Der Muskatwein war eigenes Gewächs; ich mußte trinken und loben. Die Kuchen hatte Frau Mariano eigenhändig gebacken: ich aß und lobte. Die mir schon vorher versprochenen Kirschen waren frisch gepflückt und schmeckten köstlich. Herr Mariano trank sehr viel Muskat und erzählte lauter, als nötig gewesen wäre, daß es mit den Kirschen der Villa Falconieri eine eigene Bewandnis hätte. Die Villa war, wie fast jedes Haus weit und breit, über antiken Ruinen aufgebaut, die von einigen Archäologen dem berühmten Tusculum des Lucull zugeschrieben wurden. Als der große Schlemmer aus dem asiatischen Feldzuge zurückkehrte, brachte er die ersten Kirschen nach Europa mit und pflanzte sie auf seinem tusculanischen Landsitz, von wo aus die herrliche Frucht den Weltteil eroberte. Frau Mariano saß wie ein schönes Bildnis zwischen uns. Auch ich blieb stumm. Ich mußte immerfort auf ihren Hals schauen, wo das weiße Tuch sich verschoben hatte. Er war mit einigen blutroten Flecken gezeichnet: den Spuren einer bestialischen Männerhand. Herr Mariano trank und schwatzte – schwatzte und trank. Ich fühlte, daß ich diesen Mann, der mir nichts zuleid gethan hatte und der in der Schönheit eines griechischen Halbgottes vor mir saß, haßte, daß ich an seinem eigenen Tische sein Feind geworden war. Er erzählte von den Zeiten der Kommune, die seine Frau mutterseelenallein in dem belagerten Paris miterlebt hatte. Eines Morgens – so war ihrem Manne später erzählt worden – war Frau Mariano ausgegangen, um zu versuchen, sich Lebensmittel zu verschaffen. In der Nacht hatte ein blutiger Straßenkampf stattgefunden, und die Leichen lagen noch auf dem Pflaster. Frau Mariano mußte diese Straße passieren. Als ginge sie über eine taufeuchte Wiese, so gelassen und gleichgültig schritt sie über die Toten hinweg, kaum ihr Kleid aufhebend, damit es von den Blutlachen nicht beschmutzt werde.... Und Herr Mariano lachte. Mich überlief's. Was mußte in dem Leben dieser Frau vorgegangen sein, daß sie, mit solchem Madonnenantlitz, in solche Empfindungslosigkeit versenkt werden konnte? Von den blutroten Flecken an ihrem Halse zwang ich meinen Blick fort und sah in ihr Gesicht ... Sie hörte die Erzählung ihres Mannes mit an, als wäre von einer Sache die Rede, die sie gar nichts anginge. Plötzlich bemerkte sie, daß das Tuch um ihren Hals sich verschoben hatte. Sie errötete wie ein junges Mädchen, das über einem Liebesbrief ertappt wird. In diesem Augenblick besaß sie wieder die jungfräuliche Lieblichkeit, die ich bei ihr beobachtet hatte, als sie ihrem Kinde die Brust gab. Zum Glück für ihre Verlegenheit ließ sich in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer die Stimme des erwachten Säuglings vernehmen. Rasch stand sie auf. »Wohin willst du?« »Das Kind ist erwacht.« »Rosa kann hineingehen.« »Das Kind verlangt nach mir.« »Du sollst bleiben!« Sie war bereits bei der Thür. »Maria!« Sie hörte nicht auf ihn. Herr Mariano taumelte in die Höhe, stieß eine Verwünschung aus, ergriff die schwere Silberschüssel und schleuderte sie seiner Frau nach, bevor ich dem Wütenden und Halbberauschten hatte in die Arme fallen können. * Ich mietete die Villa Falconieri. Zunächst mietete ich das verlassene Haus nur für ein Jahr. Und ich mietete nur nach langer ernsthafter Selbstprüfung. ... Besaß ich ein Recht, meinen nervösen Einbildungen zu folgen und auch nur diesen ersten gefährlichen Anfang einer Weltentfremdung zu machen? Gefährlich durch die Komplikationen meiner phantastischen und schwermütigen Natur sowohl wie durch die berückende Schönheit, in der die Einsamkeit vor mich trat: so recht als Versucherin, die mir in der Wüste des Lebens ein Paradies zeigte: »Ergib dich mir und ich gebe dir Frieden!« Schon damals erforschte ich mich: Besteht die Krankheit, die du in deiner Seele leimen wähnst, nicht lediglich in deiner fiebernden Einbildung? Hast du nicht etwa den Willen, krank zu sein? ... Und flößte ich dem Uebel, das zu kommen drohte, nicht gradezu das Mittel ein, sich zu entwickeln und zu einem Todesübel zu reifen? Aber – nur ein Jahr der Zurückgezogenheit, des Ausruhens, des Friedens! Nur ein einziges Jahr! Meine ermüdeten Organe lechzten danach wie ein Ermatteter nach einem Trunke. Jedoch: Frau Mariano? War ich meiner sicher, ganz sicher? Würde ich diese Frau nicht lieben, nicht lieben müssen? Sie war gar so wunderschön! Darin lag für mich keine Gefahr. Aber sie war unglücklich. Sie war sehr stolz und sehr unglücklich. Und sie war ganz hilflos! denn sie hatte das Kind! In ihrem hilflosen Unglück bestand für mich die Gefahr, Und die Gefahr war sogar groß. Also prüfte ich mich. Ich suchte in meiner Seele, ich durchwühlte sie, spürte bis in ihre verborgensten Tiefen nach einem geheimsten begehrlichen häßlichen Gedanken. Ich fand nichts, gar nichts! Ich hatte in meinem Leben einmal geliebt. Diese eine und nicht glückliche Jugendliebe war so machtvoll gewesen, daß sie jede erotische Empfindung gleichsam aus mir herausgesogen hatte und ich mich aller Leidenschaft des Herzens abgestorben fühlte. Denn ich war ein Mensch, der nur mit dem Herzen lieben konnte. Auch ich gehörte zum Stamm der Afra, welche »sterben, wenn sie lieben«. Ich fühlte also mein Herz tot. War ich sicher, daß es für mein Herz so wenig ein Auferstehen gab, wie für tote Leiber? Wer kann für sich selbst einstehen? ... Ich bildete mir ein, das zu können. So fühlte ich mich denn ganz beruhigt. Auch das Unglück und die Hilflosigkeit der wunderschönen Maria hatten für mich keine Gefahren mehr. Und ich mietete die Villa Falconieri. Der festliche Raum, darin die Besitzer durch so lange Zeiten für ihre Neuvermählten das Brautbett gerichtet hatten, wurde mein Wohnzimmer. Ich ließ den kalten Steinboden mit einem kardinalroten Teppich bedecken, viele edle Geräte aufstellen und vor den Thüren, die auf die offene Galerie hinausführen, Vorhänge aus rotem Sammet herabhängen. Die königliche Farbe wirkte vorzüglich zu dem dunklen Blaugrün der Fresken. In der Mitte des Zimmers, unter dem Deckenbilde der Frühlingsgöttin, ließ ich einen großen ovalen Tisch niedersetzen. Der Fuß bestand aus weißem Marmor und stellte einen Baumstumpf dar, der eine mächtige Platte aus verde autico trug. Dieser Tisch mußte täglich mit frischen Blüten überschüttet werden, als wären die Blumen, welche die holde Göttin ausstreut, darauf herabgefallen. In einer Ecke, zwischen zwei Balkonthüren, erhielt der Schreibtisch seinen Platz. Darüber kam ein Abguß von Michelangelos »sterbendem Sklaven«, den ich so sehr liebe. Denn es ist das glückseligste und zugleich schönste Erlöstwerden vom Leben, welches mir in der bildenden Kunst aller Zeiten bekannt ist. Ein Zufall fügte, daß zwei der kleinen geflügelten Liebesgötter, die den Hain der großen Göttin durchgaukeln, gerade über dem Tisch und dem Sterbenden ein buntes Gewinde halten. Saß ich an diesem Tisch, daran ich ein volles Jahr nicht arbeiten wollte, so sah ich durch die eine der beiden Balkonthüren, über die Garten der Villa Taverna und die von Pinien umrauschte Terrasse der Villa Mondragone hinweg, auf die glänzenden Gipfel des Sabinergebirgs. Der Blick aus dem andern Fenster umfaßte die Campagna und Rom, den Berg Soracte mit der etrurischen Ebene und dem Meeresstrand. Es war eine ganze Welt! Meine Bibliothek ließ ich in dem luftigen Gemache unterbringen, darin das altertümliche Billard steht. Die Familie der Falconieri, die hier in Lebensgröße die Wände belebt, ist in ihrem alltäglichen Thun und Treiben mit solcher derben Wirklichkeit dargestellt, daß ich mich anfangs wie in einer Gesellschaft von Fremden fühlte, die mich höchlichst genierten. Sie vertrauten sich in meinem Beisein ihre Geheimnisse an, hielten ihren Klatsch und Tratsch miteinander, kamen und gingen, lachten und schäkerten; und ich bin sicher, daß der Brief, den jene eine, etwas ältliche, sehr geputzte Madame Falconieri in meiner Gegenwart liest, ein Billetdour. ist. Allerdings befindet sich ihr eigener, nicht gerade angenehm aussehender Gatte auch dabei. Die beiden Räume im Mittelbau mit der hübschen Kassettendecke und dem seltsamen Figurenfriese wurden mein Schlaf- und Toilettenzimmer; und meine einsamen Mahlzeiten nahm ich unter lauter verstorbenen Falconieri in dem großen Saale ein. Auf der einen Seite leistete mir dabei die schreckliche Ottavia Sacchetti, auf der andern die arme reizende Teresa Gesellschaft. Sehr schön ist in diesem Raume das Deckengemälde. Es stellt den Triumph der Venus dar, die schaumgeboren dem Meer entsteigt. Eine Gruppe junger Tritonen könnte von Domenichino gemalt sein. In einer Woche war ich so vollständig eingerichtet, als wäre ich seit Jahren ein Bewohner der Villa. Ich hatte vorzügliche Dienstboten, die noch heute, nach vollen zwanzig Jahren, dieselben sind, und mit denen ich ein Leben führe, dessen patriarchalische Sitten zu meinen reinsten Freuden gehören. Von den Pächtersleuten hielt ich mich nach Möglichkeit fern. Da sich ihre Wohnung in einem ganz andern Teil des weitläufigen Hauses befand, kam ich in der Villa selbst niemals mit ihnen in Berührung. Doch machte ich Herrn Mariano in aller Form meinen Besuch, der nach zwei Tagen in aller Form erwidert wurde. Eine Reihe Fenster meiner Wohnung führte auf jenen tief gelegenen Hof hinaus, wo ich Frau Mariano zum erstenmal erblickt hatte. Die Blüten der weißen Bansiarosen strömten mir gerade gegenüber von der Mauer zu dem antiken Torso herab, der einem Nymphäum Luculls angehört hatte. Aber Frau Mariano saß nie wieder auf dem Rande des alten Brunnenbeckens zwischen den wilden Kallablumen... Auf meinen Spaziergängen im Park vernahm ich bisweilen den leisen melancholischen Gesang, mit dem sie ihr Kind einschläferte. Er klang gewöhnlich vom Cypressenteich herab. Um sie nicht zu belästigen, mied ich den schönen Ort, Sah ich sie zufällig von weitem, so hatte sie stets ihr Kind in den Armen, und stets trug sie ein dunkles schlechtes Kleid. Ich grüßte sie jedesmal sehr ehrerbietig, und jedesmal erhielt ich kaum einen Gegengruß. Herrn Mariano fast täglich zu sehen und zu sprechen, ließ sich unmöglich vermeiden. Nie in meinem Leben hatten mich einem Menschen gegenüber so widersprechende Empfindungen beseelt. Ich fühlte mich hingezogen und noch stärker abgestoßen. Seine hellenische Schönheit flößte mir Bewunderung und sein Charakter beinahe Abscheu ein. Jeden Tag genoß ich das Schauspiel, wie er mit der kraftvollen Anmut eines antiken Rossebändigers unter den Steineichen vor dem Hause sein wildes Roß tummelte; und jeden Tag fesselte mich von neuem seine Unterhaltung, die weder Salongeschwätz, noch Dilettantenweisheit war. Er war der eigentümlichste Mensch! In seinem bei einem ersten Schneider gearbeiteten ländlichen Kostüm verkehrte er kameradschaftlich mit seinen vielen Knechten, die er sich unter den stattlichsten Burschen ausgesucht hatte. Am Feiertage spielte er mit ihnen Boccia und Morra. Mitunter besuchte ihn ein Pater aus dem Kapuzinerkloster unterhalb der Tusculana, oder einer der Camaldolenser aus dem benachbarten Kloster kam angetrabt, ganz in schneeweiße Stoffe gehüllt, um irgend ein Wein- oder Oelgeschaft mit ihm zu »kombinieren«. Jeden Tag hörte ich ihn auf dem Hofe mit wütender Stimme nach seiner Frau schreien, und jeden Tag vernahm ich sein Rasen im Hause. Dann erbebte ich. Denn dann mußte ich der Worte der treuen Rosa gedenken: »Jetzt schlägt er sie! Er schlägt sie noch einmal tot!« Dann sah ich ihren seinen Hals mit blutroten Flecken gezeichnet. Rosa schlich häufig an mir vorüber, so häufig, daß es mir schließlich auffiel: als ob sie mir etwas sagen wollte. Sie schien beständig das Fieber zu haben. Aus ihren düster glühenden Augen starrte sie mich unverwandt an; sprach ich zu ihr, so murmelte sie irgend etwas Unverständliches und – schlich vorüber. Einmal kam mein Koch und beklagte sich: der Wein, den er auf meinen Befehl ausschließlich von Herrn Mariano beziehe, sei gewässert, gewässert sei die Milch von Herrn Marianos Kühen, und er müßte alle Früchte und Gemüse bei Herrn Marianos Gärtner viermal so teuer bezahlen als in Frascati. Mein Koch beschuldigte Herrn Mariano des wissentlichen schäbigsten Betruges und erklärte, die Sache nicht länger mit ansehen zu können. Ich hörte nicht auf die Beschwerden des Mannes. Ich dachte an den lateinischen Virgil, darin Herr Mariano jeden Abend las, dachte an Herrn Marianos Erinnerungen an Flaubert und Millet und war über meinen verleumderischen Koch einigermaßen empört. Ein brutaler jähzorniger Mann konnte seine Frau schlagen; aber einem Hausgenossen die Milch wässern lassen und an einem Kohlkopf vier Soldi Prosit nehmen – solch kleiner miserabler Geist war der schöne Herr Mariano gewiß nicht. Jetzt begann ich mein vergangenes Leben wie von einem hohen Berge aus zu überblicken. Ich begann in mich selbst hineinzuschauen, und in dem Wirrwarr, den ich vorfand, allmählich Ordnung zu schaffen, um alsdann etwaige aufbrausende Stürme ruhigeren Geistes beschwichtigen zu können. Ich gelobte, rückhaltslos und rücksichtslos wahr gegen mich selbst zu sein, mir in keiner meiner allzu impulsiven Empfindungen sogleich nachzugeben, jedes Vibrieren meiner Seele voller Mißtrauen zu prüfen. Mißtrauen – schon wieder das unglückselige Wort! Bei meiner psychologischen Untersuchung, die ich mit der Gewissenhaftigkeit eines Anatomen anstellte, ließ ich außer acht, daß ein mißtrauischer Geist kein klarer Geist fein kann. Ich grübelte viel zu viel! Die Feder rührte ich nicht an. Ich hätte auch gar nicht schreiben können, da ich gar keine Gedanken hatte. Mir fiel nichts ein! Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es gewesen war, als mir so viel einfiel: so unheimlich viel, daß ich, nur um durch die Unmenge nicht erdrückt zu werden, Tag und Nacht schrieb und schrieb – durch Jahre und Jahre. Es war ein qualvoller Zustand, die Leere seines eigenen Hirns zu fühlen, alle Phantasie erstorben und tief, tief in der Seele begraben. Aber das würde wieder anders werden! In einem Jahre schon würde gewiß alles anders geworden sein! Das eine Jahr wollte ich geduldig ausharren – nicht länger. Keinesfalls länger! Dieses eine Jahr durfte ich mich aber auch ruhigen Gewissens vollständig abschließen, Danach richtete ich mein Leben ein. Anfangs schrieb ich noch einige Briefe – nur die allernotwendigsten. Dann ließ ich die meisten Briefe einfach unbeantwortet, und die Post durfte mir nur gebracht werden, wenn ich es ausdrücklich wünschte. Das war wonnig. Es war so wonnig, daß ich selten und seltener nach Postsachen verlangte. Anfangs las ich noch Zeitungen. Aber ich fühlte, daß mich diese Lektüre zerstreute, erregte, meinen Zauberkreis störte. Also las ich immer seltener. Auch das fand ich herrlich. Ich fand es so herrlich, daß ich bald auch keine Zeitung mehr las. Anfangs kümmerte ich mich noch um diese oder jene Aufführung eines meiner Dramen. Doch das brachte jedesmal einen Sturm in meine himmlische Ruhe. Schließlich überließ ich alles, was mit dem Theater zusammenhing, meinem Agenten; und alles, was mit Geschäften und sonstigen irdischen Angelegenheiten zu thun hatte, meinem Sekretär. Jetzt begann ich wirklich Ruhe zu empfinden. Anfangs sah ich diesen und jenen guten Bekannten, oder sogenannten Freund. Ich besaß nämlich nur sogenannte Freunde ... Alle diese Menschen wirkten unendlich beunruhigend, verwirrend, quälend auf mich. Mehr und mehr empfand ich, daß ich sie nicht zu ertragen vermochte: weder die sogenannten Freunde, noch die Menschen überhaupt – alle Menschen! Ich ließ sie also abweisen. Zuerst nur dann und wann, und nur diesen und jenen. Aber die Einsamkeit war so köstlich, daß ich schließlich niemand aus der Welt weit, weit da draußen mehr sah. Jetzt hatte ich endlich Ruhe! Jetzt war ich glücklich! Jetzt würde ich auch wieder gesund werden! Wie verbrachte ich also jetzt meine Tage? Laßt mich nachdenken – Mein Leben in der Villa Falconieri war im Grunde genommen höchst eigentümlich; denn: ich erlebte mich selbst. Unausgesetzt grübelte ich über mich selbst und unausgesetzt erlebte ich mich selbst. Im übrigen hatte ich Zerstreuung, Anregung und Beschäftigung genug und übergenug. Wenn ich in meinem Freskenzimmer lag – ich hatte beständig das Bedürfnis, zu liegen und auszuruhen – so konnte ich stundenlang das festliche Gewimmel der geflügelten Liebesgötter ringsum an den Wänden betrachten, beim Beschauen nichts andres empfindend, als daß dies Lebensfreude, Schönheit, Anmut sei. Sie that so wohl, so wohl! Oder ich vertiefte mich ganz in den Anblick von Michelangelos blassem Jünglingshaupt, das so ruhevoll mit geschlossenen Augen und einem letzten wonnigen Seufzer auf den leise geöffneten Lippen in die Schatten des Todes sank. Oder ich raffte mich auf und wandelte die offene Galerie vor meinem Zimmer stundenlang ruhelos auf und ab, hin und her. Ich wandelte hoch über der Campagna dahin, die immer die gleiche weite große unsäglich herrliche Landschaft war; und doch niemals dieselbe. Denn jeder darüber hingleitende Wolkenschatten, jeder aus dunklem Gewölk hervorbrechende Sonnenstrahl veränderte sie. Es war ein beständiger Wechsel von Helle und Dunkel, von Eindrücken und Stimmungen. Jeden Augenblick tauchte ein neues Bild auf, um gleich darauf wieder zu versinken: Thäler mit finsteren Waldungen; kahle Höhen mit einem antiken Grabe, einem mittelalterlichen Castell; Triften mit werdenden Herden, Blumenfelder ... Oder weit weit da hinten in Etrurien einen Gipfel, den ich nie vorher gesehen; hoch hoch droben in der Sabina ein Dorf, das ich zum erstenmal erblickte. Diese goldigen glanzvollen Gluten! Es war wie das Farbenspiel des Chamäleon ... In welchen Lichtströmen sah ich während eines Monats allein den Soracte und die Waldberge von Cimini, die Meeresküste und die römischen Hügel. Jeder Sonnenstrahl gab neue Beleuchtungseffekte, wie von einer himmlischen Maschinerie hervorgebracht. Vom dunkelsten Purpur bis zum grellsten Rot und Orange; vom tiefsten Ultramarin bis zum zartesten Smaragdgrün fehlte keine Nuance. Dazu hüllte sich die feierliche Campagna zu verschiedenen Zeiten in verschiedenfarbige Blumengewänder. Jetzt waren es weiße, jetzt gelbe Margueriten; diese Woche bedeckte sie roter Mohn, in der nächsten blaue Wicken. Nachmittags wäre ich am liebsten von meinem Ruhebett gar nicht aufgestanden. Aber mein Diener Domenico ließ nicht ab, bis ich das Pferd bestiegen hatte. Saß ich erst einmal im Sattel, so war mir's sehr recht; und ritt ich erst eine Stunde, so wurde mein Kopf freier und meine Seele weiter. Ich sah und beobachtete alles. Ich lauschte der Natur ihre Geheimnisse ab. Sie belebte sich für mich, bevölkerte sich mir mit Gestalten und Gebilden. Untergegangene Zeiten stiegen auf und verwandelten mir das große römische Trümmerfeld in Gartengefilde, bedeckt mit Prachtbauten. Jede Ruine ward zum Palast, jede Wüstenei zum Rosengarten. Untergegangene Völker erschienen, zogen bei Scharen an mir vorüber: in weißen Gewändern, blumenbekränzt, Oelzweige in den Händen, zogen sie nach dem Hain der Ferentina, an Albalonga vorbei, die heilige Straße zum schimmernden Gipfel empor, der den Tempel von Latiums höchster Gottheit trug. Die Welt um mich ward zur Weltgeschichte. * Ich ritt zur Villa Tusculana hinauf und ins »Zaubergärtlein«, wie ich jene schöne Blumenwildnis getauft hatte. Ich ritt die köstlichen Wege, die nach allen Richtungen den tusculanischen Höhenzug durchschneiden. Ich drang auf meinem klugen Tier durch die Dickichte der Kastanienwaldungen und suchte die Spuren des alten Tusculum auf. Bald wurde mein Blick so geübt, daß ich die verschütteten Ruinen und halbversunkenen Terrassen an einer Welle des Geländes erkannte, einer Furche die antike Straße anmerkte und überall Grotten, Nischen und Mauerreste aufspürte: von den ältesten sagenhaften Zeiten bis ins späte Mittelalter hinein. Auf der Hohe von Tusculum ließ ich gewöhnlich mein Pferd werden, ruhte in den Ruinen der Tiberiusvilla, oder im griechischen Theater auf den Sitzreihen, wo neben mir die Eidechsen sich sonnten, oder unter den Cypressen der Gräberstraße. Ich kletterte durch die Trümmer zur ehemaligen Burg empor, die wie ein gewaltiger Königsthron aufsteigt, und wo unmittelbar unter dem Kreuz ein Abgrund sich aufthut, so daß das Zeichen der Christenheit triumphierend über Tod und Verderben schwebt. Häufig ritt ich durch das öde Molarathal, dieses Schlachtfeld der römischen Republik, nach dem Banditenneste Rocca Priora, und von dort die schönste Bergstraße Italiens über Monte Compatri und Porzio Catone nach Frascati zurück. Rings um die Seen von Albano und Nemi, auf dem Monte Cavo und dem Hannibalsfeld kannte ich bald jeden Pfad. Oder ich durchstreifte in der Tiefe die Campagna nach dem Meere hin bis zum Heiligtum »der göttlichen Liebe«, bis zur Hadriansvilla am Fuß des Sabinergebirgs. Um mich den Menschen nicht vollkommen zu entfremden, verkehrte ich mit Hirten und Kohlenbrennern, mit Jägern und Landleuten, bei denen ich bald ein bekannter Gast wurde, welchen sie an ihren Feuern, in ihren Capannen und ihren häufig in antiken Grabhöhlen und Grotten eingenisteten Wohnungen willkommen hießen, mit einem Glase ihres stark gewässerten essigsauern Weines, einem Stück ihres harten schwärzlichen Brotes bewirteten, und dem sie zutraulich von ihrem leidensreichen Leben in der Wildnis erzählten. Auch besuchte ich die benachbarten Kapuziner, die Väter von Camaldoli und S. Silvestro und die Einsiedler von Pallazola hoch am Kraterrande des Albanersees auf der Stätte Albalongas. Dieses Kloster wurde bald mein Lieblingsaufenthalt. Etwas Geheimnisvolleres, Phantastischeres und Unweltlicheres läßt sich nicht vorstellen. Die Mönche bewirteten mich mit ihrem Wein, erzählten mir ihre Klostergeschichten, zeigten mir die antiken Fundamente, darauf ihr Heiligtum gegründet ist, berichteten mir über Land und Leute, führten mich in ein wahres Mysterium der Volksseele ein. Kehrte ich abends spät ermüdet zurück, ritt ich mit einem wonnigen Heimatsgefühl durch Vignolas herrliches Thor, durch das der gewaltige Eichbaum seine trotzigen Zweige schiebt und darüber der steinerne Falke treue Wache halt. Wie ein Hauch von seligem Frieden wehte es mir aus dem Oelwald entgegen, wie die Schatten eines heiligen Haines empfing mich die Dunkelheit unter den Wipfeln der Steineichen, wie ein Asyl grüßte mich das geöffnete lichtstrahlende Haus! * Wenn ich abends im Saale unter den Bildnissen der dahingegangenen Falconieri speiste, wurde der große Raum durch das Licht vieler Kerzen beinahe traulich gemacht. Ich mußte oft das lächelnde Antlitz der unglücklich-glücklichen Teresa, oft die starren Züge der mörderischen Ottavia betrachten. Dabei stieg dann Frau Marianos schönes trauriges Gesicht vor mir auf. Ich fühlte tiefes Mitleid. Da ich sehr schlechte Nächte hatte, konnte ich mich niemals entschließen, zu Bett zu gehen. Ich schickte meine Leute zur Ruhe und blieb auf. Lesen konnte ich nicht. So oft ich es versuchte, fühlte ich es in mir wie einen Sturm aufbrausen. Und meine müde Seele bedurfte des Wiegenliedes. Mein Leben war so unthätig, so unnütz in meiner traumhaften Feiertagsexistenz! Bald warf ich mich auf mein Ruhebett, bald fuhr ich in die Höhe und eilte hinaus auf die Galerie, wo ich auf und ab, hin und her wandelte, brütend, grübelnd. Erst wenn der Morgen graute, fand ich den schweren Schlaf der Ermattung. * Es war bekannt geworden, daß ich in der Villa Falconieri lebte. So kamen denn bisweilen neugierige Litteraturfreunde, die mich in meinem Tusculum sehen wollten. Anfangs störte es mich nicht besonders, später jedoch mehr und mehr, bis es mir endlich unerträglich ward. Ich ließ zuerst das große Falkenthor schließen, später, nach Rücksprache mit Herrn Mariano, auch die übrigen Eingänge. Die Bewohner der Villa bekamen ihre eigenen Schlüssel. Jetzt belästigten mich keine fremden Gesichter mehr. Jetzt war es schön! * Herr Mariano schien sich mitunter in pekuniären Schwierigkeiten zu befinden. Das nahm mich nicht wunder. Seine Pacht war freilich sehr gering; aber durch die Konkurrenz mit den sizilianischen Weinen und dem Olivenöl aus Apulien litten die einheimischen Kulturen. Ueberdies besaß Herr Mariano zuviel vom grand seigneur – wenigstens seinen Leuten gegenüber. Er war jetzt häufig in Rom, wo er spielen und galante Abenteuer suchen sollte. Bei seiner ungewöhnlichen Schönheit und seinen sonstigen physischen Eigenschaften mußte er ein gradezu rasendes Glück bei den Frauen haben. Befand sich Herr Mariano in Rom, so verließ seine Frau die Wohnung nicht; und ich respektierte sie viel zu sehr, um auch nur den Versuch zu machen, mich gegen ihren Wunsch ihr zu nähern. Abends horchte ich wohl, ob sich von den Cypressen her ihr Gesang hören lasse: sie hatte eine gar so wundersame, zu Herzen gehende Stimme. Aber ich erlauschte nichts. Ich mußte viel darüber nachdenken: ob sie wohl wüßte, daß ihr Mann in Rom seinen Abenteuern nachging? Jedenfalls. Ob sie darunter litt? Kaum. Wenigstens vermochte ich es mir nicht vorzustellen. Eines Tages bat mich Herr Mariano sehr höflich um ein Darlehen. Ich hatte es längst erwartet; denn den meisten meiner Landsleute – zu denen ich Herrn Mariano trotz seines väterlichen Blutes rechnete – ist Borgen so naturgemäß wie Essen und Schlafen. Uebrigens war die Summe nicht groß und ich gab sie gern. Aus welchem Grunde ich Herrn Mariano so bereitwillig zu meinem Schuldner machte, verstand ich eigentlich selbst nicht recht. Er war wirklich ein höchst eigentümlicher Mensch! Jeden Morgen ließ er von einem Pater des tusculanischen Kapuzinerklosters in der Hauskapelle die Messe lesen, und jeden Abend empfing er den Besuch eines Camaldolensers. Oder er befand sich in einem der beiden Heiligtümer, in deren frommer Hut die Villa lag. Es war jedoch weder Muckertum, noch Heuchelei bei der Sache; sondern ein kraftvoller katholischer Fanatismus, mit dem er sich der Religion hingab und in die Mysterien der Kirche versenkte. Dazwischen pflanzte er seinen Kohl, wie er's nannte, schrieb Artikel für den »Temps«, spielte mit seinen Knechten, rencitirte Victor Hugo und Musset, mißhandelte seine Frau, vergötterte sein Kind, beschäftigte sich eingehend mit den großen politischen Tagesfragen, betrog mich beim Wein- und Gemüseverkauf, kleidete sich täglich zum Speisen um, warf eine schlecht zubereitete Schüssel zum Fenster hinaus, las vor dem Schlafengehen seinen Virgil und – ließ sich seine Schulden von irgend einer galanten Dame bezahlen. Weil ich in meiner Abgeschlossenheit, darin ich mich nur zu krankhaft wohl fühlte, nie mehr einen Menschen mit geistigen Interessen sah und die Gefahr erkannte, die in solchem wonnigen Behagen an der Einsamkeit lag, zwang ich mich zu einem oberflächlichen Verkehr mit meinem sehr problematischen Hausbewohner. Auch interessierte mich der Mann, der so schön war wie ein homerischer Held, so raffiniert wie ein Pariser Rouè, so kenntnisreich wie ein Minister und so durchtrieben wie ein neapolitanischer Ruffiano. Nach vielen, glücklich überwundenen Bedenken entschloß ich mich, Herrn Mariano zu Tische zu bitten: ihn und seine Frau. Wahrscheinlich würde nur er die Einladung annehmen ... Ganz sicher nur er! Aber auch seine Frau nahm an. Wahrscheinlich unter seinem Zwange, der, wie ich ja wußte, brutal genug sein konnte. Diese Vorstellung quälte mich sehr, so daß ich meine Aufforderung bitter bereute und schließlich in eine hochgradige Aufregung geriet. Um meine Gedanken abzulenken, machte ich selbst den Speisezettel, ließ in meinem Beisein mit besonderer Sorgfalt decken, auf die Mitte des Tisches eine Fülle von herrlichen Maréchal Niel -Rosen schütten, auch die Armleuchter mit Rosengewinden bekränzen, in schönen Schalen auserlesene Früchte und Konfekt aufstellen und den hohen Saal mit Lavendelparfüm durchräuchern. Herr Mariano erschien im tadellos sitzenden Frack mit weißer Krawatte. Frau Mariano trug ein silbergraues Seidenkleid, wiederum sehr altmodisch und mit viel zu langer Schleppe. Aber wie die vornehme, leuchtende Farbe sie kleidete! Glücklicherweise hatte sie dieses Mal kein Spitzentuch um den Hals schlingen müssen. Ich war so sicher gewesen, sie würde wieder solche schrecklichen blutroten Flecken zu verhüllen haben, daß ich wie von Angst befreit tief aufatmete und mich viel ruhiger fühlte. Sie trug nicht den mindesten Schmuck, und die Handschuhe in der Hand, als wäre sie zu müde gewesen, auch noch diese anzuziehen. Da sie ihren Fächer vergessen hatte, schickte Herr Mariano sogleich sehr ungeduldig danach. Mein Koch leistete sein Bestes. Herr Mariano verzehrte seine eigenen teuren Gemüse, mußte aber auch seine eigenen gewässerten Weine dazu trinken. Diese kleine Bosheit hatte ich mir nicht versagen können. Frau Mariano war ziemlich unnahbar; aber doch nicht grade bildsäulenhaft. Was mich anbetraf, so machte ich mit dem letzten Rest noch nicht eingebüßter Liebenswürdigkeit nach Möglichkeit den angenehmen Wirt. Die Unterhaltung wurde französisch geführt, das Frau Mariano wundervoll sprach. Wenn sie nur mehr gesprochen hätte! Der dunkle Ton ihrer Stimme machte mich in der Seele erbeben: niemals hatte ich ein klangvolleres Frauenorgan gehört. Sarah Bernhardt hatte gewiß recht gehabt: schon allein dieser weiche tiefe Wohllaut würde eine Schauspielerin berühmt gemacht haben. Auf die Stimme lauschend, mußte ich mir immerfort vorstellen, wie sie Zärtlichkeit, Liebe, Haß, die ganze Skala leidenschaftlicher Empfindungen ausdrücken würde – hörte ich die zauberhafte Stimme immerfort mit den Worten der Heldinnen meiner eigenen Tragödien zu mir reden. Vielleicht war sie unglücklicher und bedauernswerter, als manche der von mir geschaffenen tragischen Frauengestalten. Wie jetzt die ganze Welt des Scheins weit, weit hinter mir lag: als wäre sie in einen Abgrund versunken ... Herr Mariano fand den Sekt, durch den ich ihn endlich von seinem eigenen Gebräu barmherzig erlösen ließ, ausgezeichnet und trank sehr viel davon, während Frau Mariano ihr Kelchglas auch aus Höflichkeit nicht anrührte. Aber der Nachtisch schmeckte ihr, was mir eine fast knabenhafte Freude bereitete, so herzlich gönnte ich der stummen bleichen Frau etwas Gutes, und wenn dieses auch nur aus einer schönen Frucht bestand. Ich hätte für sie den Apfel vom Baum der Hesperiden pflücken mögen. Den Kaffee nahmen wir in dem Gemach, das die wunderlichen holländischen Fresken schmücken und das auf die Terrasse mit der großen schönen Wasserschale hinausführt. Ich hatte draußen Teppiche legen, behagliche Sitze aufstellen und das ganze Brunnenbecken mit weißen Päonien füllen lassen. Der über dem Kreuz von Tusculum aufgehende Mond beschien die lichten Blüten, deren Glanz mit den Wasserstrahlen aus der Schale herabzufließen und alles zu überrieseln schien. In der Villa Mondragone musizierten die Zöglinge des Jesuiteninstituts, aus Frascati drang der gellende Ruf später Morraspieler herauf, von der Landstraße her das Schellengeläut der nachts nach Rom ziehenden Fuhrwerke. Herr Mariano befand sich durch den Sekt in zärtlicher Stimmung. Plötzlich sprang er auf, riß eine Blume aus der Schale und steckte sie seiner Frau ins Haar. Sie saß regungslos, mit einem Gesicht, weiß wie die Blume, und ließ ihn gewähren. Kaum hatte er sie jedoch geschmückt, als sie langsam, langsam die Blüte aus dem Haar zog, sie nicht fortwarf, sondern nur fallen ließ, als glitte sie ihr aus der Hand. Ich befürchtete einen Ausbruch seines wahnwitzigen Jähzorns, vor dem ich die Dame, die sich als Gast unter meinem Dache befand, geschützt haben würde und hätte ich mich dafür von Herrn Mariano, der ein berühmter Schütze war, niederschießen lassen müssen. Zu meinem Erstaunen blieb er vollkommen gelassen. Er sah seine Frau nur an. Es war jedoch ein Blick – Gott im Himmel, es war ein Blick – – Voll und ruhig erwiderte ihn Frau Mariano. Mir war's sogar, als lächelte sie dabei. Noch niemals hatte ich sie lächeln sehen. * Domenico kam und meldete Herrn Mariano: zwei Knechte hätten im Hofe eine Coltellata miteinander gehabt, wobei der eine tödlich verwundet worden sei. Als handele es sich um das Leben seines Kindes, so außer sich stürzte Herr Mariano davon. Seine Frau gab kein Zeichen von Teilnahme, wodurch sie mich zum Zurückbleiben zwang. Sie saß zurückgelehnt im Sessel und blickte über das Päonienbeet, das die Fontäne füllte, in die Mondnacht hinaus. Da sie beharrlich schwieg und mir in ihrer stummen Gegenwart immer beklommener zu Mute ward, so begann ich in ziemlicher Erregung von dem blutigen Vorfall, den sie mit solcher Gelassenheit aufnahm, zu reden. Sie erwiderte: »Ganz abgesehen davon, daß dieses wilde Volk wie wütende Bestien sich aufeinanderstürzt und zerreißt, scheint mir, als käme es auf ein Menschenleben mehr oder weniger in der Welt nicht viel an.« »Ich weiß, daß Sie vom Leben sehr gering denken, was mir unendlich leid thut.« »Es handelt sich nicht darum, wie ich vom Leben denke,« lehnte sie meine stark persönlich ausgefallene Antwort ruhig ab. »Aber betrachten Sie doch die Existenz dieser Menschen. Sie werden in höhlenähnlichen Wohnungen geboren, leben in Fieber und Schmutz, paaren sich, wie der Zufall es fügt, bringen in höhlenähnlichen Wohnungen Kinder zur Welt, laufen mit dumpfem Herdeninstinkt täglich in die Messe, essen einmal die Woche ein etwas besseres Gericht, als von verdorbenem Mehl und ranzigem Oel, quälen sich für niedrigen Lohn die übrigen sechs Tage und sterben in höhlenähnlichen Wohnungen, oder stechen sich bei Gelegenheit einer Tombola und eines Glases Weins nieder.« »Ihr Lebensbild ist grau in grau. Glücklicherweise finden die Betreffenden selbst diese Welt durchaus nicht besonders schlecht.« »Um so besser für sie.« Damit kein neues Schweigen entstand, bemerkte ich: »Herr Mariano« – ich hätte die Worte: Ihr Mann nicht über die Lippen bringen können – »Herr Mariano ist übrigens ein vorzüglicher Herr für seine Leute. »O ja!« Ihre Stimme hatte wieder solchen seltsamen Klang, daß ich in Verwirrung geriet. Ich ließ mir die Bemerkung entschlüpfen: »Ueberhaupt ist Herr Mariano einer der eigentümlichsten Menschen, die ich kenne.« »Sie kennen ihn?« »Allerdings – was man so kennen nennt. Wer kennt einen Menschen?« »Es ist bisweilen schwer.« Und nach einer Pause: »Und es ist bisweilen gut, die Menschen wenig oder gar nicht zu kennen.« »Sie haben vielleicht recht. Es ist aber traurig, daß Sie recht haben können.« »Warum? Die Menschen sind nun einmal sehr menschlich. Sie freilich –« Sie stockte. »Weshalb sprechen Sie nicht aus? Bitte, sprechen Sie doch! Freilich ich?« Es fiel mir auf, daß ich schwer atmen mußte. »Sie fühlen mit der ganzen Welt Mitleid – mit der ganzen leidenden Welt. Sie ließen sich am liebsten für die Leiden der Welt martern und kreuzigen. Als wenn Sie damit die Welt von ihren Leiden erlösen könnten!« Ich lächelte. »Schwerlich. Konnte doch selbst der Gottessohn nur für uns sterben, ohne durch seinen Tod von den Leiden des Lebens die Erlösung zu bringen.« »Nein, nicht die Erlösung ...« Jetzt ein Schweigen, das ich nicht ohne Anstrengung unterbrach: »Wieso urteilen Sie so überaus gütig über mich? Lasen Sie etwa meine Bücher?« »Ich lese niemals. Ihre Bücher würde ich keinesfalls lesen.« »Wollen Sie mir damit etwas Liebenswürdiges oder etwas Unfreundliches sagen?« »Weder das eine noch das andre; sondern nur genau das, was ich denke.« »Und Sie denken?« »Daß ich Sie kenne, ohne Ihre Bücher lesen zu brauchen, die samt und sonders Sie selbst sind.« »Sie halten mich also für eine sehr wenig komplizierte Natur, für sehr leicht zu kennen?« »Für außerordentlich leicht.« »Wissen Sie, daß Sie mich neugierig machen, mich durch Sie kennen zu lernen?« »Sollten Sie sich nicht kennen?« »Ganz und gar nicht! Ich bilde es mir nur bisweilen ein. In der Einbildung ist es so leicht, die Dinge zu ergründen. Diese trügerische Phantasie!« »Und Phantasie ist bei Ihnen alles. Sie leben überhaupt nicht in der Wirklichkeit.« »Sondern?« »Eben nur in Ihrer Phantasie.« »Das könnte gefährlich sein, nicht wahr?« »Es ist gefährlich.« »Sie warnen mich?« »Es war gefährlich für Sie, hierher zu kommen.« »Ich bin hier sehr glücklich. Ich bin hier zum erstenmale in meinem Leben ruhig und glücklich.« »Haben Sie im Leben nichts andres zu thun, als ruhig und glücklich zu sein?... Verzeihen Sie, das geht mich nichts an.« »Wenn Sie an mir einigen Anteil nehmen, so ist das sehr freundlich von Ihnen, so bin ich Ihnen sehr dankbar.« »Das ist unnötig.« »Ich darf Ihnen doch dankbar sein?« »Sie überschätzen den Wert meiner Worte, wie Sie auch mich selbst überschätzen.« »Das ist unmöglich!« »Was wissen Sie von mir?« »Daß Sie in jedem Falle verehrungswürdig sind.« »Ich bitte Sie, Graf –« Aber ich ließ sie nicht ausreden. »Sie werden mir doch erlauben, innigen Anteil an Ihnen zu nehmen.« »Nein.« Und sie stand auf. In diesem Augenblick eilte Domenico herbei: Herr Mariano finde das Verbandzeug nicht, und der Verwundete verblute. Wo Frau Mariano bleibe?! Erst nachdem sie gegangen war, kam mir zum Bewußtsein, daß wir in aller Ruhe zusammengeblieben waren, wählend sich ein Sterbender im Hause befand. Ueber dem Alleinsein mit dieser Frau hatte ich den blutigen Vorfall vollständig vergessen. Welche geheime Gewalt hatte das vollbringen können? Liebe und Leidenschaft blieben ausgeschlossen. Also: was war es?! Darüber nach gewohnter Art zu sinnen, war jetzt nicht der Augenblick. Ich eilte endlich in den Hof, daraus mir jammernde schreiende fluchende Stimmen entgegen tönten, als hätte ein allgemeines Gemetzel stattgefunden. Herr Mariano schrie, jammerte und fluchte am wildesten. Sämtliche Leute waren zusammengelaufen und umstanden mit leidenschaftlichen Gestikulationen den Verwundeten, den sie unter dem Löwenportal niedergelegt hatten, mit dem Rücken an eine Säule gelehnt. Es war ein knabenhaft junger bildhübscher Mensch aus Sassoferrato mit einer Hautfarbe wie Bronze, des Pächters Lieblingsknecht. Der Messerstich war in die linke Seite gedrungen, und das Blut strömte aus der Wunde, auf die Herr Mariano sein Taschentuch preßte. Er war neben dem Jüngling hingekniet, hielt seinen Kopf und hatte Thränen in den Augen. Rosa leuchtete mit einem Span, dessen Glut die wilde Scene bestrahlte. Frau Mariano brachte das Verbandzeug. Sie stand neben dem Sterbenden in einer Haltung, mit einer Miene, bei der ich von neuem an ihres Mannes Erzählung aus der Zeit der Pariser Kommune denken mußte: wie sie über die Leichen der Erschlagenen hinweg durch die blutige Gasse geschritten war. Es war ihr vollkommen gleichgültig, ob fließendes Blut ihr Seidenkleid verdarb oder nicht. Dem armen Jungen war nicht mehr zu helfen. Er starb in den Armen seines Herrn, grade als der Geistliche mit dem Sakrament kam. Daß er ohne letzte Oelung aus der Welt ging, war für die Leute der Tenuta bei weitem das Schrecklichste. Nicht den Sterbenden, sondern Frau Mariano sah ich an. Sie stand und schaute mit weitoffenem, leidenschaftlich verlangendem Blick zu, wie der hübsche Knabe seinen letzten Seufzer aushauchte. Ich wußte, daß sie ihn beneidete. * Herr Mariano geriet außer sich vor Schmerz und Zorn und hätte den Totschläger am liebsten gelyncht. Aber dieser war gleich nach der That in den Buschwald geflüchtet, wo er sich so sicher fühlen durfte wie in Abrahams Schoß. Seine Kameraden kannten seinen Schlupfwinkel und versorgten ihn mit Nahrung, was sowohl die Carabinieri, wie auch Herr Mariano sehr gut wußten. Doch mußten sie es geschehen lassen. Die Sitte war geheiligter Brauch. Mein Gespräch mit Frau Mariano ging mir nicht aus dem Sinn, und ich hatte immer ihr Bild vor Augen: wie sie im Mondschein bei der Blumenfontäne auf der Terrasse saß und wie sie bei dem Sterbenden stand ... Sie beschäftigte sich in Gedanken mit mir, sie nahm Anteil an mir, sie hielt mich für einen sonderbaren Schwärmer, dem der Aufenthalt in der traumhaften Villa zum Verderben gereichen konnte. Zum Verderben, weil die Einsamkeit zu schön war, oder weil die schone Frau Mariano zu unglücklich war? Oder weil ich – wie sie mit dem unfehlbaren Instinkte der Frau wußte – der Schönheit und dem Unglück gegenüber keinen Widerstand leisten konnte. Und sie selbst? Sie verwehrte mir, ihrem Leben Teilnahme zu schenken, ihre Person verehrungswürdig zu finden. Also hielt sie sich solcher Empfindungen für unwert? Als ob wahres Unglück nicht stets verehrungswürdig wäre! Sie mußte sich schuldig fühlen. Worin? Daß sie sich hatte zwingen lassen, Frau Mariano zu werden, daß sie die Gewalt, die ihrem Leibe und ihrer Seele angethan worden, nicht gerächt hatte: weil ihre Seele damals noch nicht stark genug war. Sie hatte ihrem ungeliebten Gatten nach vierjähriger Ehe ein Kind geboren, welches sie anbetete; und sie gehörte zu denjenigen Müttern, die durch diesen heiligen Beruf des Weibes an Leib und Seele verklärt werden. Dieselbe Frau, die eine gerichtete Mörderin für eine Märtyrerin ansah, und die über blutige Leichname wie über eine nasse Wiese schritt, glich, über ihr Kind geneigt, an Holdseligkeit der himmlischen Mutter. * Ich kam aus dem Zauberkreis, der für mich die Villa Falconieri umschloß, nicht mehr heraus und verkehrte außerhalb desselben nur noch mit Mönchen und Hirten, so daß ich nicht hörte, was die Leute von den sonderbaren Pächtersleuten sprachen. In der Villa selbst erfreute sich Herr Mariano einer abgöttischen Beliebtheit. Seine Knechte, die er zwar in seinen Wutanfällen wie Tiere behandelte, wären für ihn durchs Feuer gegangen. Man munkelte allerlei Dunkles über ihn und ließ dennoch nichts auf ihn kommen. Nur seine Frau erschien lediglich von einer Empfindung gegen ihn beseelt. Wahrscheinlich, weil nur sie ihn kannte. In der Villa hörte ich ihren Namen selten nennen, so sehr ich auch darauf lauschte; und wer ihn aussprach, that es mit einer gewissen Scheu. Man erzählte sich, daß sie sich um nichts, was im Hause und in der Oekonomie vorging, auch nur im mindesten kümmere, daß sie niemals in der Schloßkapelle der Messe beiwohne, niemals beichten gehe, daß sie verschwinde, sobald die Mönche von Camaldoli und vom Kapuzinerkloster ihren Gatten besuchten. Man wollte wissen, daß sie tagelang mit ihrem Mann kein Wort wechsele, daß sie, wenn er über irgend etwas wüte, gelassen dabei stehe und lächele, daß sie ihn durch dieses Lächeln fast zur Tollheit bringe und sich von ihm niederschlagen lasse, ohne einen Schmerzenslaut auszustoßen. Trotz ihrer schmachvollen Leiden wurde sie in der ganzen Villa nur von ihrer treuen Dienerin Rosa geliebt und bemitleidet. Man sah sie stets in demselben schlechten Kleide. Aber stets war ihr prachtvolles Haar sorgsam gescheitelt und tief im Nacken zusammengeknotet. Doch ließ sie sich, wie ich erfuhr, diese sorgsame Pflege nur auf die täglichen Bitten ihrer treuen Rosa hin von derselben gefallen. Immer noch war sie nur selten zu sehen und dann niemals ohne ihr Kind. Es war ein entzückendes kleines Geschöpf, hieß Annina und führte den schönen Kosenamen Amore. Herr Mariano war, seitdem das Kind größer geworden, der zärtlichste Vater. Kam er jetzt nach Hause geritten, so rief er nicht mehr nach seiner Frau, sondern nur nach dem Kinde. »Amore! Amore!« hörte ich des Tags ungezähltemal aus Park und Haus schallen. Selten, daß Frau Mariano auf einen dieser gellenden Rufe mit dem Kinde erschien. Dann begann er zu toben und wütend nach der Mutter zu schreien. Einigemal sah ich, wie sie ihm das Kind auf das Pferd reichte. Er riß es an sich, gab dem Pferde die Sporen und jagte davon, als wollte er das Kind der Mutter entführen. Diese sah den beiden mit einer Miene nach, als wäre ihr die ewige Seligkeit entrissen worden. Oft höre ich noch jetzt im Traum Herrn Marianos Stimme rufen: »Amore! Amore!« Das Jahr, das ich in der Villa hatte zubringen wollen, ging zu Ende. Ich fühlte mich beruhigt, befriedigt, fast glücklich. Aber ich war nicht gesund. Mein Bedürfnis, mich fort und fort niederzulegen, war gewachsen; meine Anstrengungen, aus diesem tiefen Ruhen mich emporzureißen, verursachten mir große Mühe; meine Ermattung hatte zugenommen, und ich litt an einem schweren dumpfen Druck auf dem Gehirn, an absolut schlaflosen Nächten und fiebernden Phantasieen. Ich versuchte zu arbeiten. Ich versuchte dichterische Pläne zu fassen, das innerlich Erlebte zu schauen, das Geschaute zum Ausdruck zu bringen. Aber ich fand nicht den Ausdruck, so sehr ich mich auch abmühte. Jeder Satz ward unter wahren Qualen sechsmal niedergeschrieben und schließlich doch ausgestrichen. Es lag vielleicht daran, daß ich meine Gedankenbilder nur in matten schwankenden Umrissen vor mir erblickte, daß meine Phantasie immer noch zu erschöpft war, um formen, mein Gehirn zu ausgesogen, um eine seelische Gestalt auch mit dem Verstande erfassen zu können. Ich litt sehr. Unter diesen Umständen wäre es thörichte Selbstzerstörung gewesen, mich aus meinem Asyl zu vertreiben, mein köstliches Refugium aufzugeben und die Thore dieses Elysiums hinter mir zu schließen. Ich blieb also. Weil es sich geschäftlich nicht anders arrangieren ließ, schloß ich über die Vermietung der Villa einen vieljährigen Kontrakt. Jetzt war ich geborgen! Herr Mariano teilte meine Freude. Er gestand mir, daß er mich sehr vermißt haben würde, da er seinen Knechten wohl kaum etwas aus Musset recitieren und mit ihnen über den Unterschied zwischen römischer und griechischer Plastik disputieren konnte. Mein Koch hielt es allerdings für seine Pflicht, mir mitzuteilen, daß Herr Mariano mir seine Preise noch ungenierter machte. Aber schließlich – wer betrog mich hier nicht?! Mehr noch als mich, hätte Herr Mariano sicher meine guten Diners vermißt. Denn in der letzten Zeit speiste er jede Woche einmal bei mir. Ich lud stets Frau Mariano ebenfalls ein: aber sie war kein zweites Mal wiedergekommen. Weil ich wußte, daß sie mein Verweilen in der Villa aus einem irrtümlichen Grunde für verhängnisvoll für mich hielt, weil sie es mir an jenem Abend in sehr eindringlicher Weise ausgesprochen, mich gewissermaßen gewarnt hatte und ich ihr diesen Beweis ihrer freundschaftlichen Teilnahme sehr lebhaft dankte, trotzdem aber ihre Mahnung nicht befolgte, so vermied ich noch mehr als sonst ihr zu begegnen, was mir in dem großen Hause, dem weitläufigen Parke und durch unser beider Lebensart sehr erleichtert ward. Gewiß wünschte auch sie mich nicht zu sehen. Andrerseits quälte mich die Vorstellung, sie möchte gering von mir denken – da sie doch nicht wissen konnte, wie es innerlich mit mir stand, wie ich, an meinem Talente verzweifelnd, nur durch ein langes tiefes Ausruhen aller Organe wieder arbeitsfähig werden konnte, nachdem ich längst aufgegeben hatte, nur einigermaßen »zu sagen, was ich litt«. Herrn Manrianos pekuniäre Verhältnisse hatten sich inzwischen um nichts gebessert. Im Gegenteil: sie hatten sich schnell bedenklich verschlechtert. Ich hatte mein Darlehen nicht nur nicht wieder erhalten, sondern hatte – und noch immer mit voller Bereitwilligkeit – dem ersten ein zweites größeres hinzugefügt. Aber man machte von verschiedenen Seiten den Versuch, mich ernstlich zu warnen. Es lag jedoch nun einmal nicht in meiner Natur, in dergleichen Dingen praktisch zu sein. Auffällig wurden indessen sogar mir Besuche aus Rom, die jetzt häufig kamen. Und zwar waren es stets nur Herrenbesuche. Es waren meist sehr junge, sehr elegante Herren, die sich in der Villa wie zu Hause benahmen. Ich erfuhr, daß Herr Mariano dieser heiteren Gesellschaft opulente Gastmahle gab, bei denen es ziemlich heiter herging. Er hatte den Takt, mich niemals zu einem solchen Symposion aufzufordern. War Frau Mariano dabei? Diese Frage beschäftigte mich sehr; und die Vorstellung ihrer stummen blassen Gegenwart bei der Gesellschaft der jungen Lebemänner erregte mich ungewöhnlich stark. Mehr als das! Ich fühlte dabei etwas wie Empörung über eine neue, dieser Frau zugefügte Schmach. Da ich von der Dienerschaft niemand, auch nicht meinen treuen Domenico aushorchen wollte, so blieb ich in einer Ungewißheit, die mich entschieden peinigte. Eines Sommertags hatte ich, den Park durchstreifend, mich ermüdet unter den Ginsterbüschen niedergelegt, die den braunen Tufffelsen unterhalb des Cypressenteichs bedecktem Wie aus einem märchenhaften Gefilde stiegen die finsteren Bäume in den glanzvollen Himmel empor. Es regte sich kein Lufthauch. Selbst das bewegliche Völklein der Lacerten hielt unter den strahlenden Zweigen Mittagsruhe. Der Ginster strömte Wohlgeruch aus und Duft und Stille schläferten mich ein. Da hörte ich wie im Traume von den Cypressen her die Stimme Herrn Marianos und seiner Frau. »Du willst heute wieder nicht kommen?« »Nein.« »Du mußt!« »Ich komme nicht.« »Wir müssen das Geld haben!« » Du mußt das Geld haben.« »Wir sind am Ruin.« »Meinetwegen.« »Es ist dir vollständig einerlei?« »Vollständig.« »Und das Kind?« »Es soll nicht notleiden.« »Willst du es davor schützen?« »Ich werde für mein Kind arbeiten.« »Du bleibst nur des Kindes willen bei mir?« »Nur deshalb.« Jetzt schlägt er sie gewiß, dachte ich, blieb jedoch in meinem Halbschlummer ruhig liegen. Er schlug sie nicht. Mit unterdrückter Stimme sprach er weiter. Ich wollte aufstehen und davongehen, um nicht länger den Lauscher zu machen. Aber ich rührte mich nicht. Auch vernahm ich jetzt nur undeutliches Reden, davon ich die Worte nicht verstand. Da war mir's, als hörte ich Herrn Mariano meinen Namen nennen. »Du liebst diesen Phantasten, diesen Halbnarren.« Was bedeutete das? Der Halbnarr war entschieden ich. Und den Halbnarren sollte sie lieben! ... Herrn Marianos Frau, die schöne unglückliche Maria mich lieben?! Jetzt war ich erwacht. Die Lacerten, die sich neben mir gesonnt hatten, schlüpften davon: es raschelte im Laubwerk, daß ich erschrak. Aufgerichtet, mit angehaltenem Atem, lauschte ich. Was würde sie antworten? Nein, ich wollte nicht hören! Ich warf mich auf den Boden und legte den Arm über den Kopf. Ich hörte nicht, was sie antwortete. Als ich mein Gesicht erhob, schien die Unterhaltung der beiden beendigt zu sein. Ich vernahm nur noch die letzten Worte: »Also du wirst heute vernünftig sein und kommen?« »Ja.« »Sonst soll dein Graf –« »Ich werde kommen.« Herr Mariano entfernte sich – nur er! Nach einer Weile hörte ich ihn im Hof nach einem Knecht schreien, der ihm sein Pferd bringen sollte. Frau Mariano war zurückgeblieben, wahrscheinlich mit ihrem Kinde. Sollte ich jetzt aufstehen und davongehen? Oder sollte ich – – Unmöglich! Was hätte ich ihr auch sagen können? Es war unmöglich, daß sie mich liebte: diese Frau mich, den Träumer, den Phantasten, den »Halbnarren«! Und wäre es wirklich möglich gewesen, so war sie die Frau des Herrn Mariano. Und wenn es wirklich möglich sein sollte, so – liebte ich sie nicht wieder. Was ich für sie empfand, war höchstes Mitleid, diese stärkste selbstloseste edelste Empfindung im Herzen des Mannes. Mitleid kann den Schein der Liebe annehmen; aber niemals zur Liebe selbst werden. Niemals! Ich hatte mich erhoben, ich wollte mich fortschleichen, mit fieberschwerem Haupt und müden Gliedern. Aber wie festgebannt blieb ich stehen. Denn über mir, unter den Cypressen hörte ich krampfhaftes Weinen, ersticktes Schluchzen, den Ausbruch eines Jammers, wie ihn nur eine Frau fühlen kann. Ich stürzte nicht hinauf, fiel vor der Aermsten nicht nieder, riß nicht ihr armes blasses thränenüberströmtes Antlitz an meine Brust; denn: Es war ja nur Mitleid, nur Mitleid! Am Abend kamen Herrn Marianos Gäste, die gewöhnlichen eleganten römischen Dandies. Ich befand mich auf meinem Balkon, als sie eintrafen. Herr Mariano hatte sich nach der Villa Lucida begeben, einem bei Monte Porzio Catone gelegenen Landhause, dessen Vignen und Oliveten er vor kurzem gepachtet hatte. Er war noch nicht zurückgekehrt. Aber seine Frau empfing die Herren. Sie hatte für sie sogar Toilette gemacht. Die Gesellschaft blieb im Freien unter den Steineichen und war in fröhlichster Laune. Alle schienen der schönen Frau zu huldigen: in der dezenten chevaleresken Weise, wie sie meinen Landsleuten eigen ist – was sie nicht hindert, bei Gelegenheit die brutalsten gewissenlosesten Schurken zu sein. Allerdings bewegte sich Frau Mariano mit der Haltung einer Fürstin unter den jungen Leuten, daß es selbst dem Frechsten schwer gefallen wäre, ihr anders als wie einer Dame zu begegnen. Und doch war ich erregt und konnte die Augen nicht abwenden von der hohen schlanken Frauengestalt, als müßte ich sie bewachen und bewahren. Es schien mir, als läge es in Frau Marianos Absicht, die Gäste ihres Mannes in dessen Abwesenheit nicht in die Villa zu führen, sondern ihn im Freien zu erwarten. Und ich glaubte mich in der Annahme nicht zu täuschen, daß Herr Mariano seine Frau absichtlich so lange mit den Fremden allein ließ. Es wurde dunkel. Ein Gewimmel von Johanniskäfern erfüllte den Park und gaukelte über Terrasse und Rosengarten, daß in dem Meere hin und her zuckender Flämmchen die Farben der blühenden Büsche auftauchten. Frau Mariano ließ Windlichter bringen, welche die schwarzen, wie Ungetüme sich windenden und emporbäumenden Eichenstämme rot erglühen ließen und Glanz auf die moosigen Steinsitze warfen. Ich wich nicht von meinem Beobachtungsposten und sah, wie die Gesellschaft in einem Boskett hoher Buchsbäume sich gruppierte, die zusammen mit Lorbeer und Laurus das Unterholz bildeten. Was sprach sie wohl mit jenen glänzenden inhaltsleeren Menschen? Schwerlich würde sie ihnen die Geschichte jener Ottavia Sacchetti erzählen! Aber mir hatte sie die Tragödie erzählt und zwar gleich in der ersten Stunde, als hätte sie gleich gefühlt: dieser wird dich verstehen! Und ich, der ich mich für einen Dichter gehalten hatte, äußerte mich zu ihr, als vermöchte ich nicht in die dunkle Tiefe einer beleidigten stolzen und leidenschaftlichen Frauenseele zu dringen. Jetzt vernahm ich Hufschlag. Herr Mariano galoppierte durch das Thor, gefolgt von zwei gleichfalls berittenen Knechten, die große Körbe vor sich hielten. Er schwang sich vom Pferde, warf den Hut ab, schüttelte die Locken aus der Stirn und ließ sich die Körbe reichen, deren Inhalt er auf den Rasen, mitten unter seine Gäste schüttete. Fröhlich wie ein Knabe rief er: »Ich bringe euch die Kirschen Luculls!« Er stand unter den erleuchteten smaragdgrün schimmernden Buchsbäumen und sah lachend zu, wie die jungen Leute gleich römischen Straßenjungen, denen ein freigebiger Ausländer eine Handvoll Kupfer zuwirft, um die Kirschen sich balgten. Seine Frau war zurückgetreten und hob sich wie eine Erscheinung von dem dunklen Hintergrund ab. Wer die beiden jetzt sah, mußte sie für das schönste und glücklichste Menschenpaar halten: schien doch der Himmel diesen herrlichen Mann eigens für diese herrliche Frau geschaffen zu haben. Auch junge Künstler kamen jetzt häufig zu Herrn Mariano. Er veranstaltete mit ihnen Feste, die einen beinahe hellenischen Charakter annahmen. Der Cypressenteich und der Steineichenhain bildeten zu diesen Schaustellungen eine ideale Scenerie. Die Künstler brachten aus Rom ihre Modelle mit, die schönsten jugendlichen Menschengestalten. Sie wurden in antike Gewänder gesteckt, dann sie sich so zwanglos wie in von Kindheit an getragenen Kostümen bewegten. Die jungen Leute warfen Diskus, machten gymnastische Uebungen und führten Ringkämpfe auf. Oder die Bildhauer stellten mit dem prächtigen lebenden Material Gruppen, die Maler Genrebilder, und die Zuschauer klatschten laut Beifall. Auch Frau Mariano wurde zu diesen plastischen und malerischen Darstellungen zugezogen und – sie ließ es geschehen! Die entzückten Künstler drapierten sie in weiche weiße Stoffe und gaben ihr die Pose einer Pudicitia, einer Priesterin, einer Niobide. Willenlos, wortlos ließ sie's geschehen! Einmal ereignete sich eine solche Profanation der schönen unglücklichen Frau vor meinem Fenster in dem Rosengarten. Es war im Hochsommer, alle Blumen waren längst verdorrt. Aus dem gelben Grase erhob sich ein Wald von hohen Juccastauden mit schlanken schneeweißen Blumendolden. Die lichten Blütenschäfte zu sehen, wie sie gegen den flammenden Abendhimmel sich abhoben, wie sie dann langsam, langsam in Dämmerung sanken und allmählich von der Finsternis ausgelöscht wurden, war für mich täglich ein neues köstliches Schauspiel. In einer strahlenden Vollmondnacht also stellten die Künstler mit Frau Mariano in dem von Johanniskäfern durchfunkelten Juccafelde »lebende Bilder«. Von meinem Balkon aus sah ich's mit an. Ich sah unter den weißen Riesenblumen ihre weiße regungslose hilflose Gestalt. Sie wußte gewiß, daß ich verstohlen zuschaute; aber sie dachte wohl nicht, daß ich um sie litt. Ich litt um sie in einer Weise, daß es mir physischen Schmerz verursachte. Sie that mir so leid, so leid! Zum zweitenmal erlebte ich in der Villa Falconieri den Reigen der wechselnden Jahreszeiten. Der Sommer verbrannte das Gras unter dem dichtesten Baumschatten, verdorrte jede Blume, überzog alles Laubwerk mit einer dichten grauen Staubkruste, umwölkte den Himmel mit den Gluten des Tages, daß die versengte Steppe, der schimmernde Meeresstrand und das leuchtende Sabinergebirge durch allen Dunst und Qualm nur in zarten, kaum erkennbaren, wie hingehauchten Umrissen sichtbar wurden. Tage, wochenlang war unsere Höhe wie von einem fahlen Wolkenkreis umgeben. Wie der Rauch eines Weltenbrandes schlug es rings um uns empor. Tag und Nacht schrien die Cicaden in den Olivenhainen. In der Villa war es bei geschlossenen Jalousieen dämmrig und kühl. Vor den Thüröffnungen hingen farbige Netze; und erhob sich gegen Mittag der Meerwind, blies er lustig durch das ganze Haus. Es kamen die ersten Herbstregen, die dem Lande einen zweiten Frühling und der Bevölkerung die Malaria bringen. Um den Würgeengel zu scheuchen, brannten über Nacht in der Campagna große Feuer, an denen die zu Tode ermatteten Arbeiter ruhten. Die Steppe war bedeckt mit solchen Flammensignalen: »Hier schlummern arme erschöpfte Erdensöhne! Mordet sie nicht im Schlaf! Der Schlaf des müden Menschen sei heilig!« Bisweilen griffen die Feuer um sich. Sie erfaßten ein Feld, sie entzündeten den Buschwald. Dann wälzte sich eine lange Rauch- und Flammenkette tagelang über die Hügel. In den Albanerbergen begann die bacchische Erntezeit: das Land strotzte von künstlicher Fruchtbarkeit. Die schönen silbergrauen Rinder führten die Traubenlasten zu den Keltern, und der schrille Gesang der Winzer übertönte selbst den Lärm der Cicaden. Unter den Steineichen blühten noch einmal die Cyclamen, in der Villa noch einmal die Rosen, am Cypressenteich der Ginster. Das Laub der Kastanien färbte sich rot und immer röter, bis der ganze herrliche Berg Cavo dastand in dunkle leuchtende Purpurfarbe gehüllt. Die Sonne ging nicht mehr über Rom unter; sondern sie versank in flammender Herrlichkeit wieder in den Meeresfluten. Frühmorgens schien die Campagna in einen ungeheueren Nebelsee verwandelt, dessen wogenden Wellen die Berggipfel wie Eilande entstiegen. Und wie ein Eiland schwamm auf den Wolkengewässern die Peterskuppel. Es wurde kalt. Tag und Nacht fuhren Stürme um das Haus, das auf seinen mächtigen Terrassen wie auf Felsen über einem Abgrund stand. Die Campagna bekleidete sich mit ihrem dichten Winterkleid und hatte darin die Majestät einer Königin. Jetzt die Olivenernte! Die lichten Zweige dieses lieblichsten Baumes des Südens hingen mit den kleinen schwarzen blanken Früchten beschwert; und eine Schar junger Mädchen in hellen Kleidern und roten Kopf- und Brusttüchern pflückte sie. Im Laube erschallten ihre endlosen Lieder, daß der ganze Oelwald von Sang und Schall ertönte. Frühling! Römischer Frühling! Die gute holde Göttin, die mir täglich an der Decke meines Zimmers erscheint, schwebte über der Campagna und ihr belebendes verjüngendes Lächeln verwandelte die feierliche königliche Landschaft in eine Bacchantin. Selbst die ausgesogene Ackerscholle erstickte schier unter Blüten. Ueber die Steppe reitend, versank mein Pferd in der Ueppigkeit. Auf den Höhen ringsum Felder gelber und weißer Narzissen, Felder weißer und blauer Schwertlilien. Asphodelenwiesen! Das antike Gemäuer leuchtend von Goldlack, die Gräben mit Cistusrosen gefüllt. Rosenhecken, Geißblatthecken! Hohe Wände von Geißblatt und Rosen! In dem jungen Grün der Kastanienbüsche rote Päonien und Kaiserkronen. Haine von blühendem Weißdorn. Wälder von Goldregen. Jede Ruine ein Blumenberg, jede Furche ein Blütenbach, jede Wiese ein Garten. Die Veilchen von Tusculum! Und dann die Pracht des blühenden Ginsters ... Und aus Frühling ward Sommer. Der rote Mohn trat seine Herrschaft an. Feld und Wiese, Ebene und Höhen erglühten. Um jeden Oelbaum wand sich ein großer Kranz der roten schönen Blumen, deren Gluten die alten verkrüppelten und verasteten Stämme wie aus Silber ciseliert entstiegen, dicht bedeckt mit bläulichen und grünlichen Flechten, daß sie wie oxydiert erschienen. Welche Herrlichkeit, als die leuchtenden Zweige sich über und über mit seinen silberhellen Blüten bedeckten! Die Blüte der Olive war die letzte schöne Fruchtblüte des Jahres. * Und ich blieb. Es ging mir nicht sonderlich gut; aber ich blieb! In mich hineinschauend, erblickte ich so vieles, was zu besänftigen, zu ordnen, zu läutern war, daß ich allein schon daran die innerliche Notwendigkeit eines langen Verbleibens erkannte. Einen Phantasten hatte mich Herr Mariano genannt ... Ich war freilich ein großer Phantast, wie hätte ich sonst jemals auch nur ein kleiner Dichter sein können? Ein Halbnarr sollte ich sein? Möglicherweise war ich sogar ein vollständiger Narr. Lange genug hatte ich mich vom Leben und mir selbst zum Narren halten lassen: vom Leben durch die Illusionen, die es in mir erweckte; von mir selbst durch den Wahn: ich gehöre zu den Auserwählten, die, wenn sie Seele von ihrer Seele geben, damit die Durstenden tränken, die Hungernden speisen und die Ermatteten erquicken könnten. In manchen Empfindungen war ich entschieden immer noch krankhaft. Noch immer mochte ich keine Menschen sehen – da sie den Bannkreis, den ich um mich gezogen, zerstört hätten. Noch immer konnte ich mich nicht in die Dichtungen anderer größerer Geister versenken – da sie mich an meine eigene Kleinheit mahnten. Noch immer scheute ich mich, eine Zeitung in die Hand zu nehmen – weil ich vielleicht hätte lesen können, daß mein mattes Licht längst erloschen war. Noch immer suchte ich das Allheilmittel für meine Nöten und Leiden in der Einsamkeit, die meine Klagen still anhörte, meinen Gram milderte und mir in nichts widersprach oder Widerstand leistete. Herr Mariano hatte einigemal von Aufführungen meiner Dramen gesprochen, bis ich ihn ersuchte, dies zu unterlassen. Es kam bisweilen vor, daß Direktoren, Agenten und Verleger an mich schrieben. Anfangs schickte ich diese Briefe an meinen Geschäftsführer nach Mailand; später ließ ich sie unbeachtet liegen. Das beruhigte mich sehr. Allerdings verzehrte mich mehr und mehr die Sehnsucht, noch ein einziges Mal in meinem Leben etwas nützen zu können. Nur etwas! Ganz gleich was. Ich war ja immer noch jung! Keine dreißig Jahre. Oft erschien mir's, als wäre ich niemals jung gewesen: niemals so recht wirklich jung, so recht glückselig jung, wo der Mensch sich unsterblich fühlt. Ich hatte immer gelitten. Eingebildet vielleicht. Aber es war doch gelitten. Und der Mensch ist nur dann jung, wenn er glücklich ist. Ungern sah ich mich selbst im Spiegel. Ich war sehr bleich. Mein Haar ergraute, meine Mienen bekamen etwas Stilles, Hoffnungsloses; mein Blick schien in grenzenlose Weiten gerichtet zu sein, schien immer nach etwas auszuspähen, etwas zu erwarten. Was? Von der Welt und allen Dingen der Welt mehr und mehr mich abwendend, flüchtete ich mich tiefer und tiefer in die Natur. Sie umfing mich mit Mutterarmen und nahm mich an ihr göttliches Herz. Ich belauschte ihren Herzschlag. Dabei wurde der meine immer beruhigter, immer leiser. Herr Mariano hatte, wie sich plötzlich erwies, seit Jahren seine Pacht nicht gezahlt. Auch sonst sollte er Schulden über Schulden haben. Er ging daher mit raschen Schritten einer Katastrophe entgegen. Nicht einmal das Gesinde erhielt seinen Lohn, Doch wäre es keinem Knecht, keiner Magd eingefallen, deswegen den Dienst zu verlassen. Es quälte mich, daß dieser Alcibiades so häßlich zu Grunde gehen sollte. Und was wurde aus Frau Mariano? Soviel ich von meinen Leuten vernahm, schien dieser die verzweifelte Sachlage vollkommen gleichgültig zu sein. Sie ließ von ihrer getreuen Rosa ihr prachtvolles Haar pflegen, trug ihr schlechtes Kleid und lebte nur für ihr Kind, das ein wahres Wunder von Holdseligkeit war. Jede Nacht fuhren Wagen ein, wurden Wein- und Oelfässer verladen. Der kluge Herr Mariano schaffte beiseite, soviel er konnte, um für seine Gläubiger so wenig als möglich zu lassen. Eines Tages befand ich mich in dem Oelwald, der den Park der Villa von der Pineta der Villa Taverna scheidet, als ich zu meinem Erstaunen die mir stets scheu ausweichende Rosa quer durch den Oelwald auf mich zulaufen sah. Ich ging ihr beunruhigt entgegen. »Was gibt's?« »O Madonna!« »Ist deiner Frau etwas zugestoßen?« »Mit der ist's ein Jammer! Die stirbt noch daran! Die läßt sich Euretwillen noch einmal totschlagen!« »Meinetwillen?! Rosa, Rosa! Meinetwillen?!« »Und Ihr laßt es geschehen. Denn so seid Ihr!« Ich faßte sie beim Arm. »Rede vernünftig! Was ist deiner Frau meinetwillen geschehen?« »Jetzt noch nichts. Jetzt soll sie nur zu Euch gehen. Aber die Bestie schlägt sie gewiß und wahrhaftig noch einmal tot!« »Frau Mariano soll zu mir gehen?« »O Madonna!« »Was soll sie bei mir?« »Euch bitten.« »Und sie will mich nicht bitten?« »Lieber laßt sie sich von der Bestie totschlagen,« »Gute Rosa, um was soll deine arme Frau mich bitten?« »Wißt Ihr's nicht?« »Ich kann mir's nicht denken.« »Ihr seid reich.« »Will Herr Mariano Geld von mir haben?« »Viel Geld.« »Weißt du, warum Herr Mariano nicht selbst zu mir kommt?« »Weil es sehr viel Geld ist, das er von Euch haben will.« »Und deshalb schickt er seine Frau?« »Weil Ihr verliebt in sie seid.« »Nein, Rosa! Nein, nein! Das kann Herr Mariano nicht glauben.« »Was weiß ich, was er glaubt. Ich weiß nur, daß er sie Euretwillen gewiß noch einmal totschlagen wird.« »Ich will Herrn Mariano das viele Geld geben, ohne daß Eure arme Frau mich darum bitten muß.« »Lieber läßt sie sich gleich jetzt von der Bestie totschlagen.« »Weißt du, wieviel Herr Mariano von mir haben will?« »Ihr sollt ihm nichts geben, nicht einen einzigen Soldo.« »Wer sagt das?« »Sie!« Und Rosa reichte mir einen Zettel, darauf stand mit großer unbeholfener Kinderschrift: »Geben Sie Mariano nichts mehr. Versprechen Sie es mir. Hüten Sie sich. Es bittet Sie Maria.« Rosa jammerte: »Wenn Mariano erfährt, daß sie Euch gebeten hat, schlägt die Bestie sie tot.« »Ich werde nichts verraten ... Ach, Rosa, gute Rosa, kann ich deiner lieben Frau denn gar nicht helfen?« »O Madonna!« Und sie setzte sich hin, wo sie grade stand, warf die Schürze über den Kopf und begann zu stöhnen und bitterlich zu weinen. Ich drang so sehr ich konnte in die treue Seele. Es war jedoch nichts aus ihr herauszubringen, als Seufzer, Thränen und lamentable Anrufungen der Himmelskönigin. Aus Sorge, Herr Mariano könnte sie mit mir zusammen sehen, bat ich sie schließlich selbst, zu gehen. Sie erhob sich mühsam und schlich stöhnend davon. Wie konnte ich helfen? Aber noch während ich darüber sann und sann, sollte mich ein schreckliches Ereignis auf den Weg weisen. Bevor Herr Mariano mich um Hilfe angehen, bevor ich selbst sie ihm anbieten konnte, kam Exekution in seine Wohnung. Ich hielt mich unter den Steineichen auf, hörte ihn in der Villa toben und wütend nach seiner Frau schreien. Jetzt wird er sie zwingen wollen, zu mir zu gehen, dachte ich; und eilte ins Haus und zum Pächter, der sich grade mit dem Beamten allein im Zimmer befand. Ich entschuldigte mein Eindringen, bat Herrn Mariano, den Mann hinauszuschicken und mir eine Unterredung zu gewähren. Ich war möglichst höflich, möglichst ruhig. Herr Mariano nahm sofort seine grand seigneur -Miene wieder an. Als die Thür hinter dem Beamten sich geschlossen hatte, sagte ich: »Ich erbiete mich, Ihre etwas verwirrten Verhältnisse durch meinen Geschäftsführer vollständig ordnen zu lassen, keinerlei pekuniären Ansprüche an Sie zu erheben: weder jetzt, noch jemals; Ihnen alle Hilfsmittel zur Gründung einer neuen Existenz zu schaffen – unter einer Bedingung.« Er stand vor mir: leichenblaß; aber mit einem Lächeln. Nie zuvor hatte ich ihn so schön gefunden, nie zuvor so gemein. Mit seinem Kavalierlächeln sagte der Lump – und zwar sagte er es französisch: »Diese eine Bedingung ist: für Ihr Geld meine Frau!« Ich konnte ihm nicht ins Gesicht schlagen; denn ich hörte sie nebenan laut aufschreien. Plötzlich stand sie mitten im Zimmer, ihr schlafendes Kind im Arm und mit einem Gesicht, als verlöre sie den Verstand. Ich eilte auf sie zu, wollte sie aus dem Zimmer führen. Aber er warf sich dazwischen. »Zweimal verkaufen laß' ich mich nicht,« rief sie ihm außer sich zu. »Lieber laß ich mich totschlagen. Schlage mich tot! Damit es endlich ein Ende hat. Aus Barmherzigkeit schlage mich tot!« »Das will ich,« schrie der Rasende, erhob die geballte Faust und – Gräßlich, gräßlich! Er hatte das Kind getroffen, das erwacht war und weinend seine Aermchen um den Hals der Mutter schlingen wollte. Sein wütender Faustschlag hatte das Kind am Herzen der Mutter getötet. Sie vergoß keine Thräne. Mit stillem, starrem Gesicht saß sie bei der kleinen Leiche. Sie war so vollkommen wortlos, daß wir anfangs fürchteten, sie hätte die Sprache verloren. Das Geschrei der treuen Rosa, den Jammer sämtlicher Dienstleute um das tote süße Geschöpf hörte sie unbeweglich mit an. Nicht einmal um den letzten Schmuck ihres gestorbenen Lebensglückes kümmerte sie sich. Sie ließ es gelassen geschehen, daß wir das Kind unter Blumen einbetteten. Als ich den Sarg aufhob, um ihn hinunter in die Kapelle zu tragen, erhob auch sie sich von ihrem Sitz. Es war fast grausig anzusehen; denn es war, als stünde ein Gestorbener auf. Wie mit geschlossenen Füßen glitt sie hinter dem Sarge drein, die Frauen, die sie stützen wollten, mit einer matten Gebärde zurückweisend. In der Kapelle stellte ich einen Sessel neben den Altar, davor ich die Leiche aufbahrte. Sie sank hinein und saß wiederum da: regungslos, thränenlos, schlaflos. Herr Mariano gebärdete sich wie ein Unsinniger. Er wollte sich über das Kind hinwerfen. Aber die Mutter sah ihn an; und – er wich von der Leiche zurück, als stünde mit flammendem Schwert ein Engel davor. Er wollte sich das Leben nehmen; und mußte von seinen Knechten bewacht werden. Er wollte sich als Mörder selbst dem Gerichte ausliefern; und mußte von den Mönchen von Camaldoli, nach denen sofort geschickt worden war, mit Gewalt aus dem Hause fort und hinauf ins Kloster geschafft werden. Zuvor sagte er mir, daß er Maria und mich hasse, daß er uns beide verwünsche, daß wir seine Todfeinde seien; und daß er alles thun werde, um uns zu vernichten. Und sollte er darüber noch einmal zum Unthäter werden. Vergeblich beschwor ich die ärmste Mutter, etwas Nahrung zu sich zu nehmen und sich niederzulegen. Nur mit den Augen antwortete sie auf alles Flehen: Nein! Als die Nacht anbrach, fragte ich sie: ob ich mit ihr zusammen wachen dürfte? Und da sie's mit ihrem Blick nicht verneinte, so blieb ich. Ich setzte mich an einen Platz, wo sie mich nicht sehen konnte. Sie hätte mich freilich auch nicht gesehen, wäre ich ihr gerade gegenüber gestanden. Sie sah nichts, als ihr getötetes Kind, sah von der ganzen Welt nichts, als dieses. Ich hatte auf dem Altar die Wachskerzen angezündet, saß in meinem Winkel und blickte auf das tote Kind. Und ich blickte auf die Mutter, für die es am besten gewesen wäre, sie läge mit ihrem gestorbenen Leben zusammen so still und blaß aufgebahrt. Unter dem Altar befand sich der gläserne Sarg mit den Gebeinen des heiligen Alexander Falconieri. Das weiße Gerippe mit seinem glänzenden Gold- und Juwelenschmuck sollte Wunder vollbringen: »Heiliger Alexander, erwecke dieses tote Kind! Heiliger Alexander, mache dieses zermalmte Frauenherz wieder lebendig! Heiliger Alexander, erhöre mich!« Ueber dem Altar stellte ein Gemälde dar: wie eine Heilige dem von Engeln getragenen Bildnis der himmlischen Jungfrau mit dem lächelnden Jesuskinde ihr Herz hinreicht. Ich mußte immer von einer Mutter zur andern – von einem Kinde zum andern schauen. Und es war, als paßten die beiden schmerzensreichen Mütter gut zu einander. Ich versuchte zu denken: Was wird jetzt aus Maria? Sie war so lebensmüde, so todesmatt, am Leben so todkrank, ... Die Heiligen vollbrachten keine Wunder mehr, keine Grüfte öffneten sich, keine Gestorbenen grüßten wieder das Sonnenlicht. Vielleicht konnte dieses Mal ein Mensch das Mirakel thun? Welcher Mensch? Ich! Und ich liebte sie wirklich nicht? Auch jetzt liebte ich sie nicht?! Die ganze Nacht über saß ich wachend bei der Mutter und ihrem toten Kinde. Ich sann und sann, prüfte und prüfte und erkannte mich: Ich liebte sie auch jetzt nicht! ... Ich würde sie niemals lieben. Aber liebte sie mich? Jetzt schien mir's möglich zu sein.... Ich konnte jetzt glauben, daß es möglich sei. Ich wußte, daß sie mich liebte. Nun und jetzt? Jetzt konnte nur ich – von allen Menschen einzig und allein ich, an sanfter Hand sie zurückführen ins Leben: an liebender Hand! Also mußte sie an meine Liebe glauben ... Sie an meine Liebe unerschütterlich glauben zu machen, war jetzt die Aufgabe meines Lebens, dieses bisher so nutzlos hingebrachten verfehlten Lebens. Niemals, niemals durfte sie ahnen, daß meine Liebe nur Mitleid war: unaussprechliches, blutiges, mein Herz ganz erfüllendes, es fast zermalmendes Mitleid. Denn sonst hätte sie das Opfer meines Lebens nicht annehmen dürfen – so gering dieses Opfer an und für sich auch war. Sie hätte eher einen Selbstmord begehen müssen, als ihre arme stolze, schon einmal geschändete Seele von einem Manne aus Mitleid retten zu lassen. Als der Morgen graute, wußte ich, was ich zu thun hatte. Es war eine große, eine schwere Aufgabe, die die Kraft eines gesunden und starken Mannes erforderte. War ich stark genug? Würde ich sie erfüllen können? Wiederum prüfte ich mich, durchforschte ich mein tiefstes Inneres. Ja – ja – ja! Ich würde die Aufgabe erfüllen; denn ich würde sie zu meiner Mission machen. Von diesem Tage an würde ich nicht mehr vergebens auf der Welt sein; denn ich konnte noch einem Menschen auf der Welt nützen und helfen. Und das war wert, zu leben und zu leiden. Ich fühlte mich sehr ruhig, sehr glücklich. Ich fragte Maria: ob ich erwirken sollte, daß das Kind im Park begraben würde? Sie gab mir zu verstehen: es wäre ihr einerlei, wo es geschähe. Ich überlegte, daß die Nähe des Grabes ihrem Schmerz fort und fort neue Nahrung geben würde, und entschloß mich, auf dem Frascataner Kirchhof den einsamsten friedlichsten Platz zu erwerben. Aus Rom besorgte ich für Maria Trauer; und es gelang Rosa, sie zu bewegen, sich ankleiden zu lassen. Sie sah in dem tiefen Schwarz unbeschreiblich schön und rührend aus. Sofort nahm sie wieder ihren Platz bei dem Kinde ein. Gegen Abend sank sie jedoch in einen solchen schweren Schlaf, daß er einer Betäubung glich. Diesen barmherzigen Zustand wollte ich benützen, die kleine Leiche fortschaffen zu lassen. Sie hatte beide Arme um den Sarg geschlungen. Als ich sie leise, leise lösen wollte, erwachte sie sogleich. Sie blickte verwirrt um sich, sah das tote Kind, stöhnte jammervoll auf, blieb aber dann von neuem starr und stumm. Hierauf bedeutete sie uns, den Sarg zu schließen. Dann erhob sie sich und schickte sich an, uns – ganz gegen die Sitte – nach dem Kirchhof zu folgen. Wir konnten sie nicht zurückhalten. Wie gern wäre ich auf diesem Leidenswege an ihrer Seite gegangen. Aber ich besaß dazu nicht das Recht – noch nicht! So schritt sie denn allein unmittelbar hinter dem Sarge her, während ich mit Rosa folgte. Um sie keinen neugierigen Blicken auszusetzen, ließ ich die Männer den Weg durch den Oelwald der Falconieri und durch den Park der Villa Taverna-Borghese hinunter zur Landstraße nehmen. Es war Nacht geworden, als sie Marias holdseliges Kind hinabsenkten. Auch am offenen Grabe brach sie nicht zusammen, fand sie keine Thräne, that sie nicht einen Schmerzenslaut. Als alles vorbei war, wandte sie sich zum Gehen. Sie schritt denselben weiten Weg wieder zurück, ohne zu schwanken, ohne überhaupt zu wissen: ob sie mutterseelenallein ging, oder ob wir ihr folgten. Aber vor dem Hause angekommen, blieb sie stehen und wartete auf mich. »Ich danke.« Und noch einmal: »Ich danke.« Sie sagte es vollkommen ruhig, streckte mir eine kalte Hand entgegen und ging ins Haus. Ich wußte, was sie thun wollte. Ehe sie nach dem Tode ihres Kindes wieder zu ihrem Mann zurückkehrte, würde sie sich das Leben nehmen. Da ihr Mann schon morgen aus Camaldoli zurückkehren konnte, so würde sie sich heute nacht noch töten. Ich sprach mit Rosa; und diese Frau aus den wilden Marken begriff alles. Also wachten wir. Es mochte Mitternacht sein, als Rosa mich rief. Ich hatte mich angekleidet auf mein Bett geworfen und war sogleich bei ihr. Rosa sagte mir: »Sie hat sich aus dem Zimmer geschlichen, ist nach einer Weile wieder gekommen und hat mir befohlen, das verschlossene Haus zu öffnen. Sie will hinaus. Allein will sie hinaus in den Park.« Unter dem Vorwand, den Schlüssel zu holen, war Rosa zu mir geeilt. Was sollte sie thun? Das Haus aufschließen, sie allein hinausgehen lassen und zurückbleiben. Ich stand unter den Steineichen, sah Maria aus dem Hause treten und – ohne sich umzusehen, ob ihr jemand folgte – davon gehen: durch das Löwenportal, über den Hof der Tenuta. Durch die helle Sternennacht ging sie in ihrem schwarzen Kleide vor mir her und sah nicht mehr die Schönheit der Welt, die sie verlassen wollte. Sie ging langsam die Pinienallee in den Park hinein ... An der Stelle, wo bei der Nische mit der antiken Statue des römischen Senators die schöne Rampe zum Cypressenteich hinaufführt, war ich nur wenige Schritte hinter ihr. Aber sie hörte mich nicht. Fast zugleich mit ihr stand ich oben zwischen den schwarzem Bäumen, am Rande des schwarzen Wassers. Ohne ihren Schritt zu hemmen, wäre sie weiter gegangen in den feuchten Tod. Ich hielt sie mit beiden Armen umfaßt, rief sie leise bei Namen. Weiter sagte ich nichts. Ihr Haupt ruhte an meiner Brust. Ihr schönes müdes armes Haupt an meinem Herzen gebettet, trug ich sie ins Leben zurück. Sie weinte. Und jetzt einiges aus dem Leben meiner armen Maria. Ich will versuchen, mit ihren eigenen Worten zu erzählen. Wer sie kennt, weiß, daß sie von sich selbst lieber zehnmal zu wenig, als ein einziges Wort zu viel sagt. Ihr aber, die ihr sie liebt, müßt euch zu ihren Worten ihre leise Stimme, ihre schwermütigen Augen, ihr stilles blasses schönes Antlitz denken. Maria. ... Meine Eltern waren kleine römische Bürger. Da mein Vater nichts thun wollte, lebten wir von dem Vermögen meiner Mutter; und da die Rente für unsere Bedürfnisse nicht ausreichte, verbrauchten wir das Kapital. Unsere Wohnung lag am Trajansforum, war klein und schmutzig. Aber wir hatten einen Salon mit vergoldeten Tischen, Polstermöbeln und seidenen Vorhängen. Jeden Morgen kaufte mein Vater für den Tag die Lebensmittel ein. Wir aßen uns häufig nicht satt. Aber jeden Abend empfing meine Mutter die Freunde und Bekannten des Hauses. Dann gab es Limonade, Früchte und süßes Gebäck. Die Freunde und guten Bekannten meines elterlichen Hauses waren meistens Herren: sehr junge, sehr elegante Herren. Sie hatten eine Art, die Mutter und mich anzusehen, die mir schon als Kind das Blut ins Gesicht trieb. Meine Mutter war eine große Schönheit und lebte als solche. Vormittags stand sie nicht auf. Ich mußte sie im Bette bedienen. Weil sie fast immer schalt und schrie, sprach ich fast nie. Ihr Zimmer war stets voll von Nachbarinnen, die einander ihre Ehegeschichten und die Liebeshändel anderer erzählten. Wenn ich meine Mutter bedient hatte, lief ich fort, um diese Geschichten nicht mit anhören zu müssen. Nur nicht einmal solche Frau werden wie – meine Mutter war! Nach den Geschichten der Nachbarinnen zu urteilen, waren wir Frauen nur dazu da, uns reiche Männer zu ergattern und reiche Liebhaber zu halten. Nachmittags stand meine Mutter auf, wenn sie nicht vorher, halb angezogen, einige Stunden am offenen Fenster, hinter halbgeschlossener Jalousie, auf die Straße geschaut hatte. Dann kleidete sie sich an, das einzige, was sie überhaupt that. Ich mußte ihr die Strümpfe anziehen und das Haar machen. Wenn wir uns auch nicht immer satt aßen, und nur eine grobe sabinische Magd halten konnten, ging meine Mutter doch stets sehr prachtvoll gekleidet und besaß sogar kostbaren Schmuck. Wie ich die schönen Kleider haßte! Denn auch ich mußte mich jeden Tag aufputzen. Bis zum Nachmittag hatte ich beinahe nur Fetzen am Leibe; dann Samt und Seide. Auf meinem Hut trug ich für hundert Lire Straußenfedern. Meine Eltern und unsere Magd, unsere Freunde und guten Bekannten sowie unsere sämtlichen Nachbarinnen sagten mir jeden Tag: ich sei schön wie eine Madonna, und ich würde mit dieser himmlischen Schönheit einmal mein irdisches Glück machen. Wie ich mich schämte! Jeden Tag bei gutem Wetter ging ich nachmittags mit meinen Eltern spazieren. Wir gingen durch den Korso auf den Pincio, wo viele Herren nach mir und meiner Mutter sich umsahen und ich sehr oft hören mußte, wie schön die Mutter sei. Aber die Tochter noch schöner! Auch meine Schönheit begann ich zu hassen. Sonntags fuhren wir im Mietswagen Korso; und einigemal des Jahres nahm mein Vater im Valle- oder Apollotheater eine Loge. Hierauf lebten wir eine Woche lang von Brot und Salat. Am schlechtesten ging es uns während des Karnevals; denn dann besuchte meine Mutter jeden Abend die Veglionen. Sie mußte schöne Kostüme haben, und mein Vater mußte sie auf dem Ball mit Eis und Gebäck regalieren – wenn das nicht einer unserer vielen guten Bekannten und Freunde that. Ich haßte alle diese Vergnügungen, um derentwillen wir hungerten, heuchelten und logen. Und am allermeisten haßte ich das Lügen. Das ganze Leben meiner Eltern war eine einzige Lüge. Ich hatte mir gelobt, niemals zu lügen, und log doch immerfort. Meine Eltern hatten geheiratet, weil sie sich »unsinnig« liebten. Jetzt zankten sie sich den ganzen Tag und warfen sich gegenseitig vor, das Unglück ihres Lebens zu sein. Ich blieb das einzige Kind. Trotzdem liebte mich weder mein Vater noch meine Mutter sonderlich. Beide waren nur sehr eitel auf mich und erwarteten von dem Verkauf meiner Schönheit ein Fürstentum. Ich lernte nur Eitelkeiten. Aber ich war sehr ungelehrig. * Wir wurden mit jedem Jahr ärmer ... Immer mehr junge Leute kamen zu unseren »Empfängen« ins Haus, darunter reiche und vornehme. Ich war sechzehn Jahr alt und sollte verheiratet werden. Mit keinem Manne hätte ich jedoch einen Augenblick zusammen sein dürfen – so streng war die Sitte! Aber ich wußte, daß mich jeder Mann von meinen Eltern kaufen konnte – wenn er reich genug war, mich bezahlen zu können. Verschiedene solche reichen Händler fanden sich ein. Ich erklärte meinen Eltern jedoch, daß ich in den Tiber springen wollte, wenn sie mich meistbietend losschlügen. Meine Eltern wußten, daß ich immer nur sagte, was ich dachte; und da ich ihr einziges Kapital war, gingen sie vorsichtig mit mir um. Inzwischen gerieten wir mehr und mehr in Sorgen. Der Schmuck meiner Mutter mußte verkauft werden, bei welcher Gelegenheit ich sie zum erstenmal in ihrem Leben weinen sah. Jeden Tag wurde mir wiederholt: ich trüge an allem die Schuld. Mein Vater verschaffte meiner Mutter einen unechten Schmuck. Aber da begann der Jammer erst recht. Damit meine Mutter wieder zu einem echten Schmuck kam, duldete mein Vater nach achtzehnjähriger Ehe einen Hausfreund. Jetzt war alles Frieden und Freuden! Meine Mutter bekam einen prächtigen Schmuck, sie bekam schöne Kleider und Hüte. Jeden Nachmittag fuhr sie Korso, jeden Abend hatte sie eine Loge – jeden Tag aßen wir uns satt: das heißt meine Eltern. Ich hungerte. Wir hatten eine Köchin und eine Dienerin; und jeden Abend fand in unserem neumöblierten Salon ein Empfang statt. Sogar die Ehe meiner Eltern wurde eine ganz glückliche. Nur mit mir gab es täglich Hader und Streit, obgleich ich immer sehr still war. Ich wollte die neuen schönen Kleider nicht anziehen, ich wollte mit meiner Mutter und dem Hausfreund nicht Korso fahren, wollte mit ihnen nicht das Theater besuchen, mich in dem neuen Salon nicht besichtigen lassen. Meine Mutter nannte mich ein unnatürliches Kind und mein Vater das Unglück seines Lebens. * Meine Eltern machten eine neue Bekanntschaft. Es war ein junger Mann, der bei der französischen Brigade diente. Mein Vater war ein fanatischer Republikaner und Garibaldi betete er als seinen Herrgott an. Das war noch das Beste an ihm. Nun war Garibaldi von neuem geschlagen worden, nun herrschten die Franzosen von neuem im Kirchenstaat. Also hielt es mein Vater scheinbar mit Frankreich und dem Papst. Sonst wäre der junge Pariser Brigadier niemals in unser Haus gekommen. Im geheimen konspirierte mein Vater mit den Freischärlern. Es handelte sich um Großes: republikanisch gesinnte Bürger sollten Garibaldi ein Thor der Stadt öffnen. Einer dieser wackeren Männer war mein Vater, dem ich um dieser That willen vieles verzieh. Der junge Franzose, der eine römische Mutter hatte, kam häufig in unser Haus: meinetwillen, sagten unsere vielen Freunde und guten Bekannten und lächelten dabei. Sie lächelten, weil der Brigadier meinen Eltern niemals hätte den Preis zahlen können. Außerdem trug er französische Uniform. Ich liebte ihn. * In unserem Hause gingen große Dinge vor, die man mir jedoch nicht verbarg. Es handelte sich um jenen Befreiungsplan: alles war vorbereitet, um Garibaldi mit seinen Freischaren in Rom einzulassen. Vittorio Mariano hatte mir seine Liebe gestanden, hatte bei meinem Vater um mich angehalten und – war abgewiesen worden. »Weil er sie nicht bezahlen kann,« meinten lächelnd die Freunde und guten Bekannten. »Weil er ein Franzose ist,« sagte voller Entrüstung mein Vater. Ich bat ihn nicht, da ich meinen Vorsatz gefaßt hatte. In einer Nacht weckte mich Lärm im Hause. Es waren die Stimmen meiner Eltern. Und – es war die Stimme Marianos! Wie kam er mitten in der Nacht in unser Haus? ... Und wie sie schrieen! Ich stand auf und wollte zu meiner Mutter. Aber mein Zimmer war von außen verschlossen worden. Bis zum Morgen vernahm ich ihre Stimmen, ohne etwas verstehen zu können. Dann hörte ich Mariano das Haus verlassen, hörte das Toben meiner Mutter, die Verwünschungen meines Vaters. Und ich hörte, wie er meine Thüre leise aufschloß. Er kam nicht herein. Was bedeutete das alles? ... Ich erfuhr es nicht. Nichts erfuhr ich. Meine Mutter lag krank, ich durfte nicht zu ihr. Mein Vater ging mit verstörtem Gesicht einher und gönnte mir kein Wort. Die wackeren Männer, welche die große That vorbereitet hatten, kamen, schlössen sich mit meinem Vater ein, blieben in langen leidenschaftlichen Debatten beisammen, verließen das Haus mit finsteren Mienen – ohne meinem Vater die Hand gereicht zu haben. Alle Freunde und guten Bekannten, sämtliche Nachbarinnen wurden abgewiesen. Selbst der Hausfreund fand keinen Einlaß. So ging es eine halbe Woche, während der ich von Mariano nichts hörte, noch sah. Wir hatten verabredet, daß ich ohne »den Segen meiner Eltern« ihm angehören wollte. Für ein römisches Bürgermädchen bedeutet das etwas Ungeheures; wahrend es wenig, oder nichts bedeutet, daß sogar die römische Bürgersfrau ihren Liebhaber hat. So ist es nun einmal bei uns. An dem Tage, da ich meinen Eltern das Mariano gegebene Versprechen mitteilen wollte, ließ mein Vater mich zu sich rufen. Ich fand bei ihm Vittorio, der mir als mein Verlobter vorgestellt wurde. Meine Mutter ließ sich nicht sehen. Ich erfuhr nicht, wie alles so wunderbar gekommen war: denn meine Eltern hatten alle ihre überschwenglichen Hoffnungen, die sie auf meinen Kaufpreis gesetzt, aufgegeben. Von jener großen That, bei der mein Vater beteiligt gewesen, hieß es jetzt: sie hätte verschoben werden müssen. Da ich die Braut eines Franzosen geworden war, so hielt ich das für eine günstige Fügung. Ich liebte meinen Verlobten sehr, ich war sehr glücklich, sehr dankbar: ich durfte mich nach freier Wahl an einen geliebten Mann verschenken. Meine Mutter hatte mich nie geliebt; aber jetzt haßte sie mich. Sie haßte auch Mariano, worüber dieser nur lächelte. Er war überhaupt sehr heiter, so berauschend heiter und dabei so strahlend wie ein Frühlingstag. Gegen mich benahm er sich stets ritterlich und respektierte sogar die Sitte. Nach römischer Sitte durfte auch mein Verlobter keine Minute mit mir allein sein. Bei seinen täglichen, nur sehr kurzen Besuchen befand sich eine Magd oder mein Vater bei uns. Meine Mutter erschien niemals. Er saß mir dann gegenüber und baute Luftschlösser, in deren Glanz ich schweigend hineinsah. Weil er mich sehr schön fand, und weil er über meine Schönheit sich freute, kleidete ich mich zum erstenmal in meinem Leben hübsch. Er machte aus mir ein ganz anderes Wesen. Das Herrlichste war aber doch, daß er nicht viel Geld hatte, daß er mich nicht hatte kaufen können. Er wollte mich nach Paris bringen, wo sein Vater ein berühmter Maler war. Bereits nach wenigen Wochen fand unsere Hochzeit statt; denn meine Eltern wollten uns beide möglichst schnell aus dem Hause haben. Als wir zur Kirche fuhren, lag meine Mutter in Krämpfen; und von den vielen Freunden und guten Bekannten ließ keiner sich sehen. Gleich nach der Trauung verließen wir Rom – Mariano war mittlerweile aus der Armee getreten – und gleich nach der Trauung erfuhr ich alles. Er sagte es mir im Rausch unserer Hochzeitsnacht. Meine Mutter hatte sich unsinnig in ihn verliebt und – – Und dann hatte meine Mutter in ihrer tollen Leidenschaft ihm den politischen Plan verraten. Dadurch hatte er meinen Vater in seine Gewalt bekommen. Er hatte gedroht, meinen Vater und alle Verbündeten dem Gericht zu übergeben, hatte als Preis für sein Schweigen die schöne Tochter gefordert. Er hatte mich durch sein Schweigen erkauft. Alles war aus und vorbei. Ich wollte aus dem Zimmer. Aber er lachte nur. Ich schleuderte ihm meine Verachtung ins Gesicht. Aber er lachte nur. Mit einer Schurkenthat bezahlte er mich, mit einer Gewaltthat nahm er mich. Und ich ließ es geschehen! * Wiederum war ich ein armes Geschöpf geworden. Aber ich war kein Mensch mehr, keine Frau; sondern nur ein lebendiges Ding. Er brachte mich nach Paris. Wir wohnten bei dem berühmten Künstler, der sein Vater war. Dieser machte großes Wesen aus meiner Schönheit, die mir jetzt gradezu abscheulich erschien. Ich bekam eine Kammerfrau, mußte mich wundervoll kleiden und im Atelier Herzöge und Minister, große Dichter und Künstler empfangen. Alle sagten mir ins Gesicht, daß ich sehr schön sei und daß sie mich sehr bewunderten. Vornehme Damen kamen. Sie betrachteten mich durch ihr Lorgnon und waren sehr herablassend gegen mich. Mariano war ungemein eitel auf mich. Wenn irgend ein großer Herr oder berühmter Mann mir seine Leidenschaft gestand, schmeichelte ihm das. Der junge Herzog von Cligny, ein Freund von Guy de Maupassant, erschoß sich, weil ich seine schändlichen Anträge zurückwies; und Mariano war glücklich über die Sensation, die dieser Selbstmord in ganz Paris machte. Sein Vater drapierte mich bald als antike Statue, bald als Madonna. Er malte mich und gab Soireen, wo ich als lebendes Bild stand. Ich ließ alles geschehen. Dann brach der Krieg mit Deutschland aus. Mariano ging mit der Armee, sein Vater starb, und ich befand mich eines Tages auf der Straße. Herzöge und Minister wollten für mich sorgen. Ein Ekel zuckte in mir auf – ein Ekel ... Ich mietete ein schlechtes Zimmer, zog ein ärmliches Kleid an und suchte Arbeit. Das einzige, was ich gelernt hatte, war etwas Goldstickerei. Ich war aber auch darin ungeschickt. Ueberdies hatten wir Krieg. Charpie und Bandagen waren notwendig, keine Stickereien. Wäre mir nicht alles, alles so grauenvoll gleichgültig gewesen, hätte ich Paris durch irgend ein Thor verlassen und mich in dem ersten besten Dorf als Magd verdingt. Wie einstmals bei meinen Eltern, mußte ich oft hungern. Doch ich fühlte es kaum. Auch war es eine gute Vorübung für die Hungerszeit während der Belagerung. Als Mariano mich dir schilderte: wie ich damals über die blutigen Leichname der Kommune hinweg durch die Straße gegangen; als wären es Regenlachen – da merkte ich an deinem Entsetzen, welch elendes Geschöpf ich damals gewesen sein muß. Mariano kam aus Deutschland zurück – als Flüchtling! Er suchte mich. Ich hatte an gar nichts gedacht. Sonst wäre ich doch wohl fortgegangen – ganz gleich wohin. Aber nun fand er mich und sagte mir, daß er meinetwegen den Preußen entflohen wäre. Mariano wollte leben, wie er früher gelebt hatte und er hatte das Leben eines großen Herrn geführt. Wir waren aber ganz arm. Einen kleinen Posten wollte er nicht annehmen, und anderes fand sich nicht für ihn. Sarcey bot ihm eine Sekretärstelle bei sich an; aber Mariano wollte sein eigener Herr sein. Er schrieb für den »Temps«. Aber er schrieb nur, wenn er Lust hatte; und er hatte selten Lust. Er spielte Hazard. Aber er hatte kein Glück im Spiel. In einem Liebeshandel kam es zu einem Duell. Er verwundete dabei einen einflußreichen Mann und mußte fort aus Paris. Ein sehr reicher Freund begleitete uns. Denn Mariano nahm mich wieder mit; und – ich ließ mich wieder mitnehmen. * Ich hatte immer Gott dafür gedankt, daß ich kinderlos blieb. Nur kein Kind von diesem Manne! Um Gottes willen nur das nicht! Als wir in die Villa Falconieri zogen, fühlte ich mich Mutter. Diese Verzweiflung! Gott, Gott, diese Verzweiflung! Vielleicht brachte ich ein totes Kind zur Welt ... Und ich schrie die Muttergottes um ein totgeborenes Kind an. Alle Nacht lag ich in der Kapelle vor dem Altar und flehte: »Laß das Kind sterben!« Aber das Kind lebte. »Du tötest es,« nahm ich mir vor in der Stunde, da ich's gebar. Sie legten das Kind an meine Brust. Es schrie jammervoll. Als ich es tränkte, als es dann stille ward, als es an meiner Brust einschlief: da – war ich die glückseligste Mutter. Es ist ja auch wunderbar. * Dann wußte ich vom Leben nichts mehr, als daß mein Kind auf der Welt war. Marianos reicher Freund starb, bevor er ausgebeutet werden konnte. Anstatt Herr der Villa Falconieri zu sein, wurde Mariano der Pächter. Wiederum waren wir arm. Da kamst du in die Villa. Du warst so anders, als alle Männer, die ich bis dahin kennen gelernt hatte: so ganz anders! Du warst der erste Mann, dessen Blick ich nicht schon als Beleidigung empfand. Du warst der erste Mann, der an mir nicht nur meine Schönheit sah; der erste, für den ich auch eine Seele besaß. Ich liebte dich nicht. Wie konnte ich das, da ich mein Kind hatte? Aber ich faßte sogleich Vertrauen zu dir, hatte sogleich einen Glauben an dich, der zur Religion für mich wurde. Mariano konnte ein solches Mysterium nicht verstehen. Er konnte nur verstehen, was war wie er selbst. Und so gab er denn meiner stillen schönen friedlichen Empfindung einen häßlichen Namen. Ich sollte »verliebt« in dich sein. Er verhöhnte mich mit dir. Weil er es mit seinen Mißhandlungen nicht konnte, marterte er mich täglich mit dir. Täglich schrie er mir zu, wie ich mich dir an den Hals werfen sollte, wie du mich aus Mitleid an deinem Halse lassen würdest – aus Barmherzigkeit mit der unglücklichen Frau. Er haßte dich; denn er fühlte die Reinheit deines Lebens. Und ihm war im tiefsten Herzen nichts so zuwider wie alles geistig Helle und seelisch Schöne. Du warst vielleicht der einzige Mensch gewesen, von dem er kein Geld angenommen hätte. Aber weil er wußte, daß ich darunter litt, nahm er auch dein Geld. Er wollte mich sogar zwingen, dich darum zu bitten und hätte dann an meiner Qual seine Freude gehabt. Da ich dich nicht bat, brachte er andere Männer ins Haus. Sie kamen meinetwillen, und wenn sie mit Mariano am Spieltische saßen, mußte ich dabei sein. So war mein Leben, so ward ich täglich von neuem geschändet. So tief bin ich gesunken, so ganz und gar bin ich ohne Frauenwürde mehr. Und du, du Guter und Reiner, erhebst mich aus dem Abgrund, reinigst mich vom Staube, weihst mich von neuem durch deine Liebe. Dann tötete er mein Kind. Und als ich in der Nacht nach dem Begräbnis hinausging und thun wollte, was ich längst hätte thun müssen, riefst du mich beim Namen. Da gab dein Wort mich dem Leben zurück. Da fühlte ich, daß ich dich liebte, daß ich dich vom ersten Augenblick an geliebt hatte. Und da glaubte ich dir, was du mir in der Nacht, die meine Todesnacht hätte sein sollen, sagtest. Es ist nicht Großmut! Keine Barmherzigkeit ist es, kein Mitleid: Auch du liebst mich! * Von Camaldoli kam der Prior, um zwischen den beiden Ehegatten zu vermitteln; und aus dem nämlichen Grunde erschienen einige Väter des Tusculanerklosters. Ich wollte nicht, daß sie Maria quälen sollten, und wünschte allein mit ihnen zu verhandeln. Doch als sie bei mir versammelt waren, trat plötzlich Maria ins Zimmer und erklärte: sie betrachte ihre Ehe mit Mariano als gelöst. Alle Ermahnungen, Vorstellungen und Vorwürfe der guten geistlichen Herren hörte sie mit vollkommener Ruhe an. Zum Schluß sagte sie nur: ob die Priester eine Ehe, wie sie sie geführt hätte, für eine christliche Ehe hielten? Unverrichteter Dinge kehrten die würdigen Männer in ihre Heiligtümer zurück. Es verbreitete sich das Gerücht: Mariano wollte Mönch werden. Fürs erste blieb er in Camaldoli, wo er eine der kleinen Einsiedeleien bezogen hatte. Hier sollte er in fanatischer Askese leben, fast keine Nahrung zu sich nehmen, die Nächte im Gebet verbringen und die Bußübungen sündiger Mönche thun. Ich war begierig, wie lange dieser Paroxismus dauern würde. Inzwischen ließ ich Marianos Gläubiger befriedigen und alle seine Verhältnisse ordnen, wobei sich Dinge ergaben, die einem Zolaschen Roman entnommen schienen. Für Mariano trat ich in den Pachtkontrakt der Tenuta ein. Die meisten Leute hingen mit solcher Schwärmerei an ihrem Herrn, daß sie unter mir nicht bleiben wollten. Ich setzte einen Verwalter und verschiedene andere tüchtige Männer ein. Sie bewirtschafteten die Tenuta nach Landesbrauch und befinden sich noch heute in meinen Diensten. * Eine Scheidung der Ehe Marias mit Mariano war, dank dem famosen Code Napoléon , nicht durchzusetzen. Nur eine Trennung der beiden Gatten war möglich. Und auch dann konnte Maria durch den machtvollen Arm des die Bürger eines Staats schützenden Gesetzes zur Rückkehr zu ihrem Mann gezwungen werden. Mariano konnte daher unser Schicksal sein und unseren Gott spielen. Wir sprachen niemals darüber. Niemals wurde berührt, daß Maria erst nach Marianos Tod vor der Welt mein Weib sein konnte. Wozu bedurften wir beide einer Ehescheidung und eines Dispenses des Papstes? Zwei Unglückliche hatten sich schweigend die Hand gereicht. Sie hielten die verschlungenen Hände fest ineinander geschlossen. Vor der Welt nicht mein Weib – – Mochte doch die Welt ihren berühmten Stein aufheben und nach uns werfen. Wir würden uns steinigen lassen und zwar ohne uns darum als Märtyrer zu fühlen. Die Welt muß nach der Strenge ihrer Sitte richten; und wir müssen nach Maß unserer Sittlichkeit handeln. Ich ließ für Maria die Zimmer einrichten, die sich um die Loggia mit der kleinen Fontäne gruppieren. Aus diesen stillen Gemächern hatte sie den Blick auf die Pinienwiese der Villa Taverna und die lange Cypressenallee, welche die Oelwälder durchschneidet und zur Villa Montragone hinaufführt; auf das herrliche Sabinergebirge und die köstlichen Höhen von Tusculum. Hielt sie sich in diesen Räumen auf, drang kein anderer Laut zu ihr, als das Rauschen des Springbrunnens, Vogelgesang und mitunter entfernte Musik, die, aus der ungeheuren Palastruine der Villa Mondragone tönend, wie eine Geisterstimme über den Wipfeln der Oelbäume schwebte. Um für ihren dunkeln Ernst eine möglichst heitere Umgebung zu schaffen, ließ ich ihre Zimmer mit sehr hellen Farben ausmalen, und edle Möbel und schöne Geräte hineinstellen. Aber sie hatte an diesen Dingen keine Freude: nicht einmal an den Blumen, mit denen jeden Morgen Vasen und Schalen gefüllt wurden. Die Trauer um ihr Kind legte sie sehr bald ab und fing an, sich mir zuliebe schön anzuziehen. Sie besaß eine Vorliebe für sehr helles Grau. Sie sah in diesen lichten Kleidern ganz besonders schön aus – vielleicht etwas zu feierlich. Aber auch das paßte wiederum gut zu ihr. Ich merkte, daß sie um ihren toten Liebling leidenschaftlich trauerte. Sie zeigte es indessen niemals, besuchte niemals das Grab. Es lag eben nicht in ihrer Natur, an einer Gruft zu stehen und zu weinen. Nachdem sie das eine Mal von ihrer Vergangenheit gesprochen hatte, that sie es nie wieder. Nur ein einziges Mal hatte sie mir gesagt, daß sie mich liebte: so liebte, wie ein Weib nur lieben kann! Niemals fragte sie mich wieder nach meiner Liebe zu ihr, nachdem sie es einmal aus meinem Munde gehört und meiner Versicherung geglaubt hatte. Sie wußte, daß sie nicht meine erste Liebe war; aber sie fühlte die feste Gewißheit, daß sie meine letzte bleiben würde. Ohne Unterlaß trachtend, nur für Maria zu leben, erkannte ich darin nur einen triftigen Grund mehr, um mich in die schöne Einsamkeit der Villa Falconieri zu vergraben. Wie die Verhältnisse jetzt lagen, war an ein Aufhören dieser Traumexistenz gar nicht zu denken. Denn niemals würde ich Maria einem unehrerbietigen, oder nur zweifelhaften Blick ausgesetzt haben. Der Zauberkreis innerhalb der Mauern unseres leuchtenden Hauses schützte auch sie wie ein Talisman gegen alles Gemeine. Von neuen Arbeiten und Werken hätte schwerlich die Rede sein können, wäre ich auch noch bei alter starker Schaffenskraft gewesen. Ich hatte zu viel mit unserem Seelenleben zu thun, mußte fort und fort in uns hineinblicken und über unser Geschick grübeln und brüten. Vielleicht gelang es mir, zu entdecken, daß mein Mitleid für Maria doch Liebe war! Dann waren wir beide gerettet. Oder ich mußte befürchten, daß Maria das Opfer meines Lebens erriet; und dann waren wir beide verloren. Wie ich uns aber auch beobachtete und bewachte; jeden Gedanken zehnfach analysierend, jedes Gefühl beständig unter die Lupe bringend – ich entdeckte bei mir nur die eine einzige machtvolle Empfindung, bei ihr nicht eine Regung von Mißtrauen. Ich mußte mich beständig streng vor jedem Selbstverrat bewahren. Vieles in meinem neuen Leben war schwer. Aber dieses Eine erschien mir als das Schwerste. Es verzehrte meine ganze Kraft und oft überfiel mich tödliche Ermattung. * Einmal war es unumgänglich notwendig, mich persönlich nach Rom zu begeben. Seit Jahren war ich nicht dort gewesen. Ich entsetzte mich selbst darüber, wie alles auf mich wirkte, mich beunruhigte und quälte. Ich fühlte mich auch physisch schwer krank. Im Café Oranio genoß ich etwas. Neben mir saßen römische Litteraten, von denen ich einige kannte. Aber sie erkannten mich nicht.... Wie verändert ich mich haben mußte – seltsam! Uebrigens war ich sehr froh, daß mich niemand erkannte. Sie redeten von Litteratur; und es wurde mir noch unbehaglicher zu Mute. Denn wenn sie von mir gesprochen hätten – – Aber sie nannten nur Namen, die ich gar nicht kannte. Von mir sprach niemand. Gott sei Dank! Auch in der Litteratur mußte vieles anders geworden sein: genau so, wie ich es vorausgesehen hatte. Noch einmal: Gott sei Dank, daß ich mich zur rechten Zeit aus den Reihen der absterbenden Dichter davongeschlichen und mir selber das Grab gegraben hatte. Trotzdem quälte mich alles, was die Leute neben mir sprachen. Jedes Wort wühlte in mir. Es war so wunderbar, daß ich einstmals auch ein lebendiger Dichter gewesen sein sollte und längst vergessen worden war. Längst vergessen – So schnell ich konnte, beendete ich mein Mahl, zahlte und ging mit abgewandtem Gesicht hinaus. Warum wendete ich das Gesicht ab? Auch auf der Straße fürchtete ich jeden Augenblick trotz der großen Veränderung, die mit mir vorgegangen sein mußte, daß dieser oder jener mich erkennen könnte. Warum fürchtete ich mich, erkannt zu werden? Zum Glück ward es bald dunkel. Mein Weg führte mich am Valletheater vorüber. Erinnerungen erwachten. Ich hatte sie längst, längst totgeglaubt. Und jetzt waren sie plötzlich da, jetzt wollten sie sich nicht zurückdrängen lassen. Wie Geister stieg Vergangenes vor mir auf: ... Im Valletheater wurde ein neues Drama gegeben. Das Haus war überfüllt, der Beifall brach tosend aus. Das Werk riß das Publikum hin: und – es war mein Werk! Sie riefen meinen Namen, sie jubelten mich auf die Bühne: wieder, immer wieder! Ich sah mich selbst. Die Toten standen auf – ich sah ein Gespenst. Denn ich befand mich vor dem Valletheater und las den Titel des Stückes, das am Abend gegeben wurde: »Agrippina«, Tragödie in fünf Aufzügen von Cola Campana ... Wie von Geisterhänden gezogen, trat ich ins Haus und an den Schalter, wo ich mir eine Loge nahm. Es mußte noch sehr früh sein; denn es kamen sehr wenige Leute. Aber das Stück hatte bereits angefangen und das Haus war fast leer. Ich saß in dem öden Hause, sah meine Gestalten, hörte meine Verse sprechen ... Gespenster, alles Gespenster! In dem öden Hause blieb es still – still – still. Auf dem Zettel las ich, daß die kleine Rolle der Marcia eine Debütantin spielte. Es war ein blutjunges Geschöpf: hoch aufgeschossen, hager, hysterisch, mit scharfen eckigen Bewegungen und einer Haltung, als wäre sie schwindsüchtig. Sie hatte eine eigentümliche Art, zu gehen: sie schob sich vorwärts. Es war sehr unschön. Ihre langen schmalen blassen Hände waren in unaufhörlicher Bewegung. Diese nervösen Hände sprachen! Sie sprachen zu den Herzen der Hörer viel beredter als meine pathetischen Verse. Die kleinen zitternden bleichen Hände rührten das Publikum bis zu Thränen. Sie hatte eine Stimme ohne jeden Wohllaut. Im Grunde genommen war es eine echt italienische Stimme. Verse konnte sie mit diesem hohen schrillen blechernen Organ gar nicht sprechen. Auch keine große Leidenschaft konnte sie damit ausdrücken. Nur Zärtlichkeit. Da wurde die Stimme leise; leise und weich. Da flüsterte und koste die harte herbe Stimme; da lockte und lächelte sie. Ja, und was sie sonst noch ausdrücken konnte, das war Gram, Liebesschmerz, Herzeleid, Trauer, Wehmut, stille todmüde Verzweiflung. Alle Töne eines zärtlichen verratenen gebrochenen Frauenherzens! Ihr Gesicht war häßlich ... Wie? Oder war es schön? Ich wußte es nicht. In diesem Augenblick erschien es mir entschieden häßlich, im nächsten entschieden schön – wunderschön! Es war ein beständiger Wechsel in diesem kleinen hageren süßen Gesicht. Alles darin war Ausdruck. Und der Ausdruck war eben alles. Sie debütierte also: in Rom debütierte sie! Von ihrem Erfolge hing ihre künstlerische Zukunft ab; und sie hatte es nicht einmal für nötig befunden, sich zu schminken. Noch dazu im antiken Kostüm! Aber ihre Augen – Diese großen weitoffenen düsteren Augen; diese traurigen leuchtenden märchenhaften Augen; diese rätselhaften unergründlichen unvergeßlichen Augen! Es waren die Augen einer großen Künstlerin, die Augen einer echten Tragödin! Und – es waren die Augen einer unglücklichen kranken Frauenseele. Das Haus war tief betroffen. Zuerst flüsterte man. Es wurde sehr unruhig. Dann Totenstille. Man saß wie gebannt und hörte die schmerzlichen Lippen flüstern, die ruhelosen Hände reden, diese schwermütigen glänzenden Augen eine tragische Liebesgeschichte erzählen. Als die kleine Rolle zu Ende gespielt war, raste das Publikum. Um das Werk kümmerte sich niemand. Das Werk gehörte zu den abgethanen Dingen, zu dem fortgeworfenen vergessenen Ueberfluß. Das Werk war tot! Das Werk und der Dichter. Aber der jungen Schauspielerin und der Bühne, darauf sie souverän herrschen würde, gehörte die Zukunft. Friedlich und feierlich war später mein Heimritt in der Vollmondnacht durch die Campagna. Ich ließ mich von den Lichtfluten wie in ein himmlisches Kleid hüllen und von dem großen Schweigen der Natur mit einem Hauche göttlicher Ruhe erfüllen. Dann befand ich mich zu Hause! Schon im Hohlwege bei der Villa Lancellotti kamen mir meine drei jungen weißen Wolfshunde entgegengerast. Sie sprangen am Pferde in die Höhe und heulten vor Freude über die Heimkehr des Herrn. Dann streckte mir durch das hohe Thor der alte Eichbaum seine gewaltigen Aeste entgegen; und der wachsame Falke über demselben grüßte mit ausgebreiteten Flügeln. Dann umfing mich der Silberschimmer des Oelwalds, die Dämmerung des Steineichenhains. Dann trat ich ein in mein liebes einsames Haus, in mein schönes Asyl. Maria erwartete mich in der Halle; und sie hatte dort gewiß seit Stunden gewartet. Mit heimlicher Sorge sah sie mir in die Augen. Ich konnte jedoch lächeln. Ja! Ich war ein toter Poet; aber – es schmerzte nicht mehr. Sehr bald darauf lernten wir Euch kennen. Wißt Ihr noch, wie es kam? Wir erinnern uns jeder Einzelheit; und so oft wir daran denken, danken wir dem Geschick für Eure Freundschaft. In der Villa Muti war's, in der »Rosenvilla«. Ich wollte sie Maria in der Blütezeit zeigen; und selbst meine kühle Maria sagte: »Es ist schön.« Rosen – Rosen – Rosen! Maréchal-Niel und Gloire de Dijon . Und Malmaison und die wunderschöne Königin: La France ! Rosen – Rosen – Rosen! Sie stiegen zu beiden Seiten der Straße wie Bollwerke empor, krochen auf allen Wegen hin, kletterten an allen Ballustraden empor, durchwucherten alle Bosketts, füllten alle wasserleeren Fontänen und Römersarkophage, Sie umrankten die antiken Säulen und Statuen, die Stämme der Pinien und Steineichen. Sie schwangen sich von einem Baum zum andern, stürzten sich aus den Wipfeln herab, hingen wie rosige Teppiche von den Wänden der Villa nieder. Sie sprossen aus den Stufen der Treppen, aus den Fugen der Mauern, breiteten sich zu Feldern aus. Rosen – Rosen – Rosen! Wir kamen in ein Labyrinth von engen dunklen Lorbeergängen, die uns über eine kleine Brücke auf ein von trüben Wassern umflossenes Inselchen führten. In dem Teich wuchsen Kallas und Lilien; und ringsum die hohen Gebüsche durchleuchteten wiederum Rosen – Rosen! Auf dem winzigen Eilande stand ein alter Erdbeerbaum, darunter eine Büste der Zenobia aufgestellt war. Antike Kapitäle und gestürzte Altäre standen als Sitzplätze umher. Hier wart Ihr! Den Schoß voller Rosen, saß Deine Frau unter dem schönen Baum. Sie trug ein leichtes weißes Kleid und erschien uns wie der Genius des Ortes. Auch Du gefielst mir mit Deinen ernsthaften Augen und Deiner freundlichen Stimme recht gut. Wir beide sprachen miteinander ... Aber Maria blieb scheu zurück und schaute unverwandt auf Deine Frau. Da wählte diese die schönsten Rosen aus ihrem Schoß, ging auf Maria zu und reichte ihr mit einem Lächeln den Strauß. Es waren die ersten Blumen, die meiner armen Maria Freude bereiteten. Damit begann es. Denn dann kamt Ihr in die Villa Falconieri und wart gleich so verständnisvoll für mich sonderbaren Schwärmer, gleich so entzückt von meiner lieben Maria. Nachdem Ihr wieder gegangen wart, empfanden wir beide zum erstenmal, wie – einsam wir eigentlich waren. Doch Ihr kamt wieder und wieder, nicht duldend, daß wir uns auch vor Euch verbargen und verkrochen. Und Ihr kamt wieder und wieder, auch nachdem ich Dir gesagt hatte, daß Maria nur vor allen guten Geistern des Himmels meine Frau sei. Und wir liebten Euch. Einmal machte ich eine Entdeckung, die mich im höchsten Grade erschreckte. Ich hatte mir nämlich eingebildet, ausschließlich für Maria zu leben; und ich mußte schließlich erkennen: Maria lebte ausschließlich für mich. Wie war diese vollständige Wandlung in unserem Verhältnis nur vor sich gegangen? So tief heimlich vor sich gegangen, daß ich davon nichts gemerkt hatte? Wie war es überhaupt möglich gewesen, gar nichts zu merken, wo ich uns Beide doch fort und fort belauschte und belauerte? Waren meine Organe bereits stumpf geworden, war ich denn kein feinfühliger Geist mehr, hatte ich mich zu einem selbstsüchtigen Menschen umgewandelt? Ich, der ich mich selbst hatte verleugnen wollen?! Konnte jahrelange ernsthafte Selbstbetrachtung, lediglich zum Zweck läuternder Selbsterziehung angestellt, schließlich Selbstsucht erzeugen? Konnte ein an sich edles Wollen die häßlichste Wirkung haben? Denn es gibt unter der Sonne nichts Häßlicheres als Selbstsucht! Fortan beobachtete ich unser beider Seelenleben von einem ganz neuen Gesichtspunkte aus. Und zwar beobachtete ich unerbittlich scharf, daß mir nichts – gar nichts entgehen konnte. Mein altes heftiges, durch das lange Schweigen der Einsamkeit eingelulltes Mißtrauen gegen mich selbst wurde jetzt aufgerüttelt und zum unerbittlichen Wächter über mich selbst gestellt. Jetzt mußte ich mich in acht nehmen! Mit welcher meisterhaften Kunst Maria verstand, ausschließlich für mich zu leben und mich dabei in der Illusion zu erhalten: ich lebte ausschließlich für sie! Nur eine Frau vermag diese schwerste Kunst der Täuschung zu solcher Vollendung zu bringen, nur eine liebende Frau! Ganz heimlich ging sie zu Werke, ganz leise. Aber ich kam doch hinter ihre lautlos schleichenden Liebesthaten. Kein Samariter konnte einen hoffnungslosen Kranken mit solcher Barmherzigkeit pflegen wie Maria mich. Dabei versuchte sie fort und fort, mir einzureden: ich wäre vollkommen gesund, und sie allein bedürfte der liebevollen Sorgfalt des Wärters. Und dieser wäre ich für sie! Immer und immer hatte sie das stille leuchtende Lächeln des dankbaren Patienten für seinen gütigen Arzt. Sie benahm sich, als empfinge sie fort und fort Wohlthaten und Almosen; während sie doch fort und fort mir Wohlthaten erteilte. Fast schien es, als wäre nicht ich der Mitleidige, sondern sie. Und wie sie sich abquälte, mich zu überzeugen, daß ich auch jetzt noch wertvolle dichterische Werke würde zu schaffen vermögen! Erwiesen sich abends ihre Bemühungen als erfolglos, begann sie am nächsten Morgen damit von neuem. Auch bei diesen Unternehmungen ging sie wundervoll leise zu Werke. Sie wollte meinen Ehrgeiz wecken. Aber der war längst tot. Sie wollte mir den Glauben an mich selbst wiedergeben. Aber den hatte ich ja niemals besessen. Sie wollte mich überzeugen, daß ich immer noch nicht vergessen und verschollen wäre. Aber ich wußte es besser. Jetzt that sie ihr äußerstes, indem sie versuchte, mich der Villa Falconieri zu entreißen – meiner geliebten Zufluchtsstätte, meinem köstlichen Ruheort, meinem wonnigen Grabe! Welche Mittel und Künste sie anwendete! Was ihre Liebe ihr alles ersinnen half, ihre hilflose Angst ihr eingab... Und alle diese bangen Versuche ganz still, beinahe wortlos. Dafür freilich um so beweglicher. Wenn ich mich nicht überzeugen ließ, so hatte diese scheinbare Gefühllosigkeit ihren Grund in der Erkenntnis, daß Maria über mich in einem schweren Irrtum befangen war. Ich kannte mich eben besser. Wir lebten so hin ... Von meinem Balkon aus konnte ich beobachten, wie im Lauf der Jahre das neue und neueste Rom entstand: Roma nuova ! Die schimmernde Häusermasse rückte aus dem Bett der sieben Hügel weiter und weiter in die menschenöde Campagna hinaus. Das neue Rom glich einem Riesenpolyp. Nach allen Seiten streckte das häßliche Ungetüm seine gefräßigen Fangarme aus. Es umklammerte den erhabenen Leib der königlichen Landschaft, saugte sich daran fest, saugte ihr die majestätische Schönheit aus. Von der Villa Falconieri aus, sah ich das elektrische Licht seinen triumphierenden Einzug in die Hauptstadt des Königreichs halten. Am Bahnhof leuchtete es zuerst auf. Dann griff der grelle Glanz um sich: vom Lateran bis zum St. Peter! Diesen bestrahlte die künstliche Nachtsonne der neuen Zeit nicht, dieser ließ sich von keinem Lichte erhellen, das von der Erde war. Groß und still und einsam, wie in feierlicher, ewiger Oede, steht er am Tiberstrand. Er duldet den Widerschein, der vom Quirinal auf ihn fällt, und weiß in seinem Ewigkeitsbewußtsein, daß der Glanz, der von seinem Allerheiligsten ausgeht über die Welt, alle irdischen Flammen erstickt. Und ich sah von meinem leuchtenden Hause aus zu, wie das greise Antlitz der Campagna, selbst wo sie von Rom weit entfernt war, Jahr für Jahr, Zug um Zug sich verwandelte, scheinbar verjüngte. Es war, als würde eine tote große Monarchin für die Aufbahrung hergerichtet. Man schminkte ihr sogar die fahlen Wangen und versuchte, die Majestät des Todes zu entstellen. Aber die teilweise Zerstörung des großen Kirchhofs der Weltgeschichte ließ auf die römische Landschaft blühendes Kulturleben niederströmen; und nur der Maler oder Phantast durfte von Entstellung reden. Ich sah die trostlosen Oeden in reiche Felder sich wandeln, sah das braune Brachland mit fruchtbaren Siedelungen sich bedecken, sah die schönen Eukalyptuswaldungen wachsen und sich ausdehnen. Es ist der Kampf modernen Geistes gegen den Würgengel der Malaria, die seit Jahrtausenden der böse Genius des Ortes ist. Und das wird sie auch trotz alledem bleiben. Man kann den Dämon durch die Mittel unserer großen Kultur wohl betäuben, aber nicht töten. Diese Wandlungen der römischen Landschaft, deren Zeuge ich bin, sagen mir, daß die Jahre vergehen. Wir altern. Marias goldbraunes Haar durchschimmern bereits die ersten Silberfäden: und ich selbst komme mir vor wie ein Greis. Bisweilen – nur bisweilen – erwacht in mir ein Etwas wie eine letzte Regung von Jugend. Ich empfinde dieses viel zu späte Erwachen jedesmal an einer dumpfen dunklen unendlichen Sehnsucht. Sehnsucht – wonach? Demnach wäre es wahr, daß wir uns sehnen, also noch hoffen können, also an ein Glück für uns glauben, so lange wir überhaupt leben: und daß nur die Toten in Wahrheit entsagen? Und wir beide leben so hin... Ohne die Leiden, die das Leben dem Menschen bringt, und mit den Freuden, die ihm die Einsamkeit schenkt. Ich habe Frieden gefunden. Und wenn ich in jenen seltenen Momenten der Sehnsucht empfinde, daß es ein Kirchhofsfrieden ist, so – beklage ich mich nicht. Und Maria? Sie ist das verschlossenste und herbste, das edelste und vornehmste Geschöpf! Sie ist von einer Lauterkeit der Empfindung, einer Wahrhaftigkeit des Worts, von einer stillen strengen einfachen Größe, von der ich beim Weibe nichts gewußt hatte, bis ich dieses Weib fand. Sie wird niemals liebenswürdig sein können; aber sie ist immer verehrungswürdig. Und immer ist sie bereit, für mich sich selbst zu vergessen und aufzugeben. Wie sie ist, so ist sie ein herrliches, ein mir heiliges Wesen. Aber sie ist durch das Schicksal zermalmt worden. Und ich hatte mir's zur Lebensaufgabe gemacht, ihre Schmerzen zu lindern, ihre Wunden zu heilen. Mit festem Willen, mit allen Kräften versuchte ich, meine Mission zu erfüllen. Habe ich sie erfüllt? Ich suche beständig die Antwort in ihrem Gesichte zu lesen. Es ist immer dasselbe blasse und stille, ernste und milde Antlitz. Ich suche ruhelos die Bestätigung in ihrem ganzen Wesen zu finden. Es ist stets das gleich pflichtfreudige und pflichtstrenge, sich selbst verleugnende und aufopfernde Wesen. Ich suche die Erwiderung auf meine bange Frage angstvoll und immer angstvoller in meinem eignen Herzen. Ist Maria glücklich? Sie hat sich so verändert – – Ich kann mir's nicht mehr vorstellen, daß diese milde milde, stille stille Frau dieselbe ist, die mir damals in Carlo Marattas Frühlingszimmer die schreckliche Geschichte der unseligen Ottavia Sacchetti erzählte: mit solchem Blick, solcher Miene! Das Leben, das Marias schönes Antlitz einst verzerrte, hat daraus jede Spur einer Entstellung verwischt, hat es zu einem unbeschreiblich schönen, unaussprechlich traurigen Frauenantlitz gemacht. Nein: sie ist nicht glücklich! Nein, nein: ich habe meine Aufgabe nicht erfüllt! Bin ich denn glücklich? Aber auf mich kommt's nicht an. Ich muß anders fragen: Würde Maria glücklich sein, wenn sie wüßte, daß ich es wäre? Es liegt etwas zwischen uns. Etwas Dunkles, Geheimnisvolles, Unheilvolles! Was ist es? Ist es Mariano? Er ist noch immer nicht verdorben und gestorben. Maria ist noch immer nicht frei, er kann uns noch immer als Gespenst schrecken. Aber – Mariano ist es nicht, was zwischen uns steht. Ist es vielleicht jene Sehnsucht, die immer noch, immer noch in mir ist und nach Leben schreit: nach lebendigem Leben! Dann wäre es die Einsamkeit, der ich mich ergeben habe und die mein Verderben geworden? Nicht die wonnevolle Einsamkeit der Villa Falconieri; sondern die tödliche Einsamkeit meines Herzens ... Der Strom des Lebens flutet frei dahin; Im Sonnengolde leuchten auf den Wagen – Ich aber stehe abseits, tief im Dunkeln ... Wenn ich nachts nicht schlafen kann und auf meiner Wandelbahn auf und ab gehe, stundenlang auf und ab! – so sehe ich jetzt immer Nacht für Nacht ein Licht. Es strahlt unter mir und kommt aus einem Fenster der Villa Taverna, die dem bankerotten Fürsten Borghese gehört und von diesem an den Prinzen von Sora vermietet ward. Nacht für Nacht begrüßen sich seit einiger Zeit die beiden Schwesterlichter: denn der zuckende Funken unter mir strahlt auch so allein. Heute sagte mir Maria, das einsame Licht brenne Nacht für Nacht im Zimmer der Prinzessin. Sie soll sehr jung, sehr schön und auch – sehr unglücklich sein. Auch sehr unglücklich – – Sie dauert mich!   Ende des ersten Bandes. Zweiter Band. Viviane. »Ach wie bin ich ungeduldig! Meine Zeit wird kommen. Ich glaube ja daran. Aber etwas sagt mir, sie wird niemals kommen. Ich werde mein ganzes Leben mit Warten verbringen. Immer warten ...« »Warten ... warten! ...« »Wen soll ich fragen? Wer wird offen sein? Wer wird gerecht sein?« »Du wirst es sein, meine einzige Freundin; du wenigstens wirst offen sein, denn du liebst mich ... Ja ich liebe mich, ich mich allein ...« Aus Marie Baschkirtzews Tagebuch. ... Ich lag so krank, so krank! Du gingst vorüber; jede Hoffnung sank. K. Stauffer – Bern. Die Prinzessin von Sora an die Herzogin Bere de Bere Bere-House, London, England. Frascati, Provincia di Roma, Villa Taverna-Borghese, am ersten März 1892. Aber, Madame Charme, herrliche Madame Charme! Was hat Deine allerliebste unwiderstehliche süße Viviane Dir zuleide gethan, daß Du so schrecklich böse auf sie bist? Mit der strengsten Richtermiene Deines platonisch schönen Angesichts schiltst Du sie eine »unverbesserliche Mondaine«; und sie ist doch nur ein armes kleines Ding, ein recht armes kleines Ding! Uebrigens hast Du gut schelten. Du sitzest in Deinem prächtigen Bere-House; und wenn Du in London bist, so ist in London die Season. Du hast einen himmlischen Mann, der Dich vergöttert, hast zwei engelhafte Kinder, die Du anbetest; Du wirst verehrt, bewundert, gefeiert; Du wirst gefürchtet, gehaßt, geliebt; Du bist unheimlich geistreich, erstaunlich tugendhaft; und vor allem bist Du vom Scheitel bis zur Sohle Madame Charme! Und ich – – Was habe ich? Einen Gatten, den ich, wie ich beschwören kann, niemals auch nur für eine Sekunde adorierte, und keine Kinder – Gott sei Dank, keine Kinder! Gott sei inbrünstiger Dank mein Leben lang ... Für diesen Mangel an allem Glück besitze ich allerdings Smaragden, die fast noch größer sind als der berühmte Schmuck unserer schönen Königin. Was bin ich? Ein Kind von zweiundzwanzig Jahren, das sich selbst leidlich hübsch findet, mitunter ziemlich liebenswürdig sein kann; das nicht grade dumm, aber unausstehlich kapriziös ist. Dabei sehr elegant, wirklich wundervoll elegant! Resumé: Viviane, Prinzessin von Sora, ist ein kleines süßes Ding; ist ein wunderliches tolles Geschöpf; ist ganz und gar grande dame ; ist durch und durch eine herzbestrickende, jedoch vollkommen herzlose Thörin; ist halb Sphinx, halb Sirene, bald Engel, bald Teufel; ist – »nehmt alles in allem« – vom Scheitel bis zur Sohle ein Weib! Und mit so vielen weltlichen Eigenschaften ausgestattet, soll ich, wie Du mir vorwirfst, eine absolut unverbesserliche Mondaine sein? Weshalb sollte ich mich bessern? Nur deswegen, weil ich bin, was ich bin? Ich besitze nicht nur meine echte Evanatur; ich habe auch den Mut, meine Natur aller Welt zu zeigen: »Voilà une femme!« Und weswegen sollte meine Natur nicht von A bis Z mondaine sein, da ich es sicher bereits im Mutterleib war? Wurde ich denn für etwas anderes erzogen, für irgend etwas anderes? Kam ich etwa zu einem andern Zweck überhaupt auf die Welt? Laß uns doch um Himmels willen nicht empfindlich sein! Der einzige Zweck meiner ganzen irdischen Existenz ist: nach Möglichkeit weltlich zu sein. Und einer Frau ist vieles möglich. Bist Du entsetzt? Madame Charme, philiströse wunderliche kluge Madame Charme – denke doch! Meine Eltern steckten mich freilich ins Kloster. Dort war es schön; denn dort warst Du! Madonna mia , wie unschuldig glücklich wir waren! Begreifst Du heute, daß ein Mensch so unschuldig und so glücklich sein kann? Wie ein junges niedliches Tier ... Welche Träume wir nicht hatten, wonach wir uns nicht sehnten, worauf nicht hofften? Auf Wunderdinge. Unter diesen befand sich auch ein gewisser junger distinguierter Mann von angenehmem Aeußern, von dem wir rasend geliebt wurden, den wir rasend wieder liebten. Zu dumm! Wir hatten Ideale ... O Gott! Endlich fort aus dem Kloster, fort von den frommen, guten einfältigen Schwestern. War das eine Seligkeit! Die große Welt, die ganz große Welt! ... Zugleich die Welt wie sie ist; und nicht, wie sie zu sein scheint: die unerbittlich grausame Welt der Wirklichkeiten. Eine gute Realistin steckt übrigens zum Glück in mir. Evviva la Realità! * Wundervolle Realitäten waren auch die ersten Toiletten von Worth, war die erste Cour, die Vorstellung bei den Majestäten, die gnädige Anrede der Königin. Dann Visiten, Korsofahrten. Folgten Oper, französisches Schauspiel, Bälle, Routs. Folgten die Wettrennen in der Campagna und die Feste im Quirinal, die heiligen Funktionen in der Sixtinischen Kapelle. Und überall und immer Schmeichelei, Heuchelei, Lüge – die freche häßliche ekelerregende Lüge der Gesellschaft. Sie war auch eine absolute Wirklichkeit ... Sehr frühzeitig dann die Entdeckung: Du bist schön! Zugleich die Ahnung von allem, was eine schöne Frau bedeutet und vermag – was überhaupt die Frau ist. Damit Erkenntnis. Und mit der Erkenntnis keine Unschuld mehr, keinen Glauben mehr, keine Illusionen mehr, kein Glück. Plötzlich siehst Du einen, irgend einen! Und dieser eine, einzige – Aber das läßt sich nicht sagen. Es ist auch so traurig. So traurig und so kurz. Kaum ein scheuer Blick Aug' in Auge; kaum ein leises bebendes Wort. Es genügt, um Dir ein Erschauern durch Deine ganze Seele zu geben, Dich in einen Taumel, einen Rausch zu versetzen, Dir einen Anfall von Tollheit zuzuziehen. Doch alles ist sogleich wieder vorbei – alles! Und das für zeitlebens ... Gegen Ende Deiner ersten Saison bist Du bereits verlobt – natürlich mit einem andern, vielleicht mit dem ersten besten. Du kennst diesen Mann, dessen Weib Du werden sollst, so gut wie gar nicht. Es ist Dir auch einerlei. Und das ist von allem das Traurigste. Glückwünsche, Visiten: als »glückliche Braut«. Der Trousseau. Das ist wundervoll! An der Stickerei des Brautschleiers arbeitet ein halbes Dutzend armer bleicher Mädchen. Wenn die Herrlichkeit fertig ist, wird sie im Palais ausgestellt und die Zeitungen bringen eine genaue Schilderung. Man beneidet Dich. Wie glücklich Du sein mußt! Die Hochzeit. Die Hochzeit mit einem Fremden. Häßlich, so häßlich! Die Ehe. Die Ehe mit einem ungeliebten Manne. Trostlos, so trostlos! Und Du hast noch immer Deine junge thörichte unersättliche unsinnige Sehnsucht. Das ist das Trostloseste! Und dann? Eine Oede, eine Leere, ein Nichts. Und dann schiltst Du mich »eine unverbesserliche Mondaine«! Wenn man versucht, die Leere mit etwas auszufüllen: mit irgend etwas! Da Du einmal leben sollst, mußt Du wenigstens leben können. O, Madame Charme! Du unverständig-weise, böse-liebe Madame Charme! * Ist das nicht artig von Deiner niedlichen Viviane, daß sie alle ihre Sünden zu Dir trägt? Ich sage Dir: meine Sünden werden einstmals Legion sein. Doch Du bist ein Meer von Erbarmen. Ich will sündigen, damit Du Dich üben kannst, barmherzig zu sein. * Uebrigens hat Deine »Unverbesserliche« nicht einmal mit den Wimpern gezuckt, als wir schon jetzt, beinahe mitten im Winter, in Villeggiatur gingen: »aus Rücksichten für meine stark angegriffene Gesundheit«. Ich huste nämlich seit Ende des Karnevals und färbe mitunter das Taschentuch mit einem höchst interessanten Rot. Mein tief besorgter Gatte bestand darauf, mich in meine ländliche Verbannung zu begleiten. Du siehst, wir können auch ritterlich sein. Zum Glück liegt die Villa Taverna nur eine Viertelstunde von Frascati; und Frascati mit der Bahn nur fünfundvierzig Minuten von Rom. Mein tief besorgter Gatte kann also bequem in einem gewissen, entzückend möblierten Villino vor der Porta Pia soupieren und sich am nächsten Tage beim Lunch nach meinem Befinden erkundigen. Auch beginnt schon im April, gleich nach den Rennen bei den Capannelle, die Wachteljagd. Was mich betrifft, so will meine Kammerfrau, für die ich – trotzdem sie eine echte Pariserin ist – beinahe eine Heldin bin, einige neue Frisuren probieren. Also ist hier draußen auch für meine Zerstreuung hinreichend gesorgt. * Ob ich lese? O ja! Was ich lese? Natürlich Romane! Französische Romane – natürlich! Könnte eine Mondaine überhaupt etwas anderes lesen? Ich habe bei meiner Lektüre eine interessante Entdeckung gemacht: Wir Ehefrauen der großen Welt sind lediglich deshalb verheiratet worden, um früher oder später die Ehe zu brechen. Es kommt nur darauf an, mit wem? Und das ergibt gewöhnlich ein Zufall. Sollten wir jedoch das Unglück haben, plötzlich unser Herz zu entdecken und einen andern Mann von ganzem Herzen zu lieben – was sage ich? Einen andern Mann anzubeten, für ihn zu verderben und zu sterben, so nützt uns – jetzt gib wohl acht! – so nützt uns, damit wir wieder geliebt werden und womöglich wieder geliebt bleiben, weder unsere Schönheit, noch unsere Güte; weder unsere Empfindung, noch unsere Liebesgewalt. Nicht das allergeringste nützen sie uns! Denn dergleichen sind für den modernen Mann Empfindsamkeiten, Geschmacklosigkeiten, Unbequemlichkeiten. Aber – Du gibst doch gut acht? – der von uns geliebte Mann wird uns wieder lieben, wird uns »ewig« lieben, uns endlos begehrenswert finden, wenn – wir die Kunst, zu lieben, verstehen: l'art de l'amour ! Ich muß es wirklich französisch sagen ... Auf unsere Capricen kommt es an, auf unsere Koketterieen, auf unsere kleinen und großen Raffinements. Lediglich darauf! Nicht unsere Anmut und unser Geist sind maßgebend; sondern der Esprit, mit dem wir Konversation machen, die Grazie, mit der wir in unserem Salon empfangen. Bist Du nichts anderes, als eine liebenswürdige und dabei anständige Frau, so wirst Du in diesem Liebeskampfe rettungslos verloren sein; siegen darin wirst Du mit Hilfe Deiner exquisiten Parfüms, Deiner fascinierenden Negligés, Deines ganzen perfekten – oder perversen Chic. Ob wir eine schwarze oder blaßrote Corsage tragen, kann unser Schicksal entscheiden; und die Art, mit der wir durch einen Salon schreiten, unsere Handschuhe knöpfen, unseren Fächer hinlegen, uns in einen Fauteuil schmiegen, kann uns unter Umständen den Geliebten erhalten, oder uns um ihn bringen. Glaubst Du mir nicht, so frage bei den Franzosen an: sie wissen Bescheid. Sie kennen die Männer und – hélas ! – sie kennen uns Frauen. Kennen sie uns wirklich? Dina, ach Dina! Wenn sie uns wirklich kennen sollten, wenn wir wirklich so sind, wie sie uns schildern – so müssen sie uns verachten. Wir werden es nicht besser verdienen. Gestrenge holdselige Beichtmutter – jeden Tag mache ich Dir meine kleine herzige Konfession; und am Ende der Woche packe ich meine ganze irdische Sündhaftigkeit fein säuberlich zusammen, couvertiere und adressiere sie zierlich, drücke mein wunderhübsches Siegel darauf und schicke den ganzen reizenden Pack Weltlichkeit, als kostbares Gut rekommandiert, der Herzogin Vere de Vere nach London. Und ist der dicke dicke Briefe glücklich auf der Post, fühle ich mich aller Sünden los und ledig; denn: Du absolvierst mich gewiß! Gefällt Dir mein neues breites Schreibpapier: couleur mauve, mit der Lebensdevise in mattem Taubengrau: »Nichts lieben – nichts glauben!« Und findest Du die Idee der Kamee auf meinem Siegelring: »Amor mit einem Totenschädel spielend«, nicht gradezu allerliebst?! Was sagst Du zu meinem letzten Parfüm? Es wird in Paris eigens für mich destilliert und darf nicht in den Handel kommen, was mir, en parenthèse , ein Vermögen kostet. Ich lasse den märchenhaften Duft nach einem alten Rezept herstellen, welches ein blutjunger Gelehrter, der so weise ist, Deine kleine unbedeutende Viviane sinnverwirrend reizend zu finden, in der Vatikanischen Bibliothek aufgestöbert hat. Es soll das Haarwasser der Lucrezia Borgia gewesen sein. Ist das nicht pikant? Dir jeden Tag meine bescheidene, aber wahrhaftige Konfession zu machen, ist mir hier auf dem Lande bereits so zur Gewohnheit geworden, wie dies in Rom meine tagtägliche Korsofahrt war. Auch die Weltlichste von uns muß auf der Welt wenigstens einen – einen Menschen haben, vor dem wir unsere Seele entkleiden können: Hülle für Hülle, Schleier auf Schleier, bis wir zuletzt dastehen, nackt und bloß, ohne Schande und Scham, so schön oder so häßlich, wie der Himmel uns schuf. Uebrigens möchte ich mich selbst in diesem tiefsten déshabillé nicht sehen. Denn trotz all' Deiner Moralpredigten ahnst Du nämlich noch immer nicht, was für ein ungeheuerliches winziges Wesen ich bin. Es liegt etwas in mir! Vielleicht etwas sehr Hohes und Herrliches – könnte dieser und jener meinen, vielleicht etwas sehr Schlimmes und Schreckliches – meine ich selbst. Denn ich selbst werde mir mehr und mehr bewußt, daß ich – aus Neugierde etwa – fähig wäre, irgend eine Unthat zu verüben. Ich will Dir von meiner Frivolität ein Beispiel geben. Stelle Dir vor: ich hätte einen Menschen unsinnig lieb; und dieser Mensch stürbe; und ich wäre bei seinem Begräbnis halb von Sinnen, ganz in Verzweiflung. Und an der Leiche dieses geliebtesten aller Menschen fiele mir plötzlich etwas sehr Komisches ein. Ich bin heilig überzeugt, daß ich laut auflachen würde. Vielleicht nehme ich tags darauf Gift – vielleicht! Aber laut auflachen würde ich trotzdem. Ist das verbrecherisch, oder ist das einfach verrückt? Ich wünschte, ich könnte Messen lesen lassen aus Dankbarkeit gegen den Himmel, weil ich keine Kinder habe und weil ich meinen Mann verachte. Es möchte sonst einmal fürchterlich mit mir werden. Vielleicht besitze ich gar kein Talent zur Liebe, oder zur Leidenschaft. Und Talent muß der Mensch zu allem haben – selbst zum Glück ... Es würde mich grausen, Entsetzen würde mich packen, sollte ich bei mir plötzlich ein Talent zu einer dieser merkwürdigen Empfindungen entdecken müssen: so, wie ich nun einmal bin! Eben darum will ich nichts lieben, nichts glauben. Ich will nicht! Ich habe solche Angst, weil ich mich kenne und wiederum ganz und gar nicht kenne. Es ist so unheimlich. Ich fürchte mich vor mir selbst, als wäre ich mein eigenes Gespenst. * Du willst »alles« über die Villa Taverna hören? ... Ist es nicht vollständig einerlei, wo wir leben? Was bedeutet eine Wohnung, wenn wir doch immer in uns selbst bleiben müssen? Ich versichere Dich: immer! Ich möchte mein Haus so einrichten, genau so, wie ich in meiner geheimsten Seele bin, die ich weit weit vor Dir aufschließe – soweit ich eben kann. Vermutlich würde es dann sonderbar bei mir aussehen; und meine strenge sittsame Madame Charme würde über so viel »Raffinement« bedenklich ihr schönes Haupt schütteln. Stoffe müßten mich umschimmern, Farben mich umlodern, die – wie könnte ich's nur ausdrücken, damit Du mich verstehst? ... Es müßte wie Musik sein, wie leise, süße, weiche, alle Sinne bestrickende, wollüstige Musik. Dazwischen grelle Mißtöne, Seufzer, Schluchzen, ein schriller Jammerlaut – Alles um mich müßte sein wie der Duft einer exotischen Blume: schwer, schwül, betäubend, berauschend, sinnverwirrend, eine brausende Symphonie giftiger Wohlgerüche. Um nun wieder in die Welt der Wirklichkeiten zurückzukehren, so höre hier einiges über die Villa Taverna-Borghese bei Frascati, zwölf Meilen von Rom. Es ist ein altes, häßliches, kastenförmiges, jedoch »historisches« Gebäude; denn irgend ein berühmter Kardinal aus dem sechzehnten Jahrhundert hat das Landhaus gebaut und irgend ein großer Papst aus der Familie Borghese hat es bewohnt. Es gibt, glaube ich, nur einen Borghese, der Papst war? Du weißt, wie ungebildet wir Römerinnen sind. Das Haus ist ein Durcheinander von Hallen, Zimmern, Sälen und Korridoren; und ein halbes Dutzend amerikanischer Nabobs könnte sich mit all dem antiquarischen Krimskrams seine Paläste ausstatten. Aus meinem Salon ließ ich alles hinauswerfen. Ich ließ den Plafond von Eurem famosen Walter Crane ausmalen, die Wände mit nilgrünem Atlas tapezieren, darin in natürlicher Größe silberne Marienlilien eingewirkt sind, und der abscheuliche Ziegelsteinboden wurde mit einem mattvioletten Smyrnateppich und darüber ausgebreiteten weißen Bärenfellen bedeckt. Mein Diwan besteht in einer mysteriösen Aufhäufung von allerlei Weichem und Warmem, Weißem und Schimmerndem; denn ich werde hier sicher noch im Mai frieren. Bereits im Kloster waren, wie Du weißt, die stillen bleichen Madonnenlilien meine Lieblingsblumen. Ich schrieb Dir wohl, daß mein Gatte so höflich war, in unserem Palais neben meinem Boudoir ein eigenes Lilienhaus erbauen zu lassen, damit ich den ganzen Winter über von den hohen schlanken frommen Blumen umblüht würde. Unser römischer Gärtner schickt täglich eine Sendung heraus; und ich lasse die Lilien in sehr schönen alten Japaner Bronzen rings um meine Polster aufstellen, so daß Euer himmlischer Burne-Jones selbst Deine blasse wunderholde Viviane als »Madonna unter Lilien« verewigen könnte. Dazu stelle Dir vor: ich kleide mich jetzt ausschließlich in Weiß; und zwar in einer Manier, die mir gestattet, von mir behaupten zu dürfen: » La mode c'est moi « Du willst immer noch mehr über unser neues Frascataner home hören? Ich entdeckte hier bei mir einen neuen Sinn: den Sinn für Natur. Lächle nur, boshafte Madame Charme! Erinnere Dich übrigens, wie ich bereits in unserem Heiligtum über Form und Farbe einer Blume, über die Gluten des Abendrots auf dem schwarzen Stamm einer Steineiche; oder wie unser bunter Klostergarten allmählich in Dämmerung und Nacht versank, gradezu in Ekstase geraten konnte. Und einmal beschrieb ich Dir ein Feld blutroter Anemonen unter silberhellen Oelbäumen so wundervoll, daß Du damals behauptetest: Deine eitle, rein äußerliche, nur an Weltlichkeit denkende, nur für Weltlichkeit lebende Viviane wäre ein Stück atmender Poesie – nur ein Stücklein. Im Ernst, Liebste! Ich sehe hier nicht allein die fromme Schönheit meiner Lilien; sondern auch die biblische Größe der römischen Landschaft. Ich bin hier nämlich ganz umgeben von ihrer feierlichen Pracht, darin eingehüllt gleich einer Kaiserin in Purpur. Wenn ich auf meiner Schwanendecke unter meinen Blumen die Stunden verträume, so erblicke ich durch das breite Fenster in einem fast schwarzen Rahmen von Steineichenzweigen das Bild der weiten weiten Steppe. Sie ruht so stolz unter mir wie ein mächtiger toter Herrscher, und ist so einsam wie ein großer Mensch. Wunderst Du Dich nicht, was für Gedanken mitunter durch mein Köpfchen gaukeln? Denn was weiß ich kleine Dame aus der großen Welt von einsamen großen Menschen? Hinter der Villa erstreckt sich ein verwilderter Garten, darin ein Museum von Antiken aufgestellt ist. Ein langer tiefschattiger Weg wird zu beiden Seiten von prachtvollen Sarkophagen besetzt, in denen jetzt Rhododendren und weiße Kamelien blühen. Eine Reihe von allerliebsten Kindersärglein habe ich eigenhändig mit meinen lieben blassen Lilien bepflanzt. Es ist wirklich wunderhübsch. Der Garten stößt an eine Pinienwiese, die jetzt dicht voll violetter Anemonen steht. Die rotbraunen schlanken Stämme der schönen Bäume erheben sich über dem bunten Teppich wie Porphyrsäulen. Eine Allee uralter Steineichen, deren Wipfel so ineinander verwachsen sind, daß sie keinen Sonnenstrahl durchlassen, führt, dunkel wie ein Tunnel, durch einen Oelwald am Hause vorbei und in sanfter Steigung hinauf zur Villa Mondragone, einem steinernen Koloß, der über einen wahren Berg von Terrassen wie ein graues Ungetüm hingewälzt liegt. Der Palast ist zu gewaltig, um schön sein zu können. Schön ist unsere andere Nachbarin, die Villa Falconieri. * Heute sollst Du zur Strafe für Deinen Verdacht, daß ich nichts anderes als weltlich sein könnte, allerlei Häusliches erfahren. Wir haben von unserem Riesentrain nur einen Teil mitgeschleppt, da der Prinz – es ist so geschmacklos, immerfort von seinem »Gatten« zu reden – viel häufiger in Rom als hier ist, und viel weniger ohne den Pariser Küchenchef existieren kann als ich, die ich nur esse, um nicht zu verhungern – wie mancher nur notgedrungen lebt, um nicht sterben zu müssen. Leider kommen zum lunch und zum afternoon-tea täglich Leute. Man ist nämlich so liebenswürdig, zu behaupten, daß ohne Deine blondhaarige, grauäugige, lilienschlanke, blütenweiße Viviane Rom nicht Rom sei. Ich lese es Dir, meine süße Herrliche, vom Gesichte ab, wie sehr Du Dich über mein »leider« wunderst: »Leider kommen Leute...« Auch ist es wunderlich! Nichts auf der Welt ist mir so gleichgültig, so langweilig, so unbequem wie die Menschen; und ich könnte doch ohne sie nicht existieren. Ich finde die meisten Frauen der römischen Gesellschaft eitel und dumm, die meisten Männer eitel und brutal. Und bei fast allen kommt es schließlich auf das eine, einzige heraus: auf das Häßliche, das Trostlose, das Gemeine ... Dina, Dina! Ist es denn wirklich wahr, daß die beiden Geschlechter die Pole sind, um die die Erde sich dreht? Also Du siehst, wenn die Prinzessin von Sora nicht in die Welt geht, so geht die Welt zur Prinzessin von Sora. Und zwar kommt sie mit ihrem ganzen Klatsch, ihrer ganzen Erbärmlichkeit bis in die einsame große herrliche Campagna zu mir heraus. Ich weiß in der Villa Taverna genau, welche von den Damen der großen Welt ihren zeitweiligen Freund und welche von den Damen der Halbwelt ihren augenblicklichen Besitzer wechselte. Ich versichere Dich: die römische Gesellschaft ist lediglich die Fortsetzung eines endlosen Romans von Zola. * Ich bin wirklich ein gutmütiges Ding – bisweilen wenigstens. Meine Kammerfrau ist nämlich so geschmacklos, mich zu adorieren; und bisweilen gestatte ich ihr, ihre Empfindungen auszudrücken. Gestern bei der Nachttoilette, als ich mein langes weißes Babykleid anhatte, löste sie mein Haar, wickelte mich darin ein, stellte auf der einen Seite eine von den Lilienvasen neben mich und auf der andern eine hohe brennende Wachskerze. Es war sündhaft; aber ich mußte zu dem Heiligenspielen doch lächeln, worüber meine Pariserin vollends in Entzückung geriet. Ob ich wohl eitel, sehr, sehr eitel bin? Hand aufs Herz, kleine Viviane! ... Ich bin überzeugt, du bist eitel, sehr, sehr eitel. O, Madonna mia ! Und dann wiederum: Nein, nein! Für wen sollte ich wohl eitel sein? Etwa für den Prinzen? Er besticht meine mich vergötternde Kammerfrau und läßt meine Toiletten für seine Maitressen nachmachen; und diese Damen kleiden sich einmal in ihrem Leben wie eine anständige Frau, anstatt daß wir eine von diesen Damen imitieren. Oder wäre ich etwa eitel für andre Männer? Ich bin seit meiner Heirat noch keinem Manne begegnet, der mir nicht – für einen Augenblick wenigstens – in irgend einer Weise widerwärtig erschienen wäre, saß ihm sein Frack auch noch so vorzüglich, sprach er ein auch noch so superbes Pariser Französisch, und waren sonst seine Manieren die eines tout grand Seigneur . Also bin ich eitel für mich selbst? Ja, ja und tausendmal ja! Es gibt auf der Welt eines, was ich unsinnig liebe: Schönheit! Ich werde niemals unglücklich sein können, und zwar aus keinem andern Grunde, weil Unglück etwas Unschönes ist. Wenn ich mein kurzes irdisches Leben – und betrüge es nur die Spanne eines Jahres – mit der allerhöchsten Schönheit ausfüllen könnte, so würde ich dafür meine ewige Seligkeit hingeben. Findest Du das sehr frivol? * Richtig, und die Villa Falconieri ... Was ich von ihren Bewohnern weiß, erzählte mir meine Kammerfrau. Meine Quelle ist also grade kein silberheller Waldbach. Der schöne Landsitz gehört der Prinzessin Lancellotti, die sich rings um Frascati eine kleine römische Provinz zusammengekauft hat. Sie ist eine vortreffliche Regentin. Denn die Dame ist nicht nur die liebenswürdigste, sondern auch die gebildetste und klügste von uns römischen Fürstinnen. Von ihren drei Frascataner Villen hat sie haushälterisch zwei vermietet: die berühmte Tusculana an die Propaganda, und die traumhaft phantastische Falconieri an einen Sonderling. Erinnerst Du Dich eines Grafen Cola Campana? Ich meine den Dichter Campana! Im Kloster schwärmten wir für seine in unser Heiligtum eingeschmuggelten weltschmerzlichen Poesieen à la Byron und Leopardi. Wir lernten die schwermütigen pompösen Strophen heimlich auswendig, berauschten uns an der pathetischen Pracht ihrer Sprache, deklamierten sie im Klostergarten, versteckten das Bändchen Gedichte tagsüber in unseren Gebetbüchern, nachts unter unseren Kopfkissen, schrieben den Namen Cola mit Blut, welches wir uns mühsam aus dem aufgeritzten Finger drückten, auf rosa Papier und verwahrten das Blatt am Herzen. Wir träumten von den ekstatischen Naturschilderungen, den glühenden Liebesgedichten – erlebten sie ... So verrückt! Und von allen Tollen war die kleine Viviane die tollste. Aus Caprice vermutlich. Ist das nicht merkwürdig? Daß ich einstmals allen Ernstes für etwas schwärmen konnte – wenn auch nur aus Laune. Wie das klingt: »Einstmals!« Und es ist grade volle sechs Jahre her. Noch so jung zu sein und sich schon so alt zu fühlen, so morsch wie entnervt. In Frankreich nennt man, was ich meine und vielleicht nicht ausdrücken kann: » morbide «. Es bezeichnet eine geistige Blässe unseres Jahrhunderts. Ich hatte meine entsetzlich jugendliche Schwärmerei für einen neuen Dichter des uralten Weltschmerzes bereits lange vergessen, hatte des Grafen Cola Campana nie wieder gedacht, wußte kaum noch, daß ein solcher Mann »einstmals« einer der gefeiertsten Poeten Italiens gewesen war. Denke doch! Dieser nämliche Graf Cola Campana, das Ideal unserer unschuldigen glücklichen verrückten Jugendzeit ist in der Villa Falconieri mein Nachbar. Jetzt fällt mir ein: schon damals galt der poetische Graf für einen sonderbaren Schwärmer; und schon damals hörten wir im Kloster allerlei über ihn flüstern. Wie gierig wir Kleinen lauschten, ward einmal von einer der »Großen« sein Name genannt. Waren es wohl Frauengeschichten? Bitte, hilf meinem miserablen Gedächtnis. Richtig! Man erzählte uns schon damals, daß der Sänger der düstern schwermütigen »Nächte«, der Rolle eines litterarischen Salonlöwen wahrscheinlich überdrüssig, mutterseelenallein in einem alten Märchenschlosse hause. Das war also die Villa Falconieri! Warum haust er dort? »Cherchez la femme –« natürlich! Denn dieser Pessimist, Menschenfeind und was er sonst noch sein mag, scheint sich dort oben ganz vergnüglich eingenistet zu haben. Eine schöne Freundin teilt – wie meine etwas schlammige Quelle mir berichtet – des gräflichen Poeten »Einsamkeit« unter den berühmten Steineichen der Villa. » O madame! On parle d`une trés grande passion .« Und meine romantische Pariserin – denn bisweilen können auch moderne Kammerfrauen romantisch sein – verdrehte voller Entzücken die Augen. Eine große Leidenschaft... Findest Du nicht, daß die Phrase einen eigentümlichen Klang hat, wenn es auch nur eine Phrase ist? Eine große Leidenschaft ... Es rauscht und braust, stürmt und tost in den Worten. Eine große Leidenschaft... Ein Alpengipfel steigt vor Dir auf, ein Abgrund öffnet sich zu Deinen Füßen. Es jubelt Dich an in den Lauten, es schluchzt darin. Es ist Himmel und Hölle, es ist qualvolles Leben und glückseliger Tod. Es ist alles – alles! Wie Du siehst, machte die Redensart von der großen Leidenschaft auf mich Eindruck. Denn bist du schon einmal in Deinem Leben einer großen Leidenschaft begegnet, einer wahrhaft großen? Ich nicht. Es muß eigentümlich sein, ganz eigentümlich. Dieser edle Graf Cola Campana mit allen seinen mehr oder minder herrlichen Poesieen, mit meiner ganzen einstmaligen verrückten Backfischschwärmerei für ihn, würde mich jetzt nicht das mindeste kümmern, wenn er seine »große Leidenschaft« nicht hätte. Ich denke viel darüber nach; und je mehr ich darüber nachdenke, um so weniger verstehe ich die Sache. Und je weniger ich sie verstehe, um so erregter und nervöser macht es mich. Es muß etwas Wunderbares darum sein. Ich möchte es für mein Leben gern kennen lernen – natürlich nur durch einen andern: denn es an sich selbst zu erfahren, das müßte sein – Dina, Dina! Es müßte sein, als käme ein Gestorbener aus dem Grabe zu Dir. Ich werde sentimental ... Pfui! Alle Sentimentalität ist geschmacklos, und jede Geschmacklosigkeit ist häßlich. Und damit wäre ich für mich bei dem Ende aller Dinge angelangt. * Stelle Dir vor: der Mann mit der großen Leidenschaft ist ein alter Herr! Denn mit fünfundvierzig Jahren ist der Mensch doch alt. Wenigstens muß er sich alt fühlen, uralt. Und dann noch immer eine große Leidenschaft haben. Das ist einfach lächerlich. Und – es ist unästhetisch! Woher ich das Alter des Grafen so genau weiß? Nicht durch meine romantische Kammerfrau; sondern aus einer etwas sichereren Quelle, dem Konversationslexikon. Ich entdeckte es zu meinem großen Erstaunen in der Bibliothek und bin ordentlich stolz darauf, daß wir so gebildet sind, ein Konversationslexikon zu besitzen... Graf Cola Campana ist im Jahre 1847 in Mailand geboren, hat sehr jung mit seinen Dramen die italienische Bühne gradezu beherrscht, ist sehr bald vom Repertoire vollständig verschwunden, ist seit beinahe zwanzig Jahren in der Litteratur verschollen, von der Welt vergessen, in Melancholie, Einsamkeit und kranken Nerven untergegangen. Es klingt schwermütig, nicht wahr? Im Konversationslexikon steht von der famosen großen Leidenschaft natürlich nichts zu lesen. Mir scheint das eine Wort alles zu sagen, alles zu erklären. Wir Frauen sind eben viel weiser als ein Konversationslexikon. * Madame Charme, meine zürnende, strafende, alles verstehende, alles vergebende Madame Charme: ich habe über unsere »göttliche Welteinrichtung« so viele lästerliche Gedanken. Sie ist – wie so viel anderes auf Erden – im Grunde genommen nichts als eine Komödie, obenein eine herzlich schlechte Komödie; denn man kann dabei nicht einmal lachen. Aber zum Lachen ist folgender Spaß: In vierzehn Tagen ist Ostern, und heute hat sich der Prinz nach Camaldoli zu den Mönchen begeben, um im Kloster seine alljährliche Pönitenz zu thun. Ist das nicht eine köstliche Bouffonnerie? In Camaldoli – es liegt eine halbe Stunde von hier, den Berg hinauf, unter dem Kreuz von Tusculum – lebt der Prinz volle zwei Wochen in strenger Klausur. Er betet, fastet, büßt. Er betet, fastet und büßt alle seine Sünden ab, um sich alsdann mit einer Seele, so weiß wie eine meiner Lilien, in die Arme einer Dame der Welt oder Halbwelt zu stürzen. In den verschiedensten schönen Armen bleibt mon cher mari ein volles Jahr, bis auf der Welt wieder Ostern wird und die große jährliche Gewissenswäsche von neuem beginnt. * Du mußt noch einmal etwas über den Mann mit der »großen Leidenschaft« in der Villa Falconieri hören. Seine Freundin wird hier allgemein einfach nur »Madama« genannt. Ihr Name ist Maria. Sie soll einmal ein Wunder von Schönheit gewesen sein. Bevor sie »Madama« wurde, war sie eine Signora. Ihr Mann hatte die Tenuta der Villa Falconieri gepachtet und lebte mit seiner wunderschönen Maria seelenvergnügt inmitten seiner Oelwälder und Weinberge. Da kam der menschenscheue gräfliche Poet, mietete den Palast, faßte für die wunderschöne Maria die famose große Leidenschaft und nahm die Dame ihrem Manne fort. Es gab nicht einmal einen Totschlag dabei. Nur Geld kostete die Sache, sehr viel Geld. Doch Geld besaß der dichtende Graf so viel wie ehemals Ruhm. Zuerst wollte der Mann der schönen Maria allerdings nach seinem Dolchmesser fassen; zum Glück erinnerte er sich jedoch rechtzeitig, daß er Italiener wäre, ließ sein Dolchmesser vorsichtig in der Scheide und steckte das gräfliche Geld in die Tasche. Der Mann verschwand aus der Falconieri; die Frau blieb, und – es blieb die große Leidenschaft. Habe ich Dir die Geschichte von dem edlen Grafen und der wunderschönen Maria nicht hübsch erzählt? Sie klingt beinahe wie eine alte Romanze; der Refrain lautet: »Und es blieb die große Leidenschaft.« Gestern war ich in der Villa Falconieri, das heißt im Park. Das ist eine köstliche Wildnis! Ganz allein war ich dort, sogar ohne meine perfekte Kammerfrau, ein Mangel an Schicklichkeit, den die schäbigste Frascatanerin einfach shocking finden würde. Ich sah nur einen Urwald von Bäumen, Büschen, Blüten, hörte nur einen Chor von Nachtigallen. Aber von der wunderschönen Maria, vulgo Madama, sah und hörte ich nichts, ebenso wenig von unserem einstmals angeschwärmten Poeten. Und das ist gewiß recht gut; denn die wunderschöne Maria wird alt und garstig geworden sein, und der berühmte Dichter alt und fett – was noch viel abscheulicher ist. Bei der Villa ist ein Teich unter Cypressen. Ich saß lange am Rande, schaute in das schwarze Wasser, wo ich mein schneeweißes Spiegelbild wie eine himmlische Erscheinung erblickte. Dazu rauschte in den alten Totenbäumen der Wind wie Sphärenmusik. Ich hätte immer so dasitzen mögen, in das stille dunkle Wasser schauen und auf das Rauschen in den Cypressenwipfeln lauschen. Es ist so recht der Ort, um auszuruhen. * Heute entdeckte ich, daß gleich hinter unserer Pinienwiese ein grünes Pförtlein direkt in die Oliveta der Villa Falconieri führt. Das Pförtlein ist verschlossen; aber der Gärtner hat den Schlüssel, wie mir die Kammerfrau verriet. Einen Schlüssel hat auch der Gärtner von der Falconieri. Das grüne Pförtlein paßt demnach gut in einen kleinen sehr intimen Roman. Schade um die schöne Gelegenheit, die ich mir entgehen lassen muß. In dem Roman meines Lebens weiß ich mit einem Pförtlein nichts anzufangen. Morgen gehen meine sechsundzwanzig mauvefarbenen Blätter an Dich ab, meine geliebte Reizende! Und jetzt drücke ich meine weißen weichen Wangen an Dein stolzes kühles Gesicht und sage Dir gute Nacht; denn es ist spät geworden, vielmehr bereits früh. Ja, liebste Seelsorgerin, ich will es Dir nur bekennen: ich habe wieder schlechte, schlechte Nächte! Weder Morphium noch Sulfonal helfen Deinem armen Beichtkinde mehr. Nichts hilft mir! Nichts hilft mir, als des Nachts stundenlang, stundenlang umherzuwandern, bis ich zu Tode ermattet hinsinke. Uebrigens bin ich hier nicht der einzige Mensch, der nicht schlafen kann ... Wenn ich in einem Delirium von fiebernder Erschöpfung mein Fenster aufreiße, so sehe ich dicht über mir einen Stern schweben. Es ist jedoch kein holdes Himmelslicht; sondern die Petroleumlampe des verschollenen Poeten in der Villa Falconieri. Der Mann muß auch schlechte, schlechte Nächte haben; denn Nacht für Nacht glüht über mir der große Funken. Erst wenn der Morgen graut, erlischt er. Ob die beiden einsamen Flammen sich wohl verstehen würden, wenn sie zu einander sprechen könnten? Schwerlich. Gewiß gar nicht! Aber dem Schlaflosen dort oben muß gegen seine schlechten Nächte auch nichts mehr helfen können. Nicht einmal die Arme der wunderschönen Maria, die er einem andern Manne fortnahm; nicht einmal seine famose »große Leidenschaft«. Du siehst, in dem einen sind wir beide Leidensgefährten: Deine wunderliebliche, nixenhafte, unverbesserlich weltliche, unaussprechlich melancholische Viviane, und der alt und fett gewordene Sänger der Schwermut. Wir armen Schlaflosen! * Fort und fort höre ich es in mir brausen und fluten und stürmen: »eine große Leidenschaft, eine große Leidenschaft!« Die Phrase hat sich in meine Seele gefressen. Ein Königreich für eine große Leidenschaft, die Welt für eine große Leidenschaft, das Leben, die Seligkeit! Man muß sie nur fühlen können, kleine dumme Viviane. Villa Taverna-Norghese, 15. März. Du verschwendest Deine Sorge um mich schimmerndes schillerndes ruschliges Eidechslein, liebe Barmherzige. Ich sterbe ganz gewiß nicht an der Schwindsucht! Mein Blutspeien bedeutet nichts als eine neue Nuance aus der unendlichen Skala weiblicher Koketterieen oder Raffinements – wenn Du es durchaus so nennen willst. Das Leben ist viel zu häßlich; und ich bin viel zu reizend, um eines so unschönen Todes, wie Schwindsucht ist, überhaupt sterben zu können. Dieses schauderhaft häßliche Leben ist mir ein himmlisch schönes Sterben schuldig. Ich weiß noch nicht recht, welche Todesart es sein wird. Aber ich finde es gewiß; und dann – Der Prinz ließ sich in Camaldoli in die Zelle sperren, die König Jacob III. von England bewohnte. Aus diesem frommen historischen Gemach schreibt er mir täglich ein zärtliches Gattenbillet. Demnach müssen die Episteln, die er täglich durch seinen Kammerdiener an seine römische Freundin expedieren läßt, höchst zerknirscht und moralisch sein. Ich lebe hier, als ob ich seit jeher hier gelebt und von der Welt niemals etwas anderes erblickt hätte als dieses tragische Landschaftsbild der römischen Campagna, durch die finsteren Wölbungen der Steineichenwipfel gesehen. Das sind Kontraste! Diese große Natur und meine winzige Seele ... Findest Du es nicht auch merkwürdig, daß ich hier vor Langeweile noch nicht umkomme? Stelle Dir vor: abends besuchen mich bisweilen einige gute Landpastoren – mich! Ist das nicht zu komisch? Ihre schwarzen, sehr würdigen Gewänder und meine schimmernden fließenden leider sehr weltlichen Draperieen! Sie werden mit Limonade und Kuchen gefüttert; und ich unterhalte sie nach der alten, guten Lebensregel: »mit den Wölfen muß man heulen.« Ich wollte, Du hörtest einmal Deine kleine raffinierte Lebenskünstlerin mit den geistlichen Herren Konversation machen. Ich schwatze über Frascataner Wein und Olivenöl wie ein wohlhabender Frascataner Bauer; über die demnächst erfolgenden heiligen Schauspiele der Sepolcri und der Fronleichnamsprozession, sowie über die sündhaft hohen Steuern einer unchristlich römischen Regierung wie ein schwerbedrückter kinderreicher Familienvater, und über den sensationellen, hier in Frascati stattgefundenen Skandal der armen Herzogin M....wie ein gutmütiger Pharisäer, der den Stein aufhebt, aber schließlich damit nicht wirft. Du siehst, ich bin vielseitig. Natürlich beschwatzen wir auch die Leute von der Villa Falconieri; doch kommt dabei nicht viel heraus. Die wunderschöne interessante Madama ist eben in Gottes Namen – »Madama«. Meine frommen Gäste können es auch nicht ändern: » Come si fa ?« Und der Dichtergraf... Was für ein Mann das ist: » Chi lo sa ?« Die Hirten von Tusculum und Kohlenbrenner von Rocca-di-papa lieben ihn; die Mönche von Camaldoli und der Rusinella halten ihn für keinen besonders guten Christen, aber doch für einen » buon uomo «; seine Dienstleute betrügen und bestehlen ihn nicht; die Vogeljäger hassen ihn, und die übrige Frascataner Menschheit kümmert sich nicht um ihn. Das ist alles. Auch meine trübe kammerfrauliche Quelle ist erschöpft. Also muß ich wohl oder übel mich selbst zu orientieren suchen; denn ich habe mich nun einmal kapriziert, auf die beiden Leutlein in der Villa Falconieri neugierig zu sein. * Gestern war ich in Rom, um Assunta Neri spielen zu sehen. Sie gab die »Kameliendame«. Was ist das nur mit dieser Frau?! Ihre Kunst hat etwas so Verschleiertes, Geheimnisvolles, Sphinxhaftes. Es ist wie ein Mysterium. Die Kunst der Assunta Neri, die im Grunde genommen gar keine Kunst ist, beunruhigt und erregt mich bis in alle Nerven hinein. Ich muß in Erfahrung bringen, welche Bewandtnis es damit hat; denn es steckt etwas dahinter, etwas, was sich groben Organen verbirgt. Mir ist, als könnte die Kunst der Neri, die die natürlichste Natur ist, nur eine Frau vollkommen begreifen. Vielleicht nur eine unglückliche Frau? Ob ich sie dann wohl verstehen würde? Ich will ja aber nicht unglücklich sein! * Wieder war ich in Rom; und – denke Dir: ich habe Assunta Neri besucht! Sie empfing mich; aber sie ließ mich antichambrieren. Das gefiel mir von ihr. Wir große Damen, mögen wir gegen die Kunst auch noch so bezaubernd liebenswürdig sein, sind auch den größten Künstlern gegenüber stets protegierend, gnädig, herablassend und unausstehlich hochmütig. Hier ist endlich einmal eine große Künstlerin, die sich herabläßt, gnädig gegen eine große Dame zu sein. Ich hätte die Frau für ihren sublimen Hochmut umarmen mögen. Also: Ihre wirkliche Hoheit Assunta Neri hatten die Gnade, mich armes Prinzeßlein zu empfangen und zwar in einem höchst einfachen schwarzen Kleide. Ihre Hoheit hatten, trotzdem ich lange warten mußte, nicht einmal Toilette für mich gemacht. Die große Tragödin sah sehr elend aus und war gar nicht schön – absolut nicht schön! Ihr Teint ist direkt häßlich. Dabei war sie nicht einmal gepudert. Ihr großes dunkles müdes Auge wirkt im Zimmer fast noch mehr als auf der Bühne, und ihr Mund ist gradezu entzückend melancholisch. Sie hat Augen, die viel geweint, Lippen, die viel geseufzt und geschluchzt haben müssen ... Sie war nicht liebenswürdig. Sie war wirklich ganz und gar nicht liebenswürdig! Aber ich dachte: »O, das thut nichts. Sei du nur recht unliebenswürdig. Du wirst gewiß noch anders werden. Ich versichere dich, meine große Dame: du wirst! Denn ich will dahinter kommen, weißt du: und was ich einmal will –« Wir hatten uns gesetzt. Da sie beharrlich schwieg, so mußte ich schließlich reden. Es fiel mir nicht ein, ihr zu sagen, was man ihr gewiß gewöhnlich sagt. Also nichts von Bewunderung, Entzücken, Ekstase – nicht ein Wort! Das kam ihr denn doch sehr merkwürdig vor. Sie betrachtete mich mit mattem Erstaunen, und ihr verwunderter Blick schien zu fragen; »Was bist denn du für ein sonderbares kleines Wesen? Und was willst du eigentlich bei mir? Wir beide haben nichts miteinander zu schaffen, absolut gar nichts!« Aber ich wollte sie schon liebenswürdig bekommen; o, ich wollte – Also war ich denn charmant: ganz einfach, durchaus natürlich charmant! Ich plauderte, wie das eben meine Art ist, von Himmel und Hölle, von Menschen und Dingen, von Toiletten und Spitzen, von offenkundigen Skandalen und verschwiegenen Liaisons; kurzum, von allem Möglichen und Unmöglichen unter der Sonne, nur nicht ein Wort von Assunta Neri – nicht ein Wort! Mit unaussprechlicher stummer duldender Verachtung hörte die große Tragödin mir zu, sagte nicht eine Silbe – sagte mit jeder Miene, jedem Blicke: ›Ich höre dich nur an, weil ich dich studieren will. Vielleicht kann ich einmal dieses oder jenes von dir auf der Bühne brauchen – wenn es mir der Mühe lohnen sollte. Aber ich glaube schwerlich.‹ Ich sprach von der großen Welt. Sie erwiderte in einem ganz impertinenten Tone: »Ich weiß nichts von der großen Welt. Sie geht mich nichts an, sie existiert nicht für mich. Was sollte ich wohl mit diesen Leuten anfangen? Sie imitieren? Wenn ich eine große Dame vorstelle, so bin ich eben eine große Dame. Ich bilde mir ein, daß ich es vom Kopf bis zu Füßen bin. Aber im Leben – ich wüßte nicht einmal, wie ich mit diesen Leuten reden sollte.« Ich machte mein reizendstes Lächeln und sagte so recht unverschämt nachlässig: »Es ist wirklich gar nicht so schwer, alles kommt lediglich auf eine gewisse große Manier an. Uebrigens können Sie es ganz gut. Man muß nur mit diesen Leuten mitunter etwas insolent sein.« Jetzt machte sie denn doch große Augen! Ich dachte: ›Aergere dich nur, ich bekomme dich doch.‹ Dann warf ich hin: »Sie haben sehr recht. Was thäten Sie auch mit uns? Wir sind gar so entsetzlich öde. Die reinen Attrappen! Noch dazu Attrappen ohne jeden Inhalt. Eine Frau Ihres Schlages muß uns von ganzem Herzen verachten.« Jetzt fixierte sie mich: ›Höre, du kleines Wesen! Bist du etwa auch eine Komödiantin? So eine Salon-Neri! Erspare dir die Mühe, mit mir kannst du dich ja doch nicht messen.‹ Das kann ich auch wahrhaftig nicht. Zwar sind wir große Damen große Komödiantinnen; aber die Assunta Neri ist keine Komödiantin. Und das – grade das ist ihr Genie! Sie war jedoch entschieden geärgert, und das – grade das freute mich! Mit einer wundervollen Gebärde der Langeweile, der Erschöpfung und des Ueberdrusses meinte sie: »Diese Leute verstehen nur, was sie selbst sind. Eher könnte dem Volke Kaviar schmecken, als daß diese Leute begriffen, was Kunst ist. Da quälen sie mich ewig mit ihren gedankenlosen Fragen: »Nicht wahr, es ist furchtbar schwer, so natürlich zu spielen wie Sie? ...« Solcher Unsinn! Es ist gar nicht schwer. Nichts ist leichter. Es wird zum Beispiel ›Odette‹ gegeben. Ich stelle die Odette dar. Nun gut! Ich ziehe mich an, gehe auf die Bühne und – bin eben Odette. Es ist ganz selbstverständlich, daß ich dann Odette bin. Ich kann mir, bin ich diese Frau, unmöglich vorstellen, daß ich einmal die ›Kameliendame‹ oder ›Feodora‹ oder ›Nora‹ gewesen bin, daß ich jemals etwas anderes sein werde als ›Odette‹... Und dann machen die Leute solches Geschrei davon. Es degoutiert mich.« Ich dachte: ›Aha, meine Liebe! So bist du also? Jetzt sprichst du selber von dir. Ich that es nicht, meine Liebe. Ich mache kein Geschrei davon, obgleich ich auch zu »diesen Leuten« gehöre.‹ »Man merkt Ihnen an, daß bei Ihrem Spiel absolut keine Kunst ist,« meinte ich, genau so gleichgültig, wie wenn ich meinen Fächer hinlege. Sie wurde immer gereizter, nervöser, geärgerter. »Ich hasse das Komödienspielen! Schon als ganz kleines Kind haßte ich es; denn schon als ganz kleines Kind mußte ich spielen. Es war mir widerwärtig. Ich zeigte es dem Publikum so deutlich wie möglich, spielte so gleichgültig wie möglich – gradezu unverschämt gleichgültig. Das Publikum hätte mich von Rechts wegen auszischen müssen. Es zischte mich nicht aus; sondern ließ sich meine Unverschämtheit gefallen. Das war aber auch alles; denn keinem Publikum fiel es ein, viel Wesens von mir zu machen oder mich gar für ein Unikum zu halten ... Ich spielte in der Truppe meiner Eltern, die aus dem Komödienspielen ein Handwerk machten – schon seit Generationen. In meiner Familie mußte die Kunst schon seit Generationen nach Brot gehen. Dadurch wurde sie mir nur um so widerwärtiger.« »Natürlich! Da die echte Künstlerin lediglich der Kunst wegen da ist,« sagte ich mit einem kleinen Lächeln, welches entzückend infam war. »Ich spielte damals Theater, weil ich in Gottes Namen Theater spielen mußte; und jetzt spiele ich –« »Um den Ruhm?« »Nein! Um das Geld. So wird man schließlich – wenn man mit dem Ruhm nichts anzufangen weiß, wenn der Ruhm einem genau so gleichgültig ist wie alles im Leben.« »Wie wurden Sie eigentlich so weltberühmt? Jetzt darf ich Sie ja wohl danach fragen!« »Wie ich berühmt wurde? Durch eine Brutalität des Publikums.« »Wirklich?« »Kein Mensch kümmerte sich um mich. Ich spielte, spielte, spielte. Wir zogen von einer kleinen Stadt zur andern. In jeder Stadt spielte ich, in jeder Stadt wurde ich geduldet, bisweilen so obenhin beklatscht, und – das war alles! Durch einen Zufall kam ich zu einer anderen größern Truppe. Wir zogen von Stadt zu Stadt, ich spielte, spielte, spielte. Auch in den größeren Städten mochte kein Publikum mich leiden; aber jedes Publikum nahm mich so hin. Wir kamen nach Rom und spielten im Valletheater. Ich war noch nicht aufgetreten. Zugleich spielte in Rom die M...., eine der größten Künstlerinnen, die Italien jemals gehabt hat. Ueber ein Menschenalter hatten ihre lieben Landsleute ihr zugejauchzt, sie auf Händen getragen, sie einen ›Stern‹ Italiens genannt. Aber die Frau war darüber alt geworden; und ihre lieben Landsleute mochten die alte Frau auf der Bühne nicht mehr sehen – da sie noch immer die ›Kameliendame‹ und die ›Feodora‹ spielte. In Rom wurde ihr Fall geplant, vorbereitet und ausgeführt. Die erste beste Debütantin sollte auf den Schild gehoben werden, damit die alte große Künstlerin von ihrem Thron herabgestürzt würde. Diese erste beste junge Debütantin für die Römer war zufällig ich.« »Und?« »Und man bejubelte mich ... Man bejubelte die erste beste junge Debütantin so toll; man schwieg die alte große Künstlerin so tot, daß ich berühmt wurde und sie vergessen ward.« »Sie müssen aber doch genial gespielt haben! Jetzt darf ich's Ihnen ja wohl sagen.« »Genial, genial! Ich spielte nicht anders, als ich immer gespielt hatte. Ich spielte, wie ich meiner Natur nach spielen mußte. Bis dahin hatte sich keine Seele um mein natürliches Spiel gekümmert. Und jetzt plötzlich diese Römer! Sie thaten, als wäre im Valletheater die Schauspielkunst vom Himmel herab auf die Bühne gefallen. Ich verstand gar nicht, was sie mit ihrem Rasen eigentlich meinten. Ich hatte meine Rolle wie immer leidlich gut auswendig gelernt und nach meiner Art abgespielt. Das war alles.« »In welchem Drama debütierten Sie damals in Rom?« »In der ›Agrippina‹ von Cola Campana.« »Von dem Dichter-Grafen?« »Kennen Sie ihn?« »Gar nicht. Er ist ja ein toter Mann.« »Weil er nicht mehr schreibt? Das ist für ihn ein Glück.« »Sie meinen, weil er kein Talent hat?« »Weil sein Talent einer anderen Zeit angehört: einer vergangenen, überwundenen.« »Glauben Sie nicht, daß er noch einmal wieder lebendig werden könnte?« »Ich will es ihm nicht wünschen. Der Tod ist etwas zu Herrliches.« »Auch der geistige Tod?« »Wenn es nur Tod ist! Es darf freilich kein Scheintod sein.« »Solches Auferstehen ist aber doch recht unangenehm! Die lieben Angehörigen haben bereits die Anzeigen verschickt, die Kondolenzen empfangen, die Trauer angelegt; und auf einmal wird der gute Mann wieder lebendig.« »Lasen Sie eigentlich etwas von Campana?« »Kaum. Sie wissen, wie ungebildet wir Damen der großen römischen Welt sind. Für uns besteht die Litteratur aus einem halben Dutzend französischer Romane.« »In Deutschland schreibt eine große Dame Komödien, die ich spiele.« »Ach, diese Gräfin – Wie heißt sie doch gleich? Sie soll charmant sein.« »Sie ist eine vornehme Frau.« »Bisweilen verkehren Sie also doch in der vornehmen Welt?« »Man quält mich so.« »Sie Arme! ... Haben Sie Campana jemals gesehen?« »Nein. Er schrieb mir einmal – eben nach jener ersten Aufführung seiner ›Agrippina‹. Ich bin ihm sogar Dank schuldig.« »Wie liebenswürdig Sie sind!« »Er tadelte mich, weil ich keine Verse sprechen konnte, überhaupt nicht die sogenannte große Tragödie zu spielen verstünde. Er riet mir, nur in Stücken moderner, womöglich hypermoderner Autoren aufzutreten. Er nannte mich eine hypermoderne Frau. Ich war für ihn sozusagen ein Extrakt des ganz neuen modernen Frauengeschlechts.« »Merkwürdig!« »Das geflügelte Wort über mich: ›die große moderne Nervöse‹, rührt von ihm her. Er kannte mich gut: besser als ich mich selbst damals kannte. Allerdings war ich selbst mir schon damals höchst gleichgültig.« »Das begreife ich. Trotzdem befolgten Sie Campanas Rat?« »Meine eigene Natur trieb mich dazu.« »Und Sie hörten nie wieder von ihm?« »Ich weiß nicht einmal, wo er jetzt lebt.« »In der Villa Falconieri. Er ist in Frascati mein Nachbar.« »Also kennen Sie ihn?« »Nein. Lebendig Begrabene machen keine Visiten.« »So besuchen doch Sie ihn.« »Er würde mich wahrscheinlich gar nicht empfangen. Diese Künstler sind bisweilen etwas sonderbar.« »Wir sind halbe Narren.« Sie sagte dies auf das liebenswürdigste. Sie war überhaupt plötzlich reizend – gradezu reizend! Ein Bild melancholischer Anmut. Ich hätte sie umarmen mögen. »Jetzt darf ich Ihnen ja wohl auch danken?« »Wofür?« »Für die ›Kameliendame‹.« »Wollen auch Sie mir Komplimente sagen?« »Ich möchte Ihnen danken, weil Sie mir gezeigt haben, wie ich einmal sterben werde. Sie müssen nämlich wissen, daß ich die Schwindsucht haben soll. Seitdem ich Sie sterben sah, fürchte ich mich gar nicht mehr vor dem Tod.« »Aber Sie sind ja charmant!« »Ich glaubte bis jetzt immer, der Tod wäre etwas sehr Häßliches. Ich habe mir indessen vorgenommen, so schön zu sterben, wie Sie als ›Kameliendame‹ sterben.« »Dann müßten Sie lieben und durch Ihre Liebe zu Grunde gehen. Schön sterben wir Frauen nur dann, wenn wir als Liebende sterben.« »Als unglücklich Liebende natürlich?« »Was wollen Sie? Wir Frauen lieben immer nur unglücklich.« »Ich will es mir überlegen ... Sie sollen ja selbst sehr krank sein?« »Kränker als das Publikum glaubt. Ich werde einmal sicher auf der Bühne sterben. Und das Publikum wird mir applaudieren, weil ich es so ›natürlich‹ that.« Sie wurde immer reizender. Ich fand sie einfach entzückend. »Wenn ich es vorher wüßte, würde ich mir eine Loge nehmen. Was für einen Kranz wünschen Sie sich von mir: weiße oder gelbe Rosen?« »Ums Himmels willen nur keine Blumen! Ich werfe sogleich alle Blumen fort. Den Lorbeer hasse ich gradezu. Es gibt kein gemeineres Laubwerk. Dornenkränze sollte man mir werfen.« »Ich mache Ihnen eine Liebeserklärung! Wissen Sie was? Sie sollten mich in Frascati besuchen.« »Ich muß Komödie spielen, Geld verdienen. Ich muß sehr viel Komödie spielen; denn ich muß sehr viel Geld verdienen.« »Sie lieben also wirklich das Geld?« »Ich brauche es.« »Geld ist so häßlich. Ihre Toiletten müssen allerdings gradezu ein Vermögen kosten.« »Ich bin zu müde, mich anzuziehen. Ich bin überhaupt so müde, so müde.« »Man kann das werden ... Sie wollen mich also nicht besuchen?« »Nein. Sie sind mir eine zu große Dame.« »Schade! Wir hätten zusammen in die Villa Falconieri eindringen können.« »Damit Sie den armen Toten aufwecken?« »Er ist ja ein alter fetter Mann.« Sie lächelte. Da umarmte ich sie! Ganz einfach umarmte ich sie. Ich mußte sie umarmen; denn sie war zu reizend, als sie lächelte. Dabei sah sie müde aus, ›so müde‹. Mit der Miene einer gelangweilten Königin ließ sie's geschehen, daß ich ihr huldigte. Ich treibe Assunta Neri-Studien. Jeden Abend, an dem sie spielt, fahre ich nach Rom, begebe mich ins Nationaltheater und fahre nach der Vorstellung mit dem Wagen zurück. Stelle Dir vor: Aus einem »Sittendrama« von Sardou direkt hinaus in die einsame nächtliche Campagna! Ich schwelge gradezu in diesen Kontrasten. Du weißt doch, daß Kontraste nicht nur das Wesen der Kunst ausmachen: sondern überhaupt erst den Genuß des Lebens bilden – so viel man eben genießen kann. Doch die Neri – Also denke Dir: Ich bin noch immer nicht »dahinter« gekommen. Noch immer frage ich mich: ›Was ist es im Grunde mit dieser Frau? Warum übt sie eigentlich solche elementare Anziehungskraft aus? Sogar auf mich, für die jede Kunst ja doch nichts Besseres ist als ein pikantes Parfüm.‹ »Wenn eine Frau durch Liebe oder Leidenschaft zu Grunde geht, so geht sie schön zu Grunde ...« So ungefähr sagte sie; und mir ist es, als hatte ich in dieser Phrase die Lösung des Neri-Problems zu suchen: des Problems der Frau sowohl wie ihrer ganzen Kunst. Sterbe ich nur dann schön, wenn ich als unglücklich Liebende sterbe, so wird mein Leben wohl so häßlich enden, wie es begonnen und sich fortgesetzt hat, bis auf den heutigen Tag. Ich suche bei der Neri zu ergründen, welche Empfindungen sie bei ihrem Spiel am überzeugendsten, also am wirklichsten zum Ausdruck bringt? Haß ist es nicht. Auch nicht Leidenschaft. Eher könnten es Ermattung, Müdigkeit, Ekel an der Leidenschaft sein – wohlverstanden an Leidenschaft ! Aber nein! Es ist etwas anderes, darin diese Schauspielerin Meisterin der Töne ist. Unvergleichlich und unnachahmlich, auf der Bühne noch niemals dagewesen, also einzig. Was ist es? Ich hab's, ich hab's! Die Liebe ist es, die unglückliche Liebe! Es ist die Liebe, die alles leidet, die allem entsagt. Es ist die Liebe, die das Kreuz auf sich nimmt, die mit Dornen gekrönt wird und ein Martyrium erduldet. Es ist die Liebe der Frau, die stirbt, und im Tode noch einmal lächelt, durch dieses eine letzte Lächeln ein ganzes in Jammer und Elend hingebrachtes Leben verklärend. Assunta Neris Kunst ist eine Apotheose der unglücklich liebenden Frau. * Ostern! Der Prinz entsteigt sündenlos und kinderrein der Klosterzelle. Das nur nebenbei. Aber die Neri kommt zu mir, die Neri bleibt bei mir! Sie bleibt mehrere Tage, eine volle Woche! Vielleicht noch länger! Ist das nicht ein Triumph für Deine unwiderstehliche Viviane? Ganz bestimmt werde ich jetzt vollends »dahinter« kommen. Augenblicklich ist die Neri ein echter »Whistler«; und zwar ist sie momentan eine Whistlersche »Impression in Blaß«. Meine Pariserin hat es durchgesetzt, ihre Toiletten besichtigen zu dürfen; und ich stehe in höchster Gefahr, von meinem Thron herunter zu müssen, um darauf Assunta Neri Platz nehmen zu lassen... Blasse tiefste Negligés, blasse Morgenkleider, blasse Promenadenkostüme, blasse Dinertoiletten, blasse Nachtgewänder. Unter »blaß« verstehe ich nervöse kranke pathologische Farben. Stelle Dir darunter vor, was Du willst und kannst. Jedenfalls ist matte melancholische morbide Blässe die echte Neri-Couleur. Und wie beneidenswert müde sie ist! Sie ist müde vom Theater, müde von den Menschen, müde von dem Ruhm, müde von der Liebe, müde vom Unglück, müde von der Sehnsucht, von sich selbst, vom ganzen Leben ... Sie mag kaum reden, kaum gehen und sich bewegen, kaum hören und sehen, kaum denken und fühlen. Sie ist so müde, daß sie, wenn sie erst einmal glücklich im Grabe ruht, von den Toten gewiß nicht wieder aufstehen will. Ob wohl viele Frauen so sind? Ob die moderne Frau so ist? Vielleicht ist die Neri nur ein Typus? ... Das ist einfach Unsinn! Denn wie sie ist: von ihrer Spitzenkrause bis zu ihrer weißen fließenden Schleppe; von ihrer lebensmüden Natur auf der Bühne bis zu ihrer zu Tod erschöpften Seele im Leben ist sie eine Ausnahmsnatur. * Sie ist angekommen! Ganz Rom will sie bei mir sehen, oder vielmehr »besichtigen«. Aber sie ist so unliebenswürdig und hochmütig, ganz Rom abzuweisen. Und käme die Königin; und die Neri hätte grade nicht Lust, die Königin zu sehen, so würde auch Ihre Majestät wieder gehen müssen. Sie lebt in der Villa Taverna genau so wie in einem Hotel. Was sie wünscht, bestellt sie sich. Sie erscheint nur, wenn es ihr beliebt. Gewöhnlich beliebt es ihr jedoch, auf ihrem Zimmer zu bleiben. Sie speist auch dort, wenn sie Lust dazu hat. Merkwürdigerweise empfängt sie mich häufig – hat sie die Gnade, mich vorzulassen. Aber dann ist sie bezaubernd! Mit dem Prinzen und der »Komödiantin« – die sie für den Prinzen bleibt, trotzdem sie Assunta Neri ist – spielt sich hier eine reizende kleine Komödie ab. Ich bin davon entzückt. »Ah, die Neri! Das ist ja charmant!« sagte der Prinz, als er hörte, daß die große Tragödin in der Villa wäre. Und er dachte: ›Wirklich ganz charmant! Denn sie ist natürlich eine Komödiantin wie alle Komödiantinnen – enfin ein Weib wie alle Weiber.‹ Denn für den Prinzen gibt es natürlich keine Frauen. Also sah er sich das »Weib« an. Er sah sie mit Kennerblicken so gründlich an, wie solcher Mensch eben gewohnt ist, eine Frau anzusehen: gewissermaßen als Krämer. Jetzt kommt das Komische der Situation; denn jetzt wurde der Prinz verblüfft. Wahr und wahrhaftig, mon cher mari wurde verblüfft! Es klingt ungeheuerlich; aber es ist so. ›Was ist denn das?‹ dachte er in seiner Verblüffung. ›Ja, mein Gott, was ist denn das nur? Da will ich, le Prince de Sora , ein Verhältnis anfangen; und – wie soll ich mich nur ausdrücken? Mein Gott, ich bin gradezu verblüfft!‹ Und das Gesicht, das er dabei machte! Es war zum Totlachen. Die »Komödiantin«, als es ihr beliebte, zum Diner zu erscheinen, hielt es der Mühe gar nicht wert, ihre großen mächtigen melancholischen Augen aufzuschlagen und mon cher mari überhaupt nur anzusehen. Sie hielt es der Mühe gar nicht wert, für Monsieur le Prince ihre traurigen müden süßen Lippen zu öffnen. Und das mußte ihm, dem Unwiderstehlichen, dem die Damen jeden Grades – die Weiber jeder Klasse nur so zufliegen, in seinem eigenen Hause geschehen: mit einer »Komödiantin«! Es gibt Dinge unter der Sonne, welche die menschliche Vernunft eben nicht zu begreifen vermag. * Schrieb ich Dir schon, daß ich mir ins Köpfchen gesetzt habe, mit Hilfe der Neri in die Villa Falconieri einzudringen? Bis jetzt will sie davon nichts hören. Aber sie wird davon hören müssen, trotzdem sie Assunta Neri ist. So bin ich nun einmal. Uebrigens habe ich in meinem ganzen Leben keine Frau gesehen, die so wenig eitel, die so unerlaubt uneitel ist wie die Neri; trotzdem sie mit einem Reisegepäck in der Villa Taverna ankam, als ob sie sich für eine Tournée nach Amerika ausgerüstet hätte. Ich habe eine solche uneitle Frau für eine weibliche Unmöglichkeit gehalten. Dann ist sie entschieden eine Abnormität! Ich glaube, sie könnte sich einen Sack anziehen. Aber auch in dem Sack würde sie aussehen, wie – eben nur sie aussehen kann. Was mich auch in Erstaunen setzt, ist, daß die Natur für sie, die doch im größten Sinne eine Natur ist, gar nicht existiert. Sie sieht die Bäume so wenig wie die Blumen, die Berge so wenig wie die Bäume, den ganzen Himmel so wenig wie die ganze Erde. Keinen Sonnenstrahl verträgt sie: und in ihren Zimmern muß es dunkel wie in einem Keller sein. Seitdem sie bei uns ist, lasse ich abends nie mehr die Kandelaber anzünden. Es brennen nur häßliche Lampen und diese nur hinter Schleiern: hinter mattfarbigen wollüstigen Schleiern aus Seide und Spitzen, die wie große märchenhafte Blüten um die Flamme schweben, und die Euer exotischer Dichter Oskar Wilde erfunden und über die ganze Welt in Mode gebracht hat. Sie ist übrigens wirklich sehr nett mit mir und durchaus nicht mehr grande femme . Ich bin aber auch gradezu bewitching . Vielleicht habe ich Aussicht, jener charmanten großen deutschen Dame den Rang abzulaufen. Jedenfalls komme ich ganz, aber ganz gewiß bis zum Letzten »dahinter«. * Triumph! Wir waren in der Villa Falconieri. Und wir haben nicht nur die »wunderschöne Maria«, sondern auch den lebendigen Toten, den verschollenen gräflichen Dichter gesehen. Die Neri ist von der wunderschönen Maria ganz hingerissen – was ich nicht begreife, was ich sehr übertrieben finde, was mich ärgert. Und ich ärgere mich wiederum über meinen Aerger, für den ich absolut keinen Grund finden kann. Heute nur so viel: Der »wunderschöne Maria« ist gar nicht besonders schön; und der verschollene Poet ist auch nicht so, wie ich mir ihn vorgestellt habe. Kurzum, es war eine Enttäuschung – wie schließlich alles im Leben. * Die Neri ist schon wieder in die Villa Falconieri hinauf, um die Madama anzuschwärmen. Ich bin zu Hause geblieben, um Dir alles zu schreiben. Hoffentlich bist Du ein bißchen neugierig. Also höre: Es war vor dem lunch , und die Neri trug eines von den modelosen bleichen Morgengewändern aus Crêpe de Chine mit einem Hauch von Farbe: rose de Malmaison . Alles war weiche Falten und schimmernder Fluß um die armen müden Glieder. Ich raffiniertes Hexchen hatte mich lächerlich unscheinbar angezogen: in einem bescheidenen schwarzen Kleidlein mit einem geheimnisvollen schwarzen Spitzentüchlein um den Kopf. Und die Handschuhe hatte ich zum erstenmal in meinem Leben vergessen anzuziehen. Als wir durch die Sarkophag-Allee kamen, pflückte ich aus einem der Kindersärglein von meinen weißen Lilien und steckte sie mir vor. Dann spazierten wir über die Pinienwiese; und ich lenkte unsere Schritte sehr gewandt der Villa Falconieri zu. Die gute Neri ahnte meine Absicht nicht. Ich plauderte so niedlich, daß mein Geschwätz sie ihrer Gleichgültigkeit und Erschöpfung entriß. Sie hörte mir zu und folgte mir weiter und weiter: durch das bewußte grüne Pförtlein, welches ich vorher hatte öffnen lassen, in die Oliveta: aus der Oliveta in den Park, und hinauf zum Cypressenteich. Plötzlich standen wir unter den Steineichen vor dem Hause; und ich stieß einen allerliebsten kleinen Schrei der Ueberraschung aus. »Ach Gott, das ist ja die Villa Falconieri!« Die Neri bemerkte nur: »An dem Cypressenteich würde ich gern eine Rolle studieren.« Ich rief voller Entzücken: »Himmlisch! Der arme gute Graf Campana! Bitte, bitte, süße Tragödin, lassen Sie uns Ihren Dichter von einstmals besuchen – da wir doch einmal hier sind: und da ich gar so schrecklich neugierig bin, ob er wirklich fett geworden ist?« Die »süße Tragödin« machte sofort ihr mürrisches müdes Gesichtchen und sagte in einem ihrer Nora-Töne, letzter Akt, letzte Scene: »Man soll die Toten nicht rufen. Sie wollen mit dem Manne ja doch nur Ihr Spiel treiben.« Ich klatschte in die Hände und jubelte: »Ach ja, spielen! Wir wollen ›Gespenster‹ spielen. Wir citieren das Gespenst, das Gespenst erscheint, verliebt sich in Sie und schreibt für Sie eine Rolle. Sie spielen das Drama des Gespenstes; und wir haben in Rom eine sensationelle Première, bei der das Gespenst zum Schlusse vor den Souffleurkasten tritt und sich so reizend ungeschickt verneigt, wie man das von einem Geist nicht besser verlangen kann.« Stelle Dir vor, daß die Neri wahrhaftig umkehren wollte! Da machte ich denn einen Gewaltstreich. Ich nahm meinen Strauß weißer Lilien, rief einem Mädchen, das mitten im Wege stand und uns anstarrte, als ob wir Gespenster wären, gab ihr die Blumen, befahl ihr: »Bringe diese Blumen dem Grafen und sage ihm: Assunta Neri lasse ihn grüßen. Hast du verstanden? Assunta Neri lasse den Grafen Campana grüßen ...« Dann schmiegte ich mich wie ein Kätzlein an Assunta Neris Schulter, bettelte: »Bitte, bitte, nicht böse sein!« Und schmeichelte: »Bitte, bitte, da bleiben! Ich bin wirklich zum Sterben neugierig, ob es ein recht fettes Gespenst ist.« Sie mußte lächeln und – natürlich blieb sie. Ob er wohl kam? Nein – Ja – Nein, nein! Ja! Er kam und – denke Dir, diese Enttäuschung! Denn er war weder fett noch alt; wenigstens durchaus nicht greisenhaft alt. Er sieht aus wie – ich möchte Dir gern den ganzen Mann mit einem einzigen Worte beschreiben – er sieht aus wie ein vornehmer Mensch. Verstehe mich wohl, nicht nur wie ein vornehmer Mann. Schön ist er ganz und gar nicht, kann es auch nie gewesen sein. Grade das gefällt mir an ihm. Und daß er etwas so Unnahbares hat, als stände er auf einem einsamen Alpengipfel! Den gewesenen Dichter – denn er ist es ja nicht mehr – erkennt man bei ihm noch heute an den Augen. Diesen weit offenen lichten leuchtenden Seheraugen sieht man auch jene »große Leidenschaft« an, die mich, in Gemeinschaft mit meiner Kammerfrau, so lächerlich fascinierte. Und wenn ich davon kein Sterbenswort gewußt hätte, so würde ich bei seinen Augen gedacht haben müssen: ›Dieser Mann hat einmal in seinem Leben eine große Leidenschaft gehabt...‹ Ich könnte, was ich meine, auch so ausdrücken: ›Dieser Mann wird noch einmal in seinem Leben eine große Leidenschaft haben!‹ ... Da er sie jedoch jetzt hat, da er eben durch diese große Leidenschaft ein Einsiedler, ein dem Leben und seiner Kunst Abgestorbener und lebendig Begrabener geworden ist, so wäre das von mir thöricht gedacht gewesen. Du magst mich nach Belieben auslachen und verhöhnen. Aber ich werde Dir von den Augen meines einstmals angeschwärmten Poeten noch mehr erzählen: Er hat Augen, die einmal etwas schrecklich Schönes erblickt haben müssen; etwas, was wie ein offener Himmel, oder auch wie eine offene Hölle gewesen: etwas Medusenartiges, Entgeisterndes, zugleich unfaßlich Herrliches und blendend Leuchtendes. Du verstehst mich gewiß nicht. Ich kann auch, was ich meine, nicht ausdrücken ... Die »süße Tragödin« war dem Dichter entgegengegangen, ich dagegen zurückgetreten. Ich konnte daher gut beobachten. Er hielt meine Lilien in der Hand und war erschreckend bleich. Ich verstand nicht, was er sagte. Er sprach leise und langsam wie jemand, der das Reden nicht gewöhnt ist, und der, da er einmal reden muß, Mühe hat, die Worte zu finden. Dabei blieb sein Gesicht regungslos. Ich betrachtete ihn mir sehr genau und dachte: ›Du bist auch einer, der weiß, daß das Leben von dem lieben Gott uns armen Menschlein nicht grade zum Spaß geschenkt worden ist ... Solches Gesicht hat also ein Mann, der ein berühmter Dichter war, den dann eine große Leidenschaft packte, und der jetzt schlechte, schlechte Nächte hat.‹ Ich war noch immer sehr neugierig. Die beiden kamen jetzt auf mich zu. Aber der Dichter hatte nur Augen für die süße Tragödin, so daß er mich nicht einmal bemerkte ... Ich hörte jetzt, was sie sprachen. Die Neri sagte grade mit ihrer müdesten Miene, ihrer müdesten Stimme: »Sie haben recht gethan; tausendmal haben Sie recht gethan! Liebe, Freundschaft, Kunst, Ruhm, Talent sind ja doch nur Illusionen, die der Mühe des Atemholens nicht wert sind.« Der lebensmüde Graf erwiderte: »Daß auch Sie so denken, finde ich trostlos.« »Warum trostlos? Nichts ist trostlos als das Leben... Ja, und dann noch etwas.« »Was ist das?« »Daß man das Leben ertragen muß.« »Muß man?« »Selbstmord ist so banal. Uebrigens morde ich mich fortwährend selbst.« »Durch Ihr Spiel?« »Jede Vorstellung ist für mich ein Tropfen Gift. Und ich brauche es wiederum notwendig, um überhaupt leben zu können. Nur wenn ich auf der Bühne stehe, lebe ich; denn nur dann vibrieren meine Nerven. Ich stelle andere Frauen dar, erlebe also anderer Schicksale, anderer Verhängnis, anderer Untergang. Aber in allem Fremden erlebe ich doch nur mich selbst. Befragen Sie über mich einen Psychiatiker: ›Verehrtester, was ist das eigentlich mit der Assunta Neri?‹ Der gelehrte Mann wird Ihnen erwidern: ›Mein Herr! Assunta Neri ist gar keine Schauspielerin; sondern ein pathologischer Fall...‹ Uebrigens scheinen Sie dasselbe zu sein.« »Demnach wären wir Kollegen.« Und der arme verschollene Poet quälte sich ein mattes Lächeln ab... Jetzt sah er mich – endlich sah er mich! Die Tragödin hielt für unnötig, ihn zu fragen: »Kennen Sie eigentlich die Prinzessin?« Er grüßte mich jedoch, als wüßte er, wer ich wäre. Ich beachte stets, wie die Menschen grüßen. Bei der Frau ist der Gruß eines der wichtigsten Requisiten ihrer Toilette. Wie eine Königin allein durch die ihr mühselig eingelernte Art zu grüßen sich so sinnlos populär machen kann, daß ein ganzes Volk mit Wonne für sie sich totschießen läßt – ebenso kann ein Mann sich leidenschaftlich in eine Frau verlieben: nur, weil diese sehr anmutig zu grüßen versteht. Männer verstehen es nicht, mit Grazie und doch mit Würde zu grüßen. Sie grüßen entweder steif, oder geziert, oder burschikos; entweder zu dezent, oder zu herablassend, oder zu gleichgültig. Und so weiter! Graf Campana grüßte mich, wie ich es bei einem Manne selten beobachtet hatte. Sein Gruß war sehr ehrerbietig, und doch voll von dem Bewußtsein einer eigenen starken Persönlichkeit, die sich niemals vor etwas Niedrigem neigen würde. Aber auch niemals vor etwas nur sogenanntem Höheren oder Hohen. Sogar Grazie hatte der Mann, den ich mir alt und unförmlich vorgestellt hatte. Aber es war die scheue spröde Anmut einer streng verschlossenen, tief einsamen, heimlich leidenden Seele. Seine »große Leidenschaft« scheint ihn also wirklich nicht glücklich zu machen... Seltsam! Aber ich kann das verstehen. O, mein Gott, ich kann das verstehen! Nachdem er mich gegrüßt hatte, sah er mich an: gerade in die Augen, fest und tief. Er schien erstaunt zu sein. Mein schwarzes Spitzentüchlein und mein schmales blasses Hexengesicht thaten demnach ihre Wirkung. Sein verwundertes Auge forschte: ›Was bist du? Ein Kind oder ein Weib: ein unschuldsvoller Engel oder eine raffinierte Sünderin?‹... Auch ich sah ihn an; und mein Blick antwortete dem seinen: ›Ich weiß selbst nicht, was ich bin; aber ich werde es erfahren. Und dann‹ – Dann redete ich ihn an: »Ihr einsames Licht und meines sind längst gute Bekannte. Es war daher wirklich notwendig, daß auch wir uns kennen lernten.« Ich weiß, daß meine Stimme das Reizendste an mir ist. Wenn ich wollte, so könnte ich allein mit meiner Stimme einen Zauber ausüben, stark wie Magie. Aber ich wollte niemals ... Merkwürdig, daß es mich reizte, den weltfremden Einsiedler die Macht meiner Stimme fühlen zu lassen. Er machte denn auch dazu ein ganz sonderbares Gesicht. Die Tragödin merkte natürlich sogleich meine Absicht und schien empört zu sein. Wenigstens sah sie zum Umsinken müde aus. Sie ist dann nämlich immer gleich zum Sterben ermattet. Der Graf hatte so hingehört, wie ich sprach, daß er überhört zu haben schien, was ich gesprochen. Ich mußte es daher wiederholen: »Wir sind seit Anfang März Nachbarn.« »Sie sind unter mir der einsame Stern?!« »Kein Himmelslicht, nur eine trübselige Kerze.« Er blickte mich wiederum an; und wiederum standen wir uns Aug' in Auge gegenüber. Die arme Assunta Neri wurde zusehends immer empörter, immer ermatteter. Sie sagte: »Wir haben Scirocco.« Ihre Worte schienen eine geheime tiefe Bedeutung zu haben: Scirocco! – Wüstenwind! Vielleicht spielte sie auf das Verhältnis des Grafen zu der Madama an, wovon ihr erzählt worden war. Aber die Anspielung hatte bei dieser Gelegenheit gar keinen Sinn. In demselben Augenblicke kam sie ... Wie lächerlich neugierig ich war! Sie hatte sich, von einer Meute schneeweißer Wolfshunde begleitet, im Parke befunden, war unser nicht gewahr geworden, trat aus einem Gebüsch hoher Buchsbäume und sah sich plötzlich zwei fremden Damen gegenüber. Sie trug ein hellgraues gutgemachtes Kleid. Mein Gott – nun ja! Sie ist recht schön. Vielmehr, sie war es einmal... Sie war es – mit welcher geheimen Genugthuung wir Frauen das sagen, sobald von einer sogenannten schönen Frau die Rede ist. Wir sind doch recht kleine Seelen! Aber die berühmte Schönheit der Madama ist in der That etwas passée – mais tout à fait passée! Und diese Schönheit ist so schwermütig... Wo bleibt denn aber die große Leidenschaft? Für den Mann kann diese zu groß sein. Den Mann kann die Leidenschaft ersticken und erdrücken; jedoch die Frau – für uns Frauen gibt es in der Liebe nichts; aber gar nichts, was zu riesengroß und ungeheuer sein könnte. Wir Frauen spielen mit dem herrlichen vernichtenden Element wie Kinder mit Blumen. Wir Frauen sind nur dann Weib, ganz Weib, wenn wir ganz Liebe und Leidenschaft, ganz Seele und Empfindung, Hingabe und Auflösung sind. Was den Mann in einen Abgrund schleudert, hebt uns zu Alpengipfeln empor. Und diese Frau, diese wunderschöne Maria, ist mit ihrer großen Leidenschaft so schnell gealtert, so frühzeitig verwelkt ... Wie konnte das nur geschehen? Ein Geheimnis! Aber auch dahinter werde ich kommen. * Von ihren wilden Wolfshunden begleitet, trat sie uns also aus den Buchsbäumen entgegen. Die Meute stürzte auf uns zu, als wollte sie uns zerfleischen. Ein leiser, ganz leiser Ruf der Herrin hielt sie zurück. Winselnd sprangen die mächtigen Tiere an der Dame in Grau empor. Es war ein Bild! Ich bin wirklich eifersüchtig, eifersüchtig auf diese Madama! Schön ist sie gar nicht mehr; aber sie hat eine Stimme, eine Stimme – die meine ist dagegen gradezu unmelodisch. Mir ist solche Frauenstimme noch nicht vorgekommen. Die Tragödin hatte sich bei dem Anblick der schönen Maria plötzlich belebt. Sie war nicht mehr mürrisch und nicht mehr müde. Sie setzte sogar eines ihrer süßesten Frou-Frou-Gesichter auf, schmückte sich mit dem allerliebsten Lächeln der »Locandiera«, und rief mit samtweicher Stimme: »Ist das Ihre Frau? Aber sie ist ja wunderbar!« Ganz deutlich und ganz laut sagte sie: »Ihre Frau«. Es war ein entzückender kleiner Coup! Ich fand ihn fast zu raffiniert und ärgerte mich darüber. Der weltfremde Graf bewahrte vollkommen die Haltung eines verbannten Olympiers. Er antwortete nicht direkt; sondern sagte nur – und er sagte es sehr ruhig, sehr ernst: »Das ist Maria.« Ich fand ihn in diesem etwas bedenklichen Moment wundervoll distinguiert. Die Neri in ihrer sublimen Rücksichtslosigkeit kehrte sich von nun an überhaupt an nichts anderes mehr als an ihre plötzliche Caprice. Sie beschäftigte sich angelegentlich mit der guten Maria, die allerdings ziemlich geschickt die Dame imitiert. Solche Künstlerin ist doch aus Impulsen zusammengesetzt! Ich begreife nicht, wie man impulsiv sein kann. Bei mir ist alles Reflexion und Berechnung. Ich kann – ich versichere Dich – ich kann nicht ein Wort sagen, mich nicht auf einen Stuhl setzen, mir nicht die Handschuhe zuknöpfen, ohne vorher nicht eisig kühl überlegt zu haben, was ich sagen, wie ich mich setzen, wie ich mir die Handschuhe zuknüpfen soll. Woher kommt das? Bin ich so geschaffen worden, oder bin ich lediglich das Produkt einer gewissen gesellschaftlich faulen Ueberkultur? Aber wozu hierüber reflektieren? Ganz gleich, wodurch ich so geworden bin – da ich nun einmal so ward. Ich ließ die Neri der Madama gegenüber ruhig die anstrengende Rolle der grande charmeuse spielen und blieb mit dem Grafen zurück. Unsere Unterhaltung, die ich einleitete und fortführte, lautete ungefähr so: »Halten auch Sie einen Teil unseres heutigen Geschlechts: Männer sowohl wie Frauen, für früh gealtert und entnervt?« »Ich weiß nur, daß ein junges Geschlecht da ist; und daß ich selbst zum alten gehöre.« »Wer sich noch für etwas begeistern kann, ist beneidenswert jung.« »Meinen Sie mich?« »Sie leben ja beständig in Ekstase.« »Ekstase, wofür?« »Für – sagen wir, für die Einsamkeit, für die Schönheit ... Mir scheint unser heutiges Geschlecht eine sehr daseinsmüde Generation zu sein – wenigstens ist sie eines ehrlichen Enthusiasmus psychisch und physisch vollkommen unfähig. Unter der Sonne gibt es nichts, wofür diese neue junge Generation sich begeistern könnte. Es müßte denn sein, daß sie über sich selbst in Entzückung gerät.« ›Und Sie?‹ »Ich bin nur ein Typus des jungen modernen Frauengeschlechts.« »Des jüngsten und modernsten?« »Allerdings gehöre ich zu jener Spielart, die der Emotionen bedarf, die ohne Emotionen gar nicht existieren kann. Und zwar müssen es sehr raffinierte Emotionen sein.« »Was verstehen Sie unter ›raffinierten Emotionen‹? ... Ich muß wie ein Schulknabe fragen.« »Raffinierte Emotionen nenne ich gewisse verfeinerte Seelenschwingungen, die wie Haschisch wirken. Sie erkundigen sich danach am besten bei der großen Tragödin, welche die ganze Skala von Emotionen, soweit sie einer Frau überhaupt zugänglich sind, abspielt wie ein Virtuos seine Bravourstücke. Ist sie doch selbst nichts anderes als solche allersubtilste Nervensache, als Künstlerin sowohl wie als Weib.« »Und das heißt man dann eine ›moderne Frau‹?« »Und eine moderne Frau heißt man die Selbstentwickelung des Weibes. Endlich entdeckte die Frau sich selbst – gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts! Es wäre dafür immer noch Zeit genug gewesen; denn viel wird dabei wohl nicht herauskommen. Schönheit gewiß nicht. Nur ein ewiger Wechsel, ein beständiger Kontrast, ein endloser Widerspruch, Und das ist doch grade nicht sehr erquicklich.« »Jedenfalls findet die moderne Frau sich selbst sehr interessant?« »Jedenfalls ist sie über sich selbst etwas erstaunt. Und dann – die lange, lange Ungewißheit hat wenigstens aufgehört.« »Ungewißheit, worüber? Sie sehen, ich bedarf Ihrer Belehrung.« »Ungewißheit über die wahre Bestimmung der Frau.« »Ist dies die Emanzipation?« »Aber nein!« »Was nennen Sie dann die ›wahre Bestimmung der Frau‹?« »Vielleicht das ewig Weibliche. Also das ewig Zärtliche, das ewig sich Hingebende.« »Also Liebe, Leidenschaft?« »Das sind gar erhabene Worte! Halten Sie unser heutiges Geschlecht für fähig, Leidenschaft fühlen zu können? Die große Leidenschaft!« »Sie zweifeln daran?« »Sehr.« »Ihre ewige Weiblichkeit schließt demnach die Leidenschaft vollkommen aus?« »Sie ist nur für Götter; und da es keine Götter mehr gibt...« »So gibt es auch keine Leidenschaft mehr?« »Gott sei Dank, nein.« Nach diesem Geschwätz, das nur dazu dienen sollte, um den Herrn über mich zu verwirren, entfernen wir uns. Die impulsive Tragödin umarmte beim Abschied die Madama zärtlichst. Ich hatte kein Wort mit ihr gesprochen. Ich habe auch den Grafen nicht aufgefordert, mich in der Villa Taverna zu besuchen. Vielleicht kommt er ohne Aufforderung. Die Neri war sogleich wieder mürrisch und müde. Ich fragte sie lächelnd: »War ich sehr kokett gegen Ihren armen Poeten?« Sie würdigte mich gar keiner Antwort. Ich war aber auch wirklich sehr, sehr kokett. * Das eine will ich noch hinschreiben: Die zwei einsamen Menschen in der Villa Falconieri sind zwei sehr unglückliche Menschen. Die Frau empfindet für den Mann wirklich eine große Leidenschaft. Aber es ist jene Leidenschaft, die so hoffnungslos ist wie der Tod; denn: Er liebt sie nicht wieder ! Also weiß seine einsame lechzende Seele nichts von dem himmlischen Feuer? ... Nein – noch weiß sie nichts davon! Aber es kommt der Tag, an dem sie davon wissen wird: so viel davon wissen, daß es sie umbringt! Denn dieser Mann hat Augen, wie ein Mensch sie haben muß, der fähig ist, an einer großen Leidenschaft zu Grunde zu gehen. Und auch dieses sollst Du noch erfahren: Es freut mich, daß er die Madama nicht liebt. Es freut mich von ganzem Herzen! Denn ich gönne dieser Frau nicht diesen Mann. Weißt Du, was ich bin? Nein! Aber ich weiß es. Ich bin nicht nur eine unverbesserliche grande mondaine ; ich bin vor allem eine herzlose bösartige satanische grande coquette. Ich habe Dir gebeichtet. Deine Absolution will ich nicht; denn: Ich will mich nicht bessern. Der Herr sei meiner armen Seele gnädig. Villa Taverna-Borghese, 3. Mai. Die Neri scheint am Cypressenteich eine neue Rolle zu studieren, so häufig ist sie in der Villa Falconieri. Sie sprach mit mir kein Wort über die beiden einsamen Menschen; und ich fühle, daß sie mich beobachtet und beargwöhnt. Sie scheint aus der Koketterie, die ich bei meiner Begegnung mit dem Grafen sehr glücklich entwickelte, Gott weiß was für tragische Schlüsse zu ziehen und dadurch bei mir einen vollständigen Mangel an gutem Geschmack vorauszusetzen. Selbst für eine Caprice wäre der Fall da oben ganz und gar – nicht mein Fall! Möglicherweise fürchtet sie für die Ruhe ihres Dichters. Aber diese soll ja wohl Kirchhofsruhe sein? Sie etwas zu stören, den Grafen für seinen hochmütigen Wahn – denn es ist Hochmut, zu glauben, die ganze Welt entbehren zu können – etwas zu züchtigen, würde meiner Eitelkeit vielleicht schmeicheln. Immerhin ist er nicht der erste beste; also nicht einer von jenen Larven, die mich umwimmeln. Es ist in der That das erste wahre Menschengesicht, welches ich bei einem Manne erblickt habe – bei der Frau ist es, außer Deinen reinen stolzen Zügen, meine geliebte Madame Charme, nur noch mein eigenes Gesicht! Allein aus diesem Grunde würde es der Mühe lohnen, meine Evanatur ein wenig spielen und schillern zu lassen. Aber sei ruhig, liebe ängstliche Seele! Ich will Großmut üben und mich mit dieser einen Probe begnügen – da sie ziemlich gelungen ausgefallen zu sein scheint. Daß ich ein einziges Mal so recht nach Herzenslust kokett war, ist mir wahrhaftig nicht zu verdenken bei dieser grenzenlosen gespenstischen Oede in mir. Eine echte Frau muß kokett sein! Das ist für die Frau einfach Naturnotwendigkeit. Nun konnte ich bisher meiner Natur nicht folgen; denn mit wem hätte ich wohl kokettieren sollen? Etwa mit dem Prinzen? Mit diesem raffinierten blasierten entnervten Liebeskünstler und brutalen Egoisten, der zufällig mein Mann ist? Oder mit dem ganzen übrigen Schwarm von seinesgleichen? Etwas in meiner Natur ist daher – ich fühle es! – dem Verkümmern und Verkrüppeln nahe; und zwar ist dieses untergehende Etwas schließlich alles. Es ist das ganze Weib in mir ! Um mich weniger tragisch, um mich ziemlich frivol auszudrücken: diese Verstümmelung meiner Weibnatur, die ich mir ohne Unterlaß selbst zufüge, entstellt meine Schönheit. Denn nicht bis in die Fußspitze hinein Weib zu sein, ist nicht weniger häßlich, als ein lahmes Bein zu haben, einen schiefen Rücken, oder eine rote Nase. Denke doch, eine rote Nase – entsetzlich! Willst Du, daß Deine allerliebste Viviane ein Ungetüm sein soll? Du siehst, daß ich für meine Koketterie mit dem armen Grafen immer mehr Gründe finde. Doch wiederhole ich Dir feierlichst: ich lasse es an diesem einen Mal genug sein. Weshalb? Nicht aus sogenannter Moral! Ich schwöre Dir zu: wahr und wahrhaftig nicht aus einer abgestandenen engbrüstigen altjüngferlichen Tugendhaftigkeit; sondern lediglich aus Laune. Du weißt, das ist für uns Frauen der Grund aller Gründe. Eine höhere Instanz, bei der wir wider uns selbst Berufung einlegen könnten, gibt es für uns nicht. Uebrigens hat der Graf von seinem Sonderlingsrechte besten Gebrauch gemacht und in der Villa Taverna keine Visite abgestattet. Vielleicht steckt die große Tragödin dahinter. Dieses Künstlervolk bildet ja untereinander einen Geheimbund – genau so wie die Leute der Gesellschaft, die der Trieb der Selbsterhaltung wie Galeerensklaven zusammenkettet. Auch weiß ich ja, daß die Neri den Dichter der ›Agrippina‹, dem sie Dank schuldig ist, für ein kleines psychologisches Experiment viel zu gut hält. Aber der arme Graf hat schlechtere Nächte als je; denn sein einsames Licht leuchtet jetzt bis in den hellen Tag hinein. Allerdings leistet meine nächtliche Flamme der seinen treue Gesellschaft. Gestern nacht bekam ich plötzlich die fixe Idee: ›Jetzt steht der Graf auf der Galerie, die um sein Zimmer läuft, und schaut herüber.‹ Um mich von meiner Einbildung zu heilen, nahm ich mein Glas, begab mich in ein Nebenzimmer, und richtig – dort stand er! Deutlich hob sich seine Gestalt vom hellen Hintergrund des erleuchteten Fensters ab. Vielleicht war es ein Zufall. * Schrieb ich Dir bereits, daß ich mir Cola Campanas sämtliche Werke kommen ließ, und daß ich seine sämtlichen Werke jetzt lese? Aus reiner Neugierde! Zum erstenmal seit meiner Klosterzeit liegt auf meinem Lesepult kein französischer Roman. Die Gegensätze zwischen dieser und jener Lektüre sind merkwürdig; denn bei Cola Campana scheinen die Frauen eines ganz andern Zweckes wegen auf Erden zu sein als bei den Franzosen. Meiner Natur nach sollte es mich langweilen; doch eben der Kontraste wegen interessiert es mich. Wir werden ja sehen ... Die große Tragödin will mich bald verlassen, und – ich halte sie nicht zurück. Diese Schauspielerinnen sind verwöhnter als eine Königin und kapriziöser als la plus grande mondaine du monde! Der Prinz benimmt sich nach wie vor wundervoll lächerlich mit seinen krampfhaften Versuchen, von der Tragödin unwiderstehlich gefunden zu werden – obgleich das Weib Assunta Neri ihn absolut nicht reizt. Es ist nur seine Eitelkeit, die sie haben will. Allein um dieser Komödie willen war es hübsch, die große Dame bei mir gehabt zu haben. * Heute sprach sie mit mir über den Grafen und die Madama. Ich war anfangs etwas zerstreut, hörte also zuerst schlecht zu. Erinnere ich mich recht, so begann sie das Gespräch folgendermaßen: »Sie ist ein ganzes Weib; aber er ist zu sehr verträumt und in sich selbst verloren, um ein ganzer Mann zu sein. Sie will nichts anderes, als lieben und geliebt werden – also nichts anderes, als Weib sein; er dagegen denkt nur daran, sich selbst zu verleugnen und seinem eigenen leidenschaftlichen Ich zu entfliehen. Sie geht an ihrer vollen Weiblichkeit, die sie nicht bethätigen kann, zu Grunde; und er daran, daß sie nicht die Frau – nicht die eine und einzige Frau ist, die für diesen einen und einzigen Mann geschaffen ward. Uebrigens ist von den beiden sie die weitaus wertvollere Existenz.« »Weil sie nach der Liebe des Mannes schmachtet und wahrscheinlich verschmachten wird?« Da ich die schöne Maria nun einmal nicht leiden kann, sprach ich ziemlich wegwerfend von ihr. Die Neri sah mich mit ihren melancholischen Tragödinaugen so groß an, daß ich mich ärgerte, und sagte: »Wollen etwa Sie deswegen die arme Frau verächtlich finden?« Jetzt ward ich böse: »Weshalb betonen Sie so scharf, ob ich die Dame deshalb verächtlich finde?« Jetzt lächelte sie; und jetzt war sie sofort wieder reizend. Aber ihr Lächeln war sehr traurig. »Weil auch Sie eine Schwester der schönen Maria sind. Wir alle, die wir echte Frauen und nichts anderes als echte Frauen sind, müssen uns Schwestern der armen Maria nennen.« Empört rief ich: »Ich sollte schmachten und schließlich verschmachten!... Wonach schmachten? Meine Frauennatur zu erfüllen? Weswegen verschmachten? Weil ich meine wahre Natur nicht erfüllen – nicht die Sklavin, das Geschöpf, die Geliebte eines Mannes sein kann, des ganz bestimmten einen und einzigen Mannes, für den ich eigens geschaffen ward?« Ich war wirklich geärgert. Doch die Tragödin blieb gelassen und schwermütig. »Ich wüßte nicht, was ich Ihnen Besseres wünschen könnte.« »Als was?« »Als eine große Leidenschaft.« Es durchschauerte mich plötzlich ... Es war jenes eigentümliche zitternde fröstelnde Schauern, welches uns überfällt, wenn jemand über unser Grab gehen soll. Warum mußte sie aber auch grade die Phrase von der großen Leidenschaft brauchen?! Ich rief: »Eine große Leidenschaft ... Wie sollte ich dazu kommen? Was sollte ich damit anfangen? Ich bin gar nicht im stande, eine große Leidenschaft zu empfinden, will dazu gar nicht im stande sein! Sie kennen mich eben nicht, Sie überschätzen mich.« Und ich lachte hell auf. »Ich möchte sie Ihnen gönnen,« sagte die seltsame Frau langsam und leise. Ich erwiderte sehr erregt: »Wie können Sie mir etwas gönnen wollen, was nun einmal nicht in meiner Natur liegt? Ich bin ja viel zu kokett, viel zu äußerlich, zu mondaine und zu klein, um einer großen Leidenschaft überhaupt fähig zu sein. Es weiß ja kein Mensch, wie klein und erbärmlich ich bin!« Und in einem Anfall von Tollheit – denn etwas anderes kann es nicht gewesen sein – glitt ich auf den Teppich und der Tragödin zu Füßen nieder, umfaßte sie mit beiden Armen, verkroch mich mit dem Kopf in ihren Schoß und begann herzbrechend zu schluchzen. Stelle Dir vor: ich, Deine kleine niederträchtige satanische Viviane, begann herzbrechend zu schluchzen. Ich war also einfach verrückt; und sie benahm sich einfach himmlisch. Ich glaube, sie sagte mir: Ich wäre ein armes süßes Ding, sie hätte mich sehr lieb und ich thäte ihr schrecklich leid. Denn ich gehörte zu denjenigen Frauen, deren Natur verkümmerte. Und sie sagte mir ferner: »Das Geschwätz von der berühmten Souveränität der Frau ist Unsinn! Eine Frau ist nur souverän in der Liebe und im Leiden, unumschränkte Herrscherin nur in der Hingabe ihres ganzen Selbst.« Und sie sagte mir zum Schluß: Sie halte mich durchaus für fähig, eine große Leidenschaft zu empfinden, ganz darin aufzugehen! Es wäre wie Flammentod der Seele in einem himmlischen Feuer. Sie sprach zu mir, wie zuvor noch niemals ein Mensch gesprochen hatte, wie ich nicht für möglich gehalten, daß jemals jemand zu mir sprechen würde. Sie war sehr, sehr traurig; aber sehr groß – herrlich groß! Du kannst den Eindruck, den ihre Rede auf mich machte; gar nicht begreifen. Zum erstenmal ging mir eine Ahnung davon auf, daß ich vielleicht doch etwas mehr wäre als eine unverbesserliche Mondaine; und daß von den beiden Seelen in mir die eine doch noch einmal groß und gut empfinden könnte. Denn ich will nicht, will nicht, will nicht so erbärmlich in mir selbst verbrennen, will nicht aufhören zu leben, bevor ich überhaupt gelebt habe. Höre es, göttliche Vorsehung! Und höre es, gemeiner Zufall: Ich will nicht ! * Assunta Neri ist abgereist. Sie ist zu Tode erschöpft. Aber sie muß Komödie spielen; denn sie will Geld verdienen. Sie geht mit ihrer Truppe nach Rußland. Wann werde ich sie wiedersehen? Wie werde ich sie wiedersehen? Sie scheint wirklich nicht zu wünschen, daß ich dem Grafen wieder begegne. Aber sie denkt dabei weniger an ihn als vielmehr an die Madama, die den Grafen liebt, von ihm nicht wiedergeliebt wird und daran allmählich zu Grunde geht ... Bildet sie sich etwa im Ernst ein, ich könnte mit der guten Maria rivalisieren wollen? Demnach müßte ja der Graf der eine und einzige Mann sein, der – Welch ein Gedanke! Schließlich ist er eben doch schon ein alter, wenigstens ein alternder Mann ... Und die Jugend ist etwas so Köstliches, Berauschendes, Seligmachendes! Aber Assunta Neri ist fort! Und durch ihren Verlust empfinde ich plötzlich ihren Wert in vollstem Umfange. Sie ist solche Ganzheit – ich weiß es nicht besser auszudrücken. Alles an ihr ist ungeteilt und ganz. Die Leute nennen sie eine große Künstlerin ... Ich möchte sie viel einfacher einen großen Menschen heißen. Weißt Du: es ist doch etwas Geheimnisvolles und Wundervolles um die Wirkung eines solchen Geistes auf andere schwache Geister. Man mag wollen oder nicht, man mag sich sträuben und dagegen sich auflehnen; aber die Wirkung des wahrhaft Großen ist doch so mächtig, daß man selbst daneben weniger klein erscheint. Man muß sich allerdings auf die Fußspitzen stellen. Assunta Neri ist fort! An der Leere, die sie zurückläßt, fühle ich, daß sie dagewesen ist; und daß ich – recht einsam bin. Jede Nacht grüße ich jetzt das einsame Nachbarlicht. Fast jede Nacht sehe ich den Grafen auf der Galerie stehen und zu seiner hellen Gefährtin in der Finsternis hinübergrüßen. * Ich lese Cola Campana, nichts als Cola Campana! Dieser Dichter kennt weder die Welt, noch die Menschen. Am allerwenigsten kennt er uns Frauen. Er hat nur das Verlangen, uns kennen zu lernen. Um diesen Dichter in allem, was er jemals war und dichtete, erschöpfend zu charakterisieren, genügt ein einziges Wort. Denn im Grunde genommen ist es nur ein einziges Wort, welches Cola Campana in den fünfzehn oder zwanzig Bänden seiner gesammelten Werke geschrieben hat. Dieses eine einzige Wort lautet: Sehnsucht! Er sehnt sich eben so heiß, zu leben wie zu sterben. Er sehnt sich nach Glück genau so grenzenlos wie nach Trübsal. Und er sehnt sich nach Liebe. Er sehnt sich, darin unterzugehen! Er spricht davon, sie einmal gefunden zu haben. Aber ich behaupte: er fand sie nicht! Und ich behaupte ferner: sollte er sie noch einmal finden, so würde er noch einmal – vielleicht grade kein glücklicher Mensch werden; darauf kommt es auch nicht an – so könnte er noch einmal etwas schaffen, etwas Großes und Bleibendes. Aber die Liebe ist kein Ding, das der eine verlieren und der andere zufällig aufheben kann. Der gute Graf mag noch einmal volle zwanzig Jahre unter den Steineichen und am Cypressenteich umherirren, ohne der großen Göttin zu begegnen. Lache mich aus! Aber mir ist eingefallen, daß eigentlich die Neri die erweckende und erlösende Gottheit spielen könnte – trotzdem sie keine Verse sprechen kann. Sie würde es immerhin superb machen und beim Fallen des Vorhangs in einer ravissanten Pose dastehen. Es mühte dies um so mehr ganz ihr Fall sein, da von einer glücklichen Liebe nicht die Rede sein würde, sie also nach Herzenslust unglücklich lieben könnte. Später käme es so: der Graf schreibt für sie ein Stück und sie studiert die Rolle oben am Cypressenteich, in dem sich die schöne Maria den Liebestod gibt. Das Stück wird mit der Neri aufgeführt, hat einen Sensationserfolg und – Ueber den Schluß bin ich mir noch nicht klar. Das Drama muß sehr modern enden, ohne Sentimentalität, nebelhaft ungewiß à la Ibsen. Aber Graf Campana würde gewiß niemals eine Rolle für die Neri schreiben können, weil die Neri nur eine echte, nur eine durch und durch moderne Frau spielt; und weil der Graf die Frau nicht kennt: weder die moderne, noch die unmoderne Frau! Nicht einmal das hat die schöne Maria zu bewirken vermocht: daß er durch sie unser Geschlecht kennen lernte! Nicht wie dieses zu sein scheint; sondern wie es in Wirklichkeit ist. Und weshalb lehrte sie ihn uns nicht kennen? Ich finde immer nur ein und dieselbe Antwort, soviel ich darüber auch nachdenke ... Er liebt sie nicht, er liebte sie nie! Und weil er nie liebte: weder die schöne Maria noch überhaupt eine Frau; darum kennt er uns nicht, darum wird er uns nie kennen lernen, bis er – Weshalb er wohl diese Frau ihrem Manne fortnahm? Mit dem raffinierten Instinkt der Frau fand ich es gleich nach der ersten Begegnung mit den beiden heraus. Diese Maria ist zu sehr eine Schwesterseele des Mannes. Sie ist ihres Mannes getreuer Kamerad, sein bester Gefährte. Sie ist gewiß eine verehrungswürdige Gattin; aber sie kann niemals eines Mannes Geliebte sein. Ihr fehlt jegliche Koketterie, jegliche Fraueneitelkeit, jedes Bewußtsein ihres Geschlechts. Auch die keuscheste Frau muß in ihrer Seele ein Atom Hetäre sein. Wohlverstanden: Hetäre, nicht Dirne. Der volle Mann bedarf des vollen Weibes. Und diese wunderschöne Maria ist ein wunderschönes Bild ohne Gnade, ohne jede Gnade, die den Mann selig macht. Lange genug hatte es bei mir bedurft, bis ich schließlich durch das brutale Faktum der Dinge mich überzeugen ließ, daß es so ist. Jetzt weiß ich's. Ob die Madama sich hatte anders entwickeln können? Ich glaube, ja! Hätte sie in dem einsamen Manne da oben zugleich den glühenden Liebhaber und nicht nur den Erlöser und Retter, den treuen Gefährten und brüderlichen Seelenfreund gefunden, so wäre sie gewiß nicht zu der Schattengestalt einer schmerzensreichen Gattin verkümmert. Wie konnte sie aber in ihrem Manne den Liebhaber finden, da sie diesen in dem Träumer nicht zu wecken vermochte? Dazu bedurfte es einer andern Gewalt. Die schöne Maria hatte nur eine einzige Seele: die der ehrbaren Frau. Doch diese eine Seele genügt nicht. Wir Frauen bedürfen einer zweiten Natur – ich muß es an dieser Stelle noch einmal sagen. Warum, um Gottes willen, schreibe ich dies alles auf?! Ich schreibe es auf, weil ich es denke; und weil ich mir gelobt habe: was ich denke, auch auszusprechen – alles auszusprechen! Nicht allein für Dich, meine Freundin; sondern auch für mich selbst. Ich muß auch gegen mich selbst den Mut der Wahrheit besitzen. * Es fängt an heiß zu werden – endlich! Ich bin wie eine Lacerte und bade mich im Sonnenschein. Aber ich husche und ruschle nicht herum; sondern bleibe wollüstig still liegen. Die Sonnenglut übt eine eigentümliche mystische Macht auf mich aus. Sie ist wie ein Zauber. Bei Kälte bin ich krank, müde, zu Tode erschöpft, halb leblos. Erst wenn andere vor Hitze verschmachten, erwache ich und beginne zu leben: ein elementares Lichtdasein! Die Glut durchschauert mich wie junger Wein. Sie berauscht mich. Ich könnte mir Rosen durch das Haar winden und zur Mänade werden. Vielleicht war ich einmal, als noch die alten großen Götter über die junge Erde dahinschritten, die Geliebte des Sonnengottes. Es sind dann für meine sehnsüchtige Seele schlimme Zeiten; denn alle meine Sinne geraten ins Taumeln ... * So voll empfand ich die Wonnen der großen Frühlingsfeier des Südens noch niemals! Mir ist, als erlebte ich dieses Blumenbacchanal zum erstenmal. Vormittags lasse ich meine Kissen hinaus in den Garten tragen und ruhe zwischen den blütenvollen Sarkophagen. Sie gleichen jetzt riesigen Opferschalen, denen alle Wohlgerüche Arabiens entströmen. Die Welt ist von ihrem eigenen Frühling so berauscht, daß die Schmetterlinge auch mich für eine märchenhafte weiße Blume halten und sich in mein Haar und auf meine Brust niederlassen. Ich schrieb Dir nicht, daß ich vor diesen ersehnten heißen Tagen recht leidend war. Du hättest Dich geängstigt und ich hätte Dich durch die Frivolität, mit der ich mein Leiden hinnehme, nur geärgert. Gesundheit ist so brutal! Ich hatte Schmerz in der Brust und der Bluthusten war stärker geworden. Mein tiefbesorgter Gemahl hätte mich gern nach Cannes oder Nizza geschleppt. Aber das ganz neu und entzückend möblierte Villino vor der Porta Pia war zum Glück ein Hindernis; denn die Campagna, diese größte Tragödie der göttlichen Dichterin Natur, hat es mir launenhaftem unberechenbarem Geschöpf nun einmal angethan. In diesen letzten heißen Wochen habe ich mich so rasch und wunderbar erholt, daß ich sogar wieder reiten darf. ›Aha!‹ so denkst Du jetzt gewiß, ›meine unverbesserliche grande mondaine will in der »tragischen« Campagna die Fuchsjagden mitmachen und auf den Rennen bei den Capannelle als Amazone die Herzen der römischen goldenen Jugend berücken ...‹ Ich freue mich, ich triumphiere; denn: Ich bin eben doch besser als mein Ruf. Weder Fuchsjagden noch Rennen; sondern einsame köstliche Ritte durch die Wälder und Ruinen von Tusculum. Kennst Du Tusculum? Nein! Also höre: Ein ausgedehntes hügeliges Gebiet, von Oelwäldern wie von schimmernden Schleiern umzogen. Du schreitest über Wiesen, die Gärten gleichen, trittst in Haine, wo nur die Tempel der Diana fehlen, um die Seele mit mystischen Schauern zu erfüllen ... Frischgrüner heiterer Kastanienwald! Weite stille Rasenflächen mit einer einsamen gewaltigen Pinie ... Unter Cypressen ein zerstörtes antikes Grab ... Unter Blüten vergraben, eine antike Straße, ein antikes Nymphäum, die Reste einer großen antiken Villa ... Hier wieder Ruinen. Und hier wieder! Noch führen Stufen hinauf ins Haus, noch glänzt die Mosaik, noch stehen die riesigen Weinamphoren in den Boden gemauert ... Ruinen überall! Und überall Schweigen, Frieden, Einsamkeit, Wildnis – Schönheit. Höher auf dem Berge eine Gräberstraße, ein Amphitheater, eine Kaiservilla, ein Forum ... Noch ein Theater! ... Zisternen, Säulen, Altäre, Statuen, Gebälkstücke – Trümmer, Trümmer, Trümmer ... Darüber jubilieren die Lerchen, kreisen die Falken. Im März blaut der einsame Berg von Veilchen; und jetzt – Du kennst den Wagnerschen »Feuerzauber«; aber Du kennst nicht den tusculanischen Ginsterzauber. Wie kann ich Dir diese Blütendichtung nur schildern? Der Berg scheint sich geöffnet und goldene Wogen ausgeworfen zu haben. Von allen Seiten rinnen und rieseln lautlos leuchtende Blumenbäche nieder. Sie durchbrechen die Waldungen, sie dringen in die tiefsten Dickichte, sie überschwemmen die Fluren, umwogen die Ruinen, füllen jeden Graben, jede Senkung. Sie stauen sich zu einem See. Du versinkst in den weichen stillen goldigen Fluten. Alles um Dich glänzt und gleißt. Du hast das Gefühl: würde die Sonne nicht scheinen, so würde der Berg strahlen. Habe ich es Dir geschildert? Nein! Ich habe es nur gesagt. Jeden Abend reite ich in meinem weißen Amazonengewande auf weichen, sanft ansteigenden, sanft abfallenden Wegen kreuz und quer, über und um die tusculanischen Berge. Bei jedem Ritte mache ich neue Entdeckungen. Wie ein Pfadfinder des Urwalds durchdringe ich die Gebüsche, wo das Caprifolium mir ins Gesicht schlägt und mein Pferd wilde Lilien und Päonien zertritt. Plötzlich leuchtet mir etwas entgegen; es ist eine gesunkene Marmorsäule. Plötzlich erhebt sich vor mir gewaltiges Gemäuer – ein Labyrinth von Kammern, Korridoren, Wölbungen thut sich auf. Jetzt sollst Du hören, was ich gestern in dem Ginsterzauber erlebte. Bei Camaldoli ließ ich den Groom zurück, dessen fashionable Existenz in diesen Einsamkeiten überhaupt keinen Sinn hat. Ich ritt dem Gipfel von Tusculum zu, der durch das Zeichen des Kreuzes gegen allen Höllenspuk und jegliches Teufelswerk geschützt ist. Ich kam in einen verwachsenen Weg und geriet zwischen zwei steile Ginsterwände. An den baumhohen Büschen war kein grünes Blättlein zu sehen, nichts als goldige Blüten. Bis auf den Boden fielen die Zweige herab und legten sich lang und breit darüber hin. Immer enger wurden die Wege, immer näher rückten die schimmernden Mauern zusammen. Es war, als ritte ich zwischen endlos langen, märchenhaften, vom Sonnenfeuer entzündeten Scheiterhaufen dahin. Denn über all dem Glänzen und Glühen lag der grelle Schein der Abendsonne. Jetzt züngelte die blumige Lohe an mir empor, jetzt packten mich die Brände, schlugen die Flammen über mir zusammen ... Wie weiche zärtliche Kinderarme legten sich die strahlenden Zweige um meinen Hals, schmeichelten mir die Wangen, hüllten mich und mein Pferd in lauter Glorie ein. Ich konnte mich in dem Blütenfeuer einer unverletzlichen seligen Gottheit gleich dünken. Plötzlich ragte eine turmhohe Felsenwand vor mir auf. Unzugänglich entstieg sie dem glühenden Ginstermeer wie der Brunhildenstein der »wabernden Lohe«. Das wilde Gestein war dicht von einer hellgelben Moosflechte umsponnen, daß es glänzte wie mit Goldplatten beschlagen; den Rand des jäh in die Tiefe abstürzenden Gipfels säumte ein Kranz von blühendem Weißdorn und darüber, wie in einem schneeigen Gewölke, schwebte ein großes dunkles Kreuz. Es ist die ehemalige Burg von Tusculum. Ich konnte nicht vorwärts, hielt mein Pferd an, schaute mich um und – sah mich dem Einsiedler von der Villa Falconieri gegenüber. Auch er, aus den goldgelben Dickichten tretend, erblickte mich plötzlich. Er grüßte mich nicht; sondern stand unbeweglich und starrte mit seinen weitoffenen leuchtenden Ascetenaugen auf mich wie ein fanatischer Mönch, der nach langer schwerer Pönitenz eine Vision hat: die Erscheinung eines schönen satanischen Weibes. Und es war doch nur Deine arme kleine Viviane. Ich war etwas verwirrt. Zugleich fühlte ich mich geschmeichelt. Das war nun wiederum eine vollständig neue Empfindung, die ich mit stiller Verwunderung und mit mehr Aerger als Freude plötzlich bei mir entdeckte. Der sichtlich starke Eindruck, den mein unvermuteter Anblick auf den phantastischen Grafen machte, der nicht einmal ein rechter Mann, sondern nur eine Ausnahmsnatur ist, hätte mir vollständig gleichgültig sein müssen. Aber ich hatte mich in meinen dunklen schlaflosen Nächten zu viel mit seinem einsamen Lichte beschäftigt. Das rächte sich jetzt. Du, reine Göttin, weißt es natürlich nicht. Aber ich, die absolute grande mondaine , weiß es um so besser! Nämlich, daß wir echten Evastöchter in solchen gefährlichen Augenblicken eine ganze Hölle voller Teufel in der Seele haben. So ließ ich denn zu dem duftenden Feuerzauber der Ginsterblüte nach Herzenslust meine Funken sprühen, alle meine Flammen züngeln und zucken. Nachdem ich ihn eine Weile seine Vision hatte schauen lassen, rief ich lachend: »Ich bin Fleisch und Blut, Graf Campana! Und zwar bin ich sehr irdisches Fleisch und Blut – leider. Selbst Sie, großer Frauenverklärer, würden mit mir nichts anfangen können, was ich der Situation wegen bedauere. Denn dieser unerwartete meeting von Einsiedler und Weltkind inmitten der Ginsterblüte, unter dem Kreuz von Tusculum, ist doch gewiß ein Stück Poesie – allerdings längst überwundener, höchst unmoderner Romantik.« Diese thörichten Dinge schwatzte ich aus drei Gründen. Erstens wollte ich meinen Aerger über meine geschmeichelte Eitelkeit cachieren; zweitens wollte ich den Triumph genießen, ihm zu fühlen zu geben, daß er mir meinen kinderleichten Sieg über seine Phantasie zu deutlich hatte merken lassen; drittens – ich muß auch das noch einmal sagen – reizte es mich mehr und mehr, diesem Mann, der so souverän glaubte, ohne die wirkliche Welt, besonders ohne die irdischste und zugleich himmlischste aller Welten: die der Frauen, bestehen zu können – es reizte mich, diesem Schwärmer eine kleine Lektion zu erteilen. Wie schwach muß sein Widerstand sein. Oder – wie groß meine Macht! Ich kann es auch so ausdrücken: wie riesengroß muß seine Sehnsucht sein, wie verzehrend sein Durst, wie wüstenöde seine Vereinsamung ... Die Nähe einer Gefahr witternd, war ich dadurch nicht erschreckt; sondern ich fühlte mich davon berauscht. Ich selbst konnte mich ja jeden Augenblick in Sicherheit bringen. Ich sah die Anstrengung, die es ihn kostete, seinen Blick von mir abzuwenden. Es mußte ihm gradezu physischen Schmerz verursachen. Aber ich fühlte kein Mitleid mit ihm. Wir Frauen haben etwas Neronisch Grausames und Blutdürstiges in unserer Natur. Ich kann begreifen, daß die alten Römerinnen bei den Zirkusspielern saßen und tagelang gierig zuschauten, wie Bestien Bestien und Menschen Menschen zerfleischten. Jetzt kam er auf mich zu: langsam, wie durch Magie zu mir hingezogen. Seine visionären Augen schauten jetzt an mir vorüber ins Leere, um seine vertrockneten und doch so lechzenden Lippen zuckte es. Ich beobachtete alles und war neugierig, was er sagen und thun würde. Es kam anders, als ich glaubte, als ich heimlich gehofft hatte. Er bezwang sich und gewann wieder seine große Haltung, quälte sogar seinem armen blassen Munde ein irrendes Lächeln ab. Nur war er nicht im stande, seinen Blick aus dem Leeren auf mich zurück zu richten. Trotzdem fühlte ich mich enttäuscht und verletzt. Was, um Gottes willen, hatte meine tolle Eitelkeit eigentlich erwartet? Eine Frau erträgt nichts weniger, als wenn ihr angedeutet wird, daß sie sich verrechnet hat; und wenn es auch nur um die niedrigste Zahl ist. Wir Frauen, die wir die menschgewordene Unkonsequenz sind, wollen stets aus allem die letzten Konsequenzen ziehen. Die kleinste Niederlage, die unsere wunderliche Logik erduldet, reizt uns. Und, einmal gereizt, beginnen wir ernstlich gefährlich zu werden. Der Graf sagte: »Ich brauche mich bei Ihnen wohl nicht zu entschuldigen?« »Weil Sie grade keine besonders gute Nachbarschaft halten? Uebrigens weiß ich ja, daß Sie uns kleine Menschenkinder in den Bann thaten, daß Sie ausgezeichnet ohne uns kultiviertes Salongesindel leben können, und daß Sie zu den Privilegierten gehören, die dies ungestraft thun dürfen. Sie sind demnach von der Unterlassungssünde: in der Villa Taverna keine Karte abgegeben zu haben, feierlichst absolviert.« »Sie sind sehr barmherzig.« »Sagen Sie das ja nicht! Sie verraten dadurch –« Hier machte ich eine kleine Kunstpause, um ihn zu zwingen, mich anzusehen. Er that es mit starker Ueberwindung, worauf ich ihn anlächelte wie ein Kind, dem man eine reizende Puppe geschenkt hat. »Was könnte ich dadurch, daß ich Sie barmherzig nannte, verraten haben?« »Daß Sie nicht sind, was zu sein Sie sich gewiß schmeicheln: gar kein Seelenkenner! Wenigstens kein Kenner von Frauenseelen.« Er hörte kaum, was ich sprach ... Gewiß hatte er Nacht für Nacht auf der Galerie gestanden und nach meinem einsamen Lichte hinübergesehen – genau mit demselben Blick. »Also wirklich?« Da nahm er sich jedoch zusammen: »Sie meinen also wirklich, ich kenne die Frauen nicht?« »Nur in der Einbildung.« »Demnach nur in der Lüge?« »Man kann auch sagen: nur in der verklärenden Illusion.« »Dann also nur in der schönen Lüge?« »Wir Frauen sind nun einmal ganz anders, als wir scheinen.« »Sie auch?« »Ich auch! ... Ich habe über Sie und Ihre Frauengestalten viel nachgedacht.« »Sie, Prinzessin?« »In mancher der Nächte, in denen Sie mein Licht brennen sahen. Ich weiß, Sie sahen es brennen!« Und ich blickte ihn mitleidslos an, immerfort lächelnd. Wie bleich der Mann war! Mit seiner Haltung d'un roi en exil , mit den Augen des Visionärs und den nach Glück dürstenden Menschenlippen war er totenbleich. Er sagte – und ich hörte seinen schweren Atem: »Sie dachten über meine Frauengestalten nach ... Würden Sie mir sagen, was Sie dachten?« »Es wird Ihnen einerlei sein. Aber bisweilen, allerdings sehr selten, bin ich höchst unvorsichtig freimütig und wahrheitsliebend, was Sie von einer blasierten Weltdame gewiß sehr sonderbar finden werden.« Er sprach nichts, er sah mich nur an. »Also, was ich dachte? ... Ich dachte: da ist dieser Poet. Und dieser Poet ist einmal in seinem Leben einer Frau begegnet, der er seine ganze Seele gegeben hat. Und weil er keine Seele wiederempfangen, so hat er die seine in eine leere Hülle gelegt, hat sie ganz erfüllt mit Schönheit, Glanz und Wunderblumen, hat in diesem seelenlosen Weibe seine eigene schöne große Dichterseele angebetet ... Und er hat den Irrtum niemals erkannt; sondern hat nach dem Bilde dieser einen und einzigen Frau alle seine Frauen geformt, hat alle seine Frauen nach seinem eigenen Bilde geschaffen, in seiner Art also auch ein Prometheus. Und er stellte dieses Frauenideal, dieses Idol, vor uns hin und sagte: ›Sehet – das Weib! Und seht, das Weib ist eine Göttin! Kommt her, alle, die ihr mühselig und beladen seid, und laßt euch von dem alleinseligmachenden Weibe erlösen.‹« So sprach ich zu dem armen verschollenen und vergessenen Poeten und wußte recht gut, daß ein Teufel aus mir zu ihm sprach. Mit seinen verzückten Blicken und seinen zitternden Lippen erwiderte er: »Und sollten wir uns etwa nicht vom Weibe erlösen lassen, erlösen von allem Jammer, aller Schuld?« »Ich sage Ihnen: Ihr reines erlösendes Weib ist eine Fiktion! Das Weib bedarf selbst der Erlösung: der Erlösung durch den reinen Mann. So, wie wir sind, verfällt der Mann, der uns sich ergibt, der Verdammnis: entweder so oder so.« Da fuhr er auf. »Es ist nicht wahr! Ich sage Ihnen, daß es nicht wahr ist! Wenn ich wirklich die Frau nicht kennen sollte, wenn ich wirklich von ihr nur ein Scheinbild gedichtet hätte – wenn auch das nichts als Selbsttäuschung gewesen wäre, so käme ich damit um das einzige, was ich in früheren Jahren an meinen Werken für wert hielt, daß sie eine kleine Zeit dauern möchten, so ist meine Regierung als Dichter vollständig ... Aber es ist nicht wahr! Denn ich habe die Frau kennen gelernt – ich! Jene Frau, die das reine Himmelsbild, als welches ich das Weib hinstellte, auch ist : jene erlösende Frau, die liebt und leidet, die liebt und sich selbst vergißt, die liebt und stirbt und im Sterben noch lächelt: ›Es thut nicht weh, Pätus!‹« Ich verstand sehr wohl, daß er von seiner schönen Maria sprach, daß er mir die gute Madama als Muster unseres Geschlechtes, als heiliges Urbild aller edlen und reinen Weiblichkeit hinstellte. Aber ich war grausam genug, mir den Anschein zu geben, als verstünde ich nicht, wen er meinte: seine eigene Frau – wie er die »Madama« gewiß nannte. »Sie dichten schon wieder, Graf! Und Sie dichten wieder eine Ihrer alten Frauengestalten: das madonnenhafte Weib, das gar nicht Weib ist; sondern nur eine Abstraktion, ein in den Lüften schwebendes blutloses Schemen. Jene fleckenlose angebetete Maria war niemals Weib. Ein Weib, ein volles wahres Weib, war jene große Sünderin, auf welche die Pharisäer den Stein warfen.« Und in diesem Ton sprach ich weiter und weiter ... Um uns glänzten und gleißten die goldenen Ginsterflammen; und es glimmte und glühte in der Seele des Grafen. Ich hatte den Brand hineingeworfen. * Weshalb ich das gethan? Ich finde tagsüber keine Stunde Ruhe, nachts keine Stunde Schlaf. Ich frage und prüfe mich, durchforsche und durchwühle mein Inneres und – finde nichts anderes, als daß ich es aus Neugier gethan, aus Koketterie, Frivolität. Und ich that es aus instinktiver Abneigung gegen die Madonna da oben, aus echt weiblichem Haß gegen alle Ascetennaturen, that es aus angeborener Teufelei, aus geerbter Perversität, that es aus – Nacht für Nacht steht er auf der Galerie und schaut zu mir herüber: Nacht für Nacht fühle ich auf mir seinen Blick. Sein Licht aber hat er gelöscht. * Der Graf Cola Campana an Herrn Richard Voß Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland. Villa Falconieri, Ende Mai. Meine Aufzeichnungen, die ich Euch zuliebe für Euch und mich selbst machte und die mich nach Eurer Hoffnung von meinem eingebildeten Leiden heilen sollten, hatten nur zur Folge, daß ich mich von dem wirklichen Bestehen meiner Lebensmisere überzeugte. An diesem meinem Glauben ist jetzt nicht mehr zu rühren und zu rütteln. Denn, mit möglichster Klarheit und Wahrheit alles betrachtend, sehe ich in allem Entwicklung, Logik, Konsequenz und Resultat. Und das sind Realitäten, gegen die sich mit keinen Illusionen ankämpfen läßt. Lassen wir also die Räsonnements und finden wir uns endlich mit dem Faktum, dem Facit ab. Dieses heißt: Verfehltes Leben. Solche zertrümmerten Existenzen gibt es zahllos wie Sand am Meer. Weshalb sollte grade ich eine Ausnahme sein? Etwa weil ich eine Ausnahme bin? Diese bleibt schließlich am wenigsten vor dem allgemeinen Menschenschicksal bewahrt. Es geht alles so einfach zu: Du bildest dir ein, ein Wipfel zu sein, der ermatteten Wanderern Schatten spendet; und eines schönen Tages entdeckst du zu deinem höchsten Erstaunen, daß du an dem Götterbaume der Kunst nur ein winziges armseliges Blättlein bist. Ein einziger heißer Sommertag verdorrt dich; ein einziger rauher Windstoß reißt dich ab. Du verwehst in alle Winde ... * Ich weiß nicht, was das in diesem Frühlinge mit mir ist? Ich fühle mich verwirrt, beunruhigt, geängstigt. Mußtet Ihr auch grade dieses Jahr nicht kommen! Noch niemals habe ich so unerbittlich klar empfunden, wie still Maria neben mir hingeht. Vielmehr: ich empfinde es jetzt überhaupt zum erstenmal. Die Lautlosigkeit unseres Ehelebens hat etwas Gespenstisches. Ich muß mich dermaßen in mich selbst eingesponnen haben, daß ich alle diese Jahre nichts sah; vor lauter Hüllen und Schleiern, Dünsten und Dämpfen nichts sehen konnte. Sie sind zerrissen, und jetzt sehe ich – jetzt muß ich sehen! Habe ich denn Maria niemals erkannt und verstanden? Verstehe ich die Frau überhaupt nicht in ihrem allertiefsten und allergeheimsten Wesen, welches ihr Verhältnis zum Manne ist? Damals, als ich noch dachte und dichtete, als es in meinem Leben noch Augenblicke gab, wo auch ich mich »dem Weltgeist näher fühlte«, wo ich über mich hinausgehoben ward und in dieser lichten Höhe strahlende Träume hatte – selbst damals in jenen stolzen Stunden hielt ich doch niemals mein Denken und Dichten für einen Pulsschlag des Menschengeschlechts. In der langen Reihe meiner schwankenden Gestalten sah ich immer nur eine einzige Gestalt, die an ihren Zeitgenossen nicht sofort vorüberging. Ich sah sie für einen Augenblick stehen bleiben und der Zeit ihr Antlitz zeigen. Und dieses war das blasse schmerzverklärte hoheitsvolle Antlitz des liebenden und leidenden Weibes. Ich kannte nur dieses eine einzige Weib und hielt es für das Weib ! Mit welchen Worten spreche ich diese Gedanken aus? Was ging mit mir vor? Es sind gar nicht meine eigenen Gedanken und Worte! * Maria ist nicht minder eine tragische Erscheinung; und wenn ich ihr Leben zurückdenke, so faßt mich des Lebens ganzer Jammer an ... In der faulen verpesteten Atmosphäre ihres Elternhauses lebte sie unberührbar rein, liebte sie unerschütterlich stark einen außergewöhnlich schönen Mann mit außergewöhnlich häßlicher Seele. Die Erkenntnis der Wahrheit wirkte entgeisternd auf sie. Wie mit erstarrten Daseinsempfindungen lebte sie fort und gab sie nach vielen Jahren einem Kinde das Leben. Jetzt begann es sich in ihr zu regen, etwas in ihr zu erwachen. Es war jedoch nicht das Weib, sondern die Mutter. Ihr Kind starb, und sie wollte sterben, und wurde von einem Manne am Leben erhalten, an dessen Herzen jetzt auch das Weib hätte erwachen müssen. Aber – Das Dunkle, Geheimnisvolle und Unheilvolle, das zwischen uns steht, bleibt und will nicht weichen. Bisweilen denke ich: es möchte sein, weil sie nur die »Madama« ist und nicht meine Frau. Ich will nach dem verschwundenen und verschollenen Mariano suchen lassen ... Gewiß ist er längst verdorben gestorben. Und dann – * So vieles ist jetzt mit mir anders geworden, zum Erschrecken anders. Vielleicht hat es darin seinen Grund, weil ich Schlafwandler, der ich war, mich selbst geweckt habe. Ich suchte hier Ruhe, Frieden und Vergessenheit; aber selbst die Villa Falconieri singt mir jetzt kein Wiegenlied mehr. Ich durchirre das Haus von Zimmer zu Zimmer, durchstreife den Park von Weg zu Weg. Aus dem Hause treibt es mich hinaus ins Freie, um mich bald wieder zurück zu scheuchen. Die Steinplatten auf meiner Galerie zeigen die Spuren meiner ruhelosen Schritte wie in der Zelle eines Gefangenen der Fußboden abgeschürft ist durch die ewige Bahn des Eingekerkerten. Die zwanzig Jahre meines ruhelosen Lebens ließen also nicht nur im Gemüte ihre Eindrücke zurück. Die vielen Thore der Villa mußten wieder geschlossen werden. Neulich schlichen sich Fremde ein. Es war seit vielen Jahren das erste Mal. Eine sehr seltsame Wahrnehmung mußte ich machen ... Die Natur ist mir seit kurzem, seit meinem gewaltsamen Erwachen, nicht mehr Allheilerin und Allhelferin. Selbst die große Tragödin, die römische Campagna, hat aufgehört, ihre gewaltigen Strophen aus dem Drama der Weltgeschichte für mich zu recitieren. Und sie verstummte doch bis jetzt niemals! Was bedeuten diese Zeichen? Gestern war ich auf Tusculum ... Wie in diesem Jahre auf Tusculum der Ginster blüht! * Ich glaube, ich schrieb Euch, daß ich in der Villa Taverna Nachbarn habe. Und zwar schon seit März. Es ist der Prinz von Sora, ein berüchtigter Wüstling. Die arme junge Frau! Der Prinz ist nämlich verheiratet und hat seiner Frau willen von dem bankerotten Borghese die Villa Taverna gemietet. Die Prinzessin, die Blut husten soll – habe ich das nicht bereits erwähnt? – gehört zu den Spitzen der römischen Modedamen: zu den allerhöchsten Spitzen. Schade darum! Das heißt – sie soll nämlich im Grunde entzückend sein. Dabei ist sie erst zweiundzwanzig Jahre. Die göttliche Jugend! Aber bei dieser Jugend bereits für das ganze Leben ruiniert. Und wodurch ruiniert? Durch Weltleben. Es ist etwas so trostlos Oedes! Allerdings kommt in diesem Falle eine sehr unglückliche Ehe hinzu. Vielleicht ist die Prinzessin gar nicht sehr unglücklich? Denn solche Weltdame – überhaupt die Frauen ... Wer kennt sich bei ihnen aus. Wer kennt sie? Ich nicht! Ich bin gar kein Kenner der Frauen; sondern nur ihr »Verklärer«. Das klingt sehr schön, heißt indessen nichts anderes, als daß ich die Poesie benützt habe wie der Anstreicher die Tünche. Eine graue Mauer färbte ich rosenrot, himmelblau, blütenweiß. Jedenfalls war ich so glücklicher. Eine blutjunge elegante und gewiß reizende Weltdame, die in einer unglücklichen Ehe lebt und sich zu Tode amüsiert – das ist alles! Und es ist im Grunde schrecklich banal. Mit einer solchen Frau sollte kein ernsthafter Mann Mitleid fühlen. Aber die nahe Nachbarschaft stört mich. Wenn ich davon auch nur wenig höre und sehe, so weiß ich doch, daß sie existiert: dicht unter mir! Und ich bin der Nähe von Menschen aus jener andern Welt so vollkommen entwöhnt. Die Prinzessin soll durch die Extravaganzen ihrer Eleganz ebenso berüchtigt sein wie der Prinz durch seine sittliche Verlotterung. Sie soll zu den großen Raffinierten gehören: zu den ganz großen! Sie macht immerfort Sensation, kann gar nicht leben, ohne immerfort Sensation zu machen. Die Farbe, die sie für eine Saison trägt, wird sogleich Modefarbe: die Blume, die sie für eine Saison protegiert, sogleich Modeblume. In diesem Jahre kleidet sie sich ausschließlich in Weiß, liebt sie ausschließlich die weißen Lilien. Also ganz Madonna ... Verzeiht die Entheiligung. Ich dachte nämlich an meine Madonna. Welche Kontraste! Uebrigens ist ihr Ruf tadellos – ich spreche noch immer von der Prinzessin. Eine toute grande dame , die einen verächtlichen Gatten besitzt, in Aeußerlichkeiten aufgeht, nur für ihre Schönheit, ihre Eleganz, ihre Emotionen lebt und dann einen tadellosen Ruf besitzt. Und das in Rom! Es scheint ein Mirakel zu sein. Das Wunder ist aber weniger Wunder, sobald man annimmt, daß sie kalt ist, marmorkalt und unnahbar. Und nur aus Eitelkeit einen Liebhaber zu nehmen, dafür scheint sie mir denn doch – zwar nicht grade zu gut; aber viel zu besonders geartet. Auch gibt es Frauen, die einfach aus Bequemlichkeit nicht lieben, weil ihnen jede Leidenschaft lästig ist. Und es gibt Frauen – Doch was verstehe ich davon? Ich kümmere mich nicht um Frauen, die schlaflose Nächte haben, weil sie für eine Toilette eine Farbennüance erfinden müssen, die noch niemals dagewesen ist. Die Prinzessin von Sora hat schlaflose Nächte: denn Nacht für Nacht sehe ich in ihrem Zimmer Licht. Was gehen mich die schlechten Nächte dieser Weltdame an und weshalb sie schlecht sind? Unsere weiblichen dienstbaren Geister sind durch die prinzliche Nachbarschaft ungemein aufgeregt. Jede Stunde kommen sie – Ihr kennt ja unsere patriarchalische Art, mit unseren Leuten zu leben – mit irgend einer »sensationellen« Neuigkeit angestürzt ... Die Prinzessin soll von einem unerträglichen Hochmut sein und von der Dienerschaft trotzdem vergöttert werden. Die Armen von Frascati kommen scharenweise zu ihr. Dann steht sie in ihrem weißen Kleide unter Krüppeln und Bettlern wie eine heilige Elisabeth. Dabei gehört sie durchaus nicht zu den sogenannten Frommen. Die sichtbarliche Ausübung der Religion überläßt sie dem Prinzen; und sie überläßt den Prinzen seinen Maitressen. Ihre französische Kammerfrau will wissen, daß sie noch niemals geliebt habe, daß sie unheilbar krank sei und bald sterben werde. Es ist alles Klatsch und Tratsch und doch erregt es mich. Alles kommt nur davon, weil ich verlernt habe, unter Menschen ein Mensch zu sein. Ich glaube doch nicht, daß sie in ihren vielen schlaflosen Nächten nur an Nichtigkeiten denkt. Ich glaube, daß sie sehr leidet und sehr einsam ist. * Ich sprach von der »großen Tragödin«, der römischen Campagna, und vergaß, Euch zu erzählen, daß ich die große Frauendarstellerin Assunta Neri sah: nicht in Rom auf der Bühne; sondern im Park der Villa Falconieri. Ich will nicht lügen! Ich vergaß es nicht, ich verschwieg es. Und ich verschwieg es, weil dieses Ereignis – denn ein solches bedeutet ihr Besuch für mich – im tiefsten Innern mich erregte, so sehr erregte, daß es Euch erschrecken könnte. Auch würdet Ihr den Aufruhr meines Gemütes doch nur wieder für das Zeichen einer krankhaften und ganz unnatürlichen seelischen Vereinsamung halten. Ihr wißt, daß ich die Neri bei ihrem Debüt in Rom kennen lernte, daß sie in meiner »Agrippina« auftrat, daß sie das große Ereignis des Abends und der ganzen Theaterwelt war, daß sie seit jener Vorstellung die souveräne Herrscherin der italienischen Bühne ist. Und sie ist die große Verkünderin eines neuen Frauengeschlechts, das die Zeit geschaffen hat und das die Dichter der Zeit versuchen auszusprechen. Nur ich weiß davon nichts. * Eines Vormittags brachte man mir einen Strauß weißer Lilien und sagte: Assunta Neri sei da! Mein erstes Gefühl war Schreck. Es war ein solch rätselhafter Schreck, als drohte mir plötzlich eine große Gefahr. Mein erster Gedanke war, dieser Gefahr zu entfliehen – so schwach und feige kann ein Mann sein, für den es im Leben nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu fürchten gibt. Ich suchte Maria, als müßte ich bei ihr Schutz finden. Sie war aber nicht im Hause. Da trieb mich eine neue geheimnisvolle Empfindung der Künstlerin entgegen. Es war wie eine Gewalt, so daß ich – ich konnte es gut beobachten – unter einem inneren Zwange stand. So ging ich denn hinaus. Gibt es wirklich ein neues Frauengeschlecht, und ist Assunta Neri die Verkörperung desselben, so muß diese Gattung der modernen Frau: der Frau fin de siècle , ein unaussprechlich trauriges trost- und hoffnungsloses Frauengeschlecht sein, bereits am Anfange seiner Existenz dem Untergange geweiht. Denn Assunta Neri hat eine kranke Seele. Wenn nun ihre Kunst »Natur« ist; und wenn ihre Natur nur ein Spiegelbild der Natur des Weibes ist, so muß dieses Weib bis in seinen intimsten Lebensnerv hinein krank sein. Nein! Von dieser Frau weiß ich nichts. Ich will davon nichts wissen! Assunta Neri machte auf mich den Eindruck eines Sciroccotags. Alles an ihr ist schwere schwüle Wüstenglut. Ein fahles gespenstisches Licht umzittert Himmel und Erde, die einen erstickenden Dunst ausatmet. Die ganze Natur ist zu Tode erschöpft und sehnt sich nach dem letzten erlösenden Seufzer. So erschien mir diese Frau. Vielleicht legte ich meine eigene Stimmung in sie hinein. Ich sehe ja Menschen und Dinge derart unwirklich, daß ich meinen eigenen Augen nicht trauen darf. Uebrigens wechselten wir beide nur wenige Worte; denn Maria kam. Die Neri ging sogleich auf sie zu und beschäftigte sich beinahe fieberhaft mit ihr, schien sie entzückend zu finden. Als ich Maria später fragte, was die Neri eigentlich mit ihr gesprochen hätte, wußte sie es kaum. Sie sagte: sie hätte immerfort die andere Dame ansehen müssen. Die »andere Dame« war die Prinzessin von Sora – Assunta Neri wohnt nämlich in der Villa Taverna. Die Prinzessin hatte sie auf einem Spaziergange begleitet und die beiden waren zufällig in unseren Park geraten. Wie Ihr seht, geht alles mit sehr natürlichen Dingen zu. Da Maria die »andere Dame« immerfort ansehen mußte, werdet Ihr auf sie neugierig sein: denn dieses Anstarren einer vollkommen fremden Dame sieht Maria so gar nicht ähnlich. Was soll ich Euch sagen? Ich sah nichts als ein Gewirr schwarzer Spitzen und in dieser leichten dunklen Wolke ein schmales weißes Gesicht mit – ich weiß nicht einmal, was für Augen sie hat. Ich glaube: ihre Augen sind sehr dunkel und – ich weiß es wahrhaftig nicht! Ich weiß nur, daß ihre Augen einen eigentümlichen Blick haben. Einen unvergeßlichen Blick! Sie trug keine Handschuhe. Ich habe niemals solche kleinen blassen hilflosen Hände gesehen! Ich sah in ihren Händen immerfort den Strauß weißer Lilien, den mir die Neri geschickt hatte; und ich sah die Hände mit dem Lilienschimmer immerfort sich erheben wie in angstvollem Flehen, wie in – Ich bin und bleibe doch ein unheilbarer Träumer! Während die Neri mit Maria sprach, unterhielt sich die »andere Dame« mit mir. Sie hat eine sehr leise, sehr süße Stimme. Ihre Stimme klingt wie Vogelgezwitscher. Vielleicht erhebt sie in ihren schlaflosen Nächten die blassen Hände und betet mit ihrer süßen Stimme: »Lieber Vater im Himmel, laß mich leben!« Und vielleicht hat der Himmel Erbarmen. * Die Neri blieb länger als eine Woche in der Villa Taverna. Sie kam jeden Tag herauf. Nicht meinetwillen; sondern um Maria zu sehen. Aber diese verhielt sich scheu und fremd. Wie schwer es doch ist, zu vergessen! Denkt Euch: ich wartete immer und immer darauf, die Neri würde ein Wort mit mir über mich sprechen: von meinen Dramen, meinen Frauengestalten. Ich wartete mit angehaltenem Atem, mit fieberndem Pulsschlag, laut pochendem Herzen: ich, der ich mit eigenem Willen mich ausschied aus der Reihe der lebendigen Dichter. Und jetzt wartete ich angstvoll auf ein einziges Wort dieser Frau. Aber sie schwieg. Ich weiß wohl, weshalb sie mit mir nicht über mich sprach. Sie wollte mich schonen. Aus demselben Grunde redete sie auch niemals vom Theater. Ich mußte ihr daher beweisen, daß ich ihrer Schonung nicht bedürftig sei wie der Bettler eines Almosens. So sprach denn ich von der Bühne: der neuen, der modernen, der »lebendigen«. Da ich davon nichts wußte, so fragte ich sie und bat um Belehrung. Seltsamerweise wußte sie mir nicht viel Neues zu sagen. »Ich kümmere mich nicht darum. Man schreibt für mich Stücke und schickt mir ganze Packe voll. Ich lese sie nicht. Bisweilen höre ich von einem neuen Drama; und dann fühle ich sogleich: ›Das könntest du spielen; denn das könntest du sein!‹ Oder auch: ›Das geht dich absolut nichts an.‹ Denn ich kann nur spielen, was ich sein kann – in irgend einem Teil meines Wesens. Dieser wird angeregt, die Gestalt bemächtigt sich meiner Phantasie, geht in mich über, wird Geist von meinem Geist. Und – plötzlich ist es ein Mensch! Er lacht und weint, haßt und liebt, hofft und verzweifelt, beseligt und vernichtet, geht zu Grunde und stirbt. Es ist alles so einfach.« Ich besaß nicht den Mut, ihr zu sagen: »Auch bei mir war es genau der nämliche Vorgang. Ich dichtete nie: sondern erlebte stets.« Wie hätte ich mich mit ihr vergleichen können? Sie ist die heilige Wahrheit selbst; und ich bin nichts als Pathos und Unwirklichkeit. Jetzt würde sie bestimmt nicht mehr eine von meinen Frauengestalten spielen. Sie könnte es gar nicht! Weil bei keiner einzigen meiner Gestalten ein Teil ihres Wesens vibrieren würde, weil sie nicht im stande wäre, die Unnatur einer derselben mit ihrer Natur nachzuempfinden, so könnte sie gar nicht! Diese Frau kam zu mir in den tiefen Frieden meines Asyls und brachte mit sich den Sturm. Die »andere Dame« sah ich nicht wieder; und ich mochte die Neri nicht nach ihr fragen. Maria that es. Hört es und staunt: meine schweigsame Maria öffnete den Mund, um sich nach dieser fremden und hochmütigen Modedame zu erkundigen, die sie vollständig ignoriert hatte. Maria sagte sogar in Gegenwart der Neri, daß sie niemals ein solch armes süßes Wesen gesehen hatte: »Nicht mehr Kind und doch noch nicht Weib!« Ihr kennt Maria genug, um mit mir verwundert zu sein. Denn wenn hätte sich Maria jemals so sehr über jemand geäußert? Assunta Neri antwortete nichts als: »Vielleicht ist sie noch zu retten. Aber ich glaube es nicht.« Diese an sich trostlose Aeußerung that sie mit dem Blick einer Hellseherin und dem Ausdruck eines physischen Leidens, als hätte sie sich in den Zustand der kranken Prinzessin so tief versenkt, daß sie diesen an sich selber empfand. Ich fühlte mich durch die Mitteilung über das hoffnungslose Leiden der jungen Frau keineswegs erschüttert. Im Gegenteil: sie befreite mich von einem eigentümlichen Druck, den ich seit einiger Zeit mit mir herumtrage. Das Leben ist schließlich so wenig lebenswert – vielleicht selbst für eine Weltdame! Ich kann nun einmal mit keinem Sterbenden und keinem Gestorbenen Mitleid fühlen; wenn dieser auch noch so jung und schön, so gut und glücklich war. Dann nur um so weniger Mitleid! Aber die Neri hatte es anders gemeint, wie ich erst durch Marias erregtes Fragen verstand. Die Neri meinte nicht eine rettungslose physische Auflösung der Prinzessin; sondern einen seelischen Krankheitsprozeß, für den sie keine Hilfe möglich sah – wenigstens schwerlich. Was mag es sein, woran dieses seltsame Wesen, »das nicht mehr Kind und noch nicht Weib ist« – ich rede mit Marias Worten – unaufhaltsam zu Grunde gehen soll? Gehört auch dieses fremdartige liebliche Geschöpf zu der langen Reihe moderner Frauengestalten, die ein neues Geschlecht ausmachen mit neuen Organen, mit neuem Nervensystem? Ward das Weib noch einmal aus der Rippe des Mannes geschaffen mit vollkommen anderer Seele als mit der ewigen Evaseele des Weibes? Und ob auch dieses nachgeborene Weib göttlichen Ursprungs und unsterblichen Geistes ist? Ihr seht: ich habe wieder etwas Neues zum Grübeln. * Assunta Neri reiste ab. Sie will im Herbst wiederkommen und oben unter den Cypressen eine neue Rolle studieren: »Wenn ich mich bis zum Herbst noch nicht totgespielt haben werde ...« Wie viele Schicksale muß sie bis dahin auf der Bühne an sich erfüllen lassen, wie viele Leidenschaften, welchen Jammer, welche Verzweiflung ertragen – das ganze Martyrium des liebenden leidenden, durch seine Liebe zu Grunde gehenden Weibes. Unter den Cypressen eine neue Rolle studieren – und mein Mund ist für immer verstummt! Wenn ich in meinem frühlingsfrohen Freskenzimmer liege, zur Decke aufblicke, wo in dem strahlenden Gewölk die liebliche blumenstreuende Göttin erscheint, so habe ich bisweilen einen seltsamen Traum ... Die Himmlische greift in die Blüten, nimmt daraus eine Blume, wirft sie herab, trifft damit meine Stirn. Von der Blume getroffen, erhebe ich mich, wandle und rede wieder – spreche ich zu allem Volke, verkünde ich mit feuriger Zunge die Botschaft des ewig Schönen, Guten und Großen. Ein seliges Traumbild, nicht wahr? * Assunta Neri war also fort und ich hoffte täglich wieder geordneter und beruhigter zu werden. Doch die Windsbraut, die der Besuch der Tragödin in mir weckte, will und will sich nicht legen. Ich flüchte mit meinem Sturm in den Abendfrieden, den Maria um sich verbreitet, berge den Aufruhr, der mich erfaßt hat, in ihrer Himmelsruhe und stille mein inneres Toben an ihrem Schwesterherzen. Sie ist, wie immer, gütig und geduldig, mild und stark und wird mich gewiß wieder zur Ruhe bringen. Denn ich erkenne mehr und mehr: nicht die Villa Falconieri ist mein Asyl – mein Hort und mein Heil beruht in Maria! Sollte es mir gelingen, Marianos Tod konstatieren zu lassen – denn die Ueberzeugung seines Todes befestigt sich mehr und mehr in mir – so wird jenes Dunkle, Geheimnisvolle und Unheilvolle, welches zwischen uns beiden liegt, sicher verschwinden. Ja, ja! Dann wird vieles besser werden. Die Prinzessin von Sora sah ich nicht wieder. Vielmehr: ich sah sie nur noch ein einziges Mal; aber ganz flüchtig. Es war oben auf Tusculum: unterhalb der Felsen beim Kreuz. »Apage Satanas!« Der Böse geht um unter blühendem Ginster. * Die Windsbraut hat mich von meinem Eiland hinweg und in einen wilden Strom geschleudert. Ich wehre mich, ich kämpfe mit den Wellen. Aber der Strudel hat mich ergriffen und mit sich davongerissen. Der Prinz von Sora besuchte mich. Was hat dieser Mensch sich um mich zu kümmern? Ich bin nicht seinesgleichen! Ob das auch einer ist vom neuen Geschlecht? Von der Generation der Gegenwart, der die Zukunft gehört? Noch jung, und doch niemals jung gewesen; von allen Genüssen erschöpft, und doch noch genußgierig: bereits entnervt, und immer noch lüstern: Zoll für Zoll ein Fürst der fashionablen Decadence – Gedanke für Gedanke ein vulgärer Geist! Und diesem nach englischer Mode gekleideten wandelnden Kadaver, diesem traurigen Helden eines Zolaschen Kulturromans, dem würdigen Repräsentanten einer lebendig verfaulenden modernen Mannheit wurde das unschuldige unwissende Kind ausgeliefert! Ich saß ihm gegenüber mit stummem Ekel, ließ ihn sein Salongeschwätz führen und versuchte mir dabei vorzustellen: was aus einer Mädchenseele werden muß, die einem solchen Menschen überliefert wird. Aber es läßt sich nicht vorstellen – es ist moralischer Mord. Meine arme Maria und jenes seltsame süße Kind sind in gewissem Sinne Gefährtinnen; denn beide so ungleichartige Frauenexistenzen haben in sich den einen gleichen faulen und toten Punkt. Als ich es plötzlich sah, war ich entsetzt. Ich hatte Maria nicht helfen können: und nicht zu helfen, denn nicht zu »retten« wird das andere Opfer sein. Und wie, wenn die Welt von solchen moralisch gemordeten Frauenseelen wimmelte? Davon wußte ich allerdings nichts. * Eine neue Frage drängt sich mir auf, reizt mich zu unausgesetztem Grübeln, quält mich, weil ich die Antwort nicht finde: Gab es solche Frauen zu jeder Zeit? Oder hat unsere alles aufgrabende, alles durchwühlende und zersetzende Zeit die Existenz solcher Frauen uns erst zu Bewußtsein gebracht – erst den Frauen selbst zu Bewußtsein? Und was werden von diesem gewaltsam aufgerüttelten Frauenbewußtsein, das mit Grauen und Entzücken sich selber empfindet, die Folgen sein? * Es fiel mir schwer, höflich zu sein. Doch endlich entschloß ich mich, notgedrungenerweise den Besuch des Prinzen zu erwidern. Zum Glück befand er sich in Rom; aber die Prinzessin wollte mich empfangen. Sie war nicht im Hause; sondern unter den Eichen, die vor der Villa Taverna in epischer Größe über der Campagna aufragen – ein Gesang aus Homer! Ich folgte dem Lakaien und sah in der Dämmerung der dichten Wipfel die seine weiße hingelagerte Gestalt gleich einem stillen Bildnis ruhen. Hinter den finsteren Stämmen erstreckte sich im grellen Sonnenlicht eine weite Flur voll hoher, mit Blüten bedeckter Oleander- und Granatbäume. Es war wie ein rosig und feuerrot strahlender Teppich, gegen den auf der grauen beschatteten Marmorbank die lichte Figur sich abhob. Sie war allein und ich fand sie weich und traurig. Nichts von der großen Modedame als das Spitzengewand, das sie wie eine weiße Welle umfloß. Sie hatte etwas Hilfloses, Rührendes. Eine stille Wärme ging von ihr aus wie Frühlingsluft. Ich hatte gar nicht geglaubt, daß sie so ruhig und einfach sein könnte. Da sie zu leiden schien, so wollte ich von ihrem Befinden sprechen. Sie lehnte es jedoch mit einem Lächeln ab, und wir sprachen von Assunta Neri. Sie sagte: »Ich beneide sie. Ich habe noch niemals eine Frau beneidet. Aber diese eine beneide ich! Nicht um ihren Ruhm; sondern –« Sie schwieg und lehnte ihr Haupt müde zurück. Ich erwiderte: »Trotz ihres Ruhmes halte ich sie für sehr unglücklich.« »Was thut das? Auf das Glück kommt es nicht an. Es kommt nur darauf an, wie man unglücklich ist: rein und still, einfach und groß. Großsein im Unglück ist beinahe Glücklichsein. Und wenn die Tragödin an ihrem schönen großen Unglück, das nicht ihre Kunst, sondern ihre Natur ist, zu Grunde geht, so geht sie doch schön und groß zu Grunde. Was könnte eine Frau Herrlicheres sich wünschen? Wir anderen sind so klein; und es ist so jammervoll, ein kleiner Mensch sein zu müssen.« »Klein sein zu müssen?« fragte ich. »Wir müssen so sein, wie unsere Natur ist. Das ist es ja eben!« In einer Equipage des Prinzen kamen römische Gäste von der Station. Der Lakai meldete sie. Ich erhob mich. Die Prinzessin sagte: »Ich bitte Sie nicht, zu bleiben. Was haben Sie mit diesen Leuten gemein? Ich bin freilich um nichts besser. Im Gegenteil! Diese Leute sind wenigstens das, was sie scheinen: nach neuester Mode angezogene Marionetten mit Salonmanieren. Nicht wahr, Sie kommen wieder?« »Das kann ich nicht versprechen.« »Wenn ich Sie darum bitte, werden Sie gewiß wiederkommen. Sie können sich nicht vorstellen, wie einsam ich bin.« Einsam! Sie sprach eine Zauberformel über mich aus. Einsam! Ich wußte ja längst, daß auch sie einsam war und – werde wiederkommen. Schon morgen! * Als ich ging – zwischen der Villa Taverna und der Villa Falconieri befindet sich eine Hecke mit einer kleinen grünen Thür, zu der beide Villen den Schlüssel besitzen – hörte ich die römischen Gäste geräuschvoll unter die Eichen sich ergießen: in dem Homerschen Gesange das elegante high life -Geschwätz! Gott sei Dank, daß ich mit dieser Welt nichts mehr gemein habe – nie mehr etwas gemein haben werde! Daß diese Menschheit für alle Zeiten für mich abgethan ist... Allein der Gedanke: ich könnte noch einmal zu ihr zurückkehren, trieb eine heiße Blutwelle gegen mein Hirn; und ich beruhigte mich erst, als ich mich wieder in meinem Tusculum befand, welches mir paradiesischer als jemals erschien. Aber selbst hier – immerfort ist mir's, als höre ich Lachen und plaudernde Stimmen. Immerfort sehe ich die weiße ruhende Gestalt, die nicht mehr zu retten sein soll. Und sie sagt: »Sie können sich nicht vorstellen, wie einsam ich bin ...« Doch dann erhebt sie sich, tritt unter die Gäste, lacht wie diese, plaudert wie diese, ist um nichts besser als sie. Auch mit ihr habe ich nichts gemein! * Trotzdem ging ich wieder zu ihr. Ich wollte nicht feige sein. Jetzt muß ich dafür büßen. Der Prinz befand sich wieder in Rom; aber dieses Mal traf ich die Prinzeß nicht allein. Ein Marchese Riccardo Belcampo war bei ihr. Der Marchese ist Offizier, kommt direkt aus Afrika, wo er Heldenthaten verübte und über ein Jahr Gefangener des Mahdi war. Er ist nicht grade schön: aber herrlich jung. Voller Frische und Kraft, ist er ebenso freimütig wie leidenschaftlich. Er ist wirklich ein prachtvoller Junge! Mit der Naivität einer unverdorbenen Jugend, die Seele noch voller Illusionen und Hoffnungen, berauscht von seinem frühen Heldentum, sprach er von sich und den großen Thaten, die er begangen hat. Er sprach von nichts anderem als von sich; und man hätte von gar nichts anderem hören mögen. Ich hatte nicht geglaubt, daß es solche wirklich junge Menschen noch gibt; hatte bereits ganz vergessen, wie solche gute leuchtende Jugend aussieht, wie sie denkt und fühlt. Sie denkt übrigens sehr wenig, um so mehr fühlt sie. Das ist auch das Rechte. Den Jüngling ansehend und der Erzählung seiner Abenteuer lauschend, ward ich mir bewußt wie nie zuvor, daß ich selbst niemals eine Jugend besessen hatte. Denn Jugend ist Lebensfreude, ist Glaube und Hoffnung. Vor allem ist Jugend Glück. Und ich bin in meinem ganzen Leben niemals glücklich gewesen. Seine strahlenden Augen suchten die der Prinzessin, hängten sich daran, versenkten sich in den geheimnisvollen Glanz ihres Blickes. Seine Augen sprachen mit einer flammenden unwiderstehlichen Beredsamkeit: ›Du bist ja ein wunderbares Geschöpf! Und wie jung du noch bist! Sieh mich an – wie jung ich bin! Du sollst krank und unglücklich sein? Ich bin gesund und glücklich. Komm, komm! Ich nehme dich in meine Arme, die, was sie einmal fassen, auch festhalten, und mache dich in meinen Armen gesund und glücklich! Lebensfreude – wir wollen sie pflücken! Wir wollen sie pflücken, wie Kinder reife Kirschen pflücken, unter Jubel und Jauchzen. Komm, komm!‹ So sagten ihr seine Augen ... Sie daß ihm gegenüber, sah ihn unverwandt an; und ihr Blick erwiderte: ›Ich möchte wohl kommen: denn ich möchte auch wissen, was Glück ist.‹ Ich beobachtete beide. Sie verkehrten miteinander, als wären sie seit ihrer Kindheit befreundet. Die Prinzessin sah unbeschreiblich mädchenhaft und reizend aus. Ich fühlte mich von diesen beiden jungen Menschenkindern so weit entfernt wie auf einer Insel im Ocean. Am liebsten hätte ich mich davongeschlichen. Aber ich blieb. Ich blieb und beobachtete. Dabei fühlte ich ein Weh in mir wie noch niemals zuvor. Es war ein ganz neuer Schmerz: aber Neid war es nicht. Es war ein stilles, ganz stilles, sehr tiefes Weh. Mit mir hatte sie kokettiert, mit diesem guten Jüngling kokettierte sie nicht. Ihm gegenüber war sie nur ein junges armes krankes Wesen, das vom Glück nichts wußte, das davon gar zu gern einmal genascht hätte, ehe die dunkle Pforte, die nach dem Eintritt nicht wieder sich öffnen läßt, hinter ihr zuschlug. Vielleicht kenne ich die Frau doch etwas besser, als sie meint: denn alle diese Vorgänge beobachtete ich bei ihr. Und ich begriff sie! Ich begriff, daß das Weib einmal in seinem Leben ganz Weib sein muß: also ganz Liebe, Zärtlichkeit, Hingabe. Und wenn diese auch zugleich Sünde, Schuld, Ehebruch wären. Wen würde für die Schuld und Sünde dieser Frau die Verantwortung treffen? Den Mann! Sie trifft immer den Mann, dessen brutaler Faustschlag das Herz der Frau zermalmt, sowie seine Hand ein Weib liebkost, von dem er nicht geliebt wird. Ich begreife alles. Aber der leise tiefe Schmerz, der mich erfaßt hat, will und will nicht wieder weichen. * Der junge Marchese befindet sich unter den Gästen der Villa Taverna. Der Prinz ist tagsüber in Rom bei seinen verschiedenen Maitressen; und – alles scheint ganz in der Ordnung zu sein. Und ich leide. Jede Minute sage ich mir, daß ich dazu nicht das mindeste Recht besitze, daß mein Leiden eine Absurdität und eine Treulosigkeit gegen Maria ist. Und ich leide trotzdem. Dabei beruht alles nur in meiner fiebernden Einbildung, sind es lediglich meine kranken Nerven, die diese Wahnidee schufen. Wie ich meine zügellose Phantasie hasse! Sie zeigt mir Bilder und Gesichte, von denen meine Seele nichts wissen darf und im Grunde genommen auch nichts weiß. Von meinen Fenstern aus sehe ich auf die Pinienwiese der Villa Taverna. Dort befindet sich jetzt des Abends die Prinzeß mit ihren Gästen, darunter der junge Marchese ist. Ich sehe die beiden häufig allein. Was mögen sie sprechen? Ich bin ruhelos! Ich durchirre den Park bis zur Erschöpfung, und es hilft mir nichts; ich jage mein Pferd halb zu Tode, und es hilft mir nichts; ich fliehe zu Maria, und auch das hilft mir nichts! Nachts brennt ihr Licht nicht mehr. Was bedeutet das? Sie wird schlafen, sie wird glücklich sein. Das Glück gibt Frieden, und Friede bringt Schlummer ... Gott sei Dank, daß ihre schlaflosen Nächte aufgehört haben! Dagegen ist mein Schlaf gemordet. Ich ließ mein Bett im Freskenzimmer aufstellen, weil die Nächte jetzt glühend heiß sind, weil durch die vielen Thüren, die auf die Galerie hinausführen, viel frische Luft hineinströmt, und weil ich Maria nicht noch mehr stören will – da sie in ihrem Zimmer jede Nacht so lange aufbleibt, bis sie mich mein Lager aufsuchen hört. Ich brenne kein Licht für den Fall, daß – Uebrigens ist Mondschein. * Ich bin krank, gemütsleidend, halb von Sinnen! Denn nur, wenn ich halb von Sinnen bin, ist zu erklären, was ich diese Nacht gethan habe. Die Hitze war erdrückend, der Mond schien hell und ich fand nirgends Ruhe. Bei ihr brannte wieder kein Licht! Ich hielt es im Zimmer nicht aus und verließ das Haus. Maria wachte und hatte noch Licht. Mein Weg führte dicht an ihrem Zimmer vorüber. Die Fenster standen offen, so daß ich beim Vorüberschleichen wohl oder übel hineinschauen mußte. Angekleidet saß sie auf dem Rande des Bettes und blickte vor sich hin. Sie konnte mich nicht sehen; denn sie hielt ihren Kopf tief gesenkt. Auch merkte ich, daß ihre Arme schlaff herabhingen. Ich war froh, daß sie mich nicht erblickte und mein Schleichen nicht hörte. Wenn sie grade ihren Kopf erhoben hätte mit dem blassen stillen, so schönen und so früh verwelkten Gesicht! Ich hatte es nicht beabsichtigt zu thun, hatte es gethan, ohne überhaupt nur zu denken. Den Schlüssel zu der kleinen Pforte hatte ich zu mir gesteckt: mechanisch, willenlos, wie unter einem gewaltsamen Zwange. Ich ging durchs Löwenthor in den Hof der Tenuta und in den Park hinein. Ich wollte zum Cypressenteich. Ich ging den nämlichen Weg, den Maria in jener Mondscheinnacht gegangen war, als sie sich in den Teich stürzen wollte. Lange Zeit hatte ich daran nicht mehr gedacht. Ich hatte es fast vergessen ... Daß es mir grade in dieser Nacht wieder einfallen mußte! Und wie sie damals den nämlichen Weg geschritten war! Ohne aufzublicken, mit solcher Ruhe, solcher Zuversicht, einem heißersehnten, endlich erreichten schönen Ziel entgegen. Und von diesem Ziel hatte ich sie zurückgehalten. Kein Wort hatte sie gesagt; sie hatte geweint. Auch jetzt würde sie schweigen. Aber jetzt würde sie nicht mehr weinen ... Jetzt wollte ich mich selbst mit Gewalt zurückhalten. Ich wollte zurückeilen ins Haus, wo Maria so regungslos saß. Ich wollte ihr alles sagen, sie um Schutz bitten, um Mitleid. Plötzlich stand ich unten an der kleinen Pforte und – ich schloß auf! Wie ein Dieb schlich ich hin: näher und näher, durch die Oliveta in den Garten, durch die Sarkophagallee zur Villa und zu der Stelle, wo sonst Nacht um Nacht ihr Licht gebrannt hatte. Hohe Hortensien deckten mich. Ich sah im Mondschein die runden weichen blassen Blüten. Und darüber sah ich das Fenster weit offen stehen. Wenn sie nicht allein gewesen wäre – wenn ich das Flüstern der Liebenden gehört hätte, ihre Seufzer, ihre Küsse! Aber sie war allein. Sie trat ans Fenster. Sie stand regungslos da wie eine mondhelle Nebelgestalt. Gewiß erwartete sie den Jüngling. Was sollte ich thun, wenn sie mich sehen würde? Ich konnte ja nur sagen, daß ich toll wäre. Aber die hohen Hortensienbüsche machten mich für sie unsichtbar. Plötzlich schien mir's, als wäre sie doch nicht allein; denn sie sprach, flüsterte. Ich stand so nahe, daß ich jedes Wort verstehen konnte. Mit angehaltenem Atem lauschte ich. Aber zuerst begriff ich nicht, was sie sprach. Mit ihrer leisen süßen Kinderstimme erzählte sie Märchen. Und sie erzählte sie sich ganz allein, wie ein Kind, das im Dunkeln sich fürchtet. Ich weiß nicht, wie lange ich dastand ... Sie ging dann vom Fenster fort und endlich entfernte auch ich mich. Ich schloß die Pforte vorsichtig zu, als ob damit alles hinter mir bleiben würde, und schlich mich durch die Oliveta zur Villa hinauf. Bei jedem Schritte sagte ich ganz laut: »Toll!« Mir kam es nur seltsam vor, daß ich es wußte und so ruhig aussprechen konnte. Marias Fenster war geschlossen. Trotzdem ging ich daran vorüber, als wäre es immer noch offen, als stünde Maria dort und müßte mich sehen, weil hier keine Hortensienbüsche mich deckten. In mein Zimmer zurückgekehrt, warf ich mich aufs Bett und schaute zum Bild der Frühlingsgöttin empor. Der Morgen graute, das holde Antlitz der Himmlischen sah in dem fahlen Tageslicht so blaß und hoffnungslos aus wie Marias Gesicht. * Der Marchese ist abgereist! Die Prinzessin fragte an, weshalb ich mich gar nicht mehr blicken ließe? Ich antwortete einige banale Worte und – werde nicht hinuntergehen. Ihr Billet hauchte ein Parfüm aus wie eine exotische Wunderblume. Ich konnte den Duft im Zimmer nicht ertragen. Maria ist unendlich milde, geduldig und gütig. Ich habe Visionen! * Fort und fort sehe ich einen schimmernden Nebelstreif; fort und fort höre ich eine leise süße Stimme Märchen erzählen. * Die Prinzeß ließ mich bitten, mit ihr nach Castell Gandolfo zu reiten: sie wäre so allein und fühlte sich so einsam. Wiederum das Zauberwort! Und wiederum wirkte es! Ich werde also mit ihr reiten. * Welch ein Tag! * Wir ritten – nur sie und ich – nach Tusculum hinauf; dann, an den Ruinen des Amphitheaters und der Pineta vorüber, die Gräberstraße hinunter. Zu beiden Seiten des mit riesigen Basaltblöcken gepflasterten Weges erhoben sich unter Cypressen und wilden Blumen die zertrümmerten Denkmale der Toten mit aufgerissenen Grabkammern, noch Ehrfurcht gebietend in ihrer Zerstörung. Im Schritt neben einander hinreitend, zeigte ich ihr die Aschenurnen, die in den Felsenwänden eingemauert waren, die eingesunkenen Grabstelen und zerbrochenen Inschriften, welche die Tugenden der Gestorbenen rühmten; und ein nie empfundenes glühendes brausendes Lebensgefühl durchströmte mich bei dem Anblick der lichten Gestalt neben mir, von der aller Glanz des strahlenden Sommertags auszugehen schien. Wir gelangten in das Molarathal, welches den tusculanischen Höhenzug von den Waldbergen des Cavo scheidet, und lenkten in die alte Römerstraße, die linker Hand dem Volskergebirge zuführt, und die, von hohen Ginsterbüschen umfaßt, für uns in eine goldene via triumphalis verwandelt war. Die Sonnenstrahlen brannten herab auf die Hügel von Thymian, Lavendel und Menthe. Wohlgerüche durchströmten die Lüfte, als wäre das milde Thal ein ungeheures Weihrauchbecken zur Feier eines pantheistischen Gottesdienstes entzündet. Und wie über unseren Häuptern die Lerchen sangen! Jetzt gab ich meinem Pferde die Sporen. Das ihre folgte. Wir sprachen kein Wort mehr. Immer tiefer wurde die Einsamkeit ... In den hohen verbrannten Gräsern lagen Herden von Stieren und reckten aus dem braunen Laubwerk ihre silbergrauen, mächtig gehörnten Häupter empor. Die steilen Tufffelsen hinan kletterten schwarze Schafe; in den Ruinen der antiken Villen weideten Ziegen, und auf kahlen Hügelrücken malte sich am strahlenden Horizont die Silhouette eines an seinem Stabe lehnenden schlanken Hirtenknaben. Und fort und fort um uns der Duft; fort und fort über uns der Lerchengesang! Das Thal weitete sich, die Felsenpyramiden des Volskergebirges schoben sich vor. In dem Dunst des heißen Tages erschienen die Umrisse der schönen Berge wie von einem göttlichen Finger in die strahlende Luft gezeichnet; und die Städte Cori und Norba hingen an dem leuchtenden Gestein wie glanzvolle Götterburgen. Immer unweltlicher wurde ringsum die sommerliche Blütenpracht. Rosen durchrankten die Ginstermauern, weiße und blaue Winden umzogen die Schuttwälle der Ruinen, purpurbraune Krauseminze füllte die Gräben. Wir wichen von der Straße ab und jagten in die Steppe hinein. Felder mit rotem Mohn. Felder mit mattvioletten Steinnelken und Malven. Felder mit glühenden Feuerlilien, dazwischen hohe Stauden Rittersporns blauten. Ich sah und empfand nichts als die schimmernde Frau an meiner Seite. Und doch sah und fühlte ich die ganze Schöpfung. Es ward Mittag. Jede Blüte, jeder Halm strahlte. Ein ungeheures feierliches Schweigen senkte sich mit den Gluten auf die Erde herab. Der große Pan schlief! Und sie immer dicht neben mir ... Wir jagten, wir rasten dahin. Ich vergaß mein graues Haar, mein altes Herz, mein verfehltes Leben. Ich vergaß Maria, die ganze Welt. Ein Zauber hatte mich umsponnen und wieder jung gemacht. Ich dachte: ›Also, so ist es! So fühlt der Mensch, wenn er jung ist.‹ Es war etwas Wundersames! Jetzt wußte ich auch genau, daß ich recht gehabt hatte, daß ich niemals jung gewesen war, niemals gelebt hatte; denn noch niemals hatte ich geliebt. Weiter, weiter! Nur kein Aufenthalt. Nur keine Minute verloren von diesem einzigen Tage des Daseins. Schon morgen waren sie wieder zurückgekrochen, das Alter und der seelische Tod. Jetzt sprengten wir auf schwarzen Wegen durch die Kastanienwälder von Rocca di Papa. Nach der grellen Helle umfing uns dunkle schwüle Nacht. Ueber uns wölbten sich die Wipfel wie die Baumkronen eines Urwaldes, dem Auge den Anblick des Himmels verschließend, als wäre eine schwere Decke davorgezogen. Seltsame schlanke blasse Blumen leuchteten in der tiefen Dämmerung, und noch blühten zwischen den finsteren Stämmen die Asphodelen. Es war, als jagten wir durch ein Schattenreich. Weiter, weiter! Und wäre es hinein in den Tod! Plötzlich lag er vor uns, uns dicht zu Füßen... Aber wir rissen die Pferde vom Rande des Abgrundes zurück. Eine Lichtung, ein Felsenvorsprung, unmittelbar unter uns tödliche Klippen... Ein weites tiefes kreisrundes Becken, teils mit dichter dunkler Waldung bedeckt, teils von grauem Gestein starrend. Im Grunde eine stygisch schwarze, gespenstisch regungslose Flut – der Albaner See. Am jenseitigen steilen Rande, lang sich hinstreckend, eine Stadt mit grauem gekuppelten Palast: die alte Papstvilla Castell Gandolfo. Darüber hinaus die Campagna mit Rom, die Küste mit Wildnis und Sümpfen, das Meer hoch und strahlend in den Horizont hinaufsteigend. Unsere Pferde standen, eng aneinander gedrängt, dicht am Rande des Absturzes. Wir schauten schweigend hinab ... Und schweigend wandten wir die Tiere, lenkten sie Palazzola zu, dessen Klostermauern mit dem Grabmal aus dem uralten Albalonga im Sonnenschein in solcher Oede sich über dem Rand des Kratersees erhoben, als wäre hier die Heimat des ewigen Schweigens, des Aufgebens jeglicher Hoffnung. Wir trieben die Pferde die steilen Wände hinunter und erreichten, an geheimnisvollen Grotten, an Ruinen und Gräbern vorüber, den stillen Spiegel des Sees, ritten an diesem entlang, unter mächtigen Erlen und Eichen dahin. Die Zweige hingen über uns herab wie eine Allee von Trauerweiden, durch das dunkle Laubwerk spielten die Sonnenstrahlen gleich Scharen goldener gaukelnder Schmetterlinge. Längs des lieblichen Gestades ragten aus der schwermütigen Flut die Trümmer der versunkenen Villa Kaiser Domitians, die ehemals Land und Gebirge, Kraterwände und Seebecken auf Meilen und Meilen bedeckt hatte. Wir schienen uns in der Tiefe eines ungeheuren Brunnens zu befinden, auf dessen Rand der Himmel ruhte. Dann öffnete sich vor uns die Wand. Felsenblöcke wie von einem Volk von Riesen dem Berge entrissen, hierher geführt und kunstvoll an- und übereinander gefügt, umschlossen eine enge Höhlung, durch die der See abfloß, dem Meere zu. Die Wächter des Abflusses zogen eine Schleuse auf; und die Wasser schossen schäumend, brausend, tosend in die nächtliche Tiefe. »Hier geht es hinab in den Orkus! Wollen wir mit?« Sie rief es. Ich hatte sie vom Pferde gehoben, stand jetzt neben ihr, konnte mich nicht regen, war keines Wortes mächtig, keines Gedankens. Einer der Männer nahm ein Brett, befestigte darauf eine Kerze und ließ das Schifflein schwimmen. Die Welle faßte das Fahrzeug mit dem flammenden Mast, trieb es in den Schlund hinein, tiefer und tiefer... Weit beugten wir beide uns vor, sahen der Flamme nach, schauten zu, wie sie zum Funken wurde, zum Fünklein. Und das Licht glitt dahin... Noch einmal zuckte es auf. Dann war es unsern Blicken entschwunden. »Jetzt treibt das einsame Licht durch die schwarzen Eingeweide des Berges! Es muß grausig sein.« Sie zitterte am ganzen Leibe. Ich dachte: ›Und du wolltest hinab in den Orkus? Du bleibst in dem goldenen Lichte der Sonne: in deinem schönen Salon, auf deinen weichen Fellen, unter deinen seidenen Decken, und lässest dir von dem jungen Kriegsgott den Hof machen.‹ Es war wiederum unsinnig; aber mit meiner Jugend war es plötzlich vorbei. Ich hatte ja gewußt, daß sie nur eine traurige Eintagsfliege sein würde. Ohne ein Wort bestiegen wir unsere Pferde, ritten wir zurück auf der nüchternen staubigen Landstraße, über Marino nach Frascati. Ich begleitete die Prinzessin bis zum Thor ihrer Villa. Der Marchese war am Mittag angekommen und erwartete sie. Es muß alles vorbei sein. * Der Marchese ist noch immer in der Villa Taverna. * Ich habe schwer gekämpft und gelitten; aber ich habe überwunden und entsagt. Es heißt zwar: so lange der Mensch lebt, hofft er noch; und so lange er noch hofft, kann er nicht entsagen: es sei dies gegen die menschliche Natur! Ich habe jedoch gegen die menschliche Natur, gegen meine Natur, bereits so schwer gefrevelt, daß ich für mich einstehen kann. * Mehr und mehr suche ich Maria zu meiden, während ich mich doch sonst nicht genug zu ihr hindrängen konnte. Kaum ertrage ich ihre Gegenwart noch, während ich doch sonst in ihrer stillen Nähe aufatmete wie auf einer Bergeshöhe. Nichts quält mich so sehr wie diese schändlichste seelische Untreue, die ein Mann gegen eine einstmals teure Frau zu begehen vermag. Ich komme mir unaussprechlich verächtlich vor. Ein Mensch, der sich selbst verachten muß, hat das Recht, sich selbst zu vernichten. Er ist unsittlich geworden! Und ein unsittlicher Mensch ist moralisch bereits tot. * Welche Nachricht! Mariano lebt nicht mehr. Er war Soldat und fiel in Afrika. Heute las ich es in der Zeitung. So hat dieser Mensch doch noch ein ehrenvolles Ende genommen. Jetzt ist die letzte Fessel, die uns an die Vergangenheit kettete, zerrissen; jetzt wird Maria auch dem Namen nach mein Weib. Alles wird jetzt besser werden. Eine Felsenlast ist von mir genommen. Noch in dieser Minute werde ich zu ihr eilen und es ihr sagen. * Ich habe es Maria nicht gesagt – noch nicht! Ich muß mir zuerst Gewißheit verschaffen, ob es kein Irrtum ist. Wie häufig geschieht das! Zwar ändert Marianos Tod nur äußerlich etwas: aber es ist immerhin eine Aenderung. Ich habe indessen sofort die nötigen Schritte gethan, damit nichts versäumt werde. Vielleicht lege ich auf die Erfüllung dieser Form ein viel zu großes Gewicht: ist Maria doch über jede Form erhaben. * So weit ist es bereits mit mir gekommen! Ich war abends in dem Garten der Villa Taverna und habe gelauscht: der Marchese machte der Prinzeß eine Liebeserklärung. Ich war sicher, sie würde ihn erhören; denn er ist wirklich ein prächtiger Jüngling. Ich wunderte mich nur, daß er erst jetzt sich erklärt. Ich hielt es nicht für möglich, daß sie ihn abweisen könnte: unglücklich und einsam, wie sie ist. Dennoch ist es geschehen. Ich befinde mich wie in einem Traum. In meiner Betäubung schäme ich mich nicht einmal, daß ich gelauscht habe. Ich fühle und weiß vom ganzen Leben nur eines: sie wies ihn ab! Und noch eins: ich muß Maria den Tod Marianos mitteilen. Sofort! * Ich sprach mit Maria. Alles war wie immer. Wir saßen abends in der Halle. Maria kam schön angekleidet, wie ich es liebe, brachte einen Korb voll frischer Rosen, die sie über den Tisch schüttete, und setzte sich an ihren Platz zwischen den Säulen des Mittelbogens. Ich saß ihr gegenüber und sah an ihrem stillen Gesichte vorbei, über die Terrassenbrüstung hinweg, auf das Meer und das Land der Aeneide, darauf der Abend des heißen Sommertages lag. Ich hatte das alles zu hundertmalen gesehen und feierlich schön gefunden. Es schien mir ein Menschenalter her zu sein... Als es endlich dunkler ward, ließ ich die Kerzen nicht anzünden, schickte die Leute fort und schaute zu, wie Meer und Campagna in Schatten sanken, über Erde und Himmel die Nacht sich hinwälzte. Sobald ich Marias Züge nicht mehr erkennen konnte, sagte ich: »Du hast mir vieles zu verzeihen: mehr, als selbst du verzeihen kannst. Ich riß dein Leben gewaltsam an mich; und da es zu meinem Leben geworden war, that ich nichts, als daß ich es als mein ausschließliches Eigentum behielt. Wie ich mein eigenes Leben in Schönheit und Einsamkeit begrub, so scharrte ich neben mir auch das deine ein. Ich gab dir nichts – ich ließ alles dich geben.« Sie schwieg. Als ich sie bei Namen anrief, erwiderte sie nur: »Ich gab dir nichts als Unglück. Aber ich verstand es eben nicht besser.« »Du sollst dich nicht anklagen; du sollst mir verzeihen – so sehr dir das möglich ist.« Nach einer langen Stille sagte sie leise: »Ich weiß auch, weshalb ich dir nur Unglück gab, nur Unglück geben konnte.« »Weshalb, Maria?« Sie blieb stumm. Ich bat sie, zu sprechen, es ihrem besten Freunde zu sagen. Aber sie blieb stumm. Jetzt teilte ich ihr meine große Neuigkeit mit. »Mariano ist tot ... Ich weiß, daß unsere Heirat nur die Erfüllung einer Form ist; und zwar einer Form, die mit dem Wesen nichts gemein hat. Aber mir zuliebe erfüllst du sie gewiß. Ich wünsche doch so sehr, daß du meinen Namen trägst.« »Wozu auch noch deinen Namen?« »Liebe Maria!« »Du hast mir genug gegeben, genug geopfert.« »Kann man Opfer bringen, wenn man liebt?« »Wenn man liebt –« Ich log wieder! Und sie? Ob sie mir wohl wieder glaubte? Sie sagte nicht, daß sie mir nicht glaubte. Aber sie wollte sich nicht zur Erfüllung der Form – zu der Heirat verstehen. Ich bat und flehte, ich bedrängte sie, bedrängte sie ungestüm. Sie blieb jedoch dabei, daß sie nicht wollte. Ich fühle mich jetzt mit zehnfachen ehernen Banden an sie gefesselt. * Maria ist fort! Ich verstehe es nicht! Ich bin wie betäubt! Wie kann Maria von mir fort sein?! Was dachtet Ihr nur, als Ihr meine Depesche erhieltet: »Maria kommt zu Euch«? Ihr werdet es sicher ebensowenig verstehen wie ich selbst; denn – Maria verläßt mich und kommt zu Euch! Ich wollte ihr diese Aufzeichnungen für Euch mitgeben; es ist jedoch besser, ich schicke sie Euch gelegentlich einmal ... Es ist das erste Mal, daß Maria fort ist, daß sie mich allein läßt. Sie ging so leise fort, als schliche sie sich aus dem Hause, welches doch ihr Haus ist; als wollte sie nie wieder zurückkommen. Maria nie wieder zurückkommen – Bevor sie ging, besuchte sie das Grab ihres Kindes, wo sie seit Jahren nicht war. Es ist fast, als hätte sie von dem Grabe ihres Kindes Abschied nehmen wollen, um nie mehr wiederzukehren. * Noch heute will ich ihr schreiben. Ich will sie bitten zurückzukommen: bald, gleich! Ich bin zu einsam. Ich bin ohne sie wie verloren und verlassen. Wenn sie nicht bald zurückkommt, werde ich ihr folgen. Bittet bei ihr für mich. * Sie kommt nicht zurück und – ich bleibe hier. Die Prinzessin sah ich seit Wochen nicht. Die Villa Falconieri bleibt ohne Maria. * Scirocco! Seit einer Woche wahnsinniger Wüstenwind. Es glüht in meinem Gehirn, in jedem Blutstropfen, in jedem Gedanken. Aber ich habe gar keine Gedanken! Mein Wahnsinn brach aus bei dem Scirocco. Am hellen Tage ging ich heute hinunter in die Villa Taverna. Ich ließ mich bei der Prinzessin melden. Sie erwartete zu Tisch römische Gäste, war bei der Toilette, wollte mich jedoch empfangen. Ich antichambrierte also. Sie trat in das Zimmer, wo ich mich befand, wollte mir entgegengehen, sah mich an und blieb stehen. Ich ging langsam auf sie zu und sagte: »Du kannst mich erlösen oder vernichten.« Ich sagte es sehr ruhig ... Sie jagte mich nicht hinaus; aber sie war totenhaft bleich – dem Verrückten gegenüber. Und sie war hilflos! Sie, die große Dame, mit ihrer raffinierten Routine war hilflos wie ein Kind. Ihre Hilflosigkeit brachte mich zur Besinnung. Ich ging. Was nun? * Die Prinzessin von Sora an die Herzogin Pere de Pere Daly-Castle, Duside-Highlands, England. Villa Taverna-Borghese im Juli. Scirocco! Eine goldbraune blendende Landschaft, darüber bronzefarbenes blendendes Gewölk; Himmel und Erde von goldigen Dünsten umbraut; die Sonne mit gewaltigen Strahlengarben die Nebelwogen durchbrechend – eine Stimmung wie bei einem biblischen Weltereignis. Scirocco! Ueber dem göttlichen Leib von Mutter Natur wälzt sich ein Alp. Sie kann sich nicht regen; sie wird im Sommerschlafe erwürgt. Scirocco! Seit Wochen Scirocco! Ich bin wie gelähmt, fühle mich halb entgeistet ... In Frascati, in allen albanischen Weinstädten, allen sabinischen Felsennestern werden jetzt unaufhörlich Feste gefeiert. Unaufhörlich Musik, Prozessionen, Glockengeläute, Böllerschüsse, Raketen, Feuerwerk, Gesang, Geschrei und Gejohle: als ob alle Welt durch den wütenden Wüstenwind toll geworden wäre. In Rom war Girandola und der Berg Soracte war neulich abends ein einziger Flammenkegel. Dazu gaukeln die Johanniswürmer durch die blühenden Granat- und Oleanderbäume, als stöben Funkenschauer durch die Lüfte; dazu duften die Magnolien betäubend; dazu siedet es in meinem Blute, hämmert es in meinem Gehirn, fiebern meine Pulse. Die Prinzessin Lancellotti läßt Straßen anlegen, Kanäle ziehen, antike Villen ausgraben, Wildnisse ausroden und Wüsteneien in Kulturen verwandeln. Sie ist thätig, nützt und hilft. Sie hat einen geliebten Gatten, eine blühende Familie und weiß, wozu sie auf der Welt ist. Und ich – Dina, Dina! Und ich? Ich nütze nichts, gar nichts! Nicht einmal, daß ich – Nur nicht nachdenken! Ich habe Anwandlungen von Sentimentalität – ich! Neulich bei der Fronleichnamsprozession sank ich in Frascati auf dem Marktplatz mit allem Volk vor dem Allerheiligsten auf die Kniee und betete inbrünstig. Ich merkte nicht einmal, daß ich in einer wundervollen neuen Toilette inmitten eines Schwarmes von Ciocciaren auf den Knieen lag. Und als die Luft vom Geläute der Kirchenglocken ertönte, als die Böllerschüsse krachten, als in einer Weihrauchwolke die glanzvolle Schar der Priester daherwallte, als die Menge auf die Kniee stürzte – da hätte ich mich am liebsten mit dem Gesicht in den Staub niedergeworfen. Was bedeuten diese Zeichen? ... Nichts anderes, als daß seit Wochen Scirocco ist; oder – Hilf mir doch! Ist es das Bewußtsein meines Elends, die Erkenntnis meiner Erbärmlichkeit; oder ist es die Sehnsucht, besser zu werden und glücklich zu sein? Ich bin ja doch auch ein Geschöpf Gottes! * Du hast es gut auf der kalten stolzen Höhe Deiner Vortrefflichkeiten! Du thronst in den Wolken Deiner Tugenden, siehst zu Deinen Füßen, die staubige sündige Welt, fühlst Dich erhaben über Erdenqualen und Menschenschuld: über all den Jammer da unten! Du urteilst von der Höhe Deiner strengen Sittenreinheit herunter; und – Nein! Du verurteilst nicht – noch nicht! Noch bist Du gütig und barmherzig, noch schaust Du geduldig zu... Aber da Du mich unmöglich verstehen kannst, wie könntest Du mir wohl vergeben? »Alle Schuld, der Du selber Dich zeihst, liegt ja nur in Deiner Einbildung, arme kleine dumme Viviane!« Damit entschuldigst Du mich bis zur Stunde, damit versuchst Du, mich zu entschuldigen. Freilich ist alles, alles nur in der Phantasie. Bei uns Frauen ist immer nur alles in unserer Phantasie! Das ist es ja eben! Das ist für uns Frauen die Gefahr. Unsere Phantasie ist die Kupplerin. Begreifst Du nicht? Wenn alles Phantasie ist, so ist auch alles Impression und Sensation! Welches Unheil haben wir Frauen allein durch unsere Impressionen und Sensationen angerichtet: über andere und über uns selbst gebracht! Wir können durch Impressionen und Sensationen zu Märtyrerinnen, Heldinnen und Heiligen – zu Betrügerinnen, Ehebrecherinnen und Dirnen werden. Auch zu moralischen Totschlägerinnen und Mörderinnen. Und wenn die Impression vorbei ist, die Sensation verflogen, die Phantasie wieder entnüchtert – Was dann? Was dann, wenn wir erkennen, daß alles, alles ausschließlich Impression und Sensation war; alles, alles lediglich in unserer Phantasie lag? Selbstmörderinnen werden wir nicht. Dafür sind wir zu feige. Auch Büßerinnen werden wir nicht. Dazu sind wir zu frivol. Wir werden einfach immer verlogener, verworfener, verächtlicher. Und das Ende? Eine alternde kokette Mondaine, eine alte entnervte Mondaine ... Und das heißt man dann »gelebt« haben. Trostlos! * Könnte ich dieser erdrückenden erstickenden Wüstenluft entfliehen, in Dein grünes Bergland hinauf. Hochlandsstürme! Es müßte köstlich sein. Und wenn eine Windsbraut die am Rande eines Abgrunds Wandelnde faßte und hinunterrisse – Aengstige Dich nicht. Das sind Eindrücke, Stimmungen, eben Impressionen. Sie gehen mit dem Scirocco vorüber. Und wenn wir eine kräftige Tramontana bekommen, werde ich gar nicht mehr verstehen, weshalb ich mir einen Abgrund wünschte. Ich kenne mich viel zu gut. Das ist ja eben mein Unglück! Geliebte Beichtmutter, ich wurde versucht. Es geschah zum erstenmal in meinem Leben, daß es wirklich eine Versuchung war. Siehe! Ich befand mich in einer Wüste und fühlte mich dem Verschmachten nahe. Da trat der Versucher zu mir, zeigte mir das Land aller Verheißung, wollte es mir zu eigen geben, wollte mich erquicken und vor dem Verschmachten bewahren, wenn ich – ihn ein einziges Mal küssen würde. Sei ruhig: ich küßte ihn nicht. Und so bleibe ich denn in meiner Wüste und verschmachte. * Wie der Versucher aussah? Wie sehen heutzutage Versucher aus? Sie haben weder Hörner noch Bocksfüße, speien weder Flammen noch riechen sie nach Schwefel. Mein Versucher trägt die Uniform Seiner Majestät des Königs von Italien, hat dunkle kleine entzückende moustaches und parfümiert sich mit Lavendelwasser... Du siehst, wie ruhig Du sein kannst. Denn Deine kleine dumme, aber stolze Viviane und irgend ein hübscher flotter Offizier – Wüsteneinsamkeit und Tod durch Verschmachten sind denn doch besser. Daß er nicht grade von Kopf bis zu Füßen irgend einer ist, wirst Du Dir übrigens denken können. Er ist so köstlich frisch, ein junger Held! Und dann: Er ist ein ganzer Mann! Ich glaube, er liebt mich sehr. Aber leider weiß ich, was er an mir liebt. Und dieses Was hat mich vor ihm bewahrt. Sonst hätte mich mein Genie für Impressionen, hätten mich meine Gelüste nach Sensationen vielleicht in das mir gezeigte Paradies herabgezerrt. Ich wäre in dem Garten Eden eine kleine, sehr kleine Weile wahrscheinlich leidlich selig gewesen – nur in der Phantasie natürlich! – und dann – Aber mein junger Held liebt an mir nur meinen Leib, will von mir nur meinen Leib besitzen. Und noch einmal nichts sein als Körper – zehnmal lieber lasse ich meine Seele hungern, dürsten, umkommen. Wer meine Lippen berühren will, muß meine Seele begehren. Er muß, ohne meine Seele – meine ganze Seele zu besitzen, meine Lippen gar nicht haben wollen. Wie Du einsehen wirst, kann ich meinem jungen Helden, der ein ganzer Mann ist, nicht helfen. * Eine Mondaine zu sein und nichts anderes als eine Mondaine, ist doch eigentlich etwas Jammervolles. Selbst die große Mondaine macht die Sache nicht besser. Als Mondaine geboren werden, als Mondaine leben, sterben und sich begraben lassen; und was zwischen solcher Geburt und solchem Tode liegt – mir graut's! Assunta Neri ist ein großer Mensch; andere Frauen sind große Malerinnen, Schauspielerinnen, Dichterinnen. Oder sie sind große Emanzipierte. Wiederum andere – ja, was sind andere Frauen sonst noch? Sie sind groß als Gattin, oder groß als Mutter, oder groß als Geliebte, oder groß als Weib. Ich möchte gar keine große Künstlerin sein, wäre ich nur als Weib etwas weniger klein. Worin könnte ich ausschließlich in meiner Weiblichkeit groß sein? Als Gattin nicht, auch nicht als Mutter; dann also – Eine große Leidenschaft! Eine große Leidenschaft! Wenn ich einem Menschen alles sein könnte – würde ich dann nicht auch ein einziges Mal leben, ehe ich sterben muß? Und ich soll so bald sterben müssen! Wie aber, wenn auch diese eine mich verzehrende Sehnsucht nur der gierige Wunsch nach Sensation wäre? * Der Prinz hat eine neue Maitresse, mein junger Held bleibt fort und hat sich – mit einem andern Leibe getröstet. Auch Cola Campana läßt sich nicht blicken. Die Madama soll abgereist sein – ganz plötzlich! Was bedeutet das? ... Und warum kommt er auch jetzt nicht? Sollte er sich fürchten? Sollte er – Ich schrieb Dir, daß er wirklich gar nicht so alt sei. Aber weißt Du auch, woher es kommt, daß er mit seinen vollen fünfundvierzig Jahren noch gar nicht so alt ist? Seine Jugend ist früh, sehr früh eingeschlafen: durch einen bösen Zauber verhext. Als verzauberte Märchenprinzessin ruht sie eingeschlossen in seiner Seele, unter lauter, lauter Dornen. Die grauen Stacheln werden duftende Blüten treiben und die Prinzeß wird aus ihrem Todesschlafe erwachen, wenn – Cola Campana auf den Mund geküßt wird. Es kommt freilich darauf an, wer ihn küßt. Es müßte merkwürdig sein, die schlummernde Jugend in dieser Mannesseele zu wecken. Er würde dann gewiß wieder ein Dichter werden, vielleicht sogar ein großer Dichter. Ja! Es müßte wunderbar sein ... Dina, Dina! Ich beichte Dir meine Sünde, meine Gedankensünde: » mea colpa, mea massima colpa! « Bin ich sehr schuldig? Kannst Du mir meine Gedankensünde verzeihen? Keine so leicht wie diese! * Heute kam er zu mir und sagte: »Du kannst mich erlösen, oder vernichten.« Er sagte es ganz ruhig. Ich hatte auch gar keine Furcht. Es durchschauerte mich nur im Allertiefsten. Mir war es, als wäre ich eine große Souveränin und die Richter legten in meine Hände ein Todesurteil; und wenn ich das Blatt unterschrieb, mußte ein Mensch sterben. Es war solche Verantwortung, die er in meine armen kleinen Hände legte. Nun weiß ich sehr wohl, daß eine Mondaine keine Verantwortung zu tragen hat: weil sie keine Verantwortung übernimmt. Eine echte Mondaine legt niemals Rechenschaft ab: weder Gott noch sich selbst. Was man Gewissen zu nennen pflegt, dieses Organ wird von einer solchen Dame gar nicht gekannt, also gar nicht besessen. Dennoch durchschauerte es mich. Eine echte Mondaine läßt sich lieben, nimmt einen Liebhaber und verläßt einen Liebhaber. Sie beseligt kurze Zeit und macht für lange Zeit unselig. Sie bringt ins Irrenhaus, treibt zum Selbstmord, zur Schande und – bleibt eine echte Mondaine. Und trotzdem diese Schauer! Bin ich besser und stärker, als ich selbst weiß? Will ich eine Verantwortung übernehmen? Will ich erlösen und nicht vernichten? Oder will ich durch seine Erlösung mich selber befreien; und graut mir's nur vor dem Wunder, das an mir sich vollziehen soll? Vielleicht schauderte mir, weil ich an kein Wunder für mich mehr glaube. Oder kam es, weil er so ganz anders ist als alle Männer, die ich kenne? Weil ich vielleicht einen anderen Mann gewissenlos vernichten könnte, nur nicht diesen Mann! Weil seine Stirn der Genius geküßt hat, so daß es ein Sakrileg sein würde, wollte ich seinen Mund küssen: nicht um ihn zu erlösen, sondern zu vernichten ... Ich weiß es nicht – nichts weiß ich! Ich muß erst wieder zu mir selbst kommen. Ich muß mich erst erforschen, muß ergründen, ob ich – Dina, Dina! – ob ich die Verantwortung übernehmen darf ? Ich höre Deine feste klare kalte Stimme mir antworten: »Nein!« * Die ganze Nacht wachte ich, wollte denken, überlegen, beschließen und kam zu keinem Entschluß. Sein Licht brannte nicht. Als der Morgen graute, schrieb ich ihm. Ich bat ihn, mir Zeit zu lassen. Ich bin feige. * Ich sehe und höre nichts von ihm. Jeden Morgen, wenn die Kammerfrau zu mir ins Zimmer tritt, erwarte ich, daß sie sagen wird: »Imaginez-vous, madame: le comte de la villa Falconieri, vous savez, le monsieur avec la grande passion, s'est tué cette nuit!« La grande passion – Wie die Person das r schnarrt und das s zischt! » La grande passion « – Erinnerst Du Dich des Eindruckes, den die Phrase damals auf mich machte? Und jetzt – jetzt höre ich immerfort, immerfort mit dem geschnarrten r und dem gezischten s : » La grande passion! La grande passion! « Und jeden Morgen erwarte ich, daß meine Kammerfrau mir mitteilt: es sei in der Villa Falconieri etwas Entsetzliches geschehen. * Gott stehe mir bei! Ich übernahm die Verantwortung. * Wie das gekommen ist? Ich schrieb ihm nicht: ich hatte zu große Furcht. Ich dachte immerfort daran; aber schreiben konnte ich ihm nicht. Und unablässig dachte ich an seine Worte: »Du kannst mich erlösen, oder vernichten!« Es war so seltsam! Daß ich die Macht besaß zu vernichten, wußte ich wohl – welche Frau weiß es nicht? – daß ich aber auch eine arme Menschenseele erlösen konnte, hatte ich nicht gewußt. Einem einzigen Menschen »alles« zu sein, wünschte ich? Jetzt konnte mein Wunsch sich erfüllen! In einer einzigen Empfindung groß zu sein, sehnte ich mich? Jetzt konnte ich meine Sehnsucht stillen ... Und jetzt graute mir's vor meiner eigenen Macht, jetzt fürchtete ich mich vor mir selbst. Und – ich schrieb ihm noch immer nicht, ließ ihn warten und warten. Jedoch dann geschah's ... Es waren grade viele Leute in der Villa; denn Frascati hat jetzt season . Die Torlonia sind hier, die Aldobrandini, Gracioli, und viele andere. Man lebt jetzt hier wie in Pau oder Baden. Auf Tusculum soll demnächst im griechischen Theater Komödie gespielt werden. Ich hoffe, Assunta Neri kommt dazu her. Also: es war viel Welt bei uns, und auf der Pinienwiese fand eine fête champêtre statt. Ich hatte die schönsten Mädchen und jungen Männer ausgesucht, in das alte prächtige Frascatanerkostüm gesteckt und ließ unter den Pinien Saltarello tanzen. Die Sarkophage waren mit frischen Rosen gefüllt, in denen große Scheiben Eis aufgestellt wurden. Hier soupierte man an kleinen Tischen. Es war wirklich sehr hübsch. Die Fürstin M.... war da. Schrieb ich Dir, daß diese Dame meinen Prinz-Gemahl unwiderstehlich findet? Ich schrieb es Dir wohl nicht? Es ist ja auch so gleichgültig. Stelle Dir vor: Madame la Princesse ließ sich sogar von Monsieur le Prince Smaragde schenken – Außer diesem famosen Paar befand sich in der Gesellschaft noch ein zweites: mein junger Held und die kaum verheiratete Herzogin D.... Du staunst? Ich ganz und gar nicht! Denn ich kenne die Welt. Die junge Herzogin ist übrigens reizend. Ich saß unter den geschmückten Särgen wie in einer Theaterloge und sah die Komödie mit an. Aber auf einmal wurde ich todtraurig. Bei Anbruch der Dunkelheit begann man unter den Pinien zu illuminieren: Lampions, Raketen, Feuerräder, griechische Lichter. Dazu Musik, Lachen, Liebe, Glück, Leidenschaft, Lebensfreude. Nur ich war traurig und einsam. Ich wußte, daß ich an diesem Abend sehr schön aussah. Man hatte es mir mit Worten und Blicken deutlich genug zu verstehen gegeben. Mein junger Held ließ sogar seine reizende Herzogin im Stiche, kam zu mir, blieb bei mir, und seine Blicke sagten mir unaufhörlich: ›Du bist sehr schön! Du bist so schön, daß ich dich haben muß! Und ich werde dich haben! Denn – ich kann warten.‹ Da faßte mich solcher Ekel ... Dazu der Lichtglanz, die Musik, das Lachen, die Lebensfreude, das Liebesglück der anderen! Die Villa Falconieri lag dunkel und einsam über mir; und ich wußte: dort oben wartet einer auf dich, den du erlösen kannst – erlösen allein durch deine Seele . Ich erhob mich, ließ meinen jungen Helden sitzen, ging durch alle Menschen über die Wiese. Ich ging an dem Prinzen und seiner Fürstin vorüber, ging geradenwegs auf die kleine grüne Pforte zu, die jetzt immer unverschlossen ist. Ich hätte die Pforte geöffnet, wäre geradenwegs hinaufgegangen, wäre zu ihm gekommen und hätte ihm gesagt: »Hier bin ich. Jetzt erlöse du mich !« Aber bei der Pforte stand er und wartete. Als er mich kommen sah, lief er mir entgegen. Er warf sich vor mich hin, umschlang mich, drückte seinen Kopf gegen meinen Leib und weinte. Ich küßte seine Haare, seine Stirn, seine Augen, seinen Mund. Ich küßte seine schlummernde Jugend wach. Wir sind sehr glücklich. * Mein ganzes Leben ist Staunen geworden. Tausend Dinge gehen in mir vor, davon ich nichts wußte – wie hätte ich davon auch wissen können?! Ich glaubte zu wecken und wurde selbst geweckt; ich glaubte zu erlösen und wurde selbst erlöst. Jetzt treibt es und blüht, drängt und stürmt, wird und gestaltet sich. Ich kann immer nur staunen, immer nur still vor mich hinsprechen: »Siehe, ein Wunder!« Wenn ich Leute sehen muß, so ist mir's, als ginge ich mit leisen, leisen Schritten glanzvoll durch die Menge, als wäre es stumm und feierlich rings um mich, als spräche eine göttliche Stimme: »Siehe – so schuf ich das Weib!« Verstehst Du, was ich meine? Aussprechen läßt es sich nicht. Du muht es ahnen können. Und Cola? Er begriff mich nicht, als ich zu ihm sagte: »Du bist ja so jung! Du bist ja viel jünger als ich,« Weil seine Jugend so lange den Zauberschlaf schlief, ist sie die Jugend eines Kindes geblieben. Und dann ängstigt sich der Mann fort und fort, quält sich und mich, daß er zu alt wäre: »viel zu alt«. Dann lache ich ihn aus ... Ob er wirklich ein Genie zum Dichten besitzt, weiß ich nicht: ich weiß nur, daß er Genie hat zu lieben. Und ich muß staunen, staunen. * Höre und lache! Aber lachen kann Deine kühle Hoheit ja nicht. Also höre und – lächle. Wir sind uns einander ähnlich ... Lächelst Du auch? Denn er und ich – wir sollten einander ähnlich sein? Der große unverbesserliche Träumer und die große unverbesserliche Mondaine! Und doch ist es so. Er lebte in einer Oede – wie ich; er war darin verkümmert, bereits halb zu Grunde gegangen – wie ich: er verzehrte sich in Sehnsucht – wie ich. Noch mehr Ähnlichkeiten! Ich sehe die Natur mit seinen Dichteraugen; und was ich sehe, drücke ich oft beinahe mit seinen Worten aus. Du solltest dann sein leuchtendes Gesicht sehen! Gestern bemerkte ich eine hohe Rüster, die am Wipfel mit feinen, feinen Zweigen in die Luft griff. Ich sprach davon, wie die alte Waldriesin »sich aushauche«. Da meinte er das nämliche, was Du einstmals im Kloster behauptet hast: in mir wäre ein Fünklein Poesie. Weißt Du, Dina – ich glaube, ich sah die Natur schon damals mit seinen Augen. Und ich sah sie so, weil meine Seele noch ein vollkommen leeres Blatt war. Auf diese weiße weiche Fläche schrieb seine Hand mit scharfem Griffel. Denn Du erinnerst Dich des Eindrucks, den seine Naturschilderungen schon damals auf mich machten? Unbewußt wirkte er dann in mir fort und fort. Und das wäre kein Wunder?! Ich erzähle ihm Märchen. Und weil ich alle Märchen, die ich weih, ihm bereits erzählte, so erfinde ich selber Geschichten. Ich thue es nur darum, weil er mir zuhört wie ein Kind; und weil dann seine Augen solchen Glanz haben. Du siehst, was aus uns beiden geworden ist: Zwei glückliche Menschen! * Des Schlüssels zu der kleinen grünen Pforte bedürfen wir nicht. Wir sprachen darüber gar nicht, es verstand sich von selbst. Er kommt nicht hinunter in die Villa Taverna, die der Prinz bewohnt; und ich gehe nicht hinauf in die Villa Falconieri, wo – auch er nicht allein war. Wo wir zusammen sind? Niemals hat ein Liebespaar solchen seltsamen Schlupfwinkel gehabt! Auf Tusculum ist es jetzt so einsam wie am Ende der Welt; denn die Hitze hat selbst die Hirten hinuntergetrieben in die Wälder von Rocca di Papa. Nur Scharen großer Smaragdeidechsen hausen in den verbrannten Gräsern und Kräutern, deren Wohlgerüche uns umströmen. Den Gipfel bedeckt verdorrtes Farnkraut, welches dasteht wie aus Goldbronze ciseliert. Und Felder blühender Königskerzen erstrecken sich von der Höhe bis ins Molarathal hinab, daß der Berg einem Riesenaltar gleicht, dicht besetzt mit kunstvoll gearbeiteten Kandelabern. Aus dem silberhellen Laubwerk erheben sich die schlanken goldigen Blumenfackeln, von der Sonne für unsere Liebesfeier entzündet. Aber in den Ruinen der Tibervilla glänzt und gleißt der ganze römische Sommer! Die Höhlungen, die die versunkenen Hallen in den Boden gerissen haben, füllen weiße Cistusrosen und bunte Wicken; in den eingefallenen Wölbungen, durch deren Schuttwälle man wie durch die Trümmer eines Bergsturzes schreitet, wuchern unter blühenden Holunderbäumen mannshohe Disteln mit großen violetten, purpurroten und ultramarinblauen Blüten, und das einstmalige Nymphäum des schrecklichen Tiberius ist ein einziges Malvenbeet. Blumendickichte bilden jetzt das Unterholz der Kastanienwälder, die in der Tiefe rings um Tusculum einen dichten Wall ziehen. Die schönen Bäume stehen in voller Blüte; und die weißen Kronen leuchten zu unserer Höhe empor, als würde der Berg von märchenhaften Schaumwellen umbrandet. An Sciroccotagen sind wir von der Welt durch Wolkendunst geschieden. Wir scheinen alsdann zwischen Himmel und Erde zu schweben, erblicken nichts, als über uns, unter uns das leuchtende Gewölk, um uns die Blumengefilde – eine Insel der Seligen im Ocean der Luft! Höre nur weiter: Ganz auf der Höhe, zwischen der Kaiservilla und dem griechischen Theater, auf der Stätte des ehemaligen Forum, liegt ein kleines Haus, wie es auf der Welt kein ähnliches gibt. Lucian Bonaparte, dem Tusculum gehörte, hat es erbaut; und die Königin von Sardinien, die dem Napoleoniden im Besitze des Berges folgte, soll darin ein Theezimmer eingerichtet haben. Jetzt ist das Haus Ruine und Eigentum Colas. Eines Abends, als wir miteinander nach Tusculum hinaufritten, führte er mich hin. Er führte mich in einer Weise, daß ich mich plötzlich vor einer Wand des Hauses befand; und als ich über etwas, was ich hier sah, heftig erschrak, mich gradezu entsetzte, lachte er wie ein übermütiger Knabe, dem ein Schelmenstreich gelungen war. In der Wand befinden sich nämlich mehr antike Statuen, Ornamente und Marmortrümmer als Steine. Einige Figuren sind nur zum Teil eingemauert und machen den Eindruck, als schritten sie gespenstisch aus dem Gestein. Eine wie im Todeskampf geballte Riesenhand greift heraus ... Aber da ist vor allem ein furchtbares Antlitz: das blasse Antlitz einer jungen lieblichen Frau. Nur das Haupt drängt sich qualvoll aus dem Mauerwerk. Grausen, Entsetzen und Todesangst haben die Augen weit aufgerissen, die Lippen geöffnet. Sie stöhnt, ächzt, wimmert, schreit. Sie strebt hinaus und ist doch eingemauert; sie will leben und muß doch sterben. Es ist ein gräßliches Antlitz! Und mir war es, als ob diese fürchterlichen Augen mich anstarrten, als ob dieser stöhnende Mund mich um Hilfe anschrie ... Cola führte mich zur Thür, hob mich auf und trug mich über die Schwelle. Drinnen hielt er mich an seiner Brust, mit Küssen mich fast erstickend. Dann ließ er mich sanft nieder. Er griff in eine Schale voll Blumen und streute sie vor mich hin, als ob ich eine siegreiche Königin wäre. Mein Liebster hat das kleine seltsame Haus für uns eingerichtet. Japanische Matten bekleiden die Wände und bedecken den Boden; anmutige, schöne Geräte stehen umher. Die Fenster verhüllten Vorhänge aus weißer Seide. An hellen Tagen erblicken wir unter uns das schwermütige Molarathal: vom Cavo bis zum Volskergebirge; sehen wir das Meer: vom Circekap bis Ostia. Und immer, immer sehen wir über uns auf dem Gipfel von Tusculum das Kreuz. Unsere Liebe steht unter dem Zeichen des Kreuzes. * Eine große Leidenschaft! Ich kann sie nicht nur einflößen, ich kann sie auch selbst fühlen. Eine große Leidenschaft! Sie hebt den Gesunkenen aus Abgründen zu Wolkenhöhen; sie badet die befleckte Seele in Aether; sie macht den geschändeten Leib madonnenrein. Eine große Leidenschaft! Es ist herrlich, sie zu erleben; aber göttlich müßte es sein, darin unterzugehen. * Wir Frauen sind erst dann Frauen: sind erst dann das, wofür wir geschaffen wurden, wenn wir lieben. Lieber Vater im Himmel, laß mich sein und bleiben, wofür du mich schufst. * Mein Kuß hat ihn geweckt. Er ist stolz und demütig, leidenschaftlich und sanft, trotzig und weich. Und wie jung er ist! Er müßte zwanzigjährige blonde Locken haben zu seinem zwanzigjährigen jauchzenden Herzen. Wenn er nicht mehr gar so toll selig ist, will er auch wieder arbeiten. Durch mich! * Wir sprechen nicht von der Vergangenheit und nicht von der Zukunft. Auch nicht von der Gegenwart. Wozu brauchen wir von ihr zu sprechen? Wir erleben sie ja! Wenn ich nicht bei ihm bin, so umkreisen ihn meine Gedanken wie ein Flug schimmernder Vögel. Meine Liebe kam zu ihm wie die Taube, die mit dem Oelzweig über den sinkenden Wassern schwebte. * Heute waren wir wieder einmal wie die Kinder. Wir liefen von unserem Hause fort zu der Felsenwand an dem fürchterlichen Abgrund unter dem Kreuz, wo im Frühling der Ginsterzauber lohte, und schrieben an eine Klippe unsere Namen. Ein riesengroßes V : Viviane, und ein C : Cola. Jetzt stehen auch unsere Namen unter dem Zeichen des Kreuzes – unter dem Zeichen der himmlischen Liebe. Wie glückselig thöricht man sein kann! * Sollte ich wirklich bald sterben müssen, so möchte ich meine Hände in die seinen legen und darin so lange lassen, bis die Leichenfrau sie herausnehmen muß. Wie gut meine armen kalten Hände in den seinen aufgehoben wären! Hand in Hand möchte ich mit ihm fortgehen, Hand in Hand mit ihm wandern: mit ihm wandern durch die Unendlichkeit. * Einem Menschen alles sein, heißt für die Frau nicht leben und lieben; sondern ein Evangelium verkünden, eine Mission erfüllen: die Frau thut das, wofür sie gesandt ward. Es ist gewiß nicht wahr, daß moderne Frauen Priesterinnen der Decadence sind, daß unsere Entwicklung eine sinkende Linie bildet. Wir steigen und steigen! Aber – wir müssen einem einzigen Menschen alles sein können. Wenn ich also wirklich bald sterben sollte – er sein Alles bald verlieren müßte – dann besäße er mich ja erst ganz und für ewig; denn Liebe kann kein Ende nehmen. Ich wollte, ich wäre gestorben in der Nacht, wo sie auf der Pinienwiese den Saltarello tanzten, wo ich zu ihm gehen wollte und ihn bei der kleinen grünen Pforte traf, wo ich seine schlummernde Jugend wachküßte. Das Glück hätte mich töten müssen. Auch für ihn wäre es besser gewesen, viel, viel besser ... Aber das ist ein schwermütiger Gedanke. * Um Gottes willen, nur nicht unglücklich werden! Das Unglück ist etwas zu Häßliches. Wir müssen in strahlender Schönheit enden. Daß es dergleichen gibt! Denn er ist mir Bruder und Freund, Gatte und Geliebter – eben alles! Aber er soll nur mein Geliebter sein, nichts anderes als mein Geliebter! Würde mich nur nicht inmitten des erstickenden Jubels plötzlich die Angst wieder befallen: die Todesangst vor mir selbst! Ich kann sie nur einwiegen, wenn ich bei ihm bin, wenn ich mich an seine Brust dränge. Seine Nähe ist für mich Wiegengesang. * Wenn ich ihm meine Märchen vorgeplaudert habe, erzählt er mir von seinem Leben in der Villa Falconieri, die er noch mehr liebte als mich, und auf die ich eifersüchtig bin. Und das mit großem Grund! Denn seine Villa Falconieri ist ohnegleichen, und seine arme kleine Viviane – die Angst! O, die Angst! Was kann ich nur thun gegen diese entsetzliche mordende Angst? Also er erzählt mir, wie er mit Kohlenbrennern, Hirten, Jägern und Campagnuolen gelebt hat: über zwanzig Jahre! Wir sitzen vor unserem kleinen Hause, die Marmorleiber, die eingemauerten, wollen zu uns heraustreten, können nicht, scheinen sich zu krümmen und zu winden, scheinen zu stöhnen und zu seufzen. Die Riesenhand krampft sich in Qualen zusammen und erhebt sich drohend gegen uns. Die Augen der jungen Frau, die leben möchte und sterben muß, können sich noch immer nicht schließen, ihre wimmernden Lippen noch immer den letzten Seufzer nicht aushauchen. Es wird Abend. Ueber dem Cavo steigt die blasse Mondsichel auf; aus dem Molarathal quillt der Dunst des heißen Tages in Nebelwellen zu uns empor. Im Hause zündet mein vertrauter alter Diener die Kerzen an. Wir bleiben draußen sitzen und er erzählt mir. Es sind Geschichten von Menschen aus einer Welt, von der ich nichts wußte. Welch tierisches Dasein! Er hat ein Mitleid mit allen diesen Leuten, welches ich nicht fühlen kann. In diesem einen sind wir einander ganz fremd. Wenn es ein böses Fieberjahr gab, hat er oft wochenlang in der Campagna gelebt, den Leuten Chinin gebracht, die Kranken gepflegt und die Sterbenden getröstet. Viele sind in seinen Armen gestorben. Er ist eine Samariterseele und thut Werke der Barmherzigkeit mit solcher Naturnotwendigkeit, wie eine Mondaine unausgesetzt an ihre Schönheit und Eleganz denken muß. Ich habe von einer Samariterin keinen Atemzug in mir; und wenn ich wie eine Heilige unter meinen Bettlern und Krüppeln stehe, so ist das nur eine Pose. Ich könnte ihm aus meiner Welt auch Geschichten erzählen. Aber ich werde mich hüten. O, ich bin klug! * Wir müssen vorsichtiger sein. Vorsicht ist häßlich; und es empört mich, die Häßlichkeit dulden zu müssen. Es hilft jedoch nichts. Der Prinz ist jetzt merkwürdigerweise weniger als sonst in Rom. Er ist jetzt immer sehr ritterlich, beängstigend höflich. Es ist eine Caprice von Cola, daß er nicht in die Villa Taverna kommen will. Wir disputieren darüber; aber er gibt mir nicht recht. Ich bitte ihn; aber er schlägt mir meine Bitte ab. Ich schmolle mit ihm; doch bleibt er dabei, daß er nicht kommen will. Ich werde ernstlich böse, und – er kommt trotzdem nicht! * Wir sahen uns einige Tage nicht. * Ich eilte ihm entgegen, ich warf mich in seine Arme, drängte mich an seine Brust. Ich wollte aus seinen Armen gar nicht wieder heraus. Er ist so gut, so gut! Ich bin bei ihm so sicher und geborgen, werde so gut bei ihm, so viel, viel besser. Er ist mein Hort und mein Heil. Er war nicht böse mit mir; nur sehr ernst, sehr traurig. Ich weinte. * Er dichtet. Er schreibt ein Drama. Er ist wie berauscht. Seit fünfzehn Jahren dichtet er wieder! Immer wieder und wieder sagt er mir: er danke es mir, einzig und allein mir! Ich mache ihn nicht allein zum glücklichen Menschen – ich mache ihn auch wieder zum Dichter. Es wird ein modernes Stück: eine Verherrlichung der Frau ... Wiederum eine Verherrlichung der Frau; noch dazu der modernen Frau! Ich sorge mich etwas. Er scheint zu wünschen, daß die Neri sein Stück spielt. * Ich bin gar nicht so froh, wie ich sein sollte. Ich bin eifersüchtig auf seine Arbeit: sie zieht ihn ab von mir. Wozu braucht er wieder zu dichten? Er soll lieben! Er soll mich lieben. Er soll nie mehr etwas anderes thun, als an mich denken, als mich in seine Arme schließen. Was kümmert ihn die moderne Frau? Er kennt sie ja doch nicht. Es ängstigt mich gradezu, daß er uns Frauen wiederum verherrlicht. Aber er ist so rührend in seiner Glückseligkeit, endlich wieder arbeiten zu können. * Heute sprach er mit mir über Maria. Es war das erste Mal, daß er ihren Namen nannte. Ich wandte mich ab. Er hat ihr »alles« geschrieben. Sie bleibt in Deutschland. Ich mochte ihn nicht fragen, was sie ihm geantwortet hatte. Er machte solch sonderbares Gesicht, als er ihren Namen nannte. Ich stahl ihn dieser Frau! Er gehört mir, ganz mir, ewig mir! ... Ja, ich raubte ihn ihr. Nein! Denn er hat ihr niemals gehört. Eigentlich thut sie mir leid. Ob er wohl viel an sie denkt? Es geschah ja doch nur aus Mitleid, daß er sie an sein Herz nahm. Ihre weißen wilden Wolfshunde habe ich jetzt zu meinen Füßen. Das ist auch ein Triumph! Zuerst fletschten sie die Zähne gegen mich, hätten mich am liebsten zerrissen; jetzt kriechen und winseln sie vor mir. Nach der Abreise ihrer Herrin suchten sie diese tagelang; tagelang rührten sie kein Fressen an. Und jetzt spiele ich mit ihnen wie mit Mäuslein. Cola liebt nicht, daß die Hunde bei mir sind. Sie kommen jedoch immerfort auf den Berg gelaufen, lassen sich nicht fortscheuchen, bleiben bei mir als meine Trabanten. Ich weiß recht wohl, weshalb er mich nicht gern mit Marias Hunden sieht. * Ein Bekenntnis! Es treibt mir vor Scham das Blut ins Gesicht. Ich komme mir vor, wie noch einmal entweiht. Der Prinz machte mir eine Erklärung: er sei in mich verliebt! Ich soll seit kurzem seltsam verändert sein. Es soll etwas über mir liegen, etwas Unaussprechliches, Unverständliches. Wenn er wüßte, welche Gottheit mich berührt hat ... Das nenne ich Decadence: die Decadence des Mannes am Ende dieses Jahrhunderts! Er verliebt sich in seine Frau erst dann, wenn sie einen andern liebt. Er findet sie erst dann begehrenswert, seitdem ein anderer sie besitzt und etwas Glanzvolles über ihr liegt, was nicht von dieser Welt ist. Ich hätte es ihm so gern ms Gesicht gesagt! Zum Glück schwieg ich. Wie ich mich schäme! * Cola nennt mich sein »Schicksal«. Ich bin also für ihn eine überirdische Macht, gleichsam eine göttliche Gewalt und könnte Vorsehung spielen. So etwas gefällt einer eitlen Frau. Er hat manchmal einen ganz eigentümlichen Blick, wenn er mich sein Schicksal nennt: solchen Seherblick! Aber der Dichter soll ja wohl Prophet sein? Heute setzte ich meinem Liebsten die Gründe auseinander, weshalb ich ihn lieben muß: aus Naturnotwendigkeit lieben! Erstens: weil er ganz anders ist als alle anderen Männer, ganz, ganz anders. Zweitens: weil er mich liebt, wie kein anderer mich lieben kann. Drittens: weil er ein guter Mensch ist und seine Güte mich gut macht. Viertens: weil er etwas in seinen Augen hat – eben die Himmelsflamme, die große Leidenschaft. Fünftens: weil er mich immer verstehen, immer entschuldigen wird, also niemals verdammen kann – was auch geschehen möge. Sechstens – – Ich vergaß, welchen Grund ich ihm sonst noch angab. Es sind ja auch Gründe genug und übergenug. Wenn er mich jemals aus seinem Herzen fortstoßen sollte, würde ich ihm folgen. Ich würde ihm nachschleichen wie ein Hündlein seinem Herrn. Ich würde nicht eher ruhen, als bis er mich wieder an sein Herz genommen hätte. Denn nur an seinem Herzen finde ich Rettung. Rettung wovor? Vor mir selbst! Wie klein, wie jammervoll klein ist doch alles, wenn man fühlt, was ich fühle: eine große Leidenschaft! Um den Wert aller Dinge kennen zu lernen, muß man lieben. * Kann Liebe jemals enden? Nein! nein! Es müßte denn sein, daß – Was müßte sein? Besinne Dich! Es müßte sein, daß Uebersättigung eintritt: ein physisches und seelisches Zuviel! Ein Zuviel, welches Ekel einflößt. Und Ekel ist der Tod eines jeden Gefühls. Heute sprach ich mit ihm hierüber. Er verstand mich gar nicht, war ganz entsetzt, gradezu empört. Er rief: »Eine seelische Uebersättigung! Was meinst du eigentlich damit? Wie kann es eine seelische Uebersättigung geben?!« Ich lächelte: »Mein Gott, ja! Eben ein embarras de richesses an Gefühlen. Man wird so müde davon, so –« Ich verstummte unter seinem entsetzten Blicke. Es war nicht recht von mir; denn ich wollte ihn quälen. Ich verspürte plötzlich solche Lust dazu, daß es mir selbst ganz unheimlich war. Es sind dies Anwandlungen jenes alten schändlichen Ichs, das in mir noch nicht ganz erstorben ist. Ich wollte, es würde in mir umgebracht: so mit einem einzigen Schlag! Denn immer wieder diese Angst, diese Todesangst ... * Hoffentlich liest er mir sein Drama nicht vor. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Dichter ihre Sachen vorlesen! Sie sind dann so pathetisch. Und alles Pathos ist geschmacklos. Ich werde ihn bitten, mich mit der Aufführung zu überraschen. * Heute wollte er mit mir über die Zukunft sprechen: über unsere Zukunft ... Still, o still! Ich will von keiner Zukunft hören. Und ich küßte ihn so lange, bis er still war. Ich glaube wahrhaftig, er wünscht, daß ich dem Prinzen alles eingestehen soll. Grade jetzt, wo der Prinz – Er ist doch durch und durch ein großes Kind: eben ein Dichter, ein Verklärer der grauen Wirklichkeit. Darum liebe ich ihn ja! Mein junger Held von diesem Sommer wird von seiner jungen Herzogin so rasend geliebt, daß sie sich von ihrem Mann trennen lassen will. Also auch eine »große Leidenschaft«. Merkwürdig! * Assunta Neri kommt im Herbst. Ich freue mich sehr auf sie. Eigentlich verdanke ich ihr den Anfang meiner Erweckung, meiner Erlösung. Sie sprach damals so große feierliche Worte zu mir; und seit jenen Worten begann ich anders über mich selbst zu denken. Ohne ihren hypnotischen Einfluß hätte ich mir niemals die Kraft zugetraut, die Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung – Das Wort hat solchen sonderbaren Klang! * Sehr freue ich mich auf Assunta Neri! Sie wird mir wieder helfen, mich wieder stark machen, mir ihren edlen Geist suggerieren. Vieles ist eben doch recht schwer. Dieses entsetzliche eingemauerte Frauenhaupt ... * Seit Wochen habe ich nichts geschrieben. Meine Hände sind wie gelähmt. Wie gelähmt ist meine Seele. * Dina, hilf mir! Dina, Dina! Was ist das nur mit mir? Sage Du mir's! Du bist ja so weise, so gütig, so barmherzig. Ich habe solche Angst, es ist solche Qual! Dina! Um Gottes willen, Dina! Ich will ihn lieben! Will? Ich muß! Sonst ist er verloren, sonst bin ich verloren! Es ist ja auch nicht möglich, daß – Dina! Dina! – daß ich schon jetzt – schon so bald – – Ich bin gewiß verrückt ... Aber so hilf mir doch! * Nein! Nein! Nein! Bin ich denn anders als andere Frauen? Bin ich eine Abnormität, eine seelische Mißgeburt? Ich will nicht anders sein! Ich will sein wie alle Frauen, die lieben und geliebt werden, die glücklich machen und glücklich sind. Wäre er nur nicht so leidenschaftlich – * Ich wehre mich, wie ich nur kann. Ich kämpfe und ringe mit mir. Ich schlage meiner Seele blutige Wunden. Gott, Gott, wie ich leide! * Er merkt nichts, ahnt nichts. Das beruhigt mich etwas. Er darf nichts ahnen – niemals! Es würde ihn – ich weiß nicht, was mit ihm geschehen würde ... Doch! Ich weiß es genau. Ich wollte ihn ja erlösen, nicht vernichten. Ich übernahm ja doch die Verantwortung! Ich habe ja doch ein Gewissen! Käme Assunta Neri nur! Oder wenn Dina bei mir wäre, wenn ich zu ihr könnte – Warum kann ich nicht? Fort! * Ich muß bleiben! Was hülfe auch Flucht? Sich selber kann der Mensch ja doch nicht entfliehen. Ich will ihn täuschen. Es wird nicht schwer sein, da er so gläubig ist wie ein Kind. Und so glücklich. Gott, Gott, so glücklich! Es ist merkwürdig, wie gut ich mich verstellen kann. Ich bin ruhig und heiter, rede mit ihm viel über die Zukunft: über unsere Zukunft. Ich habe ihm versprochen, dem Prinzen nächstens alles zu sagen, mich von dem Prinzen zu trennen, den Skandal, den die Sache machen wird, mit souveräner Größe über mich ergehen zu lassen. Und wie er mir dankt, wie er mir vertraut ... Wäre er nur kein solch guter Mensch! Sogar küssen lasse ich mich wieder von ihm – Es ist gar nicht so schwer, das Heucheln und Lügen. Man gewöhnt sich sehr bald daran. Nur nachdenken darf man darüber nicht; denn sonst – * Die ersten Herbstregen! Die Campagna feiert ihren zweiten bacchantischen Lenz. Sie gleicht einer unglücklich Liebenden, die sich von Blüten ersticken läßt; denn unter diesem falschen Frühling lauert der Tod. Ich habe noch immer Mitleid mit ihm ... * Der Graf Cola Campana an Herrn Richard Voß Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland. Villa Falconieri, Hochsommer. Meine letzten Aufzeichnungen blieben im Schreibtische liegen. Vielleicht schicke ich auch diese nicht ab. Heute depeschierte ich Dir und bat Dich, unter keinen Umständen her zu kommen. Zum Glück verstehst Du, daß es hier nichts zu »helfen« und zu »retten« gibt, daß die Sache rettungslos ist. Ich danke Dir für Dein Verständnis. Es wäre bei Dir ja auch gar nicht anders möglich gewesen. Und mehr noch als hierfür, danke ich Dir und Deiner Frau eure Geschwisterliebe für Maria. Ihr wißt: Dank ist bei mir kein Wort; sondern eine Empfindung. Daß Maria herrlich sein würde, wußte ich. Sie ist eben Maria! Die Größe, die sie in diesem schweren Konflikt zeigt, zermalmt mich jedoch nicht; sondern erfüllt mich mit einem stillen starken Glücksgefühl über das Dasein solcher Frauen. Maria lehrt mich jeden Tag von neuem, daß ich die Seele der Frau doch richtig erkannte, daß es nichts Höheres und Verehrenswürdigeres gibt als das reine Weib, daß der Liebesgewalt der edlen Frau kein Ding auf Erden unmöglich ist. Sie wird für mich lebenslang das Reinste und Höchste sein: ein stilles leuchtendes Sternbild. Was geschehen soll, kann ich euch zur Stunde noch nicht sagen. Erweiset mir auch noch diesen letzten Liebesdienst: seid geduldig mit mir und wartet noch eine kleine Weile. Jedenfalls muß bald etwas geschehen. * Ich bin freilich ein anderer Mensch geworden: ein neuer Mensch! Ich wußte nicht, daß solche Wandlung eines Menschen möglich sein könnte. Und wodurch sie bei mir erfolgte! Ich begreife auch nicht mehr, daß ich schon einmal in meinem Leben geliebt haben soll: damals, als ich meinen Jahren nach jung war. Ich habe nur ein einziges Mal geliebt: jetzt! Ich weiß nicht, wie andere Menschen lieben ... Bisweilen versuche ich einen Vergleich zu ziehen. Auch zwischen mir und der erdichteten Liebe: zwischen mir und meinen eigenen Helden zum Beispiel. »Aber das ist ja alles unwahr!« rufe ich dann aus. »Das sind ja nur Worte, nichts als Worte! Nur leerer Klang und Schall, nur der matte irdische Abglanz eines himmlischen Sonnenfeuers ...« Und ich schäme mich meiner Stümpereien. »Das konntest du einmal denken und dichten, das für Empfindung und Leidenschaft halten, das in einem Moment der Ekstase schön und bedeutsam finden?!« Nur Shakespeare, Dante und Goethe konnten die Liebe dichten. Wie ein achtzehnjähriger Schulknabe lese ich »Romeo und Julia«, lese ich in der »göttlichen Komödie« die Malatesta-Tragödie, lese »Werther«, »Faust« und »Tasso«. Ich lese diese hohen Lieder der Liebe, als wäre es zum erstenmal. Du solltest nur sehen, wie verändert ich bin. Ich habe das Gefühl des Unsterblichen! Anders kann ich's nicht ausdrücken. Ich schildere Dir Viviane nicht. Ich müßte ein großer Dichter sein, um sie Dir schildern zu können. Ich sage Dir auch nichts von unserem Leben. Jeden Tag treffen wir uns auf Tusculum in einem kleinen Hause, welches mir gehört. Es ist jetzt auf dem schönen wilden Berge so einsam, daß ich gestern einen Wolf durch die Ruinen streifen sah. Diese schändliche Heimlichkeit muß natürlich bald ein Ende nehmen. Sehr bald! * Auch sie wird täglich mehr und mehr zu einem neuen Menschen umgewandelt. Und alle diese Wunder vollbringt die einfachste natürlichste menschlichste aller Empfindungen, die zugleich so göttlich ist, daß sie mit Schöpferkraft erschaffen kann ... Aber es läßt sich nicht ausdenken, was wir Männer an einer Frauenseele auch wiederum sündigen können. Wir sind dann zehnmal ärger als Totschläger. Maria vermochte ich nicht zu helfen – ich vermochte nicht! Ich helfe Viviane –, denn – ihr kann ich helfen . Ihre ganze Entwicklung als Weib liegt vor mir wie ein geöffnetes Buch. Zug um Zug sehe ich, was an ihr verkümmerte und wie dies geschah. Das Leben war für sie eine standesgemäße Zuchtanstalt, daraus sie schließlich als grande mondaine hervorging. Von ihrer ganzen Empfindung als Weib blieb nur die Sehnsucht übrig. Diese bewahrte sie vor völligem Untergang und diese verzehrte sie zugleich. Denn die Aerzte täuschten sich. Ihre tödliche Krankheit heißt nicht Schwindsucht, oder Auszehrung, sondern: »Sehnsucht!« Sehnsucht nach Licht und Leben, nach Liebe und Glück. Und Sehnsucht nach dem einen und einzigen Manne, der für dieses eine und einzige Weib geschaffen wurde. Und dieser Mann bin ich! * Wie konntest Du mir nur schreiben: ob ich ihrer sicher, ganz sicher sei? Das war unrecht von Dir, das durftest Du nicht! Du durftest nicht an ihr zweifeln, durftest nicht versuchen, in mir Zweifel zu wecken. Verzeihe meine Heftigkeit. Du kennst sie ja nicht und bist der treuste Freund der armen, armen Maria. Also will ich Dir ruhig antworten: Ja, Lieber! Ich bin ihrer »ganz sicher«. Ich glaube an sie wie der gläubige Christ an seinen Herrn und Heiland; ich vertraue ihr wie der Schiffer in fremden gefährlichen Gewässern dem Piloten. Mein Glaube und Vertrauen sind so über allem Ausdruck stark wie meine Liebe. Und diese ist eine Naturgewalt. Wir haben nur nötig, uns eine klare reine Lebensatmosphäre zu schaffen, bevor durch das schmachvolle Geheimhalten ein Tropfen Gift in uns dringt. Allerdings sind wir noch immer so von uns selbst berauscht, daß wir uns kaum auf uns selbst zu besinnen vermögen – wie viel weniger also auf das, was zunächst geschehen soll und was uns jedenfalls des Häßlichen genug und übergenug bringt. Seitdem sie mich liebt, ist sie solch zitterndes angstvolles hilfloses Geschöpf; und wenn ich ihr sage: die Lüge sei das Allerhäßlichste, so starrt sie mich mit solchem Entsetzen an, daß ich schwach werde und nachgebe. Das Glück muß sie erst wieder gesunder machen und sie wird dann gleich widerstandsfähig sein. Uebrigens bringt jeder Tag sie ihrer Genesung näher. Und daß ich der Wunderthäter war, der zu dieser Gestorbenen sprach: »Weib lebe!« – sieh, allein dieses ist wert, daß ich so lange gelebt und gelitten habe. Erst jetzt, wo ich anfange zu gesunden, weiß ich, wie krank ich war. Wenn ich's recht bedenke, graust mir's, daß Gehirn und Gemüt so etwas aushalten können! Wie war ich nur im stande, mich so ganz in die Einsamkeit zu flüchten, in die Natur zu versenken? Das war ja Unnatur! Und diese Wut, die Menschen zu meiden, als ob sie verpestet wären. Aus der Einsamkeit heraus, flüchte ich mich jetzt zum Menschen: aus dem Wunder der Natur fort, versenke ich mich jetzt in das Mysterium des geliebten und liebenden Weibes. Es ist Auferstehung! Lieber Freund, ich feiere jetzt meine Ostern. Gelingt es mir denn, Dir auch nur annähernd begreiflich zu machen, wie ich empfinde und was aus mir geworden ist? * Ich glaube, ich schrieb Dir einmal, wie ich in meinem Freskenzimmer lag und träumte: wenn die gute holde Frühlingsgöttin aus ihrem leuchtenden Gewölk eine ihrer Blüten auf mich herabwürfe, so würde ich aufstehen und wieder leben – wieder arbeiten. Die Himmlische behielt ihren Lenz für die Erde und die übrige Menschheit; aber eine gütige Gottheit schickte mir das Weib, welches für mich geschaffen worden ist. Sein Kuß sank auf meine Stirn wie eine weiche sonnenheiße betäubend duftende Wunderblume; und auch das zweite große Schicksal erfüllte sich an mir: nach fünfzehnjährigem Verstummen finde ich noch einmal die Sprache wieder. Ich weiß, daß ich verschollen und vergessen bin, und ich habe mich damit abgefunden. Jetzt soll die Welt mich noch einmal hören. Bist Du erschrocken? Fürchtest Du, es möchte eine Geisterstimme sein, hast Du Gespensterfurcht? Ich selbst bin ganz ruhig, ganz sicher. Und sollte meine alte romantische Weise in dem Getöse des Zeitensturmes auch wunderlich klingen, wird es wenigstens eine Melodie sein. Sie wird aus meiner tiefsten Seele aufsteigen, dahinrauschen und mit ihrem Klang andere mühselige und beladene Seelen erfüllen. Während um uns das Geschrei über die »Entartung« des Weibes lärmt, will ich im stillen Glück das hohe Lied des Weibes dichten. Ich will sagen, woran unsere Zeit leidet: daran, daß sie nicht mehr an die von allen Leiden erlösende Liebesgewalt der Frau glaubt. Ich will sagen, daß dieser Zauber sich noch immer an uns mächtig erweist, daß unser Seelenheil allein auf der Frau beruht. Der Genius der Zeit muß wieder das liebende, sich selbst verleugnende, im Manne aufgehende, reine Weib werden. Ich schreibe diese Verklärung der Frau unter den stillen, von Genien durchgaukelten Wipfeln des Venushains und werde das Drama: »Frühling« nennen. Das Seelenleben der neuen Generation hat sich auf der Jagd nach Ruhm und Genuß, nach Glück und Gold zu Tode gehetzt. Es liegt erstarrt unter funkelnder Decke. Auf den kalten Leichnam fällt die heiße Thräne der unsterblichen Liebe der Frau. Da erhebt sich der Tote. Blumen sprießen ringsum auf, die ganze Welt bedeckt sich mit Blüten: »Frühling, Frühling!« Es wird ein Jubelschrei sein. * Ich muß immer wieder darüber staunen, wie sie ein Teil meines Wesens ist und wie eine rätselhafte Vorsehung alles so wunderbar fügte ... Da leben die zwei getrennten Hälften eines Menschen, jede einsam für sich. Das heißt: sie leben nicht – sie existieren nur. Und da werden sie durch einen Zufall – oder durch das Schicksal – zusammen geführt. Mit der Gewalt eines Elements vereinigen sie sich, gleichsam durch Magie werden sie zu einander hingezogen – zu einander hingerissen. Widerstand ist unmöglich. Plötzlich sind die beiden eines, eine Seele, ein Leib: ein Mensch ! Das Gesicht, von dem wir noch gestern nichts wußten, bedeutet für uns heute das Antlitz der Menschheit: mit der Stimme, die uns soeben noch fremd war, spricht jetzt unsere eigene Seele zu uns; der Händedruck, der Blick, das Lächeln eines Menschen, an dem wir vielleicht ohne aufzusehen vorüber gegangen wären, hat die Nacht in uns zum strahlenden Tage verwandelt. Was wir bis dahin kannten, wird uns fremd; was wir bis dahin liebten, wird uns gleichgültig; was wir so lange für Zweck und Ziel unseres Daseins hielten, erscheint uns wertlos. Wir werden zu treulosen Freunden, Gatten, Söhnen, zu Vernichtern ganzer Existenzen – wir müssen es werden, mögen wir uns auch noch so sehr dagegen wehren. Und wir werden zu Verbrechern, zu Wahnsinnigen und Selbstmördern. * Wie vor langen, langen Jahren sitze ich jetzt täglich viele Stunden an meinem Schreibtisch unter der Marmormaske von Michel Angelos schönem »Sterbenden«, den ich um das wonnevolle Aushauchen seines Lebens so oft bitter beneidet habe. Ueber mir halten die Genien der großen Göttin ein Blütengewinde; und ich schreibe, schreibe! Mir ist's, als müßte ich den Blick eines Sehers, das selige Lächeln des Verzückten haben. In solcher Glückseligkeit dichte ich meinen »Frühling«. Wenn ich aufschaue, sehe ich unter mir die Campagna sonnenverbrannt. Ich sehe einen weiten goldenen Dunst, und darüber schwebt die Peterskuppel. Seit langen, langen Jahren habe ich wieder Nächte voller Schlaf und voll Friedens. Mein einsames Licht ist also endlich zur Ruhe gegangen! Und auch unten das ihre. * Letzte Nacht ließ die Glut mich nicht schlafen. Ich stand auf, ging auf die Galerie – da leuchtete unter mir wieder der einsame Stern. Sie wachte! Aber als ich sie heute angstvoll fragte: ob sie schon wieder schlechte Nächte hatte, flüsterte sie mir zu: Sie hätte gewacht, weil sie die ganze Nacht über gelauscht: ob sie unter ihrem Fenster meine Schritte nicht hörte? Sie hätte die ganze Nacht über gewartet. Ungern und zaudernd versprach ich ihr, das Geheimnis unserer Liebe noch so lange zu dulden, bis ich mein Drama vollendet habe. Aber dann sofort volle Klarheit und Wahrheit! * Assunta Neri ist wieder Gast in der Villa Taverna. Sie kommt mir sehr verändert vor: krank, krank! Und so apathisch, so müde! Was ist das nur mit den Frauen?! Da ist diese Frau Zoll für Zoll eine große Künstlerin – nicht reproduzierend, sondern erschaffend! – und zugleich ist sie ein volles echtes Weib. Und dennoch scheint sie unglücklich zu sein? ... Vielleicht ist sie es grade darum, weil sie eine große Künstlerin und ein echtes Weib ist! Denn kann das wahre Weib in dieser Welt vollkommen glücklich sein? Nein! Soll eine große Künstlerin ein lächelndes Gesicht haben? Nein, nein! Stumm kommt sie in die Villa Falconieri, stumm geht sie wieder. Sie hatte Maria gern, scheint sie aber bereits vergessen zu haben. Mit ihren stillen schmerzlichen Augen sieht sie alles; und alles scheint sie düster zu sehen – auch unser neues leuchtendes Leben, von dem sie sicher weiß. Sie glaubt nicht daran. Sie glaubt überhaupt an kein Glück. Alles an ihr ist Schwermut und Erschöpfung. Was sagte sie damals von Viviane? Sie sei schwerlich zu retten. Sie ist gerettet! * Ich erzählte ihr von meinem Drama. Teilnahmlos hörte sie mich an. Am nächsten Tage jedoch kam sie und sagte mir: sie wollte das Stück lesen. In einigen Tagen hoffe ich fertig zu sein. * Beendet! Holde gute Frühlingsgöttin, sei gnädig meinem Werk! Unter deinem himmlischen Blütenzeichen entstand es: mein bestes Stück Leben, welches ich zu geben vermag. Trage meine Worte auf deinen sanften Winden hinaus in die Welt. Lasse sie hier und dort auf ein einsames schmerzerstarrtes Menschenherz niederfallen; und lasse es dann in dem armen toten Herzen knospen und blühen, daß es noch einmal aufbebe in Werdedrang und Daseinslust: »Mai ist gekommen!« * Assunta Neri las mein Stück und – wird es spielen! »Vielleicht kann es Sie retten,« sagte sie. Mich retten? Was meinte sie damit? Bin ich denn verloren, daß ich gerettet werden müßte? Jetzt, wo ich nach langem lebendigen Tod mein jubelndes Frühlingslied sang; wo ich Viviane, meinen ganzen Menschen, fand! Und jetzt sollte mich etwas vielleicht retten können? Meint sie etwa, daß auch ich »schwerlich« zu retten sei? Welche Phantasieen! Ich schrieb mein Werk, ich fand Viviane, und – auch ich bin gerettet! Assunta Neri studiert bereits unter den Cypressen meine Heldin. Assunta Neri »studiert« – ich hätte sagen müssen: Assunta Neri beginnt meine Frauengestalt zu erleben. Und jetzt endlich, endlich Wahrheit! Meine große Weltdame ist ein großes Kind, das sich fürchtet. Aber ich lache mein thörichtes Kind aus. Sie ist so rührend, wenn sie so angstvoll und hilflos ist. »Kind, Kind, was fürchtest du nur? Etwa die Welt?« Jetzt lachte sie auch. Wir machten es nun so aus: sie wird mit mir abreisen: irgend wohin! Zugleich schreibe ich dem Prinzen und stelle mich ihm zur Disposition. Diese Weise ist allerdings vollkommen rücksichtslos; aber vollkommen aufklärend – da es einen Eklat gibt, was ja doch nicht zu ändern gewesen wäre. Mein furchtsames Kind zittert davor, der Prinz könnte mich im Duell verwunden, wohl gar töten. Als ob das möglich wäre?! Jetzt sterben, wo ich eben erst anfange zu leben – Aber darin hat sie recht: erst müssen wir Assunta Neri abreisen lassen. Sie reist zum Glück bald. * Assunta Neri wird mein Stück in Rom im Nationaltheater spielen: und zwar bereits im Dezember, vor ihrer amerikanischen Tournee. Sie ist mit ihrer Gestalt fertig. Daß sie in der Seele dieser Künstlerin unter den Cypressen der Villa Falconieri entstand, freut mich jeden Tag von neuem, wenn es auch etwas totengräberhaft klingt: »unter den Cypressen«. Mir soll es jedenfalls kein Omen sein! Morgen verläßt Assunta Neri die Villa Taverna, und übermorgen bereits – Wir wollen zuerst nach Neapel gehen. * Sie ist in letzter Stunde nach Cannes abgereist – mit dem Prinzen. * Ich lag so krank, so krank. Nein! Du sollst nicht kommen. Es soll niemand kommen. Denn sie muß ja jeden Tag kommen. Ich erwarte sie stündlich. Seit Wochen stündlich. Sie muß ja kommen! * Ich begreife nicht – nichts begreife ich! Wahrscheinlich, weil ich immer noch krank bin. Sie liebte mich ja doch. Da sie sich mir gegeben hatte, mußte sie mich ja doch lieben. Das ist so einfach, so klar und verständlich. Ich begreife nicht, was ich dabei nicht begreifen kann? Weshalb sollte sie mich verlassen, wenn sie mich doch liebt? Ich habe sie ja doch nicht gewaltsam an mich gerissen. Sie hat sich mir frei wie eine Göttin geschenkt. Nehmen denn die Götter ihre Spenden wieder zurück? Noch den Tag vorher, ehe sie mit dem Prinzen nach Cannes ging, schrieb sie mir: wie die schlanken weichen Arme ihrer Zärtlichkeit mich umschlingen sollten, wenn sie und ich – Und einen Tag darauf reiste sie mit jenem Menschen nach Cannes! Man muß ja doch begreifen, daß so etwas nicht möglich ist, daß ich verrückt bin. Es gibt ja doch eine Verantwortung! Der Mensch hat ja doch ein Gewissen! Wir müssen ja doch Rechenschaft ablegen! Kann sie mit einem reichen Leben voll Feuer und Liebe gespielt haben, nur um zu spielen? * Ich liege noch immer so krank, so krank. Ich schreibe ihr täglich. Ich erwarte sie täglich. Sie kann stündlich kommen. Sie kommt gewiß! Sie muß kommen! * Sie schreibt nicht, sie kommt nicht. Ich liege und ringe mit dem Wahnsinn. Verrückt werden ist nichts. Aber seinen Glauben an die Menschheit verlieren und dabei seinen Verstand behalten zu müssen – Herr, Herr, Herr, nimm mir meinen Verstand! Denn deine Güte währet ewiglich. Amen. * Nachts spreche ich mit dem Bilde der Frühlingsgöttin. Aber sie bleibt stumm. Jede Nacht brennt mein einsames Licht. Aber unter mir bleibt es dunkel. Wenn ich gegen Morgen in Erschöpfung sinke, so reiße ich mich gewaltsam heraus. Früh am Morgen lasse ich mich hinaustragen vor das Haus, unter die Steineichen. Es könnte ja doch sein, daß sie schon früh morgens käme... Unter den Steineichen sitze ich und erwarte sie. Ich warte von Stunde zu Stunde. Ich warte, bis es Abend wird, bis die Nacht anbricht. Unverwandt blicke ich auf den einen einzigen Weg, den sie kommen kann. Heute kam sie nicht. Sie wird morgen kommen. Morgen kommt sie gewiß! Inzwischen schreibe ich ihr. * Ich weiß nicht mehr, was ich ihr jede Nacht unter dem Haupte des Sterbenden schreibe. Es ist immer dasselbe: daß sie mich ja doch liebt, daß sie sich mir ja doch aus freien Stücken gegeben hat, daß es nicht möglich ist! Ich mache ihr keinen Vorwurf – ganz gewiß nicht! Vielleicht war ihre Liebe nur Mitleid? Mitleid. Das arme kleine Ding! Was muß es gelitten haben? Denn ich kenne das. * Wochen und Wochen sind verstrichen. Es ist Winter geworden. Sie tragen mich nicht mehr jeden Morgen vor das Haus unter die Steineichen. Die letzten acht Tage lag ich still und starr wie in der Agonie ... Ich weiß nicht mehr, was ich in diesen fürchterlichen acht Tagen machte. Ich weiß nur, daß ich heute aufstand und ihr noch einmal schrieb. Ich schrieb ihr nur ein einziges Wort: Lebewohl! Und jetzt warte ich nicht mehr. * Ich lebe so still dahin in der Villa Falconieri, die mein Capua war. Es ist mir gleich, wo ich lebe. Ueberall muß ich Atem holen. Es ist gewiß sehr unmännlich, sehr jammervoll, an einer Leidenschaft zu Grunde zu gehen. * Assunta Neri war bei mir. Ich merkte wohl, daß sie sehr erschrak, als sie mich sah. Sie sprach von meinem Stück. Ich mußte mich erst besinnen, was sie eigentlich meinte. Ach ja, mein Drama, meinen Frühlingsgesang! Inzwischen ist es eben Winter geworden. * Assunta Neri will mein Stück durchaus spielen. So, so, so, so. Was geht das mich an? Sie meint, es könnte mich retten. Warum ich wohl durchaus gerettet werden soll? Noch immer! Ich glaube, die Aufführung soll schon nächste Woche stattfinden. Assunta Neri will, daß ich dabei sein soll. Ich thue alles, was Assunta Neri will. Diese Frau kennt sie, die mich einstmals während einer kurzen Sommernacht aus Mitleid geliebt hat. Aus Mitleid! Hörst Du, Maria? * Morgen fahre ich nach Rom. Uebermorgen soll im Nationaltheater die erste Aufführung meines »Frühlings« stattfinden. Ich bin so müde, so alt. * Mißerfolg. * Assunta Neri an Herrn Richard Voß Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland. Rom, Hotel Quirinal, 10. Dezember 1893. Geehrter Herr! Ihr Freund befindet sich bereits wieder in der Villa Falconieri. Maria ist bei ihm. Soeben depeschierte sie mir: er sei ganz ruhig. Meinen verschiedenen Telegrammen an Sie lasse ich diesen Brief folgen. Er wird für Sie manches Erklärende enthalten. Letzten Frühling lernte ich in Rom die Prinzessin von Sora kennen. »Kennenlernen« ist nicht das richtige Wort; denn die Prinzessin gehört zu den Frauen, die man niemals kennen lernt. Wenigstens gelingt das nicht einem Manne. Selbst wir Frauen können uns einander nur ahnen. Ich ahnte in der Prinzessin eine von den wenigen Naturen, die für ein großes Schicksal geschaffen scheinen. Ein »großes Schicksal« haben, nenne ich für die Frau: eine große Leidenschaft einflößen und selbst fühlen. Wir Frauen wissen von keinem andern »großen Schicksal«. Es ist uns ganz gleich, ob wir daran zu Grunde gehen. Es ist für uns viel besser, wir gehen daran zu Grunde! In Rom glaubte man allgemein, ich interessierte mich für die Prinzessin nur darum, weil ich sie studieren wollte. Nun studiere ich jedoch niemals andere Frauen. Mein Geschlecht ist in mir enthalten wie im Marmor die Statue. Es kommt nur darauf an, die Gestalt aus meinem eigenen Selbst hervorzuholen. Ich hätte mich also niemals um die Prinzessin gekümmert, wenn sie nicht Eigenschaften besessen, die ich aus einem bestimmten Grunde anziehend gefunden – für mich anziehend ... Herr! Wo finden Sie unter uns modernen Frauen noch Naturen, die eben durch ihre Natur nichts anderes sein wollen – und sein können – als Frau? Die einen wollen Künstlerinnen sein, Schriftstellerinnen, Mathematikerinnen, Aerztinnen, Kameradinnen und Kolleginnen des Mannes; die anderen Weltdamen und Modedamen; oder Hausfrauen und Haushälterinnen; oder Kindererzieherinnen: oder Hetären jeden Standes und Ranges. Aber das Weib als Weib an sich – Gewiß sind wir entartet! Viele von uns sind verderbt schon vom Mutterleib an. Ganze Generationen von Frauen sind entnervt, erschöpft und dem Untergange geweiht. Zu Tausenden gehen wir zu Grunde! Entweder in Brutalität oder in Stumpfheit; in Raffinements und Ueberkultur; oder in falscher Entsagung dessen, was unsere Natur ist, also in Unnatur. Seien Sie ruhig! Der Mann trägt nicht immer die Schuld daran. Sehr häufig nur wir selbst. Und so können wir denn auch nur selber uns retten! Wodurch? Durch unser Weibsein! Ich besuchte die Prinzessin in der Villa Taverna und fand sie reizend. Eine Frauenseele vom echtesten Stoff, daraus der Schöpfer uns schaffen kann: Gutes und Böses chaotisch durcheinander gemischt. Aber das Beste in ihr verkümmernd, verkommend. Es war schade um sie. Bisweilen wollte es mir scheinen, daß sie vielleicht doch fähig sei, noch einmal ein großes Schicksal zu haben. Aber ihr Chamäleonswesen verführte mich immer wieder zu Zweifeln. Sie war eine Nora-Natur der großen Welt. Auch diese Nora würde eines Tages die Thür hinter sich zuschlagen und ausgehen, um das große geheimnisvolle »Wunderbare« zu suchen: nicht im Manne, sondern in sich selbst. Aber auch sie würde das Wunderbare nicht finden. Dann würde sie den weiten Weg mit müden Füßen zurückschreiten, würde, zu Tod erschöpft, vor der geschlossenen Thür stehen bleiben und um Einlaß bitten. Sie würde wieder hingehen, von wannen sie gekommen war, um zu werden, was vor ihr Millionen Frauen geworden sind, nach ihr Millionen sein werden: das gewöhnliche Hordenweib der Gesellschaft. Ich war dabei, als sie Ihrem Freunde zum erstenmal begegnete. Ich sah die Tragödie entstehen, konnte jedoch nicht mitspielen – nur zuschauen. Längst hatte ich mir von Cola Campana mein eigenes Bild gemacht. Es zeigte schwankende Umrisse und ein nervöses kränkelndes blasses Kolorit. Ich fand die Gestalt nicht grade anziehend: eine hypersensitive Künstlernatur, die sich aus unbefriedigtem Ehrgeiz, aus tödlich verletzter Eitelkeit in Einsamkeit und sich selber zurückzieht, um sich jedem rauhen Luftzuge einer unerbittlich realen Wirklichkeit in einer Treibhausatmosphäre zu entziehen. Mein Bild war nicht falsch gewesen; doch fand ich das Original liebenswürdiger. Vor allem besaß es nicht einen Zug von Größenwahn; auch nicht – und das wollte mehr sagen! – einen Zug von Verbitterung. Ich fand einen leisen, ganz innerlichen Menschen, einen in leuchtenden Illusionen schwebenden sehnsüchtigen Geist, eine verträumte glühende Dichterseele, die überhaupt noch nicht gelebt hatte. Aber er war krank, krank! Krank an seiner Zeit, krank an seinem eigenen Selbst, krank an einem geheimnisvollen dunklen toten Lebensnerv in seiner ganzen geistigen Entwicklung. Und neben diesem sonderbaren Schwärmer eine wundervolle Frauengestalt: Maria! Sie war beständig an seiner Seite: still liebend, still leidend, still sich opfernd. Aber er gewahrte sie gar nicht. Er war blind für den Himmelsglanz dieser Frauenseele. Und ich dachte: ›Wenn du sehen müßtest, wenn deine Augen mit Gewalt geöffnet würden – du würdest in der grellen Helle der Erkenntnis bis an den Rand eines Abgrundes taumeln – jedoch nur bis an den Rand! – und würdest gerettet sein ...‹ Und Ihr Freund verdiente gerettet zu werden. Auch das war mir klar: Ihr Freund würde Maria nur dann in ihrer vollen Schönheit erblicken können, wenn er zuvor neben ihr ein anderes Weib gesehen und erkannt hatte: Viviane – die irdische Liebe! So begann ich denn zu hoffen: nicht mehr für die Prinzessin; wohl aber für Ihren Freund und für Maria. Ich reiste ab. Und ich kam wieder. Es war gekommen, wie es hatte kommen müssen; nur daß Ihr Freund immer noch blind war. Mit seinen geschlossenen Augen schaute er noch immer die Vision der einen und einzigen Frau. Nora-Viviane hatte die Thür hinter sich zugeschlagen. Um das »Wunderbare« zu suchen, war sie den Weg gewandert – war bereits wieder umgekehrt, stand bereits wieder vor der Pforte, die zu ihrem alten Leben zurückführte. Schritt sie hindurch, so würde sie alle Hoffnung hinter sich lassen. Und sie klopfte bereits an. Nein – diese Seele war nicht mehr zu retten gewesen! Es war auch weiter nicht schade um sie. Sie ist eben nur eine von den Tausenden und Abertausenden, die in Häßlichkeit leben müssen, weil sie nicht in Schönheit zu sterben vermögen. Aber nun Ihr Freund! Er merkte nichts, er war glücklich. Er merkte gar nichts. Mir wurde angst. Rings um ihn war tiefer eisiger Winter; doch er glaubte, es sei Lenz geworden, und dichtete seinen »Frühling«. Er gab mir das Stück. Ich las es und fühlte mich ergriffen. Es war darin ein Keimen und Knospen, ein Blühen und Werden ohne Ende. Es war wirklicher Frühling: dufterfüllt, sonnendurchleuchtet, frisch und jung wie die Welt am ersten Schöpfungstage. Ich hielt Ihren Freund für gerettet und zwar durch sich selbst! Die Prinzessin verließ ihn, und – er wurde auch durch diese Erkenntnis nicht sehend gemacht ... Meine Angst überkam mich von neuem. Doch hatte er ja sein Werk! Wir glaubten alle daran, vom Direktor angefangen bis zum Coulissenschieber. Nur der Dichter glaubte an nichts als an die Frau, die ihn schmählich verlassen hatte. Ich schrieb an Maria und sie kam sofort. Bei der Première war sie im Hause und befand sich ganz in seiner Nähe. Er dachte jedoch an nichts, als daß die andere nicht bei ihm war. Und jetzt sprach er in seinem Werk zum römischen Publikum ... Aber niemand hörte auf ihn, niemand wollte auf ihn hören. »Und siehe, es war die Stimme eines Predigers in der Wüste!« Ich kämpfte für ihn bis zur Erschöpfung aller meiner Kräfte und – ich kämpfte vergebens. Nicht eine Hand rührte sich. Unter Todesschweigen wurde der Frühling und mit ihm der Dichter des Frühlings begraben. Er war ganz ruhig. In der Loge des Direktors sah ich sein bleiches, ganz ruhiges Gesicht. Ich, die ich sonst nicht weiß, daß es eine Bühne und ein Publikum gibt, konnte meinen Blick von seinem ruhigen bleichen Gesichte kaum abziehen. Ich hätte vortreten und in das Publikum hineinrufen mögen: »Um Gottes willen, seht doch! Seht doch nur sein Gesicht!« Der Direktor führte ihn in meine Garderobe. Ganz ruhig sprach er mit mir über den »Mißerfolg!« Ich wagte nicht, Maria zu ihm zu lassen. Ich zitterte davor, er möchte sie auch jetzt nicht an seiner Seite sehen; und dann – dann sah er von der Welt überhaupt nichts mehr. Ich nahm ihn mit mir ins Hotel und wachte und blieb bei ihm, bis der Morgen graute. Er wollte zurück in die Villa Falconieri. Und das war ja auch das Beste für ihn. Maria war schon in der Nacht hinausgefahren. Nach Hause kommend, würde er sie zu Hause finden, als wäre sie niemals fort gewesen. Wie ich Ihnen bereits mitteilte, depeschierte sie mir heute früh: »Cola ganz ruhig.« Also sah er sie auch jetzt noch nicht ... Sehen Sie, mein Herr Autor, so spielen sich im Leben die Tragödien ab! Und dann wundert sich ein verehrliches Publikum, wenn die Mitwirkenden allmählich müde werden. Es grüßt Sie und Ihre Frau Ihre todmüde Assunta Neri. P. S. Ich würde gern Ihre »Alexandra« spielen. Aber das Stück ist veraltet. * Die Prinzessin von Sora an die Herzogin Yere de Yere Daly-Castle, Duside-Highlands, England. Cannes, Villa Edelweiß, im Dezember 1893. Eine Ewigkeit, geliebte Madame Charme, daß ich Dir nicht beichtete, daß Du mich nicht schaltest, straftest, verurteiltest – absolviertest. Oder darf ich Dir nie mehr bekennen, willst Du mir nie mehr verzeihen? Sagst Du Dich los von mir, weil meiner Sünden zu viele geworden, weil meine massima colpa eine von den sieben Todsünden ist? O, Madame Charme – Muß ich zu einem Priester der alleinseligmachenden Kirche gehen? Muß ich diesem beichten, von diesem mir vergeben lassen? Denn der gute Mann wird mir vergeben! Ich versichere Dich: wenn ich ihm mit meiner leisesten süßesten Stimme so recht zerknirscht alle meine Sünden bekenne, macht er's gnädiglich mit mir ab. Ein paar Dutzend Rosenkränze abbeten, genügt als Pönitenz für eine Sünderin meines Schlages. Du bist der viel strengere Richter! Wenn ich also meine Sünden zu Dir trage, so unterwerfe ich mich einer viel schärferen Buße. Allein dieser gute Wille sollte mir vom Himmel und von Dir angerechnet werden. Ich verspüre jedoch zum Sakrament der Beichte nicht die mindeste Lust: denn seit einigen Monaten habe ich mich mit Leib und Seele einem andern Sakramente hingegeben, das um nichts weniger heilig ist. Es heißt: Lebensfreude! Oder in die hübsche Sprache des high life übertragen: Amüsements, Zerstreuungen, Sensationen. Uebrigens habe ich in der Kultur meiner Mondainität einen Riesenschritt – rückwärts gethan. Ich bin weniger blasiert und apathisch. Ich langweile mich weniger. Ich finde die Welt angenehmer, die Menschen erträglicher, das Leben vergnüglicher. Enfin – Auch mußt Du wissen, daß ich bis zur Brutalität gesund bin. Die Herren Aerzte täuschen sich wieder einmal gründlichst; denn es ergibt sich bei mir keine Spur von Auszehrung oder Schwindsucht. Wir haben uns also ein wenig lächerlich gemacht. Ich habe entsetzlich viel zu thun! Bitte, lächle nicht so boshaft kühl und hoheitsvoll. Du mußt nämlich wissen, daß ich die »Seele« der Gesellschaft von Cannes bin. Und da diese Gesellschaft sehr international ist, so muß ich eine sehr kosmopolitische Seele sein. Das strengt an. Ich kann mich daher auf meine eigene Seele gar nicht mehr besinnen. Vielleicht auch, daß ich gar keine eigene Seele besitze ... Du kennst Cannes, was mir erspart, es Dir zu schildern. Sei froh! Meine Naturschilderungen würden gewiß kläglich ausfallen. Ich kann nicht mehr schildern. Wenigstens nicht die Natur. Die Natur ist mir ein Buch mit sieben Siegeln geworden. Ich begreife nicht mehr, wie sie jemals ein offenes Buch für mich sein konnte. Das muß lange her sein! Ueberhaupt – Ueberhaupt bin ich jetzt recht abgeblaßt. Ich höre auf, ein Individuum zu sein und werde allmählich ein Typus – was sehr bequem ist, versichere ich Dich! Die Erfindung einer neuen Toilette, die Sensation macht; eines neuen Parfüms, das Sensation macht; einer neuen Modeblume, die Sensation macht ... Dazwischen die Lektüre eines französischen Romans, der Sensation gemacht hat; die Entdeckung einer exotischen Schönheit, eines jungen Künstlers oder Musikers, der Sensation machen dürfte – das ist jetzt so mein Leben. Das ist jetzt mein Leben heute, morgen, übermorgen. Es gefällt mir recht gut. Das wird mein Leben sein bis zu meinem letzten Tage. Auch das macht mir nichts! Wie recht Du doch hattest! Weißt Du noch, als Du mich damals eine unverbesserliche Mondaine nanntest? Du warst eine große Prophetin! Die größte Sensation von Cannes in dieser Saison ist die Wiederbelebung des uralten Golfspieles; und – der Schöpfer dieser neuen Welt bin ich! Ich sage es mit Stolz. Wir denken Golf, wir träumen Golf, wir sind Golf. Wir sind Golf mit Leib und mit Seele. Wir haben Golftoiletten, machen Golfwetten, geben Golfdejeuners, Golffeste. Wir verlieben uns beim Golf, machen uns dabei Deklarationen, knüpfen dabei Verhältnisse an. Glückliche Verlobungen werden durch das himmlische Golfspiel gelöst, die besten Ehen zerstört, alle menschlichen Leidenschaften entfesselt. Es gibt durch das liebe hübsche Golfspiel häusliche Scenen, Thränen, Jammer, Verzweiflung, Duelle, Mord und Totschlag. Jeden Tag pilgern wir hinaus auf die Golfwiese. Wir haben alle wirklich ganz entsetzlich viel zu thun! Sollten einige von uns sterben, so werden sie erst im Grabe vom Golf ausruhen können. Du begreifst, daß ich jetzt unmöglich für irgend etwas anderes Interesse haben kann. * Der Prinz ist noch immer rasend in mich verliebt. Ich versichere Dich: rasend! Da er jedoch damit um kein Haar breit weiter kommt, wird er wohl nächstens ganz toll werden. Früher war er mir widerwärtig, jetzt ist er mir nur noch lächerlich. Bisweilen amüsiere ich mich gradezu köstlich über ihn. Ich lade die entzückendsten Frauen ins Haus, nur damit er von allen wenigstens eine charmanter finden soll als seine eigene Frau. Es hilft aber nichts. Ich gebe ihm zu verstehen, daß er die am elegantesten möblierte Villa von ganz Cannes zum ungehinderten Privatgebrauch mieten dürfe. Und auch das hilft nichts! Ich finde diesen Anfall von Tugendduselei einfach geschmacklos. Wir bewohnen hier eine Villa, die nach einer seltenen Alpenblume »Edelweiß« heißt. Das Edelweiß wächst nur auf freien lichten Höhen, und ist oft nur mit Lebensgefahr zu pflücken. Um dieser bleichen Blume willen sollen sich mehr Männer den Hals brechen als wegen einer schönen Frau. »Auf freien lichten Höhen –« Mir ist's, als wäre einstmals auch ich über freie lichte Höhen hingeschritten und hätte dabei weitoffenen Auges in die Sonne geschaut. Auch ich wollte dort einstmals eine seltene Blume pflücken, die am Rande eines Abgrundes wächst. Ich sah sie leuchtend stehen! Tief, tief beugte ich mich hinab, streckte beide Arme danach aus, und – wäre fast hinunter gestürzt. Es hätte nur eines Rucks, eines Hauchs bedurft, und ich läge jetzt zerschmettert im Abgrunde. Aber ich war klug! Ich rettete mich. »Auf freien lichten Höhen –« Ich gehöre nicht hinauf! Ich bin eine unverbesserliche Mondaine; und eine solche gehört in ihre Salons, wo sie sicher ist, keinen Sturz in einen Abgrund thun zu können. »Auf freien lichten Höhen –« Ich vergaß fast, daß auch ich einst dort oben stand. Aber bisweilen träume ich davon. Dann ziehe ich mir im Traume Schuhe und Strümpfe aus und fange an, mit bloßen Füßen zu wandern und zu wandern, zu klettern und zu klettern. Mit bloßen Füßen wandere ich durch Disteln und Dornen, klettere ich senkrechte fürchterliche Felswände empor, um mit blutig zerrissenen Füßen, aber jauchzender Seele hinauf zu gelangen: »Auf freien lichten Höhen!« * Hier befindet sich ein junges Paar, welches Sensation macht wie meine Toiletten, meine Parfüms, meine Blumenarrangements, meine kleinen Diners, Golfpartieen und fétes champêtres . Es ist der Prinz D.... und seine Gemahlin, die Gräfin L.... Er! Stelle Dir vor: ein Gesicht von dem Oval eines byzantinischen Heiligen mit dem bronzefarbenen Teint, den wilden Nüstern, den glühenden Augen eines Tatarenfürsten. An diesem Mann ist alles königlich. Und zugleich alles durch das Königsblut gebändigte Leidenschaft. Er hat etwas – wie nenne ich's gleich? – etwas Exotisches! Sie! Sie gehört zu den Frauen, derentwillen Männer, um die es weiter nicht schade ist, den Verstand verlieren und zu Selbstmördern werden. Sie ist groß, schlank, blond, weiß, weich, lächelnd, klug, marmorkalt. Niemals sah ich schönere Haare, schönere Zähne, schönere Arme und Hände. Niemals einen reizenderen Hals. Dazu ein wahres Genie, sich anzuziehen. Und diese beiden jungen wundervollen Menschen empfinden füreinander eine große Leidenschaft. Schon wieder dieses Wort! Da sie ihm nicht ebenbürtig ist, so hat er sie gegen den Willen seines Souveräns geheiratet, so ward er ihretwillen aus seinem Vaterlande verbannt. Statt des Lebens am Kaiserhofe, das Exil in einer kleinen französischen Stadt! Glaubst Du, daß die famose »große Leidenschaft« diese Prüfung bestehen wird? Ich bin neugierig ... Dann ist hier noch ein zweites interessantes Pärlein, welches eine »große Leidenschaft« zusammengeschmiedet hat. Errätst Du, wen? Es sind keine anderen als mein junger Held vom verflossenen Sommer und seine junge reizende Herzogin. In Rom gab's einen entsetzlichen Skandal. Die Herzogin konnte die gerichtliche Trennung von ihrem Manne nicht durchsetzen und lief mit meinem jungen Helden fort. Man kann die Herzogin unmöglich mehr bei sich empfangen! Der Marchese kommt natürlich zu uns. Er kommt sehr oft ... Glaubst Du, daß auch diese herrliche große Leidenschaft die Prüfung bestehen wird? Mein Gott, wie neugierig ich bin! * Wenn ich jetzt die Menschen von einer großen Leidenschaft reden – vielmehr Konversation machen höre, so sehe ich mir die Leute immer darauf hin an: ob sie nicht einander wie die alten Auguren ins Gesicht lachen. Ich lache, meine verehrten Herrschaften! Der junge exotische Prinz flößt mir ganze exotische Phantasieen ein ... Meine Imagination zeigt ihn mir, wie er einer treulosen Geliebten seine schlanken blassen Königshände als Schlinge um den weißen weichen Hals legt und sie erwürgt. Er spricht kein Wort dabei. Er erdrosselt das falsche Weib, als wäre es eine selbstverständliche Sache. Siehst Du, solcher Mann – erwürgen sollte der Mann eine treulose Frau, nicht um sie weinen. Dieser junge exotische Prinz könnte mir gefährlich werden – nur in der Phantasie natürlich. * Neulich wurde ich gefragt, wofür ich mich begeistern könnte? Für nichts! Für nichts auf der Welt kann ich mich mehr begeistern; nichts auf der Welt kann ich mehr bewundern; oder verehren; oder lieben. Ich kann nur mich selbst lieben! Findest Du das sehr traurig? Ich gar nicht. Und nicht einmal, daß ich Ekel empfinde: weder vor der ganzen Welt noch vor mir selbst. Wenn ich vor mir selbst Ekel empfinden könnte: nur einen einzigen Augenblick; dann – * Also gut! Heute magst Du die Katastrophe erfahren. Ich kann sie Dir heute erzählen, wie etwas vollkommen Gleichgültiges und Fremdes, wie etwas, was mich selbst gar nichts angeht. Und wenn Du Dich darüber entsetzen solltest, so denke daran, daß ich mich nun einmal nicht anders machen kann, als ich bin; und daß ich wenigstens noch immer den Mut besitze, mein eigenes Ich zu sein. Es kam so: Plötzlich, ganz plötzlich überfiel mich eine Erschöpfung, eine Ermüdung, ein Widerwillen – es waren Qualen über jede Vorstellung hinaus. Ich wehrte und wehrte mich, kämpfte und kämpfte. Ich wollte empfinden, wollte ihn lieben, wollte meine große Leidenschaft nicht hingeben, mein neues Leben nicht lassen. Es war Todesangst und Todespein. Anfangs dauerte er mich so maßlos, daß ich seine Füße mit meinem Herzblut hätte baden können. Zuletzt empfand ich nur noch mit mir selbst Mitleid. Zuletzt haßte ich ihn, als wäre er mein Todfeind. Und er merkte noch immer nichts! Es ist nicht zu glauben, mit welcher Virtuosität wir Frauen heucheln und lügen können. Auf der Bühne des Lebens ist jede Frau eine Assunta Neri. Er wollte mit mir fliehen, der Phantast! Und stelle Dir vor: trotz allem war ich zu dieser Dummheit bereit. Weswegen? Aus keinem anderen Grunde als aus bloßer Freude am Skandal, aus wütender Gier nach Sensation, aus teuflischer Bosheit gegen den Prinzen, aus kindischer Angst wegen einer Erklärung, aus Haß gegen alle Scenen, aus Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit, Frivolität – nenne es, wie Du willst. Ich hatte meine Kammerfrau eingeweiht. Die Person war entzückt über die Romantik der Sache und packte meine Juwelen. Der verabredete Tag kam. Es kam die Stunde. Ich hatte bereits mein Mantelet umgeworfen – Ich glaube, ich schrieb Dir einmal, daß ich fähig sei, bei dem Begräbnis meines allergeliebtesten Menschen laut aufzulachen, wenn plötzlich irgend eine lebhafte, sehr lächerliche Vorstellung in mir erweckt würde. Etwas Aehnliches geschah jetzt. Ich sah mich plötzlich selbst, wie ich als verliebte ingénue in die Arme eines romantischen Ritters flüchte – eines alternden Ritters! Plötzlich sah ich, daß er, im Grunde genommen, doch schon ein alter Mann war! Ich sah jede Falte um seine Augen, seinen Mund. Ich hörte ihn mit pathetischer Stimme aus seinem »Frühling« deklamieren und sah uns beide nach Neapel fliehen; hörte, wie im Grand Hotel die Kellner ihn mir gegenüber » monsieur votre mari « nannten. Es war zu ridicul, zu geschmacklos! Und Du weißt, Geschmacklosigkeit ist für mich nun einmal der Tod jeder Empfindung. Anstatt also mit dem Grafen nach Neapel zu reisen, fuhr ich mit meiner sehr enttäuschten Pariserin nach Rom ins Palais Sora. Von hier depeschierte ich nach der Villa Falconieri eine Phrase und schickte meine Pariserin in meiner Equipage nach einem gewissen Villino vor der Porta Pia. Der Prinz kam sofort. Ich sagte ihm auf französisch: »Hören Sie, mein Lieber! Ich stand soeben im Begriffe, eine grenzenlose Geschmacklosigkeit zu begehen. Haben Sie die Gefälligkeit, mich in dem nächsten Schnellzuge an die Riviera zu begleiten, ganz gleich, wohin.« Und – da sind wir! Die hübsche Geschichte von der großen Leidenschaft war ein Experiment. Experimente mißglücken bisweilen. * Ich bin jetzt genau orientiert! Was man »Liebe« nennt, ist nichts anderes als eine Erkrankung gewisser Organe. Man nimmt an, daß jeder Mensch früher oder später von dieser Krankheit befallen wird. Viele erkranken an diesem notwendigen Uebel sogar verschiedenemal – wie man ja auch den Typhus mehreremal haben kann. Bei einigen tritt die Krankheit sehr leicht auf, andere sterben daran. Wiederum andere erkranken sehr schwer, bleiben aber am Leben. Sind sie dann nach glücklich überstandener Rekonvalescenz wieder gesund, so begreifen sie gar nicht, daß sie krank gewesen sein sollen. Ich begreife es gar nicht! In meiner Krankheit – ich gehöre zu den Frauen, die infolge ihrer ganzen Organisation nur einmal von dem Uebel befallen werden können – hatte ich die seltsame Phantasie: meine Seele müßte geliebt werden. Das war ein bedenkliches Krankheitssymptom. Wäre es möglich – was eben nicht möglich ist! – und ich könnte jemals wieder rückfällig werden, würde ich um keinen Preis wünschen, daß meine Seele geliebt würde; sondern nur – Das wird aus einem, wenn ein Experiment mißglückt. * Seine Briefe! Ich weiß nicht, ob jemals solche Briefe geschrieben, solche Briefe jemals so gelesen wurden?! Ich studiere mich selbst, was ich dabei denke und fühle. Ich denke sehr wenig dabei und fühle – nichts. Es ist mir selbst unheimlich; aber es ist so. Höchstens, daß ich die Betrachtung anstelle: ›Das also ist nun wirkliche große Leidenschaft? Allerdings ist es die Leidenschaft eines Poeten, folglich die Krankheit eines unnormalen Gehirns!‹ Es ist von der Regel jene eine Ausnahme, die gestattet wird. Auch das ist sehr eigentümlich: er muß mich doch unaussprechlich verächtlich finden: und – trotzdem liebt er mich unaussprechlich ... Der Mann kann also lieben und verachten zugleich! Welcher Mann kann das? Der echte Mann gewiß nicht! Mein junger exotischer Prinz – um nur ein Beispiel zu nennen – würde die Frau, die er verachtet, sicher auch verschmähen. Das gefällt mir! * Es ist kein Zweifel mehr: er geht an seiner Leidenschaft zu Grunde. So unmännlich! Seinen Briefen nach, könnte ich den Tag genau berechnen, an dem er zu Grunde gehen wird. Uebrigens lese ich die Briefe gar nicht mehr. Es könnte doch möglich sein, daß ich durch irgend eine Nachricht – durch eine ganz bestimmte Nachricht – erregt würde. Und ich will mich nicht erregen lassen. Meine gespenstische Gefühlslosigkeit fängt an, mir lieb und immer lieber zu werden. Um Gottes willen, nur keine Empfindung! Ich hatte meinen Roman wie jede Frau von Welt; mein Roman ist zu Ende und – es ist gut, daß er zu Ende ist. * Seinen heutigen Brief erbrach ich zufällig. Er enthielt nur ein einziges Wort: »Lebewohl!« Gott sei Dank! * Ich bin eine grande mondaine ; aber ich habe mir vorgenommen, noch mehr zu werden. Ich will la plus grande mondaine werden. Ich will eine Kunst daraus machen und in dieser Kunst eine Meisterschaft erreichen. Es ist schließlich auch ein Ziel, das der Mühe wert ist. Wie man mich beneiden wird! * »Lebewohl ...« Das ist Abschied. Ob er sich töten wird? Vielleicht liegt das Pistol bereits neben ihm ... Aber er zaudert, er wartet. Er wartet auf ein Wort von mir. Ein einziges Wort von mir würde ihn retten. Und das Pistol liegt schon neben ihm – »Viviane, Viviane! Es kostet dich nur ein einziges Wort!« Nein! Und er greift nach dem Pistol. Soll ich – Nein! Nein! Er setzt das Pistol gegen seine Schläfe ... Nicht doch! Er wartet noch immer! Er wartet mit Todesangst. Mit Todesangst, nicht wegen des Sterbens; sondern wegen etwas viel Gräßlicherem: daß er so sterben soll! Um alles betrogen ... Soll ich schreiben – depeschieren? Es kostet mich nur ein einziges Wort: »Lebe!« Nein! Nein! Nein! Er drückt los ... Tot! Er ist tot! Ich konnte ihm nicht helfen. Habe ich ihn getötet? Ich konnte auch mir nicht helfen. Es muß gräßlich gewesen sein, dieses letzte, allerletzte Warten. * Ich lese jetzt täglich die auswärtigen Depeschen. Jeden Tag erwarte ich, es in der Zeitung zu lesen: »Aus Frascati depeschiert man uns, daß« – und so weiter. Ich lese nichts ... Seltsam! Ich hatte mich in die Vorstellung bereits so eingelebt, daß ich – beinahe enttäuscht bin. Graut Dir's vor mir? Könnte ich wenigstens das eine noch fühlen: Grauen vor mir selbst! Aber alles in mir bleibt still und tot, still und tot. Dina! * Die Königin hat mich zu ihrer dame d'honneur ernennen lassen. Die Sache erregt Aufsehen. Denn die Auszeichnung ist bei meiner Jugend etwas sehr Ungewöhnliches. Zum Glück brauche ich meinen Dienst erst im Mai anzutreten, wo hoffentlich auch mein junger exotischer Prinz nach Rom kommt. Nach dieser Ernennung zu urteilen, scheint mein Ruf im Quirinal makellos zu sein. Um so schlimmer für mich! * Sein »Frühling« hat im Nationaltheater trotz der Neri Fiasko gemacht. Er soll sehr krank sein: gemütskrank – unheilbar. * Aus Cola Campanas letzten Aufzeichnungen Es war seltsam! Ich war schon einmal von Rom aus durch die Campagna geritten: sehr früh am Morgen, der aufgehenden Sonne entgegen; und hatte die Welt hinter mir gelassen. Und jetzt alles wiederum so. Ich erinnere mich, daß damals Frühling gewesen ... Frühling! Ich kam geradenwegs aus dem Frühling. Aus meinem Frühling! Kaum erblüht, war er bereits verdorrt. Das Publikum betrachtete sich die welken Blüten durch das Opernglas und – ging nach Hause. Und ich ging nach Hause ... Ringsum ödes braunes Land. Ringsum Ruinen, Gräber, Gestorbenes! Um mich und in mir. Das ist nun einmal so. Als über dem Berge Cavo die Sonne aufging, konnte ich weitoffenen Auges hineinschauen. Habt ihr das gewußt: wem sie das Herz zermalmten, dessen Auge kann in die Sonne schauen. Jetzt bin ich gegen alles gefeit. * Am Wege stand ein großer marmorner Römersarg. Ein blühender Holunderbaum streckte seine Aeste darüber. Bei dem Sarge saß eine fremde bleiche Frau im Witwenkleid. Sie wartete auf jemand. Die fremde Frau führte mich in das leuchtende Haus und alles war so, wie es immer gewesen. Ich fragte die fremde Frau, warum sie ein schwarzes Kleid trüge? Es sähe nach Begräbnis aus! Da ging sie aus dem Zimmer, kam bald wieder, hatte ein helles Kleid an und lächelte. Mittags schüttete sie frische Blumen über den Tisch. Jetzt leben wir so dahin ... Nur, daß die fremde Frau jetzt immer lächelt. * Ich bin in meinem Frühlingszimmer, sitze an meinem Tisch unter dem Sterbenden und will schreiben – arbeiten – dichten. Ich muß arbeiten und dichten! Sonst kann ich nicht mehr leben! Und wenn ich nicht mehr leben kann, muß ich sterben. Und wenn ich sterben muß, sehe ich das Weib mit den weißen Lilien nicht mehr wieder. Und wenn ich sie nicht wiedersehe, finde ich auch im Grabe keine Ruhe. Aber ich habe in meinem Kopf ein Heer von Ameisen. Sie durchbohren mein Gehirn, zernagen es, fressen es. Aber dichten muß ich! Manchen Tag kann ich einige Worte schreiben. Zu einem einzigen Worte brauche ich oft eine ganze Stunde, bis ich es aus meinem dunkeln Gehirn auf das weiße Papier bringe. Dabei höre ich zu, wie die Ameisen in meinem Gehirn bohren, nagen, fressen. Es knirscht leise. * Immerfort kommt die fremde Frau zu mir und legt mir ihre Hände auf die Stirn. Dann hören die Ameisen sogleich auf zu nagen. Dann wird es still. Ich verrate es jedoch nicht. Lieber lasse ich mein Gehirn fressen und bleibe allein. * Einmal ging ich spazieren. Ich kam zu den Cypressen und setzte mich an den Teich. Vor mir lag ein bedrucktes Papier. Ich sah immerfort, immerfort darauf hin: die schwarzen Buchstaben wimmelten und krochen durcheinander wie die Ameisen. Und dann las ich ... Das Papier war eine römische Zeitung und in der Zeitung stand eine Kritik über ein Stück des Grafen Cola Campana. Es war ein schlechtes Stück, das verdient hätte, ausgehöhnt zu werden. Aber der Autor war einst ein berühmter Mann gewesen – war jetzt ein alter Mann geworden. Darum war man so rücksichtsvoll, das schlechte Stück schweigend zu den Toten zu werfen. Uebrigens ging jetzt der alte Mann, der einst ein berühmter Mann war, in der Villa Falconieri langsam, aber sicher einer geistigen Nacht entgegen. Einer geistigen Nacht entgegen gehen – das also bedeuten in meinem Kopfe die Ameisen? Jetzt weiß ich's! Euch allen, die ihr im Lichte der Sonne wandelt, sage ich: es thut weh, wenn man langsam, aber sicher einer geistigen Nacht entgegen geht. Darum: Hütet euch! * Ich werde mich jetzt scharf beobachten, werde es genau verzeichnen: wie der Tag weiter und weiter hinter mir zurückbleibt, wie die lange Nacht beginnt, wie es dunkler und dunkler wird – Ganz dunkel! * Ob das bereits die Abenddämmerung ist? Wenn ich Lust habe, auf Händen und Füßen zu kriechen und zu brüllen wie ein Tier! Mein Kopf ist ein zertrümmertes Gefäß, durch welches der Wind weht. Es stürmt und braust in meinem zertrümmerten Hirn und ist bitter kalt. * Ich schreibe Briefe – immerfort, immerfort Briefe! Und habe ich hunderttausendmal hunderttausend Briefe geschrieben, stelle ich mich damit ans offene Fenster und lasse die hunderttausendmal hunderttausend Briefe expedieren. Wie lustig sie flattern! Und sie sind doch so traurig! In einigen Briefen steht: »Warum hast Du mir das angethan?« Und in anderen: »Ich warte!« Und wiederum in anderen: » Aus Mitleid !« Die Ameisen, die Ameisen! Der eisig kalte Wind, der durch mein leeres Haupt bläst! Mich friert. * Unter meinen Fenstern liegt der kühle dunkle Hof. Er ist von meinen Briefen ganz weiß, als hätte es Blüten geschneit. Marias Rosenstrauch knospet und blüht. Die lichten Ranken wachsen und wachsen. Wie schlanke weiche zärtliche Frauenarme umschlingen sie die Mauern. Sie umschlingen die Hallen, das ganze Haus. Wie es leuchtet! Und eine leise süße Kinderstimme erzählt liebliche Märchen. Still, ganz still! Wir sitzen ganz still unter den Rosen, damit die fremde Frau uns nicht sieht. Die Rosen umschlingen uns! Wir können nicht mehr hinaus! Wir sind eingemauert in Rosen. * Lasset uns Tempel bauen! Tempel aus strahlendem Marmor, mit goldenen Bildnissen zwischen funkelnden Säulen in schimmernden Hallen. Welches aber ist die glanzvolle Gottheit, die wir darin anbeten wollen? Die irdische Liebe! Sie ist die höchste Gottheit. Sie stillt Thränen und Blut, gibt Schlaflosen Schlaf, Friedlosen Frieden. Sie macht Weinende lächeln und Sterbende leben. Und sie bringt um den Verstand. Darum ist es die höchste Gottheit! Denn es gibt nichts Barmherzigeres unter der Sonne: also nichts Göttlicheres, als was die Menschen um den Verstand bringt. Wer keinen Verstand hat, kann nicht denken. Und wer nicht denkt, kann nicht leiden. Und wer nicht leidet, ist selig. Und wer selig ist, ist ein Gott. Lasset uns leuchtende Tempel bauen der gütigen barmherzigen Gottheit, die uns arme leidende Menschen um den Verstand bringt! * Ich wurde noch kein Gott; denn ich fühle noch – leide noch. Ich fühle in meinem dunklen Gehirn die bohrenden nagenden fressenden Ameisen, fühle in meinem Haupt den eisigen wilden Wind und in meiner unsterblichen Seele die ewigen Erinnerungen. Droben auf Tusculum war's, in dem kleinen Hause mit den eingemauerten Marmorleibern. Wir standen vor der Schwelle des Paradieses und wagten nicht, sie zu überschreiten. Es war eine schwüle wollüstige, von Düften durchströmte Sommernacht. Ueber dem Kreuz von Tusculum stieg ein Gewitter auf und sie fürchtete sich. Ich habe aber niemals eine Frau geküßt, die in meinen Armen gebebt hat. Ich war immer sehr stolz. Also sagte ich ihr: »Wenn du dich fürchtest, will ich fort. Laß mich fort! Ich kann nicht länger allein mit dir sein; und – du fürchtest dich.« Und ich wollte fort! Da hielt sie mich zurück. Warum that sie's, wenn sie mich nicht – Unter Blitz und Donner überschritten wir die Schwelle. Auf meinen Armen trug ich sie ins Paradies hinein. Und wir wurden schuldig. * Kann eine Frau aus Mitleid Priesterin und Bacchantin zugleich – zugleich Göttin und Dirne sein? Einmal wünschte sie sich: bald, recht bald zu sterben, nur damit unser Glück kein Ende nehmen sollte. Sie hatte ein kleines wunderhübsches Pistol, mit dem sie spielte, wie Kinder mit Blumen spielen. Sie zeigte es mir, lachte und sagte lächelnd: »Was meinst du, Lieber? Nur ein Druck und –« Und jetzt! * Die fremde Frau bewacht mich Stunde für Stunde, belauert mich Schritt auf Schritt. Ich weiß, sie hält mich für verrückt und möchte mich aus dem leuchtenden Hause fortschaffen in ein anderes enges und dunkles. Sie fängt es schlau an. Aber ich bin noch schlauer, spiele den verständigen vernünftigen Mann. Wie es scheint, läßt sie sich täuschen; denn sie schüttet noch immer jeden Tag frische Blumen über den Tisch, trägt immer noch helle Kleider und lächelt mich an. Habe ich sie erst ganz, ganz sicher gemacht, so entwische ich ihr. Ich weiß auch schon, wie und wohin. * Ich habe sie so gut getäuscht, daß sie mich wieder reiten läßt. Jeden Tag reite ich hinauf nach Tusculum. Wenn ich das kleine Haus aufschließe, strömt mir ein wundersamer schimmernder Duft entgegen. Der Duft ist sie! Sie ist in jedem Stein, jedem Geräte, jedem Dinge. Ich werfe mich auf den Boden und atme sie, sauge sie ein. Der Duft tötet die Ameisen in meinem Gehirn, beschwichtigt den Wintersturm in meinem Haupte, schläfert mein Leiden ein. Ich sitze vor dem kleinen Hause unter dem eingemauerten Frauenhaupte und warte. Ich warte darauf, daß der Ginster wieder blüht ... Wenn dann um den Vivianen-Fels die goldigen duftenden Flammen flattern, kommt sie und küßt mich wieder auf den Mund. Dann werde ich ein seliger Gott sein. * Als ich gestern den Park meines Capuas durchstreifte, sah ich die fremde Frau, die mich wieder verfolgte. Die großen weißen Hunde spielten um sie wie Mäuselein. Da faßte mich eine heilige Wut; denn was hatten die weißen Hunde mit der fremden Frau zu schaffen? Auch sie sollten warten, auch sie sich vor Sehnsucht nach der Herrin verzehren, die treulosen Bestien! Ich schlich zurück ins Haus, lockte die Meute von der fremden Frau fort, hinauf an den Cypressenteich und hielt blutiges Gericht über die gemeinen Hundeseelen. Zwei von den Bestien traf ich mitten ins Herz. Die dritte flüchtete sich zu der fremden Frau, die mir nachgeschlichen kam und den Verräter mit ihrem eigenen Leibe schützte. Vor meinen Augen schwamm ein flammendes Abendrot, so daß ich vor Gluten nichts mehr sehen konnte. Sonst hätte ich auch das dritte weiße Mäuslein gerichtet. * Alle Dinge wachsen und wachsen! Selbst die Blumen schießen bis zum Himmel empor. Ich kann mich zwischen den gewaltigen Blütensäulen gar nicht mehr regen. Die Menschen haben Riesenleiber. Ihre Stimmen dröhnen, daß es mir durch Mark und Bein gellt. Nur die fremde Frau in ihren lichten Gewändern lächelt noch immer, obgleich sie dabei blutige Thränen weint. Sie weint ein blutiges Meer, darauf ihr Lächeln wie eine bleiche Blume schwimmt. Die Campagna behängt sich für mich mit Geschmeide. An ihrem Leibe leuchten Juwelenfelder. Wenn die Sonne untergeht, fluten Rubinen auf sie herab. Heute sprachen in meinem Zimmer die Genien mit mir. Von den Wänden flatterten sie zu mir nieder, häuften alle ihre Blumen um mich zusammen, rauschten mit ihren weißen und blauen Fittichen wie ein Flug schimmernder Vögel um mein Haupt und sangen mir zu: Vor vielen vielen hundert Jahren hätte ich schon einmal in der Villa Falconieri gelebt. Ich hätte ein leuchtendes Gewand getragen, hätte strahlende Locken gehabt, einen Rosenkranz auf dem Haupte und wäre in Schönheit dahingeschritten ... Nur die Frühlingsgöttin bleibt immer noch stumm und will mir von ihrem ganzen Lenz nicht ein einziges Knösplein abgeben. * Ich erlebe Wunder, Wunder! Ich arbeite, dichte! Jeden Tag schreibe ich ein Werk! Die Gedanken kommen über mich wie Föhnssturm, rauschen und brausen. Und jeder Gedanke wird zur Gestalt. Ich schaue eine Fülle von Gesichten. Es drängt und wogt herbei. Immer mehr und mehr! Um mich ist ein Gewimmel von Geschöpfen – von meinen Geschöpfen! Sie sprechen zu mir, sind Geist von meinem Geist, nennen mich ihren Herrn und Meister. Ich dichte – dichte – dichte! Es geht so leicht, wie ein Vogel fliegt. Also habe ich mir doch noch Unsterblichkeit errungen! Ich diene keiner Gottheit Lohnes willen. Vom Flammenpurpur laß ich mich umhüllen Und meiner Seele heißes Sehnen stillen. Nicht folge ich dem Gottessohn, dem blassen! Die Siegespalme will ich freudig lassen, Mit beiden Händen nach den Dornen fassen. Es duftet nach weißen Lilien! Allüberall weiße Lilien! Sogar aus dem Haupte von Michel Angelos Sterbendem wachsen sie auf. Und aus meinem Herzen. Ihr Duft erstickt mich. Hilfe! * Wie gut! O wie gut das thut! Ich leide nicht mehr, ich fühle nichts mehr. Dabei keine Spur von Wahnsinn. Heute habe ich sogar meine Grabschrift gemacht – eben weil ich lange, lange so selig leidlos leben will. Wer einst meine Grabschrift liest, wird darauf schwören, daß ich bei gesunden Sinnen gewesen. Ich las sie Michel Angelos Sterbendem vor und der war auch meiner Meinung. Grabschrift für den vergessenen Dichter Cola Campana. Er gab zu sehr sein Herz, sein lebensheißes, Sein übervolles! Uebervoll an Sehnsucht Nach andrer Herzen liebensmächt'gem Schlage; Gewaltigen Verlangens übervoll, Hinaus zu jubeln alle seine Wonnen, Hinaus zu stöhnen seine ganze Qual. Der Mensch genügte nicht – die Menschheit wollt' er! Sie sollte lächeln, wenn er lächelte, Sie sollte Thränen haben, wenn er weinte, Und ihm für sein Herz geben von dem ihren. Es will die Welt von deinem Herzen nichts; Und drängst du's ihr gewaltsam auf – sie nimmt's Und wirft es wieder hin und läßt's zertreten. Du, heil'ge Erde, öffne deinem Sohn Den mütterlichen Schoß, und spend' dem Müden Das höchste Gut des Lebens: Grabesfrieden ... Dabei fällt mir Maria ein – Ich kenne sie! Plötzlich erkenne ich sie! In ihrer ganzen himmlischen Güte steht sie vor mir. Auch Maria will ich die Grabschrift schreiben, damit auch Maria noch ein langes Leben habe. Auf ihrem Grabstein soll zu lesen stehen: Maria. Sie, die hier ruht, war gütig wie der Tag. Ihr leuchtend Leben kannte nur die Schatten, Die den umdunkelten, den sie geliebt, Wie lichte Geister arme Seelen lieben. Ich riß in meine Nacht sie.... Ihren Glanz vermochte erst die Finsternis zu löschen, Die feierlich sie hier umfängt. Sie war Ein starkes Weib und zartes Kind zugleich. Die Trösterin war sie, der Hort des Mannes, Der auf der Welt nur eine Stätte fand, Weil sie dort weilte. 's war kein Tag zu trüb', Daß ihre Stimme nicht wär' hell ertönt, Dem Vogel gleich, der in den Zweigen wohnt Und auch bei Sturm sein Liedlein eifrig singt. Sie hätte sterbend leise leis' gesungen, Damit ihr Gatte denken sollt': sie leb' noch! Was andre erst in sel'gen Höhen werden: Des Himmels Engel, war sie schon auf Erden. In meinem Kopfe wird es heller und immer heller! Evoë Phöbus Apollon ! In meinem Kopfe geht die Sonne auf. Tag! * Ich lag in meinem lieben Zimmer, war eingeschlafen und träumte. Im Traume kam meine erste Liebe zu mir. Sie leuchtete wie der Morgen. In ihrem Strahlenkleide trat sie zu mir und küßte mich leise leise auf die Stirn. Ich erwachte. Und siehe! Aus dem rosigen Gewölk schwebte die Frühlingsgöttin zu mir nieder. Sie griff in den Korb voll Blüten, den ein Engel ihr hinreichte, nahm eine weiße Narzisse heraus, warf sie auf mich, lächelte und sprach: »Frühling! Frühling!« Da erstand mein Geist vom Tode. * Ich bin aufgestanden, habe dieses letzte niedergeschrieben, schreite jetzt hinaus aus meinem leuchtenden Hause in die feierliche schweigende Nacht. Die Prinzessin von Sora an die Herzogin Vere de Vere London, Vere-House, England. Cannes. Heute abend las ich im »Figaro« die Depesche: Er ist mit dem Pferde verunglückt. Auf Tusculum, von dem Felsen unter dem Kreuz ist er abgestürzt! Man spricht von Selbstmord bei unheilbarer geistiger Störung. Ich weiß es besser: Der Ginsterzauber hat ihn herabgeholt! * Dreimal las ich die Depesche. Zuletzt las ich sie mit lauter Stimme mir selber vor. * Noch immer fühlte ich nichts ... * Dann klingelte ich meiner Kammerfrau. Ich ließ mich zum Diner ankleiden. Zu meiner Toilette nahm ich seine Lieblingsblumen: weiße Narzissen. Wir speisten bei meinem exotischen Prinzen. Ich saß neben Seiner Kaiserlichen Hoheit, sah sehr schön aus und wurde sehr bewundert. Nie in meinem Leben war ich so liebenswürdig. Man sprach auch von seinem Tode. Ich erzählte, daß wir vor einem Jahre Nachbarn waren und daß ich ihn gekannt hatte. Und noch immer fühlte ich nichts! Ich dachte, wenn du jetzt plötzlich sagen würdest: »Ich war seine Geliebte. Ich brachte ihn um den Verstand. Ich jagte ihn in den Tod!« Es hätte Sensation gemacht ... Aber ich schwieg. Ich war feige. Nach zehn Worten sprach man von etwas anderem. Er war abgethan. Mein Ruf ist wirklich tadellos! Niemand ahnt etwas. Ich kann in Ehren die Ehrendame der gestrengen und tugendhaften Königin sein. * Mein junger Held von damals war gleichfalls bei dem Diner. Sein Blick verschlang mich. Sein Blick fragte mich unaufhörlich: »Ist es denn noch immer nicht Zeit?« Nach dem Diner machte er mir eine rasende Erklärung. Er sagte mir, daß er sich töten müßte, wenn ich ihn nicht erhörte. Ich nahm seine »große Leidenschaft« sehr heiter auf. Dann nach Hause, dann allein! Hätte ich in meinem Herzen nur ein leises Zucken gefühlt! Oder – da ich kein Herz habe – eine ganz leise Regung meines Gewissens ... Eine sehr, sehr starke Dosis Morphium wäre so leicht zu nehmen gewesen. Aber ich fühlte nichts – nichts – nichts! Also bleibe ich leben. * Ich werde in meinem Leben noch viel geliebt werden; aber nie wieder so, wie von ihm. * Unsere Zeit kommt mir so erbärmlich klein vor, daß es mir groß erscheint, durch eine Leidenschaft den Verstand zu verlieren und zum Selbstmörder zu werden. * Du schreibst mir nicht mehr? Du kannst mir also nicht mehr verzeihen? Nun wohl, wohl, wohl! Eine letzte Bitte, ehe ich abreise: nach Rom, zur Königin. Packe meine sämtlichen Schreibereien zusammen und sende sie unter der beigegebenen Adresse nach Deutschland. Der Mann ist sein einziger Freund. Er soll ein Dichter sein. Gewiß wird auch er mich verdammen. Aber vorher will ich ihm sagen – zuschreien will ich ihm: »Ich bin ja das eingemauerte Weib oben auf Tusculum! Das Weib mit den vor Entsetzen aufgerissenen Augen, mit dem Todesschrei auf den Lippen! Seht ihr denn nicht, wie meine arme Seele sich krümmt und windet in Qualen, um dem gräßlichen Gestein zu entrinnen? Um Gottes Barmherzigkeit willen, seht ihr nicht, daß es mich umklammert hält wie mit Grabesschollen?« Mitleid! Ich bin lebendig eingemauert! Eingemauert in meine eigene Natur ... * Herr Richard Voß an Frau Melanie Voß Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland. Villa Falconieri, 15. Mai. Und so schritt er denn aus seinem »leuchtenden Hause« hinaus in die feierliche schweigende Nacht ... In der Halle war Maria. Als sie sein stilles verklärtes Gesicht sah, wußte sie sogleich: jetzt wird er's an sich vollbringen! Sie hatte darauf seit Monaten gewartet. Die Aerzte hatten ihr gesagt, daß es Gehirnerweichung wäre, daß das Ende noch lange, lange ausbleiben könnte, daß er unmenschlich litt. Sie hatte sich geweigert, ihn in eine Anstalt überführen zu lassen, hatte seit Monaten die treuesten Wärter- und Wächterdienste gethan, hatte seit Monaten auf die Erlösung geharrt, heimlich darauf gehofft. Mit eigener Hand hatte sie für ihn den Schlaftrunk bereitet. Aber er glaubte sich von der »fremden Frau« verfolgt und seines Lebens bedroht. Er wollte die Erlösung aus ihren Händen nicht annehmen. Jetzt brachte er sie sich selbst. Endlich! Seit dem Tage, wo die geistige Nacht für ihn begonnen hatte, war Maria die »fremde Frau« gewesen. Jetzt erkannte er, daß es Maria war: in seiner letzten Stunde erkannte er sein Weib. Er ging zu ihr, sah sie mit stillem Lächeln lange an, küßte sie auf die Stirn und sagte leise: »Liebe liebe Maria!« In diesen letzten drei Worten, die er zu ihr sprach, war sein ganzes zwanzigjähriges Leben mit ihr enthalten. Und es lag in diesen letzten drei Worten inbrünstiges Flehen um ihre Vergebung und zugleich glühender Dank für ihr Liebesopfer, das reumütige Bekenntnis seiner Schuld und zugleich die jubelnde Erkenntnis der Wahrheit: Du bist auf Erden meine himmlische Liebe gewesen! Dann ging er, sattelte selbst sein Pferd und ritt davon: am Cypressenteich vorbei, zum hinteren Parkthor, bei der Villa Mondragone hinaus. Maria begab sich in sein Zimmer. Auf dem Schreibtische lagen die Papiere, die ich Dir mit diesem Briefe schicke. Maria las alles. Der einzige Gedanke, dessen sie sich fähig fühlte, war: ›Erlöst! Bald wird er von allen Leiden erlöst sein!‹ Seine Aufzeichnungen lesend, blieb sie in seinem Zimmer, bis der Tag graute. Als es im Kapuzinerkloster zur ersten Andacht läutete, ging sie hinaus, um die Knechte nach ihm auszuschicken. Da sagten ihr die Leute: »Der Herr muß im Hause sein! Wir sahen ihn soeben erst. Er ging um die Villa.« Maria eilte in den Stall. Aber das Pferd war fort. Man suchte im Hause, im ganzen Park. Aber er war nicht da. Die Knechte liefen zu den Thoren und fanden sämtliche Eingänge bis auf das hintere Parkthor verschlossen. Dieses Thor stand weit offen. Aber die Knechte fanden nirgends die Spuren, daß das Pferd zurückgekehrt wäre. Und doch hatten sie den Herrn vor einer Viertelstunde um die Villa gehen sehen! Maria berief die Leute und hielt ein förmliches Verhör. Wer hatte den Herrn gesehen? Es waren vier Personen gewesen: der Inspektor, der die Leute weckte; der Oberknecht, der die Pferde fütterte; einer von den Ochsenjungen und ein Gärtner. Diese vier Personen hatten sich zur nämlichen Zeit an verschiedenen Stellen beim Hause befunden. Und alle hatten den Herrn gesehen, wie er, aus der Halle tretend, durch das Löwenportal in den Hof gegangen war; und aus dem Hofe nach der hinteren Seite der Villa. Er war langsam, langsam gegangen, ohne stehen zu bleiben und sich umzuschauen. Jeder von den vieren hatte ihn gegrüßt. Aber er hatte keinen Gruß erwidert, worüber jeder erstaunt gewesen war; denn der Graf liebte seine Leute, wie er von ihnen geliebt wurde. Wann war das gewesen? Grade als sie bei den Kapuzinern den Morgen einläuteten. Also um vier Uhr. Jetzt war's halb fünf. Wo war der Herr zuletzt gesehen worden? Als er in den Hof getreten war, von dessen Mauerrand der große weiße Rosenstrauch herabhing. Da kam ein Hirt gelaufen und schrie: »Auf Tusculum unter dem Kreuz liegt der Graf mit dem Pferde! Das Pferd ist gräßlich zerschmettert. Der Herr liegt da, als schlafe er nur.« Als der Mann den Toten gefunden, war er noch warm gewesen. Bei den Kapuzinern hatten sie grade den Morgen eingeläutet. In Frascati soll über den Vorfall eine notarielle Urkunde aufgenommen werden. Es gibt eben mehr Dinge zwischen Himmel und Erde – Hier hat das Volk einen Aberglauben, in dem ein tiefer Sinn liegt: Dem Menschen sei die Macht gegeben, in der ersten Stunde nach seinem Tode noch einmal die Stätte zu umschreiten, die ihm auf Erden die liebste gewesen. Und so umschritt denn unser Freund im Tode noch einmal sein liebes leuchtendes Haus ... Auf allen Wegen rings um Tusculum fand man die Spuren seines Pferdes. Er muß also die ganze Nacht durch geritten sein. Als der Morgen graute, lag nach Aussagen der Hirten ein wogendes Nebelmeer um den Gipfel. Aus dem dichten Dunst ragte nur das Kreuz auf. Er sprengte mitten in das Gewölk hinein und in die Ginsterblüte hinunter. * In seinem heiteren Frühlingszimmer bahrten wir ihn auf. Michelangelos sterbender Sklave stand zu seinen Häupten; die beiden kleinen Genien ließen bunte Blütengewinde über ihn niederhängen und die holde Frühlingsgöttin schien ihren ganzen Lenz auf ihn herabzustreuen. Du glaubst nicht, wie friedlich und feierlich er aussah! Und so jung! Fast wie ein Jüngling. Gestern nacht begruben wir ihn an einem Platz, den er sehr geliebt hat. Er liegt zwischen den beiden hohen Pinien, die, wenn man über die Villa Rufinella nach Tusculum hinaufsteigt, nahe beim Amphitheater dicht am Wege stehen. Hier ruht er hoch über der Campagna und dem Molarathal, angesichts des Cavo und des Landes der Aeneide. Man sieht die schönen alten Bäume, die seine Ruhestätte bewachen, von Rom sowohl wie von Tivoli aus. Es ist ein wahres Königsgrab – Nein! Es ist ein echtes Dichtergrab! Sein Begräbnis sollte in aller Stille stattfinden; aber er hatte ein Leichengefolge wie ein toter Volksmann oder ein Märtyrer. Von weither kamen die Landleute herbeigeströmt. Jetzt treffen aus allen Städten Italiens Deputationen mit Kronen und Kränzen ein. Sie kommen zu spät. Villa Falconieri, am 30. Mai. Italien ehrt seine Toten. Gestern abend fand in Rom im Nationaltheater für unsern stillen Freund eine großartige Feier statt. Sein »Frühling« wurde aufgeführt. Die kleinste Rolle war durch einen ersten Künstler besetzt. Der Eindruck war ein ungeheurer. Assunta Neri spielte, wie man sie nie zuvor spielen gesehen hatte. Sie war keine Schauspielerin; sondern eine Priesterin. In einem Tempel stand sie vor versammeltem Volke und verkündete allem Volke das Evangelium von der erlösenden Liebe des Weibes. Ich saß in einer Loge bei Maria, deren hohes Lied heute gesungen wurde. Denn Maria hat der Tote gemeint und nicht Viviane. Ich sah die Prinzessin. Sie kam mit der Königin, die wie sämtliche Damen in Schwarz erschien. Ich konnte das Gesicht der neuen Ehrendame deutlich erkennen. Es war bleich wie weißer Marmor und von der Holdseligkeit einer Melusine. Die Prinzessin blickte immerfort zu Maria hinüber. Sie war so gespenstisch regungslos, daß es im Hause Aufsehen erregte. Nach Schluß der Vorstellung ging der Vorhang noch einmal in die Höhe.... In einem Blütenhain war unseres Freundes Büste aufgestellt; und bei den Klängen des Beethovenschen Trauermarsches legten die Künstler Lorbeer vor seinem Bilde nieder. Nur Assunta Neri that es nicht. Das Publikum erhob sich von den Sitzen ... Ich wurde dann in die Loge der Königin berufen, die gut und klug mit mir über den Verstorbenen sprach. Sie ließ mich ihren Damen vorstellen. Die Prinzessin wollte mir die Hand reichen; aber wie gelähmt sanken ihre Arme herab. Sie wollte mit mir sprechen; aber um ihre Lippen zuckte es wie um den Mund eines Kindes, das sich mühsam der Thränen enthält. Stumm sah sie mich an. Es war ein trostloser Blick. Maria umarmt Dich mit Schwesterliebe. Ich begleite sie morgen nach Brindisi, wo sie sich für Afrika einschifft: in der italienischen Armee ist der Typhus ausgebrochen. Vielen wird sie Trost und Hilfe bringen. Das ist auf Erden ihr Amt! * Ein Letztes von dem Toten und seinem »leuchtenden« Hause. Dieses verfällt und verödet mehr und mehr. Unkraut wuchert auf den Wegen, der Cypressenteich versumpft, die Rosen vor der Villa sind wieder Wildnis geworden. Verwüstet liegt das »Zaubergärtlein«. Die Sarkophage in der Villa Taverna wurden an den Meistbietenden verkauft. Nur Marias weißer Rosenstrauch blüht von Jahr zu Jahr herrlicher über der jetzt vollständig zertrümmerten Bildsäule des antiken Nymphäums. Auf dem Grunde des Hofes fand ich noch in diesem Jahre einen von den »hunderttausendmal hunderttausend« Briefen, die der arme Wahnsinnige geschrieben und durch die Winde hat verstreuen lassen. Auf dem Zettel stand mit großen festen Buchstaben: » Die himmlische Liebe ist doch die höchste Liebe !« * Der Fremde, der in einer schönen Mondnacht durch das Falkenthor eingeht, den schimmernden Oelwald durchschreitet, durch das zweite hohe Portal in die feierlichen Schatten der Steineichen tritt und weiter wandelt – vor diesem liegt plötzlich die Villa Falconieri in solchem magischen Glanze, daß er gewiß begreift, warum sie noch immer das »leuchtende« Haus ist. Er, der dieses Haus seine leidenschaftlichste und zugleich glücklichste Liebe genannt hat, erhielt die selbstverfaßte Grabschrift, und an die Felswände unter dem Kreuz von Tusculum haben Hirten eine kleine Gedenktafel gestiftet. Sie ist aus weißem Stein und zeigt in schlichtem Bilde die Gestalt der göttlichen Jungfrau. Darunter steht geschrieben: »Maria, bitte für ihn!«   Ende.