Rudolph Stratz Das freie Meer Neuausgabe, durchgesehen und gekürzt von Heinz Stratz 1940 1 Je düsterer der frühe Oktoberabend von 1914 über den Wogen dunkelte, desto mehr belebten sich die Lüfte von unsichtbaren Wellen. Tausende von Stimmen im Sturm flogen über die windgepeitschten Länder und Meere, kreuzten sich, hallten ineinander mit ihren Meldungen: »Krieg auf Erden!« Alle Antennen des Festlandes arbeiteten, alle drahtlosen Stationen Europas rasselten, alle Funktürme der Erde sprachen, verkündeten mit ihren Schwingungen den Tagesverlauf des Weltbrands dem Freund und wider Willen auch dem Feind, empfingen von ihm ebensolche prasselnden Schwärme höhnender, unverständlicher Rätsel, ließen sie laufen, suchten sie zu überholen. Die Masten von Nauen schwangen, der Eiffelturm sprühte, Stationen des schwarzen Erdteils suchten den Anschluß an die ferne deutsche Heimat, die Schiffe auf allen Meeren des Erdballs riefen sich, warnten sich, gaben sich Nachricht vom Kanonendonner in der Südsee, vor Sansibar und Patagonien, von brennenden Wracks im Indischen Ozean, von japanischen Leichenhügeln vor Kiautschou, von Flintengeknatter in Südafrika, vom neuen Tod unter See und vom Untergang der Britenkreuzer durch »U9«. Die Wogenberge der Nordsee rauschten über ihrem Grab. Nacht und Grauen lag über der leeren Stelle in der Wasserwüste. Rings brüllte das Dunkel. Aber fern davon, an der belgischen Küste, stand in der Finsternis eine weit leuchtende, purpurdüstere Lohe. Dort brannte, wie das Wahrzeichen des flammenden Erdballs, eine große Stadt. Sie brannte nicht nur. Weite Feuerbogen senkten sich von drei Seiten in sie hinein, krachendes Feuer stürzte vom Himmel auf sie hernieder, an dem lange blaue Lichtbahnen fegten und sekundenlang hoch oben schwimmende, unbekannte fischähnliche Ungeheuer enthüllten, und die Stadt unten knatterte ihr Feuer dagegen und hinaus wider den Flackerkranz von Blitzen in der Nacht, und durch die Nacht jagten ihre drahtlosen Notschreie immer verzweifelter in die Weite und über den Kanal: England, hilf! Antwerpen in Not! England, hilf! Sonst ist es zu spät! ... Die Deutschen nehmen Antwerpen. Die Deutschen kamen rascher nach Belgien als ihr, denen wir blind vertraut und uns in die Arme geworfen haben. England, hilf! Aus Blut- und Brandschein und Völkerdämmerung flehten es die Funksprüche des entsetzten Landes, zitterten an den Kreideklippen Englands über den aus dem Donner der Brandung ragenden Mastspitzen versenkter Dampfer, trafen sich mit den zu Hunderten und Tausenden gleich den Apokalyptischen Reitern durch den Sturm heranjagenden Kriegsnachrichten von nah und fern, brausten mit ihnen gen London und vergingen dort in nichts ... Denn diese große stockdunkle Häusermasse tief unter ihnen, das war die City. Die war jetzt am Abend so still und leer wie im Frieden. Alle Menschen hatten sie verlassen. Der Drache schlief vor seinem Hort und dachte nicht einmal im Traum an den Krieg. Denn diese lärmende, weite Lichterhelle aus zähem gelbem Nebel, das war Londons Strand. Da waren alle Singspielhallen und Lustspielhäuser offen, da gleißten die Kinos, da rollten zu Tausenden die Kraftwagen, da bummelten schwarz wie die Ameisen die Menschen, da kümmerte sich keiner von ihnen um den Krieg auf dem Festland. Denn diese wohlanständig nicht zu hell und nicht zu dunkel beleuchteten, durch schnurgerade Straßen in ehrbare Viertel geteilten Stadtteile da unten, das war Londons Westen. Die »Gesellschaft«, die in Frack und weißer Binde und tiefem Schulterausschnitt der Damen träumerisch in das flackernde Kaminfeuer schaute, zwischen Silber, Kristall und Orchideen des Luxushotels den Zigeunerweisen lauschte oder im Männerparadies des Clubpalasts die Beine räkelte, die »Society« wußte, daß Aufregung nach Tisch nicht weise ist. Warum von unangenehmen Dingen wie von Belgien erst reden? Kleine Kolonialkriege begannen für England oft mit einem kleinen Mißgeschick. Also auch die kleine Expedition nach Europa ... Nur eine Stelle gab es im Londoner Westen, wo die belgischen Hiobsposten gleich einem Schwarm böser Geister niedergehen konnten. Das war die Ecke von Downing Street und Whitehall, unten im Reich der Regierungspaläste nahe der Themse. Hier, im britischen Auswärtigen Amt, entzifferte man die belgischen Nachrichten mit dem gleichen Stirnrunzeln, mit dem ein Großkaufmann einen vorübergehenden Geschäftsverlust bucht, und unten auf der breiten, windumpfiffenen Straßenfläche von Whitehall sagte der Marqueß Harald von St. Asaphs, Mitglied des Britischen Unterhauses und Senior-Clerk im Auswärtigen Amt: »Genug jetzt von Antwerpen, mein alter Craven!« Der Markgraf von St. Asaphs, der älteste Sohn und Erbe des Herzogs von Chichester, lachte dabei, daß seine starken weißen Zähne unter dem bürstenartig kurzgeschnittenen schwarzen Schnurrbärtchen blitzten. Er war ein Mann in den Dreißigern, hatte die hagere Athletengestalt und die lässige Haltung und den Gesichtsausdruck des vornehmen Engländers. Aber was als Rassenmerkmal blond, blauäugig und sommersprossig war, das hatte sich bei ihm zu einem tiefbrünetten Typ gewandelt und verlieh ihm mit seinem kurzen, dunklen Haar, den lebhaften schwarzen Augen und der bräunlichen Gesichtsfarbe etwas Fremdartiges, einen Widerspruch zwischen dieser südlichen Tönung seines Äußeren und seiner urbritischen Art des Wesens und der Sprache. Er lehnte, im langen, ledernen Automantel, die schwere Schutzbrille noch über die lederne Sturmkappe geschoben, lange Lederstulpen an den Händen, neben seinem ventillosen Daimler, dessen Kühler, den Rennwagen verratend, in einen spitzen Schnabel auslief und dessen Oberbau beinahe nur aus einem mächtigen Benzintank bestand, und meinte hoffnungsvoll zu seinem Begleiter, dem Reverend Craven: »Ich schätze ernstlich: heute schaffen wir's!« »Wenn wir's heute nicht schaffen, dann nie!« sagte der glattrasierte, schmächtige junge Gottesmann der anglikanischen Hochkirche. Ein alter Gentleman kam von nebenan aus dem Schatzamt. »Was Neues, Saint Asaphs?« »Wohl! Man munkelt, daß Rosicoucian gestern bei der Morgenarbeit die linke Hinterfessel gestrichen hat. Man telefonierte eben, die Ärzte gäben dem Hengst gute Hoffnung.« »Und wie steht es mit Antwerpen?« »Oh, es ist ein lästiger Platz! ... Ich habe eine Wette gemacht, von einem Punkt hinter Hampstead die sechzig Meilen big Ogmore Castle in neunzig Minuten zu fahren. Heute haben wir einen nützlichen Sturm im Rücken, und jetzt am Abend sind die Straßen frei von den verwünschten Hammelherden.« Er schwang sich auf den schmalen Doppelsitz neben Mr. Craven. Dabei leuchtete ihm ein neuer Sportgedanke auf: »Es wäre wahrhaft interessant, Craven, festzustellen, wer rascher in Ogmore ankommt – eine Depesche oder wir? Ich werde zur Probe meinem Vater das üble Ding von Antwerpen voraustelegrafieren.« Der Marqueß Harald von St. Asaphs schrieb ein paar Zeilen und gab sie einem Türhüter zur Besorgung. Dann fuhr er los. Im Wirbelwind flog an ihm und seinem Begleiter, nachdem sie die letzten Ausläufer des Häusermeers von London hinter sich gelassen, das alte England vorbei, jetzt in Dunkel gehüllt, jetzt wieder in bläulichem Zwielicht, je nachdem der Mond aus den zerrissen jagenden schwarzen Wolken trat und den tiefen Frieden des Inselreiches beschien, die stundenlangen grünen Rasenflächen und hohen Baumgruppen, die sich ununterbrochen folgenden Spiel- und Sportplätze, die Städtchen mit ihren zwei Reihen einstöckiger Häuschen, die behaglichen Landsitze und die türmereichen Schlösser, Glut von Hochöfen und Fabriken in der Ferne, dunkle Gestalten in regelmäßigen Abständen am Wege: die Aufpasser des britischen Automobilklubs, die rechtzeitig den dahinrasenden Fahrer vor der Polizei warnten. Polizei war nicht in Sicht. Die Kilometerfresser sausten ungehemmt durch Nacht und Sturm, der Markgraf am Steuer, der Geistliche die Uhr in der Hand. Aber der elektrische Funke war doch schneller als der Motor. Die Depesche kam vor ihnen in Ogmore Castle an, gerade als der lange Zug der Ladies sich von der Tafel im Speisesaal erhoben hatte und feierlich und seiderauschend, mit hochfrisierten Blondköpfen, rosig leeren Gesichtern, mageren weißen Schultern und glitzernden Familiendiamanten durch die ungeheuren Hallen des Tudorschlosses und die marmorne Freitreppe zu den Gesellschaftsräumen hinaufbewegte. Mit ihnen waren die Herren aufgestanden. Während sie sich wieder setzten und zusammenrückten, ersah der Haushofmeister die Gelegenheit. Die goldene Kette um den Hals, trat er feist und würdevoll hinter den uralten, geschnitzten Eichenstuhl seines Herrn und reichte ihm die Botschaft, die jener halb unter dem Tisch vom Silberteller nahm. John Herbrand, der elfte Herzog von Chichester aus dem Hause Glun und Vater des Marqueß von St. Asaphs, war ein äußerlich unscheinbarer, magerer und mittelgroßer Mann mit einem ergrauenden rötlichen Vollbart, dessen ungepflegte Wirrnis seine völlige Gleichgültigkeit gegen alles verriet, was irgendein Mensch auf Erden über ihn dachte. Streng genommen erkannte er auch von allen Menschen auf Erden höchstens einen als über sich stehend an, den Herzog von Norfolk als Ersten Herzog und Earl von England. Er hatte kalte blaue Augen und ein leidenschaftsloses, rosig getöntes Gesicht, das bis auf die stark entwickelten Kiefer fein, fast zart geschnitten war. Ein grämlicher Zug lag darauf. Der Herzog von Chichester stand, mit seinem Ende der Fünfzig, an der Schwelle der Jahre, wo seit Jahrhunderten alle regierenden Häupter seines Geschlechts in Trübsinn zu verfallen pflegten, wenn sie nicht vorher wegen Felonie enthauptet worden waren, wie sein Stammherr David Glun auf dem Bilde gerade über ihm und viele andere. Diese frühzeitig Geköpften zeigten im dunklen Rahmen der Ahnenbilder noch frische und grausam lächelnde Gesichter. Bei den Überlebenden kam mit der Neuzeit und mit dem Alter das Schweigen, die Versunkenheit, die Verdrießlichkeit, daß man alles besaß, was nur ein Mensch zu besitzen vermag: den Rang eines Halbgottes, unermeßlichen Reichtum, die Herrschermacht eines erblichen Gesetzgebers über England und damit über die halbe Erdkugel. Sein stiller und unnahbarer Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, während er die paar Zeilen las. Er betrachtete sich als ein Stück England. Was England nützte, war gut. Was England schadete, war schimpflich. Die Wahrheit war in diesem Falle schädlich. Ein plötzliches freimütiges Lächeln übersonnte und verjüngte sein Gesicht. »Zufriedenstellende Neuigkeiten!« sagte er zwischen den Zähnen. »Und welche, mein Lord Herzog?« »Die Deutschen haben in Antwerpen das Nachsehen. Die britische Besatzung hat sich ihnen durch einen glänzenden Rückzug entzogen!« »Und Antwerpen selbst?« »Antwerpen ist ein Platz wie mancher andere. Lassen wir ihn vorläufig den Deutschen.« Nichts wog im Vereinigten Königreich schwerer als das Wort eines Lords. Diese fünfhundert Männer des Britenadels waren für Britannien und das angelsächsische Weltreich das Maß der Dinge. Das Vorbild, wie man sich anzog, rasierte, im Sattel saß, aß, trank, rauchte, betete, redete, dachte. Nun ja! Antwerpen war ein unbeträchtlicher Ort. Man konnte sich freuen, den zerschossenen Steinhaufen an die Germans losgeworden zu sein ... Der Herzog von Chichester goß seinem Nachbar zur Linken, dem hochwürdigen Bischof Abbot, eigenhändig den hundertjährigen Diamant-Jubiläums-Portwein ein. Rechts von ihm, dem Witwer, saß sein Schwager, der Earl Fairtlough, ein klapperdürrer alter Lord und sonst nicht viel als kraft der Erbwürde Lordleutnant und Custos Rotulorum seiner Grafschaft und Ehrenoberst ihres Neomanry-Regiments. Gegenüber von ihm, klein, breitschultrig, mit rohem, braunem Bulldoggengesicht und Stiernacken, der Admiral Sir James Warrington von der Königlichen Marine, rechts und links von ihm Lord Beaulieu, Mitglied des Geheimen Rats Seiner Britischen Majestät, und, ein nützlicher Neuling in diesem blaublütigen Kreis von Angelsachsen- und Normannenadel, mit seinen sarkastischen und beweglichen Zügen und Augen flink wie eine Maus, Sir Frederick Bacharach. Und es war, als stände hinter ihm, wie Bankos Geist, die feiste Schattengestalt seines gekrönten Meisters und Gönners, der ihn, wie all die anderen Baronets von Goldes Gnaden, zu seinem Vertrauten gemacht, als frage aus dem Jenseits heraus Eduard VII., der Lebemann, der Spieler, der Wüstling und Liebling seines Britenvolkes: Vollstreckt ihr meinen letzten Willen? Ich habe das Land eingekreist, aus dem einst mein Vater als armer Ritter nach England kam. Seid ihr dabei, es zu vernichten? Die Großen des Landes um den Herzog von Chichester rauchten gedankenvoll. Ihre Augen ruhten fischblütig in den steinernen Zügen unbestimmten, scheinbar bei allen ziemlich gleichmäßigen Alters. Aber hinter der undurchdringlichen Maske brauten Sorgen: schon mußte sich des Königs berittene Garde nach Belgien einschiffen, die Grenadiergarde, die Coldstream-Garde. Was war wohl von den Königsfüsilieren noch übrig, die gleich jenen die stolzen Bärenmützen von Waterloo trugen, von des Königs Schützencorps und der Londoner Schützenbrigade Prinzgemahl, von den Sherwood-Jägern und König-Sussex? Vom Leicestershire- und Bedfordshire-Regiment? Und gar in Schottland! Der MacIntyre of MacIntyre, das Haupt seines Clans, dessen Geschlecht so vornehm war, daß er keinen Herzogstitel trug, sondern einfach MacIntyre angeredet wurde, dachte sich: Was ist aus den Gardefüsilieren geworden, aus den König-Schotten von Lothian? Die stolzesten Regimenter des Reiches, des Königs Hochländer von der Schwarzen Wache, des Königs Eigene Cameronians, die Gordon- und Argyll-Hochländer tot in Flandern oder lebend in Döberitz ... Selbst Irland blutete. Man war ängstlich über den Verbleib seiner Königsgarde, der südirischen Reiterei, der vierten Gardedragoner. »Ein rauhes Werk, dieser Feldzug, Mac Intyre!« »So ist es!« sagte der Schottenhäuptling, dessen Vorfahren ebenso wie die Ahnen und Ahnfrauen der Britenlords um ihn geköpft in der geschichtlichen Blutstätte Londons, der Kirche St. Peter ad vicula , im Tower, ruhten, aber noch in der Richtung nach Norden, nach ihren heimatlichen Bergen. »Es ist die Hölle für unser Heer!« »Nicht nur für das Heer!« »Auch für die Flotte, Chichester?« fragte der Admiral. Breiter Dünkel stand auf seinem Bulldogg-Gesicht. »Oh, redet nicht von dieser lächerlichen Unterseebootpest!« Sir James Warrington, R. N. , bekam beim bloßen Gedanken an diese schimpflichen Fahrzeuge einen dunkelroten Kopf. Draußen heulten Sturmstöße um Ogmore Castle. Es war, als seien die zerrissen an der gelben Mondscheibe vorüberfliegenden Wolken schwarze Boten, die über die graue See her, im Wind verweht, das Grollen ferner Schlachten, das Stöhnen Sterbender nach dem Frohen Alten England brachten. »Der Krieg wird teuer!« sagte der Baronet Bacharach. Die Lords schauten nachdenklich drein. Dieser Krieg war ihre eigene Sache. Sie hatten ihn unternommen, um dem drohenden irischen Aufruhr mit Blut und Eisen vorzubeugen, um in England die von » Little David «, dem »kleinen Zauberer von Wales«, dem Volksmann Lloyd George unterwühlte Hochburg des Hochadels in ihren Grundfesten neu zu mauern. Und zu ihren Peerskronen hatten sich die Geldsäcke der City gegen den deutschen Wettbewerb gesellt. »Nichts ist sicherer«, sagte der Herzog von Chichester in das gespannte Schweigen um ihn, und seine Worte folgten einander leidenschaftslos und gleichmäßig wie ein Tropfenfall dem andern, »nichts ist sicherer, als daß dieser Krieg gegen Deutschland im nächsten Frühjahr getan ist.« »Es ist unmöglich, ein Ding ängstlicher zu prüfen, als wir es mit der Getreideeinfuhr nach Deutschland taten. Nun meinen unsere besten Männer, daß im Mai in ganz Deutschland kein Huhn mehr in einer Tenne ein Korn pickt. Geschweige denn ein Mann. Oder eine Frau. Oder ein Kind!« Der Bischof Abbot lachte herzlich über sein sonst frostiges, kirchlich würdevolles Gesicht. Der Gedanke machte dem geistlichen Lord Spaß. Der Schotte MacIntyre, der hier nicht wie in seiner Heimat zum Abendfrack den gegürteten Schurz über nackten Knien, sondern schwarze Beinkleider gleich den anderen trug, forschte: »Und dann, Chichester?« »Dann wird es weise sein, Deutschland nicht völlig zu vernichten. Wir brauchen es zum eigentlichen Krieg. Gegen die Russen!« »Vorsicht, daß der neutrale Gentleman nichts hört!« Zugleich erhob sich, ziemlich weit von den Lords, ein großer starker Herr, breitschultriger als ein Engländer, in der Mitte der Vierzig, mit ziemlich kahlem Kopf und angegrautem Schnurrbart, und machte eine Handbewegung der Entschuldigung. »Ich habe etwas Kopfschmerz«, sagte er lächelnd in ausgezeichnetem Englisch. »Ich werde, wenn es beliebt, meine Zigarre im Freien zu Ende rauchen.« Er ging hinaus, bedächtig, in etwas gebeugter Haltung. Sein Gesicht zeigte den jedem Briten vertrauten ledergelben Anflug eines langen Aufenthalts in den Tropen. »Ist er wirklich krank?« »Ich fürchte, es ist nur ein allzu feines Taktgefühl des Gentleman. Er besorgt, uns als Ausländer im Gespräch beim Portwein zu stören.« »Ein verbündeter Ausländer, Herzog Chichester?« »Ein Holländer. Ein Yonkheer Ter Meer aus vornehmem altem Haus. Er war lange Jahre im Dienst seines Landes in manchen Teilen der Erde. Seine Gesundheit zwang ihn, kurz vor Ausbruch des Krieges, zur Heimkehr.« Oh – ein Holländer! Man hatte nichts gegen die kleinen Staaten. England schützte sie ... »Er hätte hierbleiben sollen«, sprach der Admiral. »Sehr richtig, Sir James! Man muß sich jetzt um jeden Neutralen rund um die Welt so bemühen, als ob es auf ihn allein gegen Deutschland ankäme.« »Aber nicht, wenn seine Frau eine Deutsche ist.« »Oh ... oh!« »Sprechen Sie von diesem Mynheer Ter Meer, mein Herzog?« »Ich verbessere mich und sage: wenn seine Frau eine Deutsche war! Denn durch ihre Heirat mit dem Yonkheer Ter Meer ist sie seit zehn Jahren Holländerin geworden und hat ihn an alle Enden der Erde begleitet.« »Und wo ist sie jetzt?« »Nun, sie stand eben hier mit den andern Ladies von der Tafel auf.« »Die schlanke blonde Dame, die dort unten saß?« »Allerdings.« »Sie sah lieblich aus.« »Oh – wie gefährlich ist das!« »Nirgends im Himmel und auf Erden sehe ich eine Gefahr für Briten«, sagte John Herbrand, der elfte Herzog von Chichester, und in seinen eiskalten hellblauen Augen lag ein Dünkel, ein stiller Wahnsinn der Macht, wie ihn die Welt seit Römerzeiten nicht gekannt. »Wir haben vor der Lady nichts zu verbergen. Wir sind ihr nur die Empfindungen des Mitleids mit dem bevorstehenden Schicksal ihres einstigen Vaterlandes schuldig. Im übrigen sucht Yonkheer Ter Meer hier nicht mich, sondern meinen Sohn Harald, den er von früher her kennt. Es handelt sich um den Krieg.« »Bei einem Neutralen?« »Ich erwähnte schon, daß seine Frau aus Deutschland stammt. Der Mann ihrer Schwester, ein süddeutscher Reiteroffizier, ist auf einem Spähritt in Flandern gefallen und liegt hinter unseren Linien begraben. Yonkheer Ter Meer hofft durch die Vermittlung von Downing Street für seine Frau die Erlaubnis zu erhalten, die Leiche ihres Schwagers über Holland in die Heimat zu befördern. Deswegen kam er über den Kanal hierher.« Bei der Erwähnung des Marqueß von St. Asaphs, des ältesten Sohnes und Erben des Herzogs von Chichester, war unten an der Tafel, wo die jüngeren Gentlemen saßen, eine Heiterkeit entstanden. Da kannte man Seine Herrlichkeit. Man mutmaßte, wo er wohl augenblicklich sei. Vielleicht nach Paris hinübergespritzt? Dort war er zu Hause, auch im Krieg. Oder in London, in dem Bummel des Strand, wo jetzt seine Freundin, Miß Phyllis Phelps, zum fünfhundertsten Mal in dem Singspiel » The French Girl « singend, tanzend und vor dem Vorhang radschlagend die Briten entzückte? Lord Harald suchte jetzt solche kleinen Zerstreuungen ohne Belang, seitdem er in diesem Frühjahr, kurz vor dem Krieg, gerade in dem skandalösesten der eben fälligen zwölf Ehescheidungsprozesse der Londoner Welt als unfreiwilliger Zeuge der zur Season versammelten Gesellschaft Englands und der Vereinigten Staaten ausgiebigen Gesprächsstoff geliefert hatte. Immerhin ... was ein Lord und Peerserbe tat, war gut. Über Lord Haralds Liebesgeschichten hatte schon viel, sehr viel Gras wachsen müssen ... »Ich schätze, daß der Marqueß in Portsmouth ist, zu Versuchen mit seinem Wasserflugzeug, das wie eine Robbe an Land gehen kann.« »Hat er es selbst erfunden?« »Wenn ich Seine Herrlichkeit recht verstand, will er in diesem Winter damit im Fayum in Ägypten Wildgeflügel aus der Luft schießen.« »Welch ein Kopf!« »Ja. Es ist wundervoll!« »Wenn man bedenkt, daß seine jüngeren Brüder ebensolche Sportcharaktere sind ...« »Lord Charles Glun sticht zur Zeit in Marokko auf der Hetzjagd Wildeber aus dem Sattel mit der Lanze.« »Und Lord Francis Glun ist, so schätze ich, in diesem Augenblick so nahe bei Mekka, als es einem Christen möglich ist.« Man war von England aus immer unterwegs auf diesem kleinen runden Erdball. Von dem Turmgewimmel und den langen, lichthellen Fensterreihen des Schlosses Ogmore auf hohem Hügel aus betrachtet, schien die Weltkugel nur ein einziger großer Sportplatz Englands. Niemand wußte das besser als der Mynheer Cornelis Ter Meer, der in fünfundzwanzig Jahren und fünf Erdteilen im Dienste seines eigenen kleinen Vaterlandes zugleich Großbritannien am Werk gesehen hatte. Er ging draußen einsam, bedächtig rauchend, in Frackanzug und bloßem Kopf, die Hände auf dem Rücken, auf der windigen, endlosen Schloßterrasse auf und ab. Er schaute gelassen mit seinen ruhigen grauen Augen, aus denen natürlicher Verstand sprach, um sich und fühlte, so sehr er ein freier Holländer und stolz auf diese Freiheit war, doch eine Art Andacht vor der schrankenlosen Weite dieser britischen Verhältnisse. Er wußte, der Herzog von Chichester besaß noch ein halbes Dutzend Schlösser wie das hier. Ihm gehörte ein gutes Stück englischen Bodens, Ländereien in Rhodesien vom Umfang eines europäischen Königreiches. Seine Jahreseinkünfte rechneten nach vielen Millionen. Und Peers wie dieser Herzog, in dessen stillem, gefurchtem, rötlich ergrauendem Haupt wenig Klugheit, aber viel Lebensschulung wohnte, der in seiner Jugend nur ein guter Ruderer in Cambridge gewesen war, aber jetzt im Alter im Oberhaus mit den Köpfen seiner Vorfahren nützlich dachte und redete, solche Peers gab es noch zu vielen Dutzenden in England und Wales, in Schottland und Irland. Der Mynheer Ter Meer hatte nichts gegen die Deutschen. Seine Frau stammte ja aus Bayern, wo er sie durch Zufall bei einem Kuraufenthalt in Kissingen vor elf Jahren kennengelernt. Er hörte gern deutsche Musik, trank gern deutschen Rheinwein, war gern im Sommer in Baden-Baden. Noch lieber in Paris. Dort aß man gut. Er las fast nur französische Bücher. Er liebte die Franzosen. Aber er bewunderte die Briten ... Weithin dehnte sich vor ihm unter der Terrasse des Schlosses Ogmore der Park, verlor sich, mit Wiesenflächen beginnend, über Baumgruppen in stundenweite Waldwildnis. Vor hundert Jahren hatten noch Bauerndörfer da gestanden, wo jetzt das gefleckte Damwild im Mondschein die Schaufeln hob, verhoffte, ruhig weiteräste. Es war nichts Besonderes. Nur ein Auto, das wild schnatternd, mit weißglühenden Augenpaaren, gleich einem Dämon der Nacht, die leere, glatt asphaltierte Parkstraße, über die Leichen wilder Kaninchen hinweg, mit Hundertkilometergeschwindigkeit heranschnob, langsamer wurde, in dünnem, bläulichem Schmirgelnebel vor dem Schloß hielt. Zuerst kletterte der Reverend Craven heraus und schwenkte glückwünschend seine Uhr gegen den Marqueß Harald von St. Asaphs, der ihm folgte. »Glorreich gewonnen!« rief er, und man hätte glauben können, sein Triumph gelte einem Sieg in Flandern und nicht einer Kaminfeuerwette im Londoner Marlborough-Club. Die beiden, der hünenhafte, brünette Lord und der schmächtig-athletische Gottesmann, liefen in das Haus, um vor allem die Minuten- und Sekundenzahl der Rekordfahrt an den fieberhaft harrenden Club zu telefonieren und sich dann in den Abendanzug zu werfen. Als der Markgraf von St. Asaphs eine halbe Stunde später sich der langen, glänzend hellen Flucht der Gesellschaftssäle näherte, deutete nichts mehr in seinem Äußeren auf die wilde Jagd durch Nacht und Wind. Er war mit seinen sechs Fuß Länge, der durch Kinderstube und Sportplatz geschulten, federnden Leichtigkeit seiner Bewegungen, dem heiteren Ausdruck eines Halbgottes das Urbild eines jüngeren Engländers der höchsten Stände, nur daß das Weiß der Halsbinde und Hemdbrust noch fremdartiger die bräunliche Färbung seines Antlitzes, das Schwarz der Augen, des Scheitels und des kurzen Schnurrbarts hervortreten ließ. Auf der Türschwelle des ersten Raumes blieb er stehen, sah auf die Damen drinnen und gähnte. Viele Ladies und Gentlemen saßen da im Halbkreis um den riesigen Kamin. Durch das Knattern der Buchenscheite klangen die halblauten Stimmen. Man besprach leidenschaftslos die Einzelheiten des großen Gymkhana zu Ende dieser Woche. Es wurde ein gutes Ding: Miß Briggs und Mr. Graham würden nebeneinander über die Hürden galoppieren, ihre rechte und seine linke Hand mit einem Taschentuch zusammengebunden. Oh – sie hatten schon oft in Indien das halsbrecherische Kunststück zusammen gemacht! Und dann würden die Ladies um die Wette laufen, jede ein rohes Ei auf einem Teelöffel in der Hand. Alle Misses würden ihre Schuhe ausziehen und auf einen großen Haufen werfen, und wer aus dem Wirrwarr die seinen zuerst wiedergefunden und angezogen, war Siegerin. Zum Schluß das Geflügelrennen: die Ladies hüpften rückwärts und lockten durch Körnerfutter jede ihre Pute, ihre Gans, ihre Ente oder Henne, damit sie rascher liefe als die Mitvögel rechts und links... Der Krieg ... wer sprach denn da nebenan vom Krieg? Eine helle Damenstimme...? Was ging einen hier der Krieg an! Aber da war das Wort schon wieder... Der Marqueß von St. Asaphs schaute von der Schwelle, wo er stand, hinüber in den zweitnächsten Raum. Die mageren Schultern der Ladies, die da saßen, hoben sich alle aus weißen oder buntfarbigen Roben. Nur ein ausgeschnittenes Kleid in der Mitte mahnte durch seinen schwarzen Samt an Halbtrauer. Eine junge schlanke Frau zu Ende der Zwanzig trug es. Die Lichtfülle des Kronleuchters fiel gerade von oben auf ihr schmales, zartes und lebhaftes Gesicht, über dessen reiner und rosig klarer Hautfarbe aschblondes Haar sich von der Stirne wellte. Ihre Augen waren blau und viel wärmer und belebter als die kalte Inselruhe im Blick der Britinnen, auf die sie fortwährend gedämpft und rasch einsprach. »Wer ist denn die Lady dort drüben, Sir James?« »Eine geborene Deutsche.« »Ja. Zu allem Glück aber seit zehn Jahren eine Mevrouw Ter Meer. Sie verteidigt ihr früheres Vaterland!« »Oh – kommen Sie zum Bridge.« Der Markgraf Harald von St. Asaphs hörte das hinter sich. Er blieb stehen und schaute auf Johanna Ter Meer und betrachtete sie wie ein Bild. Ihr Mienenspiel war in seinem raschen Wechsel viel ursprünglicher und temperamentvoller als die seelenlos lächelnden Züge der Damen um sie. Sie hob unwillkürlich beim Sprechen etwas die Hände und rang sie ineinander und wiederholte zu den Ladies halblaut, etwas atemlos von innerer Unruhe und Erregung und in einem fließenden Englisch, dessen unschöne Quetschtöne der weichen Färbung ihrer Stimme widersprachen: »Was haben euch denn nur die Deutschen getan?« »Oh, fragen Sie das nicht, Mrs. Ter Meer!« »Wozu dieser entsetzliche Krieg zwischen euch und ihnen? Es blutet einem das Herz!« »Beten wir zum Herrn, Mrs. Ter Meer.« »Ich kenne Britannien! In den zehn Jahren meiner Ehe habe ich das Britische Weltreich überall mit eigenen Augen gesehen und aufrichtig seine Größe bewundert. Aber mein Herz hängt an dem Land, in dem ich geboren bin ...« »Nichts ist begreiflicher.« »Warum gönnt man den Deutschen nicht die Freiheit, zu leben? Unzählige andere weiße und farbige Menschen dürfen es doch. Warum also der Krieg?« »Kriege sind Handelskriege, Madam!« »Nun, Sir, mein Mann ist Holländer, warum dürfen die Holländer Handel treiben und die Deutschen nicht?« »Weil die Holländer keine so große Kriegsflotte bauen, Madam!« »Oh, Sie als ehemaliger Seelord wissen es: warum dürfen die Japaner und die Amerikaner mächtige Kriegsflotten bauen und die Deutschen nicht?« »Die Kolonien ...« »Warum dürfen die Franzosen alles, was nicht britisch ist, auf der Welt annektieren und die Deutschen nichts? Ich möchte immer euer beider Hände ineinanderlegen, damit die beiden größten Völker, die es gibt, sich versöhnen!« »Nicht, solange der preußische Militarismus herrscht.« »Oh, Mr. Maxwell, antworten Sie mir freimütig als Oberst ... sind die Heere des Zaren nicht viel zahlreicher?« »Es ist nicht die Zahl, es ist der Geist der Heere! Potsdam ist der Sitz der Herrschsucht.« »Nein! Selbst wenn es so wäre – beginnt nicht die Nationalhymne Ihres großen und freien Reiches: Britannia, beherrsche die Meere! Warum ist dem einen erlaubt, was dem anderen verboten ist?« Johanna Ter Meers zarte und regelmäßige Züge hatten sich mit einer feinen Röte bedeckt. Sie atmete rasch. Die Peeresses und ihre Verwandten und die Frauen und Töchter der Landherren um sie lächelten kaum merklich. Eine Dame, die sich aufregte ... Das war das Festland! Auf den Briteninseln kam das nur bis Sonnenuntergang, während des Sports, vor. Zum Glück stammte die blonde Lady im schwarzen Samtkleid aus einem vornehmen feindlichen Haus und war mit einem vornehmen Neutralen verheiratet. Sie würde schon keine Taktlosigkeiten sagen. Alles übrige, außer gesellschaftlichen Verstößen, verzieh man ... »Ich habe immer noch die Hoffnung«, versetzte Johanna Ter Meer, und über die unterdrückte Leidenschaft und Unruhe ihrer schmalen Züge legte sich wieder die Selbstbeherrschung der Diplomatenfrau, »daß England und Deutschland eines Morgens in den belgischen Schützengräben ihre Gewehre beiseite stellen ...« »Oh ... armes Belgien ...« Ein » Poor Belgium « rauschte durch den Raum. Ein Seufzen. Zum Himmel verdrehte wasserblaue Augen. Es gehörte bei der Erwähnung Belgiens zum guten Ton. »... und England und Deutschland sich zurufen: Genug! Wir wollen wieder Geschäfte miteinander machen und voneinander lernen und uns künftig besser vertragen. In der Welt ist doch reichlich Platz für uns beide. Also fort mit den Schrecken dieses Kriegs!« Schrecken des Kriegs? Im Vereinigten Königreich merkte man davon nichts. Die Leute in der Ferne, die den Krieg führten, wurden angemessen dafür bezahlt. Daheim gingen die Geschäfte wie gewöhnlich. Es gab guten Sport. Die Londoner Season im nächsten Frühjahr versprach glänzender denn je zu werden. Man hörte Johanna Ter Meer höflich zu wie einem plaudernden Kind. Es war so drollig, daß die fremde Lady immer ganz ernsthaft England und Deutschland miteinander verglich und auf eine Stufe stellte ... England und Deutschland ... »Hoffen wir, meine teure Madam, daß Gott beiden Ländern bald die Erkenntnis von Recht und Unrecht sendet«, sprach der Bischof Abbot salbungsvoll und trat nebenan in einen Kreis der Herren um MacIntyre, und dort war seine Stimme voll unterdrückter Entrüstung: »Es war soeben zum erstenmal, daß ich diese Hochburg des Satans, das Deutsche Reich, verteidigen hörte, und ich möchte es nicht wieder hören ...« Drüben war Johanna Ter Meer verstummt. Die Briten und Britinnen um sie herum schwatzten aus ihrem unerschöpflichen Gesprächsstoff, den Verlobungen, Hochzeiten und namentlich den ständigen Ehescheidungen der » society «. Sie begriffen die Stille der Lady vom Festland. Die hatte den Tod ihres Schwagers zu beklagen. Sie sah den Untergang ihres ehemaligen Vaterlandes vor sich. Es war gut, diese Stimmung zu ehren. Dann sah Johanna Ter Meer ihren Gatten auf sich zukommen. Neben ihm einen großen schlanken Mann Mitte der Dreißig. Vielleicht auch ein paar Jahre jünger. Denn der tiefbrünette Einschlag seines Äußeren gab dem Markgrafen von St. Asaphs hier, auf den Inseln der Flachshaarigen, einen scheinbaren Vorsprung im Alter. Der Yonkheer Ter Meer an seiner Seite ging rascher, als es sonst seine Art war. Er sah feierlich aus. Sein gewöhnlich wohlgelauntes, verständiges Gesicht war von verhaltener Ehrerbietung durchleuchtet. »Seine Höchste Ehren, der Marqueß von Saint Asaphs!« Der Lord Harald von St. Asaphs zeigte lächelnd die weißen Zähne unter dem gestutzten schwarzen Bärtchen, durch das er sich von den glattrasierten Großen und Herren ringsum unterschied. Er reichte Johanna Ter Meer seine mächtige weiße Hand und sagte rasch, einfach und herzlich: »Was kann ich für Sie tun?« »Mein Lord Markgraf ...« »Kommen Sie! Wir wollen uns hier beiseite setzen!« Er nahm in einer Ecke neben ihr Platz, schlug ein Bein über das andere, warf, nach der zwanglosen Art des Landes, den Oberkörper tief in den Ledersessel und schaute sie über die Schulter lächelnd an. Seit er in dem Raum war, schien dessen Luft verändert und durchzittert. Alle jüngeren Damen hatten einen neuen und belebten Gesichtsausdruck ... Diese stille Erregung galt nicht nur dem noch immer unvermählten Peerserben, sondern auch ihm selbst und seinem Ruf. »Ich bin so froh, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mrs. Ter Meer«, sagte er. »Ich kannte Yonkheer Ter Meer, noch ehe Sie ihn kannten. Ich war vor zwölf Jahren viele Wochen lang in Java sein Gast. Es waren prächtige Tage in Weltevreeden. Ich war damals ein junger Bursche von kaum Zwanzig.« Er überging, daß ihn seine Familie zu jener Zeit mit Mühe in Ägypten aus den Netzen einer der vielen fahrenden anglo-indischen Witwen gerissen und zur Abkühlung auf eine Weltumseglung geschickt hatte. Er meinte mit einem lächelnden und forschenden Blick: »Wissen Sie, Mrs. Ter Meer, daß ich Sie eben, als ich die Ehre hatte, Sie zum erstenmal zu sehen, für eine Holländerin hielt?« »Ich bin deutscher Abstammung, Herr Markgraf.« »Oh, ich weiß. Es macht nichts, Madam!« »Eine Bayerin. Eine geborene Freiin von Forchheim.« »Man sieht es Ihnen nicht an, daß Sie aus einem so wilden Lande stammen.« »Wild?« »Es sind doch noch halbe Wilde in diesen rauhen Bergen?« »Mein Gott: waren Eure Herrlichkeit je dort?« »In Österreich?« »Nein. In Bayern!« »Nun – Tirol gehört doch zu Österreich.« »Aber Bayern nicht zu Tirol!« »Oh – ich wußte nicht, daß es preußisch sei.« Johanna Ter Meer schwieg. Sie dachte sich: das ist nun einer ihrer Höchsten, ihrer erblichen Gesetzgeber! Wie ungeheuerlich ist die Unwissenheit in deutschen Dingen erst in der großen Masse seines Volkes. Kein Mensch in Deutschland würde es mir glauben. Sie hub an: »Ich sprach von meiner deutschen Herkunft, um auf meine Schwester zu kommen. Sie war mit einem württembergischen Rittmeister verheiratet. Einem Freiherrn von Rüdenberg ...« »... und er fiel! Yonkheer Ter Meer erzählte es mir. Die Witwe möchte seine Leiche durch Ihre Vermittlung aus unseren Linien nach Holland überführen?« »So ist es.« »Wo liegt er begraben?« »Bei Sluysbeke. Das Dorf wurde wiederholt verloren und genommen.« »Ja. Es waren frische Tage!« Lord Harald erhob sich in seiner ganzen Länge. Er war sofort bereit, zu helfen. Sie merkte, daß er überhaupt einer hübschen Frau nicht leicht etwas abschlug. »Ich werde Viscount Killigrews in Whitehall anrufen«, sagte er. »Wir saßen in Oxford zusammen in einem Boot. Wir sind beide vom Christ-Church-College.« »Und wird Seine Lordschaft denn jetzt noch auf dem Kriegsamt sein?« »Oh, sicher! Der alte Bursche ist so ängstlich im Dienst. Er wird noch einmal seiner Gesundheit schaden.« Der Marqueß von St. Asaphs sagte es mit einem freimütigen Lachen. Ihn drückten die Pflichten des Lebens nicht, weder der Sitz im Unterhaus, der ihm mit siebenundzwanzig Jahren in den Schoß gefallen war, noch seine Tätigkeit als vornehmer Dilettant in der Politik von Downing Street. Er ging. Irgendwo war in England immer ein Fenster offen. Man fühlte plötzlich in der Luft das salzige Wehen der nahen, grau grollenden, an den Kreideklippen im Mondschein sich aufbäumenden See. Nebenan knisterte das Kaminfeuer, kicherten die Misses. Eine von ihnen stand plötzlich auf und verschwand, das Tuch krampfhaft vor dem Gesicht. Zwei Freundinnen mit ihr. »Was ist mit Miß Rogers? Ist sie krank?« »Sie bekam eben eine Depesche. Gewißheit, daß ihr Bruder mit der ›Abukir‹ unterging!« »Armer junger William ...« Es war, als lange der Schattenarm eines Riesen über die brausende Finsternis des Kanals, als klopfe eine knochige Faust dröhnend an die Tore des Tudorschlosses. Aufgemacht! Ich bin da, der Krieg ... In der plötzlichen Stille tönten Lord Haralds sich rasch nähernde Schritte. Er kam zurück, frohgelaunt und gesund, und blieb unterwegs noch einen Augenblick im ersten Raum bei dem Gespräch einer Runde von Gentlemen stehen. »Nur keine Dumdum-Geschosse«, sagte er lachend. »Oh ... oh ...« »Ich empfahl schon vorigen Monat kleine Explosivkugeln. Sie zerreißen jeden Mann. Ich verwandte sie in Afrika nicht nur gegen Großwild, sondern auch gegen Nigger. Es würde unser Werk in Belgien abkürzen.« »Wie wahr!« »Warum hört man nicht auf Lord Saint Asaphs?« Der Markgraf trat in den zweiten Raum. Um ihn schwirrte das Abendgespräch, im Krieg genau so leise und leer wie im Frieden. »Hat Sir Edwin guten Sport in Ceylon, Mylady?« »Ich hoffe so, meine teure Mrs. Briggs. Zum Beginn der Hirschhetze in Taunton erwarten wir ihn zurück.« »Sind die Königlichen Buckhunde schon in Ascot?« »Sicherlich! Aber Miß Neish und ich reiten diesen Herbst hinter dem Leicestershire-Pack.« Durch das Wortgeplätscher ging der Marqueß von St. Asaphs rasch auf Johanna Ter Meer zu. »Sie werden erstaunt sein, Madam«, sagte er, vor ihr stehenbleibend, die Hände in den Hosentaschen. »Sluysbeke ist ja seit kurzem wieder in den Händen der Deutschen!« »Ist das sicher?« »Der gute Killigrews telefonierte es mir. Es geht da stürmisch zu in Flandern. Er meint, Napoleon selber würde da in Verwirrung geraten!« »Was soll ich nun tun?« »Sehr einfach! Sie reisen über Holland nach Belgien und holen das irdische Teil Ihres Schwagers von den Deutschen. Ich werde sorgen, daß man Ihnen in London sofort Ihre Pässe visiert.« »Ich bin Eurer Herrlichkeit innig dankbar!« Der Lord St. Asaphs lachte und beugte sich etwas zu ihr herunter, die, die Hände im Schoß verschlungen, aufrecht dasaß und aus ihren blauen Augen zu ihm aufsah. »Wissen Sie, daß Sie in diesen Tagen ganz einzigartig auf der Welt sind, Madam?« »Wieso, Marqueß Saint Asaphs?« »Weil Sie überall sind! Heute hier bei uns, morgen bei den Deutschen in Brüssel, dann wieder bei den Neutralen in Holland. Sie sehen mehr als andere. Sie sind ein wahrhaft interessanter Mensch, Madam. Wir sollten Freunde werden ...« Er setzte sich neben Johanna Ter Meer und sah sie mit dem unbefangenen Lächeln eines Mannes an, der keine Hindernisse im Leben kennt. Aus dem Musiksaal rauschten gedämpfte, feierliche Klänge. Eine der Ladies in der Nähe versetzte gerührt: »Oh ... Bätsch!« Es war wirklich Johann Sebastian Bach. Die Fuge wandelte über die Tasten. Der Marqueß von St. Asaphs sagte unvermittelt in einem leidlichen Deutsch, das er merkwürdigerweise plötzlich konnte: »Warum macht ihr Deutschen nicht Musik statt Panzerplatten? So stünde alles zum Besten!« Johanna Ter Meers feine, schmale Züge wandelten sich bei den deutschen Worten zu der unwillkürlichen Lebhaftigkeit ihres Wesens. Sie beugte den schlanken Oberkörper vor und begann halblaut mit ihrer tiefen und weichen Stimme wieder auf englisch, während sie in ihrer unterdrückten Erregung die Hände ineinanderschlang: »Sie sagten, Mylord, mir sei mehr gegeben als anderen, weil ich überall daheim bin. Aber Ihnen ist noch viel mehr gegeben. Sie sitzen im Unterhaus; wenn Sie sprechen, hört es England und der ganze Erdball.« »Ich mache dem Speaker wenig Mühe, Madam! Ich ergreife selten das Wort.« »Aber Sie sollten es, mein Lord Marqueß!« Johanna Ter Meer sah dem riesigen brünetten Peerserben trotz ihrer Erregung unbefangen ins Gesicht, mit dem ruhigen Zutrauen irgendeiner Frau auf der Welt zu einem Gentleman, dessen Schutz sie suchte. »Sie könnten ein Wohltäter der Menschheit sein!« »Das ist die Aufgabe jedes Briten, Madam.« »Mein Lord ... Sie haben Ihren Zylinderhut auf irgendeinen der Plätze auf den Bänken von Westminster gelegt. Auf diesem Platz sind Sie mächtiger als die Kaiser und Könige, die jetzt streiten. Denn von ihm aus können Sie zu Freund und Feind laut die Wahrheit sagen.« »Ein Engländer ist der Lüge unfähig, Madam.« »Das Parlamentszepter liegt vor Ihnen auf dem Tisch. Es ist das Zeichen der britischen Macht! Sonst hat Britannien diese Macht zum Frieden benutzt. Warum jetzt zum Krieg?« »Man zwingt uns dazu, Madam.« »Ich kenne Deutschland und ich kenne euch! Ich weiß, es ist nur ein furchtbares Mißverständnis. Marqueß St. Asaphs – ich beschwöre Sie, erheben Sie Ihre Stimme! Jeder Tag früher kann Tausende von Leben hüben und drüben retten. Europa ist doch eine große Völkerfamilie. Engländer und Deutsche sind Vettern. Blutsverwandte müssen sich doch vertragen!« »Ich danke Ihnen, Madam«, sagte der Marqueß von St. Asaphs ernsthaft. »Ich werde es auf das gründlichste überlegen, ob ich nicht eine solche Rede halten kann.« »Oh – tun Sie es, Mylord! Auf Sie hört man. Was eine Frau wie ich spricht ... wenn ich auch viel von der Welt gesehen und viele Vorurteile abgelegt habe ... Aber so wenig auch an mir liegt ... wenn ich nach Deutschland komme, will ich auch mein Bestes tun, um zur Versöhnung zu reden.« Lord Harald wurde aufmerksam. »Sie gehen jetzt nach Deutschland, Mrs. Ter Meer?« »Ich begleite jedenfalls meine Schwester, wenn sie die Leiche ihres Mannes dorthin überführt.« »Und dann?« »Dann kehre ich zu meinem Mann nach Holland zurück.« »Oh – und ich werde Sie dort besuchen«, sagte der Marqueß von St. Asaphs mit einem herzlichen und freimütigen Lächeln. »Sie werden mir erzählen, wie es in Deutschland aussieht und was man dort denkt, und ich werde Ihnen von hier berichten, und wir wollen uns zusammensetzen und sehen, wie wir unser Bestes tun können, um die Dinge zu bessern.« »Ich wäre glücklich, Mylord! Niemand kann mir verdenken, daß ich Deutschland so heiß liebe wie Sie Britannien. Wollte Gott, daß wir uns in der Versöhnung der beiden großen Länder träfen!« »Ich sagte Ihnen ja schon: Sie und ich – wir beide müssen Freunde sein, Mrs. Ter Meer.« »Wir sind es, Mylord, wenn Sie es mit dem Frieden so aufrichtig meinen wie ich.« »Briten sind stets aufrichtig, Madam! Sie wissen das. Denn Sie kennen uns. Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Hand drücke. Ich sehe, daß der Yonkheer Ter Meer kommt, um Sie zu holen. Sie müssen morgen früh heraus, wenn Sie reisen wollen. Auf Wiedersehen in Holland!« Der Marqueß Harald von St. Asaphs verbeugte sich mit einer verbindlichen Leichtigkeit und ging. Im Saal war es schon leer geworden. Die Damen zogen sich zurück. Schloß Ogmore versank in den frühen englischen Schlaf. In einem kleinen Raum saßen noch der Herzog von Chichester und seine Freunde um die Kaminglut. Sein Sohn trat heran und setzte sich rittlings auf die Lehne eines Klubsessels. »Menschen wollen hassen«, sprach der Herzog von Chichester. Die Flammen überspielten den leidenschaftslosen Kopf mit dem rötlichgrauen Haar- und Bartgewirr. »Haß ist für die Völker die beste Methode, die Notwendigkeiten des Lebens zu ertragen. Wir müssen dafür sorgen, daß die Völker hundert Jahre lang Deutschland hassen, nicht uns. Wir werden es. Wir haben die Welt hinter uns!« Der Herzog von Chichester beugte sich vor, um eins der vor dem Kamin aufgeschichteten Buchenscheite mit der Zange in die Glut zu legen. Die anderen Holzstücke blieben vorläufig auf ihrem Platz. Es war, als warteten die Völker der Erde darauf, der Reihe nach von England, je nachdem es ihm weise dünkte, in den Weltbrand geschoben zu werden. »Deutschland muß aus dem Weg!« Lord Beaulieu, P. C. machte dabei eine gleichgültige Handbewegung, als habe er seinem Trainer den Befehl gegeben, ein verunglücktes Rennpferd zu erschießen. Hinter ihm gähnte der Marqueß Harald von St. Asaphs. »Die Deutschen bilden sich immer noch ein, es handle sich um einen Krieg und nicht um eine Bestrafung«, versetzte er. »Ich hörte es eben wieder von der holländischen Lady aus Deutschland.« »Sie ist lieblich!« »Ich bin wahrhaft froh, daß sie es ist!« sagte Lord Harald mit einem Zug um den Mund, in dem sich das Lächeln des Damenmannes mit dem nüchternen Geschäftsernst des Politikers vermengte. »Denn ich hoffe, sie noch öfter zu sehen.« »Warum?« »Um manches zu erfahren, was man in Deutschland denkt. Nun gute Nacht! Ich will morgen wieder im Unterhaus sein.« 2 Haben Sie die Vermittlung angerufen?« »Befehl, Herr Hauptmann! Eben meldet sich die Etappe.« Es schnarrt von weither in den belgischen Kriegsfernsprecher. »Hier Stationskommandant! ... Bitte gehorsamst um Entschuldigung: hat vielleicht ein Marinekraftwagen heute an Ihrer Tankstelle Benzin gefaßt?« »Ein junger Marineoffizier, mit einem Sarg auf dem Auto? Der kam aus Sluysbeke schon vor einer Stunde hier durch ... Warum?« »Die Witwe des gefallenen Kameraden und ihre Schwester warten hier auf der Station. Der Leutnant zur See, der den Sarg bringt, ist ihr Bruder. Ich bin gar nicht auf Damen eingerichtet. Es ist hier ein toller Betrieb ...« »Na – seien Sie mal hier vorne! Bei Ihnen herrscht ja noch der dickste Friede.« »Wenigstens kann ich den Damen melden, daß das Auto gleich da sein wird?« »Frohlocken Sie nicht zu früh. Die Straße ist unter aller Würde. Auf Wiederhören!« »Auf Wiederhören! Danke gehorsamst, Herr Oberst!« Der Hauptmann trat aus der Telefonzelle seiner belgischen Eisenbahnstation in das herbstliche Regensprühen und die Windstöße über der weiten Ebene. Er stieg, gewohnheitsgemäß die bespornten Stiefel über die am Boden gespannten Telefon- und Telegrafennotdrähte hebend, quer über die Schienen. Die zitterten dumpf. Ein rotes Kreuz in weißem Feld nach dem anderen rollte langsam auf grauen Güterwagen vorbei und brachte die Verwundeten von Ypern. Schwerer noch dröhnten die Nachbarstränge. Auf ihnen keuchten in entgegengesetzter Richtung die Munitionszüge an die ferne Front. Truppentransporte dazwischen. Weithin lagen auf der Strecke hinten noch drei, vier Züge im freien Feld und warteten. Man sah die ausgestiegenen Gruppen der Offiziere, wie sie, die Hand vor den Augen, ungeduldig nach dem roten oder grünen Einfahrtszeichen spähten. Wieder grollte der Boden unter der Wucht eines durchrollenden Granatentransportes. Verstummte. Dafür kam aus der Ferne der unbestimmte, kaum hörbare Donner des Todes von Ypern. Der Herbstwind stöhnte. Zwischen dem Grau der Krieger auf dem Bahnsteig flatterten schwarze Trauerflore. Der Stationskommandant drängte sich zu ihnen durch. »Ihr Herr Bruder ist bald hier!« Johanna Ter Meer stand neben ihrer Schwester und schlug sich den Schleier aus dem Gesicht, das sich in seiner blassen Regelmäßigkeit und seinen blonden Haaren noch schmaler und zarter von der dunklen Umrahmung abhob. »Und dann wird der Zug hier fahren?« »Ich werd' das Menschenmöglichste tun, um ihn zwischen zwei Lazarettzügen abzuschieben ... Was gibt's? Die Linienkommandantur ist am Fernsprecher? Ich komme! Entschuldigen die Damen ...« Der Stationskommandant stürzte davon. Der Zug auf dem Nebenstrang, von dem er gesprochen, glich einer Rumpelkammer auf hundert Rädern. Halb zerschmetterte belgische Autos standen auf den Loris, französische Geschütze mit zersiebten Schutzschildern, niedergebrochene Feldküchen, ein durchlöcherter Ponton, zerbrochene englische Gewehre füllten einen Güterwaggon, kranke Pferde einen anderen. Im letzten Wagen saß friedlich harrend eine Schar Krankenschwestern. Ein Johanniter mit weißem Spitzbart zwischen den weißen Kragenausschlägen lief den Zug entlang. Ein plötzliches Brausen erfüllte den Bahnhof. Ein Zug lief ein. Ein nagelschuhtrampelnder, lachender, drängender Schwall von grauen Helmen, braunen Gesichtern, grauen gerollten Mänteln, braunen Tornistern, grauen Röcken, braunen Gewehrkolben, grauen Hosen, braunen Fäusten überschwemmte die Verpflegungsstation, durchflutete vielhundertköpfig das mächtige Holzgebälk mit seinen Reihen brusthoher Tische ohne Bänke, fing an, stehend und hungrig, sich dabei die Beine von der langen Fahrt vertretend, zu löffeln. Johanna Ter Meer trat mit ihrer Schwester in den Wind und Regen vor dem Stationsgebäude, unter dessen Nordach eine Reihe alter belgischer Weiber saß und Kartoffeln schälte. Frau von Rüdenberg war einen halben Kopf größer und einige Jahre älter als sie. Ihre bleichen Züge erschienen wie leblos unter dem Witwenschleier. Sie starrte unverwandt auf die schnurgerade, aufgeweichte Landstraße vor ihr, auf der zu beiden Seiten sich die Bäume unter dem grauen, regentriefenden Himmel im Sturm bogen. Hinter dem verwaschenen Ruß des ausgebrannten Hauses am Hügel lief etwas hervor wie eine flinke graue Maus, glitt den Weg entlang, wurde immer größer. »Da ist er!« »Ist ihm denn etwas passiert, daß er immer so im Zickzack fährt?« »Das ist wegen der Granatlöcher in der Straße«, sagte einer der Krieger, die mit den Schwestern zusammen Wasser holten und ihnen die Kübel trugen. »Bei dem Regen kann keiner wissen, ob das 'ne Pfütze ist oder ein tieferer Trichter.« Auf dem Bahnhof entstand plötzlich Schweigen. Es bildete sich von selbst eine Gasse. Soldaten waren herbeigeeilt und trugen zu sechst den weißen hölzernen, mit ein paar Astern geschmückten Sarg des gefallenen Rittmeisters hinüber zum Zug. Drüben fuhr das wieder eingestiegene Bataillon gen Ypern weiter. Das stählerne Hurra der Lebenden verklang mit den Grüßen vom Bahnsteig, dem Winken der Schwestern im Brausen des Zuges voll vergilbten Laubgewinds und verwischter Kreideinschriften, verlor sich gen Westen in der Weite. Dann setzte sich auch der zweite Zug, der die Trümmer und Opfer des Krieges gen Osten heimführte, langsam in Bewegung. »Laß Sibylle ganz in Ruhe, Hans.« Johanna Ter Meer sagte es leise zu ihrem Bruder. Der Oberleutnant zur See, Freiherr von Forchheim, war erst in der zweiten Hälfte der Zwanzig. Aber sein glattrasiertes junges Marinegesicht schien seiner Schwester Johanna um vieles älter geworden, seit sie ihn, noch im Frieden, zuletzt gesehen. Antwerpen lag darauf. Die Dünen. Die Yser. Der Krieg, der eben wieder draußen als geköpfter Kirchturm im Nebelgrau, als ein kleines schwärzliches Pompeji eines ehemaligen Dorfes vor den regenblinden Scheiben vorbeizog, der den Wagen erzittern ließ, wenn die Räder über die Schwellen der hölzernen Notbrücken neben gesprengten Steinpfeilern rumpelten, der in dem tiefen Schweigen herrschte, wenn der Zug, der Fliegergefahr wegen verdunkelt, stundenlang in der hereingebrochenen Finsternis auf freier Strecke hielt. »Begleitest du Sibylle nach Deutschland, Johanna?« »Ja, gewiß.« »Du warst noch gar nicht dort seit dem Krieg?« »Bisher ging es ja nicht. Jetzt erst verkehren ja wieder richtige Züge.« Es gab einen Krach, einen Stoß, daß sie sich an den Holzbänken des Abteils dritter Klasse festhalten mußten, um nicht herunterzufliegen. Der Zug ruckte zur Weiterfahrt ohne Bremsen und Lichter an, rollte an entgleisten Lokomotiven, an stummen, vermummten Landsturmwachen in einsamer Nacht vorbei, kam glücklich durch das sonst stets verstopfte Schaerbeck nach Brüssel. Schwere deutsche Soldatentritte hallten vereinzelt unter der mächtigen, tot und leer daliegenden Glaswölbung der Bahnhofshalle, eine Wache schützte den Eingang, Landsturmmänner und belgische Bürgergarde mit blauroten Armbinden sperrten den Platz davor ab, Doppelposten standen daneben vor dem Palasthotel, eine Schar grauer Feldautos war an dessen Eingang aufgefahren. Brüssel war im Krieg. Brüssel war in deutscher Hand. Der Leutnant von Forchheim hatte alles wegen der morgigen Überführung der Leiche des Schwagers geordnet und folgte jetzt seinen Schwestern in das Hotel. Er ging an der Wachtstube am Eingang rechts vorbei, an dem großen Saal, der jetzt des Abends voll war von Massen von Offizieren in Feldgrau und ein paar weißen Kitteln von Feldärzten darunter, und stieg dann, aus seinem Zimmer kommend, die paar Stufen zu dem kleinen Luxusrestaurant hinten hinauf. Auch hier war alles besetzt. Der Johanniter hatte sich seine Oberschwester zum Abendbrot eingeladen und saß mit ihr und anderen, Exzellenzen und Herren, deutschen Provinzgouverneuren und Kreischefs von außerhalb, am runden Tisch. An einem anderen Österreicher und preußische Kavalleristen. Daneben Ypern: Herren aus den Schlamm- und Wassergräben Flanderns, die ihre kotbespritzten Mäntel und Mützen in dem beinahe ebenso unkenntlichen Auto gelassen hatten und, ehe sie wieder die Nacht hindurch an die Front zurückjagten, hier stumm wie in einer fremden Welt saßen, wenig aßen, Sekt tranken und gleichgültig den Seitentisch wie einen Affenkäfig betrachteten. An dem thronten zwei Jüngelchen von der Brüsseler Goldenen Jugend in ihren Vatermördern, ihren weibisch in den Hüften geschnittenen Abendjäckchen und kokett geknöpften Lackschuhen, verlebt und blasiert inmitten der wettergebräunten deutschen Offiziere, schlürften ihre Austern und schickten eben den Schloßabzug zurück, weil dem Bordeaux noch zwei Grad Wärme fehlten. Ein Tisch in der Mitte war nur von einem einzelnen Marineoffizier besetzt. Er schaute gelassen vor sich hin und rauchte. Er hatte ein bartloses, scheinbar sehr ernstes Gesicht, aber dabei einen still-humoristischen Ausdruck in den hellblauen Augen. Wer eintrat, wandte unwillkürlich nach dem Gruß noch einmal den Kopf nach ihm. Denn er trug bereits das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Das war in diesen ersten Monaten des Krieges bei der Marine, deren Hauptteil noch keine Gelegenheit gefunden hatte, sich auszuzeichnen, eine große Seltenheit. Auch der junge Forchheim blickte zurück und erkannte den anderen. Der winkte ihm mit der Hand. »Na«, sagte er langsam und mit dem Tonfall der Wasserkante. Es schien ihm zur Begrüßung genug. »Guten Abend, Herr Kapitän!« Der am Tisch trug statt der einen breiten goldenen Ärmeltresse des Oberleutnants deren drei als Zeichen des Korvettenkapitäns. Er war zehn Jahre älter, um die Mitte Dreißig, und ganz hellblond. »Na«, sagte er wieder, »sind Sie auch noch bei der berittenen Landmarine, kleiner Forchheim? Ich reite schon bannig flott – rechter Zügel Steuerbord, linker Backbord! Schad', daß die Engelschen das nicht sehen... Setzen Sie sich doch. Mögen Sie Port?... Sonst trinken wir 'was anderes.« »Danke gehorsamst, Herr Kapitän. Aber ich bin nicht allein.« »Holen Sie ihn doch!« »Ich bin mit Damen hier.« »Tja... wie machen Sie denn das?« Es ging plötzlich wie ein Heller Sonnenschein über den trockenen Ernst des Gesichts und zwinkerte vergnüglich um die dünnen, energischen Mundwinkel. Besuch aus der Heimat war in Belgien ausgeschlossen. Es gab hier keine Damen ... »Ach, wenn's so wäre, Herr Kapitän! Aber es ist leider eine traurige Sache!« »Oh... so...« Das Antlitz des Korvettenkapitäns wurde wieder ernst, plötzlich fast streng, so, wie er im Dienst aussehen mochte. Er hörte zu, wie der Oberleutnant zur See erzählte und damit schloß: »Ich war eben oben bei ihr. Sie will nur allein mit sich sein diesen Abend. Nun kommt aber meine zweite schwesterliche Liebe in ein paar Minuten hier zu mir herunter.« »Na – da werd' ich ja wohl ein bißchen nach vorne gehen und Platz machen.« »Um Gottes willen... wir wollen Herrn Kapitän doch nicht vertreiben! Sind Herr Kapitän mit Urlaub hier?« »Nächster Tage nehme ich Kurs Berlin.« »Ach, nach Hause...?« »Ja. Ich muß mal endlich was tun.« Sein Gesicht war nachdenklich, beinahe sorgenvoll, während er das sagte. Der kleine Freiherr von Forchheim war baff und schaute wortlos auf das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Der und erst etwas tun! Wenn man an heute vor zwei Wochen dachte... Da meinte auch der neben ihm: »Erinnern Sie sich noch an Antwerpen?... Das war fein!« Der Siegeseinzug in die von den Briten verratene und verlassene Scheldestadt, durch die alten Wälle hindurch, über deren Trümmerwerk noch zwei Nächte zuvor der Abenteurer aus dem Hause Marlborough im Flugzeug wie ein Unglücksvogel der Weltgeschichte gekreist hatte. Die Artillerie, die Ehrenwaffe des Tages, mit ihren blank geputzten Pferden und neuem Lederzeug, die Geschütze mit Herbstblumen bekränzt, die Generale und Admirale zu Pferd, der brausende Massengesang: »Ein' feste Burg ist unser Gott!« Die blauen Augen der beiden deutschen Seemänner leuchteten, und der ältere sagte: »Ja – das war ja nun wohl der Anfang...« Ein verwegener Zug spielte einen Augenblick über sein glattrasiertes Gesicht, die tolle Lust an Abenteuern. Aber er sagte weiter nichts, sondern schlürfte still seinen Wein, und der Leutnant von Forchheim dachte sich, ob das wohl wahr sei, was man, neben vielen sicher beglaubigten Stücken, von jenem erzählte: daß er in den letzten Tagen der Belagerung, als Brite verkleidet, ein paar Stunden drinnen in dem brennenden Antwerpen gewesen und glücklich mit wertvollen Nachrichten wieder herausgekommen sei? Zuzutrauen war es ihm schon. Er sprach Englisch wie ein Engländer, kannte England wie seine Tasche, sah, wenn er wollte, wie ein Engländer aus und machte in Haltung und Wesen täuschend einen Engländer oder Amerikaner nach. Er besaß überhaupt eine große schauspielerische Begabung in der Richtung zur ernsthaften Komik. Selbst die hohen Herren der Flotte waren, wenn man in der Messe unter sich war, nicht ganz vor ihm sicher. Plötzlich wandten sich alle Köpfe nach dem Eingang. Nach einem neuen Bild, das da im Rahmen der Tür stand. Dem ungewohnten Bild einer deutschen Dame. Belgierinnen der hohen Brüsseler Gesellschaft kamen öfters hierher, kokettierten mit der Rotenkreuzbinde am Arm. Man erkannte sie an ihrem Französisch, an dem Puder, dem Parfüm, dem brünetten Äußeren. Das da war deutsch. Aschblondes gewelltes Haar über einem schmalen und lebhaften Gesicht von deutschem Schnitt und reiner Hautfarbe, eine schlanke, mittelgroße Gestalt in trauerschwarzem Abendkleid. Johanna Ter Meer zögerte, da sie den Raum voller Männer, alle Tische besetzt sah. Ihr Bruder war schon neben ihr. »Aber natürlich kannst du dich da hinsetzen! Drüben zwischen den Bonzen sitzt doch auch eine Schwester. Erlaube, daß ich dir Herrn Korvettenkapitän Lürsen vorstelle ...« »Ich setze mich bloß, wenn ich Sie nicht etwa vertreibe, Herr Kapitän!« »Ach – ich bleibe schon«, sagte Erich Lürsen ernsthaft. Sie sah, daß dabei zwei ganz kleine verschmitzte Grübchen rechts und links von seinen Mundwinkeln erschienen. Sie sah auch das Eiserne Kreuz Erster Klasse und machte unwillkürlich eine ganz leise, achtungsvolle Kopfbewegung, ohne etwas zu sprechen. Er merkte es doch. Sein trockenes und still-nüchternes Gesicht veränderte sich nicht, während er sie wohlwollend anschaute. Nur ganz hinten in den Augen flimmerte und plänkelte ein verwegenes Licht. Ein junger Infanterieleutnant kam herein, steifbeinig von langer Autofahrt, trat zu den Offizieren von Ypern und sagte zur Begrüßung laut und recht von Herzen: »Gott strafe England!« In ebenso aufrichtigem Baß antwortete der Major: »Gott straf' es!« Der Leutnant von Forchheim hörte die Stimme, schaute hinüber und sprang jäh auf. »Was hast du denn, Hans?« »Da drüben sitzt ja der Major von Gramberg! Der Divisionsadjutant. Das ist eine wahnsinnig wichtige Persönlichkeit!« »Warum?« »Das fragst du noch? Von dem kann man, wenn man Glück hat, einen Platz im Auto kriegen!« Wenn Johanna Ter Meer auch nur ein paar Tage in Belgien war, wußte sie doch schon, daß das Dasein hinter der Front Kampf um den letzten Platz im Auto und Jagd nach dem letzten Tropfen Benzin hieß. Sie wunderte sich also nicht, daß ihr Bruder sich zu kurzem Besuch bei den Herren drüben niederließ und ihnen eindringlich ihre Verdienste um das Vaterland entwickelte, wenn sie ihn bei seiner lächerlich dünnen Taille und seinem Schneidergewicht morgen als Überfracht im Kraftwagen mit zurück an die Front nehmen würden statt der kodderigen Eisenbahnfahrt. Neben ihr sagte der Kapitän Lürsen: »Warum machen Sie denn ein so unmutiges Gesicht, gnädige Frau?« »Ach ... eben jetzt ... gelesen habe ich es schon oft in den holländischen und englischen Zeitungen! Aber gehört habe ich es vorhin zum erstenmal ...« »Gott strafe England ...? Fein ... was?« »Gott hat uns alle gestraft mit diesem Krieg, nicht nur England ...« »Na – da wird er sich ja wohl die cousins nochmal extra auf ein Viertelstündchen beiseitenehmen müssen!« »Wenn Sie so reden – oder die Herren dort drüben – das verstehe ich ... Männer, die gegeneinander kämpfen, müssen sich ja schließlich hassen ...« »Oh – das geht auch ganz gemütlich, mit kaltem Blut. Ich bin gar nicht so für die Aufregung, Frau Baronin.« »Aber dieser Haß hinter der Front! Dieser Haß in ganz Deutschland gegen England!« »Und ich hab' die Vettern so gern«, sagte Erich Lürsen treuherzig. »Ach, lassen Sie doch den Spott! Ist er denn nicht furchtbar, dieser Haß? Der Krieg wird ja bald ein Ende nehmen. Mein Mann und alle Neutralen sind überzeugt, im Frühjahr ist Schluß. Aber inzwischen vergiftet dieser Haß die ganze Welt und trennt die Menschen auch nach dem Frieden. Sie sehen sich noch mehr gegenseitig im Zerrspiegel als bisher. Der Haß ist der schlimmste Zerrspiegel! Ich komme eben aus England. In England haßt man uns nicht.« »Dann wollen wir es sie lehren!« Johanna Ter Meer rang ungeduldig die Hände ineinander. Sie beugte sich etwas vor und sagte, in der Gewohnheit einer Diplomatenfrau, mit fremden Männern und an vielen Orten ernsthaft und gleichberechtigt über politische Dinge zu reden, in einem vertraulichen, halb kameradschaftlichen Ton: »Man kennt doch bei uns in Deutschland Britannien viel zu wenig. Ewig verwechselt man es mit den paar englischen Inseln. An die Dominions und alles, was da hinten liegt, denkt man gar nicht. Australien, die Südafrikanische Union, Kanada ... Das ist mit Indien die halbe Erdkugel. Ich kenne die Welt seit zehn Jahren. Ich bin eine gute Deutsche ... Warum sehen Sie mich auf einmal so an?« Die blauen Seemannsaugen vor ihr, die etwas von der Farbe und dem Wechselspiel des Meeres hatten, lachten wie zwei Lichter über das unverbrüchlich ernste Gesicht. »Wenn Sie es sagen, dann kann niemand 'was dagegen sagen, gnädige Frau!« »... und gerade weil ich eine gute Deutsche geblieben bin, auch in der Fremde, habe ich nur den einen Wunsch, daß Deutschland und England wieder in friedlicher Arbeit wetteifern und nicht in gegenseitigem Blutvergießen. Dieser Wunsch lebt auch jenseits des Kanals in vielen maßgebenden Köpfen. Noch vorige Woche fand ich das drüben im Gespräch mit dem Träger eines der vornehmsten Namen Englands, dem Marqueß von Saint Asaphs, dem Sohn des Herzogs von Chichester.« »Kommt der edle Lord nicht mal zu uns nach Flandern herüber?« »Er beschäftigt sich mit Politik. Er ist Mitglied des Unterhauses und Senior Clerk im Auswärtigen Amt. Er muß seine Worte wägen. Aber er sagte doch offen, daß Gedanken über den Frieden ihn täglich beschäftigten.« »Ich hab' auch mal einen Engländer kennengelernt, der die Wahrheit sagte. In Trinidad ...« Der Kapitän Lürsen schwieg nachdenklich. »Nun ... und ...?« »Das war am Abend. Am nächsten Morgen war er tot. Er war schon ein älterer Mann. Das war er nicht gewohnt. Es war zu viel für seine Konstitution.« Johanna Ter Meer zuckte die Achseln und schwieg ärgerlich. »Du ... ich hab' Dusel! Anfing nimmt mich morgen auf seinen Knien im Auto mit.« Der kleine Leutnant von Forchheim kam begeistert vom Nebentisch. »Ich ordne vorher alles und setze euch in den Zug. So um elfe rum gondelt ihr los und seid, wenn der liebe Gott ein Einsehen hat, um Mitternacht in Köln.« Er setzte sich und frug nach einer Weile über seinen Teller: »Na, Johanna, dir ist ja auf einmal die Sprache ganz verschnappt ...?« »Der Herr Kapitän und ich sprechen zwei verschiedene Sprachen. Er glüht vor Haß gegen England ...« »Ach wo! Ich bin ein ganz kühler Mann von der Waterkant«, sagte Erich Lürsen lächelnd. »... und ich spreche die Sprache der Vernunft – das heißt – verzeihen Sie, Herr Kapitän! Der gesunde Menschenverstand sagt uns doch, daß die Menschheit eine große Familie ist und Deutschland ein Mitglied dieser Familie und England auch ...« »... aber ein bannig unangenehmes, gnädige Frau!« »England ist eine Weltmacht. Eine Weltmacht kann man nicht zertrümmern ...« »Wenn die Vettern früher, wie sie noch klein waren, auch so gedacht hätten«, sagte der Kapitän Lürsen phlegmatisch, »dann wären die Kerls jetzt wohl nicht, was sie sind!« »Dann darf man auch nicht vergessen, was die Welt der englischen Kultur verdankt. Das nimmt man als selbstverständlich hin. Ich finde, man ist darin manchmal ein wenig undankbar ...« »Sie wollten etwas bemerken, Herr Kapitän?« »Ach nein, Forchheim. Ich bin lieber still – nicht? Kennen Sie unsern Doktor, den Kittrich?« »Ich war einmal mit dem Herrn Stabsarzt an Bord der ›Heidelberg‹ ...« »Neulich war ich nicht auf'm Schick und mußte auf ihn warten. Da hatte er ein dickes Buch liegen. In dem standen alle Krankheiten hintereinander. Da blätterte ich darin. Haben Sie gewußt, Forchheim, daß es auch eine Englische Krankheit gibt?« Der Kapitän Lürsen zwinkerte ganz ein bißchen und listig mit dem zugekniffenen rechten Auge. »... und der dicke Kittrich, wie er kam, sagte: ›Ja, das gibt's. Und gerade in Deutschland. Und bis hoch hinauf.‹« Johanna Ter Meer schaute mit gefurchter Stirne um sich. An dem runden Tisch drüben war der Stuhl der Oberschwester leer. Sie erkannte, daß sie jetzt die einzige Dame im ganzen Raum zwischen den Offizieren war. Das war ihr unbehaglich. Sie erhob sich rasch und nervös. »Ich muß jetzt wieder nach der armen Sibylle sehen«, sagte sie. »Also auf morgen früh!« Sie reichte den beiden Herren die Hand und ging hinaus. Sie hielt dabei den blonden Kopf noch in einem nachträglichen stummen und gereizten Widerspruch etwas in den Nacken zurückgelegt. Der Korvettenkapitän Lürsen sah ihr nach und sagte nichts. Aber er setzte sich nicht wieder, sondern winkte dem weiß beschürzten Kellner. Es schien auch ihm Zeit, zu gehen. »Ich wohne oben im Gouvernementshotel Astoria«, sagte er. »Wie? Sie begleiten mich noch ein Stückchen? Das ist gut, Mann. Kommen Sie!« Draußen glotzten immer noch die weißen Augenpaare der harrenden Feldautos und schimmerten die roten Zigarettenpünktchen der Fahrer durch das Schwarz der Nacht. Es war von hier ein Kommen und Gehen nach Gent und Brügge und Ostende, nach Oudenarde und hinüber nach Lille oder über Valenciennes nach Frankreich hinein, über Namur nach Charleville-Mézières, über Mecheln nach Antwerpen. Seit ein paar Wochen war der Kanonendonner von dort verstummt. Die belgischen Damen standen nicht mehr jenseits des Nordbahnhofs geduldig ganze Nachmittage, die Papiertüten in der Hand, um die anrückenden Engländer mit Blumen zu schmücken. In den gelben Fluten der Schelde spiegelte sich das siegreich flatternde Schwarz-Weiß-Rot. Aber in Brüssel merkte man nichts von Trauer. Die Boulevards der Unterstadt waren jetzt, noch vor Mitternacht, der Militärpolizeistunde, schwarz von Menschen, die Kaffeehäuser lichterhell und überfüllt. Auf eine Stadt im Krieg deuteten nur alle paar hundert Schritte die drei bärtigen Gestalten des bayerischen Landsturms, die, dicke Schals um den Hals, unter den durchsichtigen englischen Regenhäuten das Hellblau der Friedensuniformen, mit aufgepflanztem Seitengewehr, ernst und bedächtig wie daheim in ihren Bergen, durch das Gekicher und Geschnatter, die höhnischen Mienen und wippenden Federhüte des belgischen Klein-Paris stapften. Am Botanischen Garten hinauf, wo die beiden Marineoffiziere steil emporstiegen, wurde mit einem Schlag alles dunkel und still. Nur das rastlose Tatü-Tata der hin und her schießenden Heereskraftwagen hallte in den toten Straßen des Leopold-Viertels, vor kurzem noch einer der luxuriösesten Stadtteile der Erde, an den geschlossenen Häusern der geflohenen Reichen wider. Vor den Prachtbauten der nach Havre verwehten Ministerien schilderten stumm die deutschen Posten, wiesen riesige deutsche Inschriften den Weg zur Tankstelle, Paßzentrale, Linienkommandantur. Die langen Fensterreihen im Palais des Königs ohne Land waren matt erleuchtet. Aber darüber blähte der Nachtwind die so viele Schmerzen deckende weiße Fahne mit dem roten Kreuz. An den Straßenecken klebten noch unter den drei Spalten des deutschen Kriegsberichts in deutscher, flämischer und französischer Sprache die frechen Erlasse des Bourgmestre Max. Aber er selber dachte über sie bereits im Gefangenenlager von Munster nach. »Tja – was soll man da viel snaken?« sagte der Kapitän Lürsen nach einem langen Schweigen. »Sie müssen das morgen Ihrer Frau Schwester von mir bestellen, Forchheim: man soll immer höflich gegen die Damen sein. Aber so höflich, daß man deswegen die Engelschen lieb hat, das können die Damen nicht verlangen! Das lassen wir doch lieber unterwegs, Kindchen – nicht?« »Sie hat nun mal den englischen Vogel! Ich ärger' mich ja auch. Man muß eben ihren Lebensgang kennen. Mit kaum Neunzehn, eben von den Englischen Fräulein heraus, ehe sie noch von der Welt 'ne Ahnung hatte, begleitet sie den Vater von München nach Kissingen, lernt da den Holländer kennen – verliebt sich, verlobt sich, heiratet ... Ein Vierteljahr darauf war sie schon unterwegs nach Kalkutta. Na – es war ja eine gute Partie, und sie leben sehr vergnügt miteinander ...« »Sehen Sie, kleiner Forchheim – das ist's: wem das Leben Vergnügen macht, der hält sich nun mal an die Engländer. Aber der Mensch ist nicht nur zum Vergnügen auf der Welt.« »Und von Indien rutschten sie dann nach China oder Japan – ich weiß nicht mehr, wohin zuerst – und rund um die Erde zurück und wieder los nach Südafrika ... nach Europa kam die Johanna in den zehn Jahren höchstens ein halb dutzendmal und dann gleich von London oder Paris zu den Eltern aufs Land. Das übrige Deutschland kennt sie mordswenig ...« »Das soll wohl sein!« »Ein kleiner Staat wie Holland, und dann von da aus gesehen überall auf der Welt die Engländer – na, wir haben's ja selbst erlebt ... auf jeder Dreckinsel noch ein englischer Konsul und irgendwo immer noch ein halbes Dutzend Kähne von der Monmouth- und Terrible-Klasse ... Na ... und dann vor allem der Mann! Sonst ein guter, anständiger Kerl. Nichts gegen ihn zu sagen. Aber für die Engländer geht er durchs Feuer. Das hat auf sie abgefärbt.« »Da wird man traurig, wenn man so was hört, Forchheim!« Sie hatten die windumpfiffenen Ecken der Rue Royale hinter sich gelassen und waren im Gespräch am Astoria-Hotel vorbei bis zum Park gegangen. Zwei Geschütze richteten da oben, über die Türme von St. Gudule in der Tiefe hinweg, stumm ihre Mündungen gegen das unruhige Häusergewirr unten. In weiten Postenketten sperrten nächtliche Wachen dies schweigende Viereck von Regierungspalästen ab, das jetzt der Sitz des Kaiserlichen General-Gouvernements war. Hinter jenen verhängten Scheiben arbeitete vielleicht noch der alte Feldmarschall Goltz, ein Meister der Feder wie ein Meister im Sattel, Geist hinter der goldenen Brille, Wille um die Lippen, bis er des Morgens ankurbeln ließ und zu den Schützengräben Flanderns hinausfuhr. Es war hier in der Höhe kalt und luftig. Frei wölbte sich der stellenlose Himmel. In dieser stürmenden, dunklen, sich in das Unbestimmte verlierenden Weite lag etwas vom Meer. So hatten die beiden, der Kapitän und der Oberleutnant zur See, manche Nachtstunden in fernen Breiten zusammengestanden. Sie schwiegen und schauten wie damals in die rauschende Finsternis, die Gesichter über die Stadt Brüssel hinweg nach Westen gewandt. Von dort kam die Windsbraut, die ihnen schneidend um die Ohren pfiff. Dort lagen im Meer die drei Inseln. Dort lauerte der Feind der Feinde. Der Korvettenkapitän Lürsen war sehr ernst geworden. Er sagte, als spräche er zu einem unsichtbaren Gegner vor sich: »Wart nur, Jung ... 'n büschen Geduld! Wir kommen schon!« »Warum gehen der Herr Kapitän denn jetzt nach Deutschland zurück?« Der kleine Freiherr von Forchheim merkte schon an dem Räuspern vor der Antwort, daß Erich Lürsen wieder der Schalk im Nacken saß. »Ich muß nach meiner alten Tante in Ritzebüttel schauen. Die bangt sich jämmerlich nach mir.« »Aber, Herr Kapitän ...« »Na – und dann ...« Der Kapitän Lürsen schlug dem andern derb mit der flachen Hand auf die Schulter und wurde mit einemmal ein ganz anderer Mensch vor unruhiger Wagelust. »Dann wollen wir mal weiter sehen, was wir anfangen! ... Ich hab' da so allerhand vor ... Vielleicht nehme ich Sie mit ...« 3 Erich ... mein alter Jung, du hast was vor. Was, das sagst du uns nicht, und wir fragen auch nicht. Wir denken uns nur in aller Bescheidenheit, es wird schon was Deftiges sein da draußen! In Lübeck drüben haben sie auf dem Schifferhaus den alten Spruch: ›Navigare necesse est, vivere non necesse est!‹ In Hamburg steht geschrieben: ›Mein Feld ist die Welt!‹ Wir hier in Bremen sagen: ›Buiten und binnen wagen und winnen!‹ Das ist auch ein gutes altes Hanseatenwort, mein Sohn Erich!« Thomas Lürsen, der Bremer Reeder, räusperte sich, während er zu dem großen, zur Mittagstafel um seinen Sohn, den Korvettenkapitän Erich Lürsen, versammelten Verwandtenkreis sprach. Er sah von seiner prunkvollen Villa am Osterdeich über den Römer voll Rheinwein in der erhobenen Rechten hinweg durch die Fenster das schmale Band der Oberweser und dahinter, flach wie eine Tenne, die letzte niederdeutsche Ebene mit dem schwarzweiß gesprenkelten Weidevieh. Die Windstöße, die die vereinzelten Bäume schüttelten, brachten ihren Salzhauch schon von der nahen See. Die kleinen Wogen auf dem Flusse schäumten unter den unsichtbaren Atemzügen des Meeres. Die Möwen kamen von dort und flatterten und kreischten. Die Wolken zogen von Norden aus der Wasserwüste heran. Dort draußen, vor den grau rauschenden Wellentoren von Bremerhaven war das Wasser und war der Krieg. Der Krieg auf der ganzen Welt um das freie Meer ... »Was wir daheim haben, mein Sohn Erich, das müssen wir draußen erobern. So haben wir es immer gehalten. Wir haben die Stunde kommen sehen, um die noch keiner herumgekommen ist, der je auf große Fahrt gegangen ist. Da hat er immer schon nach ein paar Meilen draußen den Engländer getroffen. Und jetzt hat der Engländer ja wohl den Union Jack in Weiß statt in Rot in Top gesetzt. Das tut er immer, wenn er zu viel Schiffe von einer anderen Nation auf dem Meere herumschwimmen sieht. Davon wissen alle Nationen seit Jahrhunderten ein Lied zu singen. Das ist eine kleine Schwäche von ihm: dann kommt er und versenkt sie. Bis er einmal selber versenkt wird ...« Der Reeder Lürsen war ein straff und hoch gewachsener Mann zu Ende der Fünfzig. Er hatte die blauen Augen und das gemessene und nüchtern-zähe Antlitz seines Sohnes, nur mit einem langen grauen Schnurrbart, und sprach wie jener mit einem Anklang an die Waterkant und ebenso langsam und ruhig. Und dieselbe unbeirrbare Zuversicht lag auf den Zügen seiner Frau ihm gegenüber und den kaltblütigen Gesichtern der verwandten Handelsherren mit ihren Damen am Tisch, deren Köpfe im Frieden die Dampfer über den Erdball lenkten und die Speicher aller Häfen füllten und deren Wort auf der Börse drinnen am Bremer Markt bar Geld war. »Wir alle hier wissen, was der Engländer ist. Besser als die da drinnen im Reich. Die Leute da hinten haben uns oft nicht verstanden, wenn wir sagten: Unterschätzt den großen Seeräuber nicht! Der Mann hat einen großen Zug. Mit Kleinigkeiten gibt er sich nicht ab. Die Kleinen hat er gern; die Portugiesen läßt er laufen. Aber den Großen möchte er an die Kehle. Das sind jetzt wir: die Deutschen! Wir sind nicht bang. Das ist nicht unsere Art – nicht? Wenn er sagt: ›Silberne Kugeln!‹, dann sagen wir: ›Eiserne Nerven!‹« Thomas Lürsen wandte sich, das Glas in der Hand, an seinen Sohn. »Ich denke, die Nerven, die brauchst du ja wohl zu dem, was du vorhast, und die hast du ja auch wohl! Und so wollen wir, ohne noch viel Worte zu verlieren, auf etwas trinken, was in den nächsten Tagen geschehen soll. Die Engländer haben uns das Tor in die See vor der Nase zugeschlagen. Vielleicht schließt du es mit den Bremer Schlüsseln wieder auf! ... Und viele andere tapfere Männer tun draußen mit, bis das erreicht ist, was unserm Roland, dem Riesen, auf dem Schild geschrieben steht: ›Vryheit du ik ju openbar‹ – die Freiheit der Meere für uns und alle! Dann wollen wir auch mit dem Roland sagen: ›Des danket Gode, is min Redt!‹« Der Apostelwein aus dem Ratskeller schimmerte golden in den Gläsern. Der Korvettenkapitän Erich Lürsen trank als weinverständiger Mann und machte ein trübes Gesicht und seufzte. Es war ihm gräßlich, wenn die Rede von ihm war. Er konnte es auch bei andern nicht leiden, wenn sie von sich sprachen. Er wählte sich bedächtig und nach langem Suchen zum Nachtisch seine Havanna. Darin verstand er als geborener Bremer keinen Spaß. Die ersten Züge aus der Zigarre brachten ihn wieder in gute Laune. Er saß trocken und gelassen zwischen den Bremer Patriziern, aus deren Kreis er stammte, mit einem so gleichgültigen Zug um die dünnen, glattrasierten Lippen, als sei heute ein Tag wie jeder andere. Dann meldete ihm das Mädchen, Herr Oberleutnant zur See Freiherr von Forchheim sei draußen, um ihn dienstlich zu sprechen. Er erhob sich und trat in die Diele. »Tag, Forchheim! Ich habe Sie bitten müssen, noch einmal herzukommen. Es sind da noch ein paar Sachen zu besprechen ... Wir wollen da hineintreten ... nicht?« Sie murmelten einige Zeit gedämpft in dem Empfangszimmer miteinander. Selbst wenn ein Lauscher an der Tür gewesen wäre, hätte er keine Silbe verstehen können. Dann sagte Erich Lürsen lauter: »Alles klar! Wir waren nebenan gerade beim Backen und Banken. Kommen Sie herein. Es steht da noch ein Wein auf dem Tisch – den kann ein Mann wohl trinken.« »Ich danke gehorsamst, Herr Kapitän. Aber ich bin im Hotel mit meiner Schwester zusammen.« »Ihrer Frau Schwester aus Holland?« »Jawohl. Sie ist jetzt bei meinen Eltern in Bayern zu Besuch. Meine Eltern sind kränklich. Denen war die weite Reise jetzt zu viel. Da kam sie wenigstens hierher, um mir vor der Abfahrt adieu zu sagen!« »So ... so ... Ja, denn helpt dat nich. Dann treffen wir uns heute abend zum Zug am Bahnhof ...« »Zu Befehl, Herr Kapitän.« »Oder hören Sie mal ...« Erich Lürsen sann nach und sagte dann mit einiger Selbstüberwindung: »Sie sind doch natürlich da am Heerentor abgestiegen? Da hole ich Sie im Vorbeigehen ab, damit Sie mir nicht verlorengehen. Ich brauche Sie, Mann! Auf Wiedersehen!« Als er nach ein paar Stunden den Hotelsaal betrat, sah er drinnen gleich das rotwangige, bartlose Kindergesicht des kleinen Forchheim und daneben Johanna Ter Meers lebhaften, fein geschnittenen blonden Kopf. Er küßte ihr ernsthaft die Hand und setzte sich. Er war immer anfangs im Verkehr trotz seiner ausgezeichneten Formen eines Marineoffiziers zurückhaltend, fast förmlich und wortkarg. Er sagte nur: »Ich bin'n büschen früher hier, Forchheim ... ich hatte gerade Gelegenheit, rasch von zu Hause klar zu kommen. Ich mag das lange Abschiednehmen nicht.« Dann wieder eine Stille. »Was haben Sie vor, Herr Kapitän? Der Hans hüllt sich in ein so geheimnisvolles Schweigen ...« »Das will ich wohl so hoffen, Frau Baronin!« »Ist es denn etwas so Gefährliches?« »Das glaub' ich ja nun nicht. Ich bin immer für die Vorsicht.« Erich Lürsen sagte es langsam und freundlich. Dabei spielte ein abenteuerlicher Zug verstohlen um seine Mundwinkel, und er setzte hinzu: »Sie müssen nur immer tüchtig die Zeitung lesen, Frau Baronin. Vielleicht steht da 'mal was über uns im Blättchen.« »Auch in Holland?« »Die Dutchmen hören ja mehr als die Leutchen hier.« Er zwinkerte mit den Augen und frug dann harmlos: »Was machen die Lords?« »Welche Lords?« »Ihre Freunde in England. Waren Sie nicht wieder in England?« »Seit wir uns in Brüssel trafen, nicht.« »Aber Sie gehen doch wieder hin?« »Ich muß ja zuweilen.« »Warum?« »Weil mein Junge für den Winter dort ist. Bei einem Clergyman in der Nähe von Eastbourne.« Zum erstenmal sah sie Erich Lürsen wirklich grimmig und bekam Angst vor ihm. Er klappte in unterdrücktem Zorn mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ein deutscher Junge ...« »Er ist doch Holländer. Sein Vater ist Holländer.« »Ach so, ja ... das vergess' ich immer ...« »... und mein Mann ist der Meinung, daß Jan, der durch mich Deutsch spricht, nun ebenso Englisch lernen soll, ehe er im nächsten Jahr in die Schule tritt.« »Wie alt ist er denn?« »Er wird Neun.« »Und da muß das arme Kind schon ...« »Mein Mann meint, daß man in späteren Jahren nie mehr ganz die Aussprache der oberen Zehntausend in England gewinnt. Und diese sei doch ein Freibrief auf der ganzen Welt.« »Ich fürchte, bis der kleine Jan ein großer Jan geworden ist, wird man sich mit dem Freibrief die Pipe anzünden können«, sagte Erich Lürsen. Eine unheilverkündende Wetterwolke zog dabei über sein Gesicht und verflog wieder, während sie fortfuhr: »Ich habe nun einmal einen Ausländer geheiratet. Ich kann da nichts machen. Ich muß im Frühjahr nach England, um Jan heimzuholen.« »Und Sie freuen sich natürlich auf England? Da sind Sie doch am liebsten – nicht?« »Ich bin am liebsten da, wo Vernunft und Versöhnlichkeit herrschen.« »Da müssen Sie flugs über den Kanal, Frau Baronin!« Johanna Ter Meer beugte sich vor und bewegte heftig die Stricknadeln an den braunen Liebessocken, an denen sie seit ihrer Ankunft in der Heimat wie alle Damen in Deutschland arbeitete. »Die Engländer hassen uns nicht«, sagte sie. »An sich hat der Engländer keine Freude an einem Krieg. Es ist zu viel Zwang dabei und kostet zu viel. Beides mag er nicht. Es herrscht überhaupt in England weniger Interesse für diesen Feldzug als für einen Cricketmatch!« Der Kapitän Lürsen warf dem Oberleutnant einen trockenen Blick zu. »Na, Forchheim, vielleicht bringen wir ihnen das Interesse bei ...« »Aber hier in Deutschland ... wie ich aus Holland ankam und die gewaltige Stimmung hier sah, da hab' ich die ersten Nächte geweint, daß ich keine Deutsche mehr sein sollte ... ach was ... ich bin es aber doch ...« »Na also ...« »Vorgestern hab' ich meinen Schmuck in Berlin an den Juwelier verkauft ... ich hatte doch nicht so viel Geld bei mir und wollte doch etwas für die Verwundeten tun ...« »Was wird denn der Herr Gemahl in Holland dazu sagen?« »Wie ich ihn kenne, nichts. Und mir bei nächster Gelegenheit einen neuen schenken.« »Sie sind zu beneiden!« »Ja. Er ist immer gut zu mir. Aber was ich sagen wollte: wie der Juwelier hört, um was es sich handelt, war der Mann rein aus dem Häuschen vor Begeisterung. ›Das ist recht, gnädige Frau‹, sagte er immer wieder. ›Nur immer feste gegen England!‹« »Tüchtiger Mann!« Die Stricknadeln klapperten unruhig zwischen Johanna Ter Meers nervösen weißen Fingern. »Ja, aber warum denn immer nur gegen England? Warum nicht ebenso gegen die anderen? Ich greife mir manchmal an den Kopf und frage mich, woher kommt denn in Deutschland die Wut? ... Wieviel alte Kultur steht auf dem Spiel ... unersetzliche Kultur! Wenn ich nur an den Zauber irgendeines alten englischen Landsitzes denke, mit seiner wunderbaren Selbstverständlichkeit in allem seinem anspruchslosen Überfluß ... überall Maß und Form ... das ganze Leben in festen Schranken und eben darum so frei ...« »... und von oben eine ordentliche Fliegerbombe hinein – was, Forchheim?« »Denken Sie sich doch einmal die Erde ohne England: diese Unordnung in allen Häfen, diese Unsicherheit auf allen Meeren, diese Zuchtlosigkeit der Farbigen in allen Ländern! Aber wenn ich das den Leuten hier sage, lachen sie mich aus. Sie lachen ja auch schon wieder ...« »Ich zucke nicht einmal mit den Lippen ...« »Ich kenne schon Ihre Art, so ganz hinten mit den Augen zu lachen!« Der Kapitän Lürsen stand auf. »Sie sind eine kluge Diplomatenfrau, Frau Baronin«, sagte er. »Aber was wir so gegen die lieben Vettern drüben auf dem Herzen haben, das begreifen Sie nicht. Denn wir haben es eben im Herzen und nicht im Kopf. Das ist ja wohl so Gottes Wille in Deutschland ...« Er hatte es ernster als sonst gesagt. Aber als er ihr jetzt die Hand zum Abschied bot, lächelte er wieder in seiner alten Art. »Lassen Sie es sich gut gehen, gnädige Frau, und grüßen Sie drüben die cousins recht schön von mir, ... And tell them, please: It 's not only in Old-England, that huntsmen and hounds settle to their fox! « Sie wagte nicht noch einmal zu fragen, was das für eine Hetzjagd zwischen Reitern, Hunden und Fuchs sein sollte, von der er sprach. Sie sagte nur mechanisch, in der Gewohnheit des Lebens in der angelsächsischen Welt: »I shall do so!« und dann auf deutsch: »Sie haben eine merkwürdig reine Aussprache des Englischen, Herr Kapitän. Wenn ich Sie draußen träfe, würde ich schwören, daß Sie Engländer sind.« »Sie sagen mir lauter traurige Sachen zum Abschied, gnädige Frau.« »Sie sehen sogar, wenn Sie wollen, wie ein Engländer aus. Jetzt eben, wie Sie von dem Fuchs sprachen, hatten Sie einen Moment das richtige Sportgesicht über dem roten Frack ...« »Das scheint Ihnen wohl nur so ...« »Ich habe doch viele tausend Engländer in allen Erdteilen gesehen. Sie könnten ruhig überall unerkannt unter ihnen herumgehen!« »Wenn ich das bloß könnte, gnädige Frau! Ich täte es gleich. Aber unter einer Bedingung: Sie müßten mit dabei sein.« »Ich?« »Ja« »Und auch noch jetzt, mitten im Krieg?« »Gerade wenn ich jetzt mal die Möglichkeit hätte, mit Ihnen zusammen da drüben in England zu sein und Ihnen die Engelschen zu zeigen, wie sie wirklich sind! ... Jetzt wäre so gerade die Zeit. Jetzt lassen die alten ehrlichen Burschen ihre Masken fallen. Das wäre ein Spaß, nicht?« »Wir beide jetzt zusammen drüben in England? Da müßte eher der Himmel einfallen.« »Ich kann es mir auch nicht recht vorstellen. Schade ... Es wäre eigentlich ein Wunder vom lieben Gott. Und nun muß ich gehen, gnädige Frau.« Er küßte ihr die Hand mit einer gewissen stillen Feierlichkeit. »Ich hoffe. Sie kommen gut zurück, Herr Kapitän!« »Und ich hoffe, Sie sind bis dahin eine gute Deutsche geworden, gnädige Frau. Wie? Das sind Sie schon? Also eine so gute Deutsche, wie ich sie mir vorstelle, ohne die stille Schwäche für die cousins ! ... Ob ich sonst noch Befehle für Sie habe? Nein. Danke. Weiter ist nichts. Und nun wollen wir uns zum Abschied vertragen!« sagte Erich Lürsen in einem wärmeren, bei ihm ungewohnten Ton und hielt unwillkürlich ihre Hand fest. »Vorwärts, Forchheim! Wir müssen nun mal schauen, wie weit man auf sein ehrliches Gesicht durch die Welt kommt.« »Ich bin so gespannt, von Ihnen zu hören ...« »Haben Sie Geduld, Frau Baronin. Ich bin ein bescheidener Mann, der nicht gern viel Aufsehen macht – nicht? Den Lärm besorgen hoffentlich, wenn's mal so weit ist, die Engelschen ganz von selber.« Er ging und sagte draußen in der dunklen Nacht, wahrend sie über den einsamen und windigen Bahnhofsplatz schritten: »Gut, Forchheim, daß Sie sich auch niemanden an den Zug mitbringen. Nur jetzt nicht viel Wesens um einen. Wenn ich nur erst mal die langen Wellen im Atlantik unter den Beinen hab', dann will ich ja gern mein Bestes tun, um die Versicherungen bei Lloyds auf eine unchristliche Höhe zu bringen ...« Draußen auf grauer See pflügte an einem der nächsten Tage der Herbststurm unermüdlich die Wogenberge. Noch innen im weiten Becken des Kriegshafens scheuchte er den Wasserspiegel zu unruhigen kurzen Wellen. Der Gischt schäumte um den Kiel der hin und her schießenden Barkassen, an deren Bug der kleine Kriegswimpel des Reiches steif flatternd gegen den Wind stand. Die Kriegsflagge überall, auf den Werften und im Arsenal, auf den Dächern der Dienstgebäude und im Top der Masten. Der Abend dunkelte. Am Land löste sich der Hölzerwald der Hellingen in unbestimmte Schatten. Das abgetakelte Mastengewirr der nahebei verankerten kleinen Prisen tanzte kaum mehr sichtbar durcheinander. Aber das vieltausendfache Geklopfe und Gehämmer aus den hundert Werkstätten der Werft hörte nicht auf. Das ging Tag und Nacht. Es belebte sich jetzt in der Nacht sogar noch in einem geheimnisvollen Lichterglanz. Da, wo Glaswölbungen das Flicken und Zimmern der großen und kleinen Schiffe überdachten, stieg es jetzt wie ein ungeheurer, in der Ausbesserung begriffener Zentralbahnhof aus dem Dunkel, mit einem Farbenspiel von roten, grünen, weißen und bläulichen Lichtern. Eine Gruppe Arbeiter schob auf Handkarren Torpedos hinunter an den Kai, wo ein Schwarm Zerstörer seitlings nebeneinander ungeduldig gleich einem Rudel schwarzer Wölfe auf den gekräuselten Wellen schaukelte und an den Ankerketten riß. Die Arbeitsleute, die ebenso verrußt und verraucht waren wie die Fahrzeuge vor ihnen, machten neben den viermannslangen kupferbraunen Torpedofischen halt, die noch kopflos und träge, wie schlafend, mit ihren Seiten- und Steuerflossen auf den Wagen lagen, und schauten durch das leise Gezitter des Rauch- und Öldunstes um die Schornsteine der Zerstörer auf den Hafen. Dort glitt im Dämmergrauen schattenhaft und langsam ein Schiff hinaus. Es trieb an dem Krebsrot der seit Kriegsbeginn eingefahrenen Feuerschiffe vorbei, an dem Schneeweiß der hier in Sicherheit verankerten Schulschiffe des Lloyd. Es steuerte nahe an den schwimmenden Wasserburgen der Schlachtpanzer hin, die nun schon ihre Kriegsflaggen und drüben die Admiralsflagge mit den schwarzen Kugeln eingeholt hatten. Die vielgebuckelten, niedrig in Bügeleisenform ausgeschweiften Ungetüme schliefen. Das Wimmeln von Blaujacken um die fünf Türen, die langen weißen Hängemattenreihen, das wechselnde, steigende und sinkende Bunt der Flaggensignale nach dem Land waren verschwunden. Keine Trompetenstöße hallten mehr über das leere Deck. Nur die langen Kanonenfühlerpaare der Geschütze streckten sich finster in die Dunkelheit, und die Augenpaare einsamer Wachen folgten dem stummen grauen Schiff, das in dem Silbergrau der Luft zwischen Himmel und Wasser, dem fahlen Grau der See bald in der Ferne, dem Meere zu, schattenhaft zu einer Luftspiegelung wurde und leise, gleich dem Fliegenden Holländer, sich in Nichts und Dunst und Leere löste. Aber in der Nacht darauf sah der Kommandant eines der Torpedoboote, die, draußen auf und nieder kreuzend, auf hoher See die Wache hielten, den Fliegenden Holländer wieder. Der Kommandant stand in der rauschenden, pfeifenden, stöhnenden Finsternis oben in seinem kleinen, dick mit Matratzen auswattierten Turm zwischen den vielen Knöpfen und Griffen im Halbrund um ihn, auf denen sein Fingerdruck in tiefstem Dunkel ohne Hilfe des Auges sicher spielte und die Befehle nach unten gab. Alle Lichter des gefechtsklaren, pechfarbenen Zerstörers waren abgeblendet, Segeltuch um die Scheinwerfer gespannt. Zwei nachtgeübte Augen spähten, unbeirrt durch künstliche Helle, wie Eulenaugen in die weite schwarze Leere, aus der das Weiß der Wellenkämme aufschäumte und, durchschnitten, das Vorderschiff mit Salzsprühen und Wasserplatschen überschwemmte. In diesem stürmenden Nichts der Nacht huschte drüben vor dem Torpedoboot ein Spinnweb von Masten, der Schatten eines Schiffsrumpfs wie ein Geisterschiff vorbei, verlor sich sofort wieder, als sei er nicht gewesen. Der knebelbärtige Kommandant im Torpedoturm wußte, was das war. Er schrie dem Fähnrich zur See neben ihm ins Ohr: »Nun ist er draußen! ... Wenn er nur mal erst mitten zwischen New York und London wäre ...« 4 Von der Nordsee her gellte es durch das kahle Parkgehölz des Scheveninger Weges wie ein Hohngelächter der Windsbraut um das Vredes-Palais, den vom Land der Granatenlieferungen zu Ehren des Zaren erbauten Friedenstempel, der einsam, von schrägen Regengüssen triefend, unter den ersten Häusern des Haag stand. Die Böen fegten weiter über die niederländische Hauptstadt, der Sturm pfiff um die Ecken, die Menschen drückten sich die Hüte fester in die Stirn und standen doch überall mit flatternden Mänteln in Gruppen beisammen, die letzten Zeitungen in der Hand. »Das Stoomboot von Harwich ist vorhin erst in Hoek angekommen! Sie telefonieren von dort, in England habe man vorigen Mittwoch nacht starken Kanonendonner nahe der schottischen Küste gehört!« »Haben die Engelschen wieder aufeinander geschossen?« »Nein. Es heißt, es sei ein deutscher Blockadebrecher durchgekommen!« »Wenn eine Flunder zu mir bis hierher in diese Kammer kommt, dann möchte auch ein solches Schiff die weite See gewinnen. Aber anders nicht!« sagte in seinem reichen Hause in der Javastraat der Yonkheer Cornelis Ter Meer, dem der Diener die Zeitung gebracht. Er saß mit seiner Frau und seinen Freunden beim »Kaffee«, dem Mittagsfrühstück. In seinem Ton lag die ruhige Anerkennung britischer Allmacht zur See. »Aber hier steht: von ›Lady Jones‹, ›Adolphus‹ und ›Essex‹ fehlt in Liverpool seit achtundvierzig Stunden jede Funkspruchverbindung aus dem Atlantik.« Der Yonkheer Ter Meer machte eine wohlgelaunte, ablehnende Handbewegung zu seinem Schwager Staal van Lith, der das gesprochen. Er war hier in der Mitte seiner Landsleute so, wie die Holländer alle miteinander verkehrten, frisch und froh und ohne Zwang, viel lebhafter in der Sprache als im Wesen, immer bereit, einander zu foppen und die kleinen Dinge des täglichen Lebens komisch zu nehmen. Sein ruhiges und verständiges Gesicht mit dem leicht angegrauten Schnurrbart und den kühlen grauen Augen unter der kahlen Stirn hatte den heiteren und zufriedenen Ausdruck eines Mannes, dem es im Leben gut ging und der das auch wußte, weil er viel von der Welt gesehen hatte und ihre Güter miteinander vergleichen konnte. Er sagte, mit Rücksicht auf seine beiden neutralen Gäste am Tisch, den norwegischen Reeder Pedersen und den Großhändler Holm aus Kopenhagen, in deutscher Sprache, die sie alle verstanden: »Nederland ist niet groß ...« » Malheureusement... notre pays est petit «, ergänzte Mynheer van Ysselt, nach der Sitte der feinen Welt im Haag auf französisch. »... und Nederland ist doch groß! Durch seine Historie und durch seine Kunst und durch seine Kolonien und durch seinen Handel und durch seine Menschen. Darauf sind wir alle stolz.« »Ja, seker!« »Und Nederland soll groß bleiben! Das kann es nur, wenn es sich dem Orlog zwischen Franschmann, Duitschen und Engeland fernhält...« »Das spricht von selbst!« »Die Neutralen müssen sich alle zu einem Weltbund zusammentun, der sie schützt.« »Und wer schützt den Weltbund, Cornelis?« Der alte Colonel a. D. van Meerkerk war ein Spötter. Er hegte als Soldat eine Schwäche für die deutschen Waffen und was an deutschem Wesen damit zusammenhing. »Groot-Britannie...« Es klang beinahe feierlich, wie der Yonkheer Ter Meer das aussprach. Er fuhr fort: »Groot-Britannie ist auf der Welt, was der Politieagent da vor dem Fenster ist. Es hält Ordnung und sichert jedem ehrlichen Menschen Arbeit und Eigentum.« »Besonders, wenn es die Zweep über dem Inder schwingt«, versetzte der unverbesserliche Colonel. Mynheer van Ysselt neben ihm, der selber früher Rat von Indien gewesen und als solcher hier im Ruhestand den sonst im Haag nie gesehenen Zylinder trug, räusperte sich mißbilligend. Wo blieben die Sunda-Inseln, wenn es England einfiel, die Zufahrt zu sperren? »Groot-Britannie hält überall auf der Erde seine Hand über jeden weißen Mann ...« »Deswegen hat es euch wohl Kapland und Ceylon weggenommen«, sagte Johanna Ter Meer zu ihrem Mann. »Oh – still doch, Jantje.« Davon sprach man nicht. Die Mienen verdüsterten sich beim Gedanken an den Verlust dieser schönen Perlen aus der Krone von Übersee. »Immerhin, Groot-Britannie hat für diese Länder sein Bestes getan.« »Ob die zwanzigtausend Burenfrauen und Burenkinder, die Kitchener verhungern ließ, auch so gedacht haben?« Die Buren waren von Stamm und Blut und Sprache der Niederlande. Wieder umwölkten sich die Stirnen. Der Yonkheer Ter Meer zuckte die Achseln. »Groot-Britannie – das ist die Freiheit!« »Cornelis ... wann reisen wir zusammen nach Irland?« »Ihr habt zu viel getrunken, Colonel. Ihr werdet morgen Haarpein haben.« »Er hält es mit den ›Mofs‹!« Kaum war dem Munde des einen Mynheers das beliebte Wort »Mof« statt »Deutscher« entfahren, so entstand ein verlegenes Stillschweigen. Aber Johanna Ter Meer blieb gelassen. »Gott – sagt doch ›Mof‹! Mir ist es gleich. Ihr wißt doch so gut wie ich: ›Mof‹ heißt Macht!« »In dieser Stimmung ist sie aus Deutschland zurückgekommen«, sagte der Yonkheer Ter Meer gedämpft zu seinem Schwager und dann lauter und freundlich: »Macht ist bei den großen Völkern. Um so mehr ist bei den kleinen die Kultur.« »Dat is juist!« »Die großen Völker kennen jedes nur sich selbst. Wir kennen jedes von ihnen und nehmen von jedem von ihnen das Gute. Sonst hätte ich hier nicht meine Frau aus Deutschland geholt.« Er nickte lächelnd Johanna zu. Jeder am Tisch wußte es: die Ehe war glücklich. Aber dann fuhr der Yonkheer Ter Meer mit der unbeirrbaren Zähigkeit seines Wesens fort: »Wir sind friedlich, wir wollen zur See fahren und Geld verdienen. Wir sind auf dem Meer wie eine Kerze. Groot-Britannie kann uns ausblasen!« »Das käme uns niet zupaß!« Wie der grimmige Atemzug eines Seeriesen fegte von der Scheveninger Küste her der Sturm durch das tiefe Abenddunkel über Willemspark und Plants und Buitenhof und Binnenhof. Windstöße kräuselten die Wasserfläche des Wijver. Durch ihr Pfeifen klangen die Rufe der Zeitungsverkäufer. Die letzten Nachrichten vom Weltbrand draußen und seinen lockenden, phantastisch wie Elmsfeuer auf den Meeren gaukelnden Irrlichtern, den unerhörten, nie dagewesenen Kriegsgewinnen der Neutralen zwischen Haparanda und Vlissingen. Im Ter Meerschen Salon standen die Herren, die Zigarren in der einen Hand, die Blätter in der anderen. Die Stimmen schwirrten. »Prins der Nederlanden« mit 1309 Lasten Javaleder in Amsterdam eingelaufen ... Ein Aufatmen – Leder! Die Kriegführenden zahlten für Leder jeden Preis. »Pedersen ... etwas für Sie. Die ›Solveig‹ ist aus Surabaya!« »Wir haben ihr noch gekabelt: Nehmt noch eine Partitje Ficus Bosch-Produkte an Bord. Zwölftausend Kilo oder so viel ihr bekommen könnt. Hier steht der Preis schon auf zweihundertfünfzig Gulden.« »Heute!« Wer weiß, wie morgen! Die Kurse tanzten. Seit Kriegsausbruch kaufte man in allen Häfen der Erdkugel auf, was die kämpfenden Weltmächte brauchten und nicht mehr voneinander bezogen, und führte es ihnen unter neutraler Flagge zu. »Kakao! Sag mir eins, Willem, wie steht Kakao?« »Der Kaffee ... Mynheer Holm ist ängstlich um den Preis ... Nein – da unten! Java – Robusta 2457 Tonnen! Sumatra ... Nein ... Brasilien!... Brasilien! ... Die Stimmung in Santos kritisch. Die Terminpreise steigen.« Das Gesicht des Dänen glänzte. Er riß ein Notizblatt heraus und schrieb ein paar Worte. »Kann ich eine Eildepesche nach Kramers Hotel schicken?« Kramers Hotel in Malmö, der Sitz des wildesten Wirbelspiels der Gulaschpreise und Ausfuhrkonzessionen, der Tummelplatz der Millionäre, die vor einem Vierteljahr noch Steuerleute und Metzgermeister gewesen ... Cornelis Ter Meer hatte einen Diener mit dem Telegramm entsandt und wandte sich angeregt und voll Eifer an seine Frau. »Die Geschäfte gehen gut.« »Als unser Münchener Regiment List und die jungen Berliner Regimenter bei Ypern angriffen«, sagte Johanna Ter Meer, »da sangen die Jünglinge im Granatfeuer aus voller Kehle: ›Deutschland, Deutschland über alles!‹« »Ja, aber was hat das hier mit den Geschäften zu tun?« »Gar nichts ... Das ist es ja eben!« Der Yonkheer Ter Meer sah sie verständnislos an und schüttelte den Kopf. Um ihn herum überflogen prüfende, geschäftsgewohnte Augen die Kurse ... die Börse ... die Steuern auf dem Belastungskontor, dem Zollamt, und immer wieder de Zaak ... die Sache ... das Geschäft... Zweiundneunzig Waggons Käse in Utrecht ... der »Theseus« mit Sumatra-Tabak in London ... die Zucker-Raffinadeure ... Pferdehandel in Gouda ... Javareis ... Butter in Nymwegen für englische Regierung bis zu anderthalb Gulden ... große Eieraufkäufe für Wien ... »Bei Sluis, an der Grenze, haben gestern wieder alle Scheiben vom Kanonendonner gezittert«, sagte Johanna Ter Meer in die Geschäftsstille hinein. »Wohl. Und ...?« »Nun, ich meine ... da draußen ist Krieg!« Es hemmte einen Augenblick die wilde Jagd von Kupfer und Konserven und Kursen. Es war doch in all den Seelen hier eine Sehnsucht nach Frieden, schon aus Sorge um das eigene Land und die Zukunft, die so dunkel war wie die stürmende Nacht da draußen. Die Verkündigung der englischen Blockade vor einigen Wochen – das war das Donnergrollen in dem Goldregen, der märchenhaft aus den schwarzen Wetterwolken des Krieges über die Inseln der Neutralen niederging. »Die Engländer sind unerbittlich. Sie legen einen eisernen Riegel vor die See.« »Ich denke, England ist die Freiheit?« sagte Johanna Ter Meer. »Ich möchte wohl wissen, wer dir in Deutschland diesen Widerspruch eingegeben hat!« Der Yonkheer Ter Meer war verdrießlich und lenkte dann doch ein: »England wird mit sich reden lassen.« »Wir haben einen Anspruch darauf.« »Wir besitzen das Recht des Schwächeren!« »Was wird telefoniert, Cornelis? In Liverpool fehlt schon Nachricht von sieben atlantischen Steamers? Ein Jammer! ... Nun – wir wollen gehen!« Als die Gäste sich empfohlen, saß der Yonkheer Ter Meer eine Weile in seinem Lehnstuhl, ohne, wie er es sonst um diese Stunde tat, die vor ihm liegende Riesennummer der »Times« bedächtig und sorgsam, den goldenen Zwicker auf der Nase, von Anfang bis zu Ende wie eine weltliche Bibel durchzulesen. Seine Gedanken waren noch bei den rätselhaften Schiffsverlusten im Atlantischen Ozean. »Da vergeht einem Eßlust und Ruhe«, sagte er. »Was mag da draußen los sein?« »Was ich schon lange mir denke: ein deutsches Schiff, das durch die Blockade gebrochen ist!« »Woher willst du das wissen, Jantje?« »In Deutschland hört man mancherlei ...« Cornelis Ter Meer saß und rauchte mit der Ruhe eines Mannes, den, Gott sei Dank, Krieg und Kriegsgeschrei nur von außen kümmerten, mit der Sicherheit des Angehörigen eines friedlichen Landes, das inmitten der Völkerdämmerung, von beiden Seiten geachtet, seiner nützlichen Arbeit nachging wie im Mittelalter der pflügende Bauer zwischen den kämpfenden Rittern. Durch die duftigen Ringel der Havanna sah er drüben wie in einem seinen, blau zerfließenden Heiligenschein den Blondkopf seiner Frau und freute sich, wie jeden Tag, daß sie schön und anmutig und die zarte Zierde seines Hauses war. Gerade über ihr hing an der Wand ein Meisterbild von Cornelius Cornelis: ›Christus treibt die Händler aus dem Tempel.‹ Ihr Blick fiel darauf, und sie sagte unvermittelt: »Ihr seid auch wie die Pharisäer. Ihr sprecht vom Frieden und verdient am Krieg.« »Nur weil wir müssen, Jantje. Ich möchte nur den Tag erleben, wo die Klock den Frieden einläutet ... Du weißt, ich liege manche Stunde in der Nacht wach und sorge, wie wir hier im Frieden durch den Orlog kommen. Meine Angst gehört nicht den Deutschers und nicht den Engelschen. Meine Angst gehört Nederland. Ich will nur Frieden auf der Welt, und jedermann ist mir ein guter Mann, außer die Japs!« Gegen die Japaner hegte er eine tiefe und mißtrauische Abneigung. Sie lichteten nun einmal ihre geschlitzten Augen begehrlich auf die Sundainseln. Und was war Holland ohne Java und Sumatra, Borneo und Celebes? Die einzige Rettung vor dieser Gefahr schien ihm John Bulls starke Hand in Tokio. Er horchte auf, ging zu dem Fernsprecher, der ihn angerufen, sprach langsam, ungläubig hinein: »Wie? ... Ich habe nicht verstanden ... nein ... immer noch nicht... ich kann mir nicht helfen ... ich höre immer ›Nigeria‹ ...« Dann kam er zurück, so erregt, wie es ihm bei seinem kaltblütigen Wesen überhaupt möglich war. »Jantje ... Der Achtundzwanzigtausend-Tonnen-Dampfer ›Nigeria‹ ist mit einer ungeheuren amerikanischen Munitionsladung im Atlantik versenkt!« »Das ist recht!« So jäh wie ihre Worte stießen ihre Augenpaare und in ihnen ihrer beider Gedankengänge gegeneinander. »Wenn womöglich Menschen umgekommen sind, Jantje?« »Durch die Munition würden noch mehr Deutsche umgekommen sein!« Er schüttelte unbehaglich den Kopf und rieb sich vor dem Kaminfeuer die Hände. Beide waren sich auf einmal fremd. Johanna Ter Meer hob den Kopf. »Sonderbar, an Deutschland denkt ihr nie!« »O freilich, Jantje. Wie oft war ich dort.« »Aber hast du es jemals mit Ernst angesehen? ... Schon im Frieden war dir alles in Deutschland komisch ... der Schutzmann ... oder der Parademarsch ... oder daß die Herren zu tief voreinander den Hut abnehmen ...« »Ja. Es ist belachlich!« »Warum war dir denn in England nie etwas belachlich, wie du es nennst?« »Wahrscheinlich, weil da nichts derlei war«, sagte der Yonkheer Ter Meer ärgerlich, nahm wieder die »Times« zur Hand und vertiefte sich mit beinahe ängstlicher Spannung in den Bericht über die Vorbereitung der Tulpen- und Rosenausstellung in Chelsea im nächsten Mai. Er war wie alle Holländer ein großer Blumenfreund. Dem Verstummen seiner Frau schenkte er keine Beachtung, bis der Diener in der Türspalte erschien: »Mynheer van Wijk am Telefon.« »Die Passagiere der ›Nigeria‹ gerettet«, sagte er. »Aber schon neue Schiffsverluste. Wall-Street in Unruhe! Lloyds Versicherungen steigen sprunghaft. Viel Volk steht vor der Londoner Admiralität und grunzt.« »Laß sie grunzen ...« »Funksprüche von gejagten Dampfern von der Südroute, Handelsabfahrten aus allen Häfen vertagt! Viele Kriegsschiffe der Alliierten sind unterwegs, um das Kaperschiff zu fangen.« »Und das wäre dir recht?« »Wir sind ruhige Leute und brauchen ruhige See! ... Was ist das? Oh, Jantje ... Herr Pedersen schickt vom Hotel eine Depesche, die er eben aus Christiania bekam! Ik dank u zeer! ... Oh ... sehr interessant...« Cornelis Ter Meer las mit gespanntem Stirnrunzeln die paar englischen Worte. »Jantje... ein gelandeter Passagier der ›Nigeria‹ hat den Kapitän des deutschen Blockadebrechers erkannt. Er war mit ihm vor Jahren in Ostasien zusammen. Es ist ein Korvettenkapitän ...« »Lürsen...?« »Ja, bei Gott! Woher weißt du das? Kennst du ihn, Jantje?« »Ja.« »Was ist das für ein Mann?« »Ein Seemann, wie wir viele haben.« »Dabei leuchten deine Augen...« » ... wenn wir Deutschen zeigen, was wir können?« »Wir Deutschen! ... Du bist die Frau eines Neutralen ... Ich begreife dich! ... Aber sage es nicht vor anderen!« »Hörst du: da pfeifen sie draußen schon wieder den, ›Tipperary‹. Warum soll ich denn dann still sein?« »Die Menschen sind jetzt alle kranksinnig, Jantje. Es sollen auch andere Zeiten kommen. Dann wird alles gut.« »Nun, wenn dann Deutschland nicht mehr mit dabei ist, wäre es dir auch recht!« »Nein. Was dir schmerzelich ist, ist auch mir schmerzelich!« Cornelis Ter Meer legte seiner Frau die Hand auf die Schulter. Innere Ergriffenheit konnte er nach seiner Stammesart nur durch gutmütigen Spott zum Ausdruck bringen. Wo der wie hier nicht am Platz war, fehlten ihm die Worte. Aber sie empfand doch dankbar die Höflichkeit des Herzens, mit der er immer mit ihr verkehrte. Sie fühlte: Er hat mich wirklich lieb, er will überhaupt niemandem ein Leid zufügen, er ist ein gutmütiger Mensch. Es litt ihn jetzt nicht mehr daheim. Er mußte in die »Witte Societeit«, seinen Klub an der »Lange-Poten«-Straße, um bei einem holländischen Dämmerungslikör die Vorfälle auf dem Atlantik mit seinen Freunden zu besprechen. Er hatte viele Freunde. Er war trotz der Kühle seines Wesens heiter und umgänglich, betrachtete Holland eigentlich als eine große Familie und thronte wohlgelaunt in ihr. Ein Mann von sicherem Besitz und Selbstbewußtsein auf alles, was niederländisch war. Er küßte seine Frau und ging. Sie blieb allein zurück. Draußen tobte der Sturm. Sie hörte den Mann, der die frischen Schellfische aus Scheveningen brachte, in der Diele berichten, das Meer ginge rauh und hoch. Und in der Ostdüne, an einem der Querdeiche unter der drahtlosen Station, liege eine angeschwemmte Treibmine, so schwarz und dick und rund wie ein ersoffenes Farken. Die Wacht habe einen Notzaun darum gemacht... Der Krieg ... er war in der Luft ... er war im Wind ... er war in den Wellen ... er war in den Worten ... er war in den Seelen ... er war überall ... Johanna Ter Meer fühlte das Frösteln der Einsamkeit im fremden Land. Was ihr sonst Freude machte, all die Schätze des reichen Hauses um sie, ihre in allen Weltteilen gesammelten Stickereien, die indischen Waffen und Geräte, die Delfter Vasen und Teller, die friesischen Uhren und Stühle, die feist lächelnden Daibutsus auf dein Lotossockel, die japanischen Kunstblätter hatten ihre Farbe verloren. Ein blutigroter Flackerschein übergoß sie ... der Krieg ... der ferne Krieg ... Im Flur dröhnte das tiefe Gong der Hausglocke. Sie vernahm die Worte des öffnenden Mädchens: »Dag, Mynheer!« Eine englische jugendliche Männerstimme, und wieder ihr: »Mynheer is niet thuis!« Aber trotzdem brachte Betje gleich darauf eine Karte. Es stand nichts auf ihr als The Marquess of St. Asaphs . Johanna Ter Meer schaute überrascht auf den Namen, vor dessen paar Buchstaben jedem Briten das Herz in Stolz und Ehrfurcht schwoll. »Laat den Heer binnenkommen«, sagte sie, und während sie im Salon auf ihn wartete, dachte sie auch selbst, in einem unwillkürlichen Rückschlag angelsächsischen Empfindens, daran, daß dies wohl der vornehmste Besucher sei, der je hier in der Javastraat oder in irgendeinem Erdteil ihre Schwelle überschritten. Der Lord Harald von St. Asaphs füllte beim Eintritt in seiner Riesenlänge fast völlig den Türrahmen aus. Im Haag wie in ganz Holland waren Häuser und Zimmer an sich klein. Jetzt schien der Raum, in dessen Mitte er stand, neben ihm plötzlich wie eine Puppenstube. Er zeigte, unbefangen über das bräunliche Gesicht lächelnd, die großen weißen Zähne unter dem kurzen schwarzen Schnurrbart und sagte, während er ihr kräftig wie einem Mann die Hand schüttelte, mit dem herzlichen Freimut eines guten Bekannten: »Ich hatte Geschäfte in diesem Lande und fahre jetzt über Vlissingen zurück. Ich habe noch Zeit bis zum Zug.« Ihre erste Sorge bei seinen Worten war: möchte nur das Rundsesselchen aus schwarzem indischem Eisenholz, das er sich in englischem Instinkt gleich dicht an die Kaminglut herangerückt hatte, nicht unter ihm zusammenbrechen! Er bemerkte selbst die Gefahr, lehnte sich lieber, mit der Nachlässigkeit des Engländers in Damengesellschaft, ein Bein über dem anderen, die Hände halb in den Taschen, in den Kirchenstuhl daneben zurück und meinte ungezwungen und rasch: »Sie gaben uns die Ehre und waren in Ogmore Castle zu Gast. Es war so gut von Ihnen. So hoffe ich ernstlich, daß ich hier auch in Ihr Heim kommen darf?« »Es ist eine Auszeichnung, die meinen Mann glücklich machen wird, mein Lord Marqueß.« »Erwarten Sie ihn bald zurück?« »Ich denke so.« Sie merkte an dem Aufblitzen seiner südländisch dunklen, der Wirkung auf Ladies gewohnten Augen, daß ihm das Ausbleiben des Yonkheer Ter Meer ganz willkommen war. Sie fragte sich im stillen: Was will er? Sie, die Diplomatenfrau, kannte zu genau die eisige Höhe, in der sonst der englische Adel über der Menschheit wandelte, wenn er sich nicht plötzlich, wie Jupiter aus den Wolken, zu Londoner Tanzmädchen, Pariser Circen, Neuyorker Dollarprinzessinnen oder sonst einer glücklichen Sterblichen herniederließ. Aber der Markgraf von St. Asaphs schien ihr gegenüber nichts derlei im Sinn zu haben. Er dünkte sie ernster als im Herbst drüben in England. »Was ich mache, Madam?« sagte er auf ihre Frage. »Ich glaube kaum, daß ich auch nur von Dover bis nach London komme. Ich werde wahrscheinlich gleich weiter nach Calais und durch Frankreich nach Ägypten reisen. Es ist nützlich, sich dort umzusehen. Briten dürfen jetzt nicht schlafen ...« Sie las es auf den leichten Furchen seiner Stirn: da war nicht mehr ganz die göttliche Sorglosigkeit von damals ... »Und fürchten Sie nicht die Gefahr, Euer Herrlichkeit?« »Gefahr, Madam?« »Die U-Boote im Kanal!« »Oh – haben die Deutschen U-Boote?« fragte er so erstaunt, daß sie beinahe lachen mußte. »Aber Mylord ...« »Wenn Sie es sagen, mag es welche geben. Aber in England weiß man nichts von ihnen.« »Auch nichts von versenkten Schiffen?« »Manche tausend Schiffe kommen und gehen wöchentlich in britischen Häfen. Ob einmal eines im Sturm versinkt oder durch die Korsaren – Seefahrer sind das gewohnt. Niemand spricht weiter davon.« »Auch nicht von dem neuen Kaperschiff im Atlantik?« »Mein Gott – es sind Nadelstiche, Madam! Es mag einen Cityman interessieren, der bei Lloyds unterschrieben hat ... Seeräuber gibt es auch im chinesischen Meer. Ich sah sie selbst in Hongkong an den Rahen baumeln ...« Es war, als unterdrücke er dabei ein Gähnen über einen Gesprächsstoff, der unter seiner Würde war. Johanna Ter Meer konnte sich nicht helfen: aus dem unerschütterlichen Cäsarenwahnsinn wehte sie wieder der Geist von früher, aus der weiten Welt draußen, an, jenes gleichgültige, leidenschaftslose Herrscherbewußtsein, das jedes fremde Urteil lähmte, einen beinah zum Zweifel an sich selbst brachte. Seine Höchste Ehren der Marqueß von St. Asaphs sprach auch in dieser leisen, langsamen und wenig betonten Art des vornehmen Engländers, der seine Verachtung aller Dinge unter sich sogar darin zeigte, wie er nachlässig die Worte durch die Zähne zog. Plötzlich beugte er seinen athletischen Oberkörper etwas gegen sie vor und sagte lebhaft und lachend, frisch wie ein Etonboy, der er auch einmal gewesen: »Sie waren indes in Deutschland?... Oh – werden Sie jetzt auch sagen: ›Gott strafe England!‹?« Er sprach die Worte deutsch aus. Er saß freundlich lächelnd mit der Sicherheit eines Halbgottes da, prüfte sie rasch mit seinen dunklen Augen und setzte hinzu: »Sie sind keine Lady wie andere, Madam! ... Sie haben den Yonkheer Ter Meer zehn Jahre lang auf seinen Staatsgeschäften rund um die Erde begleitet. Sie sind jetzt bald hier, bald bei uns, bald drüben bei den Deutschen. Sie wissen und sehen mehr von Dingen als sonst die Damen. Sie sagen sich, ohne daß ich es ausspreche, daß ich nicht über den Kanal gekommen bin, um hier eine Pfeife zu rauchen. Ich habe guten Sport drüben im Stich gelassen. Sogar meine Erfindung der Landrobbe! ... Kennen Sie sie?« Plötzlich kam in dem Markgrafen von St. Asaphs wieder der hochgeborene Dilettant des Lebens heraus, dem alles ein Spiel war, der sich sein Spielzeug wählte und fallen ließ, wie es ihm paßte, ohne viel Unterschied zwischen Weltkrieg und Entenjagd. »Nichts mühsamer, als auf flachem Strand ans Land zu waten«, sagte er lebhaft. »Mein Motorboot hat einschaltbare breite Schaufeln wie jetzt die dicken Kanonen. Es klimmt mit ihnen spielend aufs Trockene und ebenso zurück. Ich hab' es von den Krokodilen in Äquatoria«. Noch während er sprach, legte sich über sein Gesicht eine Art Ernst der Erinnerung, daß die Welt zur Zeit nicht nur ein großer Sportplatz für Britenvolk sei, und er begann von neuem: »Sie kommen aus Deutschland? Ich bin ängstlich, zu hören, wie es dort steht. Waren Sie an vielen Orten?« »In Bayern. In Württemberg. In Berlin. In Bremen ...« »Wie ist die Stimmung?« »Gegen England, Mylord! Ich gab überall meiner Meinung Ausdruck, Deutschland und England sollten sich lieber heute versöhnen als morgen...« »Oh – nicht wahr, Madam? Männer sollten sich an allen Punkten der Welt sagen: Hallo, alter Bursche, was hast du gegen mich? Laß schauen, vielleicht kommen wir zusammen ...« »Wenn nur alle Landsleute Eurer Herrlichkeit so dächten!« »Oh ... wir haben in unserer Sprache das Wort vom ›ehrlichen Spiel‹. Dies Wort ist Britannien selbst. Vor allem müssen wir mehr voneinander wissen, hüben und drüben der deutschen See. Wir kennen uns zu wenig! Es ist ein langer Weg von Potsdam nach Trafalgar Square ...« »Sehr wahr!« Er lachte mit einem herzlichen und freimütigen Schimmer über dem trotz des schwarzen Schnurrbarts urenglisch geschnittenen Antlitz. »Sie sind doch eine geborene Bayerin, nicht wahr?« »Gewiß.« »Wie denkt man in Ihrem Volk über die Dinge? Steht Bayern vor dem Abfall?« »Ich glaube, ich höre nicht recht!« »Fordert nicht dies sanfte und ruhige Volk bayerischer Hirten den Sonderfrieden, von Innsbruck bis Stuttgart?« »Die werden euch was malen!« Es war ihr im Ärger auf deutsch herausgefahren. Aber er verstand es – er konnte sehr gut Deutsch, wenn er wollte – schaute sie einen Augenblick verwundert an und fuhr fort: »Seien wir doch offen. Wir wollten doch Freunde sein, Mrs. Ter Meer. Sie fuhren durch das Rheingebiet?« »Jawohl.« »Es konnte einen Menschen wohl düster stimmen, diese ausgestorbenen Fabriken?« »Ich sah sie alle in vollstem Betrieb. Mehr als im Frieden.« »Ohne Rohstoffe? Wir wissen von den Selbstmorden Ihrer verzweifelten Industriekapitäne!« »Jetzt möchte man sich aber wirklich an die Stirn fassen ...« »Amerikaner sagen uns, daß die Berliner City, die Frankfurter Börse, der Hamburger Kaufmann all ihr Geld auf Neuyork überschreiben ...« »Auch davon ist mir nichts bekannt.« »Sie sind hartnäckig, Mrs. Ter Meer ... Übrigens ... Sie sehen gut aus! ... Sie haben die Hungersnot in Deutschland gut überstanden.« »Die Hungersnot?« » Well , in allen Städten ... Sie mußten doch dort jedenfalls auch von Pferdefleisch leben?« »Marqueß Saint Asaphs: wer hat Ihnen denn alle diese ungeheuerlichen Bären aufgebunden?« »Oh, ich sehe ... Man hat auch Ihnen das Schweigen auferlegt, Madam. Man merkt, Sie kommen aus Deutschland, dem Lande der Organisation!« »Waren Sie je in Deutschland?« »Wahrlich, nein. Nie! Ich habe mich auch früher nie damit beschäftigt. Aber jetzt nach diesem belgischen Zwischenfall schien es mir nützlich, mich in London mehrere Tage von unseren gründlichsten Deutschenkennern unterrichten zu lassen ...« »Die möchte ich mal sehen ...« Johanna Ter Meer brach ab. Der Anflug von Zorn, der ihre Züge gerötet hatte, verschwand. Statt dessen war ein ungeheures Staunen: Man wird förmlich unsicher, traut seinen eigenen fünf Sinnen nicht mehr gegenüber diesem riesigen Engländer, der so kaltblütig dasitzt und das alles so selbstverständlich sagt, als ob gar kein Zweifel wäre ... »Ein andermal müssen Sie mir mehr berichten«, versetzte der Lord St. Asaphs. »Heute wollen Sie nicht. Aber Sie müssen einmal wieder nach England kommen! Nicht auf so kurze Zeit und voll Sorge um Ihre Verwandten wie das letztemal. Sie müssen sehen, daß kein Unterschied zwischen Alt-England im Frieden und Alt-England im Krieg ist. Sie werden vom Krieg drüben nichts merken. Ich verspreche es Ihnen.« »Ich denke, Sie sind in Ägypten?« »Nicht auf lange, Madam. Auf ein paar Tage in Alexandrien bei meinem Oheim Norton, der dort das Khediviale Ministerium kontrolliert. Dann treffe ich mich in Kairo mit meinem Bruder Francis. Er kommt aus Südarabien vom Scheich Idriß. Er behält auch den tollen Mullah im Somaliland und den neuen falschen Mahdi im Sudan im Auge. Es ist da allerhand Volk zu überwachen.« »Ich bildete mir ein, der Bruder Eurer Lordschaft sei in Gibraltar.« »Das ist Charles, der ältere. Der gute Bursche reitet jetzt drüben in Marokko mit Tips für Raisuli. Die Franzosen werden ohne uns im Süden nicht fertig. Es sind Krämer. Sie haben nicht die offene Hand von Timbuktu bis Kalkutta. Vielleicht fahre ich unseren indischen Truppen bis Aden entgegen. Es sind da einige Maharadschas persönlich mit ihrer Kavallerie auf dem Weg nach Flandern, die ich vorbereiten möchte, ehe sie in Frankreich landen. Ihre Hoheiten wundern sich sonst, daß dort nicht Englisch gesprochen wird. Es ist ihre Meinung, daß die ganze Erde eine englische Kolonie ist.« Der Marqueß von St. Asaphs lachte, stemmte die Beine gegen den Kamin, steckte die Hände in die Taschen und fuhr fort: »Solche Auffassung fand ich auch bei unseren Freiwilligen aus Neuseeland. Es waren Burschen, die schon im Burenkrieg mitgefochten hatten. Sie sagten, den Aufstand in Deutschland würden sie schon rascher niederwerfen als den der Buren.« »Ich weiß manchmal nicht mehr, ob ich wache oder träume, Lord Saint Asaphs.« »Oh – unsere Australier denken ebenso. Ihr Minister sagte mir neulich in London, nach allem, was er höre, scheine ihm Deutschland kein Land, das so reif sei wie Australien. Die Kanadier stimmten ihm bei.« »Und Sie auch?« »Ich habe mich wenig mit europäischen Dingen beschäftigt, Madam. Ich war immer bei den großen Fragen der Welt. Der freie Markt in China, die Bodenschätze in Südafrika, die Tarifpolitik der Vereinigten Staaten, Homerule ... mit Deutschland habe ich mich nie befaßt.« »Man merkt es, Mylord!« »Aber es ist nicht schwierig, über ein Land, das klein ist, ein gesundes Urteil zu gewinnen. Sie müssen mir ein andermal mehr von Deutschland erzählen ... drüben in englischer Luft, wenn Sie Ihren Sohn wieder besuchen ...« »Ich hole ihn im Frühjahr zurück.« »Dann sehen Sie England wieder mit den alten Augen!« Der Markgraf von St. Asaphs erhob sich. »Wir werden alle Freunde zu Ihnen sein! Wer Briten zu Freunden hat, hat Freunde auf der ganzen Welt!« Und es war Johanna Ter Meer bei seinen Worten, als stiege hinter ihm wieder die ganze Welt auf, mit Pagoden und Pyramiden, Palmen und Leuchttürmen, schwarzen, braunen, gelben und roten Menschen und überall dazwischen ein flackernder Kamin wie dieser hier, überall davor am Abend ein paar Gentlemen im Frack und weißer Binde und ein paar Ladies mit bloßen Schultern, die » O yes !« und » Thank you !« zueinander sagten. Überall, in allen Erdteilen, Leute, die es ihnen nachmachten, überall, auf allen Meeren, der rot-blaue Union Jack und überall an den Engen aller Meere die drei Abendschüsse von der Gouverneurzitadelle, die den Weltverkehr bis zum Morgen sperrten. Der Marqueß von St. Asaphs stand vor Johanna Ter Meer und hielt ihr freundlich und offenherzig seine große und nervige Sporthand zum Abschied hin. »Kommen Sie zu uns nach England und sagen Sie uns, was Deutschland will. Wir werden sagen, was England will. Nur das Wohl der Menschheit!« Der Markgraf ging. Im Hotel warteten seine beiden Reisebegleiter auf ihn, der hagere Londoner Zeitungsmann Mr. Neish und neben dem Sohn der Lüge aus Fleetstreet, ewig beweglich, glattrasierten und scharfgeschnittenen Gesichtes, Sir Frederick Bacharach. Der Finanzmann sprang auf: »Nun, Mylord?« »Ich habe nichts aus ihr herausgebracht!« »Verwünscht!« »In England würde es besser gehen. Hier ist sie Deutschland zu nah. Sie will nicht verraten, wie es drüben steht.« »Aber sie weiß es?« »Jedenfalls besser als wir.« »Wie meinen Sie das, Saint Asaphs?« »Ich meine«, sagte der Lord mit umwölkter Stirn, »daß man einen Tipster von der Rennbahn weggrunzen würde, der seiner Kundschaft so falsche Informationen verkauft, wie ihr es uns für diesen Krieg getan habt!« »Oh ...« »Dieser Krieg sollte ein City-Krieg sein. Paris und Petrograd sollten ihn für uns führen und wir uns unterdessen den Welthandel für weitere hundert Jahre sichern. Statt dessen hört man nicht nur in Capel Court, sondern auch schon in Mayfair Stimmen: Gehen wir lieber aus dem schlechten Geschäft heraus!« »Oh, niemals!« »Briten sind zäh. Aber es wäre nützlich, schnellere Methoden zu finden.« »Wir sind dabei, unser Bestes zu tun«, sagte der Baronet Bacharach. Die Blockadetabellen, in denen er den ganzen Tag gerechnet, schwellten ihm die Brieftasche über dem runden kleinen Körper. »Wir müssen Deutschland vernichten!« »Ich schätze, Neish, wir sollten nicht davon sprechen. Das mag schädlich sein. Sondern wir sollten es tun.« Der Marqueß von St. Asaphs entzündete seine kurze Stummelpfeife und hielt sie beim Weiterreden lässig zwischen den Zähnen. »Wir müssen alle Mittel der Welt, alle Farbigen der Welt, alle Fabriken der Vereinigten Staaten, alle Männer unserer Verbündeten, alle Schiffe, alle Zeitungen, alle Politiker, alle Neutralen, alles auf diesen Krieg verwenden, um ihn zum bitteren Ende zu führen.« 5 Der Himmel über der Sinaiwüste war feuerblau. Der Sand unten schwefelgelb. Die Toten lagen still in ihm. Auf dem Rücken. Auf dem Gesicht. Einen Arm in die Luft. Die Arme vor der Brust gekreuzt. Ein Sudanneger im Todeskampf mit einem kaffeebraunen Araber verkrallt. Das wachsgelbe Adlerprofil eines Kaukasiers. Quer über ihm ein zimtfarbener Inder. Weiße, rotüberströmte Australier und Neuseeländer. Starre weiße Augen der Kanadier. Tote Tiere. Vier Pferdebeine steil empor. Ein kopfloser weißer Esel mit einem Maschinengewehr auf dem Rücken. Der in der Fäulnis rasch sich aufblähende braune Hügel eines Kamels, die granatengefüllte Geschoßkiste noch in der Seitentasche des Höckers. Wickelgamaschen. Tropenhelme. Lee-Enfield-Gewehre und Karabiner ... »Ein pittoresker Anblick«, sagte der Marqueß Harald von St. Asaphs frisch und wohlgelaunt zu den Offizieren seiner Begleitung. Er stand vor dem Leichenfeld in der arabischen Wüste wie der Sportsmann vor der Strecke. Er trug auch, statt der Khaki-Uniform der anderen, einen Burberry-Jagdanzug, in dem er früher unter dem Äquator Großwild geschossen hatte. Die übrigen Briten scharten sich ehrfurchtsvoll um ihren Halbgott. Für sie, die Offiziere, hieß dies hier Gefahr, Durst, Sonnenstich, kranke Augen und Mühsal. Aber es war jedem unter ihnen selbstverständlich, daß die Erde jederzeit und überall so in Ordnung gehalten werden mußte, daß das Auge eines besichtigenden Unterhausmitgliedes und Peerserben daran keinen Anstoß nahm. Der Lord St. Asaphs stand baumlang und breitbeinig, das Fernglas vor den Augen. Er sah den Rückzug der türkischen Vorposten nach gelungenem Überfall auf die britischen Erkundungstruppen vor dem Suezkanal. Gleich Schwärmen von Tausenden von weißen Vögeln stoben die Beduinen in fliegendem Galopp, mit flatternden Burnussen davon. Eine Gruppe türkische Offiziere ritten als die letzten. »Es ist zynisch, wo diese Deutschen überall sind. Betrachten Sie den allerletzten Offizier! Er reitet, die Fußspitze hoch, wie man es ihn in Potsdam gelehrt hat. Er ist ein Preuße!« Der ferne deutsche Generalstäbler hielt, wandte sich und blickte durch sein Glas auf Lord Harald wie der auf ihn. Deutschland und England schauten sich an der Grenze Asiens und Afrikas als Vorkämpfer des streitenden Erdballs ins Auge. Dann war drüben, wo der Reitertrupp gewesen, nur noch das Flimmern der heißen Sonne im Sand, und der Markgraf von St. Asaphs musterte wieder freundlich das Totenfeld vor sich und meinte dann tiefsinnig: »Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, Rawlins, warum Briten im Anfang immer Schläge bekommen?« »Wir wurden überrascht, Euer Herrlichkeit!« »Ich sehe, wir werden immer überrascht! Warum treiben die Piraten auf der ›Heidelberg‹ immer noch schamlos auf offenem Atlantik ihr Handwerk?« »Es ist in der Tat betrübend ...« »Es ist an der Zeit, ernst zu werden, Gentlemen. Nun – reiten wir zurück!« Der riesenhafte brünette Lord nahm, die Pfeife im Mund, mit der Blitzesschnelle des Sportsmannes die drei jähen Rucke seines aufspringenden Bischarin-Kamels wahr, saß ohne Purzelbaum oben auf dem Höcker und trabte ohne Schwindel auf dem Turm des Tieres mit seinem Gefolge davon. Drüben in der Richtung nach dem Roten Meer stand die Fata Morgana am Himmel. Viele Schiffe schwammen da in der Luft wie in einem stillen, weiten Ozean. Aber sie schwammen heute alle verkehrt, mit den Masten nach unten. Das ärgerte den Lord Asaphs. Es erinnerte ihn an den Kapitän Lürsen und seine ›Heidelberg‹. Sowie er am Rand des Suezkanals neben dem Eisenbahngeleise vom Kamel stieg, forschte er: »Neues von dem Höllenkasten?« »Dieser letzte Streich der ›Heidelberg‹ war erbärmlich. Heute früh meldete man, sie sei in Grund geschossen ...« »Oh, lassen Sie hören!« »Statt dessen hat Kapitän Lürsen eine Prise, den ›Robert Bruce‹, der ›Heidelberg‹ ähnlich gemacht und bei den Kanarischen Inseln auf den Strand gesetzt, daß man dachte, er wäre es selber. Und in der allgemeinen Freude fuhr er davon!« Der Markgraf von St. Asaphs überblickte rauh und ärgerlich das arbeitsame Gewimmel der Tausende von kaffeebraunen, blauhemdigen Fellachen am Suezkanal, der, im Frieden ein stiller, fadendünner Strich durch die Wüste, jetzt einer von unzähligen Arbeitsameisen umwimmelten toten Schlange glich. Er nickte. Hier geschah das Beste für ungestörte Durchfuhr von Indern nach Flandern, von Reis, Wolle und Seide nach London. Es war klar, daß britischer Schiffsraum hier doppelten Kriegsverdienst buchte. Unermeßlich reich, wie er selbst war, prüfte er doch instinktiv jedes Ding auf Erden daraufhin, ob England aus ihm genügend Geld machen könnte. Die Macht der Lords ruhte auf reichlich Hammelkeule und Fußballspiel für den Mann auf der Straße, auf der Tausendpfundrente aus farbiger Arbeit für den Gentlemen des Mittelstandes. Der Wechseldiskont sollte so niedrig sein wie die Bischofspfründen hoch, argentinischer Weizen so billig wie Sheffieldstahl teuer. Das verlangte jeder respektable Brite von seinen blaublütigen Halbgöttern. »Gute Arbeit, Saint Asaphs«, meldete heiter Mr. Edward Evans, unadlig, auch nicht Baronet oder Knight, und doch ein Quaderstein englischer Gesellschaft, aus einer Familie der Land-Gentry, die ihren Stammbaum bis in Normannenzeit zurückführte. »Aber wissen Sie schon, daß die ›Heidelberg‹ den ›Moorish Prince‹ mit einem Vermögen an Kautschuk an Bord versenkt hat? Ich bin froh, daß ich Gummi-Shares hab'. Sie steigen!« »Ein guter Seemann«, sagte der Marqueß von St. Asaphs voll widerwilliger Anerkennung, »aber auf britische Kosten!« »Als Miß Clifford gestern hier bei uns draußen den Tee einnahm, um auch etwas vom Krieg zu sehen, war sie sehr in Angst, zu erfahren, ob die englische Flotte noch auf der Welt sei. Die Ladies fragen es schon, Saint Asaphs!« »Die Ladies haben recht!« »Dieser deutsche Captain ist ein zu schneller Fuchs für alles, was R. N. hinter seinem Namen führt. Ich bin kein Seemann von der Royal Navy . Aber ich möchte, wie ich hier stehe, jedem Mitglied der Königlichen Marine mein Erstaunen darüber ausdrücken, daß seit mehr als vier Wochen dies zynische Spiel mit britischem Eigentum auf hoher See geduldet wird! ... Soll denn ein britischer Werkmann sein Weizenbrot mit six pence höher bezahlen, weil ein Preuße den Atlantischen Ozean für seinen Golfgrund erklärt hat und darauf die Bälle schlägt, wie er will?« »In der Tat, es scheint ein unchristlich gewandter Bursche. Wir müssen ihn fangen!« sagte Lord St. Asaphs und fuhr im Salonwagen hinüber nach Kairo. Die Londoner Börse tief verstimmt ... Wall Street in Neuyork auch ... Er las es beim Aussteigen, noch in der Bahnhofswölbung, in der Nummer der »Egyptian Times«, die er einem Araberbengel aus der Schmutzpfote genommen. Die Straßen Kairos, durch die sein Auto rollte, zeigten zerschmetterte Fenster, mit Brettern verschlossene Läden. Um den Fischmarkt herum hatten viele der eingeborenen Männer und Frauen verbundene Köpfe und Arme. Der Marqueß von St. Asaphs fand an jedem Punkt der Erde Leute, die es sich zur Ehre rechneten, ihn an seine Bekanntschaft mit ihnen zu erinnern. So kam jetzt Mr. Govre von seinem Schweppe's Soda eilig an das Gitter der Terrasse vor Shepheards Hotel. Er trug eine Brille vor dem bartlosen, einem Kirchenmann gleichenden Gesicht und war einer der dreistesten Jagdreiter der drei Inseln. Er ritt trotz seiner Kurzsichtigkeit durch die hohen Hecken von Northamptonshire wie über die Bäche von Leicestershire, über die Hügel von Surrey und die Steinmauern von Irland, über die Moräste von Winchester und das Heidekraut von New Forest. »Was ist denn hier los? Aufruhr der Farbigen? Hängt sie!« »Die Australier waren es, mein Lord Marqueß. Die Burschen langweilten sich hier im Lande. Sie hatten sich alle ihre Heimatpost schon nach Berlin adressieren lassen. Nun liegen sie draußen bei den Pyramiden!« Der kurzsichtige Jagdleiter, der jährlich tausend Pfund für die Hetzmeute seiner Grafschaft zeichnete, wies mit dem Reitstock nach dem Nil. Lord Harald fuhr über den grünen, jetzt schmalen Strom und zwischen alten Lebensbäumen den grauen Dreiecken der Pyramiden entgegen. Der Union Jack flatterte im Wüstenwind über Tausenden von Zelten. Die Sphinx starrte aus steinernen Augen auf eine bewaffnete Völkerwanderung, wie sie sie seit den Jahrtausenden der Pharaonen nicht mehr gesehen. Viel Khakivolk saß lachend und lärmend auf ihr. Das Gebrotzel von Hammeltalg, der beißende Rauch des flackernden Kamelmists umgab den Marqueß von St. Asaphs mit einer bläulichen Wolke, während er mit seinen Begleitern weiter durch das Lager der indischen Hilfsvölker ging. Er schritt an den Hütten der afrikanischen Askari vorbei, wich einem Haufen ungeschlachter Kapburen aus und fragte einen französischen Kolonialoffizier von den schwarzen Sahara-Tirailleuren zu Kamel nach seinem Bruder, Lord Francis Glun, der nahe dabei in der flatternden Mäntelgruppe einiger südarabischer Heiliger hinter langhaarigen, aus den Sinaiklöstern geflohenen orthodoxen Slawenmönchen stand. Seine Rechte Ehren der Lord Francis Glun, Captain in der prunkvollen berittenen Leibgarde Georgs V. in Whitehall, war ebenso brünett wie Seine Höchste Ehren der Markgraf von St. Asaphs und hatte dasselbe dunkle Bärtchen wie der ältere Bruder und Peerserbe. Aber er war viel kleiner. Fast zierlich gewachsen. Man hätte ihn sich in weißem Burnus und weißer Kapuze leicht als einen Morgenländer vorstellen können. »Keine Not mehr im Nedscha, Dschemen und Maskat, Harald«, meldete er. »Auf nichts haben wir in letzter Zeit mehr Sorgfalt verwendet als auf einen gesunden Geist zwischen Mekka und Medina. Man sieht es auch jetzt an der glorreichen Ermordung der ›Emden‹-Leute.« »Sämtlich tot?« »Leider nein.« »Wir tun alles nur halb!« Der Markgraf von St. Asaphs hatte nichts gelernt, aber viel gesehen. Er hatte nie über etwas nachgedacht, aber immer die Augen offen gehalten. Er war nicht klüger als andere. Aber Stellung und Geburt gaben ihm wie von der Höhe eines Wachtturmes einen Rundblick in die Ferne. Er versetzte unzufrieden: »Was ist das jetzt wieder mit der ›Heidelberg‹? Die Eseljungen in Kairo lachen uns aus, mein alter Francis.« »Oh, keine Sorgen wegen der ›Heidelberg‹! Das verwünschte Schiff ist ganz in die Enge getrieben. Es läuft wie eine vergiftete Ratte zwischen Senegambien und den Kanarischen Inseln hin und her. Bei Cap Verde und den Azoren liegen britische und französische Flotten auf der Lauer, russische und japanische Kreuzer. Kommodore Rice sagte es. Er kam eben aus Alexandrien.« – Dort in Alexandrien saß der Sehr Ehrenwerte Lord Norton in seiner Dienstwohnung am Mehmet-Ali-Platz. Der grauköpfige Lord trug den bescheidenen Titel eines Beirats in einem Ministerium der ägyptischen Regierung. Wenn er zu dem Khediven oder dessen in Gold und Purpur starrenden Staatsdienern ging, um ihnen unter vier Augen Grobheiten und Drohungen vom Strand der Themse auszurichten, war er bis in das letzte Vorzimmer ein leutseliger, unscheinbarer Gentleman, dessen harmloses Hauptvergnügen vor den Augen des ägyptischen Volkes darin bestand, an heißen Nachmittagen, wenn jeder vernünftige Mensch schlief, zwecklos im Sonnenbrand kleine Bälle über ein Netz zu schlagen, herumzuspringen und sie mit einer Handkelle wieder aufzufangen. »Der neue Khedive ist an Gehorsam gewöhnt«, sagte der Lord wohlgelaunt zu seinem Neffen Harald St. Asaphs. »Alles steht gut. Ich denke, ich werde im Mai bei euch noch einen letzten Fuchs jagen können. Es wird mit Konstantinopel rasch zu Ende gehen! Was, Captain?« »So hoffe ich«, sprach der Captain Bedwell, ein untersetzter Seemann, der an das verschollene Urbild des John Bull, des Hans Stier von einst, erinnerte. »Ich werde leider den Match nicht mitmachen. Ich habe eben Befehl erhalten, mit dem ›Unshakable‹ in See zu gehen.« Der »Unshakable« war einer der neuesten Schlachtkreuzer der »Invicible«-Klasse, wenige Jahre vor dem Krieg gebaut, eine kostspielige Donnermaschine, zu gut als altes Eisen für die Dardanellen. »Geheimnis, wohin, Captain?« »Nein! Mit Volldampf durchs Mittelmeer nach Gibraltar. Vielleicht gebe ich der ›Heidelberg‹ den Fangschuß und nicht die Japs oder diese verächtlichen Seeleute, die Franzosen!« »Nehmen Sie mich mit, wenn's beliebt!« Dem ältesten Sohn eines Britenherzogs stand die Welt zu Diensten, um so mehr die Wächter der Welt, die Britenpanzer. Schon wehte in der Glut des Eunostos-Hafens beim Arsenalbecken das erste erlösende Lüftchen der Schiffsbewegung, die übereinandersteigenden flachen Dächer Alexandriens und die Pompejussäule lösten sich in fernes Sonnenflimmern, die letzten scheinbar auf dem Wasser schwimmenden Palmgruppen des Nildeltas schwanden, Delphine überschlugen sich im perlenden Weißgrün des Kielwassers. England war wieder wirklich England, eine riesige Seeschlange in ihrem nassen Element. England war voll seines alten Frohsinns in der geräumigen Kajüte über dem Ruder am Heck, wohin der Kapitän Bedwell seinen erlauchten Gast und einige seiner Schiffsoffiziere zum Nachmittagstee geladen. Die aufwartenden Matrosen standen breitbeinig, die Hände auf dem Rücken, die Augen anteillos nach oben, an den schaukelnden Wänden. An denen hingen viele Schiffsbilder ... von der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts bis auf die Gegenwart. Es war immer dasselbe Fahrzeug: als stürmender, weiß getürmter Segler der napoleonischen Zeit, als in doppelter Stückpfortenreihe weiß gebordeter hölzerner Dampfer des Krimkriegs, als schwarz geharnischte schwimmende Feste des zwanzigsten Jahrhunderts. Es war die Ahnengalerie des »Unshakable«, er selbst in seinen Verwandlungsformen, der nun schon zum siebenten Male seinen eigenen Namen neu trug, nachdem die vorige Gestalt auf der Werft zerschlagen oder im Meer versunken war. »Ich glaube, Captain, daß mein Urgroßoheim Archibald Glun Ihren ›Unshakable‹ siebzehnhundertfünfundsiebzig vor Dünkirchen befehligte.« »Nichts wahrscheinlicher als das, Mylord. Denn siebzehnhundertsechsundachtzig führte mein Vorfahre James Bedwell ihn nach zehnjährigem Aufenthalt in den westindischen Kriegen heim.« »Einer aus meiner Familie stürzte auf ihm als Midshipman zu Nelsons Zeit vom Großmast in See«, sagte der Ehrenwerte Leutnant Bughurst. »Der Wachoffizier hatte ihn zur Strafe hinaufgeschickt. Es war zu kalt an dem Tag. Er war erst Dreizehn.« Zur Rechten erschienen durch die Glasfenster die langgestreckten grauen Berge Kretas. Der nächste Tag lag strahlend hell über der Enge zwischen Sizilien und Afrika. Viele Dampfer waren in Sicht und dippten gehorsam schon von weitem vor dem heranschäumenden Meerdrachen die Flagge und empfingen ein nachlässiges Wimpelzucken zum Gruß. Auf allen Schiffen gingen die Landesfarben hoch: Norwegens blaues und Dänemarks weißes Kreuz in rotem Feld und Schwedens gelbes Kreuz in gezacktem Himmelblau, die weißen Sterne in blauem Viereck und rot-weißen Streifen der Vereinigten Staaten und Frankreichs Blau-Weiß-Rot und Hollands Rot-Weiß-Blau und Italiens Grün-Weiß-Rot. Dazwischen unterschieden die scharfen Seeaugen auf dem »Unshakable« die Hausflaggen der eigenen Handelsflotte am Heck, das einfache Rot der Leyland, den weißen Stern im roten Grund der White Star, den gekrönten goldenen Löwen im Rot der Cunard und neben diesen Liverpooler Farben das Blau-Weiß-Rot-Gelb der Londoner P. and O. Nur eine Reihe Flaggen fehlte, die man sonst auf prachtvollen Riesendampfern an allen Enden der Erde sah: keine gekreuzten Schlüssel und Anker mehr, kein Hapag-Schild über Anker und Tau, kein Posthorn über der Kaiserkrone, kein Reserveoffizierkreuz im Schwarz-Weiß-Rot. Die deutsche Seefahrt stand still, und der Captain Bedwell sagte: »Gott sei Dank, daß ich dem Antichrist auf den Wellen nicht mehr begegne!« »Meine Augen sind viel besser, seit ich die Farben nicht mehr sehe.« »Ich habe seitdem wieder einen wahren britischen Hunger.« Die Gentlemen standen vor dem »Ajax«, dem vordersten Panzerturm nahe über der See, auf dem niederen, gefechtsklaren Deck, das sich völlig leer und blank wie eine Tenne unter ihren Füßen hob und senkte. Über ihren Köpfen starrte das erste Zwillingspaar der Feuerschlünde aus seinem Panzerhaus, fünfzig Fuß lang und ungeheuerlich in dem pfeifenden Wind, neigte die schwarz glotzenden Mäuler, reckte sie im Stampfen der eilig dampfenden Festung. Der Kommandant des Vorderturmes, der nach diesem gemeinhin selbst »Ajax« genannt wurde, reckte die Arme. »Es ist wunderbar! Auf viele hundert Meilen rundum kein blutiger Teutone mehr in See.« »Oh – geben Sie acht, Lord Saint Asaphs!« Der Kapitän sprang selbst hinzu und faßte den Markgrafen am Arm, der plötzlich ganz nahe an den Schiffsrand getreten war. Da war keine Reling, keinerlei Schutz. Das fehlte Captain Bedwell noch, daß auf seinem Schiff ein leibhaftiger Peerserbe über Bord ging ... »Was haben Sie nur, mein Lord?« Der Marqueß von St. Asaphs ließ das Fernrohr nicht von den schwarzen Augen. »Ich sah da eben etwas – einen Augenblick – ganz weit da hinten ...« »Was für ein Ding?« »Es schien mir wie das Sehrohr eines Tauchbootes!« Die Seeleute lachten. Seine Herrlichkeit war keine Wasserratte wie sie. Ein Stückchen Treibholz hatte ihn wohl getäuscht. »Ein britisches U-Boot würde hier über Wasser fahren, Mylord.« »Und ein deutsches ...?« »Oh – mein Lord Markgraf! Wie käme solch ein Pestboot auch nur bis Gibraltar? Und welche Flunder kommt ohne unsere Erlaubnis an Gibraltar vorbei?« Wieder lachten sie alle. Aber hätten sie die Sprache der Vögel verstanden, so hätten die Möwenschwärme, die hinter dem Schiff um die über Bord geworfenen Küchenabfälle kreisten, es ihnen mit ihren schrillen Kehlen zugeschrien: Bald wird vor Gallipoli der »Inflexible« sich beugen und der »Irresistible« keinen Widerstand mehr leisten, der »Goliath« wird seine Stärke verlieren, und der »Ozean« wird ertrinken. Der »Amethyst« wird nicht mehr funkeln und der »Rekrut« fallen und »Bouvet« mit ihm. Der »Gaulois« wird ein toter Gallier sein, und »Gambetta« und »Danton« werden in ihrem Rededonner verstummen. Dort drüben zog der Tod Britanniens an euch vorbei gen Gallipoli! Die Entscheidung der Welt. Ein einziger von euch hat die Nähe des furchtbarsten Gegners geahnt ... der Marqueß von Saint Asaphs ... » Halloo! Neues von der ›Heidelberg‹?« Funksprüche rasselten im Mast. Hunderte von Meldungen aus allen Ecken der Erde kreuzten sich zwischen den drei alten Weltteilen im Mittelmeer, befreundete und vielleicht auch feindliche, offene und geheime ... »Signal Point in Gibraltar gibt: ›Heidelberg‹ steuert, von einem Dutzend Schiffen gejagt, unter vierunddreißig und fünfunddreißig Grad Breite und sechs bis acht Grad Länge die marokkanische Westküste nordwärts.« »Sie läuft unserer Flotte in den Rachen!« »Ich wußte ja: wir auf dem ›Unshakable‹ haben das Nachsehen.« Südlich der Pithyusen wurde der blaue Himmel grau. Regenböen fegten heran. Grobe See zeigte die Nähe des Atlantischen Ozeans. Der Sturm wehte fast genau von dort, aus der Straße von Gibraltar. Ein leeres Faß trieb auf den schäumend sich überkippenden Wellen. Ein zweites ... ein drittes ... eine Menge. Felder von Ölpfützen ... Balken ... eine Mütze ... Zur Rechten war nun schon die flache andalusische Küste. Zur Linken der gezackte Schnee des Atlas. Ein kleiner Handelsdampfer arbeitete sich vorbei, zeigte, wie betrunken in den Wellen rollend, im Großmast flatternd seine Flagge. Es war ein Grieche. Bunte Wimpel stiegen hüben und drüben ... Zeichen aus dem internationalen Signalbuch: schräge rot-gelbe Streifen und blaue Vierecke in weißem Feld, rot-weiß-blaue und gelb-blaue Wimpel, weiß-blaue Stander, blau-weiß gewürfelte Vierecke, blaue mit weißen und rote mit gelben Streifen, blaue Rechtecke in Weiß spielten nacheinander. Der Kapitän wartete kaum das Ende ab. Er sprach kein Wort, steckte die Hände in die Taschen und rannte mitschiffs bis zu seinem Kommandoturm. Er war so wütend, daß ihm nur der Markgraf zu folgen wagte. »Ist es möglich, Mylord? ... Sind wir noch Briten? ... Ein neutraler Dampfer kehrt im Atlantik unter unseren Augen aus Angst vor den Deutschen um. Ein britischer Dampfer beinahe in Sicht von Gibraltar von der ›Heidelberg‹ beschossen. O der Schande!« »Es wird ihr letzter Streich gewesen sein!« »Dieser Kahn ist nicht von Menschenhand gemacht. Er kommt aus der Hölle.« »Dabei führt er natürlich in zynischer Frechheit unsere eigene Flagge...« »Nein. Diesmal Blau und Weiß!« »Die russische?« »Es wird eben gemeldet: er ließ, wie er mitten zwischen den schlafmützigen Franzosen durchfuhr, die Marseillaise spielen und signalisierte, er sei auf der Jagd nach der ›Heidelberg‹...« »Und war dabei die ›Heidelberg‹ selber?!« »... und alle Franzosen enterten und schrien noch begeistert: › Vive la Russie !‹ hinterher.« »Es ist schamlos«, sagte der Markgraf. Ein paar Stunden später hörte er unten in der ihm eingeräumten Offizierskajüte den Ruf eines Signalgasts, Stimmen auf Deck, Tritte auf den Planken. Er enterte elastisch die senkrechten Eisenleitern hinauf, die auf einem gefechtsklaren Panzer die Holztreppen ersetzten, schwang sich, beim Schlingern des Schiffes schräg nach hinten hängend, mit Viertelwendung durch die runden Aufstieglöcher, stand breitbeinig, gelassen wie im Klub in Piccadilly, barhaupt oben im grauen Pfeifen und Spritzen der See. »Nie hab' ich so viel totes schwarzes Volk auf einmal gesehen«, sagte tiefsinnig neben ihm ein rotbäckiger Midshipman. Hunderte von Kegelkugeln trieben in den Fluten. Aber sie waren schwarzwollig. Weiße Gebisse fletschten auf. Es waren die Köpfe ertrunkener Neger. Verwaschene Turbane, gebleichte farbige Schärpen schleiften mit. »Gehörten die Nigger uns?« »Nein. Den Franzosen. Es muß der Transportdampfer mit Senegalschützen sein, den die ›Heidelberg‹ vor ein paar Tagen versenkt hat.« Ein britischer Zerstörer raste vorbei. Er fuhr eigentlich nicht. Er schoß durch die Wellen wie ein Wiesel durch das hohe Gras, verschwand in ihnen, kam schaumtriefend wieder heraus, meldete aus dem weißen Gischt: »Die ›Heidelberg‹ heute morgen auf der Höhe von Cadix gesichtet und gejagt. Jetzt jedenfalls schon genommen.« »Und da ist erst Gibraltar!« Der riesige Felsklotz stieg schattenhaft und düster empor. Auf der anderen Seite der Bucht bogen sich hinter Algeciras die spanischen Dattelpalmen an der Küste im Sturm. Vom afrikanischen Ufer waren nur unbestimmte Umrisse von Gebirgen zu sehen. Spanische Torpedoboote, die rot-weiß-rote Kriegsflagge mit dem gelben Wappen am Mast, kämpften von der marokkanischen Küste her gegen die Windsbraut, jagten wie ein Komet mit kaum sichtbarem Kopf und langem, schief gewebtem Rauchschweif nach Ceuta zurück. Es war ein Heulen und Donnern in dem weiten, leeren Raum von Himmel, Wasser und Luft, die zu einem einzigen stürmenden Element zusammenzufluten schienen, von oben in Wolkenbrüchen niederklatschten, von vorn das Deck des Panzers mit reihenweise wie weiße Schwarmlinien anlaufenden Wellenbergen überschwemmten. »Rauhe See«, sprach der Marqueß von St. Asaphs, sich behaglich wie ein nasser Pudel schüttelnd. Das Schiffsbuch verzeichnete schon Windstärke acht. Aber der Sturm wuchs immer noch. Erst im Schutz der offenen Reede von Gibraltar ließ er scheinbar nach. Man sah kaum die Stadt am Felshang und die Molen des inneren Hafens, so weit lag der »Unshakable« draußen, um, wenn nötig, sofort weiterzudampfen. Vorläufig ging der Kommandant in einer Barkasse an Land. Lord Harald mit ihm. Unterwegs, schon nahe an den Kohlenlagern auf den Kais der neuen Mole, kam ihnen von der Torpedostation drinnen der Zerstörer von vorhin entgegen. Er war pechschwarz. Sein Vordersteven ragte steil in das spritzende und klatschende Naß. Er war auf dem Wege nach Cadix. Lord Harald St. Asaphs war sofort entschlossen, mitzufahren. Drüben stoppten sie. Was draußen auf der beinahe weiß gewordenen, wie kochenden See Selbstmord gewesen wäre, die Übernahme an Bord, das mochte ein zäher, langbeiniger Sportsmann hier im Hafen schon vollbringen. Matrosenarme halfen nach. Der Markgraf stand im triefenden Ölmantel, die Pfeife im Mund, sich mit beiden Händen festhaltend, auf dem sich wie wahnsinnig wälzenden Fahrzeug, das scheinbar jeden Augenblick bald nach rechts, bald nach links zu kentern drohte. Es war eine Fahrt für feste Magennerven. Da war kein Platz für Seekrankheit. Der lange Lord hatte die freudige Spannung wie beim Ende einer Fuchsjagd, wenn der Huntsman dem Feld die Köpfe freigab. Würde er noch zum Ende der »Heidelberg« zurechtkommen? Bei diesem Sturmgrau und einbrechender Dämmerung, durch die man kaum mehr eine Meile weit sah? Man mußte schon lange an Tarifa vorbei sein. Er spähte hinüber nach Afrika. Keine Möglichkeit, Lloyds Leuchtturm auf dem Cap Spartel zu entdecken! Aber an den ungeheuren Wellenbergen, die sich jetzt heranwälzten, merkte man, daß man die Säulen des Herkules hinter sich hatte. Der Erste Offizier schrie dem Peerserben etwas ins Ohr und wies nach vorn. Da war Land. Eine Klippe, um die ein brausender weißer Brandungsgürtel schwappte. Kap Trafalgar. Damals, vor hundert Jahren, waren die Welschen und die Dons auch aus Cadix herausgesegelt. Man war dicht vor Cadix. Ein dumpfer Donnerschlag durch das Tosen des Atlantik. Ein zweiter. Anscheinend ganz nah ... »Sie haben sie! Sie haben sie!« »Drei Hochs für Alt-England!« »Da kommen britische Schiffe aus dem Nebel in Sicht!« »Nein – ein alter Spanier!« »Ein Küstenpanzer.« »Der ›Fortun de Torre‹. Er feuert!« »Wer hat hier zu schießen außer uns?« »Mit Kartuschen! Er gibt Warnungsschüsse ab. Er wahrt die spanische Dreimeilenzone.« »Hol' die Pest alle neutralen Gewässer!« »Was bedeutet das Kanonenzeichen?« »Die Verfolgung hat die spanische Hoheitsgrenze erreicht.« »Dann müßte die ›Heidelberg‹ mit des Bösen Hilfe irgendwo hier auf neutralem Ankergrund sein?« »Ich bin wahrhaft traurig, sagen zu müssen, daß es so den Anschein hat, mein Lord Marqueß.« In der rasch zunehmenden Finsternis über den Wassern tauchten Schwärme schaukelnder schwarzer, schneller Striche auf. Man war auf eine britische Torpedoflottille gestoßen. Der Zerstörer trat in Luftverbindung mit dem Kommodore. »Hurra!« »Was für ein Ding?« »Die ›Heidelberg‹ steckt irgendwo im Golf von Cadix wie die Maus im Käfig. Entrinnen kann sie nicht mehr.« »Morgen wird man sehen, Mylord. In dieser Höllennacht ist ja nichts zu machen.« Die weiße Stadt Cadix lag jetzt wie eine wilde graue Felseninsel inmitten des Meeres, das sie von allen Seiten umbrüllte. Ihre schmale, lange Verbindungsdüne nach dem europäischen Festland hatten Sturm und Nacht verschluckt. Sturm umheulte die hohen Mauern. Warf den Markgrafen von St. Asaphs beinahe nieder, als er vor dem Seetor mit seinen Begleitern aus der wild tanzenden Barke stieg. Von überall her hörte man das Dröhnen der aufgeregten Wogen um die ganze Stadt und um die Klippen draußen. Dahinter rauschte in endloser Dunkelheit das Meer. Viele verirrte Lichter auf ihm gleitend. Stilliegend. Als zuckende Zeichen blinkend und schwindend. Mondstrahlen von Scheinwerfern. Dann plötzliche Windstille zwischen den schwindelnd hohen Häusern der andalusischen Hafenstadt. Eine beinahe unheimliche Ruhe, in der man auf einmal überall Menschenstimmen hörte, Menschen sah, die in Mengen vor ihren Toren standen, weil der Orkan sie oben von ihren flachen Dächern wehte – spanische Laute, dann, in der Herzog-von-Tetuan-Straße Worte, bei denen der nervenlose Lord doch wie von einem Nadelstich zusammenzuckte – zum erstenmal seit einem halben Jahr wieder deutsche Worte irgendwo auf der Erde. Man mußte sie anhören – hier, auf neutralem Boden ... »Es sind seit gestern viele Deutsche hier, Sir«, meldete ihm ein trinkgeldhungriger Hafenschmarotzer, der sich ihm angeschlossen hatte, in gebrochenem Englisch. »Viele leben seit Kriegsanfang in Sevilla und Malaga, weil sie nicht weiter können. Sie sind wegen der ›Heidelberg‹ hier.« Der Marqueß von St. Asaphs achtete nicht darauf. Er sagte mit einem schadenfrohen Lächeln unter dem dunklen Schnurrbärtchen zu dem Gentleman neben ihm: »Diese Deutschen, die da vor uns gehen, erzählten sich eben – laut wie immer – die ›Heidelberg‹ sitze in der Richtung nach Norden auf den Klippen fest. Ihre Freunde hätten es eben aus Rota gemeldet.« Craven, der athletische Clergyman zu seiner Linken, machte bei Erwähnung der kleinen Winzerstadt, aus der die englische Hochkirche ihren Bedarf an blaurotem Abendmahlwein bezog, ein salbungsvolles Gesicht. »Möge sie heute nacht zur Hölle gehen«, sprach er inbrünstig. Lord Harald lachte. »Eben höre ich es wieder«, sagte er, auf den Konstitutionsplatz einbiegend, auf dem der Sturm im Kreise wirbelte, die Fächerpalmen schüttelte und um die gespenstisch verrenkten alten Drachenbäume pfiff. »Die ›Heidelberg‹ liegt leck quer auf einer Unterwasserklippe zwischen Bormeja und Puntilla. Wir können heute nacht ruhig schlafen, Gentlemen.« Das Café Inglès, in das sie eintraten, war voll von Menschen. Spanier, Franzosen. Viele Engländer und Amerikaner. Aufregung auf allen Gesichtern. Unbekannte sprachen einander an. Was angelsächsisch war, rückte zusammen. Aus einer Britenrunde gleich am Anfang sprang beim Anblick des Peerserben ein kleiner nachlässig gekleideter Mann mit einem Gesicht gleich einem verschrumpften Winterapfel eilig auf, schob den Kellner, der hemdärmelig, die Zigarre im Munde, bediente, mit einem ebenso demokratischen Schulterschlag beiseite und stürzte auf den Marqueß von St. Asaphs zu. Der musterte ihn eisig. Er kannte ihn nicht. »Ich hatte die Ehre, Euer Herrlichkeit in London vorgestellt zu werden, mein Lord Markgraf.« »Oh – in der Tat?« sagte der Marqueß zwischen den Zähnen. »Auf Westminster-Terrasse, Euer Höchste Ehren. Benjamin T. Branagan aus Ohio. Ich kontrolliere die Kanaan-Stahl-Werke.« »Die Munitionsfabriken?« »So ist es, mein Lord.« »Bei Jupiter!« Der britische Große bot dem kleinen stämmigen Yankee gleich beide Hände und schüttelte sie herzlich. »Wie geht's, mein teurer Mr. Branagan? Ich bin so froh, Sie zu sehen. Welch angenehme Stunde verplauderten wir damals zusammen! Ich hoffe ernstlich, Sie bald in Ogmore Castle zu begrüßen.« »Euer Herrlichkeit sind sehr gnädig!« »Sind Sie in Geschäften hier?« »Ich besuche mit meinen Ladies die Alhambra. Es ist dort erquickend warm und lieblich. In acht Tagen hoffe ich von Paris aus selbst die Sprengwirkung meiner neuen Giftgranaten zu studieren.« »Vortrefflich, lieber Herr!« »Und meinen Glückwunsch, wenn es erlaubt ist, mein Lord Marqueß!« »Wozu?« »Die ›Heidelberg‹ ist soeben gesunken!« »In der Tat?« »Mein Landsmann dort, ein zäher Sportsmann, ist im Auto bis Punta Santa Maria und zurück gefahren. Der Sturm blies ihn beinahe um!« »Und was weiß er?« »Die ›Heidelberg‹ brach auf der Klippe auseinander wie ein Ei und ging in die Tiefe. Viel Volk stand in den Wanten und versank.« »Der Gentleman sah es selbst?« »Er sah es. Die Franzosen auf See wissen es auch schon durch Funkspruch von hier.« »Sehr gut! Ich danke Ihnen, mein teurer Mr. Branagan. Lassen Sie mich Ihrem Freund die Hand schütteln.« Es war ein tiefes Schweigen der Ehrfurcht, als der Marqueß Harald von St. Asaphs an den Tisch voll Briten trat. Man stellte sich nicht vor. Man sprach sich einfach englisch an. Das war der Freibrief für die Erde. Mr. Branagan erläuterte nur: »Ich habe meinen Landsmann vorhin hier in Cadix an einer Straßenecke kennengelernt, wo wir beide zufällig gleichzeitig Schutz gegen den Wind suchten ...« »Oh ... wie erfreulich«, sprach der Lord und setzte sich zwischen sie. Er war gegen Yankees, solange sie ihm nützen konnten, immer sehr höflich. »Es hat sich gezeigt, daß Mr. Lumley wie ich aus dem mittleren Westen stammt – aus Illinois. Wir sind beide, unserer platform nach, Männer Roosevelts ...« »Recht so ...« »... und es zeigte sich ferner, daß wir beide schätzen, daß freien Amerikanern Munitionsverschiffung überallhin zusteht. Nehmen Sie noch ein Getränk, Mr. Lumley?« »Dank Ihnen, Mr. Branagan«, sagte der Gentleman aus Santa Maria. Er war noch jung, bartlos und hellblond und hatte einen humoristischen Gesichtsausdruck. Beim ersten Wort verriet er durch die eigentümlich näselnde Aussprache den Amerikaner. Seine Ausdrucksweise war trocken und bestimmt. Er nickte, die Hände in den Taschen, die Beine lang ausgestreckt, dem Lord zu seiner Linken freundlich zu. »Eine grausame Nacht, Lord Saint Asaphs. Ich kalkuliere, daß morgen von der ›Heidelberg‹ keine Planke mehr zu sehen sein wird.« »Oh – glauben Sie das wirklich? Auf Ihr Wohl, Mister Lumley!« »Ich danke, Mylord! Ich trinke auf Ihr langes und glückliches Leben. Ja, morgen wird viel Freude in Lloyds Sälen sein.« »Lloyds lag beängstigend matt!« »Gott strafe die ›Heidelberg‹!« sagte Mr. Lumley und lachte über den Strohhalm seines Getränks hinweg, den er zwischen den Zähnen hielt. Es war ein vergnügliches Zwinkern ganz hinten in seinen Augen. Die anderen lachten mit. Der Gentleman von der Kanaan Company erläuterte: »Mr. Lumley zieht drüben sein Geld aus Maschinenbau. Er sucht Anschluß an Lieferungen nach Europa. Es stehen, wie er mich sehen ließ, prominente Finanzkreise hinter ihm.« »Bauen Sie ja Ihre Fabriken um, Sir.« »Gießen Sie uns dicke Geschütze!« »Oh – ich denke, Sie werden sehr bald etwas von meinen Geschützen hören«, sprach Mr. Lumley bescheiden. »Und eins, Mr. Lumley!« Lord St. Asaphs legte mit gewinnender Vertraulichkeit seinen Arm über die Stuhllehne des anderen. »Erwähnen Sie in Ihren Briefen nach den Staaten die ›Heidelberg‹ nicht zu ausführlich. Das kleine Schiff verdient es ja gar nicht ...« »So ist es, Mylord!« »Schreiben Sie doch lieber, es sei gar nicht so schlimm gewesen. Es sei uns im Gegenteil herzlich willkommen gewesen, daß einmal solch ein Schiff sich herauswagte und alle deutschen Mängel sehen ließ. Es sei ein prächtiges Übungsspiel für die britische Flotte gewesen ...« »Sie werden Berichte über die ›Heidelberg‹ lesen!« »Das Schiff hat ja wirklich nur im Anfang ein wenig blindes Glück gehabt. Die Besatzung bestand aus Seeräubern –« »Seeraub, Mylord, ist das richtige Wort für manche Dinge jetzt auf dem Meer.« »Und es ist beschämend, hinzufügen zu müssen, daß sie auch so feige war, wie es Seeräuber sind, und sich schimpflich ergab ... Oh – was haben Sie, Mr. Lumley? Sie sahen für eine Sekunde ganz grimmig aus.« »Es ist nichts, Mylord. Ein wenig Gesichtszucken. Es ist meine üble Angewohnheit.« »Sie können ja hinzufügen, man sei in Deutschland von dem kläglichen Ausgang des Unternehmens bitter enttäuscht. Der verantwortliche Admiral habe sich bereits in voller Uniform in den Kaiser-Wilhelm-Kanal gestürzt. Wollen Sie?« »Ich will so viel tun, daß Sie erstaunt sein werden, Mylord.« »Sie sind ein wahrer Freund Englands, Mr. Lumley. Sie wollen uns doch nicht schon Ihre Gesellschaft entziehen?« Mr. Lumley war aufgestanden. Es zuckte von den Mundwinkeln her um den trockenen Ernst seiner Lippen, und er lachte. »Ich muß nach meinem Daimler sehen! Es ist meine Art auf Reisen, daß ich mich nicht schlafen lege, ehe ich nicht selbst das Vorhängschloß vor Tank und Haube gelegt habe. Ich empfehle mich Eurer Lordschaft. Gute Nacht, Gentlemen!« Mr. Lumley ging draußen rasch die dunklen, stürmenden Straßen entlang. Auf dem Isabellenplatz trat ihm ein Mann im Mantel entgegen. Plötzlich konnte der Gentleman aus Illinois Deutsch – sogar Deutsch wie ein Deutscher, mit deutlichem Anklang an die Bremer Mundart. »Tja ... da bin ich. Alles in Ordnung?« »Alles!« »Dann können wir ja wohl 'n büschen aufs Wasser gehen.« »Unsere Gerüchte haben gewirkt. In der ganzen Stadt erzählen sie sich, daß die ›Heidelberg‹ auf den Klippen festsitzt.« »Kinnings, ihr werdet euch wundern!« »Und draußen auf See glauben sie es auch in allen Messen.« Der Mann im Mantel hatte den Tonfall eines Deutschamerikaners. Er und sein Begleiter schritten eilig, mit vorgebeugten Köpfen, dem in der Ferne unsichtbaren, nahen Donnern und Salzstieben der Hafenkais entgegen. »Das Barometer steigt. Es gibt schön Wetter.« »Das stört mich nicht. Die Nacht ist noch lang.« »Wieviel Uhr?« »Kaum Klock zehn.« An der Treppe schaukelte ein Boot mit vier Ruderern. Die beiden blieben stehen und gaben sich die Hand. »Dank Ihnen für Ihre Hilfe! Danken Sie auch noch den anderen Deutschen, die geholfen haben.« »Keine Ursache, Captain Lürsen.« »Das war mal für mich ein ganz gemütliches Stündchen an Land – nicht? Aber nun wollen wir doch mal schauen, daß wir still freikommen.« »Los, Caballeros!« »Gott helfe weiter, Captain Lürsen!« Der andere stand breitbeinig in dem schwankenden Boot. Alle Geister der Abenteuerlust tanzten im Aufglimmen seiner Zigarre über sein trocken verwegenes Gesicht und lachten in seinen blauen Seemannsaugen. »Wenn der liebe Gott nur nicht den Vettern drüben hilft. Das übrige mache ich ja dann wohl schon von selber.« Er setzte sich behaglich auf die triefende Bank und winkte dem anderen mit der Hand zum Abschied. Der stand oben und grüßte zurück und sah, wie das Boot mit dem Korvettenkapitän Erich Lürsen unter schweren Ruderschlägen in die tosende, pechschwarze Nacht hinausschaukelte und verschwand ... Gegen Morgen ließ die Wut der Wellen und Winde nach. Es wehte nur noch stoßweise in wachsenden Zwischenzeiten, wurde ein immer ruhigeres Atmen des Alls. Es kam die Stille nach dem Sturm. Es kam die Sonne. Es kam, gegen die neunte Vormittagsstunde, ein Himmelblau, das keine blaue Farbe mehr, sondern ein blaues Feuer war, so flammend und unergründlich wölbte es sich über dem ebenso tiefblau gewordenen Meer. Auf dem lösten sich die weißen Wellenmähnen in leichten Schaum und ebenen Wasserspiegel. Nur wer auf den Wogen fuhr, merkte noch an den ungestümen Schwankungen seines Schiffes die bis in ihre Tiefen erregte tote See. Eine Märchenstadt schwamm schneeweiß flimmernd, wie eine Luftspiegelung, im blauen Ineinanderfluten des spanischen Himmels und des Atlantischen Ozeans. Eine Insel aus Tausendundeiner Nacht, mit unzähligen Türmen, Zacken, Zinnen, Mauern, lag Cadix im goldenen Sonnenschein. Auf seinen flachen Dächern standen schwarz die Menschen. Sie säumten in schwarzen Linien die hohen Uferkais. Sie bedeckten zu Tausenden drüben die andalusische Küste des Festlands, die hier im Golf von Cadix viele Stunden weit ein einziger großer Garten war. Sie lugten von den Wanten und Rahen der Schiffe auf der Reede in die Weite. Alle Augen suchten dort die Reste der »Heidelberg«. Der Marqueß von St. Asaphs hatte mit seinen Freunden den Aussichtsturm des Hoteldachs bestiegen. Ringsum hoben sich zu Hunderten diese Miradores, diese Warten über der Stadt, in die Lüfte. Sein Fernrohr wanderte von Trafalgar bis zum Kanal des Heiligen Vaters und sah nicht mehr als die anderen. Sah nichts. »Gesunken!« »Mit Mann und Maus!« Ein herzliches britisches Lachen. Aber es klang nicht ganz zuversichtlich und ungezwungen. In jedem dieser Engländer steckte ein Stück Wasserratte. Daher kamen die Zweifel. Man hätte annehmen müssen, daß wenigstens eine Mastspitze aus den Fluten ragte. Oder irgendwo ein Teil des Schiffsrumpfes sich kieloben wölbte. Nichts von alledem. Der athletische junge Reverend Craven kletterte durch die Luke auf das Dach. Er war atemlos. »Neues?« »Man weiß drüben am spanischen Ufer gar nichts von dem Schiff.« »Nichts?« »Niemand hat es gesehen. Oder gar seinen Untergang.« »Und gestern abend erzählte man es in ganz Cadix!« »Da ist keine Planke. Keine Leiche. Kein gekentertes Boot. Nichts, was zu einem Schiffbruch gehört!« »Und draußen auf See sind sie auch auf einmal so merkwürdig unruhig.« »Was soll das bedeuten?« Die Kriegsdampfer der Verbündeten umrahmten fern am Himmelsrand mit ihrem Dutzend schwarzer Rauchtrauben die weite Bucht. Man sah diese geballten Schlotwolken sich bewegen, scheinbar suchend in den Atlantischen Ozean hinaussteuern, sah das pfeilschnelle Gleiten der Zerstörer, die wie schwarze kleine Schlangen unruhig die blaue Flut durchschnitten. »Dies ist besorgniserregend!« »Es kann einen Mann wenigstens nachdenklich machen, Sir.« Ringsum waren lange, aber noch stoisch ruhige, sommersprossige Britengesichter. Nahe drüben, bei der Punta San Felipe, lagen einige mächtige deutsche Ozeanfahrer verankert. Sie hatten sich bei Kriegsausbruch hierhergerettet und seitdem still im Schutz der spanischen Gastfreundschaft geruht. Heute waren Leute auf ihrem Verdeck. Die winzigen Figürchen neugieriger Matrosen hoben sich vom Spinnweb des Takelwerks ab. Man erkannte durch das Fernrohr deutlich die lachenden deutschen Gesichter. »Was haben die Germans zu grinsen?« »Ich hoffe ernstlich, nicht über uns!« »Gehen wir lieber hinunter. Warrington wird noch da sein.« »Fragen wir den Admiral!« »Oh – ein betrübender Anblick ...« »Was ist da zu sehen?« »Ein britischer Admiral, der seine Fassung verlor!« Die Tür von Nummer dreiunddreißig der Taverne stand offen. Innen lief ein vierschrötiger alter Herr mit wutgeballten Fäusten von dem bis zum Boden reichenden Fenster bis zur Schwelle und zurück. »Um Gottes willen, Sir James ... Seien Sie ein Brite!« Aber Sir James Warrington, R. N. , keuchte. Seine kleinen wasserblauen Augen funkelten in dem krebsroten Bulldoggengesicht. »Was auch geschehen sein mag ... Sie trifft es nicht, Sir James. Sie hatten hier nicht dienstlich zu tun.« »Nein, ich war nur Zuschauer dieser schwarzen Nacht!« »Wo ist die ›Heidelberg‹?« »Fragt lieber, wo sie heute nacht war, Gentlemen!« Der Admiral stürzte an das offene Fenster, vor dem das Balkongitter sich wölbte, und wies in die Richtung nach San Felipe. »Seht ihr dort die deutschen Dampfer?« »Ja ... ja ...« »Dort, zwischen den beiden ganz vorn, hat die ›Heidelberg‹ die halbe Nacht gelegen.« »Was?« »Dicht vor unserer Nase, Gentlemen!« »Wie?« »Ein paar tausend Schritte von hier. Wir hätten sie mit Händen greifen können.« »Oh – sagen Sie das nicht, Sir James!« »Und dann?« »Zwischen Mitternacht und Morgen ist sie hinaus!« »Aus dem Hafen?« »Mit Volldampf im Stockdunkel zwischen den Franzosen draußen durch! Sie hatte natürlich Helfershelfer an Land. Signale mögen gegeben sein. Hafenkundige gewonnen. Aber immerhin ...« Die Engländer sahen sich an. Zu sehr Seefahrer waren sie alle, als daß ihnen nicht unwillkürlich ein Schauer der Hochachtung vor diesem Seemannsstück über den Rücken gerieselt wäre: Bei Nacht und Sturm ohne Lotsen in die Bucht von Cadix und dann wieder hinaus! Und draußen der Feind ... »Und nun?« »Nun ist sie wieder in weitem Feld. Das alte Spiel geht wieder los. Sie hat Kohlen bis in die Bunker. Ich hörte es eben von der Gasse herauf. Die Deutschen verkünden es zynisch in der ganzen Stadt.« »Schade, daß man den Mann nicht für die Königliche Marine anwerben kann«, sprach Craven, der Clergyman, und es entstand eine Stille. – Es war gute englische Art, um unbequeme Dinge herumzudenken, wie man auf der Fuchsjagd um unbequeme Hindernisse herumritt. Man belog sich selbst noch viel mehr als den Erdball. Großbritannien konnte niemand anderem die Wahrheit sagen, weil es sie von seinem eigenen Angesicht verbannt hatte. Aber als der Marqueß von St. Asaphs einige Tage später bei heißem Sonnenschein unter den Bananenstauden und Drachenbäumen der Alameda von Gibraltar saß, kam aus der Stadt, am Grün des Trafalgar-Friedhofes vorbei, aus dem »Kloster«, dem Amtssitz des Gouverneurs, sein zweiter Bruder, Lord Charles Glun, mit auffallend langen Schritten, die Hände in den Taschen der weitbauchigen Reithose, die Stummelpfeife sorgenvoll und ärgerlich schief im Munde. Lord Charles war ebenso hünenhaft an Wuchs wie der Markgraf, aber dabei von angelsächsischem Allerweltsblond, sein Gesicht sommersprossig, kalt und beschränkt. Er setzte sich und sagte zwischen Zähnen und Pfeife: »›Heidelberg‹ wieder am Werk!« »Wo?« »Im nördlichen Atlantik. Auf der Amerika-Fahrtlinie. Nichts kann unerwünschter sein. Man sah schon wieder einen ausgebrannten Segler treiben.« Die hochgeborenen britischen Brüder schauten eine Weile nachdenklich vor sich in das Gefieder der Zwergpalmen hinein. »Reitest du heute nachmittag, Charley?« »Ich muß auf einen Sprung hinüber nach Marokko. Die Franzosen sind ewig Pfennigfuchser. Bei Raisuli und den Adjerres hier in der Nähe hat der ›Times‹-Korrespondent schon nützliche Arbeit getan. Aber unser Scheckbuch muß bis Timbuktu reichen!« »Ja, es muß viel mehr geschehen«, sprach der Marqueß Harald von St. Asaphs und erhob sich in seinen sechseinhalb Fuß Länge. »Wir wären töricht, wenn wir uns nicht eingestehen wollten: Wir haben noch nie ein Volk so unterschätzt wie das deutsche! Ich fahre morgen nach London zurück.« 6 Da, wo in London der Bummelstrich des Strand in die Geldburg der City überging, da wurde gegenüber dem Temple in Fleetstreet die Meinung der Welt gemacht. Standen nebeneinander die verräucherten Häuser der Zeitungen. Saß in einem von ihnen Mr. Neish, Großjournalist, durchgefallener Unterhauskandidat und Neffe dritten Grades des Herzogs von Chichester, schon im abendlichen Frack und weißer Binde rittlings auf seinem hohen Drehschemel und diktierte seinem Geheimschreiber. Er war mit seinen fünfunddreißig Jahren schon dreimal um die Welt gefahren. Die Welt war für ihn ein kugelrunder Apparat mit vielen elektrischen Tastknöpfen. Drückte man auf einen, so entstand in irgendeinem Erdteil eine öffentliche Meinung. »Diese ›Heidelberg‹ macht uns viel zu viel zu schaffen, Gibson«, sagte er nachdenklich. »In der Tat! In den letzten Wochen versenkte sie wieder ein Schiff nach dem anderen.« »Es spricht sich auf der Erdkugel herum.« »So ist es. Es heißt jetzt, sie sei endgültig an der norwegischen Küste in die Enge getrieben.« »Man hat es schon oft gesagt, Gibson.« »Allerdings, Mr. Neish.« »Am besten ist es, sie existiert überhaupt nicht mehr! Die Mannschaft hat, der Seeräuberei müde, den Kapitän über Bord geworfen, sich unter englischen Schutz gestellt und um milde Bestrafung gebeten.« »Sehr wohl, Mr. Neish.« »Melden Sie das dem ›Calcutta Englishman‹, der ›Madras Mail‹, dem ›Allahabad Pioneer‹. Ich hoffe ernstlich, daß auch der ›Indian Mirror‹ jetzt gefügig ist.« »Die islamitische Presse? Die üblen Nachrichten kommen leider meist durch die Mohammedaner nach Indien herein.« »Fälschen Sie für den ›Oudh-i-Akbar‹ eine arabische Nachricht über Perim, nichts sei sicherer als der Fall Konstantinopels in den nächsten Tagen ...« »... in den nächsten Tagen ...« »... und kontrollieren Sie heute abend noch China! Ein so großes Land braucht starke Nachrichten. Es mag für ›Canton Register‹ und ›Hankow Times‹ nützlich sein, wenn Berlin einfach genommen ist ...« »... Berlin genommen ...« »Geben Sie auch dem ›Echo de Povo‹ etwas Portugiesisches für Hongkong an die Hand! Die ›Heidelberg‹ ...« »... existiert nicht mehr ...« »Das war für Indien! ... Wir sind in Portugal! Also, die ›Heidelberg‹ hat vor Oporto dreißig angesehene Portugiesen an ihren Rahen aufgehängt ... nein: vierzig! Sonst liegt der Kahn schief.« »Vierzig Stück Portugiesen ...« »Für ›Japan Mail‹ und ›Hioge News‹ dasselbe mit vierzig Japs. In deutschen Kerkern zurückgehalten und durch unmenschliche Behandlung zugrunde gegangen ... Einer von unseren Japs hier soll es gleich für die ›Tokio-Asahi‹ übersetzen ...« »... Hungergreuel in deutschen Kerkern ...« »Schicken Sie eine Depesche nach Mexiko, daß die ›Heidelberg‹ vor Cadix mit besonderem Blutdurst gegen die Spanier gewütet hat. Johns wird es drüben gleich für den ›Partido Liberal‹ und den ›Trait d'Union‹ ins Spanische und Französische übersetzen. Hoffentlich hilft's! Die Mexikaner sind widerspenstige Burschen.« »Süd-Amerika?« »Ist der neue Film mit dem erschossenen Priester hinüber?« »Er tut gute Arbeit, Sir!« »Dann schicken Sie jetzt das Pariser Klischee: Der Greis mit den abgehackten Händen.« »Die Vereinigten Staaten?« »Wie gewöhnlich! Nehmen Sie irgendeine Seite aus dem belgischen Greuelbuch. Den vornehmen neutralen Kaufmann über die Hungersnot in Berlin. Beschimpfungen amerikanischer Ladies in den Straßen Münchens.« »München hatten wir gestern!« »Also wurden die Ladies in Dresden ausgeraubt ... Halloah! Guten Morgen, Graham!« Mr. Neish lachte aus vollem Herzen, legte den entrüsteten Kulturprotest deutscher Professoren, der ihm in die Hände gekommen, bei Seite und meinte: »Sie sehen auch wohlgelaunt aus, alter Bursche!« »Es war solch belustigender Anblick auf dem Wege hierher! Überall in den Vororten werden die deutschen Läden geplündert und die Waren vom Volk weggetragen ... auch in Bury Saint Edmunds und Sheffield machen sie gute Beute. Polizei hilft mit!« »Notieren Sie, Gibson. Kabelspruch für das neutrale Ausland: zynische Verwüstung britischen Eigentums in vielen deutschen Städten! Generale mit ihren Frauen an der Spitze der Plünderer! ... Gehen Sie auch zum Empfang des Herzogs von Chichester? Ich komme mit.« Vor der Admiralität sahen die beiden Gentlemen den Bulldoggenkopf des vierschrötigen Admirals Sir James Warrington, er verabschiedete sich von einem großen, würdevollen Reeder aus Glasgow, dem die schottische Kirchlichkeit auf den strengen, bartlosen Zügen geschrieben stand. »Wartet, ich gehe mit zum Herzog.« Und noch einmal lachend zu dem Schiffseigner: »Wozu halten wir euch die See von der deutschen Handelspest rein?« »Und die ›Heidelberg‹?« »Ach – die ›Heidelberg‹! Sie geht jetzt ihrem Ende entgegen. Wir haben sie bis in den nördlichen Atlantik hinaufgejagt. Dort findet sie nichts zu kapern und keine Kohlen. Nützt die Zeit, wo die Meere von Deutschen frei sind. Erhöht die Frachtraten!« »Weise Worte, Sir James!« »Verdoppelt jeden Monat die Kohlenfracht. Laßt die Italiener nur frieren. Sie sollen zahlen, bis sie bluten. Die Franzosen sollen bluten, statt zu zahlen ... Wozu haben wir denn unsere Verbündeten!« Unter der Durchgangswölbung der Kaserne der Leibgarde zu Pferd stießen sie auf Mr. Spry, den ehemaligen Prospektor und jetzigen Minenmillionär vom Johannesburger Rand, und den Obersten Scott. »Auch unterwegs zum Herzog von Chichester? Wie steht's in Flandern, Colonel?« »Zu viel Verluste!« »Nachschub unterwegs?« »Ganze Schiffsladungen aus Indien. Je weniger von den Mohammedanern Indien wiedersehen, desto besser für uns.« »Was macht die Südafrikanische Union, Mr. Spry?« »Botha organisiert Burghers gegen die Deutschen. Hoffentlich gehen genug Buren dabei mit zur Hölle!« »In der Tat, wozu hat man seine Verbündeten?« wiederholte Sir James sinnend, während die Gentlemen durch den linden Frühlingsabend über die Mall dahinschritten. »Rußland spendet mehrere Millionen Menschen diesen Sommer. Aber wo bleibt Japan? Es kann Armeen opfern! ... Auf was warten die Portugiesen? Von den Serben ist noch reichlich die Hälfte übrig. In Griechenland ist noch mancher Mann zu finden. In Rumänien ein Überfluß an lebendem Material. In allen Weltteilen sind noch sichtbare Vorräte von Menschen. Warum führt man diese Männer nicht gegen den Drahtverhau? Nur jetzt nicht mit Leben sparen.« »Wahrlich nicht«, sagte der Admiral. »Es wäre eine falsche Sparsamkeit!« Um die Gentlemen herum war Krieg, den sie andere führen ließen. Er sprach aus dem Dämmern der aus Angst vor den »Zeps« verdunkelten Londoner Straßen, er sprach triumphierend aus der als Zeichen der deutschen Hungersnot in einem Ladenfenster zur Schau gehängten Berliner Brotmarke, er sprach aus den riesenhaften, grellbunten Aufrufen, die überall den Vorübergehenden zuschrien: »Kitchener braucht dich!« und daneben der ausgestreckte Zeigefinger und der brutale Landsknechtkopf des Derwischschlächters und Burenhenkers. Seine Werbeplätze waren jetzt bei Nacht verödet. Keine baumlangen, mit dem Viktoriakreuz geschmückten flandrischen Sergeanten scherzten mehr mit der Menge, setzten den umstehenden jungen Gaffern unversehens die Soldatenmütze auf und nahmen sie für den König in Pflicht. Keine Marineoffiziere hielten mehr von blau-weiß-rot bebänderten Lordmayor-Leiterwagen herab Ansprachen an das britische Volk! Aber ungewohnt häufig schimmerte im Zwielicht das gelbe Khaki und die roten Aufschläge, erschienen fremdartige Gesichter von Übersee, trug von den Stocklondonern jeder ein Abzeichen seiner Tätigkeit oder Dienstunbrauchbarkeit im Knopfloch, um sich vor Werbern und Wahlweibern zu retten. Britannien rüstete sich zu der größten kriegerischen Anstrengung seiner Geschichte. Und doch sagte der Colonel gedankenvoll: »In den Kinos am Strand erscheint jetzt ein Wort auf der Leinwand, und alle Frauen stehen auf und klatschen, und die Männer bleiben sitzen.« »Welches Wort?« »Allgemeine Wehrpflicht!« Das Letzte ... das Ende britischer Freiheit ... Abschied von Alt-England ... Ein kalter Wind wehte durch Piccadilly herauf. Mr. Spry, der Südafrikaner, brummte: »Müßt ihr deswegen den Militarismus bei den Preußen totschlagen, damit ihr ihn bei den Briten einführt?« Und die anderen Gentlemen schwiegen. Vor dem prunkvollen Hotel, an dem sie vorbeikamen, fuchtelte ein aus dem Gepäckauto gestiegener Herr mit schwarzem Spitzbart und eine Dame mit großem, schiefem Abendhut die Hände gegen den Geschäftsführer. »Bedaure, das Haus ist voll.« »Sie wollen uns nicht aufnehmen?« »Nun wohl, mein Herr. Wir wünschen keine Belgier.« »Warum nicht?« »Es gab zu viel Anstoß. Ihre Sitten sind von den britischen zu verschieden.« »Die Deutschen verdienen schon deswegen Strafe, weil sie uns diese Belgier auf den Hals gebracht haben«, sagte lachend in der Vorhalle des Hotels ein junger Engländer. »Finden Sie nicht auch, Yonkheer Ter Meer?« Der Yonkheer Cornelis Ter Meer war aus seiner Wohnung oben im Gasthof im Fahrstuhl heruntergekommen, um selbst einige Depeschen nach dem Haag aufzugeben. Er war ohne Hut, im Frackanzug. Seine schwere und starke Gestalt unterschied ihn von der hageren Länge der Angelsachsen umher. Seine Glatze spiegelte sich in dem elektrischen Licht über den bedächtigen und verständigen Zügen eines Mannes zu Mitte der Vierzig, dem viel Welterfahrung und Weltkenntnis eine unerschütterliche Meinung über Menschen und Dinge verliehen hatten. Er sagte mißbilligend zu dem stutzerhaften jungen Bankbeamten neben ihm, dem fünften Sohn des Bischofs Abbot: »Ich hoffe sehr, Sir, daß niemals ein Mensch umsonst auf Englands Schutz gebaut hat.« »Oh – nichts wahrer als das! Kommen Sie auch hinüber zum Herzog?« »Ich hole eben Mrs. Ter Meer.« Von den Fenstern seiner Hotelwohnung oben sah man hinüber nach Glun-House, dem geschichtlichen Stadtsitz der Familie Glun, in dem deren Haupt, der Herzog von Chichester, wenn er in London war, sein Hoflager hielt. Das Haus stand zwischen vielen anderen seiner Art in Piccadilly, an dessen offener Seite, Greenpark und dem fernen Königsschloß von Buckingham gegenüber. In diesem Reich der Reichen, dem prunkvollen Klubland umher mit den Palästen der Ministerien in der Nähe, erschien es als ein niedriges und altfränkisches Gebäude, nur eine einfache Hausnummer über dem Tor, vor dem ein Auto nach dem andern in langer Reihe anfuhr, Herren und Damen zu Fuß kamen, lange Polizisten, die Schuppenkette unter der Nase, standen. Der Yonkheer Ter Meer blickte auf die Uhr. Zum Abendempfang bei einem Lord durfte man nicht zu spät kommen. Er trat in das Nebenzimmer. »Jantje, du bist noch nicht klar zum Ausgehen?« Über dem Stuhl hing eine Abendrobe, in ihrem silbergestickten Lichtblau künstlerisch auf Johanna Ter Meers zarte Züge, ihre rosige Hautfarbe, das reiche Aschblond ihres Haares abgetönt. Sie selbst war noch im Hauskleid. »Geh lieber allein hin, Cornelis, und entschuldige mich.« »Oh – und wozu sind wir hier?« »Um nach unserem Jungen in Eastbourne zu sehen.« »Sag mir eines: was soll der Herzog von Chichester von uns denken?« »Siehst du, das ist es! Bei allem, was man in der Welt tut, fragt man sich zuerst: was sagt der Engländer dazu?« »Jantje ... ich bin längst im Frack.« »Ich bin keine Engländerin!« »Du bist die Frau eines Neutralen und wirst hier als eine Lady aus Holland betrachtet.« »O nein, Cornelis. Als wir vorigen Herbst, zu Anfang des Kriegs, hier waren, zeigten sie alle ein höfliches Mitleid mit mir als einer geborenen Deutschen, so sehr waren sie ihrer Sache gegen uns sicher ...« »Und jetzt?« »Jetzt haben sie sich in England sehr verändert. Ich merke es in den paar Tagen, seit wir wieder hier sind. Es weht eine andere Luft.« »Oh – das ist eine Verbildung von dir, Jantje!« »Nein, das ist keine Einbildung. Es ist um einen herum alles voll Wut und Haß gegen Deutschland und also auch gegen mich.« »So sind die Engländer nicht!« Cornelis Ter Meer ging ungeduldig auf und ab. Unhöflich gegen seine Frau zu werden, lag außerhalb seiner Art. Er bat: »Denke dir alles, als het belieft. Aber komm mit. Ich verspreche dir, wenn du mir drüben nur einen Wink mit den Augen gibst, der heißt: die Engelschen sind nicht so gegen mich, als sie sollten ... so verlasse ich stracks mit dir das Fest.« Das Zimmertelefon läutete. Der Yonkheer Ter Meer hörte am Apparat und sagte unmutig zu seiner Frau: »Schon wieder drei Dampfer draußen versenkt!« »Von wem?« »Immer die ›Heidelberg‹.« »Das dachte ich mir!« »Mr. Abbot meinte eben, es sei schade, daß der Kapitän Lürsen kein Engländer sei. Er habe manche englische Vorzüge.« »Und ein paar deutsche dazu!« Johanna Ter Meer lachte. Sie war plötzlich belebt und erhob sich und sagte: »Wenn ich nicht mit dir gehe, Cornelis, dann sieht es womöglich so aus, als ob ich mich vor den Engländern fürchte. In einer Viertelstunde bin ich fertig!« – Neben seiner zur kommenden Season aus Alexandrien heimgesegelten Schwester, der Lady Norton, die ihm, dem Witwer, zur Seite stand, begrüßte John Herbrand, der elfte Herzog von Chichester, an der Schwelle seiner Säle die Gäste. Diese unteren Empfangssäle des Stadthauses der Familie Glun waren eigentlich eine Gemäldegalerie von unschätzbarem Wert. Rembrandt und Rubens schauten auf das » How do you do? « und » How good from you to come « des Menschengedränges und Lichtergeflimmers hernieder. Der Raffael gegenüber allein füllte ganze Seiten in den kunstgeschichtlichen Werken aller Völker. Nichts von diesem irdischen Glanz spiegelte sich auf dem kalten, stillen Gesicht des Herzogs wider. Es war leidenschaftslos, fast seelenlos mit seinen frostigen blauen Augen und dem angegrauten, rötlichen Vollbart über den feinen, nur um die Kiefer herum brutal ausgeprägten Zügen. Der Herzog stand unpersönlich da, wie ein Sachwalter seines Hauses, ein Beauftragter seines Landes. Sein herzlicher Händedruck geschah im Namen Großbritanniens und hieß, mit einem Anflug freimütigen Lächelns, jeden willkommen, der Großbritannien nützlich war. Darin war man nicht wählerisch am grauen und windigen Strand der Themse. Aus welchen Völkern, Erdteilen, Hautfarben holte Britannien nicht seine neuen Männer wie das sinkende Rom seine Freigelassenen? Der Baronet Bacharach sprach eindringlich auf den bebrillten Chinesenherzog Chang Ch'ien ein: »Hoheit ... die Eisenbahnkonzession kann nicht schon bei Schea-si enden. Die City legte lange vor den Japs die Hand auf die Kohlengruben ...« Und hinter dem Nachkommen des Confucius stand ein schlitzäugiger gelber Zwerg im Frack mit dem Stern seines Hausordens und neben dem Prinzen Akihito ehrerbietig gebeugt ein baumlanger Brite und raunte: »Wenn wir nicht die neue Dampferlinie nach den Sandwichinseln finanzieren, Hoheit, so tun es die Yankees!« Eine weiße Stirnbinde schimmerte zwischen dem juwelenbesetzten Turban und den bräunlichen, schwermütigen Zügen des Reiterobersten Sir Mado Singh Bahadur, der verwundet aus Flandern heimgekehrt war. Sein englischer Adjutant stellte ihm einen wohlbeleibten, sich ehrfurchtsvoll verbeugenden Gentlemen vor: »Hoheit ... Mr. Higgs, Mitglied der Handelskammer von Manchester, wird Euer Hoheit erklären, warum die indische Baumwolle in Lancashire gesponnen werden muß. Fabriken sind nichts für Indien.« – »Gott schütze uns vor der indischen Pest!« »Gott schütze uns vor den Japs, Sir Thomas!« Die beiden Großwürdenträger schüttelten sich die Hände, Exzellenz Morrow, der australische Minister und frühere Hafenarbeiter und Enkel des deportierten großen Wegelagerers von Suffolk, und der seit gestern zum Baronet erhobene ehemalige Goldwäscher und Minenkönig von Transvaal Sir Thomas Spry, und keiner der Briten ringsherum verzog eine Miene. England mischte die Menschen, machte sie zum Trumpf, spielte sie aus, stach einen mit dem anderen, England scharte sich im dichtesten Gedränge in der Mitte des großen Saals um den Matador des Spiels um das Gold der Welt. Wie Gott Mammon selber hielt da Benjamin T. Branagan, der Granatenlieferant aus Amerika, Hof. Seine Frau und seine Töchter sonnten sich drüben wie die Pfauen unter den Liebenswürdigkeiten der britischen Herzoginnen. Er, der kleine Mann mit dem bart- und zeitlosen, verschrumpften Gesicht schüttelte ihren Männern die Hand wie seinesgleichen. »India Stokes 2 ½ weniger ...« »South-Western 29 ¼ ...« Es war wie das Wehen der Lebensluft, die das Britenreich atmete. »Brighton Railway um drei Punkte niedriger ...« »Liverpool-Cotton Mai–Juni 499 ½ ...« Johanna Ter Meer stand inmitten einer anderen Gruppe. Weiße lachende Zähne, weiße Schultern. Die Lilien auf dem Felde. Die Ladies. Sie spekulierten auch. Wer tat es in London nicht, jetzt, wo die Erde sich in Krämpfen wand und die Kurse wie lockende Irrlichter im Blutnebel auf und nieder tanzten? Aber sie besorgten das Vormittags telefonisch vom Toilettentisch aus nach dem Morgenritt. Jetzt waren sie und die Herren bei den Neuigkeiten aus der Gesellschaft. »Lady Ellon reiste gestern nach Ellenhouse!« ... »Liebste ... kommen Sie doch mit nach Beau-Soleil! Sie finden an der Riviera jeden Freiluftsport ...« »Oh – Pickford gegen Pickford, vor dem Ersten Hof von Kingsbench?« »Unter dem Vorsitz des Justizlords selber! Aber ohne Verteidiger!« »Natürlich! Sonst müßte er ja den Marqueß Saint Asaphs als Zeugen laden.« Ein Lächeln auf den rosigen Zügen der Ladies. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, daß Lord Harald in einem der zahllosen Ehescheidungsskandale der großen Londoner Welt eine Rolle spielte ... »Im Windsor-Rennen?« »Nein! In der Burham-Steeplechase!« Die alten und jungen Gentlemen ereiferten sich. »Bilberry im Braknell-Handicap acht zu eins!« »Kabel aus Chicago: Johnson in bester Boxerform!« Plötzlich, wie ein fernes, fernes Totenglöckchen in das leere Lippenwerk der ›Society‹ ein Wort, halblaut ... von Mund zu Ohr: »Die ›Heidelberg‹!« Es klang dumpf. Es tauchte immer wieder auf. Mochten die Kronleuchter noch so hell strahlen, die Diamanten ahnenstolz blitzen, die Gesichter dünkelhaft lächeln: Die ›Heidelberg‹ ... die ›Heidelberg‹ ... durch den ganzen nördlichen Atlantik gejagt ... die ›Heidelberg‹ mit Kurs auf Island... die ›Heidelberg‹ auf dem Weg ins Verderben... Sie war in diesem Augenblick wohl schon genommen. War hoffentlich mit Mann und Maus gesunken. War überhaupt nur eine Eulenspiegelei der Germans gewesen. Weiter nichts. Was konnte England, dem Liebling des lieben Gotts, Böses widerfahren? Johanna Ter Meer stand zwischen den Ladies und Gentlemen, und es war ihr auf einmal, als sei ein großes Wachsfigurenkabinett lebendig geworden und die lebensgroßen Puppen plauderten und lachten mit eiskalten Augen und starren, heiteren Mienen, und diese Puppen beherrschten die Menschheit, und für sie arbeiteten alle Menschen. Kein Bekannter kam in dem Gedränge der wächsernen Halbgötter in Johanna Ter Meers Nähe. Rings um sie war immer ein unsichtbarer freier Raum. Wie eine kalte Luftwelle wehte eine Leere, wo sie ging und stand. In der Ferne entdeckte sie jetzt ihren Mann. Sein Gesicht hatte nicht den unbefangenen Ausdruck wie drüben in Holland. Es lag eine gewisse Feierlichkeit darüber, Selbstbewußtsein und Genugtuung zugleich. Er sonnte sich im Strahl des englischen Weltgestirns. Er sprach englisch mit dem norwegischen Reeder Pedersen. Als seine Frau herankam, wandte er sich rasch ihr zu. »Jantje, Mr. Pedersen hat Funkspruch aus Bergen. Isländische Fischer sichteten gestern die ›Heidelberg‹. Sie lief mit ihren letzten Kohlen zwischen den Shetlandinseln und den Faröers ostwärts in der Richtung auf die norwegischen Schären.« »Die sind doch neutral!« In Johanna Ter Meers blauen Augen leuchtete es auf. Ein Rot des Triumphs legte sich über ihre lebhaft gewordenen Züge. »Ach – wäre das schön!« »Was denn, Jantje?« »Wenn das Heldenstück gelänge ...« »Welches Heldenstück?« »... daß die ›Heidelberg‹ nach all diesen Fahrten glücklich in die Heimat kommt!« Zwei Augenpaare – ein holländisches und ein norwegisches – sahen sie verständnislos an. Heldentaten? Auf deutscher Seite? Daran hatte man nie gedacht ... mochte Deutschland siegreich gegen viele Hunderte von Millionen Menschen kämpfen, sich gegen den halben Erdball behaupten, an Opfermut alle Völker der Weltgeschichte übertreffen ... für Deutschland gab es auf Erden weder Anerkennung noch Mitgefühl. Plötzlich war eine tiefe Kluft zwischen Johanna Ter Meer und ihrem Mann, während er frostig sagte: »Das wollen wir nicht hoffen, daß die ›Heidelberg‹ heimkommt, damit sie andere Kaperschiffe ermutigt und uns von neuem den Welthandel stört.« Reeder Pedersen lachte. »Unbesorgt! Sie kommt nicht so weit. Sie heizen die Kessel schon mit allem, was auf dem Schiff verbrennbar ist. Schlimmstenfalls bleibt die ›Heidelberg‹ in unserer Dreimeilenzone liegen und wird interniert.« »Ich rechne, daß sie noch vorher eingeholt wird.« Der Yonkheer Ter Meer rieb sich, während er das sagte, beinah ungeduldig die Hände. Es schien seiner Frau in diesem Augenblick, als sei er ein Engländer, als färbte das Engländertum auf alle Menschen ab, die mit ihm in Berührung gerieten, kröche ihnen in die Seelen, nistete sich in ihr Herz und Hirn, bis die ganze Erde nur noch der Schatten war, den Großbritannien warf. Auf einmal begriff sie den trockenen, zähen, unerbittlichen Haß des Korvettenkapitäns Erich Lürsen gegen den britischen Meltau, der die Welt überzog. Sie fröstelte zusammen. »Ich möchte weg«, sagte sie. »Warum, Jantje?« Der Reeder Pedersen hatte drüben seinen dänischen Geschäftsfreund entdeckt. Cornelis Ter Meer stand mit seiner Frau allein. »Ich sagte es dir ja schon vorher. Die Engländer haben sich verändert. Noch vor drei Monaten verachteten sie Deutschland. Jetzt hassen sie es ... und lassen es mich fühlen! ... Sie sehen durch mich hindurch wie durch Glas. Sie sehen durch alles hindurch, was ihnen nicht paßt.« »Du täuschst dich, Jantje!« »Sie tun mir dabei Unrecht. Wenn jemand eine Freundin und Schülerin Englands war, dann war ich es doch wahrhaftig die zehn Jahre bis zum Krieg. Und jetzt noch im Krieg wollte ich ja alles daransetzen, daß Deutschland und England wieder Freunde werden. Aber ich sehe jetzt erst, wie England hassen kann. Ich hätte es nie geglaubt.« Der Yonkheer Ter Meer schüttelte den Kopf. Er begriff, wie weh es für einen Menschen sein mußte, wenn England nichts mehr von ihm wissen wollte! Es war wie eine Art Ausstoßung aus der Menschheit. Der Gedanke erschreckte ihn. »England tut kein Unrecht«, sagte er. »Nicht an einem Volk und nicht an einem einzelnen ...« »Du hast mir doch versprochen, zu gehen, wenn ich es will.« »Du sollst gehen, Jantje, aber ohne Bitterkeit durch ein Mißverständnis. Du warst sehr jung, als ich dich heiratete. Ich war fünfzehn Jahre älter als du. Ich habe dich in die Welt hinausgeführt. Sie ist englisch! Ist dir in der langen Zeit irgendwo eine Unbill auf der Erde widerfahren?« »Nein – das nicht ...« »Haben wir nicht allen Schutz und alle Freiheit und Beweglichkeit in allen Häfen genossen, als ob wir Engländer seien?« »Das schon ...« »Aber hat je ein Engländer dafür Dank verlangt? Nein. Oder hast du je erlebt, daß man einen Paß von uns gefordert hätte oder eine Anmeldung oder eine Pflicht? Nein, wir waren frei. England nahm uns alle Mühen des Lebens ab. Du hast darüber nie nachgedacht. Du hast es so vorgefunden, als du mit neunzehn Jahren in die Tropen kamst, und hast es als selbstverständlich hingenommen ...« »Ich weiß es, Cornelis. Aber das war im Frieden.« »Dieser Friede war ein goldenes Zeitalter für uns alle, Jantje. Durch den Krieg sieht es der Engländer für uns alle gestört ... Daher jetzt manche Düsterkeit auf seiner Stirne. Sie gilt nicht dir. Es ist die Trauer, daß man ihm seine Aufgabe erschwert!« Johanna Ter Meer fuhr mit der Hand über das gewellte Haar. Aber es war eine Bewegung, als griffe sie sich an die Stirne. »Manchmal denke ich, es gibt zwei Erdkugeln«, sagte sie. »Eine hier und dort Deutschland!« »Wenn, Jantje – dann kann man nicht auf zwei Planeten wohnen. Du stammst aus Deutschland, aber du hast dein Vaterland freiwillig verlassen, um mir zu folgen. Also ist deine Heimat jetzt hier!« »In Holland – aber nicht in England!« »Ich bin ein Mann der Freiheit. Darum bin ich der Freund Englands. England ist die Freiheit!« Der Yonkheer Ter Meer, der weltkundige, verständig nüchterne Mann, wurde beinahe feierlich. – Heiligste Überzeugung wohnte in seinen ernsten grauen Augen. »Irre dich nicht in den Engländern, Jantje, sonst wirst du irre an allen Menschen! Dann findest du keinen Platz mehr auf der Welt und wirst an dir selber irre!« Er sah, daß seine Worte Eindruck auf sie machten. Sie schwieg wenigstens. Mehr wollte er für heute nicht. Er war immer die Rücksicht selber gegen seine Frau. Sie hatte in den zehn Jahren ihrer Ehe noch kaum ein hartes Wort von ihm gehört. Er legte sanft ihren Arm in den seinen, um sie wegzuführen. »Nu – wir sollen uns jetzt niet lange aufhalten«, sagte er freundlich und so leise auf deutsch, daß es niemand hören konnte. Aber zugleich stand Herr Holm, der Kopenhagener Kriegslieferant, vor ihm, der Reeder Pedersen aus Bergen an seiner Seite. Beide, der Däne und der Norweger, waren sehr erregt. »Die ›Heidelberg‹ über den vierten Grad östlicher Länge ... Ein Dutzend Engländer, Japaner, Franzosen und Russen hinterdrein! Sie läuft mit äußerstem Volldampf. Sie heizen mit den Decksplanken und dem Maschinenöl. Man sieht es am Rauch.« Der Yonkheer Ter Meer zog die angegrauten Augenbrauen hoch, daß die Stirnfurchen bis zu der schimmernden Glatze hinausliefen. »Über den vierten Grad östlicher Länge? Mit Ostkurs? Aber dann ist sie ja schon entkommen! Dann ist sie ja schon in den norwegischen Schären.« »Vielleicht ankert sie dort irgendwo zwischen Aalesund und Florö.« »Von wo ist die Nachricht?« »Lord Saint Asaphs brachte sie soeben.« Drüben war im Hintergrund des Saals über dem Gewimmel der Gäste der tiefbrünette Kopf des Marqueß Harald von St. Asaphs aufgetaucht. Er kam erst jetzt in das väterliche Haus. Staatsgeschäfte hatten ihn, wie er zu der ihn umdrängenden Schar von Ladies und Gentlemen sagte, drüben in Downing Street zurückgehalten. Das Auswärtige Amt lag hier in der Nähe. Westminster, das Kriegsamt, die Admiralität, der Buckingham-Palast, die Stadtsitze der Lords, die Prunkhäuser der Klubs, all diese elektrischen Druckpunkte für den Erdball waren auf einem lächerlich kleinen Raum im Westen Londons vereinigt. Lord Harald stand mit der Lässigkeit des großen Herrn, die Hände in den Taschen der Frackhosen, inmitten seines Gefolges. Er zog die Rechte heraus, um sie Mr. Branagan, dem schon halb anglisierten Stahlkönig, zu herzlichem Druck zu reichen. Der Mann war es wert. Berichte aus Flandern bezeichneten die Füllung seiner gegen die deutschen Schützengräben geschleuderten Granaten als das erstickendste Gift, das man noch je von drüben bekommen. »Halloah, Mr. Branagan – Sie haben Bayardo gekauft?« »Ich tat es, mein Lord Markgraf, als Grundstock eines kleinen Stalles.« »Wann soll er zum ersten Male seinen Hafer verdienen?« »Er ist für den Tredemis-Cup genannt.« »Da läuft auch mein All Black. Wir werden uns da sehen, Mr. Branagan.« Der Marqueß Harald von St. Asaphs sagte es zerstreut. Seine dunklen Augen forschten nach dem Ausgang des Saales. »Steht dort nicht Mrs. Ter Meer?« »Ich glaube«, sagte Miß Briggs frostig. »Sie scheint im Begriff, mit ihrem Mann zu gehen.« »Sie tut gut daran«, sagte Miß Neish. »Sie hat es wohl gesehen, daß man ihre Abstammung kennt«, sagte Mrs. Graham. »Ihr habt es sie merken lassen?« »Oh – ich hoffe!« sagte Miß Craven. »Nichts törichter als das!« Es kam beinah brutal unter dem schwarzen kleinen Schnurrbart, durch die großen weißen Zähne. Im Verkehr mit den Ladies legte sich der Marqueß nicht den geringsten Zwang auf. »Warum, Harald?« fragte die ehrenwerte Diana, die, baumlang wie er, neben ihrem Vetter stand. »Weil ich sie brauche ... sie stammt doch aus Deutschland! Sie weiß, wie es dort ausschaut ...« »Oh!...« »Und ihr verscheucht sie von hier ... Die einzige Lady, von der man hier etwas Vernünftiges hören kann ...« »Oh ... oh ...« »... die für England eingenommen ist ... die mir alles von drüben freimütig erzählt!« »In der Tat, es war nicht weise!« sagte Lady Diana Fairtlough zu ihren Freundinnen. Der Marqueß von St. Asaphs eilte durch den Saal. Blicke hinter ihm her frugen, wem die Ehre galt, daß ein » Most Noble «, der Träger des höchsten englischen Adelstitels nach den »Gnaden« des Herzogs, sich seinetwegen in absichtlich auffallender Hast bemühte. Ausländer! Ein Staunen. Und nicht einmal Amerikaner, sondern Neutrale eines Kleinstaats! Vor dem Yonkher Ter Meer und seiner Frau machte Seine Herrlichkeit halt, zeigte ihnen herzlich die Zähne, schüttelte ihnen die Hände wie alten Freunden, geleitete sie in liebenswürdigem Gespräch von der Schwelle und den dort stehenden riesigen Lakaien wieder zurück in den Saal. »Wie gut, daß ich Sie noch treffe! Ich verspätete mich. Es gab manches in Downing Street zu tun. Es ist eine Zeit, die einem Mann Kopfzerbrechen machen kann. Der Krieg mag noch hingehen ... aber die Iren ... ich wäre so traurig gewesen, wenn ich Sie verfehlt hätte! Ich hätte ungern die paar Tage gewartet, bis ich Sie als Gäste in Ogmore Castle begrüßen darf.« »Es wird uns diesmal nicht möglich sein, Mylord.« »Oh – sagen Sie das nicht, Mrs. Ter Meer! Sie versprachen, Ihren Besuch zu wiederholen. Sie gaben mir in Holland darauf die Hand. Bitte, kommen Sie!« Ringsum stand Alt-England. Hörte mit ehrfurchtsvollen Ohren das Gespräch. Das neutrale Ehepaar stieg plötzlich turmhoch in der Achtung. Zwei Ausländer, denen ein Marqueß von St. Asaphs die Einladung auf das Schloß seiner Ahnen nicht als Gnade, sondern als Bitte aussprach. Er wiederholte, zu dem Yonkheer gewendet, eifrig und eindringlich: »Ich habe Mrs. Ter Meers Wort.« Und Cornelis Ter Meers ernste Züge erhellten sich unter der sonnigen Herzlichkeit, und er warf seiner Frau einen vielsagenden Blick zu: Siehst du, so sind die Engländer! Es bildete sich von selbst eine Gasse achtungsvoller Zuschauer, während Johanna Ter Meer zwischen ihrem Mann zur Linken und dem Markgrafen zur Rechten wieder bis in die Mitte des Raumes zurückwandelte. Dabei dämpfte der riesige brünette Lord die Stimme noch mehr, als es so schon in England üblich war. »Und wie war es in Deutschland? ... Wir sind Verbündete, Mrs. Ter Meer. Sie müssen mir erzählen! Wie steht es dort drüben? Was sagt man in Berlin? Sie sprachen sicher alle Welt! Sie taten gewiß gute Arbeit zum Frieden? Auch ich habe hier inzwischen Nützliches geleistet. Aber der Weg zur Versöhnung zwischen unseren Ländern kann einen Mann entmutigen, der ihn wie ich fast allein geht ... Darum ist mir Ihr Rat so wertvoll, den Sie mir mit Erlaubnis meines Freundes, des Yonkheer Ter Meer, über deutsche Dinge geben werden.« »Mrs. Ter Meer wird die Auszeichnung zu schätzen wissen, mein Lord Marqueß!« sagte ihr Mann. »Aber hier sind zu viele Ohren und zu viele Augen für ein vertrauliches Gespräch, das können wir am besten in Ogmore Castle führen. Da werden wir uns vor den Kamin setzen und werden zusammen ratschlagen ...« »Ich fürchte, ich habe keine Zeit, Mylord.« »Oh –still doch, Jantje!« »Keine Zeit? ... Es geschieht im Namen der Menschheit, wenn ich Sie bitte, mir in Ogmore Castle von Deutschland zu erzählen, damit ich sehe, wie man mit ihm zum Frieden kommen kann...« »Deutschland wollte den Frieden ...« »Ich weiß, nur jene vornehme Oberschicht, der Sie durch Geburt angehören, wollte den Krieg ...« »Auch das ist unrichtig, Mylord!« »Dann belehren Sie mich, und ich werde andere aufklären. Klar sehen ist alles! Wir verheimlichen Ihnen hier ja auch nichts. Sie können sehen und hören, was jeder Engländer hört und sieht. Ebenso muß ich durch Sie mit Deutschland hören und sehen. Jede Einzelheit ist mir wertvoll. Offenherzigkeit unter Freunden ist Pflicht, Mrs. Ter Meer.« »Das sind wahre Worte Seiner Herrlichkeit, Jantje!« »Auf Wiedersehen zum nächsten Wochenende in Ogmore Castle!« sagte der Marqueß von St. Asaphs plötzlich lächelnd. Ein Widerspruch schien in der Luft dieses Saales unmöglich. Er verabschiedete sich von Johanna Ter Meer mit einer weltmännisch leichten Verbeugung, die man seiner baumlangen Athletengestalt kaum zugetraut hätte, nickte dem Yonkheer vertraulich gleich einem alten Freunde zu und schlenderte davon. Aber an seiner Stelle stand, wie aus der Erde gewachsen, seine Base, Lady Fairtlough, und quetschte strahlend Johanna Ter Meers schlanke Finger zwischen ihren langen nervigen Sportshänden. »Oh – wie geht es Ihnen, meine teure Mrs. Ter Meer? Ich bin so froh, Sie zu sehen!« Und eine ebenso freudige Überraschung malte sich auf Lady Warringtons Gesicht. »Sind Sie schon lange hier, Mrs. Ter Meer? Man findet sich kaum in dem Gewühl.« Und neben der Admiralin erschien die Lady Beaulieu. »Ich hoffe, Sie hatten eine gute Überfahrt? In den letzten Wochen war der Kanal stürmisch.« Und teilnahmsvoll erkundigte sich Lady Abbot, die Gattin des Bischofs: »Und was macht Little Jan, Ihr Sohn? Ist der prächtige kleine Bursche noch bei dem Vikar nahe Eastbourne?« »Es waren dort an den Küstenplätzen gestern noch drei Stunden Sonnenschein. Nichts besser für Kinder!« Johanna Ter Meer war ganz gerührt, daß man sich hier in diesem Weltreich inmitten des Weltkrieges ihres kleinen Jan entsann. In einer so herzlichen und selbstverständlichen Weise, als sei sie ein Familienmitglied Alt-Englands und gestern erst abgereist und heute wiedergekommen. Es war wirkliches Mitgefühl in der Art, wie die Lady Norton sie leise und traurig frug: »Ich höre, Sie hatten bei Ihrem letzten Aufenthalt hier einen ernsten Trauerfall zu beklagen. Hat Ihr tapferer Schwager seine letzte Ruhestätte gefunden?... Gott tröste Ihre arme Schwester!« Johanna Ter Meers zarte Züge belebten sich und verloren die Blässe und Zurückhaltung. Es war, als ginge auf einmal in den frostigen Nebeln dieses Saals um sie die Sonne auf. Die Sonne war der Marqueß von St. Asaphs gewesen. So gut kannte sie England schon, um das sofort zu begreifen. Aber es lag etwas so Bezwingendes in dieser schlichten und stillen Liebenswürdigkeit von allen Seiten, dem erfreuten Kopfnicken aus der Ferne, dem einfachen Lächeln im Vorübergehen, daß es einem die Vernunft schmeichelnd einwiegte ... Man fing an zu zweifeln, nicht an den andern, sondern an sich ... Vielleicht waren diese vorhin so frostig steifen Misses Rogers und Neish gerade mit anderen Gedanken beschäftigt gewesen! Es war sonst kaum denkbar, daß sie sich jetzt auf einmal in diese zutraulichen und harmlosen Geschöpfe verwandelten, die lachend, als sei nichts geschehen, Arm in Arm auf sie zutraten ... daß die eisig säuerliche Mrs. Graham sich plötzlich in eine mütterlich liebenswürdige alte Dame verkehrte, die ihr ein paar aufrichtige, bewundernde Worte über ihr liebliches Äußeres und ihre frischen Farben sagte ... daß der Baronet Bacharach sich ehrerbietig vor ihr verneigte ... daß endlich England selbst sie willkommen hieß in Gestalt des Hausherrn John Herbrand, des elften Herzogs von Chichester aus dem Hause Glun, der suchend auf sie zukam und wohl zehn Minuten lang in seiner leisen und langsamen Art mit ihr und ihrem Mann sprach. Kein Wort von Krieg ... Kein Wort von Deutschland .. Nicht mehr der kalte Haß von vorhin. Nicht mehr das gönnerhafte Mitleid von früher. Mrs. Johanna Ter Meer war die Frau eines befreundeten Neutralen. Niemand wußte mehr, wo ihre Wiege gestanden, und es war im Augenblick nicht weise und für Britannien nicht nützlich, das näher zu untersuchen. Johanna Ter Meer sah die tiefe Befriedigung ihres Mannes. Und sie selber konnte sich nicht gegen ein innerliches Aufatmen wehren, das sie von dieser furchtbaren Vereinsamung befreite. Es war wieder ein Ahnen jenes alten Gefühls von draußen, aus der Welt, gerade unter diesen Menschen zu wandeln, die die Welt beherrschten, zu ihnen zu gehören, von ihnen als ihresgleichen betrachtet und behandelt zu werden. Als sie mit ihrem Mann draußen vor dem Glun-Palast aus der Wagenburg von Autos das ihrige vorfahren ließen, sagte Cornelis Ter Meer in bester Laune: »Es war nur ein Mißverständnis, und Lord St. Asaphs hat es geklärt!« Eine Stunde später verließ auch der Marqueß Harald von St. Asaphs Glun-House. Er schlenderte mit seinem Freund, dem Reverend Craven, um die Ecke in einen der Pall-Mall-Clubs, deren hell erleuchtete Paläste da nebeneinander standen. Die beiden Sportathleten boten den bloßen Kopf der Nachtkälte im Freien und dem feuchten Themsenebel die dünne Hemdbrust unter den Frackklappen. Es war, als gingen sie aus einem Zimmer in das andere. Diese ganze Londoner Ecke hier war wie ein einziger Familienraum, von dem aus die Welt beherrscht und der Weltkrieg gelenkt wurde. Der war jetzt doch mehr als ein großer Kolonialfeldzug geworden, bei dem ausnahmsweise sich nicht die Weißen gegen die Farbigen in anderen Erdteilen, sondern umgekehrt die Wilden der Welt nach Europa einschifften. »Gestern haben die Germans wieder aus mehreren Panzern die Ostküste beschossen«, sagte der Clergyman mißgestimmt. »Und man fürchtet ernstlich, sie kommen bald wieder.« Lord St. Asaphs hob den Kopf. Er war viel ernster geworden in dem letzten halben Jahr. Es lagen Linien in seine Stirn gegraben, die vom Nachdenken über andere Dinge kamen als über Sport und Flirt. »Nichts wäre falscher«, sagte er zwischen den Zähnen, »als dem Mann auf der Straße oder gar den Neutralen einzugestehen, daß wir eine Torheit begangen haben.« »Mit diesem Krieg?« »Wir hatten zwei Feinde, Rußland und Deutschland. Wir verbündeten uns mit Rußland, damit es von Deutschland geschlagen würde, und wir verbündeten uns mit Frankreich, um Deutschland zu schlagen. Dann waren wir sie beide los. Es war eine Doublette auf zwei Fasanenhähne. Der erste Schuß gegen Rußland traf, der zweite gegen Deutschland nicht. Wir müssen jetzt noch einmal laden: die große Kitchener-Armee! Und wer weiß, Craven, ob wir nicht eine dritte Patrone brauchen, bis diese verwünschte Angelegenheit aus der Welt ist.« Und der Reverend Craven wußte, daß dieser dritte Schuß Alt-England selbst ins Herz traf. Denn er hieß das Ende englischer Freiheit, hieß die allgemeine Wehrpflicht... Der »unabhängige Gentleman« stand stramm! Borgte vom Preußen die Pickelhaube. Es war ein undenkbarer Gedanke ... Sie traten in den Club. Diesen auserlesenen Club, dessen Mitgliedschaft einen jeden rund um den Äquator in den ersten Gesellschaftsrang rückte. Auf langen Listen warteten die Bewerber geduldig viele Jahre, bis der Tod eines der einhundertsechzig Mitglieder dem Glücklichen an der Spitze die Tore öffnete. Die Ungeduldigen hatten längst einen Junior-Club gegründet, der beinahe ebenso vornehm war und auch schon wieder draußen eine hundertköpfige Kette von Anwärtern stehen hatte. Dieser Club war einer unter vielen. Wenn England ein Männerparadies der höheren Stände war, so war Pall-Mall, das Clubland, das Allerheiligste dieses Paradieses. Aber auch um diese Hochburgen der Gentlemanherrlichkeit pfiff schon der schneidende Wind des Kriegs. Vorbei die träumerische Ruhe der großen Lesesäle mit ihren hundert Ledersesseln, vorbei diese Stille, die nur das Geknitter von hundert riesengroßen, eng bedruckten Abendzeitungen und der leise Schritt der Diener unterbrach, vorbei das behagliche Geplauder über Rennen und Reisen vor den flackernden Buchenscheiten der riesigen Kamine. Wie eine ferne summende Sturmglocke brummte es im Gespräch dumpf » Germans... Germans... « aus allen Winkeln. Die Räume waren nicht mehr so voll wie sonst. Viele Mitglieder doch mit ihren Regimentern über den Kanal. Manche schon unter flandrischer Erde oder in den Händen der Hunnen. An ihrer Stelle Gäste von Übersee. Aber diese Freigelassenen entweihten das Cäsarentum dieser Säle, und Lord Harald St. Asaphs hatte neulich erst nach nachdenklichem Schweigen geäußert: »Es ist möglich, aus einem Deutschen einen toten Mann zu machen. Aber es ist unmöglich, aus einem Kanadier oder Australier einen Gentleman zu machen!« Augenblicklich waren keine wilden Männer von jenseits der großen Wasser da. Nur Peerage und Gentry. Glattrasiertes, hageres, befracktes britisches Vollblut. In dem kupfernen Bulldoggenkopf des Admirals Sir James Warrington rollten die Augen, daß man das Weiße sah. Lord Harald ahnte im Nähertreten schon den Grund des Rotkollers, der dem vierschrötigen Seemann bis unter die grauen Haarbüschel stieg. »Neues von der Admiralität?« »Ja«, sagte Sir Warrington, R. N ., bitter. »Neuigkeiten, daß ich, wenn ich jetzt auf See wäre, meine Flagge halbstock setzen möchte.« »Die ›Heidelberg‹?« »Der höllische Kasten ist uns glücklich entwischt. Er ankert heil und sicher in einem norwegischen Fjord innerhalb der neutralen Dreimeilenzone.« »Und unsere Schiffe?« »... liegen davor wie die Hunde vor dem Fuchs in der Erde!« »Kann man ihn nicht ausgraben?« »In fremden Gewässern?... Unsere Schiffe können den Piraten sogar von der See aus sehen. Er liegt frech inmitten der Bucht, so weit nach hinten, als es der Ankergrund gestattet ... dicht am Land ... Sie können ihn sehen und dürfen ihm nicht den Fangschuß geben ...« »Es ist schmählich ...« »Ich möchte heute nacht in der Saint-Pauls-Kathedrale sein«, sagte der Admiral mit einem unheilverkündenden Zucken um die bartlosen wulstigen Lippen. »Weil sich Nelson dort in seinem Grabe umdrehen wird ...« »Oh... oh ...« »... weil er, wenn er mich sieht, aus seinem Sarg steigen und mir mit seinem einen Arm einen Boxerschlag unter die Nase pflanzen wird, um britische Seeleute an ihre Pflicht zu erinnern...« »Nicht so hitzig, alter Warrington!« »... weil er mir sein Loch im Leib von Trafalgar zeigen wird, Gentlemen, und fragen: Warum haltet ihr höllischen Burschen die Meere nicht rein? Nichts hat auf den Meeren zu fliegen als die Möwen und der Union Jack! In dem Fjord da drüben aber hängt vom Mast ein Stück Zeug, das es zu meiner Zeit gar nicht gab ...« »Es muß herunter!« »Mein Großoheim«, sagte der Lord Harald von St. Asaphs, »war als Midshipman dabei, als Nelson vor hundert Jahren nach Kopenhagen fuhr und die dänische Flotte zur Aufbewahrung mit nach England nahm ...« »Ein glorreicher Tag!« »Es war Frieden. Aber es schien ihm trotzdem nützlich, Kopenhagen zu bombardieren. Die Stadt brannte. Die Dänen steckten weiße Fahnen heraus. Seine Umgebung machte Nelson darauf aufmerksam. Ihr wißt alle, was Nelson tat. Er hielt sein Fernrohr vor sein blindes Auge und sagte: ›Ich kann keine weiße Fahne sehen‹... und die Breitseiten feuerten weiter...« »Ein guter Spaß ...« »Wenn Nelson sich täuschte, kann sich jeder britische Seemann einmal täuschen. Er kann plötzlich wähnen, noch außerhalb der neutralen Zone zu sein...« »Oh ... hört auf Saint Asaphs!« »... und so das Feuer auf den Feind eröffnen ... Es wird ihm betrübend sein, zu spät, wenn das feindliche Schiff schon gesunken ist, zu erkennen, daß er in einem Navigationsirrtum befangen war...« »Hört! Hört auf Seine Herrlichkeit!« »Nichts wäre falscher, als nicht dann der neutralen Regierung jede Art von britischem Bedauern auszudrücken. Nichts darf härter sein als der öffentliche Verweis an den schuldigen Kapitän.« »Ich schlage vor, daß wir ihn zum Frühstück einladen!« »Wahrscheinlich liegt die ›Heidelberg‹ überhaupt gar nicht auf neutralem Grund.« »Ich glaube es beinahe selbst!« »Der Freibeuter hat uns so oft überraschend angefallen«, sagte der Marqueß St. Asaphs. »Nun können wir ihn einmal überfallen.« »Bei Nacht!« »Unversehens!« »Er sinkt, ehe er zum Schuß kommt.« »Die Mannschaft geht mit zur Hölle.« »Ich wünschte, wir nähmen den Kapitän Lürsen gefangen!« »Oh – wirklich, Marqueß Saint Asaphs?« »In der Tat«, sagte Lord Harald und lachte. »Man sollte ihn mit großem Pomp nach England bringen. Die Zeitungen der ganzen Welt müßten darüber berichten. Der Hafen, wo er landet, müßte schwarz von Menschen sein. Ich würde mich freuen, ihn hier in England zu wissen. Es wäre ein Triumph!« »Sehr wahr!« »Halloah – so finster, alter Warrington?« Der Admiral schob grimmig den brutalen Unterkiefer vor. Er glich jetzt weniger einer Bulldogge als einem guten, scheinheiligen Schauspieler. »Es ist zu gut, um wahr zu sein«, sagte er. »Niemals können britische Behörden einen Bruch des Völkerrechts dulden! Strengste Befehle hierüber sind an jedermann in der Königlichen Flotte gegeben und werden zu rechter Zeit erneuert ...« »Wie schade!« »Bitter, zu hören...« »Aber nicht zu ändern!« sagte Sir James Warrington, R. N . Der Lord St. Asaphs begleitete ihn bis auf die Straße hinaus. Draußen fragte er: »Wer befehligt unsere Schiffe vor dem Fjord?« »Captain Brown. Captain Quick. Captain Pilgrim. Sir Sommerville...« »Ich kenne sie nicht. Aber ich hätte Lust, ihnen allen drahtlos zu telegrafieren: Seid Männer, tut eure Pflicht... Vorwärts!« »Es tut nicht not.« »Was heißt das?« Der Admiral sah sich um. Es war niemand in Hörweite. Trotzdem dämpfte er die heisere Stimme. »Weil solche Depeschen schon unterwegs sein mögen.« »Was...« »Und von Männern von noch höherem Rang als Sie, Lord Marqueß!« »Oh – taten Sie das?« »Ja. Ich komme von der Admiralität. Sie weiß von nichts.« Der Mond trat aus dem zerrissen dahinjagenden Gewölk. Er übergoß mit seinem geisterblauen Licht drüben auf der schwindelnd hohen Nelsonsäule von Trafalgar-Square den einäugigen und einarmigen Zerstörer von Kopenhagen. Die beiden lebenden Briten unten lachten. Atmeten auf. Nickten sich zu, erlöst in dem Gedanken, daß gesunder angelsächsischer Sinn zur See die Oberhand gewonnen. Sir James Warrington sagte trocken: »Niemand weiß etwas! ... Aber ich habe allen Grund, anzunehmen, daß der alte Mond in dieser Stunde auch drüben in den Fjord scheint und unserem guten Captain Quick mit seinem Dreadnought helles Licht für seine achtzehnzölligen Geschütze gibt. Es wird ihn nachher schmerzlich erschüttern, wenn er seinen Irrtum erkennt. Aber dann ist es zu spät...« 7 Der Nebel brütete über London. Die unendliche Häusermasse lag wie eine versunkene Stadt auf dem Grund eines Meeres von zähem, gelbem, feuchtbitterem Brodem, in dem Menschengewühl und Wagenburgen schattenhaft wie graue Dunstspiegelungen durcheinanderwogten und die Lichtkreise der Laternen umsonst um die zwölfte Mittagsstunde gegen die bleiflüssige Luft kämpften. Es war, als hätten sich all die ungeheuerlichen Lügen, die in Fleet Street in den Londoner Zeitungsburgen tagtäglich ausgebrütet wurden, zu stinkenden Schwaden über den rußigen Dächern und verräucherten Straßen zusammengeballt, als zöge hier aus Oxford Street ein giftiger Nebel über die betäubte Welt. Unser Krieg ist die Lüge. Durch unsere Lüge ist der Krieg!... Mr. Neish fuhr durch die verdunkelte, von unbestimmten Umrissen, wirren Tönen erfüllte Luft, rollte über das Gewimmel der Themsebrücke, über die in grauen, ungeheuren Wolkenbänken die Finsternis vom Meer heraufstrich, erreichte den Wellington-Bahnhof, hielt neben dem Zug nach Portsmouth und hatte gerade noch Zeit, mit einem Schritt vom Trittbrett seines Autos das Innere des Frühstückswagens zu gewinnen, als der sich schon in Bewegung setzte. Über ham and eggs und steak sah er sich gegenüber den hageren jungen Reverend Craven. Die beiden, der Zeitungs- und der Gottesmann, nickten sich zu. »Auch nach Portsmouth?« »Oh – ich muß dabei sein!« »Wenn wir nicht zu spät kommen!« »Es scheint mir Nebel auch auf See. Captain Quick wird nur langsam mit seinem ›Acheron‹ laufen können.« »Er wäre rascher gleich von Norwegen nach Schottland gefahren.« »Aber England soll dies Schauspiel haben. So nahe von London wie möglich.« »Guter alter Quick!« »Er ist sehr gedrückt, der Ärmste!« Mr. Neish lachte spitzbübisch und lautlos über seinen Krümeln von grünschwarzem Stilton. »Niemand kann schmerzlicher als er das Mißverständnis bedauern, daß er aus Versehen im Mondschein die Dreimeilenzone überschritt und die ›Heidelberg‹ überfiel.« Auch Reverend Cravens kirchliches Antlitz zuckte von stiller Heiterkeit. »Haben wir uns schon amtlich wegen unseres Navigationsfehlers entschuldigt?« »Ich glaube, es ging so ein Lappen ab!« Plötzlich war es um sie hell geworden. Der Zug sauste, wie aus einem Tunnel, aus der Londoner Nebelnacht ins Freie. Lieblich, als gäbe es nicht Krieg und Kriegsgeschrei auf der Welt, lag, ein lachender Garten Alt-Englands, die Landschaft Surrey mit ihren grünen Wiesen, ihren parkartigen Baumgruppen, ihren Rennbahnen und Spielplätzen, Schlössern und Ruhesitzen unter blauem Himmel im Sonnenschein. Mr. Neish benutzte das klare Tageslicht. Er zog eine seiner Zeitungen aus der Tasche. Sie war noch druckfeucht und roch förmlich nach Londoner Nebel und Lüge, als er sie dem athletischen Kirchenmann reichte. »Heute abend wird das Ding ausgegeben! Es steckt ein gutes Teil Geschwindigkeit darin. Mr. Neish rieb sich befriedigt die Hände. »Ein Kunststück, das uns auch Northcliffe und Pulitzer nicht nachmachen! Unser Zeichner war bei dem nächtlichen Überfall auf die ›Heidelberg‹zugegen. Er stand frei auf Deck. Er ist jetzt noch taub von dem Donner unserer Breitseiten.« »Gefährlich für ihn!« »Nicht so sehr. Die ›Heidelberg‹ ahnte ja nichts Arges. Ankerte in der neutralen Zone. Ein Teil der Mannschaft war, um Lebensmittel zu holen, an Land gegangen. Der Rest lag in den Hängematten, bis auf die Wachen. Wir haben sie gut geweckt ... haha!« »Man erkennt es!« sprach der Clergyman, sinnend das erste Bild betrachtend. Man sah die »Heidelberg« vor Anker, manövrierunfähig, einer plötzlichen Donnerwolke gegenüber. Sah auf dem nächsten schon den Granatenhagel, der über den kleinen Kreuzer hineinfegte und rings haushohe Springbrunnen aus dem stillen Fjordspiegel steigen ließ, sah auf dem dritten Bild, wie sich die Masten des Schiffs senkten und das Heck die Tiefe suchte. »Zwei Minuten dauerte es nur, Craven. Diese höllischen Piraten feuerten trotzdem noch, was sie konnten! Aber da, auf diesem Bild, tauchen ihre Geschützrohre schon ins Wasser. Jeder weitere Widerstand unmöglich. Da verlassen die Deutschen auf Befehl des Kommandanten das sinkende Schiff und rudern ans Land!« »Wir haben keinen gefangen?« »Niemanden, außer ihn selbst. Bemerken Sie hier an dem zerschossenen Ankerspill die undeutliche Gestalt eines Matrosen mit erhobenem Arm? Es war ein verwundeter Artillerist, den man vergessen hatte. Kapitän Lürsen hörte, als er als letzter in das letzte Boot stieg, die Hilferufe des Mannes. Hier sehen Sie, wie er selbst noch einmal hinaufentert, um ihn zu holen ...« »Ein zäher Mann! Er klettert wie eine Katze. Oh – da läßt er den Verwundeten glücklich am Seil herunter! Eine Hölle von Treffern um ihn her. Schade! Es ist, wie ich sehe, schon das letzte Bild.« »Leider. Denn im nächsten Augenblick, ehe dieser Captain Lürsen noch selbst wieder dem geretteten Matrosen in das Boot folgen konnte, legte sich die ›Heidelberg‹ über und sank ...« »Und er ...?« »Er kam aus dem Strudel hoch, aber halb betäubt. So zogen ihn unsere Leute in ein Boot und brachten ihn an Bord des ›Acheron‹.« »Es wäre besser, Deutsche im Wasser zu erschießen!« sagte der Reverend nachdenklich. »Sicherlich, wenn niemand dabei ist! Hier aber sahen die Norweger vom Lande zu. Und zudem: auf die öffentliche Meinung wirkt seine Ankunft in England beruhigend. Deswegen erfolgt sie ja auch auf St. Asaphs' Rat hier in Portsmouth mit solchem Pomp. Lloyds Unterschreiber sind in bester Laune. Ich habe gleich, als ich es erfuhr, Schiffahrtsaktien gekauft.« »Oh – ich auch!« sagte der junge Geistliche. »Hier hinten haben wir Captain Lürsens Bild. Eine Aufnahme von Bord des ›Acheron‹.« »Er sieht verwegen aus, wie er dasteht und mit den Offizieren plaudert ... Er lacht ja, dieser Seeräuber!« »Freunde schreiben mir, er sei in bester Laune.« »Oh ...« »Man könne mit ihm verkehren wie mit einem britischen Gentleman! ... Nur sein Ehrenwort, nicht zu fliehen, will er nicht geben.« Die beiden betrachteten mit dem Interesse des Sportsmanns Erich Lürsens bartlose, zäh-energische Züge. Er stand auf dem Bild gleichmütig inmitten eines Haufens britischer Seeoffiziere. Es schien, daß er sich mit ihnen ganz gut über die wilde Jagd zwischen Gibraltar und dem Polarkreis unterhielt. Es kam in nachdenklicher Anerkennung durch Reverend Cravens Zähne: »Er könnte Engländer sein!« Als der Zug an der Hafenstation von Portsmouth hielt, sahen ihre geübten Augen noch nirgends in der grauen Luft des inneren Wasserspiegels und der Meerenge draußen die Umrisse eines Panzers vom »Acheron«-Typ. »Der ›Acheron‹ ist erst bei den Needles gesichtet«, sagte der Admiral Sir James Warrington. Er stand, klein, stämmig, kupferbraunen Gesichts, eine Bulldogge zur See, in voller Uniform zwischen anderen hohen Offizieren der Königlichen Marine. Die Werften wimmelten von neugierigen Arbeitern und Matrosen. Vom Victoria-Pier in Portsmouth ab und die Parade hinunter standen die Menschen wie die Mauern. Ihre dünnen schwarzen Linien zogen sich in der dicken grauen Luft zum Nelson-Obelisken nach South-Sea und längs der Esplanade hinab bis zu vereinzelten Spähern am Seeschloß. Sie scharten sich in dunklen Klumpen gegenüber in Gosport, blaue Gestalten lugten von den Mauern von Blackhouse Fort und vom Deck der alten »Victory«, des Nelsonschen Flaggschiffs, das, dreifach weiß gebordet, im Hafen von vergangenen Tagen träumte. Die Stunden vergingen. Es dämmerte schon leise über dem größten Kriegshafen Englands. Graue Abendnebel strichen von der See. Da wuchs etwas in ihrem Schatten, als sei ein Ungetüm der Urzeit aufgetaucht, glitt langsam, fast gespenstisch, im fahlen Zwielicht heran, wurde zu einem riesigen, sechsmal gebuckelten schwimmenden Bügeleisen, aus dem fünf Paar Riesenschnecken ihre Fühlhörner streckten, dampfte lautlos vorbei, schwang sich oben an den Königlichen Docks um den Anker, lag still ... Der Eintritt in dieses Reich der Werften war für die Außenwelt geschlossen. Man mußte schon ein Seemann sein, um, wie Sir James Warrington, ohne weiteres da hindurch zu gelangen, in eine der Dienstbarkassen zu steigen und über das Fallreep auf das niedere Deck des »Acheron« zu klettern. Das war kahl wie eine Tenne, aber unter den Feuerschlünden der Türme voll von Dreispitzen, goldgebordeten Mützen, blauen Mänteln und goldenen Tressen der britischen Marineoffiziere, die den gefangenen Kommandanten des deutschen Kreuzers sehen wollten. Auch der Admiral gestand das dem Captain Wippingham, dem er oben im Pfeifen des Windes die Hand schüttelte. Er rollte seine Augen, daß das Weiße darin leuchtete. Er warf den kupferroten Bulldoggenkopf in den Nacken. »Ehe ich mich nicht selbst davon überzeugt habe, wird mir keiner einreden, daß das ein Mann von Fleisch und Blut ist, der mit dieser satanischen Schamlosigkeit sein Spiel mit uns trieb! Ich bin ein alter Mann, aber ich schäme mich noch jetzt für England ...« »Kein Grund, Sir James. England hat ihn jetzt verhaftet.« Der Captain Wippingham war ein feierlicher und länglicher alter Brite – ein Gestell aus Holz und Leder, innen, wie mit Häcksel, mit Ehrbarkeit gefüllt. »Auf wieviel Yards habt ihr das Feuer eröffnet?« »Ich war nicht dabei, Sir James. Ich komme wie Sie vom Lande. Ich reise in einer halben Stunde wieder nach Dover zurück.« »Über London?« »Nicht nötig! Es geht ein großer Marinetransportzug über Redhill.« »Gute Eisenbahnfahrt!« sprach der Admiral grimmig. »Wir alten Seeleute sind heutzutage keinen Farthing mehr wert! Unsere großen Kähne liegen hinter Drahtmaschen, der Teufel darf sagen wo! Unsere jungen Burschen auf ihren Zerstörern draußen lachen uns aus. Ich nehme an, daß dieser Deutsche auch noch ein junger Mann ist. Ich werde jetzt achterdecks gehen und ihn sehen.« Unten, vor der Kapitänskajüte, hielten zwei Posten Wacht. Der Vorraum innen war voll von britischem buntem Tuch: Hafen- und Landoffiziere, die da neugierig warteten. Der Admiral fragte: »Wo ist der Gefangene?« »Drinnen beim Kommandanten. Er verabschiedet sich eben von den Schiffsoffizieren. Sie sagen, er sei ein umgänglicher alter Bursche. Man hört sie ja drinnen mit ihm lachen.« »Ich höre es mit Widerwillen!« sagte der Admiral Sir James Warrington. Er schob mißbilligend den Unterkiefer vor, während er die Tür öffnete und, kraft seines Ranges, in das Allerheiligste des Kapitäns Quick eintrat. Ein Dutzend Offiziere, alle vom »Acheron«, standen in dem großen Zimmer. Durch den Lärm von den Deckplanken über ihnen hörte man ihre Heiterkeit. Der Mann in ihrer Mitte, der eine etwas andere Marineuniform als sie trug, hatte irgend etwas Komisches gesagt. Er selbst lachte mit, während er, die Hände in den Taschen der Bordjacke, ungezwungen an der Wand lehnte und dem Admiral so freundlich zunickte, daß jener mit unheilverkündendem Augenrollen auf ihn zutrat. »Guter Laune, Sir – scheint es?« »Oh – ich kann nicht klagen!« »Sie hatten eine gute Überfahrt aus Norwegen, Sir?« »Die Gentlemen hier taten ihr Bestes. Es ist wahrhaft selten, daß der Fuchs mit den Jägern nach Hause reitet!« Die Briten umher lachten wieder zu dem Vergleich aus Alt-Englands Lieblingssport ... Der Admiral sah, daß dieser Deutsche sich auf der Heimreise so ihrem englischen Gesichtskreis und ihrer englischen Art angepaßt hatte, daß sie ihn fast als ihresgleichen betrachteten. Dabei sprach er doch Englisch mit unverkennbarer deutscher Betonung und machte auch fortwährend kleine Fehler im Satzbau. »Ich bin den Gentlemen zu warmem Dank verbunden«, sagte der Kapitän Lürsen mit nüchternem Ernst. »Ich werde ihn, sowie ich wieder in Deutschland bin, noch schriftlich wiederholen!« »Oh – oh ...« »In Deutschland, Sir?« »Gewiß! ... Ich möchte mich gerade dieses Mal nicht zu lange in England aufhalten!« »Das erzählt der Captain alle Tage, Sir James!« »Würden Sie einem alten Mann eine neugierige Frage gestatten, Sir?« »Ich bin Euer Exzellenz gehorsamer Diener!« »Es mag deutsche Gewohnheit sein, in so ernsten Lagen, wie Sie sich befinden, belustigt mit den Augen zu zwinkern ... ich möchte mich nur bescheiden erkundigen, warum dieser humoristische Ausdruck gerade mir gilt!« »Es ist ja nur die Überraschung des Wiedersehens, Sir James.« »Sie kennen mich?« »Ich war dem Schicksal für diese Ehre dankbar, Sir James.« »Wo?« »Nun: in Cadiz!« »Wann?« »Mein Gott, diesen Winter!« sagte Erich Lürsen harmlos und fast verwundert. »Als ich mir dort nachts ein paar Orangen für die ›Heidelberg‹ holte!« »In jener Teufelsnacht?« »Ich fand das Wetter angenehm.« »Da waren Sie an Land?« »Ich saß Ihnen gegenüber, Sir.« »Herr ... es ist unmöglich!« »Unmöglich ist nichts. Auch nicht im Café Inglès am Konstitutionsplatz in Cadiz!« »Es stimmt!« »Wir unterhielten uns. Sie gaben mir noch wertvolle Winke über die Hafenausfahrt ...« »Herr ... nein!« »... und über die Stellung der britischen Schiffe draußen ...« »Niemals würde ich einem Neutralen derlei erzählt haben! Denn ich nehme an, daß Sie nicht noch die Dreistigkeit haben werden, zu sagen, daß Sie mir in deutscher Uniform gegenübergesessen hätten?« »O nein, in englischer!« »Was?« »Ich finde, man bewegt sich in ihr freier ...« »Herr ...« »Ich sehe mit Betrübnis, daß der kleine Vorfall Sie noch in der Erinnerung erregt. Erwähnen wir ihn nicht weiter!« »Herr! Es geht um meine Ehre und Reputation! Gott sei Dank, all diese Gentlemen hier sind in der Lage, festzustellen, daß Sie gegen die Wahrheit wüten wie Ihre Landsleute drüben gegen die Kathedralen!« »Wir achten beides, Sir James!« »Ich will nicht klüger sein als mein Volk, aber niemals würde auch der vertrauensvollste Brite Sie auch nur einen Augenblick für seinen Landsmann halten. Durch jedes Wort klingt ja Ihre rauhe deutsche Betonung! In jedem Satz verstoßen Sie gegen die Gesetze unserer Sprache – so wie Ihre Landsleute draußen gegen die Gesetze des Völkerrechts. Nicht eine Minute, und Sie sind erkannt!« »Ich wette um das Gegenteil, Sir James!« »Das nenne ich kindisch gesprochen, Sir. Wen hier wollen Sie denn täuschen? Jeder im Kreise weiß nur zu gut, wer Sie sind.« »Die Gentlemen draußen, deren Stimmen man aus dem Vorraum hört, haben mich nie gesehen. Ich verpflichte mich, unter sie zu treten und mich mit ihnen beliebig lange zu unterhalten, ohne daß sie mich erkennen...« »... nicht einmal an Ihrem fremdartigen Rock?« »Nein! Das allerdings nicht! Hallo – old Jack!« In der Ecke der Kajüte stand ein Bursche mit Mütze und Mantel seines am Tisch sitzenden und mit dem Übernahmeprotokoll beschäftigten Herrn. Der Offizier von der Hafenbehörde war so über seine Arbeit gebeugt, daß er gar nicht beachtete, wie Erich Lürsen sich den dunkelblauen Mantel um die Schultern warf und die goldbetreßte Mütze aufsetzte. »Eine Wette, Sir James, daß mich die Gentlemen im Vorraum für ein Mitglied der Royal Navy halten?« »Oh, nein ... Das geht zu weit!« »Laßt ihn doch!« »Er ist ein toller Bursche. So voll Schnurren war er schon unterwegs auf See!« »Wollen wir beide wetten, Tolliday?« »Zwei auf, Ritchie!« Die angelsächsische Sport- und Wettlust war wach. »Welch ein blutiger Witz, wenn sie ihn da draußen auslachen!« »Es kann ja nichts passieren!« »Es steht ja die Wache vor der Tür auf dem Gang!« Sir James Warrington räusperte sich erbittert mit puterrotem Kopf. »Nichts wäre mir erwünschter, als dies Gelächter draußen zu hören«, sagte er. »Es wäre meine glorreichste Rechtfertigung gegen den schmählichen Verdacht, als ob ich, ich, ein Brite, ihn hätte in Cadiz für meinen Landsmann halten können!« Oben auf Deck war ein Poltern auf den Planken, das seine letzten Worte verschlang ... es schien, daß Matrosen ein Faß rollten. Man konnte in dieser Minute nicht hören, was hinter der halbangelehnten Tür gesprochen wurde, durch die Erich Lürsen in den Vorraum getreten war. Dann verlor sich der Lärm über der Kabine. »Jetzt wird es still!« Nebenan war wirklich alles ruhig. »Warum spricht er denn so leise?« »Man hört überhaupt keine Stimme!« »Er wagt nicht den Mund aufzumachen, weil er weiß, daß ihn seine deutsche Aussprache sofort verrät!« »Dann holt ihn lieber wieder herein!« »Aber die Wetten?« »Verloren!« »Nein, totes Rennen!« »Oh – ich verlange den Spruch eines Unparteiischen!« In dem Stimmengewirr hatte der Leutnant Tolliday die Tür geöffnet. Sein Mund stand plötzlich ebenso weit auf wie sie. Seine wasserblauen Augen schauten verglast aus dem sommersprossigen Gesicht. »Er ist nicht da!« »Und die Gentlemen im Vorraum machen gleichmütige Gesichter!« »Seid ihr Briten?... Wozu, bei Gottes Barmherzigkeit, steht ihr denn da?« »Wir hoffen, den Deutschen zu sehen.« »Ich möchte ihn knipsen, wenn er hier durchgeführt wird.« »Ich war auf einem der versenkten Schiffe. Ich würde gern ein Wort mit ihm sprechen, wenn er hier hereinkommt...« »Aber er kam ja eben zu euch herein!« »Wer?« »Er leibhaftig ...« »Wahrlich nicht, Sir. Niemand kam durch als jetzt eben ein britischer Offizier.« »Das war er ja!« »Unmöglich, Gentlemen! Er trug Mantel und Mütze der Königlichen Marine!« »Haha, meinen Mantel... meine Mütze!« »Und was tat er, beschwöre ich euch?« »Nichts. Er schien im Dienst. Er ging rasch zwischen uns durch, aus dieser Tür herein und durch jene hinaus ...« »Und die Wache draußen ... he ... habt ihr geschlafen?« »Auf Posten nichts Neues!« »Nichts Neues! Haha ... und der Deutsche, der eben herauskam ...?« »Da war kein Deutscher ... Nur ein britischer Offizier. Wir erwiesen ihm die vorgeschriebene Ehrenbezeigung, Euer Exzellenz!« »Haltet den armen alten Warrington! Er kriegt einen Lachkrampf vor Wut!« »Und der Offizier?« »Er stieg schnell auf Deck, Sir.« »Die Burschen können nichts dafür!« »Wir selbst sind die ...« »Oh ... sprechen Sie es nicht aus, was wir sind!« »Er kann ja noch nicht von Bord sein!« »Auf Deck! Auf Deck!« »Da – der Warrant-Offizier weiß Bescheid!« »Wo ist der Captain, der eben heraufstieg?« »Sprang gerade noch in die Dampfbarkasse, Sir, ehe sie vom Fallreep freikam!« meldete der Deckoffizier. »Und die Barkasse?« »Hielt Kurs auf den Pier von South-Jetty, Sir. Fuhr schnell, Sir ... Ist jetzt wohl schon an Land, Sir!« Um die niedere Bordwand des Panzers glucksten die kleinen Hafenwellen. Die Nacht dehnte sich um ihn so schwarz, wie er selber war, hüllte Wasser und Werften, Schiffe und Festungswerke in ein gleichmäßiges Dunkel, in dem nur vereinzelte schwache Lichtpunkte glimmten. Lange weiße Lichtbahnen der Scheinwerfer fegten unablässig und aufgeregt am Nachthimmel hin. Es schien, als suchten sie schon da oben in den Lüften nach dem Korvettenkapitän Erich Lürsen. »Zu denken, daß wir ihn noch eigens nach England gebracht haben ... Er stiftet das größte Unheil an, wenn er hier auch nur eine Stunde frei umhergeht!« »Wir müssen ihn fassen!« »Wie sah er aus, Gentlemen?« »Glattrasiert, mittelgroß, blond, mit blauen Augen ...« Stumme gegenseitige Blicke, während das Motorboot rasend durch die Wellen schoß. Man konnte ebensogut ein bestimmtes Sandkorn suchen als hier einen glattrasierten, blauäugigen, blonden, mittelgroßen Gentleman in britischer Marineuniform unter tausend seinesgleichen und Hunderten von Landoffizieren dieses englischen Potsdam. »Vor allem jetzt an die Bahnhöfe ...« »An die Hafenstation!« »Sicher ist er dort. Es sind ja nur ein paar hundert Ellen bis dahin.« Das Stationsgebäude für den Verkehr nach der Insel Wight war dunkel. Die Halle leer. Ein Beamter stand in ihr und rief höflich: »Der Gentleman von der Königlichen Marine kam gerade noch zurecht. Er lief neben dem Zug her und schwang sich hinein!« »Wohin fährt der Zug?« »Schnellzug nach London.« »Wo hält er?« »Nirgends.« »Wo kann man ihn frühestens anhalten?« Der Bahnhofsvorstand riß die Augen auf. Dann stürmte er, als er den Sachverhalt erfahren, in das Telegrafenzimmer. Der Apparat hämmerte wie ein Maschinengewehr. Nach zwei Minuten kam er zurück. »Knallerbsen und Lichtzeichen zwischen Winchester und Worthy, Gentlemen! Zug kommt in ein paar Minuten dort zum Stehen.« »Wie weit von hier?« »Keine fünfzehn Meilen ...« »Wir müssen nach!« Der Rennwagen der Admiralität mit den bewaffneten Matrosen auf dem Trittbrett schoß durch das Dunkel heran. Zugleich erschien der Bahnbeamte von neuem. Er schwang triumphierend einen Telegrafenstreifen. »Rückmeldung: Alles in Ordnung, Gentlemen! Zug gestellt. Mann verhaftet. Schlief. Tat erstaunt ...« »Ja – ja – wir kennen ihn ...« »... sitzt unter Bewachung in Worthy-Junction und trinkt einen Whisky.« »Mög' er sich die Hölle in den Hals trinken!« »Oh – seien wir froh, daß wir ihn wiederhaben!« »Nur nichts davon in die Öffentlichkeit dringen lassen! Es war ein kleiner Irrtum. Nicht der Rede wert!« »Ich telefoniere gleich überallhin, daß der Fall erledigt ist.« »Wir holen ihn unterdessen. Vorwärts! Schneller! Das ist ja ein Tempo, daß meine alte Tante nebenherlaufen könnte!« »Nichts zu machen bei Nacht und Nebel, Sir. Unter einer Stunde schaffe ich es nicht bis Worthy!« Aber die zweite Stunde war schon lange verstrichen, als man endlich vor dem kleinen, still daliegenden Eisenbahnknotenpunkt Worthy hielt. In dem kleinen, nächtig leeren Glasraum des Bahnhofsbüfetts saß ein Gentleman in Marineuniform, rechts und links von ihm zwei Polizisten. Man konnte sein Gesicht nicht sehen. Denn er hielt die ›Times‹ fernsichtig weit davor und ließ zuweilen das Whiskyglas hinter ihr verschwinden. Beim Nahen der Schritte senkte er das Blatt, nahm die Brille von der Nase und legte sie mit dem Ausdruck gekränkter Würde auf dem länglich ehrbaren Gesicht beiseite. »Wippingham!« »Captain Wippingham!« »Darf ich fragen, Gentlemen, ob wir noch in England leben oder in einem Tollhaus?« frug der alte Brite streng. Ich wäre begierig, zu erfahren, warum man ein ruhig schlummerndes Mitglied der Royal Navy K.C.B. und R. C.M.G. bei Nacht und Nebel aus einem Zugabteil zerrt und hier bei einem höchst mittelmäßigen Whisky gefangenhält?« »Wie um Jesu willen kamen Sie in den Zug?« »Ich sprang im letzten Augenblick hinein! Ich erfuhr, daß der Truppentransportzug von Waterling Island erst in einer halben Stunde gehen sollte. So fand ich, daß ich mit dem Schnellzug über London noch rascher nach Dover käme ...« »Und diese Narren haben den armen alten Wippingham verhaftet!« »Es ist ein Schandfleck für England, daß ich jetzt noch nicht weiß, warum. Sie sagten, ich sei der einzige Mann in Uniform im Zug!« »So fuhr der Deutsche gar nicht mit!« »Nun können wir ihn suchen!« »Man muß alle Züge anhalten lassen.« »Gentlemen, ich traue dem Burschen manche Dreistigkeit zu. Aber daß er den Zynismus seiner Rasse so weit treiben sollte, als Offizier Seiner Britischen Majestät in einem britischen Transportzug von Portsmouth nach Dover zu reisen ...« »Er müßte sich doch ausweisen!« »Er hat ja Hutchinsons Mantel an, in dem dessen amtliche Ausweise und sein Freifahrtschein stecken!« »Auf den hin stehen ihm alle Bahnen im Vereinigten Königreich zur Verfügung.« »Verdammt!« »Er ist der Mann dazu, das zu benutzen.« »Dann wäre er jetzt schon unterwegs?« »Schon seit mehreren Stunden!« »Drahten Sie nach Scotland-Yard, Tolliday ... und Sie nach Portsmouth, Dickson ... Sie, Ritchie, an die Admiralität. Es ist keine Sekunde zu verlieren!« »Wenn an der Meinung eines alten Briten noch irgend etwas gelegen ist«, sagte Mr. Wippingham traurig, »so möchte ich behaupten, es wäre besser gewesen, eine Klapperschlange zu importieren, als diesen Mann über See nach England zu bringen ...« Die Morseapparate hämmerten. Die Zeichen zitterten im Draht über Land. Ein langer Militärzug hielt zwischen Ashford und Dover auf freier Strecke plötzlich still. Um ihn war Windbrausen von der nahen See und dunkle Nacht. Er selbst war dunkel wie eine schwarze Riesenschlange ... die Wagen waren wegen der Fliegergefahr unbeleuchtet. Nur die Zigarettenpünktchen glimmten. Vorübergehend glühte es aus einer Stummelpfeife auf ... Der blutjunge Schottenleutnant, der noch vor kurzem als Student in Cambridge den Fußball getrieben hatte, stopfte sich den Pfeifenkopf neu und sagte zu dem Marineoffizier in der Ecke ihm gegenüber, mit dem er allein in dem Abteil erster Klasse saß: »Wir halten.« »Es scheint so.« »Warum wohl?« »Weiß nicht, Sir ... Wachte eben auf.« Ein Schweigen. Dann erkundigte sich der Knabe in dem gewürfelten Knieröckchen und der Stoßfeder an der Mütze, wahrend er prüfend an seiner Pipe sog: »Lange in Portsmouth gewesen, Sir?« »Nur eine Stunde. Ich ging an Land und bummelte durch die Werften und Docks zum Zug.« »Ihr Seeleute dürft das! Können Sie sich vorstellen, daß sonst der Eintritt in die Docks sogar uns Landoffizieren streng verboten ist?« »Vorsicht tut auch not ... Ich habe da heute wieder in aller Eile grimmige Geheimnisse geschaut ...« »Das glaub' ich!« »Wenn zuviel Männer davon wissen, könnten es eines schönen Tages auch einmal die Deutschen erfahren ...« »Das wäre eine schöne Geschichte! Aber ich möchte nur wissen, warum wir nicht weiterfahren?« Der junge Schotte öffnete das Fenster und steckte den Kopf in die Nacht hinaus, in deren Finsternis zuweilen zwischen den jagenden Wolkenmassen das Mondlicht unruhig aufblaute und wieder verschwand. »Es stehen Posten längs des Bahnkörpers. Sonderbar. Es geht eine große Offizierspatrouille den Zug entlang. Sie öffnen alle Türen, rufen etwas aus ...« »Niemand aussteigen!« Es klang von fern. Stimmen wiederholten es bis zum Ende des Zuges: »Niemand aussteigen!« ... Dann, im Näherkommen der Offizierspatrouille, immer dieselbe Frage in jedes Wagenabteil: »Captain Hutchinson von der Royal Navy hier? ... Eure Papiere, Gentlemen, wenn's beliebt!« Der Zug war lang. Es dauerte wohl noch fünf Minuten, bis die Ronde zu ihm herankam. »Hochländer, Sir? ... Danke. Noch jemand dort?« »Ja, ein Gentleman. Königliche Marine!« »Oh – öffnen Sie!« »Wo sitzt er?« »Dort in der Ecke...« Ein Laternenstrahl leuchtete in das Polsterdunkel hinein. »Die Ecke ist leer!« »Was?« »Niemand außer Ihnen im Abteil!« »Er wird wohl, während ich hier herausschaute, auf der anderen Seite ausgestiegen sein«, meinte der Knabe im Schottenrock harmlos. »Um Gottes willen...« »Nun ... er kommt wohl gleich wieder...« »Wie sah er aus? Sie... ich beschwöre Sie!« »Ich schätze, noch nicht Fünfunddreißig. Blond. Blaue Augen. Kein Bart. Mittelgroß. Ein munterer alter Bursche. Wir haben eine Stunde lang so angenehm geplaudert, als säßen wir vor dem Kamin. Er ließ sich von mir viel über unsere Armee erzählen ...!« »Und Sie taten es, Sir?« »Oh, gern! Er sagte, er sei dabei gewesen, als man den Kommandanten der ›Heidelberg‹ fing...« »Allerdings! Er ist's!« »Er kann noch nicht weit sein!« »Ihm nach!« »Besonnenheit, Gentlemen! In einer Stunde graut der Morgen. Bis dahin alarmieren wir den ganzen Teil der Grafschaft und machen ein Kesseltreiben von allen Seiten. Da ist kein Wald. Kein Versteck. Nur die freien Hügel und hinten das Meer...« »Bis zum Frühstück ist der Fuchs schon ausgegraben...« 8 Das Rollen der Räder verlor sich in der Ferne. Der Wind verschlang es. Er pfiff von dem weißen Kalk der Küste her über die Grashalden und die Wiesengründe des nächtigen Hügellandes, so wie er eigentlich immer über England hinpfiff. Es war der altgewohnte Klang für britische Ohren bei Tag und bei Nacht ... Erich Lürsen stand, die Hände in den Taschen seines britischen Mantels, die britische Mütze tief in die Stirne gedrückt, sehr ernsthaft auf dem niederen Hügel über dem Meer. Unten schwappte, in regelmäßigen Zeitabständen, der schwere Klatsch der Brandung. Zuweilen, wenn der Mond wieder einen flüchtigen Blick auf die Erde warf, sah man das Weiß der Schaumkämme in der Tiefe und seitwärts, auf den Höhen, das Weiß einiger zerstreut liegender Landhäuser, wie man sie überall im Inselreich als kleine backsteinerne Merkmale des Müßigganges fand. Sie standen ganz still, ohne Acht und Leben, in der Nacht. Nicht einmal ein Hund bellte. Aber aus der Ferne, wo ein Städtchen oder einer der unzähligen Badeorte am Strand sich hinzuziehen schien, trug der Wind verwehten Trommelwirbel her und Hornstöße. Und Erich Lürsen sagte sich sorgenvoll: »Das gilt ja nun wohl mir ...« Und nachdem er wieder eine Weile sinnend gestanden: »Klock vier wird die Luft sichtig! ... Nu mal fixing ...« Der Mond schien wieder hell. Kein Mensch war in der Nähe. Nur die stillen weißen Häuser drüben. Wie er das vorderste friedsame Cottage anschaute, dachte er plötzlich an Belgien. Dort in Flandern konnte man im Herbst vorigen Jahres, zu Beginn des Krieges, es sich auch nicht anders vorstellen, als daß ein Haus nur noch halb dastand, ohne Dach oder wenigstens mit Volltreffern in der Seite. Gerade so gähnte jetzt vor dem Kapitän Lürsen in der Mauer des englischen Landsitzes ein Granatentreffer. Schwarz, beinahe kreisrund, so groß, daß ein Mann bequem durch ihn ins Innere steigen konnte. Eine deutsche Granate... von der See her. Ein Funkspruch, der während der Überfahrt an Bord des ›Acheron‹ gelangt war, fiel Erich Lürsen ein. Die Briten hatten ihm mißbilligend erzählt, daß deutsche Schiffe heimtückisch im Morgennebel die englische Südostküste überfallen hätten! Jetzt begriff er auch, warum das weiße Haus verlassen schien. Und ebenso dessen Nachbar. Der Krieg war ein gutes Ding für das Festland. Hier auf den britischen Inseln wünschte man keine Granatsplitter zum Tee. Man packte lieber seine Koffer. In dem Wohnraum des Hauses, in das sich der Kapitän Lürsen nach kurzem Besinnen durch das Granatloch schwang, lag im ersten fahlen Frühdämmern noch alles wie Kraut und Rüben durcheinander. Cakes, Angelgerät, eine Bibel, ein Topf Ingwer, ein Teekessel, eine Beitragsliste zum Kirchenbau in Hongkong, die Abrechnung eines Stockmaklers über eine Opiumspekulation, eine Mitgliedskarte des ›Golfers Club‹ aus Whitecourt. Die Schriftstücke waren aus dem offenstehenden Kassenschrank in der Ecke gefallen. Der Schlüssel steckte noch in ihm. Es schien, daß der Bewohner des Hauses ein älterer Junggeselle aus der City war, der hier das Wochenende beschaulich zu verbringen pflegte und beim Nahen der Deutschen in fliegender Eile das Weite gesucht hatte, statt sich dem morgendlichen Golfsport zu widmen, zu dem schon nebenan alles über einem Stuhl bereitlag, von der Tellermütze, dem graugelben Gürtelrock und den Pumphosen bis zu den gelb geringelten Kniestrümpfen und den gelben Schnürschuhen. Der Kapitän Lürsen legte das alles an, bedächtig, aber ohne eine Minute Zeit zu verlieren. Als er fertig war, graute draußen schon der helle Tag, und er sah im Spiegel einen britischen Gentleman vor sich, so ehrbar wie nur irgendeiner in England und Wales heute morgen, unbekümmert um den Krieg, mit geschwungener Keule den roten Ball über das grüne Gras senden würde. Während er mit den vorgefundenen Albertkeks seinen Hunger stillte, sah er mit einem freundlichen Lächeln, wie auf einen alten Bekannten, auf den Kassenschrank in der Ecke, die Seele Englands, die ihm da ihre Arme öffnete, schob die ganze abgelegte Marineuniform hinein, sperrte zu und steckte den Schlüssel in die Tasche – leise, ganz leise – mit angehaltenem Atem. Er hörte draußen Schritte. Gleich darauf schrillte die Hausglocke durch die Morgenstille. Die Klinke des Eingangstors bewegte sich durch einen Griff von außen. Gab nicht nach. Der geflohene Gentleman war ein Mann der Ordnung. Er hatte sein Haus beim Weggehen vorn pünktlich wie immer verschlossen, trotz des Seiteneingangs, den die Granate geschossen. »Hallo! Niemand da drinnen?« »Wir müssen um das Ding herumgehen, Bob. Oh – da ist ein Einsteigloch!« Nein – zwei, dachte sich der Kapitän Lürsen. Der halbmannslange stählerne deutsche Zuckerhut war durch das Kartenhaus, ohne es zu zerstören, glatt durchgegangen und erst im Freien geborsten. Durch den Ausschuß schlüpfte, während die beiden Briten noch, an ihrem Schnurrbart kauend, vor dem vorderen Loch standen, ein dritter englischer Gentleman hinten behende heraus, sprang den Hügel hinab, ging, außer Sicht, mit der Ruhe eines achtungswerten Tausendpfundmannes aus der City den Feldweg weiter, an einem verlassenen Brei von Lafettensplittern, Betonbrocken, geschwärzten Geschützrohren vorbei, der wahrscheinlich vor ein paar Tagen noch eine englische Küstenbatterie gewesen. Ihrer Nähe waren die harmlosen Landhäuser oben mit zum Opfer gefallen. Um die Trümmer der Schanze flitzte es rasch und lautlos durch die Wegkrümmung heran. Ein bewaffneter Polizist sprang vom Rade. »Guten Morgen, Sir.« »Guten Morgen! Ein liebliches Wetter heute ...« »Oh, wahrlich! Wohin des Wegs, Sir!« Der Kapitän Lürsen machte ein erstauntes Gesicht, um Zeit zur Besinnung zu haben. Wohin ging man wohl? Golf? Die Links lagen noch verödet. Es war zu früh. Aber ein Ziel gab es in England immer: Er antwortete im strafenden Ton eines Gentleman zu einer unbritischen Frage: »Zum Rennen.« Es schien in der Tat heute in der Nähe ein großes Rennen zu sein. Denn der Polizist sagte sofort befriedigt: »Oh – ich sehe!« Und dann wieder im Zweifel: »So früh?« »Ich muß mich vor Abgang des Zuges noch in der Stadt umziehen.« »O ja! ... Zwei Worte, Sir: sahen Sie einen britischen Seeoffizier in Uniform?« »In der Tat, vor kaum fünf Minuten.« »Oh – lassen Sie hören!« »Da hinten, wo ich herkomme. Es mag noch nicht eine halbe Meile von hier sein.« »Wie schaute er aus?« »Wie ein jüngerer Captain der Flotte ...« »Sprachen Sie mit ihm?« »Allerdings ... Darf ich offen sein? ... Brite gegen Brite?« »Ich bitte darum, Sir!« »Er frug mich nach dem Weg zu den nächsten Fischerbooten, so als wenn er segeln wollte ...« »Aha ...« »Aber sein Englisch – war deutsch gefärbt!« Der Kapitän Erich Lürsen sprach jetzt auf einmal ein so tadelloses Englisch, mit einem ganz leisen Stich in das Londoner Cockney, wie es die Briten an Bord des ›Acheron‹ nie von ihm vernommen hatten. Er dämpfte seine Stimme noch mehr. Sein Antlitz war entrüstet und bekümmert zugleich. Hat man deswegen den Prinzen Battenberg von der Spitze der Flotte entfernt, damit einer seiner einstigen Landsleute hier ... ich wage es nicht auszusprechen ...« »Es ist ein Spion, Sir!« »Armes England!« »Aber seine Zeit ist gezählt. Danke Ihnen, Sir.« Der Polizist stieß einen Pfiff auf einer Trillerpfeife aus. Andere Pfiffe antworteten. Behelmte Köpfe erschienen über den Hügelrändern. »Der Gentleman hat den Deutschen gesehen!« »Drei Hurra für den Gentleman!« »Vorwärts!« Im Wegradeln drehte der Polizist das Gesicht mit der Schuppenkette unter der Nase. »Was halten Sie von Bayardo, Sir?« Und der fremde Herr begriff, daß das, im Sporteifer Alt-Englands, dem heutigen Rennen galt, und schrie zurück: »Kein besseres Pferd zwischen hier und London!« Er ging weiter. Vor ihm lag das Seestädtchen in der Morgensonne. Der Himmel war schon lichtblau. Die Luft klar. Aber über dem Meer lagerte noch weithin eine zähe, undurchdringliche, weiße Nebelbank, die jede Fernsicht versperrte. Verwünschter Bursche! dachte sich der Kapitän Lürsen und meinte nicht den Polizisten von eben, sondern den Unbekannten, dessen Hülle aus schottischem Homespun er trug. Warum mußte man gerade an den philiströsesten Gentleman im Vereinigten Königreich geraten sein? Nichts hatte der Cityman in seinen Taschen gelassen. Keine Karte der Umgegend. Keinen Pfennig Geld. Keinen Ausweis. Und ohne Karte lief man in der Irre. Und ohne Geld litt man Hunger. Und ohne Ausweis fand man jetzt im Kriege nirgends eine Unterkunft für die Nacht. Der Geldschrankschlüssel flog in das Meer. Große weiße Möwen schössen hungrig herbei und sahen ihn unter mißbilligendem Geschrei versinken. Von dem Badeort aus hatte das niemand gesehen. Da lag noch alles in den Federn. Engländer waren keine Frühaufsteher. Sie gingen dafür lieber etwas eher zu Bett. Es war so still, daß Erich Lürsen das Knarren seiner Schritte auf dem weichen Ufersand hörte. Ein paar umgestülpte Fischerboote lagen da zum Kalfatern auf dem Land. Er setzte sich auf das eine und atmete als Seemann den gewohnten Hauch von Salz und Teer und Tang und toten Quallen und hörte das einschläfernde Glucksen der spielenden Wellen, die in langer, flacher Dünung aus der Nebelwand über See heranliefen, und ließ sich von der Sonne bescheinen. Vor ihm stand, längs der Marine, eine lange Reihe freundlicher Häuschen mit dem Blick auf das Meer, Wochenendsitze der Londoner Broker und Jobber. » Oh yes !« »Mr. Benjamin T. Branagans Bayardo, dreijährig ... ich schätze, er trägt einen Viertelstein zu viel...« »Ich denke nicht so, Mr. Plumkins!« Auf der Veranda des nächsten Hauses war eine Gruppe Gentlemen erschienen. Sie trugen graue Zylinderhüte und umgehängte Operngläser. Sie wollten auch zum Rennen. Vor der Hand frühstückten sie gründlich und hörten dem Hausherrn zu. Das war ein Mann in den besten Jahren mit seinem großen, runden und roten Gesicht und seiner vierschrötigen Gestalt, das Urbild jenes John Bull, wie ihn die illustrierten Blätter des Inselreichs immer noch als den massiven Aufseher der Schöpfung zu zeichnen liebten. »Nichts schamloser als dieser Überfall vorigen Dienstag«, sagte er, die Milch über den Haferbrei gießend. »Welch eine schimpfliche Belästigung einer offenen Stadt!« »Ich fürchte, die Deutschen suchten die Batterie, gleich da hinter der Kirche, Mr. Plumkins.« »Oh – nichts von der Batterie!« Der Gastgeber fegte sie mit einer Handbewegung aus der Wirklichkeit hinweg. Es war zugleich ein Wink für die Haushälterin, die gebratenen Eier aufzutragen. »Die Seeräuber nahmen die Kirche zum Ziel ihrer Mordlust. Sie werden erst mit ihren Greueln aufhören, wenn sie verhungert sind. Nehmen Sie ein Stück kaltes Fleisch, Mr. Johnston! Es ist Hammel von der schottischen Salzküste.« »Da würden aber auch die Frauen und Kinder in Deutschland hungern!« »So hoffe ich! So hoffe ich ernstlich, Sir! Es gibt kein besseres Mittel! ... Etwas Schinken, wenn ich bitten darf.« Der Mann auf dem Boot unten hörte jedes Wort der lauten Unterhaltung, aber er wandte nicht den Kopf. Er richtete ihn lieber nach dem Nebel über dem Meer, wo sich nichts in dem schattenhaften Grau regte, oder doch? ... In seine blauen Seemannsaugen kam ein spähender Glanz: Es war da etwas, kaum sichtbar, wie Spinnweb in der Luft ... wie fadendünne Masten und Rahen ... »Die Hungerkur bewährte sich an den Iren, Gentlemen. Früher waren ihre Lippen vom Grasessen grün! So hungerten sie. Mein Urgroßvater lachte noch oft darüber und nannte deswegen das Land die grüne Insel!« »Hört, was Plumkins sagt ...« Die Schattenschiffe wuchsen. Dunkle Rauchstreifen hoben sich vom Blei des Meeres. »Das Jam ... danke ... oh, greifen Sie doch nach den heißen Buttertoasts ... Kein Land in Europa sollte andere Lebensmittel haben, als die ihm England gibt oder nicht gibt ...« »Sehr weise!« Die Schatten der Gespensterschiffe kamen unheimlich schnell näher. Gleich dräuenden Luftspiegelungen glitten sie durch Nebel und Flut. Der Mann mit dem John-Bull-Kopf auf der Veranda nahm sich einen großen Hummer von der Schüssel, der ebenso rot war wie sein eigenes Gesicht. »Nichts vorteilhafter als ständig von Hunger geschwächte Völker«, sagt er. »Sie arbeiten viel besser als andere.« »Plumkins hat immer recht!« »Kaffern und Kulis muß man die Rippen zählen können, wenn sie nützliches Werk für uns tun sollen!« »Den Hindus auch!« »Den Fellachen!« »Den Deutschen!« Die Umrisse der Schiffe waren jetzt ungeheuer geworden. Der Nebel vergrößerte noch ihre Formen in das Phantastische. Sie drehten langsam bei. Es waren ihrer drei. Der Kapitän Lürsen beobachtete sie mit fieberhaft gespannten Augen. Die Gentlemen in der Laube über ihm schauten nicht hin. Sie kauten. »Wenn überhaupt Deutsche nach diesem Krieg übrigbleiben!« »Plumkins spricht wie ein Brite.« »Ich habe das Ding reiflich überlegt und gefunden: Deutsche sollten besser nicht auf der Welt sein.« »Wahr!« »Krieg tötet nur die Männer. Aber nicht das Volk.« »Richtig!« »Also brauchen wir eine Form des Krieges, die das ganze deutsche Volk tötet.« Rasch wie ein Schatten stieg aus den eisgrauen Panzern drüben ein weißer Ballen den Mast empor zum Top, entfaltete sich, zeigte jäh ein mächtiges schwarzes Eisernes Kreuz, das furchtbare Zeichen für den flammenden Erdball: das Deutsche Reich im Krieg ... Der Kapitän Lürsen hatte den Mund offen, starrte hinüber wie der Jäger auf dem Anstand. »Darum bin ich kein Freund der lärmenden flandrischen Methoden. Ich ziehe nach ernstlicher Abschätzung den Hunger vor ... Man hört ihn nicht. Man sieht ihn kaum. Er wirkt so ruhig und sicher, wie sich mein Geld verzinst. Die Deutschen sollen nur verhungern ... Nun, Gentlemen, ich denke, wir sind satt ...« »Was ist in den Mann da unten gefahren?« »Er rennt, was er kann, um die Ecke!« Ein schwacher, kleiner roter Blitz flammte drüben im Nebel auf. Mr. Plumkins ließ das Mundtuch, mit dem er sich eben die wulstigen Lippen wischen wollte, sinken. Sein rotes Gesicht verzerrte sich. Die kleinen Augen quollen weißlich aus den Höhlen. »Gentlemen ... die Deutschen!« »Um Gottes Barmherzigkeit ...« »Sie schießen!« »Fort ... fort ...!!« Plumkins kam nicht mehr auf die Beine. Die Veranda zitterte von einem betäubenden Schlag. Die Luft füllte sich mit qualmendem Rauch und Staub. Als sich der Dunst verzog, saß John Bull immer noch auf seinem Stuhl, das Mundtuch in der Hand. Nur fehlte ihm der Mund, um ihn damit zu wischen, und der Kopf dazu. Die anderen rannten durch die Straßen, prallten zurück, rechts und links von ihnen schmetterten die Wetterblitze durch Dächer und Wände, klirrende Ziegel und stürzende Mauern gegen das Versteck der englischen Batterie, die nun auch, aus dem Schatten der Kirche heraus, in schweren donnernden Schlägen antwortete. Dicker Sprengqualm und erstickender Kalkstaub umhüllten in fahler Finsternis das befestigte Städtchen ... Wie beim Untergang Pompejis stürzten die Menschen, wie sie standen und gingen, auf die Straßen, liefen, ein bißchen Habe unter dem Arm, drehten um, denn auch auf den Höhen, über dem Familienbadeort, lagen schwere englische Batterien, die man bisher nur als liebliche Aussichtspunkte zur Beobachtung der Regatta betrachtet hatte und die nun ihr Feuer spien und empfingen. »Die Seeräuber...« »Die Mörder...« Jetzt blitzte es jäh auch drüben am Pier vom Lande her. Auch da standen auf einmal britische Geschütze hinter dem Seemannshospital mit dem Roten Kreuz. »Die Barbaren ... eine wehrlose Stadt zu überfallen!« »Welch ein Schandfleck für die Menschheit!« »Da hat ein Gentleman schon den Verstand verloren!« »Wo?« »Der im Golfanzug... hinter dem Hause! Steht da und lacht.« Der Kapitän Erich Lürsen konnte sich nicht helfen. Er lachte wirklich in seinem leidlich gesicherten Stand beim Brüllen der Breitseiten vom Meer. Granaten auf England ... Granaten in das große Heiligtum der Selbstsucht, das seit acht Jahrhunderten kein Feind mehr betreten. Granaten in die Hochburg der Lüge. Blut über die Blutsauger, die Wucherer der Welt. Granaten über England ... Er kannte von Flandern her die Kunst, mit Granaten umzugehen. Der Höllenlärm da vorn war ihm nichts Neues. Aber als nun das Hotel St. George an der Marine plötzlich eine Art Verbeugung zur See hinaus machte und im Handumdrehen in sich selbst zu einem rauchenden Schutthaufen zusammensank, sagte er sich doch: nun sollte ein Mann wohl machen, daß er still wegkommt... Die ersten Straßen und Plätze, deren freie Gefahrstellen er geübt, horchend und sich umschauend, übersprang, waren schon ganz menschenleer. Weiter auswärts holte er leicht mit seinen langen Beinen die steil zur Eisenbahnstation hinauf Flüchtenden ein. Er hörte atemlose Stimmen: »Es geht noch ein Zug ...!« »Sie lassen Züge ab, solange noch eine Lokomotive da ist...« Kein Mensch kümmerte sich um die leeren Schalter. Man stürmte ohne Fahrkarten die abfahrtbereiten Züge. Der Gentleman boxte, die Lady kratzte, eine alte Dame, der Erich Lürsen hineinhalf, biß ihm zum Dank in den Finger. Er selbst zwängte sich hinterher, stand eingekeilt in dem verstörten Britenknäuel und sagte sich: »Nun weiß ich nicht einmal, wie das Städtchen unten heißt. Und noch weniger, wo ich hinfahre. Das ist ein sonderbarer Tag...« Der Zug raste nach englischer Art dahin. Zuweilen huschte seitlings das buntscheckige Geflacker einer Station vorbei. Kein Halt. Weiter... weiter! Zeit ist Geld! Nein, dachte sich der Kapitän Lürsen, an die eine Seitentür gepreßt, mit dem Rücken gegen die Fensterscheibe, Zeit ist kein Geld. Denn ich reise vorläufig umsonst. Wahrscheinlich schon eine Stunde oder länger. Aber wie ich die Vettern kenne, heißt es zum Schluß doch immer: Cash ! Wahrscheinlich auf der ersten Haltestelle... Und dann...? Man sah draußen allmählich wieder deutlich die bis dahin schattenhaft vorüberfliegenden Umrisse der Häuser und Bäume. Die Fahrtgeschwindigkeit hatte sich gemäßigt. Es ruckte und stieß wie beim Kreuzen von Weichen unter den Rädern. Der Bahnkörper war an den Seiten noch locker und frisch geböscht, da wo ihn die deutschen Fliegerbomben aufgewühlt hatten. Geborstene Schwellen und verbogene Schienen lagen im Gras daneben. »Ein einfältiger Spaß!« sagte der Gentleman mit dem Rennglas am Riemen. »In den Zeitungen hieß es, es seien nur einige Ziegel auf dem Dach einer Waisenanstalt leicht beschädigt worden. Aber in Wirklichkeit wünschte ich, ich träfe im Herbst die Moorhühner so gut wie die Deutschen hier den Eisenbahnabschnitt... Man könnte jetzt beinahe nebenherwandern, so langsam fahren wir...« »Man möchte denken, die Seeräuber greifen uns da zu Lande schon wieder an!« Von der Straße her sprangen drei oder vier Männer an verschiedenen Stellen gleichzeitig gegen den langsam rollenden Zug, liefen nebenher, rissen die Türen auf, schwangen sich ins Innere. Eine alte Dame fing an zu weinen. Der Gentleman mit dem Operngucker tröstete sie. »Keine Angst, Madam! Es sind Beamte der Eisenbahngesellschaft. Sie wollen das Fahrgeld einziehen.« »Ein wenig Platz, Ladies und Gentlemen, wenn's beliebt!« Der Angestellte zog die Tür, durch die er heraufgesprungen, hinter sich zu. Was vor ihm zwischen den Sitzreihen eingepfercht stand, drängte sich rückwärts gegen die Tür auf der anderen Seite. »Um Gottes willen...« »Was gib's?« »Die Tür ist aufgeflogen...« »Der Gentleman im Golfdreß ist hinausgefallen...« »Hat er sich etwas getan?« »Er muß ein guter Sportsmann sein! Er sprang bemerkenswert geschickt noch im Stürzen ab ...« »Überkollerte sich...« »Stand wieder auf...« »Ganz dahinten steht er ja!« »Lacht und winkt mit der Hand ...« »Man sollte dem Gentleman den Oberbefehl in Flandern geben. Er hat mehr Glück als Marschall French.« »Er ist ein leichtsinniger Bursche!« sagte eine alte Dame. »Er spielte mit dem Griff der Wagentür, so daß sie aufgehen mußte. Ich sah es wohl...« Der Zug hatte jetzt wieder seine volle Geschwindigkeit erlangt und sauste dahin. Der Herr im Knickerbocker schritt schon ein paar Meilen hinter ihm durch den grünen Park, der ihn umgab und ein Teil des großen Parks war, der England hieß. Liebliche, lächelnde, ländliche Ruhe, wie in Deutschland am Feierabend, war hier, wo das Tagewerk Nichtstun hieß, schon am frühen Morgen. Vor den Türmen und Zinnen des Schlosses drüben schimmerten rote Punkte von Fräcken und schwarzweißes Gewimmel der Meute aus dem saftigen Grün. Der Lord hielt es für gut, jetzt noch im Mai einen letzten Fuchs zu Hetzen. Seine keuchenden Pachtbauern drüben in Irland hörten das fröhliche Kläffen der Hunde, das jauchzende » View Hallow !« der Jäger nicht. Vor den blumenumrankten Villen lagen Ladies und Gentlemen im Schatten in Hängematten, lasen, träumten, schäkerten miteinander und mit ihren preisgekrönten Möpsen und Katzen. Indien war weit. Nichts wahrscheinlicher, als daß es dort bei der Arbeit in den fiebrigen Reissümpfen schon recht heiß war. Aber der Rupeewechsel aus Kalkutta fühlte sich so kühl und glatt an wie immer. An den Bächen standen ernsthafte alte Herren, die grünschillernde, künstliche Maifliege am Köder der Forellenangel, und ließen mit einem Schwung, zu dessen Meisterung ein Menschenalter gehörte, die Lockspeise gleich einem Hauch auf die Wasserfläche wehen. Ihre Geschäftebriefe aus der Stadt blieben indes liegen. Die Welt hatte zu warten. Sonst erhöhte die City den Wechseldiskont. Auf den Wiesen rannten Hunderte von hemdsärmeligen Männern und Burschen hinter dem Fußball. Was heute in der Fabrik nicht fertig wurde, kam nächste Woche daran. Sportgründe statt der Äcker, Hammelweiden statt der Gemüsefelder, Parkgruppen statt der Wälder, Tausende von städtischen Ruhesitzen statt der Dörfer. Der Kapitän Lürsen dachte sich, während er seines Weges wanderte: An sich ist's überall gleich, wo man auf der Verbrecherinsel herumläuft. Aber irgendwohin muß der Mensch doch schließlich kommen ... Ein tiefer Hornstoß ließ ihn zur Seite springen ... ein Viererzug rollte vorbei. Ein Frühlingsbeet von Damenhüten, eine Malerpalette von grellen Kleidern der Ladies oben auf dem Verdeck, ein steinerner Gentleman mit einem hechtgrauen Zylinder im Nacken auf dem Kutschbock. Reihen von anderen Wagen folgten. Menschen tauchten überall auf. Wurden zu Massen ... Es war, als zöge irgendein ungeheures Ereignis in der Ferne, so wie die Spinne im Mittelpunkt des Netzes, von allen Seiten Alt-England an sich heran. Es erinnerte den Kapitän Lürsen an den Krieg auf dem Festland: das Wandern grauer Kolonnen auf den Straßen, das Rollen eines Eisenbahnzuges hinter dem anderen, die Staubfahnen der langen Autoreihen ... solch ein Heerlager im Frieden war die weite Ebene, die sich vor ihm auftat. Wer England kannte, der kannte auch dies zehntausendköpfige Gewimmel eines großen Renntages, diese Budenstadt von Zelten, diese Wagenburgen, diese Taschenspieler und Feuerschlucker, die vorläufig den Leuten die Zeit vertrieben, diese riesigen Plakate auf Stangen und darunter, verrückt hergerichtet, in grellen Kleidern und seltsamen Hüten wie die Marktschreier, die Volksbuchmacher auf ihrem erhöhten Stand, die pralle Geldkatze an der Seite. »Bayardo eins zu zwei!« Der dicke Kerl in zebragestreiftem Rock heulte es beinah von seiner Tonne. Was Krieg! Was Fliegernot und Küstenangriff! Was Flammenmeere und Blutströme in Europa! ... Hier war England, hier Pferdebeine und grüner Rasen. »Bayardo eins zu sieben Achtel!« brüllte der hagere Budennachbar im weißen Harlekingewand. Die Menge lachte ... Fabrikmädchen legten ihre Sixpences zusammen und beratschlagten erregt. Bayardo hatte heute nacht einmal gehustet. Die Spione hatten es trotz der Wächterkette um den Paddock deutlich gehört. Es stand im letzten Extrablatt ... Das Blatt lag auf der Erde. Der Kapitän Lürsen hob es auf und las wieder, daß Bayardo Mr. Benjamin T. Branagan gehörte. Mr. Branagan aus Ohio, U. S., Mr. Branagan, der Mann, der die Kontrolle über die Kanaan Steel Company und ihre neuen Granatenfabriken hatte, Mr. Branagan, der neue Mann in England. Er ging da, klein und breitschultrig, die besonnte Würde des Emporkömmlings um die grausam herabgezogenen Mundwinkel des verschrumpften Apfelgesichts, äußerlich jetzt schon sorgfältig von dem ersten Cityschneider in einen britischen Sportsman verkleidet. Er war ein Menschenkenner. Er vergaß niemals ein Gesicht und erinnerte sich an alles, was er jemals mit jemandem im Leben gesprochen. Nur einen Augenblick überlegte er, während ihm der jüngere, glattrasierte Gentleman in dem Golfanzug mit freiem amerikanischem Lächeln die Hand hinhielt, und drückte sie dann kräftig. »Oh – ich sehe: Mr. Lumley aus Illinois! Wir trafen uns vor ein paar Monaten in Cadix ...« »So ist's!« »... in jener Nacht, da dies Teufelsschiff, die ›Heidelberg‹, die besten Köpfe bluffte ...« »Oh – leider!« »Ich bemerkte Sie nicht mehr am nächsten Morgen ...« »Ich war schon früh mit meinem Auto weitergefahren, Mr. Branagan.« »Oh – ich entsinne mich. Sie wollten an der Westfront Berechnungen machen, um wieviel die giftigen Gase die Granatenlieferung verteuerten. Ich habe jetzt eine neue Art ganz tödlichen Rauches erfunden ... unser Kurs stieg in Wall Street am selben Tag um vierzig Punkte ...« »Meinen Glückwunsch ...« »Danke, Mr. Lumley – danke! Man tut, was man kann. Und waren Sie mit der Wirkung Ihrer Geschütze in den letzten Monaten zufrieden?« »Oh – so ziemlich!« sagte Mr. Lumley bescheiden. »Kommen Sie mit hinein auf den Platz!« »In Kniehosen, Mr. Branagan? Es würde die Ladies erschrecken. Niemals, seit England besteht, sah man einen Mann im Golfanzug unter Rennpferden.« »Heute doch! Sie sind nicht der einzige ... ich sah drinnen schon manchen, der sich wie Sie vor dem Überfall der Deutschen landeinwärts begab ... so ist es doch?« »In der Tat. Ich wollte den Sonntag zur Erholung vom Geschäft auf der Seeseite verbringen ...« »... und werden statt dessen hier durch die Rennen entschädigt!« »... in denen ein so glorreiches Pferd wie Ihr Bayardo der anderen Gesellschaft die Eisen zeigen sollte.« »Nicht wahr?« sagte Benjamin T. Branagan erfreut. Pferde waren ihm an sich, nach dem Lauf seines Lebens, so gleichgültig wie Ratten. Aber die Engländer liebten gerade diese Art Säugetiere ... hätten sie statt dessen Meerschweinchen oder Känguruhs laufen lassen, so würde er auch für solche, ohne mit der Wimper zu zucken, seine Fünftausendpfundschecks ausgefüllt haben. Er war so blind ein Höriger des Lords, wie drüben seine Damen von jenseits des großen Wassers zwischen den betitelten Ladies mit einer bei ihnen ganz ungewohnten Bescheidenheit und glücklich wie im Paradiese saßen. Er selbst hatte schon die frohgelaunte britische Gönnermiene an sich, wahrend er seinen Freund Lumley an den stumm grüßenden Dienern am Eingang vorbei zu der Tribüne der Klubmitglieder und ihrer Gäste führte. »Wenn Sie zu wetten gedenken, Lumley – dort steht mein Bookie!« »Leider steckte ich für meinen Sonntagsausflug nur das Allernötigste ein.« »Oh – O'Kelly schreibt Ihnen ein Guthaben.« Mr. T. Branagan führte seinen Landsmann selbst zu der scheidenden Schranke zwischen der Klubtribüne und dem ersten Platz, an deren Drahtgitter außen die vornehmen Buchmacher lehnten, Bleistift und Notizbuch in der Hand. »Wieviel auf Bayardo, Mr. Lumley?« Und Mr. Lumley dachte sich: ich bin Amerikaner. Also frech! »Nur eine Kleinigkeit. Sagen wir tausend Pfund.« »Recht gern, Herr!« Der Buchmacher schrieb es sich geschäftsmäßig auf, und Benjamin T. Branagan meinte leutselig: »Sie werden den Tip nicht bereuen, mein teurer Lumley.« Was dieser kleine, vierschrötige Mann mit der hellen näselnden Kinderstimme und dem zeitlosen, verrunzelten Gesicht nur mit den Fingerspitzen anfaßte, das wurde zu Gold – mochte das ein neuer Wuchertrust in Amerika, ein geraubtes Altarbild aus Italien oder ein englischer Vollblüter sein. Als inmitten eines ungeheuren Stimmengebrauses die Gewinn-Nummern am Pfahl aufstiegen, fand sich, wie Bayardos andere Anhänger, auch Mr. Charles Lumley aus Illinois um achthundert Pfund reicher. Er wettete in den folgenden Rennen noch ein paar kleinere Posten, verlor und gewann und steckte am Ende des Tages zerstreut das dicke Banknotenbündel, das ihm der Buchmacher O'Kelly als Gewinn übergab, in die leere Brusttasche. Der Besitzer des Golfanzuges hatte da wenigstens ein Taschentuch steckenlassen, und Charles Lumley dachte sich: vorläufig sorgt England ja ganz nett für mich! Aber in diesem Augenblick standen zwei Herren unauffällig neben ihm, und der eine sagte halblaut und freundlich: »Ihre Ausweise, wenn es beliebt, Sir!« »Oh – was wünschen Sie?« Seit der Begegnung mit seinem Landsmann Benjamin T. Branagan sprach Mr. Lumley wieder, wie damals in Cadix, das unverkennbarste, zerquetschte Yankee-Englisch. »Ich bin Amerikaner!« »Ich höre es an Ihrer Aussprache, Sir. Nichts ist sicherer, als daß Ihr Paß das bestätigen wird.« »Ich habe keinen bei mir!« »Warum nicht, Sir? ... Es ist Krieg ... Jeder Fremde in England muß bereit sein, sich auszuweisen.« »Oh, wie wahr!« sagte Mr. Lumley lebhaft. »Ist schon etwas über den Verbleib der englischen Flotte bekanntgeworden, Sir?« »Wie kommen Sie darauf?« »Die Frage drängte sich mir heute früh auf, als ich in meinem Hotelzimmer an See durch eine deutsche Granate geweckt wurde, die ziemlich unter meinem Bett explodierte ...« »Oh – Sir ...« »Niemand störte die Deutschen bei ihrem Wettschießen, wer von ihnen rascher Briten und ihre Gäste ins Jenseits befördern könne ... Ich hatte wahrlich keine Zeit, mich um meinen Paß zu kümmern. Ich sprang wie ein Baseball-Spieler ins Freie. Gleich hinter mir legte sich das Hotel auf die Seite und war nicht mehr.« »Welches!« »Saint George!« Die beiden Beamten tauschten einen Blick des Einverständnisses. Das stimmte. Der eine meinte lächelnd: »Es ist ja nur eine Formsache, Sir. Spione sind im Land. Es erging Befehl, auf alle Ausländer ein Auge zu haben.« »Sehe ich aus wie ein Deutscher?« »Wahrlich nicht! Nennen Sie uns einen oder zwei Ihrer Freunde hier auf dem Rennplatz. Dann wird alles erledigt sein.« Mr. Lumley sah suchend umher, als müsse er sich erst aus der Masse bekannter Gesichter in der Runde die vertrauenswürdigsten auswählen. Dort drüben fand er Benjamin T. Branagan. Der Granatenkönig schaute ehrfurchtsvoll lächelnd wie zu einem höheren Wesen zu einem riesigen, tiefbrünetten jüngeren Engländer vor ihm empor. Ein Widerschein dieser Andacht lag auch auf den Mienen der in stummer Neugier im Rund gescharten Briten. Ein Halbgott weilte unter dem Volk ... der Markgraf Harald von St. Asaphs, der Erbe des Herzogs von Chichester. Er stand breitbeinig, die Hände in den Taschen, gleich einem gewöhnlichen Sterblichen da und unterhielt sich lächelnd mit den beglückten Ladies und Gentlemen und nickte lebhaft, als Benjamin T. Branagan ihn auf seinen Freund Lumley aufmerksam machte. »Ich stellte ihn Ihnen in Cadix vor, Mylord.« Lord Harald hatte keine Ahnung mehr. »Was macht der Gentleman?« »Die besten Granaten für die Verbündeten, Mylord.« »Oh – wie gut von ihm!« Die Menge umher sah mit ehrerbietiger Anteilnahme, daß der Peerserbe drei Schritte dem fremden Gentleman entgegenging und ihm gewinnend die Mächtige weiße Hand entgegenstreckte. »Froh, Sie wieder einmal zu sehen, Mr. Lumley! Wie geht's?« »Danke, Euer Herrlichkeit.« »Nichts war mir erwünschter zu hören, als daß Sie die Munitionsherstellung kontrollieren.« »Wenn ich nicht durch diese Herren daran gehindert werde ...« »Oh ... nein ... nein ...« »Alles in Ordnung, Mr. Lumley!« »Ein kleines Mißverständnis ...« Ein Händedruck Seiner Höchsten Ehren des Marqueß von St. Asaphs war mehr wert als ein Paß. Seine herzlichen Worte machten jeden Anflug eines Argwohns lächerlich. Die beiden Beamten von Scotland-Yard zogen sich geräuschlos und eilig mit einem um Verzeihung bittenden Lächeln zurück. Lord Harald runzelte, als er von dem Sachverhalt erfuhr, noch nachträglich die Stirne. »Ist es nicht merkwürdig«, sagte er, »daß die Polizei in allen Ländern Dummheiten macht? Auch bei uns. Diese heillosen Burschen sollen verkappte Deutsche fangen und geraten dabei auf Sie! ... Oh – ich bin befriedigt, daß Sie es heiter auffassen, Mr. Lumley ...« »Ich muß in der Tat über den Zwischenfall lachen, Mylord.« »Dabei braucht die Polizei nur ihre Augen aufzusperren. Es wimmelt in unserem armen alten England von heimlichen Deutschen ...« »Man sollte es nicht für möglich halten, Euer Herrlichkeit!« »Sie sind überall ... man kann ihnen nicht entgehen ... ich möchte wetten, daß sogar hier auf dem Rennplatz in diesem Augenblick welche unter uns sind.« »Unglaublich!« »Und statt die Deutschen auszuräuchern, belästigt man Sie! Ich muß im Namen Englands um Entschuldigung bitten, Mr. Lumley.« »Erwähnen Sie es nicht, mein Lord Marqueß!« »Ich möchte es gern gutmachen ... Eben erzählt mir Mr. Branagan, wie grausam Sie in Ihrem stillen Sonntag an der Seeküste gestört wurden. Erlauben Sie mir. Sie zu bitten, dafür diesen Tag bei mir auf Ogmore Castle zuzubringen ... Wir fahren jetzt gleich zurück.« »Mylord ... ich floh, wie ich ging und stand. Das Hotel ist zerstört. Ich muß mich erst in London von Kopf bis Fuß neu ausrüsten.« »Es ist Sonnabend, Mr. Lumley. Ihre Bank in London ist geschlossen. Alle Läden bis Montag zu ...« »Leider wahr, Mylord!« »Wir werden Ihnen mit allem aushelfen. Da, der gute Craven hat Ihre Gestalt. Er wird Ihnen einen seiner Frackanzüge geben. Los, Craven! Steigen Sie ein, mein lieber Mr. Lumley! Nein, bitte, neben mir! ...« »Ich danke von Herzen, Mylord!« »Craven fährt uns mit hundert Kilometer Geschwindigkeit. Er ist Reverend. Er wird uns morgen den Gottesdienst in der Kapelle halten ... Sie finden auch sonst allerhand Gäste in Ogmore Castle ... Hervorragende Fremde, die ihr Weg auf unsere Insel führte! ... Der Minister Barandiaran aus Paris. Eine Duma-Abordnung aus Petrograd. Mr. Holm, ein Däne. Ein distinguierter Holländer, der Yonkheer Ter Meer mit seiner lieblichen Frau ...« Der Daimlerwagen schoß wie ein lautloser, übelduftender Blitz dahin. England lag im Abendschein unter den vergoldeten Lämmerwölkchen am Himmel und selbst so friedlich wie ein Lamm. Wo war da noch etwas von Krieg auf den guten alten Inseln des Roastbeefs und des Gesangbuches, des Kurszettels und des Fußballes, der Heilsarmee und der Derby-Cracks, Jacks, des Seemanns, und Tommys, des Landsoldaten, die irgendwo draußen ihren Hafer auf dem Schlachtfeld verdienten wie das Rennpferd auf dem grünen Rasen? An der Wegkreuzung spähten zwei Männer in das vorbei sausende Auto und traten beim Anblick des Markgrafen ehrfurchtsvoll zurück. »Wieder Scotland-Yard ...« »Geheimpolizei, Mylord? Man sagt, es sei gestern da unten in einem Hafen etwas passiert ...?« »Oh – hörten Sie schon davon? Es soll eigentlich noch nicht darüber geredet werden.« »Jede Neugier liegt mir fern, Mylord.« »Also unter uns: der Kommandant der ›Heidelberg‹ ist gestern abend in Portsmouth entwichen.« »Das sieht ihm ähnlich!« »Nicht wahr? Mir ist das Ding besonders unerwünscht. Denn ich war gerade dafür, ihn mit gesundem Lärm nach England zu bringen, damit der Mann auf der Straße etwas für den Sonntag hat. Nun ist er selber der Mann auf der Straße. So war das nicht gemeint!« »Niemand begreift Ihre Betrübnis mehr als ich, mein Lord Marqueß!« »Danke, Mr. Lumley! ... Ich hoffe, wir bekommen den höllischen Burschen heute noch irgendwo in England zu fassen!« »Oh – sicher, Mylord!« »Bekommen wir ihn nicht, so müssen morgen alle Blätter seinen Steckbrief bringen. Es wird keine Urkunde britischer Weisheit, Sir!« »Mylord, die ganze Welt weiß, daß ein respektables Land nichts dafür kann, wenn die Deutschen mit ihren schmählichen Kniffen die Freiheit seiner Einrichtungen mißbrauchen.« »Sie trösten mich, Mr. Lumley! Aber es wäre mir doch lieber, wenn ich wüßte, wo Captain Lürsen heute nacht schläft.« Fern tauchte über lichtgrünen Parkwipfeln das unwahrscheinlich riesige Türmegewimmel des Schlosses Ogmore auf und rückte rasch näher. Erich Lürsen war, schon von Friedenszeiten her, das Äußere britischer Adelshochburgen auf dem Lande nicht fremd. Und doch mußte sich das Auge immer erst wieder langsam an die ungeheuren Flächenmaße solch eines Hall oder Castle gewöhnen, wie da das Stammschloß des Hauses Glun in seiner vollen Größe mit seinen Terrassenaufbauten und Zinnen lag. Auf den weiten Wiesenflächen davor weidete weißes und buntgeflecktes Damwild. Dicht am Schloß Ogmore schimmerten, noch bunter, helle Damenkleider durch das Grün. Eine Gruppe von Gästen wandelte da, vor dem Dinner, auf der scheinbar endlosen Terrasse in der Abendkühle auf und nieder und kam gerade zum Eingangsportal, als dort der Daimlerwagen hielt. Lord St. Asaphs sprang wohlgelaunt heraus. »Ladies und Gentlemen ... Mr. Lumley aus Illinois ... Guten Abend, Monsieur Barandiaran! Gute Überfahrt aus Paris? Da war keine Unterseepest im Kanal? Wie gut! ... Ihre Hand, Mr. Holm ... oh ... mein lieber Yonkheer Ter Meer, ich bin erfreut. Sie wieder zu begrüßen!« Der Gentleman aus Illinois hatte so scharfe blaue Augen wie irgendein Seemann der Welt. Mit denen sah er drüben, wo einige Ladies noch in einer Gruppe plaudernd standen, ein zweites Paar große blaue Augen fassungslos und ungläubig auf sich gerichtet, als sei mit ihm ein Geist und nicht ein Mensch erschienen. Und zugleich dachte er sich: Gott sei Dank, daß sie die Frau eines Diplomaten ist und seit vielen Jahren gewohnt, in Gesellschaft sich und ihre Gesichtszüge zu beherrschen ... Während man nach dem Schloßeingang schritt, hielt er sich unauffällig neben Johanna Ter Meer. Niemand war in dem Zwielicht in ihrer nächsten Nähe. Er lächelte heiter und forschte in seinem Yankee-Englisch: »Wenn ich Ihren Gesichtsausdruck recht deute, scheint Ihnen mein Anblick aus irgendeinem Grunde erstaunlich?« Sie faßte Mut. Sie sagte leise und ungläubig: »Sie haben einen Doppelgänger, Mr. Lumley.« »Tja – wie soll der Mann denn wohl heißen?« Niemand hörte die paar halblauten hanseatischen Worte. Erich Lürsen lachte. »Als wir uns zuletzt in Bremen sahen«, sagte er gedämpft, »da wünschte ich, daß wir doch einmal während des Krieges in England zusammen sein könnten ... Das hat sich der liebe Gott gemerkt ... da sind wir!« 9 Denken Sie daran, Charley!« sagte der Marqueß Harald St. Asaphs zu seinem Freund, dem Reverend Craven, während er am selben Abend nach dem Dinner mit ihm die Marmortreppe zu den Damen im Drawing-Room emporstieg. »Sie sind der einzige von den Gästen, der Mrs. Ter Meer schon einmal hier traf und weiß, daß sie aus einer ausgewählten deutschen Familie stammt.« »Schade um sie!« Der junge Autorennfahrer schüttelte ernst das Haupt. Er fing an, jetzt, am Vorabend des Sonntags, sehr respektabel zu werden. Morgen war er den ganzen Tag ein schwarzgekleideter, salbungsvoller Gottesmann, der bei jedem Lachen schmerzlich zusammenzuckte und sofort ein Haus verließ, in dem jemand auch nur mit einem Finger am Sonntag auf eine Klaviertaste drückte. »Mrs. Ter Meer hatte bereits kürzlich wegen ihrer Herkunft gesellschaftliche Unannehmlichkeiten in London. Ich möchte sie ihr hier ersparen. Ich habe meine Gründe.« »Welche, Saint Asaphs?« In dem bräunlichen Antlitz des Lords zeigten die weißen Zähne unter dem schwarzen kleinen Schnurrbart ein gesundes und frohgelauntes Lächeln. »Das ist mein Geheimnis! Es könnte morgen Ihre Predigt verwirren, alter Bursche!« »Hängt es mit dem Krieg zusammen?« Der riesige brünette Lord wich aus. »Kann sein«, sagte er. »Die Lady ist eine aufrichtige Freundin Englands ... Oh – Exzellenz! Ich bin wahrhaft erfreut, die liebenswürdige Sprache unserer tapferen Verbündeten aus Ihrem Mund zu hören.« Der Marqueß von St. Asaphs sagte das mit gewinnendem Freimut und in einem Französisch, dessen Reinheit und Leichtigkeit kaum hinter dem Monsieur Paul Barandiarans zurückstand, des ehemaligen Botschafters, Senators und jetzigen Ministers in Paris. Der Ehrengreis der dritten Republik war dick und klein, mit kleinen braunen Geschäftsaugen über dem weißen Vollbart. Er gehörte zu den Franzosen, die die erstickende Enge ihres Landes begriffen und zur Ergänzung auf weiten Reisen die Demokratie der angelsächsischen Welt in sich aufgenommen hatten. »Ich redete eben mit diesen Herren von den Vereinigten Staaten«, sagte er lächelnd, auf den Yonkheer Ter Meer, den Dänen Holm und andere Gäste weisend. »Es gibt doch wirklich oft geniale große Kinder dort drüben!« »Oh – denken Sie so?« »Yonkheer Ter Meer machte mich auf den Gentleman aus Illinois da am Kamin aufmerksam. Er interessiert sich für ihn seit seiner Ankunft, und ich gebe ihm recht ...« »Kein nützlicherer Mann im Saal als er. Er liefert uns Granaten ...« »Und sicher die besten! ... Aber beachten Sie, bitte, die scharfe Grenzlinie, die zwischen der hohen geistigen Berufskraft dieses Gentleman und seiner Weltfremdheit in europäischen Dingen besteht. Sie ist für diese Industriekapitäne jenseits des Atlantischen Ozeans bezeichnend!« »Er sitzt da zwischen den Ladies!« »Sie kommen aus dem Lachen über seine naiven Urteile kaum heraus.« »Was hat er denn da in der Hand?« »Nur eine Zeitungsnotiz über den verdammten Kapitän Lürsen. Er liest sie den Ladies vor.« Man hörte aus dem Kreis der Ladies drüben die helle und trockene, leicht nach Yankeeart näselnde Stimme des Gentleman aus Illinois: »›Daily Mail‹ sagt, der Flüchtling sieht einem Engländer ähnlich. Aber er spricht so gebrochen Englisch, daß man daran sofort den Deutschen erkennt!« »Wohl!« »Er trägt britischen Mantel und Mütze.« »Es ist schamlos!« »Auch sein ganzes Wesen zeigt eine bemerkenswerte Dreistigkeit ... Es scheint wirklich so, Ladies und Gentlemen!« »Weiter! Weiter!« »Da ist nur noch die Gewißheit hingestellt, daß er spätestens morgen nach der Kirche gefangen sein wird ...« »Wie gut!« »... und sein muß! Denn sein unbeaufsichtigtes Verweilen in England würde, bei dem Zynismus seines Auftretens, zu den peinlichsten weiteren Vorfällen führen.« Mr. Lumley ließ das Blatt sinken und frug freundlich lächelnd: »Warum hat man den Mann eigentlich in Norwegen gefangen, um ihn in England loszulassen?« »Oh – sehr wahr!« »Hört den Gentleman aus Illinois!« »Es wäre vielleicht besser gewesen, der gute alte Captain Quick hätte sich nicht über die Grenzen der norwegischen Hoheitsgewässer getäuscht.« »Ich bewundere ihn«, sagte Mr. Lumley bescheiden. »Er ist ein wahrer britischer Seemann!« Er saß in dem ihm ausgezeichnet passenden Frackanzug des Reverend Craven neben dem Kamin, dessen Flammenschein über sein ernsthaftes und nüchternes glattrasiertes Gesicht hinflackerte und da allerhand täuschende humoristische Lichter in den Augen und um die Mundwinkel herum aufzucken ließ. Nachdenklich schob er mit der Feuerzange ein herausgefallenes glimmendes Stümpfchen wieder in die Glut und meinte, in die peinliche Stille eines mißglückten britischen Völkerrechtsbruches hinein: »Briten sollen die Weltmeere kontrollieren. Gott schuf sie dazu.« »Wie gut von Ihnen, das zu sagen, Mr. Lumley!« »Ich reiste jetzt um die Erde. Von den Staaten nach Europa ...« Ich hatte Geschäfte in Wladiwostok ... Munition für russische Rechnung – und da ich schon die Nase nach Westen hatte, fuhr ich gleich weiter in derselben Richtung. Welch eine Ordnung überall unter dem Union Jack, welch eine Prosperität in Ceylon!« »Es gibt keine gesündere Kronkolonie!« »Und es scheint klar, daß die Dominions den Kronkolonien nicht einen Cent an gutem Geschäft nachgeben! Freunde aus Kapstadt, die ich unterwegs traf, waren erstaunt über den Nutzen, den Südafrika abwirft ...« Der Yonkheer Cornelius Ter Meer, der den Gentleman aus Illinois unauffällig nicht aus den Augen ließ, machte im Hintergrund ein unmutiges Gesicht: Ceylon war mit holländischem Schweiß, Südafrika mit holländischem Blut gedüngt. Damals, im Burenkrieg, war die einzige Zeit gewesen, wo sein Glaube an englische Allweisheit und Allmacht auf kurze Zeit ins Wanken gekommen war ... »Kanada macht ebenso Geld«, sagte Mr. Lumley. »Niemand weiß es besser als ich. Denn ich habe so gute Geschäftsverbindungen dort, daß ich mir eigens für den kanadischen Platz und für New Orleans einen französischen Korrespondenten halten muß ...« Diesmal war es Monsieur Barandiaran, über dessen gallischen Weißkopf ein Schatten des Verdrusses flog. Freilich, auch Kanada und der Süden der Vereinigten Staaten war einst französisch gewesen, bis England kam und alles an sich riß ... »Sie landeten in Marseille, Mr. Lumley?« »O ja! Unterwegs hatte ich noch einen Stop in Kairo. Baumwolle ist weißes Gold! Bewundernswert, was Briten in wenigen Menschenaltern für die Nil-Länder getan haben ...« Der Däne, Herr Holm, unterdrückte ein Lächeln und tauschte unwillkürlich einen Blick mit dem französischen Botschafter a. D. ... Bonaparte hatte Ägypten erobert, Lesseps den Suezkanal gebaut, der Deutsche Emin den Sudan erschlossen. Solch ein Yankee wußte das natürlich nicht. Er sagte tiefsinnig und beinahe andächtig in das etwas peinliche Schweigen: »Ja. England überall ...« Und es war; als wehte ein Frösteln durch die hellen Säle, als entblätterte sich etwas am Baum der englischen Herrlichkeit, seit ein fremder Gast unter diesem Dache war. Und drüben sagte Lord Harald, der nach seiner Art wieder die jungen Ladies mit seinen Spukgeschichten hypnotisierte, nachlässig zwischen den Zähnen: »Natürlich gibt es einen Geist in Ogmore Castle. Der gehört zu einem alten Sitz in England so gut wie der Kamin. Ich schaute ihn schon als Knabe ...« »Wie sah er aus?« »Sie können ihm jederzeit begegnen, Miß Simpson. Denn er ist ein schnurriger Bursche. Er wechselt oft die Gestalt. Er geht rasch durch die andere Tür aus dem Billardzimmer hinaus, wenn Sie eintreten, und kann doch der nicht sein, den er darstellt, denn der ist entweder schon tot oder gerade in Indien oder Flandern.« »Hu ...« »Oh – Sie gewöhnen sich, Miß Clifford. Alte Freunde von Ogmore Castle beklagten sich schon, wenn sie ihn bei einem neuen Besuch zu lange vermißten!« Der Marqueß von St. Asaphs funkelte dabei die Damen mit kaltblütigen schwarzen Augen an, daß sie kicherten und schauderten. Sein Blick suchte immer wieder Johanna Ter Meer. Auf sie, so schien ihm, wirkten heute seine Gegenwart und seine unheimlichen, wie ein gebieterischer Wille in die Seele kriechenden Geschichten am meisten. Seitdem er vorhin mit Mr. Lumley aus dem Auto gestiegen, war sie verändert. Er sah es. Sie atmete schwer. Sie wechselte zuweilen die Farbe. Ihre fein geschnittenen, lebhaften Züge hatten etwas Starres. Es erstaunte ihn nicht. Er war gewohnt, die Ladies in zwei Sorten zu unterscheiden: solche, auf die er sofort Eindruck machte, und solche, bei denen die Wirkung seiner Persönlichkeit langsamer, aber um so stärker kam. So bei Ausländerinnen, die sich erst an seine britische Art der Hypnose gewöhnen mußten. So bei Mevrouw Johanna Ter Meer. Er lächelte sie an und merkte, daß sie wieder blaß wurde und seinem Blick auswich und hinüber nach dem Kamin schaute, wo nichts Besonderes zu bemerken war, sondern nur dieser Naturbursche aus Illinois, der eben in seinem gequetschten Yankee-Englisch meinte: »Armes Belgien! ... Aber dieses Land hatte wohl immer schwer unter den Deutschen zu leiden. Männer der Wissenschaft lehren drüben, schon vor ein paar hundert Jahren sei Blötscher da raubend eingefallen.« »Oh, Sir! Die Franzosen waren da eingefallen ...« »Blücher wehrte sie ab! Er kämpfte mit uns!« Der Minister Barandiaran sah frostig zur Decke. Die Engländer starrten tiefsinnig in den Kamin. Waterloo war keine gute Erinnerung. Nur der Gentleman aus Illinois sah freundlich und erstaunt um sich. Der Clergyman Craven sagte zwischen den dünnen Lippen: »Ein Hinterwäldler, Saint Asaphs!« »Er meint es nicht böse!« Der Herzog von Chichester kam aus seinem Privatkabinett. In seinen eisigen blauen Augen war beinah etwas von Leben, während er sich zu dem Gentleman aus Illinois wandte: »Oh – unser Freund von drüben! ... Ich hoffe, daß Sie sich bei uns wohlfühlen, mein lieber Mr. Lumley.« »Sehr wohl, Herzog Chichester. Wahrlich, ich dachte heute morgen nicht, daß ich noch einen so angenehmen Abend verbringen würde!« »Oh, vergessen Sie den deutschen Überfall, Mr. Lumley! Er wird sich nicht wiederholen. Sie sind hier auf den Inseln der Sicherheit. Jede alte Lady im Vereinigten Königreich mag heute nacht ruhig schlafen.« Im Nebensaal wandten sich einige Köpfe jäh nach dem Fenster. Ein langer, hagerer Gentleman eilte, mit nachschleppendem linkem Bein, hin und öffnete es. Es war ausnahmsweise windstill. Durch diese nächtliche Ruhe tönten in der Ferne dumpfe Schläge ... zwei ... drei ... eine Pause ... wieder einer. »Oh ... Colonel ... was ist das?« »Der Feind!« sagte der lange Oberst. Seine Kugel von Ypern steckte ihm noch im Bein. »Schon wieder der Feind?« »Der Feind im Land?« »Nein, über dem Land!« Der lange Brite lauschte auf die fernen Bombenabwürfe. »Es sind deutsche Flieger.« Im selben Augenblick lag Schloß Ogmore dunkel und in sich zurückgezogen wie eine Auster auf dem Meeresgrund. Der Haushofmeister hatte, seiner Weisung gemäß, eilig das elektrische Licht ausgeschaltet. Es war eine Heiterkeit der Gentlemen. Ein Kichern der jungen Damen. Alt-England hatte Roastbeef-Nerven. Es faßte den Luftangriff humoristisch auf. Schon der Ausländer wegen. »Keine Angst, Mr. Lumley. Da ist keine Gefahr!« »Es verliert sich schon in feiger Flucht.« »Man wird die paar Löcher im Golfplatz morgen früh wieder glätten.« »Da ist in der Ferne ein roter Schein!« »Es brennt.« »Man kann von hier aus nichts sehen.« »Aber von der Terrasse ...« Eine alte, tief ausgeschnittene Lady marschierte neugierig als erste mit bloßem Kopf auf die mächtige, sich in das kalte Dunkel der Frühlingsnacht verlierende Terrasse hinaus. Die anderen Gäste folgten. Sie sahen voneinander nur ihre Schatten in der Finsternis, hörten ihre halblauten Stimmen. »Oh – welch große purpurne Flamme!« »Sie steht ganz still ...« »Sie wächst noch ...« Ein Wispern: Old Priory, die neue größte Munitionsfabrik der Grafschaft, in der der ehrenwerte Bischof Abbot seit vierzehn Tagen des guten Beispiels wegen höchst eigenhändig Granaten drehte. »Ach ... die armen Alten ... Gott helfe ihnen! Es ist das Altersheim für gelähmte Greise, das dort drüben brennt. Die Luftmörder wußten es wohl, Mr. Lumley.« Johanna Ter Meer trat zur Seite. Sie fand sich allein in der unbestimmten Finsternis der weiten Terrasse, auf der die Gäste zerstreut standen. Gleich darauf fühlte sie die Nähe von jemandem neben sich, erkannte den dunklen Umriß einer Gestalt. »Ein erquickend frischer Abend, Madam ...« »Wie ist es denn möglich ... Wie kommen Sie denn nur hierher?« »Mein Freund, der Lord Saint Asaphs, führte mich ein. Es war ein liebenswürdiger Zug Seiner Herrlichkeit ...« »Großer Gott! Wenn er wüßte ...!« »Welch ein prächtiger Mann sein Vater, der Herzog! Seine Gnaden würdigten mich eines eingehenden Gespräches über die letzten Ziele der englischen Politik. Seine kaltblütige Offenherzigkeit wirkte beinahe verwirrend auf mich, einen einfachen Bürger der Vereinigten Staaten.« »Wenn irgendein Zufall ...« »Herzgewinnend der lange Colonel! Er erzählte mir wohl eine Stunde vertraulich von den englischen Befestigungsanlagen in Flandern. Das Vertrauen eines solchen Mannes tut wohl, Madam.« »Wenn eine Menschenseele eine Ahnung hätte ...« »Tja – denn würden sich die Cousins ja wohl bannig wundern!« sagte der Korvettenkapitän Erich Lürsen trocken im Tonfall der Waterkant, und ihr rieselte ein Schauer des Schreckens über den Rücken, trotzdem niemand in der Nähe war. »Wenn ich sehe, wie Sie ...« »Sie kennen mich nicht! Sie wissen von nichts! Was auch hier in dieser alten guten Räuberhöhle geschieht ...« »Aber ...« »Die Geschichte hier ist nämlich gefährlich. Wenn's herauskommt, werden die Jungs böse!« »Ich bin halb tot vor Angst!« »Warum? Sie geht die Sache nichts an. Sie dürfen nicht mit dem lütten Finger daran tippen.« »Wenn ich Ihnen nur irgendwie helfen könnte ...« »Ich brauche nichts! ... Montag mache ich ja dann wohl, daß ich still von hier abkomme.« »Wohin?« »London ist ein hübsches Städtchen«, sagte Erich Lürsen sorgenvoll. »Für jemanden, der nicht auffallen möchte, kenne ich keinen besseren Platz auf der Welt.« »Und dann?« »Dann muß ich doch mal wieder nach meiner alten Tante in Ritzebüttel drüben schauen, nicht? Die Cousins hier nehmen einen ja sehr liebenswürdig auf. Aber ein anständiger Mensch darf das nicht mißbrauchen.« »Wie wollen Sie denn um Gottes willen nach Deutschland kommen?« »Ja – nicht wahr?« Er hob lebhaft den Kopf. »Das frag' ich mich manchmal auch! Ich denke doch wohl, zu Wasser ... denn durch die Luft – das ist doch nichts für einen seebefahrenen Mann. Wenn ich nur erst die See sehe, dann fällt mir schon was ein. O yes ... the flying Germans are away! « Er sagte es plötzlich laut und auf englisch. Denn es näherten sich Gestalten, Und ebenso versetzte sie, beinahe unbewußt: » Do you think so? « Die Flieger waren wirklich verschwunden. Nur die ferne Flamme der Munitionsfabrik stand noch purpurn in der schwarzen Nacht. Wurde kleiner. Verlosch. Zugleich trat mit einem Schlag, in langen Reihen lichterheller Fenster, Schloß Ogmore wieder aus seinem schützenden Dunkel hervor und überstrahlte heiter und festlich weithin das Land, als sei nichts geschehen. Die paar störenden Geräusche und das bißchen Geflacker waren wohl mehr eine Sinnestäuschung gewesen! Eine nützliche kleine Sensation nach dem Dinner. Die glattrasierten Gesichter der Gentlemen, die rosigen der Ladies waren wohlgelaunt. Man sprach auf dem Rückweg in das Schloß mehr von Bayardo und dem heutigen Rennen als von dem Menetekel der deutschen Flammenschrift drüben am Horizont, und nur die alte Lady mit den bloßen Schultern erklärte: »Da waren Spione! Ich möchte meine Hand auf die Bibel legen, daß es noch verkappte Deutsche zwischen uns gibt.« Und der Gentleman aus Illinois neben ihr sprach teilnehmend: »Ich fürchte es auch, Madam!« Es klang an Johanna Ter Meers Ohr, während sie in die Lichterflut der großen Halle trat. Wieder überlief sie ein Frösteln. Sie schaute sich nach Erich Lürsen um. Er stand, ohne sich um sie zu kümmern, heiter plaudernd mit ein paar Gentlemen in der Ecke, die ihm manches Neue über den geheimen Ankergrund der Königlichen Flotte in der Irischen See mitzuteilen wußten. Statt seiner nahm der Marqueß Harald von St. Asaphs neben ihr Platz, schlug ein Bein über das andere, steckte die Hände in die Hosentaschen und sagte: »Sie sehen bleich aus, Mrs. Ter Meer.« »Die Bombenschläge haben mich erschreckt.« »Sie waren schon vorher blaß ... Sie sind doch hier unter Freunden! Niemand von den Gästen ahnt, daß dieses zarte, durchscheinende Blau in Ihren Adern von deutschem Blute stammt!« Er musterte lächelnd ihre schmale weiße Hand. Sie dachte: Es sind mehr Deutsche hier unter den Türmen von Ogmore Castle, als du ahnst! »Und Ihr bester Freund, Mrs. Ter Meer, sitzt hier neben Ihnen. Warum sehen Sie mich so abwehrend an?« »Wirklich nicht, Lord Saint Asaphs!« »Wissen Sie von den geheimen Zeichen, an denen sich die Iren von Dublin bis Neuyork, wenn sie sich die Hand geben, erkennen?« »Ich war nie in Irland, Mylord.« »Es ist auch nichts auf der verhungerten Insel zu holen. Aber solch ein Geheimbund besteht auch zwischen Ihnen und mir, Mrs. Ter Meer. Wir wollen beide das Beste unserer Länder. Wir wollen den Frieden!« »Ja, gewiß!« »Darum bin ich so froh, daß Sie hierherkamen. Wann gehen Sie wieder nach Deutschland?« »Bald. Das Befinden meiner Eltern macht mir Unruhe!« Der Lord nickte und sagte, während seine dunkel flackernden, verständnisvollen Augen sie nicht losließen, langsam: »Wir sind beide so verschieden, wie ein Mann und eine Frau oder jemand vom Festland und jemand aus England sein kann. Aber darin sind wir beide einig wie zwei gute Geschwister, daß dies Blutvergießen ein Ende nehmen sollte.« »Ach – möchte es!« »Briten machen nicht viel Worte. Briten handeln. Friedensfreunde unter uns hier sind am Werk. Wie Friedensfreunde bei euch drüben!« »Ich weiß!« »Aber die See dazwischen ist zu tief. Die Verbindung zu schwierig. Alles kommt auf den guten Mittelsmann an. Solch ein prominenter Friedensfreund ist Mr. Knox!« »Ich kenne ihn nicht.« »Sein Vater ist aus Schottland in die Vereinigten Staaten eingewandert. Seine Mutter stammt von deutschen Ansiedlern in Pennsylvanien. Er ist ein alter Mann und hat nur noch zwei Wünsche im Leben: die beste Nähmaschine und den Weltfrieden herzustellen. Der Gentleman ist jetzt in der Schweiz. Aber er kommt nächstens nach Deutschland.« »Ich würde mich freuen, ihn dort zu sehen.« »Oh, tun Sie das! ... Und bringen Sie ihm Briefe von mir mit.« »Sie wissen, daß es verboten ist!« »Verbrechen sind verboten. Wohltaten nicht, Mrs Ter Meer.« »Briefe sind Briefe.« »Briefe, die eine Neutrale einem Neutralen gibt ... Ich überreiche Sie Ihnen offen, Mrs. Ter Meer. Sie können sie lesen. Jedermann. Ich schäme mich nicht, mich als Freund eines gesunden Friedens zu bekennen ... aber ich habe von hier aus keinen Weg, Worte der Vernunft hinübergelangen zu lassen ...« »Durch die amerikanischen Gesandtschaften ...« Der Lord von St. Asaphs schüttelte traurig das brünette Haupt. »Wenn Sie wüßten, wie amerikanische Botschafter den Krieg schüren, Madam ...« »Leider!« »Da hält sich ein Menschenfreund wie Old Knox fern. Er ist von Spionen umgeben. Was ich hier tue, wird ebenso von tausend Augen kontrolliert. Nichts kann zarter gehandhabt werden als der Meinungsaustausch zwischen ihm und mir ...« »Ich darf es nicht übernehmen!« »Gut! Ich gebe Ihnen morgen die Briefe.« In ihrer Zimmerflucht des Fremdenflügels im Schloß waren der Yonkheer Ter Meer und seine Frau umgeben von der in ihrer unauffälligen Selbstverständlichkeit immer wieder berückenden Gastfreundschaft eines großen britischen Herrn, der seinen Gästen nicht nur wie anderswo in der angelsächsischen Welt die Bibel auf den Nachttisch, sondern die neuesten französischen und englischen Romane für die Lady, die Reuterdepeschen und die letzten Abendtelegramme der Sportpresse für den Gentleman bereitlegen ließ. Cornelis Ter Meer las achtlos die Havas-Meldung von der Ausrufung der Republik in Frankfurt am Main, dem Aufstand der Syndikalisten gegen Madame Krupp, den ersten Fall von Menschenfresserei in der Wildnis der Sächsischen Schweiz. Dann legte er das Blatt hin und sagte in einem seltsamen Ton, der rauher als sonst klang: »Sieh mich an, Jantje!« »Was hast du?« »Das wollte ich dich fragen.« »Warum?« »Ich habe dich den Abend über gesehen ... du warst verändert ...« »Mir war nicht wohl ...« »Ich weiß, wie jemand ausschaut, der sich nur schwach fühlt, und jemand, den etwas drückt ...« »Ich habe keine Geheimnisse!« »Noch gestern niet. Aber heute ...« Cornelis Ter Meer trat auf sie zu. Sein faltiges, verständiges Gesicht mit der großen Glatze darüber und dem ergrauten Schnurrbart, das so viel älter aussah als das ihre, zeigte jetzt auch keine Erregung, nur eine tiefe Besorgnis in den klaren grauen Augen. »Woher kennst du diesen Amerikaner?« »Ich?« »Du hast diesen Mr. Lumley schon früher einmal kennengelernt, und zwar gut!« »Nein!« »Ich bin kein Mann, der Spuk sieht. Ich bin so nüchtern, wie ein Mann es sein soll. Ich habe ihn gesehen, und ich habe dich gesehen, und ich weiß, daß ihr beide euch schon einmal auf der Welt getroffen habt!« »Das sind Hirngespinste, Cornelis!« »Wir waren weit in der Welt. Viele Leute sind uns über den Weg geloopen. Warum niet auch dieser Mr. Lumley?« »Ich habe den Namen heute zum erstenmal gehört ...« »Aber das Erschreckliche ist der Eindruck, den das Wiedersehn auf dich machte, Jantje ... du hast dich sonst in der Gewalt ... diesmal niet!« »Zweifelst du an mir?« Der Yonkheer Ter Meer schüttelte den Kopf und atmete auf. »Nein, Jantje. Das ist es niet. Ich habe nie an dir gezweifelt, und de Hemel geve, daß ich niemals an dir zweifeln werde ...« »Nun also ...« »Das, was ich heute abend auf deinem Gesicht gelesen habe, das war etwas anderes, Jantje, das war die lichte Angst! Wer tut dir etwas, Jantje?« »Niemand.« »Vor wem hast du Sorge, daß er dir etwas tun könnte?« »Ich habe keine Sorge ...« »Also hast du sie für ihn? ... Warum wirst du so bleek, Jantje?« »Ich werde nicht bleich.« »Oh ... schau in den Spiegel! Da schaust du deinen Schröck. Sage mir eines, Jantje: was ist das mit dem Mr. Lumley?« »Laß mich endlich mit ihm!« Der Yonkheer Ter Meer ging schweigend im Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor ihr stehen und sah sie an. Es war der prüfende Blick eines Mannes, der viel von der Welt gesehen, der die Menschen kannte, dem selbst die fremden Völker nichts mehr vormachten, weil er sie alle von seiner niederländischen Warte aus beobachtet und abgewogen hatte, und der alle diese Erfahrung da draußen in stummer Liebe und Sorge für seine Frau zusammenfaßte. »Jantje ...« »Wir wollen schlafen gehen, Cornelis! Ich bin so müde ...« »Jantje ... warum vertraust du mir niet?« »Höre doch endlich auf, mich zu quälen ...« Er blieb unerbittlich in jenem zähen niederdeutschen Eigensinn, den sie an ihm kannte. »Wenn du es mir sagen könntest, dann würdest du es mir sagen?« »Ja, gewiß! Wenn etwas zu sagen wäre ...« »Also ist es etwas, was du mir aus irgendeinem Grund nicht sagen darfst?« »Wir wollen morgen weiterreden. Laß mir nur jetzt meine Ruhe ...« »Ich habe sie dir nicht genommen, sondern dieser Mann.« »Cornelis ...« »Was ist es mit ihm, Jantje? Er scheint ein Mann wie alle anderen. Niemandem hat er Aufsehen gegeben außer dir! Also weißt du mehr von ihm als die anderen ... Du schweigst?« Der Mynheer Ter Meer wartete bekümmert, aber hartnäckig auf eine Antwort. Als keine kam, sagte er: »Wohlan – dann soll ich selbst sehen, was an ihm ist!« »Was willst du tun?« »Ich telegrafiere an Saint Helen's Place in London. Lincoln Deventer vom amerikanischen Generalkonsulat ist mein alter Freund. Er kennt, aus seinen Einfuhrlisten, genau die Namen aller Männer und Firmen, die von drüben Munition liefern. Er wird mir bis morgen mittag Bericht geben.« Der Yonkheer Ter Meer setzte sich und schrieb langsam und bedächtig ein langes Telegramm in englischer Sprache. Seine Frau störte ihn nicht. Sie lag nebenan und starrte mit offenen, angstvollen Augen in das Dunkel. Er dachte, sie schliefe. Am frühen Morgen trug er eigenhändig die Depesche zu dem eine Viertelmeile entfernten Postamt. Drahtungen in Munitionsangelegenheiten wurden auch am Sonntag angenommen, und er wußte, daß ein so eifriger Busineß-Mann wie Lincoln Deventer jetzt zur Kriegszeit auch am Sonntagmorgen noch einmal in seinem Office vorsprechen würde, ehe er sich in die Kirche begab. Der Rest des Tages gehörte dann dem englischen Sabbat. Dem Sonntag, der ihn auf dem Heimweg durch grünes Parkland, an weißen Landhäusern vorbei unter blauem Himmel mit seiner paradiesischen Ruhe umgab. Draußen in der Welt brüllten auch zur Kirchzeit die Feuerschlünde, verröchelten jede Sekunde junge Menschenleben im Drahtverhau, standen weiße Sprengwolken am Himmel und schwarze Rauchbäume über den zerrissenen Eingeweiden der Erde. Bis in die britische Sabbatstimmung drang nichts von Blut und Wut der keuchenden Menschheit. Wie in tiefstem Frieden klang aus der Kirche mit hellen Stimmen der Gesang der Ladies, betete drüben der Bischof Abbot, der in der Woche Granaten drehte, scheinheilig vor dem Altar für Englands Feinde, sammelten die alten Damen, während auf allen Schiffen alle Wilden der Erde gegen Deutschland fuhren, milde Spenden für die Ausbreitung des Christentums unter den Basutos und für den Bau eines anglikanischen Tempels für die Waldmenschen von Ceylon. Und wer da fromm und schallend im feierlichen Zeremoniell der Hochkirche mitsang: »Herr! Der du unsern Vätern halfst!«, der war im Innersten des Herzens davon überzeugt, daß er sich der Gnade des Höchsten Lords, Gottes, ebenso erfreute wie auf Erden der Gunst des ersten Lords seiner Grafschaft, des Herzogs von Chichester, und daß er ein Recht auf beides hatte, weil er ein respektabler Brite war, voll eines träumerischen Behagens nach dem Gottesdienst, eines satten Hindämmerns, fern von der närrischen alten Erdkugel, auf der die Männer Schweiß und Blut und die Frauen Tränen vergossen. »Wall Street morgen für Steel Preferred anderthalb Punkte höher!« prophezeite heiter im Vorbeiwandern der alte Sir William Heacock. Der weißhaarige Gentleman hatte immer seine besonderen Tips aus Neuyork. Zu anderen Zeiten hätten sie den Yonkheer Ter Meer interessiert. Jetzt nickte er nur flüchtig zu dem anderen Gast des Hauses hinüber. Er suchte seine Frau. Die Lady war schon ausgegangen. Wohin? Die Jungfer oben in dem Zimmer wußte es nicht. Cornelis Ter Meer setzte sich und überlegte. Die anderen Damen waren in der Kirche. Aber es war selbstverständlich, daß sie, die Katholikin, und er, der Calvinist, dem anglikanischen Gottesdienst fernblieben. Sie mußte also allein irgendwo draußen im Freien sein ... Er sprang plötzlich lebhaft auf, von einem Verdacht gepackt, trat wieder in die Maiensonne vor das Türmegewimmel von Ogmore Castle hinaus und frug draußen am Portal einen der Footmen : »Mr. Lumley ist wohl in der Kirche?« »Nein, Sir. Der Gentleman sagte, als ich ihm das kalte Bad richtete, nichts sei ihm schmerzlicher, aber er sei Methodist.« »So blieb er daheim?« »Ging aus, Sir, in der Richtung nach den Hügeln.« »Danke.« Die »Hügel« waren gut zwei Meilen entfernt. Sie hoben sich weithin sichtbar aus dem grünen Flachland. Geheimnisvolle Steinplatten aus Urzeit standen da aufrecht in zwei Kreisen. Man fuhr zuweilen nachmittags hin, um inmitten der Reste des heidnischen Heiligtums seinen Fünfuhrtee mit heißen Buttertoasts zu haben. Auch der Yonkheer Ter Meer schlug langsam, mit düsterem Gesicht, diese Richtung ein. Ein Mann, der mehr dem Zufall und Verdacht als einem bestimmten Ziel folgte. Die Menschen von Ogmore Castle hatten in der Kapelle ihr sonntägliches Stelldichein mit dem britischen Herrgott, der die Woche hindurch draußen für sie die Arbeit der Farbigen segnete, dem Union Jack auf den Meeren den Wind in die Segel blies und daheim die Hand über die City-Kurse hielt. Aber wenn auch die Menschen in der Sonntagsstille fehlten, so fehlte es doch an britischem Blaublut nicht. Im Umkreis des begnadeten Erdenwinkels, den die Strahlenkrone eines Peers übersonnte, waren alle Dinge durch Geschlechter hindurch auf Stammbaum und Entwicklungsgesetz gezüchtet ... Die Orchideen im Treibhaus hatten ihre Geschichte wie die Perserkater auf der Terrasse ihre langmähnige Ahnenreihe. Der Bullterrier am Weg war auf gespenstige Häßlichkeit preisgekrönt wie das Damwild auf der Wiese auf fleckenloses Weiß hin ausgesondert. In der schmucken Villenkolonie, längs deren der Yonkheer Ter Meer immer wieder in stiller Andacht vor dieser irdischen Vollkommenheit dahinschritt, wohnten die vierbeinigen Lords der Tierwelt, das arabische Vollblut. Jeder dieser täglich in den Zeitungen genannten Renngäule hatte sein eigenes Haus mit Vorraum, Marmorkrippen, fließendem warmem und kaltem Wasser, elektrischem Licht und der nötigen Dienerschaft. Der Arzt wohnte in der Nähe. Bewaffnete Hüter wachten in der Nacht. Vor einem dieser Pferdepaläste stand ein riesenhafter brünetter Mann. Der Yonkheer sah ihn nur von hinten. Er schien noch länger als seine sechseinhalb Fuß inmitten des Zwergvolkes der Jockeis um ihn, die durch Familien hindurch ebenso auf Leichtgewicht gezüchtet waren wie die schmächtige braune Stute vor ihnen auf Schnelligkeit. Es war selten, daß der Marqueß Harald von St. Asaphs über etwas nachdachte. Aber jetzt schien er doch beim Anblick des nervösen, stelzbeinigen und feueräugigen Geschöpfes, das da im Kreise herumgeführt wurde, in tiefstes Sinnen versunken. In ehrfurchtsvoller Stille harrte man ringsum auf seine Entscheidung. »Wenn der Ostwind anhält und das Geläufe trocken bleibt, sollten wir die Stute im nächsten Rennen abschießen«, sagte er plötzlich und ging, ohne sich weiter um Mensch und Tier zu kümmern, rasch davon. Der Yonkheer Ter Meer, der noch ein paar hundert Schritte entfernt war, sah, daß er schlenkernden Schrittes nach dem Rand des nächsten Parkgehölzes abbog. Dort schimmerte im Grün ein weißes Damenkleid. Cornelis Ter Meer erkannte seine Frau. Sie ging langsam, zuweilen stehenbleibend – ein Mißtrauen sagte ihm: so als ob sie den Gentleman aus Illinois suchte – aber jedenfalls war sie allein. So lange, bis der Lord St. Asaphs ihren Weg kreuzen mußte. Er reichte ihr die Hand. Sie wandten sich beide, im Gespräch miteinander, über die offenen Parkflächen nach dem Schloß zurück. Der Yonkheer Ter Meer drehte auch um und ging bedächtig und beruhigt wieder heim. Ein paarmal schaute er noch zurück. Von dem Gentleman aus Illinois war keine Spur. In einem niederen, langen Bau am Parkrand saßen Hunderte von Truthennen weltentrückt, jede in ihrem Verschlag, und brüteten so gehorsam, als seien es Menschen unter britischer Herrschaft, die Edelfasaneneier aus, damit im Herbst der Herzog von Chichester und seine erlauchten Gäste die langgeschwänzten Hähne zu Tausenden im Schnellfeuer aus der Luft herunterholen konnten. Sein Sohn, der Lord St. Asaphs, schlenderte mit Johanna Ter Meer an der Fasanerie vorbei und sagte plötzlich, nachdem er bisher nur über den lieblichen Maimorgen und den gestrigen Wetterbericht aus Nizza geplaudert: »Hier ist der Brief, den Sie mir an Mr. Knox in Deutschland zu besorgen versprachen!« Er griff in die Seitentasche und holte das Schreiben in offenem Umschlag hervor. »Ich hatte schon gestern die Ehre, zu bemerken, Lord Saint Asaphs, daß ich unmöglich ...« Er tat, als hörte er nicht. »Es ist ja für Sie nur eine Kleinigkeit«, sagte er, »und doch, by Jove , welch ein gutes Werk!« Dabei sah er mit seinem spielerischen Lächeln auf sie herunter. Dies Lächeln hatte jetzt beinahe etwas Grausames. Sie wußte, daß sie heute noch angegriffener und unruhiger aussah als gestern. Und daß der neben ihr diese Angst in seiner Weise deutete. Sie merkte es ihm an, ohne daß seine fröhlichen Mienen sich veränderten. Der Lord St. Asaphs hatte den Spürsinn eines Weidmanns für Schwäche der Frauen. Er frug nicht erst, sondern las ihr langsam, in dem nachlässigen Zähnekauen des Engländers, den Brief vor: »Mein lieber alter Knox! Sie schreiben mir, daß ein paar Zeilen von meiner Hand Ihnen nützlich sein mögen als ein Beweis für manche Zweifler drüben, daß auch in England öffentliche Charaktere wie ich und meine Freunde finden, ein guter Friede sei besser als ein schlechter Krieg. Dieser Krieg ist ein schlechtes Geschäft für beide Teile. Nie dürfen wir zulassen, daß die Kontrolle der Welt der City entgleitet. Briten sind die einzigen, die mit Geld umzugehen verstehen. Deutsche wieder werden sich sagen, daß sie mit einer Valuta, wie sie gestern der Amsterdamer Markt notierte, nicht leben wollen! Mit jedem Mann, der jetzt aus dem Schützengraben späht, gehen täglich hüben und drüben vier bis acht Schilling Arbeitsleistung verloren. Der Verbrauch an Stahl, Leder, Pferden und Mineralöl erschöpft die sichtbaren Vorräte der Erde. Die Betriebskosten des Weltkrieges sind zur Zeit fünfzehn Millionen Pfund im Tag. Inzwischen wandelt sich Bukarest in Babylon und Kopenhagen in ein Goldgräberkamp. Neutral sein wird bald heißen von englischen Renten leben! Für einen Christen ist das ein widerwärtiger Gedanke. Dem Zynismus von Tokio mag der Anblick der blutigen Nasen in Europa ein goldenes Zeitalter bedeuten. Alt-Europa sollte sich auf sein besseres Teil besinnen. Männer sollten zusammentreten, und Methoden sollten gefunden werden, die die Menschheit aus der bitteren und unnützen Arbeit des Krieges in die nützliche Arbeit des Friedens hinüberführen. Welches Volk mag da besser den ehrlichen Stockbroker spielen als Ihre große Nation jenseits des Ozeans! Amerikaner sein heißt die wahren Tugenden des menschlichen Fortschritts, die Selbstlosigkeit, die Gerechtigkeit, die Freiheit, die Wahrheitsliebe und Begeisterung für alles Große auf Erden geerbt haben. Darum drücke ich Ihnen, mein teurer Freund Knox, in diesem Brief die Hand. Zeigen Sie ihn, wem Sie mögen und wo Sie es für gut finden. Sagen Sie, er komme von einem Manne, der den Mut seiner Meinung hat und der sich nennt Ihren ergebenen Freund und Diener Marqueß of St. Asaphs.« Lord Harald las den Brief viel leidenschaftsloser, als dessen Inhalt für einen Briten seiner Art und seines Ranges war. Er schritt mit Johanna Ter Meer nun schon durch die Teppichbeete dicht vor dem Schloß. Am anderen Ende der Terrasse standen Menschen, winzig klein in der Entfernung und bei den ungeheuren Maßen des Baues. Es waren Gäste. Der Gottesdienst war zu Ende. Er sagte: »Ich habe mich von dem Kirchgang ferngehalten, weil ich wußte, daß Sie nicht in unsere Kirche gehen. So konnte ich Sie treffen. Hier ist der Brief, Mrs. Ter Meer!« »Ersparen Sie mir die Weigerung ...« »Immer bekannten Sie sich als eine warme Freundin des Friedens zwischen Ihrem alten Vaterland und meinem ...« »Ich bin es aus tiefster Seele, Lord Saint Asaphs.« »Dann beweisen Sie es! Wollen Sie kein gutes Werk tun, Mrs. Ter Meer?« Er schaute sie herrisch an. In kaltblütiger Überlegenheit. Er hielt ihr leises Zusammenschaudern für seinen Sieg. Ein paar Ladies näherten sich. Er ließ, ohne daß jene es noch sehen konnten, den Brief in Johanna Ter Meers Hand gleiten und wandte sich dann den Damen zu. »Ich hoffe, Sie hatten eine gute Predigt?« »Sie war so erbaulich: Britenpflichten sind Christenpflichten.« »Auch ich hatte Britenpflichten! Ich war so traurig, den Clergyman nicht zu hören.« »Die neutrale Lady tat es auch nicht«, meinte die eine Miß mit einem vielsagenden Lächeln darüber, daß sie die beiden zusammen getroffen, und schaute Johanna Ter Meer nach. »Oh – sie ist eine Papistin.« »Wie schrecklich!« Johanna Ter Meer trat blaß, schwer atmend, in den indisch eingerichteten Empfangsraum ihrer kleinen Gästewohnung. Auf dem runden, drachenartig verschnörkelten Mitteltisch aus schwerem schwarzem Eibenholz lag ein Telegramm. Ihr Mann saß dahinter und reichte es ihr schweigend. Sie las: »Da ist keine Firma und kein Gentleman von irgendwelcher Bedeutung, der Charles Lumley heißen mag, im Munitionsgeschäft der Vereinigten Staaten. Irrtum ist bei der Zuverlässigkeit der englischen Überwachungslisten auf der ganzen Welt ausgeschlossen. Es kann sich nur um einen untergeordneten Angestellten handeln. Ihr Lincoln Deventer.« »Clerks pflegt sich der Herzog von Chichester ja wohl nicht zum Wochenende einzuladen«, sagte der Yonkheer Ter Meer nach einer Pause trocken. »Also hält Seine Gnaden diesen Gentleman aus Illinois offenbar für etwas anderes, als er in Wahrheit ist.« Er stand auf, steckte die Depesche ein und ging nach der Tür. »Cornelis ... wo willst du hin?« »Laß mich schauen, ob mich der Herzog empfangen kann!« Nach dem Brauch freien englischen Landlebens kam der Schloßherr tagsüber nur zum Vorschein, wenn es ihm paßte. Er tat, was er wollte, und die Gäste auch. Erst am Abend fand man sich im Frack und die Damen in großer Toilette an der Tafel zusammen. »Was geht dich der Herzog an?« Sie versuchte in ihrer Angst, ihm das Blatt zu entreißen. Da wurde er so ungeduldig, wie sie ihn selten gesehen. »Jantje ... Wenn du mir nicht sagst, wer der Mann aus Illinois ist, so mag der Herzog ihn selber fragen! Ich habe dann meine Pflicht getan. Ich bin davon ab!« Er war schon auf der Schwelle. Da faßte sie seinen Arm. »Cornelis ... tu es nicht!« »Warum?!« »Es kommt dann zu Tage, daß er nicht aus Illinois ist! Überhaupt nicht aus Amerika!« »Aha ...« »Es ist ein Deutscher ...« »Um Godes willen!« Der Yonkheer Ter Meer war mit einem Schlag völlig verändert. In einer Aufregung, beinahe einer Angst, wie sie sie an dem phlegmatischen Mann noch nie gesehen. Jetzt sprach er nicht mehr ihr zuliebe Deutsch, sondern seine holländische Muttersprache. »Ein Deutscher! Und das sagst du jetzt erst?« »Da du mich dazu zwingst ...« »Weil du nicht an deine Pflicht gedacht hast! Du hättest es mir gleich sagen müssen ...« »Vielleicht hättest du mir dann geholfen ... Cornelis?« Sie sprach es weicher, halb zögernd, halb fragend. Er begriff gar nicht, was sie meinte. Er rang verstört die Hände ineinander. »Ein Deutscher! ... Hier! ... Das kann ein Unglück für England sein ... Was hört und sieht er niet alles! ... Gehe von der Schwelle weg, Jantje!« Cornelis Ter Meer stand dicht vor ihr, und dabei war es ihr, als rückte er ihr in weite Ferne, ein fremder Mann, mit anderen Gedanken, mit anderem Willen, mit einem anderen Gesichtskreis als der, an dessen Seite sie zehn Jahre ihres Lebens verbracht. »Cornelis, du bist ein guter Mensch. Niemand weiß das besser als ich. Ich habe dich überall auf der Welt gesehen. Du warst gegen alle Menschen immer freundlich und hilfsbereit!« »Menschen sollen brüderlich zueinander sein, Jantje!« »Warum willst du also jemanden, der dir nichts tat, ins Unglück stürzen?« »Um Gefahr zu verhüten!« »Gefahr für dein eigenes Vaterland? Gefahr für Holland, Cornelis?« Er runzelte die Stirne. Dann sagte er gedämpft, so daß es fast feierlich klang: »Nein. Aber für Groot-Britannie!« In diesem mahnend betonten »Groot-Britannie!« wehte es wie eine heilige Überzeugung. Viele Völker und Länder gibt es in der Welt – über allen steht England. »Lasse doch England für sich selber sorgen! Stark genug dazu ist es doch wahrhaftig.« »Auch dem Stärksten kann ein Schaden geschehen.« »Hast du ihn abzuwenden?« »Ja. Denn ich bin hier zu Gast.« Ein Frösteln überlief sie. Vor ihr stand nicht mehr ihr Mann, sondern irgendein beliebiger Mensch auf der Welt. Alle waren einander gleich. Alle waren bereit, für England zu sorgen und zu bangen wie um das eigene Ich. »Was hast du für Augen, Jantje?« »Ihr seid so sonderbar ...« sagte sie. »Was denn ihr?« »Ihr alle ... Du auch ... Ihr sagt: England ... und dann ist alles fertig ...« Und es klang wie eine Antwort von Millionen und aber hundert Millionen rund um den Erdball, von weißen, schwarzen, braunen, gelben, roten Menschen, von Christen, Moslemin, Hindus, Konfuzianern, Parsen, Buddhisten, von Häfen und hoher See und Meerengen und Küsten, wo nur Menschen wohnten: Was kann man mehr sagen als England? Man erkennt England an, wie man sich einem Naturgesetz unterwirft ... »Jantje ... ich muß jetzt stracks zu dem Herzog gehen ... ihm melden, daß seine Gastfreundschaft erschrecklich mißbraucht wird ... daß ein Deutscher im Schloß ist.« »Nein. Zwei!« »Alle Himmel!« »Der und ich! Zeig uns nur gleich beide an!« Cornelis Ter Meer lief verstört zwischen den japanischen Rüstungen, den Buddhapüppchen und indischen Vorhängen des Gemaches auf und nieder, in dessen scheinbar wirrem und doch kühl geordnetem farbigem Durcheinander sich das britische Weltreich im kleinen widerzuspiegeln schien. Er trocknete sich stehenbleibend die kahle Stirn. »War je ein Mann in solcher Lage wie ich ...?« sagte er verzweifelt. »Morgen um diese Zeit ist er längst fort von hier, Cornelis!« »Aber mit allen Geheimnissen, die er hier erfahren hat. Er ist doch ein Deutscher!« Ein Deutscher ...! Dieser angstvolle Ausruf ihres Mannes erschütterte Johanna Ter Meer: Ein Deutscher! Also geächtet von der Welt. Vogelfrei auf der ganzen Erde. Außerhalb der Menschheit. Nicht nur in den Steckbriefen Englands, sondern auch in den Köpfen der Menschheit selbst ... »Ich glaube, wenn Deutschland heute zugrunde ginge«, sagte sie langsam, »niemand auf der Welt würde auch nur auf den Gedanken eines Mitgefühls mit uns kommen ...« »Wie gerätst du darauf?« »Du lehrst es mich. Es ist nicht, daß du es sagst, sondern daß alle es mir aus deinem Munde sagen ... Zehn Jahre bin ich unter euch herumgegangen und habe alle Menschen arglos für Freunde gehalten und geglaubt, ich wäre unter meinesgleichen. Wahrscheinlich ist es allen Deutschen so gegangen. Nun öffnet der Krieg einem die Augen ...« »Ich habe nichts mit dem Krieg zu tun, Jantje.« »Es ist wie ein ungeheures Grauen um einen ... also da sind wir Deutsche, und da sind die anderen Menschen ...« »Jeder Krieg reißt Klüfte zwischen den Völkern auf, Jantje.« »Auch zwischen den Menschen, Cornelis!« Der Yonkheer Ter Meer schaute seine Frau ratlos und zweifelnd an. Er begriff nicht recht, was in ihr vorging. Er wollte von Herzen rechtlich sein. Es entsprang der Gewissenhaftigkeit seiner Natur, in der viel von dem ehrenfesten Kaufmannsgeist seines Volkes war. Aber über seiner Natur stand das, was er für das Naturgesetz hielt: England. Zum ersten Male hatte auch er das Gefühl: ich habe eine Fremde geheiratet. Nicht eine Frau, der ich leicht in ihren jungen Jahren das Vaterland abgewöhnte, sondern eine Deutsche. Eine erwachende Deutsche. Er dachte sich: Und ist es nicht unfaßbar, daß alle solche Deutsche jetzt gerade Deutsche werden, wo ihr Vaterland vor dem Abgrund steht? Solange es Deutschland gut ging, wollten sie wenig von ihm wissen. Jetzt drängen sie sich, bei seinem Untergang mit dabei zu sein. Wer auf der Welt wird je die Deutschen ergründen? »Ach – es ist bitter«, sagte er. »Mein Leben dauert schon ziemlich lange, und wenn ich zurückdenke, so bin ich niemals im Zweifel gewesen, wie ich in einer Sache handeln mußte, wenn ich sie mir genug überlegt hatte. Aber nun weiß ich nicht mehr, wie ich mich verhalten soll ...« »Ich weiß es.« »Ich glaube, ich muß doch zu dem Herzog von Chichester gehen.« »Geh hin und sag ihm, daß da ein Deutscher ist. Ich gehe indessen zu den Ladies in den Drawing-Room und sage ihnen, daß auch ich eine Deutsche bin. Man hat es ihnen verschwiegen. Ich hab' es gemerkt ...« »Jantje!« »Eine gute Deutsche! Das werden sie an dem merken, was ich ihnen über England sage, während sie den unten verhaften.« »Jantje – das gäbe ja einen furchtbaren Auftritt ... der mich hier unmöglich macht!« »Für England ist kein Opfer zu groß, Cornelis!« »Spottest du auch noch?« »Eigentlich ist es zum Lachen. Aber mir ist es bitterer Ernst.« Das sah er. Er schwieg lange. »Du sagst, er reist morgen ab?« frug er endlich. »Ist das ganz gewiß?« »Ich bringe dir sein Versprechen!« »O Jantje ...« »Niemand im Schloß weiß, wenn er weg ist, wer er war. Warum brauchst du es gewußt zu haben?« »So soll es sein!« sprach endlich der Yonkheer Ter Meer dumpf und ergeben mit schwerer Überwindung, und in der Art, wie er sich erschöpft niedersetzte und vor sich hin starrte, blieb doch der Druck des schlechten Gewissens gegenüber England. 10 Es war draußen ein so stiller und sonniger Tag, wie ihn die ewig windgepeitschten, nebligen, von Regenhuschen überduschten britischen Inseln nur ein paar dutzendmal im Jahr kannten. Aber die Kricket- und Golfplätze lagen verödet, die Jagdpferde träumten im Stall, Fuchs und Forelle hatten gute Stunden. England feierte durch stumpfes Nichtstun den Tag des Herrn. Man konnte das Völkerrecht brechen. Aber nicht den Sabbat. Auf dem Festland mochten die Kanonen donnern, im Britenreich klimperte keine Taste eines Klaviers. Die Jugend Europas stieg im Abenddämmern zur Ablösung in den Schützengraben, die Blüte Englands ging zur gleichen Zeit zum Abendgottesdienst in die Kirche, nachdem sie sich vorher um die fünfte Stunde noch ausgiebig mit Tee und Backware gestärkt. Bei diesem Tee saß unten in der einen großen Halle Mister Charles Lumley aus Illinois zwischen mehreren Ladies. Als höflicher Mann hatte er sich nicht die Gesellschaft junger, flirtbereiter Misses, sondern die einiger alter Damen ausgesucht, die trotz des Maienwetters draußen sich bis beinahe in das Kaminfeuer hineingesetzt hatten. Johanna Ter Meer hörte, als sie in den Saal trat, sofort seine helle, nach Yankeeart gequetschte Stimme. »Ja, ich war früher in Geschäften in Deutschland, Madam«, sagte er laut. Denn die alte Lady neben ihm war schwerhörig. »Ich kenne das Land.« »Wie erklären Sie sich den teuflischen Scharfsinn, mit dem es immer noch über die Kraft des Christentums und der Zivilisation triumphiert?« »An dieser betrüblichen Erscheinung, Madam, sind nur Englands Bescheidenheit, seine zu große Nächstenliebe und Uneigennützigkeit schuld.« »Oh, hören Sie, Mrs. Graham, was der Gentleman sagt!« »Wie denken Sie sich Deutschlands Bestrafung?« »Ernste Zeichen deuten auf einen baldigen Sturz in die Hölle! Ich hatte eben erst durch amerikanische Freunde Nachrichten aus Deutschland.« »Ach, lassen Sie hören ...« »Böhmen steht vor seinem Abfall vom Deutschen Reich. Niemand in Prag möchte mehr preußisch sein.« »Wie gut!« »Bayern hat bereits eigene Briefmarken eingeführt, als einen stummen, aber ernsten Protest gegen Potsdam.« »Es ist glorreich!« »In Bremen wächst die Zahl der Republikaner reißend. Die dortige Regierung ist dagegen machtlos.« »Welch erquickende Nachrichten, Mr. Lumley ... noch etwas Tee?« »Danke – nein, Madam.« Mr. Lumley stand freundlich lächelnd auf, ließ die alten Ladies sitzen und trat zu Johanna Ter Meer in die andere Ecke des großen, sonst ganz leeren Saales. »Ich hab' den Ollschen ein lüttes Garn gesponnen«, sagte er zu ihrem Entsetzen ganz gemütlich auf deutsch. Es war unmöglich, daß jemand es hören konnte. Aber ein kalter Schauer lief ihr doch über den Rücken. »Um Gottes willen ... Sprechen Sie doch englisch wie ich.« » Oh yes »! Wie geht es Ihnen, Mrs. Ter Meer? Sind Sie auch in solch andächtiger Sabbatstinnnung wie ich? Man wird ein besserer Mensch unter den guten Engländern.« »Wo waren Sie? Ich suchte Sie den ganzen Tag.« »Ich machte einen Ausflug nach den Hügeln, wo die großen Steine stehen. Dort haben die alten ehrlichen Druiden wahrscheinlich auch schon anderen Leuten die Hälse abgeschnitten!« »Was taten Sie denn dort?« »Oh – es ist ein köstlicher Aussichtspunkt«, sagte Mr. Lumley laut und lebhaft, denn die alten Ladies kamen eben vorbei und bewegten sich nach dem Ausgang. »Man sieht weithin über das Land und manche Möglichkeiten, den Weg nach London zu verfolgen!« Der Saal war jetzt leer. Nur der Teekessel summte noch über dem Spiritusflämmchen in der Ecke, und daneben züngelte es im Kamin. »Wollen Sie fort von hier?« »Ich habe dringende Geschäfte in der City, Mrs. Ter Meer. Hier ist das Treiben für einen ernsthaften Finanzmann wie mich zu weltlich. Der reine Taubenschlag! Das kommt und geht. Jeden Augenblick kann der Hausfreund Englands – ich meine der Deubel – mir jemanden auf den Hals schicken, der mich erkennt ...« »Wenn es das Unglück wollte, daß das geschieht, dann ist meine letzte Hoffnung der Lord Saint Asaphs.« »Danke!« »Er kann Ihr Schicksal nicht ändern, aber wenigstens durch seine mächtige Fürsprache es sehr mildern!« »Da möchte ich mich doch lieber des Teufels Großmutter anvertrauen. Die alte Dame hat jedenfalls noch mehr Sympathie für uns als der edle Lord.« »Saint Asaphs und ich sind Freunde ...« »Meinen Glückwunsch!« »Machen Sie doch nicht so grimmige Augen!... Freunde in dem Sinn, daß wir beide dasselbe wollen: ein gutes Einvernehmen zwischen Deutschland und England ... ich schöpfe neue Hoffnung, wenn ich seinen guten Willen sehe ...« »... aus Deutschland ein großes Arbeitshaus zur Verarbeitung britischer Rohstoffe unter Aufsicht der Menschheit zu machen ... nach der Einrichtung der Sträflingsinseln im Indischen Ozean, wie er gut gelaunt bemerkte ...« »Wann?« »Jetzt eben, auf unserem kleinen Bummel durch den Park.« »Unmöglich!« »Mylord hat sich, wie er mir gestand, wiederholt vor der Bibel gefragt, ob es nicht Gottes Wille sei, die Deutschen überhaupt auszurotten Aber er hat gefunden, daß die Hälfte genügt. Er meinte in seinem gesunden britischen Verstand, da man ja künftig jeden Ackerbau in Deutschland verbieten würde, könne man doch, ebenso wie in Irland, immer noch später so viel Leute verhungern lassen, als nützlich sei.« »Das kann er nicht gesagt haben!« »Doch. Ich sage Ihnen die Wahrheit, wie sie Ihnen nur ein stiller Mann von der Waterkant sagen kann. Ich habe hier schon eine gesegnete Arche Noah von Ladies und Gentlemen kennengelernt, und sie haben mir offenherzig jeder seine Methode erzählt, wie sie Deutschland in die Hölle wünschen. Aber gegen Ihren ›Freund‹ St. Asaphs sind es blutige Anfänger.« »Es ist unmöglich. Ich habe Beweise, daß er ein Freund Deutschlands und des Friedens ist.« »Wirklich?« »Schwarz auf Weiß!« Er nahm den Brief an den Mr. Knox, las ihn durch, las ihn noch einmal und sagte dann langsam vor sich hin: »Was hat der Mann damit vor ...?« »Sie sehen, er legt sich da in einem Schreiben an einen Nicht-Engländer beinahe öffentlich auf die gleichen Ansichten fest, die auch ich ...« Erich Lürsen achtete, im Gegensatz zu seiner sonstigen trockenen und etwas feierlichen Höflichkeit gegen Damen, ihrer Worte so wenig, als ob ein Kind sie gesprochen hätte. Er sagte in tiefem Nachdenken: »Hätte ich mal das geheime Signalbuch für diesen Brief ...« Das humoristische Zwinkern in seinen Augen war wie weggeblasen. Sie versenkten sich hart und forschend in die steilen, großen Schriftzüge. Er las mit zusammengepreßten Lippen die Worte des Briefes von hinten und schüttelte den Kopf. Er fügte die Anfangsbuchstaben der Worte zusammen und schüttelte wieder den Kopf. Er suchte nach Zeichen hinter einem Wort, hob das Papier gegen das Licht und fand nichts. »Was wollen Sie denn nur mit dem Brief?« Er machte eine abwehrende Bewegung und sagte, halb geistesabwesend in seinem Nachdenken: »Das ist ein höllsches Ding!« Er nahm das Schreiben wieder vor, versuchte einzelne Buchstaben durch andere zu ersetzen, indem er sie um ein paar Stellen im Alphabet vorwärts schob. Zuckte die Schultern. Überlegte von neuem. »Geben Sie mir den Brief doch wieder. Es ist doch lächerlich«, sagte Johanna Ter Meer. »Da möchte ich Ihnen lieber eine Treibmine zum Spielzeug geben!« Er brummte es nur, betrachtete aufmerksam Wasserzeichen und Wappenkrone oben auf der ersten Seite, hielt sie gegen den Spiegel, schnalzte unbefriedigt mit der Zunge. »Ich sollte den Brief die Nacht über haben. Dann wüßte ich vielleicht bis morgen früh, was der Mann durch Sie nach Deutschland hineinschmuggeln möchte.« »Es steht ja deutlich darin geschrieben.« »Aber wenn ich heute nacht abgeklappt werden sollte, darf man das Dings nicht bei mir finden, sonst kommen Sie in meine Geschichte mit hinein. Dabei habe ich Sie doch bis jetzt noch nie Im Leben gesehen. Wir beiden haben keine Ahnung voneinander! Merken Sie sich das ja, für alle Fälle.« »Geben Sie mir den Brief!« »Der kommt nicht nach Deutschland!« Kapitän Lürsen sagte das mit der gleichmütigen Bestimmtheit, mit der er sonst einen Dienstbefehl geben mochte. Er beschäftigte sich jetzt mit dem Umschlag und Aufschrift, musterte das dicke, elfenbeinfarbige Papier, ob da vielleicht Doppelblätter aneinander geleimt seien. Ließ es zwischen den Fingern knistern. Seufzte. Nichts. »Sie wollen mir doch nicht mein Eigentum vorbehalten?« »Selbstverständlich.« »Mit welchem Recht?« »Mit Kriegsrecht! Ich beschlagnahme es.« »Hier – mitten in England?« »Oh – ich habe schon andere Dinge mitten in englischen Gewässern beschlagnahmt!« sagte der Korvettenkapitän Erich Lürsen gleichmütig. »Aber ich glaube, kein gefährlicheres ... Wenn der Mann den Brief schreibt, dann hat er doch einen Zweck – nicht?« »Natürlich! Er will eben dort ...« »Er will damit Deutschland irgend 'ne kleine Überraschung bereiten, nicht?« »Das wäre ja eine Schurkerei!« »Ja – was dachten Sie denn?!« rief Erich Lürsen verwundert. »Der Gedanke, daß ich irgendeine Gefahr über Deutschland bringen sollte, ohne es zu wissen ...« »Sind Sie Engländerin? Nein! Also stört das den Mann doch nicht. Ob Ausländer oder Kaninchen – das ist den Engelschen ganz gleich ...« »Sehen Sie mich doch dabei nicht so mitleidig an! Das kann nicht richtig sein. Ich bin doch auch ein erwachsener, vernünftiger Mensch ...« »Erwachsen, ja. Und ein Mensch auch!« »Und Sie reden zu mir wie zu einem Kinde ... und sind dabei selber vor Haß gegen die Engländer nicht mehr so recht zurechnungsfähig. Es ist ja kein Wunder, nach allem, was Sie durchgemacht haben ... nach den Heldentaten, die Sie vollbracht haben ... weiß Gott, die bewundere ich, wie nur eine Frau einen Mann bewundern kann! Aber eben als Frau sehe ich doch auch wieder reiner und klarer in diesem gegenseitigen, furchtbaren Haß ...« Drüben, in dem vorspringenden Mittelbau des Schlosses, hatten sich die efeuumrankten Spitzbogenscheiben der Kapelle erhellt. Frische, junge Soprane schwangen sich glockenklar über den Chorgesang der Gemeinde durch die offenen Fenster zum verblassenden Himmel. Überall auf dem Inselreich sangen und beteten jetzt die Briten und Britinnen fromm in ihrer Abendandacht für sich und alle anderen Menschen, einschließlich der Feinde. »Ja, das gute alte England!« sagte Erich Lürsen tiefsinnig. Dabei sah sie, daß er, als sie vorhin von ihrer Bewunderung sprach, merklich rot geworden war. »Lange stecken die Seeräuber und ihr Herrgott abends nicht beisammen«, fuhr er fort. »So'n alter Sabbat macht den Vettern zu sehr Hunger. Jetzt sind wir noch allein. Jetzt wollen wir unterdessen man fix mit dem Brief Schluß machen.« »Ja. Geben Sie her!« »Ich kann den Brief nicht behalten. Sie dürfen ihn nicht behalten. Dort ist das Kaminfeuer!« »Sie wollen ihn verbrennen?« »Schade, daß man den Schreiber des Briefes nicht mit ins Feuer stecken kann!« »Macht euch der Haß so blind?« »Der macht die Augen blank!« sagte Erich Lürsen und trug den Brief nach dem Kamin. Sie ging erregt neben ihm. »Da ist das Feuer! Und das wird mir nun mein Leben lang bis zum Großvadding leid tun, daß da so 'ne ausgewachsene neue englische Niedertracht gegen die Menschheit ungesehen aus der Welt kommt!« »Großer Gott – kann man Sie denn nicht belehren ...? Statt daß die Menschen einsehen, daß sie viel besser sind, als sie voneinander glauben, und Deutsche und Engländer sich die Hand geben ...« »Donnerwetter, ja ... an dem Tage habe ich aber 'nen bannigen Schnupfen und bleibe zu Hause ...« »Ich lasse mich durch keinen Hohn beirren! ... Ich glaube an die Menschheit ...« »Und an die Engländer!« sagte Erich Lürsen trocken. Er stand vor dem Kamin neben dem Teetisch, an dem er vorhin mit den alten Damen gesessen. Die Spiritusflamme brannte noch unter dem brodelnden Kessel. Er hob den Deckel auf. Eine weiße Dampfwolke kräuselte sich empor, und zugleich lief eine abenteuerliche Erleuchtung über sein glattrasiertes, nüchternes Gesicht. »Das wäre noch ein Versuch«, murmelte er, »ehe wir den Wisch verbrennen ...« »Was machen Sie?« Er antwortete nicht, sondern entfaltete den Brief und hielt ihn behutsam über den aufsteigenden Wasserdampf. Das dicke Elfenbeinpapier erwärmte sich und wurde weich. Die großen steilen Buchstaben begannen zu zerfließen. Eine atemlose Pause. Er flüsterte: »Sehen Sie einmal ...« »Was kommt denn da heraus auf den Blättern?« »Violette Linien ...« Sie flüsterten beide. Atemlos. Mit starren Augen. »Die Linien laufen über das ganze Papier ...« »Jung ... Jung ... nu kommen wir doch hinter deine Krakelfüße ...« »Aber es werden keine Worte daraus ...« »Nein. Das ist etwas anderes ...« Plötzlich zitterte der Brief in Erich Lürsens Fingern. Johanna Ter Meer hätte nie geglaubt, daß ein Mann von seinen Nerven so zusammenfahren könnte. »Jetzt wird es schon etwas«, sagte er leise, so leise, als könnte ein Hauch das violette Gewebe von Strichen und Schlängellinien im Entstehen stören. »Was denn um Gottes willen?« »Eine Karte. Die Karte einer Gegend ...« »In Deutschland?« »Wahrscheinlich!« »Es sind keine Namen darauf ...« »Nur ein paar dicke Punkte ... da ... und da ... ah ...« »Was denn?« »Lassen Sie mich ... nur noch einen Augenblick ... jetzt fängt es an zu dämmern ...« »Sie wissen jetzt ...?« »Nun kommt die Bescherung zu Tage! ... Oh, du verfluchter Hund ... dich möcht' ich bloß mal unter vier Augen sprechen ... Aber an einem recht s–tillen Ort ...« »So reden Sie doch ...« »Sehen Sie da nicht?« »Etwas wie einen Fluß ...« »Aber überall gleich breit – nicht?« »Ja ... ja ...« »Und da eine Seebucht ... und drüben auch eine?« »Ja.« »Erst läuft der Kanal gerade. Dann biegt er schief nach unten in einen viel größeren Fluß ... dicht vor der Bucht links ...« »Ja, aber was sind nur die dicken schwarzen Punkte daneben?« »Die sind die Gefahr! ... Deswegen sind sie in die Gegend hineingezeichnet.« »Kennen Sie denn die Gegend?« »Da müßte ich ja wohl ein toller Seemann sein, wenn ich mich nicht im Stockfinstern zwischen Brunsbüttel und Holtenau zurechtfände!« »Das ist ...« »Das ist der Kaiser-Wilhelm-Kanal, und die schwarzen Punkte sind die Stellen für den Plan, den Kanal in die Luft zu sprengen und damit unsere Verbindung zwischen Nordsee und Ostsee!« » Oh yes. « Heitere englische Stimmen tönten draußen. Näherten sich rasch. »Ins Feuer mit dem Zeug!« Der Plan mit dem Angriff auf den Nord-Ostsee-Kanal flog in die Flammen, flackerte auf. Der Kapitän Lürsen stand mit Johanna Ter Meer vor dem Kamin und deckte, während er sich behaglich den Rücken wärmte und lächelnd die Hände rieb, die verkohlten Fetzen da drinnen, die der Luftzug in die Esse hinaufwirbelte, vor den Blicken der Eintretenden. Es war der Marqueß Harald von St. Asaphs mit einigen Gästen. Er kam aus dem Abendgottesdienst. Unterwegs hatte er seine ausgezeichneten Freunde, den Botschafter Barandiaran und den Yonkheer Ter Meer, getroffen. Er war gegen sie die Liebenswürdigkeit selbst, nachdem er auf dem Wege zur Anglikanischen Kapelle dem Reverend Craven noch gesagt, es sei unchristlich, was zur Zeit hier an Papisten, Orthodoxen, Methodisten und Calvinisten auf diesem ehrbaren Eiland herumlaufe. Seine frische, gesunde Herzlichkeit spiegelte sich auf den geschmeichelten Gesichtern der Ausländer wider. Er hatte ein Blatt in der Hand. »Eben brachte mein Kurier dies Ding da aus London. Das Bild dieses Marineoffiziers werden Sie von morgen ab in ganz England an allen Straßenecken auf Schritt und Tritt sehen!« Der dicke weißbärtige Franzose betrachtete den groben Holzschnitt eines bartlosen, ernsthaft, beinahe sorgenvoll dreinschauenden Mannes in Mütze und Bordjacke eines Seeoffiziers. »Wie finden Sie den Burschen?« »Ehrlich gesagt, mein Lord Markgraf, es ist das Bild eines Engländers, wie man ihn überall in Ihrer glorreichen Flotte und sonst im Lande sieht.« »Und doch das Bild dieses verdammten Kapitäns der ›Heidelberg‹, nach einer Aufnahme, die einer der Gentlemen auf dem ›Acheron‹ unterwegs machte.« »Man wird viele Unschuldige daraufhin verhaften, fürchte ich.« »Schadet nichts! Der Mann bereitet uns zu viel Pein. Vorhin erst hat Warrington, der Admiral, seine Ankunft hier für heute abend angezeigt, um sich auf dem Lande zu erholen.« »Was fehlt denn Seiner Ehren?« Ladies um Lord Asaphs herum frugen es. Er lachte. »Sir James war doch dabei, als der Captain Lürsen unseren Gentlemen vor der Nase entwich, und wurde krank vor Wut. Ich möchte wissen, wen der Pirat in diesem Augenblick zum besten hält! ... Oh, guten Abend, Mr. Lumley ... Wie geht's? Immer heiter, ihr Amerikaner?« »Gesellschaft von Briten stimmt mich stets froh. Euer Herrlichkeit!« Oh, ja, ihr habt nicht unsere Sorgen mit den verwünschten Germans! Warum nur hat Gott diese gottlose Rasse geschaffen?« »Damit es der Menschheit nicht zu wohl wird, Mylord!« »So ist es! Wunderbar, wie britische Meinungen und die eurer großen Vereinigten Staaten übereinstimmen! ... So predigte der Clergyman eben auch von dem Potsdamer Skorpion und der Gottesgeißel von Essen ...« Er brach ab. Er erblickte ein paar Schritte entfernt Johanna Ter Meer. Sie hatte seine Worte nicht gehört. Er trat auf sie zu. »Oh – wie bleich sind Sie, Mrs. Ter Meer!« »Die Lady klagt, sie sei von heftigen Kopfschmerzen geplagt.« »Ach – ich hoffe, daß es nichts von Bedeutung ist! Warum blicken Sie mich so an, Madam?« »Es ist nichts, Lord Asaphs.« »Auf ein Wort ...« Er dämpfte lächelnd seine Stimme und beugte seine brünette Riesengestalt mit athletenhafter Leichtigkeit vertraulich zu ihr hinunter: »Ich erhielt eben neue Nachricht von meinem Freund Knox aus der Schweiz. Er ist dort eifrig mitten in der Friedensarbeit. Sobald er Sie in Deutschland weiß, wird er dorthin reisen, um Sie zu sehen. Der wackere alte Bibelmann freut sich schon von Herzen auf Sie! Er ist noch ein gut Stück von einem Pilgervater aus der guten alten Zeit. Ein Mann wie ein Kind. Bringen Sie ihm nur volles Vertrauen entgegen, Mrs. Ter Meer.« »Ja.« »Ich tue es auch. Er verdient es. Sie werden den schlichten alten Gentleman liebgewinnen wie ich. Kein Menschenfreund der Welt hat die Methoden des Friedens besser studiert als er.« »Ja.« »Neues aus London, Saint Asaphs?« »Ihr Kurier kam doch eben an.« Der Marqueß St. Asaphs verabschiedete sich von Johanna Ter Meer und trat zu den Briten in die Ecke. Dort sagte er finster, zwischen den Zähnen: »Neues von diesen blutigen Iren! Von den amerikanischen Feniern. Es scheint, daß einige ihrer schärfsten Geheimbündler unentdeckt von New York in London gelandet sind.« »Hängt sie!« »Mr. Lumley, wie ist das mit euren Feniern?« »Ich lernte vor Jahren durch Zufall in New York einige ihrer Führer kennen.« »Was halten Sie von dieser Sorte Iren?« »Es sind verzweifelte Burschen, Gentlemen. Gegen England zu allem fähig. Beinahe schon wie die Deutschen!« Johanna Ter Meer stand allein. Schaute in einem leisen Schwindelanfall durch den Saal. Traf mit dem Blick drüben ihren Mann. Er saß in einem Klubsessel am Fenster, ein Blatt in der Hand. Ihr Herz stand still. Er hielt den Steckbrief des Kapitäns Lürsen vor die Augen! Sein Antlitz zeigte einen starren und ungläubigen Schrecken. Niemand beachtete ihn. Die Ladies und Gentlemen drängten sich lachend um Mr. Lumley, der irgendeine Schnurre aus seinen Erlebnissen mit den Feniern in New York zum besten gab. Sie ging langsam an ihm vorbei, trat zu dem Yonkheer Ter Meer. Er sah sie mit seinen weit aufgerissenen grauen Augen kommen und ließ das Blatt in seiner Rechten sinken. Es lag offen auf seinen Knien. Er warf einen Blick auf den Steckbrief, dann auf seine Frau, dann hinüber auf Mister Lumley. Es war ein Schweigen, daß beide ihr Herz klopfen hörten. »Jantje ... er ist's ... Wer es nicht schon ahnt, mag es nicht gleich erkennen ...« »Still!« »... der gefährlichste Feind, den England im eigenen Lande hat! Großer Gott ... überall suchen sie ihn!« »Still, um Himmels willen!« »Und dort ist er, mitten unter ihnen!« »Noch ein Wort, und sie hören dich!« »Sie müssen es hören ...« »Cornelis!« Von drüben kam ein herzliches Lachen. »Oh – Mr. Lumley! ... Geben Sie uns noch einen irischen Schwank!« »Gern, Madam.« Der Yonkheer Ter Meer stand schwer auf und holte tief Atem. »Jantje ... geh auf dein Zimmer!« »Warum?« »Du sollst nicht dabei sein. Jetzt muß es geschehen.« »Was denn?« »Es ist meine Pflicht gegen meine Gastfreunde. Ich muß vor diesen Mann hintreten und sagen, wer er ist!« »Gut, ich komme mit!« Cornelis Ter Meer hatte schon zwei Schritte getan. Jetzt blieb er entsetzt stehen. »Was willst du dort?« »Ich bin doch auch eine Deutsche. Ich weiß seit vierundzwanzig Stunden, daß er hier ist, und hab' ihn nicht verraten!« »Jantje!« »Das war sicher strafbar von mir. Es sind strenge Gesetze im Krieg ... die Engländer werden es dir hoch anrechnen, daß du mich ihnen überlieferst.« »Ich bin sonder Rat!« »Komm, Cornelis.« »Jantje ... du sollst aus dem Weg gehen! ... Oh, was ist mit dir? Wirst du krank?« Drüben wurde man aufmerksam. »Oh seht, die Lady schwankt!« »Sie wird ohnmächtig ...« »Ihr Mann fängt sie auf ...« Der Yonkheer Ter Meer hielt seine Frau in den Armen. »O ... es ist nichts ... Ladies und Gentlemen«, sagte er heiser. »Beunruhigen Sie sich nicht, es ist nichts.« Er schien selbst geistesabwesend, während er Johanna Ter Meer halb zur Tür trug, halb führte. »Ich bringe Mrs. Ter Meer auf ihr Zimmer. Dort wird sie sich bald erholen.« Oben in seinen vier Wänden lief Cornelis Ter Meer verstört von der einen Wand zur andern, blieb stehen, trocknete sich den Schweiß von der kahlen Stirn, murmelte: »Groote God! ... Groote God! ...« Dann, sich umwendend, zu seiner Frau, die, wieder ganz zu sich gekommen, starr und blaß, ohne sich zu rühren, in dem riesigen Drachenstuhl aus schwarzem Eibenholz saß. »Jantje ... was für ein Ongelük ...« »Hoffentlich wird es ein Unglück.« »Für uns?« »Nein. Für England!« Er griff sich an die Ohren, als wollte er sie sich entsetzt zuhalten, als dürfe es kein Mensch hören, daß man England Unglück wünsche. »Jantje ... ich weiß niet, wie mir ist! Die Kammer dreht sich um mich ... in was für eine Lage hast du mich gebracht?« »Du hast mich hierhergebracht. Ich wollte es nicht.« »Nu ist es geschehen ... nu muß ich dabei staan und sehen, wie er da unten England beschädigt ...« »Ich bete zu Gott, daß er es gründlich tut.« »Aber wenn es herauskommt, wer er ist ...« »Möchten sie es zu ihrem Schaden merken!« »... und wenn es herauskommt, daß du gewußt hast, wer er ist ...« »Wenn ich ihm nur nützen könnte!« »Wir müssen gleich abreisen ... noch heute abend ... God Dank ... wir haben unser Auto hier!« Er riß die nächsten Schubladen auf. Fing mit zitternden Händen wahllos an zu packen. »Cornelis ...« »Genug! Ich bin erst wieder rüstig, wenn ich mit dir und Jan in Nederland bin!« »Cornelis ... bist du das wirklich?« »Du verhinderst mich, den Engelschen unten wahrzuschauen, daß ihr Todfeind mitten unter ihnen sitzt ...« »Ich lasse meinen Landsmann nicht im Stich.« »Du hast die Verantwortung, wenn sie sich an uns rächen! ... Weißt du niet, was das heißt, die Engelschen zum Feind haben? Wem das geschieht, der ist ein verspielter Mann!« Johanna Ter Meer sah, wie Rasierzeug, Pantoffeln, Frack, Zigarren, Füllfeder, Plätthemden wie Kraut und Rüben in den Koffer flogen, und sah die Veränderung in ihrem Mann. Das war bei ihm nicht mehr wie vorhin die Angst um England. Das war jetzt die Angst vor England. Die Angst aller Völker und Menschen vor England. Ihr war, als packte da nicht der Yonkheer Ter Meer seine Sachen, sondern die Menschheit selber, als sei die Sorge und Aufregung auf seinem sonst so ruhigen Gesicht nicht sein Teil, sondern ein Gemeingut aller Seelen und Gedanken, ein Ding, das alles bedingte: England. »Ja. Jetzt kenne ich England«, sagte sie. »Das wird furchtbar sein, wenn alle Menschen einmal aufwachen, so wie ich jetzt ...« »Deutet das auf mich, Jantje?« »... und England so sehen, wie es wirklich ist ...« »Ich kann niet begreifen!« »... dann ist es mit England zu Ende! ... Das möchte ich noch erleben!« »Jantje ... laat mich deinen Pols fühlen ...« »Das Strafgericht möchte ich erleben ...« »Ich soll den Doktor holen ...?« »Nein, ich bin nicht krank! ... Ihr seid von England krank!« Der Yonkheer stand stumm neben dem Koffer auf dem grellen weißbunten indischen Teppich. Sie schwiegen. Er und seine Frau. Sie sagten sich beide nichts mehr, weil sie beide plötzlich, zum ersten Male ganz deutlich, in ihrer Ehe merkten, daß sie mit zwei unverständlichen Sprachen sich am Ohr vorbeireden würden. Sie schauten, zwei fremde Menschen, erschrocken und still und schwer atmend voneinander weg. Unten tönte eine Hupe. Ein Auto schoß hinaus in die Dunkelheit in der Richtung nach der Eisenbahnstation. Ein unterdrückter Schreckensruf des Yonkheer Ter Meer folgte ihm. »Es ist alles aus, Jantje. Der Admiral Warrington kommt. Lord Asaphs sagte vorhin unten, daß er ihn erwartet.« »Warum fürchtest du dich vor ihm?« »Seine Herrlichkeit fügte hinzu, Admiral Warrington sei dabei gewesen, als dieser erschreckliche Mann vorgestern in Portsmouth entfloh ... er wird ihn hier sofort wiedererkennen!« »Um Gottes willen!« »Und er weiß, daß du auch eine Deutsche bist. Der Verdacht fällt auch auf dich. Auf uns beide!« »Wer denkt jetzt an uns! ... Herr im Himmel ... das Auto ist schon unterwegs, um ihn abzuholen!« »Die Station ist nur ein paar Meilen entfernt. In zehn Minuuts ist er da ...« »Großer Gott ... schon in zehn Minuten ...« »Ich wäre jetzt lieber in Holland im Siechenhaus als hier im Schloß in England!« Beide verfolgten rasch und verstört im Geist den Weg der grünen Limousine. Wie sie dort vor der Station hielt. Wie der Londoner Schnellzug heranbrauste. Wie der kupferbraune, vierschrötige Admiral mit dem bartlosen Bulldoggesicht ihm entstieg, in dem Innern des Autos Platz nahm. Jetzt fuhr das wohl schon wieder wie der Wind nach Schloß Ogmore zurück. Der Yonkheer Ter Meer schrak aus seinem Brüten auf. »Ich soll lieber naar beneden loopen, Jantje, und unser Auto vorfahren lassen. Vielleicht können wir noch vorher von hier weg. Es ist am besten!« Der Yonkheer Ter Meer rief es, schon unter der Tür, seiner Frau zu und stürzte die Treppen hinab. Kaum war er aus dem Zimmer, so verließ auch sie es, eilte durch die weitläufigen Gänge und Hallen, in deren einer, wie in jedem englischen Schloß, einmal die Königin Elisabeth übernachtet, in einer andern Heinrich VIII. sich mit einer seiner vielen Frauen getroffen, in einer dritten irgendein Mitglied der Familie Glun die Nacht vor seiner Hinrichtung verbracht hatte, und erreichte den großen Saal im linken Flügel. »Der Gentleman aus Illinois?« sagte der Reverend Craven, der da wartend und reisefertig stand. »Er war eben noch hier, Mrs. Ter Meer. Es wurde davon gesprochen, daß der Admiral Warrington gleich kommen würde. Ich will mit dem Auto, das ihn bringt, sofort zur Bahn fahren und nach London. Als ich mich von Mr. Lumley verabschieden wollte, war er weg.« »Er bekam plötzlich heftige Zahnschmerzen, Mrs. Ter Meer!« »Amerikaner leiden immer an den Zähnen!« »Das kommt vom Eiswasser!« »Haben Sie sich schon ganz erholt, Mrs. Ter Meer?« »Oh – sprechen wir nicht davon.« Johanna Ter Meer hatte nicht mehr die Kraft, wegzugehen. Es legte sich ihr ein Nebel vor die Augen. Um sie drehte sich der Kreis der plaudernden Gäste. »Kommen Sie denn noch zurecht zum Londoner Zug, Craven?« »Der Mann draußen weiß, daß er sehr scharf fahren muß.« »Am Sabbat spart der Herzog mit der Mühewaltung seiner Leute. Ein Wagen muß genügen.« »Eben fährt er vor!« »Ich höre Warringtons heisere Stimme ...« »Warum schnappt sie denn plötzlich ab?« »Hallo, Warrington!« »Sir James!« »Er steht in der Halle, mit offenen Augen ...« Die Herren traten lachend hinaus. »Ist Ihnen ein Geist erschienen, Warrington?« Das Kupferbraun in dem brutalen Gesicht des Admirals war um eine Schattierung gelber geworden. Eine Mischung von respektablem Unwillen und ungläubigem Widerwillen lag auf den Zügen. »Ich hoffe ernstlich, Gentlemen, daß es ein Geist war und nichts Schlimmeres«, sagte er feierlich. »Seit meinen Etoner Knabenjahren verkehre ich hier in Ogmore Castle und habe den Geist dieses Schlosses, von dem man mir immer sprach, niemals zu Gesicht bekommen.« »Wie sieht er denn aus?« »Man sagt, daß er oft seine Gestalt wechselt ...« »Ja. Das finde ich auch!« sprach der Admiral Warrington. »Und für mich hat er, so scheint es, seine zynischste Erscheinungsform gewählt, denn das Ding, das da soeben im Halbdunkel rasch durch die Halle an mir vorbei zum Ausgangstor ging ... nein ... ich möchte es lieber nicht beim Namen nennen ...« »Erschrecken Sie die Ladies nicht!« »Sprechen Sie doch!« »Gentlemen, wenn ich nicht genau wüßte, daß ich hier unter wahrhaften Briten bin, im Schloß des elften Herzogs von Chichester ...« »Oh ... was dann?« »Dann würde ich vor dem Friedensrichter beschwören, daß in diesem Augenblick der Kommandant der ›Heidelberg‹ leibhaftig an mir vorbeigegangen ist!« »Oh ... oh!« »Sie lachen, Gentlemen. Mir ist wahrlich nicht zum Lachen zumute!« »Sahen Sie die Erscheinung deutlich?« »So deutlich, wie ich Sie jetzt sehe. Er schritt sehr rasch, den Mantel umgehängt, den Hut auf dem Kopf, nach dem Tor und da hinaus!« »Armer Sir James!« »Ein Deutscher hier in Ogmore Castle! ... Welch absurder Gedanke!« »Der Schofför müßte den Geist draußen doch gesehen haben!« »Wir wollen ihn fragen.« »Er ist schon mit Craven weggefahren.« »Nein. Da kommt ja Craven erst!« Der athletische junge Reverend begab sich, den Diener mit einer Handtasche hinter sich, eilig und auf die Uhr sehend, durch die Halle zur Vorfahrt hinaus und blieb da verblüfft stehen. »Wo ist denn der Wagen?« »Schon fort, Sir«, meldete ein Footman, der da stand. »Fort? Ohne mich?« »Es war dem Schofför doch gesagt, daß ein Gentleman einsteigen würde, den er so schnell wie möglich nach der Station fahren sollte. Der Gentleman kam und stieg in den Wagen, und der Wagen fuhr in einer guten Renngeschwindigkeit davon.« »Wie sah er aus?« »Ein jüngerer Gentleman, Sir. Im Abendanzug, mit Hut und Mantel!« »Wohl, Sir.« Ein zweiter der baumlangen Lakaien trat heran. »Ich erkannte ihn. Es war der Gentleman aus Amerika.« »Mr. Lumley!« Der Admiral Sir James Warrington trat erschöpft hinzu. Er hatte den Steckbrief mit dem holzgedruckten Kopf des Kapitäns Lürsen aus der Tiefe eines Klubsessels gerissen und schwenkte ihn: »Ist es dieser Mann hier oder nicht?« »Lassen Sie schauen.« Die Köpfe drängten sich über das Blatt, verglichen die trocknen Linien um die Mundwinkel, das humoristische Zwinkern um die Augen, fuhren zurück, ungläubig, zweifelnd ... »Er ist's!« »Saint Asaphs führte ihn ein!« »Oh, Saint Asaphs, nehmen Sie den Druck von den britischen Herzen. Sagen Sie, daß Sie Mr. Lumley so gut kennen wie Ihren Bruder.« Der Marqueß Harald von St. Asaphs trat, die Hände in den Taschen, gleichgültig zu seinen Gästen. Er sah im abendlichen Frackanzug beinahe noch riesenhafter aus als beim Sport des Tages. Er lächelte freundlich. Er ahnte noch nichts. »Mr. Lumley?« meinte er. »Ich traf ihn gestern beim Rennen ...« »Aber Sie kannten ihn von früher?« »Einer seiner Landsleute machte mich einst mit ihm bekannt.« »Aber Sie sahen Mr. Lumley seitdem schon häufig, Mylord?« »Lassen Sie mich nachdenken ... nein ... dies hier ist das zweitemal in meinem Leben ...« »Und wo das erste ...?« »In Cadix. In der Nacht, als die verdammte ›Heidelberg‹ dort uns vor der Nase ankerte, da saß er neben mir.« »Der Kommandant der ›Heidelberg‹ selbst saß neben Ihnen und zwischen uns allen hier in Ogmore Castle!« »Was sagen Sie da? ... Einen Eisbeutel für Warrington!« »Oh – nein, nein! Sir James hat recht!« »Warum stürzte dieser Mr. Lumley plötzlich aus dem Schloß?« »Ließ alles stehen und liegen?« »Fuhr in die Nacht hinaus?« »Weil er wußte, daß ich kam, der ihn kennt!« keuchte der Admiral. Jetzt wurde der Markgraf von St. Asaphs plötzlich sehr ernst. »Telefoniere nach der Station, Charley«, sagte er zu seinem Freund Craven und prüfte die Uhr. »Es sind noch anderthalb Minuten bis zum Abgang des Londoner Zuges.« »Und was soll man dort tun?« »Ihn nicht abreisen lassen! ... Unter irgendeinem Vorwand ... Sagt ihm, Briten ließen ihre Gäste nicht am Sonntagabend ohne Abschied aus dem Haus ... Wenn wir ihn erst wieder hier haben, sehen wir uns den Mann näher an!« Es vergingen zwei Minuten. Eine dritte. Der Clergyman kam zurück. »Nun?« »Der Zug nach London ist durch.« »Und er?« »Da war kein Auto, kein Mann. Nichts von Ogmore Castle!« »Der Wagen ist nicht angekommen!« »Er hat unterwegs eine andere Richtung eingeschlagen!« Es war ein großes Schweigen. Das englische Schweigen. Das britische Allheilmittel. Das lächelnde »Alles in Ordnung« hinter verschlossenen Türen. Skelette im Schrank waren nichts für das Volk und nichts für die Neutralen. Als der Yonkheer Ter Meer ein paar Stunden später in den Kreis der Gentlemen um den Marqueß von St. Asaphs herum trat, verblüfften ihn die phlegmatischen und freundlich in das Kaminfeuer starrenden Gesichter. »Wie froh bin ich. Sie zu sehen, Yonkheer Ter Meer. Sie waren nicht beim Dinner?« »Ich pflegte Mrs. Ter Meer, Eure Herrlichkeit.« »Ich hoffe, es geht der Lady schon besser?« »So ist es! Und doch möchte ich mir die Erlaubnis ausbitten, morgen früh mit ihr abzureisen. Ich wollte es eigentlich heute abend schon tun, aber mein Auto war nicht gerichtet.« »Wie traurig bin ich, das zu hören! Sind Ihre Geschäfte wirklich so dringend?« »Mrs. Ter Meer und ich wollen unseren kleinen Jan in Eastbourne abholen, um ihn mit nach Holland zu nehmen. Ich eile mich, heimzukommen. Mrs. Ter Meers Nerven sind sehr angegriffen.« »Oh – wodurch?« »Wollen wir etwas beiseite treten, Marqueß Saint Asaphs? Danke ... Wir sind hier unter uns, Mylord ... Sie sehen mich tief erschüttert ...« »In der Tat, Ihr Gesicht ist das eines hart angepackten Mannes, Yonkheer Ter Meer ...« »Sie wissen, Mylord, Mrs. Ter Meer ist von Herkunft eine Deutsche. Sie kann es nicht ändern.« »Niemand verlangt das!« »Sie sind sehr gütig, Mylord ... Mrs. Ter Meer befindet sich immerhin hier halb in Feindesland ...« »Nichts wäre mir unerwünschter, als daß die Lady dies irgendwie in diesem Hause empfinden sollte.« »Sie ist aufrichtig dankbar für das Zartgefühl, das man ihr entgegenbringt. Um so mehr – lassen Sie mich in meiner Sorge offen sprechen, Mylord ...« »Ich erwarte es, Sir. Unter Briten sein heißt offen sein!« »Ja, wahrlich ... Um so mehr bin ich durch den Gedanken beunruhigt, die deutsche Abkunft meiner Frau könnte diese wider Willen in die Gerüchte verwickeln, die hier im Schloß umlaufen ...« »Gerüchte ...?« Der Markgraf von St. Asaphs hob so gespannt und ahnungslos den brünetten Kopf, als käme er geraden Weges vom Mond. »Oh – lassen Sie hören!« »Ich wage es gar nicht zu wiederholen, Euer Herrlichkeit. Wenn ich nicht aus dem Munde des Monsieur Barandiaran selbst vorhin die Vermutung gehört hätte ...« »Was plauderte der alte Gentleman?« »Es sei ihm ein Gemunkel zu Ohren gekommen, als ob ein Deutscher heimlich im Schloß sei ... oder gewesen sei ...« Der Marqueß von St. Asaphs lachte so herzlich, daß die Zähne unter seinem schwarzen kleinen Schnurrbart weiß aufblitzten. »Vielleicht gleich ein Ulan? ... Oh, Sie kennen doch die Einbildungskraft der Franzosen ... Aus einem Moorhuhn machen sie einen Tiger und aus einem harmlosen Yankee einen German! Nun ja – der arme Lumley fuhr uns in Frack und Hut davon. Er ist nun einmal ein närrischer Bursche. So kenne ich ihn seit seiner frühesten Jugend ...« »Mylord!« »Amerikaner wissen nicht, wie ihr Großvater hieß, und wissen nicht, wie man Erbsen ißt. Es sind keine Leute von sorgfältiger Erziehung. Mrs. Ter Meer kennt sie ja auch.« »Aber ...« »Sagen Sie der Lady von mir, ich bäte sie inständig, sich zu beruhigen. Sie habe keinen besseren Freund in England als mich hier, ihren gehorsamen Diener ...« »Ich werde es ihr ausrichten, Mylord!« »... und ich sei aufrichtig glücklich, Mylady, wo es irgend not tun sollte, beschützen zu dürfen. Ich erachtete es für meine Pflicht, das zu tun, nachdem die Unterhaltungen, die ich mit ihr zu führen die Ehre hatte, eine so erfreuliche Übereinstimmung unserer Ansichten ergaben ...« »Sie sind sehr gnädig, Lord Saint Asaphs!« »... eine Übereinstimmung, die, wie ich hinzuzusetzen wage, die wilden Männer beider Länder bitter beschämen würde! Bitte, sagen Sie Mrs. Ter Meer, daß ich bereit bin, alles aufzubieten, um ihr den Aufenthalt in England sorglos zu machen ...« »Es wird ihr ein Stein vom Herzen fallen, Mylord!« »... und daß ich jederzeit bereit bin, mich für Mrs. Ter Meer um besondere Reiseerleichterungen nach dem Festland zu bemühen.« »Sie würden Ihre Güte nicht so weit steigern, mein Lord Markgraf, wenn Sie wüßten, daß Mrs. Ter Meer – ich sage es offen – die Absicht hat, von Holland zum Besuch ihrer Eltern nach Deutschland zu gehen ...« »Oh – ich wünsche Mylady aufrichtig Glück zu dieser Reise! Meine besten Hoffnungen begleiten sie! Vergessen Sie ja nicht, teurer Herr, ihr das zu sagen! Und fügen Sie hinzu, sie brauche sich über Mr. Lumley nicht zu beunruhigen. Ich kenne ihn wie meine Tasche. Ein ganz harmloser, spaßhafter alter Junge! Würden Sie das tun – ja?« »Sie überhäufen uns mit Güte, Lord Asaphs!« »Und ich verstände vollkommen die Gefühle, die Mrs. Ter Meer nach Deutschland treiben, und würde froh sein, sie dort zu wissen.« »Ich bitte, Ihnen die Hand reichen zu dürfen, Mylord ...« »... Und ich bitte, meinen freundschaftlichen Händedruck an Mrs. Ter Meer weiterzugeben!« Als der Yonkheer Ter Meer wieder bei seiner Frau eintrat, war die Unruhe aus seinen welterfahrenen und wohlwollenden Zügen gewichen. Nur waren sie nicht so lebensheiter wie sonst, sondern zeigten einen feierlichen Ernst. »Nun weiß ich, was England ist!« sagte er. Johanna Ter Meer lag halb ausgestreckt, den Kopf auf die Hand gestützt, auf einer Ottomane. Unter ihrem blonden Haar und weißen Kleid flimmerte die schwarzgelbe Decke eines bengalischen Tigers. Am Boden vor ihr leuchtete ein weißes Eisbärfell. Nordpol und Äquator trafen sich hier auf Schloß Ogmore. Mensch und Tier und Pflanze waren für England da. Ihm dienten Wasser und Erde. »Kannst du dir vorstellen, Jantje, daß Lord St. Asaphs, nur um dich und deine Gefühle als Deutsche zu schonen, mir lächelnd ins Gesicht hinein ableugnet, es sei ein Deutscher im Schloß gewesen?« »Das sieht ihm ähnlich!« »Nicht wahr? Es ist die feinste Höflichkeit des Herzens gegen einen Ausländer, gegen einen Gast. Ich zweifle, ob eine andere Nation das fertigbringt.« »Ich glaube es auch nicht, Cornelis!« »Er läßt dich grüßen und stellt uns seinen ganzen Einfluß zur Verfügung – ein Mann wie er! Er überwindet in diesem Augenblick jede Verbitterung. Jede begreifliche Regung des Unmuts. Er tut, als sei nichts geschehen. Großherziger kann man nicht die Kluft zwischen zwei Völkern überbrücken. So ist Großbritannien!« »Ja. So ist es!« »Er läßt dir sogar gute Reise nach Deutschland wünschen ... Warum lachst du?« »Du bist ja auch so froh!« »Ja. Daß ich recht hatte, dem Edelmut Englands zu vertrauen.« »Und aus deinem Mund, Cornelis, spricht die ganze Welt!« »Was heißt das?« »Der Teufel hat euch alle am Genick, und ihr merkt es nicht!« »Mit dem Teufel meinst du England?« »Ja.« »Da können wir nicht weiter miteinander reden, Jantje!« Beide waren still ... »Treibt nur diesen blutigen Ausländern den Verdacht aus dem Fell«, sagte zur gleichen Zeit unten in der Halle der Marqueß von St. Asaphs zu seinem sich rings um ihn in den Klubsesseln räkelnden Gefolge. »Keiner von den verwünschten Neutralen darf wissen, was hier geschah.« »Wohl, Craven: Neish soll sorgen, daß nichts in die Blätter kommt ...« »Das sind keine Neuigkeiten für kleine Nationen!« »... wenigstens nicht, bis wir den Deutschen wieder haben.« »Noch keine Nachricht von ihm, Craven?« »Nichts! Wir können auch nichts tun, bis das Auto, das wir ihm zur Verfügung gestellt haben, wieder zurückkommt. Wir wissen ja gar nicht, wohin es mit ihm in die Nacht hinausgefahren ist ...« Die Scheite im Kaminfeuer des Raumes nebenan knisterten. Der Herzog von Chichester beugte sich etwas aus dem Sessel vor und schob nach seiner Gewohnheit die glimmenden Stücke sorgfältig zurecht, bis ihre Gruppierung ihm als die richtige für ihn und England erschien. Sein stilles bärtiges Gesicht mit den eisblauen Augen war so unbewegt wie die Bilder seiner Vorfahren an den Wänden. Um ihn saßen drei oder vier der Größten des Größeren Britannien, Mitglieder der Londoner Reichskonferenz und jetziger oder früherer Ministerien, und der eine dieser steinernen Gäste sagte, das unterbrochene Gespräch fortsetzend, hier im engsten Kreise, vor dem die Weltkugel nicht viel größer erschien als der Globus drüben auf dem Tisch: »O ja ... doppelte Rückversicherung ... nichts wäre stümperhafter, als das nicht einzusehen, daß ein Druck, der von der City um die Erde läuft, wieder in der City enden muß.« »Er tat es immer!« »Die Methode hatte Mängel. Viel Druck geht unterwegs verloren. Oder auf anderem Weg ...« »... weil manche Verbindungsstrecken dazwischen fehlten ...« »Darum haben wir jetzt zum erstenmal den Erdball organisiert«, sagte der Mann mit dem angegriffenen Totenkopf, in dessen rechter Augenhöhle das Einglas funkelte. »Vor hundert Jahren organisierten wir Europa gegen Bony ...« »... und statt Bonaparte haben wir nun Yankee und Jap!« Der diese beiden verhaßten Worte zwischen den Zähnen kaute, sah einem dicken Londoner Porterkrösus ähnlich und war zugleich ein Peer des Hauses der Lords. »Darum eben genügt es nicht mehr, Europa auf den Druck der City zu balancieren, sondern die Welt!« »So ist es!« »Alle Kräfte der Welt sollten sich gegenseitig so ineinander aufheben, daß der Fingerdruck eines Schulkindes in Wales sie regieren mag«, sagte ein Gentleman mit den schmalen, glattrasierten Lippen und den scharfen Zügen eines Schauspielers, und schon seine Art, die Rede wie einen dünnen, unzerreißbaren Seidenfaden des Verstandes zu spinnen, verriet einen der königlichen Emporkömmlinge aus den Courts und Jims der Londoner Rechtsanwaltschaft. »Kein Handikap eines Rennens mag sorgfältiger ausgewogen werden als der Gewichtsausgleich zwischen unseren Verbündeten. Jede Berechnung wäre falsch, bei der sich nicht jeder Vorteil eines unserer Verbündeten von selbst in den Nachteil eines anderen unserer Verbündeten verwandelt.« »Ein Sieg Rußlands mag Japan schwächen.« »Ein Sieg Japans schwächt Amerika.« »Ein Sieg Amerikas schwächt Europas Westmächte.« »Ein Sieg der Westmächte schwächt Rußland.« »Das ist die Rückversicherung dafür, daß keiner unserer Verbündeten trotz aller Opfer zum Siege gelangt«, sagte der Mann mit dem Totenkopf. »Und daß es dabei nicht England ist, das einen von ihnen am Siegen zu hindern scheinen mag, sondern der nächste Verbündete ...« »... so daß sich der Haß der Verbündeten, richtig gerechnet, nicht gegen England, sondern gegeneinander kehren sollte ...« »... und in den erschöpfenden Kämpfen, die sie dann gegeneinander führen werden, mag England die Seekontrolle der Welt vollenden!« Die Welt verwandelte sich in eine Arena. Die Völker der Erde lösten sich in einzelne Gladiatorenpaare auf. Und oben, auf der purpurnen Tribüne, saß der Cäsar und die City, Und es war, als glichen die bleichen und schlaffen Züge des Größenwahnsinnigen da oben dem schattenhaften Antlitz Eduards VII. Der schweigsame Herzog von Chichester strich sich durch seinen wirren, rötlich-grauen Vollbart. »Es ist weiser, größere Völker immer paarweise in den Krieg zu bringen und ausbluten zu lassen«, sagte er. »So bleiben sie immer im Gleichgewicht untereinander ...« »Und die kleineren Nationen?« »Oh – da ist nicht viel Blut! Da genügt die Überwachung durch den Hunger.« »So mag der Krieg noch drei Jahre dauern!« »Er muß es. Früher ist die Erde nicht erschöpft.« »Und nichts wäre lästiger als ein Verbündeter, der beim Friedensschluß noch Lebenszeichen gibt«, sagte der Mann mit dem Totenkopf. Von Deutschland war nicht die Rede. Es war für die fünf Männer um den Kamin nichts als der Hexenspiegel, mit dem sie die Völker des Erdballs blendeten. Den Geheimschlüssel zum Erdball hielten sie in der Tasche. Eduard VII. hatte ihn ihnen vererbt. Der Gentleman mit den grausam dünnen Rednerlippen sprach hier, im letzten Bund der Wissenden, das letzte Ende britischer Dinge aus. »Nichts besser als ein Kreis von Völkern, der rundum steht, jedes Volk den Hintermann im Rücken. Sie glauben Krieg gegen Deutschland zu führen ...« »Oh – laßt sie dabei!« »... und stoßen sich dabei gegenseitig den Dolch in den Rücken ...« »... und verlieren gleichmäßig Blut ...« »... und lassen uns Zeit zu nützlicher Arbeit für England.« »Bis sie einmal erwachen!« »Sie werden zu matt sein, um aufzuwachen ...« »... und wir haben inzwischen unser Werk getan!« »Neues?« In der Gruppe jüngerer Gentlemen nebenan hob der Marqueß von St. Asaphs den gebräunten Kopf. Der Reverend Craven stand vor ihm. »Wie ist's mit dem Captain?« »Der Mann, der ihn fuhr, kam soeben mit dem leeren Auto zurück.« »Wohin fuhr er ihn?« »Nach London.« »Oh – verwünscht!« Der Marqueß von St. Asaphs und seine Freunde traten hinaus zu dem dort harrenden Wagenführer. »Ich kann nichts dafür. Euer Höchste Ehren! ... Unterwegs, auf der Fahrt nach der Station, flog dem Gentleman sein Hut vom Kopf. Es dauerte lange, bis wir ihn in der Dunkelheit wiederfanden. Inzwischen fuhr in der Ferne der Zug an uns vorbei.« »Ein Heller Bursche!« »Da wurde der Gentleman unruhig. Er sagte, es sei ihm unerwünscht, wieder in das Schloß zurückzukehren ...« »Das glaube ich ihm!« »... nichts sei dringender als seine Geschäfte in London, und ich möge ihn rasch im Auto hinfahren. Ich hatte genug Benzin im Tank, und so konnte ich es tun.« »Es war ganz richtig von Ihnen, Thompson«, sagte der Marqueß von St. Asaphs, ohne eine Miene zu verziehen. »In welchem Hotel stieg der Gentleman dort ab?« »In keinem. Euer Höchste Ehren. Er befahl mir, nach Charing-Croß Station zu fahren. Aber ehe ich noch zum Strand kam, gab er mir auf Trafalgar Place ein Zeichen, zu halten. Er hatte da einen Freund vorübergehen sehen ...« »Einen Freund?« »Einen Gentleman mit rotem Haar und rotem Schnurrbart. Es war ein Ire, Euer Herrlichkeit!« »Woher wissen Sie das?« »Er sprach irische Mundart.« »Ein Ire!« »Wahrscheinlich aus den Vereinigten Staaten!« »Ein Fenier!« »Ein Verschwörer gegen England!« »Still!« »Erst war er erstaunt, den Gentleman, den ich fuhr, zu sehen. Dann war der irische Gentleman sehr erfreut. Beide schüttelten sich die Hand, und so gingen sie zusammen fort. Vorher gab mir der amerikanische Gentleman noch ein gutes Trinkgeld.« »Sagte er dabei nichts?« »Doch! Er ließe herzlich grüßen und denke mit wahrem Vergnügen an seinen Aufenthalt in Ogmore Castle zurück ...« »Oh ... man möchte ...« »... und er hoffe, daß er bald Gelegenheit haben werde, weiter von sich hören zu lassen!« 11 »Ich weiß, Cornelis«, sagte Johanna Ter Meer, »was es heißt, dir den Glauben an England zu nehmen – dir, der mich auch ganz mit diesem Glauben erfüllt hat! Aber einmal mußt du erfahren, was England ist ...« Der Yonkheer Ter Meer stand am Fenster der Hotelwohnung und schaute geistesabwesend hinab in das Gewimmel der wie große Käfer dahinschießenden Autos, der Viererzüge, der zweirädrigen Kutschen, der Zylinder- und Blumenhüte der eleganten Welt von Pall Mall, wo sich drüben in dem Klubland das Stadthaus des Herzogs von Chichester, grau und kalt wie er selber, aus dem Silbergrau eines englischen Frühlingstages erhob. Die Läden waren heruntergerollt. Ein Zeichen, daß sich weder der Peer selbst noch sein Erbe, Lord St. Asaphs, oder sonst ein Mitglied der Familie Glun zur Zeit in London befand. »Der Lord Saint Asaphs hat dir den Brief in die Hand gegeben, Jantje?« »Ja.« »Du hast ihn verbrannt?« »Ich sah, wie er verbrannte.« »Und du sahst vorher so sicher, wie ich hier stehe, in ihm die verborgenen violetten Linien?« »Ich sah sie mit eigenen Augen ...!« »Und erkanntest genau, was sie vorstellten?« »Ich sagte dir schon, wer mir den Sinn der Linien erklärte.« »Jantje ... Sieh mich an!« »Ich tue es, Cornelis.« »Und sage mir, ob du seitdem noch etwas von dem deutschen Captain gehört hast?« »Nichts mehr, seit wir vor vierzehn Tagen Ogmore Castle verließen ... Ich hoffe, er ist längst nicht mehr in England.« »Ich kann es nicht hoffen. Wo kämen sonst seitdem die fortwährenden geheimnisvollen Explosionen und Brände auf den britischen Werften her? Ganz England ist in Unruhe ...« Der Yonkheer Ter Meer ging, selbst unruhig, durch das Zimmer. Machte halt. »Jantje ... zeig mir den Brief! Dann will ich es glauben.« »Mir glaubst du nicht?« »Niemand braucht zu glauben, was er nicht selber sah!« »Wenn ich es dir sage? ... In den zehn Jahren unserer Ehe habe ich nie ein unwahres Wort gesagt.« »Oh – ich weiß es! Aber darum weiß ich nicht, wie ich mich in dieser Sache halten soll ... Denke doch, wie elendig wäre solch eine Tat! Immer sitzen die Engelschen in der Kerk! Da können sie doch niet, wenn sie herauskommen, wie die Räubers handeln ...« »Wenn es England nützt?« »Ich bin noch mit Lord St. Asaphs spaziert ... ganz pläsierlich und behaglich ... Jantje ... Jantje ... die Stunde eben hat mir viel aus meinem Leben genommen ...« »Sei froh!« »Oh –! Die Zuversicht auf Groot-Britannie zu verlieren! Es kommt gleich dahinter, daß man sein Augenlicht verliert ... oder sein Geld ... ich bin ein guter Niederländer. Aber Nederland ist klein, und Groot-Britannie ist groot. Es ist die Welt außerhalb Nederlands!« »Hoffentlich nicht mehr lange!« »Es geht mein halbes Leben fort, wenn ich Groot-Britannie niet mehr hinter mir weiß. Dich hat der Schrecken vierzehn Tage hingeworfen. Ich bleibe bis zu meinem Ende daran siech. Als wat loop ich herum, ohne Vertrauen zu England?« »Vertraue lieber mir, Cornelis.« Der Yonkheer Ter Meer trocknete sich erschöpft mit dem Seidentuch die hohe Glatze. Er trat zu seiner Frau und nahm ihr schmales, blasses Gesicht zwischen seine Hände und sah sie liebevoll an: »So ist es, Jantje! Du hast recht. Du hast mich, und ich hab' dich. Du bist niet engelsch und auch niet nederlandsch und gehörst auch niet mehr zu den Deutschers! Du bist meine Frau, die ik lieb hab' und die ik immer sal lieb hebben, und so moet es bleiben ...« Er lächelte mit Überwindung. Er gab sich alle Mühe, seine Erschütterung zu beherrschen. »Wir dürfen niet kleingeistig sein, Jantje. Ich meine, wir vertrekken schleunigst, sobald du dich wohl genug fühlst.« »Ich kann mit dem nächsten Zuge reisen ...« »... und holen unseren kleinen Jan aus Eastbourne. Das ist für dich das beste Geneesmittel ...« »Ich mache mich gleich fertig, Cornelis!« »Wir nehmen den Lunch-Train. Da trinken wir im Zug ein gesellig Kopje Kaffee ... Jantje ... ich kann kaum mehr Luft scheppen! ... ich bin auf einmal so ängstig, aus England wegzukommen ...« »Ich auch!« »Wenn das wahr ist, was du sagst, meinen es die Engelschen böse mit uns. Dann können sie es auch weiter mit uns böse meinen ... dann sind wir hier in Gefahr!« »Siehst du den Menschen da unten vor dem Hotel, mit den Sommersprossen und dem konfiszierten Gesicht? Ich wollte es dir nicht sagen, solange ich mich so elend und reiseunfähig fühlte: er steht schon die ganzen Wochen immer da und starrt zu unseren Fenstern herauf, zuweilen auch ein anderer oder ein dritter ...« »Ja. Ich sehe den misdadigen Menschen ...« »Wir werden von der Geheimpolizei bewacht, Cornelis ...« »Grooter God!« »Sie wissen doch, daß ich eine Deutsche bin und den Kapitän Lürsen traf. Vielleicht denken sie, ich habe mit die Hand im Spiel, wenn wieder eines von den Arsenalen in die Luft fliegt ...« »Dann sind wir in Gefahr!« »Ich glaube es auch.« »Ich loope, Jantje! Ich hole stracks unsere Papier zur Überfahrt nach Nederland!« Unten in der Halle des Hotels, durch die der Yonkheer Ter Meer hindurchschritt, klang das Gewirr englischer Stimmen halblaut wie immer, aber erregter als sonst. Er hörte, wie ein anglo-indischer Gentleman mit dem kennzeichnenden gelben Ledergesicht der Tropen zu einem anderen baumlangen britischen Überseer in Khaki sagte: »Hat man es je erlebt, daß man dem Gottseibeiuns erst Salz auf den Schweif streut und ihn dann wieder laufen läßt? ... Nicht viel weiser haben wir es mit dem deutschen Captain angefangen ...« »Nicht so laut! Männer von der Straße brauchen das nicht zu hören.« »Das Volk hört genug!« »Läßt sich die große Explosion im Kriegshafen von Chatham verheimlichen? Auf zehn Meilen im Umkreis zersprangen die Fenster. In Greenwich rief noch eine taube alte Lady: ›Herein!‹« »Das waren die Iren.« »Sicher die Iren. Aber wer hat diesen unerfahrenen Patricks genau gezeigt, wo gerade die Schuppen mit den hochentzündlichen Stoffen lagerten? Das konnte nur ein Fachmann tun.« »Der Deutsche!« »Und der Brand in Sheerneß in der nächsten Nacht? Leute vom anderen Ufer, vor Southend, haben versichert, sie hätten nie ein kostspieligeres Feuerwerk gesehen, als wie da Seiner Britischen Majestät Schiffe eins nach dem andern zu den Sternen gingen.« »Die Fenier ...« »Wahrlich, die Fenier! Aber wer lehrt sie die Missetat? Der entflohene Deutsche! Das geheimnisvolle Verschwinden der ›Cassiopeja‹ vorige Woche? Kein besseres Schiff lief je in Portsmouth vom Dock. Verschollen mit Mann und Maus!« »Die andauernden Schandtaten gegen unsere Kriegsflotte in Portsmouth lassen sich nur dadurch erklären, daß dort ein Feind durch unsere geheimsten Werften ging und nun seine irischen Helfershelfer als Dockarbeiter hinschickt ...« »Der Captain Lürs...« »Oh – sprechen Sie den verwünschten Namen nicht vor britischen Ohren aus!« »Der geheimnisvolle Deutsche!« riefen draußen die hellen Stimmen der kleinen Zeitungsverkäufer. Der Yonkheer Ter Meer sah, als er auf die Straße trat, an den Spitzen der Blätter den trockenen und zähen Kopf des Kapitäns Erich Lürsen, der seit vierzehn Tagen überall im Vereinigten Königreich in Zeitungen und Maueranschlägen auftauchte. Da draußen lag London im Sonnenschein. London wie immer. London noch ohne eine andere Spur des Krieges als das Bunt der Werbeaufrufe und das Braungelb des Khaki auf den Straßen. London in seinem sinnverwirrenden Rasen und Brausen. London – für den Yonkheer Ter Meer, wie er die Welt sah, der Mittelpunkt der Welt. Er begriff die Welt nicht mehr. Fühlte sich auf ihr unsicher. Sie wankte ihm unter den Füßen. Und das Sonderbarste war ihm das Empfinden, als hätte er ein schlechtes Gewissen gegen England, statt umgekehrt England gegen ihn. Dann kam ihm die ganze letzte Stunde wie ein Schattenspiel vor. Man konnte es mit einer einzigen Handbewegung verscheuchen, indem man es einfach nicht glaubte! Das wäre gut britisch gewesen! Das Britentum stak doch in einem, war mit einem verwachsen wie mit jedem dritten Mann auf der Welt ... In dem nahen Hydepark, den er in einer noch nie erlebten Erregung atemlos mit langen Schritten durchmaß, würden heute nachmittag, wie jeden Tag, den Gott den englischen oberen Zehntausend gab, feierlich und langsam die Luxusautos rollen. Es trabten die Viererzüge, streckten sich die Vollblüter unter den Gentlemen und Ladies, saß in vielen Stuhlreihen hintereinander die festlich geputzte Zuschauerschaft des glänzenden Gesellschaftsschauspiels, das England, unbekümmert um fernen Schlachtendonner auf dem Festland, sich und seinen Gästen von der ganzen Erde gab. Und er sollte nicht mehr dazugehören? Und dort drüben im Osten, in der City, wurde das Geld der Erde gesammelt und an die Würdigen verteilt. Was war die Wunderlampe Aladins gegen die Schlüssel zu den unterirdischen Goldgewölben der Bank von England? Was waren Zaubersprüche und kabbalistische Zeichen alter Sagen gegen die Macht, die aus langen dünnen Wechselakzepten, schmalen Scheckformularen, kurzen Code-Depeschen der City rund um die Erde kreiste? Die Erde war im Krieg. Aber die City arbeitete ruhig weiter. Am Himmel stand der Nordstern, auf Erden der Wechseldiskont der Londoner Börse als Maß der Welt. Und er sollte nicht mehr daran teilhaben? Ohne diese Welt konnte man doch nicht mehr sein – nicht mehr atmen ... Auf dem Rasen des Hydepark standen ein paar Dutzend Menschen um einen Mann, der von einer Tonne herab gegen die »Hunnen« predigte. Der Yonkheer Ter Meer hörte im Vorbeigehen seine wilde und heisere Stimme: »Drahtlose irische Telegrafie kontrolliert britische Schiffsbewegungen« ... und wieder den Namen »Captain Lürsen ...« Er drehte hastig um. Suchte die nahegelegene Regierungsgegend von Whitehall auf. Dort war auf der breiten Straße ein hundertstimmiges Grunzen wie von einer Herde Schweine. Viel Volk stand vor dem Marineministerium. Der lange blonde Schutzmann lachte zu Yonkheer Ter Meers Frage: »Britische Steuerzahler grunzen die Admiralität aus, weil sie seit vierzehn Tagen die Verwüstungen in britischen Kriegshäfen duldet ...« Drüben dehnte sich vor Cornelis Ter Meer breit der Spiegel der Themse. Da hinten ahnte er flußabwärts den Mastenwald des Hafens, die stundenlangen Dächer der Docks mit allen Schätzen der fünf Erdteile, und weiter hinaus das Meer, das weite Meer, und hörte im Geist aus seinem Rauschen und Möwenschlei das altgewohnte »Beherrsche, Britannia, beherrsche die Wellen!« Er hätte es für einen verbrecherischen Wahnsinn gehalten, hätte er eine deutsche Nationalhymne gehört: »Beherrsche, Germania, beherrsche die Länder!« Aber » Rule – Britannia « war ihm ein selbstverständlicher Naturlaut. Er hatte eigentlich niemals darüber nachgedacht ... es war nun einmal so ... das Meer war nicht frei. Es gehörte England ... Mit solchen Gedanken trat er in das Paßamt. Als er nach zwei Stunden wieder herauskam, war sein Gesicht bleich. Er stand verstört im wohlvertrauten Gewimmel der Taxis und Cabs, der Bus und Luxusautos vor ihm auf dem Fahrdamm, dem Gedränge gutgelaunter Angelsachsen um ihn auf dem Bürgersteig. Musik schmetterte. Ein Bataillon kanadischer Hilfstruppen zog zur Parade. Die Menschenwoge drängte ihn zur Seite, daß er an ein paar australische Offiziere in Khaki anstieß. Sie hörten seine Entschuldigung kaum. Sie waren in ein freundschaftliches Gespräch mit einem Burengeneral in schiefem Schlapphut vertieft. Kleine Japaner kamen geschäftig, mit Mappen unter dem Arm, aus dem Ministerium und kreuzten sich mit Indern in europäischer Kleidung, auf dem Kopf den Turban. Yankeefamilien standen bewundernd still, die Damen als Pariserinnen verkleidet, die Herren eine Nachahmung Londoner Gentlemen. Man konnte nicht sagen, ob diese kleinen gelben Geschöpfe, deren City-Zylinderhut beinahe so hoch war wie sie selber, vornehme Annamiten, Maoris oder Madagassen darstellten. Eine riesige Rothaut in Zivil ging vorüber. Neger in Tropenuniform. Ein Somali-Scheich fuhr in einer Droschke, den Dolmetscher auf dem Vordersitz, an dem Kolonialamt vor. Die ganze Welt drängte sich, wetteiferte, England und seinen europäischen Lehnsvölkern zu dienen. Und jeder war willkommen. Man war doch ein Glied in dieser Kette der Menschheit. Ein freies Glied. Ein selbstbewußtes. Man gehörte doch dazu! Aus innerster Überzeugung. Der Yonkheer Ter Meer seufzte schwer. Endlich schlug er wieder den Weg nach Hause ein, trat zu seiner Frau in das Hotelzimmer, ließ sich in einen Sessel fallen und sagte erschöpft: »Zu spät ...« »Was heißt das?« »Sie verweigern die Ausstellung der Pässe ... vorläufig wenigstens ...« »Warum?« »Es seien Truppenverschiffungen nach Frankreich im Gange. Schiffsbewegungen auf dem Kanal. Keine englische Zeitung dürfe in diesen Tagen nach dem Festland, geschweige denn eine Lady von deutscher Herkunft ...« »Das ist nur ein Vorwand ...« »Für Schlimmeres, das noch für uns nachkommen mag!« »Was ist denn da in dem Vorzimmer draußen?« »Es sind Männerstimmen!« »Sie nennen auf englisch unseren Namen ...« »Sie kommen herein ...« »Sie holen uns ...« Cornelis Ter Meer stand würdevoll und ruhig auf. Sein Gesichtsausdruck war fest. Er war ein Mann von Mut. »Herein!« Er war den Besuchern in den Empfangsraum entgegengegangen. Plötzlich erhellten sich seine Züge. Vor ihm stand nur einer der Geschäftsführer des Hotels im schwarzen Gehrock, der dienstbeflissen einen so vornehmen Gast wie den Mr. Granville, M.P. und Lord im Schatzamt, persönlich hinaufgeleitet hatte, ihn anmeldete und sich ehrerbietig zurückzog. Das Ehrenwerte Mitglied des Hauses der Gemeinen streckte Cornelis Ter Meer in sonniger Frische die Hand zum Gruß entgegen. »Welch lächerliches Mißverständnis, mein teurer Yonkheer Ter Meer! Ich eile, es aufzuklären. Eben hörte ich mit aufrichtigem Widerwillen, daß einige untergeordnete Schwachköpfe von Paßbeamten Ihnen Schwierigkeiten mit der Ausreise machten ...« »So ist es, Mr. Granville!« »Da sind keine Schwierigkeiten für einen Neutralen wie Sie. Einen Freund Englands, wie ich zu sagen wage ...« »Ich war es bisher immer, Sir.« »Nichts liegt England ferner, als unabhängigen Ausländern von Auszeichnung irgendwie vorzuschreiben, wie sie kommen und gehen mögen. England ist die Freiheit und kämpft für die Freiheit ...« »So dachte ich bis heute morgen, Mr. Granville.« »... und jedermann auf der Welt sollte das wissen! Wann wollen Sie reisen?« »Sobald wie möglich.« »Sie erhalten in einer halben Stunde Ihre Pässe hier in das Hotel zugestellt. Sie brauchen sich um nichts zu bemühen!« Gewinnende Herzlichkeit lächelte aus den bartlosen und zeitlosen Zügen des Junior-Lords des Treasury, der ebensogut dreißig wie fünfzig Jahre alt sein konnte, und spiegelte sich auf Cornelis Ter Meers Antlitz in einem Schimmer von Erlösung wider. Da war auf einmal wieder England. Das alte England. Das hilfsbereite. Das allgegenwärtige, das mit einem Händedruck und zwei Worten jedem Mann auf der Welt auf den Weg half und seinen Platz wies. Geschäfte rufen mich, mein lieber Yonkheer Ter Meer. Alles sieht gut. Glänzend für England. Aber noch will harte Arbeit für die Freiheit der kleinen Völker getan sein. Empfehlen Sie mich Mrs. Ter Meer, wenn es beliebt!« Als der Schatzlord und Gemeine Seiner Britischen Majestät über den Flurteppich zum Lift ging, war sein Gesicht um zwanzig Jahre älter, verbissen und verdrießlich. »Ich habe das Ding in Ordnung gebracht«, sagte er zu dem Baronet Bacharach, den er unterwegs traf. »Harald St. Asaphs will es, daß diese Mrs. Ter Meer so rasch wie möglich das Festland gewinnt und nach Deutschland reist. Er hat seine guten Gründe.« »Ich weiß!« »Da soll uns niemand darin stören. Große Dinge stehen auf dem Spiel ...« »... und stehen nirgends gut ...« »Gallipoli eine Hölle ...« »Ypern ein Aderlaß ohne Ende!« »Wir wußten vorigen Sommer nicht, wieviel wir auf eine Karte setzten. Das Schicksal Englands!« »Ich bin wahrhaft befriedigt, mein lieber Mr. Granville, Ihren Gleichmut zu sehen!« »Wellington zeigte seinen Truppen stets ein ehernes Gesicht, Sir Frederick ... selbst nachmittags um vier Uhr bei Waterloo!« »So ist es! Wir müssen jetzt jeder ein Stück Pokerspieler sein. Wer in diesem Jahre die Erde blufft, gewinnt.« »Wenn man nur die Hand voll hat, jede Karte ist jetzt Trumpf. Der blutigste kleine Neutrale mag für England stechen!« Als Cornelis Ter Meer bald darauf mit seiner Frau und seinem Gepäck das Auto bestieg, um nach Eastbourne zu fahren, leuchtete wieder vor ihm in Riesenlettern vom Kopf einer Leitung, die ein Knirps von Straßenaraber wie eine Schürze vor dem Leib trug: »Der geheimnisvolle Deutsche.« Und zwischen den farbigen Maueranschlägen, in denen Horatio Kitchener of Khartoum wie weiland Wallenstein das größte Söldnerheer aller Zeiten aufbot, stand es schwarz auf weiß und doch ebenso grell in den Blättern der Straßenhändler: »Fenier am Werk«, »Verschwörung im Herzen Britanniens«, »Briten, schützt eure Häfen!« Beim Einsteigen in den Wagen zuckte Johanna Ter Meer zusammen. »Da ist er wieder«, sagte sie halblaut, mit einem Seitenblick auf einen sommersprossigen, zweifelhaften Menschen, der, die Hände in den Taschen, anscheinend müßig an der Wand lehnte, und nach einer Weile, im Jahren den Kopf wendend: »Er hat sich auch ein Taxi genommen. Er folgt uns.« »Du siehst Spuken, Jantje!« Dabei war es dem Yonkheer Ter Meer aber selbst wieder unheimlich zumute. Es lag etwas um sie beide in der Lust. Es schien ihm, als herrsche in dem Zuge, der sie aus London nach Süden führte, eine elektrische Schwüle, als läge eine Drohung in den halblauten Gesprächen, Mißtrauen in den Blicken der Reisenden umher. Der Feind im Land. Der Feind irgendwo und überall. Der Feind vielleicht auch in diesem Zug. Unbekannte schritten während der Fahrt durch ihn, prüften schweigend die Gesichter. Damen, Kinder, Grauköpfe sahen sie nicht erst an. Nur die jungen Männer. »Sucht ihr den Deutschen?« »Vielleicht fährt er als Lady mit!« »Ich möchte wetten, der Kellner im Frühstückswagen ist ein heimlicher Deutscher.« Man lachte. Die Geheimpolizisten erwiderten nichts und gingen weiter. Johanna Ter Meer schien es, als hätten die Männer von Scotland Yard gerade sie im Vorbeigehen besonders scharf angeschaut. Ihr Mann stand beklommen auf und trat, um sich von der Zugluft kühlen zu lassen, in den Gang. Von innerer Unruhe getrieben, wandelte er in dem Wagen auf und ab und stieß dabei auf einen großen, bärtigen Mann. »Oh, Herr Pedersen! Kommen Sie aus Bergen herüber?« Der norwegische Reeder bejahte. Er war ein Guttempler und trank nur heiße Milch und kaltes Wasser. Trotzdem schien es dem anderen, als habe der Skandinavier eben bei einem Frühstück der Flasche zu stark zugesprochen, so leuchteten seine Augen und sprudelte seine Rede. Aber es war nur das Fieber des Goldes, der Rausch unerhörten Gewinnes der Neutralen ... »Ob ich für England segle? Ich machte schon im Frieden nur Trampfahrten auf Liverpooler Rechnung. Jetzt im Krieg lasse ich schwimmen, was schwimmen mag. Kein Kasten zu alt, um nicht kalfatert und getakelt zu werden. Schiffsverluste? England zahlt alles. Gefahr? Die Heuer ist danach. Die Matrosen drängen sich aus Ehrgeiz, die deutschen Minenfelder zu kreuzen. Ein buntes Volk: Finnen, Neger, Chinesen – aber unter ihnen allen, vor Feuer und auf Deck, ein guter englischer Geist!« Der breitschultrige, wuchtige skandinavische Schiffseigner sprach selbst Englisch wie ein Brite. »Was gibt England uns zu verdienen, Yonkheer Ter Meer! Unsere Gesellschaften zahlen in einem Jahr ihr Kapital als Dividende. Und mehr! Ich mag die Summe gar nicht nennen. Ich glaube selbst kaum daran, wie reich ich in den letzten Monaten geworden bin. Millionen von Kronen rechnen jetzt bei uns im Norden wie sonst die Zahnstocher. Alles durch Alt-England! Für England durch dick und dünn! Auch wenn der goldene Regen nun bald aufhört.« »Wie meinen Sie das, Mr. Pedersen?« »Nun: wir haben jetzt das Frühjahr 1915. Bis zum Herbst 1915 ist doch Deutschland vernichtet. Das ist nicht meine Meinung. Das ist die der ganzen Welt.« Die Briten im Abteil nebenan steckten die Köpfe in große Nummern der »Morning Post« und der »Times«. Dicke schwarze Lettern prangten über den Spalten: »Italien im Krieg für die Kultur!« ... »Rumänien im Begriff zu folgen!« ... »Portugal bereit!« »Die Vereinigten Staaten rüsten sich!« »China erwacht!« ... Die ganze Erde, je nachdem London die Völker der Reihe nach beim Namen aufruft wie der Zahnarzt in der Sprechstunde. Der Yonkheer Ter Meer schüttelte den Kopf. Solch Kreuzzug der gesamten Menschheit gegen ein paar Völker. Im Grunde gegen ein einziges Volk: das deutsche. Mußte ein solches Volk nicht Fürchterliches, Unsagbares, nie Dagewesenes verbrochen haben, daß alles, was auf Erden atmete, darüber herfiel? Aber was? Er sann lange und angestrengt nach. Aber es fiel ihm nichts ein, und er fand nichts. Denn er kannte Deutschland besser als andere Ausländer. Er haßte Deutschland nicht. Er war Deutschland sogar dankbar, denn er hatte sich aus Deutschland das Glück seines Lebens geholt, seine Frau. Da drinnen saß sie, in dem Abteil am Fenster. Ihr Gesicht zeichnete sich als ein zarter, blond umrahmter Schattenriß von dem lichtblauen englischen Himmel dahinter ab. Bei dem Gedanken, daß aus diesem heiteren Himmel ein Donnerschlag auf sie niederfallen könne, wurde ihm weh ums Herz vor Liebe zu seiner Frau und vor Gram um England, und wieder ein leiser, lockender Zweifel, daß England doch gar nicht so sein könne ... daß die Flammen des Kaminfeuers von Ogmore Castle einen ganz harmlosen Brief vernichtet haben mochten ... daß alles nur böser Schein war statt böser Tat ... Draußen vor den Fenstern schwebte über Hügeln und Wiesengrün der Schatten Wilhelms des Eroberers. Hier, in diesem reichen englischen Süden, war alles voll von geschichtlichen Stätten und Erinnerungen. Seit mehr als tausend Jahren kein Feind im Land! Und dafür England draußen überall, wo man Segel spannte und Farbige nutzte und mit den Schiffspapieren am Dampfkrahn stand und im Kontor Milreis und Pesetas, Lire und Gulden, Yen und Dollars in den Wertmesser der Welt, den Sterlingkurs, umrechnete und über dem Hauptbuch den Gewinnsaldo abschloß. Seit mehr als tausend Jahren kein Feind im Land ... Und dabei sah man bei klarem Wetter von den weißen Klippen der Kreideküste hinüber nach Kap Grisnez und Boulogne, nach dem armen alten Europa, das sich wieder einmal, furchtbarer denn je, mit seinen flammenden Städten und röchelnden Menschen in den Krämpfen des Krieges wand, und hier auf der Briteninsel war scheinbar nichts als Frühling und Frieden, und der Yonkheer Ter Meer dachte sich: Wer kann wider dieses Land ...? 12 Der Hügel, den das Ehepaar Ter Meer hinaufstieg, nachdem es bei einer Haltestelle nahe Eastbourne die Bahn verlassen, hieß noch aus Puritanerzeit Mount Zion. Eine verfallene Windmühle krönte ihn. Sie hatte längst nichts mehr zu mahlen. Denn in England wuchs kaum mehr Korn. Fronvölker bauten es in der Ferne. Getreideflotten brachten es wie dem alten Rom über See. Im Frieden. Jetzt war Krieg. Wenn man jetzt auf der Spitze des Mount Zion stand und auf das schaumgekrönte Blau des Kanals hinabschaute, dann sah man unten sein Werk. An zwei, drei Stellen starrten draußen aus den wandernden Wellen die Mastenspitzen versenkter Schiffe oder staken, von weißem Möwengeflatter umkreischt, die Rümpfe, unförmlich wie gestrandete Walfische, zwischen den Kreideklippen der Brandung. Ein Schwarm englischer Jungen war damit beschäftigt, von der Höhe des Mount Zion im Wettbewerb Steine nach dem Wrack eines tief unten zerschellten Dreimasters zu schleudern. Es waren urbritische, acht- bis zehnjährige Boys mit weißen Klappkragen und bloßen, semmelblonden Köpfen. Einer von ihnen rannte, als er das Ehepaar Ter Meer erkannte, ihnen stürmisch entgegen und begrüßte auf englisch Vater und Mutter. Er nahm sich kaum die Zeit, sich von ihnen küssen zu lassen. Dann berichtete er voll Feuereifer: » Well ! Seit ihr vor vier Wochen da wart, bin ich der Drittbeste unter den Boys geworden!« »Bei Mr. Pilgram, Jan?« »O nein! Im Steinwerfen nach der ›Diamond Jubilee‹ da unten. Vorhin hab ich sie wieder getroffen.« Er wies nach dem zerbrochenen Schiff im Meer. »Die Seeräuber haben es versenkt!« sagte er, noch atemlos vom Laufen. »Viel Volk hat es gesehen. Die ›Diamond Jubilee‹ fuhr immer im Zickzack und schoß immer aus der dicken Kanone, die jetzt noch da im Heck sieht. Aber der Deutsche war zu feige, zu ehrlichem Spiel über Wasser zu kommen. Er blieb unten wie ein Steinbutt, und plötzlich hatte die arme ›Diamond Jubliee‹ ihr Teil von der Seepest weg.« »Sei froh, daß du auch was vom Krieg gesehen hast.« »Oh – oft, Vater! Neulich nachts hörten wir deutlich das Brummen in der Luft. Da flogen die Kindermörder nach London!« »Jan!« »Oh – ängstige dich nicht, Mutter! Wir springen dann immer gleich im Hemd in den Keller der Priory. Mr. Pilgram sagt, auf kleine Knaben hätten es die Zeps besonders abgesehen. Sie wären so froh, wenn sie ihre Bomben auf Waisenhäuser werfen könnten. Er sagt, je kleiner die Kinder, desto größer die Belohnung.« »Komm jetzt mit hinunter, Jan!« » Well , Mutter!« »Warum hast du Jan für den Winter auch gerade noch zu diesem Reverend hier gegeben?« sagte Johanna Ter Mer atemlos und zitternd, während der Kleine voraussprang, um ihre Ankunft zu melden. »Sonst sind die englischen Verhältnisse wenigstens groß. Aber dies hier ist nicht größer als eine Gummizelle!« »Die Erde ist im Durchschnitt englisch. So soll Jan auch England in seinem Durchschnitt kennenlernen. Dann kennt er es wirklich.« »Und daß dieser Durchschnitt heutzutage nichts anderes heißt als irrsinniger Deutschenhaß ...« »Ich tadle es ja auch, Jantje, und empfinde es so schmerzlich wie du. Ich habe keine feindseligen Gefühle gegen Deutschland; aber vergiß nicht, daß ich Mr. Pilgram nichts davon gesagt habe, daß du eine Deutsche bist, um ihn, bei der gegenwärtigen Stimmung in England, nicht voreingenommen gegen unseren Jan zu machen. Und Jan selber ist noch zu jung, um das zu begreifen.« »Hoffentlich!« Sie hatten unwillkürlich englisch miteinander gesprochen, weil ihr Sohn sie englisch begrüßt hatte. Jetzt sagte Johanna Ter Mer plötzlich auf deutsch, und obwohl sie allein den Weg zum Städtchen im Talgrund hinabstiegen, war es doch, als schauerten die Gräser ringsum bei diesen Lauten auf dieser Insel: »Das einzige Gegengift wäre für ihn jetzt ein Jahr in Deutschland.« »Unmöglich, Jantje!« »Warum?« »Ich wollte es dir nicht sagen, was, nach der allgemeinen Überzeugung aller Menschen, spätestens in diesem Herbst 1915 aus Deutschland geworden sein wird. Dort kommt das Ende der Dinge.« »Das glaube ich nie und nimmer!« »Ich hoffe es auch nicht!« »Und was wird aus Jan? Ein Holländer, der alles, was nicht holländisch ist, vom englischen Standpunkt aus ansieht! Und mir scheint, Cornelis, das ist das Schicksal der meisten Menschen auf der Welt.« »Ich habe die Welt nicht gemacht, Jantje!« Vor ihnen lag das Städtchen Forge-Wood. Es führte seinen an den Wald erinnernden Namen aus der Zeit, da es noch Forsten in England gab. Jetzt waren sie ebensogut verschwunden wie die Kornfelder, An ihrer Stelle rollte der Golfball über den Rasen und weidete der Hammel. Der kleine Marktflecken selbst war noch altertümlich mit seinen niedrigen alten Holzhäusern, seinem Efeugerank um die Reste von Stadtmauern, dem dicken Wachtturm aus Cäsarenzeit. In seiner Mitte stand, neben der Pfarrkirche im Normannenstil, die Priory, das Überbleibsel einer Zisterzienserabtei. In ihr wohnte der Reverend Mr. John Pilgram mit seiner vielköpfigen Familie und einer Anzahl von schutzbefohlenen kleinen Knaben, meist Söhnen von Anglo-Indern, Cap-Briten und Australiern, die schon von zarter Jugend an eine rein englische Erziehung genießen sollten. Er eignete sich besonders dazu. Denn er gehörte zu den nicht seltenen Briten, die niemals in ihrem Leben England und Wales verlassen hatten. Er wußte ja, daß die Welt draußen englisch war, wozu sich erst noch persönlich davon überzeugen? Das europäische Festland lockte ihn noch weniger. Er sah es seit vielen Jahrzehnten vom Mount Zion aus drüben vor sich liegen. Dreimal täglich fuhren die Dampfer. Ihm war das gleichgültig. Er war nun schon an Siebzig, ein kleiner, magerer Mann mit langem weißem Haar und rotbäckigem Kindergesicht, der wohl Latein und Griechisch, aber keine Silbe einer lebenden Sprache außer Englisch verstand und in einer solchen Zumutung beinahe eine Beleidigung sah. Seit einem Vierteljahrhundert schnitzte er in seinen Mußestunden an einem Straußenei, das immer in einem Samtkästchen ihm zur Hand lag, und war ein gründlicher Forscher in allem, was das Palisadenverteidigungssystem des Sachsenkönigs Harold auf den nahen Hügeln von Senlac in der Schlacht bei Hastings betraf. Von Napoleon hatte er gehört. Friedrich den Großen und den Großen Kurfürsten hielt er für ein und dasselbe Mitglied des Hauses Habsburg im Mittelalter. Er begrüßte die Gäste mit jener insularen Frische, die kaum einen Unterschied zwischen dem Blondschopf der Jungen draußen und seinem Silberhaar kannte, und saß ihnen wohlgelaunt im Lehnstuhl gegenüber. An der Wand über ihm hing das in allen Erdteilen verbreitete große Flugblatt mit den Bildern der vierzig beim Untergang der »Lusitania« umgekommenen Kinder, deren Mütter, trotz eindringlichster dreifacher öffentlicher deutscher Warnungen, sich und ihr Liebstes dem mit Dynamitgranaten, Giftgasen und Höllenmaschinen vollgepfropften Kriegsfahrzeug anvertraut hatten. Daneben ein Rütlischwur der sich feierlich an den Händen haltenden Papuas, Baschkiren, Zulus, Serben und Sioux als Vertreter der fünf Weltteile zum Kampf gegen einen Kannibalen, der im Hintergrund, die Pickelhaube schief auf dem Kopf, das Blut belgischer Kinder trank, und die Unterschrift: » Prussian Militarism !« Darunter lag die Britenbibel. » Hostis generis humani !« sprach der Clergyman behaglich und wies nach der Heiligen Schrift. »Wie urteilen Sie, Sir: ist Deutschland das apokalyptische Tier?« »Ich habe darüber noch nicht nachgedacht!« »Mir scheint nichts sicherer als das. Ich beschäftige mich zur Zeit gründlich mit der Offenbarung Johannis. Achten Sie auf die Beschreibung: »Das Tier hatte zehn Hörner und auf seinen Hörnern zehn Kronen.‹ Wo gibt es so viel Kronen außer dort drüben im Lande Baals?« Der Yonkheer Ter Meer warf einen geängstigten Blick nach seiner Frau. Sie saß ruhig da, mit einem Lächeln, dessen Verachtung der Gottesmann ihr gegenüber nicht ahnte. Das friedlich-einfältige, weiß umrahmte Kindergesicht des Reverends John Pilgram leuchtete befriedigt. Als er nach einer Viertelstunde seine Besucher hinausbegleitete, fragte ihn der Yonkheer Ter Meer: »Sollten Sie, als ein Mann der Kirche, soviel Haß gegen die Deutschen vor Ihrem Gott verantworten können?« »Ich kann es, ich kann es!« »Es steht auch geschrieben: Du sollst nicht töten!« »Oh, es ist eine Art Gottesdienst, einen Deutschen zu töten«, sagte der Alte herzlich und heiter. »Ich predige es jeden Sabbat!« Der kommende Tag war ein Sabbat, und der Gasthof, in dem das Ehepaar Ter Meer abgestiegen war, hatte sich schon jetzt mit den Gästen des Wochenendes gefüllt. Es war das richtige vermuffte und vermottete englische Provinzhotel wie aus der Postkutschenzeit, mit seinem Kaffeeraum im ersten Stockwerk, dem pfeifenden Zugwind durch seine stets offenen Türen und Fenster und der innen sengenden Kaminglut, dem Gesellschaftszimmer zu ebener Erde, in dem Ladies und Gentlemen in Schaukelstühlen hockten, faulenzend mit gläsernen Augen zum Fenster hinausschauten, schmökerten, Kartenspiele legten, in den Ecken kicherten, mochten auch drüben jenseits des Kanals die Flammen des Weltbrandes den Himmel röten. Zuweilen fielen, träge wie einzelne Tropfen, ein paar Worte ... Worte über das gegenseitige Befinden. Über einen kranken Foxterrier. Über das Wetter. Und daß es zum Abend Hummern geben würde. Und daß die Seewärme heute vierzig Grad Fahrenheit betragen habe. Und daß in Eastbourne der Lord Soundso eingetroffen sei. Das einzige, was an den Krieg erinnerte, war eine Weltkarte im Flur. England und seine Vasallenländer waren da rot getönt, und es schien, als wolle dies Blutrot allmählich die ganze Erdkugel überziehen. In die Mitte Europas hinein hatte ein Spaßvogel eine tote Fliege mit einer Nähnadel befestigt. Sie deckte gerade den Umfang Deutschlands. Der Yonkheer Ter Meer sah sich das lange an und schüttelte den Kopf. Dies Land von der Größe einer Linse gegen drei bis vier Handflächen von Weltteilen ... man konnte doch rechnen ... es gab doch Zahlen, die nicht zu trügen vermochten ... Maße, aus denen der Sieg des Größeren folgen mußte ... mathematisch folgen mußte ... Machtverhältnisse wie zwischen Mammut und Maus ... Nebenan sprachen zwei Cityleute: »Es ist unumstößlich sicher, daß Deutschland einer schweren Mißernte entgegengeht. Es hat in Kürze kein Brot mehr. Noch vor Christmas 1915 ist Englands Sache getan ...« Der Yonkheer Ter Meer wußte, daß die Sonne von 1915 so versengend über Deutschland brannte, als hätte sich das Wetter mit den Feinden verbündet. Er vernahm weiter: »Und eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als noch eine Ladung Salpeter nach Deutschland. Es dauert vielleicht nur noch Wochen, bis sie ihr letztes Pulver verschossen haben ...« Auch die Salpeterfrage war dem welterfahrenen Niederländer nicht neu. Er hörte wieder: »Konstantinopel fällt in spätestens acht Tagen. Die Vereinigten Staaten arbeiten Tag und Nacht. Wir haben nichts zu tun, als die Granaten, die sie uns liefern, aus den Kanonen, die sie uns schicken, einige Wochen in der Richtung nach Osten zu schießen. Dann ist dieser Maschinenkrieg beendet. Es ist nur eine Sache des Geldes.« Cornelis Ter Meer wußte, daß jenseits des großen Wassers alle Essen sprühten und alle Schlote rauchten, damit unter der Wucht der Granaten die Waage der Weltgeschichte sich nach Westen senke. Er war sehr nachdenklich. Er machte einen langen einsamen Spaziergang durch die lachenden Fluren von Sussex. Überall ruhige Gesichter, gelassenes Gleichmaß des Tages, friedliche Stille, die Selbstverständlichkeit sicheren Seins wie seit tausend Jahren so auch weiterhin in die Zeiten, anders als selbst in Holland, an dessen Grenzen nun schon seit mehr als dreiviertel Jahren ununterbrochen der Kanonendonner grollte. Er dachte sich: Ein Jahr dauert der Krieg. Länger kann er nicht dauern. Wer etwas von Weltfinanzen versteht – ich und tausend andere in allen Ländern haben es ausgerechnet, daß dann das Geld in Deutschland zu Ende geht, dem ringsum von allen Hilfsquellen abgeschnittenen Deutschland! In zwei Monaten ist alles vorbei. Die Erde wird neu eingerichtet. Dann muß jeder wissen, wo er bleibt ... Als er in den Gasthof zurückkehrte, hatte sich die Herde der Sonntagsgäste noch vermehrt. Sie erinnerten ihn an holländische Kühe, wie sie in animalischem Behagen den Lunch wiederzukäuen schienen, gleichgültig vor sich ins Leere schauten, mit halbgeschlossenen Augen behaglich gähnten, sich schläfrig ihr kaltes Blut am Kaminfeuer anwärmten, alle, so wie die Herde unter ihren Hirten, in der besonderen Obhut des lieben Gottes, der dafür sorgte, daß da draußen irgendwo in der Welt für jede dieser massenhaften häßlichen alten Jungfern und jeden dieser ledernen Londoner Geschäftsleute einige Farbige schwitzten und ein paar Weiße bluteten. Auch dem Yonkheer Ter Meer war, bei all seiner Bewunderung britischen Wesens, dieser englische Mittelstand des Geldes und Geistes mit seiner maßlosen Unwissenheit und seinem noch maßloseren Dünkel das Unerfreulichste im Vereinigten Königreich der krankhaften Selbstsucht und noch krankhafteren Lüge. Er beeilte sich jetzt auch, über die langen, in den Weg gestreckten Hosenbeine der Gentlemen und die Schleppen der schon zum Dinner angezogenen, verwaschenen und vom vorigen Winter stammenden angegrauten Gesellschaftskleider der Ladies hinwegzusteigen, und trat oben in das Zimmer zu seiner Frau. Es fiel ihm jetzt wieder das Deutschbeseelte ihres Wesens auf im Vergleich zu den steifleinenen angelsächsischen Pagoden da unten, von denen jede unverbrüchlich dasselbe tat, sagte, dachte wie ihr Nachbar. Die deutsche Wärme in Johanna Ter Meers blauen Augen, die geistige Beweglichkeit auf ihrem zarten, schmalen, lebhaften Antlitz. Ihre Wangen hatten sich leicht gerötet. Sie sah wohler aus als die Tage bisher. Entschlossen und ernst. »Morgen um diese Zeit sind wir schon auf dem Kanal«, sagte sie. »Und nie wieder nach England zurück.« »Man soll auf nichts einen Eid tun, Jantje.« »Den Eid halte ich! Jetzt kenne ich England! Und darum fange ich jetzt erst an, Deutschland richtig zu verstehen!« »Man kann beides.« »Ich habe ein schlechtes Gewissen gegenüber Deutschland. Ich denke, ich werde es jetzt mit frömmeren Augen sehen. Wann, denkst du, kann ich zu meinen Eltern reisen?« »Bald! Aber sprich englisch, Jantje!« »Warum sollen wir nicht holländisch reden?« »Weil es dieser ungebildete englische Mittelstand hier für Deutsch hält. Schon vorhin folgten uns verdächtige Blicke...« »Müssen wir uns denn ewig vor England fürchten? Da draußen ist mehr Grund! Der verdächtige Mensch, der in London Wache hielt, ist mit uns gereist und steht schon wieder hier vor dem Hotel.« »Keine Angst, Jantje! Wir haben unsere Pässe zur Abfahrt.« »Wann holen wir heute Jan von dem Reverend?« »Es ist noch nichts verabredet ...« »Ich dachte, du hättest jetzt eben alles mit ihm besprochen?« »Nein. Das nicht, Jantje...« »Warum nicht?« Cornelis Ter Meer räusperte sich. Sein Ton war unsicherer als sonst. »Es ist wohl noch zu früh...« »Unsere Reisepässe lauten doch für morgen!« »Ich kann Jans Namen streichen lassen...« »Weshalb?« Cornelis Ter Meers Stimme wurde entschlossener: »Jan ist nun einmal hier! Es ist wohl besser, er bleibt noch einige Zeit in England.« Nun ängstigte ihn doch der Blick, mit dem seine Frau langsam aufstand und vor ihn hintrat. Er beeilte sich, weiterzureden. »Er soll sich recht in englisches Wesen einleben. Er wird, nach der Neuordnung der Welt, überall in seinem Leben mit England zu tun haben. Je mehr er England innerlich versteht und mit England auszukommen weiß, desto leichter wird ihm wie allen Menschen sein Leben verlaufen. Warum siehst du mich so an wie einen fremden Mann?« Er ging gedrückt in seinem Zimmer auf und nieder. Von unten, aus dem Drawing-Room, tönte durch die geöffneten Hallenscheiben das phlegmatische » Oh yes! « und » Oh no! « »Jantje... rede doch ein Wort!« Er wartete umsonst. Er trat zum Fenster. Friedlich grünte draußen der britische Boden über Hügel und Tal. Ganz England schien nur der Lustpark eines reichen Großgrundbesitzers, dessen Rittergut der Erdball war. »Jantje ... wenn du schweigst, nehme ich gern an, daß du beistimmst!« »Jetzt wird mir vieles klar, Cornelis ... in meinem ganzen Leben ... an deiner Seite ...« »Was sind das für Worte?« »Als du mich geheiratet hast, hast du mir gesagt, du führst mich in die freie weite Welt hinaus. So schien es mir auch. Wir glaubten alle frei zu sein, Cornelis, und merkten gar nicht, daß wir alle die Sklaven Englands waren ... merken erst jetzt, daß wir es sind ...« »Ich bin ein freier Mann. Nederland ist stolz auf seine Freiheit.« »Die Engländer haben euch nie die harte Faust gezeigt. Das hättet ihr euch in Holland freilich nicht gefallen lassen.« »Oh, wahrlich nicht!« »Nein. Aber die Engländer sind uns allen heimlich in die Seelen gekrochen. Da sitzen sie drin wie der Wurm im Apfel. Darum merkt ja auch keiner, daß er in Englands Sklaverei ist, weil es ihm von innen kommt ...« »Jantje ... das sind Phantasien ...« »Wenn ich mit dir spreche, sitzt bei dir drinnen Seine Herrlichkeit der Lord St. Asaphs. Und wenn du mit dem Reeder Pedersen sprichst, sitzt in dem der Baronet Bacharach. Und wenn wir mit unserem kleinen Jan sprechen, sitzt in ihm schon der alte Reverend Pilgram. In jedem Menschen auf der Erde sitzt ein Engländer. Und daran ist jeder schon so gewöhnt, daß er ihn mit sich selbst verwechselt, und deswegen tut jeder, was England will, und glaubt, es sei sein eigener Wille.« »Darüber reden wir in Holland ... aber jetzt ...« »Erinnerst du dich an die Geschichte von Kipling, wie die Riesenschlange auf der Wiese im Mondenschein vor der Affenherde tanzt, und einer von den Affen nach dem andern klettert verstört den Baum herunter und kriecht ihr in den Rachen. Er will nicht. Und er muß auch nicht. Aber er tut es doch, weil er willenlos ist, wenn die englische Riesenschlange tanzt! So geht es euch allen ...« »Ich fürchte, du hast wieder Fieber, Jantje!« »Bisher war der Engländer, der in jedem von uns steckt, so still, daß man ihn kaum merkte. Aber jetzt wird er wild und macht alle Menschen wild. Denn nun geht es ihm selbst an Kopf und Kragen.« »In acht Wochen feiert England in Saint Pauls' sein Sieges-Tedeum, Jantje!« »Denn jetzt gibt es ein Volk, das den Engländer von sich ausstößt und frei sein will. Und das ist das deutsche Volk. Und das ist der Krieg. Früher, wenn ich nach Deutschland kam, habe ich dort den Haß gegen die Engländer nicht begriffen, und die Leute konnten ihn mir eigentlich auch selber nicht erklären. Wie richtig er war, das begreife ich erst jetzt ...« »Die Tedeumsglocken von Saint Pauls' ...« »Sie werden hoffentlich niemals läuten, Cornelis, denn das wäre ein Grabgeläute auch für dich und für alle ... künftig würden die Menschen dann nicht heimliche Sklaven Englands sein, sondern ganz öffentliche ...« »O weh ... was für ein Geist hat dich angesteckt, Jantje!« »Einer, der gegen England ist ... das wird wohl der deutsche Geist sein! Ich habe England erkannt, so wie man es in Deutschland schon lange erkannt hat. Wenn erst die ganze Welt anfängt, England zu erkennen, dann ist sein Ende da ...« Englands Ende! ... Cornelis Ter Meer starrte seine Frau so sprachlos und entsetzt an, als hätte sie eine Gotteslästerung ausgesprochen. »Wie elend stehen dann die da, die noch an England geglaubt haben ...« »Ich glaube an England, Jantje!« »Du bist ein erwachsener Mann. Du kannst dich nicht mehr ändern. Aber Jan ist noch klein. Ihn kann man noch vor England retten. Ich gehe jetzt und hole Jan!« »Das untersage ich!« »Du hast mir nichts mehr zu gebieten und zu verbieten.« »Ah ... Jantje!« Cornelis Ter Meer war blaß vor Schrecken geworden. Solch ein Wort hatte er noch nie aus dem Munde seiner Frau vernommen. Er hörte wie im Traum, daß sie sagte: »Es gibt Stunden, in denen man über manches miteinander fertig wird. Solch eine Stunde war jetzt eben. Sie ist nie wieder gutzumachen.« Cornelis Ter Meer fing in seiner Angst an, ganz leise deutsch zu sprechen, um sie zu beruhigen. »Jantje ... nimm Verstand an!« Statt der Antwort machte sie sich zum Ausgehen fertig. »Zwinge mich niet, hart zu sein!« »Ich bin es auch!« Sie ging zur Tür. »Ich hole Jan!« In dem Efeugrün und Mauergrau der Priory des Reverend Pilgram spielte der kleine Jan mit den anderen Jungen. Sie hatten aus Bausteinen eine stattliche Kirche aufgebaut – die Kathedrale von Reims, wie es in vier Sprachen der Entente auf dem Deckel des Baukastens stand, und schossen aus einer handgroßen Stahlfederkanone Bleikugeln gegen sie ab, daß die Klötze purzelten. Dabei schnitten sie fürchterliche Grimassen und tanzten zähnefletschend und verdrehten wild die Augen. »Wir spielen Hunnen, Mutter!« »Komm, nimm deine Mütze ...« »Siehst du Dickie da hinten? Das ist der Stärkste von uns. Der ist ›poor Belgium‹ .« »Zieh dein Müntelchen an ... so ...« »Zum Schluß kommt er aus der Ecke und verhaut uns, sonst erlaubt Mr. Pilgram das Spiel nicht. Soll ich Mr. Pilgram nicht sagen, daß ich mit dir weggehe?« »Er weiß es schon. Komm, mein Kind!« Sie gingen zusammen durch das Städtchen. Die alten Holzhäuser warfen schon lange Schatten über die Straße. Die Sonne war im Sinken. Die Menschen wimmelten. Niemand kümmerte sich um sie, die beide äußerlich sich von Engländern nicht unterschieden. »Oh – Mutter, hast du gesehen?« »Was machst du für ein entrüstetes Gesicht, Jan?« »Da hat ein Mann von der Straße dich grüßen wollen!« »Er wird sich geirrt haben ...« »Aber da kommt er herüber ... er schlenkert wie ein Seemann ...« »Wo denn?« »Drüben ... mit dem braungebrannten Gesicht und der schmutzigen Jacke und dem alten Wollschal um den Hals ... Es ist gewiß ein Kohlentrimmer, Mutter ...« »Wen meinst du nur? ... Ach... da...« »Mutter... warum wirst du denn so blaß?« »Nichts... nichts, mein Kind...« »Fürchtest du dich vor dem Mann?« »Nein ... nein ...« »Mutter, wir sollten schneller gehen! Er holt uns sonst ein ... Ist das gut, daß wir jetzt stehenbleiben?« »Ja, Jan. Das ist sehr gut für kleine Jungen: denn da neben uns ist eine Zuckerbäckerei. Da gehst du jetzt hinein und kaufst Schokolade.« »Alles richtig, Mutter!« »Da hast du einen halben Schilling.« »Aber es ist viel Volk drin, Mutter.« »Schadet nichts! Ich warte hier, Jan.« Der Seemann kam mit breitbeinigem Gang und einem breiten Lächeln um die bartlosen Lippen heran. Er spuckte vorher noch einmal aus und fuhr sich mit dem Rücken der braunen Faust darüber. Sein Kopf war bis auf Hals und Nacken und die unter dem halb offenen, schmutzigen Hemd sichtbare Brust hinunter so kupferfarben, daß sein kurzgeschorenes Blondhaar fast weiß aussah. In den blauen Augen war ein verstohlenes, humoristisches Zwinkern, vor dem Johanna Ter Meer der Herzschlag stockte. Sonst hätte selbst sie, die Erich Lürsens Kunst, die Menschen täuschend nachzuahmen, kannte, in dieser Verkleidung von Kohlenruß, Schweiß und Ölflecken, ausgefransten Hosen und zerrissenen Stiefeln, Bartstoppeln um das Kinn, ihn nie und nimmermehr vermutet. Erich Lürsen war herangekommen und lüftete treuherzig lächelnd die Mütze. Seine Haltung hatte den ungezwungenen Freimut, mit dem in England auch ein Mann der unteren Stände zu Höhergestellten spricht. »Gut, daß ich Sie treffe, Madam«, sagte er ziemlich laut auf englisch, und dann gedämpfter: »Nehmen Sie sich doch zusammen! Es war für mich ein gefährliches Werk, Sie hier aufzusuchen.« »Woher wußten Sie denn ...?« »Sie sagten mir doch vor vierzehn Tagen, Sie wollten zu Ihrem Sohn. Da riskierte ich es jetzt.« »Warum?« »Um Sie zu warnen! Ich lebe ja hier in England still und zurückgezogen ... es steht nur manchmal was von mir im Blättchen – nich?« »Um Gottes willen – reden Sie nicht auch noch deutsch!« »Ach – es hört ja niemand, was wir hier snaken.« »Nur schnell ... schnell!« »Ist das Ihr Jung da drin im Laden? Netter kleiner Engländer ... wie? Nicht mehr? ... Wär' auch 'n lüttken zu spät; denn die Engelschen sind ja wohl gar nicht gut auf Sie zu sprechen.« »Reden Sie doch rascher!« »Ich bin nun mal so ein langsamer Mensch. Ich halte es immer mit dem kalten Blut. Wozu soll man sich aufregen – nich?« »Also was ist ...?« »Die Engelschen wissen, daß wir beide zusammen unter ihnen waren, und glauben, wir ständen immer noch miteinander in Verbindung. Sie werden heimlich überwacht!« »Ich weiß...« »Und es besteht die Absicht, Sie zu verhaften. Meine Freunde, die Iren, haben es gehört...« »Um Gottes willen ...« »... und es wäre wohl schon geschehen. Aber eine Gruppe von Engelschen ist dagegen. Sie wissen Sie lieber drüben in Deutschland ... und wir wissen, warum ...« »Ja. St. Asaphs' Freunde besorgten uns die Pässe ...« »...und widersetzen sich den andern. Wegen des Völkerrechts! ... Aber ich würde an Ihrer Stelle doch man fixing den Kanal zwischen mich und die Cousins legen!« »Ich bin im Begriff, es zu tun, morgen mittag – aber Sie?« »Tja ... ich möchte mich den Leuten hier ja auch nicht allzu lange aufdrängen«, sagte Erich Lürsen tiefsinnig. »Ich hab' ja für sie getan, was ich konnte! Soviel Feuerwerk hintereinander haben sie zwischen London und Portsmouth noch nie gesehen. Und ganz umsonst. Ich rechne ihnen keinen Farthing dafür. Ich mache es rein nur aus Liebe zur Sache ...« »Gleich kommt Jan heraus!« »Aber nachgerade bin ich jetzt doch höllisch in der Klemme. Ich werd' ja wohl schauen, daß ich heute nacht so sachte von England freikomme.« »Gott sei Dank!« »Wenn's dunkel wird, gehe ich als Schiffsheizer an Bord des ›Olaf Kyrre‹ mit Kohlen nach Amsterdam. Mit den klarsten Papieren, die je ein Mann hatte, als Trimmer Krupo Jadelat aus Estland. Können Sie Estnisch? Ich nicht! ... Tja ... die anderen auf dem guten alten norwegischen Trampfahrer werden es ja wohl auch nicht so geläufig sprechen.« »Wo liegt der ›Olaf Kyrre‹?« »In Southampton. Ich hab' mich nu mal an die Downs da unten gewöhnt. Ich bin da angekommen. Da fahr' ich auch wieder ab ... Da kommt Ihr verkleideter lütter Engländer! Schauen Sie, daß Sie morgen um diese Zeit mit ihm auf der anderen Seite vom Kanal bei den Mynheers sind. Ich lebe sonst wie eine Ratte in der Nacht. Ich habe mich nicht umsonst 233 hier mitten in das helle Wochenende gewagt, um Sie zu warnen.« »Mutter – was wollte der Matrose von dir?« »Er hat mir auf der Überfahrt einen Dienst erwiesen, Jan. Ich hatte auf dem Schiff etwas liegenlassen, und er frug, ob ich es richtig wiedererhalten hätte.« »Sieh, da steht Vater.« Der Yonkheer Ter Meer war aus dem Zimmer heruntergeeilt und mit bloßem Kopf auf die Freitreppe vor das Haus getreten. Er sagte atemlos: »Jantje ... ich sah dich vom Fenster aus kommen ... Jan – willst du ein verständiger Knabe sein? Dann geh hier mit dem alten Kellner hinauf in den Kaffeeraum. Er soll dir Nachmittagstee und Buttertoasts geben ... so ... Jantje ... großer Gott... mit wem hast du da eben auf offener Straße gesprochen?« »Hast du ihn erkannt?« »Willst du uns denn mit Gewalt ins Unglück stürzen?« »Im Gegenteil! Er hat mich gewarnt! Wenn wir nicht morgen mittag reisen, sind wir im Unglück!« Kaum hatte der Yonkheer Ter Meer das Weitere vernommen, drehte er sich um und stürzte in das Zimmer hinauf, um zu packen. Jetzt hatte er nur noch den einen Drang, Weib und Kind und sich in Sicherheit zu bringen. Sie erkannte, daß er, trotz seiner Ehrfurcht vor England, doch unbesehen England einen solchen Völkerrechtsbruch zutraute. In der Art, wie er auf die Uhr sah, verstört die Zuganschlüsse, die Abfahrtzeit des Dampfers, die Geschäftsstunden der Paßbehörden im Hafen vor sich hinmurmelte, schien sich ihr die Furcht der Erde vor England zu verkörpern. Plötzlich atmete sie auf. »Was ist, Jantje?« »Da schwingt sich der rothaarige Geheimpolizist, der uns wie ein Schatten folgt, endlich auf sein Zweirad und läßt uns in Ruhe und fährt davon ...« Der Seemann von vorhin schien nicht zu merken, daß jetzt er auf Schritt und Tritt von dem Agenten von Scotland-Yard überwacht wurde, der ihn im Gespräch mit Johanna Ter Meer beobachtet und seinen Posten vor dem Hotel einem Genossen übergeben hatte. Das Bild eines britischen Matrosen an Land, bummelte der Kohlentrimmer des »Olaf Kyrre« gemächlich, die Hände in den Hosentaschen, zuweilen den Priemsaft ausspuckend, zur Eisenbahnstation, blieb an einem Schaufenster mit Tonbridgewaren stehen und musterte gähnend scheinbar das Holzmosaik im Laden und in Wirklichkeit die Straße hinter sich im Spiegelbild. Er trat dann vor der Abfahrt in eine Public Bar, steckte das braune Gesicht beinahe bis zum blonden Haarschopf in den Zinnkrug mit Porter und ließ dabei zerstreut die blauen Augen über die anderen Männer in der Wirtsstube gleiten. Er enterte in den Zug, schloß sofort in einer Ecke laut schnarchend die Augen und blinzelte durch die Lider, und als er in Brighton umstieg, schien es ihm klar, daß er nicht jener Peter Schlemihl war, der seinen Schatten verloren, sondern der einen zweiten Schatten in Gestalt eines ihm folgenden rothaarigen Unbekannten gewonnen hatte. Ganz sicher war er sich noch nicht. Es war jetzt allerhand Volks in England unterwegs. Zu mannigfachen Zwecken. Kitcheners Werber. Schlepper für neutrale Matrosen zu gefährlichen Fahrten durch deutsches Sperrgebiet. Zweifelhafte Belgier. Spieler und Abenteurer auf der ganzen Welt, wo jetzt aus der ganzen Welt die Männer zum europäischen Krieg hier zusammenströmten. Schmuggler zum Schwärzen von Waren ohne Ausfuhrschein, Händler, bei denen ein Mann, dem das nützlich dünkte, gefälschte Papiere kaufen konnte, und wenn es sein eigener Totenschein war. Er hatte alle solche Gestalten im Laufe der letzten Wochen gesehen. Vielleicht war auch der Mann hinter ihm ein ganz harmloser Diamantenschieber oder Seelenverkäufer. Als er auf Terminus Station in Southampton ausstieg, war sein Schatten hinter ihm verschwunden. Es war schon dunkle Nacht. Schwere Windstöße stöhnten vom Solent herauf. Die Stadt lag beinahe finster in der Laternendämmerung der Zeppelingefahr ... lange weiße Lichtstrahlen der Scheinwerfer zuckten unstet am schwarzen Himmel und schnitten helle Streifen in die Nacht da draußen. Dann sah man in der Ferne die riesige graue See und ganz hinten einen Schattenstrich von Land, die Insel Wight mit ein paar Lichtpünktchen von Cowes. Am Hafenkai rasselten im unbestimmten Zwielicht die Krane. Die Umrisse eines mächtigen Handelsdampfers wölbten sich in der Nacht. Der ›Olaf Kyrre‹ nahm in Eile seine letzte Ladung. Er sollte noch vor Morgengrauen hinaus in See. Das Wasser war nicht rein. Verschiedene bewaffnete Fischdampfer wollten seit gestern draußen vor der Küste deutlich das kurze Aufzucken von Sehrohren aus den Wellen gesichtet haben. »Halloah, Captain... ein Gentleman von Scotland-Yard!« Ein Geflüster mit einem lautlos an Bord geschlüpften rothaarigen und sommersprossigen Menschen, der den Schirm einer Sportmütze tief in die Stirn gedrückt trug und eine glimmende dicke ägyptische Zigarette aus dem Mundwinkel nahm. »Der verdächtige Seemann kommt hierher?« »Gerade auf das Schiff zu, Captain!« »Und ihr habt ihn allein gelassen?« »Ein anderer Bursche folgt ihm vom Bahnhof aus.« »Warum, zum Teufel, müßt ihr ihn erst hier an Bord verhaften?« »Wir müssen die Spur bis zu Ende verfolgen. Wir angeln vielleicht einen dicken Fisch!« »Da kommt er!« »Er will wirklich auf den ›Olaf Kyrre‹!« »Aber jetzt bleibt er stehen...« »Natürlich, er muß gegenüber noch eins trinken!« Der Geheimpolizist sog oben auf der Kommandobrücke aufgeregt an seinem Zigarettenstummel und äugte auf den Seemann unten hinab, der breitbeinig die zehn Schritte auf die dunkle Gasse zusteuerte, in die der schwache Lichtschein verhängter Kneipenfenster fiel. Es war nur ein Hauch gewesen, der ihm da durch die Nachtluft vom Schiff her im Wind entgegengeweht war – nur ein kaum merklicher Duft einer ägyptischen Zigarette. Aber es war gut, wenn der Mensch sechs Sinne hatte: den sechsten, die anderen umfassend, als den Sinn für Gefahr. Geruch erweckt Erinnerung. Von dem Schatten hinter ihm im Eisenbahnwagen war am Nachmittag der Rauch derselben Zigarettensorte ausgegangen ... eine hinter der anderen ... das Gedächtnis daran hemmte den Fuß des Seemanns vor den Laufbrettern des »Olaf Kyrre« wie den Fuchs hart vor dem Eisen. »Gebt zwei kräftige Leute, Captain. Wir müssen ihn dort in der Gasse verhaften.« »Wenn das nicht Ihr Gefährte inzwischen schon besorgt hat!« »Oh – er ist ein unerschrockener Bursche ...« »Also kommt!« Die Gasse war dämmerig und leer. »Da liegt der Kohlentrimmer ja am Boden!« »Bewußtlos?« Das Licht einer Taschenlaterne knipste auf. Männer knieten an dem Rinnstein und spähten in ein gelbes Gesicht. »O Hölle – mein Kollege ist es!« sagte der Mann von Scotland-Yard. »Tot?« »Nein. Er wird bald wieder zu sich kommen. Er ist nur k. o. geschlagen: eine Faust unters Kinn, die andere in die Herzgrube ...« »Und der Kohlentrimmer?« »Verschwunden!« Durch das graue Wasserbrausen zwischen Solent und Spithead pflügte das letzte abendliche kleine Dampfboot von Southampton nach Cowes seine Bahn. Zehn Minuten vor der Abfahrt war ein leicht angetrunkener junger Seemann pfeifend an Bord gekommen, hatte sich auf eine der Deckbänke gesetzt und den Umsitzenden erzählt, daß er beurlaubt und hinübergeschickt sei, um das dort liegende Segelboot seines früheren Herrn abzutakeln, der in diesem höllischen Krieg keine Zeit mehr für Wassersport habe. Das glaubte ihm jeder. Denn auf dem Medinafluß lagen Hunderte von großen und kleinen Fahrzeugen des Königlichen Jachtgeschwaders verankert. Und der Seemann selbst dachte sich, während er sich seine kurze Pipe stopfte: es ist gut, daß ich in den letzten Wochen immer einmal mit den kleinen Masten da drüben geliebäugelt habe, als letzte Rettung ... Wenn es glückt, in der Dunkelheit eines der Ruderboote vom Ufer freizubekommen, in denen die Leute zu ihren Jachten in der Mitte des Flusses fahren, und wenn ein paar Ruder in solch einer Jolle sind, und wenn die Flut günstig ist und der Wind ein Einsehen hat, dann mag ein Mann, der sich vor hohen Wellen nicht fürchtet, sein Boot wie eine Maus in der Nacht durch das Dunkel hinaus in den Kanal bringen! Und dann mag bei Tagesanbruch irgendein Dampfer einen einzelnen Mann im Boot mit seinem Hemde winken sehen und den verschlagenen estnischen Matrosen Jadelat an Bord nehmen und womöglich in Rotterdam oder Gotenburg oder Kopenhagen landen ... Als der Morgen graute, schwankte ein kleiner Nachen zwischen Wogen, die nicht höher waren als sonst an einem schönen Junitage, der ruhigen Zeit der See, und doch hoch genug, daß die Nußschale in ihnen wie in einem Tal versank und auf ihnen wie auf einem Hügel emporstieg. Dann erblickte der Mann in der Nußschale weithin das regelmäßige, gewellte, weißkämmige Grau des Kanals und nach Norden in der Ferne einen weißen Schein, die Kreideklippen der englischen Küste, und war zufrieden, daß Wind und Strömung und Ruder ihn von deren Brandung ferngehalten hatten. Er stand breitbeinig auf dem schaukelnden Boden der Jolle und spähte, die Hand vor den Augen. Seltsam, kein Dampferqualm, keine Mastspitze weit und breit wie sonst im Kanal! ... Irgend etwas mußte geschehen sein, was hier, in der Lebensstraße Englands, den Schiffsverkehr fernhielt. Dampfer waren hier vor kurzem, noch in der Nacht, gefahren. Man sah es an den langen Wasserfurchen in der See. Aber ihre Richtung, von Nord nach Süd, zeigte, daß es keine Handelsschiffe gewesen, sondern Wächter der Salzflut, hin und her kreuzende Patrouillenboote, gerade jene Jagdhunde der britischen Marine, denen der Mann im Nachen aus guten Gründen am wenigsten zu begegnen wünschte. Während er noch daran dachte, löste sich aus der silbergrauen Trübung von Nebel, Wasserdunst und gebrochenem Licht über dem tieferen Grau des Meeres ein beinahe durchsichtiger Schatten mit schrägem Schornstein und zwei Masten los, gewann rasch, in freie Luft getaucht, Körper und feste Umrisse, wurde zu einem bewaffneten Fischdampfer aus Portsmouth, der eilig in der Richtung nach dem unsichtbaren Frankreich fuhr. Plötzlich verkürzte sich scheinbar sein gestreckter dunkler Rumpf. Er hatte schräg in der Richtung nach dem einsam treibenden Boot abgedreht, hatte es bemerkt, rauschte eilig und neugierig, als aufdringlicher Retter, heran. Der Mann in der Jolle saß auf der Bank und ließ die Ruder rasten. Nun war es gleich, ob sie von dem Dampfer hinter ihm eine Minute früher oder später einen Kutter zu Wasser ließen und ihn übernahmen. In ein paar Stunden war er wieder in Portsmouth. Es gab da genug Leute, die den Kommandanten der »Heidelberg« besser kannten, als ihm lieb war ... »Schade!« sagte Erich Lürsen vor sich hin. Der Fischdampfer war jetzt schon so nahe, daß man den Schaumwall aufblitzen sah, den er, mit Volldampf fahrend, vor seinem Bug auswarf. Dann dachte er sich: Ich hab' das meine getan, damit wir Deutschland retten! – Nun erkannte er schon deutlich die Gestalten an Deck, wie sie das Glas vor die Augen hielten, auf ihre Weise sich zu wundern schienen, daß der Schiffbrüchige so wenig Interesse an seinem Schicksal zeigte, sondern gelassen dasaß und sich wieder dachte: ... daß wir Deutschland retten! Er hob jäh das Haupt. Was war das? Der Dampfer stoppte plötzlich, daß man beinahe das jähe Zittern des Schiffskörpers zu sehen glaubte. Warum rissen die Matrosen oben hastig in das Steuerrad? Warum drehte sich das Schiff, so rasch es konnte, in angstvollem weitem Bogen, schwenkte in schwarzen Rauchwirbeln ab, schoß davon, als säße ihm der Tod hinter dem Ruder? Und rings doch nichts in Sicht als die weite, graue, sonderbar leere Wasserfläche, und ganz hinten an der Küste wie Spinnweb die Masten eines versenkten Dampfers ... Und Erich Lürsen wußte: Sie müssen doch etwas gesehen haben – das gesehen, was mich rettet und uns alle! Er wandte den Kopf ... spähte mit scharfen Augen in das Wasser. Da war nichts. Aber dann begann es sich in einem aussteigenden Schwall zu heben, ein Turm tauchte aus dem Meer, unter ihm ein hechtschlanker, kaum über den Meeresspiegel ragender, eisgrauer Rumpf. Das U-Boot lag, wasserüberrieselt, mit seinem vierfach abgestuften Steven friedlich, als der Tod aus der Tiefe, vor dem Mann im Kahn. Aus dem Turm sprangen scheinbar Neger. Sie waren so nah, daß er das Weiße der Augen in den von Ölruß geschwärzten Gesichtern rollen und die weißen Zähne leuchten sah. Sie hielten ihn für den Matrosen eines von U-Booten versenkten Handelsdampfers. Er hörte, wie der Kommandant kopfschüttelnd sagte: »Was die drüben jetzt für grünes Volk an Bord haben! Ich glaube, der Kerl kann nicht mal rudern. Holt ihn mal über! ... » What was the nationality of your vessel ?« »Jung ... Jung ... sprich deutsch ...« Der fremde Mann stand gemütlich vor dem Kapitänleutnant des U-Bootes und lugte ihm in das verrußte Gesicht. Dann reichte er ihm die Hand. »Morgen, Vegesack! ... Tja ... das soll wohl so sein. Ich bin es wirklich ... ich fahre hier so'n büschen spazieren ...« Am Himmelsrand waren an verschiedenen Stellen etwas wie bleistiftartige Striche in der See durch das Fernrohr sichtbar. Rauchlose Zerstörer schössen schnell wie Wasserschlangen heran. Erich Lürsen stieg hinter seinem Kameraden durch das kreisrunde Loch senkrecht hinab in die Unterwelt. Drunten im Bauch des kleinen Walfisches war es in der glasgrünen Dämmerung und rauschenden Finsternis des tauchenden Bootes so eng und gemütlich wie in einem von elektrischem Licht erhellten Schlafwagenabteil. Ersaß im Kommandantenraum auf dem Diwan der Schlafnische. Die Luft war lange nicht so dick, wie er gedacht. Ein angezündetes Streichholz brannte. Es gab kein Ohrensausen. Durch das runde Türloch zur Rechten schob sich erst ein Bein, dann eine Schulter, dann der Kommandant selbst. Er kam aus dem Maschinenraum längs der aufgeklappten Bank im Mannschaftszimmerchen. Die Tauchmanöver waren beendet. »Willst du die Englishmen mal sehen, Lürsen?« sagte er. »Aber schnell!« Der Korvettenkapitän Erich Luisen trat unter das für ein paar Sekunden hochgebrachte Sehrohr, drehte mit beiden erhobenen Fäusten an den Handgriffen, schaute hinein. Scheinbar Heller als bei Tageslicht lag da oben die Wasserwelt. Die heranfauchenden Torpedojäger auf ihr. Am Mast der steif im Winde stehende Union Jack mit dem roten Kreuz im blauen Viertelsgrund. Die fliegenden Wolken darüber. Weiße Möwenpunkte. Dort, an der trügerischen Oberfläche, hieß es noch: Britannia, beherrsche die Meere! Aber hier unten hieß es: Deutschland, beherrsche den Meeresgrund ... Fern qualmte noch der entflohene Fischdampfer. Erich Lürsen trat von dem Sehrohr zurück. Er dachte nie an sich. Nur an die Sache. »Zu schade, daß der Lümmel ausgekniffen ist!« sagte er zu dem Kommandanten. »Den hättest du so nett bei der Gelegenheit versenken können!« 13 Der Zug hielt. Der Yonkheer Ter Meer beugte sein besorgtes Haupt aus dem Fenster. Die Unruhe flackerte in seinen kühlen grauen Augen. »Sind wir schon in Harwich?« In dem zähen weißen Morgennebel sah man nichts von dem Bahnhof am Pier, wo im Frieden zwanzig Schritte neben dem harrenden holländischen Dampfer die drei Schienenstränge der Schnellzüge aus London, Edinburg und Liverpool zusammenliefen. Es war nur Wiesenland umher. Ein paar entwurzelte Bäume über einem verwüsteten Tennisplatz mit zerfetzten Netzgittern. Dann Stimmen von Beamten. »Aussteigen, wenn es beliebt! Reisende haben die kurze Strecke bis zum Schiff zu Fuß zu gehen.« »Warum?« »Bombenlöcher im Bahngeleise! Kein Platz an der Seeseite ist weniger vor den Germans sicher als Harwich.« Cornelis Ter Meer half Frau und Kind aus dem Wagen und ergriff sein Handgepäck. Er atmete schwer, aber nicht unter der Last der Reisetasche, während sie in langem Gänsemarsch der Zuginsassen durch die dicke graue Seeluft und längs des Bahnkörpers dahinstapften. »Jantje ... wenn wir nur schon aus England fort wären!« »Fürchtest du dich vor England, Vater?« Der neunjährige Jan trabte an seiner Hand, mit seinem weißen Klappkragen und schwarzen Röckchen wie ein kleiner englischer Gentleman, und schaute aus erstaunten, fragenden Augen zu ihm empor. »England hilft doch allen Menschen? Reverend Pilgram sagt es.« »Seine Ehren hat recht, Jan.« Er stolperte. Da lagen Schwellen wirr durcheinander. Er drehte sich um, half seiner Frau, sie zu übersteigen. Dann hob er Jan hinüber. In der Luft frug der Kleine: »Vater, ist der Löwe ein sehr großmütiges Tier? Reverend Pilgram sagt, deswegen sei auch der Löwe das englische Wappentier ...« Und Cornelis Ter Meer, der Vielgereiste, der Vielerfahrene, der Welt- und Sprachen- und Menschenkundige, der Freiheits- und Selbstbewußte, dachte sich: Muß ich erst aus dem Munde der Unmündigen erfahren, daß England der gute Hirte der Völker ist? Und Angst vor England ein Unrecht vor England? Aber die Angst in ihm blieb. Er ging so rasch wie möglich. »Mutter ... sieh das große Loch in der Erde! Wer hat es gemacht?« »Die Deutschen, Jan.« »Oh – verdammte Germans! ... Au, Mutter, warum legst du mir die Hand auf den Mund?« »Du sollst nicht fluchen, Jan!« »Aber Mr. Pilgram sagt, die Barbaren dürfe ein kleiner Christ doch verwünschen.« »Du sollst nicht ›Barbaren‹ sagen!« »Willst du uns in Unglück stürzen, Jantje? Wenn das jemand hört ...« Cornelis Ter Meer flüsterte es zwischen den Lippen. Seine Frau zuckte nur schweigend mit den Achseln. Es war wie eine Kriegserklärung der Seelen zwischen ihnen. Sie gingen weiter. Die meisten Reisenden mußten ihr Gepäck selber schleppen und schimpften. Ein Belgier strauchelte über ein paar Äste. »Eh – sales Prussieens!« Wieder ein klaffender Erdtrichter. Verbogene Schienen, abenteuerlich verschnörkelt über dem Weg. Hinter ihnen: »Verflukte Mofs!« »Mutter – da schimpfen sie auch auf holländisch!« »Still!« »Oh – die deutschen Schweine!« »Mutter, der Gentleman vorn ist auch böse. Alle Gentlemen sind böse!« »Laß sie. Sei du nur still gegen die Deutschen, Jan!« Da lag vorn die See im Frühlicht. Die mächtigen Umrisse der »City of New York«. Davor die Hälfte des Zollschuppens. Die andere ein Haufen verkohlter Bretter und Ziegel. Die Reisenden drängten sich halb im Freien in langen Reihen an drei Stellen hintereinander vor der Durchsuchung des Gepäcks, der Paßprüfung und dem militärischen Verhör. Cornelis Ter Meer, den durch fünfundvierzig Jahre unter vielen Menschen und Dingen auf beiden Hälften der Erdkugel seine Seelenruhe selten verlassen, war bleich, als er vor dem Beamten stand. Es fiel nicht auf. Alle Reisenden waren bleich. Das Meer vor ihnen glitzerte trügerisch unbewegt, ein Bild des Sommerfriedens. Aber was es zwischen Harwich und dem Hoek van Holland unter der stillen Oberfläche barg, wer konnte es wissen? Um den Riesenleib der »City of New York« zog sich der rot-weiß-blau gemalte breite und grelle Neutralitätsgürtel in den holländischen Farben. Die neutrale rot-weiß-blaue Flagge Hollands flatterte schützend am Mast. Der Yonkheer Cornelis Ter Meer atmete, auf Deck gelangt, tief auf, voll Dank gegen Gott. Er ließ sich erschöpft in einen Schiffsstuhl fallen und sagte: »Das verdanken wir Lord Saint Asaphs.« Er saß behaglich zurückgelehnt, eine träumerische Ruhe kam über ihn. Die Luft war jetzt klar geworden. Man sah die Küste, das Städtchen Harwich. Daneben, halb verborgen, den großen, im Krieg neu angelegten und ringsum abgesperrten Kriegshafen, dahinter das englische Land. Jetzt, wo es Cornelis Ter Meer sicher von der See aus beobachtete, erschien es ihm auf einmal so gastlich wie sonst. Plötzlich wieder die Insel der Freiheit und des Friedens. Es war sein alter, ruhiger Gesichtsausdruck, mit dem er für diesmal von England Abschied nahm und in dem beinahe schon ein »Auf Wiedersehen!« lag. Das Schiff setzte sich langsam in Bewegung. Johanna Ter Meer trennte sich von ihrem Mann und ging nach dem Hinterdeck. Der kleine Jan lief mit ihr. Sie schlug ihm den Kragen des Mäntelchens gegen die einsetzende kalte Brise hoch. Viele Fischersegel standen nahe dem Ufer still auf der schlafenden Wasserfläche. Weiter hinaus war die See von Dampfern leer. Nur drei schiefe Masten ragten aus den Wellen. Dort wieder. In der Ferne zwei mächtige, halb versunkene gelb gestrichene Schornsteine. »Sind die Schiffe alle versenkt, Mutter?« »Ja.« »Von den Deutschen?« »Ja.« »Oh – blutige Deutsche!« »Pfui, Jan!« »Warum, Mutter? Alle Knaben bei Reverend Pilgram sagten es täglich.« »Aber du sollst es nicht sagen!« »Mr. Pilgram sagte, nichts komme an Mordlust den Deutschen gleich.« »Nein, Jan! Sondern die Engländer wollen aus Mordlust kleine Knaben wie dich, ihre Mütter und alle alten und kranken Leute in Deutschland verhungern lassen ...« »So sagte Seine Ehren! ... Er sagte, es sei wahrhaft betrübend, daß so viele Menschen in Deutschland sterben müßten, und alle wohlerzogenen Kinder in England sollten für ihre Seelen beten ...« »Und weil die Engländer aus Mordlust keine Schiffe nach Deutschland lassen, versenken die Deutschen aus Notwehr die englischen Schiffe, Jan, und haben recht!« Eine kräftige Hand faßte den kleinen Jan und zog ihn von der Mutter fort. Der Yonkheer Ter Meer war den beiden gefolgt. Er war bleich von unterdrücktem Zorn. »Lasse diese Reden, bis wir daheim sind, Jantje!« »Wir sind hier schon auf niederländischem Boden.« »Da, sieh ...« Ein Gentleman mit Reisekappe und Stummelpfeife, die Hände im Flauschmantel, bummelte gleichgültig vorbei. »Es ist einer der englischen Geheimagenten, Jantje! Eben sprach man in meiner Nähe von ihm. Er und viele andere Detektivs hören jedes Wort. Das Schiff ist voll von ihnen.« Und ebenso alle Schiffe auf allen Meeren. Das unsichtbare Auge John Bulls überall. Solange man Salzwasser unter sich hatte, war man in England und unter englischer Faust. Es kam britischen Behörden nicht darauf an, da, wo es nützlich schien, auf hoher See Neutrale von neutralen Schiffen herunterzuholen. Gerade eben schoß ein englischer Zerstörer gleich einem langen schwarzen qualmenden Pfeil heran, umkreiste lauernd in rasender Fahrt den Dampfer wie ein Schäferhund die Herde und verschwand in der Richtung nach einer anderen Rauchfahne am Himmelsrand. Cornelis Ter Meer und seine Frau gingen stumm, den kleinen Jan zwischen sich, das Schiff entlang, an dem feuerfertig dastehenden Böller für Notschüsse vorbei. Um sie unruhige Sätze in zwei, drei Sprachen. »Ich sah den Schiffsraum unten. Er führt eine gute Ladung Bretter als Auftrieb, wenn wir leck werden.« »Wenigstens ist die See ruhig. Die Boote kommen gut zu Wasser...« »... wenn der Steamer nicht gleich Kopf steht!« »Oh – verwünschte Barbaren!« »Mutter, alle sagen ›Barbaren‹.« »Still, Jan!« »Was sind das für lange, lange Reihen von schwimmenden Kugeln im Wasser?« »Daran hängen unter dem Wasser große Stahlnetze, Jan«, sagte der Yonkheer Ter Meer. »Wenn die Deutschen auf dem Meeresgrund gefahren kommen, bleiben sie darin stecken.« »Und dann ertrinken sie?« »Oh – möchten sie alle zur Hölle gehen!« sprach eine sanfte alte Dame, die, in ihren Plaid gewickelt, abgespannt daneben saß. Johanna Ter Meer beugte sich zu Jan hinunter und sagte laut: »Wir sind auf einem neutralen Schiff. Die Deutschen führen mit England Krieg, nicht mit uns.« »Oh – und die schimpflichen Minen, Madam?« Ein langer hagerer Amerikaner stieg fröstelnd vorbei. »Die Verbrecher waren heute nacht wieder am Werk!« »Wen nennt der Gentleman, der da so weit über Bord spuckt, Verbrecher? Die Deutschen?« »Nein, Jan. Er meint damit seine Landsleute in Amerika, die neutral sind und jeden Sonntag in die Kirche gehen und die ganze Woche lang Mordgeräte über See schicken, um die Deutschen zu töten ...« Cornelis Ter Meer trat brüsk zwischen seine Frau und ein paar Reisende in der Nähe, die erstaunt und halb ungläubig den Kopf nach ihr umgewandt hatten. »Jantje ... du kommst jetzt unter Deck!« »Ich bleibe hier oben!« Er faßte sie unter dem Arm, um sie hinabzuführen, vermochte es nicht, ohne daß ein Ringen zwischen ihnen offensichtlich geworden wäre, und blieb mit gequältem Gesichtsausdruck stehen. Es war, als zittere der Haß der streitenden Völker in dem Schweigen zwischen ihm und ihr. Dann sagte er sich mit einer verzweifelten Schulterbewegung von ihr los und ging mit langen Schritten nach dem Achterdeck. Die englische Küste war verschwunden. Man war auf hoher See. Kein Windhauch kräuselte sie mehr. Aber eben diese Glätte und Stille war unheimlich. Das Schiff dampfte unter der blaßblauen Himmelswölbung wie in einer runden, an den fernen Rändern silbern schimmernden Riesenschüssel von schwerem, geschmolzenem Blei. Auf deren Grund lag lauernd der Tod. Die Reisenden standen in Gruppen an der Reling und starrten meist stumm und mit seltsam leidenden Gesichtern auf die friedliche Meeresoberfläche hinab. »Was sehen die Ladies und Gentlemen, Mutter? Ich kann nichts sehen!« »Wenn man den Streifen im Wasser sieht, ist es auch zu spät«, sagte Cornelis Ter Meer. Er war mit einer kleinen Korkweste zurückgekommen, warf einen finsteren Blick auf seine Frau, beugte sich nieder und gürtete seinem Söhnchen den Schwimmschutz um. Zorn und Sorge stand auf seinen Zügen. »Jan, die Deutschen wissen, daß dies ein neutrales Schiff ist. Sie tun uns nichts. Hab keine Furcht.« »Jan, die Deutschen haben ein großes neutrales Schiff versenkt, das ›Lusitania‹ hieß!« »Jan, in dem großen neutralen Schiff, von dem dein Vater spricht, war alles voll Granaten, von denen die Deutschen sterben sollten! Wir in Holland haben so etwas nicht in unseren Schiffen.« »Jan, deine Mutter sagt dir nicht, daß die Deutschen heimlich Minen in die See versenken. Diese Minen sind nicht so klug, daß sie neutrale Schiffe von englischen unterscheiden können. Sie platzen, sobald sie ein Kiel berührt!« »Jan, dein Vater verschweigt dir, daß die Engländer ebensolche Minen legen. Und alle anderen Völker, die einander feind sind, auch!« Jeder Satz riß die Kluft zwischen ihnen tiefer auf. Sie sahen sich beim Sprechen ruhig, aber fast wie zwei Feinde ins Gesicht. Beinahe alle Reisenden hatten jetzt Schwimmwesten angelegt. So saßen und standen sie umher. Auch der Yonkheer Ter Meer schnallte sich den Korkpanzer an und band seiner Frau einen zweiten um. Dabei sagte er leise und heiser: »Die letzte Rettung vor deinen Landsleuten, Jantje.« »Ich bin der einzige Mensch unter euch, der sich nicht vor ihnen fürchtet.« »Und wenn sie uns doch zu den Fischen schicken, he?« »Was auch geschieht, Deutschland hat recht!« »Um Gottes willen ... Still!« Yonkheer Ter Meer warf einen verstörten Blick umher. Zum Glück war niemand in der Nähe. Eine Gruppe von Reisenden umdrängte einen der Schiffsoffiziere, der aus der Funkkammer kam. Ein Flüstern, als könnte man sonst die U-Boote da unten wecken. »Wo denn?« »Keine zehn Meilen von hier!« »Wann?« »Vor einer Stunde. Eben kam die drahtlose Nachricht.« »Was denn?« »Die ›Chepstow Castle‹ weg. In drei Minuten. Siebentausend Tonnen. Mit Kaffee aus Santos.« »Heute nacht der ›Herakles‹!« »Ein großer norwegischer Dampfer war schon heute früh von Fischerbooten leck gesichtet.« » Ah ... la piraterie !« »Die Seeräuber in der Pickelhaube!« »Die Seepest!« »Mutter, alle hassen Deutschland!« »Ja, alle hassen es, Jan, weil es sich nicht von ihnen über Nacht umbringen lassen will, sondern sich tapfer wehrt!« »Kann man sich denn gegen England wehren, Mutter?« »Wenn wir jetzt auf einem englischen Schiff wären, würden die Deutschen es versenken, und wir müßten alle ertrinken. So stark sind die Deutschen!« »Jan, deine Mutter ist heute nicht wohl. Du mußt nicht alles glauben, was sie sagt. England ist stärker als alles in der Welt ...« »Vater, Reverend Pilgram sagt, das ließe sich aus der Bibel erklären.« »... und wer auf England baut, hat nichts zu fürchten!« Das Schiff machte plötzlich eine so jähe Schwenkung, daß die Planken zitterten und das Kielwasser in weißem Gischt um die Schraube strudelte. Es war ein Rennen auf dem Verdeck nach der Leeseite. Bisher hatten die Reisenden kaum miteinander gesprochen. Jeder mißtraute dem anderen. Jetzt schwirrten aufgeregte Stimmen, deuteten unruhig fuchtelnde Hände: »Dort... dort...« »Das dunkle runde Ding in den Wellen ...« »Da schaukelt es vorbei.« »Das ist doch gar keine Treibmine!« »Es ist ein leeres Faß...« Ein nervöses Lachen. Gezwungen belustigte Gesichter. Man ging wieder auseinander. Kannte sich wieder nicht. Der Yonkheer Ter Meer führte stumm die Seinen zu einem Platz dicht am Schiffsbord. »Warum sitzen wir denn da, Vater?« »Siehst du nicht, daß das große Rettungsboot über uns ausgeschwungen ist und schon über der See liegt? Sowie Gefahr durch die Deutschen droht, steigst du mit deiner Mutter schnell als die ersten hinein. Wir werden zu Wasser gelassen und rudern flink davon.« »Vater, du hast doch gesagt, wenn man auf England vertraut, kann einem nichts geschehen?« »Jan, dein Vater sagt es, aber du siehst, er glaubt es nicht! Alle Leute glaubten es früher. Aber jetzt längst nicht mehr. Das haben die Deutschen bewirkt!« Der Yonkheer Ter Meer warf seiner Frau einen erbitterten Blick zu. Die »City of New York« dampfte stetig mit dem Kurs nach Süd-Ost dahin. Es waren jetzt mehrere andere Schiffe in Sicht. Sie fuhren anscheinend in tiefem Frieden unter wolkenlosem Himmel auf spiegelglatter See. Fremdartig blinkten die fremden breiten Schutzstreifen in ihren Landesfarben längs der Bordwand: das Blau und Gelb eines Schweden, das Rot und Gelb eines Spaniers, das andere waren Norweger in britischem Frachtdienst auf gefährlicher Reise. Mitten im Meer umflatterten die Möwen aufgeregt schrillend einen Flaggenstock, der mit einem darumgewickelten verwaschenen blau-weiß-roten Lappen ein paar Fuß hoch aus den Fluten ragte. Es war schon ein paar Wochen her, seit der Bergener Dampfer mit Bannware hier den Fangschuß erhalten. »Wir sind jetzt mitten in der Gefahrenzone«, sagte ein Yankee Er lief mit langen Beinen auf Deck auf und nieder wie ein Tiger im Käfig, rieb sich nervös-heiter die Hände und lächelte mit bläulichen Lippen. »Wir fahren quer durch ein abgefischtes deutsches Minenfeld!« »Und wenn eine Mine übrigblieb?« Der Amerikaner antwortete nicht. Er summte nur: »Näher, mein Gott, zu dir ...« Und immer wieder von Bug zu Heck das: » The Germans ... the Germans ... « » Les Boches ... « » De Mofs ... « Und die Stimmung, die hier über den Planken der »City of New York« brütete, schien die zu sein, die über allen Wassern der Erde schwebte. Überall das Menetekel der Wracks im Meer, das warnende Knattern der drahtlosen Wellen, die harmlosen Fischerboote, hinter deren Segeln die Geschütze lauerten, die geheimnisvollen frisch gestrichenen Dampfer mit überpinseltem Namen und ohne Landesflagge am Mast oder mit einer falschen, die starren Lotsen oben auf der Brücke, die nach einem Buch, das in keines Menschen Hände kommen durfte, das Fahrzeug in rätselhaftem Zickzack durch verschleierte Gefahren steuerten, die abgespannten Schiffsoffiziere in Reihen neben ihnen, hoch vom Himmel abgehoben, die Hände auf dem Geländer, ohne sich zu rühren, den Blick seitlings in das Wasser oder durch das Fernrohr über die lächelnde See, die Trübung des Horizontes in der Ferne vom Qualm eines kreuzenden Kriegsgeschwaders ... Briten oder Franzosen oder Japaner. Deutschland unsichtbar, von der Welt verschwunden, und doch überall, unter den Wassern, im Kampf mit England um die Welt. Und die Welt wider Deutschland. »Oh, Mutter, ich möchte kein Deutscher sein!« »Warum nicht, Jan?« »Die Ladies und Gentlemen hier sagen, es wäre besser, ein reißender Wolf zu sein, als ein Deutscher.« Johanna Ter Meer sah nach der Gruppe neben ihr: britische Misses, Yankees, Italiener, Portugiesen, Rumänen, mit denen der kleine Jan kindlich auf englisch geschwatzt hatte. Sie streckte, im Schiffsstuhl sitzend, die Hände aus, stellte ihn vor sich hin und sagte laut, auch auf englisch: »Es gibt ein Volk, Jan, das hat ein halbes Jahrhundert im tiefsten Frieden mit aller Welt gelebt. Nun fallen alle anderen zusammen über das friedliche Volk her!« »Was sagt die Lady da?« »Jan... wäre es dir recht, wenn dein Vater und deine Mutter von großen schwarzen Wilden totgeschlagen würden...?« »Oh, Mutter!« »... oder wenn böse Menschen dir nichts mehr zu essen gäben, so daß du verhungern müßtest, mein Kind...?« »Nein, Mutter!« »... oder wenn Räuber kämen und zündeten unser schönes Haus in Holland an...? Alles das, Jan, haben die Engländer und die Franzosen gegen Deutschland vorgehabt, und noch tausend Schändlichkeiten mehr!« »Oh, Madam ...« »C´est un peu fort!« »Man muß den Captain holen!« »Der Captain wird Ihnen sagen, daß ich auf neutralem Boden eines freien Landes mit meinem Sohn spreche ...« »Jantje... Gott bewahre... höre auf... das Schiff hat Ohren!« Johanna Ter Meer wandte flüchtig den blonden Kopf nach den unauffällig herangetretenen englischen Reisenden. »Ich weiß, Cornelis, daß diese Gentlemen Londoner Polizeispitzel sind«, sagte sie. »Jantje ... wir sind noch nicht daheim ...« »Wir sind hier in Holland, Cornelis! In Holland ist man frei. Also rede ich auch frei. Merke dir, Jan, viele Menschen haben mörderisch das eine deutsche Volk umbringen wollen, aber das deutsche Volk ist so stark und so tapfer, daß sie es nicht umbringen können!« »Jantje ... die Stimmung um uns ist gefährlich ...« »Deutschland ist gefährlich! Das sieht jeder auf dieser Fahrt. Jan, du bist ein kleiner Holländer und sollst, wenn du groß bist, deinem Vaterlande treu dienen! Aber vergiß nie und sei stolz darauf, daß du zur Hälfte deutsches Blut hast. Denn ich, deine Mutter, bin eine Deutsche!« »Oh – was gibt es hier?« » Proboches? « »Nein. Die Barbaren selber!« » ... und mit einem zynischen Freimut ...« Johanna Ter Meer war aufgestanden und trat zwei Schritte gegen die Gruppe der Feinde. »Sie belehrten meinen Sohn, daß die Deutschen reißende Wölfe sind«, sagte sie. »Ich belehre ihn, daß ich eine aufrichtige Achtung vor jedem reißenden Wolf habe, wenn ich ihn mit einem Engländer vergleiche, denn er wirft sich wenigstens selbst auf sein Opfer. Der Engländer aber verführt andere Menschen, daß sie sich für ihn töten lassen. Er treibt einen blutigen und grausamen Betrug mit all den armen Menschen auf der Erde, die an ihn glauben!« »Genug!« »Wo ist der Kapitän?« Der Yonkheer Ter Meer trat entschlossen schützend vor seine Frau. »Ich rate, sich nicht zu nah an meine Frau heranzudrängen, Ladies und Gentlemen!« »Oh – Yonkheer Ter Meer! Ich kenne Sie doch als einen besonnenen und aufgeklärten Mann.« »Sind das wirklich Ihre Anschauungen, die wir hier eben hören mußten?« »Nichts kann verschiedener sein als meine Meinung und das, was Mrs. Ter Meer eben aussprach ... in einer Weise, die ich durchaus mißbillige! ... Komm, Jantje!« Sie ging mit ihm. Jan an der Hand. Unter seinem Schutz. Aber in dem Schweigen zwischen ihnen brannte das trennende Wort: Nichts kann verschiedener sein, als was ich denke und was meine Frau denkt ... So sagte er auch plötzlich, mit unterdrückter Heftigkeit und ganz veränderter Stimme: »Du sprichst nicht mehr wie meine Frau. Du sprichst wie eine Deutsche.« »Das bin ich!« »Du warst es! Jetzt ist nicht die Zeit, sich daran zu erinnern. Es ist Krieg, Deutschland im Kampf gegen eine erdrückende Übermacht!« »Eben deswegen! Im Krieg muß man tapfer sein!« »Aber das soll unsere Ehe nicht zerreißen!« »Zwischen uns, Cornelis, steht nicht Deutschland, sondern England. England ist das Unglück. Auch für uns. Für alle Menschen. England ist der Krieg ...« Der Krieg. Der Krieg überall. Nicht nur in den Mastspitzen versunkener Schiffe. Auch in den Seelen der Menschen. Ein Weltgewitter, verwüstend, reinigend, klärend, alles, was an Menschen atmete, in zwei Lager teilend. Auch Mann und Frau. Nach einer Weile versetzte Cornelis Ter Meer dumpf: »Vielleicht ist das, was du eben sagtest, jetzt schon drahtlos nach London gemeldet. Man wird uns noch hier auf hoher See verhaften ...« »Cornelis, du traust England jeden Völkerrechtsbruch zu und rühmst dabei die englische Freiheit für alle?! Habt ihr denn alle das Denken verlernt?« Der Yonkheer Ter Meer ließ wieder wie während der ganzen Fahrt, halb unbewußt den Blick über die weite Wasserfläche schweifen. Plötzlich murmelte er: »Um Gottes willen!« »Was denn?« »Die Bewegung auf der Kommandobrücke!... Es kommen Offiziere herunter. Auf uns zu!« »Nein. Sie rufen etwas über Deck!« »Wie froh auf einmal alle Mienen werden! Der Amerikaner zieht seine Korkweste aus.« »Die Belgierin steckt ihr Gebetbuch ein. Da klettert einer aus dem Rettungsboot auf das Schiff herunter ...« »Er hat die Vorsicht nicht mehr nötig«, sagte Cornelia Ter Meer mit einem tiefen. Aufatmen der Erlösung. »Wir haben die holländischen Hoheitsgewässer erreicht. Wir sind außer Gefahr. Bald sehen wir den Hoek!« 14 Da war, im Flimmergrau der See, die lange schmale Landzunge des Hoek van Holland. Da war auf einmal, nach dem Sturm der Welt draußen, der seltsame Friede des neutralen Kleinstaats, als wäre man eben erst auf einer Insel gelandet, statt von ihr zu kommen – dieser Festlandsinsel der Windmühlen und Kanäle, der grünen Wiesen und gefleckten Kühe, dieser Insel, in deren altmodischen Gasthäusern die Angehörigen der streitenden Völker Tür an Tür wohnten, in deren Buchläden die Zeitungen der Todfeinde in drei, vier Sprachen friedlich nebeneinander hingen. Der Yonkheer Ter Meer kaufte sich sofort ein halbes Dutzend niederländischer Blätter. In ihnen hatte kein Rotstift eines englischen Zensors gewütet. Er vertiefte sich in sie auf der kurzen Eisenbahnfahrt nach dem Haag. Auch seine Frau, mit der er kaum ein Wort sprach, nahm eine der Zeitungen vor und schlug hastig, als suche sie eine bestimmte Nachricht, die Seite um. Zu seinem Erstaunen sah er, daß sie die letzten Spalten mit der Liste der Schiffsbewegungen durchmusterte, die »Binnenlandsche Havers«, die Ankünfte in holländischen Häfen, gespannt, beinahe ängstlich. Dann legte sie die Zeitung hin. »Es ist nichts«, sagte sie. »Wach auf, Jan! Da ist die Hollandsche Spoorweg-Station.« Von diesem Bahnhof fuhr Cornelis Ter Meer schon am nächsten Morgen aus dem Haag nach Rotterdam hinüber. Er kam spät abends zurück, finster und wortkarg, in gedrückter Unruhe. Am folgenden Tag machte er sich wieder auf den Weg. Es war nichts Ungewöhnliches, daß man täglich von 's Gravenhaage nach Rotterdam reiste oder nach Amsterdam oder nach Utrecht. Dies ganze städtewimmelnde westliche Holland zwischen Maas und Zuidersee bildete eigentlich nur eine einzige große, von Gemüsegärten und Viehweiden unterbrochene Stadt. Trotzdem setzte der Yonkheer Ter Meer, während er den Hut ergriff, mit einer bei ihm ungewohnten Heftigkeit hinzu: »Ich soll nu zu dem Engelschen Konsulat gehen und schauen, daß ich mit Groot-Britannie wieder in Ordnung komme. Ich bin dort verdachtgemerkt ... durch deine Schuld! Sie achten in London auf jeden. Groot-Britannie ist überall ...« »Ja, auch in dir. Aber in mir ist England nicht. Du hast nun einmal eine deutsche Frau ...« Er antwortete nicht. Es war in seinem Schweigen beinah etwas wie: Hätte ich sie lieber nicht! »Überall auf der Welt kämpfen jetzt Deutschland und England miteinander, Cornelis. Nun auch hier in der Javastraat in unserm Haus ...« »Da ist niets zu kämpfen. Du bist meine Ehegenossin. Du bist mir nach Nederland gefolgt.« »Ja. Aber nicht nach England!« »Alle Handelssachen aller Menschen staan unter Groot-Britanniens Schutz. Kein Steamer kommt aus Java in den Nieuwen Waterweg und nach Maasluis, wenn es Groot-Britannie nicht will!« »Deutschland und England sind im Krieg, Cornelis. So wenig Deutschland nachgibt, so wenig gebe ich hier England nach!« Der Yonkheer machte zwei Schritte zur Tür und wieder halt. »Cornelis, du bist doch ein guter Mensch. Du hast mich doch lieb! ... Lasse deine Freunde in Rotterdam umsonst warten. Bleibe hier – bei mir! Vielleicht verstehen wir uns noch einmal wieder.« Cornelis Ter Meer stand unschlüssig da, sah mechanisch auf die Uhr, zuckte zusammen. »Nu gaat de Train ab«, sagte er wie im Selbstgespräch. »Nimm es als Zeichen!« »Ich kann den Bommel-Train auf dem Staats-Spoorweg noch erreichen. Dann komm ich noch zurecht naar Rotterdam.« Er eilte davon. Ihr war es, als sei das nicht ihr Mann, der da rascheren Schrittes, als ihm seine bedächtige Art sonst gestattete, um die Ecke bog, sondern die Menschheit selber, die England gehorchte ... Sie war allein in der großen, reichen Wohnung in der Javastraat, in der in allen Räumen und von allen Wänden die bunten, fratzenhaften Träume Indiens, die Schnörkel Chinas, die Masken Japans auf sie eingrinsten. Jetzt erschien ihr die weite Welt, einst ihre selbst gewählte Heimat, fremd und feindlich und unheimlich. Es war ein Heimweh nach Deutschland und manchem, was in Deutschland war. Gegen Mittag schickte sie die Jungfer und ließ sich den Amsterdamer »Telegraaf« holen. Sie nahm ihn hastig dem Kammermeisje aus der Hand, kümmerte sich nicht um die Anpöbelungen Deutschlands auf der ersten Seite, durchflog die letzte Spalte, legte ihn weg. Und ebenso am Abend und am nächsten Tag. Wieder nichts! ... Sie sagte sich, nachdem sie die Schiffsliste umsonst überflogen: Solch ein norwegischer Trampdampfer ist kein Windhund. Er läßt sich Zeit ... Aber da stand es endlich am nächsten Morgen im »Algemeen Handelsblad« in der Liste des Amsterdamer Hafens: Aangekomen »Olaf Kyrre«, S. Southampton. Johanna Ter Meer atmete auf. Lächelte zum erstenmal, seit sie England verlassen. »Haben Sie gute Nachrichten aus Deutschland?« fragte sie am Nachmittag der Altertumsforscher Dr. Fockema aus Leyden, während er ihr beim Tee in dem kleinen Drachenzimmer gegenüber saß. »Sie sehen so heiter aus, Mevrouw Johanna.« Der gelehrte alte Friese legte mehrmals im Monat die paar Meilen von Leyden nach dem Haag als Fußwanderer zurück, um Johanna Ter Meers Nachmittagskreis zu besuchen. Sie nickte ihm zu. »Ja, Professor. Freuen Sie sich mit mir! Ich weiß, Sie meinen es nicht böse mit Deutschland.« Keiner von denen, die da herumsaßen. Der kleine weißbärtige Mynheer van Buren, der berühmte Maler, der jeden Vormittag seit Jahrzehnten drunten in Scheveningen im alten Fischerdorf am offenen Fenster saß und das Meer malte, immer das Meer, das Meer in Sonne und Nebel, das Meer in Sturm und Stille, das Meer in Wolkenzug und Winterweiß, das ewige Meer. Der musikliebende Rechtsanwalt de Meester, der im Frieden keine der Richard-Wagner-Vorstellungen der Theatergemeinde in der Grooten Schouwburg in Rotterdam versäumte, der reiche Kunstsammler und Kunsthändler da Costa, der eigens aus Amsterdam herübergekommen war. Das waren die Holländer, die Wissenschaft und Kunst mit Deutschland verbanden. Sie waren feinsinnig. Sie waren still. Sie hielten sich zurück. Sie und die ihres Geistes in vielen Ländern. Draußen lärmte unterdessen durch den Donner der Kanonen der Jahrmarkt der Erde vom Tam-Tam der Yankees und der Marktschreierei des Angelsachsentums. Draußen war der Krieg. Warf auch in die scheue Zurückgezogenheit der Studios und Büchereien, der Museen und Musikzimmer seinen roten Widerschein. Schließlich sprachen sie auch hier vom Krieg. Der Mynheer da Costa sagte: »Mein Neef Pieter kam dieser Tage glücklich aus England herüber. Es war eine erschreckliche Fahrt. Obwohl alles in Ordnung war, wurde das Schiff dreimal unterwegs angehalten und durchsucht. Ein britischer Zerstörer dampfte bis zur Höhe von Ijmuiden nebenher!« »Warum denn?« fragte Juffrouw Kalff, die Blumenmalerin. »Es war ein dunkles Vorkommnis vor der Abfahrt im Hafen. Nicht auf dem Schiff selbst. Daneben, an Land. Geheimpolizei lauerte auf einen verdächtigen Mann. Man hörte Schreie und Flüche und Signalpfiffe. Dann war auf einmal alles still.« »Wie hieß das Schiff, Mynheer da Costa?« »›Olaf Kyrre‹, ein Norweger.« Da Johanna Ter Meer nicht antwortete, beteiligte sich der Amsterdamer Kunsthändler wieder am Gespräch der andern. In dem lebte der Krieg als Sehnsucht nach dem Frieden, der versunkenen goldenen Zeit der Kleinstaaten, da sie, gehegt und beschirmt von den bis an die Zähne bewaffneten Riesen Europas, all die Kräfte, die jene zum Kampf gegeneinander rüsteten, im bunten Schmuck des Lebens durch Kunst und Wissenschaft entwickeln konnten und sich so schließlich den Großen schon beinahe überlegen dünkten. Da Costa, der weltkundige Spaniole, konnte sich in die Seelen all der feindlichen Nachbarn im Westen, im Osten und überm Meer hineinversetzen und sagte: »Ihre Gedanken sind jetzt eben wohl auch in Ihrer einstigen deutschen Heimat, Mevrouw Ter Meer?« Johanna Ter Meer fuhr aus ihrer Geistesabwesenheit auf und schaute den kleinen dunklen Mynheer verständnislos an. Dann fragte sie: »Ist Ihr Vetter noch in Amsterdam?« Jawohl, der Neef hielt sich noch dort auf. Er organisierte dort mit an der Massenausfuhr europäischer Kunstaltertümer über Skandinavien und Holland nach der Neuen Welt, an dem riesigen, seit Kriegsbeginn geführten, plündernden Beutezug der Neuyorker Bankräuber, die Granaten schickten und Rembrandts holten, giftige Gase gegen Meisterwerke der Renaissance eintauschten, die Menschen Europas um ihr Kulturerbe ärmer machten und ihnen dafür die Mittel gaben, sich gegenseitig zu töten. »Ich habe eine Bitte, Mynheer da Costa. Fragen Sie doch Ihren Neffen, ob er noch mehr über die Ereignisse auf dem ›Olaf Kyrre› weiß.« »Gern, Mevrouw! Ich werde Ihnen den kommenden Vormittag aus Amsterdam Bescheid sagen.« Um zehn Uhr des nächsten Morgens hörte Johanna Ter Meer durch den Fernsprecher seine Stimme. Der Neef ließ melden, viel mehr wisse er auch nicht. Aber er habe die Meinung, daß der Unbekannte, um den es sich handelte, entkommen sei, denn man habe von dem Dampfer aus ein wiederholtes »Damned!« vom Ufer gehört. Wer Briten kenne, wisse, was das bedeutet. Als Johanna Ter Meer von dem Fernsprecher zurücktrat, legte sie die Hand auf das klopfende Herz. Dann dachte sie, es könne vielleicht in den Londoner Blättern etwas von dem Vorfall stehen. Aber die rasch geholte »Daily Mail« enthielt keine Silbe aus Portsmouth. Und würde auch keine bringen. England behielt seine Geheimnisse für sich. Es wurde Johanna Ter Meer klar, daß sie vielleicht Monate lang, vielleicht bis zum Ende des Krieges, nicht erfahren würde, was aus Erich Lürsen geworden. Die Unruhe trieb sie hinaus in das Parkgrün der Boschjes bis in das Reich der niederen kahlen Sanddünen, die die Nähe der Nordsee verrieten. Immer noch stand daneben, vom Zaren, dem Entfeßler des Weltkrieges, erdacht, vom Yankee, dem Ernährer des Weltkrieges, gestiftet, der Friedenspalast im Haag. Sein Gittertor von deutscher Arbeit war geschlossen. Sie ging daran vorbei und kehrte durch die Javastraat nach Hause zurück. Als sie eintrat, hörte sie vom Flur aus das Kammermeisje Betje und dazwischen eine Männerstimme. Beide lachten. Es schien eine mühsame Unterhaltung. Bei ihm in ganz langsamem, sich dem Platten und so dem Holländischen näherndem Deutsch. Betje dagegen war öfters mit ihrer Herrin in Deutschland gewesen. Sie kannte den Tonfall und ein paar Brocken der deutschen Sprache und bemühte sich, den Fremden zu verstehen: »Spreekt u eens wat langsamer, Mynheer«, bat sie. Und der Besucher wiederholte: »Is Mevrouw Ter Meer te Hus?« »Mevrouw is niet thuis!« »Um Gottes willen ... ist Mevrouw noch in England?« »In Engeland? O neen, Mynheer.« »In Deutschland?« »O neen, Mynheer.« »Aber wo denn?« »Da kommt Mevrouw terug!« Der Fremde, von dem Johanna Ter Meer bisher nur den hellblonden, kurz geschorenen Hinterkopf mit dem sonnverbrannten Nacken über dem grauen Sommeranzug gesehen, drehte sich um und nahm, fast ehe sie ihn noch erkennen konnte, freundschaftlich ihre kleine weiße Hand in seine tiefbraune Rechte und schüttelte sie kräftig und unbefangen. »Da sind wir nun wohl wieder beisammen, gnädige Frau«, sagte er, und sie sah das Lachen in Erich Lürsens hellblauen Augen, und wie sich das beim Anblick ihres Staunens auf den trocknen Ernst um seine Mundwinkel herum fortpflanzte. »Das hätten Sie wohl nicht gedacht – nich?« »Aber wo kommen Sie denn her?« »Ja – das ist ein snurrig Ding! Erzähl' ich später. Jetzt bin ich auf dem Weg von Zeebrügge nach Bremen, 'n büschen Urlaub – nich?« »Aber doch nicht über Holland!« »Tja ... das war ja wohl komisch! Wie ich in Antwerpen war – da dachte ich – da liegt ja das gute alte Holland gleich quer über. Da soll ich doch mal nachschauen, wie's da geht. Und da fuhr ich ja denn so sachte über die Grenze nach Rosendaal und hierher ...« Johanna Ter Meer dachte sich: An der deutschen Grenze erwarten ihn Jubel und hundert Händedrücke. Glückwünsche von Vorgesetzten. Hohe Orden... sein Name in aller Mund. Und doch findet er vorher rasch den Weg hierher ... zu mir ... Sie war sehr blaß geworden und sagte: »Bitte, treten Sie ein, Herr Kapitän.« Erich Lürsen schien ihre Beklommenheit nicht zu merken oder wollte es nicht. Er sah sich in seiner nüchternen Art in dem kleinen Drachenzimmer um. »Also so wohnen Sie?« sagte er. »Das hab' ich mir gedacht.« »Wieso?« »In China war ich einmal bei einem richtigen alten Mandarinen zu Gast. Der Großpapa mit dem langen Zopf war genau so eingerichtet ... Was hängt denn da? Ein Bild von München? Wie kommt denn auf einmal ein ganz gewöhnliches deutsches Bild in all das wunderschöne Ausland hinein, Mevrouw Ter Meer?« Während er das sagte, war es ihr wirklich, als sei der vergilbte kleine Kupferstich, den sie einst aus reiner Laune zwischen zwei dickbäuchige chinesische Bonzen gehängt, der Rest von dem, was ihr von Deutschland geblieben. Ein armes Überbleibsel in verwirrender bunter Fremde ... »Ach, lassen Sie den Spott, Herr Lürsen. Setzen Sie sich lieber und erzählen Sie, wie Sie eigentlich aus England herausgekommen sind!« Es war sehr schwer, Erich Lürsen dazu zu bringen, von sich zu reden. Er wurde dann sofort merkwürdig steif und zugeknöpft, aus einer inneren Befangenheit, die er sonst, den Tod vor Augen, nie kannte. Er machte die Sache kurz. Wenn man ihn hörte, war alles selbstverständlich, was geschehen. Nun hatte er, als er glücklich zu Ende war, auch schon wieder sein stilles, vielsagendes Zucken um die ernsthaften, glattrasierten Lippen. »Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was vertellen!« sagte er. »Nicht wahr? Wenn man den rechten Schick hätte, müßte man ja wohl den Cousins eine Ansichtspostkarte schreiben und sich noch einmal nett bedanken. Aber es ist besser, sie glauben, es gefällt mir in dem alten ehrlichen England so gut, daß ich mich gar nicht von ihnen trennen kann, und suchen mich da weiter! Vorhin, auf dem Bahnhof in Rotterdam, hätte mich Seine Herrlichkeit beinahe gesichtet. Aber ich bin ein stiller Mensch. Ich ging lieber schnell den Zug lang nach achtern.« »Wer denn?« »Unser Freund, der edle Lord!« »Der Marqueß von Saint Asaphs?« »Sie müssen den Namen viel ehrerbietiger aussprechen, Mevrouw Ter Meer. Wenn man die Engelschen so ins Herz geschlossen hat wie Sie ...« »Lord Asaphs in Rotterdam!« »Scheint so! Verkleiden kann er sich doch nicht so leicht – ein so bannig langer Kerl wie er.« »Was tut er nur in Rotterdam?« »Sicher nur Christliches! Ein paar Japs hat er als Handgepäck bei sich und ein Jobberchen aus der City und seinen Freund, den Reverend, und einen Buren als Dolmetscher. Die Gesellschaft ist richtig. Da is nix tau seggen!« »Herr Gott, mein Mann ist auch in Rotterdam.« »Dann holen Sie ihn sich gleich zurück. Der Verkehr ist gar nichts für Mynheer.« »Wenn ich das könnte!« »Wenn ich eine Frau hätte«, sagte Erich Lürsen, »und die riefe mich, dann käme ich gleich ...« »Sie ruft auch nicht von der anderen Seite England, Herr Kapitän.« »O doch – bald! Jetzt ist es ja ganz nett daheim. Und morgens sein Bad, und man hat nicht den ganzen Tag das schlechte Gewissen wie de Voß im Hühnerstall ... aber nach einiger Zeit krieg' ich es wieder mit der Sehnsucht nach den Cousins. Ich kenn' mich!« »Das glaube ich auch von Ihnen!« »Dem Engländer muß man die Faust unter die Nase setzen oder sich von ihm unterbuttern lassen. Das ist so der Unterschied zwischen uns beiden, Mevrouw Ter Meer.« »Warum nennen Sie mich denn immer Mevrouw?« »Sie sind es doch! Sie wollten ja keine Deutsche mehr sein.« »Eigentlich ist's ja kein Wunder ...« sagte Johanna Ter Meer nach einer Pause. »Was denn?« »... daß Sie ein wenig verwildert sind, dort drüben, wo Sie vierzehn Tage lang einen Kohlenmann oder so etwas gemacht haben.« »Wieso bin ich denn verwildert?« »Ja, es scheint doch, daß Sie nur aus Antwerpen herübergekommen sind, um sich hierherzusetzen und mir Schroffheiten zu sagen.« »Wenn ich jemand gern hab', sag' ich ihm die Wahrheit. Den andern erzähle ich doch nur Snak ...« »Das kann man aber nicht wissen ...« »Ich bin ein guter Deutscher! Ich ärgere mich immer, wenn etwas für Deutschland verlorengeht. Ich hab' mich gleich furchtbar geärgert, als Sie damals in Brüssel gleich mit England anfingen.« »Das ist vorbei.« »Das hätte nie anfangen sollen.« »Das ist hinterher leicht gesagt! Sehen Sie, man heiratet doch ...« »Ich hab' keine Frau«, sagte der Kapitän Lürsen ernsthaft. »... und ich habe nun mal mit neunzehn Jahren ins Ausland geheiratet. Jetzt weiß ich, wie gut ihr's in Deutschland habt! Damals wußte ich es nicht. Im Gegenteil, ich war stolz darauf, so weit hinauszukommen. Zweimal bin ich mit meinem Mann rund um die Erdkugel herumgekommen. Überall hat man uns freundlich aufgenommen ...« »Das glaube ich!« sagte Erich Lürsen und lachte. »Daß wir, außer in den holländischen Kolonien, immer nur Schutzbefohlene waren und daß fast alle Menschen draußen eigentlich nur Schutzbefohlene Englands sind, das habe ich nie gemerkt. Die Engländer haben einen das im Frieden nie unnötig merken lassen ...« »Sie haben's schon! Ihr habt es bloß nicht gesehen.« »... und so, wie die zehn Jahre für mich vergingen, hatte die Welt nur zwei Teile. Gleich hinter Holland fing England an, und man hatte seinen Anteil daran, überall so gut wie jede englische Lady, und so fühlte man schließlich auch halb wie eine englische Lady. Daß sie mir, der geborenen Deutschen, das nur auf Widerruf einräumten, ahnte ich nicht, und mein Mann hat es mir auch nie gesagt. Jetzt ist es mir hinterher ein Stich ins Herz, daß ich das alles von den Engländern annahm.« »Ihnen ist es nicht allein so gegangen«, sagte der Kapitän Lürsen, und nun war er wirklich ernst. »Ich hab' als Seemann euch alle draußen gesehen. Tausende und viele Tausende. Wo man in einen Hafen kam, da waren die Deutschen bei den Engländern zu Gast. Und Gäste, die zu lange bleiben und fix zu arbeiten anfangen und dem Hausherrn die Butter vom Brot nehmen, die werden lästig, und lästige Ausländer behandelt der Cousin als Feinde. So ist's ja wohl gekommen. So sind wir noch im letzten Augenblick aus der englischen Schlinge heraus und unser gutes Deutschland mit.« »Ja, hoffentlich!« »Wenn wir wieder auf die Welt kommen, dann segeln wir Deutsche nur in unser eigenes, größeres Deutschland über See, dann gehen wir nur dahin, wo wir eine schwarz-weiß-rote Fahne sehen, und stehen uns nicht erst im Vorzimmer vom englischen Konsul die Beine krumm! ... Tja – wozu brauchen wir denn da erst noch einmal auf die Welt zu kommen? Das können wir ja schon selber haben – nich?« »Wenn wir es für Deutschland erreichen, dann danken wir es Ihnen und Ihresgleichen, Herr Kapitän!« »Dann müssen ober auch die von uns, die bisher anders waren, andere Kerle werden! Das kann nun jeder auf sich beziehen, wie er mag ...« Diesmal empfand sie die Schroffheit, mit der er ihr seelenruhig gegenübersaß, als eine sonderbare Wohltat. Eine Notwendigkeit. Deutschland im Krieg. Im Krieg um alles. Und er vor ihr als ein Stück dieses Deutschland im Kampf mit dem Erdball. Hart. Ruhig. Heiter. Durch nichts zu erschüttern. Eine neue deutsche Art. Ihr gehörte die Zukunft und die weite Welt. Er hatte jetzt ein freundliches Lächeln. Etwas von Mitleid darin, das sein trockenes niederdeutsches Gesicht wunderlich weich machte und veränderte. Von Mitleid oder mehr ... »Sie sollte man auch an der Hand nehmen und nach Deutschland zurückführen«, sagte er. »Ich muß schon hier in der Fremde bleiben. Ich kann den Lauf meines Lebens nicht mehr ändern.« »Aber solch ein Leben im Ausland wird jetzt für keinen Deutschen mehr eine Freude sein.« »Dann muß ich es eben büßen. Ich habe es ja gewollt, ohne es zu wissen.« »Es ist schad' um Sie ...« Erich Lürsen sagte es halb vor sich, erst nach einer Weile. Sie konnte es, wenn sie wollte, überhören. »Ich kann nichts tun, als hier draußen deutsch bleiben. Für Sie gibt es einmal wieder Frieden. Für mich wird mein ganzes Leben ein Kampf mit England sein – hier im Hause!« »Mevrouw – de Telefoon!« Johanna Ter Meer hob ungeduldig den Kopf zu dem hereineilenden Mädchen. »Waarom moet ik zelfs?« »Mynheer sprekt van Rotterdam!« Eine Blässe flog über ihr Gesicht. Sie stand hastig auf. »Entschuldigen Sie mich, bitte, einen Augenblick! Mein Mann ruft mich an den Fernsprecher.« Der Kapitän Lürsen saß, allein geblieben, tiefsinnig da, den Blick auf dem bunten indischen Teppich am Boden. Um ihn ringelte sich das Drachengeschnörkel, gähnten die tönernen Pekinger Höllenhunde, grinsten auf Hirschen reitende japanische Götter. Er rührte sich nicht und dachte an etwas und wußte: er war, wie ein Fremder in dieser Welt des Fernen Ostens, so auch nur ein kurzer Gast in diesem Haus im Haag. Sein Gesicht war ernst, aber anders als sonst vor dem Feind. Draußen hörte er undeutlich Johanna Ter Meers helle Stimme. Sie schien ihm erregt. Gewann im Hin und Her des Drahtgesprächs einen Ausdruck von höchster Angst. Und ebenso ihre Züge, als sie zurückkam. Er sprang auf. »Haben Sie eine schlechte Nachricht bekommen?« »Ich weiß nicht, was geschieht. Mein Mann ruft mich. Ich muß mit dem nächsten Zuge nach Rotterdam.« »Ist er krank?« »Nein, er hat etwas vor. Eine Reise! Er will mir erst dort sagen, weshalb und wohin.« »Doch nicht nach England?« »Es scheint ...« Erich Lürsen öffnete seine zähen, schmalen Lippen. Aber er blieb stumm. Erst nach einer Weile murmelte er: »Ich hätte bald was gesagt ...« »Was hilft es jetzt? Vor allem muß ich hin!« »Wann geht Ihr Zug?« »Ich komme eben noch zurecht.« »Versprechen Sie mir nur eins ...« »Was denn? Nur schnell!« »Die Überfahrt nach England ist in diesen Tagen gefährlicher, als sie jemals war. Ich weiß es. Denn ich komme aus Zeebrügge. Geben Sie mir die Hand darauf, daß Sie sich nicht auch nach England verschleppen lassen ...« »Mich sieht England nie wieder ...« »... und wenn die Kerle noch so scheinheilig tun und Ihnen goldene Brücken über den Kanal bauen ... Der Kanal ist seht der ungesundeste Aufenthaltsort auf der Welt – besonders wenn man auf einem englischen Schiff fährt!« Er hielt ihre Hand noch fest. Sie drückte die seine und machte sich los. »Und wann sieht man Sie wieder, gnädige Frau?« »Vielleicht treffen wir uns wieder einmal im Leben. Wer weiß denn jetzt, was aus seinem Leben wird. Haben Sie Dank! Sie haben mich zweimal in England gerettet. Ich wünsche Ihnen alles Gute!« »Und ich Ihnen! Wir kämpfen jetzt alle gegen England – Sie auch!« 15 Windstöße heulten über die Nordsee. Es war kein Sturm, jetzt, zur Sommerszeit. Aber weißer Schaum auf grünen Wellen wanderte doch in endlosen Streifen über die weite, leere Fläche, von den britischen Kreideklippen nach den Sanddünen der Niederlande. Nur selten dunstete eine schwarze Rauchpinie schräg am Himmel oder blähten sich die weißen Leinentürme eines Seglers. Der Tod wohnte in den Tiefen. In diesen Tagen mehr denn je. In dem zur Zeit der Ebbe frei glitzernden Schlick und Modder der langen, niederen holländischen Küste lagen da und dort, wie neue gestrandete Seeungeheuer, die gewölbten, umgestülpten, abenteuerlich zur Seite gelegten Schiffsrümpfe, und andere trieben als menschenverlassene Geisterschiffe, wie fliegende Holländer, sinkend draußen auf See. Die Wogen der Nordsee trugen ihren weißen Gischt maasaufwärts durch den Nieuwen Waterweg bis Rotterdam. Möwenschwärme empfingen sie da und überkreisten sie mit ihrem gellen, klagenden Geschrei. Am Kaiufer der Boompjes bogen sich die dünnen Ulmenreihen neben den Schiffsmasten unter dem Anprall der Windsbraut. Der Mynheer Cornelis Ter Meer hielt, während er den Kai entlangschritt, mit der Rechten den Hut auf dem angegrauten, bedächtigen und ernsten Kopf. In der anderen Hand trug er ein Bündel der Schriftstücke, ohne die in diesen Zeiten keiner nach England kam, Paß, Visum und Reiseerlaubnis des britischen Konsulats. Der Krieg ... immer der Krieg ... überall der Krieg ... im Grau des Himmels gegen die ferne See hin ... im Wehen des Windes und der Worte an seinem Ohr ... in den Blicken und Mienen alles dessen, was an Hafenvolk am Uferrand herumlungerte, um die Dampfkrane und die Haufen von Butterfässern daneben stand, auf dem Verdeck einherstieg, nachdenklich, die Hände in den Taschen, in das Wasser des Meeres spuckte. So weit der Yonkheer Ter Meer die Hafenmauer hinabsah, kräuselte sich kein Dampf aus den gelben und schwarzen Schiffsschloten. Es wurde nirgends recht gearbeitet. Die Seefahrt lag seit gestern still. Wenigstens für alles, was unter den Flaggen des britischen Weltbundes segelte. Der Yonkheer Ter Meer prallte im Sturmwind beinahe an eine Gruppe Koopmans, holländische Kaufleute mit Schiffspapieren, Konnossementen, Warrantscheinen, Assekurantieurkunden unter den Armen. »Die ›New-Hampshire‹! Vor zwei Jahren gebaut! Für eine halbe Million Pfund Waren an Bord ...« »Was ist mit der ›New-Hampshire‹?« »Auf der Höhe von Westkapelle torpediert, Mynheer!« Schwarze Tage auf See ... Da lehnten wetterharte holländische Fischer, Neugierige aller Art um sie und das glitzernde schuppige Gewimmel in ihrer Barke, das sie aus den Bänken der Nordsee geholt. Sie kamen von draußen, aus dem Reich des Abenteuerlichen, der Gefahr, der großen weiten Wasserleere, in dem die beiden Mächte, Deutschland und England, unsichtbar auf Tod und Leben miteinander rangen. Sie waren so erregt, wie Seebären ihrer Art überhaupt sein konnten. Treibende Minen hatten sich in ihren kostbaren Netzen verfangen und große Löcher hineingerissen ... »Deutsche?« Nein! Es schienen englische Mienen gewesen zu sein, die sich von der Verankerung gelöst. Auch Leichen hatten sich statt Schellfischen in den Maschen gefangen. Der Orlog ... der Orlog ... Wann kam die Stunde, da der Friedenstempel im Haag nicht mehr ein blutiger Hohn auf die Menschheit war? Ein Herr sagte es in der Menge. Cornelia Ter Meer drängte sich an ihm vorbei zu den Seeleuten. Sie hatten deutsche Unterseeboote genug draußen gesichtet. Das Wasser war voll von ihnen. Wenn die See rein war, sah man die auftauchenden Türme. »Wie die Haifische!« sagte ein riesenhafter norwegischer Steuermann grimmig auf englisch. Er ging mit einem verstörten knebelbärtigen Reeder aus Bordeaux, der das rote Knöpfchen der Ehrenlegion in der Rockklappe trug und mechanisch alle paar Minuten auf die Uhr sah. Die »Rosemonde« war seit Tagen überfällig, auch andere Dampfer und Segler. Ihre Namen klangen da und dort am Kai. In allen möglichen Sprachen aller möglichen Laute. Englische Geheimagenten überall unauffällig dazwischen. Der Yonkheer Ter Meer stand vor seinem Hotel an den Boompjes und trat ein. Drinnen, in dem Raum zur ebenen Erde, wo ein paar Japaner flüsternd mit einem Citymann verhandelten und ein Russe sich in der Ecke nervös eine Papyros drehte, zitterten die unsichtbaren Funksprüche, raunten von Mund zu Ohr, malten Ungeduld, Zorn, Ärger, Angst auf die Gesichtszüge der verschiedensten Menschen und Völker. »Oh – diese elende Seepest!« Der Yonkheer Ter Meer stieg die Treppe hinauf. Der Portier rief ihm nach: Meorouw Ter Meer ist eben angekommen! Sie wartet oben auf Mynheer.« Die schmalen und feinen Züge Johanna Ter Meers waren noch von dem Seewind draußen gerötet, das aschblonde Haar in kleinen, unruhigen Ringeln um Stirn und Ohren zerzaust. Sie stand bei seinem Eintritt jäh auf. Er runzelte die hohe, kahle Stirn vor diesem Ungestüm. »Da bin ich, Cornelis!« »Dank, Jantje ... oh, willst du niet gaan sitten?« Sie schüttelte den Kopf und ging schwer atmend im Zimmer auf und ab. Sie hatte den Hut nicht abgelegt, nur den Schleier zurückgeschlagen, so als wolle sie jeden Augenblick bereit sein, wieder zu gehen. »Warum ließest du mich kommen?« »Um dir adieu zu sagen. Ik moet op Reis'.« Er bückte sich und schob mechanisch einen kleinen Stoß Plätthemden in den offenen Schiffskoffer. Weiße Binden dazu. Der Frackanzug lag schon darin. Daneben stand schon die Zylinderschachtel. Sie sah es. Und wußte zugleich auch schon das Ziel der Reise: es wäre Cornelis Ter Meer niemals darauf angekommen, sich im grauen Frühjahrsanzug in die Große Oper in Paris zu setzen. Von Berlin und Wien ganz zu schweigen. Aber ebenso undenkbar wäre es ihm erschienen, London ohne die vorgeschriebene Abendtracht im Koffer zu betreten. »Du willst nach England?« »Ja.« Sie folgte mit den Augen seinen Bewegungen. Eins, zwei, drei – ein halbes Dutzend Plätthemden. Das hieß: ein Aufenthalt von Montag bis zum Wochenende. Auf der ganzen Welt rechnete man so, und er sagte es auch, sich emporrichtend: »Ich bleibe fünf Tage, Jantje.« »Weshalb willst du hinüber?« »Ich will niet. Ik moet!« »Warum?« »In Geschäften.« »In was für Geschäften?« »Frage nicht in diesem Ton!« »Doch! Ich will Antwort!« »Ik habe keine Verpflichtung, dir zu antworten.« »Wenn je – dann jetzt!« »Jantje ...« »Diese Stunde entscheidet zwischen uns!« Sie standen sich entschlossen, wie zwei Kämpfer, in dem altmodischen Zimmer gegenüber. Eine Minute war es so still, daß man das Klirren der geschlossenen Fenster unter dem Anprall der Windstöße hörte. Dann sagte Cornelis Ter Meer, immer noch ruhig, aber mit dunkel gerötetem Gesicht: »Ich bin ein Mann von Jahren. Ich bin ein Mann, der die Welt gesehen hat. Ich bin ein Mann, dem die Menschen nichts mehr vormachen. Ich habe meine Gründe für mein Handeln und lassen.« »Du weißt nicht, was du tust!« »Das, was ich für weise halte. Nichts ist verderblicher, als in der Unruhe dieser Zeit in einer falschen Rechnung zu verbleiben ...« »Du sprichst wie ein Engländer!« »Ich habe mit Engelschen gesprochen. Mir ist eine Last von der Seele gefallen. Alles ist ophelldert. Alles, was du gegen England auf dem Herzen hast, verbildest du dir ein ...« »Cornelis!« »Lord Saint Asaphs ist seit gestern in wichtiger Sak hier. Er kam zuerst zu mir, Jantje ...« »Und du hast ihn angehört?« »Er hörte mich an! Wir sprachen von dem Brief. Nichts konnte herzlicher sein als die Heiterkeit Seiner Lordschaft. Nichts freimütiger als die britische Offenheit, mit der er alles mit der Verwirrung deines Seelenzustandes erklärte ...« »Und du hast ihm geglaubt?« »Auch du würdest ihm glauben, wenn du ihn sähest ...! Er bittet darum.« »Er soll es wagen! Dann wird er von mir Dinge hören, die noch nie ein Mensch auf der Welt ihm in seinem sündhaften und faulen und verbrecherischen Leben gesagt hat!« »Still!« Das war ein Ton, wie er bisher aus Cornelis Ter Meers Munde nicht erklungen war. Und ebenso hart drüben ihr Gesicht. »Cornelis ... reise nicht!« »Ich reise!« »Du wählst damit für immer zwischen mir und England!« »Das tu ik niet.« »Aber ich! Denn dann entscheidest du dich für den Mann, der mich selbst so kaltblütig ins Verderben stürzen wollte, wie er mein Vaterland verderben will ...« »Wenn man dich hört, Jantje ...« »Dich geht der Krieg nichts an. Nicht hüben und nicht drüben ... Cornelis, komm zurück in den Haag! Zu mir und Jan!« Der Yonkheer Ter Meer stand am Fenster. Unten schüttelte sich die dünne Ulmenreihe der Boompjes angstvoll im Sturm. Ein schwacher Qualm wehte zwischen ihren Ästen hin. Ein großes, schwarz gestrichenes Seeschiff begann da Dampf aufzumachen. Zwischen seinen Decks und dem Kai daneben war mehr Laufen und Schleppen über die Schiffsbrücken als auf den Nachbarfahrzeugen. Eine hundertköpfige Menschenmenge stand im Halbkreis, als erwartete sie etwas Besonderes. »Heute abend fährt der ›Robin Hood‹ aus, Jantje!« Unten ging der Kapitän, ein Mann mit einem finsteren und energischen Antlitz, auf Deck hin und her. Ein Haufen Schiffsoffiziere und Zivilisten um ihn. Alles unverkennbar britische Gesichter. »Cornelis ... das ist ein englisches Schiff!« »Und geht mit der größten englischen Flagge am Mast, die der Captain finden konnte, in See. England beherrscht die See. Das soll er zeigen!« »Das Schiff da unten ist zehnmal mehr gefährdet als ein niederländisches Schiff!« »Lord Saint Asaphs und sein Gefolge schiffen sich auch heute abend auf dem ›Robin Hood‹ ein.« »Sie fahren in ihr Verderben!« »Seine Herrlichkeit lud mich ein, die Reise mit ihm zurückzulegen ...« »Großer Gott! Und deshalb setzest du dein Leben aufs Spiel?« »Ich reise unter dem Schutz Groot-Britannies!« Das klang wie ein Widerhall des Glaubens an England und seine Allmacht. Johanna Ter Meer trat vor ihren Mann: »Ich habe schon viele Menschen gesehen, die von England verblendet waren. Ich war es selbst. Aber ich sah keinen so verblendet wie dich! Wenn du jetzt nach England fährst ...« »Ich fahre ...« »... dann bist du von mir geschieden!« »Nein!« »Für immer! Ich kann nicht anders! Es ist mein heiligster Ernst ...« »Jantje ...« »... und mein unerschütterlicher Wille! Nun tu, was du willst oder was du mußt. Du hast ja noch Zeit. Das Unglücksschiff geht ja erst am Abend!« »Höre ...« »Nein. Jetzt kann man nicht mehr hören. Nur noch handeln. Ich gehe jetzt zu meiner Freundin hier, Juffrouw Kalff am Hogendorps-Plein. Eine Stunde ehe der Dampfer fährt, bin ich wieder am Hotel.« »Und wenn du mich nicht mehr findest?« »Dann treffe ich dich unten auf den Boompjes oder an Bord. Ich will nichts unversucht lassen bis zur letzten Stunde ... bis zur letzten Minute ... Nun wähle zwischen England und mir ...« Der Yonkheer Ter Meer saß, nachdem seine Frau ihn verlassen, lange Zeit in dumpfem Brüten, den Kopf in der Hand. Das Leiden des Entschlusses lag auf seinen Mienen. Sie zuckten zuweilen schmerzlich und angstvoll. Sonst rührte er sich nicht. Durch das Zimmer klang nichts als manchmal sein schweres Seufzen und das Rascheln der Mäuse hinter der altmodischen Tapete. Endlich erhob er sich mühsam, schüttelte den verständigen und wohlwollenden angegrauten Kopf, als begriffe er eine Welt nicht, die sich gegen England auflehnte, nahm seinen Hut, stieg die Treppe hinunter, stand unschlüssig in der Vorhalle des Hotels, gleich einem Mann, der auf irgendein Zeichen, einen Wink des Schicksals wartet, um das zu tun, was er eigentlich schon zu tun entschlossen ist. Er fühlte nach seiner Brusttasche. Jawohl, da waren die Kabinenkarten und die Überfahrtspapiere. Er frug den Portier: »Ist das Schiffskontor jetzt offen?« »Jawohl, Mynheer. Soll ich etwas bestellen lassen?« »Ich gehe lieber selber. Ich habe mich entschlossen, meinen Platz zurückzugeben und nicht zu fahren.« »Ja, Mynheer, es ist auch besser.« Als der Yonkheer Ter Meer auf den Boompjes in Sturm und Hafenluft hinaustrat, ging er rüstig trotz seiner immer etwas gebeugten Haltung dahin. Das schwere Opfer lag in Gedanken schon hinter ihm. Drüben flatterte am Mast des schwarzen, finsteren »Robin Hood« bereits der britische Union Jack. Aber er sah mit Absicht nicht mehr hin. Er dachte sich: dafür hab' ich Weib und Kind! Die Dämmerung dampfte schon mit ihrem ersten Grauen den silbergrauen Flimmer von Licht und Luft der Niederlande zwischen dem Himmel und dem Wasserspiegel der Maas und der vielen Kanäle. Aber es war noch reichlich Zeit, im Schiffskontor zu sagen, daß es besser sei, in Holland zu leben, als draußen seine Haut zu Markte zu tragen. Trotzdem schritt er rascher als sonst an den altertümlichen Häusern hin. Eine innere Unruhe trieb ihn, die Stimmung festzuhalten, in der er jetzt zu seiner eigenen Erlösung war: den Verzicht auf England. Wenigstens heute. Wenigstens nach außen ... Wie in jedem Hafen gab es auch in Rotterdam allerhand Gaffer, Leute, die immer Zeit hatten, eine Stunde lang mit offenem Mund und die Hände in den Hosentaschen irgendein merkwürdiges Schauspiel zu beobachten. So standen sie auch jetzt da im Gewimmel des Börsenplatzes um einen großen Frachtkarren, auf dem das Gepäck vornehmer Reisender vom Hotel nach dem Schiff geschafft werden sollte. Prachtvolle, messingbeschlagene und messingbebänderte englische Schrankkoffer, schmale Kabinenkoffer, Hutkoffer. Auf jedem in schwarzen Buchstaben: » The most Noble the Marquess of St. Asaphs .« Und damit kein Zweifel über die Bestimmung möglich sei, hingen auch schon an den Handhaben angeknüpfte Papptäfelchen: »Robin Hood, juni 18. 9 1/2 p. m.« Ein paar Kammerdiener in schwarzem Zivil hantierten daran herum. Der Yonkheer Ter Meer sagte sich, daß es doch leichtsinnig sei, in solcher Weise die Aufmerksamkeit jedes beliebigen Vorübergehenden darauf zu stoßen, daß ein solcher Großer des Inselreiches zu bestimmter Stunde und mit bestimmtem Schiff durch das Sperrgebiet fahren wollte, und doch dünkte ihn diese Verachtung der Gefahr auch wieder so recht britisch und machte ihm das Herz warm und voll von der alten Bewunderung. Und nun sah er etwas, was noch ungewöhnlicher war. Der Markgraf Harald von St. Asaphs, auf dessen Wink hin die Sterblichen flogen, um ihm zu dienen, verschmähte es nicht, persönlich das Aufladen seines Reisegepäcks zu überwachen. Beinah herausfordernd riesig, trotz seiner dunklen Haare und Augen eine Verkörperung der hochgezüchteten Herrscherkaste der Angelsachsenrasse, stand er unter der Torwölbung des Hotels. Neugierige Blicke rings um ihn. Man wußte, wie er hieß, welche Fülle von Rang und Macht und Millionen um ihn, den Erben einer britischen Herzogswürde, schon war oder auf ihn wartete. Um so mehr fiel es auf, als plötzlich die steinerne Gelassenheit seiner bräunlichen Züge sich in den Sonnenschein eines herzlichen Lächelns verwandelte, mit dem er dem Yonkheer Ter Meer freimütig zuwinkte. Ja, er ging, mitten durch die Gruppen, auf ihn los und faßte ihn vertraulich unter dem Arm wie einen alten Freund. »Rauher Tag heute!« sagte er frisch und aufgeräumt, als sei es tiefster Friede und das Wetter Alt-Englands ältester und erster Gesprächsstoff. »In der Tat, Mylord!« Trotzdem hoffe ich, wir werden eine gute Überfahrt haben. Craven ist mit! Craven ist zur See der närrischste Bursche auf fünfzig Meilen im Umkreis ...« »Ich kenne den Humor Seiner Ehren ...« »Und Neish! Neish sitzt oben zwischen noch mehr Koffern, als eine Lady sich träumen ließe. Passen Sie auf, wie er an Bord erscheint. Er ist der bestangezogene Mann in England und Wales!« Dabei war Lord Harald St. Asaphs selbst ein Vorbild für jeden Stutzer jenseits des Kanals. Alles auf der Straße schaute seiner lässig gehaltenen, hageren Athletengestalt nach, während er mit dem Yonkheer Ter Meer am Wasserspiegel des Blaak entlangging. Er lachte: »Sir Bacharach ist schon jetzt seekrank! Er wird es immer, wenn er nur Teer und Maschinenöl riecht. An Bord sieht ihn kein Mann außer Bett. Macht nichts! Er tat hier gute Arbeit. Er hat seine schwarze Liste nützlich vermehrt.« Der Yonkheer Ter Meer, der in seiner seltsamen plötzlichen Willenlosigkeit neben dem brünetten Lord einherschritt, zuckte unwillkürlich ein wenig zusammen. »Oh – hat er das, Mylord?« »Er hat wieder eine ganze Reihe Namen von Menschen und Firmen ermittelt, die noch Beziehungen zu Deutschland unterhalten. Nichts steht ihnen mehr frei als das. Alle Menschen sollen frei sein. Das ist der Sinn dieses Krieges. So steht es auch uns frei, uns nach dem Kriege dieser Leute so zu erinnern, wie wir es für weise halten.« Und der Yonkheer Ter Meer wußte, was das hieß: Handelsboykott der Schuldigen rings um die Erdkugel. Kein Wechselkredit. Kein Laderaum. Kein Bankgiro. Kein Kauf in bar. Langsames Siechtum der Firma. Bankerott. »Sie lassen auch manches Geld an englischen Plätzen arbeiten, mein teurer Mr. Ter Meer?« »So ist es! Im Fernen Osten, Euer Herrlichkeit. In Südafrika. In Ägypten.« Und es lief dem Yonkheer Ter Meer kalt über den Rücken: Zwei Drittel meines Vermögens liegen in dem großen englischen Stahlschrank verwahrt. Wenn seine Panzerflügel mir vor der Nase zuklappen, bin ich halbwegs ein ruinierter Mann ... »Sie tun recht, Yonkheer Ter Meer. Ruhiger kann ein Mann nicht schlafen, als wenn er überall Freunde auf der Welt weiß. Kommen Sie! Ich habe hier am Seefischmarkt den Fünfuhrtee.« Während sie in das vornehme Restaurant eintraten, ging es Cornelis Ter Meer durch den Kopf: Wer den künftigen Herzog von Chichester zum Freund hat, der hat bei dem ganzen Angelsachsentum der Erde einen Stein im Brett. Dem steht die Welt offen, soweit sie englisch ist. Und wo endet hienieden England? »Übrigens ... wenn unser armer Baronet Bacharach drüben wieder in seinen Schuhen steht, wollte er mit Ihnen sprechen«, sagte der Marqueß von St. Asaphs innen im Raum und streckte, den Nacken rücklings über die Stuhllehne geworfen, die langen Beine unter den Marmortisch. »Er sagte, er wolle versuchen, Sie für sein Geschäft zu interessieren ...« Ein Unternehmen, an dem Sir Frederick Bacharach jemanden beteiligte, verhieß ein Vermögen. Cornelis Ter Meer schien die Luft schwül geworden. Er hörte sein Herz klopfen. Wieder Lord St. Asaphs' Stimme, nachlässig, zwischen den Zähnen: »Sie verbringen das Wochenende auf Ogmore Castle? Der Herzog von Hareworth wird sehr froh sein, Ihre Bekanntschaft zu machen! Ihre asiatischen Anschauungen treffen sich. Auch ihm ist eine Natter lieber als ein Jap!« In Yonkheer Ter Meer wallte die alte Sorge seines Lebens auf: Schutz Holländisch-Indiens vor dem benachbarten Inselvolk. Schutz war nur bei den Angelsachsen der Alten und Neuen Welt. Der Marqueß von St. Asaphs sagte: »Sie wissen, auch ich schätze, daß Großbritannien vor allem ein asiatischer Staat ist. Aber durch diesen Krieg wird auch Afrika ein britischer Erdteil. Australien ist es schon. Amerika gehört den Angelsachsen. Das ist die Welt!« Ja – das war die Welt. In Cornelis Ter Meer arbeitete es schwer. »Oh, lassen wir doch dies arme kleine Europa, Mr. Ter Meer. Wir wohnen darin, weil sein Klima unserer Gesundheit heilsam ist, so wie ein Cityman der besseren Luft wegen sein Landhaus vor der Stadt hat. Aber was ist es sonst nach diesem Krieg?« »Wenn dieser Krieg einst gewonnen sein wird. Euer Lordschaft ...« »Er ist gewonnen!« Der Markgraf von Asaphs sagte es lauter und härter als bisher und wandte den dunklen Kopf, um seinem Nachbar voll ins Gesicht zu schauen. Unter dem schwarzen Schnurrbart lag ein brutaler, beinah grausamer Ausdruck um die starken Kiefer. Es war wie die erste Warnung einer Bulldogge. »Sie wissen, lieber Herr, daß Konstantinopel nächste Woche fällt?« sagte er dann in dem alten Ton. »Mein Gott ...« »Von den Höhen von Gallipoli blicken unsere Inder und Neuseeländer bis zum Goldenen Horn. Ich habe die besten, untrüglichsten Nachrichten.« »Niemand kann bessere haben als Eure Lordschaft!« »Ehe dieser Sommer neunzehnhundertfünfzehn zu Ende geht, fahren unsere Schiffe durch die Dardanellen, als wäre es die Themse. Die Welt da unten stürzt zusammen. Vorderasien mit.« »Das eine zieht das andere nach sich ...« »... und das alte, morsche Mitteleuropa folgt. Bis zum Herbst ist die Arbeit getan. Ich habe einen Überblick über die Kräfte der Erde, die wir organisierten. Sie sind unermeßlich!« Der Yonkheer Ter Meer antwortete nicht. Er sah stumm und aufgeregt auf den britischen Großen, vor dem dank seiner Stellung und Geburt die Welt wie ein aufgeschlagenes Buch dalag ... »Dann gehen wir daran, den Globus nach den neuen Methoden, die sich in diesem Krieg durchsetzten, wieder zu ordnen. Wir Briten und unsere Freunde, Mr. Ter Meer!« Das klang ebenso gleichgültig und selbstverständlich wie vorhin Lord Haralds Bemerkung über das Wetter und eben darum unerschütterlich sicher. Jeder Zweifel schien da nur ein Beweis für die Verblendung des Zweifelnden zu sein. Es stand da ein Wegweiser in der Welt, so lang und so groß wie der Marqueß von St. Asaphs selber. Ein Wegweiser mit zwei Armen. Der eine, der rechte, deutete in die Richtung auf Großbritannien ... »Sie scheinen etwas erregt, Mr. Ter Meer? Oh ... fürchten Sie nichts! Die Überfahrt heute nacht wird ungestört sein. Ich und meine Freunde reisen ja auch mit.« »Viele Neutrale benutzen deswegen auch den ›Robin Hood‹. Eine Reihe von Belgiern und Norwegern und Russen allein aus meinem Gasthof am Hafen.« »Alle diese Gentlemen stehen unter Englands Schutz! Es ist kein Grund zur Unruhe, mein teurer Mr. Ter Meer.« »Das ist es auch nicht. Die Worte Eurer Lordschaft sind es, die tiefen Eindruck auf mich machten!« »Es sind einfache britische Worte. Ich bin ein Brite wie jeder andere! Briten sind außerstande, Dinge anders zu sagen, als sie sind.« »Ich weiß, Marqueß Saint Asaphs!« Sie standen vor dem Restaurant. Der Wind pfiff. Leise Regenschauer sprühten. An dem niederen Himmel flogen die Wolken. »Nach welcher Richtung gehen Sie, Mr. Ter Meer?« Vor Cornelis Ter Meer, nicht weit von hier, lag das Schiffskontor. Die Entscheidung seines Lebens drängte sich für ihn in diese Sekunde zusammen. Er wußte das. Er war jetzt ganz ruhig. Er drehte sich um und sagte: »Ich begleite, wenn's beliebt, Eure Lordschaft nach dem Börsenplatz zurück ...« »Sehr wohl!« »... und gehe dann in mein Hotel, um die Überführung meines Gepäcks auf den ›Robin Hood‹ zu überwachen.« »Sie tun recht daran. Das Gedränge wird groß.« »Ich bin schon eine Stunde vor der Abfahrt auf Deck, Mylord.« Um diese Zeit herrschte bereits das dumpfe Wirren und Brausen einer großen Menschenmenge um den »Robin Hood«. Die Nacht war dunkel. Das bläuliche elektrische Licht des Dampfers kämpfte mit ihrem Schwarz, in dem dessen eigene finstere Umrisse halb verschwammen. Vor seiner düsteren Bordwand standen die Leute die Boompjes hinauf in hundertköpfigen Mauern. Es war nicht das geschäftsmäßige hastige Treiben vor der Abfahrt wie sonst. Viel mehr Unruhe, Zwischenrufe, herausforderndes Lachen als Antwort von Deck, rauhe Witze von unten, aufgeregtes Gemurmel in einzelnen Gruppen ... »De Orlog ... de Orlog!« Angst, Spannung, Sorge, Hoffnung des Krieges fieberten über den vielen dunklen Köpfen in der kalten, sturmbewegten Nachtluft. Das Leuchten von Zeitungen in den Händen. Das Glimmen der Zigarren. Die Krane rasselten immer noch da oben mit langschwenkenden, mächtigen Armen und ruhten einen Augenblick, wenn sich die Ladung im Schiffsgrund aus den Ketten löste. In diesen Sekunden erklang plötzlich ein holländischer Ruf in der Menge, der Ruf einer einzelnen, lauten Männerstimme: »Fahrt nicht mit dem ›Robin Hood‹!« Johanna Ter Meer vernahm es. Alle um sie auf dem Kai. Die Köpfe wandten sich. Spähten. Da wieder, schon ferner hin, die Warnung: »Fahrt nicht mit dem ›Robin Hood‹!« »Wer ruft das?« »Kann es nicht sagen, Mevrouw! Man hört es schon seit einer Stunde. Bald da, bald dort. Niemand weiß, wer es ist ...« »Da wollen Damen wieder von Bord!« »Nein. Man redet ihnen zu.« »Sie bleiben!« Ein Lachen. »Da kommen noch mehr Reisende!« »Uit den Weg gaan, als het u belieft!« Die Gepäckträger bahnten sich mit ihren Koffern einen Pfad durch die Menschenmauern. Johanna Ter Meer schlüpfte hinter ihnen in die sich gleich wieder schließende Gasse. Folgte ihnen über die Laufplanken. Stand auf dem Verdeck. Um sie das Halbdunkel. Die Unruhe vor der Abfahrt. Fröstelnde Gestalten. Unbestimmte Umrisse. Abgerissene Worte in allen Sprachen. Nur nicht Deutsch. Gleich darauf stand ein Mensch von englischem Aussehen neben ihr. Er sagte auf englisch: »Ihre Papiere, Madam! Es ist verboten, das Schiff ohne Ausweise zu betreten.« »Ich will ja nicht mitfahren!« »Einerlei!« »Ich suche ja nur meinen Mann!« Im selben Augenblick sah sie ihn. Er lehnte, in seinen Mantel gewickelt, ganz vorn am Heck des Dampfers. Er rührte sich nicht. »Der holländische Gentleman?« »Ja. Kennen Sie ihn?« »Oh – er wurde häufig in Gesellschaft Seiner Herrlichkeit gesehen. Alles in Ordnung, Madam!« Der britische Geheimagent war befriedigt. Aber er folgte ihr doch unauffällig, während sie auf ihren Mann zuschritt. Und trotz ihrer Erregung fühlte sie doch diese englische Überwachung hinter sich. Hinter jedem hier auf dem Schiff. Hinter jedem auf der ganzen Welt. Cornelis Ter Meer hatte sie kommen sehen. Aber er war ihr nicht entgegengegangen. Er erwartete sie da, wo er stand. Sein Gesicht erschien ihr in dem matten bläulichen Weiß des elektrischen Lichtes verändert. Ein andächtiger Starrsinn legte seine Linien um das freundliche Wohlwollen der Mundwinkel. Es war nicht das eigensinnige Selbstbewußtsein, mit dem er sonst an seinen Meinungen und Entschlüssen festhielt. Es war wie eine Hingabe an etwas Höheres. Eine gläubige Ruhe. Vor deren unerschütterlichem Blick aus seinen grauen Augen wußte sie, noch ehe sie den Mund öffnete: es ist alles umsonst. Und hinten, in achtungsvoller Entfernung, stand irgendwo Englands Polizei und wartete auf das Ende des Gespräches ... »Du fährst?« »Ja.« »Weißt du, was du tust?« »Ja.« »Und du tust es doch?« »Ja.« »Warum?« »Weil ich an dich und Jan denke ...« »Weil du an uns denkst, verläßt du uns?« »Weil ich an euch denke, fahre ich und sichere eure Zukunft da, wo die Zukunft der Welt liegt: in England!« »Dann ist alles aus!« »Nein. Dann ist alles gut. Unsere alte Welt, in der wir bisher lebten, bricht unter unseren Füßen zusammen. Jeder auf der Welt muß sich entscheiden, wohin er geht. Ich mache es wie die übrige Welt. Ich gehe zu England!« »Dann gehe ich mit Jan nach Deutschland!« »Ich will dich nicht hindern, wenn du deine Heimat noch einmal besuchst und von ihr Abschied nimmst, Jantje! Wenn die Dinge mir recht gegeben haben, kommst du zu mir zurück!« »Niemals!« »Fürchte nicht, Jantje, daß ich dich dann rauh empfange! Dazu habe ich dich viel zu lieb! Ich will dir dann ein Freund und Tröster sein nach dem Schweren und Furchtbaren, das du bis dahin erleben wirst ...« »Cornelis ...« »Wir sind nicht mehr Herren unseres Willens. Das Weltgeschick trägt uns jetzt alle und bringt uns zu der vorbestimmten Stelle. Darum wird auch unsere Trennung nur kurz sein und in neuem Glück enden. Bis dahin leb wohl, meine geliebte Jantje ...« »Cornelis ... woher nimmst du diesen Glauben, für den du mich und deinen Sohn und dein eigenes Land – und vielleicht dein Leben opferst?« Die Züge des Yonkheer Cornelis Ter Meer hatten etwas Feierliches. Er blickte wie in einer tiefen Andacht vor sich in die schwarze, unheimlich gurgelnde, pfeifende, dräuende Nacht. »Ich glaube an England. Ich habe immer an England geglaubt. Der Glaube an England war der Leitstern meines Lebens von Jugend auf. Er hat mich immer gut geführt. Solange ich lebe, glaube ich an England ...« »Madam ... die Schiffsglocke lautet!« Der britische Geheimagent war voll Zurückhaltung nähergetreten und räusperte sich höflich. »Was ich sage, Jantje, das sagen wie aus einem Mund zugleich mit mir Millionen von Menschen in allen Teilen der Welt, drei Viertel der Menschheit. England ist der Beschützer der Schwachen und Kleinen. England verläßt keinen, der sich ihm vertraut ...« »Madam ... das Zeichen zur Abfahrt ... Sie müssen von Bord!« Eine Welle der Bewegung ging über das dunkle Deck. Ein Gedränge. Weinen, Lachen, Küssen, Abschiedsworte in allen Sprachen. Britische Geheimpolizisten plötzlich überall ... » Goodbye! ... Bon Voyage! ... Do swidanje! ... Sta bene! ... Goede reis! « Tücherwinken. Schluchzen. Hoffnung. »Die Lords sind ja an Bord ... dort steht ja ihr Gepäck. Den Lords läßt England nichts geschehen! Von der Dreimeilenzone ab fahren englische Zerstörer zum Schutz mit. Sie liegen seit Mittag draußen in See. Wasserflugzeuge fliegen uns bei Tagesanbruch von England entgegen. Niemand außer dem Kapitän weiß, nach welchem Hafen wir laufen. Oh – Gott wird helfen. Die Lords sind guter Dinge ... sie lachen laut unten in ihren Kabinen ... Denken Sie in London an die Ausfuhrerlaubnis, Sir! ... Schreibt auch einmal von drüben den armen Eltern nach Brüssel auf dem bekannten Weg ... Zwanzigtausend Fässer Butter ... Ja, ich reise über das Eismeer weiter nach Petrograd! Telegrafiert gleich nach Gouda, wenn ihr drüben angekommen seid! Adieu ... Adieu ...« Die Stimmen am Ufer mußten sich schon verstärken. Eine freie Wasserfläche dehnte sich zwischen ihnen und dem Dampfer und vergrößerte sich schnell. Der düstere schwarze Schattenriß des »Robin Hood« lag draußen quer zur Ebbeströmung, trieb mit ihr ab, wirbelte sie mit den sich immer rascher drehenden Schraubenrädern zu Gischt, der weiß durch die dunkle Nacht leuchtete wie über ihm die roten und grünen Lichter, war nur noch eine undeutliche, draußen keuchende mächtige Masse, war in der Finsternis gegen die Nordsee hin verschwunden ... Die Gruppen auf den Boompjes verstummten, lösten sich langsam, gingen auseinander. Es wurde frei und still um Johanna Ter Meer. Sie stand einsam auf dem Kai. Starrte immer noch in das uferlose, wesenlose, unbestimmt brausende und rauschende, mächtige Nichts hinaus, das den »Robin Hood« in sich aufgenommen hatte, und kam langsam zu sich und schritt, immer noch wie im Traum, längs des Wassers in der Richtung nach dem Bahnhof. Vier Gentlemen gingen da in einer Reihe. Alle vier sonderbarerweise mit Schiffsmützen auf dem Kopf, als seien sie Seereisende auf festem Land. Einer von ihnen, der in der Mitte, hatte die Kappe abgenommen und schlug sich damit befriedigt auf die Schenkel. Der Sturm zauste sein kurzes dunkles Haar über der riesigen, mehr als sechs Fuß langen Athletengestalt. Er war der Mittelpunkt. Die andern sprachen alle zu ihm. »Ein guter Gedanke, Saint Asaphs!« »Ich danke Ihnen auch für den trefflichen Rat, mein teurer Marqueß!« »Nun mögen sie den blutigen Kasten torpedieren! Wir sind nicht darauf!« Der Reverend Craven sprach das in bester Laune. Neben ihm meinte Mr. Neish: »Saint Asaphs hat wahrlich recht: Im Krieg gilt jede List.« Und der Baronet Bacharach versetzte: »Nichts konnte besser glücken! Ich lege tausend Pfund gegen einen Farthing, daß niemand es bemerkt hat, wie wir im Augenblick der Abfahrt schnell auf der Stromseite vom Schiff in den Nachen stiegen und hundert Schritt weiter an Land gingen!« »Sicher ist sicher!« sagte der Marqueß Harald von St. Asaphs, blieb stehen und zündete sich gelassen seine kurze Pfeife an. »Mögen uns die Deutschen nur an Bord des ›Robin Hood‹ vermuten!« Der kleine Sir Bacharach zog fröstelnd den Mantel zusammen. Der Wind durchschauerte ihn. Er war nicht englisches Vollblut wie die abgehärteten Männer um ihn. »Wenn sie jetzt nur nicht wirklich den ›Robin Hood‹ angreifen! Bei diesem Sturm und in dieser Nacht kommt kein Mensch an Bord mit dem Leben davon!« »Oh – sprechen Sie doch nicht von den paar armseligen Ausländern«, versetzte Mr. Craven kurz, und sein Freund Harald St. Asaphs sagte: »Eine um so ungestörtere Überfahrt haben wir dafür morgen. Oder ich selbst übermorgen. Ich habe morgen noch ein Ding für mich in Holland zu tun ...« Der Marqueß von St. Asaphs begleitete in der Frühe des nächsten Tages seine Freunde Craven und Neish im Auto die kurze Strecke maasabwärts bis zum Hoek van Holland und sah ihnen frisch lächelnd nach, während der Niederländer, mit dem sie reisten, seinen Kurs ebenso seewärts nach Dover nahm wie zu gleicher Zeit ein alter verwetterter norwegischer Dampfer, unauffällig den Baronet Bacharach an Bord bergend, von Vlissingen nach Queensborough. Dann kehrte der Markgraf zu dem gemieteten Kraftwagen zurück. Der holländische Lenker erzählte ihm aufgeregt irgend etwas, was er nicht verstand ... er gab dem schon entlohnten Mann nochmals ein Trinkgeld, ließ ihn stehen und schlug, um seine Spur zu verwischen, wie der Hase vor den Hunden, einen Haken, indem er die Kleinbahn bestieg, die von hier nach dem Haag führte. Als der Gentleman, der nicht weiter die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wünschte, stand er mit hochgeschlagenem Rockkragen auf der Plattform des letzten Wagens. Der Zug rollte bimmelnd die Landstraße entlang, durch die Dörfer, über die Kanäle. Die Gegend war bis zu den Seedünen hin ein einziger großer Garten, in dem die Holländer Gemüse und unter langen Glasfensterflächen Tafelobst für London zogen. Er sah diese erstaunliche Fruchtbarkeit unter nordischem Himmel und wurde nachdenklich: Warum war dieses Land eigentlich nicht englisch? Ein Mann, der neben ihm seine Zeitung las, sagte ihm plötzlich laut und erschrocken etwas auf holländisch. Der Lord überhörte es in eisigem Dünkel, so, als sei eine Fliege an seinem Ohr vorbeigesummt. Aus der weiten Ebene stieg der Turm der Groote Kerk über die Häuser und das viele Baumgrün des Haags empor. Der Zug hielt. Der Marqueß St. Asaphs verließ ihn. Zeitungsverkäufer umdrängten ihn und schrien ihm aufgeregt etwas in ihrer Landessprache zu. Er ging in seiner steinernen Ruhe und Länge durch sie hindurch wie durch Luft. Er wollte jetzt nichts hören. Der Völkerkrieg war ihm eigentlich augenblicklich nicht wichtiger als irgendein Boxermatch in Alt-England. Der Weltbrand nicht mehr als ein Kaminfeuer daheim. Er hatte Besseres im Kopf. In froher Laune schritt er durch die Stadt, im zuversichtlichen Bewußtsein, daß alles auf der Welt ihm gehöre. Ihm und seinem Volk. In einer kaltblütigen Überzeugung, daß die Achse der Erdkugel mitten durch die Gewölbe der Bank von England ging und daß man, wie überall hienieden, so auch dereinst im Himmel mit » Oh yes! « und » Oh no! « empfangen werden würde. Er sah, während er aus dem Willemspark in die Javastraat trat, auf die Uhr und dachte sich: Nun ist der Yonkheer Ter Meer schon drüben und im Frühstückszug nach London. Der Gentleman muß ohne mich frühstücken. Nichts bedauerlicher als dies Mißverständnis, durch das ich die Abfahrt des Dampfers versäumte! Seine liebliche Frau ist jetzt noch daheim. Es ist wenig über zehn Uhr. Um diese Vormittagsstunde verläßt eine Lady kaum schon ihr Haus ... Drüben lag das Haus. Er ging darauf zu, an zwei vornehmen holländischen Herren vorbei, die, jeder mit einer Hand, ein Zeitungsblatt zwischen sich entfaltet hielten und darüber hinweg verstört zusammen sprachen. Er hätte die in großen Lettern fett gedruckte Überschrift zu lesen vermocht. Er vermied es. Es hätte etwas Unerfreuliches sein können! Derlei schob man sich aus dem Weg. Was man nicht wußte, das war nicht auf der Welt. Das Gespräch der beiden niederländischen Provinzialkommissare verhallte hinter ihm. Die Straße vor ihm lag frei. Aber da kam von der anderen Seite ein Mann, schritt ihm entgegen, auch auf das Haus Ter Meer zu, das zwischen ihnen in der Mitte lag. Sie kamen einander langsam näher. Ihre Blicke trafen sich, ruhten unschlüssig ineinander wie zwei spielende Klingen, erkannten sich in einem jähen, wilden Zucken, während sie gleichmäßig ihren Weg fortsetzten, als führe sie das Schicksal mit unentrinnbarer Notwendigkeit widereinander. Das Antlitz des Marqueß von St. Asaphs enthüllte plötzlich, in seiner kalten Wut, seine letzten Wesenslinien, vor denen die Tünche des Gentleman, der Stuck des Lords in Brocken fielen: das Zähnezeigen eines sprungbereiten, gereizten Raubtiers. In dem Mann dort kam ihm Deutschland selbst auf zwei Beinen entgegen. Das Land, das er haßte wie kein anderes, und der Mann, den er in diesem Land am blutigsten haßte ... Sie ließen sich nicht aus den Augen, während sie wie zwei Kämpfer den Raum zwischen sich verkürzten. Gerade vor dem Hause Ter Meer trafen sie zusammen. Aber der Korvettenkapitän Lürsen hatte einen Schritt Vorsprung. Er benutzte ihn und stellte sich quer in die offene Gitterpforte des Vorgartens. »Sie werden dies Haus jetzt nicht betreten!« sagte er ruhig. »Ist es Ihr Haus?« »Eine deutsche Frau ist darin! Und Sie werden dieser Frau nicht die Nachricht vom Tode ihres Mannes bringen – wenn sie sie nicht schon erhalten hat!« Der Maraueß St. Asaphs hatte die Nerven eines Bullen. Aber jetzt zuckte er doch zusammen. »Oder wissen Sie noch nicht, daß der ›Robin Hood‹ heute nacht in der Nordsee mit Mann und Maus gesunken ist?« sagte Erich Lürsen. »Niemand entkam in dem Sturm. Seit zwei Stunden ist ganz Holland davon voll ...« Immer noch schwieg der Lord St. Asaphs. Er dachte sich: Gut, daß ich es für nützlich hielt, nicht mit dem höllischen Kahn zu fahren! »Ich sah es kommen und verschob deswegen gestern meine Abreise aus Holland. Und bin jetzt hier.« Erich Lürsen zog mit einem raschen Griff die Gittertür an sich. Der andere faßte danach. Es war zu spät. Sie klirrte vor dem Lord St. Asaphs ins Schloß. Der drüben war ihm überlegen ... Sie standen sich Brust an Brust gegenüber wie zwei Krieger auf Tod und Leben. In dem grimmen Schweigen zwischen ihnen atmete der Haß zweier Völker, lebte der Krieg, der den Erdball in seinen Grundfesten erschütterte, der Krieg auf dem Festland, der Krieg in der Luft, der Krieg zur See und unter See, der Krieg der Kriege um das freie Meer ... Der Marqueß von St. Asaphs trat zurück. »Hier ist nichts für mich zu tun. Ich wünschte nur, daß wir uns draußen einmal träfen!« »Ich gab euch schon Gelegenheit genug, an mich zu kommen. Und werde es weiter tun. Wir alle! Wenn wieder Friede ist, dann gehört die See nicht mehr euch, sondern jedem ehrlichen Mann, der darauf segeln will!«