Rudolph Stratz Die siebte Pille und andere abenteuerliche Geschichten Die siebte Pille Der Anker unseres Dampfers der Nederland'schen Maatschappij klatschte in das silbern flimmernde Wellengeschaukel der Reede von Suez, daß da unten, in der glasgrünen Dämmerung, die weißen Haifischbäuche flüchtend auseinanderglitten. Wir hatten das Rote Meer hinter uns. Schweißrieselnd saßen wir, die Reisenden erster Güte, in dem glühenden Dampfbad von Wasser und Luft an Deck. Stumm und gallig. Wir sahen nicht auf das Purpur der Korallenbänke, das Bleigrau des Himmels über dem Sinai, das Schwefelgelb und Palmgrün der Wüstenufer – wir sahen nur da oben, an dem einen Mast, immer noch die verwünschte gelbe Quarantäne-Flagge, die uns von der Einfahrt in den Kanal und hinüber nach Europa fernhielt. Seit Stunden die internationale Sanitätskommission an Bord. Es war da heute früh ein brauner Heizer unter verdächtigen Anzeichen erkrankt. Herrgott... wenn das die Cholera wäre... »Oder die Rache eines andern Malaien«, sagte der mitfahrende Regierungsarzt aus Java. Er war ein großer, schöner Mann mit grauem Wallenstein-Knebelbart und dunkeln, tiefen Augen. Schon Mitte Fünfzig. Kein Holländer, sondern von Geburt ein welscher Schweizer. Aber er hatte zwei Jahrzehnte seines Lebens auf den Sunda-Inseln verbracht. Er setzte hinzu: »Sie machen sich ja von der Rachgier des farbigen Volks da unten keinen Begriff!« »Sie meinen, daß der Kohlentrimmer...?« »Gott weiß, was ihm fehlt! Was ahnen diese europäischen Ärzte hier von den Giften von Java!« »Gibt es wirklich diese furchtbaren, geheimen Mittel der Eingeborenen, Doktor Arnauld?« »Ich habe solch einen Fall einmal vor langen Jahren bei Gelegenheit einer Urlaubsreise nach Europa erlebt!« Der Arzt stand auf, packte einen kleinen, fliegenden Fisch, der aus dem Luftgeschwirr seiner Genossen auf den Deckplanken gelandet war, behutsam bei der steifen perlmutterfarbenen, vorderen Seitenflosse und beförderte ihn mitleidig über Bord. Er kam zurück. »Gerade hier, vor dem Kanal von Suez, fing diese düstere Sache an«, sagte er, sich wieder in den Schiffsstuhl legend. Und, da er die Augen der andern matt, aber neugierig auf sich gerichtet sah: »Wenn ich Ihnen damit die ekelhafte Wartezeit unter der Pestflagge verkürzen kann, so kann ich Ihnen ja die Geschichte des Mynheer Mauritz de Vries erzählen!«   Still lag unser Steamer. Still nahebei das eisgraue, kleine holländische Kanonenboot, auf dem Weg nach dem Äquator. Still drüben die weitbäuchig gerundeten Petroleumschiffe der Standard Oil. Totenstill fern, im toten Quarantäne-Winkel der Reede, ein paar Mekkadampfer, die wirklich schon die Pest als blinden Passagier mit sich führten. Der Doktor Arnauld warf noch ein Eisstück in seinen Brandysoda und begann.   »Damals hatten wir hier vor Suez klare Schiffspapiere. Wir waren im Begriff weiter zu dampfen. Da tanzte noch, von Port Tewfik drüben her, die Motorbarkasse des Schiffsagenten über die Wellen. Er brachte die letzte Post aus Europa mit, darunter auch – wir besaßen damals noch keine drahtlose Station an Bord – eine Depesche an mich. Sie kam aus Amsterdam. Sie lautete: ›Suchen Sie uns um Gottes willen gleich nach Landung auf. Bin in schwerster Sorge um meinen Mann. Hiltje de Vries.‹ Ich kannte Hiltje de Vries persönlich gar nicht. Ich wußte nur: Sie war jung, hübsch, wohlhabend, aus sehr guter, alter Familie des holländischen Nordens. Aber ihr Gatte war mein Freund. Er hatte mit mir zusammen eine Reihe von Jahren als höherer holländischer Regierungsbeamter unter dem Wendekreis in Batavia und Surabaya zugebracht. Dann war er einmal auf Erholungsurlaub gefahren und hatte uns aus Holland seine Verlobungsanzeige gesandt und auf den Rand der an mich gerichteten Karte gekritzelt, er wolle nur noch einmal nach Niederländisch-Indien zurückkehren, um dort seinen Abschied aus dem Staatsdienst zu nehmen, und dann in Holland heiraten und der Ruhe nach den Tropen und seinem jungen Eheglück leben! So geschah es denn auch. Und was wir da unten seitdem von ihm aus Holland hörten, das war nur, daß alles dort gut ging, mit ihm und der jungen Frau Hiltje, in seinem Landsitz nah von Amsterdam, den er in Erinnerung an Batavia ›Weltevreden‹ getauft hatte. Und nun auf einmal diese schwarze Krähe von Depesche! Kaum war ich vor Amsterdam auf dem Y gelandet, so fuhr ich hinaus in der Richtung nach Haarlem. Dort, nahe der Blumenstadt, hinter der Düne von Zandvoort, lag, inmitten einer regenbogenbunten Palette von Tulpen-, Hyazinthen-, Narzissenbeeten, ein Bild behäbigen Friedens, das Landhaus Weltevreden ziegelrot und grünbelaubt im Sonnenglanz.   Draußen, vor der Villa, war Holland, grün von Wiesen, blau vom Meer, mit seinen gefleckten Kühen und seinen Kanälen und Schiffsmasten und Windmühlen. Drinnen, in der dämmerigen Diele, das Treppenhaus hinauf, an den Wänden, überall, war Indien. Buddhas – sitzend, stehend – in Holz, in Bronze, in Stein – sanft die Kwannon, furchtbar die blutige Kali – hundertarmig Wischnu – alle Geheimnisse des Fernen Ostens umspannten mich lautlos, fast drohend, in diesem holländischen Haus. Und wie der Ferne Osten selber stand der Diener, der mir geöffnet hatte, vor mir. Auf den ersten Blick im Zwielicht ein Knabe – so klein und schmächtig die in weiße Jacke und weiße Hosen gekleidete Gestalt. Dann sah man das braune, lächelnde Gesicht mit dem glänzenden Schwarzhaar und den wie schläfrig halb geschlossenen Augen. Es war ein Malaie. Manche Kolonial-Holländer brachten sich solch indisches Hausvolk als Diener und Kindermädchen nach Europa mit. Die braune Gestalt vor mir frug mich nicht erst nach meinem Namen. Behutsam nahm er mir Hut und Mantel ab, glitt geräuschlos auf bloßen, braunen Füßen, die mit ihren beweglichen, langfingerigen Zehen beinahe Händen glichen, über den Flur. Er ähnelte dabei fast einem stummen, großen Affen. Und von innen rief eine helle Frauenstimme: »Orang! Was ist?« Orang heißt auf malaiisch ›Mensch‹. Offenbar hatte die Dame des Hauses, die ja selber niemals in Java gewesen, den für sie unaussprechlichen Namen des Malaien einfach in ›Orang‹ umgetauft. Der Asiate öffnete wortlos eine Türe und ließ mich eintreten. Drinnen, in dem ganz modernen Salon mit seinen unvermeidlichen fünf Vasen auf dem Kamin, empfing mich Europa in Gestalt einer reizenden, jungen Friesin – flachsblond, in weißem Sommerkleid. Das war Frau Hiltje de Vries, die Frau meines Freundes. »Orang ist klug!« sagte sie, mir herzlich die Hand drückend. »Er hat Sie sofort nach Ihrer Photographie erkannt, die oben im Zimmer meines Mannes steht! Ach – ich erwarte Sie ja mit Sehnsucht, Doktor Arnauld!« Ihre frischen Wangen waren blaß, der Ausdruck ihrer klaren und reinen, noch halb kindlichen Züge verstört. »Mein Mann ist krank!« fuhr sie fort, sich neben mich auf das Kanapee setzend. »Seit wann?« »Wir heirateten vor vier Monaten, gleich, als er aus Indien zurückkam, und zogen hier in dieses Haus. Und seit drei Monaten siecht er mir hier dahin ...« »Und was sagen die Ärzte?« »Wir haben alle möglichen Doktoren gefragt. Sie können das Leiden nicht erkennen. Sie meinen, Mauritz habe eine hier unbekannte Krankheit aus den Tropen mitgebracht!« »Und darum«, ihre blauen Augen ruhten in leidenschaftlicher Angst und freimütigem Vertrauen auf mir, »habe ich meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt, Doktor – der Sie aus Indien kommen und Indien seit Jahrzehnten kennen – der Sie Arzt sind und langjähriger Freund meines Mannes ...« »Wo ist er?« »Er ruht oben in seinem Zimmer! Das Schlimmste ist bei ihm die Apathie. Er hat keinen Willen zur Gesundung! Ich führe Sie zu ihm!«   Ich hatte den Mynheer Mauritz de Vries von Java her als einen stattlichen, elastischen Mann in der ersten Hälfte der Dreißig in Erinnerung – groß, blond, mit blondem Schnurrbart und kleinen Bartstreifen an den Backen – energisch als Beamter, abends mit den Europäern ein heiterer, umgänglicher Bursche. Nur wenn er sich, selten einmal, in der Tropenhitze etwas zu viel Alkohol einverleibt hatte, mußte man sich vor dem Jähzorn des sonst so gutmütigen und hilfsbereiten Menschen in acht nehmen. Aber hier, auf dem Diwan, mit einem Plaid zugedeckt, lag ein blasser, kranker Mann, mit glanzlosen, eingesunkenen Augen und einem seltsamen, fatalistischen Leidenszug um den Mundwinkel. Er lächelte. Er drückte mir die Hand. Er gab mir, als wir unter vier Augen waren, bereitwillig auf alles, was ich ihn über seinen Zustand fragte, Auskunft, aber immer mit einer so sonderbaren Teilnahmslosigkeit, als spräche er von einem Dritten. Ich untersuchte ihn, so gut das vorläufig ging. Ich beklopfte ihn. Ich behorchte ihn. Ich konnte zunächst nichts finden. Das schien Mauritz de Vries förmlich zu beruhigen. Er nickte beinahe befriedigt vor sich hin und schloß die Augen. Die Mittagssonne, die jetzt die beiden Südfenster seines Zimmers erreicht hatte, blendete ihn. Und fast zugleich stand lautlos, ein weißer Leinwandschatten, auf seinen braunen, langgliedrigen Füßen, der Batur, der Diener aus Java, im Gemach und zog die Vorhänge zu. Er rückte schweigend das Kissen unter dem Kopf seines Herrn zurecht, stellte stumm die Medizin, die Punkt zwölf genommen werden sollte, mit Löffel und Wasserglas zur Hand und verschwand, fast ohne daß man ein Knarren der Türe hörte, geschweige denn das Gleiten seiner bloßen Sohlen über die Stiege. »Ich möchte jetzt, vor dem Kaffee, ein wenig ruhen!« sagte Mauritz de Vries in einem träumerischen, ergebenen Ton. Ich nickte ihm zu und ging auf den Fußspitzen aus dem Zimmer.   Unten, in dem ebenerdigen Empfangsraum, saß Frau Hiltje und sah mich bang und stumm mit ihren klaren, blauen, fragenden Kinderaugen an. Ich setzte mich. Ich sagte: »Ich habe eine unheimliche Ahnung davon, was Ihrem Mann Gesundheit und Lebenskraft raubt. Dies Wort heißt Java!« »Also wirklich eine Krankheit aus Java ...?« »Eine Krankheit aus Java und eine Erinnerung aus Java!« »An was?« »Da müssen Sie Mauritz selber fragen!« »Ich habe Mauritz nie gefragt, und er hat es mir nie gesagt!« Die junge Frau stand plötzlich hastig auf. »Aber ich weiß es längst. Ohne, daß er es ahnt!« »Indien ist doch ein großes Klatschnest! Wahrscheinlich alle Kolonien in allen Ländern«, fuhr sie fort. »Ich habe noch als Braut von sogenannten guten Freunden die ganze schreckliche Sache erfahren. Ich habe Mauritz sehr lieb. Ich habe ihm im Herzen verziehen und habe ihn doch geheiratet!« Die junge, blonde Frau Hiltje de Vries war sehr blaß, aber wieder ganz ruhig geworden. »Ich war ja niemals in Indien«, sagte sie. »Aber so viel von dort wußten wir jungen Mädchen hier zu Lande wie jedermann, daß viele unverheiratete Europäer dort mit braunen Frauen in einer Art von Ehe auf Zeit leben. Man trennt sich dann eben nach Landesbrauch, wenn die Zeit um ist. So wollte sich auch Mauritz von seiner Gefährtin trennen, als er mit mir hier in Holland sein zweites Leben beginnen wollte. So etwas war es doch – nicht wahr?« »Ich habe es ja alles selbst miterlebt!« »Dies Mädchen aber war, scheint es, anders als ihre Stammesgenossinnen. Sie hat Mauritz offenbar sehr geliebt. Sie ließ nicht von ihm. Er verstieß sie. Sie kam immer wieder. Er jagte sie weg. Er fand sie tags darauf doch auf seiner Schwelle ...« »Dann wissen Sie auch«, sagte ich, »daß Mauritz an dem Unglücksabend nicht ganz nüchtern war! Er kam aus dem Harmonie-Klub spät nachts zurück. Dort hatte man seine bevorstehende Heimfahrt nach Europa reichlich begossen. Wenn Mauritz der Alkohol zu Kopf gestiegen ist, kommt leicht der Jähzorn über ihn ...« »Und nun findet er daheim wieder das braune Mädchen.« Die blonde, nordische, junge Frau Hiltje sprach ganz langsam, wie aus eigener Erinnerung heraus. »Sie war wieder heimlich in sein Haus geschlüpft. Und er ... War das wirklich so mit dem Reitstock ...?« »Zu seinem Unglück lag ihm der Reitstock gerade zur Hand. Er nahm ihn, in seinem blinden Zorn, und schlug ihr damit ins Gesicht. Da lief sie weg!« »Und am nächsten Morgen hat man sie im Wald erhängt gefunden!« sagte die junge Frau de Vries in einem seltsam weichen, schwesterlichen Ton, als gäbe es ein geheimes Band zwischen ihr, der europäischen Dame, und dem toten, braunen Kind der Tropen, die beide denselben Mann geliebt hatten. Und es war, als malten sich ihre verträumten Augen ein Phantasiebild, wie dies arme, erwürgte, braune Vögelchen da hing, in seinem bunten Sarong, im grünen Dämmern des Tropenwaldes, von grellfarbigen, fremdartigen Blumen umblüht, von huschenden Edelsteinen kleiner Tropenvögel umflattert. Frau Hiltje verstummte. Nach einer Weile fragte ich: »Hat Mauritz diesen Malaien, den Sie hier im Hause kurzweg Orang nennen, selbst aus Java mitgebracht?« »Ja. Er hatte ihn dort schon ein Jahr oder länger als Diener. Er ist so an ihn gewöhnt!« »Sie wissen ja sicher besser als ich«, setzte sie hinzu, »wie verwöhnt die Europäer draußen durch die farbige Dienerschaft werden. Niemand hier macht es ihnen mehr recht! Und so kann mein Mann auch, gerade in seinem jetzigen Zustand, diesen indischen dienstbaren Geist nicht entbehren ...« »Dieser Orang ist ständig um ihn?« »Den ganzen Tag!« Ich erhob mich. »Dann muß ich noch einmal hinauf und mit Ihrem Mann ein ernstes Wort sprechen! Ein Wort, das ihm wahrscheinlich Rettung bringt!«   Als ich oben bei dem Kranken eintrat, schlüpfte geschmeidig der braune, kleine Malaie an mir vorbei. Er hatte seinem Herrn den Hausanzug für den Mittagskaffee zurecht gelegt. Ich stand vor Mauritz de Vries, der sich langsam, müde, mit schlaffen Bewegungen ankleidete. Ich rang die Hände ineinander. Ich begann in meiner Aufregung ganz unvermittelt. »Mauritz: Bist du denn mit Blindheit geschlagen?« »Wieso?« fragte er gleichgültig und knüpfte sich die Krawatte, mit dem fatalistischen Gesichtsausdruck eines Selbstmörders, der sich die Schlinge um den Hals legt. »Du kennst doch Indien ...« »Nach fünfzehn Jahren Dienstzeit! ... Aber wer will Indien kennen?« »Gerade die Geheimnisse Indiens! ... Du hast diese unergründliche, braune Welt damals durch deine Unbesonnenheit im Jähzorn aufgeweckt ...« »Sie schläft schon wieder. Dies Mädchen drüben ist längst tot ...« Mauritz de Vries betrachtete mit einem sonderbaren sachlichen Interesse sein verfallenes Antlitz im Spiegel. »Wenn sie selber auch tot ist ...« »Ich habe am andern Morgen doch selbst sie suchen helfen. Ich sah sie im Walde hängen.« Mauritz de Vries wandte sich von seinem Ebenbild im Glas ab. »Anfangs dachte ich, ich werde das Bild los, wenn ich erst in Europa bin. Man ist doch Europäer. Man hat ein robustes Gewissen. Man kann sich doch nicht zu lange mit solch einem Eingeborenenschicksal beschäftigen. Nein. Auf der Überfahrt blieb die Erinnerung. Und hier, überm Meer, seit Monaten, wird die Erinnerung immer stärker, je schwächer ich werde!« »Ja, aber merkst du denn nicht, warum du täglich schwächer wirst?« Mauritz de Vries antwortete nicht. Er kämmte sich mit mechanischen, matten Handgriffen. »Siehst du denn nicht, daß das, woran du leidest, nicht eine Krankheit Javas ist, sondern die Rache Javas? Du hast den Tod im Hause – den langsamen, unsichtbaren Tod. Indien ist dir gefolgt. Indien ist ständig wie dein Schatten um dich ... Und du ...« Mauritz de Vries sah mich zum erstenmal voll an – mit einem rätselhaften Lächeln auf den bleichen Zügen. »Glaubst du denn, ich wüßte nicht, daß der Malaie mich vergiftet?« fragte er ganz ruhig. Ich blieb stumm. Ich war starr. »Er war doch als Diener mit ihr – dem Mädchen – zusammen bei mir im Hause«, fuhr Mauritz de Vries in so alltäglichem Ton fort, als spräche er von einem Dritten. »Vielleicht ist es ihr Bruder – ihr Verwandter. Vielleicht wollte er sie heiraten – nach dortiger Sitte – wenn ich weg war. Wer kann das bei diesen Geschöpfen wissen? Die Malaien sind die rachgierigsten Menschen der Welt. Und unter ihnen wieder die rachsüchtigsten die Maduresen, zu denen dieser Orang, wie ihn meine Frau nennt, gehört. Er ist mir, um sich an mir zu rächen, nach Europa gefolgt ...« »Ja – und du ... um Gottes willen ... Du sitzt da und legst die Hände in den Schoß ...?« Mauritz de Vries hatte sich erschöpft auf einen Sessel niedergelassen. Er starrte mit einem unendlich müden Ausdruck vor sich ins Leere. »Vielleicht ist das keine Rache, sondern eine Strafe!« sagte er. »Eine Strafe des Himmels. Ich habe einen Menschen gemordet, der mich mit allen Fasern seiner kleinen, zärtlichen Seele geliebt hat. Ich habe diese Liebe mit einem Peitschenhieb getötet. Ich komme nicht darüber hinweg ...« »Du mußt ...« »Für diese Tat muß ich büßen. Wer kann sich dem Willen der Vorsehung entziehen? Dieser Malaie ist ja nur ihr Werkzeug!« »Du mußt dich aufraffen ... Du mußt dich wehren ...« »Ich kann nicht ...« »Ein Kerl wie du! Warum nicht?« »Weil ich mich schuldig fühle ...« Mauritz de Vries sprach das mit dem leisen, matten, ergebenen Ton eines Kranken. Er saß willenlos da, schlaff in sich zusammengesunken. Ich musterte ihn schweigend. Das war nicht der Mann, der uns drüben in Indien verlassen. Er hatte Indien nicht verlassen. Indien – das unterirdische, unsichtbare Indien – war mit ihm gen Nordland gesegelt. Indien saß lähmend in seiner Seele, wie das Gift in seinem Körper. »Du willst dich also sehenden Auges von deinem Diener umbringen lassen, Mauritz?« »Was soll ich machen? Seinem Schicksal entgeht man doch nicht!« Ein brauner, schwarzhaariger Kopf erschien im Türspalt. Ein unterwürfig lächelndes und doch undurchdringliches, braunes Gesicht murmelte ein paar malaiische Worte. Die Reistafel unten war bereit.   Von den vielen Tellerchen und Näpfchen mit den indischen Zutaten zur Reisschüssel nahm Mauritz de Vries bei Tisch fast nichts. Er spießte eigentlich nur ein paar Reiskörner auf die Gabel. Frau Hiltje und ich langten zu. Ich wußte: in diesen Gerichten steckte keine Gefahr. Drei Personen zugleich – eine ganze Tafelrunde – konnte Orang, der hinter uns geräuschlos seines Amtes waltete, nicht zu vergiften wagen. So kam das Ende der Mahlzeit heran. Mein Freund Mauritz griff nach einem Fläschchen mit Medizintropfen, das vor ihm stand, und schaute fragend rückwärts über die Schulter. Zu gleicher Zeit schon stellte der Malaie eine kleine silberne Dose mit gestoßenem Zucker vor ihn hin. Ich sehe noch diese kleine, zimmtfarbene Hand vor mir, wie sie sich von dem matten Silberglanz des Gefäßes abhob. »Diese nutzlose Mixtur, die mir der Doktor verordnet hat, schmeckt so scheußlich bitter!« wandte sich Mauritz de Vries zu mir und tröpfelte etwas davon in ein Glas voll Wasser. »Ich will ein wenig gestoßenen Zucker dazu tun!« »Lasse das lieber! Vielleicht könnte der Zucker die Wirkung der Arznei beeinträchtigen!« sagte ich. Mein Freund fügte sich meinem ärztlichen Rat. Die silberne Deckeldose blieb unberührt. Und als wir aufstanden, schob ich sie schnell, von dem Ehepaar unbemerkt, in die Tasche. Nur der Malaie hatte es gesehen. Die höflich lächelnde Maske seiner Mienen blieb unbewegt.   Als Arzt in den Tropen hat man stets das notwendigste Handwerkszeug bei sich. Man weiß nie, wann und, wo man es unter dem heißen Himmel, in dem weiten Land voll Schlangen, Fieber, Gefahren braucht. So befand sich in dem leichten Handgepäck, das ich als Logiergast in das Haus bei Haarlem mitgenommen, auch ein kleines Reisemikroskop. Ich stellte es auf den Tisch. Ich schraubte es zurecht. Ich schüttete vorsichtig eine Prise des gestoßenen Zuckers auf das Glasplättchen. Ich beugte mich über die Linse und hielt, um den seinen, weißen Staub nicht zu verwehen, den Atem an. Und in dieser Stille hörte ich deutlich draußen auf dem Gang hinter der Türe ein unterdrücktes, zweites Atmen. Ich erhob mich und schritt, als ob ich ein wissenschaftliches Instrument suchte, durch das Zimmer nach dem Eingang. Ich beugte mich jäh nieder und schaute durch das Schlüsselloch. Durch das Schlüsselloch blinkte mir von drüben, starr, funkelnd, eine tiefschwarze Pupille entgegen und verschwand. Ich vernahm nichts von der Bewegung des Körpers, zu dem dies Auge gehörte. Im ganzen Hause regte sich ein, zwei Minuten nichts. Dann liefen hastige, leichte Schritte die Treppe empor, in der festen, befehlsgewohnten Art Europas. Es klopfte eilig an die Türe, und fast zugleich trat Frau Hiltje de Vries atemlos ein. »Ich möchte meinen Mann nicht stören, Doktor! Er schläft. Aber was bedeutet dies: Orang drängt sich eben an mir im Flur vorbei – er – sonst die Unterwürfigkeit selber – er läuft, wie er geht und steht, in den Garten und mitten durch die blühenden Tulpenbeete davon, in der Richtung nach dem Haarlemer Bosch ...« Ich blickte nach dem sommergrünen Parkgehölz in der Ferne. Von dem Maduresen war nichts mehr zu sehen. »Er wird im Hafenwinkel von Amsterdam untertauchen«, sagte ich, »... in einer der Kneipen, in denen das farbige Volk verkehrt, und sich als Heizer auf einem der nächsten Dampfer nach Java schmuggeln. Wie soll man ihn unter all den Malaien und Mulatten, Chinesen und Negern finden? Ihr kennt ja kaum seinen angeblichen Namen. Für euch war er ja nur ein Orang – ein brauner Mensch – ein Begriff für Millionen in Indien ...« »Ja, aber warum ist er ...?« »Hat Ihr Mann bisher schon einmal von dem gestoßenen Zucker genommen?« »Nein!« »Dann ist er heute im letzten Augenblick gerettet!« »Wovor?« »Vor dem Tod!« sagte ich. »Setzen Sie sich und betrachten Sie durch das Mikroskop den Streuzucker. Sehen Sie nicht etwas Fremdartiges darin?« »Ja. Winzige, weißliche, scharfe Splitterchen! Was ist das?« »Es sind die mikroskopisch kleingehackten, weißen, fast zwei Finger langen Schnurrbartborsten, von denen der Königstiger an jeder Seite seines Rachens ein, zwei Dutzend trägt. Sie sind das uralte, furchtbare Rachemittel Indiens. Sie sind spröde und beinhart. Ihre verschluckten, winzigen Stückchen bohren sich in die Eingeweide und bleiben haften. Es ist keine Rettung möglich!« »Und das wollte ...« »Jetzt eben wollte der Malaie damit seinen Hauptschlag ausführen!« sagte ich. »Asien läßt sich Zeit. Asien versteht zu warten. Schon wenn ein eingeborener Diener in Java seinem Herrn etwas stehlen will, wird er die Sache nie sofort an sich nehmen. Er versteckt sie irgendwo im Hause und wartet, ob sie vermißt wird. Ist das der Fall, so findet er bei Gelegenheit durch Zufall den verlorengegangenen Gegenstand wieder und heimst lächelnd Dank und Belohnung ein. Merkt sein Herr nichts, dann – nach vielen Monaten – eignet er sich erst das unrechte Gut an.« »Und ebenso«, ich schüttete sorgfältig das Zuckerhäufchen bis auf den letzten Rest in die Schale zurück, »weiß der Malaie, der sich an seinem Herrn rächen will, daß der jähe Tod eines bis dahin gesunden Europäers Aufsehen und Argwohn erregt. Er macht ihn daher zuerst langsam krank – daß jemand kränkelt, das fällt nahe dem Äquator und bei denen, die von dem Äquator kommen, nicht auf ...« »Aber wie ...?« »Wie der Malaie Ihren Mann krank gemacht hat? Achten Sie darauf, ob Sie da, wo er gehaust hat, kleine, ganz gewöhnliche Stecknadeln finden. Am Kopf dieser Stecknadeln klebt ein uns weißen Menschen unbekanntes Gift. Es genügt, einen solchen Stecknadelkopf einen Augenblick in irgend eine Flüssigkeit zu tauchen, um ihr die gewünschte Wirkung mitzuteilen. Der Malaie hat Ihrem Mann täglich den Morgentee gebracht. Der kurze Weg von der Treppe in das Schlafzimmer genügte. Seitdem siecht Mauritz. Aber davon wird er sich wieder erholen. Er wird völlig gesunden. Ich verspreche es Ihnen!« »Gott sei Dank!« »Und nun lassen Sie uns vor allem in den Garten gehen und den Zucker samt Zubehör einen Fuß tief vergraben, damit der Tod von Java nicht noch einen Unschuldigen trifft ...!«   So vertrauten wir draußen den todbringenden Schnurrbart des selbst längst toten javanischen Königstigers der milden Mutter Erde an. Es war eine leichte Arbeit zwischen blühenden, im Wind von den Dünen her schwankenden Rosenstöcken. Während wir noch dabei waren, trat Mauritz de Vries aus dem Haus, bleich und matt, trotz des eben beendeten Nachmittagsschlafes. Er sah teilnahmslos und dann doch mit einem erwachenden Erstaunen herüber, was wir da trieben. Hiltje richtete sich aus ihrer kauernden Stellung auf und ging schnell auf ihn zu. Sie sprach liebevoll und leise, mit einem jungen, warmen Glanz in den blauen Augen, auf ihn ein. Beide zogen sich in das Innere der Villa zurück. Ich wartete. Um mich flammten die Tulpenfelder und dufteten beinahe betäubend die Hyazinthenschläge. Erst nach geraumer Zeit – ich hatte die Tigerreste längst bestattet – kehrte das Ehepaar wieder. Die Wangen der jungen Frau waren von Hoffnung und Freude gerötet. Auch Mauritz lächelte – zum erstenmal. »Wir haben uns über alles ausgesprochen!« sagte Mevrouw de Vries und drückte mir ebenso wie ihr Mann die Hand. »Mauritz weiß jetzt, daß ich schon lange alles wußte. Er weiß, daß ich, seine Frau, nicht über ihn zu richten, sondern ihm zu helfen habe, über sein Schuldbewußtsein und seine Reue hinwegzukommen, in ein neues Leben hinein. Er hat jetzt neuen Lebensmut. Es bleibt uns beiden jetzt nur noch übrig, Ihnen ...« »Verlieren Sie Ihre Zeit nicht mit Danksagungen!« unterbrach ich. »Die Hauptsache ist, daß du, Mauritz, sofort von hier wegkommst! Geht auf ein paar Monate in die Schweiz – in Höhenluft! Dort wirst du in kurzem völlig genesen! Der Mörder war ja erst in der Vorbereitung zu seiner Tat!« »Und ehe Ihr geht«, schloß ich ernst – »ich kenne Indien. Und du auch, Mauritz – vorher durchsucht das ganze Haus! Stellt das Unterste zu oberst! Kramt in jedem Winkel! Vergeßt, bis unters Dach, die kleinste Ritze und Fuge nicht!« »Warum, Doktor?« »Sie hatten den Tod im Hause, Frau Hiltje! Er ist entwichen. Und ist doch, meiner festen Überzeugung nach, darin geblieben. Ein Malaie, der in Haß und Rachedurst das Haus eines Europäers verläßt, läßt nur zu leicht ein Werkzeug seiner Rache darin zurück – irgend ein unscheinbares, fast unsichtbares Etwas, in dem der Tod sitzt. Wir kennen diese Geheimnisse von drüben nicht! Wir wissen nicht, was das für ein tödliches Ding ist – wo es ist – wann und wie es wirkt. Wir wissen nur: das braune Volk drüben nennt es die ›Siebte Pille‹«. »Sucht die Siebte Pille!« Ich faßte in meiner Erregung Frau Hiltjes Hand. »Reibt alle Gläser und Teller blank. Schüttelt alle Betten, Tücher, Teppiche aus! Vernichtet den ganzen Inhalt der Speisekammer! Gießt, was an Wein und sonst in Flaschen da ist, ins Gras! Verbrennt die Zigarren! Scheuert alle Scheren, Messer, Gabeln rein! Entfernt alle Seifenstücke, Schwämme – alles, was zu eurem persönlichen Gebrauch gehört!« »Und endlich«, schloß ich, »veranstaltet ein Großreinemachen durch die ganze Villa! Spart Wasser und Seife nicht! Überschwemmt die Böden und Treppen! Dann reist ab! Laßt das Haus leer stehen – Jahr und Tag ...« »Und wir?« »Ihr sucht euch irgendwo sonst in Holland einen anderen Landsitz!« »Wir hängen aber an unserm ›Weltevreden‹«. »Du darfst in dieses Haus nicht zurück, Mauritz! Höre auf meine Warnung ...«   Der welsch-schweizerische Arzt in niederländischen Diensten, der diese Geschichte erzählte, brach plötzlich ab und schaute nach dem einen Mast des Dampfers. Seine Zuhörer waren mit ihm im Geist unter dem Äquator und am Nordseestrand gewesen. Jetzt fanden sie sich wieder da, wo sie wirklich waren – auf der goldfunkelnden, feuerblauen, purpurnen, wellenschaumweißen Reede von Suez, und lenkten ihre Blicke ebenso wie der große, tropenbraune Mann mit dem grauen Knebelbart in die Höhe des Takelwerks empor. Ein Sonnenschein lief über alle Mienen: dort sank langsam die gelbe Quarantäne-Flagge! Die Sanitätskommission, die sich unter Deck mit dem erkrankten, farbigen Kohlentrimmer beschäftigte, hatte nichts Verdächtiges gefunden. Die Papiere des Steamers waren rein. Und schon stieg da vorn vielverheißend der lange, blaue Wimpel mit dem weißen P – die Pilotenflagge – hoch. Der Schiffskörper zitterte. Die Ankerkette rasselte um das Gangspill. Die Maschinen begannen dumpf zu stampfen. Die Einfahrt in den Suezkanal war frei. Und als wir bald darauf in ihm durch die türkisblaue Weite der Bitterseen glitten, fragte einer seiner bisherigen Zuhörer den Doktor aus Java: »Und was wurde damals aus Ihrem Freund Mauritz de Vries?« »Er erholte sich in der Schweiz in kurzer Zeit vollständig«, sagte Dr . Arnauld, »und kehrte mit seiner Frau nach Holland zurück und schlug meinen Rat in den Wind und bezog doch wieder sein ›Weltevreden‹«. »Und dann ...« »Nach einigen Wochen fand man ihn eines Nachmittags, wie schlafend, tot auf dem Kanapee. Woran er gestorben ist, hat man niemals ergründet.« Die Ankerkette Das ist eine der vielen sonderbaren Geschichten, die ich in meinen jungen Jahren auf meinen Fahrten über die Erde erlebte. Das heißt: ich habe sie nicht selbst erlebt. Der alte Köhler-Pascha hat sie mir in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts drunten in Stambul berichtet. Damals, als Stambul noch Stambul war: die märchenhafte Kalifenstadt ohne einen Schienenstrang nach Europa, mit gesattelten Pferden an den Straßenecken statt der Droschken, voll wilder gelber Hunde und Dromedare in den dunklen Gassen – noch ein geheimnisvolles Stück aus Tausendundeiner Nacht. Und seit einem Menschenalter in Konstantinopel Köhler-Pascha. Keiner von den späteren großen, aus Berlin gekommenen Generalstäblern. Ein alter deutscher Landsknecht in türkischen Diensten. Eine ausgepichte Kriegsgurgel. Jeden Abend an einem kleinen deutschen Stammtisch in der Bierstube des Griechen Janni nahe der Grande Rue in Pera zu finden. Dort, als wir beide eines Abends allein am runden Mitteltisch saßen, erzählte er mir:   Vor einem Jahr, im Mai wie jetzt, trieb sich ein schwedischer Tourist hier herum. Sechs Fuß lang, dünn und rank wie ein Haselnußzweig. Hellblond, mit hellblauen Augen und einem langen blonden Schnurrbart. Ein leichtsinniger Kerl zum Liebhaben für die Frauen. Mit diesem Schweden hatte ich mich nachmittags im Kaik über den Bosporus nach den »Süßen Wassern« hinausrudern lassen, zum donnerstägigen Korso der eleganten Haremswelt. An diesem Tage fuhren da, um frische Luft zu schöpfen, alle Odalisken der Paschas mit ihren Dienerinnen in offenen, langsam von schwarzen Büffeln gezogenen Karren spazieren. Natürlich, unter den grellfarbigen Sonnendächern, trotz ihrer Pariser Toiletten neuester Mode, tiefverschleiert. Man sah nur die dunklen Augen über den weißen Gesichtshüllen. Ein feister Nigger-Eunuch, der in seinem orangegelben Chalat wie ein großer, blauschwarzer Affe auf dem einen Wagen zwischen dem Weibervolk kauerte, fletschte tückisch das weiße Gebiß gegen den langen, blonden Schweden am Weg. Der starrte unentwegt auf ein paar große schwarze Augen über ihm. Und die beiden großen schwarzen Augen oben sahen auf ihn herab. Es mußte, nach der Zahl der Dienerinnen um sie, eine sehr vornehme Hanum sein. Drüben, auf dem asiatischen Ufer, dämmerte es schon. Ich drängte den verliebten Schweden zur Heimfahrt, ehe es Nacht wurde. Nachts ist jeder Europäer am sichersten hier bei uns oben in Pera aufgehoben.   Und in Pera saßen wir an diesem Abend bei ein kleiner Kreis aus der kleinen deutschen Kolonie. Am Nebentisch zwei verdüsterte junge amerikanische Touristen. Zu ihnen trat der Dragoman Moldavani, ein Levantiner, klein, dick, europäisch gekleidet, mit rotem Fes über dem schwammigen Gesicht. Sie fragten ihn bekümmert auf englisch: »Keine Nachricht?« Ein plastisches, morgenländisches Achselzucken des Fremdenführers: »Ich fürchte, man wird nie mehr etwas von Mr. Morris hören.« »Es ist der dritte junge Europäer, der in den beiden letzten Jahren spurlos nachts drüben in Stambul verschwunden ist!« sagte an unserem Tisch der Schweizer Spediteur, Herr Rüchli. Und der Wiener Buchhändler Camillo Bernrieder ergänzte: »Der Versuch, in einen Harem hineinzugelangen, ist nun einmal der sichere Tod!« »– oder vielmehr der Versuch, wieder hinauszugelangen!« versetzte der grauköpfige ottomanische Bimbaschi Hektor von Kühlewein, früher einer der elegantesten Offiziere der Berliner Garde, der seit langen Jahren als schlichter Infanteriemajor in einem türkischen Linienregiment stand. Er wandte sich zu dem Schweden: »Ich ritt heute nachmittag an den ›Süßen Wassern‹ vorbei. Ich sah Ihr Augenspiel mit dem Büffelkarren! Ich warne Sie!« »Wovor, Major?« »Sie hörten soeben: Es ist schon mehr als einer nie wiedergekommen, der sein Glück in einem Harem erproben wollte.« »Jeder dieser Waghälse wurde am Abend vorher im Gespräch mit einem schwarzverschleierten, dicken, alten Weib beobachtet!« bemerkte Herr Rüchli. Und Herr Bernrieder: »So auch jetzt der unglückliche Mr. Morris!« »Sie sehen so unternehmend aus, Herr Ekström!« schloß der Bimbaschi. »Hüten Sie sich vor der schwarzen Vettel und vor den schwarzen Augen! Es ist der Tod!« »Ich danke Ihnen!« Der Schwede hob verbindlich sein Glas. »Ihr Heil! Mein Heil! Aller wackeren Trinker Heil!«   Und wen sehe ich tags darauf, als der Abend dämmert, drüben in Stambul vor der »Verbrannte Säule« auf dem Seraskieratplatz mit einem dicken, alten, tiefschwarz verschleierten Weib auf und ab gehen und leise verhandeln? Herrn Thure Ekström! Ich zog ihn rücksichtslos beiseite. »Sie werden sich doch nicht auf dieses wahnsinnige Abenteuer einlassen?« frage ich ihn. Und der lange, blonde Schwede ganz freundlich, in seinem langsamen, guten Deutsch: »Ich reise doch, um Abenteuer zu erleben!« »Zu erleben. Aber nicht, um an Abenteuern zu sterben!« »Oh – das wird nicht geschehen!« versichert er sonnig. »Es wird Ihnen gehen wie Ihren Vorgängern!« »Ich bin so unhöflich. Ihnen zu widersprechen, Pascha!« »Ich werde, wenn Sie wünschen, Ihre Angehörigen in Schweden schonend von Ihrem Ableben verständigen«, sagte ich. »Hinterlassen Sie mir bitte Ihre Adresse!« »Frühstücken Sie lieber morgen mit mir bei Yanni, Pascha! Ja? Auf Wiedersehen!«   Am nächsten Mittag bin ich bei Yanni. Da sitzt vor einem Glas Löwenbräu und einem ölgebackenen Tintenfisch Herr Thure Elström, baumlang, frisch rasiert, in rosiger Laune. Ich nehme aufatmend neben ihm Platz. »Gottlob, Sie haben also doch in letzter Stunde das Abenteuer aufgegeben!« »Im Gegenteil: ich habe es glücklich hinter mir! Auf Ehrenwort!« erwidert er heiter. Wir sind beide allein. Und er erzählt: »Das schwarzvermummte, dicke Weib erwartete mich um zehn Uhr abends drüben in Stambul an einer einsamen Stelle zwischen der Byzantiner Mauer und dem Meer. Es war kein Mensch in der Nähe. Man hörte nur das Geheul der wilden Hunde und das Stöhnen des Windes. Die verschleierte alte Kröte krächzte noch heiserer in ihrem abenteuerlichen, kaum verständlichen Französisch als bei Tag. Sie nahm mich bei der Hand und führte mich. Es war notwendig. Ein Unkundiger wäre in diesem Wirrwarr stockfinsterer, kaum zweimannsbreiter Gassen keine drei Schritt weit gekommen, ohne sich den Kopf an den stinkenden, feuchten, fensterlosen Mauern anzustoßen. Wohin wir so tappten, wußte ich nicht. Ich merkte nur an einem leisen Klatschen und Glucksen, daß wir uns immer noch in nächster Nähe des Bosporus befanden. Dort liegen ja Paläste, deren ummauerte Zypressengärten bis zum Meer reichen. In der hohen Mauer, längs der wir uns hintasteten, schien sich von innen eine Pforte auf ein Raunen der Alten zu öffnen. Sie schob mich durch eine Lücke in eine Wildnis von südlichem Baum- und Buschwerk hinein. In seiner feuchten Finsternis schlichen wir vorsichtig auf den Fußspitzen den dunklen Umrissen eines mächtigen, totenstill daliegenden Gebäudes zu. In diesem Augenblick – das will ich Ihnen offen gestehen – fragte ich mich doch, was ich eigentlich hier zu suchen hatte. Ich blieb stehen. Aber nun war es zu spät. Ein irdenes Ölschälchen leuchtete auf. Sein flackernder Docht beschien undeutlich das weiße Gebiß, die platte Nase und die wulstigen Lippen eines Negers. Es war ein Eunuch. Aber ein athletischer Bursche. Und dabei lächerlicherweise in dem langen, zweireihigen Gehrock eines Stambul-Efendi, mit langen schwarzen Hosen, einem hohen roten Fes auf dem Wollkopf, gelbe Pantoffel an den seidenbestrumpften Plattfüßen. Diese Babuschen streifte er ab und geleitete mich lautlos auf Socken in das Innere des Hauses am Goldenen Horn. Und dort in ein Gemach. In diesem von veilchenblauer Dämmerung erfüllten Raum war ein Duft von Ambra und dem Herzblut bulgarischer Rosen. Das hölzerne Gitterwerk der Fenster war zurückgeschlagen. Die draußen leise schaukelnden Zypressenwipfel warfen im Mondsilber unruhige Schatten auf die bunten Persermuster des Bodenteppichs. Es war, als ob schwarze Warnungssignale sich da langsam vor mir hin und her bewegten. Ich sah nicht darauf hin. Ich sah dort drüben, im Helldunkel, die beiden dunklen Mandellaugen der »Süßen Wasser« von Bujukdere. Und das weiße, blasse Antlitz darunter jetzt ohne Schleier.   Wie gesagt, die Fenster nach dem Zypressengarten waren in dieser kühlen, feuchten Mainacht offen. Am Himmel standen tausend goldene Steine und lief, zwischen goldgeränderten Lämmerwölkchen, eilig der Vollmond, wie ein Wächter der Nacht, seine Stunden ab bis zum Morgengrauen. Der Tag war noch nicht da. Aber dort drüben, fern in Asien, erhellte sich leise der hohe Himmelsrand des Bismarckbergs – von den Deutschen in Konstantinopel wegen seiner kahlen, glatzenähnlichen, alles überragenden Kuppe so genannt – und in dem Zypressendickicht draußen, das in seiner Totenstille an den großen türkischen Waldfriedhof vor der Stadt erinnerte, gurrten jetzt verschlafen die ersten Tauben. Die dunklen Augen der »Süßen Wasser« ... Diese Augen waren weich und feucht wie die einer Gazelle. Aber jetzt, im Frösteln vor Tag und Tau, las ich in ihrem sanften Glanz den Mord. Dies haremsbleiche, wie alabasterne, runde Kindergesicht hob liebevoll die dunklen Wimpern zu mir auf. Aber ich las in seinem innigen Lächeln den Tod. Den nahen Tod dort hinter der Türe, als die beiden, mit unwahrscheinlich kostbarem Schmuck beringten, an den Nägeln rotgefärbten Kinderhände sich von mir lösten, um mit einem leisen Klatschen den dienstbaren Geist draußen, den schwarzen Höllenkerl, herbeizurufen, der mich ins Freie zurückgeleiten sollte, hinab in den schwarzen Zypressengarten, in dem wahrscheinlich meine Vorgänger unter der Erde schliefen ... ... damit niemand außerhalb dieses Hauses und außer ihr, der Hanum mit den schwarzen Augen, jemals etwas von ihren nächtigen Besuchern und den Geheimnissen dieser Nächte erfuhr ... Sie sprach Französisch, und ich sagte ihr, ehe sie noch in die Hände klatschen konnte, mit einem ehrerbietigen und dankbaren Lächeln: ›Ich habe in meinem Gasthaus einen verschlossenen Brief hinterlassen – auf dem Konsulat abzugeben und dort zu öffnen, wenn ich bis neun Uhr morgens nicht nach Hause zurückgekehrt bin!‹ Sie starrte mich an. ›In diesem Brief ist genau die Straße und das Haus bezeichnet, in dem ich ermordet wurde!‹ Sie schwieg. Ich fuhr fort: ›Es wäre in der Dunkelheit, als ich kam, für mich unmöglich gewesen, die Lage des Hauses festzustellen. Aber ich wußte sie bereits vorher. Mr. Morris, der Amerikaner, hat sie mir schon früher, vor seinem letzten Gang hierher, verraten!‹ Es kam kein Laut aus ihrem Mund. ›Die einzige Rettung für Sie, Madame, und für mich besteht darin, daß mein Brief nicht geöffnet wird‹, schloß ich. ›Dafür gibt es nur ein Mittel: Sie, Madame, begleiten mich persönlich bis zu der Lücke in der Mauer und verhindern, daß ich unterwegs etwa durch einen unglückseligen Zufall, an dem Sie sicherlich wohl unschuldig sein würden, getötet werde!‹ Sie erhob sich langsam. Sie war fahl wie eine Leiche. Sie warf einen weißen Umhang über die schmalen Schultern. Sie öffnete die Tür. Draußen stand nicht nur der eine riesige Neger, sondern ihrer vier. Sie sagte ihnen mit zitternden Lippen ein paar Sätze in einer Sprache, die ich nicht verstand. Die vier schwarzen Ungeheuer wurden plötzlich im Gesicht grau vor Schrecken. Sie traten mit ratlosen Fratzen zurück und gaben uns Raum. Und sie nahm mich bei der Hand – ihre Finger waren seltsam kalt und blutleer, wie die aller Morgenländerinnen – sie glichen den Fingern einer Toten – und führte mich selbst durch das Haus, den Garten, bis an das Loch in der Mauer. Und ich war draußen und gerettet!«   »Soweit, vor einem Jahr, der Schwede Ekström!« sagte der alte Köhler-Pascha am runden Tisch in Yannis Bierstube in Pera. »Und ich riet ihm: ›Sie haben Ihr Leben bewahrt. Aber glauben Sie einem alten Kenner Stambuls – wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, verlassen Sie jetzt Konstantinopel so rasch wie nur irgend möglich!‹ Und er: ›Ich werde hier zu keinem Menschen außer zu Ihnen von diesem Abenteuer reden! Und ich schiffe mich übermorgen vormittag auf dem nächsten absegelnden Schiff ein – einem englischen Handelsdampfer, der nach Kalkutta geht!‹   Dieser große Ostindienfahrer ankerte, zwischen andern seinesgleichen, weit draußen auf der Reede von Galata. Der blaue Peter flatterte von seinem Topp. Auf seinem Deck stand frisch, heiter, lang und blond der Schwede. Wir alle hatten ihm das Geleit gegeben und umringten ihn. Und der Schweizer, Herr Rüchli, schrie ihm durch das Klirren der emporgewundenen Ankerkette ins Ohr: ›Das war vernünftig von Ihnen, daß Sie sich das unsinnige Haremsabenteuer aus dem Kopf geschlagen haben!‹ Und Thure Ekström nickte nur fröhlich. Er antwortete nicht. Das Rasseln der Ankerkette war zu betäubend laut. Langsam hoben sich ihre schlammbedeckten Eisenglieder, während die Matrosen am Gangspill drehten, aus den Tiefen des Bosporus. Wir schauten nicht hin. Aber auf den Schiffen umher entstand plötzlich eine wilde Bewegung. Matrosen schrien und winkten. In den Ruderbooten und Fischerkähnen, die die Wasserfläche belebten, erhoben sich entsetzt gurgelnde, mit den Armen fuchtelnde Morgenländer. Und jetzt stürzte unser Kapitän über Deck auf das Ankerspill zu. In seinem mahagonibraunen britischen Bulldoggesicht quoll ihm vor Schrecken das Weiße aus den Augen. ›Ist denn die Hölle los?‹ schrie er, auf die Ankerkette deutend. Und nun sahen wir: Zusammen mit der Ankerkette hob sich eine lange Reihe praller Säcke aus dem Meer. Sie waren alle durch ein dickes Seil miteinander verbunden, und dieses Seil hatte sich auf dem Meeresgrund in der Kette verfangen. Und in jedem dieser triefenden, stillen Säcke zeichnete sich der Umriß einer menschlichen Gestalt ab. In den oberen Säcken kleinere, zierliche, dann riesengroße. ›Da hat wieder einmal ein Pascha seinen ganzen Harem ertränkt!‹ sprach trocken der Bimbaschi Kühlewein. ›Die Frauen, die Dienerinnen, die Eunuchen – alles! Gott weiß, was da wieder in Stambul passiert ist!‹ ›Es war wahrscheinlich ein Mann in seinem Harem, und er wurde beim Weggehen gesehen!‹ versetzte der Wiener Buchhändler Camillo Bernrieder. Aller Augen richteten sich jäh zugleich auf den Schweden. Der baumlange Mensch hatte das Antlitz abgewandt. Er stützte sich, vornübergesunken, mit beiden Händen auf die Reling und heulte wie ein Kind. ›Den Anker weg!‹ brüllte der Kapitän mit heiserer Stimme. ›Zum Teufel mit dem Anker und allem! Alles – nur nicht die türkische Polizei! Ich will klare Papiere!‹ Der Anker wurde geopfert. Der Anker versank mit der Kette und allem, was an ihr hing, in die klatschende Flut. Dann wurde der Wasserspiegel glatt. Der Bosporus lag so friedlich, als sei nichts geschehen, im Sonnenschein. ›Fort! Dampf auf!‹ tobte der Kapitän. Wir waren in unser Boot hinabgeklettert und fuhren an Land. Als mir uns auf dem Kai von Galata nach dem Ostindienfahrer umschauten, schwamm er mit dem Schweden an Bord schon weit draußen im blauen Meer.«   »Und nur die alte Kupplerin«, fragte ich, dem diese Geschichte erzählt wurde, den deutschen Pascha Köhler, »dies dicke Geschöpf im schwarzen Umhang, kam ungestraft davon?« »Man fand sie, ein paar Tage später, an einer einsamen Stelle, drüben in Ejub, tot. Ohne Kopf«, sagte Köhler-Pascha. »Und als man den Mantel wegnahm, zeigte sich, daß es ein Mann war. Dem Körperbau nach ein fetter Levantiner.« »Den Kopf hatten sie beiseitegeworfen, damit ihn die wilden Hunde abnagen und unkenntlich machen sollten«, fügte er hinzu. »Aber er wurde noch rechtzeitig von ein paar Tscherkessen aufgehoben und abgeliefert!« »Und wem gehörte der Kopf?« fragte ich. Köhler-Pascha nahm einen Schluck und sagte: »Dem Dragoman Moldavani!« Odile Wer den alten Herrn Müri näher kennenlernen wollte, der durfte ihn nicht in der Stadt Algier selbst beobachten, wo er den ganzen Tag mit seinen Grundstückgeschäften herumtrottete, in weißem Spitzbart, weißem Leinenanzug, weißem Panama und weißem Sonnenschirm, bekannt seit dreißig Jahren bei Christen und Moslim. Man mußte den kleinen, weißköpfigen und sonnenbraunen Schweizer abends in seiner Villa draußen in Mustapha Supérieur aussuchen. Da saß er nach des Tages Last und Mühen als ein philosophischer Greis unter den Orangen und Ölbäumen seines Gärtchens, mit dem Blick über grüne Palmen und das blaugoldene Meer und die abendrote, schneeig flimmernde Stadt Algier, die für ihn seit einem Menschenalter ein aufgeschlagenes Buch war. Und wenn er dann guter Laune war, bei einem Glas purpurnen Karthager Rebenbluts, dann schlug er irgendeine Seite dieses Buches auf und erzählte. Und so auch die Geschichte von dem Hauptmann Cacciara und seiner Frau.   »Sie kennen den April in Algier!« sagte zu mir – es ist lange her, schon zu Anfang dieses Jahrhunderts – Herr Müri. »Unser afrikanischer April zeichnet sich durch Regengüsse, Windstärke 8 über dem Mittelmeer und Streik der Seeleute auf den Dampfern nach Marseille aus, die um diese Zeit von den vor der Sonnenhitze flüchtenden Europäern bis in die Bunker vollgepackt sind. Ich hatte meine Kabine für mich. Ich betrat unten im Hafen von Algier wohlgemut den Dampfer der Compagnie Transatlantique, zu einem Katzensprung hinüber nach Marseille, wo ich eine Bankbesprechung hatte. Es war da gerade eine Gelegenheit, hier in Algier ein süperbes Bauterrain am Boulevard Brû, mit unvergleichlicher Fernsicht, spottbillig zu erwerben ... Nun gut... Das Schiff überfüllt. Windpfeifen im Takelwerk. Die Rauchfahnen aus den Schloten schief querab. Das Meer draußen weiß von Schaumköpfen. Eine wackelige Überfahrt zu erwarten. Vorläufig lagen wir noch vertäut am Kai. Und in der Menge der auf Deck herumstehenden Reisenden sehe ich Odile – nicht mehr als Mädchen, als Odile Lenormand, sondern, seit einem halben Jahr, Madame Odile Cacciara. Eine blaue Schiffsmütze auf dem Blondkopf, gegen den Wind, in einem kurzen, grauzottigen Ziegenpelz, wie ihn die jungen Offiziersfrauen jenseits des Atlas zum Schutz gegen die jähen Temperaturstürze tragen, und gehe erfreut auf die entzückende, kleine Frau zu und begrüße sie. Denn ich kannte sie schon als bébé. Ihr Vater befehligte als Kapitän der Compagnie Transatlantique einen dieser Eildampfer zwischen Marseille und Nordafrika. In seinen jüngeren Jahren war er draußen in der Welt auf großer Fahrt gewesen und hatte eine Kapengländerin geheiratet. Daher kam es, daß Odile – obwohl Französin – eine rosige Blondine mit lichtblauen Augen war. In ihren feinen, schmalen Gesichtsschnitt mit dem schelmischen Stupsnäschen teilten sich Frankreich und England, den zierlichen, kaum mittelgroßen Wuchs verdankte sie der welschen Rasse. Sie war so reizend, wie nur eine junge, blühende, lebensfrohe Frau sein kann. »Also alles geht gut, Odile?« »Ach ja!« Ein dankbarer Augenaufschlag zum Himmel. Nun war sie schon ein halbes Jahr mit ihrem Korsen, dem Filiberto Cacciara, verheiratet. In einer jener unglaublichen kleinen Garnisonen des Ersten französischen Fremdenregiments – irgendwo unten am Rand der Sahara oder der marokkanischen Grenze, wo sich Schakal und Hyäne gute Nacht sagen. Aber jetzt – ihr Gesichtchen strahlte – jetzt hatten sie Urlaub – ihr Mann und sie! Jetzt konnten sie ihre Hochzeitsreise nachholen, die im vorigen Herbst, bei der Eheschließung, der Dienst nicht gestattet hatte. Damals mußte ihr Mann gegen irgendeinen widerspenstigen Wüstentribus zu Felde ziehen. Jetzt ging es nach Paris – Paris! Man würde in Monte Carlo ein paar Frankstücke riskieren, man würde in Toulouse Onkel Adhémar besuchen, das Leben war doch eine himmlische Erfindung. »Also sind Sie glücklich, Odile?« Und ob! Es hatte noch kein Wölkchen in dieser Ehe gegeben! Zwei Turteltauben! Er und sie! Odile war in allem eins mit ihrem Mann! »Wo ist er denn?« »Noch in der Stadt, um sich abzumelden! Ach – ich erwarte ihn mit Ungeduld! Wir kamen zu spät auf das Schiff. Diese Barbaren haben uns getrennt! Ich soll mit drei dicken Krämerfrauen in einer Kabine liegen. Und er mit ein paar farbigen Spahi-Leutnants zusammen. Es ist unwürdig!« In diesem Augenblick kam ein Schiffsoffizier. »Madame ... trösten Sie sich! Dieser Herr hat in liebenswürdiger Weise eingewilligt, zu den beiden algerischen Leutnants Lakhdar den Arabi und Allal zu übersiedeln und Ihnen und Ihrem Mann seine Einzelkajüte neben der des Herrn Müri zu überlassen!« Er präsentierte einen jungen, sehr gut angezogenen Herrn, der sich lächelnd verbeugte. Sein mageres, tiefbraun gefärbtes Gesicht war ein bißchen weich und leichtsinnig, so wie es vielen Frauen gefällt, die Augen grau und sanft, verständnisinnig, die Lippen bartlos, das in der Mitte gescheitelte kurze Haar fast weißblond über dem Sonnenbrand seiner Züge. Odile lächelte und gab ihm dankend ihre kleine, schmale Hand. »Sie sind sehr gütig, mein Herr!« »Es ist mir mehr als eine Pflicht – es ist mir ein Vergnügen, Madame, Ihnen zu dienen!« Er lächelte wieder verbindlich, beinahe kindlich, und verstummte. Aber er ging nicht weg. Odile schwieg etwas befangen. Ich belebte die Unterhaltung, indem ich bemerkte, daß es eine stürmische Überfahrt geben würde. Aber das machte auf Odile keinen Eindruck. Sie war die Tochter eines Schiffskapitäns, von Kindesbeinen an oft mit dem Vater auf See gefahren, eine kleine Wasserratte, eher, wie gesagt, im Äußeren einer zarten, jungen Engländerin ähnlich, als einer Französin. Ach nein: sie wurde nicht seekrank! Für diesen armen Filiberto, ihren Mann – sie zeigte lächelnd die weißen Zähnchen – konnte sie freilich nicht stehen! »Nun – so ist alles in Ordnung!« sagte ich erfreut zu dem jungen Mann und ging hinunter in meine Kajüte, die ich nun nicht, wie es sonst meine Ritterpflicht gewesen wäre, an das Ehepaar abzutreten brauchte. Er blieb oben mit Odile zurück. Und sie frug ihn – sie hat mir das alles später erzählt – nur, um etwas zu fragen. »Sie sind nicht Franzose, mein Herr?« »Nein, Madame, Amerikaner!« Er sprach fließend, wenn auch etwas fremdartig, Französisch. Die beiden hätten sich gut in dieser Sprache weiter unterhalten können. Aber Sie wissen ja, wie englisches Blut noch durch dreifache Verdünnung durchschlägt. Odile ging sofort in das Englische über und weitete nach kurzem Wortwechsel erstaunt die blauen Augen. »Sind Sie schon lange aus den Vereinigten Staaten weg?« »Warum fragen Sie, Madame?« »Ihre Muttersprache macht Ihnen ja Mühe!« »Es ist meine Muttersprache, und auch nicht!« sagte der junge Mann etwas zögernd. »Mein Vater ist von Herkunft Norweger! Ich wanderte als kleiner Junge mit ihm in Amerika ein. Zu Hause unter uns sprechen wir fast nur Dänisch!« »Ach so!« Odile gab ihm unbefangen die Hand zum Abschied. »Nochmals Dank! Da kommt mein Mann!« Der Hauptmann der Fremdenlegion Filiberto Cacciara war Korse. Und welches Korsen Ehrgeiz wäre es nicht, unter den Fahnen Frankreichs den Spuren Bonapartes zu folgen? Er hatte auch das Äußere seines Berg- und Inselvolks. Ein braunes Antlitz mit zwei glühenden, schwarzen Kohlen von Augen, langem, schwarzem Schnurrbart und Knebelbart, breitschultrige, sehnige Statur. Er war, auf Urlaub, in hellem Zivil. Er winkte heißblütig schon auf der Lauftreppe seiner Frau zu. Sie lief ihm leichtfüßig, schlank und blond, entgegen und lachte: »Wir haben eine Kabine für uns, mein Freund!« Und, nachdem sie die Einzelheiten berichtet, ihren schmalen Arm kameradschaftlich unter seinen schiebend: »Du mußt auch noch diesem Amerikaner deinen Dank abstatten! Irgendwo auf dem Schiff werden wir ihn schon finden!« Die Planken des Dampfers zitterten leise. Er glitt durch den Hafen dem offenen Meer zu, das mehr kochenden weißen Schaum als blaues Wasser zeigte. Die Reisenden kehrten fast alle der See den Rücken. Sie standen im Heck des Bootes und bewunderten das prächtige, versinkende, weite Rundbild Algiers, mit seinen mächtigen Arkadenwölbungen über dem Mastengewirr des Hafens, seinen aufsteigenden Häusermassen und dem grünen und gelben Glanz des umschließenden Höhenbogens. Odile hielt mit der Linken die Mütze auf dem Blondkopf fest und deutete mit der Rechten auf die Gruppen der Passagiere. »Da – der Herr dort drüben – mit den Händen in den Manteltaschen – in ihm siehst du unseren Wohltäter!« Der Hauptmann Cacciara war gern bereit, dem jungen Mann der achtlos, eine Zigarette rauchend, nach Afrika zurückblickte, ein paar höfliche Worte zu sagen. Er ging, über das schaukelnde Verdeck, unsicher und breitbeinig, auf ihn zu und blieb mit einem Schlag stehen. Sein martialisches, brünettes Gesicht verfinsterte sich jäh. Er schaute noch einmal, halb ungläubig, zu dem Fremden hinüber und dann auf seine Frau. »Odile – meine Teure – weißt du, wer das ist?« »Ich sagte dir ja: ein Amerikaner. Oder eigentlich ein Norweger...« »Erinnerst du dich, daß vor vierzehn Tagen ein Legionär aus meiner Kompanie desertierte?« »Dunkel. Es kommt so oft vor...« »...aber selten, daß man ihn, wie in diesem Fall, nicht wieder einfing, weil er offenbar von dritter Seite her über bedeutende Geldmittel verfügte!« »Und du willst doch nicht sagen, daß...« »Er hat sich den Schnurrbart abrasieren lassen. Aber die Ähnlichkeit ist unverkennbar. Es ist der Legionär Charles Hecklé – so nannte er sich wenigstens – ein Deutscher – aus meiner Kompanie!« Es war ein kurzes Schweigen. Dann zuckte Odile die schmächtigen Schultern. »Nun – so komm!« »Ja.« Aber sonderbar: Er trat einen Schritt vorwärts. Sie rückwärts. Beide schauten sich betroffen an. »Wohin, Filibert?« »... den Monsieur Hecklé begrüßen!« »Du kannst ihm doch nicht danken! Die Überfahrt ist ja nur kurz! Morgen mittag sind wir in Marseille! Ihr braucht euch ja auf dem Schiff nicht zu begegnen!« »Ich verstehe dich nicht!« »Er wird sich schon von selber zurückgezogen halten, wenn er dich sieht!« Der junge Mann lehnte, in einer lässigen und träumerischen Haltung, die zu der weichen Liebenswürdigkeit seines Wesens paßte, an der Reling. Er hatte eine Stange Weißbrot aus seinem neuen, hellgrau flatternden Reisemantel gezogen und fütterte damit lächelnd die um das Schiff stiebenden Möwen. Der Hauptmann Cacciara hatte sein Notizbuch herausgezogen und kramte darin. »Was suchst du, Filibert?« »Meine militärischen Ausweise – für den Kapitän des Schiffs – um den Legionär Hecklé verhaften zu lassen!« »Und was geschieht dann mit dem Unglücklichen?« »Man bringt ihn nach Sidi-bel-Abbès, vor das Kriegsgericht! Man wird ihn füsilieren!« sagte der Hauptmann Cacciara. »Denn er hat sich bei der Flucht tätlich an einer Schildwache vergriffen. Der Faustschlag von hinten, der diesen Posten betäubte, blieb ohne ernste Folgen. Doch er genügt!« »... Du willst ihn töten?« »Nicht ich! Frankreich tötet einen unwürdigen Soldaten! Noch dazu einen Ausländer! Einen Deutschen!« Der junge Mann drüben schaute belustigt, die Zigarette schief in dem leichtsinnig-abenteuerlichen, sonnengebräunten Gesicht, auf das Brotgeschnappe der kreischenden weißen Vögel. Odile fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann faßte sie den Arm ihres Mannes. »Bringe mich hinunter in die Kabine!« sagte sie. »Er läuft dir hier auf dem Schiff nicht davon!« »Du hast recht! Ich darf dich nicht dem Anblick der Szene aussetzen, die jetzt kommt! Er führt wahrscheinlich Waffen bei sich. Es ist alles möglich.«   »Nun – diese Kajüte des Ehepaares Cacciara«, fuhr der alte Herr Müri unter dem Abendschatten der Orangenbäume vor seiner Villa in Mustapha Supérieur fort, »...diese Kajüte lag, wie schon bemerkt, neben meiner, und die Zwischenwände waren so dünn, daß man, in den Pausen zwischen dem Klatschen der Wellenbrecher an der Schiffswölbung, jedes Wort des Nachbarn verstehen mußte. Und unglücklicherweise konnte ich mich auch nicht diskret auf Deck zurückziehen, als das Ehepaar von dort herunterkam, denn ich saß in Hemd und Unterhose auf meiner schaukelnden Bettpritsche, damit beschäftigt, die leichte Kleidung Afrikas mit wärmeren Hüllen gegen die rauhe Seeluft zu vertauschen. Draußen donnerte ein Wogenorkan gegen das Bullauge. Dann hörte ich nebenan eine weiche Stimme. »Filibert – Deine kleine Frau bittet dich: Bleib hier! Lasse diesen Unglücklichen! Schone sein Leben! Eine Frau bittet dich!« »Dies ist Männersache, meine Liebe!« »Filibert! Er ist ein Mensch wie du! Was hat er dir getan?« »Ich bin hier nicht Mensch! Ich bin hier Soldat im Dienste Frankreichs!« »...und ich bin eine Frau, die dich innig liebt! Ich schwöre es dir: Es ist nur Mitleid mit diesem armen, jungen Blut, das aus mir spricht! Habe auch du Mitleid!« »Ich darf nicht!« Die Stimme des Hauptmanns Cacciara klang seltsam matt. Das Schiff war jetzt ganz auf freiem Meer, in der Gewalt des Sturms. Es machte zuweilen Versuche, sich auf den Kopf zu stellen. Dann stieg hinten die Schraube aus dem Wasser, und man hörte, wie sie krachend wieder in die Wellen zurückschlug. In diesem Lärm hatte ich von nebenan nichts verstanden. Nun wieder die flehende, sanfte Frauenstimme. »Filibert! Sei nicht grausam! Vergieße nicht unnötig Blut! Zerstöre nicht das edle Bild, das ich von dir in mir trage!« »Du hast ...« Der Korse sprach mühsam ... »einen Offizier geheiratet ... meine Beste!« »Du stehst so hoch vor mir! Ich sehe zu dir auf ... Sei menschlich!« »... und mein Dienst?« Der Hauptmann ächzte. »Wenn das da unten in Afrika passiert wäre ... in der Kaserne ... Gewiß! Aber hier! Unterwegs nach Europa! Du trägst Bürgerkleid, wir fahren ins Glück! In den Urlaub! In dies schöne Frankreich! Wir lieben uns so sehr! Es geht uns so gut! Die Welt ist für uns voll Sonnenschein! Lasse nicht den Schatten des Todes zwischen uns fallen!« Zwischen uns ... Ich nebenan hörte diese Worte – diese Szene – eine andere, als sie sich sonst die Komödiendichter in Paris auszudenken pflegen. Dort geht es um den Liebhaber. Auch hier trat ein Dritter zwischen Mann und Frau. Aber er kam nicht als Geliebter. Dieser leichtsinnige, hübsche, oben auf dem Deck Möwen fütternde junge Taugenichts kam als ein Schicksalsbote, der einer liebenden jungen Frau den Schleier von den wahren Zügen ihres Mannes riß ... »Filibert ... Deine kleine Odile weint ... nur aus Mitleid... nur aus Schrecken über deine Veränderung... deine Härte...« »Ich muß... zum Kapitän...« »Ich fürchte mich vor dir... und vor unserem künftigen Leben...« »Ich gehe ...« Aber es schien: Der Hauptmann Cacciara ging nicht. Statt dessen klang ein angstvoller Ruf seiner Frau – sie war offenbar aufgesprungen und hielt sich stolpernd irgendwo in der schwankenden Kabine fest. »Filibert: Was ist mit dir? Warum wirfst du dich lang aufs Bett?« Ein Stöhnen nur als Antwort. »Fühlst du dich nicht wohl, Filibert – mein Liebling?« Ein neues Röcheln und Gurgeln. Und dann Odiles befreite Stimme in einem Stoßgebet: »Gott sei Dank! Er ist seekrank geworden.«   »Ja – dieser bärenstarke, pechschwarze Korse opferte auf der ganzen Überfahrt dem Meere, als sei er eine bleichsüchtige Jungfer!« sagte der alte Herr Müri. »Ich hörte es dauernd nebenan. Er konnte sich nicht regen und rühren. Er schämte sich, den Kapitän an sein Schmerzenslager kommen zu lassen und sich ihm in diesem Zustand zu zeigen, und der hätte auch, im Sturm, keine Möglichkeit gehabt, seine triefende Kommandobrücke zu verlassen und sich mit den Passagieren zu befassen. So gewann der ahnungslose Fremdenlegionär a. D. Charles Hecklé eine Galgenfrist bis zur Einfahrt nach Marseille. Was inzwischen geschah, hat mir Odile selbst erzählt.«   Als es abends zum Diner läutete, ging sie, eine seefeste halbe Engländerin und ein seebefahrenes Kapitänskind, ihren Mann allein lassend, hinunter in den Speisesaal. Die lange Tafel, über der aufgeregt die Hängelampen kreisten, war fast leer. Nur vereinzelte Gäste saßen vor den Holzrahmen, in denen die Suppenteller spritzten und der warme Zwiebelschinken – nie kocht ein Schiffskoch fetter als bei grober See – schaukelte. Man konnte seinen Platz nach Belieben wählen, und Odile setzte sich, ohne die Anweisung des Stewards abzuwarten, dem braungebrannten, freundlich lächelnden Deserteur gegenüber, der jung, blond, blauäugig und lebensfrisch war wie sie. Der lange, schmale Windhund von Dampfer rollte augenblicklich. Abwechselnd stieg bald die eine, bald die andere Seite der Tafel in die Höhe. Als Odile gerade ganz hoch oben war, ein Stück Thunfisch in Öl auf der Gabel, sah sie auf ihr Gegenüber tief unten hinab und fragte: »Wie heißen Sie eigentlich, mein Herr?« »Frederik Kidd!« – Der junge Mann wuchs auf seinem festgeschraubten Stuhl lächelnd über ihr empor, während sie in die Tiefe versank und von dort weiter forschte: »Ist das Ihr wahrer Name?« »Zu Ihrem Dienst, Madame! Mein norwegischer, nach Amerika importierter Name!« Der leichtsinnig-liebenswürdige, braungebrannte Kopf drüben bewegte sich schnell abwärts. »Haben Sie einen Paß mit diesem Namen?« Odile rief es im Abwärtsstreben. Aus der Unterwelt, zwischen dem Platschen eines Rotweinglases, die sorglose Antwort: »Nein. Es tut ja nicht not! Niemand in Europa außer Rußland fragt zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts noch nach einem Paß!« Odile zögerte. Dann sagte sie rasch: »Gute Nacht, mein Herr!« und tastete sich in ihre Kabine zurück.   Am nächsten Vormittag hatte sich die Windstärke zu einem schweren Sturm ausgewachsen. Es waren noch weniger Passagiere zum Lunch erschienen. Odile und der fremde junge Mann saßen sich gegenüber wie zwei Kinder auf einer Wippe und hatten Mühe, Glas und Gabel zum Mund zu balancieren. Dabei fragte er teilnehmend – er hatte ausgezeichnete Manieren und setzte nicht eine Sekunde den freundlichen Respekt vor einer Dame außer Auge. »Und Ihr Gatte, Madame?... Man sieht ihn nicht?« »Ich bin mit meinem Vater, einem Schiffskapitän, bis Westindien gefahren! Nach Brasilien! Nach Kanada!« sagte die blonde Odile. »Aber noch nie sah ich einen Mann, der so seekrank war wie mein Mann! Er rührt sich nicht mehr, der Unglückliche! Er liegt und schweigt! Aber bei der Einfahrt in den Hafen wird er sich rasch erholen! Ich kenne das!« »Sie sind auch etwas bleich, Madame!« »Das hat andere Gründe!« Odiles schmales Antlitz trug einen harten, veränderten Zug. Eben tanzte die Leeseite, auf der ihr Stuhl stand, wieder in die Höhe. Sie beugte sich über den schiefen Tisch vor und sagte zwischen den Zähnen, durch das Dröhnen einer Sturzwelle auf Deck über ihr, zu ihrem in die Tiefe zurücksinkenden Gegenüber. »Sie sind der entflohene Fremdenlegionär Hecklé!« »Madame...« Unten lächelte ein leichtsinniges Gesicht. Aber es war ein verzerrtes Lächeln. Ein fahler Schein legte sich über die tiefe Bräunung der Züge. »Nehmen Sie sich in acht! Sie spielen mit Ihrem Leben! Ihr Hauptmann ist an Bord!« »Woher wissen Sie das ...?« »Es ist mein Mann!« Zugleich mit diesen Worten erhob sich Odile hastig von ihrem Stuhl. Sie vermied es, den jungen Mann gegenüber noch einmal anzusehen. Sie arbeitete sich, die flache Hand an die Seitenwand des Speisesaales gestützt, vorbei an den Innenkabinen, aus denen das Gurgeln der Seekranken scholl, die wild schwankende Treppe empor, auf Deck. Dort hielt sie sich, breitbeinig auf den rollenden Planken stehend, am Tauwerk einer Rahe fest und spähte hinaus übers Meer. Und sah – schon ganz nahe – mit bloßem Auge deutlich zu erkennen, drüben die schneeweißen Kalkklippen der französischen Küste. Hoch oben, golden in der Sonne flimmernd, die Riesenstatue von Notre Dame de la Garde. Ein unbestimmtes, weites, graues Dunstgespinst zu Füßen der heiligen Jungfrau: Masten, Schlote, Dächer: Marseille. Der Dampfer hatte den gefürchteten Löwen-Golf hinter sich. Er lief in die gewaltige, stille Inselbucht vor dem Hafen ein. Auf einmal wurden seine Bewegungen so ruhig wie auf einer Seinefahrt vom Quai d'Orsay nach St. Cloud. Und schon kamen, wie immer, noch gelb wie Leichen auf Urlaub, die ersten, jäh genesenen Seekranken an Deck und lächelten harmlos, als sei nichts geschehen. Die anderen Opfer des Meeres folgten. Die Matrosen liefen geschäftig hin und her. Das ganze Verdeck füllte sich unter dem Brüllen der Schiffssirenen mit Menschen, und alle standen auf der einen Seite und starrten da in das Wasser. Die Einfahrt war hier besonders schmal und schwierig. Denn gerade an dieser Stelle war vor einigen Wochen ein anderer Dampfer der Compagnie Transatlantique auf der Heimfahrt von Tunis gesunken. Sein Heck ragte noch steil aus dem glatten Spiegel. Man sah den ganzen Schiffskörper unter sich in der klaren Flut. Man sah wie durch grünes Glas durch die offenen Türen in die leeren Kabinen hinein, in denen noch die Habseligkeiten der in aller Eile vollzählig geretteten Passagiere – Schiffskoffer, Aktenmappen, Plaidrollen – je nach ihrer Schwere lagen oder trieben. Ganze Schwärme von kleinen Booten schwammen um die Unglücksstelle. Sie fischten, was nicht niet- und nagelfest war, aus dem versunkenen Dampfer heraus, in dem halbnackte, schwarzbehaarte Männer von dem über Wasser befindlichen Heck, mit Seilen bewaffnet, in die Tiefe hinabwateten, wo, wie es schien, im Schiffsbauch Taucher an der Arbeit waren. Von dem vorbeifahrenden Passagierboot aus beobachtete alles gespannt diese Vorgänge. Nur der Hauptmann Cacciara hatte sich noch nicht ganz erholt. Er kleidete sich, als seine Frau bei ihm eintrat, eben mühsam an. Sie musterte ihn scheu, bang, wie einen fremden Menschen. Es war eine schwere, lähmende Stille zwischen ihnen. Aber sein bleiches, martialisches Gesicht war hart entschlossen. Odile wußte, was das bedeutete: den Tod für den jungen Mann da oben! Den unerbittlichen Tod!... Und ihr Gatte rückte von ihr immer weiter – in irgendwelche Ferne, aus der es keine Rückkehr zu ihrem Innersten gab. Eben als der Hauptmann fertig war, hörte das schwache Zittern der Schiffswelle auf. Die Ankerkette rasselte. Der Dampfer lag still. Aber noch war Zeit. Noch durfte vor Eintreffen der Hafenbehörden niemand von Bord. Filiberto Cacciara sah seine Frau nicht an. Er gab sich einen Ruck in den breiten Schultern. Er stieg straff hinauf an Deck, um dem Kapitän Meldung zu erstatten und den Fremdenlegionär Hecklé verhaften zu lassen. Odile sah ihm schweigend nach. Ihr Gesicht war starr. Oben stand aufgeregt der Kapitän, die Passagierliste in der Hand, vor der Hafenkommission. Der finstere Korse hörte im Herantreten, wie er zu den Beamten sagte: »Seit einer halben Stunde schon durchsuchen wir das ganze Schiff! Einer der Reisenden erster Klasse ist spurlos verschwunden!« »Sein Name?« »Frederick Kidd, Minen-Ingenieur aus den Vereinigten Staaten, zur Zeit am Polytechnikum in Zürich, von wo er sich zum Studium der Erzlager im Atlas, auf einige Wochen nach Algier begeben hat!« »Wann sah man ihn zuletzt?« »Hier seine Kabinengenossen, die Herren Leutnants Lakhdar ben Arabi und Allal, bestätigen, daß er die Nacht noch mit ihnen verbracht hat!« »Heute mittag saß er noch beim Lunch Madame gegenüber!« bekundete der Steward und wies auf Odile, die ihrem Mann gefolgt war. »Sie wissen nichts von ihm, Madame?« »Nein!« sagte Odile. Und plötzlich stand es wie eine Eingebung vor ihr: Die eine Längsseite des Verdecks voll Menschen, die andere vollkommen leer und unbeachtet. Der versunkene Dampfer, davor auf der Wasserfläche die treibenden Barken, die halbnackten Männer. Geld hatte er, der verlorene Sohn aus gutem Hause, offenbar in Menge. Es war in diesem, nicht wiederkehrenden Augenblick für einen gewandten Burschen wie einen Fremdenlegionär vielleicht nicht schwer, sich unbeobachtet an einem Tau längs der Schiffswand in eines der Boote gleiten zu lassen und mit der Faust voll Banknoten die halbwilden Kerle zu hypnotisieren, daß sie ihn irgendwo an Land schafften. Dann mußte er, in solch einem langsamen, kleinen Ruderkahn, vielleicht jetzt eben im Hafen angelangt sein und den Fuß auf den Boden des alten Europa setzen. Der Dampfer lag dicht am Kai. Eine schwarze Menschenmenge, aus der rote Schärpen und olivengrüne Plüschhosen leuchteten, stand wie immer bei Ankunft eines Schiffs am Ufer und beobachtete die Vorgänge auf Deck und die Verzögerung der Landung. Odile schaute leer über die Mauern von Köpfen hin. Dahinter lärmte im Hin und Her von Arbeitern, Matrosen, Reisenden, Bummlern, das ihr so wohlvertraute Hafenleben von Marseille. Unter einer dieser Gruppen sah sie einen jungen Mann. Er war zwischen den Schiffen im Hafen aus einem Ruderboot gestiegen. Ein belangloser Vorgang, hundertfach in jeder Stunde, bei dem regen Verkehr der Kontor-Angestellten, der Makler, der Versicherungsvertreter, der Spediteure, zwischen dem Land und den von allen Erdteilen kommenden, nach allen Erdteilen gehenden Handelsdampfern. Der junge Mann schlenderte langsam und unauffällig seines Wegs. Sein leichtsinniges, gebräuntes Gesicht war ruhig und sorglos. Er kam an dem schmalen, langen Schiff der Compagnie Transatlantique vorbei. Er schaute, ohne den Fuß zu hemmen, gleichgültig, mit dem flüchtigen Interesse, das jeder im Hafen für blauen Wimpel der Abfahrt und gelbe Flagge der Ankunft zeigt, nach dem Passagierboot aus Algier hinüber. Eine Sekunde nur trafen sich seine Augen mit denen Odiles oben auf dem Deck. Dann wandte sie sich ab, um keine Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken, und ihre Züge verfärbten sich... Neben ihr stand ihr Mann! Und sie sah an seinem Gesichtsausdruck: Er hatte den unten erkannt. Es war eine atemlose Stille zwischen ihnen beiden. Der Korse Cacciara konnte mit einem Handwink, einem Zuruf an die Sergeants de Ville unten, die die Lauftreppe vom Kai zum Schiff bewachten, den jungen Mann anhalten lassen, hinunterlaufen, sich als dessen Vorgesetzten ausweisen! Er tat es nicht. Er drehte langsam den schnurrbärtigen Kopf zur Seite, so als habe er nichts gesehen ... Eine leidende Ergebung lag auf den düsteren Mienen des Welschen: Was die Frau will, will Gott... »Ich glaube, Odile, wir werden gutes Wetter für unsere Reise nach Paris haben!« sagte er mit einem prüfenden Blick zum Himmel. Der junge Mann war in der Richtung nach dem Menschengewimmel der breiten Cannebière verschwunden. Dort hinten lag der Bahnhof. Fast jede Stunde ging ein Schnellzug. Über die Grenze. Auf Nimmerwiedersehen... Odile schob ihren Arm unter den ihres Mannes und schmiegte sich an ihn, wie es eine zärtliche, kleine Frau tut. »Jetzt machen wir unsere Hochzeitsreise!« sagte sie mit feuchten, blauen Augen. Drüben auf dem Dampfer steckte der Kapitän seine Papiere ein. »Wir werden natürlich das Schiff in allen Winkeln durchstöbern!« sprach er zu den Hafenbeamten. »Aber das Verschwinden von Passagieren auf hoher See ist ja leider ein altes Geheimnis der Schiffahrt! Ob Selbstmord oder Unglücksfall – ich fürchte, wir werden nie wieder etwas von Mr. Frederick Kidd vernehmen!« Das Bild Es gibt – über das Gesetzbuch hinaus – eine Verjährungsfrist«, sagte der steinalte, kleine Justizrat abends beim Glas Wein in der Museumsgesellschaft zu den anderen Honoratioren, »das ist die Schweigepflicht – oft nur eine moralische Schweigepflicht. Die hört, für einen gewissenhaften Menschen wie mich, erst auf, wenn allen Beteiligten längst kein Zahn mehr weh tut und von den Lebenden keiner mehr erraten kann, mann, wo und zwischen wem sich Anno Tobak irgendein Geheimnis abgespielt hat. Solch ein Fall ist mir gestern, als ich wieder einmal in den Akten meines Lebens geblättert hab', plötzlich aus fernen Jahrzehnten heraus in das helle Heute getreten. Passen Sie auf: ich werde Ihnen mal die Geschichte von dem Bild erzählen. Ich war damals mit Vorliebe als Verteidiger in Kriminalprozessen tätig. Ich hatte bereits einen gewissen Ruf. Daß die Kundschaft sich da nicht gerade aus Landpastoren und Pensionatsvorsteherinnen zusammensetzt – na – das ist klar. Es kommen da zu einem allerhand Kostgänger Gottes. Man wundert sich nach kurzer Zeit über nichts mehr. Es ist eine angenehme Abwechselung, wenn man mal in der Sprechstunde die hereingeschickte Besuchskarte eines polizeilich völlig unbescholtenen Normalmenschen in der Hand hält, wie das der Weinhändler Karl Nägele war. Ich wußte: der Freund Nägele hatte nichts ausgefressen. Der lebte mit Frau und vier Kindern als wohlhabender, fleißiger und geschäftstüchtiger Staatsbürger, Stadtrat und Steuerzahler. Der kam nur mal vorbei um zu fragen, ob nicht in meinem Keller eine Lücke sei. Denn er war als Weinhändler unermüdlich selber auf dem Trab. Als sein eigener Reisender rastlos unterwegs bei seinen Kunden, da und dort in Deutschland, und auf persönlichen Einkaufsreisen nach Bordeaux, ins Tokaierland, ich glaube sogar bis Oporto. Daher hatte es der Mann auch zu etwas gebracht... »Nägele – Nägele – du alter Wiedertäufer ...«, sage ich, als er hereinkommt. »Wasser allein tut's freilich nicht! – das muß man euch Weinhändlern immer wieder predigen! Wie ist's? Hast du einen trinkbaren Tropfen Überrheiner für mich?« Aber mein Nägele hörte gar nicht zu, sondern setzt sich mir gegenüber, ganz steil aufrecht, die flachen Hände auf den Knien, starrt mich an und sagt nur: »Also ... ich werd' verrückt ...« »Nur Ruhe! ... das hat ja noch Zeit!« erwidere ich und besichtige nun mal so den Nägele scharf durch den Zwicker. Äußerlich ein großer, vollsaftiger, blühender Bruder – stramm, mit breiten Schultern – noch jugendlich ausschauend, mit einem unternehmend aufgedrehten Schnurrbärtchen in dem runden, gesunden Gesicht – so, wie man sich eben einen Mann denkt, der mit Weinen zu seinen Kunden kommt und mit Lachen geht. Das war ein Stammwitz von dem Nägele selbst. Erst wenn man ihn näher betrachtete, merkte man, daß sein blondgelockter, fröhlicher Rheinländerkopf an den Schläfen doch schon ein wenig ins Graue schillerte und er doch schon so die erste Hälfte der Vierzig auf dem Buckel hatte. Und dann sah man auch, daß die tiefrosige, anheimelnde Färbung seiner vollen Wangen nicht nur ein Zeichen von Gesundheit war ... »Nägele...« Ich schüttelte mein bedeutend jüngeres, aber weises Haupt. »›Die Liebe und der Suff –‹« In Punkto Liebe liegt gegen dich vielköpfigen Familienvater nichts in den Strafakten vor. Aber der Suff...« »Das muß ich als Weinhändler ...«, sagt er und fährt sich wie benommen mit der Hand über die Stirn. »Der Doktor hat dich neulich erst am Stammtisch vor zu viel Alkohol gewarnt. ...« »Das ist nicht der Wein. An den bin ich gewöhnt. Das jetzt – das ist etwas anderes ... völlig Unerklärliches. ... Es steht einem der Verstand still. ... Ich muß mit einem vernünftigen Menschen darüber reden!« »Also schieß los!«   Der hitzköpfige Karl Nägele richtet sich noch straffer empor, blickt mich förmlich herausfordernd an – und dabei gerade sieht man doch die ersten, winzigen Ermüdungsfältchen an den Augen, schattenhafte Krähenfüße an den Schläfen – ein entschieden ein bißchen zu frühes Altern – und erkundigt sich brüsk: »Hand aufs Herz: Habe ich irgend etwas Merkwürdiges an mir?« »Nicht das geringste!« versetzte ich aus vollster Überzeugung. »Äußerlich nicht?« »Äußerlich bist du ein gut aussehender Mann in den besten Jahren – wenn dir mit dieser Schmeichelei gedient ist! ... und damit Schluß!« »Und innerlich? – als Mensch – mein' ich – du kennst mich ja. ...« »Na gewiß! Du füllst deinen Platz im Leben aus. Du betreibst mit Schwung das ererbte, väterliche Weingeschäft ...« »Nicht ererbt!« unterbricht mich Nägele. »Das war lang vor deiner Zeit! ... Ich hab' eingeheiratet. Ich mache daraus gar kein Hehl. Ich war einfacher Kommis in einem Kolonialwarengeschäft – Heringsbändiger, wie sie in der Posse sagen – und habe auf einem Vereinsvergnügen meiner jetzigen Frau gefallen. Sie war die einzige Tochter. ...« »Na – ererbt oder erheiratet – das ist ja Jacke wie Hose!« sage ich. »Jedenfalls: du sitzt warm! Und was stört nun deine Ruhe?« »Also neulich schickt mir irgendeine Nichte das Bild ihres Erstgeborenen. Wir wollen es in das Familienalbum stecken. Und als ich nun bei der Gelegenheit in dem Album blättere – da fehlen – nun bitte höre zu! – da fehlen alle meine eigenen Photographien – vom Rekruten bei der Feldartillerie ab und vom unternehmenden jungen Mann und vom Hochzeiter in Frack und weißer Binde bis auf die Gegenwart! Alle anderen sind da! Bloß meine nicht! Irgend jemand hat sie herausgenommen! Was sagst du dazu?« »Ein dummer Witz von einem deiner Sprößlinge!« »Glaubst du, ich hätte nicht inquiriert? Der Adolf, der Primaner, macht mir unter dem Zwicker sein hochnäsigstes Gesicht. Der verachtet seinen Vater ja überhaupt im stillen, weil der bloß Weinhändler ist und er, der Adolf, ein achtzehnjähriger Ästhet. Die Emma – die Verlobte – erklärt schnippisch, sie habe schon Ärger genug, daß ich zu wenig Geld für ihre Aussteuer ausgebe. Der Paul heult gleich darauf los und ist ganz verbockt. Er ist doch nun mal ein miserabler Schüler und soll doch um jeden Preis das Einjährige machen. Und das Marthchen – du weißt ja – sie ist taub und ein wenig zurückgeblieben. Die kann so einen Zusammenhang gar nicht begreifen. Erfreulich ist mein Familienleben gerade nicht. ...« Nein. Das wußte ich. Der fröhliche Nägele war ein Mann für die Außenwelt. Daheim behandelten sie ihn wirklich schlecht. Es war da eine unerquickliche, unfreundliche Stimmung aller gegen alle. Mir schien: das ging von der Frau aus. Die hatte immer so etwas Spitzes und Säuerliches und Scharfes. »Merkwürdig!« sage ich. »Bitte, weiter! Ich fuhr auf eine Geschäftsreise. Als ich zurückkomme – da hängt doch über dem Vertiko eine Photographie von mir in gepunztem, rundem Lederrahmen! Erinnerst du dich?« »Genau!« »Also vorgestern früh ist sie weg – einfach weg – Ein leerer, heller Kreis auf der Tapete!« »Und du hast keinen bestimmten Verdacht?« »Gott. ... Es kommt täglich ein Haufen Menschen in Geschäften in meine Wohnung – Lieferanten – Kunden – Geldbriefträger – was weiß ich ...« »Aber – nimm es mir nicht übel – wer hätte denn ein Interesse daran. ...« »Ja eben! Aber nun kommt das Tollste: Vorhin. Nach Tisch. Meine Frau hat ein Medaillon – innen mit meinem auf Porzellan gemalten Bild – nach einer Photographie – ich hab' es ihr ganz vor kurzem, zu unserem zwanzigjährigen Hochzeitstag, geschenkt – Es lag auf dem Tisch in unserm Schlafzimmer. ... Am hellen Tag – hui – fort!« »Nanu?« »Diesmal glaubt unser Mädchen gerade noch einen kleinen Mann in einem Radmantel gesehen zu haben, der ganz ruhig durch den Flur nach dem Treppenhaus wegging. Sie glaubte, es wäre irgendein Handwerksmeister, den ich zur Besichtigung einer Reparatur in das Schlafzimmer geschickt hätte.« »Hat sie ihn deutlich gesehen?« »Nein. Nur unbestimmt. Sie hat weiter keinen Wert darauf gelegt. Es ist bei mir ja den ganzen Tag ein endloses Kommen und Gehen. Der reine Taubenschlag.« Der Weinhändler Nägele stand unruhig auf. Er war nicht ganz fest auf den Beinen. Nicht, daß er zu stark gefrühstückt hätte – das waren Schwindelanfälle, die von dem Blutandrang nach dem Kopf kamen. »Vor allem würde ich die Chose humoristisch auffassen, statt mich so furchtbar aufzuregen!« sagte ich. »Ist die Geschichte ja gar nicht wert!« »... So – Und wenn ich jetzt verreisen muß? ... Ich muß heute nacht eine dringende Geschäftsreise für eine Woche und länger antreten! Ich kann sie nicht verschieben. Angenehmes Gefühl, daß inzwischen große Unbekannte, zu Gott weiß welchem Zweck, in meinen vier Wänden herumwirtschaften! ... Mensch ... ... Ich hab' doch Frau und Kinder. ... Ich kann die doch nicht in meiner Abwesenheit räuberischen Überfällen aussetzen. ...« »Na – na – na – So sehr kommt doch ein vernünftiger Mitteleuropäer wegen so was nicht aus dem Häuschen!« »Ich gebe zu: Ich bin in einer wahnsinnigen Aufregung...« »Dann rege dich jetzt mal ab und geh ruhig nach Hause. Ich werde jetzt mal scharf über die Geschichte nachdenken. Sie ist ja komisch. Gegen Abend komm ich dann einmal bei dir ran!« Ich dachte scharf nach. Dabei fiel mir nichts ein. Statt dessen kam – schon lange nach Einbruch der Dämmerung – von Karl Nägele ein hastig gekritzelter Zettel in flüchtig geklebtem Umschlag – von einem Dienstmann abgegeben. Die vier Kinder des Hauses waren offenbar zu großartig, um einen Botengang zu tun. In dem Brief stand: »Jetzt eben ist glücklich auch noch das große, eingerahmte Kompagniebild aus meinem Schreibzimmer verschwunden, wo ich gerade in der Mitte hinter dem Hauptmann stehe! Während ich im Schlafzimmer den Koffer für die Reise packte! Man möchte rein überschnappen! Bitte kommen, so rasch wie möglich!« »Das ist ja zum Stiefelausziehen!« sagte ich mir. Aber ich zog mir im Gegenteil, sobald mich endlich, spät abends, die Geschäfte freiließen, Stiefel statt der Hausschuhe an und ging hinüber in die Wohnung des Weinhändlers Nägele.   Sie hatten, weiß Gott, mit dem Abendessen auf mich gewartet, obwohl es schon gegen zehn Uhr abends war. Das heißt: nur er und seine Frau waren da, die älteren Nachkommen außer Haus, die jüngeren zu Bett. Frau Nägele war so verschnupft und unliebenswürdig wie immer. Das war ihre Art so. Gegen alle. Man mußte sich daran gewöhnen. Vor der Flurtür hatte ich mich, ehe ich läutete, noch prüfend im Treppenhaus umgesehen, ob da irgend etwas Auffälliges zu bemerken sei. Natürlich nichts. Dagegen vernahm ich durch die Tür von innen den schrillen Diskant der Frau Nägele und zuweilen, selten, seine Stimme. Eine häusliche Zank- und Schrei-, Katz- und Hund-Szene war da in vollem Gange. Ich hörte: »... aber so bist du ... Jetzt, wo einem von der Geschichte die Haare zu Berg stehen, läßt du mich ruhig hier allein in der Wohnung ...« »Ihr seid doch zu fünf ...« »... unter Räubern und Mördern ...« »... außerdem kriegst du noch Logierbesuch ...« »... und fährst seelenruhig davon ...« »Herrgott – ich muß doch Geld verdienen ...« »Wo läßt du's denn – he? Ewig knauserst du! Nie gibst du dem Adolf und der armen Emma genug! Von mir will ich schon gar nicht reden! ... Oder von den beiden armen kleinen Würmern!« »Ich racker' mich ab für euch ... ohne daß es mir einer von euch dankt ...« »Du bist nur froh, wenn du wieder auf Reisen gehen kannst ...« »... um mein Geschäft zu betreiben!« »Dein Geschäft? ...« Die Frau Nägele zeterte. »Mein Geschäft war es! ... Mir hat die Weinhandlung gehört! Ich hab' sie in die Ehe gebracht, wie der Papa gestorben ist! Du warst ein armer Schlucker!« »Und wer hat dann die Weinhandlung fortgeführt und in die Höhe gebracht, wenn nicht ich? Da wäre was Schönes draus geworden ohne mich! Pleite gegangen wärt ihr mit Schuhen und Strümpfen – du und die liebe Schwiegermama – ohne mich ...« Inzwischen hatte ich geklingelt. Nun wurde es auf einmal still. Als Karl Nägele öffnete, hatte der Sturm ausgetobt. Ich wurde empfangen, als sei nichts geschehen. Jetzt saß das Ehepaar scheinbar friedlich rechts und links von mir an dem runden Ecktisch. Nägele, die alte Kriegsgurgel, war während der Mahlzeit wieder einmal sein eigener bester Kunde. Er schluckte einen schweren, goldgelben, blumigen Pfälzer, Trockenbeeren-Auslese, hinunter wie Wasser. Sein rundes, joviales Antlitz mit dem aufgedrehten Schnurrbärtchen blühte tiefrosig im alkoholischen Alpenglühen. Aber die kleinen, gutmütigen, blauen Augen dämmerten gedrückt und geistesabwesend über das Rheingold im Römer hinweg ins Leere. Ich bückte mich einmal rasch, um meine Serviette aufzuheben. Dabei sah ich, wie sich seine schlaff herabhängende linke Hand immer wieder unter dem Tischtuch in einem mühsam verhehlten Nervenzittern des ganzen Menschen ausspreizte und ballte. »Trink nicht so viel, Nägele! Es ist ungesund!« sagte ich. Er kippte zur Antwort wieder ein Glas in die Kehle. Guckte nervös auf die Uhr. Zum zehntenmal in der letzten Viertelstunde. »Wenn mich nur die Nachtdroschke nicht im Stich läßt«, sagte er unruhig. »... Daß ich zu rechter Zeit auf den Bahnhof komme! Ich hab's dem Mann auf die Seele gebunden!« »Ist denn deine Geschäftsreise wirklich so dringend?« fragte ich. Frau Nägele zuckte, ehe er antworten konnte, spöttisch die spitzen Schultern. Sie war vierfache Familienmutter. Aber sie hatte dabei etwas merkwürdig Altjüngferliches. Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß sie einmal jung gewesen war. Sie wirkte auch nicht ältlich, sondern eher vertrocknet, hagebuttenhaft. Sie versetzte bitter: »Dem Karl seine Reisen sind immer dringend, – weil er es nicht erwarten kann, von hier wegzukommen ...« Das konnte ich dem fidelen Rheinländer nun eigentlich nicht gerade übelnehmen, wenn man seine bessere Hälfte sah. Die fügte hinzu: »Wenn's auf die Walze geht – da springt er die Treppe drei Stufen auf einmal hinunter wie ein Schulbub, wenn die Schule aus ist, den Hut im Genick und trällert und schwenkt sein Stöckchen. Daß ich jetzt die Nacht kein Auge zutue vor Angst – das stört ihn nicht!« »Was hilft's denn, wenn ich dableib'!« schrie der Hausherr gereizt. »Deswegen spukt's doch bei uns weiter. Helfen kann ich da nichts. Ich hab' den Doktor um Hilfe gebeten. Na und? ... Da sitzt er ... Der große Jurist weiß genau so viel wie wir – nämlich nischt!« »Das Ganze ist ein dummer Witz!« sagte ich. »Irgendeine Stammtischwette, um dich zu foppen! ... Weiter nichts ...« »Na – wenn ich den Attentäter mal erwische ...« Karl Nägele atmete heftig. Er trocknete sich die Stirne mit dem Sacktuch, obwohl es gar nicht heiß im Zimmer war. Der Wein? ... Na – der Bacchus macht doch lachen! Aber ich sah, trotz des sorgenbrechenden Rebensaftes, einen merkwürdigen, unerklärlichen Ausdruck von Angst in Nägeles Gesicht. Er schaute zornmütig auf und wies auf ein lebensgroßes Brustbild in Öl an der Wand des Eßzimmers. Das stellte ihn selbst dar. Handwerksmäßig hingepinselt – aber vielleicht gerade deswegen ähnlich. So wie Karl Nägele nach außen war: unbesoldeter Stadtrat – Schriftführer des Gesangvereins »Männerbrust« – rheinischer Komiker auf Herrenabenden – gepfefferter Anekdoten-Onkel nach der dritten Buddel im Hinterzimmer – Vorsitzender des Brennmaterialienausschusses für verschämte Arme – kurz: Leben und Lebenlassen! Eine gutmütige, fidele Haut. »Dies Bild da von mir an der Wand – das ist jetzt der letzte Mohikaner!« sagte Karl Nägele und trommelte erbittert mit den Fingern auf dem Tischtuch. »Alle andern futschikato! Und das da wäre womöglich auch schon spurlos weg, wenn meine Frau nicht den ganzen Nachmittag hier im Zimmer Möbel geruckt und die Emma drüben überm Flur ausquartiert hätte, um ihr Zimmer als Gastzimmer für morgen früh herzurichten! Na, komm, wir wollen uns nebenan 'ne Importe in die Physiognomie stecken!« Als mir nun im Salon auf dem erschrecklichen Troddel-Sofa mit Paneel-Umbau saßen und rauchten, riet ich: »Also vor allem eines: Es müssen morgen in aller Frühe die Schlösser am Vordereingang und an der Küchentür hinten geändert werden! ... Denn es ist ganz klar, daß sich jemand mit einem Nachschlüssel einschleicht...« Eine Handbewegung des Hausherrn unterbrach mich. Er flüsterte, mit plötzlich atemlos gespanntem Antlitz, wie ein Jäger auf dem Anstand. »Es ist jemand in der Wohnung! ... Ich habe eben ein Geräusch wie von ganz leisen Fußtritten gehört! ...« »Deine Kinder?« »Die schellen vorn zweimal! Die haben keinen Schlüssel!« »Das Mädchen?« »Schläft längst in ihrer Kammer!« sprach die Frau Nägele leise. »Die beiden Kleinen auch.« Ich lauschte. Ich vernahm nichts. Der Freund Nägele furchte jäh die Stirne. »Jetzt wieder ... so wie wenn jemand aus Versehen an einen Stuhl stößt ...« Nun war mir wirklich halb und halb auch so, als hätte ich etwas gehört. Die Nebenzimmer waren alle dunkel. Elektrisches Licht, das man mit einem Handgriff anknipsen konnte, gab es damals noch nicht. Das Anzünden der Gaskronen mit einem Streichhölzchen, auf den Fußspitzen, war eine umständliche Sache. Karl Nägele brannte lieber die eine Kerze an – nahm den Leuchter in die Linke – holte mit der Rechten einen sechsschläferigen Revolver heraus, den er wahrhaftig bereits für alle Fälle in der Tasche bei sich trug, und schlich nach der Schwelle. Ich neben ihm. Wir drangen ein. Nirgends etwas Ungewöhnliches. Wir kehrten in die gute Stube zurück. Wir wußten nicht recht, was wir reden sollten. Ich saß neben der Frau Nägele auf dem Sofa. Ich sagte endlich zu ihr: »Auf alle Fälle – wenn Ihr Gatte jetzt abreist – ich stehe jederzeit zur Verfügung! Sie brauchen mich nur rufen zu lassen!« Sie dankte für meine Bereitwilligkeit nur mit einem frostigen Zucken des spitzen Kinns. Sie war eine merkwürdig schroffe Person. Wieder flog ein Engel durchs Zimmer. Karl Nägele war aufgestanden. Er lehnte am Fenster und starrte auf die dunkle Straße hinunter. »Da kommt endlich der Wagen!« meldete er, aufgeregt wie ein Bankdefraudant. Man hörte das Rasseln der vorfahrenden Droschke auf dem Pflaster. Der Kutscher knallte mit der Peitsche. Freund Nägele drehte sich vom Fenster weg. »Ich komme gerade noch zurecht zum Zug«, murmelte er fieberig und eilte unsicher, den Leuchter in der Hand, fast im Laufschritt, in die dunkle Zimmerflucht nebenan, um aus dem Schlafzimmer seinen fertig gepackten Reisesack zu holen. Wir hörten seine schnellen, sich entfernenden Tritte. Ich sagte kopfschüttelnd zu seiner Frau: »Der gute Karl muß was für seine Gesundheit tun ... Sanatorium oder so was ... Ich fürchte – das sind bei ihm nicht bloß die Nerven, sondern das zu dicke Geblüt ...« In diesem Augenblick kracht ein Schuß – hinten in der Wohnung ... Die Frau Nägele kreischt wild auf. Ich entwickele meinen damals schon fetten, kleinen Korpus, so rasch ich kann, aus dem Sofa hinter dem Tisch vor. Es fährt mir durch den Kopf: Der Unglücksmensch wird sich doch nicht erschossen haben – in seiner rabiaten Verfassung, in der er sich heute den ganzen Tag befindet – gottlob – nein: da knallt der Schießkolben noch einmal ... diesmal deutlich von der Küche her. Ich laufe durch die dunklen Zimmer. Ich kriege auf dem Flur bitteren Pulvergeruch in die Nase. Ich sehe mitten in der Küche kriegerisch den Nägele stehen, die Kerze in der einen, den dünstenden Revolver in der anderen Hand. Mit dem hat er, durch die weit offene Hintertür, die Hoftreppe hinuntergeknallt. »Schade, daß ich den Kerl wieder nicht getroffen hab'«, keucht er. »Er wischte wie 'ne Ratte um die Ecke! Der kleine Kerl im Radmantel – wie ihn die Minna gesehen hat! Diesmal hab' ich ihn deutlich erkannt ...« »Wo ist er hin?« »Die Treppe hinunter ... in den Hof.« Karl Nägele stürmte ihm in langen Sprüngen nach. Mich hielt jemand von hinten fest. Seine Frau. Sie keifte sogar jetzt in ihrer Angst: »Um Gottes willen – bleiben Sie bei mir! Ich fürcht' mich ja zu Tode!« Die Kinder kamen erschrocken in ihren Hemden aus den Zimmern. Das Mädchen steckte seinen Wuschellopf schlaftrunken aus der Kammer. Zum Glück war im Erdgeschoß nur das nachts unbewohnte Hauptkontor und der Einzelflaschenverkauf der Weinhandlung Nägele und hauste zwei Treppen hoch eine stocktaube alte Dame. So hatte kaum jemand die Schüsse gehört. Oder höchstens, in der Nachbarschaft, für das Peitschengeknall des Kutschers gehalten, der wieder von der Straße mahnte. Also ich blieb oben bei Frau Nägele. Nach einer Weile stapfte er, der Karl, stufenweise, schwerfällig die Treppe hinauf. Er hielt sich am Geländer fest und blieb stehn, um einen Schwindelanfall zu unterdrücken. Sein Gesicht war ganz vergeistert und verfallen und flößte mir jetzt, als es unheimlich wachsbleich geworden war, noch mehr Besorgnis ein als vorher in seiner ungesunden Röte. »Der Kerl ist über die niedere Hofmauer weg auf die Straße und davon«, sagte Karl Nägele mit keuchendem, kurzem Atem. »Du hast ganz recht: Er hat mit einem Nachschlüssel die Küchentür aufgemacht – der richtige Schlüssel hängt ja da am Nagel ... und hat sich in die Wohnung eingeschlichen Das hatte ich vorhin schon gehört.« »Da sind wir doch durch alle Zimmer gegangen!« »Und der Kunde hat sich eben versteckt gehalten – unter dem Tisch – oder hinter dem Ofen – oder hinter der Portiere – Kunststück: bei dem unsicheren Geflacker von so 'ner Stearinfunzel.« »Dann wäre er die ganze Zeit in der Wohnung gewesen?« »Na natürlich.« »Und was hat er da gemacht?« Von derselben Ahnung getrieben, liefen wir in das Eßzimmer. Karl Nägele hob den Leuchter gegen die Wand. Die Stelle, wo da eben noch sein Bild gehangen hatte, war leer ... »Dazu hat der Kerl den Radmantel«, versetzte der arme, gute Karl erschöpft nach einer Weile, in der wir beide geschwiegen. »Mir war doch so, als hielte er auf der Flucht etwas unter dem linken Ellenbogen.« Ich sagte nichts. Aber ich nahm mir vor, morgen einmal Nägeles dicken Stammtischbrüdern ernstlich auf den Zahn zu fühlen und, falls die gottlose Bande da irgendwie die Hand im Spiel hatte, sie als ein Mensch von forensischer Bildung ernstlich auf die Folgen ihres Tuns hinzuweisen. Denn wenn das ein Ulk sein sollte, ging er nachgerade zu weit ... Draußen schrillte die Flurglocke. Frau Nägele schreckte hysterisch zusammen und krallte sich wieder an meinem Arm fest. Sie zwickte mich in ihrer Angst empfindlich mit ihren dünnen Fingern. Aber es war nur der Kutscher. Wenn man jetzt nicht auf der Stelle abgondele, sei keine Hoffnung mehr, den Zug zu erreichen ... »Ich bin ja fix und fertig!« schrie Karl Nägele und drängte sich, den Nachtsack in der Hand, an seiner Eheliebsten vorbei. Die zeterte auf: »Jetzt willst du fort?« »Ich muß doch – gerechter Strohsack! – ich muß!« »Und wir bleiben schutzlos hier zurück?« »Jetzt passiert doch nichts mehr«, brüllte der sonst so umgängliche Weinonkel, der Karl, in blinder Wut. »Jetzt ist ja alles gestohlen, was an Bildern von mir zu stehlen war – in meinen verfluchten vier Wänden hier! Dich stiehlt keiner. ... oder er bringt dich morgen wieder!« Er war schon auf der Treppe. Der Kutscher polterte unbeholfen hinter ihm her. »Ich kann's erwarten! ... Gott befohlen ... 'n Abend Doktor!« Das Haustor dröhnte. Die Droschke rasselte. Stille Mitternacht. Ich reichte der Frau des Hauses die Hand zum Abschied. »Eigentlich hat der Karl ja ganz recht!« sagte ich. »Jetzt ist die Stätte ja leergeplündert! Die unbekannten Mächte haben sämtliche Bilder Ihres Mannes! Und Sie können ruhig schlafen! Also auf morgen!«   In aller Herrgottsfrühe – es ist kaum sieben Uhr – werde ich aus dem Schlaf geweckt! Vor meinem Bett steht atemlos und verstört ein langer, schmalschulteriger Jüngling, mit genialem Haarbusch, den Zwicker schief vor den kurzsichtigen Augen. Ich blinzele ihn erst geistesabwesend aus den Kissen an. Dann erkenne ich ihn: Das ist der Adolf, der Primaner – Karl Nägeles Ältester ... »Na ...« Ich gähne. »Was bringen Sie denn Schönes?« »Der Papa ist tot!« »Was?« Ich setze mich auf. Der junge Mann stottert keuchend weiter. »Der Papa kam im letzten Augenblick auf dem Bahnhof an und lief, so rasch er konnte, die Treppe hinauf auf den Bahnsteig, wo der Zug eben einfuhr. Dabei geriet er ganz außer Atem und fiel plötzlich, gerade wie er einsteigen wollte, hin ... und es war aus.« »Um Gottes willen ...« »Ein Schlaganfall – sagt der Arzt im Heiligkreuz-Spital neben dem Bahnhof. Dorthin haben sie die Leiche gebracht!« »Ja – warum denn nicht nach Hause?« »Es wußte nachts niemand auf der Bahn, wer er war.« »Aber Ihr Vater muß doch Papiere bei sich gehabt haben?« »Nein – das ist das Merkwürdige. Man fand bei ihm nichts mit seinem Namen und seiner Adresse! Nicht einmal eine Visitenkarte in der Brieftasche. Erst heute früh dämmerte es zufällig einem jungen Assistenzarzt, es könne wohl der Papa sein.« »Sonderbar ...« »Auf der Straße habe ich Papas Geschäftsfreund – den Hotelier Krause – getroffen! Der war so früh auf, weil er immer selber in die Großmarkthalle einkaufen geht! Der ist jetzt gleich ins Spital, um die Leiche vom Papa freizubekommen! Und ich bin unterdessen zu Ihnen!« »Sagen Sie Ihrer armen Frau Mutter, ich käme gleich!«   Die Frau Nägele saß, als ich erschien, in dem als Gastzimmer hergerichteten Stübchen ihrer Ältesten steif auf einem Stuhl. Diese Frau war so hart, daß sie nicht einmal jetzt richtig weinte. Sie tupfte sich nur manchmal mit dem Taschentuchzipfel anstandshalber die Augenwinkel. Sie hatte ein ganz versteinertes Gesicht. Ich drücke ihr die Hand und sage ihr, nur um etwas zu sagen: »Mein Gott. ... daß das so rasch kommen mußte ...« Und sie, immer nur so ein wenig tränenschluckend: »Es war der reine Zufall, daß ich heute so früh schon auf war. Ich legte gerade die letzte Hand an das Logierzimmer ...« »Das ist noch ein Glück, daß jetzt gerade Ihre Frau Mutter kommt und Ihnen zur Seite steht!« »Nein. Die Mama ist es diesmal nicht! Sondern eine Dame, die ich diesen Sommer zufällig bei der Kur in Kissingen kennengelernt hab' ...« »Die können Sie doch jetzt nicht brauchen.« »Und jetzt kommt sie ja gleich an ...« »Sie muß eben ins Hotel!« »Ach ja – bitte – sagen Sie ihr das doch!« »Das wird sie schon von selber tun, wenn sie sieht, was hier ...« »Sie war so nett zu mir, als ich damals in Kissingen krank war. Da hab' ich sie eingeladen, bei uns abzusteigen, weil sie irgendeine Erbschaftssache hier vor Gericht hat ... Ach – da kommt der Herr Krause ...«   Der Hotelier, der seine Weine von Karl Nägele zu beziehen pflegte, trat langsam und leise ein. Er nickte mit einem feierlichen Leichenbittergesicht der Witwe zu. »Er ist's ...« sprach er gedämpft. »Ich habe ihn rekognosziert. Wir bringen dann den Seligen hierher. Sie wollen nur vorher, der Form wegen, im Spital seine Ausweispapiere!« »Hat man denn gar nichts in seinen Taschen gefunden?« »Aber auch nichts! Denken Sie nur: nicht mal ein Zeichen in der Wäsche!« »Zeichen in der Wäsche hat er nie leiden mögen!« schluchzte die Frau Nägele. »Das war auch so 'ne Marotte von ihm!« »Aber den Schlüssel zu seinem Kassenschrank hatte er bei sich. In dem Schrank wird er ja jedenfalls seine polizeilichen Urkunden drin liegen haben. Ich habe den Schlüssel mitgenommen. Wenn Sie erlauben, Frau Nägele, dann gehen wir in sein Arbeitszimmer hinüber, und ich sperre auf.« Die schwere Tür des großen Panzerschranks im Kontor des toten Karl Nägele drehte sich lautlos unter dem Handgriff des Hoteliers. Tageslicht fiel in das Innere – oben drei Einzelfächer mit Hauptbüchern und Schriftstücken untereinander – die untere Hälfte ein umfangreicher, kastenartiger, freier Raum. In den schauten wir hinein – Frau Nägele und ich – und prallten im nächsten Augenblick zurück und standen sprachlos, mit offenem Mund ... Der Hotelbesitzer Krause war nicht derart vor den Kopf gehauen wie wir. Aber verdutzt war er auch. Er kniete vor dem offenen Safe und fragte über die Schulter zurück, indem er in das Innere des Schranks deutete: »Was heißt denn das nur – daß der Selige da alle seine eigenen Bilder gehamstert hat?« Wahrhaftig – da lag alles, was angeblich der sagenhafte kleine Mann im Radmantel in den letzten Wochen aus der Wohnung hatte mitgehen heißen: Karl Nägele als Rekrut – Karl Nägele als junger Handlungsbeflissener – Karl Nägele als Hochzeiter – Karl Nägele als frischgebackener Weinhändler – Karl Nägele als vierfacher Familienvater – Karl Nägele als wohlbestallter Stadtrat. Das große Kompagniebild mit Karl Nägele hinter dem Hauptmann. Karl Nägele en miniature auf dem Medaillon. Karl Nägele auf dem heute um Mitternacht weggekommenen lebensgroßen Brustbild in Öl. »Das war natürlich 'ne Sache von 'ner Sekunde, wie er nach dem Schlafzimmer hinüberging ...« sagte ich unwillkürlich zu der Witwe, »da unterwegs rasch das Ölbild vom Nägel zu reißen und nebenan in den Kassenschrank zu werfen! Und dann stellt er sich in der Küche hin und veranstaltet die Schießerei ...« »Ja – aber warum denn nur ...?« »Wegen des Bildes war er offenbar den ganzen Abend so wahnsinnig aufgeregt: Er mußte durchaus das Bild noch beiseite haben, ehe er wegfuhr, und den ganzen Nachmittag konnte er nicht ran, weil Sie wegen des Logierbesuchs im Eßzimmer kramten!« »Da hätte er doch schließlich einen Tag später reisen können!« »Er mußte aber um jeden Preis weg! Der Boden brannte ihm unter den Füßen! Man hat's ihm ja angesehen!« »Was hat das alles, um Gottes willen, zu bedeuten, Herr Doktor?« »Liebe – verehrte Frau – da fragen Sie mich zuviel!«   »Das war wohl ein kleines Mißverständnis mit meiner Ankunftszeit, liebe Frau Nägele!« sagte halb lachend eine helle Stimme von der Tür her. Wir hatten in der Aufregung das Klingeln draußen und das Öffnen des Mädchens überhört. Jetzt stand da eine zarte, mittelgroße, blonde Frau um die Mitte dreißig im Reisekleid auf der Schwelle, ein Täschchen in der Hand. Sie hatte ein rundes, sanftes Gesicht mit freundlichen Augen und einem weichen Mund. Sie ging freundschaftlich auf die Hausfrau zu und bot ihr die Hand. »Als ich aus dem Zug stieg und Sie auf dem Bahnhof nicht traf, habe ich mir eine Droschke genommen und bin hierhergefahren!« sagte sie. »Hoffentlich war es so recht!« Der Hotelier Krause hatte, während ich mit Karl Nägeles Witwe gesprochen, die Bilder ihres Mannes aus dem Geldschrank genommen und auf dem Teppich ausgebreitet. Da lagen sie jetzt nebeneinander – wie in Parade – der Lebenslauf meines Freundes Karl vom Altar bis jetzt zur Bahre. Die fremde Dame hatte darauf noch nicht geachtet. Sie sagte, während sie die Handschuhe abstreifte und den Schleier losknüpfte, liebenswürdig zu Frau Nägele: »Lange falle ich Ihnen nicht zur Last! Mein Gerichtstermin ist schon morgen vormittag um zehn, und übermorgen früh fahre ich wieder! Es ist eine ganze Ecke bis zu unserem Nest in Böhmen, wo ich ...« Plötzlich brach sie ab. Sie hatte die Galerie Karl Nägele am Boden gesehen. Sie starrte sprachlos auf sie hinunter. Ihre warmherzigen Augen weiteten sich in einem maßlosen, ungläubigen Staunen. Sie hob unwillkürlich die Hände und faltete sie in jäher Betroffenheit vor der Brust. »Ja ... aber... um Gottes willen – Frau Nägele ...« sagte sie langsam, »wo haben Sie denn all die Bilder von meinem Mann her?« »Von ... wem?« fragte ich. »Soviel hab' ich ja selber kaum ... Das da – in dem Hochzeitsfrack mit dem Blumenstrauß – kenn' ich gar nicht.« »Von ... Ihrem Mann?« wiederholte ich. Die Frau Nägele konnte gar nicht reden. Die kleine, sanfte, blonde Dame wendete sich an sie – ganz verwundert. »Ich hab' Ihnen doch oft genug in Kissingen von meinem Mann erzählt.« »Was haben Sie erzählt...? Ich bin Jurist ... Sprechen Sie.« »Erzählen Sie mir lieber, wie da plötzlich seine Bilder...« »Wie heißt Ihr Gatte?« »Mein Gott – Kuno Schmidt ...« »Wann haben Sie ihn geheiratet – wo ...?« »Das hab' ich doch alles in Kissingen Frau Nägele erzählt. Daß ich ihn vor acht Jahren zufällig als Gouvernante im Eisenbahnabteil getroffen hab' und daß wir uns bald darauf schon in London geheiratet haben.« »Wo leben Sie?« »Das weiß doch Frau Nägele alles: In Nordböhmen. Und daß wir sehr glücklich sind – auch ohne Kinder.« »Was hat Ihr Gatte für einen Beruf?« »Frau Nägele, ist der Herr hier vom Gericht?« Die sanfte, kleine Frau wurde ein bißchen ungehalten. Aber dann sagte sie doch in höflichem Ton: »Mein Mann braucht sich wirklich nicht zu schämen, daß er Inspektor bei einer Lebensversicherungsgesellschaft ist!« »Und als solcher wahrscheinlich das halbe Jahr auf Reisen?« »Mehr als das halbe Jahr. Daran bin ich schon gewöhnt. Aber jetzt erklären Sie mir – statt dieses sonderbaren Verhörs – lieber, wie alle diese Bilder meines Mannes hierhergekommen sind? Mir verbietet mein Mann immer, auch nur eine Photographie von ihm irgendwo auf die Reise mitzunehmen!« »Es ist – wahrscheinlich – nur eine lächerliche Ähnlichkeit ...« sagte ich. Aber ich glaubte es selber nicht ... Und in diesem Augenblick dröhnten schwere Tritte von acht Männerstiefeln auf der Treppe. Karl Nägele kam als stiller Mann in sein Heim zurück. Es hatten inzwischen so viele Leute im Spital seine Persönlichkeit festgestellt, daß man dort auf die Beibringung der Papiere verzichtete. Die Männer setzten den schlichten, vorläufigen Sarg in die gute Stube, wo wir vor wenigen Stunden noch gesessen, und öffneten den Deckel. Und nun war kein Zweifel mehr: Rechts vom Sarg stand die Witwe des Weinhändlers Karl Nägele – links das stille Glück im Leben des Versicherungsinspektors Kuno Schmidt, das der lebenslustige, fröhliche, liebevolle, vielgeplagte Mann drüben bei seiner ersten Frau und seinen Kindern nicht gefunden hatte ...   »Und nun, meine Herren«, sagte der kleine, alte Justizrat zu seinen Zuhörern, »führt das Schicksal die beiden Frauen in Kissingen zusammen. Die eine beschließt die andere zu besuchen. Karl Nägele kann es nicht hindern. Er weiß keinen andern Rat: Er muß seine eigenen Bilder aus der Wohnung beseitigen, damit sie ihn nicht verraten, und selbst für die Dauer des Besuchs auf seine letzte Geschäftsreise auf Erden gehen.« »Und die beiden Frauen?« »Ich habe sie dazu gebracht: Sie haben sich getrennt und niemals zu einem Menschen von der Sache gesprochen. Zwei Witwen haben still auf der Welt gelebt – fern voneinander, ohne sich je wieder zu sehen oder zu schreiben – die Witwe eines Weinhändlers und die eines Versicherungsinspektors. Und nun hat der liebe Gott sie beide auch schon lange zu sich genommen ...« Die Gardinenschnur Viele Freunde und Verwandte hatte ich, selbst halb aus Österreich stammend, in der einstigen großen K.u.K. Armee. So saß ich auch einmal unten in Sarajewo im Hotel Europe in der Franz-Joseph-Straße bei einem Glas geeistem Nagetiner – in Bosnien trinken sie in der Sommerhitze den Rotwein halbgefroren – mit dem K.u.K. Hauptmann Franz Kirchlechner zusammen. Ich kannte den Kirchlechner von Wien her. Dort hatte er im Geniestab gestanden. Aber, um das Morgenland kennen zu lernen, hatte er sich nach dem occupierten Bosnien zu Holzappel-Infanterie transferieren lassen, und trug den blauen Tschako und die blauen Hosen und den grauen Waffenrock und an dessen rotem Kragen die goldenen Distinktionssterne eines Hauptmanns der österreichischen Infanterie. Er sagte: »Froh darfst sein, daß Du da oben im Hotel noch ein Zimmer gekriegt hast! Mir ist's, wie ich das erstemal hierhergekommen bin, schlimmer ergangen. An meine erste Nacht in Sarajewo – an die werd' ich denken...« »Ach geh! Ein Soldat muß sich behelfen!« »Wenn's das wäre«, der K. u. K. Hauptmann Kirchlechner zündete sich seine Virginia am langen Strohhalm an. »Nein – mein Lieber: In dieser Nacht ist mir etwas Unerklärliches passiert. Seitdem glaube ich an unbekannte Mächte.« Nun war der Franz Kirchlechner, wie das schon seine Laufbahn im Geniestab mit sich brachte, ein durchaus klarer, nüchterner Kopf. Eher schon pedantisch, so wie sein ernsthaftes, längliches Gesicht mit dem Kaiser »Franz-Joseph-Backenbart und die steife Haltung seiner hageren Gestalt. Ich frug also: »Du und Geistersehen ...?« »Ich nicht allein!« »Und was hast Du denn in der Nacht gesehen?« »Ja – da hör' mal zu!«   »Ich kam damals spät im Abenddunkel von Bosnisch-Brod her mit meinem Diener auf dem Bahnhof von Sarajewo an«, begann der K. u. K. Hauptmann Franz Kirchlechner. »Der Bahnhof liegt, wie Du weißt, eine halbe deutsche Meile vom Stadtinneren. Wie ich da endlich vor dem Hotel d'Europe hier vorfahre, ist wie gewöhnlich alles besetzt. Der Portier rät: »In der Ferhadia Ulica, der nächsten Straße, ist vielleicht bei Moise Meir noch etwas frei! Kabiljo – fahrens mit dem Herrn Hauptmann hin!« Der Kabiljo, ein deutsch sprechender Spaniole, setzte mich nach wenigen hundert Schritten vor einem sehr einfachen und, wie es schien, hauptsächlich von Geschäftsreisenden und bosnischen Handelstreibenden besuchten Gasthof ab. Sein Besitzer, Herr Meir, verhandelte auf meine Frage nach einem Zimmer halblaut mit seiner Frau. Er sprach jiddisch-deutsch mit ihr. Ich verstand deutlich die Nummern 7 und 35. Dann ein merkwürdiges, scheues Achselzucken Moise Meirs. Er führte mich auf Nummer 35. Das war ein elendes Stübchen unter dem Dach. Ich begehrte also Nummer 7 zu sehen. Es gab auf einmal keine Nummer 7! Ich wurde energisch. Nummer 7 sollte auf einmal besetzt sein! Ich hatte deutlich das Gegenteil gehört. Ich war müde. Ich wollte einfach die Tür von Nummer 7 öffnen. Sie war versperrt. Aber, auf meine drohende Bewegung hin, holte Moise Meir den Schlüssel. Bosnien stand damals noch unter Militärverwaltung. Mit einem K. u. K. Hauptmann suchte kein Einheimischer gern Händel. »Die Nummer is sonst nix bewohnt!« versetzte Herr Meir beklommen. »Wann es Euer Gnaden befehlen – ich kann nix hindern!« Dieses Zimmer war immerhin bequemer als das andere und sorgfältig in Ordnung. Nur die dumpfe Luft eines lange nicht bewohnten Raumes brütete darin. Ich jagte den Meir und seinen Troß zur Türe hinaus. Ich riegelte die Türe ab. Dann wollte ich den Vorhang vor dem einzigen Fenster der Stube herunterlassen. Auf halber Höhe hing die blaukattune Rolle. Aber sie war nicht zu bewegen. Die dicke Schnur, an der man sie zu ziehen hatte, war abgerissen. Ihr zerfasertes Ende baumelte hoch oben in der Luft. Also ging ich in Gottes Namen im Dunkel zu Bett und schlief sofort ein. Mitten in der Nacht wachte ich auf, so als ob mich jemand plötzlich geweckt hätte. Ich setzte mich empor und schaute um mich. Das Zimmer war jetzt beinahe taghell – erfüllt von dem bläulichen Licht des Vollmonds, der durch das halb gardinenfreie Fenster hereinschien und dessen unteres Holzkreuz als schwarzer Schatten auf den Bodendielen widerspiegelte. Gerade auf diesem Holzkreuz – mitten im Zimmer – von Mondschein umflossen, stand ein alter Türke. Mein erster Gedanke war: Wie kommt der Kerl hier herein? Ich habe doch die Tür von innen zugeriegelt! Aber seltsam: Ich wunderte mich eigentlich nicht, daß er da war. Ich musterte ihn. Es war ein alter Türke, wie man sie zu Hunderten in den Kramgewölben der Tscharschia, des Basars hier nebenan, sieht – graubärtig, mit einem ernsten, faltigen Gesicht. Ich rieb mir die Augen. Nein: der Türke blieb. Greifbar deutlich. Ich unterschied bis in die Einzelheiten seine Kleidung: den roten Turban, die blaue Jacke, die rote Leibbinde, die weißen Hosen, die safrangelben Pantoffeln. Bisher hatte sich der alte Türke nicht gerührt, sondern mich nur unverwandt angeblickt. Jetzt machte er eine Bewegung mit der Hand nach der Gardinenschnur hoch über ihm und lächelte dazu. Und dieses eindringliche Lächeln sagte mir – ich wußte selbst nicht warum – ganz klar: »Hänge Dich auf!« Ich saß im Bett aufrecht. Er winkte. Willenlos stieg ich aus dem Bett. Ich stand im Zimmer. Er winkte. Willenlos ging ich zu dem Fenster. Ich stand unter der Gardinenschnur. Er winkte. Willenlos streckte ich die Hand nach ihr aus. Und konnte sie nicht fassen. Sie war ja abgerissen. Ihr Ende hing viel zu hoch. Der alte Türke sah mich streng an. In diesem Augenblick wußte ich: Ich mußte ihm gehorchen. Ich mußte die Schnur in die Hand bekommen, um mich aufzuhängen. Ich kletterte auf das Fensterbrett. Dort stellte ich mich auf die Fußspitzen und beugte mich seitlings vor und fingerte in der Luft nach dem abgerissenen Stück dort oben. Nur noch ein Zoll Luft trennte meine Fingerspitzen von der Schnur. Da – ich hatte meinen Schwerpunkt zu weit nach der Seite verlegt – ich verlor das Gleichgewicht. Ich stürzte rücklings in das Zimmer zurück und lag auf dem Boden. Die Dielen dröhnten von meinem Sturz. Das Fenster zitterte. Das Waschgeschirr klirrte. Schritte trabten den Gang entlang. Es pochte leise, angstvoll an meine Türe. Ich stand auf und öffnete. Draußen, im Dunkeln, sah ich, im Schein einer Laterne, die er in der Hand hielt, das verstörte, braune, schnurrbärtige Gesicht des Nachtpförtners, eines deutsch sprechenden Serben. Ich hatte plötzlich einen Zorn. »Wie kommt denn der Türke in mein Zimmer?« rief ich rauh. Der Mann mit der Laterne starrte mich aus weit aufgerissenen Augen an. Plötzlich drehte er sich um und rannte davon, was er konnte. Ich schloß hinter ihm die Türe. Ich trat wieder in das Zimmer zurück. Der alte Türke war nicht mehr da. Der Lärm meines Falls vom Fensterbrett, das Nahen des Hausdieners, hatten ihn offenbar verscheucht. Ich holte meine Steyr-Pistole aus meinem Gepäck. Ich setzte mich, die Waffe in der Rechten, auf das Bett. Ich wartete. Aber es ereignete sich nichts mehr. Und schließlich, im ersten Dämmergrauen durch das Fenster, fiel ich in die Kissen zurück und schlief in den Morgen hinein.   Als ich zum Frühstück herunterkam, stand da beklommen und doch, wie mir schien, erleichtert Moise Meir, der Wirt, und berichtete stockend: »Eben ist ein gutes Zimmer frei geworden. Werd' ich dem Herrn Hauptmann gleich geben!« Das geschah denn auch. Ich siedelte um, und Nummer 7 wurde, wie ich merkte, sofort wieder sorgfältig verschlossen. Ich meldete mich im Lauf des Vormittags beim 15. Corpskommando und saß des Mittags mit einem Adjutanten vom Militär-Territorial-Kommando zusammen und erzählte ihm beim Gulasch und Gespritzten die Geschichte dieser Nacht und schloß: »Das ist nun auch das erstemal in meinem Leben, daß ich im Schlaf einen Albdruck gekriegt habe!« »Albdruck?« sprach der Kamerad mir gegenüber sehr nachdenklich. »Weißt: in dem Meir seiner Herberge hat sich wirklich vor einiger Zeit ein alter Türke aufgehängt. Fragen wir den Meir selber! Wart'! Ich komm' mit Dir!«   Moise Meir, der Gastwirt, wollte nicht mit der Sprache heraus. Er drehte und wand sich. Er zuckte mit den Schultern. Er fuchtelte mit den Händen. Endlich bequemte er sich. »Nu – warum soll ich nix reden? Euer Gnaden wissen es ja doch! Kann ich dafür, daß sich des Nachts der Kaufmann Faik bei mir umgebracht hat? Wie? Ein türkischer Teppichhändler, Euer Gnaden! Er hatte seine Bude drüben im Basar, in der Tscharschia. Gewohnt hat er steil da oben in der Vorstadt, in der Ploca Ulica, bei der Gelben Bastion!« »Ein Türke, der Selbstmord begeht? Das ist ja etwas ganz Unerhörtes! Warum denn?« »Weiß ich, Euer Gnaden?« Mein Kamerad sah den Herbergswirt scharf an. »Der Türk hat sich aufg'hängt – gut! Aber warum will er jetzt, daß sich auch die Christen in dem Zimmer aufhängen?« »Aber Herr Major ...« »Wann a Türk tot is, is er tot! Aus is! Dann soll er die Christen auf Nummer 7 net mehr sekieren! Dös is an Unfug – verstehen's!« »Nix versteh' ich!« »So! Wie war denn das mit dem amerikanischen Touristen, der am Morgen käsweiß aus Nummer 7 gekommen und schnurstracks davongefahren is?« »Der Amerikaner hat nur englisch gesprochen. Das hat kein Mensch verstanden!« »Und der Geschäftsreisende in echt orientalischen Fessen aus Strakowitz in Böhmen – der Herr Wenzeslaus Krpan? Wir haben doch den Akt von dem Vorfall hier bei der Militärpolizei gehabt! Ich hab' ihn selbst behandelt und an das Bezirksgericht nach der Alexanderbrücke hinübergegeben!« »Meiner Seel' ...!« »Deine Seele ist so schwarz wie Deine Nägel!« schrie der Major. »Hat man nicht nachts aus Nummer 7 Lärm gehört, und wie man eingedrungen ist – hat da nicht selbiger Böhm – der Krpan – am Boden gelegen – die Gardinenschnur um den Hals ...?« »Freilich, Herr Major ...« »Die Gardinenschnur, mit der er sich hat aufhängen wollen! Zum Glück ist sie zerrissen, und der Wenzel is 'runterg'plumpst und in aller Eile früh morgens abgereist, um dem polizeilichen Verhör aus dem Weg zu gehen!« Der Moise Meir hob beschwörend die Schultern. »Seitdem hab' ich die Gardinenschnur auch nicht mehr erneuert, Euer Gnaden! Sie hängt jetzt noch so abgerissen hoch oben, wie damals, im Zimmer. Ich geb' das Zimmer ja auch nix mehr an Gäste! ... Bloß, weil der Herr Hauptmann gestern abend durchaus gewollt haben! ... Aber es soll mir eine Lehre sein!« »Hoffentlich!« sagte der Major vom Territorial-Kommando. »Komm, Hauptmann! Wir fahren jetzt 'raus in das Defensionslager.«   »Das Defensionslager«, der K. u. K. Hauptmann Franz Kirchlechner, der mir in Sarajewo diese Geschichte erzählte, hatte eine Pause gemacht, um sich einen neuen Virginia-Stengel anzubrennen, »das war damals genau so wie heute. Weit draußen vor der Stadt, in der flachen Ebene und drinnen in den Kasernen an die dreitausend Mann Garnison: Bosniaken, Feldjägerbataillone, Honveds, Gebirgstrain-Escadrons, Dragoner – na – Du weißt ja ... Wir fuhren an der Tabakfabrik und dem Militärspital und den Stallbaracken vorbei und kamen in das Uniformgewimmel und Hörnergetute und Getrommel und Kommandogeschrei des großen Defensionslagers und saßen da am Abend mit einem Dutzend anderer Hauptleute und Leutnants und Fähnriche und Kadetten von Holzappel-Infanterie zusammen. Mich beschäftigte immer noch der Vorfall von heute nacht. Ich konnte an nichts anderes denken. Und als mich mein Nachbar zur Linken, ein Oberleutnant, frug: »Bist Du immer so schweigsam wie heut', Herr Hauptmann?« – da hielt ich nicht mehr an mich und erzählte meinen neuen Kameraden von dem alten Türken – und was das wohl für ein Traum gewesen – und warum drei einander wildfremde Menschen hintereinander in demselben Zimmer dasselbe träumten ... Das machte auch die andern nachdenklich, und das Gespräch drehte sich nicht wie sonst, wenn K.u.K. Militär beisammen war, um Mädel und Säbelduelle und Pferde, sondern um allerhand Dinge zwischen Himmel und Erde, und wurde immer ernster und leiser ...   »Na – Ihr sitzt's ja da, wie die Leichenbitter!« Der da lachend herangeschlendert kam und das sagte, war ein mittelgroßer, junger Mensch mit der unwahrscheinlichen, unter der Knopfreihe womöglich noch geschnürten Wespentaille und den fadendünnen Hüften eines richtigen österreichischen Leutnants und mit einem hübschen, leichtsinnigen und unzuverlässigen Gesicht. Er trug den kaffeebraunen Waffenrock, die blauen Kniehosen und den schwarzen Tschako eines Offiziers der Gebirgsartillerie. Er sprach das langsame, pedantische, eindringliche K. u. K. Armeedeutsch. Aber man merkte sofort, daß Deutsch nicht seine Muttersprache war. Ein slawischer Unterton klang mit. Und undeutsch war auch das krause, dunkle Haar zu beiden Seiten des Tschakos und das verwegen aufgedrehte, schwarze Schnurrbärtchen. »Servus, Kasimierz!« »Setz' Dich nieder, Koschko!« Der Leutnant Kasimir Koschko nahm im Kreis der Infanteristen Platz. Er war noch sehr jung – erst Anfang der Zwanzig – aber er hatte schon etwas verlebte Züge. Und neben mir, abseits von ihm, sagte halblaut der Adjutant vom Territorial-Kommando, mit gerunzelter Stirne: »Mir is der Polack da z'wider! Nix wie Ärger haben wir da oben mit dem Früchtl!« »Wieso denn?« »Wenn er's bloß mit den Weibern halten tät' und Trinken und Spielen! Aber was das Fadste is: er treibt sich mit den Söhnen von den Begs hier herum – ich bitte!« »Mit den Türken?« »Sarajewo is doch der Hauptsammelpunkt der mohammedanischen Großgrundbesitzer in Bosnien. Die alten Begs – die gehen noch! Es sind eben richtige Alt-Türken, wie's im Koran steht! Aber die Herren Söhne – die haben nix mehr zu kommandieren, seitdem wir im Land sind, und nix g'lernt haben's eh' – Bloß alle Laster von Paris haben's angenommen und spielen die Kavaliere und drahn auf und schmeißen mit dem Geld um sich und geben Christ und Jud' und Heid' ein Ärgernis!« »Und ein paar von den Schlankeln – die Söhne vom Muktar Beg und vom Sabri Beg – das sind dem Pülcher – dem Koschko – seine Spezi's! Und alle Verwarnung ist für die Katz'!« »Was habt's Ihr denn, daß Ihr so ernst seid?« frug der Artillerie-Leutnant Kasimir Koschko wieder. Er selbst sah nicht so aus, als ob er überhaupt irgend etwas im Leben wirklich ernst nehmen könne. Wenn man ihn schärfer musterte, bemerkte man, daß er getrunken hatte. Seine schwarzen Augen waren heiß, und unter dem schwarzen Schnurrbärtchen zuckte ein herausforderndes und ruhmrediges Lächeln. »Wir sprachen eben von einem unheimlichen Zimmer, in dem keiner ein zweites Mal übernachten will!« antwortete der Major vom Territorial-Kommando. »No – ich tät's gleich!« versetzte der Kasimir Koschko rasch, die Zigarette schief zwischen den Lippen. »Das ist leicht gesagt, mein Lieber!« »Stellt mich doch auf die Probe!« der Koschko lachte. »Wetten wir!« »In so heiklen Dingen wett' ich lieber net!« »Dann tu' ich's für Gottes Lohn – bloß damit ich Euch meine Bravour zeig'!« »Der Koschko verspricht schnell was ...« rief es aus der Runde. »Aber bis er's ausführt!« »Heut' abend noch führ' ich's aus!« schrie der Pole. »Ich fahr' jetzt mit Dir, Herr Major, und mit Dir, Herr Hauptmann, in die Stadt. Da zeigt Ihr mir, wo das fade Zimmer is!« »Weißt, Leutnant Koschko ... Ich warne Dich!« sagte der Major langsam und bedeutungsvoll. »Wenn Du ahnen tätst, was da...« Aber fast zugleich sagte ich schnell zu meinem Nachbar. »Erzähle ihm nichts, Herr Major, was mir und den andern in dem Zimmer passiert ist! Wir wollen sehen, ob er dasselbe träumt wie wir!« »Also – Koschko – hast a Schneid?« lärmte es von zwei, drei Seiten. »Wenn ich's doch g'sagt hab'!« Der Gebirgsartillerist sprang hastig auf. »Alsdann – fahren wir lieber gleich!« In einem andern Kreis hätte man ihn vielleicht noch von seinem Vorhaben abzureden versucht. Aber hier war man unter K. u. K. Offizieren. Jeder leiseste Zweifel an der Courage oder an der Gelegenheit, seine Courage vor den Kameraden zu zeigen, hätte mit nackten Oberkörpern und scharfen Krummsäbeln in der Reitbahn drüben geendet. Also bestiegen wir unser draußen harrendes Krümperfuhrwerk und rumpelten durch die dunkle Nacht nach Sarajewo. Als wir da vor dem Gasthaus des Moise Meir hielten und heller Laternenschein auf die hübschen, weichlichen Züge des Leutnants Koschko fiel, war es mir doch, als wäre ihm unterwegs, in der Finsternis, den Sternhimmel über sich, die Reue gekommen. Seine Wangen waren blaß. Er trat unbehaglich und unschlüssig von einem Fuß auf den andern. Jetzt riskierte ich es doch und sagte: »Wann Du von der Geschicht' absehen willst – eine Schande wär's net! Der Kampf gegen Gespenster steht nicht im Fahneneid!« Aber der Koschko warf mir einen zornigen und düstern Blick zu. Er hatte sich schon wieder gefangen. Er biß sich auf den schwarzen Schnurrbart. Er trat sporenklirrend, die Reitpeitsche unter dem Arm, in den Flur des Beißl. Er schrie. »Wo is das Zimmer? Nummer 7? der Schlüssel verlegt?« Er beutelte den Moise Meir wie eine Ratte. »Auf der Stelle sperrst auf. Du Spitzbub, oder ich komm' Dir mit Brachialgewalt!« Der Moise Meir zitterte. Der Moise Meir wagte keinen Widerstand. Er öffnete die Türe. Der Artillerieleutnant Koschko trat ein, ein paar Weinflaschen und ein Glas, die er sich vom Wirtsschragen mitgenommen, in der Hand, stellte sie auf den Tisch zwischen zwei brennende Kerzen, legte einen Pack Zigaretten und ein paar Hefte des Witzblattes »Caviar« dazu, setzte sich rittlings davor auf einen Stuhl und winkte mit der Hand: »Servus! Auf Wiedersehen morgen früh!«   Nun gut: Am nächsten Morgen fragen wir – ich und der Major – im Gasthof nach dem Kasimierz Koschko. Es habe sich die Nacht über auf Nummer 7 nichts gerührt, berichtete der Torwächter in seinem gebrochenen Serbisch-Deutsch. Er sei ein paarmal oben im ersten Stock auf den Fußspitzen vor dem Zimmer auf- und niedergeschlichen, ohne einen Laut von drinnen zu vernehmen. Auch jetzt beliebten der Herr Leutnant noch zu schlafen. Wir stiegen hinauf. Wir klopften an Nummer 7 zwei-, dreimal. Keine Antwort. Ich drückte auf die Klinke. Die Türe ist unverschlossen – so echt sorglos, wie das dem Koschko seine Art war. Wir treten ein. Das Bett dicht vor uns ist leer und unbenutzt. Und ich sage: »Dem Herr Gebirgsartillerieleutnant ist es doch zu unheimlich geworden – vor der bevorstehenden Nacht! Ausgerückt ist er in aller Stille – wahrscheinlich gleich gestern abend!« »Aber da steht er ja!« unterbrach mich der Major und deutete auf eine Gestalt in der dämmerigen Ecke zwischen Fenster und Wand. Und ich: »Das kann der Koschko nicht sein! der da im Winkel is ja einen halben Kopf größer!« Aber als wir näher herantraten, merkten wir, warum der Leutnant Koschko über Nacht einen halben Kopf größer geworden war. Er stand nicht, sondern er hing, so daß zwischen seinen Stiefelspitzen und dem Boden noch ein paar Zoll Spielraum war. Er hing an der Gardinenschnur. Deren abgerissenes Ende hatte er offenbar beim Klettern auf das Fensterbrett doch erwischt und sich um den Hals geschlungen. Kasimir Koschko war tot. Schon seit fünf, sechs Stunden. Daran war nichts mehr zu ändern. Draußen im Militärfriedhof, beim Landesspital haben wir ihn begraben. Die Geschichte wurde vertuscht. Die wenigsten wußten, daß er nicht im Defensionslager durch den unvorhergesehenen Hufschlag eines Gebirgsmaultiers, sondern bei Moise Meir, im selben Gemach wie der Teppichhändler Faik, sein Ende gefunden. »Die Tochter dieses Faik«, fuhr der K. u. K. Hauptmann Franz Kirchlechner fort, der mir diese Geschichte erzählte, »spielte als Kind wie alle kleinen Türken-Mädchen, unverschleiert, in langen Pluderhosen, vor dem Elternhaus auf der Gasse und lernte so die beiden Beg-Söhne, den Muktar und den Sabri, schon als Lausbuben kennen. Und die Bekanntschaft blieb heimlich bestehen, auch als die Tochter herangewachsen war und hinter Schleier und Haustor gehörte. Und die zwei liederlichen Jungtürken trafen sich nicht nur verstohlen des Abends mit ihr, sondern machten sie auch mit ihren leichtsinnigen europäischen Freunden bekannt. Na – und so ... das Weitere kannst Du Dir vorstellen ... Es gibt da eine Ortschaft Gabela in Bosnien – nahe dem Ausfluß der Narenta in die Adria – es kommt selten jemand hin – die Gegend ist weithin versumpft und fieberig – ein ehemaliges türkisches Seeräubernest – noch ganz von Mohammedanern bewohnt. Dorthin schickte der Teppichhändler Faik, als das Unglück allmählich zu Tage kam, zu nahen Verwandten seine Tochter. Und ich glaube, es wäre für ihn kein Schrecken gewesen, sondern die Erfüllung einer stillen Hoffnung, wenn er gehört hätte, sie wäre dort plötzlich am Klimafieber gestorben. Mein Gott: Da unten in den heißen Gegenden im Süden der Herzegowina wachsen im Karst Giftsträucher genug. Und es gibt Zigeuner genug, die beim Landstreichen solch Zeug mit sich führen. Statt dessen erhielt der Kaufmann Faik eines schönen Tages die Nachricht, das er Großvater eines gesunden Christenknäbleins geworden sei. Das war dem strenggläubigen Alt-Türken zu viel. Er ging hin und erhängte sich.   »Und der Koschko, der an der ganzen Sache schuld war,« begann der Hauptmann Kirchlechner wieder, »der Koschko, der Vater von dem Knäblein – der wußte wohl, wie und wo der Kaufmann Faik sein Ende gefunden hatte. Aber er ließ es sich nicht anfechten – ein gewissenloser Windhund, der er war. Der Alte tot, die Tochter mit dem Kind weit weg. Was konnte ihm da viel geschehen? Er lebte seinen z'wideren Lebenswandel weiter, mit Wein, Würfeln, Weibern und Händeln – und so vermaß er sich auch in seiner Renommiersucht, das Abenteuer in dem unheimlichen Haus zu bestehen. Daß das gerade das nämliche Zimmer war, in dem der alte Faik sich wegen ihm die Schlinge um den Hals legte – das merkte er erst, als er mit uns vor dem Gasthaus des Moise Meir ausstieg und die Treppe zu Nummer 7 hinaufgeführt wurde. Denn wir hatten ihm ja, um seine Erlebnisse auf die Probe zu stellen, vorher nichts gesagt. Daher seine plötzliche Blässe. Sein Drucksen und Würgen. Er wäre sicher um sein Leben gern in die Nacht hinaus davongelaufen. Aber er blieb. Mut hatte er. Diese einzige gute Eigenschaft muß man ihm lassen. Und so verlor das unschuldige Wurm in Gabela im gleichen Gemach durch Selbstmord seinen Vater und seinen Großvater – den Christen und den Mohammedaner. Drüben liegen sie – nur durch den jüdischen Friedhof getrennt – einander gegenüber – auf dem ärarischen Friedhof unter einem Eisenkreuz der Leutnant Koschko, und auf dem türkischen Friedhof unter einem steinernen Turban der Kaufmann Faik.« Wer ...? Hundert Amoretten umgaukelten den kahlen Graukopf des Ersten Staatsanwalts. Ein Rokokogesindel Mozartscher Noten huschte unter seinen Händen aus den Tasten. Er phantasierte. Die junge Dame neben ihm hatte nicht mehr nötig, die Blätter umzuwenden. Er endete. Ein Gemurmel im Salon. Ein gedämpfter Beifall. »Sie hätten Musiker werden sollen, Herr Erster Staatsanwalt!« »Ich war noch vor zwanzig Jahren – schon als junger Staatsanwalt – nahe daran!« sagte er zu seinen Gästen. Er war der Hausherr. »Was haben Sie denn da für einen Dolch im Gewand, gnädiges Fräulein?« »Ich hab' es ganz unten aus Ihren Noten herausgekramt!« Die junge Dame am Klavier legte bittend die Hände zusammen. »Diese Präludien von Bach ... Ja warum denn nicht?« Der Glast der Klavierkerzen glitzerte auf der Glatze unter ihr, die sich heftig verneinend bewegte. Es grollte gedämpft unter dem grauen Schnurrbart: »Nun haben Sie mich glücklich völlig aus der Stimmung gebracht ...« »Mit dem guten alten Bach...?« Der Erste Staatsanwalt antwortete nicht. Er warf sich vornüber in die Tasten. Blitze und Donnergewölk ... Beethoven ... Plötzlich hörte er auf und fuhr sich gereizt, abgearbeitet, wie sonst am Ende eines langen Schwurgerichtstages, über die gefurchte Stirne. »Nun ist man wieder Gerichtsmensch!« sagte er verdrossen. »Und hat all das Zeug im Kopf ... .all das Zeug ... seit zwanzig Jahren ...« »Ja ... aber was hat denn das mit der Präludie zu tun?« Noch einmal dröhnte das Klavier. Der Staatsanwalt floh nach Bayreuth. Flammensäulen. Rauschen des Rheins. Windsbraut um Walhall. Dann riß er mit einem Ruck die geballten Fäuste von den Tasten, legte sie auf die Knie und saß stumm da. Im Zimmer war es beklommen still. Die junge Dame weinte beinahe. »Ich weiß gar nicht, was ich da angestellt hab'... das arme Präludium...« »Das erinnert mich an die ganze Geschichte vor zwanzig Jahren!« Der Staatsanwalt nahm sich, nach seiner Gewohnheit, um sich zu beruhigen, den Zwicker von der streng gebogenen Nase und polierte ihn sorgfältig mit dem Taschentuch. »Und da sind alle guten Geister natürlich zum Kuckuck ...« Er drehte sich jäh auf dem Klavierstuhl gegen die Zuhörer. »Ich hatte damals Gäste, gerade wie jetzt ... Ich spielte ihnen dieses Bachsche Präludium vor ... genau in dem Augenblick, wo die Geschichte anfing. ... Wissen Sie was: Ich werd' sie Ihnen lieber erzählen, statt daß ich Ihnen heute ein Katzenkonzert gebe! Es ist doch alles plötzlich wieder in mir aufgerührt ... Und sonderbar war die Sache schon ... das Sonderbarste, was ich je erlebt hab' ...«   »Ich war noch ein Jüngling mit lockigem Haar – will sagen frischgebackener Staatsanwalt am Landgericht – eben verheiratet – netter, gesellschaftlicher Verkehr, wie ihn eine mittlere Industriestadt mit sich bringt. Die Herren fabrizierten Gardinen, deckten sich in Tüll ein, rangierten nach der Zahl ihrer Webstühle. Aber viele von den Damen waren schöngeistig – musikalisch. Ich hatte gleich einen Kammermusikabend gebildet. Jeden Sonnabend. Wir sitzen da. Ich spiele auf dem Bechstein. Da sehe ich über das Notenheft hinweg, in der plötzlich leise geöffneten Flurtüre den mir ganz flüchtig bekannten Architekten Merz, einen jüngeren, frischen, blonden Mann, der mir, im Mantel, den Hut in der Hand, aufgeregt und geheimnisvoll ein Zeichen gibt, ich möge schnell zu ihm hinauskommen ... Und wie ich auf den Gang trete, hält er mir schon meinen eigenen Paletot mit beiden Händen zum Anziehen hin und drängt atemlos ... in Absätzen ... »Ich hab' meinen Wagen draußen! Mein Schwager Twerenbold muß Sie sofort sprechen ... Sie wissen vielleicht nicht ... Ich bin der Bruder seiner Frau. Meine Villa liegt oben ... an der Schönen Aussicht, neben der seinigen ... Ich wurde in aller Eile hinübergerufen ... und her zu Ihnen ...« »Wenn Herr Twerenbold mich sprechen will,« sage ich gemessen und etwas ärgerlich, ohne in das dargebotene Ärmelloch zu fahren, »so bitte ich ihn, sich zu mir zu bemühen!« »Das kann er doch nicht, Herr Staatsanwalt!« »Warum nicht?« »Ja – weil er im Sterben liegt ...« »Und da verlangt er nach mir?« »Er hat Ihnen ein Geständnis zu machen! Mehr weiß ich auch nicht.« Jetzt war ich ganz Staatsanwalt. »Kommen Sie, Herr Architekt!«   In dem dunklen Inneren des Wagens – in dem Mordslärm des Rumpelkastens auf dem Pflaster – überlegte ich: Twerenbold ... Ich traf ihn öfters im Gesellschafts-Kasino ... Gesprochen hatte ich mit ihm nie viel ... denn man konnte mit ihm nur über Strumpfwaren reden ... Nicht mehr der Jüngste ... korpulent und ein wenig kurzatmig – glattrasiert – eine Geldmaschine – ein höfliches Hauptbuch. Sicherlich auch korrekt wie ein Hauptbuch. Wieso der jetzt, in seiner letzten Stunde, auf die Staatsanwaltschaft verfiel ...? Ich fragte in die schwarze Wagenecke neben mir, in der als roter Punkt die Beruhigungszigarre des aufgeregten Architekten glimmte: »Ihr Herr Schwager ist doch sehr wohlhabend?« »Klotzig reich!« »Verheiratet?« »Feste!« »Kinder?« »... 'n kleinen Junge und ein noch kleineres Mädel.« »Und – verzeihen Sie mir als Amtsperson die Frage – wie ist denn so die Ehe?« »Na – bei meiner Schwester – offen gesagt – eine Verstandesehe. Wir waren von Haus aus nicht mit Moneten gesegnet. Sie ist ja auch ein Dutzend Jahre jünger als ihr Mann ...« »Und er ...?« »Gott – eben ein Strumpfwarenfabrikant. Und sie eine zartbesaitete Seele.« »Also – harmonisch ist die Ehe nicht ...« »Na – wenigstens kleinere barometrische Störungen sind an der Tagesordnung.« »Hm ...« »Aber tragisch sind die Kabbeleien in keiner Weise! Nach einer Stunde vertragen sie sich wieder ... kenn' ich ...« »Also wirklich ernste Differenzen ...« »Ausgeschlossen! Total ausgeschlossen! Eine Ehe wie tausend andere! ... So ... bitte, Herr Staatsanwalt ... da sind wir an Ort und Stelle ...«   Im Vorraum zwischen Palmen, Springbrunnen, Marmor-Venus ein vollbärtiger Herr. Ich drückte ihm die Hand. »Wie steht's, Herr Stadtpfarrer?« »Er zählt die Minuten, bis Sie kommen! ... Seien Sie so milde als Ihr Amt es gestattet, Herr Staatsanwalt – was Sie auch hören werden ...!« »Glauben Sie wirklich, daß ich als Staatsanwalt etwas von ihm hören werde?« Der Bart des Geistlichen an meinem Ohr: »Es ist doch ein Selbstmord! ... Er hat Gift genommen. Vor einer halben Stunde.«   Und während ich mich dem Zimmer nähere – plötzlich, jetzt erst – im Drang der Dinge fällt es mir ein: Als ich heute gegen Abend von Gericht nach Hause kam, hat meine Frau mir erzählt: ... »Ach ja – und dann ist auch Frau Twerenbold vorbeigekommen und hat ein Weilchen bei mir gesessen und auf dich gewartet, weil sie dich sprechen wollte, und ist dann wieder weggegangen!« ... Ich hatte der Sache keine Bedeutung beigelegt. Es schwebte ein Verfahren gegen den früheren Twerenboldschen Gärtner aus § 242, wegen Diebstahls – ein ganz unbedeutender, alltäglicher Fall. Ich dachte, sie sei deswegen dagewesen. Jetzt gewann dieser Besuch ein ganz anderes Gesicht. Offenbar hatte die Frau Twerenbold schon etwas Schlimmes wegen ihres Mannes geahnt. Besonders aufgeregt schien sie aber nicht gewesen zu sein! Das hätte meine Frau mir mitgeteilt.   Da drinnen liegt der Fabrikant Twerenbold im Bett. Ich erkenne das gemessene, frostige, glattrasierte Kaufmannsgesicht unbestimmten Alters kaum wieder. Es ist von Schmerzkrämpfen verzerrt. Kalter Schweiß auf der Stirne. Schweres Röcheln durch die Stille des Zimmers. In dem ist außer mir nur der Arzt. »Herr Sanitätsrat ...?« Der Doktor leise: »Er hat nur noch eine, höchstens zwei Stunden zu leben!« »Ist er bei sich ...?«   Es ist, als ob der Herr Twerenbold das hörte. Er macht eine einladende Bewegung mit der schmerzgeballten Hand nach dem Stuhl am Bett. Er flüstert erschöpft: »Bitte – nehmen Sie Platz, Herr Staatsanwalt!« Und dann, als ich sitze, fängt plötzlich Twerenbold in seiner Pein, mit den verfallenen, nüchternen Zügen, in denen schon der Tod wohnt, zu feixen an ... Er zwinkert mir mit den halb erloschenen Augen förmlich ironisch zu – grausam überlegen – als spiele er, der Sterbende, mit dem Staatsanwalt, der ihm nichts mehr anhaben kann, wie die Katze mit der Maus. »Sie haben einen Höllendusel gehabt, als Sie vor einem Vierteljahr hierherkamen!« sagt er mühsam und befriedigt-boshaft. »Und Sie haben gründlich vorbeigehauen! ... Es tut mir ja leid, daß ich Ihnen die Unannehmlichkeit bereiten muß! Aber es geht nicht anders!« »Worum handelt es sich?« »Um Ihren größten Fall, der Ihnen gleich in den Schoß fiel und mit Ihrem Namen als Staatsanwalt durch alle Blätter ging ...« »Um die Ermordung der Frau Roland?« ... Etwas Eisiges legt sich auf meine Hand. Es ist die Rechte des sterbenden Fabrikbesitzers Twerenbold. Er flüstert: »Ich war im Zuhörerraum, als Sie vor dem Schwurgericht den Kopf des Mörders verlangt haben ...« »Er sitzt wenigstens seit vier Wochen auf Lebenszeit im Zuchthaus!« »... Ein Wunder ... wenn man ... die Gabe hat ... den Geschworenen das Bild so plastisch zu malen wie Sie ... Da liegt die schöne Rix Roland ... die eleganteste und reichste Frau der Stadt ... um zehn Uhr vormittags ... in ihrem sonnigen Boudoir ... tief brünett ... im zitronengelben Morgenkleid ... eine Kugel mitten im Herzen ...« »... Und die Dienstboten sehen den Mörder aus dem Salon stürzen ... nehmen ihn im Park fest!« Drüben ein rätselhaftes und unheimliches Lächeln auf den hippokratischen Zügen: »Hat der junge Mann jemals gestanden?« »Nein. Weil er wußte, daß das Leugnen allein ihn vor dem Schafott bewahrte.« »... Aber ...« Der Herr Twerenbold stieß einen Laut aus, der halb Lachen, halb Stöhnen war. »Verurteilt habt ihr ihn doch ...! Oh ... Sie weiser und gerechter Richter ... Läuft es Ihnen nicht allmählich ein bißchen kalt über den Rücken – wenn Sie daran denken, was Sie angerichtet haben? ...« »Herr Twerenbold: Ich bin öffentlicher Ankläger! Ich erfinde die Tatsachen nicht, sondern stelle sie zusammen! Dieser Viktor Zeska – nebenbei der größte Don Juan und leichtsinnigste Schuldenmacher der Stadt – kommt aus dem Zimmer Frau Rolands. Am Boden liegt rauchend der Revolver ... Sie ist tot ...« »Mausetot ...« »Ein Selbstmord der mehr als lebenslustigen jungen Frau – auch durch die Schußrichtung, nach dem Gutachten der Büchsenmacher, völlig ausgeschlossen!« »Aber völlig!« »Auf dem Tisch neben der Toten steht offen das leere Kästchen, in dem sie ihr berühmtes Perlenkollier aufzubewahren pflegt. Den Schmuck selber findet man draußen im Park in der Tasche des Viktor Zeska! Was wollen Sie eigentlich noch mehr...?« Der verscheidende Herr Twerenbold hatte das leidenvolle Hauptbuchgesicht in die Kissen zurückgelegt. Seine Stimme klang schon wie aus seltsamer Ferne: »Haben Sie nie darüber nachgedacht ...? ... Es war noch Sommer ... Alle Türen der Villa standen nach dem Park und der Straßenseite zu offen. Die Dienstboten waren in den Hinterräumen, in der Küche, und im Oberstock mit dem Aufräumen der Schlafzimmer beschäftigt. Es konnte sehr leicht jemand, der in dem Haus Bescheid wußte, ungesehen in das Boudoir der Rix Roland gelangen ...« »Selbstredend haben wir diese Möglichkeiten erwogen ...« »... Und es konnte ebenso ...« Der Herr Twerenbold ächzte. Das Sprechen bereitete ihm Mühe. »... während alles in dem Park hinter dem vermeintlichen Mörder herstürzte ... dieser Jemand ... unbehelligt nach vorn das Haus verlassen ...« »Und wer, Herr Twerenbold, sollte das gewesen sein? Ich habe Frau Roland noch persönlich gekannt. Sie war eine sehr fidele Person. Sie hieß nicht umsonst in der Stadt die lustige Strohwitwe. Ihr Mann war ja nie daheim. Ewig auf Geschäftsreisen. In jenen kritischen Tagen war er ja auch gerade in London. Aufgepaßt hat er auf sie nicht so, wie er sollte. Aber etwas Wirkliches gegen ihren Ruf lag nirgends vor. Alle unsere Ermittelungen führten immer wieder nur auf ihre Art, mit den Männern zu flirten. So auch mit dem Viktor Zeska. Kein Wunder! Dieser Mensch besaß ja offenbar die Gabe, allen Frauen den Kopf zu verdrehen ...« »... Reden ... Sie... nur weiter ...«, sprach der Herr Twerenbold erschöpft, aber höhnisch. »Dieser Zeska war auch sonst ein völlig unsicherer Kantonist! Ein Abenteurer. Die Automobilagentur, die er betrieb, stand vor dem Bankerott. Vergessen Sie nicht, daß ich in der Lage war, ihm nachzuweisen, daß er auf zwei, in den nächsten Tagen fälligen Wechseln das Giro gefälscht hatte! Er mußte sich um jeden Preis Geld oder Geldeswert verschaffen – das Perlenkollier repräsentierte ein Vermögen – oder er war verloren ...« Der Herr Twerenbold schien einen schmerzfreien Augenblick zu haben. Er lag jetzt ganz friedlich – die bis dahin unruhig an der Decke zupfenden Hände ineinander gefaltet. Ich schloß: »Und außerdem: Viktor Zeska hat uns nie ein Wort über den Mörder gesagt! ... Er müßte ihn doch gesehen haben...« »Nein!« schrie Herr Twerenbold plötzlich erzürnt, mit einer Stimme, deren Stärke man ihm nicht mehr zugetraut hätte. »Es war genau, wie er gesagt hat: Er hat den Mörder nicht gesehen! Denn der Mörder hat aus dem offenen Nebenzimmer heraus geschossen!« »Woher wissen Sie das?« »Weil ich dabei war...« »Kennen Sie also den Mörder, Herr Twerenbold?« »Ja.« »Wer war es?« Der Herr Twerenbold streckte mit einer mühsamen, aber wie triumphierenden Armbewegung den rechten Zeigefinger gegen mich aus und keuchte mit ganz weiten Augen und zwei feierlichen Falten um die eingefallenen Mundwinkel: »Ich.« »Sie? ...« »Ich...« bestätigte der sterbende Herr Twerenbold eifrig. Es kam noch einmal ein leises Leuchten in seine grauen Augen, die auch in seinen gesunden Tagen kalt und ausdruckslos gewesen waren – ein letztes Leben in seine glattrasierten, trockenen, zeitlosen Züge, die ebensogut einem Dreißiger wie einem Fünfziger gehören konnten – so als hätte ihn die Natur ein für allemal auf Lebensdauer für den Verbrauch fertiggeschnitzt. Das Charakteristische an diesem wenig interessanten Geschäftsgesicht war der willensstarke, geradezu brutale Mund. Der öffnete sich jetzt mit verzerrten Lippen. Etwas Unersättliches – Niegestilltes – ein leidenschaftlicher Abschied von der Welt – im Antlitz des zum Abgang von dieser Erde fertigen Strumpfwarenmannes. »Ja ... nicht wahr ...?« Er stöhnt. Er macht einen furchtbaren Versuch, zu lachen. Aber es geht nicht mehr recht. ... ... Ich ... ich ... ausgerechnet ich. ... Ich bin doch die verkörperte Prosa. ... Ich bin so langstielig, daß sogar die anderen Strumpfwirker davonlaufen, wenn ich in den Klub komme ... Ich bin doch ein Mensch, so kalt wie'n Frosch. ... Nein ...« Er schrie laut auf und wand sich. Man wußte nicht, war es körperlicher Schmerz oder Seelenqual. »Ich bin ein Mensch. ... ein Mensch ... ein Mensch wie andere ... Reden Sie nicht. ... Ich habe so gut das Recht gehabt, mich zu verlieben, wie andere ...« »In Frau Roland ...?« »War das nicht das koketteste Biest unter der Sonne? Hat sie nicht sogar mit mir angebandelt – einem Stockfisch wie mir? – Natürlich nur, um irgendeinen anderen von ihren Verehrern eifersüchtig zu machen? ... Ich – ich kenn' sie ... so schlau war ich schon, mir das zu sagen – dumm bin ich nicht. ... Herrgott ... wissen Sie, wie alt ich bin? ... Achtunddreißig! Na also ... Ich sehe nur immer aus wie mein eigener Großvater – Nun flirtet das sündhaft schöne Frauenzimmer mit mir ... der sich nie mit den Weibern abgegeben hat – der in so 'was gar keine Erfahrung hat – keine Vorsicht hat – keine Praxis – Sie können gerade so gut ein Streichholz in 'nen Heuschober halten – so rasch ging's bei mir ...« Herr Twerenbold lag langgestreckt. Er sammelte mit geballten Fäusten Kräfte. Er stieß hervor: »Ich hab' eben gesagt, ich hatte ein Recht, mich zu verlieben ... Nee! hatte ich eben nicht! ... Ich war ja verheiratet ... Na ... meine Ehe ... Katz' und Hund ... Fragen Sie nur meinen Schwager ... und der weiß noch nicht die Hälfte ... Damit fing's an, daß ich der Rix mein häusliches Elend gebeichtet hab' ... Und sie tat, als höre sie teilnahmsvoll zu ... als Freundin ... Das machte sie mit allen Männern so ... Mit allen Männern hat sie gespielt ... Bis dann der Kerl kam ... und mit ihr gespielt hat ... Aber schon wie mit 'ner Puppe ... sag' ich Ihnen ...« »Viktor Zesla?« »Sagen Sie 'mal: Wissen Sie, warum sich die Frauen ausgerechnet in solche Menschen verlieben, von denen sie genau wissen, daß es Strolche sind ...? Abenteurer ...? gewissenlose Kerle ...? Darum gerade – sagen die Frauen. Dieser Zeska brauchte ja nur ein Frauenzimmer anzusehen ... Schon Schluß ... Auch bei der Rix! ... Wissen Sie ... Solang' sie nur so 'rumgebandelt hat – mit Gott und der Welt ... da war ich eines von ihren Opfern! ... Gut! ... Aber wie ich nun sehe, wie dieser ... dieser ... dieser Mensch von Tag zu Tag Macht über sie gewinnt ... im Begriff ist, sie ins Unglück zu stürzen ... ihren Ruf ganz zu ruinieren ... ihre gesellschaftliche Stellung ... alles ... Sie werden sagen: Wozu hat sie 'nen Mann? Gott: der Mann hat neunzehn Aufsichtsratsposten ... Wie kann er sich da noch um seine Frau kümmern? ... Der Mann war überhaupt nie da ... damals ja auch gerade in England ... Also kurz und gut: Ich sah das Unheil vor mir ... Ich konnte nicht mehr an mich halten... Ich war verrückt ... verrückt ... verrückt ...« »Und was taten Sie da, Herr Twerenbold? ... Reden Sie langsam ... Erschöpfen Sie sich nicht unnötig ...« »Ich ging in ... die Villa ... Roland ...« Der Fabrikant Twerenbold kämpfte erschlafft mit der Sprache. Seine Stimme holperte und stolperte schon. »Das Haustor offen... ich ... ohne Anmeldung ... in den Salon ... Nebenan – im Boudoir – sie ... Der Schuft ... der Schuft... der Schuft ist bei ihr... er kniet vor ihr ... küßt ihr die Hände ... und sie beugt sich zu ihm nieder und küßt ihm weinend Mund und Stirne ... und gibt ihm ihr Perlenkollier aus dem Kästchen – und er steht auf und steckt es in die Tasche ... Auch das nimmt er noch von ihr an... und kniet noch einmal vor ihr nieder, um ihr zu danken ...« Und mir, dem Staatsanwalt, geht es durch den Kopf: Das hat Viktor Zeska immer wieder in der Schwurgerichtsverhandlung behauptet, er habe die Perlen von seiner Freundin geschenkt bekommen, um damit die drohenden Wechsel einzulösen – und ich, der Staatsanwalt, habe ihm immer wieder vorgehalten: Angeklagter – wenn Frau Roland Ihnen die Perlen schenkte – warum haben Sie sie hinterher ermordet?« »Erzählen Sie zu Ende, Herr Twerenbold!« »Ich weiß nicht, was dann war ...« murmelt der fahle Mann im Bett. »Ich habe geschossen und sie getroffen und den Revolver weggeworfen – und bin durch das leere Haus fortgegangen – auf die Straße hinaus – wie im Traum ... wie im Traum ...« Ich ging auf den Fußspitzen in den Vorraum. Dort, bei den Palmen und der Marmor-Venus stand der blonde Herr Merz. Ich zog ihn in die Ecke. Ich fragte gedämpft: »Herr Architekt, waren Ihr Schwager und Viktor Zeska vielleicht ganz eng miteinander befreundet?« Er macht große Augen. Er ist förmlich entsetzt: »Um Gottes willen! Wie kommen Sie auf diese Vermutung?« Ich durfte ihm nicht erwidern: Es gibt eine höchste Freundschaft, die besteht darin, daß man in der Sterbestunde die Schuld des anderen auf sich nimmt, um ihn aus lebenslangem Zuchthaus zu erlösen! Ich wiederholte: »Bestand irgendein Freundschaftsverhältnis zwischen den beiden Männern?« »Aber ausgeschlossen, Herr Staatsanwalt!« Der Architekt Merz zuckte die Achseln. »Schon nach der ganzen Lage der Dinge: Der gute Zeska war doch – unter uns – ein mauvais sujet ... Ich bitte Sie – das wäre was für meinen korrekten Herrn Schwager gewesen! Der verkehrte doch überhaupt nur mit etablierten Firmen!« »Also Zeska gehörte nicht zu seinen Freunden?« »Leute wie Twerenbold – die haben überhaupt keine Freunde! Nur Geschäftsfreunde! Ich glaube nicht, daß er irgend jemanden näher gekannt hat, der nicht im Handelsregister steht...«   Der Sicherheit halber setzte ich mich noch einmal an das Bett des Sterbenden. »Herr Twerenbold ... hören Sie mich, Herr Twerenbold? ... Ja? ... Bitte – nehmen Sie Ihre Kräfte zusammen ... Sagen Sie mir: War Zeska Ihr Freund?« Ich hätte nicht geglaubt, daß diese verglasenden, kalten grauen Augen vor mir noch einmal in solch einem heißen Haß aufleuchten konnten. Ein Zucken von Verachtung und Wut um die Mundwinkel. Ein verbissenes Gemurmel: »Der Schuft ... der Schuft ... der Schuft ...« »Und trotzdem, Herr Twerenbold ...« Furchtbar – diese eiskalte Hand, die wieder nach der meinen unsicher fingerte – mir ein Zeichen gab, das Ohr zum Mund des Sterbenden zu beugen. Es war nur noch ein stoßweises Flüstern. Ein mühsamer, letzter Lebenshauch. »... Anfangs hab' ich ihm das Zuchthaus gegönnt... aber dann ... dann kamen die Nächte ... die schlaflosen Nächte... da stand er vor mir... da wurde ich fast verrückt ... Er ist ein Schuft ... aber er ist doch unschuldig ... Und das mitansehen ... ein Leben lang ... Ich hab's nicht mehr gekonnt... Aber an seiner Stelle ins Zuchthaus? ... Nein ... da habe ich lieber selber Schluß gemacht! ...Mein Selbstmord ist der beste Beweis, daß ich schuldig bin ...« Der Arzt und die Krankenschwester kamen mit Kampfer oder so etwas. Ich sagte dem Doktor nebenan: »Lieber Herr Sanitätsrat ... Ich muß sofort jemanden, der hier in der Stadt im Zuchthaus sitzt, mit Herrn Twerenbold konfrontieren! Ich werde den Sträfling herbeiholen, so schnell ich nur kann. Glauben Sie, daß ich den Patienten noch lebend wiederfinde?« »Ich hoffe! Aber eilen Sie sich! Lange macht er's nicht mehr...« Automobile waren damals, trotz der Agentur des Viktor Zeska, in Deutschland noch etwas Rares. Ich mußte die vor dem Hause haltende Droschke des Architekten benutzen. Der Kutscher hieb auf die klapprigen Gäule. Wir karriolten fast im Galopp in die schwarze Nacht hinein. Das Zuchthaus lag weit draußen vor der Stadt – in freier windüberpfiffener Ebene. Wir hielten vor den Mauern. Vor dem Staatsanwalt öffneten sie sich. Innen die unheimliche helle Fülle und Leere der Nacht im Zellengefängnis. Eisentore. Wächter. Schlüssel. Eiserne Treppenaufgänge. Wieder Wächter. Schlüssel. Zur Einzelzelle des Viktor Zeska.   Der Sträfling No. 89 stand im Hemd neben seiner Pritsche. Er mußte wach gelegen haben, als wir eintraten. Sein glattrasiertes Gesicht blinzelte nicht verschlafen, sondern hatte eher einen lauernd-verhaltenen, atemlos gespannten Ausdruck – so, als würde jetzt etwas geschehen, was er schon lange erwartete ... Lange? Ich errechnete im Kopf. Nein: Er saß jetzt erst vier Wochen. Seine Züge hatten noch nichts vom Zuchthausgrau. Sie waren nur bleich – gerade wie bei der Gerichtsverhandlung. Er sah noch genau so aus, wie ich ihn damals, vor den Geschworenen, in Erinnerung hatte: Ein schöner, schlanker, mittelgroßer Mensch von etwa dreißig Jahren mit unzuverlässigen, weich umschatteten, verständnisinnigen Augen und einem unruhigen Mienenspiel, dessen verwegener Leichtsinn jetzt unter der Maske der Zuchthausnummer 89 mit gramvollen Leidensfalten schlief. Ich war allein mit ihm in der Zelle. Er legte auf mein Geheiß seine gestreiften Hosen und die gestreifte Jacke an und fuhr in die Schuhe. Ich sah ihn scharf an. Er hielt meinen Blick anscheinend gleichgültig aus. Aber ich merkte an seinen raschen, kurzen Atemwölkchen in der kalten Luft, daß er innerlich vor Erregung bebte. Ich begann: »Sie bleiben dabei, daß Sie nicht die Frau Roland ermordet haben?« Ein leidenschaftliches Zurückwerfen des Kopfes: »Und wenn ich in den Mauern hier verrecke – ich war es nicht...« Und mich überlief langsam – als Gänsehaut – den Rücken lang – das Grauen meines Berufs: Ich hatte den Mann vor mir hierher gebracht ... Und drüben bezichtigte sich ein anderer der Tat... »Aber Sie waren Augenzeuge, als Frau Roland ermordet wurde?« »Ja. Sie fiel tot neben mir nieder. Die Kugel pfiff vorher dicht an meinem Ohr vorbei.« »Wer war der Mörder?« »Ich hab' es schon hundertmal gesagt: Ich weiß es nicht.« »Sie müssen ihn gesehen haben!« »Ich kann nicht durch die Wände sehen. Der Schuß kam aus dem Nebenzimmer – wie ich auch schon hundertmal gesagt habe...« »Aber durch die Portieren konnte man hineinsehen.« »Von mir aus nicht...« »Von der Stelle, wo Frau Roland lag, konnte man hineinsehen! Und Sie selber sagen jetzt eben, sie sei an Ihrer Seite hingestürzt!« »Ich habe nichts gesehen!« Ich ging durch die kleine Zelle. Ich blieb vor Viktor Zeska stehen. »Wenn Sie den Mörder nicht sahen – weswegen – glauben Sie – daß die Tat geschah?« »Na natürlich aus Eifersucht ... das habe ich auch schon Dutzende von Malen gesagt... Aber man glaubt mir ja kein Wort.« »Können Sie mir jetzt jemand Bestimmten nennen, den Sie im Verdacht haben?« »Das habe ich schon in der Gerichtsverhandlung nicht gekonnt! Wie sollt' ich es denn jetzt... in dem Affenkasten hier?« »Es wäre doch möglich, daß Ihnen nachträglich ein Name auf der Zunge liegt ...« »Da müßte ich Ihnen die halbe Stadt nennen! Frau Roland hat mit jedem Herrn zwischen zwanzig und fünfundvierzig geflirtet, der in ihre Nähe kam ...« Und jetzt konnte der Häftling 89 seine Selbstbeherrschung nicht mehr wahren. Die Streifen seiner Sträflingskleidung zitterten unter einem Schüttelfrost der Aufregung, der seinen Körper überfiel. Er krampfte die immer noch gepflegten Finger ineinander, mit denen er tagsüber auf dem Werktisch drüben unter dem hohen, kleinen Fenster die Schuhmacherei lernte. » ... Wer von diesen Leuten das war, Gott im Himmel... ich weiß es nicht...« »Man wird Ihnen einen Mantel geben! Kommen Sie mit!« Ich setzte den Sträfling 89 in der Droschke neben mich. Zwei Wächter auf dem Rücksitz. Ich beugte mich zum Schlag hinaus und rief dem Kutscher zu. »Fahren Sie darauf los, was Sie können! Es geht um Tod und Leben!« Der Doktor stand schon auf der hellen Schwelle der Villa und spähte ungeduldig nach mir aus. Der Herr Twerenbold lebte noch. Aber es ging rasch zu Ende. Wir traten ein. Ich mit Viktor Zeska, den ich der Sicherheit halber immer am Handgelenk umfaßt hielt. Dann der Sanitätsrat und der Stadtpfarrer, stumm im Hintergrund. Ich schloß sorgfältig die Türe. Daraufhin führte ich Viktor Zeska vor das Bett des Herrn Twerenbold. Die beiden – der Sträfling und der Sterbende – sahen sich schweigend, mit einem so eisigen, so tödlichen Haß ins Gesicht, daß es mir klar war: Um einen Freundschaftsdienst in letzter Stunde handelte es sich da wahrhaftig nun und nimmer ... Und ein zweites Rätsel fiel mir, in aller Eile, auf: Ich beobachtete Viktor Zeska unausgesetzt und möglichst unauffällig von der Seite. Ich hatte ihm nicht gesagt, wohin die Fahrt ging. Er konnte durchaus nicht wissen, daß er plötzlich vor Herrn Twerenbold stehen würde. Aber er schien darüber in keiner Weise erstaunt ... So, als hätte er das längst erwartet ... »Herr Twerenbold ... Sie stehen im Begriff, diese Welt zu verlassen ...« Herr Twerenbold bestätigte mir das eigentlich nur noch mit einer Bewegung der Augenlider. Aber man sah in seinen lebhaften Pupillen, daß er ganz bei Sinnen war. »Sie stehen in kurzem vor dem höchsten Richter ...« Herr Twerenbold gab das in gleicher Weise zu. »Sie werden nicht mit einer letzten Lüge auf den Lippen vor Gott treten wollen ...« Herr Twerenbold verneinte das mit einer matten, kaum merklichen Kopfbewegung. »Vor Ihnen steht ein Mann, der wegen des Mordes an der Frau Roland verurteilt ist ...« »Unschuldig verurteilt ...« Herr Twerenbold röchelte es noch einmal mild und heiser auf. Mit einer letzten Lebenskraft der keuchenden Lungen. »Herr Twerenbold – wenn dieser Mann hier unschuldig ist – wer ist dann – vor diesen beiden Zeugen im Zimmer – der Mörder?« »Ich ... ich ... ich ...« Herr Twerenbold stieß es mit einer äußersten Kraftanstrengung hervor. »Ich ... vor Gott dem Allmächtigen ... Ich war der Mörder und die Kanaille da ... die ... ist unschuldig ... Den Kerl laßt nur ruhig laufen ... der kommt schon noch 'mal anderweitig an den Galgen ...« Er trommelte mit geballten Fäusten gegen seine pfeifende Brust. »Aber, diesmal ... diesmal war ich es...« Seine geballten Hände hämmerten jetzt nur noch ganz schwach... Lagen still ... Er wandte den Kopf auf die andere Seite. Drehte sich um... der Arzt beugte sich über ihn. Machte mir nach rückwärts ein Zeichen.   Ich begleitete den Häftling 89 in den Vorraum, wo die Wächter standen. Auf der Schwelle fragte ich ihn: »Was haben Sie zu dem Geständnis des Herrn Twerenbold zu sagen?« Viktor Zeska sah mich fest an: »Wenn er Selbstmord begeht und auf dem Totenbett vor dem Staatsanwalt und zwei Zeugen seine Schuld eingesteht – dann war er eben der Mörder! Und ich komme frei!« Und seltsam ... es klang für mich etwas in der knappen und trockenen Selbstverständlichkeit seiner Worte, als habe er das alles, mit Herrn Twerenbold, eigentlich schon gewußt – und wisse überhaupt viel mehr, als er sagen wollte! Ich brachte ihn zur Droschke. »Ich lasse Sie jetzt durch die Wächter in Ihre Zelle zurückbringen ... Sie erfahren morgen mehr ...« Als ich wieder in das Krankenzimmer trat, wehte da kalte Luft. Die Schwester hatte die Fenster geöffnet. Die Gardinen bewegten sich im Nachtwind. Das war das Zeichen, daß Herr Twerenbold ausgeatmet hatte. Er lag mit einem strengen, starr zufriedenen Ausdruck auf den Zügen da. Seine Augen waren schon geschlossen. Seine Hände auf der Brust gefaltet. Mit stummen Küssen auf diese Hände kniete vor seinem Bett eine junge Frau. Seine Frau. Es fuhr mir durch den Kopf, woran ich in der Eile des Augenblicks bisher gar nicht gedacht hatte –: Jetzt erst ist sie gekommen! Sie wandte mir den Rücken zu. Ich sah nur den weichen Nackenknoten ihres braunen Haars – seltsamerweise unter einem Straßenhut. Sie preßte noch einmal ihre Lippen auf die Rechte ihres toten Mannes – nicht auf seinen Mund – nicht auf seine Stirne. Dann stand sie auf. Ich sah ihr tränenloses, sonderbar unbeseeltes Antlitz, das so bleich war wie das des Leichnams neben ihr. Ich kannte sie, wie gesagt, bisher nicht. Ich hatte nur gehört, daß sie für sehr hübsch galt. Sie hatte feine, nervöse, leidenschaftliche Züge. Die Form ihres Gesichts war ganz schmal und länglich. Die Brauen über den dunklen Augen auffallend dicht und nahe zusammengewachsen. Jetzt bemerkte ich, daß sie zu dem Hut auch einen Wintermantel – hier im Zimmer – trug ... Ich ging auf sie zu... »Mein herzlichstes Beileid, gnädige Frau!« sagte ich und streckte die Rechte aus. Sie trat hastig zwei Schritte von mir zurück und steckte ihre beiden Hände in die Taschen des Mantels, um sie mir nicht reichen zu müssen. »Ich habe mich schon fix und fertig gemacht, Herr Staatsanwalt!« sagte sie. »Nehmen Sie mich nur bitte gleich mit!« »Was heißt das ...?« »Ja. Ich bin es doch gewesen, die die Frau Roland...« »Sie?« »Ich hab' auf den Viktor gezielt – aus Eifersucht – weil er von mir weg ist – zu ihr – er hat vor ihr gekniet... da ist die Kugel an seinem Kopf vorbei und hat sie getroffen. Das wollt' ich nicht. ...« »Und er hat Ihren Namen nicht verraten ...« »Ja. So anständig war er doch ... Aber wir haben's nicht ausgehalten ... ich nicht ... und mein Mann auch nicht – dem hatt' ich alles gestanden ...« »Und er hat weiter mit Ihnen gelebt ...?« »Ich hätte tun können, was ich wollte – er hätte nie die Kraft gehabt, sich von mir zu trennen! Nie hat er etwas mit der Roland zu tun gehabt – nie mit irgendeiner Frau. Außer mit mir. Ich war sein ganzes Leben! Ich war sein Alles ... Er war ein so kalter Mann und hat mich angebetet – wie eine Heilige ...« »Ich hörte im Gegenteil, Ihre Ehe sei unglücklich gewesen!« »Ich habe ihn aus Vernunft genommen und habe ihn nicht lieben können. Und er hat täglich darum gebarmt und gebettelt. Das waren die Stürme in unserer Ehe. Dann kam der Viktor. Den mußte man ja lieben, ob man wollte oder nicht. Jede.« »Ihr Mann hat die Tat wirklich nicht begangen?« »Was er Ihnen davon erzählt hat, das ist, Wort für Wort, nur die Wiederholung dessen, was ich ihm gebeichtet hab'! Ich war in der Villa. Ich hab' geschossen. Ich hielt die Gewissensbisse, daß der Viktor unschuldig im Zuchthaus saß, nicht mehr aus. Ich war heute nachmittag schon bei Ihnen, Herr Staatsanwalt, um mich selbst zu stellen...« »Ich war nicht daheim...« »Ich wäre morgen früh wiedergekommen! Mein Mann sah, daß es mir bitterer Ernst war. Er konnte den Gedanken, mich zu verlieren – mich getrennt von ihm hinter Gefängnismauern zu wissen – nicht ertragen! ... Hier – diese Zeilen hat er mir hinterlassen ...« Ich las: »Es gibt nur ein einziges Mittel damit der Unschuldige aus dem Zuchthaus kommt, und du, die Schuldige, nicht hinein: Ich muß alle Schuld auf mich nehmen. Aus Liebe zu dir. Aus Liebe. Aus Liebe. Nie hat ein Mensch so geliebt wie ich. Leb' wohl!« Ich steckte stumm die letzte Botschaft des toten Strumpfwarenfabrikanten ein. »Als ich den Zettel gelesen hatte, Herr Staatsanwalt, und die Treppe hinunter in sein Zimmer stürzte, war es schon geschehen...« »Gnädige Frau: Im Namen des Gesetzes ...« »Erlauben Sie nur, daß ich noch einmal meine Kinder küsse! ... So ... danke. Ich bin bereit.«   Der Staatsanwalt hatte zu erzählen aufgehört. Eine Dame fragte: »Und was wurde dann mit ihr?« »Sie wurde nach einer verhältnismäßig kurzen Frist vor Jahren begnadigt.« »... und hat den Viktor Zeska geheiratet?« »Den hat sie nie wiedergesehen. Der ist längst verschollen. Sie hat ihren Mädchennamen angenommen und ihr ganzes Leben der Erziehung ihrer Kinder gewidmet. Vor einiger Zeit hat ihre Tochter geheiratet. Bei der lebt sie, ganz zurückgezogen, in einer deutschen Kleinstadt ... Es ist ja längst Gras über die Sache gewachsen...« Das Glück im Schlaf Das ist eine Geschichte aus alten Tagen: – Wie der junge Wolf Nicol von Dahl aus dem Baltenland über Nacht in Petersburg sein Glück fand. Und wie dort der mächtige Selbstherrscher aller Reußen von seinen getreuen russischen Staatsdienern übers Ohr gehauen wurde. Wann und wo ich diese Geschichte erfahren, das kommt später. Der Selbstherrscher – das war Alexander der Zweite, der Zarbefreier, und die Ereignisse spielen nicht allzulange vor seiner freventlichen Ermordung, in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Damals fuhr eines Tages zur Sommerzeit Wolf Nicol von Dahl mit seiner Braut Cara von Metzradt durch die sumpfigen Birkenwälder und feldsteinummauerten Weideflächen des inneren Estlands der nächsten Poststation zu. Nicht die beiden allein – das wäre des Landes nicht der Brauch gewesen. Tante Sisa saß dabei, als »Elefant«, wie man damals sagte. Aber Tante Sisa war ein wenig »dwatsch«, wie man damals auch sagte –: knapp von Verstand. Sie störte nicht, während Nicol zu seiner Zukünftigen sprach, einem rosigen, blonden, hübschen Fräulein vom Lande – er selbst ein ansehnlicher, großer, flotter Mensch. »Außer unseren Wappen und dem Leben besitzen wir zwei nichts auf der Welt ...« »... als deine Verbindungen in Petersburg«, mahnte die blonde Cara sanft. Und hatte recht. Was war ein Mensch in Rußland ohne »Beziehungen«? Und ihr Verlobter, hoffnungsvoll, andächtig: »Empfehlungen an Wassiljeff selber ...« Wassiljeff ... Einer der mächtigsten Minister von Petersburg – in der vollen Gnadensonne des Zaren... »Sieh mal, Cara: Das ist doch das Riesenglück, daß Wassiljeff, durch einen Scheffel Erbsen, die großen Katharinenhofschen Güter in Kurland geerbt hat. Er kommt ja selber als Russe nie dorthin! Aber er steht doch dadurch den Ostseeprovinzen näher als andere hohe Tschinowniks, und ich bin doch schließlich ein fixer Junge. Er wird mir einen Posten im russischen Staatsdienst geben! Und dann«, Nicol Dahl stieg auf der Station in den Postwagen nach Petersburg. Das Glöckchen klingelte am Krummholz. Er winkte zurück. »... und dann können wir heiraten!« Eine lange Reise damals – als es noch keine Eisenbahn von Estland nach Petersburg gab. Aber Wolf Nicol von Dahl kam schließlich in der russischen Hauptstadt an. Zwanzig Rubel noch in der Tasche. Mehr nicht! Gott wird helfen! Das Ministerium. Der betreßte Türschweizer. Die bleichen Beamten. Ein besorgter Kollegienrat, ein entfernter Vetter, ratlos das Empfehlungsschreiben in der Hand. »Audienz bei Seiner Hohen Exzellenz? Bis auf weiteres unmöglich! Der Minister ist in einer verzweifelten Stimmung!« »Wie das?« rief Wolf Nicol von Dahl in größter Bestürzung. »Der Selbstherrscher geruht doch, sich zur Zeit mit seiner erhabenen Gemahlin in deren hessischer Heimat an der Bergstraße aufzuhalten. Von dort hat der Minister gestern ein höchst ungnädiges Handschreiben Seiner Majestät empfangen! Sein Sturz nach der Heimkehr des Zaren scheint bedrohlich nahe!« »Was steht in dem Allerhöchsten Ukas?« »Niemand weiß es! ... Aber niemand kann dir jetzt hier helfen, wo alles auf der Kippe steht!« Ein geschlagener Mann, tritt Wolf Nicol auf die Straße. Was nun? Gott erbarme sich! Noch zwanzig Rubel im Besitz! Reval weit. Ein Adjutant eilt ihm nach: »Der Ältere Gehilfe im Ministerium, Exzellenz Borger, läßt Sie bitten, noch einmal umzudrehen und zu ihm zu kommen!« Constantin Paulowitsch Borger ist trotz seines deutschen Namens ein Vollblutrusse, mit schwarzem Langbart und rundem, kahlem Schädel. Er sitzt hinter einem riesigen, mit Akten bedeckten Tisch, winkt, Platz zu nehmen, bietet dem Besucher höflich Papyrossen an. Sein Baß ist langsam und dunkel. »Warum wollen Sie im Kronsdienst hungern, Baron? Leben Sie doch lieber auf Ihren Gütern!« »Ich müßte dazu auf den Mond übersiedeln, Exzellenz!« »Wie das? Sie sind seit einem Jahr bereits Besitzer einer der größten Herrschaften Kurlands! Das Schloß Katharinenhof. Dreihundert Wirtsstellen. Zehntausend Deßjatinen. Es ist alles längst auf Ihren Namen überschrieben! Was wollen Sie mehr?« »Ich verstehe nicht ...« »Sie erhalten heute nachmittag in Ihr Hotel die Urkunde zugesandt. Alles gestempelt und in Ordnung! Nehmen Sie, was Gott Ihnen schickt! Reisen Sie heute noch nach Kurland! Treten Sie sofort Ihren Besitz an! Geben Sie mir Ihr Wort als Edelmann? Ja? Danke! Nun: mit Gott!« Wolf Nicol von Dahl macht, daß er leise aus dem Zimmer kommt, in dem der Verrückte sitzt! Dumpf hockt er des Nachmittags in seinem Hotelstübchen im vierten Stock. Herein! Ein behutsamer, geschmeidiger Mensch – nicht in Uniform, sondern in deutschem Rock – mit einem Dokument: »Bitte, den Empfang zu bestätigen, Gospodin!« Wolf Nicol unterschreibt. Der Bote schlüpft lautlos auf Gummischuhen durch den Türspalt davon. Der junge Herr von Dahl prüft die Papiere: Er ist seit einem vollen Jahr rechtmäßiger Eigentümer des Riesenguts Katharinenhof in Kurland. Dessen Vorbesitzer – eben der Minister Wassiljeff, den er nie in seinem Leben noch gesehen und gesprochen – hat es ihm seinerzeit gegen sofortige Barzahlung verkauft ... ihm, dem damals, wenn man ihn auf den Kopf stellte, kaum eine Kopeke aus der Tasche gefallen wäre – ihm, der niemals in Kurland, geschweige denn in Katharinenhof war. Ist der Minister mit seinem ganzen Volk verrückt geworden? Halt: Da ist noch ein Briefumschlag! Sein Inhalt zehn »Regenbogenscheine«: tausend Rubel. Ein Zettel. Wieder die Mahnung: »Übernehmen Sie sofort Ihren neuen Besitz!« Nur fort aus Petersburg! Nur fort aus dieser unheimlichen Stadt! Wolf Nicol Dahl reist, um das Rätsel aufzuklären, Tag und Nacht. Er erreicht Kurland. Er fährt, nahe der deutschen Grenze, an dem Schloß Katharinenhof vor. Er steigt aus. Er erwartet, daß man ihn wegjagt ... Alles umher dienert tief. Die Männer küssen ihm den Rockzipfel, die Mägde die Hand. Jeder erwartet schon den neuen Herrn. Das gewaltige Waldgut ist wirklich sein Eigentum. Er faßt sich. Er ist, wie gesagt, ein fixer Junge. Er lebt sich ein. Er legt überall Hand an. Er beginnt zu wirtschaften. Er hat genug damit zu tun. Denn der bisherige Verwalter, ein Pole, ist am Tage vor seiner Ankunft plötzlich bei Nacht und Nebel verschwunden. Niemand weiß wohin. Niemand weint dem verhaßten Bedrücker und Blutsauger eine Träne nach. Die Fäuste der lettischen Bauern ballen sich, wenn sie im Krug dem Leuteschinder fluchen. Wolf Nicol aber schreibt seiner Braut: »Was eigentlich geschehen ist, weiß ich nicht. Aber ich komme und heirate dich und führe dich ins Glück!« Und so holte er seine blonde Cara heim, und beide lebten froh und unangefochten mit ihren Kindern auf Katharinenhof, bis der Herr sie abrief. – Unter den vielen Bauern des Gutes aber gab es einen finsteren und entschlossenen Gesindewirt, des Namens Jan Rudzits. Der hatte im Mai dieses Schicksalsjahres, zwei Monate ehe Wolf Nicol von Dahl seine Glücksfahrt nach Petersburg antrat, im Pastorat des Kirchspiels, zu dem Katharinenhof gehörte, die Kappe von der langen Mähne gelüftet und aus den Händen des lutherischen Pfarrers Graumann eine versiegelte Denkschrift in Empfang genommen. Und der deutsche Seelsorger hatte auf lettisch zu ihm gesagt: »Ihr mögt recht haben mit eurem Verzweiflungsschritt – du, Jan Rudzits, und die andern Katharinenhofschen Bauern. Der Minister Wassiljeff, der Petersburger, der Russe, kommt niemals selbst nach Kurland auf sein Erbgut. Es ist nicht mehr zu ertragen, wie euch in seinem Namen der Polacke, dieser Verwalter, plackt und schindet. Was hilft es, sich beim Minister über ihn zu beschweren? Kein Bittsteller dringt bis zu ihm vor. Jede Eingabe wird unterwegs von den Tschinowniks unterschlagen! – Es gibt nur einen in Rußland, der noch mächtiger ist als der Minister!« hatte der Pastor geschlossen. »Der Zar befindet sich jetzt in Deutschland – an einem Ort, der Jugenheim heißt – im südlichen Teil dieses Landes. Der Herrscher bewegt sich dort, anders als bei uns, frei unter den Deutschen. Vielleicht glückt es dir, bis zu ihm vorzudringen und sein Antlitz zu sehen!« Schüsse in der Nacht waren etwas Gewöhnliches an der deutsch-russischen Grenze. Meist handelte es sich um Leder, das wohl die Grenze, aber nicht den Zoll sehen sollte. Aber auch Tabak und anderes schleppten die Schmuggler auf dem Rücken. Wilde Sachen erlebte man hier: Flöße, die, statt auf Balken, heimlich auf aufgeblasenen Zickelfellen schwammen. Und im Innern der Bälge verbotene Ware. Leichen im Sarg – ohne Paß, aber mit dem Drang ins Ausland –, die jenseits der Grenze wieder lebendig wurden. Mit Diamanten genudelte Treibgänse, die man schleunigst hinter dem Schlagbaum schlachtete. Chaim Dunkelblum organisierte hier diesen Grenzverkehr. Chaim Dunkelblum machte alles. Am liebsten, wenn er im Dunkeln blühte. Und so exportierte er in einer finsteren Gewitternacht, während er die Grenzsoldaten durch falschen Alarm anderweitig beschäftigte, und das »Na Tschal«, das Trinkgeld, nicht sparte, nach allen Regeln der Kunst den Gesindewirt Jan Rudzits mit einem Schreiben nach Deutschland. Er, der sich mit seinem Jiddisch-Deutsch dort durchschlagen konnte, brachte den lettischen Bauern zum Mendel Fainstein in einem jener fast ausschließlich von jüdischen Viehhändlern bewohnten Hochdörfer des Odenwaldes, von wo man schon auf die lachende Bergstraße und das liebliche Jugenheim hinabsah. Dort in Jugenheim habe ich zehn Jahre später, als ich in Darmstadt in Garnison stand, diese Geschichte gehört und nicht geglaubt. Denn was erzählt man sich nicht alles von Rußland! Aber als ich in einem der nächsten Sommer, wie alljährlich, nach Rußland kam, habe ich mich doch dort danach erkundigt. Und es zeigte sich: Auch in Petersburg und zwischen der Narwa und dem Krug Nimmersatt wußte man von einem solchen Vorfall ... in Jugenheim. Das ist ja zwei Menschenalter her. In diesem Garten Deutschlands, in dieser schon halb südlichen Landschaft, die ihn an die Krim erinnerte, fühlte sich der Zar wohl. Er unternahm weite Spaziergänge in den Wäldern, oft nur mit einem einzigen Begleiter. Wie er eines Morgens geruhig im fremden Land lustwandelte, erblickte er vor sich, gleich einem Traumbild, eine Erscheinung aus seinem eigenen Reich. Vor ihm kniet ein wirrmähniger Bauer und schlägt die Stirne in den Staub und hebt in der hornigen Rechten einen Bittbrief: »Erbarme dich, Väterchen!« Und der Zar nimmt. Und der Zar liest. Und der Zar furcht die Stirne und setzt sich in seinem Sommerschloß an den Malachit-Tisch und schreibt an den Minister Wassiljeff eigenhändig einen Brief. »So also geht es auf Deinen Gütern zu! Deine Kreaturen bedrücken die Bauern, denen ich eben erst die Befreiung von der Leibeigenschaft schenkte, wie sie im Gouvernement Kurland ohnedies schon bestand! Sobald ich wieder in Petersburg bin, wirst Du mir Rechenschaft ablegen!« Aber siehe: Im Winterpalais in Petersburg tritt Seine Hohe Exzellenz Wassiljeff mit der Miene gekränkter Unschuld vor den finsteren Zaren. »Verantworte dich!« »Mit einem einzigen Wort. Eure Majestät! Die Eingabe in Allerhöchstdero Händen trägt das Datum dieses Sommers!« »Ganz richtig!« bestätigte der Zar mit düsterer Stirne. »Nun – und schon ein Jahr zuvor, im vorigen Sommer, habe ich Katharinenhof an Eurer Majestät in der Adelsklasse eingeschriebenen Untertan Wolf Nicol von Dahl rechtskräftig verkauft. Hier die amtlichen Dokumente. Kann ich dafür, wie es mein Nachfolger und sein Verwalter treiben?« Dieser Verwalter – der Pole – der, einen Tag vor Wolf Nicols Ankunft in Katharinenhof, dort auf Exzellenz Wassiljeffs Befehl nachts von Gendarmen ausgehoben und in Irkutsk in Sibirien »angesiedelt« worden war. »Und im übrigen, Euer Majestät – dieser junge Balte hat sich gebessert! Er hat, wie ich höre, seinen erpresserischen Verwalter, einen Polen, weggejagt und wirtschaftet jetzt milde und gerecht! Die Bauern sind mit ihm zufrieden!« Das längliche, vornehme Antlitz des Zaren erhellte sich zwischen den Bartkoteletten. »Nun – dann ist es ja gut! Ich freue mich, daß ich mich in Ihnen nicht täuschte, Sergei Timofeïtsch!« Er drückte seinem Minister die Hand. »Stehen Sie mir weiter treu zur Seite! Mit Gott!« Hanka Das ist die dunkle Geschichte von der schwarzen Hanka aus Ostpreußen, im ersten Winter des Weltkriegs. Das heißt: Eigentlich ist es zunächst die Geschichte von ›Müthchen‹, von Erdmuthe Heerbrandt: – ein Pausback mit einer Stupsnase in dem runden, lustigen Bubengesicht und mit prachtvollen, immer lachenden weißen Zähnen – noch ein bißchen kälbern – kaum achtzehn – auf dem väterlichen Rittergut Gerkehmen, dicht hinter der Front, wo sie in Friedenszeiten auf die Bäume kletterte, um die Krähennester auszunehmen, und auf schaukelndem Nachen die Hechte mit der Gabel stach. Jetzt, im Krieg, tat sie tagsüber Helferinnendienst auf dem Bahnhof des nahen Städtchens, in dem der hohe Befehlsstab des Frontabschnitts lag. Ihre Mutter waltete da, hinter Kaffeekesseln und Stullenstapeln, umgeben von einer Schar junger Mädel, und Müthchen, ihre Einzige, rannte langbeinig, atemlos, die endlosen Züge auf und ab, Müthchen schleppte Wasser, Müthchen telefonierte, Müthchen kannte Gott und die Welt in Waffen ringsum. Und am Frühabend dieses besonders aufgeregten Wintertags, in dem ein Truppentransport nach dem andern einlief und weiter nach Norden fuhr, witschte Müthchen auf dem Bahnhof an ihrem Vater vorbei. Der alte Heerbrandt stand, grauhaarig, im Feldgrau der Landwehrkavallerie, wo er als Major im Pferdedepot tätig war, auf dem Bahnsteig, mitten im Kriegsgetümmel, in das ganz von fern leise die Front grollte, und plackerte und tackte, im Gespräch mit dem Generalstabshauptmann Ludwig Noster, und hielt seine zum Ausgang strebende Tochter an der Rotenkreuzbinde am Arm fest: »Halloh – wohin, Mariell?« »Auf einen Sprung zu uns hinaus nach Gerkehmen!« schrie Müthchen. »Ich hab' Urlaub von Mutti! Ich muß draußen mal nach den Hühnern und Eiern schauen! Es wird ja zu wahnsinnig gestohlen!« Und damit sprang sie aufgeregt in den draußen vor dem Bahnhof wartenden Herrschaftsschlitten und klingelte in flottem Trab die halbe Stunde verschneite Landstraße hinaus nach Gerkehmen. Soweit Müthchen. Aber wenn man von Müthchen Heerbrandt spricht, dann muß man auch von dem Leutnant Glowatsch reden. Denn der liebte sie. Er sah sie nur selten, wenn er dienstlich in das Städtchen kam. Für gewöhnlich hauste er mit seinen Pionieren draußen in einem Lager auf einer Waldlichtung hinter der Front, gegen Fliegersicht gedeckt, in einem Stübchen unter der Erde. Es war ganz warm und gemütlich da unten in dem Bretterverschlag. Eine Leiter führte von oben hinab. Unten gab es ein Schlafkanapee und ein Büchergestell und einen Tisch mit einer Petroleumlampe darauf. Und an dem Tisch saß, während draußen schon stark der frühe Winterabend über dem weißen Schnee graute, Karl Glowatsch, ein ernster, junger Offizier, mit einem zuverlässigen, schnurrbärtigen Antlitz, und las im ›Faust‹, als ein Unteroffizier herunterstieg und meldete: »Herr Leutnant! Es ist eine Ordonnanz aus der Stadt gekommen!« »Na – und ...« »Ich weiß nicht, Herr Leutnant: der Mann kommt mir so komisch vor. Er ist noch ganz jung. Er sagt, er sei Kriegsfreiwilliger!« Blutjunge Kriegsfreiwillige gab es in Fülle. Der Leutnant Glowatsch sagte also nur: »'mal runter mit dem Knaben!« Ein schmächtiges, feldgraues Kerlchen kletterte höchst gelenkig die Sprossen nieder, trotz des viel zu langen Militärmantels, der unten nur einige Handbreit Wickelgamaschen und ein paar mächtige Kommißstiefel freiließ. Der Leutnant Glowatsch wurde, was ihm vor dem Feind gewiß nie passierte, blaß vor Schrecken. Er erhob sich mit offenem Mund. Er sprach nicht, bis der Unteroffizier weg war. Dann brach er los. »Sind Sie denn verrückt geworden, Fräulein Heerbrandt?« »Da bin ich!« sagte Müthchen strahlend. »Woher haben Sie denn die Montur?« »Gott! Ganz Gerkehmen liegt doch voll Landstürmer!« »Und wie sind Sie denn hier heraus?« »Ich hab' selber 'nen kleinen Schlitten kutschiert und den Gaul am Waldrand angebunden und bin zu Fuß durch den Wald hierher!« »Ja – was wollen Sie denn hier?« »Ich hab' Ihnen doch immer gesagt, daß ich mal kommen wollte!« »Dazu ist doch weiß Gott nicht Krieg!« »Hier ist doch gar nicht richtig Krieg. Und drüben, auf dem Bahnhof, ist's so langweilig – immer als Kaffeemamsell herumturnen! Ich wollt' mal sehen, wie es vorne ausschaut! Nun müssen Sie mir alles zeigen! Ja?« Der Leutnant Glowatsch richtete sich streng und dienstlich auf. »Dazu ist der Krieg zu ernst, mein gnädiges Fräulein!« versetzte er förmlich. »Sie werden sofort den Weg zurückgehen, den Sie gekommen sind! Kein Wort des Widerspruchs, wenn ich gehorsamst bitten darf! Ich bin hier im Dienst. Ich bringe Sie selbst bis zu Ihrem Schlitten!« Das Müthchen Heerbrandt stand verdonnert da. Das hatte sie nicht erwartet. Sie verbarg ihre bittere Enttäuschung unter einer verächtlichen Schulterbewegung. Sie drehte sich stumm und trotzig mit zornfeuchten Augen um und wanderte, ohne den Pionierleutnant Glowatsch hinter sich noch eines Wortes zu würdigen, den Weg durch den nun schon fast dunkeln Winterwald zurück. An dessen Saum stand, seitwärts, damit er nicht gestohlen würde, der Panjegaul mit dem Schlitten. Müthchen waren in der Kälte die Tränen an den Wimpern fest gefroren. Sie nahm verbissen dem struppigen, kleinen Vieh den Woilach ab. Der Leutnant Glowatsch knüpfte den Zügel von der Birke und sagte: »Ich darf nicht weiter mitkommen! Hier endet mein Befehlsabschnitt. Sie müssen wieder allein nach Gerkehmen zurückfahren!« »Päh...« »Passen Sie nur auf, daß Sie nicht unterwegs von einem Landsturmposten abgeklappt werden!« Müthchen schaute sich um und versetzte mit trockener Kehle: »Dort auf dem Feld steht schon einer!« »Hier schon? Das ist unmöglich!« »Dort drüben! Ganz deutlich! Die dunkle Gestalt auf dem weißen Schnee! Ja – da stand ein hagerer, langer Mann. Er schaute gespannt nach der Stadt hinüber, deren Lichter sich, nur eine halbe Stunde entfernt, gelb in dem Schwarz des vor ihnen strömenden Flusses spiegelten. Er trug eine Fellmütze auf dem Kopf und einen Schafpelz über hohen Stiefeln. »Ein Zivilist!« murmelte der Leutnant Glowatsch. »Was macht der Kerl denn da?« Die Gestalt im Zwielicht hörte es nicht. Sie war zu sehr in den Anblick der fernen Helle über dem Wasser versunken. Diese vielen Lichter in der Stadt drüben flimmerten still wie die Sterne am Himmel. Aber dazwischen blinkte, in unregelmäßigen Zwischenräumen, ein einzelner Lichtpunkt auf, erlosch, kam wieder... »Es sind Alphabetzeichen«, flüsterte der Leutnant Glowatsch und atemlos zählte er Buchstaben um Buchstaben mit. »Truppen...« Er holte seinen Browning vor, »Verladung...« Er winkte Müthchen zurückzubleiben und schlich unhörbar durch den Schnee auf den Mann vorn zu. »Norden.« Er schob den Sicherungshebel am Pistolenkolben zurück. »Mitter...« Er kam der dunkeln Gestalt immer näher. »...nacht...« Nun noch zehn Schritte »...mehr.« Das Blinklicht erlosch. Zugleich machte der Mann in der Pelzmütze einen Sprung zur Seite und war, so als hätte ihn die Schneefläche verschluckt, plötzlich spurlos verschwunden. Der Leutnant Glowatsch watete hastig hinterher. Er trat mit dem Fuß ins Leere, stürzte, lag lang auf dem Rücken in einem Schacht. Ein schwacher, sonderbarer Geruch, wie von einem Raubtierkäfig, umdünstete ihn in der Finsternis und Stille. Über sich sah er an dem eisklaren, schwarzen Nachthimmel die ersten gelben Sterne. Er raffte sich auf und kletterte die steile, mit Brettern ausgeschlagene Böschung zur Oberwelt empor. Es dauerte eine Weile, bis er da wieder auf seinen zwei Beinen im Schnee stand, und zu Müthchen, die herangekommen war, sagte: »Ich bin in einen Gott weiß wie lange verlassenen russischen Schützengraben geplumpst! Durch den hat der Kerl seinen Wechsel aus dem Walde hierher. Und ist weg. Er hat gar nicht gemerkt, daß ich hinter ihm her war. Er kommt um Mitternacht wieder!« Der Leutnant Glowatsch orientierte sich mit einem Rundblick durch die Nacht. »Gott sei Dank: die Visierlinie ist nicht zu verfehlen! Von hier über die einzelne Eiche nach dem Johanniskirchturm eingeschnitten! Dazwischen liegt das Fenster mit dem Blinkzeichen! Na wartet, ihr Kanaillen!« Er drängte Müthchen Heerbrandt in den Schlitten und schob ihr die Zügel in die Hand. »Flugs nach Hause mit Ihnen!« Seine Stimme war atemlos. »Ich muß rennen und telefonieren!« »Und bei dieser Meldung«, der Leutnant Glowatsch hob plötzlich verzweifelt die Fäuste zum Himmel, »mein Gott – wodurch hab' ich das verdient, daß ich eine Dame kompromittieren muß?« »Mich?« »Na – wenn sie mich dort fragen: ›Hat außer Ihnen noch jemand die Zeichen beobachtet?‹ so muß ich doch antworten: ›Fräulein Heerbrandt... neben mir, in der Nacht... draußen in den Stellungen...‹ Es hilft doch nichts! Es ist doch Dienst! Es ist doch Krieg!« »Das lassen Sie meine Sorge sein!« Müthchen Heerbrandt schnalzte, im Schlitten sitzend, dem frostrauchenden Gäulchen zu und ließ es im Galopp die ausgestorbene, vereiste Landstraße der Kriegszone dahinpreschen, während der Leutnant Glowatsch in riesigen Sprüngen durch den Schnee zu seinen Pionierhöhlen auf der Waldlichtung zurückrannte und an den Fernsprecher stürzte und sich mit der Oberbefehlsstelle in der Stadt verbinden ließ. Viele feldgraue, verschneite Wagen von Befehlsempfängern von der Front hielten dort in der Nacht. Offiziere und Ordonnanzen eilten aus und ein. Alle Fenster der drei Stockwerke waren hell. Überall wurde telefoniert, auf Schreibmaschinen geklappert, auf Morse-Apparaten getackt, mit dem Zirkel auf Landkarten gemessen, gedämpft geredet. Alle Nerven des augenblicklich halb schlafenden Krieges zitterten leise. Der höchste Befehlshaber saß allein in seinem Zimmer über Karten und Fliegerphotographien und buntfarbigen Kroki-Meldungen und ergriff den Hörer des Fernsprechers und horchte hinein. »Wie? Pionierlager? Leutnant Glowatsch? Jawohl, Herr Leutnant: Sie sind durch den Stab in wichtigster Angelegenheit mit mir persönlich verbunden? Was ist denn so dringend?« Er hörte stumm einige Zeit zu und runzelte die Stirn. »Na – das ist ja eine schone Pastete! Ich schicke Ihnen ein Auto. Fahren Sie, so schnell Sie können, hierher!« Der Leutnant Glowatsch sauste los, durch Nacht und Schnee und Kälte, über vereisten Granatlöchern im offenen Wagen hochgeschnellt, den fernen Lichtern der Stadt zu. Liebesleben da auch im Krieg... Der große abendliche Rummel all der kleinen Märkte des Ostens auf dem Platz vor dem Rathaus. Flirt wie im Frieden, bei fernem Geschützgrollen, zwischen den Gymnasiasten in bunten Mützen, den höheren Töchtern, den jungen Handelsbeflissenen, den Ladenfräulein nach Ladenschluß... dienstfreie junge Helferinnen... Kriegsfreiwillige... die Liebe hört nicht auf. Der Pionierleutnant Karl Glowatsch war heftig verliebt. Aber jetzt war er im Dienst. Sein feldgrauer Wagen bahnte sich brüllend den Weg durch die promenierenden Pärchen. Gleich dahinter leuchtete streng und ernst mit fünfzig hellen Fenstern das Gebäude des obersten Befehlshabers. Der Leutnant Glowatsch stand vor dem Gewaltigen. Er berichtete in fliegender Hast, unter einem gespanntem Schweigen und Zuhören der Exzellenz und ihres 1 A und der anderen herumstehenden Offiziere. »Die Stelle, von der aus man um Mitternacht drüben überm Fluß die Blinkzeichen sehen kann, ist nicht zu verfehlen!« schloß er. »Ich habe mich von da über die historische Eiche, die auf den Karten verzeichnet ist, und den Turm der Johanniskirche eingeschnitten. Die Linie muß das Haus am Flußufer treffen, von dem die Signale ausgehen!« »Holen Sie bitte die Spezialkarte – im größten Maßstab, den wir haben – und den Stadtplan, Herr Hauptmann Noster!« Und während der Generalstäbler aus dem Zimmer klirrte, kam richtig die Unglücksfrage. »Sie machten diese wichtige Beobachtung zufällig bei einem Rondengang, Herr Leutnant? Wieviel Mann hatten Sie bei sich?« »Wir waren nur zu zweit, Exzellenz!« »Haben Sie den Mann zur Beobachtung der Stelle dort gelassen?« »Nein, Exzellenz!« »Das hätte ich aber doch für alle Fälle...« »Es waren da bestimmte Gründe, die dagegen sprachen, Exzellenz... ganz merkwürdige Gründe...« »Sie selber machen ein so merkwürdiges Gesicht, Herr Leutnant Glowatsch!« »Hier ist das Kartenmaterial, Exzellenz!« Der Hauptmann Noster trat wieder ein. »Und draußen steht eine junge Dame, die Exzellenz unbedingt sofort sprechen möchte. Exzellenz kennen ihren Vater, Major Heerbrandt auf Gerkehmen!« »Ich habe keine Minute Zeit. Diese Geschichte hier...« »Wegen der ist sie da! Sie hätte auch mit eigenen Augen die Blinklichter und den russischen Spion gesehen – läßt sie sagen...« »Nanu? ... Ich lasse bitten ... Das ist ja merkwürdig!« Das Fräulein Erdmuthe Heerbrandt stürzte herein, jetzt wieder in Zivil, Pelzhut, Pelzmäntelchen, langem Rock und Galoschen. »Ich mußte mich doch zu Hause erst wieder menschlich machen!« sagte sie atemlos. »Ich hab' mich getummelt, was ich konnte!« »Was wissen Sie zur Sache, gnädiges Fräulein?« »Genau dasselbe wie Herr Leutnant Glowatsch!« »Sie können doch nicht wissen, was Herr Leutnant Glomatsch beobachtet hat!« »...wo ich neben ihm gestanden hab'?« Jetzt war die große Stille des Staunens. Dann ein Räuspern der Exzellenz. »Sie wollen damit doch nicht behaupten, daß Sie sich außerhalb der Zivilgrenze...« »Doch! Ich war solch ein Schaf!« schrie Müthchen Heerbrandt. »Ich hab' ihn draußen in meiner Dämlichkeit überrumpelt!« »Herr Leutnant...« »Er hat mich postwendend als Muster ohne Wert heimexpediert!« »Na – Gott sei Dank!« »Nun war er in Verzweiflung, daß er eine Dame kompromittieren müsse! Na – wer hat denn die Dummheit gemacht: die Dame oder er? Die Dame! Ich! Also habe ich mir gesagt, daß das meine Pflicht ist, ihm die Meldung abzunehmen und selber zu melden, was ich getan hab'! Also – da steh ich!« »Hm... hm... hm...« »Schließlich hat die Kriegslage dadurch keine Gefährdung erlitten...« sagte in der Ecke halblaut der I. A . »Im Gegenteil!« »Hm...!« Die Exzellenz räusperte sich. »Nun möchte ich bloß eines wissen, mein gnädiges Fräulein: Was hat Sie denn auf einmal auf die Idee gebracht, nach der Front hinaus zu kutschieren?« »Pure Torheit!« sagte Müthchen. »Sie müssen sich doch dabei etwas gedacht haben, als Sie das Ihnen doch wohl bekannte Verbot überschritten? Und weshalb fuhren Sie, wenn Sie schon die Front im Kopf hatten, gerade nach dem Pionierlager?« Müthchen Heerbrandt wurde sehr rot. Sie druckste ein bißchen mit der Antwort. Dann sagte sie laut und fröhlich. »Gott... Exzellenz... weil ich den Leutnant Glowatsch furchtbar gern hab'!« Daraufhin wurde der Leutnant Glowatsch sehr blaß und schwieg, mit einem dienstlichen Gesicht, in dem nur die Augen unvorschriftsmäßig leuchteten. Die Exzellenz schwieg auch und brummte nur nach ihrer Gewohnheit. »Hm... hm... hm...« Dann wieder zu Müthchen! »Nun fahren Sie bitte umgehend auf Ihr väterliches Château – wie heißt es doch? Richtig: Gerkehmen! – zurück! Und wenn Sie irgendwie im Stand sind, den Mund zu halten...« »Grab um Mitternacht, Exzellenz!« »...dann schweigen Sie bis heute um Mitternacht zu Jedermann über die ganze Sache! Guten Abend, mein gnädiges Fräulein! Lieber Glowatsch – Sie bringen vielleicht das Opfer und geleiten die Gnädige hinunter zum Schlitten. Wenn Sie zurückkommen, erhalten Sie Ihre Befehle für heute nacht! Inzwischen bitte ich Sie, Herr Hauptmann Noster!« Der Hauptmann Noster, der vor der Exzellenz stand, bekleidete in diesem Frontabschnitt das dornenreiche Amt der Überwachung der Gegenspionage. Die Natur hatte ihn dazu ausgerüstet. Er war nicht groß und nicht klein. Er war nicht mager und, bei einem Soldaten im Felde natürlich, noch weniger dicklich. Zu Anfang Dreißig, ein Schnurrbärtchen in dem klugen, beweglichen Gesicht, konnte er, wenn er, wie häufig, in Zivil ging, für alles gelten: für einen der Geschäftsreisenden, die zuweilen wegen des Heeresbedarfs aus dem Innern des Reiches bis hierher, zum Rand der Kampfzone, vordrangen, für einen Inspektor von einem der Güter der Nachbarschaft, für einen städtischen Oberlehrer, einen Kolonialwarenhändler vom Markt. Daß er dann, in seinen jungen Jahren, nicht feldgrau eingekleidet war, fiel im ersten Kriegswinter nicht auf. Da liefen noch zu Zehntausenden die noch nicht eingezogenen, seinerzeit einmal bei der Musterung freigelosten Wehrpflichtigen früherer Jahrgänge herum. Zunächst begab sich der Hauptmann Noster von der Exzellenz weg sporenklirrend hinüber zum I. A . Auf dessen Tisch lag der Stadtplan und die Karte der Umgegend, und der Leutnant Glowatsch, der sich inzwischen von Müthchen Heerbrandt losgerissen hatte, erläuterte an einem quer über die Leinewand gelegten Lineal: »Die Visierlinie von dem alten Schützengraben über die historische Eiche nach dem Johanniskirchturm schneidet genau an dieser Stelle hier die dem Fluß zugewandte Hausfront der Vorstadtgasse Koggensteig. Am andern Ufer sind nur überschwemmte Wiesen. Also sitzt der Verrat genau in diesem Haus!« »Es ist das südliche Eckhaus des Tränkwegs!« Der Hauptmann Noster hielt sich eine langstielige Lupe vor die scharfen Augen und beugte den kurz geschorenen, schnurrbärtigen Kopf über die Karte »Nummer 17! Bitte das Adreßbuch! Danke! Na – wer wohnt nun da?« Er las: »Friedrich Wilhelm Barkauskas, Gastwirt. Wirtschaft zur ebenen Erde. Wohnung eine Treppe. Zweiter Stock: Ober-Veterinär Thieme – Längst mit seinem Dragonerregiment draußen. Frau und zwei erwachsene Töchter in der Wohnung. Ich kenn' sie zufällig. Also jeder Verdacht ausgeschlossen. Dritter Stock: Lokomotivführer Leopold Gstirner. Na – ein preußischer Beamter!... Zunächst scheint also der Barkauskas das Karnickel!« Längs des Koggensteigs, an dem das Haus Nr. 17 engbrüstig ragte, schlich das Flüßchen träge und still durch die Nacht. Es hatte nur ein schmales Bett, aber sein Überwasser vereiste weithin die Wiesen drüben mit brüchiger Decke, so daß nirgends dort ein Mensch in der frostigen Nässe herumpatschen und beobachten konnte, ob aus einem Fenster gegenüber Zeichen durch die Nacht in die Ferne gegeben wurden. Ein sibirischer Wind pfiff, gegen zehn Uhr abends, die schmutzigen Schneehaufen und spärlichen Laternen des Koggensteigs entlang. In dem schwarzen, leise rauchenden Wasserspiegel daneben zitterten die Steine zwischen treibenden Eisschollen. Das Flüßchen kam aus einem der großen Seen der Nachbarschaft. Es war bekannt für seinen Reichtum an Aalen. Aber seit einem halben Jahr wollte niemand im Städtchen mehr Aale essen. Die Biester waren zu armsdick und vollgemästet. Es lagen, seit der Masurenschlacht des Sommers, zu viel tausend Russen – Exzellenzen, Offiziere, Gemeine – zu viel pferdebespannte Batterien und Munitionsstaffeln und Feldküchen auf dem schlammigen Grund der schweigenden ostpreußischen Gewässer. Eine magere Dachkatze war, außer dem Hauptmann Noster, zu dieser späten Stunde das einzige lebende Wesen auf dem Koggensteig. Er schritt langsam, unauffällig dahin, blieb stehen, schüttelte den Kopf. Dem Hause Nr. 17 gegenüber wuchsen am andern Ufer ein paar breitausladende, vom ewigen Russenwind schief gewehte Fichten bis über die Höhe des ersten Stocks. Die verschneiten Riesenkrüppel sperrten die Durchsicht in die Ferne. Es war unmöglich, aus den Räumen des Wirts Barkauskas auch nur einen Buchstaben nach der Russenseite hinüber zu funken ... Der Hauptmann in Zivil trat in die Kneipe. Es herrschte in ihr eine Hitze, daß innen am Fenster der Schweiß vor den Eisblumen draußen rann – ein stickiger Menschenmuff, Kriegsdunst von Tuch, Leder und Stiefelschmiere, blauer Tabaknebel. Der Wirt schlurfte hemdärmelig auf den Gast zu – ein grauköpfiger, großer Mann mit grauem Schnurrbart, und stand straff stramm. »Guten Abend, Herr Hauptmann!« »Zum Donnerwetter leise! Woher kennen Sie mich denn?« »Erinnern sich der Herr Hauptmann nicht mehr an mich? Wie Herr Hauptmann seiner Zeit als Junker ins Regiment getreten sind, da war ich Vizespieß in der siebten!« »Ja – jetzt ist's mir so dunkel!« »Und ein Jahr darauf, wie der Herr Hauptmann Leutnant in der fünften wurden, da wurde ich Feldwebel bei der Zweiten!« »Richtig!« »Nun hat sich damals die Gelegenheit geboten, hier einzuheiraten! Aber ich hänge an dem alten Regiment! Deswegen hat der Herr Stadtkommandant ja auch mein Lokal für die Garnison erlaubt! Alles voll!« Der Hauptmann Noster schaute sich um. Ja: da kamen auf einen Zivilisten drei Muschkoten und Etappengraue. Er drückte dem alten Regimentskameraden die Hand. »Nun tun Sie vor allem, als ob Sie mich nicht kennten!« sagte er. »Erzählen Sie, ich sei hier wegen Lieferung von kernfesten, bayrischen Eschenstangen für Militärschlittendeichseln! Wohnt über Ihnen noch die Familie Thieme?« »Die Damens! Aber immer draußen beim Bahnhofsdienst! Die sind ja so begeistert für das Vaterland!« »Und im dritten Stock der Lokomotivführer Leopold Gstirner? Was ist das für ein Mann?« »Tja – da kann man nur das Beste sagen! Ich bin ja'n Littauer. Aber ich mag die Salzburger gern. Es steckt doch immer noch so was Reelles in ihnen, wenn sie auch schon vor Hunderten von Jahren ins Land gekommen sind!« Der Wirt Barkaustas stellte dem Hauptmann ein Glas ostpreußischen Maitrank – heißen Rum mit etwas Wasser – auf den Tisch und fuhr fort. »Ein stiller, solider Mann! Leichten Dienst hat er ja jetzt nicht, mit den vielen Truppenzügen an der Front. Vorhin ist er erst zurückgekommen und muß in einer Stunde schon wieder mit einem Transport fort. Die Frau hatte keine Zeit, für ihn zu kochen. Da drüben sitzt er und ißt schnell was!« Am Nebentisch beugte ein großer älterer Mann in Eisenbahner-Uniform seinen ergrauenden blonden Vollbart über einen Teller voll Königsberger Fleck. Er löffelte sich ruhig die Kuttelstücke aus der klaren Brühe und nahm dazwischen zuweilen einen Schluck aus dem vor ihm stehenden Glase voll weißer Milch. Neben ihm saß eine blasse, brünette, junge Frau zu Anfang dreißig. Sie war einfach angezogen, groß und mager. Ihr längliches Gesicht mit der geraden spitzen Nase, den schmalen Lippen und dunkeln Augen war angenehm geformt, nur etwas zu hager. Es hatte etwas Ostliches durch den eng am Kopf anliegenden tiefschwarzen Madonnenscheitel. »Ist das seine Frau, Herr Barkauskas?« »Ja. Die Hanka. Eine geborene Wroblewski. Die Tochter von einem Besitzer aus irgend einem Nest hier an der Angerapp. Zehn Jahre, glaub' ich, sind sie schon verheiratet!« »Wie ist denn die Ehe?« »Ja – da hab' ich nie was Nachteiliges gehört...« »Sind Kinder da?« »Zwei Marjellen! Die gehen schon in die Schule!« Die Feldgrauen ringsum hatten sich um das leise Gespräch zwischen dem Generalstäbler und dem Kneipwirt nicht gekümmert. Sie stritten so laut, daß man es durch das ganze Lokal hören konnte. »Nu – Du werscht's missen, Brösel!« »Natürlich weiß ich s!« sagte der schwächliche Armatursoldat in schlichtem, beinahe sträflingsartigem Grau. »Wo wir die ganze Zeit an der Kolonnenstraße für ganz grobe Artillerie da nach Norden hinauf gebuddelt haben. Paßt uff, Jungens! Dort gibt's bald dicke Luft!« Und wieder der kleine Sachse, der Chauffeur eines hohen Stabs-Automobils, aus seinem langzottigen Ziegenfellmantel heraus, mit durchdringender Fistelstimme. »Nu äben! For nischt haben wir nicht jeden Tag da hinausgemacht und die Anmarschlinien besichtigt!« Das Ehepaar am Nebentisch sprach nichts miteinander. Er, der Lokomotivführer Gstirner, verzehrte, erschöpft vom Dienst, mechanisch seine Suppe. Sie, die Hanka, saß neben ihm und wartete, bis er fertig sei, und schaute, die Hände im Schoß, mit halboffenem Mund, ohne sich um das Gerede umher zu kümmern, geistesabwesend auf den grünen Kachelofen in der Ecke. –»Das soll wohl so sein!« rief neben ihrem Stuhl der bärtige Landsturmmann Zarske. »Ich hab' doch heute Posten geschoben – draußen an der Bahn! Alle Züge sind nach Norden gegangen!« Die Hanka Gstirner hielt gähnend die lange, arbeitsgewohnte Hand vor den Mund. Ihr Mann schob den Teller beiseite und wischte sich den Bart. »Wenn nur mit der Brücke nichts passiert!« sagte er bedächtig. Diese Brücke war in dieser ersten Hälfte des Winters schon ein halbes Dutzend mal genommen und verloren und wieder genommen worden, und jedesmal gesprengt, zurechtgeflickt, zerstört und neu behelfsmäßig hergerichtet. Es war allmählich ein toller Notbau aus Backsteinpfeilern, Holzgerüsten, Eisenträgern. »Wenn die Russen merken, was los ist,« sprach der Lokomotivführer, »dann kommen sie heute nacht noch knüppeldick gegen die Brücke heran, um die Truppenverschiebung zu stoppen! Dann kann's mir passieren, daß ich so'n ganzen Zug voll Landser, ehe man sich's versieht, mitten ins dickste Feuer fahre!« »Bangen Sie sich nicht um Ihren Mann, junge Frau?« Die schwarze Hanka Gstirner fuhr jäh auf und starrte aus ihren großen, dunkeln Augen leer um sich. Sie hatte garnicht zugehört. »Mit den Weibern muß man nicht vom Krieg reden! Dafür haben sie keinen Verstand nicht.« Der Lokomotivführer stand auf. »'s wird Zeit auf'n Bahnhof! Komm, Hanka!« »Fährst Du die ganze Nacht, Leopold?« frug der Wirt Barkauskas. »Das reißt nicht ab mit den Transporten! Jetzt – heißt es – sind lauter Sachsen unterwegs. Aus dem Westen. Von den Vogesen.« Das Ehepaar Gstirner ging. Bald darauf auch, ganz unauffällig, nachdem er seinen Grogrest hinter die Binde getippt, der Hauptmann Roster. Er schritt durch das winterlich dunkle, verschneite Städtchen. Das war belebter als sonst am späten Abend. Menschengruppen standen da und dort auf den engen Bürgersteigen und horchten auf das allmählich immer stärker anschwellende, dumpfe Wintergewitter in der Ferne. Ein schwefelgelber, mächtiger requirierter Bierlastwagen mit der Rotenkreuzfahne am Kühler raste in die Nacht hinaus. Eine Krankenschwester rannte in langen Sprüngen über die Schneehügel, ein Rezept in der Hand, zur Apotheke. Ordonnanzen auf Krafträdern knatterten. Tatü – Tata: Ein feldgrauer Rennwagen flitzte wie ein Gespenst durch die Stadt gen Norden. Pelze und Offiziersmützen darin. Andächtige Blicke hinterher: Rückwärts am Wagen O. O!... Ober-Ost! Das war ein großes Zeichen... Auf dem Bahnhof Trompetensignale. Pferdeköpfe aus Güterwagen. Kaffeegeruch. Die hellen Stimmen der Helferinnen. Lokomotivpfiffe. Gesang. Kommandos. Krieg. Der Lokomotivführer Gstirner gab seiner Frau einen bärtigen Abschiedskuß und stapfte davon und machte, daß er in den Schuppen zu seiner Maschine kam. Und sie, die Hanka, hatte nun nichts mehr auf dem Bahnhof verloren. Sie hätte mit Fug und Recht nach Hause gehen sollen. Aber – der Hauptmann Roster, der ganz am Eingang, unbeachtet, hinter einem Tragpfeiler der Halle stand, prägte sich das, schläfrig, mit halbgeschlossenen Augen an seinem Glimmstengel saugend, ein – aber die schwarze, blasse, junge Frau blieb. ... Sie schritt in dem Kriegsgetümmel auf und ab, so als ob sie jemanden suchte. Das sah man hier alle Augenblicke, daß eines vom andern noch einmal Abschied nehmen wollte. Das fiel nicht auf. Aber was dem Hauptmann Noster auffiel: die schwarze Hanka schaute sich nicht unter den Menschen auf dem Bahnsteig um, zwischen denen sie doch allein eine bekannte Seele finden konnte – sie starrte in die vollgepfropften Wagen des haltenden Truppenzugs, wo sie nichts sah als fremde, kriegerische junge Gesichter und fremde Achselklappen fremder Regimenter mit fremden hohen Nummern. Und da sie nicht zum Bahnhofsdienst gehörte, keine Kaffeekanne und keinen Kessel mit heißen Würstchen von Achse zu Achse schleppte, so ging sie das doch gar nichts an. Aber sie schlenderte beharrlich, langsam, von einem Bahnsteig zum andern und wieder zurück, mit einer stillen Aufmerksamkeit, mit einem ganz ruhigen Ausdruck ihres länglichen, bleichen, in seiner Herbheit nicht unschönen Gesichts. Dann schaute sie plötzlich auf die große, hell erleuchtete Bahnhofsuhr, deren Zeiger auf halb zwölf Uhr nachts wies, und schritt, rascher als bisher, den Oberkörper vorgebeugt, in ihr schwarzes Umschlagetuch gewickelt, dem Ausgang des Bahnhofs zu und in die Stadt hinein. Und ein paar hundert Schritte hinter ihr her der Hauptmann Noster. Er folgte ihr bis zu dem schmalen, windumpfiffenen Haus Nr. 17 an dem einsamen Koggensteig, hinter dem schon die leere schwarze Nacht und die unbestimmte Weite und drüben der Krieg und fern Rußland begann, und trat wieder in die Wirtschaft. Dort war die Hanka jetzt natürlich nicht mehr, sondern war hinauf zu ihren Kindern in ihre Wohnung gestiegen. Der Hauptmann Noster sagte gedämpft zu dem grauschnurrbärtigen, hemdsärmeligen Litauer Barkauskas, der ihm gleich wieder ein Quantum Alkohol herbeischleppen wollte: »Ich muß Sie mal unter vier Augen sprechen!« Und als er mit dem ehemaligen Feldwebel seines Regiments in einem dämmerigen Vorratsraum voll Heringstonnen, Bierfässern und Räucherschinken zusammenstand: »Herr Barkauskas: Wir sind ehemalige Kameraden! Wir sind jetzt im Kriege wieder Kameraden. Im Krieg ist die Pflicht das Höchste! Hand aufs Herz! Haben Sie mir vorhin über die Frau Gstirner da oben die volle Wahrheit gesagt?« »Gottchen – Herr Hauptmann ...« »Sie wissen mehr, als Sie mir gesagt haben! Ich sehe es Ihnen an!« »Man möchte doch auch nicht mit den Leuten, mit denen man viele Jahre unter einem Dach wohnt, in Ungelegenheiten kommen!« »Es handelt sich um viel mehr! Wie steht es um den Ruf der Gstirner?« »Sie hat eben Polackenblut in sich! Es wurde allerhand geredet ... Wenn man 'nen Lokomotivführer zum Mann hat, der ewig auf der Walze ist – nun gar im Krieg ...« »... dann gibt es andere Männer ... was?« »Das will ich nicht sagen, Herr Hauptmann – das will ich nicht sagen!« Der Wirt Barkauskas wurde eifrig. »In den zehn Jahren, daß sie verheiratet ist, hat sich die Hanka nichts zu Schulden kommen lassen. Bis dann – eigentlich bin ich die Ursache – der Kerl kam ursprünglich zu mir in die Wirtschaft... Er hat mir Geflügel geliefert... Ein Gänsehändler – von der Grenze her – aus Eydtkuhnen. Ein gewisser Ccichon – Stefan Ccichon, Herr Hauptmann!« »Hm ...« »Ein langer, windiger, durchtriebener Geselle! Mir hat der Kunde nie recht gefallen – mit seinen stechenden Augen. Wie ein Zigeuner hat er ausgesehen – hager und gar nicht mehr so jung. Aber immer Geld in der Tasche!« »Deutscher oder Russe?« »Hat man auch nie recht herausgekriegt! Es gibt ja so viel unzuverlässiges Volk an der Grenze – die haben zwei Pässe im Brustbeutel – einen für diesseits von Eydtkuhnen und einen von jenseits von Wirballen!« »Und mit dem hat die Hanka ...?« »Herr Hauptmann: Wer weiß es? Man kennt die Weiber nicht aus. Ich bin nicht der Hanka ihr Mann. Was ging's mich an? Ist doch wahr, Herr Hauptmann!« »Und wo ist der Gänsehändler Ccichon jetzt?« »Wie der Krieg losging – seitdem hat er sich nicht mehr sehen lassen! Ich glaube: der ist kein Freund davon, die Knarre auf den Buckel zu nehmen und sich fürs Vaterland totschießen zu lassen! Manche wollen den Lorbaß in letzter Zeit hier manchmal in der Stadt bemerkt haben! Gottchen – was wird im Krieg nicht alles geredet, Herr Hauptmann!« Der Hauptmann mit Schirmkappe, Radmantel und Transtiefeln wandte den Hals im Wolltuch. Durch die sternfunkelnde, schneeschimmernde Nachtstille klagte um die Ecke der russische Wind und in seinem schneidend kalten Geweimer klangen schwere, langsame, behutsame Schritte von genagelten Kommißsohlen auf hart gefrorenem, unwillig knirschendem Schnee. Vier Bärtige in feldgrauen Mänteln, das Landsturmkreuz am Tschako, das Gewehr über der Schulter. Ein bebrillter Schnurrbärtiger, die lange Feldwebelplempe am Koppel, voraus. Gedämpft im Dunkel: »Sind Sie's, Adameit?« »Befehl, Herr Hauptmann!« »Ist das Haus umstellt?« »Seitlings am Koggensteig im Dustern vier Mann! Und ich mit vier Mann hier am Tränkweg am Eingang!« »Trautstes Mannchen – was ist los?« stotterte der Wirt Friedlich Wilhelm Barkauskas. »Ihr bringt mir doch nicht meine Bierbude ins Geschrei?« Er bekam keine Antwort. Der Hauptmann befahl leise: »Zwei Mann hier an der Türe! Keiner mehr 'raus und keiner 'rein! Adameit: Sie folgen mir mit den andern beiden!« Er schaute auf seine Armbanduhr und horchte. Die Windwirbel über der menschenleeren Gasse schwollen und sanken wie das schwere Schnarchen der schlafenden Stadt. Fern donnerte dumpf die Front. Dann hallte blechern drüben, vom schwarz und dünn wie ein riesiger Zeigefinger zum Himmel weisenden Turm der Johanniskirche über die schneebedeckten Dächer ein Schlag des Uhrwerks. Ein zweiter, ein dritter ... Mitternacht ... »Vorwärts!« Der Hauptmann Noster sprang in seinen schweren Schifferstiefeln, drei Stufen auf einmal, die Hühnerleiter von Treppe in dem engbrüstigen, alten Haus am Koggensteig empor. Das erste und zweite Stockwerk dröhnten hinter ihm und seinen drei Männern. Nun stand er im dritten, die Pistole in der Rechten, die Schützengrabenlaterne in der Linken und leuchtete: Richtig: Ein Porzellanschild: ›Leopold Gstirner, Lokomotivführer‹ an einer dünnen, alten Türe. »Nicht erst lang bimmeln! Klemmen Sie Ihren Krötenspieß in die Fuge, Adameit! Ihr beiden stemmt mit den Seitengewehren oben und unten nach. Ich decke mit dem Schießprügel, wenn dahinter einer steht! Vorwärts: Zu-gleich! Zu-gleich! Zu-gleich!« Wie draußen Deutscher und Russe, so kämpften zäh und erbittert Stahl und Holz. Die Türe zitterte und knirschte. Drinnen, in der Stube jenseits der Diele, saß eine. Die hörte es nicht. Denn sie hatte trotz der kalten Nacht eine breite Lücke zwischen den halbgeschlossenen Läden und Fensterscheiben offen, durch die von außen, aus dem Dunkel, das Rauschen des unsichtbaren schwarzen Flusses und das Wehen des Winterwinds und das ferne, doggenartig dumpfe Kanonengebell drangen und den Lärm im Treppenhaus übertönten. Und vor sich hatte die Hanka Gstirner ein aus einem Schulheft gerissenes Blatt Papier. Auf das hatte sie aus dem Gedächtnis gekritzelt, was sie auf dem Bahnhof gesehen und unten in der Wirtschaft des Barkauskas von dem Chauffeur und dem Schipper und dem Landsturmmann gehört – die Nummern von Regimentern und verschlungene Namenszüge deutscher Bundesfürsten – und daß Sachsen in Menge kämen – und Geschütze groß wie Elefanten – in graue Sackleinwand gehüllt. Und viele zuckerhutgroße Granaten mit funkelnagelneuen, aufgemalten, blaugelben Kringeln. Und daneben lag eine Tabelle für das deutsche Alphabet. Aus der konnte sie sehen, wie oft sie für jeden Buchstaben die auf drei Seiten abgeblendete Stallaterne so zu drehen hatte, daß ihr Lichtschein in die Nacht und Ferne hinausblinkte – vom einmal für das A bis zum fünfzwanzigmal für das Z. Und ›Norden‹ – ›Norden‹ –›über die Brücke nach Norden‹ stand auf dem Schreibheftblatt. Das hatte die Hanka von ihrem Mann vernommen. Der führte jetzt eben einen langen donnernden Zug voll singender Soldaten in der Richtung nach der Brücke. Den schickte die Hanka womöglich in den Tod, wenn sie jetzt die Meldung an die Russen weitergab und der Zarengeneral deutschen Namens drüben mit seinen Sibiriaken rasch entschlossen gegen die Brücke vorstieß. Und das blasse, nicht unschöne, längliche Antlitz der schwarzen Hanka war starr und leidenschaftslos, als erfülle sie, gleich dem Soldaten im Feld, blind eine befohlene Pflicht. In ihrem Ohr verhallten die letzten dünnen Schläge der Johanniskirche, und sie machte sich ruhig ans Werk und hob die Laterne ... Und in diesem Augenblick hörte sie doch draußen das Krachen der Türe und wußte: Da pochte, von der Front auf Besuch in die Stadt gekommen – da pochte der Tod im Krieg. Ihr Tod. Hinter der Türe hing noch eine Sperrkette. Die hielt die Männer draußen gewiß noch eine Minute auf. Diese Minute gehörte noch ihr. In dieser Minute hätte sie die Schulheftseiten in das stuckernde Kanonenöfchen stecken und das Fenster schließen und alle Beweismittel beseitigen können. Aber die Hanka Gstirner wußte: Wenn sie verraten war, dann war es auch womöglich, jetzt eben zur gleichen Stunde, der drüben, an den sie funkte. Und in dieser Minute zwischen Tod und Leben blieb die Hanka Gstirner sitzen und drehte hastig die Blinklaterne und sandte, während draußen die Türe in allen Fugen kreischte, durch Nacht und Dunkel die Buchstaben: ›Rette Dich!‹ Eben war sie fertig – da dröhnte die Diele von einströmendem Feldgrau. Das Feldgrau füllte das Zimmer. Der Hauptmann Noster in Zivil voraus. Die schwarze Hanka hob nur abwehrend die Hand vor seiner Pistole. Sie ließ sich stumm, ohne Widerstand, festnehmen und abführen. Und kaum eine Stunde später saß schon der Kriegsgerichtsrat Knoch, vom Stab der hohen Exzellenz drüben, die in einem solchen Fall des Landesverrats Gerichtsherr war, in tiefer Nachtstille hinter seinem grünen Lampenschirm, unter dem sich gelbes Licht über die weißen Protokollblätter auf dem grünen Aktentisch ergoß, und neben ihm saß der Generalstabshauptmann Noster, wieder in grau überzogenem Helm und grauem Waffenrock, und stenographierte. Und hinten im verschwimmenden Schwarz des Gerichtszimmers blinkten matt die aufgepflanzten Seitengewehre an den Gewehrläufen zweier rechts und links vom Eingang sitzenden Landwehrmänner. Sie konnten nicht hören, was vorn am Tisch verhandelt wurde. Der Kriegsgerichtsrat Knoch, der im Frieden Staatsanwalt drüben im Westpreußischen war, sprach sehr gedämpft zu der dunkeln, jungen Frau, die vor ihm, jenseits des Tisches, auf einem Strohstuhl saß, die Hände im Schoß verschlungen, den Oberkörper aufgerichtet, mit einem so ruhigen, wenn auch wachsfahlen Gesicht, als sei sie hier Zeugin und nicht in Vernehmung auf Leben und Tod. »Sie räumen ein, daß es der Gänsehändler Stefan Ccichon war, dem Sie heute zum erstenmal Lichtzeichen über deutsche Truppenbewegungen senden sollten?« »Ja, Herr!« »Sind Sie sich der Verwerflichkeit Ihrer Handlungsweise bewußt?« »Ja, Herr!« »Und trotzdem taten Sie es?« »Ja, Herrchen!« »Wieviel Sündengeld bezogen Sie dafür von dem Ccichon?« »Ich? ... Geld? ... Herr: Nicht ein Dittchen!« »Sie handelten also dem Feind zu Liebe?« »Herr – was gehen mich die Russen an?« »Warum mengen Sie sich dann also in den Krieg?« »Herrchen – was geht mich der Krieg an? Ich bin eine Frau!« »Ja – Sie sind eine Frau ...« sagte der Kriegsgerichtsrat Knoch langsam. »Warum haben Sie spioniert?« »Weil der Stefan Ccichon es mir befohlen hat!« Die Hanka hob langsam, ganz ruhig, die dunklen Wimpern. »Und da haben Sie es getan ...« »Ja, Herr!« »Warum?« »Herrchen – ich mußte doch ...« »Wieso mußten Sie?« » ... weil der Ccichon es mir befahl!« »Das konnten Sie ihm doch abschlagen?« »Nein, Herrchen: Wenn der Ccichon mir etwas befiehlt, so muß ich es tun ...« »Und wenn es Sünde ist ...?« »Auch wenn es eine Todsünde ist ...« »Wie ist das möglich?« »Gott weiß es, Herr! Mein Leben lang habe ich die Gebote Gottes gehalten. Aber dann kam der Ccichon ... Seitdem habe ich keinen Willen mehr!« Die Türe flog auf. Breitschulterig, verschneit von der Schlittenfahrt durch nächtlichen Winterwald, bereift der blonde Schnurrbart über den frostblauen Backen, trat der Pionierleutnant Karl Glowatsch ein. Der Kriegsgerichtsrat und der Generalstäbler sprangen auf. »Nun – Herr Leutnant?« »Kurz vor Mitternacht kam der Kerl richtig zum Vorschein! Wir warteten auf die Zeichen aus der Stadt, um ihn in flagranti zu ertappen! Aber gleich bei den ersten Blinklichtern macht er einen jähen Satz und rennt mit Siebenmeilenstiefeln übern Schnee ...« »Und?« »›Halt!‹ schreit hinter einer Fichte unser nächster Posten. Er läuft weiter. Sind Herr Hauptmann Jäger? Wie ein Hase hat er sich zweimal überschlagen!« »Tot?« »Auf den Plautz!« »Wir müssen das Verhör abbrechen!« sagte der Kriegsgerichtsrat zu dem Hauptmann. Die beiden Landwehrmänner trugen die Hanka Gstirner hinaus. Sie war ohnmächtig geworden. Am nächsten Morgen hatte sie sich erholt. Und am Mittag war das Kriegsgericht. Und am Abend brachte der Kriegsgerichtsrat das Todesurteil zur Bestätigung. Der General las es durch. Er legte es in die Schublade. Er machte in der Abenddämmerung einen langen, einsamen Gang durch den Schnee, weit vor der Stadt, wo nur die von toten Pferden sattgemästeten Krähenschwärme krächzend vor ihm von den beschneiten Telegraphenstangen flogen. Durch diese Telegraphendrähte zuckten die Befehle. Fern im Norden grollte und polterte es dumpf wie von zwanzig Gewittern. Die große deutsche Umfassungsbewegung hatte begonnen. Als der General den Bahnhof erreichte, wurden da schon die ersten Verwundeten-Transporte ausgeladen. Eine stille Bahre nach der andern ... blühende, geknickte, junge Leben. Um jedes tränten daheim so manche Augenpaare. Der General setzte sich an seinen Schreibtisch, öffnete das Pult und unterzeichnete das Todesurteil. Um vier Uhr nachts wurde er durch seinen Burschen geweckt. Er kleidete sich an und trat in das Nebenzimmer. Da stand der Kriegsgerichtsrat Knoch. »Vollstreckt?« »Zu Befehl, Exzellenz!« Das Gespenst von Lappland Sind Sie unwohl?« fragte ich meinen Freund, antwortete nicht, sondern starrte nach wie vor regungslos nach der Tür, wo die junge Dame verschwunden war. Die Dame hatte auf der Schwelle stehend nur einen Augenblick in das Zimmer hineingeschaut. Eine schöne, schlanke Erscheinung – so viel konnte ich erkennen – mit hellblondem Haar, hellbraunen Augen, im Reiseanzug – offenbar eine Engländerin. Aber hübsche Engländerinnen gibt es genug in Italien. Und außerdem konnte der Anblick eines schönen Mädchens unmöglich so niederschmetternd auf normale Menschen wirken. Mein Freund aber war wie vom Donner gerührt. Er saß schweigend da und trocknete sich mit dem Taschentuch die Stirn. Ich beobachtete ihn. Eigentlich war es gar nicht mein Freund, sondern eine flüchtige Reisebekanntschaft von Capri her, ein amüsanter amerikanischer Weltbummler, mit dem ich, in jenen fernen Wanderjahren meiner Jugend, die langen Abende Neapels nach Kräften bei Falerner, Zigaretten und Billardspiel totschlug. Da er beharrlich schwieg, tat ich das gleiche. So saßen wir eine Weile beisammen. Nichts rührte sich in dem kleinen Rauchzimmer des Hotels. Das Gas summte eintönig, von der Straße klang Peitschenklatschen und Eselgeschrei, und in der Ecke schnarchte, die Füße gegen den glimmenden Kamin gestemmt, ein alter Englishman den Schlaf des Gerechten. Seine Stiefelsohlen waren schon etwas brenzlig. Aber ohne das fühlt sich ja bekanntlich kein Brite behaglich. »Eine Vision«, sagte plötzlich der verstörte Mann an meiner Seite, »nun schon zum zweitenmal – das erstemal war es in Paris, daß ich sie sah.« »Welche Vision? Die Dame von eben?« »Ja! Morgen gehe ich zum Arzt.« »Weil Sie ein schönes Mädchen gesehen haben? Wenn das allgemein üblich wird, bereue ich, nicht ebenfalls Medizin studiert zu haben. Dann gäbe es notleidende Ärzte höchstens noch auf dem Berge Athos.« »Das ist gar kein Mädchen, was da eben an der Türschwelle stand«, sagte mein Gegenüber störrisch, »das ist eine Frau – und zwar eine tote!« Eine tote Frau, die bei hellem Gaslicht in Hotels ersten Ranges herumspukt und nüchterne Yankees zu Geistersehern macht! Das ging mir doch über den Spaß. Ich saß ganz verblüfft da. »Sie halten mich wohl für verrückt?« Die Stimme meines Freundes hatte einen melancholischen Klang. »Noch nicht ganz!« erwiderte ich ehrlich. »Aber es ist ja nicht schwer zu ermitteln. Also die Frau, die mir eben sahen, ist tot?« »Sie starb vor drei Jahren an der lappländischen Küste.« »Sie waren dabei, als sie starb?« »Ihr Tod wurde von mir und mindestens einem Dutzend einwandfreier Zeugen vor Gericht beschworen.« »Und trotzdem war dieselbe Dame eben hier im Zimmer?« »Ja. Das heißt – natürlich war es eine Vision. Die Dame ist ja tot und begraben.« »Beachten Sie, bitte«, sagte ich, »daß wohl ein einziger Mensch infolge von Krankheit oder erschütternden Erlebnissen eine Vision haben kann, aber nicht gleichzeitig ein zweiter, ganz unbeteiligter.« »Und die Fata Morgana? Hunderte von Karawanenpilgern sehen sie!« » Ich habe sie selber oft genug in der Sahara gesehen.« »Und ebenso habe ich bei Gelegenheit meiner Weltumsegelung«, sagte mein Gegenüber, »über den Bergen des Sinai die Fata Morgana – nicht nur schwimmende Schiffe und Palmenwälder, sondern auch Menschen am Himmel, zugleich mit meinen Freunden erblickt.« »Aber nicht hier mitten in unserem nüchternen Europa! Also können wir morgen beide zum Arzt gehen«, erwiderte ich ärgerlich. »Warum? Vielleicht war die Dame tatsächlich im Zimmer, erschien Ihnen in ihrer wirklichen Gestalt, und nur ich sah darin ein anderes, längst verstorbenes Wesen.« Ich stand auf und klopfte ihm auf die Schulter. »Kommen Sie mit!« Unten im Vorraum des Hotels stand der Portier. Natürlich ein Schweizer. »Hören Sie mal«, sagte ich vertraulich, »eben kam doch hier aus dem Konversationszimmer eine junge Dame herunter – groß – schlank – blond – mit braunen Augen –« »Gewiß«, bestätigte der Portier und warf einen Blick auf die Fremdentafel, die an der Wand hing. »Mrs. Gallego – mit ihrem Mann, der aber heute auf einer Vesuvtour abwesend ist – aus Argentinien.« Ich sah meinen Freund an. Der Name schien ihm fremd. Er fragte: »Wo ist die Lady jetzt?« »Sie ist hinunter in die Stadt gefahren«, erklärte der Schweizer und wies auf das Häusergewirr Neapels, das endlos unter uns in den Silberfluten des Mondes glänzte. »Ich habe selbst noch dem Kutscher die Richtung gesagt. Sie wollte sich das Straßenleben ansehen – Toledo – Santa Lucia – Chiaja –« Im nächsten Augenblick winkten wir einem Kutscher, Avanti – Toledo – Santa Lucia – Chiaja –« Natürlich war unser Unternehmen verrückt. Ebensogut könnte man eine Stecknadel in einem Ameisenhaufen suchen wie einen Fremden in dem Straßengewühl Neapels. Aber die Verrücktheit führt in der Welt ja so oft zum Ziele! So auch hier. Im Toledo, oder wie es offiziell heißt, in der Via di Roma kam die abwärts fahrende Wagenreihe wieder einmal ins Stocken. Die kleinen Droschken hielten in endlosen Kolonnen. Die auf ihrem Bock befindlichen Galgenvögel schrien, lärmten und klatschten mit der Peitsche, halbnackte Bengel schwangen sich bettelnd auf den Wagentritt, die Menge auf dem Bürgersteig johlte, in dicke, von Taschendieben eilfertig durchschlüpfte Klumpen zusammengedrückt, die Munizipalgarden schimpften, die Maulesel wieherten mit durchdringendem Schmettern – kurzum, man war in Neapel. Auf der andern Seite der Straße bewegte sich der Wagenzug langsam aufwärts. Und plötzlich stieß mein Freund mich an. In einer der kleinen Droschken saß, ohne uns zu bemerken, allein die Fremde von vorhin. Wir erkannten sie beide auf den ersten Blick. Aber ehe wir noch in dem flackernden Gaslicht und dem Getümmel ringsum sie näher mustern konnten, setzte sich auch unsere Droschkenkolonne in Bewegung. Die kleinen Pferde zogen an, die Kutscher heulten und brüllten, die Menge johlte, und schon waren wir fern von der Stätte der Begegnung. Von der Chiaja fuhren wir schweigend ins Hotel zurück. Dort empfing uns der Schweizer: »Die Dame, nach der Sie fragten, ist vor einer halben Stunde zurückgekommen. Sie ist aber gleich auf ihr Zimmer gegangen.« »Sie haben ihr doch nicht gesagt, daß wir uns nach ihr erkundigten?« »Doch. Ich dachte, die Herrschaften kennen sich!« »Schade!« Mein Genosse schüttelte den Kopf und stieg in das Rauchzimmer hinauf. Ich folgte ihm und bestellte noch eine Flasche Falerner. »Die Sache steht also so«, sagte ich, die Gläser vollschenkend, »daß wir hier in Neapel eine unzweifelhaft lebende Dame gesehen haben, bei deren Tode Sie gleichwohl zugegen gewesen sein wollen. Da kann nun vorliegen – erstens–« »Ich weiß schon«, erwiderte mein Freund gereizt, »erstens eine Verwechslung – die ist absolut ausgeschlossen. Zweitens ein leichter Stich in meinen Hirnkasten. Das wäre schon eher möglich.« »Ich möchte es ungern glauben!« entgegnete ich, »aber es hätte manches für sich, wenn Sie mir einmal die Geschichte erzählen wollten.« »Well!« sagte der Amerikaner, »das will ich tun! Kennen Sie Lappland? Ja? Um so besser!«   »Es wird Ihnen aufgefallen sein, daß man in Lappland gedörrten Lachs in den Morgenkaffee taucht, marinierten Lachs zum zweiten Frühstück nimmt, sich mittags an gekochtem Lachs sättigt, um fünf Uhr eine Scheibe rohen Lachs mit Pfeffer darauf setzt und gegen Abend geräucherten Lachs als Nachtmahl einnimmt. Brot, das, wie Sie wissen, in Kisten, Möbeln und Särgen verpackt wird und mit diesen als Schiffsladung nach den entlegenen Stationen geht, wo man weder Holz zu Möbeln und Särgen, noch Korn zum Leben selbst erzeugen kann – dieses scheußliche Schiffsbrot ist dort ein Leckerbissen. Den Eingeborenen bekommen ja diese Lachsexzesse vortrefflich. Mir weniger. Als ich mich einige Wochen auf den Walfischfängerstationen der Polarküste umhergetrieben, fühlte ich die Anzeichen eines dauerhaften Magenkatarrhs und beschloß, nach Hammerfest zurückzukehren. In irgendeinem trostlosen Fjordflecken auf –ö bestieg ich den Postdampfer. Es war schon ziemlich spät im Jahre und ein rauher Morgen. Selbst in dem stillen Fjord kräuselten sich die Wellen unter dem vom Nordpol kommenden Mailüftchen, das draußen die Wogen des Eismeeres tanzen ließ. Daher auch wenig Passagiere. Ein halbes Dutzend ernster, wortkarger Norweger, meistens ›Landhändler‹ oder Beamte, zwei deutsche Maler, die sich bis zur Murmanskischen Küste gewagt hatten, ›nachdem die Lofoten zu sehr in die Mode gekommen und der Ranf-Fjord schon von Krethi und Plethi abgepinselt worden sei‹, dann ein englischer Tourist, mißmutig, schweigsam und von Mücken zerstochen. Er hatte es versucht, von Badsö aus die berühmte Tour quer durch Lappland bis Haparanda in Schweden zu machen, war aber schon am zweiten Tage, durch die Stechfliegen fast zum Wahnsinn gebracht, samt Pferden und Führern umgekehrt. Übrigens, wie das Gerücht ging, ein bekannter Reisender, Gletschermann ersten Ranges und im Londoner Touristenklub hochangesehen. Und dessen Frau, die ihn auf seiner Reise begleitete, das war eben sie – sie, von der wir sprechen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie das wirkte: unter dem grauen Himmel, auf der eintönigen See, zwischen den mürrischen Menschen dies junge, blühende Geschöpf, dessen silbernes Lachen durch das ganze Schiff hin klang und selbst den stillen Norwegern ein verstecktes Schmunzeln entlockte. Alles drehte sich um sie. Der Kapitän, ein linkischer, gutmütiger Mann in älteren Jahren, ließ sie bei Tisch nicht von seiner Seite, der Erste Steuermann, ein verwegener, junger Mensch, erzählte ihr auf Deck seine tollen Abenteuer in den Gewässern Chinas und der Südsee, die beiden Maler skizzierten sie in allen möglichen Stellungen und Drapierungen, die ungeschlachten, riesigen Matrosen brachten die Angelschnüre in Ordnung und hakten die kleinen, blinkenden Metallköder daran, damit sie das Vergnügen des Fischens nicht entbehren solle, kurzum, sie beherrschte souverän das Schiff mit allem, was es trug. Wie es mir erging, können Sie sich denken. Ihr Mann kümmerte sich um alles das kaum. Er saß phlegmatisch in der Rauchkajüte, bastelte an seiner und an Mrs. Sydhams Gletscherausrüstung herum und sann darüber nach, welche lappländischen, noch nie von Menschenfuß betretenen Berge er demnächst besteigen wolle, um auf dem Gipfel die Steinpyramide, den berühmten ›Steinmann‹ aufzurichten. Seine Frau nahm er, wie er mir sagte, selten zu solchen Ausflügen mit. Nicht, als ob es ihr an Kraft oder Mut dazu gemangelt hätte – sie war, nach seinem Ausdruck, zäh wie eine Katze; aber er tadelte ihren Mangel an Besonnenheit, an Vorsicht, die allerdings in diesen verwünschten Gegenden, in den Stein- und Eiswüsten, den steilen Schneehängen und namentlich den gefährlichen Hochmooren Lapplands sehr am Platze ist. Übrigens unterhielt sie sich ohne ihn recht gut. Zur Ruhe kam niemand auf dem Schiff. Alle Augenblicke hatte sie etwas Neues ausgedacht. Bald war ein riesiges, mit Kohle auf ein Blatt Papier gezeichnetes Schwein an der Kajütentür befestigt, dem man dann der Reihe nach mit verbundenen Augen das Schwänzchen anzeichnen sollte – meines kam gewöhnlich über das Ohr zu stehen – bald wurde mit kleinen Messern nach einer Apfelsine geworfen oder im Chorus unter obligatem Fußstampfen ein Niggergesang zum besten gegeben. Dann lief sie wieder in ihre Kabine, um englische Cakes – ein Leckerbissen in diesen lachsbehafteten Gegenden – zu holen und unter ihre Freunde zu verteilen, oder sie spähte mit dem Fernrohr des Kapitäns emsig nach den dunklen Tangstreifen an den Klippen. Denn man hatte ihr eingeredet, das sei Walfischlaich, und sie ärgerte sich nun darüber, daß sich die Walfische so wenig um ihre Brut zu kümmern schienen, sondern gefühllos draußen im offenen Meer in kleinen ›Schulen‹, wie der Norweger solch einen Trupp nennt, umherplätscherten. So fuhren wir den halben Tag im Fjord. Wir hatten bereits zu Mittag gegessen – gekochten Lachs und rohen Lachs in Scheiben – und saßen auf dem Verdeck. Da verkündeten die immer heftiger werdenden kalten Windstöße, der ferne Donner der Brandung, durch den schrill und klagend der Schrei der Möwen scholl, ein Schwanken und Zittern des Dampfers, daß wir uns der offenen See näherten. Eine halbe Stunde darauf waren wir mitten in dem wie gewöhnlich sturmbewegten Eismeer. In langen, endlosen Wogen rollte es von Norden, wo blutrot die Sonne hoch am Himmel stand, wider uns heran. Es war zehn Uhr abends, aber taghell, wie es in diesen Breitegraden den ganzen Sommer ist. Hinter uns lag die Küste, in seltsame, violette Farbentöne getaucht, von denen blendend sich das Weiß der endlosen Schneefelder, das leuchtend tiefe Blau der Gletscherspalten abhob. Am blaßblauen Himmel segelten rosige Lämmerwölkchen, milchweißer Schaum tanzte auf stahlfarbigen Wellen, und der Vollmond starrte in trostlosem Aschgrau auf diese Farbenorgie herab. Schildern kann man sie ja nicht, das muß man gesehen haben. An Schlafen dachte keiner. Wenn man noch so lange im Norden reist, das prachtvolle Schauspiel der Mitternachtssonne fesselt doch immer wieder. In einer Gruppe standen wir alle, die schöne Frau, die Maler, ein paar Norweger und ich an der Spitze des Schiffes. Bloß der Gletschermann saß stumpfsinnig in der Kajüte. Da man der Mitternachtssonne mit Eispickel und Steigeisen nicht beikommen konnte, so interessierte sie ihn wohl weiter nicht. Immer stärker wurde der Sturm. Von Norden, wo fern am Horizont der sprühende Wasserdunst einer Walfischherde aufstieg, kam es in schweren Stößen. Das Schiff fing an zu tanzen. Es wälzte sich auf die rechte und auf die linke Seite, es richtete sich in die Höhe und machte dann wieder Anstalten, sich auf den Kopf zu stellen, kurzum, es war ungemütlich. Die Maler verschwanden still. Auch die Norweger bis auf einen. Zu dritt standen wir am Bugspriet und starrten hinaus in die kochende See, bis plötzlich eine besonders wohlgelungene Welle über die Bordwand schlug und uns alle übergoß. Wir trieften, und wer den Mund in dem entscheidenden Moment offengehalten, fühlte in seinem Schlund die angenehme Empfindung, als habe er ein Salzfaß verschluckt. Unter solchen Umständen begaben wir uns so würdevoll, wie dies auf einem wie toll schwankenden Schiffe und in einem tobenden Sturmwind möglich ist, die steile Hühnertreppe hinunter in die Kabinen, wo mir beim Öffnen der Türe bereits meine ganze irdische Habe, Bergschuhe, Jagdgerätschaften, ein Walroßzahn, ein photographischer Apparat, Wäsche und vieles andere in regellosen Sprüngen entgegengehüpft kam wie ein treuer Hund seinem Herrn. Ich kümmerte mich nicht weiter um das Gerümpel, sondern warf mich aufs Bett und schlief in dem sanften Schaukeln des Eismeeres ein. Gegen Morgen erwachte ich. Das Schiff lag ruhig. Das Pfeifen des Windes war verstummt, die Stöße der Maschine durchzitterten nur mit halber Kraft den Dampfer. Durch das kleine, runde Kajütenfenster sah man nichts als eine regungslose graue Wand. Ich ging an Deck und erfuhr, daß in der Nacht zu dem Sturm sich einer jener eisigen Nebel gesellt, wie sie so häufig das Nördliche Eismeer zieren. Der Kapitän warte daher in diesem Fjord, wo er ohnedies die Station eines Möwenjägers und Landhändlers anlaufen müsse, besseres Wetter ab. Vermutlich würden wir den ganzen Tag hier liegenbleiben. Auch gut! Ich sah mich um, wo wir uns eigentlich befanden. Wir waren kaum hundert Schritt vom Ufer entfernt, einer jäh, etwa tausend Fuß aufsteigenden, kahlen und wild zerrissenen Felswand. Zwischen ihren abenteuerlichen Klüften und Steinklumpen, ihren endlosen Geröllhalden und spitz emporschießenden Zacken wälzte sich ein ungeheurer Gletscher schwerfällig bis hart an den Rand des Meeres. Er mochte wohl eine Stunde breit sein. Sein oberes Ende verlor sich weit, weit in der Ferne unter den Nebelmassen, die den schneebedeckten Kamm der Gebirge umwogten. Nach dem Strande zu öffnete er sich in riesigen, bläulich schimmernden Klüften, aus denen milchweiße Wasserströme schäumend über das vorgelagerte Gewirr von Eisblöcken und Steingerümpel dem Meere zuschossen. Die obere Fläche des Gletschers war schneefrei und vielfach zerklüftet. Phantastische Eisgebilde zeichneten sich auf ihm undeutlich in der dicken, grauen Luft ab. Alles in allem ein unheimlicher, finsterer Geselle, dieser Gletscher. Einer von denen, die man in den Alpen, selbst am Seil und mit zwei Führern, nur vorsichtig und am frühen Morgen überschreitet. Und kein Mensch ringsum. Kein Strauch, kein Halm – kein lebendes Wesen. Nur Wasser, Eis und Fels. Auch Hütten sah man nicht. Der Fjord schien an dieser Stelle völlig verödet. Umsonst spähte das Auge nach einem jener hochgiebeligen Fischerboote mit rotbraunem Segel, die sich aus Urzeiten den Bau und das Aussehen des Wikingerschiffes bis jetzt bewahrt haben. Auch die Schiffer schienen diesen Ort zu meiden. Wenn sich das Wetter auf ein paar Minuten aufhellte, sah man am Ende des Fjords, auf ein oder zwei Meilen Entfernung, einen Vogelberg, einen jener riesigen, auf unzugänglichen Bergklippen angelegten Möwenbrutplätze, die zu den Wundern des Nordlands gehören. Wir hatten ihrer schon viele gesehen, hatten mit einem Schusse die Hunderttausende von Vögeln aufgescheucht, daß es wie ein Gewirbel von Schneeflocken unser Schiff, die Bergwand, das Meer, den ganzen Himmel einhüllte. Wir hatten staunend miterlebt, was ich selbst dem Altmeister Brehm kaum glauben konnte, daß diese Möwenschwärme die Sonne verfinstern und ihr Gekreisch den Donner der Brandung übertönt. Und wir hatten auch die halsbrecherische Art bestaunt, mit der waghalsige Kerle an Leitern und Stricken in steter Todesgefahr diese schroffen Wände erklommen, aus den Nestern die Eier raubten und die Vögel, jung und alt, mit Stöcken erschlugen, um die weißen, zierlichen Segler der Lüfte als Schweinefutter zu verwenden. Das alles war uns nicht neu. Auch war es zu weit, zu dem Vogelberg zu rudern, und sehr ungewiß, ob man dort, in der menschlichen Ansiedlung, den Pächter des Berges und Landhändler mit seinen Leuten zu Hause antreffen würde. Ein Gepolter neben mir weckte mich aus dem stumpfen Brüten. Zwei Matrosen standen da, riesige Kerle in roten Flanellwämsern und hohen Transtiefeln, und ließen das Fallreep an der Schiffswand herabgleiten. Ein paar andere senkten eines der an den Bordkranen hängenden Boote in die Flut und nahmen dann, mit langen Rudern bewehrt, auf den Bänken Platz. Der Engländer wollte mit seiner Frau den Gletscher besichtigen. Der Kapitän hatte nichts dagegen, da an ein Weiterfahren vorerst doch nicht zu denken war und Mr. Sydham bestimmt in zwei Stunden zurück sein wollte. Da kam dieser auch schon aufs Deck, in der vorschriftsmäßigen Bergsteiger-Ausrüstung, in schweren Nagelschuhen, die Eisaxt in der Hand, die Schneebrille auf die Krempe des Sturmhutes geschoben, ein vielfach gerolltes Manilaseil um die Schulter. Prüfend, mit verbissenem Gesichtsausdruck musterte er den Gletscher. Er schien, wie jeder Alpinist von Beruf, einen Berg oder Gletscher, den er noch nicht bezwungen, gewissermaßen als seinen persönlichen Feind zu betrachten. Es war, als ob ein Löwenbändiger sich anschickte, den Käfig seiner Bestien zu betreten. Und in dem feuchten Nebelgeriesel, der sonnenlosen, trüben Luft, dem stoßweise durch den Fjord irrenden Sturme sah der Eisstrom wirklich tückisch aus, der sich da aus den unbekannten, schauerlichen Wüsten des inneren Lapplandes bis zum Meere herunter ergoß. Bald erschien auch Mrs. Sydham, munter und lustig wie immer, in etwas kokettem Bergkostüm, fußfreiem Rock, gelben Gamaschen, ein zierliches Alpenstöckchen in der behandschuhten Rechten. Sie forderte mich auf, mitzukommen. Weit würden sie ohnedies nicht gehen. Es handle sich für Mr. Sydham bloß darum, an den Abschilferungen der Gletscherwände gewisse, höchst merkwürdige geologische Beobachtungen anzustellen. Ich sagte gern zu. Aber erst mußte ich mich umkleiden. So ward beschlossen, daß ich mit den beiden Malern, die am Lande Skizzen machen wollten, nachkommen sollte. An der Endmoräne des Gletschers würde ich das Ehepaar bestimmt treffen. Auch der Steuermann schloß sich mit Erlaubnis des Kapitäns mir an. Nur die Norweger blieben. Was war ihnen ein Gletscher? Wenn es ein Kornfeld gewesen wäre, ein Rebenspalier, ein Laubwald oder andere Dinge, die sie von Hörensagen kannten! Aber Schnee und Eis interessierte sie wahrhaftig nicht. Sie saßen auf Deck beisammen. Die Mäßigkeitsapostel unter ihnen – de goode Templer heißen sie hierzulande – labten sich an Tee, die Verständigeren taten reichlich Rum dazu, und alle hielten uns für gelinde verrückt, daß wir bei diesem Wetter an Land gingen. Als ich mit dem Steuermann und den Malern nicht ohne einige Schwierigkeit die geröllüberschüttete Küste betreten hatte, von deren Klippen ein paar Seehunde mißvergnügt in die Flut hinunterklatschten, sah ich wieder einmal, wie falsch man in der unglaublich klaren Luft des Nordens die Entfernungen schätzt. Man sieht alles zu nahe. So auch hier. Vom Schiff aus hatte es geschienen, als reiche das Ende des Gletschers bis ganz dicht an den Wasserspiegel heran. Jetzt zeigte sich, daß die mit wüsten, riesigen Steintrümmern und kleinen Wassertümpeln bedeckte Strecke, die beide voneinander schied, gut fünf Minuten breit war. Und das Klettern in diesem chaotischen ›Ur‹, wie solch eine urwüchsige Gegend kurz und bündig im Norwegischen genannt wird, ist keine Lustpartie. Die Maler gaben es denn auch bald auf und richteten sich mit ihren Skizzenbüchern auf irgend einem Felsblock häuslich ein, von dem sich bei ihrem Nahen ein Trupp fetter, kurzflügeliger Lummenvögel mit entrüstetem Quaken kopfüber ins Meer gestürzt hatte. Der Steuermann und ich krochen in dem Geröll weiter. Von Sydham und seiner Frau sahen wir nichts. Sie erwarteten uns wohl an dem hohen Schuttwall, der die Stirnmoräne des Gletschers bildete. Aber als wir an die Geröllhalde kamen, sahen wir uns verblüfft an. Sie zu übersteigen war kaum möglich. Es war da ein wüstes, ungeheuerliches Gewirr toll durcheinander geschleuderter haushoher Felsblöcke, zwischen denen gurgelnd und kochend die milchigen Gletscherströme dahinschossen. Dazwischen vereinzelte mächtige Eisklumpen, die vom Gletscher herabgestürzt waren. Eben als wir kamen, löste sich wieder solch ein bläuliches, blankes Ungetüm los und polterte klirrend in die Felsmassen hinunter. Und in der Mitte, wo die Schuttwand sich einsenkte, so daß man sie hätte überschreiten können, klaffte uns das Gletschertor entgegen, eine mächtige, bläuliche Wölbung, die sich tief in dem geheimnisvollen Innern des Gletschers verlor und einen breiten, flachen Strom eisigen Wassers in das Geröll vor sich fluten und zerrieseln ließ. Da konnte kein Mensch hinauf. Kein Zweifel: Die Touristen hatten sich, wie das meist geschieht, zur Seite gewendet, um längs des Gletschers auf der Seitenmoräne emporzusteigen. Aber ob rechts oder links, das war die Frage. Wir entschieden uns für rechts. Doch auf halbem Wege mußten wir umkehren. Das ›Ur‹ wurde derart, daß man einfach nicht weiter konnte, wenn man nicht die Fähigkeit besaß, gleich einer Fliege glatte Steinflächen emporzukriechen. Also nach links! Hier ging es besser. Aber wir hatten viel Zeit verloren. Mehr als anderthalb Stunden waren im ganzen vergangen, bis wir endlich oben auf dem Gletscher standen, und da wir erst eine halbe Stunde nach Sydham vom Schiffe abgefahren waren, so hätte dieser eigentlich schon wieder auf dem Rückwege sein müssen. Daß wir ihn nirgends sahen, bestätigte diese Vermutung. Freilich hätten wir ihm unter gewöhnlichen Umständen begegnen sollen. Aber in dieser Wildnis, wo man oft eine Viertelstunde lang zwischen den Steinblöcken nur den grauen Himmel über sich sah, war ein Verfehlen wohl möglich, zumal bei diesem Nebel. Denn der Nebel wurde dichter und dichter. In schweren Schwaden kroch er aus den Klüften und Falten der Gebirge hervor und zog einen triefenden Schleier über die endlose, wildzerrissene Fläche des Gletschers, die sich langsam ansteigend über uns bis zum Horizont auftürmte. Ab und zu zerriß ein Windstoß die Nebelschicht, aber es dauerte nur wenige Minuten, so hatte sich die fahle Wand wieder geschlossen und rückte von neuem vor. Dabei wurde es bitter kalt. Dem Steuermann war die Sache ungemütlich. ›Der Engländer ist natürlich umgekehrt‹, sagte er. ›Er ist ein erfahrener Mann und weiß, daß ein Verirren hier im Nebel und in diesem Lande den sicheren Tod bedeutet. Und wenn wir nicht bald seinem Beispiel folgen, so kann es uns ebenso ergehen.‹ Darauf ließ sich wenig erwidern. Ich warf noch einen Blick auf die nunmehr schon beinahe völlig verhüllte Fläche, ich stieß ein paar laute Rufe aus und horchte, ohne daß das feierliche Schweigen der Einöde durch etwas anderes als ein höhnisch klingendes Echo gestört wurde, und entschloß mich dann, dem Steuermann zu folgen. So rasch es ging, kletterten wir zum Strand hinab, wo infolge der beständigen, leichten Seebrise die Luft klarer war und wir trotz des mittlerweile eingetretenen Regengeriesels ohne Mühe unser Boot entdeckten. Die beiden ungeschlachten Matrosen saßen darin und blickten verwundert auf den Steuermann, als er sie fragte, ob der Engländer und seine Frau wohlbehalten auf das Schiff gelangt seien. Nein. Die Maler wohl. Von den Engländern wußten sie nichts. Sie waren noch nicht zurückgekommen. Wir sahen uns einen Augenblick stumm an. Man hörte nichts als das leise Plätschern der Wellen und das eintönige Rauschen des Regens. Was nun? Der Steuermann war bleich geworden. Der kecke, junge Bursche, der in allen Gewässern der Erde sich den Sturm um das mahagonifarbene Antlitz hatte fegen lassen, schien ganz verstört bei dem Gedanken, daß eine hilflose Frau nur eine oder zwei Stunden von uns in Todesgefahr schwebte, ohne daß wir ihr Rettung bringen konnten. Denn was sollten wir machen? Der Nebel war so dicht geworden, daß man etwas abseits vom Strande kaum mehr auf zwanzig Schritte sah. Stärker und stärker fiel der Regen, und ein Dämmerschein wie von Abendgrauen lag über der trostlosen Gegend. Wir wußten ja, es würde nicht dunkel werden. Aber was half es, bei solchem Wetter ziellos in die Wüste hinein, bei Nebel über die dräuenden Gletscherspalten zu wandern? Nur ein Wunder konnte dann uns selbst retten, ein noch größeres Wunder uns auf die Vermißten stoßen lassen. Endlich entschloß sich der Steuermann, zunächst an Bord zu fahren und mit dem Kapitän über den Fall zu sprechen. Nach einer halben Stunde kam er zurück, mit ihm die beiden Deutschen, mehrere Norweger und ein paar besonders rüstige Matrosen. Der Kapitän selbst durfte sein Schiff natürlich nicht verlassen. Wir riefen und suchten am ganzen Strand. Wir drangen wieder in die Geröllschicht ein. Wir stiegen endlich zu viert nochmals zum Gletscher empor, indem wir unterwegs eine endlose, zusammengeknüpfte Angelschnur aufrollten, um des Rückweges sicher zu sein. Endlich stapften wir auf dem Gletscher selbst vor, ohne Seil und sonstige Hilfsmittel. Denn drei von uns verstanden doch nichts von alpinem Sport, und ich allein konnte nicht helfen. In zerstreuter Reihe schritten wir suchend über die Eisfläche. Da sah ich plötzlich, wie einer der Maler mit kurzem Aufschrei zurückprallte und den Steuermann mit sich zurückriß. Im nächsten Augenblick blieben wir alle in wortlosem Schrecken stehen: dicht vor unseren Füßen gähnte, bisher durch den Nebel verhüllt, eine jener gräßlichen Gletscherspalten, die mir immer eines der unangenehmsten Dinge auf Erden gewesen sind. Ein eisiger Hauch stieg aus dem schwarzen Riß empor. Es gurgelte und rauschte da unten in der unergründlichen Tiefe, von der uns nur zwei Schritte trennten. Schweigend wandten wir uns ab. Und solche Gletscherspalten gab es hier ringsherum. Bei Sonnenschein kann man sie da, wo kein Schnee liegt, leicht vermeiden: aber jetzt im Nebel? Nein, da war nichts zu machen. Wir kehrten um und atmeten erleichtert auf, als wir das bisher so verhaßte Steingeröll der Moräne unter unseren Stiefeln spürten. Ein schneidender Wind wehte am Strande. Wir alle waren naß bis auf die Knochen. Mehr und mehr nahm der Wind zu und gestaltete sich gegen Abend wieder zum richtigen Sturm, der die Nebelfetzen zerriß und die trübe Luft klärte. In unheimlich rotem Glanze strahlte in dieser Nacht die Mitternachtssonne. Wie der Widerschein einer Feuersbrunst lag es auf der phantastisch-zerrissenen Fläche des Gletschers, den wir zum drittenmal, nach den Vermißten suchend, bestiegen. Wiederum umsonst. In feierlichem Schweigen erhoben um uns die Gebirgszüge ihre wolkenumflogenen Zacken, in den Gletscherspalten gurgelten und plätscherten nach wie vor die geschäftigen Eisbäche, und der allmählich wieder ersterbende Wind zog ab und zu in eintönigem Heulen von der wüsten See über das wüste Land. Weiter und weiter kletterten wir. Jetzt, wo das Auge wieder meilenweit schweifen konnte, hatte es keine Gefahr. Wir verließen den Gletscher und drangen seitwärts in die jäh aufsteigenden Gerölltäler ein. Vielleicht hatten sie sich dahin in irgendeine Höhle geflüchtet. Nichts regte sich. Steine ringsum, große und kleine Steine, mächtige Quader und schütteres Geröll, phantastische Gestaltungen, die von fern an eingestürzte Brücken, an zerstörte Kathedralen, an die Trümmer einer rheinischen Ritterburg erinnerten, und regellose Haufen durcheinander geworfener Blöcke, teils in ihrem eigenen stumpfen Grau schimmernd, teils überzogen von jenem in der Sonne graubraun, im Regen saftiggrün schimmernden Moos, das hier allein die lebendige Welt vertrat. Nur fern, in einer Seitenhalde, blinkte es in freundlicherem Schein. Dort war an geschützter Stelle ein spärlicher, mit bunten Blumen durchsetzter Graswuchs vorhanden. Große, graue Blöcke lagen massenhaft und regellos darüber verteilt. Als wir uns von oben der Halde näherten, bot sich ein überraschendes Bild. Einer der grauen Blöcke wurde plötzlich lebendig, dann Dutzende, dann Hunderte. Sie bewegten sich, sie schlossen sich zu Klumpen zusammen, das ganze Tal wurde lebendig, ein paar Hunde kläfften auf, und jetzt erkannten mir: wir hatten eine Renntierherde in ihrer nächtlichen Ruhe gestört. Im Galopp, dicht geschlossen, stob die Masse, wohl tausend Stück, vor uns den Hang hinab. Man sah nichts als eine Flut gelbbrauner, wogender Rücken, über denen, wie ein entlaubter Wald im Sturme, die kahlen Stangen der Geweihe schwankten. Der Boden donnerte dumpf unter den Sprüngen, und zwischendurch tönte deutlich vernehmbar das seltsame elektrische Knistern, das die Renntierhufe beim Lauf hervorbringen. In weiter Ferne blieben die Tiere stehen und äugten mißtrauisch zu uns hinüber. Sowie wir uns vorwärts bewegten, setzten sie sich von neuem in Galopp. Es war eine jener halbwilden Herden, mit denen die nomadisierenden Lappen im Sommer die Einöden des innern Berglandes durchstreifen. Aber kein Mensch war ringsum zu erblicken. Fern konnte das Zeltlager des Stammes nicht sein. Denn entweder, meinten die mit uns wandernden, selbst aus Finnmarken gebürtigen Norweger, suche diese Horde einen der geheimnisvollen, den Lappen heiligen Berge in der Nachbarschaft auf, oder aber, was viel wahrscheinlicher, sie habe sich in der Nähe der Ansiedlung an dem Vogelberge gelagert, um von dem Landhändler gegen Renntierfelle und die Bälge der Eidergänse den vielgeliebten Branntwein zu erstehen. Während wir noch überlegten, drang von der See her ein dumpf mahnendes, stoßweises Gebrüll, das wie das Heulen eines Ungetüms durch die Stille klang. Der Dampfer gab mit dem Nebelhorn das Zeichen, an Bord zu kommen. Er mußte, nachdem das Wetter sich beruhigt, weiter. Um Tote konnte er sich nicht kümmern. Uns blieb nichts übrig, als zunächst an Bord zurückzukehren. Es war gegen zwei Uhr morgens, als wir in dem kalten toten Scheine, der um diese Zeit, wenn die Sonne noch hart über dem Horizont steht, der Glut der Mitternacht folgt, das Fallreep emporklommen. Neben dem Dampfer schaukelte, die rotbraunen Segel gerefft, mit hochgeschweiftem Bugspriet, eines der merkwürdigen Fischerboote des Nordlandes. Es war, wie die Matrosen sagten, vom Eingang des Fjords, vom Vogelberg gekommen. Sein Insasse war kein Norweger, sondern ein »Kwäne«, einer der im Sommer hier zahlreichen russischen Finnen. Oben auf Deck verhandelte er mit dem Kapitän in irgendeinem merkwürdigen, durch Zeichen unterstützten Kauderwelsch. Der gute Kapitän sah sehr verstört aus. »Also, wir haben Nachricht, meine Herren«, sagte er zu uns gewendet, »leider nicht die beste – der Engländer hat sich vor zwei Stunden fast besinnungslos, aus Kopfwunden blutend, durchnäßt und erstarrt, zur Station des Landhändlers am Vogelberg geschleppt. Er war in eine Gletscherspalte gestürzt und ist wie durch ein Wunder, indem er an einem Eisvorsprung hängenblieb, gerettet.« »Und seine Frau? – Mrs. Sydham – wo ist sie?« klang es erregt durcheinander. Der Kapitän wandte sich ab. »Die liegt wohl für immer in dem Gletscher begraben.« Ein tiefes Schweigen folgte. Und ein jeder von uns sah in diesem Augenblick wieder den unheimlichen, nebelverhüllten Abgrund vor sich, aus dessen nachtdunkler Tiefe das Gurgeln und Glucksen des Gletscherwassers heraufklang. »Ja, meine Herren!« sagte der Kapitän schweratmend, »so ist nun einmal das Leben. Einmal müssen wir ja alle daran glauben, aber so plötzlich – und so schrecklich – und wir können uns nicht einmal länger hier aufhalten – meine Zeit drängt – das Schiff muß weiter –« Mein Entschluß war rasch gefaßt. »Ich fahre mit dem Finnen zum Landhändler«, sagte ich, »nehme dort Quartier und sehe, ob nicht doch etwas zu retten ist. Wenn keine Hoffnung mehr vorhanden ist, so setze ich mit dem nächsten Postdampfer die Rückreise nach Hammerfest fort.« Der Vorschlag fand Beifall. Die beiden Deutschen und ein Norweger schlossen sich mir an. Wir machten, nicht ohne Mühe, dem verschmitzt und tückisch aussehenden Finnen unsere Absicht begreiflich, nahmen Abschied von Bord und kreuzten bald, auf unserm Gepäck sitzend, blinzelnd und mit Schaumspritzern überschüttet, gegen den Wind, der die Wellen des Eismeeres durch den engen Eingang des Fjords trieb. Endlich erreichten wir am frühen Morgen die Station. Alles lag in tiefer Ruhe. Selbst auf dem durch eine breite Bucht von uns geschiedenen Vogelberg gaben sich die Möven dem Schlafe hin. In glänzenden, weißen Perlenschnüren zogen sich die Reihen der kauernden Vögel an allen Gesimsen und Vorsprüngen des Berges entlang, dessen jäh abstürzende Wände von ihrem Unrat wie mit weißem Kalk getüncht erschienen. Der Landhändler, ein robuster Mann, wie alle Leute seines Berufes auf Fremdenbesuch eingerichtet, wies uns in seinem saubern, rotbraun getünchten Blockhaus ein Zimmer an und führte uns dann zu dem Verwundeten. Ein Arzt befand sich nicht unter uns, aber es war unschwer zu erkennen, daß Mr. Sydham sehr krank war. Zwar schienen die Wunden an Kopf und Arm nur leichte Hautabschürfungen zu sein, desto schlimmer aber hatten offenbar die Erschütterung des Sturzes, die Kälte und der Schrecken auf ihn gewirkt. Kein Wunder! Ist es doch hier wie auch in Island vorgekommen, daß man Menschen, die sich in diesen gespenstigen Einöden verirrt hatten, nicht nur zu Skeletten abgemagert, sondern auch als unheilbar Irrsinnige wiederfand. Und dazu nun noch der Sturz in die Gletscherspalte. Mit Mühe brachten wir Sydham so weit, daß er den Vorgang erzählte. Er war sehr einfach und so, wie wir ihn gedacht. Auf dem Gletscher hatte sie der Nebel überrascht. Mit seiner Frau durch ein Seil verbunden, schritt er vorsichtig voran. Da sieht er, wie sie, die trotz seines Verbotes neben ihm, statt mit gespanntem Seil hinter ihm geht, mit dem Fuß ins Leere tritt. Ein kurzer Schrei, dann reißt sie ihn mit sich in die Tiefe. Er verliert das Bewußtsein und findet sich, an einem Zacken über dem Abgrund hängend, wieder, das geborstene Seil noch um den Leib geschlungen. Zum Glück hat er seine Eisaxt nicht verloren. Er kriecht nach einer Stelle, wo der Spalt besonders schmal ist, und indem er sich hier abwechselnd rechts und links Stufen in die Eiswände haut und die Ellenbogen gewaltsam gegen die Wände preßt, gelangt er endlich ans Tageslicht und, halb kriechend, halb gehend, zur Station, die er beim Aufhellen des Wetters von ferne sieht. Wir drängten ihn, ehe er wieder das Bewußtsein verlor, uns die Stelle des Unglücks genau zu beschreiben. Das vermochte er nicht. Doch daß man den Weg nicht verfehlen könne, schien ihm sicher, zumal wenn man Hunde mitnehme. Denn man brauchte ja nur rückwärts seinen Blutspuren bis zur Unglücksstätte zu folgen. Das taten wir, und nach beschwerlichem Marsche fanden wir den Ort, beinahe in der Mitte des Gletschers. In der ganzen schauerlichen Umgebung war er einer der schauerlichsten. Ein wildes Gewirr von überhängenden Eiswänden, zerklüfteten Eistälern, über die Oberfläche strömenden Gletscherbächen und tiefen, im Sonnenlicht hellblau glänzenden Spalten, in denen die Bäche gurgelnd verschwanden. Und zu dem tiefsten und entsetzlichsten dieser Risse führte die Blutspur. Wir sahen den Abdruck eines Körpers in den feinen Eisgraupeln, wir sahen die vom Tauwasser schon halb zerleckten Stufen und etwa zwanzig Fuß tiefer unten an einem Zacken hängend das zerrissene Seil. Aber sonst auch nichts. Wir riefen, wir schrien, wir wanderten die endlose Kluft auf und nieder, wir legten uns an dem Rande hin und späten hinunter in die schaurige Tiefe. Und da sahen wir endlich etwas. Ungefähr an der Stelle, wo das Seil hing, nur tiefer, viel tiefer stak, schräg eingeklemmt, ein zierlicher, zerbrochener Bergstock, und unweit davon hing an einem kaum merkbaren Vorsprung ein rundes Sturmhütchen mit Spielhahnfeder. Wir kannten es alle. Mrs. Sydham hatte es getragen, als sie das Schiff verließ. Da gab es keine Rettung mehr. Wer einmal bis dahin gestürzt, den nahm der Abgrund für immer auf, den rissen die Wogen des unterirdischen Stromes mit sich auf Nimmerwiedersehen. Nach vielen Jahren erst wirft vielleicht der Gletscher die Reste seiner Beute an irgendeiner Stelle wieder an das Tageslicht. Und wer sollte sie dann in dieser Wüste finden? Obwohl wir das Nutzlose unseres Beginnens uns nicht verhehlten, suchten wir an diesem und den folgenden Tagen immer wieder die verhängnisvolle Stätte auf und riefen und schrien. Ein Knecht des Landhändlers ließ sich an Seilen, die sonst beim Vogelberg Verwendung fanden, vorsichtig, soweit es ging, in die Tiefe hinab. Es war dem Manne unmöglich, auch nur den Boden zu sehen, und er wurde halberstarrt und aschfahl im Gesicht heraufgezogen. Schließlich fiel mir der Lappenstamm ein, dessen Renntierherde wir neulich bemerkt. Es war zwar undenkbar, daß diese Menschen uns Auskunft geben sollten, aber man mußte alles versuchen. »Schon der Gerichte wegen«, meinte der Landhändler. »Diese Lappen sind außer mir und meinen Leuten und den zwei dicht bei mir wohnenden kwänischen Fischern die einzigen menschlichen Wesen auf viele Meilen in der Runde. Wissen auch die nichts von der Dame, so ist ihr Tod unzweifelhaft erwiesen.« Zwei Stunden darauf betraten wir, von einem Knechte des Möwenjägers geführt, das Lappenlager, bestehend aus einem halben Dutzend unendlich schmieriger, in die Erde hineingebauter Höhlen und einem großen, kreisrunden Gehege, in dem man die Renntierkühe zum Melken eingesperrt hielt. Neugierig versammelte sich der Stamm um uns, einige zwanzig quäkende, seltsame Zwerge mit geschlitzten Augen und platten Nasen. Auf flachen Füßen ruhten die unglaublichen Säbelbeine, die die dürftigen Körperchen trugen. Sie waren von Kopf bis Fuß in buntgesticktes Renntierleder gekleidet. Ein großes, krummes Messer schlenkerte den Männchen um die Hüften. Die meisten von ihnen waren etwas betrunken. »Gewiß hat ihnen der Kwäne Schnaps verkauft«, brummte der Knecht, auf einen finnischen Fischer blickend, der sich im Lager befand und, wie es schien, mit einer scheußlichen Alten um einen kunstvoll hergestellten Eiderdaunenanzug feilschte. Abgemagerte Hunde heulten und kläfften uns an. Ein unausstehlicher Tran- und Aasgestank erfüllte die Luft. »Rafthem vissui! Friede mit euch!« begrüßte der etwas lappländisch sprechende Knecht, der uns als Dolmetsch diente, die Horde. Und unverzüglich antwortete ihm der Stammeshäuptling, ein uralter, spitzbübisch lächelnder Zwerg: »Ismael addi! Gott gebe ihn!« Seine Aufforderung, den boasso , den Ehrenplatz am Feuer im Innern seiner Hütte einzunehmen, lehnten wir ab. Denn als er den Zeltlappen zurückschlug, um uns hineinkriechen zu lassen, drang uns aus dem halbdunklen Raum ein so grauenhafter Geruch, verbunden mit beißendem Rauch und dem Quäken eines in einer pantoffelartigen Wiege gebetteten Säuglings entgegen, daß wir entsetzt zurückfuhren. Auch Erfrischungen lehnten wir dankend ab. Uns lockte weder der undefinierbare Blutbrei, der über dem Feuer brodelte, noch die fette, gallertartig dicke Renntiermilch, die man vor dem Genuß mit Wasser verdünnt. Dagegen kauften wir den Leuten, um sie in gute Laune zu bringen, einige Kleinigkeiten ab, Eßlöffel, aus den Schulterknochen des Renntiers geschnitzt und mit primitiven Kritzeleien bedeckt, hübsche, bunte Fellpantoffeln und ähnliches mehr. Das Geld nahm der Häuptling, mit dem zahnlosen Maule schmatzend, in Empfang und hat es wahrscheinlich nach Stammessitte unter irgend einem Stein in der Einöde vergraben, um allenfalls auf dem Totenbett den Angehörigen das Versteck seines Schatzes zu verraten. Nach Erledigung dieser Angelegenheit kamen wir auf unsere Frage. Natürlich hatte niemand Mrs. Sydham gesehen. Ganz verdutzt starrten uns die armseligen Geschöpfe an, als sie von dem Unfall erfuhren, und schüttelten quäkend die platten Schädel als ein Zeichen, daß da nichts mehr zu machen sei. So war der Zweck unseres Besuches erledigt. Wir verabschiedeten uns von den schmutzigen, freundlich grinsenden Zwergen, drückten den paar kleinen, ganz niedlichen Kindern Geldstücke in die Pfötchen und traten den Rückweg an. Nur der Finne blieb, mit der Alten um den Daunenpelz feilschend, zurück. Am nächsten Tage bestieg ich das Postschiff. Sydham, dem ich doch nicht helfen konnte, ließ ich in guter Pflege zurück. Später hatte ich dann noch ebenso wie meine Reisegefährten vor Gericht meine Wahrnehmungen über den Tod der Mrs. Sydham auszusagen und zu beschwören. Das ist mein Abenteuer in Lappland.«   Mein Freund schwieg. Ich trat mit ihm hinaus vor das Hotel in die Mondnacht Neapels. Den Kopf noch voll von Gletschern, Walfischen und Stürmen im Eismeer, sah ich gedankenlos auf das wunderbare Panorama, auf die silbern glänzende See, die in dem warmen Nachtwind nickenden Palmen, die malerische Stadt, über der in weiter Ferne zerstreute, glutrote Flecken am Horizont den Vesuv erkennen ließen. Warum geht der Mensch auch nach Lappland? Dieser blödsinnige Gedanke schoß mir einen Augenblick durch den Kopf. Dann wurde ich wieder ernst und wandte mich zu meinem Begleiter: »Und diese Mrs. Sydham, die den furchtbaren Tod in der Gletscherspalte fand –« »– sah ich wieder vor einem Jahr für einen Moment auf dem Boulevard de l'Opéra in Paris und jetzt zum zweitenmal vorhin hier in Neapel.« Mein Freund sah sehr bleich aus, aber seine Stimme klang fest und entschieden. »Es liegt eine Täuschung vor.« »Ich kann es beschwören, daß es keine Täuschung ist.« »Wissen Sie was«, sagte ich, »warten Sie morgen früh im Saal, bis die Dame zum Frühstück kommt, und reden Sie sie dann einfach an. Dann werden wir ja sehen.« »Sie haben recht! Gute Nacht!«   Ich schlief ziemlich schlecht diese Nacht und träumte von Gletscherspalten, Walfischlaich und Eskimos. Am andern Morgen ging ich erst spät hinunter in den Frühstückssaal. Mein Freund saß dort, gelblich im Gesicht und übellaunig. Die Piccoli betrachteten ihn mit scheuem Staunen. Daß ein Gast ohne erkennbaren Grund zwei Stunden lang beim Kaffee sitzt, war ihnen noch nicht vorgekommen. Gemeinsam warteten wir noch eine dritte Stunde. Der Saal hatte sich schon völlig geleert. Es war elf Uhr vormittags. Die Dame kam nicht. Endlich entschloß ich mich, den Portier zu fragen, ob sie vielleicht einen Ausflug unternommen. »Mrs. Gallego? – Mit ihrem Manne heute in aller Frühe abgereist.« Abgereist! – Und ganz unvermutet? Jawohl, die Herrschaften hätten erst gestern spät abends, als er, der Portier, ihnen von unseren neugierigen Fragen erzählt, den Entschluß gefaßt, Neapel zu verlassen. Um sieben Uhr morgens waren sie nach dem Zentralbahnhof gefahren. Wir stürzten uns auf den Fahrplan. Nach Bari oder Messina konnten sie um diese Zeit nicht gereist sein. Wohl aber ging ein Zug nach Rom. »Und wann geht der nächste Schnellzug nach Rom?« Mein Reisegefährte war in großer Aufregung. »In einer Stunde.« Darauf sah er mich nur an: »Kommen Sie mit?« »Ja. Warum nicht?« Gegen Mittag rollten wir bereits durch Campanien dahin. »Eine glorreiche Idee«, sagte ich, den Amerikaner etwas von der Seite ansehend, »eine glorreiche Idee, durch halb Italien hinter einer toten Frau herzufahren.« Der Amerikaner seufzte. »Sie sieht verwünscht lebendig aus«, erwiderte er nach einer Weile, »ich begreife das alles nicht!«   Gegen sechs Uhr abends kamen wir in Rom an. Es war gerade noch Zeit, auf den Monte Pincio zu fahren, wo man an solch einem lauen Frühlingsabend unfehlbar alle Fremden trifft. Unser Gepäck schickten wir mit dem ersten besten der in langer Reihe vor dem Bahnhof harrenden Hotelwagen voraus und feuerten alsdann einen Vetturino durch Vorzeigung eines Lirezettels zu besonderer Eile an. Auf dem Monte Pincio spielte die Musik. Massen von Menschen wandelten auf und nieder. In Hunderten von Equipagen umkreiste der römische Adel und die vornehme Fremdenkolonie rastlos den kleinen Park. Von den Gesuchten keine Spur. Zu Wagen waren sie nicht da. Und in der Menge der Fußgänger hätten wir sie bemerken müssen. Denn nach einer so goldblonden Schönheit drehen sich alle Italiener ausnahmslos in gelinder Verzückung um. Ein Glück, daß wir wenigstens den Namen unsres Hotels nicht vergessen hatten. Mißmutig fuhren wir dorthin. Während ich mit dem Wirt verhandelte, musterte mein Genosse die Fremdenliste an der Wand. Und plötzlich fuhr er zusammen und faßte mich am Arm. Ja: da stand es in großen deutlichen Kreidebuchstaben: »Mr. und Mrs. Gallego aus Neapel.« Die Herrschaften seien gegen Mittag eingetroffen, hätten sich jetzt auf ihr Zimmer zurückgezogen, würden aber zur Table d'hôte erscheinen. Um sieben Uhr. Wir würden doch wohl auch –? »Jawohl. Wenn möglich, setzen Sie uns den Herrschaften gegenüber!« Leider begingen wir den Fehler, etwas zu früh zur Table d'hôte zu erscheinen. Die Plätze uns gegenüber waren noch leer, und sie blieben es auch. Das Ehepaar Gallego hatte sich im letzten Augenblick, nachdem es schon den Saal betreten, dazu entschlossen, in seinem Zimmer zu speisen. So beendeten wir unsere Mahlzeit, gingen in das Zimmer meines Freundes, zündeten uns dort Zigarren an und schwiegen. »Morgen mit dem frühesten reisen sie natürlich wieder ab«, sagte endlich der Amerikaner, »ich werde sie nicht zu Gesicht bekommen und mir noch eine Reihe von Jahren über dies blödsinnige Abenteuer den Kopf zerbrechen.« »Sie wissen doch immer noch nicht, ob diese Dame wirklich Mrs. Sydham ist.« »Wenn sie es nicht ist«, erwiderte mein Gegenüber gereizt, »so hat sie ein verwünscht schlechtes Gewissen. Was in aller Welt treibt sie dann dazu, vor zwei harmlosen Touristen durch halb Italien zu fliehen?« »Nun, wenigstens halten Sie sie jetzt für ein Wesen von Fleisch und Blut!« »Und – was ist das?« Mein Gefährte war plötzlich fahl im Gesicht geworden und starrte nach der Tür. Die Tür hatte sich lautlos geöffnet. Die Gestalt der blonden Dame stand auf der Schwelle und sah uns aus ihren großen, hellbraunen Augen forschend, beinahe ängstlich an. Wir fuhren beide in die Höhe, während sie die Türe langsam hinter sich zuzog. Eine kurze Pause entstand. Dann trat die Fremde ein paar Schritte auf meinen Freund zu. »Warum verfolgen Sie mich?« fragte sie leise. »Warum wollen Sie mich unglücklich machen?« Mein Freund raffte sich zusammen. »Sind Sie Mrs. Sydham?« fragte er. »Ja, gewiß!« Die Fremde schien beinah erstaunt über die Frage. »Sie haben mich doch wohl schon gestern erkannt.« »Ja, aber – mein Gott!« Ich glaubte zu bemerken, daß der Verstand meines Reisegefährten etwas zu schwinden anfing. Da ließ sich wieder die Stimme der Fremden vernehmen, in flehendem, fast verzweifelndem Ton. »Seien Sie großmütig – Sie sind ja nicht geschädigt – stürzen Sie uns nicht ins Unglück –« »Was soll ich tun?« Mein Freund starrte die Fremde fassungslos an. »Schweigen!« flüsterte sie leise und eindringlich – »nur vier Wochen. Dann sind wir auf der Rückreise nach Argentinien!« »Nach Argentinien!« wiederholte mein Genosse. »Wenn Sie wüßten, wie glücklich wir dort leben« – sie faßte angstvoll seine Hand – »mein Mann und ich – und die Kinder – und wie behaglich wir es uns auf unserer Farm eingerichtet haben.« Der Druck ihrer Hand schien dem Amerikaner endlich die Überzeugung verliehen zu haben, daß Mrs. Sydham oder Gallego durchaus zur Klasse der Lebewesen zu zählen sei. »Ich werde schweigen«, sagte er, und seine Gesichtsfarbe nahm ihre normale Röte wieder an, »vier Wochen und länger – auf mein Wort – wenn Sie mir eine Frage beantworten wollen.« Mrs. Gallego sah ihn an. »Muß das sein?« »Ja! Wie kamen Sie aus der Eisspalte heraus?« »Ich war nie darin.« »Aber Ihr Hut – Ihr Stock?« »Die fielen hinein, als wir Mr. Sydham herauszogen–« »Wer denn – wir?« »Ich und einer der finnischen Fischer, der uns auf den Gletscher begleitete«, sagte Mrs. Gallego. »Sie müssen wissen – wir waren nicht zum erstenmal auf diesem Gletscher, wir hatten ihn schon früher besichtigt, wir kannten auch die Finnen bereits und hatten sie – gegen gute Belohnung natürlich – für unsern Plan gewonnen.« »Für welchen Plan?« Mrs. Gallego beantwortete diese Frage nicht direkt. »Entworfen ist solch ein Plan leicht«, sagte sie seufzend, »wie oft haben mein Mann und ich ihn durchgesprochen – in unsrer traurigen Wohnung auf der Londoner Surrey-Side – denn Sie müssen wissen, wir waren arm, recht arm. Aber ihn ausführen – das erfordert einen Entschluß; – ohne den Nebel, der Mr. Sydham, natürlich gegen unsere Absicht, wirklich in eine Spalte stürzen ließ und den ganzen Vorfall viel wahrscheinlicher machte, hätten wir es gewiß auch diesmal nicht gewagt –« »Was denn nicht?« Mein Freund hielt sich den Kopf mit beiden Händen. »Nun«, sagte die Fremde lächelnd, »daß ich mich eben als hoffnungslos tot von Mr. Sydham trennte und von dem Finnen in das Lappenlager führen ließ.« »Sie waren in dem Lappenlager?« »In dem Zelt, in dem ich dort lag, hörte ich Ihre Stimmen«, sagte Mrs. Gallego kaltblütig, »als Sie draußen mit dem Häuptling verhandelten.« »Und Sie riefen uns nicht?« »Ich dachte nicht daran! Vor meiner Hütte standen der Finne und ein altes Weib. Sie hatten den Auftrag, Ihnen, wenn Sie etwa neugierig wurden, zu versichern, daß in dem Zelt ein Blatternkranker läge. Nun – endlich gingen Sie ja wieder.« »Ja – und – Sie?« Mein Gefährte fragte schon ganz mechanisch. Die Fremde zuckte die Schultern. »Ich blieb im Lappenlager – ein paar Wochen lang. Zeigen durfte ich mich ja nicht, ohne daß alles herauskam. Endlich gelang es meinem Begleiter, mich heimlich in seinem Boot auf ein finnisches Schiff zu bringen, das mit Dorsch-Rogen – Sie wissen, man braucht ihn an der französischen Küste zum Sardinenfang – nach Bordeaux segelte. Dort traf ich dann meinen Mann wieder.« »Ja – und« – mein Freund griff sich an die Stirn – »nun hielt doch alle Welt Sie für tot –« Mrs. Gallego sah ihn seelenvoll an. »Aber natürlich«, sagte sie, »das war doch eben –« In diesem Augenblick pochte es an die Tür. Ein kleiner Kellner platzte herein, um die Abendpost zu bringen. Ehe er noch hinausbefördert werden konnte, nahm unser Besuch die Klinke ihm aus der Hand. »Ich habe Ihr Wort«, sagte sie einfach. »Ich danke Ihnen. Wir reisen sofort ab. Gute Nacht.« Ehe wir uns noch besinnen konnten, war sie verschwunden. Und zehn Minuten später rasselte der Hotelomnibus durch die enge Gasse. Einige mit E. G. gezeichnete Koffer hüpften munter auf seinem Verdeck.   Ein Jahr darauf traf ich in Scheveningen zufällig den Amerikaner wieder. Er kam eben aus New York. »Lesen Sie einmal!« sagte er, unmittelbar nachdem wir auf der Terrasse des Kurhauses Platz genommen, und reichte mir ein dünnes, gedrucktes Heftchen. Es war der Prospekt der Buffalo Life Insurance Company, die, wie sie schon auf dem Umschlag in fettem Druck hervorhob, das Leben nicht nur gegen gewöhnliche Todesarten, sondern auch gegen die Folgen von Duellen, gegen Selbstmord, gegen Unglücksfälle zu Wasser und zu Lande und unter allen Breitegraden versicherte. Zum Beweis, daß sie diese Bedingungen pünktlich innehielt, führte die Gesellschaft eine Reihe der markantesten Fälle an. Und da stand am Rande blau angestrichen, unter anderem: »Mr. Henry Sydham, Buchhalter, früher in Buffalo, dann in London wohnhaft, hatte das Unglück, während einer Gletschertour in Norwegen seine Frau, mit der er wechselseitig sein Leben bei uns versichert hatte, durch den Tod zu verlieren. Dem trauernden Witwer wurde die Versicherungssumme in Höhe von 25 000 Dollars am 7. November 1896 zu Buffalo auf Grund der von ihm vorgelegten, amtlich beglaubigten und von einwandfreien Zeugen beschworenen Aussagen ausbezahlt.« »Sie sehen«, sagte der Amerikaner etwas melancholisch, »die Romantik spielt in diesem Abenteuer keine Rolle. Es war einfach der raffinierte Gaunerstreich eines unternehmenden Mannes, der es auf ehrliche Weise zu nichts bringen konnte und mit Hilfe seiner Frau oder, was noch wahrscheinlicher, von ihr angestiftet zu einem Betrug seine Zuflucht nahm.« »Und zwar zu einem sehr frechen Betrug.« »Frechheit gehört auch dazu«, meinte der Amerikaner. »Ich glaube, der Mann träumt jede Nacht davon, daß die Detektive in sein Zimmer treten, um ihn abzuholen.« »Und eines schönen Morgens werden sie wohl auch vor seinem Bette stehen!« Der Geisterwagen Das war noch in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, daß ich an einem rauhen Frühlingsabend bei pfeifendem Wind und spritzendem Wellenschlag, nach langer Schaukelfahrt, von meinem weit draußen ankernden Dampfer her, auf der Reede von Gibraltar an Land ging. Schon vom Meer aus hatte ich auf Old Mole ein buntes Uniformgewimmel bemerkt. Und richtig: das ganze kanonengespickte Felsennest stak voll britischer Truppen, von England aus unter Kitchener unterwegs zum Straf- und Rachefeldzug wider den blutigen Mahdi und seine wütenden Derwische in Khartum. Und durch die Straßen von Gibraltar zog phantastisch, bei Fackelgeloder und dem uralten Clanlied der voraushüpfenden Dudelsackpfeifer die Zapfenstreich-Scharwache eines der stolzesten Hochschotten-Regimenter, und der zahme Hochlandhirsch lief dem riesigen, von einem Pantherfell umflatterten Tambour-Major voraus, und zu beiden Seiten wanderten andächtig Spanier, Levantiner, Araber im britischen Schritt und Tritt mit. Mehr als anderthalb Jahrzehnte später habe ich die Uniform dieses Schottenregiments noch einmal gesehen: Ein Häuflein von bayerischen Landsturm-Männern bewachter Gefangener trug sie im Herbst 1914 in Belgien. Damals aber, in Gibraltar, freundete ich mich, in dem kleinen Hotel in Waterportstreet, mit einem Kreis von Leutnants dieser Highlanders an. Sie hatten erfahren, daß ich aus dem Innern Marokkos – zu jener Zeit noch eines wilden Landes – kam und ein paar Tagreisen durch das Gebiet der Rif-Kabylen drüben geritten war. Das war, nach ihrer Ausdrucksweise, »ein rauhes Werk« und gewann mir ihr Zutrauen. So saßen die Schotten des Abends beisammen – nicht mehr im kurzen Röckchen über nackten Knien und mit dem Tartan, dem gewürfelten Plaid, und der Stoßfeder an der bebänderten Mütze, sondern in Frack und weißer Binde des britischen Gentleman, und die Stimmung war, angesichts des bevorstehenden, interessanten Sportereignisses – des neuesten Kolonialfeldzugs – aufgeräumt und angeregt. Immerhin – der Mahdi mit seinen fanatischen weißen Burnusträgern am blauen Nil war doch etwas anderes als ein beliebiger Nigger-King. Bereits der frühere Mahdi hatte einst den frommen, bibelfesten britischen General Gordon enthauptet. Die gegen ihn entsandte Armee der ägyptischen Regierung war schon vorher, fünfzehntausend Köpfe stark, unter Hicks Pascha bis auf den letzten Mann im Sudan umgekommen. Und in der Erinnerung daran meinte einer der Schottenleutnants gesprächsweise: »Ob wohl im Herbst irgendein guter Mann nicht mehr hier zwischen uns seinen Whisky trinken wird, wenn wir den alten Burschen in Khartum erledigt haben?« »Wohl – da gibt es Zeichen!« antwortete freimütig und heiter lächelnd ein anderer junger Offizier. Es war ein auffallend schöner, groß gewachsener Mann mit glattrasierten, kühnen Zügen. Das Urbild eines blonden, blauäugigen Briten der höheren Stände, wie es den Frauen seines Landes vielleicht als Inhalt ihrer Wunschträume vorschwebte. Zeichen ... Vorahnungen ... Gesichte in einer Runde von Hochschotten! Man braucht da nichts weiter zu sagen. Alles ist bei ihnen, im Nebel über den Mooren, der Dämmerung am Strand, dem Zwielicht der Stubenecken, voll vom zweiten Gesicht – von Widergängern, von Vorausahnungen. Jedes alte Schloß, jedes alte Haus hat dort seine Geister und Geheimnisse. Und so frug es neugierig in der Runde: »Was sahen Sie für Gespenster, Malcolm?« Und andere Stimmen. »Wo? Wann? McCosh?« Ein paar Rauchwirbel lässig aus der kurzen Pfeife. »Wohl! Vor kurzem! Gerade, ehe wir aus Schottland absegelten!« Rings hoben sich die Köpfe. »Erzählen Sie, alter Mann!« »Eines Morgens,« begann der große, schöne, blonde Leutnant Malcolm McCosh, »bekam ich im Hotel in Edinburgh einen Brief. In ihm stak ein Scheck über 100 Pfund und ein Zettel: ›Viel Jagdglück im Sudan! Besuche vor der Abfahrt Deinen treuen Oheim Andrew!‹« »Ich hatte diesen Onkel Andrew McCosh nie gesehen. Er war ein alter Junggeselle und erst vor kurzem aus Afrika zurückgekommen. Dort hatte er den größten Teil seines Lebens als britischer Beamter an der Westküste verbracht und sich mit gutem, rauchigem Whisky gegen das Fieber über Wasser gehalten. Die Flüsse stießen dort lehmgelb in das blaue Meer, und wenn da den Steamern schon auf hoher See, weit vor dem Hafen, die leeren Flaschen entgegenschwammen, dann sagte der Kapitän zu den Passagieren: ›Hallo! Der alte McCosh lebt noch!‹ Nun war er lebendig wieder bei uns im Land, und ich machte mich auf, ihm, seinem Wunsch gemäß, persönlich für die hundert Pfund zu danken. Es war eine höllisch lange Fahrt von der vorletzten Eisenbahnstation im Wägelchen aufwärts durch das Hochland bis zu dem ererbten alten Familiensitz des Onkels. Ein gespenstiger, grauer Steinkasten – eigentlich ein verfallenes Schloß – Lochgilphead House – lag es völlig einsam – auf eine Viertelstunde im Umkreis sonst keine menschliche Behausung – in weiter Öde. Kahle Heidekrauthügel engten es von drei Seiten ein. Vorn breitete sich bleifarben, ohne ein Windgekräusel und ohne ein Boot auf seinem Spiegel, der Loch Long, eines der vielen Gewässer aus der Seenkette des Hochtals, und füllte die kühle Luft mit einem zähen Nebel. Rings war alles totenstill, als ich vorfuhr. Nur ein paar Hunde heulten. Ein alter Butler öffnete mir schweigend das Tor. In der Halle trat mir ein kleiner, zarter, blondlockiger Engel von einer Lady in einem weißen Kleid aus dem Dämmern entgegen. Ein paar große, reine Augen glänzten tiefblau wie zwei besonnte schottische Hochlandseen in dem süßen, stillen Kindergesicht. Sie reichte mir schüchtern die Hand und hieß mich willkommen. »Ich bin Miß Turner! Onkel Andrews Nichte!« versetzte sie. »Sie müssen Mary-Ann zu mir sagen, Vetter!« Und weiter, während wir in den altertümlichen Speisesaal traten, wo zum Lunch für zwei gedeckt war. »Ich bin Waise. Mein Vater war Reverend. Er und Mutter sind beim Herrn. Onkel hat mich zu sich ins Haus genommen, damit ich ihm die Wirtschaft führe! Es ist so gut von Ihnen, daß Sie ihn besuchen!« »Kann ich ihm nicht die Hand drücken?« »Jetzt?« Die kleine, liebliche Mary-Ann schüttelte erstaunt das sanfte, blonde Köpfchen, dessen blasse Wangenfarbe der Jugendfrische ihrer zwanzig Jahre widersprach. »Jetzt darf man ihn nicht stören! Er schläft!« »Mittags um zwölf?« »Oh – dies ist kein Haus wie andere!« Das herrliche Kind der Hochlandeinsamkeit versorgte mich mit weichem Lächeln, hausmütterlich, mit Hafergrütze und Eiern mit Speck. »Onkel schläft immer bei Tag und wacht bei Nacht.« »Und was macht er des Nachts?« »Er spricht nicht gern davon, was er dann alles im Schlosse sieht. Wenn Onkel um Mitternacht in den Saal hier tritt, sind die Rahmen der Ahnenbilder an den Wänden leer, und die Vorfahren promenieren unten Arm in Arm über das Parkett.« »Geistererscheinungen, wie sie eines wahrhaften Gentleman würdig sind!« »In dem großen Turm hat doch im 18. Jahrhundert William McCosh in der Nacht vor seiner Hinrichtung gesessen.« »Wo ist ein Schloß in England oder Schottland, Mary-Ann, wo nicht die Königin Elisabeth einmal eingekehrt ist oder jemand die Nacht vor seiner Hinrichtung gesessen hat?« »Es war der McCosh – der Laird des Clans – der Onkel trifft ihn oft nachts auf der Turmtreppe in seiner altschottischen Häuptlingstracht, den Kopf unter dem Arm!« »Der Oheim sieht also Tote?« »Vor allem – nehmen Sie ein Hammelrippchen, Vetter! – sieht Onkel den Menschen an, wenn sie sterben müssen! Steht ihr Tod nahe bevor, dann ist er zu ihnen besonders freundlich. Das gilt als kein gutes Zeichen. Denn für gewöhnlich ist Onkel wahrhaft rauh zu jedermann. So hat er es sich in den vielen Jahren in Afrika angewöhnt!« Das merkte ich, als ich gegen Abend eine grimmige Greisenstimme durch das Schloß kreischen hörte: »Wo ist er? Ich werde diesen Windhund davonjagen!« Dazwischen tobte Hundegebell. Dann erschien ein kleiner, beweglicher, dunkelbraungebrannter Herr mit weißem Schopf und zornfeuchten, wilden Augen. Die Doggen rasten und sprangen um ihn her. Er selber knallte mit einer kurzen Hetzpeitsche. Mary-Ann hob durch den Lärm beschwörend die schmächtigen Arme: »Onkel – das ist er ja gar nicht! Das ist ja Dein Neffe Malcolm!« Der alte McCosh stutzte, musterte mich scharf. Plötzlich wandelte sich sein wütendes Antlitz in stille Sanftmut. Nochmals ein forschender Blick. Er reichte mir jäh und herzlich die Hand. Er drückte sie fest. »Du ziehst ins Feld, mein Junge!« sagte er gedämpft. »Gut, daß ich Dich vorher noch einmal sehe!« Ich war der Worte der Base eingedenk, daß der Onkel nur zu Todeskandidaten so warmherzig sei, und antwortete nur mit einem zurückhaltenden Lächeln. So setzten wir uns zu dritt zum Dinner. Bei dem war Old-Cosh die Liebe und Güte selbst zu mir – väterlich um mein leibliches Wohl bemüht, während Mary-Ann in seiner Gegenwart kein Wort sprach und beklommen dasaß und die sanften blauen Augen kaum von ihrem unberührten Teller hob. Der alte Gentleman gab durch einen blinden Schuß zur Decke aus einer neben ihm liegenden Pistole das Zeichen zum Abräumen und trank mir mit weißrollenden Augen zu. »Auf Afrika! Grüße mir mein altes Afrika! Afrika ist das einzige Land, in dem ein Gentleman leben und sterben kann!« »Auch sterben, Onkel?« frug ich beiläufig. »Schick' den Mahdi zur Hölle!« Der alte Mann hob begeistert sein Glas. Mary-Ann hatte sich still erhoben und nebenan in einem Wohnraum an den Kamin gesetzt. »Auch sterben, Onkel?« wollte ich wissen. Old-Cosh schnitt eine Grimasse und winkte heftig dem Butler, die Portweinflasche nachzufüllen. »Onkel Andrew – Du siehst doch in die Zukunft...« »Aber ich binde, was ich sehe, nicht jedem grünen Burschen auf die Nase!« schrie der Alte. Sein Zorn schien mir mehr Verlegenheit, und ich rief erbittert: »Es ist zynisch von Dir, Oheim, Dein Wissen für Dich zu behalten!« »... und es ist nicht weise, mein Neffe Malcolm, zu viel zu reden!« »Ich will es aber hören – Gott verd ...« Ich warf einen scheuen Blick in das Nebenzimmer, wo Mary-Ann verträumt und reizvoll, wie ein Bild von Gainsborough, mit gesenktem Blondköpfchen in ihrem weißen Kleid am roten Flackerschein des Kamins saß. Plötzlich stand sie auf und kam flüchtigen Schritts über die Schwelle. Klein und zart, wie ein verflogenes, blondes Vögelchen, stand sie vor uns in der mächtigen, düsteren Halle. »Wozu plagst Du den Onkel, Malcolm?« versetzte sie mit einer merkwürdig gepreßten Stimme, als kostete es sie eine Überwindung zu reden. »Es gibt doch hier im Schloß Anzeichen genug, wenn Eines sterben muß!« »Still!« schrie der Alte. »Doch, Onkel Andrew! Das war seit Jahrhunderten so, daß der schwarze Wagen ...« »Still!« heulte wieder Old-Cosh. »... daß der schwarze Leichenwagen ...« »Genug ...« »... plötzlich, mit zwei Rappen bespannt, um Mitternacht vor dem Schloß hält – so lange, als es ungefähr dauern würde, einen Sarg hineinzuschieben. Dann fährt er langsam weiter und verschwindet.« »Ich verbiete Dir ...« »Oh – Onkel! Jeder im Schloß weiß es. Auch Du! Und von denen im Schloß, die den Wagen sehen, muß einer in der nächsten Zeit sterben. Darum flüchtet alles und versteckt sich.« »Gute Nacht!« sprach der alte McCosh kurz und düster und stapfte aus dem Saal, und seine Nichte, der blasse, blonde Engel, hielt bang den Finger vor den Mund. »Stören Sie den Onkel heute abend ja nicht mehr!« warnte sie mit großen, besorgten, blauen Augen. »Er schließt sich jetzt bis Sonnenaufgang in seine rückwärtigen Zimmer ein und blendet die Fenster mit Läden und Vorhängen ab.« »Ist der alte Mann aus Afrika so bang?« frug ich und zündete mir meine Pfeife an. »Onkel hat, nachdem er dort so viele Gefahren bestanden, jetzt, je älter er wird, immer mehr eine kindische Angst vor dem Tode! Er möchte um keinen Preis auch nur durch einen Zufall einmal etwa den schwarzen Wagen da unten sehen!« »Und Sie meinen, daß der heute nacht kommen könnte, Base?« »Wer kann es wissen?« »Und wem sollte das gelten?« Die Wangen der süßen, kleinen Base waren fast weiß. Ihre klaren Augen maßen mich weich, feuchtschwimmend, in stiller Angst. »Sie übernachten heute in dem Schloß, Vetter!« stieß sie erstickt hervor. »Sie ziehen bald in den Krieg. Onkel war zu Ihnen so unheimlich gütig, wie er sonst nur zu Menschen ist, die ... Ach Vetter ... Wenn es nur schon heller Tag wäre und nichts Neues in dieser Nacht ...« Damit war sie weg. Und ich schaute ihr nach. Und ohne unchristliche Eitelkeit mußte ich mir eingestehen, daß ich offenbar auf den ersten Blick einen kräftigen Eindruck auf Mary-Ann Turners einsames, kleines Herz gemacht, und mit diesem freundlich mein Inneres wärmenden Bewußtsein ging auch ich zur Ruhe. Ich habe einen so gesunden Schlaf, daß es schon eines starken Gepolters auf der Treppe draußen bedurfte, um mich zu wecken. Es war, als liefen da Diener oder Mägde oder was im Haus war, hastig nach hinten, nach der Gartenseite des Schlosses. Dorthin verklang auch von unten das Winseln der Hunde, die sich offenbar, die Angst der Menschen merkend, gleich ihnen nach rückwärts verzogen. Dann wurde alles still. Eine Minute lag ich schlaftrunken und überlegte mir, wo ich war und was da wohl um mich her geschah. Richtig – jetzt wußte ich wieder Bescheid ... Ich stieg aus dem Bett und tappte mich zum Fenster hin. Das dauerte im Dunkeln wieder einige Zeit. Endlich bekam ich die Gardinenschnur in die Hand und zog den Vorhang hoch. Ich wurde fast geblendet von der Fülle von bläulichem Mondlicht, die mir entgegenflutete und draußen den schmalen, langen See, die kahlen Bergrücken, das ganze Hochland fast taghell übergoß. Als grellweißes Band lief um einen Hügel zur Rechten die Landstraße auf das Schloß zu und verschwand ebenso hinter einer steilen Kuppe zur Linken. Diese Landstraße war jetzt, nach Mitternacht; ganz leer. Nur gerade an der Vorfahrt zum Schloß – da stand Etwas – ganz deutlich: Ein schwarzer, geschlossener Leichenwagen. Zwei Rappen davor. Ein uralter, verwitterter, wie aus dem Grab gestiegener Kutscher in altertümlichem, schwarzem Radmantel, hohem schwarzen Hut und umflorter Peitsche saß regungslos hoch oben auf dem Bock. Der Wagen stand. Nein. Er begann sich wieder zu bewegen – gerade als ich ihn sah. Die schwarzen Pferde zogen ihn langsam im Schritt weiter über den weißen Weg. Das Nachtgefährt bog um den Hügel. Es war nicht mehr zu sehen. Ich müßte verdammt mit der Wahrheit umspringen, wenn ich behaupten wollte, ich hätte den Rest der Nacht so sanft geschlafen, wie ein Baby in der Wiege. Ich schlief in dieser Nacht überhaupt nicht mehr, bis es Morgen wurde. Unten kreischten die Tore in den Angeln. Das Schloß wurde geöffnet. Ich wollte, in der lichten Sonne draußen, wenigstens die Stelle des nächtlichen Spuks sehen, wenn er auch selber sich längst in Nichts aufgelöst hatte. Ich trat, als erster am heutigen Tag, aus der Torwölbung auf die Einfahrt hinaus und schaute vor mich auf die Straße und riß die Augen auf ... Im Staub der Straße – genau da, wo der schwarze Wagen gehalten – erkannte ich ganz deutlich die frischen Radspuren eines Gefährts – dazwischen die Eindrücke von acht breiten Hufen. Und vor allem: Ich hatte am Abend noch deutlich gesehen, wie der Pförtner die Vorfahrt vor dem Schloß mit dem Besen reinfegte. Jetzt aber lagen da, mitten im Sand, ganz frisch, nur wenige Stunden alt, ein halbes Dutzend runde, ausgewachsene Roßäpfel... Plötzlich stürmte, weißschopfig, mit weißrollenden Feueraugen, wie aus der Pistole geschossen, von den brüllenden Doggen umtobt, der Onkel Andrew aus dem Schloß. Er hielt eine Pistole schußfertig in der Hand. Er fuchtelte damit herum. Er spähte rachgierig die Straßenbiegung hinab. Da war außer ein paar Spatzen nichts zu sehen. Neben ihm meldete – mit einem Zittern der Aufregung hinter der Kehlkopfwamme – der würdevolle Hausmeister: »Mac Gregor, der Schäfer, hat nachts vom Feld aus beobachtet, daß sich der Leichenwagen gleich hinter dem Hügel in gestreckten Galopp setzte und über Stock und Stein davonpreschte. Er sprach ein Vaterunser. Er hielt es für ein Blendwerk der Hölle!« »Geht nur zur Hölle!« schrie Old-Cosh atemlos dem längst verschollenen Geisterwagen nach. »Ich habe einen reitenden Boten nach der Eisenbahnstation geschickt, Sir! Er kam vorhin zurück: Ja. Es hat seine Richtigkeit. Der Leichenwagen kam mit schweißbedeckten Rappen zehn Minuten vor der Durchfahrt des Edinburgher Schnellzugs an. Die Lady und der Gentleman kamen zu allgemeinem Erstaunen aus dem Innern des Wagens statt eines Sargs zum Vorschein und stiegen Arm in Arm in den Zug. Manche ältere Damen und sonstige respektable Charaktere waren peinlich berührt. Manches jüngere Volk mußte lachen, als man erfuhr, worum es sich handelte!« »Ja – worum handelt es sich denn, Onkel?« frug ich. »Deine Base Mary-Ann ist heute Nacht durchgebrannt!« schrie der alte Gentleman. »Mit diesem cynischen Burschen, diesem Bill, dem sie offenbar gestern Abend heimlich Nachricht gegeben und der den Leichenwagen besorgt und uns heute Nacht diese unwürdige Komödie vorgespielt hat! Kennst Du Deinen Vetter Bill Mc Cosh?« »Flüchtig!« erwiderte ich. Ich hatte ihn ein paarmal in Oxford besucht. Er war dort schon Bachelor in einem der ausgewählten, alten Colleges. Er hatte eine große Stellung unter den Fellows. Seine Stärke bestand in dem weiten Ausholen und der Gleichmäßigkeit seines Ruderschlags. Es bestand Hoffnung, ihn im nächsten Frühjahr in London, bei Hammersmith, im Kampf um das hell- und dunkelblaue Band der Themse zu sehen. »Ein famoser Junge!« bemerkte ich. Und der Alte, zitternd vor Zorn. »Eine Niete Gottes! Er ist nichts! Er hat nichts! Er wird nichts! Er kann nur rudern!« »Das ist doch schon wahrlich sehr viel!« sagte ich. »Mir genügt es nicht!« zischte Onkel Andrew. »Ich habe ihm schon voriges Jahr das Haus verboten, als ich das verliebte Kälberspiel zwischen ihm und Mary-Ann bemerkte. Aber hat es etwas geholfen?« »Es scheint nicht!« erwiderte ich und betrachtete die Roßäpfel am Boden. »Ich habe Mary-Ann untersagt, mit ihm brieflich oder durch Dritte zu verkehren! Hat sie es befolgt?« »Sicherlich!« sagte ich. »Denn sie ist jetzt unmittelbar mit ihm selber auf dem nächsten Weg über Edinburgh nach London!« »Nach London ...« stöhnte der alte Herr. »Wohl – Onkel – dort ist man in wenigen Tagen getraut!« »Habe ich ihr nicht junge Männer zur Auswahl ins Schloß geladen, damit sie sich in Einen vergafft?« schrie der Onkel Andrew. »Vor Dir ein halbes Dutzend schon! Stattliche junge Burschen!« »Und dann mich?« »Dann Dich! Ich dachte: Vielleicht rührt der Gedanke, daß Du in Krieg und Gefahr gehst, Mary-Anns Herz! Deswegen war ich ja auch so freundlich zu Dir!« »Ach – das war der Grund?« »Sicherlich kein anderer, mein lieber Malcolm! Ich konnte es Dir nur in Mary-Anns Gegenwart nicht sagen. Aber – ist der Plan geglückt?« »Wenn ich meine Eitelkeit unterdrücke, muß ich als Brite die Hand aufs Herz legen und erklären: Nein!« »Ich habe dieses Haus und dieses Mädchen darin so ängstlich behütet!« Der arme, alte Andrew setzte sich erschöpft auf den Prellstein der Schloßeinfahrt, vor dem im Sonnenschein die Spatzen in dem Stoffwechsel der Geisterpferde pickten. »Das Eingangstor war Tag und Nacht bewacht. Keine Maus konnte ungesehn hinein und heraus, geschweige denn Mary-Ann!« »Darum hat das teuflische Mädchen Deine einzige Nacht im Schloß benutzt und mit Hilfe ihres Spießgesellen den Totenwagen beschworen,« fuhr er matt fort, »sie wußte genau, daß vor dessen Anblick sofort Alles, was im Schloß war, nach hinten fliehen und ihr den Ausgang aus dem Schloß freigeben würde. Ach – die Menschen sind ja so betrübend abergläubisch und feige!« Der kaffeebraune, kleine Mann aus Afrika schüttelte traurig den schlohweißen Kopf über die Unzulänglichkeit der Welt. »Glaubst Du, daß noch eine Aussicht besteht, sie einzuholen?« frug er. »Ich hoffe: Nein! Der Vorsprung ist zum Glück zu groß!« sagte ich. »Lasse sie ihr Glück im Leben probieren, Onkel! Der Bill ist ein zäher Sportsmann! Der läßt nicht leicht das Ruder sinken!« Ich sah auf die Uhr. »Ich muß mich jetzt zur Abreise rüsten!« »Besuche mich noch einmal, ehe Du Schottland verläßt!« Als ich das eine Woche später tat, zeigte mir der alte Mc Cosh stumm eine Depesche aus Portsmouth. ›Segeln in einer Stunde als Mann und Frau nach Gilbert-Inseln in Neuseeländischen Gewässern, wo gute Stellung bei Zolldirektion. Gruß an Malcolm. Treulichst Mary und Bill.‹ »Und ich«, der riesige, blonde Leutnant Mac Cosh kam mit seiner Erzählung zum Schluß und zeigte humoristisch lächelnd seine großen weißen Zähne, »war in dieser Geschichte der Ehestifter wider Willen!« »Aber die Freundlichkeit des Onkels zu mir stammt nicht aus seinem zweiten Gesicht,« endete er heiter, »und der Totenwagen war keine wirkliche britische Gespensterware. Mithin kann ich guten Muts dem Mahdi die Faust unter die Nase halten!«   So sprach der Leutnant Malcolm Mac Cosh in der Waterportstreet in Gibraltar im Kreis der Hochschotten, mit denen er in den Sudankrieg zog. Ich habe ihn nie wieder gesehen und weiß nicht, wie es ihm dort ergangen. Spuk von gestern Das Alles, in diesen Zeilen hier, war der Spuk von heute ... Der Spuk von heute ist blaß, ist durchsichtig geworden. Ein großer Teil der Menschheit sehnt sich heute wie je nach dem Übersinnlichen – nach dem, was vielleicht gerade deswegen wahr ist, weil es unwahrscheinlich ist. Aber sie schämt sich dieses Sehnens. Sie dämpft es gesittet. Sie glaubt noch an das Tischrücken, aber nicht mehr an den Teufel. Da war die gute, alte Zeit kerniger im Hinnehmen unbegreiflicher Dinge. Gespenster waren Gegenstände täglichen Gebrauchs. Man fühlte sich, wie Dr. Faustus, von ihnen auf Schritt und Tritt unsichtbar umgeben. Man empfand diesen leichten, kalten Luftzug von nirgendwoher als erfrischende Abwechslung in der Eintönigkeit des alltäglichen Lebens. Bis in das 16. und 17. Jahrhundert kannten auch die größten Geister die Kunst, mit Geistern umzugehen, und schämten sich des nicht. Und so mögen hier zum Schluß ein paar Proben aus dem dunklen Land von einst folgen. Nicht die abgedroschene Geschichte von Luthers Tintenfaß. Aber – ich öffne jetzt die Schließen von einem herrlichen Schweinslederband meiner okkulten Bibliothek – kein Geringerer als Melanchthon erzählt da im ersten Teil seiner » Loci communes rerum theologicarum « Ein fremder Mönch pocht heftig an Meister Martini Tür. Tritt ein. Trägt einige päpstliche Irrtümer vor, wird immer verzwickter und kniffliger. Luther antwortet unbehaglich: »Gehet fort! Ihr verwirret mich!« Steht auf. Faßt den Geist schärfer ins Auge: Na, also! Da haben wir's: Der fromme Vater trägt unter den Kuttenärmeln keine Hände, sondern Vogelklauen! »Ei!« spricht Herr Martinus, »steht nicht von dir geschrieben: Der von einem Weib wird geboren werden, wird den Kopf der Schlange zerquetschen?« Drei Tage lang mußte das Haus gelüftet werden, mit solch entsetzlichem Gestank war der Teufel abgeschieden, meldet Melanchthon. Melanchthon hatte auch, wie das so geht, eine Tante. Die Schwester seiner Mutter. Eine Witfrau. Bei der erschien, wie er im obigen Folianten berichtet, zur Schummerstunde ein baumlanger Franziskaner und dahinter ihr verstorbener Mann. Er bittet nur um ein paar Seelenmessen, reicht der Tante die Hand und verschwindet. Die Hand aber war und blieb bis an der Tante seliges Ende schwarz. Und nun zerbricht sich in seiner gelehrten Abhandlung »Von den Erscheinungen der Geister« der hochwürdige Benediktinerabt Calmet noch zwei Jahrhunderte später den Kopf, ob die Ketzertante Melanchthons Anno dazumal Besuch von guten oder bösen Geistern gehabt habe. Wenn gute: Warum verbrennen sie der armen Frau die Hand? Wenn böse: Was sollen dann die Seelenmessen? Damals gaben einem noch die Geister Nüsse zu knacken auf! Anders als heute bei dem blöden Tischrücken, Glöckchengeklingel, Schleimgespucke durch Schleier! Was habe ich davon, wenn in der Dunkelkammer Goethe mich am Ohr zupft oder Lukrezia Borgia mir ins Genick pustet oder – wie während des Krieges in München-Bogenhausen – Napoleon durch den Mund des Mediums heftig schwäbelnd ein baldiges Sinken der Fleischpreise prophezeit? Nein: die Geistergeschichten in meinen alten Schweinslederbänden sind voll und rund. Sie haben Pointen. Sie geben manchmal in einer Nußschale ein Menschenschicksal. Nehmen wir z. B. die Geschichte von der lustigen Magd. Die geht bei hellem Mondschein, kurz vor der Feuerglocke, mit ihrer Frau außen an der Stadtmauer lang. An einer öden Stelle steht ein Weibsbild und hält ihren Kopf vorn in den Händen. Die Magd, das kühne Mensch, lacht spöttlich darüber und spricht zur Dienstgeberin: »Seht! Was steht dort für ein schönes Müsterlein!« Die Bürgerfrau bekreuzigt sich: »Lasset uns geschwind unseres Weges gehn! Es ist nicht viel Gutes!« Und die Magd trollet denn auch mit viel Gelächter und Schelmerei mit ihr davon. Und geht tanzen. Und läßt sich mit einem fremden Mann ein, von dem man dann nichts mehr hört. Und erwürgt, ehe ein Jahr um ist, und verscharrt ihr in Unehren heimlich geborenes Kind und wird beobachtet und vor den Rat gebracht. Und wird an eben derselben Stelle geköpft, wo damals das Jüngferlein ohne Kopf gestanden. Und sagt auf dem Richtkarren zum Beichtvater: »Ich hätt' es wissen können, daß ich mir selbst erschienen bin! Trug doch die Jungfer Ohnekopf eben einen so geblümten Schurz und auch solch ein Oberröcklein wie ich. Ich selbsten habe mich gewarnt, als es noch Zeit war. Denn damals«, schließt die reuige Sünderin, »war ich noch für eine Jungfrau erfunden. Nun muß ich's büßen, und sollen mir meine Blutstropfen auf dem Rabenstein eitel purpurbraune Muskatellertrauben dünken...« In dem Poem des weimarischen Staatsministers v. Goethe heißt das arme Mägdelein Gretchen. Oder die Historie vom tapferen Jesuiten, deren Pointe darin besteht, daß sie eigentlich keine Pointe hat. Das ist in Böhmen – einer Gespenstergegend ersten Ranges – Anno 1626 – also mitten im schönsten Dreißigjährigen Krieg, zur Zeit der Gegenreformation nach der Schlacht am Weißen Berge. Der Jesuitenpater Johannes Drachovius zieht mit kaiserlichen Befehlsschreiben im Lande umher, um die Hussiten wieder zu Rom zu bekehren. Kommt auch in das berühmte Schloß Pernstein. Predigt da gewaltig und unter viel Zulauf. In seinen Mußestunden leidet es den feurigen Ordensmann nicht in seinem Losament. Er läuft durch alle Gänge, klettert auf die Türme, ist emsig, alles zu besehen. Da geht eine Tür auf. Aus einem Gemach kommt eine zierlich ausgeschmückte Jungfrau mit einem Bund Schlüssel. Er hält sie für eine Kammerjungfrau und bietet ihr freundlich seine geistliche Aufwartung an. Die Schöne, gleich als ob ihr die Schamhaftigkeit keine Gegenrede zuließe, schweigt, neigt höflich, wie das Frauenzimmer pflegt, mit einem züchtigen Blick den Kopf und geht. Am Sonntag darauf wandelt der Pater, seine Predigt meditierend, durch den Garten und trifft in einer Sommerlaube die Jungfrau, die sich die aufgelösten Locken kämmt, und verweist ihr die Eitelkeit. Sie solle lieber beten. Die Jungfrau verbirgt stracks den Kamm, legt erschrocken die Hand auf den Mund und macht, daß sie wegkommt. Wer aber beim Gottesdienst nachher durch Abwesenheit glänzt, das ist das schöne Fräulein! Das ärgert den Pater Drachovius. Er fragt den Schloßhauptmann nach ihr, beschreibt sie. Der Eisenfresser faltet die Hände: »Großer Gott! Das ist ja die Perchta! Das ist keine rechte Jungfrau, hochwürdiger Herr, sondern unser jungfräuliches Schloßgespenst, das als des Teufels Affe die Gestalt eines lieblichen Weibes anzeucht und allen Männern sündig die Sinne verwirrt.« Na warte, Perchta von Pernstein! Dir werd' ich kommen! Der Missionarius der Gesellschaft Jesu geht und sucht den Satan in allen Winkeln. Steigt treppauf, treppab. Stöbert in Kellern und Kammern. Umsonst! Die schlimme Perchta hält sich voll Todesangst vor dem Pater versteckt, bis er endlich Abschied nimmt und weiterreist. Denn das ist kein Priester wie andere. Das ist ein Mitglied der Kompanie Jesu, und vor der flieht spornstreichs auch der Teufel. Und deswegen berichtet der P. Balbinus in seiner »Geschichte Böhmens« diese Mär. Gleich nachher, schließt er behaglich, war die Perchta wieder da. Sie hatte durch ihre Flucht immerhin an Ansehen verloren. Und wie sie wieder herumgeistert, schwört ein vollgesoffener Torknecht: Pah – er wolle sie löffeln und ihr einen steifen Schmatzer aufs Maul geben – es sei ihr lieb oder leid! Perchta läßt sich auch geduldig küssen. Sie umschlingt zärtlich ihren Verehrer, sie drückt und drückt ihm die Seele aus dem Leib, und wie sie den Kerl losläßt, fällt er tot hin. Er war eben kein Jesuit. Diese Geister der guten alten Zeit stellen den Menschen auf die Probe. Wer das Weiße im Auge der Mitternacht sieht, sieht in sich selber, was an ihm gut und böse ist – gut für alle guten Geister – böse für den bösen Feind. Daher das Interesse, das die Geistlichkeit immer an diesem Widerstreit des göttlichen Reichsapfels und des höllischen Totenkopfs nahm. Da ist zum Exempel die Historie von dem Geheimschreiber. Ein Fürst in Böhmen weilt bei Tisch und schickt einen Edelknaben hinauf in seine Kanzlei, etwas zu holen. Der Junge kommt wieder, blaß und aufgeregt, und erzählt unten an der Tafel, in dem Kabinett sitze ein fremder Mönch am Tisch und schreibe. Ein Kammerjunker lacht, geht hinauf. Als er zurück ist und sich wieder setzt, ist ihm das Lachen vergangen. Da oben ist wirklich so ein unbekannter Sekretarius. Das Gemurmel läuft die Tafel lang. Der Potentat hört es. Erhebt sich. Windlichter her! Hofjunker und Pagen die Hand am Seitengewehr! Hinauf in die Kanzlei! Dort sitzt der Mönch, ehrbar, unverrückten Stuhles, fein still. Ein Talglicht flackert vor ihm, und er schreibt und schreibt, ohne sich um die seidenen Herren und Buben an der Tür zu kümmern. Denen gibt der Fürst einen Handwink, ihm nicht zu folgen. Er schreitet allein auf den gespenstigen Sekretär zu, tritt nahe vor ihn hin und redet ihn beherzt an: »Was machst du hier?« Hebt der Aktuarius in der Kutte den Kopf und spricht, den Gänsekiel in der Hand: »Hier sitze ich und schreibe deine Sünden auf!« Was soll der Potentat nun tun? Vor den Augen seines Gefolges schlottern und zittern und um Vergebung flehen? Er weiß: Alles mögliche mag einem Herrscher durchgehen! Nur schwach darf man ihn nicht sehen – nicht als einen Menschen wie Hinz und Kunz! Er ist von Gottes Gnaden! Er steht mit unserem Herrgott auf einem anderen Fuß! Und so antwortet er laut und kurz: »Hat dir Gott die Macht gegeben, so schreib immerhin!« Damit verlaßt er samt seinen Kavalieren und Aufwärtern den Raum, setzt sich unten wieder zu Tisch und tafelt weiter, als sei nichts geschehen. Und als er um Mitternacht noch einmal in seine Kanzlei schaut, ist das Zimmer leer und dunkel, die Talgkerze niedergebrannt, der gespenstige Sekretarius samt seinen Akten verschwunden. Der Fürst legt sich geruhsam schlafen. Er hat vor der Welt sein Gesicht bewahrt. Was ist Wahrheit? – spricht der Landpfleger. Das ist auch die Schlußfrage in der Historie von dem König Chunibert und der kundschaffenden Roßmucke. Diesem Langobardenkönig stellen zwei seiner Großen heimlich nach dem Leben. Er weiß das. Er entbietet seinen Vertrauten, den Kronmarschall, in den Turmsöller seiner Burg zu Pavia, überzeugt sich, daß keine Horcher hinter den Wandvorhängen oder der Tür, und eröffnet ihm sein Vorhaben: Er hat den beiden Verrätern, dem Aldo und dem Grauso, eine gute Kappen zugemessen und die zwei, die sich keiner tödlichen Ungnade versehen, für heute zur Tafel gebeten. Sind sie erst tüchtig trunken – dabei spielt Herr Chunibert oder Kühnbart schon mordlustig mit einem blanken Dolch in seiner Hand – dann ... Das Gebrumm einer Pferdebremse stört ihn in seinem Geflüster. Er haut mit dem Stilett nach ihr. Die Roßmucke läßt ein Bein vor dem Messer fallen. König Kühnbart will ihr den Kopf abschlagen. Tut einen Fehlschnitt. Die Mucke salviert sich, unter Hinterlassung des einen Beins, durch das offne Fenster und summt eilig davon. Chunibert schaut ihr nach. Siehe: Da unten kommen schon die Herren Aldo und Grauso ahnungslos angeritten! Doch was ist das? Dicht vor der Burg werfen sie die Gäule herum, jagen mit verhängten Zügeln davon, fliehen in das Asyl der nächsten Kirche des heiligen Romanus. Der König schickt hinterher: Was ist denn los? Antwort der beiden: Sie wüßten schon, daß es um ihren Kopf ginge! Neue Post des Herrschers: Sie sollten ihm, bei Zusicherung seiner künftigen Gnade, den Verräter seines Anschlags verraten! Gut. Die Langobardenherren treten aus der Kapelle und berichten: »Vor dem Burgtor ist uns ein vermeinter lahmer Krüppel begegnet, der auf einem Stelzen ging und eines Beines beraubt war. Der hat uns gewarnt, es sei ein Schluß verfaßt, uns ums Leben zu bringen. Die Totenglocke sei schon über unserm Haupt gegossen! Diese Weissagung haben wir nicht zur Erde fallen lassen, sondern sofort die Flucht ergriffen!« Da merkte der König Chunibert: Das war die Rache des Insekts, dem er den Fuß abgeschnitten, und er sprach wütend zum Marschall: »So hat mich der Teufel in Gestalt einer fünfbeinigen Roßmucke geprellt!« Die beiden Herren aber falteten die Hände und beteten: »So hat uns ein Engel des Herrn in Gestalt eines einbeinigen Bettlers gerettet!« Und wer von ihnen hat nun recht: Der König oder die Ritter? ...