Johann Meyer Ein goldener Ring ist gefunden Schwank in 2 Akten Personen: Dr. Grosse , praktischer Arzt. Emma , dessen Tochter. Auguste , Stubenmädchen bei Dr. Grosse. Johanna , Köchin bei Dr. Grosse. Schümann , Kutscher bei Dr. Grosse. Woldsen , Referendar. Schneckenberg , Commis voyageur. Timbke , Schreiber. Wüstenfeldt , Maurergeselle. Die Handlung spielt am Vormittage in einer kleinen Stadt, im Hause des Dr. Grosse.   Zeit: Gegenwart. Erster Akt. Dekoration. Bürgerliches Wohnzimmer. In der Mitte des Hintergrundes eine Doppeltür. Seitenwand rechts : ziemlich nach vorn zwei Fenster mit Gardinen. Zwischen beiden Fenstern ein Schreibtisch mit den üblichen Utensilien und in der Nähe des Hintergrundes, rechts von der Tür, ein Pfeifentisch mit Pfeifen, Tabakskasten, Streichhölzern, Fidibussen usw. Zu beiden Seiten ein Stuhl. Seitenwand links : ziemlich nach vorn hin eine einfache Tür, in ein Seitenzimmer führend. Etwas nach rechts hin, ungefähr in der Mitte der Bühnentiefe , ein länglich runder Tisch und um denselben 3-4 Fauteuils. Links in der Ecke ein Garderobenständer, davor ein 3teiliger Wandschirm. Etwaige Möbelstücke mehr, je nach der Größe der Bühne. Rechts und links immer vom Zuschauer aus.   Erste Szene. Schümann. (durch die Mitte eintretend und sich langsam dem Pfeifentisch nähernd). Wenn der Herr Doktor von einer solchen Landtour wieder nach Hause kommt, raucht er gewöhnlich zuerst seine Pfeife. Also darum nur rasch an die Arbeit! Und dabei lese ich denn mit der Köchin zusammen die Zeitung Das heißt: Johanna liest sie vor, und ich reinige dabei die Pfeifen. (Macht sich bei den Pfeifen zu schaffen.)   Zweite Szene. Johanna. Schümann. Johanna. (durch die Mitte kommend, mit einer Zeitung in der Hand, Sie bleibt, die Zeitung zeigend, in der Nähe der Tür stehen). Schümann, Schümann, sie ist schon da! Schümann. Schön!   Komme gleich, Johanna! Johanna. Die beiden Heirats-Annoncen stehen auch schon wieder darin!     Schümann. Es ist 'ne Schande! Johanna. Ja, wenn Damen so was tun!   Aber die Herren haben ja nun einmal die Freiheit. Und das genügt ja auch für die Damen.   Sie brauchen sich ja nur zu melden,   Schümann. Schöne Damen, die das täten! Johanna. O, auf diese Weise ist schon manche Partie zu stande gekommen.   Ich hab' 'n paar Freundinnen, die sich auch schon mal gemeldet haben. Schümann. Sind sie denn unter die Haube gekommen? Johanna. Nein! Es waren andere da, die ihnen vorgezogen wurden. Schümann. Denn können sie es nun ja noch einmal versuchen! Johanna. Ja, sie scheinen auch große Lust zu haben. Sie sträuben sich nur, ihre Namen wieder zu nennen.       Auf Auguste macht diese Heiratsannonce von dem wohlsituierten Herrn doch auch noch immer einen tiefen Eindruck! Schümann. Ja, Auguste!       aber ein anständiges Mädchen       Johanna. Na, wofür halten Sie das Fräulein denn? Schümann. Sie wird von Auguste verdorben. Johanna. Dummes Zeug! Schümann. Wenn Sie es besser wissen, warum fragen Sie denn?! Johanna. Fräulein Emma denkt in diesem Punkte ganz so wie Auguste und ich. Heiraten wollen die jungen Mädchen doch alle mal! Und ich habe es gestern auch ja selbst gesehen, wie das Fräulein den Brief schrieb und Auguste dabei stand! Schümann. Welchen Brief? Wieso? Was? Johanna. Sie haben ihn ja selber weggebracht! Schümann. Aber Johanna,   was hat denn der Brief mit den Heiratsannoncen zu tun?! Johanna. Na, na   es passiert wohl vieles, was man sich nicht träumen läßt!       Aber nun sputen Sie sich, daß Sie mit den Pfeifen kommen, eh' die Zeitung weiter geht! (Ab durch die Mitte.) Schümann. Nein, das scheint mir doch nicht möglich! Freilich, den Brief hab' ich für das Fräulein nach der Zeitung gebracht.   Und übermütig sind sie beide!   Aber nein, das kann ich mir doch gar nicht denken!   Dritte Szene. Auguste. Schümann. Auguste. (aus der Tür links kommend, mit einer Möbelbürste in der Hand). Morgen, Schümann . Schümann. Morgen, Jungfer! Auguste. Zeitung noch nicht da? Schümann. (sie argwöhnisch ansehend). Nein!   Wir scheinen sehr gespannt zu sein. Auguste. Ja,   bin ich auch!   Und heute noch viel mehr, als sonst! Schümann. (sie wieder argwöhnisch ansehend). So?!   Na, denn werde ich Ihnen sie bringen, sobald sie da ist! (Ab mit den Pfeifen durch die Mitte.) Auguste. (einen Stuhl abbürstend). So?!     Wie merkwürdig er das sagte!   (Nach dem Schreibtische rechts sehend.) Ah! die kleine Schachtel mit unserm Schatz! (Geht hin und nimmt die Schachtel in die Hand, öffnet sie und nimmt einen Ring heraus.) Ein schöner Ring!   Der große gelbe Stein leuchtet ja wie lauter Sonnenschein! Fräulein sagt, es ist 'n Topas!   Und der Goldreifen, wie dick und breit! und oben auf ihm, zu beiden Seiten des Steines, zwei kleine Rosen! (Sie setzt den Ring auf den Finger) Wer ihn wohl verloren hat?   Gewiß 'n Herr! Einem kribbelt ja ordentlich der Finger, nun er darauf sitzt! (Nach der Tür links sehend.) Ha, das Fräulein! (Sie nimmt rasch den Ring vom Finger und legt ihn in die Schachtel, während Emma erscheint.)   Vierte Szene. Emma. Auguste. Emma. (durch die Seitentür links eintretend im Morgenkleide). Aber Auguste, schon wieder bei der Schachtel?!   Gib her! (Nimmt ihr die Schachtel aus der Hand) und spute dich doch, daß du fertig wirst!   Auguste. Ach, ja, Fräulein! (bürstet.) Emma. Ist die Zeitung noch nicht da? Auguste. Nein!   Ach Fräulein, wenn ich doch auch mal das Glück hätte, so 'was zu finden! Emma. Wer weiß! Mach' es, wie ich!   Wenn du einmal spazieren gehst, setz' dich auf eine Bank, meinetwegen auf dieselbe, da in den Anlagen unter der Linde,   denk' an etwas Liebes   und schreib' mit dem Sonnenschirm in den Sand!   Auguste. Den Namen des Geliebten, ja? Emma. Wer sagt das?!   Ich dachte an nichts!   wirklich an garnichts!   Und wenn du etwas blinken siehst, so heb' es auf. Auguste. So? Fräulein dachte an nichts?! Ah, was Fräulein da so in den Sand geschrieben, das ist doch gewiß (Sie macht den Buchstaben mit dem Finger in der Luft.) so ein großes W gewesen? Emma. Aber, Auguste, was fällt dir ein?! Auguste. Ich dachte nur an unser schönes Vis à vis , den Herrn Referendar von drüben.   Fräulein weiß doch, daß er Woldsen heißt. Und umsonst glotzt er hier wohl auch nicht immer so herüber. Emma. Du bist albern!   Nur rasch wieder an die Arbeit! Auguste. Ach ja, Fräulein! (Fängt wieder an zu bürsten.) Emma. Ich will nun schnell Toilette machen!   Du könntest übrigens Schümann mal fragen, ob die Zeitung schon da ist. Ich bin doch neugierig wegen unserer Annonce. (Ab mit der Schachtel in der Hand, durch die Seitentür links.) Auguste. Ich auch!   furchtbar neugierig! (Durch die Mitteltür rufend.)   He, Schümann! Schümann!   Die Zeitung!   Fünfte Szene. Schümann. Auguste. Schümann. (mit der Zeitung in der einen und den Pfeifen in der andern Hand durch die Mitte kommend). Nun, schrei'n Sie doch nicht so! Auguste. (ihm die Zeitung aus der Hand reißend). Her damit! (Sie sucht auf der Annoncenseite.) Schümann. Nein dieser Heißhunger! (Nähert sich dem Pfeifentisch.) Die Geschichte wird auch immer interessanter! (Er setzt die Pfeifen auf den Tisch und beschäftigt sich während der folgenden Szenen abwechselnd mit denselben.) Auguste. (aufsehend). Ach was, Geschichte! Die ist uns heute schnuppe! Uns beschäftigt etwas Wichtigeres!   Sie haben gestern den Brief doch besorgt? (Sucht weiter.) Schümann. (argwöhnisch und erstaunt). Allerdings!   Die Jungfer sucht doch wohl nicht gar?   Auguste. (aufsehend). Ja, ich suche!   (Sucht weiter.) Schümann. Das Heiratsgesuch mit dem Postum restante steht auch schon wieder darin und auch das schon wieder mit der Dame!   Es ist 'ne Schande! Auguste. (aufsehend). Hm! Seh ich gar nicht ein! (Sucht weiter.) Schümann. (erstaunt). Das seh'n Sie nicht ein? Auguste. (aufsehend). Nein! Und das Fräulein auch nicht!   Fräulein meint sogar, man könne sich gern mal melden, natürlich nur im Scherz. (Sucht weiter.) Schümann. Ja, natürlich nur im Scherz! Auguste. (aufsehend). Es könnte 'n köstlicher Spaß daraus entstehen,     und das meine ich natürlich auch. (Sucht weiter.) Schümann. Ja, Sie natürlich auch! Auguste. (aufsehend.) Und Fräulein meint sogar auch noch, es sei gar nichts Ungewöhnliches mehr dabei, wenn auch die Damen es mal ebenso machten wie die Herren. (Sucht weiter.) Schümann. (erstaunt). O, was für Grundsätze! Auguste. (plötzlich laut und freudig.) Ha, was seh' ich?!   Hier steht's! Nun muß ich doch gleich zum Fräulein! (Ab mit der Zeitung durch die Seitentür links.) Schümann. Na, wenn das der Herr Doktor erführe!   Kein Zweifel mehr, die Damenannonce ist von ihnen!   Oder sollten sie sich nur       (es wird angeklopft, er sieht nach der Tür) auf die Herrenannonce gemeldet haben?     (Es wird wieder angeklopft, er sieht dahin.) Es wird angeklopft!   Herein!   Sechste Szene. Timbke. Schümann. Timbke (durch die Mitte kommend, stets sehr schüchtern). Wenn ich so frei sein darf, Sie zu fragen     Schümann. O, bitte, bitte! Timbke. Nehmen Sie es mir nur nicht übel;   ist hier nicht Nummero einhundertfünfundachtzig? Schümann. Stimmt!   Wünschen Sie jemand zu sprechen? Timbke. Ja! Ich komme wegen der Annonce! Schümann. (mit passendem Mienenspiel) Ha! Wegen der Annonce! (Zum Publikum.) Da haben wir's! Timbke. Endlich doch mal eine Anzeige       Schümann. (mit besonderer Betonung). Eine Anzeige!     Timbke. Die mich hoffen läßt, das Gesuchte zu finden!   Schümann. (erregt bei Seite). Das Gesuchte zu finden?!   Kein Zweifel mehr!   (Sehr erregt zu Timbke.) Aber nichts zu hoffen!   Gar nichts zu hoffen!   und erst recht nichts zu finden. Timbke. Gar nichts zu hoffen?   Aber die Annonce?   Schümann. (erregt). Kommen Sie schon wieder mit der Annonce?! (Er macht rasch einen Schritt vorwärts, als ob er Timbke auf den Fuß treten wollte, während dieser rückwärts in die Höhe springt.) Nun gehn Sie mich,   versteh'n Sie mir?! Sonst gibt es noch Unannehmlichkeiten! (Beide wieder wie vorher.) Timbke. Unannehmlichkeiten?!   O!   Ah!   dann muß ich mich ja geirrt haben! Schümann. Haben Sie auch!   Gründlich geirrt!! Timbke. Gründlich geirrt?   Dann nehmen Sie es mir, bitte, nur nicht übel, wenn ich mich wieder entferne! Schümann. (erregt). Jawohl!   Machen Sie die Tür von draußen zu! Timbke. O, Sie sind sehr freundlich, ich danke Ihnen! (Mit Verbeugung durch die Mitte ab.) Schümann. (erregt ihm nachrufend). Nichts zu danken!     Ist gerne geschehen! Nur gut, daß ich hier war und diesen Annoncenmenschen glücklich wieder entfernte!   Siebente Szene. Emma. Auguste. Schümann. (Emma und Auguste aus der Tür links kommend. Emma in anderer Toilette, mit der Zeitung, Auguste mit der Bürste. Schümann mit den Pfeifen beschäftigt.) Emma. Morgen, Schümann! Schümann. (immer kurz und böse). Morgen! Emma. Schön, daß Sie die Pfeifen stopfen; Papa wird gewiß bald wieder hier sein.   Er hat es doch recht sauer! Schümann. (wie vorhin). So?! Emma. Schon wieder so früh über Land!   Es schlug drei Uhr, als sie abfuhren. Schümann. (wie vorhin). So?! Emma. Diesmal blieben unsere Pferde doch verschont.   Haben's auch nötig.   Und Sie auch, Schümann!   Schümann. (wie vorhin). So?! Emma. Was ist Ihnen denn schon wieder in die Krone gefahren?! Auguste. (spöttisch). Petersilie verhagelt?   wie?   Mit 'm verkehrten Fuß aus 'm Bett gekommen?! Schümann. Ja, gar sehr!   Was mir in die Krone gefahren,     das ist die Ehre dieses Hauses!   Emma. Ha! Ha! Ha! Die Ehre dieses Hauses?     Das ist aber gut! Schümann. Ja, nun weiß ich auch, warum die Jungfer mir die Zeitung so eilig aus den Händen riß. Auguste. (Schümann nachahmend) So? Schümann. Und warum die Jungfer sogleich damit hinein zum Fräulein stürzte.   Auguste. (wie vorhin) So?! Schümann. Ja! So!   Gerade so!   Sie haben was darin gehabt! Auguste. Natürlich! Was darin gehabt! Schümann. Eine,   eine Annonce,   das steht fest!   Emma. Natürlich,   das steht fest! Schümann. Um auf diesem nicht mehr ungewöhnlichem Wege     o!   o! Emma, Auguste. (zugleich lachend). Ha! Ha! Ha! Emma. Schümann, wissen Sie was? Sie faseln! Schümann (entsprechendes stummes Spiel) Auguste. Ja, Fräulein!   Er schnappt noch 'mal über!   Emma. Aber lassen wir ihn, bis er die Pfeifen gestopft hat!   Dann geht er ja von selber!   Auguste. Ja, Fräulein! Er ist püttjerig! (Mit dem Finger ätschend) (Beide durch die Tür links ab. Emma die Zeitung und Auguste die Bürste mitnehmend) Schümann. (aufgebracht) Faseln?! Überschnappen?!     Püttjerig?!       Ha! Gib dem Teufel nur einen Finger, und dann hat er schon die ganze Hand.   Achte Szene. Johanna. Schümann. Johanna. (durch die Mitte eintretend, bleibt in der Nähe der Tür stehen). Schümann! Schümann!   Es ist 'n Herr da draußen, der den Herrn Doktor zu sprechen wünscht,   'n hübscher, junger Herr! Schümann. Haben Sie ihm denn nicht gesagt, daß der Herr Doktor nicht zu Hause ist? Johanna. (verlegen). Ja!     Nein!     Doch nicht!     Er hat mich gleich so bestürzt gemacht! Schümann. Bestürzt gemacht?! Johanna. Ja, denken Sie sich, Schümann! Er fragte mich nämlich, ob ich nicht Lust hätte, mein Glück mal bei ihm in der Lotterie zu versuchen.   Schümann. Na, darüber brauchen Sie doch nicht bestürzt zu werden! Johanna. Nein! Aber dann,   dann,     Schümann. Dann?     dann?     na, was dann?     Johanna. (etwas verlegen und verschämt und gleich darauf lachend). Dann fragte er mich, (lachend) ob ich nicht Lust hätte (lachend), ob ich nicht Lust hätte, mich zu verheiraten. Schümann. (sehr erstaunt). Was?!   Ver     verheiraten sagen Sie? Johanna. Ja!   er wisse eine gute Partie für mich! Schümann. Haben Sie ihm denn nicht die Tür gewiesen? Johanna. Aber, Schümann! So 'n feiner und gebildeter junger Mann!     Schümann. Desto schlimmer!   Aber den Menschen möchte ich mir doch 'mal ansehen! Johanna. Ja, Schümann!   Sprechen Sie mit ihm,   forschen Sie ihn aus.   Ich will ihm sagen, er möge nur hineingehen, Sie wären drinnen und wüßten von allem Bescheid. (Ab durch die Mitte.) Schümann. Das fehlt auch noch!   Sind denn alle Weiber hier im Hause verrückt geworden? (Es wird angeklopft.) Aha!   Da ist er schon! Herein!   Neunte Szene. Schneckenberg. Schümann. Schneckenberg. (durch die Mitte kommend. Geckenhaft gekleidet, so schnell, wie nur möglich, sprechend). Sie sind wohl nicht der Herr Doctor medicinae ? Möchten Sie mich melden, mein lieber Mann?! Schümann. Nicht zu Hause. Da müssen Sie mal wieder kommen. (Pfiffig.) Oder, wenn ich es bestellen könnte.   Schneckenberg. (ihn unterbrechend). Bestellen?   Nein, das geht nicht. Es ist 'ne diskrete Sache! Schümann. Vielleicht wegen der Köchin, wie? Schneckenberg. Köchin?   I wo? wie so?   bewahre nein! Schümann. Ich meinte nur, weil Sie ihr gesagt, daß Sie 'ne gute Partie für sie wüßten. Schneckenberg. Weiß ich auch! Hab' ich auch! Was sie Ihnen gesagt, hab' ich ihr gesagt!   Sogar zwei auf Lager: 'n Handwerker   und 'n Schreiber;   Respektable junge Leute!   Schümann. Aber damit hat der Herr Doktor doch nichts zu schaffen?! Schneckenberg. Der Herr Doctor medicinae ? I   bewahre! Nein!   Schümann. Und doch wollen Sie ihn sprechen?   Schneckenberg. Ja, sprechen: wie gesagt, in einer diskreten Sache!   Schümann. (pfiffig). Diskreten Sache?   Wie meinen Sie das? Schneckenberg. Ja, seh'n Sie,   was man so darunter versteht, versteh'n Sie!   Etwas Geheimes, Verschwieg'nes,   Verborg'nes,   und in diesem Fall 'ne Herzensangelegenheit. Schümann. (erstaunt). Herzensangelegenheit?!   Schneckenberg. Die mich selbst betrifft   wissen Sie, und über die ich gern 'mal mit dem Herrn Doctor medicinae konferieren möchte,   so im Vertrauen,   versteh'n Sie!   Unter vier Augen!     Schümann. (fast entsetzt). Ja, ich verstehe!   Wer und was sind Sie denn! Schneckenberg. Wer und was?   Wollen Sie wissen?   Kaufmann, Name Schneckenberg,   Reisender   commis voyageur ! Mache in Kämmen, Bürsten, Seifen, Wichsen und Ölen.   Nebenbei auch in Lotterielosen und Heiratsgeschäften!   'n Los gefällig? Schümann. Heiratsgeschäfte!   Dann ist die Annonce auch wohl von Ihnen, die von dem jungen, wohlsituierten Herrn? Schneckenberg. Ich löge, wenn ich's leugnete!   Schümann. Und Sie reflektieren auch vielleicht schon auf die andere von den heiratslustigen jungen Damen? Schneckenberg. In diesem Falle, nein!   Aber wenn es der Fall wäre, in einem andern Falle, ja!     Schümann. Das verstehe ich nicht! Schneckenberg. Ja, wissen Sie,   wenn Sie wüßten, was ich weiß, weswegen.     Schümann. Weswegen?   Kennen Sie die Dame denn? Schneckenberg. Ob ich sie kenne!   's könnte keiner sie besser kennen   als ich! Schümann. (beiseite). Gott Lob! Denn war die Damenannonce doch nicht von uns!   Aber der Brief, den ich dahin gebracht!   (Zu Schneckenberg.) Haben sich denn noch keine auf Ihre Annonce gemeldet? Schneckenberg. Gemeldet?   Erst gestern!   (Schümann erschrickt.) Zwei junge Damen in einem zierlichen Brief   aber ihre Namen nannten sie nicht!   Schümann. (erregt). Zwei junge Damen, gestern.   Brief!   Ah!   O   das stimmt!     Aber denn kann ich Ihnen sagen, daß alles nur Unsinn ist! Schneckenberg. Unsinn?   Wieso? i wo! und was?!   Schümann. Ich habe ihn ja selbst nach der Zeitung gebracht! (Schneckenberg staunt, stummes Spiel.) 'n leichtsinniger Scherz! 'n loser Streich! den das Fräulein und die Jungfer.       Schneckenberg. (freudig erstaunt, schnell). Das Fräulein? Was sagen Sie?   Das Fräulein und die Jungfer?     Sie Goldmensch, Sie!   (Ihm ein Trinkgeld gebend, während Schümann es ganz erstaunt in der Hand behält.) So   da!   nehmen Sie!   Sie, bester, unvergleichlicher, überraschender Entgegenkommer meiner geheimsten Gefühle!   Habe die Ehre!   Fliege fort!   Komm' wieder!   (Rasch durch die Mitte ab.) Schümann. Na, da haben wir die Bescherung!   Das war denn schon Nummero zwei!   O! o   wenn der Herr Doktor nur erst wieder zu Hause wäre! (Ab durch die Mitte.)   Zehnte Szene. Emma. Auguste. (Durch die Tür links eintretend. Auguste voran, Emma ihr folgend mit der Zeitung in der Hand.) Auguste. Fräulein, er ist schon wieder fort!   Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn Fräulein diese Ringgeschichte nicht so geheim gehalten. Emma. Sie müssen beide noch keine Ahnung davon haben. Auguste. Unsere kleine Annonce steht auch gar zu versteckt! Ich konnte sie zuerst auch nicht finden. Aber die andern beiden,   mit dicken Lettern und gleich oben an auf der ersten Seite!       Emma. Ja, die sieht ein jeder sogleich!   Auguste. Und wie hübsch das klingt. (Wie lesend, doch über die Zeitung hinwegsehend und sehr rasch sprechend.) Für eine junge Dame von angenehmer Erscheinung und feiner Bildung wird zwecks eventueller Heirat die Bekanntschaft eines jungen Herrn gesucht. Vermögen erwünscht, aber nicht notwendig. Emma. Auguste, das klingt ja gerade, als wenn ich das wäre,   und Papa wäre der Einsender. Auguste. Hab' auch schon gedacht, daß es wohl auf mich passen könnte! Emma. Aber du hast doch deinen Papa nicht hier! Auguste. Ach, was!   den denkt man sich hinzu! Emma. In welcher Spannung sich das arme Mädchen wohl befindet. Auguste. Na, und wohl nicht minder der arme Herr! (Sehr rasch, wie vorhin.) »Ein junger wohlsituierter Herr, in den besten Jahren, hübsch und sein gebildet, sucht auf diesem, nicht mehr ungewöhnlichen Wege eine Gefährtin seines Lebens. Auf sanften Charakter und seine Bildung wird mehr gesehen als auf Schönheit und Vermögen. Reflektierende belieben ihre Adressen mit dem Motto: »Heirat, poste restante « in der Expedition abzugeben«. Emma. Aber, Auguste, du weißt das ja alles schon auswendig! Auguste. Ach, Fräulein, das weiß ich auch! solche Heiratsannoncen sind auch gar zu nett! Die weiß ich immer gleich auswendig!     Das macht das Interessante, das Romantische dabei! Emma. Ja, da hast du recht!   Wie öde und langweilig sind auch all die andern dagegen!   So zum Beispiel: »Gesucht ein Zimmer mit Fenstern nach der Straße!« Auguste. »Ein gebrauchter Wagen zu verkaufen!« Emma. »Schöne Eierkartoffeln!« Auguste. »Speck, frisch aus dem Rauch!«     »Kieler Sprotten!« Und selbst unsere Annonce: »Ein goldener Ring ist gefunden. Näheres Breitestraße einhundertfünfundachtzig.« Das ist doch nichts gegen eine solche Heiratsannonce! Emma. Ja, freilich, das ist wahr!   Aber so ganz ohne alle Spannung ist unsere kleine Annonce doch schon auch nicht mehr.   Man denkt doch unwillkürlich, wer wohl der Verlierer sein könnte.   Auguste. Ja!   und wie er wohl aussehen könnte! (Es wird angeklopft.) Es wird angeklopft. Emma. Herein!   Elfte Szene. Vorige. Wüstenfeldt. Schümann. (Schümann und Wüstenfeldt durch die Mitte kommend.) Emma, Auguste. (zugleich). Ah! Schümann. Nummero drei!   Er will nicht so recht mit der Sprache heraus. Emma. Na, Schümann, was sind das für Redensarten!   Gehen Sie! Schümann. Ja!   Gehe schon!   (Zu Wüstenfeldt.) Sie   Sie   Sie Mädchenjäger! Sie! (stürzt durch die Mitte ab und schlägt die Tür zu.) Wüstenfeldt. (auffahrend). Was? Mädchenjäger?!   Und dann schimpft er mir auch noch Nummero drei!? (Mit der geballten Faust nach der Tür drohend.) Na, Junge, harr ick di mal twischen de Finger! Emma. Gott bewahre!   Beruhigen Sie sich doch! Wüstenfeldt. Ja, Mamsell, sonsten bin ich auch nicht so!   Awers wenn mir mal einer an 'n Wagen kommt! Emma. Sie wollen gewiß meinen Papa sprechen? Wüstenfeldt. Ja, das wollte ich wohl! Emma. Er ist leider nicht zu Hause. Wüstenfeldt. Ah, das ist schade!   Ich habe Sie nämlich 'n Ring verloren. Emma, Auguste. (zugleich) . 'n Ring?! Wüstenfeldt. Ja!   Als ich Sie nämlich Sonntag vom Tanzboden nach Hause kam, fehlte mir mit einmal mein Ring,   und davor kriegte ich die ganze Nacht keinen Schlaf. Emma. Denn war er Ihnen wohl sehr teuer?! Wüstenfeldt. O, das kann ich just nicht sagen. Ich hatte ihn für vier Mark von einem Herrn gekauft, der mit Lotterielosen handelt, (etwas verschämt) und auch   und auch (lacht). Ha! Ha! Ha! Ha!   Na, das andere brauch' ich ja auch nicht gerade zu sagen!   Und nun habe ich gehört, daß in der Zeitung steht, hier wär'n Ring gefunden. Schümann. (guckt neugierig durch die Mitteltür). Emma. Aber, Schümann . Wüstenfeldt. (dahin sehend und auffahrend und mit der Faust drohend, während Schümann die Tür rasch zuschlägt). Dar kummst du mi grade recht! (Zu Emma und Auguste.) Das ist mal 'n asigen Menschen! Auguste. Ist er auch!   Ihm fehlt die Bildung! Wüstenfeldt. Ja, tut sie nicht?! Unserein ist doch auch man aus 'n niedern Stand, aber dadarum doch allemal mit Anstand! Emma. Und nun meinten Sie, daß wir den Ring gefunden? Wüstenfeldt. (fast freudig). Ja, das meinte ich! Emma. Wo haben Sie ihn denn verloren? Auguste. (schnell). Ja, Mann, wo haben Sie ihn verloren? Emma. (verweisend). Auguste! Wüstenfeldt. Ja, sehn Sie, Mamsell   das weiß ich man so recht noch selber nicht. Er war mich 'n bischen groß auf 'm Finger, Entweder auf 'm Tanzboden bei der Gallopade,   da bin ich Sie nämlich mit meiner Dame gefallen,     oder auch dar buten vor die Türe! Auguste. (spöttisch). Buten vor die Türe?! Emma. (verweisend). Auguste! Wüstenfeldt. Es gab Sie nämlich nachher auch noch so 'n kleine Slägerei, wo ich mit hinein kam,     und da ist er mir vielleicht vom Finger geflogen. Schümann. (steckt wieder den Kopf durch die Tür, um zu horchen). Auguste. (hinsehend). Fräulein, er lauert schon wieder. Wüstenfeldt. (hinsehend und auffahrend, mit der Mütze nach Schümanns Gesicht werfend, während Schümann die Tür schnell wieder zuschlägt). Büst du all wedder dar?! Emma. Der unverschämte Mensch! Wüstenfeldt. Das mögen Sie wohl man sagen! Emma. Ja, lieber Mann, da höre ich schon, daß unser Ring doch der Ihrige nicht ist; denn da habe ich ihn nicht gefunden. Wüstenfeldt. So?   Ah,   das tut mir leid.   Mein schöner Ring!   Ich hätte gern 'n Mark ausgegeben, wenn ich ihn nur wieder hätte!   Na, dann nehmen Sie mir das man nicht für ungut!   (Diener und Kratzfuß machend.) Adjeu denn auch! Emma, Auguste. (zugleich). Adieu! Wüstenfeldt. (ab durch die Mitte). (Man hört draußen hinter der Tür plötzlich laute Stimmen, lärmen und poltern, Schümann stürzt durch die Mitte herein und quer durch die Stube in das Nebenzimmer, dessen Tür rasch hinter sich zuschlagend. Der Rock ist ihm nach hinten etwas von den Schultern gezogen, so daß man das Hemd sieht. Wüstenfeldt stürzt ein paar Schritte hinterher, bleibt dann aber stehen.) Emma, Auguste. (zugleich, schnell). O Gott! Wüstenfeldt. (mit geballter Faust nach der Seitentür drohend). Dar harr ick di bald bei de Slafiten kregen! (Rasch durch die Mitte ab.) Emma. Ich zittere an allen Gliedern! Auguste. Ja, Fräulein, ich auch!   Die rohen Menschen!   Zwölfte Szene. Schümann. Emma. Auguste. Schümann. (vorsichtig durch die Seitentür guckend und noch halb darin stehen bleibend). Ist er fort? Emma. Ja, kommen Sie nur! Schümann. (in die Stube tretend). Der gemeine Mensch! Emma. Aber, Schümann, was haben Sie da getan? Schümann. Was ich getan?   Ich habe dem Menschen die Türe gewiesen, und da ist er grob geworden und hat mich angepackt!   Ah, ich stehe auch noch meinen Mann!   aber mit so einem Maurergesellen befasse ich mich nicht!   O!   O!   Was muß man erleben! (Ab durch die Mitte.) Emma. Ja, was muß man erleben!   Der unglückselige Ring! Auguste. Und die unschuldige Annonce! Emma. Nein, nun macht mir unsere Ringgeschichte schon gar kein Vergnügen mehr! Auguste. Mir auch nicht, Fräulein! (nach dem Fenster sehend.) Ah!   Ah!   Fräulein!   Fräulein!   Emma. Was ist's?   Was hast du? Auguste. (hinauf nach dem ersten Fenster zeigend). Da!   Da!   Er sitzt am Fenster   und liest in der Zeitung!   Am Ende gar unsere Annonce! (Sie stellt sich, seitwärts hinter der Gardine, ans Fenster.) Emma. Aber, Auguste!   Du kompromittierst mich ja!   Auguste. Ich steh' ja hinter der Gardine.   (Sieht wieder hinauf.) Nun legt er die Zeitung hin!   Nun guckt er schon wieder nach uns herüber!   Ah!   Ah!   Das ist aber stark!   Nun sieht er durch 'n großen Krimstecher! Emma. O, das ist schändlich!   (Sie stellt sich an der andern Seite hinter die Gardine oder hinter Auguste.) Auguste. Ja, das ist schändlich! Emma. (hinaufsehend). Ah, mein Herr, schämen Sie sich denn nicht? Auguste. Ja, schämen Sie sich denn nicht? Emma. (hinaufsehend). Zwei unbescholtene junge Mädchen?! Auguste. (hinaufsehend). Ja, zwei unbescholtene junge Mädchen!     Ha, könnte ich diesem Menschen mal einen Streich spielen!   Emma. Ja, könnten wir ihm mal einen Streich spielen! Auguste. Aber warte!   Wir lassen 's Rouleau herunter. Emma. Nein! Nein! Das geht nicht!   Dann merkt er ja, daß wir auf ihn achten!   Und er ist uns doch so gleichgültig! Auguste. Ja, so gleichgültig! Emma. (hinaufsehend). Er sieht noch immer durch sein Glas. Auguste. (hinaufsehend). Ja, noch immer!   Wie gern käm' er wohl 'mal herüber!   Emma. Aber Auguste,   ich bitte dich,   wenn Papa nicht zu Hause ist?! Auguste. Na, denn könnte er ja nur mal kommen, wenn der Papa da wäre! Emma. Ja, wie könnt' er das?   wenn er uns noch gar nicht kennt?   Wir haben ja auch überhaupt gar keinen Umgang, weil Papa es nicht liebt, und seine große Praxis das auch kaum erlauben würde; und für solche junge Gerichtsherren ist Papa überdies nur wenig zugänglich! Auguste. Ach was!   Dann würde ich es mal auf eine andere Weise versuchen!   Er könnte ja nur mal so tun, als ob ihm was fehlte. Kopfweh, 'n Hexenschuß, oder sonst so was, und dann als Patient in der Sprechstunde kommen!   Emma. Aber Auguste, ich bitte dich!   (Man hört Peitschengeknall hinter der Szene.) Ha, der Papa! (springt vom Fenster weg.) Auguste. Wahrhaftig!   Der Herr Doktor! (Ebenso wie Emma.)   Dreizehnte Szene. Vorige. Schümann. Schümann. (eilig durch die Mitte). Der Herr Doktor ist wieder da!   'n schöne Geschichte! (Wieder ab durch die Mitte.) Emma. Als ob wir, Gott weiß was, verbrochen hätten! Auguste. Ja, Fräulein!   Und an diesem Erlebnis von vorhin trägt Schümann doch nur allein die Schuld!   Vierzehnte Szene. Vorige. Dr. Grosse. Schümann. Dr. Grosse. (durch die Mitte kommend im Sommermantel. Schümann hinter ihm mit der Reisedecke über dem Arm und bei der Tür stehen bleibend) . So, Kinder,   da habt ihr mich wieder! Emma. (ihm den Mantel und Hut abnehmend und an Auguste gebend, die beides an den Rockständer hängt). Ja, Papa, ich freue mich, daß du wieder da bist. Auguste. Ich auch, Fräulein! Schümann. Na, und ich erst recht! Dr. Grosse. Ah, mit solch einem gemeinsamen Ausdruck der Freude bin ich ja noch nie empfangen worden! Emma. Wir haben während deiner Abwesenheit schon allerlei erlebt. Schümann. Ja, leider Gottes! Auguste. Wegen der Annonce! (Schümann erstaunt.) Dr. Grosse. (zu Emma). Dann hast du sie schon einrücken lassen?! Schümann. (für sich). Was? Er weiß es?! Emma. Ja, Papa, weil du es gewollt. Schümann. (für sich). Was?! Er hat es gewollt?! Dr. Grosse. Na, Kinder, hat sich denn schon einer gemeldet?! Emma, Auguste. (zugleich). Ja! Schümann. (hinterher mit ärgerlichem Nachdruck). Ja! Dr. Grosse. Und war es denn der rechte? Emma, Auguste. (zugleich). Nein! Schümann. (wie vorher). Nein! Dr. Grosse. Ah, das ist schade! Schümann. (für sich). Was? Schade?! (Laut.) Solch ein roher Patron?! Emma. Er und Schümann erzürnten sich! Auguste. Und hätten sich beinah gerauft! Schümann. Gerauft? Ich?   mit einem Maurergesellen?!   Niemals!   Dr. Grosse. Na, schon gut! Ihr könnt mir das Weitere ja nachher erzählen. Ich muß nun erst schnell noch ein Rezept schreiben. (Setzt sich an den Schreibtisch.) Emma. Rasch, Auguste, besorge du Papa das Frühstück. Auguste. Ja, Fräulein! Dr. Grosse. (beim Schreiben sich umsehend). Nein, laß nur Kind. Rauch' lieber erst noch eine Pfeife! (Schreibt weiter.) Emma. Na, Auguste, dann die Pfeife! Auguste. Ja, Fräulein! (Holt eine Pfeife und eine Schachtel mit Zündhölzern vom Rauchtisch und gibt Emma die Pfeife.) Dr. Grosse. (steht auf und gibt Schümann das Rezept). So, Schümann, bring' dem Bauern das Rezept für sein Kind.   Und dann sieh mal nach unsern Pferden auf der Koppel und bring' ihnen eine Tracht Brunnenwasser! Schümann. Ja wohl, Herr Doktor!   (Für sich im Abgehen.) Nein, wie konnt' er das nur erlauben! (Ab durch die Mitte.) Emma. So, Papa, hier ist die Pfeife. (Gibt sie ihm.) Dr. Grosse. Danke! Danke! Auguste. (ein Streichholz anreibend). Und hier ist Feuer. Dr. Grosse. Danke! (Rauchend.) Ah, das schmeckt nach einer solchen Reise! Emma. Du armer Papa! Schon um drei Uhr heute Morgen über Land!   Dr. Grosse. (rauchend). Na, na!   So mitten im Sommer ist's doch auch ein wahres Vergnügen, so frühmorgens in die schöne Welt hineinzufahren!   Fünfzehnte Szene. Vorige. Johanna. Johanna. (durch die Mitte, bei der Tür stehen bleibend). Es steht 'n kleines Mädchen da draußen. Ob der Herr Doktor nicht so gut sein wollten, schnell mal nach der Feldstraße zu dem Maurer zu kommen, der neulich vom Gerüst gefallen,   der verletzte Arm wäre über Nacht wieder so dick angeschwollen. Dr. Grosse. Was?!   und er war schon in so guter Besserung?!   Gut, ich werde kommen. (Johanna ab.) Das begreife ich nicht, da muß irgend etwas versehen sein!   Emma. Der arme Mann hat gewiß nicht die nötige Pflege. Dr. Grosse. Ja, das kann wohl sein!   Viele Kinder, und der 's verdienen soll,   krank!   Emma. Weißt du was, Papa? Nimm mich mit! (Zu Auguste.) Schnell, Auguste, Hut und Jacke! Auguste. Ja, Fräulein! (Ab ins Nebenzimmer.) Dr. Grosse. Aber Kind, was könntest du da nützen? (Holt sich Hut und Mantel und hängt den Mantel um.) Emma. O, doch Papa!   Weißt du, ich sehe mich nach allem schnell mal um, und wenn etwas fehlt, dann schicke ich Johanna nachher damit hin!   Auguste. (mit Hut und Jacke aus der Stubentür links). Hut und Jacke, Fräulein!   Emma. Danke! (Auguste hilft ihr die Jacke anziehen.) Dr. Grosse. So, ja! Das läßt sich hören. Na, meinetwegen. Wohltun macht glücklich. Denn komm', mein Kind, daß wir dem Armen helfen. Emma. (zu Auguste). Und während wir fort find, Auguste, besorg' du das Frühstück für den Papa! Auguste. Ja, Fräulein! (Dr. Grosse und Emma durch die Mitte ab). Nein, ich denke noch immer an diesen Maurergesellen!   Es war doch ein Glück, daß Schümann ihm noch entwischte. Solche jähzornige Männer sind doch wahre Ungeheuer!   Sechzehnte Szene. Johanna. Auguste. Johanna. (Johanna durch die Mitte kommend). Ach, Auguste! Auguste. Nun, Johanna? Johanna. Ich hab' dir was mitzuteilen; aber es bleibt unter uns. Auguste. Das versteht sich ja von selber! Johanna. (beide Arme ausbreitend und auf Auguste drängend, als wenn sie dieselbe in ihrer Freude umarmen wollte). Ach, Auguste! Auguste. (abwehrend). Na! na! na! Aber was hast du denn? Johanna. Denke dir!   mein Traum von neulich,   und dein Punktierbuch,   nein, es ist doch sonderbar!   Der feine Herr in der Küche, auf den es zuletzt hinauslief, ist wirklich schon dagewesen!   Auguste. Ach, geh! was soll der Scherz?!   Johanna. Scherz?   Nein, so wahr ich lebe!   Und was für ein hübscher junger Mann!   Und richtig, wie wir es damals herauspunktiert, auch schon mit einer großen Überraschung für mich!   Auguste. Himmel!   Was sagst du?! Johanna. Ja, denke dir!   Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mich zu verheiraten! Auguste. Ich bin starr vor Erstaunen!   Und du Glückliche hast doch nicht nein gesagt? Johanna. Das habe ich gerade nicht!   Aber es machte mich im Augenblick so bestürzt und verlegen, daß ich kein Wort darauf zu erwidern wußte!   Und nun     Auguste. (rasch). Und nun? Was nun? Johanna. Ja, nun kann ich den Gedanken nicht los werden, daß doch vielleicht eine ganz andere mit im Spiele ist!   (Wieder wie vorhin mit ausgebreiteten Armen gegen Auguste drängend.) Ach, Auguste!     Auguste. (abwehrend). Na! na! na! Johanna. Was hat in dem Brief gestanden, den Schümann für das Fräulein nach der Zeitung gebracht? Auguste. Fängst du nun auch noch an, davon zu faseln? Schümann hat es schon den ganzen Morgen getan.     Nichts, als eine unschuldige Annonce!   Johanna. (schnell, erstaunt). Annonce!   Also doch 'n Annonce! Auguste. Ja,   das Fräulein hat nämlich 'n Ring gefunden, und nun hat sie in die Zeitung rücken lassen, daß der Eigentümer ihn hier wieder abholen kann. Johanna. Da fällt mir 'n Stein vom Herzen.   (Wieder wie vorhin.) Ach, Auguste!     Auguste. (wieder wie vorhin). Na! na! na! Johanna. Aber es bleibt mir doch noch immer etwas zweifelhaft, ob er sich wirklich selbst damit gemeint hat. Er sagte nämlich auch noch, daß er eine gute Partie für mich wisse! Auguste. Ja, allerdings, wenn er das gesagt.     Aber in der Hauptsache bleibt es sich doch gleich, ob nun gerade er oder ein anderer. Johanna. (verschämt). Am liebsten möcht' ich doch wohl ihn!   Er schien so was gesetztes, so was respektables in seinem Wesen zu haben, und das ist gerade meine Farbe! Wenn ich mal heirate, so muß es ein Mann sein, der Haare um die Zähne hat!   Auguste. Nein!   Das kann ich nun gerade nicht sagen! Mir würde ein Sanftmütiger und Sinniger doch besser gefallen.   Die poltern doch nicht immer gleich so drauf los und lassen die Frau doch auch mal mitsprechen! Johanna. Ja, es ist nur gut, daß die Geschmäcke so verschieden sind!   Ich habe immer nur für solche große und stattliche Männer geschwärmt!   Es steht doch auch schon in der Bibel: »Und er soll dein Herr sein!« Übrigens hat Schümann auch mit ihm gesprochen   und Schümann sagte, er sei ein Heiratsvermittler! Auguste. (erstaunt). Hei   Heiratsvermittler!     Johanna, denn hat er vielleicht mehr, als den einen? Johanna. Ja, wenn er 'n Heiratsvermittler.     Schümann sagt, er wäre wie rasend davongestürzt und hätte gesagt, er käme auch noch wieder.   Aber Schümann schimpfte auch noch auf ihn und sagte, er wär 'n Schwindler. Auguste. Ach was, Schümann!   Er wird noch immer püttjeriger!   Johanna!     Wenn er noch mehr hätte, als den einen!   Ich möchte ihn doch gar zu gern mal sehen!   Gib mir 'n Zeichen, wenn er wieder da ist! Johanna. (etwas verwirrt). Ja!   ja!   wenn dir denn so viel daran gelegen ist.     Aber nun muß ich wieder nach der Küche, daß ich auf alle Fälle doch da bin, wenn er kommen sollte. (Wieder wie vorhin.) Ach, Auguste! Auguste. (wie vorhin). Na! na! na! (Johanna ab durch die Mitte.) Auguste. Du Glückliche!   Warum war ich in dem Augenblick nicht in der Küche?!   Ich komme doch sonst so oft dahin. Und mein Punktierbuch!     Schümann findet es immer so lächerlich,     da sieht man doch, daß es mitunter auch doch wirklich mal so eintrifft!   Und mir hat es neulich ja auch so etwas ganz Merkwürdiges vorausgesagt,     als ich den wunderbaren Traum gehabt und mir ihn auspunktierte!   Zwei Anbeter an einem Tage!   Nein, wenn sich das nun auch erfüllte!       Aber ich soll ja decken!   Wie solche Überraschungen einem doch immer gleich den Kopf verwirren! Da hätt' ich beinahe das Frühstück schon ganz darüber vergessen! (Ab in die Tür links.)   Siebzehnte Szene. Timbke (durch die Mitte kommend). Ich habe zweimal angeklopft;     am Ende doch wohl etwas gar zu schüchtern;     denn niemand hat »Herein« gerufen.   Aber es ist ja auch kein Mensch hier!   Da hätte ich eigentlich auch wohl gar nicht eintreten dürfen.     Achtzehnte Szene. Auguste. Timbke. Auguste. (mit einem Servierbrett, auf welchem Tischtuch, Servietten, Teller und Messer und Gabeln liegen, aus der Seitentür links kommend, als sie Timbke sieht, laut und erschrocken) . Ha!   Ein Herr!   (Sie zittert mit dem Servierbrett, daß die Teller und Messer und Gabeln klirren.) Timbke (schüchtern). Ent   entschuldigen Sie!   (Er faßt mit beiden Händen das Servierbrett mit an, und so tragen es beide, es zittern lassend, daß die Sachen darauf klirren, unbeholfen nach dem nächsten Tisch.) Auguste. (während sie mit Timbke das Servierbrett trägt, zum Publikum). 'n hübscher Mensch!     Timbke (dann und wann verlegen den Hut drehend). Ent   entschuldigen Sie gütig!     Auguste. Und Sie wünschen! Timbke. Ja, ich wünsche   ich möchte,   wenn Sie es mir nur nicht übel nehmen wollten. Auguste. (für sich). Und wie schüchtern,   wie bescheiden er ist! Timbke. Ich war schon einmal hier?! Auguste. Schon einmal hier?! (für sich.) Himmel, was ahnt mir!     Timbke. Aber da war ich nicht so glücklich, Sie zu sprechen.       Auguste. Mich zu sprechen,       es freut mich sehr!   (für sich.) Aber wie doch so ganz anders, als Johanna mir ihn  ! Ach was!   Johanna!   (Zu Timbke.) Ja, wirklich!   es freut mich sehr, mein Herr! Timbke. Sie sind so gütig, so freundlich! Auguste. Na, na! Ich bitte Sie aber! (Für sich.) Der gefällt mir sehr!   Timbke. Und wenn Sie es hätten, was ich suche,   es mir geben könnten!   Auguste. (für sich). Kein Zweifel!   Das war doch deutlich genug! (Zu Timbke.) Ja, ich kann es! Timbke (freudig). Sie können es?! (Es wird angeklopft.) Auguste. (schnell). O Gott!   Es kommt jemand! Unser Kutscher!   wenn der Sie hier sähe     ganz allein bei mir im Zimmer     Timbke (schnell). Und er drohte mir vorhin schon einmal mit Unannehmlichkeiten!   Auguste. (schnell). Ich schämte mich zu Tode!   Ach bitte, mein Herr, entfernen Sie sich. Timbke (schnell). Ja, ja!   Dann entferne ich mich!   Nehmen Sie es mir, bitte, nur nicht übel. (Will durch die Mitte ab.) Auguste. (ihn beim Rockschoß fassend, schnell). Nein, da nicht!   Das geht nicht mehr!   Sie würden ihm ja gerade in den Rachen laufen!   Timbke (schnell). In den Rachen?   Aber was denn?   wie denn?   wo denn? Auguste. (schnell). Ach, du lieber Gott!   Ha   das geht!   (Nach dem Schirm zeigend.) Da!   dort!   dahin! Hinter den Schirm! Timbke (schnell). Hinter den Schirm! Auguste. Ich eile dort hinein! (Nach der Tür links zeigend.) Und wenn er niemand sieht, wird er schon wieder gehen.   Aber schnell! schnell! Timbke (schnell). Ja schnell!   (hinter den Schirm eilend). Bin schon da! (Darüber hinwegsehend.) Aber entschuldigen Sie nur gütigst. Auguste. Gott sei Dank! (Eilt in die Tür links.)   Neunzehnte Szene. Schümann. Später Timbke. Schümann . (durch die Mitte eintretend, läßt die halbe Tür offen stehen). Niemand hier?   Ich sah ihn doch über die Diele gehen.   Sollte ich mich denn getäuscht haben?!   Nein, nicht möglich!   Dann hat sie ihn auch versteckt!   Das scheint mir ein gefährlicher Mensch zu sein!   Den laß ich nicht wieder aus den Augen! (Nach dem Schirm sehend.) Ha, was seh' ich da?   (Nähert sich dem Schirm.) Timbke (hervorkommend). Entschuldigen Sie nur gütigst!   Schümann. Was wollen Sie denn schon wieder hier? Timbke. Ich dachte     wegen der Annonce   Es könnte ja doch vielleicht noch sein.   Schümann. Doch vielleicht noch sein?!     Sie zudringlicher Mensch!   Habe ich Ihnen denn nicht schon einmal die Tür gewiesen?!   Timbke. Ja!   verzeih'n Sie nur!   Aber ich hatte mich ja noch gar nicht einmal ordentlich ausgesprochen!   Schümann. Ach was?   ausgesprochen!   ausgesprochen!   Sie haben sich garnicht erst auszusprechen!   Wo ist Auguste? Timbke. Das Fräulein! Schümann. Nein, die Auguste! Timbke. Die Auguste,   das Fräulein wollt' ich sagen!   Ach, Sie verwirren mich ja ganz!     (Nach der Tür links zeigend.) Da! Dort!   in dem anderen Zimmer! Schümann. Und Sie hier hinter dem Schirm versteckt?!   (Gegen ihn anfahrend, als wenn er ihn auf den Fuß treten wollte. Timbke macht einen Sprung rückwärts.) Warum hinter dem Schirm versteckt!! Hören Sie denn nicht?   Reden Sie! Timbke. Ja, ja!   Ich rede schon!   Nehmen Sie es mir, bitte, nur nicht übel!   Das Fräulein meinte   Schümann. Ach was, Fräulein!     Die Auguste!   Timbke. Die Auguste meinte,   sie   sie meinte,     Schümann. Na, heraus damit!   Timbke. Sie meinte, ich sollte hier nur ein wenig warten.   Sie   Sie würden wohl gleich wieder fortgehen,     wenn Sie,   wenn Sie nämlich niemand hier im Zimmer träfen!   Empfehle mich gehorsamst! (Will forteilen.) Schümann. (ihn beim Rockschoß fassend). Halt!   Hiergeblieben! Timbke. Hiergeblieben! O weh! Schümann. (nach dem Schirm zeigend) . Da wieder hinter den Schirm! Timbke. Hinter den   hinter den Schirm?! Schümann. Ich bleibe bei Ihnen! Timbke. Bleiben bei mir! (Er geht hinter den Schirm, Schümann desgleichen.) Schümann. So! und nun ducken Sie sich! verstehn Sie mir? Timbke. Ja, ich verstehe! Schümann. Ducken Sie sich! (Timbke duckt sich schnell.) Ich duck' mich schon. (Er duckt sich, sieht aber gleich wieder über den Schirm) Und nicht gemuckst!   sonst gnupps ich Sie! Timbke. Au! Schümann. (wieder über den Schirm sehend.) Maul gehalten! Ich glaube, sie kommt! Timbke. (über den Schirm sehend). Sie glauben, sie kommt!! (Indem Schümann, die Hand auf seinen Kopf niederlassend, ihn niederdrückt und dann sich selbst duckt.) Au!   Zwanzigste Szene. Während dieser und der folgenden Szene guckt Schümann dann und wann an den bezeichneten Stellen oben über den Schirm.   Timbke zuweilen auch, dessen Kopf aber dann jedesmal von Schümanns Hand niedergedrückt wird. Auguste. (durch die Tür links kommend). Herrlich! Prächtig! Das glückte! (Schümann sieht über den Schirm.) Er ist schon wieder fort!   Dieser alte Brummbär von Kutscher! (Schümanns entsprechendes Mienenspiel.) Daß der nun auch dazwischen kommen mußte! (Schümann duckt sich wieder, Auguste nach dem Schirm sehend.) Aber nun kommen Sie doch wieder heraus, mein Herr!   Es ist niemand mehr hier, der uns störte!   (Nach der Tür sehend.) Ha, was ist das? Er kommt nicht?!   Er hört mich nicht?!   und die Tür steht offen?! (Sie wendet sich wieder nach dem Publikum.) Nun ist er mir entflohen, mein schüchterner Seladon! (Schümann guckt wieder über den Schirm, Timbke auch, den er aber sofort wieder niederduckt, Schümanns entsprechendes Mienenspiel.) Und er war schon so schön im Zuge!   Schon nahe vor der Erklärung! Dieser alte abscheuliche Störenfried von Kutscher!   Ich könnte ihm die Augen auskratzen! (Wüstenfeldt tritt durch die Mitte ein und nähert sich der Auguste, ohne daß sie es merkt. Schümanns Mienenspiel als er Augustens Worte hört und gleich darauf auch Wüstenfeldt gewahr wird. Er duckt sich schnell nieder)   Einundzwanzigste Szene. Wüstenfeldt. Auguste. Schümann. Timbke. (Die beiden letzten hinter dem Schirm.) Wüstenfeldt. (nahe hinter Auguste sich räuspernd) . Hm! Hm! Auguste. (einen Schrei ausstoßend und sich schnell umsehend) .   O Gott, wie erschrak ich! Wüstenfeldt . Haben Sie sich verschrocken, das tut mir leid, Mamsell!   Auguste. Man klopft doch an, wenn man in eine fremde Stube treten will! Wüstenfeldt . Das tut man auch, tat ich auch!   aber die Tür stand ja offen!   und Mamsell war auch so sehr in der Rede begriffen, daß Sie es wohl garnicht gehört haben! Auguste. Was führt Sie denn wieder her? Was wünschen Sie?! (Schümannn und Timbke blicken beide über den Schirm; doch wird Timbke sofort von Schümann niedergeduckt, während dieser fortfährt, über den Schirm zu gucken.) Wüstenfeldt. Ja, wenn ich es nur sagen dürfte! Auguste. Es ist ja niemand da, der Ihnen das verbietet,   und ich frage Sie doch! Wüstenfeldt. Ja, dann schaniere ich mich auch gar nicht mehr!   Ich spreche Sie nämlich in zweierlei noch mal wieder bei Ihnen vor.     Nämlich erstens von wegen meinem Benehmen von vorhin,   ich bin auch sonst nicht so;   aber wenn der Mensch gereizt wird. (Timbke guckt über den Schirm, wird aber sofort von Schümann wieder niedergedrückt.) Und dieser alte Stallknecht, (Schümanns Mienenspiel) der hatte mir doch beleidigt, indem, daß er mir Nummero zwei nannte   und mich auch noch Mädchenjäger schimpfte. (Schümann duckt nieder.) Auguste. Dann wollen Sie sich entschuldigen? Wüstenfeldt. Ja, das wollte ich wohl!   aber doch auch noch was anderes.   Ich schaniere mich man bloß, es zu sagen. Auguste. Sie scheinen doch sonst nicht blöde zu sein.   Wüstenfeldt. O bewahre, vier Jahre in der Fremde! Auguste. Sprechen Sie nur! Wüstenfeldt. Ja! Ja! denn spreche ich!   (Schümann und Timbke wieder wie vorhin, Schümann duckt Timbke nieder, Schümanns Mienenspiel.) Ach, Mamsell, indem daß ich Sie nun doch schon einmal kenne,       wir Maurergesellen, wir haben Sie nämlich am Sonntag ein kleines Vergnügen.   Zuerst nämlich so'n kleinen Pimpernick im Grünen mit (er tut, als wenn er auf einen Topf schlagen wollte) Topfschlagen für die Damen und Schießen mit der Salonbüchse (er legt mit den Armen, als wenn er eine Flinte hätte, auf sie an und stößt einen dem Knall des Schusses ähnlichen Laut aus, worüber Auguste sehr erschrickt und einen Schrei ausstößt) für die Herren   und dann nachher mit'n Einmarsch mit volle Musik an der Spitze nach unserm Vereinslokal, und dann nachher der Ball mit 75 Pfennige   das Kuvert   wer zu Tische geht.   Und da wollt' ich denn,   wollt' ich denn,   ja, da wollt' ich denn,       aber wenn Sie mir das man bloß nicht für ungut nehmen!     Auguste. Mich am Ende gar einladen? Wüstenfeldt. (freudig) . Ja, einladen!   Ich hab' Sie nämlich mir noch keine Dame gewählt   und die Karte noch in die Tasche. (Nimmt eine Karte aus der Tasche und zeigt sie ihr.) Auguste. Nein, was ich heute doch nicht alles erlebe!     (Timbke und Schümann sehen wieder über den Schirm; doch wird Timbke sofort wieder von Schümann niedergeduckt. Schümann sieht weiter.) Und mein Punktierbuch,   was Schümann so lächerlich findet! Wüstenfeldt. (erregt) . Ha, Schümann! (Schümanns entsprechendes Mienenspiel.) Dieser alte Krippenbeißer!   dem breche ich noch mal!     (Schümann duckt sich schnell wieder.) Auguste. (ihn beschwichtigend) . Sch! Sch!     aber Mann!   ich bitte Sie doch!   Wüstenfeldt . Ja, Mamsell!   Und nichts für ungut!   Ach, Mamsell, wenn Sie die Karte nehmen täten!       Auguste. Ja, was denn? Wüstenfeldt . Dann hätte ich die höchste Freude auf diesem Vergnügen,   und alle würden sagen: Nun kiek doch mal den Wüstenfeldt, was der für eine kleine smucke, pummelige Dame hat! Auguste. Ich falle aus den Wolken! (Schümann und Timbke wieder wie vorher, Schümann stummes Spiel. Auguste zum Publikum) Da haben wir's!   Richtig, wie das Punktierbuch es vorausgesagt. Schümann. Verfluchte Lage, wenn er mich hier sähe!     Auguste. Ja, Herr Wüstenfeldt, ich weiß nur nicht, ob ich gerade Sonntag     Schümann. Er würde mich erwürgen! (Timbke kommt wieder in die Höhe, wird aber sofort von Schümann niedergeduckt.) Auguste. (schnell, für sich) . Nein, das könnte ich doch nicht! Der Schüchterne ist mir doch hundertmal lieber. Wüstenfeldt . Was meinte Mamsell? Auguste. Ja, ich weiß nur noch nicht, ob ich gerade am Sonntag Erlaubnis bekäme!   Wüstenfeldt . Ah, denn fragen wir,   dann bitte ich das Fräulein und den Herrn Dokt       (Man hört eine Tür gehen.) Auguste. (erschrocken, schnell) . O, Gott!   Es kommt jemand! (Schümann duckt sich schnell wieder) . Die Küchentür ging.   Das ist Johanna!   Sie darf Sie hier nicht sehen,   um alles in der Welt nicht!   Sie erzählt gleich alles wieder an Schümann! (Schümann sieht wieder über den Schirm.) Wüstenfeldt. Schümann!   Wie mir die Finger kribbeln! (Schümanns Mienenspiel, er duckt sich schnell wieder nieder.) Auguste. Machen Sie sich unsichtbar. Verschwinden Sie!   Nur so lange, bis Johanna wieder geht!     Wüstenfeldt. Bis sie wieder geht?!   (Er sieht den Schirm.) Ha! nichts leichter als das! (Eilt hinter den Schirm. Sofort darauf hinter dem Schirm, aber nur einen kurzen Augenblick, laute Stimmen, die Wüstenfeldts und Schümanns, dazwischen wird von Timbke »Au! Au!« geschrien. Johanna stürzt durch die Mitte. Der Schirm schwankt. Die drei Dahinterstehenden stürzen mit ihm zu Boden, und Johanna und Auguste stoßen einen gellenden Schrei aus und sinken ohnmächtig jede auf einen Stuhl nieder, Johanna auf den an der Tür, Auguste auf Stuhl 10 am Tisch. Timbke rollt nach der Mitte der Bühne hin und schneidet Grimassen, Wüstenfeldt liegt über Schümann, ihn mit der Faust mißhandelnd.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Akt. (Dieselbe Dekoration.)   Erste Szene. Schümann. (durch die Mitte kommend) . So!   die Pferde hätten ihr Trinken bekommen!   aber wie mir das sauer wurde!   (Schneidet Grimasse.) Au!   mir ist die Schulter noch, als wenn sie verrenkt wäre! und der Arm, wie abgebrochen! Gott sei Dank, daß der Schirm stürzte! Das war meine Rettung! Was schlägt der Kerl aber auch für eine Faust!   Braun und blau bin ich geworden!     Aber der Herr Doktor und das Fräulein noch immer nicht wieder da?!   Und was ist doch alles in der kurzen Zeit schon passiert!   Ha!   nun laß mir die Auguste aber mal in den Rachen laufen.   (Es wird angeklopft.) Da klopft schon wieder, was!   Herein!   Zweite Szene. Woldsen. Schümann. (Woldsen durch die Mitte kommend.) Schümann. Natürlich auch so'n Heiratskandidat! Woldsen . Heiratskandidat? Mensch, woher wissen Sie?   Schümann. Kommen Sie denn nicht auch wegen der Annonce? Woldsen. Aber da hört doch alles auf!   Einen solchen Scharfblick hat selbst nicht der gewiegteste Kriminalbeamte!   Schümann. Auf welche haben Sie es denn abgesehen? Auf die Auguste oder auf das Fräulein?   Aber nun hab' ich nichts mehr mit der Sache zu tun!   Nun trägt der Herr Doktor die Verantwortung selber!   Er ist nur eben noch mal zu einem Kranken gegangen, und das Fräulein begleitet ihn!   Woldsen. Weiß ich ja!   Ich sah sie doch fortgehen! Kennen Sie mich denn nicht? Schümann. O, schon längst!   Sie sind ja der Herr Rechtsverdreher von da drüben!   Und sie sah'n den Herrn Doktor und das Fräulein fortgehen und kommen doch?     Ha! dann wollen Sie die Auguste!     O Welt! O Welt!   (Ab durch die Mitte.) Woldsen. 'n schnurriger Kauz, aber 'n feine Nase!   Sagt der Mensch mir alles, was ich will und entdeckt mir meine geheimsten Gedanken!     Aber hinsichtlich der Auguste war er doch im Irrtum!   und wiederum doch auch nicht!   Denn fürs erste will ich doch nur sie!   Ich muß wissen, wer den Ring gefunden hat und wie er beschaffen ist,   und das muß sie mir sagen!     Aber wie lock' ich es ihr nur am besten heraus? Ich glaube, sie ist sehr gerieben!     Na, wofür wäre ich denn Jurist? Und eine schwache Seite haben sie alle,     das ist die Eitelkeit!     Ich werde ihr, wie solche Kammerkätzchen es ja nicht anders gewohnt sind, in etwas realistischer Weise die Kur schneiden,   dann wird sie auftauen und mir's sagen,   und dann       dann hab' ich den Ring verloren,   und die Anknüpfung einer Bekanntschaft mit dem Vater und mit ihr ! (zärtlich und pathetisch) ach, ihr !   wäre dann so gut wie geschehen! Auguste. (aus dem Nebenzimmer kommend mit einem Frühstücksservice) . Woldsen. Da kommt sie!   Dritte Szene. Auguste. Woldsen. Auguste. (sichtlich erschrocken, für sich) . Ha, unser vis à vis ! (Sie setzt das Service irgendwo hin.) Woldsen. Warum so ängstlich, schönes Kind? Ich bin doch kein Bär? Auguste. (schelmisch, etwas lachend) . Nein, aber vielleicht ein Fuchs, der sich eine Taube fangen möchte!   Nur schade, daß sie schon davongeflogen. Woldsen. Selbst 'n kleine Taube! Auguste. (schelmisch, neckisch) . Das Fräulein ging vorhin mit ihrem Vater nach der Feldstraße!   Woldsen. Ich sah sie beide fortgehen!   Auguste. (freudig, verlegen) . Und doch, und doch kommen Sie herüber?         Woldsen. Versteht sich, wegen des Ringes.   Auguste. (schnell, zum Publikum) Ah, schade!     Woldsen. Vielleicht waren Sie die glückliche Finderin?   Auguste. Ich? nein, mein Fräulein war es!   Woldsen. (freudig.) Ihr Fräu? ... Auguste. Und Sie hätten ihn verloren? Woldsen. Je nachdem!   Es kommt darauf an, wo er gefunden ist. Auguste. Draußen in den Anlagen, bei der Bank unter der Linde     Woldsen . Richtig!   Das stimmt schon! bon ! Ist 'n hübscher Ring, nicht wahr?   Auguste. 'n reizender Ring!   Schade, daß es kein Damenring ist, dann hätte ich das Fräulein schon längst gebeten, ihn mir zu schenken!   Woldsen. Also 'n Herrenring, bon !     Und der Stein?   Wie gefällt Ihnen der Stein?   Die Farbe ist etwas unbestimmt, nicht ganz rein. Es ließe sich darüber streiten.   Wofür halten Sie dieselbe? Auguste. Ich?   (beiseite.) Er will mich auspumpen, na, warte, du Krimstecher! (Zu Woldsen.) Ich begreife nicht, wie man darüber noch zweifeln könnte!   Der Stein ist doch unbedingt ein grüner! Woldsen. Das mein' ich auch! grün,   bon ! gar keine Frage!     aber wie finden Sie die Größe des Reifens im Verhältnis zur Größe des Steins? Auguste. Sehr passend, Herr Referendar!   Zu einem so breiten Reifen gehört auch ein großer Stein! Woldsen. Großer Stein   breiter Reifen   Auguste. (schnell, spöttisch) Bon ! Woldsen. (Auguste anfassend) Mädchen, das klingt ja wie Spott! Auguste. (versucht es, sich loszumachen) Aber, Herr Referendar! (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha! Woldsen. Am Ende haben Sie mir was vorgeflunkert?! Auguste. (wie vorher) . Wie können Sie das nur denken. (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha!   Aber Herr Referendar, lassen Sie mich los! (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha!   Woldsen. Nicht, bevor ich weiß, woran ich bin! Auguste. (wie vorher, sucht sich loszumachen) . Aber der Herr Referendar vergreifen sich ja, ich bin doch nicht das Fräulein! (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha! Woldsen. Aber doch ihre reizende kleine Zofe!     Ich bitte, sagen Sie mir die Wahrheit! Auguste. (wie vorhin). Ich tat es ja! (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha! Aber lassen Sie mich los, es sieht jemand ins Zimmer! Woldsen. (sie loslassend). Wie? Wo denn! Auguste. (nach dem Fenster zeigend) . Da, dort! Seh'n Sie denn nicht?   'n Herr mit 'n großen Krimstecher! (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha! Woldsen. Ei du reizender, kleiner Schalk! (Er umfaßt sie wieder.) Nun trau ich dir erst recht nicht! Aber die Wahrheit, die Wahrheit, ich muß sie wissen!   Bitte! Bitte! Auguste. (wie vorhin). Um Gottes willen, lassen Sie mich los, es könnte jemand kommen! Woldsen. A bas ! (Timbke erscheint. Auguste schreit laut auf und eilt ins Nebenzimmer) Woldsen. Da haben wir die Bescherung!   Vierte Szene. Timbke. Woldsen Timbke. (immer schüchtern, wie in seinem früheren Auftreten). Entschuldigen Sie gütig, wenn ich störte. Sie sind wohl der Herr Sohn des Herrn Doktors?   Woldsen. Der Herr   Sohn?     Ja!   Ja!   Ich bin's! Timbke. Und die Dame ist wohl Ihr Fräulein Schwester? Woldsen. Mei?   Meine Schwester?   Ja!   Ja! (beiseite.) Famos! Timbke. Das dachte ich mir gleich!   denn treffe ich es diesmal doch glücklicher!   Ich war nämlich schon einmal hier wegen des Ringes!   Woldsen. Was?   Denn haben Sie auch einen Ring verloren? Timbke. Leider ja! Und vielleicht könnte es doch der meinige sein!   Ich wurde ja vorhin garnicht vorgelassen.     Wenn Sie mir gütig erlauben wollten, Ihnen den Ring mal zu beschreiben? Woldsen. Beschreiben, ja!   Aber schnell!   sehr schnell!   Ich habe nämlich die größte Eile! Mein   mein Papa,   der   der wartet auf mich!     Schnell!   Wo haben Sie den Ring verloren! Timbke. Das weiß ich ganz genau! Draußen in den Anlagen bei der Bank unter der Linde!   Woldsen. Nicht möglich!   Aber weiter!   Also 'n Herrenring!   Mit oder ohne Stein? Timbke. Mit Stein! Woldsen. Und die Farbe?   die Farbe? Timbke. Gelb! Woldsen. Gelb?!     Gelb sagen Sie?!   Timbke. Ja,   'n gelber Topas! Woldsen. 'n gelber Topas!     Aber der Reifen   der Reifen?   Timbke. Massiv von Gold,   und dick und breit! Woldsen. Dick und breit! Timbke. Und als besonderes Zeichen,     Woldsen. Als besonderes Zeichen?   bitte, schnell, schnell! Timbke. Ja! noch zwei kleine Rosen auf dem Reifen zu beiden Seiten des Steines,   und als ein ganz besonderes Zeichen   Woldsen. Ganz besonderes Zeichen?   Schon genug!   Tut mir leid!   Aber denn ist der Ring, den wir gefunden, doch nicht der Ihrige. Der hat nämlich 'n grünen Stein!   Timbke. (bestürzt). 'n grünen Stein?!   Ah! Dann bin ich ja doch im Irrtum! Nehmen Sie es mir, bitte, nur nicht übel, und entschuldigen Sie gütig.   (Tiefen Diener machend.) Ihr gehorsamster     Woldsen. (ihn unterbrechend). Adieu! Adieu! (wendet sich weg.) Timbke. (wieder zurückkommend) . Ganz grün? Woldsen. Grasgrün! Timbke. (mit wiederholter Verbeugung durch die Mitte ab). Woldsen. Ja, was nun?!   Zwei Ringe?!   Die Sache wird kritisch!     Und wofür entscheid' ich mich nun?   Hier gibt es nur einen Weg, und den wähle ich: (Mit Pathos.) Jetzt hab ich schon zwei Ringe verloren! (Rasch durch die Mitte ab. In der Tür mit Schümann zusammenrennend.)   Fünfte Szene. Schümann. Woldsen. Schümann, Woldsen. (zugleich). Au! Au! Woldsen. (laut und unwillig). Sind Sie auch schon wieder da?   Sie Büffel! (Rasch durch die Mitte ab.) Schümann. (ihm nachrufend). Selbst 'n Büffel! (Weiter eintretend.) Rennt der Mensch mich an bei hellem Tage! (Auguste tritt aus dem Nebenzimmer.) Ha, da ist sie!   Sechste Szene. Schümann. Auguste. Auguste. (durch die Seitentür eintretend). Der schon wieder! Schümann. Ja, der schon wieder!     Wenn er es noch wäre, Ihr Liebhaber von drüben!   Auguste. Mein Lieb         Ha! Ha! Ha! Ha! Sie sind doch ein komischer Kauz! Schümann. So? 'n komischer Kauz?   Und was sind Sie denn? Auguste. Auf alle Fälle doch noch hundert mal mehr als Sie!   Sie gewöhnlicher Dienstknecht! Schümann. Und Sie gewöhnliches Dienstmädchen! Auguste. (mit dem Finger ätschend) . Hä! 'n Retourkutsche, Sie alter Kutscher! Schümann. Kutscher?!     Gut!   Denn will ich Sie jetzt 'mal hinkutschieren, wo Sie hingehören,   Sie,   Sie!   Aber das Wort gewöhnlich ist noch viel zu gut für Sie!   Sie sind schon mehr 'n ordinäres   Mädchen und   Auguste. Was? 'n ordinäres Mädchen?! Das sollen Sie mir beweisen, Sie Lügner!   Schümann. Sind Sie es denn nicht?   Noch wilder als die wildeste von allen! Auguste. O, Sie boshafter Mensch, Sie!   (Von jetzt an beide sehr schnell.) Schümann. Ihre Liebhaber lassen Sie zu sich ins Haus kommen! Auguste. Das ist nicht wahr! Sie Verleumder! Schümann. Wenn der Herr Doktor und das Fräulein nicht zu Hause sind!   Auguste. Sie Subjekt! Schümann. Sogar schon bei hellem Tage. Auguste. O, Sie abscheuliches Ungetüm! (Sie stößt einen Schrei aus und sinkt, eine Ohnmacht fingierend, auf einen Stuhl! In demselben Augenblick erscheinen Dr. Grosse und Emma durch die Mitte.)   Siebente Szene. Vorige. Emma. Dr. Grosse. Auguste. (fortwährend laut weinend) . Emma. (eintretend) . Mein Gott!   Was gibt es denn hier? Dr. Grosse. Ihr macht ja einen entsetzlichen Spektakel! Auguste. (aufspringend) . Der Elende! Er hat mich schrecklich beleidigt. Schümann. Herr Doktor, das habe ich durchaus nicht! Auguste. (weinend) . Er hat meine Ehre angegriffen. Schümann. (schnell) . Ich habe garnichts angegriffen. Wenn der Herr Doktor nur mal hören wollten! Dr. Grosse. Ja! aber so geht es doch nicht! Einer zur Zeit!   Auguste, sprich du!   Auguste. (weinend) . Er hat mich 'n ordinäres Mädchen geschimpft! Dr. Grosse. So? Emma (zugleich). Nicht möglich! Auguste. (weinend) . Er hat gesagt, daß ich meine Liebhaber bei hellem Tage hier ins Haus ließe, wenn der Herr Doktor und das Fräulein nicht zu Hause wären! Schümann. Das tut sie auch! Dr. Grosse. Aber Schümann! Emma. (schnell) . Pfui Schümann! Auguste. Und das kommt doch alles nur von der Annonce! Schümann. Ja, gerade von der Annonce, Herr Doktor! Aber nun lassen Sie mich auch mal sprechen.   Sie ist 'n Verführerin! Auguste. O wie schändlich! Schümann. Sie hat das Fräulein verführt! Emma. (schnell) . Mich?! Schümann. Und die Köchin auch! Sie haben 'ne Heiratsannonce in die Zeitung einrücken lassen, und das Haus wimmelt auch schon von Liebhabern! Emma. (lachend) . Ha! Ha! Ha! Ha! Ist das nicht köstlich, Papa?! Dr. Grosse. Aber Schümann, das war ja eine ganz unschuldige Annonce! Schümann. So? unschuldige Annonce?! Ja, freilich, wenn der Herr Doktor selber die Erlaubnis dazu gegeben! Aber der Herr Doktor sollten nur mal alles gesehen haben, was ich schon gesehen! Dr. Grosse. Du? Nichts hast du gesehen, als Hirngespinste!   Du schwätzest Unsinn, Schümann, und befindest dich in einem großen Irrtum! Schümann. So? Irrtum? Ha! Dr. Grosse. Ja, Irrtum! Den ich dir gleich klar machen werde!   Achte Szene. Vorige. Johanna. Johanna. (durch die Mitte kommend, bleibt aber in der Nähe der Tür stehen) . Der Referendar von drüben lassen bitten! Emma, Auguste. (zugleich, schnell). Er?! Schümann. (schadenfroh, schnell) . Na? Ha?   Was hab' ich gesagt? Dr. Grosse. (zu Johanna) . Ist mir angenehm. Johanna. (ab durch die Mitte) . Emma. (schnell, konsterniert, erregt) . Auguste, komm! Auguste. (schnell) . Ja, Fräulein! (Beiseite zu Emma.) Er war schon einmal hier!   Ich werde Ihnen gleich alles sagen!   Emma. (wie vorher) Komm! Komm! (Beide ab in das Nebenzimmer, wo Emma Hut und Jacke abnimmt). Schümann. (schadenfroh). Na, sehen Sie wohl? Sehen Sie wohl? Dr. Grosse. Ach was! Gar nichts seh' ich!   Schümann, geh'! Ich werd' es dir nachher alles erklären! Schümann. Schön! Ich gehe!   Aber nun braucht der Herr Doktor mir schon garnichts mehr zu erklären; nun erklärt es sich alles schon von selber! (Schümann ab durch die Mitte. Er rennt in der Tür gegen den Referendar an, der gerade im Begriff ist einzutreten.) Schümann, Woldsen. (zugleich). Au! (Sich eine kurze Pause wütend ansehend, dann zugleich.) Schümann, Woldsen. Schon wieder! (Schümann ab durch die Mitte.)   Neunte Szene. Woldsen. Dr. Grosse. Woldsen. Entschuldigen Sie, Herr Doktor, diese unfreiwillige Komik meines Auftretens! Dr. Grosse. Ich bedaure sehr!   Sie haben sich doch nicht weh getan? Woldsen. O, nein! durchaus nicht! Dr. Grosse. (auf den Stuhl Nr. 12 zeigend). Aber, bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen? Woldsen. Danke sehr! (Beide setzen sich, Woldsen auf Stuhl 12, Dr. Grosse auf Stuhl 11.) Ich bitte Sie vorerst, Herr Doktor, es gütig entschuldigen zu wollen, wenn ich als ein Ihnen noch so ganz Fremder mir die Freiheit nehme,   Dr. Grosse. O bitte!   Aber so ganz fremd doch nicht mehr! Wir wissen doch beide schon längst von einander, daß wir Nachbarn sind.   Und wenn ich mir nun erlauben darf, was verschafft mir die Ehre? Woldsen. Ein recht sonderbarer Zufall!   Ich habe nämlich in der Zeitung gelesen, daß hier ein goldener Ring gefunden! Dr. Grosse. Ja, dann will ich meine Tochter gleich rufen, sie hat ihn nämlich gefunden!   (Er steht auf.) Woldsen. (gleichfalls aufstehend) . Nein, bitte, vorher noch eins! Dr. Grosse. Nun? Woldsen. Auf die Gefahr hin, daß es Ihnen fast unglaublich erscheinen könnte, muß ich Ihnen doch sagen, daß ich während der letzten Zeit im Verlieren ein wahrer Pechvogel gewesen bin. Dr. Grosse. Ah, das ist ja recht unangenehm! Woldsen. Ja, denken Sie sich, ich habe das unglaubliche Pech gehabt, in einer Zeit von vier Wochen zwei Ringe zu verlieren. Dr. Grosse. (kopfschüttelnd) . Ah! Ah! Woldsen. Und nun gestatten Sie mir gütig zugleich noch eine Bitte!   Dr. Grosse. Sehr gern!   und die wäre? Woldsen. Daß Ihr Fräulein Tochter mir den Ring nicht eher zeige, als bis ich ihr und Ihnen die von mir verlorenen beiden Ringe genau beschrieben habe. Dr. Grosse. Aber, Herr Referendar! Woldsen. Ich bitte inständigst darum; denn nur unter dieser Bedingung könnte ich den gefundenen Ring eventuell als mein Eigentum wieder zurücknehmen. Dr. Grosse. Ja, wenn Sie es denn durchaus wollen     Woldsen. Ich bitte sehr! Dr. Grosse. Gut, so werde ich Ihnen Ihren mir freilich ganz überflüssig erscheinenden Wunsch natürlich gern erfüllen. (Er steht auf, Woldsen gleichfalls. Dr. Grosse geht vor die Tür des Nebenzimmers, öffnet sie ein wenig und ruft.) Emma! bitte, mein Kind! Emma. (noch im Nebenzimmer) . Ja, Papa, ich komme! (Sie tritt ein.)   Zehnte Szene. Vorige. Emma. Auguste. Auguste. (abwechselnd durch die Türspalte) . Dr. Grosse. (vorstellend) . Der Herr Referendar Woldsen,   meine Tochter! (Beide die entsprechende Verneigung machend.) Emma. (nach einem Stuhl zeigend) . Aber, bitte, Herr Referendar! Woldsen. Danke, gnädiges Fräulein! (Alle drei setzen sich.) Dr. Grosse. Ja, mein Kind, da haben wir schon den Eigentümer des gefundenen Ringes! Emma. (schnell) . Ah, das freut mich sehr! Auguste. (steckt den Kopf durch die Tür) . Dr. Grosse. Aber der Herr Referendar bittet inständigst darum, daß wir ihm den gefundenen Ring nicht eher zeigen, als bis er uns den von ihm verlorenen genau beschrieben hat. Auguste. (durch die Türspalte schadenfroh) . Aha!   Angebissen! (Ab.) Emma. (zu Woldsen) . Ah, das würde ja scheinen, als ob wir in Ihre Aufrichtigkeit ein Mißtrauen setzten! Dr. Grosse. Ganz recht, mein Kind! Woldsen. Aber in meinen Augen durchaus nicht, gnädiges Fräulein. Ich stehe ihnen ja eigentlich noch als ein Fremder gegenüber,   und überdies als Jurist finde ich es nicht mehr als hergebracht und durchaus keine Beleidigung für mich darin, wenn wir hier nicht anders verfahren, als in jedem gleichen Falle die Polizei oder das Gericht verfahren würde. Also, bitte, ja? Sie gestatten es?   Auguste. (sieht durch die Tür) . Emma. (zögernd) . Ja, wenn Sie es denn durchaus nicht anders wollen! (beiseite.) Der Verblendete! Woldsen. Ich danke Ihnen herzlichst!   Und nun gestatten Sie mir weiter!     Mutmaßlich, ich möchte fast sagen unzweifelhaft, habe ich den Ring da draußen in den Anlagen verloren, wo die Bank steht unter der großen Linde.     Emma. Es ist dieselbe Stelle, wo ich ihn gefunden habe. Dr. Grosse. (schnell) . Na, sehen Sie wohl, kein Zweifel mehr! Emma. (beiseite) . Der Arme dauert mich! Auguste. (schnell durch die Tür) . Mich gar nicht! Woldsen. Aber nun der Stein, mein Fräulein! Auguste. (durch die Tür schadenfroh) . Aha, der Stein! Woldsen. Ein grüner Stein, und der Reifen   Dr. Grosse. Ah,   Ah,   das   stimmt     Woldsen. (schnell, erfreut) . Stimmt!   Stimmt, sagten Sie?! Dr. Grosse. Das stimmt ja nicht!   Woldsen. (erstaunt) . Wa   s? nicht?! Emma. Leider nein! Ich bedaure sehr! (aufstehend.) Aber Sie können sich sofort davon überzeugen.   Woldsen. (schnell) . Bitte, nein! Ich habe nämlich   (beiseite.) O dieser Kobold! Auguste. (durch die Tür, schnell) . Das für den Krimstecher! Dr. Grosse. Der Herr Referendar hat nämlich noch einen Ring verloren!   Auguste. (durch die Tür) . Ah! Emma. Wie? Noch einen? Woldsen. (verlegen) . Ja! Ja!   Noch einen, gnädiges Fräulein,   da könnte es doch vielleicht     vielleicht der andere sein!   (beiseite, schnell.) O diese Kammerkatze!   Auguste. (durch die Tür, schnell) . Danke! Emma. Zwei Ringe? Denn wird es sicherlich der andere sein!   Dr. Grosse. (schnell) . Gar keine Frage! Woldsen. (verlegen) . Ja,   hoffentlich!   (Beiseite.) Gott geb' es!   (Zu Emma und Dr. Grosse.) Es klingt zwar etwas sonderbar;   aber den kann ich faktisch auch nirgends anderswo verloren haben als da bei der Bank unter der Linde,     dort   sitz' ich nämlich so oft,   es   es ist mein Lieblingsplatz!     Auguste. (durch die Tür, schnell) . Der Windbeutel! Woldsen. (verlegen) . Aber nun der Ring   und der     der   hatte einen gelben Stein! Auguste. (durch die Tür, erstaunt, schnell) . Ah, was ist das?! Emma. (erfreut) . Einen gelben Stein!   Getroffen! Dr. Grosse. (schnell) . Na, seh'n Sie wohl?! Woldsen. (verlegen) . Und der Reifen,   der Reifen   freilich auch wie der andere dick und breit! Emma. (erfreut) . Das stimmt! Woldsen. (erfreut, schnell) . Stimmt, sagten Sie? Dr. Grosse. (schnell) . Kein Zweifel,   Ihr Ring!     Woldsen. (noch etwas verlegen) . Und so auf dem Reifen,   zu beiden Seiten des Steines   zwei kleine Rosen! Auguste. (durch die Tür, schnell) . Ha, was hör ich! Emma. (erfreut) . Ja, ja!   zwei kleine Rosen! Woldsen. (schnell) . Ja, Rosen!   (beiseite.) Gott sei gedankt! Auguste. (durch die Tür) . Der Spitzbube! (Ab) . Dr. Grosse. (schnell) . Na, hab' ich das nicht gleich gesagt? Emma. (aufstehend) . Aber nun darf ich Ihnen den Ring doch übergeben? (Geht nach der Tür des Nebenzimmers.) Dr. Grosse. (schnell) . Versteht sich! (Ihm die Hand gebend.) Na, Herr Referendar, ich gratuliere!   Emma. (die Tür ein wenig öffnend) . Auguste, bringe mir schnell mal den gefundenen Ring!   Er liegt im Nähkorb' auf meiner Kommode. Auguste. (hinter der Tür rufend) . Ja, Fräulein! Emma. (wieder zurückgehend, zu Woldsen) . Nur noch einen Augenblick, Herr Referendar. Es freut mich sehr, Ihnen den verlorenen Schatz wieder zurückgeben zu können! Dr. Grosse. Ja wirklich! mich auch, Herr Referendar!   Woldsen. Und mich nicht minder, gnädiges Fräulein!   Ich danke Ihnen herzlichst, und ich würde mich sehr glücklich schätzen, wenn Sie und Ihr Herr Vater es mir vergönnen wollten, dieses Haus so liebenswürdiger Nachbarn, in das mich heute der Zufall hineingeführt hat, auch später einmal wieder betreten zu dürfen!   Dr. Grosse. O, gewiß, sehr gern!   Sie werden stets willkommen sein! Woldsen. (zu Emma) . Und auch Ihnen, mein Fräulein? Emma. (etwas verschämt) . Mir wie meinem Papa!     Aber, Auguste bringt uns ja gar nicht den Ring! (Sie geht nach der Seitentür und ruft durch dieselbe.) Auguste, wo bleibst du denn mit dem Ring?   Elfte Szene. Vorige. Auguste. Auguste. (durch die Seitentür kommend, bei der Tür stehen bleibend) Ach, Fräulein!   Entschuldigen Fräulein, bitte!   Ich habe Malheur gehabt! Emma. Ah! Was denn! Auguste. Als ich den Ring aus dem Nähkorb' nahm, entfiel er mir,   und es wollte mir nicht gelingen, ihn so schnell wieder zu finden. Vielleicht ist er unter die Kommode gerollt! Emma. Ja, dann muß ich nur selbst den kleinen Deserteur wieder einfangen helfen. (Gegen Woldsen.) Entschuldigen Sie, Herr Referendar! Woldsen. O bitte! Emma. Nur einen Augenblick! (Ab mit Auguste durch die Seitentür.)   Zwölfte Szene. Dr. Grosse. Woldsen. Schümann. Schümann. (durch die Mitte kommend) . Drei Herren da draußen wünschen, den Herrn Doktor zu sprechen! Soll ich ihnen die Tür zeigen? Dr. Grosse. Aber Schümann, bist du denn verrückt geworden? Schümann. Verrückt?! O, ich habe meinen gesunden Menschenverstand!   Aber das beste würde es sein!   Es sind nämlich drei Heiratskandidaten! Dr. Grosse, Woldsen. (zugleich) . Was? Schümann. Ja, drei Heiratskandidaten! Dr. Grosse. Aber nun bin ich deiner Dummheiten doch endlich mal satt!   Ist denn heute der Teufel in dich gefahren?   Laß sie kommen! Schümann. Gut!   Der Herr Doktor werden ja sehen! (Die Mitteltür öffnend und nach außen rufend.) Denn man herein in die Stube!   Dreizehnte Szene. Schneckenberg. Timbke. Wüstenfeldt. Dr. Grosse. Woldsen. (Schneckenberg, Timbke und Wüstenfeldt kommen im gleichmäßigen Schritt, im Gänsemarsch in schräger, nach der linken Bühnenseite gehender, aber ganz gerader Richtung hereinmarschiert. Timbke voran, dann Schneckenberg und nach diesem Wüstenfeldt, jeder in einem seinem Stande und seiner Stellung entsprechenden höchsten Sonntagsstaat und in der Rechten ein großes Blumenbukett, in der Linken den Hut tragend. Ungefähr bis zur Hälfte der Bühnentiefe vorwärts gelangt, machen sie gleichmäßig Halt und darauf gleichmäßig eine Viertelwendung von rechts nach links herum, so daß sie mit ihren Gesichtern dem Dr. Grosse und Woldsen gegenüberstehen. Alsdann gleichmäßig a tempo einen tiefen Diener machend, haben sie militärisch möglichst grade stehend und Hut und Bukett haltend, sich, möglichst wenig zu rühren und zu bewegen, feierlich ernste Gesichter zu zeigen und während der Zeit ihres Dialogs mit Dr. Grosse stets diese Stellung und Haltung beizubehalten, wobei jedoch zu bemerken, daß diese Stellung auch nicht allzuweit nach links genommen werden darf, da die Tür links frei bleiben und Johanna und Auguste genügender freier Raum gelassen werden muß, damit diese, erstere von der Mitteltür und letztere von der Nähe der Seitentür aus, hinter dem Rücken der drei Heiratskandidaten durch Zeichen und Mienenspiel ungehindert miteinander korrespondieren können.) Dr. Grosse. Ah! Woldsen (zugleich) . (beiseite.) O weh! Der Blonde! Schneckenberg. (stets so schnell, wie nur möglich, sprechend.) Habe die Ehre!   Mein Name Schneckenberg!   Dr. Grosse. Und Sie wünschen? Schneckenberg. (sehr schnell) . Ja, seh'n Sie!   doch gestatten Herr Doktor zuvor,   bin commis voyageur . Dr. Grosse. Also Reise-Onkel! Schneckenberg. (wie vorher) . Reise-Onkel, ja! commis voyageur !   Mache in Kämmen, Bürsten, Wichsen, Seifen und Ölen, nebenbei auch in Lotterielosen und Heiratsgeschäften!   Dr. Grosse. Also da wollen Sie mir wohl eine Bürste oder Seife und Wichse, oder gar ein Lotterielos verkaufen? (Auf Timbke und Wüstenfeldt zeigend.) Aber diese da! Schneckenberg. (wie vorher) . Ja, diese da!   O nicht doch! Nichts verkaufen! (Woldsen fixierend.) Aber wenn der Herr Doktor nur gestatten wollten,   eine kurze Unterredung unter vier Augen! Woldsen. (beiseite, schnell) . Mir wird sehr schwül! Dr. Grosse. Ist durchaus überflüssig!   Sprechen Sie nur, (auf Woldsen zeigend) dieser Herr geniert uns durchaus nicht! Timbke. (zu Schneckenberg) . Gehört ja auch zur Familie! Woldsen. (beiseite) . O weh! Schneckenberg. (wie vorher) . Dann bin ich so frei!   Komme in einer diskreten Sache. Der Herr Doktor werden meine stehende Annonce in der Zeitung wohl gelesen haben!     Dr. Grosse. Welche Annonce? Schneckenberg. (wie vorher) . Na, die von dem wohlsituierten Herrn, der auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege   Dr. Grosse. Ah, so! Ich erinnere!   Ja! Die Heiratsannonce! Schneckenberg. (wie vorher) . Ja, die!   fühl' mich unendlich glücklich, heut' erfahren zu haben, daß hier zwei Reflektantinnen     Woldsen. (schnell, beiseite). Himmel! Dr. Grosse. Zwei?!   Was sagen Sie?! Schneckenberg. (wie vorhin) . Zu dienen, Herr Doktor!   Zwei Reflektantinnen!   des Herrn Doktor Fräulein Tochter und die Zofe! Woldsen. (schnell, beiseite) . O Gott! was hör ich! Dr. Grosse. (zu Schneckenberg) . Hören Sie mal, lieber Freund, Sie interessieren mich! Schneckenberg. (sich geschmeichelt fühlend) . Ah! Ah! Dr. Grosse. Die Sache macht mir Spaß! wirklich, außerordentlichen Spaß! Nur weiter! Schneckenberg. (selbstgefällig und geschwätzig, wie vorhin) . O, bitte, bitte! Sehr schmeichelhaft! Hab' auch schon viele glücklich gemacht. Auch mit des Herrn Doktors Köchin gesprochen! Und diese und die Auguste und (auf Timbke und Wüstenfeldt zeigend) diese da! (Timbke und Wüstenfeldt verbeugen sich.) Und des Herrn Doktor Fräulein Tochter,   wenn ihr der wohlsituierte Herr jener Annonce, o, ich würde es als das höchste Glück meines Lebens     Woldsen. Unerhört! Dr. Grosse (zugleich entrüstet) . Herr, was entblöden Sie sich! Schneckenberg. (schnell und geschwätzig) . Entblöden? Wenn der Herr Doktor nur beliebten    . O, bitte!   bitte! Durchaus nicht im geringsten!   Vierzehnte Szene. Vorige. Emma. Auguste. Johanna. (Emma und Auguste aus dem Nebenzimmer tretend. Emma voran mit dem Ring in der Hand. Beide höchst erstaunt, fast erschrocken bei dem Anblick jener drei Herren. Emma läßt in der Bestürzung den Ring fallen, der Timbke vor die Füße rollt und von diesem schnell aufgehoben wird. Während dieser Szene guckt Johanna einige Male durch die Spalte der Mitteltür, und winkt abwechselnd nach Auguste hinüber, worauf diese ihr wieder zuwinkt, zum Zeichen, daß sie verstanden habe; darauf Johanna ab. Woldsen hat von da an, wo seine Entlarvung beginnt, vor Angst und Verzweiflung etwas weiter zurückzutreten nach der Nähe des vordersten Fensters hin, woselbst er in seiner verzweifelten Lage fortgesetzt ein stummes Spiel in Mienen, Gebärden und Bewegungen zu machen hat.) Emma. (gleich beim Eintreten) . Himmel! (Ihr entfällt der Ring.) Auguste. Ha, Fräulein! Timbke. (bückt sich schnell und hebt den Ring auf) . Was seh' ich? Mein Ring! Dr. Grosse, Emma, Auguste. (zugleich). Ihr Ring?! Woldsen. (beiseite, schnell) . O, Schicksal! Dr. Grosse. Da sind Sie doch sehr im Irrtum! Emma. (schnell) . Ja, Papa! Timbke. (schnell) . O, ich kenne doch meinen Ring! (Zu Emma gehend.) Wenn Sie gütig erlauben, sehn Sie nur, als besonderes Zeichen   Woldsen. (beiseite, schnell ). Besonderes Zeichen! Ich bin verloren! Timbke. (schnell) . Zwei kleine Rosen zu beiden Seiten auf dem Reifen. Dr. Grosse. (schnell) . Unmöglich. Emma. (schnell) . Ja, Papa! Timbke. (schnell, eine Lupe aus der Westentasche ziehend) . Und wenn der Herr Doktor nur die Güte haben wollen, hier durchzusehen! Da steht ja auch noch ein ganz besonderes Zeichen! Woldsen. (beiseite, schnell) . Ganz besonderes Zeichen? Keine Rettung mehr! Timbke. (schnell) . Sehen der Herr Doktor nur! Dr. Grosse. (besieht den Ring durch die Lupe) . Timbke. (fortfahrend, schnell) . Gottlieb Timbke, mein Name! Dr. Grosse. (schnell) . Ja freilich, Gottlieb Timbke! Timbke. (schnell) . Ich bin ja auch schon einmal wegen meines Ringes hier gewesen. (Auf Woldsen zeigend.) Der Herr Sohn des Herrn Doktor ist mein Zeuge. Woldsen. (schnell, beiseite) . Nun ist's aus mit mir! Dr. Grosse. (schnell, verwundert) . Mein Sohn?! Emma. (schnell beiseite) . Der Arme! Auguste. (schnell, ebenso). Ja, der Arme! Timbke. (schnell) . Wenn Sie erlauben, ja! (Auf Woldsen zeigend.) Der Herr da hat es mir vorhin doch selber gesagt, als ich ihm den Ring beschrieb, daß er der Sohn des Herrn Doktor   Woldsen. (schnell beiseite) . Ich sterbe! Dr. Grosse. (zu Woldsen) . Ja, Herr Referendar, hier bedarf noch, wie Sie sehen, verschiedenes der Aufklärung, und Sie allein können sie uns geben. Emma. Aber, Papa! Dr. Grosse. Bitte, sprechen Sie! Emma. (beiseite, schnell) . Der Arme! Auguste. (ebenso) . Ja, Fräulein! Woldsen. (nach sichtlichem Ringen und innerm Kampfe) . Nun wohl,   ich spreche!   Aber gestatten Sie mir, nur zu Ihnen und zu Ihrer Fräulein Tochter. Dr. Grosse. (zu Schneckenberg mit entsprechender Handbewegung) . Entfernen Sie sich! Schneckenberg. (schnell und geschwätzig) . O, bitte! bitte! Geniert durchaus nicht! Um dergleichen kleine Erörterungen kümmern wir uns nicht! (Zu Woldsen.) Sprechen Sie nur, wir hören nichts. Dr. Grosse. Aber ich sage: Entfernen Sie sich! Sie hören doch, daß wir es wünschen! Schneckenberg. Nun ja! Ja wohl!   Wenn der Herr Doktor es wünschen, dann entfernen wir uns! Jene drei gehen in derselben Weise wieder ab, wie sie eingetreten sind. Sie machen gleichzeitig vor Dr. Grosse eine tiefe Verbeugung, darauf gleichzeitig eine Viertelwendung von links nach rechts, so daß sie mit den Gesichtern gegen die Mitteltür stehen, und marschieren alsdann, gleichzeitig antretend, im Gänsemarsch ab. Dr. Grosse. (zu Auguste) . Und auch du, Auguste! Auguste. Johanna hat gewunken! Um so lieber! (Gleichfalls ab durch die Mitte.) Dr. Grosse. Bitte, sprechen Sie! Emma. (beiseite dazwischen redend) . Er dauert mich! Dr. Grosse. (zu Woldsen) . Wir sind allein! Woldsen. (ohne sich von Emma unterbrechen zu lassen) . Nun, dann spreche ich, reuig und zerknirscht! aber nicht ohne Hoffnung auf Ihre gütige Verzeihung!   Ja, es ist wahr! Der Ring gehört nicht mir! Emma. (gleichzeitig während Woldsen spricht) . O Gott! Woldsen. Sondern jenem, der sich als rechtmäßigen Eigentümer auch schon zweifellos legitimiert hat! Und ja, es ist wahr! Ich habe den entsetzlichen Leichtsinn begangen, mich jenem Herrn gegenüber einmal für Ihren Sohn auszugeben. Dr. Grosse. Aber, Herr Referendar! Emma. O halten Sie inne, mein Herr! Woldsen. Nein, gnädiges Fräulein! Das ist mir in diesem Augenblick ja ganz unmöglich! (Er wirft sich Emma zu Füßen.) Fräulein Emma! Nur um Ihretwillen habe ich diese Sünde begangen!   um mit Ihnen und Ihrem Herrn Vater bekannt zu werden!   um Zutritt in Ihr Haus zu erlangen! Fräulein Emma, und nur aus Liebe zu Ihnen!   Und bei Gott, diesmal spreche ich keine Lüge, sondern die lauterste Wahrheit! Verzeihen Sie mir! (Er erfaßt ihre Hand.) Und auch Sie, Herr Doktor, verzeihen Sie dem reuigen Sünder!   Emma. O Gott! Woldsen. Können Sie mir verzeihen? Dr. Grosse. Ah! so steh'n die Sachen?! Ja, das ist freilich eine ganz unerwartete Lösung! (Zu Emma.) Nun, mein Kind?! Emma. (verlegen und verschämt) . Ich   verzeihe Ihnen! Woldsen. (freudig aufspringend und laut) . Emma!   Fräulein Emma!     Und Sie stoßen mich nicht zurück?! Emma. (mit freudiger Hast und Angst) . Papa! Woldsen. (wie bittend) . Herr Doktor! Dr. Grosse. Ja, so! Ihr fragt mich!   Nun, in Gottes Namen!   Woldsen. Emma! Emma (zugleich). Woldsen! (Beide umarmen sich.)   Fünfzehnte Szene. Vorige. Schümann. Schümann. (durch die Mitte stürzend, hastig und aufgeregt) . Herr Doktor! Herr Doktor! (Nach Woldsen und Emma sehend.) Ah! Ah! Was seh ich?! Dr. Grosse. Nun, Schümann, was willst du? Schümann. Es ist was passiert! was passiert da draußen! Der Herr Doktor werden sich wundern! Dr. Grosse. Wundern?! Ich wundere mich schon jetzt über garnichts mehr. Schümann. Ich auch nicht! Dr. Grosse. Was hast du denn? Schümann. Dieser Heiratsvermittler, der Kerl!   Dieser Schni   Schna   Schneckenberg, der! Ah! Ah! Ah! Dr. Grosse. Was will der Mensch denn noch? Schümann. Er will wieder eintreten. Ah! O! O! Dr. Grosse. Laß ihn kommen! Schümann. (die Mitteltür öffnend) . Denn man wieder herein in die Stube!   Sechzehnte Szene. Schneckenberg. Timbke. Wüstenfeldt. Emma. Auguste. Johanna. Dr. Grosse. Schümann. Woldsen (Alle Eintretenden durch die Mitteltür kommend. Voran Schneckenberg, noch immer wie auf Freiers Füßen, das große Bukett in der Hand, nach ihm Timbke mit Auguste und Wüstenfeldt mit Johanna am Arm, eine jede das Bukett ihres Herrn tragend. Schneckenberg tritt nach seinem Eintreten ein wenig aus der Reihe, läßt Timbke mit Auguste vorbei gehen und nimmt dann wieder seine Stellung in der Mitte zwischen den beiden Paaren ein. Wüstenfeldt und Johanna stehen nach der Eingangstür hin, bei der Schümann stets in respektvoller Entfernung von Wüstenfeldt stehen bleibt, nach dessen Drohungen gegen ihn er sich jedesmal durch die Tür oder nur etwas nach hinten zurückzieht, dann aber gleich seine vorige Stellung wieder einnimmt. Die Stellungen der verschiedenen Personen sind wie zu Anfang dieser Szene, ähnlich wie bei Szene 13. Die beiden Paare nebst Schneckenberg stehen in derselben schrägen Richtung, wie und wo die drei Heiratskandidaten früher gestanden haben. Dr. Grosse hat gleichfalls dieselbe oder eine ähnliche Stellung wie in Szene 13. Emma steht an Woldsens Seite vor, neben oder hinter dem Tisch.) Emma, Woldsen, Dr. Grosse. (zugleich) . Ha! Ha! Ha! Emma. Himmel, was seh' ich! Dr. Grosse. Ist mein Haus denn ein Heiratsbureau geworden!? Schneckenberg. Zu dienen! Wie der Herr Doktor und Fräulein Tochter ja selber sehen! Schümann. Na! Was hab' ich gesagt! (Wüstenfeldt rasch sich etwas wendend und nach ihm hinsehend. Schümann retiriert schnell hinaus, kommt aber gleich wieder.) Emma. Aber du, Johanna?! Dr. Grosse. In deinen Jahren?! Schneckenberg. (selbstgefällig) . Mein Werk! Wüstenfeldt. Sie ist meine Verlobte! Und Herr Schneckenberg sagt, sie ist erst dreißig! Johanna. Ach, sein der Herr Doktor und Fräulein mir nur nicht böse! Der Herr da (auf Schneckenberg zeigend) hat mich dazu überredet, erst soeben in der Küche! Ich komme mir vor wie eine Überrumpelte! So mit einem Male in den Brautstand! Mir kommen die Tränen in die Augen! (Weint, hält die Schürze vor die Augen.) Wüstenfeldt. (auffahrend) . Na, nu lat doch dat Hul'n na! (Johanna erschrocken zusammenfahrend, läßt die Schürze wieder los.) Schümann. (schadenfroh die Hände reibend) . Aha! Die kriegt schon ihren Lohn! Wüstenfeldt. (auffahrend gegen Schümann) . Büst du ock all wedder dar? (Spiel wie vorher. Schümann schnell retirierend und gleich wieder zur Stelle.) Emma. (zu Auguste) . Und auch du, Auguste?   Dr. Grosse. Ja, wer hätte das gedacht! Schneckenberg. (selbstgefällig) . Wiederum mein Werk! Auguste. Ach, Herr Doktor! Fräulein Emma! Es erging mir wie Johanna!   Noch soeben die ahnungslose Jungfrau   und nun (sich zärtlich an Timbke schmiegend.) im Sturm und Wogendrang von dir erobert! (Timbke setzt, um die linke Hand frei zu bekommen, seinen Hut, den er darin hält, Auguste auf den Kopf, zieht sich schnell den Ring vom Finger und steckt ihn auf Augustens Finger und nimmt darauf seinen Hut wieder von ihrem Kopfe.) Auguste. (zeigt Emma den Finger) . Fräulein! Fräulein! nun gehört er mir! Emma. (glückselig zu Woldsen) . Verhängnisvoller Ring!   Im Sturm und Wogendrang! Dr. Grosse. Aber wie ist das alles denn so schnell gekommen?   Schneckenberg. (schnell, selbstgefällig und geschwätzig) . Wie der Herr Doktor und dero Fräulein Tochter schon geruhten zu vernehmen, durch mich!   Ich hatte die beiden zufällig auf Lager!   Emma, Woldsen, Dr. Grosse. (zugleich, erstaunt) . Auf Lager?! Schneckenberg. (wie vorher, schnell) . Sie hatten sich erst soeben bei mir auf meine Annonce gemeldet!   Dr. Grosse. Auf Ihre Annonce von dem wohlsituierten Herrn? Ha! Ha! Ha! Schneckenberg. (wie vorher, schnell) . Nein, erlauben Herr Doktor, auf die andere von der jungen Dame! Emma, Auguste, Johanna. (zugleich) . O Gott! Dr. Grosse. Denn ist die auch von Ihnen? Schneckenberg. (wie vorher, schnell, selbstgefällig) . Zu dienen ja! Operierte diesmal mit zwei Annoncen! Einer Herren- für die Damen und einer Damen- für die Herren! Na, und dann reflektiert man so von beiden Seiten, und die Partie wird gemacht! Schümann. O! O! Was für'n Mensch ist das? Wüstenfeldt. (mit der Faust drohend) . Ja, töf!   ich will di! Schümann. (wieder schnell durch die Tür retirierend und gleich wieder da.) Dr. Grosse. (zu Schneckenberg) . Sie sind ja ein wahrer Menschenbeglücker! Schneckenberg. (wie vorher, schnell) . Menschenbeglücker! Beglücke andere und habe doch selber nichts dabei!   Wüstenfeldt. Oho! nichts? Von mir haben Sie doch schon zwanzig Mark gekriegt. Timbke. (schnell) . Und von mir dreißig. Wüstenfeldt. (zu Johanna) . Ja, twintig Mark kost du mi! Schneckenberg. (sentimental geschwätzig) . Ach Geld! Was ist Geld! Chimäre! Nur im Herzen wohnt das reine Glück!   (Zu Emma.) Fräulein Emma, wenn ich die Annahme dieser Blumen als ein günstiges Zeichen für mich   Woldsen, Dr. Grosse. (zugleich) . Herr!   Emma. (lachend und sich an Woldsen lehnend, der den Arm um sie legt) . Ha! Ha! Ha! Aber sehen Sie denn nicht? Ich bin ja schon verlobt!   Sie sind zu spät gekommen. Schneckenberg. (den Arm mit dem Bukett sinken lassend, resigniert, traurig) . Verlobt?! zu spät gekommen?! Schümann. Na, Sie schwindsüchtiger Reiseonkel in Fett und Ölen!     Wüstenfeldt. Wullt du mal! Schümann. (retiriert ein wenig, kommt aber sofort wieder vor und spricht gegen Schneckenberg gewendet) . Nun reisen Sie nur nach Berlin und lassen Sie sich was einspritzen gegen die Heiratsbazillen!   Schneckenberg. Nun auch noch der Hohn!   Einspritzen!   Heiratsbazillen!   Schümann. Ja, gerade Heiratsbazillen!   (zu Dr. Grosse) . Na, Herr Doktor, wer hat nun Recht?! Dr. Grosse. Du!   und das alles von der kleinen Annonce. Alle. (außer Schneckenberg) . Ein goldener Ring ist gefunden! (Der Vorhang fällt)