Ernst Wichert Der Bürgermeister von Thorn Tileman vom Wege Historischer Roman Seinem alten lieben Freunde Dr. Rudolf Reicke, Königl. Bibliothekar in Königsberg, Ostpreußen, in Dankbarkeit zugeeignet. Erster Band Erstes Kapitel Am Sterbebett des Hochmeisters In der Marienburg, dem Haupthause des Deutschen Ordens in Preußen, lag im Oktober des Jahres 1449 der ehrwürdige Hochmeister Herr Konrad v. Erlichshausen zum Tode krank. Er hatte schon bei Beginn der Krankheit, die rasch einen schlimmen Verlauf zu nehmen drohte, seine fürstliche Wohnung im Mittelschloß verlassen und die einfacheren, aber wohnlicheren Räume bezogen, die im alten Hochschloß, dem mächtigen Mauerviereck daneben, für die Landmeister des Deutschen Ordens hergerichtet waren, bevor zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts der Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen seine Residenz von Venedig an die Nogat verlegte und die Marienburg diesem Zweck entsprechend ausbauen ließ. Er hatte hier auch die Kirche in der Nähe, die der fromme Mann ungern versäumte, solange es ihm noch möglich war, sie auf einem Tragsessel zu erreichen. Jetzt freilich sah er sich schon seit Wochen an sein Schmerzenslager gefesselt. Es waren nur zwei kleine zellenartige Räume, auf die der Meister sich beschränkt hatte. Wenn auch die Ordensregel ihn nicht hinderte, sich jede seinem fürstlichen Stande angemessene Bequemlichkeit zu gestatten, so liebte er es doch, sich der alten Rittersitte treu zu beweisen und den Brüdern, die zu Abweichungen aller Art nur zu geneigt waren, ein gutes Beispiel von Einfachheit und Mäßigkeit zu geben. Nur schwer und auf dringenden Wunsch der Ärzte hatte er sich entschließen können, ein Federbett anzunehmen und eine wärmere Decke als seinen weißen Mantel über sich breiten zu lassen. Das Holzgestell, auf dem er lag, unterschied sich nur wenig von der Lagerstätte der Konventsbrüder. Die Wände des Schlafzimmers waren aber mit Teppichen behängt und die Steinfliesen mit Matten belegt. Ein Bettschirm von Leder hielt den Zugwind gegen die Tür hin ab, und das hoch angebrachte Fenster in der dicken Mauer war durch einen mit geöltem Pergament überzogenen Rahmen geschlossen, der zwar selbst bei hellem Tage nur spärliches und dämmeriges Licht einließ, aber doch Kälte und Nässe abhielt, über dem Fußende des Bettes hing ein Kruzifix, die treffliche Holzschnitzerei eines deutschen Künstlers, der seine Werkstube in Nürnberg hatte. Auf der Decke lag ein Rosenkranz von großen Bernsteinperlen, ein Geschenk des Paternoster-Gewerks in Danzig. Ein in der Fensternische stehender Lehnsessel von reicher Schnitzarbeit und weich gepolstert, aus den Prunkgemächern des Mittelbaues hierhergebracht, wurde nur noch benutzt, wenn der Kranke umgebettet werden mußte. Ein paar einfache Stühle und Schemel waren für Besuchende bestimmt. Auf einem kleinen Tisch am Kopfende des Bettes hatten Flaschen und Büchsen mit Medikamenten neben einer Lampe und einem Weinkrug Platz. Auch wurde dorthin das Brett mit den Speisen aus der Hospitalküche gestellt, die jedoch der Kranke meist unberührt wieder abtragen ließ. Eine Glocke stand ihm nahe zur Hand. Das edelgeformte, von einem weißen Bart eingefaßte Gesicht des Hochmeisters war wachsbleich, die Wange hohl, der Mund eingefallen. Auf der hohen Stirn stand der Fieberschweiß. Von Zeit zu Zeit entrang sich den bläulichen Lippen ein ächzender Laut, schloß sich während eines Schmerzanfalls das große überklare Auge. Neben ihm saß der Bischof Franz von Ermland, allezeit ein treuer Anhänger des Ordens und des Meisters geschätzter Ratgeber. Er war schon vor mehreren Tagen von seiner Residenz Heilsberg nach der Marienburg gekommen, um dem Freunde in seiner letzten Not beizustehen, wohl auch sich zu versichern, daß dessen Schwäche nicht von den Ordensgebietigern zum Schaden der Politik ausgebeutet würde, die der hohe Herr während seiner nun neunjährigen Regierungszeit zur Festigung der Ordensmacht so wirksam befolgt hatte. Wußte er doch, daß unter den Brüdern selbst Parteiungen bestanden, die nur das Ansehen des strengen und gerechten Herrn hatte in gemessene Schranken zwingen können. Er hielt des Meisters hagere, brennend heiße Hand gefaßt und sprach ihm, über das Bett gebeugt, geistlichen Trost zu. Konrad hörte ihn wohl geduldig an, schüttelte aber sanft das Haupt. »Glaubt mir, ehrwürdiger Bruder«, sagte er mit matter Stimme, »Gott hat es so beschlossen, daß es mit seinem Knecht zu Ende gehen soll.« »Hat er es in seiner Weisheit beschlossen, so nützt freilich unser Einreden nichts«, antwortete der Bischof. »Aber wir bitten doch, es möge sein Wille nicht sein, Euch schon so früh von Eurem Werk abzuberufen. Euch ist gelungen, was nach menschlicher Einsicht vor zehn Jahren noch schier unmöglich schien. Wie war unter Eures Vorgängers traurigem Regiment der Orden zerrüttet, daß kaum noch seine Teile notdürftig zusammenhielten und das ganze stolze Gebäude beim nächsten Stoß auseinanderzufallen drohte! Welche Demütigungen hatte sich Paul von Rußdorf von dem übermütigen Polen und von den eigenen fast noch übermütigeren Untertanen gefallen lassen müssen! Und doch will ich ihn nicht den Verderber nennen, wennschon ich seine Schwäche oft genug beklagt habe. Er überkam schon eine verschuldete Erbschaft. Die Tannenberger Schlacht hätte der Orden nie verlieren dürfen: damals war er Polen auch nach dessen Vereinigung mit Litauen wohl noch gewachsen. Verlor er sie aber durch unsichere Führung und arge Verräterei, so mußte er sich durch sich selbst wiederaufrichten, nicht aber auf die Schultern derer stützen, die schon gewankt hatten. Ich will Heinrich von Plauen einen Helden nennen, weil er mit einer Handvoll Kriegern die Marienburg gegen das siegreiche Polenheer verteidigte und es zum Abzug nötigte; aber daß er nicht mit Gewalt durchgriff, als Ritter, Knechte und Städte die Geldnot des Ordens ausbeuteten, sich in das Regiment zu drängen, sondern ihnen den Landesrat zusagte und ihrer etliche zu sich berief, die doch des Ordens Gegner waren – das verzeih' ich ihm nicht. Denn da liegt der Grund aller Zwietracht im Orden und im Lande. Aus dem Teufelsei, das damals wohl mit dem Schwert hätte zerschlagen werden können, kroch ein Drache aus, der in einem knappen Menschenalter riesig anwuchs und zuletzt seinen giftgeschwollenen Schuppenleib über das ganze Land hinstreckte, daß kaum noch der Orden in seinen festen Schlössern gesichert schien. Es fehlte wenig, daß er ihn verschlungen hätte. Da sandte Gott ihm Rettung in Euch, ehrwürdiger Meister. Eurer Klugheit und Tapferkeit gelang es, das Ungetüm zu bändigen und den Orden wieder zum Herrn einzusetzen, so daß nun auch der mächtige Nachbar einen neuen Angriff nicht wagt. Euch danken wir den Frieden, in dem das Land wieder aufblüht wie zu Herrn Winrich von Kniprodes Zeiten. Gott wolle uns durch Euch in diesem glücklichen Zustand noch lange erhalten!« Konrads Augen leuchteten heller auf, die Lippen bewegten sich zitternd. »Ich müßte kein schwacher Mensch sein«, sagte er, »wenn ich's nicht gern hören sollte, daß Ihr mein Tagwerk lobt. Gott hat ihm seinen Segen gegeben, und dafür will ich ihn preisen bis zu meinem letzten Atemzuge. Er hat mich mit seiner starken Hand geleitet, daß ich zwischen Abgründen und reißenden Strömen sicheren Fußes wandelte, Gerechtigkeit zu üben, zu lohnen und zu strafen, zum Kriege zu rüsten und den Frieden zu bewahren. Ihm sei die Ehre!« »Ihm sei die Ehre«, wiederholte der Bischof und schlug mit der Hand ein Kreuz zur Bekräftigung. »Hat er's aber mit dem Orden so gut und treu gemeint, indem er das Generalkapitel auf Eure Wahl lenkte, warum sollen wir vor der Zeit die Hoffnung aufgeben, daß er sich ein solches Werkzeug seines erhabenen Willens erhalten werde. Darum spreche ich Euch Mut zu, daß Ihr Euch selbst nicht fallen lasset, da Gott Euch möchte wieder zu Kräften bringen. Viel Gutes habt Ihr gewirkt, aber vergesset nicht, daß noch viel zu tun bleibt. Der Bund, den Land und Städte frevelhaft unter Paul von Rußdorf aufgerichtet haben, ist unter Eurer kräftigen und gerechten Regierung gar kleinlaut geworden, daß man außen meinen könnte, er sei gänzlich hingesiecht und nicht einmal mehr ein Schatten von ihm zu spüren. Aber das ist Täuschung. Er ist wie ein böses Raubtier, dem lange die Nahrung gefehlt hat, in eine Höhle gekrochen, sich dort zu verbergen, damit man ihm nicht in seiner Kraftlosigkeit den Garaus mache; aber die natürliche Gier und boshafte Tücke sind deshalb nicht geschwunden, lauern vielmehr nur auf die Gelegenheit, sich aus dem Hinterhalt der Beute zu versichern. Der Bund ist zum Schweigen gebracht, aber nicht abgetan.« »Ihr wisset am besten, wie ich bemüht gewesen bin, ihn zur Auflösung zu bestimmen«, entgegnete der Meister. »Vergeblich! Meine Vorstellungen und Bitten fruchteten nichts. Hätt' ich zu gewaltsamen Mitteln gegriffen, wie die Heißsporne im Orden immer rieten, so hätt' ich ihn nur von neuem gefestigt und zum Kampf aufgeregt. Bessere Wirkung versprach ich mir von einem gerechten Regiment, das ihn sich selbst unnützlich machte. Danach hab' ich gehandelt.« »Und Ihr habt wohl daran getan«, bemerkte Franziskus geschmeidig, seine Hand leise drückend. »Wie Ihr die Dinge fandet, waren sie mit einem kräftigen Stoß nicht sogleich umzuwerfen. Ihr mußtet erst den Orden wieder zu Ansehen bringen draußen und drinnen. Eures Vorgängers Nachgiebigkeit gegen das bündlerische Gelüste billig Rechnung tragen, die begründeten Beschwerden abstellen. Und es könnte wohl sein, daß das wilde Tier, von dem ich gesprochen, mit der Zeit an gänzlicher Entkräftung verenden müßte, wenn man's aus seinem Versteck nicht herausließe. Ihr könntet das vielleicht erzwingen, wenn Ihr ein hohes Alter erreichtet, denn man hat nun schon gutes Vertrauen zu Euch. Ein anderer nicht. Ich vermute aber auch, daß es nicht Euer Wille war, die Dinge so gehen zu lassen, sondern daß Ihr im rechten Augenblick als der Herr zu befehlen gedachtet, die Siegel sollen vom Bundesbrief abgerissen und das Pergament vernichtet werden. Das schuldet Ihr Eurem Nachfolger, Meister Konrad. Und Ihr seid der Mann, ein solches Machtwort zu sprechen. Man wird ihm gehorsamen, da man Euch hoch in Ehren hält und nichts gegen Euch wagt. Ihr seid der Mann! Und in wenigen Jahren könntet Ihr's schaffen. Darum möchte ich Euch nicht verzagt auf dem Krankenbett sehen. Ihr könnt jetzt nicht von uns scheiden – die Welt braucht Euch noch.« Der Hochmeister bewegte langsam schüttelnd das schwere Haupt. »Fragt die gelehrten Doktoren«, sagte er, »ihre Kunst wird lahm und fristet mir nur noch einige Tage hin, oder wenn's hoch kommt, Wochen. Gern hätt' ich, was ich begonnen, auch zum Abschluß gebracht. Aber das Steuer entsinkt meiner Hand – sorgt, daß eine andere es erfasse und kundig das Schiff durch die Brandung lenke.« Er schloß die Augen und stöhnte leise mit halb geöffnetem Mund, denn die Schmerzen hatten ihn wieder erfaßt. Der Bischof verhielt sich eine Weile schweigend. Er betete auch nicht im stillen, sondern sann offenbar auf etwas, wie die Spannung der Augenbrauen bewies. »Es ist mit der Gelehrsamkeit der Ärzte schwach genug bestellt«, äußerte er dann, wie mit sich selbst sprechend. »Sie üben ihre Kunst, wie sie dieselbe aus Büchern erlernen, in denen doch nur sorgsam alle Irrtümer vermerkt sind, die ihre Professoren über ihr eigenes Wissen täuschten. Sie wenden an, was vor ihnen angewendet wurde; ob es aber nützt, beachten sie wenig. Denn sie kennen den Sitz der Krankheit nur sehr unvollkommen und experimentieren mit ihren Medikamenten, ob sie ihn vielleicht träfen. Wenigen ist ein sicherer Blick in die Geheimnisse der Natur gegeben, und diese wenigen haben ihre beste Kenntnis nicht von gelehrten Universitäten mitgebracht. Es gibt gar einfache Leute in Hirtenhäusern und Waldhütten ...« Er sah auf und mochte auf dem Gesicht des Kranken einige Verwunderung gelesen haben. »Ich will wahrlich nicht dem Aberglauben das Wort reden«, fuhr er deshalb in schnellerer Sprechweise fort, »ist doch niemand von jeher eifriger bemüht gewesen, ihn auszutilgen, als die Kirche, und sie hat zu solchem Zweck selbst strenge Maßregeln nicht gescheut. Besprechungen mit alten Zauberformeln, die ein Rest des Heidentums sind, halte ich gerade wie Ihr für Teufelswerk, das kein Christ gelten lassen sollte, auch wenn es augenblicklich heilende Kraft hätte. Denn die Seele verderben, um den Leib zu retten, ist ein frevelhaftes Beginnen. Aber ich rede nicht von Zauberern und Beschwörern, sondern von ungelehrten Leuten, die ihr Leben in Wald und Feld zubringen, in jedem Frühjahr die tausenderlei Kräuter aufsprießen sehen und ihrer Wirkungen auf Tiere und Menschen kundig sind. Unter ihnen sind einige, die mit besonderer Aufmerksamkeit die Natur betrachten und zu sagen wissen, in welchem Licht das eine und andere Kraut aus der Erde, dem Wasser und der Luft seine heilende Kraft aufnimmt, wann es gepflückt und wie es gebraucht werden muß. Solche Erkenntnis wird als ein Geheimnis gehütet und auf die Nachkommen vererbt. Das gemeine Volk glaubt da wohl an Wundertätigkeit; der einsichtige Priester aber verdammt nicht auf solchen Schein.« »Habt Ihr selbst solche Leute kennengelernt, ehrwürdiger Bruder?« fragte der Kranke lächelnd. »Ihr sprächet mir wohl sonst nicht von ihnen.« Der Bischof nickte. »Ich weiß von einer Frau –« »Einer Frau –?« unterbrach ihn der Meister augenscheinlich erschreckt und machte mit dem Finger eine kreuzende Bewegung. »Ihr braucht nicht an ein altes Weib oder eine Hexe zu denken«, beruhigte der Prälat. »Die Frau, von der ich spreche, ist in einem mittleren Alter und nicht häßlich, in ihrer Jugend vielleicht sehr schön gewesen – wenn ihre Tochter ihr gleicht, wie sie in ihren Jahren war. Sie lebt in dem großen Walde hinter Heilsberg gegen Bischofstein zu in einer einsamen Hütte, doch nicht zu weit entfernt von einigen Beutnerdörfern, die ihre besondere Kapelle haben. Der ganzen Umgegend und darüber hinaus im ganzen Ermland gilt sie als eine gar kluge Frau, die allerhand innere und äußere Krankheit zu heilen vermag. In derselben Hütte wohnte seit Menschengedenken die Witwe eines Holzschlägers, eine Preußin von Geburt, die Kräuter sammelte und heilkundig war. Sie hat die Frau mit ihrem Kinde bei sich aufgenommen und so gutes Vertrauen zu ihr gefaßt, daß sie ihr von allem ihren Wissen Kenntnis gab, ihr auch auf dem Totenbette ihre letzten Geheimnisse vertraute und ihren ganzen Vorrat von Kräutern und absonderlichen Mischungen vererbte, da sie ihre Klugheit und Geschicklichkeit erkannt hatte. Zu Frau Regina reisen nun nicht nur die Bauern meilenweit, sondern auch in die Städte ist ihr Ruf gedrungen, und vielen hat sie geholfen, wie mir glaubhaft berichtet ist. Selbst einige Domherren aus meinem Kapitel, denen die ärztliche Kunst keine Linderung ihrer schweren Gebresten schaffen konnte, haben sie aufgesucht und sind gebessert zurückgekehrt. Darum darf ich wohl so zu ihrem Lobe sprechen.« Der Hochmeister hatte aufmerksam zugehört. »So meint Ihr, daß auch ich sie in meinen Nöten zu Rate ziehe?« sagte er zögernd und doch von einiger Hoffnung belebt. »Das könnt' Euch sicher von keinem Schaden sein«, antwortete der Bischof, »vielleicht aber mit Gottes gnädigem Beistand Heil bringen. Doch wie soll das geschehen können? Die Waldfrau verläßt ihre Hütte nicht; sondern jeder, hoch und gering, der ihren Rat begehrt, muß sie dort aufsuchen.« »So kann mir nicht geholfen werden«, seufzte der Hochmeister. »Meines Leibes Schwäche ist so groß, daß ich nicht einmal mehr die wenigen Schritte vom Bett zum Lehnstuhl treten kann. Wie sollt' ich eine solche Reise über Land durchsetzen? Auch könnte es meiner Würde nicht schicklich sein, mich zu dem Weibe tragen zu lassen. Was aber ist der Grund dieser sonderbaren Bedingung?« »Es heißt, Frau Regina habe ein Gelübde getan, ihr Waldhaus nicht zu verlassen.« »Ihr habt die Macht, davon zu dispensieren, Bruder Franz.« »Allerdings. Und ich tät's in diesem Falle gern Euch zuliebe und dem ganzen Ordensland zum Segen. Aber ich zweifle, daß sie den Dispens annimmt, denn sie soll von eigensinniger Art und leicht argwöhnisch sein. Doch will ich das Schreiben aufsetzen und besiegeln, es nütze nun oder nicht. Durch wen aber senden wir es ab? Es wäre nicht gut, wenn hier im Hause darüber hin und her gesprochen würde, bevor der Erfolg sicher.« »Sucht einen Boten in der Stadt«, flüsterte der Kranke. »Ich habe dort treue Anhänger, auf deren Sorgsamkeit und Verschwiegenheit ich mich verlassen kann.« Bischof Franz erhob sich. »Und den treuesten kenne ich«, sagte er. »Ich will sehen, was ich für Euch ausrichte. Nun seid guten Mutes. Ich bleibe indessen in Eurer Nähe. Braucht Ihr meinen Dienst in geistlichen oder weltlichen Dingen, so schickt nach mir.« Der Meister hielt seine Hand fest. »Ihr erbietet Euch so freundlich... Wohl denn! Ich lege Euch sogleich eine Bitte vor, Ihr nanntet vorhin das Besorglichste, womit die Zukunft droht: den Bund der Lande und Städte. Ruhig könnt' ich zum Herrn eingehen, wenn er aufgelöst wäre. Vielleicht gelingt es der Mahnung eines Sterbenden, die Führer zum Verzicht zu bewegen. Ich will Mühe und Verdruß nicht scheuen, kann ich dazu etwas tun. Sagt an, wen haltet Ihr für den Obersten des Bundes, der stark genug wäre, die anderen Glieder zu seinem Willen zu vermögen, wenn er mir zustimmte?« Der Bischof schien sich nicht sogleich in des Meisters Meinung zu finden. Er zog die Achseln auf und stemmte die Unterlippe vor. »Wie möget Ihr glauben, einen von ihnen mit guten Worten zu überreden«, bemerkte er. »Sie haben allesamt harte Köpfe, das haben sie oft genug bewiesen, und geht da die Vernunft schwer ein. Das meiste Ansehen schreibt man gemeinhin den Baisen zu, weil sie aus alter landgesessener Familie, reich begütert, klug und vielerfahren sind, auch mancherlei wichtige Verbindung mit Polen und Böhmen haben. Aber Ihr wisset ja schon, wie vorsichtig sie zwischen dem Orden und dem Bunde hinschreiten, nicht da oder dort anzustoßen. Euer geschworener Rat, der alte Hans von Baisen, der übrigens an einem Fußleiden darniederliegt, hat Euch oft seine Vermittelung zugesagt, aber wenig ausgerichtet, sei es, daß es ihm nicht ernst war, sei es, daß man ihm im Bunde so weit nicht traute. Von seinem Bruder Gabriel erwarte ich mir noch geringeren Beistand; er ist ehrgeizig und verschlagen, wird seine Zeit abpassen und sich vorher nicht die Hände binden lassen wollen. Die Städte folgen nicht dem einen und nicht dem andern blindlings. Eher möchte ihnen noch Hans von Czegenberg etwas Unliebes sagen dürfen, der Eidechsenritter Haupt, ohne die sie nichts von Wichtigkeit beginnen können. Aber auch ihn hat man schon wiederholt beiseitegeschoben, wenn man ihn dem Orden freundlich gesinnt glaubte.« »Ich hab's ebenso bedacht«, sagte Konrad bekümmert. »Sie möchten viel versprechen, aber wenig halten. Deshalb hab' ich an einen andern gedacht.« Der geistliche Herr richtete sich aus und legte die Hand aufs spitze Kinn. »Es gibt nur einen einzigen«, ließ er sich nach kurzem Bedenken vernehmen, »der freilich schwer zu gewinnen sein möchte, aber durch die Kraft der Überzeugung wohl die Macht hätte, den Bund zu sprengen, da er das mächtige und reiche Thorn immer auf seiner Seite haben wird.« »Tileman vom Wege, der Bürgermeister Thorns«, ergänzte Konrad nickend. »Er ist der eifrigste Gegner des Ordens, die Seele des Bundes. Der Bund kann Thorn nicht missen, und Thorn hängt ihm unbedingt an.« »Und mit ihm wolltet Ihr verhandeln?« fragte der Bischof überrascht. »Ungern«, entgegnete der Meister, »denn er hat ein finsteres und schroffes Wesen, eine rauhe Art zu sprechen und zu verkehren. Ich halt' ihn aber auch für verläßlich, wenn er sein Wort gibt. Deshalb möcht' ich mich zu des Ordens und des Landes Bestem an ihn wenden – nicht in einem Brief, der mißbraucht werden könnte, sondern mündlich und unter vier Augen. Wollt Ihr mir also in diesem Werk beistehen, so schreibt ihm, daß er schleunigst zu seinem kranken Landesherrn komme, dessen letzten Willen zu vernehmen. Ich hoffe, er wird sich nicht weigern.« Er wischte sich mit einem Leinentüchlein die Schweißtropfen von der Stirn und sank dann matt in die Kissen zurück. Der Prälat hob segnend die Hände über ihm auf und verließ mit leisen Schritten das Gemach. In dem langen Korridor draußen gingen einige Deutschordensritter auf und ab, eifrig miteinander sprechend. Es waren die obersten Gebietiger des Ordens: der Großkomtur Heinrich von Richtenberg, der Marschall Kilian von Exdorf, der Spittler Heinrich Reuß von Plauen und der Trappier Wilhelm von Helfenstein. Sie hatten sich auf die Nachricht, daß die Krankheit des Hochmeisters eine besorgliche Wendung nehme, aus ihren Komtureien nach der Marienburg begeben, um sogleich die Geschäfte übernehmen zu können. Jeder fürchtete, daß der andere größeren Einfluß gewinnen und den kranken Meister nach seinem Sinn leiten könne. Deshalb ließen sie einander nicht aus den Augen. Die Wahl eines neuen Meisters hatte vielleicht noch nie so viel Schwierigkeiten geboten, denn von dem Mann hing es ab, welche Partei obenauf kommen sollte, und er mußte nicht nur in Preußen unter seinen Untergebenen eine sichere Stütze finden, sondern auch dem Deutschmeister des Ordens und dem Landmeister von Livland genehm sein, dabei dem König von Polen wenigstens nicht mißfallen, beim römischen Kaiser Vertrauen genießen und dem Heiligen Vater ein möglichst willkommener Sohn sein. Dazu gehörten Eigenschaften, die sich schwer in derselben Person zusammenfinden konnten. Einig mochten diese Mächte vielleicht nur in dem einen Wunsch sein, daß es dem neuen Oberhaupt des Ordens gelingen möchte, den Bund des Landadels und der Städte zu beseitigen, über die Mittel aber, wie dieser Dorn auszuziehen, zeigten sich wieder soviel Meinungen als Köpfe. Unter den Gebietigern war eigentlich nur einer, der ernstlich in Frage kommen konnte, wenn die persönliche Würdigkeit entschied: Heinrich Reuß von Plauen, der Spittler. Er gehörte einer angesehenen Familie an, die im Reich fürstliche Ehren genoß, erinnerte durch seinen Namen an den Verteidiger der Marienburg vor vierzig Jahren, hatte bereits die vollgültigsten Beweise seiner Klugheit und Tapferkeit gegeben und war mit Leib und Seele dem Orden zugetan. Man brauchte den hochgewachsenen, sicher schreitenden Mann mit dem hageren, scharfgeformten Gesicht nur anzusehen, um zu wissen, daß man einem geborenen Herrscher gegenüberstand. Er trug Haar und Bart kurz verschnitten; die Adlernase gab dem Gesicht einen kräftigen Ausdruck; das blaue Auge blickte so ruhig und so ehrlich, als hätte hinter dieser offenen Stirn nie ein ehrgeiziger Gedanke gelauert. Er schien eine schwere Zunge zu haben, da er nur wenig und das wenige nicht geläufig sprach; aber wer ihn sprechen hörte, wußte auch, daß er jedes Wort erst reiflich erwog, bevor er es durch die Zähne ließ, und daß man ihn daran halten konnte. Er schmeichelte niemand, ging aber auch den Schmeichlern aus dem Wege. Er handelte nach Grundsätzen; hatte er einmal seinen Standpunkt genommen, so ließ er sich durch keine Rücksicht abdrängen. Man mochte ihm das Amt nehmen, das seiner Stimme Gewicht gab; solange er es bekleidete, hielt er auf seine Würde. Die Ordensregel war ihm oberstes Gesetz; er gestattete sich selbst und denen, die unter seinem Befehl standen, keine Abweichung. Gerade dieser Strenge wegen war er aber bei einem großen Teil der Brüder unbeliebt, und selbst seine Mitgebietiger konnten sich mit dem Gedanken nicht befreunden, ihn an der Spitze des Ordens zu sehen. Sie wußten, daß er der Mann sei, die alte Ordnung in den Konventen herzustellen, für ein schlagfertiges Heer zu sorgen, jeden Angriff der Untertanen in die Verwaltung ernst zurückzuweisen, den verhaßten Bund zur Auflösung zu nötigen, aber sie zweifelten auch nicht, daß er zu diesen Zielen eine Anspannung aller Kräfte fordern würde, die weit hinaus den Verzicht auf jede Behaglichkeit des Daseins bedingen müßte. Man hatte bereits verlernt zu dienen, um zu herrschen. »Glaubt mir«, sagte Richtenberg, »es muß dem Orden viel daran gelegen sein, mit Polen in Frieden zu bleiben, drüben jeden Anlaß zur Unzufriedenheit im Keim zu ersticken. Man lauert dort nur darauf, eine Gelegenheit zu erhalten, sich in unser Regiment einzumischen. Des Ordens Rüstung ist schwach, seine Schlösser sind nicht in gehörigem Verteidigungsstande, und es fehlt an Geld und Mannschaften. Das weiß unser Nachbar. »Es brauchte uns nicht an Geld und Mannschaften zu fehlen«, bemerkte der Marschall, »wenn das Land leistete, was es der Herrschaft in solchem Notfall schuldig ist. Man will da aber von keinen Abgaben wissen, wir hätten sie denn verbrieft und versiegelt, leistet auch nur Kriegsdienst nach den alten Verschreibungen, die für unsere Zeit nicht mehr passen. Es bleibt dabei, wir müssen die Hand an die Wurzel legen, wenn geholfen werden soll.« »Deshalb eben brauchen wir Frieden mit Polen um jeden Preis«, entgegnete der Großkomtur, sich zu ihm wendend. »Dort suchen unsere aufsässigen Untertanen am liebsten ihren Rückhalt.« »Um jeden Preis?« warf Plauen ein. »Um jeden Preis, der dem Orden nicht wider die Ehre ist«, berichtigte der Großkomtur sich in etwas ärgerlichem Ton. »Man muß jeder Verpflichtung strenge nachzukommen bemüht sein, die uns der letzte Pakt auflegte, so schimpflich er auch seiner Zeit für den Orden sein mochte. Denn wir können doch nicht los von ihm und bringen uns nur nutzlos in neue Gefahr, wenn wir säumig sind. Es ist uns nicht gegen die Ehre, wenn wir den Vertrag halten. Wer aber dazu drängt, daß wir ihn brechen, mag auch die Mittel anzeigen, durch die wir zu einem günstigeren gelangen. Wir müssen freie Bewegung haben innerhalb des Landes.« »Wir haben sie aber nur«, erinnerte Plauen, »wenn Polen weiß, daß wir keine Einmischung leiden – lieber einen Kampf auf Leben und Tod bestehen.« Richtenberg warf den dicken Kopf ins Genick. »Auf Leben und Tod! Das ist Euer drittes Wort, Herr Spittler. Ich will Euren tapfern Sinn loben; aber es glaubt mancher dem Orden besser zu dienen, wenn er ihn nicht auf ein so scharfes Entweder-Oder stellt. Ihr könnt am besten darüber Auskunft geben, wie viele von den Brüdern altersschwach und krank in den Spitälern unserer Häuser liegen. Der Zuzug vom Reich ist gering, und die Herrensöhnlein, die sich einkleiden lassen, denken eher darauf, hier in Preußen einen guten Tag zu leben, als in den sicheren Tod geschickt zu werden. Auf Leben und Tod! Das sagt einem andern, der die Dinge nicht kennt.« »Und doch wird's einmal auf Leben und Tod sein müssen«, antwortete der Spittler, einen Augenblick stehenbleibend, »– müssen! Seht zu, daß dann Euer Wagnis nicht noch größer ist.« »Ich vertraue des Kaisers Majestät«, äußerte der alte Exdorf ablenkend. »Er hat schon bewiesen, daß er dem Orden wohl will. Es kann dem Reich nicht gleichgültig sein, ob Preußen mehr und mehr in Abhängigkeit von Polen kommt. Der Kaiser hat die Fürsten auf seiner Seite, wenn er uns mit seinem Schild deckt. Er wird uns auch gegen den Bund beistehen. Denn was uns bedroht, bedroht die Herren überall. Adel und Städte stellen sich geschlossen gegen sie, ihnen bessere Rechte abzutrotzen. Sind sie irgendwo siegreich, so sind sie's an allen Enden.« »Und doch wollt' ich nicht, daß wir den Herrn Kaiser anrufen«, sagte der Spittler ernst. »Er ist unser Lehnsherr nicht. Der deutsche Orden hat bisher seine Freiheit zu behaupten gewußt, auch gegen Kaiser und Reich. Das soll mit meinem Willen nicht geändert werden.« Darauf erfolgte von keiner Seite Antwort. Die Männer schritten eine kurze Weile schweigend und mit verdrießlichen Mienen den schmalen Gang auf und ab. Endlich meinte Helfenstein: »Ich halt's auch lieber noch mit dem Papst. Er ist weit, und von ihm hat der Orden jedenfalls für seine Herrschaft nichts zu fürchten. Es ist wahr, er sieht Polen mit gar freundlichen Augen an, seit seine Geistlichkeit dort und in Litauen in kirchlichen Angelegenheiten zu unbeschränkter Macht gelangt ist. Und ich streite auch nicht, daß er den Orden allezeit scheel angesehen hat, weil er seine Bischöfe, den von Ermland leider ausgenommen, mit ihren Kapiteln unter das schwarze Kreuz zu beugen verstand. Hier aber hat der Heilige Vater noch andere Dinge zu bedenken. Es ist ihm das unerwünschteste von allem, daß die kaiserliche Macht wächst. Lieber wird er selbst seinen ganzen Einfluß zu unsern Gunsten aufwenden, als daß er dessen Hand im Spiel sieht. Und auch gegen den Bund muß er uns aufspringen. Denn auch die Prälaten sind Landesherrn und sollen von ihren Rechten abgeben. Dabei kann man ihn geschickt fassen.« Plauen lachte kurz auf. »Ein törichtes Bemühen, Rom zu überlisten! Wer wollte sich mit ihm messen an Geschicklichkeit und Schlauheit? Reicht ihm den Finger und hütet noch den Arm. Nein! Wir sind keine Pfaffenknechte gewesen und wollen hoffen, davon auch in Zukunft bewahrt zu sein.« »Ihr seid voll Widerspruchs«, schalt der Großkomtur. »Aber zu sagen, was dann geschehen soll, möcht' Euch vielleicht schwer werden.« Der Spittler bedachte sich einen Augenblick. »Schaut nicht nach außen«, sagte er dann, die Worte langsam von der Zunge lösend. »Bessert des Ordens Geist, kräftigt der Ritter Hand; das allein...« Eben trat Bischof Franz von Ermland aus der Tür zu des Meisters Vorgemach. Er gab den Dienern Weisung für die Krankenstube und schritt dann mit gesenktem Haupt auf die Gebietiger zu, die sich sogleich eifrig bei ihm erkundigten, was er von Erlichshausens Zustand halte. »Es ist recht traurig um den lieben Herrn bestellt, soweit meine Einsicht reicht«, sagte der Bischof. »Aber alle Hoffnung ist doch noch nicht aufgegeben. Ich selbst will zusehen, daß ich ihm einen Arzt verschaffe, der schon vielen guten Dienst geleistet hat. Machen wir uns gleichwohl auf alle Fälle auf das Schlimmste gefaßt.« Er blinzelte listig. »Ist schon bedacht, wer sein Nachfolger sein könnte?« Die Gebietiger blickten verlegen zu Boden; nur Plauen stand aufrecht wie vorher und schien die Frage gar nicht zu beachten. Der Bischof war ihm ein verdächtiger Freund des Ordens; er hielt ihn für selbstsüchtig und versteckt. »Es ist von vielen Seiten Herr Ludwig von Erlichshausen, des Hochmeisters Vetter, genannt«, ließ sich Richtenberg mit leiser Stimme vernehmen. Die andern schwiegen. Man hatte keinen Grund, auf diese Vorwahl besonders stolz zu sein, denn was die Blicke der Brüder auf diesen Mann gelenkt hatte, war vornehmlich die Verwandtschaft mit dem Hochmeister und sein gefälliges Wesen; doch sagte der Großkomtur nur die Wahrheit. »Ich hörte auch schon davon«, bemerkte der Bischof. »Ja, ja – ein gütiger und lieber Herr. Es ist zu bedenken. Hoffentlich bleibt dazu noch lange Zeit.« Er verabschiedete sich und ging die Treppe hinab in den Schloßhof. Zweites Kapitel Des Prälaten doppelter Auftrag Im unteren Kreuzgang, der den viereckigen Hof umzog, warteten auf den Bischof Franz von Ermland zwei Priesterbrüder. Sie geleiteten ihn durch den an der Nordspitze des mächtigen Vierecks schräg durchgeführten Haupteingang hinaus auf den Parchan. Gegenüber lag ein rundes Treppentürmchen neben der Brücke, die über den trockenen Graben nach dem mittleren Hause, der eigentlichen Hochmeisterwohnung, führte. Bischof Franz war ein vornehmer Gast. Es waren ihm Logierzimmer in diesem Prachtbau angewiesen worden. Aber er hatte es vorgezogen, sich für die Zeit seines Aufenthalts in so trauriger Zeit vom Probst der Marienkirche in dem neben derselben belegenen Pfaffenturm, der Wohnung der Priesterbrüder, eine gerade leer stehende Zelle öffnen zu lassen. Dorthin ging er am trockenen Graben und der Mauer entlang, die sich in gerader Linie vom Treppenturm bis zum Priesterhause fortsetzte. Er nahm in dem gemeinsamen Speiseraum ein einfaches Mahl ein, warf dann einen kuttenartigen Mantel von grober grauer Wolle um und zog die Kapuze über den Kopf, so daß er nicht nur gegen die empfindliche kühle Witterung geschützt war, sondern auch sein Gesicht leicht verbergen konnte, wenn er nicht erkannt sein wollte. Er sagte dem Probst, daß er dem Pfarrer der Johanniskirche in der Stadt einen Besuch abzustatten habe, und verbat sich jede Begleitung. Er machte darauf denselben Weg zurück, ging diesmal aber am Eingangstor des hohen Hauses vorüber und auf dem Parchan am Rogatflügel des Schlosses entlang bis zu der Pforte an der Westseite, die durch die starke, das Schloß mit dem großen viereckigen Turm, dem Herren-Danzk, verbindenden Mauer gelegt war, durchschritt dieselbe, von den Wachen unaufgehalten, und gelangte so auf den nach der Stadt zu gelegenen Teil des Parchans, an dem ein doppelter oder vielmehr dreifacher Graben hinlief, der nächste trocken zwischen zwei Mauern, der eigentliche Schloßgraben mit Wasser gefüllt und durch eine gewaltige Mauer der Länge nach in einen inneren und äußeren Graben getrennt. Etwa in der Mitte dieser Mauer erhob sich der viereckige Dietrichsturm. Er diente einer hölzernen Laufbrücke für Fußgänger als Stütze, die über den trockenen und die beiden nassen Gräben geleitet war und jenseits, schon auf Stadtgebiet, mit dem Johanniskirchhof Verbindung hatte. Sie ließ sich im Kriege leicht abbrechen und war auch in Friedenszeiten nicht für jedermann bestimmt. Wer sonst von der Burg in die Stadt wollte, mußte einen weiten Umweg am großen Nogat-Tor vorüber machen, die Zugbrücke passieren, die Niklas-Kapelle und den Speicher rechts, das Sattel- und Schuhhaus links lassen und durch das Schuhtor am Sperlingsturm eintreten. Der Bischof sprach wirklich bei dem Geistlichen der Johanniskirche an, hielt sich aber nur wenige Minuten auf und begab sich weiter in die kleine rings ummauerte und durch eine Reihe von Türmen verteidigte Stadt. Sie glich selbst einer Burg. Eine breite Marktstraße, die sich gegen das Schloß richtete, durchschnitt sie in ihrer ganzen Länge. Die Häuser derselben, sämtlich mit dem Spitzgiebel gegen die Straße gestellt, zeigten im unteren Stock einen meist gewölbten, nach drei Seiten offenen Vorraum, Laube genannt. Die Lauben standen miteinander seitlich in Verbindung, so daß man unter ihnen stets trockenen Fußes und gegen die Unbill des Wetters geschützt den ganzen Markt abschreiten konnte. Vor jedem Hause befand sich die Dunggrube, der Tummelplatz der Schweine und Hühner, und ein niedriges Bauwerk, durch dessen Tür man treppab in den Keller gelangte. Der Markt war nicht in seiner ganzen Breite gepflastert, aber große platte Steine erleichterten auch bei nasser Witterung den Übergang. Die Häuser hatten sämtlich nur ein Obergeschoß mit zwei oder drei kleinen Fenstern, darüber im Spitzgiebel schmale Luken zur Erleuchtung der Bodenräume. Die ganze Stadt bis auf das Rathaus und die Kirche war Anno zehn von den Polen niedergebrannt worden und seitdem wieder aufgebaut, jetzt großenteils von Ziegeln, während bis dahin Lehmfachwerk und Holz die Regel gebildet hatte. Bischof Franz hielt sich unter den Lauben, die jetzt zu geselligem Verkehr der Bürgerfamilien nur wenig benutzt wurden. Die Bänke, die vor keiner Haustür fehlten, zeigten sich meist unbesetzt; selten nur arbeitete ein Handwerker noch draußen, weil in seine Werkstube zu spärliches Licht fiel und die Lampe gespart werden sollte. Kinder vergnügten sich beim Greif- und Versteckspiel, für das die Pfeiler der Laubenbogen wie geschaffen waren. Der Bischof wurde nicht erkannt. In der Nähe des Rathauses saß auf der Bank eines der größeren Häuser, das ein Kaufmannszeichen im Steingesims der Tür trug, ein junges Mädchen am Spinnrocken. Es trug eine warme Mütze auf dem blonden, in lange Zöpfe geflochtenen Haar und ein kragenartiges, mit Pelz verbrämtes Mäntelchen mit Armschlitzen. Der Fuß trat eifrig das kleine Brett an der Radstange, und die zierlichen Fingerchen waren bemüht, den Flachsfaden recht fein auszuziehen, was doch in der rauhen Luft nur schwer gelingen wollte. Hier blieb Franziskus stehen, schob die Kapuze ein wenig vom Gesicht fort und sagte: »Guten Tag, Jungfer Magdalene. So fleißig?« Das Fräulein blickte aus den blauen Augen flüchtig und wohl auch ein wenig verdrießlich über die Störung auf, ließ dann aber sogleich das Rad stillstehen, stand auf, knickste tief und küßte dem geistlichen Herrn die dargebotene Hand. »Ihr seid es, hochwürdigster Herr Bischof«, rief sie verwundert. »Wie konnt' ich mich solcher Ehre versehen, von Ew. Gnaden angeredet zu werden?« Der Bischof streichelte ihr mit dem Rücken der Hand die Wange. »Friert Euch nicht hier draußen?« fragte er in munterem Ton. »Wahrhaftig! Das Gesicht ist Euch ganz kalt und die Nasenspitze gerötet.« »Das ist das wenigste«, antwortete das Mädchen lachend. »Aber die Finger sind mir ganz steif geworden und wollen nicht mehr recht gehorchen. Die Mutter wird über die unfeine Arbeit schelten.« »Warum geht Ihr aber nicht lieber hinein?« »Ach – ich kann den Sommer noch immer nicht vergessen, gnädiger Herr. Er war in diesem Jahr so schön, wie ich noch keinen erlebt habe. Bis tief in den September hinein hatten wir die warmen Tage, und dann kehrten sie in der Mitte des Oktober nochmals zurück. Unser Wein ist reif geworden und so süß –! Jetzt freilich wird man wohl an den Herbst glauben müssen.« »Ist der Vater zu Hause?« fragte der Bischof. »Er müßte denn hinten hinaus fortgegangen sein«, antwortete das Fräulein, »wie manchmal geschieht, wenn er vom Ratsdiener nicht gesehen sein will. Ich gehe sogleich und berichte Ew. Gnaden.« »Nehmt mich lieber gleich mit«, entschied der Bischof. »Ist er dem Ratsdiener entwischt, so soll es ihm mit mir nicht so gut gelingen; ich warte, bis er zurückkehrt, und sollt's auch bis zum Abend dauern.« Magdalene hob den Spinnrocken auf, öffnete die Tür und ließ den Gast in den die ganze Breite des Hauses einnehmenden, mit Ziegeln ausgelegten Flur ein. Die beiden Fenster unter der Laube ließen an diesem trüben Nachmittag nur gerade so viel Licht ein, daß man sich in dem ziemlich tiefen Raum zurechtfinden konnte. Rechts in der hinteren Ecke wand sich eine Treppe auf. Darunter befand sich der Durchgang nach dem Hof, links führte eine Tür in das Hinterzimmer. Dort klopfte das junge Fräulein an, zugleich den Kopf wendend und das Ohr der Füllung nähernd. »Der Vater ist in seiner Arbeitsstube«, wisperte sie. »Ich bitte Ew. Gnaden, sich hinauf zu bemühen. Er folgt sofort nach.« »Aber kann ich nicht hier bei ihm eintreten?« fragte der geistliche Herr. Das Mädchen wehrte mit der Hand ab. »Er ist gewiß in seinem Arbeitsrock und möchte es verdrießlich finden, einen solchen Gast so zu empfangen. Nein, wir wissen, was sich schickt.« Der Bischof fügte sich lächelnd und schritt langsam treppauf. Er hatte den oberen, nur kleinen und fast dunkeln Flur kaum erreicht, als Magdalene schon nachgelaufen kam und eiligst die Tür nach dem Vorderzimmer aufriß, gleich darauf auch in die Hinterstube hineinrief: »Frau Mutter, der Herr Bischof Franziskus von Ermland...« Der Gast trat ein. Er war hier nicht zum erstenmal und kannte die Schränke und Truhen von Eichenholz mit ihren weit ausladenden Gesimsen und eingelegten Figuren, die Regale mit Zinntellern und Krügen an den getäfelten Wänden, den großen Tisch mit blau und weiß gemusterter Leinendecke in der Mitte und die Holzstühle mit hohen geschnitzten Rückenlehnen und aufgelegten Polstern. Schon manchmal hatte er hier zur Zeit der Tagfahrten und auch sonst mit Ordensgebietigern und Ratsherren der großen Städte gesessen, um des Landes Wohl zu beraten. Denn der Bürgermeister von Marienburg, Herr Bartholomäus Blume, genoß viel Vertrauen, ebenso von seiten der Herrschaft als des Landes, und der Rat der Stadt kürte ihn in jedem Jahr von neuem zum Oberhaupt. In seinem Haufe befand sich der Bischof. Nach wenigen Minuten erschien die Frau Bürgermeisterin, eine würdige Matrone, die Haube von dunklem Samt über dem die Stirn tief beschattenden weißen Kopftuch, die Schlüsseltasche am Gürtel, der zugleich das seitwärts aufgeraffte Kleid hielt. Auch sie begrüßte den Prälaten mit einem Handkuß, nötigte ihn, auf einem Lehnsessel Platz zu nehmen, und bot eine Erfrischung an. »Ich weiß schon«, sagte er schmunzelnd, »daß Ihr keinen Gast ohne einen Trunk entlassen möget, werte Frau. Stellt mir denn einen Krug einheimischen Bieres auf – ich verschmähe so gute Gabe nicht.« Nun trat auch der Bürgermeister ein. Er war ein schlanker, hochgewachsener Mann, nicht viel über fünfzig Jahre alt. Das bartlose Gesicht zeigte um den breiten, aber nicht unschönen Mund tiefe Falten. Das dichte, dunkelbraune Haar war entlang der knochigen Stirn geradlinig abgeschnitten, fiel aber sonst rund um den Kopf wellig auf das Tuchwams hinab, das am Halse dicht schloß. Aus den blauen Augen blickte ebensoviel Klugheit als Treuherzigkeit. Er hatte die Fingerspitzen der linken Hand in den breiten Ledergürtel gesteckt und reichte die rechte dem Bischof, indem er das Haupt ein wenig neigte und in dieser Haltung eine kurze Weile verblieb. »Ich heiße Ew. Gnaden in meinem Hause willkommen«, sagte er verbindlich, aber nicht demütig. »Ihr bringt hoffentlich vom Schloß keine betrübliche Nachricht.« »Der Herr Hochmeister lebt noch«, antwortete Franziskus, »aber ich habe ihn sehr krank gefunden, und seine Ärzte geben kaum noch Hoffnung. Doch – sein Leben steht in Gottes Hand.« »Wir sind sehr in Sorgen um unsern gnädigen Herrn«, versicherte Bartholomäus Blume mit betrübter Miene, »nicht nur wir in dieser Stadt, sondern alle guten Bürger im Ordenslande. Auf ihm vornehmlich beruht unsere Hoffnung des Friedens und freundlichen Einvernehmens. Lebte er noch zehn Jahre, so könnten nicht alle Wunden vernarbt sein. Aber ich fürchte, sie werden wieder aufgerissen werden und noch schmerzlicher bluten, wenn er nicht mehr seine gesegnete Hand darauf hält.« Der Bischof deutete an, daß er mit dem Bürgermeister etwas zu verhandeln habe. Die Frauen zogen sich nun zurück, nachdem Frau Christine zwei Zinnkrüge voll schäumenden Bieres auf den Tisch gestellt hatte. Jetzt erfuhr Herr Bartholomäus Blume genau, wie des Hochmeisters Krankheit beschaffen und was der Bischof zu ihrer Heilung geplant hatte. »Ihr werdet einsehen, lieber Getreuer«, schloß dieser, »daß die Sache vorerst geheimgehalten, überhaupt aber geschickt angefaßt sein will. Denn es ist eine ganz ungewöhnliche Maßregel, die ich im Sinn habe; und wenn auch mein volles Vertrauen darauf steht, so könnt' ich mich doch nicht wundern, wenn die geschworenen Ratgeber des Fürsten durch sie beunruhigt würden. Es kommt aber dazu, daß ich nicht einmal mit einiger Sicherheit voraussehen kann, ob es uns gelingt, Frau Regina zu dieser Reise zu vermögen. Wiese sie uns ab, so wäre viel Gerede unnütz gewesen. Darum machte ich mich am liebsten selbst auf den Weg nach Heilsberg. Das kann aber nicht im stillen geschehen. Auch kann ich mich an keinen Ritter- oder Priesterbruder im Schloß wenden, da sie nicht ohne Urlaub ihrer Oberen weggehen dürfen. So suche ich mir denn einen treuen Anhänger des Meisters in der Stadt und finde da niemand, dem ich mich lieber anvertraute als Euch. Wollet mir daher mit klugem Rat beistehen, wie ich am besten diese Sendung ausrichte.« Der Bürgermeister hatte ihn aufmerksam angehört und schaute nun nachdenklich auf den Tisch, »Ich wollte mich gern selbst zu dieser Reise erbieten«, antwortete er, »wenn ich meinem kranken gnädigen Herrn damit einen Dienst erweisen könnte, wie ich nach Ew. Gnaden Vorstellen wohl annehmen muß –« »Daß ich ganz aufrichtig bin, darauf hab' ich gerechnet«, unterbrach der Bischof, indem er vertraulich die Hand auf seinen Arm legte. »Dennoch wird es nicht so sein können«, fuhr Blume fort, das Haar über der Stirn ausstreichend. »Ich darf vor dem Rat keine Heimlichkeiten haben und kann nicht aus der Stadt Toren, ohne daß meine Entfernung bemerkt wird. Auch bin ich überall bekannt im Lande, und wer mich ins Ermland reiten sieht, wird sogleich verwundert fragen, welches Geschäft ich dort habe. Müßte ich dann schweigen, so würde der Argwohn gegen mich rege werden, daß ich etwas Unrechtes im Schilde führe. Denn man weiß, hochwürdiger Herr, daß Ihr den Bund schlecht leiden möget, den doch auch diese Stadt Marienburg damals besiegelt hat; und mich hinwiederum kennt man als einen Freund des Ordens. Da würde man sich's bald so reimen, daß ich mit Euch oder Eurem Kapitel gegen den Bund konspirieren wolle. Verzeiht, wenn ich dies so gerade heraussage; es ist aber meine Schuldigkeit, darauf zu achten, daß ich den Herrn Meister nicht schädige, indem ich der Meinigen gutes Vertrauen zu meiner Ehrlichkeit und Unparteilichkeit störe.« Der Prälat trank einen kräftigen Schluck aus der Kanne, schloß bedächtig den Deckel und setzte sie wieder langsam vor sich hin. »Ihr habt recht, Bartholomäus«, bemerkte er dann, sich mit dem Finger die Lippe wischend. »Es ist Torheit, sich vor der Zeit zu verbrauchen. Wisset Ihr aber einen andern, dem ich einen Brief sicher in die Hand geben kann, so nennt ihn mir, und ich will Euch dankbar sein.« Der Bürgermeister überlegte. »Ew. Gnaden kennen meinen Sohn Marcus«, sagte er dann. »Er ist freilich noch sehr jung – vor wenigen Monden dreiundzwanzig geworden –, aber ein ruhiger und bedachter Mensch, über seine Jahre reif und auch schon in mancherlei Geschäft erfahren. Keinen Zuverlässigeren könnt' ich Euch nennen. Wenn er Euch sonst also genehm wäre...« »Sehr genehm ist mir Marcus«, rief der Bischof freudig überrascht. »Was ihm an Gewicht der Jahre abgeht, ersetzt er reichlich durch Jugendmut – und der gilt bei Frauen mehr. An eine Frau aber hat er seine Botschaft auszurichten. Widersteht Frau Regina seiner Bitte, so möchte wohl wenig Aussicht sein, daß ein anderer ihren Eigensinn bräche.« »Ich vertraue Ew. Gnaden Wort«, sagte Blume, »daß er durch den Verkehr mit der Waldfrau an seiner Seele keinen Schaden nimmt. Ich wollte das als sein Vater nicht zu verantworten haben.« Der Bischof schlug das Kreuz über Stirn und Brust. »Dafür steh ich als ein Priester der heiligen Kirche«, bestätigte er. »Rüstet ihn noch heute zur Reise aus und mahnet ihn zur Eile. Ich will ihm auch einen Brief an meinen Schloßverwalter in Heilsberg mitgeben, daß er ihn gut aufnehme, unterstütze und mit Pferden für die Rückreise versehe. Sie können in meiner Stadt Wormditt und allenfalls auch in Preußisch-Holland, wo ich in des Pfarrers Stall für mich selbst einigen Vorspann gelassen habe, gewechselt werden. Erlaubt, daß ich die Briefe gleich jetzt an Eurem Tisch schreibe.« Der Bürgermeister führte ihn in seine Geschäftsstube unten, legte ihm Papier und Feder zurecht und begab sich durch die Hintertür auf den Hof, wo er Marcus im Speicher beschäftigt wußte. Er kaufte von den Bauern im Werder Getreide auf, um es nach Elbing oder Danzig zu verschiffen, war auch des Ordensgroßschäffers rechte Hand in dessen kaufmännischen Betrieben. Marcus war über die Speicherleute gesetzt und hielt beim Ab- und Zumessen gute Ordnung. Eben wurden nach der Hinterstraße zu mit der Winde Säcke auf einen Wagen herabgelassen, der sie zur Nogat fahren sollte, wo ein Kahn zu beladen war. Er schrieb ihre Zahl mit Kreide auf einer schwarz gestrichenen Holztafel an. Nun übergab er das Geschäft dem Kämmerer und folgte seinem Vater auf dessen Wink in den unteren Raum, in dem sich eine kleine Schreibstube befand. Dort empfing er den Befehl, sich sogleich reisefertig zu machen und aus der Mutter Speisekammer mit Wegekost zu versehen. Marcus war gewohnt, ohne viel Fragen zu gehorchen. So erfuhr er denn auch jetzt fürs erste nicht mehr, als daß er in des Herrn Bischof Franziskus Auftrag nach Heilsberg reiten solle, und war damit wohl zufrieden. Als Blume in sein Stübchen zurückkehrte, schrieb der Bischof noch eifrig. »Ich will Marcus den Brief an die Waldfrau offen mitgeben«, sagte er, »damit er um so besser sieht, um was es sich handelt.« »Kann sie denn lesen?« fragte der Bürgermeister. »Oh, sie soll sehr gelehrt sein«, antwortete der Bischof. »Sicher hat sie in ihrer Jugend eine gute Schule besucht. Man weiß aber nicht, woher sie eigentlich stammt. Sie macht ein Geheimnis daraus. Von meinem Kaplan in der Waldkirche aber weiß ich, daß sie regelmäßig zur Beichte geht, und so halte ich sie für eine gute Christin, ohne ihrer Vergangenheit nachzuspüren.« Nachdem er das Blatt mit seinen steilen Buchstaben vollgeschrieben, seinen Namen darunter gesetzt und mit seinem Ring ein Siegel beigedrückt hatte, stand er auf und faßte des Bürgermeisters Hand. »Noch ein anderes habe ich mir von Euch zu erbitten«, sagte er, »das ebenso den Herrn Hochmeister angeht. Ihr erwähntet vorhin, daß die Stadt Marienburg im Bunde sei. Wie ich Euch aber kenne, wünschtet Ihr mehr, dem wäre nicht so.« Blume erschrak sichtlich. »Gnädiger Herr«, fiel er ein. »das möcht' ich von Euch nicht hören. Der Bund ist vor zehn Jahren unter Herrn Paul von Rußdorf sehr merklicher Ursachen wegen errichtet, und ich habe damals im Rat selbst zugestimmt, daß auch die Stadt Marienburg ihr Siegel an den Brief hänge. Seitdem sind freilich durch unseren jetzigen Herrn Hochmeister viele Beschwerden abgestellt worden, und ich wünschte wohl, daß der Bund ganz unnötig würde, weil das Land dauernden guten Regiments verständigt wäre. Ehe wir aber dessen gesamt versichert sind und seine Auflösung beschließen, wär' ich der letzte, zu raten, daß die Stadt sich von ihm trenne, solange er nichts Unrechtes gegen den Herrn Hochmeister und seinen Orden vornimmt. Darum wollet zu mir unter vier Augen nicht sprechen, hochwürdigster Herr, was nicht auch der ganze Rat vernehmen könnte.« Franziskus rieb seine spitze Nase mit dem Sacktüchlein. »Das sei ferne von mir«, versicherte er. »Wenig könnt' uns damit gedient sein, wenn Ihr als ein einzelner Euch vom Bunde lossagtet, zumal wir von Eurer Treue hoffen dürfen, daß Ihr dort jeden Beschluß zu der Herrschaft Schaden mit allen Kräften hindern werdet. Es könnte auch nichts nützen, wenn die eine und andere kleine Stadt abfiele, da doch die großen Städte Thorn, Danzig und Elbing um so argwöhnischer mit Rittern und Knechten, besonders den Eidechsen, gegen den Orden zusammenhalten würden. Gerade darum ist es dem Herrn Hochmeister zu tun, daß der Bund selbst erkennt, wie jene Ursachen, aus denen er entstanden, nicht mehr gelten und auch ohne ihn jeder unangefochten bei seinem Recht und seiner Freiheit bleibt. Der Herr Hochmeister hat nichts Gewaltsames gegen ihn unternommen und will's auch ferner nicht tun. Ist ihm aber das Land Dank schuldig, so kann es den nicht besser betätigen, als wenn es in jener richtigen Erkenntnis zu vollem Gehorsam zurückkehrt und freiwillig das anstößige Verbündnis aufgibt. Das kann jetzt geschehen ohne alle Demütigung, in kurzem aber vielleicht nicht mehr. Darum möchte der Herr Hochmeister, solange Gott ihm noch Kraft gibt, mit den Führern des Bundes beraten, wie man zu einem guten Einvernehmen käme und das Land völlig beruhigte. Vor allem mit Herrn Tileman vom Wege, dessen Stimme die gewichtigste ist! Ich habe dem Herrn Hochmeister versprochen, ihn an sein Krankenbett zu berufen, gebe aber nicht gern dorthin etwas Schriftliches aus. Euch aber wäre es ganz unverfänglich, wenn Ihr ihm berichten wolltet, daß ich bei Euch gewesen und dieser Sachen wegen mit Euch geredet. Hoffe auch, daß Ihr es vor Eurem Gewissen sehr wohl verantworten könnt, auch in eigenem Namen zu mahnen, sich willig auf den Weg zu machen und dem Herrn Hochmeister ein freundliches Gehör zu schenken.« »Dagegen weiß ich nichts einzuwenden«, antwortete Bartholomäus Blume, dessen strenges Gesicht sich wieder erheitert hatte, »und also soll's geschehen. Verlaßt Euch auf mich in allen rechten und aufrichtigen Dingen. Wie ernstlich es dem Herrn Hochmeister am Frieden liegt, erkenne ich daraus, daß er denselben mit Tileman vom Wege beraten will. Denn von ihm hat er wenig Freundliches erfahren und möchte ihn wohl eher für den schärfsten Widersacher des Ordens halten. Bewegt er freilich diesen Mann zur Nachgiebigkeit, so zweifle ich nicht an des guten Werkes Gelingen.« Der Bischof verabschiedete sich befriedigt, hüllte sich wieder in seinen Mantel ein und ging auf demselben Wege, den er gekommen, nach dem Schlosse zurück. Blume aber berief seinen Sohn und gab ihm noch mündliche Weisung. Dann setzte er sich an den Tisch und schrieb noch spät beim Lampenschein an seinen Freund, den Thorner Bürgermeister, eine lange und umständliche Epistel. Wahrend er noch damit beschäftigt war, befand sich Marcus Blume auf dem Wege durch das Werder. Er kam nur langsam vorwärts, da sein Pferd in den fetten, vom Herbstregen durchweichten Boden tief einsank und fest im Zügel gehalten werden mußte, um vor dem Ausgleiten bewahrt zu bleiben. Es dämmerte schon stark, als er aus dem Tor der Stadt geritten war, aber meilenweit lag das vor zweihundert Jahren eingedämmte Tiefland platt da, und die Straße war auch im Dunkeln nicht leicht zu verfehlen, da sie auf beiden Seiten Gräben einfaßten, in denen jetzt das Wasser hoch bis zum Rande stand. Doch gelangte er so spät nach Elbing, daß er die Tore schon geschlossen fand und draußen im Kruge auf Stroh übernachten mußte. Früh war er wieder auf und setzte seinen Weg auf Preußisch-Holland fort, dessen auf dem Berge gelegenes Ordenshaus weithin sichtbar war. Dort speiste er zu Mittag und ritt dann noch zu guter Zeit in das ermländische Städtchen Wormditt ein, wo ihm des Bischofs Zettel in dessen festem Hause ein gutes Nachtquartier verschaffte. Lange vor Sonnenaufgang schon trabte er weiter und erreichte Heilsberg noch vor Mittag. Das bischöfliche Schloß lag dicht bei der Stadt, wie eine Ordensburg gebaut und befestigt. Vier Türme flankierten die hohen, mit glasierten Ziegeln quadratisch gemusterten Mauern, der eine als Bergfried besonders hoch und stark. Es mußte von seiner Spitze im Sommer eine entzückende Aussicht über das liebliche Tal hin sein, in dem die Stadt lag. Auch hier in Preußen hatte sich der Bischof das anmutigste Stück Erde zu seiner Residenz ausgesucht. Marcus fand die Zugbrücke niedergelassen, das Tor unbesetzt. Niemand schien zu fürchten, daß der Friede gestört werden könne. Die Leute des Bischofs arbeiteten in den Speichern und Ställen der Vorburg, von der aus die zum Schloß gehörigen Ländereien bewirtschaftet wurden. Marcus fand nach einigem Suchen den Hausmeister, gab ihm den Meldezettel des Bischofs ab und trug sein Begehr vor. Nun wurde er sofort über die innere Brücke ins Schloß geführt, das er jetzt zum erstenmal sah. Es war viel kleiner als das hohe Haus der Marienburg, aber ähnlich gebaut, indem auch hier den viereckigen Hof ein zierlicher Kreuzgang in zwei Stockwerken umlief, von dem aus man durch Türen mit kunstvoller Steineinfassung die verschiedenen Gemächer betrat. Einige davon, im oberen Stock, waren für Gäste eingerichtet. Dorthin wurde Marcus geführt. Der Vogt bat, mit ihm speisen zu dürfen; sie könnten dann die Angelegenheiten gemächlich bei einer Kanne Wein oder Bier besprechen. Das Mahl, das sehr bald aufgetragen wurde, bewies, daß man in der bischöflichen Residenz zu leben verstand. »Es fehlen hier nur die Weibsen«, meinte der Vogt, da Marcus Küche und Keller lobte, fügte aber lächelnd hinzu: »Strenge wie in einem Kloster geht's hier doch nicht gerade zu. Die geistlichen Herren halten Hof wie die weltlichen, und Alter schützt vor Torheit nicht. Seine Gnaden, Herr Franziskus, liebt es freilich mehr, sich mit allerhand politischen Händeln zu befassen, im Reich bei den geistlichen Fürsten herumzureisen und dem Heiligen Vater und seinen Kardinalen in Rom aufzuwarten, als hier vergnüglich seine Pfründe zu verzehren. Er regiert aber schon fünfundzwanzig Jahre und war einmal jünger als jetzt. Nun – ich will nicht aus der Schule schwatzen.« Marcus suchte sich über die Waldfrau zu informieren, die er aufzusuchen hätte. »Ich werde Euch einen Diener mitgeben«, sagte der Hausmeister, »der Stege und Wege kennt. Der Herr Bischof ist sehr nachsichtig gegen sie, und es ist wahr, sie tut den armen Leuten viel Gutes, geht auch wie ein richtiger Christenmensch in die Kirche. Aber für eine Hexe halte ich sie doch, Gott mag mir verzeihen. Denn wie wüßte sie sonst so viele heimliche Dinge? Mancher ist schon krumm und lahm an allen Gliedern zu ihr gegangen und nach einigen Wochen gesund wie ein Fisch zurückgekehrt, nachdem er in dem Wasser aus ihrem Brunnen gebadet, in das sie ihre Kräuter geworfen. Ihre Tränkchen helfen Kindern und Erwachsenen. Ich hab' gelernt, Wunder werden mit Gottes oder des Teufels Hilfe verrichtet. Nun hat aber Gott viel weniger nötig, sich durch Wunder zu beweisen, als der Teufel, und deshalb bin ich mißtrauisch, bis die Kirche ihr letztes Wort gesprochen hat. Man weiß auch nicht, wo das Weib eigentlich hergekommen ist und was es mit dem Kinde für eine Bewandtnis hat.« »Mit dem Kinde?« wiederholte Marcus fragend. »Ja, die Hexe – Gott verzeih' mir, wenn ich ihr Unrecht tue – hat eine Tochter oder gibt wenigstens ein Mädchen, das sie bei sich hat, für ihre Tochter aus. Das ist ein Ding wie ein Irrwisch, mit Augen – so groß –! und rotblonden Haaren, die wie ein Feuerschein um den Kopf flattern. Das Kind ist im Walde wild aufgewachsen, klettert auf den Bäumen herum wie ein Eichkätzchen, holt das Reh im Lauf ein und hat allerhand Getier, Zwei- und Vierfüßler zahm gemacht. So war's wenigstens vor ein paar Jahren, als ich die Ursel zuletzt sah. Ich hatte mich da bei einem Ritt durch den Wald verirrt und fluchte so laut vor mich hin, als ich in der Nähe ein helles Lachen vernahm, daß ich erschreckt zusammenfuhr. Wie ich zur Seite schaute, huschte etwas um den Baum; hinter demselben aber sprang ein junger Wolf vor und wollte meinem Gaul an die Beine. Da rief eine Stimme: ›Zurück, Pluto!‹ Und das Tier gehorchte sogleich. Nun fragt' ich ins Gebüsch hinein nach dem Weg, und da kam das rothaarige Mädchen zum Vorschein, hatte einen Korb am Arm und darin allerhand Waldblumen, Kräuter und Wurzeln, lachte wieder wie ein Kobold, daß ich mich verirrt hätte, und sagte: ›Reitet mir nach, ich will Euch wieder auf den Weg bringen.‹ Das war die Ursel von der Waldfrau, damals nach meiner Schätzung nicht älter als vierzehn oder fünfzehn Jahre. Sie lief vor mir her und der zahme Wolf hinter ihr drein. In kurzem setzte sich ihr ein Rabe auf die Schulter, flog wieder auf und kehrte zu ihr zurück. Sie sprach mit ihm, und es war, als ob er ihr etwas ins Ohr sagte. Nach einer Viertelstunde gelangten wir zur Waldhütte. Die Frau stand vor der Tür und bot mir eine Erfrischung an, da sie hörte, wer ich wäre und daß ich mich verirrt hätte. Aber ich schlug heimlich das Kreuz und gab große Eile vor. Man muß bei solchem Volk auf der Hut sein.« Marcus lachte ihn aus, aber die Beschreibung des wunderlichen Kindes hatte doch einen ganz eigenen Eindruck auf ihn gemacht. Er wollte von Ursula immer noch mehr erfahren. Endlich sagte der Hausvogt: »Ihr werdet ja sehen und braucht zum Glück Euer Herz nicht festzuhalten; denn vor so etwas hat man eher Scheu, mit so viel augenblendendem Reiz es auch ausgestattet sein mag.« Er ging dann, während der Gast noch aß, hinaus, in der Vorburg seine Anordnungen zu treffen, damit Marcus ohne Zeitverlust abreiten könne. Als er wiederkam, meinte er: »Es scheint mir doch erforderlich, daß ich selbst Euch begleite. Denn es könnte sein, daß die Hexe Haken schlägt und Euch nicht gutwillig folgt. Dann muß jemand zur Stelle sein, der an des Herrn Bischofs Statt befiehlt. Habe deshalb auch für mich ein Pferd satteln lassen und hoffe, daß Euch meine Gesellschaft nicht zuwider ist.« Marcus dankte ihm für den guten Entschluß. Eine halbe Stunde darauf ritten sie aus dem Burgtor. Drittes Kapitel Das Waldhaus Der Vogt hatte einen wegkundigen Diener mitgenommen. Er ritt mit zwei Handpferden voraus, die einiges Gepäck an wollenen Nachtdecken und Furage trugen, denn man konnte nicht wissen, wie bald man abgefertigt würde. Der Vogt hatte sich ein großes mit Edelsteinen besetztes Kreuz aus des Bischofs Tresor an goldener Kette um den Hals gehängt und einen weißen Mantel, wie ihn die Ordensritter zu tragen pflegten, umgebunden; außer dem Schwert trug er keinerlei Rüstung. Marcus hatte das seine am Gurt über den Sattelknopf geworfen. Der Knecht trug hinten am Sattel eine Armbrust. Ganz ohne Waffen wagte man sich nicht leicht weit aus den Häusern hinaus, schon des wilden Getiers wegen, das die Wälder, zumal in später Jahreszeit, unsicher machte. Der Reitweg bog bald von der Landstraße ab in ein Waldtal, durch welches sich in anmutigen Windungen ein Flüßchen schlängelte. Sie ritten dem Lauf desselben entgegen. Er war jetzt von dem Herbstregen angeschwollen und rauschte an einigen Stellen recht vernehmlich über sein Steinlager hin. Die Waldbäume hatten schon viel gelbes Laub abgeworfen, das nun hinter den Hufen der Pferde rasselnd aufflog. In den Wipfeln der hohen Kiefern weiter aufwärts trieben die Krähen mit lautem Gekrächze ihr Wesen. Von Zeit zu Zeit wurde ein Reh oder ein Wildschwein aufgescheucht, auch ein Hirschgeweih durch das Unterholz sichtbar. »Das Getier nimmt überhand«, bemerkte der Vogt, »da ihm in unseren Wäldern wenig nachgestellt wird. Ginge nicht in den kalten Wintern viel davon zugrunde, so wäre die Plage bald sehr empfindlich. Auch räumen die Wölfe dann mit dem Wild auf und sind selbst nicht sonderlich gefährlich, wenn sie satt zu fressen haben. Nur einem hungrigen Rudel muß man nicht begegnen. Treiben sie's einmal zu arg, so ziehen die Bauern mit Knütteln und Dreschflegeln gegen sie aus.« Der Pfad wurde so schmal, daß man hintereinander reiten mußte und doch mitunter die dicken Stämme streifte, die schon Jahrhunderte durchlebt haben mochten. An einer etwas lichteren Stelle wies der Vogt mit der Hand nach dem Fluß. Er war hier durch einen Damm von Stämmen, Ästen, Wurzeln und Steinen künstlich aufgestaut. »Das ist der fleißigen Biber Arbeit«, sagte der Vogt. »Dahinter haben sie ihren künstlichen Bau. Halb im Wasser und halb darüber. Im oberen Stockwerk wohnen sie trocken, im unteren sammeln sie ihren Wintervorrat. Aus beiden haben sie ihren Ausgang. Sind gar kluge Tiere, so dumm sie mit ihren kleinen Augen und platten Nasen aussehen. Ich will nicht alles glauben, was die Jäger von ihnen erzählen, aber das ist gewiß, daß sie ganz regelrecht die Stämme, die sie zu ihrem Bau brauchen, rundherum abnagen und nach dem Fluß hin zu Fall bringen: er schwemmt sie ihnen dann hinab, wohin sie's haben wollen. Vordem sollen sie in dieser Gegend noch häufiger gewesen sein; aber man stellt ihnen des Pelzes wegen trotz der schweren Strafen, die darauf gesetzt sind, allzu arg nach. Auch ist das Bibergeil eine gesuchte Ware bei den Apothekern, die es als ein krampfstillendes Arzneimittel brauchen. Fragt einmal bei der Waldfrau an; sie wird gewiß darüber die beste Auskunft geben können.« Marcus sah eine Weile aus der Ferne dem Hausbau neugierig zu. Sobald die Tiere die Annäherung von Menschen merkten, verschwanden sie unter dem Wasser. Der Knecht hätte gar zu gern auf sie Jagd gemacht, aber sein Herr befahl, sie nicht zu beunruhigen Bald darauf strebte der Pfad am Ufer hinauf und setzte sich auf der Höhe durch den dichten Wald fort, um endlich in einen etwas breiteren Weg einzumünden. Er führte zur Waldkapelle, neben welcher in einem einfachen Blockhause der Kaplan wohnte. Der Vogt ritt ans Fenster und rief ihn hinaus. Es war sein Begehr, daß er mitkäme und der Waldfrau gut zuspräche, wenn sie störrisch sein sollte. »Es war ohnedies meine Absicht, noch nach dem Waldhause zu gehen«, sagte der junge Geistliche. »Ich lese öfters des Abends eine Stunde mit Ursula zu ihrer Übung, und die Mutter hört zu.« »Die wilde Katze hat lesen gelernt?« fragte der Vogt verwundert. »Oh, sie ist eine sehr gelehrige Schülerin«, versicherte der Kaplan, »und weiß oft mehr zu fragen, als ich ihr zu beantworten vermag. Den Grund hatte sie schon bei ihrer Mutter gelegt, die gut unterrichtet ist. Ursula will so klug werden wie sie.« Das stimmte nun wenig zu der Beschreibung des Vogts und machte Marcus noch begieriger, die seltsamen Frauen kennenzulernen. Unterwegs erkundigte der Kaplan sich viel nach Thorn. Es sei seine Vaterstadt, sagte er; er wäre der Sohn eines Handwerkers, der dort noch lebe. Ob es denn wahr sei, daß die Bürger dem Orden abstrebten und den Bund mit der Landesritterschaft erneuert hätten? Marcus war nicht lange vorher in der großen Weichselstadt gewesen, kaufmännische Geschäfte zu besorgen, und hatte von seinem Freund Jost vom Wege, des Bürgermeisters Sohn, viel über die Zeithändel erfahren. Davon sprach er nun. »Der ganze Handel der Stadt geht nach Polen«, meinte er, »und ihren großen Reichtum hat sie gewonnen durch das Niederlagerecht; danach versteht man's, daß sie im Frieden bleiben und ihre Freiheit wahren möchte – hoffentlich nicht zu des Ordens Schaden.« »Die Frage ist nur, auf welche Seite die Stadt sich stellt, wenn es doch zum Kriege kommen müßte«, gab der Kaplan zu bedenken. »Ich war dort noch auf der Schule, als der Lärm wegen des Bundes anhub. In der Stadt sind alte adlige Geschlechter, die keine Kränkung des Ordens zulassen möchten. Aber im Rat sind sie in der Minderheit. Die Handwerker waren allezeit von ihm ausgeschlossen und hielten treu zum Orden, der sie vor Bedrückung schützte.« »Man wird sich auf beiden Seiten still verhalten, solange der Herr Hochmeister lebt«, antwortete Marcus. »Was nach seinem Tode folgt, weiß niemand. Wir in Marienburg können nur wünschen, daß der Orden bei Kräften bleibe und die großen Städte den kleinen nicht allzusehr über den Kopf wachsen lasse.« Unter solchen Gesprächen hatten sie ihren Weg eine Strecke durch den Wald fortgesetzt. Marcus Blume und der Vogt waren abgestiegen und führten ihre Pferde am Zügel. Nach einer halben Stunde gelangten sie an einen mannshohen Zaun von aufrecht dicht aneinander gestellten und oben gespitzten Pfählen. In einiger Entfernung dahinter wurde das Rindendach eines kleinen Hauses sichtbar. »Wir sind zur Stelle«, sagte der Kaplan. Der Knecht sprang ab und wollte die Tür öffnen. Sie war aber von innen verriegelt und gab nicht nach. Auf des Vogts Geheiß klopfte er nun an, erst mit der Faust, dann, da man nicht darauf schien achten zu wollen, mit dem Kolben der Armbrust. Innen kläfften ein paar Hunde. Auch ließ sich zwischenein das Geheule eines anderen Tieres vernehmen. »Das ist der Wolf«, sagte der Vogt, »die Bestie muß indessen ausgewachsen sein. Wie kommt Ihr denn hinein?« wandte er sich an den Kaplan. »Ich gebe ein Zeichen, wenn ich allein bin«, antwortete derselbe. »Jetzt begleite ich Euch aber nur und möchte die Frauen nicht in Irrtum versetzen. Wartet nur geduldig, es wird sich schon jemand melden.« Nach einer Weile erkundigte sich denn auch eine helle Stimme, wer da sei. »Macht auf«, rief der Vogt, »bringt aber erst die Hunde zur Ruhe. Wir kommen vom Heilsberger Schloß in des Herrn Bischofs Auftrag.« »Wer seid ihr denn?« wurde weiter gefragt. »Der Schloßvogt und des Bürgermeisters von Marienburg Sohn, Marcus Blume, den der Herr Bischof geschickt hat.« »Ich darf nicht öffnen ohne der Mutter Befehl, und sie wird erst erfahren wollen, was Euer Begehr ist.« »Ich bin mit den Herren, Ursula«, mischte sich nun der Kaplan ein. »Sagt nur Frau Regina, es hätte so seine Richtigkeit. Sie bringen ein Schreiben Sr. Gnaden.« Auf den Türpfosten war ein Rabe geflogen. Er streckte den Hals aus und schien sich überführen zu wollen, daß für seine Herrin keine Gefahr sei. Dem Kaplan nickte er vertraulich zu. Als aber der Knecht die Hand nach ihm ausstreckte, sträubte er das Gefieder und hackte mit dem Schnabel dagegen, laut krächzend. Er bewachte dann die Tür, bis seine Herrin zurückkehrte. »Die Mutter vertraut Euch, hochwürdiger Herr«, ließ sich wieder die helle Stimme vernehmen, »will jedoch zuvor mit Euch allein sprechen«. Nun knarrte der schwere Riegel und die Tür ging auf. Ein Mädchenkopf, ganz von goldblondem Haar umwallt, blickte hinter derselben vor. Die großen Augen musterten rasch die Fremden und hafteten eine kurze Weile auf Marcus, der eilig die runde, pelzverbrämte Mütze gezogen hatte. Der Kaplan wurde eingelassen; dann schloß sich wieder das Tor und der Riegel. »Da seht Ihr, wie vorsichtig unsere Waldleute sind«, sagte der Vogt, »sie trauen nicht einmal des Herrn Bischofs Schrift und Siegel.« Es dauerte eine geraume Zeit, bis sich von innen wieder Schritte näherten. Aber Marcus wurde sie nicht lang. Es war ihm wie einem, der in die Sonne gesehen hat und nun die glänzende Scheibe immer vor sich hintanzen sieht, wohin er auch blicken mag. Der Kopf mit dem rötlich schillernden Goldhaar und den märchenhaft großen Augen wollte nicht weichen, auch wenn er die Lider schloß. Zu des Vogts Erzählung wollte die Erscheinung doch nur sehr bedingt passen. Auch jener schien mit seiner Erinnerung zu vergleichen. »Da habt Ihr nun gleich den Irrwisch gesehen«, sagte er lachend. »Aber ich bin erstaunt, wie verständig er sich benimmt; die Pferde sind nicht einmal scheu geworden. Auch bei so einem Ding tun in diesem Alter ein paar Jahre viel. Das Haar freilich brennt noch immer wie höllisches Feuer. Habt Ihr wohl bemerkt, wie die Sonne den Kopf streifte?« Ursula öffnete nun wieder, hielt sich aber hinter der Tür versteckt. »Ihr dürft eintreten, Herr Vogt«, sagte sie, »und auch den Fremden mitbringen. Der Knecht mag draußen bei den Pferden bleiben.« »Wollt Ihr ihnen nicht drinnen etwas trockenes Heu reichen?« fragte er. »Das Waldgras ist schon bitter, und sie haben hier auch keinen Schutz gegen den Wind.« »Ich denke, Ihr werdet bald wieder abreiten«, antwortete das Mädchen. »Einen Arm voll Heu werde ich dem Knecht über den Zaun werfen.« »Sind wir sicher, daß uns nicht der Wolf anfällt?« Ursula lachte hell auf. »Der liegt an der Kette. Er hat in letzter Zeit zu viel Unfug getrieben. Ihr habt nichts zu fürchten.« »Ich sag's nicht meinetwegen«, bemerkte der Vogt eintretend, »aber mein junger Freund hier könnte über die Bestie erschrecken, wenn sie ihn plötzlich anheult. Ich hab' ihn freilich schon unterrichtet, in was für Gesellschaft die kleine Hexe zu treffen ist.« »Nennt mich nicht eine Hexe«, rief sie in unwilligem Ton. »Ich habe noch niemand behext und will solcher dummen Reden wegen nicht vor des Herrn Bischofs Gericht kommen.« Marcus folgte ihm auf dem Fuße. Als er hinter sich den Riegel vorschieben hörte, wandte er rasch den Kopf zurück. Ursula kehrte ihm noch den Rücken zu. Ihr Haar war nicht sonderlich lang, aber dicht und kraus, so daß es rundum von den Schultern abstand. Sie trug ein kurzes Mieder von dunklem Zeuge und einen roten Rock. Man konnte keine schlankere, zierlichere Gestalt sehen. Sie hatte mit beiden Händen die Riegelstange erfaßt, lehnte sich dagegen und drückte sie in die eiserne Haspe. »Darf ich Euch helfen?« fragte Marcus, einen Augenblick stillstehend. »Dessen bedarf's nicht«, entgegnete sie. »Geht nur ins Haus.« Er stand wie gebannt. Jetzt wendete sie ihm auch halb das Gesicht zu und errötete sichtlich. Sie blickte scheu um, wie sie sich ihm aufs schnellste entziehen könne, und huschte mit einigen raschen Sprüngen in einen stallartigen Anbau am Zaun, vor dem die Hundehütten aufgestellt waren. »Der Irrwisch ist sie doch immer noch«, bemerkte der Vogt. Der Zaun hegte einen kleinen Garten vor dem Hause ein. Entlang demselben standen einige Obstbäume, die zum Teil noch mit Früchten belastet waren. Der Raum davor war in Gemüsebeete eingeteilt und schon abgeerntet. Ein Volk Hühner kratzte darauf herum. In einem Tümpel schnatterten Enten. Auf einer Stange, die sich aus einer kleinen Öffnung am Hausgiebel vorstreckte, saßen Tauben. Auf einem Grasfleck waren zwei Ziegen angepflöckt, und in einem Kober unter dem weit vorspringenden Rindendach grunzten Schweine; der Platz davor war durch einen Strauchzaun abgegrenzt, über den sich der Kürbis gerankt hatte. Im Winkel dahinter erhoben sich einige Stauden Sonnenglanz. Das Haus selbst war von rohen Baumstämmen ausgezimmert, deren Fugen sich mit Lehm und Moos verdichtet zeigten. Kleine Einschnitte bedeuteten Fenster, wahrscheinlich von innen durch Laden schließbar. Durch eine Laube von Waldefeu gelangte man zur Tür, die aus zwei Teilen bestand. Blieb der obere offen, so fiel etwas Licht in den Flur, während der untere doch dem Getier auf dem Hof das Haus versperrte. Links nahm der Küchenraum dessen ganze Breite ein. Hier war ein niedriger Herd ausgemauert, über dem ein Kessel hing. Der Rauch mußte durch das Dach abziehen. An den Sparren hingen Fische zum Trocknen, aber auch Kräuterbündel und Säckchen. Rechts hatte man eine Wand mit zwei Türen. Aus der vordersten kam ihnen der Kaplan entgegen und bat einzutreten. Marcus sah sich in einer kleinen und niedrigen Stube mit Balkendecke, wohnlich eingerichtet. Von einem Lehnstuhl am großen Lehmofen hatte sich eine Frau erhoben, die ein langes schwarzes Gewand trug und ein ebenfalls schwarzes Tuch über den Kopf geworfen hatte, so daß von dem Gesicht wenig mehr als die fast stechend leuchtenden Augen sichtbar blieb. Sie streckte die Hand vor, als ob sie den Eintretenden schon nahe der Tür Halt gebieten wollte, und sagte: »Ich habe erfahren, weshalb Ihr kommt, Herr Marcus Blume, und hätt' Euch schon draußen am Tor meine Antwort sagen lassen können. Aus schuldiger Ehrfurcht vor dem hochwürdigsten Herrn Bischof, der Euch schickt, rief ich Euch hinein, damit Ihr unter meinem Dach ausruhen möget, wie ein willkommener Gast. Daß Ihr es aber sogleich wisset: Eure Reise war umsonst, denn meine Waldhütte verlasse ich nicht, außer zum Gang nach der Kapelle, mag auch Seine Gnade mich abberufen.« Die Stimme hatte einen wundersam tiefen Klang; dabei setzte jedes Wort deutlich ab, als ob es ein für allemal verstanden sein wollte. Marcus hatte sich unter der Waldfrau ein altes Mütterchen von bäuerlichem Wesen vorgestellt und war nun nicht wenig überrascht von der vornehm aufrechten Gestalt und gewählten Redeweise. Er verbeugte sich unwillkürlich tief und antwortete nicht ohne Schüchternheit: »Wollet gleichwohl des Herrn Bischofs Brief lesen, verehrte Frau, der mir für Euch anvertraut ist. Kann er Euch nicht auf andere Gedanken bringen, wie ich hoffe, so werde ich mich seiner doch nach Befehl entledigt haben. Es ist Eure Pflicht, ihn zu lesen und Euch danach erst zu entscheiden. Wahrlich, eine wichtige Ursache muß es haben, wenn der Herr Bischof aus der Marienburg eine solche Botschaft an Euch richtet.« »Gebt denn«, sagte sie nach einigem Bedenken. »Es soll keine schuldige Form versäumt werden.« Marcus zog den Brief aus der Gürteltasche, trat einige Schritte auf sie zu und überreichte ihr denselben. »Möge dieses Schreiben Kraft haben, Euer Herz milde zu stimmen«, fügte er hinzu, »damit unser gütiger Herr Hochmeister Hoffnung gewinne, von seiner schweren Krankheit erlöst zu werden. Das walte Gott!« Er blickte dabei zu ihr auf und sah nun unter dem Tuche ein edelgeformtes, hageres und bleiches Gesicht. Das im langen Scheitel herabhängende graue Haar ließ nur einen kleinen Teil der Stirn frei. Die Augen musterten ihn ernst. Sie nahm den Brief, wobei ihm die schmale Hand auffallen mußte, und trat damit dicht an die Fensteröffnung. »Setzt Euch, bis ich gelesen habe«, sagte sie in fast gebieterischem Ton, indem sie nach der Eckbank deutete. »Ursula!« rief sie hinaus, »bringe für die Gäste eine Kanne Met herein. Sie werden nach dem Ritt durstig sein.« Sie las das Schreiben stehend, offenbar mit großer Aufmerksamkeit. Indessen trat Ursula von der Kammer her ein, unter deren erhöhtem Fußboden sich wohl der Keller befand. Sie trug auf dem Arm die Kanne von glasiertem, mit einfachen Ornamenten verziertem Ton und in der Hand ein paar Becher von Zinn. »Trinkt«, sagte sie, indem sie mit zierlicher Bewegung einschenkte. »Trinkt's uns vor«, antwortete Marcus schnell, »so schmeckt's uns um so besser, Jüngferlein.« Er war ob seiner Kühnheit selbst so erschrocken, daß er die Augen niederschlug und bis zur Stirn hinauf errötete. Sie aber setzte ohne alle Ziererei den Becher, der vor ihm stand, an die Lippen und netzte dieselben ein wenig. »Die Mutter hat mich gelehrt, das sei Gastrecht«, sagte sie, »und dem will ich nichts vergeben.« Sie reichte ihm den Becher zu. Seine Hand streifte ihren kleinen Finger; es war ihm, als ob Feuer davon ausging. »Auf des Herrn Hochmeisters baldige Genesung«, rief er und stieß mit dem Vogt an, der kräftig Bescheid tat, aber doch bemerkte: »Mir habt Ihr nicht zugetrunken, Jungfer. Für den Graubart ist das nichts, meint Ihr. Ja, als ich auch noch so ein jung Bürschlein war, dem kaum der Flaum auf der Lippe keimt...« »Ich glaubte, Ihr hättet Furcht vor mir«, entgegnete sie spöttisch. »Wißt Ihr noch damals, als Ihr mich unversehens im Walde trafet« – sie lachte hell auf –, »da bliebt Ihr absichtlich immer zehn Schritt hinter mir zurück und schlugt das Kreuz öfters in einer halben Stunde als sonst wahrscheinlich in einer halben Woche.« »Ei, ei! Besinnt Ihr Euch dessen noch?« schmunzelte der Vogt. »Es ist lange her. Seitdem seid Ihr hübsch ausgewachsen, tragt das Haar nicht mehr so wirr und schaut auch aus den Augen nicht ganz so koboldmäßig wild. Wer Euch jetzt im Walde begegnet, mag nicht mehr erschrecken; möcht' ihm aber doch raten, sich vor Euch in acht zu nehmen. Denn ein ganz klein Teufelchen steckt sicher in Euch – ich weiß schon, von welcher Art.« »Meint Ihr das auch?« fragte sie Marcus und sah ihn dabei mit den großen dunkelblauen Augen recht unschuldig an, daß es ihm bis ins Herz fuhr. »Mit Euren Stadtdamen mag ich mich wohl nicht vergleichen, die in seiner Sitte erzogen sind, aber der geistliche Herr, hoff' ich, wird mir das Zeugnis geben, daß ich's an Frömmigkeit nicht fehlen lasse, und so darf Euch der Herr Vogt auch im Scherz nicht beunruhigen.« Der Kaplan nickte freundlich. Marcus nahm ihre Hand und sagte: »Hättet Ihr Flügel, so würde ich Euch aus einem von den Bildern herausgestiegen wähnen, die unser Meister in Marienburg so schön malt. Seine Engel haben auch so sonniges, flatterndes Haar und so übermenschliche Augen ... Ihr solltet sie einmal sehen.« Nun lachte sie wieder und zog rasch ihre Hand fort, indem sie sich abwendete. »Ihr scherzt noch schlimmer als der Vogt«, schmollte sie. Draußen an der Tür krächzte der Rabe. Sie öffnete ihm und nahm ihn auf die Schulter. Dann setzte sie sich in den Winkel auf die Ofenbank und trieb allerhand Spiel mit ihm. Marcus wurde dadurch ganz zerstreut. Indessen hatte Frau Regina des Bischofs krause Schrift entziffert, »Des Herrn Hochmeisters schweres Leid geht mir sehr zu Gemüte«, sagte sie; »aber ich kann ihm doch nicht helfen.« »Ihr könnt nicht?« fuhr der Vogt auf. »Sagt dann lieber, Ihr wollt nicht.« Sie lächelte mitleidig. »So sprecht Ihr, wie Ihr's versteht«, antwortete sie. »Der Herr Hochmeister ist schwer krank. Kann ich ihn heilen durch Handauflegen, oder Anblasen, oder durch den Blick und einen alten Spruch? So glaubt Ihr's freilich, denn Ihr haltet mich für eine Zauberin. Und Euer Herr Bischof, ob er schon in diesem Schreiben solche Meinung streng abweist und mir des Himmels Segen verspricht, steht's doch kaum klüger an. Ich kenne des Herrn Hochmeisters Krankheit nicht aus der Entfernung. Würd' ich sie vielleicht aber auch erkennen, wenn ich ihn sehe, und ein Mittel dagegen wissen, so hätt' ich's doch nicht bei der Hand und müßt' es erst herbeiholen. Darüber verliefe viel Zeit, und er hat allzu wenig einzusetzen, wenn seine Ärzte gut unterrichtet sind.« »So nehmt Euren ganzen Kram mit«, riet der Vogt. »Außer dem Gaul für Euch hab' ich noch ein Handpferd mitgebracht, das ihn gewiß mit Leichtigkeit trägt. Geht, geht! Ihr macht Ausflüchte.« »Ich bitt' Euch recht von Herzen, liebe Frau«, nahm Marcus das Wort. »Bedenket nicht Eure Unbequemlichkeit und den weiten Weg, sondern des Herrn Meisters und des ganzen Landes Not. Auf Euch allein noch steht sein Vertrauen; laßt es nicht zuschanden werden. Ist er nach Gottes Rat dem Leben nicht zu erhalten, so müssen wir uns darein fügen; aber seine letzten Tage werden wenigstens von Hoffnung belebt und zu guten Werken gestärkt sein. Eines Fürsten Stunden sind wertvoller als eines anderen Mannes Jahre. Und es ist doch noch so sicher, daß Ihr ihm nicht von seiner Krankheit helfen könnt. So vielen habt Ihr mit Eurer Kunst geholfen. Warum soll's Euch bei diesem nicht gelingen können, für den man doch in allen Kreisen betet? Nein, nein! ich darf nicht nach Marienburg zurückkehren, ohne Euch mitzubringen. Der Herr Bischof würde nicht glauben, daß ich meine Botschaft nach Gebühr ausgerichtet habe.« »Und doch kann's nicht sein«, entgegnete die Frau mit finsterer Miene. »Ich habe mich aus der Welt zurückgezogen und mir ein Gelübde getan, dieses Waldhaus und seinen nächsten Kreis nicht zu verlassen. Fragt nicht, weshalb – ich könnt Euch darauf keine Antwort geben. Aber es ist so, und ich muß mein Gelübde halten.« »Ihr müßt nicht«, mischte sich der Kaplan ein, der den Brief vom Tisch aufgenommen und gelesen hatte. »Der Herr Bischof dispensiert Euch und will seinen Dispens selbst vor dem Heiligen Vater vertreten, wenn das erforderlich sein sollte.« »Aber ich fürchte Gottes Zorn –« »Hat nicht die Kirche von ihm Macht erhalten, zu binden und zu lösen? Und ist Bischof Franziskus nicht ihr vollmächtiger Diener? Wie dürft Ihr in Sorge sein, Euch zu versündigen, Frau, wenn Ihr seinem Befehl gehorsamt?« »Ich darf aber vor meinem Gewissen keinen Dispens annehmen, hochwürdiger Herr – – das wollet mir glauben.« Der Kaplan schüttelte den Kopf. »Der Kirche Gewissen ist unser Gewissen.« »Euer sträflicher Eigensinn aber«, fuhr der Vogt fort, »wird den weltlichen Arm gegen Euch aufbringen. Wähnet nicht, hoher Obrigkeit trotzen zu wollen. Sie führt nicht umsonst das Schwert. Folgt Ihr nicht gutwillig, so wird es noch Mittel geben, Euch zu zwingen.« Sie strafte ihn mit einem zornigen Blick. »Wozu wollt Ihr mich zwingen? Ihr mögt mich wider meinen Willen nach Marienburg schleppen können; aber kein Mächtiger ist mächtig genug, mich zu nötigen, ein Heilmittel anzugeben. Wollt Ihr mich aber von hier austreiben, so bedenkt, daß es Euer eigener Schade ist.« »Droht nicht, Herr Vogt«, fiel Marcus ein. »Frau Regina hat recht, daß hier mit Gewalt nichts auszurichten ist. Es war auch nicht des Herrn Bischofs Meinung, daß ich solche Unterstützung von Euch fordern oder annehmen sollte. Sondern der hochwürdige Herr hieß mich seinem Schreiben eine sanfte Bitte zufügen, um das Herz der Waldfrau zu bewegen. Erfüllt Ihr sie nicht, so werdet Ihr unbehelligt bleiben, wie der Herr Bischof bisher Eure guten Werke nicht gestört hat. Aber ich hoffe, Euer Sinn ist nicht so hart. Bedenket, wem diesmal Eure Kunst zu Dienst sein soll. Der Hochmeister des Deutschen Ordens, der Fürst des Landes Preußen, ruft Euch. An seinem Leben und Sterben hängt viel – vielleicht mehr als an irgendeines seiner Vorgänger Leben und Sterben. Denn es ist jetzt viel Unruhe in der Welt, und die Unzufriedenen in den Städten und unter der Landesritterschaft warten nur darauf, daß sich für immer das Auge des teuren Mannes schließe, der uns so lange den Frieden bewahrt hat. Kann ihm des Leibes Gesundheit wiedergegeben werden, so freuen sich viele Tausende des Wohlseins. Darum könnt Ihr kein gottgefälligeres Werk tun, als die Reise unternehmen, der Ihr gewiß aus wichtigen Gründen widerstrebt. Je mehr Ihr Euren Widerwillen überwindet, um so mehr Dank werdet Ihr von Euch selbst gewinnen. Und darum laßt Euch bewegen, werte Frau, und folgt mir, wohin ich Euch rufe.« Diese warme Rede hatte augenscheinlich ihren Eindruck nicht verfehlt. Frau Regina sah ernst vor sich hin und faltete die Hände, als wollte sie sich durch ein Gebet zum Entschluß stärken. Sie antwortete nicht sogleich. Das nahm Marcus für ein gutes Zeichen. Er meinte noch eifriger auf sie einwirken zu sollen und wendete sich deshalb nun an Ursula, die von ihrem Winkel aus, das rechte Knie hochgezogen und mit beiden Händen umfaßt, gespannt zuhörte. »Helft mir bitten, Jungfrau«, sagte er, »Euer Fürwort gilt gewiß bei der Mutter viel. Wenn Ihr je schon würdig in Eurem Herzen Gott gedankt habt für eine glückliche Kur, die sie an irgendeinem Ärmsten vollbracht, so versagt mir Euren Beistand nicht, wo vielleicht aus ihrer Kunst dem ganzen Volke Heil erwachsen kann.« »Tu's Mutter«, bat das Mädchen, bis zur Stirn erglühend. »Wenn der Herr Hochmeister Deine Hilfe fordert, so darfst du ihm nicht absagen.« Frau Regina lächelte bitter. »Ist das so gewiß? Es muß wohl guten Grund gehabt haben, daß ich mich in diese Waldeinsamkeit verbannte. Er gilt noch immer und wird gelten, so lang ich lebe. Wenn ich mir einmal nicht Wort halte, wer bürgt mir, daß ich ein andermal widerstehe? Ihr bringt mich in schwere Gewissensnot, Aber ich weiß wohl, daß ich dem Herrn Bischof großen Dank schuldig bin; denn ohne seinen gnädigen Schutz wäre ich gewiß längst von abergläubischen Menschen ausgetrieben und vielleicht gar des Lebens beraubt. Deshalb laßt mich eine Weile allein, daß ich mit mir berate, ob ich in diesem Falle nachzugeben vermag.« So war die Bitte denn doch nicht ganz abgeschlagen. Marcus sah ein, daß weiteres Zureden nichts nützen könne, legte daher nur die rechte Hand aufs Herz, indem er sich verneigte, und gab den anderen einen Wink, sich mit ihm zu entfernen. Sie traten in das Gärtchen hinaus. Der Vogt öffnete das Hoftor und sah nach den Pferden. Der Kaplan ging mit Marcus. »Es lastet irgend etwas Schweres auf ihr«, sagte er, »wovon niemand wissen soll. Selbst in der Beichte hat sie sich nicht eröffnet. Sie behalte sich's für die Sterbestunde vor und hoffe, daß Gott ihr auch so ein gnädiger Richter sein werde, wenn sie bis dahin ihr Leben nach seinem Gefallen einrichte. Das zumeist ist wohl der Grund ihrer Weigerung, den bischöflichen Dispens anzunehmen.« Als Marcus sich umschaute, sah er Ursula im Hausflur stehen. Er eilte zu ihr und bat sie, ihr Gesellschaft leisten zu dürfen. »Ich bin hier die Wirtin«, antwortete sie jetzt, alle Scheu vergessend, »und hätte wohl eher selbst die Pflicht, Euch die Zeit zu kürzen. Wüßt' ich nur etwas, womit ich Euch unterhalten könnte! Hier im Walde ist fast genau ein Tag wie der andere.« »Erlaubt nur, daß ich an Eurer Seite bleiben darf«, sagte er, »so wird mir's an Kurzweil nicht fehlen.« »Ich will Euch die Tiere zeigen«, rief sie. »Mit denen beschäftige ich mich die längste Zeit. Sie sind alle so zahm und nehmen mir das Futter aus der Hand.« Sie rief den Raben herbei, setzte ihn auf die Schulter unter das Dach des goldigen Haares und gab ihm allerhand Koseworte. »Er ist sehr klug«, versicherte sie, »und versteht unsere Sprache. Er muß aber auch sehr alt sein, denn er gehörte schon zu diesem Hause, als meine Mutter hier ein Obdach fand, und die ältesten Beutner rundum behaupten, sie hätten ihn schon in ihrer Kinderzeit gesehen.« »Ist es wahr, daß er Euch etwas in's Ohr sagt, wenn er sich so zu Euch neigt?« fragte Marcus schüchtern. Er glaubte nur schwach daran. »Jawohl«, antwortete sie neckisch, »in seiner Vogelsprache.« »Versteht Ihr die?« »Ein wenig. Ich weiß immer gleich, was er will, wenn ich gut aufmerke. Die Sprache ist aber sehr schwer und läßt sich gar nicht lehren.« Sie trat heraus. Der Wolf riß an seiner Kette und heulte kläglich. »Wir sind auch gute Freunde«, sagte sie, indem sie zu ihm ging und ihm den Kopf streichelte. »Ich hab' ihn von jung aufgezogen; die Bauern hatten seine Mutter totgeschlagen und fanden ihn in ihrem Lager. Er wurde zahm wie ein Hund und dachte nicht ans Fortlaufen. Später aber ist er doch störrisch und unfolgsam geworden, hat auch allerhand Schaden angerichtet, so daß er gekettet werden mußte. Mir aber hat er gleichwohl gute Freundschaft bewahrt.« Sie sperrte ihm mit den kleinen Händen den Rachen auf und zeigte das Gebiß. »Den Hühnern und Enten ist nicht zu raten, in seine Nähe zu kommen, und selbst unsere alte Magd muß vorsichtig sein, wenn sie ihm sein Fressen bringt. Von mir läßt er sich schlagen.« »Ihr solltet doch nicht zu trausam sein«, meinte Marcus, den es ängstigte, wie sie ihre seinen Fingerchen zwischen seine Zähne brachte, »die Tücke lacht ihm aus den Augen.« »Oh, ich habe Gewalt über ihn«, versicherte sie, »tretet zu mir, und Ihr sollt sehen, daß er sich auch von Euch anfassen läßt, obschon Ihr ihm ein ganz Fremder seid. Gut Freund, Pluto!« Sie reichte Marcus die Hand und zog ihn heran. Er wollte nicht feige scheinen und trat in den Bereich der Kette. Der Wolf wurde sehr unruhig, wagte aber doch nicht gegen ihn aufzuspringen. Er litt, daß sie die Hand des Gastes auf seinen Kopf legte, und gab nur seinen Unwillen durch grollende Heullaute zu erkennen. Marcus empfand nur die Nähe ihrer Hand und hätte die seine willig auch in einen Löwenrachen gesteckt, wenn sie so geführt wurde. Dann stellte sich Ursula mitten auf den Hof und klatschte in die Hände. Auf dieses Zeichen liefen die Hühner herbei, watschelten die Enten heran, flogen die Tauben von ihrer Stange und umkreisten sie gurrend. Sie holte eine Schale mit Futter herbei und streute es ihnen aus. Jedem von den Tieren hatte sie einen Namen gegeben, meist nach irgendeiner äußerlichen, in die Augen fallenden Eigenschaft. Da war unter den Enten ein Krummfuß, ein Schiefbein, ein Schleppflügel, ein Breitschnabel, unter den Hennen eine Frau Gackel, eine Frau Neidhart, eine böse und eine fleißige, während die Tauben meist nach ihrer Farbe, aber auch nach dem Federschmuck auf dem Kopf und an den Füßen benannt waren. Sie sprach fortwährend zu ihnen, lobte sie, schalt sie, ermunterte sie zum Zugreifen oder wehrte den Angriff der unverschämt Zudringlichen ab. Die Liebkosung eines Täubchens machte den Raben eifersüchtig; er wurde unartig und mußte fortgeschickt werden. Nun flogen ihr die weißen und die blauen, die Spitz- und Rundhauben auf die Schultern und Arme. Marcus hatte seine helle Freude daran, diesem anmutigen Spiel zuzuschauen. Darauf wollte sie die Pferde sehen, die vor der Umzäunung weideten. Sie hatte nicht vergessen, ihnen Heu überzuwerfen. Das eine von den Handpferden, ein Grauschimmel, gefiel ihr besonders gut. Sie ließ sich von Marcus auf die Decke heben und den Zügel reichen. Dann umritt sie mehrmals einen Kreis, erst in bedächtigem Schritt, bald in munterem Galopp. Sie jauchzte vor Vergnügen und rief, als sie wieder abgesprungen war: »Den ganzen Tag möcht ich zu Pferde sitzen und in die weite Welt hinausreiten! Ich weiß von ihr noch nichts, als was mir erzählt worden. Einmal bin ich ganz heimlich bis Heilsberg gelaufen, hab' mich aber nicht hineingewagt. Die hohen Mauern mit den vielen Türmen rings um das Schloß und die Stadt ängstigten mich. Würde das Tor hinter mir verriegelt, meint' ich, so käme ich nie wieder frei. Ich möcht auch da nicht wohnen, aber sehen möcht ich einmal gern, wie es drinnen hergeht. Und nun gar die Marienburg! Etwas so Herrliches soll in der ganzen Christenheit nicht zu schauen sein. Das habt Ihr nun alle Tage vor Augen.« »Bewegt nur Eure Mutter, daß sie sich des kranken Herrn Hochmeisters gütigst annimmt«, drängte Marcus, »dann erhört sie vielleicht auch Eure Bitte, sie begleiten zu dürfen.« »Ach – ohne mich reist sie gewiß nicht«, sagte Ursula sehr zuversichtlich. »Noch nie hat sie sich eine Nacht von mir getrennt. Aber ich fürchte, die gibt nicht nach.« »Geht zu ihr und sprecht mit ihr«, bat er. »Die Gelegenheit, des Ordens Oberhaupt zu sehen, kehrt nicht so bald wieder.« Sie überlegte eine kleine Weile, das runde Kinn in die Hand gestützt. Dann eilte sie, ohne weiter ein Wort zu sprechen, ins Haus. Nach einer Viertelstunde trat Frau Regina aus demselben. Hinter ihr erschien Ursula in der Tür mit freudestrahlendem Gesicht und gab Marcus Zeichen, die nicht mißzuverstehen waren. »Ich sehe wohl ein«, sagte die Waldfrau, »daß ich mir und meinem Kinde schweres Ungemach zuziehe, wenn ich des Herrn Bischofs dringendes Schreiben unbeachtet lasse. Obschon nur geringe Hoffnung ist, daß ich dem Kranken durch meine schwache Kunst helfen kann, da so viele hochgelehrte Ärzte an aller Rettung verzweifeln, so hab' ich mich doch entschlossen, die Reise anzutreten, um in meiner Pflicht nicht lässig zu scheinen. Lasset uns also den Knecht mit zwei Pferden hier und erwartet uns in Heilsberg zur Weiterreise. Wir brechen mit dem frühesten auf.« »Das ist eine gute, freundliche Antwort«, bemerkte der Vogt. »Möchte nur zu bedenken geben, ob es nicht gescheiter wäre, heut noch bis Heilsberg zu reiten. Wir könnten das Schloß wohl vor völliger Dunkelheit erreichen, und Ihr hättet dort ein bequemes Nachtquartier, kämet auch morgen ein Stück weiter.« Davon wollte jedoch Frau Regina nichts wissen. Es sei heut schon zu spät geworden, und sie habe auch noch der alten Magd die Wirtschaft zu übergeben, für den nötigen Mundvorrat zu sorgen und die Medikamente auszuwählen, die mitzunehmen seien. Auf den Apotheker in Marienburg dürfe sie sich nicht verlassen. Nun erkundigte Marcus sich beim Kaplan, ob er ihn und den Vogt zur Nacht beherbergen könne. Das wäre zur Not gegangen, wenn sie auf einer Streu vorliebnehmen und sich mit dem Mantel bedecken wollten. Den Pferden konnte kein Obdach geboten werden. So entschlossen sich die beiden denn doch, abzureiten, nachdem der Kaplan versprochen hatte, den Frauen in, der Frühe beim Aufbruch behilflich zu sein. Der Vogt fragte Frau Regina, ob sie einen Wagen für die Reise vorziehe; doch wäre zu befürchten, daß er in den schlechten Wegen steckenbleibe. Sie dankte ihm und bat nur, einen zweiten Damensattel für Ursula bereitzuhalten, die sie durchaus nicht allein ziehen lassen wolle. »Ich reite den Grauschimmel«, rief diese, »er hat einen so leichten Tritt und wird mich auch von der Decke nicht hinunterwerfen, wenn sie fest gegurtet ist.« »In unsrer Kammer fehlt's nicht an Sattelzeug zum Gebrauch für Damen«, versicherte der Vogt. »In der bischöflichen Residenz muß man auf Besuch aller Art gerüstet sein. Auch reitet mancher der geistlichen Herren selbst lieber die Quere. Ihr sollt in allem gut versorgt werden.« Als Marcus beim Abschied Ursula die Hand reichte, sah er ihr recht tief in die großen Augen und fagte: »Am liebsten ging ich gar nicht mehr von Eurer Seite. Wer weiß, ob Eure Mutter sich nicht bis morgen anders besinnt.« »Das befürchtet nicht«, antwortete sie. »Es ist ihr schwer genug angekommen, ihr Versprechen zu geben. Da sie's gegeben hat, hält sie's auch. Und vergeßt auch nicht«, setzte sie mit schalkhaftem Lächeln hinzu, »daß ich jetzt ein Wort mitzureden habe. Ich weine mir die Augen aus dem Kopf, wenn ein Hindernis eintritt. Lebt wohl bis morgen, lebt wohl!« »Wollt Ihr mich bis dahin in freundlichem Andenken behalten?« fragte er in so ernstem Ton, als handelte es sich um eine Trennung für lange Zeit. Sie sah ihn aber gar nicht verwundert an, sondern nickte errötend, zog rasch ihre Hand fort und huschte hinter den Torflügel. Marcus verhielt sich auf dem langen Rückwege sehr schweigsam oder gab verwirrte Antworten. »Hört, hört!« drohte der Vogt, »die kleine Hexe hat es Euch angetan. Was soll das werden, wenn Ihr ein paar Tage neben ihr reitet?« »Habt auf den Weg acht, damit wir nicht verirren«, riet sein Begleiter. Die Nacht brachte ihm wenig Schlaf. Vor Sonnenaufgang schon kletterte er auf den hohen Turm und spähte auf die Landstraße hinaus mit aufmerksameren Blicken als vielleicht je ein Wächter auf diesem Posten. Wirklich war's noch kaum eine Stunde Tag geworden, als schon die Frauen am Tor anlangten. Frau Regina war in einen Pelz gehüllt und dicht verschleiert. Ursula ritt wie ein Junge. Den Mantel hatte sie von der Schulter fallen lassen und um die Hüften zusammen genommen, so daß er die Füße bedeckte. Sie trug eine Kappe von blauem Zeug mit Pelzbesatz und Adlerfedern auf dem wallenden Goldhaar. Auf der Hand hielt sie wie einen Falken ihren treuen Raben. »Ich hab' ihn einsperren wollen«, erzählte sie, »aber er hat längst gewußt, was wir vorhatten, und ist fortgeflogen, eh' ich ihn haschen konnte. Kein Rufen, Schmeicheln und Schelten hat ihn zurückgebracht. Erst im Walde hat er sich zu uns gesellt.« Er folgte auch nicht ins Burgtor hinein, sondern flog auf die Zinne und wartete dort auf die Rückkehr seiner Herrin. »Er ist so klug«, sagte sie. »Ich bin nur begierig, wie Pluto es ohne mich aushält. Nun – die Kette zerreißt er nicht!« Viertes Kapitel Thorner Besuch In dem Stübchen des Bürgermeisters Blume in Marienburg saß schon längere Zeit im Lehnstuhl ein Gast, den jener mit viel Zuvorkommenheit behandelte. Es war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, eher darüber als darunter, auffallend breitschultrig und gedrungen in seinem ganzen Körperbau. Auf dem kurzen Halse saß ein dicker Kopf mit struppig aufstehendem Haar, das sich zu beiden Seiten der eckigen Stirn weit zurückgezogen hatte und so die Schläfen frei ließ. Auf dieser Stirn lagen drei Querfalten fest. Sie senkten sich nach der wuchtigen und breit auslaufenden Nase zu, deren Flügel immer in Bewegung waren. Der kurz geschorene Vollbart, am Ohr entlang und in den Mundwinkeln bereits grau, umlief borstig das Kinn. Das Gesicht war unschön, hatte aber von den Augen her einen klugen Ausdruck. Die harten Züge deuteten auf viel Willensstärke. Der Mann saß fest im Stuhl, hatte den breiten Rücken angelehnt und die rechte Hand mit den kurzen Fingern auf den Tisch gelegt, während der Daumen der linken in dem breiten Ledergurt steckte, der das schwarze Tuchwams zusammenhielt. Um den Hals trug er eine schwere goldene Kette, an welcher einige Schaustücke auf die Brust hinabhingen. Er atmete kurz und schnaufte von Zeit zu Zeit, um sich besser Luft zu machen. Was er von seinem Wirt gehört hatte, schien ihm nicht sonderlich gefallen zu haben; die Falten auf der Stirn waren tief gesenkt, und der Mund hatte sich spöttisch verzogen. »Es scheint mir, Gevatter Barthel«, sagte er, »daß Ihr alleweile vermitteln möchtet, wo doch keine Vermittlung möglich ist. Ihr versichert, treu zum Bunde zu stehen, an dessen Brief die Stadt Marienburg mit allen anderen Städten des Landes, großen und kleinen, ihr Siegel gehängt hat, und wollet doch dem Orden nicht wehe tun, der den Bund bekämpft und je eher, je lieber für immer abtun möchte. Wie verträgt sich das miteinander? Ihr versprecht, Euch vom Bunde nicht zu trennen, ratet aber zu Schlimmerem, als wenn das wirklich geschähe. Denn wie Ihr auch Eure Meinung sorgsam verklausuliert, so höre ich doch deutlich heraus, daß es Euch nicht unlieb wäre, wenn der Bund sich auflöste und somit alle seine Glieder frei gäbe. Dann allerdings hätte kein einzelnes mehr Gelegenheit, sich schwach zu erweisen.« »Ihr könnt meine Worte dreist nehmen, wie ich sie spreche, Herr Tileman«, antwortete Blume sehr ruhig und bestimmt. »Solange der Bund nach Beschluß der Mehrheit besteht, will ich mich von der gemeinsamen Sache nicht sondern, es sei denn, daß etwas Unrechtes gegen die Herrschaft unternommen werden sollte. Hoffe aber zu Gott, daß solche Gedanken allen Gliedern des Bundes fern. Es ist männiglich bekannt, daß die Stadt Marienburg dem Orden treu anhängt, und ist auch kein Geheimnis im Lande, welcher Gesinnung ich selbst bin und stets gewesen bin. Ich wollte, wir wären niemals genötigt worden, den Bund zu schließen. Doch ist's vor zehn Jahren um merklicher Ursachen wegen geschehen, in Notwehr gleichsam, da der Orden dem Lande seine Versprechungen nicht gehalten hatte und seine Untertanen zu vergewaltigen drohte, um ohne ihre Einwilligung Steuern erheben und sich gegen Polen zu neuem verderblichen Kriege rüsten zu können. Da sind die Genossen unter den Rittern und Knechten des Landes mit den Städten zusammengetreten und haben dieses Verbündnis aufgerichtet, einander gegen ungerechten Angriff ihrer Privilegien beizustehen und gemeinschaftlich ihr Recht zu vertreten. Doch unbeschadet des Rechts der Herrschaft. Dazu hat uns damals der Herr Hochmeister und der größte Teil seiner Gebietiger und Ritter für wohlbefugt erachtet. Sind auch bemüht gewesen, unsere Beschwerden abzustellen, soviel in ihrer Macht war. Damit, so mein' ich, hat der Bund erreicht, was seines Zusammenschlusses Zweck war. Ist uns nun seit Jahren keine Klage über gewalttätiges und ungerechtes Regiment gegeben, sondern von unsern Herren der Frieden erhalten und das Land wieder zu Wohlstand gebracht, so scheint es mir billig, daß auch wir zur alten Ordnung der Dinge zurückkehren und nicht ohne Not unsere Wehr aufrechthalten, da uns doch niemand etwas zuleide tut. Sollte es künftig geschehen, so stände es ja doch wieder bei uns, den Bund zu erneuern und ihm, wenn erforderlich, noch mehr Stärke zu geben.« Herr Tileman vom Wege hatte sehr ungeduldig zugehört, mit den Mundwinkeln gezuckt und mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt. »Ihr sprecht recht wie ein Kind, Herr Barthel Blume«, rief er, »dem man mit einem roten Apfel oder einer Zuckernuß die Tränen trocknet. Sind wirklich unsere Beschwerden abgestellt? Ich weiß nichts davon. Der Orden hat sich wohl gehütet, zu neuen Anlaß zu geben, und auch das soll ihm gedankt sein, aber die alten sind nicht beseitigt. Ich will nicht groß Geschrei erheben wegen des Schadens, der dem einzelnen während des polnischen Krieges durch Brand seiner Gebäude und Raub seiner fahrenden Habe zugefügt ist, den der Landmann von den Ordensmühlen und der Städter von des Ordens Kaufschlagen erlitten hat und täglich noch leidet; aber was das ganze Land angeht, sollt' Euch füglich eine wichtige Sache dünken. Hat nicht der Hochmeister Heinrich von Plauen schon zugesagt, einen Landesrat einzusetzen und in denselben außer seinen Gebietigern auch Ritter und Knechte des Landes aufzunehmen, denen er Vertrauen schenke, und Vertreter der großen Städte? Ist diese Zusage nicht vor zwanzig Jahren erneuert und die Zahl der Gebietiger und weltlichen Leute festgesetzt und ihre Befugnis in des Herrn Meisters Rat geordnet und dem Lande verbrieft, daß keine Abgabe oder Schoß erhoben werden sollte ohne des ganzen Landes Bewilligung? Und ist uns nicht mit feierlichen Worten zugesagt, es solle fortan jährlich ein Richttag sein, an dem ein jeder gegen die Obrigkeit wegen Verletzung seiner Rechte und Privilegien Klage führen könne und gehört werden solle? Was ist uns davon gehalten bis in die jüngste Zeit? Nichts, soweit ich der Sachen kundig. Der Herr Hochmeister hat zwar, wenn es ihm gefiel, einzelne von den Landesrittern und Bürgermeister der Städte als seine geschworenen Räte um ihre Meinung befragt, wie er auch mich jetzt zu sich beruft, aber ein Landesrat, der des Ordens Heimlichkeit weiß und zu dem wir ein gutes Recht haben, besteht nicht; sondern der Herr Hochmeister erledigt nach wie vor alle Sachen des Landes wie des Ordens mit seinen obersten Gebietigern allein. Der Richttag aber ist von Jahr zu Jahr verschoben und soll am liebsten ganz in Vergessenheit kommen, denn die Herren wollen nicht, daß über sie zu Gericht gesessen werde, sie mögen im Recht oder Unrecht sein. Wollt Ihr nun einwenden, es sei nichts zum Schaden des Landes, gar manches aber zu dessen Wohlfahrt geschehen, so antworte ich: das ist dem Bunde zu danken. Weil der Orden ihn fürchtete, hielt er sich selbst in Schranken. Nun heißt's: was hat der Bund zu tun? Darauf antwort' ich: er ist da, das ist genug. Tut ihn ab, und Ihr sollt Euch über der Herren schnellen Übermut verwundern. Wenn Ihr aber sagt: dann ist's Zeit, ihn von neuem aufzurichten, so antwort' ich Euch zum dritten: Ihr kennt der Welt Lauf nicht. Was Ihr heute haben könnt, könnt Ihr nicht ebensogut morgen haben. Es muß viel guter Zufall zusammentreffen, damit ein großes Werk gelingt, und zum zweitenmal gelingt's nicht wieder, wenn auch nur zum Unterbau eine kleines Steinchen fehlt. Des Landes Bedrängnis durch den Feind, des Hochmeisters Schwäche, des Kapitels Ratlosigkeit, Geldnot, Mißwuchs, Handelsstockung, der Unterdrückten verzweifeltes Geschrei, der Mutigen rasche Entschlossenheit – es lag in der Zeit und kehrt so nicht zurück. Der Bund ist nicht wie ein Schild, den man heut aus der Hand legt und morgen wieder aufnimmt. Er ist ein Kettenpanzer, aus hundert Ringen zusammengesetzt, jeder einzelne schwach, gesamt undurchdringlich. Nehmt sie voneinander, und Ihr habt ein loses Häuflein von Gliedern, aber keinen Panzer mehr. Und ob Ihr ihn je wiederherstellt, ist die Frage. Nein, nein, wir haben den Bund und wollen ihn behalten, weil wir ihn haben, er mag im Augenblick nützlich oder unnützlich sein. Er besteht zu Recht. Das ist eine gar vornehme Eigenschaft, und um die wollen wir ihn nicht bringen!« Er stand auf und durchmaß das Zimmer mit raschen Schritten, schnaufend und mit der Hand gestikulierend. Blume hatte das Kinn auf die Brust sinken lassen und blickte nachdenklich vor sich hin auf die Erde. »Und Ihr wollt also dem kranken Herrn Hochmeister nicht aufwarten?« fragte er nach einer Weile. »Dazu kam ich auf Euer Schreiben her«, entgegnete der Thorner, »nachdem ich den Rat meiner Stadt verständigt, damit man von mir nichts Schlimmes denke. Ich will hören, was der Herr Hochmeister, den ich für seine Person von Herzen verehre, mir zu sagen hat, und ich will ihn mit Antwort so gut bedienen, als ich vermag. Aber ich verhoffe mir für uns beide keinen Erfolg davon.« Der Bischof schickte aus dem Schloß einen Boten mit der Meldung, daß jetzt günstige Zeit sei, dem Herrn Hochmeister den Besuch abzustatten. Blume hatte ihn von der Ankunft des Thorner Bürgermeisters benachrichtigt. »Es gefällt mir nicht, daß der Bischof seine Hand im Spiel hat«, sagte dieser verdrießlich, warf aber doch den Mantel um. »Ohne seine Vermittlung würdet Ihr schwerlich in die Krankenstube eingelassen werden«, meinte Blume. »Mich wundert schon, daß es mit ihr gelingt. Ich bitt' Euch, Herr Tileman, laßt Euch durch nichts aufregen und bedenkt des Herrn Hochmeisters Schwachheit.« Er streichelte ihm dabei leicht die Schulter. Der Thorner Bürgermeister nickte flüchtig mit dem dicken Kopf, fand aber eine weitere Zusicherung nicht für erforderlich und verließ gleich darauf mit des Bischofs Diener das Haus. Bartholomäus Blume hatte ihn bis in den Flur begleitet und stieg nun die Treppe in den ersten Stock hinauf, wo er des Gastes Sohn, Jost vom Wege, in munterem Gespräch mit den Frauen fand. Der junge Mann ähnelte seinem Vater weder in Gestalt noch Gesichtsbildung. Er war über Mittelgröße, schlank und von männlicher Schönheit. Um die vollen Lippen keimte der erste Bart, mit dem sich die schlanken Hände viel beschäftigten. Die munteren Augen zeigten die Lebhaftigkeit seines Geistes und die Leidenschaftlichkeit seines Gemüts an; sie schienen an Magdalenens zierlicher Gestalt viel Wohlgefallen zu finden und kehrten, so beweglich sie waren, immer wieder dahin zurück. Das schien dem Fräulein nicht unbemerkt zu bleiben und auch nicht unlieb zu sein; das runde Gesichtchen glühte purpurn, und die Garnwinde kam öfters ins Stocken. Jost vom Wege wußte aber auch so prächtig zu unterhalten. Trotz seiner jungen Jahre war er in den Handelsgeschäften seines Vaters schon weit gereist, wiederholt in der westfälischen Heimat, am Rhein, in Dänemark und England, in Polen und Ungarn gewesen. Er wußte von Köln, von Brügge, von London, nicht weniger interessant von Warschau und Wien zu erzählen; selbst in Venedig war er einmal gewesen und schilderte mit beredten Worten die beschwerliche Reise über die Alpen wie die Wunder der Lagunenstadt. Auch sein Anzug schon kennzeichnete den Großstädter. Er trug das Wams und die Hose geschlitzt, die Strümpfe von verschiedener Farbe, die Schuhe geschnäbelt und das Mäntelchen verkürzt, nicht zwar geckenhaft die Mode des Tages übertreibend, aber doch nicht unauffällig in ihr glänzend. Ein Marienburger Bürgersohn hätte sich so nicht auf der Straße zeigen dürfen, und vielleicht waren Erscheinungen dieser Art auch in Thorn noch selten. Aber dem weitgereisten Patriziersohn aus der reichen Weichselstadt mochte es gar nicht unbequem sein, von den Leuten, wo er ging und stand, angegafft zu werden. Und die bunte Tracht kleidete ihn gut. Das gestand sich im stillen Wohl auch Magdalene ein. An seiner Seite über den Markt zu gehen, wäre schon ein rechtes Sonntagsvergnügen gewesen. Sie sah ihn heut nicht zum erstenmal. Es bestand zwischen den Familien seit Jahren schon ein freundschaftlicher Verkehr. Herr Tileman vom Wege hatte seinen Sohn öfters zu Tagfahrten nach Marienburg mitgenommen, um ihn mit den angesehensten Sendeboten der Städte bekannt zu machen und in die auf die öffentlichen Angelegenheiten bezüglichen Geschäfte einzuführen. Er liebte ihn sehr und hoffte sich in ihm einen Nachfolger im Rate der Stadt Thorn und im Bunde zu erziehen. Obschon ein wenig älter als Marcus Blume, hatte Jost sich doch gern zu ihm gesellt und es an Einladungen nach Thorn nicht fehlen lassen, die denn auch gern angenommen wurden. Bei mancher Verschiedenheit in Wesen und Neigungen hielten sie sich doch selbst für gute Freunde und galten ihren Vätern dafür, Marcus ordnete sich in seiner freundlichen Weise willig unter, ohne doch von seinen strengeren Sitten mehr nachzulassen, als vorübergehend die Gefälligkeit im Umgang mit dem leichtlebigeren Kameraden gebot, und Jost wußte seine Zuverlässigkeit und Biederkeit zu schätzen, fühlte sich auch gern als der überlegene Teil und suchte ihn schon seiner hübschen Schwester wegen in guter Stimmung zu erhalten, die er in seiner Gesellschaft aufsuchen konnte, so oft es ihm beliebte. Magdalene war ein munteres Kind gewesen, als Jost ihr zum erstenmal begegnete, selbst noch ein nicht ausgewachsener junger Mensch und immer zum Tollen aufgelegt. Dann kam eine Zeit, in der die Mutter sie von dem Verkehr mit den beiden Burschen zurückhielt, wie Jost meinte, »vor ihm versteckte«. Er ärgerte sich über sie, weil sie sich am Gängelband halten ließ und ihm gar nicht ein wenig entgegenkam, und es war ihm nun wirklich kein großer Schmerz, sie ein Jahr und länger nicht wiedersehen zu können, als sein Vater ihn auf eine weite Reise schickte. Als er dann aber nach der Rückkehr zum erstenmal wieder nach Marienburg kam und den Freund aufsuchte, war seine Verwunderung nicht gering, die Knospe zur schönsten Blüte entfaltet zu finden, die irgendwo in der Vaterstadt oder in der Fremde sein begehrliches Auge geschaut. Auch jetzt freilich war ihr Benehmen gegen ihn noch nicht ganz sicher, aber ihre holdselige Schüchternheit und jungfräuliche Zurückhaltung gaben ihr einen Reiz mehr. Er kam wieder und wieder, nicht immer nur in seines Vaters Auftrag, und schien kein größeres Vergnügen zu kennen, als mit dem hübschen Mädchen ein paar Stunden verplaudern oder gar bei einer Festlichkeit im Rathaussaal zum Reigen antreten zu können. Freilich hütete er sich, in Thorn den Patriziersöhnen, mit denen er täglich umging, zu gestehen, womit seine Gedanken sich beschäftigten. Es galt ihnen als ausgemacht, daß einer der ihrigen nur in dem geschlossenen Kreise der Stadtgeschlechter und Ratsverwandten, allenfalls auch in Danzig oder Elbing freien, nie und nimmer aber sich seine Frau aus einem kleinen Städtchen holen könne. Jost vom Wege war nicht weniger stolz und voreingenommen als sie; er wußte sehr gut, daß man es als eine Kränkung empfinden würde, wenn er die heimischen Ratstöchter unbeachtet ließe. Deshalb erfuhr auch sein Vater nichts von seinen heimlichen Absichten. Er wollte sich nicht einmal selbst eingestehen, daß er heimliche Absichten habe. Das Mädchen gefalle ihm – seines Freundes Schwester – was weiter? Wenn er sie sich zur Frau nehmen wolle, wen gehe es etwas an? Tue er's, so sei er auch der Mann, ihr gegen alle patrizische Hochnäsigkeit der lieben Vaterstadt Anerkennung zu schaffen. Aber er habe Zeit, sich zu bedenken, und es sei seine Art, zu bedenken, was sich in der Welt schicke. Damit machte er sich sicher. Und es kam ihm nun gar nicht mehr sonderlich gefährlich vor, dem hübschen Jüngferchen in die hellen Augen zu sehen, den roten Mund zum Lachen zu bringen, die weiche Hand zu streifen und den Fuß wie zufällig auf den Saum des langen Kleides zu setzen. Er hatte ja auch Zeit. So jung er noch war –! Und Magdalene erst –! Von seinen Jugendgespielen in Thorn war freilich der eine und der andere schon vor den Altar der Marienkirche getreten – das Bündnis wurde von den Eltern vorbestimmt – und manche von ihren Gespielinnen unter den Marktlauben mochte schon Braut geworden sein. Aber warum sich so früh binden? Konnte er nicht in den Familien seines Umgangs die Erfahrung machen, daß so junge Eheleute einander bald gleichgültig oder wohl gar überdrüssig wurden? Und hatte Magdalene so große Eile, den ersten Besten zu nehmen, nur um bald unter die Haube zu kommen? Sie sah gar nicht so aus, als kümmere sie sich um irgendeinen anderen mehr als um ihn. Um ihn aber doch? Er glaubte es gern. Und es mochte wohl auch Zeichen geben, die ihm verständlicher waren als selbst ihren nächsten Angehörigen. Der wackere Bürgermeister wenigstens und seine gute Frau taten, als ob sie nichts merkten, und ließen den Dingen ungehindert und ungefördert ihren Lauf. Marcus freilich hatte manchmal gemeint, dem Freunde ins Herz zu sehen. Es war aber nicht seine Art, unaufgefordert über etwas zu sprechen, das der andere anscheinend als ein Geheimnis hütete. Er sehnte, so lieb er ihn hatte, auch nicht einmal das frohe Ereignis heran. Denn noch lieber hatte er seine Schwester, und ein unbestimmtes Gefühl warnte ihn, ihr vorschnell solches Glück zu wünschen, das leicht in Kümmernis umschlagen könnte. Jost war von früher Jugend her daran gewöhnt, alles, was ihn bewegte und bedrängte, mit sich allein auszumachen. Seine Mutter war gestorben, als er noch ein Kind war; seine ältesten Erinnerungen reichten nur verschleiert an eine hohe und sehr schöne Frau heran, in deren Schoß er den Kopf gelegt, damit sie sein Haar streichele, die ihn abends zu Bett gebracht und Beten gelehrt. Er wußte das Kindergebet noch, und wenn er's sich bei geschlossenen Augen vorsprach, war's ihm, als ob die Gestalt weniger schattenhaft um ihn hinschwebte. Von seinem Vater war er als Knabe sehr ungleich behandelt worden, manchmal in übergroßer Strenge, dann wieder mit übergroßer Zärtlichkeit. Zu einer vertrausamen Annäherung hatte er selten den inneren Drang gefühlt, und meist, wenn er sie versuchte, war er zur unrechten Zeit gekommen. Etwas Finsteres und Ungemütliches in dem Wesen des vielbeschäftigten Mannes hielt ihn in scheuer Entfernung. Erst als er zum Jüngling heranwuchs und für die öffentlichen Angelegenheiten Teilnahme gewann, sah er sich enger herangezogen. Nun erkannte er aber auch, daß seines Vaters ganzes Denken von der Sorge um die Stadt und den Bund in Anspruch genommen war. Der Sohn wurde ihm teuer als Gesinnungsgenosse, als Mitstreiter, als Erbe seiner politischen Pläne, die sich vielleicht erst in der folgenden Generation ganz verwirklichten. Für den Austausch herzlicher Gefühle blieb da kaum Raum. Geschwister hatte Jost nie gehabt. So war er verschlossen und rückhaltend geworden, so offen er sich auch zu geben schien. Es reizte ihn, zu seinem Innersten allein den Schlüssel zu haben; er meinte da jederzeit ein- und auslassen zu können, was er sich zuträglich und unzuträglich hielt. Und noch war er mit sich selbst nicht einig, ob ihn seine Neigung zu Magdalene mehr beglückte oder beunruhigte. Magdalene selbst strengte ihr Köpfchen wenig mit Nachdenken darüber an, was die Zukunft bringen oder versagen könne. Jost vom Wege war ihr, solange sie überhaupt auf das Schlagen ihres kleinen Herzens merkte, der einzige Mensch gewesen, in dessen Nähe ihr Blut lebhafter in Wallung kam. Sie wäre kein junges Mädchen gewesen, wenn ihr hätte entgehen können, daß Jost sich Mühe gab, ihr zu gefallen – in ganz anderer Weise zu gefallen, als er's sonst wohl erstrebte. Und er gefiel ihr nur zu gut und jedesmal besser. Nicht daß sich schon ein leidenschaftlicher Wunsch in ihr geregt hätte, ihn zu besitzen – das hätte sie nur geängstigt –, aber es wurde ihr immer gewisser, daß er ihretwegen kam und blieb und alle liebenswürdigsten Seiten seines Wesens vorkehrte, daß er jeden Abschied schwer empfand und nach jeder Trennung mit unveränderter Gesinnung ihr zum frohen Willkomm die Hand reichte. Das war ein sehr beseligendes Gefühl. Aber nicht einmal ihrem Beichtvater brauchte sie darüber Rechenschaft zu geben. Es war ganz unschuldig, gang unaussprechlich, ganz nur ein noch unfaßliches Glück verheißende Erwartung. Sie rechnete nicht mit Tagen, Monden oder Jahren, nur mit Augenblicken. Und sie waren so schön! Es kam ihr diesmal sehr unverhofft. Tileman vom Wege hatte seinen Sohn nach Marienburg mitgenommen, um für alle Fälle jemand bei der Hand zu haben, der geheime Aufträge nach Thorn befördern könnte, wenn die Verhandlungen mit dem Herrn Hochmeister sie erforderlich machen sollten und seine eigene Rückreise wegen der etwa in nächster Zeit zu erwartenden Ereignisse sich verzögern müßte. Jost hatte an diesem Morgen Magdalene, als sie zur Begrüßung der Gäste eilig die Treppe hinunterkam, liebreizender gefunden als je. Alle seine Bedenken waren zum Schweigen gebracht. Hätte er nur ein halbes Stündchen mit ihr allein bleiben können, wer weiß, ob er ihr nicht das entscheidende Wörtlein gesagt haben würde. Um so eher, als er hörte, daß Marcus verreist sei – über Zweck und Ziel der Reise wurde gar nicht gesprochen – und eine Störung von seiner Seite also nicht zu befürchten gewesen wäre. Aber die Mutter hielt diesmal ihren Platz am Spinnrocken beharrlich fest und schickte zu kleinen Besorgungen in der Wirtschaft lieber das Töchterchen hinaus. So konnte Jost nur sein verliebtes Spiel versteckt weitertreiben. Verrieten ihm doch zu seiner freudigsten Genugtuung die glühenden Wangen und verschämten Blicke des Mädchens, daß er ganz nach Wunsch verstanden wurde. Nun kam auch noch Herr Bartholomäus Blume in den Söller hinauf, setzte sich in den Lehnstuhl am Ofen und begann ein Gespräch über den Thorner Handel und der Danziger Bemühungen, ihn von der direkten Seeverladung auszuschließen. Da ließen sich denn nicht einmal mehr die Heimlichkeiten weiterspinnen. Tileman vom Wege war des Bischofs Diener durch die Stadt und den Weg um das Schloß herum bis zum Pfaffenturm gefolgt. Dort wartete Franziskus auf ihn. »Ich danke Euch«, sagte derselbe, »daß Ihr gekommen seid, des Herrn Hochmeisters letzten Willen zu hören. Denn als ein Sterbender betrachtet er sich. Wir freilich wollen noch nicht alle Hoffnung aufgeben, daß er wieder zu Kräften komme und dem Lande lange noch einen schier unersetzlichen Verlust spare. Viel möget Ihr selbst dazu beitragen können, da es ja bekannt ist, wie belebend Freude wirkt. Könntet Ihr ihm eine frohe Zusage machen, daß fortan aller Streit und Hader im Lande –« »Ich will hören, was der Herr Hochmeister mir zu sagen hat«, unterbrach Tileman unfreundlich. »Wir beide, hochwürdigster Herr, könnten uns schwerlich über die Dinge verständigen, auf die Ihr zu deuten beliebt. Auch ich bin zu Euch nicht berufen. Führet mich ohne Zeitverlust an Ort und Stelle.« Der Bischof strich sich das spitze Kinn mit dem Rücken der hageren Hand. »Ihr habt wahrlich keinen Grund«, bemerkte er, »so vorsorglich einem Vorausgespräch mit mir aus dem Wege zu gehen. Man kennt ja Eure Festigkeit und Beharrlichkeit – ich bin weit entfernt zu hoffen, daß ich Euch umstimme, wenn Ihr in der Absicht hierhergekommen seid, auf friedfertigen Zuspruch nicht zu achten. Aber wie dem auch sei – ich bin bereit, Euch sogleich zum Herrn Hochmeister zu führen, sobald es Euch gefallen hat, in diese schon parat liegende Mönchskutte zu schlüpfen.« »In eine Mönchskutte?« fragte Tileman verwundert. »Sie wird Euch unkenntlich machen und als einen Pater erscheinen lassen, den ich zu meiner Begleitung mitnehme.« »Aber warum soll ich unkenntlich sein?« »Sagt Ihr Euch das nicht selbst? Die Krankenstube des Herrn Hochmeisters ist von den obersten Gebietigern bewacht. Nun hat der Kranke zwar mir das Verlangen geäußert, Euch zu sprechen, aber seiner Gebietiger Rat darüber nicht einholen wollen. Ihr mögt selbst bedenken, weshalb. Seid Ihr doch allezeit ein scharfer Gegner des Ordens gewesen. Soll der Herr Hochmeister Euch nun ohne Zeugen sprechen können, so muß ich Euch heimlich einführen. Beliebe es Euch also, wenige Stunden die graue Kutte zu tragen, die Euch wahrlich nicht zum Mönch macht.« Tileman schüttelte den struppigen Kopf. »Ew. Gnaden wollen mich da zu einem Versteckspiel verleiten, wozu ich nach meiner ganzen Beschaffenheit doch nichts tauge. Ich habe keinen Grund, mein ehrliches Gesicht zu verbergen und ein anderer zu erscheinen, als ich bin, weder anderswo noch in dieser Burg. Wollet mir also verzeihen, wenn ich es mit aller Entschiedenheit ablehne, mich wie ein Füchslein einzuschleichen.« »Ihr nennt's so, vergesset aber, daß man Euch im Bau erwartet und dankbar sein wird, wenn Ihr unerkannt bleibt. Ich wüßte auch wahrlich nicht, wie ich Euch anders in die Krankenstube einbringen könnte.« »So laßt mich draußen bleiben«, rief der Thorner Bürgermeister ohne Besinnen. »Ich hab' mich nicht mit Bitten an den Herrn Hochmeister gewandt, mich an sein Bett zu lassen, damit ich ein heimliches Anliegen vorbringe, sondern ich bin zu ihm gerufen, ihm mit Rat zu dienen, wie er ihn begehren mag. So hab' ich mich mit schuldigem Gehorsam eingefunden und stehe vor dem Schloß, ob man mich einlassen wolle. Geschieht's nicht, so geh' ich ebenso gern wieder nach Hause, und soll mich die unnütze Reise nicht verdrießen.« »Ihr seid ein Eisenkopf«, schalt der Bischof, »und gefallet Euch darin, der Klugheit keinen Schritt nachzugeben. Wie nun, wenn der Großkomtur fordert, der Unterredung beizuwohnen?« »Mag der Herr Hochmeister sich seiner erwehren, wenn's ihm nicht genehm ist. Ich für meinen Teil habe keine Heimlichkeiten und will auch nicht, daß man mich in solchen Verdacht bringt.« Franziskus sah ein, daß mit ihm nichts nach seinen Wünschen auszurichten sein würde, und schickte sich seufzend an, nach dem Schloß vorauszugehen. »Folgt mir denn langsam«, bat er, »wie Ihr steht und geht; ich will zusehen, wie ich Euch den Weg frei mache. Fünftes Kapitel Vor dem Hochmeister Tileman wartete eine gute Weile am Haupttor. Er hatte den Mantel wegen des naßkalten Wetters fest über der Brust zusammengenommen, aber das Gesicht frei gelassen, damit jeder Aus- und Eingehende ihn erkennen könne, wenn es ihm sonst daran liege zu wissen, wer er sei. Endlich kam einer von den Krankenwärtern vom Hof her, trat an ihn heran und forderte ihn auf, ihm ins Haus zu folgen. Er ging voran, rechts die Steinstiege hinauf. Dort im offenen Bogengänge wartete der Bischof. »Ich hab's glücklich so getroffen«, sagte derselbe, »daß nur Helfenstein in der Nähe. Er vertraut mir, daß nichts Unrechtes geplant wird, und will sich dem Fenster zuwenden, wenn ihr beim Herrn Hochmeister eintretet. Genehmigen mag er's nicht.« »Das kann er halten, wie er will«, antwortete Tileman, die Achseln ziehend. »Ich werde deshalb nicht leiser auftreten.« Sie gelangten unangefochten ins Vorzimmer, Franziskus ging voran in die Krankenstube, den Hochmeister zu benachrichtigen. Er schickte die Wärter fort. Bald darauf erschien er wieder in der Tür und winkte Tileman herbei, der indessen seinen nassen Mantel abgelegt hatte. Herr Konrad von Erlichshausen hatte sich von seinem Schmerzenslager ein wenig erhoben und auf die beiden Ellenbogen gestützt. Sein Zustand war in diesen wenigen Tagen noch arg verschlimmert. Seine Brust keuchte, ein fieberhafter Glanz schwamm auf seinen unruhig suchenden Augen. Er streckte dem Gast die rechte Hand entgegen, deren Finger flatterten. Tileman vom Wege, ergriffen von dem Anblick des ganz Unkräftigen, beugte sich darüber und küßte sie. »Euere Gnade hat mich herbefohlen«, sagte er leise, »hier bin ich. Es ist das erstemal, daß ich vor Euer Antlitz berufen werde –« »Und möchte wohl auch das letztemal sein«, fiel der Hochmeister ihm sanft in die Rede. »Ich fühle, daß mein Ende nahe ist.« »Gott gibt uns das Ende wie den Anfang nach seinem Willen«, sagte Tileman, einen Schritt zurücktretend. »Und alles, was in der Mitten«, ergänzte der kranke Herr. »Wir sind schwache Menschen und haben nichts vor uns selbst als unsere Sünden, doch in der Hoffnung, daß der Herre Christus, an den wir glauben, sie auf seiner gebenedeiten Mutter Bitten von uns abwaschen und uns reinigen werde in Ewigkeit.« »Amen«, flüsterte der Bischof. »So mag auch diese Stunde der Heilige Geist bei euch sein und eure Herzen lenken nach Gottes gnädigem Willen.« Auf einen Wink des Hochmeisters entfernte er sich ins Vorzimmer und ließ den dicken Vorhang über die Türöffnung fallen. »Setze dich zu mir, lieber Getreuer«, flüsterte der Kranke, »meine Stimme ist schwach und mein Ohr halb taub. Ich habe dich zu mir rufen lassen, weil ich von dir meine hören zu können, was man mir sonst vorenthält. Denn ob wir schon von dir wenig Freundliches erfahren haben, so bist du uns doch stets ein offener und ehrlicher Gegner gewesen. Dessen laß mich auch heut gewiß sein.« Tileman ließ sich auf den Schemel nieder und neigte sich zu ihm. »Wollte doch von Ew. Gnaden nicht verkannt werden«, sagte er. »Ich habe wahrlich allezeit vor Ew. Gnaden hoher Person alle schuldige Ehrfurcht gehabt und darüber hinaus Euch hochgehalten. Nur Eurem Orden –« »Vergesset nicht, daß ich sein Oberhaupt bin und alle Macht und Hoheit von ihm herleite.« »Nicht auch von dem Lande?« »Es ist nicht mein, sondern des Ordens Land.« »So wollte ich, gnädigster Herr –« »Das darf ich nicht hören. Ich glaube diesem Lande Preußen von meiner Wahl zum Hochmeister ab zeitlebens ein Fürst gewesen zu sein, der auf sein Wohl bedacht war und sorgsam unterschied, was er ihm und was er seinem Orden schuldig.« Tileman vom Wege verbeugte sich zustimmend. »Deshalb ist es mein unaufhörliches Sinnen und Trachten gewesen und läßt mich auch auf diesem Schmerzenslager kaum in Schlafe los, wie ich auch über meinen Tod hinaus für gute Eintracht zwischen der Herrschaft und den Untertanen sorge, zu beider Teile Nutz und Frommen. Ich will hier nicht untersuchen, welche gerechte Ursachen ihr von den Städten und Landen hattet, euch gegen eure Herrschaft zu setzen –« »Nicht gegen unsere Herrschaft, gnädigster Herr.« »Ficht nicht mit Worten, Tileman, an die du doch selbst als ein kluger und wissender Mann nicht glaubst. Gegen niemand ist euer Bund gerichtet, als gegen eure Herrschaft, wenn sie sich eurem Willen nicht beugt. Er ist gegen göttliches und weltliches Recht. Ich will auch nicht untersuchen, wie es zugehen konnte, daß die Obrigkeit nicht einschritt und den Bund im Entstehen unterdrückte, vielmehr in betrüblichen Zeiten ihn groß wachsen ließ und wohl gar anzuerkennen schien –« »Er ist anerkannt von eurem Vorgänger.« »Aber nicht mit des Generalkapitels Verwilligung, sondern mit einzelner Zustimmung. Doch dem sei, wie ihm sei, lieber Getreuer, er besteht in der Tat und ist bisher nicht förmlich aufgehoben, obschon auch der vermeinte Grund, der zu seiner Errichtung berechtigte, längst in Abgang kam. Ich hab' ihn dulden können, weil ich die Macht hatte, ihn an unheilvollem Tun zu hindern. Bedenke aber, daß nach mir einer kommen kann, dem Gott nicht eine so starke Hand und festen Willen gegeben. Er wird fordern müssen, daß der Orden von seinen Untertanen nicht bedroht werde, und ihr werdet euch vor die Entscheidung gestellt sehen, ob ihr nun solcher Forderung nachgeben oder in trotzigem Ungehorsam verharren wollt. Das ist ein gar Anderes, wenn ich euch jetzt bitte, gebt dem Lande für alle Zeit den Frieden, und ihr gebt nach aus freiem, gutem Willen. Dessen haben wahrlich beide Teile sich nicht zu schämen. Das bedenket, Tileman, und dann gib mir eine freundliche Antwort, ob du zu solchem Segenswerk mir die Hand reichen willst.« Der Thorner Bürgermeister schwieg eine lange Weile. Es mochte ihm scharf durch den Kopf gehen, was der hohe Herr zugleich so gütig und so nachdrücklich sprach. Dann sagte er: »Gnädigster Herr, ich bin ein einzelner und des Bundes nicht mächtig.« »Weiche mir nicht aus, Tileman«, drohte der Hochmeister, »ich weiß, daß der Bund viele Glieder, aber nur einen Kopf hat. Ich will nicht behaupten, du allein seiest dieser Kopf, von dem aller Glieder Lenkung ausgeht, aber mit wenigen gilt dein Rat am meisten, und diesen wenigen selbst ist er unentbehrlich. Sie folgen dir alle. Darum sag an, was für Recht und Freiheit das Land begehrt, damit es nach deiner Schätzung des Bundes entraten könne. Ich hoffe, es solle uns wohl gelingen, einig zu werden.« Tileman vom Wege saß wieder eine Weile nachdenklich. Von Zeit zu Zeit wiegte er das Haupt oder strich mit dem Rücken der Hand unter dem struppigen Bart hin. »Ich möchte wohl stolz sein auf Ew. Gnaden hohe Meinung von meinem Einfluß im Bunde«, sagte er dann. »Wenn Ihr aber mein Wort nicht gelten lassen möget, daß ich nur stark scheine, weil ich voran mit dem Strom schwimme, so werf' ich ein anderes ein, das noch mehr Gewicht hat: Ew. Gnaden sind des Ordens nicht mächtig. Das hindert jeden Vergleich.« Konrad von Erlichshausen preßte die Lippen zusammen und sah düster vor sich hin. »Das ist dieses Landes schwerstes Unglück«, fuhr Tileman fort, »daß es keinen Fürsten hat, der die Macht besitzt, nach seinem gerechten Willen zu herrschen, sich und seine Nachfolger durch Versprechungen zu binden. Ihr sagt selbst, der Deutsche Orden sei des Landes Herr. Der Deutsche Orden hat aber Besitz im Reich und in Livland und in Preußen, und er ist morgen ein anderer als heute, denn er wechselt unaufhörlich in seinen Gliedern, und er gibt sich ein Oberhaupt nach freier Wahl und setzt es wieder ab, wie es ihm gefällt, und bindet dessen Willen an der Gebietiger Rat und des Kapitels Vollwort. Dieses Ordens Oberhaupt nun ist unser Fürst. Wie sollen wir mit ihm vertrausam verhandeln können? Was er bestimmt, wirft der Deutschmeister und der Landmeister von Livland und der Großgebietiger Rat und das Kapitel um; worüber sie aber einig werden, das hält auch nur bis zu einem anderen Beschluß. Nur ihr Orden allein liegt ihnen am Herzen, und dieses Land Preußen ist ihnen ein Besitz wie ein anderer, der kein Recht hat in sich selbst.« Der Kranke legte die heiße Hand auf seinen Arm. »Du könntest wissen«, sagte er, »daß alle menschlichen Institutionen auf einer gegebenen Ordnung beruhen, die für die Ewigkeit gelten soll und doch nicht einmal dem Tage gehorcht. Der Geist ist über dem Wort. Bin ich ein anderer, als Küchmeister von Sternberg und Paul von Rußdorf, so ist auch mein Amt ein anderes. Wie ich es verwaltet habe, ist dir bekannt. Mein fürstlicher Wille war nicht gebunden, außer soweit er sich selbst band. Und so kann jeder nach mir ein Herrscher sein, der dem Lande Gutes tut, ohne des Ordens Regel zu verletzen. Darauf vertraut!« Tileman schüttelte den Kopf. »Gnädiger Herr«, antwortete er, »das kann sein und nicht sein. Eher aber mag es wohl nicht sein; denn es ist gar unwahrscheinlich, daß die Brüder den tüchtigsten und klügsten und ehrbarsten zu ihrem Meister küren, außer in der Zeit der schwersten Not, wie damals bei Eurer Wahl. Nun werden sie durch Euch alles für gut gefügt erachten und meinen, eines starken Herrn nicht zu bedürfen. Hätten wir uns gar des Bundes begeben, so möchte sich leicht das Land eines Tages verwundern über den Herrn, der ihm gesetzt worden. Ew. Gnaden wissen besser als wir, was für Wetter in der Luft ist.« Der Hochmeister schien durch diese Worte sehr beunruhigt. Er richtete sich wieder halb auf, trocknete mit dem Sacktuch den Schweiß von der Stirn und rief in kläglichem Ton: »Tileman, Tileman! wohin treibt ihr von Thorn und die Häupter der Eidechsen das lecke Schiff? Ihr arbeitet nicht dazu, daß es den Hafen gewinne und zu weiterer rühmlicher Fahrt ausgebessert werde, sondern es ist euer heimlicher Wunsch, daß es auf steinigen Grund laufe und zerschelle. Das sag' ich dir ins Gesicht, und Gott hört meine Anklage. Antworte mir, daß Gott auch dich hören könne!« Tileman setzte trotzig die Lippen auf. »Beruft man uns ans Steuer?« fragte er zurück. »Wie gibt man uns denn die Schuld so verkehrter Fahrt? Aber es sind viele im Orden so verblendeten Sinnes, daß sie des eigenen Unterganges nicht achten, wenn wir nur gesamt mit ersaufen. Wollet Ihr's uns verdenken, wenn wir vom Schiff abspringen, uns zu retten, es helfe sich dann, wie es könne? Ihr ruft uns zu: löset den Bund, der unseren Orden bedroht! Wir aber können antworten: löset den Orden, der des Landes Verderben ist! Es will einen Herrn von Fleisch und Blut haben.« »Und der ist der König von Polen«, zischelte der Hochmeister, ihn mit gespannten Blicken musternd. Tileman zuckte ein wenig mit den Wimpern. Eine Weile verhielt er sich schweigend. Dann, da der Hochmeister noch immer zu warten schien, sagte er leise: »Das hat bisher niemand ausgesprochen, als Ew. Gnaden eben jetzt.« »So hat es mancher doch gedacht, den du gut kennst.« »Das weiß ich nicht.« »Du selbst, Tileman –« »Darüber schuld' ich Ew. Gnaden keine Rechenschaft.« »Bedenke, wieviel Christenblut geflossen ist, damit dieses Land Preußen ein deutsches Land werde! Deutsche Ritter haben es mit dem Schwert erobert, deutsche Bauern mit der Axt die Wildnis gelichtet und mit ihrem Schweiß den Boden gedüngt, deutsche Bürger seine Städte gegründet. Soll das geschehen sein, damit der Pole den Fuß auf den deutschen Nacken setze und ernte, was der Deutsche gesät hat? Das geschieht aber, wenn ihr den Orden seinem Todfeind überantwortet. Helft ihm über ihn siegen, und sein Dank wird euch nicht fehlen.« Der Bürgermeister schüttelte abwehrend den Kopf. »Wir bleiben Deutsche«, sagte er mit fester Stimme. »Das ist aber dieses Landes größtes Unglück, gnädigster Herr, daß wir nicht einmal wünschen können, des Ordens Todfeind läge am Boden. Geschähe das, der Orden würde uns von Stund' an knechten. Dessen sind wir gewiß.« »So hoffe ich, es denkt nicht jeder wie du«, antwortete der Hochmeister bitter. »Haben Lande und Städte nicht alle verbriefte Freiheit genossen bis zum Unglückstag bei Tannenberg, daß in der ganzen Christenheit des Ordens Regiment als das glücklichste gepriesen wurde? Wie unrecht sind eure Klagen!« »Gnädiger Herr, der Deutsche Orden hat Großes gewirkt in seiner Zeit, aber seine Zeit ist vorbei, ob er's gleich nicht sehen will.« »Wie sprichst du so, Tileman...« »Verzeiht, gnädigster Herr, es ist die Wahrheit. Zum Kampf gegen die Heiden ist der Orden von Kaiser und Papst aufgerichtet, zum Kampf gegen die Heiden kam er nach Preußen; er hat die Heiden niedergeworfen und das Land mit deutschen Einzöglingen besetzt; er hat sie mit dem Schwert behütet gegen die heidnischen Litauer und den Adel deutscher Nation nicht vergeblich wieder und wieder zu seinem Beistand angerufen. Jetzt aber ist das ganze Land christlich, und die Litauer sind längst Christen geworden und mit den christlichen Polen vereint. Wo sind also die Heiden, die zu bekämpfen des Deutschen Ordens Gelöbnis? Das Kreuz wird nicht mehr gepredigt gegen seine Feinde; er steht auf sich selbst und strebt nur noch seine Herrschaft zu erhalten, damit der deutsche Adel seine jüngeren Söhne versorge. Wer jetzt zu ihm tritt, dient ihm nicht um Christi und seiner Mutter willen, sondern damit er teilhabe an der Herrschaft. Das ist seine Armut, das ist sein Gehorsam. Was aber sein Gelübde der Keuschheit bedeutet, das erzählen einander die Spatzen auf dem Zaun. Wehe uns, daß wir solche Herren haben!« Der Hochmeister ließ das Haupt schwer in die Kissen zurücksinken. »Ich sehe Wohl, du hassest unsern Orden«, sagte er matt. »Was hast Du für Grund, ihn zu hassen? Du – Du!« Tileman stand auf, ging nach der Tür, hob den Vorhang und blickte in das zweite Gemach. Es lauschte niemand. Dann kehrte er zu dem Bett zurück, hob die rechte Hand und schüttelte sie mit ausgestrecktem Finger in der Luft. Seine Augen blitzten, und die Lippen waren von den Zähnen zurückgezogen. »Ja, ich hasse Euren Orden«, rief er, »und werde ihn hassen bis zum letzten Schlage meines Herzens. Was er mir angetan durch eines seiner Glieder, das tilgt keine Zeit aus dem Gedächtnis. Wisset denn, daß einer Eurer Brüder, die sich unsere Herren nennen, vor nun bald zwanzig Jahren, da er im Hause zu Thorn der heiligen Jungfrau dienen sollte, aber meist in der Stadt seine Kurzweil suchte, mit bübischen Künsten mein Weib verführt hat –« »Tileman –«, schrie der Hochmeister auf. »Ja – ja – ja –, es ist die Wahrheit; mit bübischen Künsten hat er mein Weib verführt, bis dahin ein tugendsames Weib, meines Sohnes Mutter, da war all mein Glück dahin. Und nicht einmal strafen lassen konnt' ich den Buben, wie er's verdiente – ganz ohnmächtig war mein Zorn; hinter den festen Mauern des Schlosses blieb er meiner Faust unerreichbar, und ein Gericht, vor das ich ihn hätte laden können, gab's nicht.« »Wenn du beim Hochmeister Klage geführt hättest –« »Was war ihm zuleide geschehen? Sie würden ihn vielleicht im Konvent mit einer Buße belegt haben, weil er des Ordens Regel übertreten – mit einer milden Buße für ein Vergehen, dessen jeder seiner Richter sich schuldig gewußt. Aber mir wäre mein Recht nicht geworden. Wohl aber hätt' ich meine tiefste Schmach offenbart. Ich schwieg und rettete meine Ehre. Das treulose Weib aber ...« »Das Weib –?« Tileman faßte mit beiden Händen sein Haar und wühlte es auf die Stirn hinab. Ein schluchzender Laut entrang sich seiner Kehle. »Das Weib – ist tot...« sagte er fast tonlos, »tot in Ehren – niemand weiß es anders.« »Und du hast –?« »Fragt mich nicht. Ihr solltet aber erfahren, weshalb ich Euren Orden hasse.« »Weil einer von den Brüdern dich gekränkt hat –« »Sagt nicht, das sei einer , gnädiger Herr. Wie der eine, sind sie alle. Was mir geschehen, ist vielen Bürgern geschehen, die zähneknirschend schwiegen, wie ich. Euer Gelübde ist gegen die Natur. Soll sie sich an uns rächen dürfen? Im Kampf gegen die Heiden mochte Euer mönchisches Rittertum sich bewähren – im Frieden ist es eine furchtbare Gefahr für alle bürgerliche Ordnung. Darum bin ich des Ordens Gegner. Aber fürchtet nichts Verstecktes. Einen ehrlichen und offenen Gegner soll er stets in mir zu achten haben, wie auch Ew. Gnaden ihn jetzt in mir erkennen. Den einen nur nehm' ich aus. Mit ihm hab' ich noch abzurechnen und – seine Buße soll er nicht wissen.« »Nenne mir seinen Namen, Tileman. Du bist ihn mir schuldig nach deiner Anklage. Wenn ich größeres Unheil verhüten kann...« Der Bürgermeister wandte das Gesicht nach dem kleinen Fenster ab und starrte eine Weile ins Licht. »Er bedarf Eurer Warnung nicht, gnädiger Herr«, sagte er dann verbissen, »er versucht Gott in seinem Übermut. Und es kann sein, daß Gott ihn in nächster Zeit erhöht, um desto tiefer seinen Fall... Ich habe so lange gewartet und warte noch länger.« »Du denkst – an die Hochmeisterwahl –?« »Sie kann ihn treffen, wie einen andern; und man spricht von ihm.« »Nochmals: nenne mir seinen Namen, daß ich ihn hinübernehme vor Gottes Thron; ein Sterbender befiehlt dir's!« »Sei's denn! Ich bin gewiß. Euer Gebet rettet ihn nicht, wenn Gott ihn verderben will. Der, dem ich fluche, ist Euer Vetter, Ludwig von Erlichshausen.« »Meine Ahnung –« seufzte der Kranke schmerzlich und bedeckte die Augen mit der zitternden Hand. In dem kleinen Raum herrschte einige Minuten lang tiefstes Schweigen. Beide Männer wußten, daß sie einander nichts mehr zu sagen hätten. Endlich winkte der Hochmeister seinem Gast, sich zu entfernen. Tileman vom Wege wollte seine Hand fassen und küssen, aber er zog sie fort. »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet«, murmelten seine bleichen Lippen. Tileman verbeugte sich tief und verließ mit leisen Schritten das Gemach. Der Bischof kam ihm entgegen. »War's zum Guten?« fragte er. Der Thorner Bürgermeister zuckte die Achseln und ging der Treppe zu. In der Stadt nahm er bald Abschied von Bartholomäus Blume und den Seinigen, über das, was er mit dem Hochmeister verhandelt, sprach er kein Wort. Seinem Sohn aber befahl er, in Marienburg zu bleiben. »Sobald die Totenglocken im Schloß läuten«, sagte er ihm, »wirfst du dich aufs Pferd und bringst die Nachricht nach Thorn. Es kann sein, daß du nicht lange dich hier zu verweilen hast. Ich bin nötiger zu Hause.« Sechstes Kapitel Waldfrau und Waldfräulein An demselben Tage noch gegen Abend brachte Marcus Blume die Waldfrau und ihre Tochter wohlbehalten nach Marienburg. Es war ihm eine herrliche Zeit gewesen, da er von früh bis spät in der Nähe des schönen Mädchens sein konnte, das ihn von Stunde zu Stunde mehr fesselte. Ursula war die Munterkeit und geistige Beweglichkeit selbst. Sobald sie erst den Wald verlassen hatten, war ihr alles, was sie sah, neu und bewundernswert. Immer hatte sie zu fragen, und nie war ihr eine Antwort ausgiebig genug. Marcus sollte wissen, wer in jedem Hause am Wege wohne, jeden Vorübergehenden beim Namen kennen. Die langen Dörfer mit ihren stattlichen Höfen und der Kirche in der Mitte, die ummauerten Städte mit den vielen Türmen, die Schlösser des Ordens, die bunten Trachten des Landvolkes, vor einem Jahrhundert aus den verschiedenen deutschen Heimatsstätten mit hierher genommen und treu bewahrt, alles nahm ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Wie staunte sie erst über die Stadt Elbing, deren breite, von hochgiebligen Häusern eingefaßte Straßen sie von Tor zu Tor durchritten. Sie fing an, die Menschen zu zählen, die da geschäftig die Bürgersteige auf und ab gingen, konnte aber damit nicht fertig werden. Die Speicher am Fluß, die Fahrzeuge auf demselben, die Lastträger und Schiffer in ihrer eiligen Geschäftigkeit erregten ihr Staunen. Die letzten Meilen ritten sie durch ganz ebenes, von vielen Gräben durchzogenes Land. Die Weide war der einzige Baum, der sich da blicken ließ. In dem schon von den Herbstregen aufgeweichten Moorboden blieben manchmal die Pferde stecken. Aber schon hob sich bei jedem Schritt deutlicher das Schloß Marienburg mit seinem schlanken Wartturm auf dem Nogatufer gegen den nebelgrauen Himmel ab. Wie jauchzte Ursula auf, als sie an der äußeren Chorwandung der Kapelle das Riesenbild der Mutter Gottes erkannte, wovon Marcus so viel erzählt hatte. Sie wollte nicht glauben, daß es aus lauter kleinen buntfarbenen Glasstiften künstlich zusammengesetzt sei. Nun konnte sie auch alle Türme der Stadt und der Burg zählen. Marcus zeigte ihr ein hochragendes Spitzdach: das gehöre zum Rathaus; und nicht weit davon stehe seines Vaters Haus. In dem letzten Dorfe vor der Stadt, ganz nahe derselben, machte Frau Regina Halt. Sie wollte nicht in Marienburg einreiten, sondern hier draußen in einem Bauernhause für sich und ihr Kind Herberge erbitten. Marcus suchte ihr dies vergeblich aus dem Sinn zu reden. Da sie nun fest blieb, schaffte er ihr beim Schulzen ein möglichst bequemes Unterkommen, was ihm nicht schwer wurde, da das Dorf zur städtischen Feldmark gehörte und der Sohn des Bürgermeisters den Bauern eine Respektperson war. Frau Regina bat ihn, ihre Ankunft recht schleunigst aufs Schloß zu melden, da sie am andern Morgen mit dem frühesten wieder nach ihrer Waldheimat aufbrechen wolle. »Warum eilt Ihr aber so, werte Frau?« fragte er traurig. »Ich hatte gehofft. Ihr würdet Euch hier von den Mühseligkeiten der Reise einige Tage recht ausruhen. Vergesset auch nicht, daß ich zu Hause ein Schwesterchen habe, das begierig sein wird, Ursula zu sehen. Kann ich Euch nicht bewegen, meine Eltern zu besuchen, so wollet doch Ursula nicht hindern, mich zu ihnen zu begleiten. Ich bürge dafür, daß sie wohlbehalten zu Euch zurückkehrt.« »Ich mag mich nicht über die äußerste Not aufhalten lassen«, antwortete Frau Regina. »Sagt dem Herrn Bischof, daß ich nicht länger als eine Nacht hier verweile. Danach mag er sich richten. Auch will ich von niemand gesehen sein außer von dem Kranken. Ursula laß ich nicht gern von mir. Am besten ist's, sie wartet hier auf meine Rückkehr vom Schloß. Doch wüßte ich sie in Eurem Schutz gut aufgehoben und will ihretwegen noch nicht das letzte Wort gesprochen haben.« Ursula begleitete ihn vor die Tür hinaus, reichte ihm die Hand und sagte: »Die Mutter wird so strenge nicht sein. Das wäre schade, wenn ich so weit über Land geritten sein sollte, um hier vor dem Tor der Stadt umkehren zu müssen! Nein, ich will euer Rathaus und die Lauben und das Schloß sehen – und auch Eure Schwester Magdalena. Die am liebsten. Grüßt sie nur recht schön von mir.« Marcus konnte nicht müde werden, nach ihr umzuschauen. Das Herz war ihm recht schwer, wenn er bedachte, daß er morgen schon von ihr Abschied nehmen sollte – wer konnte wissen, auf wie lange. Es war ihm zumut, als könnte er sich auch auf eine Stunde nicht mehr von ihr trennen, und er beeilte sich, recht schnell seinen Auftrag auszurichten, um bald wieder bei ihr zurück zu sein. Doch hatte er sich erst im elterlichen Hause zu melden und dem Vater Bericht zu erstatten. Der ging dann selbst aufs Schloß zum Herrn Bischof. Indessen mußte Marcus sich von Mutter und Schwester über den Verlauf der Reise ausfragen lassen. Es war ihm diesmal gar nicht lieb zu hören, daß Jost vom Wege in der Stadt sei und schon auf ihn gewartet habe. Sich jetzt von dem Freunde in Beschlag nehmen zu lassen, wäre ihm sehr lästig erschienen. Er bat Magdalena, ihm nichts von seiner Ankunft mitzuteilen, wenn sie irgend zu verheimlichen wäre; es sei ihm beschwerlich, sagte er, dem Freunde nicht geradeheraus Rede und Antwort stehen zu können, da wolle er lieber gar nicht mit ihm zusammentreffen. Er mochte sich's selbst nicht eingestehen, daß er Ursula am liebsten vor ihm versteckt hätte. Denn er kannte ihn als dreist bei den Frauen und fürchtete, daß er sich dem einfachen Kinde gegenüber etwas herausnehmen möchte. Blume blieb recht lange aus. Der Bischof hatte allerhand Vorbereitungen zu treffen gehabt, um für die Waldfrau den Zulaß zum Hochmeister zu erlangen, dessen Zustand sich nach der aufregenden Verhandlung mit Tileman vom Wege sehr verschlechtert hatte. Endlich war's ihm aber doch gelungen, alle Hindernisse zu beseitigen. Er schickte einen Priesterbruder mit, der die Frau abholen und ins Schloß führen sollte. Marcus brachte ihn mit einem Wagen nach dem Dorfe hinaus. Er selbst lenkte auf seines Vaters Wunsch die Pferde; es sollte keiner von den Knechten zum Mitwisser gemacht werden. Das Gefährt hatte nur Raum für zwei Personen, den Priester und Frau Regina. Ursula mußte daher schon aus diesem Grunde zurückbleiben. Aber Marcus versprach ihr, er wolle sie hinterher abholen und nach der Stadt bringen. Er hoffte dann mit ihr allein sein zu können. Frau Regina hatte sich tief verschleiert. Nicht einmal der Priesterbruder sah ihr Gesicht. Auch wurden unterwegs nur wenige Worte gewechselt. Die Fahrt ging durch die Stadt, immer an der Mauer hin, dann am Sperlingsturm vorbei und durchs Schuhtor bis zum Vorhof der Burg. Hier bat der Priesterbruder die Waldfrau abzusteigen und ihm nach dem Hochschloß zu folgen. Marcus sollte mit dem Fuhrwerk warten, bis sie zurückkämen. Der Bischof nahm Frau Regina unter den Schloßlauben in Empfang. Er belobte sie ihrer Folgsamkeit wegen und erteilte ihr den Segen, damit das Werk gelinge. »Hochwürdigster Herr Bischof«, sagte sie, »meine Kunst und Wissenschaft ist gar gering, vertrauet ihr mit Maßen. Dem Tod kein Kraut gewachsen ist.« »Sehet gleichwohl zu«, bat er, »ob Ihr eins wisset, das ihm zuwider ist. Der Tod tritt wohl öfters an unser Lager und streckt auch schon die Hand aus, entweicht aber wieder, wenn der Leib die Seele festhält. Tut zur Stärkung des Leibes Euer Bestes an diesem Kranken.« Darauf führte er die Frau bei dem Herrn Hochmeister ein, der im Halbschlaf lag und mit jedem Atemzuge schmerzlich ächzte. Er wollte seinen Arm berühren, um ihn zu wecken, aber Regina winkte ihm, es zu unterlassen. Sie stellte sich seitwärts ans Bett, so daß sie dem Kranken ins Gesicht schauen konnte, und sah ihn eine lange Weile unverwandt an, bis er mit einem tiefen Seufzer die Augen aufschlug. »Ach, ach –«, sagte er leise, »mir träumte von der Sankt-Annen-Kapelle. Ist's schon soweit?« Als er dann Regina bemerkte, fragte er: »Wer ist das?« Der Bischof beugte sich über ihn und flüsterte ihm zu: »Die Waldfrau, nach der Ihr auf meinen Rat verlangtet. Gestattet, daß sie Euren Zustand untersucht, damit sie Euch das Tränklein bereite.« Der Hochmeister nickte. »Es ist kein Tränklein mehr das rechte«, sagte er freundlich, »als das mich sanft hinüberschlummern macht in die Ewigkeit. Meine Schmerzen sind sehr groß. Habt aber Dank für Euer Kommen.« »Gnädigster Herr«, antwortete Regina, »ich bin ein schwaches Werkzeug in der Hand Gottes – sein Wille muß geschehen.« »Amen, amen«, flüsterte der Kranke. Sie nahm seine Hand und beobachtete lange den Pulsschlag. Auch hob sie die Decke von seinen Füßen, die sie geschwollen fand. Sie ließ sich die Zunge zeigen und untersuchte genau die Absonderungen des Körpers. Dann kniete sie neben dem Lager nieder und legte das Ohr auf des Kranken Brust und Leib. Nun stellte sie an ihn allerhand Fragen, deren viele er aus dem Munde seiner Ärzte nie gehört hatte, und hieß ihn seine Antwort nochmals bedenken, wenn sie unsicher oder sonstigen Erfahrungen widersprechend schien. Der Meister gewann rasch zu ihr Vertrauen. »Daß ich Euch früher hier bei mir gehabt hätte!« bemerkte er seufzend. »Jetzt ist's wohl zu spät.« Er suchte dabei von ihren Augen abzulesen, ob doch noch Hoffnung sei. Aber sie veränderte den Gesichtsausdruck nicht, sondern bewahrte ihre Ruhe. »Gnädigster Herr«, entgegnete sie, »Euer Leiden ist mir wohl bekannt und hat auch Euren Ärzten füglich nicht unbekannt geblieben sein können. Haben sie etwas verfehlt, da es noch einzudämmen war, so mag ich deshalb mit ihnen nicht rechten; will mich auch dessen nicht überheben, als ob ich selbst zu rechter Zeit wirksamer hätte eingreifen und so raschen Fortschritt hätte aufhalten können. Jetzt freilich ...« Sie stockte und wendete sich mit einem bekümmerten Blick dem Bischof zu, der seitwärts in der Fensternische stand und sie gespannt beobachtete. »Verzaget nicht und versucht Eure Heilmittel«, sagte er, »das Gute kommt nie zu spät.« Frau Regina bewegte die Hand sanft abwehrend. »Ich kann nur wenig tun, hochwürdiger Herr«, entgegnete sie, »die Schmerzen des Kranken zu mildern. Dazu sollt Ihr mich bereit finden. Ich will Euch die Kräuter zu einem Bade schicken, das wiederholt werden kann, wenn es gute Wirkung äußert. Lasset den Bader das Wasser so heiß nehmen, daß seine Hand es noch eben ertragen kann, wenn er sie darin ein Paternoster lang hält. Schlagt dann den Leib in ein Leinentuch ein, das durch kaltes Wasser gezogen ist, und umhüllt ihn mit wollenen Decken. Ich hoffe, der hohe Herr wird danach in einen sanften Schlaf verfallen und viel Schweiß treiben, nach mehreren Stunden aber gestärkt erwachen.« »Aus dem heißen Wasser in ein naßkaltes Leinentuch –?« fragte der Bischof kopfschüttelnd. »Man sollte meinen, davon mußte ein Gesunder den Tod haben.« »Ihr irrt«, antwortete die Frau lächelnd, »und könntet Euch leicht selbst durch einen Versuch überzeugen. Hätte der Gesunde aber auch wenig Nutzen davon, so könnte doch der Kranke von dem gleichen Mittel eine große Wohltat verspüren. Ohne Schaden wird es auch ihm sein.« Sie wendete sich wieder zum Hochmeister. »Ich will Ew. Gnaden auch ein Elixier geben, das die Lebensgeister erfrischt und zu besserem Widerstand gegen den körperlichen Schmerz rüstet. Lasset davon einige Tropfen in Euren Trinkbecher gießen, doch nicht mehr als zehn, und trinket davon, wenn Euch eine Schwäche anwandelt.« Sie zog ein kleines Kristallfläschchen aus ihrer Umhängetasche vor und legte es auf das Bett. Der Bischof nahm es in die Hand und hielt es prüfend gegen das Fensterlicht. »Es ist gar wenig darin«, bemerkte er. »Das wenige wird zureichen«, antwortete sie, »wenn es tropfenweise gebraucht wird, wie die Vorschrift lautet. Auch kann ich mit mehrerem nicht dienen. Die Sammlung der Materialien und die Zubereitung erfordert vieler Jahre Geduld, denn die Natur hat nur den wenigsten ihrer Erzeugnisse so köstliche Säfte mitgegeben und diese wenigen in kaum spürbarem Maße; auch gelingt der Extrakt nur zu den richtigen Mond- und Sternzeiten – das geringste Versehen vereitelt alle Bemühungen. Noch keinem anderen Kranken teilte ich so viel von diesem erquickenden Elixier zu. Mag es meinem gnädigsten Herrn wohl bekommen!« Sie spülte den Becher des Hochmeisters aus, füllte ihn halb mit Wasser und halb mit Wein, öffnete den Verschluß des Fläschchens, goß daraus drei Tropfen in die Mischung und ließ den Kranken davon trinken. Ein wundervoller Geruch, wie von Veilchen und Rosen, verbreitete sich rasch durch das ganze Gemach. Bischof Franziskus zog ihn mit begieriger Nase schnuppernd ein und rief entzückt: »Ah – ah! Das ist wahrlich der feinste Duft, an dem ich mich noch jemals gelabt habe. Nun will ich gern glauben, daß Euer Elixier Wunder tut.« Frau Regina schüttelte den Kopf. »Nicht Wunder, ehrwürdiger Herr – leider nicht Wunder, Gott müßte ihm denn im besonderen Falle solche Kraft verleihen. Versprecht Euch von dem Mittel nicht mehr, als ich gerühmt habe. Es hat keine heilende, nur eine belebende Wirkung für vorübergehende Zeit.« »Es tut sehr wohl«, sagte der Hochmeister, »und wird mich in diesen letzten Lebenstagen noch oft erquicken. Ich glaube Euch recht zu verstehen, werte Frau: Ihr vermögt keine Hoffnung auf Genesung zu geben. Ich bitt Euch, sagt mir hierin die ganze Wahrheit. Ich bin auf sie gefaßt und möchte mich in aller Ruhe zum Tode vorbereiten und meine letzten Pflichten erfüllen können.« »Gnädiger Herr«, antwortete Frau Regina leise und zögernd, »wenn Ihr so fragt, so darf ich Euch nicht vorenthalten, daß freilich nach menschlichem Wissen Eure Tage knapp gezählt sind. Gott kann aber ein Wunder geschehen lassen, das all unsere Weisheit zuschanden macht.« Des Hochmeisters Kinn sank auf die Brust. »Für solche Gnade bin ich ihm viel zu gering«, flüsterte er. »Ich weiß nun, was not tut, und dank Euch, werte Frau, für Euer offenes Wort, Euer Bad mag mich zum letzten stärken.« Er wendete sich mit den Augen dem Bischof zu. »Berufet zu morgen in der Frühe meinen Gebietigerrat hierher an mein Sterbelager, damit ich Abschied nehme. Um weltliche Dinge soll sich dann mein Herz nicht mehr kümmern. Lebt wohl!« Er schloß die Augen und kehrte das Gesicht der Wand zu. Bischof Franziskus winkte Frau Regina und geleitete sie hinaus. Er war sichtlich sehr niedergeschlagen. »Könnt Ihr nicht irren?« fragte er im Kreuzgange. »In diesem nicht«, entgegnete sie mit festem Ton. »Er überlebt den nächsten Tag schwerlich. Es war meine Pflicht, ihn vorzubereiten, damit nichts versäumt werde. Die Kräuter schick ich Euch durch den Priesterbruder, wenn er mit mir kommen darf.« Die Anordnung war bald getroffen. Frau Regina und der Priester bestiegen den Wagen, und Marcus lenkte das Fuhrwerk auf demselben Wege, den er vorhin eingeschlagen hatte, aus der Stadt hinaus, ungeduldig, Ursula recht bald wiederzusehen. Zu derselben Zeit aber, als er an der Mauer entlang dem Tor zu fuhr, schlenderte Ursula durch die breite Marktstraße am Rathaus vorbei. Sie hatte es allzu langweilig gefunden, draußen zu warten, und beschlossen, der Mutter entgegenzugehen. So war sie, von ihrem treuen Raben begleitet, bis ans Stadttor gelangt. Dort wollte sie umkehren, aber nun trieb doch die Neugier zur Besichtigung der an schweren Ketten hängenden Zugbrücke, des unter dem Torbogen vorlugenden Gatters und des Gewölbes dahinter an. Von dort warf sie einen Blick auf die Straße. Der Torwächter war eben in sein Häuschen getreten und hielt sie nicht auf. Eine kurze Strecke weiter lag eine Herberge der Handwerker, an dem bunt bemalten Schild über der Tür kenntlich. Das mußte sie in der Nähe sehen. Wenige Schritte davon streckte sich ein Arm aus der Mauer vor; die Hand hielt einen großen eisernen Schlüssel mit zackigem Bart – eines Schlossers Zeichen. Dann hatte ein Schuhmacher an langer Stange seine Waren ausgehängt, Schuhe mit Bandschleifen und Pantoffeln von farbigem Leder mit einer Stickerei von Goldfäden. Dann verbreiterte sich das Gäßchen, an der Ecke ragte das Vordach der Schmiede auf zwei Stützen weit hinaus. Die Gesellen waren, wie die laut tönenden Hammerschläge anzeigten, fleißig bei der Arbeit. Durch die breit offene Bogentür konnte man ihnen zuschauen, wie sie im roten Schein des auf dem Herde flackernden Feuers auf dem Amboß ein Hufeisen formten, das sicher für den Schimmel bestimmt war, dessen Halfter draußen in einem der starken Ringe hing. Schräg gegenüber lärmte ein Böttcher, der Reifen auf ein großes Bierfaß schlug. Ein Brauer hatte einen Steinkrug mit blankem Zinndeckel am Türpfosten aufgehängt und durch den Henkel einen Tannenzweig gesteckt, die Nachbarn aufmerksam zu machen, daß heute hier der Ausschank sei. An manchem Hause zeigte sich ein kleines Kapellchen angebracht: die Mutter Gottes unter dem Baldachin wollte als eine Nachbildung des Marienbildes am Schloß gelten. So war überall etwas zu sehen und zu bewundern. Und nun erst das Rathaus mit seinem hohen, gotischen Giebel, der offenen Gerichtslaube und den Steinfiguren der Türbrüstung! Ursula vergaß ganz das Umkehren. Langsam, immer rechts und links blickend, durchwanderte sie die ganze Stadt. Wer ihr begegnete, blieb nach einigen Schritten stehen und musterte die Fremde in ihrer sonderbaren Tracht mit dem schwarzen Vogel, den sie auf der Hand trug. Aber sie achtete nicht weiter darauf, als daß sie jeden freundlich grüßte. So gelangte sie bis zur Laufbrücke am Dietrichsturm, wagte sich nun aber doch nicht hinüber, sondern setzte sich auf die Stufen, um ein wenig auszuruhen. Sie plauderte mit ihrem Raben, indem sie ihn streichelte: »Ja, ja, mein Alter, so klug du sonst bist, hier kannst du mir doch nicht den Weg weisen. Wenn du einmal auf das hohe Dach fliegen und ausspähen wolltest, wo die Mutter geblieben ist; hätte ich nur deine Flügel, ich wüßt's bald! Der Wagen kann hier nicht gefahren sein. Wer zeigt uns den Weg an? Gehen wir lieber nicht weiter. Wir werden verirren und am Ende gar nicht mehr aus der Stadt herausfinden. Das Schloß freilich sähest du innen gewiß gern, wirst dich aber doch gedulden müssen, bis Freund Marcus uns einführt. Er hat's versprochen und hält Wort. Wenn er uns so in der Nähe wüßte, er käme sicher, uns abzuholen. Nun ahnt er nichts von unserer Heimlichkeit und kehrt wohl gar vor uns zurück. Nein, das darf nicht geschehen. Komm! Wir wollen eiligst nach Hause laufen.« Sie hatte gar nicht bemerkt, daß sie aufmerksam von einem jungen Manne beobachtet wurde, der ihr gefolgt war und nun seitwärts an der Grabenmauer stand, keinen Blick von der sonderbaren Erscheinung abwendend. Es war Jost vom Wege. Er hatte eben des Bürgermeisters Haus verlassen, ein wenig geärgert, daß man ihm über Marcus keine sichere Auskunft schien geben zu wollen. Nun gedachte er nach der Vorburg zu gehen, um des Büchsenmeisters Sohn aufzusuchen, der ihm wohlbekannt war. Die fremde Gestalt fiel ihm sogleich in die Augen. So aufgelöst trug keine Marienburgerin das Haar; so ließ keine den weiten Mantel von der linken Schulter fallen, um ihn, unter dem Arm fest angezogen, mit dem Zipfel über die rechte zu werfen; eine Pelzkappe von diesem Schnitt, mit Adlerfedern besteckt, war hier nicht gebräuchlich, kleidete aber gut. Und was für ein Vogel war das, den sie wie einen Falken auf der Hand trug, mitunter auffliegen ließ und gleich wieder an sich lockte? Er ging ihr in kurzer Entfernung nach und hielt sich zur Seite, um auch von dem Gesicht etwas erhaschen Zu können. Das war nun ganz nach Wunsch gelungen, als sie sich auf die Treppe zur Laufbrücke setzte. Welche wundersame Schönheit ohne Regelmäßigkeit der Form! Noch nie glaubte er eine so leuchtende Stirn, ein so sprechendes Auge, ein so zierliches Näschen, einen so lieblichen Mund gesehen zu haben. Eine lange Weile war er ganz in Anschauen versunken geblieben. Als sie sich nun aber erheben wollte, meinte er keine Zeit verlieren zu dürfen, mit ihr anzubinden. Sie mußte eine Fahrende sein, die vermutlich mit einer Gauklerbande hierhergekommen war, um im Schloß ihre Künste zu zeigen, eine Seiltänzerin vielleicht oder die Besitzerin eines Wundertieres. Ein kleines Abenteuer möchte da leichter Gewinn sein. Er trat deshalb auf sie zu, zog die Kappe ab und sagte: »Ihr scheint fremd hier, mein schönes Fräulein. Erlaubt, daß ich mich in Euren Dienst stelle.« Ursula blickte erschreckt auf und musterte den Dreisten rasch von Kopf zu Füßen. »Wohl bin ich hier fremd«, entgegnete sie kühl abweisend, »aber Eures Dienstes bedarf ich nicht. Wartet ab, bis ich ihn erbitte.« »Warum wollt Ihr so stolz ablehnen, was ich Euch aus gutem Herzen entgegenbringe?« fragte er, ohne sich beirren zu lassen. »Ich bin auch nicht ein Bürgersohn dieser Stadt, weiß aber da und im Schloß gut Bescheid und könnte Euch gewiß nützlich sein. Von woher kommt Ihr?« Der freundliche Ton dieser Ansprache und die noch immer ehrerbietige Haltung stimmten sie vertrausamer. »Wir kommen aus dem Walde«, antwortete sie ein wenig zögernd, »und kennen hier niemand.« Er lächelte. »Aus dem Walde! Das ist eine Auskunft, die mich wenig klüger machen kann. Es gibt viel Wälder in aller Herren Länder.« »Aus unserm Walde dann«, ergänzte sie, ihn verwundert anblickend, wie ihm diese Antwort nicht genügen könne. »Aber welcher Wald ist der Eure?« fragte er dreist weiter. »Ich kann es unmöglich wissen.« Sie zuckte die Achseln. »Der Wald, in dem wir wohnen. Wie kann es ein anderer sein?« »Das schöne Fräulein will seinen Scherz mit mir treiben«, bemerkte Jost, mit den Augen blinzelnd und sein feines Bärtchen zupfend. »Ich weiß wohl, was für Leute im Wald wohnen, wennschon ich ein Städter bin, habe aber noch nie eines Köhlers oder Beutners Kind gesehen, das Euch geglichen hätte. Freilich glüht Euer Haar wie feurige Kohle und ist Eure Stimme süß wie Honigseim. Und man erzählt den Kindern auch, daß Feen im Walde hausen. Zu denen müßt ich Euch zählen. So erführ' ich denn gar zu gern, wo der Wald gelegen ist, der Euch herbergt.« Ursula wendete sich scheu ab. »Eine Waldfee hab' ich noch nie gesehen«, sagte sie ganz ernst, »und glaub auch nicht, daß sie schon irgendein Mensch gesehen hat, obgleich die Märchen davon erzählen. Wie sie spricht, weiß ich nicht; das rote Haar aber möget Ihr eher einer Hexe vorwerfen –« Jost vertrat ihr den Weg. »Wie könnt Ihr mich so mißverstehen«, rief er. »So herrliches Haar sah ich noch nie bei einem Weibe, blond mit solchem Goldschimmer! Verglich ich es mit der feurigen Kohle, so geschah's, weil eben, da ich zu Euch sprach, die Sonne hinter dem Turm vorblitzte und einen leuchtenden Schein darauf warf. Bemerkt selbst, wie sogar Eures Vogels schwarzes Gefieder davon rötlich angeglüht ist. Es ist deshalb Euer eigener ungerechter Vorwurf, daß ich Euch etwas vorwerfe, das doch Eure Schönheit ist. Nehmt ihn freundlich zurück und gebt mir offenen Bescheid auf meine offene Frage. Von welchem Wald sprecht Ihr?« »Ich vermag Euch darüber nichts anderes zu sagen, Junker«, antwortete Ursula beängstigt, »als daß er sehr weit von hier und sehr groß ist. Ich wohne dort mit meiner Mutter, die man die Waldfrau nennt. Wir tun kein Unrecht und hoffen deshalb, auch hier unangefochten zu bleiben.« Jost schien, nach dem Ausdruck seines Gesichts zu schließen, nun erst recht Zweifel zu hegen. Er verbeugte sich aber dankend und sagte: »Wer sollte Euch hier anfechten wollen? Jedenfalls würde er's sofort mit mir zu tun haben. Gebt Euch in meinen Schutz, und Ihr sollt darin gut aufgehoben sein.« »Ich bedarf keines Schutzes als dessen meiner Mutter«, entgegnete sie scharf abweisend. »Gebt mir den Weg frei, Junker.« »Ihr scheint hier auf jemand zu warten.« »Auf meine Mutter, die ins Schloß gegangen ist« »Ins Schloß? Was mag sie dort wollen?« »Das kümmert Euch nicht.« »Es war ihr wohl unbekannt geblieben, daß der Herr Hochmeister sehr krank ist und die edle Ritterschaft zur Zeit an Vergnüglichkeiten nicht denken darf.« »Gerade wegen der Krankheit des Herrn Hochmeisters kamen wir her, und was Ihr von Vergnüglichkeiten sprecht, versteh ich nicht. Nochmals – laßt mich gehen, Junker!« »Ihr werdet nicht umsonst hier angereist sein wollen, schönes Kind. Könnt Ihr den Rittern und ihren Gästen jetzt nicht Kurzweil schaffen, so ist es doch billig, daß sie Euch für den freundlichen Willen durch ein stattliches Viatikum entschädigen. Erlaubt, daß ich im Schloß für Euch spreche, da ich dort gute Freunde habe, die dem Säckelmeister nahestehen. Es soll Euch nicht gereuen.« Er trat dicht an Ursula heran und bot ihr mit einer zierlichen Bewegung den Arm. Sie aber zog eiligst die Schulter zurück und suchte ausbiegend an ihm vorüber zu entkommen. »Wir brauchen des Säckelmeisters Gabe nicht«, rief sie erzürnt, »sind keine Bettler und spenden eher selbst Almosen an die Armen.« »So freut es mich, daß Eure Kunst Euch reichlich nährt«, sagte er, indem er ihr mit raschen Schritten folgte und ihre Hand zu fassen suchte. »Laßt mich auch etwas davon sehen. Worauf versteht sich Euer Vogel? Oder wenn hier auf der Straße nicht der rechte Ort ist – nehmt mich mit in Eure Herberge. Ich will dem Wirt schon so die Hand drücken, daß er uns ungestört läßt.« Ursula blieb stehen und sah ihn aus ihren großen Augen zornig an. »Ihr seid ein Unverschämter«, zischte sie, »geht Eure Wege, oder mein Vogel ...« Sie erhob drohend die Hand, auf der er saß. Jost ließ sich nicht abschrecken. Ihre Schönheit hatte ihn ganz verzaubert. Er wußte kaum noch, was er sagte und tat. »Ich muß wissen, wer Ihr seid«, rief er, und in seinen Blicken loderte dabei das Feuer der Leidenschaft hell auf, »nicht eher geh ich von Eurer Seite. Gott mag wissen, wann wir einander wieder treffen, nachdem wir diese Gelegenheit versäumt. Ich fühl's aber, daß ich Euch nur zu sehen brauchte, um für Zeit und Ewigkeit an Euch gebunden zu sein. Flieht also nicht vor mir, sondern schenkt mir Euer ganzes Vertrauen, das zu verdienen mein eifrigstes Bestreben sein wird. Folgt mir nach Thorn. Es ist eine große und reiche Stadt, allen Fahrenden ein ersehntes Ziel. Mein Vater ist der angesehensten Bürger einer, und sein Sohn kann Euch dort gut empfehlen. Die Goldgulden sollen Euch in den Schoß regnen! Glaubt mir, durch mich könnt Ihr Euer Glück machen.« Er überzeugte sich durch einen schnellen Blick nach rechts und links, daß kein Mensch in der Nähe war, drängte sich an sie und wollte ihren Leib umfassen. Ursula aber schlug seinen Arm zurück und schrie: »Marcus – Marcus!« Er stutzte. »Ah! Meint Ihr des Bürgermeisters Sohn? Mit dem nehm ich's noch allemal auf. Aber luftig wär's, wenn ich so hinter seine Schliche käme. Der Duckmäuser!« Er lachte derb, lief hinter ihr her und suchte sie zu haschen. Schon berührte er ihren Arm, als plötzlich der Rabe sein Gefieder sträubte, aufflog und gegen ihn mit Schnabel und Krallen einen Angriff unternahm. Er wehrte ihn mit den Händen ab, aber das wütende Tier riß ihm die Kappe ab und hackte gegen seine Stirn und Augen. »Ruft den Teufel zurück«, rief er, »oder es geht Euch schlecht.« Er zog seinen Mantel herum und bedeckte damit Kopf und Gesicht. Ursula war nach der Stadt zu gelaufen und hatte schon einen weiten Vorsprung gewonnen. Sie befahl dem Vogel abzulassen und setzte ihren Weg mit geringerer Eile fort. Bald gelangte sie wieder auf die belebtere Marktstraße. Den ersten, dem sie begegnete, fragte sie, welches des Bürgermeisters Haus sei, und erhielt Auskunft. Dorthin lenkte sie nun unter den Lauben hin die Schritte. Der treue Rabe holte sie bald wieder ein. Jost hatte die Verfolgung nicht aufgegeben, obgleich seine Stirn blutete. »Hexe«, rief er ihr nach, »schönes Hexlein, du entgehst mir doch nicht!« Er wollte sie wenigstens so lange im Auge behalten, bis er wüßte, wo sie bliebe. Da sie nun aber in des Bürgermeisters Haus eintrat, scheute er sich doch, ihr zu folgen. Was sollte Magdalene von ihm denken. Er ging vorüber und setzte sich in der dritten oder vierten Laube auf eine Bank, die schöne Fremde abzuwarten. Nun erst recht wollte er sein Abenteuer haben. Eine reichliche halbe Stunde mochte vergangen sein, als sich von der Schloßseite her ein Wagen rasch näherte. Die Pferde zogen so kräftig an, daß der Straßenkot hoch aufschlug und die Räder nur so über die Steine hüpften. Jost erkannte in dem Lenker der Rosse seinen Freund Marcus und stand auf, ihm entgegenzugehen. Der aber sah ihn nicht gern. Sein Gesicht war erhitzt, und die Augen blickten unruhig um. Er hatte Frau Regina nach dem Dorf zurückgebracht, dort aber Ursula nicht angetroffen und zu seiner Verwunderung von den Bauersleuten erfahren, man habe das Mädchen in der Richtung nach der Stadt fortgehen sehen. Was wollte sie dort so allein? Kaum konnte er's erwarten, bis Frau Regina die Kräuter aus ihrem Mantelsack vorgesucht, geordnet und dem Priesterbruder übergehen hatte. Sie selbst war erschrocken, als sie hörte, daß Ursula sich entfernt habe, und bat Marcus, ihr sogleich in der Stadt nachzuforschen. Einer solchen Ermahnung bedurfte er gar nicht. Aber er hatte doch den Priesterbruder erst wieder bis zum Schuhtor fahren müssen, ehe er freie Hand behielt. Nun kam ihm noch Jost in die Quere. »Sieht man dich endlich?« rief dieser ihm zu. »Was hast du denn für Heimlichkeiten getrieben während dieser letzten Tage, seit ich hier bin? Man soll ja gar nicht wissen, wo du gesteckt hast.« »So werden's wohl meine Heimlichkeiten nicht sein«, antwortete Marcus, indem er absprang und die Leine kurzgezogen um die Wagenleiter schlengte. Er reichte ihm eilig die Hand wie einer, dem's daran liegt, sich nicht aufhalten zu lassen. Jost hielt sie aber fest. »Ich bin doch ein wenig dahinter gekommen«, schmunzelte er. »Sieh, sieh! Stille Wasser sind tief. Was hast du dir denn da für ein Schätzchen mitgebracht?« »Ich weiß nicht, von wem du sprichst«, sagte Marcus errötend. »Von der kleinen Hexe mit dem goldroten Haar spreche ich, die einen gar streitbaren Beschützer an der Hand hat. Der Schnabel ist seine Lanze, und er hat mir da ein Loch in die Stirn gerannt, daß die Wunde noch blutet. – Hahaha!« Marcus erschrak. »Ursula –«, stieß er unwillkürlich vor. »Ursula heißt sie – so, so? Dein Name entfuhr ihr auch so unversehens, das brachte mich auf die Spur.« »Was denkst du dir? Ich weiß nicht ...« »Schon gut, schon gut! Dein Geschmack ist nicht übel. Hätte das fahrende Fräulein auch nicht auf der Landstraße stehenlassen.« Marcus wurde unwillig. »Ich mag mich nicht hänseln lassen«, sagte er. »Wenn dir aber ein Mädchen in fremdartiger Tracht begegnet ist, das einen Raben bei sich hatte –« »Gewiß! An der Laufbrücke.« »So leb für jetzt wohl. Ich muß eiligst –« »Aber so höre doch! Ich sprach das hübsche Ding an und wollte ihm in guter Absicht raten. Es verstand mich aber unrecht, hetzte den schwarzen Vogel auf mich und entfloh mir –« »Jost –!« »– da hinein in deines Vaters Haus. Er mag sich über den Besuch verwundert haben, wenn er nicht schon unterrichtet war.« »Du gehst ganz irre«, versicherte Marcus, der nun doch wenigstens beruhigt war, daß Ursula sich in bestem Schutz befand. »Ich kann dir jetzt nicht sagen ... Aber vertraue meinem Wort: das Mädchen ist nicht, wofür du es halten magst.« Er ging mit hastigen Schritten an ihm vorbei nach der Tür. »Ich muß jetzt ins Haus, Lieber – warte nicht auf mich – heut nicht. Wenn du sie erschreckt hast ...« Er trat ein und schloß eilig die Tür hinter sich. Jost hörte, daß er den Riegel vorschob, und lachte hell auf. Er wär ihm ohnedies nicht nachgegangen. Die sonderbare Fremde, die so plötzlich und heftig seine Leidenschaft erregt hatte, neben Magdalene zu sehen, vielleicht sich von ihr anklagen lassen zu müssen, war ihm ein peinlicher Gedanke. Doch hätte er gern gewußt, was Marcus da so heimlich betrieb. Er nahm sich vor, noch eine Weile unter den Lauben auf und ab zu gehen und aufzupassen, was weiter geschehen werde. Marcus konnte doch das Fuhrwerk nicht auf der Straße stehenlassen. Ursula hatte sich dem Bürgermeister zu erkennen gegeben und war von ihm sogleich seiner Frau und Tochter zugeführt worden. Sie hatte, noch ganz verschüchtert, erzählt, in welche Ungelegenheit sie ihre allzu dreiste Neugier gebracht hätte. Magdalene zerbrach sich den Kopf, wer der unartige Mensch gewesen sein könnte, der sie so erschreckte. Auf Jost hätte sie zuletzt geraten. Sie war voll Freude, Ursula zu sehen, von der ihr Marcus, wennschon nur flüchtig, die reizendste Beschreibung gemacht. Im ersten Augenblick stutzte sie ein wenig, da es ihr zu des Bruders einfachem Sinn nicht zu passen schien, daß er an einer so phantastischen Erscheinung Gefallen fand. Aber nach den ersten Wechselreden schon war sie mit ihm ganz einverstanden. Während die Mutter Früchte und Honig aus der Speisekammer herbeiholte, dem Gast einen Imbiß anzubieten, führte Magdalene das fremde Mädchen nach dem lauschigen Winkelchen am erwärmten Kachelofen, wo die Eckbank mit einem weichen Polster belegt war, umfaßte sie und sagte: »Ich will mir's von Eurer Mutter erbitten, daß sie Euch ein paar Tage bei mir läßt. Wir haben einander so viel zu erzählen und werden gewiß rasch Freundinnen werden. Wär's Euch lieb?« Ursula küßte sie sehr glücklich und antwortete: »Mir wär's lieb. Aber Ihr müßtet dann auch zu mir in den Wald kommen – nicht jetzt, wo der Winter vor der Tür steht und bald seinen großen Schneesack ausschüttet, aber nächsten Mai, wenn die Bäume wieder grün werden und die Vögel singen und die Bienen ausschwärmen ... dann ist's schön bei uns und möcht' ich mit keinem Stadtfräulein tauschen. Einen rechten Wald kennt Ihr wohl noch gar nicht? Viele Meilen sind wir zuletzt geritten und haben am Weg nur einzelne verkümmerte Bäume gesehen.« »O doch!« versicherte Magdalene »Wir haben ein paarmal den Vater nach der Stadt Elbing begleiten dürfen. Nicht weit davon hebt sich das Land, und die Höhen sind weithin mit prächtigem Eichen-, Linden- und Buchenwald bewachsen. Wir sind eines Tages tief hineingeritten, bis wir von einem Berge über den Wipfeln das Haff liegen sahen und dahinter den schmalen Sandstreifen der Nehrung und noch weiter dahinter das blaugraue Meer bis zum Himmel hinauf. Dort wurde ein Zelt aufgeschlagen, und wir vergnügten uns bis zum Abend. Ein Buchwald war in der Nähe, darin ging man wie in einem Kirchendom. Der Förster erzählte, weiterhin komme der Baum nicht fort, die Grenze seines Wuchses sei hier wie abgeschnitten. Das war mir wundersam zu hören. Habt Ihr auch Buchen in eurem Walde?« »Nicht von solcher Art«, entgegnete Ursula, »sondern in kurzen, krummen und knorrigen Stämmen mit tief ansetzenden Ästen und spärlichem Laub. Ich seh's gern, wenn die Sonne das Geäst durchschimmert und mit allerhand farbigen Lichtern auf den trockenen Blättern vom vorigen Herbst spielt. Aber unsere Eichen sollt Ihr bewundern und die hohen Tannen mit ihrem dichten Nadelbehang und die alten Kiefern auf den sandigen Höhen, die im Abendrot wie goldene Säulen glänzen – so etwas Schönes gibt's doch nicht mehr auf der Welt!« »Ich würde vor den wilden Tieren Furcht haben«, meinte die Städterin. Ursula lachte. »Von denen ist im Sommer wenig zu besorgen. Die Wölfe sind nach Litauen abgezogen, und die etwa doch zurückgeblieben sein sollten, haben keinen Hunger. Ein Bär läßt sich bei uns gar selten einmal blicken, und die Wildschweine halten sich in ihrem Revier, greifen auch den Menschen nicht ohne Not an. Auch ist unser Hof wohl bewahrt und keine Gefahr ...« Jetzt öffnete sich die Tür, und Marcus trat in Hast ein, im Zimmer umspähend. Ursula sprang sogleich auf und eilte ihm entgegen. Sie faßte seine Hände und sagte: »Ihr werdet mich schelten. Aber die Verführung war zu groß. Und Ihr seht auch, daß mir nichts geschehen ist. Verzeiht deshalb, daß ich Euch nicht erwartete.« »Eure Mutter ist in Sorge um Euch«, antwortete er, ihres Anblicks froh. »Nun ich Euch hier in bester Sicherheit weiß, erlaubt, daß ich sogleich nach dem Dorf zurückfahre, ihr dies zu melden. Ich führe Euch dann in unsere Stadtkirche und ins Schloß, damit Ihr sehen möget, was Marienburg Merkwürdiges bietet.« »Nein, nein«, lehnte sie ab, »mir ist die Lust gänzlich vergangen. Ich merke wohl, daß alle Leute mich verwundert angaffen, als gehörte ich gar nicht zu ihnen, und ich weiß nicht, wofür man mich halten mag. Ich möchte nicht noch einmal unartig angesprochen werden. Euch auch nicht meinethalben in Verlegenheit bringen. Laßt mich daher ohne Verweilen zu meiner Mutter zurückkehren.« Magdalene erhob Einspruch. »Wir haben einander nur so kurze Zeit gehabt ...« Ursula umarmte sie. »Das ist mir wahrlich leid; aber ich hoffe, wir kommen wieder zusammen und trennen uns dann nicht so bald. Es ist mir schon eine große Freude, daß ich Euch nun von Angesicht gesehen habe. Wie oft werd' ich von Euch träumen!« Frau Blume bestand darauf, daß sie erst einen Imbiß einnehme; unbewirtet dürfe kein Gast aus ihrem Hause gehen. Die Magd trug schon allerhand Speise und Getränke auf. Ursula nahm ein weniges davon, um nicht unhöflich zu scheinen. »Es schmeckt Euch so in der Eile nicht«, sagte die Bürgermeisterin; »da wollen wir denn anders Rat schaffen.« Sie holte einen viereckigen Korb von Bastgeflecht herbei, den man eine Lischke nannte, füllte ihn mit Gebäck, Obst und Rauchfleisch, stellte ein Töpfchen mit frischer Butter und eine Steinkruke mit Johannisbeerwein dazu, schob den Deckel darüber und hing den Strick Marcus um den Hals. »Das überbringe Frau Regina mit einem schönen Gruß«, befahl sie. »Es mag zugleich als Wegekost dienen. Hat sie selbst eine Lischke, so schaffe mir die meine zurück. Es ist aber auch an ihr nichts gelegen.« Ursula dankte. »Der Wagen steht vor der Tür«, bemerkte Marcus. »Wenn es Euch gefällt, können wir sogleich aufsteigen.« Sie verabschiedete sich von der Bürgermeisterin, indem sie ihr wiederholt die Hand küßte. »Behaltet mich in nicht zu unfreundlichem Andenken, werte Frau«, bat sie plötzlich ganz wehmütig gestimmt. »Ich wüßte etwas«, rief Magdalene, »das uns noch eine Weile zusammenhalten könnte. Wenn die Mutter erlauben wollte, daß ich Euch auf's Dorf begleite –« »Ach, das erlaubt die gute Frau gewiß«, fiel Ursula ein. »Bitte, bitte –! Marcus ist ja mit uns.« Die Genehmigung wurde erteilt. »Aber vergeßt nicht, daß es jetzt im November schon früh dunkel und der Weg schlecht ist.« Magdalene warf schnell einen Mantel um und zog die Kapotte über den Kopf, so daß von dem rosigen Gesichtchen wenig erkennbar blieb. Marcus half den beiden Mädchen auf den Wagen, wobei sie den angebundenen Querbaum benutzten. Ursulas Hand hielt er so lange als möglich in der seinen. Als sie eine kurze Strecke gefahren waren, bemerkte Ursula unter den Lauben einen Menschen, der sich hinter dem Pfeiler schien verstecken zu wollen. »Der war's!« rief sie. Der Rabe auf ihrer Schulter wurde unruhig. Magdalene blickte zurück und sah nun ganz deutlich die Gestalt, die bis unter den Bogen vorgetreten war. »Der –?« fragte sie erschreckt. »Jost vom Wege –?« »Ich weiß seinen Namen nicht«, antwortete Ursula, »aber er war's gewiß. Seht nur, wie der Vogel die Federn sträubt, als wollte er ihm am liebsten noch einmal zu Leibe. Jost vom Wege – das behält sich leicht.« »Des Herrn Tileman vom Wege aus Thorn einziger Sohn.« »Ja, nach Thorn lud er mich ein.« »Lud er Euch ein ... Was dachte er sich nur dabei?« Marcus, der das Gespräch mit angehört hatte, wendete den Kopf zurück und sagte: »Ich hab' ihn gesprochen. Er glaubte, daß Ursula zu fahrendem Volk gehöre, und ich durfte ihm doch die Wahrheit nicht sagen.« Zur Beruhigung seiner Schwester setzte er hinzu: »Es war wohl gutgemeint.« Magdalene verhielt sich aber doch eine Weile schweigend. Es gefiel ihr nicht, daß Jost sich gleich an das fremde Mädchen gehängt hatte, am wenigsten, wenn er sie für eine Fahrende hielt. Gegen den scharfen Wind zog sie die Kapotte noch fester vors Gesicht. Er soll mir's büßen! dachte sie. Dann aber war ihr Unmut auch schon überwunden. Als sie in die Nähe des Dorfes kamen, plauderte sie wieder munter mit Ursula, die ihren Raben auf die Hand genommen hatte und ihn zur Kurzweil ihrer Begleiterin allerhand lächerliche Kunststücke machen ließ. Frau Regina, die sich ungehalten zeigen wollte, wurde von den Mädchen leicht besänftigt. Auf Magdalene machte die Frau mit dem streng-schönen Gesicht und der stolzen Haltung einen tiefen Eindruck. Sie mußte ihr nur immer in die dunklen, wie verschleierten Augen sehen, als wäre in der Tiefe irgend etwas Ungeahntes zu entdecken. Ihre Freundlichkeit ließ aber das Gefühl von Scheu nicht aufkommen. Marcus benutzte die Gelegenheit, wo er ein paar Worte mit ihr allein sprechen konnte, um sie zu fragen, wie sie den Herrn Hochmeister gefunden habe. »Schlecht«, antwortete sie, »schlecht. Es geht rasch zu Ende.« Der Aufenthalt in der rauchigen Bauernstube war wenig angenehm. Doch blieben sie mehrere Stunden dort beisammen. Die beiden Mädchen wurden ganz vertraut miteinander. Marcus saß neben Ursula und streichelte ihren Raben, der ihn sichtlich als einen guten Freund schätzte. Endlich mahnte Magdalene doch zum Aufbruch. »Ich geb' Euch morgen früh das Geleit«, sagte Marcus zu Frau Regina, »und brauche daher noch nicht Abschied zu nehmen.« Sie nickte. Ursula reichte ihm die Hand. »Verspätet nur nicht!« Siebentes Kapitel Des Hochmeisters Abschied Am andern Tage war Marcus schon lange vor der Sonne auf und eilte aufs Dorf hinaus. Zu seiner schmerzlichsten Verwunderung mußte er aber vom Schulzen erfahren, daß die Fremden schon vor zwei Stunden bei völliger Dunkelheit aufgebrochen seien. Die Frau habe ihm aufgetragen, den jungen Herrn zu grüßen und ihn zu bedeuten, daß sie absichtlich nicht gewartet habe, da sie seine Begleitung für den Rückweg auf keinen Fall hätte annehmen wollen. Sie hätte auch sonst gute Gründe, nicht länger zu verweilen. Das junge Fräulein habe recht traurig ausgesehen und ihm ganz zuletzt noch eine schwarze Feder gegeben, die der Rabe in der Nacht verloren. Die möchte Marcus zu ihrem Andenken auf dem Hut tragen. Marcus hatte zuerst nur den Gedanken, daß er sich aufs Pferd werfen und den Frauen nacheilen möchte, so schnell dasselbe nur laufen könne. Bald mußte er sich aber überzeugen, daß sie doch einen zu starken Vorsprung hätten. Auch war der Zweifel gerecht, ob er Frau Regina genehm kommen würde. Offenbar wünschte sie, daß er Ursula nicht mehr sehe. »Ach –! aber denken werde ich an sie immer, immer!« rief er, sein Pferd nach der Stadt zurücklenkend. »Wie kann ich je noch glücklich sein, wenn sie nicht bei mir ist?« Er küßte die Feder, die ihre Hand berührt hatte. »Und auch sie vergißt mich gewiß nicht –!« Am Abend hatte Konrad von Erlichshausen das Bad genommen. Es brachte ihm einen langen und erquickenden Schlaf. Jetzt am Morgen war er nach vielen Wochen zum erstenmal wieder schmerzfrei. Seine Umgebung konnte sich deshalb leicht über seinen Zustand täuschen und eine plötzliche Wendung zur Besserung vermuten. Er selbst gab sich keiner solchen Täuschung hin; ließen doch die Worte der Waldfrau keine andere Deutung zu, als daß er sich auf den nahen Tod vorzubereiten habe. Und damit beschäftigten sich nun alle seine Gedanken. Es war ihm zu seiner tiefsten Bekümmernis nicht gelungen, Tileman vom Wege umzustimmen; er hatte mit seiner Feindschaft gegen den Orden zu rechnen. Nun mußte der Versuch gemacht werden, dem schlimmsten Unheil vorzubeugen. Gleichsam ein Vermächtnis seiner Regierungsweisheit wollte er denen auftragen, die nach ihm die Geschicke des Ordenslandes zu lenken haben würden, und er durfte hoffen, daß die Mahnung des sterbenden Meisters nicht unbeachtet verhallen werde. Deshalb hatte er sein Gebietiger zu sich beschieden. Bei ganz klarem Sinn wollte er diese letzte Handlung vornehmen. Deshalb goß er auch selbst, als nun die Stunde kam, mit zitternder Hand einige Tropfen von dem köstlichen Elixier in den Becher mit Wein, der neben ihm auf dem Tisch stand, und trank ihn zur Hälfte aus. Der Duft, der sich davon durch das kleine Gemach verbreitete, war so stark, daß die eintretenden Brüder sich einen Augenblick wie betäubt fühlten. Der Trappier Wilhelm von Helfenstein, der dem Bischof Franziskus freie Hand gelassen hatte, wiegte bedenklich den Kopf, und der Großkomtur Heinrich von Richtenberg raunte dem Hauskomtur heimlich zu, er solle sorgen, daß das Fenster aufgestoßen und frische Luft eingelassen werde; der enge Raum sei so scharf gewürzt, daß man nicht atmen könne. Der Hauskomtur folgte seinem Befehl, dem der kranke Meister nicht widersprach. Außer den beiden anderen Großgebietigern, dem Marschall Kilian von Exdorf und dem Spittler Heinrich Reuß von Plauen, waren auch einige Komture eingetreten, die sich gerade in der Marienburg aufhielten und von den Großgebietigern zugelassen wurden, ihren Abschied von dem Hochmeister zu nehmen. Sie umstanden in ihren weißen Mänteln das Bett, hatten die Köpfe gesenkt und die Hände gefaltet. Die Schwerter hatten sie draußen abgegürtet, trugen auch sonst keinen Harnisch über dem Hauskleide. Konrad von Erlichshausen richtete sich ein wenig auf, überblickte die Versammlung und grüßte sie mit mehrmaligem Nicken des Hauptes. Er schien die Anrede zu erwarten. Nun trat der Großkomtur einen Schritt vor, verbeugte sich und sagte: »Edler gnädiger Herr Hochmeister, Euer Gnaden Krankheit ist uns leid, doch getrauen wir zu Gott, daß er Euer Gnaden noch wird fristen.« Der Kranke antwortete darauf: »Der allmächtige Gott ist ein Regierer aller Dinge, sein göttlicher Wille muß geschehen hier in Ewigkeit. Das Opfer des Todes sind wir alle schuldig, es werde kurz oder lang. Gott der Herr füge jedem Menschen eine selige Stunde.« »Gnädiger Herr«, sagte Exdorf bewegt, »Gott der Allmächtige sendet einem Menschen Krankheit zu, er kann auch wohl die Gesundheit wiedergeben; darum habet ein gut Herz, es wird, ob Gott will, wohl zur Besserung kommen.« Der Hochmeister lächelte bitter. »Ja, das ist alles wahr«, sprach er, die Stimme erhebend, »aber die Freude, die ich bei meiner Regierung von Euch und andern gehabt habe – – wäre ich nicht krank, sie müßte mich noch krank machen. Mir ist so wohl bei diesen Sachen, daß ich nur nichts anderes begehre, denn zu sterben. Gott vergebe mir meine Sünde!« Da sahen sie einander mit verlegenen Mienen an; eines so starken Wortes war keiner gewärtig gewesen. Jeder meinte, der Nachbar werde Einspruch gegen so schwere Beschuldigung erheben. Aber niemand hatte den Mut dazu. Und so fuhr der Hochmeister fort: »Wundert euch nicht, daß ich so zu euch in dieser letzten Stunde rede. Denn ob ich schon meinen Widersachern christlich alle Beleidigungen von Herzen verzeihe, die sie meiner Person zugefügt, so weiß ich doch, daß damit dem Lande nicht zum Frieden geholfen werden kann, wie mir selbst. Wenn ich euch deshalb schelte, so ist's nicht, weil ich die Vergangenheit bedenke, die nicht mehr zu ändern ist, sondern euch zu mahnen, in Zukunft des Ordens und des Landes Wohl besser in acht zu haben und allen kleinlichen Hader zu unterlassen. Wäret ihr allezeit mit mir einig gewesen, ich hätte wahrlich in diesen zehn Jahren eine gute und standhafte Ordnung der Dinge aufrichten und jedem mit Billigkeit zu seinem Recht verhelfen können. Aber der Orden ist uneins in sich selbst und spannt allemal Pferde vorn und hinten an den Wagen, daß er so viele Schritte zurückgezogen ist, als vor, und trotz großer Anstrengung alles beim alten bleibt. Den Schwaben, Franken und Bayern ist's nur darum zu tun, daß sie aus den ihrigen nicht weniger Ämter besetzen als die Rheinländer, Meißner und die aus den nahen Ländern, bewachen einander wechselseitig mit Argwohn und Eifersucht, lehnen sich auf in den Konventen und treiben ihren Zank ins Kapitel hinein. So ist der Meister dort übel beraten und kann sich nicht einmal auf derer festen Beistand verlassen, die dem Beschluß beigestimmt haben. Alle hasset ihr freilich den Bund und wünschet ihn abgestellt, aber daß seine Ursache fortfalle, ist niemandes Sorge, sondern es mag halten oder brechen, ihr kümmert euch nicht darum. Wie soll aber das Land einig und in gutem Vertrauen zum Orden stehen, wenn es den Orden nicht einig sieht mit seinem Meister, der doch des Landes Fürst ist? Wie sollen die Untertanen zum Frieden gelangen, wenn die Herren selbst in Unfrieden leben und heimlich gegeneinander rüsten? Wie soll der Feind von seinem Übermut ablassen, wenn er uns schwach und schwankend steht? Wahrlich, ich hab's euch ohne Ansehen der Person immer zum Besten geraten, aber ihr habt wenig auf mich gehört, sonst könnt' ich jetzt beruhigter sterben. Es sind harte Köpfe unter euch, die wollen mit Gewalt das Alte zurückführen, das sich doch überlebt hat, und wieder Schwachmütige, die lieber willig konzedieren, was dem Orden zuwider ist, als es zu einem ehrlichen Kampf kommen lassen. Darum ist mir das Herz schwer, wenn ich der künftigen Zeiten gedenke.« Auf den Gesichtern der Umstehenden sprach sich während dieser Strafrede meist Unwillen und Trotz aus; sie gefiel keinem, denn jeder mußte sich für getroffen halten. »Gnädigster Herr«, nahm Plauen das Wort, »wenn Ihr mich zu den harten Köpfen zählt, so will ich dem nicht widersprechen, hätt' auch gern Euer Gnaden mit Rat und Tat Beistand geleistet, den giftigen Drachen niederzuwerfen, der uns im Bunde erstanden ist. Bin aber von Euer Gnaden nicht zum Schwerte gerufen und mag nicht verantworten, daß der friedliche Ausgleich mißglückt.« Der Hochmeister seufzte leise. »Deine Treue hab' ich nie bezweifelt, Heinrich, so wenig als deines Willens Festigkeit. Aber solcher Männer wie du sind nicht viele, und doch müßten alle Brüder dir ähnlich sehen, wenn der Ruf zum Schwert gewagt sein sollte. Wie viele waren mit dir bereit zum Kampf um Tod und Leben?« Der Großkomtur fand diese Erörterung nicht nach seinem Sinn. Er hielt Plauen selbst für einen Hitzkopf, dem Zügel angelegt werden müßten. »Gnädiger Herr«, wandte er sich an den Kranken, »ob Euch Gott von hinnen nähme, zu wem wollten Euer Gnaden uns raten, denn wir sollten kiesen zu einem Verweser dieses armen betrübten Landes an Euer Gnaden Stelle? Allhier wäre uns guter Rat groß vonnöten.« »Ja«, bestätigte Konrad von Erlichshausen, »es wäre wohl große Not, einen weisen, verständigen Verweser diesem armen Land zu kiesen – wenn man ihn nur auch hören wollte!« Die Gebietiger ermutigten den Großkomtur durch Winke mit den Augen, weiterzusprechen. »Gnädigster Herr«, fuhr er deshalb fort, »wir trauen zu Eurer Gnade, Ihr werdet uns hierin guten Rat geben, und wir wollen Eurem Rate mit Gottes Hilfe Folge tun.« Darauf trank der Hochmeister von seinem Wein zur Stärkung und antwortete: »Ich sollte euch wohl raten, aber ich sehe, daß ihrer zwei vor andern nach dieser Ehre streben, und in betreff dieser beiden kann ich euch nur soviel sagen: nehmet ihr Reuß von Plauen, so habt ihr den Aufstand der Untertanen sicher – Gott gebe, daß nichts Ärgeres daraus erfolgen möge! Nehmet ihr meinen Vetter Ludwig, der kann sich selbst nicht vorstehen noch raten und muß wohl tun, was ihr und andere wollet. Ob euch das nun auch gefiele, so müßt's doch zu des Landes Verderben ausschlagen. Ich weiß, daß er Feinde hat, die seinetwillen des Ordens Feinde sind und denen er nimmer gewachsen sein kann, wenn er wie ein Rohr sich nach dem Winde beugt. Seid gewarnt!« Diese ernsten Worte machten augenscheinlich auf die Gebietiger einen tiefen Eindruck. Die meisten hatten den Komtur von Mewe, Herrn Ludwig von Erlichshausen, im Sinn gehabt und waren nicht wenig erschreckt, den Meister gerade gegen diesen Verwandten, mit dem er bisher ihres Wissens in gutem Einvernehmen gestanden, so strenge zu finden. Sie wußten aber auch, daß er ihn ganz richtig erkannt hatte und den Grund durchschaute, weshalb er ihnen vor anderen genehm. Endlich brach Helfenstein das sehr peinliche Schweigen. »Euer Gnaden haben uns, wie wir nicht zweifeln, in rechter Wohlmeinung von diesen zweien abgeraten«, sagte er, »wir verhoffen nun zu Euer Gnaden Erfahrung und Klugheit, Ihr wollet uns auch den Mann nennen, zu dem Euer Gnaden Vertrauen steht.« Der Hochmeister hatte jeden mit Blicken scharf gemustert. Nur Reuß von Plauen wagte ihm offen ins Gesicht zu sehen; er schien durch seine Abmahnung nicht gekränkt zu sein. Wie's mit den andern stände, war leider nur zu gewiß. Der Kranke ließ das Haupt auf die Brust sinken. »Ich dürfte euch wohl raten zu Herrn Wilhelm von Eppingen«, antwortete er, »Komtur zu Osterode, der ist ein sanftmütiger, friedliebender Mann und meint das Land mit Treuen. Aber was ist es nütze, daß ich euch rate – es ist doch all' umsonst.« Er richtete sich vom Kopfkissen auf und hob die Stimme. »Denn ich weiß wohl, daß jüngst die meisten Gebietiger zu Mewe aus dem Schlosse zusammen gewesen sind und haben sich allda miteinander verbunden: welcher von ihnen Hochmeister wird, der soll den Bund abbringen, und sollte man auch das Land darüber verlieren. Gott gebe, daß es nicht geschehe! Uns stehet eine große Plage bevor – das machen unsere Sünden. Auf Gottesdienst achten wir nicht und stehen alle in großem Übermut. Ein jeder tut, was ihn nur gelüstet. Wollte Gott, ich wäre in ein Karthäuser Kloster gezogen, mir wäre um viel besser.« Er faltete und rang die Hände. »Gott vom Himmel, kehre den Jammer dieses armen Landes, das unsere Vorfahren mit großer Mühe und Arbeit mit der Hilfe Gottes von den Heiden gewonnen und manchen tapferen Mann darüber verloren. Man sehe zu, daß man es nicht durch Übermut und Gottes Verhängnis wieder verliere. Gott mag sich erbarmen!« Er sank schwach auf das Kissen zurück, wendete das Gesicht nach der Wand, jammerte und seufzte in sich hinein. Die Umstehenden sprachen »Amen – amen!« doch mit beklommenem Gemüt. Sie warteten eine Weile, ob er nochmals das Wort nehmen wolle. Da das nicht geschah, segneten ihn die Großgebietiger, wendeten sich fort und hießen auch die andern gehen. Draußen im Kreuzgang tauschten sie ihre Meinungen aus. Die einen waren erschüttert und dachten mit geheimem Grauen an die Zukunft. Andere setzten trotzig die Lippen auf und schüttelten drohend die Hand in der Luft. »Der kranke Herr ist gar kleinmütig«, sagte Richtenberg. »Darüber hatten wir auch in seinen gesunden Tagen des öfteren zu klagen. Es war nicht seine Sache, den Bund scharf anzufassen und des Ordens Reputation mit Strenge gegen die Untertanen zu wahren. Meinte mit Milde und Güte mehr auszurichten und möchte auch über seinen Tod hinaus kräftige Entschlüsse hindern. Aber es muß anders werden! Laßt euch nicht niederbeugen.« »So wollt' ich«, sagte Plauen, »die den Kampf aufnehmen, führten ihn auch zum Ende. Man soll nicht mit dem Schwert rasseln, wenn man's nicht zu ziehen gedenkt, und es nicht einstecken, eh' es seine Arbeit getan. Bevor man's aber zieht, mag der Gegner zuversichtlich erfahren, um welchen Preis er den Frieden erkaufen kann, und den soll man auch ehrlich gelten lassen. Ich fürchte, nicht jeder ist so gesinnt.« »Der Herr Hochmeister selbst nicht, wie es scheint«, bemerkte Helfenstein spitzig, »sonst hätt' er Euch dringender zur Wahl empfohlen.« »Er hat von meiner Wahl abgemahnt«, antwortete Plauen sehr ruhig, »und das mit Recht. Was sollte der Orden wohl mit einem Oberhaupt von meinem Holz anfangen? Wählt, wen ihr mögt! Ich rate selbst von mir ab. Aber meine Zeit kommt vielleicht!« Der Spittler trat in seine Gastzelle und schloß die Tür hinter sich. Helfenstein strich lächelnd den Bart. »Gott mag uns bewahren! Denn kommt seine Zeit, so muß es bei uns schon Matthäi am letzten sein. Er hat oftmals verlauten lassen, es würde nicht gut, wenn nicht die Ordensregel wieder mit voller Strenge herrsche. Ich glaub's, daß er Ritter, Knechte und Städte rasch wieder zum Gehorsam zurückführen würde, müßte dabei auch viel Blut fließen, aber ob uns hinterher wohl dabei wäre –!« Er zuckte die Achseln. »Was haltet Ihr von Eppingen?« fragte Richtenberg. »Er ist gewiß ein braver und friedliebender Mann«, meinte Exdorf, »geht aber still seine eigenen Wege und wird sich keine Bedingung vorschreiben lassen. Deshalb ist er dem Herrn Hochmeister, aber schwerlich uns genehm. Er war nicht in Mewe.« »Wer hat dem kranken Herrn das von Mewe verraten?« fragte Helfenstein. »Es ist auf niemand mehr Verlaß.« »Der Bischof ist viel um ihn gewesen und kann ausgeplaudert haben, was ihm hinterbracht wurde«, riet Richtenberg. »Er ist aber selbst des Bundes heftigster Gegner.« »Jawohl, weil auch die Prälaten den allgemeinen Richttag anerkennen sollen. Uns gönnte er ihn schon gern. Ich traue dem Pfaffen nicht – er möchte uns unter den Papst bringen.« »So müssen wir den Kaiser ausspielen.« »Das wollen wir bleiben lassen, solange es geht.« »Jawohl – solange es geht.« »Der Bischof treibt auch sonst allerhand Heimlichkeit im Krankenzimmer«, bemerkte der Marschall. »Gestern soll ein altes Weib bei dem Herrn Hochmeister gewesen sein und des Kranken Zustand untersucht haben. Habt ihr das Tränkchen gerochen, das ihm da gebraut worden? Es duftet so stark, als käm's geradeswegs aus der Hexenküche.« »Der Bischof wird sich ja doch mit Zauberern und Hexen nicht abgeben!« wendete Helfenstein verlegen ein. Es gereute ihn schon, daß er dem geistlichen Herrn allzu willig durch die Finger gesehen. »Pah! Er meint, ihn rühre das nicht an. Gesundet der Herr Hochmeister auf diesen Trank, so weiß ich, woran ich bin.« »Geht's aber mit ihm schnell zu Ende, so weiß man erst recht, daß da ein teuflisches Spiel um Tod und Leben gewagt ist«, meinte einer der Komture. »Warten wir's ab, liebe Herren«, mahnte Richtenberg. »Es kann sein, daß wir des Kranken Gemach nicht scharf genug bewacht haben. Nun ist's einmal geschehen –« Konrad von Erlichshausen war nach Entfernung der Gebietiger wieder in tiefen Schlaf verfallen. Erst gegen Abend wachte er auf, sah sich verwundert um und sagte: »Ach – ach! leb' ich denn noch? Mir hat so herrlich geträumt, daß ich schon meinte im Himmel zu sein. Gott mach' es mit mir so gnädig! Das dank' ich gewiß der klugen und guten Frau mit Hilfe Marias, meiner Himmelskönigin.« Nach einer Stunde, als die Kräfte abnahmen und heftige Schmerzen sich wieder einstellten, schickte er zum Bischof, daß er komme, ihm die letzte Ölung zu geben. Da man den nicht gleich fand, wurde er ungeduldig, ließ sich einen Becher mit frischem Wasser füllen, schüttete den Rest des Elixiers hinein, ohne die Tropfen zu zählen, und sagte: »Ich werde auf der Welt nichts mehr brauchen. Das ist das letzte.« Der Bruder, der bei ihm wachte, bat ihn, nüchtern zu bleiben, bis der Bischof käme. Aber der Hochmeister entgegnete: »Sei ohne Sorge, es ist Wasser – und das andere wirkt nicht auf den Leib, sondern auf den Geist.« Er trank in einem langen Zuge den ganzen Becher leer. Dann kämpfte er mit lauten Gebeten gegen den Schlaf an. Aber vergeblich. Als der Bischof mit den Priesterbrüdern eintrat, waren ihm die Augenlider zugefallen und alle Versuche, ihn zu erwecken, ohne Erfolg. Er atmete ruhig und leise. Sein Gesicht war wie verklärt. Bischof Franziskus wartete lange, ob er erwache. Als jedoch gegen die Nacht hin die Bewegung der Lunge immer schwächer wurde und ein röchelnder Ton sich hören ließ, verrichtete er sein Amt, indem er Augen, Ohren, Nase und Mund des Sterbenden, auch dessen Füße und beide Seiten des Leibes über den Nieren mit dem heiligen Öle unter dem Zeichen des Kreuzes salbte. Bald nach Mitternacht setzte der Atem mitunter aus, erst kurze, dann längere Zeit. Wie er sich zum Schlafen gelegt hatte, so lag er auch jetzt da. Nur die Hände zuckten von Zeit zu Zeit wie von der Berührung des Todes. Das Bewußtsein kehrte ihm nicht wieder. Mit einem langen Seufzer, der wie die Bitte um Erlösung klang, hauchte er die Seele aus. Am Morgen läutete die Sterbeglocke von der Marienkapelle nach der Stadt hinüber. Die Bürger wußten, was geschehen war, und eilten in die Kirche, für den toten Meister zu beten. Dann erschien auch noch der Hauskomtur auf dem Rathause und meldete des Ordens schweren Verlust. Jost vom Wege schwang sich aufs Pferd, ohne Abschied zu nehmen, und ritt spornstreichs mit der Nachricht auf Thorn zu. Achtes Kapitel Der Bund In der Stadt Thorn an der Weichsel, der ältesten, mächtigsten und reichsten des Ordenslandes Preußen, war zu Anfang des Jahres eintausendvierhundertundfünfzig ungewöhnliche Bewegung. Es war dieses ein Jubeljahr. Papst Nicolaus V. hatte zur Weihnacht die vermauerte Pforte des heiligen Petrus öffnen lassen und jedem, der nach Rom pilgerte und dort reumütig sein Gebet verrichtete, vollen Ablaß seiner Sünden zugesagt. Nun war in der ganzen Christenheit das Verlangen groß, sich solcher Gnaden teilhaft zu machen, und selbst im fernen Preußen rüstete man sich überall zu der weiten und beschwerlichen Reise, für zeitliche Mühen das ewige Heil zu erwerben. In der Stadt Thorn sammelten sich die Pilgerscharen zu gemeinsamem Zug über die Alpen. So überraschend groß war der Zudrang der Gläubigen zu diesen Pilgerfahrten, daß der Orden ganz ernstlich eine Entvölkerung des Landes befürchtete. Noch berechtigter mochte die Sorge sein, daß viel Geld hinausgetragen würde, nicht nur alle Ersparnisse daraufgehen, sondern auch von den ablaßbegierigen armen Leuten Habseligkeiten weit unter ihrem Wert veräußert werden möchten, um nur die Mittel für die Reise und für die Spenden am Grabe des Apostels aufzubringen. Es war vorherzusehen, daß Scharen von Bettlern ins Land zurückkehren würden. Aber der dringenden Bitte des Ordens, einen Legaten nach Preußen zu schicken, der hier an Ort und Stelle den Ablaß zu spenden ermächtigt würde, hatte sich der Papst nicht willfährig gezeigt, und alle Ermahnungen, den gefahrvollen Weg durch Polen und Mähren zu bedenken, erwiesen sich als fruchtlos. Zu schwer waren die Gemüter bedrückt von den Leiden des letzten Krieges mit Polen, dessen Nachwehen auch die kluge Regierung des jüngst verstorbenen Hochmeisters nicht ganz hatte beseitigen können. Auf ihn hatte man große Hoffnungen gesetzt, die nun sein unerwartet früher Tod vereitelte. Es gingen Gerüchte um, in seiner letzten Krankheit sei viel Unverantwortliches geschehen, das man geheimhalten möchte und doch nicht könnte. Eine preußische Waidelotin, die ihre Zauberkunst von den heidnischen Vorfahren geerbt, sei zu ihm geführt worden und habe ihm einen Trank gegeben, der das ganze Schloß Marienburg verpestet, so daß noch jetzt nach Monaten niemand die Krankenzelle betreten könne, ohne von einem Schwindel erfaßt zu werden. Der Hochmeister sei so betäubt worden, daß er nicht einmal mehr zur letzten Beichte die Besinnung hätte wiederfinden können. Der Orden habe sich Gott abgewandt und treibe Zauberei, um mit des Teufels Macht seine Herrschaft zu behaupten. Konrad von Erlichshausen aber sei vielen von den Gebietigern ein Dorn im Auge gewesen, weil er's mit dem Lande gehalten und gegen die Untertanen Gerechtigkeit geübt; deshalb sei ihnen sein Tod erwünscht gekommen. Was sie nun aber im Schilde führten, könne man wohl vermuten: dem Lande solle Zwang angetan werden, dazu suchten sie den rechten Mann. Der Unfriede würde wieder einziehen und der Krieg sein Kumpan sein. So meinte jeder zu fühlen, daß etwas Unheilvolles in der Luft läge und sich über das arme Land entladen werde, wenn Gott nicht helfe. Ihn in dieser bevorstehenden großen Not anzurufen, um womöglich durch Erbittung seiner Gnade das Schlimmste, wenn nicht von der Gesamtheit, so doch von sich selbst und den Seinen abzuwenden, war nun allen Schwachen und vornehmlich denen Bedürfnis, die ihre kirchlichen Pflichten in den Wirren der Zeit vernachlässigt und allerhand Sünden auf ihr Haupt gehäuft hatten. Jetzt war die Gelegenheit gegeben, durch einen großen Bußeakt sich von aller Schuld reinzuwaschen und Gottes Beistand zu gewinnen. Wer St. Peter in Rom gesehen, der hoffte wenigstens selig sterben zu können. Der Stadt Thorn war dieser Zufluß von Fremden gar nicht unerwünscht. Tage-, manchmal wochenlang mußten die Pilger sich dort aufhalten, bis alle Vorkehrungen zur weiten Reise getroffen waren und die einzelnen Züge sich geordnet hatten. Hier, dicht an der Grenze der Heimat, war einzukaufen, was unterwegs in den unwirtlichen Ländern der Slawen nicht für alles Gold zu haben war. Kleinere Gesellschaften vereinigten ihre Mittel, kauften ein Fuhrwerk an und beluden es mit Lebensmitteln, Schuhwerk, Mänteln und Schlafdecken. Wußten sie doch voraus, daß sie viele Monate unterwegs sein würden. Nach Thorn brachte noch jeder etwas mit, hier rechnete noch niemand allzu ängstlich. Die Klöster der Franziskaner und Dominikaner sowie das Nonnenkloster ordinis St. Benedicti zum Heiligen Geist herbergten viele der Ärmeren, aber ihre Gastzellen und selbst die offenen Kreuzgänge zeigten sich unzureichend für den immer breiteren Zustrom, so daß die Bürgerhäuser ihn ableiten mußten. Geschah nun auch manches für die Pilger aus Frömmigkeit zur Ehre Gottes allein, so war man in der großen Handelsstadt doch immer geneigt, seinen Vorteil zu bedenken und auch von frommen Werken seinen Verdienst einzuziehen. Warum sollte das Jubeljahr, das so reichlich des Papstes Säckel füllte, nicht auch der Stadt Thorn ein gesegnetes sein? Ihr erster Bürgermeister, Herr Tileman vom Wege, hatte in seinem Hause am Markt freilich andere Sorgen, als wie die Romfahrer ein gutes Unterkommen fänden, wennschon er seine alte Haushälterin Renate, eine fromme Wittib, nicht hinderte, die leeren Räume des oberen Geschosses zu Gastzimmern für vornehmere Leute einzurichten, was ihr zu einem schönen Dank meist auch noch schönere Trinkgelder zubrachte. Seit dem Tode seiner Frau war sein großes Haus, früher eines der gastlichsten in der Reihe der hochgiebeligen Patrizierhäuser, klösterlich still geworden. Nicht mehr leuchteten die Wachskerzen von den Doppelhaltern an den getäfelten Wänden des Saales den festlich geputzten Tänzern und Tänzerinnen, nicht mehr beluden zahlreiche Diener die schweren Eichentische mit Schüsseln und Kannen, nicht mehr spielten die Musikanten in der Nische hinter dem Balkon lustig auf. Jahrelang hatte kein menschlicher Fuß diese Räume betreten, bis Jost erwachsen war und mitunter seine Zechgenossen dahin führte. Er selbst hatte sein Stübchen unter dem Dach im Giebel mit freundlicher Aussicht über den Markt und das stattliche Rathaus, dessen alter, noch vom ersten Bau erhaltener Turm hoch aufragte. Herrn Tilemans Geschäftsstube lag im Erdgeschoß und dahinter auch sein Wohn- und Schlafzimmer, enge und ziemlich düstere Räume, da sie durch die kleinen Fenster vom Hof her ihr Licht erhielten, neben Kammern, die zur Aufbewahrung von Warenvorräten dienten. Frau Renate bewohnte das Hangestübchen im Flur, wohin vom Ansatz der großen Treppe einige Stufen seitwärts führten. Sie übersah von hier aus am besten das Haus und hatte es auch nicht weit bis zur Küche im ersten Stock, die einst für größere Verhältnisse eingerichtet war und jetzt von einer alten Magd besorgt wurde. Regelmäßig schon früh des Morgens ging Herr Tileman vom Wege nach dem Rathause hinüber und brachte dort einige Stunden zu. Er nahm dort als »regierender« Bürgermeister die Meldungen der Polizeiherren der vier Quartiere entgegen, in welche die Stadt eingeteilt war. Sie hatten über nächtliche Unruhen und Vorfälle bei den Torwachen zu berichten. Dann fand sich auch der zweite Bürgermeister und ein Teil des aus zwölf Personen bestehenden Rats ein, um vorzutragen, was sie anging. Kamen Boten mit Briefen aus den kleinen Städten oder aus Danzig an, so wurden sie abgefertigt oder angewiesen, bis nach der nächsten Ratssitzung zu warten. Es mußte dann für Herberge und Verpflegung gesorgt werden. Der Verkehr war meist lebhaft, da Thorn als das Haupt der preußischen Städte galt, auch ein wichtiges Mitglied der Hansa war und Handelsverbindungen weit nach Polen hinein sowie über Danzig mit Dänemark, Holland und England unterhielt. Die Stadt hatte das Stapelrecht für alle auf der Weichsel anlangenden Waren und hütete es eifersüchtig als die Quelle ihres Reichtums gegen jeden Eingriff seitens der polnischen Magnaten, die gern unter allerhand Vorwand Befreiungen beanspruchten, wie der Danziger, die schon lange danach strebten, die Verladung zur See allein in die Hand zu bekommen. Es gab dann auch oft genug Schälung mit der Neustadt Thorn, die vom Orden abhängiger war, ihre eigene Verwaltung hatte und als Konkurrentin im Handel mißtrauisch beobachtet wurde. Beide Städte waren durch Mauer und Graben voneinander abgesperrt, doch so, daß zwei befestigte Tore für gewöhnlich den Durchgang gestatteten. Zwischen den Städten nach dem Strom hin lag die Ordensburg, eine Festung für sich, das Haus auf dem Hügel von dreifacher Mauer gedeckt, an den Ecken mit Türmen versehen. Dort befehligte der Komtur Albrecht Kalb und wachte mit Strenge darüber, daß die Rechte der Herrschaft nicht verletzt würden. Den Alt-Thornern bereitete das Schloß viel Verdruß, es mahnte sie fortwährend, daß sie einen Herrn über sich hätten, der sie allenfalls auch mit Waffengewalt zum Gehorsam zwingen könnte. Es fehlte daher nie an Reibungen zwischen dem Komtur und dem Rat der Stadt, da beide nicht Fußbreit weichen wollten, wenn über Machtbefugnisse Streit war. Dann gingen scharfe Briefe hin und her, oder Abgesandte beider Teile verhandelten miteinander. Kam man nicht zum Ausgleich, so gingen Boten mit Beschwerden nach der Marienburg ab, und die Spannung verstärkte sich; jeder suchte dem andern Ungelegenheiten zu bereiten, um ihn mürbe zu machen. Mitunter kam auch der Komtur selbst in die Stadt geritten, auf dem Rathause einen wichtigen Befehl seiner Oberen zu überbringen oder eine arg verfahrene Sache durch persönlichen Eingriff wieder ins rechte Gleise zu bringen. Dann war Herr Tileman vom Wege gerade der rechte Mann, jeden vermeinten Angriff auf die Gerechtsame der Stadt mit schneidigen Worten abzuschlagen und dem wenig redegewandten Ritter heimzuleuchten. An solchen Gefechten hatte er seine Freude, und Herr Albrecht Kalb fürchtete ihn als einen Gegner, der stets gewaffnet dastand und sich selten eine Blöße gab. Boten so die laufenden Geschäfte täglich schon genug zu tun, so kam in diesen strengen Zeitläuften noch manches Außerordentliche hinzu. Es galt, die großen Städte in Einigkeit zu erhalten, sich des Beistandes der kleinen zu versichern, mit den Ritterschaften der benachbarten Gebiete in steter Fühlung zu bleiben, den Eidechsenbund, jene alte, dem Orden verhaßte Verbindung der Ritter und Knechte im Kulmer Lande, zu festestem Zusammenschluß anzuspornen. Jetzt oder nie war es an der Zeit, dem Orden mit vereinten Kräften die Bewilligung von Rechten abzuringen, um die ein Menschenalter hindurch gekämpft war, ohne daß sich der eine oder andere Teil des Sieges rühmen durfte. Hans von Baisen, reich begütert, schon unter dem Hochmeister Heinrich von Plauen Vorschneider an der Fürstentafel, dann als Botschafter nach England an König Heinrich IV. geschickt, eine bedeutende Schadenssumme einzukassieren, von König Johann von Portugal als Schildträger des Infanten Eduard nach der Schlacht bei Ceuta, wo er tapfer gegen die Ungläubigen kämpfte, zum Ritter geschlagen, später des Hochmeisters geschworener Rat und einflußreicher Vermittler in Landesstreitigkeiten, jetzt an einem Fußleiden krank, aber noch immer voll geistiger Rührigkeit, reiste ab und zu, sich mit Tileman vom Wege ins Einvernehmen zu setzen, oder schickte seinen Bruder Gabriel, den Eidechsenritter, und seine anderen Brüder Stibor und Sander mit Aufträgen nach Thorn. Auch der Landesritter Hans von Czegenberg, ein Hauptführer des Bundes, erschien häufig dort. Die Eidechsenritter Augustin von der Schewe, Jon von Eichholz, Michael von Buchwalde, Georg von Kuthenau und viele andere aus dem Kulmer und Osterodeschen Gebiet hielten Zusammenkünfte und zogen Tileman vom Wege als Berater zu. Auf Tagfahrten in den kleinen Städten wurden die Getreuen des Bundes aus der Nachbarschaft versammelt, von allen Neuigkeiten unterrichtet und zu festem Zusammenhalt ermahnt. Man wollte dem neuen Hochmeister, wer er auch sei, nicht huldigen, er hätte denn vorher alle Beschwerden abgestellt und den allgemeinen Richttag bewilligt. Dazu fand sich Bartholomäus Blume ein, immer beschwichtigend und zum Frieden mahnend. Der Geist der Widersetzlichkeit, der aus den Führern des Bundes sprach, gefiel ihm nicht. Er beschloß, sich nicht mitreißen zu lassen, überall aufzumerken, wohin das Schiff gesteuert werde, und sich von abenteuerlichen Fahrten fernzuhalten. Es hatte Tileman und seinen Gesinnungsgenossen wenig zugesagt, daß die Ordensgebietiger einen Monat nach des Hochmeisters Tode zögerten, den Statthalter zu ernennen. Sie argwöhnten, der Orden wolle ihnen damit zu verstehen geben, er erachte sich selbst als den Landesherrn und brauche solche Würde der Untertanen wegen nicht einzusehen, da sie doch nur den Hochmeister als ihren Landesfürsten anerkennen und deshalb dessen Stellvertreter bis zur neuen Wahl nicht für entbehrlich halten wollten. Endlich wurde Richtenberg ernannt. Es hieß, der Wahltag sei ausgeschrieben, aber wieder bis Ende März verschoben, da die auswärtigen Würdenträger nicht so schnell im Winter heranreisen könnten. Dann wurde die Ankunft des Deutschmeisters Jobst von Venningen in der Marienburg gemeldet. Wer ihn gesehen hatte, schilderte ihn als einen Mann mit auffallend strengem und finsterem Gesicht, von dem nichts Freundliches zu erwarten sei. Auch der alte und gebrechliche Landmeister von Livland, Herr Heidenreich Finke von Overberg, durch schwere Krankheit hingehalten, langte dort an, um bei dem wichtigen Wahlakt nicht zu fehlen. Darüber war man froh, denn er galt als ein sehr verständiger und wohlwollender Herr, der in Livland bei den Untertanen viel Liebe hatte. Er würde es, hoffte man, zu Gewalttätigkeiten gegen den Bund nicht kommen lassen. Tileman vom Wege hatte ein aufmerksames Auge auf alles, was in der Marienburg geschah. Es war ihm gelungen, mit einigen von den unzufriedenen Ordensbrüdern geheime Verbindung anzuknüpfen und sie sich durch reichliche Geschenke geneigt zu machen. Sein Sohn, der immer zwischen Thorn und Marienburg unterwegs war, kundschaftete sie aus und erstattete Bericht. Waren diese Nachrichten auch unsicher und ungenau, so stellten sie doch außer Zweifel, daß im Orden selbst, vornehmlich auf Betrieb des Deutschmeisters, etwas eingeleitet wurde, dem künftigen Hochmeister im voraus die Hand zu binden. Die Gebietiger seien über eine Art von Wahlkapitulation einig geworden, hieß es; danach solle der neue Meister verpflichtet sein, gleich viele Personen von den streitenden Landsmannschaften in seinen innersten und äußersten Rat aufzunehmen, jedem Gebietiger die Anstellung seiner Hauskomture und Amtsleute frei zu überlassen, auch keinen Ordensbruder in die Eisen zu schlagen oder in den Turm zu weisen und Zeugnis weltlicher Leute gegen ihn zu gestatten. Vor allem habe er darauf zu bestehen, daß das Land nicht ihm allein, sondern dem ganzen Orden huldige. Es sei nicht ausdrücklich in die Artikel gesetzt, solle ihm aber ernstlich aufgetragen werden, den Bund nicht ferner zu dulden, sondern für dessen schleunige Abstellung, in Güte oder mit Gewalt, zu sorgen. Venningen mache aus seiner Hoffnung kein Hehl und lasse es jeden wissen, der ihn anhören wolle, daß solches Treiben der Untertanen allen Kurfürsten und Fürsten des Reichs bedenklich und unleidlich erscheine und der Papst auf Anrufen nicht anstehen werde, es zu verdammen. Tileman erfuhr da nur, was er nicht anders vorausgesetzt hatte. »Man will mit uns zu keinem Vergleich kommen«, sagte er, »sondern uns ganz unterdrücken. Aber wir wissen nun, von woher der Wind weht, und werden danach die Segel stellen.« Es war keine Zeit zu verlieren. Insgeheim wurden die Angesehensten des Bundes zu einer Tagfahrt berufen. Man beschloß, um so fester zusammenzuhalten und die Huldigung nur mit demselben Eide zu leisten, den man Konrad von Erlichshausen geschworen hatte. Doch zeigten sich hier schon einige von den Gliedern nicht mehr ganz zuverlässig. Bartholomäus Blume mahnte dringend, erst abzuwarten, wer zum Hochmeister gewählt werden würde und welche Botschaft von ihm an das Land ergehen werde, nicht aber im voraus feindliche Stellung zu nehmen. Man solle Rittern, Knechten und Städten nicht mit Recht vorwerfen dürfen, sich zum Widerstand gerüstet zu haben, ehe ihnen noch von dem neuen Herrn auf ihre Beschwerden geantwortet worden. »Sehet zu«, sagte er, »daß ihr nicht Mißtrauen säet und Haß erntet. Ihr wollet zwar den Hochmeister als euren Fürsten annehmen, aber den Orden nicht als eure Herrschaft anerkennen. Er ist's aber doch nach päpstlichen und kaiserlichen Briefen und wird in solchen Unterschied nie willigen können. Unser Streit ist ein Streit der Untertanen mit ihrem Herrn und muß so ausgefochten werden. Beschließt ihr nun, eurem Herrn nicht zu huldigen, er endige denn vorher den Streit nach eurem Willen, so nenne ich das eine Absage, zu der ihr kein Recht habt. So weit gehe ich nimmer mit euch, und es sind noch andere, die denken wie ich. Soll der Bund halten, so mag man seinen Gliedern nichts Unbilliges zumuten.« Darüber entstand Lärm in der Versammlung, und Tileman antwortete bissig: »Wir danken Euch, Herr Bartholomäus, daß Ihr uns so aufrichtig Eure Meinung gesagt habt. Wundert Euch denn nicht, daß auch wir kein Blatt vor den Mund nehmen. Wir wissen wohl, daß man Euch aufs Schloß geladen und mit viel guten Worten gestreichelt hat. Der gestrenge Herr Deutschmeister ist Euch gar zärtlich ums Kinn gegangen und Herr Heidenreich Finke von seinem Krankenstuhl aufgestanden, Euch die Hand zu reichen. Da singt Ihr nun das Lied, das sie Euch gelehrt haben, findet auch vielleicht einige Gimpel, die's nachpfeifen. Aber gebt wohl acht! Wenn Ihr den Bund sprengen wollt, so müsset Ihr besser Pulver unterlegen. Denn was die Mehrheit beschließt, das gilt, und dem hat sich die Minderheit zu fügen. Der Stadt Marienburg Siegel hängt an dem Bundesbrief. Versucht es abzureißen! Ich denke, wir sind nicht Kinder, die das Spiel werfen, wenn's nicht nach ihrem Willen geht.« Dafür ward ihm viel Beifall, Blume aber entfärbte sich und entgegnete ernst: »Daß ich aufs Schloß geladen bin, hab ich niemand verheimlicht, und was da gesprochen worden, ist nichts Unrechtes. Ihr wisset selbst, Herr Tileman, daß es mit der Klugheit nicht besteht, solche Ladung auszuschlagen, sie gefalle oder gefalle nicht. Aus meiner Gesinnung hab ich auch vorher kein Hehl gemacht, meine auch jetzt nicht anders zu sprechen als früher. Was aber Eure Drohung betrifft – die Stadt Marienburg ist frei zum Bunde getreten, und ich sage nicht, daß sie ihr Siegel zurückfordert. Sollte sie aber in Zukunft dazu genötigt sein, um ehrlich in ihrer Pflicht zu bleiben, so wird hoffentlich auch dann ihr Wille frei sein, und stände ihre eine Stimme gegen alle. So allein stehen wir aber nicht, wenn man erst merkt, daß Ihr hinter dem Berge haltet.« Der Thorner Bürgermeister hielt es für geraten einzulenken, um die Einigkeit nicht zu stören, reichte ihm die Hand und sagte lachend: »Es ist nicht so gemeint, Barthel. Wir kennen Euch als ehrlich und treu. Ihr liebt's aber, in Euren Gedanken die Dinge gleich auf die Spitze zu treiben, als müßten sie durchaus da hinauf, wenn sie einen Anlauf nehmen. Wer bescheiden fordert, wird noch bescheidener abgefunden; kann man das Ganze nicht haben, begnügt man sich zuletzt wohl auch mit einer Abschlagzahlung. Ein Tor aber ist, wer die Hände in den Schoß legt, während der Gegner rüstet. Es sind im Bunde einige, die gern im Trüben fischen möchten. Hütet Euch vor ihrer Gesellschaft; sie könnt' Euch leicht in schlechten Ruf bringen, den Ihr doch nicht verdient.« Er sah sich bei diesen Worten im Kreise der Anwesenden um, und sein Blick blieb eine Weile auf Herrn Martin Vogel, dem Bürgermeister der Neustadt Thorn, haften. Er hatte ihn wohl nicht mit Unrecht im Verdacht, nur allzu willig den Einflüsterungen des Komturs Albrecht Kalb Gehör zu geben, der ihm und seiner Stadt goldene Berge versprechen mochte, wenn es gelänge, die Altstadt Thorn zu demütigen. Er hatte Blume in letzter Zeit viel mit diesem als ränkesüchtig bekannten Manne verkehren gesehen. In der Tat wartete Vogel nur auf die günstige Gelegenheit zum Abfall vom Bunde, dem seine Gemeine unter dem Zwange der übermächtigen Nachbarstadt beigetreten war, und hielt sie für gegeben, wenn Marienburg den Anfang machte. War sonach das Verhältnis zwischen Tileman vom Wege und Bartholomäus Blume gespannt, so hatte auch die Freundschaft zwischen ihren Söhnen einen merklichen Riß bekommen. Jost, obgleich selbst immer auf geheimen Wegen in seines Vaters Auftrag, verzieh es Marcus nicht, daß dieser sich des fremden Mädchens wegen in Schweigen hüllte, und Marcus konnte ihm seine Dreistigkeit bei Ursula nicht vergessen. Seine leichtfertige Sprache verletzte ihn um so mehr, als er ihn doch seiner Schwester sehr ergeben geglaubt hatte. Er hatte auf Jost ein Auge und meinte zu bemerken, daß Magdalene ihm gleichgültiger geworden war. Sie selbst hatte ihm's längst verziehen, daß er sich einen Augenblick durch die märchenhafte Erscheinung des Waldfräuleins fesseln und zu einer Torheit verleiten ließ. Daß der Eindruck tiefer gegangen sei, daß ihr eigenes Bild in seinem Herzen wohl gar dadurch ausgelöscht sein könnte, war ihr ein unfaßlicher Gedanke. Eher meinte sie selbst etwas versehen, ihn unwissentlich durch irgendein unbedachtes Wort gekränkt zu haben. Frau Blume, die allezeit ihres Mannes gute Vertraute war, sagte: »Der Sohn folgt nur des Vaters Weisung. Herr Tileman vom Wege hat mit Barthel einen Strauß der öffentlichen Händel wegen und will freie Hand haben, die alte Freundschaft abzubrechen, wie es ihm beliebt. Da soll ihm Jost nicht einen Riegel vorlegen. Es kann uns nur lieb sein, daß er sich zu rechter Zeit besinnt, was er seinem Herrn Vater meint schuldig zu sein.« Die kluge Frau täuschte sich aber diesmal doch, wenn sie Tileman im Verdacht hatte, in dieser Weise auf seinen Sohn einzuwirken. Freilich kam es ihm nicht einmal im Traum, daß Jost ernstlich mit dem Gedanken umgehen könnte, ihm Magdalene als Tochter zuzuführen. Er hatte ganz andere Verbindungen mit Thorner Patrizierfamilien in Aussicht genommen. Aber es war ihm gerade jetzt von größter Wichtigkeit zu erfahren, was im Blumeschen Hause vorging, und er schärfte daher seinem Sohn ein, den Verkehr dort recht eifrig fortzusetzen, um den Marienburger Bürgermeister vertraulich zu stimmen. So sah sich Jost nun doch wieder genötigt, die alten Freunde aufzusuchen und sie seine Verdrießlichkeit nicht merken zu lassen. Manchmal war er wieder ganz der alte heitere Geselle, der auch Magdalene aufrichtig ergeben schien. Wirklich durfte er nur wieder eine Weile in ihre treuen Augen schauen, um wie umgewandelt zu werden und sich im Innersten zu bekennen, daß sie doch noch die alte Macht über sein Herz hätten. Man wurde aus ihm nicht klug. Hielt er sich in Thorn auf, so stürzte er sich in den Strudel der winterlichen Vergnügungen. Es gab Tanz auf dem Rathause, Eislauf auf der Weichsel, Schlittenfahrt nach den Stadtdörfern und zum Besuch polnischer Edelleute jenseits der nahen Grenze. Die Rubit, von Putten, von Allen, von Essen, von Joest, lauter ordensfreundliche Familien, hatten vergnügungslustige Frauen und Töchter. Eva von Birken, die Tochter des zweiten Bürgermeisters Rutger von Birken, der Tileman eng befreundet war, galt für eine Schönheit, und Mathias Teschner, weitaus der reichste Mann in der Stadt Thorn, stellte gar drei Mädel, von denen auch die älteste für Jost noch nicht zu alt gewesen wäre. Er machte allen diesen jungen Fräulein gelegentlich den Hof, ohne das eine oder andere besonders auszuzeichnen. Seine lustigen Kumpane verloren manche Wette. Gegen Ende des März endlich konnte Jost seinem Vater die mit größter Spannung erwartete Nachricht bringen, daß der neue Hochmeister gewählt und auf dem Marienburger Rathause feierlich angezeigt sei. »Wer ist's?« rief Tileman, im Eifer seinen Arm ergreifend. »Herr Ludwig von Erlichshausen, Komtur von Mewe«, gab Jost zur Antwort, »ein gar freundlicher und gütiger Mann, wie man sagt.« »Ein nichtswürdiger Bube«, schrie der Alte, ganz blau im Gesicht, »ein niederträchtiger ...« Er schlug eine helle Lache auf und erstickte darin das Schimpfwort, das er auf den Lippen hatte. Jost fuhr erschreckt zusammen. »Vater –« »Also doch – doch – doch dieser Ludwig von Erlichshausen!« grinste der Bürgermeister. »Trotz aller Warnung! Ich wußt's ja, daß es umsonst sein würde: der Orden stürzt blind in sein Verderben, das die ewige Gerechtigkeit ihm vorbestimmt. Er – er –, gerade dieser Mann! Ich habe gewartet, daß das Schicksal ihn so hoch stellen sollte, damit er so tief niedergeschmettert würde. Da unten im Staube will ich ihn liegen sehen – den Hochmeister des Deutschen Ordens! Und wenn ich meinen Fuß auf seinen Nacken setze, will ich sagen: mein Herz ist gesättigt. Nun steht der Bund und soll nicht Wanken!« »Was hast du mit Herrn Ludwig?« fragte Jost verwundert. Tileman schüttelte die Hand in der Luft über seinem Haupte. »Das muß Geheimnis zwischen uns bleiben in Ewigkeit! Aber so wahr ein Gott im Himmel lebt – das ist ein Wink von ihm, die letzte Schwachheit abzutun und den Kampf zu beginnen auf Tod und Leben. Er – er! Des Ordens Hochmeister und dieses Bundes Fürst – mein gnädiger Herr! Hahaha! Mein gnädiger Herr. So ist's recht! Jetzt stehen wir einander gegenüber, zwei feindliche Mächte in zwei feindlichen Männern. Weil du fallen mußt, muß der Orden fallen!« Seine Stimme klang heiser, aus seinem grauen Auge blitzte es wie Sonnenstrahl aus Gewitterwolken, seine Finger waren in zuckender Bewegung. Nie noch hatte Jost ihn so gesehen. Aber nur wenige Minuten hielt dieser schreckhafte Zustand an. Dann war's, als ob Tileman sich plötzlich auf sich selbst besänne. Er seufzte tief und bückte die Schultern wie unter dem Druck einer schweren Last. »Welches Geschick – welches Geschick«, stöhnte er, »mir das –! Warum, gerechter Gott?« Er stand eine Weile unter dem Eindruck dieses furchtbaren Gedankens, vor sich hinstarrend ins Leere. Und dann strafften sich wieder seine Glieder, die Stirn glättete sich, wie von Eisen erschien das ganze Gesicht, die ganze gedrungene Gestalt. »An die Arbeit –«, sagte er ruhig und fest, »an die Arbeit, mein Sohn.« Er schrieb noch denselben Tag Briefe an die Eidechsen und an die Häupter des Bundes. Die vertrautesten sollten insgeheim zusammenkommen und beraten, wie jede Überraschung klug zu vermeiden. In der Marienburg wurden lärmende Feste zu Ehren des neuen Hochmeisters gefeiert, solange noch die Gäste aus der Ferne: der Deutschmeister, der Landmeister von Livland und die Wahlkommission aus Deutschland und Österreich daran teilnehmen konnten. Man gab sich gern den Anschein, jetzt aller Sorge entledigt zu sein und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Auch die Landesbischöfe und Pröbste der Kapitel hatten sich eingefunden, ihre Ergebenheit zu versichern; nur der von Ermland fehlte, der sich etwas Höheres dünkte und in seiner Residenz Heilsberg aufsuchen lassen wollte. Er meinte sich vorläufig nicht zu enge an die Ordenspartei binden und lieber auf die Zeit passen zu sollen, in der seine Vermittlung erwünscht sein würde. An Konrad von Erlichshausen knüpften ihn freundschaftliche Bande. Jetzt hatte er freie Hand, vor allem den Vorteil seines Bistums zu bedenken, der ihm im engsten Anschluß an Rom am besten gewahrt schien. So einig er mit den obersten Gebietigern im Haß gegen den Bund war, so wenig teilte er doch deren Bedenken, den Papst gegen ihn anzurufen. Die drei anderen Bischöfe gehörten dem Orden an; Ermland allein hatte sich die geistliche Selbständigkeit bewahrt, und sie war ebenso dem Orden als dem Bunde gegenüber zu hüten. Von seinem Frauenburger Kapitel aber kamen zwei Domherren, Fühlung zu suchen und zu erkunden, wie weit man im Orden eine sichere Stütze habe. Dort auf der Höhe am Frischen Haff war die Stimmung schwankend. Man hätte gern die eigenen landesherrlichen Rechte gegen den Bund scharf verteidigt, wäre aber lieber mit dem Orden als mit dem Bischof gegangen, der sich immer zu Eingriffen geneigt zeigte, und hätte sich am Ende im Notfall noch eher mit dem Bunde verständigt als mit ihm. So herrschte auf allen Seiten Mißtrauen, und die schwächere Hand suchte die stärkere zu lähmen. Das merkte auch Herr Ludwig von Erlichshausen bald nur zu empfindlich. Er hatte gleich nach seiner Wahl von den Prachtgemächern des Mittelbaues, der eigentlichen hochmeisterlichen Residenz, Besitz genommen und sie nach seinem weichlichen Geschmack durch Fußteppiche, Vorhänge und Polster wohnlicher einzurichten gestrebt. Von fürstlichem Luxus in der Ausstattung war freilich noch immer wenig zu spüren; er hätte sich aber doch in diesen hohen und hellen Räumen, wenn er sie mit seiner engen und kahlen Ritterzelle verglich, recht wohlfühlen können, wäre nur sein Amt erfreulicher gewesen. Aber so willig er auf alle die Bedingungen eingegangen war, unter denen des schwachen Mannes Wahl erfolgte, so drückte es ihn jetzt, der hochmeisterlichen Würde etwas vergeben zu haben. Und täglich erinnerte ihn der stolze Venningen daran, daß man sich ein Pfand hatte geben lassen und dasselbe ungeduldig eingelöst sehen wollte. Die Haltung der obersten Gebietiger, die er in ihren Ämtern gemäß dem gegebenen Versprechen bestätigt hatte, ließ ihn nicht im Zweifel, daß er fortan zu bitten, statt zu befehlen habe. Ludwig von Erlichshausen war ein schöner Mann, über mittelgroß gewachsen und wohlgeformt, nicht gerade fettleibig, aber in allen Gliedmaßen sanft ausgerundet und völlig im Gesicht. Er mochte fünfzig Jahre zählen, aber das rotblonde krause Haar zeigte noch keine Lichtung und der üppige Vollbart keinen Schimmer von Grau. Die Haut war glatt wie Pergament und auch von ähnlich gelblicher Farbe, selten nur ein wenig gerötet und fast faltenlos über die breite, nicht hohe Stirn gespannt. Die Augen hatten natürlichen Glanz, aber die Lider senkten sich gewöhnlich tief darüber und gaben ihnen etwas Müdes, manchmal Schläfriges; doch konnte es auch seine Absicht sein, beim Gespräch keine Erregung merken zu lassen. Ein schlaffer Zug um den Mund und die ein wenig hängende Unterlippe paßten dazu. Die weiße, wohlgepflegte Hand hatte offenbar Arbeit nie gekannt und wahrscheinlich lange schon auch nicht einmal mehr das Waffenhandwerk geübt. Der große Hochmeisterring mit dem dunklen Stein gab ihr ein noch vornehmeres Ansehen. Der Ring am kleinen Finger der linken war ein Familienandenken, von ihm sehr wert gehalten. Er trug einen bis über die Knie fallenden Rock von seinem grauem Tuch, innen mit Pelz ausgeschlagen und von dem mit güldenen Buckeln besetzten Schwertgurt um den Leib zusammengehalten, darüber hing eine Kette von schöner Nürnberger Arbeit mit angehängter Kapsel, in welcher sich ein Splitter vom heiligen Kreuze befand. Er sprach mit leiser wohltönender Stimme, langsam und meist ohne schärferen Ausdruck. Wer ihn verstehen wollte, mußte gut aufhorchen. Ob er selbst aufmerksam darauf hörte, was zu ihm gesprochen wurde, blieb oft ungewiß, da seine Antwort sich nicht binden wollte. Er legte wohl auch die Finger über den Mund, um gar nicht antworten zu dürfen. Nur zu bald hatte er die Erfahrung machen müssen, daß ganz Entgegengesetztes von ihm beansprucht wurde, jeder in seiner Umgebung ihn am liebsten als das Werkzeug betrachtete, durch das er seine eigentümlichen Pläne zur Durchführung bringen könnte. Er hatte nicht den Mut, sich Für oder Wider zu entscheiden, und wünschte es mit keinem zu verderben. Der Deutschmeister erwartete, daß er mit aller Entschiedenheit die Huldigung für den Orden, nicht nur für seine Person, vom Lande erlangen werde, und riet ihm, da die Streitfragen sich allzu scharf zuspitzen möchten, einige gelehrte Männer an sich zu ziehen, die ihm jederzeit helfen könnten. Laurentius Blumenau, beider Rechte Doktor, und Bernhard, geistlicher Rechte Doktor, wurden dazu gewählt, auch zwei Sekretäre, Johannes und Stephanus, als geheime Räte eingeschworen. Die Doktoren hielten es für nützlich, dem Lande gleich von Anfang zu zeigen, daß man sich auf nichts einlassen wollte, als was von alter Zeit hergebracht. Zu nachgiebig sei man schon gegen allerhand Neuerung gewesen. Die Gebietiger stimmten eifrig zu. »Wir wollen mit dem Bunde nicht verhandeln – er ist für uns nicht in der Welt – der Orden muß zurück auf den früheren Standpunkt; von da aus seine Rechte gegen freches Gelüste der Untertanen zu verteidigen – so viel Schritte wir zurücktun, so viel Schritte werden sie gezwungen sein uns entgegenzukommen.« Der Hochmeister fragte Venningen, auf welche Unterstützung an Geld und Mannschaft der Orden für den Notfall in Deutschland zu rechnen habe. Der nahm den Mund gar voll, meinte aber schließlich: »Sehet zu, daß es durch Eure Klugheit und Festigkeit zu solchem Notfall gar nicht komme, Hütet Euch, ihnen den Finger zu reichen, und sie werden auf die Hand nicht lüstern sein.« So wurde denn beschlossen, zur Verhandlung über die Huldigung nur die Edelsten der Landesritterschaft und die großen Städte nach Marienburg einzuladen, wie dies zu des Ordens glücklichsten Zeiten auch nicht anders geschehen. Sie kamen nun wohl am Dienstag vor Ostern, brachten aber keine Vollmacht mit, wie ihnen doch befohlen war. Tileman vom Wege hatte Rutger von Birken geschickt, da er sich selbst noch in der Ferne halten wollte. Herr Ludwig empfing sie in Gegenwart des Deutschmeisters und Landmeisters und vieler Gebietiger mit gar freundlichen Worten. Sie entgegneten aber, sie fänden in einem Rezeß, daß zu seines Vorfahren Gezeiten auch die kleinen Städte zugegen gewesen und mit Namen geschrieben worden, wie sie heißen. »Bitten also eure Gnade uns einen kurzen Tag zu legen und zu bestellen, daß uns unterdessen kein Hindernis geschehe von den Gebietigern.« Dazu wollte der Herr Hochmeister sich nicht verstehen, da sie eine Neuerung begehrten. »Beredet euch mit den euren«, sagte er, »und kieset zwei oder drei; desgleichen wollen wir auch tun. Diese mögen dann Handlung miteinander haben, wie der Eid lauten solle.« Land und Städte waren aber hartnäckig und kamen immer wieder auf ihr erstes Wort zurück, er solle auch die kleinen Städte verbotten. »Denn wie das nicht geschehe, besorgen wir uns, da möchte nichts Gutes herauskommen. Wir hoffen, so Ew. Gnaden aller Meinung hören wird, es soll Euch wohlgefallen.« Der Deutschmeister fuhr sie hart an, aber sie beachteten ihn gar nicht. Da nun Herr Ludwig fest blieb, baten sie, er möchte erlauben, daß sie selbst die kleinen Städte verbotten dürften. Es solle auf dem Tage nichts Unrechtes geschehen und nur über die Huldigung verhandelt werden. Es half ihm doch nichts, daß er sich noch eine Weile sperrte. Er mußte nachgeben, da die Abgesandten versicherten, zu mehrerem nicht Macht zu haben, und mit der Abreise drohten. So hielt er sich denn an die Zusage, daß die Berufung der kleinen Städte dem Orden unschädlich sein solle, und berief Land und Städte auf den Sankt Jürgentag nach Elbing. Es war ihm sehr verdrießlich, nachgeben zu müssen; er tröstete sich aber, daß man zu Elbing um so fester in der Sache selbst auf seinem Stück bestehen werde. Im Bunde war man in frohester Stimmung; der erste Sieg war erfochten. Die kleinen Städte hatten im Bunde Sitz und Stimme. Nun waren sie von den großen nicht verlassen worden. Die Herrschaft hatte anerkennen müssen, daß auch sie das Recht hätten, gehört zu werden. Nicht mit wenigen nach Wahl des Hochmeisters, mit allen hatte er sich darüber zu vergleichen, wie ihm gehuldigt werden sollte. Neuntes Kapitel Tagfahrt wegen der Huldigung Am St. Jürgentage wollte Tileman vom Wege nicht fehlen. Er machte sich rechtzeitig mit seinem Kumpan Rutger von Birken auf, nach Elbing zu reiten. Sie stießen mit vielen der Edelsten aus der Kulmer Ritterschaft zusammen: dem Bannerführer Hans von Czegenberg, Conitz von Swante, Augustin von der Schewe, Jon von Eichholz und anderen; auch die Abgesandten aus den kleinen Städten gesellten sich zu ihnen, nur die von Neustadt Thorn, Andreas und Jacob Schünemann, hielten sich abseits, um dem Orden nicht Verdacht zu geben. Tileman ritt neben dem einen und andern, holte seine Meinung aus und befestigte ihn in der seinigen. Auf diesem Tage schon sollte sich's beweisen, wessen der Bund mächtig sei. Je mehr man sich der Stadt näherte, desto größer wurde der Haufe. Aus jedem Gebiet zogen einige Ritter und Knechte, Bürgermeister und Ratmannen an. In Elbing selbst traf man mit den Danzigern Albert Huxer und Meyenhard vom Stein, den Königsbergern und Braunsbergern zusammen. Es war da viel buntes Leben auf den Straßen am Markt und abends im Artushof, wo die Georgsbrüderschaft die Gäste feierlich aufnahm. Auch das Elbinger Schloß war mit Zureisenden aus allen Richtungen gefüllt. Denn die Komture der benachbarten Ordensburgen wollten den Herrn Hochmeister begrüßen, der mit Jobst von Venningen und dem Großkomtur nebst ihrem Gefolge von der Marienburg angelangt war. Der Spittler, Herr Reuß von Plauen, hatte Mühe, sie alle in seinem Schloß unterzubringen. Im großen Remter zeigte sich die Abendtafel bis auf den letzten Platz gefüllt. Nachdem das Essen der Ordensregel gemäß schweigend eingenommen war, blieben die Herren noch lange in desto lebhafterem Gespräch zusammen auf. Die Stimmung war kriegerisch. Jetzt sollten Land und Städten gezeigt werden, daß man sich keine Vorschrift machen lasse. Am andern Morgen, einem Montag, erschienen Land und Städte vor dem Herrn Hochmeister auf dem Schloß, seine Proposition entgegenzunehmen. Er ließ ihnen durch den Marschall und die Komture von Christburg und Danzig sein Begehren kundgeben, daß sie ihm huldigen sollten, wie sie seinem Vorfahren Konrad von Erlichshausen gehuldigt hätten. Dies haben Land und Städte zu sich genommen, um darüber zu verhandeln. Sie begaben sich aufs Rathaus und nahmen im Saal Platz, die von der Ritterschaft gesondert und die von den großen Städten wieder gesondert. Sie wählten Hans von Czegenberg zu ihrem Obmann. Darauf erbat Tileman vom Wege das Wort und sagte: »Liebe Herren, es ist uns allen merklich gewesen, daß unser Herr Hochmeister einige gelehrte Doktoren und Sekretarien hinter sich gehabt hat, die nicht Glieder des Ordens und nicht geschworene Räte von den Ländern sind. Und scheint seine Meinung zu sein, daß sie alles wissen sollen, was zwischen Seiner Gnade und uns verhandelt wird in Landesangelegenheiten, damit sie ihn beraten, was er zu bewilligen und zu verweigern habe. Solches ist uns einfachen Leuten aber sehr beschwerlich und setzt uns ungleich gegen die Herrschaft. Deshalb ist mein Rat, wir bekämpfen solche Neuerung gleich am ersten Tage, damit wir am letzten nicht bereuen, zu kurz gekommen zu sein.« Dagegen erhub sich kein Widerspruch. Nun fragte Hans von Czegenberg, ob man wegen der Huldigung des Herrn Hochmeisters Begehren erfüllen wolle. Und wieder stand Tileman auf und sprach: »Liebe Herren, das ist bei euch. Aber sehet wohl zu, wie es gemeint ist. Man verlangt von euch den Eid, wie er auch laute, ohne Bedingung. Es ist aber recht und billig, daß wir bedenken, was jeder Teil dem andern schuldig ist, nicht nur das Land dem Herrn Hochmeister, sondern auch der Herr Hochmeister mit seinem ganzen Orden dem Lande. Nun weiß jedermann, daß viel Beschwerden unerledigt sind, vornehmlich auch wegen des Richttages, der uns zugesagt und nicht gehalten worden, und könnte es gar leicht hintennach uns so ausgelegt werden, daß wir ihrer entsagt hätten, wenn wir ohne Einspruch huldigen. Deshalb ist mein Rat, daß wir zunächst unsere Klagen in Artikel bringen und Abstellung vor der Huldigung begehren. Ist uns hierin unser Recht geworden, so mögen wir danach uns über die Formel des Eides einigen.« Er sprach damit nur aus, worüber man unter der Hand längst eines Sinnes geworden war. Deshalb erfolgte auch von allen Seiten laute Zustimmung bei den Rittern und Knechten und bei den Abgesandten der großen Städte. Nur bei den Vertretern der kleinen schien Meinungsverschiedenheit zu sein, denn sie steckten die Köpfe zusammen und zischelten. Die einen riefen: »Ja, ja!«, die andern: »Nein, nein!« Zu den letzteren gehörte Herr Bartholomäus Blume. Er wurde aber von den Jarufern überschrien. Da sie sich nun nicht schienen einigen zu können, fragte der Obmann, was sie zu erinnern hätten. Auf dies stand Blume von der Bank auf und sagte mit Bescheidenheit: »Es sind einige unter uns, denen es nicht gefällt, daß wir dem Herrn Hochmeister zusagen sollen, bedingungsweise zu huldigen, denn es ist nie ein Zweifel darüber gewesen, daß der unser Herr ist, den der Orden sich zum Oberhaupt wählt, und daß wir pflichtig sind, ihm zu huldigen. Deshalb geziemt es sich nicht, daß wir sprechen: Gnädiger Herr, wir wollen Euch huldigen, wenn Ihr uns diese Artikel zu halten versprecht. Sondern wenn wir Beschwerden haben, die wollen wir bei unserm gehuldigten Herrn nach Gebühr vorbringen. So ist es von alters gewesen.« Darüber entstand viel Lärm und Drohung, da die Worte den wenigsten gefielen. Endlich schaffte der Thorner Bürgermeister sich Ruhe, zog einige Briefe vor und rief: »Die so feige ducken wollen, sind wohl dieselben, die hier dem Bunde abgesagt und ihre Siegel zurückgefordert haben! Die von Marienburg, Neustadt Thorn und Konitz. Sie meinen, ihre Schäflein ins Trockne gebracht zu haben, mögen sich aber vorsehen, daß der Wolf nicht sie zuerst fresse. Was ist euch für euren Verrat verheißen worden?« Den so Herausgeforderten ging man von allen Seiten mit höhnischen Worten und Scheltreden zu Leibe, so daß sie nichts weiter zu entgegnen wagten. Darauf beriet man den ganzen Tag eifrig wegen der Artikel und ließ sie durch den Schreiber aufsetzen, den die Danziger mitgebracht hatten. Am Dienstag gingen sie wieder aufs Schloß und ließen durch Hans von Czegenberg also werben: »Gnädiger Herr, Eure Lande und Städte haben mit Euch zu reden von der Huldigung und anderer Sachen wegen. Also bitten sie Eure Gnade, damit das ohne Verfang sein möge, daß Ihr Eure gelehrten Doktoren und Sekretarien von Euch entweichen lasset.« Dagegen sträubte sich der Hochmeister ernstlich und stellte ihnen vor: »Ihr nehmt zu Euch, wen ihr wollet, aus fremden Herrschaften, darin wir Euch nicht reden mögen; so dünket es uns unbillig, daß wir unsere geschworenen Räte nicht bei uns haben sollen.« Czegenberg antwortete, es solle ihm unbenommen sein, hinterher mit denen zu beraten. Sie möchten mit ihm aber gern unverhohlen reden und derweilen möchte er die Leute ausgehen lassen. »Was sprecht ihr von der Huldigung«, fragte der Hochmeister ungeduldig. Ihm wurde geantwortet: »Da wir unverhohlen unsere Gebrechen vorzuhalten haben, wollen wir davon handeln und getrauen uns darum wohl mit Euch zu vertragen.« Nun wurde die Bitte durch den Marschall abgeschlagen. »Gehen wir zur Sache der Huldigung. Sind wir damit fertig, so mögen die Gebrechen gebührlich vorgebracht werden.« Das war aber der Länder und Städte Meinung nicht. Sie schlugen nun ihrerseits jede Verhandlung ab. Um ihre Ungebärdigkeit zu stillen und ihre Gestrengigkeit zu sänftigen, blieb dem Hochmeister nichts übrig, als so gedrängt seine geheimen Räte abtreten zu heißen. Es geschah mit ganzer Bitterkeit. Darauf ging er mit dem Deutschmeister und seinen Gebietigern allein zur Sitzung im Remter. Hier überreichte Czegenberg nun die Artikel. Der Hochmeister wollte sie nicht annehmen, drängte immer wegen der Huldigung und sagte endlich unwillig: »Ihr habt mir zu Marienburg feierlich versprochen, daß dieses Tages Bewilligung mir und dem Orden unverfänglich sein solle. Nun haltet ihr euer Wort schlecht. Das will ich euch nicht vergessen, und wenn ich zehn Jahre oder noch länger lebe!« Er merkte sogleich, daß er unbedacht geredet, denn die Abgesandten zogen sich mit finsteren Gesichtern zurück. Am andern Tage stellten sie ihn gar zur Rede. Sie hätten sich die ernsten, schweren Drohworte sehr zu Herzen genommen und könnten mit ihm nicht verhandeln, bevor sie dieselben an die Ihrigen gebracht hätten. Nun lenkte er freundlich ein und sagte entschuldigend: »Liebe Getreuen, die Worte, die ich geredet habe und die ihr so ernstlich aufgenommen, die habe ich doch nicht anders gemeint, als diejenigen zu ermahnen, die mir in Marienburg Zusage gemacht haben, nicht aber Rache an irgend jemand zu nehmen. Ihr wisset wohl, daß ich mancherlei Ämter getragen habe von meines Ordens wegen, und hoffe, ihr habt nicht vernommen, daß ich mich an jemand gerächt oder ihm Arges zugefügt habe. Im Gegenteil ist mir in allen Gebieten gedankt, in denen ich gewesen bin und im Amt gestanden habe.« War hierdurch, nicht zur Mehrung des hochmeisterlichen Ansehens, dieser Zwischenfall beseitigt, so kam man in der Sache selbst doch nicht von der Stelle. Nachdem Herr Ludwig zuerst so eifrig darauf gedrungen hatte, daß nur über die Huldigung gehandelt würde, ließ er sich dann doch herbei, die Beschwerdeartikel zu beantworten. Darüber traten Länder und Städte von neuem in Beratung. Einige wollten sich zufriedengeben, da der Herr Hochmeister ja doch die Hand gereicht. Aber Tileman fuhr auf: »Eine halbe Antwort ist wahrlich schlimmer als gar keine. Wollet ihr hier stehenbleiben, so wär's geratener gewesen, den Tanz gar nicht anzufangen. Zeigt mir den Artikel, auf den klipp und klar mit Ja oder Nein geantwortet ist. Das sind gewundene Worte, die man auslegen mag, wie man will. Gehen wir ihm herzhaft zu Leibe, auf daß er bekennt, was er uns schuldig zu sein erachtet, und hinterher keine Schalung ist. So viel unser Herr uns schuldig ist, so viel sind wir unserm Herrn schuldig.« Er gewann sie leicht für seine Meinung. So trat denn auf ihr Geheiß Herr Otto von Plenchau mit andern wieder vor den Hochmeister und erklärte, sie hätten an seiner Antwort kein Genüge und bäten um besseren Bescheid, zumal des Richttages wegen. Der Hochmeister ließ sie hinausgehen und wieder hineinkommen und sagte: »Liebe Getreue, uns dünket, daß wir euch voll ausreichend und bequemlich geantwortet haben, wie wir euch bei euren Briefen, Privilegien und Freiheiten lassen und behalten wollen, und daß ihr auch solche unsere Antwort billig solltet aufnehmen.« Die Deputierten traten zurück und steckten die Köpfe zusammen, worauf Herr Otto entgegnete: »Gnädiger Herr, wir tun unsere Werbung, wie uns befohlen worden, und haben keine weitere Macht, auf die Sachen weiter zu antworten oder zu reden. Wir wollen morgen gern von hinnen ziehen.« Der Hochmeister ließ sie gehen, schickte ihnen aber alsbald den Komtur von Danzig nach und machte ihnen den Vorschlag, jeder Teil solle etliche zu einer Beratung im engeren Kreise deputieren, damit man sich besser verständige. Bei ihm war Hans von Baisen, sein geschworener Rat von den Landen; der sprach zum Frieden und vermaß sich, in der Sache zu vermitteln. Der Deutschmeister, der schroff abbrechen wollte, drang nicht durch. Darauf gingen Länder und Städte ein und schickten zwölf aus ihrer Mitte ab, darunter die Herren Sander und Gabriel von Baisen, einige Eidechsenritter und die Bürgermeister der großen Städte. Auch Tileman vom Wege war dabei. Sie gingen mit dem Marschall und den deputierten Komturen in des Hauskomturs von Elbing Gemach zur Beratung. Hans von Baisen war mit den Herren. Der Komtur von Elbing fing gleich Streit an. »Was bringt ihr immer die alten Klagen vor«, rief er, »die Toten können sich nicht verantworten. Unbillig beschuldigt ihr eure toten Herren. Warum tatet ihr das nicht, als sie lebten? Aber derzeit waren's eure gnädigen, gütigen Herrn. Wenn ihr nichts Besseres von euren toten Herrn sagen wollt, so schweigt lieber auch darüber.« »Solchen Vorwurf wollen wir nicht hören«, antwortete Tileman scharf abweisend. »Sind unsere Klagen alt, um so schlimmer, wenn sie unerledigt geblieben bis heut. Sie sind zu rechter Zeit vorgebracht, und darauf ist der Bund gestiftet. Kommen wir zur Sache. Uns ist zugestanden worden, daß jährlich ein Richttag gehalten werden soll, bei dem ein jeder Recht nehmen könne in solchen Sachen, die seine Briefe, Privilegien und Freiheiten angehen. Und sollen darin als Richter sitzen gleich viel von den Ordensgebietigern und von den Ländern und Städten. Denn die uns verletzen, können nicht Richter sein in eigener Sache, sondern es muß ein oberstes Gericht geben im Lande, dem die Höchsten und die Niedersten Gehorsam schulden. Wollet ihr uns bei diesem Punkt zufriedenstellen?« Die Gebietiger erwiderten darauf, es sei ihnen von einem früheren Hochmeister nur zugesagt worden, daß er's auf die Weise ein Jahr versuchen wolle. »Meinet ihr denn«, fragte der Komtur von Danzig spitz, »daß der Hochmeister, die Gebietiger und Brüder des Ordens unter solchem Gericht stehen sollen?« »Ja, ja«, riefen die von Ländern und Städten einstimmig. »Es ist vordem unter Paul von Rußdorf auch so gehalten worden.« »Nimmermehr!« schrie der Oberst Spittler sie an, und die andern traten ihm bei. »Der Orden ist von Papst und Kaiser gefreiet, daß er vor keinem andern Gericht stehen solle als vor dem päpstlichen Stuhl, und hat nie einen anderen Richter, Kaiser, römischen König, Kardinal oder sonst weltlich und geistlich anerkannt. Das ist ganz ein fremd Ding, daß wir uns nun geben sollten in Gerichte unserer Untersassen, der Städte Kulm und Thorn und anderer.« »So versagt Ihr uns die Gerechtigkeit«, entgegnete Tileman, »und gebt uns in Eure Willkür, wie vordem. Solche Antwort können wir nicht annehmen.« »So ist wohl auch Eure Meinung«, fragte der Marschall, Herr Kilian von Exdorf, spöttisch, »daß die Herren Prälaten und Domherren vor solchem Gerichte stehen sollen?« »Ja«, sagte Tileman unbeirrt. »Denn es wäre gut, daß solche Sachen hier im Lande geahndet und des Landes Kinder nicht nach Rom außer Landes geladen würden, wie die Geistlichen zu unserer großen Beschwerung wollen.« Seine Genossen stimmten zu. »Hoho!« rief der Marschall entrüstet. »Die Geistlichkeit ist von Gott zum ersten und danach vom Papst und der heiligen Kirche von jedem weltlichen Gericht gefreiet. Wer dawider tut, der tut gegen die Satzung der heiligen Kirche. Sonderlich kann's der Herr Hochmeister nicht dahin bringen, daß die Herren Prälaten sich in solch Gericht geben.« Der Thorner Bürgermeister ließ sich so nicht auf den Mund schlagen. »Will oder kann der Herr Hochmeister sie zu solchem Gericht nicht vermögen«, entgegnete er, »so mag er ihnen nur nicht beistehen oder sie beschirmen; wir wollen sie wohl dazu anhalten, daß uns von ihnen Recht widerfahre und geschehe!« So ging die Rede noch eine Weile her und hin. Hans von Baisen hatte nur Not, daß er auf beiden Seiten den allzu heftigen Ton mäßigte. Er mochte Ländern und Städten nicht entgegensprechen, deren Forderung ihm doch gerecht schien, und auch nicht seinen gnädigen Herrn im Stich lassen. So kam über diesen Hauptpunkt wieder keine Einigung zustande. Die Gemüter verbitterten sich mehr und mehr, und auch viel andere Artikel waren unerledigt geblieben, als sie spät voneinander gingen. Auf Baisens Vorschlag wurde nun eine noch engere Kommission eingesetzt. Die brachte wohl eine Schrift heraus, mit der aber niemand recht zufrieden war. Indessen breiteten die Doktoren Rezesse und Klagen bei Papst und Kaiser vor, die doch nicht einmal zur Vorlesung kamen. Endlich sah der Hochmeister ein, daß er so schwerlich die Huldigung erreichte, ließ wieder Länder und Städte gesamt vor sich kommen, sprach sie freundlich an, bestätigte ihnen alle ihre Privilegien und sagte zu, daß er jährlich einen Richttag halten wolle über die Brüder seines Ordens. Das war freilich etwas anderes, als seine Untersassen begehrten. Aber auch sie wünschten zum Ende zu kommen, da die Woche fast abgelaufen war. Sie nahmen also dankbar an, was zugestanden wurde, und Hans von Czegenberg fügte nur in ihrem Namen die Bedingung zu, daß niemand, der Schalung und Gebrechen habe, behindert werde, zum Richttag zu kommen, und daß auch andere von Ländern und Städten aus dem Bunde hinkommen mögen, zu verhören, daß einem jeden Gerechtigkeit widerfahre. Darauf schwieg der Hochmeister. Aber man drang nicht auf Antwort und begnügte sich mit der Drohung: »Würde solcheins nicht geschehen, so mag Eure Gnade erkennen, was daraus entstehen möchte.« Nun erst konnte die eigentliche Verhandlung wegen des Huldigungseides beginnen. Da aber stellte sich's gar bald scharf heraus, daß im Hauptpunkt die Meinungen beider Teile weit auseinander gingen. Länder und Städte wollten dem Hochmeister schwören, aber nicht seinem Orden, und darauf gerade legten der Deutschmeister und die Gebietiger das größte Gewicht. Tileman vom Wege mahnte die Seinigen festzustehen und sich um keines Vorteils wegen abdrängen zu lassen. »Erkennt ihr jetzt den Orden als euren Herrn an, dem ihr Treue schuldet«, sprach er eindringlich, »so sehet zu, an wen ihr euch haltet. Morgen ist der ein anderer als heut', und ihr möget ebenso leicht die Luft fassen, als so ein geistiges Ding, das ist und nicht ist, wie es sich gerade geben will. Der Deutsche Orden – das ist nicht der Orden in Preußen, sondern der Orden überall. Wie sollen wir dem Treue und Gehorsam geloben, da er doch außer Landes ist und viel begehren mag zu seinem Nutzen, das dem Lande schädlich wird. Nein! Den Meister, den er sich setzt, den wollen wir als unsern Herrn annehmen, und mag er sich dann mit seinem Orden abfinden. An einen Herrn von Fleisch und Blut wollen wir uns halten!« Damit waren alle zufrieden und beschlossen, darauf zu bestehen. Nun gab der Hochmeister wohl so weit nach, wollte aber auch den Fall bedacht haben, daß das Amt erledigt werde durch Tod oder Absetzung; dann sollten sie dem Orden gehorsam zu sein versprechen bis nach des neuen Hochmeisters Huldigung. Aber auch dem widersetzten sie sich. Es sollte nicht in des Ordens Belieben stehen, den gehuldigten Herrn wieder zu beseitigen, vielleicht gerade wegen der Gunst, die er dem Lande zuwandte, wie vor vierzig Jahren bei Heinrich von Plauen geschehen. Und nicht dem Orden wollten sie nach Abgang des Hochmeisters pflichtig sein, sondern nur dem, den er an seine Stelle bis zur Huldigung des neuen Herrn für einen Obersten halten werde binnen Landes, nicht außerhalb. Solchen Eid zuzulassen hielt Jobst von Venningen für ein Verbrechen am Orden, hob die Hand und rief: »Lieber treiben wir's zum Äußersten, als daß wir uns solche Schmach antun!« Ludwig von Erlichshausen mochte ihm nicht ohne die größte Not entgegen sein. Da nun Länder und Städte nicht einen Schritt wichen, entließ er sie gar unwillig und setzte ihnen einen neuen Tag über zwei Wochen. Inzwischen nehme er alles zurück, was er schon zugesagt. Er hatte gehofft, sie würden sich doch noch eines anderen besinnen, wenn sie so seinen Ernst sähen. Weil sich dies nun aber als eitel Täuschung erwies, schlug noch denselben Abend die Stimmung um, und so schickte er mit seiner Gebietiger Einverständnis denn am nächsten Morgen aufs Rathaus, wo Länder und Städte zur Verabschiedung beisammen waren, und ließ ihnen neue Verhandlung auf ihr letztes Erbieten antragen. Darüber waren sie froh und einigten sich auf die Formel, die sie vorgeschlagen hatten mit ihrem gnädigen Herrn. Nur der Deutschmeister protestierte. So war nun der Elbinger Tag doch nicht fruchtlos gewesen und bald überall Jubel im Lande, denn die Abgesandten gaben ihren Gemeinen Rechenschaft von des ganzen Tages Verlauf und brachten ihre Standhaftigkeit in das hellste Licht. Auch sollte nun gegen den Frühling hin der Herr Hochmeister seinen großen Umzug tun im Lande und in jeder Stadt die Huldigung entgegennehmen, wozu Festlichkeiten aller Art gerüstet werden konnten. Und so geschah's denn auch. Herr Ludwig von Erlichshausen ritt mit stattlichem Gefolge seiner Gebietiger und Ritter, wohl versehen mit Zeltgerät, Mundvorrat und Wein, von der Marienburg aus von Schloß zu Schloß und von Stadt zu Stadt, sich huldigen zu lassen. In allen Dörfern, durch die ihn sein Weg führte, waren die Häuser mit Maien geschmückt. Die Bauern – Deutsche, Stammpreußen und Polen, wie sie hier und dort durcheinander oder gesondert gesessen waren, Freie und Untertänige – drängten heran, den Herrn Hochmeister in seinem herrlichen Waffenschmuck zu schauen und sich eines huldvollen Wortes oder Grußes zu erfreuen. Viele küßten ihm nach polnischer Sitte den Bügel oder des Mantels Saum. Nun, hofften sie, sollte es für lange Zeit Friede bleiben im Ordenslande. Zehntes Kapitel Der neue Hochmeister So näherte sich der Hochmeister auch eines Tages der Stadt Thorn. Es war ein gar liebliches Wetter, warm und klar. Er kam von der Landseite, hielt auf der Höhe an und überblickte den Mauerkranz mit seinen mehr als fünfzig Befestigungstürmchen rund um beide Städte und zwischen ihnen hindurch. Mächtig ragte der Turm der St. Jacobskirche in der Neustadt wie ein gewaltiger Speicher von Fachwerk durch dunkle Steinleisten gegliedert und mit doppeltem Satteldach versehen über die Giebelhäuser auf, rechts der Spitzturm des Franziskanerklosters, weiterhin die Türme des Schlosses auf dem Burgberg, drüben in der alten Stadt die der Johannis- und Marienkirche und der schlanke Eckturm des Rathauses, auf der Höhe der Grundmauern und nochmals auf halber Spitze mit Erkertürmchen zierlich umstellt. Es war ein mannigfaltiges und jetzt im hellen Sonnenschein auch farbenprächtiges Bild. Denn die Ziegel der Dächer hatten vielfach eine bunte Glasur erhalten, schillerten grün, blau und gelb, und jeder Spitzgiebel trug ein Fähnlein, eine Kugel oder ein Kreuz von blankem Metall. Auf der Weichsel lagen Schiffe und Lastkähne mit hohen bewimpelten Masten, von Getreide, Flachs und Asche hoch beladene polnische Wittinnen und lange, mit Bastseilen zusammengehaltene Holztrachten. Daran mochte sich des Herrschers Auge wohl erlaben. Durch das St. Catharinentor kam ihm der Komtur Albrecht Kalb entgegen mit sechs Rittern aus seinem Konvent und zwei Priesterbrüdern. Unter dem Torbogen empfing ihn feierlich der Rat der Neustadt. Die Herren waren in Festkleidern und bückten sich tief, da er vorüberritt, ihnen einen freundlichen Gruß zurufend. Er wollte es ihnen gleich hier danken, daß sie vom Bunde abgefallen waren. Der Zug nahm seinen Weg durch die gerade Straße am Neustädtischen Rathause vorbei nach dem Schloß, überall waren die Fenster geöffnet und dicht mit geputzten Frauen und Kindern besetzt. »Welch ein schöner Mann – welch ein prächtiger Herr!« hörte man hier und dort flüstern. Auch das reiche Geschirr seines Pferdes wurde gebührend bewundert. Herr Ludwig von Erlichshausen grüßte nach rechts und links mit jenem angewöhnten Lächeln, das ihn der Pflicht überhob, mit seinen Gedanken bei der Sache zu sein. Es verstand sich ja auch gleichsam von selbst, daß die Neustadt Thorn, des Ordens Schöpfung und die natürliche Gegnerin der alten Stadt, diese Gelegenheit wahrnahm, ihre Anhänglichkeit zu beweisen. Drüben aber, jenseits des Grabens und der betürmten Mauer, die beide Städte trennten, sollte sich's erst zeigen, wie man dem Orden gesinnt war. Je mehr er sich dem Verbindungstor am Ende der langen Straße näherte, um so mehr wuchs seine Spannung, ob dort zu seinem Empfange eine Vorbereitung getroffen sein würde. Freilich wollte er heute nicht einreiten; die Huldigung war dem Rat erst auf den nächsten Tag angesagt worden. Aber das hätte diesen doch nicht gehindert, eine feierliche Begrüßung hier auf der Brücke zu veranlassen. Er sah sie leer. Nicht einmal der Torwächter war neugierig hinausgetreten. Es mußte den Kleinbürgern und Handwerkern, unter denen der Orden, wie er wußte, immer noch gute Freunde hatte, geradezu untersagt sein, heute die Neustadt zu betreten. Das verdroß ihn. Er setzte sein Pferd in raschere Gangart und ritt links ab in das Schloßtor ein, ohne auf die Menge zurückzuschauen, die sich vor demselben angesammelt hatte und hutschwenkend hinter ihm her lärmte. Im Hochmeistergemach, das in jeder Ordensburg für so hohen Besuch bereit stand, hier aber diesmal mit reicherem Schmuck als gewöhnlich ausgestattet war, nahm er ein Frühmahl ein und blieb dann auf seinen Wunsch längere Zeit allein. Er hatte nicht das Bedürfnis, der Ruhe zu pflegen, aber er mußte sein Gemüt beruhigen, auf das an diesem Ort mancherlei alte Erinnerungen einstürmten. Als er vor nun mehr als zwanzig Jahren aus Franken nach Preußen gekommen war, wo man, wenn auch nicht im Kampf gegen die Ungläubigen, so doch in dem immer wieder von Polen her drohenden Kriege junge Kräfte brauchte, war er in den Thorner Konvent eingestellt worden. Ihm stand ein schwacher und nachsichtiger Komtur vor. Die Ordensregel wurde wenig geachtet. Nur notdürftig und rein äußerlich geschah, was sie zur Erhaltung guter Zucht und religiösen Sinnes vorschrieb, die reiche Handelsstadt neben der Burg machte ihren Einfluß geltend und wurde mehr und mehr ein Anreiz zur Nachahmung ihrer verschwenderischen Lebensweise. Den Rittern wollte ihre grobe Kleidung nicht ferner gefallen, da sie die Bürger in fremden Tuchen, köstlichen Pelzen und feinen Linnen Luxus treiben sahen; sie wollten nicht länger auf Stroh schlafen, nur mit ihrem Mantel bedeckt, wenn schon jeder Handwerker sich ein Federbett gestattete; sie fanden es lästig, sich oftmals in der Nacht wecken zu lassen, um die vorgeschriebenen Andachten in der Schloßkapelle zu verrichten. Es wurde nicht mehr strenge darauf gesehen, daß niemand Sondereigentum haben durfte: in den Ställen und auf den Vorwerken standen die edlen Pferde der Herren, und es gehörten dazu polnische Reitzeuge, weich gepolstert, die Riemen mit silbernen Buckeln besetzt, Schnallen und Bügel von Edelmetall, die Decken bunt ausgestickt. Das schwere Ritterschwert aus der Kammer war ihnen lästig; sie steckten für gewöhnlich eine zierlichere Waffe in das Gehänge. Ihre Zellen schützten sie durch Vorhänge und Teppiche gegen die Kälte. Bei Tafel fehlten nicht gute und feurige Weine, starke Biere, Leckerbissen aller Art, die der Küchenmeister in der Stadt einkaufte oder vom Koch im Artushof zubereiten lernte. Mitunter dauerten ihre Zechgelage bis spät in die Nacht, und mancher war auch am andern Tag noch nicht nüchtern. Waren sie nicht die Herren im Lande? Und sollten sie ihr Fleisch kasteien, da doch der geringste ihrer Untertanen ein Wohlleben führte? Die Zeiten hatten sich geändert, mönchische Askese war selbst in den Klöstern nicht mehr anzutreffen. Warum sollte der Ritterdienst noch so strenge genommen werden wie ehedem, da der Orden von den Heiden bedrängt war? Wurde die Kriegsdrommete geblasen, so war's ja noch immer Zeit, zu der strengeren Lebensweise zurückzukehren. Wem könnte es noch einfallen, die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams wörtlich zu nehmen? So hatte auch Herr Ludwig von Erlichshausen gedacht. Einer der Zügellosesten war er gewesen. Nicht aus innerstem Drang war er in den Orden eingetreten, sondern weil er als der jüngere Sohn eine Versorgung für sich brauchte. Lieber wäre er auf der väterlichen Burg geblieben, dem Waidwerk obzuliegen und mit den schönen Ritterfräulein in der Nachbarschaft zu liebeln. An einem Fürstenhof sein Glück zu versuchen, hatte ihm lockender erschienen, als den Mantel mit dem schwarzen Kreuz zu nehmen und sich seinesgleichen unterzuordnen. Aber als Kind schon war er dem Orden bestimmt worden und an seinem Schicksal nichts mehr zu ändern gewesen. Jetzt nannte er sich dieses Ordens Hochmeister, war er des Landes Fürst. Als seine Pflicht mußte er's nun erkennen, strenge darüber zu wachen, daß die Brüder sich keine Ausschreitungen erlaubten und den Bürgern als ehrbare Herren zeigten. Wie sollte er strafen, was er selbst für kein Vergehen geachtet? Wie dürfte er sich des hohen Amtes für würdig halten, das ihm anvertraut war, wenn er hier an seine Vergangenheit zurückdachte? Und diese alte Stadt Thorn, die ihn morgen zur Huldigung empfangen sollte, wie wohl war sie ihm von damals bekannt. Wie oft hatte er in den Häusern ihrer Patrizier, der Allen und Essen, der Joest und Löen, getafelt und die halben Nächte verschwärmt. Und dort das Haus am Markt, das Tileman vom Wege gekauft hatte, als er mit seinem jungen Weibe von Westfalen anzog, seine Güter durch Handelsschaft mit Polen zu mehren – da ging's am fröhlichsten zu. Und da ... Er blieb auf seinem Gange durch das Gemach stehen, griff mit der Hand nach seiner Stirn und ließ sie langsam über die Augen gleiten, die plötzlich in feuchtem Glanz schimmerten. Er seufzte leise und sagte halblaut: »Ach – ach – ach!« Dann schritt er zum Betpult in der Ecke, auf dem ein Kruzifix von Elfenbein stand, kniete auf dem Polster nieder, lehnte das Haupt an und betete lange mit gefalteten Händen. »Wenn das nicht geschehen wäre – das eine nicht! Gott sei mir Sünder gnädig!« Der Hauskomtur klopfte an und meldete, daß der Rat der Neustadt auf dem Schloß erschienen und in der Kapelle versammelt sei, den Eid zu leisten, in welcher Form es ihm beliebe. Der Hochmeister befahl, daß alle Brüder zugegen sein und sein Schreiber das Protokoll aufnehmen sollte. »Wir haben auch die von der alten Stadt hierher entboten«, berichtete der Hauskomtur, »aber sie wollen in ihrer Marienkirche die Huldigung leisten – nach alter Gewohnheit, sagen sie – und hoffen, Eure Gnade werde sich morgen in der Frühe dort finden lassen. Sie wollen allezeit ihr Besonderes haben.« »Ist's alte Gewohnheit«, antwortete Herr Ludwig, »so fügen wir uns der gern, erwarten auch, daß man es an der schuldigen Ehrerbietung nicht fehlen lasse.« Darin täuschte er sich wenigstens nicht. Schon in der siebenten Stunde wurde mit allen Glocken geläutet, wie zur Einweihung eines Feiertags. Dann erschienen die beiden jüngsten Ratsherren, Hermann Hutfeld und Götze Rubit, vor dem Schloß, hatten den Ausrufer mit, der in ein Heroldsgewand gekleidet war, begehrten vor den Herrn Hochmeister geführt zu werden und zeigten mit wohlgesetzten Worten, daß die alte Stadt Thorn zur Huldigung »auf das, was in Elbing zugesagt worden«, bereit sei. »Verhoffen uns auch zu Eurer Gnade, daß Ihr heute abend mit den Euren der alten Stadt Gast auf dem Rathaus sein und mit einer einfachen Kollation, nach dieser schlechten Zeiten billigem Maß, fürliebnehmen wollet.« Solches wurde ihnen gern bewilligt, worauf sie sich wieder entfernten, nachdem ihnen die Stunde des Einzugs angesagt worden. Nun ließ Herr Ludwig von Erlichshausen sich seine Rüstung anlegen und das Schwert umgürten. Herr Heinrich von Richtenberg, der Großkomtur, war bei ihm und kleidete sich ebenso, befahl auch den anderen, die zum Konvent und Gefolge gehörten, ritterlich zu erscheinen. Sie stiegen sämtlich im Schloßhof zu Pferde und ritten im geordneten Zug, immer zu zweien, nur der Hochmeister in der Mitte allein, über die Brücke. Dabei läuteten die Glocken vom Dachreiter der Kapelle. Wie sie nun an den Stadtgraben kamen, fanden sie das Geländer der Brücke und den Torbogen mit Maien geschmückt, daß es gar freundlich anzusehen war, und oben im Gange hinter den Zinnen standen die Stadtpfeifer in bunter Kleidung und vollführten eine muntere Musik mit Zinken, Drommeten und Pfeifen, wovon die Pferde fast scheu wurden. Vor dem Tor zu beiden Seiten standen die Stadtknechte mit Hellebarden, und unter dem Bogen bis weit auf die Straße hinaus, beinahe bis zur Ecke des Marktes, die Handwerker der vier Quartiere unter ihren Rottenmeistern rechts und links in zwei Gliedern. Der Rat hatte aus der Rüstkammer das Zeug zu ihrer kriegerischen Ausstattung hergegeben; es sollte gleich sichtbar sein, welche Mannschaft die Stadt zur Verfügung hätte, und zudem den hohen Gästen eine ungewöhnliche Ehre erwiesen werden. Jede Rotte hatte ihr Fähnlein aufgepflanzt. Am Ende der Reihe aber, schon angesichts des Rathauses, hielt der Stadthauptmann das Banner der Alten Stadt Thorn, und seine Kumpane hatten die Schnüre angefaßt. Gegenüber stand der Rat auf einer mit rotem Tuch ausgeschlagenen Estrade. Vornan hatten sich die vier Bürgermeister aufgestellt. Hinter ihnen die acht anderen Ratsherren, die für dieses Jahr zum Amt gekürt waren, weiter zurück die Schöffen und die diesmal »nicht aufgerufenen Ratsmänner«, welche das Kollegium der Ältesten bildeten, alle in Feiertagskleidern, mit Ketten behängt und lange Mäntel um die Schultern. Den Umstand bildeten die Gilden der Kaufleute und Mälzenbräuer. Als die Herren vom Schloß so weit gelangt waren, trat Tileman vom Wege vor und hieß »als des Rates dieser Alten Stadt Thorn regierender Bürgermeister« den Hochmeister willkommen. Er beugte sich dabei nicht tiefer, als zu einem feierlichen Gruß erforderlich, hielt die Augen gesenkt und sprach die eingelernten Worte ohne Ausdruck, als ob er etwas geschäftsmäßig verhandelte. Offenbar kostete es ihn nicht geringe Überwindung, hier die Pflichten des Wirtes zu üben. Das merkte Herr Ludwig auch wohl, nickte deshalb nur seinen Dank, grüßte die übrigen mit einer Bewegung der Hand, lenkte sein Pferd auf die Mitte der Straße zurück und ritt weiter. In Elbing hatte Tileman es klug vermieden, dem Hochmeister unmittelbar gegenüberzutreten; nur in der Menge der Abgesandten von Ländern und Städten hätte er von ihm gesehen und erkannt werden können. Jetzt verbot ihm solches Ausweichen sein Amt. Das wußte und würdigte der Fürst. Gleichwohl hatte sich seine Miene verfinstert und eine Falte des Unmuts auf seine Stirn gelegt. Der Willkomm wär' ihm froher gewesen, wenn ein anderer ihn ihm gebracht hätte. Indessen waren die Zinkenisten und Pfeifer in eiligem Schritt nachgekommen, um sich an die Spitze zu setzen und den Zug weiterzuführen. Es folgte das Stadtbanner, der Rat mit den Schöffen, die Gilden und die ganze Gemeine. Vor dem Rathaus, dessen geschlossenes Viereck mit den hochaufstrebenden, in Bogen gegliederten Mauern von braunrotem Backstein einem Kastell ähnlich sah, ließen die Musikanten dreimal eine rauschende Fanfare erschallen. Darauf rief das auf dem Markt stehende Volk Hurra. Diesen Ruf bezog der Hochmeister auf sich und verbeugte sich dankend. Am Brunnen, an der Ecke des Platzes, stieg er mit seinem Gefolge von Reisigen vom Pferde und setzte den Weg zur nahen Marienkirche zu Fuß fort. Er trat durch die Haupttür, unter den vier fast unabsehlich hohen Fenstern ein und schritt auf den großen Altar zu. Ebenso der Rat. Die Gemeine folgte durch die Pforte seitwärts über den mit Hallen eingefaßten Friedhof. Die Orgel tönte ihnen entgegen und setzte ihr ernstes Spiel fort, bis die Eintretenden Aufstellung genommen hatten. In dem Gange stand ein Tisch und Stuhl für des Hochmeisters Schreiber, aber nicht weit davon, auf der anderen Seite, ebenso nahe dem Altar, auch ein Tisch und Stuhl für den Schreiber des Rats. Es sollte nicht ein Teil allein den Hergang beurkunden dürfen. Nun ließ Tileman vom Wege sich durch den jüngsten Ratsherrn eine Pergamentrolle reichen, öffnete sie und sagte: »Gnädigster Herr! Als Ihr von Eurem ganzen Orden einträchtig zu seinem obersten Meister erkoren seid, erkennen wir Euch billig und nach den Rechten als dieses Landes Oberherrn und bitten Eure Gnade, zu verstatten, daß dieser alten Stadt Thorn erster Bürgermeister seines Amtes walte und voraus verlese, was Eure Gnade Landen und Städten zu Elbing zugesagt hat, zu halten, auf daß jedermann wisse, was sein Eid bedeute, und künftig keine Irrung sei, was einer dem anderen schuldet. Ich stehe hier nicht für mich, sondern für den Rat und die Gemeine der Alten Stadt Thorn, die mich so haben sprechen heißen.« Herr Ludwig von Erlichshausen ließ durch den Großkomtur antworten, es sei ihm so genehm, doch daß nichts Neues vorgebracht würde. Darauf verlas Tileman mit lauter Stimme den Rezeß, daß der Herr Hochmeister versprochen, sie bei allen ihren Privilegien, Freiheiten und Rechten zu behalten und jährlich einen Richttag zu setzen, wie verabredet, und jeden Kläger zu hören, wenn er gegen den Orden oder seine Amtleute etwas vorzubringen hatte, auch zu bescheiden. Und fuhr darauf fort: »Gnädigster Herr, hochwürdigster Herr Hochmeister, es sind auch noch mancherlei sonderliche Beschwerden dieser Stadt Thorn unverglichen, so wegen der Fähre über die Weichsel und wegen des Stapelrechts. Wir verhoffen uns zu Eurer Gnade, daß Ihr uns hierin keinen Eintrag wollet tun lassen, weder von Euren Gebietigern und Großschäffern, noch von den polnischen Edelleuten und Bischöfen, noch auch von den Danzigern und anderen Bürgern dieses Landes.« Er wendete sich zurück und fragte: »Habt ihr mich so geheißen zu sprechen?« Darauf antwortete sie gesamt mit einem lauten: »Ja – ja!« Der Hochmeister, der sie so einmütig sah, sprach einige Worte abgewandt mit dem Großkomtur und mit Albrecht Kalb und sagte dann: »Es soll euch alles gehalten werden, was euch zu Elbing zugesagt ist und worauf ihr euch nach dem Rechten beruft. Liebe Getreuen, kommet also zur Huldigung.« Nun trat Tileman vom Wege dicht an den Altar, beugte das rechte Knie auf die vorderste Stufe, hob die Hand mit ausgestreckten Fingern und sprach: »Im Namen der Alten Stadt Thorn: ich huldige Euch Herren, Herrn Ludwig von Erlichshausen, Hochmeister Deutschen Ordens, als meinem rechten Herrn und schwöre Euch rechte Mannschaft und gelobe Euch Treue und Wahrheit ohne alle Arglist, daß mir Gott so helfe und die Heiligen! Vorbas gelobe ich bei demselben Eide, wenn ein Hochmeister verstirbt, wen der Orden für einen Obersten hält binnen Landes, an den ich mich zu halten und dem gehorsam zu sein bis zu der Huldigung eines neuen Herrn Hochmeisters.« Rat und ganze Gemeine hoben daraus gleichfalls die Schwurhände und riefen: »Amen!« Befriedigt blickte Herr Ludwig über die Masse hin, die ihm gehuldigt hatte. Er wollte Tileman die Hand reichen, da er aufstand. Der aber schien's nicht zu bemerken, erhob sich ohne ihn und trat zurück in die Reihe der Ratsherren und bis zu des Schreibers Tisch, auf den er die Pergamentrolle niederlegte. Rutger von Birken führte weiter das Wort an seiner Stelle und nannte die Namen der Mitglieder seiner Körperschaft. Der Hochmeister verbiß seinen Verdruß und sprach sehr gnädig mit vielen. Er kannte auch noch recht gut mehrere aus den alten Familien, die bei den Kaufleuten standen und dem Orden zugetan waren. Er wußte, daß man sie gerade deshalb in den letzten Jahren nicht in den Rat gewählt hatte. Dafür bewies er ihnen nun besondere Huld. Nach einer Weile verließen die Schloßherren die Kirche, stiegen zu Pferde und ritten zur Stadt hinaus, nachdem sie auf wiederholte Bitte nochmals versprochen hatten, am Abend wiederzukommen. Sie hielten auch Wort. Das Fest in den köstlich geschmückten oberen Räumen des Rathauses war der Alten Stadt Thorn würdig. Aus allen vornehmsten Häusern war das prachtvolle Tafelgeschirr zusammengebracht; es fehlte nicht an Kannen von gediegenem Silber mit eingelegten Zierstücken, an Bechern von getriebener Arbeit und bunten venetianischen Gläsern. Speisen und Getränke wurden in überreichlicher Fülle geboten. Die Stadt wollte sich's etwas kosten lassen, den Gästen zu zeigen, was sie leisten könne. »Wahrlich«, sagte Herr Ludwig, »wenn ihr dies eine einfache Kollation nennt, so will ich zu einem Prunkmahl nicht geladen sein. Ihr Thorner seid allzu bescheiden.« Er war doch innerlich nicht froh. So viele um ihn saßen und ihm zutranken, einen vermißte er ungern, Tileman vom Wege war nicht gekommen. Rutger von Birken entschuldigte ihn, er sei unwohl. Der Hochmeister sprach darauf ein Wort des Bedauerns, aber er glaubte ihm nicht. Als man nach Stunden aufgestanden war und sich nun in den Nebenräumen halb trunken stieß und drängte, meinte der Hochmeister unbemerkt auf eine Weile entkommen zu können. Er ließ sich draußen an der großen Treppe von einem seiner Diener dessen Mantel und Kappe geben, verkleidete sich darin und trat auf die Straße hinaus. Es dunkelte schon, da die Sonne längst untergegangen war. Hinter der vor der Rathaustür dichtgedrängten Menge der Gaffer aus den untersten Schichten des Volkes war der Markt still und leer. Herr Ludwig von Erlichshausen schritt querüber auf ein ihm wohlbekanntes Haus zu. Er trug den Kopf gesenkt, und das Herz schlug ihm unruhig. Er pochte an die Tür. Die alte Haushälterin öffnete und fragte nach seinem Begehr. Ob er Herrn Tileman sprechen könne? Es sei in wichtigen Geschäften. Sie ließ ihn in das hintere Stübchen ein, da sie keinen Befehl hatte, Fremde abzuweisen. Der Bürgermeister saß an seinem Tisch bei einer Wachskerze und machte Eintragungen in ein großes Buch. »Was wollt Ihr?« fragte er mürrisch, ohne umzuschauen. Der Hochmeister trat vor, ließ den Mantel fallen, mit dem er sein halbes Gesicht bedeckt hatte, und sagte: »Erkennet mich, Herr Tileman vom Wege. Ich komme zu Euch, mir Verzeihung zu erbitten. Weiset mich nicht ab.« Tileman sprang vom Stuhl auf und griff mit der Hand in sein Haar. »Ihr seid's – Herr Ludwig von Erlichshausen – Ihr? Wie wagt Ihr – in dieses Haus, das Ihr beschimpft habt ...« Er konnte nicht weitersprechen vor Schreck und Zorn. Sein Gesicht war ganz blau. »Ich will Euch nicht zumuten«, fuhr der Hochmeister fort, »daß Vergangenes vergessen sein soll. Ich kann's nicht vergessen – wie könntet Ihr ? Aber wenn ich mich tief gegen Euch verschuldete, wie ich reumütig bekenne – ist unverzeihlich, was ich getan? Wenn Ihr bedenkt, welche Versuchung –« »Ich will nichts bedenken«, fiel Tileman scharf ein, »ich habe nichts zu bedenken. Mein Weib – meines Sohnes Mutter ... verflucht der Tag, der Euch in ihre Nähe führte, verflucht die bübische Kunst, mit der Ihr sie umstricktet. Geht, geht! Zwischen uns ist keine Gemeinschaft möglich in alle Ewigkeit. Was ich fühle, ist – Haß und Verachtung. Geht!« Herr Ludwig zuckte mit der Lippe. »Ihr sprecht harte Worte«, sagte er – »unziemliche, wenn ich mich erinnere, daß Ihr mir heute gehuldigt habt als Euren fürstlichen Gebieter; aber ich vergesse nicht, daß dieses Begegnen Euch unerwartet kommt und die alte Wunde wieder aufreißt. Laßt sie bluten! Dann aber...« Tileman richtete sich hoch auf. »Ich hab' Euch gehuldigt, Herr Ludwig von Erlichshausen«, sagte er mit schneidender Schärfe, »im Namen der Alten Stadt Thorn, deren regierender Bürgermeister ich bin, Euch, dem Hochmeister Deutschen Ordens – und den Eid will ich Euch halten, wie es meine Pflicht ist. Es hat auch schon auf dem päpstlichen Stuhl zu Rom ein Unwürdiger gesessen, der doch der Heilige Vater war aus seines Amtes Vollkommenheit und aller Christen demütigen Gehorsam fordern durfte nach seiner Schlüsselgewalt. Hat Gott ihn zugelassen in seiner Weisheit, so vertraue ich auch seiner Gerechtigkeit, daß er den sündhaften Menschen nicht schonen, sondern vielmehr ihn strafen wird, weil er sich seiner Sündhaftigkeit vor den Menschen überhob. Und so, wenn ich mich als Bürger dieses Landes vor Euch beuge als meinem Herrn, will ich auch nicht verzagen, daß Gott Euch doppelt Eure Schuld anrechnen wird, weil Ihr mich zu solcher Unterwürfigkeit zwingt. So stehen wir zueinander!« »Ja, ja«, antwortete der Hochmeister, indem er das Haupt tief senkte, »was ich menschlich fehlte, drückt mich schwer, und jetzt schwerer als vordem, da ich diese Würde noch nicht trug. Gott wolle mir gnädig sein! Denn er richtet nicht nach dem Haß, sondern nach der Gerechtigkeit. Und ich weiß auch, daß er's mitbedenken wird, wie ich hier vor Euch stehe als ein Bittender um meines Amtes willen. So geschieht's, Tileman. Der Hochmeister des Deutschen Ordens und des Landes Preußen Fürst kommt zu Euch, der Ihr Bürgermeister von Thorn und des Bundes Haupt seid, Euch zu mahnen, daß Ihr des Landes wegen alte Feindschaft vergesset und nicht Unschuldige entgelten lasset, was ein einzelner Euch zuleide getan. Ich habe mir's gelobt, dieses Land zu regieren nach meiner besten Kräfte Maß und jedem, der Billiges fordert, gerecht zu werden, auf daß Friede sei und Freude überall. Helfet mir dazu, nicht meinetwillen, sondern weil Ihr des Landes Wohl bedenkt und höher achtet als euren Zorn. In unserer Hand liegt es, den alten Streit zu beenden. Schürt nicht das Feuer aus Feindschaft gegen mich – zwingt mich nicht, es niederzutreten ohne Rücksicht auf Euch. Schon lauern da und dort die Mißgünstigen, unsere Uneinigkeit auszunutzen. Gebt ihnen kein Gehör. Euer Weib ist tot, Tileman, laßt auch Euren Groll gestorben sein. Wir stehen beide in einer höheren Pflicht, in ihr ist Versöhnung möglich und geboten.« Er streckte ihm die Hand entgegen, aber Tileman nahm sie auch jetzt nicht, sondern trat bis zur Wand zurück. »Nein«, rief er, »so ködert Ihr mich nicht, daß ich Euch an die Angel gehe. Ich will nichts wissen von christlicher Barmherzigkeit gegen Euch, der Ihr mich bis aufs Blut gekränkt. Und daß Ihr nun mein gnädiger Herr seid, Herr Ludwig von Erlichshausen, das will ich ansehen als eine Mahnung von Gott, mit desto größerem Eifer für des Landes Recht einzustehen und ohne Wanken zu tun, was mir durch seinen Ratschluß aufgetragen. Erwartet keine Nachsicht! Ihr wißt, worauf wir Euch Euren Eid geleistet haben. Davon soll Euch kein Titelchen erlassen sein. Wir beide, Ihr und ich, ringen miteinander, und wer den anderen unter sich bringt, mag ihm das Knie auf die Brust setzen. Das ist unser Friede.« »Und gibt's für einen anderen keinen Preis?« »Keinen! Oder doch – es gibt einen, aber den zahlt Ihr nicht. Erkennt den Bund von Landen und Städten zu Recht an, setzt seine Vertrauten in Euren geschworenen Rat, gebt uns den Richttag, den wir begehren, regiert das Land Preußen als ein Fürst, nicht als ein ritterlicher Mönch – dann will ich dem gemeinen Besten zuliebe mein kleines Weh vergessen und meinen Haß begraben. Um Minderes nicht!« Der Hochmeister sah finster zur Erde. »Ihr fordert Unmögliches«, sagte er. »Wie könnt' ich so die Pflicht gegen meinen Orden vergessen, dem ich geschworen habe, nur um in meinem Gemüt beruhigt zu sein? So selbstisch bin ich nicht.« »Wie Ihr wollt«, antwortete Tileman, die Schulter aufziehend. »Um das ist der Kampf.« »Ich habe das meinige getan, ihn abzuwenden«, sagte der Hochmeister. »Geschehenes ist nicht ungeschehen zu machen. Lebt wohl!« Er verließ das Gemach, da Tileman sich nicht rührte und auch den Gruß nicht erwiderte, und ging tief bekümmert nach dem Rathaus zurück, wo er schon vermißt war. Er hätte des starken Weines zu viel genossen, gab er vor, und sich in der Luft ein wenig erfrischen wollen. Jetzt mußte er doch bei einem Schlußtrunk noch einmal Bescheid tun. Dann begleiteten ihn und die Seinigen Rat und Bürgerschaft ehrerbietig bis zum Tor. Fackelträger leuchteten ihnen voraus. Elftes Kapitel Eine Hexe Der Huldigungsumzug war beendet. Ludwig von Erlichshausen residierte wieder in der Marienburg. Es kamen nach diesen aufregenden Festwochen ruhigere Zeiten, in denen er nun des Ordens Sachen bedenken, mit Polen, Burgund und England wegen mancherlei Irrungen im Handel in Verbindung treten konnte. Nur der Deutschmeister schaffte ihm Verdruß, indem er überall in den Konventen verlauten ließ, Ländern und Städten sollte es nicht so hingehen, daß sie durch den Huldigungseid des Ordens Privilegien und Rechte geschwächt: er werde sie deshalb hinaus ins Reich vor Gericht laden. Mit dem Bischof Franz von Ermland, der mit seinen Untertanen in Streit lag, hatte er heimlichen Verkehr und hörte gern, daß der erzürnte Prälat nach Rom berichtet hätte, den Heiligen Vater gegen den Bund einzunehmen, der so gottlos des bischöflichen Stuhles Rechte zu verkümmern trachtete. Es war ganz nach seinem Herzen, wie der Bischof sich ausließ: »Hart, aber wahrhaft ist der Ausspruch des heiligen Augustin: Ein Prälat, der nicht der Untertanen Laster züchtet, ist mehr einem schamlosen Hunde als einem Bischofe zu vergleichen. Wer zu bekannten Verbrechen schweigt, der hat darein gewilligt. Unwissenheit entschuldigt den Hirten nicht, dessen Schafe der Wolf verzehrt, denn er soll wachen!« Venningen wünschte, daß der Hochmeister ebenso denken möchte. Endlich verließ er voll Groll und Erbitterung das Land. Ludwig war froh, diesen Aufpasser los zu sein. Er selbst stand mit dem Bischof von Ermland nicht so gut. Es hatte ihn schwer verdrossen, daß der stolze Prälat seine Vermittlung im Streit mit der Stadt Braunsberg schroff ablehnte, keine weltliche Autorität über sich anerkennen und nur vom Papst abhängig sein wollte. Er verkleinerte so die hochmeisterliche Gewalt in der Meinung der Landeseingesessenen nicht nur in seinem, sondern auch im Ordensgebiet. Der Ärger darüber machte den Hochmeister empfänglicher gegen allerhand Einflüsterungen seiner Gebietiger, wozu auch gehörte, es sei während der Krankheit seines Vorgängers nicht alles in Ordnung verlaufen; der Bischof hätte sich während dessen auf dem Schloß aufgehalten und freien Zutritt zu dem kranken Herrn gehabt, ihn auch ganz in seine Macht gebracht. Sein Werk sei es wahrscheinlich, daß dieser auf dem Sterbebett von der Wahl seines Vetters abgeraten, die doch allen sonst genehm gewesen. Es sei aber auch ans Licht gekommen, daß er heimlich ein preußisches Waldweib, eine Zauberin, zu ihm geführt und ihm zugeredet, ein Bad und einen Trank anzunehmen, nach deren Gebrauch er sofort verstorben. Der Trank sei keine Medizin gewesen, wie ihn die gelehrten Ärzte bereiten könnten, die sich dann auch über solche Heimlichkeit gar ungehalten geäußert, über den scharfen Geruch des Trankes habe man sich schon damals nicht wenig verwundert, da man noch nicht gewußt, daß er in einem Hexenkessel gebraut worden. Er müsse ein scharfes Gift enthalten haben. Sie mahnten den Hochmeister, ernstlich gegen solches Zauberwesen mit Untersuchung und Strafen vorzugehen, damit der Orden und das Land ihn nicht laß befänden. Noch habe in Preußen keine Hexe gebrannt, so könne dies leicht die erste sein. Solches heidnische Wesen dürfe nicht gelitten werden. Schon mehrten sich die Zeichen, daß Gott deshalb schwer zürnte. Sie wiesen auf die Pest, die in Thorn ausgebrochen war und auch in Danzig wütete, so daß Tausende abstarben. Herr Ludwig war nicht abergläubisch. Er wies auf den Zusammenlauf der vielen Pilger und die Hitze des Sommers hin. Aber er wollte doch auch nicht lässig erscheinen und schrieb deshalb an den Bischof mit dem Begehren, ihm das Waldweib auszuliefern. Franziskus antwortete, das könne nicht geschehen. Er habe Frau Regina allezeit durchaus ehrbar und dem christlichen Glauben ergeben befunden, weshalb er sie auch selbst bei Konrad von Erlichshausen als eine kluge Frau empfohlen, glaube auch noch dieses Tages, daß sie dem Kranken nichts Schädliches eingegeben, freilich auch nicht helfen gekonnt: »Denn dem Tod kein Kraut gewachsen ist.« Wolle aber gern, wenn der Herr Hochmeister ihm bald einmal die Ehre seines Besuchs in Heilsberg erweise oder auf einem Schloß in der Nähe raste, sie ihm zum Verhör vorführen lassen, worauf er dann leicht erkennen werde, daß man sie ganz ohne Grund der Zauberei verdächtige. »Es will mir auch scheinen, daß man sonst den Zauberern vorwirft, durch ihre Teufelskünste etwas Ungewöhnliches und Unerwartetes zustande gebracht zu haben, wie die Heilung eines Totkranken, sie sich aber wahrlich schlecht bewähren, wenn sie nichts ausrichten; wobei nicht unerwähnt bleibe, daß Frau Regina uns keine Zusage der Besserung gemacht.« Die Gebietiger, die auf den Bischof erzürnt waren und ihm Winkelzüge zutrauten, verlangten, daß mit Strenge gegen ihn vorgegangen werde, da er sich nicht weigern dürfe, eine Giftmischerin herauszugeben. Der Hochmeister aber hielt es nicht für geraten, den Zwist noch zu verschärfen, und beschloß, nach seinem Vorschlage zu verfahren. Da er nun bald darauf in dem Ordensschlosse zu Bartenstein, nahe der ermländischen Grenze, eine Beratung mit den Komturen der nördlichen Gebiete hatte, machte er dem Bischof davon Anzeige und bat ihn, das Weib ihm dort vorführen zu lassen, »damit jedermann beruhigt werde und sich von der Hinfälligkeit seines Verdachts überzeuge«. Der Prälat schickte seinen Vogt zu Frau Regina, sie abzuholen und nach Bartenstein zu begleiten. Dieser richtete jedoch bei ihr nichts aus. Sobald sie erfuhr, daß Herr Ludwig von Erlichshausen sie zu sehen begehre, bat sie mit dem Ausdruck des höchsten Schreckens fußfällig, sie mit dieser Reise zu verschonen. »Wisset«, sagte sie unter Tränen, »daß es auf der ganzen Welt keinen Menschen gibt, den zu sehen mir verhaßter wäre, und von dem gesehen zu werden mich in größere Not brächte. Ach! daß ich mich nie hätte überreden lassen, des Herrn Bischofs Ansuchen zu folgen und nach der Marienburg zu gehen. Nie wäre ich in solche Ungelegenheiten gekommen, daß ich mein unschuldiges Tun sollte verantworten müssen! Nun ist es auch meines gnädigen Herrn Pflicht, mich zu beschützen und vor solchem schlimmsten Unheil zu bewahren.« »Das ist nun einmal also geschehen, Frau«, entgegnete der Vogt, »und läßt sich nicht mehr ändern. Euch soll auch in Bartenstein kein Leid zugefügt werden, dafür lasset mich sorgen. Sagt den Herren dort, was Ihr ehrlich zu sagen habt, und man wird Euch nicht halten wollen. Weigert Ihr Euch aber, mit mir zu gehen, da Euch doch des Herrn Bischofs Geleitbrief gegen alle Gefahr sichert, so wird man sich unschwer Gedanken machen, daß dahinter etwas steckt und die Beschuldigung der Hexerei doch nicht unbegründet ist, könnet es auch dem Herrn Bischof selbst nicht verdenken, wenn er kopfscheu wird und Euch seinen Schuh entzieht. Lasset Euch also zum besten raten und folgt mir unweigerlich.« Das lehnte aber Frau Regina mit aller Entschiedenheit ab. »Eher tötet mich auf der Stelle«, rief sie. »Es ist nicht die unsinnige Beschuldigung, was mich so mit Schreck erfüllt. Mag der ehrwürdigste Herr Bischof über mich ein weltliches oder geistliches Gericht einsetzen, dem will ich mich unterwerfen. Aber dem Herrn Hochmeister vor Augen zu treten, mutet mir nicht zu. Ihr wißt nicht, was Ihr tut.« Da nun auch Ursula flehentlich bat, ihre Mutter nicht zu zwingen, sagte der Vogt mitleidig: »Was soll ich mit dem närrischen Weibsvolk anfangen? Gewalt zu brauchen, hab' ich für jetzt keinen Befehl. Ich will also nach Heilsberg zurückgehen und melden, wie ich die Sachen gefunden habe. Mag der Herr Bischof danach weiter beschließen.« So geschah's. Franziskus schrieb wieder nach Bartenstein. »Das Weib ist gar scheu und fürchtet sich, außer Landes zu Euch zu gehen; wie mich dünket, nicht ohne Grund. Weil Frau Regina aber vielen Leuten hier Gutes getan und deshalb billig von ihnen verehrt wird, trag' ich Bedenken, hart mit ihr zu verfahren. Und weil mir doch zu Ohren gekommen, daß Eure Gnade beabsichtige, den Rückweg durch das Ermland zu nehmen und bei mir abzusteigen, so geht nun meine Bitte dahin. Ihr wollet mir von dem Tage vorher Nachricht geben. Es soll alles wohl eingeleitet sein, daß Ihr das Weib verhören lassen möget. Es wird dann in allen Punkten bestätigt werden, was ich Eurer Gnade zu wissen getan. Wegen der Braunsberger Händel hoff' ich Euch und Euren Gebietigern wohl mündlich so gute Auskunft geben zu können, daß Ihr befriedigt von hinnen reiten werdet. Wollte Gott, daß es Euch ebenso gelänge, Eurer Städte rebellischen Widerstand zu brechen.« Dieser Brief gefiel dem Hochmeister wenig. Es war gar nicht sein Vornehmen gewesen, über Heilsberg heimzureiten. Nun legte Bischof Franz ihm den Besuch so nahe, daß er nicht meinte ausweichen zu können. Er sagte sich also auf einen bestimmten Tag an und bat auch um ein Nachtquartier. So wurde denn wieder der Vogt in den Wald geschickt, Frau Regina vorzuladen. »Jetzt hilft Euch alles Lamentieren nichts mehr«, sagte er, »Ihr müßt gehorchen. Im bischöflichen Schloß seid Ihr gegen jeden Angriff sicher. Wollt Ihr Euch auch jetzt noch sperren, so weiß ich, woran ich bin.« »Es ist genau dasselbe wie vordem«, antwortete Frau Regina. »Nicht in Bartenstein und nicht in Heilsberg und nicht an einem andern Ort der Welt kann ich dem Herrn Hochmeister begegnen. Das wäre ihm selbst das unliebste. Sagt ihm, ich sei krank und unfähig, das Haus zu verlassen, wie mich denn auch wirklich Euer letzter Besuch krank und elend genug gemacht hat. Ursula kann's Euch bezeugen und auch der Kaplan.« »Das klingt doch sonderbar, Frau«, meinte der Vogt kopfschüttelnd, »und wird schwerlich beim Herrn Bischof und seinem hohen Gast Glauben finden. Wollet bedenken, daß man Euch in schwerem Verdacht der Zauberei hat, die eine heidnische Kunst genannt wird, und daß Ihr Euch immer tiefer verstrickt, wenn Ihr Rede und Antwort versagt. Ob man will oder nicht, man wird Euren Anklägern glauben müssen, daß Ihr Dinge treibt, die das Licht scheuen.« »Der Herr Bischof kennt meinen Wandel«, entgegnete sie, »er wird für mich zeugen.« »Darauf trotzet nicht zu sehr«, meinte der Vogt. »Ist er Euch jetzt wohlgesinnt, so wird er's bei Eurem Verhör betätigen. Lehnt Ihr Euch aber ungehorsam gegen ihn auf und schafft ihm Ungelegenheit bei den Herren vom Orden, mit denen er schon allerhand Schälung hat, so sehet zu, wo Ihr in der Not Freunde findet.« Frau Regina blieb doch bei ihrem ersten Wort, und so mußte der Vogt wohl oder übel wieder abreiten und in Heilsberg berichten, daß mit dem störrischen Weibe nichts anzufangen sei. Darüber geriet Bischof Franz in großen Ärger und gab seine Befehle in so strengem Ton, daß der Vogt nicht zweifelte, es sei ihm Ernst damit. Als nun am nächsten Vormittag der Hochmeister mit einigen Gebietigern und vielen Rittern seinen Einzug hielt, empfing ihn der Bischof an der Treppe im oberen Kreuzgange, erteilte ihm den Segen und sagte: »Es ist alles nach Ew. Gnaden Wunsch vorbereitet, so daß Ihr wohl erkennen möget, wie ich Euch zu Willen bin. Hoffe aber, daß dieser Besuch auch noch zu anderen Dingen nützlich werde, denn viel Schweres liegt mir auf dem Herzen und kann durch Ew. Gnaden Zuspruch merklich erleichtert werden.« Er führte darauf die Gäste in den Saal, wo der Imbiß und Frühtrunk für sie bereitstand, und sprach freundlich mit jedem. Dann aber nahm er den Hochmeister und die Gebietiger in sein eigenes Gemach, damit sie besser der Ruhe pflegen könnten, in Wahrheit aber, um sie in ein Gespräch zu ziehen, wie er es längst vorbedacht hatte. Es waren denn auch nur wenige Worte gewechselt, als man schon bei der Hauptsache anlangte, die alle Gemüter bewegte: wie man sich des Bundes erwehren könne. »Wollte Gott«, rief der Bischof, »daß wir hier schnell zu einer rechten Einigkeit kämen! Denn der Bund achtet keine Grenzen, sondern umfaßt weltlich und geistlich Gebiet, als sei nie eine Teilung des Landes Preußen zwischen dem Orden und der Kirche erfolgt. Sein Wille ist ein einiger, und so kann ihm nur Einhalt geschehen, wenn auch der Orden und die Prälaten zusammenwirken wie ein Haupt. Dazu laßt mich euch mahnen.« Ludwig von Erlichshausen schien bedenken zu wollen, war darauf zu entgegnen. Er nickte langsam mit dem Kopf und ließ die Augenlider tief sinken, wie seine Gewohnheit war, wenn er sich zögernd verhielt. Für ihn nahm der Marschall das Wort. »Es muß uns billig wundern, Euch so sprechen zu hören, hochwürdiger Herr«, sagte er spöttisch, »da es doch bekannt genug ist, wie Ihr allein von allen Prälaten je und alle Weile dem Orden abstrebt und Euren eigenen Weg zu gehen beliebt, als wäret Ihr nicht einer der vier Bischöfe des Ordenslandes Preußen, sondern hättet das Ermland eigenmächtig zu Lehen. Daraus ist dem Orden schon viel Verdruß bei den Untertanen erwachsen.« Franziskus blieb ganz ruhig und antwortete lächelnd: »Solchen Vorwurf solltet Ihr mir billig ersparen, Herr Marschall. Denn wie ich für meine Person dem Orden zugetan bin, solltet Ihr wissen; weil ich aber ein Amt trage, muß ich des Amtes walten. Das Amt ist ein Amt der Kirche und mir vom heiligen Stuhl in Rom aufgegeben. Dem bin ich verantwortlich, daß ihm kein Abbruch geschehe. Ihr fangt mit der Kirche Streit an, wenn Ihr mich, ihrer geringsten Diener einen, befehdet.« Der Marschall wollte heftig entgegnen, aber Ludwig von Erlichshausen legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm und sagte mit sanfter Stimme: »Lassen wir diese Dinge unberührt, die wir heute und morgen doch nicht abtun, da sie in Jahrhunderten geworden sind. Es soll mich freuen, wenn wir über das Nächste einig werden. Was ist Eure Meinung wegen des Bundes, Herr Bischof?« »Daß wir zugleich mit weltlichen und geistlichen Waffen gegen ihn zu Felde ziehen«, antwortete der Prälat, sich hoch aufrichtend, »und nicht eher ablassen, bis er seine Ohnmacht erkannt hat. Es hat mir nicht gefallen wollen, daß Ew. Gnaden zu Elbing ein Pflaster auf die Wunde gelegt haben, davon sie doch nicht heilen kann. Euer Versprechen wegen des Richttages vermöget Ihr nicht zu halten, und zu ihren Privilegien und Freiheiten, die Ihr ihnen in allgemeinen Worten zugesagt, nehmen ja doch die Bündischen das Recht, sich gegen die Herrschaft zu verbünden. So steht alles beim alten.« »Aber das Land hat mir gehuldigt.« »Doch mit heimlichem Vorbehalt – glaubt mir. Es wird nicht Friede, bevor der Bund abgetan ist im Guten oder Bösen.« »Wozu ratet Ihr also, Herr Bischof?« »Zu rechter Gewalt, so wahr der Orden des Landes Herr ist. Scheuet Euch nicht, das Schwert der Gerechtigkeit zu brauchen, denn es ist Euch von Gott in die Hand gegeben. Fordert die Herausgabe des Bundesbriefes und holt ihn Euch aus dem Thorner Rathause, wenn sie versagt wird. Reißet die Siegel ab und werft sie den Trotzigen vor die Füße. Wartet ab, ob man Widerstand wagt. Greifen sie zur Waffe, so seid Ihr jetzt noch ihrer mit leichter Mühe mächtig. Schlagt nicht gegen den Haufen ein, sondern zieht die Führer heraus, die Tileman vom Wege, Hans von Czegenberg, Baisen, und richtet sie nach Kaiserrecht. Die andern kriechen zu Kreuze.« Seine kleinen Augen funkelten. Der Hochmeister aber wiegte abwehrend den Kopf und sagte in müdem Ton: »Wir sind so weit nicht gerüstet und müssen hinhalten. Der Orden ist krank und als ein Kranker nicht bei seinen Kräften; er muß erst zur Gesundheit kommen. Es ist beschlossen worden, übers Jahr ein Generalkapitel zu berufen, das mit Gottes Gnade seine Gebrechen abstellen und ihn wundersam verjüngen wird. So wieder stark in sich selbst, wird er keiner Gewalttat bedürfen, sich seines Rechtes volle Anerkennung zu schaffen.« »Zu spät, zu spät!« rief Franziskus, indem er wiederholt mit der Hand in die Luft schlug. »Wir haben nicht Zeit, ein langes Jahr zu warten, um dann erst zu beginnen. Ist der Orden krank, wie Ihr bekennt, so ist er es durch seinen Unmut, durch seine Zaghaftigkeit. Dadurch hat er den Gegner groß wachsen lassen. Ich bitt' Euch zu bedenken, was auf dem Spiel steht. Es kann aller Teile Wunsch nicht sein, daß die Sache aus dem Lande gezogen wird. Das geschieht aber unfehlbar, wenn Ihr ein Jahr zögert. Der Heilige Vater wird nicht ruhig zusehen, daß hier die Kirche bedroht wird. Seht euch vor, daß ihr die Herren bleibt, wenn es euer Wunsch ist. Dazu will ich euch helfen, damit ich selbst der Herr bleibe. Seh ich euch aber schwach, so wundert euch nicht, wenn ich mich nach anderer Stütze umschaue.« »Das klingt wie Drohung«, bemerkte der Trappier. »Das ist ein ehrliches Wort«, versicherte der Bischof, die Hand auf die Brust legend, »wie ich es Euch zu schulden meine. Erinnert Euch daran!« Es wurde noch viel her und hin gesprochen, aber sie kamen zu keinem Schluß. Der Hochmeister meinte, es sei jetzt alles in gutem Gange und der Bischof möge sich nur hüten, störend einzugreifen. »Ungeduld verdirbt den besten Bau.« Man ging zur Mittagstafel, die zu Ehren der Gäste mit schwerem Silbergeschirr besetzt war. Während sie speisten, fuhr in den Hof der Vorburg ein Feldwagen, mit vier Pferden bespannt, ein. Der Vogt ritt daneben mit einigen bewaffneten Knechten. Auf dem Stroh lag Frau Regina, an den Händen gefesselt. Neben ihr saß Ursula, der Mutter Kopf stützend. Die Tränen rollten ihr unaufhörlich über die zorngeröteten Wangen. »Steigt ab«, sagte der Vogt, »und folgt mir ohne Widerrede. Endlich werdet Ihr doch wohl begriffen haben, Frau, daß Ihr nachgeben müßt.« »Schleppt mich vor den Herrn Hochmeister«, antwortete sie, »wie Ihr die Macht habt. Ich rühre nicht Hand noch Fuß dazu.« »So greift an«, rief der Vogt den Knechten zu, die indes abgestiegen waren. »Ich will mich nicht wiederholt lässig schelten lassen.« »Mutter«, bat Ursula, »laß nicht nochmals die rohe Gewalt über dich kommen. Sie sind stärker als du und zwingen dich ja doch. Laß mich dir helfen vom Wagen zu steigen. Füge dich in das Unvermeidliche.« »Nun habt Ihr gut zureden, Jungfer«, höhnte der Vogt. »Daß Ihr aber auf Eurem Hofe den Wolf gegen mich losgelassen habt, will ich Euch nicht vergessen. Die Bestie hat mir das Stiefelleder über dem Knie durchgebissen, und die Zähne fühl ich noch jetzt im Fleisch. Es war mein Glück, daß ich den Dolch am Gürtel trug, sonst wäre sie mir an die Kehle gegangen.« »Ihr habt meinen treuen Gesellen getötet«, klagte Ursula. »Der Stephan hat dem Vieh vollends den Garaus gemacht«, rief der Vogt. »Dankt's dem. Beim Teufel auch! Ein Wolf ist kein Spielzeug.« Frau Regina hatte sich seufzend aufgerichtet. Ursula trat auf die Deichsel und half ihr hinter dem Sattelpferde hinab. Den Strick wollte sie nicht von den Händen entfernen lassen. »Man soll wissen«, sagte sie, »daß ich gezwungen bin. Geschehe dann im übrigen mit mir, wie Gott will.« Der Vogt hinkte voran über die Brücke nach dem Schloß. Ursula wollte sich von ihrer Mutter nicht trennen. Er führte die Frauen auf den Hof und durch eine eisenbeschlagene Pforte über eine enge Wendelstiege in das untere Gemach des großen achteckigen Turmes. Dort hieß er sie warten, bis er seine Meldung angebracht hätte. Sie befanden sich im Verhörzimmer. Es war fest eingewölbt und erhielt sein Licht nur durch ein hoch angebrachtes Fenster. Die Nische ließ die Dicke der Mauer erkennen. Mitten in dem mit Ziegeln gepflasterten Fußboden befand sich eine runde Öffnung, mit einem Holzdeckel verschlossen. Vielleicht war sie der Zugang zu dem dunklen Kellerloch darunter, in welchem Gefangene schmachteten. Gegenüber der Tür, durch die sie gekommen waren, zeigte sich in der Mauer eine schmale Steintreppe und seitwärts in zehn Fuß Höhe etwa ein kleines vergittertes Fenster, hinter welchem jedoch der Raum dunkel war. Dort konnte jemand das Verhör belauschen, ohne selbst gesehen zu werden. Im Zimmer stand ein Schreibtisch, dahinter ein Sessel mit hoher und steifer Lehne. An der Wand hing ein Kruzifix. Ursula durchschauerte es kalt. Noch nie hatte sie sich so eingeschlossen gesehen. Erst jetzt überkam sie das volle Angstgefühl, daß ihrer Mutter ein Leid geschehen könne. Wenn man sie in ein Gefängnis einsperrte, wenn man sie gewaltsam von ihr trennte! Sie legte den Arm um sie und hielt sie so fest, als ob man sie ihr jetzt schon entreißen wollte. Die Tränen stürzten ihr aus den Augen. »Mutter – liebe Mütter!« rief sie und erschrak, als der Schall vom Gewölbe zurücktönte. Frau Regina sprach kein Wort. Ihre Blicke richteten sich starr auf den Gekreuzigten gegenüber. Nach einer längeren Weile wurden Schritte von oben her auf der Steintreppe vernehmbar. Es erschien Leonhard, der geistlichen Rechte Doktor, in langem talarartigem Gewande von rotem Tuch, einen Hut mit breitem Deckel auf dem Haupte. Ihm folgte des Hochmeisters Schreiber Stephanus, ganz schwarz gekleidet. Er trug ein Tintenfaß und eine Mappe mit Papieren, aus welcher die Fahnen einiger Gänsefedern heraushingen. Sie schritten auf den Tisch zu. Doktor Leonhard hieß den Schreiber auf dem Lehnstuhl Platz nehmen und stellte sich ihm zur Seite, die beiden Frauen mit strengem Blick musternd und mit der Nase schnuppernd, als ob er schon den Teufelsbraten röche. »Ihr seid die Waldfrau?« begann er das Verhör. »Ich wohne im Walde nicht weit von dieser Stadt«, antwortete die Gefragte, offenbar sehr erleichtert dadurch, daß sie einem ganz Fremden sich gegenüber sah. »Ihr heißet Regina?« »Man nennt mich so.« »Wer nennt Euch so?« »Die Leute, die mich ansprechen.« »Ist das Euer Taufname?« »Nein. Man hat ihn mir beigelegt, weil die alte Frau, von der ich die Hütte erbte, so hieß. Ich erbte mit ihrem Besitz auch den Namen.« »Und auf welcher Heiligen Namen seid Ihr getauft?« »Gestattet, daß ich dies verschweige. Ich hab ihn für alle Zeit abgelegt.« »Ihr habt ihn für alle Zeit abgelegt – den Namen, den Ihr in der heiligen Taufe empfangen! Horribile! Und aus welchem Grunde?« »Weil ich gestorben war für die Welt und hier ein neues Leben in der Einsamkeit des Waldes begann, allen Menschen unbekannt und mir selbst verhaßt.« »Das klingt sehr verdächtig. Schreibt Wort für Wort auf, was sie sagt. Weil sie für die Welt gestorben war und hier ein neues Leben beginnen wollte, in der Einsamkeit des Waldes. Ihr verleugnet also die Heilige, die Euch nach der Kirche guter Absicht Fürsprecherin sein sollte bei dem Herrn Christus?« »Ich verleugne sie nicht, aber ich will ihren Namen nicht nennen.« » Quod est idem. Ihr nanntet Euch Regina, das heißt zu Deutsch Königin. Weshalb anders, als weil Ihr Euch darstellen wolltet als eine Beherrscherin aller bösen Geister, so man auch Dämonen nennt und aus der heidnischen Zeit noch nicht ausgetilgt sind.« »O nein – nein!« rief die Frau geängstigt. »Ich weiß von solchem Spuk nichts und weniger als nichts, lebe auch der gewissen Hoffnung, daß mein Herr und Heiland ihn für Zeit und Ewigkeit in die Hölle gebannt hat. Ich weiß nichts von Zauberkünsten, die ihn da herauslocken könnten – wahrlich nicht.« Der Doktor zog die Stirn in Falten. »Das wird sich ausweisen. Zeigt mir Ort und Tag Eurer Geburt an und erzählet aus Eurem Leben, so weit Eure Erinnerung reicht, damit wir Euren Wandel prüfen.« Frau Regina schüttelte den Kopf und schwieg. » Tacet «, diktierte der Doktor dem Schreiber. »Ist das Mädchen da Euer Kind?« »Wohl, Herr! Meine Tochter.« »Und wer ist dieses Kindes Vater?« »Das soll niemand erfahren.« »So will ich's selbst Euch sagen. Der Teufel ist des Kindes Vater, der Teufel!« Frau Regina sah mit einem schmerzlichen Blick zur Decke auf. »Ein Teufel in menschlicher Gestalt«, zitterten ihre Lippen, »ein Verführer der Unschuld – ja, ja!« »Schreibt!« rief Doktor Leonhard. »Sie gesteht es zu. Der Vater ihres Kindes ist –« In diesem Augenblick entstand in dem kleinen Gemach über der Steintreppe, durch das Gitterfenster deutlich vernehmbar, eine Bewegung, als ob hastig ein Sessel auf den Steinfliesen gerückt und umgeworfen würde. Dicht an den eisernen Kreuzstäben erschien ein Gesicht und verschwand gleich wieder. Stimmen von mehreren Männern wurden laut, trappende Schritte. Doktor Leonhard unterbrach sich und sah hinauf. Stephanus flüsterte ihm zu: »Der Herr Hochmeister wohnt dem Verhör bei – ich erkannte ihn, da er sich vorbeugte.« Gleich darauf kam der Vogt die Treppe hinab und sagte: »Der Herr Hochmeister befiehlt, daß das Verhör eingestellt werde. Ich darf Euch keine Frage weiter gestatten.« Der Doktor sah ihn verwundert an. »Der Herr Hochmeister befiehlt ...? Aber gerade auf Sr. Gnaden Befehl ...« »Er änderte seinen Willen«, sagte der Vogt. »Es soll nicht weiter inquiriert werden.« »Gott sei Dank!« rief Ursula, sank neben ihrer Mutter auf die Knie und hob betend ihre Hände. Während Stephanus seine Papiere zusammenpackte und das Tintenfaß schloß, zog Doktor Leonhard den Vogt in die Mauernische über der Treppe. »Was ist geschehen?« fragte er. »Sonst nichts«, antwortete jener leise, »als daß der Herr Hochmeister sich, nachdem er vom Tisch aufgestanden war, hierher führen ließ, da er von meinem gnädigen Herrn hörte, daß er gar gut ungesehen die Waldfrau durch das Fenster beobachten könne. Kaum hatte er sich aber gesetzt und das Ohr auf die Stimmen hier ein wenig gespannt, als er aufsprang und mit einem Schrei wie ohnmächtig gegen das Gitter taumelte. Ich stützte ihn und zog ihn fort. Wie geschieht Eurer Gnade? fragte ich. Ist der Wein Euch nicht bekommen? Er sah mich mit ganz schreckhaften Augen an, rieb seine Stirn mit den Fingerspitzen und sagte in abgebrochenen Lauten: Ich weiß nicht – mir ist plötzlich schlecht – es wird vorübergehen – das Verhör soll eingestellt werden – sogleich. Ich führte ihn die Stufen hinauf nach dem Gange. Dort erholte er sich rasch und gab mir noch weitere Befehle, die Euch und Euren Schreiber nichts angehen. Der hochwürdige Herr Bischof ist jetzt bei ihm.« Der Doktor entfernte sich kopfschüttelnd mit Stephanus auf dem Wege, den sie gekommen waren. Der Vogt aber trat an Frau Regina heran, zerschnitt mit seinem Dolchmesser den Strick, der ihre Hände fesselte, und sagte: »Kommt mit mir, Frau, der Herr Hochmeister selbst will Eure Unschuld bezeugen.« »Er sah mich?« sagte sie zitternd. »Das muß ich wohl glauben«, entgegnete er, indem er die Tür aufschloß. »Er war dort oben am Gitter.« »So ist geschehen, was ich nicht hindern konnte«, sagte sie, bemüht, die wie abgestorbenen Hände zu falten. »Macht denn mit mir, wie es sein Wille ist.« Der Vogt ließ sie wieder die Mauertreppe hinabgehen und führte sie dann in den oberen Kreuzgang und bis zu einer Tür, die ganz mit künstlerischer Holzschnitzerei bedeckt war. Davor stand einer von den Trabanten des Hochmeisters mit einer Hellebarde im Arm. Von ihm erfuhr der Vogt, daß sein Herr allein sei und befohlen habe, die Frau sogleich einzulassen. Ursula wollte die Mutter begleiten, aber Frau Regina selbst wehrte ihr den Eintritt. »Warte hier auf mich«, befahl sie streng. »Verlaß mich nicht«, bat das Mädchen, »geh nicht ohne mich, Mutter! Wenn man dich in den Turm wirft –« »Sei unbesorgt«, tröstete die Frau, »das geschieht nicht. Du darfst nicht Zeuge sein ... Bleibe!« Sie gab dem Vogt ein Zeichen, daß er Ursula zurückhalten solle, und trat rasch ein. Der Trabant schloß hinter ihr die Tür. Zwölftes Kapitel Sünde und Buße Ludwig von Erlichshausen saß in der Fensternische, den Kopf die Hand gestützt, wie träumend. Das Knarren der Tür schreckte ihn auf. Er erhob sich rasch, streckte den Arm aus und bewegte sich einige Schritte vor. Das Gesicht war schreckhaft bleich, die Augenbrauen gespannt, der Mund halb geöffnet. »Seid Ihr's wirklich, Paula?« stammelte er, »ich glaubte Euch längst nicht mehr unter den Lebenden.« Die Frau war an der Tür hoch aufgerichtet stehen geblieben. Der Blick, mit dem sie ihn betrachtete, konnte es ihm sagen: nähere dich mir nicht. Alle Angst schien von ihr gewichen, nachdem einmal die Begegnung unvermeidlich geworden. Mit fester, rauh klingender Stimme antwortete sie: »Ich sollte für Euch tot sein, Herr Ludwig von Erlichshausen, und meine Schuld ist's nicht, daß Ihr mich noch einmal im Leben wiederseht. Was wollt Ihr noch von mir?« »Euch sagen«, rief er, »daß ich Euch alle die Zeit in meinem Herzen betrauert habe wie eine geliebte Tote, der ich eine schwere Schuld – die schwerste Schuld meines Lebens abzubitten hatte ewiglich. Ja, ich hab Euch geliebt, wie nie ein Weib zuvor, und konnte nicht aufhören Euch zu lieben, ob es schon Sünde war. Euch zu lieben und Eurer in Liebe zu gedenken. Ich hatte mein Gelübde schwer verletzt, und es wollte mich nicht gereuen, wie ich auch vor Gott rang. Immer standet Ihr mir vor Augen, in Eurer Schönheit und Herrlichkeit – nicht vergessen könnt' ich das Seligste, das ich durch Euch genossen, nicht vergessen das Leidvollste, das mein Herz erfuhr, als Ihr mir entrissen wurdet. Sündhaft war Eure Leidenschaft, wie die meine! Aber ich weiß, Ihr habt mich geliebt in Wonnen und Schmerzen, wie ich Euch liebte, und auch Ihr bereut nicht.« Er sank zu ihren Füßen nieder und wollte ihre Hände erfassen, aber sie wehrte ihm mit einer unwilligen Bewegung. »Ihr irrt«, sagte sie, »Gott kennt meine Reue. Sie allein hat mich aus der Verzweiflung gerettet, daß ich das Leben ertrug. Gott wollte mir's nicht enden, so heiß ich ihn anflehte, und ich dank ihm dafür. Denn er hat meine Seele aus der Finsternis gerettet zum Licht und mich stark gemacht zu seinem Dienst. So tief ich gesunken war durch eigene Schuld, so hoch hat seine Gnade mich erhoben. Ihr versucht mich nicht mehr, daß ich zurückfalle.« »Paula –«, bat er mit schmelzendem Ton, zu ihr aufblickend und die Hände vor der Brust kreuzend, »verleugnet Euch nicht vor Eurem großen Herzen. Was hat uns retten können aus der Sünden Not zur Himmelsfreudigkeit, als der Glaube an die Allmacht unserer Leidenschaft. Was konnten wir dawider?« »O schweigt – schweigt! Zu willig hab ich Euch damals angehört, von Eitelkeit geblendet, von Sinnenlust berauscht. Und doch wäre ich Eurer Versuchung nicht erlegen, hätte ich mich nicht in ungerechtem Groll von meinem Eheherrn abgewandt gehabt, weil ihm der Stadt Wohl mehr am Herzen zu liegen schien als seines Weibes häusliches Glück, weil er mit seinen Gedanken von mir abirrte und meinen Kummer darüber kindisch und töricht schalt. Da meinte ich, er hätte mich nie geliebt, und war voll Bitterkeit gegen mein Geschick, daß ich mich nicht einmal mehr seines Knaben freuen konnte wie vordem, da er auch ihm noch alles Glück bedeutete. Für mich allein hab ich ihn in meiner Selbstsucht haben wollen und achtete jeden Beweis treuer Zuneigung gering, da er seine Sorge den Geschäften des Rats widmete und keine Tagfahrt versäumte. So fandet Ihr mein Ohr willig Eurer Schmeichelei, mein Herz schwach dem Ansturm Eurer Leidenschaft. Was galt Euch meine Ehre und mein Gewissen? Ihr wolltet siegen über das Weib, und Ihr siegtet. Da war ich Eure Sklavin fortan – das elendeste Geschöpf unter Gottes weitem Himmel!« »Paula –!« »Nennt mich so nicht! Die Paula, die Ihr kanntet, ist tot – von den Wölfen zerrissen. Fragt Tileman vom Wege. Ich bin ein armes Waldweib, das Kräuter sucht und Kranken Tränke braut und am liebsten ungesehen ist von den Menschen. Die Frau Regina bin ich, die man bei dem hochwürdigsten Herrn Hochmeister angeklagt hat, an seines Vorgängers Sterbelager teuflische Künste getrieben zu haben. Ihr seid mein Richter. Richtet mich, wie ich jetzt vor Euch stehe – nicht im Gedenken Eurer Schuld, sondern in Eures Amtes Gehorsam. Ich will auch das tragen, da es Gott über mich verhängt.« Er war längst aufgestanden und wie taumelnd in einen Sessel gesunken. Da saß er nun vornübergebeugt und beide Hände gegen die Stirn gedrückt. »Ich fasse es noch immer nicht...« murmelte er, »kann's nicht fassen. Ihr dieses Weib ... und Paula –! Nein, nein! Paula lebt, es ist keine Vision meines kranken Gehirns. Nur daß Euer Haar grau ist und Euer Mund unholde Worte zu mir spricht... Sagt mir, was ist geschehen seit dem Schreckenstage, als Tileman uns überraschte und mich aus seinem Hause trieb, nachdem er mir einen Schwur abgenommen, daß ich schweigen wolle. Ich erfuhr bald darauf, er hätte mit Euch eine Reise angetreten nach seiner Heimat Westfalen, dort das Weihnachtsfest zu verleben. Und dann nach Monaten kam er zurück, und es hieß, Ihr wäret verstorben und fern begraben... Mußt ich's nicht glauben, wie jeder in Stadt und Schloß? Und nun erscheint Ihr mir, wie von den Toten auferstanden. Es macht mich wahnsinnig!« Frau Regina lächelte schmerzlich. »Tileman selbst hält mich für tot«, sagte sie nach einer Weile, »und Ihr dürft ihm nicht sagen, daß er irrt, so wahr Ihr auf Gottes Gnade hofft. Seines Hauses Ehre zu retten war nach der Entdeckung meines Fehls sein ganzes Sinnen und Trachten. Noch war mein Ruf unbefleckt. Ich sollte Thorn verlassen, um es nie wiederzusehen. Das war sein Wille. Er klagte nicht, er beschimpfte mich nicht, er schalt mich nicht einmal. Das einzige Wort, das er zu mir sprach, war dies: Nimm Abschied von deinem Kinde – wir reisen fort. Ich wußte, daß er in seinem stummen Brüten etwas Fürchterliches plante, aber ich gehorchte unweigerlich, gebrochen an Leib und Seele. Wir ritten über die Weichselbrücke, als sollte der Weg weiter gen Sonnenuntergang fortgesetzt werden. Am andern Tage aber, nachdem er die Knechte zurückgeschickt, kehrte er um und hielt auf Graudenz. Dort benutzte er die Fähre spät abends, vermied die Stadt und ritt mit mir weiter ins Land hinein. Wir nächtigten bei Krügern, die uns nicht kannten, wieder und wieder. Ich hörte ihn einmal sagen, daß er nach Litauen wollte und dann zu den Schwertbrüdern nach Riga. Ein andermal nannte er wieder einen andern Ort. Die Leute sollten irregeführt werden. Endlich verloren sich mehr und mehr die Wege auf der steinigen Heide. Wir gelangten an einen großen Wald, dessen Ende rechts und links nicht abzusehen war, und ritten in denselben steglos hinein. Wir ritten den ganzen Tag, bis es dunkelte, ohne einen Menschen anzutreffen. Die Luft war kalt, der aschgraue Himmel schien bis zu den Kronen der Kiefern und dem kahlen Geäst der Eichen herabzuhängen. Es fing an zu schneien. Erst nur in spärlichen Flocken, dann dichter und dichter. Bald hatten die Tannen einen weißen Mantel umgelegt, die dürren Gräser und das welke Laub unter den Hufen unserer Rosse sich mit einem glitzernden Schleier bedeckt, der mit jeder Minute undurchsichtiger wurde. Ich war völlig erschöpft und konnte nicht weiter. Daß wir hier in der Wildnis eine Nachtherberge erreichten, schien mir undenkbar. Das war offenbar auch Tilemans Absicht nicht. Ich hatte sie längst erraten. Du willst mich töten, sagte ich ganz gefaßt, – töte mich, ende diese Qual! Er zog den Zügel an und antwortete finster: Ja, das soll geschehen – du mußt sterben, Weib! Ich kann die Schande nicht tragen, die du über mein Haus gebracht hast. Wie ich dich geliebt habe, so hasse ich dich jetzt. Ich kann keinen irdischen Richter, weltlich oder geistlich, über dich setzen, ohne unsere Schmach zu offenbaren. Darum muß ich selbst dich strafen nach dem Gesetz, das Gott in dem flammenden Busch verkündet hat: Du sollst nicht ehebrechen! Sprich: bist du des Todes schuldig? – Ich bin's, sagte ich, ließ mich vom Pferde hinabgleiten und kniete nieder auf dem beschneiten Boden. Auch er sprang ab, zog ein langes Dolchmesser, das er unter dem Mantel getragen hatte, und eilte auf mich zu mit wilden Gebärden. Stirb, rief er, sprich dein Gebet und stirb.« Ludwig von Erlichshausen seufzte tief. »Armes – armes Weib«, jammerte er, »was hast du gelitten! Aber erbarmte er sich deiner, als du um dein Leben batest?« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Ich bat nicht um mein Leben, und er erbarmte sich meiner nicht. Aber da ich nicht bat und nicht zitterte, sondern völlig ergeben in mein Schicksal vor ihm kniete, ruhig zu ihm aufschaute und den Streich erwartete, zu dem seine Hand schon ausholte, schien eine Feigheit sich seiner zu bemächtigen, daß er den Dolch mir nicht ins Herz zu stoßen vermochte, sondern den Arm widerwillig sinken ließ, die Augen von mir abwandte und stöhnend murmelte: Ich kann's nicht – ich kann dein Blut nicht vergießen. Gerechter Gott im Himmel, strafe du! – Er steckte das Messer mit zitternder Hand wieder zurück in die Gürtelscheide, ergriff den Zügel meines Pferdes, führte es zu dem seinen und machte sich bereit aufzusteigen. Jetzt überkam mich ein jäher Schreck. Du willst mich hier verlassen, schrie ich auf. Nein, nein! töte mich lieber auf der Stelle – sei barmherzig, töte mich! Ich umfaßte in unsagbarer Angst seine Knie, aber er wehrte mich ab wie ein ekles Gewürm, schwang sich auf und sagte: Mag Gott dir barmherzig sein, wenn er will – in seine Hände geb' ich dich. Aber ich weiß, er ist gerecht und tut nicht Wunder zu der Sünder Rettung: ich sehe dich nicht wieder. Noch immer rascher als meine Pein endete die deine. Das sei dir gegönnt! Mit diesen Worten riß er die Pferde herum und jagte fort, ohne noch einmal nach mir umzuschauen, in der Richtung, von der wir gekommen waren. Bald war er meinen Blicken gänzlich entschwunden.« »Der Verruchte!« rief der Hochmeister. »Dem Frost und Hunger, der Grausamkeit wilder Tiere gab der Unmensch Euch preis. Aber Gott tat das Wunder, das Euer Peiniger für unmöglich hielt. Er erhielt Euch das Leben. Gepriesen sei sein heiliger Name!« »Er erhielt mir das Leben«, antwortete die Frau mit Bitterkeit. »Er erhörte mein heißes Flehen um schnellen Tod nicht. Alle Qual martervollen Hinsterbens mußt' ich erdulden und dann doch ... Warum steh' ich jetzt vor Euch?« »Wie seid Ihr gerettet?« fragte er ablenkend. »Als ich mich in der Wildnis ganz verlassen sah, schleppte ich mich unter einen Baum, stützte mich gegen den Stamm und beschloß mein Ende abzuwarten. Aber die Stunden vergehen so langsam, wenn man die Sekunden zählt. Hundertmal sprach ich alle Gebete, die ich im Gedächtnis hatte. Es wurde Nacht und der Schnee fiel noch immer. Ich sah ihn nicht, aber ich fühlte die naßkalten Flocken auf meiner Stirn. Nun strich ein eisiger Wind zwischen den kahlen Stämmen durch, pfiff und ächzte in den nackten Kronen. Die Äste knackten und fielen rasselnd zur Erde. Ich war starr vor Frost und konnte doch nicht schlafen. Keinen Augenblick verlor ich die Besinnung. Endlich hielt ich's nicht länger in meiner schrecklichen Lage aus. Ich sprang auf, um meinem Körper Bewegung zu schaffen, durch irgendeine Tätigkeit das Angstgefühl zu bewältigen, das mich wahnsinnig zu machen drohte. Nur fort, fort, wohin es auch sei. Ich tappte durch die Finsternis von Baum zu Baum, oft durch Haufen aufgewehten Schnees, mitunter durch Rinnsale, deren dünne Eisdecke unter meinem Fuß brach. Immer eiliger wurde mein Lauf. In der Ferne hörte ich ganz deutlich die Wölfe heulen. Von ihnen zerrissen zu werden ... Entsetzlicher Gedanke! Und das sollte mein Los sein. Wie schwach ist das Menschenherz! Das Leben war mir verhaßt, ich hätt' es mit Dank hingegeben. Aber unter den Zähnen der hungrigen Bestien zu enden, Stück nach Stück von meinem Leibe reißen zu lassen ... Nein, nicht ohne den äußersten Kampf so untergehen! Mehrmals sank ich ganz ermattet zu Boden; aber die gräßlichen Laute schreckten mich immer wieder auf. Ich war in Schweiß gebadet, meine Brust keuchte. Endlich dämmerte es im Osten. Ich unterschied die Gegenstände in der Nähe. Aber nun wurde meine Lage noch schreckhafter: ich erkannte nichts genau und sah überall spukhafte Gestalten, die um mich herumhuschten, sich auf mich zu bewegten. Wie gepeitscht mit unsichtbaren Geißeln jagte ich weiter einer Waldlichtung zu. Ich fiel über einen Baumstamm, der unter der Schneehülle lang hingestreckt lag. Einige Stümpfe ragten weiterhin vor. Hier hatten Waldleute gearbeitet, und dort richtete sich auch etwas wie ein beschneites Dach dreieckig auf. Ich raffte die letzten Kräfte zusammen, schleppte mich weiter bis zum Eingang. Aus dem Innern funkelten mir ein paar Sterne entgegen. Ein Tier sprang auf und suchte das Weite – vielleicht ein Reh, das sich hierher vor den Wölfen geflüchtet hatte; der Schreck hatte mich niedergeworfen. Nun war mir's, als wären die Wölfe dicht hinter mir selbst. Ich kroch durch das niedrige Loch unter das Schutzdach, erspürte mit den Händen eine Holzlade, die nach innen umgefallen war, schob sie vor die Öffnung. So war ich geborgen.« Herr Ludwig schüttelte sich wie im Fieber. »Gott sei gelobt«, rief er. »Welche Nacht der Schrecken!« »Ich sank auf dem warmen MoosIager in Schlaf«, fuhr Frau Regina fort. »Als ich – nach vielen Stunden wahrscheinlich – erwachte, fühlte ich einen nagenden Hunger. Den Durst stillte ich, indem ich durch die Spalte der Lade griff und mir eine Handvoll Schnee hereinholte. Bald mußte ich erkennen, daß nach solchem Trunk Zunge und Gaumen noch trockener wurden, die Kehle zu brennen anfing. Meine Wohnung bestand aus zwei oben gegeneinander gelehnten Schirmwänden von Strauchgeflecht, hinten durch einen Aufbau von Rasenstücken geschlossen. Ich suchte vergeblich darin nach vergessenen Lebensmitteln. Ich fürchtete mich, diesen Schutzort aufzugeben. Vielleicht würden die Holzschläger kommen und mich auffinden. Nach so grausamer Buße drückte mich meine Schuld jetzt weniger schwer. Ich muß bekennen, daß ich sogar trotzig die Hand gegen meinen Peiniger ballte und Gott bat, ihn sein Rachewerk nicht gelingen zu lassen. Wie töricht war das! Noch eine zweite, entsetzlich lange, meist schlaflos verbrachte Nacht blieb ich in der Hütte. Dann trieb mich doch der Hunger fort. Vielleicht traf ich auf Kohlenbrenner, vielleicht ließ sich ein Beutnerdorf erreichen; hin und her schien mir ein Baum künstlich für die Waldbienen entästet und hergerichtet. Aber ich lief wieder den ganzen Tag, ohne im Schnee die Spur eines menschlichen Fußes zu entdecken. Gegen Abend fühlte ich mich so schwach und krank, daß es mir auch nicht mehr gelang, einen Baum zu erklettern, um mich so in der Nacht gegen einen Angriff wilder Tiere zu sichern. Wütender Hunger machte mich ganz unsinnig und wehrlos gegen die Verzweiflung. Ich grub mit den Fingern in die Erde, um Wurzeln auszuheben, bis mir das Blut von den Nägeln rann. Da endlich in der höchsten Not –« »Menschliche Hilfe«, fiel der Hochmeister mit gespanntester Erwartung ein. »Ja, eine alte Frau kam vorüber, beladen mit einem Bündel Reisig, statt des Stockes einen kleinen Spaten in der Hand haltend. Um die Schulter hing ihr eine Tasche von Rehfell, aus welcher der Hals einer Flasche vorsteckte. So häßlich sie war, kam sie mir doch vor wie eine himmlische Erscheinung. Was tut Ihr da? Was grabt Ihr da im Boden? redete sie mich an. Dies ist mein Revier, da hat niemand etwas zu suchen. Wo kommt Ihr her – wo wollt Ihr hin? Ihr seid nicht aus dieser Gegend, seht nach Euren Kleidern aus wie eine Städterin. Gebt Anwort! Ich sank vor ihr in die Knie, flehte sie um etwas Speise, um ein Obdach an. Ich sei von einem grausamen Mann in den Wald gebracht und hilflos verlassen. Sie schüttelte zweifelnd den Kopf, reichte mir aber doch aus ihrer Tasche ein Stück Brot und die Flasche mit einem Rest Met. Die beiden Hände auf den Spaten gestützt, schaute sie mir verwundert und immer den Kopf wiegend zu, während ich gierig Speise und Trank zu mir nahm. Kommt denn mit mir, sagte sie, als ich ein wenig erfrischt zu sein schien, mein Waldhaus ist nicht gar weit. Aber die Wahrheit müßt Ihr mir sagen, wenn ich Euch herbergen soll; ich will kein Ärgernis haben mit dem bischöflichen Vogt und seinen Leuten im Schloß. Ich ging mit ihr. Sie führte mich in ihre Waldhütte – dieselbe, die ich noch bewohne. Ich verfiel in eine schwere Krankheit. Die alte Frau aber rettete mich durch ihre Kunst daraus. Denn sie war vieler Geheimnisse der Natur kundig, wie sie in Wurzeln und Kräutern, Rinden und Knospen ruhen. Das alles hat die gute und kluge Frau mich später gelehrt, als es gewiß war, daß ich zeitlebens bei ihr bliebe. Denn sie gewann mich lieb und mehr noch das Kind, das ich mit ihrem Beistand zur Welt brachte und trotz seiner Schwächlichkeit in der ersten Jugend großzog.« »Das Kind –!« rief Herr Ludwig vorgebeugt. Er hatte die Fingerspitzen auf die Stirn gelegt und vergrub sie unter dem krausen Haar. »Das Kind –! Ich sah da im Turm ein junges Mädchen neben Euch stehen. Das könnte ... O sagt mir! ist das Mädchen Euer Kind?« Frau Regina senkte die Augen. Ihre Wange überflog eine leichte Röte. »Mein Kind«, sagte sie, »und ...« »Gott – Gott!« preßte es sich ihm aus der beengten Brust. Er trat mit eiligen Schritten auf Frau Regina zu, legte die Hände auf ihre Schultern und zog sie an sich. »Um dieses Kindes willen müßt Ihr mir alles verzeihen – alles! Ich darf es vor den Menschen nicht anerkennen als das meine, aber meinem Herzen gehört es ganz. Es ist des Himmels wunderbare Fügung, daß dieses Kind mir erhalten bleiben sollte zu meines Alters Freude. Paula, teuerste Paula – gönnt mir die Wohltat, meinem Kinde nur ein einzigesmal Aug' in Auge sehen zu können!« Sie erschrak. »Ursula darf nicht erfahren –« »Gewiß nicht«, fiel er ein. »Vertraut mir, daß ich mein Gefühl in Schranken halte. Kein unbedachtes Wort, kein Blick soll verraten...« »Nein, nein! Laßt uns gehen und in der Verborgenheit bleiben, die uns allein das Leben erträglich macht. Löschet diese Stunde in Eurem Gedächtnis aus. Daß wird Euch gelingen, wenn Ihr Ursula nicht seht.« »Ursula –! Ursula heißt sie. Ursula...« Es war, als ob er den Namen nicht oft genug wiederholen konnte. Er betrachtete dabei die heißgeliebte Frau mit so innigen Blicken, daß sie die Augen niederschlug und verwirrt das Gesicht abwendete. »Ich fordere mein Recht. Paula.« »Und Ihr habt die Macht, es Euch zu nehmen«, antwortete sie schon halb willig. »Nein, ich bitte nur flehentlich –« »So sei es denn! Auch dies wird zum Unheil ausschlagen, ich weiß es. Aber ich widersetze mich nicht.« Sie öffnete die Tür und rief Ursula hinein. Sie wollte ihr sagen, daß der Herr Hochmeister die Gnade haben wollte, mit ihr ein freundliches Wort zu sprechen. Aber Ursula hörte nicht auf sie, eilte sogleich auf den hohen Herrn zu, fiel vor ihm nieder und umfaßte seine Knie. »Ach, gnädigster Herr!« rief sie, »rettet meine Mutter, die von schlechten Menschen verleumdet und verfolgt wird. Sie ist so herzensgut und so unschuldig und meine Mutter! Was soll aus mir werden, wenn Ihr sie gefangen haltet?« Ludwig von Erlichshausen beugte sich zu ihr hinab, hob sie auf und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Sein Auge war feucht. »Steh auf, mein liebes Kind«, sagte er mit weicher Stimme, »und fürchte dich nicht. Bei der Jungfrau Maria und ihren Schmerzen, deiner Mutter soll kein Leid geschehen. Dessen man sie bei mir anklagt, ist sie nicht schuldig. Ich habe sie geprüft und rein befunden. Dafür will ich selbst Zeugnis ablegen.« Ursula war nicht wenig überrascht durch diesen freundlichen Empfang. Ganz sprachlos vor Staunen stand sie da und betupfte mit den Fingerspitzen ihre Stirn, die von den Lippen des gefürchteten, jetzt so gütig blickenden Mannes berührt war. Der Hochmeister Deutschen Ordens, der Fürst des Landes stand vor ihr und war so liebevoll bemüht, sie zu beruhigen. Wie sollte sie das fassen? Und sein Wort war gewiß ehrlich. Eine Weile blickte sie ihn mit großen Augen an, wie gebannt. Dann wendete sie sich mit rascher Bewegung zu ihrer Mutter, fiel ihr um den Hals und schluchzte laut. Frau Regina streichelte ihr lockiges Haar. »Danke Seiner Gnade«, sagte sie bewegt, »daß alle Gefahr von uns genommen ist und wir ungekränkt in unser Waldhaus zurückkehren dürfen.« Nun machte Ursula sich von ihr los, trat mit gefalteten Händen, sie vor dem Gesicht hochhaltend, auf ihn zu und sagte: »Dank, Dank Euch, gnädigster Herr, wie einem guten Engel, den Gott den Menschen in der Not schickt. Und Ihr seid auch gewiß ein guter Engel. Mir ist's, als ob von Eurem Haupte ein Schein ausgeht, wie auf den Bildern der Heiligen. Ihr mögt es nicht wahr haben wollen – aber meine Augen sehen ihn gewiß.« Er stand mit dem Rücken gegen das Fenster, und sein rotblondes krauses Haar erschien rund um den Kopf licht. Er bekreuzte sich über der Brust. »Ich bin ein sündhafter Mensch, mein Kind, aber deine Frömmigkeit mag Gott lohnen.« Er wendete sie an den Schultern sanft gegen die Sonne, die schräg von oben her seitwärts am Vorhang vorbei glänzende Streifen in das hochgewölbte Gemach sendete, und führte sie in deren Bereich. »Nun bist du von einer Glorie umflossen«, sagte er, entzückt von ihrer Schönheit. »Seht nur, Frau, seht, wie hold das Kind ist.« Frau Regina blickte ängstlich auf. »Nicht so – nicht so«, bat sie. Bei diesem Wechsel der Stellung war ihr die Ähnlichkeit zwischen beiden erst recht aufgefallen. Ursula selbst müsse sich in ihm wiedererkennen, fürchtete sie. Er aber schien sich von dem Anblick gar nicht losreißen zu können. »Wisset«, sagte er, da Ursula sich scheu umschaute, »daß ich Eure Mutter heut' nicht zum erstenmal sehe. Vor vielen Jahren, ehe sie die Waldeinsamkeit suchte, war ich ihr ein vertrauter Freund. Ich glaubte sie gestorben. Erkennet daraus meine Freude, die treffliche und verehrte Frau so unvermutet wiederzufinden und ein liebes Kind an ihrer Seite zu sehen. Wahrlich, meine Augen werden feucht. Wenn ich in eurem Anschauen zurückträume in jene Zeit.« Ursula küßte wieder und wieder seine Hand, die er ihr entgegenhielt. Es schien ihm wohlzutun. »Ich begreife das alles nicht, mein gnädigster Herr«, sagte sie leise und ein wenig zögernd. »Meine Mutter war so in Furcht vor Euch, und nun seid Ihr ganz Gütigkeit und Huld. Aber ich will nicht fragen, weshalb sie vor Eurer Strenge zitterte, und nur Gott danken, daß er so gnädig unsere Trübsal durch Euch wendet. Ihr seid der Mächtigste im Lande und werdet gewiß nicht zulassen, daß man uns weiter verfolgt. Geschieht's aber doch, gnädigster Herr, so weiß ich jetzt, wo ich den Schirmvogt der Armen finde, und eile mit meiner Klage zu Euch. Die Mutter soll mich nicht zurückhalten.« Frau Regina winkte sie zu sich. »Komm nun, Kind«, sagte sie, »der Herr Hochmeister entläßt uns in Gnaden.« »Ja, geht mit Gott«, bestätigte er, wehmütig mit dem Kopf nickend. Er zog den Ring mit blitzendem Stein vom kleinen Finger der linken Hand und gab ihn Ursula. »Wenn Ihr zu mir kommt nach der Marienburg oder wo ich mich sonst aufhalte, könnt' es sein, daß man Euch nicht vor mich lassen will. Dann schickt mir diesen Ring, er wird Euch alle Türen öffnen. Bewahret ihn zu meinem Andenken. Ich hoffe, wir sehen einander wieder, auch ohne daß die Not Euch zu mir treibt. Ihr aber, Frau ... lebt wohl und erschwert mir's nicht. Ihr sollt noch weiter von mir hören.« Er wendete das Gesicht der Fensternische zu und winkte ihnen mit der Hand zu gehen. Als die Tür ins Schloß gefallen war, sank er in die Knie und sprach leise murmelnd ein Vaterunser. »Und vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern«, wiederholte er zweimal. Dann ließ er den Großkomtur rufen und sagte zu ihm: »Wir nehmen des Herrn Bischofs Bürgschaft an, daß die Frau ganz unschuldig ist. Man soll ihren Frieden nicht stören. Ich habe sie fromm und gottesfürchtig befunden.« Nach einer Stunde verabschiedete er sich von dem Prälaten. Er legte ein Beutelchen mit Goldstücken in seine Hand. »Für die Kranken der Waldfrau, wenn sie arme Leute sind«, raunte er ihm zu. »Sie selbst wird kein Geschenk annehmen!« Dreizehntes Kapitel Die Tochter Von dieser Zeit war der Hochmeister in sehr unruhiger Stimmung. Seine Umgebung glaubte sie auf die Sorgen schieben zu müssen, die das Gemüt des Herrschers beschwerten, da jeder Tag neue Verdrießlichkeiten brachte. Er hätte sie nach seiner ganzen Art leichteren Sinnes abgewehrt, wenn sein Herz nicht bekümmert gewesen wäre. Bekümmert und doch auch voll freudiger Erregung. Oft klagte er wohl, daß er mit dem Hochmeisteramt eine zu große Last auf seine schwachen Schultern genommen habe, und ließ den Großkomtur schalten und walten, wie er wollte; dann wieder zeigte er sich empfindlich, wenn etwas ohne seine Befragung in die Wege geleitet war, änderte, verwirrte den Geschäftsgang, zog die geringste Sache an sich und meinte sich so als den Herrn zu beweisen, der sein Ansehen im Orden wahre. Was ihn drückte, war doch etwas ganz anderes, und davon erfuhr niemand von seinen Ratgebern das mindeste. Eine Tote war ihm auferstanden und wandelte nun früh und spät vor seinen Augen. Die Frau, die er einst mit dem jugendlichen Ungestüm seines leidenschaftlich erregten Herzens geliebt hatte wie kein anderes Weib, Paula lebte. Mehr noch, viel mehr! Sie hatte ihm eine Tochter geboren – ihm! Ursula war sein Kind. Ein Kind der Sünde, aber sein Kind! Nun weilten seine Gedanken immer bei dieser Frau und bei diesem Kinde. Wenn er sein Leben überschaute, hatte er doch nur einmal volles Menschenglück genossen – in den Armen dieser Frau. Wie konnte er das vergessen, da nun die Gegenwart ihn so lebendig an das Vergangene mahnte. Er liebte Ursula in ihrer Mutter, und mit einem viel reineren, heiligeren Gefühl. Was auch geschehen war, dieses Kind hatte es nicht zu verantworten. Ihm aber hatte das Geschick die Pflicht einer holden Sorge auferlegt. Was Paula seinetwegen erduldete, konnte er nicht von ihr nehmen. Sie mußte in der Verborgenheit bleiben; alle seine fürstliche Herrlichkeit konnte ihr nichts geben, was ihr Los verbesserte. Er hatte sie wiedergesehen, um nochmals vor ihr für alle Zeit Abschied zu nehmen. Aber ihr Kind–! Was konnte ihn nötigen, sich dieses unschuldige Wesen fernzuhalten, von dem niemand ahnte, wie nahe es ihm stand. Ursula durfte nie erfahren, wer er ihr sei. Gewiß nicht! Nur hinderte diese Pflicht der Verschwiegenheit ihn nicht, ihr als ein Freund alles das Gute zuzuwenden, dessen er mächtig war. Und hätte er für dieses junge, schöne Geschöpf nichts tun können, das so grausam von der Welt ausgeschlossen war, ehe es deren Freuden noch gekostet hatte? Wie traurig der Waldaufenthalt den langen, langen Winter hindurch? Ohne den Umgang mit Menschen, deren Gespräch erfreuen und anregen konnte! Immer allein in der Gesellschaft einer schwergestimmten, allem Lebensgenuß abholden Frau! Sollte die Knospe dort verkümmern, noch ehe sie sich entfaltete? Mußte er's am Ende gar geschehen lassen, daß irgendein Unwürdiger sich zudrängte und in seinen Besitz nahm, was er nicht Kaisern und Königen gönnte? So müßig durfte er sich nicht verhalten. Und was hinderte ihn denn, sich selbst zu bereichern? Freilich konnte er Ursula nicht zu sich nehmen, um sich immer ihres Anblicks, des holden Klanges ihrer Stimme zu erlaben. Aber in seine Nähe durfte er sie ziehen, einem Freunde anvertrauen, sie von Zeit zu Zeit bei ihm besuchen. Er konnte ihr schöne Kleider anschaffen und das Gürteltäschchen mit Goldstücken füllen. Er konnte sie in die Kreise der Gesellschaft einführen lassen, in die sie durch ihre Mutter gehörte, sie mochte es wissen oder nicht. Er konnte ihr Gelegenheit geben, sich die Neigung eines vornehmen jungen Mannes zu erwerben, und sie dann für eine Heirat reich ausstatten. Es brauchte nicht einmal Geheimnis zu bleiben, daß er der Wohltäter sei. Oft genug ereignete es sich, daß ein Gebietiger die Sorge für Verwandte übernahm, sie ins Land kommen ließ und in Pflege gab. Ursula war ganz unbekannt. Er hätte sie nach Thorn führen können, und selbst Tileman vom Wege würde nicht geahnt haben, welches Verhältnis sich da neu anknüpfte. Er gefährdete die Sicherheit der Mutter nicht. Sich selbst aber brachte er eine Lebensfreude zu, die ihn für alle die Widerwärtigkeiten des Amtes reich entschädigen, allezeit seinen gesunkenen Mut heben konnte. Er brauchte solche Erquickung. Mit diesen Erwägungen hin und her füllte der Hochmeister seine freien Stunden und oft genug auch seine Geschäftszeit, so daß er dann denen, die mit ihm verhandelten, zerstreut erschien. Hans von Baisen, der immer noch auf eine Versöhnung des Ordens mit dem Lande hoffte und von den Eidechsenrittern gedrängt wurde, feste Stellung zu nehmen, kam wiederholt von seinem Gute Heselecht nach der Marienburg, um ihn und seine Gebietiger zur Nachgiebigkeit in allen billigen Dingen zu mahnen, da nun, wenn auch kein Friede, so doch gleichsam ein Waffenstillstand geschlossen sei, der von beiden Teilen zum völligen Ausgleich benutzt werden müßte. Er nahm den Eindruck mit, daß Ludwig von Erlichshausen sich des Ernstes der Sache keineswegs ausreichend bewußt sei und einen festen Willen gegenüber den eigentlichen Machthabern in der Brüderschaft nicht einzusetzen habe, sich treiben lasse und kaum auch nur aufmerksam auf seine gutgemeinten Vorstellungen und Ratschläge achte. So höflich man ihn behandelte, so wenig aufrichtiges Vertrauen schenkte man ihm doch. Richtenberg gab sich den Anschein, daß man den Bund gar nicht mehr zu fürchten habe, nachdem sich das Land auf lose Versprechungen hin zur Huldigung verstanden. Der Wolf sei an die Kette gelegt und möge heulen; das schrecke niemand, übers Jahr werde er ganz zahm geworden sein. Zu fürchten habe man nur die unsicheren Wächter, die der gelobten Treue allzu leicht vergäßen. Baisen verstand ihn wohl. Er meinte aber, seiner Pflicht als des Hochmeisters geschworener Rat ledig zu sein, wenn man ihn zur Seite schob. Die Bemühungen, Mitglieder des Bundes unter der Hand durch Schmeichelei und Drohung zum Austritt zu bestimmen, hatten doch geringen Fortgang. Nur einige Herren aus dem Oberlande verstanden sich dazu; sie hatten auch ohne Bedingung huldigen wollen. Aber die kleinen Städte blieben fest, außer den dreien, die schon vorher abgefallen waren und dieserhalb viel Spott und Verdruß erfuhren. Bartholomäus Blume wurde öfters aufs Schloß gefordert und ausgefragt, wie man nachdrücklicher gegen sie verfahren könne. Er warnte aber dringend vor jeder Gewalttat und mahnte, der Zeit ihr Recht zu lassen. »Es kann dem Orden wenig nützen, gezwungene Freunde zu haben«, sagte er. »Begnügt Euch vorläufig mit denen, die Euch mit treuem Herzen anhängen jeder Fährlichkeit zum Trotz. Mir ahnt, daß bald der Tag kommen wird, an dem auch die Blinden sehen, wohin man sie führen will. Dann nützt es, sie an die Hand zu nehmen. Habt Geduld!« Bei solchen Gelegenheiten sah ihn wohl auch der Hochmeister. Er kannte ihn schon von der Zeit her, als er Kumpan des Hochmeisters Paul von Rußdorf war, und schätzte ihn hoch wegen seiner persönlichen Ehrenhaftigkeit und treuen Anhänglichkeit an den Orden. Er hatte erfahren, daß durch seine Vermittlung die Waldfrau dem kranken Vetter zugeführt sei, und glaubte ihn deshalb auch jetzt ins Vertrauen ziehen zu können. Eines Tages nach Erledigung der Geschäfte nahm er ihn in sein Gemach, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Lieber Getreuer, es liegt mir etwas schwer auf dem Herzen, das wohl mit Eurer Hilfe abgewälzt werden könnte. Es geht nicht den Orden und nicht das Land an, sondern mich allein. Wollet freundlich zusehen, ob Ihr mir einen Dienst leisten möget, den nur Gott lohnen kann. Eurer Verschwiegenheit glaub' ich auf alle Fälle sicher zu sein.« »Das seid Ihr, gnädigster Herr«, antwortete der Bürgermeister, die Hand auf die Brust legend. »Sprecht ohne Scheu und seid auch dessen gewiß, daß ich helfe, wie ich vermag.« Herr Ludwig bot ihm einen Sessel und setzte sich ihm gegenüber auf das Wandpolster. »Wisset denn«, begann er, »daß bei den Ärzten des verstorbenen Hochmeisters viel Unzufriedenheit daraus entstanden war, daß man eine Waldfrau zu ihm gelassen hatte, zu deren Heilkunst man sich großen Trostes versah. Sie nannten sie eine Hexe und brachten es durch ihre Klagen bei den Gebietigern dahin, daß ich eine Untersuchung zusagte, ob sie dem Kranken durch einen Trank von merklich scharfem Geruch Schaden zugefügt nicht nur am Leibe, sondern auch an der Seele, da er die letzte Ölung in bewußtlosem Zustand empfing.« Blume wurde unruhig. »Was da geschehen, gnädigster Herr«, sagte er, »ist auf keines geringeren Geheiß geschehen als des hochwürdigsten Herrn Bischofs Franziskus von Ermland, und hoffe ich wohl entschuldigt zu sein, wenn ich dessen Wort traute, daß es nichts Unrechtes sei. Ich leugne nicht, daß ich auf seine Bitte meinen Sohn nach der Waldfrau abgeschickt habe.« »Es war gewißlich nichts Unrechtes«, versicherte der Hochmeister. »Aber Euch ist bekannt, daß sich jetzt überall in deutschen Landen ein großes Geschrei gegen die Hexen anzuheben beginnt, die man des Bündnisses mit dem Teufel bezichtigt. Mag mir Gott verzeihen, wenn ich solches Bündnis für Aberglauben erachte; auch unterwerfe ich mich der Kirche Meinung. Daran ist aber kein Zweifel, daß in diesem Falle der ungerechteste Verdacht ausgesprochen worden. Ich weiß nicht, wie traurig es trotzdem der armen Frau ergangen wäre, wenn ich nicht dem Verhör selbst beigewohnt und die Gefahr abgewendet hätte. Erfahret denn, was bisher niemand erfahren hat und niemand außer Euch erfahren soll: Die Waldfrau ist mir von alter Zeit her wohlbekannt. Damals führte sie ein gar vornehmes Hauswesen und war hoch angesehen im Kreise der Angesehensten. Dann traf sie ein widriges Geschick, daß sie mit der Welt verfiel und sich in die Einsamkeit der Wildnis zurückzog, den Menschen für tot geltend. Auch mir, der ich sie hoch verehrt hatte! Ermesset nun meine Verwunderung, da ich sie unvermutet so wiederfand.« »Marcus hat sich also nicht getäuscht«, sagte der Bürgermeister, erfreut über diese Wendung. »Wie er die Frau schildert, erklärt sich ihre Hoheit aus solcher Vergangenheit. Ich selbst sah sie nicht. Nur ihre Tochter –« »Ja, ihre Tochter«, fiel Herr Ludwig erregt ein. »Sie hat eine Tochter – und dieses Kindes wegen ist es eben geschehen, daß sie die Einsamkeit suchte. Was sie geheimhält, darf ich vor Euch nicht ans Licht ziehen. Mag es Euch genügen zu wissen, daß mir dieses Kind – der Mutter wegen – sehr am Herzen liegt. Es dauert mich, daß ein so junges Ding, dem die Natur leibliche und geistige Gaben in Fülle verliehen, die besten Jahre des Lebens in einer einsamen Waldhütte verbringen soll, von niemand gesehen, als von den Kohlenbrennern und Beutnern des Reviers oder von den Kranken, die der Waldfrau Beistand in ihren Nöten anrufen. Gern wollte ich mich des lieben Kindes annehmen und ihm eine Erziehung geben, wie sie sich für solcher Mutter Tochter schickt, gern ein ansehnliches Jahrgeld aussetzen zu Pflege und Kleidung und zu Ersparnissen für die Zukunft. Aber mehr als dem gemeinsten Mann sind mir die Hände gebunden, daß ich nur heimlich solche Wohltat üben und mich derselben erfreuen kann. Finde ich keinen vertrauten Freund, der mir hilfreiche Hand leiht, so ist all meine Sorge umsonst. Ich kenne aber nur einen, an den ich mich mit solcher Bitte wenden möchte – und der seid Ihr.« Blume merkte nun wohl, worauf des Hochmeisters Werbung zielte. Er war sehr bedenklich geworden, ließ sich rasch durch den Kopf gehen, was etwa von ihm gefordert werden und was er leisten könne, saß mit gekniffenen Lippen da und sagte endlich, da der hohe Herr schon Zeichen von Ungeduld gab: »Ich bin Eurer Gnade gar sehr dankbar, daß Ihr mich solchen Vertrauens würdigt, und tat Euch auch gern vieles zuliebe, das ich einem andern weigerte. Ob ich Euch aber in diesem Fall nach Wunsch raten und taten kann ... Lasset hören, gnädigster Herr, was Euer Begehr ist, und zürnet mir nicht, wenn ich Euch darauf eine Antwort gebe, wie ich sie nach den Umständen zu geben vermag.« Der Hochmeister faßte seine Hand und sah ihm mit einem brennenden Blick in die gutmütigen blauen Augen. »Es gibt nur eins, was hier helfen kann«, entgegnete er, »darüber bleibt mir kein Zweifel. Weigert Ihr mir das, so wüßte ich Eures Rates kaum zu gebrauchen, wie sehr ich ihn zu anderer Zeit schätze. Gebt Ihr aber in diesem einen freundlich nach, so will ich daraus erkennen, daß Ihr mir wahrhaft ein Freund seid, und Euch zeitlebens dankbar bleiben. Nehmt Ursula in Euer Haus!« Die Hand Blumes zuckte unter der seinigen. Es war ausgesprochen, was er erwarten mußte und doch nicht ohne Beklemmung hören konnte. Er suchte einen Abweg. »Gnädigster Herr«, sagte er, »bedenket wohl, was Ihr tut, daß es Euch nicht hintennach gereue. Ist es wirklich eine Wohltat, die Ihr dem Kinde erweist, wenn Ihr's der Mutter entfremdet, der es am Herzen hängt? Ihr selbst seid der Meinung, daß die Frau durch ihr widriges Geschick genötigt ist, in ihrer Waldhütte zu bleiben und sich vor der Welt verborgen zu halten. Dieses Kind ist ihre einzige Freude. Wollet Ihr sie um die bringen? Wie möget Ihr erwarten, daß sie einwilligt, sich von ihrem Kinde zu trennen, damit es bei fremden Leuten untergebracht werde. Und wenn sie nachgibt – wird nicht Ursula sich weigern, die Mutter zu verlassen, oder immerdar mit sehnsüchtigen Gedanken zu ihr zurück verlangen. Was könnte ihr mein Haus bieten, daß sie vergäße, wo ihre Heimat ist?« Ludwig von Erlichshausen schüttelte den Kopf. »Ihr mißversteht mich«, antwortete er. »Es ist wahrlich meine Absicht nicht, Mutter und Tochter voneinander zu reißen und für immer zu trennen. Wie könnt' ich beiden das antun, da ich doch auf ihr Wohl denke? Nein, lieber Getreuer! Es ist nur mein Wunsch, daß Ursula vorerst einen Winter hier in der Stadt Marienburg, in meinem Schutz und gleichsam unter meinen Augen, als Gast eines befreundeten Hauses zubringe, dann aber wieder zur Mutter zurückkehre. Ich habe guten Grund zu glauben, daß Frau Regina einsichtig handeln, meinen Rat annehmen und zum Besten des geliebten Kindes solche kurze Unterbrechung des Beisammenseins bewilligen wird. Ursula aber ist jung und lebenslustig. Es wird ihr gar lockend erscheinen, einmal die Stadt mit dem Walde zu tauschen, der ihr ja doch bleibt, wenn er am schönsten ist. Sie war schon bei Euch, wenn auch nur einen Tag, kommt ja nicht zu Fremden. Und wenn Ihr sie meinetwegen haltet wie ein Hauskind, wird ihr auch wohl bei Euch werden. Eure Tochter ist in ihrem Alter. Ihre Gespielinnen werden sie gern in die Mitte nehmen. Euer Sohn führt ihnen muntere Gesellen zu, mit denen sie sich an den langen Abenden bei Spiel und Tanz vergnügen. Kommt fahrendes Volk aufs Schloß, so gibt's auch für die Städter etwas zu schauen. Die Jahrmärkte bringen buntes Leben; da regen sich die Wünsche, dies und das zu besitzen, was an schönen Kleiderstoffen, Goldstickerei und Schmuck in den Buden ausgelegt ist. Zu den Tagfahrten bringt mancher vom Landadel seine jungen Söhne und Töchter mit, sie hier zu vergnügen, und auf dem Rathause gibt's dann ein Fest. Für einen Lehrer in literis et musicis will ich selbst sorgen. Unter den Priesterbrüdern im Schloß ist einer, der in Italien war, viel Wissenswertes in sich aufgenommen hat und auch die freien Künste der Musik und des Gesanges meisterlich betreibt. Den sende ich dem jungen Fräulein wöchentlich zwei- oder dreimal. Da müßt's wunderlich zugehen, wenn Eurem Gast die Langeweile beschleichen oder die Sehnsucht nach dem eingeschneiten Walde grämlich stimmen sollte. Nein, nein! Mein Vorschlag ist nicht so unüberlegt. Steht mir nur bei, daß er ausgeführt werden kann!« Er hatte mit steigender Wärme und zuletzt in ganz heiterem Ton gesprochen, als ob ihn selbst die Weltlust anwandelte. Die oft so müden Augen öffneten sich weit und glänzten lebhaft; die Falten auf der Stirn waren wie ausgelöscht. Er hielt Blume die Hand hin und rief fröhlich: »Schlagt ein, Lieber, und gestattet dann auch, daß ich mich von Zeit zu Zeit einmal bei Euch einlade, mein Mündel zu besuchen. Es wird meine Trübsal sänftigen und meinen Lebensmut erfrischen.« Der Bürgermeister legte zwar die Fingerspitzen auf die dargebotene Hand, zog sie aber gleich wieder zurück. »Eure Gnade darf mich nicht übereilen«, erwiderte er bedächtig, aber doch nicht unfreundlich und bald sogar mit einem schalkhaften Lächeln. »Ihr sprecht, was ja auch Eure Ritterschaft mit sich bringt, wie ein Mann, der nicht weiß und beachtet, was im Hause die Frau zu bedeuten hat. In die Amtsgeschäfte darf mir die meine nicht hineinreden und ist auch klug genug, von selbst zu wissen, was ihr ziemt. Aber ob ich mir ein fremdes Fräulein ins Haus nehme und als Pflegekind halte ... ja, gnädigster Herr, da hat sie doch ein Wort mitzusprechen. Und nicht nur ein Wort mitzusprechen, sondern recht eigentlich allein die Bestimmung zu treffen. Denn seht, so klug bin ich andererseits auch, daß ich um solcher Dinge willen keinen Zank anfange, die doch nur bei friedlichem Einverständnis gedeihen können. Darum erlaubt, daß ich vorerst mit der Bürgermeisterin spreche. So still sie im Hause waltet, sie hat da doch das Regiment.« Herr Ludwig zog die Lippe zwischen die Zähne, aber mehr um sich das Lachen zu verbeißen, als aus Ärger über diesen Widerspruch. »Dagegen kann ich nichts einwenden«, sagte er. »Befragt die Bürgermeisterin und empfehlt mich ihrer Geneigtheit. Ich zweifle nicht, daß die gute Frau zustimmt, wenn Ihr meine Sache willig und gut bei ihr führt. Versprecht Ihr mir das?« »Das versprech ich ohne Hinterhalt«, antwortete Blume, sich erhebend. »Ich will mir's überlegen, wie ich ihr's am geschicktesten beibringe, daß sie nicht gleich zu Anfang scheu wird. Denn bei den Weibern kommt's meisthin auf den ersten Eindruck an. Ist der ungünstig, so mögen hinterher leicht die besten Gründe verschwendet sein. Zum Glück hab ich diesmal gute Bundesgenossen: den Kindern kann ich nicht größere Freude bereiten als durch diesen Gast.« Der Hochmeister dankte und entließ ihn, sehr erleichtert durch diesen Ausgang des Gesprächs, von dessen Nachwirkung er sich guten Erfolg versprach. Nicht ebenso befriedigt fühlte sich Bartholomäus Blume. Was er soeben erfahren hatte, reichte nicht aus, ihm vollständige Einsicht in die Sachlage zu geben. Offenbar hielt der Hochmeister mit seiner Eröffnung so weit als irgend möglich zurück. Wie sich ihm der Fall darstellte, mußte ihm dessen Verhältnis zu der geheimnisvollen Waldfrau durchaus rätselhaft erscheinen. Sie selbst wurde ihm noch unverständlicher. In welcher Beziehung hätte der Deutschordensritter zu ihr stehen können? Wo waren diese Beziehungen angeknüpft worden? Was war geschehen, daß eine Frau vornehmen Standes sich in die Wildnis flüchtete? Dazu mit einem jungen Kinde! Gewisse Vermutungen ließen sich kaum abweisen. Sie durften nur nicht ausgesprochen werden. Und sie konnten auch irrig sein. Was wär's ihn sonst angegangen? Aber daß nun sein Haus... Wer konnte wissen, was die Zeit enthüllte, wenn doch einmal am Schleier des Geheimnisses gezupft wurde? Und daß Frau Christine daran zupfen werde, war ihm gewiß. Nicht aus Neugierde – sicher nicht. Aber sie hatte die Dinge, mit denen sie zu tun haben sollte, allemal gern hübsch durchsichtig und machte sich, wenn die Reime nicht stimmen wollten, einen Vers auf eigene Hand: So ist's, und davon bringt mich niemand ab. Wie würde sie sich hier die Tatsachen zurechtlegen, um zu einem Urteil zu gelangen? Er glaubte es im voraus zu wissen und meinte ihr nicht einmal Unrecht geben zu können. Langsam schritt er durch die Marktstraße seinem Hause zu, den Kopf etwas vorgebeugt und gesenkt, so daß ihm das lange Haar einen Teil des Gesichts verschattete und von seitwärts gesehen nur die starke Nase achtunggebietend vortrat. Die wenigen Bürger, die sich auf der Straße oder unter den Lauben zeigten, grüßten respektvoll das Haupt der Stadt, ohne darauf zu rechnen, bemerkt zu werden. Die Stadt war um diese Zeit fast menschenleer. Es ging gegen den Herbst, und jeder, der draußen ein Stück Acker eigentümlich besah oder vom Gemeindelande zugeteilt erhalten hatte, sorgte rechtzeitig für die Feldbestellung. Auch die Handwerker waren jetzt nicht bei ihrer gewöhnlichen Arbeit. Jeder Hausbesitzer hatte seine Scheuer vor dem Tor und war mit dem Einbringen der Heu- und Gemüseernte oder mit dem Ausdrusch des Getreides beschäftigt. Erst spät, wenn der Stadthirte das Vieh einbrachte, wurde Feierabend gemacht. Bartholomäus Blume wußte, daß er auch seine Frau und Kinder nicht zu Hause treffen würde. Ihm gehörte ein Gütchen in der Nähe der Stadt, seinem Vorfahr verliehen, der einst ihr Mitbegründer gewesen war. Es befand sich darauf ein einfaches Landhaus mit Brettergiebel und Vordach, aber von alten, schattigen Linden überragt, die weithin sichtbar waren. Dort wohnte er mit seiner Familie im Sommer, so freilich, daß er selbst sich meist den halben Tag in der Stadt aufhielt, um seinen kaufmännischen und Amtsgeschäften obzuliegen, öfters auch bei starkem Schiffsverkehr auf der Nogat eine Woche ausblieb und sich mit den Diensten einer alten Magd begnügte. War das Wetter gut, so ging er zu Fuß hinaus, am liebsten entlang dem hohen Ufer des Flusses, von dem er eine weite Überschau auf Wasser und Land hatte. Vierzehntes Kapitel Der Sohn Auch heute beendete der Bürgermeister erst sorgfältig alle seine städtischen Geschäfte, bevor er sich auf den Weg machte, sorgfältiger vielleicht noch als sonst – nicht der geringste Rest blieb zurück. Es war eine gute Stunde vor Sonnenuntergang, die Luft warm, der ganze Himmel wolkenlos und im Westen gegen den Horizont hinab von gelbem Dunst überlagert. Er hatte bald die Vorstadt im Rücken. Den Strom hinunter glitten lange Fahrzeuge, tief beladen. Schlaff hingen die großen Segel an den hohen Masten; die Schiffer halfen mit Stangen nach, die überall bald Grund fanden, denn das Wasser war zu dieser Jahreszeit flach, hielten auch von den Sandbänken ab, die mitten im Fluß sichtbar wurden. Stromauf wurden die Kähne getreidelt, trotz des jetzt schwachen Gefälles immer noch eine mühsame Arbeit. Eine Mehrzahl lag schon zur Nacht am Anker fest; zwischen den Weiden unten am Ufer brannten die Feuer, an denen das Abendessen bereitet wurde. Von den Feldern wurden die letzten Wagen abgefahren. Die Knechte auf den Sattelpferden knallten mit den Peitschen, und die Mägde oben auf dem Heu hatten bunte Tücher an ihre Harken gebunden und sie wie Fähnlein aufgerichtet, lachten und sangen. Die nimmermüden Lerchen trillerten hoch in der Luft über dem Wanderer. Es war ein Bild des Friedens, und so nahm es auch Bartholomäus Blume in seine Seele auf. Wie anders hatte er's schon geschaut! Vor vierzig Jahren, als er noch ein Knabe war ... Da lagerten die Polen und Litauer nach der unglücklichen Tannenberger Schlacht unter König Jagello und Großfürst Witowd hier, hatten die Felder verheert, die Bäume niedergeschlagen, die Höfe abgebrannt. Die Bürger mußten Feuer in die eigene Stadt weisen, die nicht mit Erfolg verteidigt werden konnte, flüchteten mit ihrer fahrenden Habe in die Vorburg, die Heinrich von Plauen ihnen öffnete. Des traurigen Tages konnte er nie vergessen, da er mit seinen Eltern dort einzog, ein Bündel mit Kleidern auf dem Rücken, eine Kuh am Strick führend, und die armen Leute sich durch das enge Tor zwängten, als wäre der Feind schon hinter ihnen, daß er fast erdrückt wurde und doch die Kuh nicht zurücklassen wollte. Schrecklich hatte er hungern müssen während der langen Belagerung. Und als man dann in die Stadt zurückkehrte und auf der großen Brandstätte die Stelle suchte, wo das Haus gestanden ... noch jetzt kamen ihm im Andenken daran die Tränen in die Augen. Das war nicht der letzte Krieg gewesen. Wiederholt noch hatten die Polen bei ihren Einfällen das Land verwüstet und zu drohen hatten sie niemals aufgehört. Das Weichselland, das ihnen die See öffnete, schien ihnen ein lockender Besitz. Sollte nochmals darum gekämpft werden müssen? Und bei solcher Uneinigkeit im Lande, bei solcher Zwietracht zwischen der Herrschaft und den Untertanen, was konnte diesmal der Ausgang sein? Polen unterworfen zu werden – nichts Schreckhafteres konnte sich Blume vorstellen. Für ihn gab es nur eine mögliche Rettung aus dieser Gefahr: die Stärkung des Deutschen Ordens. Nur so lange der mächtig bestand, war der Friede gesichert. Darum hatte er Hohn und Spott nicht geachtet, als er vom Bunde trat, ein gutes Beispiel des Vertrauens zu geben. Noch verzagte er nicht, daß treue Männer ihm folgen würden. Aber auch wenn er mit wenigen allein bleiben müßte, meinte er seine Pflicht getan zu haben. Mit solchen Gedanken näherte er sich auf dem Fußstege den Linden. Hinter dem Hause zog sich ein Garten in langem Streifen bis zur halben Höhe des Ufers hinab. Er war von ihm selbst mit Obstbäumen bepflanzt, die jetzt längst schon herrliche Flüchte trugen. An einer geschützten Stelle reifte in manchem Herbst sogar der Wein. Den Zaun entlang erhob sich eine Reihe von Stangen, um die sich der Hopfen rankte. Der Bürgermeister trat durch das Wasserpförtchen ein, so genannt, weil es dem Fluß zunächst lag und von den wassertragenden Mägden benutzt wurde, stieg auf der durch abgepflöckte Brettchen gebildeten Treppe das terrassierte Ufer hinan und näherte sich an der Hopfenwand entlang dem Hause, manchen freundlichen Blick auf die langen Gemüsebeete und die mit Obst gefüllten Körbe werfend, die noch nicht in die Vorratskammer getragen waren. Da sah man, eine wie reiche Ernte dieses Jahr gegeben hatte. Auch für Preußen ein Jubeljahr! Nicht mehr weit vom Hause drang ihm aus einer Laube von gekappten Linden helles Lachen entgegen. Es waren mehrere Stimmen, die sich dazu vereinten. Die seines Töchterchens erkannte er an dem springenden Aufschlag. Es mußte da etwas sehr Scherzhaftes verhandelt werden. Dicht vor dem Eingange räusperte er sich auffällig, um auf sein Kommen vorzubereiten. Nun wurde es plötzlich ganz still in der Laube. Frau Christine kam ihm entgegen und sagte in höchlicher Verlegenheit: »Bist du's, lieber Mann?« Er küßte sie zur Begrüßung auf die Stirn und blickte sich in der Laube um. Da saßen auf dem einen Bänkchen im Halbdunkel Magdalene und Jost vom Wege, auf dem andern Marcus. Von dem Platz neben ihm war soeben Frau Christine aufgestanden. »Guten Abend allseits«, sagte der Bürgermeister. »Guten Abend, Junker. Ich erwartete Euch nicht hier zu finden. Aber seid willkommen.« Er reichte ihm die Hand. Jost stand auf und murmelte einige Worte, die ihm nicht verständlich waren. Auch Magdalene war aufgestanden und zu ihrer Mutter getreten. Sie legte den Kopf auf deren Schulter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Es kam ihm so vor, als ob sie sich nicht ins Gesicht sehen lassen wollte. »Was hat denn das Mädel?« fragte er. »Ach –«, antwortete Frau Christine lächelnd, »es ist ganz närrisch. Wie kann ich schweigen?« Sie nahm seinen Arm und führte ihn auf den Gang hinaus. Magdalene huschte an ihnen vorbei ins Haus hinein oder wenigstens hinter die Hecke, die den kleinen Hof abschloß. Die beiden jungen Männer blieben allein zurück. »Es hat sich etwas ereignet, Väterchen«, begann Frau Christine, nachdem sie aus dem Hörbereich der Laube gekommen zu sein meinte. Sie nannte ihn gewöhnlich »Väterchen«, wenn sie etwas an ihn zu bringen hatte, das die Kinder anging. Zumal etwas, das sich ihm einschmeicheln sollte. Denn wenn sie sein strengeres Einschreiten wünschte, so rief sie in weniger mildem Ton den »Vater« an. Er wußte das aus langer Erfahrung und konnte daher auch jetzt ungefähr bemessen, was für ihn in Aussicht stand. »Ihr seid ja sonderbar verstört«, antwortete er, »als wäre ich Euch recht ungelegen gekommen. Vorher schien's in der Laube doch recht vergnüglich zuzugehen. Der Jost –« »Ja, das ist's eben.« »Es hätte mich sonst nicht gewundert, ihn hier zu treffen. Aber seit einiger Zeit ... Du weißt, seit die Stadt Marienburg vom Bunde getreten ist, hat sich manches geändert. Herr Tileman vom Wege glaubt mir noch gütige Rücksicht zu beweisen, wenn er über mich hinwegsieht, als wäre ich Luft, und oft genug spielt's ihm um den Mund, als hätte er große Mühe, ein Spottwort zurückzuhalten. Seinen Sohn aber schickt er von Zeit zu Zeit nach Marienburg, nicht um die alte Freundschaft in Gang zu halten, sondern um auszuforschen, was hier und im Schloß geschieht. Und dazu läßt er sich gebrauchen.« »Das ist eine Beschuldigung, Väterchen –« »Ich spreche nicht ins Blaue hinein. Meine Art ist's nicht, mißtrauisch zu sein. Auch versteh ich's wohl, daß Tileman mit mir unzufrieden ist. Denn das Feuer will das Wasser ausdampfen und das Wasser möchte das Feuer löschen; so können die beiden Elemente sich nicht gut miteinander vertragen, nachdem sie einmal zu nahe aneinander gekommen. Aber um den Jost hat mir's doch leid getan, daß der so früh schon in den häßlichen Streit hineingezogen wird. Er hat auch durch sein Benehmen schon gezeigt, wohin er sich in Zukunft zu stellen gedenkt.« »Du verkennst ihn aber, Väterchen. Es mag sein, daß er eine Zeitlang allzu willig nachgegeben hat. Immer wieder zog es ihn doch zu uns zurück. Ich habe wohl gemerkt, wie es in ihm kämpfte, und eine Weile konnte ich zweifeln, welche Macht den Sieg behalten würde. Nun ist's entschieden. Magdalene –« Er warf hastig den Kopf auf. »Was ist's mit dem Mädchen?« »Mein Himmel! Da hätt' ich nicht die Mutter sein müssen ...« »Du beunruhigst mich, Christine. Sag's ohne Umschweif, was ich hören soll.« »Nun, ja – ja. Es fordert doch ein wenig Vorbereitung. Jost war schon gestern hier, wenn auch nur auf ein Stündchen, und vorgestern hat er über den Zaun geguckt, als Lenchen gerade auf dem großen Apfelbaum saß und mit einer Stange die Früchte von den obersten Ästen herunterholte, hat sie schalkhaft angerufen und nach Marcus gefragt, daß sie vor Schreck bald hinabgefallen wäre.« »Aber was ist da zu erschrecken?« »Das verstehst du nicht, Väterchen. Und kurz – heute hat er sich schon recht früh eingefunden und zur Hilfeleistung bei der Obsternte angeboten, auch ganz freundschaftlich selbst zum Mittag eingeladen. Und während ich dann im Hause zu tun hatte ... na, du kannst dir ja denken, daß ich bei solcher Gelegenheit in der Küche nötig war ... da ist's geschehen.« »Was – was?« »Du kannst dir's ja denken – die jungen Leute haben sich miteinander ausgesprochen.« Er ließ ihren Arm los und blieb stehen. »Der Jost vom Wege –« »Und Magdalene. Natürlich die beiden. Und dann haben sie mir's gestanden und viele Bitten zugefügt, daß ich's bei dir ...« Er wiegte den Kopf und kniff die Lippen ein. »Aber, das ist ja eine rechte Tollheit von dem Jungen!« »Ich hab ihn auch tüchtig ausgescholten«, versicherte Frau Blume, »daß er so voreilig gewesen und seine Werbung nicht erst ordentlich beim Vater des Mädchens angebracht, wie es sich geziemt. Aber zu ändern war's doch nicht mehr. Er sagt, das Herz sei ihm so plötzlich auf die Zunge gekommen –« »Ja, was so ein verliebter Tor sagt! Und Magdalene hat sich gleich fangen lassen?« »Sie ist ihm schon vor Jahren gut gewesen. Aber sie hat ihm, wie sich von selbst versteht, auch noch gar nicht das Wort gegeben, sondern gleich gesagt, daß der Vater –« »Höre, das gefällt mir gar nicht, Alte. Ich glaube nicht, daß der Jost da mit guter Überlegung gehandelt hat. Sondern er hat sich übereilen lassen und wird's nur zu bald bereuen. Die Thorner Patrizier sind stolze Herren. Uns Kleinstädter behandeln sie mit Freundlichkeit, da sie uns zu brauchen meinen; darüber hinaus gelten wir ihnen wenig. Wie käme uns nun solche Ehre? Und wenn's das allein wäre –! Aber Tileman und ich ... Unmöglich! Das arme Kind tut mir leid, wenn es sich das zu Herzen nehmen sollte. Aber wie kann ich ...? Unmöglich – unmöglich.« Frau Christine hatte bemerkt, daß Jost aus der Laube getreten war und sich zögernd näherte. »Mag er denn selbst seine Sache weiterführen«, sagte sie, auf ihn hinweisend. »Ich glaube, er meint es treu. Es ist traurig genug, daß dieser Zwist der Vater, die doch von alters her gute Freunde waren, auch der Kinder Glück zerstören soll.« »Ja, ja –«, sagte er seufzend, »aber es ist nun so. Gott mag's bessern.« Er wendete sich zu Jost zurück und hielt ihm die Hände entgegen. »Lieber Junker, ich höre soeben, was mich gar sehr besorgt macht –: Ihr begehrt unser Mädel zur Frau.« »So ist's, lieber Herr«, antwortete Jost zutretend, »und eine bessere Wahl hätte ich nimmer treffen können. Gebt uns Euren Segen.« »Das tät ich sonst gern«, sagte der Bürgermeister, »denn Ihr seid mir lieb und wert. Ich will auch vertrauen, daß Ihr's jetzt ernst meint –« »Das ist wahrlich so«, fiel der junge Mann ein, »jetzt und immerdar. Ich will's gestehen, daß ich lange geschwankt habe, ob ich mein Herz sprechen lassen dürfe, wie es mir guten Rat gegeben hat. Denn ob er sicher auch der beste war, so blieb doch viel Zaghaftigkeit zu überwinden, daß ich auch stark genug wäre, alle Bedenken niederzuschlagen, die nicht leicht abzuweisen waren. Ein so junger Fant bin ich nicht mehr, daß ich nicht sähe, wie es die Welt treibt. Aber sonderbar! Je mehr Hindernisse sich mir in den Weg stellten, um so mutiger wurde mein Herz, sich nicht abdrängen zu lassen. Hatt' ich's versucht, ihm zu trotzen, so ward mir's nun jedesmal, wenn ich Magdalene wiedersah, gewisser und beglückender, daß ich zu ihr gehöre und von ihr nicht weichen könne. Und so ist's jetzt auch über allem Zweifel, daß Magdalene mich liebt und nicht aufhören wird mich zu lieben. Widerstrebt deshalb nicht, werter Herr, sondern legt unsere Hände zusammen. Es ist wahrlich so des Himmels gütige Fügung.« Blume schaute ihm mit recht väterlichem Wohlwollen in die leidenschaftlich blitzenden Augen, wendete sich dann aber seiner Frau zu. »Ihr habt's schon ohne mich abgemacht, wie ich merke«, sagte er, »und ich will deshalb nicht schelten. Wird's doch Kümmernis genug geben, wenn von anderer Seite Einspruch erfolgt. Ich sehe ihn voraus, und ich weiß auch, daß er nicht so leicht zu brechen ist, wie die Liebenden in ihrer Hoffnungsseligkeit jetzt denken mögen. Wenn ich einwillige, das bedeutet noch wenig. Euer Vater wird nicht einwilligen, Jost. Vielleicht wär's auch sonst nicht geschehen, da sein Stolz für den einzigen Sohn und Erben eine andere Verbindung sucht. Nun spricht das nicht allein. Aus einem Freunde bin ich ihm ein verhaßter Gegner geworden. Und das wissen alle seine Genossen in der Eidechsengesellschaft und im Bunde. Wie könnte er da solche Gevatterschaft eingehen? Nie wird er unsere Magdalene als seine Tochter annehmen.« Jost biß die Lippe. Seine Blicke irrten unruhig am Boden umher. Er schien betroffen durch dieses gerade Wort, das eine gerade Antwort forderte, und wußte doch offenbar nicht, wie er sie geben sollte, ohne unaufrichtig zu sein. »Mein Vater ...«, murmelte er, »ja, Ihr kennt Ihn wohl – aber doch nicht so gut als ich. Ich meint's auch nicht anders, als daß er dagegen sein wird – sehr dagegen; die Gründe liegen obenauf. Aber ... so ein Eisenkopf er ist, am Ende zwing ich ihn doch. Denn ich bin sein Sohn und einziges Kind – er hat ein Herz für mich und will mein Glück. Freilich wie er's versteht. Aber er wird sich überzeugen lassen, daß da jeder mit eigenen Augen sehen muß und die meinigen ganz gesund sind. Was kann er denn auch gegen Magdalene einzuwenden haben? Sie ist so gut und brav als schön. Gibt's reichere und vornehmere Mädchen – von denen mag er sich wohl eine zur Schwiegertochter wünschen. Aber glaubt mir, darauf besteht er nicht.« »Es freut mich, daß Ihr hierin so zuversichtlich seid«, sagte Blume, doch nicht ganz frei. »Aber wenn diese Bedenken auch nicht unüberwindlich sein mögen, die anderen wiegen um so schwerer. Ihr habt die Zeit für Eure Werbung nicht gut gewählt, lieber Junker.« »Die Zeit ist nicht die Ewigkeit. In kurzem können sich die Dinge gar sehr geändert haben.« »Doch nach Menschendenken nur zum Schlimmeren. Glaubt dem älteren und erfahreneren Manne.« »Und wenn mein Vater sich gegen alle freundlichen Vorstellungen verhärtet, kann er mich zu seinem Willen zwingen? Bin ich nicht frei geboren wie er selbst? Verpflichtet mich der kindliche Gehorsam zu denken und zu fühlen wie er? Mag er seine Einwilligung weigern, ich werde nicht aufhören, Magdalene zu lieben. Und wenn Ihr mich würdig erachtet –« »Nein, nein! so sprecht nicht, lieber Junker«, fiel der Alte ihm in die Rede. »Das sind trotzige Worte, auf die Ihr selbst nicht einmal Verlaß haben dürft. Euren Vater sollt Ihr in Ehren halten, er sei mild oder strenge. Wie könntet Ihr gegen seinen Willen etwas tun, das den Familienstand anrührt? Er ist Euer Herr nach göttlichem und menschlichem Recht. Solang er lebt, seid Ihr in Abhängigkeit von ihm, und würdet Ihr selbst alt und grau. Darum rat' ich Euch in treuer Meinung, legt Euch keine Pflicht auf, die Ihr doch nicht erfüllen könnt. Noch seid Ihr nicht gebunden; und ob es schon schmerzen mag, sich von dem loszureißen, was man im Augenblick als das Liebste erkennt, noch ist die Wunde heilbar. Denkt auch nicht daran, daß Ihr meinem Mädel wehe tut. Das geht, so Gott will, vorüber. Ich selbst will Eure Sache bei Magdalene führen, und einen besseren Anwalt sollt Ihr nicht finden.« »Nimmermehr«, rief Jost, »tret' ich so feige zurück. Nimmermehr! Ich bin gebunden und will gebunden sein. Laßt Euch erbitten –« »Wohl denn«, sagte der Bürgermeister seufzend, »ich merke, daß ich Euch doch nicht überrede. Vernehmet denn meinen ernsten Willen. Meiner Zustimmung versichere ich Euch gern – aber unter einer unverbrüchlichen Bedingung, daß auch Euer Vater das Verlöbnis genehmigt! Sprecht mit ihm und seht zu, ob Ihr seine Vollmacht erlangt. Ich will Euch keine kurze Frist setzen; Euer gutes Vertrauen, daß die Zeit glücklichen Wandel bringt, mag nicht zuschanden werden. Vielleicht, daß Ihr durch Beharrlichkeit siegt. Ein volles Jahr will ich Euch lassen –« »Oh, was denkt Ihr –?« fiel Jost ganz entsetzt ein. »In wenigen Tagen muß es sich entscheiden –« »Um so besser, lieber Junker. Gleichwohl laß' ich Euch von meinetwegen ein volles Jahr und will nicht früher verlangen, daß Magdalene mir gehorsam sei, wenn ein anderer um sie wirbt, der ihre Achtung verdient. Ein volles Jahr mag sie sich für gebunden halten, wenn Ihr selbst nicht früher sie frei gebt. Ich meine wohl, auf ihre Treue dürft Ihr Euch verlassen. Aber merkt Euch auch dies: es soll ihrem Herzen nicht Gewalt geschehen. Haltet Euch fern von meinem Hause, bis Ihr Eures Vaters Einwilligung bringt, und versuchet auch nicht, ihr zu schreiben und sie zu einer Antwort zu verleiten. Keine Heimlichkeit darf zwischen Euch beiden bestehen, als von der die Eltern wissen. Wollt Ihr mir das in Ehren versprechen?« Jost blickte finster vor sich hin. »Ihr verlangt viel...« sagte er. »Aber nicht mehr, als ich muß, wenn ich ehrlich gegen mein Kind verfahren will.« »So sei es denn. Ich hoffe, Eure Sorge ist ganz umsonst.« »Daran will ich meine ehrliche Freude haben«, schloß der Bürgermeister und hielt ihm die Hand hin. »Bist du zufrieden, Christine?« wendete er sich zu seiner Frau, die ein paar Schritte seitwärtsstehend mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört hatte. »Ich denke, eine bessere Zusage hat auch der Junker nicht erwarten können«, antwortete sie. »Es versteht sich ja eigentlich von selbst, daß des Vaters Einwilligung gefordert wird.« »So gib's unserm Mädel zu wissen«, sagte er, ihre Schulter streichelnd, »und bereite uns das Abendessen. Ihr seid freundlich eingeladen, lieber Junker – heut' möcht' ich Euch nicht ungastlich entlassen. Aber Ihr versprecht mir, Euch danach zu verabschieden gerade wie sonst. Wir wissen, was wir wissen – das muß nun allen Teilen genug sein.« Der Tisch war auf dem Podest hinter dem Hause gedeckt. Es wurde saure Milch, Schwarzbrot und Butter, zuletzt Obst aufgetragen. Es ging beim Essen sehr still zu. Magdalene wagte kaum von ihrem Schüsselchen aufzusehen, war mit ihren bald freudigen, bald trüben Gedanken beschäftigt und wechselte häufig ohne äußeren Anlaß die Farbe. Jost, der zwar neben ihr saß, sich jedoch keinerlei Vertraulichkeit erlauben durfte, gab zerstreute Antworten, wenn der Hausherr ihn ins Gespräch zu ziehen versuchte. Marcus und die Mutter tauschten wirtschaftliche Beobachtungen aus, um die Unterhaltung zeitweise nicht ganz stocken zu lassen. Als dann das Gebet gesprochen war, sagte Jost allen Lebewohl und ging. Sie geleiteten ihn bis zur Pforte. Er wollte Wort halten und Magdalene nicht beunruhigen. Aber sie selbst hielt sich nun an seiner Seite und lehnte die Schulter an. Er sollte doch aus diesem letzten Gange wissen, daß sie ihm gut sei. Nun meinte er auch ihre Hand fassen zu dürfen, die neben der seinen hinabhing, und er drückte sie zärtlich und hielt sie fest bis zum Abschied; die Alten sahen es wohl, ließen es aber geschehen. »Ich bringe bald frohe Nachricht«, sagte er schon über den Zaun hin. »Geb's Gott!« antwortete Blume. Magdalene nickte ihm schweigend zu. Sie wischte eine Träne von der Wange fort. Er eilte der Stadt zu, glücklich und doch unfroh. Der Tag war so schön gewesen, aber er gehörte doch auch zu denen, die man nicht vor dem Abend loben soll. Er hatte sich von seiner plötzlich wiedererwachten Leidenschaft völlig berauschen lassen; nun war die Ernüchterung nicht ausgeblieben. Er fühlte sich verstimmt und hätte doch nicht sagen können, was er eigentlich vermißte. Er mühte sich, alle seine Gedanken Magdalene zuzuwenden, und hörte doch immer ihren Vater sprechen. Nur zu sehr hatte der recht: zum Verlöbnis war seines Vaters Einwilligung erforderlich. Und daß er die erhielte ... je mehr er's überlegte, um so unwahrscheinlicher wurde es ihm. Wie sollte er's nur am geschicktesten an ihn bringen? Aber doch ... er mußte nun weiter. Und mit ganzer Willenskraft. Er wollte auch. Jetzt erst glaubte er Magdalene in ihrer Holdseligkeit völlig erkannt zu haben, jetzt erst zu wissen, wie schön sie sei. So hatten diese lieben Augen ihn nie angesehen, so ihre roten Lippen nie seinen Namen genannt. Er liebte sie – gewiß, er liebte sie. Und sie mußte die seine werden, sollte er auch den schwersten Kampf um sie zu bestehen haben; seinem Vater das Jawort mit Gewalt entreißen! Er malte sich's lebhaft aus, wie er fest entschlossen vor ihn treten, was er zu ihm sprechen würde. Und immer kühner wurden seine Reden, immer dringlicher seine Forderungen. Zuletzt hantierte er mit den Armen und sprach kurze Sätze laut vor sich hin. Der Torwächter, der ihn einließ, sah ihm kopfschüttelnd nach. Marcus und Magdalene waren längst in ihre Kammern zur Ruhe gegangen. Bartholomäus Blume und Frau Christine aber wandelten den Gartengang auf und ab in eifrigem Gespräch. Erst über das eben Erlebte, zu dem sichere Stellung zu nehmen war. Daran anschließend teilte er ihr dann mit, was der Herr Hochmeister ihm überraschend angetragen. Es wirkte jetzt viel weniger aufregend, als er vermutet hatte, und so konnte er denn, durch ihren Widerspruch nicht gereizt, ruhig seine eigenen Bedenken klarlegen und abwarten, wie schwer sie dieselben nähme. Sie stimmte ihm nun wohl im allgemeinen zu, fand aber im besonderen doch immer gute Gründe, aus denen sich »bei genauer Erwägung« die Sache auch von einer anderen Seite anschauen lasse. Und so war sie's denn schließlich, die zuredete. Es sei doch ein großer Beweis des Vertrauens, den der gnädige Herr ihnen gebe – und man könne sich ja einfach an seine Worte halten, ohne zu ergrübeln, was etwa sonst dahinter stecke – und es sei gewiß klug, sich gerade jetzt einem mächtigen Gönner zu verbinden, zumal es durch eine Wohltat geschehe, die niemand würde schelten können. Magdalene habe auch das Mädchen gleich in's Herz geschlossen. »Und ist nicht zu bedenken, daß unser Kind vielleicht einem bösen Winter entgegensieht, wenn Jost nicht so bald, als er hofft, seines Vaters Einwilligung erreicht, oder gar ... doch ans Schlimmste will ich nicht denken. Da mag ihr eine Schwester lieb werden, die ihr die Grillen vertreiben hilft, und der sie ihr Herz ausschütten kann, mag es voll Freude oder Bekümmernis sein. Wir wollen doch noch überlegen, Väterchen, ob wir's dem Herrn Hochmeister so rund abschlagen.« »Wir wollen's noch überlegen«, stimmte er zu. Er wußte nun schon, was schließlich das Ergebnis sein werde. Der graue Dunst im Westen hatte sich verdichtet und hoch über den halben Abendhimmel hinaufgezogen. Er senkte sich in Nebeln, die gegen das Flußufer anstießen und bald die nächsten Gegenstände verhüllten. Ein kühler Wind erhob sich und trieb die feuchten Massen über den Garten hin. »Ich fürchte, das Wetter schlägt um«, sagte der Bürgermeister, »komm ins Haus, mich fröstelt's schon.« »Es ist auch ohnedies die höchste Zeit«, meinte Frau Christine, stellte noch eine Harke, die im Grase liegengeblieben war, aufrecht an den Baum und folgte ihm. Zweiter Band Erstes Kapitel Die drei Wege des päpstlichen Legaten »Der Herr Legat ist angekommen!« rief der Stadtbote atemlos durch die eiligst aufgerissene Tür in das Zimmer des Rathauses hinein, in dem Tileman vom Wege bei der Arbeit war. Der Bürgermeister blickte unwillig über die Störung auf und ließ sich die Meldung noch einmal wiederholen. »Der Teufel mag ihn...« murmelte er in den Bart. Dann besann er sich aber, daß für solche laut ausgesprochenen Wünsche doch zwei Ohren zu viel im Zimmer seien, rückte den Stuhl ein wenig herum und fragte: »Ist das sicher, Ambrosius? Von wem wollt Ihr's erfahren haben?« »Von dem Herrn Strommeister«, antwortete der Bote. »Er schickt mich eben aufs Rathaus, und ich sollte laufen, sagt er, als ob ich vier Beine hätte. Ein Weichselschiff, das von Polen herunterkommt, hat den Herrn Legaten mitgebracht – ihn mit seinen Begleitern und Dienern und viel Gepäck; es sollen auch Maultiere dabei sein. Der Schiffer ist sogleich selbst an Land gefahren und hat den Strommeister in seiner Bude am Strand aufgesucht und aufgefordert, für die Ausschiffung zu sorgen. Er fragt nun an, wie es damit gehalten werden soll nach Ew. Gnaden Befehl. Denn so ein päpstlicher Legat ist von ihm noch gar niemals ausgeschifft worden, wie er sich denn auch nicht erinnert, jemals gehört zu haben –« »Es wird sich finden«, unterbrach Tileman seinen Redefluß. »Verbottet sogleich den ganzen Rat hieher in die Ratsstube, und soll sich ein jeder beeilen, wie er kann. Macht aber kein großes Hallo, als brenne die Stadt, sondern richtet Euren Auftrag mit gebührlicher Würdigkeit aus, wie Ihr's sonst gewohnt seid. Vorerst aber geht in das Haus meines Kumpans, des Herrn Rutger von Birken, und bittet ihn, vor den andern zu mir zu kommen. Später holt Euch weitere Befehle.« Ambrosius war vor Aufregung über dieses außerordentliche Ereignis das Blut ins Gesicht gestiegen, so daß seine schon ohnedies von reichlichem Bier- und Metgenuß gerötete Nase wie eine Kohle glühte. Die Gelassenheit des Herrn Bürgermeisters beruhigte ihn auch nur wenig. Der Heilige Vater in Rom hatte einen Legaten nach Preußen geschickt! Was konnte das zu bedeuten haben? Er legte eiligst sein Amtskleid an, nahm den Stab in die Hand und schritt weitausgreifend über den Markt, nicht ohne den ihm Begegnenden geheimnisvoll zuzublinzeln oder nach Umständen auch ein gnädiges Wörtlein wegen des Legaten zuzuwerfen. Tileman vom Wege aber ließ seine Arbeit ruhen und ging nachdenklich im Gemach auf und ab. So war nun wirklich eingetroffen, was anfangs des Monats schon der Hochmeister den schnell zu diesem Zweck berufenen Ständen verkündigt hatte. Der Ordensprokurator in Rom hatte ihm einen Eilboten mit der Nachricht nach der Marienburg geschickt, daß der Papst beschlossen habe, einen Legaten in der Person des Bischofs Ludwig de Silves aus Portugal nach Preußen zu senden, um merkliche Sachen zu verhören, die man ihm vorgebracht, besonders daß Länder und Städte etliche Artikel aufgestellt hätten, die wider die Kirche und den christlichen Glauben stritten. Er sei schon unterwegs. Den Brief hatte der Hochmeister den Ständen in Elbing verlesen lassen und auf ihre verwunderte Frage, was das für Artikel seien, geantwortet, er wisse selbst nichts mehr. Länder und Städte hatten bestürzt über die auffallende Maßregel gebeten, der Herr Hochmeister wolle sie auch ferner von allem unterrichten. Sie würden gegen ihn handeln, hatten sie zugefügt, wie es getreuen Mannen gegen ihren Herrn gezieme. Die Artikel, von denen die Rede war, konnten nur die Bundesartikel sein. Daran zweifelte Tileman keinen Augenblick. Was sollte das nun heißen, daß der Papst sich in den Streithändel einmischte und gar eine Untersuchung anordnete, als ob er als Richter zu entscheiden hätte? So verhaßt Ludwig von Erlichshausen der Bund sein mochte, so weit konnte doch seine Verblendung nicht gehen, daß er den Papst gegen ihn anrufe, um ihn dann dem Orden für alle Zeit untertänig zu machen. Aber angerufen war Papst Nicolaus V., das galt dem Thorner Bürgermeister als sicher. Und kein anderer konnte der Denunziant sein als der Bischof Franz von Ermland, der heimtückische Prälat, der keinen Richttag über sich setzen lassen wollte. Gegen ihn ballte Tileman die Faust. Vor einigen Tagen war denn auch ein Domherr aus Frauenburg, der Residenz des ermländischen Kapitels, in Thorn angelangt, um den Legaten in Empfang zu nehmen und zu geleiten. Er hatte schon in den Kirchen und Klöstern der Stadt auf das große Ereignis vorbereitet und nicht versäumt zu betonen, daß ein Legat nicht nur ein Abgesandter des päpstlichen Stuhles sei, sondern die Person des Heiligen Vaters selbst vertrete, weshalb ihm die höchsten Ehren zu erweisen seien. Wie sollte sich nun die Stadt dazu stellen? Rutger von Birken erschien bald. In seiner raschen Weise nahm er sogleich das Wort und sagte: »Was kümmert uns der Legat? Er ist nicht an uns geschickt, sondern an den Herrn Hochmeister und seinen Orden. Mag der sehen, wie er ihn wieder hinausschafft, wenn er ihm selbst unbequem kommt. Meine Meinung ist, wir rühren nicht Hand noch Fuß und warten ab, bis Herr Ludwig de Silves jemand aufs Rathaus schickt, ihn der Stadt anzumelden. Wir haben keinen Grund, uns nach seinem Begehr zu erkundigen.« Tileman zeigte ihm ingrimmig lachend die Zähne. »Nur zu gern gäb' ich Euch auch in diesem recht, lieber Herr Gevatter«, antwortete er, »wie ich denn in der Hauptsache ganz Eures Sinnes bin. Aber ich weiß doch nicht, ob wir klug handeln, wenn wir uns so auf die Lauer stellen. Wir sind des Rates nicht sicher, daß er uns in diesem mit rechtem Eifer beistimmt. Denn es sind einige, die des geistlichen Amtes Ansehen gewahrt wissen wollen. Wenn sie uns aber auch zustehen, so können wir's doch nicht hindern, daß die von den alten Geschlechtern dem Sendeboten des Heiligen Vaters ihre Ehrfurcht beweisen. Sie setzen sich gern mit dem Rat in Widerspruch. Dann heißt's, wir in der alten Stadt Thorn seien uneins. Auch die Gewerke werden nicht zurückzuhalten sein, zumal das große Sterben die Gemüter gar sehr zur Frömmigkeit stimmt, daß sie nach des Papstes Segen wie nach einer hilfreichen Arznei verlangen. Deshalb bin ich der Meinung, wir fragen zunächst nach der Botschaft nicht und geben dem Boten vollauf die Ehre seines Amtes. Was später unseres Amtes ist, soll darum wahrlich nicht ungetan bleiben.« Rutger von Birken knurrte verdrießlich: »Wir werden ihn nur übermütiger machen. Wie wir ihn hier an der Grenze empfangen, so wird's ein Beispiel für alle anderen Städte sein, durch die er zieht. Wer sich erst tief bückt, steht hinterher nur mühsam aufrecht.« »Auf solche mag ich mich nicht stützen«, entgegnete Tileman. »Ich hoffe aber, sie verstehen's allesamt, wie's gemeint ist.« Der Rat stimmte ihm zu. Man wollte den Herrn Legaten, wenn auch nicht in corpore einholen, so doch durch eine Deputation begrüßen. Dazu wurden die vier jüngsten Ratsherrn erwählt. Tileman schickte eiligst Ambrosius mit der Weisung nach dem Fluß, das Schiff solle bei der Brücke angelegt werden, wo der Durchlaß sei, so daß man auf einem Stege hinauf und hinaus könne. Auch sei ein roter Teppich davor auszubreiten. Dies wurde sofort ausgeführt. Indessen hatte sich auch schon die Geistlichkeit der Marien- und Johanniskirche in den Vorhallen ihrer Häuser versammelt. Dorthin zogen die Bürger mit ihren Frauen und Kindern, um sich den Prozessionen anzuschließen. Es wurden ihnen die Kirchenfahnen vorangetragen; Chorknaben schwangen Rauchfässer. Auch die Klöster der Dominikaner und Franziskaner entleerten sich. Die aus der Neustadt von St. Jacob ließen um freien Durchgang für sich und ihre Prozession bitten. Alles drängte nach dem Sigler Tor und dem Fluß zu, durch das Brückentor auf die Schiffbrücke, so daß die Stadtknechte ihre Not hatten, Ordnung zu halten. Dort lag bereits der Weichselkahn, reich beflaggt. Der vordere Teil des Laderaumes war in eine Kajüte umgeformt worden, indem man den Raum mit aufgehängten Teppichen abgeschlossen und mit einigem Gerät ausgestattet hatte. Doch führte nur eine Leiter hinab, die nachts einzuziehen war. Herr Ludwig de Silves, ein schlanker Herr mit gelblichem Gesicht, spitzer Nase und schwarzem Haar, hatte nicht den bischöflichen Ornat angelegt, sondern trug die Hauskleidung. Doch hing an dicker goldener Kette das von köstlichen Steinen funkelnde Kreuz als Zeichen seiner Würde auf die Brust hinab. Gegen die Unbill des unfreundlichen und kalten Novemberwetters hatte er einen mit Pelz ausgeschlagenen Mantel um die Schulter geworfen, auch eine Pelzmütze über das Käppchen gesetzt. Er saß auf dem Verdeck in einem Lehnstuhl, den der Bischof von Cujavien hergeliehen hatte. Hinter ihm war zum Schutz gegen den scharfen Wind zwischen dem Mast und den Wanten ein Segel ausgespannt. Bei ihm stand sein Kaplan Bruno von Törne, der zugleich sein öffentlicher Schreiber und auch sein Dolmetscher war, da er selbst nicht deutsch sprach, auf der anderen Seite der Frauenburger Domherr. Der Legat empfing die Deputation des Rats mit großer Herablassung, erhob sich, redete sie in lateinischer Sprache an und zeigte sich sehr erfreut, als ihm von einigen ebenso geantwortet wurde. Dann begab er sich über den Steg auf die Brücke, begrüßte die Geistlichen und die Prioren der Mönchsorden, erteilte auch dem Volk den Segen. Die Prozessionen geleiteten ihn darauf mit vielem Singen und Beten durch die Stadt nach dem Schloß, wohin der Domherr mit ihm ging. Noch denselben Tag aber reiste er weiter, von St. Jacob ausgeläutet. Ebenso feierlich wurde er auch von der Stadt Marienburg und vom Hochmeister selbst bei seiner Ankunft dort empfangen. Er erhielt Wohnung im mittleren Haus. Sobald er sich ein wenig erfrischt, wurde er in den kleinen Remter geführt, dessen strahlenartig auf einem einzigen schlanken Pfeiler aufsteigendes Gewölbe er gebührend bewunderte, und den versammelten Gebietigern und einigen rasch berufenen Landesrittern vorgestellt. Er übergab dem Hochmeister die päpstliche Bulle, welche ihn als Legaten beglaubigte und zugleich seine Vollmacht ausdrückte. Der Hochmeister ließ sie von seinem Schreiber verlesen. Es waren darin dem Orden schwere Vorwürfe gemacht. Er und die Prälaten hätten sich in der Verwaltung der Kirche und des Landes lässig bewiesen. Statt die Untertanen mit väterlicher Milde zu behandeln, habe man sie früher wie jetzt mit allerlei Lasten und Beschwerden bedrückt. Daher der Verfall des Gottesdienstes, daher aus solchem bösen Regiment der Bund unter der Ritterschaft und den Städten, dessen Bestimmungen zum Teil der kirchlichen Freiheit und kaiserlichen Rechten widerstritten, woraus nun unsägliches Unheil zu besorgen. Dem Legaten war die strengste und gewissenhafteste Untersuchung alles dessen, was auf beiden Seiten verdammlich und nachteilig, und die eifrigste Sorge zur Herstellung der Ruhe und des Friedens nachdrücklich ans Herz gelegt. Er war für befugt erklärt, mit Bann und Interdikt zu strafen, selbst die Beihilfe des weltlichen Arms anzurufen. Dieses Schreiben wurde zwar mit gebührender Ehrfurcht angehört; sein Inhalt gefiel aber den Gebietigern wenig. Denn der Papst wendete sich ebenso gegen des Ordens schlechtes Regiment als gegen seiner Untertanen Anmaßung und gab ihm sogar im voraus die Rüge, sie verschuldet zu haben. Der Hochmeister, der wohl den üblen Eindruck erkannte, aber nicht unvorsichtig handeln wollte, bat den Legaten, mit seinem Kaplan abzutreten, bis man sich auf eine Antwort geeinigt habe. Das geschah. Auch die Landesritter entfernten sich, da sie nur angehört, was Länder und Städte angehe, und denen nicht vorzugreifen gedächten. Als nun so die Ordensherren allein waren, setzten sie sich um den Hochmeister, und dieser begann: »Liebe Brüder, was dünkt euch nun zu solcher Anklage, der wir wahrlich nicht gewärtig sein konnten? Es will mir scheinen, daß der Heilige Vater von falschen Leuten gar schlecht berichtet ist, sonsten er uns mit so unfreundlichen und unbilligen Worten nicht würde beschweren.« Der Großkomtur, Herr Heinrich von Richtenberg, fuhr auf: »So arg ist dem Orden noch nie von Rom mitgespielt worden! Man merkt wohl, daß man ihn dort für schwach hält, da man ihn mit dem Lande in Streit weiß, und benutzt die günstige Gelegenheit, sich zum Richter aufzuwerfen, ohne auch nur eines oder beider Teile Anrufen abzuwarten. Wir verehren den Papst als der Kirche Oberhaupt und wollen ihm nicht wehren, auch in diesem Lande Preußen gute Ordnung des Gottesdienstes herzustellen und seine Prälaten gegen allerhand Übergriffe der Bündischen in die geistliche Gewalt zu schützen. Haben wir aber mit unserm Schwert dieses Land den Heiden entrissen und der christlichen Kirche zugeführt, so sind wir deshalb doch nicht als des Landes Herren des römischen Stuhles Untertanen geworden in weltlichen Dingen, so daß wir seinen Richterspruch gehorsam hinzunehmen hätten. Was jetzt versucht wird, ist nur ein Anfang. Ducken wir da geduldig, so werden wir bald erfahren, wie man's auslegt, daß Preußen ein Lehn des heiligen Stuhles genannt wird.« »Dem stimm' ich in allem zu«, sagte der Spittler, Herr Reuß von Plauen, der von seiner Komturei Elbing gekommen war, »will aber nicht unterlassen zu erinnern, wie ich allzeit vergeblich gemahnt habe, den Drachen der Zwietracht nicht auswachsen zu lassen, der nun sein giftgeschwollenes Haupt so hoch erhebt, daß es in Rom sichtbar wird, sondern ihm den Kopf zu zertreten und seine Giftzähne in den tiefsten Bronnen zu versenken, dann aber mit aller Kraft für des Landes Wohlfahrt zu sorgen, das solcher Plage entledigt. Nun gefällt es uns schlecht, daß der Papst uns bösen Regiments beschuldigt. Das wäre nimmer geschehen, wenn wir den Bund nicht hätten zu Kräften kommen lassen, der nun wider uns zeugt. Was ist also zu tun? Rom wird sich nicht beruhigen, es sei denn, wir beseitigen die Ursache des Zwistes selbst. Ist das unser ernstlicher Wille, so spreche ich dafür, daß wir den Herrn Legaten auf das Kirchenregiment verweisen, in weltlichen Händeln aber seine Vermittlung ablehnen. Wollte Gott, daß es unser ernstlicher Wille wäre!« Diese Rede dämpfte ein wenig den Eifer Richtenbergs. Statt seiner entgegnete Exdorf ablenkend: »Ich wette, dieses Süpplein hat uns der Herr Deutschmeister eingebrockt. Er ging im Zorn von hier und hat uns überall bei Kurfürsten und Fürsten verklagt. Man hat nicht einmal in Rom nötig gehabt, sonderlich die Ohren zu spitzen.« »Man rät auch noch auf einen anderen«, meinte der Trappier Wilhelm von Helfenstein und knipste in die Luft. Diese Anspielung schien allseitig verstanden zu werden. »Ihr braucht ihn nicht zu nennen«, sagte Richtenberg. »Man weiß, daß Briefe nach Rom unterwegs gewesen sind. Aber was können wir von ihrem Inhalt erweisen? Meine Meinung ist, wir legen bei dem Herrn Legaten einen scharfen Protest ein, so wahren wir auf alle Fälle unser Recht.« »Ja – ja«, stimmten Exdorf und Helfenstein, doch etwas zaghaft, zu. »Nein, nein!« rief Plauen. »Rom kümmert sich nicht um Proteste. Es ist allein unseres Ordens würdig, wenn er den Richter zwischen ihm und seinen Untertanen gänzlich ablehnt. Bedenkt, ihr Herren, daß dies auch der einzige Weg ist, des Landes Vertrauen wiederzugewinnen. Unterwerfen wir uns Rom, so verlieren wir auch hier unser Ansehen.« Der Hochmeister saß währenddessen auf seinem Lehnstuhl vornübergebeugt und den Kopf auf die weiße Hand gestützt. Er hatte die Augenlider wie schläfrig gesenkt, die Muskeln seines Gesichts waren unbeweglich. »Was wollt Ihr, Bruder Plauen«, sagte er nun mit leiser und schlaffer Stimme. »Wir wissen, was Länder und Städte begehren. Den Richttag über ihre Herren, weltlich und geistlich. Können wir ihnen den bewilligen? Wenn aber nicht, wie sollen wir mit ihnen hinterher zum Frieden kommen, wenn wir mit Gewalt ihren Bund gelöst haben? Und ist's denn schon so gewiß, daß sie diesen Richter nicht annehmen, nachdem wir ihn verworfen? Gerade deshalb, weil wir ihn verwerfen. Und dann? Es wäre nicht das erstemal, daß Rom sich der angeblich Unterdrückten gegen ihre Herren annähme.« »Lassen wir's bei dem Protest bewenden«, riet der Großkomtur. »Liebe Brüder«, nahm Ludwig von Erlichshausen nochmals das Wort und richtete sich dabei ein wenig auf, »es kann uns meines Bedünkens kaum von Nutzen sein, zu protestieren, wenn wir uns in der Sache selbst doch fügen, wohl aber viel Schaden bringen. Wir haben den Herrn Legaten nicht gerufen, aber er ist nun einmal hier an des Heiligen Vaters Stelle. Muß es nicht den Anschein haben, daß wir eine Untersuchung scheuen, wenn wir gegen sie protestieren? Und können wir's hindern, wenn sie trotzdem erfolgt? Ein Protest wirkt aber gerade so verstimmend wie eine Ablehnung. Sehen wir zu, liebe Brüder, daß wir eine mächtige hilfreiche Hand gewinnen gegen den Bund, den wir doch allein nicht zwingen. Jetzt können wir Ländern und Städten antworten, wir wollten sie nicht bedrängen, vermöchten aber nichts gegen Rom. Protestieren wir selbst, so nehmen wir die Pflicht auf uns, sie zu verteidigen, schaffen uns dort einen Feind und hier desto übermütigere Gegner. Deshalb ist meine Meinung, wir erweisen dem Herrn Legaten alle Ehre, erkennen ihn zwar nicht ausdrücklich als einen Richter in weltlichen Sachen an, antworten aber freundlich und demütig auf des Heiligen Vaters Anschuldigungen, die wir doch nicht für gerecht erkennen, und suchen uns, wenn Länder und Städte hierin nur halbwegs zur Unterstützung willig sind, aus diesem Handel zu winden, so gut es geht. Länder und Städte müssen selbst wünschen, gerade von diesem Richter unbehelligt zu bleiben, den sie der Parteilichkeit, wenn nicht für uns, so doch für die Prälaten verdächtigen. Darauf rechnet!« Dieser weltklugen Erwägung traten der Marschall, der Trappier und die anwesenden Komture sogleich geschmeidig bei. Richtenberg, der leicht übersah, daß er nicht durchdringen könnte, stimmte mit einigen Glossen und Vorbehalten zu. Plauen verhielt sich schweigend und wurde nicht weiter befragt. Die Geheimschreiber Johannes und Stephanus erhielten Auftrag, sofort die Antwort aufzusetzen, was denn auch Punkt nach Punkt geschah. Bei der Untersuchung, hieß es am Schluß, werde klar an Tag kommen, ob der Orden mit Recht oder Unrecht eines bösen Regiments und der Versäumlichkeit in seinen Pflichten beschuldigt werden könne. Nun wurde Herr Ludwig de Silves wieder eingefühlt und nahm die schriftliche Antwort in Empfang. Sie bedeutete ihm die Unterwerfung des Ordens unter des Papstes Machtgebot. Er mochte selbst im stillen an solcher Willfährigkeit gezweifelt haben und war nun über diesen ersten Erfolg seiner Sendung nicht wenig froh, belobte auch den Hochmeister und seine Gebietiger wegen ihres Gehorsams und sprach die Hoffnung aus, er werde alles so befinden, wie in der Schrift angegeben. Darauf sagte er: »Hochwürdigster Herr Hochmeister, ich ersuche nun Eure Gnade, einen Tag zu setzen und auf denselben Prälaten, Gebietiger, Länder und Städte zu berufen, damit ich des Heiligen Vaters Auftrag in allem genüge.« Dies wurde versprochen und der 10. Dezember bestimmt. Der Legat reiste vorerst ab, in den Bistümern Ermland und Samland die Kirchenvisitation abzuhalten. Das Ausschreiben erging aber ins Land, man sollte vollmächtig zu Elbing erscheinen, um den Zweck der päpstlichen Botschaft zu verhören und dem Legaten auf sein Anbringen zur Antwort zu stehen. Darüber entstand überall viel Unmut und unruhige Bewegung, zumal im Kulmerland. Jeder begriff, daß sich etwas Ernstes vorbereite. Man beschloß fast überall, den Sendboten keine weitere Vollmacht zu geben, als die Botschaft und des Herrn Legaten Begehr anzuhören. Den Beschluß wollte man sich vorbehalten. In Thorn sagte Tileman vom Wege, wie dem Komtur hinterbracht wurde, in einer Versammlung von Bürgern und Eidechsenrittern: »Es wird nichts so heiß gegessen, als es gekocht ist. Will der Herr Legat des Bundes wegen mit uns teidingen, so haben wir ja wohl auch noch eine Mark oder zweitausend am Hof zu Rom zu verzehren. Dann werden wohl auch offenbar werden die Sachen, warum wir zum Bunde gekommen sind!« So fanden sich denn zum angefügten Tage zu Elbing Ritter und Knechte, große und kleine Städte vollzählig, wenn auch nicht vollmächtig ein, daß es den Bürgern nicht leicht wurde, allen Quartier zu schaffen. Von Thorn waren da Tileman vom Wege und Johann von Loë, dieser aus altem und vornehmem Stadtgeschlecht. Bevor sie um neun Uhr morgens aufs Schloß gingen, versammelten sie sich auf dem Rathause und kamen überein, wie sie sich verhalten wollten. Es erwies sich, daß sie ganz einig waren. Die von Ländern und Städten wurden in den Remter eingelassen. Dort saß schon auf einem erhöhten Sessel der Hochmeister. Zu beiden Seiten hatten die Landesbischöfe, die obersten Gebietiger und viele Komture Platz genommen. Neben ihm auf der Erhöhung war ein Sessel frei geblieben. Dorthin wurde durch zwei Komture der päpstliche Legat abgeholt, nachdem die Sendboten der Länder und Städte sich an den Langwänden des Gemachs aufgestellt hatten. Die Bischöfe trugen ihren geistlichen Ornat, die Ordensbeamten den Weißen Mantel mit dem Kreuz. Herr Ludwig de Silves selbst erschien in bischöflichen Gewändern, gefolgt von seinem Kaplan, der die Kapsel mit der päpstlichen Bulle trug. Tiefstes Schweigen herrschte im Saal, als der Legat nun aufstand, sich grüßend vor der Versammlung ein wenig verneigte, die Briefe aus der Kapsel nahm und seinen Schreiber beauftragte, sie im lateinischen Originaltext und in deutscher Übersetzung zu verlesen. Das geschah darauf. Mit immer zunehmender Spannung richteten sich die Blicke der Landesritter und Ratsherren auf den fremden Priester, durch den ihnen der Heilige Vater wissen ließ, es sei ihm vorgebracht worden, wie Länder und Städte unter sich eine Verschreibung und Vereinigung gemacht und die mit ihren Insiegeln befestigt hätten, in der sie sich wider den heiligen Christenglauben gesetzt. Gar finster wurden die Gesichter, als es dann weiter hieß: Sollten sie solche Einung und Verschreibung nicht abtun, so hätte der Herr Legat Macht, sie alle und jeden besonders bannen zu lassen, Interdikte zu legen und auch die weltliche Macht über sie anzurufen. Manche Lippe zuckte und manches Auge rollte zornig, als weiter auch dem Legaten die Befugnis zugesprochen war, den Streit zwischen dem Hochmeister, seinen Prälaten und Gebietigern zum einen Teil und den Ländern und Städten Zum anderen Teil zu verhören, zu richten und zu entscheiden. Das klang ihnen wie Hohn und Spott ins Ohr. Darauf erhob sich der Legat und hielt eine Anrede in Latein, die also von seinem Schreiber übertragen wurde: »Allerehrwürdigster, großmächtigster Fürst, ehrwürdige Väter und Herren und auch ihr edle und vorsichtige Leute, ihr habt wohl verstanden den guten Willen unseres Heiligen Vaters des Papstes und auch die barmherzigen Augen, die er auf euch und euer Land gerichtet hat, und habt auch gehört, wie Seine Heiligkeit mir Macht gegeben hat. Deshalb lege ich euch drei Wege vor: Der erste ist der Weg der Erforschung der Sachen, der strengen Untersuchung der Wahrheit vermöge meines Amtes, der andere ist der Weg des Rechtes, einen Teil gegen den andern zu verhören, und der dritte ist der Weg der Liebe und des Vergleichs, des Friedens und der Eintracht. Erklärt, welchen von diesen drei Wegen ihr gehen wollet, den wollen wir gern zwischen euch halten.« Der Schreiber fügte hinzu: »Begehret jemand eine Abschrift von der Bulle, wir wollen sie ihm gern geben.« Der Hochmeister dankte daraus demütig für sich und alle Anwesenden dem allerheiligsten Vater für seine väterliche Liebe, Sorge und Güte, weil er seine Botschaft in diese Lande geschickt hätte, und dem Herrn Legaten noch sonderlich für seine Mühe, Arbeit und Wohlmeinung in dieser Botschaft und in diesen Sachen und bat um eine Abschrift der Bulle mit dem Zufügen, es wolle den Herrn Legaten nicht verdrießen, wenn er zunächst mit seinen Prälaten, Gebietigern sowie den Ländern und Städten über die Antwort berate, die, so Gott wolle, gütlich ausfallen werde. Den Sendeboten gefiel dieser Dank wenig. Sie begehrten auch für sich keine Abschrift. Der Legat trat darauf ab. Freundlich aber sprach der Hochmeister: »Lieben Ritter und Knechte und lieben Getreuen, ihr habt des Herrn Legaten Vorbringen vernommen, wie wir gegen unsern allerheiligsten Vater den Papst beschuldigt sind. Darum, da wir in der Bulle allesamt und ohne Ausnahme beschuldigt sind, so wäre es gut, wenn ihr uns etliche von euch zufügen wolltet, damit wir mit Eintracht Antwort von uns geben möchten. Wollet ihr aber allein und besonders antworten, so übergebet uns eure Schrift, daß wir versuchen, sie mit der unseren auszugleichen. Nehmet eine kurze Beratung und sagt uns hierüber eure Meinung, auch welcher der drei Wege euch am besten gefällt.« Danach trat Sander von Baisen vor und sagte mit einem giftigen Blick auf den Bischof von Ermland: »Wir mögen dem wohl danken, der uns vor unseren allerheiligsten Vater den Papst gefordert hat, und Gott wolle es ihm auch danken und nimmermehr vergeben!« Franziskus tat aber, als wüßte er nicht, wer gemeint sei, und verhielt sich schweigend. Nun nahm der Ritter Hans von Czegenberg namens der Stände das Wort und sagte: »Lieber, gnädiger Herr, wir bitten Eure Gnade und rufen unsern gnädigen Herrn an, uns zu beschirmen und also zu stellen, daß wir von dem Herrn Legaten mögen ungedrungen bleiben. Wir begehren von Eurer Gnade zu wissen, ob Eure Gnade gegen Eure getreuen Länder und Städte eine Klage habe. Auch bitten wir Eure Gnade, ob die weiß, wer uns also unserm Heiligen Vater angegeben hat, daß Eure Gnade uns das auch wolle wissen lassen. Es ist uns nicht anders bewußt, als daß wir gute Christen sind, und ist uns beschwerlich, solche Beschuldigung zu hören. Deshalb nun wissen wir nicht, ob wir dem Herrn Legaten antworten sollen oder nicht, denn wie wir vernommen haben, vermeinet er sich Kläger zu sein und dazu auch Richter.« Tileman vom Wege aber, der unter den vordersten stand, hielt sich nicht länger zurück und rief: »Der Herr Legat sollte lieber die Ungläubigen und Juden und andere böse Christen in seinem Lande Portugal besuchen! Deren gibt's da viele und nicht in diesem Lande. Hier solle er, so Gott will, solche böse und Unchristenleute nicht finden wie in seinen Landen.« Da sahen die Gebietiger einander an und nickten wohl auch heimlich. Der Hochmeister aber suchte zu beruhigen und kam wieder auf seinen Vorschlag einer gemeinsamen Antwort zurück. Länder und Städte wollten sich jedoch auf nichts einlassen und nahmen für jetzt ihren Abschied. Nach zwei Tagen kamen sie wieder vor, nachdem sie die Sachen fleißig beraten hatten, und ließen sich durch ihren Sprecher so vernehmen: »Gnädiger, lieber Herr, Länder und Städte begehren von Eurer Gnade zu wissen, ob Eure Gnade irgendwelche Schälung oder Gebrechen mit ihnen habe. Gnädiger, lieber Herr, da wir Euer Gnaden Mannen geworden sind, da hat Eure Gnade wohl gewußt, daß wir solche Einung und Verschreibung gegen Gewalt unter uns gemacht haben mit Mitwissen Eures Vorfahrs Paul von Rußdorf seligen Gedächtnisses; und Eure Gnade hat uns doch zugesagt und gelobt bei der Huldigung, uns bei unsern Privilegien, Freiheiten und Rechten zu lassen. Prälaten und Gebietiger haben damals um den Bund gewußt und haben anerkannt, daß er Gottes Wort gemäß und redlich wäre und der Heilige Geist bei solcher Einung gewesen sei. Deshalb ist es nun Eurer Gnaden Schuldigkeit, uns vor dieser Bedrängnis durch den Herrn Legaten zu bewahren. Sollte das nicht geschehen, so besorgen wir, daß dem Papst, dem Kaiser, den Kurfürsten und andern offenbar von uns vorgebracht werden müßte, welche Not uns zu solcher Einung und Verschreibung gegen Gewalt gedrängt, so ungern wir's taten. Zu irgend welcher weiteren Verhandlung haben wir keinen Befehl von den Unsern und müssen das erst wieder heim zu ihnen bringen.« So meinten sie ihn nun zu nötigen, sich über den Hauptpunkt zu erklären. Der Hochmeister aber, der wohl merkte, wie sie ausweichen wollten, fuhr zornig auf und antwortete: »Mitnichten besteht euer Bund, wie ihr sagt. Zwar hat Herr Paul von Rußdorf von ihm gewußt, aber auch durch seinen Großkomtur und Kanzler verboten, ihn abzuschließen. Mitnichten haben die Herren Prälaten ihn göttlich und redlich genannt. Habt ihr Klagen, weshalb er geschlossen worden, so haben wir dem andere Sachen entgegenzustellen, die wahrlich nicht leichter wiegen. Nun wisset ihr wohl, daß wir und unsere Prälaten geistliche Fürsten sind und unsere Privilegien, Freiheiten und Gerechtigkeiten im meisten Teile von dem päpstlichen Stuhle haben. Darum ist es uns unmöglich, euch gegen desselben Macht zu verantworten, unterwerfen uns vielmehr demütiglich mit solcher Antwort, daß uns jeder der drei Wege genehm sei, und raten euch, ebenfalls mit dem Herrn Legaten nach Schuldigkeit zu verhandeln, andernfalls aber ihn selbst um Urlaub zu bitten, denn wir euch hierin nicht vertreten können.« Davon wollten jedoch Länder und Städte nichts hören, berieten wieder auf dem Rathause und forderten beharrlich eine andere Tagfahrt, da sie weiter keine Vollmacht hätten. Die Abgesandten der kleinen Städte, denen die Zehrung ausging, wurden schwierig und kamen bei den großen ein, daß sie nach Hause entlassen würden. Der Thorner Bürgermeister mahnte überall zu einträchtigem Zusammenhalten. »Stecken wir den Kopf in die Schlinge«, sagte er, »so mögen wir zusehen, wie wir ihn wieder herausziehen. Wir dürfen es mit niemand zu tun haben wollen als mit dem Herrn Hochmeister, der unser Landesfürst ist.« Im stillen freute er sich, daß diesem aus der Sache große Verlegenheit erwuchs; gab er dem Legaten allzusehr nach, so verdarb er's mit dem Lande gänzlich; widersprach er ihm aber, so würde er ihn gegen den Orden erzürnen. Endlich mußte Herr Ludwig von Erlichshausen sich doch entschließen, die Vermittlung zu übernehmen. Er ließ den Legaten bitten, eine andere Tagfahrt zu genehmigen. Der aber war längst schon ungeduldig geworden über der Stände Zögerung und antwortete sehr ungnädig, sie wollten nur Ausflüchte machen und bewiesen ihren Ungehorsam gegen die Kirche. Er schickte seinen Kaplan Bruno in die Versammlung und befahl bei den in der Bulle vorgesehenen Pönen, niemand sollte von dannen ziehen, bevor die Antwort gegeben, daß sie ihm auch den Bundesbrief aushändigten, damit er erkenne, was darin göttlich und möglich, und das andere abtue. Die Sendboten verharrten jedoch in Schweigen. Dem Hochmeister warf der Legat in seinem Übermut vor, daß er Länder und Städte in ihrem frevelhaften Ungehorsam bestärke, und forderte ihn als den Handhaber des weltlichen Schwertes in diesen Landen ernstlich zum Gebrauch desselben auf. Es war doch schon gewiß, daß die Stände nicht nachgeben würden. Sie versprachen aber feierlich, auf nächster Tagfahrt mit ganzer Vollmacht zu erscheinen. Daraufhin verstand sich denn endlich auf des Hochmeisters Bitten der Bischof von Ermland dazu, beim Herrn Legaten eine Frist nachzusuchen. »Ihr kennt nicht dieses Landes Art, ehrwürdiger Bruder«, sagte dieser ihm klug einlenkend, »und schadet unserer Sache durch zu großen Eifer. Was haben wir denn auch für einen Gewinn, wenn wir Länder und Städte nötigen, etwas zu bewilligen, wozu sie keine Vollmacht haben? Sie werden es als erzwungen widerrufen. Zu einer gütlichen Antwort später scheinen sie aber willig zu sein. Ihr sehet wohl, wie die Sachen hier auf einer Nadel Spitze stehen. Wollet es dem Herrn Hochmeister nicht verargen, wenn er seinen Untersassen eine billige Forderung nicht schroff abschlagen und somit ihr Vertrauen für alle Zeit einbüßen will. Gebt im kleinen nach, um im großen zu gewinnen.« Herr Ludwig de Silves verzog das Gesicht zu einem bitteren Lächeln. »Ihr tut nicht gut«, entgegnete er, »ihnen hierin beizustehen. Zu großer Betrübnis muß ich erkennen, daß man mir mein Amt allseits zu erschweren trachtet. Es war des Heiligen Vaters Meinung, daß ich in längstens vier Monden von dieser Legation wieder in Rom eintreffen würde. Nun sind schon drei vergangen seit seiner Bevollmächtigung, sechsundzwanzig Tage, seit ich dieses Landes Grenzen überschritt, und nun will man mich noch weiter hinhalten, ob ich eine Antwort bekommen soll oder nicht. Der Herr Hochmeister und seine Gebietiger haben viel gute und freundliche Worte. Daß sie aber, wenn's not tut, mit Strenge dem Ungehorsam und der Verachtung des päpstlichen Stuhles wahren, das merk ich nicht. Sie hätten wohl gern den Dorn aus ihrem Fleische, möchten ihn aber ausgezogen haben, ohne daß es schmerzt. Ich fürchte, die Wunde schwärt immer heftiger, und zuletzt wird das Messer zu einem tiefen Schnitt angesetzt werden müssen. Nun finde ich auch einen Diener der heiligen Kirche bei den Saumseligen – das ist mir das Beschwerlichste von allem.« »Vergesset nicht, hochwürdigster Herr Bruder«, antwortete Franziskus achselzuckend, »daß die heilige Kirche hier in Preußen, wie der Orden, Land und Leute zu verlieren hat. Schon ist ein böses Wort gefallen: die Bündischen haben des Kaisers und der Kurfürsten gedacht, vor denen sie im Notfall ihre Sache gegen den Orden führen wollen. Nun ist Euch aber bekannt, daß der Orden sein Recht zu dieser Herrschaft ebenso von kaiserlichen als von päpstlichen Briefen herleitet. Deshalb könnte Kaiser Friedrich kaum anders, als der Stände Klage annehmen. Dann aber erhebt sich zugleich der Streit zwischen dem päpstlichen und kaiserlichen Stuhl um das Richteramt, und beider Ansehen wird schwer gefährdet. Das muß vermieden werden. Darum ist meine Meinung, die Kirche dürfe es zu solchen Anrufen einer anderen Macht gar nicht kommen lassen, sondern handele klug, so weit nachzugeben, daß sie sich unter allen Umständen den Spruch wahrt. Brecht Ihr jetzt ab, da der eine Teil doch nur Aufschub erbittet, so wundert Euch nicht, wenn der andere zaghaft wird, für Euch Gewalt einzusetzen. Denn so mächtig Rom ist, so scheint doch auch der Kaiser kein verächtlicher Bundesgenosse.« De Silves kniff die Lippe. Er erinnerte sich, daß er auf der Reise nach Preußen beim Kaiser in Wien angesprochen war, um ihn zu gleichzeitigem Vorgehen zu vermögen, aber eine höfliche Abweisung erfahren hatte. Es schien dort verletzt zu haben, daß der Hochmeister noch nicht einmal seine Wahl förmlich angezeigt. Man wolle sich ohne beider Teile Anrufen in die Sache nicht einmischen, hatte es geheißen. Offenbar sah man's in Wien gern, wenn der Legat sich die Finger verbrannte. Um so mehr war es ein Ehrenpunkt geworden, auf irgendeine Weise den Frieden zustande zu bringen und so die päpstliche Autorität zu wahren. So trat denn der Legat seufzend einen Schritt zurück und willigte in die Vertagung bis nach dem Weihnachtsfest. Indessen sollte die päpstliche Bulle von allen Kanzeln verlesen und den Leuten klar ausgelegt werden. So zogen denn die Sendboten von der Pön befreit, aber doch gar bekümmerten Herzens in ihre Heimat. Ein Ausweichen schien nicht mehr möglich; jetzt mußte der Bund verteidigt oder aufgegeben werden; sie durften nicht nach Elbing zurückkehren ohne ganze Vollmacht. Zweites Kapitel Die Väter Auch Bartholomäus Blume war in Elbing. Der Hochmeister selbst hatte gewünscht, daß er nicht fehle, und der Bund besaß keine Handhabe, ihn von der Tagfahrt auszuschließen, zu der jener berief. Er war auch das eine und andere Mal allein zu Schloß geladen worden, um den Hochmeister freundschaftlich zu beraten, wie der Leute Stimmung sei, und ihm vornehmlich hatten die Stände es zu danken, wenn der hohe Herr in letzter Stunde gelindere Saiten auszog und für sie beim Legaten vermittelte. »Es wird zwar geschehen«, sagte er ihm, »was diejenigen wollen, die auch jetzt hier das Wort führen; aber sie selbst wünschen für alle Fälle gedeckt zu sein, daß man ihnen willfahrt. Woher sollten sie auch die Macht nehmen, dem Herrn Legaten zu- oder abzusagen? Mich selbst – ich sag's offen – bekümmert's nicht weniger als die andern, daß wir uns vor ihm verantworten sollen.« Er sah sich von den Sendeboten der großen Städte und von den Eidechsenrittern gemieden, die ihn doch früher gern an sich gezogen hatten, aber unter den Bürgermeistern der kleinen Städte und den weniger hitzigen Landesrittern hatte er noch immer viel heimlichen Anhang. Es war vielen doch bedenklich geworden, ob man den Bund wider des römischen Stuhles Verbot werde halten können; sie wären gern auf erträgliche Bedingungen mit der Herrschaft zum Frieden gekommen. Schon die häufigen Tagfahrten mit ihren unvermeidlichen Kosten waren ihnen beschwerlich. Bartholomäus Blume meinte sie ermutigen zu müssen und forderte mit den Gleichgesinnten von Neustadt-Thorn und Konitz in großer Versammlung der Prälaten, Gebietiger und Stände vor dem Hochmeister feierlich die Siegel vom Bundesbrief zurück, ließ darüber auch von einem Notar Protest aufsetzen zu jedermanns Kenntnis. Freilich trat auch jetzt niemand weiter öffentlich zu ihm über, aber Tileman vom Wege, der am liebsten sogleich dem Legaten heimgeleuchtet hätte, merkte doch, wie sehr Vorsicht geboten war. Blume schien ihm der gefährlichste Gegner, weil er ihn für den ehrlichsten halten mußte. Die beiden Männer hatten in Elbing keinen Verkehr miteinander gehabt. Es war nicht Tilemans Art, schonend zu verfahren, und so hatte auch Blume auf früheren Tagfahrten manches harte und derbe Wort von ihm hören müssen, wie er ihn denn unter anderm einen Judas genannt und nach den Silberlingen gefragt, die er aus des Treslers Kasten erhalten. Jetzt begnügte er sich damit, ihn unbeachtet zu lassen, und selbst da, wo Blume recht empfindlich seinen Einfluß bei den kleinen Städten kreuzte, hielt er an sich und sprach von ihm nicht verächtlich. Blume seinerseits grüßte ihn ehrerbietig, so oft er ihm begegnete, und suchte ihm auch bei den oft stürmischen Verhandlungen auf dem Rathause zu beweisen, daß nur die Sache sie trennte. Es kam ihm nicht aus dem Sinn, daß Jost seines Kindes Herz gewonnen hatte. Erschweren wollte er ihm wenigstens nicht durch sein persönliches Verhalten das Bemühen, den starren Mann seinem Wunsch freundlich zu stimmen. Ob Jost schon gesprochen hatte? In Marienburg hatte er sich seit jenem Herbstabend nicht mehr blicken lassen; auch war keine briefliche Nachricht von ihm in des Bürgermeisters Haus gelangt. So viel war also gewiß, daß er noch nichts Erfreuliches melden konnte. Tileman hatte ihn nach Elbing nicht mitgebracht. Einmal beim Spättrunk im Artushof hörte Blume ihn zu einem Nachbar, dem Danziger Reinhard Nidderhof, sagen, er habe seinen Sohn, da er zu Hause nichts Gutes täte, schon vor Wochen nach Warschau geschickt; er solle dort Holz und Getreide kaufen, sich auch gelegentlich bei Hofe vorstellen und einen Tanz mit dem jungen Fräulein der Königin wagen. »Das wird ihm allerhand dumme Gedanken aus dem Kopf bringen«, setzte er so laut hinzu, daß Blume überzeugt sein mußte, es sei auch für ihn gesagt, der auf der Bank hinter ihm saß. Daraus meinte dieser denn seinen Schluß ziehen zu können. Aber ein mehreres erfuhr er nicht. In den letzten Tagen war nach scharfem Frostwetter viel Schnee gefallen. Er lag fußhoch auf den Rinnen zwischen den Häusern und war zuletzt auch auf den Spitzdächern haften geblieben, jede Luke wie mit einer weißen Haube deckend, auf der vorn die Eisenstange mit der Kugel oder dem Kreuz oder dem Blechfähnlein wie eine Schmucknadel vorsteckte. Der Schnee lag auch auf den hochragenden Dächern der Kirchen und des Rathauses, die nun gegen das Hellgrau des Himmels kaum zu unterscheiden waren, auf den Steingesimsen über den Türen der Patrizierhäuser und auf den Podesten vor denselben. So reichlich war er gefallen, daß er auch auf den Straßen nicht niedergetreten werden konnte, sondern nur schmale tiefeingesenkte Fußstege die Treppen hinab, an den Häusern entlang und an den Kreuzungsstellen querüber führten. Sie waren mit der Schaufel ausgehoben, und der Schnee türmte sich nun zu beiden Seiten wie ein kleiner Wall. Wehe, wenn rasches Tauwetter eintrat! Jetzt aber schien ein solcher Umschlag nicht befürchtet werden zu müssen, da wieder gelinder Frost herrschte. Man hoffte, der Schnee werde in das neue Jahr hinein liegenbleiben, und freute sich dessen wegen der guten Schlittbahn, die immer rege Zufuhr vom Lande und aus den Wäldern brachte. An dem Tage, an welchem der Herr Hochmeister die Stände entließ, fuhren bei der Herberge, in der Bartholomäus Blume Quartier genommen hatte, dicht hintereinander zwei Schlitten im Hof auf. In dem einen, geräumigeren, saß auf dem hinteren Sitz eine ganz in Pelze gehüllte alte Frau; Marcus Blume lenkte die feurigen Rosse. Der andere, mit den schlechteren Arbeitspferden bespannte, war leer und wurde von einem Knecht geführt. Blume hatte nach Hause gemeldet, daß die Tagfahrt zu Ende gehe und für seine Abholung gesorgt werden solle. Nun wunderte er sich doch, als sein Sohn und die alte Wirtschafterin vom Gütchen bei ihm eintraten. »Was gibt's denn«, fragte er, »sollen in Elbing Einkäufe gemacht werden? Dazu wird der Rest meines Zehrgeldes schwerlich zureichen. Ich war auf so langes Ausbleiben nicht gefaßt und bleibe vielleicht gar meinem Wirt noch ein weniges schuldig.« »So ist's nicht gemeint«, antwortete Marcus, im Stübchen herumtrappend, um sich die Füße zu erwärmen. »Ich will mit der alten Trine noch weiter – viel weiter. Könnt Ihr's nicht erraten, Vater?« »Wie sollt' ich?« stutzte der, und merkte doch schon etwas. »Die Mutter schickt mich«, fuhr Marcus lächelnd fort. »Sie meint, es sei wohl jetzt an der Zeit, die Reise nach Heilsberg und in den großen Wald hinein zu wagen, um das Waldfräulein abzuholen – wenn es mitzukommen Lust hat und Urlaub erhält.« »Die Mutter schickt dich«, wiederholte der Alte mit befriedigtem Kopfnicken. »Ja, das ist ein anderes. Sie schickt dich. Dann wird's wohl auch gut sein.« Frau Christine zu drängen, wäre, wie er sie kannte, sehr unklug gewesen. Nun sah er, daß sie die Sache in Gedanken behalten und die Entscheidung nach seinem Wunsch getroffen. Es war ihm jetzt auch kein Zweifel, daß sie gern tat, was sie tat, und dem fremden Kinde wie dem eigenen eine gute Mutter zu sein redlich bemüht sein würde. »Die Wirtschafterin soll mich begleiten«, fuhr Marcus fort, »da Frau Regina doch wohl Bedenken haben möchte, mir allein Ursula anzuvertrauen, obgleich... Sie könnte ganz ruhig sein.« »Die Mutter wird das wohl überlegt haben«, bemerkte Blume. »Für Euch, Vater, hat sie den Knecht mit einem zweiten Schlitten geschickt.« »Es ist gut. Er soll vorläufig ausspannen. Aber ich fahre noch heute.« »Und soll ich kein Schreiben an die Waldfrau mitbekommen? Die Mutter meinte –« »Sie hat recht. Wie kann sonst Frau Regina wissen...? Sie hat ganz recht. Es kann sein, daß ihr der Herr Hochmeister schon geschrieben hat, damit sie vorbereitet sein möge. Aber das wäre doch nicht genug. Hm – hm –! Das beste scheint, wir gehen sogleich zusammen aufs Schloß und lassen uns bei dem gnädigen Herrn melden.« Das geschah denn auch. Bartholomäus Blume stellte seinen Sohn vor, nannte den Zweck ihrer Reise und bat um ein Begleitschreiben für ihn. Der Hochmeister zeigte sich sehr erfreut, klopfte Marcus die Wange und versprach, den Brief sogleich aufzusetzen. Es dauerte eine gute Stunde, bis er damit fertig war, denn er hatte wenig Übung im Schreiben und wollte seinen Schreiber nicht zuziehen. Die beiden Blume warteten indessen im Vorzimmer, wohin er für sie eine Kanne Wein hatte stellen lassen. Dann wurden sie wieder hereingerufen, und der Herr Hochmeister siegelte in ihrer Gegenwart mit seinem großen Ringe das Wachs. »Gott gebe, daß Ihr merklichen Erfolg habt«, sagte er zu Marcus, der seine Hand küßte und den Brief sorgsam im Futter des Wamses verwahrte. »Einen vertrausameren Boten und Reisemarschall hätt' ich freilich nicht finden können.« Er drohte mit dem Finger. »Bringt Euch nur selbst heil wieder heim.« »An so etwas denkt unser Marcus nicht«, versicherte der Bürgermeister gutgläubig. »Sonst wär's auch gefährlich, das schöne Fräulein ins Haus zu nehmen. Er ist von ruhiger Art und wohlbedacht. Ich hoffe, Eure Gnade soll ihn so auch bei anderen Diensten kennenlernen.« Marcus errötete bis zur Stirn hinauf und nestelte geschäftig sein Wams wieder zu. Der Hochmeister meinte, es sei des Lobes wegen, und sagte lächelnd: »Auf solche Empfehlung will ich Euch jederzeit gern annehmen. Ich wollte, unser Orden hätte viele solcher Freunde wie Euren Vater. Aber« – setzte er mit einem Seufzer zu Blume gewendet hinzu: »man gönnt mir wenig Freude. Sind wir bei dieser Tagfahrt noch so leidlich auseinander gekommen, so hab ich doch wenig Hoffnung, daß die nächste gut endet. Ich sag's Euch aber im Vertrauen: der Herr Legat läßt nicht mit sich spaßen. Uns selbst kommt er wenig genehm. Wenn Länder und Städte ihren Vorteil verstehen, so wählen sie den dritten Weg, den er vorgeschlagen. Sprechet zum Guten, wo Ihr könnt, lieber Getreuer.« Er entließ sie mit einem freundlichen »Auf Wiedersehen in Marienburg!« Bald darauf verließen Vater und Sohn die Stadt durch die entgegengesetzten Tore. Die Schlittbahn war noch nicht fest eingefahren. Bei jedem Schritt wühlten die Pferde den losen Schnee auf und warfen ihn dem Knecht ins Gesicht und über die Pelzdecke, die Blume eng um Leib und Brust gezogen hatte. Vor dem Kruge zu Altfelde sah er einen Gaul angebunden, der hinten am Sattel einen Mantelsack trug und müde den Kopf hängen ließ. Der Reiter mochte hier des beschwerlichen Weges wegen Rast gemacht haben. Auch der Knecht sah sich um, ob er einen Befehl erhalten werde, anzuhalten. Aber Blume sagte: »Fahr langsam zu, in einer Stunde können wir zu Hause sein. Es ist besser, wenn deine Pferde sich in ihrem Stall ausdampfen.« Nach einer Weile vernahm er ein Schnaufen hinter sich. »Hallo!« rief die rauhe Stimme eines Mannes, »wartet ein wenig und nehmt mich mit. Das Reiten durch den Schnee ermüdet den Gaul über die Maßen, und ich möcht heute noch Dirschau erreichen. Ihr habt wohl auf Eurem Schlitten noch einen Platz frei. Nehmt mich auf.« Blume gab dem Knecht einen Schlag auf die Schulter und rief: »Halt an!« Er hatte in dem Reiter Tileman vom Wege erkannt und war nicht wenig verwundert, von ihm angesprochen zu werden. »Grüß Gott, Herr Tileman«, sagte er, schnell zur Seite rückend und die Pelzdecke lockernd. »Ihr reitet nicht gerade den nächsten Weg nach Thorn. Hätt' nicht erwartet, Euch hier zu begegnen. Steigt seitwärts auf die Schlittenkufe ab, so braucht Ihr nicht in den tiefen Schnee zu treten. Er erkältet Euch den Fuß, wenn er nachher unter der warmen Decke schmilzt.« »Und macht Euch die Decke naß«, antwortete der Thorner grinsend. Er tat aber, wie ihm geraten war, und warf den Zügel dem Knecht zu, der ihn, auf der Deichsel einen Schritt vortretend, in den Halsriemen seines linken Pferdes einband, worauf er sich wieder zurechtsetzte und die Peitsche schwang. »Ich will vorerst nach Dirschau, wie Ihr schon hörtet«, sagte Tileman, nachdem er sich's auf dem Hintersitz nach Möglichkeit bequem gemacht, »und von da nach Danzig, mit dem Rat zu verhandeln, was weiter geschehen soll. Reimandus Nidderhof und Hans Meideborg sind schon voraus. Hätt' sonst wohl mit ihnen reiten können, hab aber unterwegs noch Geschäfte – vielleicht auch in Marienburg. Wollt sie deshalb nicht aufhalten.« »So kehrt freundlich bei mir ein«, bat Blume. »Ich hätt' Euch in Elbing nicht das Zumuten gestellt, wäre ich auch von Eurem Plan unterrichtet gewesen. Da Ihr aber mich hier auf der Landstraße selbst angerufen habt und den Platz im Schlitten neben mir nicht verschmäht...« »Es kann sein, daß ich Euch auch ohnedies in Marienburg aufgesucht hätte«, knurrte Tileman. »Eigentlich war's meine Absicht, auf der Hinreise den Umweg über Eure Stadt zu nehmen, aber die Eidechsen hielten mich zu lange in Rheden auf, wo sie vor der Tagfahrt in großer Zahl berieten. Dann war's zu spät. Es tut mir leid, Barthel. Wer weiß ... Vielleicht hätte ich Euch noch rechtzeitig von der Torheit abgebracht, in Elbing Ländern und Städten öffentlich ins Gesicht zu schlagen. Nun ist's geschehen und wird viel Mühe kosten, ein gutes Einvernehmen wiederherzustellen.« »Warum verweigertet Ihr uns die Herausgabe der Siegel?« »Weil wir einen ewigen Bund geschlossen und sie daran gehängt haben. Es steht in keines Gliedes Belieben, sich vom gemeinsamen Körper zu trennen.« »Das muß ich bestreiten. Wir sind frei zum Bunde getreten und treten frei auch wieder ab.« »Unsere Meinung ist das nicht und war früher unter dem alten Hochmeister auch nicht die Eure. Entsinnt Euch der Reden, die wir deshalb geführt.« »Die Dinge lagen damals anders.« »Ich wüßte wahrlich nicht! Es ist seitdem kein anderes Recht in die Welt gekommen.« »Jeder legt's in seiner Weise aus.« »Aber wie die Mehrzahl es auslegt, so gilt es.« »In den Gerichten! Für solche Händel ist noch kein Gericht gesetzt.« »Der Bund ist ein Gericht über alle seine Glieder!« »Nicht in dem einen, ob sie ihm angehören wollen oder nicht.« »In diesem vornehmlich. Aber wie dem sei – er hat die Macht und ist entschlossen, davon Gebrauch zu machen.« »So müssen wir's leiden, was auch geschehe.« »Ihr handelt unklug, Barthel. Bedenkt, daß ihr Marienburger in diesem Fall gegen uns sein müßt, wenn ihr nicht mit uns seid. Der Orden kann euch nicht schützen, und ihr seid zu schwach, ihm zu helfen.« »Gott wolle geben, daß wir unsere Kräfte nicht im Kampf zu messen haben.« »Ja – Gott wolle geben. Wenn aber Unverstand und Hartnäckigkeit auf der andern Seite...« Der Schnee, den die Pferde aufwarfen, flog Tileman ins Gesicht und blieb in seinem struppigen Bart hängen, so daß ihm im Augenblick der Mund geschlossen war. Er zog den Pelzhandschuh ab, um sich zu säubern. »Sprechen wir davon weiter, wenn wir am warmen Ofen sitzen«, sagte er; »hier hat man alle Aufmerksamkeit darauf zu richten, daß man von den Schneekugeln nicht getroffen wird. Auch fahren wir scharf gegen den Wind, und ich muß sorgen, daß ich nicht eine heisere Kehle nach Danzig mitbringe. Ich hoff' Euch noch zu bekehren.« Blume hatte keine Neigung, auf dieses letzte zu antworten. Er dachte bei sich, das werde schwerlich geschehen können; er dachte aber auch noch manches andere, was er nicht aussprechen mochte, so vornehmlich, was wohl Herrn Tileman vom Wege bewogen, sich zu ihm in den Schlitten zu setzen und ein solches Gespräch anzufangen und seine Bekehrung in Aussicht zu nehmen, da der Protest sie doch anscheinend ganz und für alle Zeit auseinandergebracht hatte. Es lohnte schon, sich darüber ein wenig den Kopf zu zerbrechen: der Grund mußte ein gang absonderlicher sein. Er meinte ihn beinahe erraten zu können; es wurde ihm aber ängstlich zumute, wenn er der Spur nachging, und er kehrte immer wieder lieber um. »Vorwärts, Jochem!« rief er dem Knecht zu, »schlaf nicht ein!« Bei Tileman entschuldigte er die Pferde. Sie seien aus dem Arbeitsgespann, kräftig und ausdauernd, aber nicht flink. »Marcus ist mit den beiden Braunen unterwegs nach...« Es war, als ob ihm der Wind den Schluß vom Munde weggeblasen hätte. Der Thorner erkundigte sich nach Marcus und nach Frau Christine und nach Magdalene, immer in längeren Pausen und mit knappen Worten, und Blume antwortete jedesmal mit einem freundlichen Dank, aber wenig eingehend. Es war nur, daß die Unterhaltung nicht ganz stockte. Zu lange dauerte auch die Fahrt nicht mehr. Schon kamen die Türmchen auf der Mauer nah in Sicht, und bald kratzte der Schlitten über das Pflaster unterm Tor, das der Schnee nicht getroffen hatte. Bald hielt er vor des Bürgermeisters Haus. Tileman vom Wege ließ sich gar nicht erst bitten einzutreten. Das Schellengeläute hatte Magdalene ans Fenster gelockt. Sie mußte wohl etwas sehr Merkwürdiges zu melden gehabt haben, denn gleich darauf erschien auch Frau Christine und blickte ihr über die Schulter, bis die beiden Männer unter die Laube getreten waren. »Einen schönen guten Tag«, rief Blume in das Stübchen hinein. »Und seht einmal, welchen Gast ich mitbringe.« Er schob den Thorner Bürgermeister vor. »Verzeiht, werte Frau«, sagte Tileman, ihr die Hand reichend, »daß ich's wage, so unangemeldet bei Euch einzubrechen, wollt' aber doch nicht an Eurem Hause, in dem ich sonst viel Freundschaft erfahren, vorüber, ohn' Euch einen Gruß zu bieten. Euer Mann treibt's freilich jetzt arg, wird mich doch aber hoffentlich bei Euch nicht so schwer verlästert haben, daß Ihr nichts mehr von mir wissen mögt, das wäre mir leid.« »Legt ab«, bat Frau Christine mit ihrem holdesten Lächeln, »und laßt es Euch bei uns wohl sein. Es ist uns allemal eine große Ehre, wenn Herr Tileman vom Wege uns seinen Besuch schenkt; Ihr dürft aber auch glauben, daß die Freude darüber ebenso groß ist. Von der Männer Streit wissen wir Weibsleute wenig; ich hoffe, sie vergessen ihn auch selbst zuzeiten.« Sie nahm ihm den Pelzrock und die Handschuhe ab und rief der Magd zu, das Essen zu bereiten, vorerst aber eine Kanne Warmbier auf den Tisch zu stellen. Im stillen überlegte sie schon, was sie etwa noch in der Vorratskammer hätte, die Tafel stattlicher einzurichten. Als eine kluge Frau hatte sie's gleich begriffen, daß es etwas zu bedeuten haben müßte, wenn der Thorner Bürgermeister sich ins Haus einführte, das er so lange gemieden. Die gastlichste Aufnahme war ihm diesmal gewiß. Auch Magdalene durchzuckte es freudig, als Herr Tileman nun zu ihr trat und viel vertraulicher, als es sonst seine Art gewesen war, ihr die gerötete Wange klopfte. »Ei – ei!« sagte er schmunzelnd, »wie schön Ihr in diesem letzten Jahr geworden seid, Jungfrau! Es ist meinen alten Augen ein rechtes Labsal, Euch zu sehen.« Er drehte sie an den Schultern herum. »Die blonden Zöpfe sind noch gut zwei Handbreit länger ausgewachsen, und schlank seid Ihr geworden, daß man Euch meint umspannen zu können. Werdet nur nicht gar zu luftig!« Solche Schmeichelei hatte er ihr noch nie gesagt. War sie vorher schon rot, so wallte ihr nun erst recht das Blut durch die Adern. Jost hat gesprochen, dachte sie bei sich, und er ist uns nicht entgegen. Sie bückte sich, ihm die Hand zu küssen, aber er ließ es nicht zu. Ihr zitterten die Knie. »Das Mädel ist frisch und gesund«, sagte Blume, »und dabei, wollt' ich, möcht's bleiben.« Frau Christine schlug ein Kreuz. »Unverrufen«, fügte sie hinzu. »Das Gesicht ist nicht immer so rosig, wie gerade jetzt, da Ihr sie so gütig beschämt. Manchmal sieht sie recht bleich aus und läßt den Kopf hängen wie ein Schneeglöckchen. Dann hab' ich meine liebe Mühe, sie zu erheitern.« »Mutter –!« schalt Magdalene. Herr Tileman aber lachte. »Wer weiß, was sie zu solcher Zeit im Sinn hat? Ich hab' mir sagen lassen, bei jungen Mädchen sitzt der Kopf nahe dem Herzen – hahaha!« Magdalene versteckte sich hinter ihrer Mutter. Komm, komm«, sagte Frau Christine, »und hilf mir in der Wirtschaft. Der Herr Gevatter weiß allzu gut Bescheid.« Auf die Tafel wurde auch eine Flasche rheinischer Wein gestellt, wie nur bei den feierlichsten Gelegenheiten. Es gab eine Biersuppe, Hammelfleisch mit Klößen, Schinken mit Backobst und zum Nachtisch eine süße und gewürzige Krude, die eiligst vom Ratsapotheker geholt war, der solches Backwerk zum Verkauf fertigte. Das Gespräch hielt sich von den politischen Streitpunkten möglichst fern. Frau Christine teilte mit, was sich neues »bei Hofe« ereignet hatte, so wenig es auch war, und der Gast erzählte von den winterlichen Vergnüglichkeiten in Thorn und in was für absonderlichen Moden die polnischen Edelfrauen und Fräulein erschienen seien. Er war auch vor nicht langer Zeit auf einem Hansatag zu Lübeck gewesen, allerhand schlimme Händel zu vergleichen. Man hörte gern zu, wie es in der freien Reichsstadt an der Ostsee zuging, um deren Gunst sich viel Fürsten und Herren bemühten. Die großen Städte in Preußen gehörten zur Hansa, und der Orden fördert gern ihre Handelsinteressen schon des eigenen Nutzens wegen. »Die Lübecker neiden schon den Danzigern den Verdienst«, sagte er, »aber die lassen sich nicht mehr ducken. Wir haben selbst unsere liebe Not mit ihnen, daß sie uns nicht über den Kopf wachsen.« »Da seht Ihr's«, bemerkte Bartholomäus, »wie gute Frucht den Städten das einträchtige Handeln mit dem Orden bringt.« Der Thorner warf das Kinn auf. »Da wäscht eine Hand die andere. Warum sollen wir da draußen nicht freundschaftlich zusammengehen, solange eine solche Stärkung beiden Teilen dienlich ist? Dort läßt uns der Herr Hochmeister gern die Führung. Stützen wir uns auf sein Schwert, so entgeht ihm doch der klingende Lohn nicht. Ihr hier in Marienburg, denk' ich, wißt am besten, welche Vorräte von Getreide und anderen Waren der Großschäffer jährlich zur Ausfuhr anhäuft und was er an Tuchen, Laken, Pelzen und Eisenzeug für die Brüder aus dem Erlös ins Land zurückbringt. Das entgeht dem Kaufmann. Aber wir murren schon nicht, solange er sich in Grenzen hält und nicht unbillige Vorrechte fordert. Wir Thorner gönnen auch Danzig seinen Verdienst, nur daß es unser Niederlagerecht respektiere und uns nicht von der See abschneide.« »Ihr gönnt jedem, was er haben kann«, rief Blume lachend, »man muß Euch nur erst satt werden lassen. Und so denken die andern auch. Gebt acht, es kommt noch einmal zwischen Thorn und Danzig zu einem harten Strauß. Wehe dem, der dann unterliegt, wenn nicht der Obrigkeit starke Hand das Gleichgewicht erhält.« Tileman trank sein Glas aus und stellte es umgekehrt auf den Tisch. »Wer mag so weit in die Zukunft sehen«, sagte er. »Für jetzt haben wir beide genug zu tun, daß der Obrigkeit Hand nicht zu stark werde. Sie könnte uns sonst leicht einen solchen Frieden auflegen, der keinem Teil gefiele. Aber das ist kein Gespräch für die Frauen. Laßt uns aufstehen und noch ein Stündlein in Eurem Stübchen verbringen. Es wäre auch sonst noch dies und das zu erörtern, worüber wir nicht einerlei Meinung sind.« »Wollt Ihr wirklich heut' schon wieder fort, Herr Bürgermeister?« fragte Frau Christine. »Oben im Giebel steht allezeit ein aufgemachtes Bett für einen lieben Gast bereit.« »Ich muß Euch diesmal schon danken, werte Frau«, antwortete er, ihr die Hand schüttelnd, »meine Reise hat Eile. Aber ich hoffe, es war nicht das letztemal, daß ich an Eurem Tisch saß, so eifrig auch der Alte hier darauf bedacht ist, das Tuch zwischen uns durchzuschneiden. Sorgt bitte dafür, daß er nicht allzu hartnäckig werde.« So liebenswürdig hatte er sich noch nie um sie bemüht. Sie knickste ganz verschämt und schielte dabei zu Magdalene hinüber, die den einen ihrer langen Zöpfe über die Schulter genommen hatte und mit den in Verlegenheit spielenden Fingerchen breit auszupfte. Gleich darauf sagte sie ihrem Vater etwas ins Ohr. »Gewiß, gewiß«, antwortete er, »der Schlitten soll nach einer Stunde wieder angespannt werden, den Herrn Bürgermeister nach Dirschau zu bringen. Gewiß.« Tileman klopfte ihr die Backe. »Ich nehm's an«, sagte er, »weil Ihr mir's zugedacht habt, liebe Jungfer. Wer weiß...? Aber ich will nicht plauderhaft sein. Ade und Gott behüt' Euch. Noch eins, habt Ihr etwas an meinen Jost zu bestellen? Er muß in nächster Zeit von Warschau zurückkehren.« »Einen herzlichen Gruß«, antwortete sie rasch, über und über errötend. Sich nach den Eltern umschauend, setzte sie dann schüchtern hinzu: »Das wird wohl erlaubt sein – – durch den Vater!« Die beiden Männer gingen hinab. Frau Christine schickte ihnen durch die Jungmagd einen Nachtrunk dorthin. Mutter und Tochter hatten dann noch lange miteinander zu zischeln. Es konnte ja gar nicht anders sein: Herr Tileman vom Wege wußte von seines Sohnes Heimlichkeit und wollte ihm nicht entgegenstehen. Der Thorner Bürgermeister aber, nachdem er im Lehnsessel Platz genommen und sich behaglich ausgestreckt hatte, knurrte, als ob er um eine Einleitung des weiteren Gesprächs verlegen wäre, ein »Hm – hm« und »Ja – ja« vor sich hin, zupfte seinen Bart und begann endlich, die Hand fest auf die Tischplatte legend: »Warum soll ich länger krumm herumgehen, da ich zuletzt doch mit der Sprache heraus muß? Lieber Gevatter, es hat Euch scheinen müssen, daß ich in letzter Zeit sehr erzürnt auf Euch war. Und ich bin's auch wirklich gewesen und bin's im Grunde noch jetzt, da Ihr Euch von der gemeinsamen Sache so garstig abgekehrt habt. So mag es Euch nun mit Recht verwundern, daß ich Euch gleichsam nachlaufe und wie einen lieben Freund anspreche. Aber ... ich will's Euch nicht vorenthalten: es geschieht meines Sohnes wegen, der mir schon vor Monaten mit einem ganz absonderlichen Anliegen gekommen ist, von dessen Erfüllung doch, wie er behauptet, seine ganze Seligkeit abhängt. Seine ganze Seligkeit! Das ist ein bißchen viel, und wie ich ihn kenne ... Aber mag sein. Ich bin noch nicht zu alt, um begreifen zu können, daß das so einem jungen Fant im Augenblick volle Wahrheit ist. Als ich in seinen Jahren war...« Er strich mit der Hand an den Augen vorüber, wie wenn er etwas fortscheuchen wollte. »Mag sein. Man kommt auch über das hinweg. Aber die ganze Seligkeit war's wirklich.« »Ich merke wohl, Ihr wißt von dem, was mein Kind angeht«, sagte Blume ernst. »Dann wißt Ihr auch, wie wir damals Euren Sohn beschieden haben: nur mit Eurer Genehmigung dürfte das Verlöbnis eingegangen werden. Das war freilich für mich so gewiß als nie, aber ich wollt ihn nicht ohne alle Hoffnung lassen, da er sich's selbst doch zutraute, den Vater zu bewegen. Ist das nun geschehen?« Tileman zischte durch die Zähne. »Ja und nein«, antwortete er nach einer Weile. »Ihr mögt Euch vorstellen, Herr Gevatter, daß ich von solcher Eröffnung wenig erbaut war. Denn ohne Euch nahetreten zu wollen – mein Sohn und Eure Tochter geben in der Welt Augen ein ungleiches Paar. Bin ich gleich ein Bürger wie Ihr, so hab ich doch aus meiner Heimat ein adlig Wappen mitgebracht, das so alt ist als irgendeines anderen Geschlechtes Wappen in diesem Lande, und die im Rat der Alten Stadt Thorn sitzen, haben Grund, auf diesen Vorzug stolz zu sein und ihre Familien in vornehmer Abgeschlossenheit zu halten. Wollt Ihr's ein Vorurteil nennen, so gibt's doch keinen Stand, der davon frei bliebe. Kam's an Euch, Ihr dächtet wie ich. Darum geriet ich anfangs auch in großen Zorn und sagt' ihm auf den Kopf, daraus könne nichts werden und er solle sich's ein für allemal aus dem Sinn schlagen. Bald aber sollt' ich erfahren, daß er sich's schwerer zu Gemüt genommen, als ich meinte. So mit einem streng abweisenden Wort macht' ich ihn nicht still. Er kam wieder und wieder; es gab lauten Streit zwischen uns, und am Ende hat er mir gedroht... Das will ich nicht wiederholen. Der Trotzkopf! Ich mußt' ihm doch so viel zugestehen, daß ich mir's zu überlegen versprach. Es ist schon so viel Unglück in meinem Hause – das mocht' ich nicht mehren durch halsstarriges Versagen. Und wenn ich nun Eure Magdalene sehe, so begreif' ich's wohl, daß mein Junge ganz toll verliebt und zu allerhand Torheit fähig ist. Deshalb möcht' ich nun doch das letzte Wort noch nicht gesprochen haben.« »Das lohn' Euch Gott«, sagte Blume, die Hand auf die seine legend, »daß Ihr so gütig der Kinder Herzensglück bedenkt. Freilich sind wir nur schlichte Leute und haben auch an Gütern nicht viel zu bieten. Aber an Bravheit steht unser Mädel wahrlich hinter keinem hochgeborenen Fräulein zurück, und so bescheiden bin ich nicht, daß ich's zu gering erachtete für irgendeines braven Mannes Weib. Es mag Euch hart ankommen, lieber Herr, Euren Stolz zu demütigen, aber glaubt mir, nicht weniger bedenklich bin auch ich, für mein liebes Kind eine Gnade anzunehmen. Was Ihr gern tut, das soll Euch gern gedankt werden.« »Ich will tun, was ich kann«, entgegnete Tileman, »und wenn ich's tue, weil ich's tun kann, soll es auch gern getan sein. So viel und nicht mehr verlang' ich auch von der anderen Seite. Hört mich an, Herr Barthel, und nehmt meine Worte für so ernst, als sie gesprochen sind. Eure Magdalene gefällt mir wohl, und es soll mir genügen, daß sie sehr ehrsamer Bürgersleute Kind ist und an Ausstattung mitbringt, was in solchem Fall üblich; es soll jederman wissen, daß sie meine Schwiegertochter ist, und sich danach richten. In dem also, was mich allein angeht, findet Ihr mich nachgiebig und billig, wie Ihr's wünschen möget. Aber es gibt etwas darüber, damit kann ich nicht paktieren. Sondern das muß mir voll gewährt werden.« Er hielt in der Rede ein und sah seinem Gegenüber scharf in die Augen. »Ich kann mich nicht einem Manne verschwägern, der bundbrüchig und aller meiner Streitgenossen erklärter Gegner ist.« Die Stirn Blumes verfinsterte sich. »Dann hebt Ihr alles wieder auf, was Ihr großmütig zugestanden habt, Herr Tileman – alles.« »Nein, Barthel, es bleibt bestehen. Ich will's Euch nicht zurechnen, was Ihr getan habt, Euch in solche Gegnerschaft zu setzen. Das einzige, das ich von Euch fordere und fordern muß, ist dies: daß Ihr auf nächster Tagfahrt so öffentlich, als auf der letzten Euer Protest lautete, vor dem Herrn Hochmeister, seinen Prälaten und Gebietigern und vor Ländern und Städten erklärt, Euer Austritt aus dem Bunde sei Euch und Eurer Stadt leid geworden –« Blume erhob sich hastig und stützte die Hand auf den Tisch. »Hättet Euch auch überzeugt«, fuhr Tileman vom Wege, ihm abwinkend, fort, »daß solcher Austritt und Rückforderung der Siegel nach den Satzungen des Bundes unzulässig und daß sie in Wahrheit nichts enthielten, was gegen des Herrn Hochmeisters Person, gegen seinen Orden und gegen die heilige Kirche gemünzt sei.« »So war's gemeint!« rief Blume mit bebender Stimme. »Erkaufen wollt Ihr mich –« »Ruhig, Barthel, ruhig!« mahnte der Thorner. »Was Ihr erklären sollt, dürft Ihr als ein ehrlicher Mann erklären, denn es ist nach dem Rechten. Seid Ihr vorhin im Irrtum gewesen, das mag Euch niemand vorwerfen, denn schwache Menschen sind wir alle, und es ist wohl verständlich, daß ihr Marienburger hier vom Hauptschloß großen Druck erfahren habt und ängstlich geworden seid, die gute Sache ferner zu vertreten. Nun seht Ihr aber ein, wieviel ungerechten Schaden Ihr dadurch ihr zufügt, daß Ihr die Einigkeit stört und auch andere zum Abfall verleitet. So wird größere Freude sein im Bunde über Eure Rückkehr, als wenn Ihr nie wankend geworden wäret.« Blume schüttelte das lange Haar, das Haupt hoch aufgerichtet. »Nie wird das geschehen, Herr Tileman vom Wege«, sagte er fest, »nie – nie! Und wenn ich mein liebes Kind –« »Verschwört Euch nicht«, fiel der andere ein. »Das ist eine Sache, die reifliches Bedenken fordert, nicht so im Eifer abgemacht werden darf.« Lächelnd fügte er hinzu: »Ich meine, sie geht auch nicht nur den Rat Eurer Stadt an, von dem Ihr wenig Widerspruch zu erwarten habt, sondern vielleicht mehr noch Euren Hausrat, in dem die kluge Frau Christine eine wichtige Stimme hat. Deshalb entscheidet Euch nicht, bevor Ihr dort angefragt und eine Antwort erhalten habt. Ich will Euch nicht übereilen, Gevatter. Ihr habt Zeit bis zur nächsten Tagfahrt.« »Ich fordere sie nicht«, antwortete Blume. »Ihr kennt meine Art schlecht. In allem, was das Haus angeht, laß' ich mir gern von meinem Weib raten, wie das eines christlichen Ehemanns Pflicht ist. Wenn aber die Stadt oder das Land ... Nein, nein! Ihr kennt auch Christine schlecht. Nie würde sie sich solcher Dinge vermessen.« »Es geht das Haus an«, sagte Tileman scharf betonend. »Ihr mögt Euch sperren, wie Ihr wollt, das werdet Ihr müssen gelten lassen. Zur Beruhigung Eures Gewissens will ich Euch aber in gutem Vertrauen noch eins mitteilen. Man wirft unserm Bunde vor, daß er ein Bund gegen Gewalt sei, also Gewalt mit Gewalt abzutreiben bereitstehe. Weil es nun aber gegen göttliches und weltliches Gesetz sei, daß die Untertanen gegen ihre Herrschaft Gewalt gebrauchen, so wäre der Bund verwerflich und nicht zu leiden. Nun seid Ihr selbst zwar zehn Jahre lang der Meinung gewesen, es sei nichts Unrechtes in unsern Brief gesetzt –« »Weil ich diesen Punkt so nicht auslegte. Gott mag mich strafen, wenn ich jemals an Gewalt gegen meine verordnete Obrigkeit gedacht habe!« »Und dazu zwang Euch des Briefes Fassung auch nicht. Weil aber doch jetzt ein groß Geschrei erhoben ist und leicht noch mehr Schwachmütige dahin neigen können, wir hätten uns allerhand Hintertüren offen lassen wollen, so hab' ich in Elbing ganz still mit einigen Führern des Bundes beraten, wie wir solchen Verdacht mundtot machen können, und sind einig geworden, den Brief dahin zu deklarieren, daß wir gegen Gewalt der Herrschaft nicht wider sie mit Gewalt vorzugehen gemeint sind, sondern, wenn dem einen und andern sein Recht im Lande nicht würde, alle für einen Klage führen wollen an der Stelle, die der Herr Hochmeister nebst seinem Orden und die Herren Prälaten als einen Richter erkennen müssen: bei Kaiser und Papst. Ich hoffe, darauf werden wir einig im Bunde, und deshalb geschieht's auch, daß ich jetzt nach Danzig reise, dieses wichtigen Gliedes Vollwort zu erbitten. Für Thorn glaub' ich mich verbürgen zu können. Nach solcher Deklaration aber weiß ich nicht, was Euch hindern kann, Euer Verbleiben im Bunde zu melden. Nicht Ihr, dürft Ihr sagen, seid zu unserer Meinung bekehrt, sondern wir sind's zu der Euren.« »Doch schwerlich in meinem Sinn«, entgegnete Blume. »Was heute so deklariert wird, kann morgen anders deklariert werden. Ich verstehe Eure Klugheit: Ihr wollt den Herrn Legaten loswerden und deshalb den Orden in Sicherheit wiegen, daß er Euch dazu helfe. Um Kaiser und Papst ist es Euch nicht zu tun, sondern um den Richttag im Lande, der das letzte Wort haben soll über Herrschaft und Untersassen. Das mag dem Land vorteilig sein oder nicht, ich laß es dahingestellt. Der Bund aber will's durchsetzen auch gegen des andern Teils Bewilligung, Ihr täuscht Euch nicht: das kann schließlich nur mit Gewalt geschehen. Und weil ich das weiß und meinen gelobten Eid auf alle Fälle halten will, darum hab' ich dem Bund abgesagt, nun es noch im Frieden hat geschehen können. Daran halt' ich fest und müßt' auch in Euren Augen ein Elender sein, wenn ich um Weib und Kind, Hab und Gut meinem Herrn die Treue bräche, wie ich sie verstehe. Darauf leb' und sterb' ich.« Nun stand auch der Thorner Bürgermeister auf, ging um ihn herum bis zur Wand, dann nochmals die Diele hinab und zurück bis in die Gegend der Tür. Er horchte hinaus. »Mir ist's so, als ob ich die Schellen des Schlittens vernehme«, sagte er. »Helft mir zu Pelz und Kogel. Nach Dirschau komme ich doch schon in der Dunkelheit.« Der Wirt ging hinaus und kam nach einer kurzen Weile mit der Meldung wieder, es sei alles zur Abfahrt bereit. Tileman vom Wege trat in den Flur. Frau Christine kam die Treppe hinunter, blieb auf dem Absatz stehen und winkte einen freundlichen Gruß zu. »Ich will nicht in Sorgen scheiden«, rief er hinauf, »da ich mir hier zwei gute Sachwalter weiß. Lasset Euch berichten, werte Frau, was wir verhandelt haben, und sorgt dafür, daß ich recht bald wieder froh bei Euch einkehren darf.« Unter der Haustür nahm er Blumes Hand und sagte: »Gesteht es selbst, ich kann nicht anders. Der Preis, den ich setze, ist nicht zu hoch. Zahlt ihn, und Ihr werdet nicht nur ein guter Vater, sondern auch ein guter Bürger sein. Damit Gott befohlen und auf Wiedersehen in Elbing!« Eine Minute später hatte sich der Schlitten schon in Bewegung gesetzt. Bartholomäus Blume aber kehrte sorgenschwer ins Haus zurück. Mann und Frau hatten miteinander ein langes Gespräch, und am Abend nach der gewohnten Zeit ging Magdalene mit verweinten Augen zu Bett. Drittes Kapitel Marcus Blume und Ursula Es war in den letzten Tagen des Dezember, als sich in Elbing die Abgesandten der Länder und Städte wieder einstellten, dem Herrn Legaten die geforderte Antwort auf Ja oder Nein zu geben. Sie waren weit entfernt davon, jetzt zu Kreuz zu kriechen. Nur wollten sie den offenen Bruch vermeiden, so gut es geschehen könnte. Hans von Baisen, immer der Rührigsten einer, so sehr ihn auch sein Fußleiden hinderte, suchte die Hitzköpfe zurückzuziehen, und es gelang ihm diesmal über Erwarten leicht, da Tileman vom Wege auf seine Seite trat. Den tieferen Grund kannte er nicht, aber was obenauf lag, schien sein mäßiges Verhalten genügend zu erklären. Wer nicht blind sein wollte, mußte sehen, daß sich im Bunde zwei Parteien gebildet hatten, von denen die eine die Hauptforderung des Legaten schroff abweisen, die andere eine Untersuchung zulassen wollte. Es kam nun darauf an, die Sache so schlau zu wenden, daß womöglich die eigentliche Frage gar nicht zum Austrag gebracht zu werden brauchte. Gelang es, den Hochmeister und seine Gebietiger zu versöhnen, so gab es keinen Streit mehr, den der Legat zu schlichten gehabt hätte. Sicher war's dann beider Teile Wunsch, »ihm heimzuleuchten«. Darauf gründete sich der geheime Plan der Wortführer. Die drei Städte, die vom Bund geschieden waren, blieben diesmal unvertreten. Tileman vom Wege wartete den einen Tag und den andern, daß der Marienburger Bürgermeister bei ihm anklopfen solle, aber der erschien nicht. Zu seinem Kumpan Johann von Loë, dem's ebenfalls leid war, wie vielen andern, sagte er: »Wir wollen ihm eine Brücke bauen, auf die er mit gutem Gewissen treten mag, täte er das nicht, so mag er sich selbst zuschreiben, was daraus für ihn und seine unklugen Genossen folgt, und wollen es nicht vergessen.« Nachdem nun auf dem Rathaus zwei Tage lang eifrig verhandelt und eine gute Einigkeit erzielt war, schickten Länder und Städte am Neujahrstag zwölf von den Ihren, voran den Bannerführer des Kulmischen Gebietes Ritter Hans von Czegenberg, zum Herrn Hochmeister aufs Haus und ließen sich eine gerade Erklärung erbitten, ob Seine Gnade mit ihren Prälaten und Gebietigern dem Herrn Legaten Hilfe, Rat und Beistand zu gewähren gedenke gegen der Länder und Städte Antwort. Er wich ihnen aus und entgegnete: »Lieben Ritter und Knechte und lieben Getreuen, ihr seid unsere gehuldigten und geschworenen Mannen, und wir sind euer Herr. Was wir mit Recht euch zu euer Wohlfahrt und Besten können raten, das sind wir pflichtig und wollen es gern tun, aber auf die Frage, die ihr an uns gerichtet habt, ist uns und unsern Herrn Prälaten schwer zu antworten, da wir nicht wissen noch vernehmen, was eure Antwort sein wird.« Er könne nicht wider des Papstes Macht und rate zur Gefügigkeit. Das geschah aber mit gar freundlichen Worten, so daß sie wohl merkten, er wünsche den Frieden. Darauf schickten nun Länder und Städte vier von den Ihren zum Herrn Legaten, eine Vorbesprechung mit ihm zu halten. Sie seien bereit, ihm eine gütliche Antwort zu geben. Darüber war er sehr erfreut, lobte sie und versprach, daß er ihnen alles halten wollte, wie er es ihnen zugesagt hätte. Er schickte auch sogleich zum Hochmeister und zu den Prälaten und ließ sie zu einer Versammlung mit den Ländern und Städten gesamt entbieten. Hier im Remter nahm für alle Hans von Czegenberg das Wort, also sprechend: »Ehrwürdiger Vater, wenn wir nach der Bulle, die wir gehört, bei unserm Heiligen Vater dem Papste wegen der Verminderung und Verkürzung der Dienste Gottes im Lande zu Preußen schwer gerügt sind, so hoffen und bezeugen wir mit der Wahrheit, daß uns darin großes Unrecht geschehen ist, wiewohl wir bekennen, daß Gottes Dienst sehr gekränkt und geschwächt ist im Lande. Das ist geschehen vor allerlei großer Gewalt unserer Feinde, der Krone zu Polen, der Litauer, Tartaren, Russen, Samaiten, Walachen und Ketzer, die dieses arme Land viel und oft überzogen, verheert und verbrannt und großen Mord begangen haben, Kirchen und Klöster beraubt und zerstört, viel Volk aus dem Lande getrieben haben. Daraus mag Eure Väterlichkeit erkennen, daß wir keine Schuld hieran haben, sondern wir wohl beweisen wollen, daß wir nach diesem großen Schaden Gottes Dienst nach unserm Vermögen gemehrt haben und noch täglich mehren mit Stiftung ewiger Messen, Erbauung von Kirchen und Klöstern, Almosenspenden aller Art. Auch ist in diesem gnadenreichen Jahr eine große Menge Volkes aus diesen Landen gen Rom gezogen, die manch' tausend Gulden dorthin getragen haben. Nun nennt uns Seine Heiligkeit in seiner Bulle Frevler wegen unserer Verschreibung, da wir doch allezeit der Hoffnung gewesen und auch heute noch sind, große Gnade von der heiligen römischen Kirche zu verdienen für die von unsern Ältervätern, Eltern und uns selbst dem Christenglauben geleisteten fleißigen und getreuen Dienste, die da unverzweifelt ihr Blut vergossen haben im Dienste Gottes und unserer Herrschaft, damit dieses Land bezwungen, genommen und besetzt werde, und an hundert Meilen Land von Litauen, Samaiten und Rußland zum Christenglauben gebracht haben. Hoffen deshalb, die heilige Kirche von Rom werde uns eine Belohnung tun an Seele und Leib um unserer christlichen Werke willen.« Darauf winkte ihm Herr Ludwig de Silves, dem sein Kaplan Bruno Wort für Wort übertragen hatte, mit der Hand, zu schweigen, verzog spöttisch den Mund und sagte: »Dies kann ich für eine genügende Entschuldigung nicht annehmen. Wie wollet ihr euch loben für das, was ihr aus Gehorsam für die heilige Kirche getan und gelitten. Andere Könige und Herren haben viel größere Dinge getan. Aus anderen Landen und Königreichen sind im letzten Jubeljahr viel mehrere nach Rom gepilgert: wo hier einer ausgezogen ist, dort wohl zehn und mehr. Deshalb rühmt ihr euch zur Ungebühr.« »Zum andern«, fuhr Czegenberg fort, ohne sich beirren zu lassen, »sollen wir uns verantworten unseres Bundes wegen. In dem Brief steht voran geschrieben, daß wir unserem Herrn Hochmeister und seinem Orden, und ein jeder den Herren Prälaten, unter denen er gesessen, alles tun sollen, was wir ihnen von Ehren und Rechts wegen zu tun pflichtig sind. Und weiter: wenn einer mit Gewalt überfallen und an seinem Leibe geledigt oder unschuldig zum Tode gebracht würde, daß wir das unserm Herrn klagen wollen; ließe er's aber ungerichtet, daß wir es an ihm und seinen Helfern nicht ungerochen lassen werden. Was wir doch also verstehen und erklären, daß wir nicht Gewalt zu vertreiben gedenken in Befleckung der Rache, sondern daß wir den Vergewaltiger, er sei geistlich oder weltlich, ergreifen und zu Recht seinem rechten Richter stellen wollen, einen Priester seinem Bischof, einen Bischof seinem Erzbischof oder dem Heiligen Vater, einen Laien unserm Herrn Hochmeister oder dem Kaiser. Nicht anders ist dieser Artikel gemeint.« Der Legat aber antwortete darauf hochfahrend: »Ihr seid übel gelehrt von dem, der Euch also gelehrt hat. Euer Fundament ist böse; wie kann die Glosse gut sein? Denn das Recht sagt, daß man eine geistliche Person nicht solle halten über drei Stunden im Gefängnis; täte das ein Laie, so wäre er im Banne. Wie könnte das nun geschehen, daß ein Bischof in so kurzer Zeit seinem Erzbischof könnte ausgeantwortet werden, der über hundert Meilen weit gesessen ist? Darin find ich Eure Sache unrecht, denn der Prophet spricht: Nolite tangere christos meos! Ihr wollt die richten, die Macht haben, den Sohn des einigen Gottes mit fünf Worten aus seiner Majestät hernieder zu bringen!« Dazu nickte der Bischof Franziskus von Ermland recht sichtlich zwei- oder dreimal, wendete sich zum Legaten und flüsterte ihm ins Ohr. Das merkte Herr Hans von Czegenberg mit Verdruß, trat vor und sprach: »Herr Bischof von Heilsberg, diese Mühe haben wir von Euch, denn das ganze Land schreit über Euch und ist darüber erbittert.« Da sprang Franziskus feuerrot auf und rief: »Das vergebe Euch Gott; daß Ihr mir dies zuleget.« Der Ritter aber entgegnete: »Was ich sage, ist mir befohlen zu sagen«, wendete sich um zu Ländern und Städten und fragte: »Ist das euer Wille?« Da sprachen sie gesamt: »Ja!« Nun legte sich Herr Ludwig de Silves ins Mittel, gebot Ruhe und sagte: »Ihr irret, er hat es nicht getan. Wenn es aber geschehen wäre, so hätte er recht getan, denn der Prälat handelt sträflich, der solche Dinge dem Heiligen Vater vorenthält.« »Ehrwürdiger Vater«, schloß Czegenberg, die Hände über der Brust kreuzend, »wir bitten demütiglich Eure Väterlichkeit, daß Ihr diese unsere Antwort geruhet gütlich aufzunehmen und uns zu verantworten bei unserm Heiligen Vater dem Papste, da wir uns nimmer anders wollen finden lassen denn als gehorsame Söhne der heiligen Kirche und getreue Mannen unseres Herrn.« »Wie soll ich euch entschuldigen?« rief der Legat. »Ich finde eure Dinge nicht recht, und ich finde euch im Irrtum und nicht als Söhne des Gehorsams. Ich habe euch drei Wege angezeigt, zu denen ich vollkommen Macht habe – ihr habt keinen aufnehmen wollen. Wie ziemt mir, unserm Heiligen Vater anders zu sagen als die Wahrheit? Wenn er mich fragte: Hast du auch der Bulle genuggetan? und ich müßte sprechen: Nein! Wie bestände ich dann?« Da trat Hans von Baisen vor und sagte: »Ehrwürdiger Vater, wollt Ihr verhören und richten und vielleicht Interdikte legen in diesen Ländern, so werdet Ihr dem Heiligen Vater und der Kirche keinen großen Dienst damit tun. Eure Väterlichkeit mag wohl selbst erkennen, wie viel Arges daraus entstehen möchte. Darum dünkt mich geraten, den Weg der Freundschaft aufzunehmen.« Der Legat meinte freundlich, damit wolle er gern einverstanden sein. Es gefiel ihm aber augenscheinlich recht wenig, daß der Hochmeister gleich das Wort nahm und Ländern und Städten für ihre gütliche Antwort dankte, die ihm doch gar nicht so gütlich schien, und Hans von Baisen, daran anknüpfend, sagte: »Gnädiger Herr, haben wir irgendwelche Schälung mit Ew. Gnaden, wir wollen uns darum wohl lieblich und freundlich vertragen.« Der Legat vervollständigte deshalb seine Meinung dahin: »Das ist mein Begehr und Wille auch wohl, daß ihr euch gütlich einigt und untereinander vertragt und solche Einigung vor mich bringt, damit ich dem Heiligen Vater, der mich ausgesandt hat, eine vollkommene und gute Antwort einbringen möge.« Da hierauf alles still war, verneigte sich der Legat nach allen Seiten und sagte: »Wir erbieten uns gegen euch alle: wer älter ist als wir, den wollen wir halten für unsern Vater; wer uns gleich alt ist, den wollen wir halten für unseren Bruder; die aber jünger sind als wir, die wollen wir halten für unsere Söhne. So nahe seid ihr unserm Herzen.« Dann schlug er dreimal das Kreuz. Damit sind Länder und Städte vom Legaten geschieden. Tileman vom Wege, obgleich die Seele aller geheimen Beratungen, hatte sich bei dieser öffentlichen Verhandlung durchaus zurückgehalten. Auch jetzt wünschte er nicht vortreten zu dürfen. Aber er sagte: »Wir wissen nun klärlich, wie uns der Herr Legat gesinnt ist und wie er uns in Rom zu verantworten gedenkt. Von da her darf uns keine Entscheidung kommen. Besser ist's, daß die Sache einen Aufschub leide: kommen wir jetzt nicht zum Recht, so lassen wir doch auch das Recht nicht kränken. Es bleibe stehen, wie es steht.« So wurden nun am heiligen Dreikönigsabend die zwölf wieder zum Herrn Hochmeister aufs Schloß geschickt, ihm zu sagen, daß Länder und Städte auf Anraten des Herrn Legaten den Weg der Freundlichkeit gewählt hätten. »Gnädiger, lieber Herre«, sagte der Sprecher, »wir wissen von keiner Ungnade und Unfreundschaft. Wir wollen uns allezeit erfinden lassen gegen Euer Gnaden als Eure getreue Leute und Untersassen. Dergleichen die Mannschaft und Untersassen der Herren Prälaten sich auch erbieten. Bitten Euch also demütiglich als unsern rechten Herrn und hoffen, Eure Gnade tue es mit Rechte, daß Ihr diese unsere rechtliche Erbietung geruhet aufzunehmen und Eure armen Untersassen von Ländern und Städten von diesen Beschwerungen des Herrn Legaten wollet befreien und entledigen, auf daß Eure Gnade und wir alle zu Ruhe und Frieden kommen.« Herr Ludwig von Erlichshausen hieß sie für eine Weile abtreten, da er mit seinen Prälaten und Gebietigern eine kurze Beratung nehmen wolle. Die verstanden wohl der Bündischen Meinung, daß alles in der Schwebe bleiben solle, versprachen sich aber von des Legaten Spruch zu ihren Gunsten keinen Gewinn und nahmen deshalb den Waffenstillstand an. Als die Deputation wieder hereingerufen war, antwortete daher der Hochmeister sehr gütig: »Liebe Getreue, euer Vorgeben deucht uns gar eine aufrichtige Antwort zu sein, die wir mit ganzer Dankbarkeit mit unsern Herrn Prälaten und den Gebietigern und für unsern ganzen Orden aufnehmen. Wir sagen euch in guter Treue: läge es an uns, wie es an uns mitnichten liegt, ihr sollet jetzund gefreiet sein.« Er versprach, sofort eine »treffliche Botschaft« an den Herrn Legaten zu senden und so getreulich für sie zu arbeiten, »gleich als ob die Sache unser eigen wäre«. Als er sich voll frohen Mutes in sein Zimmer zurückgezogen hatte, wurde ihm vom Hauskomtur ein Brief abgegeben, den eben ein Junge vom Lande gebracht hätte. Woher er sei, wolle er nicht sagen, auch sonst keinen anderen Auftrag haben als zu warten. Es stehe alles in dem Briefe. Man habe ihn in die Küche genommen und auf den warmen Herd gesetzt, da er nach seiner Erzählung im tiefen Waldschnee steckengeblieben und jämmerlich erfroren sei. »Der Brief sieht beschmutzt und auch sonst nicht sonderlich vertrausam aus, gnädiger Herr«, schloß der Komtur, »aber er ist, wie mir scheinen will, mit einem Ringe gesiegelt, den ich einmal an Ew. Gnaden Finger gesehen zu haben meine. Darum hab ich nicht gezögert, ihn Euch zu überbringen.« »Gebt, gebt!« sagte der Hochmeister, der einen Blick auf das Siegel geworfen hatte. Er winkte dem Komtur, sich zu entfernen. Der Brief bestand aus einem kleinen, zweimal gefalteten Pergamentblatt, um das über Kreuz ein Garnfaden gelegt war, der aus einem alten Kleidungsstück ausgezogen sein mochte. Über dem Knoten war ein Stück Wachs geklebt, das den Siegelabdruck enthielt. Die Aufschrift: »An den ehrwürdigsten Herrn Hochmeister Deutschen Ordens, wo er getroffen wird« zeigte eine rötliche, sehr blasse Farbe. Ludwig von Erlichshausen wiegte nachdenklich den Kopf und murmelte: »Von Ursula –? Wie käme mir das?« Er durchschnitt den Faden auf der Seite mit seinem Dolch und zog das Blatt heraus. Dann trat er ans Fenster und las: »Hochwürdigster Herr Hochmeister, gnädigster Herr! Dieses schreibe ich in großer Sorge auf das letzte Blatt eines alten Gebetbuchs, statt der Tinte mit meinem Blut, und mit des treuen Raben Feder, der sein Leben unter den Händen eines schlechten Wichtes hat lassen müssen. Nur allzu knappen Raum hab ich, Ew. Gnaden zu berichten, wie wir nach Preußisch-Holland gekommen und abends beim Krüger an der Mühle abgestiegen sind, die Nacht zu bleiben. Allda sich noch spät, dieweil wir speisten, ein Mann eingefunden hat, den wir schon vorher auf der Straße unfern der Ordensmühle gesehen, und schien uns vom Hause zu sein. Der hat sich zu uns gesetzt, ganz in einen Mantel eingeschlagen und das Gesicht halb verdeckt, einen Krug Bier verlangt und mit dem Fräulein ein Gespräch angefangen, auf das sie doch wenig geachtet, sondern sich alsbald mit der alten Frau nach ihrer Kammer zurückgezogen. Der Wirt hat ihn gar höflich und demütig behandelt, auch auf mein Fragen heimlich angezeigt, daß er ein Ritter vom Schlosse oben sei und mit Namen Boppo von Ostra heiße, auch gern einmal bei ihm einen Trunk tue. Dieser selbige Mann, als wir am andern Morgen früh ausfuhren und schon eine halbe Stunde unterwegs waren, ist uns im Walde nachgeritten gekommen, ganz in Harnisch, und hat uns unter schrecklichen Drohungen gezwungen, seitab zu lenken, und in das einsame Haus eines Waldwarts gebracht, wo er uns nun gefangen hält. Denn er schwört, daß das Fräulein ihm angehören müsse mit Gutem oder Bösem und hätte sich wohl schon mehr erdreistet, wenn ihm der Rabe nicht das eine Auge ausgehackt hätte, wofür er ihn dann erwürgt. Auch meines Lebens bin ich nicht sicher, das ich doch zur Verteidigung des Fräuleins gern hingeben würde. Schreibe also Ew. Gnaden in höchster Not mit Bitte zu helfen und hoffend, den Buben des Waldwarts als Boten zu gewinnen. Er kann den Weg anzeigen. Marcus Blume.« Dies war mit ganz kleiner Schrift und engen Zeilen kaum leserlich geschrieben. Der Hochmeister hatte Mühe, den Inhalt zu enträtseln. Dann sank ihm die Hand nieder. »Ist's so weit gekommen im Orden«, rief er schmerzlich, »Wegelagerei – Jungfrauenraub! Hilf, Maria, du reine Gottesmagd!« Er schlug mit dem Klöppel an die runde Metallscheibe, die an einem auf dem Tische stehenden Gestell hing. Gleich darauf erschien der Hauskomtur wieder und fragte nach seinem Befehl. Er hieß ihn die Großgebietiger eiligst in sein Gemach berufen. Sie ließen nicht auf sich warten, da sie an eine wichtige Nachricht in betreff der Verhandlungen mit dem Legaten dachten. Die Enttäuschung war deshalb von allen Gesichtern abzulesen, als Ludwig von Erlichshausen den Inhalt des Briefes vorgetragen hatte und nun mit ganz ungewohnter Lebhaftigkeit die strengsten Maßregeln gegen den pflichtvergessenen Bruder forderte. Nur Plauen bewahrte seine Haltung. »Der Fall scheint schwer zu liegen«, sagte er. »Wie konnte Ostra auch nur wagen, tagelang ohne Urlaub seines Komturs auszubleiben? Alle Zucht in den Häusern des Ordens ist vergessen: ein jeder tut, was er mag, und die Ehrbarkeit schwindet mehr und mehr. Weh uns, wenn wir mit solchen Streitern in einen ernstlichen Kampf ziehen müssen!« »Hier ist nicht nur die Ordensregel verletzt, sondern ein schweres Verbrechen begangen«, rief der Hochmeister. »Ich will den Wicht, der die Landstraßen unsicher macht, in die Ketten legen.« »Eure Gnade wolle sich vorsehen«, bemerkte Richtenberg, »und bedächtig Maß halten. Es ist Euch sicher erinnerlich, gnädiger Herr, daß Ihr vor der Wahl zugesichert habt, keinen von den Brüdern mit den Eisen zu beschweren oder ohne Gericht gefangenzuhalten, sondern dem Generalkapitel die Bestrafung zu überlassen.« Der Hochmeister senkte die Augenlider und biß die Lippe. Es war ihm sehr ärgerlich, das zu hören, aber er konnte nicht widersprechen, denn der Großkomtur sagte die Wahrheit. »Seine Buße soll ihm vom Kapitel gesetzt werden«, murmelte er in den Bart, »darum handelt es sich jetzt nicht, sondern daß wir ihn auf frischer Tat betreffen und festnehmen. Wahrlich, die Klagen über Gewalt sind schon groß genug im Lande. Erhebt sich ein neues Geschrei über diese Tat, so möchten wir vor dem Herrn Legaten schlecht bestehen und das Friedenswerk schwerlich zum guten Ende bringen.« »Wir dürfen deshalb nicht selbst Lärm schlagen«, meinte Exdorf. »Der von Ostra ist mein Neffe und auch einigen im Orden verwandt. Ich kenn ihn, er hat heißes Blut und eine rasche Hand. Sein Vater ist ein mährischer Edelmann aus altem eingeborenem Geschlecht; man fragt dort nicht so ängstlich nach dem, was erlaubt oder verboten ist, und greift zu, wenn's der Mühe lohnt. Ich will Boppo nicht verteidigen, bevor er sich selbst verantwortet hat. Aber daß irgendeiner von der Straße ihn soll anklagen dürfen, geht mir noch weniger in den Sinn.« »Es ist nicht irgendeiner von der Straße«, antwortete der Hochmeister sehr ernst, »sondern Marcus Blume, wie ich Euch gelesen habe, des Bürgermeisters Bartholomäus Sohn. Er wird uns sicher nichts Unrechtes zu berichten wagen.« »Aber wer weiß, wie garstig er übertreibt«, wendete Exdorf lächelnd ein. »Kann sich der Ritter nicht einen Spaß mit dem Burschen gemacht haben, den er mit einer hübschen Dirne über Land fahren und im Wirtshause nächtigen sah? Und wenn es wirklich seine Absicht war, sie ihm abzujagen –« »Ihr sprecht für Eure Jahre sehr leichtfertig, Herr Marschall«, fiel ihm Erlichshausen ins Wort. »Daß der Wegelagerer und Räuber Euer Neffe ist, tut mir wahrlich leid, aber solche Rücksicht darf ich nicht kennen. Das Fräulein, von dem der Brief spricht, ist keine leichte Dirne, wie Ihr meint, sondern...« Er stockte und schaute im Kreise herum, ob ihm einer zu Hilfe kommen wolle. Statt dessen sagte Helfenstein, der den Brief aufgenommen und das Siegel betrachtet hatte, ein wenig spöttisch: »Ew. Gnaden scheint die Reise des jungen Mannes nicht unbekannt gewesen zu sein. Jedenfalls habt Ihr ihn – oder das Fräulein in den Stand gesetzt, ein gar vornehmes Siegel benutzen zu dürfen.« »Die Zeit drängt«, fiel der Hochmeister in großer Unruhe ein. »Wahrend wir hier her und hin sprechen über Dinge, die seitab liegen, kann eine schwere Gewalttat geschehen sein. Auch ich will über niemand Urteil sprechen, bevor ich ihn gehört habe. Verhält sich's aber in Wahrheit so, daß einer von den Brüdern den Raub vollführt hat – wer der auch sei, man soll sein Verbrechen nicht bemänteln und ihn der Verantwortung entziehen. Herr Spittler, ich bin in Eurem Hause, und an Euch zunächst richte ich meinen Befehl. Rüstet sofort eine ausreichende Mannschaft aus, den Übeltäter zu überwinden und dingfest zu machen. Ihr selbst begleitet sie.« Plauen stand auf und verneigte sich. »Es soll auf der Stelle geschehen, gnädiger Herr«, sagte er. »Ich segne Euren mannhaften Entschluß.« Die andern steckten die Köpfe zusammen und zischelten miteinander. »Unser Rat gilt wenig«, bemerkte der Großkomtur unzufrieden und so laut, daß der Hochmeister ihn verstehen mußte. »Ich hab ihn angehört«, antwortete derselbe. »Wie soll er mir gefallen? Es ist des Meisters gelobte Pflicht, die Zuchtlosen in der Brüderschaft zu züchtigen, und eure üble Nachsicht soll mich nicht hindern, fortan meines Amtes mit aller Strenge zu walten.« »Seht zu, wie weit Ihr damit kommt«, bemerkte Richtenberg trotzig. »Allzu scharf macht schartig. Es ist noch nicht lange her, daß drei Konvente sich mit den Ländern und Städten verbündeten und ihnen Beistand zusagten. Was Ew. Gnaden üble Nachsicht nennt, scheint uns kluge Vorsicht. Man darf den Mißmut im Orden nicht nähren. Schlagt einen von den Brüdern, und jeder empfindet es am eigenen Leibe.« »So wünscht ich, es wäre so«, entgegnete Erlichshausen, »denn wahrlich, die Verderbnis ist allgemein. Es soll nach der Gerechtigkeit verfahren werden.« »Wir sind auch einmal jung gewesen«, knurrte Exdorf mit einem anzüglichen Blick von unten her. Der Hochmeister sah ihn darauf scharf an, schien dann aber doch nicht den Mut zu haben, eine deutlichere Erklärung zu fordern. Seufzend wendete er sich an den Spittler: »Tut, wie ich Euch geheißen habe, und bringt mir schnellen Bericht.« Den andern winkte er mit der Hand abzutreten. Das geschah. Plauen traf sofort seine Anordnungen. Vier Knechte sollten aufsitzen, einer von ihnen den Jungen als Wegweiser vor sich nehmen. Für ihn selbst sollte ein Pferd gesattelt werden. Indessen ging er in sein Gemach, Waffen anzulegen und einen Mantel von dichtem Tuch umzuhängen. Als ihm nach einer halben Stunde gemeldet wurde, daß die Mannschaft bereit sei, schickte er nach der Küche, den Jungen herbeizurufen. Zu seiner nicht geringen Verwunderung wurde ihm angezeigt, der sei bereits abgeholt worden. Es habe geheißen: auf des Herrn Hochmeisters Befehl. »Das ist Exdorfs Vorkehr«, knirschte der Spittler, »er ist uns zuvorgekommen.« Der Torwart bestätigte, daß vor einer guten Weile ein Mann auf kräftigem Ritterpferde hinausgeritten sei; der Junge wäre nebenher getrabt, draußen aber aufs Pferd genommen. Auf der Landstraße ließen sich denn auch die frischen Schneespuren eines galoppierenden Pferdes erkennen. Der Reiter kam nicht mehr in Sicht; er hatte einen zu weiten Vorsprung und war offenbar angewiesen, lieber den Gaul zuschanden zu reiten als zu verspäten. So kam es nun darauf an, wenigstens nicht an der Stelle vorüberzueilen, wo er links ab in den Wald eingebogen sein mußte. Plauen fand sie glücklich auf. Auch das Schlittengleise von der andern Seite her war noch nicht ganz verweht. Auf dem Waldwege konnte man nur im Schritt weiter. »Hier holen wir ihn vielleicht doch noch ein«, meinte Planen, seinen Leuten Mut zu machen, »er hat die halbe Last mehr als wir,« Aber der Reiter war klug gewesen und hatte sie abgeworfen, sobald er des Weges sicher sein konnte; dort schaufelte ja der Junge durch den Schnee! Er wurde bald eingeholt und zeigte ein sehr verwundertes Gesicht, als er erfuhr, daß er an den Unrechten gekommen sei. Der müsse jetzt die Waldhütte schon erreicht haben. Die Pferde keuchten, aber Plauen trieb zur Eile. Schon wurde auf einer Waldblöße der hohe Strauchzaun sichtbar, der das Blockhaus umschloß. In wenigen Minuten mußte es zu erreichen sein. Da aber sprengten durch das offene Gatter zwei Reiter, wendeten seitab und verschwanden hinter den Tannen in entgegengesetzter Richtung. Einen Augenblick dachte Plauen an Verfolgung; die Knechte hielten doch ihre Gäule selbst für zu müde. So ritt er denn in die Umzäunung ein. In der Tür des Hauses stand die alte Frau, rang die Hände und wehklagte laut. Sie schien eine neue Anfechtung zu befürchten. »Ach, gnädige Herren, erbarmt euch unser«, bat sie, »wir haben schon so viel gelitten.« »Wo ist Euer Fräulein?« fragte der Spittler. »Habt keine Furcht; wir kommen zu eurer Befreiung.« »Ursula ist drinnen bei meinem armen jungen Herrn«, berichtete sie nun ein wenig beruhigt, »den der Unmensch halb tot geschlagen hat. Heilige Mutter Gottes, hilf ihm, daß er's überwindet! Der Waldwart ist fortgelaufen, als es herauskam, daß sein Junge sich zum Botendienst hat bestechen lassen. Da ist es zum Kampf gekommen mit so schlimmem Ende für Marcus. Aber das Fräulein ist unversehrt.« Plauen trat ein. Auf der niedrigen Bettlade des Waldwarts lag Marcus Blume lang hingestreckt. Ursula kniete an seiner Seite. Sie hatte ihren Rock zerrissen und aus den langen Fetzen einen Verband für seine Stirn hergestellt. Unter demselben rieselte aber das Blut vor. Sie tupfte es mit einem in Wasser getauchten Tuch fort. Er hatte die Augen nur halb geschlossen und sah sie unverwandt an. Ihre Hände waren voll Blut. »Ach, nur wenige Tropfen von deinem Wundbalsam, Mutter!« jammerte sie. Marcus erkannte den Spittler. »Laßt mich hier liegen, gnädiger Herr«, bat er mit schwacher Stimme, »und bringt Ursula in Sicherheit. Ich hoffe, dazu schickt Euch der Herr Hochmeister.« »Das Fräulein hat nichts mehr zu befürchten«, versicherte Plauen, nahe herantretend. »Leider kam ich zu spät, den frechen Buben abzufangen. Er war gewarnt worden und entfloh. Aber ich werde ihn zu finden wissen. Hier ist zur Zeit nur noch Gefahr für Euch.« Ursula streichelte die Hand des Verwundeten. »Ich verlaß Euch nicht«, sagte sie zuversichtlich. »Marcus muß sogleich nach Elbing geschafft werden«, fuhr Plauen fort, »er bedarf ärztlicher Pflege. Wo ist der Schlitten, der euch hergebracht hat?« »Hinter dem Hause«, sagte die alte Frau, »und die Pferde stehen halb verhungert unter dem Vordach. Ich will sogleich ein möglichst bequemes Lager zurechtmachen.« »Tut das«, mahnte der Spittler. Den Knechten befahl er, das Anschirren der Pferde zu besorgen und den Verwundeten sodann auf den Schlitten zu tragen. Er zog den Verband fester zusammen, um das Blut zu stillen, erkundigte sich bei Ursula nach dem Geschehenen und forderte eine Beschreibung des räuberischen Gesellen. Sie wurde ihm gegeben; rötlichblondes, tief in die Stirn gewachsenes Haar, stechende graue Augen, Schnauzbart mit gekräuselten Spitzen, Narbe über dem Kinn. »Die Verletzung am Auge, die ihm der Rabe mit seinem scharfen Schnabel beigebracht, wird er nicht verleugnen können«, meinte Marcus. Der Spittler ließ zwei Knechte zur Begleitung des Schlittens zurück; dem einen trug er auf, dem Herrn Hochmeister zu melden, wie sie's gefunden hätten, und daß er selbst nach dem Hause Preußisch-Holland geritten sei, eine ernstliche Untersuchung in die Wege zu leiten. Er ritt dann auch ab, während noch der Schlitten gerüstet wurde; nicht hinter den Flüchtlingen her, sondern seitab, um sie von der Landstraße abzuschneiden. Den Jungen des Waldwarts mußte der eine von seinen Knechten aufs Pferd nehmen. Er hatte gesagt: »sie müssen weit um den Sumpf herum.« Marcus wurde auf den Schlitten gelegt. Ursula setzte sich neben ihn und nahm seinen Kopf in den Arm. Die alte Frau kutschierte, immer bemüht, den Stubben und Steinen auszuweichen. So gelangten sie noch bei guter Tageszeit nach Elbing. Die Knechte ließen gleich beim Spittel vorfahren und sorgten für Aufnahme des Kranken. Der städtische Spittelherr, ein Mitglied des Rates, war bald zur Stelle und erwies dem Sohne des Marienburger Bürgermeisters alle Freundlichkeit. Der Stadtchirurgus untersuchte und verband kunstgerecht seine Stirnwunde. Nach einer Stunde kam unangemeldet kein Geringerer als der Hochmeister selbst, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er hatte sich nur von einem Diener des Hauskomturs begleiten lassen und trug nur das einfache Kleid des Deutschordensritters ohne jedes Abzeichen seiner Würde. Man erkannte ihn deshalb im Spittel auch nicht. Ursula aber kniete vor ihm nieder und dankte ihm mit bewegten Worten für die Hilfe, die er ihnen gesendet. Er hob sie auf und küßte sie auf die Stirn. »Ich glaubte Euch schon längst in Marienburg«, sagte er. »Wie ist es gekommen, daß Ihr Euch erst jetzt auf die Reise machtet?« »Die Mutter wollte mich anfangs nicht fortlassen, gnädigster Herr«, antwortete sie, »trotz Eures Briefes, den sie mit Tränen in den Augen wohl zehnmal las und wieder in ihrer Tasche verbarg. Marcus sollte nur gleich zurückkehren. Er blieb aber bei dem Kaplan und kam am andern und nächsten Tag wieder, seine Bitte zu wiederholen. Da gab sie endlich nach, da es doch zu meinem Glück sei, wie sie meinen müßte – und sie könnte auch nicht gegen Ew. Gnaden Befehl, sagte sie. Ich sollte aber noch das Weihnachtsfest mit ihr verleben wie alle die Jahre. Und dann erbat sie sich von Marcus wieder einen Tag und noch einen. Es ist ihr schwer, mich zu missen, und auch mir ward die Trennung nicht leicht. Endlich, nachdem schon mehr als eine Woche bei so zögerndem Abschiednehmen vergangen war, fürchtete Marcus doch mit Recht, die Eltern könnten in Sorge um ihn sein. So beeilten wir dann die Reise, bis uns gestern begegnete, was Ew. Gnaden weiß.« »Ich will sogleich einen Eilboten nach Marienburg schicken«, sagte der Hochmeister zu Marcus, »Euren Vater zu benachrichtigen. In der Nacht oder spätestens morgen in der Frühe kann er dann selbst hier sein.« »Tut das nicht, gnädigster Herr«, bat Ursula. »Es ist geratener, wir schaffen Marcus, sobald die Pferde notdürftig ausgeruht sind, noch heute zu Schlitten nach Marienburg. Ich weiß von meiner Mutter, daß dies für den Wundkranken am ersten Tage keine sonderliche Gefahr hat. Am zweiten aber stellt sich das Fieber ein, und dann ist ihm die bessere Pflege im Elternhause zu gönnen. Sehen die Seinigen ihn lebend, so wird auch nicht der Schreck so groß sein.« »Das Spittel wäre kein rechter Aufenthalt für Ursula«, setzte Marcus hinzu, »und sie hat versprochen, mich nicht zu verlassen.« »Ihr habt recht«, sagte der Hochmeister nach kurzem Bedenken. »Ich will vom Schloß noch einige Pelze schicken, den Kranken und seine barmherzige Begleiterin warm einzuhüllen.« Er drückte Marcus die Hand. »Lebt wohl und empfanget meinen herzlichen Dank, daß Ihr Ursula so mannhaft verteidigt und ihre Ehre über Euer Leben gesetzt habt. Das soll Euch auch von meiner Seite unvergessen sein.« »Oh, gnädiger Herr«, rief Marcus, »dessen bedarf es wahrlich keines Dankes. Hab ich doch im ganzen Leben keine größere Freude gehabt, als da ich mit meiner geringen Kraft für das Fräulein einstehen durfte. Gott aber hat das Schlimmste abgewendet durch Eure Hand. Denn wahrlich, kaum eine Minute später hätte die Hilfe eintreffen dürfen.« »Wir sehen einander in Marienburg wieder«, versicherte der Hochmeister, sich verabschiedend. Mit einem Blick auf Ursula setzte er hinzu: »In besserer Pflege könnt' ich Euch nicht wissen.« Dann ging er nach dem Schloß zurück. Bald langten die versprochenen Pelze und Decken an. Die Fahrt auf der wie ein Tisch ebenen Landstraße legte Marcus keine besondere Anstrengung auf. Öfter nur äußerte er die Besorgnis, daß seine Mutter erschrecken werde, wenn sie ihn ganz unvorbereitet in solchem Zustande sehe. Deshalb wurde unter dem Tor ein wenig haltgemacht und die alte Frau vorausgeschickt. Als dann langsam der Schlitten vorfuhr, standen unter der Laube schon Bartholomäus Blume und Christine. Magdalene aber war bis auf die Straße hinausgelaufen und auf die Schlittenkufe gestiegen, den so lange schmerzlich Vermißten zuerst zu begrüßen und Ursula die Hand zu drücken. Kurze Zeit darauf lag Marcus in seinem gut durchwärmten Stübchen auf weichem Lager. Er war in tiefen Schlaf verfallen. Die beiden Mädchen wollten sich die Nachtwache nicht nehmen lassen. Aber Frau Christine behauptete ihr Mutterrecht. Viertes Kapitel Die Beichte Der Spittler hatte die Flüchtigen trotz aller Eile nicht eingeholt. Er setzte aber den Weg bis Preußisch-Holland fort, ritt gleich zum Schloß hinauf und verlangte, daß die Ritter im Kapitelsaal zusammentreten sollten, damit er Musterung halten könne. Ostra fehlte. Er sei mit einem Auftrag fortgeschickt, hieß es. Aber auch sonst war der Konvent nicht vollzählig. Plauen fand überall im Schloß die größte Unordnung. Im Speisesaal standen auf den Tischen die Würfelbecher und Weinkannen. Ungarische Musikanten hatten dort soeben ihre lustigen Stücklein aufgespielt und nicht schnell genug versteckt werden können. Zwei von den braunen Gesellen waren auffallend bartlos und erregten des Spittlers Verdacht, Wams und Hosen nicht mit Fug und Recht zu tragen. Das Volk wurde sofort ausgewiesen. In ihren Zellen hatten die Brüder sich's ganz gegen die Ordensregel bequem gemacht. Kaum in einer Bettlade fehlten die verbotenen Federkissen. Die meisten hatten Geld und allerhand Kostbarkeiten im Besitz, auch ein eigenes Pferd im Stall stehen. Aus einem Kellerloch hervor heulten die Hunde, die offenbar zur Jagd gehalten wurden, obschon sie den Rittern strenge untersagt war. In der Waffenkammer hing kein Harnisch an der rechten Stelle, Schwerter und Lanzenspitzen zeigten sich vom Rost angefressen, die Lederschilde verpilzt; lange schon konnten sie zu keiner Übung benutzt sein. Plauen benutzte die Gelegenheit, einmal von Grund aus Umschau zu halten, und strafte mit strengen Worten. »Ihr werdet es auf anderen Häusern nicht besser finden«, entschuldigte der Komtur, »wenn Ihr so unvermutet hineinschneit.« »Eures Amtes ist es, solcher Zuchtlosigkeit zu wehren«, schalt Plauen, »es fehlt Euch aber am guten Willen.« »So gebt mir auch die Macht dazu«, antwortete der Gebietiger unwillig. »Soll ich mich den Brüdern durch Klagen verhaßt machen, da ich doch oben nicht Recht gegen sie bekomme? Man will's in des Herrn Hochmeisters Rat mit niemand verderben. Mich wundert's, daß Ihr jetzt so scharf eingreift. Der von Ostra, den Ihr sucht, muß etwas besonders Schweres auf dem Gewissen haben. Nun – ich halt' ihn nicht versteckt. Wollt Ihr ihn mir abnehmen, so weiß ich Euch Dank dafür; denn er ist der Unbändigsten einer.« Der Spittler ritt mit seinen Leuten wieder ab, legte sich aber unten am Berge in einen Hinterhalt. Als es bereits ganz dunkel geworden war, wurde auf dem gepflasterten Aufwege Hufschlag vernehmbar. Plauen ließ den Reiter ein Stück voraus und sperrte dann die Straße ab. Nun folgte er dem Manne, dessen müdes Pferd häufig über die Steine stolperte, und erreichte ihn vor der Brücke über den trockenen Graben. »Halt!« rief er ihm zu. »Wer seid Ihr, und was tut Ihr hier vor dem Schlosse bei nächtlicher Weile?« Der Reiter kehrte sich auf dem Sattel halb zurück und entgegnete in frechem Ton: »Das frag' ich Euch.« »Und ich geb Euch ohne Zögern Antwort. Ich bin Reuß von Plauen, des Ordens oberster Spittler, und warte hier auf den Ritter Boppo von Ostra, den ich im Hause nicht getroffen habe. Ich irre wohl nicht, daß Ihr's seid?« »Ihr irrt nicht. Was steht zu Eurem Begehr?« »Von woher kommt Ihr?« »Das mag mein Komtur fragen, in dessen Auftrag ich ausgeritten bin.« »Ihr lügt. Er hat Euch keinen Auftrag gegeben.« »Die Lüge in Eurem Hals. Was erforscht Ihr mich hier auf der Straße?« »Weil Ihr schwerster Gewalttat bezichtigt werdet und Euch verantworten sollt vor dem Herrn Hochmeister.« »So straf' Gott den Buben, der mich verleumdet hat. Laßt mich ins Haus. Ich fordere Rittergericht.« »Es soll Euch werden, aber im Hause zu Elbing. Folgt mir!« »Das kann jetzt nicht geschehen. Ich bin verwundet am Auge und muß mich verbinden lassen.« »Woher habt Ihr die Wunde?« »Ich bin in der Finsternis durch den Wald geritten, da hat mir ein spitzer Ast das Auge verletzt.« »Ei! Saß nicht auf dem Ast ein Rabe, der Euch mit seinem Schnabel so zugerichtet? Bedenkt wohl, was Ihr sprecht. Man nimmt Euch beim Wort.« Ostra murmelte einen Fluch in den Bart. Er mochte einsehen, daß jeder Widerspruch vergeblich sein würde, und ergab sich, indem er den Gaul wendete. »Auf Eure Verantwortung, Herr Spittler«, sagte er. »Ich behalte mir die Klage wegen Wegelagerei vor und rufe diese Leute zu Zeugen an, daß ich friedlich im Schritt nach dem Hause geritten bin und niemand von einer Gewalttat weiß. Wer mich dessen beschuldigt, den nenn' ich einen Lügner und falschen Wicht auf Ritterwort.« Die Knechte nahmen ihn auf des Spittlers Geheiß in die Mitte. Dann ging es in scharfem Trabe auf Elbing zu. Gesprochen wurde unterwegs nichts weiter. Im Hause ließ der Gebietiger Ostra in ein festes Turmgemach werfen und die Tür mit Eisen verlegen. Niemand sollte zu dem Gefangenen gelassen werden. Er selbst wartete ab, bis der Meister zum Nachtgebet in die Kapelle ging, wie er es des guten Beispiels wegen solchen Dienst nach der Ordensregel nicht zu versäumen pflegte. Er erstattete ihm Bericht. Erlichshausen belobte ihn wegen seines Eifers. »Man muß den frechen Gesellen nach der Marienburg schaffen«, sagte er, »wo er denen vor Augen gestellt werden kann, die ihn der Freveltat bezichtigen. Ich hoffe, auch unseres Bleibens ist hier nicht mehr lange.« »So bitt' ich Ew. Gnaden nur, Ihr wollet der Gerechtigkeit den strengen Lauf lassen«, antwortete Plauen. »Nichts könnt' uns mehr Schaden bringen, als scharf anfassen und hinterher gelinde nachgeben.« »Sorgt deshalb nicht«, versicherte der Meister, »wir wollen mit ganzem Ernst unseres Amtes walten.« Am andern Tage wurde viel verhandelt zwischen dem portugiesischen Prälaten und den Abgeordneten des Hochmeisters. Herr Ludwig de Silves war nicht wenig erstaunt, daß die Angelegenheit diese Wendung nahm. »Es muß mich billig groß Wunder nehmen«, sagte er spitz, »daß Ihr jetzt plötzlich so guten Mutes seid, es solle sich alles zum Guten auch ohne mich wenden, da doch in Wahrheit Länder und Städte zwar in Gedrang freundliche Worte gegeben haben, in der Hauptsache aber nicht minder störrig sind denn vorher. Hab ich doch nicht gehört, daß der Bund abgeschafft worden, um den der ganze Streit ging. Als ihr eure Meinung zuerst anhubet, hatt' ich nicht gedacht, daß ihr ein solches von mir begehrt haben solltet, sondern mehr, daß ich unseres Heiligen Vaters Befehl und meiner Legation genug täte. Jetzt seid ihr Euch selbst weise. Mag euch das nicht gereuen.« »Gnädigster Herr«, antwortete Hans von Baisen, »wollet nicht vergessen, daß Eure Väterlichkeit selbst uns den Weg der Freundschaft gewiesen hat. Den sind wir nun gegangen von beiden Seiten und einander darauf begegnet mit Handreichung und guten Worten, daraus beide Teile erkennen mochten, es sei ihnen mit ihren Versprechungen ernst und wollten gern ihrerseits allen Streit meiden, daß der Bund mit der Zeit von selbst unnützlich würde. Länder und Städte stehen zum Orden als zu ihrer Herrschaft, und der Orden will ihnen den Richttag bewilligen, um den sie eifrig gebeten haben. Fänden sie da gerechten Spruch, wie sie wohl hoffen, so könnten sie sich des Bundes willig begeben.« Dazu wiegte der Legat bedenklich den Kopf. »Gott wolle das so fügen«, antwortete er. »Aber es ist vielleicht morgen nicht so in unsere eigene Hand gelegt wie heute, für alle Zukunft vorzusorgen. Ihr wisset wohl, daß ich den Weg der Freundschaft nicht anders verstanden habe, als daß ihr übereinkommen wolltet, den Bund zu beseitigen, der wider weltlich und göttlich Recht ist. Geht ihr nun darüber hinweg, so ist er doch nicht tot und mag hinter euch aufstehen, da ihr's am wenigsten erwartet.« »Ehrwürdigster Herr«, nahm der Marschall das Wort, der sich dem Hochmeister gerade jetzt gern gefällig zeigen wollte, »wir vertrauen der Zusage unserer Untersassen, daß sie uns halten werden, was sie von Ehre und Rechtes wegen pflichtig sind zu tun. Gäben wir ihnen darin nicht nach, so möchten sie uns künftig wohl mit Grund beschuldigen, daß wir des Zwanges gegen sie froh gewesen seien. Wir bitten also Eure Väterlichkeit, wollet solche ziemliche, redliche und ehrbare Erbietung so ansehen, daß daraus viel Liebe und Freundschaft zwischen dem Herrn Hochmeister, den Prälaten und ihren Untersassen kommen werde.« Auch der Bischof von Riesenburg schloß sich seinen Bitten an und fügte hinzu: »Will der ehrwürdige Orden sich vergleichen, so brächte es den Bistümern großen Schaden, wenn sie sich ausschlössen. Wir vertrauen, unser Heiliger Vater der Papst werde darum keinen Unwillen haben, sondern mehr Wohlgefallen und gern die Beschwerung abtun wollen.« Darauf winkte der Legat, der sehr verdrießlich war und doch meinte, vorsichtig auf alle Fälle bedacht sein zu müssen, dem Bischof von Ermland, der schweigend dabei stand, mit ihm in das kleine Gemach zu treten, und schloß hinter ihnen die Tür. »Was hat das nun zu bedeuten, lieber Bruder«, fragte er hitzig, »daß man sich also einig zeigt, mich beiseite zu schieben? Steh' ich hier nicht an des Heiligen Vaters Stelle, und ist es nicht meine Pflicht, die Dinge zu einem sicheren Ende zu bringen?« »Mir selbst geht's über den Kopf«, entgegnete Franziskus achselzuckend. »Ich fürchte, der Herr Hochmeister und seine Gebietiger begehen einen dummen Streich, dessen sie noch lange gedenken werden. Das wäre unter Konrad von Erlichshausen nicht geschehen: hätt' er's so weit kommen lassen, so hätt' er auch durchgegriffen. Aber sein Vetter Ludwig will's mit dem Pflaster versuchen, das die Wunde verklebt und sie doch nicht heilt. Wir müssen abwarten, was daraus entsteht.« »Das solltet Ihr billig nicht raten«, rief de Silves. »Hab ich doch Vollmacht, auch ohne eines Teiles Anrufen gegen die Ungehorsamen vorzugehen, und wahrlich auch die Zuchtmittel in der Hand, Seiner Heiligkeit Willen durchzusetzen.« »So ist's«, gab Franziskus geschmeidig zu. »Aber Bann und Interdikt sind ein zweischneidig Schwert und mag leicht noch mehr den verletzen, der es gebraucht, als den, gegen den es sich wendet. Wie nun, wenn der Orden und das Land einträchtig über Euch hinweg den Heiligen Vater anrufen, daß er sie von dieser durch Euch verhängten Beschwerung befreien möge? Seid Ihr seiner und seiner Herren Kardinäle so sicher? Ich will mich nicht vermessen, Euch besseren Rat zu geben; stünd' ich aber an Eurem Platz, wollt' ich's lieber zehnmal bedenken, ob ich nicht vorerst in Rom Bericht abstattete. Dann kann noch immer geschehen, was jetzt unterbleibt und aufgeschoben wird, und anders klingt dann das entscheidende Wort: Roma locuta est! « De Silves hatte mit halbgeschlossenen Augen zugehört; um seine schmalen Lippen spielte ein bittersüßes Lächeln. Nun ergriff er die Hand des Ermländers und sagte: »Ich versteh' Euch und muß Eure Vorsicht loben. Ich will ihnen die kurze Freude gönnen, mich so klug hinausgedrängt zu haben, indem sie von zwei Seiten zugleich schoben; sie sollen bald genug erkennen, weshalb ich gegangen bin. Ich bitt' Euch, decket mir hier den Rücken; vorn werd' ich keinen Schild brauchen.« Er drückte ihm nochmals die Hand und trat wieder zu den andern ein. Auf seinem Gesicht war nichts mehr von Verdruß zu sehen. Sehr gnädig sagte er: »Der hochwürdigste Herr Bischof von Ermland hat eine freundliche Bitte für das Land eingelegt. Ihr sprechet, daß dieser Vergleich viel Freundschaft und Liebe einbringen werde. Wir wollen das für eine Antwort annehmen und unserem Heiligen Vater dem Papst vorbringen, auch um Bitte des Herrn Hochmeisters willen die Beschwerung lösen und wieder wegziehen. Wollet das euren Machtgebern melden.« So entfernten sich nun die Deputierten mit großen Dankworten. Länder und Städte, da sie hörten, daß sie dieser schweren Last entledigt worden, jubelten laut und waren ihres Sieges froh. Vom Hochmeister verabschiedet, zogen die Abgesandten eiligst in ihre Heimat, die frohe Kunde, daß der Legat abreisen werde, überall verbreitend. Tileman vom Wege sagte zu seinem Kumpan, da sie abritten: »Nun ist über uns der ganze Himmel blau, und mag man sich dessen freuen. Da unten steht aber ein klein Wölkchen; das kann der Wind schnell hinaufblasen und ausbreiten. Darauf wollen wir uns alleweile bereithalten.« Auch der Legat rüstete nun zur Abreise. Jeder Tag brachte zu seinen Ehren kirchliche Festlichkeiten. Die Bischöfe ordneten an, daß er in jedem Ort, durch den er zöge, bis zur Grenze hin mit Glockengeläut empfangen und entlassen würde. Der Hochmeister hatte noch etwas Besonderes auf dem Herzen. Als er ihm in Begleitung seiner Gebietiger im Kloster, wo er wohnte, seinen feierlichen Besuch abstattete, deutete er den Wunsch an, bei ihm als des Heiligen Vaters Abgesandten zur Beichte gehen zu dürfen. Der Legat erachtete dies als eine besondere, seiner Würde bewiesene Aufmerksamkeit und erbot sich gern zu diesem Dienst. So erschien denn an demselben Abend Ludwig von Erlichshausen nochmals allein und im einfachen Kleide des Deutschordensritters in der Klosterkirche, ließ sich durch Gebet vorbereiten und kniete dann an dem Beichtstuhl nieder, in den der Prälat sich gesetzt hatte. Ihm war es um eine Beichte zu tun, deren sich sein Herz vor dem Priesterbruder des Ordens nicht hatte entledigen mögen. Das sagte er de Silves, und daß die alte, noch ungesühnte Schuld sein Gewissen schwer bedrücke. Er beichtete ihm alles; wie er in jugendlichem Leichtsinn und von leidenschaftlicher Begier verführt gesündigt habe gegen das Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, wie er auch gesündigt habe durch Bruch des Gelübdes, das er bei Aufnahme in den Orden abgelegt. Es sei sein heißer Wunsch gewesen, nach Rom zu pilgern und sich dem Heiligen Vater zu Füßen zu werfen, um sich Verzeihung zu erbitten. Nun aber habe er das Gnadenjahr vorübergehen lassen müssen, da das Amt ihn in Preußen zurückgehalten. »Ihr aber, hochwürdigster Herr, stehet hier an des Heiligen Vaters Stelle«, schloß er demütig, »und seid ausgerüstet mit allen Gnadenmitteln der heiligen Kirche. Sehet gnädig an einen armen Sünder, der vor Gott im Staube liegt und sich unwürdig bekennt aller seiner großen Huld und Nachsicht. Wahrlich, mit großer Angst hat mein Gemüt der Brüder Wahl erfüllt, da sie mich eher hätten verachten und aus ihrer frommen Gemeinschaft ausstoßen, als zu ihrem Oberhaupt mit fürstlichen Ehren küren müssen. Nicht länger ertrag' ich solches Gefühl der Unwürdigkeit und will mit meinem Gott versöhnt sein, müßt' ich auch die schwerste Strafe dulden. Legt sie mir auf nicht nach dem Maße Eurer Milde, sondern nach der Gerechtigkeit.« Der Bischof besann sich lange auf eine Antwort, während er halblaut Gebete murmelte. Endlich neigte er sich zu dem Knienden und sagte: »Schwer hast du dich vergangen, mein Sohn, denn in einer Sünde sind gleichsam viele zusammengeströmt, und allzu lange hast du gezögert, den reinen Quell der Buße darüber hinzuleiten, daß er den Unrat aus deiner Seele fortspüle und dem Verderben wehre. Aber deine tiefe Reue hat Gott angesehen und mit dir nicht strenge ins Gericht gehen wollen. Seine Gnade hat dich zu einem Werkzeug erkoren, die Werke der Welt zu seinem ewigen Ruhm zu mehren. Denn seine Zulassung ist's allein, daß die Augen der Brüder in des Ordens Not sich auf dich richteten und ihre Stimmen sich zu deiner Wahl vereinten. Der Allwissende hat auch dies gewußt, daß solche fürstliche Erhöhung dich nicht mit Hoffahrt und Übermut erfüllen, sondern erst recht zur Erkenntnis deiner Sündhaftigkeit und Schwäche hinleiten werde. Wie käme ich nun dazu, deine Reue zu verwerfen, die Gott angenommen hat? Darum will ich nicht strafen, sondern mahnen, nicht eine Buße auflegen, sondern all' dein irdisches Tun, wie es dein hohes Amt fordert, Gott weihen. Großes muß der Herr mit dir im Sinn gehabt haben. Und schon ist's auch unsern blöden Augen erkennbar. Es ward dir aufgetragen, ein Land zu regieren, in dem die Bürger, hoch und gering, eine neue Ordnung der Dinge anstreben, die ebenso der weltlichen Herrschaft Recht als der heiligen Kirche Freiheit zu schädigen droht. Sie haben einen Bund gestiftet wider Gewalt, sind aber selbst die Vergewaltiger. Sie wollen die Herren sein im Land und selbst an die Diener der Kirche Hand anlegen. So bist du berufen, solchem Frevel zu steuern und dadurch Gott deine Schuld abzutragen. Ich sitze hier als ein Priester, nicht als der Abgesandte des Königs der Könige. Deshalb will ich nicht als Legat fragen, ob etwas versehen ist, sondern als Priester dir ans Herz legen, dich bei diesem schwächlichen Ausgleich nicht zu beruhigen, vielmehr nach bester Erkenntnis deine Pflicht zu tun, daß dieses Teufelswerk für alle Zeit vernichtet werde. Das ist die Buße, die ich fordere, daß du deine Schwäche überwindest und nicht nachgibst den Schlechten, müßtest du auch das Schwert gegen sie ziehen. An dem Tage, der den Bund endigt, wird dein Gewissen rein sein von aller Schuld. Willst du versprechen, mit allen Sinnen danach Zu trachten, also Gott wohlgefällig zu werden? Gib Antwort!« »Ich will's«, sprach der Hochmeister leise. »Das sei meines Lebens Aufgabe. Mag Gott mir helfen, sie zu vollbringen.« Aus dem Beichtstuhl tönte das feierliche: » Absolvo te « an sein Ohr. Freudig erhob er sich. Die Last war von seinen Schultern genommen, an der er so lange ohne Hoffnung der Erleichterung getragen: mit der Kirche fühlte er sich wieder versöhnt. Auf dem Heimwege nach dem Schloß freilich fing es ihn an zu verdrießen, daß der Priester ihm nicht eine kirchliche Buße aufgelegt, sondern dem Regenten sein Verhalten vorzuschreiben gewagt hatte. Er streifte in seinen Gedanken die Frage, ob es nicht eine Demütigung des Ordens sei, daß sein Oberhaupt sich an die Weisung der Kirche band, um menschlichen Fehl zu sühnen. Aber auch darüber half ihm die Betrachtung hinweg, daß ihm ja nichts zugemutet werde, was er nicht schon freiwillig als seine Herrscherpflicht erkannt hatte. Den Umständen billig Rechnung zu tragen, konnte ihm auch so nicht verwehrt sein. Zu Marienburg, wohin er gleich nach Erledigung der Geschäfte zurückkehrte, empfing er den Legaten mit allem Pomp, den die hochmeisterliche Residenz ihren hohen Gästen zu entfalten vermochte. Man sollte im ganzen Lande wissen, wie geehrt sich der Orden durch diesen Besuch gefühlt hatte und wie großen Wert er darauf legte, mit Rom in gutem Einvernehmen zu stehen. Er erhielt für die ganze Brüderschaft den Segen des Heiligen Vaters. Fünftes Kapitel Gnade für Recht In der nächsten Zeit schon berief Erlichshausen den Bürgermeister aufs Schloß und erkundigte sich, wie es Marcus gehe. Er liege an seiner Kopfwunde schwer krank darnieder, berichtete Blume, und der Medikus könne des Fiebers noch nicht Herr werden. »Die Wunde ist für sich selbst nicht gar so gefährlich«, fuhr er fort. »Manchem Kriegsknecht mag sie schon breiter geklafft haben. Wie Marcus sich's aber zu Gemüt genommen hat, daß dem Fräulein Gewalt angetan werden könnte und er vermöchte nicht zu helfen, die furchtbare Angst Tag und Nacht und zuletzt die Überanstrengung im Kampf – das hat ihn so tief erschüttert, daß er nun nicht die rechte Kraft zum Widerstand hat und im Fieber immer wieder davon geplagt wird, als hätt' er das Schreckliche noch einmal und noch zehnmal durchzumachen. Doch hoff' ich auf gute Besserung, da Marcus ja von Grund aus ein gesunder Mensch sei. Auch fehlt es ihm an Wartung und Pflege nicht. Ich muß nur immer vorsorgen, daß die Weibsleute nicht alle drei zugleich ihre Kraft verschwenden.« Der Hochmeister versprach selbst zu kommen und nach dem Kranken zu sehen, sobald dessen Zustand es erlaube, und hielt auch Wort. Erst nach Wochen freilich konnte er zu Marcus eingelassen werden, aber inzwischen hörte er doch von der Mutter, wie es stehe, und sah auch Ursula. Sie war immer voll Dank für die Wohltat, die man ihr in diesem Haus erweise. Magdalene sei ihr recht wie eine Schwester, und sie hätten schon gar keine Geheimnisse mehr voreinander. An Frau Christine habe sie eine zweite Mutter. »Deshalb vergeß' ich die erste doch nicht«, setzte sie rasch hinzu, »und gäb' ihr gern Nachricht von mir, daß sie sich um mich nicht zu bekümmern brauchte. Wie soll ich's aber anfangen? Der Weg ist weit und ein Bote allzu kostbar.« Herr Ludwig streichelte ihr das Haar und meinte, für ihn sei's nicht so schwer, mit des Ordens Briefschaften einen Zettel befördern zu lassen. Ursula küßte seine Hand. »Ach lieber gnädigster Herr Hochmeister«, sagte sie freudig, »bedenket das in Eurer Güte, es soll Euch herzlich gedankt werden.« Der Ritter von Ostra war vom Spittler nach der Marienburg gebracht worden und dort in die Eisen gelegt, da er frech leugnete. Weil es nun aber zur Zeit unmöglich war, ihn Marcus Blume gegenüberzustellen, darüber auch noch geraume Zeit vergehen konnte, mußte Plauen wieder nach seiner Komturei Elbing zurückreisen. Von dem Gerichtstag sollte er benachrichtigt werden. Nun aber gewann mit leichter Mühe der Marschall von Exdorf wiederholt Zutritt zu dem Gefangenen und unterredete sich mit ihm unter vier Augen. Als dann Wochen vergingen, ohne daß die Untersuchung einen Schritt weiterkam, trat Exdorf eines Tages vor den Hochmeister und sagte: »Gnädigster Herr, es scheint Euch ganz und gar in Vergessenheit zu kommen, daß Ihr den Bruder Boppo in den Turm habt sperren lassen, darin jetzt im kalten Winter wahrlich kein vergnüglicher Aufenthalt ist. Ob ich nun schon wünsche, daß kein Schuldiger der gerechten Strafe entgehe, so ist's diesmal doch nicht so sicher, daß und wie etwa der Ritter von Ostra schuldig ist. Wollet mir's deshalb nicht verdenken, wenn ich für meinen Verwandten das Wort nehme mit der Bitte, ihn seinen Richtern zu stellen oder frei zu geben.« Erlichshausen krauste die Stirn. »Es ziemt Euch wenig, Herr Marschall«, entgegnete er, »dies für ihn zu betreiben. Es war doch wohl Eure Veranstaltung, daß er am Ort der Tat nicht betroffen wurde. Zwingt mich nicht, dem näher nachzugehen; Ihr könntet viel Verdruß davon haben.« Der Marschall warf den Kopf auf. »Dem sei, wie ihm wolle, gnädigster Herr«, sagte er, »so werd' ich doch nicht der einzige sein, der von der Sache Verdruß hat, wenn darüber geredet werden muß. Denn daß ich meines Vetters Partei nehme, mag sich vielen von selbst erklären; daß man ihn aber aus persönlicher Feindschaft unterdrückt, wird niemand lobenswert oder auch nur entschuldbar erscheinen.« »Ich weiß von solcher persönlichen Feindschaft nichts«, entgegnete der Hochmeister in scharfem Ton. »Es sollt' Euch wohl bekannt sein, daß eine Konfrontation mit Marcus Blume erforderlich ist, der doch an seiner Wunde noch krank liegt und das Haus nicht verlassen kann. Gerad' aus Rücksicht für den Ritter geschieht's, daß er nicht als ein Gefangener durch die Stadt geführt und in des Bürgermeisters Haus verhört wird. Dafür solltet Ihr mir danken.« Exdorf lächelte boshaft. »Wie hätt' ich zu fürchten, gnädigster Herr, daß solche Schmach jemals unserm Orden angetan werden könnte? Es ist schon bedenklich genug, daß ein Bürger gegen einen Kreuzherrn soll zeugen dürfen, der doch ein Teil seiner Obrigkeit ist. Wieviel ist da noch ab, daß auch ein Bauer seine schmutzige Hand aufs Kruzifix legen und gegen seinen Herrn schwören dürfe, oder gar ein schlechter Preuße, den doch nicht einmal der deutsche Bauer für seinesgleichen hält. Aber dagegen will ich heut' nicht einsprechen. Kann Marcus Blume nicht aufs Schloß geschafft und Ostra vor Augen gestellt werden, so ist er ja wohl nicht der einzige Zeuge. Es geht auch meines Wissens die Anklage am wenigsten dahin, daß Ostra ihn verwundet. Sondern Jungfrauenraub soll er verübt haben, und die Jungfrau selbst ist ja hier zur Stelle. Mag sie ihre Beschuldigung dem Ritter ins Gesicht sagen, wenn sie kann. Befehlt, daß man sie ihm gegenüberstelle, und ich zweifle nicht, daß er sich wohl wird verantworten können.« Dieses Begehren war dem Hochmeister das unliebste. Er hatte gehofft, Ursula mit einem solchen Gange nicht beschweren zu dürfen. Wenn Marcus zeugte, so bedurfte es ihrer Aussage nicht weiter. Nun zweifelte er nicht, daß der Marschall hier den Hebel anzusetzen gedachte, ihn wankend zu machen. »Wie sollte Ostra sich verantworten können?« fragte er ausweichend. »Will er wirklich leugnen, die Reisenden auf der Landstraße überfallen und wider ihren Willen nach dem Hause des Waldwarts gebracht zu haben, da doch alles gegen ihn zusammenstimmt? Wahrlich, er ist ein verlorener Mann und wird zeitlebens im Kerker büßen müssen. Wie mag ihn da der Sache notwendiger Aufenthalt um wenige Wochen oder Monate sonderlich beschweren?« »Und wenn er das nun nicht leugnete, gnädigster Herr, was Ihr ihm vorwerft«, bemerkte Exdorf mit einem listigen Blick, »wär' damit seine Schuld schon erwiesen? Ich will seiner Verteidigung nicht vorgreifen, aber Euch doch zum eigenen Besten nicht vorenthalten, was meine gut gestützte Vermutung ist. Ostra hat beim Krüger unter seinem Haus Leute angetroffen, die er für Landstreicher hielt – einen jungen Burschen und ein fahrendes Frauenzimmer und ein altes Weib. Sie sind ihm verdächtig erschienen, und er hat sie beobachtet, vielleicht auch mit ihnen Kurzweil treiben wollen. Es mag so sein oder anders. Kurz, er hat sich in der Schenke zu ihnen gesetzt und gesehen, wie das fahrende Fräulein – verzeiht, wenn ich's so nach seiner Schätzung nenne – mit einem kostbaren Ring gespielt –« »Einem Ring...?« »Demselben, mit dem ja auch das Schreiben gesiegelt war, das Ew. Gnaden empfing. Der Ring hat ihm auffallen müssen, er meinte ihn an Ew. Gnaden kleinem Finger gesehen zu haben, als Ihr zur Huldigung kamt. Da hat er gefragt und keine Auskunft erhalten, und ist nun bei ihm kein Zweifel gewesen, daß Euch das Kleinod sträflich entwendet sei.« »Mir – entwendet?« »Er konnte ja nicht wissen, daß Ihr das Fräulein im Schloß zu Heilsberg gesehen und gesprochen und vielleicht beschenkt hattet, trotzdem die Mutter unter schwerer Beschuldigung stand, teuflische Künste getrieben zu haben.« »Weiter, weiter! Kommt zur Sache.« »Ich sage, Ostra konnte von alledem unmöglich eine Ahnung haben. Er beschloß, aus Dienstwilligkeit gegen Euch, den Leuten nachzureiten und ihnen den Ring abzunehmen. Da sie ihn aber nicht herausgeben wollten, sondern jetzt gänzlich verleugneten, hob er sie auf und brachte sie nach dem Waldhaus und mag dort nicht gerade fein säuberlich mit ihnen verfahren sein, zumal der garstige Vogel, den das Fräulein bei sich hatte, auf ihr Geheiß gegen ihn ansprang und ihm das Auge verletzte. Daraus wird man ihm kein groß Verbrechen machen können.« Der Hochmeister hatte die Augenlider sinken lassen und die Unterlippe eingezogen. Er verstand Exdorf wohl. Aus allerhand Gliedern, die nicht zusammengehörten, war da für ihn eine Kette geschmiedet, die ihn fesseln sollte. Wer konnte Ostra verbieten, dies alles vorzubringen? Wie war es zu widerlegen? Und schon, daß man davon sprach, daß des Hochmeisters Person hineingezogen wurde, daß ihm der Mund geschlossen war ... In der Tat, er hatte sich vorzusehen. »Bekennt nur«, sagte er nach einer Weile spöttisch, »daß Ihr von keiner Vermutung sprecht, sondern Euch schon mit Eurem Vetter verständigt habt. Er wird versuchen sich so auszureden.« »Er behauptet, so die Wahrheit zu sagen«, antwortete der Marschall, den Kopf zwischen die Schultern ziehend. »Seiner Richter Pflicht wird's sein, zu prüfen, ob sie ihm glauben mögen. Und vielleicht wollen sie ihm glauben, ohne allzu ängstlich zu prüfen. Der Bruder sitzt nicht gern über den Bruder zu Gericht, am wenigsten, wenn die Anklage von außen kommt. Die Strafe, die der einzelne leidet, hat die ganze Gemeinschaft zu büßen. Bedenkt auch, daß ein ritterliches Wort mehr gilt als ein bürgerlicher Eid, und daß Ostra, wenn's darauf ankommt, leicht sieben oder auch mehr Eidhelfer unter den Brüdern finden wird, die mit einem Schwur bekräftigen, daß sie ihn solcher Tat, wie er bezichtigt worden, nicht für fähig halten.« Erlichshausen blickte finster zu Boden. Nur zu recht hatte der Marschall: es war schwer, einen aus der festgeschlossenen Reihe herauszuziehen – vielleicht unmöglich, wenn er so hohe Freunde hatte. Er fühlte jetzt, wie tief das Band einschnitt, das der Hochmeister sich im voraus um die Hände hatte legen lassen, da er sie einmal frei bewegen wollte. »Was wollt Ihr?« sagte er mürrisch. »Ich habe getan, was meines Amtes ist, und scheue die Verantwortung nicht. Ist Euer Vetter weniger schuldig, als es den Anschein hatte, so will ich mich dessen freuen. Leid aber müßte mir's sein, wenn man die armen Leute verunglimpft, die durch ihn zu Schaden gekommen. Was uns selbst betrifft, so können wir alleweile boshafter Verleumdung nicht die Tür schließen.« Exdorf merkte, daß er das schlaue Spiel schon gewonnen hatte. »Wollt Ihr sie deshalb Euren Gegnern weit aufsperren? fragte er. »Weshalb rede ich denn, als weil ich Ew. Gnaden in Freundschaft warnen will? Es greife mich einer offen an, und ich will ihn ins Gesicht einen Buben nennen. Aber gegen das Gerede, das hinter meinem Rücken zischelnd von Mund zu Mund geht, hab' ich keine Macht. Je unsinniger es ist, desto wehrloser bin ich dagegen. Doch denkt Ihr vielleicht anders darüber, gnädiger Herr. Mir soll's nicht zuwider sein, wenn Ihr den Dingen ihren Lauf laßt.« Der Hochmeister verzog die Lippe zu einem bitteren Lächeln. »Und was ist Euer Rat, Bruder Exdorf?« »Gnädigster Herr«, antwortete der Marschall, »nehmt die Entschuldigung, die Ostra vorbringt, als glaubhaft an, sie sei es oder sie sei es in Euren Augen nicht. Könntet Ihr Euch in des Bürgermeisters Haus nicht selbst die Überzeugung geholt haben? So erklärt sich nun auch das. Ihr habt Ostra fangen und setzen lassen; so wird man's nicht verwunderlich finden, wenn Ihr ihn losgebt. Auf seinen Dank dürft Ihr rechnen – und nicht nur auf seinen Dank.« Erlichshausen überlegte, indem er wieder mit den Fingerspitzen die Stirne rieb, wie seine Gewohnheit war. Ein so weltkluger Beobachter, wie Exdorf, wußte, daß er sich nur nach einer Brücke umschaute, die sich ohne allzu große Gefahr für sein Ansehen betreten ließe. Er meinte sie ihm selbst schlagen zu sollen. »Es ist wahrlich nicht mein Rat«, fuhr er fort, »daß Bruder Ostra ohne Strafe bleiben soll, wenn Eure Gnade es ihm schon für nichts rechnet, daß er ein Auge eingebüßt und wochenlang im Kerker geschmachtet hat. Legt ihm eine ritterliche Bußübung auf und schickt ihn nach einem unserer Häuser im Reich unter strenge Zucht. Wie ich seinen Ehrgeiz kenne, wird's ihn die schwerste Strafe dünken, hier aus Preußen verbannt zu sein, wo er sich des Herrn Hochmeisters Auszeichnung zu gewinnen und rasch von Amt zu Amt aufzusteigen hoffte.« »Ich will's bedenken«, sagte der Hochmeister und entließ ihn mit einem Händedruck. Er bedachte es auch drei Tage lang, immer verdrießlicher, je länger er zögerte zu tun, was doch unerläßlich scheinen mußte – unerläßlich, wenn er nicht jedes Bedenken, das seine Person anging, hinter sich werfen und um der Gerechtigkeit willen mutig der Verleumdung stehen wollte. Jetzt konnte er sich als Herrscher beweisen, vor dem sich auch die Großwürdenträger im Orden zu beugen hätten – ihm ahnte, daß er niemals seinen Willen gegen sie durchsetzen werde, wenn er sich diesmal einschüchtern ließ. Aber sein Mut war schwach. Welche Anstrengungen sollte er von sich fordern? Ja, wenn sein Gewissen rein gewesen wäre! Da nutzte doch die Absolution des Legaten nichts. Er schwankte eine Weile, ob er Plauen von Elbing zu sich berufen sollte. Was konnte das nützen? Wollte er sich denn auf seine Schulter lehnen? Immer lockender schien es ihm, sich den Marschall zu verbinden. Endlich gab er ihm Vollmacht, die höchst verdrießliche Angelegenheit nach seinen Wünschen und Vorschlägen zu regeln. Da hatte er nun Ruhe. Aber um welchen Preis? Exdorf traf sofort seine Maßregeln. Er ließ Ostra aus dem Turmgefängnis nach der Firmarie schaffen und dort als Kranken behandeln. Der Ritter war wirklich krank; das verletzte Auge eiterte noch immer, und die dumpfe Luft des Kerkers, die Kälte und die mangelhafte Nahrung hatten den Körper geschwächt. Niemand wußte mit Sicherheit, weshalb er eingekerkert worden war. Er werde sich gegen die Ordensregel vergangen und dafür gebüßt haben, meinte man. Und wenn sein Fehl schwerer gewesen sein sollte – was weiter? Je lockerer die Zucht, um so mehr Freiheit durfte sich auch jeder andere nehmen. Als Ostra dann genesen war, ließ ihn der Marschall in sein Gemach führen und sagte zu ihm: »Ich hab Euch von dem Herrn Hochmeister losgebeten, Vetter, aber glaubt deshalb nicht, daß ich Eure ganz unsinnige Tat billige oder auch nur nachsichtiger beurteile als er. Was Euch diesmal dient, daß Euer Verbrechen nicht nach der Strenge des Gesetzes geahndet wird, möchte Euch in einem zweiten Fall schwerlich wieder dienen. Ihr seid diesmal gleichsam mit einem blauen Auge davongekommen, und wenn Ihr's ganz und gar eingebüßt habt, so nehmt auch das als eine verdiente Strafe hin. In Preußen dürft Ihr nicht bleiben. Ich will Euch aber nicht als einen Gefangenen auf eins unserer Häuser im Reich schicken, wie ich wohl müßte, sondern Euch dem Herrn Deutschmeister zurücksenden mit solcher Anzeige Eures Fehls, daß er nicht abgestoßen wird, Euch in seinem Dienst zu verwenden, wie Ihr Euch dazu tauglich erweist. Ich hoffe, Ihr seid noch jung und unverdorben genug, Euch wieder zu Ehren zu bringen.« Er gab ihm ein versiegeltes Schreiben und in einem kleinen Lederbeutel das erforderliche Reisegeld. Einen größeren Beutel behielt er noch in der Hand. Ostra dankte mürrisch. »Ich wollte«, bemerkte er, »ich hätte mich nie verleiten lassen, das Ordenskleid anzunehmen. Es ist nichts für mich. Als ich eintrat, schien's so, als ob es einen munteren Krieg mit Polen und Litauen geben sollte, in dem Ruhm und Beute zu holen wären. Aber wir sitzen müßig in den Häusern, und unsere Waffen frißt der Rost; die Federfuchser sind überall auf. Da könnt's noch vergnüglicher und gottgefälliger zugleich sein, gegen den Türken zu ziehen. Ein kräftiger Mann will Beschäftigung haben. Fehlt sie ihm, so fällt er auf allerhand Tollheit. Schlimm genug, daß ihm hinterher als ein Verbrechen angerechnet wird, was man überall im Reich ritterlicher Freiheit zugut hält. Wenn so ein Lümmel, der die Hand gegen einen Edelmann und noch dazu seine Herrschaft zu heben wagt, seinen blutigen Lohn empfängt, so kräht da kein Hahn um ihn. Hier in Preußen aber soll man das Volk mit Samtpfötchen anfassen, und ist alles gleich voll von Angst, daß es ein Geschrei geben könnte. Zum Teufel auch! Es will jeder nach seiner angeborenen Art leben. Hier soll ich mehr ein Mönch als ein Ritter sein. Ich könnt wahrlich dem Herrn Hochmeister Dank wissen, daß er mich fortschickt, behielt ich nur Aussicht, daß er mich wieder ruft, wenn's hier etwas für Leute meines Schlages zu tun gibt. Aber da kann ich lange warten.« »Vielleicht nicht so lange, als Ihr fürchtet«, entgegnete der Marschall. »Ihr müßt allezeit die Augen offen haben und nach rechts und links schauen, wo es zuzugreifen gilt. Ich hab Euch dem Herrn Deutschmeister, der längst mit diesen faulen Zuständen unzufrieden ist, als einen Mann empfohlen, der etwas zu wagen entschlossen ist und lieber rauft als stillsitzt. Ich denke, er wird Euch in Geschäften verwenden, die Euch viel auf der Landstraße halten. Da gebt acht, ob man Euch irgendwo fordert. Und nehmt auch noch einen besonderen Auftrag von mir mit, Vetter – einen heimlichen sozusagen, und deshalb ohne schriftliche Beglaubigung. Es ist nicht gerade nötig, daß Ihr schnell reist. Seht Euch in den Grenzländern um, ob Ihr gute Mannschaft antrefft, die sich für alle Fälle werben lassen möchte. Könnt Ihr im stillen ein paar hundert Knechte gewinnen, die bereitliegen, so wollt ich Euch das für eine gute Tat rechnen und Euch deren künftig beim Herrn Hochmeister gebührlich rühmen.« »Nichts leichter als das!« rief Ostra. »Es ist überall Volks genug vorhanden, das nur auf das Handgeld wartet.« Exdorf legte den Finger auf den Mund. »Versteht mich recht, Vetter: wir sind zur Zeit noch im Frieden mit unseren Nachbarn und gedenken ihn auch nicht zu brechen. Näher liegt die Gefahr, daß wir mit unsern eigenen Untersassen einen Streit auszufechten bekommen. Schwerlich reicht die Mannschaft in unsern Schlössern aus, einen Aufstand rasch niederzuwerfen, die Dienstleute vom Lande aber sind unzuverlässig. Deshalb muß es uns erwünscht sein, für alle Fälle einige Spieße in der Nähe zu haben. Doch auch davon darf nichts verlauten, damit nicht das Mißtrauen genährt wird. Ihr seid auf der Reise und mögt unterwegs dies und das vornehmen, wovon wir nichts wissen. Kommt Euch doch einer auf die Schliche und bringt's aus, so habt Ihr ohne Vollmacht gehandelt.« Er legte den andern Beutel in seine Hand. »Das heißt, ich soll meinen Rücken hinhalten, wenn man auf Euch losschlägt«, rief Ostra lachend. »Sei's darum! Ihr habt's wohl um mich verdient. Verlaßt Euch ganz auf mich. Meinetwegen mag's heißen, daß ich mir selbst eine Mannschaft anwerbe, ins Ordensland einzufallen, die frechen Bündischen zu züchtigen oder, wenn Euch das besser zusagt, meine Rache an denen zu nehmen, die mich in den Turm gebracht haben. Ich will stillhalten.« Der Marschall drückte ihm die Hand, gab ihm sein Schwert zurück und entließ ihn. Denselben Tag noch begab sich der Ritter auf die Reise. Als nicht lange danach Reuß von Plauen nach der Marienburg kam und erfuhr, was geschehen, wurde er sehr betrübt und sprach den Hochmeister an: »Gnädigster Herr, das hat Euch nicht Euer Freund eingegeben. Wenn solche Tat ungestraft bleibt, wer von den Brüdern mag da noch zur Rechenschaft gezogen werden? Ich wollte, Ihr hättet mich nicht abgeschickt, den Mann zu fangen. Wie soll ich Euch künftig mit frohem Herzen zu Dienst sein, wenn Ihr mich danach verleugnet?« »Das war meine Absicht nicht«, versicherte Erlichshausen eifrig, »und hat auch so nicht gedeutet werden können. Es sind diesmal gar besondere Gründe, die mich bestimmten, nicht die ganze Strenge walten zu lassen, und sie wiederholen sich nicht so leicht wieder. Vergeßt nicht, daß ich an meiner Stelle auch auf anderer Ratgeber Meinung zu achten habe.« »So sehet zu, wie weit Ihr kommt«, sagte der Spittler wenig überzeugt, »wenn Ihr die Pferde hinten und vorn an den Wagen spannt. Unsere Gegner haben ihre Freude daran.« Dem Marschall ging er aus dem Wege. Es hätte ein böser Streit ausbrechen müssen, wenn er ihn wegen der Vetterschaft zur Rede stellte, und der Spittler wußte, daß er den gefährlichen Mann nicht beseitigen könnte. Des Ordens wegen hielt er Frieden, aber mit schwerem Herzen kehrte er nach Elbing zurück. Sechstes Kapitel Die Freundinnen In Thorn ließ sich bei der diesjährigen Ratskehr Tileman vom Wege nicht zum Bürgermeister küren. Er wollte freiere Hand haben, für die Sache des Bundes zu wirken, die durch die letzten Ereignisse arg ins Schwanken gekommen war. Aber er blieb im Rat und war nach wie vor die Seele desselben. Auch konnte er seiner Freunde in den leitenden Ämtern sicher sein. Mit seinem Sohn hatte er, nachdem der Elbinger Tag beendigt, einen schweren Stand gehabt. »Ich bin Barthel Blume weiter entgegengegangen«, sagte er ihm, »als ich vor mir selbst verantworten kann. Vergeblich habe ich ihn in Elbing erwartet. Er beharrt in seiner Widersetzlichkeit gegen den Bund und hält's mit unsern schlimmsten Feinden, denen von Neustadt Thorn. Wie dürfen wir danach in freundschaftlichen Verkehr mit seinem Hause treten? Er selbst bedenkt mehr des Herrn Hochmeisters Gunst und Gnade, als seines Kindes Glück.« Jost wollte das nicht gelten lassen. »Gilt er Euch als ein Abtrünniger«, antwortete er, »so meint er selbst doch seine Treue zu beweisen und seine Kindespflicht zu bewahren. So ist er auch seinen Gegnern achtbar. Zöge er jetzt sein Wort zurück, so geschäh's um Gunst und Vorteil, und Ihr selbst müßtet ihn verachten. Warum verlangt Ihr's so Zug um Zug wie im Handel? Laßt ihm Zeit, sich zu Eurer Meinung zu bekehren. Geschieht das nach Jahr und Tag, wenn unsere Familien verschwägert sind, so wird niemand Anstoß daran nehmen.« »Wer sagt dir aber, daß es überhaupt geschieht?« fragte Tileman, »daß der Spalt nicht noch weiter auseinanderklafft, trotz der Verschwägerung. Willst du in die Mitte gestellt sein zwischen zwei Hammer, die ihre Kraft erproben? Es ist nicht unser Arm, der sie bewegt, und nicht unser Wille, der sie zum Stillstehen bringt.« »Ihr seht die Dinge allzu schwarz, Vater«, wendete Jost ein. »Ich höre Euch, aber ich höre auch andere. Viele wollen den friedlichen Ausgleich. Wenn Ihr Euch auf die Polen verlaßt – wie es mit der Polen Freundschaft steht, weiß ich am besten. Sie schüren das Feuer, weil sie hoffen, bei dem großen Brande für sich selbst etwas in Sicherheit zu bringen. Helft ihnen den Orden erniedrigen und seht zu, wie Ihr euch ihrer noch erwehrt. Das bedenkt mancher mit Sorge. Gebt ein großherziges Beispiel der Versöhnlichkeit, und beide Teile werden's Euch danken.« Tileman lächelte mitleidig. »Es gibt Schwächlinge genug«, entgegnete er, »die ihresgleichen einbilden, sie halten tapfer stand, wenn sie nur so weit zurückweichen, als der Gegner sie drängt. Da sie meinen, das Ganze nicht haben zu können, lassen sie sich mit einem Teil abfinden und teilen wieder den Teil und so fort, bis am Ende nichts übrigbleibt. Es sind immer nur wenige, die den Zügel fest in der Hand und den Blick sicher aufs Ziel gerichtet haben. Die sollten sich aber auch durch kein Blendwerk beirren lassen und wär's noch so hold. Man mag wohl eine Wand zwischen uns ausrichten für kurze Zeit, aber was uns entzweit, liegt tiefer als ihre Stützen und wühlt unwiderstehlich von unten her, bis sie einstürzt. Tritt fort davon, daß sie dich nicht erschlägt!« Jost mußte schweigen, aber er tat's mit verbittertem Gemüt und mit dem stillen Vorbehalt, nicht nachzulassen, bis er sein Stück durchgesetzt hätte. Mit Gründen war dem Alten freilich nicht beizukommen, und mit Schmeicheln und Bitten ließ sich ihm nichts abringen. Die Besorgnis mußte einwirken, daß er bei zähem Beharren auf seiner Weigerung den Sohn verlieren möchte – den einzigen Sohn, vielleicht den einzigen Menschen, an dem sein Herz hing. Deshalb scheute Jost sich nicht, ein bedenkliches Spiel zu wagen: er hielt sich mehr und mehr von seinem Vater fern, trat in Verkehr mit dessen stadtbekannten Gegnern von den alten Geschlechtern und trank im Bürgergarten mit den Handwerkern auf des Herrn Hochmeisters Wohl. Mit den jungen polnischen Edelleuten, die nach Thorn kamen, um sich zu vergnügen, fing er Händel an, die mit Raufereien endeten. Zechte mit den lockersten Gesellen und liederlichen Frauenzimmern die Nächte hindurch, so daß er anderntages zur Arbeit in der Geschäftsstube untauglich war, und ließ auf der Straße die angesehensten Ratstöchter, deren Väter das sehr übelnahmen, ungegrüßt. Der Jost vom Wege ist ganz toll geworden, hieß es allgemein, an dem erzieht sein Vater auch etwas Rechtes! Der Alte sah wohl, in wie verzweifelter Stimmung Jost war und daß er's auf ein Widerspiel abgesehen hätte. Er meinte abwarten zu sollen, bis sich von selbst die Vernunft wieder zurückfände; es mußte ja doch bald zutage kommen, wie begründet seine Bedenken gewesen seien. Und darin hatte er jedenfalls recht. Nur wenige Monate brauchten zu vergehen, bis sich des Legaten wahre Gesinnung offenbarte. Auf seiner Reise durchs Reich hatte er überall an den Fürstenhöfen großes Geschrei erhoben, wie übel ihm in Preußen mitgespielt worden, so daß er des Papstes Auftrag sehr zum Schaden aller Obrigkeit und der heiligen Kirche nicht habe ausführen können. Es herrsche da in dem Ordenslande ein böser, sehr verderblicher Geist, der bald ansteckend auf die andern Länder wirken müßte, so daß kein weltlicher oder geistlicher Fürst seines Regiments mehr sicher sei. Sollte es gelitten werden, daß die Untertanen irgendwo einen Bund machten gegen ihren Herrn, so habe auch bald Kaiser und Reich nichts mehr zu bedeuten. Mit dem Deutschmeister, der nur auf die Gelegenheit zur Einmischung lauerte, verabredete er weitere Schritte beim römischen König. So kamen denn im Frühjahr Briefe von vielen deutschen Fürsten, weltlich und geistlich, ins Land, voll ernster Mahnungen, von dem Widerstand gegen die Obrigkeit abzulassen und den gebotenen Frieden anzunehmen. So schrieb der Markgraf Hans von Brandenburg, so der Kurfürst Friedrich von Brandenburg, so der Erzbischof von Köln, ebenfalls Kurfürst des Reichs. Er bot sich selbst zum Vermittler an, wenn sie »Zwang und Gedrang leiden« sollten, riet ihnen aber ernstlich, ihre Sache nicht selbst zu führen, sondern sie vor den Papst oder den römischen König und die Kurfürsten zu bringen. Endlich gar gelangte nach Thorn die heimliche Nachricht, daß der Orden Söldner werbe. Es stünden schon dreihundert Glevenien zu Schlochau und vierhundert würden aus der Mark erwartet. Des Hochmeisters feierlichste Versicherung, daß er von nichts wüßte, hatte keinen Erfolg: man glaubte, was man glauben wollte. Das Mißtrauen gegen ihn war auch schon deshalb von neuem wachgerufen, weil er zwar den versprochenen Richttag angesetzt, aber nicht Richter bestellt hatte, wie sie Länder und Städte zur Sicherung gerechter Sprüche begehrten. So wuchs täglich die Verwirrung, und die Danziger gingen gar so weit, ihre Mauern besser zu befestigen und Proviant in die Stadt zu schaffen, als ob der Feind schon im Anrücken wäre. Tileman benutzte alle diese sehr verfänglichen Tatsachen, um seinem Sohn vorzustellen, wie unabwendbar ein Kampf scheine, in dem jeder werde Partei nehmen müssen. »Wir sind nicht die Friedensstörer«, sagte er. »Scheinheilig hat der Legat uns gute Worte gegeben, so lange er im Lande war; nun fällt er uns aus dem Hinterhalt an mit unehrlichen Waffen und möchte am liebsten die ganze Christenheit gegen uns in Harnisch bringen. Die Fürsten und Pfaffen wissen auch, daß sie uns nicht bei unserm Recht lassen dürfen, wenn sie selbst ihr Unrecht behaupten wollen. Stehen wir hier im Norden fest, wie die Schweizer im Süden, so wird bald überall die Freiheit mächtiger sein als die Knechtschaft. Aber groß ist die Gefahr! Deshalb müssen wir die Widerstrebenden niederwerfen, daß sie uns nicht in den Rücken fallen, wenn wir uns schon kaum der Angreifer von vorn erwehren. Ihr Haupt aber ist Bartholomäus Blume. Du wirst einsehen, daß wir nie in Freundschaft zu ihm stehen können, er unterwerfe sich denn dem Bunde, dem er die Fehde angesagt hat.« Er fürchtete schon selbst, auf die Dauer nicht standhaft bleiben zu können, da Jost in seinem Trutz verharrte, und fing an, bei den Parteigenossen vorzubauen, daß man ihn hinterher nicht des falschen Spiels bezichtige. Er müsse den Sohn nach seinem Wunsch verheiraten, wenn er ihm nicht ganz liederlich werden solle. Er deutete an, daß er mit dessen Wahl nicht einverstanden sei, ohne vorläufig einen Namen zu nennen. Jost hätte eher über sich als unter sich sehen sollen, doch lasse sich darüber mit ihm nicht rechten. »Was will man tun? Ehen werden im Himmel geschlossen.« Dann wieder warf er die Frage ins Gespräch, ob die Bündischen die Pflicht hätten, sich des Verkehrs mit den Gegnern gänzlich zu enthalten, oder ob's nicht in besonderen Fällen nützlicher sei, alte Freundschaften zu bewahren und Familienbande anzuknüpfen. »Es kommt darauf an, wer der stärkere Teil ist«, meinte er, »der zieht den andern zu sich herüber, wenn's heißt: hier oder dort. Ich, wie ich einmal beschaffen bin, hätte keine Furcht, mich mit dem Teufel selbst zu verschwägern. Er sollte eher ein Stück von meinem Herzen abreißen, als mich vom Bunde abbringen. Ob ich ihn zwänge, mir zu dienen, weiß ich nicht; aber es könnte wohl geschehen, daß er vorsichtig um mich herumginge und mich gewähren ließe, da er mich sonst mit Haut und Haar zu verschlingen trachtete.« Dazu lachte er und fuhr fort: »Es ist nur ein Exempel. Man spricht wohl von des Teufels Großmutter, aber daß er eine Schwester oder Tochter hätte, hat noch niemand behaupten mögen. Will auch nicht den Pfaffen nachsprechen, die da predigen, in allen schönen Weibsen stecke der Teufel, also daß man sich vor ihrer Verführung in acht zu nehmen habe. Viel Unheil mögen sie wohl in der Welt anstiften können, und die mit den frömmsten Gesichtern sind manchmal die unheiligsten.« Nun seufzte er schwer und zog die Stirn in Falten, als käme ihm etwas sehr Verdrießliches in die Gedanken. Zum erstenmal zeigte er sich unsicher und unschlüssig. Das hatte den Grund, weil Kopf und Herz nicht zusammengehen wollten wie sonst. Er liebte seinen Sohn und hätte ihm gern etwas zuliebe getan, wenn's auch nur halbwegs mit seiner Pflicht zu vereinen gewesen wäre. So war nun das Jahr in den Mai gekommen, und er brachte so warme Tage und laue Nächte, daß wie durch Zauber alles Grau sich in hellstes Grün verwandelte und nie der Welt Herrlichkeit so herzerfreulich schien offenbart zu sein. Wo ein Lindenbaum am Hause stand, da öffneten sich die Fensterladen, und die Stadtkinder guckten neugierig hinaus, ob sie die Blättchen könnten wachsen sehen und den Singvögeln, die ihre alten Nester suchten, das Geheimnis ablauschen, wie sie den Frühling ins Land gebracht hätten. Auf den Äckern sproßte die Wintersaat, das junge Gras der Wiesen schoß üppig auf, die Landstraßen entlang schimmerten die Birken und Pappeln grün, die Steinblöcke auf den Heiden überzogen sich mit einem Samtteppich von Moos, und von der Föhrenwälder dunkler Wand in der Ferne zeichneten sich überall in scharfer Umgrenzung die eingestreuten Laubhölzer ab. Vor wenigen Wochen noch hatte Schnee auf der Schattenseite der Raine, Eis in den tiefen Gräben gelegen, ein kalter Nordostwind von der See her die Felder bestrichen und die kahlen Äste der Bäume durchschauert. Später, viel später als am Rhein oder selbst an der Elbe und Oder zog der Frühling an der Weichsel hinab, aber um so eiliger hatte er's auch hier, die Erde zu schmücken und die Menschen zu erfreuen. Er liebte es nicht, sich lange vorher anmelden und dann wie ein vornehmer Herr auf sich warten zu lassen. Da bin ich endlich, aber da bin ich auch mit ganzer Macht. Ich muß mich sputen, daß ich fertig werde, denn wenn hoch im Norden das Eis zum Schmelzen kommt und die Luft weithin erkältet, treibt mich doch der Sturm noch einmal zum Lande hinaus. Blatt und Halm müssen kräftig ins Wachstum schießen, damit sie dem tückischen Nachtfrost Widerstand leisten. Nirgends in Preußen war's um diese Zeit schöner als um das alte Schloß und die Stadt Marienburg herum. Garten reihte sich hier an Garten weit in die fruchtbare Niederung des kleinen Werders hinein. Vom hohen Nogatufer schweifte der Blick südwestlich an dem sich weit ausbuchtenden jenseitigen Damm entlang über das weite Flußtal hin und drüben in die grüne Ebene bis zu den Dirschauer Höhen an der Weichsel. Vor einem Monat noch hatte Ursula, wenn sie mit Erlaubnis des Bürgermeisters den Rathausturm bestieg und durch eine Luke ausschaute, ein ganz anderes Bild vor Augen gehabt, so fremdartig, wie sie sich nie eins geträumt. Da setzten sich, durch das anschwellende Wasser gedrängt, die Eismassen der Nogat in Bewegung, barsten mit schrecklichem Krachen, schoben sich in mächtigen Schollen übereinander, jagten auf dem zeitweise offenen Strom vorüber oder warfen sich drüben gegen den Damm, das Schutzwerk menschlicher Hände zu zerstören und den Fluten einen Durchbruch zu erzwingen. Das Eis im Frischen Haff lag anfangs noch fest; dort verstopfte sich der Fluß bald gänzlich, und nun schwoll das Wasser von Stunde zu Stunde an. Plötzlich aber rückten die Massen vor, erst langsam und stoßweise, dann in gleichmäßiger Eile. Der Wasserspiegel senkte sich wieder, die Schollen legten sich schräg auf die Böschung des Dammes, bröckelten ab, wurden fortgeschoben. Schon tauchten die Weidenkampe auf. Nur noch selten einmal rannte ein Eisberg sich auf dem Grunde fest, drehte sich schwerfällig um sich selbst, neigte sich zur Seite, wenn er von der Strömung unterspült war, und polterte endlich in sich zusammen. Schon wagten sich auch Boote hinaus, bemannt mit Marienburger Fischern, die ihre Häuschen am Ufer schützen wollten. Mit langen Stangen schoben sie die Eisblöcke und Schollen weiter, manchmal eine Strecke mit fortgerissen, so daß es ängstlich anzusehen war. Ursula konnte sich gar nicht von ihrem Auslug trennen, mochte ihr auch der scharfe Wind da oben das unter der Pelzkappe vorquellende Haar zerzausen und die Tränen in die Augen treiben. Nie im Leben war ihr ein solches Schauspiel geboten worden. Jetzt aber war's Frühling und der Strom spiegelglatt. Sobald die ländlichen Arbeiten beginnen konnten, siedelte Marcus Blume, dessen Wunde längst geheilt war, nach dem Gutshof über, und als nun das Wetter schön und beständig wurde, fühlten sich auch die Mädchen beklommen in der engen Stadt und drangen in Frau Christine, mit ihnen hinauszuziehen. Sie warnte vor den kalten Tagen, die nicht ausbleiben würden, aber der Zug ins Freie überwand ihre Vorsorglichkeit. Man könne ja jederzeit wieder zurück an den warmen Ofen, meinte auch Marcus; er konnte den Aufenthalt draußen gar nicht verlockend genug schildern, denn er wünschte möglichst wenig von Ursula getrennt zu sein und rechnete im stillen darauf, in Feld und Garten leichter Gelegenheit zu finden, sie für sich allein zu haben, als in dem Stadthause. Die beiden Mädchen hatten die innigste Freundschaft geschlossen. Es war Ursula nicht leicht geworden, sich in die streng bürgerliche Hausordnung zu finden. So lange sich alle Aufmerksamkeit dem Kranken zuwandte, hatte Frau Christine, die mit gerührtem Herzen ihre Sorge erkannte, sie tun und treiben lassen, was sie wollte. Allmählich aber konnte der geregelte Gang der häuslichen Geschäfte zurückkehren, und sie war ganz die Frau, sich darin wohlzufühlen und jedem in ihrer Umgebung seine bestimmte Tätigkeit anzuweisen. Ursula übernahm jede Arbeit gern und betrieb sie zuerst auch mit Eifer; doch mußte sie womöglich gleich beim ersten Angriff beendet werden können; blieb sie liegen, so war sie ihr leicht überhaupt verleidet. Am liebsten ließ sie sich mit häuslichen Verrichtungen beschäftigen, die Bewegung erforderten; stundenlang stillzusitzen, war ihr eine Qual. Magdalene war für sie doppelt fleißig, damit nur die Mutter keinen Grund zum Tadel hätte. Das bemerkte Ursula hinterher wohl und vergalt es ihr mit Zärtlichkeiten. Erstaunliche Geduld und Ausdauer bewies sie aber im Umgang mit Tieren. Da lernte der Hund, der im Hause als dumm verschrien war, die possierlichsten Kunststücke. Die Katze folgte ihr auf Schritt und Tritt und gewöhnte sich alle Tücken ab; mit dem Hunde mußte sie sich wie mit dem besten Freunde vertragen. Der Fink im Bauer hüpfte ihr, wenn sie ihm das Türchen öffnete, auf die Hand, pickte ihr die Brotkrumen von den Lippen fort und stellte sich auf ihren Befehl tot. Er verlor auch alle Furcht vor der Katze, flog auf den Rand ihres Milchschälchens und hüpfte auf dem Rücken des Hundes herum. Für Marcus konnte es keine reizendere Beschäftigung geben, als ihrem Spiel zuzuschauen. »Kommt nur erst auf den Hof hinaus, Ursula«, sagte er, »da sollt Ihr an allerhand Lebendigem Eure Freude haben, gerade wie zu Hause.« Und so war's nun auch. Da gackelten die Hühner, da watschelten die Enten, da gurrten die Tauben. Ursula konnte sich bald nicht mehr im Freien zeigen, ohne von allen Seiten umflattert zu werden. Aber auch die Ziege mit ihren zwei Zicklein, einem munteren Füllen und den jungen Lämmern wendete sie ihre Gunst zu. Im Garten kannte sie jedes Vogelnest auf den Bäumen und in den Hecken. Ihr fehlte nur der Wald, und nach ihm freilich war jetzt im Frühling ihre Sehnsucht manchmal groß. Und dann gedachte sie auch ihrer Mutter und konnte ein Weilchen ganz schwermütig darüber werden, daß sie ihr so fern. Magdalene hatte kein Geheimnis vor ihr. Ursula wußte auch von ihren Herzensangelegenheiten und brachte gern das Gespräch auf dieselben, kurz vor dem Schlafengehen, wenn die Mädchen in ihrer Kammer allein waren und schon das Licht ausgelöscht hatten, jetzt auch abends in der Dämmerstunde, wenn sie Arm in Arm und Hand in Hand durch den Garten gingen oder sich am Ufer abwärts unter den wilden Rosen ein verstecktes Plätzchen suchten. So wenig Hoffnung Magdalene zu hegen versicherte, so war ihr doch allemal ein recht erquicklicher Trost, wenn Ursula sie wegen ihrer Verzagtheit auslachte und zu mutigem Ausharren ermunterte. »Glaube nur«, sagte sie, »wenn er dich von Herzen liebt, so ist ihm keine Mauer zu hoch und kein Graben zu tief – er setzt darüber hinweg und findet sich zu dir. So einen Mann könnt ich mir gar nicht vorstellen, der nicht sein Leben daran wagte, mich zu gewinnen, wenn er wüßte, ich sei ihm gut. Und mir selbst sollt auch kein Hindernis zu groß sein, ihm die Hand zu reichen, wenn er mich zu sich ziehen wollte. Warte nur ab! Noch ist das Jahr nicht um. Müßt aber auch noch ein zweites und drittes vergehen, deshalb wollt ich doch den Mut nicht sinken lassen. Denen, die ausharren, lohnt's Gott mit seiner Hilfe.« Magdalene umarmte sie und küßte sie stürmisch. »Ich werde ihn ja nie vergessen«, antwortete sie, »noch in meinem Herzen von mir lassen. Aber gegen der Eltern Willen könnte ich ihm doch nicht gehören. Das weiß er, und deshalb versucht er mich nicht. Wolltest du dem Liebsten zu gefallen etwas tun gegen deiner Mutter Rat?« Ursula glänzten die Augen. »Danach frage mich nicht«, bat sie. Ich bin von anderer Art als du und würde mir in solchen Dingen schwerlich bei ihr Rats erholen, was ich zu tun und zu lassen hätte, sondern allein nach meines Herzens Befehl handeln. Es ist aber keine Gefahr, daß ich ihr ungehorsam werde. Denn um der Waldfrau Kind wird niemand freien. Ich weiß jetzt, wie es in der Welt zugeht.« Das wollte Magdalene nicht gelten lassen. »Ich weiß einen«, sagte sie, »der in den Himmel springt, wenn du ihn nur freundlich anlachst.« »Den kenn ich auch«, antwortete Ursula neckisch, »und er ist des Herrn Bürgermeisters von Marienburg einziger Sohn. Da ich aber nicht eines Ratsverwandten Tochter bin und überhaupt nicht einmal meinen Vater nennen kann ...« »So ist Marcus wohl auch!« schmollte Magdalena »So ist er nicht – nein!« bestätigte Ursula eifrig. »Aber so soll er doch sein nach seiner Eltern Wunsch und aller verständigen Leute Meinung, und wenn er so ist, wird es ihm wohlgehen auf Erden. Meinst du, ich hätt's nicht längst bemerkt, wie deine Mutter ihm aufpaßt? Sie ist eine so liebe und gute Frau, und ich wollte nicht, daß sie ihres Sohnes wegen einen Kummer hätte.« Magdalene schwieg darauf; sie konnte nicht bei der Wahrheit bleiben, wenn sie widersprach. Sicher war's so, daß ihre Mutter in steter Furcht lebte, Marcus könne aus seiner Verliebtheit Ernst machen wollen. Sie hob daher nur ein wenig das Kinn und blickte in die Ferne hinaus. Unter dem großen Stein, auf dem sie saßen, schlüpfte eine kleine Eidechse vor und züngelte behende durch das Gras. Ursula bückte sich rasch, griff zu und fing sie in der Hand. Magdalene rückte fort. »Wie magst du nur solches Getier anfassen?« rief sie. »Und wie magst du dich nur davor fürchten?« entgegnete die Freundin. »Es ist ein so unschuldiges Geschöpfchen. Sieh nur, wie kluge Äuglein es hat.« Sie hielt ihr die geschlossene Hand hin, aus der nur der kleine Kopf vorschaute, und lachte, als Magdalene das Gesicht abwendete. »Du bist ein Hasenfuß«, schalt sie und ließ das Tierchen laufen. Siebentes Kapitel Liebeswerben An den Nachmittagen machte der Herr Hochmeister gewöhnlich einen Spazierritt, manchmal in Begleitung von einigen Brüdern, manchmal auch allein, nur von einem Stallknecht gefolgt. Er schien mit Vorliebe den Weg zu wählen, der an dem Hofe vorbeiführte, und hielt stets an, wenn er einen der Hausgenossen bemerkte, plauderte mit Frau Christine oder den Mädchen eine kleine Weile und ließ sich wohl auch, wenn es heiß war, einen Krug Wasser oder frische Milch aufs Pferd reichen. Ursula paßte schon die Zeit ab, wenn er vorüberzukommen pflegte, und begrüßte ihn mit einem freudigen Zuruf. Meist brachte er ihr auch einen Leckerbissen vom hochmeisterlichen Nachtisch mit, den sie dann gleich mit Magdalene teilte. Einmal traf er sie, wie sie auf einem der Ackerpferde saß, das Marcus am Zügel herumführte. Sie war sehr verschämt, da sie nicht gleich abspringen konnte, gestand aber, daß es ihr das größte Vergnügen sein würde, ordentlich reiten zu lernen. »Dazu könnt ich Euch wohl die Gelegenheit bieten«, sagte der Hochmeister lachend. »Man hat mir ein kleines gotländisches Pferdchen geschenkt, das unbenutzt in meinem Stall steht. Ich will's für Euch hierherbringen lassen und auch für das Futter sorgen, damit es Blume nicht beschwerlich fällt.« Am andern Tage schickte er's wirklich hinaus. Es war ihm eine Decke von rotem Tuch und Goldfransen und ein Quersattel aufgelegt; auch fehlte ein zierliches Zaumzeug mit blanken Schnallen und kleinen Schellen nicht. Ursula war überglücklich, stieg sofort auf und trabte um den Teich herum. Als der Hochmeister wieder ansprach, schalt Frau Christine: »Ew. Gnaden haben da etwas Schönes angerichtet! Ursula möchte nur den ganzen Tag auf dem Sattel sitzen.« Sie mußte sich zu Pferde zeigen, und der hohe Herr lobte ihre gute Haltung und geschickte Zügelführung. »Wer hat Euch denn so gut unterwiesen?« fragte er. »Marcus«, antwortete sie, »aber er hat wenig Mühe mit mir gehabt. Es ist gar keine Kunst, auf einem so willigen und gehorsamen Pferdchen zu reiten.« »Wenn's Euch gefällt, soll's Euch gehören«, sagte Erlichshausen, »mir ist's ja doch unnütz.« Nun war die Freude groß; sie konnte nicht genug herzliche Worte finden, dem gnädigen Herrn zu danken, der sich heute ungewöhnlich lange verweilte und kein Auge von der anmutigen Gestalt ließ. Seitdem war Ursula auf ihrem grauen Gotländer viel unterwegs. In allen Bauernhöfen des Werders kannte man sie. Doch kehrte sie nirgends ein, sondern ritt immer nur flüchtig vorüber; die rasche Bewegung war ihr eine Lust. Im Winter hatte sie sich schon daran gewöhnt, ihr krauses rotblondes Haar zu flechten; jetzt trug sie es meist wieder offen unter einem Männerhut mit breiter Krempe, den Marcus hatte herleihen müssen. Darauf steckte sie ein grünes Birkenreis. Um die Schulter band sie ein weißes Laken, den Staub von den Kleidern abzuhalten; doch achtete sie wenig darauf, daß es ihr als Mantel diente, und ließ es beim schnellen Reiten hinter sich im Winde flattern. Auch liebte sie bunte Röcke, rot und blau, und puffte ihre weiten Ärmel mit farbigen Bändern. Frau Christine meinte, sie wolle es damit den Ritterfräulein nachtun, die sie bei festlichen Gelegenheiten in der Stadt gesehen, und schalt ihr eitles Wesen. Aber Ursula schien kaum zu begreifen, was sie verdroß. »Es ist ja für niemand als für mich«, sagte sie entschuldigend, »und es gehört so zur Reiterin.« Es haftete ihr noch immer von dem langen Waldaufenthalt etwas Ungewöhnliches an, das die kurze städtische Erziehung nicht hatte unterdrücken können. Magdalene meinte, man müsse ihr eine Weile die Freiheit lassen; berufe man sie zu viel, so werde sie scheu werden. Der Hund war übrigens ihr steter Begleiter, bei seiner Anhänglichkeit sicher auch der treueste Beschützer, wenn ihr einmal auf der Landstraße jemand unfreundlich begegnen sollte, was doch in dieser Gegend nicht zu befürchten war. Der Hochmeister, der sie so getroffen hatte, schickte ihr ein schönes Reitkleid mit Spitzen und goldenen Borten. Das trug sie nun aber nicht. Sie entschuldigte sich bei ihm, daß sich's für sie nicht schicke; sie müßte sich selbst darin hoffärtig vorkommen. Wenn sie Marcus auf dem Felde bei der Arbeit wußte, versäumte sie nicht zu ihm heranzureiten und sich eine Weile mit ihm zu unterhalten. Er hatte das Pflügen und Eggen zu beaufsichtigen; die Saat streute er selbst aus. Mit besonderer Sorgfalt wurde das Flachsfeld bearbeitet. Mitunter stieg Ursula auch ab, legte den Arm um den Hals des kleinen Pferdes und streichelte mit der andern Hand dessen Kopf, während Marcus neben ihr stand und verliebt zuschaute, oder sie setzte sich zu ihm auf den Rain in den Schatten der Buchenhecke, wenn er sein Frühstück oder Vesperbrot verzehrte. War er selbst zu Pferde, so begleitete er sie wohl auch ein Stück Weges. Mit ihm konnte sie von ihrer Mutter und von dem großen Walde und von der Waldhütte mit allen ihren Insassen sprechen, und das tat sie gern. Es wäre hier sehr schön, meinte sie, man sehe überall so weit, und der mächtige Strom biete viel wechselnde Bilder; aber den Wald vermisse sie doch schmerzlich – so einen Wald, in dem ein Riesenbaum am andern stehe und die liebe Sonne Not habe, mit einem Strahl das lichte Blätterdach zu durchdringen und den Tau vom Moosteppich aufzutrinken. »Gibt's hier keine solche Wälder, die man an einem Tag erreiten könnte?« Er versprach ihr, am nächsten Sonntag, wenn das Wetter schön bleibe, seine Begleitung zu einem weiteren Ausritt. Dann wolle er sie auch durch Wald führen. »Freilich ist's kein Wald, wie Ihr ihn im Sinne habt«, setzte er doch vorsorglich hinzu, »aber auch so wird er Euer Herz erfreuen können.« Er hielt ihr auch Wort. Magdalene mußte ihm, bevor sie mit der Mutter nach der Stadt zur Kirche fuhr, die Lischke mit allerhand Eßmitteln vollpacken. Die hing er mit dem Strick vorn an den Sattelknopf. Sie kamen wahrscheinlich vor Abend nicht wieder, sagte er. Dann ging's eine Strecke an der Uferhöhe entlang und darauf seitab in der Richtung auf Schloß Stuhm, wo vor vierzig Jahren der Polenkönig Jagiel, als er Marienburg belagerte, sein Hauptquartier gehabt hatte. Aber nicht bis dorthin verfolgte Marcus den Weg, sondern bog ab nach dem Damerausee, dessen südliche Ufer und kleine Inseln bewaldet waren, umritt ihn auf der einen Seite und lenkte wieder über Feld und Bruch, bis sie aus verstreutem Gebüsch heraus einen dichten Waldsaum vor sich hatten, der sich unabsehlich gegen die Nogat hinauszog. Ursula jauchzte auf. Nun ganz ohne Weg und Steg ritten sie hinein, jede enge Lichtung benutzend oder auch die Zweige fortbiegend, deren junges Grün noch überall den Durchblick gestattete. Sie scheuchten allerhand Wild auf; über ihnen in den hellen Laubkronen sangen die Waldvögel, und Ursula nannte jeden mit Namen und ahmte geschickt seinen Lockruf nach. Sie war froh wie ein Kind, dem einmal voll nach Wunsch der Wille geschieht, und rief einmal über das andere: »Wie dank' ich Euch, Lieber, Guter! So einen Tag hab' ich lang' nicht erlebt!« Um Mittag hielten sie Rast unter einer Buche am Rand der Wiese, die ein kleiner Bach durchrieselte. Sie zäumten die Pferde ab und ließen sie grasen. Marcus packte die Lischke aus und schöpfte in einem Becher von dem klaren, kühlen Wasser. Wie erquicklich war das nach dem heißen Ritt, und wie schmeckte die einfache Mahlzeit von Brot, Käse und geröstetem Fleisch. Nachdem sie sich an Speise und Trank gesättigt hatten, lehnten sie sich, nebeneinander sitzend, gegen den Stamm, noch ein Stündchen zu ruhen. Aber die Augen wollten ihnen nicht zufallen, wie sie gemeint hatten. Ursula pflückte neben sich Grashalme von verschiedener Länge ab, faßte sie in die Hand und ließ ihn ziehen, ob er den längsten oder kürzesten träfe. Sie suchte im Moose, ob schon die Kräuter aufkämen, die ihre Mutter sie unterscheiden gelehrt hatte, und freute sich, ein paar kleine Blättchen zu finden, die selten anzutreffen sein sollten. »Nehmt einmal eins auf die Zunge«, sagte sie, »es schmeckt wie feines Gewürz und erfrischt den Atem.« Marcus merkte wenig davon, gab ihr aber recht. »Reißt von der Buche ein Blatt und reicht es mir, Ursula, so soll seine Bitterkeit mir süß sein«, versicherte er. Er hatte seine Schulter an die ihrige gelehnt, und ihr Haar streifte seine Wange, wenn sie den Kopf wandte. Nun ergriff er ihre Hand, zog sie an seinen Mund und drückte einen langen und heißen Kuß darauf. Sie ließ es geschehen, sah ihn aber wie verwundert an und lächelte dann vor sich hin. Er gab ihre Hand nicht mehr frei. Die seine zitterte merklich; die breite Narbe auf seiner Stirn wurde feuerrot, während über die bleiche Stirn Schweißtropfen perlten. Er hatte die Augen halb geschlossen und schien vor sich hinzuträumen. Er sprach kein Wort, und auch Ursula verhielt sich eine lange Weile schweigend, als gälte es, einen Zauber nicht zu stören. Sie fühlte, daß etwas Wundersames in ihm vorging, dem er keine Sprache zu geben vermochte, und auch ihr war so eigen beklommen zumut, wie noch nie zuvor. Daß sie ihm von Herzen gut sei, hatte sie immer gewußt, aber es war nichts Aufregendes darin gewesen: es verstand sich so von selbst, daß er sie liebgewonnen habe von dem ersten Augenblick, da er sie gesehen. Aber jetzt hatte das andere Bedeutung. Es kam ihr plötzlich so sonderbar vor, daß sie mit ihm allein sei – allein in einem großen unbekannten Walde, aus dem sie vielleicht ohne ihn gar nicht wieder herausfände. Ihr Arm lag wie gelähmt; sie hätte die Hand mit aller Kraft nicht fortziehen können. Warum auch? Und doch ... Warum hatte er sie geküßt? Endlich wurde ihr dieses Schweigen ganz ängstlich. Sie meinte es brechen zu müssen und sagte leise: »Nun ist der Sommer nahe. Bedenkt Ihr wohl, daß Ihr meiner Mutter versprochen habt, ich solle dann wieder nach Hause?« Marcus zuckte. »Wie kommt Euch das in den Sinn, Ursula?« »Ich meine, das gibt mir der Wald so ein«, antwortete sie, ohne die Schulter zu rühren oder den Kopf zu wenden. »So müßt' ich's beklagen, Euch hierher geführt zu haben, Ursula. Ich hoffte gerade, Eure Sehnsucht sollte gestillt sein.« »Es ist auch so. Aber der Wald mahnt nun doch, daß ich nicht vergesse, wie ich hier nur eine Fremde bin und den lieben Menschen, die mich gütig aufgenommen haben, vielleicht längst schon zur Last falle. Es ist Zeit, an die Heimkehr zu denken.« »Wie möget Ihr nur so sprechen, Ursula? Beweist Euch nicht der Herr Hochmeister, daß er Euch gern in seiner Nähe sieht? Ehrt nicht meine Mutter den lieben Gast, und ist Euch nicht Magdalene eine treue Freundin? Und ich selbst ... Ich hatte gehofft, Ursula ...« Er stockte, aber drückte wiederholt ihre Hand, als könnte er ihr damit besser als mit Worten zu verstehen geben, was er empfinde. Und sie verstand ihn auch und ließ das Köpfchen zur Seite sinken, bis er sich an sie stützte. Ihre Brust atmete in langen Zügen, und ihr stummer Mund war wie zum Sprechen geöffnet. »Ich hatte gehofft, Ursula«, fuhr er leise fort, »Ihr würdet nun immer bei uns bleiben wollen, und ich weiß auch nicht, wie ich's ertragen könnte, wenn ich mich von Euch trennen müßte. Nein, nein! das ist unmöglich – das ist so unmöglich, als daß ich mich von mir selbst trenne. Und ginget Ihr auch von uns fort, meine Seele würde Euch folgen und immer bei Euch sein. Aber mein armer Leib müßte hinsiechen in Kümmernis, daß meine Augen Euch nicht mehr sehen und mein Ohr Eurer Sprache holden Laut nicht mehr vernimmt und meine Hand ... Ach, Ursula, warum wollt Ihr mir das antun? War's denn nur eitel Täuschung, daß ich glaubte, auch Ihr liebtet mich, wie ich Euch liebe, und könntet nimmermehr von mir lassen? Wohl weiß ich, daß ich für Euch zu gering bin, aber wenn mein ganzes Herz –« Plötzlich fühlte er sich von ihrem Arm umschlungen, ihre Lippen an seinen Lippen. Sie küßte ihn mit leidenschaftlichem Eifer und rief: »Ach –! nun ist mir's endlich gewiß, Marcus. Du liebst mich und willst von mir geliebt sein. Ich träume nicht – ich halte dich in meinem Arm, du lieber, lieber Mann. Ja, dir will ich angehören mit Leib und Seele, und von dir darf meine Mutter mich nicht fordern. Marcus – lieber Marcus!« Sie sank wie erschöpft zurück und bedeckte die Augen mit der Hand. Er aber richtete sich jetzt auf den Knien auf, wendete sich zu ihr, zog sie an sich heran und schloß sie fest in seine Arme. »Du willst mein sein, Ursula –?« fragte er überselig und wiederholte die Frage immer wieder. Sie nickte lachend und erwiderte seine Küsse. Dann aber, wieder wie mit plötzlichem Entschluß, machte sie sich von ihm los, stand auf, trat einen Schritt zurück und sagte ernst: »Was haben wir getan? Darfst du dich binden, Marcus? An ein Mädchen binden, das im Walde aufgewachsen ist und nichts von seiner Herkunft weiß? Dein Vater – deine Mutter ...« »Oh, fürchte nichts«, beruhigte er, ihre Hand ergreifend, »sie sind gut, und sie lieben ihren Sohn. Ich werde ihnen sagen, daß ich nicht mehr leben kann ohne dich, und sie werden mir glauben. Sie müßten ja blind sein, wenn sie nicht schon längst gemerkt haben sollten, wie's mit meinem Herzen stand, und sie haben sich nicht zwischen uns gestellt. Was könnten sie auch gegen eine solche Tochter einzuwenden haben? Keine Königin –« »Nein, nein«, fiel sie ihm ins Wort, »ich weiß jetzt, wie es in der Welt zugeht. Denke an deine Schwester! Damals im Walde wär' mir's unfaßbar gewesen, daß zwei Menschen, die sich so liebhätten, nicht zueinander sollten. Aber jetzt weiß ich, daß es solche Macht gibt, die sie trennt. Du nennst dich zu gering für mich, und daraus erkenne ich, wie du mich liebst und ehrst. Aber mit deinen Augen sieht mich kein anderer.« Sie warf sich wieder an seine Brust. »Ach, Marcus–! wenn auch ich das erfahren müßte ... Und doch! nein, nein – um alles in der Welt wollt' ich nicht, daß du lieber geschwiegen hättest.« Er sprach ihr freundlich zu, selbst ganz überzeugt, daß sie ohne Grund ein Hindernis ihrer Vereinigung fürchtete. Er wollte mit seinen Eltern sprechen und sie dann von ihrer Mutter erbitten. »Laß mich erst zu ihr zurückkehren«, sagte sie; »jetzt ist's ja nicht so arg betrüblich, wenn ich für kurze Zeit Abschied nehme. Und war's auch für ein Jahr und länger, das dürft' uns nicht grämen, wenn ich hinterher doch als deine Frau in Marienburg einziehe. Wir wollen's heimlich halten, bis ich abgereist bin.« Das wollte ihm anfangs nicht gefallen, aber er fügte sich ihren Gründen und Wünschen. »Bestimme denn den Tag«, sagte er, »und ich will zur Reise bereit sein. Aber eile damit nicht zu sehr, Liebste.« »So ist's nicht gemeint«, antwortete sie, seine Wange streichelnd. »Diesmal darfst du mich nicht begleiten.« Er sah sie ganz erschreckt an. »Nicht begleiten? Aber wie willst du ...« »Ich werde beim Herrn Hochmeister anfragen, ob er vielleicht nächstens nach Heilsberg schickt, und ihn um Erlaubnis bitten, mich seinen Boten anzuschließen. So bin ich in gutem Schutz.« »In besserem bei mir.« Sie küßte die Narbe auf seiner Stirn. »Es kann doch so nicht sein. Wenn's nur meinetwegen wäre, da macht' ich mir aus der Leute Gerede wenig. Soll ich aber des Marcus Blume Eheweib werden, der des Herrn Bürgermeisters von Marienburg ältester und einziger Sohn ist, so muß es gar ehrbar unter uns zugehen nach der ehrbaren Leute Meinung.« Sie sagte das mit schalkhaftem Ausdruck und fuhr ebenso fort: »Hätt' ich gewußt, daß es so kommen sollt', hätt' ich auch nicht eingewilligt, mit dir allein über Land und in den Wald zu reiten. Das ist nun geschehen. Aber um so mehr müssen wir uns beeilen, bei hoher Sonne nach Hause zu kommen. Laß uns also gleich wieder zu Pferde.« Er wollte sie noch ein Weilchen zurückhalten. Aber sie blickte ihn bittend an und sagte in munterem Ton: »Ich fürchte, wir haben ohnedies schon zu viel von unseren Geheimnissen ausgeplaudert. Da über uns im Baum ist die ganze Zeit ein Rotkehlchen von Ast zu Ast gehüpft, uns neugierig zu beobachten; und jetzt schmettert es laut durch den Wald, was es gehört hat. Horch nur, horch! Ich wollte nicht, daß es ein alter Uhu erführe oder eine Spottdrossel. Dann ging' es uns schlecht.« Marcus lachte und fügte sich. Er zäumte die Pferde auf und hob sie in den Sattel. »Warte noch ein wenig«, bat er, trat an den Buchenstamm und schnitt mit seinem Messer ein Kreuz in die Rinde. Dann stieg er gleichfalls auf und nahm nach dem Sonnenstand die Richtung. Er ritt an ihrer Seite und lenkte oft seinen Gaul so dicht an ihren Grauschimmel heran, daß er sie um die Schulter fassen, ihren Kopf zurückbiegen und sie küssen konnte. Das geschah zuletzt am Damerausee. Als sie auf die Landstraße gelangt waren, litt sie's nicht mehr. »Reiten wir einmal um die Wette«, rief sie, »damit wir auf andere Gedanken kommen.« »Warum sollen wir das?« sagte er. Sie antwortete aber nicht, sondern trieb den Gotländer an, daß er in wilden Sprüngen voransauste. Nun mußte er wohl folgen. Achtes Kapitel Die Verlobung Am nächsten Vormittag brachte der Junge des Kämmerers, der mit Milch und Butter nach der Stadt geschickt war, einen Zettel für Frau Christine mit. Der Bürgermeister schrieb ihr, sie solle nach dem Essen den Wagen anspannen lassen und mit Magdalene hineinkommen, sich auch darauf einrichten, die Nacht und den andern Tag in der Stadtwohnung zuzubringen – »wovon du die Ursache alsobald erkennen sollst, wäre aber zu weitläufig hierherzusetzen, auch sonst nicht schicklich, bitte dich aber, an nichts Beschwerliches zu denken, sondern samt dem Kinde guten Mutes zu sein.« Frau Christine zerbrach sich nicht sonderlich den Kopf darüber. Sie meinte, es könnten wohl Gäste angelangt sein, die ihr Mann zu beherbergen habe, wie das öfters vorkam, da niemand gern beim Krüger einkehrte, der unter den Bürgern Freunde hatte. »Wir werden ja sehen, was der Vater will«, sagte sie zu Magdalene, die sich auffallend beunruhigte. Warum sollte es nicht schicklich sein, der Gäste zu erwähnen, und warum sollten sie guten Mutes sein? Wenn die Mutter richtig voraussah, hätte er gewiß anders geschrieben. Und weshalb sollte Ursula sie nicht begleiten? Sicher war mit Vorbedacht von ihr nicht gesprochen. Sie konnte sich selbst nicht Rechenschaft geben, aus welchem Grunde ihr Herz so unruhig schlagen mochte. Aber um etwas Ungewöhnliches mußte es sich diesmal handeln. Sie suchte Ursula auf, mit ihr die Sache zu besprechen – in der stillen Hoffnung vielleicht, daß die Freundin eine Vermutung wagte, die sie beglücken könnte. Aber sie fand Ursula merkwürdig zerstreut und teilnahmslos. Es schien ihr gar nicht unlieb, daß sie ein paar Tage mit der alten Wirtin auf dem Hof allein sein sollte, und fragte nur: »Ist auch Marcus in die Stadt berufen?« Sie versicherte, die Weile solle ihr nicht lang werden, fiel ihr um den Hals, wirbelte sie im Kreise herum und sang ein neckisches Lied dazu. Es fiel ihr gar nicht ein, Magdalene mitzuteilen, was gestern geschehen war; nur ihre glückliche Stimmung konnte sie ihr nicht verbergen. Herr Barthel Blume aber hatte mit gutem Bedacht gehandelt. Was in Frage stand, ging zunächst nur Frau und Tochter an – zu allernächst nach seiner Schätzung die Frau und Mutter, aber Magdalene durfte doch auch nicht fehlen. Es war nämlich in der Morgenstunde der Junker Jost vom Wege zu ihm gekommen und hatte ihm einen Brief seines Vaters überbracht, dessen Inhalt ihn in einige Aufregung versetzte, obschon er's den jungen Freund nicht merken zu lassen bemüht war. Tileman vom Wege schrieb ihm: »Lieber Gevatter! Wiewohl ich damals in Elbing vergeblich auf Euch gewartet habe und indessen von Eurer Seite nichts geschehen ist, das Unrecht wieder aufzuheben, das Ihr dem Bunde durch Verkleinerung seiner Sache und Rückforderung des Siegels zugefügt, so will ich doch des Vertrauens sein, daß solches nur im Gedrang der Umstände und auf Antrieb unserer Gegner geschehen, deren sich Eure Stadt schwerer als eine andere erwehren mag, und mich in Geduld fügen, daß Euch zu rechter Zeit die Einsicht zurückkehren wird, was Ihr durch Euer Beispiel dem Lande schuldig. Lasse daher diese Dinge für jetzt unberührt und tue Euch zu wissen, daß mein Sohn Justus mit vielen beweglichen Bitten in mich gedrungen ist, bei Euch für ihn um Eurer Tochter Magdalene Hand anzuhalten, was denn hiermit auch alter Freundschaft unserer Häuser zuliebe und aus Wohlmeinung für Euer Kind, wiewohl sonst nicht ohne etliche schwere Bedenken geschieht, deren Aufzählung ich glaube entledigt zu sein. Wollet also diesen meinen ehrlichen Antrag freundlich ansehen und Eurer Frau Eheliebsten mit guten Worten empfehlen, auf daß sich unserer Kinder Herzenswunsch erfülle und durch der Eltern Segen ein gottgefälliges Werk geschaffen werde. Amen! Lieber Gevatter, ich hoffe auf rechte Einigkeit und einmütiges Zusammengehen nach diesem in allen Dingen. Denn ich bin in großer Sorge, daß man uns mit Gewalt zu unterdrücken trachtet. Gott wolle uns durch unsere Standhaftigkeit den Frieden bewahren. Amen! Bestellet auch dem Jungfräulein meinen Gruß und meldet mir, welchen Tag Ihr zur Hochzeit bestimmen mögt, worinnen ich mich ganz Eurem Gebote füge. Lebet Wohl! Tileman vom Wege.« Der Unterschrift war das Siegel beigefügt. Blume hatte Jost in seine Herberge zurückgeschickt, aber freundlich vertröstet, er wolle sogleich mit denen beraten, die es vornehmlich anginge, wisse auch nicht, daß seiner Tochter Gedanken sich geändert hätten, seitdem der Schnee gefallen und wieder geschmolzen sei. Es nehme ihn Wunder und geschehe wider sein Erwarten, daß Herr Tileman sich so willfährig zeige, aber er wolle deshalb nicht vergessen, was er für solchen Fall zugesagt, und hoffe ihm guten Bescheid geben zu können. Nun hatte er doch Zeit gehabt, den Brief immer wieder zu lesen und daraus allerhand Grillen zu fangen. Er nahm deshalb zuerst Frau Christine allein in sein Stübchen und sagte: »Der Jost vom Wege ist hier und hat mir seines Herrn Vaters Einwilligung gebracht – jedoch mit einigen Klauseln versehen, die wohl bedacht sein wollen, Liebste. Ratet mir daher nicht nur nach Eurer Neigung, sondern auch nach Eurer Klugheit, damit ich in Ehren bleibe.« Er las den Brief langsam vor und wiederholte die Stellen, die ihm verdächtig schienen, um dann fortzufahren: »Er hütet sich wohl, eine Bedingung zu stellen, da er nachgerade weiß, daß ich darauf nicht zu haben bin. Aber er gibt mich auch nicht frei und meint mich wohl eher mit unzerreißbaren Ketten zu fesseln. Was er von mir erwartet, das spricht er aus. Nehme ich nun, was er bietet, ohne Widerspruch, wird er mir nicht mit Grund vorwerfen, ich hätt' ihn getäuscht? Das wäre mir sehr beschwerlich.« Frau Christine überlegte eine Weile, doch offenbar frohgemut. »Nehmt's nicht so scharf«, antwortete sie dann, »als hättet Ihr einen Rechtshandel zu entscheiden. Ich höre wohl, was da geschrieben steht, und will auch gern oder ungern für wahr halten, daß es mit Bedacht so geschrieben ist. Aber daß Tileman Euch ein Netz stellt, will ich doch nicht glauben. Er kennt Euch gut genug und weiß, daß Ihr von Eurer Straße so wenig mit Lockung als mit Drohung abzubringen seid, sondern in allem Eurem Gewissen folgen werdet. Nun aber will er selbst nicht vor den Freunden als ein Mann erscheinen, der seinem Fleisch und Blut zuliebe sich ohne Vorbehalt gefangen gibt. Deshalb beginnt und endet er nun damit, daß er stehe, wo er steht, damit seine Nachgiebigkeit nicht falsch ausgelegt werde, und spricht, da er Euch nicht verpflichten kann, eine Hoffnung aus, als ob er daran glaube, Ihr werdet sie erfüllen, überläßt Euch aber, nach eigenem Rat und der Umstände Zwang zu handeln. Deshalb fürchte ich nicht, daß er Euch künftig der Falschheit bezichtigt, wenn Ihr jetzt nicht widersprecht, sondern erwarte eher, daß er Euch Dank dafür sagen wird, wenn Ihr ihn nicht allzusehr in die Enge treibt. Laßt's Euch genügen, daß er seine Einwilligung gibt, mag's auch mit solchem unschädlichen Rückhalt geschehen, und tretet der Kinder Glück nicht in den Weg.« Blume streichelte ihre Schulter, blickte nochmals flüchtig in den Brief, faltete ihn dann zusammen und sagte: »Es läßt sich so auslegen. Will mich einer verdächtigen, daß ich mich an diesem Bande hinüberziehen lasse, so mag mein Wandel für mich zeugen; ich selbst fürchte nicht, deshalb schwach zu werden oder dem Herrn Hochmeister Anlaß zum Argwohn zu geben.« Nun wurde Magdalene gerufen und mit dem glücklichen Ereignis bekannt gemacht. Sie atmete endlich frei auf, küßte des Vaters Hand, fiel der Mutter um den Hals und vergoß an ihrem Busen reichliche Freudentränen. »Nun mag niemand mehr zweifeln, daß er mich liebt«, rief sie, »wie mir's selbst immer gewiß geblieben ist.« Der Bürgermeister ließ darauf Frau und Tochter allein und begab sich zu zwei von den angesehensten, ihm wohlbefreundeten Ratmannen, sie zu einer feierlichen Handlung als Zeugen in sein Haus einzuladen. Dann schickte er den Ratsboten zu Jost am Wege nach dessen Herberge mit der Meldung, er solle dem Herrn und der Frau willkommen sein. Jost, dem die Zeit des Wartens nicht wenig lang geworden war, hatte doch durch den Stallknecht in Erfahrung gebracht, daß die Bürgermeisterin mit ihrer Tochter durchs Tor in die Stadt gefahren sei, und gute Hoffnungen daran geknüpft. Nun machte er sich eiligst auf den Weg in seinem besten Feiertagskleide und wurde in die große Stube hinausgewiesen. Dort waren die Zeugen schon eingetroffen. Frau Christine saß auf der Polsterbank an der langen Wand, und Magdalene stand neben ihr, den Arm um ihre Schulter gelegt, glührot im Gesicht. Als Jost eintrat, blickte sie auf und legte die Fingerspitzen an die Lippen. Seine Augen suchten und fanden sie. Er drückte die Hand aufs Herz und verneigte sich, blieb dann aber nahe der Tür stehen, weitere Weisung abzuwarten. Bartholomäus Blume ging ihm denn auch entgegen, schüttelte ihm die Hand und sagte: »Ihr habt heute in der Frühe bei mir Eure Werbung um Magdalene angebracht, lieber Junker. Wollet sie denn in dieser achtbaren Zeugen Gegenwart wiederholen, damit ich Euch nach Euren Wünschen Bescheid gebe.« Jost hatte sich auf solche Förmlichkeit nicht vorbereitet, sondern gehofft, gleich zu Magdalene geführt zu werden und ihr Jawort in Empfang nehmen zu können. Diese kleinbürgerliche Umständlichkeit verdroß ihn, aber er faßte sich, trat ein paar Schritte gegen Frau Christine zu und sagte: »Verzeiht, werte Frau, wenn meine Rede diesmal nicht wohlgesetzt ist. Schlägt mir doch das Herz zu heftig in der lieben Jungfer Gegenwart, die ich gemeint hatte schon als meine Braut begrüßen zu dürfen. Was bedarf's aber auch vieler Worte? Kann ich doch nur wiederholen, was ich dem Herrn Bürgermeister bereits unter vier Augen zu wissen getan, daß ich, wie ich seines schönen und holden Töchterleins Bild schon als Knabe im Herzen getragen, nun vor ihn hintrete mit der Bitte, mir Magdalene zum Weibe zu geben, wenn sie mich erhören will, wie ich zuversichtlich hoffe. Das mögen auch diese würdigen Zeugen vernehmen.« »Ihr werbet mit Eures Herrn Vaters Genehmigung«, sagte Blume, ihm freundlich zunickend. »Wollet mir auch dies bestätigen, lieber Junker, und Erlaubnis erteilen, sein Schreiben vorzulegen, da er selbst abwesend.« »Ich mag Euch darin nicht hindern«, antwortete Jost, »obschon ich von diesen ehrenwerten Männern die gute Meinung habe, daß sie Euch aufs Wort glauben werden, es sei, wie Ihr's sagt.« »Gehen wir gleichwohl nach der Ordnung«, erwiderte der Bürgermeister, öffnete das Schreiben, las seinen Inhalt langsam vor und hielt es den Zeugen hin, damit sie das Siegel in nahen Augenschein nehmen könnten. »Beachtet wohl, liebe Gevattern«, sagte er dann, »daß Herr Tileman vom Wege, der Alten Stadt Thorn Ratsherr und des Bundes bereiter Fürsprecher, sicherlich mit viel Widerstreben seine Einwilligung zu solchem Verlöbnis seines Sohnes mit der Tochter eines Mannes gibt, den er zu seinen und des Bundes eifrigsten Gegnern zu zählen guten Grund hat, wie sich denn auch in diesem Schreiben sattsam ausgedrückt findet, das ich doch nicht so deute, als wolle es mir eine Bedingung stellen, sondern strikte nach seinem Wortlaut nehme, der mir eher ein Zeugnis treuen und beharrlichen Festhaltens bei der gefaßten Meinung gibt. Scheint es euch anders, so sagt es mir beizeiten. Sehet ihr aber, wie ich selbst, kein Arg darin, so wollet euch auch in Zukunft dessen erinnern und mich gegen Angriffe freundlich verteidigen. Wir leben in schweren Zeiten, die solche Vorsorge wohl rechtfertigen.« »Wir können da nichts Verfängliches herauslesen«, antwortete Klaus Engelbrecht, der Schmiedemeister, ihm die schwielige Rechte bietend, »kennen unsern Herrn Bürgermeister auch nicht erst seit heute und wissen, daß er allezeit zu der Stadt Fahne steht. Freundschaft wird ihn nicht locken, seiner geschworenen Pflicht untreu zu werden.« »So ist es«, bestätigte Kaspar Reincke, der Kahnreeder, »und daran halten wir fest. Die ganze Bürgerschaft wird's hoch erfreuen, daß Eurem Hause solche Ehre und Auszeichnung geschieht, wie durch diese Werbung. Es ist uns leid genug, daß wir uns von der Stadt Thorn abwenden mußten, die von alters der preußischen Städte Haupt ist, und hoffen auch wieder mit ihr zum Frieden zu kommen, wenn schon in anderer Weise, als Herr Tileman meint. Aber müßte der Streit des Bundes wegen auch noch heftiger entbrennen, dieses Bündnisses würden wir froh sein und der Stadt nichts Arges davon vermuten.« »Ich dank' euch, lieben Freunde«, sagte Blume. Dann nahm er Jost bei der Hand, der während dieser Erörterungen mit sichtlicher Verlegenheit zur Erde geblickt hatte, führte ihn zu Magdalene und fuhr, zwischen beiden stehend, fort: »Es geschieht nicht mit leichtem Herzen, daß ich eure Hände ineinanderlege, so wahr ich euch in solcher Vereinigung alles Glück wünsche, das Erde und Himmel gewähren können. Denn es nützt nicht, die Augen zu schließen, daß man nicht sehe. Es ist viel Feindschaft im Lande, und die Hoffnung des Ausgleichs schwindet immer mehr und mehr. Und wenn ihr nun die Streitenden mustert, so stehen eure Väter dort und hier in den ersten Reihen, ihr aber seid zwischenein in die Mitte gestellt mit geteilten Herzen. Zumal du, mein liebes Kind, wirst oft bekümmert sein müssen, wie du die Pflicht der Frau und der Tochter vereinst. Ist's auch Gottes Gebot, daß das Weib dem Manne folge und ihm in alle Wege treu zur Seite stehe, so erfüllt sich's gewißlich doch leichter, wenn das Band mit der alten Heimat nicht zerrissen zu werden braucht. Und auch Ihr, lieber Junker, werdet unserm Kinde doppelt Vertrauen zubringen müssen, wenn es in Eurem Hause nicht so bald vergessen mag, was es im Vaterhause gelernt. Prüfet euch also beide, da es noch Zeit ist, ob ihr euch die Kraft zumutet, in solchem Zwiespalt einig zu bleiben in Liebe und beieinander geduldig auszuharren in Glück, Not und Gefahr.« Frau Christine war aufgestanden und trocknete an ihrem Tüchlein die nassen Augen. »Bedenket«, sagte sie zu Jost, »wie reich und vornehm Ihr auch seid, daß wir Euch ein teures Gut anvertrauen. Täuscht unsere Hoffnungen nicht, lieber Sohn.« Jost ergriff ihre Hand und küßte sie zu verschiedenen Malen mit Eifer. »Sag' ich nicht alles in einem Wort«, rief er, »wenn ich versichere, Magdalene zu lieben? Und hab' ich seine Festheit nicht schon bewiesen, da mich meines Vaters Widerspruch nicht davon abgebracht? Wahrlich, nicht leichten Stand hab' ich gehabt. So schenkt mir denn auch in Zukunft gutes Vertrauen.« Magdalene stützte den Kopf an des Vaters Schulter. »Er meint's gewiß treu und gut«, flüsterte sie. »Wie könnt' ich je aufhören, Vater und Mutter zu ehren, wenn ich zu ihm stehe?« »So schließt denn euren Bund«, sagte Blume bewegt, ihre Hände vereinend, »und Gott gebe ihm seinen Segen, wie wir ihn segnen.« »Amen«, sprachen die Zeugen. Jost schloß das Mädchen in seine Arme und küßte den heißen Mund, der sich seinen verlangenden Lippen nicht entzog. Dann sank Magdalene wie schauernd an der Mutter Brust. »Ach, Mutter – Mutter – liebe Mutter!« Es war, als ob sie ein Übermaß von Zärtlichkeit hier erst ausströmen lassen wollte. Die beiden Ratmannen traten heran, ihren Glückwunsch zu sprechen. Nun wurde gelacht und gescherzt. Das Brautpaar ging Arm in Arm durchs Zimmer, leise Worte und scheue Liebkosungen austauschend. Was hätte Jost darum gegeben, jetzt nur wenige Minuten mit Magdalene allein sein zu können! Aber Frau Christine hatte pflichtschuldigst die Ratsverwandten zum Essen gebeten, und sie rührten sich nun nicht von der Stelle. Erst gegen Abend fand sich ein gemütlicheres Plauderstündchen. Ließ Frau Christine das junge Paar auch kaum für Augenblicke allein, so war sie doch keine lästige Aufpasserin, saß bei ihrer Arbeit halb abgewendet in der Fensternische und ließ es unbemerkt, wenn die Kinder am entgegengesetzten Ende des langen Zimmers verweilten und leise ihre Liebesbeteuerungen austauschten. Sorgte doch Magdalene selbst schon dafür, daß seine Werbung nicht zu stürmisch würde, wenn das heiße Blut wieder und wieder zu feurigen Umarmungen und Küssen trieb. »Du hast dich nicht nach mir gesehnt wie ich nach dir«, sagte er mit zärtlichem Vorwurf. »Doch, doch!« versicherte sie, seine Hand drückend und sich an ihn lehnend, »immer hab' ich deiner in Liebe gedacht, und jetzt ist mein Herz voll Dankbarkeit, daß mir der liebste Wunsch erfüllt wurde. Wie oft hat es ängstlich geklopft! Jetzt ist es ganz ruhig und befriedigt. Ach! ich vermag's nicht auszudenken, daß uns dieses Glück hätte versagt sein können. Du Lieber, Lieber! Wie froh bin ich deiner Treue.« Blume kam von einem Ausgang nach Hause. Er hatte die große Neuigkeit gleich selbst unter die Leute bringen wollen, um unnützes Hin- und Hergerede nach Möglichkeit abzuschneiden. Auch auf dem Schloß war er gewesen, um dem Herrn Hochmeister zu berichten, bei dem er selbst immer Zutritt hatte. Wie er vermutet hatte, war die Nachricht nicht ohne einiges Kopfschütteln aufgenommen worden. »Ihr verbündet Euch unserm verbittertsten Gegner«, hatte Erlichshausen gemeint. »Wie wollt Ihr Euch zutrauen, in der Stunde der Not unbeirrt auf unserer Seite zu stehen?« – »Gnädigster Herr«, war des Bürgermeisters Antwort gewesen, »das soll, so Gott will, doch geschehen. Diese Dinge gehören nicht zueinander. Wie hätt' ich deshalb meinem lieben Kinde den Schmerz antun sollen, aus Furchtsamkeit des Gemüts solche Vereinigung zu versagen? Erscheint mir's doch recht als ein Wink des Himmels, diese Hände ineinanderzulegen zum Trost der Zukunft, die von unserm Streit und Hader nichts wissen will. Bedenkt, gnädigster Herr, daß es Tileman ist, der einen Schritt entgegen tut. Dem einen können wohl auch noch mehrere folgen.« Nun mahnte er Jost zum Aufbruch. Es schicke sich nicht anders, als daß man ihn bei hellem Tage aus dem Haus gehen sehe. Mit Mühe erbat Jost sich noch eine kurze Frist. Mit Schrecken dachte er daran, die langen Stunden bis zur Nachtruhe allein in der Herberge verbringen zu müssen. Zum Glück fand er dort ein paar muntere Gesellen, die schon wußten, was sich ereignet hatte, und das Verlöbnis mit ihm feiern wollten. Er meinte ihnen nicht absagen zu dürfen, und so tranken, sangen und würfelten sie bis in die Nacht hinein. Er verlor viel Geld und zahlte überdies die Zeche. Am nächsten Morgen fehlte nicht viel, daß er die Messe verschlief, zu der man in Blumes Haus gemeinsam nach der Stadtkirche zu gehen verabredet hatte. Eine Stunde später kam Marcus, den der Vater benachrichtigt hatte, nach der Stadt. Er meinte nun erst recht sein eigenes Anliegen an die Eltern noch eine Weile zurückhalten zu müssen, bis sie ihn in Ruhe anhören könnten. Der Schwester wünschte er herzlichst Glück, doch nicht ohne das Bedenken zuzufügen, daß sie gegen die hochmütigen Thornerinnen einen schweren Stand haben werde. Man müsse sie nehmen, wie sie sei, entgegnete sie; gefalle sie Jost, so solle sie das Naserümpfen seiner vornehmen Gevatterschaft wenig kümmern. »Das darfst du dir nicht einreden«, mahnte er. »Jost, wie ich ihn kenne, würde jede Zurücksetzung deinetwegen mißmutig ertragen. Je mehr du durch dein kluges Verhalten bei denen gewinnst, die dich ungern in ihren abgeschlossenen Kreis aufnehmen, um so sicherer wirst du ihm gefallen.« »Weiß Ursula schon?« fragte sie, dieses Gespräch abbrechend, und errötete plötzlich wie erschreckt über ihre Frage. »Ich sagte ihr, soviel ich selbst wußte«, antwortete er. »Sie brauchte nur zu hören, daß Jost gekommen sei, um alles weitere selbstverständlich zu finden.« »Wie wird Jost verwundert sein, wenn er erfährt, daß Ursula bei uns ist!« »Hast du's ihm noch nicht gesagt?« »Nein – es war davon nicht die Rede. Und wenn ich dir's gestehen soll ...« »Was denn, Närrchen?« »Ich habe wohl daran gedacht – gleich in der ersten Stunde –, aber mich nicht entschließen können, ihm von Ursula zu sprechen.« »Du meinst, weil er damals ...« »Ich weiß nicht, weshalb mir's jetzt wieder in den Sinn gekommen ist und gar nicht daraus weichen will. Mir ist's, als dürfte er sie jetzt nicht wiedersehen.« Sie lächelte verschämt. »Und doch ist sicher deshalb gar keine Gefahr für mich.« Das bestätigte er zuversichtlich. »Du bist seine Braut, und ...« Er überlegte einen Augenblick. »Ich will dir's nicht vorenthalten, ob es schon sonst noch ein Geheimnis ist: Ursula gehört mir.« Sie sah ihn erstaunt an. »Marcus –! Und Ursula konnte mir's verschweigen?« »Sie durfte nicht sprechen.« »Aber dem Freunde wirst du's sagen –« Er schüttelte den Kopf. »Das darf nicht sein. Ehe die Eltern wissen, ehe ihre Mutter ...« Dann wär's doch das beste, er sähe sie jetzt nicht wieder und erführe gar nicht –« Marcus lachte. »Ei, ei! das sind eifersüchtige Grillen.« Sie legte die Hand aufs Herz. »Gewiß nicht. Ich weiß, er liebt mich. Aber es würde doch beide beschämen ... Und warum soll man daran erinnern, was Jost längst vergessen hat? Es ist des Vaters Wunsch, daß er morgen in der Frühe abreist und nach Thorn zurückkehrt. Er kommt dann erst wieder zur Hochzeit, und bis dahin ... Es wird sich ja Gelegenheit bieten, ihm zu schreiben, und vielleicht kann ich dann schon die Meldung anfügen, daß bald eine zweite Hochzeit zu erwarten ist. Wie mich das freut, Marcus!« Er legte sich's nach ihren Wünschen zurecht und begrüßte den Freund mit um so aufrichtigerer Freude, als er an dessen ernste Absicht kaum noch geglaubt hatte, nachdem ihm von jungen Gesellen, die in Geschäften Thorn besuchten, erzählt worden, wie er's dort treibe. »So soll also doch Wirklichkeit werden«, sagte er ihm, »was sich deine frühe Jugend träumte. Alle Hindernisse hast du mannhaft besiegt und ehrlich dein Wort eingelöst. Nun weiß ich, daß du Magdalene als dein Weib auch ebenso mannhaft gegen alle Ungebühr verteidigen wirst, die ihr etwa deine vornehme und reiche Vetterschaft nicht ersparen mag.« »Ich hoffe«, entgegnete Jost, »Magdalene wird sich in Thorn stets so zu halten wissen, daß sie meiner Verteidigung nicht bedarf. Sie ist so schön und liebenswert, daß ich eher Neider als Verkleinerer zu finden erwarte.« Eben trat sie, von der Mutter geschmückt, durch die Kammertür ein. Sie trug ein himmelblaues Untergewand von feiner Wolle mit gepufften Ärmeln, über der Brust nach dem Hals hin geschlitzt und mit Silberband verschnürt; darüber einen faltigen Rock von durchscheinendem weißem Zeuge ohne Ärmel, um Brust und Schultern herum silbern gebordet und über den Hüften von einem mit silbernen Buckeln und Schnallen versehenen Gürtel zusammengehalten, auf dem Hinterkopf, von dem die dicken blonden, mit einer blauen Schleife verbundenen Zöpfe tief über den Rücken hinabfielen, ein kleines Käppchen, mit Perlschnüren eingefaßt. Frau Christine hatte zur Ehre des Tages den allerneuesten Feiertagsstaat aus der Truhe gehoben. Waren die Stoffe für Thorner Ansprüche nicht sonderlich kostbar, da man dort in den reichen Kaufmannshäusern Seidenbrokat und gerissenen Samt, Gold und glänzende Steine zu verwenden liebte, so durfte Magdalene doch darauf rechnen, von ihren Marienburger Freundinnen bewundert zu werden. Das Hellblau und Weiß mit Silber paßte aber auch trefflich zu ihrer rosigen Gesichtsfarbe und dem blonden Haar. Jost konnte nicht aufhören, ihr Lobeserhebungen zu machen. »Nun wirst du dich aber auch in gemessener Ferne halten müssen«, bemerkte sie, »damit du die Puffen und Falten nicht drückst. Viel lieber möcht' ich mit dir und Marcus, wie damals, als wir noch Kinder waren, im losen Röckchen von selbstgewebtem Linnen durchs Haus tollen und mich von dir im Treppenwinkel oder oben unter den Dachsparren haschen lassen. Ja, ja! Hoffahrt muß Zwang leiden.« Sie zog auch das Gesichtchen zurück, wenn er sie auf die Wange küssen wollte. »Der rote Fleck von gestern ist noch nicht einmal ganz vergangen«, behauptete sie schalkhaft. »Was sollen die Gäste denken, wenn sie rechts und links so ein Feuermal sehen?« Sie spitzte aber die Lippen und hielt sie ihm vorgebeugt hin. »Für sie will ich's verantworten«, sagte sie, »wenn du versprichst, nachher recht artig zu sein.« Es war denn auch noch in der neunten Stunde, als schon Besuch gemeldet wurde. Unter allen Umständen wäre eine Verlobung in des Bürgermeisters Haus ein Ereignis gewesen, das alt und jung zu beachten hatte. Kam nun aber dazu, daß der Bräutigam ein Thorner Patriziersohn war, der Sohn Tilemans vom Wege, dessen Name unter den besten des Landes genannt wurde, so verstand sich von selbst, daß bei der Beglückwünschung niemand fehlen durfte, der auch nur in entfernter Beziehung zum Haus stand. Und so sprachen denn in den Stunden bis zum Mittag die Ratmannen mit ihren Frauen und Töchtern, die Schöppen, die Kaufleute und Mälzenbräuer, die Kahnreeder und Älterleute der Gewerke vor. Auch der Stadtpfarrer erschien und sogar der Ordensschäffer, der im Auftrag des Herrn Hochmeisters der Braut ein goldenes Kettlein mit angehängter Schaumünze überreichte. Und weil die große Stube des Bürgermeisters doch viel zu klein war, auf einmal alle die Gäste zu fassen, jeder, der den Eintritt erlangt hatte, sich auch gern verweilte, so mußten viele unverrichtetersache zurückgehen und fanden sich nun am Nachmittag ein, ihre Pflicht nicht zu versäumen und ihre Neugier zu befriedigen. Als endlich die letzten gegangen waren, atmete das Brautpaar auf. Es war eine Kunst gewesen, mit freundlichem Gesicht hundertmal dasselbe anzuhören und denselben Dank zu sprechen. Dann zog sich Magdalena mit ihrer Mutter zurück, sich umzukleiden, aber auch nach der Rückkehr hatte Jost wenig genug von der Braut, da Blume ihn nun beiseite nahm, um alles Geschäftliche mit ihm zu bereden, das vor der Hochzeit geordnet werden mußte. »Wieviel lieber wäre mir's gewesen, Euer Herr Vater hätte Euch begleitet«, sagte er, »so könnt' ich mit ihm verabreden und aufsetzen, was wegen des Vermögens hier und dort in Zukunft gelten soll und wie er seinem Sohne schon jetzt einen angemessenen Haushalt zu sichern gedenkt. Es wundert mich nicht, daß Euch das alles unwichtig und nicht der Rede wert erscheint. Bin ich doch auch jung gewesen, wie Ihr, und hab's meinem Vater gedankt, daß er mir solche Sorge abnahm. Nun muß ich doch schon mit Euch verhandeln, lieber Sohn. Merkt gut auf, damit Ihr Eurem Herrn Vater genau berichten und seine Zustimmung einholen könnt.« Jost mußte wohl stillhalten und sich damit begnügen, von Zeit zu Zeit einmal, verstohlen seufzend, zur Seite zu schielen, wo Magdalene nicht weniger ungeduldig auf dem Polster am Fenster saß. Als Blume endlich aufstand, ließ Frau Christine den Abendtisch decken. Und dann mahnte wieder der Bürgermeister, für den Wunsch der jungen Leute viel zu schnell, zum Abschiednehmen. »Ihr müßt Euch morgen in aller Frühe auf die Reise machen«, sagte er »und sollt ausschlafen. Es ist mir, als könntet Ihr gar nicht eilig genug nach Thorn zurück, die Bestätigung unserer Abreden einzuholen. Ich hoffe, Euer Herr Vater überbringt sie mir selbst. Danach will ich sogleich die Gäste zur Hochzeit einladen und gedenke mir vom Rat den Saal im Rathaus zu erbitten. Frau und Tochter nimmt Marcus noch heut' zu Wagen auf den Hof mit. Sie dürfen Ursula dort nicht unnötigerweise noch eine Nacht allein lassen.« »Wer ist das?« fragte Jost ohne besondere Aufmerksamkeit. »Ein lieber Gast unseres Hauses«, antwortete Blume, »durch den Herrn Hochmeister warm empfohlen.« »So, so.« Dabei beruhigte sich Jost. Er bat um die Erlaubnis, Magdalene in den Wagen heben zu dürfen, und so verlängerte sein Aufenthalt sich noch ein wenig. Als Marcus die Pferde anziehen ließ, mußte er nach einigen begleitenden Schritten ihre Hand wohl frei geben. Dann trat er unter die Laube und sah dem Gefährt nach, bis Magdalene ihm vor der Wendung um die Ecke zum letztenmal zugenickt hatte. Er wußte nicht, wie es kam, daß ihm plötzlich einfiel, er habe hier schon einmal unter den Lauben gestanden und dem Fuhrwerk nachgesehen, das Marcus lenkte. Damals hatte auch seine Schwester auf dem Wagen gesessen, aber ihm nicht zärtlichen Abschied zugenickt. Und er hatte auch gar nicht ihr nachgesehen, sondern ... Das Bild verfloß ihm wieder. »Magdalene, liebe Magdalene!« Neuntes Kapitel Eine Erscheinung Und »Magdalene, liebe Magdalene« schwebte ihm auch am nächsten Morgen fortwährend auf den Lippen, als er – später freilich, als der Bürgermeister angenommen hatte – seinen Gaul auf der Landstraße ausschreiten ließ. Er hatte ihn anfangs zu rascherer Gangart angetrieben, als müsse er sich gewaltsam aus dem Bannkreis der Stadt abbringen, in der er die herrlichsten Freuden genossen, bald aber seiner eigenen Führung überlassen, um sich ganz der Erinnerung hingeben zu können. Diese Erinnerung war süß – aber sie erschöpfte sich nur allzubald. Ein Händedruck, ein schüchterner Kuß, ein warmes Liebeswort... Er war mit großen Erwartungen nach Marienburg gekommen, seine Standhaftigkeit sollte ihm hoch angerechnet und gebührend belohnt werden. Nun hatte man es zwar seitens der Familie und ihrer Freundschaft wahrlich an Aufmerksamkeiten nicht fehlen lassen, die dem Sohne eines angesehenen Ratsherrn von Thorn galten, aber der kleinbürgerliche Standpunkt, von dem aus das ganze Ereignis angesehen und behandelt war, konnte ihm doch nicht behagen. Es war ihm verdrießlich gewesen, daß Blume es so eilig gehabt hatte, ihn wieder nach Thorn zurückzuschicken, und er bedauerte nun, sich so ohne weiteres gefügt zu haben. Wenn er bei Frau Christine eine Bitte gewagt hätte? Aber warum kam sie ihr nicht zuvor, und warum tat Magdalene nichts dazu, ihn zurückzuhalten, da sie doch selbst durch dieses karge Beisammensein nicht befriedigt sein konnte? Kaum daß sie ihm selbst ein flüchtiges Bedauern über die so baldige Trennung ausgesprochen hatte! Ganz die fügsame Tochter war sie gewesen, ganz die ehrbare Braut, wie sie den Kleinstädtern gefallen konnte. Hätte sie nur eine Stunde für ihn allein gehabt! Gewiß wäre ihr dann das Herz aufgegangen, und er wüßte, wie sehr sie ihn liebte. Er fing an zu bereuen, daß er's selbst so simpel angefangen. Mit der Einwilligung seines Vaters in der Tasche – warum suchte er erst den Bürgermeister auf, dessen Jawort ihm für diesen Fall schon gesichert war? Warum ritt er nicht sofort auf den Hof hinaus, band sein Pferd an den Zaun und überraschte Magdalene im Garten? Da konnte sich's sofort erweisen, wie sie ihm gesinnt war. Er malte sich's aus, wie das Mädchen, das ihn liebte, im Wonnegefühl des Wiedersehens jede Frage nach dem Recht seines Kommens hätte vergessen oder gläubig die Bedingung als erfüllt ansehen müssen. Wie selig würde ihn das gemacht haben! Eine solche Prüfung ihres Herzens war versäumt. Brauchte er sie denn aber? Er verneinte sich diese Frage immer wieder. Und doch fehlte etwas zu seiner Befriedigung, doch vermochte er seines allzu sicheren Glückes nicht vollfroh zu werden. Und war's denn wirklich notwendig, daß er sich jetzt dem Gebot ihres Vaters fügte und mit jedem Schritt seines Pferdes weiter von ihr entfernte, die er so gern nur einmal mit ganzer Leidenschaft an seine Brust geschlossen hätte? Wie schön sie war! Dieses lange blonde Haar, diese lieben Augen, diese Grübchen in den Wangen! Jetzt saß sie wohl auch allein unter dem Flieder im Garten oder an sonst einem versteckten Plätzchen und sehnte sich zu ihm. Wenn er ... Und plötzlich zog er mit einer heftigen Handbewegung den Zügel an, so daß der Gaul erschreckt aus dem Schlaf auffuhr. »Nein!« rief er laut, »so kann's nicht bleiben. Nochmals zurück! Sie soll wissen, wie sehr ich sie liebe. Dieser Tag noch soll unser sein.« Und schon hatte er in kurzem Bogen kehrtgemacht. Hochaufgerichtet ritt er in scharfem Trabe denselben Weg in entgegengesetzter Richtung. Eine Strecke vor der Stadt wollte er nach dem Hof ablenken, von dem er kaum eine Stunde entfernt sein konnte, wenn er den Gaul in munterer Gangart erhielt. Das sollte eine freudige Überraschung geben. So war er eine Weile fortgetrabt, als seitwärts aus einem Busch, der sich an den Äckern hinzog, die Gestalt eines Reiters auftauchte und sich auf dem schmalen, die Landstraße in nicht großer Entfernung kreuzenden Feldweg rasch näherte. Er merkte im ersten Augenblick kaum darauf. Wahrscheinlich ein Bauernjunge, der aufs Feld ritt und sich das Saatlaken umgehängt hatte. Dazu paßte auch das kleine Pferd, wie hier auf dem Lande überall viele im Gebrauch. Als er dann aber eine Minute später den Blick nochmals dorthin richtete, stutzte er merklich und ruckte mit der Hand den Zügel, so daß sein Pferd den Lauf verlangsamte. Das kleine Tier war kein gewöhnliches Bauernpferd, rund gefüttert, von glänzender grauer Farbe, mit langem Schweif und Mähne von welligem Silbergrau. Und der Reiter darauf war eine Reiterin, die einen breitrandigen Filzhut mit grünem Eichenzweig und um die Schultern einen Weißen, bei der raschen Bewegung hinter ihr weit aufwallenden Mantel trug. Was aber unter dem Hut so goldig schimmerte, das war ihr dichtes krauslockiges, ungeflochtenes Haar. Sie ritt im schärfsten Trabe und mühte ungefähr zu gleicher Zeit mit ihm auf dem Kreuzungspunkt anlangen. Die Erscheinung hatte aber etwas ungewöhnlich Phantastisches; er konnte das Auge nicht mehr davon wenden. Nun war's , als ob auch die Reiterin auf den Begegnenden aufmerksamer wurde. Sie richtete den Kopf auf, sah ihn mit großen Augen an und stieß einen Zischlaut aus, der sofort von ihrem Pferde verstanden wurde. Es wechselte die Gangart in schnellsten Galopp. Der Hund, der ihr folgte, stürmte Jost mit heftigem Gebell entgegen, schien es aber auf halbem Wege doch ratsamer zu finden, der allzu flüchtigen Herrin nachzueilen. Sie gewann einen Vorsprung und setzte quer über die Landstraße, als er noch dreißig oder vierzig Schritte zurück war. Im Vorüberfliegen griff sie nach dem Hut, hob ihn und schwenkte ihn über dem flatternden Goldhaar durch die Luft. Dabei fiel der Eichenzweig zur Erde. Auf ihren Wink über die Schulter hin nahm ihn der Hund auf und war nun mit allen Kräften bemüht, sie zu erreichen. Das geschah aber erst eine ziemliche Strecke jenseits, nachdem ein paar Feldgräben genommen waren. Die Reiterin bückte sich so tief vom Pferde, daß sie den Zweig erreichen konnte. Erst nachdem sie ihn angesteckt, setzte sie den Hut wieder auf. Dann ritt sie im Trabe weiter, ohne nur ein einziges mal zurückzusehen. Jost hatte sie erkannt. Und plötzlich stand ihm der Vorfall jener ersten Begegnung am Burggraben mit allen Einzelheiten klar im Gedächtnis. Diese Entdeckung überraschte ihn so, daß er gar keine Anstalt machte, ihren Gruß zu erwidern oder gar ihr zu folgen. Er mochte wohl den Zügel seines Pferdes so gespannt haben, daß dasselbe auf dem Kreuzweg haltmachte. Erst nach mehreren Minuten ließ er es wieder antreten, nachdem er der Reiterin mit immer noch erstaunten Blicken nachgeschaut hatte, bis die Einsenkung hinter einer Hecke die Gestalt verschwinden ließ. Aber während er nun langsam seinen Weg fortsetzte, beschäftigten sich seine Gedanken fortwährend mit ihr. Und nun erinnerte er sich auch des Namens Ursula und daß gestern von einer Ursula gesprochen worden war, die auf des Bürgermeisters Hof zurückgeblieben sein sollte. Wenn sie gemeint gewesen wäre –? Aber wie käme sie dorthin? Und warum hatte Magdalene ihrer gar nicht erwähnt, da sie denn doch wissen mußte, daß er ... Vielleicht gerade deshalb nicht. Nun freute er sich seines Entschlusses um so mehr: er mußte dahinterkommen, ob ihm etwas verheimlicht wurde und aus welchem Grunde. Bald hatte er den Hof vor sich. Er näherte sich ihm von der Gartenseite her und hielt sich nahe dem Zaun, um nicht zu früh bemerkt zu werden. Dann stieg er ab, band sein Pferd an den Stamm einer jungen Birke und suchte das Pförtchen nach dem Flußufer auf. Unter der Linde am Hause sah er Frau Christine und Magdalene bei einer Arbeit sitzen. Sobald Magdalene ihn bemerkte, stieß sie einen Jubellaut aus, sprang auf, eilte ihm entgegen und fiel ihm um den Hals. »Jost«, rief sie, »mein lieber Jost! Du kommst noch einmal ... Oh, welche freudige Überraschung!« Dieser herzliche Empfang tat ihm sehr wohl. So hatte er sie sich in diesen Tagen gewünscht. Er konnte nicht aufhören, sie an die Brust zu ziehen und den lieblichen Mund zu küssen. Nun war auch Christine aufgestanden und näher getreten. Verzeiht, Frau Mutter«, sagte er, sie begrüßend, »wenn ich ohne Einladung hier eintrete. Ihr glaubet mich sicher schon weit entfernt, und ich war auch wirklich ein gut Stück Weges mit dem Rücken gegen die Stadt geritten. Aber mein ganzes Herz war hier und wollte von so eiligem Abschied nichts wissen. Es zog mich übermächtig zurück, so daß ich wohl umkehren und mich nochmals als Gast anbieten mußte. Von Eurer mütterlichen Güte erhoffe ich, daß Ihr daran kein Arg finden und uns gern noch ein paar Stündlein schenken werdet. Ich konnte so nicht fort.« Sie lächelte gütig und klopfte seine Schulter. »Was treibt Ihr für Übermut, lieber Junker«, antwortete sie; »ich sollt' Euch wohl schelten, daß Ihr aus einem Abschied zwei macht. War meinem Töchterchen doch so schon das Herz schwer genug. Euch missen zu sollen, so daß ich in diesen kurzen Morgenstunden wohl schon mehr Seufzer von ihren Lippen vernommen habe als während all' der Jahre ihres Lebens. Wie soll das nun gar hinterher werden? Aber ich weiß ja, daß Jugend nicht vorbedenkt; sie soll sich diesmal über des Alters Grämlichkeit nicht zu beklagen haben. Ihr seid einmal hier, und so will auch ich Euch willkommen heißen.« Jost und Magdalene küßten dankbarst ihre Hände. Er bat, sein Pferd in den Stall bringen zu dürfen, und sie gingen beide hinaus, es in den Hof zu führen. Das mußte wohl eine schwere und langwierige Bemühung gewesen sein, denn es dauerte geraume Zeit, bis sie sich wieder im Garten blicken ließen. Dann gingen sie, einander umarmt haltend, den langen Gang auf und ab, verschwanden mitunter auch in der Laube oder nahmen auf dem Bänkchen unter der Linde Platz, die Mutter nicht ganz zu vernachlässigen. So waren ein paar Stunden vergangen, ohne daß sie die Flüchtigkeit der Zeit merkten. Als sie sich nun einmal wieder dem Haus zuwandten, schien es plötzlich, als ob ihre verbundenen Hände von einem unsichtbaren Schlage getroffen auseinander fuhren und der Schritt gebannt war. Sie mußten beide zugleich etwas gesehen haben, das sie so jäh erschreckte. Auf dem Podest nahe der offenen Tür und wie mit lichten Farben in den dunklen Hintergrund eingezeichnet stand Ursula. Die Sonne, die zwischen Dach und Linde schräg einfiel, streifte ihr Gewand und ihr Haar. Die Augen schauten neugierig auf die Wandelnden, und das ganze Gesicht lachte. Nun schlug sie in die Hände und rief: »So hab' ich's vermutet, da ich den Junker in verkehrter Richtung reiten sah; so ist's recht. Mag Euch mein Glückwunsch nicht verdrießen.« Sie eilte die Holztreppe hinauf, reichte Magdalene beide Hände und küßte sie stürmisch. Dann verneigte sie sich gegen Jost, vor seinen stechenden Blicken verschämt die Augen senkend. »Es mag Euch verwundert haben, mich hier anzutreffen«, sagte sie. »Ich kann's wohl verstehen, daß Magdalene in diesen Tagen an mich nicht gedacht hat. Nun wird sie's Euch erklären, so gut sich's erklären läßt.« Magdalene konnte ihre Verwirrung mit aller Mühe nicht bergen. Sie wußte nicht, was ihr geschehen war; nur daß diese Begegnung ihr Unheil bedeuten müßte, fühlte sie dunkel. Und wie Jost dastand, ganz in den Anblick der fremden Erscheinung versunken ... Ihr fing das Herz wild zu schlagen an, und die Stirn rötete sich. »Ursula –« stotterte sie, »unser lieber Gast seit dem Winter. Du wirst dich ihrer entsinnen...« »Gewiß, gewiß«, versicherte er. »Aber warum war sie gestern nicht in der Stadt – warum sagtest du mir nicht ein Wort –?« »Mit gutem Grund, Herr Junker«, suchte Ursula einzuhelfen. »Der Herr Bürgermeister bedachte, daß ich da ganz überflüssig sei, wenn er der gesamten Gevatterschaft seiner Tochter Bräutigam vorstelle, oder wohl gar mich töricht benehmen könne, da ich im städtischen Wesen noch immer wenig geschult bin. Und weshalb hätte Magdalene von mir erzählen sollen? Mußte sie doch glauben, daß ich Euch nicht in der freundlichsten Erinnerung geblieben sei, wenn Ihr bei meines Namens Nennung überhaupt noch in Eurem Gedächtnis ein Bild von mir bewahrtet.« »Oh!« rief er. »Wer Euch einmal im Leben gesehen, der kann Euch nimmermehr vergessen. Ihr seht nicht aus wie alle Welt. Und wäret Ihr mir heut' noch flüchtiger vorbeigeritten, ich hätt' Euch doch erkannt.« »Du sahst Ursula schon –?« fragte Magdalene peinlich überrascht. »Und sprachst gar nicht von dieser Begegnung? Und bist wohl gar ihretwegen umgekehrt?« Das platzte so eifersüchtig heraus. Im nächsten Augenblick wußte sie schon, daß sie eine Torheit begangen hatte. Die Tränen schossen ihr in die Augen und perlten über die heißen Wangen hinunter. Sie kehrte sich rasch ab. Ursula nahm den Vorwurf scherzhaft. »Ich will's mit dem feierlichsten Eide beschwören«, sagte sie, die Hand ausstreckend, »daß ich diesseits des Junkers Weg kreuzte. Es war mutig genug, daß er ihn dir zuliebe trotzdem fortsetzte, denn als ein rechter Hexenspuk mag ich ihm wohl nach seinem verblüfften Ausschauen erschienen sein. Hahaha!« »Ich kann Euch nicht unrecht geben«, sagte er, in ihr Lachen etwas gezwungen einstimmend. »Es war wirklich, als wäret Ihr aus dem Boden aufgetaucht und wieder in den Boden versunken. Nur den höllischen Vogel hab' ich vermißt, der mir damals auf Euer Gebot arg zusetzte; den Hund konnt' ich für einen so gefährlichen Gesellen nicht halten.« »Ach, das arme Tier«, seufzte sie, »es hat seine Treue mit dem Tode gebüßt. Laßt's Euch von Marcus berichten. Aber ich will euch nun nicht weiter durch meine unnütze Gegenwart das kurze Beisammensein verkümmern, nachdem ich meinen Glückwunsch angebracht. Mutter Christine wird gewiß eine Arbeit für mich haben, die ich ihr nicht verderbe.« »Nein – bleibt nur, bleibt«, bat er mit unbedachtem Eifer. »Wir haben uns schon ausgesprochen und werden durch Eure Gesellschaft nicht gestört. Ihr müßt mir das Rätsel lösen, wie diese Freundschaft entstanden ist und wer Ihr eigentlich seid. Ein Rätsel muß ich's nennen.« Sie huschte doch fort und setzte sich unter die Linde, das Gesicht dem Hause zugekehrt. Die schöne weiße Katze sprang vom Geländer des Podestes, auf dem sie sich gesonnt hatte, schlich die Treppe hinab und umschlich schmeichelnd ihr langes Gewand. Sie bückte sich und streichelte sie, hob sie auch auf den Schoß, nahm den Kopf in ihre Hände und sah ihr in die grünlichen Augen. Aus dem Arbeiten wurde nicht viel. Jost wandte sich nun wieder Magdalene zu, legte ihren Arm in den seinen, spielte mit ihrer Hand, indem er den kostbaren Ring, den er ihr gestern geschenkt, am Finger auf und ab schob oder drehte, zog sie in die Laube und stand bald wieder auf, um der Linde einen Besuch abzustatten. Er war auffallend unruhig geworden, hielt seine Gedanken nicht beim nächsten, sprach wenig und hörte unaufmerksam zu. Nur wenn die Rede auf Ursula kam – und er suchte sie immer wieder darauf zu bringen, so wenig Magdalene auch standhielt – wurde er lebhafter; nicht genug hätte sie von ihr erzählen können. Was er von der Waldfrau, vom Hochmeister, von dem Ritter Ostra erfuhr, hatte auch wirklich so wenig Zusammenhang, daß weitere Fragen sich rechtfertigten. Magdalene hätte ihm aber doch kaum viel bessere Auskunft geben können, auch wenn es ihr nicht verdrießlich gewesen wäre, daß er sich und sie fortwährend mit diesen Dingen beschäftigte, die ihn doch so gar wenig angehen konnten. Sie wurde immer einsilbiger und in sich gekehrter, bis sie sich zuletzt neben Ursula auf das Bänkchen unter der Linde setzte, ihre Arbeit wieder aufnahm und es Jost überließ, auf einem Schemel gegenüber Platz zu nehmen, um nach Belieben seine Aufmerksamkeit der Freundin zuzuwenden. Er hatte davon gesprochen, daß er abreiten wolle, ehe die Sonne allzu hoch steige. Nun traf er dazu keine Anstalten, sondern schien es als selbstverständlich angesehen zu wünschen, daß er zum Mittag bleibe. Marcus kam vom Felde und bemerkte bald die Verstimmung unter den Brautleuten, auch den Grund davon. Ursula widmete sich nun ganz ihm, aber um so mehr wurde sie der Gegenstand gespannter Teilnahme für Jost. Es war, als ob er sich recht absichtlich bemühte, seine Überlegenheit über den etwas bäurischen Freund jeden Augenblick vor ihr ins rechte Licht zu stellen. Bei Tisch richtete er das Wort fast nur an sie. Magdalene saß still und stumm neben ihm. Daraus machte er ihr nun wieder einen nicht mißzuverstehenden Vorwurf. Sie versicherte, daß sie sich nicht wohl fühle, aber er beschleunigte deshalb seinen Aufbruch nicht, wie sie erwartet haben mochte, sondern riet ihr nur, sich eine Weile zurückzuziehen. Das tat sie nicht. Man machte einen gemeinsamen Spaziergang am Nogatufer. Aber auch hier fesselte ihn Magdalene kaum zeitweilig. Immer suchten seine Blicke Ursula, richteten sich an sie seine Bemerkungen. Bei den Weiden fanden sie den Kahn liegen, der dem Bürgermeister gehörte. Ursula sprang hinein und forderte Marcus auf, ihr zu folgen. Nun wollte auch Jost nicht zurückbleiben, Magdalene behauptete, daß das Wasser sie blende; sie habe schon Kopfweh. »Aber fahrt nur ohne mich«, sagte sie, »ich gehe ins Haus.« »Das wäre!« rief Ursula. »Nein! wir wollen dir deinen Schatz nicht entführen.« Sie hatte das breitschauflige Ruder in die Hand genommen, stemmte es gegen den Sand und schob das Boot in die Binsen, bevor Jost hineinspringen konnte. Sie lachte ihn aus, als er sich sehr unwillig darüber gebärdete und von Marcus verlangte, er solle nochmals landen. »Ich gebe das Ruder nicht aus der Hand«, versicherte sie kopfschüttelnd, »und weiß damit so gut Bescheid als Marcus mit dem seinen.« Ehe sie sich aber dessen versah, lief er durch das Wasser, das hier am Rande ganz flach war, und schwang sich hinein. Nun nahm er Marcus das andere Ruder aus der Hand, brachte das Boot wieder dicht zu den Weiden zurück und bat Magdalene einzusteigen. Sie weigerte sich. »Komm hinaus«, sagte sie, »du bist ganz naß geworden.« »Das tut meinen polnischen Stiefeln wenig«, antwortete er. Eine Minute schien er doch unschlüssig, ob er ohne sie abfahren solle. »Eine kurze Strecke nur«, rief er ihr zu, »ich will sehen, ob Ursula wirklich das Rudern versteht, wie sie sich rühmt.« Da sie sich dem Ufer zuwendete, gab er dem Kahn einen so heftigen Stoß, daß Ursula das Gleichgewicht verlor und hinausgefallen wäre, wenn Marcus sie nicht gestützt hätte. Sie zog das Ruder ein und setzte sich neben ihn. »Wir haben einen Stadtjunker von Thorn zum Fährmann«, bemerkte sie spöttisch, »der will seine Kunst zeigen.« Jost ruderte stehend auf den Strom hinaus. Er war wirklich sehr geschickt darin und bewies einen kräftigen Arm. Da sie aber keine Anstalt machte, ihm zu helfen, sondern leise mit Marcus plauderte und kicherte, verlor er bald die Lust und kehrte in nicht zu weitem Bogen ans Land zurück. Er hatte seinen Willen durchgesetzt, das mußte ihm nun wohl genügen. Magdalene saß auf dem Stein unter dem Rosenstrauch. Sie schämte sich vor der Mutter, allein nach Hause zu kommen. Jost fand sie in Tränen. »Was fehlt dir?« fragte er, um doch etwas zu sagen. Seine Augen folgten dem Kahn, der jetzt, von Marcus und Ursula gleichmäßig gerudert, dem anderen Ufer zustrebte. »Kannst du im Zweifel sein?« entgegnete sie. »Ich wußte es wohl. Seit du Ursula wiedergesehen, bin ich dir gleichgültig geworden.« Er widersprach nicht, sondern zog das Bärtchen zwischen die Zähne und biß darauf. Nach einer Weile sagte er: »Ich weiß nicht, was es ist – sie hat etwas in ihrem Blick, im Ton ihrer Stimme ... Es zwingt mich mit unwiderstehlicher Gewalt, als hätte sie mir ein Rätsel aufgegeben, dem ich immer nachgrübeln muß. Ich glaube, sie ist eine Hexe. Mag Marcus sich vor ihr in acht nehmen.« »Marcus?« »Habe Geduld mit mir, Lene – es hat für uns keine Gefahr. Mein Auge und Ohr muß sich nur gewöhnen ... Siehst du, jetzt ist's schon vorüber.« Er setzte sich zu ihr, schlang den Arm um sie, nahm ihre Hand und drückte Küsse darauf. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, schluchzte schmerzlich und rief: »Ach, wie könnte das geschehen, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe! Ursula ist keine Hexe, aber sie hat dir's mit ihrer Schönheit angetan, mit ihren dunkelblauen Augen und ihrem goldigen Haar. Wie soll ich nun in deinem Herzen bleiben immerdar?« »Fürchte nicht, daß sie dich daraus verdrängen kann«, versicherte er, ihre Wange streichelnd. »Mein Herz gehört dir – dir allein. Es ist eine Verblendnis der Sinne, deren ich gewiß bald Herr werde. Wenn ich dich so in meinem Arm halte, ficht mich schon nichts mehr an.« »Du darfst sie nicht mehr sehen«, sagte sie, sich an ihn schmiegend, »geh ohne Abschied – ich bitte dich.« »Das wär' ein gar trügerisches Mittel«, entgegnete er. »Nein, keine Flucht. Ich könnte mir sonst in der Ferne selber einreden, sie sei nötig gewesen. Ich will dir nicht als ein Feigling erscheinen, der für sich selbst zittert, daß er vor seinem Herzen schlecht bestehe. Ich darf jetzt nicht mehr zurück nach Thorn; ich will meinem Vater schreiben oder Botschaft schicken. Täglich muß ich Ursula neben dir sehen, bis dieser Zauber ganz gewichen ist. Du hast die Macht, ihn zu bannen – deiner reinen Liebe widersteht er nicht.« Magdalene fühlte sich sehr beängstigt durch diese wirren Reden, die sie beruhigen sollten und nur die Gefahr offenkundig machten. Er schien ganz ehrlich mit sich zu kämpfen und sich den Sieg zuzutrauen. Aber sie selbst fühlte sich allzu schwach und unbedeutend neben diesem wundersamen Geschöpf, das ja auch ihr Herz bestrickt hatte. Ursula liebt Marcus, sagte sie sich tausendmal, und das minderte merklich ihre Furcht. Aber würde sie fest bleiben, wenn Jost sie ernstlich auf die Probe stellte? Und wenn auch – ihr selbst wäre er ja doch verloren. »Lieber –«, sagte sie, »so gern ich dich bei mir zurückhielte – du mußt vor Nacht noch scheiden. Kämest du morgen nochmals, so könnte es die Mutter nicht verantworten, den Vater unbenachrichtigt zu lassen. Was wolltest du ihm sagen? Die Wahrheit darf niemand erfahren – er am wenigsten. Und wenn er erriete ... Nein! Tu mir das nicht an. Ich glaube an deine Redlichkeit und Treue. Bringe sie nicht selbst in Versuchung. Setze Berge und Tal zwischen euch, und ihr Bild wird rasch wieder in deinem Gedächtnis verblassen. Uns aber, die ein heiliges Gelöbnis bindet, wird die Ferne durch die Sehnsucht nur um so inniger aneinander schließen.« Da er nicht antwortete, umarmte sie ihn nochmals, stand dann auf, faßte seine Hand und führte ihn in den Garten. Es dauerte lange, bis sie den kurzen Weg zum Hause zurückgelegt hatten. Denn oft blieben sie stehen, eine Zärtlichkeit auszutauschen oder noch etwas Wichtiges für die Zukunft zu besprechen. Jost schien vergessen zu haben, was ihn vor einer Stunde noch verstörte, und Magdalene wurde wieder ganz heiter. Endlich holte Frau Christine sie aus der Laube ab. Die Sonne sei im Untersinken; er solle noch ein wenig zum Abend essen und dann abreisen. »Ich bin wahrlich schon Frau Nachsicht selbst gewesen, liebe Kinder«, sagte sie. Unter der Linde war ein Imbiß aufgetragen. Als sie da am kleinen Tisch saßen, kam Marcus und setzte sich zu ihnen. Sofort wurde Jost wieder unruhig. Er blickte in den Garten und nach dem Podest vor dem Hause, wie wenn er ungeduldig jemand erwartete. Magdalene beobachtete ihn ängstlicher und immer ängstlicher. Eine Weile hielt er noch an sich. Dann fragte er: »Wo ist Ursula?« Es klang, als ob er in Sorge wäre, daß ihr ein Unglück begegnet sein könnte. »Ich habe sie wohlbehalten wieder ans Land gebracht«, versicherte Marcus. »Auf dem Hof schickte sie mich fort. Wenn ich dich noch anträfe, sollte ich dir einen Gruß auf den Weg geben. Sie würde dich nicht mehr sehen.« »Nicht mehr – sehen ...«, murmelte Jost. »Einen Gruß auf den Weg –?« Sein Gesicht verfinsterte sich. »Ist das deine Veranstaltung?« »Durchaus nicht«, antwortete Marcus. »Weshalb sollte ich ...? Ursula tut, was sie will.« Zu Magdalene gewendet sagte er leise: »War das eine selige Fahrt! Wir hatten uns eine Strecke stromauf gerudert und ließen uns dann vom Wasser langsam hinabtreiben. Auf einem Umweg über Feld kehrten wir zurück. Morgen spreche ich mit dem Vater.« »Ist Ursula im Hause?« erkundigte sich Jost in scharfem Ton. »Ich weiß es nicht«, antwortete Marcus. »Sie ließ der Mutter und Schwester eine gute Nacht wünschen.« »Das ist sonderbar«, sagte Jost. »Ich bitte dich, Magdalene, sieh im Hause nach und laß sie wissen ... Nein! Ich will nicht ohne Abschied von ihr ... Nimmer könnt' ich mir das verzeihen!« Magdalene blickte ihn bekümmert an. Sie war sehr bleich geworden. Nur der Name brauchte genannt zu werden, um ihn wieder in fieberhafte Aufregung zu versetzen. Sie erhob sich schweigend. Die Mutter kam ihr aber zuvor. »Bleibe nur«, sagte sie, »ich selbst will einmal nachfragen. Ursula darf unsern lieben Gast nicht so unhöflich behandeln. Auch will ich gleich Auftrag geben, daß Euer Pferd vorgeführt wird. Es ist wahrlich die höchste Zeit.« Nach einigen Minuten kam sie zurück und sagte: »Ursula treibt's immer toller. Seit der Herr Hochmeister ihr den Grauschimmel geschenkt hat, kehrt sie sich nach keiner Hausordnung mehr. Kann man's glauben, daß sie ihn so spät abends gesattelt hat und davongeritten ist?« »Dann weiß ich, weshalb es geschehen ist«, sprach Jost finster in sich hinein. »Aber so entzieht sie sich mir nicht.« Er nahm auffallend flüchtigen Abschied von Frau Christine und auch von Magdalene. Marcus bot er nicht einmal die Hand. »Auf Wiedersehen – morgen«, rief er vom Pferde hinab. Er schlug mit der Gerte darauf ein und sprengte davon. »Was bedeutet das?« fragte Frau Christine. »Er wird sich doch nicht deshalb, weil er Ursula heute nicht mehr gesehen, noch einen Tag länger aufhalten wollen?« Magdalene schwieg, verlegen zur Erde blickend. »Du wirst gleich morgen früh nach der Stadt gehen, Marcus«, fuhr sie fort, »und dem Vater Bericht erstatten. Mag er den Junker in seiner Herberge aufsuchen und auf den richtigen Weg leiten oder selbst hier erwarten. Jedes Ding muß doch seine gute Ordnung haben«. Zehntes Kapitel Die Flucht Jost hatte im schärfsten Trabe bereits eine Strecke gegen Marienburg hin hinter sich gebracht, als er plötzlich seitwärts abbog und quer über Feld auf eine Anhöhe zustrebte, die sich weit sichtbar mit ihrer kahlen Kuppe aus dem Acker- und Weideland aufwölbte, Oben angelangt, brachte er seinen Gaul zum Stehen und spähte mit scharfen Augen ringsum. Die Sonne tauchte eben im Nordwesten als glührote Scheibe in das leichte Nachtgewölk am Horizont und warf über die Erde einen goldigen Schein, in dem weithin jeder aufragende Gegenstand deutlich erkennbar war. Die breiten und schmalen Wege, die sich vom Flußufer in die Ebene hinabzogen, ließen sich gut verfolgen, und was sich etwa auf ihnen zwischen den Weiden und Birken hin bewegte, konnte einem sicheren Auge nicht entgehen. Offenbar spähte Jost nach etwas dergleichen aus. Nun war's ihm, als ob er fernes Hundegebell vernahm. Gleich darauf bemerkte er auch in derselben Richtung einen beweglichen Punkt. »Da ist sie!« rief er laut. Ohne sich nur einen Augenblick zu besinnen, setzte er seinem Gaul die Hacken ein und sprengte die Anhöhe hinab auf den nächsten Weg zu. Nochmals kam er an Blumes Hof vorüber. Seine Gedanken wanderten nicht dorthin, sie waren beständig bei der Reiterin, die er von Zeit zu Zeit aus den Augen verlor, um sie mit gespannter Aufmerksamkeit in kurzem immer wieder zu entdecken. Nun war auch kein Zweifel mehr: trotz der einbrechenden Dämmerung erkannte er den kleinen Gotländer Grauschimmel und die Dame darauf. Sie ritt ihm entgegen, so daß die Entfernung doppelt schnell abnahm. Offenbar kehrte sie nach Hause zurück. Noch mochte ein Raum von mehreren hundert Schritten zu durchmessen sein, als sie auch selbst den Reiter zu bemerken und stutzig zu werden schien. Sie machte halt und hob sich ein wenig im Sattel; der Hund kläffte. In der nächsten Sekunde wendete sie ihr Pferd, ließ es über den Graben springen und verfolgte einen schmalen Rain, der sich in einen mit Ellerngebüsch bewachsenen Grund absenkte. Als Ziel schien sie den Hof festzuhalten, wennschon sie ihn nur auf einem Umwege erreichen konnte. Sie sah sich wiederholt um und brachte den Grauschimmel in immer schnellere Bewegung, je mehr sich die Entfernung zwischen ihr und Jost verringerte. Einen so weiten Vorsprung sie auch hatte und so gehorsam sich der Gotländer für seine Herrin anstrengte, die langen Beine seines Gauls brachten ihn doch rascher vorwärts. Es war eine förmliche wilde Jagd hinter ihr her. Noch einen Versuch machte sie, durch eine unvermutete scharfe Wendung an ihm vorüber auf einen Weidenplan zu gelangen, der mit Steinen übersät war, die ihm leicht ein Hindernis werden konnten. Aber er paßte auf und schnitt ihr den Weg ab. »Haltet!« rief er ihr zu. »Warum flieht Ihr vor mir, Ursula? Ich tu Euch nichts zuleide. Haltet!« Noch einmal wendete sie im vollen Laufe das Gesicht zurück, sich zu überzeugen, ob ein Entweichen möglich. Dann brachte sie den Grauschimmel mit einem scharfen Ruck der Zügel zum Stehen und ließ ihn auf der Stelle umdrehen, so daß sie ihrem Verfolger in die Augen sah. »Was wollt Ihr von mir, Junker Jost?« fragte sie herausfordernd. Er hielt nun ebenfalls, ihr dicht zur Seite. »Ursula –« »Ihr konntet wissen«, fiel sie streng ein, »daß ich von Euch nicht eingeholt sein wollte. Warum verfolgt Ihr mich? Es ist Euch wahrlich keine große Ehre, auf solchem Klepper im Wettrennen der Sieger geblieben zu sein.« »Verzeiht, Ursula«, bat er, sich vorbeugend und den Hals des Grauen klopfend. »Ihr habt mir's schwer genug gemacht. Euch zu erreichen. Warum wolltet Ihr mich ohne Abschied lassen?« »Darüber bin ich Euch keine Rechenschaft schuldig, Junker. Genug, daß ich Euch einen Gruß durch Marcus sendete. Hätt' ich Euch noch einmal begegnen wollen, so hätt' ich ihn selbst in den Garten gebracht.« »So war's also Euer Wille, mir nicht noch einmal zu begegnen. Darf ich ihm eine Deutung geben?« »Keine unrechte. Wenn Ihr's denn wissen wollt, es kränkte mich, daß Ihr heute den ganzen Tag nur Augen für mich hattet und gänzlich zu vergessen schienet, was Ihr Eurer lieben Braut schuldet, der doch Euer Besuch galt. Was gehe ich Euch an, Junker? Was hab ich in meinem Wesen, das Euch wiederholt zu dreistem Angriff reizt? Schon einmal habt Ihr mich genötigt, Euch unfreundlich in die Schranken zu weisen. Ich hoffte, Ihr würdet Euch dessen geschämt haben und keiner neuen Lehre bedürfen. Nun achtet Ihr selbst nicht das Recht Eurer verlobten Braut, die wahrlich schön und gut ist, wie Ihr sie Euch nur wünschen möget, gafft mich an wie ein Wundertier und laßt mich dreiste Reden hören, fast wie damals an der Schloßbrücke zu Marienburg. Ich hatt's Euch langst vergeben und war voll Freude, daß Ihr zu Magdalene so tapfer standet. Nun sehe ich zu um so größerer Betrübnis, wie falsch Ihr seid.« So in der Nähe konnte er bemerken, daß ihre Wangen glühten und ihre Augen zornig blitzten. Das schreckte ihn aber nicht. Indem er sein Pferd herumtreten ließ, sagte er: »Nennt mich nicht falsch, Ursula. Gott weiß es, mit wie redlicher Absicht ich herkam, mir Magdalenens Hand zu erwerben, und wie ihre Liebe mich beglückte. Nicht um Wort zu halten kam ich, sondern durch des Herzens Zwang hergezogen. Ach! Daß ich Euch nie wiedergesehen hätte, holdestes Fräulein! Aber es war offenbar des Himmels Wille so. Wie soll ich Euch mit Worten beschreiben, was in mir vorging, als ich Eurer wieder ansichtig wurde? Ich hatt' Euch nicht gesucht und doch gefunden. Es sollte so sein! Urplötzlich war mein ganzes Gefühl verwandelt. Ich wehrte mich gegen den Ansturm der sinnberückenden Leidenschaft – vergeblich. Wie mit einem Zauber hatte Eure Schönheit mir's angetan, daß vor meinen Augen alles aschfarben und blind wurde, was vorher in hellem Glanz gestrahlt hatte. Umsonst war alles Bemühen, Widerstand zu leisten. Wie ein Blitz niederfährt und die Eiche entzündet, so hat das himmlische Feuer mich ergriffen und bis ins Mark getroffen. Wie soll ich diesen Brand löschen? Sprecht mir nicht von gelobter Pflicht. Es war ein unsinniges Beginnen, Euch vergessen zu wollen, nachdem ich Euch einmal gesehen. Nicht zu Euch verirre ich mich, sondern von Euch war ich verirrt. Laßt mich's nicht zu schwer büßen!« Er hatte sich seitwärts zu ihr gebeugt und ihre Hand gefaßt, die den Zügel hielt, um sie zum Bleiben zu nötigen. Sie riß sich aber los und trieb den Grauschimmel mit der Gerte zu eiligen Sprüngen an. Er griff in die Mähne. Ursula schlug ihm wütend auf die Hand, sich zu befreien. Er achtete den Schmerz nicht, sondern lachte wild auf und rief: »Ihr seid in meiner Gewalt und müßt mich hören. Verliere ich diese Stunde, so verliere ich mein Leben. Denn in Euch allein leb ich fortan.« »O ich Unselige!« klagte Ursula. »Wer hilft mir aus dieser Not! Wisset, daß ich Euch wegen Eurer Treulosigkeit verabscheuen würde, wenn ich Euch nicht für einen Wahnsinnigen halten müßte. Laßt ab von mir – kommt wieder zu Euch! Lieber wollt' ich in die Nogat springen und elendiglich darin umkommen, als der Freundin Recht kränken lassen.« Jost suchte sie zu umarmen und zu sich aufs Pferd zu ziehen. Das gelang nicht. Der Hund sprang, da er sie so ringen sah, laut bellend an ihm auf und schlug die Zähne in sein Bein. Er mußte ihn mit der Peitsche abzuwehren suchen, zugleich auch den Grauschimmel zurückhalten, der immer vorwärts nach dem Landwege zudrängte, auf dem er den Stall zu finden wußte. »Seht Ihr denn nicht«, zischelte er ihr zu, »daß Ihr mich zwar grausam abweisen, aber Magdalene damit keinen Dienst erweisen könnt? Nie mehr kann ich zu ihr zurück. Die Feuergluten, die sich bei Eurem Anblick entzündet haben und jetzt zu heller Lohe aufschlagen, versperren mir den Weg. Ich weiß, daß ich ein gegebenes Wort breche, daß ich dem besten Mädchen schweres Leid zufüge, daß ich ihren Vater beleidige – ich kann doch nicht anders. Es zwingt mich zu Euch, wird mich ewig zu Euch zwingen. Oh, sprecht nur ein gütiges Wort, Ursula, und ich bin morgen frei, es Euch mit allem zu lohnen, was ich bin und habe. Befehlt, wohin ich Euch folgen soll, und keine Rücksicht wird mich halten. Noch diese Nacht ... was hindert uns, in die weite Welt zu reiten? Wenn Ihr mich aber nach meiner Heimat begleiten wollt, Allerschönste, so will ich meinem Vater zu Füßen fallen und ihm sagen, daß Ihr die Braut seid –« »Schweigt, Unverschämter!« herrschte Ursula ihn an, seine Schulter zurückstoßend, die sich an ihre Brust drängte. »Ihr versucht mich nicht mit Eurem teuflischen Locken. Und wäret Ihr der Fürst dieser Erde selbst. Ihr solltet keine Macht über meine Sinne haben, denn mein ganzes Herz gehört –« »Ha!« rief er, »sprecht es nicht aus, was mich vernichtet. Ihr müßtet sterben in meinen Armen – keinem andern dürft ich Euch gönnen. Nein, Ihr täuscht mich nicht! Dasselbe Feuer, das mich verzehrt, lodert auch in Eurer Brust. Wollet es nur nicht gewaltsam löschen. Ihr seid mein, Ursula!« Er sprang vom Pferde, ging neben ihr her, umschlang sie mit den Armen und suchte sie aus dem Sattel zu heben und zu sich hinabzuziehen. Sie wehrte ihn mit allen Kräften ab und trieb zugleich mit dem Fuß und der Gerte den Grauschimmel immer vorwärts, so daß Jost nur im Laufschritt folgen konnte. Da er nun in den Zügel faßte, bäumte sich das scheu gewordene Tier und drohte die Reiterin abzuwerfen. Diesen Augenblick benutzte er, sie fester zu umschlingen und auf seinen Arm zu heben. Aber es gelang ihm auch jetzt nicht, sie bügellos zu machen. Sie umklammerte den Hals des kleinen Pferdes und drückte es dadurch hinunter. »Marcus – Marcus!« schrie sie in furchtbarer Angst. Und da eilte Marcus schon mit geflügelten Schritten herbei, als ob er nur auf diesen Hilferuf gewartet hätte. Er war nicht zur Ruhe gegangen, da er Ursula noch nicht heim wußte. Dann wurde er durch das Hundegebell aufmerksam, das sich gar nicht beruhigen wollte, ging ihm nach und sah endlich bei der Biegung des Weges, was ihn mit Schrecken erfüllte. Eben sprang der Reiter ab, den er nicht erkannte, und bestürmte Ursula. Er verdoppelte seine Anstrengungen, war kaum noch fünfzig Schritte entfernt, als er seinen Namen rufen hörte. In mächtigen Sprüngen eilte er zur Stelle, faßte den Angreifer von hinten ins Genick und schleuderte ihn zur Seite. »Nichtswürdiger«, schrie er ihn an, »was erfrecht Ihr Euch auf offener Landstraße?« Dann wandte er sich zu Ursula. »Warum mußtet Ihr den Hof so spät noch verlassen? Wenn ich nicht zur rechten Zeit gekommen wäre –« »Verzeiht, Liebster«, fiel sie ein, »und habt Dank.« Sie neigte sich, legte den Arm um seine Schulter und küßte seine heiße Stirn. »Es geschah Eurer Schwester zuliebe. Wie könnt ich ahnen, daß seine Verblendung ... Nein! Blickt nicht zurück! Ihr dürft ihn nicht kennen, der so frevelhaft –« Da aber schlug der Mann, der sich wieder vom Boden aufgerichtet hatte, eine helle Lache an. »So also steht's? Er ist der Erwählte? Hahaha!« »Jost!« rief Marcus ganz entsetzt. »Du –?« »Glaubt ihm nicht, was er Euch sagt,« bat Ursula voll Angst. »Es ist Wahnsinn, was aus ihm spricht – ein höllischer Geist hat ihn verblendet, daß er dem eigenen Herzen Gewalt tut. Er liebt Magdalene. Wenn er mich nicht mehr sieht ... Er soll mich nicht mehr sehen, ehe ihre Hände am Altar vereint sind. Lebt wohl – lebt wohl!« Sie galoppierte dem Hofe zu. Die beiden jungen Männer standen einander gegenüber, nicht zwei Schritte entfernt. Marcus schien eine Erklärung zu erwarten; er konnte noch immer nicht recht begreifen, was geschehen war, wollte an des Freundes Treubruch nicht glauben. Jost maß ihn mit trotzigen Blicken. »Nun –?« brach er endlich das Schweigen, »was willst du von mir? Dein Recht an jene dort acht ich nicht. Aber du bist der Bruder – dem Bruder will ich Rede stehen und auch den Kampf mit tödlichen Waffen, wenn er ihn fordert, nicht verweigern.« »Den Kampf?« fragte Marcus verwundert zurück. »Bin ich ein Raufbold, der auf der Landstraße Händel sucht? Und du ... wofür willst du die Waffen gegen mich ergreifen? Versteh ich das? Für einen Schimpf, den du meiner Schwester ... Du sagst, ich sei der Bruder. Das also –! Und Ursula ...« Jost sank stürmisch an seine Brust. »Marcus, Marcus«, rief er ganz verzweifelt. »Daß du mir ins Herz sehen könntest! Es war kein frevles Spiel, das ich mit Magdalene, mit euch allen getrieben habe. So wahr ein Gott im Himmel lebt, über meine Lippen ist keine Lüge gekommen: ich wußte mir kein höheres Glück, als deine Schwester mein zu nennen, sie heimzuführen als mein Weib. Aber einmal schon verstörte dieser Dämon mein Gefühl. Und jetzt... Es ist, als ob ihr Anblick mein Blut in Aufruhr bringt, meine Gedanken verwildert, mein Gewissen einschläfert. Wenn sie mich riefe ... und müßt' ich ein todwürdiges Verbrechen begehen, ich könnte nicht Widerstand leisten. Wenn Magdalene meine Hand faßte, mich zurückzuziehen und mit innigster Bitte in mich dränge, ihrer zu gedenken – so sehr ich sie liebe, ich müßte mich losreißen und ihr mein Ohr verschließen und der Zauberin zu Füßen sinken, die mich mit ihren Augen zwingt. Und wenn sie mich nicht ruft, wenn sie mich verächtlich von sich stößt – ich kann doch nicht aus ihrem Bann. Ach! Verschwendet sind alle Worte – du kannst, du darfst mich nicht verstehen. Nur das eine siehst du ... daß Magdalene ... O mein Gott! Wie ich sie beklage, wenn ihre Liebe auch dies übersteht. Nein, sage ihr, daß ich schuldig bin, daß sie das beste Recht hat, mich zu hassen, zu verabscheuen –« »Jost!« schrie Marcus auf. »es ist dein Wille, das Band zu lösen, das gestern erst ...« Der Ton erstickte ihm in der Kehle. Er schob ihn von sich ab, legte die Hände auf seine Schultern und krampfte die Finger in sein Fleisch, als ob er ihn zermalmen wollte. »Was kann ich anders tun?« stammelte Jost. »Nach dem, was hier geschehen ist ... und morgen wird sich's wiederholen – immer und immer, bis Ursula ...« »Und die ganze Stadt war Zeuge –!« »Ja! Aber wenn die ganze Welt ... Wie kann ich's ändern?« »Wortbrüchiger!« »Willst du deiner Schwester Unglück?« »Noch ist nichts Unverzeihliches geschehen.« »Aber ich kann nicht bereuen. Ich habe keinen anderen Wunsch, als daß Ursula mich erhört.« »Er ist unerfüllbar. Ursula liebt mich.« »Ha! Sage das nicht. Ich könnte ...« Jost griff ihm an die Kehle. Marcus schüttelte ihn mit Löwenkraft ab, so daß er zurücktaumelte. »Ursula liebt mich«, wiederholte er. Jost schien sich nochmals auf ihn stürzen zu wollen. Plötzlich aber wurde er anderen Sinnes, schwang sich auf sein Pferd und jagte davon. »Nimm dich in acht«, schrie er ihm zu, »daß ich euch nicht beisammen sehe. Es wäre dein Tod!« Lange noch stand Marcus auf der Landstraße wie versteinert, in sich hineingrübelnd. Der Kopf hing ihm schwer hinab – es wollte keine Ordnung in sein Denken kommen. Arme Schwester! – Ursula hatte ihrem Grauschimmel den Stall geöffnet und war dann im Hause leise die Stiege aufwärts gegangen und in das Giebelstübchen eingetreten, in dem die Mädchen schliefen. Durch das Ölpapier des Fensters, hinter dem die Lade nicht geschlossen war, drang so viel Schimmerlicht, daß sie die Gegenstände erkennen konnte. Magdalene lag in dem breiten Bett, in dem sie gemeinsam zu ruhen pflegten, schlief aber nicht. Ursula hörte sie, als sie auf den Zehen heranschlich, in schluchzenden Tönen weinen. Erst als sie sich aufs Bett setzte, richtete Magdalene sich erschreckt auf. »Bist du's?« fragte sie. »Ich hörte dich nicht kommen.« Ursula umfaßte sie und zog den Kopf der Freundin an ihre Brust. »Weine nicht, Liebste«, sagte sie mit sanfter Stimme, ihre Wange streichelnd, »es wird alles wieder gut werden.« »Es wird nicht wieder gut werden«, antwortete Magdalene, von neuem in Tränen ausbrechend, »es kann nicht wieder gut werden. Ach, ich wußte es ja! Er durfte dich nur sehen, und all mein Glück war hin. Nur bei dir war er seitdem den ganzen Tag.« »Zürnst du mir deshalb?« »Wie sollte ich dir zürnen? Was hast du dazu getan – was kannst du dagegen? Er hat mir's gestanden – es geht ein Zauber von dir aus, dem er nicht zu widerstehen vermag, wie er sich auch wehrt. Und er hat sich redlich gewehrt. Deine Augen – deine Augen ... ich kann's ja begreifen!« »Sie sollen ihn nicht mehr beirren. Wahrlich, selbst muß ich es für einen Zauber halten, an dem ich doch unschuldig bin, daß er durch mich so aus der Bahn gerissen wird und einem Trugbild nachjagt, von dem doch sein Herz nichts weiß. Denn, glaube mir, du bist in seinem Herzen – jetzt wie damals, als er mir zuerst begegnete. Ich weiß nicht, was ihn so verstört, wenn er mich sieht. Er soll mich nicht mehr sehen. Schon zu lange weile ich hier. So gastlich Euer Haus, ich darf nicht vergessen, daß ich zu meiner Mutter gehöre.« »Wie, du wolltest –?« »Abschied nehmen und heimkehren – und bald, recht bald. Deine Eltern sind so gut zu mir. Wie dankbar ich ihnen bin – das läßt sich gar nicht aussprechen. Wenn sie je daran zweifeln könnten, führe du für mich das Wort bei ihnen. Und bitte deinen Vater auch, daß er dem Herrn Hochmeister von meinetwegen herzlichen Dank sage für alle Guttat, die ich nicht vergelten kann. Ich treffe ihn wohl nicht mehr.« »So eilig denkst du ...« »Es muß rasch geschehen. Morgen schon. Was kommt's auf den Tag an, wenn's doch geschieden sein muß.« Sie küßte ihr die Tränen von den Augen fort. »Du wirst keinen Grund mehr haben, darüber traurig zu sein.« »Aber Marcus – Marcus ...« »Marcus! Seinetwegen bliebe ich gern. Aber es geschieht doch auch seinetwegen, daß ich gehe. Sieh, es besteht zwischen uns eine Heimlichkeit, die mich sehr beseligt. Aber es ist doch nicht gut, daß wir länger zusammen sind in seines Vaters Hause. Wie ich ihn liebe, weiß er, und daß er in seinen Gedanken treu zu mir hält bis an der Welt Ende, darauf vertrau ich. Und du hörst es ja nun auch aus meinem Munde und bist seine Schwester. Wie ich dich jetzt küsse, so küsse ihn und richte ihn auf mit gutem Trost, wenn er dessen bedarf.« Sie drückte Magdalene fest an die Brust und hielt lange den Mund auf ihrem Munde. Dann ließ sie sich mit ihr auf das Kissen niedersinken. »Nun aber schlafe. Liebste, und träume süß. Du darfst gang ruhig sein. Gute Nacht!« Ursula lag eine Weile unbeweglich neben ihr, den Arm unter ihren müden Kopf gestützt. Und Magdalene schlief wirklich ein, ihren Kummer vergessend. Morgen sollte ja erst geschieden sein – morgen ... Ursula aber schloß die Augen nicht. Für sie war morgen der frühe Tag, den die erste Lerche begrüßte. Es wurde ganz dunkel im Stübchen. Nach wenigen Stunden aber füllte sich dasselbe bereits wieder mit einem sanften Dämmerlicht, lange vor Aufgang der Sonne. Ursula zog leise ihren Arm fort und erhob sich. Sie öffnete eine buntbemalte Truhe, die ihre Habseligkeiten enthielt, packte sie in ein Tuch und knüpfte dasselbe über Kreuz zusammen. Noch einmal beugte sie sich über Magdalene, die in langen regelmäßigen Zügen atmete, wagte aber doch nicht, ihre Lippen zu berühren. »Leb wohl!« flüsterte sie. Dann schlich sie die Stiegen hinab und durch die unverschlossene Tür auf den Hof. Dicht am Hause lag der Hund. Er hob den Kopf, erkannte sie und bellte nicht, sondern folgte ihr schweifwedelnd nach dem Stalle. Der Gotländer stand noch gesattelt. Sie führte ihn hinaus vor das Hoftor. Dort stieg sie an einem Stein auf und hing das Bündel an den Sattelknopf. Dann entfernte sie sich in eiligem Trabe, der Elbinger Straße folgend. Die Knechte und Mägde schliefen noch. Niemand hatte sie abreiten sehen. Erst als Magdalene zum Frühstück hinabkam, wurde sie vermißt. Nun trat ihr jedes Wort in Erinnerung, das Ursula gestern gesprochen hatte. »Morgen – morgen ...« grübelte sie. »Das also war schon der Abschied.« Elftes Kapitel Der Kaiser soll sprechen Eines Tages noch ziemlich in der Frühe, als Tileman vom Wege in seiner Kontorstube saß und einen Handelsbericht überrechnete, der ihm von Brügge aus geschickt worden war, wurde ihm gemeldet, daß der Bürgermeister von Danzig, Herr Wilhelm Jordan, in der Nacht eingetroffen sei und ihn vorerst zu sprechen wünsche, ehe er aufs Rathaus gehe. Tileman kannte ihn als einen bedächtigen, zuverlässigen Anhänger des Bundes und erklärte sich sofort bereit, ihn zu empfangen oder ihm selbst den Besuch abzustatten, wenn der wohledle Herr sich nicht bemühen wolle. Er konnte sehr höflich sein, wenn er es seinen Zwecken dienlich glaubte. Jordan folgte dem Boten auf dem Fuße. Er war ein Mann etwa in dem Alter des Thorner Ratsherrn, groß und knochig gebaut, bartlos, aber durch kräftige Augenbrauen und reichliches Haupthaar ausgezeichnet. Das Gesicht mit der starken Hakennase und dem breiten, scharfkantigen Kinn schien wie aus Eisen geschnitten. Er hatte den Danzigern schon gute Dienste getan als Abgesandter nach Lübeck und Stockholm, auch als Hauptmann ihre Schiffe geführt. Es mußte etwas zu bedeuten haben, daß er selbst jetzt nach Thorn kam, mit Tileman vom Wege Rat zu Pflegen. Mit festen Schritten ging er durch das Zimmer Tileman entgegen, der sogleich aufgestanden war. Wie die beiden Männer einander die Hand schüttelten, wußten sie, daß sie in gutem Einverständnis waren. Danzig und Thorn selbst begrüßten sich so. Tileman bot ihm den Ehrenplatz im großen Lehnsessel. »Willkommen, Herr Wilhelm Jordan«, rief er, »willkommen. Ihr kommt recht zum Frühtrunk und sollt das Beste haben, das mein Keller für so liebe Gäste bereithält.« Er wollte nach der Tür gehen und seine Befehle erteilen. Aber der lange Arm und die knochige Hand des Gastes hielten ihn zurück. »Laßt, laßt«, hinderte derselbe, »ich habe erst eben meine Biersuppe gegessen, da ich nach der Reise ungewöhnlich lange schlief. Auch fragt sich's, ob das, was ich bringe, eines guten Trunkes wert ist. Könnt' Euch am Ende gar den besten Wein in Essig verwandeln« »Sprecht«, sagte Tileman, »ich will auf nichts Gutes gefaßt sein.« Der Danziger Bürgermeister löste den Riemen von der Tasche, die er am Gürtel trug, und zog einen Umschlag heraus, in dem sich ein doppelt zusammengefaltetes Schreiben mit großen Siegeln befand. »Der römische König hat gesprochen«, bemerkte er, es vorsichtig entfaltend. Tileman griff danach. »Der römische König –?« »An den Rat der rechten Stadt Danzig, des preußischen Bundes Haupt, und die anderen Verbündeten in Preußen. Da sehet nun, wie gut der Legat sein Versprechen gehalten hat. Wahrlich, groß war seine Freude über des Landes friedliches Einvernehmen mit dem Orden! Er segnet uns den Frieden, den er nicht mit des Bundes Vernichtung zustande gebracht. Wie er dem Heiligen Vater über den Ausgleich berichtet hat, wissen wir nur zu gut. Doch dies mag so seines geistlichen Amtes sein, und haben wir uns dessen nicht anders versehen. Daß er aber Fürsten und Städte im Reich gegen uns aufhetzt, wie ihre Abmahnungen beweisen, ist ihm noch nicht genug. Der schlaue Fuchs weiß, wie er uns besser treffen kann. Er verbündet sich mit dem blutgierigen Wolf, dem Venningen, der uns gern schon längst mit Haut und Haar gefressen hätte, und bringt mit seinem Geleitbrief die heimtückische Klage gleich vor des Königs Stuhl. Man hört uns nicht und verdammt uns. Da steht's geschrieben und besiegelt.« Nur mit halbem Ohr hatte Tileman zugehört. Er war in das kaiserliche Schreiben vertieft und zog den Mund schief, bald spöttisch lächelnd, bald die Lippen zusammenkneifend. Da stand freilich mit dürren Worten des Kaisers Gebot, den Bund schlechterdings abzutun, ihren Streit beizulegen und dem Orden Gehorsam zu leisten, anderfalls es nötig sein werde, wider sie nach Reichsrechten zu verfahren. »Ja, ja«, sagte Tileman bitter, »man hört uns nicht und verdammt uns. Die Buben haben ihre Zeit gut gewählt zu des Königs Romfahrt. Für die Kaiserkrone aus des Papstes Hand ist dies eine gar geringe Gefälligkeit. Aber nur zu, nur zu! Häuft das Maß, bis es übergeht. Es soll euch wohl bekommen.« Diese Exklamationen waren nicht nach Jordans Geschmack. »Was soll jetzt geschehen?« fragte er. »Wir können dieses kaiserliche Schreiben unmöglich unterdrücken. Versuchten wir's, so würde von der anderen Seite bald dafür gesorgt sein, daß es jeder Bauer und Kleinkrämer auswendig wüßte. Denn daß dem Herrn Hochmeister Abschrift davon gegeben, dürfen wir für gewiß halten. Ein großer Teil der Bundesverwandten wird aber schon gar schwierig. Des Papstes Drohung mit Bann und Interdikt, der Kurfürsten und anderer Herren Mahnschreiben zur Unterwerfung hat ihren Eifer sehr gekühlt. Die kleinen Städte, wennschon sie uns laut noch ihre Treue verkünden, überlegen doch im stillen, auf welcher Seite die größere Macht ist, und werden an uns irre. Was aber am bedenklichsten: auch Ritter und Knechte des Landes kommen ins Schwanken, beschuldigen uns arger Ränke und ziehen ihre Siegel zurück. Das hat guten Grund, weil Hans von Baisen ein verstecktes Spiel spielt und Hans von Czegenberg kürzlich sein Partner geworden ist. Helfe mir Gott, ich halte sie für Erzschelme, die den Mantel nach dem Winde tragen und heimlich für des Ordens Sache arbeiten, unter dem Vorwand, Frieden stiften zu wollen. Wird nun Kaiser Friedrichs Schreiben bekannt, so sehe ich schon, wie sie die Köpfe ducken, die jetzt noch aufrecht gerichtet sind. Leicht kann's so geschehen, daß die großen Städte mit den Eidechsen allein bleiben.« »Das wäre das schlimmste noch nicht«, rief Tileman, die Faust auf des Kaisers Brief setzend. »Wir haben einen großen Anhang, aber er lähmt uns mehr, als er uns kräftigt. Es ist überall schwer, viel Köpfe unter einen Hut zu bringen, aber hier in Preußen am meisten; dahin sind aus allen Reichslanden vor ein- und zweihundert Jahren die Allerhärtesten zusammengekommen, und das wirkt noch nach. Da müssen wenige den Zügel fest in der Hand haben und beständig die Sporen einsetzen, wenn das Rößlein scharf geradeaus aufs Ziel gehen soll. Die großen Städte und die Eidechsen – die wissen wenigstens, was sie wollen. Entledigt sie aller Rücksicht auf die schwächeren Genossen, und sie werden nicht lange im Zweifel sein, welchen Weg sie einzuschlagen haben.« Jordan legte das Kinn in die Hand und sah ihn von unten her mit einem forschenden Blick an. »Und kennt Ihr selbst den Weg?« fragte er. Der Thorner wich ihm nicht aus. Aber er saß eine Weile schweigend und überlegend, zugleich den Mann musternd, den er sich gegenüber hatte. Bald blitzten seine Augen, bald schien ihr Feuer erloschen oder eine Schirmwand vorgezogen. Endlich faßte er seine Hand und sagte: »Darf ich Euch in allem vertrauen?« »Ihr dürft's«, antwortete der Bürgermeister zuversichtlich. »Was mir nicht gefällt, das will ich nicht gehört haben.« »Gut denn! So sag' ich Euch meine Meinung unverhohlen. Ich hab' mich vor kurzem selbst in den Eidechsenbund aufnehmen lassen, um stets alle seine Geheimnisse zu wissen und jederzeit mit im Rat zu sein. Da täuscht sich niemand mehr, daß wir mit dem Orden gute Eintracht halten und unser Recht bewahren können. Sondern wie zwei Ringer stehen wir, die einander mit den Augen messen, ob sich einer eine Blöße gebe, daß der andere zuspringe und ihn niederwerfe. Der Orden kann uns nicht gerecht werden: er muß herrschen oder untergehen. Es ist eine Kluft zwischen uns, die kann kein guter Wille hüben und drüben füllen. Aber denen, die den Tag der Entscheidung hinausschieben wollen, scheint's nützlich, Sparren darüber zu legen und Reisig darauf zu werfen, daß man sie nicht sehe. Eitle Mühe! Die Brücke trägt kaum die Leisetreter hier und dort. Der Weg führt nicht da hinüber, sondern seitab. Nur eins kann uns helfen: daß wir uns Polen in die Arme werfen!« Jordan zuckte mit den Wimpern und Mundwinkeln. Da war das Wort ausgesprochen, das so viele in Gedanken hatten und doch sorglich hüteten. Ein gefährliches Wort! Es erschreckte ihn nicht, aber es verursachte ihm eine unangenehme Empfindung. Sie drückte sich selbst auf seinem eisernen Gesicht aus. Unwillkürlich sah er sich nach der Tür um, ob sie fest geschlossen sei. Seine Finger spielten unruhig auf der Tischplatte. »Es kann sein, daß Ihr schließlich recht behaltet«, sagte er verdrießlich, »aber es ist noch nicht an der Zeit, Euch recht zu geben. Wenn die Eidechsen sich so kampfmutig zeigen – ich zweifle, daß die großen Städte gesonnen sind, für die Rüstung zu sorgen. Noch ist nicht das letzte versucht, den Frieden zu bewahren. Der Kaiser hat gesprochen, ohne uns gehört zu haben. Er soll uns hören!« »Und glaubt Ihr, er wird dann anders sprechen? Erklärt nicht der Papst der Kirche Recht für verletzt? Und zittern nicht die Kurfürsten und Fürsten und alle Herrlein, es könnten auch bei ihnen die Untertanen einen Bund eingehen gegen Gewalt? Hätten wir auch noch mehr Klagen und Beschwerden, Kaiserliche Majestät wird ihr Ohr verschließen, weil sie's nach der andern Seite allzusehr offen haben muß. Wenn wir tun wollten, was doch nicht ungetan bleiben darf, wir kämen rascher und sicherer zum Ziel. Aber wir kennen unsere Leute, und darum stimm' ich Euch trotzdem zu: der Rechtsgang ist unvermeidlich. Der Kaiser muß als Schiedsrichter sprechen zwischen dem Lande und dem Orden. Wie sein Spruch fällt, der eine oder andere Teil wird ihn nicht als gerecht annehmen. Und darum können wir ihn nicht entbehren.« Der Danziger Bürgermeister nickte. »Und wird der Bund sich entschließen, den Kaiser anzurufen? Nach diesem Schreiben ...« »Es soll uns dazu nützen. Nicht demütig wollen wir's hinnehmen, sondern mit einem Schrei des Unwillens über unserer Gegner hinterlistige Machenschaft. Der Kaiser ist hintergangen, belogen! Da steckt wieder kein anderer dahinter als der Ermländer Bischof, der saubere Prälat! Und wäre der Orden unschuldig an diesem kaiserlichen Verbot. Heimlich hat er uns angeklagt und verschwärzt, da er doch dem Legaten öffentlich bezeugt hat, es sei fürder kein Streit zwischen uns und alles in guter Eintracht verglichen. So bringen wir's vor die nächste Tagfahrt und setzen sie uns selbst, wenn der Hochmeister widerstrebt. Es wird großer Lärm sein über solche Ungerechtigkeit. Dann bringen wir des Kaisers Brief vor ihn selbst und seinen Orden mit solchem Begehren, daß er sich verantworte oder uns schütze gegen so boshafte und heimtückische Anklage. Weigert er's, so wissen wir gesamt, woran wir sind. Dann wird nicht ein einziger von den Bundesverwandten raten, Kaiser Friedrich unbeschickt zu lassen. Was aber einmütiglich beschlossen ist, das wird auch einmütiglich durchgeführt werden müssen.« »Ihr habt meine ganze Zustimmung«, erklärte Jordan. »Bringen wir die Sache vor den Kaiser. Ich hoffe, daß er uns ein gerechter Richter sein wird, wie unsere Sache gerecht ist.« Tileman zog eine Grimasse des Zweifels. »Wir halten sie dafür, also ist sie's«, sagte er. »Des Kaisers Gerechtigkeit in Ehren. Aber Ihr kennt unserer Bauern Sprichwort: Wer god schmärt , der god fährt. Es soll sich auch in der Wiener Hofburg bewähren. Darum muß noch viel mehr geschehen, als ich vorhin geraten. Wie der Kaiser auf des einen Teils Anbringen den Bund verdammt hat, so kann er wohl auch auf des andern Teils überzeugendes Vorstellen« – er machte die Gebärde des Geldzählens aus der rechten Hand in die linke – »vorläufig zu einem anderen Schluß kommen und einseitig den Bund anerkennen. Ob er's dann auch mit gewundenen und gar zweideutigen Worten tue, soll's uns nicht verdrießen. Das wichtigste ist, daß wir den Unsern ein Dokument mit kaiserlicher Unterschrift und Siegel vorlegen können, daraus sie neuen Mut schöpfen. Deshalb öffnet den Beutel, ihr Danziger, und gebt mit vollen Händen. Es bringt sich euch zehnfach wieder ein.« Der Bürgermeister zog sauer lächelnd ein wenig die Schulter auf. »Ihr Thorner habt das Stapelrecht und möchtet zuerst an die Reihe kommen.« »Es ist lange nicht so einträglich als Euer Seegeschäft und will täglich gegen Beeinträchtigung der Neider gehütet sein. Aber ich will gern für Thorn einstehen, daß es nach Kräften beitrage, und mich auch bei Elbing, Braunsberg und Königsberg um eine stattliche Beihilfe bemühen. Jetzt gilt's, nicht kläglich abzuwägen, ob ein Schock Groschen unnütz ausgeworfen sei und hätte gespart werden können. Die Freiheit, um die wir streiten, ist vieltausendfach mal mehr wert. Wollen wir des Kaisers Ohr haben, so müssen wir in seiner Kanzlei die Goldstücke lieblich klingen lassen. Ich kenne der Welt Lauf.« »Ist es nicht aber billig, lieber Gevatter, daß der ganze Bund trage, was zu seinem Nutzen verwandt wird? Ich fürchte, man ist in den großen Städten bedenklich, solche Last allein auf sich zu nehmen – schon damit kein Präjudiz für künftige Fälle geschaffen werde.« Tileman schlug auf den Tisch. »Zum Teufel mit solcher Vorsicht; sie macht uns die Beine lahm, ehe wir noch den ersten Schritt getan haben. Ist einer so voll Einfalt, nicht zu wissen, daß ein solcher Rechtshandel Geld kostet, viel Geld? Sagen die von den kleinen Städten und vom Lande also ja, so gestehen sie zugleich auch die Kosten zu. Sie werden künftig verteilt und ohne Murren getragen werden. Oder auch mit Murren, was uns doch nicht beschwert. Kommen wir ihnen aber jetzt wie der Küster mit dem Klingelbeutel vor der Predigt, so werden wir lauter verdrießliche Gesichter sehen und wohl gar hören müssen, wir sollen's in Wien bleiben lassen, überhaupt mein' ich, paßt sich eine solche heimliche Sache nicht zur Beratung in corpore . Viel Köpfe, viel Sinne! Wir wollen's ihnen klarmachen, daß sie viel Zeit und Geld verderben, wenn sie überall zugezogen sein wollen, und daß sie gut tun, einen engeren Rat zu wählen, zu dem sie Vertrauen haben. Es ist nicht zweifelhaft, auf wen die Wahl fällt, dann haben wir freie Hand und doch den Haufen hinter uns.« »Da trefft Ihr das Rechte«, rief Jordan erfreut. »Ja, ja, ein engerer Rat ist dem Bunde vonnöten. Ich stehe gut dafür, daß man auf solche Bedingungen in Danzig alles bewilligt, was wir fordern.« »Und zu dem engeren Rat gehört noch ein engster«, sagte Tileman, listig mit den Augen blinzelnd. »In dem haben Danzig und Thorn und einige von den Eidechsen, auf die voll Verlaß ist, Sitz und Stimme. Er ist nicht gewählt und nicht bestätigt. Aber er ist da als eine Macht, die durch sich selbst gilt. Schlagt ein, Herr Wilhelm Jordan! Und wenn es Euch genehm ist – es halten sich gerade zwei von den Eidechsen in der Stadt auf, an die zu denken wäre: Herr Augustin von der Schewe und Herr Gabriel von Baisen, des lahmen Hansens Bruder. Ich will sie in mein Haus berufen. Sind wir einig über das, was geschehen muß, so wird's geschehen.« Der Danziger gab nach einigem überlegen seine Genehmigung. Er fühlte, daß ihn Tileman weiter fortzog, als er hatte gehen wollen. Aber die stille Befürchtung, daß man andernfalls auch ohne ihn einen Beschluß fassen würde, nötigte ihn halb wider Willen zu folgen. Während der Hausherr nach der Herberge der Eidechsenritter schickte und zugleich den Imbiß bestellte, schritt er im Zimmer auf und ab. Der Kopf war ihm heiß. »Er ist der rechte Mann zur Tat«, murmelte er. Als Tileman zurückkam, brachte Jordan das Gespräch auf seinen Sohn. »Ist's denn wahr, was man erzählt?« fragte er. »Die Marienburger verbreiten gar wunderliche Gerüchte. Er soll ganz und gar den Verstand verloren haben.« »Den hat er verloren, als er nach Marienburg zur Freischaft ging«, antwortete Tileman, gezwungen lachend. »Mit meiner Einwilligung ist's freilich geschehen, aber daß es so kommen würde über kurz oder lang, wußt' ich voraus. Nur daß sich so rasch die Vernunft wiederfinden würde, hat mich selbst überrascht. Er meinte, daß es ihm ans Leben gehe, wenn er Blumes hübsches Töchterlein nicht zur Frau erhielte. Je mehr ich dämmte, desto höher wuchs die Flut seiner leidenschaftlichen Bitten und Drohungen, bis zuletzt mein ganges Haus in Gefahr stand, umgerissen zu werden. Da ließ ich dem wilden Strom den Lauf. Wie er sich aber in die Niederung ausbreitete, war seine Gewalt bald von selbst gebrochen. Lahm und matt spülte er ans Ziel.« Jordan schien diese Auskunft nicht befriedigend zu finden. »Es ist doch bedauerlich«, meinte er, »daß Bartholomäus Blume so gekränkt wurde. Sagt was Ihr wollt von ihm, aber für einen achtbaren Mann werdet Ihr ihn halten müssen. Nun erhebt sich ein Geschrei, daß wir unsere Gegner nicht mit ehrlichen Waffen bekämpfen, sondern boshaft verunglimpfen. Das ist nicht gut.« »Das ist nicht gut«, wiederholte Tileman. »Aber macht mir keinen Vorwurf. Weil ich Blume für einen achtbaren Mann hielt, so gab ich meine Einwilligung zum Verlöbnis, wie schwer mir's auch ankam. Und weil ich ihn nicht gekränkt wissen wollte, so hab' ich Jost nach der Rückkehr ernstlich gemahnt, sein gegebenes Wort zu halten, wie gern ich ihn auch wieder frei sah. Aber es war mit ihm nichts zu richten. Er könne nicht, antwortete er, es möge geschehen, was da wolle, und dabei blieb er, trotz aller Vermahnungen. Es hat ihn selbst arg mitgenommen, so daß er wochenlang fieberte, wie ein Einsiedler hauste und wenig Nahrung zu sich nahm. So hab' ich's zuletzt für geraten erachtet, ihn eine Weile außer Landes zu schicken, damit er andere Gesichter sehe und eine Beschäftigung habe. Er sitzt jetzt in Brügge und besorgt den Einkauf flandrischer Tuche, die für den polnischen Hof bestimmt sind.« »Was ist denn aber der Grund dieses plötzlichen Umschlagens«, fragte der Bürgermeister. »Man schwatzt darüber allerhand, dem ich doch geringen Glauben beimessen möchte. Bei Blume soll sich seit dem Winter ein junges Frauenzimmer aufgehalten haben, dessen rechte Herkunft niemand kennt. Es heißt, daß der Herr Hochmeister dabei seine Hand im Spiel gehabt, auch seitdem im Hause heimlich verkehrt und selbst öffentlich das sehr schöne Fräulein ausgezeichnet habe. Das soll nun gerade zu der Zeit verschwunden sein, da Euer Sohn –« »Ich weiß davon nichts«, fiel Tileman barsch ein. »Im übrigen mag es sich wohl so verhalten. Herr Ludwig von Erlichshausen ist nie ein Heiliger gewesen. Es sollt' mich nicht wundern, wenn er's als Hochmeister so weiter triebe, wie er's als Ordensritter getrieben hat. Aber ich weiß auch davon nichts – will nichts wissen.« Jordan schüttelte den Kopf. »Ihr vergeßt, daß es Barthel Blume ist, der das Fräulein beherbergte. Solchem Umgang hätt' er nie Vorschub geleistet. Eher war's glaublich, daß der Hochmeister sich einer alten Verpflichtung erinnert hätte... Die Herren vom schwarzen Kreuz haben manchmal – Nichten, für die sie ritterlich sorgen.« »Es mag so sein oder nicht sein«, grinste Tileman, »was geht das Jost an?« »Nichts für ungut, lieber Gevatter«, lenkte Jordan ein. »Man schildert das Fräulein als sehr absonderlich und behauptet, es hätte den bösen Blick. Schon mancher Bürgerssohn von Marienburg sei durch ihn ins Unglück gebracht worden. Nun habe auch Euer Jost an sich erfahren ... Aber man begreift ja, wie die Fabel entstanden ist. Laßt's Euch nicht anfechten.« Tileman knurrte etwas Unverständliches in den Bart. Es ärgerte ihn, daß Wilhelm Jordan eine Art Verhör mit ihm anstellte, vielleicht nicht einmal aus eigener Bewegung, sondern von seinen Kollegen im Danziger Rat angestiftet. Man kümmerte sich gern um des lieben Nächsten häusliche Angelegenheiten und übte Zensur. Er hatte dem Sohn, der von einer »schönen Teufelin« sprach, auf den Kopf gesagt: Wie ein Besessener handelst du und beträgst du dich! Er kannte Jost als leichtsinnig und dachte an irgendein galantes Abenteuer, das ihn von Magdalene abgezogen. Er forschte absichtlich nicht naher nach. Nun war zu seinem nicht geringen Verdruß etwas davon unter die Leute gekommen und nach solcher Gerüchte Art mit bunten Lappen behängt herumgetragen worden. Daß man den verhaßten Hochmeister hineinzog, ärgerte ihn noch am meisten: das Märchen konnte absichtlich so gewendet sein, um Jost verächtlich und ihn selbst lächerlich zu machen. Darum meinte er das Gerede gar nicht an sich kommen lassen zu dürfen. Je schroffer er den eisten Versuch abwies, desto nachdrücklicher verschaffte er sich für alle Zeit Ruhe. Es war gut, daß die beiden Eidechsenritter eintraten und dem Gespräch über diese verdrießlichen Dinge ein Ende machten. Tileman übernahm sogleich wieder die Führung, indem er des Kaisers Schreiben vorlas und den neuen Feldzugsplan entwickelte. Er fand bei diesen Gästen großen Beifall. »Er faßt den Stier bei den Hörnern«, sagte Gabriel von Baisen, sich im Sessel streckend und mit den großen klugen Augen dem Bürgermeister von Danzig zuwinkend, »so kann's gelingen, ihn zahm zu machen. Seid Ihr derselben Meinung? Wir müssen den Kaiser umzustimmen suchen, koste es, was es wolle. Und wenn's nicht gelingt, dann –« er schluckte den richtigen Schlußsatz herunter und ließ die Rede in ein frommes: »Dann helfe uns Gott« auslaufen. Jordan nickte zustimmend. »Sollen wir euren Bruder Hans in den engeren Rat ziehen?« fragte er. »Laßt ihn vorläufig aus«, antwortete Gabriel. »Ich will auf seine Redlichkeit schwören, so unvernünftig man ihn setzt auch verdächtigt. Aber es ist für ihn noch nicht die Zeit gekommen, sich offen auf unsere Seite zu stellen. Laßt ihn aus vorläufig, er ist uns jetzt noch nützlicher draußen.« »Für Hans von Czegenberg möcht ich ebenso gutstehen«, sagte Augustin von der Schewe, den dicken Kopf aus den breiten Schultern hebend, »kenn' ich ihn doch von Kindesbeinen an und weiß, daß kein Falsch an ihm ist. Er mag bedenken, ob er nicht schon zu viel auf seine Kappe genommen habe. Wenn wir vorwärts gehen, wird er nicht zurückbleiben. Die Hauptsache ist, daß die großen Städte das Geld aufbringen, denn bei uns ist's immer knapp, wie Ihr wißt. Dafür wollen wir Ritter willig in erster Reihe stehen, wenn's doch einmal zum Schlagen kommen müßt'. Jeder nach seiner Fähigkeit, ihr Herren.« Man einigte sich bald über alle Maßregeln. »Noch eins«, rief Tileman vom Wege, als man schon aufgestanden war, »und nicht das Geringste! Es wird Zeit, die Böcke von den Lämmern zu sondern. Deshalb muß die Losung ausgegeben werden: Freund oder Feind! Wer nicht für uns ist in diesen ernsten Zeitläuften, der ist wider uns. Und sollten die Hündischen auch allewege danach handeln und in all ihrem Tun und Lassen keine andere Rücksicht anerkennen als die eine, daß der Bund zu Kräften komme und bei Kräften bleibe. Es soll fortan keine Gemeinschaft sein zwischen denen im Bunde und denen außerhalb, weder im Handel und Wandel, noch im geselligen Verkehr. Sondern man soll ihnen überall Widerpart halten, kein Geschäft mit ihnen treiben, allen Umgang mit ihnen meiden, gehörten sie gleich zur nächsten Blutsverwandtschaft oder Freundschaft, und sie in ihrem Erwerb schädigen, so viel es geschehen kann ohne des offenbaren Landrechts Verletzung. Sprecht mir nicht von christlicher Duldung und Nächstenliebe. Stehen wir miteinander im Kampf, so mag auch des Kampfes Gesetz entscheiden. Wir mögen keinem aufspielen, der nicht mit uns tanzen will; die wir aber in die Ecke drücken, die sollen es auch spüren in allen Knochen und die Engel im Himmel singen hören.« Es wurde nun bald mit aller Kraft die Lärmtrommel im ganzen Lande gerührt, als sei der Friede vom andern Teil schmählich gebrochen und der Bund aufs schändlichste beim Papst und Kaiser verleumdet. Tagfahrt folgte auf Tagfahrt, bald im engeren Kreise, bald von Ländern und Städten gesamt, meist mit Wechsel des Orts, damit hier- und dorthin keinem die Reise zu beschwerlich wurde. Die Ordensbeamten hatten nur immer aufzupassen, was in ihren Gebieten geschah, und nach Marienburg zu berichten. »Meineidige Schalke« schimpften die Bündischen die Ausgetretenen, jagten ihnen das Gesinde ab, verachteten ihre Siegel; und »bündische Hunde« tönte es von der anderen Seite zurück. Es wurde eine Deputation an den Hochmeister geschickt, er solle den Bund gegen den Kaiser vertreten. Das lehnte er ab und mahnte zum Gehorsam. Er meinte aus Seiner Majestät Schreiben zu erkennen, daß der Orden auswärts noch Freunde habe, die ihn schützen würden. Seinen Gebietigern war der Kamm gewachsen, jetzt dürfe man nur noch volle Unterwerfung annehmen. An dieser Nuß würden sich die Landesverräter die Zähne ausbeißen, meinten sie. Den sechs Sendboten, die vom Tage zu Marienwerder zu ihm gekommen waren, sagte Erlichshausen: »Wir haben seit etlichen Jahren untereinander ohne Richter schriftlich und mündlich Klage und Antwort aufgenommen, sind aber dadurch nicht zu Ruhe und Frieden gekommen, denn was uns Recht dünkte, schien euch Unrecht. Niemand ist in eigener Sache unparteiischer Richter. Fasset also alle eure Klagen wider uns zusammen, wie wir desgleichen die wider euch. Wir wollen dann beide vor einen gebührlichen Richter treten. Was dieser als Recht ausspricht, wollen wir euch fest und unverbrüchlich halten.« Sie sollten den Richter selbst wählen. Aber den Bündischen schien's nun nicht geraten, sich einer solchen Entscheidung blindlings zu unterwerfen. Sie antworteten mit einer neuen heftigeren Beschwerde über die Bedrängnis und Verfolgung, die ihnen auf des Ordens Anlaß von Papst, Kaiser und Fürsten werde. Der Herr Hochmeister könne es ihnen nicht verdenken, wenn sie sich darüber an gebührenden Orten verantworteten. Sie schickten ihm diese Schrift recht despektierlich durch einen schlechten Boten zu. Nun wußte er, daß sie entschlossen waren, unter allen Umständen ihre Drohung wahr zu machen und beim Kaiser Klage zu führen. Es war nötig, ihnen an dieser hohen Stelle zuvorzukommen. Wenn nur nicht des Treßlers Kasten ewig leer gewesen wäre. Eine Gesandtschaft an den Kaiser war kostspielig, und Erlichshausen wußte nur zu gut, daß Bestechung auf Bestechung gesetzt werden müßte. Des Ordens Mittel waren gänzlich erschöpft. Es wurde an die Komture und Vögte geschrieben, sie möchten aus ihren Kassen beisteuern, soviel sie irgend könnten, aber manchem von ihnen waren schon zwanzig oder dreißig Gulden zuviel. Der Ordensmarschall selbst, Herr Kilian von Exdorf, der sonst doch einer der Eifrigsten gegen den Bund war, entschuldigte sich, daß er sich schon gar nicht getraue, seine Amtleute zur Beihilfe aufzufordern: »sie möchten ihm alle ihre Ämter aufsagen.« Endlich war eine notdürftige Summe aufgebracht. Sie nötigte zur äußersten Beschränkung. Der Hochmeister wählte den Vogt von Leipe, Herrn Georg von Eglofstein, zu seinem Botschafter und ermahnte ihn zur größten Sparsamkeit. Neben seinen Empfehlungsschreiben und Machtbriefen erhielt er aus dem Ordensarchiv wichtige Dokumente mit, aus ihnen die Ungerechtigkeit der Klagen des Bundes zu erweisen. »Gnädigster Herr«, sagte er beim Abschied, »gehen wir lieber gleich selbst zum Angriff vor. Gebet mir bestimmte Weisung, ob ich die Kaiserliche Majestät um einen Richterspruch angehen darf. Nicht anders bringen wir die Sache zum Ende.« »Wir wollen uns dieser Notwendigkeit fügen, wiewohl mit schwerem Herzen«, entgegnete Erlichshausen. »Handelt, wir Ihr meint zu des Kaisers Gerechtigkeit Vertrauen haben zu können. Lasset aber, wenn's sein kann, ein Türlein offen, durch das wir schlüpfen mögen, wenn man uns wider Versehen hart bedrängt. Hütet Euch, offen anzuerkennen, der Kaiser sei von Rechts wegen unseres Ordens Richter, wiewohl er ihn jetzt dafür annimmt, damit wir nicht des römischen Stuhles Verdacht erregen. Ich sehe dort allein noch die Hand, die uns halten könnte, wenn uns der Kaiser wider Erwarten fallen lassen wollte.« Eglofstein hatte an dieser gewundenen Erklärung wenig Gefallen. Er wäre gern geradeaus aufs Ziel losgegangen, da er von des Ordens Recht überzeugt war und den Gegner verachtete. Als er schon abgereist war, hielten die Gebietiger es für nützlich, ihm den Pfleger von Rastenburg, Herrn Wolfgang Sauer, nachzusenden, damit er ihn in seinen Bemühungen unterstütze, eigentlich aber beaufsichtige. Sie wollten doppelten Bericht haben, um sich danach entschließen zu können. Zwölftes Kapitel Am Kaiserhof Indessen waren zu Thorn fast täglich geheime Beratungen gepflogen. Der Komtur erfuhr durch seine Aufpasser, daß hohe polnische Herren, der Reichskanzler, der Domprobst von Krakau und der Provinzial des Predigerordens in Polen, in der Stadt gesehen würden und mit den Häuptern des Bundes eifrig verkehrten. Sie nahmen zum Vorwand, daß sie der in Polen wütenden Pest wegen nach Thorn geflüchtet seien, aber es hatte doch Wohl guten Grund, daß bald darauf Gabriel von Baisen mit einigen Begleitern als Gesandter an den Erzbischof zu Gnesen und weiter zum König nach Krakau geschickt wurde. Es hieß, sie sollten um freies Geleit für die Gesandtschaft an den Kaiserhof bitten. Aber ihre geheimen Instruktionen hatten auch noch einen anderen Inhalt: Bei dem geistlichen und weltlichen Oberhaupt der mächtigen Republik rechnete man auf Beistand im Fall der Not und meinte sich denselben nicht früh genug sichern zu können. Mit der Wahl der Kaiserboten war man schon vorher fertig geworden. Herr Wilhelm Jordan hatte abgelehnt; er glaubte der Sache des Bundes in Danzig nützlicher sein zu können. In Wahrheit fürchtete er gegen den Thorner Tileman vom Wege in Wien zurückzustehen, der doch, wie er zugeben müßte, bei diesem schwierigen Geschäft gar nicht entbehrt werden konnte. Statt seiner wurde Andreas Brunau, Bürgermeister der Altstadt Königsberg, gewählt. Die Eidechsen waren durch Augustin von der Schewe und Ramschel von Krixen, damals noch Vogt des Pomesanischen Domstiftes, vertreten. Ihre Ausrüstung für die weite Reise war schwierig und erforderte längere Zeit. Endlich setzten die vier Abgesandten mit dreißig Pferden über die Weichsel und nahmen ihren Weg auf Wien durch Polen und Ungarn. Am Kaiserhofe, wo damals viele deutsche Fürsten und Herren um Friedrich III. versammelt waren, allerhand Streitigkeiten vor des Kaisers Oberhaupt zu vergleichen, war Ritter Georg von Eglofstein den Bündischen zuvorgekommen. Seine Werbung wurde sehr freundlich angehört und von den Fürsten unterstützt. Die alten Zeiten schienen zurückgekehrt, in denen des römischen Reiches gekröntes Oberhaupt für Fürsten und Völker die höchste weltliche Autorität war. Der Kaiser nahm deshalb nicht nur des Ordens Klageschrift willig an, sondern ermahnte die Bundesabgesandten, als sie vor ihm erschienen, ernstlich aus kaiserlicher Macht, den Bund sofort abzutun und, nach des Meisters Erbieten, sich am rechtlichen Austrage genügen zu lassen. Doch empfing er die ansehnlichen Ehrengeschenke mit sichtlichem Wohlgefallen und hörte auch die lange Rede Tilemans vom Wege gnädig an, in welcher derselbe Kaiserlicher Majestät über Ursprung und Zweck des Bundes umständlich Auskunft gab, also schließend: »Hieraus wolle Ew. Kaiserliche Majestät erkennen, wie arge Verleumdungen und Lügen gegen uns vorgebracht sind. Die Herren suchen jeden Anlaß, uns als Gottlose und Meineidige zu verketzern und als Ungehorsame und Abtrünnige den Fürsten zu verdächtigen, da wir doch nur unser Recht behaupten und des Friedens wegen schon viel von demselben nachgelassen haben. Sie halten uns nicht Wort und Treue, wie leichtlich durch den Vorgang zu beweisen, dessen der päpstliche Legat, Herr Ludwig de Silves, Zeuge war, dem sie versicherten, es sei kein Streit zwischen uns, sondern alles in Liebe und Eintracht ausgeglichen. Da sie nun gar wagen, vor Ew. Kaiserlichen Majestät Angesicht zu treten und ihre frechen Beschuldigungen zu wiederholen, so wolle Eure Gnade als der oberste Richter, den der Orden selbst durch seine Klage anerkennt und anruft, uns erlauben, des Bundes Recht zu erweisen, auch unsererseits richterliche Entscheidung erbittend.« Die drei anderen Abgesandten verneigten sich tief nach seinem Beispiel. Der Ritter von Eglofstein und sein Kumpan Wolfgang Sauer aber fuhren ärgerlich auf und riefen: »Nein! Es bedarf keines Rechtstages zu solchem Zweck. Denn die Ursachen des Bundes sind tot, so muß der Bund selbst auch tot sein. Wir wollen mit unsern Untertanen nicht streiten um des Bundes Recht, sondern hören, welche Klagen sie bei Kaiserlicher Majestät gegen ihre Herrschaft anzubringen haben, und darauf Rede stehen. Bleibe Ew. Majestät nur fest, den Ständen zu befehlen, den Bund sofort ganz abzutun!« Tileman merkte, wohin die Kreuzherren steuerten. Sie wollten um den Prozeß herumkommen und doch Recht erhalten. Deshalb stellte er sich gleich mitten in den Strom. »Die Ursachen des Bundes sind nicht tot«, entgegnete er. »Dies zu erweisen sind wir hergekommen und bitten um gnädigste Erlaubnis. Weil sich unser Herr Hochmeister erboten hat, vor Ew. Kaiserlichen Majestät wegen dieser Einigung zu Rechte zu stehen, so verwilligen auch wir darein Recht zu geben und zu nehmen, und bitten allein, daß es mit dem einen wie mit dem andern zugehe und ungeweigert stehen bleibe, was auf beider Parteien Vorbringen durch Ew. Kaiserliche Majestät und derselben Räte zu Recht gesprochen und erkannt wird. Geruhen Ew. Kaiserliche Majestät sich darin so gnädig zu beweisen, als wir nicht zweifeln, sondern ganz fest vertrauen, das wollen Lande und Städte mit ihrem willigen Gehorsam und Diensten gegen Ew. Kaiserliche Majestät demütiglich verdienen.« Da aber die Ordensgesandten den Kaiser so wegen einer raschen Entscheidung bedrängt sahen, erklärten sie, sie hätten keine Vollmacht mit für diesmal, sich mit dem Bund ins Recht einzulassen, und müßten solchem Verfahren widersprechen. Darauf beriet der Kaiser mit seinen Räten und ließ den Bundesgesandten durch seinen Kanzler, Herrn Ulrich Weltzki, antworten, er wolle nicht auf des Ordens Klagen entscheiden, ohne den andern Teil gehört zu haben. »Daß aber Kaiserliche Majestät eure Sachen jetzt vornehmen sollte, das kann nicht geschehen, da Kaiserliche Majestät hierzu keine Muße und mit etlicher Fürsten Sachen zu tun hat. Sobald diese zu Ende werden entschieden sein, so will Kaiserliche Majestät gern beide Parteien verhören und Recht sprechen, wenn ein gütlicher Ausgleich nicht gelingen sollte.« Er setzte beiden Teilen darauf einen Rechtstag auf Johannis Baptistae des künftigen Jahres und untersagte ihnen ernstlich, bis dahin etwas Feindseliges und Unfreundliches gegeneinander zu unternehmen. Nun aber trat Tileman vom Wege nochmals an die Schranken, hinter denen der Kaiser auf einem erhöhten Platz saß, bückte sich tief, als wollte er einen Fußfall tun, und sagte: »Allerdurchlauchtigster. Großmächtigster, Unüberwindlichster Kaiser, Allergnädigster Herr, wir danken Ew. Kaiserlichen Majestät für die bewiesene Gnade und wollen uns für unser Teil wohl so verhalten, wie es dem höchsten Richter dieser Welt zur Zufriedenheit gereichen soll. Bitten aber demütiglich, Ew. Kaiserliche Majestät wolle ansehen unsere Not, in die wir durch den Orden gedrängt werden, wenn er uns mit allen Kräften, wie zu befürchten, hinderlich ist, daß wir uns zur Vorbereitung dieses Prozesses versammeln, vereinigen und beraten, Klagen aufnehmen und Vollmachten erteilen, auch das erforderliche Geld aufbringen. Wir verhoffen uns deshalb von Ew. Kaiserlichen Majestät Gnade und Billigkeit solcher urkundlichen Genehmigung und daß wir eine ziemliche Schätzung und Schoß ausschreiben dürfen der großen Kosten wegen. Auch dafür wollen wir uns dankbar beweisen.« Dies nahm der Kaiser vorerst zur Beratung, ließ auch eine längere Zeit auf die Antwort warten. Tileman erkannte wohl, daß man in der kaiserlichen Kanzlei, wo er sich täglich umtrieb, dieses Dankes gern im voraus versichert gewesen wäre. »Dies ist das wichtigste Zugeständnis, das wir nach Hause mitbringen können«, setzte er Augustin von der Schewe und den anderen Sendboten auseinander, und eines reichlichen Geschenkes wert. Erlangen wir durch des Kaisers Brief und Siegel das Recht, uns aus eigener Macht zu versammeln und zu besteuern, so soll es unseren gnädigen Herren schwerfallen, herauszubringen, ob es des Prozesses wegen oder zu anderen Zwecken geschieht. Bis zum Richttag wenigstens erhalten wir dann die ganze Freiheit, die wir für alle Zeit anstreben. Wir wollen sie Wohl so nützen, daß man sie uns nicht wieder nehmen soll!« Sie meinten es vor den Ihrigen verantworten zu können, wenn sie ihn zu einem stattlichen Anerbieten ermächtigten. Er verklausulierte es so geschickt, daß durch die Annahme schon halb und halb der Bund selbst als bestätigt angesehen sein sollte. Die Ritter von Eglofstein und Sauer ihrerseits verkehrten viel mit den Fürsten und Herren am Kaiserhof, ihren Beistand für den Orden erbittend. Die ließen es an großen Worten nicht fehlen, ihnen Mut zu machen, der Kaiser könne gar nicht anders, als den gottlosen Bund verdammen. Doch wolle der Orden nicht zu vertrausam sein, sondern für alle Fälle seine Schlösser instandsetzen und ein paar tausend Mann Söldner in Böhmen anwerben. Die Ordensgesandten nahmen sich dies wohl zu Herzen und berichteten so auch an den Herrn Hochmeister. Seufzend aber sagte Eglofstein zu seinem Kumpan: »Guter Rat ist diesmal billig. Ich wollte, sie brächten in ihren Landen ein gut Stück Geld zur Armatur unserer Schlösser und Zahlung für die Söldner auf. Da aber rührt keiner die Hand. Könnten wir uns auf der Waffen Gewalt verlassen, wir ständen nicht hier als Bittende vor dem Kaiser, unsern Untertanen Red' und Antwort zu stehen.« Tileman vom Wege, sein verhaßtester Gegner, hielt indessen noch ganz andere Schleichpfade für erlaubt. Er sah sich um, ob er einen von den kaiserlichen Räten fände, mit dem er ein Wörtchen im Geheimen sprechen könnte. Es kam ihm darauf an, ein Dokument in die Hand zu bekommen, aus dem hervorgehen sollte, daß der römische König den Bund seinerzeit genehmigt habe. Da er in der römischen Kanzlei auf Schwierigkeiten stieß, wandte er sich an die österreichische. Dort saß ein alter kaiserlicher Rat namens Ulrich Sonnenberger, den er oftmals traurig und niedergeschlagen fand, weil sein kärgliches Einkommen für eine zahlreiche Familie nicht ausreichte. An diesen schloß Tileman sich an und wußte ihn so vertraulich zu stimmen, daß er ihn in sein Haus führte, auch reiche Geschenke für Frau und Töchter annahm, die sich häufig, wie der alte Herr versicherte, die Augen verweinten, daß sie es dem Wiener Frauenzimmer ihres Standes in Putz und Geschmeide nicht gleichtun könnten. Diesem Ulrich Sonnenberger nun sprach er auch von der kaiserlichen Urkunde, die schon im ersten Jahr des Bundes gegeben sein sollte, und daß er sich's gern einen ziemlichen Haufen Goldgulden kosten lassen möchte, wenn sie wieder vorgebracht werden könnte. Er gab ihm eine Abschrift, wie er sie im Thorner Archiv aufgefunden haben wollte. »Was könnte es Euch aber nützen«, meinte Sonnenberger, »die Erneuerung zu erhalten, da doch Euer Orden bestreiten wird, von solcher Bestätigung etwas zu wissen.« »Laßt das unsere Sorge sein, edler Herr«, antwortete Tileman. »Ich will's Euch nicht vorenthalten, daß mir's nicht um ein Beweisstück gegen den Orden zu tun ist, den wir wohl noch mit seinen eigenen Zusagen meinen überwinden zu können. Auch wollen wir den Herrn Kaiser nicht allzu scharf beim Wort nehmen, wenn seine Erinnerung so weit zurück nicht reichen sollte. Aber wisset, daß es im Bunde viele Zaghafte und Halbe gibt, die zu einem faulen Frieden drängen, weil sie der Sache nicht im voraus ganz gewiß sind, denen wird vor dem Prozeß am Kaiserhof Angst werden. Sehen sie nun aber des Kaisers Siegel, so werden sie Mut fassen und mit uns durch dünn und dick gehen. Zu solchem Zweck ist uns die Urkunde von großem Wert.« Rat Sonnenberger überlegte sich's noch eine Weile. Sein Herz wurde immer begehrlicher nach dem Häuflein Goldgulden. Er plauderte davon bei seiner Eheliebsten und hatte nun keine ruhige Stunde mehr. Der Thorner sehe so ehrlich aus; es sei gewiß alles in bester Ordnung. Endlich widerstand er nicht länger. Er selbst schrieb den kaiserlichen Brief mit verstellter Hand und wußte ihn geschickt in der römischen Kanzlei unterzuschieben. Das Datum hatte er um zwölf Jahre zurückgesetzt. Mit zitternder Hand händigte er Tileman vom Wege die Urkunde aus und strich die Goldgulden ein, die als die »ordnungsmäßige Kanzleigebühr« gezahlt wurden. Von seinen Genossen zog Tileman nur Augustin von der Schewe ins Geheimnis, um bei den Eidechsen für alle Fälle gedeckt zu sein. Die andern erfuhren soviel, als der Bund erfahren sollte. Das kaiserliche Siegel, das sie gesehen hatten, war echt. So begaben sich nun die Bundesgesandten, im ganzen wohl zufrieden mit dem, was sie ausgerichtet, auf den Heimweg. Vor Thorn wurden sie vom Rat feierlich eingeholt und von einer großen Menschenmenge jubelnd bewillkommt. Man führte sie aufs Rathaus. Hier erstattete Tileman den ersten Bericht. »Es ist wohl eines halben Landes wert«, schloß er, »daß wir beim Kaiser gewesen. Denn jetzt haben wir volle Gewißheit, daß der Bund auch ferner bestehen wird. Wir haben jetzt den Beweis, daß er vor zwölf Jahren schon vom Kaiser bestätigt worden ist. Sehet hier sein Siegel. Darum seid guten Mutes.« Im Gespräch erzählte er lachend: »Ihr hättet dabei sein müssen, liebe Herren! Der Kaiser ließ uns an seiner Seite sitzen, des Ordens Abgesandte aber mußten stehen und wurden darob von einigen Fürsten verhöhnt.« Augustin fügte hinzu: »Man hat auch gehört, daß der Kaiser zum Deutschmeister gesagt hat: Ihr Kreuzherren macht mir viel Unwillen; lasset ihr nicht davon, so wird für euch nichts Gutes daraus entstehen. Das war auch zu merken bei der Ordensgesandten Empfang. Der Vogt von Leipe fiel kreuzweis vor dem Kaiser nieder und bot ihm große Ehrengeschenke, von denen der hohe Herr doch nichts hat annehmen wollen.« Sie hatten sich diese Märlein auf der Reise ausgedacht, die Freude und den Mut der Ihrigen zu nähren und zu stärken. Und so gab auch Ramschel von Krixen das seine zum besten: »Wie wir in den Audienzsaal traten, stand der Kaiser auf, ging uns entgegen und bot uns freundlich die Hand. Wir durften zu ihm kommen, so oft wir wollten. Die Herren vom Orden mußten warten, bis sie vorgeladen wurden. Das Antworten ward ihnen mitunter sauer. Als sie einmal gar stockten und nichts gegen uns vorbringen konnten, hat der Kaiser sich die Hand vor's Gesicht gehalten und hineingelacht.« Das alles erfuhr der Thorner Komtur, Herr Albrecht Kalb, von einigen guten Freunden des Ordens, ärgerte sich schier blau über so unverschämtes Gerede und berichtete dem Herrn Hochmeister Wort für Wort, was er gehört. Dreizehntes Kapitel Der Spittler Herr Ludwig von Erlichshausen verbrachte auf seinem Schloß Marienburg viel unruhige Tage und Nächte. Des Regiments Bürde war ihm schnell zu schwer geworden, überall Achselzucken. Hier: wir kämen gern Ew. Gnaden Weisung zuvor, aber es fehlen die Mittel – schafft Geld! Und drüben: nicht einen Heller über unsre Pflicht! Gebt uns den Richttag mit ganzer Vollmacht über Herrschaft und Unterfassen, nehmt uns in euren Rat auf als Vollwissende und Mitbestimmende, dann wollen wir zusehen, wie wir dem Orden helfen. Wenn nicht – nicht! Auch gegen Bartholomäus Blume war er mißtrauisch geworden, auf den er doch gemeint hatte, wie auf einen Felsen bauen zu können, Ursula, seine einzige Freude, war ihm genommen. Die Nachricht ihres plötzlichen Verschwindens hatte ihn bestürzt. Was war der Grund? Er hatte einen Boten nach Heilsberg geschickt, aber das Fräulein hatte nicht sprechen wollen. Es mußte etwas geschehen sein, das vor ihm geheimgehalten werden sollte. Er argwöhnte, der Bürgermeister habe dem Gerede der Leute nicht standgehalten. Nun wurde ihm auch die Verlobung Magdalenens mit Jost vom Wege verdächtiger. Wie hatte Blume mit seinem ärgsten Feinde einen so engen Verkehr eingehen können? Sollte damit der Rücktritt Marienburgs zum Bunde vorbereitet werden? Verräterei überall! Dann hatte sich freilich das ganz Unvermutete begeben, daß Jost plötzlich absprang und die Familie auf ganz unerhörte Weise bloßstellte. Auch davon erkannte er die Ursache nicht; er war geneigt, an eine Rache Tilemans zu glauben, der erst den Abtrünnigen durch die angeknüpfte Verbindung bei seinen eigenen Genossen verdächtigen und dann durch die jähe Lösung ins Herz treffen wollte. Wenn er ihn sonst gern zu sich aufs Schloß entboten hatte, in fast freundschaftlichem Ton mit ihm Rats zu pflegen, so verhandelte er jetzt nur mit ihm und seiner Stadt in der steifen Geschäftsform, die der Kanzlei geläufig war. Blume verstehe ihn schon, meinte er. Es ward ihm doch nicht wohl bei dem Gedanken, daß selbst auf seinen Marienburger Bürgermeister nicht mehr voll Verlaß sei. Als dann die Ritter von Wien zurückkehrten und die Ladung zum Rechtstage mitbrachten, konnte die Befriedigung darüber nicht groß sein. Nun sollte der Orden für eine würdige Vertretung sorgen. Wie aber die gewaltigen Kosten aufbringen, an deren Erstattung selbst bei der günstigsten Entscheidung kaum zu hoffen war? Und wie dann gar von Thorn her gleich einem Blitzfeuer die Kunde durch das Land lief, die Bundesgesandten seien frohlockend eingezogen und behaupteten ein Dokument in der Hand zu haben, das die Bestätigung des Bundes durch den Kaiser beweise, der Komtur von Thorn die übermütigen Reden mitteilte und bald in allen Gebieten Tagfahrten abgehalten und Sammlungen veranstaltet wurden, als sei keine Herrschaft mehr im Lande, da schien dem Meister sein Geschick oft unerträglich. Ohnmächtig war sein bester Wille ohne der Brüder entschlossenen Beistand. Viele von ihnen standen schon im heimlichen Verkehr mit den Eidechsen. »Gebt den Orden auf«, flüsterten ihnen dieselben zu, »und verteilt seinen Besitz. Polen wird euch darin schützen. Wollt ihr nochmals Krieg mit der Republik? Er wird euch um das Letzte bringen. Unsere Sache ist eure Sache. Versäumt nicht die rechte Zeit!« Noch scheute man Verrat und Gewalttat, aber in einzelnen Konventen wurden unheimliche Reden laut, wie sie früher unerhört gewesen, und man wagte die Trotzigen nicht zu strafen. Eines Tages kam der Oberst-Spittler von Elbing herüber. Er hatte sich in der Marienburg nicht blicken lassen, weil er sich nicht gern gesehen glaubte. Erlichshausen hatte in der Tat Scheu vor ihm, wie vor seinem Gewissen; aber es gab doch auch im Orden keinen Mann, den er mehr achtete. Er wußte ihn unbestechlich durch Gunst oder Gut – arm, keusch und gehorsam, wie das Gelübde es wollte. So viele Feinde er hatte, niemand erdreistete sich ihm etwas übleres nachzusagen, als daß er zu stolz und zu strenge sei. Er ließ sich beim Meister melden, kreuzte die Arme über der Brust und sagte: »Gnädigster Herr, ich komme ungerufen, aber die Not ist wahrlich groß. Es wäre schwerste Pflichtversäumnis, wenn ich aus Feigheit, Euch zu mißfallen, länger schweigen wollte. Ich bitte, wollet Euch unseres Ordens erbarmen, der in größter Gefahr!« Erlichshausen wies ihm einen Sessel seinem Lehnstuhl gegenüber. »Sprecht«, sagte er mit matter Stimme, »ich will Euch gern oder ungern hören, Bruder Reuß von Plauen. Aber ich vertraue, daß Ihr, wenn Ihr die Krankheit kennt, auch das Mittel zur Heilung zu wissen meint. Sonst wär's unnützlich, uns mit diesen Dingen zu bemühen, die uns, wie Ihr glauben mögt, auch ohnedies schon schwer bekümmern.« Er schlug den Pelzrock über den Knien zusammen und steckte die Hände in die weiten Ärmel. Der Spittler beugte sich vor, als ob er seinem Ohr näher kommen wollte, und antwortete mit scharfer Betonung: »Gnädigster Herr, ich will raten, Ihr möget beschließen. Es gibt keinen Arzt, der helfen könnte, wenn sein Mittel nicht angewandt wird. Das meine ist bitter zu nehmen, aber ich vertraue, daß es helfen kann – so Gott will.« »Sprecht also.« »Wir wandeln gefahrvolle Wege, gnädigster Herr. Zu welchem Ziel sollen sie uns führen? Der Orden hat den Herrn Kaiser zu Hilfe gegen den Bund gerufen und soll nun einen Richterspruch leiden. Kann er sich ihm unterwerfen? Nimmermehr. Ihr hofft, er solle nach unsern Wünschen fallen. Sei es so! Aber ein Richterspruch bleibt auch uns zugunsten ein Richterspruch. Nicht mehr aus eigenem, aus abgeleitetem Recht sind wir die Herren. Und was gewinnen wir? Wird uns der Kaiser helfen, den Spruch zu vollstrecken? Bauet nicht darauf. Man rüstet dort schon für den Fall der Verurteilung. Wozu also ein unwürdiges Spiel mit uns spielen lassen? Kämpfen müssen wir so und so. Warum also nicht sogleich das Schwert ziehen und den Feind erwarten? Er ist jetzt noch der Schwächere, und selbst mit schwachen Kräften werfen wir ihn über den Haufen.« Der Hochmeister seufzte. »Und wenn nicht? Ich will's nicht in Abrede stellen, der Kaiser hat uns überrascht. Nicht um unsere Klage vor den Richter zu bringen, haben wir ihm unsern Boten geschickt, sondern damit sie die ungerechte Beschwerde des andern Teils abwehren sollten. Des Bundes Klage hat er in Wahrheit angenommen und uns den Rechtstag gesetzt, den wir nicht begehrten. Nun dürfen wir uns doch nicht zurückziehen, als ob wir ihn fürchteten. Es würde eine schwere Beleidigung der Kaiserlichen Majestät sein, die uns nie verziehen werden könnte.« »Der Kaiser hat dem Orden auch sonst schon gezürnt. Das bedeutet wenig, die Kurfürsten und Fürsten werden uns beistimmen, daß der Bund keine Partei sein kann, der wir im Recht zu stehen schuldig. Noch liegt's in unserm Willen, den Richter anzunehmen oder zurückzuweisen. Ziehen wir den Kopf aus der Schlinge, ehe es zu spät ist, und rühren wir den Arm! Es ist des Herrn Recht, den ungehorsamen Knecht zu züchtigen. Nimmer tu er sich die Schmach an, ihm vor den Richter zu folgen!« Erlichshausen hatte den Kopf gesenkt und die Augenlider halb geschlossen. Er rieb sich die kalten Hände. »Lieber Getreuer«, sagte er, »Ihr meint's wahrlich gut. Was könnt's aber nützen, wenn ich Euch beiträte? Wir beide ändern nicht der Welt Lauf. Sind wir im Recht, wie können wir uns weigern, Recht zu nehmen von einem gerechten Richter? Der Kaiser wird nicht in sein eigen Fleisch schneiden. Greifen sie gegen seinen Spruch zu den Waffen, so sind sie Aufrührer und Rebellen in den Augen der ganzen Welt.« »Und wenn nicht in denen des Königs von Polen? Weiß man nicht, daß Gabriel von Baisen und der Danziger Abundius Winter schon bei ihm gewesen sind?« Der Hochmeister schüttelte den Kopf. »An solche Büberei will ich nicht glauben, man zeigte mir denn den Pakt schwarz auf weiß. Ich bin kürzlich mit dem König zusammengekommen unweit Thorn, und er hat sich mir in allem freundschaftlich erzeigt. Wär' er aber auch falsch und Hilfe den Verrätern gern, so kann er's doch nicht wagen als ein christlicher Fürst. Darauf vertraue ich. Laßt den Kaiser für uns sprechen, und wir schieben noch einen stärkeren Riegel vor. So wollen wir nur noch sorgen, am Kaiserhofe gut vertreten zu sein.« Er hob plötzlich den Kopf und die rechte Hand mit vorgestrecktem Zeigefinger. »Keinen besseren Sprecher weiß ich mir im ganzen Orden zu finden als Euch; Bruder Spittler. Wäret Ihr nicht zu mir gekommen, hätt' ich Euch selbst aufgesucht. Ihr sollt des Ordens Kläger und des Bundes Ankläger sein!« Plauen zuckte erschreckt mit den Wimpern. »Ich, gnädigster Herr, der ich von diesem Rechtsgange ganz abrate –?« »Ihr, und gerade deshalb. Ihr werdet am besten des Ordens Würde wahren und sein gutes Recht mannhaft verteidigen. Nein, nein! Ihr dürft uns diese Reise nicht abschlagen.« Der Spittler ließ die Hand, die er zur Abwehr ausgestreckt hatte, aufs neue sinken. »Ich sehe, meine Warnung ist umsonst«, sagte er schmerzlich. »Seid Ihr aber gewillt, gnädigster Herr, Euch auf den schimpflichen Prozeß einzulassen, weil's doch nicht anders sein kann, so beschwör ich Euch bei dem Herzen der gebenedeiten Jungfrau Maria, unserer Schutzherrin, und bei allem, was Euch sonst das Heiligste ist, tut diesem wüsten Treiben der Bündischen Einhalt, das des Landes Verderben sein muß. Sie mißbrauchen die Vollmacht, die ihnen leider der Kaiser erteilt hat, auf unerhörte Weise. Nicht zum Prozeß rüsten sie, sondern zum Kriege. Sie ziehen im Lande umher und glossieren den kleinen Freien ihre Handfesten, also daß sie uns den Gehorsam aufsagen und zum Bunde treten. Die Widerspenstigen erklären sie für ehrlos und aus jeder Gemeinschaft. Die Danziger verbieten den Ihrigen, den Marienburger Markt mit Waren zu beziehen. Die Thorner versperren die Straßen gegen das Schloß hin mit Ketten und halten ihre Mannschaft unter Waffen, als müßten sie eines Angriffs gewärtig sein. Die Häupter des Bundes reisen in Polen umher und hetzen gegen uns. Schon sollen in Culmsee die Eidechsen auf Vorschlag Gabriels von Baisen beschlossen haben, auch polnische Herren in ihr Bündnis aufzunehmen. Das ist Landesverrat! Hans von Czegenberg, der sich eine Weile zurückhielt, wühlt jetzt um so eifriger für den Bund, Hans von Baisen spielt mit doppelten Karten. So ist alles in Auflösung. Wir aber sehen zu und tun nichts, unser Ansehen aufrechtzuhalten. So sprechen wir uns selbst das Urteil!« Erlichshausen fühlte sich sichtlich beunruhigt. Er ließ das Kinn auf die Brust sinken und strich mit den Fingern die Stirn ab- und aufwärts wie in sorgenvollem Nachdenken. »Und was wäre da Euer Rat, Bruder Plauen?« fragte er zögernd. »Die Tat!« rief der Spittler, »endlich die Tat.« »Die Tat –?« wiederholte der Hochmeister bitter lächelnd. »Erwartet der Orden die von mir, dem er die Hand gebunden hat? Was versteht Ihr unter der Tat?« Plauen sah ihn aus seinen großen blauen Augen recht treuherzig an. »Ew. Gnaden wollen nur die Hand heben«, sagte er, »so wird sie nicht gebunden sein. Zeigt den Buben den strengen Herrn. Verbietet ihre Zusammenkünfte, ihre Sammlungen, treibt sie auseinander mit Waffengewalt – mit einem Wort: greift durch!« »Und des Kaisers Brief?« »Das hat der Kaiser nicht gewollt. Es ist Eures Amtes, darüber zu wachen, daß sein Wille nicht falsch gedeutet werde.« »Und wenn sie uns den Gehorsam verweigern?« »Dann – –«. Der Spittler erhob sich in seiner ganzen Länge und ballte die Faust um den Schwertgriff. »Dann schlagt sie nieder, wie tolle Hunde, damit wir selbst ungebissen bleiben! Es ist die höchste Zeit.« Der Hochmeister fächelte ein paarmal wie beschwichtigend mit der Hand. »Es sind ihrer zu viele«, sagte er. »Es sind wenige«, entgegnete Plauen, »noch sind's wenige – man mag sie an den Fingern zählen. Aber laßt ihnen freien Zug, und sie bellen bald auf allen Straßen. Vielleicht ist's zur Zeit nur einer, der herausgehoben und unschädlich gemacht werden muß, damit die Ordnung zurückkehre. Den aber fasset mit scharfem Griff, und wenn er sich wehrt ... Kopf ab!« Erlichshausen riß die müden Augen auf. »Wen meint Ihr?« »Tileman vom Wege.« Der Hochmeister erbleichte und stützte den Kopf gegen die Lehne des Sessels. »Tileman ...« »Er ist die Seele des Bundes, seine belebende Kraft. Löscht dieses Feuer aus, und der Brand wird in sich selbst ersticken. Gott mag mich strafen, wenn ich ihn unrecht beschuldige, aber ich will's ihm auf den Kopf sagen, daß es ihm nicht um des Landes Freiheit ist, sondern um des Ordens Verderben. Genug liegt gegen ihn vor, mit ihm zu verfahren wie mit einem Hochverräter.« »Es kann ihm nichts bewiesen werden«, antwortete Erlichshausen, »und wollten wir ohne Beweis und ohne rechtes Gericht... Plauen, Plauen, wozu ratet Ihr in Eurem Eifer für den Orden? Es war einer von Eurem Geschlecht, der vor vierzig Jahren ... Ja, ja! Der Danziger Komtur Heinrich von Plauen, des Hochmeisters Bruder – der fing Konrad Letzkau und Arnold Hecht, die Danziger Bürgermeister, und Barthel Groß, den Ratsherrn, auf dem Schloß und ließ sie richten ohne Recht ... Das ist dem Orden unvergessen geblieben die lange Zeit und wird gegen ihn vorgebracht werden beim Kaiser und in alle Zukunft unvergessen sein. Denn Gewalttat schreit zum Himmel. Sollen wir eine neue Schuld auf uns laden? Noch ist die alte nicht gesühnt. Denn wahrlich! Der Bund ist unsere Strafe.« Plauen wendete sich verletzt ab. »Nie hätt' ich erwartet, solche Worte aus eines Hochmeisters Munde zu vernehmen«, sagte er mit bitterem Ton. »Was damals geschehen ist, hüllt sich in Dunkel. Ich muß glauben, daß den Verrätern ihr Recht geworden ist. Hätte der Orden damals zwanzig solche Komture gehabt wie den von Danzig, er wäre jetzt nicht gezwungen, in des Kaisers Gericht zu gehen.« »Darüber klagen wir nun umsonst«, erwiderte der Hochmeister. »Sorgen wir, daß wir's mit dem Richter nicht verderben, denn er hat Macht über uns. Keine Gewalttat, Bruder Planen, keine Gewalttat! Wir dürfen den Kaiser nicht erzürnen. Es soll nicht heißen, daß wir unsere Untertanen, gegen die wir Klage haben, in ihrer Verteidigung beschränken, oder daß wir ihren Angriff fürchten. Das brächt' uns schlechten Leumund. Lieber noch eine Weile solche Unbill tragen. Rüstet Euch zur Reise, Bruder Plauen. Georg von Eglofstein wird Euch begleiten; er weiß bereits am Kaiserhof Bescheid. Auch hoffe ich, daß der Bischof Franziskus von Ermland die Prälaten in Wien vertreten wird. An einem tüchtigen Rechtsgelehrten soll's der Gesandtschaft nicht fehlen. Es wird alles zum guten Ende kommen. Wir haben eine mächtige Patronin im Himmel, auf die wollen wir uns verlassen.« Er geleitete den Oberst-Spittler bis zur Tür. »Bet' und arbeite«, murmelte derselbe, als er durch den Korridor schritt. Er hatte nichts erreicht und kehrte sorgenvoller, als er gekommen, nach Elbing zurück. Der Hochmeister aber freute sich des guten Einfalls, Plauen das Botschafteramt angetragen und dadurch am besten zum Schweigen gebracht zu haben. Bartholomäus Blume war die Verstimmung seines sonst so gnädigen Herrn nicht entgangen. Sie bekümmerte ihn um so mehr, als er nichts dazu tun konnte, sie zu heben. Aber er gehörte auch zu den Menschen mit unerschütterlich reinem Gewissen, die nicht das quälende Bedürfnis haben, sich um ihre Rechtfertigung zu bemühen, da sie vertrauen, daß ihnen die Zeit ganz von selbst zu Hilfe kommen werde, wenn sie ruhig ihren Weg fortsehen. Er selbst hatte schwer gelitten. Es war ihm anfangs ganz unmöglich erschienen, daß Jost sein Wort brechen, seine Braut und deren Elternhaus mit Schimpf beladen könnte. Als er dann doch daran glauben mußte, war es ihm auch sofort gewiß, daß er nicht länger der Bürgermeister von Marienburg bleiben dürfte. Er versammelte den Rat auf dem Rathause, meldete selbst, was geschehen war, und erklärte, sein Amt niederzulegen, da er seinen Mitbürgern nicht zumuten wolle, selbst ihres Oberhauptes wegen geschmäht und verlacht zu werden. Vielleicht sei er nicht ganz ohne Verschulden, da er aus Liebe zu seinem Kinde dem Gegner zu willig die Hand gereicht habe. Da hatte sich nun aber gezeigt, wie fest er in der guten Meinung der Marienburger gewurzelt war. Nicht ein einziger von den Ratsverwandten hatte zugestimmt oder auch nur durch Schweigen sein Einverständnis zu verstehen gegeben. Tief empört über die Treulosigkeit des Junkers hatten sie alle wie aus einem Munde gerufen, das sei ein vorbedachter Streich Tilemans vom Wege gewesen, für den Austritt Marienburgs aus dem Bunde Rache zu nehmen. Der Stadt sei diese Schmach in ihrem Bürgermeister zugefügt, und die Stadt wolle sie für ihn auf sich nehmen. Wie er sich ihr allezeit treu und ehrenfest bewiesen, so bezeuge sie ihm jetzt gern und freudig ihren Dank. Den Triumph wolle man denn doch dem tückischen Gegner nicht gönnen, die Stadt und die ganze Ordenspartei um ihren besten und bravsten Vorkämpfer gebracht zu haben! Da er standhaft geblieben war, hatten sie ihn wider seinen Willen einstimmig neu gewählt und, als er auch jetzt noch bei seiner Weigerung blieb, die Gemeine verbottet, ihnen Beistand zu leisten. Den vereinten Bitten des Rats, der Schöffen und der Gewerke war es dann wirklich gelungen, seinen strengen Sinn zu beugen. »Wohl«, hatte er tiefbewegt gerufen, »ihr wollt es so, und ich bin euch gehorsam. Ihr richtet mich auf, und ich will feststehen. Glaubet mir, daß diese Stunde meinem Gedächtnis treu bewahrt bleiben wird bis an mein Lebensende. Ich sage mich euch zu mit allem, was ich bin und habe. Gott soll mich prüfen, wenn es ihm gefällt!« Auch die Frauen und Töchter der guten Bürger wetteiferten, Frau Christine und Magdalene ihre Anhänglichkeit zu beweisen und sie über das unverschuldete Mißgeschick hinwegzutrösten. Hier doch mit wenig Erfolg. Frau Christine freilich hatte es verstanden, den Gevatterinnen gegenüber Würde und Gleichmut zu bewahren, aber an ihrem Herzen fraß um so gieriger das Leid des lieben Kindes, das gar nicht Vernunft annehmen wollte, sondern sich vor den Menschen versteckte und trüben Gedanken nachhing, allen Stolz vergessend. So war das bisher so fröhliche Haus still und düster geworden. Als wäre eine Schwerkranke darin, hüteten sich die Mägde, ein lautes Wort zu sprechen, die Tische und Bänke zu rücken und die Deckel der Truhen zuzuwerfen. Die Hausfrau verrichtete meist schweigend die Tagesarbeit, und Blume, wenn er zur Mahlzeit kam oder sich abends in den Stuhl am Ofen setzte, sah nur ernste und traurige Gesichter und hoffte vergeblich, durch ein Gespräch nach alter Art zu erheitern und erheitert zu werden. Magdalene war wirklich krank, recht krank. Man merkte es ihren fahlen Wangen, ihren matten Augen, ihren blutlosen Lippen, ihren kalten und oft zitternden Händen an. Sie hatte alle Eßlust verloren und war so von Kräften gekommen, daß sie nur noch mühsam über die Diele schlich und am liebsten ganz allein wie ein Häuflein Unglück auf der Bank im Winkel kauerte. Der Sommer war vorübergegangen, der Herbstregen hatte die Frauen längst wieder ins Stadthaus getrieben, aber Besserung wollte sich nicht zeigen. Eher wurde der Zustand von Tag zu Tag bedenklicher. Das Gemüt war krank, deshalb konnte der junge Leib nicht gesunden. Hätte sie nur Jost recht zürnen, Ursula eine Schuld aufbürden können. Aber das vermochte sie nicht. Es war ihr, als ob sie ihn immer fester in ihr Herz schließen müßte, das er nur wider seinen Willen so schwer betrübt; und auch Ursula traf ja kein Vorwurf, wenn sie solchen Zwang geübt hatte. Was konnte sie dafür, daß dieser Zauber von ihr ausging? Sie blieb ihre liebe, einzige Freundin. Nach ihr empfand sie Sehnsucht, gerade nach ihr. Es war, als meinte sie, Jost näher und lieber zu sein, wenn ihre Gedanken an Ursula hingen. Marcus fragte sie mitunter ganz leise, daß die Mutter es nicht hörte: »Hast du Nachricht von Ursula?« »Wie sollt' ich?« antwortete er jedesmal. »Das Waldhaus ist weit, und von den Bekannten verirrt sich keiner dahin. Auch möcht ich ihn nicht beauftragen, und wenn's der beste Freund wäre.« Ein Liebeszeichen hatte er doch empfangen, und es hielt ihn bei gutem Mut. Sechs Tage, nachdem Ursula verschwunden, war der Hund, der sie begleitet haben mußte, zurückgekehrt. Abgetrieben, mit wunden Füßen, halb verhungert. Um den Hals war ihm ein strickartig zusammengedrehtes Tüchelchen geknüpft, das Ursula getragen hatte. Darin war ein Zettel versteckt, auf dem geschrieben stand: »Folgen wir unseres Herzens Rat, gibt es uns Gott früh oder spat.« Der treue Hund hatte den Weg zu seinem Herrn zurückgefunden. Marcus konnte sich's lebhaft vorstellen, wie Ursula ihm das Halsband umgelegt, den Kopf zwischen ihre Hände genommen, den Mund an sein Ohr gelegt und ihm ein Wort zugeflüstert hatte, das er verstand. Vielleicht nur das Wort: »Marcus!« Wie sie's sprach, hatte es ihn plötzlich an die Heimat erinnert. Sie konnte ja mit den Tieren sprechen! Einmal fragte Magdalene ihn: »Willst du denn Ursula noch länger warten lassen? Sie wird irre an dir werden.« »Das fürchte nicht«, entgegnete er. »Sie wird wissen, daß es noch nicht die Zeit ist. Ihr Glaube ist stark wie der meine.« »Aber warum zögerst du?« fragte sie weiter. »Nimm auf mich keine Rücksicht – ich werde mich deines Glückes freuen, soviel ich kann. Wenn's Gott nicht so gewollt hätte, daß ihr beide einander liebtet ... ich weiß nicht, was ich wünschen könnte. So aber ...« Sie wagte sich nicht weiter. Vierzehntes Kapitel Eine tiefe Wunde Eines Sonntags nach dem Kirchgang trat Marcus in seines Vaters Stübchen. »Herr Vater«, sagte er, »wollet mir's gütig nachsehen, wenn ich eine Bitte an Euch richte, die Euch vielleicht voreilig scheint. Ihr habt mich sonst wegen meiner Bedachtsamkeit belobt und gemeint, sie sei meinen Jahren voraus. Seid deshalb auch jetzt freundlich überzeugt, daß mich nicht die Ungeduld treibt.« Blume sah ihn etwas verwundert an. Es mußte sich um ganz absonderliche Dinge handeln, wenn Marcus das Gespräch so feierlich eröffnete. Auch glühten ihm die Wangen, und die Stimme hatte einen zitternden Klang. Blume nahm seine Hand. »Aber was hast du denn? Sprich ohne Scheu.« »Ich hab Euch bisher treu gedient, Vater«, fuhr Marcus fort, »wie es einem Haussohn geziemt, und des Lohnes nicht geachtet. Hab ich doch von dem Eurigen nehmen können, soviel ich brauchte, und nie eine Sorge um das tägliche Brot gehabt. Nun aber bin ich, wie Ihr wisset, kürzlich zu meinen Jahren gekommen, und da schickt es sich wohl, daß ich auch meine Zukunft bedenke. Strebt doch ein jeder Vogel aus dem Nest, und wenn's ihm noch so warm wäre; er hat den Trieb, sich sein eigenes zu bauen. So ist's nun auch mein Wunsch, selbständig etwas zu leisten und zu erwerben. Deshalb frag ich jetzt in allem Gehorsam an, wie Ihr über mich zu bestimmen gedenkt.« Der Alte musterte ihn eine Weile kopfschüttelnd. »Was ist denn das?« sagte er dann. »Ich hatte gemeint, wir würden zusammenbleiben, Marcus, bis an mein Ende. Hab ich doch nur den einen Sohn. Alles, was ich besitze, bleibt dir und Magdalene. Ich fürchte nicht, daß deine Schwester bei der Ausschichtung zu kurz kommen werde.« »Sprecht nicht davon«, bat Marcus, seine Hand küssend. »Gott mag Euch ein langes Leben und gesegnetes Alter geben; er weiß, daß ich nichts vor der Zeit verlange. Nur darum ist mir's zu tun, Vater, daß ich für meine Arbeit ein Bestimmtes erhalte, worüber ich freie Verfügung habe, hier oder an anderer Stelle, wenn es sein muß. Am liebsten blieb ich bei Euch, wolltet Ihr mich nun in Eurem städtischen Handelsgeschäft oder als Landwirt anstellen. Mögt Ihr mich aber so selbständig mit einem Teil des Eurigen nicht walten lassen, so gestattet, daß ich mir eine Pacht suche, und helft mir mit Eurem Rat dazu. Die Kreuzherren brauchen treue und arbeitsame Amtsleute; sie haben zu Euch gutes Vertrauen und übertragen es wohl auch auf den Sohn. Es wird Euch, mein' ich, nur ein Wort kosten, mir eine herrschaftliche Pacht zu verschaffen, zumal wenn Ihr für mich Bürgschaft leistet. Ist's aber nicht genehm, so will ich auch selbst mein Heil versuchen. Ich hoffe, daß man mich nicht abweist, wo man mich kennt oder erfährt, daß ich Euer Sohn bin.« »Das ist wunderlich«, sagte Blume, das lange Haar hinters Ohr streichend. »So also hast du schon für alle Fälle vorgesorgt. Weiß die Mutter davon?« »Nein, Vater. Das ist eine Sache, die Euch zuerst angeht.« »Aber der Grund ...?« Marcus blickte zur Erde. »Es ist bisher nichts zwischen uns gesprochen, was darauf Bezug hat.« »Aber warum sollt' ich dich denn von mir lassen? Deine Dienste sind mir wert. Wenn ich dich halten kann ... Sage mir, wie du dir's denkst.« Marcus küßte wieder seine Hand. »Am liebsten übernähm' ich unser Landgütchen vor der Stadt in eigene Wirtschaft, Vater, Ihr kennt den Ertrag und mögt leicht berechnen, was ich Euch jährlich abgeben kann an Naturalien und Geld, um doch für mich noch das Auskommen zu behalten – für mich und ...« »Da kommt's nun also«, rief der Alte lachend. Gesteh's nur ein, du denkst ans Heiraten.« »Ja, Vater.« »Ein paar Jahre könntest du dich wohl noch gedulden.« »Es soll auch nicht auf der Stelle geschehen.« »Hm ... Und hast dir gar wohl schon etwas ausgesucht? Oder soll ich für dich wählen?« »Ich bin schon mit mir einig, Vater.« »So, so. Und darf ich wissen –?« Marcus sah auf, senkte den Blick und sah wieder auf. »Wißt Ihr's nicht schon?« fragte er. »Wie sollt' ich?« »Ursula ...« Blume fuhr vom Stuhl in die Höhe. »Ursula –? Die Tochter der Waldfrau?« Marcus behauptete seine Ruhe. »Ich dachte wohl, daß es Euch zu Anfang erschrecken würde«, sagte er, »wenn Ihr's nicht schon erraten hättet. Und daß Ihr's nicht erraten habt ... Es mag Euren Gedanken wohl ganz fernab gelegen haben. Aber wenn Ihr's nun freundlich erwägt, Vater ... Gibt es auf der ganzen Welt ein schöneres und herzigeres Jungfräulein als Ursula? Würdet Ihr sie nicht gern als Eure Tochter annehmen, wenn sie ...« Er stockte. »Das ist's, das ist's«, rief Blume. »Wie kann man darüber hin? Du bist verliebt – das ist begreiflich. Aber deine Frau ...« »Ich hab' ihr gesagt, daß ich sie liebe, Vater, und daß kein anderes Weib –« »So? Das hast du ihr gesagt! Und dann ist ja auch wohl nicht mehr daran zu rütteln und zu rühren?« »Daran nicht, Vater.« »Es ist noch nicht genug an dem Unheil, das schon über unser Haus gekommen ist! Sieh Magdalene an. Das Herz könnt' einem brechen vor Betrübnis und die Galle ins Blut gehen. So wie du zu mir, so hat Jost zu seinem Vater gesprochen. Es sollte und mußte ja sein. Und als die Tollheit freie Bahn hatte ... Was sage ich dir das?« Marcus richtete sich hoch auf. »Ich bin nicht der Junker Jost vom Wege, Vater.« »Nein, aber Ursula ... Du kennst mich, Marcus: ich schätze jeden Menschen nach seines Herzens Wert. Aber es gibt bürgerliche Verpflichtungen ... Du verstehst mich.« »Wer darf Ursula etwas anhängen?« »Aber wer vermag für ihre ehrbare Abkunft gutzustehen?« »Ihr selbst habt sie in Euer Haus aufgenommen, Vater.« »Weil der Herr Hochmeister –« »Ist der nicht ein vollgültiger Zeuge?« Der Bürgermeister seufzte. »Und wie hat sie's uns vergolten? Bei Nacht und Nebel ist sie fortgelaufen.« »Vater –! Ihr wißt nicht, wie ungerecht Euer Vorwurf ist.« »Marcus, Marcus!« rief Blume, »wie ich dich kenne, ist dein Entschluß unwandelbar. Was soll ich tun, daß ich nicht auch dich verliere? Du bist ein Mann und wirst handeln wie ein Mann, dem nicht zu raten ist. Mich aber zwingst du zu deiner Wahl –« »Nein, Vater, das soll nicht geschehen. Laßt mich fort, so wird es heißen, ich sei gegangen, weil Ihr nicht billigen konntet, was ich plante. Niemand wird Euch eine Schuld aufbürden an meiner Torheit. Nur Euren väterlichen Segen versagt uns nicht.« Blume drückte seine Hand. »Was ich tue, soll nicht halb getan sein. Längst schon hab' ich im Sinn, dir das Gütchen zu überlassen, das ich doch einem Fremden vertrauen müßte, wenn du ihm nicht der Wirt sein wolltest. Denn meine Zeit reicht nicht dafür. Freilich hatt' ich gehofft, daß dort eine Frau ... Aber laß mich's mit der Mutter überlegen, Marcus – sie liebt ihren Sohn und ist dem Mädchen wohlgeneigt. Erscheint ihr dein Wunsch unklug, so ist er's gewiß. Dann sieh' zu, wie du sie umstimmst.« Er war's zufrieden. Da zeigte sich's nun, daß Frau Christine anfangs noch viel eifriger entgegensprach als der Vater. Nimmer könne Ursula eine gutbürgerliche Hausfrau werden. Wie sie in der Wildnis aufgewachsen sei, so werde sie auch immer zur Wildnis zurückstreben und sich nur wohlfühlen in voller Ungebundenheit. Sie habe etwas von der Art der Zigeuner, die manchmal von Ungarn her über die polnische Grenze kämen und durch das Land schweiften. Gerade so habe sie das Haar getragen und in ihrem bunten Putz auf dem kleinen Pferde gesessen. Vielleicht sei ein Edelfräulein an ihr verdorben, aber zur Frau eines kleinstädtischen Bürgers passe sie nimmer. Sie redete sich so eifrig in den Widerspruch hinein, daß Bartholomäus selbst lächeln mußte. Wer sie jetzt gehört hätte, würde sich's gar nicht haben zusammenreimen können, daß sie früher so mütterlich für das fremde Kind gesorgt, wie sie's für die eigene Tochter nicht besser konnte. Marcus bedrängte sie denn auch durchaus nicht mit Bitten, sondern ließ ihr Zeit, ihre Bedenken selbst herabzumindern und sich an den Gedanken zu gewöhnen, am Ende doch wohl nachgeben zu müssen. Magdalene nahm sich bei ihr der Freundin an. Keine liebere Schwägerin könne sie sich denken. Aber Frau Christine war diesmal hartnäckig. Gegen Ursula selbst, gab sie nun zu, habe sie eigentlich nicht so viel; wenn sie in eines tüchtigen Mannes Erziehung komme, könne der ihr manche Unart abgewöhnen, die ihm ja selbst verdrießlich sein und unleidlich scheinen müsse. Aber wie dürfe man sich eine Schwiegertochter gefallen lassen, die vielleicht nicht einmal ordentlich ins Kirchenbuch eingetragen werden könne. Wer sei denn eigentlich die Waldfrau, ihre Mutter? Könne sie ihre Witwenschaft nachweisen, oder lebe ihr Mann noch, oder ... Sie bekreuzigte sich dreimal. Es gehe sie sonst wenig an, wessen Kind Ursula sei, und sie wolle ihr's auch nicht nachtragen, wenn's bei ihrer Geburt nicht ganz nach der Ordnung zugegangen sein sollte – denn was könne das arme Mädchen dafür? Aber ihres Sohnes Ehefrau dürfe keinen Makel an sich tragen; darunter würde die ganze ehrsame Familie leiden und sich nie wieder davon erholen können. So sehr sie ihn liebe, nie würde sie sein Haus betreten, wenn sie sich der Schwiegertochter zu schämen habe. Das sei sie ihrem Manne schuldig. Ehe daher nicht Klarheit in diese dunklen Verhältnisse gebracht sei, solle man ihr von der Sache nicht sprechen. Blume mußte ihr beitreten, und Marcus, wenn er auch diesen Umständen für sich selbst gar kein Gewicht beilegte oder in Zukunft beizulegen entschlossen war, wußte doch zu gut, daß seiner Mutter Meinung die allgemeine Billigung finden würde, um auch nur eine Widerlegung zu versuchen. Er entgegnete daher nur, Frau Regina scheine allerdings ein Geheimnis hüten zu wollen, das sie vielleicht auch nötige, den Schleier über Ursula zu breiten. Aber die Befürchtungen, wie sie die Mutter hege, seien gewiß ungerecht. Er glaube zuversichtlich, daß Frau Regina solche Versicherungen geben könne, die auch ihrer ängstlichen Prüfung genügen würden. Es solle ihm nur erlaubt sein, die Waldfrau zu befragen; sicher werde sie nicht einmal darauf warten, sondern ihm mit einer Eröffnung entgegenkommen, sobald sie erfahre, daß er Ursula zu seinem Weibe begehre. Nun aber hielt es Frau Christine in ihrer mütterlichen Sorge doch für bedenklich, auf diese Möglichkeit hin den Sohn seine Werbung anbringen zu lassen. Treffe er erst wieder mit Ursula zusammen, so dürfe er sich's selbst kaum noch zumuten, unbefangen Erkundigungen einzuziehen und nach deren Ergebnis zu handeln. Endlich erklärte der Bürgermeister, er habe die Sache nach allen Richtungen erwogen und sei bereit, für seinen einzigen Sohn zu tun, was Freundespflicht sei. Er selbst wolle in die Wildnis hinter Heilsberg, mit Frau Regina zu verhandeln. Marcus dürfe sich auf ihn verlassen, daß er seinen Wünschen nicht abstreben, sondern ihm ein gewissenhafter Sachwalter sein werde. Davon war denn auch der Sohn überzeugt. Freilich wäre er lieber selbst gereist, aber doch nur, um Ursula wiederzusehen. Er mußte sich's im stillen zugeben, daß diesmal der Mutter Mißtrauen in seine Geschäftsklugheit wohl gerechtfertigt sei. Dem Vater dankte er mit knappen, aber warmen und aufrichtigen Worten. Nun aber gefiel's anfangs Frau Christine wenig, daß Barthel, »doch auch nicht mehr der Jüngsten einer«, zu dieser späten Jahreszeit auf die Landstraße hinaus und gar in die Wildnis sollte. Am liebsten wäre sie eigentlich selbst gereist, da sie meinte, ein Mann komme solchen Dingen doch schwerlich auf den Grund und habe den Weibsen gegenüber einen gefährlichen Stand. Das sagte ihr denn auch Blume lachend geradeaus. Die Jahreszeit sei ihm gar nicht so uneben, da er zu Hause wenig versäume; die Wege wären noch nicht grundlos, und gegen plötzlichen Frost könne man sich mit Pelzen versehen. »Ich merke schon«, sagte die Frau, »bei dir hat Ursula einen Stein im Brett. Sie ist eine rechte Hexe. Nun – zuwider will ich ihr auch nicht sein, wenn sich sonst alles richtig findet.« Jetzt fiel ihr auch ein, daß Barthel bei Frau Regina gut anfragen könne, ob sie nicht ein Kräutlein oder sonstige Arznei wüßte, die Magdalene helfen könnten. Sie solle sich ja so vielen wundertätig bewiesen haben. Hier verzage sie schon an aller ärztlichen Hilfe. Dies griff die Kranke auf. »Laßt mich den Vater begleiten«, bat sie. »Wie soll die Waldfrau meinen Zustand aus der Beschreibung erkennen? Wenn sie mich aber sieht, mag es ihr wohl durch ein geheimes Mittel gelingen, mich wieder zu Kräften zu bringen, daß ich euch nicht so sehr zur Last falle.« Bei sich selbst dachte sie, das müßte in der Tat ein wundersames Mittel sein, durch das ihres Herzen Kummer besänftigt werden könnte; ihren Leib wünschte sie nur recht bald aufgezehrt, wenn sie's auch nicht sagte. Sie sehnte sich aber nach Ursula, die doch allein wußte, was ihr geschehen war und allein mit ihr zu fühlen vermochte. Auch meinte sie Marcus nützlich sein zu können. Es dauerte mehrere Tage, bis Frau Christine sich an diesen Gedanken hinreichend gewöhnt hatte, um ihn überhaupt ernstzunehmen. Wenn sie freilich ihr armes Kind betrachtete – die großen fieberhaft glänzenden Augen und die eingefallenen Wangen und die abgemagerten Hände, die immer kalter Schweiß bedeckte – wenn sie die matte, keuchende Stimme vernahm und das früher so blühende Mädchen langsam an der Wand hinschleichen sah, dann war doch die Frage nicht abzuweisen, ob je wieder eine so gute Gelegenheit wiederkehren möchte, ihre liebe Kranke der heilkundigen Frau zuzuführen. So fand sie sich schließlich darein und war nun nur noch darauf bedacht, Lebensmittel für die Reise einzupacken und warme Kleider zusammenzutragen. Marcus rüstete den Wagen, half selbst die Achsen mit Teer einschmieren, band das Erbsenstroh zum Rücksitz fest ein, befestigte einige Tonnenreifen zu beiden Seiten am Gestell und spannte einen Plan von grober Leinewand darüber. Nur von vorn über die Deichsel und den Sitz des Knechtes hin konnte man einkriechen, saß dann aber gegen Wind und Regen ziemlich geschützt. Die Fahrt versprach langwierig zu werden, da meist nur im Schritt vorwärts zu kommen sein konnte. Nach acht Tagen kehrte Blume zurück – allein. Frau Christine fürchtete gleich das Schlimmste, als sie ihr Kind vermißte, obgleich ihres Mannes freundliche Augen sie hätten belehren können, daß sie ohne Grund erschrecke. »Frau Regina und Ursula lassen ihr Grüße bestellen«, sagte er, »und dringend um die Erlaubnis bitten, Magdalene noch eine Weile unter ihrer Obhut behalten zu dürfen, bis sie ganz genesen.« »Und das Lenchen wollte ...« »Mit Freuden. Schon unterwegs war sie frischer und munterer als hier zu Hause, wo sie doch immer an ihr Leid erinnert wird, und unter Ursulas zärtlicher Pflege lebte sie ganz auf. Den ersten Tag wenigstens; am zweiten ließ sie schon merklich den Kopf hängen. Aber es quälte sie auch, daß du sie verkennen könntest, als wüßte sie dir nicht genug Dank für alle deine Mühe und Sorge, und es fehlte nicht viel, daß sie mich doch wieder begleitete.« »Das wäre auch das klügste gewesen. Es ist mir unbegreiflich –« »Das sage nicht, Christine, das sage nicht«, unterbrach er, und ein grämlicher Zug lagerte sich auf das offene Gesicht. »Frau Regina hat sich sehr bedenklich über ihren Zustand geäußert. Noch sei vielleicht keine Gefahr; aber dergleichen schleichenden Leiden dürfe man keine Zeit lassen, sich im Körper einzunisten. Solche Kranke müßten die Luft verändern und in heitere Gesellschaft kommen, die ihnen doch durch Zudringlichkeit nicht lästig falle. Sie selbst, meinte sie, sei nun allerdings eine traurige Hausgenossin, dafür aber Ursula die Fröhlichkeit und gute Laune in Person. Man könne solcher Krankheit auch nicht mit einem Tränkchen oder Pülverchen beikommen, sondern müsse ihr täglich in alle Winkel nachgehen, bis sie allen Mut verliere, sich zu verstecken und aus dem Hinterhalt vorzubrechen. Wenn du sie so gehört hättest – du wärest auch nicht klüger als ich gewesen, was zu tun.« Nun beruhigte sie sich und lobte ihn sogar nach einer kurzen Weile, daß er dem Rat der kundigen Frau gefolgt. »Hätten wir sie nur bald wieder gesund unter uns«, sagte sie. »Vielleicht treibt Ursula ihr die Grillen aus – dann mag auch die Medizin wirken.« Marcus stand beiseite. Er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als an den Vater eine Frage gerichtet. Der würde sich schon äußern, wenn es ihm gefiele. Aber das Herz schlug ihm bis zum Hals hinauf, und seine Blicke waren bemüht, von des Alten Gesicht abzulesen, ob er ihm frohe oder trübe Nachricht brächte. Die Mutter merkte es und kam ihm zu Hilfe. »Und was hast du sonst ausgerichtet?« fragte sie. »Marcus ist gewiß schon voll Unruhe.« Er räusperte sich. »Das ist nicht so mit einem Wort zu sagen«, antwortete er, »obgleich's schließlich doch nur auf ein Wort herauskommt. An das haben wir alle nicht gedacht, und lag doch nahe genug. Wenn's nur von Ursula abhinge, die hast du sicher. Eine rechte Schmeichelkatze kann sie sein, ich hab's erfahren; Magdalene hatte ihr's gleich heimlich gesteckt, weshalb ich die Reise unternommen. Mit welchen Namen sie dich genannt, als sie erst vertrautsamer geworden, das will ich nicht wieder erzählen; du sollst nicht eitel werden. Alles in allem wüßt' ich mir wahrlich kein lieberes Töchterchen –« »Aber die Mutter –!« fiel Frau Christine ein. »Nun, die Mutter ... ja, die Mutter ... die ist eine treffliche Frau, klug und bedächtig. Ursula hatte sich ihr schon anvertraut. So war sie unterrichtet und kam mir gleich mit allen Bedenken entgegen, die ich selbst einwerfen wollte. Gegen Marcus könne sie nicht das mindeste haben; er sei ihr schon liebgeworden bei seinem ersten Besuch, und sie baue auf seine Ehrenfestigkeit. An ihrem Segen soll es dir nicht fehlen. Aber ...« »Aber –?« wiederholte Marcus, die Augen gespannt auf ihn richtend. »Sie müßte zweifeln, ob du gut getan, dich an Ursula und Ursula an dich gebunden zu haben, da ihr einander vielleicht doch nicht Wort halten könntet.« »O das, Vater –« »Sie hat recht. Es stehe nicht in ihrer Macht, sagte sie, über Ursula zu verfügen.« »Nicht in ihrer Macht –?« Marcus wurde weiß wie die Wand. »Und wer –?« »Sie verwies mich an den Herrn Hochmeister.« Der Sohn sah ihn wie träumend an. »Verwies Euch – an den Herrn Hochmeister ...?« »Ja. Seine Erlaubnis sei erforderlich. Nie werde sie ohne dieselbe handeln.« »Aus welchem Grunde aber?« fragte Frau Christine. Er zuckte die Achseln. »Das war nicht herauszubringen. Sie betrachte ihn als den Vormund, der Macht über das Kind habe. Mehr erfuhr ich nicht.« »Und wer ist sie – wer ist Ursula –?« »Darüber verweigerte sie jede Auskunft selbst unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Der Herr Hochmeister könne sprechen, wenn er wolle.« »Der Herr Hochmeister!« »Das war ihr einziges Wort. Sie bat mich, nicht weiter nachzuforschen. Es hätte auch wenig genutzt. Aber so steht's nun. Wir wissen nicht mehr als vorhin. Die Reise ist umsonst gewesen.« »Doch nicht, Vater!« rief Marcus, seine Hand ergreifend und lebhaft schüttelnd. »Von des Herrn Hochmeisters Zustimmung soll's abhängen ... Gut! Wie kann er sie verweigern, wenn Ursula mich liebt? Er ist ein gütiger, gnädiger Herr und Euch zu Dank verpflichtet, Vater; ich weiß, daß er auch von mir gut denkt. So ist mir nicht bange –« »Wie? Du wolltest ...?« »Den Weg gehen, den Frau Regina mir gewiesen hat.« »Und wenn der Hochmeister wirklich ... Was bedeutet sein Jawort, wenn er nicht zugleich das Geheimnis von Ursulas Geburt ..« »Wenn ich aus des Fürsten Hand mein Weib empfange – ist Euch das nicht Ehre genug, Vater?« Blume schüttelte langsam den Kopf. »Ich weiß nicht. Ist dir's unter allen Umständen Ehre genug?« »Ich brauche sie nicht«, rief Marcus, »Ursula bedarf in meinen Augen keines Zeugnisses ihrer Unbescholtenheit!« »Aber in den Augen deiner Mitbürger –« »Sie mögen mich verleugnen, wenn sie den Mut haben!« »Das sind törichte Reden, lieber Sohn«, fügte Frau Christine, zwischen sie tretend. »Erzürne nicht den Vater, der wahrlich große Mühe für dich aufgewendet hat und gewiß gern auch noch weiter aufwendete, wenn deine Wünsche erfüllbar wären. Sie sind's nicht, über unser Haus ist schon schweres Unglück gekommen durch den Schimpf, den ihm Jost angetan hat; aber wir tragen ihn nicht durch eigene Schuld, und die Bürger unserer Stadt werfen ihn ab auf den Buben selbst. Dafür schulden wir ihnen großen Dank. Wie sollten wir ihnen jetzt dies bieten? Dem geringsten Bürger wär's eine Unehre, seines Weibes Vater nicht nennen zu können. Des Bürgermeisters Sohn darf sich soweit nicht vergessen. Ich will nicht behaupten, was ich nicht beweisen kann; aber welcher Art dieses Geheimnis ist, das läßt sich nun wohl erraten, darum sei verständig und schaffe dir nicht selbst noch schwereres Herzeleid durch törichte Beharrlichkeit.« Sie streichelte ihm die Wange und küßte ihn auf die Stirn, indem sie seinen Kopf ein wenig niederzog. Marcus schwieg und ging hinaus. Es stürmte zu heftig in ihm, und er behielt nur noch gerade so viel Besonnenheit, sich zu sagen, daß ein unehrerbietiges Wort alles verderben müßte. Aber er war weit entfernt nachzugeben. Sein ganzes Denken richtete sich nur darauf, wie er ohne des Vaters weiteren Beistand zum Ziel gelangen könne. Am andern Morgen kleidete er sich feiertagsmäßig an und begab sich aufs Schloß. Die Türhüter kannten ihn und ließen ihn unangefochten durch bis zu des Meisters Vorgemach. Hier freilich mußte er lange warten, bis der Hauskomtur auch nur nach seinem Begehr fragte. Denn der Oberst-Marschall und der Treßler waren drinnen, und es trafen fortwährend Boten ein, die meist in Eile abgefertigt werden mußten. Die Wogen gingen einmal wieder hoch. Länder und Städte waren vollzählig in Marienwerder versammelt, wählten die Sendboten an den Kaiser, schrieben einen Kopfschoß aus, den die Bündischen selbst auf zweimalhunderttausend Gulden veranschlagten, und waren eifrig bemüht, ihn trotz des Hochmeisters Protest einzuziehen, was doch an vielen Orten nicht ohne Gewalttätigkeit gelang. Sie prahlten mit des Kaisers Ermächtigungen und wollten jeden, der nach Thorn käme, auf dem Rathaus seine Genehmigung des Bundes sehen lassen. Man müsse das Dokument unter Schloß und Riegel halten, weil es sonst vor des Ordens Beamten nicht sicher sei. Erlichshausen machte einen letzten Vorschlag wegen des Richttages. So weit er aber auch allen gerechten Wünschen entgegenkam, er schien alles Vertrauen eingebüßt zu haben, so daß man auf der andern Seite nicht einmal mehr ernstlich darüber verhandelte, um so fleißiger aber alle Klagen über den Orden sammelte und in Artikel brachte, den berühmten Advokaten Meister Martin Mayer aus Nürnberg zu informieren, der des Bundes Verteidigung übernommen hatte. Tileman vom Wege erklärte jeden Versuch der Aussöhnung für verspätet. Er hatte keck gesprochen: »Was wähnen sie? Wollen sie uns auf dem Haupte taufen? Nein, sie haben nicht Reue an uns gefunden.« Dem Hochmeister war's berichtet worden; er wußte, daß er sich von diesem Manne nichts Gutes versehen konnte, und wagte doch nicht des Spittlers Rat zu folgen. Es könnte etwas ans Licht kommen, fürchtete er, daß in Nacht begraben sein müßte. Aus allen Schlössern fragten die Komture an, ob sie die Erhebung des Schosses gestatten dürften oder mit Gewalt hindern sollten. Der Bescheid mußte schnell erteilt werden, und guter Rat war teuer. Dem Hochmeister glühte die Stirn. Was sein getreuer Albrecht Kalb aus Thorn berichtete, konnte ihm am mindesten gefallen. Der Münzmeister war der Stadt verhaßt und kam in Gefahr des Lebens; die Werkmeister der Wollenweber in der Altstadt trachteten danach, denen in der Neustadt das Handwerk zu legen. Das war die Strafe für den Abfall vom Bunde. Es lag da noch ein Zettel bei, der lautete: »Gar ehrwürdiger, lieber Herr Hochmeister, ich versehe mich, daß die Sendboten in kurzem ausziehen werden; wenn es Eure Gnade mit Fuge so anstellen könnte, so deuchte mich, es wäre gut, daß die Bösewichte niedergelegt würden auf ihrem Auszuge, die so viel Bosheit und Unehre auf unseren Orden gedichtet haben.« Darüber erschrak Erlichshausen und wollte den Zettel unterdrücken. Exdorf hatte ihn aber schon gelesen, schlug in die Hände und sprach: »Das ist ein kluges Wort! Man sollte es wohl bedenken.« Der Hochmeister aber schüttelte entrüstet das schwere Haupt. »Man soll's unbedacht lassen«, entgegnete er mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, »und sich hüten, es unter die Leute zu bringen. Was will der Hitzkopf? Der Kaiser hat beide Teile geladen. Es brächte uns in Ewigkeit Schande, suchten wir uns so unserer Gegner zu entledigen.« Der Marschall widersprach. »Nein, nein und aber nein!« rief der Meister zornig. »Wir wollen allezeit ehrlich zu Werke gehen, daß wir Ehre verdienen. Nie wieder soll von solchem Anschlag in meiner Gegenwart die Rede sein!« Exdorf zischte durch die Zahnlücken. Er sagte nichts weiter, aber er dachte allerlei. Als die Herren dann endlich entlassen waren und Erlichshausen meinte für diesen Tag Ruhe zu haben, meldete der Hauskomtur Marcus Blume. »Was will er?« fragte der Meister verdrießlich. »Fertigt ihn draußen ab.« Das sei schon vergeblich versucht worden, versicherte der Komtur. Der junge Mann sei hartnäckig und bleibe dabei, daß er den gnädigen Herrn unter vier Augen sprechen müsse. Nun erging der Befehl, ihn einzulassen; aber er wurde recht mürrisch erteilt, und der Alte raunte denn auch Marcus zu: »Tretet ein, doch wäret Ihr besser zu anderer Stunde gekommen.« Marcus fiel dem Hochmeister zu Füßen, hob den Saum seines langen Gewandes und zog ihn an die Lippen. »Verzeiht, gnädigster Herr –« stammelte er sehr erregt. »Mach's kurz«, sagte Erlichshausen. »Schickt dich dein Vater, mir zu melden, daß Marienburg wieder zum Bunde zurückgetreten ist? Es sollt' mich nicht wundern. Es wundert mich nichts mehr in der Welt. Ist er mit Tileman vom Wege versühnt? Wann gibt's Hochzeit?« »Oh, nichts davon, mein gnädigster Herr«, antwortete Marcus, durch diese Anrede noch mehr verwirrt. »Wie sollte mein Vater ...? Er ist Ew. Gnaden treuester Mann. Und die Stadt Marienburg ...« »So steh auf und sprich, was dich zu mir führt.« Das klang etwas gütiger. Er ließ die Hand über die Stirn gleiten, richtete sie plötzlich wie ein Dach über die Augen und fuhr fort: »Ah –! Bringst du Nachricht von Ursula?« »Es betrifft sie«, sagte Marcus, nochmals den Pelzbesatz seines Rockes küssend, sich dann erhebend und in ehrfurchtsvolle Entfernung zurücktretend. »Geht es ihr wohl?« »Ich hoffe es.« »So sahst du sie nicht?« »Ich nicht, aber mein Vater –« »Dein Vater? Was hat er bei den Ermlandischen zu tun?« »Mißtraut ihm nicht, gnädigster Herr. Er reiste auf meine Bitte zur Frau Regina . .. ihrer Tochter wegen ...« Der Hochmeister sah ihn mit einem überraschten, dann scharf durchdringenden Blick an. »Auf deine Bitte – Ursulas wegen? Was soll das?« »Gnädigster Herr«, sagte Marcus, die Hände faltend, »ich darf's Ew. Gnaden nicht vorenthalten: ich liebe Ursula mehr als mich selbst und kann von ihr nicht lassen.« »Und sie –?« »Sie hat mir gestanden, daß sie mir von Herzen gut sei, schon hier in Marienburg –« Der Hochmeister schlug eine kurze Lache an. »So, so! Ihr seid also einig. Und dein Vater ging als Brautwerber, und Frau Regina ... Nun? Sie ist die Mutter. War sie einverstanden? Weshalb kommst du zu mir?« »Gnädigster Herr, ich muß wohl. Denn Frau Regina verwies mich an Eure Gnade.« Erlichshausen fuhr erschreckt auf. »Wie? Sie hat deinem Vater gesagt ...« »Nichts, gnädigster Herr. Das ist ja eben meines Kommens Grund. Nicht die mindeste Auskunft hat sie geben wollen über sich und ihr Kind. Das stehe allein bei Eurer Gnade. Auch ob Ursula mir angehören dürfe – das vornehmlich. Denn Ihr seiet des Kindes Vormund. Und so tret' ich Euch nun an mit flehentlicher Bitte, gnädigster Herr, versagt mir Eures Mündels Hand nicht und gebt eine Aufklärung über des lieben Mädchens Stand, die meinen Eltern und den Trauzeugen genügen darf.« »Auch das noch!« fiel der Hochmeister bitter lachend ein. »Du bist so keck, das Auge zur Sonne zu erheben, und fragst dann noch, mit welchem Recht sie leuchte?« »Nicht ich, gnädigster Herr –« »Wer bist du, daß du es wagen darfst, mit solchem Begehren vor deinen Fürsten zu treten? Wenn ich Macht habe über Ursula, wie ihre Mutter bezeugt, ist dir das nicht schon eine Weisung zur Abkehr von allzu dreisten Wünschen? Wer darf bei mir um sie werben, als ein Edelmann? Und vielleicht wär' auch der noch zu gering für des Deutschen Ordensmeisters Schützling.« Marcus war erblaßt. Ängstlich richteten sich seine Blicke auf des Fürsten Lippen; jedes Wort schien ihm einen Stich ins Herz zu geben. »Gnädigster Herr«, sagte er, »ich bin nur eines Bürgers Sohn und habe nichts zu bieten als einen ehrlichen Namen und ein geringes Gut, das ich dem Vater verdanke – aber fragt Ursula, ob ein Vornehmerer je ihrem Herzen näherstehen kann. Und wenn's der Vornehmste wäre, ich wollt ihm meinen Platz nicht abtreten. Einen Treueren mag sie auf der Welt nicht finden.« Erlichshausen schien eine Minute zu überlegen. Dabei musterte er ihn wiederholt mit langsam hinschweifendem Blick von Kopf bis Füßen. Die kräftige Gestalt, die hohe Brust, die breite Schulter, das offene Gesicht mit den gutmütigen, treuherzigen Augen erregten sichtlich sein Wohlgefallen, wie früher schon so oft. Er erinnerte sich ... Ja! Marcus Blume war's ja gewesen, der Ursula aus der Gewalt des räuberischen Bruders gerettet. Und da auf der freien Stirn hatte sich auch die Narbe scharf gerötet. Marcus Blume ... Er faßte mit der Hand den lockigen, rötlich grauen Bart und ließ ihn mehrmals durch die Finger gleiten. Jetzt konnte er sich einen treuen Mann für's Leben gewinnen – und des Kindes Dank ... Ursula liebte ihn. Aber wenn er seine Einwilligung gab, war's damit geschehen? Marcus hatte schon angedeutet ... Nein, das genügte wahrscheinlich noch nicht. Und was der Bürgerstolz forderte ... »Warum kam dein Vater nicht«, fragte er, wieder die Stirn finster ziehend, in murmelndem Ton. »Bartholomäus Blume fand doch sonst den Weg ins Schloß. Ist er einverstanden mit deiner Werbung?« In Marcus' Augen leuchtete ein Strahl von Hoffnung auf. »Wenn Ew. Gnaden ihm versichern wollen, daß Ursula –« »Wenn – wenn!« rief der Hochmeister schneidend hinein. »Ich will nichts hören von solchem Wenn. Es ist eine Unverschämtheit, mir die Bedingung vorzuschreiben, mich zum Sprechen zu nötigen, wenn ich schweigen will. Wenn – wenn! Darum kommt er nicht? Darum schickt er dich ...« »Er schickt mich nicht, gnädigster Herr«, sagte Marcus ganz mit gewohnter Ruhe und Sicherheit. »Er weiß nicht einmal, daß ich zu Euch gegangen bin. Er wird vielleicht zürnen, wenn er's erfährt. Denn so treu er Euch ist, so stolz ist er auch. Nein, aus eigenem Antrieb bin ich hergegangen und vor Euer Angesicht getreten, und auf mich will ich Ew. Gnaden Antwort nehmen. Mir genügt ein gerades Ja. Das andere mag verschwiegen bleiben. Ungern misse ich der Eltern Segen – aber von Ursula kann ich nicht lassen. So will ich denn zusehen, wie ich mir aus eigener Kraft ein Haus baue, in das ich mein liebes Weib führe. Ich vertraue, daß ich mir mit der Zeit doch ihre Verzeihung gewinne. Euer Gnaden kurzes Ja kann ich aber nach der Waldfrau Willen nicht entbehren.« Und wieder überlegte Erlichshausen – diesmal noch länger, Marcus schien's eine Ewigkeit. Jetzt hätte er das Ja sprechen mögen, so tapfer es von ihm gefordert wurde. Aber da standen auch schon die Folgen klar vor seinen Augen: das Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn, eine lange Irrfahrt, kümmerlicher Erwerb – und dann Ursula nicht einmal voll angesehen als sein Eheweib ... Ob er sprach oder ob er schwieg, es war immer derselbe Erfolg. Er seufzte tief in sich hinein. Wie durfte er sprechen? Aber dann war auch das andere unmöglich – er durfte Marcus, den er liebgewonnen, nicht zu einer Torheit verleiten, Ursula nicht der sorgenvollsten Zukunft entgegentreiben. Lieber einen augenblicklichen Schmerz ... Ja, so mußte es geschehen. Er richtete den Kopf auf und blickte mit der Miene eines vornehmen Mannes, der nur die genau erforderliche Höflichkeit erweisen will, auf den Bittsteller hinab. »Schlage dir's aus dem Sinn, mein Sohn«, sagte er; »deine Wünsche fliegen zu hoch. Das hätte dir Frau Regina gleich antworten können! Aber ich will's ihr nicht übel deuten, daß sie dich an mich gewiesen hat: sie kennt dich als brav und ist dir Dank schuldig, deshalb hat sie dich nicht kränken wollen. Das will auch ich nicht; was ich gehört habe, bleibt unter uns. Du hast dir zu viel zugetraut – das mag ich der Jugend und Unerfahrenheit nicht verargen. Ursula aber ... Ich habe andere Pläne für ihre Zukunft. Sie soll nach Deutschland zu meiner Familie. Sobald die Wirren hier mir Muße geben, an mich selbst zu denken, schicke ich das Fräulein dorthin. Es war längst beschlossen.« Marcus hielt sich kaum auf seinen Füßen. »Gnädigster Herr –«, rief er außer sich, »gnädigster Herr! Seid so grausam nicht, zwei Herzen zu trennen –« »Du hast deinen Bescheid«, fiel der Hochmeister streng ein und winkte ihm unwillig mit der Hand, sich zu entfernen. Dem armen Burschen schossen die Tränen in die Augen. Er wollte noch einen Fußfall wagen. Aber bei der ersten Bewegung trat der hohe Herr zurück und wendete ihm den Rücken. »O Gott – Gott!« stöhnte er und verließ schwankend das Gemach. Als die Tür zugefallen war, drückte Erlichshausen die Faust auf seine Stirn. »Es konnte nicht anders sein«, murmelte er, »aber es drückt schwer – schwer ... auch meine Schultern. Armes Kind!« Fünfzehntes Kapitel Der Überfall In dem Walde drei Stunden hinter der mährischen Stadt Brünn hielt am Morgen eines kalten nebligen Wintertages schon seit längerer Zeit eine Schar Reiter nicht weit von der Landstraße. Das dichte, mit Schnee bedeckte Unterholz gab ihr so viel Deckung, daß sie von dem sich kurz vorher biegenden Wege aus nicht leicht anders als aus nächster Nähe bemerkt werden konnte. Voran saß auf einem schönen, seine Ungeduld nur widerwillig zügelnden Pferde ein Mann, der unter dem offenen Pelzrock einen Kettenpanzer trug. Auch auf die Eisenkappe hatte er eine Pelzmütze gesetzt. Der lange Schnurrbart hing ihm dachartig über den breiten Mund, und die kleinen Augen blitzten unstet nach rechts und links. Ein langes Schwert hing ihm an der Seite. Dicht hinter ihm, nicht mehr als eine halbe Pferdelänge zurück, hielten drei andere Herren zu Roß, ebenfalls in Harnisch, zwei von ihnen wie jener durch Pelzröcke mit weiten Ärmeln und reichlichem Besatz von Schnüren gegen die Kälte geschützt, der dritte in einen weiten Mantel gehüllt, der faltig über dem rechten Arm lag und leicht vors Gesicht gezogen werden konnte. Er hatte einen Filzhut über die Kappe gestülpt, dessen große Krempe das schwarze Pflaster beschattete, das über das eine Auge geklebt war. Etwas weiter zurück hatten sich zwanzig und mehr Reiter in geringerer Kleidung, aber sämtlich bewaffnet, haufenweise zu dreien und vieren in einer grabenartigen Vertiefung aufgestellt. Sie schienen hier auf jemand zu lauern. »Zum Teufel!« rief der Anführer ärgerlich, »Ihr habt uns angeführt, Vetter Ostra. Oder sie haben in Brünn Wind bekommen und einen Umweg gemacht, das Zusammentreffen mit uns zu vermeiden.« »Sie werden spät aus ihrer Herberge aufgebrochen sein«, antwortete der Angeredete – kein anderer als der Deutschordensritter Boppo von Ostra, der aber das schwarze Kreuz nicht blicken ließ –, »oder sie werden unterwegs einen Unfall gehabt haben. Es dauert immer lange, bis ihre schwer beladenen Gefährte in Gang kommen, und eine Achse oder ein Rad ist auf euren mährischen Wegen bald gebrochen.« »Gleichviel – sie müßten schon hier sein«, bemerkte jener zweifelnd. »Jedenfalls ist das Warten verdammt langweilig. Mir sind schon in den Pelzstiefeln die Füße starr.« »Der Fang wird die Mühe des Wartens reichlich belohnen«, versicherte Ostra und fügte lachend hinzu: »Wenn sie Euch nur nicht wärmer machen, als Euch lieb ist, Vetter Milotitz! Es sind unter den Krämern auch einige, die das Schwert zu führen wissen. Mit den Eidechsen ist nicht zu spaßen.« »Pah!« rief der Ritter verächtlich. »Es soll mir recht sein, ein wenig Arbeit zu bekommen. Furchtsames Krämervolk abzufangen, ist nicht gerade meine Sache. Not kennt freilich kein Gebot.« »Wald und Straße gehören Euch, man muß Euch zollen.« »Zollen? Hahaha. Ich denke, wir nehmen ihnen einfach fort, was sie ohne Erlaubnis durchführen. Wer die Macht hat, der hat das Recht.« Er warf mit einem Schlage der Hand den Eisreif aus dem langen Schnauzbart und kehrte sich halb zurück. »Sind die Wagen wirklich so schwer beladen, Vetter Ostra?« fragte er. »Exdorf hat mir's sagen lassen«, antwortete dieser, »und er weiß es vom Thorner Komtur, der den Sendeboten aufgepaßt hat, als sie mit Pferden und Wagen über die Weichsel setzten. Sie haben eine Anzahl Fäßchen mit Geld bei sich, den Kaiser und seine Kanzlei zu bestechen, ihre Advokaten zu bezahlen und die eigene Zehrung zu berichtigen. Auch führen sie einen Ledersack mit allerhand Kleinodien mit, die für die Kaiserin und andere hohe Damen bestimmt sein sollen. Ihre Sache ist so schlecht, daß sie versuchen müssen, sie zu vergolden. Das ist nicht billig.« Herr von Milotitz schnalzte mit der Zunge, und dasselbe wohlgefällige Schnalzen ließen dann auch die beiden anderen mährischen Herren vernehmen, die sich bei dem Gespräch nicht beteiligten, aber die Ohren gespitzt hielten. »Vergeßt aber nicht, Vetter«, fuhr der Ritter von Ostra fort, »was Ihr mir mit Eurem Ehrenwort zugesagt habt. Es soll mir lieb und meinem Orden nicht leid sein, wenn Ihr einen guten Fang macht. Der entgeht Euch aber auch ohnedies nicht. Daß ich Euch riet, an diesem Tage und in dieser Stunde durch diesen Wald zu reiten und die Landstraße zu kreuzen, hat einen Grund für sich. Es ist mir daran gelegen, meinem Orden einen Dienst zu leisten, den man in Preußen groß ankreidet. Meine Freunde dort werden dann weiter für mich sorgen – auch gegen Wunsch und Willen des gestrengen Herrn Hochmeisters, dem mein Lebenswandel zu locker war. Ruft man mich zurück, so soll man mich auch sogleich in das Amt eines Vogtes oder Komturs einsetzen. Hab ich dann weiter Glück, so beerbe ich vielleicht meinen alten Ohm Exdorf, den Oberst-Marschall. Hoffentlich hält er noch ein paar Jährchen vor. Wenn der Teufel in Preußen los ist, wird er sich mit Milchsuppen nicht bewirten lassen; dann braucht man dort Leute, die ihm einzupfeffern verstehen. Hahaha! Dahin geht mein Ehrgeiz – und wer weiß, was noch zu guter Letzt geschieht! Darum sorgt, Vetter, daß dieser Streich gelingt, dem Herrn Deutschmeister kommt's auf den Kasten mit den Dokumenten und Briefschaften an. Er muß verschwinden. Und alle die Buben, die ihn nach Wien bringen wollen, um daraus den Orden anzuklagen, müssen verschwinden. Alle! Es muß so sein, als ob sie sämtlich die Erde eingeschluckt hätte. Versteht, Vetter Milotitz, das ist die Hauptsache! Und reinen Mund halten! Muß gekämpft sein, so darf ich mich nicht beteiligen. Schlimmstenfalls ist's nötig, daß wir mit einem Eide erhärten können, es sei keiner von den Brüdern dabei gewesen. Aber ich will Euch die Landstraße verstellen helfen, so breit ich bin –« »Still!« befahl Milotitz, nach links horchend. »Sie kommen.« Er wendete sich zurück zu den Knechten. »Aufgepaßt!« Wirklich ließ sich ein Geräusch wie von knarrenden Achsen und prustenden Pferden vernehmen. Ein langer Zug von Fuhrwerken und Reitern bewegte sich durch den Wald. Es waren die Abgesandten des Bundes, Gabriel von Baisen, Ramschel von Krixen, Hans von Tauer, der Bürgermeister von Culm, Hans Matzkow, und der Bürgermeister von Danzig, Wilhelm Jordan. Tileman war längst allein voraus nach Wien gegangen und betrieb dort rührig des Bundes Angelegenheiten. Er hatte nur seinen Sohn mitgenommen, der kurz vorher von Brügge zurückgekehrt war. Es hieß, er hätte dort Tuche aufgekauft zur Bekleidung der Söldner, die bereits heimlich von der Stadt Thorn angeworben seien. Wilhelm Jordan hielt dieses Gerücht nicht für unglaublich, wie er Tileman vom Wege kannte. Nun meinte er aufpassen zu müssen, daß die Söldner nicht mit Danziger Geld gelöhnt würden. Die Herren und ihre Begleiter zogen ziemlich sorglos ihre Straße. Sie hatten meist den Harnisch auf den Rüstwagen gelegt und den Pelzkragen hoch aufgeschlagen, so daß sie wenig hörten und sahen, Was seitwärts vorging. Nur zwei bewaffnete Knechte ritten den Wagen voran, und die beiden Eidechsenritter Gabriel von Baisen und Ramschel von Krixen trugen wenigstens Blechhaube, die Brünne und das Schwert am Gurt. Der Weg wurde im Walde so schlecht, daß die vor jeden Wagen gespannten vier Pferde nur mühsam im Schritt vorwärts kamen; die Knechte hieben mit Geschrei auf sie ein. Die beiden Bürgermeister ritten dem Zuge nach. »Ich wünschte, wir wären aus diesem wilden Lande erst wieder heraus«, sagte Herr Wilhelm Jordan. »Mir gefiel's schon in unserer gestrigen Herberge gar nicht. Auf dem Hof, wo unsere Fuhrwerke standen, lungerte allerhand Gesindel herum. Die Türen waren nicht fest geschlossen, und unsere Nachtwache hat wirklich mit einigen von den schwarzen Kerlen Streit gehabt, die sie zwischen den Rädern ertappte. Die Wirtsleute waren unfreundlich und schienen heimlich mit Aufpassern zu verkehren. Die Landstraßen sollen in ganz Mähren unsicher sein. Ich wollte, unsere Herren hätten sich vom Stadthauptmann eine Bedeckung erbeten.« »Ja«, stimmte Matzkow zu, »wenigstens durch diesen Wald. Man Weiß nicht, wie weit er sich ausdehnt; wir reiten schon gut eine Stunde darin.« »Herr Gabriel von Baisen meinte, wir streiften ihn nur und erreichten nach seiner Erkundigung bald ein Dorf«, antwortete Jordan. »Aber auch mir ist er nicht geheuer. Wir sollten wenigstens darauf bestehen, daß unsere reisigen Knechte –« In diesem Augenblick brachen die Hinterräder eines der Wagen in eine gefrorene Pfütze ein und konnten trotz allen Antreibens der Pferde nicht herausgebracht werden. Es entstand eine Stockung. Gabriel von Baisen wandte sich zurück, um Befehle zu geben. Einige Reiter sprangen ab und legten Hand an. Die Vorderpferde eines anderen Wagens wurden abgespannt, um vorgelegt zu werden. Alles war mit dem Unfall beschäftigt. Es geschah dies keine fünfzig Schritte von der Stelle, auf der die Wegelagerer hielten. Eine günstigere Gelegenheit zum Überfall konnte sich gar nicht treffen. Herr von Milotitz gab seinen Begleitern einen Wink. Sie brachen vor und hatten in einer Minute die Landstraße erreicht. Sie umzingelten den Haufen. Die Knechte, die noch auf den Pferden saßen, wurden niedergeworfen. Die Herren eilten zum Rüstwagen, ihre Waffen herunterzureißen. Aber den wenigsten gelang das. Die Mähren waren hinter ihnen her, stürzten sich auf sie und nahmen sie zwischen sich. »Ergebt euch«, rief Herr von Milotitz ihnen zu, »oder ihr seid alle des Todes.« Die beiden Bürgermeister machten kehrt, wurden aber rasch eingeholt und gebunden. Nicht besser erging es einigen andern Reitern, die rechtzeitig den Ansturm bemerkt und auf der anderen Seite in den Wald hinein zu entkommen versucht hatten. Die Überraschung war so groß, daß wenige sich ernstlich zur Wehr setzten, die meisten sogleich den Kopf verloren. Nur Gabriel von Baisen und Ramschel von Krixen nahmen den Kampf auf. Sie zogen ihre Schwerter und hieben auf die Angreifer ein, die sich an sie wagten. Der eine von den mährischen Herren erhielt eine Wunde, die ihn zum Rückzug nötigte; zwei oder drei seiner Begleiter wurden aus dem Sattel geworfen. Baisen suchte sich nach dem Rüstwagen durchzuschlagen, trieb die Räuber mit scharfen Schwerthieben von demselben fort und rief seinen Söldnern zu, die Waffen zu ergreifen und ihm zu folgen. Er sah ein, daß bei der Übermacht des Feindes die Wagen nicht zu retten seien. Vielleicht waren sie später zurückzuerobern, wenn man aus dem nächsten Dorf Hilfe herbeigeholt hätte. Ramschel von Krixen hielt sich tapfer an seiner Seite. Auch Hans von Tauer, der nicht vom Pferde gestiegen war, glückte es, zu seinen Waffen zu gelangen, die er auf einem der vorderen Wagen untergebracht hatte. Er schlug sich zu den Eidechsenrittern durch und half ihnen auf der einen Seite den Zugang zum Rüstwagen verteidigen, bis die noch nicht abgefangenen Söldner ihre Spieße vorgezogen hatten. Nun schloß sich um Baisen ein kleiner Haufe zusammen, der widerstandsfähig war. »Wißt Ihr, wer wir sind?« herrschte der Anführer den Herrn von Milotitz an, der gegenüber die Landstraße besetzt hatte. »Weiß ich serr gutt«, radebrechte derselbe. »Aber wissen Ihr, wem gehört diese Wald?« »Wahrscheinlich Euch«, entgegnete Baisen, »das ist aber kein Grund, hier wie Räuber die kaiserliche Heerstraße unsicher zu machen. Ich rat Euch, die Sendeboten an des Kaisers Majestät unangefochten mit ihrer Habe ziehen zu lassen.« »Nennen Ihr uns Räuber«, schrie der Mähre, »nennen wir Euch Spitzbuben und Verräter an Eure gnädigste Herrn.« »Hat Euch das einer von den Kreuzigern gelehrt?« zischte Baisen. »Mich dünkt, ich sehe da einen hinter dem Graben lauern, der Grund hat, sein Gesicht zu verstecken. Nehmt Euch in acht. Ihr bekommt's mit dem Kaiser zu tun.« »Kümmert mich nicht Kaiser und Papst auf meine Grund und Bodden«, gab Milotitz zurück. »Will ich aber höflich die Herren einladen auf meine Schloß mit ganze Dienerschaft. Soll mir sein leid, zu brauche Gewalt, wenn nicht folge freundlich.« Er umritt die Bespannung des Wagens, um ihnen den Weg abzuschneiden. »Hund von einem Mähren!« schrie Baisen ihn an. »Der Teufel hole deine Gastfreundschaft!« Er spornte sein Pferd und hieb wild mit dem Schwert um sich, die Gasse für die Seinigen frei zu halten. Das gelang. An der Spitze des Wagenzuges hatte eine Reiterschar die Straße gesperrt. Ramschel von Krixen und Hans von Tauer warfen sich gegen sie, während Gabriel von Baisen den nachdringenden Feind aufzuhalten bemüht war, bis die Söldner sich wieder beritten gemacht hatten. So gewann der Haufe die freie Straße. Ein großer Teil der Mähren mußte zurückbleiben, die Gefangenen zu bewachen und die Wagen mit der Beute fortzuschaffen. Aber die Verfolger waren noch immer in der Mehrzahl und ritten unermüdete Pferde. So waren die Preußen wiederholt genötigt, kehrtzumachen und den Kampf aufzunehmen. Doch erreichten sie ohne erheblichen Verlust das Ende des Waldes und dann auch das Dorf hinter demselben. Hier besetzten die Söldner einen Bauernhof und verteidigten das Tor. Gegen dieses richtete sich nun der Ansturm der wütenden Feinde. Immer gefahrvoller wurde die Lage der Angegriffenen. Baisen war der Meinung, man könne sich hier auf die Dauer nicht halten und solle lieber das freie Feld zu gewinnen suchen. Er sprengte vor und gegen Milotitz an, der aber seine Schwerthiebe geschickt abwehrte. Nach wenigen Augenblicken sah er sich umzingelt und mußte umkehren. Ein Schlag von hinten mit dem Streitkolben zerschmetterte seine Blechhaube. Gleich darauf erhielt er von Milotitz einen Hieb ins Gesicht. Doch verlor er die Besinnung nicht. Die Söldner drangen mutig auf die Gegner ein und ließen ihn durchs Tor. Auf dem Hofe sank er blutüberströmt vom Pferde und schleppte sich zur Tür des Hauses. Dort standen die Bauersleute und sahen mit schreckbleichen Gesichtern dem Kampf zu. Sie erbarmten sich des Verwundeten, zogen ihn hinein und reichten ihm Wasser. Seitwärts vom Flur lag eine kleine Tenne mit dem Strohgelaß. Er riß ein Bündel aus dem Fach und warf sich darauf. Nach einer Viertelstunde kam die Bauerfrau, die ein wenig deutsch sprach, und erzählte, daß die andern Herren bewältigt und nebst den Söldnern abgeführt seien. Herr von Milotitz habe große Mühe mit ihnen gehabt. So hörte nun Baisen seines Gegners Namen. Das Schloß Milotitz liege nicht weit von hier und sei sehr fest. Er sei ein sehr böser, gewalttätiger Herr und von seinen Bauern gehaßt. Das war wohl auch der Grund, weshalb Baisen nicht verraten wurde. Man hatte ihn nicht ganz vergessen oder sich seiner wieder erinnert. Nach einigen Stunden kehrten vier von den Mährischen zurück, pochten ans Tor und verlangten Einlaß. Während der Bauer mit ihnen verhandelte, warf eilig die Frau einen Haufen Stroh über den Verwundeten, so daß er ganz bedeckt war. Die Reiter wollten nicht glauben, daß er sich längst schon aus dem Staube gemacht habe, und durchsuchten das Haus, fanden ihn aber nicht und entfernten sich fluchend. Zum Glück kamen gegen Abend einige Bürger aus Brünn mit einem Fuhrwerk vorüber. Die Frau ging hinaus und bat sie, den Ritter mitzunehmen, der im Dorf nicht sicher sei. Sie wußten, daß die preußischen Sendeboten am Morgen von ihrer Stadt abgeritten Waren, und zweifelten nicht, daß an ihnen die Gewalttat verübt wurde. Darüber erschraken sie sehr. Einer von ihnen trat ins Haus und sprach mit Baisen. »Nehmt mich mit Euch«, bat derselbe, »der Kaiser wird es Euch vergelten. Laßt Ihr mich aber hier elend im Stich, so wird Eure Bürgerschaft in Verdacht kommen, den Friedensbrechern Vorschub geleistet zu haben.« So luden sie ihn nun auf ihren Wagen und brachten ihn nach Znaim, meldeten auch auf dem Rathause, was geschehen war. Nun wurde ein Ratsherr zu Baisen geschickt, der ihn in sein Haus aufnehmen mußte und auf der Stadt Kosten verpflegen sollte. Man wußte von dem preußischen Bunde und wünschte ihm guten Erfolg beim Kaiser. »Setzt Ihr's gegen Eure Herren durch«, sagte der Mann, »so kommt vielleicht auch unsere Zeit. Wir sind noch mehr beladen als Ihr.« Baisen wünschte nur eiligst nach Wien geschafft zu werden. Der Ratsherr selbst brachte ihn dorthin und setzte ihn bei der Herberge ab, in der, wie Baisen wußte, Tileman vom Wege Quartier genommen hatte. Tileman fuhr sich mit beiden Händen in den Bart, als er den Bericht des Überfalls empfing. Sein Gesicht verzerrte sich. »Das ist nicht eines Raubritters Werk«, schrie er im Zorn auf, »sondern da haben unsere, gnädigen Herren die Hand im Spiel, die den Kaiser glauben machen wollen, der gesetzte Rechtstag sei vom Bunde nicht beschickt worden, damit er uns in contumacium aburteile. Wär's aber nicht so, so soll uns dieses Bubenstück gleichwohl gegen sie zum besten dienen. Es wird ihnen schwerlich gelingen, sich ganz zu reinigen. Gott ist mit uns! Dessen zum Zeugnis seid Ihr hier, edler Herr. Wundersam ist Eure Errettung aus Gefahr der Gefangenschaft und des Todes. Offenkundig war's darauf abgesehen, die ganze Gesandtschaft hinter Schloß und Riegel zu bringen, bis der Prozeß verloren. Nun ist ihnen doch einer entwischt, der die Schandtat ans Licht bringt.« »Aber wir sind ohne Geld«, klagte Baisen. »Achtzehntausend Gulden haben sie uns abgenommen und alle Kleinodien, die der durchlauchtigsten Kaiserin, Frau Eleonore von Portugal, verehrt werden sollten. Und was schlimmer ist, der Kasten mit den Privilegien, Dokumenten und Machtbriefen ist geraubt. Wie können wir uns nun verteidigen?« »Sie sollen den Raub herausgeben«, rief Tileman, »sofern noch kaiserliche Gerechtigkeit gilt! Nein, wahrlich, sie haben in ihr eigen Fleisch geschnitten und mögen daran verbluten. Ich war schon recht verzagt in der letzten Zeit, da ich Wohl merkte, daß die Ordensgesandten hier unter den großen Herren an des Kaisers Hof viel Freunde fanden und des Großmächtigen Ohr durch die Pfaffen zu gewinnen wußten, die ihre Instruktionen von Rom haben. Jetzt wollen wir wohl noch einmal obenauf kommen, daß sie sich verwundern sollen. Heißa! Ich bin fröhlich und guter Dinge. Pflegt Eure Wunde, edler Ritter, und laßt mich indessen handeln auf meinen und Euren Namen. Mit diesem Pfande will ich wuchern, daß ein Jude in mir seinen Meister erkennen soll!« Er beriet sich auch sogleich mit Martin Mayer, des Bundes Prokurator, und gab ihm eine Klageschrift in die Feder, die gesalzen und gepfeffert war. Sein Sohn mußte sich aufs Pferd werfen und sie nach Wiener-Neustadt bringen, wo Friedrich III. residierte. Er sollte gut aufmerken, was vom Schloß aus geschehen würde. Jost war diese Sendung nur genehm. Man lebte sehr lustig in Neustadt, wo Kavaliere aus aller Herren Länder zusammentrafen und vergnügt werden mußten. In Alt-Wien ging's ihm zu ehrbar zu. Er wollte nicht zu sich selbst kommen. »Füllt mir den Beutel mit Gold, Vater«, sagte er, »es geht da gar vornehm her, und man soll wissen, daß ich Euer Bote bin.« Der Alte zog den Mund schief, griff aber doch in seine Kassette. »Bist du schon wieder am Rande?« knurrte er. »Ich hab Schulden machen müssen, die mir schwerlich der Bund erstatten wird. Du brauchst das Zehnfache zum Leben als ich.« »Und doch ist's erbärmlich genug«, antwortete Jost; »man muß sich's etwas kosten lassen, es bei sich in Vergessenheit zu bringen.« Er sah übel aus; die Kleider schlotterten ihm um den Leib, der Gurt war ihm zu weit geworden, das Gesicht zeigte eine grünliche Farbe. In Wiener-Neustadt versetzte dieser Brief den Kaiser und seinen Geheimen Rat in große Aufregung. Es wurde nach den Ordensgesandten geschickt. Der Spittler Reuß von Plauen und der Leiper Vogt Georg von Eglofstein erschienen im Schloß und verbargen nicht ihre Bestürzung. Sie wüßten von diesem Überfall nichts, versicherten sie, und wollten dies mit einem Eide bekräftigen. Auch werde ihr Orden der Mitwisserschaft offenbar bübisch beschuldigt. Sie hätten es nicht zu verantworten, wenn ein räuberischer Angriff die Sendboten des Bundes hindere, rechtzeitig vor dem Kaiser zu erscheinen, sofern überhaupt die Tatsache wahr und nicht Verschleif des Prozesses durch ein lügnerisches Vorgeben beabsichtigt sei. Sie wollten gern nach Marienburg mit Eilboten berichten und alle schuldige Nachfrage halten, bäten aber inständigst, der Kaiser wolle den Rechtstag nicht verschieben, da der Fall sonnenklar liege und es keines Beweises aus Urkunden mehr bedürfe. Der Kaiser setzte aber doch einen anderen Termin, nachdem Gabriel von Baisen den Calumnieneid geleistet. Auch ergab sich aus Erkundigungen in Brünn als richtig, daß die Bundesgesandten ihrer ganzen Habe beraubt und nach Schloß Milotitz geschleppt seien. Vergeblich hatte sich bereits die Stadt für sie verwandt. Des Kaisers Befehl der Freilassung blieb unbeachtet, so zornig er sich darüber ausließ, daß sein Geleitbrief mißachtet sei. Um jeden Vorwurf der Beteiligung abzuweisen, erbot sich Bischof Franz von Ermland, an König Ladislaus von Ungarn zu schreiben, damit er seinen Untertan, den von Milotitz, anweise, die Gefangenen freizulassen oder Exekution gegen ihn verfüge. Sobald die Kunde nach Preußen gekommen war, konnte der Hochmeister nur mit Mühe einen allgemeinen Aufstand hindern. Man glaubte seiner Versicherung nicht, daß der Orden unschuldig sei. Hans von Baisen ging die Stadt Breslau mit Bitten an, ihren Einfluß für den Bund zu verwenden. Auch der König von Böhmen wurde angerufen und tat, was in seiner Macht stand. Darüber verlief die Frist von zwölf Wochen und sechs Tagen; sie wurde vom Kaiser nochmals verlängert. Endlich, auf Andrängen von allen Seiten und in der Befürchtung, ihn könnte doch bei längerer Weigerung eine empfindliche Strafe treffen, ließ Herr von Milotitz sich bewegen, die Gefangenen freizugeben. Ihre Briefschaften durften sie mitnehmen. Den größten Teil des geraubten Geldes behielt er aber, den Besitz ableugnend. In recht kläglichem Zustande langten die beiden Bürgermeister und Hans von Tauer in Wien an, schon froh, Leben und Freiheit gerettet zu haben. Nun wurde eifrig mit Meister Martin Mayer, dem Rechtsgelehrten, das urkundliche Material durchgesehen und der Gang des Prozesses beraten. »Es muß unsere ganze Sorge und Mühe sein«, sagte derselbe, »den Herrn Kaiser und seine Räte zu bewegen, daß sie euch den Beweis eurer Beschwerden zulassen. So nur gelangt ihr zum Beweise der Notwendigkeit des Bundes und hebet den Präjudizialeinwand hinweg, daß ein solcher Bund an sich von Unkräften sei. Darauf werden die Gegner sich mit aller Macht werfen. Läßt der Richter den Beweis der Ursachen des Bundes zu, so muß er auch prüfen, ob solche stark genug gewesen, zu dessen Errichtung zu nötigen. Damit konzediert er von sich selbst seine Zulässigkeit. War der Bund aber zulässig, so mögen die Ursachen nach den erbrachten Beweisen geleugnet oder für zu gering erachtet werden, das berührt die Hauptsache wenig. Dieser Bund mag ohne zureichenden Grund errichtet sein, so hindert nichts, auf zureichenden Grund einen neuen zu errichten.« »Ihr habt recht, Meister Martin«, entgegnete Tileman, »das ist der Sache Kern, und darauf gründen wir unsere Hoffnung. Wir in Preußen sind's nicht allein, die über ihre Herrschaft zu klagen haben: wir sehen und hören wohl, daß es in vielen Ländern im Reich noch trauriger zugeht, des Bürgers Recht mit Füßen getreten und der Freie auf dem Lande mit Daumschrauben gepeinigt wird, daß er von seinem verbrieften Recht lasse. Kommen wir zum Beweise, so mögen auch andere zum Beweise kommen, wenn sie sich gegen Gewalt vereinen. So wird unser Prozeß von Nutzen fürs ganze Reich, indem er die Bedrängten überall ermutigt. Die spätesten Geschlechter sollen uns dankbar sein.« »Das ist mir zu hoch«, bemerkte Gabriel von Baisen. »Greif ich ins Feuer, so will ich auch die Kastanien für mich selbst herausholen. Verbrenne ich mir die Finger, so kümmert's mich wenig, daß sie einem andern schmecken. Ich hoffe aber, unsere Beschwerden werden als gewichtig erkannt und dürfen nicht abgewiesen werden. Des Ordens Ungerechtigkeit schreit laut genug zum Himmel; des Kaisers Ohr kann nicht taub dagegen bleiben.« Der Prokurator zog den Kopf zwischen die Schultern. »Daß ich euch die Wahrheit nicht vorenthalte, werte Herren, da wir hier unter uns sind«, sagte er mit bedenklicher Miene, »die Klagen, die ihr in Artikel gebracht habt und über die bisher schriftlich zwischen beiden Teilen verhandelt worden, erscheinen mir gar sehr in allen Winkeln zusammengesucht, teils von beträchtlichem Alter und gleichsam verjährt, wie die Danziger Mordtat unter dem Hochmeister Heinrich von Plauen, den ihr doch sonst als einen tüchtigen Herrn lobt, teils de jure tertii , wie die Beschwerde, daß er von seinen Gebietigern zu Unrecht abgesetzt worden, teils zweifelhaften Grundes, wie daß der Orden den Pfundzoll erhebe und zu seinem Nutzen selbst Kaufmannschaft treibe, teils von zu geringem Belang, um den Bund gegen Gewalt zu rechtfertigen, wie das, was ihr wegen Verschlechterung der Münze, Verkürzung des Maßes und Belästigung durch die Ordensmühlen vorgebracht habt. Ganz Unbedeutendes nicht zu erwähnen. Ich gestehe, daß ich ein reichlicheres Material und bessere Beweismittel erwartet hatte. Eure Herren haben sich manches zuschulden kommen lassen; stündet ihr aber unter anderer Obrigkeit wie die im Reich, ihr hättet leicht mehr zu klagen gefunden.« »So sind wir weniger geduldig, das Unrecht hinzunehmen«, rief Ramschel von Krixen. »Auch haben wir ein gut Beispiel an denen in Polen. Es ist uns nicht einleuchtend, daß der preußische Adel geringere Freiheit haben soll als der polnische. Unsere Herrschaft nimmt sich zu sehr der Bauern und kleinen Leute an.« »Und der Handwerker in den Städten«, setzte Hans Matzkow hinzu. »Die Gemeine wird gegen den Rat gehetzt und zu unbilligen Forderungen verleitet.« »Man könnte wohl auch die Beschwerden vermehren und besser fundieren«, äußerte Wilhelm Jordan. »Es ist mir gleich so erschienen, als gingen wir nicht gerüstet genug in den Streit vor dem Kaiser. Was übrigens der Danziger Klagen über die Ermordung der Bürgermeister und auch den Pfundzoll betrifft –« »Gebt Euch keine Mühe, Gevatter«, fiel Tileman vom Wege ein, »Meister Martin Mayer zu belehren. Er wird vor dem Kaiser ohnedies anders sprechen und auch das kleinste Lichtlein zur Flamme anblasen. Ich denke, wir wissen am besten, daß wir das Wichtigste und Beweglichste ungeschrieben lassen mußten. Damit können wir auch weiter nicht vorkommen. Man mag zwischen den Zeilen lesen, wenn man sonst Neigung hat, der Sache auf den Grund zu gehen. Man lasse uns beweisen, was wir vorbringen – der Lärm wird groß genug sein und durchs ganze Reich hallen. Will man uns aber ohne Beweis richten ...« Er brach ab und schaute im Kreise herum, ob er das letzte Wort sprechen dürfe. Jordan zog die Augenbrauen auf, als ob er ihm einen Wink geben wollte zu schweigen, und Gabriel von Baisen lachte gar zu übermütig. Er hielt an sich. »Es ist alles eins«, murmelte er in den Bart, niemand verständlich. Dann fuhr er laut fort: »Vergeßt nur nicht zu betonen, daß der Kaiser ein gewillkürter Richter ist. Es könnte später nötig sein, ihn daran zu erinnern.« Sechzehntes Kapitel Der kaiserliche Richttag Und nun, nach einer endlichen Frist von sieben Tagen, kam der Rechtstag heran. Der Kaiser hatte beide Teile nach Wiener-Neustadt berufen. Im großen Saal des Schlosses stand zwischen zwei nach den Beratungszimmern führenden Türen, die durch Vorhänge verhüllt waren, auf einem Stufenunterbau der Thronsessel des Kaisers unter einem von vergoldeten Stangen getragenen Purpurbaldachin. Die Hinterwand bildete eine Tapete von schwerer gelber Seide, in die der schwarze Reichsadler eingestickt war. Ein dicker persischer Teppich hatte Mühe, sich den Stufen anzuschmiegen, und reichte bis auf die mit rotem Tuch beschlagene Estrade, die weniger hoch in den Saal vorgebaut und rings mit Schranken umgeben war. Es stand darauf ein langer Tisch; Sessel waren hinter demselben und zu beiden Seiten aufgestellt, der mittelste ausgezeichnet durch eine hohe vergoldete Lehne und Purpurkissen. Auf dem Tisch hatte ein großes Kruzifix von Ebenholz und Elfenbein Platz; auch lagen darauf einige mächtige Folianten in ledernen Einbänden mit silbernen Spangen. Außerhalb der vorderen Schranke zu ebener Erde zeigten sich zwei Tische rechts und links, an jedem auch einige niedrige Sessel. An den Wänden des Saales liefen Holzbänke hin, die mit Polstern belegt waren. Durch die Glasmalerei der hohen Spitzbogenfenster fiel farbiges Licht auf das Marmorgetäfel des Fußbodens. Schon frühmorgens standen Türhüter in Heroldsröcken mit dem Adler auf der Brust und mit Hellebarden bewaffnet vor allen Eingängen. Sie ließen niemand zu, der sich nicht als beteiligt bei dem Rechtsstreit ausweisen konnte. Am pünktlichsten erschienen die Ordensabgesandten, der Bischof Franz von Ermland im Ornat mit Kette und Kreuz, aber ohne Stab, die Ordensritter Heinrich Reuß von Plauen und Georg von Eglofstein in ihren langen, weißen Mänteln mit schwarzem Kreuz und barettartigen weißen, ebenfalls mit dem Kreuz geschmückten Mützen, dazu der ermländische Domherr und hochmeisterliche Rat Laurentius Blumenau, ein sehr gelehrter und geschäftskundiger Herr, für die bischöflichen Kapitel. Sie nahmen rechts auf der Bank Platz. Es folgten ihnen ihre Advokaten, Dr. Peter Knorr, Probst zu Wetzlar, und Dr. Gregor Heumburg aus Nürnberg, beide durch große Jahrgehalte für den Dienst des Ordens gewonnen. Sie traten an den Tisch rechts und breiteten ihre Schriften aus. Bald darauf schritten auch die Sendboten in den Saal, sechs an der Zahl, Gabriel von Baisen mit einer Binde um den Kopf, die kaum einen ernstlichen Zweck hatte, da die Wunde längst geschlossen war, aber recht offensichtlich wegen des Überfalls Klage erhob. Sie hatten sich im Schloßhof ein wenig verweilt, um die Gegner zuerst eintreten und warten zu lassen. Sie grüßten steif und setzten sich auf die Bank links, sehr bald ein munteres Gespräch beginnend, als brauchten sie wegen des Ausfalls des Prozesses nicht in Sorge zu sein. Mit ihnen kam ihr Prokurator Meister Martin Mayer, in schwarzer Robe und bedeckt mit dem Doktorhut. Er trat an den Tisch links. Zwei Diener trugen ihm die eisenbeschlagene Lade mit den Schriften und Dokumenten des Bundes nach. Nun klopfte einer der Türhüter mit der Hellebarde an die Tür links vom Thronsessel. Sie öffnete sich, und es erschienen in langem Zuge einzeln die vom Kaiser ernannten Gerichtsbeisitzer, voran Aeneas Silvius, päpstlicher Legat, dann der Propst von Neustadt, vier adlige Richter, zwei Doctores juris, sechs kaiserliche Räte, endlich die Räte der Kurfürsten und Fürsten des Reichs, nämlich der Erzbischöfe von Mainz und Köln, des Pfalzgrafen bei Rhein, der Bischöfe von Bamberg, Augsburg, Aystät, der Herzöge Albrecht und Ludwig von Bayern, des Markgrafen von Brandenburg und des Grafen von Württemberg. Die Richter und Doktoren nahmen am langen Tisch rechts und links von dem Legaten Platz, die kaiserlichen und fürstlichen Räte auf den Stühlen zu beiden Seiten. Die Parteien und ihre Vertreter standen auf und verneigten sich tief, blieben auch stehen, bis jene sich gesetzt hatten. Darauf wurde Sr. Majestät gemeldet, daß das Gericht bestellt sei. Es dauerte aber noch eine Weile, bis die Tür rechts geöffnet wurde, zwei Pagen vortraten und die Vorhänge forthoben. Sechs andere Pagen, alle gleich gekleidet mit Röcken von blauem Samt mit seidenen Schleifen auf der Achsel, stellten sich auf die Stufen. Es folgten zwei Stabträger, einige hohe Palastbeamte in reichen Gewändern, des Kaisers Kanzler, dann der Kaiser selbst, begleitet von zwei Geistlichen, dann eine Schar von Edelleuten und Kammerherren. Pagen schlossen den Zug. Als dann der Kaiser auf seinem Stuhl Platz genommen und auch seinen Räten gewinkt hatte, sich zu setzen, eröffnete der Kanzler in seinem Namen, als des verwilligten Richters, den Rechtstag, und forderte den Orden auf, seine Klage vorzubringen. Für ihn sprach Peter Knorr mit lauter Stimme. Er trug vor, wie Länder und Städte in Preußen in dem vierzigsten Jahre Christi vierzehnhundert ohne Grund und Recht aus eigenem Mutwillen ohne Erlaubnis und trotz Abraten ihrer Herren »einen übermäßig schweren, unrechtlichen Bund, Einung und Verschreibung gemacht und darin Artikel und Kapitel aufgesetzt hätten, die wider göttlich, natürlich, geistlich und kaiserlich Recht, die goldene Bulle, der Kirche und des Ordens Freiheit und gute Sitten, Vernunft und löbliche Gewohnheit seien und sich mit den Eiden, die sie ihren Herren in der Erbhuldigung getan haben, nicht vertragen mögen.« Er erbot sich, dies alles aus dem Bundesbrief zu erweisen, ließ ihn nach der Abschrift, die dem Legaten Ludwig de Silves gegeben war, Artikel für Artikel verlesen und glossierte dieselben scharf. »Der Bund ist wider göttlich Recht«, rief er, »denn es ist geschrieben in dem Buch der Könige: wer seinem Fürsten ungehorsam wird, der soll darum sterben! Sie sind auch aller ihrer Lehngüter verfallen. Das ist vorgesehen in dem Buch der Könige im Gleichnisse, da Saul der König durch seinen ungehorsamen Willen von Gott dem Herrn des Reichs entsetzet ward. So auch in dem neuen Gesetz oder Testament spricht St. Peter in seiner Epistel: Ihr sollet sein gehorsam euren Obersten, nicht allein den frommen, sondern auch den verlassenen und bösen. Christus hat auch seinen Gehorsam erzeigt gegen seinen Vater und hat gelitten den Tod zur Erlösung alles menschlichen Geschlechts, aber die Bundesgenossen haben dem nicht Nachfolge getan bei Errichtung des Bundes, den sie wider Willen und Verbot der Herrschaft gemacht haben, darin sie freventlich gestanden sind bisher und noch stehen, das göttliche Gesetz von dem Gehorsam verachtend. Der Bund ist auch gegen natürliches Recht, das lauter spricht: Was du nicht willst, daß dir geschehe, das sollst du einem andern nicht tun. Nun ist kein Edelmann oder Stadtherr in dem Bunde, der da wollte, daß ihm seine armen Leute, Untertanen oder Diener ein Regiment sollten setzen, daß er sollt leben nach ihrem Gefallen oder nach ihrem Verlust eine Ordnung in seine Gerechtigkeit machen sollte, dazu er um ihretwillen verbunden sein sollte. Darum sollen die Bundesgenossen solches gegen ihren Herrn auch nicht vorgenommen haben!« So ging er alle die verletzten Rechte durch und verlangte in seinem Antrage: Untersagung und Aufhebung des Bundes, Auflegung einer Poen gemäß Kaiserrecht, goldner Bulle, kaiserlichen Freiheiten und Bestätigungen, Rückzahlung alles vom Bunde eingenommenen Schosses und Wiedereinsetzung der Kläger in die Gewehre ihrer Gerechtigkeit, deren sie durch die Bundesgenossen entwehret worden. Diese lange Rede hörte der Kaiser mit ziemlicher Gelassenheit an, ohne die Miene zu verziehen; die fürstlichen Räte aber, denen Herr Peter Knorr recht aus dem Herzen sprach, hielten mit Beifallsbezeigungen nicht zurück, nickten dem Redner zu und flüsterten einander ins Ohr, so daß die Bundesabgesandten wohl merken mußten, wie sie gegen ihre Partei eingenommen seien. Sie erbaten für ihre Antwort einen anderen Tag, der ihnen auch auf den Mittwoch gesetzt wurde. Hier entgegnete Dr. Martin Mayer in einer langen Rede, Punkt für Punkt des Ordens Anklage widerlegend. Mit Fug und Recht sei der Bund errichtet, auch vom damaligen Hochmeister und seinen Gebietigern genehmigt, auch selbst vom römischen König anerkannt. Und dieses seien die »Ursachen« des Bundes! Nun brachte er alle Beschwerden von Ländern und Städten gegen die Kreuzherren einzeln und mit viel Nachdruck der Beredsamkeit vor, wie sie durch ihre Uneinigkeit und Zwietracht das Land in Verfall gebracht und in schwere Kriege verwickelt, zu Unrecht Zoll erhoben, der Untersassen Privilegien gekürzt und in vielen namhaften Fällen erschreckliche Gewalttätigkeiten verübt hätten, so daß Ländern und Städten keine andere Rettung geblieben sei, als in solchem nach natürlichem Recht der Notwehr erlaubten und in keinen geschriebenen Rechten verbotenen Bündnis, das des Ordens und der Prälaten Freiheit in alle Wege unangetastet lasse. »Alle diese Dinge, wie vorgetragen, sind in der Geschichte und in der Tat bestehend«, schloß er. »Sollten die Herren des Ordens sie alle oder einesteils in Abrede stellen, so erbieten Ritterschaft und Städte sich, davon so viel zu beweisen, als Ew. Kaiserlicher Majestät zum Rechtsspruch genug dünkt, hoffen und vertrauen auch, daß sie im Gericht zu solcher Beweisung gelassen, ihnen dazu auch geraume Zeit und Tage gegeben werden. Und scheinen ihnen sechs Monate billig in Anbetracht, daß die Beweisung in einer anderen fernen Provinz geschehen muß, wohin und woher die Wege unsicher, dort auch die Zeugen über die Dinge, die sich im Lande Preußen begeben, zu vernehmen sind. Darum stelle ich vorerst allein zum Erkenntnis, ob wir zu der Beweisung gelassen werden und einen Tag dazu gesetzt bekommen. Ob ich dann meinen Rechtssatz von meiner Partei wegen zu gebührlichen Zeiten auf die Klage auch tun werde, das will ich mir vorbehalten.« Diese feingesetzte und schonungslos angreifende Rede erregte den offenbaren Unwillen der fürstlichen Räte, so daß sie öfters in lautes Lachen ausbrachen oder höhnische Bemerkungen einfügten und mit den Füßen scharrten, wenn ihnen ein Satz zu lang dünkte. Tileman vom Wege hatte Mühe, nicht mit einem Tadel vorzubrechen und in der Kaiserlichen Majestät Gegenwart an sich zu halten. Gabriel von Baisen aber sprang wiederholt von seinem Sitz auf und drohte mit aufgehobener Hand zu den Ordensabgesandten hinüber, die ihre Freude über diese schlechte Aufnahme des gegnerischen Vorbringens nicht verbargen. Darauf nahm Dr. Knorr wieder das Wort, widerlegte die Stichhaltigkeit der Beschwerden und rief: »Ew. Kaiserliche Majestät wolle den Aufschub nicht bewilligen. Denn wenn sie auch das alles bewiesen hätten, wofür sie sich zum Beweise erbieten, so würden sie doch nicht genug zum Rechten erwiesen haben, daß ihnen gebühret und geziemet hätte, solchen Bund zu machen. Wie auch die Rechte sprechen, daß der umsonst zu weisen gelassen werde, der weisen wolle, was zu seinem Recht nicht erheblich.« Nachdem sodann des Bundes Redner nochmals geantwortet und ein Versuch der Sühne fruchtlos ausgefallen, setzte der Kaiser einen Tag zur Schlußverhandlung, damit er, seine Räte und Beisitzer den Rechtsspruch um so gründlicher tun könnten und niemand sich verkürzt bedünken möchte. Nachdem dann beide Teile nochmals gehört, wurde »zu Recht einhelliglich erkannt, daß denen von der Mannschaft, Ritterschaft und Städten des Bundes in Preußen, als sie ihre Tage zur Beweisung begehrt haben, solche Tage nicht zu geben seien, und solle weiter in der Sache geschehen, was Recht ist.« Während der Kanzler, auf der untersten Stufe des Thrones stehend, diesen Vorbescheid verlas, horchten die auf der linken Seite mit gespannter Erwartung. Hing doch an dieser Zulassung des Beweises ihre ganze Hoffnung. Als nun der Spruch gegen sie fiel, hielten sie kaum ihre Erregung zurück. Einige waren bestürzt andere bissen wütend die Zähne zusammen; nur Tileman vom Wege begnügte sich mit einem spöttischen Lächeln: er hatte keinen anderen Ausfall erwartet. Die Ordensabgesandten waren nicht überrascht, sie hatten schon unter der Hand erfahren, wie jedenfalls erkannt werden würde. Aber die beiden Gebietiger schienen einen halben Fuß gewachsen zu sein, so hoch hoben sie das Haupt, während der Bischof Franz mit vielleicht nicht ganz aufrichtiger Demut zur Erde schaute. Das Hauptbollwerk des Bundes war genommen. Die Bündischen selbst sahen keine weitere Möglichkeit der Verteidigung. Wider Vermuten aber wagte ihr kluger Sachwalter noch einen Vorstoß. Er bat, ihn noch einmal zum Worte zu verstatten, und sagte auf des Kanzlers Wink: »Durchlauchtigster, großmächtigster, allergnädigster Kaiser und Herr! Durch Ew. Majestät Spruch ist dargetan, daß die von uns gemeldeten Ursachen nicht für genugsam angesehen sind, die Artikel des Bundes zu begründen, dessen wir uns gehorsamst bescheiden. Haben die Ursachen aber auch solche Kraft nicht, so sind sie doch genugsam zum Erweise, daß meine Partei in keine Poen verfallen sein kann. Darum geruhe Ew. Majestät den angetretenen Beweis zu solchem Zweck gleichwohl zuzulassen.« Dr. Knorr widersprach eifrig. Der Kaiser ließ beide Teile abtreten, um mit seinen Räten zu beraten. Darauf ließ er verkünden, daß auch dieser Antrag abgewiesen sei und in der Hauptsache erkannt werden solle. Der Anwalt des Ordens bat, seiner Partei auch über diesen Bescheid Brief und Urkunde zu geben, der des Bundes dagegen erhob feierlich Protest. Auch jetzt noch hatte er ein Angriffsmittel im Rückhalt und zögerte nicht, es zu gebrauchen. Bisher sei nur über des Ordens Klage verhandelt, wendete er ein; dem Bunde müsse gestattet werden, jetzt seine Widerklage anzubringen und auszuführen; dann erst könne in der Sache der Rechtsspruch ergehen. Die Ordensgesandten sahen einander ganz verblüfft an, und auch auf der Tribüne entstand merkliche Unruhe. Dr. Knorr erhob den Einwand, daß sich der Bund der eigenen Klage begeben habe, was dem Kaiser doch nicht schien einleuchten zu wollen. Er neigte sich zu seinem Kanzler und hörte dessen Meinung. Darauf ließ er verkünden, er werde am andern Tage die Entscheidung geben. Nun entfernten sich die Bündischen mit der Erklärung, daß sie auf ihrer Widerklage bestünden. Als sie in ihre Herberge kamen, machten sie ihrem Ingrimm Luft. »Der Kaiser ist ein Richter des Ordens, nicht des Bundes«, schrie Hans von Tauer, »seine Parteilichkeit ist offenbar!« – »Habt ihr gesehen«, fragte Ramschel von Krixen, »was uns die kaiserlichen, kurfürstlichen Räte für Gesichter schnitten? Ihren Herren wie unsern ist der Bund ein Dorn im Auge. Es war alles vorher abgekartet.« – »Ihr Herren«, orakelte Wilhelm Jordan mit gerunzelter Stirn, »unsere Sache steht schief, und der Orden ist obenauf.« Der Kulmer Bürgermeister goß zwei Krüge Bier gleich nacheinander herunter und behielt doch eine trockene Zunge. »Aber wie kann das geschehen«, klagte er, »wie kann das von Rechts wegen geschehen?« Tileman vom Wege reichte dem Meister Martin Mayer die Hand. »Ihr habt in der Sache getan, was in Eurer Macht stand«, sagte er ruhig. »Aber Ihr sehet Wohl, daß mit Rechtspraktiken, und wären sie die feinsten, hier nichts auszurichten ist. Wird uns der Beweis abgeschnitten, so sind wir schon gerichtet. Mich freilich wundert auch dies Verfahren nicht: der Kaiser weiß, was er den Fürsten schuldig ist, wenn er ein andermal wieder ihr Gläubiger sein will. Hier ist nur noch zu beraten, wie wir die Folgen des Spruchs von uns abwenden. Und so ist meine Meinung: der Kaiser ist nichts als ein gewillkürter Richter; nehmen wir nicht Recht bei ihm, so hat er's uns nicht zu sprechen. Und darum –« »Aber er wird sich nicht hindern lassen«, wendete Matzkow ein, »und wie können wir ihn hindern?« »Er wird sich nicht hindern lassen«, wiederholte Tileman mit leichtem Spott, »und wir können ihn nicht hindern, das weiß ich so gut als Ihr, Gevatter. Wenn ich aber dem Mächtigen nicht wehren kann, zuzuschlagen, so brauch' ich doch meinen Kopf nicht gerade hinzuhalten. Lassen wir diesen Rechtshandel zu seinem geordneten Ende kommen, so wird's in Preußen Tausende geben, die bedauernd sagen: Wir haben den Prozeß verloren und müssen uns fügen. Unterbrechen wir aber die Handlung und schlagen vor dem Spruch den Richter aus, so vergeben wir denen nichts, die ihm gehorsamen wollen, aber auch denen nichts, die sich mit mir auf den Satz stellen, daß das weitere Verfahren ohne unsere Beteiligung nichtig und ohne Kraft ist und ein gewillkürter Richter nimmer eine Partei in contumaciam kondemnieren kann. Also ziehen wir die Vollmacht zurück, die wir Meister Martin Mayer erteilt haben, und erklären unsere eigene Vollmacht für erledigt, da man uns geheißen hat, des Bundes Recht zu erweisen, der Kaiser aber den Beweis abgeschnitten. Mag daraus weiter geschehen, was wolle.« Darauf einigte man sich nach einigem Hinundherreden. Es waren mit den Sendboten des Bundes auch noch andere Herren aus Thorn nach Wien gekommen, eigene Angelegenheiten zu erledigen, Lienhart Ehrengroß, Arnold von Lo und Heinrich Baierstorffer. Die schickten sie am andern Tag aufs Schloß, des Kaisers Bescheid anzuhören. Er lautete, wie vorhergesehen. Da sie aber keine Vollmacht zu weiterer Verhandlung hatten, auch sonst niemand für den Bund erschien, so drängte des Ordens Anwalt zur Endentscheidung. Kaiser Friedrich und seine Räte merkten sofort, worauf dies hinaus wollte. Sie hatten sich eines solchen Schachzuges nicht versehen und hielten ihn für verdrießlich. Der Kaiser war nicht gewillt, sich mattsetzen zu lassen. Um sich Sicherheit zu schaffen, schickte er seinen Diener Jörgen Obdacher zu den Sendboten des Bundes in ihre Herberge und ließ ihnen verkünden, daß er sein Urteil sprechen wolle; sie möchten vor Gericht kommen und das hören. Meister Martin Mayer aber antwortete, er habe seine Gewalt aufgegeben, und es gebühre ihm daher nicht, sich noch ferner der Sachen rechtlich zu unterwinden. Tauer und Matzkow entschuldigten sich, sie hätten sich mit ihren Freunden nicht unterredet. Die andern ließen sich überhaupt nicht blicken. Nachdem dies dem Kaiser gemeldet war, ließ er nach alter Gewohnheit des kaiserlichen Hofes durch einen geschworenen Türhüter im Portal des Palastes dreimal mit lauter Stimme die ausgebliebene Partei aufrufen. Da auch jetzt niemand erschien, ging er mit seinen Beisitzern zu Rate und erkannte zu Recht: »daß die von der Ritterschaft, Mannschaft und die von den Städten des Bundes in Preußen nicht billig den Bund getan, noch ihn zu tun Macht gehabt haben; daß auch derselbe Bund von unwürdigen Unkräften ab und vernichtet sei.« Die Entscheidung wegen der Poen und des Schosses wolle er in bester Meinung und den Sachen zugut an sich behalten. So hob denn der Kaiser den Rechtstag auf, der nicht bis zum Schluß einen Verlauf nach seinen Wünschen genommen. Die Ordensabgesandten sagten ihm großen Dank, aber auch ihnen war nicht ganz Wohl zumut. Sie hatten nun ein Urteil, aber es blieb noch zu vollstrecken. »Gebe Gott, daß der Herr Hochmeister feststehe«, sagte Plauen besorgt. An demselben Tage noch schickte Tileman vom Wege seinen Sohn mit einem Brief an den engeren Rat des Bundes nach Thorn ab. Er sollte in Eilritten den Weg zurücklegen. Er war in froher Stimmung. »Es ist gut so«, äußerte er sich, da die andern den Kopf hängen lassen wollten. »Alles unklare Wesen ist nun beseitigt. Es gibt nur noch zweierlei: sich unterwerfen oder für die Freiheit kämpfen! Ich habe mein Teil erwählt.« Darauf kehrten die Abgesandten des Ordens und des Bundes in die Heimat auf verschiedenen Straßen zurück. Es galt, unterwegs heimlich die Rüstungen zu betreiben, die von der Vorsicht geboten schienen. Siebzehntes Kapitel Die Absage Wie eine Windsbraut über das schon wild aufgeregte Meer, so jagte von der Weichsel her die Kunde über das Land hin, der Bund sei vom Kaiser verworfen, bis tief in die litauische und masurische Wildnis hineinflutend. Der Wortlaut der Briefe, die schon in Vorbereitung dieses Ereignisses nach Thorn und Danzig geschrieben waren, ging von Mund zu Mund und versetzte die Gemüter jetzt neu in Zorn. Peter Knurr sollte vor dem Kaiser gewagt haben zu sprechen, sie seien alle Heiden gewesen und vom Orden mit dem Schwerte gewonnen, also leibeigene Leute, mehr noch als gekaufte Sklaven. Bischof Franz, die Schlange, habe gesagt: der Bund sei wider Gott, Ehre und Recht, und wie er ihm nie gut gewesen, so wolle er ihm gram sein bis in sein Grab. »Es ist vor dem Kaiser gewiß geworden, daß unsere Herren uns allen nach Leib, Ehre und Gut stehen, seid auf der Hut!« Des Kaisers Briefe würden mißachtet. Sie wollten es durchsetzen, daß das rückständige Geschoß nicht erhoben, das erhobene dem Hochmeister zurückerstattet würde. Das Land solle in schwere Strafe genommen werden. Aber das noch nicht genug! Die Ordensabgesandten hätten vertraulich gesprochen: »Es wird nimmer gut im Lande zu Preußen, ihrer dreihundert springen denn über die Klinge!« Die andern seien schlichte Leute und von diesen verleitet. Das klang sehr wahrscheinlich und wurde jetzt erst recht geglaubt, nachdem der Kaiser dem Bunde sogar den Beweis abgesprochen hatte. Ihre Klagen sollten nicht untersucht werden, des Ordens Schmähungen aber würden aufs Wort für wahr genommen. »Da sieht man, daß wir auf Gerechtigkeit nicht zu hoffen haben. Papst, Kaiser und Fürsten sind gegen uns – wir müssen uns selbst helfen!« Das war das Stichwort, das Tileman vom Wege ausgab: »Wir müssen uns selbst helfen!« Es hatte mancher ein schlechtes Gewissen, der nun meinte zu den dreihundert zu gehören. Die andern aber beleidigte es, daß man sie für Schafe halten wollte, die blindlings den Hammeln nachliefen. So sah Ludwig von Erlichshausen bald mit Schrecken, daß des Kaisers Spruch den Streit nicht beilegte, sondern erst recht zum Ausbruch brachte. Vergeblich bemühte er sich zu beschwichtigen, Rüstungen in Abrede zu stellen, durch Versprechungen zu gewinnen. Es war, als ob in einem großen, von Menschen gefüllten Hause plötzlich der Ruf »Feuer!« ertönte, sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Massen fortsetzte und sie zu wütendem Gestürm gegen die Ausgänge und selbst gegen die Wände trieb. Das Unsinnigste war das Glaubwürdigste. Es schien nur noch einen annehmbaren Rat zu geben: die Kreuziger müssen aus dem Lande fortgejagt werden, dem sie das Verderben sinnen! In Thorn aber saß jetzt der engere Rat des Bundes Tag und Nacht Zusammen, die Entscheidung vorzubereiten. Hans von Baisen hatte sich entschlossen, des Ordens Sache aufzugeben, die nicht mehr haltbar schien, und seinen gnädigen Herrn zu verraten. Man empfing ihn mit offenen Armen und stellte ihn an die Spitze. Auch Hans von Czegenberg war nun eifrig beim Bunde. Es gab jetzt nur noch ein Für oder Wider. Gabriel von Baisen und Tileman vom Wege hatten auf der Reise böhmische und mährische Söldner angeworben, die ihnen rasch folgten. Der Eidechsenritter Nicolaus von Tergowitz befehligte sie und zog einen Teil von ihnen in die Neustadt, zu deren Hauptmann er ernannt war. Es galt zugleich diese Rivalin niederzuhalten, die ihre Anhänglichkeit an den Orden mit der Selbständigkeit büßen mußte. Der Rat rüstete wie zum Kriege. Er gab den Befehl aus, die Wohlhabenden sollten sich mit Harnisch auf eigene Kosten versehen, die Ärmeren sich die Waffen aus der Zeugkammer des Rathauses abholen. Man fürchtete schon nicht mehr, daß die Handwerker sich gegen den Rat wenden könnten; die Erbitterung gegen den Komtur Albrecht Kalb war allgemein. Auch ohne Führung lief das gemeine Volk fast täglich gegen die Burg an, so daß die Zugänge verrammelt werden mußten. Selbst in der Nacht war die Besatzung nicht vor einem Sturm sicher. Schon ließ Hans von Baisen, als ob die Stadt bedroht sei, Bollwerke und Schirme gegen das Schloß aufbauen und das schwere Geschütz aufstellen. Er verhandelte mit dem polnischen Hauptmann Scharlenski wegen der Hilfeleistung und schickte in die benachbarten Städte, daß man sich bereithalte. Und nun kam Gabriel von Baisen aus Polen zurück, wohin er mit anderen Gesandten heimlich geschickt war, des Königs Meinung auszuforschen. Sofort wurde der engere Bund aufs Rathaus berufen, den Bericht entgegenzunehmen und weitere Beschlüsse zu fassen. Keiner fehlte. Man tagte in einem gewölbten Gemach bei verschlossener Tür. Hans von Baisen führte den Vorsitz; neben ihm saßen Hans von Czegenberg und Tileman vom Wege. Wilhelm Jordan war von Danzig, Hans Matzkow von Kulm gekommen. Gabriel von Baisen stand auf und sagte: »Liebe Herren, unsere Sache steht gut. Der König ist uns wohlgeneigt. Er hat auf unser Anerbieten einen Rat der vornehmsten Prälaten und Woiwoden berufen, ihm auch gelehrte Doktoren der Universität Krakau beigefügt. Der Herr Bischof von Krakau, der uns sehr gewogen, hat ihnen aus Landeschroniken klärlich nachgewiesen, daß Preußen einst durch Verrat und Treulosigkeit an die Kreuzherren abgefallen sei, wie der deutsche Orden sich denn auch nur durch Gewalt und Friedensbruch behauptet habe. So haben sie ihr Gutachten dahin abgegeben, der König habe zum Lande Preußen vollkommenes Recht. Das wollen wir so genau nicht ansehen, liebe Herren, sondern für wahr nehmen und bedenken, daß der König ein christlicher Regent ist und einen Grund der Rechtfertigung gegen Papst und Kaiser und gegen das Reich haben muß, darauf er seine Hilfe stützen kann. Die hat er uns freilich noch nicht mit aller Sicherheit zugesagt, wie wir ja auch selbst nicht ganze Vollmacht hatten, uns verbindlich zu machen. Seine Schlußrede aber lautete dahin: er wolle abwarten, ob der Bund insgesamt der Krone Polen das Land Preußen feierlich antrage. Geschehe das, so wolle er's freundlich bedenken.« »Das ist wahrlich so viel, als der König irgend versprechen konnte, wenn er geneigt war uns anzunehmen«, bemerkte sein Bruder Hans, »denn er wußte wohl, daß die Vorfrage an ihn gestellt sei auf Ja und Nein. Hatte er Bedenken, sich auf das Wagnis einzulassen und Polen vielleicht in einen Krieg mit dem Reich zu verwickeln, so mußte er antworten: Nein. Weil er aber nicht mit Nein antwortete, so bedurfte es seines Ja vorerst noch nicht. Es ist uns gewiß, sobald wir's in aller Form nachsuchen werden. Und das kann sofort geschehen. Wir haben des Bundes Vollmacht – laßt uns darauf handeln. Es ist keine Zeit zu versäumen.« Die Mehrzahl schien damit ganz einverstanden zu sein, wie sich aus dem Beifall ergab, der dem Schluß seiner Rede folgte. Besonders die Eidechsen stimmten laut zu. Wilhelm Jordan aber zeigte ein bedenkliches Gesicht und sagte: »übereilet nichts, edle Herren. Es kann wohl sein, daß für uns eine Nötigung entsteht, uns darein zu werfen, da wir einmal so weit gegangen sind. Aber vergesset nicht, daß wir mit dem Orden alle die Jahre um gewisse Freiheiten kämpfen, die uns über alles teuer sind, daß wir lieber mit Kaiser und Papst in Streit geraten, als sie missen mögen. Darum mag man billig fragen, ob uns mit einem andern Herrn gedient sein kann, der doch immer seine Herrschaft, nicht unsere Freiheit im Auge hat. Sehet auf die Eidgenossen im Schweizerlande. Sie haben sich von ihren Tyrannen mit Waffengewalt befreit, nicht um einen anderen Herrn anzunehmen, sondern in ihrer Freiheit zu verbleiben. Was aber die kleinen Waldstädte und armen Bauern durchsetzen konnten, das, sollt' ich meinen, müßte den großen Handelsstädten Preußens und so viel angesehenen und starken Rittern und Knechten des Landes auch gelingen. Lasset uns zum mindesten erst sorglich bedenken, was wir für uns selbst tun können, und bei den Unsrigen nachfragen, ob sie sich's zutrauen, eine Eidgenossenschaft zu gründen, die niemand über sich hat. Ist's euch nur darum, den Herrn zu wechseln, so könnt' euch leicht des Herrn Königs Freiheit noch weniger gefallen als des Herrn Hochmeisters!« »Und was für Freiheit haben wir noch vom Hochmeister?« fragte Ramschel von Krixen. »Die Freiheit, mit Heuleitern zu fischen«, antwortete Augustin von der Schewe spöttisch und schüttelte vor Lachen seinen Wanst, da er die andern und den Danziger Bürgermeister selbst durch seine treffende Bemerkung nicht wenig belustigt sah. Am schnellsten gewann Hans von Baisen seine ernste Haltung wieder. »Sei dem, wie ihm wolle«, sagte er, »zweierlei ist für mich über allem Zweifel. Das erste: daß unser Herr Hochmeister oder ein Nachfolger an seiner Stelle uns nicht gerecht werden kann, auch wenn wir unsere Wünsche und Ziele viel mehr beschränken, als jetzt selbst dem Zahmsten im Bunde nützlich und zulässig scheint. Das andere: daß wir uns unserer Herren nicht aus eigener Kraft auf die Dauer erwehren und ein selbständiges Gemeinwesen ohne Oberhaupt erhalten können, also nur zu wählen haben, ob wir uns der Krone Polen auf gute Bedingungen antragen oder gewaltsam unter ihre Botmäßigkeit gebracht sein wollen. Was das erste betrifft, so darf ich wohl ein Wort mitreden, da ich in dreier Hochmeister Rat gewesen bin und viel heimliche Sachen des Ordens gekannt habe. Gott weiß, daß ich nicht trachtete, an ihnen zum Schelm zu werden, und auch Herrn Ludwig von Erlichshausen allezeit aus treuem Herzen zum Besten riet, wie er sich Land und Leute erhielte, so klug ich's vermochte. Weshalb ich denn auch oft genug angefeindet und ein Mantelträger oder gar ein Abtrünniger und Verräter genannt bin und mag an diesem Tisch niemand sitzen, der mich nicht einmal laut oder leise verunglimpft hätte. Das soll keinem verdacht sein. Diesen Schluß aber zieh' ich aus alledem, daß niemand lebt, der mehr ernstlich bemüht gewesen ist als ich, einen friedlichen Zustand zwischen dem Orden und dem Lande aufzurichten und zu stützen. Nicht leichtfertig hab' ich das Werk aufgegeben, sondern daran weiter gearbeitet, so lang auch nur Hoffnung war, daß der Frieden auf gemessene Zeit, zwei Jahre oder eins, erhalten werden könnte. Wir sind nicht weiter als zu Heinrichs von Plauen Zeit und können nimmermehr weiter kommen: der Hochmeister entschließe sich, ein Fürst des Landes Preußen zu sein – dann kann er dem Lande gerecht werden, indem er selbst des Ordens Herrschaft bricht; oder der Bund entschließe sich zur Unterwerfung – dann wird das Land den Frieden haben in der Knechtschaft des Ordens. Beides ist unmöglich, und weil ich das erkannt habe, steh' ich hier.« »Und das andere –«, fragte Wilhelm Jordan, »das meinen Vorschlag angeht –?« Hans von Baisen lächelte kaum merklich. »Liebe Herren«, sagte er mit leiser Stimme und sich ein wenig vorbeugend, um noch heimlicher sprechen zu können, »geht bei euch selbst zu Rate, ob einer dem andern ausreichend traut, daß er ihn an die Spitze des selbständigen Gemeinwesens stellen und sich ihm unterordnen möchte, daß er so viel Macht hätte, als alle Obrigkeit braucht. Ich spreche nicht von den Personen. Aber da sind die großen Grundherren und die Städte; stehen sie auch gegen den Orden gemeinsam, so gehen ihre Wünsche doch weit auseinander, und was dem einen Teil für sich nützlich scheint, dünkt den andern für sich schädlich. Und da sind die großen Städte und die kleinen, die ziehen nimmer an einem Strang. Und da sind unter den großen Städten selbst zwei übermächtig und bewachen einander mit Argusaugen, daß ihrem Handel nicht Abbruch geschehe, da jede doch nur auf der andern Kosten scheint gewinnen zu können. Nie wird Danzig Thorn an der Spitze leiden und nie Thorn Danzig. Wir können also nur das Land zerreißen oder uns einen Herrn suchen, der Macht über uns hat, jeden bei seiner Freiheit zu erhalten. Das ist meine ehrliche Meinung. Wer's besser weiß, mag es sagen.« Diese Rede brachte alle Anwesenden in sichtliche Unruhe, so daß sie sich aus ihren Sesseln hin und her bewegten, anlehnten oder auf den Tisch stützten, die Augen im Kreise herumgehen ließen und durch knurrende Laute ihr Unbehagen zu erkennen gaben. Offen zu widersprechen wagten sie doch nicht: es war keiner, der sich nicht getroffen fühlte. Nur Tileman vom Wege hielt sich unbeweglich; ihn schien nichts zu überraschen und nichts unangenehm zu berühren, was Baisen sprach, aber er gab auch kein Zeichen der Zustimmung. Er wartete eine Weile, ob ein anderer das Wort nehmen wolle. Da aber endlich alle auf ihn sahen, erhob er sich langsam und sagte mit scharfer Betonung: »Ihr Herren, wir mögen daran glauben wollen oder nicht, Herr Hans von Baisen wird recht behalten: wir müssen einen fremden Herrn annehmen, damit wir alle bei unserer Freiheit bleiben. Dies ist der Grund. Und weil er's ist und kein ander Ziel und Zweck des Kampfes, so kann ich auch Herrn Wilhelm Jordan nicht unrecht geben, daß wir uns vor Übereilung zu hüten haben. Das meine ich freilich anders als er. Zu schnell können wir in dieser eiligen Sache nicht verfahren. Aber es scheint mir, wir dürfen uns nicht dem neuen Herrn antragen, damit er uns von dem alten befreie; sondern wir müssen uns durch eigene Kraft von dem alten befreien, damit wir uns dem neuen auf unsere eigene Bedingung antragen können! Darum tut es vor allem not, daß wir in dem einen einig sind: Los vom Orden! Sind wir darin einig, wie ich hoffe, so ist kein Tag zu zögern. Der Wortkampf muß ein Ende haben, der Waffenkampf beginnen! Jede verlorene Stunde schwächt uns und stärkt unsere Gegner. Ich höre, daß den Kreuzherren wegen ihres Sieges am Kaiserhofe schon bange wird. Vergeblich hat der Spittler sein Te deum laudamus gerufen. Der Herr Hochmeister soll mildere Saiten aufziehen und noch einmal die Friedensmusika aufspielen lassen wollen. Der Marschall und zwei andere Gebietiger sind unterwegs hierher, die Unruhen zu untersuchen und die Schwankenden mit Versprechungen zu ködern. Es kommt ihnen nur darauf an, Zeit zu gewinnen, ihre geworbenen Söldner ins Land zu ziehen und ihre Schlösser besser zu befestigen. Das dürfen wir nicht abwarten. Wir wissen, in wie elendem Zustande die Häuser jetzt sind: die junge Mannschaft vom Lande, die sie verteidigen sollte, ist überall fortgelaufen; es fehlt an Schießbedarf und Vorrat an Lebensmitteln. Die Unsrigen sind mutig, die Kreuziger verzagt. In Tagen können wir jetzt gewinnen, was wir später in Monaten und Jahren nicht erkämpfen. Wohlan denn! Brechen wir los, lieber heut als morgen. Schicken wir dem Herrn Hochmeister und seinem Orden den Absagebrief! Und dann gegen die Burgen angerannt, daß wir sie in der ersten Überraschung alle zugleich im Sturm nehmen. Als Herren des Landes mögen wir die Krone Polen zum Beistand anrufen. So helfen wir dem König selbst zur Rechtfertigung gegen Papst und Kaiser, uns aber zu einem Paktum, das uns und unsern Kindern die Freiheit sichert.« Diese Rede schlug ein wie der Blitz und zündete in allen Gemütern. Die meisten waren aufgesprungen, reckten die Hälse und hoben die Arme in die Luft. »Los vom Orden!« schrien sie. »Ja, ja –! schreibt den Absagebrief des Bundes – wir sagen unsern Herren ab – wir brechen die Zwingfesten – wir treiben die Kreuziger aus dem Lande! Schreibt den Absagebrief sogleich!« Hans von Baisen gebot Stille. »Bedenken wir, was wir tun«, mahnte er. »Man wird uns das Recht zu solcher Absage bestreiten. Wir müssen bereit sein, alle Folgen auf uns zu nehmen. Wer für die Absage stimmt, der stimmt für den Krieg, und die Besiegten wird man als Hochverräter richten.« »Krieg, Krieg!« riefen sie, »wir werden siegen, wir müssen siegen! Laßt abstimmen!« »Wer stimmt für die Absage?« fragte Baisen, »der hebe den rechten Arm. Die Arme der Eidechsenritter flogen in die Höhe. Bedächtiger folgten die Bürgermeister, aber sie folgten. »Einstimmig«, erklärte Baisen. »Gebe Gott, zu gutem Ende.« »Das legt seine Gnade in unsere Hand«, bemerkte Tileman. Nun wurde der Stadtschreiber von Thorn hineingerufen, auf seinen Eid verwiesen und aufgefordert zu schreiben, was ihm gesagt werde. Die Hand zitterte ihm anfangs, als er die Worte aufs Papier brachte: »Unseren Dienst, als es jetzund gewandt ist. Zuvor, ehrwürdiger Herr Hochmeister! Nach Eurer Erwählung zu einem Hochmeister habt Ihr von uns gefordert die Huldigung, dazu wir uns willig ergaben, sofern uns Ew. Ehrwürden bei unsern alten Rechten und Freiheiten wollte lassen, und eine gemeine Tagfahrt halten zu richten Gewalt und Unrecht, welches wir vielmal gefordert, uns aber nie geschehen. Darüber hat Eure Ehrwürden uns lassen schänden, lästern, Unehren und Meineid und Verräterei zugelegt und uns für eigen gesprochen, so doch unsere Väter und Vorfahren dem Orden je und allewegs getreue Dienste getan haben. Dies alles nicht angesehen, habt Ihr viel lästerliche Schriften von uns Kaisern, Königen, Fürsten, Herren, Gemeinden und Städten übergeben, Hilfe und Beistand bei ihnen wider uns gesucht ... So sagen wir Ritterschaft und Städte des Bundes in Preußen Ew. Ehrwürdigkeit Huldigung und alle Pflicht von der Huldigung auf und wollen damit uns und allen, die uns beistehen, an Ehren und Schimpf gegen Euch und Euren Orden verwahret haben und des Unrechts, der Gewalt und der Leibeigenschaft mit der Hilfe Gottes erwehren.« Hans von Baisen ließ die Schrift verlesen. Sie fand vollen Beifall. »Wer soll den Brief namens des Bundes unterschreiben?« fragte er. »Hans von Baisen«, antwortete Tileman vom Wege ohne Besinnen. Er wollte ihn für den Bund fest an die Kette nehmen. Das merkte der Ritter wohl und wechselte einen Augenblick die Farbe. Da die andern ihm aber zuriefen: »Tut's, tut's – Euer Name gilt dem Orden am meisten, und Ihr seid des Bundes Haupt« – da faßte er sich schnell und sagte: »Ich will's auf euer Gebot tun.« Er nahm die Feder aus des Ratssekretarius Hand, hielt sie eine kleine Weile über dem Blatt, als ob er das Letzte noch bedenken wollte, und setzte dann seinen Namen unter die Schrift. »Ihr habt's gewollt«, sagte er. »Wer wird den Brief siegeln?« Eine Minute lang herrschte tiefes Schweigen. Tileman sah den Danziger Bürgermeister an, ob er sprechen wolle. Da Jordan aber den Blick senkte, sagte er: »Die Stadt Thorn, der preußischen Städte Haupt.« »So sei es«, entschied Baisen. Der Sekretarius siegelte und schloß den Brief. Er wurde einem gemeinen Boten übergeben, der ihn nach der Marienburg bringen und dem Hochmeister über zwei Tage aushändigen solle. – Als Tileman nach Hause kam, ging er nach der Kammer seines Sohnes hinauf und fand ihn auch da. Er faßte seine Hand und sagte: »Nun ist die Zeit gekommen, wo du dich als ein Mann beweisen, deiner Vaterstadt und dem Lande Dienst tun kannst, die mit Ehren vergolten werden. Bisher bist du nur auf deines Leibes Wohlsein bedacht gewesen und hast deine meisten Tage in Müßiggang verbracht oder dir selbst Ärgernis gegeben, weil sich nicht alles nach deinem Sinne fügte. Jetzt fordere ich ernste Dinge von dir, meinem einzigen Sohn und Erben, damit du dir Vertrauen gewinnst bei den Bürgern und an meine Stelle trittst, wenn ich unvermutet abgerufen werden sollte.« »Vater –!« rief Jost überrascht, sich die Augen reibend, als erwachte er aus dem Schlaf, »was ist geschehen?« »Frage lieber, was geschehen soll. Wisse denn, daß nach zwei Tagen die Burg Thorn berannt werden wird –« »Ah –! Das gönne ich dem hochnäsigen Herrn Komtur. Und ich darf dabei sein?« »Ich werde dich an die Spitze der Thorner jungen Mannschaft stellen als ihr Hauptmann. Liegt dein Harnisch bereit, wie der Rat befahl?« »Der Waffenschmied reinigt ihn von den Rostflecken.« »Nimm ihn noch heut in Empfang. Und laß dir eine Schärpe von roter Seide anfertigen, daß man dich von weithin als den Führer erkenne.« »Ich werde sie mit Stolz tragen, Vater.« »Gut! Und richte es wohl ein, daß du einer der ersten auf der Mauer bist. Die Gefahr kann nicht groß sein, denn die Besatzung des Hauses ist schwach.« »Und wenn sie noch so groß wäre – ich achte mein Leben wenig.« »Das ist töricht. Du wirst noch mehr Gelegenheit haben, dir Ruhm zu erwerben, wenn du es nicht leichtsinnig in die Schanze schlägst. Auch die Marienburg muß unser sein!« Jost starrte ihn an. »Die Marienburg?« »Sonst ist's nichts ...« sagte der Alte. »Mit einem Schlage ...« Er strich sich mit der Hand über das Gesicht und den kurzen Bart. »Der Tag wird's bringen. Vorerst Hab ich eiligen Auftrag für dich, der Klugheit und Unerschrockenheit fordert.« »Sprecht, Herr Vater, sprecht! Ich brenne darauf –« »Ruhig! Es handelt sich nicht nur um ein lustiges Abenteuer. Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen. Der Oberst-Marschall, Herr Kilian von Exdorf, ist von der Marienburg unterwegs nach Thorn; er hat den Komtur von Danzig, Niclas Pustar, und den von Graudenz, Wilhelm von Helfenstein, mit sich und begehrt von der Stadt freies Geleit. Das muß ihm zugesagt werden, damit er sich ganz sicher glaubt, denn vor übermorgen darf es nicht offenbar werden, was wir betreiben. Sie dürfen aber nicht frei in die Stadt. Ich will dich nun mit einem Schreiben an den Bundesritter Otto von Machwitz schicken, der die böhmischen Söldner draußen befehligt. Suche ihn auf. Er soll es so einrichten, daß der Stadtbote mit dem Geleitbrief die Herren nicht trifft, so daß sie sich näher an die Stadt heranziehen und im Rücken abgeschnitten werden. Dann haltet sie hin, daß sie nicht zum Vogt von Leipe um Hilfe schicken, und nehmt sie nach zwei Tagen gefangen. Solche Geiseln sind Goldes wert.« Jost schien Bedenken zu haben. »Die Herren reisen aber im Vertrauen.–« »Sie haben nicht Treu und Glauben gehalten«, rief Tileman, »so sind wir ihnen nichts schuldig. Das ist für den Überfall bei Brünn und gilt als erlaubte List im Kriege.« »Im Kriege, Vater –?« Tileman biß die Lippe. »Ich sagte dir, sie sollen zwei Tage hingehalten werden. Bringst du sie dann gefangen ein, so ist dein Glück gemacht. Im übrigen – frage nicht weiter und handle.« Noch vor Nacht ritt Jost vom Wege durchs Kulmer Tor aus der Stadt. – Der Komtur Albrecht Kalb sah mit wachsender Sorge die Vorbereitungen zur Belagerung der Burg. Vergeblich hatte er wieder und wieder gewarnt und den Hochmeister um Verstärkung angefleht. Die Landwehr, die er einberufen, war ungehorsam ausgeblieben oder wieder entlaufen. Die Dienerschaft zeigte sich unzuverlässig und verkehrte heimlich mit den Bürgern. Nur zwölf Ritter hatte er in seinem Konvent, mehrere davon alt, siech und krank. Bei der Musterung fand er nur Steinbüchsen, einige Tonnen Pulver und etwa vierzig Schock Pfeile zu den Armbrüsten vor, die aber nur zum kleinen Teil bedient werden konnten. Wie sollte das Haus mit seinen Vorwerken gegen ernstlichen Angriff verteidigt werden? Immer drohender stiegen die Erdwälle an. Vom Turm aus konnte er deutlich sehen, wie sie mit schweren Geschützen armiert und die Kugeln dazu in den Winkeln der Verschanzungen aufgehäuft wurden. Er ließ auf dem Rathause anfragen, was das bedeuten solle, und erhielt die übermütige Antwort: das sei so der Länder und Städte Belieben. Nun wußte er, daß er aufs Schlimmste gefaßt sein mußte, und bereitete die Neustädter Bürger, die mit ihrer Habe vor dem Zorn der Altstädter in die Vorburg geflüchtet waren, auf den nahen Kampf vor. Die Weiber und Kinder jammerten; die Männer schauten düster drein. »Ist das Schloß zu halten«, fragten sie, »wenn wir gesamt die Waffen ergreifen?« Der Komtur war zu ehrlich, sie zu täuschen. Nun wollten sie ihr Schicksal nicht erschweren, indem sie sich zur Wehr setzten. Wußten sie doch, daß an ihnen der Abfall von Neustadt-Thorn vom Bunde gerächt werden würde. Ein Teil von ihnen hielt's für geraten, sich lieber gleich der Gnade der Angreifer zu überantworten. Die Altstädter ließen sie aus dem Schloßtor und fingen sie ab. Es dürfe jeder aus der Burg, der wolle, sagten die Anführer, aber niemand hinein. Sie litten nicht, daß die Leute des Komturs in der Stadt Einkäufe machten und Vorräte ins Schloß schafften. Selbst Briefe durften nicht hinaus und hinein, der Bürgermeister Rutger von Birken hätte sie denn vorher gelesen. Das Schloß war schon vollständig belagert. Als die im engeren Bunde dann der Meinung waren, der Absagebrief könnte dem Herrn Hochmeister jetzt Wohl schon ausgehändigt sein, schickte Rutger einen der jüngeren Ratsherren auf die Brücke, den Komtur zur Übergabe des Schlosses aufzufordern. Herr Albrecht Kalb erschien in voller Rüstung auf der Mauer und nahm sein Begehr entgegen. Noch aber meinte der tapfere Mann widerstehen zu müssen; er hoffte, daß der Entsatz unterwegs sei. Wie könnte der Orden das Haus Thorn aufgeben? Deshalb war seine Antwort: »Wir haben unserm Orden kein Haus gewonnen und wollen auch keins übergeben!« »So tragt denn die Folgen«, rief ihm der Ratsherr zu. In der Stadt entstand ein großer Lärm. Jost vom Wege brachte die gefangenen Gebietiger unter Bedeckung der böhmischen Söldner ein. Sie hatten sich, als sie die Straße gesperrt fanden, auf das Haus Papau geflüchtet. Die wenigen Ritter dort mußten jedoch die Verteidigung für ganz aussichtslos halten und ergaben sich mit ihnen. Nun wurden sie, an der Spitze der alte und kranke Marschall, durch die Stadt geführt und dem Hohn des gemeinen Volkes preisgegeben, das sie unter Schimpfreden und Flüchen nach ihrem Gefängnis geleitete und mit Kot bewarf. Das sei für Brünn. Exdorf biß die Zähne zusammen. Das Bubenstück war mit einem Bubenstück vergolten. Tileman belobte seinen Sohn. Jost hatte ausgekundschaftet, daß keine Streitmacht des Ordens im Anzüge sei. Deshalb sollte noch denselben Abend mit dem Angriff auf das Schloß begonnen werden. Der Alte erbat sich für Jost den Oberbefehl in der Altstädter Schanze als Lohn für die Gefangennahme der Gebietiger. Drüben in dem Neustädter Erdwerk kommandierte Tergowitz. Nach einigen Stunden war alles zur Beschießung bereit. Von zwei Seiten zugleich donnerten die schweren Geschütze gegen das feste Schloß bis nach Mitternacht. Die Vorburg geriet in Brand. Hochauf schlugen die Flammen zum schwarzen Nachthimmel und beleuchteten grell die roten Mauern und Türme des hohen Hauses, in dessen Dach die Steinkugeln mit weithin schallendem Gepolter einschlugen. Schwach nur wurde das Feuer erwidert. Da scharte Jost die bewaffneten Bürger um sich und machte mit Sturmleitern einen Angriff gegen die Vorburg. Er gelang. Die wenigen Trabanten des Ordens, die noch kampffähig waren und Widerstand leisteten, wurden niedergehauen; andere suchten über die Mauer zu entkommen. Nun trennte die Angreifer nur noch ein trockener Graben vom eigentlichen Hause, das die Ritter verteidigten. Am Morgen mußte Herr Albrecht Kalb wohl einsehen, daß keine Hilfe mehr zu erwarten, das Schloß rettungslos verloren sei. Deshalb schrieb er einen Brief an die »ehrbaren, gestrengen, wohltüchtigen und festen, vorsichtigen und wohlweisen lieben Herren Ritter und Knechte, Bürgermeister und Ratmannen jetzund von Land und Städten hier zu Thorn versammelt«, er bäte einige von ihnen, in den Konvent zu kommen, wegen der Übergabe unter Zusicherung freien Abzuges zu verhandeln. Das geschah. Die Bedingung wurde zugestanden, doch sollten die vom Bunde Abgefallenen ausgeschlossen sein. Dann wolle er sich lieber mit den Brüdern unter den Trümmern der Burg begraben lassen, antwortete der Komtur. Nun gaben die Bündischen nach. Schweren Gemüts räumten die wenigen Ritter das Schloß und begaben sich in das Barfüßlerkloster. In vierzehn Tagen sollten sie die Stadt verlassen dürfen, mußten aber geloben, sich nicht nach der Marienburg zu begeben. Dorthin berichtete der Komtur mit tiefem Schmerz seinem Meister den Fall des Hauses. »Hätte Euer Gnaden größeren Fleiß getan und das Haus besser bemannt, unserthalben sollt' es nicht übergeben sein!« An der Spitze des Hauptturms aber leuchtete am Abend nach der Übergabe ein helles Feuer auf. Das war das verabredete Zeichen, überall loszuschlagen. Die nächsten Schlösser wurden von den Bündischen und ihren Söldnern überrumpelt oder im Sturm genommen. Und wieder flammte an der Turmspitze das Signal weiter ins Land hinaus. In wenigen Tagen waren alle festen Häuser im Kulmer Lande in des Bundes Gewalt. Es fielen die Schlösser von Danzig und Elbing, der Spittler Reuß von Plauen mußte nach tapferer Gegenwehr Preußisch-Holland, das er persönlich verteidigte, der Übermacht weichend, mit den Brüdern verlassen. Vergeblich hatte er den Hochmeister beschworen, ihm zu gestatten, die für den Orden geworbenen Söldner mit ins Land bringen zu dürfen. Nun kamen sie zu spät. Nach den ersten Erfolgen des Bundes gingen alle ehrbaren Leute, die noch geschwankt hatten, zu ihm über. In wenigen Wochen hatte der Orden fast seine sämtlichen Burgen verloren. Nur die Marienburg mit wenigen anderen hielt dem Ansturm stand. Und nun berieten die Obersten des Bundes, was mit den eroberten Schlössern geschehen solle. »Wir wollen sie selbst mit unserer Mannschaft besetzen und gegen jedermann behüten«, sagten die Landesritter. Das war denen von den kleinen Städten bedenklich; sie fürchteten, unter noch schlimmere Herren zu kommen, als die Brüder vom Deutschen Orden gewesen waren. »Laßt uns die Burgen dem König übergeben«, schlugen sie vor, »damit er uns besser gegen die Kreuziger verteidige.« Ihnen stimmten auch viele von den Ländern bei, die Verdacht hatten, die Eidechsen wollten sich zu Zwingherren aufwerfen. »Wir brechen die Schlösser!« rief Tileman vom Wege, die Faust auf den Tisch setzend. »Kein Stein soll auf dem andern bleiben! Thorn, Danzig, Elbing sind darüber eins. Will der Bauer den Storch nicht länger auf dem Dache leiden, so wirft er ihm das Nest herunter. So tun wir's auch. Jetzt freilich sind wir stark genug, die Häuser zu besetzen, und möchten sie wohl auch gegen den Orden halten. Aber wer weiß, ob sich die Stadt allemal auf ihren Hauptmann verlassen kann, dem sie ein festes Schloß anvertraut? Wir wollen niemand in Versuchung führe«. Und wäre auch von daher keine Gefahr – vergeht nicht, daß wir einen Mächtigeren zum Schutz anrufen als den Orden! Den König von Polen könnt's Wohl gelüsten, die Häuser mit seinen Leuten zu besetzen und sie stärker auszubauen, als sie je gewesen. Dann mögen wir zusehen, wie wir unsere Freiheit behüten. Er soll unser Herr sein auf unsere Bedingung, nicht nach seiner Gnade. Bevor wir ihm das Land antragen, wollen wir sicher sein vor Schaden. Die Burg, die an der Stadt Mauern stehen bleibt, ist ihr eine ewige Drohung; die Burg, die einmal gebrochen ist, baut er nicht wieder auf. Darum brechen wir sie, da wir die Macht dazu haben!« Der Thorner Rat trat ihm bei. So wurden denn eiligst die Zimmerleute und Maurer und Dachdecker und viele Tagelöhner zu diesem Vernichtungswerk gedungen und in die Burg geführt. »Schade um die schönen festen Mauern – schade um die prächtigen Gewölbe – schade um das gewaltige Dachgebälke«, sagte da mancher zu seinem Nachbar. Den guten Handwerkern war's nicht ganz geheuer bei dem Gedanken, daß sie zerstören sollten, was einst mit so viel Fleiß und Kunst aufgebaut worden. Sie hatten auch eine dunkle Ahnung, daß es sich für sie wenig schickte, in den Jubel über das Ungemach des Ordens einzustimmen, und daß sie helfen sollten, die Hand ihres besten Freundes zu lähmen, der sie bisher stets gegen Anmaßung und Willkür des Rates in Schutz genommen hatte. Wenn hier kein festes Schloß mehr stand, dessen Hauptmann sich Gehorsam erzwingen konnte, wie sollten fortan Streitigkeiten unter den Mächtigen und Schwachen in der Bürgerschaft ausgetragen werden? Die Herren wollten keinen Herrn über sich haben. Jawohl, das war verständlich. Aber die Gemeinen, die am Stadtregiment nicht teilhatten ... Sie legten sich das nicht deutlich zurecht. Wie sollten sie auch? Sie waren als Handwerker gedungen und wurden aus dem Stadtsäckel gut bezahlt. Aber es lag wie ein Alpdruck auf ihnen, daß sie nicht heiter an die Arbeit gehen konnten und sich scheu im Burghof, in den Galerien, Remtern und Zellen der Brüder vom deutschen Hause umschauten, als sollten sie ein Unrecht begehen oder etwas Törichtes beginnen. Endlich kletterte ein Dachdecker in die Spitze des höchsten Eckturms hinauf, deckte einige Pfannen ab, kroch durch die Öffnung hinaus und mühte sich, die eiserne Stange mit dem Knopf und dem Fähnlein zu lösen. Man sah ihn von der Stadt aus in der luftigen Höhe hantieren; alles Volk lief zusammen, ihn zu beobachten, und füllte bald den Platz vor den Schloßmauern. So hatten vielleicht die Thorner Bürger vor zweihundert Jahren zugeschaut, als die Spitze aufgesetzt und das Werk gekrönt wurde, von dem sie sich einen starken Schutz gegen Angriffe der feindlichen Stammpreußen verhoffen durften. Wie so ganz andere Empfindungen erregte das jetzige Schauspiel. Nun hatte der waghalsige Mensch da oben die Bolzen ausgezogen – nun hob er die Stange – nun sank sie um und schlug polternd auf die Dachziegel auf – nun glitt sie hinab. »Kopf weg!« schrie er. Tausend Stimmen antworteten mit einem lauten »Hurra!« Knopf und Fähnlein drehten sich zwei-, dreimal umeinander, dann verschwanden sie hinter dem Dach des Schlosses. In der nächsten Sekunde klang das Eisen auf dem Steinpflaster des Burghofs. Der Knopf zersprang, alte Münzen fielen heraus. Das verrostete Blechfähnlein mit dem eingeschnittenen Bilde der Heiligen Jungfrau brach mitten durch. Dann folgten die buntglasierten Mönche und Nonnen, bis der Dachstuhl des Turmes ganz abgedeckt war. Die Zimmerleute eilten hinauf und lösten das Gebälk aus seinen Fugen. Die Maurer arbeiteten mit Brecheisen, die festgefügten Ziegel zu lockern. Die Steine wurden hinabgeworfen. So wurden auch die andern Türme, die Dächer, die Gewölbe, die Mauern des Schlosses gebrochen, die Keller mit den zerschlagenen Ziegeln gefüllt. Es war eine schwere Arbeit, denn das Haus schien für die Ewigkeit gebaut. Sie dauerte viele Wochen lang. Dann aber war das Zerstörungswerk auch vollständig nach dem Herzen Tilemans vom Wege: kein Stein blieb auf dem andern. Wo das Ordensschloß gestanden hatte, türmte sich jetzt ein riesiger Schutthaufen. Er sollte nach des Rates Beschluß nicht abgetragen werden, sondern für alle Zeit unberührt bleiben, die verfluchte Stätte wüst liegen, ein Wahrzeichen für die künftigen Geschlechter, daß ihre Vorfahren die Zwingburg gebrochen und sich die Freiheit erkämpft hatten! Das Haus Thorn war das erste gewesen, das der Deutsche Orden im Lande Preußen zur Unterjochung der Heiden und zum Schutz seiner deutschen Einzöglinge errichtet hatte – es war das erste, das beim Verfall seiner Macht in Trümmer ging. So brachen auch die Danziger und Elbinger ihrer Herren Schlösser. Und so gründlich gingen sie zu Werke, daß kaum noch die Stelle bekannt blieb, auf der sie gestanden hatten. Unterdessen waren die Sendboten des Bundes nach Krakau zum König von Polen abgereist, ihm das Land Preußen »als dem rechten Erbherrn« anzubieten. An der Spitze stand Hans von Baisen, jetzt dem Orden der Verhaßteste, »der lahme Basilisk«. König Kasimir hatte soeben seine Hochzeit mit Elisabeth, Kaiser Albrechts Tochter, gefeiert. Er nahm des Bundes Antrag freundlich auf, obgleich er noch nicht einmal die mit Glückwünschen zum Fest erschienenen Abgesandten des Hochmeisters verabschiedet hatte, ließ ihre Bedingungen von einem Kronrat untersuchen – alle Zölle sollten aufgehoben, die gebrochenen Burgen nie wieder aufgebaut werden, die Güter des Ordens denen verbleiben, die sie sich im Kampf angeeignet –, und zögerte nicht lange mit einer gnädigen Antwort. Er erklärte dem Deutschen Orden den Krieg und ernannte Hans von Baisen zu seinem Stellvertreter – zum »Gubernator des Landes Preußen«, das der Krone Polen für ewige Zeit inkorporiert worden. Zur selben Zeit war zu Thorn bei der Ratskehr Tileman vom Wege wieder zum regierenden Bürgermeister erwählt worden. Er hatte, als König Kasimir mit großem Gefolge dorthin kam, die Huldigung der Stände anzunehmen, die von Ländern und Städten zahlreich erschienen waren, die Ehre, der erste zu sein, der ihm den Eid leistete. Er sprach ihn ohne Zittern der Stimme. Aber das Herz zitterte ihm vor freudiger Genugtuung: »Die Schmach, die Ludwig von Erlichshausen mir angetan, ist an seinem ganzen Orden gerächt!« – Dritter Band Tileman vom Wege Erstes Kapitel Die Marienburg in Pfand Vor dem Haupttor des alten Schlosses der Marienburg hielten zwei böhmische Söldner die Wache. Der eine hatte sich an den Prellstein des äußeren Torbogens gelehnt und den Spieß in den Arm genommen, der andere stand vor ihm mit gespreizten Beinen, auf die Hellebarde gestützt. Es waren Kerle mit verwetterten, vielfach von Narben durchfurchten Gesichtern, zotteligen Bärten und knochigen, von der Sonne gebräunten Fäusten. Wams und Lederhose zeigten sich geflickt und wieder zerrissen, aber Helmkappe und Brünne waren blank geputzt und die breiten eisernen Spitzen an den Spiecken haarscharf geschliffen. Sie waren in einer Art schläfriger Unterhaltung begriffen, indem der eine und der andere von Zeit zu Zeit ein paar Worte hinwarf, die ebenso gut auch ungesprochen hätten bleiben können, da sie ihnen durchaus nichts Neues brachten. Sie wurden aber doch aufgefangen, belacht, begähnt oder in gleich nichtssagender Weise erwidert. Das Wachestehen war so langweilig und doch nun schon seit Jahr und Tag fast der einzige Dienst, der von den Hauptleuten gefordert wurde. Der an den Stein Lehnende betrachtete seinen Schuh, aus dessen Spitze sich die große Zehe herausbohrte. Mit dem Schaft des Spießes darauf deutend, sagte er grinsend: »Da –! Der möcht' auch ausgedient haben. Aber es fehlt der Ersatz.« »Der Schuster kann ihm noch helfen«, meinte der andere. »Pah! Er tut's nicht umsonst.« »Laß ankreiden bis zum großen Zahltag. Es läßt jeder ankreiden bis dahin.« »Bis zum Zahltag! Ja, wann kommt der? Wir warten schon längst darauf.« »Na ... einmal muß er doch kommen. Wir haben Schloß Marienburg und die anderen Schlösser in Pfand.« »Steine – Steine! Es läßt sich kein roter Batzen herausschlagen.« »So nicht. Aber sie sind dem Orden doch viel wert.« »Das glaub ich. Wäre er nur nicht arm wie eine Kirchenmaus. Womit soll er sie einlösen? Der Soldrückstand wächst alle Tage.« »Wir müssen unsern Hauptleuten vertrauen – die haben mehr zu fordern als wir. Sie ziehen nicht ab, ehe sie befriedigt sind.« »Indessen reißt die Sohle ganz vom Schuh und wir können barfuß herumlaufen. Haben wir darum unsere gesunden Glieder zerhauen lassen?« »Denen auf der anderen Seite geht's nicht viel besser. Das Geld ist überall verdammt knapp in der Welt.« »Wer's nicht hat, soll das Kriegführen bleiben lassen, denk ich.« »Leben wir nicht davon, daß es hier und dort Unfrieden gibt?« »Erbärmlich genug – auf Pfand!« »Wer ein Pfand hat, kann's verkaufen, wenn er nicht zur Zeit befriedigt wird. Das ist Rechtens überall.« »Aber wer kaufen will, muß wieder Geld haben.« »Es gibt schon Leute ... Die Danziger und die Thorner haben immer Geld.« »Die! Sie bezahlen ihre eigenen Söldner nicht.« »Aber für die Ordensschlösser werden sie Geld haben. Und der König von Polen ... Man muß abwarten, Brüderchen.« Der andere erhob sich seufzend. »Man muß abwarten – da bleibt nichts übrig. Es steckt schon zu viel darin. Man muß abwarten.« Er zog die große Zehe nach Möglichkeit ein und ging eine Weile mit geschultertem Spieß auf dem Steinpflaster vor dem Tor hin und her, bis er sich auf den anderen Prellstein niederließ, während sein Kumpan um den Spieß herum langsam eine Drehung machte und eine Melodie pfiff. Das Gespräch über den Soldrückstand konnte dann wieder beginnen; es war das einzige, das sich nicht erschöpfte. Auf dem Schloßhof zeigte sich ein munteres Treiben. In den Ritterzellen der Schloßflügel – nur wenige waren ihren bisherigen Inhabern verblieben – hatten sich die böhmischen und deutschen Söldner einquartiert. Die Vorburg mit ihren vielen Wirtschaftsgebäuden hatte bei weitem nicht ausgereicht, die Scharen zu fassen, die von den Hauptleuten in ihren Pfandbesitz eingelegt wurden; es war ihnen auch gerade darauf angekommen, das sogenannte »rechte« Schloß, die eigentliche Feste, in ihrer Gewalt zu haben. In den unteren Kreuzgängen waren Tische und Bänke aufgeschlagen. Zu den Türen dahinter ging's hinein und hinaus wie in einem Bienenstock. Kleinere Tische standen auch auf dem Pflaster, bis fast zur steinernen Einfassung des Brunnens vorgeschoben. Daran saßen in hellerem Licht die Rottenführer und älteren Landsknechte in ihrer bunten Kleidung, würfelten und tranken aus großen Maßkrügen Marienburger Vier von des Ordens Keller. An einem der Granitpfeiler war ein großes Faß unter dem Gewölbe aufgelegt und aus ihm wurde von einigen bunt geputzten, zigeunerhaft aussehenden Weibern bedient, mit denen jeder Zoten trieb, der einen neugefüllten Krug abholte. Andere Weiber hatten am Brunnen die große Holzbütte mit Wasser gefüllt und besorgten darin die Wäsche. Auch Kinder lungerten herum. In den oberen Galerien waren zwischen den Säulen, die das zierliche Gewölbe trugen, Leinen geschoren und mit allerhand zerrissenen und geflickten Kleidungsstücken behängt. Kerle mit braunen Gesichtern und langen Schnauzbärten, wie die am Tor Wachestehenden, lehnten sich über die Brüstung; einige klopften auch mit langen Weidenstöcken den Staub und die Motten aus den Mänteln und zwischengehängten Schlafdecken, ohne sich dabei besonders anzustrengen. Wo die Türen offenstanden, sah man in schmale Schlafräume mit kleinen, tief in die dicke Mauer eingeschnittenen Luftlöchern. An den Langwänden standen die einfachen Bettstellen, so viel irgend Raum hatten, und in den Ecken lehnten die Spieße, während die anderen Armaturstücke auf hölzernen Regalen über jedem Bett untergebracht waren. In einer Eckzelle arbeiteten Handwerker, Schuster und Schneider, die aus der Stadt herangezogen sein mochten. Kein Zweifel, die Söldner waren hier die Herren. Wo sonst die feierliche Stille des Klosters geherrscht hatte, füllten sie jetzt mit ihrem wüsten Lärm Haus und Hof. Nur das Hospital und eine kleine Reihe von Zellen neben demselben war von der Einquartierung verschont geblieben und die Marienkirche dem ritterlichen Gottesdienst vorbehalten. Dort tönte das Glöcklein über dem Altar zu den bestimmten Zeiten, die das Ordensstatut vorschrieb, aber niemand von den wüsten Gesellen achtete darauf. Nun schritt vom Hochmeisterbau her eine hohe Gestalt in weißem Mantel über die Brücke und trat in das schräg eingebaute Tor des rechten Schlosses ein. Es war der Spittler Heinrich Reutz von Plauen, den Wachen wohlbekannt, die ihn denn auch in ehrerbietiger Haltung, die Spieße fortstreckend, vorüberließen. Er trug das große Ritterschwert mit aufgewickeltem Ledergurt im Arm und hatte mit der anderen Hand den Mantel über der Brust zusammengenommen, um besser ausschreiten zu können. Auf dem Hof kümmerte man sich um ihn wenig; kaum daß einige von den Rottenführern ihre Schemel zur Seite rückten, ihm den Weg frei zu machen. Er selbst blickte nicht nach rechts und links, sondern ging mit ernstem Gesicht, den Kopf ein wenig gesenkt, auf die Tür zu, die nach dem Kapitelsaal führte. Er öffnete sie und trat ein, durch die hütenden Hellebardiere nicht gehindert. Hier in dem prächtig hochgewölbten Gemach, das so oft des Deutschen Ordens Blüte versammelt gesehen, in dem seine Hochmeister gewählt und von den Generalkapiteln Beschlüsse über Landesgesetze, über Krieg und Frieden gefaßt waren, hatten die böhmischen Hauptleute sich aller Proteste ungeachtet häuslich niedergelassen. Diesen luftigen Saal betrachteten sie als den am besten geeigneten Ort zu geselligem Verkehr, aber auch zu Verhandlungen mit den Anführern der außenliegenden Trupps, welche Verhaltungsmaßregeln einzuholen kamen, mit den Sendboten der kleinen Städte und des Landadels der besetzten Gebiete, aus denen über harten und ungerechten Druck Klage geführt wurde, und gelegentlich auch mit den Ordensrittern, die der Hochmeister schickte, um Beschwerden über Ausschreitungen der Söldner anzubringen oder um Erleichterung zu bitten. Sie hatten aus den Prachtgemächern des Mittelschlosses Tische und Sessel hineinbringen lassen und vergnügten sich beim Würfelbecher oder Kartenspiel, hetzten wohl auch zur Kurzweil ihre Hunde gegeneinander und schlugen sich, wenn's beim übermäßigen Trinken Händel gab, die Köpfe blutig, um sich nach einer Stunde wieder zu vertragen. Als Plauen eintrat, saßen drei von ihnen, Ulrich Czerwonka, Nickel von Wolfsdorf und Richard von Kastrenzky, bei einer Kanne Wein zusammen, die Karten in der Hand. Ein vierter, Jon von Wichnansky, saß rittlings auf einem Schemel, die Lehne gegen den Tisch gekehrt und die Arme über derselben verschränkt, sah zu und glossierte mit derben Scherzen das Spiel. In einem der hohen Wandstühle auf der Schmalseite, der bei den Kapitelversammlungen für den Hochmeister bestimmt war, hatte sich Friedmann Panzer lang ausgestreckt und schlief, des edlen Rheinweins schon allzu voll, den Schlaf des Gerechten. Seine große Dogge hatte nicht weit von seinen Füßen auf dem Teppich, da, wo die Sonne durch das hohe Fenster schien, ein warmes Plätzchen gefunden. Die festen Schritte hinter sich machten Ulrich Czerwonka aufmerksam. Er wandte die linke Schulter und das Gesicht zurück, was Kastrenzky sofort benutzte, ihm in die Karten zu blicken. Es war ein häßliches, spitzbübisches Gesicht, das an einen Fuchs und Affen zugleich erinnerte. Die niedrige Stirn erschien noch niedriger, weil das dünne, schwarze Haar glatt bis fast zu den hochaufgeworfenen Augenbrauen hinabhing, die sich in der Mitte borstig spitzten. Zwischen ihnen war der Nasenrücken schmal, so daß die kleinen grauen Augen dicht aneinander standen. Die Lider schienen nicht völlig gehoben werden zu können und bildeten beständig ein Schirmdach, unter dem sich die listigen und boshaften Blicke versteckten. Die Nase selbst setzte knollenartig an und hatte gegen die Spitze hin eine kupferartige Farbe. Darunter hing, wie angeklebt, ein spärlicher Bart zu beiden Seiten des schmallippigen Mundes über das kurze und zugleich spitze Kinn hin. Die Miene des Übermuts verriet, daß Czerwonka überlegte, ob er den Ankommenden besonderer Verachtung würdigen oder sich wieder dem Kartenspiel zuwenden sollte, ohne auch nur seinen Gruß abzuwarten, und eine unwillig zuckende Bewegung der rechten Hand, in welcher er die bunten Blättchen hielt, zeigte, daß er gute Luft hatte, sich die Störung nicht gefallen zu lassen; aber die würdevolle Haltung und das ernste Auge des Spittlers schienen seinen Gedanken schnell eine andere Wendung zu geben. Er legte die Karten verkehrt auf den Tisch, stand auf und ging ihm einen Schritt entgegen. Auch die anderen Herren erhoben sich nun zur Begrüßung. Keinem sonst im weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuz hätten sie solche Ehre erwiesen. Der Sieger von Konitz erfreute sich in ihren Augen einer besonderen Schätzung. Der Spittler war es gewesen, der damals in den Tagen der höchsten Not des Ordens, als die Bündischen im ersten Ansturm fast alle seine Schlösser genommen hatten und der junge König von Polen mit einem Heer von vierzigtausend Mann heraneilte, das ihm angetragene Land in Besitz zu nehmen, die unter den Mauern von Konitz entbrannte Schlacht zwischen ihm und den von Herzog Rudolf von Sagan und Bernhard von Zinnenberg geführten Söldnern des Ordens durch einen kühnen Ausfall mit einer tapferen Schar von Deutschen überraschend gewendet hatte. Die Polen wurden in die Flucht geschlagen und waren nicht mehr zum Stehen zu bringen; der König selbst kam in Lebensgefahr; dreitausend Polen, darunter hundertundsechsunddreißig Woywoden, Hauptleute, Ritter und Edle wurden erschlagen, viele von den vornehmsten gefangengenommen. Das königliche Siegel, die Reichsfahne, alles Geschütz, viertausend mit Kriegsrüstung und Lebensmitteln reich beladene Wagen, des Königs Kriegszelt nebst allen Kleinodien und Schätzen an Gold und Silber, Tafelgeschirr und Waffen fiel den Siegern in die Hände. Das polnische Herr war vollständig aufgelöst, in Trümmern, die sich nicht mehr vereinigen konnten, über die Grenze zurückgeworfen. Diese eine gewonnene Schlacht hatte schnell die Lage des Ordens verändert, sein schon so tief gesunkenes Glück wieder zum Steigen gebracht. Viele von den abtrünnigen Untertanen waren verträglich zu ihrer Pflicht zurückgekehrt, viele Schlösser wieder eingenommen und mit Soldtruppen des Ordens besetzt, alle Besorgnisse für die Marienburg zunächst beseitigt. Dorthin wurden die gefangenen Polen gebracht. Der Aufstand breitete sich nicht weiter nach Nordosten aus. Kneiphof-Königsberg, das mit den Danzigern gemeinsame Sache machte, wurde nach tapferer Gegenwehr unterworfen. Das halbe Land, freilich der ärmere Teil, kam wieder unter des Ordens Herrschaft. Die Kämpfe der nächsten Jahre mit ihren wechselvollen Erfolgen hatten an diesem Besitzstande wenig zu verschieben vermocht. Viel war verloren worden, aber das Zurückgewonnene mutig und zäh behauptet. Diese Tat war dem Spittler nicht vergessen. Beim Orden nicht, wo er seitdem als der Retter aus tiefster Not und als die Leuchte in aller Finsternis galt, und nicht bei den Söldnern, die solche Mannhaftigkeit zu schätzen wußten und unter seiner Führerschaft wohl auch noch weitere Siege zu erfechten hoffen konnten. So verächtlich sie die Kreuzherren behandelten, die ihrer Ritterpflicht uneingedenk blieben, der tapfere Mann, der sich auf dem Schlachtfelde bewährt hatte, verlor sein persönliches Ansehen auch dann nicht, als der Orden in seiner Geldnot sich ganz von den Soldhauptleuten abhängig machen und ihrer Gnade unterwerfen mußte. »Was bringt Ihr uns, edler Herr?« fragte Czerwonka, listig mit den kleinen Augen blinzelnd. »Es muß einen Grund haben, daß Ihr Euch zu uns bemüht. Nehmt Platz und laßt Euch aus unserer Kanne einen Becher einschenken. Habt Ihr gute Nachrichten aus dem Reich, die auch uns erfreulich sein können? Bedenken die deutschen Fürsten endlich ihre Schuldigkeit, und wollen sie den Orden aus der Pfandschaft lösen?« Plauen schüttelte langsam das schwere Haupt, das sich nicht schien aufrichten zu können. Den Becher schob er zurück. »Es sind ernste Dinge, die ich zu verhandeln komme«, antwortete er, »und sie gehören nicht an den Schenk- und Kartentisch. So es Euch gefällt, edler Herr, gebt mir an anderer Stelle Gehör.« Czerwonka kniff die Lippen zusammen und sah mit einem Seitenblick die Genossen fragend an. Die Hoffnung, daß der Spittler irgendeine günstige Botschaft bringen werde, war stark herabgemindert. Wahrscheinlich wieder die alten Klagen und Bitten! Nickel von Wolfsdorf verstand ihn und nahm dreist für ihn das Wort. »Was kommt's auf die Stelle an? Habt Ihr uns etwas Freundliches zu sagen, so vernehmen wir's so gern hier als anderswo und haben gleich die Becher zur Hand, sie auf Eures Ordens Wohl klingen zu lassen. Mögt Ihr aber die Karten nicht leiden, die lassen sich leicht beiseitelegen.« »Nachdem dieses Spiel beendet«, setzte Kastrenzky hinzu, »da liegt mein Schellendaus, das will ich nicht umsonst aufgeworfen haben.« Wichnansky lachte unbändig. »Gebt die Partie verloren, Ulrich«, wendete er sich an Czerwonka, »er kennt Eure Karten Blatt für Blatt – ich kann's beschwören.« »Dann hat er um die Ecke gesehen«, sagte Czerwonka. »Werfen wir das Spiel. Ich will mir zu Ehren des Herrn Spittlers eins ankreiden lassen.« Es schien ihm lieb zu sein, so auf gute Art das Ärgernis beseitigen zu können. »Und nun setzt Euch zu uns – Ihr trefft uns gerade alle beisammen. Der Friedmann Panzer ...« Er sah sich nach ihm um, hob sein Schwert ein wenig aus dem Gurt und schlug mit dem Kreuzgriff auf den Tisch. »He, Friedman! Wacht auf, wenn's Euch gefällig ist. Wir haben hohen Besuch.« Panzer schnarchte noch einmal kräftig zu, sperrte dann die Augen auf und erhob sich in seinem Sitz. »Ich höre zu – ich höre zu«, versicherte er schlaftrunken. »Wann bekommen wir unser Geld?« »Ja, wann bekommen wir unser Geld?« rief Wichnansky. »Das ist die Hauptsache.« Plauen setzte sich seufzend. »Wenn es an uns läge, wie es nicht an uns liegt«, sagte er, »wir befriedigten euch lieber heut' als morgen. Aber die Summe, die wir euch und den Hauptleuten der deutschen Söldner schulden, ist leider schon ins ungeheuerliche gewachsen. Wir können euch auch diesmal den Termin nicht halten und bitten um weiteren Aufschub.« »Was – was – was?« riefen die Herren auffahrend. »Aufschub – wieder Aufschub? Die alte Schuld ist längst fällig und die neue nicht beglichen. Wir wollen von keinem Aufschub weiter wissen.« Friedmann Panzer war aufgesprungen und an den Tisch getreten. »Zum Teufel mit der Lammesgeduld! Ihr höhnt aus! Wir wollen unser Geld, oder ...« »Hört mich freundlich an«, fiel Plauen in den Lärm ein. »Wir sind wahrlich nicht untätig gewesen. Aber ihr wißt am besten, wie es im Lande steht. Was uns davon geblieben ist, liegt zum größten Teil verwüstet. Unsere Vorwerke habt ihr in Händen. Die kleinen Städte und die Bauern sind ausgesogen, die Gutsherrschaften haben kaum so viel, ihre Untertanen und ihr Vieh durchzubringen. Vergeblich schreiben wir Schoß aus, der Landkasten bleibt leer. Es ist nicht böser Wille: Niemand hat, wovon er geben soll. Unser Gold und Silber ist längst in die Münze gewandert; wir sind euch gerecht geworden, solange wir's vermochten. Nun seht unsre Armut an und nehmt billig Rücksicht.« Auf den Gesichtern der Hauptleute spiegelte sich der Ingrimm über diese doch kaum unerwartete Eröffnung. Ulrich Czerwonka hob übermütig das Kinn, senkte die Augenlider und sagte in wegwerfendem Ton: »Was wollt ihr Ordensherren? Ich denke, wir haben schon zu viel billige Rücksicht genommen. Deshalb ist eure Schuld durch die Jahre so angewachsen, daß sie euch jetzt schier unerschwinglich gilt. Meint ihr uns auch ferner mit Versprechungen füttern zu können? Davon werden unsere Leute nicht satt. Vergeht nicht, daß wir nur der Söldner Hauptleute sind und selbst die schwersten Verpflichtungen haben. Wir empfangen nichts von euch, das wir nicht wieder weggeben müssen. Unsere Leute fordern ihren verdienten Lohn und werden meutern, wenn sie nicht endlich befriedigt werden. Wenn sie ihn sich mit Gewalt nehmen, mögen Länder und Städte zusehen, wie's ihnen bekommt. Wir haben nur so lange Macht über sie, als sie uns Vertrauen schenken, daß wir ihnen zu dem ihrigen verhelfen werden. Zum Teufel! Ihr habt uns gesagt, daß ihr im Reich Freunde habt, die euch lösen werden. Und nun wollt ihr uns den Termin nicht halten? Wo sind eure Bürgen?« Plauen zuckte die Achseln. »Wir geben noch nicht die Hoffnung auf, durch des Papstes und Kaisers gnädige Unterstützung wieder so weit zu Kräften zu kommen, daß wir unsere Gläubiger voll befriedigen können«, sagte er, sich stolz aufrichtend. »Sie werden den Deutschen Orden nicht im Stich lassen, den sie mit Privilegien ausstatteten und der Jahrhunderte hindurch des Reiches und der Kirche treue Vorhut hier im Norden war. Zur Zeit sind sie aber selbst in mancherlei Bedrängnis und vertrösten uns auf die Zukunft. Wir haben es auch wahrlich an Mahnungen bei den deutschen Kurfürsten und Fürsten nicht fehlen lassen und viel guten Willen, aber freilich wenig hilfreiche Tat verspürt, denn überall ist Not und Elend durch der Hussiten Verwüstung und der Raubritter Plage. Doch daß sie uns allesamt ernstlich raten, festzubleiben und unser Recht zu behaupten, auch versprechen, unsere Sache auf dem Reichstage vorzubringen und zu verfechten! So dauert's wohl noch eine Weile, bis wir zum Ziel gelangen, da diese Wege schwierig sind, aber wir hoffen auch darin auf Gottes und der Jungfrau Maria Beistand. Habt deshalb noch weiter ein Einsehen und gebt uns neue Stundung.« »Pah –!« riefen sie wie aus einem Munde. Wolfsdorf schlug so heftig mit der Faust auf den Tisch, daß sein Becher ins Schwanken kam und das edle Naß über die Platte ausschüttete. »Das sind faule Fische«, schrie er den Spittler an. »Eines Juden hebräische Verschreibung gilt mir mehr als aller Kurfürsten und Fürsten luftige Worte. Auf Gottes und der Jungfrau Maria Beistand habt ihr alle die Zeit vergeblich gehofft. Sie mögen euch gnädig in den Himmel helfen, aber in euren Schlössern halten sie euch nicht.« Dieser wilde Spott erregte bei den andern ein lautes Gelächter. Nur Czerwonka bemühte sich, nicht alle Würde zu verlieren. »Geld – Geld – Geld«, sagte er, seinen Bart zupfend, »hier ist's nur um's Geld. Löhnt uns ab, und ihr seid frei. Seht dann weiter zu, wie ihr euch mit Hilfe eurer irdischen und himmlischen Freundschaft eurer Haut wehrt. Ihr habt uns ins Land gerufen, und wir sind darin. Wollt ihr uns hinaus haben, so haltet uns Wort. Auf so allgemeine Reden geben wir nichts mehr, und ins ungewisse lassen wir uns nicht vertrösten. Leistet wenigstens eine angemessene Abschlagszahlung, damit wir unsere Leute beruhigen.« »Es ist unmöglich«, antwortete Plauen, »in dieser nahen Zeit unmöglich.« »Unmöglich – unmöglich –?« schrien sie durcheinander. »So gesteht ein, daß ihr überhaupt nicht zahlen könnt – daß euer Orden bankerott ist!« »Und welchen neuen Termin wollt ihr euch setzen?« fragte Czerwonka höhnisch. »Man muß doch auch das hören.« »Gebt uns noch ein Jahr Frist«, entgegnete der Spittler. »In einem Jahr....« Man ließ ihn nicht aussprechen. Wichnansky pfiff durch die Zähne, und Friedmann Panzer drehte sich wie besessen mehrmals lachend um sich selbst. »Und in diesem Jahr sollen wir wieder von der Luft leben«, spottete Wolfsdorf. »Da fahren wir noch besser, wenn wir die Hälfte unserer Forderung streichen. Legt mir die andere Hälfte bar auf den Tisch, und ich will über das Ganze quittieren!« Der Spittler mochte diesen Sturm vorhergesehen haben; er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. War's doch nicht das erstemal, daß er mit diesen wüsten Gesellen verhandelte, und mußte er doch ihren Unwillen für nicht grundlos erachten. »Ich bin nicht gekommen, euch was abzudingen«, sagte er. »Euer eigener Nutzen ist's aber nicht, wenn ihr uns so hart bedrängt. Helft uns lieber, auch in kürzerer Zeit gerecht zu werden, so wollen wir euch dafür noch dankbarer sein als für den längsten Ausstand.« »Wie das?« fragte Czerwonka überrascht aufblickend. »Wir führen Krieg mit unserm Nachbar Polen zur Unterwerfung unserer abtrünnigen Untertanen«, fuhr Plauen fort, und seine Augen blitzten heller auf. »Dazu haben wir euch geworben. Was tatet ihr aber bisher, euren Lohn zu verdienen? Ihr wolltet den Stier nicht bei den Hörnern fassen, sondern gingt um ihn herum und gabt ihm höchstens einen Schlag von hinten. Ihr lagt in den Schlössern fest, die ihr euch als Pfand gesichert habt, und ließet eure Soldforderungen in ungemessene anwachsen, versäumtet aber im Felde eure Pflicht. Ihr verwüstetet das eigene Land, nahmt dem Feinde aber keine Handbreit ab. Ja, seht mich nur mit zornigen Blicken an, greift nur ans Schwert – ich beleidige euch nicht; was ich sage, ist die Wahrheit. So weit waren wir nach der Konitzer Schlacht – ihr habt uns nicht sonderlich weiter gebracht. Ich rühme mich des Sieges nicht, aber er gibt mir das Recht, euch Lässigkeit vorzuwerfen. Der Feind ist nur stark, weil ihr euch hütet an ihn zu kommen. Folgt mir, und ich will euch noch einmal zum Siege führen!« Die Hauptleute waren still geworden; ihren verlegenen Mienen war's anzumerken, daß sie sich getroffen fühlten. Jeder schien vom anderen zu erwarten, daß er auf diesen Schimpf antworten sollte. Endlich nahm Czerwonka das Wort. »Ich hoffe«, sagte er, »daß es nicht Eure Meinung ist, uns der Feigheit zu bezichtigen. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, auch der Söldner, der für eine fremde Sache Blut und Leben daransetzt. Zahlt ihm den bedungenen Lohn und er wird für euch kämpfen. Was ihr ihm schuldig bleibt, bleibt er euch schuldig. Der ist ein schlechter Hauptmann, der seine Leute in den Tod treibt, ohne sie gelöhnt zu haben. Legt uns das Geld auf den Tisch, und wir wollen morgen frohen Mutes unsere Fähnlein im Winde wehen lassen. Für nichts ist nichts.« Der Spittler ließ sich aber so nicht abtrumpfen. »Wir haben die böhmischen Söldner in der Hoffnung angeworben«, entgegnete er, »daß es ihrer Tapferkeit schnell gelingen sollte, uns das Kulmerland und Pommerellen zurückzuerobern. Die Polen waren bei Konitz aufs Haupt geschlagen; es mußte längere Zeit darüber vergehen, bis sie wieder ein Heer aufstellen und an die Grenze brachten. Inzwischen konnten die Städte Thorn, Danzig und Elbing im Sturm genommen und gebändigt werden. Unsere Gegner waren selbst noch nicht stark gerüstet, eifersüchtig gegeneinander und ihren Söldnern bereits verschuldet, da Lande und Städte sich gegenseitig die schwerere Last aufzubürden trachteten und am liebsten Polen verpflichtet hätten. Da solltet ihr zugegriffen haben. Die großen Städte sind reich. Wären sie niedergeworfen worden, ihr hättet euren rückständigen Sold rasch auf Heller und Pfennig gezahlt erhalten und uns von aller Verpflichtung befreit. Die Städte hätten ihre Verräter« gebüßt und wären doch nicht verarmt. Polen brauchten wir nicht mehr zu fürchten, da sich Kaiser und Papst zugunsten des siegreichen Ordens wohl kräftig ins Mittel gelegt hätten. All' das ist durch eure Saumseligkeit und krämerhafte Bedenklichkeit versäumt. Ihr selbst tragt die Schuld, daß wir euch die Termine nicht halten können, die wir doch in der gerechten Erwartung setzten, daß der besiegte Gegner die Kriegskosten werde zu zahlen haben, wie das in der ganzen Welt nicht anders ist. Beklagt euch deshalb nicht über uns, sondern rüttelt euch auf aus eurer Schlaffheit, führt eure Leute ins Feld und gewinnt durch einen Sieg über unsere Feinde, was wir euch wahrlich sehr unlustig und nur in äußerster Not vorenthalten. Die Ritter vom Deutschen Orden, so viele noch das Schwert ziehen können, werden bei solcher Waffentat nicht fehlen und Lande und Städte der treuen Gebiete auf des Herrn Hochmeisters Ruf wohl noch einmal eine tüchtige Mannschaft stellen, sich selbst aus dieser schier unerträglichen Lage zu befreien. Steht uns bei, wie es eure Pflicht ist, und wir wollen das letzte daran wagen, euch gerecht zu werden.« Die Hauptleute hatten sich während dieser Scheltrede still verhalten oder doch ihren Unwillen nur durch grunzende Laute zu erkennen gegeben. Nun er schwieg und mit seinen ernsten, traurigen Augen im Kreise umschaute, sprang Nickel von Wolfsdorf auf, schlug auf den Tisch und rief: »Ihr habt jetzt gar leicht klug reden, Herr Spittler, damit lockt Ihr aber nicht den Hund vom Ofen. Was so oder so hätt' geschehen müssen und nicht geschehen ist, kümmert uns heut wenig; die Zeit schreitet nicht rückwärts. Hätt Euer Orden viele so tapfere Männer gehabt, wie Ihr einer seid, die Dinge wären so nicht verlaufen. Nun aber sollten wir die ganze Blutarbeit verrichten und uns nicht nur unsern Sold erkämpfen, sondern euch auch noch die Kassen füllen. Dazu reicht unser Häuflein nicht aus. Dankt's uns, daß wir euch noch so viel Besitz erhalten haben!« »Was davon wertvoll, ist in euren Händen«, antwortete Plauen düster. »Ja, es ist in unsern Händen«, schrie Kastrenzky, »und mag allenfalls heut' noch unsere Forderung decken. Wir wollen sie nicht wachsen lassen, bis wir das Pfand unter dem Preis losschlagen müssen.« »Dem König von Polen sticht die Marienburg schon längst in die Augen«, setzte Wichnansky lachend hinzu. »Und die Thorner und Danziger werden ihm das Geld zum Kauf schon aufbringen, wenn er ihnen sonst willfährig ist«, platzte Friedmann Panzer heraus. Plauen erblaßte sichtlich. Er drückte das Schwert fester in den Arm und schob den Fuß zurück, als ob er sich erheben wollte. »Ihr denkt ernstlich daran, die Marienburg unseren Feinden zu verkaufen –?« sagte er mit bebender Stimme. »Das ist Verräterei!« »Nennt's nicht so, edler Herr«, entgegnete Ulrich Czerwonka. »Wir haben die Marienburg mit andern Schlössern in Pfand auf sichere Verschreibung. Es steht darin nichts davon, an wen wir nach dem Verfalltag sollen verkaufen dürfen und an wen nicht. Hätten uns auch auf solchen Vorbehalt nimmer eingelassen. Denn für wen haben die Schlösser einen Preis, als für die Bündischen und ihren obersten Hauptmann, den König von Polen?« »Ja – ja – ja – so ist es!« riefen die andern. »Wir verkaufen, an wen wir wollen.« Der Spittler stand auf und setzte den Fuß dröhnend auf den Steinboden. »Das ist Verräterei! Ihr habt uns geschworen, gegen den Bund und den König von Polen zu kämpfen und dafür das Pfand erhalten. Gebt ihr's in des Feindes Hand, so mißbraucht ihr euer Recht zu schnödestem Verrat. Auch ohne Vorbehalt war der Feind ausgenommen.« »Das leugnen wir«, antwortete Czerwonka, sich auf seinem Sessel zurücklehnend. »Haltet ihr uns nicht Wort, so sind wir unseres Eides ledig und machen uns bezahlt, wie wir können. Was geht uns des weiteren Euer Orden an? Wir sind Söldner und dienen dem, der uns löhnt. Ob ihr Recht oder Unrecht gegen eure Untertanen habt, fragen wir nicht, und ob dem Land Preußen der Hochmeister Deutschen Ordens oder der König von Polen ein besserer Regent ist, ebenso wenig. Lost eure Schlösser aus, und wir ziehen ab oder wollen uns euch von neuem treu verdingen, wenn ihr uns nochmals durch Pfand sichert. Wenn nicht – so wißt ihr Herren jetzt, woran ihr seid.« »Ich protestiere dagegen namens des Herrn Hochmeisters und des ganzen Deutschen Ordens«, rief Plauen, die Hand erhebend, »ich protestiere dagegen im Namen von Kaiser und Reich – ich protestiere dagegen namens der gesamten Christenheit!« »Laßt's doch der Sicherheit wegen von einem Notarius aufschreiben und besiegeln«, spottete Wichnansky. »Gebt Karten«, wendete er sich an Czerwonka, »wir verschwenden wahrlich die edle Zeit.« »Das verzeih' Euch Gott!« sagte der Spittler zornig und kehrte ihm den Rücken. »Nein – nein – nein! Solcher Teufelei seid ihr nicht fähig. Und wenn doch, so vergesset nicht, daß euch das Pfand mit anderen verschrieben ist. Ihr könnt nichts ohne ihre Zustimmung, und die erhaltet ihr Böhmischen nimmer!« »Ihr sprecht von den Hauptleuten der deutschen Söldner«, bemerkte Czerwonka über die Achsel hin. »Wir werden uns mit ihnen abfinden, übrigens scheidet nicht im Zorn, edler Herr, Ihr macht Eure Sache dadurch nicht besser. Haben wir schon das Recht, so ist's doch unsere Neigung keineswegs, mit des Ordens Feinden einen Handel einzugehen. Lieber werden wir mit Euch einig und meiden das Geschrei. Weist uns nach, daß Ihr in der und der kurzen Zeit grundhafte Aussicht habt, das Geld zu erhalten, und der Termin soll nicht unverbrüchlich der letzte sein.« Der Spittler würdigte ihn weiter keiner Antwort, sondern verließ mit einem Gruß der Hand den Kapitelsaal. Er meinte bemerkt zu haben, daß die Drohung mit dem Widerspruch der übrigen Pfandinhaber doch einigen Eindruck gemacht. Czerwonka hatte schließlich mildere Saiten aufgezogen, und seine Kumpane waren nicht mehr so übermütig laut gewesen. Die Bedingung freilich, die für eine Fristverlängerung gestellt wurde, konnte nicht erfüllt werden. Alle Hilfsquellen waren erschöpft; nur das Kriegsglück vermochte noch eine günstige Wendung herzustellen. Es kam alles darauf an, Zeit zu gewinnen und für den Augenblick wenigstens die drohendste Gefahr abzuwenden. Er kehrte daher nicht sogleich nach dem Hochmeisterhaus zurück, sondern wendete sich dem anderen Flügel des alten Schlosses zu, in dem er die Wohnung des Grafen von Gleichen wußte, der einen großen Teil der deutschen Söldner befehligte. Er war ihm seit alter Zeit befreundet und des Ordens Sache von Herzen zugetan. Nicht schnell genug meinte Plauen ihn über das verständigen zu können, was von seiten der Böhmen drohte. Er fand bei ihm Georg von Schliwen, einen anderen Hauptmann, auf den ebenfalls Verlaß war. Diesen beiden teilte er tief empört mit, was er soeben vernommen hatte, und beschwor sie bei Gott und allen Heiligen, eine solche Schandtat zu hintertreiben. »Ihr seid selbst deutsche Herren«, stellte er ihnen beweglich vor, »wenn ihr auch nicht den Ordensmantel tragt. Eure Söhne und Enkel können gar leicht zur Ehre Gottes das Kreuz nehmen. Es wär' euch eine ewige Schmach, wenn ihr eine Mitschuld an der Übergabe der Marienburg zu verantworten hattet. Die Marienburg ist des Deutschen Ordens Haupthaus. Noch nie ist sie von einem Feinde eingenommen worden. An ihren Mauern sind bisher alle Heereswogen der Polen, Litauer und Tataren zerschellt, so mächtig und gewaltig sie auch brandeten. Solange der Orden die Marienburg hält, bleibt er Herr im Lande Preußen; von hier aus allein kann er seinen verlorenen Besitz zurückerobern. Eure eigene Hoffnung der Befriedigung knüpft sich daran. Jetzt sind wir in Not; aber wir können wohl wieder, wie so oft schon seit zweihundert Jahren, aus tiefstem Fall auf des Glückes Rad obenauf kommen. Dann soll euch vergolten werden!« Der Graf von Gleichen, ein schon älterer Herr mit lang auf die Brust hinabfallendem zweizipfeligem Bart und hoher kahler Stirn, reichte ihm die Hand und sagte mit warmer Betonung: »Auf mich mögt Ihr Euch verlassen, Freund Plauen, soviel ich mich auf mich selbst verlassen darf. Den Polen und den bübischen Verrätern, die dem Orden den Eid gebrochen, übergebe ich die Marienburg nicht. Ich hoffe, Georg von Schliwen ist nicht anderen Sinnes. Und auch für die andern, Georg Löbel und Merten Frodener, die mit ihren Leuten in der Vorburg Quartier haben, möcht' ich wohl gutstehen. Freilich sind wir die schwächeren an Zahl und Haufen und haben auch im Kriege mehr gelitten, so daß die meisten Rotten nicht mehr vollzählig. Und wenn die Mannschaften schwierig werden –« »Ja« fiel Schliwen, ein kleiner, untersetzter Herr mit breitem, gutmütigem Gesicht, bedenklich ein, »wir haben nicht Leibeigene unter uns, sondern geworbene Leute, die auf ihrem Vertrag bestehen und in wichtigen Fällen mit Ja und Nein mitstimmen. Könnte euer Treßler uns nur ein weniges auf den Tisch schütten, daß wir sie beruhigen. Wegen meiner eigenen Forderung will ich ebenfalls eine Landabfindung annehmen, so wenig sie auch im Augenblick wert sein mag.« »Helft uns die Marienburg erhalten«, bat der Spittler, »und es werden sich hoffentlich auch dazu Wege finden lassen. Ich kenne die deutschen Söldner; sie sind den böhmischen nicht gewogen und halten auf die Ehre ihrer Fahne. Sie werden mit jenen nicht gemeinsame Sache machen und ihre Führer verlassen. Sprecht ihnen zum guten, liebe Herren.« Das sagten die Hauptleute mit Wort und Handschlag zu. Hier wenigstens hatte Plauen noch treue Freunde gefunden, und sein Herz war darüber froh. Wie weit aber ihre Macht reichte, blieb leider eine offene Frage. Zweites Kapitel Geheime Pläne Herr Ludwig von Erlichshausen residierte noch in der Marienburg, aber längst schon hätte es seinen eigenen Wünschen mehr entsprochen, sich eine andere, wenn auch viel weniger glänzende Wohnstätte zu suchen. Nun mußte er als des Ordens Haupt ausharren, um seinen Gliedern nichts zu vergeben, und selbst die Beweglichkeit, mit der sonst die Hochmeister auf häufigen Reisen durch das Land ihres Amtes zu walten pflegten, war ihm genommen, jeder selbst kurz vorübergehende Ortswechsel sollte vermieden werden. Die Großgebietiger fürchteten, die Soldhauptleute könnten ihm einmal bei der Rückkehr das Tor verschlossen halten. Es war ein leichtes, ihn nicht einzulassen, aber zehnmal würden die Gewalthaber sich's überlegen, rechneten sie, ihn zum Weggang zu nötigen. Man war noch im Besitz des mittleren Schlosses und wollte ihn festhalten bis aufs letzte. Welche Tage der Qual! Und sie summten sich jetzt schon zu Jahren. Wie bald war der Jubel über des Kaisers günstige Entscheidung auch in der Marienburg verklungen! Der Hochmeister selbst hatte nie das Angstgefühl loswerden können, daß des Ordens Triumph seine schwerste Niederlage bedeutete. Die vielen Sorgen und Demütigungen hatten seine Gemütsart ganz verändert. Wer ihn vor zwanzig Jahren gekannt hatte in der strotzenden Fülle seiner Lebenskraft und Lebensfreudigkeit, mußte über diesen jähen körperlichen und geistigen Verfall erschrecken. Sein Bart war weiß geworden, sein Auge matt, seine Wange bleich; er ging gebeugt, wie niedergezogen zum Erdboden, und saß zusammengesunken im Lehnstuhl, aufschreckend bei jedem Geräusch und am liebsten die Hände faltend, als konnten nur noch Gebete, nicht mehr Taten nützen. Er war melancholisch und ein Schwarzseher. Immer das Schlimmste erwartete er zu hören, und mit Mißtrauen betrachtete er den, der ihm einmal eine gute Nachricht brachte oder einen freundlichen Erfolg in Aussicht stellte. Täuschungen – Täuschungen! Wartet bis morgen, dann zieht wieder das finstere Gewölk herauf und verdeckt jede Aussicht! Mitunter durchwandelte er unruhig, wie ein von schweren Träumen Aufgestörter, die großen Prachtzimmer der Hochmeisterwohnung mit gesenktem Kopf und schleppendem Schritt. Er blieb vor den schlanken Granitpfeilern stehen und schien sich zu wundern, daß sie noch das hochaufstrebende Gewölbe trügen; er trat in die Fensternische und schien abwarten zu wollen, bis der Strom aufhören werde zu fließen; er blickte zu den alten Bildwerken aus der Heiligengeschichte auf, mit denen die Bogenausschnitte der Wände geschmückt waren, als wollte er den Märtyrer aussuchen, der mehr gelitten als er. Immer quälte ihn die Erinnerung, daß vor ihm in diesen Räumen so viele mächtigere und glücklichere Herrscher Hof gehalten und den Orden zu Ruhm und Ansehen in der ganzen Christenheit gebracht – Siegfried von Feuchtwangen, der den Hochmeistersitz von Venedig nach der Nogat verlegt und dieses glänzende Haus gebaut; Karl Bessart von Trier, der Pommerellen an den Orden brachte und mit starker Hand gegen die weltliche und kirchliche Macht behauptete, dasselbe Pommerellen, das jetzt verloren war; Winrich von Kniprode, dessen Klugheit und Tapferkeit dem Lande ein dreißigjähriges Wohlsein bereitete und den Deutschen Orden den mächtigsten Fürsten an Einfluß gleichstellte; Konrad von Wallenrod, der an seinem Ehrentisch die Blume der Ritterschaft begrüßen durfte; die beiden Jungingen, Konrad, der die Seeräuber niederwarf und die Neumark dem Orden erwarb, und der ritterliche Ulrich, den auf dem Schlachtfelde zu Tannenberg eines Polen Lanze das edle Herz durchbohrte, daß den Schmerz über des Ordens Niederlage nicht zu überwinden vermocht ... Sie alle standen ihm vor Augen und noch viele mehr, bis auf seinen Vetter Konrad, der weise waltete und den Frieden bewahrte. Selbst jenen Werner von Orseln konnte er beneiden, den nach kurzer kräftiger Regierung eines Meuchelmörders Stahl zum Tode traf, und Heinrich von Plauen, der Undank erntete und als ein Gefangener auf der einsamen Burg Lochstätt endete, dessen ruhmreiche Taten ihm aber die Unsterblichkeit sicherten. Welche Bilder der Vergangenheit! Welches Aufwärtsstreben! Welche gewaltige Anstrengung in der Verteidigung des Erworbenen! Und nun hinab – hinab – unaufhaltsam hinab! In die Ordenschronik sollte eingeschrieben werden: Unter Ludwig von Erlichshausen verlor der Deutsche Orden das Kulmer Land und Pommerellen – die Marienburg – vielleicht ... Es war, um wahnsinnig zu werden! Konnte denn nicht ein kühner Entschluß, eine waghalsige Tat ... Ah! Da lärmten draußen die Söldner und forderten ihr Geld. Ihm waren die Hände gebunden, die es nicht auf den Tisch zählen konnten. Elendes Geld! Damit siegten die Krämer. Daß sie reich geworden waren, die von Danzig und Thorn, wem verdankten sie's als dem Orden, der sie mit dem Schwert schützte? Und nun standen sie mit ihren Söldnerhaufen wenige Meilen entfernt und lauerten auf die günstige Zeit, ein billiges Kaufgeschäft abzuschließen. Polen rüstete von neuem. Wie lange noch, und wieder schwärmten die wilden Horden sengend, brennend, mordend durch das unglückliche, schon so arg verwüstete Land. Das Schwert ziehen? Lächerlich! Was konnte der einzelne gegen solche Übermacht? Ausharren – in Schimpf und Schande ausharren, das allein konnte das Unheil hinfristen. Aber mit welchem Herzen –? Und es wollte doch nicht brechen. Der Deutschmeister, an den er sich oft genug in seiner Not mit dringenden Bitten um Unterstützung aus dem Reich gewandt, hatte ihm doch wenig Trost senden und noch weniger Hilfe schicken können. Er reifte an den Fürstenhöfen herum und hielt sich auch öfters längere Zeit in des Kaisers Nähe auf, ihn zum Kriege mit Polen zu reizen. Aber überall war schon des Ordens Armut bekannt und das Vertrauen gesunken, es könne ihm noch in Erwartung der Wiedererstattung geholfen werden. Die Zeiten waren vorbei, in denen wenigstens ein Gotteslohn mit der Ausrüstung einer Mannschaft zum Kampf gegen die Heiden zu verdienen war oder der vom Hochmeister Deutschen Ordens auf solchen Kriegsreisen erteilte Ritterschlag als eine besondere Ehre galt. So konnte der Deutschmeister nicht viel mehr tun, als seine eigenen Balleyen leeren und alle irgend entbehrlichen Ordensritter nach Preußen senden. Es waren freilich nur wenige, die mit dem Schwert Dienste tun konnten, und auch die Zeiten kehrten nicht wieder, in denen ein tapferer Mann in starker Eisenrüstung auf gepanzertem Pferde eines ganzen Heerhaufens Wert hatte. Ein geschickter Hakenschütze schoß ihn herunter wie einen andern. Unter diesen Rittern, die zur Ergänzung der Konvente oder mit Botschaften nach Preußen kamen, befand sich auch Boppo von Ostra. Er hatte das ausgelaufene Auge geheilt und durch sein keckes, rühriges Wesen bei dem neuen Deutschmeister, Herrn Ulrich von Lentersheim, einigen Einfluß gewonnen. In seinem Auftrage war er auf gefahrvollen Straßen im Reich und im Auslande viel unterwegs gewesen, für den Orden zu werben, hatte auch auf seinen Rat eine Pilgerfahrt nach Rom unternommen, sich dem Heiligen Vater zu Füßen geworfen und Vergebung aller seiner Sünden erhalten, deren sich eine stattliche Zahl angesummt haben mochte. Nun war er nach Preußen gesendet, um mit den Hauptleuten der deutschen Söldner, namentlich dem Grafen von Gleichen, wegen der geforderten Bürgschaften zu verhandeln und sie zum treuen Ausharren zu mahnen, auch sich dem Herrn Hochmeister zur Verfügung zu stellen. Das traf mit seinen eigenen Wünschen ganz überein. Er konnte endlich seine Zeit gekommen glauben, sich bei ihm wieder herzustellen und seine ehrgeizigen Pläne zur Reife zu bringen. Er hatte sich Erlichshausen sehr demütig genähert und mit anscheinend aufrichtiger Reue seine Verzeihung erbeten, aber es war ihm doch nicht leicht geworden, dessen Abneigung zu überwinden. Freilich konnte der Hochmeister jetzt in seiner schweren Bedrängnis nicht daran denken, ihn gänzlich abzuweisen, und dazu riet nicht einmal der strenge Spittler; auch mußte er ihn in der Marienburg dulden, wo er mit den Hauptleuten eifrigen Verkehr unterhielt, die er denn auch gelegentlich zu Verhandlungstagen mit den königlichen und Bundeskommissarien in Thorn, seiner ritterlichen Abzeichen entkleidet, begleitete; doch hielt er ihn am liebsten in einiger Entfernung und zeigte sich, wenn dies nicht möglich war, in Worten karg und in Mienen unankömmlich. Jedes andere Vergehen hätte er ihm sicher weniger nachgetragen. Aber Ostra erinnerte ihn immer an eigene Schuld. Mußte er doch an Ursula denken, wenn er ihn sah, und an Marcus Blume, und wie er durch seinen Einspruch dieser beiden ihm so nahen Menschen Glück gestört hatte, und wie er dann nicht einmal in der Lage gewesen war, für das Mädchen nach seinem Vornehmen zu sorgen, sondern Mutter und Kind in diesem Kriegssturm sich selbst hatte überlassen müssen. Das fiel ihm allemal schwer auf sein doch schon genug bekümmertes Herz. Ostra aber gab sich den Anschein, nichts davon zu merken, und setzte seine Bewerbungen um des gnädigen Herrn Gunst fort. Nun war er vor kurzem wieder heimlich in Thorn gewesen, um Ulrich Czerwonka zu beobachten, der schon kein Hehl mehr daraus machte, daß die Böhmen nach dem Verfalltage die Schlösser dem König einräumen würden, wenn man sich über die Kaufsumme einigen könne. Seine Forderung erschien vorläufig noch den Gegnern unerschwinglich hoch; aber er hatte ein minderes Gebot nicht mehr übermütig abgewiesen und versprochen, die Genehmigung der Seinigen einzuholen. So ließ denn Ostra nach der Rückkehr den Hochmeister wissen, er hätte ihm über wichtige Dinge Bericht zu erstatten, die auf seine Entschließungen großen Einfluß haben könnten. Erlichshausen wagte nicht, ihn fortzuschicken, aber er wollte mit ihm wenigstens nicht Vertraulichkeiten austauschen und nahm deshalb den Spittler in sein Gemach. War es doch auch seine Pflicht, einen von seinen Räten in allen geschäftlichen Angelegenheiten bei sich zu haben, und daran hielt er sich diesmal gern. »Gnädigster Herr«, begann Ostra, nachdem er auf einen Wink näher getreten war, »ich komme aus der Höhle des Löwen und kenne seine mörderischen Anschläge. Graf Adolf von Gleichen und Herr Georg von Schliwen hatten in Erfahrung gebracht, daß von den Böhmen hinter ihrem Rücken wegen der Kaufsumme verhandelt werde, und fürchteten, sie könnten sich Sondervorteile ausbedingen wollen. Da sie nun gesonnen sind, treu beim Orden zu bleiben, so lange sie's ohne eigene Gefährdung durchsetzen können –« »So lange sie's ohne eigene Gefährdung durchsetzen können?« wiederholte der Spittler mit Schärfe. »Sie behaupten, ein mehreres nicht versprochen zu haben«, antwortete Ostra, »und könnten wohl billigerweise darüber hinaus nicht verpflichtet sein. Verlaßt Euch nicht unbedingt auf sie, gnädigster Herr. Sie werden nach Kräften Widerstand leisten, aber nicht über ihre Kräfte. Sobald sie erkennen sollten, daß sie Euch doch nicht mehr nützen können, sich selbst aber um ihren Anteil bringen, werden sie ... Ich weiß nicht, was sie tun und lassen werden. So viel ist gewiß, daß ich auf ihre Bitten nach Thorn ging, wo sie mich schon früher an einige Leute gewiesen hatten, die dem Orden noch wohlgeneigt sind, und daß ich Ew. Gnaden Vorteil zu bedenken glaubte, wenn ich ihnen gefällig war.« Der Hochmeister nickte kaum merklich, ohne aufzusehen. Zugleich hob er ein wenig die Hand, die auf dem linken Knie ruhte, im Gelenk und bewegte die Finger nach rechts und links, als wollte er diese halbe Zustimmung wieder zurücknehmen. »Ew. Gnaden sollen wissen«, fuhr der Ritter fort, »daß der König gern jede Bedingung eingehen möchte, die ihn selbst nichts kostet, daß aber die Bündischen, und vornehmlich die großen Städte, seiner Eile einen Hemmschuh anlegen, da sie bedenken, zuletzt doch wieder allein vor dem Riß stehen zu müssen. So haben sie Herrn Tileman vom Wege vorgeschickt, auf dessen Klugheit und Zähigkeit sie sich verlassen können –« Erlichshausen zog den Fuß zurück wie in Befürchtung einer unangenehmen Berührung. »Der hat den Böhmen viermalhunderttausend Mark geboten, worauf Czerwonka ihn ausgelacht, aber den Handel doch nicht abgebrochen, und sind schließlich stehengeblieben bei viermalhundertsechsunddreißigtausend ungarischen Gulden zu ein und einhalb preußischer Mark, zur Hälfte vom König und zur Hälfte vom Bunde zu übernehmen.« »Wie wißt Ihr das?« fragte Plauen, »da Ihr doch schwerlich bei dieser Abmachung zugegen gewesen?« Ostra lachte verschmitzt. »Herr Tileman vom Wege ist genötigt gewesen, dem Thorner Rat Bericht zu erstatten«, sagte er, »und darin sitzen trotz aller Säuberung noch immer ein paar geheime Anhänger des Ordens. Und ebenso hat Herr Ulrich Czerwonka den anderen Hauptleuten die Summe melden müssen, und sind durch sie von jedem Haufen einige vertraulich zugezogen, ob man auf solche Bedingung abschließen dürfe. So hat die Heimlichkeit vor mir nicht lange Bestand gehabt; hab auch die Angaben dort und hier vergleichen können. Beide Teile sind noch nicht einig, aber es kann wohl sein, daß sie diesmal einig werden.« »Viermalhundertsechsunddreißigtausend Gulden –«, rief Erlichshausen, »eine ungeheure Summe!« »Und doch ein Spottgeld für die Marienburg«, setzte der Spittler hinzu. »Unsere Schuld ist freilich viel größer, und auch nicht den vierten Teil der Vergleichssumme vermöchten wir jetzt aufzubringen.« »Gebt gleichwohl noch nicht jede Hoffnung auf, gnädigster Herr«, nahm Ostra, gegen den Hochmeister gewendet, wieder das Wort. »Des Ordens Sache steht drüben nicht so schlecht. Die Eidechsen allerdings, die sich für ihren Verrat mit Woywodschaften und Kastelaneien haben belohnen lassen, und die Räte in den großen Städten, die der Kaufmannschaft allein das Regiment zu sichern gedenken, halten zum König und sind entschlossen, mit ihm durch Dick und Dünn zu gehen. Aber sie sind der Zahl nach doch nur ein klein Häuflein. In den Zünften regt sich schon lange die Unzufriedenheit. Da sind wenige, die sich nicht mit Seufzen erinnern, wie gut sie es unter dem Orden gehabt und wie wenig sie ihm zu steuern pflichtig waren, während jetzt wegen der gewaltigen Kriegslasten die Teuerung überhand nimmt, und ist noch immer kein Ende solcher Drangsal abzusehen. So erbittert sind sie über die Herren, die des Ordens Schlösser gebrochen und diese Feindschaft angestiftet haben, daß sie schon öffentlich auf allen Straßen ihren Verdruß laut werden lassen und die Ratmannen beschimpfen, wenn sie sich zeigen. Vornehmlich die Handwerker und kleinen Leute aus der Neustadt äußern sich so wild, die doch nur gezwungen vom Orden gekommen ist und zu großem Ärger aller ihrer Bürger jede Selbständigkeit verloren hat. Es darf nur ein Funke hineinfallen, und das Pulverfaß fliegt auf. Hier aber spielt der Rat mit einem Feuerbrand. der tausend Funken sprühen wird. Denn das Geld für die Schlösser kann nur durch einen neuen allgemeinen Schoß aufgebracht werden, und dazu müssen die Gemeinen ihre Zustimmung geben. Wie ich die Stimmung in Thorn kenne – und in Danzig soll sie noch erregter sein –, wird eher ein Aufstand losbrechen, als daß man sich willig gibt. Wären die Leute aber noch zage, so lange sie sich selbst überlassen sind, so bedarf's doch nur der geringsten Aufmunterung Ew. Gnaden, um sie gesamt für den Orden in Harnisch zu bringen.« Erlichshausen schüttelte das schwere Haupt. »Wir haben schon einmal solche Hoffnung gehegt«, sagte er mit matter Stimme, »und viel Unheil über unsere treuesten Anhänger gebracht, ohne doch für uns etwas erreichen zu können.« Er wendete sich zu Planen zurück, der hinter seinem Sessel stand, und sprach das Folgende mehr zu ihm als zu Ostra, für den es doch bestimmt war. »Ich hatte gutes Zutrauen zu Georg von Korith, der mir erzählte, er sei in Thorn gewesen und bei Niclas Helwig in der Kulmer Straße abgestiegen, wie meist die vom Lande, und hätte ihn im Gespräch als einen Anhänger des Ordens befunden, der unter anderm auch gesagt hat, die Stadt Thorn würde wohl zum Hochmeister zurückkehren, wenn sie nicht dessen Rache fürchtete; es gehe das Gerede, daß er köpfen und morden würde, wenn er sie wiederbekomme. Auf dieses schrieb ich einen Brief an die Gemeine Thorn und ließ ihn Helwig durch den Komtur von Mewe zugehen. Den trug Helwig Wohl acht Tage lang mit sich umher in großen Ängsten und beichtete zuletzt dem Lesemeister der Franziskaner in der Marienkirche sein Geheimnis. Der riet ihm, sich dem Pfarrer Andreas anzuvertrauen, der des Ordens sei, und sind durch diesen auch am Abend mehrere Bürger versammelt worden. Sie einigten sich, uns aufzufordern, mit Heeresmacht vor die Stadt zu kommen, die größere Liebe zu uns habe als zum Könige. Man wolle dann den Rat gefangennehmen und uns überantworten. Als aber das Ordensheer vor die Stadt rückte, fand es die Tore verschlossen – die Verschwörung war entdeckt, die Anstifter büßten sie mit dem Leben, Pfarrer Andreas wurde aus der Stadt vertrieben.« »Er ist aber noch im Lande«, sagte Ostra, »und hält sich verborgen auf dem Herrensitz eines andern Mannes, den die Thorner auch ausgetrieben, ihres früheren Ratmanns Götze Rubit. Bei ihm hab ich kürzlich übernachtet und auch einige von den Putten angetroffen, die dem Rat nichts Gutes gönnen, denn ein Werner von Putten war unter denen gewesen, die er auf dem Markte hatte hinrichten lassen.« »Auf Götze Rubit ist wenig Verlaß«, nahm der Spittler das Wort. »Er hat den Mantel nach dem Winde gehängt und mit jedem Part falsches Spiel gespielt. Das ist leicht zu beweisen. Zuerst war er ein eifriger Anhänger des Bundes, hatte der Stadt viel Geld vorgestreckt und war vom Rat nach Straßburg geschickt, das Schloß für ihn zu halten. Da nun aber der Rat Schwierigkeiten machte, ihn wegen seiner Auslagen zu befriedigen, knüpfte er mit unseren Söldnerhauptleuten Verhandlungen an, ihnen das Schloß zu übergeben. Was doch nicht geschehen konnte, da er scharf von der Bürgerschaft überwacht wurde, die zum König hielt. Die Unsern mußten abziehen. Bald darauf wollte der König selbst Straßburg in seine Gewalt bringen und ließ Rubit das Geld anbieten, was er auch gern genommen hätte, obgleich er dem Bunde geschworen, keinen Polen einzulassen. Dahinter kam der Thorner Rat und schickte den Ratmann Johann Ziegenhals ab, ihn der Hauptmannschaft zu entsetzen. Das gelang auch mit großer Mühe, und wurde Götz Rubit als Gefangener nach Thorn eingebracht, wo ihm der Prozeß gemacht werden sollte. Auf des Königs Bitte schenkten sie ihm dann aber das Leben und ließen ihn frei, doch daß er die Stadt verlassen mußte. So sehet Ihr, wie unzuverlässig er ist.« »Er hat mir's in wichtigen Punkten anders dargestellt«, entgegnete Ostra. »Tileman vom Wege hab ihn in die ganze Verlegenheit gebracht, da er ihm das Geld ohne sichere Verschiebung abgeschwindelt, so daß er lieber gewünscht, er hätte zu der Zeit die Sucht gehabt. Er sei immer dem Orden ergeben geblieben und hätte gern das Haus Straßburg an ihn zurückgebracht, was doch nicht möglich gewesen. Mit dem König hätte er verhandelt, um Zeit zu gewinnen und jedenfalls den Thornern das Schloß zu entwinden. Von Ziegenhals bewältigt, sei er von dessen Trabanten, die ihn in seinem Gemach bewachen sollten, beschossen worden, habe ihm auch am Morgen einen Pfeil vorgezeigt. Sie hatten ihm offenbar wider alles Recht ans Leben gewollt. Um sein Geld sei er geprellt, vergesse das aber den Thornern nimmer. Die von Putten bestätigten, daß in der Stadt der Widerwille gegen den Rat groß sei, der sich nur durch des Königs Gnade zu bereichern trachte, die anderen Bürger aber ausschließe. Die alten Geschlechter und die Handwerker seien auf des Ordens Seite und warteten nur sehnlichst auf den Tag, an dem sie losbrechen könnten. Gnädigster Herr, sehet nicht so sehr auf den Mann als auf die Sache. Mag Rubit auch von Rachsucht getrieben sein, so wird er Euch doch gute Dienste leisten. Ich selbst aber will mich erbieten, für Euch zu handeln, wie ich mich großen Dankes gegen Euch schuldig weiß, und keine Gefahr scheuen, mich in die Stadt einzuschleichen und das Feuer zu schüren, damit ich Eure Gnade wiedergewinne, die ich wahrlich zu schwerem Kummer eingebüßt.« Er beugte dabei das Knie und wollte den Saum des hochmeisterlichen Gewandes küssen. Erlichshausen aber reichte ihm die Hand zum Kusse, sagte, er Wolle alles bedenken, und entließ ihn sehr gnädig, während der Spittler geärgert sich nach dem Fenster abwandte. Er konnte es Ostra nicht vergessen, daß er nur durch Exdorfs Ränke schmählichem Gefängnis entzogen war. Als sich nun der Hochmeister mit ihm allein sah, fragte er unschlüssig: »Was dünket Euch nun von alledem, Bruder Plauen? Mir will scheinen, der Mann hat guten Willen, uns zu dienen.« »Es mag sein«, antwortete der Spittler, »wenn er sich selbst damit dient. Er ist jetzt gar verändert in seinem Wesen, kommt mir aber nicht vertrauenswürdiger vor, als da er des Landes verwiesen wurde wegen sehr unritterlicher Gewalttat.« »Er hat sich's eine Lehre sein lassen. Auch sind einige Jahre darüber vergangen, in denen er sich unter des Deutschmeisters Aufsicht wohl gebessert haben kann.« »Dieser Ostra war's, der den Mähren Milotitz anstiftete, hinter Brünn die Bundesabgesandten gefangenzunehmen, wovon unserm Orden viel Verdrießlichkeit erwachsen ist.« »Das geschah doch in bester Meinung, Bruder Plauen, und waren damals unter den Gebietigern nicht wenige, die wünschten, der Fang wäre geglückt und Baisen nicht entkommen. Wie dem sei, der Ritter berichtet uns von Thorn und Danzig, was doch nicht unbeachtet bleiben sollte. Es stimmt mit andern Berichten überein. Wie soll uns auch geholfen werden, da die Freunde uns verlassen und verraten, als durch der Gegner Uneinigkeit?« Der Spittler trat vor und ließ eine Weile das große blaue Auge auf seinem bekümmerten Gesicht ruhen. »Es ist leider so«, sagte er, »wir haben von unsern böhmischen Hauptleuten das Schlimmste zu erwarten, und Graf Gleichen wird sie nicht hindern, so gut er uns gesinnt ist. Es trifft auch zu, daß unsere Gegner in nicht viel geringerer Not sind. Der König zögert, mit einem ausreichenden Heer wirksame Hilfe zu bringen, die polnischen Herren möchten große Beute machen, aber wenig wagen, die Städte haben sich in Schulden gestürzt und können doch den Heißhunger nicht befriedigen, des Kaisers Acht und des Papstes Bann sind nicht ganz stumpfe Waffen. Die neue Steuer muß den Gemeinen unerträglich scheinen und sie zum Aufstand gegen ihre Zwingherren treiben. So hab ich's selbst schon bedacht, ob wir die Lage der Dinge zu einem Wagnis benutzen, das uns mit einem Schlage obenauf bringen kann. Nicht durch unzuverlässige und ränkesüchtige Leute eine Verschwörung anzuzetteln, wäre mein Rat, die leicht mißlingt und uns in Geschrei bringt, sondern auf das erste Zeichen des Entgegenkommens mit Offenheit für die Gemeinen Partei zu ergreifen, sie als des Ordens niemals aufgegebene Untertanen zu den Waffen zu rufen, und zugleich mit unserer ganzen Mannschaft und den deutschen Söldnern, die heute noch willig sind, vor die Mauern der Stadt Thorn zu rücken. Tun die innen dann, durch unser Heer ermutigt, ihre Pflicht, so werden wir Sieger sein, bevor die Böhmen ihren Verrat ausgeführt haben, und niemand darf uns selbst einer unehrlichen Tat beschuldigen. Aber mit den Waffen in der Hand müssen wir Thorn einnehmen, für das Recht unserer Bürger gegen ihre aufrührerischen Ratsherren eintretend, und so auch Danzig unterwerfen. Dann nur werden wir die Macht gewinnen, auch der böhmischen Söldner Herr zu werden.« »Und wenn der Handstreich mißlingt, nachdem wir unsern Plan so offenkundig gemacht –?« gab Erlichshausen zu bedenken. »Wenn die Gemeinen nicht für uns aufstehen, weil unser Häuflein ihnen zu schwach dünkt, da sie doch übersehen, was wir zu ihrem Beistand tun können –? Wenn die Böhmen uns in den Rücken fallen –? Sind die Gemeinen im Aufruhr, so haben sie Wohl selbst die Macht, den Rat zu überwinden, und bleibt ihnen dann nichts übrig, als sich uns in die Arme zu werfen. Mißglückt ihr Anschlag, so stehen wir, wie wir standen, und haben nicht vergeblich den letzten Anker über Bord geworfen.« »So treiben wir steuerlos weiter auf einer wilden See«, sagte der Spittler. »Schlägt das Wetter irgendwo um, wir werden keinen Vorteil davon haben.« Der Hochmeister hatte den Ellenbogen aufgestützt und ließ die Fingerspitzen über die blaugeäderten Schläfen hin- und hergleiten, immer und immer wieder. Es war dies ein Mittel, seine Kopfnerven ein wenig zu beruhigen; jede Aufregung verursachte ihm einen wütenden Kopfschmerz. Der Spittler suchte ihn durch eindringliche Vorstellungen zu einem Entschluß zu ermutigen, versetzte ihn aber nur in beängstigende Unruhe. »Bruder Plauen«, sagte er endlich, »ich kenne Eure Denkart genau und möchte Wohl in den meisten Fällen im voraus erraten können, worauf Ihr zielen werdet. Ihr seid nicht nur im Orden, wie so viele von den Brüdern, sondern Ihr seid ein lebendiges Stück von ihm, und es kränkt Euch in tiefster Seele seine jetzige Erniedrigung. Da möchtet Ihr nun irgend etwas Heldenmütiges unternehmen, ihn bei Euch selbst aufzurichten und den Zeitgenossen noch einmal als ein hellaufleuchtendes Gestirn erscheinen zu lassen – sei's auch im Verlöschen. Es soll etwas Großes geschehen – etwas weit über unsere Kraft; und alles, was noch geschieht, soll geschehen in diesem Geiste des Opfers, entweder ruhmvoll unterzugehen oder eine Wendung des Geschicks zu erzwingen. Ihr steht mit solcher Gesinnung allein und findet nicht einmal viele, die sie zu schätzen wissen wie ich. Lieber Getreuer, wenn ich die Hoffnung hätte, Ihr würdet an meine Stelle gewählt, längst schon hätte ich mein drückendes Amt niedergelegt und eine Klosterzelle aufgesucht. Aber die Zeit ist noch nicht reif, des Elends noch nicht genug; ich kenne die Jammerseligkeit der Menschen, von denen diese Dinge abhängen. Sie werden Euch nicht wählen, denn sie ängstigen sich noch mehr vor Euch, daß Ihr ihnen den Kampf aus Leben und Tod zumuten möchtet, als vor dem Feinde, der sie doch schonen könnte. Oder meint Ihr's anders?« Plauen schwieg, düster vor sich hinsehend. Du selbst ängstigst dich so vor mir, dachte er, und bist doch noch der Edelsten einer. Aber wenn du wolltest ... Das lieh sich nicht aussprechen. Es war, als ob der Hochmeister etwas von seinen Gedanken erriet. »Wenn eine ritterliche Tat nützen könnte –«, fuhr er fort, das Haupt aufrichtend. »Bei unsrer lieben Frau! Es fehlt mir nicht an persönlichem Mut. Setzt mich auf ein Pferd, panzert mir Stirn und Brust, legt mir die Lanze in den Arm und laßt mich an der Spitze eines Häufleins von Tapferen einreiten gegen den Feind. Ob ich dann auch gewissem Tod entgegenginge und der erste wäre, der fiele – das wollt' ich nicht achten. Aber so endete schon ein Hochmeister vor mir, Ulrich von Jungingen, und der Welt Urteil hat über ihn den Stab gebrochen. So soll ein Hochmeister nicht enden, nur seinen Kummer und seine Ehre bedenkend. Und wie anders die Zeit damals und heute! Was damals noch als Heldentum bewundert werden konnte, würde heute Narrheit scheinen. Glaubt mir, Bruder Plauen, das ist mein größter Schmerz, daß der Hochmeister den Ritter vergessen muß!« Er stand auf, drückte ihm die Hand und wandte sich zur Seite ab, seine Bewegung zu verbergen. Die Augen waren ihm feucht geworden. Der Spittler fühlte kein Mitleid mit ihm; er hörte nur Worte von hohlem Klang. Vergeblich war all sein Mühen, dem Meister das Steuerruder in die Hand zu drücken; er ließ das Wrack auf den Wellen treiben, mochte es nun einen Nothafen finden oder an der nächsten Klippe zerschellen. Denselben Abend noch berief Erlichshausen den Ritter von Ostra zu sich und blieb diesmal eine Stunde mit ihm allein. Er gab ihm nichts Schriftliches, er erteilte ihm nicht einmal mündlich eine bestimmte Weisung. – Ostra wußte doch, was von ihm erwartet wurde und gewagt werden durfte. In der Nacht ließ er sein Pferd satteln und ritt ins Kulmer Land. Drittes Kapitel Thorner Aufstand und Blutgericht Der Thorner Rat war noch nie in so schwerer Bedrängnis gewesen. Tileman vom Wege hatte gehofft, jetzt den furchtbaren Krieg durch eine letzte Anstrengung zugunsten des Bundes beenden zu können. Es war ihm gelungen, mit Ulrich Czerwonka und den andern Hauptleuten der böhmischen Söldner des Ordens über die Kaufsumme für die Schlösser einig zu werden und billige Zahlungstermine festzusetzen; es war ihm gelungen, den König und seine Räte zu bewegen, die Hälfte davon als polnische Schuld zu übernehmen, und stolz hatte er den Unterhändlern, die von des Königs großen Verwendungen für Preußen sprachen, antworten dürfen, nicht er erweise dem Lande eine Gnade, sondern das Land kaufe ihm die Schlösser zum Geschenk; es war ihm gelungen, im Landesrat und auf dem Tage zu Elbing die Verteilung der Steuer auf die einzelnen Glieder des Bundes nach heißen Streitigkeiten zu ordnen, wobei dann freilich die einzige Stadt Thorn so viel aufzubringen übernahm als die gesamte Ritterschaft des Landes – wurde die Marienburg dem Bunde übergeben und der Orden aus dem Besitz der andern festen Schlösser gesetzt, die seine Söldner innehatten, so mußte der Kampf aus sein und der Bund Sieger bleiben. Nie mehr konnte sich der Gegner aus seiner Ohnmacht aufrichten. Da war dem eifrigen Mann, der sich allezeit kaum die nötige Nachtruhe gegönnt hatte, plötzlich ein Strich durch die Rechnung gemacht: die Gemeine weigerte sich, die Steuer zu bezahlen. Und sie hatte sich nicht nur geweigert, sondern sogleich, wie von einem bösen Geist besessen, dem Rat den Gehorsam aufgesagt, vier Männer aus ihrer Mitte, den Kahnreeder Jürgen Langrock, den Krämer Tobias Groß, den Schmied Matthias Klinger und den Faßbinder Peter Borrich, Älterleute ihrer Zünfte, die sich dann weiter auf sechzehn und zuletzt auf vierundzwanzig selbst ergänzt, zu Deputierten erwählt und durch sie auf dem Rathause ihre Bedingungen gestellt. Es waren keine geringeren gewesen, als daß der Rat ihnen die Schlüssel zu den Stadttoren ausliefere, alle fremden Söldner, Polen und Böhmen, aus der Stadt fortschicken und den König nur mit kleinem Gefolge aufnehmen sollte. Die Steuer dürfte ohne ihre Bewilligung nicht erhoben werden. Rutger von Birken, der regierende Bürgermeister, war über diesen einmütigen Angriff der Zünfte nicht wenig bestürzt gewesen, und auch Tileman vom Wege hatte keinen besseren Rat geben können, als die Zünfte durch einige Zugeständnisse vorläufig zu beschwichtigen, nachdem er sich bei seinem Sohn, dem Hauptmann der städtischen Söldner, die Gewißheit geholt, daß er der Übermacht der bewaffneten Handwerker nicht gewachsen sei und das Rathaus gegen einen Ansturm derselben nicht würde decken können. An den König hatte man sich nicht wenden wollen, um ihm nicht Einfluß auf die inneren Angelegenheiten der Stadt einräumen zu müssen. Dieser Weg war aber dann doch unvermeidlich geworden, nachdem die Sechzehn halb und halb ins Stadtregiment aufgenommen, die Steuer entschieden verweigert und danach die ganze Gemeine sie einmütig abgeschlagen hatte. Vom König war der Bischof von Cujavien geschickt worden, über die Steuer mit den Widerspenstigen zu verhandeln. Er hatte auch, da man des Königs Zorn fürchtete, einen Vergleich erzielt, worauf die Sendboten des Rates zum Tage nach Elbing abgegangen waren. Die Unzufriedenheit und das Mißtrauen der Kleinbürger gegen die Stadtherren, die nur des Kaufmannes Wohl zu bedenken schienen, waren nicht beseitigt. Zwei Parteien standen sich seitdem schroff gegenüber, sehr ungleich an Zahl, aber die kleinere jetzt noch die herrschende, die größere mehr und mehr entschlossen, eine dauernde Vertretung der Zünfte im Rat zu fordern und bei beharrlicher Weigerung die Stadt dem Orden zu übergeben, auf dessen Dank dann gerechnet werden konnte. Nun waren die Sendboten von Elbing zurückgekehrt. Der Rat hatte die Bürgerschaft vor das Rathaus entboten und ihr die dort gefaßten Beschlüsse mitgeteilt, auch das Steuerausschreiben angekündigt. Da aber war plötzlich der Aufruhr mit einer Gewalt losgebrochen, der Widerstand zu leisten die Machthaber nicht einmal zu versuchen wagten. Die Handwerker von allen Zünften. Meister und Gesellen, bewaffnet mit Spießen, Messern, Eisenstangen und Armbrüsten, voran die Neustädtischen, rotteten sich zusammen, erhoben einen gewaltigen Lärm auf den Straßen und Platzen, schlugen die Tür der Akzisebude ein, zerrissen die Steuerregister, streuten die Blätter umher und traten sie mit Füßen. Tileman vom Wege und Johann von Loë, die vom Rathause herbeieilten, um, im Vertrauen auf ihr Ansehen, durch vernünftige Vorstellungen diesem wahnsinnigen Treiben Einhalt zu tun, wurden verhöhnt, mit Kot beworfen und von den wütenden Anführern zurückgedrängt. Johann von Loë erhielt einen Stoß gegen die Brust, der ihn zu Boden warf, und Tileman vom Wege einen Messerstich in den linken Arm, mit dem er ihn halten wollte. »Ihr vom Rat seid allesamt meineidige Buben«, schrien die Anführer ihnen zu, »ihr habt eure Herren verraten und uns an die Polen verkauft – ihr habt die Stadt ins Verderben gebracht und wollt sie jetzt brandschatzen! Gesteht nur ein, worauf ihr mit den Söldnern einig geworden seid! Für den Sold habt ihr ihnen erlaubt, die Stadt zu plündern und uns so lange zu schatzen, bis sie sich ihres Schadens erholt. Wir wissen eure nichtswürdigen Heimlichkeiten. Aber jetzt wollen wir das Regiment in die Hand nehmen und ein strenges Gericht halten!« Sie brachen ins Rathaus ein, vernichteten das große Stadtbuch, plünderten die Kassen, zerschlugen alle Kasten und Behältnisse, rissen die Schlüssel der Stadttore an sich und vertrieben alle Polen aus der Stadt. Das war geschehen ohne der gewählten Vorsteher Leitung. Nun aber versammelten sich die Aufständischen im Franziskaner-Kloster, von wo die ganze Bewegung, dem Rat unerklärlich, ausgegangen war, und berieten mit den Anstiftern, was weiter zu tun. Alle Straßen wurden zur Nacht mit Ketten gesperrt, die Bürger blieben in Waffen. Dem Rat war es gelungen, den Woywoden von Kulm, Gabriel von Baisen, durch einen Eilboten von dem Geschehenen zu benachrichtigen. Er eilte mit einigen Kulmer Ratsherren herbei, wurde eingelassen und berief den Rat und die sechzehn Vertreter der Zünfte in den inneren Hof des Rathauses in der Hoffnung, Frieden stiften zu können. Viele von den Ratsherren waren aber so eingeschüchtert, daß sie sich von der Gemeine erst sicheres Geleit versprechen ließen, ehe sie sich aus ihren Häusern wagten. Tileman vom Wege lag krank. Zu einer ordentlichen Verhandlung kam es nicht. Vergeblich mühte sich der Woywode, das Wort zu erhalten, vergeblich suchten die Kulmer Herren zu vermitteln. Es waren schon nicht mehr einzelne Beschwerden, die gegen den Thorner Rat vorgebracht wurden und durch Nachgiebigkeit hätten abgestellt werden können; die Angriffe richteten sich unverhüllt gegen den Bund selbst. Jürgen Langrock schrie ihn an: »Geht, geht! Wir Bürger sollen nur zahlen und opfern, damit der König herrsche!« Und der Faßbinder Peter Borrich fügte noch deutlicher hinzu: »Das Land ist weggegeben um drei oder vier Schwaben! Das haben getrieben der lahme Stümper, der Kirchenverräter und sein Bruder, der Woywode, die haben uns verleitet und die Herren und das Land verraten!« Mit dem Woywoden war er selbst gemeint, wie er wohl wußte, mit dem lahmen Stümper und Kirchenverräter Hans von Baisen, der Gubernator, sein Bruder. Er wollte sich verteidigen und ihnen ihre Ungebühr vorhalten, aber sie schrien ihn nieder und hießen ihn schweigen. Zu den Thorner Ratsherren sagte Tobias Groß: »Nun sind die Herren vertrieben, und ihr habt das Haus gebrochen; ihr sollt es auch wieder bauen, wenn die Herren wieder herkommen!« Und der Schmied Matthias Klinger schlug mit dem schweren Hammer, den er in der Hand hielt, auf das Pflaster, daß die Funken stoben, und schrie: »Wir wissen, wo wir Gerechtigkeit finden. Fort mit den polnischen Blutsaugern!« Da war's klar ausgesprochen, wohin der Aufruhr eigentlich zielte: dem Orden sollte die Stadt Thorn zurückgebracht werden. An Versöhnung konnte unter solchen Umständen nicht zu denken sein. Gabriel von Baisen war des eigenen Lebens nicht sicher, wenn er länger in der Stadt blieb. Die von den Zünften verlangten stürmisch seine Entfernung: sie könnten sonst für nichts gutstehen. »Ihr seht, liebe Herren«, wandte er sich achselzuckend zu denen vom Rat, die mit bleichen Gesichtern dastanden, »ich kann euch nicht helfen. Mein Amt und meine Person sind mißachtet. Ich weiche der Gewalt. Bedenket vorerst selbst, wie ihr euch gegen solchen Sturm haltet.« Damit verließ er sehr besorgt die Stadt. Nun fühlten die Aufständischen sich darin erst recht als die Herren. Jost vom Wege war Hauptmann der Stadtwache und der städtischen Söldner innerhalb der Mauern. Es war ihm aber nur gelungen, ein kleines Häuflein unter seinem Befehl zusammenzuhalten und in einigen der festesten Stadttürme gegen die Angriffe der wütenden Aufrührer durch Verrammlung der Zugänge zu sichern. Die Wachmannschaft der Quartiere bestand zumeist aus Handwerkern und blieb aus; die polnischen Söldner hatten sich aus dem Staube gemacht; die Deutschen, die ihrer Pflicht treu blieben, waren in viel zu geringer Zahl, um den Aufstand bewältigen zu können. Jost selbst mußte ihnen raten, sich stillzuhalten. Sie hatten über die gedeckten Wehrgänge zwischen den Türmen hin Verbindung miteinander und tauschten den Proviant aus. Auch konnten sie, wenn's not tat, über die Mauer ins Freie. Ein unterirdischer Gang, der nur dem Hauptmann bekannt war, führte durch eine schmale Mauerpforte bis unter das Rathaus. Jost benutzte ihn, um unbemerkt mitten in die Stadt Zu gelangen und von einem Patrizierhause zum andern zu schleichen, Erkundigungen einzuziehen und sich weitere Verhaltungsmaßregeln zu erbitten. Tileman vom Wege sah in seinem Lehnstuhl, den linken Arm in der Binde. Auch sonst fühlte er sich unwohl. Sein Gesicht war gelb, die Augen lagen tief. Zu groß waren die Anstrengungen und Aufregungen der letzten Zeit gewesen; selbst so eiserne Nerven waren ihnen nicht gewachsen. Nun hatte ihm der Ärger über der Bürger Unverstand und der Bündischen Lässigkeit die Galle aufgerührt. Er hatte gemeint, ein Haus aus Quadersteinen errichtet zu haben, und seine Mauern zerbröckelten beim ersten Ansturm von innen wie loser Mörtel. Niemand tat voll seine Schuldigkeit; der König nicht, der nur mühelos ernten wollte, die polnischen Großen nicht, die von einer Eroberung Preußens geträumt haben mochten und nun den preußischen Edelleuten die Ämter überlassen mußten, der Gubernator und die Woywoden nicht, denen es nur um Stärkung ihrer Macht zu tun war, wenn sie den König durch Fügsamkeit in guter Laune erhielten, die Bündischen selbst nicht, die eifersüchtig einander bewachten oder sich ihren Verpflichtungen nach Möglichkeit zu entziehen suchten. Wie hätte Thorn sonst in dieser traurigen Lage auch nur wenige Tage gelassen werden können! Sollte dieser lange Kampf wirklich umsonst gewesen sein, der Orden triumphieren? Der Gedanke machte ihn wild. Vor ihm stand Jost in dem roten Schlitzwams, wie es die Söldnerhauptleute trugen, die Hand auf das Schwert gestützt, in dessen Korb die langen Lederhandschuhe eingeklemmt waren. Die Eisenkappe hielt er in der Linken. »Ihr solltet zu Bett gehen, Vater«, sagte er besorgt, »Ihr seht recht übel aus und verschlimmert Euer Leiden durch so trotzige Nichtbeachtung.« »Es ist jetzt nicht die Zeit«, antwortete der Alte, gleich wieder die Zähne zusammenbeißend. »Was tun die Danziger?« »Sie sind selbst in schwerster Bedrängnis durch ihre Gemeine. Der Rat hatte einen Boten hierhergeschickt. Wir halfen ihm über die Mauer. Auch dort ist der Teufel los, die Gemeine obenauf. Fast zu gleicher Zeit ist's angegangen. Die Anführer haben Verbindung miteinander. Sie sprechen auch dort davon, die Stadt dem Orden zu übergeben; der Rat soll abgesetzt und aus den Zünften wiederhergestellt werden – das meinen sie mit Hilfe des Ordens durchsetzen zu können.« »Und unsere Söldner in Neuenburg und Stargard rühren sich nicht?« »Ich habe sie auf des Bürgermeisters Geheiß entbieten lassen. Aber sie bedenken sich des rückständigen Soldes wegen, den sie jetzt leicht erpressen können, und schützen vor, daß sie von der Stadt Thorn allein keine Befehle anzunehmen haben. Indessen wächst täglich die Gefahr, daß die Ordenshauptleute, die bei Neumark und Lessen stehen, mit ihrem Heer aufbrechen und den Aufständischen zu Hilfe kommen. Sind aber noch nicht unterwegs.« »Verdammt!« knirschte Tileman. »Das haben unsere Schufter und Schneider nicht von sich selbst. Der Aufstand muß von langer Hand vorbereitet sein und seine Anstifter außen haben. Die Pfaffen sind die Vermittler gewesen. Wir hätten sie allesamt aus der Stadt jagen sollen, als sie des Papstes Bann verkündeten. Aber es waren da zuviel Zaghafte, die es mit dem heiligen Stuhl nicht ganz verderben wollten. Die redeten uns zu, es sei nicht so schlimm gemeint und werde bald wieder in Vergessenheit gebracht werden. Nun danken uns die Kutten solche Vorsicht.« »Ja, die Franziskaner helfen den Aufrührern«, bestätigte Jost. »In ihrem Kloster sitzen die Vierundzwanzig beständig und beraten und lassen Briefe schreiben. Der Pfarrer Andreas soll wieder zurück sein und von den Mönchen beherbergt werden. Der schreibt ihnen die Briefe.« »Ich riet, ihm den Kopf abzuschlagen, wie dem Helwig und den andern Buben«, rief Tileman, »aber er war ja ein Geweihter des Herrn – an dem vergriff man sich nicht. Hahaha!« »Und noch einen andern hab ich mit eigenen Augen nach dem Kloster schleichen sehen, um den's der Rat auch nicht verdient hat«, fuhr Jost fort. »Den Götze Rubit! Ich schwör darauf, er war's.« »Er kommt, sein Geld zu holen«, grinste der Alte. »Daß man's nicht geschmolzen und ihm in den Hals gegossen hat!« »Der gefährlichste aber ist ein Einäugiger, der sich im Kloster versteckt hält.« »Ein Einäugiger? Wer ist das?« »Man weiß es nicht. Die Aufrührer selbst kennen nicht seinen Namen und Stand. Den Pfaffen mag er sich wohl offenbart haben. Wir fingen gestern nacht einen Schuster, der sich betrunken hatte und zu nahe an unsere Verschanzung herantaumelte. Dem gossen wir einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf, daß er sich ausnüchterte, jagten ihm mit vorgehaltenen Spießen großen Schreck ein und fragten ihn aus. Da hat er gebeichtet, was er wußte. Das war nicht viel, aber es kam doch heraus, daß der Herr Hochmeister ihnen den Einäugigen geschickt und durch ihn das Stadtregiment für ewige Zeiten versprochen hätte, wenn sie wieder den Orden als Oberherrn aufnehmen wollten. Er hätte ihnen zugesichert, sie sollten von allen Bußen für den Abfall frei bleiben, die Forderungen der Soldhauptleute beider Teile aber den reichen Kaufleuten allein zu berichtigen aufgegeben werden; die Herren sollten von Haus und Hof kommen, besonders die im Rat gesessen. Danach sollte wieder die alte gute Zeit zurückkehren und die Teuerung aufhören und niemand unbillig besteuert werden. Deshalb täten sie sich selbst den besten Dienst, wenn sie dem Herrn Hochmeister die Tore öffneten.« »Und das sei auch beschlossen worden –?« fragte der Alte in fieberhafter Erregung, sich mit dem Sacktuch die Stirn trocknend. »Das wußte er nicht«, antwortete Jost; »er gehört nicht zu den Vierundzwanzig. Aber es ist wohl anzunehmen. Wir haben auch von der Dachluke des Turmes aus sehen können, daß sie Boten aus den Toren ausgelassen haben. Sind die Hauptleute ihnen willig, so gewinnen sie die Stadt ohne Schwertstreich. Denn die Aufrührer haben die Schlüssel zu allen Zugängen in Händen.« »Und der König zögert –?« »Rutger von Birken hat einen dringenden Brief an ihn geschrieben und durch einen treuen Mann versendet. Auch einen zweiten an den Hauptmann von Dybow, der es mit seinem Heerhaufen am wenigsten weit hat. Das ist mit mehrerer Ratsherren Bewilligung geschehen, die er trotz der Straßensperre hat befragen können. Es ist ihnen bedenklich genug gewesen, sich von den Polen helfen zu lassen, aber in dieser Not kein anderer Weg geblieben.« »Ja, ja«, klagte Tileman, »die Polen tun nichts umsonst. Wir haben dem König schon so viel Recht eingeräumt auf mündliche Versprechungen, die eitel Wind sind, wenn wir ihn nicht zwingen können, uns Wort zu halten. Er vertröstet uns wegen der Verschreibungen von einer Zeit zur andern. Erst soll die Marienburg in seinem Besitz und der Orden ganz niedergeworfen sein. Es verlautet aber aus seiner höfischen Umgebung, daß man mit allerhand Falschheit umgeht und den Orden nicht fallen lassen will, wenn er bereit ist, den König als Lehnsherrn anzunehmen. Dann soll ihm wieder das ganze Land Preußen untertänig werden und der Bund geopfert sein. Ich weiß nicht, wie weit dieser Plan gediehen ist, aber daran kann kein Zweifel sein, daß man ihm ernstlich nachgehen wird, wenn Thorn und Danzig dem Orden zufallen. Das will ich nicht überleben.« »Wir können das Rathaus eine Weile verteidigen, Vater«, sagte Jost nach einigem Bedenken. »Rückt das Ordensheer an, so ist meine Absicht, unsere Leute durch den unterirdischen Gang dorthin zu führen, den Hof zu besetzen und die Türen zu verrammeln. Kommen dann die Polen nicht zu spät, so kann es dem Rat nützlich sein, wenn er das Haus in seiner Gewalt hat. Dafür will ich gern mein Blut vergießen.« Tileman reichte ihm die feuchtkalte Hand. »Gott wolle mir solches Leid ersparen«, sagte er. »Tu aber, was deine Pflicht ist. Wir müssen alle unsere Kraft zum äußersten anspannen, drohendes Unheil abzuwenden.« Jost hüllte sich in einen langen und weiten Mantel und verließ das Haus durch eine Hinterpforte. Bei den Franziskanern ließ es Boppo an Rührigkeit nicht fehlen, der Bürgerausschuß stellte sich ganz zu seiner Verfügung und gab ihm Vollmacht, zugunsten des Ordens zu handeln. Die guten Leute glaubten, was er ihnen sagte, und hatten jetzt auch schon keine andere Wahl, als auf des Ordens günstigen Stern zu hoffen. So weit hatten die meisten kaum gehen wollen; nur die Aufnahme von Vertretern der Zünfte in den Rat strebten sie an, um zu hindern, daß der schwerste Teil der Steuern, wie üblich, auf ihre Schultern gewälzt würde. Nun war kein Halt mehr gewesen, nachdem der Aufruhr jede friedliche Verständigung mit dem Rat unmöglich gemacht. Sie wußten, daß sie siegen müßten, wenn sie nicht als Besiegte schwere Strafe erleiden wollten. So war jetzt die Parole ausgegeben: »Wie die Schlösser des Ordens alle an einem Tage gestürmt worden, so würden jetzt die großen Städte auf einen Tag ihre Ratsherren fangen und erschlagen und darauf die Kreuzherren einlassen!« Das war ein Satz, der sich leicht dem Gedächtnis einprägte und glatt vom Munde ging. Er wurde denn auch in allen Baderstuben und Weinkellern und Gesellenherbergen tapfer wiederholt. Nun erinnerten sich die Maurer, Zimmerleute und Dachdecker mit Seufzen, wie sie selbst dem Rat geholfen, das Schloß zu brechen, und mancher sagte, es sei ihm schon damals gewesen, als hätte eine unsichtbare Hand ihn zurückhalten wollen. Eine rechte Schande sei es für die deutsche Stadt, sich mit dem polnischen Gesindel eingelassen zu haben. Sie redeten sich in rechte Wut. Wie die Ratsherren der großen Städte Verrat geübt hätten, gerade so müßte ihnen nun auch vergolten werden. Die Vierundzwanzig ließen deshalb Briefe an die Gemeinen von Danzig und Elbing schreiben, sie sollten ihrem Beispiel folgen. Pfarrer Andreas war der Schreiber. Der Einäugige setzte sich aber auch mit den Ordenshauptleuten in Neumark in Verbindung und beschwor sie, eiligst aufzubrechen und die Stadt einzunehmen. Sie machten auch Zusagen, zögerten aber, da sie den Nachrichten noch nicht recht trauten und sich den Vorteil nach der andern Seite nicht verschlagen wollten, wenn der Rat doch die Oberhand behielte. Vielleicht war die Stadt leicht zu nehmen, aber schwer zu behaupten. Ostra wurde von Tag zu Tag ungeduldiger. Er entschloß sich endlich, so schwer es ihn ankam, an den Spittler Heinrich von Plauen zu schreiben und ihn um seine schleunige Einwirkung bitten zu lassen. Den Hochmeister wollte er durch einen Brief, der leicht aufgefangen werden konnte, nicht der Gefahr aussetzen, des Einverständnisses mit den Aufwieglern bezichtigt zu werden. Mit den Handwerkern die Stadt gegen die königlichen Truppen zu halten, konnte schwerlich gelingen. Es war die höchste Zeit, daß er waffenkundige Mannschaft zur Unterstützung des Aufstandes erhielt. Da ereignete sich etwas, das kein Teil hatte vorhersehen können. Zwei Danziger Kaufleute und Ratsherren, Cord von Dalen und Heinrich von Staden, hatten, ehe noch die Unruhen in Danzig ausbrachen, mehrere Kähne mit Waren für Polen befrachtet und die Weichsel aufwärts geführt. Wie es in Kriegszeiten auch sonst üblich war, und weil die Kähne an einigen noch vom Orden besetzten Städten vorüber mußten, hatten sie zur Sicherung des sehr wertvollen Transports fünfhundert Söldner mitgenommen. Nun landeten sie bei Thorn, schifften die Güter aus, die demnächst auf anderen Fahrzeugen weiterbefördert werden sollten, und setzten auch die Söldner ans Land, die Wohl oder übel in der Stadt geherbergt werden mußten. Den Thorner Ratsherren wuchs der Mut, so daß sie sich wieder auf den Straßen zeigten, und Jost vom Wege durfte nicht mehr befürchten, seinen Verteidigungsposten aufgeben zu müssen. Die Gemeine aber mußte sich trösten, die gefährlichen Gäste wären nicht zahlreich genug, etwas Feindliches gegen sie unternehmen zu können, so lange die Zünfte einig zusammenständen. Der Einäugige, dem dieser Zwischenfall sehr verdrießlich war, sendete sofort Götze Rubit nach Neumark ab, ließ den Ordenshauptleuten wegen ihres Zögerns Vorwürfe machen und bat sie dringend, ihren Anmarsch zu beschleunigen. Sie wollten eben, auch vom Spittler gedrängt, mit ihren Leuten aufbrechen. Auf die Kunde von dem Vorgefallenen wurden sie wieder stutzig und ließen absatteln. Sie traten in Beratung und beschieden dann Rubit dahin, die Thorner sollten sehen, wie sie erst wieder die fremde Besatzung los würden; sie selbst seien zu schwach, sich auf einen Kampf einzulassen, und wollten nicht von den Feinden in die Mitte genommen sein. Diese Ablehnung brachte Ostra in die schlimmste Verlegenheit. Er versammelte die Vierundzwanzig und ermahnte sie dringend, die fremden Söldner aus der Stadt zu werfen und im Notfall mit Gewalt zu entfernen; jede versäumte Stunde verdoppele die Gefahr. Jetzt hätten sie es mit fünfhundert zu tun, bald mit so viel Tausenden, wenn sie die Königlichen herankommen ließen. Zugleich müsse die Hoffnung auf Entsatz schwinden. Viele waren aber zaghaft geworden, andere hatten ganz den Kopf verloren. Die Mehrheit konnte sich nicht entschließen, die Feindseligkeiten gegen die gutbewaffneten Söldner zu beginnen. »Ihr Toren«, rief ihnen der Ritter zu, »seht ihr denn nicht, daß ihr für euer Leben fechten müßt? Laßt den Rat über euch kommen, und seine Rache wird furchtbar sein.« Der Schmied Klinger trat ihm bei und gewann auch einige andere. Die meisten aber wurden nun erst recht scheu und schlössen sich dem Krämer Tobias Groß an, der vorschlug, es mit einer List zu versuchen. Sie war allzu durchsichtig. Es wurde vorgegeben, die Gemeine wolle sich mit dem Rat verständigen, wobei die fremden Gäste die Vermittlung übernehmen sollten. Die beiden Danziger Ratsherren und die anderen Danziger Kaufleute, die mit ihnen gekommen waren, sowie die fünfhundert Söldner wurden deshalb zum nächsten Morgen auf die Schiffbrücke bestellt; dort wollten sie mit ihnen ratschlagen, Sie hatten sich's so ausgedacht, daß sie dann eiligst hinter ihnen die Stadttore schließen und sie aussperren würden. Das gesamte Danziger Gut wollten sie in Beschlag nehmen und damit die Ordenshauptleute, wenn sie von der andern Seite einrückten, befriedigen. Kaum aber hatte Tileman vom Wege von dieser sonderbaren Ladung Kenntnis erlangt, als er, so krank er war, sein Haus verließ, die Danziger aufsuchte und sie nachdrücklich warnte. Auf seinen Rat schützten sie vor, am andern Tage bei ihren Gütern zu sehr beschäftigt zu sein, und brachten den Sonntag für die Beratung in Vorschlag. Die Handwerker mußten sich dabei beruhigen. Wieder gingen Eilboten nach Polen ab und trafen Stanislaus von Ostrorog, Woywoden von Kalisch, den König Kasimir schickte, schon unterwegs. Der Hauptmann von Dybow, Koscieletz, verstärkte mit seiner Mannschaft das Heer. Auch die Kulmer schickten hundert Trabanten, die nachts in die Stadt einrückten, nachdem Jost vom Wege mit seinen Leuten das Tor von innen besetzt hatte. Am Morgen sah die überraschte Gemeine ihre Sache völlig verloren. Die fünfhundert Danziger Söldner besetzten den Markt und das nach der Weichsel führende Sigler Tor, die Trabanten das gegenüberliegende Kulmer Tor, durch welches sie eingezogen waren, die Thorner Söldner sperrten die Zugänge nach der Neustadt ab. Ungehindert rückten die Polen dort vor. So von allen Seiten eingeschlossen, wagten die Bürger keinen Widerstand. Ein furchtbarer Schrecken bemächtigte sich ihrer; sie warfen die Waffen fort und suchten in den Kirchen Schutz oder versteckten sich in ihren Häusern. Und nun begann in der Alt- und Neustadt ein wahres Kesseltreiben der ehrsamen Meister aller Gewerke, die sich rebellisch gegen den Rat als ihre verordnete Obrigkeit aufgelehnt hatten, und ihre mitbeteiligten Gesellen. Während die Polen alle Tore und Pforten verstellten und keinen durchließen, der nicht einen Zettel aus der Ratsstube vorzeigte, durchzogen die Trabanten rottenweise die Straßen, drangen in die Kramläden und Handwerkerhäuser ein, sperrten die Türen zu den Kirchhöfen und drohten den Eingeschlossenen, sie durch Hunger zur Ergebung zu nötigen. Wen sie erwischten, der wurde mit Stricken gebunden und nach den Torwachen gebracht oder in die Keller des Rathauses geworfen. Dabei läuteten alle Glocken von den Kirchtürmen, als ob ein großes Fest angekündigt würde. Genau so hatten es die Herren Bürgermeister beschlossen, die sogleich im Rathause den Rat feierlich versammelten und zu Gericht sitzen ließen. Es wurde beschlossen, daß die Sitzung nicht unterbrochen werden sollte, bis die Ordnung vollständig wiederhergestellt worden. Die Namen der Vierundzwanzig waren bekannt; nach ihnen sollte vor allem gefahndet werden. Dann kamen die Gefangenen, wie sie eingeliefert wurden, ins Verhör und wurden unter Androhung der Tortur nach den übrigen Anführern ausgefragt. Bald füllte sich die Liste der Proskribierten. Die Franziskaner mußten Jost vom Wege und seinen Leuten ihr Kloster öffnen. Alle Zellen wurden durchsucht, selbst die Dachkammern durchstöbert. Es war auf den Einäugigen und Götze Rubit abgesehen. Sie hatten sich aber mit einigen Mitgliedern des Ausschusses, die zur Nacht bei ihnen waren, rechtzeitig über die Mauer flüchten können. Pfarrer Andreas steckte in einer Kutte, wurde erkannt und ins Gefängnis abgeführt. Bald saßen mehr als hundert von den Aufrührern hinter Schloß und Riegel. Alle festen Gelasse in den Türmen waren gefüllt. Nun zogen Scharen von Weibern und Kindern vor das Rathaus, lamentierten kläglich und flehten um Gnade. Die Gemeine wollte sich unterwerfen. Aber sie erlangten nur so viel, daß vorläufig von weiterer Aufhebung der Schuldigen Abstand genommen wurde. Niemand sollte sich aus den Häusern rühren bis auf des Rats fernere Weisung. Die Bittenden wurden durch die Söldner vom Markt vertrieben. An die Polen ging eine Deputation von Ratsherren ab, den Woywoden Stanislaus von Ostrorog und den Hauptmann Koscieletz aufs Haus einzuladen. Dort begrüßte Rutger von Birken sie mit feierlicher Anrede und sagte ihnen der Stadt Dank; ein würdiges Geschenk behalte man sich vor. Den größten Dienst freilich hätten sie ihrem König geleistet, dem der Verlust von Thorn der Verlust des Landes gewesen wäre; von ihm dürften sie daher den reichsten Lohn erwarten. Am Schluß deutete er an, daß der Rat, wie sie sich überzeugt hätten, wieder völlig Herr der Stadt sei und ihrer Unterstützung innerhalb der Mauern nicht weiter bedürfe, bäte sie daher, zur Vorbeugung neuer Unruhen ihre Truppen zurückzuziehen und vor der Stadt ins Lager zu bringen. Den Ratsherren schien es kaum eine geringere Gefahr, wenn die Stadt von dem Kriegsvolk des Königs besetzt war, als wenn die Gemeine darin die Herrschaft hatte. Sie meinten sich nicht schnell genug dieser Gäste entledigen zu können, die man sich wahrlich nur in der höchsten Not einzuladen entschlossen gehabt. Darauf begann die Beratung, was mit den Gefangenen geschehen solle. Johann Ruß, bereits der zwölfte aus der Familie im Rat und deshalb hoch angesehen, Bertram von Allen, Johann Ronnenberg und die drei kürzlich zum erstenmal aus der Neustadt in den gemeinsamen Rat Gekürten, Peter Roger, Hans Gloger und Barthel Stolle, sprachen sich dafür aus, Milde walten zu lassen. Es sei eine Zeit, in der alle gewohnte Ordnung erschüttert worden, und niemand wisse, was der kommende Tag bringen werde. Wer Sieger bleibe, der habe recht. »Es ist keiner von uns«, sagte Bertram von Allen, »dessen Gewissen sich nicht schwer belastet zeigte, wenn ihm ein Priester des Ordens die Beichte abnähme, und in des Papstes Augen, der uns gebannt hat, sind wir nicht minder straffällig. Lasset uns billig erwägen, daß diese armen Leute gegen den Orden keine Klage gehabt haben außer über die schlechte Münze, die er doch zum wenigsten verschuldete, und durch uns zum Abfall gebracht sind ohne ihre besondere Einwilligung, daß sie auch des langen Krieges drückendste Lasten getragen und geringsten Vorteil geerntet haben. Vielleicht wäre solcher Verwirrung vorgebeugt worden, wenn wir rechtzeitig einige von ihren Älterleuten in den Rat aufgenommen hätten. Nun wollen wir es ihnen nicht so schwer verargen, daß sie von Mißtrauen gegen uns erfüllt waren und gegen Ausbeutung gesichert sein wollten. Sind sie nun gewaltsam zum Gehorsam zurückgebracht, so werden sie uns die Milde danken, mit der wir ihnen den Fehl verzeihen, und fortan treu zu uns halten. Andernfalls aber wird ein Groll in ihrem Herzen bleiben und sich ein andermal vielleicht noch schreckhafter entladen. Also stimme ich für ernstliche Vermahnung und Freilassung der Schuldigen.« »Ihr vergeht«, entgegnete Rutger von Birken, »daß diese Leute sich nicht nur wider ihre Obrigkeit gesetzt haben, um Teil am Stadtregiment zu gewinnen, sondern räuberischer Gewalt und des Hochverrats schuldig sind, indem sie sich dem Orden ergaben. Es müßte den Herrn König wundernehmen, wenn wir solche Frevel gering achteten.« »Sie sind nicht so sehr von der Gemeine begangen«, suchte Johann Ruß zu entschuldigen, »als von einzelnen losen Buben und schlechten Schelmen. Was die an wildem Aufruhr verbrochen haben, mag man billig den ruhigen Bürgern nicht zur Last legen. Sind sie hinterher vom Sturm mitgerissen, so wissen wir alle, daß dem schwer zu widerstehen ist. Der Plan aber, sich dem Orden zuzuwenden, ist ihnen von fremden Anstiftern eingegeben, die doch leider der Strafe durch die Flucht entgangen sind. Lasset sie uns als Verführte behandeln, die wir versöhnen wollen. Denn wir haben, wie mich dünkt, noch viel zu tun, und können ihrer Hilfe nicht entbehren.« Dem stimmten die Neustädter Herren vielleicht allzu eifrig zu. Deshalb sagte Albrecht Damm, der Tileman vom Wege rot werden sah: »Allzu scharf macht schartig, aber allzu stumpf schneidet ins eigene Fleisch. So ist meine Meinung, daß wir die schuldigen Anführer auswählen und richten nach der Gerechtigkeit, die anderen aber laufen lassen. So sehen sie unsere Strenge und Milde zugleich.« »Abgehört und gerichtet müssen sie alle werden«, sprach Johann Ziegenhals, »da sie auf frischer Tat betroffen und gefangen sind. Ob wir hinterher Gnade walten lassen, steht bei uns. Auf Aufruhr und Gewalttat gegen die Obrigkeit steht der Tod!« »Es sind ihrer zu viele«, meinte Ronnenberg, »wir können mit ihnen nicht ins Gericht gehen, es wird ein zu groß Geschrei. Verurteilen wir sie, so können wir sie nicht hindern, an den König zu appellieren, und er wird die Sache aus dem Lande ziehen, weil die heimischen Gerichte Partei sind, das darf um vieler Ursachen wegen nicht sein. Und warum sollen auch gerade diese hundert und etliche büßen, die gefangen sind. Es ist nicht einer in der Bürgerschaft, der nicht schuldig wäre wie sie. Wir müßten denn die ganze Gemeine auf die Anklagebank setzen.« »Bringen wir die vier auf den Block«, schlug Berniger vor, »die sich zuerst von der Gemeine haben wählen lassen, und ein paar von denen, die in die Akzisebude eingebrochen sind und die Bücher vernichtet haben, so ist ein heilsames Exempel statuiert, und die andern, die wir laufen lassen, werden uns danken.« Nun stand Tileman vom Wege auf, stemmte die rechte Hand auf den Tisch und sah mit flammenden Blicken im Kreise herum. »Wozu ratet ihr Herren da?« rief er. »Sitz' ich im Rat der Stadt Thorn, der durch Gewalt entrechtet war und nach Niederwerfung der Gegner wieder von seinem Hause Besitz genommen hat, oder in einer Versammlung von Weiblein, die das Herz auf der Zunge haben? Ihr Herren, ihr Herren! Gedenket des doppelten Eides, den ihr der Stadt und dem König geleistet, das sind nicht gute, sondern recht törichte Worte. Ein Körnlein Wahrheit ist wohl in allen, aber es ist in die unrechte Bütte gefallen und wird ausgeschüttet werden mit der Spreu. Sprecht ihr von Milde und Gnade? Aber wenn die Gemeine gesiegt hätte und morgen wär' das Ordensheer eingezogen in die Stadt – was wär' uns dann geschehen? Sie hätten uns aus unsern Häusern gezogen und auf den Markt geschleppt und den Kopf abgeschlagen, wie sie gedroht. Ja, den Kopf abgeschlagen, und hätt' keiner fest genug auf seinem Rumpf gesessen. Und nun sind wir die Sieger. Was soll's mit der Verletzung des Gesetzes und Ahndung strafbarer Tat? Wir sind in einem Kampf begriffen gewesen, von dem die Rechtsbücher nichts wissen und wissen können. Und das war die letzte Frage, wer soll herrschen? Wer soll herrschen in der Stadt – der Rat oder die Zünfte? Und wer soll herrschen im Lande – der König oder der Orden? Wie wollt ihr sie entscheiden nach der Gerechtigkeit? Der Mächtige herrscht, der Schwächere dient. Was Verhör! Was sollen sie euch sagen, das ihr nicht schon wißt, es wär' euch denn darum zu tun, auf der Angeber Beschuldigung die Gefängnisse noch mehr zu füllen. Was Gericht! Wer sind die Richter? Wir. Und wir sind die Sieger. Wir können nicht Recht sprechen in eigener Sache, unser Spruch wär' ein Hohn der Gerechtigkeit. Aber wir wollen ihnen tun, was sie uns tun wollten –: Kopf ab!« »Ohne Verhör – ohne Gericht – ohne Urteil – alle –?« schrien die Ratsherren durcheinander. »Das kann nicht sein – das darf nicht sein ...« »Kopf ab!« wiederholte Tileman vom Wege mit eiserner Ruhe, aber noch schärferem Ton. Das Wort fiel selbst wie ein geschliffenes Beil nieder. »Wen wollt ihr aussuchen? Sie sind alle gleich schuldig, und noch Tausende sind schuldig wie sie. Es ist wie in der Kriegsschlacht: diese Vorderen erliegen des Gegners Schwert und die anderen retten das Leben. Wer die Würfel wirft – wir wissen es nicht. So sind diese hundert im Kampf niedergeworfen und gefangen. Kopf ab! Die anderen mögen unbehelligt sein.« Selbst Rutger von Birken durchlief es kalt. »Es ist zu viel Blut«, murmelte er. »Losen wir den zehnten – oder den fünften – – oder den dritten Mann aus.« Er hoffte, der Freund würde endlich zustimmend nicken. Aber es geschah nicht. »Begnügt Euch mit der Hälfte!« Tileman zuckte die Schulter. Die Stirn über den Augenknochen wulstete sich; die Falten schienen sich zu vereinen oder von da auszustrahlen. Er war schrecklich anzusehen. »Fordere ich ihre Köpfe für mich?« fragte er. »Mich selbst hat kein einziger beleidigt – auch der nicht, dessen Messer ich diese Armwunde verdanke. Es ist ihm verziehen. Aber wofür leben wir, wofür streiten wir? Wenn wir nicht überzeugt sind, für die Jahrhunderte zu bauen, was soll dieses Puppenspiel? Wir bauen für die Jahrhunderte, und das ist unsere Vollmacht für die Stunde. Wir haben dem Orden abgesagt, und nie wieder soll unser Nacken sich beugen vor dem schwarzen Kreuz auf eines Ritters Gewand. Wir haben dem König geschworen, und nie wieder soll ein anderer unser Herr sein, als der unsere Freiheit achtet. Wir haben in den großen Städten das Regiment beim Rat, und nie darf es abgetreten werden an die Gemeinen. Darum muß dieser Versuch, die Ordnung der Dinge umzukehren, der erste und letzte gewesen sein. Fallen jetzt unbarmherzig die hundert Köpfe, so wird dieses blutige Schauspiel in Thorn sich nie wiederholen dürfen – nie! Aber zeigt euch jetzt schwach, und eure Kinder und Enkel werden euch fluchen. Denn der Kampf wird sich fortsetzen und unablässig Blut heischen und das ganze Land verderben. Das sagt euch Tileman vom Wege!« Diese Rede erschütterte alle Hörer. Noch nie hatte er so scharf und wuchtig zugleich gesprochen. Es war, als ob Feuer von seinem Mund ausging und ihnen ins Gewissen brannte. Mehrere, die zur Milde geraten hatten, kamen sich wie Feiglinge vor, die in einem Versteck ertappt waren. Rutger von Birken, der den Vorsitz hatte, sah auf die Liste der Gefangenen hinab und lächelte verlegen. Manches von dem, was Tileman mit der ihm eigenen Sicherheit als unumstößliche Wahrheit hingestellt hatte, schien ihm anfechtbar; wenn er aber seinen Gesichtspunkt gelten ließ, war es sehr töricht, um dies und das mit Worten zu fechten. Zuerst stimmte der Ratsherr Toydenkoß zu, der bisher geschwiegen hatte. Seine Nachbarn schlossen sich lebhaft an. »Wir müssen aufgeräumt haben, ehe der König kommt oder auch nur von Krakau aus Einspruch erheben kann«, sagte der eine, und der andere fügte hinzu: »Wir müssen denen in Danzig einen Schrecken einjagen, dann ergeben sie sich ohne Widerstand. Wäre die Gemeine dort siegreich, so würden wir bald den Rückschlag fühlen.« Nun traten nach und nach auch die übrigen bei, einige mit Entschuldigungen, daß sie eine so klare Sache nicht sogleich richtig erfaßt hatten. Die Neustädter Herren überlegten, daß sie leicht in Verdacht der Begünstigung des Aufstandes kommen könnten, wenn sie gegen die Exekution Einspruch erhöben, und schwiegen. Sie ließen sich überstimmen. Und so wurde denn am andern Morgen die gesamte Bürgerschaft vor das Altstädtische Rathaus berufen, dem Schrecknis zuzuschauen. Die Söldner umstellten den Platz. Ihre Führer waren angewiesen, sofort scharf einzuhauen, falls sich eine Bewegung zugunsten der Delinquenten merkbar machen sollte. Die Gefängnisse wurden entleert. Es zeigte sich, daß ein Teil der Gefangenen in der allgemeinen Verwirrung entsprungen war. Für einige andere, die angesehene Freunde hatten, wurde unter der Hand Bürgschaft angenommen und Aufschub gewährt. Aber die Mehrzahl kam gebunden und von den Stadtknechten herangetrieben auf den Platz. Es war in der Eile nicht einmal ein Gerüst errichtet, sondern der Block auf das Pflaster gestellt. Zweiundsiebzigmal fiel des Scharfrichters Beil und rollte ein Kopf über die Steine. Weithin spritzte das Blut und sammelte sich um den Block zu einer dunklen Lache, die von Zeit zu Zeit mit Sand überstreut wurde. Stundenlang dauerte die entsetzliche Blutarbeit. Die Bürgerschaft stand wie erstarrt von Schrecken; sie begriff, daß der Rat seine Rache nahm, und wagte nicht einmal mehr eine Bitte für die Opfer. Nur ein leises Seufzen und Wehklagen ging mitunter durch die Massen. Die Blicke richteten sich scheu nach den geöffneten Fenstern des Rathauses, hinter denen Bürgermeister, Ratmannen und Schöppen in ihren Amtsmänteln standen, ob nicht dem Scharfrichter von da ein Wink kommen werde, endlich Einhalt zu tun. Aber das erhoffte Zeichen wurde nicht gegeben. Immer wieder blitzte das Beil durch die Luft und schlug ächzend in den Klotz. Zweiundsiebzigmal! Erst als der letzte Kopf gefallen war, trat Tileman vom Wege aus dem Fenster zurück. Nicht triumphierend, sondern mit traurigen Mienen und starrem Blick sah er auf das blutige Schauspiel hinab. Für jeden der Gerichteten sprach er leise ein Vaterunser. Zu seinem Sohne, der als Stadthauptmann bei den Ratsherren stand, aber sich, von Grausen erfaßt, meist im Hintergrund des Saales gehalten hatte, sagte er seufzend: »Es ist vollbracht. Möchtest du nie mehr so Entsetzliches erleben! Vergiß aber nie, daß du Zeuge warst, wie der Thorner Rat seine Pflicht gegen den Bund und gegen den König erfüllte. Jetzt wird die Marienburg unser sein!« Jost wandte sich schaudernd ab. Zum erstenmal empfand er unbewegliche Scheu vor des Vaters herzloser Strenge. Die Zünfte schickten ihre Älterleute aufs Rathaus, ihre volle Unterwerfung zu versichern und demütig Verzeihung des Geschehenen zu erbitten. Nie wieder würden sie sich betören lassen, des Ordens Herrschaft zurückzusehnen oder das Regiment anzutasten. Willig würden sie zahlen, was ausgeschrieben werde, und den Schaden ersetzen. So wurden sie zu Gnaden angenommen. König Kasimir, als er Kunde von diesem Blutgericht erhielt, war über der Thorner allzu schnelles Verfahren sehr ungehalten und ließ seinem Dankschreiben wegen Bewahrung des Eides auch einen leisen Tadel einfließen. »Doch schmerzt uns die Vergießung menschlichen Blutes. Wir zweifeln freilich nicht, daß es gerecht vergossen ist, hätten aber lieber gehört, daß es eines solchen Strafgerichtes nicht bedurfte und die Sache auf anderem gutem Wege in Ordnung gebracht wäre.« Die Ratsherren wußten zwischen den Zeilen zu lesen, worüber sich der König beschweren wollte: es verdroß ihn, daß die Stadt so selbständig gehandelt. »Dieses Schreiben ist unsere beste Rechtfertigung«, raunte Tileman vom Wege dem Bürgermeister Rutger von Birken zu. »Der Herr König wird sich daran gewöhnen müssen, nicht gefragt zu werden, wenn wir uns die Antwort selbst geben können.« »Wer wird das letzte Wort mit den böhmischen Hauptleuten sprechen?« fragte Birken. »Schickt mich nach Marienburg, wenn es so weit ist«, entgegnete Tileman. »Es gelüstet mich, bei der Übergabe zugegen zu sein. Ich hoffe, der König wird jetzt nicht länger Bedenken haben, uns sein Heer zuzuführen, und mit einem letzten Schlage dem Orden den Garaus zu machen. Damit er um so besser gelinge, wollen wir unsere Truppen ins Ermland vorschieben und gleichsam einen Riegel vor die Tür legen, daß man ihm nicht von Norden her Entsatz bringen könne. Mein Sohn soll sich da die Sporen verdienen. Ich hoffe, der Herr König wird den Dank nicht vergessen, wenn wir Thorner künftig mit ihm abrechnen.« Viertes Kapitel Unverhofftes Wiedersehen An einem wenig freundlichen Frühlingstage bewegte sich ein Trupp von mehreren hundert Reitern und Fußsoldaten durch den dichten Wald hinter Heilsberg. Sie marschierten nicht in guter Ordnung, sondern hatten ihre Rotten aufgelöst, da der schmale, sich zwischen den alten Baumstämmen durchwindende Fahrweg von dem letzten Gewitterregen völlig durchweicht war, auch an den sandigeren Stellen immer nur einer kleinen Zahl von Bewaffneten Raum bot. Jeder sah, wie er auf und neben dem Wege am besten vorwärts kam. Reisige und Fußvolk wechselten miteinander ab. Die Fähnlein waren aufgerollt und wurden wie Stangen lang auf der Schulter getragen. So trugen die Fußgänger auch ihre Spieße, um nicht bei jedem Schritt an die tiefhängenden Baumäste anzustoßen. In einiger Entfernung rechts oder links ritt oder ging wohl auch einer allein auf der Suche nach einem haltbaren Fußsteg. Das Laub war noch wenig entwickelt und gestattete ziemlich weithin den freien Durchblick. Dem Trupp folgten Bagagewagen, die meist mit Bauernpferden bespannt, die unbarmherzig angepeitscht wurden, wenn die Räder im Schlamm steckenblieben. Auf den Fuhrwerken saßen einige Hakenschützen; sie hatten ihre langen eisernen Rohre und das Gestell zum Auflegen neben sich. Auch ein schweres Geschütz wurde auf mehreren verbundenen Achsen nachgefahren. Die Mannschaft ging nebenbei und half gelegentlich nach, wenn das Gefährt über Baumwurzeln und Steinen ins Schwanken kam. Entstand hier ein Aufenthalt oder reckte der Zug sich zu weit aus, so gab der Trompeter, der neben dem Hauptmann ritt, den Vordersten ein Zeichen, zu halten. Die ganze Masse bewegte sich so nur langsam weiter. Der Hauptmann war Jost vom Wege. Er ritt ein schönes Pferd, einen Rappen, dem man's aber ansah, daß ihm schon seit Wochen die rechte Pflege gefehlt hatte. Das Haar war struppig, die Mähne ungekämmt, der Schweif mit einem Strick von Stroh aufgebunden. Er hatte die Blechhaube am Sattelknopf hängen und trug einen grauen, breitrandigen Filzhut mit langwallender Feder. Ein kurzer Harnisch deckte ihm Brust und Rücken; zum Schutz der Schultern waren bewegliche Platten angeschnallt. Darunter trug er ein Lederwams mit Schlitzen, durch die das rote Unterkleid sichtbar wurde. Die gelben Stiefel waren hoch aufgezogen und über dem Knie mit Riemen befestigt. Die großen übergeschnallten Sporen starrten von Schmutz, der sich auch in langen Spritzern am lose umgehängten Filzmantel hinaufzog und sogar das braune Gesicht getroffen hatte. Das Schwert war waagerecht aufgenommen. Am Leibgurt hing ein Dolch in künstlich verzierter Scheide und eine Geldtasche. Die schwerere Rüstung wurde ihm zugleich mit dem Zelt und Tafelgeschirr nachgefahren. Man war offenbar gut unterrichtet, hier keinen Feind anzutreffen. Aus Bischofstein und Rößel, in welcher Richtung die Reise ging, wagte sich die schwache Besatzung schwerlich vor, wenn sie schon von dem Anmarsch der Bündischen Kenntnis hatte. Erst darüber hinaus in der Gegend von Rastenburg mußte man sich darauf gefaßt halten, mit Kriegsvolk des Ordens zusammenzutreffen. Tileman vom Wege hatte seinen Sohn zum Anführer der Mannschaft vorgeschlagen, die auf seinen Rat ins Ermland abgeschickt wurde, die bischöflichen Besitzungen in Beschlag zu nehmen. Er hoffte ihn so dem König am besten zu empfehlen. Nach Erledigung dieses Auftrages und seiner eigenen Rückkehr von Marienburg sollte dann in Thorn, womöglich in Gegenwart des Königs und der polnischen Woywoden, die Hochzeit Josts mit Eva von Birken gefeiert werden. Jost hatte diesem Lieblingswunsch des Vaters nicht länger widersprochen, obschon die schöne Patriziertochter seinem Herzen nicht näher stand als sonst eine junge und vornehme Thornerin. Es war ihm lieb, daß über ihn bestimmt wurde; sich selbst zu entschließen fehlte ihm noch immer der rechte Antrieb. Er hatte in Warschau, in Gent, auch in Thorn genug schöne Frauen gesehen, wohl auch die eine und andere vorübergehend ausgezeichnet und mit verliebten Anträgen verfolgt. Es war doch, als ob sein Herz einer leidenschaftlichen Erregung über den ersten Sinnesrausch hinaus ganz unfähig geworden. Sollte er nun eine Ehe eingehen – und er sah ein, daß dies Wegen Sicherung des Gutes in der Familie am Ende unumgänglich –, so konnte er am wenigsten gegen Eva von Birken etwas haben, die ihm früh schon zugedacht und auch wohlgeneigt war. Hatte sie doch so manchen Freier abgewiesen! Vielleicht aus keinem andern Grund, als weil sie noch immer auf seine Werbung hoffte. Es war ein ganz stattlicher Heerhaufe unter seinen Befehl gestellt. Man mußte erwarten, daß der Orden sich der Besitznahme des Ermlandes widersetzen werde, wenn er noch irgendeine Mannschaft aufzubringen vermöchte. Der Bischof Franziskus selbst hatte freilich längst seine Person in Sicherheit gebracht und in Breslau Aufenthalt genommen, von wo aus er auch ungestörter die Verbindung mit dem päpstlichen Stuhl unterhalten und für den Orden tätig sein konnte, dem er trotz aller Niederlagen seine Freundschaft nicht entzog. Jost vom Wege hatte ohne schwere Mühe die Stadt Heilsberg eingenommen; die geängstigten Bürger, die ihrem entflohenen Bischof kein Heldenstück schuldig zu sein glaubten, öffneten ihm die Tore, nachdem einige Kugeln aus dem groben Geschütz über die Mauern geflogen und in das Dach des Rathauses eingeschlagen waren. Aber das Schloß Heilsberg widerstand. Der treue bischöfliche Vogt wies die Aufforderung zur Übergabe zurück, so schwach er auch mit Mannschaften versehen war, und vertraute der Tiefe des Grabens und der Festigkeit der Mauer, gegen die Sturm zu laufen immerhin eine bedenkliche Aufgabe scheinen konnte. Jost hatte denn auch, nachdem ein rascher Angriff abgeschlagen war, von regelrechter Belagerung Abstand genommen und sich begnügt, eine Besatzung in der Stadt zurückzulassen und die zum Schloß gehörigen Wirtschaftshöfe zu brandschatzen. Er sah voraus, daß der Vogt sich am Ende doch ohne Kampf ergeben werde, wenn erst die andern Schlösser genommen seien, und setzte deshalb seinen Marsch fort. Heute in der Frühe war ein am Rande des Waldes belegenes Beutnerdorf geplündert und gegen seinen Befehl in Brand gesteckt. Er hatte Mühe, das an Gewalttätigkeiten aller Art gewöhnte Kriegsvolk im schuldigen Gehorsam zu erhalten. Er ritt ungefähr in der Mitte der weit verstreuten Schar, eher etwas zurück, um bessere Übersicht zu haben. In seiner Nähe befanden sich einige Rottenführer, der Profoß und der Trompeter. Sein Fähnrich war ein Stück voraus, der Quartiermeister hinten beim Troß. Gegen Mittag wurde der Himmel heller; brach auch nicht die Sonne strahlend vor, so zeichnete sich doch ihre Scheibe deutlich in das Nebelgrau. Man hoffte einen frei gelegenen, möglichst trockenen Platz zu gewinnen, auf dem haltgemacht und abgekocht werden könnte. Die Feldküche hatte sich in dem ausgebrannten Dorf mit einigen Hammeln, allerhand Geflügel und gekellerten Gemüsen versehen. Auch trug mancher Kriegsknecht das Hühnchen, dem er den Hals abgedreht, oder Wurst und Speck, die er aus einer Rauchkammer in Sicherheit gebracht, bevor das Strohdach in Flammen aufging, oben am Spieß über der Schulter. Mitunter hing daneben auch ein Topf mit Honig oder ein Schlauch mit Met, und nicht schlechter hatten einige Reiter sich versorgt, indem sie den Sattelknopf belasteten. Doch mochte es nicht so sicher sein, daß die vorhandenen Lebensmittel ausreichen würden, denn gelegentlich wurde auch dem aufgescheuchten Wild nachgestellt. Plötzlich entstand an der Spitze des Zuges eine raschere Bewegung. Man zeigte nach seitwärts in die Ferne, drängte vom Wege ab und rief einander zu. Die Zurückgebliebenen eilten nach und stimmten bald in das freudige Hallo ein. Der Fähnrich Hans Rogge hatte eine Umzäunung und dahinter ein Strohdach bemerkt. Dort gab es sicher etwas zu plündern; auch mochte sich der Hof zum Halteplatz gut eignen und darauf ein Brunnen anzutreffen sein. So beschleunigte er denn den Schritt seines Pferdes und hatte schon ein großes Gefolge hinter sich, als er an dem geschlossenen Tor anlangte. Man klopfte an dasselbe mit den Spießstangen und rief: »He – holla – aufgemacht!« Innen schlugen die Hunde an; man hörte die Ketten rasseln. Eine Weile schien es so, als ob niemand sich melden wollte. Als das Klopfen heftiger wurde und das Geschrei sich vermehrte, tauchte hinter den Palisaden der Kopf einer alten Magd auf, um gleich wieder zu verschwinden. Er war mit lautem Gelächter begrüßt worden, und dasselbe verstärkte sich beim schnellen Rückzuge. Da auch jetzt nicht geöffnet wurde, schlug man noch dreister gegen die Torflügel und ließ die Drohung hören, daß man sich mit Gewalt den Zugang verschaffen werde. Nun wurde der Oberkörper eines jungen Mädchens sichtbar. Der Wind spielte mit dem goldblonden, gekräuselten Haar, das lose um die Schultern hing. Die großen Augen blickten zornig herüber. »Was wollt ihr?« »Macht auf, schönes Kind«, antwortete der Fähnrich. »Wir sind Kriegsleute, wie du siehst, und hoffen auf gute Bewirtung.« »Hier ist keine Herberge.« »Kann schon sein. Aber wir nehmen's nicht so genau damit. Jedes Haus am Wege ist uns recht. Aufgemacht, Jüngferchen!« »Hier wohnt die Waldfrau! Wir lassen niemand ein, als Kranke, die ihrer Hilfe bedürfen.« »Das mögt Ihr sonst halten, wie Ihr wollt. Diesmal müßt Ihr schon leiden, daß sich auch die Gesunden bei Euch umschauen. Macht keine Umstände!« »Wir haben nichts für solche Gesellen. Zieht eures Weges weiter!« Der Fähnrich lachte. »Ihr seid unhöflich. Solche Gesellen wie wir lassen nicht mit sich spaßen. Einen Trunk Wasser und ein Küßchen wenigstens werdet Ihr uns nicht versagen. »Unverschämter!« Die Gestalt verschwand wieder. Innen wurden die Hunde losgekettet und kläfften nun dicht am Zauntor. Der Haufe, der sich vor demselben angesammelt hatte, wurde ungeduldig. »Worauf warten wir? Sollen wir uns von einer hübschen Dirne so frech abweisen lassen? Aufgemacht, oder wir schlagen das Tor ein!« Da sich keine Antwort vernehmen ließ, drängten die Vordersten mit ihren breiten Schultern gegen die Flügel. Das Holz knackte und krachte, gab aber nicht nach; offenbar war innen ein Balken vorgelegt. Nun hoben sie Steine vom Wege auf und hämmerten damit gegen die Bretter. Andere steckten ihre langen Dolchmesser in die Fugen und suchten den Verband zu lockern. Einige Reiter hatten Streitäxte am Sattel hängen. Sie sprangen ab und ließen dieselben in wuchtigen Schlägen auf das Holz fallen; das nun absplitterte. Einige Schritte seitwärts schwangen sich die behenderen Burschen auf die Schultern ihrer Kameraden und versuchten, sich an den Palisadenpfählen in die Höhe zu ziehen. Dabei schrie und fluchte jeder, daß bald ein Höllenlärm entstand, den das Geheul der wütenden Hunde verstärkte. Jetzt aber brach der Torbalken mit lautem Krach. Die vorderen Rotten, die sich dichtgedrängt dagegen gestemmt hatten, stürzten in den Hof hinein. Sofort fielen die Hunde über sie her, rissen ihnen die Kleider vom Leibe und schlugen die scharfen Zähne ins Fleisch. »Schafft die Bestien fort«, schrien sie den Hintermännern zu. »Ruft die Hunde zurück, verfluchte Weiber, oder ihr sollt's mit dem Leben büßen!« Man schlug die treuen Tiere mit den Lanzenschaften nieder oder spießte sie auf die Eisenspitzen. Wenige Minuten nur, und der Weg war frei. In der Tür des niedrigen Hauses stand eine hohe, ganz schwarz gekleidete Frau. Zu ihren Füßen lag das rothaarige Mädchen, augenscheinlich bemüht, sie zurückzuhalten. Einen Augenblick stutzten die rohen Kriegsknechte vor der Hoheit dieser Erscheinung, aber die Scheu wich rasch, als die Masse mit wildem Lärm nachdrängte. Der Fähnrich Hans Rogge war vom Pferde gesprungen und machte sich mit Püffen und Stößen nach der Tür hin Platz. »Nun seht zu«, sagte er, »wie Ihr mit den ungeladenen Gästen fertig werdet. Öffnet Speisekammer und Keller! Wir sind hungrig und durstig. Auf dem Hof hier können wir absatteln und die Pferde tränken. Habt Ihr Heu und Hafer? Wenn nicht, so nehmen sie allenfalls auch mit dem Dachstroh vorlieb.« »Ihr seid mit Gewalt in mein Eigentum eingebrochen«, ließ sich nun die tiefe Stimme der Frau vernehmen. »Schämt euch, wer ihr auch seid, wehrlose Frauen so räuberisch zu überfallen. Vergeblich werdet ihr hier nach Kostbarkeiten oder Geld suchen. Wir sind ganz arm. Auch unser Vorrat an Lebensmitteln ist gering und kaum für uns selbst ausreichend. Aber wir können euch nicht hindern zu nehmen, was euch gefällt. Schickt dann zwei oder vier Leute ins Haus, die Kammern zu durchsuchen. Ich hoffe, daß ihr nicht zerstören werdet, was euch doch unbrauchbar ist.« Unter dem Gelächter des Kriegsvolks antwortete der Fähnrich: »Wir sind nicht gewohnt, uns Vorschriften machen zu lassen, gute Frau. Wir kennen Eure Verstecke nicht. Gebt freiwillig heraus, was Ihr habt, oder wir zünden Euch das Haus über dem Kopf an. Versteht Ihr? Ich denke, das ist deutlich gesprochen.« »Die Weiber verdienen gespießt zu werden, weil sie die Hunde gegen uns gehetzt haben«, schrie einer hinein, der am Bein blutete. »Fort da – Weg frei – Platz gemacht!« erscholl es von allen Seiten. In einer der hinteren Reihen wurde mit Stahl und Feuerstein hantiert. Der Schwamm mußte Feuer gefangen haben, denn ein brenzlicher Geruch stieg dem Fähnrich in die Nase. »Nicht so schnell, Kinder«, rief er zurück. »Der rote Hahn hat noch Zeit, aufzufliegen, wenn wir den Hühnerstall geleert haben. Ich höre da etwas gackeln.« Er faßte die Schulter des Mädchens und wollte mit der andern Hand unter das Kinn greifen. »Komm, Schätzchen! Du gefällst mir. Wenn du artig sein willst, soll dich kein anderer haben.« Er erhielt einen Schlag ins Gesicht, daß ihm das Feuer aus den Augen sprang. »Das ist eine wilde Katze!« so bemerkten die Nächststehenden, »man muß sie in einen Sack stecken und im Brunnen ersaufen. Greift an!« Die Rothaarige war aufgesprungen. Ihre Augen blitzten. Sie griff hinter sich und riß eine dicke Feuerstange mit eisernem Haken von den Wandpflöcken und hob sie mit beiden Händen hoch. »Wagt es, mich anzurühren«, rief sie mit kreischendem Ton, »den ersten, der mir in die Nähe kommt, schlage ich nieder wie einen tollen Hund!« Die Waffe schien den Landsknechten nicht gefährlich. Mehrere Spieße hoben sich zugleich, den Feuerhaken zur Seite zu werfen. Der Fähnrich bückte sich ein wenig, sprang zu und umfaßte ihren Leib. Die Frau stieß einen Schreckenslaut aus und hob hinter ihr flehend die Hände. In diesem Augenblick ertönte vom Hoftor her ein gellender Aufschrei: »Ursula!« »Der Hauptmann – der Hauptmann!« lief es durch die Reihen, »laßt ab – der Hauptmann kommt.« Jost warf die nächsten, die ihm den Weg verstellten, mit weitausgreifenden Armen zur Seite und eilte der Tür zu. Sein Schwert ziehend, schlug er die Spieße fort, die sich schon mit der Hakenstange kreuzten, und nötigte zugleich den Fähnrich, von dem Mädchen abzulassen, indem er ihn, rückwärts tretend, abdrängte. »Ursula«, rief er überglücklich, »finde ich Euch hier wieder?« Den Kriegsleuten war's nun kein Zweifel, daß ihr Hauptmann eine alte Bekanntschaft erneuerte, so verwunderlich ihnen auch dieses Zusammentreffen im Walde erscheinen mochte. Sie standen vorläufig von weiterer Gewalttätigkeit ab und blieben neugierig in einiger Entfernung oder schielten nach dem Taubenschlag und dem Hühnervolk, das beunruhigt ein Versteck suchte. Frau Regina freute sich des unbekannten Retters in der Not und hob dankend die gefalteten Hände zum Himmel auf. Ursula starrte mit großen Augen den Hauptmann wie eine zauberhafte Erscheinung an und brachte kein Wort vor. Die Stange behielt sie in den Händen; sie schien nun zum Schutz gegen ihn vorgestreckt. Jost, nachdem er sich eine Weile wie berauscht dem Anblick des schönen Mädchens hingegeben, wendete sich zu seinen Leuten und sagte mehr bittend als befehlend: »Räumt den Hof! Diese Frauen sind in meinem besonderen Schutz. Ihr seht, daß sie eine ärmliche Waldhütte bewohnen –, laßt sie in Frieden. Draußen ist ein freier Platz zum Lagern. Wasser mögt ihr hier aus dem Brunnen holen – doch daß nicht mehr als zwei zu gleicher Zeit sich daran zu schaffen machen. Fähnrich Rogge, führt die Leute zurück!« Ein Murren ließ sich vernehmen. Sie rührten sich nicht von der Stelle. Auch der Fähnrich gehorchte offenbar nur ungern. »Wir sind in Feindes Land, Herr Hauptmann«, äußerte er ärgerlich, »und haben das Hoftor mit Gewalt sprengen müssen. Die Beute gehört uns nach Kriegsbrauch.« »Mögen sie nehmen, was ihnen Wert hat«, rief Frau Regina, »wir wollen sie nicht hindern. Schützt nur mein Kind vor gewissenlosem Angriff.« Der Hauptmann, noch immer das Schwert in der Hand haltend, trat einige Schritte gegen die geschlossenen Reihen vor. »Räumt auf der Stelle den Hof!« befahl er jetzt in strengem Ton. »Wer wagt es, sich mir zu widersetzen? Wer rühmt sich solcher Eroberung? Schimpf und Schande jedem, der sich an wehrloser Frauen Eigentum vergreift. Hinaus, sag' ich! Die Ungehorsamen schlag ich nieder. Fähnrich, tut Eure Pflicht!« Nun hielten sie's doch für geraten, sich zurückzuziehen. Es geschah langsam genug. Rogge ging durch die Reihen und sprach den einzelnen, die etwa noch nicht weichen wollten, gut zu. »Ihr merkt ja doch, daß der Hauptmann unvermutet ein alt Schätzlein aufgefunden hat. Dem muß er nun schon gefällig sein. Laßt ihm den Spaß! Zu holen ist da doch nicht viel.« Er hatte es richtig getroffen; sie lachten, fügten noch einen derben Scherz hinzu und zogen sich zurück. Auf dem Lagerplatz draußen brannten bald die Feuer. Ursula hatte indessen ihrer Mutter zugeflüstert: »Junker Jost vom Wege.« »Jost ... Tilemans Sohn –?« rief sie mit dem vollen Ausdruck des Schreckens. »Derselbe, der ...« »Von dem ich dir erzählt habe – derselbe.« »O mein Gott –«, seufzte Frau Regina und drückte die Hand aufs Herz. Wie von einem Gefühl des Schwindels ergriffen, schwankte sie in den dunklen Flur und lehnte die Schulter gegen die Wand. Zu Ursula wandte sich nun der Hauptmann, nachdem der Hof sich geleert hatte, »Welch glücklicher Zufall, mein teures Fräulein«, sagte er, nahe an sie herantretend. »Wie hätt' ich vermuten können, Euch hier im Walde anzutreffen, als ich diesen Kriegszug unternahm. Im Walde freilich ... Ihr habt mir's gesagt; und jetzt kommt mir's wieder ins Gedächtnis: Ihr nanntet auch die Stadt Heilsberg. Aber wenn man ganz ahnungslos ... Seid mir tausendmal von Herzen gegrüßt.« Seine Blicke flammten; er streckte seine Hand nach der ihren aus, Ursula jedoch hielt die Stange umkrampft, nicht mehr wie eine Waffe, aber wie eine Stütze. »Wir sind nicht freundlich voneinander geschieden, Junker«, antwortete sie. »Wie kann Euch nun dieses Wiedersehen befriedigen? Meine Gesinnung gegen Euch ist noch dieselbe.« »Die meinige gegen Euch nicht minder, schöne Ursula«, erwiderte er. »Mein Glücksstern hat mich hierhergeführt. Von allen Menschen auf der Welt könnt' ich keinen nennen, den wiederzusehen mich so herzlich freute. Das ist noch das prächtige goldene Haar, das sind noch die großen dunkelblauen Augen –« »O schweigt, schweigt –«, fiel Ursula ein, indem sie den Blick senkte und die Stirn in Falten zog. »Welches Unheil hat Eure Verblendung angerichtet! Ich hoffte, daß meine schleunige Entfernung ... Aber der böse Dämon hatte Euch ganz besessen, daß Ihr blind gegen Euer eigenes Glück wütetet und das beste Herz kränktet.« »Erinnert mich nicht daran«, bat er, »es war eine qualvolle Zeit nach Eurer Flucht. Die arme Magdalene –! Wie ich sie bemitleidete! Und ich mein Wort gebrochen, einen Ehrenmann bloßgestellt, meines Vaters Spott ... Aber nein! Erinnert mich nur an alles – auch an das. Beweist es doch nur, wie groß Eure Macht über mich war. Seitdem bin ich keine Stunde recht froh geworden. Das Leben schien mir ein notwendiges Übel, mit dem man sich abfinden müßte, so gut und schlecht es eben gehen wollte. Ich hatte das Steuer aus der Hand gegeben, ließ mich treiben mit dem Winde und hoffte auf einen Schiffbruch, der es auslöschen möchte für immer. Nun seh' ich Euch wieder, und es ist mir, als ob meine Adern sich neu mit wärmerem Blut füllen, die Pulse froh zu schlagen anfangen. Oh – wenn Ihr das verstehen könntet ...« »Ich kann's nicht verstehen«, antwortete sie kopfschüttelnd. »Ich glaubte Euch geheilt und sehe Euch nun in die alte Krankheit zurückgefallen. Eilt fort, ich bitt' Euch, daß sie nicht gar unheilbar werde.« Frau Regina war wieder auf die Schwelle getreten. Sie betrachtete Jost, der ihr das Gesicht zukehrte, mit einem so liebevollen, fast zärtlichen Blick, daß Ursula, wenn sie nicht abgewendet gestanden hätte, wohl stutzig hätte werden müssen. Nun streckte sie die Arme aus, als wollte sie ihn umfassen, und sagte wie mit umflorter Stimme mild und gütig: »Wie haben wir Euch zu danken, mein Herr Hauptmann! Ohne Euer Dazwischentreten wären wir schlimmster Mißhandlung ausgesetzt gewesen. Mein Kind ... Der Atem stockt mir noch, wenn ich an das Schreckliche denke, das ihm von diesen verwilderten Kriegsleuten bevorstand. Gott mag es Euch vielfältig lohnen!« Jost sah zu ihr auf und wurde nun selbst betroffen von diesem Blick, der ihm bis ins Innerste des Herzens schien dringen zu wollen. Es war ihm, als stehe keine Fremde vor ihm, und doch wußte er, daß er diese Frau noch nie gesehen hatte. »Werte Frau«, antwortete er unsicher, »Euer Dank ist mir lieb, aber verdient darf ich ihn nicht nennen. Es war ein glücklicher Zufall, daß ich zur rechten Zeit eintraf, Euch und Euer Besitztum zu schützen – und wer weiß, ob ich mich der Bedrängten so eifrig angenommen hätte, wenn nicht Ursula ... Ich bin ehrlich und will nicht als ein Verdienst rühmen lassen, was ich mir selbst zuliebe tat.« »So danke ich Gott«, sagte sie innig, »für diese wundersame Fügung. Ihr könnt nicht ermessen, was sie mir bedeutet!« Sie legte die Fingerspitzen, wie ihn segnend, an seine Stirn. Er fühlte es davon ausgehen wie heiße Strahlen und zuckte unwillkürlich. »Laßt mich bei Euch eintreten«, bat er, »ich habe Ursula noch so viel zu sagen.« Frau Regina zog sich in den Flur zurück. Ursula aber sperrte die Tür mit dem Arm. »Nein! Nein!« sagte sie mit heftiger Abwehr. »Ihr dürft nicht. So viel Dank wir Euch schulden – gerade deshalb dürft Ihr nicht eine Minute länger bleiben. Ich fleh' Euch an, Herr Junker, laßt uns allein und entfernt Euch schleunigst, ohne auch nur zurückzuschauen. Und vergeßt, daß Ihr mich hier gesehen habt. Nein, nein – geht! Es wird wahrlich nicht gut.« Er wollte Einspruch erheben. In diesem Augenblick aber entstand draußen auf dem Lagerplatz Lärm. Viele zornige Stimmen schrien durcheinander, Schimpfworte wurden ausgetauscht, Schwerter klirrten. Gleich darauf kam der Fähnrich mit raschen Schritten auf den Hof und rief: »Es ist Streit ausgebrochen wegen eines Fäßchens Wein – die Reiter wollen's für sich allein haben – einer liegt schon in seinem Blut. Ich kann sie nicht zur Ruhe bringen. Eilt Euch, Herr Hauptmann, und stiftet Frieden.« Jost folgte ihm sogleich. »Die Tollköpfe!« schalt er. Draußen fand er das ganze Lager in Aufruhr. Nur mit Mühe gelang es ihm, die Kämpfenden auseinander zu bringen und zu entwaffnen. Dem Fäßchen ließ er den Boden ausschlagen, damit der Wein auf die Erde laufe. Dann befahl er dem Profoß, die Namen der Unruhestifter aufzuschreiben, und behielt sich deren Bestrafung vor. Er blieb nun auf dem Lagerplatz, bis wieder alles zum Aufbruch bereit war. Als er dann auf den Hof zurückkehrte, hatten die Frauen die Haustür geschlossen. Auf sein Klopfen öffnete freilich Frau Regina, aber sie bat ihn, nicht mehr einzutreten. »Ich komme Abschied zu nehmen«, sagte er, »aber nicht auf alle Zeit, mir müßte denn bei der Einnahme der bischöflichen Schlösser etwas Menschliches begegnen. Grüßt Ursula von mir – es ist jetzt nicht die Zeit, sie mir freundlicher zu stimmen. Ich sehe sie bald wieder – bald! Und dann hoff' ich, mich vor ihr rechtfertigen zu können.« Er schüttelte sehr aufgeregt ihre Hand und verließ den Hof, ohne eine Antwort abzuwarten. Draußen beeilte er den Abmarsch. Aufs Pferd schwang er sich erst, als er sich überzeugt hatte, daß der letzte Mann ausgerückt war. Er fürchtete, schwerlich ohne Grund, daß hinter seinem Rücken doch noch ein Feuerbrand aufs Dach fliegen könnte. – Schneller, als die Frauen es erwarteten, kehrte Jost wieder. Er war von dem Städtchen Bischofstein, das er mit seinem Kriegshaufen gleich beim ersten Anlauf gewonnen hatte, früh am Morgen abgeritten und meinte noch vor Nacht wieder eintreffen zu können. Der Urlaub, den er sich selbst auf den einen Tag erteilte, schien nicht bedenklich, da man bereits ausgekundschaftet hatte, daß das kleine Ordensheer jenseits der ermländischen Grenze stehengeblieben war, wahrscheinlich um erst den Verlauf der Dinge in der Marienburg abzuwarten. Man hoffte denn auch, Rößel, obgleich hoch auf dem Anberge gelegen und gut befestigt, rasch überwinden zu können, traf aber doch vorsichtig die nötigsten Vorbereitungen zu einer Belagerung, indem man Hölzer zu Sturmdächern und Überbrückungen zurichtete, Faschinen band und den Bauern ringsum die Fuhrwerke fortnahm, um Material darauf zu verladen. Der Aufbruch konnte erst in einigen Tagen erfolgen. Jost war voll Ungeduld, Ursula zu überraschen und sich geneigter zu stimmen. Seine Gedanken weilten im Wachen und Träumen nur noch bei ihr, er meinte in dieser Unruhe des Herzens seine Pflichten nicht mehr erfüllen zu können, und wollte Gewißheit haben, daß seine Hoffnung nicht eitel. Er fand das Hoftor notdürftig mit einigen alten Brettern verschlagen. Das eine davon ließ sich leicht zurückbiegen, so daß er den Riegel erfassen und selbst öffnen konnte. Auf dem Hofe traf er die alte Magd beim Geflügel. Sie lief sofort ins Haus, die Ankunft des Hauptmanns zu melden, den sie wiedererkannt hatte. Er folgte ihr, ohne eine Einladung abzuwarten. Das Fenster stand offen, und er hatte Ursulas Goldhaar schon in der Nähe desselben bemerkt. Sie sollte keine Zeit haben, sich vor ihm zu verstecken. Frau Regina kam ihm aus dem Stübchen entgegen. Ehe sie ihn ansprechen konnte, rief er ihr zu: »Fürchtet nichts, ich komme diesmal allein. Mein Kriegsvolk lagert mehrere Meilen weit von hier. Ist der Hauptmann leichtfertig, wenn er sich von seinem Posten entfernt, so mag Euch doch der Beweis gegeben sein, daß meine Sehnsucht hierher solche Schuld nicht achtet. Zu kümmerlich war unser letztes Beisammensein. Heute können wir ungestört ein paar Stunden verplaudern – wenigstens soviel mein Gaul braucht, sich nach diesem scharfen Ritt wieder zu kräftigen. Auch ihm erbitte ich ein Obdach.« »Ich kann Euch nicht willkommen heißen, wie ich sonst möchte«, antwortete die Waldfrau, ihn einlassend. »Ihr seht Ursula sehr erschreckt. Sie hatte gehofft, Ihr würdet Euch Zeit gönnen, zu überlegen, daß die Wiederkehr nicht geraten sei. Nun sind nur wenige Tage vergangen –« Jost trat rasch auf Ursula zu, die vom Spinnrocken aufgestanden war, ergriff ihre Hand, zog sie gewaltsam an seine Lippen und sagte: »Mir schien's eine Ewigkeit. Ich bitt' Euch, schönes Fräulein, verzeiht dieses Ungestüm. Wer in die Sonne geblickt hat, sieht ihr strahlendes Bild immer wieder vor sich auftauchen, wohin er auch das Auge wendet. Und in die Sonne hatt' ich geblickt, als ich Euch so unvermutet hier antraf. Wie war's mir da möglich gewesen. Euch aus meinem Sinn zu bringen, da ich willenlos auch in der Ferne Euer Bild immer vor Augen haben mußte. Nein, verlangt und erwartet so Unbilliges nicht! Fühlt Ihr aber ein menschliches Regen in der Brust, so weist mich jetzt nicht kalt ab, sondern gönnt mir Euren Anblick und Eure Rede. Euch selbst hofft' ich in dieser Zwischenzeit anderen Sinnes geworden, wenn ich denn schon daran glauben soll, daß Eure Abweisung ernst gemeint war.« Ursula wechselte die Farbe. Erst war etwas wie Zornröte über seine Dreistigkeit auf ihren Wangen hell aufgeflammt; jetzt verloren selbst die Lippen fast ganz ihr Rot, und nur an den seinen Ohrläppchen noch schimmerte es durch das krause Haar. Spöttisch verzog sich wiederholt der Mund, während er sprach, und ungeduldig zupften die Fingerchen den abgerissenen Flachsfaden. »Ihr tut, als ob Ihr eine Bitte vorbrächtet, Herr Junker«, antwortete sie, »wenn man sie Euch aber abschlägt, so handelt Ihr danach nach Eurem Belieben. Hab' ich Euch nicht dringend ermahnt fortzubleiben und dieses armen Hauses Frieden nicht zu stören, Euch selbst aber vor Leid zu bewahren? Nun seid Ihr doch gekommen. Wiese ich Euch nochmals mit Worten ab, Ihr würdet sie wohl hören, aber nicht befolgen. Denn Ihr tut, was Euch beliebt, und habt die Macht dazu. Wir wissen wohl, daß wir keines Menschen Schutz gegen Euch anrufen können, da der Herr Bischof außer Landes und sein Vogt in Heilsberg eingeschlossen, der Herr Hochmeister aber zur Schande der Meineidigen, die ihm abgesagt haben, selbst ein Gefangener in der Marienburg ist. Bleibt also oder geht, wie Ihr es für gut findet; ich kann Euch das eine nicht gestatten und das andere nicht heißen.« Der Hauptmann biß die Lippe und zerdrückte unmutig die breite Krempe seines Federhutes, den er in der linken Hand hielt. Nach einer Weile sagte er gelassener, als zu erwarten stand: »Ich sehe wohl, Ihr wollt meine gute Absicht verkennen. Darin könntet Ihr wohl recht behalten, daß ich mich mit einer trotzigen Abweisung nicht zufrieden gebe und Euren störrischen Sinn zu brechen hoffe. Wollet mir daraus aber kein Vergehen des Ungehorsams machen, sondern bedenken, daß ich einem Zwange des Herzens folge, der mächtiger ist als mein Wille. Duldet mich freundlich, das ist meine Bitte.« »Legt ab«, nahm Frau Regina, die mit allen Zeichen der Besorgnis zugehört hatte, das Wort. »Ihr seid als Gast in mein Haus gekommen und sollt darin ausruhen und Euch an Speise und Trank erquicken dürfen. Ist Eure Leidenschaft verirrt, so mag es wohl sanfte Mittel geben, sie vom falschen Ziel abzuleiten. Nach ihnen wollen wir uns dieweil umschauen.« »Ich dank Euch, werte Frau«, sagte er, sich zu ihr wendend. Ihre Rede klang ihm minder hart und schien nicht alle Hoffnung zerstören zu wollen. »Nennt aber meine Leidenschaft nicht verirrt«, setzte er hinzu. »Bei meiner Seligkeit –« »Verschwört sie nicht«, fiel Ursula ein. Er legte die Fingerspitzen an den Mund. »Es freut mich doch«, sagte er lächelnd, »daß Ihr sie mir wenigstens im Himmel aufbewahren wollt. Ich hoffe ihrer aber auch mit Eurem Beistand hier auf Erden schon teilhaft zu werden.« Da sie sich abkehrte, verließ er das Zimmer, ging auf den Hof und zog seinen Rappen hinein, den er an den Torpfosten gebunden hatte. Während er sich umschaute, wo er ihn am besten unterbrächte, vernahm er ein Wiehern aus einem Stall seitwärts. Er öffnete die Tür und bemerkte innen den Gotländer, der neugierig den Kopf zurückwendete. Er gab ihm Gesellschaft und trat dann wieder ins Haus. Inzwischen hatten Mutter und Tochter sich miteinander verständigt. Ursula bestand darauf, daß die alte Magd sogleich nach der Waldkapelle geschickt würde, den Herrn Kaplan herbeizurufen. Der Hauptmann möge glauben, daß er zufällig käme. In seinem Beisein werde er sich jedenfalls Schranken auflegen müssen. »Ich verstehe dich nicht, Mutter«, sagte sie, »zum erstenmal im Leben nicht. Dir ist alles bekannt, was geschehen ist, du siehst, wohin diese unsinnige Leidenschaft ihn treibt, und doch behandelst du den Junker mit einer Nachsicht, die ihm Mut machen muß, sein Spiel weiterzutreiben.« Frau Regina seufzte still. Gegen die Berufung des Kaplans hatte sie nichts einzuwenden. Als Jost zurückkehrte, fand er die Frauen damit beschäftigt, Brot, Butter, Honig, gedörrtes Rindfleisch und Geflügel zu einem Frühstück aufzutragen. Auch eine Kanne mit Met wurde auf den Tisch gesetzt. Er konnte kein Auge von Ursula wenden, die geschäftig ab und zu ging und sich ersichtlich Mühe gab, ihn unbeachtet zu lassen. Frau Regina lud ihn dann ein, sich zu setzen und zuzugreifen. Er gehorchte gern, wünschte nun aber auch die lieben Wirte beim Mahl beteiligt zu sehen. Sie nahm ihm gegenüber Platz. Ursula freilich ließ sich nicht bewegen, vom Schemel am Spinnrocken aufzustehen, der ihm im Rücken seine Stelle hatte. Er richtete das Gespräch doch am liebsten an sie. »Da hab' ich nun auch Euren Gotländer wiedergesehen«, bemerkte er. »Ein treffliches Pferd – und so gut im Schick.« »Und so bescheiden in seinen Bedürfnissen«, fügte Ursula hinzu. »Oft genügt ihm eine Handvoll Heu. Sonst hätten wir ihn auch nicht behalten können und dem Herrn Hochmeister zurückschicken müssen. Er geht auch vor einem kleinen Wagen gut. Aber ich reite lieber, als ich fahre. Ihr wißt, wie schnellfüßig und ausdauernd er ist.« »Seine Herrin darf nur von ihm nicht unmögliche Leistungen verlangen«, antwortete er, selbstgefällig lächelnd. Er merkte, worauf sie anspielte. »Ihr müßt Euch großer Gnade des Herrn Hochmeisters zu erfreuen gehabt haben«, begann er nach einer Weile wieder, »daß er Euch ein solches Geschenk gemacht hat.« »Ja«, bestätigte sie, »er war uns ein sehr gnädiger Herr. Darum kränkt es uns um so mehr, ihn von so schwerem Leide betroffen zu sehen. Wie schmerzlich muß ihm seiner Untertanen Abfall und Verrat gewesen sein! Er hat ein so gutes, warmes, edles Herz! Mag Gott ihm endlich doch den Sieg über alle seine boshaften Gegner geben!« Die Unterhaltung blieb eine Weile bei diesen politischen Dingen stehen, und Ursula konnte nicht mit genug scharfen Worten die schmähliche Behandlung des Hochmeisters durch die Bündischen verurteilen. Jeder Pfeil, den sie abschoß, mußte auch Jost treffen, meinte sie. Er hielt nach Kräften an sich, sagte aber doch zuletzt: »Wollet nicht vergessen, Fräulein, daß ich der Sohn eines Mannes bin, der den Bund hat begründen helfen und allezeit am eifrigsten Klage gegen den Orden führte – des Mannes vielleicht, der sich Kopf und Herz der Bewegung weiß, die den Orden das Land Preußen kostet. Der Herr Hochmeister mag zu beklagen sein, da ihn so viel Unglück trifft, das er selbst doch gewiß nur zum kleinen Teil verschuldet, und Euer Mitleid will ich nicht schelten. Daß Ihr aber seine Gegner ungerecht verdammt, darf ich nicht ohne Widerrede anhören, wenn nicht meinet-, so doch meines Vater wegen.« »Und warum verfolgt er mit so grimmer Feindschaft den edlen Herrn?« rief Ursula, jetzt glutrot im Gesicht. »Ich hasse ihn deshalb, und das mag auch sein Sohn wissen, der mit ihm die Waffen gegen meinen Wohltäter trägt.« Jost zuckte die Achseln. »Warum –? Das läßt sich hier nicht in einer Stunde erörtern, teures Fräulein, und ich fürchte, ich könnt' Euch auch Tage und Wochen lang alle Gründe darlegen, so würd' ich Euch doch nicht von Herzen überzeugen. Denn es ist der Frauen Art, Recht und Unrecht nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen abzuwägen. Wem ihr Gemüt sich zuneigt, dessen Partei ergreifen sie auch. Laßt mich Euch lieb und wert werden, und Ihr werdet mit mir auf jener Seite stehen.« »So denkt Ihr recht klein von mir, Herr Junker«, entgegnete sie. »Wär' auch sonst nichts zwischen uns, dies eine müßt' uns ewig scheiden, daß Ihr in Waffen steht gegen Euren fürstlichen Herrn und seinen treuen Freund, unsern gnädigen Herrn Bischof.« »Das ist nun so, weil's ist«, sagte er, das Kinn aufwerfend. »Ihr dürft mir's nicht so schwer zurechnen, wenn's schon ein Unrecht sein sollte. Bin ich doch in einem Hause aufgewachsen, in dem ich nie etwas anderes gehört, als daß es ein Verdienst sei, den Orden zu bekämpfen und um seine verderbliche Herrschaft zu bringen. Ich selbst hab' mir übrigens diese Dinge wenig zu Gemüt gehen lassen – kaum einmal meine Gedanken recht ernstlich damit beschäftigt. Sondern ich nahm als richtig und männlichen Mühens wert, was mein Vater, der am höchsten geachteten Bürger einer, so kraftvoll verteidigte. Ich leugne nicht, daß ich stutzig wurde, als der Bund nach vergeblichem Anrufen der kaiserlichen Gerechtigkeit nicht nur dem Orden absagte, sondern den König von Polen zum neuen Herrn annahm. Es ging mir nicht in den Sinn, daß dieses deutsche Land unter polnische Herrschaft kommen sollte, gegen die es sich in so vielen blutigen Kriegen gewehrt. Es solle deshalb nicht polnisch werden, wurde mir zur Beruhigung gesagt; wohin aber die Polen treiben, muß doch jetzt auch dem Vertrausamsten schon zu denken geben. Glaubt nur, auch meinem Vater gefällt manches nicht, was in letzter Zeit geschehen ist. Sein ganzes Streben geht eben dahin, die Städte so stark zu machen, daß sie jeden Übergriff Polens abwehren können. Sie sollen nach seinem Willen allezeit deutsch bleiben. Dem Orden freilich dürfen sie nie wieder gehören.« »Und weshalb dem Orden nicht«, eiferte Ursula, »der doch gerade der Deutsche Orden und so ihres Deutschtums bester Schützer ist?« »Mein Vater hat einen Haß gegen ihn«, antwortete der Hauptmann, »der mit ihm ins Grab gehen wird. Ich weiß nicht, woher er stammt; aber oft schon hab' ich gedacht, er müsse einen tieferen Grund haben, als der den andern Bürgern ihre Feindschaft gegen ihn eingegeben. Immer wieder hat er das Feuer geschürt, wenn es schon am Erlöschen war, einen großen Teil seines Vermögens hat er geopfert, um dem Orden den Prozeß am Kaiserhof zu machen und für den Waffenkampf. Alle die anderen Häupter des Bundes haben sich bereichert, Ämter zuteilen und Güter verschreiben lassen; er allein hat für sich keinen Ersatz gefordert, keinen Gnadenbeweis verlangt. Es sollte klar vor jedermanns Augen liegen, daß er nicht aus Ehrgeiz und nicht aus Habsucht handelte. Woher dieser Stolz, den seine besten Freunde belächeln? Ich glaub's zu wissen. Weil er am Orden etwas zu rächen hat und seine Rache rein halten will, damit sie ihn befriedige.« Frau Regina, die ihm gegenübersaß, den Kopf aufgestützt und den Sprechenden unverwandt angesehen hatte, ließ bei diesen Worten den Arm auf den Tisch fallen und das Kinn auf die Brust sinken, als ob alle Kraft aus ihren Muskeln gewichen sei. Ihr Atem wurde kurz und stoßend. Sie unterdrückte gewaltsam den keuchenden Ton, der sich aus der Kehle drängte, wie wenn sie gegen einen Hustenanfall kämpfte. Der Hauptmann, der meinen mochte, daß ihr diese Äußerung über seinen Vater mißfallen habe, fuhr fort: »Es ist eine bloße Vermutung, werte Frau, die sich aber doch auf mancherlei Andeutungen stützt. Ich war viel mit ihm allein, und er hat Stunden, in denen er die gewohnte Herrschaft über sich nicht behauptet. Ich täusche mich wohl nicht: es ist der gegenwärtige Hochmeister, Herr Ludwig von Erlichshausen, den er aus tiefster Seele haßt. Den Grund hat er mir nie genannt.« Noch mehr entfärbte sich die Frau; ihr Gesicht hatte etwas Leichenhaftes. Sie stand auf, stützte sich eine kurze Weile auf die Stuhllehne, um den Schwindel zu überwinden, und verließ das Zimmer. »Was fehlt Eurer Mutter?« fragte Jost, seinen Sessel umwendend. Er war mit dem Frühstück längst fertig. »Es überfallt sie manchmal so«, antwortete Ursula, »und geht auch vorüber. Ich will aber nachsehen –« Sie wollte sich gleichfalls erheben. Er hielt sie aber am Arm fest und sagte rasch: »Nein, bleibt, Ursula! Ich muß ein Wort mit Euch allein sprechen. Ihr wißt, daß ich Euch liebe. Alles, was ich Euch damals gesagt habe, gilt auch heut'; die Zeit hat darin nichts gewandelt. Nur noch deutlicher spricht's in meinem Herzen: ich kann nicht leben ohne Euch – Ihr müßt die meine sein!« Ursula suchte sich frei zu machen. »So hat sich auch in meinem Gefühl nichts geändert«, entgegnete sie. »Eure Werbung verletzt mich. Denkt an Magdalene! Sie ist meine Freundin.« »Magdalene –«, wiederholte er mit leichtem Zucken der Lippe. »Es ist wahr; damals verging ich mich gegen sie. Sie war meine verlobte Braut, und ich achtete ihr Recht nicht. Ich hätte erst diese Fessel, die ich mir so unbedacht auflegte, wieder lösen sollen, bevor ich Euch gestand, daß ich Euch liebte. Aber die Leidenschaft riß mich hin, und das solltet Ihr verzeihen können. Wenn Ihr damals ernstlich zürntet, Ursula, wenn Ihr der Freundin so strenge die Pflicht hieltet, daß Ihr Euch meinen Blicken gänzlich durch die Flucht entzogt – das mag Euch damals Bedürfnis gewesen sein, und ich will's als gerecht erkennen, so schwer ich darunter gelitten habe. Aber heut' ist's anders. Magdalene hat mein Wort nicht mehr – Ihr könnt der Freundin Anspruch nicht kränken, wenn Ihr mir angehört – Ihr habt keinen Grund mehr, Euch über mich zu erzürnen. Seid gütig und wendet Euch zu mir!« Er glitt vom Sessel hinab und sank vor ihr nieder, ihre Hände in die seinen zwängend und sie mit heißen Küssen bedeckend. Ursula stieß ihn zurück. »Ihr täuscht Euch noch immer in mir«, rief sie. »Ich lieb Euch nicht – Ihr könnt mir nichts sein. Mein Herz gehört einem andern – mein ganzes Herz. Wisset es denn, damit Eure unsinnige Leidenschaft für alle Zeit ihre Hoffnungslosigkeit erkennt, ich liebe –« »Marcus!« schrie er auf. »Marcus«, bestätigte sie, und der Name klang aus ihrem Munde lieblich wie Flötenton, »ja, ja – Marcus.« Er lachte wild auf, indem er sich vom Boden erhob. »Marcus! Ich wußt's damals schon, daß Ihr's ihm angetan hattet. War das auch ein Wunder? Ihr aber, Ursula, Ihr ...! Nein, ich glaub's nicht, und wenn Ihr mir's tausendmal wiederholtet. Wie hätte Euer Auge Gefallen finden können an diesem täppischen Gesellen? Seine Art ist nicht Eure Art. Wie bei Euch alles zur Höhe aufstrebt, über das Gewöhnliche hinaus, so zieht's ihn zum Staube hinab, und auch Eure Liebe könnt' ihn nicht beschwingen. Er ist gut und tüchtig und brav und zuverlässig – jawohl! Ich wüßt' ihm noch mehr dergleichen Lob. Aber wenn er ein Heiliger an Tugenden wäre, das brächt' ihn Eurem Herzen nicht näher.« »So lieb ich ihn ohne sein Verdienst«, sagte sie, »und um so inniger.« »Macht mich nicht toll!« rief er, »es kann nicht sein. Wie ich ihn kenne, wie ich Euch verehre – es kann nicht sein. Eure Gutmütigkeit hat ihn geduldet – Ihr wäret ihm Dank schuldig – Ihr hattet mit seiner Schwester Freundschaft geschlossen ... Das konnt' Euch irren. Aber Ihr liebtet ihn nicht, Ursula.« Sie legte die Hand aufs Herz. »Nur zu sehr! Wir haben einander das Wort gegeben. Glaubt mir, Junker, Ihr habt keine Hoffnung.« »Und wenn Ihr so töricht sein konntet – das ist lange her. Hat er Euch Wort gehalten?« »Soviel in seiner Macht stand.« »Haha! Genügt Euch das? Wenn er Euch nicht halten kann, wollt Ihr an ihn gebunden sein? Ihr seid frei, Ursula! Mag er kommen und für Euch eintreten gegen mich. Ich will ihm zu jedem Kampfe stehen. Rein, Ursula! Mein seid Ihr, und die Macht der Hölle selbst soll mich Euch nicht wieder entreißen. Ergebt Euch in Euer Schicksal, von einem Manne geliebt zu sein, der in Euch aller Schönheit und Vollkommenheit Muster sieht, und widerstrebt seinem Werben nicht. Bei Gott! Ich kann mich so nicht abweisen lassen.« Er näherte sich ihr wieder und wollte sie mit seinen Armen umfangen. Sie aber richtete sich stolz auf und sah ihn, ohne einen Schritt zurückzuweichen, mit einem so strafenden Blick an, daß ihm der Mut sank, ihr etwas abzutrotzen. »Ursula –«, zischelte er, die Hände zusammenkrampfend, »Ihr macht mich toll!« Jetzt öffnete sich auch wieder die Tür, und Frau Regina trat in Begleitung des Kaplans ein. Ursula atmete auf. Sie begrüßte den geistlichen Herrn mit dem freudigsten Ausdruck. Der Hauptmann merkte bald, daß auf dessen Entfernung, solange er selbst weilte, nicht zu rechnen war. Die Frauen wendeten ihm alle Aufmerksamkeit zu. Er selbst begann ein Gespräch über die Zeitläufte, des Kriegsvolks Verwilderung und der Kirche Bedrängnis, das ihn langweilte. Es war nicht die mindeste Aussicht mehr, Ursula oder auch nur ihre Mutter allein zu sprechen. Er knirschte innerlich vor Wut. Nach einer knappen Stunde zog er sein Pferd aus dem Stall und ritt ab. Ursula hatte er beim Abschied zugeflüstert: »Ich laß Euch nicht! Dem Pfaffen geht's schlecht, wenn er mir noch einmal in die Quere kommt.« Fünftes Kapitel Mutter und Sohn Das Bundesheer brach von Bischofstein auf und setzte seinen Marsch nach den befestigten Grenzorten des Ermlandes fort. Es fand nirgends ernsthaften Widerstand. Trotzdem geriet manches Dorf dort in Brand und wurde manches kleine Landstädtchen ausgeplündert. Die Schlösser erhielten Besatzungen, nachdem des Bischofs Leute ausgetrieben waren. Die meisten wurden gefangengenommen, einige entkamen nach Heilsberg und berichteten dem Vogt, daß alles verloren sei. Dorthin führte nun wieder auf Umwegen Jost den Kern seines Heerhaufens. Er verstärkte die Mannschaft in der Stadt und legte sich selbst vor die Vorburg, dem Schloß jede Verbindung mit dem Lande abschneidend. Von einer Schanze aus ließ er das Geschütz spielen. Tat er den Mauern damit wenig Schaden, so beunruhigte er doch fortwährend die schwache Besatzung. Sie mußte bald müde werden. Im Waldhause blieb man indessen in großer Sorge. Von den nach Heilsberg Flüchtenden erfuhren die Frauen, wohin die Kriegsfurie sich wendete und daß die Söldner des Ordens ihr nicht Einhalt zu tun wagten. Ursula selbst dachte an Flucht. Aber wo ein sicheres Obdach finden, da ja sogar die Burgen keinen Schutz boten? Auf ihrem schnellen Pferde die Grenze zu gewinnen, hätte ihr freilich leicht gelingen können. Doch wie die Mutter ungefährdet durchbringen? Und Frau Regina hatte auch nicht einmal Neigung, ihre Hütte im Stich zu lassen und für ihre Person Sicherheit zu suchen. Sie befand sich wie in einem Traumzustande. So schweigsam, so verschlossen, so abgekehrt von der ganzen Außenwelt hatte Ursula sie lange nicht gesehen, als seit des Hauptmanns Besuch. Sie schien sein Wiederkommen bestimmt zu erwarten, aber die Beängstigung darüber hatte offenbar noch einen anderen, doch ganz unfaßlichen Grund, als daß Ursula durch ihn eine Kränkung erfahren könnte. Nach kurzer Zeit schon wäre es ihnen gar nicht mehr möglich gewesen, sich zu entfernen. Jost vom Wege mochte eine solche Absicht geargwöhnt haben, denn auf seinen Befehl geschah es, daß eines Tages eine Rotte von seinen Söldnern vor dem Waldhause erschien und sich zu längerem Bleiben einrichtete. Der Anführer meldete Frau Regina, daß der Hauptmann befürchte, es könne ihr von verlaufenem Kriegsvolk leicht ein Schade zugefügt werden, weshalb er beauftragt sein, Haus und Hof zu bewachen. Er ließ auch merken, daß er die Entfernung der Insassen nicht dulden werde, die unter seinem Schutz ganz sicher seien, auf der Landstraße aber jetzt überall Gefahr laufen könnten. Er baute nicht weit vom Hoftor ein paar Laubhütten und aus Steinen einen Kochherd. Von dieser Lagerstelle aus konnte er unschwer beobachten, was im Hause vorging. Einer von seinen Leuten umstrich stets mit dem langen Spieß auf der Schulter den Graben und Zaun. Ursula sprach sich über diese versteckte »Gefangennahme« sehr ungehalten aus. Wäre es nach ihrem Willen gegangen, so hätte nun der offene Versuch gemacht werden müssen, das Haus zu verlassen, schon um festzustellen, daß man wirklich gefangen sei. Frau Regina ging jedoch auf ihr Schelten nicht ein und sprach auch jetzt gegen den Hauptmann kein unfreundliches Wort. Wie betäubt durch eine unsichtbare Einwirkung, schien sie die Fähigkeit verloren zu haben, einen Entschluß zu fassen. Sie war krank und fand für sich selbst kein Heilmittel. Ein paar Wochen vergingen so. Die Waldwege waren von den warmen Sonnenstrahlen völlig getrocknet, die Bäume mit dichtem Laub bekleidet; von allen Zweigen sangen die Vögel. Nur die Eichen hatten sich nach ihrer Gewohnheit lange besonnen, ob sie dem schönen Frühlingswetter schon trauen sollten, und vorsichtig ihre Knospen erst wenig geöffnet. Es war dies die Zeit, in der Ursula sonst am liebsten durch den Wald schweifte, alle die vertrauten Plätzchen aufzusuchen und die heimgekehrten Sänger zu begrüßen. Jetzt kam sie sich vor wie ein in den Käfig eingesperrtes Vöglein. Sie wäre so gern ausgeflogen – weit, weit über Wald und Feld, Hügel und Tal, über Dorf und Stadt bis Marienburg, nach dem einen zu schauen, an dem ihr Herz hing. Sobald Jost vom Wege mit seinem Heerhaufen nach Heilsberg zurückgekehrt war, ließ er sich auch wieder im Waldhaus blicken. Die Frauen sollten ihm dankbar sein für seine Obsorge. Aber Ursula sagte ihm's gerade ins Gesicht, daß sie deren Grund wohl erkenne und sich der Freiheit beraubt fühle. Seine Bemühungen, ihre Neigung zu gewinnen, wurden von Tag zu Tag leidenschaftlicher und dreister. Er umfaßte sie und wollte sie nötigen, sich seine Küsse gefallen zu lassen; aus seinen Blicken leuchtete ein verzehrendes Feuer, das sie erschrecken mußte. Er sprach es schon deutlich aus, daß er sie besitzen müsse, und wenn er dafür dem Teufel seine Seele verschreiben solle; nicht ohne sie werde er von Heilsberg abziehen, das ihm durch ihre Eroberung erst wahrhaftig ein Berg des Heils werden müsse. In einer Nacht stand Ursula auf, nachdem sie bis dahin nicht geschlafen hatte, sattelte ihren Gotländer, führte ihn leise vom Hof, schwang sich auf und jagte davon. Aber sie war von der Wache bemerkt worden, wurde von den Reitern verfolgt, die der Hauptmann am Abend zuvor ohne ihr Wissen zurückgelassen hatte, bald eingeholt und gezwungen, die Flucht aufzugeben. In derselben Nacht war das Schloß Heilsberg beschossen, die Vorburg gestürmt; der Vogt hatte sich ergeben. Der Zweck des Kriegszuges war erreicht. Als Jost von Ursulas Fluchtversuch erfuhr, sprengte er sofort, obgleich er die Nacht kein Auge geschlossen hatte, nach dem Waldhause. In seinem Siegerstolz fühlte er sich berechtigt, auch hier seine letzte Forderung zu stellen. »Ich höre«, sagte er mit einem Anflug von Spott, »daß Ihr diese Nacht einen Ritt in den Wald gemacht habt, mein schönes Fräulein. Warum bei Nacht? Gestern bei Tage hätt' ich Euch so gern begleitet. Das lehntet Ihr eigensinnig ab. Ei! Wär's Euch am Ende darum zu tun gewesen, gar nicht mehr wiederzukehren? Ihr seht, meine Reiter sind wachsam und flink. Aber was dachtet Ihr Euch denn? Wenn Ihr ihnen entschlüpft wäret, meint Ihr, ich hätt' Euch ziehen lassen? Überallhin wär' ich Euch gefolgt, und es hätt' Euch nicht gelingen können, Euch vor mir zu verbergen. Mit solchem Goldhaar kommt man nicht weit, ohne der Leute Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Eure Spur wär' bald aufgefunden gewesen, und bis in die unwirtlichen Länder der Litauer und Russen hätt' ich sie verfolgt, wenn Euer Unstern Euch dahin verleitete. Gottlob! Euch sind die Fährlichkeiten einer solchen Reise erspart. Rüstet Euch nun aber zu einer anderen, die nicht so bedrohlich ist. Ich kehre morgen nach Thorn zurück; mein Auftrag hier ist erledigt. Ich will nicht vom Waldhaus scheiden, ohne auch hier der Sieger geblieben zu sein. Ihr sollt wissen, daß Ihr mir angehört mit Banden, die unzerreißbar sind. Wollt' ich selbst sie lösen, ich könnt' es nicht, oder es wär' mein Tod. Eher schnitt ich mir das eigene Herz aus der Brust, als daß ich von Euch mich trennen müßte! Deshalb nehm' ich Euch mit mir. Fügt Euch willig diesem Spruch, und Ihr sollt gehalten sein wie eine Königin!« Ursula riß sich los von ihm, flüchtete zu ihrer Mutter, sank vor ihr nieder und verbarg das Gesicht in ihrem Schoß. »Mutter, Mutter –!« rief sie, »schützt mich vor diesem Schrecklichen!« Frau Regina streichelte mit der schmalen weißen Hand ihr Haar. »Fürchte dich nicht«, sagte sie, »der Herr Hauptmann meint's nicht ernst. Er will dich strafen für das nächtliche Wagnis und spiegelt dir nun so ein Schreckbild vor. Wie sollt' er's übers Herz bringen können, dich von mir zu reißen, deiner Mutter? Er ist edel und keiner Gewalttat gegen eine arme Witwe und Waise fähig. Was könnt' es ihm auch nützen, dich zu ihm zu zwingen, wenn doch dein Herz ihm abstrebt? Das war meine Beruhigung alle die Zeit. Ich bitt' Euch, Herr Hauptmann, nehmt es als eine ernste Weisung des Himmels, abzulassen von dem, was Euch versagt sein muß. Muß! Glaubt meinem Wort –: muß . Nehmt Abschied von uns in Frieden und laßt uns ein reines Andenken an Euch zurück.« Jost lachte hell auf. »Ihr irrt, Frau, Ihr irrt doppelt und dreifach und in allem, was Ihr da als Eure Meinung zu erkennen gebt. Es ist mir Ernst mit der Reise, zu der ich Ursula einlade. Und doch ist nichts Schreckhaftes dabei. Bin ich so häßlich und widerwärtig, daß sie sich vor mir entsetzen müßte? Hab' ich ihr nichts zu bieten für ihre Zärtlichkeit? Freilich! Wenn sie nicht gutwillig folgt, muß ich sie von Euch reißen. Denn wie mit einem schüchternen Knaben soll sie nicht spielen dürfen; des Himmels Weisung aber kenn' ich besser. Sie hat sich mir offenbart in Nächten voll schlafloser Sehnsucht –; da ist dein Glück. Wähnet mich nicht umzustimmen mit Euren Klagen der Verlassenheit. Ist's Euch doch damals nicht so gar schwer geworden, Euch von Ursula zu trennen, als sie Gast sein sollte in Blumes Haus zu Marienburg. Und daß sie Euch Marcus für alle Zeit entführe, schien Euch nicht furchtbar. Steh' ich zurück in Eurer Schätzung, Frau? Bei dem Sohne Tilemans vom Wege dürft Ihr Euer Kind gut aufgehoben halten, auch wenn der Pfaffe nicht seinen Segen spricht. Und darum – sagt Ursula Lebewohl. Meine Reiter warten schon draußen, die ihr das Gefolge geben sollen wie einer Fürstin. Ich bitt' Euch, schönste Herrin, erhebt Euch und nehmt meinen Arm.« Er faßte Ursula an. Sie schrie auf. Ihrer Mutter schien nun doch ernstlich bange zu werden. Sie schleuderte des Junkers Hand zurück und sah ihn aus den tiefliegenden, gespensterhaften Augen streng an. »Weichet!« sagte sie mit dem Ton eines Geisterbeschwörers. »Noch ist Euer Gewissen rein – ich darf nicht zulassen, daß es sich mit unsühnlicher Schuld belade.« Aber über Jost hatten alle Dämonen der Leidenschaft schon Gewalt. Er hörte auf ihre Beschwörungen so wenig als vorhin auf ihre freundlichen Vorstellungen. Er zog mit Gewalt Ursula an seine Brust und war bemüht, sie zur Tür zu schleppen, da sie sich mit aller Kraft widersetzte. Bald mußte sie ermatten, zu ungleich war der Kampf. Da war's, als ob Frau Regina von einer unsichtbaren Hand in die Höhe gerissen und geschüttelt würde. Der Kopf schwankte auf den Schultern, die Finger griffen in die Luft wie nach einem Halt, ächzende Laute drangen aus ihrer Brust über die bebenden Lippen. »So rettet denn nichts, als die Wahrheit«, jammerte sie. »Laßt ab – laßt ab! und hört mich an. Ich will Euch ein Geheimnis enthüllen, das Euch vor einem furchtbaren Verbrechen bewahren soll. Hört mich an, eine Unglückliche, eine Schuldige. Ich bin ... O mein Gott, mein Gott!« Sie warf die Hände vor das Gesicht und wühlte ihr weißes Haar auf. Jost blieb nicht unerschüttert von diesem Ausbruch tiefsten Schmerzes. Er ließ Ursula aus seinem Arm gleiten und hielt nur ihre Hand fest, daß sie ihm nicht entrinne. Den Kopf zurückwendend zu der Leidensgestalt, fragte er: »Warum verlängert Ihr Ursula die Pein? Was soll's mit Eurem Geheimnis?« »Jost –«, rief Regina mit hinsterbender Stimme, »ich bin – ich bin deine Mutter!« Sie sank in die Knie und hob flehend die Hände. Aus ihren eben noch so starren Augen stürzten die Tränen. Sie sah zu ihm auf mit einem Blick voll unendlicher Liebe und stammelte: »Vergib, vergib – ich bin deine Mutter!« Der Eindruck, den ihre Worte auf Jost machten, äußerte sich zuerst in einem erschreckten Zurückweichen, wie man sich vor einem Wahnsinnigen entsetzt, der plötzlich von einem Anfall gepackt wird. Die Zumutung, einer solchen Aussage zu glauben, war so ungeheuerlich, daß er nur im Zweifel sein konnte, ob er an eine plötzliche Zerrüttung ihres Verstandes oder an ein gewissenloses Spiel glauben solle. Aber aus diesen Augen blickte nicht der Wahnsinn und nicht die Verstellung. Noch mehr wurde er verwirrt, als Ursula mit gewiß ungeheucheltem Entsetzen aufschrie: » Seine Mutter –? Nein, nein! Meine, meine Mutter!« »Seine und deine Mutter«, sagte Frau Regina sanft und wiederholte die Worte, da sie nun beide offenbar ganz ratlos sah, wie sie sich zu dieser wundersamen Eröffnung stellen sollten. Endlich faßte sich Jost und sprach, als ob er die Waldfrau einer Entgegnung gar nicht würdigen mochte, vor sich hin: »Meine Mutter ist seit langen Jahren tot – es hat ein jeder nur die eine.« »Ich wollte, sie wäre tot und begraben und in der Erde bereits längst zu Asche zerfallen«, hauchte Regina. »Aber sie lebt zu ihrem Unglück, und ihr schwerstes Leid soll nun dies sein, daß sie sich dem Sohn zu erkennen geben muß, um ihn vor einer furchtbaren Schuld und ihr anderes Kind vor dem Verderben durch seine blinde Leidenschaft zu bewahren. Du bist getäuscht, Jost – oh, wie oft haben meine reinen Lippen selig deinen Namen genannt –! Du bist getäuscht–« »Mein eigener Vater –«, warf er ungläubig und vorwurfsvoll ein. »Durch deinen Vater bist du getäuscht. Er wollte, daß ich tot sei, und er ... mußte es wollen. Ich klage ihn nicht an – mich nur, mich. Er glaubte vielleicht auch, was er wünschte, aber Gewißheit hatte er nicht. Und ich lebe, ich stehe vor dir – deine Mutter.« »Und Ursula wäre – meine Schwester?« »Sie ist mein Kind, wie du mein Kind bist.« »Das soll heißen ...« Er zog die Schulter auf und bewegte die Hand abweisend. »Ich merke. Erzählt Eure Märchen andern, Frau; mir kommen sie lächerlich vor, da sie sich gar zu ernst nehmen.« »O mein Gott!« rief Frau Regina, die Hände ringend, »woher nehme ich die Kraft und das Rüstzeug der Wahrheit, diesen Ungläubigen zu überzeugen? Ich muß es wohl einsehen, daß es von Euch zu viel gefordert ist, lieber Junker, Ihr sollet mir in einer so wichtigen und das tiefste Gemüt berührenden Sache aufs Wort Glauben schenken. Waret Ihr doch erst ein Kind von wenigen Jahren, als Euch die Mutter genommen wurde – wie solltet Ihr Euch ihrer erinnern nach den Zügen ihres Gesichts oder dem Klang ihrer Stimme? Ist mir selbst doch mein Sohn ganz fremd geworden, daß ich ihn nicht hätte aus andern herausfinden können und sagen: Dieser ist's! Da ich aber von Ursula erfuhr, Ihr seiet Tilemans Sohn, meint' ich freilich in Euren Augen und um Euren Mund etwas zu finden, das mich an das liebe Knäblein mahnte, dem ich auf meinem Schoß so oft das Schlummerlied gesungen. Darum vermochte sie mich auch nicht gegen Euch zu erzürnen, daß Ihr sie mit Euren Anträgen bedrängtet und peinigtet. Denn Ihr wäret mir schon gar liebgeworden, und ich bedachte auch, der Himmel könne es so gewollt haben, daß der Bruder unwissentlich die Schwester herausfände und in sein Herz aufnähme zu anderem Bündnis freilich, als er gemeint.« Jost wehrte sich mit allem Trotz gegen den Druck, den diese Reden auf sein Gemüt üben wollten. Aber es war etwas darin, das sich nicht überhören und fortspotten ließ. Er begriff sich selbst nicht, wie es ihn nun doch so eigen anpackte und auf der Stelle festhielt, daß er Ursula nicht mehr mit Zwang hinauszuführen und seinen Reitern zu übergeben vermochte. Er glaubte der Waldfrau nicht, aber er wagte auch nicht, sie der Lüge zu beschuldigen. Und je mehr er in dieses bleiche Antlitz sah, das sich ihm jetzt ganz unverschleiert zeigte, desto deutlicher meinte er etwas von sich selbst darin wiederzuerkennen – eine schattenhafte, aber um so erschreckendere Ähnlichkeit. »Ihr werdet Euch nicht wundern, Frau«, sagte er nach einigem Bedenken sehr kühl, »daß mir Eure Eröffnung, zumal unter diesen Umständen und zu dieser Zeit, sehr verdächtig erscheinen. Wenn Ursula ... Aber was rede ich darüber. Haltet mich nicht für ein Kind, das man mit dem schwarzen Mann schrecken kann. Nach einer Mutter, die sich so lange um mich nicht gekümmert hat – sollte sie wirklich nicht tot sein, wie Ihr sagt –, hab' ich wenig Verlangen. Von einer Schwester hab' ich nie gehört – und mag wohl mein Vater selbst nicht wissen. Es sind auch nur Behauptungen, die Ihr mir entgegenwerft. Wie wollt Ihr mir zumuten, daß ich sie als erwiesen annehme, da sie nicht einmal in sich selbst wahrscheinlich gemacht sind. Haltet mich daher nicht auf oder – gebt mir die Beweise.« »Die Beweise –«, wiederholte Regina schmerzlich. »O mein Sohn! was verlangst du von mir! Recht geflissentlich hab' ich ja jede leiseste Spur zu verwischen gesucht, die zu einer Entdeckung führen könnte. Ich wollte für tot gelten, um für Ursula leben zu können. Du – hattest noch einen Vater !« »Weshalb aber für tot gelten, weshalb?« fragte er ungeduldig. Frau Regina kämpfte schwer mit sich. »Wohl –«, antwortete sie dann, »ich sehe, daß ich mir auch das Bitterste nicht sparen darf, meinem eigenen lieben Kinde ... Du sollst hören, was geschehen ist. Wie wenig liegt an mir. Du sollst wissen ... Aber nicht hier! Ursula darf nicht Zeugin dieser Bekenntnisse sein, die ihr der Mutter Bild für alle Zeiten trüben müßten.« »O sprich, sprich –!« rief Ursula. »Ich kann alles hören. Wie ich dich liebe, kann ich alles hören. Wie du mich liebst, gibt es nichts, das ich dir nicht von Herzen verzeihen müßte!« »Nein«, sagte Frau Regina mit Entschiedenheit, »es ist nichts für dein Ohr.« Ursula aber ließ sich nicht so rasch zum Schweigen bringen; ihr selbst war es wie ein Licht aufgegangen, und sie haschte danach mit eiliger Hand. »Ich kann alles hören«, wiederholte sie, »und ich ahnte es längst ... Nicht wahr – der Herr Hochmeister ist mein Vater?« Sie fühlte an ihrem Handgelenk, das Jost umfaßt hielt, wie er bei diesen Worten zusammenzuckte. Ihre Mutter starrte sie eine Weile an, als müßte sie dieser überraschenden Erkenntnis auf den Grund gehen. Dann wendete sie sich, ohne etwas zu entgegnen, zum Hauptmann. »Kommt in die Kammer«, sagte sie, »da sind wir allein, und die Wände hüten das Geheimnis. Jetzt sehe ich wohl, daß vor Euch nichts verhüllt zurückbleiben darf.« Sie öffnete die Kammertür. Jost war einen Augenblick unschlüssig. Dann ließ er Ursula los, stieß das Fenster auf und winkte die Reiter herbei, die auf dem Hof Wache hielten. »Setzt euch auf die Schwelle«, rief er, »und laßt niemand aus ohne meinen Befehl, wenn euch euer Kopf lieb ist!« Dann folgte er der Waldfrau in die Kammer. Wohl eine halbe Stunde blieben sie dort eingeschlossen. Als der Hauptmann ins Zimmer zurückkehrte – er kam allein –, sah er sehr verstört aus. Er hielt den Kopf gesenkt und ließ die Blicke am Boden umherirren. Sie schienen Ursula vermeiden zu wollen, die auf der Ofenbank kauerte. Endlich richteten sie sich doch auf ihre ängstlich fragenden Augen. »Ursula«, stammelte er, »wenn es doch sein sollte ... Nein, nein! Es ist nicht.« Er wollte sie umfassen, aber seine Arme sanken wie plötzlich gelähmt nieder. Er kehrte sich ab und wischte mit der Hand über die Stirn. Dann eilte er hinaus. Den Reitern gab er eine kurze Weisung, zu bleiben. Er schritt über den Hof und aus dem Tor und in den Wald, bis die dichten Stämme ihn völlig deckten. Dann warf er sich unter einer Linde ins Gras, das Gesicht gegen den Boden gekehrt und auf die untergeschlagenen Arme gestützt. Er ächzte wie ein Schwerkranker, und nach einer Weile schluchzte er wie ein Kind, und dann wieder wurde er ganz still. So lag er lange – zweifelnd, verzagend, mit sich beratend, was jetzt zu tun. Wenn sein Vater sich so unmenschlich gerächt hätte – wenn die Waldfrau seine Mutter war – Ursula seine Schwester... und ihretwegen Magdalene geopfert... Es war nicht auszudenken! Der Kopf war ihm schwer. Nur mit Mühe hob er sich auf den Ellenbogen. Und wieder starrte er lange ins Weite. Endlich gab er sich einen Stoß von der Erde auf. »Ich muß Gewißheit haben«, rief er. Dann richtete er sich vollends auf und ging nach dem Haus zurück. Er fand die Stube leer. In der Kammer lag Frau Regina auf dem Bett und Ursula kniete neben ihr, unaufhörlich ihre Hände küssend. Als er eintrat, wendete sie ihm erschreckt das Gesicht zu und gab ihm mit den Augen einen Wink, fernzubleiben. Jost ließ sich aber nicht zurückhalten. »Steht auf, Frau«, sagte er in befehlendem Ton, »und auch Ihr, Ursula. Ich hab's überlegt – ich muß Gewißheit haben. Es ist nur einer auf der Welt, der sie mir geben kann, und den will ich befragen –: mein Vater.« Regina schrie entsetzt auf. »Dein Vater –! Was willst du tun?« »Euch zu ihm führen«, antwortete er mit fester Stimme. »O mein Gott! Das ist grausam ...« »Aber unvermeidlich. Ihr sollt Ursula begleiten. So wißt Ihr am besten, daß ihr durch mich kein Leid geschieht. Ich will sie halten wie meine Schwester, bis es gewiß ist, daß Ihr – mich hintergeht.« »Ihr glaubt noch nicht...?« »Die Beweise, Frau, die Beweise! Es fehlen die Beweise. Ihr habt die Pflicht, sie mir zu geben. Begreift Ihr das nicht? Kein Widerspruch weiter! Steht auf und folgt mir. Ich muß Gewißheit haben!« Es half kein Bitten und Weinen. Frau Regina wurde auf einen mit Stroh gefüllten Wagen gehoben, Ursula erhielt Erlaubnis, ihren Gotländer zu besteigen; aber sie ließ ihn an die Leiter binden und setzte sich zu ihrer Mutter. Ein Trupp Reiter umringte das Gefährt. In raschem Trabe ging's durch den Wald nach Heilsberg und am andern Morgen auf Marienburg zu. Sechstes Kapitel In Gefangenschaft Die deutschen Soldhauptleute hatten gegen die Böhmen einen schweren Stand. Der Graf von Gleichen vergaß nicht, was er dem Spittler zugesagt hatte, und wäre auch gern seinem Wort treu geblieben. Aber die Dinge hatten ein gar anderes Gesicht bekommen seit dem letzten Unfall des Ordens in Thorn. Es war jetzt weniger Hoffnung als je, daß er sich wieder zu Kräften bringe und seine Schulden tilge. Es mußte auch mit der Stimmung der deutschen Söldner gerechnet werden. Sie fürchteten, die Böhmen könnten sich einen Vorzug sichern und sie hinterher auslachen. Deshalb setzten sie ihren Führern täglich zu, mit den Böhmen Hand in Hand zu gehen, drohten wohl gar auch, die Hauptleute im Stich zu lassen und durch gewählte Vertreter zu unterhandeln. Sie meinten im Schloß einige Vermummte bemerkt zu haben, die sie für Thorner Ratsherren oder königliche Sendboten hielten. Nun war's ihnen gewiß, daß Heimlichkeiten betrieben würden. Herr Ulrich Czerwonka hatte sich bemüht, Georg von Schliwen auf seine Seite zu bringen, der ihm in seiner Behäbigkeit zugänglicher schien als der stolze und starrköpfige Graf. Es gelang ihm, den immer durstigen Ritter durch die Lockung mit einem Fäßchen vinum Hungaricum zu sich heranzuziehen. Als dem Gast dann schon die Augen glänzten, sagte er ihm vertraulich: »Sperrt Euch nicht – es nützt euch Deutschen doch nichts. Was wollt ihr? Könnt ihr dem Orden wieder auf die Beine helfen, wie er jetzt darniederliegt? Und meint ihr denn mit uns fertig werden zu können, wenn's hart auf hart kommt? Wir sind die dreifache Zahl. Ich sag's Euch ins Ohr, Brüderchen, weil ich Euch liebe und Schaden von Euch abwenden möchte: was wir nicht mit Euch tun können, das tun wir ohne Euch! Schreit nicht los, sondern bedenkt's ruhig. Wir tun, was wir tun müssen, und dürfen uns von niemand in den Weg treten lassen, auch von unsern Freunden nicht. Dazu sind wir entschlossen.« »Wir halten das Pfand wie ihr«, antwortete Schliwen, »versucht's uns abzudrängen.« »Das täten wir ungern«, meinte Czerwonka. »Warum sollten wir uns mit unsern Waffengenossen raufen, statt friedlich zu teilen, was uns gesamt von Rechts wegen gebührt. Aber wenn ihr uns zwingt... Macht uns hinterher keine Vorwürfe, wir handeln ganz ehrlich mit euch.« »Verdammt!« rief Schliwen, den leeren Becher fest auf den Tisch setzend. »Wir haben uns dem Spittler mit solchen Zusagen verpflichtet, daß wir jetzt wie in einer Falle stecken. Wenn ihr Böhmen freilich mit Gewalt droht ...« »Das tun wir, Brüderchen, das tun wir – und zu eurem Besten. Verteidigt euch damit gegen den Spittler. Er muß ein Einsehen haben, daß ihr gegen den Stachel nicht löcken könnt. Wir selbst haben keine Wahl. Der König rüstet ein großes Heer. Steht es erst im Land, so werden wir genötigt sein, die Schlösser entweder für ein Lumpengeld herzugeben oder für den Orden ohne einen Pfennig Lohn zu verteidigen. Das eine sagt uns so wenig zu wie das andere. Begreift Ihr das, Brüderchen?« Er goß den Becher wieder voll. Schliwen ließ den schweren Kopf sinken. »Ich begreif's schon, stöhnte er, »aber die Pfänder sind uns auf Treu und Glauben übergeben. Auf Treu und Glauben –! Und ein deutscher Edelmann –« »Pah! Wollt Ihr den Hans Großmut spielen, wo doch der andere Teil allein auf seinen Vorteil bedacht war, als er Euch verpflichtete! Was! Ist das unsere eigene Sache? Haben wir irgendeinen Groll gegen die Bündischen oder gegen die Polen? Schlagen wir uns für die Jungfrau Maria oder um des Papstes Segen? Wir haben vom Orden Handgeld genommen und dienen ihm, solange er uns den Pakt hält. Sind seine Kasten leer, so wollen wir nicht die Narren sein, mit ausgekehrten Taschen für ihn zu fechten. Wir verkaufen die Schlösser an den, der sie uns füllt. Das ist ein ehrlicher Handel, denk' ich, dessen auch ihr Deutschen euch nicht zu schämen habt.« Herr Georg von Schliwen war sehr nachdenklich geworden. Er blickte über das Bäuchlein hinweg auf die nach außen gewendete fleischige Hand, an der sich die Finger einzeln nacheinander fortstreckten, als ob der Ritter im stillen etwas abzählte. Das geschah auch; nur daß er in Gedanken nicht Zahlen, sondern Gründe aneinander reihte. Dann ergriff er hastig den Becher, den Czerwonka wieder gefüllt hatte, leerte ihn auf einen Zug und setzte ihn umgekehrt – es floß kein Tropfen mehr aus – auf den Tisch. »Euer Wein ist gut, Herr Ulrich«, sagte er, sich mit dem Rockärmel den Schnauzbart wischend, »und Euer Rat mag auch gut sein. Aber Euren guten Wein hätt' ich nicht trinken sollen, und Euren guten Rat kann ich nicht befolgen. Die Schlösser dem König übergeben, nachdem wir sie gegen ihn zu halten dem Orden versprochen haben ... äh –! Es geht uns gegen das Gewissen – ich will nicht sagen gegen das Gewissen, aber gegen die Ehre oder sonst etwas, womit wir uns abzufinden haben. Ist's Euch schon einmal bei einer Anforderung so zumut gewesen, als kehrte sich Euch alles im Leibe um, Herz und Leber und Milz und das ganze Eingeweide, so daß Ihr einen Widerwillen hattet. Euch dareinzugeben, wär's Euch auch noch so nütze? Nicht? Nun ja – euch Böhmen geht's nicht so nahe. Zumal dies –! Aber die Schlösser dem König übergeben ... Zum Teufel! wenn's nur nicht gerade der König wäre.« Czerwonka blinzelte listig. »Ist Euch der Bund lieber?« »Das ist dasselbe, Herr Ulrich, das ist dasselbe. Verdamm mich Gott –« »Schwört Euch nicht in die Torheit hinein, Brüderchen. Ich merke wohl, wie's mit Euch steht. Die Sache möcht' Euch schon gefallen, aber die Form ist Euch nicht wohl anständig. Hört denn, ich will Euch aus gutem Herzen einen letzten Vorschlag tun. Übergebt uns böhmischen Hauptleuten das Pfand allein auf solches Ehrenwort, daß euch Deutschen der Mangel des Besitzes nicht zum Schaden gereichen und die Verschreibung gleichwohl gehalten werden solle. Ihr könnt Euch ehrlich entschuldigen, daß Ihr in der Bedrängnis so gehandelt habt. Was wir aber mit den Pfändern machen – das geht Euch hinterher nichts mehr an. Ihr habt's nicht zu verantworten. Wollt Ihr?« »Hm – hm – hm ...«, knurrte Schliwen, »das ist ein anderes. Ich will nicht fragen ... Zum Teufel! Was brauch' ich's zu wissen? Viel Wissen beschwert. Die Schlösser euch Böhmen übergeben, unsern Kumpanen, auf solchen Beding ... Hm! Darin ist guter Verstand, und wüßt' ich auch nicht, wie dabei unsere Ehre ... über Möglichkeit kann keiner. Und der Handel hat eine Form ...« Er stand auf und rückte seinen Wams zurecht. »Laßt mir Zeit, Herr Ulrich, mit dem Grafen Adolf und den andern zu beraten – ich denke, wir bringen's auf solche Art zum guten Ende.« »Vierundzwanzig Stunden –« »Drei Tage – das ist das mindeste. Wir müssen uns auch mit denen auswärts ins Einvernehmen setzen.« »Gut denn! Drei Tage.« Er hielt ihm die Hand hin. »Wir werden uns einigen – es ist beider Teile Vorteil.« Er begleitete den Gast höflich bis zur Tür. Als sich dieselbe hinter ihm schloß, lachte er auf. »Sie wollen nicht durchs große Portal, aber die Hintertreppe hinab schleichen sie ohne Bedenken. Pah! Uns ist's gleich, wie wir sie auf die Straße setzen.« Georg von Schliwen begab sich sogleich zum Grafen von Gleichen. Er hatte bei ihm einen schweren Stand. »Sollen wir uns mit den Böhmen um die Marienburg schlagen?« fragte der Ritter. »Wir ziehen dabei den kürzeren, so gewiß drei stärker sind als einer.« Der Graf mußte das einsehen. »Aber der Spittler soll es erfahren, daß wir in drei Tagen abziehen«, sagte er, »vielleicht schafft der Herr Hochmeister doch noch Hilfe.« Plauen war kaum noch überrascht. Es geschah, was er längst befürchtet hatte. »Ihr kehrt das Gesicht gegen die Wand«, sagte er, »wißt aber gar gut, was hinter Euch vorgeht. Ihr fragt nicht, braucht aber auch keine Antwort.« Der Graf von Gleichen sah finster vor sich hin und zuckte die Achseln. »Gibt es denn keinen Ausweg?« »Denkt darauf! Ich will bis morgen warten.« Der Spittler verhandelte mit dem Tresler. Im günstigsten Fall ließen sich in einigen Monaten fünfundzwanzigtausend Gulden aufbringen. Das war ein Tropfen auf den heißen Stein. So gingen denn Boten an die anderen Hauptleute ab. Sie gaben ihre Einwilligung zum Abzuge, da es doch nicht anders sein könnte. Und dann, eines Morgens in der Frühe, räumten die deutschen Söldner die Marienburg. Nun waren die Böhmen darin unbeschränkt die Herren, und sie bewiesen nur zu bald zum Schrecken des Hochmeisters und der Brüder, wie zügellos sie ihr Herrenrecht zu üben entschlossen waren. Heinrich Reuß von Plauen hatte die Burg verlassen, um wenigstens rechtzeitig die Verteidigung vorzubereiten, wenn der Hochmeister nun doch in Königsberg seinen Sitz zu nehmen genötigt würde. Mit ihm war der einzige Mann entfernt, vor dem die rohen Söldner noch einigen Respekt gehabt hatten. Gegen die zurückgebliebenen Ordensritter und gegen des Hochmeisters Leute glaubten sie sich jetzt alles erlauben zu dürfen. Er selbst wurde in seinen Gemächern wie ein Gefangener gehalten. Er hätte jetzt das Haus nicht verlassen dürfen, selbst wenn er wollte. Man ließ seine Räte nicht zu ihm, plünderte seine Diener aus und jagte seine Schreiber fort. Selbst zum Lebensunterhalt erhielt er kaum das Notdürftigste. Vor seinen Fenstern und sogar vor seiner Tür wurde mitunter so wüst gelärmt, daß er einen Überfall befürchtete und sich seines Lebens nicht sicher glaubte. Nicht ohne Mühe gelang es eines Tages Bartholomäus Blume, bei ihm Einlaß zu erhalten. Er fand ihn ganz gebrochen, krank und elend, nur noch der Schatten des einst so ritterlichen Mannes. »Ach, ach –! Mein gnädigster Herr«, klagte er, »es stößt mir das Herz ab. Euch so leiden zu sehen!« »Weshalb kommst du?« fragte Erlichshausen mit matter Stimme, ihn aus den halbgeschlossenen Augen mißtrauisch anblickend. »Ich habe dich lange nicht gesehen, und schwerlich bringst du mir etwas Gutes. Von allen Freunden bin ich verlassen worden und schmählich des Feindes Gewalt überliefert. Meine Untertanen sind untreu und eidbrüchig, die Söldner verschachern mich an den König. Auch du wirst beizeiten unter Dach getreten sein. Ich will dir's nicht übelnehmen: das Unwetter war gar zu schwer. Aber warum vermehrst du nun meinen Kummer durch dein erheucheltes Beileid? Geh, geh! Du bist wie alle.« Der Bürgermeister hob den Rockärmel Erlichshausens an die Lippen. »Ach, mein gnädigster Herr«, antwortete er mit Tränen in den Augen, »kränkt mich nicht so sehr. Viele Städte sind Euer Gnaden untreu geworden, aber die Stadt Marienburg hat nicht gewankt, wie hart die Danziger ihr auch zugesetzt haben. Von mir selbst will ich nicht reden. Hab' ich Euer Gnaden Vertrauen verscherzt – ich weiß nicht, durch welche Ursache –, werd' ich mich durch Worte nicht darein zurückbringen, sondern die Tat muß es beweisen, wie ich Euch unverändert zugetan bin. Sehet nun gnädigst ab von meiner Person und haltet Euch an den Bürgermeister von Marienburg, der seines Amtes wegen zu Euch kommt. Denn man ist da unten in der Stadt voll großer Sorge der bösen Nachrichten halber, die von den Soldhauptleuten ausgehen und ohne Scheu verbreitet werden. Es heißt, sie hätten bereits die Schlösser an den König und die Bündischen verkauft und würden sie in kurzem übergeben. Wir können es nicht glauben, gnädigster Herr, daß der Deutsche Orden sein Haupthaus in des Feindes Gewalt sollte kommen lassen, es sei denn, daß seine Mauern in Trümmer geschossen und seine Gräben mit Leichen gefüllt wären. Im Vertrauen darauf hat die Stadt Marienburg sich vom Bunde getrennt und allen Widerwillen Eurer Gegner, ihrer mächtigen Nachbarn und der Polen, auf sich genommen. Schloß und Stadt gehören zueinander. Wie sollen wir widerstehen, wenn die Burg uns nicht schützt oder sich gar gegen uns wendet? Beruhigt uns, gnädigster Herr, daß wir den böswilligen Gerüchten keinen Glauben zu schenken haben.« Ludwig von Erlichshausen fühlte sich durch den treuherzigen Ton dieser Rede bewegt. »Ich wollte, ich könnte das«, antwortete er, jetzt Blume die Hand zum Kuß reichend. »Aber du findest uns selbst in großer Bekümmernis, daß nur allzu wahr ist, was die schalkhaftigen Buben ausstreuen. Sie selbst wissen am besten, welcher Nichtswürdigkeit sie fähig sind. Alle unsere Mittel sind erschöpft, und die Schuldsumme ist riesengroß. Sie haben die Schlösser in ihrer Gewalt. Was können wir gegen sie tun? Allen Fürsten und Herren im Reich haben wir die Schlösser angeboten gegen das Lösegeld – vergeblich. Sie können einen solchen Betrag von sich selbst nicht aufbringen oder wollen ihn nicht wagen: denn wer die Schlösser übernimmt, muß sie auch verteidigen. So sehe ich das Schlimmste kommen und kann es nicht abwenden. Das ist mein bitterstes Elend!« »Und könnt es nicht abwenden ...«, wiederholte Bartholomäus Blume düster. Er stützte das breite Kinn in die Hand. »Weiß der Herr Spittler weiter keinen Rat?« »Er ist auswärts, die Burgen Balga und Königsberg instand zu setzen. Wir müssen versuchen, von dort aus das Verlorene zurückzuerobern.« Der Bürgermeister wiegte bedenklich den Kopf. »Wenn die Marienburg gefallen ist ...« »Wie kann ich sie bewahren mit wenigen alten und kranken Brüdern und mit der geringen Dienerschaft, die man mir gelassen hat? Sie ist von den böhmischen Söldnern besetzt.« »Nur das alte Schloß und die Vorburg. Das Hochmeisterhaus in der Mitte gehört Euch noch.« Erlichshausen seufzte. »Gehört uns ...« »Gnädigster Herr – Ihr wohnt darin, der Hochmeister Deutschen Ordens!« »Wie ein Gefangener. Man läßt mich nicht hinaus.« »Und warum wollen Ew. Gnaden hinaus? Hier in der Marienburg sind Ew. Gnaden ein Herr.« »Höhne nicht meine Ohnmacht, Bartholomäus!« »Da sei Gott vor!« Blume trat dicht zu ihm und beugte sich vor, um auch beim leisesten Sprechen verstanden zu werden. »Vertraut Euch den Bürgern von Marienburg, gnädigster Herr! Laßt uns heimlich in das Mittelhaus ein – wir wollen es mitsamt der Stadt für Euch halten, bis Entsatz kommt. Des Hochmeisters geheiligte Person in des Ordens Haupthaus zu schützen, gibt jeder gern Blut und Leben hin. Die deutschen Söldner sind nur widerwillig abgezogen; die draußen sind zum Teil sehr unzufrieden damit. Bernhard von Zinnenberg, der sich schon damals bei Konitz so tapfer gehalten, hat sich verlauten lassen, er wolle dem Orden treu bleiben und erachte den Verkauf der Schlösser als eine Schmach. Herzog Balthasar von Sagan steht trotz allen Murrens seiner Leute fest zu Euch, nicht minder Bot zu Eulenburg, Wessenberg, Warnsdorf – ich weiß nicht alle ihre Namen, aber es sind auch noch andere, die Euch wohlwollen. Sie werden vor das Schloß rücken, und wir können dann die Böhmen in die Mitte nehmen, wenn wir Marienburger das mittlere Haus halten. Ruft uns, gnädigster Herr, und wir werden nicht fehlen.« Der Hochmeister hielt die müden Augen gesenkt. Nur ganz flüchtig nahm das bleiche Gesicht einen lebhafteren Ausdruck an; gleich wieder erstarrten die Muskeln. »Lieber Getreuer«, entgegnete er, »ich will mich des guten Zuspruchs freuen und ihn für wohlgemeint halten. Aber daß du selbst diesen Plan für ausführbar hältst, glaube ich nicht. Wie sollt' ich euch das Haus öffnen, da ich nicht soviel Mannschaft bei mir habe, ein Tor oder eine Brücke zu besetzen? Und wenn's gelänge ... Die Marienburger Bürgerschaft überschätzt weit ihre Kraft. Dieses Hochmeisterhaus ist wenig zur Verteidigung eingerichtet und eure Schar viel zu gering, es auch nur wenige Tage gegen die Söldner im Hochschloß zu halten. Wär' ich dann aber mit den Waffen überwältigt, so müßte der Orden seines Hochmeisters Niederlage schwer büßen; zu seiner Lösung könnten leicht auch die Schlösser Königsberg und Balga gefordert werden. Nein, nein! Es ist Unheil bei allem, was ich unternehme. Blicket auf die Gemeinen von Thorn und Danzig, wie übel es denen ergangen ist.« Blume mochte einsehen, daß er doch vergeblich zu einem gefährlichen Wagnis raten würde; er drang in den Meister nicht weiter. »Gnädigster Herr«, begann er nach einer Weile zögernd und offenbar in schmerzlicher Verlegenheit, »wenn es denn nicht anders sein soll, als daß die Marienburg ohne Schwertschlag fällt und den Polen verraten wird – was ist Euer Wille wegen Eurer treuen Stadt Marienburg?« Erlichshausen wurde unruhig. »Wie meinst du das?« fragte er, mehr um Zeit zu gewinnen, als weil er Blumes Meinung nicht verstand. »Bedenket die Not, in die wir kommen«, antwortete derselbe, »wenn das Schloß von den Feinden besetzt ist. Nur ein Graben trennt die Stadt von seinen Mauern. Wie sollen wir uns gegen ihr Geschütz behaupten?« »Ah –! Dahin also zielt ihr«, sagte der Hochmeister vorwurfsvoll aufblickend. »Ihr Marienburger holt euch den Dispens zum Abfall vom Orden – jetzt versteh' ich dich.« »Gnädigster Herr«, rief Blume erschreckt, »wie mögt Ihr uns dies ansinnen? Ich komme, um Euren Befehl zu vernehmen. Ist es Euer Wille, daß die Stadt Widerstand leistet, trotzdem das Schloß sie nicht mehr deckt, so sind wir zu gehorsamen bereit. Wir verhoffen uns dann aber auch von Eurer Gnade freundlichen Trost, daß der Orden uns nicht verlassen und in gemessener Zeit vom Norden mit Heeresmacht anrücken wolle, uns Beistand zu leisten. Müßtet Ihr uns den versagen, so wär's grausam, zwecklos, ein so großes Blutvergießen herbeizuführen. Sagt mir deshalb Eure Meinung, gnädigster Herr, solange ich sie aus Eurem eigenen Munde vernehmen kann. Wer weiß, ob man mich noch einmal durch diese Tür lassen wird.« Der Hochmeister rieb sich die Stirn. »Zwecklos – zwecklos – zwecklos ...«, murmelte er in den Bart. »Was nennst du zwecklos, Bartholomäus? Wie kurzsichtig sind wir Menschen – oder übersichtig! Wie wenig haben wir die Dinge in der Gewalt, daß wir bestimmen können, da hinaus sollt ihr und nicht weiter und mit solcher Wirkung! Die Vorsehung verfolgt ihre Zwecke und weicht nicht von ihrem Wege. Was wissen wir davon? Sie allein ist sehend – wir sind blind. Wie wollen wir uns unterfangen zu sagen, daß irgend etwas zwecklos geschieht, was Gott geschehen läßt, oder ihm vorzugreifen, daß er nach unserer schwachen Vernunft das Geschehene nutze?« »Aber wir Menschen müssen uns doch entscheiden, gnädigster Herr, so kurz oder so weit wir blicken mögen«, antwortete Blume, beängstigt durch diesen Rückhalt. »Es wird uns nicht erspart. Ich bitt' Euch ernstlich, gnädigster Herr, gebt mir eine sichere Weisung.« »Wie kann ich das? Es ist vor mir alles dunkel. Wie kann ich das?« »So überlaßt Ihr die Stadt der Söldner Willkür, wie das Schloß?« »Nein, nein! Sie ist nicht im Pfand.« »Und Ihr wollt also, daß sie den Söldnern die Tore sperren?« »Du selbst versicherst mich ja ihrer Treue.« »So rechnen wir auf Euren Beistand, gnädigster Herr, wenn Gewalt –« »Warum drängst du mich zu Versprechungen, die vielleicht unerfüllbar sind!« »Aber Euer guter Wille –« »Zweifelst du an dem? Die Stadt Marienburg ist unser letzter Anker.« »Und Ihr wollt ihn auswerfen in Hoffnung, Euch daran halten zu können?« »In Hoffnung, Bartholomäus, in Hoffnung. Wie sollten wir aufhören zu hoffen? Es kann sein, daß er dem Sturm widersteht. Und weil es sein kann ... Aber sehet selbst zu, wieviel ihr noch dem Schiff vertraut. Fehlt euch der Glaube, so wird euch auch der Mut fehlen.« »Stärkt unsern Glauben, gnädigster Herr«, bat Blume inständig. »Ihr könnt's durch ein gerades Wort. Was soll ich den Bürgern von Ew. Gnaden sagen?« Erlichshausen seufzte. »Daß ich ein armer verlassener und verratener Mann bin, der nichts zu bieten hat. Was man ihm tut, das tut man ihm aus Liebe, und dafür will er dankbar sein, solange sein Herz schlägt. Sagt ihnen das!« Der Bürgermeister hob ein wenig die Hände und ließ sie wieder an den Leib zurücksinken. Es mußte ihm nutzlos scheinen, den kranken Herrn noch länger mit Fragen zu belästigen, aus die dieser doch keine bestimmte Antwort geben wollte. So nahm er denn seinen Abschied »mit bekümmertem Herzen«. Es mochte ein Abschied fürs Leben sein. Der Bürgerschaft konnte er keinen Trost mitbringen. Als er langsam in tiefen Gedanken über die Brücke ging, nach der Stadt zurückzukehren, wurde er von zwei böhmischen Rottenführern aufgehalten und angewiesen, ihnen ins alte Schloß zu folgen. Ihr Hauptmann, Herr Ulrich Czerwonka, hätte mit ihm zu reden. Das war ihm sehr unlieb, aber sie kümmerten sich darum nicht, nahmen ihn in die Mitte und führten ihn wie einen Gefangenen durch das schräge Tor auf den Hof und nach ihres Herrn Gemach. »Ihr kommt vom Hochmeister«, sprach ihn Czerwonka an, indem er ihn mit einem stechend forschenden Blick betrachtete. »Wir wußten, daß Ihr dorthin ginget, und hinderten es diesmal nicht: Ihr solltet Euch selbst überzeugen, mit wem Ihr's da zu tun habt. Was er Euch gesagt hat, weiß ich nicht und will ich auch von Euch nicht hören. Was ich Euch aber zu sagen habe, Herr Bartholomäus Blume, das beachtet wohl, denn es soll nicht in die Luft gesprochen sein. Weiß Gott, wir hätten das Geld lieber vom Orden als vom König genommen. Könnt Ihr dem Orden dazu verhelfen, so räumen wir die Marienburg oder halten sie auch ferner für ihn. Wenn nicht, so wisset, daß der König binnen wenigen Wochen einziehen und Euch zur Übergabe der Stadt auffordern wird. Es wäre Wahnsinn, wenn Ihr Widerstand versuchen wolltet – das muß ein Kind einsehen. Darum rat ich Euch zu Eurer Stadt Bestem, kommt seinem Zorn voraus und gewinnt Euch durch entschlossene Tat seine Gnade. Ihr werdet sie brauchen gegen der Städte Thorn und Danzig Feindschaft, die nimmer vergessen, daß Ihr das Siegel vom Bundesbrief zurückgefordert habt. Ich erwarte Herrn Tileman vom Wege noch diesen Abend. Er bringt die Unterschrift des Königs und des Landrats von Preußen. Ihr habt keine Zeit zu versäumen. Entschließt Euch kurz und öffnet uns die Tore, damit wir die Stadt für den König besetzen. Wir wollen sie dann gern vor ungerechter Bedrückung hüten.« »Vorher aber selbst ausplündern«, fügte Blume spöttisch hinzu. »Wir haben wohl vernommen, daß es euch im Schloß schon an Lebensmitteln fehlt. Kommt der König, so fürchtet ihr, daß sie gar knapp werden könnten. Deshalb ladet ihr euch rechtzeitig bei uns zu Gaste. Sitzt ihr erst bei Tisch, so werden wir euch vergeblich zum Aufstehen nötigen.« Czerwonka lachte aus vollem Halse. »Die Mahlzeit könnt' Euch später doch teurer werden«, rief er. »Aber im Ernst, seht Euch vor! Ihr habt alles auf einen Wurf zu gewinnen oder zu verlieren. Handelt klug!« »Ich will's nach Gebühr an den Rat und die Gemeine bringen«, entgegnete der Bürgermeister gepreßt. »Ihr wißt, daß ich keine Vollmacht habe, Euch oder irgendwem in diesen Dingen endgültigen Bescheid zu tun. Meine Meinung aber erlaubt mir für mich zu behalten.« Der Hauptmann entließ ihn mit der Mahnung, sich fortan jeden Verkehrs mit dem Hochmeister zu enthalten. »Man möcht' Euch sonst vielleicht in Verdacht der Konspiration nehmen und im Hause festhalten!« Als Blume in den Kreuzgang hinaustrat, war's gerade die Zeit, in der die Ordensritter ihrer Pflicht gemäß in die Kirche gingen, das Gebet zu verrichten. Sie schritten in ihren weißen Mänteln langsam paarweise über den Hof, meist alte, gebrechliche Männer mit hageren Gesichtern und grauen Bärten. Sie hatten die Hände gefaltet und sangen leise einen Psalm. Nahe dem Kreuzgang sperrte ihnen ein Haufe Söldner den Weg. Denen winkten nun die Vordersten, Platz zu machen, wurden aber mit rohen Worten abgewiesen und, als sie gleichwohl weiter vordrangen, mit Schultern und Ellenbogen zurückgestoßen. »Geht herum«, rief einer von den Böhmen, »und seht zu, wie ihr an der Mauer entlang die Tür erreicht. Hier stehen wir und mögen eure Litanei nicht hören.« Er hielt dabei einem Weißbart, der am eifrigsten sang, das Bein vor, so daß er stolperte und zu Fall kam. Die andern lachten und sangen höhnisch mit meckernden Stimmen das Lied mit. Der Alte richtete sich mit Beistand eines Bruders auf. Zornig rollten seine Augen. »Schweigt, ihr verdammten Hussiten«, schrie er die nächsten an, »ihr lästert Gott!« Darüber entstand ein heftiger Wortstreit. »Nennt ihr uns Hussiten, so nennen wir euch Pfaffenknechte! Was, verdammt? Schmäht ihr die reine Lehre? Selbst seid ihr verdammt – ihr treibt Götzendienst!« »Heilige Mutter Gottes, steh' uns bei – Jungfrau Maria, steh' uns bei gegen diese Frevler!« »Die hilft euch nicht – die ist von Stein und Glas draußen an der Wand – hahaha –! Ruft sie doch an, sie rührt sich nicht vom Fleck!« »Schweigt, ihr Lästerer! Gott wird euch strafen.« »Schweigt selbst! Er achtet nicht auf solcher alter Weiber Gezeter, wie ihr seid. Zahlt uns unsern Sold.« »Den habt ihr von alten Weibern nicht zu fordern.« »Kränkt euch das? Reißt ihnen die Bärte ab – sie sind falsch! Ja, reißt ihnen die Bärte ab!« Einer von den Böhmen faßte wirklich den langen weißen Bart des Ritters, wickelte ihn um die Hand und zog daran so kräftig, daß derselbe vor Schmerz laut aufschrie. »Laß los, du Hund!« befahl ein anderer, seinen Arm packend. Der Böhme warf ihn zurück, zog einen Dolch und trennte mit einem Schnitt den Bart vom Kinn. Die Schneide traf das Kinn, das Blut tropfte auf den weißen Mantel. Empört über diese Roheit, trat Bartholomäus Blume dazwischen. »Was tut ihr Unmenschen«, rief er. »Ist euch das Alter nicht mehr ehrwürdig? Vergreift ihr euch an diesen frommen Männern, deren Unglück euer Mitleid wecken sollte?« Nun wandten die Söldner sich gegen ihn. »Was wollt Ihr? Wer seid Ihr? Warum mischt Ihr Euch ein?« »Ich bin der Bürgermeister der Stadt Marienburg«, antwortete Blume, »und bitt' euch um des Heilands willen, von solchem Frevel abzulassen, dessen ich zufällig Zeuge bin.« »Ja, bezeugt uns das!« rief ein alter Komtur, der sich mit zitternder Hand auf einen Stab stützte. »Bezeugt uns das vor der ganzen Christenheit, wie schmählich wir von denen behandelt werden, die uns schützen sollten. Nachts, wenn wir zur Messe gehen, lauern sie uns auf, schlagen uns, reißen uns die Kleider vom Leibe, treiben uns mit Ruten um den Kreuzgang. Unseres Lebens sind wir nicht sicher. Sie dringen in unsere Zellen, berauben unsere Armut, ziehen uns nackt aus, und ihre Hauptleute wehren ihnen nicht. Um ihr Leben zu retten, sind schon einige in Angst aus dem Fenster gesprungen und haben sich schwer verletzt. Bezeugt uns auch diese Klagen, die Gott als gerecht kennt. Wann ist unseres Elends ein Ende?« »Macht, daß Ihr fortkommt«, herrschte ein Rottenführer den Bürgermeister an, »und seht zu, wie Ihr auf dem Rathause Ordnung haltet. Hier brauchen wir keinen Aufseher.« Er schob ihn mit der Hand zurück. Sein Dazwischentreten hatte doch so viel genützt, daß die Kreuzherren nicht weiter belästigt wurden. Der Weg in die Kirche blieb ihnen freilich versperrt. Dort war eine Schar Söldner mit wüstem Lärm eingebrochen. Sie kamen nun hinaus mit Meßgewändern, Altardecken und Fahnentüchern behängt, schwangen Rauchfässer, hatten die von Leuchtern herabgerissenen Wachskerzen angezündet und zogen so in Prozession durch den Kreuzgang, eine kirchliche Melodie plärrend, der ein unflätiger Text untergelegt war. Von den oberen Stockwerken her hatten sich auf das Beifallsgeschrei noch viele Söldner eingefunden, die vorher unbeteiligt gewesen waren und jetzt auch ihren Spaß haben wollten. Sie schlossen sich an, johlten und pfiffen. Endlich zog der Haufe in die Kirche hinein – und begann in blinder Zerstörungswut die Holzschnitzereien an den Chorstühlen zu zerschlagen und die Heiligenbilder an den Wänden zu besudeln. Die Kreuzherren hatten die Flucht ergriffen und sich in ihre Zellen zurückbegeben, die leider nicht einmal verschließbar waren, da sie nach der Ordensregel zu jeder Zeit des Tages und der Nacht offen gefunden werden mußten. An die Abhaltung des geordneten Gottesdienstes war ferner nicht mehr zu denken. Sie machten sich darauf gefaßt, das alte Schloß bald verlassen zu müssen, in dem die früheren Herren nur noch ärgere Mißhandlungen zu erwarten hatten. Bartholomäus Blume hatte sich seufzend vom Schloßhof entfernt, sobald die Söldner sich der unheiligen Prozession zuwendeten und ihn unbeachtet ließen. Er konnte sich nur die schlimmsten Verdrießlichkeiten zuziehen, wenn er länger blieb, den Kreuzherren aber nicht nützen. Er sah wohl, wie es um den Orden stand, und schlich bekümmerten Gemütes nach der Stadt, bei sich überlegend, was sie selbst zu gewärtigen habe, wenn erst die Burg dem Feinde ausgeliefert wäre. Am andern Morgen meldeten sich die Abgesandten des preußischen Landesrats, unter ihnen Tileman vom Wege, Gabriel und Stibor von Baisen, bei den böhmischen Hauptleuten. Es war wegen des Lösegeldes eine Einigung zwischen den Ständen und dem König erzielt. Er übernahm die Hälfte desselben, so leer auch seine eigenen Kassen waren. Sie sollten durch die Städte Thorn und Danzig gefüllt werden, für die nun die ersehnte Gelegenheit gekommen war, sich besondere Privilegien und die zu den abgebrochenen Schlössern gehörigen Ordensländereien zu erkaufen. Sie hatten jetzt den König in ihrer Gewalt und wollten vorsorgen, daß er nie ihrer Freiheit gefährlich werden könnte. Deshalb mußten sie Herren der früheren Komtureien sein und das Zugeständnis erwirken, daß stets einer ihrer Ratsmitglieder zum königlichen Burggrafen ernannt werde, den sie selbst wählten und präsentierten. Ihre eigenen Münzen wollten sie schlagen und ihre Briefe mit rotem Wachs siegeln. Tileman vom Wege hatte die Verhandlungen klug geführt und sich versichert, daß der König, wenn er diesmal ins Land käme, seine Versprechungen würde halten müssen. Er stand schon mit einem Heerhaufen an der Grenze. Die Hauptleute zeigten sich durch die Verschreibungen, die ihnen vorgelegt wurden, befriedigt. Gegen Zahlung der ersten beträchtlichen Rate wollten sie dem König die Marienburg übergeben. »Wollt ihr den Hochmeister mithaben?« fragte Wolfsdorf übermütig. »Wenn er nichts extra kostet –«, entgegnete Stibor von Baisen lachend. »Das ist doch zu bedenken«, meinte sein Bruder Gabriel. »Der Deutsche Orden macht sich nicht viel aus ihm. Ihn auszulösen hat er kein Geld. So müssen wir ihn unnütz füttern und obendrein in der Gefangenschaft wohl gar fürstlich halten.« »Es könnte doch sein«, wendete der Kulmer Bürgermeister ein, »daß wir schneller zum Frieden kommen, wenn des Ordens Oberhaupt in unsern Händen ist.« »Das glaubt doch nicht«, entgegnete Gabriel von Baisen, der Woywode. »Es wäre nicht das erstemal, daß der Orden einen unbequemen Hochmeister abgesetzt und bei dessen Lebzeiten ein neues Haupt gewählt hätte. Er wird den gefangenen Ludwig von Erlichshausen ohne Bedenken im Stich lassen, wenn er sich dadurch freie Hand schafft. Wir haben an ihm etwas Rechtes.« »Das Geschrei wär' auch zu groß«, sagte Czerwonka, mit dem Knebel den Schnauzbart nach rechts und links ausstreichend. »Wir verkaufen unser Pfand – das ist unser gutes Recht. Darüber hinaus wollen wir nicht. Soll's heißen, wir hätten unsern Kriegsherrn verraten und seinen Feinden ausgeliefert? Und denen nützt's nicht einmal. Was will der König mit ihm anfangen, wenn er ihn hat? Er ist ihm eine große Last. Nein! Lassen wir ihn laufen, ihn und die Brüder, die noch im Schloß Sind. Die Mauern sollt ihr haben.« Tileman hatte sich nicht eingemischt. Auch jetzt äußerte er nur: »Wir sind nicht befugt, euch darin Vorschrift zu machen. Wie ihr uns das Schloß zu übergeben habt, steht in den Briefen. Ich weiß nicht, ob es dem Herrn König genehm wäre, einen solchen Gast vorzufinden. Die Städte mögen ihn nicht.« »Lassen wir ihn laufen«, entschied Ulrich Czerwonka, mit der Hand in die Luft schlagend. Siebentes Kapitel Die Abrechnung So wurde nun kurz vor Pfingsten Herrn Ludwig von Erlichshausen angekündigt, daß er in Frieden abziehen dürfe, wohin es ihm beliebe. Der König sei schon unterwegs und könne jeden Tag eintreffen, deshalb solle er sich beeilen. Der kranke Hochmeister mußte froh sein, seiner qualvollen Gefangenschaft entledigt zu werden. Freilich wußte er nicht, wohin er sich wenden sollte. Die Hauptleute in Konitz hatten kürzlich einen Sieg über die Polen erfochten und ihn eingeladen, zu ihnen zu kommen; sie wollten Gut und Blut daran setzen, ihn gegen seine Feinde zu sichern, und alles mit ihm zu teilen. Gern wäre er ihrem Ruf gefolgt, doch erklärten die Böhmen, daß sie ihn jetzt nicht geleiten könnten. Allein durfte er sich über die Weichsel nicht wagen. Die anderen Schlösser im Rücken waren ebenfalls verpfändet oder von den Bündischen bedrängt und in großer Not. Bleiben konnte und wollte er aber nicht. So bat er denn nur, daß man ihm erlaube, die Heiligtümer der Marienburg, Bilder der Jungfrau Maria und der heiligen Barbara, aus der Kirche das heilige Kreuz und die anderen Geräte mitzunehmen. Dies wurde ihm von den Hauptleuten zugestanden. Am Pfingstabend, tief in der Nacht, kam ein Heerhaufe von sechshundert Polen und Verbündeten vor das Schloß, Einlaß begehrend. Ulrich Czerwonka öffnete die Tore. Am Pfingstsonntag, als eben Ludwig von Erlichshausen unter reichlichen Seufzern seine Gebete verrichtete, ließen die Hauptleute ihm sagen, er solle sich am andern Tage zum Abzug bereit halten. Er berief nun sogleich seine wenigen Diener und trug ihnen auf, ein Fuhrwerk zu besorgen und die Bilder, Kreuze, Heiligtümer und Kirchengeräte aufzuladen. Das geschah im Lauf des Vormittags. Der Wagen stand vor der Tür des Hochmeisterhauses. Die Heiligtümer mußten zum größten Teil aus der zum alten Schloß gehörigen Kirche fort, über den inneren Schloßhof, durch das große Tor und über die Brücke nach dem mittleren Schloß getragen werden. Dies konnte den Söldnern nicht unbemerkt bleiben. Die Polen und Bündischen waren von den Böhmen mit großem Jubel empfangen worden. Nun feierte man gemeinsam das Pfingstfest schon früh durch einen guten Trunk. Was von Tischen, Bänken und Stühlen aufzutreiben war, wurde in den Kreuzgang und auf den Hof gestellt, über dem sich der klarste blaue Himmel wölbte. Aus den Kellern wurde hinausgeschafft, was sich noch von Vorräten auffinden ließ. Es war bekannt geworden, daß der Orden das Schloß räumen sollte. Darüber frohlockten die Polen und Bündischen, tranken den Böhmen eifrig zu und füllten immer wieder die Becher. Die Böhmen, die nun gewiß waren, zu ihrem Solde zu kommen, taten ihnen willig Bescheid und stießen auf das Wohl des Königs an. Beide Teile tranken über den Durst, und es herrschte bald bei dieser Verbrüderung große Trunkenheit. Eine Weile hatten sie's ruhig mit angesehen, daß die hochmeisterlichen Diener ab- und zugingen und zum Gottesdienst gehörige Gegenstände unter Führung einiger Priesterbrüder aus der Kirche entfernten. Auf die Heiligenbilder legten die Böhmen keinen Wert, und die Polen blickten darauf mit abergläubischer Scheu. Als nun aber auch die großen Altarleuchter, die silbernen Kirchengeräte und vergoldeten, mit Edelsteinen besetzten Kreuze aus der Schatzkammer fortgetragen wurden, entstand merkliche Unruhe unter den betrunkenen Zuschauern in der Nähe. Von einem Tisch zum andern lief die Nachricht, der Hochmeister lasse allerhand Kostbarkeiten fortschleppen, die mit dem Schloß verpfändet seien. Das dürfe nicht geschehen. Es kam zum Streit mit den Dienern, die sich auf des Hauptmanns Czerwonka Erlaubnis und ihres Herrn Befehl beriefen. Man ließ sie diesmal noch aus, untersagte ihnen aber das Wiederkommen. Als sie sich gleichwohl wieder auf dem Hof blicken ließen, erhielten sie Schläge. Darüber erhoben sie ein großes Geschrei und wollten vor den Hauptmann geführt sein. Zu diesem hatten sich schon die Wortführer der Söldner begeben, klagten über Beraubung und forderten lärmend, es solle Einhalt geschehen. Ulrich Czerwonka suchte sie zu beschwichtigen. Es handele sich um alten Plunder, der dem Hochmeister am Herzen liege; man habe nicht so hart mit ihm verfahren wollen, ihm eine billige Bitte abzuschlagen. Das wollten sie nicht gelten lassen. Es sei nicht von altem Plunder, sondern von Silber und Gold die Rede, das zur Kirche gehöre. Er möge selbst herauskommen und nach dem Rechten sehen. Um den Lärm nicht noch mehr anwachsen zu lassen, folgte er ihnen auf den Hof. Dort fand er schon die Masse in wildester Erregung. Man schrie, drohte und schwang die Waffen, die rasch herbeigeholt waren. Es fielen anzügliche Reden, daß die Hauptleute zum Schaden des Königs geheime Abreden getroffen hätten, um es mit dem Orden nicht ganz zu verderben. Czerwonka sah ein, daß leicht sein Ansehen gefährdet sei, wenn er für den Hochmeister Partei nehme. Er versuchte lieber gar nicht, sich Gehorsam zu erzwingen, sondern stieg auf einen Tisch und rief in die aufgeregten Massen hinein: »So ist's nicht gemeint gewesen, daß die Buben uns die kahlen Wände lassen. Wir reichen dem Herrn Hochmeister den kleinen Finger, und er scheint die ganze Hand nehmen zu wollen. Oder vielleicht weiß er auch nicht einmal, was seine Diener tun. Seid ganz unbesorgt, wir werden die Wagen revidieren, ehe sie abfahren. Es soll kein Stück ausgeführt werden, das dem abziehenden Herrn nicht ausdrücklich zugesichert ist.« Er befahl auch gleich, alle Ausgänge zu schließen. Das geschah nun freilich sehr tumultarisch, aber es genügte der Menge nicht. Sie wußte jetzt, daß der Hauptmann den Zügel nicht straff hielt, und riß ihm denselben ganz aus der Hand. Die Böhmen wollten sich vor den Polen etwas sehen lassen, warteten deshalb nicht ab, wie ihnen Czerwonka Wort halten werde, sondern stürmten zu Haufen durch das Tor und über die Brücke bis vor das mittlere Haus. Hier schlugen sie die Knechte nieder, die bei den Pferden standen, warfen die Bilder und Geräte vom Wagen, trieben mit den Heiligtümern allerhand Unfug und plünderten die Priester, die sie davor schützen wollten, nackt aus. Darauf lärmten und tobten sie auf der Treppe und in dem oberen langen Gang, warfen die alten Rüstungen von den Wandhaken, so daß es ein gewaltiges Gepolter gab, und rissen die Türen auf, die zu den Prunkgemächern und zu den hochmeisterlichen Kammern führten. Ein betrunkener Lanzknecht rief lallend: »Wo steckt Seine Gnaden? Wo hat man die durchlauchtigste Puppe versteckt? Sucht sie, sucht sie! Wir wollen unsere Kurzweil mit ihr haben. Sucht sie, liebe Gesellen!« Ein anderer, der einen tückischeren Rausch hatte, spannte seine Armbrust und schob einen Bolzen ein. Es waren da noch mehrere ebenso bewaffnet. Denen befahl er das gleiche zu tun und schrie unaufhörlich: »Vorwärts, ihr Schützen, vorwärts! Schießt die Füllung der Tür ein, sucht die Diebe, die ihren Raub heimlich ausführen wollen, geht dem gnädigen Herrn zu Leibe, der uns bestiehlt! Vorwärts!« Die Genossen machten ihre Armbrüste fertig, andere hatten die Schwerter gezogen und schlugen sie gegeneinander, noch andere bemächtigten sich der Fahnenstangen, die zur Erinnerung an erkämpfte Siege in Eisenringen an der Wand hingen, und brauchten sie als Spieße. Es war, als ob sie mit wildem Geschrei eine feindliche Schanze stürmen wollten. Ludwig von Erlichshausen vernahm in seiner Kammer den Lärm. Er näherte sich der Tür. Jetzt hörte er dicht vor derselben die einzelnen Stimmen. Er sprang auf und öffnete sie weit. »Hier ist der, den ihr sucht«, rief er, das Kleid über der Brust aufreißend, »hier steht der Meister des Deutschen Ordens unbewehrt und unbeschützt – ein Unglückseliger. Trefft ihn gut – trefft ihn mitten ins Herz! Es ist am besten so. Dann hat alle Not ein Ende.« Das hatten die Angreifer nicht erwartet. Sie stutzten und blieben dicht gedrängt vor der Tür stehen. Einige Armbrüste hoben sich wohl, aber niemand wagte abzudrücken. Es war, als ob sie plötzlich ernüchtert würden, da sie die hohe Gestalt des Meisters vor sich stehen und seine großen dunkelblauen Augen traurig auf sich gerichtet sahen. Auch die rohesten Gesellen überlief etwas wie ein Schauer vor der gebeugten Majestät. Viele wendeten sich zurück und schlichen fort. Einer von den Vornstehenden legte seinen Spieß vor die Türöffnung, die Armbrüste senkten sich, es entstand eine Minute lang tiefes Schweigen. Endlich sagte der Anführer: »Wir wollen Euch nicht ans Leben. Gebt die Schätze heraus, die Ihr geborgen habt, und zieht ab.« »Ich habe nichts«, antwortete der Meister, »ich bin bettelarm. Reißt mir den Ring vom Finger, meiner entwürdigten Würde Zeichen, und ihr habt alles, was ich an Kleinodien besitze. Da liegt mein Mantel – da mein Ritterschwert. Nehmt sie – aber tötet mich zuerst!« »Kommt fort«, mahnten einige, »es ist da für uns nichts zu holen.« Andere waren ungläubig und murrten. Der erschütternde Eindruck fing sich schon an zu verwischen. Es wurde gelacht und geflucht. Zum Glück marschierte jetzt eine geordnete, von ihren Rottenmeistern geführte Schar im Gang auf und drängte die Aufrührer von der Tür ab. Den Hauptleuten war bange geworden; sie hatten die nüchternsten Leute zusammengesucht und als Schloßwache abgeschickt, den unglücklichen Fürsten vor der äußersten Schmach zu bewahren. Nun wichen die Angreifer. Der Gang leerte sich allmählich, nur noch auf der Treppe setzte sich der Lärm fort. Einer der Rottmeister trat vor und fagte: »Herr Ulrich Czerwonka schickt mich Zu Ew. Gnaden. Er will nicht, daß Ew. Gnaden ein übeles geschehe, bittet Euch aber zu bedenken, daß es vielleicht nicht lange mehr in seiner und der anderen Hauptleute Macht steht, Euch vor Beschimpfung zu bewahren und gegen Lebensgefahr zu schützen. Zu groß ist der Zorn gegen Euren Orden. Soeben ist wieder ein Kriegshaufen von Polen und Bündischen vor der Burg angelangt. Sie haben ein Lager bezogen, des Königs Ankunft zu erwarten. Unter ihnen sind die Kommissarien, denen das Schloß übergeben werden soll. So dürfen wir Euren Abzug bis morgen nicht verschieben. Herr Ulrich Czerwonka ersucht deshalb Ew. Gnaden, zu eigener Sicherheit heute noch nach Dirschau abzureiten. Wenn es Ew. Gnaden gefällt, sollen die Pferde in einer Stunde bereitstehen, auch ein Fähnlein zur Begleitung mitgegeben werden. Von Dirschau möget Ihr Euch wenden, wohin es Euch gefällt.« »Ich muß mich wohl fügen«, antwortete Erlichshausen, »und obendrein Eurem Hauptmann danken. Es geschehe nach seinem Willen, da es doch nicht anders sein kann.« Nun wurden seine Diener zu ihm gelassen. Sie rüsteten die Abreise. Er selbst schritt noch einmal durch die Gemächer, oft seufzend und die Hände ringend; er trat an die Fenster und schaute auf den Strom. »Soll ich der letzte Hochmeister sein, der hier haushält – der letzte?« Er überrechnete die Zahl seiner Vorgänger, die Zahl der Jahre. Siebzehn Hochmeister hatten hier residiert, und fast anderthalb Jahrhunderte waren darüber vergangen. »Der letzte – der letzte!« Er hoffte nicht mehr, als Sieger wieder einzukehren; sein Mut war völlig gebrochen. Sein alter Kämmerer meldete ihm in ehrerbietiger Haltung, daß die geringe Habe dem Packpferde aufgeladen sei und die Reiter auf ihn warteten. »Ist's schon soweit?« seufzte er. »O mein Gott, mein Gott, so hast du mich verlassen.« Er hing den Mantel über die Schultern und schritt über den Gang nach der Hauskapelle, dort sein letztes Gebet zu verrichten. »Geht voraus«, sagte er, »ich folg' Euch auf dem Fuße.« Als er nach einigen Minuten aus der Kapelle zurückkehrte und um den Pfeiler bog, trat ein Mann auf ihn zu, der sich hinter demselben verborgen gehalten hatte. Es herrschte in dem Gang ein Dämmerlicht, aber der Hochmeister erkannte ihn doch. »Tileman –!« schrie er auf und taumelte zurück. »Ganz recht, Herr Ludwig von Erlichshausen – Tileman vom Wege«, entgegnete der Mann mit schneidender Stimme. »Was willst du hier?« fragte der Hochmeister entsetzt, als ob er ein Gespenst gesehen hätte. »Nicht dein Leben«, antwortete Tileman, ohne sich von der Stelle zu rühren. »Hätt' ich deine Schmach kürzen wollen, lange wär' mir's verfallen gewesen. Nein! Lebe und schleppe sie weiter, bis Gott dich erlösen will. Ich komme, dir den Abschied aus diesem Hochmeisterhause zu geben, Herr Ludwig von Erlichshausen – ich – ich! Du weißt, was das bedeutet. Ich!« »So wollt' ich, du hättest einen Dolch im Ärmel versteckt und bohrtest ihn mir in die Brust – das Eisen wär' mir weniger schmerzhaft als deine Blicke und Worte. Weißt du, wo du stehst, Tileman?« »Wo stehe ich?« »Auf derselben Stelle, wo Werner von Orseln ermordet wurde durch eines tückischen Bruders spitzen Stahl.« Tileman zuckte ein wenig mit den Schultern und schob den Fuß zur Seite. »Weshalb erinnerst du daran?« fragte er mit gedämpftem Ton. »Ich bin dein Bruder nicht, sondern dein geschworener Feind, und ich trage nicht Mordgedanken, sondern komme, dir zu sagen, daß ich meine Rache genommen habe.« »Du mordest meine Seele«, ächzte der Hochmeister, »das ist schlimmer als Brudermord.« »Sei's denn so!« rief Tileman vom Wege, sich hoch aufrichtend. »Dies ist der Augenblick, nach dem ich wie ein Verdurstender gelechzt habe alle die Jahre. Du hattest mir den Becher von den Lippen gerissen, da sie am begierigsten nach dem Weine des Lebens verlangten, und deine Sorge war's nicht, daß ich mich vor dem Verschmachten rettete. Weißt du, was mich aufrecht hielt? Die Hoffnung, daß ein gerechter Gott im Himmel sei – die Hoffnung, dich elender vor mir zu sehen, als ich je vor dir gestanden hatte. Ich ließ dich aufsteigen zum Gipfel irdischer Herrlichkeit, um dich desto tiefer hinabzustürzen. Und da liegst du im Staube. Herr Ludwig von Erlichshausen, Hochmeister Deutschen Ordens. Ich sehe dich ausziehen aus dem Hause, in dem deine Vorfahren mit Ruhm und Glanz regiert haben, einen verlassenen, gebrochenen, schmachbeladenen Mann. Dein Orden hat Land und Leute verloren, der Bund triumphiert – und ich bin sein Haupt gewesen. Klein, jämmerlich klein bist du vor der Welt geworden, wie lange schon vor mir. Das ist meine gerechte Rache!« Erlichshausen ließ das Kinn auf die Brust sinken. Er streckte die Hände aus und rief: »Es ist dein Werk, dein entsetzliches Werk, und ich will glauben, daß Gott mich gestraft hat durch dich. Aber jetzt verzeih dem Gefallenen, dem ganz Unseligen, verzeih –« »Nein!« antwortete Tileman mit eisiger Kälte. »Ich habe deinetwegen Blutschuld und Meineid auf mich geladen – ich kann nicht verzeihen. Gedenke meines Weibes, das du zugrunde gerichtet hast, gedenke der Toten, die vor Gottes Richterstuhl gegen dich zeugt. Fluch dir in Ewigkeit!« »Tileman« –, rief der Hochmeister in furchtbarer Seelenangst, »nimm den Fluch zurück, daß er dich nicht treffe als den Schuldigsten. Dein Weib steht nicht vor Gottes Richterstuhl, mich anzuklagen. Wisse – dein Weib lebt!« »Du lügst!« donnerte Tileman ihm entgegen. Seine Faust ballte sich wie zum Schlage; er war blau im Gesicht. Dann wischte er mit der Hand über seine Stirn, wie wenn er einen lästigen Gedanken fortweisen wollte, und sagte tief seufzend: »Lassen wir die Toten ruhen – du und ich. Und nun geh'! Deine Zeit ist um. Geh'! Ich gebe dir das Geleit aus diesem Haus!« Er trat zur Seite bis dicht an den Pfeiler. Der Weg war frei. Erlichshausen zögerte noch unschlüssig. Da kam der Kämmerer von der Treppe her, ihn zum Aufbruch zu mahnen. Nun deckte er die Hände über die Augen und eilte an Tileman vorüber. Der Hochmeister mußte aufs Pferd gehoben werden, so schwach war er. Gebeugt saß er im Sattel, der Zügel hing lose in seiner Hand. Die Diener hielten sich dicht an seiner Seite, ihm zu helfen, wenn ihn eine Ohnmacht anwandeln sollte. Einige Reiter in ganzem Harnisch folgten. So ging's dem mächtigen Brückentor zu, zwischen dem alten Schloß und dem Hochmeisterhause hin. Es war ihm, als ob jeder Schritt des Pferdes ihn dem Grabe seiner Ehre näher brächte. Wer ihn reiten sah, blieb stehen und schaute ihm nach. Selbst die Polen schämten sich, das Unglück zu höhnen, und ließen ihn unbeleidigt vorüber. Die Torwache grüßte ehrerbietig. Nun schallte das Gewölbe von den Hufschlägen der Rosse – nun hatte Erlichshausen das Fallgatter über sich: er wünschte, daß es sich von den Ketten löste und ihn zerschmetterte. Nun hatte er rechts und links die gewaltigen halbbogenförmigen Außentürme, die noch jedem Sturm widerstanden hatten und jetzt kampflos aufgegeben wurden – nun polterten die Pferde über die Nogatbrücke; er meinte, er höre die Erde auf seinen Sarg fallen. Jenseits auf dem hohen Damm hielt er an, wendete sich und schaute noch einmal zurück auf den herrlichen Bau. Von Westen her zogen Wolken auf, aber sie hatten die Sonne noch nicht erreicht. Ihre Strahlen fielen auf die farbigen Dachsteine, blitzten auf den vergoldeten Spitzen, Kugeln und Fähnlein, röteten die hoch aufstrebenden Mauern des Hochschlosses und legten tiefe Schatten hinter die Fensterpfeiler und unter die weitvorragenden Gesimse des Hochmeisterhauses. Erlichshausen hob die Arme auf und wendete die Handflächen dem Himmel zu. Die Tränen stürzten ihm aus den Augen, und er wehrte ihnen nicht. »Lebe wohl – lebe wohl!« rief er schluchzend, »ich weiß es, ich sehe dich nicht wieder, stolze Marienburg. Leb' wohl für immerdar!« Der Kämmerer faßte den Zügel und zog das Pferd herum. »Gott wird Euch siegreich zurückführen, gnädigster Herr«, sagte er tröstend. Der Hochmeister schüttelte schweigend das Haupt. Auf dem ganzen Wege hörte er nicht auf zu weinen. Als der Thorner Ratsherr ins Lager vor der Stadt kam, wo für ihn und die anderen Kommissarien Zelte aufgeschlagen waren, fand er alles in freudiger Bewegung. Es war nicht nur des Pfingstfestes wegen. Eben war ganz unverwartet von Elbing her ein Kriegshaufe, Reiter und Fußvolk mit vielen beutebeladenen Fuhrwerken angelangt. Der Woywode Gabriel von Baisen empfing ihn mit der frohen Nachricht, daß sein Sohn, nach Unterwerfung des Ermlandes, das Heer zurückführe und hier den König erwarten wolle. »Das trifft sich, so gut es kann«, meinte der Alte. »Ich hoffe, der Herr König wird ihn mit freundlichen Augen ansehen.« Bald darauf kam Jost vor das Zelt geritten, sprang ab, warf den Zügel einem von den Troßbuben zu und trat hastig ein. »Es ist mir lieb, daß ich Euch allein treffe, Vater«, sagte er, sich mit unruhigen Augen umschauend. Tileman ging ihm entgegen und umarmte ihn. Jost ließ es geschehen, erwiderte aber die Begrüßung nicht so warm. Er sah bleich und wie übernächtigt aus; seine Lippe zuckte fortwährend nach den Mundwinkeln hin. »Du hast dich brav gehalten«, lobte der Alte. »Der Bischof wird an das Wiederkommen nicht eher denken, bis er sich dem König unterworfen hat.« »Es war da wenig Ruhm zu verdienen«, antwortete Jost. »Die Städte und Schlösser ergaben sich meist auf den ersten Anlauf. Ich bringe keine Wunden heim, außer ...« Er brach ab und zog die Augenbrauen finster zusammen. »Um so besser«, meinte Tileman. »Wir haben's wohl gehört, du bist der Gefahr nicht ausgewichen. Gerade deshalb war die Einbuße gering. Der Erfolg ist vollständig. Setze dich zu mir und berichte im einzelnen –« Jost schüttelte heftig den Kopf. »Nein, es muß erst etwas vom Herzen herunter ... etwas vom Herzen, Vater ...« Der Alte betrachtete ihn verwundert. »Du bist heut' sonderbar«, sagte er. »Ich merke nicht, daß du einen frohen Tag hast, wie man doch vermuten sollte.« »Vater ...« »Sprich nur, ich höre. Was muß vom Herzen herunter? Ich hab' mich soeben auch erleichtert. Ah –! das tut wohl, wenn man's so lange Jahre getragen hat. Ich sprach den Hochmeister, kurz bevor er die Marienburg verließ. Ich war der letzte, den er dort sprach – und jetzt treibt er sich als Ausgestoßener auf der Landstraße um. Mein Viatikum wird ihm unvergeßlich sein!« In den Augen loderte ihm aufblitzendes Feuer. »Er ist ein Unglücklicher, Vater – eher Eures Mitleides als Hohnes wert.« »Weißt du das? Ein Bube ... Mein Haß hat tiefen Grund. Nennst du ihn einen Unglücklichen? Ihm wird vergolten nach der himmlischen Gerechtigkeit. Ich aber, der ich Mensch gegen Mensch ihm gegenüberstehe, frohlocke: Wie du mir, so ich dir!« »Vater –!« »Gut, gut! Du kannst das nicht begreifen – sollst auch nicht. Was hattest du mir zu sagen?« Er ließ sich auf einen Holzschemel nieder, stützte den Arm auf den Feldtisch und sah zu ihm auf. Jost suchte seine Brust durch einen Seufzer von dem schweren Druck zu befreien, der ihm das Herz einschnürte. »Eine Frage ist's, Vater ...« »Frage!« »Wenn sie Euch erzürnen sollte ...« »Heut' erzürnt mich nichts.« »Wohl denn, Vater ... Nicht wahr – – meine Mutter ist tot?« Tileman fuhr zusammen. »Deine Mutter ... Wie kommst du darauf?« »Laßt das! Aber nicht wahr – meine Mutter ist tot?« »Sie ist tot.« »Und Ihr habt sie tot gesehen, Vater?« Der Alte rang nach Atem. »Was soll's? Ich sage, sie ist tot. Kannst du zweifeln?« »Wo ist ihr Grab, Vater?« »Ihr Grab ...« »Es hieß immer, sie sei auf einer Reise gestorben.« »Ja, auf einer Reise ...« »Wo ist ihr Grab? Ich muß es wissen.« »Du mußt –?« »Glaubt mir, daß ich's wissen muß. Ich beschwör' Euch, Vater – so wahr ein Gott lebt –!« »Nochmals: was soll's?« Jost fiel vor ihm nieder und ergriff seine schlaff niederhängende Hand. »Gebt mir Gewißheit über meiner Mutter Tod! Es gibt Zweifelsüchtige ...« »Ah!« Der Ratsherr entfärbte sich, seine schmalen Lippen wurden weiß. »Wer könnte ... Aber gleichviel.« Er schwieg eine Weile, während Jost gespannte Blicke auf ihn richtete. Es war sichtlich ein schwerer Kampf, den er mit sich zu bestehen hatte. »Steh auf! Wer hätte dir verraten können ...? Aber gleichviel, sag' ich. Setze dich da gegenüber – höre mich an. Es ist heute ein Tag ... Jawohl! So recht gemacht zu solcher Eröffnung. Der Bube in den Staub getreten und mein Sohn als Sieger heimgekehrt. Du bist ein Mann geworden – du hast ein Recht zu wissen ... Wisse denn: ich kenne deiner Mutter Grab nicht. »Vater –! Ist's möglich?« »Aber sie ist gewiß tot – ich zweifle nicht, sie ist tot.« »Und Ihr habt sie –?« »Ich habe sie nicht getötet, obschon sie's verdiente – obschon ich's wollte. Ich habe sie ... Mein Sohn, das ist nichts für dein Ohr.« »Sprecht, Vater, sprecht! Es ist mir um Tod und Leben.« »Ich habe sie auf jener Reise – nicht nach Westfalen, wie es hieß, sondern nach Litauen – ich habe sie im Walde verlassen und ihrem Schicksal preisgegeben.« Jost hielt sich nur mit Mühe aufrecht. »Ihrem Schicksal? Dem Frost des Winters, dem Hunger und den wilden Tieren?« »Dem Frost des Winters, dem Hunger und den wilden Tieren.« Jost ächzte. »So furchtbar grausam konntet Ihr –« »Wirf keinen Stein auf mich – es war verdient.« »Verdient? Womit war es verdient?« »Deine Mutter wurde mir untreu. Ich traf sie mit ihrem Buhlen –« »Und dieser Buhle ...? Sagt mir auch noch das letzte, Vater.« Tileman erhob sich vom Schemel und richtete die Hand mit ausgestrecktem Finger auf den Erdboden, als deutete er auf jemand. »Ludwig von Erlichshausen, den ich heut' von der Marienburg ausgetrieben!« Er vernahm einen Fall. Auf der Stelle, die sein Finger wies und sein Blick anstarrte, lag Jost. Sein Kopf hatte sich in den Sand gebohrt, vor seinem Munde stand Schaum, die Hände waren zusammengeballt. Er röchelte. »Um Himmels willen! Mein Sohn –!« schrie Tileman entsetzt. Er sprang zu, hob ihn auf, trug ihn auf das Feldbett. »Was ist geschehen? Wenn ich hätte ahnen können ... Deine Mutter freilich, deine Mutter –! Aber was dein Vater gelitten hat ... Komm zu dir, mein Sohn! Vergiß die Unwürdige. Sie ist tot ...« Jost regte sich nicht, das Röcheln wurde leiser. Den alten Mann überkam eine furchtbare Angst. Er riß die Zeltwand auf und stürzte hinaus, nach dem Feldscher rufend. Endlich fand er ihn, faßte seinen Arm und zog ihn fort; er konnte nicht sprechen. Vor dem Zelt hatte sich ein Haufen Menschen angesammelt, Landsknechte, Polen, Weiber von den Bagagewagen. Es verbreitete sich das Gerücht, es sei jemand ermordet, der Hauptmann Jost vom Wege wurde genannt. »Platz da!« schrie Tileman, »mein Sohn stirbt – mein Sohn!« Der Feldscher schlug dem Ohnmächtigen die Ader. Das rote Blut spritzte weit fort. »Es hat noch keine Gefahr«, sagte er. »Ein Krampf der Herzadern, eine plötzliche Stockung der Säfte – in einer halben Stunde wird er wieder auf sein. Das war Hilfe zur rechten Zeit.« »Gott sei Dank!« lallte Tileman. Der Arzt setzte Jost aufrecht, rieb ihm die Schläfe mit Essig. Allmählich kam er wieder zu sich. Gabriel von Baisen, dessen Zelt in der Nähe stand, eilte hinzu, sich nach dem Grund des Unfalls zu erkundigen. Nie noch hatte er Tileman vom Wege in solcher Verwirrung, so ganz haltlos gesehen. »Was ist denn vorgegangen?« erkundigte er sich teilnehmend und neugierig zugleich. Nun faßte der Ratsherr alle seine Kraft zusammen. »Nichts –«, sagte er, »nichts. Ihr seht, nichts. Überanstrengung im Dienst – der Ritt in der Sonne um die Mittagszeit ... Ihr seht, nichts.« Er bemühte sich zu lachen, und es gelang. »In unserer Jugend focht uns das nicht so leicht an. Ja, ja! Die Zeit ändert die Menschen. Aber er hat sich im Felde sehr brav gehalten, das soll der König erfahren.« »Das soll er erfahren«, bestätigte Baisen. »Er ist in Danzig, wie mir eben ein Bote meldet, und nimmt dort die Huldigung ein. In den nächsten Tagen haben wir ihn in der Marienburg zu erwarten.« »In der Marienburg – ja«, sagte Tileman. »Dann ist Jost wieder ganz wohl.« Er hielt immer seine Hand. »Wie fühlst du dich, mein Sohn. Ihr seht, es ist nichts, edler Herr. In der Marienburg ... Ich wollte, die Danziger hätten mit der Einholung gewartet, bis wir hier in Ordnung gekommen. Sie möchten gern dem König etwas ablisten ...« »Ich denke, das argwöhnt ihr Thorner nach eurem eigenen Bemühen«, spottete Baisen im Abgehen. Achtes Kapitel Gewißheit und Wandel Der Feldscher hatte nicht zu viel versprochen. Die halbe Stunde war noch nicht verstrichen, als Jost wieder auf den Füßen stand. Sein Vater redete ihm zu, den Arm zu schonen, an dem die Ader geschlagen war, und lieber noch eine Weile liegen zu bleiben. Aber er achtete nicht darauf. »Es hat mich im Augenblick so überwältigt«, sagte er »fast schäm' ich mich meiner Schwäche. Aber nein! Das ...« Er setzte sich an den Tisch, stützte den Kopf auf den gesunden Arm und starrte vor sich hin. Der Ratsherr bot ihm einen Becher Wein zur Erfrischung der Lebensgeister; er wies ihn zurück. »Speise und Trank soll nicht über meine Lippen«, murmelte er, »bis ... ja bis –!« »Mein armer Junge«, sagte der Alte, ihm die Schulter streichelnd. »Es hat dich scharf gepackt. Aber du bestandest darauf, alles wissen zu wollen. Und einmal mußte doch ...« »Vater, es kann nicht sein«, rief Jost, »Trotz alledem ... Das ist noch keine Gewißheit. Meiner Mutter Fehl freilich – daran muß ich glauben.« Er schüttelte sich schaudernd. »Aber daß jene Frau – und das Mädchen ...« Er sprang wieder auf, ging vors Zelt und befahl dem Troßbuben, sein Pferd vorzuführen, auch ein zweites herbeizuschaffen. »Ich muß Gewißheit haben«, sprach er immer halblaut vor sich hin. »Ich bitt' Euch, Vater, begleitet mich«, sagte er, nachdem er zurückgekehrt war. »Wohin?« »Aufs nächste Dorf. Ich hab' dort meine Gefangenen einquartiert. Es sind einige darunter, die Euch gut zu kennen behaupten. Vielleicht ist's Euch von Nutzen, sie zu sehen und zu sprechen. Sie versichern, viel zu wissen. Auf Euer Wort will ich sie ausliefern oder freilassen.« Das konnte kein bloßes Vorgeben sein. Warum hätte der Kriegshauptmann nicht widerspenstige Edelleute oder Magistratspersonen und vielleicht gar Priester aufheben sollen, über die er nun doch nicht selbst verfügen mochte. Aber warum nannte er sie nicht sogleich? Und sein sonderbares Wesen –! »Es ist wohl nicht so eilig«, wendete der Ratsherr ein. »O doch, Vater, es ist sehr eilig.« »Was sind denn für Leute unter den Gefangenen, die nicht einen Tag warten können?« »Ihr werdet es sehen, Vater.« »Schone dich, Jost. Du darfst mit dem Arm in der Binde nicht reiten.« »Es ist eine kurze Strecke bis zum Dorf, und wir reiten Schritt.« »Du bist so dringend. Und wenn ich dich ansehe ... Du gefällst mir gar nicht, Jost. Was hast du denn?« »Ich will mir's aus dem Kopf bringen.« »Was?« »Das wegen meiner Mutter – nun ja, das.« Der Alte zog die Stirn in Falten. »Ich hätte dir's doch verschweigen sollen.« »Nein, nein! Ich hatte das beste Recht ... Und es steht ja auch noch nicht fest, daß alles vorbei ist. – Kommt mit mir, Vater!« »Wenn du's denn durchaus so willst ...« Sie stiegen auf und ritten durch die Lagergassen, in denen zwischen den mitgebrachten Zelten auch Buden von Strauchwerk und abgerissenen Zaunbrettern aufgebaut wurden, überall lagen die Materialien im Wege, so daß sie nur langsam vorwärts kamen. Draußen auf der Landstraße aber spornte Jost sein Pferd sogleich zum Galopp. Tileman kam im Trab kaum mit. »Du wolltest Schritt reiten«, rief er ihm zu. Jost ließ sich aber nicht aufhalten; er schien nicht einmal zu hören, daß er angesprochen wurde. Im Dorf wendete er sich dem Hause des Schulzen zu. Es standen vor demselben Wachen; sie hüteten mit ihren Spießen die Tür und die Hofeinfahrt. Auf dem Hof, wohin er lenkte, stand des Bauers Vieh unter freiem Himmel angebunden. Im Stall hatten einige Reiter ihre Pferde untergebracht; die Scheune war mit Mannschaft belegt. Nicht weit vom Ziehbrunnen brannte ein helles Kochfeuer. Jost betrat das Haus durch die hintere Hoftür. »Ich will Euch den Weg zeigen, wenn Ihr's erlaubt«, sagte er. Tileman folgte ihm auf dem Fuße. An der Stubentür machte Jost einen Augenblick halt. Er hielt die Schnur der hölzernen Ziehklinke in der Hand. Endlich gab er ihr einen heftigen Ruck und drückte zugleich gegen die Tür, daß sie weit aufsprang. Er trat zur Seite und schob seinen Vater hinein. In dem halbdunklen Raum befanden sich zu dessen Verwunderung nur zwei Frauen. Die eine saß auf der Bank zwischen den beiden Fenstern, an die Holzwand gelehnt; die andere kniete vor ihr und hatte den Kopf in ihren Schoß gelegt. Sie sah bei dem Geräusch auf und nach dem fremden Mann hin, der eintrat. Als sie Jost hinter ihm erblickte, versteckte sie wieder ihr Gesicht. Ein matter Lichtschein fiel auf ihr Goldhaar und ließ es erglänzen. »Das sind deine Gefangenen?« fragte der Ratsherr, sich zurückwendend, im Ton der Ungläubigkeit. »Wir scheinen fehlgegangen zu sein.« »Nein, nein!« antwortete Jost, »wir sind an der rechten Stelle – das sind meine Gefangenen, die Ihr sehen solltet, Vater.« Er faßte seinen Arm und zog ihn der Gruppe näher. Die sitzende Frau hatte sich erschreckt aufgerichtet. Sie starrte den Mann, der ihr arglos entgegenschritt, versteint eine Weile an. Dann kreischte sie plötzlich auf, warf Ursula ab, erhob sich rasch und wollte flüchten. Aber schon nach dem ersten Schritt sank sie auf die Bank zurück, ihr Kopf suchte an der Wand eine Stütze. »Tileman –«, keuchte sie. Jetzt wurde ihr Gesicht vom Fensterlicht gestreift. Der Ratsherr, der seinen Namen hörte, war durch den Klang der Stimme betroffen, ging schnell vor und prallte, wie gegen Stirn und Brust gestoßen, zurück. Sein ganzer Körper schüttelte sich. Die Hände mit den ausgespreizten Fingern hoben sich unwillkürlich gegen die Stirn, auf der die Adern anschwollen. »Stehen die Toten auf –«, lallte er fast unverständlich. »Kennt Ihr die Frau, Vater?« rief Jost in furchtbarer Aufregung, die gespannten Blicke von dem einen zum andern irren lassend. »Paula ...«, ächzte der Ratsherr. »Aber ich weiß nicht, ob ein Blendwerk des Teufels ...« »Ah –!« schrie Jost auf. »Doch – doch! Barmherziger Gott – doch!« Die Frau ließ sich zur Erde niedergleiten, schob sich auf den Knien weiter an Tileman vom Wege heran und hob flehend die Hände auf. »Kein Blendwerk Eurer Sinne«, sagte sie, »ich bin's – ich lebe. O verzeiht, daß ich lebe. Ihr solltet es niemals erfahren, kein Mensch ... Nur die äußerste Not preßte mir das Geständnis ab, daß Jost mein Sohn. Das Mädchen dort – meine Tochter – seine unselige Leidenschaft ... Wie durfte ich geschehen lassen, was beider Verdammnis werden mußte? Jetzt wissen sie – die Wahrheit. Sie kennen ihre schuldbeladene Mutter – sie mögen ihr fluchen. Ihr aber, Tileman vom Wege, Ihr habt Euch Euer Recht genommen vor langen Jahren, und ich hab' mich Eurem Recht gebeugt. Es war Gottes Wille, daß ich leben sollte, den Kelch der Leiden bis zur Neige auszukosten. Diese letzten Tropfen sind die bittersten. Laßt mich ungekränkt zurück in die Vergessenheit. Ich darf nicht bitten: verzeiht, was ich getan! Aber ich bitte nochmals – verzeiht, daß ich lebe!« Tileman stand unbeweglich, die gekrümmten Finger ins Haar eingewühlt, den Mund halb geöffnet, die verglasten Blicke auf sie gerichtet. Jost mochte erwarten, daß er sie ansprechen werde. Da das nicht geschah, trat er zwischen beide und fragte mit Donnerstimme: »Vater, ist das meine Mutter?« »Sie ist's«, antwortete Tileman. »Und Ihr habt sie – töten wollen, Vater?« »Ich habe sie töten wollen – Gott hat es nicht gelitten.« »Und nun sie lebt ... Ihr hebt sie nicht vom Boden auf, Vater?« »Sie ist auch jetzt tot für mich.« »Unmenschlicher!« schrie Jost. »Meine Mutter – meine Mutter?« »Dieses Kindes Mutter, das mein Kind nicht ist.« »Aber meine Schwester. Gott, Gott! Meine Schwester.« Er umfaßte die Waldfrau und riß sie von der Erde auf. »Kniet nicht vor dem Schrecklichen, Mutter«, rief er, »Ihr habt nicht Verzeihung von ihm zu erbitten, denn er nahm seine Rache, nicht sein Recht. Ihr dankt ihm nicht das Leben; Gott aber, der es Euch gegen seinen Willen schenkte, hat Euch verziehen, was Euer menschliches Fehl war. Mutter – Mutter –!« Er umarmte sie und zog sie stürmisch an seine Brust. »Meine Mutter!« »O mein teurer Sohn –«, hauchte sie, wie hinsterbend unter seinen Küssen. Tileman trat zu und legte die Hand auf seine Schulter. »Jost –«, stöhnte er, »du wendest dich ab von deinem Vater – zu ihr ... Wenn du nun weißt, daß sie deine Mutter ist, so weißt du auch –« Jost schüttelte seine Hand ab. »Vater«, fiel er ein, »könnt Ihr's ermessen, was Ihr mir getan habt? Mir! Was kümmert's mich, ob Euer Zorn gerecht war? Die Mutter habt Ihr mir genommen – getötet! Ja, getötet. Denn die ich jetzt wiederfinde nach diesen langen Jahren, kann mir nimmer werden, was eine Mutter dem Kinde ist. Und daß ich Ursula nicht als meine Schwester kannte ... daß ich ihretwegen meinem Gelöbnis untreu ward ... daß ich nahe daran war, mich mit unsühnbarer Blutschuld zu beflecken ... Vater! Das habt Ihr vor Eurem Sohn zu verantworten. Ganz unselig habt Ihr mich gemacht! Seht, so rächt sich Eure Rache an Euch selbst.« Er ließ seine Mutter auf die Bank nieder und trat zu Ursula, die sich scheu in die Ecke am Ofen geflüchtet hatte. Die Tränen stürzten ihm aus den Augen. Er hielt ihr die Hand hin und sagte: »Fürchte dich nicht vor mir, Ursula – ich bin dein Bruder. Wie ich dich liebte ... nein! Das ist fort aus meinem Herzen. Ein eisiger Windhauch hat das wildlodernde Feuer ausgeblasen, die Funken sind zerstoben. Schwester – liebe Schwester, laß mich nicht ganz in Frost erstarren.« Er beugte sich vor, ihre Stirn zu küssen. Ursula zuckte zurück. Dann aber sah sie ihn in das tieftraurige Gesicht und bot ihm den Mund. »Bruder ...« flüsterte sie. Er berührte ihre Lippen. Und dann war's, als ob noch einmal die frühere Wildheit über ihn kam. Er zog sie an sich, preßte sie an seine Brust, küßte sie wieder und wieder. Sie ließ es geschehen. Und dann hatte er sich auch schon selbst beruhigt. Seine Arme sanken herab, sein Atmen wurde gleichmäßiger, sein Blick klarer. Er führte Ursula zur Mutter. »Sie gehört uns gemeinsam«, sagte er, »in ihr werden wir einander lieben.« Tileman vom Wege hatte seine Festigkeit wiedererlangt. Stolz und trotzig hob er das Haupt. »Du wolltest mich überraschen«, sagte er, »– ich sehe noch nicht klar, zu welchem Zweck eigentlich, und ob diese da mit dir ... Aber gleichviel! Es ist dir gelungen. Was weiter ist dein Begehr? Dieses Weib – will ich nicht kennen. Dieses Mädchen – geht mich nichts an. Wenn das deine Gefangenen sind, meinetwegen magst du sie freigeben und ziehen lassen. Auf der Landstraße irrt ein Ausgestoßener, ein fürstlicher Bettler, dem ich aus der Marienburg die Tür gewiesen. Ludwig von Erlichshausen heißt er. Zu dem gehören sie. Mein Sohn aber –« »O Vater – Vater! Seid menschlich«, fiel Jost ihm ins Wort, »wir sind alle Sünder vor dem Herrn.« »Und erwarten sein Gericht«, setzte Tileman frostig hinzu. »Ich will abwarten, ob mein Sohn mich anklagt.« Er wendete sich hochaufgerichtet nach der Tür; da er nun aber über die Diele schritt, zitterten ihm die Knie, und die Hand fand nur mühsam die Klinke. Als er in den Flur hinaustrat, taumelte er gegen die Wand und stand eine Weile an dieselbe gelehnt, nach Atem ringend. Er bestieg das Pferd nicht, sondern entfernte sich zu Fuß vom Hofe. Die Zurückgebliebenen verhielten sich eine lange Weile schweigend. Ursula hatte sich zu ihrer Mutter auf die Bank gesetzt, sie umarmt und mit der Schulter ihren Kopf gestützt. Jost ging unruhig umher, blieb öfters am Fenster oder gegenüber am Ofen stehen, wandte sich den Frauen zu und wieder ab. Er schien zu erwarten, daß sie ihn anredeten, und ihr Schweigen doch wieder ganz natürlich zu finden. Was hatten sie einander auch jetzt noch zu sagen? Endlich kam er ganz ab davon, die Dinge, die sie so tief erschüttert hatten, nochmals zu erörtern. »Ihr könnt hier mit Ursula nicht bleiben, Mutter«, begann er deshalb. »Das Dorf ist von Kriegsvolk besetzt, das Lager ganz in der Nähe –, ich kann nicht immer zu eurem Schutz bei euch sein, wie ich möchte ...« »Laßt uns zurück in unsere Waldeinsamkeit«, bat Frau Regina. »Auch das wird nicht geschehen können«, antwortete er, »wenigstens nicht sogleich, vielleicht für längere Zeit nicht. Das ganze Land ist in Kriegsunruhe versetzt. Es scheint freilich so, als ob der furchtbare Kampf beendet sein soll, nachdem die Marienburg dem König übergeben, das letzte mächtige Bollwerk des Ordens gesunken. Aber noch nennt er eine Anzahl Städte und Burgen sein; er wird sich nicht verlorengeben, so lange noch ein Strahl der Hoffnung leuchtet. Und das Kriegsglück ist launisch. Ich sehe voraus, daß um das Ermland noch ein schlimmer Kampf entbrennen wird. Der Orden, sowie er notdürftig wieder zu Kräften kommt, kann seinen alten treuen Freund, den Bischof Franziskus, nicht im Stich lassen. Dann werden sich die Kriegshaufen um Heilsberg sammeln und die ganze Umgegend unsicher machen. Eure Waldhütte ist gefährdet. Und zwei schwache Frauen ... Nein, nein! Ihr dürft nicht vergessen, Mutter, was Ihr Ursula schuldig seid.« »Was aber sonst anfangen?« »Ich will für euch beide ein Unterkommen in der Stadt Marienburg suchen. Man wird es meiner Bitte nicht versagen.« »Dem Feinde? Die Stadt steht zum Orden.« »Sie stand zum Orden. Das wird sie in Vergessenheit bringen müssen, wenn sie nicht des Königs Gnade ganz verscherzen will.« »Laßt mich nach der Stadt gehen, uns ein Obdach zu erbitten«, sagte Ursula. »Ich weiß da ein Haus ...« Sie stockte und senkte die Augen, da sie ihn die Farbe wechseln sah. »Freilich –«, setzte sie hinzu, »Ihr könnt nicht wollen ...« Er nickte ihr traurig zu. »Doch kann ich wollen, was Ihr im Sinn habt. Verlaßt Euch auf mich. Das Haus ... ich weiß es selbst zu finden. Es ist ein schwerer Gang dorthin, aber – zu schwer soll er mir nicht sein. Jetzt nicht. Bleibt hier, bis ich weitere Nachricht bringe.« Er küßte seine Mutter und drückte Ursula die Hand. Draußen warf er sich aufs Pferd und jagte nach der Stadt. Trotz der späten Abendstunde war die Brücke noch nicht aufgezogen. Zwischen den Bürgern und den Kriegsleuten im Lager fand ein lebhafter Verkehr statt. Lebensmittel, Stroh, Decken wurden verlangt und geliefert. Man wollte so lange als möglich ein gutes Einvernehmen aufrechterhalten, wohl auch etwas verdienen. Wußte doch niemand, was der folgende Tag für die Stadt bringen könne. Jost sah überall Krämer und Handwerker in erregtem Gespräch zusammenstehen. Er stellte sein Pferd in einem Gaststall unweit der Mauer ein und ging durch die Gäßchen und Straßen an ihnen vorüber. Kurze Sätze ihrer Reden fing er auf und stellte sich daraus leicht einen Sinn zurecht. Man war allgemein in großer Besorgnis, wie es der ordenstreuen Stadt ergehen werde. Der Aufforderung vom Schloß her, Besatzung aufzunehmen, war nicht Folge gegeben. Nun aber sollte der König mit einem polnischen Heer anrücken; die Marienburg würde ihm geöffnet werden; er werde sicher sogleich die Stadt auffordern. Wie sei es denkbar, ihm Widerstand zu leisten? Und doch –! Dem Orden in der Not absagen – mit den Verrätern gemeinsame Sache machen? Das war eine harte Zumutung. Die Ratsherren saßen noch spät im Rathause; es waren die Älterleute der Zünfte zugezogen. Auch dort standen vor der Tür Leute mit besorgten Gesichtern. Jost vom Wege schritt unter den Lauben hin bis zum Hause des Bürgermeisters. Er sah von weitem schon Frau Christine und Magdalene auf dem Bänkchen sitzen, und immer heftiger schlug ihm das Herz, je mehr er sich näherte. Er selbst wurde im Dämmerschein unter den Gewölben nicht erkannt. In einiger Entfernung blieb er stehen und lehnte sich an einen Pfeiler, sein Gemüt erst zu beruhigen. »Geh hinein, Kind«, sagte Frau Christine. »Es wird schon recht kühl. In der Nacht wird dich wieder das Fieber heftiger schütteln.« »Wir wollen den Vater hier erwarten«, entgegnete Magdalene. »Aber er bleibt zu lange aus«, meinte die Frau. »Wenn die Beratung geschlossen ist, werden gewiß noch Briefe zu schreiben sein. Dann sitzt er mit dem Ratsschreiber zusammen vielleicht noch bis tief in die Nacht. Du kennst ihn. Er hat nicht Schlaf, bis alle Geschäfte besorgt sind.« »Ich wüßte doch gern, wie man sich entschlossen hat«, sagte das Mädchen. »Seinetwegen! Es geht ihm sehr nahe!« »Wir können in der Stube noch eine Weile aufbleiben«, riet die Bürgermeisterin. »Es ist sonst schon niemand mehr unter den Lauben.« Da Magdalene doch nicht Anstalt machte, sich zu erheben, zog sie ihr das Tuch fester um die Schultern. Dabei sah sie seitwärts und stutzte plötzlich. Wenige Schritte entfernt stand ein Kriegsmann und hielt den Hut mit der langen Feder auf der Brust. Das Gesicht ... Sie stieß einen Laut aus, der wie »Jost« klang. Magdalene verstand ihn so, fuhr zusammen und blickte nun ebenfalls nach der Gestalt. »Jost –!« schrie sie auf. Ihr Kopf sank an der Mutter Brust. »Ich bin's«, sagte der Junker hinzutretend. »Verzeiht, wenn ich euch erschreckte. Ich weiß wohl, daß ich auf freundlichen Empfang nicht zu rechnen habe. Es war auch nicht meine Absicht, Euch aufzusuchen, werte Frau – nur im Hause nach Marcus zu fragen ... Da ich Euch aber hier die Tür hüten sah, mocht ich nicht feige davonschleichen. Daß ich noch einmal dieses Haus betrete, mag Euch ein Zeichen sowohl meiner Friedfertigkeit als der Dringlichkeit meines Anliegens sein. Seit ich geschieden, hat sich gar viel in und außer uns verändert. Den Ihr hier vor Euch seht, der ist ein anderer, als der Euch damals kränkte. Alle Verblendnis ist von ihm gewichen – nicht durch seines Willens Kraft, der ganz ohnmächtig war, sondern durch des Himmels gewaltsame Lösung. Doch davon laßt mich Euch durch Eures Sohnes Mund berichten. Nicht meinetwegen geh ich Euch mit Bitte an. Die aber, für die ich sprechen will, finden sicher in ihm den besten Fürbitter.« Frau Christine hatte ihn in würdigster Haltung angehört. Nun meinte sie jede neugierig erscheinende Frage unterdrücken zu müssen, wie nahe sie auch liegen mochte. Sie antwortete daher nur kühl gemessen: »Marcus ist in des Vaters Stübchen mit Arbeit an dessen Büchern beschäftigt, da ihn selbst sein Amt jetzt übermäßig beansprucht. Wollt Ihr zu ihm gehen, Herr Junker, so ist Euch der Weg frei.« »Ich dank Euch, werte Frau«, sagte Jost und schritt auch sogleich der Haustür zu. Als er an Magdalene vorüberkam, blieb er aber einen Augenblick stehen, griff mit der Hand nach seiner Stirn und drückte sie zurück. Ein schmerzlich seufzender Laut entrang sich seiner Brust. »Magdalene«, rief er, »wenn Ihr alles wissen werdet, werdet Ihr verzeihen können.« Sie schmiegte sich nur noch ängstlicher an ihre Mutter. In der Geschäftsstube hinten war es schon dunkel geworden. Marcus saß bei einer schmauchenden Öllampe und schrieb. Er hatte sein Gesicht vom Bart umwachsen lassen, wie er eben auf Backe und Kinn kräftiger oder spärlicher sprossen mochte, und ihm mit der Schere nicht die Form gegeben. Auch das Haar hatte volle Freiheit gehabt, sich auf die Schulter zu legen, und war selbst über der Stirn nicht kurz gestutzt, auf der sich noch immer die Narbe zeigte, jetzt wieder, wie ein roter Streifen, da ihm bei seinen Rechnungen das Blut zu Kopf gestiegen. Er sah auf und ließ die Feder fallen: »Jost – –!« Ob sich dem Eintretenden die von dem Öldampf durchzogene Luft so schwer auf die Brust legte, ob ihm sonst allzu beklommen zumute war, seine Stimme klang wie erstickt, als er dem alten Freunde einen guten Abend bot. Er ging mit unsicheren Schritten auf ihn zu und hielt ihm die Hand hin. Marcus aber stand auf und trat hinter den Stuhl, ohne sie anzunehmen. »Was willst du hier?« fragte er mit einem zornigen Blick. »Dir sagen«, antwortete Jost, »daß ich aus dem Walde hinter Heilsberg zwei Frauen gefangen eingebracht habe. Sie sind im Dorf draußen, im Schulzenhause –« Marcus wurde schreckbleich. Er faßte die Lehne des Stuhls und gab demselben einen so heftigen Stoß, daß er ins Schwanken kam. »Von wem – sprichst du ...?« »Von Frau Regina und ihrer Tochter Ursula.« »Ha –! Die hast du –?« Der Stuhl hob sich vom Boden. »Sei ganz ruhig«, fiel Jost ein. »Es ist ihnen nichts Kränkendes widerfahren. Ich sage dir's, weil du sie verehrst und – liebst.« »Und du?« »Auch ich verehre und liebe sie – aber anders, als du denkst, als du ahnen kannst. Ach, Marcus –! Was sich mir enthüllt hat – heute mit unanfechtbarer Gewißheit ... Die Waldfrau ist meine Mutter.« Marcus schien an seinem Verstande zu zweifeln, so völlig verblüfft sah er ihn an. »Deine Mutter – Frau Regina –?« »Sie ist meine leibliche Mutter – wahr und wahrhaftig, sie ist es!« »Aber deine Mutter – ist längst verstorben ...« »Mein Vater selbst hat anerkennen müssen, daß diese Frau es ist.« »Und Ursula –?« »Ist ihr Kind – es bleibt dabei.« »Jost –! Deine Schwester –?« »Meiner Mutter Kind.« Er biß die Zähne aufeinander. »Meine Schwester.« »Und dein Vater –?« »Er ist ihr Vater nicht.« »Wer aber –?« »Herr Ludwig von Erlichshausen, Hochmeister Deutschen Ordens, jetzt der ärmste und elendeste von allen Brüdern.« Diese Reden waren mit großer Schnelligkeit gewechselt. Jost wollte sogleich alles heraussagen und Marcus irgendeinen Anhalt gewinnen, der ihm das Unglaubliche glaublicher erscheinen lassen könnte. Der war ihm nun durch die Erwähnung des Hochmeisters gegeben. Da war eine Tatsache genannt, die mit anderen schon bekannten Tatsachen in Beziehung gestellt werden konnte und plötzlich über allerhand rätselhafte Verhältnisse Licht zu verbreiten schien. Erlichshausen Ursulas Vater! Wenn das nun für Jost eine Gewißheit war, warum sollte das andere nicht ... Und Ursula Josts Schwester! Das eine Wort vermochte Berge zu ebnen, die mit eisstarrenden Häuptern zwischen ihnen standen. Marcus konnte alle die Eindrücke, die so überraschend auf ihn einstürmten und seine Phantasie nach allen Richtungen jagten, nicht sofort bewältigen. Er sank auf den Stuhl zurück, stützte den Kopf in beide Hände und brütete vor sich hin. Es war, als ob er Jost selbst ganz vergessen hätte. Der stand unbeweglich, ebenso unfähig, nach diesen hastigen Eröffnungen einen gemäßigteren Ton zu finden. Eine eigene Mischung von Empfindungen ließ ihn nicht zu klarem Nachdenken über das kommen, was weiter zu tun. Wie schwer er selbst litt, Marcus zog den Gewinn davon – sein Freund und doch zugleich sein verhaßter Rival. Ursula war ihm verloren, aber dem andern gönnte er sie jetzt doch noch nicht. Bitter, gallig bitter war der Trank, den er bis zur Neige leeren sollte. Nach einigen dumpfen Minuten legte Jost ihm die Hand schwer auf die Schulter und rüttelte ihn ein wenig. Marcus richtete sich erschreckt auf. »Ja, der Hochmeister – der Hochmeister«, sagte er, »ganz recht, der Hochmeister.« »Komm zum nächsten«, mahnte Jost. »Was soll mit den Frauen geschehen? Sie dürfen unter dem Kriegsvolk nicht bleiben, und wir wissen sie jetzt auch in ihrem Walde nicht sicher.« »Deine Mutter – und Schwester ...« »Ja! Und das Mädchen, das du liebst – das dich liebt. Marcus – Marcus! Es hat mich toll gemacht. Und noch jetzt krampft sich mir das Herz ... Nein! Ursula ist meine Schwester, und du – kannst wieder mein Freund sein. Du mußt –! Ursulas wegen mußt du wieder mein Freund sein!« Marcus sprang auf und fiel ihm um den Hals. »Sie steht nicht mehr zwischen uns! Aber erkläre mir – sage mir alles. In meinem Kopf dreht sich's ...« Jost drückte ihn auf den Sessel nieder. Er selbst lehnte sich abgewandt gegen den Tisch, kreuzte die Arme über der Brust und erzählte, was sich begeben hatte, ohne seinen Vater und sich zu schonen. »Und nun handle du«, schloß er. »Ich weiß nicht, was mein Vater im Sinne hat. Es wird nichts Gutes sein. Frau Regina und Ursula müssen in Sicherheit gebracht werden. Ich weiß ihnen keinen besseren Freund als dich. In deines Vaters Hause –« »Ja, ja!« rief Marcus. »Mein Vater muß sie aufnehmen, meine gute Mutter ... Aber darf ich denn ihnen das Geheimnis ...« »Du darfst und sollst. Es muß volle Klarheit zwischen uns sein. Magdalene ... Du begreifst, daß ich mich deiner Mutter und ihr nicht eröffnen konnte wie eben dir. Aber du kannst frei sprechen; durch dich wollt' ich's an sie bringen. Dir zuliebe werden sie tun, was sie mir vielleicht verweigerten. Ich weiß wohl, daß ich mir selbst die Tür zu meiner Mutter und Schwester verriegele, indem ich ihnen ein Obdach hier erbitte. Aber sei's drum. Nur ihren Vorteil will ich bedenken, und dazu, Freund, sollst du mir helfen.« »Vertraue ganz auf mich«, sagte Marcus, bewegt seine Hand schüttelnd. »Nicht eher will ich Ursula wiedersehen, bis ich sie in unser Haus rufen kann. Noch heut spreche ich ... Willst du hier warten, wie sich's entscheidet?« »Dessen bedarf's nicht«, erwiderte Jost. »Warum soll man den Verhaßten länger, als durchaus nötig, dulden? Dein Vater wird bald zurückkehren. Ich mag ihm so nicht unter die Augen treten. Vielleicht später, wenn all dieses Irrsal ... Leb wohl!« Marcus hielt ihn zurück. »Aber erklärt's sich nicht schon jetzt zu deinen Gunsten? Wenn Ursula deine Schwester war ... Du wußtest es nicht, aber ein geheimer Zwang des Herzens, eine wundersame Regung des Blutes bei ihrem Anblick, ein Zauber der Natur, so überwältigend –« »Hab' ich Magdalene deshalb weniger weh getan?« fiel Jost ein. »Ach –! Ich bin mir selbst so widerwärtig. Wenn ein brüderliches Gefühl darin verirren konnte –! Nein, es war kein brüderliches. Und auch jetzt macht das Wissen mich nur um so unglücklicher. Mit der Zeit vielleicht ... ja, ja, mit der Zeit! Wir vergessen unsere geliebten Toten; warum nicht ...? Wenn ich mir's stündlich vorspreche: Ursula ist meine Schwester, und meine Schwester liebt Marcus Blume, und ich bin sein Freund ...« Er riß ihn an sich. »Nimm sie, nimm sie aus meinen Händen! Ich kann's überwinden. Und wenn sie dein ist und kein Neid mehr in meinem Herzen und keine Klage mehr auf meinen Lippen – dann werd' ich vor die Deinen treten können und bitten: Verzeiht! Jetzt – leb wohl!« Er schob ihn mit beiden ausgestreckten Armen zurück, kehrte sich ab und eilte fort. Marcus schloß die Bücher und löschte die Lampe. Eine Weile blieb er noch im Halbdunkel des letzten spärlichen Tageslichts. Dann, als er beruhigt war, ging er hinauf nach der Frauenstube. Neuntes Kapitel Der König in der Marienburg Als Bartholomäus Blume bald darauf nach Hause kam, hatte er den Kopf so voll Sorgen, daß er auf die verstörten Gesichter seiner Frau und Tochter nicht sogleich achtgab. Er meinte, sie seien durch sein langes Ausbleiben beängstigt worden, und sah sich nun nicht einmal in der Lage, sie mit einem freundlich beschwichtigenden Wort zu Bett zu schicken. Das Abendessen lehnte er ab, setzte sich auch nicht, sondern schritt im Zimmer auf und ab, von den Dingen sprechend, die ihn bekümmerten. »Nun ist's soweit«, sagte er, sich nach einigen Worten immer wieder unterbrechend, um aus gepreßter Brust Atem zu schöpfen, »nun ist's so weit, als unsere Gegner es treiben wollten – der Hochmeister verjagt, die Marienburg den Polen geöffnet – der König unterwegs, Besitz zu ergreifen – ein Kriegsheer vor den Toren der Stadt. Und die Bürger verzagen, des Ordens Partei zu halten. Wer wollt's ihnen verdenken? Feinde ringsum. Das ganze Weichselland, das Ermland in ihrer Gewalt – das Schloß dicht vor unsern Mauern zum Kampf gegen uns gerüstet – Tausende im Anzuge, mit Geschütz und Proviant von den Thornern und Danzigern Wohl versehen. Wir haben sichere Nachrichten. Was können wir gegen solche Übermacht? Es ist, als ob ein Unwetter vom Himmel niederfährt – man muß sich ducken und ihm seinen Lauf lassen. Das meinen auch die Treuesten, sonst Unverzagtesten. Wahnsinn scheint's, sich gegen das Unvermeidliche auflehnen zu wollen. Und ich selbst wage nicht zu raten ... Aber dem König huldigen –! Ich kann's nicht – ich kann's nicht.« Frau Christine stand auf und trat an seine Seite, den Arm um seine Schulter hängend. »Lege dein Amt nieder, Barthel«, sagte sie, »es verleidet dir das Leben.« »Sie lassen's nicht zu«, antwortete er, »und sie haben ein Recht auf mich. Ich hab' mich ihnen zugesagt für gute und schlimme Tage, das muß ich ihnen nun treu halten. Ihr Schicksal ist das meine – ich darf den Körper nicht ohne Haupt lassen.« »So wollt ihr doch dem König huldigen?« fragte Marcus erregt. »Es ist noch nicht fest beschlossen«, sagte Blume. »Die einen wollen ihm entgegenschicken, sich seiner Gnade besser zu versichern, da sie doch seinen Zorn nicht meinen auf sich laden zu dürfen, die anderen eine Aufforderung abwarten, sich gegen den Vorwurf zu eiligen Abfalls zu sichern. Es ist kein großer Unterschied. In der Hauptsache sind die Bürger wohl einig, daß Widerstand jetzt unmöglich ist. Heut oder morgen – sie werden sich fügen. Und sie müssen – ich kann's nicht anders sagen.« »So tut Eurem alten Herrn noch eine letzte Liebe«, rief Marcus, »und nehmt sein Kind in Euren Schutz, Vater.« Blume blieb überrascht stehen. »Meinem alten Herrn –? Sein Kind –? Ah! Du sprichst ...« »Vom Herrn Hochmeister, Vater, und von Ursula.« Es war gesagt, und es mußte nunmehr gesagt werden. Magdalene bot leise ihrer Mutter eine gute Nacht und schlich in ihre Kammer. »Sprecht Ihr, Mutter«, bat Marcus. »Die Tatsachen gab ich Euch schon bekannt. Ihr wißt die Worte besser zu setzen. Wo noch etwas fehlt, will ich's hinterher nachholen.« Frau Christine erfüllte gern seinen Wunsch. »Nun ist's jetzt freilich nicht die Zeit«, schloß sie, »zu beraten und zu beschließen, wie wir uns in diesen Dingen weiter zu verhalten haben. Ich will nur ans nächste denken, und das ist, daß wir Frau Regina und ihre Tochter nicht unter dem Kriegsvolk lassen dürfen. Hast du nichts dagegen, Barthel, so will ich sie bei mir herbergen, bis sie in Sicherheit die Rückreise antreten können. Das ist gewiß ein gottgefälliges Werk.« »Ursula des Hochmeisters Kind –«, murmelte der Bürgermeister, »das hatten wir im stillen vermutet, und so erklärt sich nun seine Abweisung. Aber Regina, Tilemans Eheweib, Josts Mutter ... Damit kann ich so rasch nicht fertig werden. Welch' wundersame Verkettung des Schicksals! Wenn wir sie bei uns aufnehmen – ich fürchte, Herr Tileman vom Wege wird's nicht mit freundlichen Augen ansehen. Und er gilt jetzt viel beim König.« »Vergeßt nicht, Vater«, sagte Marcus, »daß es für jeden sonst ein Geheimnis ist und bleibt, wie diese beiden zueinander gehören. Ihr tut Herrn Tileman wahrlich keinen Tort an, wenn Ihr Ursulas wegen die Frau in Euren Schutz nehmt, die nur als ihre Mutter gekannt ist. Jost hat guten Grund, unserm Hause fernzubleiben und zugleich Schweigen zu beobachten. So hat's für Herrn Tileman keine Gefahr, und er mag auch ferner sein Weib verleugnen, das er für tot erklärt hat, jetzt aber lebend weiß. Fühlt er noch menschlich, so wird er Euch eher im Herzen dankbar sein, daß Ihr Euch ohne seinen Schaden der Verlassenen annehmt.« Blume ließ diese Gründe gelten. Er hätte sich vielleicht auch mit noch weniger überzeugenden abgefunden, denn er verehrte Frau Regina sehr und hatte Ursula lieb wie sein eigenes Kind. Dieses warme Gefühl für beide wurde wenig abgekühlt durch die Schatten einer schuldhaften Vergangenheit, die doch gebüßt war. Tileman trat ihm in seinem Haß gegen den Zerstörer häuslichen Friedens menschlich näher; aber zugleich sank in seinen Augen der Stifter des Bundes, der Bürger, des Ordens großer Gegner. Am andern Morgen in der Frühe fuhr Marcus dann seine Mutter und Schwester nach dem Dorf hinaus. Im Schulzenhause hatte er selbst vor Jahren die Waldfrau und Ursula einquartiert gehabt, als sie zum erstenmal nach Marienburg kamen. Dessen mußte er nun in der Freude des Wiedersehens gedenken. Er ließ seine Mutter mit Magdalene voraus ins Haus gehen und machte sich bei dem Fuhrwerk zu schaffen, bis ihr Kommen aufgeklärt und die Freundinnen sich begrüßt hätten. Es war ihm, als ob er Ursula, wenn auch im Beisein der andern, gleichsam ungeteilt für sich allein haben müßte. Darauf mußte er leider noch eine kleine Weile warten, so ungeduldig ihm das Herz pochte. Ursula aber ließ ihn nicht lange in Ungewißheit, wie sie für ihn empfand. Sie eilte, sich aus Magdalenens Umarmungen losreißend, schon nach wenigen Minuten aus dem Stübchen hinaus bis zur Hoftür, öffnete die obere Lade und winkte ihm ein frohes Willkommen. Er eilte hinein und schloß das geliebte Mädchen an seine Brust. In diesem seligen Augenblick waren alle turmhohen Hindernisse ihrer Vereinigung wie schwache Scheidewände von Sand durch einen Hauch der Liebe fortgeweht. Was kümmerte sie jetzt die nächste Stunde? Sie hatten einander wieder, und sie wußten, daß sie sich immer angehörten und nie verlieren könnten. Dann traten sie Hand in Hand ein; Ursula lehnte den Kopf mit dem Goldhaar auf seine Schulter, ihr Gesicht strahlte freudigste Befriedigung. So näherten sie sich den beiden Frauen, die auf der Fensterbank in leisem Gespräch saßen. Frau Regina streckte den Arm vor, als wollte sie trennend dazwischentreten. »Ihr dürft nicht vergessen –«, mahnte sie. »Laßt sie«, bat die Bürgermeisterin, »sie haben ein gutes Recht auf diese erste frohe Stunde. Wissen wir doch nicht, wie viele ernste und traurige darauf folgen! Es scheint mir, die Dinge außen haben sich gar sehr verändert und vielleicht zu ihren Gunsten gewendet. Nun – sie selbst sind, wie wir sehen, immer dieselben geblieben.« »So ist's«, sagte Marcus, indem er ehrerbietig Frau Regina die Hand küßte und seine Mutter umarmte. »Ja, ja, ja! Das Schicksal hat uns trennen wollen, aber nur um so fester verkettet. Kein Einspruch hat Macht gehabt über unsere Herzen; jetzt soll er auch unseren Händen nicht weiter wehren, sich zu vereinigen.« »Da hört Ihr die rasche Jugend«, äußerte Frau Regina zur Bürgermeisterin gewendet, lächelnd. »Kaum ist ihr ein Pförtchen der Hoffnung geöffnet, so stürmt sie schon mit wehenden Fahnen auf den Traumgipfel des Glückes. Und ich fürchte, nicht einmal das Pförtchen führt ins Freie.« Ursula begrüßte jetzt erst die liebe Freundin mit zärtlicher Hingabe. Nun mochte Marcus sich's genügen lassen, sie mit begehrlichen Augen von weitem anzuschauen und von Zeit zu Zeit einen Blick zu erhaschen. Sie hatte den Arm um Magdalena gelegt, streichelte ihr Haar und Wange und gab ihr allerhand Kosenamen. »So hast du's getrieben«, sagte Magdalene, »als ich bei dir im Walde war, und ich wußte wohl, daß ein ganz anderer gemeint sei. Jetzt möchte der leicht eifersüchtig werden, wenn ich noch immer seine Stelle vertrete.« »Das soll er nur bleibenlassen«, antwortete Ursula schalkhaft und fuhr dann ganz ernst fort: »Hätt' ich dich damals nicht gehabt, Liebe, in der Zeit meiner tiefsten Traurigkeit, als die böse Nachricht kam, daß der Herr Hochmeister Marcus abgewiesen habe ... Ach du mein Gott! Ich kann ihm jetzt nicht mehr zürnen; er hat's gewiß mit gutem Bedacht für uns beide tun zu müssen geglaubt. Aber damals –! Und da hatt' ich doch dich wenigstens, die liebe Schwester, und durft' an deinem treuen Herzen weinen. Du aber, du hattest nun fremdes Leid zu pflegen und gedachtest des eigenen weniger. Das machte dich wieder gesund.« »Nein, ich sah, wie du's trugst«, sagte Magdalene, »und trug's nun auch geduldiger. Von deiner Traurigkeit sollt' ich gar nichts wissen und nur immer ein heiteres Gesicht sehen. Weißt du noch, wie ich dich deshalb schalt und dir vorwarf, du fühltest von rechter Freundschaft nichts?« »Und weißt du noch«, fragte Ursula zurück, »wie ich da furchtbar an deinem Halse zu weinen anfing – das eine Mal? Auf der großen Eiche hinter dem Hause war's. Wir hatten die Leiter angesetzt und waren in die Krone hinaufgeklettert, um ganz im Waldlaub zu stecken und von der Erde fort zu sein. Wer da ein Nest bauen könnte, wie die Vögel!« So plauderten sie, bis die Bürgermeisterin zum Aufbruch mahnte. Frau Regina hatte gern eingewilligt, in der Stadt ihr Gast zu sein. Nur für kurze Zeit, meinte sie, bis das Kriegsvolk sich aus der Gegend fortgezogen hätte. Ursula wollte ihren Gotländer mitnehmen. Er wurde ans Handpferd gebunden; in die Stadt einreiten durfte sie nicht. Jost vom Wege ließ sich nicht blicken. Er hatte dem Rottmeister den Befehl gegeben, dem Abzug der Frauen kein Hindernis in den Weg zu legen, die Trabanten aber fest im Zaum zu halten, daß sie sich nichts Ungehöriges erlaubten. So kam das Fuhrwerk ungefährdet aus dem Dorf. Die beiden Frauen hatten den hinteren Sitz eingenommen, die beiden Mädchen den mittleren. Marcus saß vor ihnen und lenkte die Rosse. Er hatte sie so fest in der Hand, daß er sich ohne Bedenken öfters umsehen und mit einem Wörtlein ins Gespräch mischen konnte. Schon am andern Tage kam König Kasimir von Danzig her, wo er von den reichen Kaufleuten und Schiffsherren aufs festlichste bewirtet worden war. Er war ein feuriger junger Herr, dessen Augen noch lebhafter blitzen konnten als die zahlreichen Edelsteine, mit denen der Federhalter an seiner Mütze, die Ärmelklappen seines kurzen Mantels, der Säbelgurt und der Griff des Säbels dicht besetzt waren. Er ritt einen prachtvoll gezäumten Rappen von edelstem Blut und hatte nach polnischer Art die Knie hochgezogen und die Füße in breiten silbernen, ebenfalls mit Steinen geschmückten Bügeln. Ein Trupp Zinkenisten, Trompeter und Pauker ritten dem Zuge voran. Es folgte der königliche Fahnenträger, umringt von einer Schar polnischer Edelleute. Zu beiden Seiten des Königs ritten seine hohen Kronbeamten, die preußischen Woywoden Gabriel von Baisen und Hans von Czegenberg – der Gubernator wurde von Elbing erwartet, wo er seinen Wohnsitz genommen hatte –, polnische Bischöfe, Woywoden und Kastellane, alle in reichster Kleidung und glänzendem Schmuck, eifrig bemüht, sich in die nächste Nähe des Königs zu bringen. Es schloß sich ein Schwarm von polnischen und preußischen Edelleuten, Ratsherren der großen Städte, Bürgermeistern der kleineren an, die alle von des Königs Gnade etwas zu erbitten hatten und nicht zu spät kommen wollten. Ein Heer von mehr als dreitausend Bündischen und Polen gab das Geleit. Unabsehlich zog sich der Troß von Fourage-, Zelt- und Küchenwagen, Knechten mit Reit- und Bagagepferden, Jägern mit gekoppelten Jagdhunden, Gauklern, Springern und Musikanten auf der Landstraße hin. Die aus dem Lager waren entgegengeeilt und erwarteten mit ihren Fähnlein den König schon vor der Brücke. Die Soldhauptleute hatten bereits das Schloß geräumt und ließen ihn durch Ulrich Czerwonka begrüßen, der ihm feierlich die Schlüssel der Burg zu überreichen kam. Auch einige Ratsmannen der Stadt Marienburg hatten sich eingefunden, den hohen Herrn willkommen zu heißen, wurden aber kaum eines Blickes gewürdigt; waren sie doch vergeblich schon in Danzig erwartet worden! Auf den Stadtmauern an der Wasserfeste standen viele Neugierige und sahen dem Einzug zu. So manchem schlug ängstlich das Herz, wenn er immer neue Fähnlein anreiten sah. Einen solchen Gast hatte die Marienburg noch nicht beherbergt. Jetzt erst fiel's so recht in die Augen, daß sie über Nacht ein königliches Schloß geworden war. Über dem Brückentor war die polnische Standarte aufgerichtet zwischen den Stadtfahnen von Thorn und Danzig. Als der König einritt, erschien sie auch aus der obersten Fensterluke des hohen Turmes der Marienburg an langer vergoldeter Stange, weit hinaus ins Land kündend, daß es jetzt eine andere Herrschaft habe. Für Kasimir waren die hochmeisterlichen Räume im mittleren Schloß in Eile hergerichtet, doch hatte man nur dem Schlafzimmer ein wesentlich verändertes Aussehen geben können; hier war die einfache Holzbettstelle entfernt und durch ein Prunklager mit Purpurbaldachin ersetzt. Im übrigen hatte man sich mit einer reicheren Ausstattung von Teppichen und Vorhängen begnügen müssen und das vorausgeschickte silberne Tafelgeschirr des Königs auf Tische und Kamine gestellt. Der hohe Herr nahm Besitz von der Burg, indem er zuerst in den Hof des rechten Hauses einzog, dort vom Pferde stieg und mit seinem ganzen Gefolge zum Hochamt nach der Kirche ging. Er sah auf dem hochmeisterlichen Stuhl, in der mit prachtvoller Steinarbeit geschmückten Empore, seine Paladine und Räte nahmen in den Chorstühlen der Ritter Platz, der offene Raum inzwischen füllte sich mehr und mehr mit der polnischen Schlachta und den bündischen Söldnern, so daß zuletzt die Masse Kopf an Kopf gedrängt stand. Neugierig hatten sie schon an dem Eingangstor beim Kreuzgang, der »goldenen Pforte«, die sonderbaren Bildwerke von Stein, Ranken von Weinblättern und Rosen, Drachen, Greife, Ungeheuer mit Menschenköpfen und Fischleibern, oder in den Bogenfeldern die fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen angestaunt; neugierig schauten sie jetzt zu dem die ganze Breite der Kirche überspannenden herrlichen Sterngewölbe, zu den achtzehn Heiligen unter den zu Thronhimmeln geformten Kragsteinen, zu den Glasmalereien der zehn Spitzbogenfenster auf, wenig auf die Messe achtend. Dann setzte der König den Umzug durch die Vorburg fort und trat endlich in den großen Remter des mittleren Schlosses ein, in welchem die Festtafel gedeckt war. Die Söldner wurden im großen Konventsremter des alten Hauses, auf dessen Hof und draußen in den Lagern gespeist. Von Zeit zu Zeit donnerten die Geschütze ihren Festgruß. Der Mann allein, der zu diesem Wandel der Dinge am meisten beigetragen hatte, mußte dem Fest fern bleiben. Tileman vom Wege lag krank in seinem Zelt, wie gelähmt an allen Gliedern, von wahnsinnigen Kopfschmerzen gequält. Er mußte die letzten Verhandlungen über die der Stadt Thorn zu gewährenden Freiheiten seinen Kumpanen Rutger von Birken und Johann von Loë überlassen. Sie baten ihn, sich zu schonen, damit er wenigstens bei Empfangnahme der Briefe zugegen sein könne. Auch dazu war nur geringe Hoffnung. Am nächsten Morgen schon wurde auf dem Rathaus der Stadt Marienburg ein Schreiben mit königlichem Siegel abgegeben. Es enthielt die Aufforderung, Bürgermeister und gesamter Rat sollten am andern Tag im Schloß vor Sr. Majestät erscheinen, die Huldigung zu leisten, und war in strenger Form abgefaßt. So sollte nun geschehen, was Bartholomäus Blume mit tiefster Bekümmernis gefürchtet hatte: von ihm selbst wurde der Treueid verlangt. Er hatte sofort nochmals den Rat versammelt, Mann für Mann abstimmen lassen. Es war nur eine Meinung gewesen: daß es Torheit sein würde, durch Weigerung des Eides den Zorn des Königs auf die Stadt zu laden, die ihren Abfall vom Bunde schon schwer genug zu büßen gehabt. Aber auch darüber hatte sich nur eine Meinung ausgesprochen, daß man lediglich dem Zwang nachgebe und eine durch die Not gebotene Form erfülle, im Herzen aber der alten Herrschaft treu bleibe und sich auch ferner gut deutsch verhalten wolle. Darauf hatten sie ihrem Bürgermeister die Hand gegeben, um ihm die Gewissensnot zu erleichtern. Doch kam er in großen Ängsten nach Hause. Frau und Kinder baten ihn, er möge sich`s nicht so gar nahe gehen lassen. Habe er doch bis zum letzten getan, was eines braven und treuen Mannes Pflicht sei; darüber hinaus könne niemand. Das stellte ihm auch Frau Regina vor. »Gott führt mitunter ein sonderbares Regiment«, sagte sie, »und wir schwache Menschen müssen uns darunter beugen, es gefalle uns oder gefalle uns nicht. Er läßt die Ungerechten zu Ansehen kommen und den Gerechten den Fuß auf den Nacken setzen, so daß es Wohl eine Weile den Anschein hat, als regiere der Teufel auf Erden. Aber über kurz oder lang wird er dann um so strenger Gericht halten und die gute Ordnung wieder herstellen. Vertrauen wir allezeit darauf« »Ach, ach –!« klagte er, »wie gern wollt' ich das Bitterste leiden, könnt' ich mein Gewissen rein bewahren. Ich soll einen Eid leisten, von dem mein Herz nichts weiß, und so ist's ein falscher Eid, den Gott strafen muß. Man ganzes Leben lang bin ich besorgt und bemüht gewesen, gerade Wege zu gehen und mit Aufrichtigkeit den Menschen zu dienen. Was ich für das Beste erkannt habe, dafür bin ich mit Wort und Tat eingetreten, und keine Lockung oder Drohung hat mich davon abgebracht. Jetzt soll ich mich zur Falschheit kehren und Gottes Namen mißbrauchen. Das überwind' ich in meinem Innersten nimmer und bin fortan ein gebrochener Mann.« Gegen Abend kam Gabriel von Baisen zu ihm. Sein Bruder Hans, der Gubernator, schickte ihn, da er eben von Elbing angelangt war und die Angelegenheit möglichst glatt geordnet wünschte. Der Woywode kannte die Stimmung der großen Städte gegen Marienburg; man konnte dort nicht vergessen, daß noch das Siegel Marienburgs am Bundesbrief hing, aber mit öffentlichem Protest zurückgefordert worden war. Man verlangte eine Demütigung des Rats, wie die Gemeinen in Thorn und Danzig gedemütigt waren, weil sie des Ordens Partei nahmen. Das konnte aber denen nicht erwünscht sein, die zu vermitteln und einen friedlichen Ausgleich zur Beruhigung der Gemüter herbeizuführen bestrebt waren. Hans von Baisen, eine von Grund aus edle Natur, fühlte sich selbst nur zu stark in die Seele Blumes hinein, konnte er doch am wenigsten jetzt über die peinigende Erinnerung hinweg, daß er als Jüngling hier in diesem Schlosse, in dem er nun dem König von Polen huldigte, sein erstes Hofamt bei dem Hochmeister Heinrich von Plauen angetreten hatte, dessen ewiger Ruhm war, die Burg siegreich gegen ein polnisches Heer verteidigt zu haben. Er wußte, was es ihn gekostet hatte, sich von den Banden der Dankbarkeit und herzlichen Anhänglichkeit frei zu machen. Nun wollte er den Streit der Pflichten nicht an dem Beispiel eines anderen Mannes in die Erscheinung treten lassen, zugleich Bartholomäus Blume, den er achtete und ehrte, vor den Ausschreitungen seiner politischen Gegner bewahren. Deshalb sendete er seinen Bruder zu ihm. Er hatte gar nicht ungern gehört, daß Tileman vom Wege krank liege; von seiner Seite hatte er die heftigste Agitation gegen die bundbrüchige Stadt befürchtet. Gabriel von Baisen fand den Bürgermeister in der gedrücktesten Stimmung. Blume überlegte schon, ob er nicht doch lieber von seinem Amt Zurücktreten, sein Hab und Gut verkaufen und außer Landes ziehen, als den Eid dem König leisten solle. Dies brachte der Woywode nach kurzem Gespräch leicht heraus. Es mußte um jeden Preis vermieden werden. Er wußte, daß Blume unbestechlich sei; Versprechungen von Gnadenbeweisen konnten hier keinen Nutzen haben. So suchte er ihn denn bei seiner edelsten Schwäche zu fassen. »Ihr wisset selbst gut genug, werter Herr«, sagte er ihm, »daß Ihr nicht seid wie irgendein anderer Mann, der bleiben oder gehen kann, wie es ihm gefällt. Auf Euch sehen viele Augen. Was Ihr tut oder unterlasset, ist dem ganzen Lande ein Merkzeichen und kann auch außen nicht unbeachtet bleiben. Ich glaube daher nicht, daß Euch der Herr König gutwillig abziehen lassen wird. Ihr seid nun einmal der Bürgermeister dieser Stadt Marienburg, die in seine Hand gegeben ist, und könnt nicht aufhören es zu sein, bevor Ihr ihm die Pflicht erfüllt habt. Versagt Ihr sie, so wird man Euch ins Gefängnis werfen und Eure Güter einziehen. Wenn Ihr aber auch solches Schicksal auf Euch nehmen und Eure Kinder zu Bettlern machen wolltet, damit wird's nicht abgetan sein. Sondern die Stadt wird Eure Halsstarrigkeit schwer zu büßen haben. Bedenkt, wie die Thorner die Neustadt Thorn geknebelt und die Danziger gar die vom Orden angelegte und ihm ergebene Jungstadt zugleich mit dem Schloß gebrochen haben. Nicht milder werden sie mit Marienburg verfahren, wenn die Stadt nicht ohne jede Weigerung zum Bunde tritt. Wollet also ein ganzer Mann sein und ein hartes Geschick von ihr abwenden.« Diese Mahnung schlug ein. »Ja, ja«, rief Blume, »ich beuge mich dem Zwange der Notwendigkeit. Sagt dem Herrn König, daß er mich morgen zu erwarten habe. Mag Gott mir weiter helfen!« Und so zogen denn Bürgermeister, Ratmannen und Schöffen in voller Zahl, alle in Feiertagskleidern, wohlgeordnet aus der Stadt, vorüber am Sperlingsturm und durch das Schuhtor nach dem Schloß. Die sie gehen sahen, wußten, daß sie nicht anders könnten, und waren ihnen mit traurigem Herzen doch dankbar für Abwendung großer Bedrängnis. »Der Herr segne euch!« rief man ihnen zu. Der große Remter, dessen Strahlengewölbe hoch aufsteigend auf drei schlanken Pfeilern ruhte, war festlich geschmückt. Neben dem dritten Pfeiler war auf eine Estrade von drei Stufen ein Thronsessel gestellt, darüber ein Baldachin von Purpur mit langen Goldfransen gehängt. Die abschließende Wand hinten zeigte die Wappen von Polen und Preußen dicht nebeneinander. Zur festgesetzten Stunde füllte sich der weite Saal bis auf den letzten Platz. Auf der rechten Seite des Thronsessels stellten sich der Gubernator und die preußischen Woywoden, auf der linken der Kanzler und die polnischen Würdenträger auf. Weiter zurück standen die Bischöfe, die Landesräte von Preußen, die Abgesandten der großen Städte, unter ihnen in erster Reihe Wilhelm Jordan von Danzig und Rutger von Birken von Thorn. Hinter dem Kanzler, an einem kleinen Tisch, auf welchen Pergamentrollen gelegt wurden, saßen die Schreiber des Königs und des Bundes. Vor der Estrade blieb ein freier Raum, durch eine von köstlich gekleideten Pagen gehaltene purpurne Schnur begrenzt. Ebenso war ein Gang bis zur Tür offengehalten. Polnische und preußische Edelleute, Eidechsenritter, Soldhauptleute und Rottmeister, Ratsherren und Bürger, Schulzen und Freie aus den Orten eine Tagesreise in die Runde drängten gegen die Schranken, die von königlichen Hellebardieren gehütet wurden. Angekündigt durch die Zinkenisten und Trompeter, geführt von Herolden in Wappenröcken und Bannerträgern, erschien endlich König Kasimir, die Krone auf dem jugendlichen Haupte, das Schwert im Arm, den Purpurmantel mit Hermelinfutter um die Schultern gehängt. Er wurde mit jubelnden Zurufen empfangen und dankte sehr gnädig. Es folgten die Träger der polnischen und preußischen Fähnlein, die das Heer gesendet hatte. Während der König unter den Thronhimmel trat, umzogen sie die Estrade in weitem Bogen und stellten sich an der Wand auf. Dann winkte König Kasimir dem Gubernator von Preußen und dem Kanzler. Sie traten zu ihm auf die oberste Stufe. Der Kanzler öffnete eine Pergamentrolle und verlas ihren Inhalt. Es stand darin, daß Preußen, nachdem es mit freiem Willen seiner Edelsten zur Krone Polen getreten und von derselben angenommen sei, nun auch nach Übergabe des Ordenshaupthauses tatsächlich ein Glied des Reiches geworden. Der König begrüße seine preußischen Untertanen, die ihm meist schon in ihren Städten und Kreisen gehuldigt, dann aber treu im Kampf beigestanden hätten, wolle jetzt aber des ganzen Landes Huldigung einnehmen und seinen Dank allen und jedem zu erkennen geben. Preußen solle unter der Krone Polen stehen, wie zugesichert, eine selbständige Regierung haben und alle Privilegien bestätigt erhalten, die ihm die vorige Herrschaft versagt, auch bei der Königswahl als ein Reichsstand beteiligt sein. Solches gelobe der König mit Vollmacht des Reichstages. Kasimir hob darauf die Hand und neigte das Haupt zum Zeichen der Bestätigung. Darauf kniete Hans von Baisen vor ihm nieder und gelobte unverbrüchliche Treue namens des Landesrats und der Stände. Seiner Rede folgte jubelnde Zustimmung der Versammelten. Nun ließ der König den Hauptmann der Böhmen, Ulrich Czerwonka, herbeirufen. Er hatte ihm die Übergabe der Marienburg schon mit einem ansehnlichen Geldgeschenk gedankt. Um sich seiner Treue um so besser zu versichern, ernannte er ihn jetzt feierlich zum Oberhauptmann auf Marienburg und zum Herrn der Burgen Schwetz und Golub mit allem Zubehör an Land und Leuten. Daraufhin wurde er sein Mann und huldigte ihm, seine Pflicht gegen den Orden ganz vergessend. Dann erhielten die Vertreter der großen Städte ihre teuer erkauften Briefe ausgehändigt. Danzig fiel Dirschau mit seinem Gebiet zu, Elbing wurde mit Gütern und Dörfern gegen einen Jahreszins beschenkt, Thorn endlich wurde Herr fast des ganzen früheren Komtureibezirks, sollte in ewigen Zeiten frei von allen Lasten und Abgaben bleiben, das Münzrecht ausüben dürfen, mit dem Stapelrecht in ausgedehntestem Maße und vielen anderen wertvollen Privilegien und Freiheiten begnadet sein. Rutger von Birken dankte für die Stadt. Er wußte, daß der König sich arm schenkte, und frohlockte innerlich darüber. Tileman vom Wege aber, der ihn reich und arm gemacht, feierte seinen Triumph nicht. Indessen hatte der Marienburger Rat in der Nähe des Ausgangs gewartet. Die Herren hatten Zeugen aller dieser Gnadenbeweise des Königs sein müssen. Nun wurden sie durch den Gubernator vorgefordert. In der Rede, die er an die Majestät von Polen hielt, stellte er die Sache so dar, daß die Stadt früher treu zum Bunde gehalten, aber durch den Orden schwer bedroht und zum Abfall gedrängt sei, jetzt aber, da die Burg ihr nicht mehr ein Schrecknis, reumütig zurückkehre zum ganzen Lande und freudig den Herrn annehme, den sich dasselbe gegeben. Er wolle ihr deshalb gnädig sein und Geschehenes vergessen. Bartholomäus Blume unterdrückte einen Seufzer. Er stand da mit gesenktem Haupt, an dem zu beiden Seiten der gramgefurchten Stirn das graue Haar lang und wellig hinabfiel, seine Augen deckend. »Allerdurchlauchtigster, großmächtigster König und Herr«, sagte er, »Eure Gnade weiß, daß wir von unserer früheren Herrschaft, der wir Treue gelobt hatten, noch nicht losgesprochen worden. Gleichwohl, da es Gott in seiner Allmacht so gefügt hat, daß Ihr im Kampfe Sieger geblieben und dieses Haupthaus eingenommen, und weil wir verlassen sind von unsern Herren und Eure Gnade uns keine Frist gestatten will, uns des früheren Eides zu entledigen, hiezu auch volle Macht hat, also sprech' ich's aus als den Willen der Stadt, daß sie bereit sei, Ew. Majestät und der Krone Polen zu huldigen, als dem Herrn des Landes Preußen, so uns Gott helfe, und erbitten uns dafür Ew. Majestät Gnade und mächtigen Schutz.« Er wendete sich darauf zurück und fragte die Seinigen, ob dies recht gesprochen sei, und da sie mit Ja antworteten, kniete er unten an den Stufen auf dem Scharlachtuch nieder, hob die Hand und sprach den Eid, wie er ihm durch den Woywoden von Kulm vorgesagt wurde. Dabei wurden ihm die Augen feucht, und es rollte eine Träne auf sein Wams, als er aufstand. Das sah der König, drohte ihm mit dem Finger und sagte: »Du – du! Halte Wort! Es wär sonst dein Schade.« Der Stadt Marienburg wurden sodann ihre Privilegien in Gnaden bestätigt. Nach diesem feierlichen Akt bewirtete der König wiederum in den Prachträumen des Schlosses alle seine Gäste. Nach einigen Tagen zog er mit seinem Gefolge ab und nahm den größten Teil des polnischen Heeres mit sich. Tileman vom Wege verzweifelte daran, im Lager wieder zu Kräften zu kommen, und ließ sich, da er kein Pferd besteigen konnte, in einer Sänfte nach Thorn zurücktragen. Zehntes Kapitel Ein Wagnis der Treue Nach dem Abzug des Königs wurde es in der Marienburg bald recht still. Freilich nahm dort der Gubernator Hans von Baisen seinen Amtssitz, aber das Haus, in dem die Hochmeister residiert hatten, war ihm unheimlich; er verweilte ungern darin längere Zeit und hielt sich lieber auf seinen Gütern auf oder reiste im Lande umher, wenn ihn nicht sein kranker Fuß ans Lager fesselte. Mit vielem, was jüngstens geschehen war, hatte er sich nicht befreunden können. Die Dinge nahmen einen gar anderen Verlauf, als zum Nutzen des Landes gut schien. Jeder suchte sich zu bereichern, wie er konnte; den Löwenanteil an der Beute nahmen aber die Städte Danzig und Thorn hinweg, und es war noch gar nicht abzusehen, wie weit sie ihre Forderungen steigern würden, wenn neue Geldvorschüsse von ihnen verlangt werden mußten. Schon jetzt waren sie fast unabhängige Republiken, mächtiger als die Landesregierung selbst. Die kleinen Städte lenkten sie nach ihrem Willen. Die Ritterschaft mußte sie gewähren lassen; es war nur deren stetes Bestreben, die Lasten nach Möglichkeit von sich abzuschieben und durch die Gunst des Königs für sich immer neue Privilegien zu erlangen. Jeder von den Großgrundbesitzern strebte danach, Herrschaftsrechte zu erlangen und sich die kleinen Freien zu unterwerfen. Es war ihr Stolz, sich der Freiheit des polnischen Adels rühmen zu dürfen. Hans von Baisen sah mit Bekümmernis in die Zukunft. Das hohe Ziel, das ihm vorgeschwebt hatte, dem deutschen Lande Preußen seine Selbständigkeit zu bewahren, war schon von den Mitkämpfern aufgegeben. Was dem Orden genommen wurde, fiel nicht der neuen Herrschaft zu, sondern kam zur Teilung unter den Gläubigern, die dem unseligen Krieg ihren Anspruch verdankten. Und sie konnten nicht einmal befriedigt werden. Die ungeheuren Summen, die den Söldnern hatten zugebilligt werden müssen, ließen sich nicht sogleich aufbringen. Sie behielten die Pfänder. Sollte der Krieg fortgesetzt werden, so waren neue Mittel erforderlich. Das verarmte Land konnte sie nicht mehr aufbringen. Die aber reich geworden waren, beanspruchten für weitere Vorschüsse weitere Berechtigungen. An energische Fortsetzung des Krieges war vorerst gar nicht zu denken. Der König hatte große Versprechungen gegeben, brauchte aber sein Heer an anderer Stelle und war beständig in schlimmster Geldnot; seine neuen Untertanen sollten sich selbst helfen. So blieb zwar eine Besatzung in der Marienburg, aber sie reichte nur eben hin, das Schloß gegen Überfall durch den Feind zu sichern. Das Lager vor der Stadt war längst aufgehoben. Thorn hatte seine Söldner, soweit sie nicht zum Schutz der eigenen Mauern in Dienst gehalten werden mußten, entlassen. Unter solchen Umständen durfte der Orden, so kümmerlich auch seine Lage war, noch nicht ganz verzweifeln. In der Stadt Marienburg herrschte eine trübe und unzufriedene Stimmung. Jetzt erst wurde den Bürgern recht klar, was sie durch Vertreibung des Ordens verloren hatten. Keine andere Stadt des Landes erlitt eine so große Einbuße. Seit anderthalb Jahrhunderten war das starke Schloß an der Nogat die hochmeisterliche Residenz gewesen. Der fürstliche Haushalt dort setzte die Bürgerschaft in Nahrung. Kein Tag verging, an dem nicht Fremde anlangten, die im Schloß Geschäfte hatten: Komture und Vögte der entfernteren Gebiete, Abgesandte von Ländern und Städten, Sendboten des Deutschmeisters, des Landmeisters von Livland, der deutschen Reichsfürsten, Gäste fürstlichen und adligen Standes. Die meisten brachten ein stattliches Gefolge mit, das in der Stadt einquartiert wurde; zu den Festlichkeiten lieferten die Bürger einen Teil des Bedarfs. Nie fehlte es an Neugierigen und Schaulustigen, die hier aus weiter Ferne zusammenströmten, das Gepräge des Hofes zu bewundern und etwas Neues zu erfahren. Die Handelsstädte, die mit der Hansa in Verbindung waren, hielten hier ihre Tage ab und führten viel Geld zu; hier wurde über Landesordnungen beraten; hier hatte auch einer der Großschäffer des Ordens seinen Sitz, und Marienburger Bürger waren seine Agenten bei den wichtigen und umfangreichen Handelsgeschäften, die er betrieb. Die Stadt unter den Mauern des Schlosses war wohlhabend geworden und hatte sich darauf eingerichtet, daß dieser Verkehr ein dauernder sein würde. Nun sollte man nicht nur in den Jahren des Krieges große Verluste zu beklagen gehabt haben, sondern sich auch an den Gedanken gewöhnen, daß die guten Zeiten nie mehr wiederkehren könnten. Ja, wenn statt des Hochmeisters fortan ein König im Schloß hausgehalten hätte! Aber künftig war nur in längeren Zwischenräumen sein Besuch für wenige Tage zu erwarten. Und nicht einmal einen Statthalter hatte er eingesetzt, der fürstlichen Aufwand treiben sollte und konnte. Das mittlere Schloß war wie verödet, und nie wieder sollte dort ein glänzender Hof die Blicke der ganzen Christenheit auf sich ziehen. Handel und Wandel stockte, die Speicher der Kaufleute standen leer, die Kahnreeder hatten nichts zu tun, die Arbeiter waren ohne Beschäftigung, die Handwerker erhielten keine Bestellungen. Man zehrte von den Resten des früheren Wohlstandes und sah mit Schrecken, daß ihm alle Wurzeln untergraben waren und in kurzem alle Säfte stocken mußten. So hörte Bartholomäus Blume täglich nur Klagen und Verwünschungen. Ihm freilich konnte man diese trostlose Wendung der Dinge nicht zur Last legen; aber er war doch das Oberhaupt der Stadt und sollte Rat schaffen. Es schien nur geholfen werden zu können, wenn der Orden wieder Herr des ganzen Landes wurde, der Hochmeister wieder in seine Burg einzog und von hier aus die Thorner und Danziger demütigte. Schon wurden in allen Ständen Stimmen laut, man habe nur gezwungen dem König gehuldigt und sei ihm von Rechts wegen zu nichts verpflichtet; man müsse trachten, den Orden wieder zu Kräften zu bringen und das Schloß in seine Gewalt zu geben; die Stadt dürfe nicht den verräterischen Buben zuliebe gänzlich zugrunde gerichtet werden. Blume suchte zu trösten und zu beruhigen, aber ihm selbst war bange zumut. Litt er doch am schwersten unter der Pein dieser traurigen Verhältnisse. Auch ihm fehlte es nicht an geschäftlichen Sorgen, aber ohne Klagen hätte er noch größere Verluste erduldet, wenn er so nur seinem alten Herrn die Treue hätte bewahren können. Sein Herz gewöhnte sich nicht daran, von ihm abzulassen. Die Hoffnung, daß der gnädige und gerechte Gott nach dieser Zeit der Prüfung ihn wieder in all seine frühere Herrlichkeit einsetzen werde, wollte ihm nicht ersterben. Jede Nachricht, daß des Königs Macht geschwächt sei, daß die Bündischen Verluste erlitten hätten, daß sie ihre Streitmacht zu schwächen genötigt gewesen, erfüllte ihn mit Freude. Daß der Orden auch in dieser furchtbarsten Not seine Sache noch nicht verloren gab, die Burg Königsberg befestigte, Marienwerder behauptete, das mit seinem Gebiet bis an die Weichsel herantrat, Soldhauptleute fand, die seinem Stern vertrauten, gab ihm neue Ermutigung. Er schickte Marcus ins Land, Erkundigung einzuziehen, und hörte gern, wenn er berichtete, wie überall Mißvergnügen über das Treiben der Bündischen herrschte, die das arme Volk betrogen hätten, und die Herrschaft des Ordens zurückgesehnt würde. Wie lange konnte ein allgemeiner Aufstand noch auf sich warten lassen? Dann würde der Orden auch seine Stadt Marienburg wieder einnehmen und sie des erzwungenen Eides entbinden. Frau Regina war mit ihrer Tochter in der Stadt geblieben. Freilich hatte sie die Gastlichkeit des Bürgermeisters und seiner guten Frau nicht mißbrauchen wollen und deshalb an eine Beschäftigung gedacht, mit der sie sich den Unterhalt verdienen könne. Blume schlug ihr vor, ihre ärztliche Kunst auszuüben, und räumte ihr mit des Rats Bewilligung die kleine Wohnung im städtischen Spittel ein, die vom Aufseher benutzt zu werden pflegte. Der Apotheker versorgte sie mit Arzneimitteln. Da sie aber Verlangen nach ihren eigenen Vorräten hatte, machte Marcus sich auf den Weg nach Heilsberg und in den Wald. Er fand das Waldhaus verlassen und ausgeplündert, kein lebendes Wesen mehr darin; die alte Magd hatte flüchten müssen. Die Kräuterkammer war verschont geblieben. Marcus packte sorgsam zusammen, was er dort fand, und brachte es nach Hause. Seitdem wurde das Stübchen im Spittel von Hilfesuchenden selten leer. Frau Regina hieß nicht mehr die Waldfrau, sondern weit im Umkreise die kluge Frau von Marienburg. Marcus hatte Ursula aus dem Walde einen jungen Star mitgebracht. Den lehrte sie sprechen und singen, daß sich die Leute darüber verwunderten. Wenn er »Marcus, lieber Marcus« rief, meinten sie seine Mutter zu hören. So verging die Zeit bis in den Herbst hinein. Eines Tages – es war nebliges, unfreundliches Wetter – meldete sich im Hause des Bürgermeisters ein Graumönch und bat, zu ihm gelassen zu werden, da er von auswärts komme und für sein Kloster etwas zu erbitten habe. Frau Christine wollte ihn mit einer reichlichen Gabe abtrösten, er blieb aber dabei, daß er den Hausherrn selbst sehen müsse. Nun fiel's der Bürgermeisterin auf, daß seine Haltung für einen Klosterbruder wenig demütig war und seine Stimme rauh wie die eines Kriegsmanes klang. Sie forschte deshalb nicht weiter, sondern ließ ihn bei Bartholomäus ein. Sobald die beiden Männer allein waren, warf der Graumönch die Kapuze zurück, die sein bärtiges Gesicht beschattet hatte, und sagte: »Kennt Ihr mich, Herr Bartholomäus Blume?« Der Bürgermeister stutzte. Im nächsten Moment leuchtete die Freude in seinen Augen auf. »Gnädigster Herr Spittler ...«, rief er aus und streckte ihm die Hand entgegen. »Still!« unterbrach Plauen, »mein Name darf nicht ausgesprochen werden. Die Wände haben Ohren. Ich habe mich nicht ohne Grund in solcher Vermummung in die Stadt eingeschlichen. Eure Stadt hat polnische Besatzung.« »Gott sei's geklagt«, antwortete Blume. »Zwar ist sie nur schwach, aber darum nicht weniger lästig. Herr Ulrich Czerwonka, der Schloßhauptmann –« »Ich weiß alles«, fiel Plauen ein, »die Stadt ist vergewaltigt.« »Und Ihr kommt –« »Um Euch einen Gruß vom Herrn Hochmeister zu bringen, der Eurer oft in Ehren gedacht.« »Das ist mir eine Freude zu hören. Und wie geht's meinem gnädigsten Herrn?« »Traurig genug, aber doch so traurig nicht mehr, als da er von der Marienburg schied und von Schloß zu Schloß wanderte, ein sicheres Obdach zu finden, und überall nur Not und Elend traf, das er nicht mehren wollte. Sein Mut ist wieder merklich aufgerichtet, da ihm von mancher Seite Unterstützung geworden, wo er sie nicht erwartet. Die deutschen Söldner sind ihm meist treu geblieben. Wir haben unsere festen Plätze behauptet und einige Burgen dem Feinde wieder entrissen. Das Glück, das uns schon ganz verlassen zu haben schien, zeigt uns ein freundlich Gesicht. Die Verräter meinten den Lohn ihrer schnöden Tat geerntet zu haben und sind lässig geworden. Sie wagen nicht mehr anzugreifen, nachdem sie wiederholt im Felde geschlagen sind. Ihr Vertrauen auf die Hilfe des Königs ist erschüttert, da der Reichstag ihm die Mittel versagt, den Krieg hier im Norden kraftvoll fortzusetzen. Seine Polen merken wohl, daß sie von den Bündischen arg hinters Licht geführt sind und der Gewinn den Aufwand nicht lohnt. Der Heilige Vater hat auf des edlen Aeneas Sylvins Mahnung von neuem den Bannfluch gegen alle Feinde des Ordens ausgehen lassen, und man weiß, daß der König mitgetroffen sein sollte. Das macht die polnische Geistlichkeit scheu und einen Teil des Adels bedenklich. So hoffen wir, trotz aller Kümmernisse, am Ende doch Sieger zu bleiben.« »Das wolle Gott geben«, sagte Blume, die Hände faltend. »Täglich bestürm ich seine Gnade deshalb mit meinen Gebeten.« Der Spittler drückte ihm die Hand. »Wir kennen Euch als treu und unserer guten Sache sehr ergeben«, versicherte er, »und vertrauen, daß Ihr nicht nur für uns beten, sondern im rechten Augenblick auch für uns handeln werdet.« »Wie soll ich das verstehen?« fragte der Bürgermeister, durch den strengen Ton betroffen. Seine grauen Augen forschten im Gesicht des vornehmen Gastes, was dessen Meinung sein mochte. »Ihr wisset«, fuhr Plauen heimlicher fort, »daß unseren Orden kein schwererer Schlag treffen konnte als der Verlust seines Haupthauses. Die Marienburg zurückzugewinnen, muß das Ziel all unseres eifrigsten Strebens sein.« »So ist's, gnädiger Herr, so ist's.« »Euch hat nicht entgehen können, wie's jetzt darin bestellt ist. Meint Ihr, daß uns ein unvermuteter Angriff gelingen könnte?« Blume hob aufmerkend den Kopf. »Die Mauern sind sehr fest – sie haben bisher noch jedem Ansturm widerstanden. Freilich hat Herr Ulrich Czerwonka zur Zeit noch achthundert Mann ins Schloß gezogen, sehr wider Willen des Herrn Stibor von Baisen, der eifersüchtig darüber wacht, daß der Hauptmann sich nicht der Burg als seines Eigentums bemächtige. Doch auch diese Verstärkung reicht zur Verteidigung der ausgedehnten Werke bei weitem nicht aus. Aber wie wolltet Ihr unvermutet mit einem Belagerungsheer von vielen Tausenden ...« »Es steht uns für jetzt nicht einmal zu Gebot. Nur ein überraschender Überfall kann Erfolg haben. Hört! Unser getreuer Bernhard von Zinnenberg will ihn von der Burg Stuhm aus wagen.« »Bernhard von Zinnenberg? Der wackere Mann! Ja, er hat bisher Stuhm dem Orden treu bewahrt, wie der König und die Bündischen ihn auch zur Übergabe drängten. Auf ihn ist Verlaß.« »Er hat nur zwei gute Meilen Weges bis hierher. Wenn er wüßte ..« »Was, gnädiger Herr?« »Daß er in die Stadt aufgenommen würde ...« »In die Stadt –?« »Nun erschreckt Ihr. Ich glaubte, Ihr wolltet mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, Eurem alten Herrn zu dienen.« »Gewiß, gewiß –! Aber ...« »Das Schloß kann nur von der Stadt her überrumpelt und rasch eingenommen werden. Es mag ein großes Wagnis sein –« »Das bedenk' ich nicht, gnädiger Herr, aber ...« Ihm wurde sichtlich heiß; Schweißtropfen standen auf seiner Stirn unter dem lockigen Haar. »Was ist's also?« fragte der Spittler. »Gnädiger Herr«, antwortete Blume gepreßt, »die Stadt hat dem König gehuldigt.« »Hoffentlich nur gezwungen. So haben wir's angesehen.« »Gezwungen – Gott weiß es! Aber unser Eid –« »War ein gezwungener Eid. Er hat keine Gültigkeit über die Zeit der Not hinaus.« »So ist er nicht verstanden, gnädiger Herr – vom König nicht verstanden.« »Wie? Und Ihr wolltet Euch durch solchen Zwang in Eurer Seele für gebunden halten? Wie könnte das geschehen, Bartholomäus? Dann wahrlich hättet Ihr die Treue dem alten Herrn gebrochen und schmählichsten Verrat geübt. Gott könnt' Euer falsches Gebet nicht erhören.« »Und wär's nicht Meineid, den seine Gerechtigkeit strafen müßte ...« »Das fürchtet nicht. Habt ihr Marienburger nicht dem Herrn Hochmeister und seinem ganzen Orden geschworen?« »Von ganzem Herzen.« »Und durftet ihr den Eid brechen?« »Es ist nicht mit unserm Willen geschehen.« »Es ist überhaupt nicht geschehen. Zwang euch der König zu einem Eide, der hob jenen nimmermehr auf.« »Ihr seht meine Gewissensangst, gnädigster Herr –« »Könnt ich Euch zu einer Todsünde verführen wollen? Ich sag' Euch, dieser Eid ist kein Eid, und das möget Ihr allen denen wiederholen, die ihn erzwungen geleistet haben. Er ist null und nichtig hüben und drüben. Hatte der Orden Euch Eures gelobten Gehorsams entlassen? Nein! Durfte der König euch zu Untertanen annehmen, bevor er uns solche Entlassung abgetrotzt hatte? Nein! Erhielt er der Kirche Beistand, euch zu lösen von dem alten Eide, damit der neue gelte? Nein! Was sagt Ihr also, Mann? Wär's ein Fehl gewesen, der Gewalt zu weichen, den wollt' Euch der Orden verzeihen und der Papst in Rom auf seine Bitte gern abnehmen. Denn Eure und der Eurigen Schuld ist wahrlich nicht groß.« »So wolltet ihr Kreuzherren uns vertreten, daß ihr uns bei dem alten Eide festgehalten hättet?« »Das wollen wir, und hoffentlich auch mit gutem Erfolg dem König gegenüber. Das eine nur habt ihr zu bedenken, daß ihr mit ihm brecht. Kann er's, so wird er den Abfall rächen.« »Das mag geschehen«, rief Blume, »und soll uns keine Not zu groß sein. Gebt uns nur das Versprechen, daß der Orden uns beistehen wolle mit ganzer Kraft, daß wir das Werk gemeinsam vollbringen.« »Ich geb's, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin«, entgegnete der Spittler, wuchtig in seine Hand einschlagend. »Helft dem Orden, wie ihr's ihm schuldig seid, und er wird seine Stadt Marienburg im Kampf nicht verlassen.« Nun wurde der Plan näher besprochen. Blume sollte davon auf dem Rathause nichts verlauten lassen, bis das Unternehmen reif wäre, indessen aber heimlich alle Vorbereitungen treffen. Das weitere hätte er mit Bernhard von Zinnenberg zu verabreden, der den Spittler unterrichten werde. Er dürfe ihm vollstes Vertrauen schenken. »Und so stehe uns denn die Himmelskönigin in Gnaden bei« schloß Plauen, , daß wir die Verräter überlisten und ihnen den Raub abnehmen, damit wir der gebenedeiten Jungfrau Maria wieder dienen können in ihrem Hause zu Ehren Gottes und der Menschen.« »Amen«, sagte Bartholomäus Blume, die Hände faltend. Der Spittler zog die Kapuze über den Kopf und verließ das Haus, von Blume bis zur Tür geleitet. Seitdem hatte der treue Mann mehr als je unruhige Tage und Nächte. Er wußte wohl, was er sich übernommen und wieviel für ihn und die Stadt Marienburg auf dem Spiel stand. Gelang der Überfall, so mochte des Ordens endlicher Sieg wahrscheinlich sein; mißlang er, so war von des Königs Zorn und der Bündischen Rachsucht das Schlimmste zu fürchten. Frau Christine, die ihn sorgend beobachtete, merkte, daß seit jenem Besuch etwas in ihm vorging. Sie sagte es ihm aus den Kopf, das sei kein Mönch gewesen. Er bat sie, ihn nicht zu bedrängen. Da er aber sah, wie sie sich um ihn härmte, meinte er am Ende, es sei am besten, sie ins Geheimnis zu ziehen, zumal er sich doch ohne ihr Wissen nicht aus der Stadt entfernen konnte. So sagte er ihr eines Nachts, da sie beide nicht schlafen konnten, alles und fügte gleich hinzu, er sei entschlossen, seine Pflicht zu tun, es komme, wie es wolle. Darüber erschrak sie anfangs sehr und bat ihn kleinmütig, die Folgen zu bedenken und Weib und Kind nicht zu vergessen. Er aber seufzte nur und sagte: »Das ist alles bedacht und liegt nun in Gottes Hand. Will er uns zeitlich verderben, so werden wir doch seine ewige Gnade gewinnen. Wie sollt' ich vor mir selbst noch bestehen, wenn ich feige den Dienst verweigerte, den mein Herr fordert? Groß ist die Gefahr, aber groß auch der Sieg. Was jetzt versäumt wird, kann nie wieder eingeholt werden. Was für ein erbärmliches Dasein ist das unter der Polen Herrschaft! Deutsch wollen wir sein und bleiben, wie unsere Väter es waren, die ins Land zogen, zur Ehre des deutschen Namens zu kämpfen und zu arbeiten. Vergäßen wir das, uns wäre besser, die Heiden hätten uns erschlagen. Darum hindere mich nicht, liebes Weib, diesen dornigen Weg zu wandeln, der doch allein zum Heil führen kann. Fühlst du als eine deutsche Frau, so werd' ich deinem Herzen um so teurer sein.« Sie weinte eine Weile still. Dann aber sagte sie: »Du hast recht, Bartholomäus, und überwindest meine Zaghaftigkeit. Wie könnt' ich deine Treue schelten, die mich doch selbst mein Leben lang beglückt hat. Wo du gehst, da will ich auch gehen, und was du zu tragen hast, mit dir tragen. Mag die Last unsern Schultern nicht zu schwer werden!« »So hab' ich's von meinem lieben Weibe erwartet«, antwortete Blume, »und nun kann ich wieder fröhlichen Sinnes sein, es komme, was da wolle.« Am andern Tage verließ er die Stadt. Er sagte der Torwache, daß er nach seinem Gütchen hinaus wollte, um dort Marcus zu besuchen, der die Wintersaat bestelle. Dahin ging er auch vorerst. In der Nacht aber begab er sich nach der Burg Stuhm, nannte ein Losungswort, das ihm der Spittler für diesen Fall angezeigt, und wurde nun sogleich zum Hauptmann eingelassen. Bernhard von Zinnenberg war ein ritterlicher Herr, nicht mehr in den jüngsten Jahren, aber noch vollkräftig und gleich dem Jüngsten beweglich. Er hatte nie das Waffenhandwerk, wie so viele Soldhauptleute sonst, nur als ein Geschäft betrieben, das ihm Geld und allenfalls auch Ruhm eintragen möchte. Es war ihm Ernst damit, seine Ritterehre für die Sache einzusetzen, die er vertrat. Dem Deutschen Orden hatte er sich verdungen, weil er dessen Kampf für gerecht und Gott wohlgefällig hielt. Als ein Ritter müsse er den Rittern beistehen, nicht den Krämern, hatte er gemeint und danach gehandelt. Aus dem Reich brachte er eine starke Abneigung gegen die bündnerischen Städte mit, die sich ihrer fürstlichen und ritterlichen Herren entledigen wollten. Nach seiner Gesinnung war er gut deutsch und haßte die Polen wegen ihrer barbarischen Kriegführung und ihres übermütigen, leichtfertigen Wesens. Sein Körper war voll Narben; nie hatte er sich im Gefecht geschont. Immer ritt er voran und warf sich mit rechter Lust gegen den Feind, die Stärke seines Armes und die Schärfe seines Schwertes zu erproben; er meinte den Sieg nicht verdient zu haben, wenn er nicht mit eigener Hand so und so viele Gegner in gutem Harnisch vom Pferde geworfen. Von den Feuerwaffen hielt er nichts; sie schienen ihm nur erfunden, um der Mannhaftigkeit Abbruch zu tun. Er war rauh von Art, geradezu, oft verletzend in seiner Derbheit und Rücksichtslosigkeit, aber auch durchaus zuverlässig und ehrenfest, zäh, ausdauernd, an Entbehrungen gewöhnt und auch in guten Zeiten allem weibischen Luxus abhold. Sein Wams und Mantel waren oft geflickt, aber sein Eisenhut und Panzerhemd immer blank. Seine Leute, so scharf er sie behandelte, hingen an ihm mit schwärmerischer Verehrung; er sorgte aber auch für sie wie ein Vater und hätte lieber selbst die äußerste Not gelitten, als sie darben zu sehen. Deshalb war es ihm auch gelungen, die Burg Stuhm für den Orden zu behaupten. Sie war jetzt der vorgeschobene Posten, von dem aus das verlorene Gebiet wiedererobert werden sollte. »Ich weiß, was Euch herführt«, redete er den Bürgermeister an, ohne ihn zu Worte kommen zu lassen. »Der Herr Spittler hat mir angezeigt, daß Ihr nicht zu den Hundsföttern gehören wollt, die ihren Gebieter im Unglück verlassen. Das ist brav und hab' ich auch von Euch nicht anders angenommen. Könnt Euch deshalb die Einleitung sparen und gleich zur Sache kommen. Wie gedenkt Ihr uns bei diesem Wagnis beizustehen?« »Ew. Edlen sollen erfahren, was ich von der Lage des Schlosses weiß«, antwortete Blume, »und was die Stadt Marienburg an Mannschaft und Waffen bieten kann. Machet dann selbst Euren Plan und zieht mich in Euer Vertrauen. Ihr seid ein erfahrener Kriegsmann und werdet besser als ich des Feindes Stärke und Eure Mittel zu schätzen wissen. Wie Ihr uns anstellt, so wollen wir Euch zu Diensten sein.« »Das hör' ich gern«, sagte der Hauptmann freundlicher. »Sprecht, lieber Bürgermeister, daß wir für unsere Beratung festen Grund gewinnen. Ich bemerk's Euch im voraus, daß es sich um kein leichtes Stück Arbeit handelt.« Blume unterrichtete ihn nun getreulich von allem einzelnen, das ihm zu wissen not tun möchte, insbesondere auch von der Beschaffenheit der Schloßmauern nach der Stadtseite hin. »Es ist die Meinung der Bauherren gewesen«, fügte er hinzu, »daß hier die Stadt das Schloß decke. Vor vierzig Jahren ließ sie der Hochmeister von den Bürgern niederbrennen, damit sich die Polen nicht darin festsetzten und einen Halt fänden gegen die Burg. Ist sie unversehrt in den Händen der Belagerer, so mag sie wohl jetzt den Verteidigern noch mehr bedrohlich sein, da sie seitdem stärker befestigt ist.« »Auf eine regelrechte Belagerung können wir uns nicht einlassen«, entgegnete Zinnenberg, »das muß ein Kind einsehen. Die Frage ist nur, ob wir das Schloß vor der Stadt her überraschen. Vielleicht ließe sich vom Schuhtor eindringen. Ihr nanntet aber auch eine Laufbrücke. Sie muß zu einer Pforte führen. Gelingt's uns, die zu besetzen, ehe der Feind die Gefahr wittert, so haben wir viel gewonnen.« »Das scheint mir unsere ganze Hoffnung«, sagte Blume. »Einige hundert Mann können auf dem Johanniskirchhof, über den der Weg geht, versteckt werden. Die Brücke aber ist nur schmal und die Pforte nicht breiter, als daß zu gleicher Zeit zwei Personen eintreten können. Gelingt's Euch, Eure Mannschaft hindurchzubringen und auf dem Parchan unter dem alten Hause zu sammeln, so habt Ihr noch eine Pforte an der Ecke nach dem Herren-Dansk zu überwinden. Es wär' aber leicht möglich, daß Ihr sie offen fändet, denn die Polen sind fahrlässig, wenn sie sich vor Überfall sicher glauben, und Herr Ulrich Czerwonka kann die Augen nicht überall haben.« »Darauf müssen wir nun vertrauen«, erwiderte Zinnenberg. »Sind wir erst drinnen, so soll's uns nicht ängstigen, daß die Polen ein paar hundert Mann mehr unter Waffen haben als wir. Die deutschen Landsknechte werden mit ihnen fertig werden, wenn ich sie führe, und Eure Aufgabe ist dann nur noch, uns in der Stadt den Rücken zu decken. Man muß aber auch den andern Fall bedenken, daß wir abgeworfen werden. Dann geht der Tanz für euch Marienburger erst recht los, und möcht' wohl mancher dabei zu kurzen Atem haben, fürcht' ich. Denn die Stadt muß sich gegen das Schloß setzen, und das kann ein absonderlich Schauspiel geben, wie wenn zwei Ringer mit einem Strick umbunden sind und Brust an Brust gegeneinander drücken, wer beim Fall oben oder unten zu liegen komme, überlegt's Euch, Herr Bürgermeister, ob Ihr Eurer Stadt so viel Standhaftigkeit zumuten und zutrauen dürft. Denn was Ihr nicht mit Einsatz aller Kraft zu Ende führen könnt, das fangt lieber gar nicht an. Es wär' mir leid um jeden Mann, wenn ich den Überfall wagte und hätt' hinterher keinen Rückhalt an der Stadt.« »Daran soll's Euch nicht fehlen, Herr Hauptmann«, versicherte Blume. »Wie wir uns aber gegen Euch verpflichten, im Fall des Mißlingens treulich auszuharren, so wollet auch Euch gegen uns verpflichten, die Stadt ihrem Schicksal nicht preiszugeben, sondern sie verteidigen zu helfen, wie es die Not verlangt.« »Da habt Ihr mein Ritterwort«, antwortete Zinnenberg und bot ihm die Hand. Blume hielt den Druck aus, ohne mit den Wimpern zu zucken. Das gefiel dem Hauptmann. »Ich merke, wir werden gute Kumpane sein«, sagte er lachend. Dann beredeten sie den Plan genau und setzten die Zeit fest. Bernhard von Zinnenberg wollte den Spittler benachrichtigen, damit er einen Streithaufen möglichst in der Nähe bereit hielte. Darauf kehrte Blume nach der Stadt zurück und zog einige von seinen Ratmannen, auf deren Verschwiegenheit er sich verlassen konnte, ins Geheimnis. Sie stimmten ihm freudig zu. Zinnenberg gewann die andern treuen Hauptleute in Stuhm und auf benachbarten Schlössern, den Grafen Burkhard von Querfurt, Georg von Schliewen, Wend von Eulenburg, Hans von Dohna, Hans von Tettau und andere für seinen Plan. Der Spittler eilte mit einem Fähnlein reisiger Kriegsknechte nach Stuhm. In einer finsteren Herbstnacht brach Zinnenberg mit seinen Rittern, sechshundert Reisigen und sechshundert Mann Fußvolk nach Marienburg auf. Er gelangte bis zu den Mauern der Stadt, vom Schlosse unbemerkt. Blume, der durch einen Boten verständigt war, öffnete ihm sofort die Tore. Er besetzte die Türme und Wehren. Die polnische Besatzung wurde überrascht, zum größten Teil in den Quartieren niedergemetzelt, der Rest mit ihrem Hauptmann gefangen. Eine auserlesene Schar besetzte den Johanniskirchhof und den Zugang zur hölzernen Laufbrücke. Auf ein gegebenes Zeichen brachen die vordersten Rotten geschlossen vor und eilten auf den Dietrichsturm zu. Die Wächter lagen im Schlaf und wurden niedergemacht, ehe sie Lärm schlagen konnten. Den Turm besetzte Zinnenberg. Nun aber war noch der offene Weg über den zweiten Teil der Brücke bis zur Mauerpforte zurückzulegen. Sollte der Sturm auf dieselbe gelingen, so mußte eine ausreichende Mannschaft vorgeschoben werden. Die Dunkelheit war nicht so groß, daß die Annäherung so vieler Bewaffneter unbemerkt bleiben konnte, wenn man auf der Mauer nicht alle Wachsamkeit vergaß. Auch knarrte und stöhnte das Holzwerk unter dem Tritt der Männer, und die Eisenplatten der Panzer oder die Ketten der Schwertgehänge rasselten bei jeder Bewegung. Zinnenberg, der mitten unter den Stürmenden war, trieb zur Eile. Die Vordersten hatten Streitäxte und Kolben mit eisernen Spitzen, um im Notfall das Tor einzuschlagen. Sie gelangten auch im Laufschritt bis an dasselbe. Nun aber war man oben hinter den Zinnen aufmerksam geworden und fragte hinunter, wer da nahe. Da keine Antwort erfolgte und immer neue Rotten über die Brücke vordrängten, erhoben die polnischen Wachen ein Geschrei und weckten ihre Mannschaft, die sich unter dem hölzernen Wehrgange gelagert hatte, aus dem Schlaf. Jetzt hielt's Zinnenberg an der Zeit, Gewalt zu brauchen. Er gab seinen Leuten Befehl, das Tor einzuschlagen und die Leitern anzusetzen. Aber das eisenbeschlagene Eichenholz widerstand eine Weile den wuchtigsten Hieben, und die Brücke war zu schmal, um gleichzeitig einer größeren Zahl von Leitern den Stützpunkt zu bieten. Von der Mauer herab wurden Schleudersteine auf die Stürmenden geworfen, mehrere von ihnen verwundet und getötet. Pfeile und Bolzen schwirrten durch die Luft und beunruhigten die ungedeckt auf der Brücke Stehenden. Sie riefen den Vorderleuten zu, sich zu beeilen. Vor den Mauern wurde es laut, wie auf ihnen. Endlich stürzte das Tor ein, aber ein Gatter sperrte den gewölbten Gang unter der Mauer und veranlaßte neuen Aufenthalt. Darauf waren die Angreifer nicht vorbereitet. Es dauerte lange, bis die Pfähle zersplittert zusammenbrachen, zumal die Polen zwischen den Gatterpfählen hindurch mit Lanzen gegen die Stürmenden stachen. Zuletzt drängte sich Zinnenberg vor, ergriff selbst eine Axt mit nerviger Faust und donnerte die Scheidewand nieder. Über die Holzsplitter und eisernen Riegel hinweg schob sich nun die Masse durch den engen Gang dem Parchan zu. Dort wurde sie von den Polen empfangen, die sich gesammelt und zum Kampf aufgestellt hatten. Da immer nur wenige von ihren Gegnern vorbrechen konnten, hatten sie, obgleich selbst nicht zahlreich, längere Zeit die Übermacht. Viele von den Landsknechten ließen da tapfer fechtend ihr Blut und Leben. Aber andere ersetzten sie sogleich. Nach und nach füllte sich der Platz hinter der Pforte. Die Hauptleute ordneten ihre Kolonnen und warfen die Polen zurück. Nun konnten die auf der Brücke ungehindert den Parchan erreichen und die Streitschar verstärken. Die Polen waren bemüht, ihn zu sperren, indem sie sich mit dem einen Flügel an die Mauer lehnten, mit dem andern gegen das Schloß hinschwenkten. Sie wichen nur Schritt nach Schritt. Jetzt kam alles darauf an, die Pforte am Herren-Dansk zu erreichen, bevor von jenseits Zuzug kam. Zinnenberg feuerte die Seinigen an, stellte sich immer wieder selbst an die Spitze. Schon schien die Kraft der Verteidiger zu erlahmen, die jetzt erkannten, daß sie es mit einem übermächtigen Feinde zu tun hätten. Da aber brachte ihnen Ulrich Czerwonka Hilfe. Der Turmwächter war auf den Lärm und das Waffengeklirr unten aufmerksam geworden und hatte in den Schloßhof hinab das Signal gegeben. Vom Parchan her ritten Boten herbei und alarmierten die Schlafenden. Der Hauptmann wurde geweckt, fuhr in die Kleider und trat halb gerüstet auf den Hof hinaus. Mit einem Trompeter durchschritt er die Kreuzgänge und ließ zum Frühauf blasen. Alles stürzte aus den Schlafstellen und sammelte sich im Hof. Als Czerwonka einige Hunderte zusammen hatte, führte er sie um das Schloß nach dem Herren-Dansk und besetzte die Pforte. Eben drängten sich durch dieselbe die fliehenden Polen. Er trieb sie zurück. Sein Beistand machte ihnen wieder Mut; sie warfen sich, verstärkt durch die Nachdringenden, nochmals gegen die Angreifer. Von der Mauer herab wurde mit Pechfackeln und Windlichtern geleuchtet. Auf dem Parchan entspann sich ein wilder Kampf Mann gegen Mann. Bald wuchs die Schar der Polen und Böhmen so mächtig an, daß die Landsknechte trotz aller Tapferkeit weichen mußten. Bernhard von Zinnenberg setzte es noch einmal durch, daß sie standen und zum Sturm vorgingen. Wurde der Herren-Dansk genommen, so konnte von diesem starken Außenwerk aus das Schloß beschossen und vielleicht doch noch, wenn schon mit vielem Blutvergießen, erobert werden. Die nächste Stunde mußte entscheiden, ob alle Mühe vergeblich gewesen. Die Lanzen splitterten, die Schwerter klirrten, die Helme barsten, Flüche und Wehrufe erfüllten die Luft. Einen Augenblick schien's, als müßten die Polen den Parchan räumen. Aber schon waren auch die Wehrgänge des Schlosses besetzt. Von dort wurden Steine hinabgerollt, Speere geworfen, hageldicht Pfeile entsendet. Sie trafen freilich Freund und Feind. Czerwonka mußte Leute abschicken und Einhalt gebieten. Nun stürmte Zinnenberg noch wilder an. Es gelang ihm, die Polen durch die Pforte zurückzutreiben. Aber sie selbst vermochte er nicht zu nehmen; das Tor widerstand wie die Mauer. So behauptete er zwar die Nacht hindurch den Parchan und die Brückenpforte; sein kühner Anschlag gegen das Schloß jedoch war vereitelt, das mußte er sich zähneknirschend eingestehen. Doch gab er noch nicht alles verloren. Er sendete die Verwundeten nach der Stadt, zog frische Mannschaften heran und gab den Bürgern Befehl, noch in der Nacht für den Angriff bewegliche Schutzdächer aus Brettern und Flechtwerk herzurichten. Bei Morgengrauen ordnete er wieder seine Landsknechte unter den Holzgerüsten hinter der Mauer. Aber auch Ulrich Czerwonka war nicht müßig geblieben. Er hatte eiligst alles grobe Geschütz, das in der Vorburg irgend entbehrlich war, nach dem rechten Schloß schaffen und gegen die Stadt richten lassen. Als nun bei aufsteigender Sonne der bleigraue Himmel sich erhellte, donnerten von dort her die Kanonen. Zum Schrecken der Bürger schlugen die Kugeln in die Dächer ein und fegten die Straßen. Niemand wagte sich unter den Lauben vor, Weiber und Kinder flüchteten in die Keller. Die Kriegsleute durchbrachen im Innern der Häuser die Zwischenwände und stellten so einen Durchgang her, der auch von den Bürgern benutzt wurde. Jeder hielt Löschgerätschaften und Wasser bereit, einen etwa entstehenden Brand sogleich zu dämpfen. Nicht schnell genug glaubte Bernhard von Zinnenberg der bedrohten Stadt zu Hilfe kommen zu können. Dies geschah unzweifelhaft am wirksamsten durch den erneuten Angriff auf das Schloß. Er ließ eine Donnerbüchse, die in der Nacht auf den Parchan geschleppt war, gegen das Tor am Herren-Dansk richten und die Sturmleitern ansetzen. Aber die Mauer wurde jetzt von den besten Mannschaften Czerwonkas verteidigt, und sie wehrten sich wie die Verzweifelten, da sie wohl wußten, was für sie auf dem Spiel stand, wenn sie hier lässig wären. Immer wieder wurden die Leitern abgeworfen, die Stürmenden hinabgestürzt. Ihre Verluste waren groß, da nun auch seitwärts von der Schloßmauer her gegen sie Steine und Geschosse geworfen wurden, denen die Schutzdächer nur schwachen Widerstand leisteten. Vornehmlich richteten die Bogenschützen ihre Pfeile gegen die Bedienungsmannschaft am Geschütz und standen selbst hinter den Scharten so gut gedeckt, daß sie nicht getroffen werden konnten. So konnte die Donnerbüchse nur in langen Zwischenräumen eine Kugel gegen die Pforte absenden. Als sie wieder einmal zum Schweigen gebracht war, wagte Czerwonka einen Ausfall. Es wurde von beiden Teilen tapfer auf dem Parchan gekämpft. Zuletzt mußte Zinnenberg doch der Übermacht weichen. Noch verteidigte er die Brückenpforte und den Dietrichsturm, aber ohne Hoffnung, diese Werke zu halten. Er mußte sie aufgeben, nachdem seine Landsknechte in guter Ordnung den Rückzug über die Brücke nach dem Kirchhof bewerkstelligt hatten. Hinter ihnen wurde sie sofort von den Polen zerstört. An Verfolgung freilich konnte der geschwächte Feind nicht denken. Aber den ganzen Tag über setzte er die Kanonade gegen die Stadt fort und tat ihr viel Schaden. Es war ein Glück für sie, daß es den Polen bald an Kugeln und Pulver fehlte, da sie den geringen Vorrat rechtzeitig zu ergänzen versäumt hatten. Nach einer Nacht voll Angst und Sorge erneuerte sich daher die Beschießung nicht. Auch unterblieb ein Angriff vom Schloß. Czerwonka meinte Unterstützung von Danzig abwarten zu müssen. Bernhard von Zinnenberg traf mit Blume auf dem Rathaus zusammen. »Der Überfall ist mißlungen«, sagte er. »Wollet mir das Zeugnis geben, Herr Bürgermeister, daß ich reichlich getan habe, was ich tun konnte. Die Schloßmauern mit unsern Spießen einzurennen, ist unmöglich. Wir mußten darauf gefaßt sein.« »Ich war darauf gefaßt«, antwortete Blume mutig. »Und Ihr werdet die Stadt verteidigen?« »Mit Eurer und des Ordens Hilfe, wie uns zugesagt worden.« »Ich vergesse mein Wort nicht«, sagte Zinnenberg. »Lasset uns aber erwägen, wie der Stadt am besten zu helfen ist. Es kann nichts nützen, daß ich sie mit meinen Leuten besetzt halte. Gegen das Schloß wird sie sich vorerst selbst wehren müssen. Das kann sie. Denn seine Besatzung reicht nur schwach zur Verteidigung aus. Es kommt alles darauf an, daß ich die Bündischen hindere, mehr Truppen hineinzuwerfen, Proviant und Munition anzufahren. Um euch Luft zu schaffen, muß ich selbst angreifen, auf dem Lande sengen und brennen, den Feind, sowie er von da oder dort anrückt, zu schlagen suchen, die Thorner und Danziger hinter ihre eigenen Mauern zurücktreiben. Darin wird mich der Herr Spittler nach seiner Zusage unterstützen, und hoff' ich guten Erfolg – auch für euch Marienburger. Müßten wir aber am Ende doch hinter Mauern Schutz suchen, so rüstet euch, uns aufzunehmen. Wir stehen dann zusammen bis zum letzten.« »Bis Zum letzten«, wiederholte Blume, »wenn alle Bürger meines Sinnes sind. Euren Kriegsplan muß ich billigen. Mag's Euch gelingen, die Bündischen niederzuhalten und den König gänzlich zu entmutigen. Die Hauptsache ist für jetzt, nachdem diese Hoffnung schnellen Sieges verloren ist, daß wir Zeit gewinnen. Vielleicht setzt unsere Beharrlichkeit durch, was keine Gewalt erzwingen könnte.« »Ihr seid ein ganzer Mann, Bürgermeister«, rühmte der Feldhauptmann; »dafür erkenn' ich Euch in der Not. Hätte der Orden viele solcher Untertanen, die Verräter wären nicht aufgekommen.« »Wollt Ihr mit allen Euren Leuten abrücken?« fragte Blume, als achte er auf das Lob nicht. »Ein paar hundert laß ich zunächst hier«, antwortete Zinnenberg, »damit Herr Ulrich Czerwonka Eure Mauern besetzt sieht und nicht auf den Einfall kommt, Euch auch von der Landseite zu bedrängen. Den Rest des Fußvolkes schicke ich gegen Danzig. Mit meinen Reitern brech' ich ins Kulmerland ein, den Feind in Schrecken zu setzen und seine Rüstungen zu stören. Im Vertrauen zu Eurer mehreren Aufrichtung, werter Herr –: Der Bürgermeister Hans Malzkow in Kulm hat den Bund auch schon satt, dessen eifrigster Vertreter er doch früher war. Er merkt, daß die Thorner allen Rahm abschöpfen und den andern Weichselstädten nichts als die Schlittermilch lassen wollen. Ich hoffe, wir erleben's noch, daß sich die Thorner und Danziger in den Haaren liegen aus Neid und Eifersucht. Fressen sie einander auf, so wollen wir ihnen gute Verdauung wünschen.« Er lachte ingrimmig, aber Blume stimmte nicht ein. »So oder so«, sagte er, »das unglückliche Land muß es entgelten. Gott wolle uns gnädig sein!« Bald darauf verließ Zinnenberg die Stadt. Elftes Kapitel Jost vom Wege Kaum wußte Czerwonka Marienburg auf sich selbst angewiesen, als er die Aufforderung zur Übergabe ergehen ließ. Würde sie verweigert, so wolle er die Stadt in Grund und Boden schießen, daß kein Stein auf dem andern bliebe; füge sie sich gutwillig, so verspreche er sie der Nachsicht des erzürnten Königs zu empfehlen. Aber binnen vierundzwanzig Stunden müsse er eine Antwort haben. Bartholomäus Blume versammelte den Rat und die ganze Gemeine. »Ich habe getan«, sprach er sie an, nachdem er das Schreiben verlesen hatte, »was ich nicht lassen konnte. Wär' dieser Streich gelungen und das Schloß für den Orden gewonnen, ich zweifle nicht, daß ihr mir's gedankt haben würdet. Jetzt ist unser Plan vereitelt, und da wundert's mich nicht, wenn ich vielen als ein Tor und andern vielleicht schlimmer noch: ein Verbrecher erscheine, weil ich die Stadt in diese Not gebracht. Das muß ich tragen. Wenn ihr nun aber fragt: warum hast du das getan, ohne des Rats Einwilligung nachzusuchen oder der Gemeine Willen zu erforschen, so antwort' ich nicht, wie ich wohl könnte: solche Dinge dürfen keine Mitwisser haben! Sondern: ich allein wollt' die Verantwortung dieses gefahrvollen Wagnisses auf mich nehmen. Und so möget ihr nun nach der Wahrheit Herrn Ulrich Czerwonka und dem König die Versicherung geben, ihr hättet von diesem Überfall allesamt nicht das mindeste gewußt – ich allein sei der Schuldige. Bindet mich und liefert mich aufs Schloß aus, so habt ihr euren Gehorsam und guten Willen bewiesen und werdet leicht Verzeihung erlangen. Mit mir aber geschehe, was sich nicht abwenden läßt.« Diese Rede erschütterte alle Zuhörer tief. Es waren einige rasch Verzagte aufs Rathaus gekommen, deren Häuser von den Kugeln gelitten hatten und die deshalb Lärm schlagen wollten über des Bürgermeisters Eigenmächtigkeit und Waghalsigkeit. Sie schämten sich jetzt und hielten sich ganz still oder waren wohl gar unter den ersten, die ihm zuriefen, er habe recht getan und dürfe nicht fürchten, daß sie ihn im Stich lassen. Klaus Engelbrecht schlug auf den Tisch, daß das Tintenfaß aufsprang, und rief: »Was da? Euch den verfluchten Böhmen ausliefern? Waren wir nicht einig, daß der Eid uns abgezwungen sei und brechen müßt' wie ein für den Notfall schlecht zusammengeschweißtes Stück Eisen? Wer von uns hätt' nicht ebenso gehandelt wie Ihr, wenn's an ihn gekommen wäre? Hätt's doch auch gelingen können. Und noch ist nicht aller Tage Abend. Was wir Marienburger von des Königs Regiment zu erwarten haben, wissen wir nun schon. Soll die Stadt nicht in wenigen Jahren ganz verkümmern, so müssen wir wieder unsern Herrn Hochmeister in der Burg sitzen haben. So ist denn jetzt geschehen, was doch nur eine kurze Weile hinzuhalten gewesen wäre. Und so haltet uns nicht für feige Hunde, die hinterm Zaun bellen und mit eingekniffenem Schwanz fortlaufen, wenn ein Stein gegen sie aufgehoben wird. Euch ausliefern? Da sei Gott vor! Für den Rat will ich gutstehen, daß nicht ein einziger Euch nachgibt.« »Und ich für das Gericht«, sagte der Schöppenmeister. »Und ich für die Kahnreederzunft«, versicherte Kaspar Reinke. »Wir wollen's schon eine Weile gegen die Bündischen aushalten. Im Winter friert uns ja doch alles Wasser zu; da haben wir nichts zu versäumen.« »Sind unsre Mauern und Türme noch nicht fest genug, dann wollen wir nachhelfen«, rief Franz Thielen, der Maurermeister. »Und die Kunst, Geschütz zu gießen, ist nicht so groß«, fügte der Glockengießer Anselm Liebelt hinzu. »Gebt mir Metall, und ich will euch ein Rohr herstellen, das seine Kugel durch die Schloßmauer jagt.« Nun wuchs auch den Ackerbürgern der Mut. Sie meinten, sie hätten die Ernte gut eingebracht und könnten die Stadt auf ein halbes Jahr versorgen, daß niemand, bei einer Belagerung Not zu leiden brauchte. Der Schuster-Ältermann Hans Wohlgetan äußerte sich zustimmend: »Da rissen wir uns ja selbst den Absatz vom Stiefel und gingen bald barfuß, wenn wir unsern Herrn Bürgermeister fortschickten!« Und der Schneider Veit Pumpensack stieg auf die Bank und schrie mit seiner dünnen Stimme über die Köpfe der andern hinweg: »Unser Herr Bürgermeister hat eingefädelt, nun wollen wir nähen. Ein Schelm, wer unter den Tisch kriecht.« »Gebt uns Waffen«, riefen die andern, »gebt uns Waffen! Wir wollen die Stadt wohl verteidigen und lieber in Ehren untergehen, als solche Schmach auf uns laden.« Sie drängten zum Ratstisch vor und schüttelten Blume die Hand, ermutigten sich gegenseitig mit feurigen Worten und zählten die Meister und Gesellen auf, die jedes Gewerk zur Stadtfahne stellen könnte. Der Bürgermeister war bewegt. »Lieben Freunde und Gevattern«, sagte er, mit der Hand Stille gebietend, »es geht mir wahrlich sehr zu Herzen. Aber bedenkt, was ihr tut. Heut' ist's noch Zeit, euch die Hände in Unschuld zu waschen, morgen nicht mehr. Laßt ihr mich die Schuld nicht allein tragen, so ist jeder von euch mein Mithelfer, und sie wird tausendmal so groß in des Herrn Königs Augen. Ihr habt Weib und Kind zu Hause. Müßt ihr um die nicht mehr sorgen als um euch? Handelt nicht vorschnell – es könnt' euch gereuen.« Die Bürger wollten sich aber nicht bedeuten lassen. Alle waren sie voll Grimm gegen die Bündischen, daß sie lieber Gut und Leben aufs Spiel setzen, als sich unterwerfen wollten. Da Bartholomäus Blume sie nun auch jetzt so hochgemut sah, wie er sie zu anderer Zeit stets gefunden hatte, nahm er ein altes Schwert von der Wand, hielt mit der Linken den Schwertgriff aufrecht, legte die Schwurfinger der Rechten darauf und rief: »Wohlan denn! So schwöre ich mich zu eurem Hauptmann und will euch in solchem Amt dienen bis zum letzten Blutstropfen – so wahr mir Gott helfe!« Eine Minute lang herrschte regungsloses Schweigen; jeder wußte, daß Blume halten würde, was er nicht nur mit den Lippen gelobte, jedem von ihnen hatte er sich zugeschworen. Er forderte von den Bürgern keinen Treueschwur, aber es war ihnen allen zumut, als ob auch sie ihm in irgend einer Form die Versicherung geben müßten, daß er sich ebenso auf sie verlassen dürfte. Die beiden Ratmannen, die neben ihm saßen, fanden das Rechte. Blume hatte das alte Schwert auf den Tisch sinken lassen; nun legten sie still rechts und links gleichfalls die Hände auf den Kreuzgriff. Da dies die Schöffen und Älterleute sahen, traten sie unaufgefordert alle zu zweien und dreien heran und wiederholten die feierliche Handlung. Es wurde kein Wort dabei gesprochen, aber ihre Gedanken waren dieselben. Dann ging man ans Werk, die Stadt gegen das Schloß in bessern Verteidigungszustand zu setzen. Die fernere Beschießung unterblieb, war aber sicher nicht für alle Zeit aufgegeben. So wurden die Bürgerhäuser am Schloßgraben entlang von ihren Bewohnern geräumt und bis unter das Dach mit Steinen und Erde ausgefüllt, so daß sie nun einen festen Wall bildeten, der auch den Kugeln der Donnerbüchsen Widerstand leisten konnte. Davor wurden Erdwerke ausgehoben, hinter denen die Schützen Deckung finden möchten, und dahinter hölzerne Gerüste errichtet, die als Wehrgang von Fenster zu Fenster dienten. In den Schmieden war rege Arbeit Tag und Nacht; da wurden die eisernen Spitzen für die Spieße und Pfeile gehämmert. Aus den Gärten waren die trockenen Hopfen- und Bohnenstangen in die Stadt getragen und zu Schäften hergerichtet. Auch eiserne Brünnen und Sturmhüte wurden geschmiedet. Schwerter und Armbrüste gab die Waffenkammer im Rathause her. Viele von den vornehmeren Bürgern besaßen eigene Rüstung, die in Friedenszeiten dort aufbewahrt war. Die junge Mannschaft wurde in Fähnlein geordnet und unter Rottmeister und Hauptleute gestellt. Sie blieb fortan im Dienst und besetzte mit Zinnenbergs Söldnern gemeinsam die Tore und Türme. Eine Schar stand immer in der Nähe des Walles bereit, einen Ausfall der Schloßleute abzuwehren. So lange die Landstraßen offen blieben, wurde Proviant herangefahren, so viel man in den Dörfern aufbringen konnte. Fässer mit Mehl und Grütze gefüllt, Kisten voll getrockneter Fische und gedörrtem Fleisch lagerten in allen Kellern. So konnte man abwarten, was der Feind unternehmen werde. Und er war nicht müßig. Im Kulmerlande wurde in den folgenden Wochen und Monaten mit wechselndem Glück gekämpft. Die Bündischen rafften alle Mittel zusammen, ihre Söldner zu befriedigen und zu vermehren, ihre festen Plätze zu stärken. Zinnenberg und dem Spittler gelang es nicht, gegen sie einen entscheidenden Schlag zu führen, so viel Schaden sie ihnen auch taten. Die Danziger aber konnten einen Teil ihres Kriegsvolks in die Marienburg werfen und so das Schloß gegen jeden Angriff eines Ordensheeres ausreichend sichern. König Kasimir aber hatte in schwerstem Zorn gedroht, er wolle es den Eidbrüchigen gedenken, und müßte er seine Krone verpfänden. Er rüstete auch wirklich noch im Winter sechstausend Mann Reiter und Fußvolk und schickte sie nach Preußen. Einer solchen Heeresmacht war Zinnenberg nicht gewachsen, er mußte das Feld räumen und sich auf Stuhm zurückziehen. Dreitausend Polen verstärkten die Besatzung der Marienburg. Nun fühlte Czerwonka sich kräftig genug, zum Angriff überzugehen. Ungehindert schweiften seine Reiter um die Mauern der Stadt. Tag und Nacht wurde vor ihren Toren und auf dem engen Raum zwischen dem Schloßgraben und den städtischen Schanzen gekämpft. Immer wieder wurde der Sturm auf diese versucht, aber abgeschlagen. Die kleine Besatzung sollte mürbe gemacht und zur Verzweiflung getrieben werden. Der Spittler von Plauen selbst hatte einige Fähnlein glücklich in die Stadt gebracht und führte den Oberbefehl. Der Hauptmann von Trotzler mit seinen Söldnern und Marcus Blume mit der städtischen Mannschaft standen ihm tapfer zur Seite. Ihren unermüdlichen Anstrengungen gelang es denn auch, immer wieder den ergrimmten Feind zurückzutreiben und die Werke zu behaupten. Aber der Streiter wurden immer weniger; viele lagen verwundet im Spittel und in den benachbarten Bürgerhäusern, die zu diesem Zweck von den Bewohnern geräumt waren. Und schon ließ sich die Zeit absehen, in der auch den Mutigsten ermattet der Arm sinken mußte. Plauen erkannte rechtzeitig diese Gefahr, verständigte sich mit dem Bürgermeister, übergab dem wackeren Trotzler den Befehl und verließ die Stadt, ehe sie ganz abgesperrt würde, um zum Hochmeister nach Königsberg zu eilen und ihn zu beschwören, mit aller nur irgend verfügbaren Mannschaft der schwerbedrängten Stadt zu Hilfe zu kommen. In dieser höchsten Not, als die Lebensmittel schon knapp zu werden anfingen und keine Nacht mehr ruhigen Schlaf brachte, die Söldner schwierig wurden und viele von den Bürgern verzagten, erhielt die Stadt ganz unerwartet Beistand. Von Deutschland her kam eine frische Streitschar von sechshundert Reisigen unter dem Hauptmann Wilhelm Mutscheidler. Ihm schloß sich ein Trupp Fußvolk an, den Jost vom Wege befehligte. Er hatte die Stadt Thorn nicht mehr betreten und außer Landes die unzufriedenen Söldner gesammelt, die den Bündischen den Dienst aufsagten, weil sie nicht gelöhnt wurden. Auch viele von denen, die im Ermland bei ihm gewesen waren und unter seinen Fahnen Beute gemacht hatten, stießen jetzt wieder zu ihm. Es war großer Jubel in der Stadt, als diese Streithaufen einzogen. Sie brachten viele Wagen mit Lebensmitteln mit. Die Bürgerschaft belebte neuer Mut. Wer der Führer des Fußvolks sei, war nicht bekannt. Er trug eine Helmkappe mit drei Bügeln über dem bärtigen Gesicht, von dem sich wenig sehen ließ. Auch Marcus Blume, der die Torwache kommandierte, erkannte ihn nicht. An jeden andern hätt' er eher gedacht als an Jost vom Wege. Der fremde Hauptmann wartete ab, bis Mutscheidler mit seinen Leuten untergebracht und der Bürgermeister in sein Haus zurückgekehrt war. Dann ging er ihm dorthin nach. Im Flur nahm er die Helmkappe ab und ordnete ein wenig sein Haar, nachdem er auch die Lederhandschuhe ausgezogen. Im Zimmer trug eben Frau Christine das einfache Mahl auf, eine Mehlsuppe, in die kleine Stücke schwarzen Brotes gebrockt waren. Magdalene saß am Fenster und schnitt aus alter Leinwand Läppchen und Bandstreifen für die Verwundeten, wie Frau Regina sie darin unterwiesen hatte. Bartholomäus Blume stand hinter ihr und streichelte ihr das blonde Haar. Mutter und Tochter zeigten eingefallene Wangen und auch sonst ein leidendes Aussehen, wie nach anstrengenden Nachtwachen. Der Frau lagerte die Sorge auf der sonst so heiteren Stirn, aber von ihren Augen flog jetzt ein freudiger Glanz, da Blume eben von dem unerwarteten Zuzuge Bericht erstattet und die Hoffnung ausgesprochen hatte, daß nun wieder bessere Zeiten kommen würden. »Der Herr Deutschmeister denkt noch an uns«, hatte er gesagt, »und Herr Ludwig von Erlichshausen wird seine treuen Marienburger nicht verlassen.« Er nahm an, daß das Fußvolk von ihm oder dem Spittler geschickt sei. Den Anführer desselben hatte er auf dem Markt bei der Musterung seiner Leute angetroffen und deshalb nur flüchtig mit einem raschen Dankwort begrüßt. Auf das bescheidene Klopfen an der Tür rief er ein kräftiges »Herein«. Er war daran gewöhnt, zu jeder Tages- und Nachtstunde heimgesucht zu werden und selten beim Essen Ruhe zu haben. Als der fremde Hauptmann eintrat, fühlte er unter seiner Hand Magdalenens Kopf zurücksinken. Er sah auf und wußte nun, wen er vor sich hatte. »Ihr seid's, Herr Junker –?« sagte er, unwillkürlich vortretend und so Magdalene deckend. Jost blieb unfern der Tür stehen. »Darf ich mich nach diesem scharfen Marsch bei Euch zu Gast laden, Herr Barthel Blume?« fragte er. »Es bedarf wahrlich keiner Umstände.« »Aber sagt mir –«, rief der Bürgermeister ganz verwundert und stockte wieder. »Wenn ich mich nicht täusche, sah ich Euch schon vor einer halben Stunde an der Spitze der Landsknechte, die mit den Reitern des Hauptmanns Mutscheidler einzogen. Wenigstens ein Mann in diesen Kleidern mit roter Binde und solchem Helm, wie Ihr ihn in der Hand tragt ...« »Ihr täuscht Euch nicht«, antwortete Jost lächelnd, »ich führte die Landsknechte in die Stadt.« »So sind es Söldner der Stadt Thorn oder der Bündischen? Welche heimliche Absicht ...« »Befürchtet nichts, Herr Bürgermeister. Ich selbst habe sie geworben – für Euch geworben, und ich führe sie der Stadt Marienburg zu, der ich meine Dienste anbiete.« Bei Blume wuchs die Verwirrung. Er glaubte seinen Augen und Ohren nicht mehr trauen zu dürfen. »Aber Ihr seid doch ...« »Jost vom Wege, der altes Unrecht wieder gut zu machen hat. Ich bin dafür vom Schicksal schwer geschlagen – das wißt Ihr, und auch Ihr, werte Frau, und – auch Ihr, Magdalene ... Von meinem Vater hab' ich mich getrennt, der Stadt Thorn hab' ich den Rücken gekehrt. Ich bin in der Fremde herumgeirrt und meinte nie mehr in mein Vaterland zurückzukehren. Da hatt' ich nun eines Nachts einen gar wunder- und wonnesamen Traum, der mich wohl auf andere Gedanken bringen mußte.« »Einen Traum –?« fragte Frau Christine, die am Tisch stehengeblieben war. »Laßt ihn Euch erzählen«, bat Jost. »Es war mir, als läge ich auf freiem Felde unter dem gestirnten Himmel und die Mondsichel tauchte über etwas Dunklem in der Ferne auf. Und da sie nun langsam aufwärts schwebte, wurde es dort heller, und aus dem blauen Nebel hob sich die Marienburg, wie man sie sieht, wenn man von Elbing her kommt – der hohe Turm und der vorspringende Kirchenflügel und vorn an der Mauer das große Muttergottesbild. Es schimmerte in den bunten Farben der Glasstifte, und von der goldenen Krone ging ein Glanz aus, der sich mehr und mehr über die ganze Gestalt und das Jesuskind auf ihrem Arm ausbreitete. Und wundersam! Je aufmerksamer ich hinschaute, desto mehr schien sie sich zu beleben. Sie trat hinaus und glitt wie auf einer Brücke von Mondstrahlen nieder und näherte sich mir langsam, nicht auf dem Boden schreitend, sondern über denselben hingetragen von unsichtbaren Engeln. Als sie nun ganz in meine Nähe gekommen war, öffnete sich ihr lieblicher Mund, und ich hörte sie sagen: Fromme Ritter haben mich einst zu ihrer Schutzpatronin gewählt und mir dieses hohe Haus aufgerichtet. Es ist in der Feinde Gewalt, und auch meine treue Stadt ist bedroht. Sie sind verraten und verkauft. Willst du dich ihrer nicht endlich erbarmen, da du mir doch schon weh genug getan? Geh' zurück zu deinem Vaterlande, umgürte dich mit dem Schwert, sammle Kämpfer für des Deutschen Ordens gutes Recht und tritt in meinen Dienst. So wirst du in deinem Herzen Frieden finden! Ich hatte mich aufgerichtet und war auf die Knie gesunken vor der himmlischen Erscheinung, senkte die Augen und antwortete: Es geschehe nach deinem Willen! Da fühlte ich's wie das Streicheln einer weichen Hand über meinem Haar. Ich blickte dankbar auf und – ich berichte nach der Wahrheit: da stand Magdalene vor mir in all' ihrer Lieblichkeit, beugte sich über mich und flüsterte mit einer Stimme wie Harfenlaut: Komm –! Dir soll vergeben sein. Ich streckte die Arme aus, sie zu umfassen, aber in demselben Augenblick entschwebte schon das holde Traumbild, sich auflösend in wogenden Dunst, und mit einem tiefen Seufzer aus beklommener Brust erwacht' ich. Da war mir's gewiß, daß ich nicht länger zögern dürfte. Noch denselben Tag begab ich mich aus den Heimweg und warb auf allen Straßen, die ich ging, Streiter für Maria. Und so tret' ich nun reuig vor Euch, Magdalene, und frag' Euch: soll mir wirklich vergeben sein um der Mutter Gottes willen, die mich berief? Darf der Traum Wahrheit werden?« Er war neben Blume hingetreten und streckte ihr die Hand entgegen. Magdalene hatte wie ohnmächtig den Kopf an die Wand gelehnt und die Augen halb geschlossen. Aber sie hörte alles, und es tat ihr unendlich wohl. Sie ergriff seine Hand nicht, aber nach einer kleinen Weile stand sie auf, nahm ihm den Helm ab und legte ihn auf die Fensterbank. Dann ging sie zu ihrer Mutter, schlang die Arme um ihren Hals und sagte: »Das ist gewiß von Gott! Heißt ihn willkommen, Mutter.« »Er ist willkommen«, sagte Frau Christine. »Setzet Euch zu uns, Junker, wenn Euch unser Mahl nicht zu gering ist. Wir haben traurige Zeit.« »Aber es soll besser werden!« rief er. »Marienburg wird sich halten und dem Orden das Schloß zurückbringen. Wie ich, irrten viele, von dem Wahn betört, wir könnten unter der Krone Polen die wahre Freiheit gewinnen. Lug und Trug! Schon bricht sich die bessere Erkenntnis überall Bahn. Brüder stehen gegeneinander, Söhne sagen ihren Vätern den Gehorsam auf, Christi Kreuz zu folgen. Furchtbar sind die Opfer, die dieser Krieg fordert. Aber ich hoffe, sie werden nicht vergeblich gebracht sein.« Er wendete sich zu Blume. »Nehmt mich zu Eurem Mitstreiter an!« »Wie dürft' ich Euch zurückweisen?« antwortete der Bürgermeister. »Verstärkt doch jeder tapfere Arm unsere Hoffnung des Sieges. Und Ihr bringt auch ein tapferes Herz mit, begangenes Unrecht zu sühnen. Macht Euch auf einen harten Kampf gefaßt. Unsere Gegner werden uns nicht schonen, wenn wir unterliegen. Mag es vereinter Kraft gelingen, ihr Rachewerk zu vereiteln. So lang' ich atme, will ich Euch für Euren Beistand dankbar sein.« Er führte Jost zu Tisch, sprach das Gebet und teilte ein Brot unter viere. Marcus hatte die Woche am Schuhtor und war nicht abkömmlich. Während der Mahlzeit fragte Frau Christine: »Wißt Ihr, daß Eure Mutter noch hier in der Stadt ist?« »Und Ursula –« setzte Magdalene hinzu. »Ich wußt' es nicht«, antwortete er ruhig. »Aber es ist mir lieb, sie in der Nähe zu wissen, obschon ich ihnen bessere Sicherheit wünschte, als ihnen eine belagerte Stadt gewähren kann. Meiner Schwester freilich wird's am wohlsten sein in eures Marcus Schutz. Sind sie noch nicht ein glückliches Paar?« »Wir konnten in diesen Kriegsnöten an Hochzeit nicht denken«, sagte Blume lächelnd. »Marcus selbst hat solchen Wunsch unterdrückt.« »Das nenn' ich Unrecht«, bemerkte Jost lebhaft. »Worauf will er warten? Wer unter Waffen steht, weiß nicht, ob er morgen noch tun kann, was er heute versäumt. Gerade in der Gefahr müssen die sich fest aneinander binden, die eines Herzens sind. Ursula ist ein tapferes Mädchen, sie wird auch eine tapfere Frau sein.« Magdalene hörte ihn gern so sprechen und dankte mit einem innigen Blick. Die Erinnerung an Ursula hatte ihn nicht aufgeregt, es schien ihn keine Überwindung mehr zu kosten, sie sich als Marcus' Braut und Frau zu denken. Dies am treffendsten bewies ihr, daß eine Umwandlung mit ihm vorgegangen war, die ihr selbst ein glückliches Ereignis bedeuten durfte. Das freilich gestand sie sich jetzt nicht. Nach dem Essen ging er ins Spittel, seine Mutter zu besuchen. Er fand sie unter den Kranken, selbst eine Kranke nach ihrem Aussehen, aber unablässig bemüht, Wunden zu heilen und Schmerzen zu lindern. Sie war voll Freude, ihn wiederzusehen. Als er ihr sagte, daß er in der Stadt Dienst trete, für den Orden zu kämpfen, stutzte sie doch. »Und dein Vater –?« fragte sie beklommen. »Er weiß nicht«, antwortete er, »wozu ich mich entschlossen habe, und erfährt's vielleicht auch nie. Er soll sehr schwach und mitunter wie geistesverwirrt sein, auch sein Zimmer nicht mehr verlassen und niemand sehen wollen als die alte Haushälterin. Um der Stadt Geschäfte kümmert er sich nicht mehr, und den König soll er einen falschen Freund genannt haben, weil er die Danziger vor den Thornern begünstigt und nicht in allem Wort gehalten. So ist mir's mitgeteilt worden. Mich hat er längst verloren. Auch wenn ich nicht hierher gekommen wäre, für seine Sache hätt' ich nie gekämpft. So erleichtert es mich nun, daß er nicht mehr der Bündischen Führer ist, da ich gegen sie die Waffen trage.« Sie hieß ihn warten, bis sie ihren Rundgang beendet habe, und nahm ihn dann mit in ihr Stübchen. Dort sah er Ursula. Er küßte ihr brüderlich Stirn und Mund, hielt sie mit beiden Händen an den Schultern von sich ab, betrachtete sie mit ruhigem Wohlbehagen und sagte: »Wie anders siehst du mir jetzt aus, Ursula – Schwester! Ja, jetzt bist du meine Schwester. Ich fühl's hier innen auch nicht anders. Es ist wundersam – und doch nicht. Ich war schon bei Magdalene. Und ich schwöre dir's, ich konnte ihr offen ins Auge sehen, und keine Wimper zuckte dabei. Und auch sie ... Still davon. Sie hat mir verziehen. Nun mag über mich kommen, was da will, ich werde frohen Mutes sein bis zum letzten.« Der Star, der verschüchtert auf den Ofen geflogen war, schrie: »Marcus – Marcus!«, als ob er ihn zu Hilfe rufen wollte. »Es hat keine Not«, beruhigte ihn Ursula, »er ist ein guter Freund.« Sie nahm Josts Hand. »Horch! Jost – Jost – Jost vom Wege.« Der Vogel plapperte unverständlich. Ursula wendete sich lachend zum Gast. »Es wird nicht lange dauern, so wird er dich mit deinem Namen begrüßen«, sagte sie. »Der Vogel da ... Das ist nun alles, was mich an den Wald erinnert. Wann wird Friede im Land, daß wir wieder in unser stilles Haus einziehen können?« Mit Marcus wurde das Freundschaftsband bald fester geknüpft als je. Jost fand ihn männlicher, selbstbewußter, sicherer geworden. Wie er seine Mannschaft zusammenhielt, in Waffen übte, zum Kampf führte, bewies er, daß er auch befehlen und für hohe Ziele rücksichtslos seinen Willen durchsetzen könne. Die Eisenhaube, die Brünne und das Schwert an der Seite kleideten ihn gut. In die Feldbinde hatte Ursula ein Vergißmeinnicht eingestickt; er trug sie mit gerechtem Stolz. Schon in den nächsten Tagen hatten beide Gelegenheit, im Kampf nebeneinander ihre Tapferkeit zu beweisen. Ulrich Czerwonka hatte von der Vorburg aus gegen die Stadtmauer ein Erdwerk aufgerichtet und mit Geschütz armiert. Das hatte Oberst Trotzler nicht hindern können. Jetzt, nachdem unerwartet Verstärkung eingetroffen, hielt er die Zeit gekommen, selbst angriffsweise vorzugehen. Er machte nachts einen Ausfall, nahm die Schanze trotz hartnäckiger Verteidigung ein, eroberte das Geschütz und zerstörte die feindlichen Werke. Es floß viel Blut auf beiden Seiten. Jost war zu eifrig den Seinen voraus eingedrungen, vom Wall hinabgesprungen und nahe daran gewesen, gefangen genommen zu werden. Marcus hatte ihn aus einem Haufen Polen herausgeschlagen und eine Wunde davongetragen, die zum Glück nicht gefährlich war. Jost hatte ihm diese Guttat später vergelten können, als der Feind nach der Vorburg zu verfolgt wurde, sich vor der Zugbrücke plötzlich wendete und die Marienburger berannte, die in Unordnung gekommen waren, da ihr Hauptmann wegen seiner Verletzung zurückbleiben mußte. Jost stellte sich an die Spitze, brachte die Wankenden schnell zum Stehen, führte sie wieder vor und warf einen Teil der Polen in den Graben, da der Brückenübergang verstopft war. Seitdem waren beide unzertrennlich, wenn nicht der Dienst sie da und dort forderte. Sie fanden sich in des Bürgermeisters Haus oder bei Frau Regina im Spittel. Ursula und Magdalene besuchten einander, wenn nicht gerade von der Burg geschossen wurde, was die Straßen allzu unsicher machte. Viele Häuser freilich waren durch Wandöffnungen innen miteinander in Verbindung gesetzt; aber an den Straßenkreuzungen boten die Lauben keinen Schutz. Öfters trafen die Freunde mit den beiden Mädchen zusammen und verplauderten mit ihnen eine frohe Abendstunde. Bei Tage allerdings gab's auch für sie zu tun. Die Söldner mußten gespeist werden. Die Bürgermeisterin hatte mit Frau Engelbrecht und Frau Reinke Küchen eingerichtet, in denen von den Bürgerfrauen und ihren Töchtern für sie gekocht wurde. Die Lebensmittel, soweit sie nicht den einzelnen Haushaltungen durchaus unentbehrlich scheinen durften, waren in städtische Speicher zusammengebracht worden und standen unter des Rats Verschluß. Es mußte gespart werden, denn sie waren trotz der Zufuhr, die Mutscheidler in die Stadt gebracht hatte, sehr knapp. Wenn Jost mit Marcus allein war, brachte er gern das Gespräch auf Ursula, »Ich verstehe dich nicht«, sagte er ihm. »Du liebst meine Schwester seit langer Zeit, und Ursula ist dir ebenso lange gewogen. Ich stehe nicht mehr zwischen euch. Meine zärtliche Neigung für sie ist nicht gemindert, aber sie ist jetzt anderer Art. Ich möchte sie glücklich wissen und zweifle nicht mehr, daß dies nur durch eine Verbindung fürs Leben mit dir geschehen kann, Lieber. Warum zögerst du, sie endlich zum Altar zu führen? Die Gründe, die dagegen vorgebracht sind, genügen mir nicht. Gibt es andere, zwingendere? Nenne sie. Ich will alle Mühe aufwenden, sie fortzuräumen.« »Du kannst da nicht helfen«, versicherte Marcus ausweichend. Jost ließ sich so nicht zum Schweigen bringen. »Wer weiß?« antwortete er. »Ein gutes Wort findet manchmal ein gute Statt. Ist dein Vater dagegen, weil Ursulas Geburt –« »Das war früher«, fiel Marcus ein. »Ich glaube nicht, daß er sich auch jetzt noch daran stoßen würde.« »Deine Mutter also?« »Auch sie nicht. Sie ist herzensgut und liebt Ursula wie ihr eigen Kind.« »So widerspricht meine Mutter?« »Nicht mit solcher Entschiedenheit, daß vereinte Bitten nicht durchdringen könnten.« »Aber was ist's denn?« Marcus wies ihn durch ein Kopfschütteln ab. Da er aber sah, daß der Freund sich verletzt abwandte und ärgerlich die Lippe biß, legte er den Arm auf seine Schulter, näherte den Mund seinem Ohr und flüsterte: »Ursula selbst will's nicht.« »Ursula –?« »So sonderbar es scheint. Sie hat einen Grund, den ich achten muß – einen Grund, der für ihr Gefühl zwingend ist.« »Und welchen? Sage mir alles, Freund.« »Du sollst wissen, daß Frau Regina, als damals mein Vater für mich um Ursulas Hand anhielt, mich an den Herrn Hochmeister wies –: er habe das letzte Wort in dieser Sache.« »Ah! Ich verstehe. Und der Hochmeister –?« »Schlug meine Bitte rund ab. Ich begreife jetzt, weshalb.« »Weil Ursula ... Ja, das begreift sich. Er durfte nicht eingestehen –« »Und mein Vater forderte Aufschluß über das Mädchens Abkunft.« »Nun aber ist der Schleier gehoben, das Geheimnis kein Geheimnis mehr. Und wenn deine Eltern jetzt nicht Anstoß nehmen –« »Das ist Ursula selbst nicht genug. Sie weiß, daß der Hochmeister ihr Vater ist. Ihr Vater hat mich abgewiesen. Sie will nicht gegen sein Gebot handeln, nicht ohne seine ausdrückliche Genehmigung –« »Das also steht im Wege! Dann freilich bist du zu beklagen, armer Freund. Aber Ursula geht da in ihrem Gehorsam zu weit. Sie soll erfahren, daß der Hochmeister kein Recht hat, Einspruch zu tun.« »Sie weiß es; aber das ändert ihre Entscheidung nicht. Des Vaters Wille ist ihr heilig. Ich darf nicht einmal mit Bitten in sie dringen, meinem heißesten Wunsch nachzugeben. Sie würde glauben, daß wir in unsern Empfindungen nicht mehr so innig übereinstimmen als bisher. Nein! Ich will Geduld haben und es der Zeit überlassen, Wandel zu schaffen.« Jost beruhigte sich dabei doch nicht. Er sprach mit seiner Mutter und erhielt von ihr die Bestätigung. Er versuchte auf Ursula einzuwirken, aber sie blieb fest. »Schickt Marcus dich zu mir?« fragte sie. Das verneinte er nachdrücklich. »So laß uns tun, was wir für das rechte halten«, bat sie. »Hoffentlich kommt die Zeit, den Herrn Hochmeister noch einmal mit Bitte anzugehen. Vielleicht ist er dann gütiger und sieht ein, daß wir zueinander gehören.« Jost durfte nicht wieder darauf zurückkommen. Indessen hatte der Orden auch noch von einer anderen Seite unvermutet eine namhafte Unterstützung erhalten. Der Landmeister von Livland konnte sich nicht die Augen verschließen, daß der Orden der Schwertbrüder an der Ostsee gefährdet sei, wenn der Deutsche Orden in Preußen seinen Halt verliere. Auch ihn hinderte nur leider ewige Geldnot, die oft erbetene Hilfe zu bringen. Nun hatte aber der Fall der Marienburg doch tiefen Eindruck auf die Ritterschaft gemacht, die Mahnung des Papstes auf die Prälaten gewirkt, die auch dort der Kirche Anteil am eroberten Land als vollmächtige Herren regierten. Es war ein Heer gerüstet worden und nach Preußen geschickt. Nun raffte sich Ludwig von Erlichshausen, dem es auf dem Schloß zu Königsberg mitunter an dem nötigsten Unterhalt gebrach, so daß die Städte mit den demütigsten Bitten angegangen werden mußten, noch einmal aus seiner Verzweiflung auf. Er reiste von Stadt zu Stadt und von Burg zu Burg, überall die Soldhauptleute anflehend, jetzt ihrer Forderungen nicht zu gedenken, ihre Mannschaften zu vereinigen, dem Spittler zuzuziehen, der sich noch immer mit einer kleinen Kreuzschar im Felde behauptete, und die Marienburg für den Orden zurückzuerobern. Er bewies ihnen und den treuen Bürgern aus Briefen, daß die äußerste Eile geboten sei, da König Kasimir, erst durch den Abfall der Marienburger, dann durch die zähe Verteidigung der Stadt gereizt, seinen ganzen Einfluß beim polnischen Reichstag aufbiete, ein gewaltiges Heer auf die Beine zu bringen, um endlich den Orden aus dem Land zu treiben. Des Reiches Beistand war ihm zugesagt worden und die Rüstung im Gang. Gelang es nicht, sich der Marienburg zu bemächtigen, bevor die Polen einrückten, so war jede Hoffnung verloren. Auch der treuen Stadt konnte dann nicht mehr Entsatz geboten werden. Viele von den Hauptleuten hatten wirklich durch solche Bitten und Vorstellungen sich bewegen lassen, Versprechungen zu geben und sich mit ihren Heerhaufen in Bewegung zu setzen. Der Hochmeister selbst war, mit geringem Gefolge freilich, bis Marienwerder, nur vier Meilen von Marienburg entfernt, gelangt und hatte dort in dem festen Schloß Wohnung genommen. Das alles war in Marienburg bekanntgeworden und hatte den Mut der Bürger neu belebt. Aber auch in der Burg war man gut unterrichtet. Ulrich Czerwonka erkannte die Gefahr und bot alle Mittel auf, ihr rechtzeitig zu begegnen. Durch täglich erneuerte Angriffe auf die erschöpfte Stadt hielt er die Bürgerschaft in Atem; seine Reiter umstreiften die Mauern und suchten jeden Zuzug abzuschneiden. Doch vermochte er nicht zu hindern, daß unter Deckung der Livländer einige Transportschiffe auf der Weichsel und Nogat ausgerüstet und der Stadt zugeführt wurden. So war der dringendsten Not abgeholfen. Ursula erfuhr von des Herrn Hochmeisters Reise so viel, als davon in Blumes Haus bekannt wurde. Seit sie wußte, daß er in Marienwerder hofhalte, stieg ihre Unruhe von Tag zu Tag. Endlich eröffnete sie sich Frau Christine und ihrer Mutter, sie wolle zu ihm und einen Fußfall tun, damit er ihre Verbindung mit Marcus genehmige. »Ich weiß wohl«, sagte sie, »daß unser Glück oder Unglück diesem großen Schicksal gegenüber, das den hohen Herrn, seinen Orden und sein Land betroffen hat, gar wenig bedeutet. Aber er ist gütigen Sinnes und müßigt sich vielleicht eine Viertelstunde von der Zeit ab, deren er zur Erholung bedarf, um mich anzuhören. Wer weiß, wie lange es dauert, bis wir beide einander wieder so nahe sind. Die Reise erfordert, wenn ich früh aufbreche, nur einen halben Tag, und in der nächsten Nacht kann ich wieder zurück sein. Sprecht also zu meinen Gunsten.« Die Frauen brachten's an die Männer. Der Bürgermeister wollte anfangs gar nichts davon wissen. Allerhand Kriegsvolk mache die Straßen unsicher; da müsse ein Fräulein, das auf guten Ruf achtet, sich hüten, über Land zu reiten oder zu fahren. Auch habe der gnädige Herr genug hohe Dinge zu bedenken und dürfe mit solchen privaten Geschäften nicht geplagt werden, die vielleicht sein Gemüt beschwerten. Aber Ursula ließ dieser Gedanke, nachdem sie ihn einmal gefaßt hatte, keine ruhige Stunde mehr. »Nun sieh zu«, sagte sie zu Marcus, »daß du deinen Vater bewegst, mich aus der Stadt zu lassen. Wie gern wär' ich dein! Und ich weiß, der Herr Hochmeister wird mir's nicht abschlagen, wie dir. Er kann mir's gar nicht abschlagen.« »Aber bedenke die Gefahr«, wendete Marcus ein. »Wenn du den Landsknechten oder gar den Polen in die Hände fielest –« »Ich will in Bettelkleidern gehen«, unterbrach sie ihn, »und mir das Gesicht schwärzen. Es treibt sich jetzt so viel Elend um, und man läßt's unangefochten, weil von ihm nichts zu nehmen ist.« »Aber in solchem Aufzuge wird man dich in die Burg nicht einlassen.« »Dazu hilft mir doch nur des Herrn Hochmeisters Ring, den ich treu bewahre.« »Ach, liebste Ursula, wenn dir etwas zustieße – lieber wollt' ich auf Erfüllung meiner süßesten Wünsche noch viele Jahre bis nach des Herrn Hochmeisters Tod warten.« Sie schalt ihn kleinmütig. Da er nun merkte, daß sie sich's nicht werde ausreden lassen, erbot er sich, sie zu begleiten. Könne er auch wenig zu ihrem Schutz tun; wenn sie von einem Trupp überfallen würden, so kenne er doch die geheimsten Wege und könne sie gegen Strolche und wegelagerndes Gesindel wohl schützen. Das wollte Ursula aber nicht hören. Da sei Gott vor, erwiderte sie, daß sie ihn so gefährde. Marcus Blume sei den Bündischen ein guter Fang; über den möchten sie jubeln. Ob er denn seinem Vater den Schmerz bereiten wollte, seinen einzigen Sohn in der Feinde Gewalt zu wissen und nicht auslösen zu können? Denn dazu werde kein Lösegeld reichen, wenn er auch all sein Hab und Gut anböte. »Und es kann auch aus anderem Grunde nicht sein«, setzte sie lächelnd hinzu. »Wir sind noch nicht Mann und Weib – dem Herrn Hochmeister aber könnt's so scheinen, und er würde gewiß sehr erzürnt sein, wenn ich dich zu ihm brächte, und mich gar nicht anhören wollen. Und dann ... Wer weiß, ob sich's nicht in Marienwerder verzögert? Wie schickte sich das, wenn wir die Herberge teilten? Nein, steh' ab davon! Was ich für dich tue, muß ich ohne dich tun.« Marcus sprach sehr besorgt mit Jost darüber. »Ei!« rief dieser in heller Freude, »da kommt mir ein guter Einfall. Allein dürfen wir Ursula nicht ziehen lassen – du darfst sie nicht begleiten. Aber ich bin der Bruder; den darf sie nicht abweisen.« Marcus fiel ihm um den Hals. »Du wolltest –?« »Aber nicht mehr wie gern! Und ich kann diesmal vielleicht wirklich bessere Dienste leisten als irgendein anderer. Bin ich nicht Jost vom Wege, Tilemans vom Wege Sohn? Die Bündischen kennen mich, wissen aber schwerlich, daß ich jetzt für den Orden kämpfe. Greifen sie uns auf, so werd' ich geringe Mühe haben, uns die Freiheit wieder zu verschaffen, jedenfalls ein sicheres Geleit nach Thorn erhalten. Dort wär' Ursula geborgen. Nehmen uns aber die Ordensleute gefangen, so müssen sie uns wohl nach Stuhm oder Marienwerder bringen, und dann wird Ursulas Ring uns weiter helfen.« Dies schien Marcus ein annehmbarer Plan. Jost selbst teilte ihn dem Bürgermeister mit, der zwar mancherlei Bedenken erhob, endlich aber doch zugeben mußte, daß Ursula unter diesem Schutz am sichersten reise. »Wenn's denn so sein soll«, sagte er, »will ich Euch ein Schreiben an den Herrn Hochmeister mitgeben, in dem ich den Boten als treu und zuverlässig empfehle und Seine Gnaden bitte, der armen Stadt bald Hilfe zu bringen. Ihr mögt es auf bloßem Leibe bewahren, wo es schlimmstenfalls den Bündischen verborgen bleibt, und zu Eurer Legitimation benutzen, wenn Ihr unangefochten nach Marienwerder gelangt. Damit war Jost wohl zufrieden. Nun war nur noch Ursula zu bewegen, seine Begleitung anzunehmen. Sie war rascher gewonnen, als er glaubte. »Das hat dir ein guter Geist eingegeben«, rühmte sie. Zwölftes Kapitel Ein Bubenstück Die Ordensburg Marienwerder liegt hoch auf dem rechten Weichselufer, eine Strecke unterhalb der Stelle, wo der mächtige Strom sich in Weichsel und Nogat scheidet. Das Flußtal ist hier breit. Der Damm zieht sich nahe dem Wasser hin. Zwischen ihm und der Uferhöhe liegt ein fruchtbares Tiefland von vielen Gräben kreuz und quer durchschnitten, bei Hochfluten der Überschwemmung ausgesetzt. Hart an der Uferkante erhebt sich das Schloß, ein Viereck von Gebäuden und Mauern. Von dem vorderen Querhaus läuft gegen den Fluß hin ein gewaltiges Verteidigungswerk aus, wie für die Ewigkeit gebaut. Eine Reihe von massigen Ziegelpfeilern steht hier auf der Ebene auf. Sie tragen zwischen sich je ein Rundbogengewölbe. Darüber erhebt sich, lang vorgestreckt, ein Mauerwerk mit Schießscharten zu beiden Seiten und einer turmartigen Erhöhung auf der Spitze. Der Dansk, wie er in so riesigen und doch gefälligen Formen von keiner zweiten Ordensburg ausgebildet ist, gleicht dem Ansatz einer altrömischen Wasserleitung. Man meint, der kühne Baumeister habe das weite Tal überspannen wollen, aber sich mit einer Andeutung seines Planes begnügen müssen. Mit seinem rückseitigen Abschluß lehnt das Schloß sich, Mauer an Mauer, gegen den Dom, der es mit seinem Spitzdach und Turm überragt. Weiter zurück, ein wenig tiefer, liegt das Städtchen. Zu der Zeit, als Jost und Ursula sich demselben näherten, war es gleichfalls ummauert. Dem Schloß fehlten zierliche Türmchen nicht, und starke Werke umgaben dasselbe, auch gegen die Landseite hin den Feind abwehrend. Jost hatte einen Karren ausgerüstet und mit einigen leeren Fäßchen bepackt. Es sollte so aussehen, als ob sie über Land zögen, irgendwo Bier und Lebensmittel einzuhandeln, um diese Ware unterwegs wieder an hungrige und durstige Landsknechte zu verkaufen. Der Gotländer war vorgespannt. Er hatte in Marienburg wenig Pflege erhalten können und sah abgemagert und ruppig aus wie ein rechtes Schottenpferd. Jost hatte einen alten Fuhrmannskittel übergeworfen und einen alten Filzhut auf die Stirn gedrückt. Ursula trug die Kleider einer Bäuerin und suchte ihr Goldhaar unter einem alten Kopftuch zu verstecken. Sie waren unangefochten bis Marienwerder gelangt, hatten ihr Fuhrwerk in einer Herberge eingestellt und klopften nun Einlaß begehrend an das Schloßtor. Die Trabanten öffneten und ließen sie unter den Torbogen. Hier wurden sie ausgefragt, was ihr Begehr sei. Sie antworteten, sie hätten dem Herrn Hochmeister eine wichtige Nachricht zu bringen und verlangten, vor ihn gefühlt zu werden. Das könne nicht so ohne weiteres geschehen, hieß es; sie müßten erst dem Herrn Hauskomtur gemeldet werden, oder vielmehr dem Ritter, der seine Stelle vertrete, denn das Amt sei zur Zeit unbesetzt. Damit waren sie zufrieden und folgten dem einen auf den Hof. Dort setzten sie sich auf den Brunnenrand, um näheren Bescheid abzuwarten. Ursula war durstig. Jost ließ den Eimer an der Kette hinab, zog ihn wieder auf und füllte eine Kanne, die auf der Einfassung stand. Während sie trank, fiel das Tuch zurück und ließ eine Weile ihr Gesicht ganz frei. Jost hatte den Hut abgenommen. Sie bemerkten nicht, daß auf der Galerie seitwärts ein Mann in Ordenskleidung erschien, sich über lehnte und nach ihnen ausschaute. Sein rechtes Auge war mit einem dunklen Lappen verhängt, der mit einem Band um die Stirn festgehalten wurde. Das Gesicht drückte Überraschung aus, der Mund zog sich zu einem grinsenden Lachen in die Breite. Der Mann verschwand bald wieder. Es dauerte aber noch einige Zeit, bis der Trabant zurückkam und meldete, der Herr Hauskomtur wolle sie in seinem Gemach sprechen. Arglos traten sie ein. Wie erschrak aber Ursula, als der Mann, der abgekehrt in der Fensternische stand, sich umwendete und sie spöttisch willkommen hieß. »Herr Ritter von Ostra ...«, sagte sie erbleichend. Sie griff zurück nach der Klinke, aber die schwere Eichentür wollte sich nicht öffnen lassen. »Das nenn' ich ein unverhofftes Wiedersehen, mein wertes Fräulein«, rief der Ritter. »Auch wenn Ihr nicht meinen Namen genannt hättet, wär' mir's nicht entgangen, daß ich Euch unvergessen bin. Aber zittert nicht. Die kleine Verdrießlichkeit von damals trag' ich Euch nicht nach. Und mein Auge ... Nun, es ist geheilt, und ich sehe mit dem andern noch scharf genug, daß Eure Schönheit in diesen Jahren nichts verloren hat. Hoffentlich habt Ihr nicht so ein garstiges Tier mit Euch, das keinen Spaß versteht. Wer ist denn diesmal Euer Begleiter auf der Reise über Land?« Er faßte Jost scharf ins Auge und knurrte etwas in den Bart. »Herr Ritter«, antwortete dieser für Ursula, »ich will nicht wissen, welche Begegnung Ihr schon einmal mit dem Fräulein gehabt und was Euch berechtigt, in solchem Ton daran zu erinnern. Es ist auch gleichgültig. Des Fräuleins Auftrag geht an den Herrn Hochmeister. Seid Ihr sein Hauskomtur, so tut Eure Pflicht und bringt die Meldung unverzüglich an Seine Gnade.« »Lehrt mich, was meine Pflicht ist«, rief der Ritter übermütig. »Und unverzüglich, sagt Ihr? Es scheint, daß Ihr in diesem Schloß zu befehlen habt.« »Das scheint nicht, so wenig es auch ist. Aber in diesem Schloß, denk' ich, hat der Herr Hochmeister zu befehlen, und unsere Bitte will nichts anderes erreichen, als ihm zugeführt zu werden, damit er über uns verfüge.« Der Ritter musterte ihn wieder mit einem über seine Gestalt rasch hingleitenden Blick. »Ihr versteht Eure Worte für einen wandernden Schottenkrämer oder Fuhrmann sonderbar zierlich zu setzen«, sagte er. »Wenn Ihr's überall so geschickt anfangt, wird man Euch nirgends glauben, daß Ihr seid, wofür Ihr Euch ausgebt. Nennt mir Euren Namen.« »Das ist meine Absicht nicht. Ich bin aber bereit, ihn dem Herrn Hochmeister zu nennen, und er ist wahrlich ein ehrlicher und guter Name. Sagt das dem gnädigen Herrn.« »Ehrlich – hm, hm!« lärmte Ostra. »Und gut? Kann sein. Es gibt im Lande verschiedene Meinungen über das, was ein guter Name ist. Verschlingt mich nicht mit Euren Augen – ich kann's nicht ändern. Ich sage, es gibt verschiedene Meinungen, und das ist richtig so. Von woher kommt Ihr?« »Von Marienburg.« »Schloß oder Stadt?« »Stadt.« »Pah! Erlaubt, daß ich daran zweifle.« »Weshalb wollt Ihr daran zweifeln, Herr Ritter?« »Weil ... Aber Ihr sagt es. Ihr sagt, daß Ihr von Stadt Marienburg kommt, die dem Orden treu ist, gegen den Bund die Waffen erhoben hat! Ihr sagt es.« »Und ich sage die Wahrheit, das Fräulein wird mir's bezeugen, daß ich gestern Abend erst von Bartholomäus Blume, dem Bürgermeister, Abschied genommen habe.« »Und von Marcus, seinem Sohn, nicht wahr? Das Fräulein kennt Marcus Blume sehr gut. Aber ob gestern Abend ... Ich hätte darauf wetten mögen, das Fräulein komme von – Thorn.« Jost sah verwundert auf. »Weshalb von Thorn?« »Ah –! Es ist ein lustigeres Leben da als in dem Nest Marienburg. Reichtum in Fülle. Und die Söhne der Ratsherren von Thorn –« »Wollt Ihr nun beim Herrn Hochmeister anfragen, Herr Ritter?« unterbrach Ursula ungeduldig. »Hm –! Das will ich«, entgegnete Ostra, listig mit dem linken Auge zwinkernd, »wenn ich erst weiß, wie ich Euch melden soll.« »Sagt nur, die Ursula vom Walde ... Und bringt ihm diesen Ring, den er selbst einmal getragen hat.« Sie löste den Ring von einem Halskettchen, das sie aus dem Mieder vorzog, und reichte ihn dem Ritter. Ostra betrachtete ihn mit begehrlichen Blicken. »Wahrhaftig!« rief er, »das ist derselbe Ring ... Nun freilich! Wenn der Herr Hochmeister Euch den gelassen hat, wird er ja wohl auch für Euch nicht allzusehr beschäftigt sein. Ich will hören, was seine Gnade zu befehlen hat. Geduldet Euch hier so lange.« Er verließ das Gemach und blieb wohl eine Viertelstunde fort. Indessen klärte Ursula Jost über des Ritters Person auf. »Das ist ein böses Zusammentreffen«, meinte er. »Auch jetzt will der gewalttätige Mensch dir schwerlich wohl. Seine hämischen Reden erwecken wenig Vertrauen. Was wollte er denn mit Thorn? Ein Einäugiger. Ganz recht! Von so einem ist schon viel in Thorn gesprochen zu der Zeit, als der Aufstand war. Wenn er ...? Bedenke, liebe Schwester, ob es nicht geraten ist, das Haus zu verlassen und auf eine bessere Gelegenheit zu warten, den Herrn Hochmeister zu sprechen. Du hättest den Ring nicht aus der Hand geben sollen.« »Er muß ihn doch vorzeigen«, entgegnete Ursula. »Weiß Herr Ludwig von Erlichshausen erst, wer ihn schickt, so fürcht' ich diesen Buben nicht weiter. Er kann uns nichts Böses tun.« Als Boppo von Ostra wieder eintrat, begleiteten ihn zwei Trabanten mit langen Spießen. »Der Herr Hochmeister war sehr erfreut, das Fräulein hier zu wissen«, sagte er, sich mit gesuchter Höflichkeit verneigend. »Seine Gnade läßt das Fräulein bitten, mir sogleich zu folgen.« »Das tu' ich gern«, antwortete Ursula. »Aber gebt mir vorerst den Ring zurück.« »Der Herr Hochmeister hat ihn an sich behalten«, versicherte Ostra. »Ich hoffe, Ihr sollt ihn aus seiner Hand wieder empfangen.« »So kommt, Lieber«, wendete sie sich zu Jost. Ostra trat zwischen beide. »Verzeiht«, sagte er, »Seine Gnade will erst von Euch erfahren, wer Euer Begleiter ist, der sich mir nicht nennt. Er bleibt vorläufig hier.« »Geh' nicht ohne mich, Ursula«, bat Jost. Der Ritter zuckte die Achseln. »Also überhaupt nicht.« Ursula überlegte. »Was kann mir geschehen?« meinte sie. »Der Herr Hochmeister will mich zu sich lassen.« Sie kehrte sich nach der Tür. »Führt mich zu ihm!« Ostra ließ sie aus. Er folgte. Auch die Trabanten traten hinaus. Aber sie blieben draußen vor der Tür auf der Galerie stehen, sich auf ihre Spieße stützend. Der Ritter bat das Fräulein voranzugehen – die Treppe hinab und über den Hof nach dem anderen Flügel. Sie gelangten durch den niedrigen Torbogen in einen Flur, zur Treppe, oben in einen Kreuzgang, wieder einige Stufen abwärts in einen schmalen, halbdunklen, gewölbten Raum. Ursula stutzte. »Wir sind gleich zur Stelle«, beruhigte Ostra. »Dort rechts wird's wieder hell.« Wirklich öffnete sich hier die Wand, und Ursula blickte in einen langen Gang hinein, der von beiden Seiten durch schmale Fensteröffnungen Licht erhielt. Gegen das Ende hin verengte er sich. Dort schritten sie an mehreren Türen vorbei, das Fräulein immer eiliger. Die letzte geradeaus öffnete der Ritter und nötigte Ursula zum Eintreten. Das Gemach war nicht groß; ein Kreuzgewölbe überspannte es. In der sehr dicken Wand gegenüber der Tür befand sich eine tief eingeschnittene Nische und darin ein schmales Fenster, zu dem man über zwei stufenartige Einsenkungen der Mauer gelangen konnte. Ursula glaubte, daß dies endlich das Vorzimmer des Herrn Hochmeisters sei, und trat ein. Kaum aber hatte sie sich in dem Raum umgeschaut, der einer Gefängniszelle ähnlich sah und auch wie eine solche eine niedrige Bettlade und ein paar Holzschemel als einzige Ausstattung enthielt, als sie kehrtmachte und entrüstet rief: »Wohin führt Ihr mich? Ich folge Euch nicht weiter.« Sie wollte hinaus, aber der Ritter verstellte ihr die Tür. »Es ist auch nicht erforderlich«, antwortete er, »wir sind am Ziel. Mag es Euch gefallen, mein schönes Fräulein, hier einige Zeit zu verweilen, bis der Herr Hochmeister die Gnade haben wird, Euch zu berufen. Das kann nicht sogleich geschehen. Es ist zunächst ein Umstand aufzuklären, der Euch verdächtigt, nicht in guter Absicht in dieses Schloß eingedrungen zu sein.« »Mich verdächtigt –?« wiederholte Ursula ganz verwirrt. »Wie kann das sein? Habt Ihr dem Herrn Hochmeister nicht den Ring gebracht –?« »Ich bin für des gnädigsten Herrn Sicherheit in diesem Hause verantwortlich«, entgegnete Ostra, der Antwort auf die Frage ausweichend. »Ich tue, was meine Pflicht ist.« »Laßt mich hinaus! Laßt mich zu meinem Begleiter!« »Dieser Begleiter gerade ist's, der Euch verdächtigt.« »Mein Bruder –?« »Euer Bruder! Ihr scherzt, schönes Kind. Solcher Brüder habt Ihr wohl noch mehrere – je nach Gelegenheit. Wollt Ihr mir seinen Namen nennen?« Ursula stand ratlos und schwieg. Sie hatte vielleicht schon zu viel verraten, indem sie Jost ihren Bruder nannte. »Ihr kennt ihn vielleicht selbst nicht«, fuhr Ostra spöttisch fort. »So will ich Euch sagen, daß man gedacht hat, Euch zu einem frevelhaften Anschlag auf des Herrn Hochmeisters Leben mißbrauchen zu können. Euer Ring sollte dem Sohn seines Todfeindes den Weg zu ihm öffnen –« »Um Himmels willen!« fiel Ursula entsetzt ein. »Welcher unwürdige Verdacht –« »Beruhigt Euch nur – ich will darauf schwören, daß Ihr unschuldig seid. Ihr habt keinen willigeren Beschützer als mich – vertraut mir ganz.« Er ergriff ihre Hand und versuchte sie an seine Lippen zu ziehen. Sie riß sich in furchtbarer Angst los. »Zu Hilfe – zu Hilfe!« »Euer Geschrei kann Euch nichts nützen«, sagte er, immer die Tür sperrend. »Man hört Euch im Hause nicht. Wenn Ihr Euch aber meinen Wünschen gefügig bezeigen wollt –« »Zu Hilfe –zu Hilfe!« Ostra trat rasch zurück und schlug die Tür zu. Es steckte ein Schlüssel im Schloß. Er drehte ihn um und zog ihn ab. Indem er auf dem Rückwege wieder den Dansk seiner ganzen Länge nach durchschritt, hatte er Zeit zu überlegen, was für Folgen seine rasche Tat haben könnte. »Der Hochmeister darf nichts erfahren ...« murmelte er. »Weshalb auch? Er herbergt wohl hier nicht lange. Kommt's doch heraus, so ist's zu seinem Besten geschehen – vielleicht übereilt, irrtümlich, allzu eigenmächtig, aber zu seinem Besten. Und bis dahin ... Wer rechnet denn noch mit dem nächsten Tage? Ich hoffe, die scheue Taube wird in der Gefangenschaft bald kirre geworden sein. Pah! Man will sein Auge nicht umsonst verloren haben.« Als er zu Jost zurückkehrte, hatte dieser schon ungeduldig auf die Galerie hinaustreten wollen, war aber durch die Trabanten, die ihre Spieße vor der Tür kreuzten, gehindert worden. Er beschwerte sich nun mit heftigen Worten über diese Unverschämtheit. Östra lachte. »Sie haben getan, was ihnen geheißen war«, sagte er herausfordernd. »Wie? Bin ich hier ein Gefangener?« rief der Junker unwillig. »Ihr seid's, Herr Jost vom Wege!« antwortete Ostra. »Hah –!« »Hab' ich Euch beim richtigen Namen genannt? Ihr mögt wissen, daß ich einmal heimlich in Thorn gewesen bin und mir die Buben angesehen habe, die den Orden verrieten. Da hat man mir auch den Sohn des Erzschelms Tileman vom Wege gezeigt, und ich hab' sein Gesicht nicht vergessen, wie Ihr merkt.« »Und wenn ich nun Jost vom Wege bin?« »So seid Ihr auch der Friedensbrecher, Landverderber und Kirchenschänder, der an der Spitze der bündischen Söldner das Ermland mit Krieg überzogen und seinem rechtmäßigen Herrn, dem Bischof Franziskus, entwendet hat.« »Herr Ritter –!« »Seid Ihr's nicht? Leugnet doch, wenn Ihr könnt.« »Was ich damals getan habe ... Euch schuld' ich keine Rechenschaft dafür.« »Meinem Orden.« »So führt mich vor den Herrn Hochmeister –« »Ihr seid solcher Gnade nicht würdig. Eure Schuld ist offenkundig – erwartet die gerechte Strafe.« »Aber Ihr wißt nicht ... Ich bin seitdem in der Stadt Marienburg Dienst getreten, für den Herrn Hochmeister, für den Orden zu kämpfen.« »Wen gedenkt Ihr so frech zu belügen? Ich sag's Euch auf den Kopf: Ihr seid hierhergekommen, den Herrn Hochmeister zu ermorden.« »Unerhörte Beschuldigung! Wie wagt Ihr –?« Ostra gab den Trabanten einen Wink. »Greift zu – schafft ihn in den Turm. Sobald er sich widersetzt, legt ihn in Ketten und weist ihm das unterste Verlies an.« Die Trabanten packten ihn bei den Armen. »Das ist die schnödeste Gewalttat«, schrie Jost. »Ihr werdet sie zu verantworten haben. Ich bring' ein Schreiben an den Herrn Hochmeister –« »Es ist gefälscht. Durchsucht ihn, nehmt es ihm ab und legt's in meine Hand.« Jost wehrte sich wie ein Verzweifelter. »Und wo ist Ursula – meine Schwester?« »Eure Schwester; Hahaha! Da merkt man das abgekartete Spiel. Seid ohne Sorge! Dem artigen Fräulein soll kein Leid geschehen.« »Fluch über Euch und Eure räuberischen Taten –!« »Setzt ihm einen Knebel ins Lästermaul! Fort!« Er öffnete die Tür und ließ die Trabanten aus. Sie nahmen Jost mit sich und warfen ihn in den nur wenige Schritte entfernten Turm. Nun begab Ritter Ostra sich nach dem Remter. Dort saßen einige von den Brüdern mit den gerade im Schloß anwesenden Söldnerhauptleuten an dem langen Tisch und becherten. An einem der Fenster arbeitete ein Schreiber. Die Tür zum anstoßenden Gemach stand auf. Es war für den Hochmeister eingerichtet worden. Herr Ludwig von Erlichshausen spielte dort mit dem Hauptmann von Tettau Schach. Er hatte in einem Polsterstuhl Platz genommen und die Füße mit den langspitzigen Schuhen auf ein Kissen gestellt. Sein Bart war ganz weiß geworden; die knochigen Finger zitterten, wenn sie eine Figur erhoben. Er sah schwermütig auf, als er Schritte vernahm. Sobald er Ostra erkannte, zuckte der Mundwinkel verdrießlich. »Was bringst du?« fragte er mürrisch. »Kam endlich Botschaft vom Spittler?« Der Ritter verneigte sich tief. »Nein, gnädigster Herr.« »Oder von Zinnenberg?« »Ebensowenig.« »Was stört Ihr uns also im Spiel«, fragte Tettau ärgerlich. Er zog einen Läufer. »Schach dem König!« Der Hochmeister blickte mit müden Augen flüchtig über das Brett. »Ihr habt die Partie gewonnen.« »Noch nicht, gnädiger Herr. Opfert den Turm.« »Es ist eine Galgenfrist. Nein, nein! Ich habe meine Gedanken nicht beisammen gehabt. Oh –! Ich bin ein kranker Mann.« Er wendete sich wieder zu Ostra. »Sprich also.« »Gnädigster Herr, ich hoffe mir Euren Dank verdient zu haben. Mir ist soeben ein guter Fang gelungen.« »Den will ich dir nach seinem Wert lohnen, wie ich kann. Wer ist gefangen?« »Jost vom Wege, Tilemans einziger Sohn.« Der Hauptmann von Tettau sprang auf. »Jost vom Wege?« Auch der Hochmeister sah ihn verwundert an. »Wie ich sage, gnädigster Herr. Er hatte sich, als Schottenkrämer verkleidet, mit einer Bauerndirne hier eingeschlichen –« »Um zu kundschaften«, unterbrach Tettau. »Vielleicht in noch sträflicherer Absicht. Meines gnädigsten Herrn teures Leben –« »Oh, das nicht, das nicht«, wehrte Erlichshausen ab. »So verrucht ist auch unser verbittertster Gegner nicht. Und er ...« »Diesen meineidigen Schurken ist nicht zu trauen«, meinte Ostra. »Sie wissen Ew. Gnaden wieder an der Weichsel und fürchten, daß ihnen das Ränkespiel gründlich verdorben werden könnte. Da scheuen sie vor solchem Mittel nicht zurück, durch einen Dolchstoß Euch in Eurem Siegeslauf niederzuwerfen.« »Nein, nein! Tilemans Sohn ...! Es wäre zu furchtbar.« »Wie dem nun sei, ich hoffe durch meine Wachsamkeit großes Unheil abgewendet zu haben.« »Laßt den Buben auf der Stelle hängen!« rief Tettau. »Laßt ihn hängen!« wiederholten die andern Hauptleute, die auf das laute Gespräch eingetreten waren. »Keine übereilte Tat!« wendete der Hochmeister erschreckt ein. »Tilemans Sohn! Das hieße Rache nehmen um einen teuren Preis. Nie mehr könnten wir unsere Gegner versöhnen. Bedenkt, ihr Herren, daß wir den Frieden erstreben. Die Gefahr ist abgewendet, der Spion unschädlich gemacht ...« Es wurden erregte Worte hin und her gewechselt. »Gestattet mir einen Vorschlag, gnädigster Herr«, sagte Ostra endlich, als er merkte, daß der Hochmeister zu einem Befehl nach dem Rat der Hauptleute nicht zu vermögen sein würde. »Der Bube mag den schnellsten Tod verdient haben. Was kann es uns nützen, daß wir dem tausendköpfigen Drachen einen Kopf abhacken, und nicht einmal den gefährlichsten? Der Gefangene ist uns mehr wert. Nicht er – sein Vater ist der mächtige Mann, der den Bund nach seinem Willen lenkt, dessen Rat selbst der König von Polen nicht unbeachtet lassen darf. Er möge erfahren, daß sein Sohn als Kundschafter gefangen ist und am Galgen steht. Wir bestimmen das Lösegeld.« »Aber nicht unerschwinglich hoch.« »Gewiß nicht, das wär' Torheit. Fordern wir für seinen Sohn – die Stadt Marienburg. Das liegt uns jetzt am nächsten.« Der Hochmeister zog mit starkem Ruck die Finger der rechten Hand zusammen, die auf dem Schachtisch lag. Die Augenbrauen hoben sich. Aber die Spannung ging rasch vorüber. Ein ungläubiges Lächeln flog über das bleiche Gesicht und blieb im Mundwinkel hängen. »Den Preis kann er nicht zahlen«, sagte er. »Weshalb nicht?« fragte Ostra. »Wir fordern nicht das Schloß, das erobert sein will. Die Stadt gehört dem Orden; sie wehrt sich gegen den Bund. Tileman hat sie nicht herauszugeben – nur freizulassen, nur nicht weiter zu bedrängen. Das zu bewirken, steht vielleicht doch in seiner Macht. Die Belagerung darf nur lässig betrieben, nach einiger Zeit als aussichtslos eingestellt werden.« »Man könnt's so an ihn bringen«, meinte Erlichshausen wenig zuversichtlich, aber doch nicht mehr abweisend. »Und wenn's dort zum Schlimmsten kommen sollte, was Gott verhüte ... Ich muß für meine treuen Anhänger sorgen – Blume und seine Kumpane. Wenn ihnen ein Haar gekrümmt werden sollte ...« »So büßt dafür Jost vom Wege mit dem Leben«, vollendete Ostra die Drohung, die dem Hochmeister schwer schien über die Lippen gehen zu wollen. Der hohe Herr nickte schwermütig. »So gibt Ew. Gnaden mir Vollmacht, zu handeln?« »Ja ... Doch daß ich mir die letzte Entscheidung über den Gefangenen vorbehalte. Vergiß es nicht, Bruder Ostra. Mein Schreiber soll dir helfen. Und wenn du's klug durchführst – sollst du unseres Ordens Komtur werden. Schon jetzt ernenn ich dich zu meinem Hauskomtur in Marienwerder – vorbehaltlich des Kapitels Zustimmung. Ich will's mit dem Spittler bereden.« Ostra verneigte sich befriedigt und küßte des Meisters Hand. Dann trat er zum Schreiber und gab ihm Anweisung. Der Brief sollte sofort aufgesetzt, mit dem hochmeisterlichen Handsiegel beglaubigt und durch einen Eilboten abgesendet werden. Darauf begab er sich durch die Mauerpforte nach dem Friedhof am Dom. Dort wohnte in einem kleinen Häuschen der Totengräber. Sein Weib verrichtete mancherlei Dienste im Schloß und war Ostra als eine schweigsame Person bekannt. Es hing von ihm ab, wie er die Alte beschäftigen und lohnen wollte. Das wußte sie, und sie zeigte sich ihm deshalb ganz ergeben. Ihr vertraute er sich an. Er habe ein junges Fräulein im Schloß, sagte er ihr, wovon niemand wissen dürfe. Es sei vorläufig im Wachtzimmer auf dem Dansk einquartiert, bis der Hochmeister abziehen werde. Sie sollte für das Fräulein sorgen, daß es ihm an Aufwartung und guter Pflege nicht fehle. »Haltet aber das Gemach verschlossen«, fügte er hinzu, indem er ihr den Schlüssel aushändigte, »und laßt Euch durch Geschrei und Bitten nicht etwa bewegen, das dumme Ding auszulassen, das etwas verdreht im Kopf und widerhaarig ist. Sprecht nur das Nötigste und laßt Euch auf keinerlei Verhandlung ein. Gibt's aber doch Lärm und fragt einer, dem Ihr nicht ausweichen könnt, wen Ihr da hütet, so antwortet, das sei die verdächtige Dirne, die mit Jost vom Wege gefangengenommen ist. So mag's dann auch der Herr Hochmeister erfahren, es liegt nichts daran.« Er steckte ihr einen Goldgulden in die Hand und klopfte ihr vertraulich die Schulter. – Der Bote hatte große Mühe, in Thorn bei Tileman vom Wege vorgelassen zu werden. Der Ratsherr sei krank, hieß es in seinem Hause, und sehe niemand. Erst auf die Andeutung, daß es sich um seinen Sohn handle, wurde er von der Haushälterin in das Zimmer gefühlt, dessen Fenster verhängt waren und in dem der Kranke zusammengekrümmt auf seinem Schmerzenslager die ewig langen Tage und Nächte zubrachte. »Was ist's mit meinem Sohn?« fragte er mit ächzendem Laut. »Ich sah ihn lange nicht – er hat sich von mir abgewandt – ist in die Fremde gegangen – ich weiß nicht wohin. Erinnert er sich endlich – seines alten Vaters? Will er vor seinem Tode ... Ach, ach! Er schafft mir bitteres Leid.« »Euer Sohn ist in Marienwerder gefangen, edler Herr«, sagte der Bote. »Gefangen –?« schrie Tileman auf und riß sich vom Kissen in die Höhe. »Dieser Brief wird Euch nähere Auskunft geben.« »Der Brief –! Er schreibt ihn?« »Nein, der Herr Hochmeister, dessen Gefangener er in der Burg Marienwerder ist.« »Ludwig von Erlichshausen? Mein Todfeind?« »Mein gnädigster Herr.« »O dann ...« Der Kopf sank ihm zurück. »Lest den Brief und gebt mir Antwort.« »Kennt Ihr seinen Inhalt?« »Nein. Nur daß es sich um Euren Sohn handelt, weiß ich. Er hat sich in die Burg eingeschlichen und ist gefangen. Ich soll's Euch sagen, damit Ihr des Briefes wegen Vorsicht beobachtet. Er geht nur Euch an.« »Des Hochmeisters Brief ...« Der Kranke stöhnte leise und warf sich dann unruhig auf dem Lager hin und her, oft mit der knochigen Hand nach der Stirn greifend, auf der die Schweißtropfen perlten. »Wollt Ihr mir den Brief abnehmen, edler Herr?« fragte der Bote nach einer Weile. »Nein!« rief Tileman. »Ich empfange nicht heimliche Briefe vom Feinde.« »Aber bedenkt –« »Es ist nichts zu bedenken. Mein Sohn ... Und wenn der Gefangene mein Sohn ist – ich will keine Heimlichkeiten haben. Schickt nach Rutger von Birken, dem Bürgermeister. Er soll herkommen mit zwei Ratsherren und den Brief lesen.« »Ihr solltet doch erst sehen –« »Gehorcht! Das ist ein Bubenstück, ich weiß es. Was von da herkommt ... Ich will sicher gehen. Hab' ich so lange in Ehren ... Gehorcht! Weil's mein Sohn ist, glaubt er ... Aber gerade weil's mein Sohn ist –! Nein! Beruft den Bürgermeister. Des Herrn Hochmeisters Brief kann nur den Rat angehen.« Man mußte ihm den Willen tun. Während der Bote nach dem Rathaus ging, ließ Tileman sich anziehen, einen Pelzrock überwerfen und auf einen Lehnstuhl leiten. Er ächzte vor Schmerzen, aber er überwand sie. Er ließ den Vorhang vom Fenster ein wenig heben. Nun das Licht auf sein Gesicht fiel, zeigte sich erst die Verwüstung in ihrer ganzen Schreckbarkeit. Wie vergilbtes Pergament lag die Haut über der eckigen Stirn. Weit die Schläfen hinauf war das Haar ausgefallen, nur zwischen ihnen ein struppiger Büschel stehengeblieben. Unter den Backenknochen höhlte sich die Wange. Der Mund war schief gezogen, der lange nicht geschorene Bart umgab in ungleichen Zotteln das Kinn, das fortwährend schmerzlich zuckte. Die gekrümmten Hände zitterten. Er lehnte den Kopf zurück und atmete kurz und hastig. Die Herren hatten einen kurzen Gang über den Marktplatz. Rutger von Birken begrüßte den alten Freund mit Herzlichkeit. »Macht's kurz, liebe Gevattern«, bat Tileman keuchend. »Ich kann euch nicht lange zu Diensten sein. Was schreibt der Herr Hochmeister meines Sohnes wegen?« »Lest zunächst selbst den Brief«, antwortete der Bürgermeister. »Wir wissen es Euch Dank genug, daß Ihr uns zugezogen habt. Wollt Ihr hinterher unsere Meinung erfahren, so soll sie Euch nicht vorenthalten werden, und gedenken wir Euch freundschaftlich zu raten.« Wahrend Tileman das Siegel löste und das Band entfernte, fuhr er fort: »Es nimmt uns wunder, daß Jost vom Herrn Hochmeister gefangen sein soll, da uns doch vor kurzem vom Schloß Marienburg Nachricht kam, er sei in der Stadt gesehen worden und hätte mit den Bürgern oder mit Trotzlers Söldnern gekämpft. Wäre das die Wahrheit, so müßte man eher glauben, der Herr Hochmeister sei ihm zu Dank verpflichtet. Daß er sein Gefangener sein soll –« »Er ist's«, rief Tileman. Die Hand, die das Blatt hielt, sank ihm auf den Schoß. »Und man will ihn henken, wenn ich nicht ... Oh! Das ist eine Verruchtheit schlimmster Art. Mein Sohn – mein Sohn! Lest, was man mir zumutet – lest! Ich bin ein unglücklicher Mann und Vater. Aber lest! Was da steht, ist mir keine Schande. Ihnen aber ... Ich bitt' euch, lest!« »So ist's ein Irrtum gewesen, wie ich gleich vermutete«, sagte Birken. »Wie hätt' Euer Jost sich so weit verirren können, mit unsern Feinden ...« Er überflog das Schreiben und gab seine Entrüstung in Lauten und Zeichen des Unwillens zu erkennen. »Das hattet Ihr nicht verdient«, rief er. »Sie wissen, daß ich nur den einen Sohn habe«, jammerte Tileman, »meine ganze Hoffnung einst, meines Herzens einzige Freude. Aber daß ich seinetwegen ein Verräter an meinem Lande werden könnte ...! Es ist gut, ihr Herren, es ist gut. Ihr seid unterrichtet. Seht euch nun vor, daß ich nicht die Stadt schädige, mein Fleisch und Blut loszukaufen. Seht euch vor!« »Wir kennen Euch auch ohnedies gut genug«, antwortete der Bürgermeister, und seine Kumpane stimmten laut zu. »Dieser neuen Probe Eurer redlichen Gesinnung gegen die Stadt hätt' es wahrlich nicht bedurft. Aber wir danken Euch und hoffen, der Herr Hochmeister werde so grimmig nicht verfahren, als er sich hier den Anschein gibt. Das wär' gemeine Rache, nicht Gerechtigkeit. So liederlich kann er seinen Namen nicht für ewige Zeit verunglimpfen wollen.« Tileman seufzte aus tiefster Brust. »Und wenn es ihm nun nach Rache gelüstete? Rache um Rache! Ah –! Was wißt ihr ...? All unser Tun – was ist das? Wie es sich vor der Welt darstellt, ist es groß oder klein, lächerlich oder erhaben, und so wird's eingezeichnet in die Chroniken. Wer die geheimen Triebfedern kennte ... Lassen wir das! Ich bin gefaßt auf alles.« »Wollt Ihr gestatten, daß der Rat dem Herrn Hochmeister für Euch antwortet?« fragte Rutger von Birken mitleidig. »Was wollt ihr antworten?« rief Tileman. »Daß ihr Marienburg preisgeben wollt für meines Sohnes Leben?« »Nein. Aber die Stadt Thorn kann ein Lösegeld bieten –« »Ein Lösegeld! Ja, wenn's damit getan wäre! Bietet mein ganzes Vermögen – nichts ausgenommen. Ich will die Stadt um eine Stelle im Hospital bitten, meine letzten Tage da zu verbringen, und hinterher um ein Armenbegräbnis. Aber es ist nicht einmal genug, die Habgier zu reizen. Viele sind reich geworden durch diesen Wandel der Dinge, zu denen ich geholfen habe – ich aber arm. Auch die über mich den Stab brechen, müssen mir nachsagen, daß ich mir keinen Lohn genommen!« Der Bürgermeister legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wie sprecht Ihr so?« sagte er vorwurfsvoll. »Habt Ihr's nötig, uns zu erinnern, daß Ihr allezeit reichlich von dem Eurigen gegeben und nichts zu Eurer Entschädigung genommen habt? Die Stadt Thorn ist hoch in Eurer Schuld. Jetzt hat sie vielleicht Gelegenheit, einen Teil davon abzutragen. Deshalb eben biet' ich Euch ihre Vermittlung an. Was in unsern Kräften steht, Euren Sohn zu lösen –« »Was in euren Kräften steht –« fiel Tileman ein, »ja, ja! Darüber kann niemand. Ich darf euch nicht bitten, liebe Herren: laßt's sein! Wenn ich selbst gefangen wär', lieber die Zunge wollt ich mir abbeißen, als euch anrufen: kauft mich los. Aber mein Sohn ... Wir leben nicht mehr in der Römer Zeiten. Unmenschliches soll niemand sich zumuten. Tut deshalb, was euch gut dünkt. Ich fürchte, die Stadt legt umsonst meiner Habe ein Gebot zu. Rache – Rache ... und Vergeltung ...« Seine Sprache wurde unverständlich, der Kopf fiel auf die Brust, der ganze Körper sank im Stuhl zusammen. Sie richteten ihn aus seiner Ohnmacht auf und trugen ihn aufs Bett. Dann übergaben sie ihn der Hauswirtin. Sofort wurde eine Ratssitzung gehalten. Jost war unbeliebt. Mancher äußerte sich, es sei unerklärlich, wie er nach Marienwerder gekommen sei und was er dort gewollt habe, wenn es ihm doch an Mannschaft fehlte, sich der Burg und des Hochmeisters zu bemächtigen. Auch die Gerüchte wurden wieder erwähnt, daß er in Marienburg mitgefochten habe. Doch beschloß man, sich zu Ehren Tilemans der Sache nachdrücklich anzunehmen. So erhielt denn der Bote das Ratsschreiben auf den Rückweg mit. Zugleich ging ein Schreiben an Ulrich Czerwonka ab. Er solle, wenn es irgend in seiner Macht stehe, die Stadt Marienburg zum Gehorsam zurückbringen, bevor der König ins Land käme. Thorns Dank könnte ihm dafür gewiß sein. Auch ließ der Rat einfließen, daß Jost vom Wege gefangengenommen sei. Käm's ihm von anderer Seite zu Ohren, so solle er sich nicht beirren lassen. »Wegen des Lösegeldes unterhandeln wir selbst.« Dreizehntes Kapitel Der Helfer in der Not Marcus Blume wartete von Tag zu Tag auf Josts und Ursulas Rückkehr vergeblich. Immer größer wurde seine Sorge und Unruhe. Es mußte sie irgendein Unfall getroffen haben, sonst wären sie längst wieder heim. Er machte sich Vorwürfe, daß er Ursula fortgelassen habe. Nur mit Mühe wehrte er den Gedanken ab, daß Jost am Ende doch falsches Spiel spiele. Er verriet sich nicht durch Worte, aber deren bedurfte es auch für seine Mutter nicht. Selbst tief bekümmert, streichelte sie ihm oft die Wange, als ob sie ihn begütigen wollte: nimm dir's nicht so schwer zu Herzen. Nur Magdalene gab bei jeder Gelegenheit zu verstehen, daß ihr gutes Vertrauen zu Jost unerschüttert sei. »Glaubt nur, es ist etwas geschehen«, sagte sie, »wogegen er nicht kann. Die Zeit wird ihn herrlich rechtfertigen.« »Du liebst ihn noch immer«, flüsterte Marcus ihr ins Ohr. »Hab' ich doch nie aufgehört, ihn zu lieben«, entgegnete sie ernst, ohne zu erröten. »Hast du dir's anders vorgestellt?« Er küßte sie statt der Antwort. Im Spittel, das von Verwundeten überfüllt werden mußte, war eine böse Krankheit ausgebrochen, die pestartig oft in wenigen Stunden die Menschen hinraffte. Sie griff weiter in die Stadt hinein um sich und verbreitete überall Angst und Schrecken. Auch viele von den Söldnern wurden befallen. Oberst Trotzler drohte, daß er gezwungen sein werde, mit seinem Volk die Stadt zu verlassen und draußen ein Lager zu beziehen. Vergeblich wartete man auf des Hochmeisters Hilfe. Frau Regina hatte übermenschliche Anstrengungen gemacht, den vielen Kranken Dienste zu leisten; selbst vom Fieber ergriffen und ganz kraftlos, konnte sie zuletzt ihr Stübchen nicht mehr verlassen. Magdalene war Tag und Nacht bei ihr, sie zu pflegen. Stündlich erkundigte sich die kranke Frau, ob noch immer von ihren Kindern keine Nachricht eingelaufen sei, und immer wieder mußte Magdalene traurig den Kopf schütteln. Dabei bedrängte Ulrich Czerwonka wieder heftiger die Stadt. Es war ihm gelungen, seinen Schießbedarf zu ergänzen, und er ließ nun wieder von Zeit zu Zeit ein Geschütz lösen, um die Bürger von den Straßen in die Häuser zu treiben. Fast allnächtlich hatten sie einen Ausfall vom Schloß her zu bestehen. Er verbreitete das Gerücht, der König sei schon unterwegs und werde sie furchtbar strafen, wenn sie sich nicht schleunigst unterwürfen. Bartholomäus Blume blieb fest. Es hieß, der Hauptmann habe schon von Danzig Scharfrichter kommen lassen, damit sie für die Blutarbeit gleich zur Hand seien. Auch das schreckte ihn nicht. Er bot seine ganze Beredsamkeit auf, Trotzler zum Ausharren zu vermögen. An den Spittler, von dem er am meisten hoffte, schrieb er flehende Briefe, er möchte sich der unglücklichen Stadt erbarmen. Er erhielt keine Antwort. Und nun ging plötzlich die Rede: Jost vom Wege sei in Marienwerder gefangen und mit dem Tode bedroht; vergeblich hätten die Thorner ein großes Lösegeld geboten. – Bei den Ausfällen der Polen wurden öfters Gefangene gemacht; durch sie mußte die Nachricht verbreitet sein. Sie konnte ihren Weg über Danzig genommen haben, das immer mit dem Schloß in Verbindung stand. War sie glaubhaft? Wie sollte der Hochmeister Blumes Schreiben so mißachtet haben? Und hätte nicht Ursula mit einem Wort jeden Argwohn beseitigen müssen? Marcus zermarterte seinen Kopf, sich ein solches Ereignis erklärlich zu machen. Sollte Jost von Ursula getrennt worden sein, ehe sie Marienwerder erreichten? Hatte er den Begleitsbrief verloren und sich so nicht ausweisen können? Aber wo war denn Ursula? Er hielt's nicht länger aus in den Mauern der Stadt. »Gebt mir Urlaub, Vater«, bat er den Bürgermeister, »nur auf vierundzwanzig Stunden. Ich fühle, daß die Sorge mich niederwirft und zu allem Denken und Tun unfähig macht. Ich habe keinen Schlaf, mir verlangt nicht nach Nahrung. Bleib ich länger, so wird die tückische Krankheit mich erfassen – ich kann ihr keinen Widerstand leisten. Fall' ich dem Feinde in die Hände, so entzieh' ich der Stadt doch keinen Verteidiger. Laßt mich gehen und auskundschaften, wie es in Marienwerder steht. Kann ich mit frohem Herzen zurückkehren – oder auch nur eine traurige Gewißheit mitbringen, so soll der Feind wieder meinen Arm fühlen.« »Soll ich auch dich noch verlieren?« klagte Blume. »Oh, diese Prüfung ist schwer.« Sogleich aber faßte er sich wieder, umarmte Marcus und sagte: »Geh mit Gott! Ich muß dir recht geben. Aber laß es die Mutter nicht wissen. Kommst du wieder, so soll sie sich nicht ohne Grund gehärmt haben, und kommst du nicht ... so hat sie den Trennungsschmerz doch nur einmal. Ich will dich mit dem Dienst auf den Mauern entschuldigen, wenn sie nach dir fragt.« Als Marcus sich dann abends von ihm verabschiedete, wurde der starke Mann merklich weich. Er drückte den lieben Sohn wiederholt an seine Brust und sagte: »Ich weiß nicht, wie mir ist ... Es ahnt mir, wir sehen einander nicht wieder.« Er öffnete ihm selbst die Mauerpforte und schob ihn abgewendet mit einem letzten Händedruck hinaus. – Marcus Blume ging die ganze Nacht durch, die Landstraße möglichst vermeidend und wenig betretene Stege durch Wald und Heide aufsuchend. In einigen Dörfern lag Kriegsvolk; er konnte nicht erkennen, ob des Ordens oder Bündische. Auch sah er von weitem einen großen Trupp Reiter, der sich gegen Marienburg hin bewegte. Es schienen ihm Polen zu sein. An einer anderen Stelle stieß er auf ein eben verlassenes Lager; die Wachtfeuer brannten noch. Die einzeln stehenden Gehöfte waren überall von den Bewohnern verlassen, zum Teil von ihnen oder den Feinden abgebrochen, die Brunnen verschüttet. In der Ferne leuchtete der Himmel an zwei Stellen glutrot von Feuerschein. Als er gegen Morgen, schon nicht mehr weit vom Ziel, ein Gebüsch umschritt, wurde er plötzlich angerufen. Es war eine ausgestellte Wache, die von ihm Auskunft verlangte, wer er sei, von wo er komme und wohin er gehe. »Beantwortet mir zunächst eine Frage«, entgegnete Marcus, »die Euch ungefährlich ist. Seid ihr Kriegsleute des Ordens oder der Bündischen?« »Des Ordens«, sagte der Mann. »Und wer ist Euer Führer?« »Der Oberst-Spittler Herr Heinrich Reuß von Plauen.« »So führt mich zu ihm«, rief Marcus froh, »keinem Lieberen könnt' ich begegnen. Ich bin Marcus Blume, des Bürgermeisters von Marienburg Sohn, und will zum Herrn Hochmeister nach Marienwerder.« »Dahin ziehen auch wir«, sagte der Landsknecht. »Wartet noch kurze Zeit. Dort bricht der Trupp schon auf; wir werden sogleich abgelöst werden.« Wirklich wurde etwas weiter am Waldrand hin im Nebelgrauen eine Bewegung von Menschenmassen bemerkbar. Es näherte sich ein Heereszug von Reitern und Fußvolk; mehrere Fähnlein flatterten im Morgenwind. Voran ritt der Spittler in voller Rüstung, den weißen Mantel über dem Panzerhemd, zwischen einigen Rittern und Hauptleuten. Er erkannte Marcus, reichte ihm vom Pferde die Hand im Blechhandschuh und sagte: »Greift an den Steigbügel, damit Ihr besser Schritt haltet, und berichtet mir, wie es in Marienburg steht.« Das tat Marcus. Er gab umständlich ein Bild von der traurigen Lage der Stadt und sprach die Hoffnung aus, daß ihr jetzt die zugesagte Hilfe durch den Orden kommen werde. »Gott segne den treuen Mann, Euren Vater«, sagte der Spittler bewegt. »Ich wollte, wir könnten seiner guten Stadt auf der Stelle zureiten und die Marienburg im Sturm nehmen. Aber wir sind nur ein klein Häuflein und müssen auf mehr Zuzug warten, der uns freilich versprochen ist. Wir sind zum Schutz des Herrn Hochmeisters herbeigeeilt, konnten aber gestern nach einem langen und beschwerlichen Tagesmarsch Marienwerder nicht mehr erreichen, da Mannschaft und Pferde vor Müdigkeit nicht weiter konnten. Wisset, daß nach zuverlässigen Nachrichten ein großes Polenheer die Grenze vor Tagen schon überschritten hat und im Anmarsch auf Eure Stadt ist. Man spricht von zwanzigtausend Mann, was hoffentlich übertrieben ist. Der Vortrab ist eine Tagesreise voraus. Zinnenberg sucht ihn aufzuhalten. Es muß zu einem Treffen gekommen sein, wobei einige Dörfer in Flammen aufgegangen sind. Ihr werdet den Feuerschein am Himmel so gut wie wir bemerkt haben.« »So nahe schon sind die Polen!« rief Marcus sehr erschreckt. »Wehe der armen Stadt, wenn es Euch nicht gelingt, den Feind im Felde zu schlagen, gnädigster Herr. Wie sollen wir uns gegen solche Übermacht halten?« »Verzagt gleichwohl nicht«, redete der Spittler freundlich zu. »Es dünkt uns schon ein Wunder, daß die Stadt so tapfer widerstanden hat, und Gott kann wohl auch noch ein größeres geschehen lassen und durch ihre Beharrlichkeit die Burg wieder in des Ordens Besitz bringen. Ewiger Ruhm ist ihr dann gewiß.« Nachdem dieses Allgemeine abgesprochen war, erkundigte sich der Spittler nach den näheren Umständen in seinem Hause, und da die Reiter doch dem Fußvolk nicht voraneilen durften und gut noch eine Stunde bis zur Ankunft im Schloß vergehen mußte, fing Marcus vertraulich zu erzählen an, was sich in der Familie ereignet hatte. Er sprach von der Waldfrau und von Ursula und zuletzt von Jost vom Wege, wie der sich zur Sache des Ordens bekehrt hatte und der Stadt zugezogen sei und bereits tapfer für sie gekämpft habe. Nur was zugleich des Hochmeisters und Tilemans Geheimnis war, verschwieg er. Endlich erfuhr der Spittler auch, daß Jost Ursula nach Marienwerder begleitet habe und daß sie nicht zurückgekehrt seien, und daß er selbst nun ausgegangen wäre, sie zu suchen. »Das sind gar merkwürdige Dinge«, sagte Plauen, »und in ihrem wahren Zusammenhang nicht leicht zu erfassen. Über mancherlei Zäune, Hecken und Gräben seid Ihr so im Sprunge hinweggesetzt, daß ich Euch nicht habe folgen können, und aufs Erraten mag ich mich bei meines Kopfes Schwerfälligkeit nicht legen. Ich verstehe wohl, daß Jost vom Wege, wenn er früher Eurer Schwester Ursulas wegen abgesagt hat, die Euch doch angehört, Reue empfinden und andern Sinnes geworden sein kann; doch das behauptet Ihr nicht einmal bestimmt und laßt es nur als Beweggrund seiner Umwandlung ahnen. Es erklärt auch kaum genugsam, wie unseres Todfeindes Sohn sich plötzlich dem Vater abgewandt und das Schwert gegen die Bündischen gezogen hat. So wenig kann ich's auch verstehen, warum gerade er Ursula zum Herrn Hochmeister begleitet hat, wenn ich schon an des Fräuleins Reise keinen Anstoß nehme und nicht frage, warum der gnädige Herr Euren Bund mit Ursula segnen muß. Also nimmt's mich doch Wunder, daß Jost vom Wege, was ich auch vorher schon erfahren, im Schloß Marienwerder gefangen gesetzt ist und festgehalten wird. Sicher hat er sich über seine guten Absichten nicht ausweisen können.« »Aber er hat ein Schreiben meines Vaters bei sich gehabt«, wendete Marcus ein. »Und warum ist Ursula nicht zurückgekehrt? Wenn sie den Herrn Hochmeister gesprochen hätte, säße Jost jetzt gewiß nicht mehr im Turm. Wie sollte sie aber abgewiesen sein, da sie des Herrn Hochmeisters Ring vorzeigen konnte? O gnädiger Herr, manches hab' ich Euch verschweigen müssen, was Euch gewisse Rätsel leicht lösen helfen könnte; darin schenkt mir doch Glauben, daß Jost es wohl ehrlich meint. Ich bitt' Euch flehentlich, nehmt Euch seiner beim Herrn Hochmeister gütig an.« Das versprach der Spittler, und noch mehr, daß er sich auch nach Ursula erkundigen wolle. »So segne ich diese Stunde, die mich so unverhofft mit Euch zusammenführte«, rief Marcus voll Freude. »Nun kann ich hoffen, daß mein Weg nicht vergeblich gewesen.« Vor dem Tor ließ Plauen eine Fanfare blasen. Nach einigen Reden mit denen auf der Mauer hin und her wurde es geöffnet, nachdem die Zugbrücke niedergelassen. Der Hauskomtur Boppo von Ostra erschien mit den Brüdern und Söldnerhauptleuten, den Großgebietiger nach Würdigkeit zu empfangen. Als Plauen seiner ansichtig wurde, hielt er einen Augenblick sein Pferd an und sah ihm verwundert ins Gesicht. »Ei, Ritter –«, fragte er, »wie kommt Ihr hierher und in des Hauskomturs Amt?« »Gottes Wege sind wunderbar«, antwortete Ostra, die Arme über der Brust kreuzend und sich demütig verneigend. »Seine Gnade hat mich aus der Finsternis zum Licht geführt.« »Dessen will ich mich mit Euch freuen«, sagte Plauen, »– wenn es so ist.« Er warf ihm noch einen musternden Blick zu und setzte sein Pferd wieder in Bewegung. »Hm – Ostra, Ostra ...« murmelte er. Unwillkürlich mußte er zurückdenken an den Tag, an dem er ihn wegen Jungfrauenraubes vor der Burg Preußisch-Holland aufhob. Und die geraubte Jungfrau ... Ja, das war Ursula, dieselbe Ursula, die jetzt ... Er glaubte plötzlich ein Licht aufblitzen zu sehen. Marcus Blume hatte sich schon bei der Annäherung an die Burg zurückgehalten und den Trabanten zugesellt. Er stand noch auf der Zugbrücke, als der Spittler mit dem Hauskomtur sprach. Bei einer Wendung des Kopfes erkannte er Ostra. Es war ihm, als ob er einen Keulenschlag gegen die Stirn erhielt. Im ersten Augenblick meinte er niedersinken zu müssen. Dieser Mann hier! Und Ursula ... Armes, armes Mädchen! Der Trupp schritt weiter. Er mußte sich eiligst schlüssig machen, was zu tun. Jedenfalls ins Schloß, von Ostra unbemerkt! Er drängte sich zwischen die Trabanten und suchte hinter ihrem Rücken Deckung. So gelang es ihm, an dem Ritter vorüber auf den Schloßhof zu kommen. Er eilte auf Plauen zu, der eben vom Pferde stieg. Während die Rüstung rasselte, rief er ihm zu: »Gnädigster Herr, habt Ihr ihn erkannt? Das ist –« Plauen winkte ihm ein Einverständnis zu. »Um Gottes willen, erbarmt Euch –« »Still! verratet Euch nicht. Bleibt bei meiner Bagage und haltet Euch versteckt. Ich will Eurer zu rechten Zeit gedenken.« Der Hof füllte sich mit Kriegsvolk. Marcus hatte keine Mühe, Ostra zu vermeiden, der mit den Hauptleuten wegen der Quartierfrage sprach. Die Schloßmannschaft mischte sich unter die Zugereisten; man tauschte Nachrichten aus. Auch hierher hatten schon Gerüchte wegen des schnellen Anmarsches der Polen den Weg gefunden. Marcus schloß sich dem Troßknecht an, der des Spittlers Pferd nach dem Komturstall führte. Dort war er geborgen. Tausendmal pries er im stillen den glücklichen Zufall, der ihn mit dem Spittler zusammengebracht. Nie wär' er ohne ihn ins Haus gelangt, wenn Ostra das Tor hütete, oder schon von ihm hinter Schloß und Riegel gesetzt. Der Spittler war sogleich beim Hochmeister eingetreten. »Gnädigster Herr«, sagte er ihm, »Ihr seid hier nicht genug sicher. Ich komm', Euch zu warnen und zu schleuniger Abreise zu mahnen. Lest diese Briefe. Sie stellen es außer Zweifel, daß die Polen mit großer Macht anrücken. Dieses Schloß mag einem ersten Anlauf stehen; aber man wird es regelrecht belagern, wenn man des Ordens Haupt darin weiß. Wird es mit Sturm genommen, so geratet Ihr in Gefangenschaft. Auch dürfen wir unser kleines Heer nicht in die Mauern einschließen; es ist im Felde nötiger und nützlicher. Ich will Euch zurückgeleiten bis zu unsern getreuen Söldnern. Leider sind sie stehengeblieben, als sie des polnischen Heeres Einmarsch erfuhren.« »Zurück – immer zurück«, klagte Erlichshausen, finster zur Erde blickend und die Hände in seinen weißen Bart vergrabend. »Und wie helfen wir der Stadt Marienburg?« rief er nach einer Weile starren Brütens. »Ich hab' ihr mein Wort verpfändet.« »Sie muß sich jetzt zunächst selbst helfen«, antwortete der Spittler. »Wenn sie nach tapferer Gegenwehr fällt – es wäre ein grausames Schicksal! – wird sich doch die Woge des feindlichen Heeres an ihren Mauern und Türmen gebrochen haben und mit milderem Prall ins Land abfließen. Wir dürfen die Stadt auch in dieser äußersten Not ihres Treueides nicht entbinden. Es ist aber einer von dort mit mir ins Schloß gekommen, der Ew. Gnaden zu sprechen wünscht.« »Wer ist's?« »Marcus Blume.« »Marcus –!« Er bewegte nickend den Kopf, in Gedanken versunken. »Gut! Laßt ihn später zu mir. Marcus Blume ...« Die Ordensbrüder und die Hauptleute wurden herbeigerufen. Es begann eine Beratung wegen der weiter zu treffenden Maßregeln. Sie dauerte lange. Der Schreiber bekam neue Arbeit. Dann wurde das Mittagsmahl gerüstet. Als Plauen wieder mit dem Hochmeister allein war, kam er auf Jost am Wege zu sprechen. Zu seiner Verwunderung wußte Erlichshausen nichts davon, daß er von Marienburg gekommen. »Ostra hat ihn gefangen«, sagte er, »da er im Hause für die Bündischen kundschaftete. Daß er mir ans Leben gewollt, will ich nicht glauben, obgleich sein Vater –« »Marcus Blume weiß es besser«, fiel der Spittler ein. Er teilte mit, was er von ihm erfahren. »So war Ostra im Irrtum«, rief der Meister sehr aufgeregt. »Wie gut war's, daß ich einen übereilten Entschluß verhinderte. Sein Schicksal hing am seidenen Faden. Tileman hat der Versuchung widerstanden, sich des Sohnes wegen mit uns in eine Verhandlung einzulassen. Ich habe von diesem starren, aber in seiner Art ehrlichen Mann nichts anderes erwartet. Nun bieten die Thorner ein Lösegeld. Wir meinten aber klüger den Gefangenen zur Auswechselung zurückbehalten zu sollen. Man kann nicht wissen, was in Marienburg geschieht.« »Ostra war vielleicht nicht ganz im Irrtum«, antwortete Plauen. »Ich höre von Marcus Blume, daß Jost ein Fräulein hieher begleitet hat, das Ew. Gnaden um Gehör bitten wollte – dasselbe Fräulein, dem er einmal räuberisch nachstellte.« »Ursula –?« »Das ist der Name.« »Mein Gott! Ich erfuhr nichts davon. Ursula –! Man muß sofort den Buben –« »Sprecht erst Marcus, gnädigster Herr.« »Das will ich, das will ich! Laßt ihn zu mir rufen. O welche Verruchtheit!« Er war aufgestanden und in großer Unruhe durchs Zimmer gegangen. Der Spittler beurlaubte sich sogleich, um selbst Marcus aufzusuchen. Indessen hatte dieser die Zeit nicht ungenützt verstreichen lassen. Im Komturstall standen Ostras Pferde. Mit seinem Stallknecht, einem munteren und pfiffigen Burschen, knüpfte Marcus, ohne sich zu erkennen zu geben, eine Unterhaltung an. Bald kam dieselbe auf den Herrn. Ein Geldstück, das in des Dieners Hand glitt, löste vollends dessen Zunge. Er plauderte aus, daß sein Ritter von des Ordens Geboten wenig halte und weltlich lebe wie nur einer. Er habe immer irgendwo sein Schätzchen, mitunter auch mehr als eins. Nun gab sich Marcus den Anschein, das nicht zu glauben, und machte den Burschen desto redseliger. »Oh, Ihr seid die liebe Unschuld selbst. Glaubt's oder glaubt's nicht, der Ritter treibt die Dreistigkeit so weit, selbst hier im Schloß so ein hübsches und gefälliges Ding einzuquartieren.« »Hier im Schloß?« »Wie ich Euch sage.« Marcus schlug wild das Herz. Aber er bezwang sich, schnippte mit den Fingern und sagte: »Unmöglich! Ihr werdet mir nichts weismachen.« »Aber unsereins hat doch auch Augen. Und wo nichts weiter zu sehen ist, denkt man sich das andere hinzu.« »Was habt Ihr gesehen?« »Daß die alte Hexe, des Totengräbers Frau, rührig ist und alle Tage seit einer gewissen Zeit mehrmals ins Schloß gelaufen kommt und etwas Geheimes betreibt, das sicher damit Zusammenhang hat. Sie hat auch sonst meinem Ritter schon gute Dienste getan und zischelt jetzt wieder viel mit ihm.« »Und wo – sollte das Fräulein hier im Schloß untergebracht sein?« »Das weiß ich freilich so genau nicht. Was geht mich's an, außer daß ich meinen Spaß davon habe? Ich bin der Alten auf ihren Schleichwegen nicht nachgegangen. Aber das wär' ein leichtes. Seht! Dort kommt sie eben wieder vom Dom her und trägt unter dem Tuch ein Körbchen. Darin ist das Essen für die da. Ich kenne schon ihre Zeit. Wenn Ihr nicht Besseres zu tun habt, schaut einmal nach, wo sie bleibt. Und sagt mir's hinterher, wenn Ihr etwas entdeckt habt. Des Spaßes wegen – versteht Ihr?« Marcus war gleich bereit. Er ging hinter dem alten Weibe her, immer in einiger Entfernung, aber doch nicht so weit ab, daß er's hätte aus den Augen verlieren können. Er wurde nicht bemerkt. Es war jetzt im Hof und in den Kreuzgängen des Schlosses viel Bewegung. Da standen überall die Rottenführer, Landsknechte und Reiter, putzten ihre Waffen, reinigten ihre Kleider oder plauderten miteinander von den Kriegsereignissen, die zu erwarten standen. Marcus hatte wenig Mühe, sich von einer Gruppe zu andern durchzubringen. Er merkte sich genau den Weg, den die Alte nahm. Im hinteren Flur trat aus einer Seitentür Boppo von Ostra, rief sie zu sich und sprach mit ihr eine Weile im Flüsterton. Seine Gebärden zeigten an, daß er sehr dringlich etwas verlangte, während die Alte wiederholt die Achseln zuckte. Marcus stand hinter dem Eckpfeiler im Halbdunkel und konnte wohl sehen, aber nicht verstehen, was da geheim verhandelt wurde. Endlich trat Ostra wieder in die Tür zurück. Die Alte bog in den langen Gang ein. Marcus folgte ihr auch dahin, überzeugte sich aber sehr bald, daß er hier gar keine Deckung finden könnte und notwendig bemerkt werden müßte, wenn sie sich umschaute. Er drückte sich an die Mauer und blickte durch die nächste Scharte. Nun war es ihm gewiß, daß er sich auf dem Dansk befand. Er wußte, daß es von demselben keinen Ausgang nach der andern Seite geben konnte. Er wartete deshalb hier das Weitere ab. Die Alte öffnete mit einem Schlüssel, den sie aus der Tasche zog, die letzte Tür und verschwand hinter derselben. Er hörte, daß innen wieder abgeschlossen wurde. Es wäre gang nutzlos gewesen, dort Einlaß zu begehren. Nach längerer Zeit kam die Alte wieder zurück. Sie schob sich durch die Tür, die sogleich zufiel und nun auch von außen verschlossen wurde. Während sie ihm den Rücken zukehrte, schlich Marcus über den Flur nach dem deckenden Eckpfeiler. Die Frau schlorrte heran, klopfte an die Seitentür und reichte den Schlüssel hinein. Unzweifelhaft war's Ostra, der ihn ihr abnahm. Marcus ließ sie an sich vorüber. Er wußte alles. Aber was nun beginnen? Sollte er dem Ritter hier auflauern, wenn er nach dem Dansk ging? Das würde wahrscheinlich nicht vor Abend geschehen. Und wie bedenklich war's, sich in einen Kampf mit dem starken und vermutlich gut bewaffneten Mann einzulassen. Wurde er getötet oder auch nur gefangengenommen, so war Ursulas Schicksal besiegelt. Bestand jetzt für Ursula größere Gefahr als bisher? Vielleicht durch den Einzug des Spittlers konnte der Einäugige zu verzweifelten Entschlüssen gedrängt werden. Aber wenn einer helfen konnte, war's doch der Hochmeister. Es konnte sein, daß der Spittler ihn bald zu dem gnädigen Herrn rief. Das durfte er nicht versäumen. Er begab sich deshalb zurück nach dem Komturstall. Erst Nachmittag aber kam Plauen, ihn abzuholen; die Zeit verging ihm in großer Beängstigung. »Der Herr Hochmeister ist so weit unterrichtet«, sagte der Gebietiger, »sprecht jetzt ganz offen. Das Geschick des Fräuleins geht ihm sehr nahe. – Vielleicht näher als Marienburgs Bedrängnis«, setzte er murmelnd hinzu. Erlichshausen empfing Marcus Blume sehr gnädig, indem er ihm die Hand zum Kuß reichte. Er erkundigte sich nach seinem Vater, nach der Lage der Stadt, der Stärke ihrer Besatzung, den Vorrichtungen des Feindes. Er bedauerte mit herzlichen Worten, wegen der Hilfe noch länger vertrösten zu müssen. »Aber wir denken in Sorgen Tag und Nacht darauf, wie wir der treuen Stadt beispringen mögen, und bestürmen die Heilige Jungfrau unaufhörlich mit Gebeten, daß sie ihre gnädige Fürsprache beim Höchsten nicht versage.« Dann lenkte er auf Jost vom Wege ein und ließ sich umständlich berichten, wie er nach Marienburg gekommen und mit den Bürgern tapfer gekämpft habe. »Wir wissen ihm großen Dank«, sagte der Hochmeister, »und wollen ihm auf Eure Bürgschaft dieser letzten Dienste wegen gern vergessen, was er vorher unserm Orden zuleide getan, auch seines Vaters Schmachtat nicht gedenken. Er soll sogleich seiner Bande entledigt und aus dem Turm freigelassen werden. Gebt deshalb Befehl, Herr Spittler.« »Es soll geschehen«, versicherte Plauen. »Doch ist's vielleicht noch dringender, vorerst einen anderen Mann festzunehmen und in sicheren Gewahrsam zu bringen.« »Ostra –! Aber es liegt zur Zeit gegen ihn nichts vor als eine unerwiesene Beschuldigung. Er konnte nicht wissen, daß Jost vom Wege zu uns übergetreten war, und tat seine Pflicht, wenn er ihn fesselte.« »Es scheint schon, daß er ein Schreiben des Marienburger Bürgermeisters unterschlagen hat.« »Wenn der Gefangene es nicht noch bei sich trägt.« »O gnädigster Herr, hört mich an«, rief Marcus. »Was ich zu melden habe, gibt meiner Anklage fast schon vollen Beweis.« Er erzählte von Ursula, nicht den Grund verschweigend, der sie zu dieser Reise bewogen, und fügte bei, was er soeben im Schloß in Erfahrung gebracht, immer mit raschen Worten, als müßte die Minute gespart werden. Erlichshausen hörte ihn mit wachsender Spannung zu. »Man soll den Frevler ergreifen«, rief er, rot vor Zorn, »und dingfest machen! Was wagt dieser verwegene Mann! Unter unsern Augen –! Bruder Plauen, nehmt eine Schar Trabanten, umstellt sein Gemach, entsetzt ihn seines Amtes, das er erschlichen hat, nehmt ihm die Schlüssel ab. Diesmal braucht Ihr wahrlich nicht zu fürchten, daß ich ihn begnadige.« Dann, als der Spittler sich entfernt hatte, wandte er sich an Marcus. »Komm«, sagte er, die Hand auf seine Schulter legend, »zeige mir den Weg nach dem Dansk. Ich selbst will dich dorthin begleiten – Ursula befreien. Oh, daß sie dem Unhold getrotzt hätte!« »Sonst lebte sie nicht mehr«, sagte Marcus leise, aber mit festem Ton. – Der Spittler konnte Ostra in seinem Gemach nicht antreffen. Er war, die Zeit benutzend, in der nach dem Essen die meisten Kriegsleute in ihren Quartieren der Ruhe pflegten, nach dem Dansk gegangen, hatte die Tür aufgeschlossen und Ursula durch seinen Besuch in Schrecken gesetzt. Sie war bei seinem Eintreten aufgesprungen und hinter den Sessel geflüchtet, dessen Lehne sie wie ein Schild deckte. Sie sah bleich und krank aus, die Augen lagen tief in den Höhlen und strahlten einen fiebrigen Glanz aus, durch die Haut zuckten die blauen Äderchen an den Schläfen, der ganze Körper zitterte. »Will Gott mich denn nicht erhören«, rief sie, »und meines armseligen Lebens Tage kürzen? Ich verbot Euch, zu mir zu kommen, aber Ihr achtet keiner Bitte und keiner Drohung. Wißt Ihr's noch nicht, daß all' euer sündhaftes Werben vergeblich ist? Geht endlich in Euch und tut Buße! Wollt Ihr immer wieder hören, daß ich Euch verachte? Was begehrt Ihr noch?« »Daß Euer Herz sich meiner erbarme«, antwortete der Ritter. »Eure Schönheit hat mich verlockt, daß ich sündigte, und eure Liebe nur kann mich entsühnen.« Ursula biß die Zähne aufeinander und zog die Lippen zurück. »Ich haß' Euch wie die Sünde«, zischte sie. »Fort, fort! Erwartet nie eine andere Antwort.« »Ich muß«, sagte er. »So weit ich gegangen bin, kann ich nicht mehr umkehren. Und ich will auch nicht. Was wär' mir noch das Leben ohne den Sonnenschein Eurer Huld? Habt Erbarmen! Ich bin ein Unglücklicher, der unter der Last des Kreuzes zusammenbricht. Bin ich der Sohn Gottes, daß ich mich wieder aufrichte und es mutig zum Tode trage? Ich werf' es ab! Ich will sein, als was der Herr mich erschuf: ein schwacher, sündiger Mensch. Und so wehret meiner Leidenschaft nicht, schönste aller Frauen!« »Lästert nicht!« rief Ursula. »Der Herr schuf auch Euch zu seinem Ebenbilde; Ihr aber habt eine Teufelsfratze daraus gemacht.« Er lachte lüstern. »Gewöhnt Euch nur an sie, und Ihr werdet sie gar nicht so abschreckend finden. Das schwarze Pflaster über dem einen Auge kommt ja doch auf Eure Rechnung. Drückt dafür ein Auge zu. Und wär' ich häßlich wie die Nacht – ich lieb' Euch doch, ich bet' Euch an, ich will für Euch zur Hölle fahren. Das muß Euch rühren. Kommt mit mir! Ich will vergessen, wer ich bin – meinen Namen, meinen Stand, meinen Ehrgeiz der Liebe opfern. Wir gehen in die weite Welt –« »Schweigt!« herrschte Ursula ihn an. »Jedes Eurer Worte ist mir eine Schmach.« Er trat ihr näher. »O seid nicht so stolz, Jungfräulein! Meint Ihr, ich ahnte nicht längst, von welchem Stamm die süße Frucht gefallen ist, nach der mein Sinn begehrt? Derselben Sünde dankt Ihr das Dasein, zu der Euer Reiz mich unwiderstehlich jetzt verlockt. Sträubt Euch nicht länger, mir anzugehören. Wisset: hier dürft Ihr nicht über diese Nacht hinaus bleiben. Aber ich laß Euch nicht fort, bis Ihr mir durch ein unzerreißliches Band verbunden seid. Und müßt' ich Gewalt ...« Er sprang vor und suchte sie zu fassen. Aber Ursula schleuderte ihm den schweren Stuhl gegen die Füße, so daß er vor Schmerz aufschrie. Dann eilte sie zur Fensternische und kletterte mit der Behendigkeit einer Katze die Mauerabsätze hinauf bis zur schmalen Fensteröffnung. Sie zwängte ihren Leib in dieselbe und rief: »Wagt es, mir noch einen Schritt näher zu treten, und ich stürze mich in die Tiefe hinab!« Er knirschte mit den Zähnen. »Was tut Ihr? Seid Ihr wahnsinnig? Es wär' Euer Tod!« Ursula antwortete nicht. Sie hielt den Blick gespannt auf ihn gerichtet, bei der geringsten Bewegung seinerseits bereit, sich hintenüber zu werfen. Da wurde die Tür gegenüber aufgerissen. Ostra wendete sich zornig zurück, taumelte und brach zusammen. Der Hochmeister stand vor ihm. Ursula aber jubelte: »Marcus – Marcus! Ach! Marcus.« Ostra wußte, daß nichts mehr zu retten war. Es wäre lächerlich gewesen, Verzeihung zu erbitten, die ihm nimmer werden konnte. Er überschaute rasch seine Lage. Nur zwei Männer sperrten ihm den Weg ins Freie, der eine alt und gebrechlich. Warf er den andern über den Haufen, so konnte er den Ausgang gewinnen, bevor die Schloßleute herbeigerufen waren. Wie ein Tigertier sprang er auf und stürzte sich auf Marcus, den Hochmeister zur Seite schiebend. Marcus griff ihm an die Kehle, rang mit ihm, wirbelte ihn im Kreise herum und suchte ihn zu Boden zu drücken. Ostra, der fürchten mußte, überwältigt zu werden, ließ ihn mit der rechten Hand plötzlich los und zog rasch den breiten Dolch aus der Scheide am Gürtel. Schon blitzte das Eisen gegen des Gegners Brust; Ursula kreischte entsetzt auf. Da erschollen Schritte vom Schloß her, männlich feste, das Nahen heranmarschierender Trabanten meldend. Ostra merkte die größere Gefahr von dorther. Er riß sich schnell mit Riesenkraft los und eilte den Gang hinab; mit rascher Geistesgegenwart rief er den Trabanten zu: »Hilfe – Hilfe! Der Herr Hochmeister ist in Gefahr. Ein Wahnsinniger –« Da traf sein Blick den Spittler. Er verstummte plötzlich und wich zurück. »Er ist euer Gefangener«, sagte Plauen. »Ergreift ihn – entwindet ihm die Waffe!« Die Trabanten sperrten in doppelter Reihe den Gang. Ein Entrinnen war nicht möglich. »Steht's so?« schrie Ostra. »Dann seht einen, dem die Freiheit mehr gilt als das Leben. Fluch dem Orden!« Höhnisch auflachend, schwang er den Dolch zweimal über seinem hochaufgereckten Kopf und schnitt sich beim dritten Zuge die Kehle durch. Das war geschehen, ehe Plauen ihm in den Arm fallen konnte. Ostra lag röchelnd am Boden; das Blut ergoß sich in rotem Strom über den Ziegelboden. »Tragt ihn in die Firmarie«, befahl der Spittler. »Ich will einen der Priesterbrüder berufen, daß er ihm die letzte Ölung gebe. Es geht rasch mit ihm zu Ende.« Die Trabanten hoben ihn auf, legten ihn auf ihre Spieße und trugen ihn fort. Indessen hatte längst Ursula ihren gefahrvollen Sitz auf dem obersten Bankett der Fensteröffnung verlassen und sich Marcus an die Brust geworfen. Sie schluchzte laut und konnte kein Wort hervorbringen. Er drückte sie an sich, streichelte ihr Haar und wiederholte immer: »Gott sei gelobt – du bist gerettet!« Erlichshausen stand einige Schritte weiter zurück und betrachtete das Paar mit feuchten Augen. Ursula schien ihn ganz vergessen zu haben. Marcus aber, nachdem er sich eine Weile ihrer Liebkosungen erfreut, flüsterte ihr zu: »Der Herr Hochmeister ...« Nun richtete sie sich wie überrascht auf, ordnete mit beiden Händen ihr Haar, indem sie es aus der Stirn strich, und sank ihm zu Füßen. Den Saum seines Mantels küssend, sagte sie: »O mein gnädigster Herr, so hat es Gott doch gewollt, daß ich noch einmal Euer erhabenes Antlitz sehe. Zu Euch kam ich. Hört mich nun gnädig an und erfüllt meine Bitte.« Der Meister beugte sich, legte die Hände auf ihre Schultern und wollte sie erheben. »Steh' auf, mein liebes Kind, steh' auf«, befahl er. »Nicht zu meinen Füßen ist dein Platz.« Ursula aber umfaßte seine Knie und rief: »Laßt mich hier liegen, bis ich Eurer Gnade gewiß worden bin. O mein gnädigster und gütigster Herr! Da steht Marcus Blume, den Ihr abgewiesen habt, da er Euch um meine Hand bat. Es ist lange Zeit darüber vergangen, aber wisset, daß ich ihn noch immer liebe wie damals, und keinen auf der Welt wie ihn. Da nun die Stadt Marienburg in Not kam und jeder Tag neuen Kampf brachte, hat er mir wieder angetragen, sein Weib zu werden, damit wir vereint das letzte Stündlein erwarteten, wenn es Gott so verhängt. Ich aber wollt' nicht handeln gegen Euer Verbot. Denn ich weiß jetzt« –, sie senkte den Kopf, und die Stimme flüsterte ganz leise –, »ich weiß jetzt, wer Ihr mir seid und daß ich Euch gehorsamen muß, sollt' mir auch das Herz brechen. Aber das wollt Ihr gewiß nicht! Ihr seid gütig und gerecht und werdet mich nicht unerhört und ungetröstet hier im Staube vor Euch liegen lassen. Meiner Mutter wegen gebt uns Euren Segen.« Der Hochmeister küßte ihre Stirn. »Mein liebes, liebes Kind –«, sagte er, »steh' nur auf und sei guten Mutes. Ist nun alles enthüllt, wie ich glauben muß, und zögert Marcus gleichwohl nicht, dir die Hand zu reichen, so verstummt mein Widerspruch. Seid glücklich in eurer Vereinigung! Dem Sohne des treuesten Mannes will ich dich nicht weigern.« Er zog Marcus an sich, nahm seine Hand und Ursulas Hand, legte sie ineinander und hob die nicht mehr Widerstrebende vom Boden auf. »O Dank – Dank!« schluchzte sie, »Dank, mein gnädigster Herr! Marcus – jetzt bin ich dein für Zeit und Ewigkeit.« Erlichshausen führte sie zurück nach dem Schlosse. »Gern wollt' ich euch selbst die Hochzeit ausrichten«, sagte er, »aber ich bin ärmer als der ärmste meiner Untertanen, und die Not der Zeit führt mich weit ab von Festen. Aber gedenket meiner, wenn der Priester euch segnet. Und wenn wieder hellere Tage kommen, die uns allen der Himmel schenken möge, will auch ich mich eures Glückes freuen, daß ihr es wohl merken sollt.« Der Spittler kam ihnen entgegen. Er brachte Jost vom Wege mit sich, den er aus dem Kerker abgeholt hatte. Seine Leiden waren furchtbar gewesen; kaum konnte er sich auf den Füßen erhalten. »Ihr seid frei«, redete der Hochmeister ihn an. »Zieht, wohin Ihr wollt. Ich mag Euch durch keinen Eid binden.« Jost küßte seine Hand. »So bedarf es auch eines Eides nicht«, antwortete er. »Es sind viel Eide gebrochen in dieser strengen Zeit, und auch mancher der Besten hat sein Gewissen nicht rein bewahrt. Laßt mich Euch dienen, gnädigster Herr, aus reuigem Gehorsam und in frommer Hoffnung des Sieges der guten Sache. Sie ist gewißlich auf seiten derer, die für des deutschen Namens Ehre kämpfen.« »Auch wenn wir unterliegen«, sagte Erlichshausen. »Daran wollen wir uns aufrichten!« Er trat in die Tür seines Gemaches. »Heut' seid ihr meine Gäste; morgen in der Frühe wollen wir uns verabschieden.« Vom Türmchen der Schloßkapelle läutete das Sterbeglöcklein. Ein Bruder Deutschen Ordens war verschieden. Vierzehntes Kapitel Letzter Kampf Am andern Tage war viel Unruhe im Schloß. In der Nacht hatten Boten schlimme Nachrichten gebracht. Der Spittler mußte seine Mannschaft teilen. Nur eine notdürftige Besatzung sollte zurückbleiben, die Reiterei dem Hochmeister das Geleit bis zu einem sichern Ort geben und dann wieder zu ihm stoßen. Er selbst mit dem Fußvolk wollte versuchen, die Verbindung mit Bernhard von Zinnenberg herzustellen. Vielleicht daß der Feind dann aufzuhalten wäre. Jost, Marcus und Ursula waren zeitig aufgebrochen. Sie mußten eilen, die Straße nach Marienburg noch offen zu finden. Hinter Stuhm zeigte sich's aber bereits, daß sie zu spät gekommen waren. Das Landvolk floh mit seiner geringen Habe nach der Burg. Dorthin wurde das Vieh getrieben, das man auch in den Wäldern nicht mehr für gesichert hielt. Auf Fragen hieß es, ein großer Schwarm Polen und Tattern sei vor Marienburg gerückt und habe dort ein Lager aufgeschlagen. Niemand könne hinaus und hinein. In der Burg Stuhm sei allein noch Rettung zu hoffen. Gleichwohl setzten die Wanderer ihren Weg fort. Marcus kannte Schleichpfade, auf denen sie nicht fürchten durften, dem Feinde zu begegnen. Aber in geringer Entfernung sahen sie hier und dort Reitertrupps vorüberziehen. Als sie eine halbe Stunde vor der Stadt auf eine Anhöhe am Fluß gelangten, konnte ihnen kein Zweifel bleiben, daß Marienburg von den Polen eingeschlossen sei. So schwand jede Hoffnung, sich unbemerkt durchzudringen und eines der Tore zu gewinnen. Vor diesen gerade lagerten die Haufen der Feinde am dichtesten. Gelang es wirklich, bei der Annäherung die Aufmerksamkeit der Wachen zu täuschen, so würden sie sicher dicht unter den Mauern von den Pfeilen der Bogenschützen erreicht, bevor sich die Zugbrücke gesenkt hatte. Aber auch hier außen konnte ihres Bleibens nicht lange sein. Die schwarzhaarigen Tattern schwärmten auf ihren kleinen, flinken Pferden nach allen Richtungen über Feld. »Wir dürfen dem greulichen Volk nicht in die Hände fallen«, sagte Jost. »Für Ursula wäre das Schlimmste zu fürchten.« Marcus stimmte zu. Sie legten sich ins Gras und berieten, was weiter zu tun. Man konnte zurück nach Stuhm; aber die Burg war sicher überfüllt. Ging man die Weichsel aufwärts, so mußte man den nachrückenden Polen begegnen; sollte doch ein großes Heer unterwegs sein. Erreichte man wirklich Thorn, so hatte Marcus Blume sofortige Gefangennahme zu gewärtigen, und auch für Jost war's bedenklich, sich jetzt in seiner Vaterstadt blicken zu lassen. »Wir müssen nach der andern Seite über Elbing hinauszukommen suchen«, meinte Ursula. »Ich wüßte wohl ein Obdach, das uns Sicherheit bieten könnte. Aber ich wag' es kaum zu nennen, da ihr euch so weit nicht werdet zurückziehen wollen.« »Laß hören«, sagte Jost. »Unsere Waldhütte ...« »Hinter Heilsberg. Das ist freilich ein weiter Weg.« »Und die Unsern bleiben in Sorge um uns«, setzte Marcus hinzu. »Könnt' ich nur meinem Vater eine Nachricht zugehen lassen.« »Das ist jetzt doch unmöglich«, entgegnete Jost. »Jedenfalls hat Ursula recht, daß wir nur in jener Richtung den Weg offen haben. Versäumen wir nicht die Zeit. Vor Nacht noch müssen wir aus dem Bereich der Tattern sein.« Sie brachen auf und gingen einige Stunden lang bis zur Dunkelheit. In einem Bauernhause fanden sie zur Nacht ein Unterkommen. Am andern Morgen sagte Just: »Ich hab' mir's überlegt. Das beste ist, wenn wir uns trennen.« Da er Marcus und Ursula bestürzt sah, fuhr er fort: »Fürchtet nichts, ihr beide sollt zusammenbleiben und die Reise ins Ermland fortsetzen. Ich betracht' euch als ein Paar, dem nur noch der Kirche Segen fehlt. Nachdem der Herr Hochmeister gesprochen hat, ist jedes Hindernis eurer Verbindung fortgeräumt. Deine Eltern sind einverstanden, Marcus, und unsere Mutter auch. Leicht werdet ihr einen Priester finden, der euch zusammengibt. Dann seid ihr Mann und Weib und möget euch in der Waldstätte einrichten, bis die Rückkehr nach Marienburg möglich ist. Wollt ihr?« Marcus hielt Ursulas Hand. Sie wurde plötzlich heiß und feucht. Ihm schoß das Blut ins Gesicht. Mit fragenden Blicken sah er den Freund an, ob er den Vorschlag ernst nehmen dürfe, und dann wieder schien er zaghaft zu werden, wie ihn Ursula aufgenommen habe. Sie blickte überrascht zur Erde und setzte die kleinen Zähne auf die Lippen. »Nun, ihr närrisches Volk«, rief Jost lachend, »habt ihr Bedenken? Ich meint' euch gut zu raten. Freilich geht's nicht nach der Schnur. Aber die Umstände sind auch absonderlich. Wollt ihr euch lieber als ledige Leute im Lande umtreiben? Das dürft' ich als des Mädchens Bruder gar nicht zulassen. Daß ich aber Ursula begleite und Marcus zurückbleibt – ich denke, das wär' euch beiden nicht genehm.« Ursula fiel Marcus um den Hals und legte den Kopf an seine Brust. »Nein, nein!« rief sie, »wir trennen uns nicht mehr.« Überglücklich preßte er sie an sich, ihr Mund und Hände mit Küssen bedeckend. »Mein Weib, mein geliebtes Weib!« Dann ließ er sie plötzlich los. Sich zu Jost wendend, fragte er: »Und du?« »Um mich sorgt nicht«, erwiderte der Junker. »Ich bleibe hier in der Nähe von Marienburg und passe eine günstige Zeit ab, hineinzuschlüpfen. Dem einzelnen ist's leicht, sich eine Weile versteckt zu halten und solche Gelegenheit zu benutzen. Auch hat's meinetwegen keine große Gefahr. Ich bin ja doch Tilemans vom Wege Sohn und werde so von den Polen behandelt werden, mögen sie nun wissen, daß ich für Marienburg gekämpft habe, oder nicht. Vielleicht kann ich mich gar mit ihrem Beistand in die Stadt einführen. Es ist nötig, daß man im Bürgermeisterhause und bei Frau Regina erfährt, wo ihr geblieben seid.« Sie wollten es nicht zulassen, daß er ihretwegen sich in Not bringe. Aber er entgegnete lächelnd: »Um euch ist mir's auch am wenigsten zu tun. Seid ihr denn aber in eurem Glück ganz blind, daß ihr nicht merkt, einem andern könnt's auch ans Herz gehen? Mich zieht's nach Marienburg noch aus einem beweglicheren Grunde, als weil ich dem Herrn Hochmeister gegen seine Feinde nach meinen schwachen Kräften helfen will. So gern ich für die deutsche Sache eintrete, seinetwegen hätt' ich doch nicht die Waffen ergriffen gegen meines Vaters Partei. Und auch die Stadt hat mir's nicht angetan, so heldenmütig sie sich auch verteidigt. Ich mag mich nicht besser machen als ich bin, und nicht hochherziger. Es steht ein Stern über Marienburg, der leuchtet mir durch alle Finsternis, daß ich ihm folgen muß. Und auch zwei andere Augen, hoff' ich, schauen zu ihm auf sehnsüchtig und hoffnungsfreudig, daß er mir die rechte Leuchte sei. Er soll sie nicht täuschen. Nach Magdalene ist all mein Sinnen und Trachten. Für sie möcht' ich tausend Tode sterben, könnt' ich in ihren Armen zum ewigen Leben erwachen. Sollt' mir aber Gott das Zeitliche schenken, so will ich nicht verzweifeln, ihre Liebe wiederzugewinnen. Haltet mich deshalb nicht zurück!« Marcus schüttelte ihm gerührt die Hand. »Du warst und bist geliebt«, sagte er ihm. »Du darfst mutig anfragen.« »Das ist gewißlich wahr«, rief Ursula. »So viel Tränen Magdalene um dich geweint hat, Bruder, keine Betrübnis hat dein Bild aus ihrem treuen Herzen gelöscht. Gott gebe, daß du nicht lange zu zögern brauchtest, dein Wort zu lösen.« Dann nahmen sie bewegten Abschied voneinander und zogen die Straße rechts und links. »Grüße mir Vater und Mutter«, rief Marcus – »Mutter und Vater«, rief Ursula, »und die zweite Mutter und Magdalene ...« Er hatte den Arm um ihre Schulter gelegt und so gingen sie, oft zurückschauend und winkend, bis Jost sie aus den Augen verlor. Er wendete sich wieder Marienburg zu. Zwei Tage lang umkreiste er die Lager der Polen, die Nächte brachte er in der Nähe unter freiem Himmel zu, eine Gelegenheit abzupassen, durch die Wachen zu schlüpfen. Aber bis zum Graben konnte er nicht vordringen. Er sah auf den Tortürmen die Landsknechte Trotzlers und die Bürger und konnte ihnen doch kein Zeichen geben. Es wär' auch nutzlos gewesen. Seinetwegen durften sie keinen Ausfall gegen den überlegenen Feind wagen. Er erfuhr, daß die Hauptmasse des polnischen Heeres im Anrücken sei. Bernhard von Zinnenberg halte sie noch auf, und auch der Ordensspittler suchte ihr den Weg zu sperren. Der König bleibe vorläufig in Thorn, bis die Stadt erobert sei. Das könne nun nicht mehr lange dauern. Am dritten Tage war eine ungewöhnliche Bewegung im polnischen Lager zu merken. Die Wachen wurden verstärkt, größere und kleinere Reiterhaufen nach allen Richtungen ausgeschickt. Eilboten kamen zurück; ihre Meldungen mußten sehr beunruhigend wirken. Czerwonka sendete einige Fähnlein Fußvolk vom Schloß zur Verstärkung der aufgeworfenen Schanzen. Endlich, bald nach Mittag, wurde der Grund aller dieser Vorkehrungen klar. Zinnenberg hatte den Polen wenige Stunden entfernt eine Schlacht geliefert, den übermächtigen Feind nicht zurückwerfen können, selbst den Rückzug antreten müssen. Er nahm ihn gegen Marienburg hin. Es war nun gewiß, daß die Stadt eine Belagerung durch das ganze polnische Heer werde auszuhalten haben. Im freien Felde vermochte er ihr fortan wenig zu nützen; aber die Zahl ihrer Verteidiger konnte er mehren und durch seine frischen Streiter die Eingeschlossenen ermutigen. So schickte er nun tausend Mann den siegreichen Polen voraus und hieß sie, sich auf das Lager vor der Stadt werfen, den Durchmarsch zu erzwingen. Es wurde auf beiden Seiten tapfer gekämpft. Die Polen setzten alles daran, die Zinnenbergischen bis zum Abend aufzuhalten, in der sicheren Erwartung, daß das Hauptheer dann nachgerückt sein würde. Um so eifriger wiederholten diese immer wieder ihre Angriffe. In der Stadt war man aufmerksam geworden; die befreundeten Fahnen wurden erkannt. Die Bürger, von Bartholomäus Blume selbst geführt, brachen aus dem Tor aus, den Polen in den Rücken zu fallen. Sobald Czerwonka dies vom Schloß bemerkte, ließ er gegen die Stadt feuern und ging gegen den Wall am Burggraben vor. Aber Trotzler verteidigte ihn wirksam und warf die Angreifer zurück. Auch die Bürger hielten stand und öffneten den Zinnenbergischen eine Gasse durch die Verschanzungen. Nun stürmten sie mit aller Gewalt an und vereinten sich mit ihnen, die Polen niederwerfend. Jubelnd empfangen, zogen sie in die Stadt ein. Jost hatte sich unter die Kämpfenden gemischt. Es war ihm gelungen, einen Trupp Landsknechte zu erreichen und sich von ihnen in die Mitte nehmen zu lassen. Die Blechhaube eines gefallenen Polen hatte er unter seinen Hut auf den Kopf gesetzt, seinen Säbel schwang er in der Hand. »Ich bin ein Deutscher«, rief er ihnen zu, »stehe zum Orden – nehmt mich mit euch in die Stadt.« Sie ließen ihn gewähren. Er wurde verwundet, hielt sich aber aufrecht. Er war der ersten einer, der den Marienburger Bürgern die Hand schüttelte. Als Blume ihn erblickte, schrie er laut auf und umarmte ihn stürmisch. Nun war er geborgen. Er fand die Stadt in der traurigsten Verfassung. Viele Häuser waren eingestürzt, überall Dachziegel auf den Straßen ausgestreut. Das arme Volk drängte sich unter den gewölbten Lauben, die doch noch einigen Schutz gegen die Steinkugeln gewährten. Ganze Familien hausten da beständig. In den Mauergassen lagen gefallene Pferde, die Luft verpestend, Verwundete schleppten sich nach den nächsten Häusern oder den Holzbaracken der Söldner. Weiber und Kinder in schmutzigen Kleidern und mit verhungerten Gesichtern standen um das Feuer der Landsknechte und bettelten um ein Stückchen geröstetes Pferdefleisch. Andere liefen hinter Zinnenbergs Hauptleuten her, laut johlend den Retter in der Not zu begrüßen. Ihnen schwand alle Hoffnung, als sie hörten, daß die Not jetzt erst recht beginnen solle, da viele Tausende von Polen im Anzuge seien. Auch vielen der Bürger, die sich bisher tapfer gewehrt hatten, sank jetzt ganz der Mut. Die Zinnenbergischen brachten nicht Lebensmittel ein; sie sollten von dem geringen Vorrat noch mitzehren. Wehe der armen Stadt! Im Hause des Bürgermeisters, wohin Jost sich sogleich begab, stürmten die Fragen auf ihn ein, was er von Marcus und Ursula wüßte. Er konnte die Frauen beruhigen. »Sie sind jetzt hoffentlich schon ein glückliches Ehepaar.« Blume war mit dieser Nachricht sehr zufrieden, und auch Frau Christine fand sich darein, nachdem sie erfahren, wie alles zugegangen. »Es ist gut«, sagte sie, »daß Marcus der Stadt hat fernbleiben müssen ; so fügt sich's wohl, daß er dem allgemeinen Verderben entgeht. Hier wär' er doch immer in den vordersten Reihen gewesen. Verzeih' mir Gott, daß ich mich davor ängstigte.« Magdalene verband Josts Wunde, die zum Glück nicht gefährlich war. Er scherzte darüber, aber ihr feines Gesichtchen brachte es nur zu einem gezwungenen Lächeln und ihr lieblicher Mund zu kurz ausweichenden Antworten. »Was habt Ihr denn?« fragte er endlich. »Ist's Euch unlieb, daß ich mich zu Euch durchgekämpft habe, und hätt' ich lieber draußen bleiben sollen?« Sie fuhr rasch mit den Fingern unter dem Auge hin, wie wenn sie etwas fortwischte. »Ach –!« sagte sie, jeden Gedanken an so etwas abweisend. »Ich dachte, die Mutter würde davon sprechen, aber ihr liegt jetzt nur Marcus im Sinn, und das ist gewiß nicht zu verwundern. So kommt's nun auf mich, Euch etwas recht Trauriges mitzuteilen.« »Etwas Trauriges?« Sie nickte. »Ja. Eure liebe Mutter ist inzwischen –« Sie sah ihn mitleidig an. Da sie merkte, daß er erschreckt stutzte, fuhr sie, die Augen senkend, fort: »recht krank geworden.« Jost ergriff ihre Hand. »Und Ihr seid nicht bei ihr, Magdalene? Nein, sagt mir die ganze schmerzliche Wahrheit: meine Mutter ist ...« Sie nickte wieder und drückte seine Hand. »Tot!« rief er. »O mein Gott! Wir blieben zu lange aus. Ursula ... sie ahnt nicht –« »Es ist gut«, sagte Magdalena »sie braucht jetzt mehr als je ein frohes Herz. Wäre sie hiergeblieben, sie hätte nicht helfen können. Es kam so schnell – in wenigen Stunden war's zu Ende. Einen Gruß hat sie mir an ihre Kinder aufgetragen – dann konnte sie nicht mehr sprechen, und ich glaub' auch, die Gedanken waren ihr vergangen. Wir haben sie rasch in die Erde bringen müssen.« »Zeigt mir ihr Grab«, bat Jost bewegt. »Mußten wir so bald wieder scheiden? Mutter – Mutter!« »Kommt mit mir«, sagte Magdalene. »Ich hab' ihr ein Plätzchen unfern der Kirchhofsmauer ausgesucht, unter einer alten Linde. Ihre Krone ist jetzt zerschossen, aber sie wird sich gewiß wieder mit frischem Laub füllen und herrlich austreiben. Ich war einmal mit Ursula auf dem Kirchhof – sie sah die Linde und sagte: ›Da möcht' ich wohl einmal begraben sein, und wär's nicht anders, als wenn ich im kühlen Schatten schliefe!‹ Dessen mußt' ich nun gedenken.« Sie führte ihn hin. Er kniete an dem Erdhügel nieder, auf dem ein erst halb verwelkter Kranz lag, und betete still. Magdalene war hinter den Stamm der Linde getreten, um ihn ganz ungestört zu lassen. Als er aufblickte und sie nicht sah, meinte er, sie sei fortgegangen, seufzte laut und nannte mehrmals ihren Namen mit so innigem Ton, daß sie ihn nie vorher von eines Menschen Mund so weich und warm glaubte aussprechen gehört zu haben. Sie blieb stehen und preßte die Hand aufs Herz und schaute mit den blauen Augen glückstrahlend zum Himmel auf. So stand sie noch, als er vorüberkam. Und nun trat er zu ihr, faßte ihre Hände und rief freudig: »Nein, Ihr habt mich nicht verlassen – Ihr nicht. O laßt mich's Euch an dieser geheiligten Stelle sagen und in dieser feierlichen Stunde, die so voll Schmerz und Wonne zugleich ist. Ich kann die teure Frau nicht verloren haben ohne einen Ersatz fürs Leben, Magdalene, liebe Magdalene – sprecht mich um ihretwillen von meiner Schuld frei und hebt mich wieder auf zu Eurem Herzen. Jetzt erst weiß ich, wie sehr ich Euch liebe.« Er wollte vor ihr niedersinken, aber sie wehrte ihm und sagte: »Ich wußt es wohl. Oh, nun bist du mein, und alle Irrnis war nur ein böser Traum. Wie bald ist der vergessen!« Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Er umfaßte sie und zog sie sanft zurück zu dem Grabhügel. Dort standen sie lange in inniger Umarmung. Sie sprachen kein Wort weiter, ihr Händedruck sagte genug. Eine Kugel, die wenige Schritte von ihnen einschlug, scheuchte sie fort. Sie mahnte an die Schrecken, von denen sie umgeben waren. Sie mehrten sich in den folgenden Tagen und Wochen. Immer neue Scharen von polnischem Kriegsvolk zogen vor die Stadt, schlugen ihr Lager unter den Mauern auf, besetzten das Schloß. Sie brachten Geschütz und Belagerungswerkzeug aller Art mit, füllten mit Erdsäcken den Graben, setzten Sturmleitern an. Ihre Wagenburg umschloß dicht die Stadt. Siebzehn Basteien, mit Gräben und Pfahlwerk umgeben, wurden rundum aufgerichtet und mit allem Kriegsbedarf versehen. Sie sorgten, daß sich bald niemand mehr von außen den Mauern nähern konnte. Der Hochmeister versuchte auf Flußkähnen Lebensmittel in die Stadt hereinzubringen, aber sie wurden von den Danzigern weggenommen. Des Königs Hauptmann, Kosczelecz, forderte wiederholt zur Übergabe auf, aber die Besatzung widerstand allen Drohungen und Lockungen. Die Bürger kämpften mit dem Mut der Verzweiflung Tag und Nacht auf den Mauern, von Blume angefeuert, von Jost geführt. Immer wieder wurden die Leitern abgeworfen, die Gräben geräumt. Auf beiden Seiten gab's viele Tote; die Polen merkten doch den Verlust wenig, während die Reihen der Verteidiger sich schon besorglich lichteten. Um den geringen Vorrat an Nahrungsmitteln zu schonen, wurden alte Leute, kranke Weiber und Kinder, Mägde – eine Schar von Jammergestalten – zu den Toren ausgelassen; unbarmherzig trieben die Polen sie wieder zurück. Widerstand die rebellische Stadt der Waffengewalt, so sollte sie durch Hunger gezwungen werden. Und der Hunger war ein furchtbarer Mitstreiter auf seiten der Belagerer. Er quälte vom Morgen bis zum Abend, und oft genug auch vom Abend bis Morgen, wenn der Nachtdienst geleistet werden mußte oder der Schlaf nicht kommen wollte; er erschlaffte die Muskeln und die Sinne; er machte mutlos und verzagt, gleichgültig gegen Schrecknisse noch schlimmerer Art, die den Besiegten drohten. Wenn diese nagende Pein nur endet! Führt uns hinaus gegen den Feind! Mag er uns überfallen – zehn gegen einen – und niederschlagen, daß keiner am Leben bleibt. So ist's aus. Wollen wir warten, bis Spieß und Schwert dem Arm entfällt und wir nicht einmal mehr rühmlichen Tod finden können? So murrten die Tapfersten, die noch aufrecht standen. Die aber schon krank und elend am Boden lagen, stöhnten: Was nützt weitere Verteidigung? Es ist keine Hoffnung auf Entsatz. Ergeben wir uns, öffnen wir die Tore, retten wir wenigstens das nackte Leben, da uns doch mehr nicht geblieben ist. Auch die Söldner wurden schwierig. Sollen wir jämmerlich verhungern? riefen sie. Dazu haben wir uns nicht anwerben lassen. Wir wollen versuchen uns durchzuschlagen. Mag die Stadt dann abwarten, bis sie ein Schutthaufen und Leichenfeld geworden! Bartholomäus Blume vernahm die Stimmen, wenn er die Vertrauensmänner der Gewerke auf dem Rathause versammelte, wenn er die Verteilung der Lebensmittel leitete, wenn er die Krankenhäuser besuchte, wenn er die Wehrgänge abschritt und die Mannschaften in den Tortürmen musterte. Aber er hielt stand. »Noch sind wir nicht am Ende«, sagte er wieder und wieder. »In wenigen Tagen kann viel Unerwartetes geschehen – Gottes Wege sind oft wunderbar. Hat nicht bisher vergeblich der Feind unsere Mauern berannt? Noch wanken sie nicht. Es ist uns eine Unehre, die Fahne zu senken, ehe sie der Hand entfällt. Vertraut mir, ihr Wackern! Retten wir nicht die Stadt, so schafft uns doch jeder Kampftag bessere Bedingungen. Vertraut mir, wie ihr mir vertraut habt, auch in diesem Letzten. Ich will euch ehrlich sagen, wann unsere Zeit gekommen ist.« Eines Morgens, nachdem in der Nacht wieder ein Sturm abgeschlagen, aber der Turm, gegen den er sich richtete, in den Graben gefallen war, trat Jost, der tapferste Verteidiger, den Bürgermeister mit einer Bitte an. »Unser Leben steht in Gottes Hand«, sagte er, »allezeit. Wir sollen nicht darum zagen. Aber menschlich ist's wohl, wenn wir in Stunden der Gefahr bedenken, wie nahe vielleicht der Tod ist und was wir dem Leben noch schuldig sind, so kurz oder lang es währen mag. Nun hab' ich noch ein heiliges Versprechen einzulösen, an das mich nicht nur mein Gewissen mahnt, sondern viel mehr noch des Herzens Stimme, und ich weiß nicht, wieviel Zeit mir bleibt. So sehet denn nicht an der Gegenwart Not und der Zukunft Ungewißheit – gebt mir Magdalene zum Weibe. Ihrer Einwilligung bin ich sicher.« Das kam Blume nicht überraschend. Würde Frau Christine ihm's nicht gesteckt haben, wie die jungen Leute miteinander stünden, seine Augen hätten's ihm verraten müssen, so oft er sie zusammen sah. Deshalb sprach er nun auch keine Weigerung aus, sondern meinte nur, er wolle es mit seiner Eheliebsten überlegen, ob sie bei rechter Sorge für ihr Kind solchen Herzenswunsch erfüllen könnten, da doch vielleicht alle Vernunft dagegen spräche. Und er verschwieg auch wirklich in dem stillen Schlafkämmerlein alle die Gründe nicht, die diese Verbindung jetzt widerrieten. Aber Frau Christine antwortete: »Es läßt sich das mit der Klugheit nicht entscheiden, Lieber. Denn wir leben nicht unsern gewöhnlichen Tag und können die Dinge nicht abmessen nach unserer vertrauten Erfahrung. Sollte Gott es so bestimmt haben, daß unser Kind früh eine Witwe würde, so könnte doch die Trauer um den Geliebten nicht geringer sein. Ich kenne Magdalene: sie wird dankbar sein auch für kurzes Glück und standhaft Leid ertragen.« Er war gern einverstanden. Zu Magdalene sagte er, ihre gerötete Wange streichelnd: »Es ist mir wie einem, der auf den Abschied bedacht sein muß und den Seinen noch recht etwas Liebes erweisen möchte, indem er sein Haus bestellt. Es mag töricht scheinen, daß ich euch nachgebe, aber versagen kann ich mir's nicht, euch auch einmal glücklich zu sehen, ehe vielleicht ...« Sie küßte ihm dieses schmerzliche Vielleicht von den Lippen fort. Und so wurde denn der Sonntag, an dem die Waffen zu ruhen pflegten, zur Hochzeit bestimmt. In der Stadt war's bekanntgeworden, was sich ereignen sollte; und so schwer auf allen die Trübsal lastete, dessen wurden sie doch froh. Als daher die Glocken zur Kirche läuteten, belebten sich die Straßen um dieselbe. Wer nicht den Dienst auf der Mauer hatte oder krank daniederlag, suchte ein Festkleid hervor und stellte sich auf den Weg von des Bürgermeisters Wohnung bis zum Gotteshause. Da sie nicht Tannen hatten, pflückten sie Gras in ihren Höfen und von den Gräbern auf dem Friedhof und plünderten die Linden, dem jungen Paar etwas Grünes auszustreuen. Das alles geschah ganz unvorbereitet, nur den nächsten Freunden war die Hochzeit angesagt worden. Als nun Blume und Frau Christine Jost und Magdalene zur Kirche geleiteten, freuten sie sich um so mehr solcher Teilnahme, grüßten dankbar und blieben öfters stehen, den guten Leuten die Hand zu drücken. »Wenn wir uns mit Gottes Hilfe der Feinde erwehren«, sagte Blume, »so soll mir das Hochzeitsfest nicht erspart sein, liebe Gevattern, und nachträglich die ganze Stadt aufs Rathaus geladen werden.« Magdalene hatte allen Putz verschmäht; sie trug ein einfaches weißes Kleid ohne Ketten und Spangen. Nur ein Kränzlein hatte sie sich von ihrem Myrtenbäumchen gewunden, das gerade wundersam in Blüten stand, und sich's auf das blonde Haar gesetzt. Sie hatte es auch leiden müssen, daß die Mutter ihren eigenen wohlbewahrten Brautschleier aus der Lade vorbrachte und ihr anheftete. Wie schön sie aussah und wie heiter sie an der Hand des Junkers schritt! Als nun die Messe beendet war, traten sie vor den Altar, knieten nieder, wechselten die Ringe und empfingen des Priesters Segen, der ihren Mut lobte, aller Gefahr zu trotzen und gleichsam im Angesicht des Todes den Bund fürs Leben zu schließen. Da wurden viele Augen feucht, und viele Lippen murmelten Gebete für ihr Heil. Sie aber umarmten einander vor der ganzen Gemeine und schritten so durch die Kirche, nicht mit gesenkten Blicken, sondern froh ausschauend, als wüßten sie von keiner Not. Das Hochzeitsmahl war dürftig genug – weit kärglicher, als der Stadt Ordnung es dem geringsten Mann gestattete. Es fehlte doch nicht ganz an Gästen. Trotzler war eingeladen, Engelbrecht und Reinke. Der Keller gab die beiden letzten Flaschen Wein her. Das Gespräch war wenig hochzeitlich. Wie hätten diese Männer eine Stunde beisammen sitzen können, ohne der Stadt Schicksal zu bedenken? Sie wußten, daß es sich in wenigen Tagen entscheiden mußte. Indessen ratschlagten im kleinen Remter des Schlosses die Hauptleute Kosczelcecz und Czerwonka, wie endlich der Trotz der Bürger zu bändigen und der Widerstand der Stadt zu brechen sei. »Der Herr König wird ungeduldig«, sagte der Pole. »Wie ist's auch zu begreifen, daß eine kleine Stadt sich so lange gegen eine starke, wohlbesetzte Burg und ein Belagerungsheer von vielen Tausenden hält? Man wird uns der Nachlässigkeit zeihen. Aber bei der heiligen Mutter, wir Polen tun unsere Pflicht! Der Teufel muß ihre Mauern gefeit haben.« »Lassen wir's im Schloß vielleicht an der nötigen Unterstützung fehlen?« fragte Czerwonka bissig. »Ich merke wohl, ihr Polen möchtet es uns in die Schuhe schieben, daß die Sache nicht den gewünschten Fortgang hat. Wenn ihr nichts ausrichtet, wird's heißen, wir hätten die Stadt schonen wollen. Aber den Bündischen ist's so gut Ehrensache als dem König, endlich hier die Herren zu sein. Ob der Teufel den Marienburgern hilft, weiß ich nicht. Aber das weiß ich, daß ich in meinem langen Kriegsleben solche Hartnäckigkeit in einer Platzesverteidigung noch nicht angetroffen habe. Vor diesem Blume zieh' ich den Hut ab.« »Er ist ein Eidbrüchiger und Verräter«, rief Kosczelecz, »und kämpft wie ein Verzweifelter um Tod und Leben.« »Mag sein!« sagte der Böhme. »Aber daß die Bürger ihm folgen und die Soldhauptleute ihn nicht verlassen ... Ah! Laßt gut sein, er ist ein Mann!« »Wir müssen etwas Gemeinsames unternehmen«, zischelte Kosczelecz, näher rückend. »So geht's nicht weiter!« »Ich will gern hören. Wie ist Euer Plan?« »Die Stadt muß sich unterwerfen. Richten wir gemeinsam ein Schreiben an die Bürgerschaft, in dem sie mit Mord und Plünderung bedroht wird, wenn wir sie mit den Waffen bewältigen. Und das muß ein Wort sein! Wir geben ihr nur vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit.« »Und wenn sie fest bleibt?« »So rüsten wir indessen den Sturm von zwei Seiten zugleich. Es ist mir von einem Danziger, dessen Vater von hier stammt, hinterbracht worden, daß die Stadtmauer an der Nogat auf einem großen Bogen ruht. Der muß sich leicht durchgraben lassen – dann ziehen wir wie durch ein Tor in die Stadt ein.« Czerwonka horchte auf. »Wenn das die Wahrheit ist –« »Man wird bald genug dahinter kommen. Von dort ist ein Angriff noch nicht versucht. Er wird auch schwerlich erwartet, da man sich auf den Schutz durch den Strom verläßt. Ich werfe mich mit ganzer Macht gegen diese schwache Stelle. Sorgt dafür, daß die Bürger an der Verteidigung gehindert werden, indem Ihr ihnen ebenfalls mit ganzer Macht in den Rücken fallt.« »Einverstanden!« rief Czerwonka. »Gebt mir Nachricht, sobald Ihr angreift. Ich hab' auch ein Plänchen, das guten Erfolg verspricht, wenn ich mich auf Euren Beistand verlassen kann.« »Was habt Ihr vor?« »Wartet nur ab. Die Sache muß ganz geheim betrieben werden. Ich bin zur Stelle, wenn Ihr mich braucht. Es ist Zeit, ein Ende zu machen.« – Bartholomäus Blume gewahrte bald zu seinem Schrecken, was im Werk sei. Trotzler stürzte aufs Rathaus. »Man greift von der Nogatseite an. Das ganze Lager scheint im Aufbruch dahin. Will man uns täuschen und an anderer Stelle, vom Schloß her überraschen? Ich muß rundum die Türme besetzt halten, kann wenig Volk entbehren. Schafft Eure ganze Mannschaft auf den gefährdeten Punkt.« Das geschah. Der Bürgermeister leitete selbst die Verteidigung. Tausende drängten zugleich an, warfen sich unter Sturmdächern gegen die Mauer. Ein Hagel von Pfeilen und Bolzen empfing die Polen, tat ihnen aber wenig Schaden. Sie setzten keine Leitern an, gruben sich in die Erde ein und warfen einen Wall auf. Was war das? Wollten sie die Mauer so zum Einsturz bringen? Aber ihre Fundamente lagen tief, und sie mußten fürchten, selbst verschüttet zu werden. Vom Wehrgang aus waren die Nächststehenden nicht zu treffen. Es wurden Steine auf die Mauerkrone geschafft und hinabgewälzt, Gefäße mit siedendem Pech und Öl ausgegossen, Feuerbrände auf die Schirmdächer geworfen. Aber wenn der Feind auch für kurze Zeit zurückwich, immer wieder füllten sich die gelichteten Reihen. Es gelang ihm, den Graben mit starken Balken zu überdecken und Erde darauf zu werfen. Nun hatte er unter der Mauer Schutz. »Das Gewölbe wird freigelegt!« rief Blume, der den teuflischen Plan erkannte. »Wir sind verraten. Gnad' uns Gott!« Nur ein siegreicher Ausfall konnte helfen. Trotzler war bereit. Aber die Basteien sperrten die Tore. Ehe auch nur eins dieser Werke mit Sturm genommen und der Weg zum Fluß frei gemacht war, mußte die Minierarbeit beendet, der Feind in die Stadt gedrungen sein. Ihm hier beim Durchbruch der Scheidewand den kräftigsten Widerstand entgegenzusetzen, mußte jetzt die Hauptaufgabe der Verteidiger werden. Blume ließ an der gefährdeten Stelle hinter der Mauer einen Steinwall aufführen, weiter zurück die Dächer von den Häusern abtragen und sie selbst mit Schutt und Erde füllen, auch durch Schanzen mit der Mauer verbinden. Drang der Feind ein, so stürzte der Steinwall auf ihn; war dieses Hindernis fortgeräumt, so mußte eine zweite Mauer genommen werden. Das sollte viel Menschenleben kosten. Da kam eine neue Schreckenskunde von der Schloßseite her. Dort war der Parchan mit Kriegsvolk gefüllt, wie man vom Turm der Stadtkirche deutlich wahrnahm. Es wurde ein Angriff auf den Wall erwartet. Aber er unterblieb lange. Irgend etwas Geheimes wurde von dort aus betrieben. Und nun war kein Zweifel mehr: Ulrich Czerwonka hatte einen unterirdischen Gang graben und mit Pfählen und Brettern absteifen lassen. Er war unter dem Graben weg nach der Stadt geführt. Deutlich hörte man schon diesseits des Walles unter der Straße das Rasseln der Schippen und das Klopfen der Hämmer. In wenigen Stunden mußte sich die Erde öffnen und eine Schar in Eisenharnisch auslassen, mit der der Kampf innerhalb der Stadt aufzunehmen war, während die Polen durch das Mauergewölbe vorstürmten und die Geschütze vom Schloß her donnerten. Von Mund zu Mund lief die Nachricht mit Blitzeseile durch die Stadt, die Wehrgänge entlang, in die Türme. Entsetzen erfaßte die Bürger, Verwirrung bemächtigte sich der Söldner. Die eben noch geschworen hatten, den letzten Blutstropfen an die Verteidigung der Stadt zu wenden, verloren plötzlich den Mut, rotteten sich zusammen, versagten den Führern den Gehorsam. Jammernd und wehklagend zogen die Weiber mit den Kindern auf dem Arm oder an der Hand durch die Straßen vor das Rathaus, die Türen belagernd. »Wir sind alle des Todes«, schrien sie, »die Polen lassen nichts lebendiges am Leben, sie haben ein Gelübde getan. Unsere Väter, unsere Männer, unsere Brüder, unsere Söhne sind verloren. Fluch den Kreuzigern, die uns in dieses Unglück gestürzt! Für sie haben wir gehungert und gedürstet, unsere Habe eingebüßt, das Furchtbarste gelitten. Wo ist nun ihre Hilfe? Die nicht von der Pest hingestreckt worden, frißt des Feindes Schwert. Werft die Waffen fort, laßt uns den König um Gnade anrufen. Uns hilft nichts als Gnade!« Frau Magdalene erschien unter ihnen, beschwor sie, in die Häuser zu gehen, von diesem Geschrei abzulassen, das die Männer um alle Besinnung bringen müßte. »Auch ich hab' unter ihnen einen, den ich liebe mehr als mich selbst«, sagte sie, »und er steht vornan auf der Mauer in jedem Kampf. Das Herz wird mir brechen, wenn ich ihn verliere. Aber ich halt' ihn nicht zurück und wehre der Sorge, daß sie mich nicht schwach macht. Fort, Unsinnige!« Es nützte doch nur wenig gegen das Toben der Verzweiflung. »Euer Vater trägt die Schuld, daß es so weit mit uns gekommen ist. Nun mag er sich demütigen. Von ihm fordern wir Errettung aus dieser Not.« Hauptmann Trotzler kam zu Blume. Seine Stirn war blutig, sein Blick finster. »Wir sind am Ende«, rief er, »meine Söldner geben den ungleichen Kampf auf. Dringt der Feind von zwei Seiten in die Stadt ein, so ist jeder weitere Widerstand vergeblich. Das wissen sie, und das wissen die Zinnenbergschen auch. Sie sind in den Ring zusammengetreten und halten Beratung. Es ist ihnen nur noch um ehrenvollen Abzug zu tun. Verlaßt Euch nicht weiter auf unseren Beistand und handelt, wie es Eure Pflicht ist gegen die Stadt.« Aus des Bürgermeisters Brust drang ein ächzender Ton. Er hob die Hand zum Himmel auf und ließ sie matt sinken. »So ist es denn Zeit«, sagte er schmerzlich. »Kommt! Es soll geschehen, was muß.« Noch war die Stadt nicht erobert, noch wußten die Feinde nicht, wie nahe sie schon dem Ziel waren. Die Übergabe konnte unter Bedingungen angeboten werden. Dazu entschloß sich Blume. Er gab dem Rat und der Bürgerschaft die Verhandlung frei; ihm selbst mochte geschehen, was wolle. So zog denn eine Deputation mit weißer Fahne hinaus, die Unterwerfung anzubieten. Czerwonka kam vom Schloß in des polnischen Hauptmanns Zelt, mit ihm Stibor von Baisen an des Gubernators Statt. So stark war der Wunsch, den Kampf zu beenden, und so groß die Achtung vor den Verteidigern, daß man nicht lange feilschte und weitgehende Zugeständnisse machte. Allen, die an der Stadt Übergabe in des Ordens Gewalt nicht schuldig, wurde Sicherheit des Lebens und Eigentums zugesagt, den Bürgern die Bestätigung ihrer Freiheiten durch den König verbürgt. Wer Marienburg verlassen wollte, möchte sich mit seiner ganzen Habe wenden, wohin es ihm gefiele; in anderen Städten des Königs solle er volles Bürgerrecht genießen. Dieser Vertrag wurde von beiden Seiten besiegelt. Dann öffneten sich die Tore Marienburgs, und die Polen zogen ein. Die Besatzung war in den Vertrag nicht eingeschlossen worden. Sie suchte sich den Abmarsch zu erzwingen. Dabei fielen Augustin von Trotzler, drei Ordensritter und mehrere Kriegsleute den Polen in die Hände; sie wurden gefangen und in den Kerker geworfen. Darin sind sie elend umgekommen. Allen, die an der Stadt Übergabe in des Ordens Gewalt nicht schuldig, war das Leben zugesichert. Die Schuldigen sollten den Frevel mit dem Tode büßen, das stand unausgesprochen dahinter. Und der Schuldigste der Schuldigen war Bartholomäus Blume. Er wußte, was ihm bevorstand. Während die Straßen sich mit den siegreichen Feinden füllten und die Trompeten schmetterten, nahm er in seinem Hause bewegten Abschied von Weib und Kind. »Mein Leben ist doch schön gewesen in eurer Liebe«, sagte er, »und daß es so endet, ist sein bester Ruhm. Ich hoffe, Gott wird mir gnädig sein.« Frau Christine weinte nicht. Die Tränen strömten rückwärts in ihr tapferes Herz. Auf das legte sie seine Hand, und er nickte ihr freundlich zu: »Ich weiß – ich weiß. Wir beide verstehen einander.« Kosczelecz nahm ihn gefangen und stellte ihn vor ein Gericht seiner Feinde. Der Form sollte ein Genüge geschehen. Fünfzehntes Kapitel Das Ende Jost vom Wege hatte sich dem polnischen Hauptmann zu erkennen gegeben. Er bat ihn, nach Thorn reiten zu dürfen, dort den König um Gnade für Bartholomäus Blume anzurufen. »Ihr kommt zu spät««, antwortete derselbe ihm höhnisch, »ich handle nach meiner Vollmacht. Aber für Euch selbst mögt Ihr eine Bitte nötig haben. Eures edlen Vaters wegen will ich Euch nicht zurückhalten. Reitet denn mit meinen Siegesboten.« Er ließ sie bald hinter sich, ritt Tag und Nacht, bis sein Pferd zusammenbrach. Es geschah glücklicherweise unfern der Stadt. Ein Bauer, der zur Stadt fuhr, nahm ihn auf seinen Wagen. Dort fiel er sogleich in tiefen Schlaf. Der Bauer hatte Mühe, ihn aufzurütteln, als sie durch das Tor einfuhren. »Ich denk', Ihr seid ein vornehmer Herr«, sagte er, »und werdet Euch in der königlichen Stadt mit so geringem Mann nicht gerne sehen lassen. Ja, die Thorner Herren sind gar stolz geworden, seit sie an des Komturs Stelle das Regiment haben. Freilich noch nicht ganz so sehr als unsere gnädigen Herren auf dem Lande, die sich polnisch kleiden und nennen: die achten den Bauer für einen Hund und richten sich auch darin nach drüben, Gott soll's erbarmen!« Jost trat in seines Vaters Haus ein. Die Wirtin kam ihm im Flur entgegen und brach gleich in ein Lamento aus, als sie ihn erkannte. »O du mein grundgütiger Himmel«, rief sie, »seid Ihr's wirklich, gnädiger Herr Junker? Es ist wahrlich Zeit, daß Ihr kommt, denn hier wird's bald Matthäi am letzten sein. Euer Herr Vater –« »Ich muß zu ihm«, unterbrach Jost, »sogleich. Ist er zu Hause?« »Ach, du mein Gott«, winselte die Alte. »Er kann ja längst nicht mehr hinaus. Der liegt fest auf seinem Lager im allerkläglichsten Zustand, nimmt wenig Nahrung an und spricht oft so lästerlich, daß einem Christenmenschen das Grauen fassen kann. Macht Euch darauf gefaßt, daß er anfangs gar nicht weiß, wer Ihr seid, obgleich er oft nach Euch verlangt und gerufen hat –« Jost machte sich von ihr los und öffnete die Tür nach dem Zimmer, das sie ihn gewiesen hatte. Es dauerte eine Weile, bis sich sein Auge an das Halbdunkel so weit gewöhnte, daß er auf das Bett zugehen konnte. Er legte die Hand auf die Schulter des Kranken, der röchelnd atmete, und sagte: »Vater!« Tileman schien zu erschrecken; er wendete den Kopf und sah ihn mit starren Augen an. »Was wollt Ihr«, fragte er mit lallender Zunge. »Ich bin ein armer Mann – ich bin der arme Lazarus ...« Jost beugte sich über ihn. »Vater –! Kennt Ihr mich nicht? Ich bin Euer Sohn.« Der Kranke tupfte mit den Fingern über seine Stirn hin. »Mein Sohn – mein Sohn – mein Sohn ... Er ist gefangen von den Kreuzigern, und die Stadt hat ihn gelöst mit meinem ganzen Gut. Ich bin ein armer Mann – kann nichts mehr für ihn tun. Wenn sie ihn töten ...« »Vater!« Plötzlich richtete er sich auf und stemmte die Hände hinter sich in die Kissen. »Sein Geist –« »Er selbst, Vater, er selbst! Lebend, aber voll schweren Kummers. Ich komme von Marienburg – die Stadt ist in der Polen Gewalt –« »Marienburg ...« Es war, als ob Tileman aus dem Schlaf erwachte und jetzt erst sah und hörte. »Marienburg – in der Polen Gewalt. Und du ...« Er faßte ihn an. »Ja, du bist's ... Und ich erinnere mich, man hat mir gesagt ... Jost, Jost, warum hast du mir das getan?« »Magdalene Blume ist mein Weib, Vater.« »Dein Weib –?« »Und meine Schwester –« »Ah! Wovon sprichst du?« »Von Ursula – meiner Mutter Kind. Sie ist hoffentlich Marcus Blume verbunden. Es war so verabredet.« Tileman keuchte. Er hatte das Kinn mit dem struppigen Bart tief auf die Brust gesenkt und die Zähne verbissen. »Und deine Mutter–?« fragte er, sich überwindend. »Sie ist – tot«, antwortete Jost leise. »Tot –? Paula – ach, Paula ...« Der Kranke ließ sich in die Kissen zurückfallen und wimmerte: »Tot –! Und ich sah sie nicht mehr ...« Jost erzählte, wie sie den Armen und Kranken eine stets bereite Helferin in der Not gewesen und als eine Heilige verehrt worden sei. »Sie fürchtete den Tod nicht – ich glaub', sie suchte ihn ...« Tileman faltete die zitternden Hände, »Friede sei ihrer Asche! Ich – zürne ihr – nicht mehr.« »Bartholomäus Blume, Vater –« Der Kranke richtete sich wieder auf und ergriff seine Hand. »Bartholomäus Blume – ja! Der ist ein Held. In dieser jämmerlichen Zeit, die uns alle zu Fall gebracht und unter uns selbst erniedrigt, steht er da makellos rein, ein Muster der Treue, ein deutscher Mann.« »Wenn Ihr ihm dieses Zeugnis gebt, Vater –« »Ich? Warum nicht ich? Meinst du, ich könnt' solche Hoheit nicht begreifen, weil sie den Gegner ziert, weil ich selbst...? Oh! Wie ich ihn beneide um diesen Ruhm, ganz eins mit sich gewesen zu sein – der Sache gedient zu haben nur der Sache wegen – Liebe und Haß aus reinstem Quell ... Ein Mann, ein Held! Wie sink' ich zu Boden gegen ihn und hab' doch Thorn zur Königin an der Weichsel gemacht und die Hochmeister aus der Marienburg vertrieben. Ach! Wenn nicht Rachsucht in meinem Herzen ... Das Werk bleibt bestehen, aber der Mann, der es vollbrachte, ist klein in seinen eigenen Augen und wird seine Rache nicht rechtfertigen können vor Gott.« Jost legte den Arm um ihn. »Laßt nun wenigstens dieses Ungerechte nicht geschehen, Vater, bat er. »Bartholomäus Blume ist von den Polen gefangen genommen. Ihr Hauptmann hat ein Gericht über ihn eingesetzt, das ihn zum Tode verurteilen wird. Seine Feinde wollen sich an ihm rächen.« »Ihn zum Tode –?« rief Tileman. »Das darf der König nicht zulassen. Das wird er nicht –« »Er wird's, wenn nicht ein Mächtiger ihn um Gnade bittet. Und rasch muß es geschehen – noch in dieser Stunde, Kosczelecz wartet nicht die königliche Bestätigung des Bluturteils ab. Er vollstreckt es, wenn der König nicht rechtzeitig Einhalt gebietet. Vater –! Der König schuldet Euch großen Dank – keinem größeren. Ihr könnt sein Herz zur Gnade bewegen –« »Ich –?« »Vielleicht Ihr allein! Erachtet Ihr Euch unwürdig vor Gott, in seines Statthalters Gunst seid Ihr mit Recht so hochgestellt, daß er Euch keine Bitte abschlagen darf. Bittet ihn für des bravsten Mannes Leben, und sein Kind – mein Weib wird Euch segnen!« Tileman versank in Nachdenken. »Ich ... für Blume ... beim König ...« Seine gekrümmten Finger spielten unruhig auf der Bettdecke. Plötzlich warf er sie zurück. »Ja, ich will's! Das ist meine Buße. Kleide mich an. Zum König!« Er war so schwach, daß er mehrmals ohnmächtig umsank. Sobald er aber wieder zu sich gekommen war, setzte er alle Willenskraft ein, sein Wort zu lösen. Es wurde ein Tragstuhl gebracht. Man setzte ihn darauf und hüllte ihn in Decken. Vier kräftige Speicherarbeiter trugen ihn, immer zwei und zwei sich abwechselnd. Jost ging an seiner Seite und stützte ihn. Auf dem Markt blieben die Leute stehen und schauten ihm verwundert nach. »Herr Tileman vom Wege – der todkranke Ratsherr –? Will auch der nicht versäumen, beim Herrn König seinen Glückwunsch anzubringen? Dann muß es seine Richtigkeit haben mit Marienburg.« Die Boten waren in des Königs Herberge angekommen. Aus den Fenstern des Hauses wurden Stangen mit vergoldeten Knöpfen und angehängten Bannern gesteckt. Die Zinkenisten waren berufen und bliesen auf dem Podest. Ein Herold ging nach dem Rathaus und überbrachte die frohe Meldung, daß Marienburg dem König übergeben sei. Nun wehten bald auch hier die Fahnen auf allen Türmen. Der Rat versammelte sich und eilte, der Majestät von Polen zu gratulieren. Viele Bürger schlossen sich an, die Straße stand voll Menschen. Hochrufe tönten unaufhörlich zu den Fenstern hinauf, bis der König sich sehen ließ und dankte. Kaum konnten die Trabanten für die Würdenträger der Stadt und die polnischen Hofbeamten, die aus ihren Herbergen herbeikamen, den Weg zur Treppe frei halten. Als Tileman anlangte, hatte der Rat soeben Audienz erhalten. Er ließ einen der Bürgermeister herausbitten und brachte durch ihn die Meldung an den König. Seiner Krankheit wolle der gnädige Herr es zugute halten, wenn er sich im Stuhl ins Zimmer tragen lasse und nicht aufstehe. Sein Gesuch sei sehr dringend und könne nicht verschoben werden. Es war allgemeines Erstaunen unter den Ratsherren, als der Bürgermeister diese Rede an den König richtete; niemand hatte geglaubt, daß Tileman vom Wege noch jemals sein Haus verlassen werde. Der König, der diesen Besuch als eine besondere Aufmerksamkeit für seine Person betrachtete, gab geschmeichelt sofort Befehl, daß der Kranke hereingetragen werde. Er ging ihm sogar einige Schritte entgegen, reichte ihm sehr gnädig die Hand zum Kusse und sprach seine Freude darüber aus, ihm, dem unermüdlichen Vorkämpfer der Krone Polens, den Fall Marienburgs mit eigenem Munde bestätigen zu können. Tileman neigte den Kopf. »Großmächtigster, durchlauchtigster König, gnädigster Herr«, begann er, wegen Luftmangels oft aussetzend, »Ew. Majestät dank' ich vorerst für die Huld – den kranken und durch mancherlei Leiden geschwächten Mann – anhören zu wollen und dabei der sonst schuldigen Form zu entledigen. Ich will mich – der Kürze befleißigen und in der Rede geradeaus gehen – damit nicht ein böser Anfall – mir ewig das Wort vom Munde abschneidet. Wahrlich – ich fühle mein Ende nahe. Ew. Majestät ist bekannt, daß ich einer der ältesten im Bunde bin, der nicht zum geringsten auf meinen Rat – das Land Preußen der Krone Polen angeboten hat – und es war auch meine Meinung von je, daß sie sich dessen mit großer Kraft unterwinde, was sie uns zugefügt, damit dieser schreckliche Krieg – bald beendet sei und das Land sich – unter Ew. Majestät mächtigem Zepter und gnädigstem Schutz – wieder des Friedens erfreue. Darum hör' ich gern, daß die Stadt Marienburg – endlich zu Fall gebracht ist, und hoffe mir davon, daß der Feind – seine Ohnmacht erkennt und sich Eurer Gnade unterwirft. Um so größer schätz' ich den Sieg, um so ruhmreicher – die Verteidigung war, und so kommt mein Glückwunsch – aus aufrichtigem Herzen. Da aber des Kampfes Preis – der Friede sein soll, den doch nur des Siegers weise Mäßigung dauernd herbeiführen kann, so wag' ich Ew. Majestät zugleich ehrfurchtsvoll mit der Bitte anzutreten, zu solchem Ziel Gnade vor Recht ergehen zu lassen und der schwergeprüften Stadt – Verzeihung nicht zu versagen. Bin ich dessen gewiß, gnädigster Herr, so will ich – ruhigen Gemütes hinüberfahren und dort oben auch meiner Missetaten Verzeihung hoffen.« König Kasimir hatte anfangs mit wohlwollendem Lächeln zugehört. Dann war sein Gesicht ernst geworden; die Bitte schien ihn peinlich zu berühren. »Lieber Getreuer«, antwortete er, »wir glauben in diesen Jahren unserer Herrschaft bewiesen zu haben, daß eher zu große Milde als Grausamkeit unser Fehler ist, und hätten deshalb wohl auch diesmal gutes Vertrauen erwarten können. Seid unbesorgt. Unser Feldhauptmann hat, wie er mir schreibt, einen Vertrag geschlossen, der allen gegen volle Unterwerfung unsre Gnade in reichstem Maße und fast überschwenglich verbürgt. Wir wollen die Tapferkeit ehren und den Verführten ein milder Richter sein. Deshalb bestätigen wir gern das Paktum und hoffen, von den Begnadeten nicht mit Undank belohnt zu werden.« »Eure Majestät spricht von den Verführten«, nahm Tileman wieder das Wort. »Daraus erkenn' ich, daß nach Eurer Majestät Willen etliche – ausgeschlossen sein sollen, die man als die Verführer bezeichnet und will bluten lassen. O gnädigster Herr, bedenkt, daß sie – vielleicht die Würdigsten sind der Verzeihung –« »Was sprecht Ihr da?« unterbrach ihn der König mit sichtlichem Unmut. »Es sind überall die Hochstehenden«, fuhr Tileman unbeirrt fort, »die vermöge ihres Amtes voraustreten müssen mit Rat und Tat. Ihr Schicksal ist's, daß sie sich schuldig machen müssen – nicht ihres Herzens Bosheit. Was ihre Tugend ist, wird ihr Verderben. So kenn' ich einen Mann, der vor vielen Tausenden sich bewährt hat in der Treue. Und wahrlich – nicht geringer mag Eure Majestät ihn schätzen, weil diese Treue – dem Feinde galt, der schon halb – am Boden lag, niedergeworfen von Eurem mächtigen Arm. Ich bitt' Eure Majestät Großherzigkeit für dieses Mannes Leben.« Der König kniff die Lippen. »Ihr meint ...« »Bartholomäus Blume.« »Ah –!« Der König stieß einen Laut des Unwillens aus. »Den Namen hätt' ich von Euch nicht hören sollen, Tileman. Euer leidender Zustand scheint Euch den Geist zu verwirren. Wie könntet Ihr sonst eintreten für den Meineidigen und Friedensbrecher? Ihr rühmt ihn wegen seiner Treue. Die hätten wir ihm nicht minder hoch gerechnet, wenn er darin gegen uns gestanden wäre bis zum letzten. Ihr scheint aber zu vergessen, daß er schwach geworden ist und uns den Eid geleistet hat. Schuldete er uns weniger Treue? Er hat den Eid gebrochen und viele Schwachmütige zum Eidbruch verführt! Dafür büßt er nach der Gerechtigkeit.« Die Umstehenden gaben ihre Zustimmung zu erkennen. Rutger von Birken und Johann von Loë traten zu Tileman und suchten ihn zu hindern, noch weiter zu sprechen. Er aber wies sie mit der Hand fort, unterdrückte gewaltsam den Krampfhusten, der ihn befiel, und sagte, sich neigend: »Büßt Bartholomäus Blume dafür nach der Gerechtigkeit, so sind hier wenige im Gemach, die sich nicht gleich schuldig gemacht. Wir alle haben dem Herrn Hochmeister den Eid der Huldigung geleistet und sind von ihm abgefallen zu Eurer Majestät. Ist das um großer Ursachen willen geschehen, die uns rechtfertigen, so hat Bartholomäus Blume dem Zwang nachgegeben, der mächtiger ist als die Überzeugung. Er ist schuldig, aber keiner verdient's mehr, daß die Gnade ihn löse.« »Meint Ihr?« fragte der König, im Kreise umblickend. Er glaubte von den Gesichtern der Ratsherren zu lesen, daß sie von Nachgiebigkeit abrieten. Deshalb glättete sich die Falte auf seiner Stirn und verzog sich der Mund zu einem fast spöttischen Lächeln. »Verzeiht, daß ich Euch nicht beitrete«, fuhr er fort. »Man soll wissen, daß ich der Herr bin im Lande und Abfall nicht ungestraft lasse. Das Land wird mir danken, wenn ich niemand ermutige, solchem Beispiel von Pflichtvergessenheit zu folgen. Es geschehe nach dem Rechten!« Tileman streckte flehend die Hände aus. »Gnade – Gnade! Wenn dankenswert war, was ich je für Eure Majestät getan –« »Ihr erinnert zur Unzeit daran.« »Bei Gott! Ich könnte bereuen ...« Ein zorniger Blick des Königs legte ihm Schweigen auf. »Ich merke, Ihr seid schwach geworden und verleugnet Eure Grundsätze. Wie war's doch, als die Gemeine der Stadt Thorn vom Rat abfiel und sich zum Orden wandte? Da waren Euch siebzig Köpfe nicht zu viel, die Schuld zu sühnen, und Ihr beeiltet Euch sehr, sie fallen zu lassen, eh' ich Einspruch zu erheben vermochte, wie ich gern gewollt. Seid Ihr nun so blutscheu, daß ein einziger Euch schreckt?« Er sprach mit hochaufgerichtetem Kinn über ihn hinweg und sah nicht, daß Tileman im Stuhl zusammensank, wie von einem Faustschlage getroffen. Erst der röchelnde Ton machte ihn aufmerksam. Die Ratsherren sprangen hinzu, suchten ihn aufzurichten. Es war vergeblich. »Bringt den kranken Mann zu Bett«, sagte der König anscheinend mitleidig, »er hat sich zu viel zugemutet.« Rutger von Birken zog ihm die Decke über den Kopf. »Greift an!« Zwei von den jüngeren Ratsherren trugen ihn hinaus und übergaben ihn Jost vom Wege. »O mein Vater!« schrie dieser auf, am Stuhl niedersinkend und die herabhängende, bläulich gefärbte Hand fassend. Er glaubte einen schwachen Druck zu fühlen. »Nach Hause – eiligst nach Hause!« Als die Träger dort anlangten, war Tileman vom Wege bereits verschieden. Jost beeilte das Begräbnis. Die Stadt richtete es ihrem großen Bürger pomphaft aus. Der König selbst erschien als Leidtragender am Sarge. Dem Sohne versicherte er aufs gnädigste, daß er ihm des Vaters wegen die Streitgenossenschaft mit den Marienburgern verzeihe und ein huldvoller König sein wolle. Zu seinem Kanzler sagte er: »Ich wollt', er hätte noch andere mitgenommen, die allzu zuversichtlich auf unsern Dank meinen Anspruch zu haben. Er drückt die königlichen Schultern. Eigensinnige Köpfe! Es ist noch viel zu tun, bis in diesem Lande die Krone Polen in Wahrheit Herrscherin ist. Das kommende Geschlecht aber wird sich beugen.« Der Kanzler verneigte sich tief. »Eure Majestät bring' ich dann eine gute Nachricht«, erwiderte er. »Der Gubernator Hans von Baisen ist kürzlich auf seinem Gute der Krankheit erlegen.« Kasimir senkte die Augen. »Wir wollen ihn nach Gebühr betrauern und die Wahl seines Nachfolgers nicht übereilen.« – Als Jost nach Marienburg zurückkehrte, kamen ihm Frau Christine und Magdalene in schwarzen Kleidern entgegen. Bartholomäus Blume war aus des Gerichtes eiligen Spruch durch das Schwert vom Leben zum Tode gebracht worden. Das geschah auf dem runden Turm an der südlichen Ecke der äußeren Stadtbefriedigung, und er hieß fortan Blumsturm. Sein Körper war in vier Teile zerrissen worden. Die hingen noch jetzt als schaudervolle Warnungszeichen an den Toren der Stadt und des Schlosses. Sein Vermögen hatte das Gericht dem König zugesprochen. Mit Blume waren seine zwei Kumpane hingerichtet. Die Stadt schien wie ausgestorben. »Er hat mutig und gottergeben seinen letzten Gang angetreten«, sagte die Bürgermeisterin, ihren Tränen den Lauf lassend. »Kein treuerer Mann hat je gelebt. Er hat die Schuld der Stadt auf sich allein genommen und gebüßt.« »Es wird eine Zeit kommen, die seines vergossenen Blutes gedenkt«, rief Jost. »Sein Heldenkampf ist nicht umsonst gewesen. Schon ziehen die Polen ab. Die Hälfte seines Besitzes ist dem Deutschen Orden gerettet und auch hier im Weichsellande wird man nicht ganz vergessen, wofür ein deutscher Mann in den Tod gegangen ist!« Magdalene schmiegte sich an ihn. »Er hat in der letzten Minute seine Kinder gesegnet«, sagte sie. Marcus und Ursula hatten den Wald unangefochten erreicht. In der Kapelle schlossen sie ihren Bund vor dem Kaplan und zwei Zeugen. Dann suchten sie die Hütte auf. Sie war nicht völlig zerstört. Marcus zog Arbeiter von den Waldleuten heran und besserte notdürftig das Dach und die Umzäunung aus. Von den Beutnern, die sich Ursula für die Wohltaten ihrer Mutter gern dankbar bewiesen, erhielten sie Lebensmittel, die Jäger brachten Wild, an Waldbeeren fehlte es nicht. So verbrachten sie in der Abgeschiedenheit einige glückselige Wochen. Hätte sie nur nicht immer wieder aus ihrem holden Liebestraum der Gedanke aufschrecken müssen, welche Leiden zu derselben Zeit Marienburg zu bestehen hatte! Oft sprachen sie davon und vergaßen dann alles Küssen und Herzen. Sie gingen nach Heilsberg in der Hoffnung, von dem Schicksal ihrer Stadt etwas zu erfahren. Aber es hieß nur immer, es komme keine Botschaft von dort, das Polenheer rücke aber nicht weiter vor und müsse daher wohl von den tapferen Marienburgern aufgehalten werden. Wehe dem Lande, wenn dieser starke Wall brechen sollte! Immer quälender wurde Marcus seine Untätigkeit. »Ich halt's so nicht länger aus«, gestand er eines Tages Ursula. »Ich will zusehen, ob ich dem Herrn Hochmeister eine Mannschaft anwerben und auch zubringen kann. Und wär's ein Häuflein von zwanzig oder dreißig Köpfen, es soll ihm wohl nützen. Bereitet er, wie ich hoffe, den Entsatz von Marienburg vor, so wird es mir wohl vergönnt sein, für meine Vaterstadt auch außerhalb ihrer Mauern zu kämpfen.« Diesen Plan billigte Ursula ohne Bedenken. Nun sprach Marcus mit den Söhnen der Holzschläger und Kohlenbrenner, der Beutner und Bauern im Walde und in der Umgegend von Heilsberg, stellte ihnen beweglich Marienburgs Not vor Augen und beschwor sie, dem Meister zu Hilfe zu ziehen. Viele erklärten sich bereit. Es kam eine ansehnliche Schar zusammen. Marcus ließ eiserne Spitzen schmieden und auf Stangen nageln, damit jeder einen Spieß habe, bis er aus der Rüstkammer eines Ordensschlosses besser bewaffnet werden könne. Ursula stickte mit groben Fäden in ein Leinentuch das Bild der Jungfrau Maria. Es wurde als Fahne vorangetragen. Marcus traf unterwegs den Spittler von Plauen und schloß sich ihm an. Von ihm mußte er jedoch mit Betrübnis erfahren, daß Marienburg schon übergeben und sein edler Vater als ein Opfer der Rache des Feindes gefallen sei. Das polnische Heer hatte trotz des Sieges nicht gewagt, weiter ins Land vorzudringen, sondern war eilig abgezogen, nur eine starke Besatzung im Schloß zurücklassend. Marcus begab sich in die Stadt und suchte seine Mutter auf. Er fand sie im Hospital, da das Haus und Landgut ihr genommen war. Daß er lebte und Ursula sein Weib nannte, war nun ihr ganzer Trost. Jost vom Wege war mit Magdalene nach Thorn gegangen. Dort versilberte er seines Vaters Nachlaß, um dann nach der Heimat seiner Familie, Westfalen, zurückzukehren. Er erwarb in Dortmund das Bürgerrecht, wo sein Geschlecht noch lange blühte. Marcus Blume trat in des Hochmeisters Dienst und wurde, nachdem er sich längere Zeit für ihn im Felde herumgeschlagen, dessen Schäffer in Königsberg. Hier gewann er bald bei den Kaufleuten der drei Städte Vertrauen und wußte durch die treue Verwaltung seines Amtes manche Not seines gnädigen Herrn zu mildern. Seiner Mutter wegen durfte er außer Sorge sein. Der König hatte das ganze Besitztum Blumes dem Woywoden von Pommerellen, Herrn Otto von Machwitz, als Lohn für große Verdienste geschenkt. Dieser war edel genug, einen Teil der Witwe zurückzugeben. Von Marienburg wollte sie sich nicht trennen. Hochgeachtet von den Bürgern, die in ihr das Andenken Blumes ehrten, ist sie dort auch gestorben. Von dem Erbe, so gering es war, konnte Marcus eine Anzahl wüste Huben in der Nähe des Frischen Haffes ankaufen. Er baute darauf ein Häuschen und zog mit Weib und Kind aufs Land. Seinem Fleiß und eisernen Willen gelang es, den Acker wieder fruchttragend zu machen und den Wald in ein nutzenbringendes Forstrevier umzuwandeln. Seine Ehe blieb die glücklichste. Mit seiner Schwester wechselte er von Zeit zu Zeit, wenn sich eine günstige Gelegenheit über Lübeck ergab, einen Brief, der dann von hier und dort einen Bericht über die häuslichen Erlebnisse abstattete. Sie nahmen in Aussicht, daß die Kinder einmal einander aufsuchen und die Familienverbindung neu befestigen sollten. Dreizehn Jahre dauerte der furchtbare Krieg, der das Land verwüstete und von mehr als zwanzigtausend blühenden Dörfern wenig mehr als dreitausend übrigließ, die Städte verarmte, die Kirchen in Ruinen verwandelte, fruchtbare Gefilde in Wildnis verödete, in der noch nach Jahrhunderten die ehemaligen Ackerfurchen erkennbar waren. Er endete erst mit der gänzlichen Erschöpfung beider Teile, Ihr Besitzstand war nach der Eroberung Marienburgs wenig verändert worden. Der Deutsche Orden behielt, was er zähe behauptet hatte, mußte aber im Frieden zu Thorn die Lehnoberhoheit der Krone Polen anerkennen. Der Hochmeister wurde polnischer Reichsfürst und sollte auf dem Reichstage zur Linken des Königs sitzen. Ludwig von Erlichshausen achtete diese Ehre gering gegen den Verlust der selbständigen Herrschermacht. In tiefster Armut, oft in Sorge um die nächste Mahlzeit, starb er bald nach dem Friedensschluß im Schloß zu Königsberg, das nun Hochmeistersitz geworden war, an gebrochenem Herzen. Sein Nachfolger wurde der tapfere Heinrich Reutz von Plauen, dem der Orden es verdankte, daß er nicht ganz des Landes vertrieben war. Ehre seinem Andenken! Er bewahrte die deutsche Nordostmark vor dem Schicksal des Weichsellandes, unter polnischer Mißwirtschaft langsam dem Deutschtum abzusterben, das ihm seine Blüte gegeben hatte. Ein König von Preußen war's, der nach dreihundert Jahren dem Verderb Einhalt tat und das alte Ordensland wieder unter seinem Zepter vereinte. Die Marienburg aber, einst der Hochmeister stolze Residenz und wegen ihrer Herrlichkeit in allen Ländern gepriesen, dann in traurigem Verfall, der Amtssitz eines polnischen Starosten, zuletzt nur noch eine Ruine, spiegelt sich wider im Nogatstrom mit ihren Türmen und Zinnen in alter Pracht. Die Stadt hat noch ihre Lauben erhalten, und wer zwischen ihnen hin über den Marktplatz nach dem Rathause wandert, vergißt sicher nicht ehrfurchtsvoll aufzublicken zu der Gestalt von Erz, in deren Sockel der Name Bartholomäus Blume eingemeißelt ist.