Richard Voß Zwei Menschen Roman Dem Andenken seines wie ein Sohn geliebten Neffen Otto Freiherr von Glenck * Wie sein Gesetz ist daß aus Erdenstoff Der Hohe wird und eh ihn tat versehrt Mit Schmerz und lächeln seinen Heimweg nimmt. Stefan George Inhalt 1. Kapitel Die tote Königsfrau 2. Kapitel Die tote Königsfrau soll begraben werden 3. Kapitel Der junge Maienmensch 4. Kapitel Das Judithlein 5. Kapitel Die Brautfahrt auf dem Eisack 6. Kapitel Junker Rochus von Schloß Enna und das Judithlein vom Platterhof haben einander lieb 7. Kapitel Der Gang zum blutenden Herzen Marias 8. Kapitel Ich gehe meiner toten Mutter zuliebe nach Rom 9. Kapitel Wie aus Junker Rochus in Rom Pater Paulus ward 10. Kapitel Noch immer: »Wie aus dem Junker Rochus Pater Paulus wurde 11. Kapitel Fort aus Rom, nach Kloster Meustift, bei dem das grüne, grüne Vahrn liegt Zweiter Teil 1. Kapitel Vom Judithlein, welches inzwischen eine Judith geworden 2. Kapitel Judith! Judith! Judith! 3. Kapitel Pater Paulus will das Dienen lernen, macht eine Wallfahrt und opfert ein blutendes Herz 4. Kapitel Judith steht mit einem anderen am wilden Eisack und zieht aus, ihr hohes Königreich zu suchen 5. Kapitel Pater Paulus ruft einer jungen gläubigen Menschenseele zu: »Kreuzige! Kreuzige!« Und wie dieses Wort erfüllt ward 6. Kapitel »Durch mich – für mich« Dritter Teil 1. Kapitel Wie aus Judith Platter die »Königsfrau« ward 2. Kapitel Pater Paulus weiht bei der Königsfrau die Kapelle zum blutenden Herzen Mariä 3. Kapitel Die Königsfrau betet und Pater Paulus befreit seine Seele von seiner sündhaften Liebe 4. Kapitel Die heilige Barbara tut ein Wunder, und sonst allerlei Wundersames 5. Kapitel Wie die heilige Barbara des Palma Vecchio in die Dolomitenwildnis und in das Kloster St. Augustins kam 6. Kapitel Judith Platter hat dunkle Stunden und vollbringt ihre letzte Tat, bevor es wieder Frühling ward 7. Kapitel Ein armer Sünder schreibt in seinem Kloster auf dem Aventin zu Rom in sein Büchlein Otto von Glenck           Die Sonne sank... So sahn wir dich versinken, Du Sonnensohn, ins heilige Flammengrab. Du gingst von uns, das ewige Licht zu trinken, Und mit dir sank des Lebens Glanz hinab. Vor dir der Tag und hinter dir die Nacht! So ist, du Strahlender, dein Los gewesen. Als du es hast nach langer Qual vollbracht. Da war's kein Sterben, war es ein Erlösen. Ein altes Wort sagt, daß jung sterben muß, Im Lenz des Lebens, wen die Götter lieben: Auf seine Stirne drücken sie den Kuß, Der ihn entführt der Welt, der kalten, trüben. Die Götter liebten. Lieber, dich zu sehr. Die glanzumflossenen Anne ausgebreitet. Empfingen sie dich mit dem Heldenheer, Das dich zu ihrem Throne hat geleitet. Denn du auch littest für dein Vaterland, Und hättest gern empfangen Todeswunden; Auch du warst als ein Kämpfer ausgesandt, Du Sieger, der das Leben überwunden. Noch Andres, Höh'res warst du: ein Symbol Des Menschlich-Schönen, Guten, Edlen, Wahren. Dein leuchtend Wesen – ach, du mußtest wohl Es erst durch deinen Tod ganz offenbaren. In der Verklärung Glorie gingst du hin... Noch blühen Blumen und die Vögel singen. Ich fühl voll Grauns, daß ich noch immer bin Und mich nicht könnt' als Opfer für dich bringen. Aus Rosen wind ich dir den letzten Kranz. Jedoch aus weißen nicht – aus leuchtend roten! Sie krönen dich mit ihrem Purpurglanz, Des Lebens König und nicht einen Toten. So sehn wir dich in voller Jugendpracht, Du Reinster aller Reinen, ohne Fehle. Dir zum Gedächtnis hast du uns vermacht Den schönen Abglanz deiner lichten Seele. Es herbstelt und der bleiche Winter naht. Es weht der Wind die welken Blätter nieder. Das Ende kommt auch meinem Lebenspfad. Müd Hand und Herz! Bald, bald seh ich dich wieder. Und sei's auch nur im Traum der langen Nacht, Die unser harrt, wenn alle Schatten weichen. Vielleicht, daß doch vom Schlaf der Geist erwacht, Und wir uns einmal noch die Hände reichen. Dann werden deine Eltern, wird dein Kind Voll Wiederfindens-Wonnen dich umfangen. Wo die Verklärten ewig glücklich sind, Wird selig dir dein Weib am Halse hangen. Wer um dich trauert und dich jetzt beweint – Ein jeder, der dich kannte, mußt' dich lieben! – Es bleibt mit dir in deinem Geist vereint, Wer in der dunklen Welt zurückgeblieben. Voll Grausens ist sie, voller Tod und Qual. Du tatest wohl, aus ihr dich fortzuheben, Aus diesem blutgetränkten Erdental Zu reinen lichten Höhen auszuschweben. Wohin dein Sehnen lebenslang dich trug. Nun ist es dir durch deinen Tod gelungen: Empor zur Sonne machtest du den Flug, Und hast dir so des Lebens Preis errungen. Dein Innres einem Saitenspiele glich, Drauf Melodien, nur Melodien erklangen. Als Meister Tod die Geige für dich strich – Im ersten Mißton alle Saiten sprangen. Du liebtest dieses Buch. Es sei dein eigen. Dein teurer Name soll es für mich weihn. Was du mir warst, bedecke heiliges Schweigen; Was du mir bist und bleibst – auch das ist mein! Waldhaus »Ueber allen Wipfeln«, in der Ottoklause Herbst 1916 Erstes Kapitel Die tote Königsfrau Sie hatten die Leiche hinaufgetragen in das Oberstockwerk des hochgelegenen Dolomitenhauses und sie in der großen, mit rötlichem Zirbenholz ausgetäfelten Stube aufgebahrt. Es war das Zimmer, darin Judith Platter während der langen Wintermonate ihre Pflanzen aufbewahrte, die unter ihrer Pflege so herrlich gediehen; das nämliche Zimmer war es, darin sie ihre Vögel hielt. Jeder der kleinen, gefiederten Sänger kannte die Herrin; jeder begann laut zu singen, sobald die hohe, schlanke Frauengestalt einem der Bauer sich näherte. Das würde sie nun nicht mehr. Schier schaurig war es mitanzusehen, wie sich die gewaltigen Leonberger Hunde gebärdeten. Mit blutunterlaufenen Augen hielten sie unter den Felswänden, wo die Königsfrau am frühen Morgen unter den ersten Frühlingsblüten sterbend gefunden ward, bei der Abgestürzten Wache. Wer die Verunglückte berühren wollte, mußte gewärtig sein, von den wütenden Tieren angefallen und niedergerissen zu werden; und unter Lebensgefahr, deren er nicht achtete, trat der Bergpriester zu der mit dem Tode Ringenden. Als dann alles vorüber und Judith Platter eine ewig stille Frau geworden war, flößte das Heulen der Hunde dem Gesinde abergläubische Furcht ein. Jetzt lagerten sie der Toten zu Füßen, wie sie es der Lebenden zu tun pflegten. Von Zeit zu Zeit stand einer der Getreuen schwerfällig auf, drückte sein zottiges Haupt fest gegen den Rand des Sarges, glotzte das wachsbleiche Antlitz eine Weile an, stieß einen kurzen, dumpfen Klagelaut aus und streckte sich mit leisem Winseln, welches wie menschliches Wimmern klang, von neuem nieder, die Augen unverwandt auf das starre Bildnis der Entschlafenen geheftet. Die weinenden Mägde hatten den blassen Leib gebadet und in von Judiths eigenen fleißigen Händen gefertigtes Linnen gehüllt, welches weiß war wie frisch gefallener Schnee und festhielt wie ein Gewebe aus Stahl. Unter den lichten Falten war nicht zu gewahren, daß die Glieder der Toten zerschmettert waren. Da das Haupt mit der Stirne gegen den Fels aufgeschlagen war, so hatten die treuen Frauen das aschblonde prachtvolle Haar gelöst und es wie einen schimmernden Schleier über die Brust herabfließen lassen. Den Totenkranz hatten sie der Herrin aufgesetzt, gewunden aus den großen blaßvioletten Frühlingsanemonen, die sie so geliebt und auf denen sie gefunden worden war, die Kelche mit ihrem Blute betauend. Diese Anemonen waren des Jahres erste Blumen, die unter den Wänden der Dolomiten, an deren Sonnenseite der Hof Judith Platters lag, aufblühten, häufig bereits mitten im Winter. Die Dielen des saalähnlichen Totengemachs waren mit Tannenzweigen bestreut, und im ganzen Hause roch es würzig nach verbrannten Wacholderbeeren. Der Sarg, aus seidigschimmerndem Ahornholz verfertigt, stand auf zwei Schemeln. Der Toten zu Häupten brannten in blinkenden Zinnleuchtern hohe hellrote Wachskerzen, das Zeichen eines jähen und gewaltsamen Sterbens. Der Dunst des verbrannten Rauchwerks und der Dampf der Lichter schwebte wie ein Nebel über der regungslosen Gestalt. Von den Mägden wagte es keine; aber dann tat es Martin, der jüngste Knecht: das große, hölzerne Kruzifix aus der Gesindestube brachte er in das Totenzimmer und befestigte das göttliche Bildnis des Leidens, der Erlösung und der Vergebung zu Füßen der Entschlafenen, so daß die brechenden Christusaugen auf das starre Antlitz herabschauten. Des Heilands Blick ruhte also zuletzt doch noch segnend auf ihr, die sein Erbarmen nicht gewollt oder dessen nicht bedurft hatte: nicht im Leben und auch nicht im Sterben. In Judith Platters feierlichem Totenantlitz war etwas, das jedermann, der es sah, Grausen einflößte. Das waren ihre Augen. Vor Entsetzen über das schreckliche Ende der fanatisch geliebten Herrin hatte das Gesinde vergessen, der Verstorbenen die Augen zu schließen, und den Geistlichen hatte der brechende Blick zurückgeschreckt, sie zu berühren. Und jetzt ließen sich die starren Lider nicht mehr herabdrücken. Weit offenen Auges lag Judith Platter auf ihrem letzten schmalen Lager – weit offenen Auges ging sie ein in die Ewigkeit, die für die unbußfertig Gestorbene ewige Verdammnis sein sollte. Die Mägde, die noch mit ersticktem Schluchzen um die Tote beschäftigt waren, vermochten den gespenstischen Blick nicht zu ertragen und deckten ein Tüchlein über das weiße Gesicht. Jetzt erst fand eine den Mut, nach dem Beispiele des jungen Martin, die kleine kupferne Schale voll Weihwassers zu bringen und zu Häupten der Toten auf den Schemel neben den Leuchter zu stellen. Die Mägde hoben vom Boden einen Tannenzweig auf, tauchten ihn in das geheiligte Naß und besprengten leise betend die Gestorbene. Das ganze Gesinde trat herein und tat das gleiche. Aber alle verrichteten die fromme Handlung scheu, als begingen sie heimlich ein verbotenes Werk; nicht ein einziger hätte es gewagt, wären Judith Platters weit offene Augen nicht bedeckt gewesen. Dann ward es Abend, ein goldiger Märzabend mit glühendem Gewölk an einem tiefblauen Himmel. Frühlingsahnung, die Ahnung von Sonne und Sommer, von Blütenduft und Vogelsang durchzitterte die gewaltige Alpenwelt, deren starre Gipfel in der Unnahbarkeit des Todes über den schattenvollen Gründen emporstiegen. Die Zinken und Zacken der Dolomiten entzündeten sich im Sonnenuntergangsfeuer. Sie flammten auf, sie loderten. Sie standen als gigantische Fackeln um das einsame hohe Haus, dessen Herrin auf dem Schrägen lag. Sanfter Widerschein der himmlischen Gluten fiel über die unbewegliche Gestalt, die es geschehen lassen mußte, daß die göttliche Sonne sie weihte, ehe sie in die Finsternis des Grabes versank... Dann begann das Volk dieser Berge und Wälder sich zu versammeln, um der Sitte gemäß bei der stillen Judith Platter die Nacht über zu wachen, zu beten und zu wehklagen. Die nächsten Nachbarn hatten von ihren Hütten aus eine gute Wegstunde und weiter bis hinauf zu dem Hause, unmittelbar unter den Gipfeln der Dolomiten. Es war ein Volk, wie es immer seltener wird in diesem Zeitalter neuer Geschlechter: wohlgebildete, schlanke und doch markige Gestalten mit hellem Haar und braunem Gesicht, darin enzianenblaue Augen leuchteten. Von Gemütsart war dieses Volk herb und hart, einfach und einfältig, oft wild und unbändig und mehr von einem unheilvollen Geist der Unduldsamkeit als von einem göttlichen Hauch des Friedens erfüllt. Es waren Seelen heiß im Lieben, heiß im Hassen; krösusreich im Glauben, bettelarm an Wissen. Seelen waren es mit dem dumpfen Bewußtsein einer in ihnen schlummernden Gewalt, die vernichtete, ward sie jählings geweckt. Nur in tiefster Einsamkeit, die einer Öde gleicht, nur in einer Wildnis von Fels und Wald kann eine solche Volksseele in ihren guten und schlimmen Eigenschaften sich entwickeln und sich selber getreu bleiben. In den dunklen Feiertagsgewändern ihrer Väter und Mütter, die diese wiederum von Vätern und Müttern überkommen hatten, stiegen sie hinauf zu dem großen Hof, dem höchsten weitum im Dolomitengebiet. Sie kamen aus dem kleinen Klosterorte tief unten im Tale; sie kamen von den Holzschlägen und von den Kohlenmeilern; von den Ufern des Alpsees. Es war, als hätte der Frühlingswind die Kunde auf seine Schwingen genommen und davongetragen: »Judith Platter liegt droben als stille Frau. Kommt und betet alle für sie!« Alle wußten es plötzlich und alle kamen. Gingen zwei zusammen oder trafen sie sich unterwegs, begannen sie sogleich von der Verstorbenen zu sprechen, der ihr weiter Weg heute galt. Sie sprachen leise, fast flüsternd, als könnte Judith Platter sie immer noch hören. Den Toten soll man Gutes nachsagen. Gott habe sie selig! Aber von dieser Toten war, außer von vielem Guten, noch viel andres zu sagen: viel Wunderbares und Seltsames. Alle hatten sie gekannt. War sie doch die Frau vom Dolomitenhause hoch droben gewesen! Wegen seiner Lage unterhalb der Königswände nannte man es das Königshaus und seine Herrin infolgedessen die Königsfrau. Der Name war viel einfacher als Judith Platter; zugleich viel bezeichnender, als jeder andre es sein konnte. Selbst dieses Geschlecht von Waldbauern und Berghirten empfand in seinem dumpfen Sinnen, wie viel bezeichnender für Judith Platter dieser Name war. Eine »Fremde« war sie gewesen. Das wollte besagen, daß sie in dem Tale, unter dessen Dolomitenwänden ihr Haus stand, nicht geboren war. Als »Fremde« war sie vor zwanzig Jahren in die felsige Wildnis gekommen; eine »Fremde« wäre sie geblieben, und wenn sie hundert Jahre alt geworden, dem Volke Wohltaten über Wohltaten erweisend. Alles Fremde aber war diesen Leuten gleichbedeutend mit Feindseligem. Einem Feinde mißtraut man; einem Feinde darf man Böses antun. So hatten sie denn der fremden Frau mißtraut, hatten sie gehaßt, ihr nach Herzenslust Böses zugefügt; hätten sie am liebsten mit Steinwürfen davongejagt, ihr das Haus immer wieder über dem Kopfe angezündet, sollte sie es immer wieder aufbauen. So blieb es jahrelang: jahrelang mußte die Königsfrau um ihr teuer erworbenes Besitztum kämpfen, darum leiden. Kein Kind reichte ihr die Hand. Niemand grüßte sie. Sie trug ihren stolzen Namen gleichsam zum Spott. Trotzdem blieb sie: kämpfend, arbeitend. Und wie arbeitend! Sie erwarb den größten Hof, dort oben unter den Felsschroffen der Dolomiten, wo die letzten Waldwiesen lagen, auf denen in früheren Zeiten Sommers über Hirten ihre Herden weideten und der Jäger die Spur eines flüchtigen Wildes verfolgte. In Wolkennähe schuf sich die Königsfrau ihr Königreich. Allmählich ward es anders. Wie ging das zu? Das Volk selbst, dessen Haß sich allmählich in Liebe verwandelte, wußte es nicht. Judith Platter sprach mit einem ihrer Widersacher, sah dabei den Mann mit ihren dunklen, machtvollen Augen ruhig an; und der Mann hörte plötzlich auf, ihr Feind zu sein. Es dauerte nicht lange, und der Mann wurde allmählich der Freund der fremden Frau, um schließlich ihr fanatischer Anhänger zu werden. Es war wie Hexerei. Es sei Hexerei, sagten viele und konnten sich trotzdem dagegen nicht auflehnen. Hatte die Fremde in den ersten Jahren mit Fremden ihren hohen Hof bewirtschaften müssen, so nahm sie jetzt nur noch Einheimische. Und welch ein Gesinde war das! Die stattlichsten Burschen, die saubersten Dirnen. Ihre Mägde setzten einen Stolz darein, der Herrin den Willen aus den Augen abzulesen, und ihre Knechte wären für sie durch Wasser und Feuer gegangen. Auch das war absonderlich; die Tiere liefen ihr nur so nach. Sie hätte Wölfe zähmen und eine Gemse sich halten können, wie gewöhnliche Erdenfrauen eine Katze. Nirgends gab es so viele Vögel als rings um das Königshaus. Hexerei war es! Sie aber kümmerte sich um alle Liebe, die sie erweckte, so wenig, wie sie sich früher um allen Haß gekümmert hatte. Damit schmiedete sie die Seelen, denen sie es antat, nur um so fester an sich: wer ihr einmal anhing, kam von ihr nicht wieder los, über den hatte sie Gewalt zum Guten und zum Bösen. In früheren Jahrhunderten wäre Judith Platter wahrscheinlich als schändliche Zauberin verbrannt worden. Daß es mit ihr in der Tat auf irgendwelche Weise nicht seine Richtigkeit hatte, dafür lieferte sie selbst den Beweis. Sie verbarg es nicht einmal. Im Gegenteil: jeden Tag zeigte sie es allen, die es sehen wollten: »Seht, so bin ich!« Wie war sie? ... Das war es ja eben! Die Königsfrau war keine Christin. Wenigstens keine gute. Ihr Gesinde, welches ihr anhing, als ob die Ketzerin eine Heilige wäre, ließ sie seinem katholischen Christenglauben strenge Treue halten: Judith Platters Gesinde hatte in der großen Stube und in den Kammern Kreuze und Heiligenbildnisse, kleine Altäre und Weihwasserbecken, geweihte Kerzen und ein ewiges Lämplein. Sogar eine Kapelle ließ Judith Platter bauen, damit die Leute, die bei Schneesturm nicht in das Tal und in die Klosterkirche hinabgelangen konnten, droben in der Felsenöde ihr Heiligtum hätten. Zuerst schürte das schlechte Christentum der Königsfrau den Haß des Volkes gegen sie zu lichten Flammen; zuletzt kümmerte sich keiner der Dolomitenleute mehr darum, welchen Gott und welchen Glauben sie hatte. Das war ihr schönster, ihr höchster Triumph. Einem einzigen ließ der Glaube oder Unglaube der Königsfrau keine Ruhe. Ein einziger drang unablässig in sie, seinen Glauben zu haben, zu seinem Glauben sich zu bekennen. Der Mann, der das tat, drang mit solchem Ungestüm, mit solchem Fanatismus in sie, daß es hätte Felsen zum Wanken bringen können. Judith Platter blieb jedoch unerschütterlich. Dieser Mann war der Superior des Augustinerklosters, inmitten der Wildnisse der Dolomiten ... Pater Paulus war nur ein armseliger Bergpriester, der einem einfältigen Volle von Alpenbewohnern das Evangelium verkündete. Aber er verstand sich auf Gottes Wort. Es klang wie Donner in seinem beredten Munde. Ein demütiger Diener des Herrn, war er doch ein Gewaltiger, dem keiner widerstand, mit Ausnahme der fremden Frau im Dolomitenhause unter den Königswänden. Sie war ihm ebenbürtig: Kraft gegen Kraft, Gewalt gegen Gewalt. Das lohte und loderte, brauste und blitzte, wenn die beiden zusammen waren. Aber sein Herrenwille half dem Bergpriester nichts: war der Mann stark, so war das Weib stärker, obwohl der Mann Priester war. Trotzdem ließ er nicht ab. Immer wieder und wieder stieg er in hochgegürteter Kutte den weiten Weg aus dem tiefen Tale empor, hinauf zu den Einöden der Dolomiten. Bei Sommerglut und Winterkälte, bei Nebel und Sturm, am frühen Morgen und häufig noch spät in der Nacht – immer und immer kam er. Wenn nur der kühne Forstmann dem Unwetter zu trotzen wagte; nur der hünenhafte Holzknecht die Schneemassen zu durchbrechen vermochte – der gestrenge geistliche Herr war stets der Dritte im Bunde, zu den wilden Höhen hinaufzusteigen. Im Königshause ward ihm aufgetan. Er erhielt Speise und Trank, erhielt ein Obdach für die Nacht. Das war aber auch alles. So ging es durch Jahre. Und immer kam er vergeblich. Frei und unbeugsam hauste Judith Platter in der Welt, die sie sich selber geschaffen hatte. Es war ein stolzes Leben, ein rechtes Herrscherleben, voll äußerer Mühen und innerer Einsamkeit, voller Kraft und Taten. Ein Leben voller Arbeit war es. »Das ist eine Arbeiterin!« – so sprachen die Dolomitenleute von ihr. Und dabei war sie nicht einmal Bäuerin. Aber arbeiten konnte sie trotzdem: Wälder ausrotten, Sümpfe austrocknen, Felsen abtragen, Wildnisse urbar machen. Wie stark sie war! Wollte ein junger Stier im Joche nicht gehen und konnten die Knechte den störrigen Wildling nicht bändigen, so kam Judith Platter. Und der Stier ging prächtig vor Egge und Pflug. Bei den Hörnern packte sie den Widerspenstigen, mit dem sie rang, wenn es sein mußte. Oder wenn in der Gesindestube Sonntags zwei Burschen mit im Griffe feststehenden Messern aufeinander losgingen und niemand sie auseinanderbrachte, so brauchte wiederum nur sie gerufen werden. Und den beiden blutgierigen Jünglingen erging es genau so, wie dem rebellischen Zugvieh; nur mit dem Unterschiede, daß es für die beiden Raufbolde genügte, wenn sie ruhig eintrat, ruhig ein Wort sagte, nicht einmal sonderlich laut. Das alles und noch mehr brachte sie fertig: die Fremde, die Unchristin, die einsame Frau; sie, die Königsfrau! Eine Königsnatur war sie. Daß sie es war, machte ihre ganze Zauberkraft und Hexenkunst aus ... Jetzt war es aus mit der Hexerei; jetzt war der Zauber gebrochen; jetzt war die fremde Frau tot. Ja – Judith Platter war tot! Zuerst begriffen die Leute es nicht. Denn daß die Königsfrau das fertiggebracht: daß sie sterben konnte, genau wie jeder andre sterbliche Mensch, grade so wie der erste beste, das verstanden sie nicht gleich. Wie sollten sie das auch so rasch verstehen können? Heute in aller Frühe war sie gestorben, in der Nacht hielten sie bei ihr die erste Totenwache, und den übernächsten Tag sollte sie begraben werden – genau so wie jeder andre Gestorbene. Etwas Besonderes fand jedoch bei ihrem Tode statt. Das mußte dabei stattfinden: so sterben, wie jeder andre, jeder gewöhnliche Mensch – das hätte die Königsfrau gar nicht können; das hätte die Leute noch viel mehr verwundert, hätten sie noch viel weniger begriffen. Gestern abend war sie noch voller Leben und Kraft gewesen, gestern abend hatte sie noch der geistliche Herr besucht – in der Frühe des Morgens fand man sie sterbend. Von den Königswänden war sie abgestürzt ... Wie war sie hinaufgelangt, wo bei dem Märzschnee kaum der beste Bergsteiger hinaufkam? ... Sie war eben hinaufgekommen – sie ! Noch bei Nacht – der Mond schien hell – mußte sie das Haus verlassen haben, ohne daß einer von ihren Leuten es gemerkt hatte. In der leuchtenden Mondnacht mußte sie hinaufgestiegen sein. Um was dort oben zu tun? Wollte sie etwa Edelweiß pflücken? Im Märzschnee! Was immer sie dort oben zu tun hatte, jedenfalls lag sie am frühen Morgen unter den wilden Wänden inmitten des Anemonenfeldes. Jeder andre von dort oben Abgestürzte wäre auf der Stelle tot gewesen: Judith Platter lebte noch. Aber sie sprach nicht mehr. Nur die brechenden Augen sprachen. Was? Um des sterbenden Heilands willen, was? Sie würde nicht haben sterben können, wenn zuvor nicht geschah, was ihr brechender Blick verlangte, gebieterisch forderte. Man wollte sie aufheben und ins Haus tragen. Sie begehrte jedoch durch Zeichen, liegen zu bleiben, wo sie lag: unter den blühenden Anemonen wollte sie sterben, während über den majestätischen Gipfeln die Sonne aufging, die Frühlingssonne. Einer der Knechte verstand ihren Blick: der junge Martin war es. Er stürzte sogleich davon. Bereits nach wenigen Stunden kam er wieder zurück – mit dem geistlichen Herrn aus dem Tale. Auch die blutroten Wachskerzen, die an den Leichen von Verunglückten und jäh Verschiedenen gebrannt werden mußten, brachte er mit. Das Gesinde mußte weit zurücktreten, damit der geistliche Herr, dessen Gesicht weiß war wie das Priestergewand, welches er angetan hatte, mit der Sterbenden allein blieb. Aber nicht auf den letzten Trost hatte Judith Platter mit ihrem Sterben gewartet, nicht auf das letzte Sakrament: weder Irdisches noch Himmlisches wollte sie aus diesen Händen empfangen. Auch im Tode nicht. Der Superior stand an ihrem umblühten Sterbelager und streckte ihr die göttliche Gnade entgegen. Judith gewahrte sie jedoch nicht. Nur den Priester sah sie an. Unverwandt blickte sie ihm in die Augen. Er neigte sich tief zu ihr herab, er sank bei ihr hin. Jetzt kniete er vor ihr. Auf seinen Knien redete er in sie hinein: inbrünstig beschwörend, mit der ganzen Gewalt seines Wortes, seines Wesens. Aber sie hörte ihn nicht. Sie sah ihn unverwandt an, blickte ihm fest, fest in die Augen. Er sprang in die Höhe, laut stöhnend, als müßte er Todesqualen erdulden, als gälte es seinem Seelenheile, seiner ewigen Verdammnis. Er bat und flehte, mahnte und drohte. Sie jedoch wandte ihre Augen nicht ab von dem fanatischen Gottesmanne; und – ihren brechenden Blick in den seinen gebohrt, starb Judith Platter. Die Umstehenden hörten den Aufschrei des geistlichen Herrn. Sie sahen, wie er wankte, wie er fast zu Boden gestürzt wäre: hin über die Tote. Aber er blieb aufrecht stehen. Als er nach einer langen Weile sich umwandte und davonschritt, hatte er ein Gesicht, daß alle, die dieses leichenblasse Antlitz sahen, ein Grausen anwandelte. Nachdem der geistliche Herr davongeschritten, waren die Leute zu der Abgestürzten getreten. Sie fanden sie tot und die Augen weit offen. War Judith Platter der Gnaden des letzten Sakramentes teilhaftig geworden? War sie eines bußfertigen, also eines christlichen Todes gestorben? Von ihrem Gesinde wußte es zuerst niemand. Plötzlich behauptete jedoch der junge Martin: er könnte beschwören, daß die Frau aus den Händen des geistlichen Herrn die heilige Wegzehrung empfangen hätte. Daraufhin sagten es auch die andern. Ein Einziger wußte die Wahrheit. Würde dieser Einzige sprechen? Vielmehr: durfte er schweigen? Die Leute, die bei Judith Platter die Totenwache halten wollten, waren versammelt. Nicht nur Leidtragende, sondern auch Neugierige waren von weither gekommen; denn die Königsfrau so schlank ausgestreckt auf dem Schragen liegen zu sehen, so vollkommen tatenlos und ausruhend, so regungslos und hilflos, das mußte ein seltsamer Anblick sein. Aber Judiths Hunde bewachten die Herrin und ließen über die Schwelle des Totenzimmers nur den, der zum Hause gehörte. Selbst die Hofleute fürchteten sich vor den blutunterlaufenen Augen und fletschenden Zähnen der zottigen Leichenwächter. Die übrigen drängten sich in der Türe und spähten scheu hinüber, wo, umflutet von dem festlichen Scheine der Wachskerzen, die friedlich-feiernde Gestalt lag. Endlich zogen sich alle zurück und begannen den Totendienst, nachdem sie zuvor gegessen und getrunken hatten, beides so gut und so reichlich, als hätte die gestorbene Herrin selbst für die Bewirtung Sorge getragen: in solcher Weise ehrten die Mägde in dieser Nacht das Gedächtnis der verstorbenen Frau ... Jetzt nahmen sie alle ein kleines rotes Wachslicht, welches die Leute mitgebracht hatten, befestigten es auf der die Gesindestube an allen vier Wänden umlaufenden Holzbank, zündeten das Kerzlein an, knieten davor nieder, beteten die Totenbitten, sangen die Totenklagen: »Kommt zu Hilfe, ihr Heiligen Gottes! Eilet herbei, ihr Engel des Herrn! Nehmet auf diese arme Seele! Und führet sie zum Angesicht Gottes! Erlöset sie von der schrecklichen Pein des Fegefeuers! Jesus, in deine geöffnete Seite ...« Plötzlich wurde das dumpfe Gemurmel durch helle, süße Töne unterbrochen. Ein Zwitschern war es zuerst, dann ward es ein Schmettern, ein Jubel und Jubilieren: Judiths Vögel! Die Stimmen der Beter hatten sie aus ihrem tiefen Schlummer geweckt. Sie mochten den Schein der Wachskerzen für erstes Tageslicht halten und begannen ihr Morgenlied. Frühlingsheitere, sangesfrohe Klänge waren es. Das war für Judith Platter der rechte Totengesang! Später wurde die Nacht wild. Föhn brauste auf. Er fuhr um das freistehende Gehöft des Dolomitenhauses, rüttelte an den mit Steinen beschwerten Schindeldächern, stieß tosend gegen Wände und Fenster, pochte donnernd an Tor und Türen, riß heulend Läden auf, als wollte auch der Sturm bei der toten Königsfrau Leichenwache halten. Auf den Alpen wurde der lockere Märzschnee aufgewühlt und in die Höhe getrieben. Lange flatternde Flockenschleier wehten durch die fahle Dämmerung der wolkigen Mondnacht. Tiefer und tiefer senkten sich von dem umdunsteten Himmel die Nebelmassen herab. Es war, als begrüben sie die ganze gewaltige Alpenwelt. Die brausende Stimme der Windsbraut war das Ächzen und Stöhnen der lebendig eingesargten Natur... Judiths Vögel hatten die Täuschung erkannt und waren wieder zur Ruhe gegangen. Das Haus wurde erfüllt von den eintönigen Weisen der Totenklagen, in welche der Sturm hineinheulte und die Hunde von Zeit zu Zeit ihr wimmerndes Winseln mischten. Um Mitternacht geschah es, daß die Tiere anfingen, unruhig zu werden. Plötzlich fuhren sie mit heiserem Geheul auf und stürzten durch alle, Räume, deren Türen weit offen standen, dem Ausgang zu. Jemand kam. Gewiß ein verspäteter Leichengast. Durch Föhnsturm und Schneetreiben war der nächtliche Wanderer aufgedrungen, um für die arme Seele im Fegfeuer zu beten. Es mochte dieser wohl nottun. »Öffnet!« Durch Sturmesbrausen und Hundegebell erkannten die Hofleute die Stimme. Nur die Stimme eines Einzigen hatte solchen gebietenden Ton. Und da nicht sofort gehorsamt wurde: »Öffnet!« Der junge Martin rief zurück: »Die Hunde, Hochwürden! Wir müssen erst die Hunde einsperren. Die Tiere sind wie toll.« Aber es rief ein drittesmal: »Öffnet!« Es war eine Stimme, der ohne weiteres gehorcht werden mußte. So ward denn dem späten Ankömmling aufgetan. Die Knechte drängten sich zwischen die Hunde und die Haustür, um die rasenden Geschöpfe von dem Eintretenden zurückzuhalten. Hoch und stark stand er auf der Schwelle des Hauses, in dem heute statt der Hausfrau der Tod herrschte. Wie zum Hohn schien dieser Mann das Gewand aller Weltentsagung und tiefsten Demut zu tragen; und selbst die dunkle Kutte des Augustinermönches konnte die Pracht dieser Männergestalt nicht verhüllen. Wegen des Unwetters hatte er mit seinem weißen Strick die Kutte hoch aufgegürtet, die Kapuze übergezogen, und ein fester Stab hatte ihm geholfen, den Elementen zu trotzen. Mit einer ungestümen Bewegung des Kopfes schlug er jetzt die schwere Umhüllung zurück, daß das Haupt bis tief auf den Nacken herab frei ward. Der Bergpriester mit der souveränen Miene eines Herrschers, den fahlen Wangen eines Aszeten, dem glühenden Blick eines Fanatikers stand im besten Mannesalter. Über dem kurzgehaltenen dichten Haare, darin die Tonsur sorgfältig ausgeschnitten war, lag bereits ein leichter grauer Schimmer. Ein Stücklein noch nicht überwundener irdischer Eitelkeit verriet sich auch in der Hand des hochwürdigen Herrn, die mit starkem Griff den schweren Stab umfaßt hielt: es war die wohlgepflegte Hand eines Aristokraten. Die Hunde ließen sich von den Knechten nicht länger zurückdrängen und stürzten sich auf den Ankömmling. Dieser stand und schaute den wütenden Tieren gelassen entgegen. Als läge in den düsteren Augen des Priesters eine zwingende Macht, hielten die Hunde mitten im Sprung inne. Knurrend und zähnefletschend wichen sie vor dem späten Gast des Dolomitenhauses zurück. Dieser durchschritt langsam das Haus. Er beachtete niemand, begab sich in die große, mit Zirbenholz getäfelte Stube, darin unter dem goldig schimmernden Holzwerk die tote Königsfrau wie unter einem Baldachin aufgebahrt lag. Die Hunde wollten folgen. Aber der Priester scheuchte sie zurück, worauf er die Tür hinter sich schloß. Die Leute hörten, wie der Schlüssel umgedreht ward. Allein wollte der geistliche Herr bei der Verstorbenen beten, deren unbußfertige Seele er noch im letzten Augenblick für den Himmel nicht hatte gewinnen können. Um für Judith Platters Seele zu beten, war Pater Paulus trotz Finsternis, Föhnsturm und Schneetreiben den weiten Weg vom Kloster heraufgestiegen, aus christlicher Nächstenliebe sowohl wie aus Amtspflicht. Jetzt sollte nur der Herr gegenwärtig sein, wenn er vor dem Leichnam des so jäh aus dem Leben geschiedenen Weibes seine Knie beugte. Die kleine Gemeinde der Beter dämpfte ihre Stimmen noch mehr. Die Leute schienen zu lauschen, ob sie in dem Totenzimmer den geistlichen Herrn beten hörten. Aber alles blieb still. Langsam schritt der Priester auf die im tiefen Frieden Ruhende zu. Ihr zu Häupten blieb er stehen, faßte nach dem Tuch, welches das Antlitz bedeckte, zog es fort. Die Augen! Die weit offenen toten, schrecklichen Augen! Er bohrte seinen gebieterischen Blick in den erloschenen der Königsfrau. Aber es half ihm nichts. Voll unnahbarer Hoheit ertrug Judith Platter den Blick des Priesters, dem sie bis zum Tode getrotzt hatte. Jetzt war sie ihm entronnen, ihm in Unerreichbarkeiten entwichen! Und das gerade in dem Augenblick, wo er sie endlich, endlich zu besitzen vermeinte, unentrinnbar in der Gewalt seines Willens. Im letzten Augenblick entkam sie ihm doch! Und das ganz, das für ewig. Was kümmerte es ihn, wie sie entkommen war und daß ihre Rettung einer Flucht vor ihm glich. Aus den Händen war sie ihm entschlüpft, überlistet hatte sie ihn; und jetzt lag sie vor ihm in einer Feierlichkeit, als beginge sie ihren höchsten Triumph. Diese weit offenen toten, schrecklichen Augen sagten ihm: ,Ich wurde doch nicht dein! Nicht mit einem Hauch meiner Seele, die du unterwerfen wolltest in deines Gottes Namen – für dich selbst. Sieh mich an! Sieh, wie königlich frei ich von dir blieb! Sieh, ich selbst habe mich zu dem gemacht, als was du mich vor dir liegen siehst.' Was niemand gesehen, wobei nur Gott gegenwärtig gewesen, das wußte der Priester. Er wußte, daß Judith Platter bis zu ihrem letzten Atemzuge den Herrn des Himmels und der Erde nicht als Herrn über ihr Leben anerkannt hatte; er wußte, daß selbst ihr Tod eine Todsünde gewesen. Aus freien Stücken, aus eigenem, souveränem Willen hatte sie das Dasein fortgeworfen in den ersten besten Abgrund hinab. Es war eine echte Judith Platter-Tat gewesen. Nicht den Himmel und nicht seinen Diener wollte sie über ihr Leben gebieten lassen – sie selbst wollte darüber bestimmen. So war sie denn nicht als Überwundene, sondern als Überwinderin aus dem letzten grimmigen Kampfe hervorgegangen. Und des Todes Majestät umkleidete einen gebrochenen Königsgeist mit seinem düsteren Purpur... Seit ihrer ersten Jugendzeit hatten dieser Mann und dieses Weib einander feindlich gegenübergestanden, hatten sie miteinander gerungen. Selbst seinen wütenden Ehrgeiz hatte er in den Wildnissen der Dolomiten begraben, um mit diesem Weibe zu ringen, um mit diesem Weibe, das seine Jugendliebe gewesen, das seine einzige Lebensliebe geblieben, zu kämpfen. Und – Judith Platter hatte ihn dennoch besiegt. Er hatte noch einen großen Teil der Nacht vor sich, um mit ihr allein zu sein – Gott sei Dank, noch einen großen Teil! Er konnte sie also noch lange anschauen. Selbst ihre weit offenen Augen, so fürchterlich sie waren, hätte er um keinen Preis geschlossen haben mögen; es waren immerhin ihre Augen. Noch die halbe Nacht über konnte er mit ihr allein sein, konnte er mit ihr reden: Aug' in Auge! Das tat er. Alles, was er gegen sie auf der Seele hatte, schrie er vor ihrem toten Antlitz aus. Ohne einen Laut, ohne eine Bewegung tun zu können, mußte sie ihn anhören: seine wütende Liebe, aus der zuletzt wütender Haß ward. Ihretwillen war er seinem Gelübde treulos geworden; ihretwillen hatte er seinen Gott und Heiland verraten; ihretwillen war er ein schlechter, ein falscher Priester geworden. Pater Paulus stand vor der Toten, schaute ihr in die Augen, ließ seine Seele zu ihr reden. Plötzlich fiel er bei ihr nieder. Sein Haupt sank herab auf ihre stille Brust. Sein Gesicht auf ihre weißen, kalten Wangen gepreßt, lag er wie hingestreckt durch eine göttliche Hand. Jetzt küßte er den stummen, starren Mund, der sich im Leben von dem seinen nicht hatte berühren lassen ... Und Judith Platter mußte sich gefallen lassen, im Tode seine Küsse zu dulden. Dann beging der Mönch etwas Furchtbares: einen Leichenraub. Die Tote trug an dem Ringfinger ihrer rechten Hand einen schmalen Goldreif mit einem kleinen Rubin. Der Stein glühte an der wachsgelben Hand, als wäre von dem Blute aus der Todeswunde der Abgestürzten ein Tropfen an dem Golde haften geblieben. Pater Paulus faßte nach der steifen, kalten Hand, hob sie, raubte ihr den Ring. Er hatte Mühe, Judith Platter den Reif abzuringen. Es war, als hielte sie ihn im Tode noch fest. Zweites Kapitel Die tote Königsfrau soll begraben werden Erst das erbarmungslose Anbrechen des neuen Tages löste Pater Paulus von dem Herzen der Toten. Das junge Morgenlicht lag wie ein leiser Lebenshauch auf dem blassen Antlitz, darin sich bei den heißen Küssen des Priesters keine Miene verändert hatte. Pater Paulus stand und lauschte auf die tiefe Stille im Hause, dessen Herrin zum erstenmal, seitdem das Haus gebaut worden war, in der Frühe ruhig liegen blieb. Die Leute, die zur Totenwache gekommen waren, hatten sich im Morgengrauen entfernt, und das Gesinde schlich auf den Zehen umher, um die Frau in ihrem tiefen Schlafe nicht zu stören. Jetzt sagte der Priester der Gestorbenen die letzten Worte auf Erden: »Lebe wohl, Judith Platter. Auf Wiedersehen in der Ewigkeit. Dort sollst du mich anklagen und zur Verantwortung ziehen. Glaube nicht, daß ich mich rechtfertigen werde.« Er sprach mit fester, lauter Stimme, unbekümmert, ob jemand ihn hörte. Dann wandte er sich ab und ging zur Tür. Bevor er öffnete, blieb er stehen und rief zurück: »Lasse dir nicht etwa einfallen, dort oben für mich zu bitten. Ich will deine Fürbitte nicht.« In dem Augenblick, da er in der verschlossenen Tür den Schlüssel umdrehte, wurde er sich mit unerbittlicher Klarheit bewußt: ›Als ein von Gott Abgefallener schreitest du heute über diese Schwelle hinaus. Seit dieser Nacht bist du nicht mehr wert, hinfürder ein Priester Gottes zu heißen.‹ Als er die Tür öffnete, sprangen dicht vor ihm die Hunde auf und rasten an ihm vorüber ins Zimmer der Herrin: die treuen Tiere hatten die ganze Nacht hindurch vor der Schwelle gelegen. Ohne Wort und Gruß, wie er gekommen war, verließ der Superior das Haus. Am Wege ins Tal hinab, bei der hohen alten Zirbenkiefer stand der Knecht Martin. Seit dem ersten Morgengrauen wartete hier der junge Mensch auf den hochwürdigen Herrn. Als er ihn endlich kommen sah, schritt er ihm entgegen. Jetzt stand er ihm gegenüber, grüßte nicht, schaute ihn aus heißen Augen an und begann mit ruhiger Stimme: »Ich wollte Euch nur fragen, wie Ihr es mit dem Begräbnis halten wollt?« »Morgen in aller Frühe findet es statt:« »Ich meine, wie es sonst damit wird?« »Ich verstehe dich nicht.« »Ihr werdet doch die Glocken für sie läuten lassen?« Pater Paulus antwortete nicht. Der Bursche fragte weiter: »Ihr werdet ihr doch ein christliches Begräbnis geben?« Pater Paulus schwieg. Mit heiserer Stimme fuhr der Bursche fort: »Dann würdet Ihr sie ohne Geläut und Gebet nur so eingraben lassen? ... Die Frau muß christlich begraben werden, oder –« Jetzt erhielt der Fragende Antwort: »Ich dächte, du kennst mich. Ihr alle kennt mich. Zwingen lasse ich mich nicht. Zu nichts und von keinem. Deine verstorbene Herrin wird das Begräbnis erhalten, welches ich ihr geben will; und ich gebe ihr dasjenige, welches mir für sie das rechte erscheint ... Jetzt gehe mir aus dem Wege!« Drohend rief der Knecht der toten Königsfrau: »Ein christliches Begräbnis, oder – hütet Euch, geistlicher Herr!« Jetzt trat er zur Seite. Pater Paulus schritt weiter. Er blickte um sich, sah und beobachtete alles. Die kühne Alpenstraße, die er ging, hatte Judith Platter angelegt, in einer Gegend, durch welche früher nur Hirtensteige und Wildpfade führten. Dieser Acker, darauf unter dem schwindenden Schnee die junge Saat üppig aufschoß, war noch vor kurzem ein verwilderter Forst gewesen, und jene weite Wiese drunten tiefer Morast. In solcher Weise hatte die »gottlose« Königsfrau ihr Leben in dem Buche von Gottes Natur verzeichnet, und das mit einer Schrift, die noch nach Generationen von der Arbeit ihres Lebens zeugen würde. Der Föhn der Nacht hatte sich gelegt. Tiefe Ruhe lagerte über der erhabenen Welt der Dolomiten, eine rechte Judith Platter-Ruhe. Sie tat dem rasch talwärts Schreitenden wohl. Zugleich erfüllte ihn dumpfes Staunen darüber, daß sie, die er droben zurückgelassen hatte, diesen feierlichen Frieden nach einem wütenden Kampf der Elemente nicht mehr fühlen sollte. Auch darüber wunderte er sich, wie leicht es ihm ward, zu gehen, sich zu bewegen und die Arme zu heben, wo sie doch mit festgeschlossenen Füßen dalag, unfähig, auch nur die leiseste Bewegung zu tun. Jetzt schaute er aufmerksam zu, wie die schweren schwarzen Schatten der Tiefen allmählich sich aufhellten, wie aus den engen Waldschluchten die Nebel langsam sich hoben, in endlosen Zügen von fahlen Dünsten an den Felsenwänden hinkrochen und plötzlich wie durch Zauber verschwunden waren. Er beobachtete, wie das Leichengrau des Morgenhimmels von dem siegreichen Tageslicht purpurn durchflammt wurde, wie die Dolomitengipfel und Firnfelder, die der aufgehenden Sonne sich zuwandten, mystisch erglühten, wiederum erblaßten, um alsdann von der Strahlenflut des lautlos auftauchenden Sonnenballs überflutet zu werden. ›Heute gibt es einen schönen Tag! Judith würde sich gefreut haben ... Was würde sie wohl heute getan haben? Gewiß hätte sie gerade heute viel zu tun gehabt. Sie hatte immer zu tun, mehr als zehn andre. Aber heute gewiß ganz besonders viel... Was würde sie wohl heute gesprochen, was gedacht haben?‹ Ob sie heute wohl auch an ihn gedacht hätte? Daran gedacht, daß sie nahe daran war, ihm ihre Seele zu ergeben; nahe daran war, ihren Widerstand gebrochen zu fühlen... Wie das sein müßte, wenn er heute gegen Abend den weiten Weg vom Kloster hinauf nach dem Dolomitenhause tun würde; wie es sein müßte, wenn sie ihn droben empfangen haben würde? Was er ihr wohl heute zuerst sagen würde? »Diese Nacht träumte mir, du wärest gestern gestorben, hättest dich selbst um das Leben gebracht – meinetwillen. Und nun wollen wir... Denn du und ich, wir gehören dennoch zusammen! Unsre Seelen wenigstens. Lange genug waren unsre Seelen getrennt.« Wenn sie jetzt plötzlich vor ihm stünde: lebendig! Wie das dann sein würde? Ihr plötzliches Leben würde ihn töten. Und wie es wohl sein würde, wenn wirklich alles nur Traum war? Morgen in aller Frühe würde sie drunten begraben. Es würde ein Begräbnis sein, wie es diese Berge noch niemals gesehen hatten. Alle liebten sie, alle mußten sie lieben! Selbst ihre Feinde. Ob die Sonne wohl scheinen würde, wenn man sie morgen in aller Frühe begrub? Ja, ja, ja! Und wie die Vögel singen würden. Frühling, Frühling! Durch den anbrechenden Frühling bei Sonnenschein und Vogelgesang würde man sie von ihrer stolzen Höhe heruntertragen. Gewiß würden morgen viele Lawinen niedergehen. Durch den Föhn der Nacht und den schönen Tag von heute gab es zu Judith Platters Begräbnis Lawinendonner. Das waren andre Klänge, als wenn er für sie die Glocken läuten ließ. Was hatte jener trotzige Bursch von ihm gefordert? ... Daß er Judith Platter ein christliches Begräbnis gäbe und dazu die Glocken läuten ließe. Nicht etwa ein Grab an der Kirchhofsmauer, kein »Loch« ... Weswegen hätten bei ihrem Begräbnis die Glocken nicht geläutet werden sollen? Deswegen! Dieser Knecht Martin wußte also auch, daß sie sich – Und er, Pater Paulus, hatte gewähnt, außer Gott und der Toten wüßte nur er davon. Aber der Knecht würde seine tote Herrin um keinen Preis der Welt verraten: über das Grab hinaus wollte er seiner toten Herrin die Treue halten. Als ob ihr an einem christlichen Begräbnis gelegen gewesen wäre? Nicht das geringste! Sie hätte nicht das geringste getan, um zu verbergen, daß sie freiwillig in den Tod ging. Auch das Loch an der Kirchhofsmauer wäre ihr gleichgültig gewesen. Es war uralter Brauch, daß ein Selbstmörder an der Kirchhofsmauer eingescharrt ward, ohne Priester und Glockengeläute. Jeder alte Brauch war heilig. Das Volk hing an seinen Bräuchen wie an seinen Heiligtümern. Es ließ daran nicht rühren, von keinem. Auch nicht von seinem Priester. Pater Paulus mußte also das Volk belügen, wenn er der toten Königsfrau ein christliches Begräbnis geben ließ. Ob die Gestorbene die Lüge des Priesters für sich annehmen würde? Nein! Immer noch führte des Superiors Weg durch Wiesen, Felder und Forste, die zum Dolomitenhof gehörten. Dieser selbst lag bereits weit hinter ihm, über ihm. Blieb er stehen und schaute zurück, so schimmerten die weißen Wände des großen Hofes im Sonnenglanz von der Höhe zu ihm herab. Unmittelbar dahinter türmten sich die Königswände empor, lagerte sich die breite Masse der Dolomiten in ihrer ganzen schrecklichen Herrlichkeit: himmelhohe Felsenmauern, an denen nicht einmal der Schnee haften blieb, voller Schlünde und Scharten, hier aschgrau und schwarz, dort smaragdgrün und azurblau, oder hellgelb, oder blutrot, oder purpurbraun, ein Spiel von Farben, ein Farbenrausch des Gesteins, eine tolle Phantasie des Alpengottes. Und inmitten der flammenden Schönheit des Felsengebiets blaute das dunkle Kristall eines gewaltigen Gletschers, breiteten sich weiß und weich, flimmernd und funkelnd die Schneefelder, aus denen eine unersteigliche Dolomitenzacke um die andere emporragte, die unbezwingliche Krone dieser majestätischen Natur. Zinken und Zacken, Scharten und Schlünde, Dolomitengluten und Firnenglanz, soweit des Bergpriesters Blick reichte: ein wundersames Meer, dessen bei einer flammenden Schöpfung erstarrter Wellenschlag zum Himmel sich aufbäumte. Unter den weißen Schaumkämmen und der bunten Wogenpracht dieses ungeheuren Felsenozeans zogen sich die finsteren Furchen der Schluchten, gesäumt von hochstämmiger Kiefernwaldung. Jetzt bog sich der Weg. In der engen Schlucht drängten sich schäumend und tosend die Wasser eines jungen Bergstromes. Darüber, auf senkrecht abfallender Felsenwand, graues, altertümliches Klostergemäuer mit dem schlanken Turm einer Klosterkirche, und rings um das Haus Gottes die schwärzlichen Holzbauten eines kleinen, weltentlegenen Dorfes, inmitten der Dolomitenherrlichkeit. Sobald Pater Paulus das Reich der Königsfrau verließ, veränderten sich Weg und Wald. Aber auch was in der Nähe ihres Besitzes lag, zeigte noch die Wirkung ihres arbeitsamen Lebens. Der Weg war noch leidlich gangbar, und der Wald trug noch Spuren einer verständigen Kultur. Je weiter der geistliche Herr von dem Gebiete des Dolomitenhofes sich entfernte, um so verwahrloster wurde die Straße, um so verwilderter der Forst. Wo ein junger, gesunder Baum gefällt war oder ein prächtiger vom Sturme gebrochener Stamm achtlos vermoderte, blieb der Superior stehen und dachte: ›Das hätte sie auf ihrem Grunde nicht gelitten. Und wie schauderhaft hier der Weg ist! Wäre sie noch am Leben und sähe es, so würde sie ihre eigenen Knechte hierher schicken, um die schlechte Stelle ausbessern zu lassen. Bald wird man an allem merken, daß sie tot ist.‹ Mitunter begegnete er einem Holzknecht oder Bergbauern. Die Männer blieben stehen, grüßten den Ehrwürdigen, und jeder sagte: »Gewiß waret Ihr droben im Königshause bei der toten Frau, geistlicher Herr? Um die ist's schad'. Eine solche gibt es nicht wieder. Gott schenke ihr die ewige Ruh'!« Und jedem erwiderte Pater Paulus: »Freilich war ich droben bei der toten Frau. Um die ist es wohl schad'. Ich danke Euch.« Dem herben Manne war zumute, als müßte er bei jedem, welcher der Toten Gutes nachsagte, sich dafür eigens bedanken. Der stolze Priester hätte am liebsten jedem, der voller Trauer ihren Namen aussprach, die Hand gedrückt. Was sie aus ihm gemacht hatte, seit sie tot war! Und das binnen einer kurzen Frühlingsnacht... Jetzt erreichte Pater Paulus die Talsohle und befand sich fast unmittelbar vor dem Dorfe. Die Kinder scheuten ihn. Wenn sie beim Anblick der hohen, gebietenden Gestalt in der dunklen Mönchskutte nicht rechtzeitig mehr flüchten oder sich verstecken konnten, so näherten sie sich dem Hochwürdigen mit geheimem Widerstreben, um ängstlich nach seiner Hand zu haschen. Aber gewöhnlich wehrte der rasch Einherschreitende die Kleinen unfreundlich ab. Denn er besaß kein Gemüt, welches die Kindlein zu sich kommen ließ; und nur wenn er auf seinen vielen einsamen Wanderungen durch Tal und Gebirge in tiefes Sinnen verloren war, ließ er sich den Tribut der Bergjugend gedankenlos gefallen. Als an diesem Morgen eine der kleinen Hände sich schüchtern nach ihm ausstreckte, erschrak er über den demütigen Gruß, der seiner geweihten Person galt, und er ließ sich von keinem Kinde auch nur anrühren. Wie eine Herde zu Füßen des treuen Hirten gelagert, drängten sich die wenigen Hütten um das hochragende, überaus stattliche Stift. Der Superior schlug einen Pfad ein, auf dem er zum Kloster gelangte, ohne einen Fuß in das Dorf setzen zu müssen. Auf diesem Wege fiel der Felsen so steil ab, daß zum Halt ein Seil an den Wänden befestigt war. Wer das Seil nicht gefaßt hielt, ober wer daneben griff, konnte hier seinen Tod finden. Aber selbst bei Unwetter und finsterer Nacht stieg der Superior auf diesem Weg zum Kloster hinauf und vom Kloster wieder hinab; und Winters mußte für ihn in das blinkende Eis eine Treppe gesprengt werden. Die Königsfrau hätte nur diesen Weg zu gehen und das haltende Seil nicht zu fassen brauchen, um hier unten zu finden, was sie droben gesucht hatte: den Tod. Freilich – dieser Weg brachte sie zum Kloster hinauf und zu ihm. Also wäre sie diesen Todesweg niemals gegangen. Droben angelangt, führte den Superior ein stets offenes Pförtlein in der zerbrochenen Mauer auf den Friedhof, der nur einen Tag des Jahres: am Feste von Allerseelen, notdürftig geschmückt wurde. Während des langen Winters breitete sich hier ein ödes Schneefeld aus. Aber im Sommer schossen Blumen und Gras in fröhlicher Wirrnis auf, und in dem wilden Rosengestrüpp suchte die Dorfjugend nach Vogelnestern. Pater Paulus hatte kein Auge für die Verwahrlosung der Stätte; kaum beachtete er, daß er über den Gottesacker ging, wenn er in sein Kloster zurückkehrte. Heute war sein sonst so kraftvoller und schneller Schritt langsam, schwerfällig und müde. Als heftete sich von der Kirchhofserde eine Scholle an seine Füße, schlich er heute durch die Grabreihen, die sich wenig über den Boden erhoben und darauf noch eine leichte Schneedecke lag, die jedoch schon heute bei dem Sonnenschein schwinden mußte. Plötzlich blieb der Hochwürdige stehen, als könnte er nicht weiter... Hier würde sie morgen früh begraben werden: sie, Judith Platter! Zum erstenmal kam sie den Weg, der zu ihm führte. Der Priester betrachtete die Stelle so genau, als sollte er hier selbst seine letzte Ruhestätte finden. Der Platz stieß an den Chor der Klosterkirche. Wer dort ruhte, mußte Gesang und Gebet der Gemeinde, mußte das Glöcklein des Ministranten und die Stimme des Geistlichen so deutlich vernehmen, als befände er sich in der Kirche: über Judith Platters Grab würde das gewaltige Mysterium des Glaubens hinrauschen wie der Alpensturm; und wenn während der Christmette das Gotteshaus weit hinausstrahlte in die heilige Nacht, würde der Lichtschein ihre letzte Ruhestätte umfluten. Und viele Monate im Jahre würden die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne grade dieses Grab treffen und sie wärmen, die am Herzen von Mutter Erde fest schlief; die Frühlingslüfte würden grade auf diesem Grabe die ersten Blüten aus den Schollen locken. Schon jetzt sproßten hier gelbe Krokus und blaue Leberblümlein, die bereits nach wenigen Stunden der Spaten des Totengräbers zerstören würde: bereits nach wenigen Stunden tat sich an dieser heiteren Stelle lang, schmal und tief die schwarze Scholle auf... Der geistliche Herr wollte dem Manne befehlen, aus der Erde jeden Stein zu entfernen. Er mußte sich Gewalt antun, um sich an dem Platze nicht niederzulegen: lang ausgestreckt, beide Hände über der Brust gekreuzt und die Augen geschlossen – Nein! Die Augen weit offen. Gar zu gern hätte er einmal versucht, wie es sich dort lag. Er hätte nur den Kopf etwas zu heben brauchen, um von jenem Platz aus die bunten Dolomitenwände zu sehen, unterhalb deren das Königshaus lag mit Wiesen, Wäldern und Feldern. Und Pater Paulus freute sich, daß die tote Königsfrau von ihrer letzten Ruhestätte aus ihr ganzes Gebiet überschauen konnte. Es geschah zum erstenmal, daß der Superior an diesem Tage die Frühmesse nicht las. In seiner Zelle saß er an einem großen, mit Büchern und Schriften bedeckten Tisch. Daneben befand sich der Betschemel, und über diesem in einem kostbaren altertümlichen Rahmen hing in Lebensgröße eine heilige Barbara. Es war eine hervorragend gute Kopie des berühmten Gemäldes von Palma Vecchio. Das Bild hatte die Größe des Originals und nahm die ganze Höhe der Wand ein. Ein Holzknecht, der einmal mit einem dringlichen Anliegen bei dem Superior vorgelassen wurde, sah das Bild und meinte: »Geistlicher Herr, bei dir hängt ja die Königsfrau leibhaftig an der Wand. Das ist von dir gescheit; denn das ist eine! Eine Ganze und Echte ist es!« Und der Gestrenge hatte den jungen ungeschlachten Waldmenschen nicht einmal ernsthaft zurechtgewiesen, sondern freundlich belehrt: Mönche bewahrten in ihren Zellen keine Bildnisse irdischer Frauen! Diese hohe und machtvolle Gestalt sei das Konterfei einer Märtyrerin und Heiligen, deren Fürbitte der Superior jeden Morgen und Abend anrief. In Gegenwart dieser großen Himmlischen saß nun Pater Paulus, vor sich ein aufgeschlagenes Buch. Es war jedoch nicht das Brevier. Auch sonst kein Andachtbuch. Ein ziemlich umfangreiches Heft starken Schreibpapiers war es in einem braunen, derben Ledereinband. Das ganze starke Heft schien vollgeschrieben; aber Tinte sowohl wie Papier waren vergilbt. Kühn und trotzig standen gleich anfangs die großen, steilen Buchstaben auf dem festen Papier. Wie in überschäumender Jugendkraft und leidenschaftlicher Lebenslust schienen die Worte hingeworfen. Allmählich veränderte sich der Charakter der Schrift. Sie wurde jedoch womöglich noch fester, stolzer, unbeugsamer. Das bei der ersten Seite geöffnete Heft vor sich, saß Pater Paulus und starrte regungslos in das aufgeschlagene Buch, welches ein niedergeschriebenes Stück Menschenleben enthielt. Erhob er den Blick, so schauten ihn unverwandt die mächtigen Augen der Heiligen an – die Augen Judith Platters! Und wandte er sein Haupt etwas zur Seite, dem Fenster zu, so war es wiederum diese Frau, die ihn an sich mahnte. Denn zu ihm leuchteten die Dolomiten in seine Zelle herab, und er sah am Rande der noch winterlichen Lärchenwälder auf dem fahlen Plan der Hochwiese das Königshaus. Oft, gar oft hatte der Mann Gottes in seinen feierlichsten und einsamsten Stunden den Blick zu den ernsthaften Augen der herrlichen Heiligen des großen Venezianers erhoben; oft, gar oft hatte er durch seine vergitterten engen Fenster auf die Felsenöden der Dolomiten geschaut; auf den hellen Punkt am Saume der höchsten Wiese. Damals lebte sie noch ... Gestern noch lebte sie! Gestern noch saß Pater Paulus an dem nämlichen Platz, den Blick der Heiligen scheu meidend und sehnsuchtsvoll hinaufschauend zu dem Dolomitenhause, dessen Herrin er dennoch und dennoch bezwingen würde. Heute nun saß er als Bezwungener in dem Kloster, neben dem verwilderten Kirchhofe, der bald einen menschlichen Leib mehr empfangen sollte. Vor dem geöffneten Buche saß er und las die Geschichte seiner Jugend und seines Glücks, seiner Liebe und seiner Schuld. Drittes Kapitel Der junge Maienmensch Schloß Enna am Eisack, den 15. Mai 18.. Gestern ward ich siebzehn Jahre alt. Des Festbratens wegen wird von meiner guten Mutter nämlich auch der Geburtstag gefeiert. Mein Namenstag ist im August, wenn die Früchte, die jetzt grade im Blühen begriffen, reif sind. Ich bin ein rechter Maienmensch, ein glückseliges Frühlingskind bin ich. Alles in mir grünt und blüht. Mir ist so sonnig zu Sinn, so ahnungsvoll zukunftsfreudig, so unbändig lebensfroh. Mitunter weiß ich gar nicht, was ich anfangen soll mit so viel Jugend und Kraft. Junge Bäume möchte ich zum Vergnügen ausreißen und mit Felsblöcken Boccia spielen, wie ein ungeschlachter Riesenknabe. Für meine siebzehn Jahre bin ich übrigens ein mächtig großer Junge, nicht anders, als wäre ich zwanzig. Wie das ist, wenn man seine Jugend in allen Gliedern verspürt, in jedem Blutstropfen, in jedem Gedanken. Herrgott! O Herrgott! Und hat man überdies solche Heimat wie mein altes, geliebtes, herrliches Schloß Enna am wilden Eisackfluß im schönen Brixener Tal; solches Vaterland wie das teure, heilige Land Tirol; solche Eltern wie mein Vater, dieser wahrhaftige Tiroler Rittersmann, wie meine Mutter – Ach, meine kleine, feine, himmlische Mutter! Gelt du, Mütterlein! Eigentlich ist es zu dumm, daß ich großer, unbändiger Junge wie ein zehnjähriger Knabe auf der Schulbank in meinem luftigen, hohen Turmzimmer hocke und Tinte verschreibe. Hinaus, hinaus! Hinauf, hinauf! Hinaus in die Wälder und zu Pferde durch das ganze Tal; hinauf auf die Berge, auf die Plose oder auf die Dolomiten, auf die allersteilsten, allerhöchsten, unzugänglichsten! Dann weiß man doch, wozu der Mensch jung ist; dann fühlt man es doch. Müde, todmüde sich reiten; laufen, klettern, jagen, fischen, toben und tollen. O du wunderschöne Maienwelt! Aber im Zimmer zu lauern und zu schreiben – so weibisch ist's! Ich tue es aber doch und würde es tun, wäre es mir auch zwanzigmal mehr verhaßt. An meinem siebzehnten Geburtstage schenkte mir nämlich meine Mutter dieses dicke Buch voll lauter leerer Blätter. Ich weiß nicht, was ihr nur einfiel? Aber sie schenkte mir's. In das dicke Buch soll ich einschreiben, wie es mir im Leben ergeht. Und sonst allerlei. Ich will auf den vielen weißen Seiten so sprechen – genau so wie ich zu meiner lieben Mutter sprechen würde. Ich verstehe es nicht. Meine Mutter bat mich jedoch, es zu tun. Und würde der Federhalter in meiner Hand zu glühendem Erz, so würde ich meiner Mutter zuliebe schreiben. Wäre das Buch nur nicht gar so schrecklich dick! Wie mir's im Leben geht, soll ich in das Buch einschreiben .... Wie soll es mir denn im Leben anders gehen als gut, als köstlich, als herrlich? Weshalb also das dicke, dicke Buch? Ich werde nicht viel einzuschreiben haben. Wüßte ich nur, was ich alles auf diese leeren Seiten schreiben soll, meiner zarten, stillen, himmlischen Mutter zuliebe? Daß ich Rochus heiße; daß ich der Zweitälteste und zugleich jüngste Sohn des Grafen von Enna bin; daß ich außer diesem älteren Bruder keine Geschwister habe; daß die Grafen von Enna ein uraltes Geschlecht sind; daß wir sehr viele Ahnen besitzen und herzlich wenig Geld und Gut; daß mir unsre vielen Ahnen, unser wenig Geld und Gut vollständig gleichgültig sind, obgleich ich so stolz bin, wie der Schlern hoch ist. Stolz auf meine Gesundheit, auf meine Kraft; stolz auf meine Eltern, mein Vaterland; stolz auf unser Schloß Enna; stolz auf meine Rüden, auf meinen Falben, meine Flinte, mein Jagdzeug, mein Jägerglück; stolz auf noch viel mehr. Also ein dummer Bubenstolz. Ich lebe zu Hause bei den Eltern auf Schloß Enna. Mein Bruder ist in Wien in der kaiserlichen Pagerie. Als Ältester unsres Hauses soll er Hofkarriere machen. Lieber brächte ich mich um! Denn – kein freier Mann sein, heißt so viel, wie Diener sein, Knecht, Kreatur. Ich könnte selbst dem Kaiser nicht dienen. Nur dem Vaterlande! Der Kaiser ist ein Mensch. Das Vaterland ist etwas Heiliges. Ich habe etwas in mir, von dem ich niemand sagen kann. Auch nicht meiner sanften, süßen Mutter. Noch weniger unserm guten alten Kaplan in der Beichte. So recht weiß ich selbst nicht, was es ist. Gewiß ist es etwas sehr Törichtes. Aber meiner guten Mutter zuliebe will ich es hier aufschreiben. In mir ist etwas Wildes und Heißes, etwas Unbeugsames und Unbarmherziges, etwas Herrschsüchtiges und Herrschwütiges. Gehorcht mir ein Hund nicht, so schieß' ich die Bestie zusammen; zeigt sich mein Pferd widerspenstig, so Hetze ich das Tier halb zu Tode; sagt mir mein Vater einmal ein strafendes Wort, so empört sich in mir alles dagegen; wagte einer von unsern Leuten in mir nicht den Junker zu sehen, so möchte ich den Mann peitschen lassen. Fast stets gelingt es mir jedoch, mich zu bezwingen, und es mögen mich daher alle wohl leiden. Aber wenn sie wüßten – So jung ich noch bin, bezwingt ich mich doch. Denn ich will einmal andre bezwingen. Unterwerfen will ich mir einmal die Menschen, über sie herrschen! Bisweilen ist mir, als wäre ich dazu bestimmt, in Zukunft eine große Gewalt auszuüben. Und das aus eigener Kraft. Eben deswegen ist es mir vollkommen gleichgültig, daß ich sehr vornehm und sehr arm bin. Ich brauche keine Ahnen, keinen Adel, keine Reichtümer. Aus eigener Kraft will ich ein Mann werden. Wozu besäße ich sie sonst? Aber fürs erste bin ich trotz meiner siebzehn Jahre ein törichter Knabe, werde noch lange ein törichter Knabe sein. Und das ist gut. Gestern also an meinem siebzehnten Geburtstage schenkte mir meine liebe, liebe Mutter dieses garstige Buch. Außerdem erhielt ich ein neues Gewand aus braunem, schwerem Tirolerloden, grob, aber fest. Es wurde im Hause heimlich gemacht, zugeschnitten und genäht; denn die Schneider von Brixen sind für uns arme Grafenleute zu teuer. Sie hätten auch kein solches dauerhaftes Zeug genommen, und dieses nicht in einer Art zusammengeheftet, daß es Jahre und Jahre hält. Mein Vater tat zu dem mütterlichen Gewande einen Silbergulden, der, so hell er auch blinkt, bis zum letzten Kreuzer für schwarzes Pulver vertan werden soll. Und der Kaplan verehrte mir von seinem bißchen Armut ein hübsches Büchlein mit Legenden von der heiligen Barbara, deren besonderer Fürbitte die Grafen von Enna seit Jahrhunderten unterstehen. Ein mächtiges und reiches Geschlecht sind sie indessen trotz aller Hilfe der guten Heiligen niemals geworden, dafür aber ein fröhliches, kräftiges, trotziges. Auch heißt es in ganz Tirol: »Der freit ein Weib wie der Graf von Enna!« Ich glaube, das Sprichwort besagt: ein Graf von Enna nimmt sich diejenige Frau, die er gern hat; und müßte er sie vom Schlern aus dem Rosengarten des Königs Laurin herabholen. Aber ich weiß nicht, ob die heilige Barbara auch bei solcher wilden Freiern unsre liebe Schutzpatronin ist. Dann freien wir eben ohne himmlischen Schutz. Das hätte ich jetzt fast vergessen aufzuschreiben: von dem gestrigen Geburtstagsbraten. Ich holte ihn mir selbst von der Plose herunter. Manche Mitternacht bin ich aufgestanden dieses Auerhahns wegen. Der Vogel hatte den Teufel im Leibe; denn nicht beizukommen war ihm. Sämtliche Jäger zwischen Mühlbach und Brixen kannten den alten Herrn, lauerten ihm auf und – bekamen ihn nicht. Ich wollte ihn jedoch an meinem Festtage verspeisen. Also half es ihm nichts. Es war ein mächtiges Tier, das mir die Schultern wund drückte, als ich die Beute zu Tal trug. Dafür war denn auch der Braten rechtschaffen zäh, aller würzigen Beize zum Trotz. Mir schmeckte er aber trotzdem. Da meine Mutter mir nun einmal das Buch schenkte, will ich darin meiner Mutter zuliebe nach Möglichkeit alles aufschreiben. Mit der Sache, darüber ich jetzt treuestens berichten werde, wollte ich es eigentlich anders halten. Denn sie verdroß mich gar zu sehr. Ich wollte sie gestern sogleich meiner Mutter erzählen, unterließ es jedoch, um sie nicht zu erschrecken. Sie ist so zart und fein, und ich bin so wild und unbändig. Nun will ich mir das Ding vom Herzen herunterschreiben. Zum Glück ist das Wetter schlecht, obgleich für mich kein Wetter der Welt zu schlecht sein kann, um draußen herumzuschweifen, sei es zu Pferd im Tal oder per pedes bis zu den höchsten Höhen hinauf. Gestern also in aller Frühe kommt meine steile Turmtreppe jemand heraufgeklettert. Ich strecke mich noch auf meiner Matratze – sie ist hart wie eine Felsenplatte –, habe jedoch die Augen schon weit offen und schaue zu, wie vom Himmel das goldene Morgenrot auf die Gipfel der Dolomiten niedersinkt, horche auf die Amseln in unserm Kastanienwald, lasse mir plötzlich einfallen, daß heute mein Geburtstag ist, daß es zu Mittag den Auerhahn zu verspeisen gibt, und daß jetzt in ihrem weißen Bettlein die kleine Judith Platter meiner gedenkt. Denn das Judithlein steht auch mit der Sonne auf. Gewiß kommt sie Nachmittag mit ihrer alten Frau Bürgermeisterin von Vahrn herüber. Dann laufen wir zwei Jungen den »Großen« fort und fangen in dem Eisack Forellen. Also just freue ich mich auf das Judithlein, als es die Treppe heraufgepoltert kommt. Ich denke: das ist der Florian. Er wird fragen wollen, ob ich in aller Frühe ausreite? Sonst nimmt der Florian den Falben nach Kloster Neustift, um den Vätern des heiligen Augustin die drei Säcke Sterz zu bringen, die sie letzthin von uns kauften ... Es war aber nicht der Florian, sondern mein gestrenger Herr Vater in eigener Person, der in mein hohes Turmstüblein tritt, darin es wunderlich ausschaut; denn ein wackerer Reiter, Bergsteiger, Fischer, Jäger und Vogelsteller kann nicht wie ein Nymphlein hausen. Auch befinden sich in meiner Kammer mehr Sporen, Büchsen, Fallen, Netze, Angeln, Tierfelle, Vogelbälge, Alpenstöcke, Schneeschuhe, Eispickel und sonstiges nutzloses oder fröhliches »Allerlei«, als gelehrte und fleißige Schriften. Mein Herr Vater bleibt denn auch auf der Schwelle stehen, läßt die Rüden, die mit ihrem Herrn das Zimmer teilen, achtlos an sich vorüberspringen, zur Tür hinaus, schaut sich wehmütig um, schüttelt kummervoll sein gewaltiges Haupt, seufzt aus vollem Herzen über seinen lieben lustigen Sohn Rochus, der alsogleich aufgesprungen und in die Hosen gefahren ist und nun in seiner baumlangen Größe respektvoll vor dem betrübten Schloßherrn von Enna aufgepflanzt steht. »Siebzehn Jahre wird heute der Junge! Und was soll aus ihm werden?« Also deshalb kommt mein Herr Vater in aller Morgenfrühe die hohe, steile Turmtreppe heraufgeklettert? Du liebe heilige Barbara – deshalb! Was aus mir werden soll? An so etwas überhaupt nur zu denken, wenn man solch junger, gesunder, lebensdurstiger Mensch ist, ein echter Tirolerbub und ein hochgeborener Graf Enna dazu! Eben deshalb, meinte mein Herr Vater; denn: »Gelernt hatte er nichts, der Junker Graf.« Der hätte nichts gelernt? Schreiben, lesen und beten von seiner süßen Mutter; Kirchengeschichte und Tirolergeschichten von seinem alten guten Kaplan Plohner. Sogar Latein von seinem guten Kaplan. Reiten, schießen und jagen von seinem gestrengen Herrn Vater. Und wie der Junker reitet, schießt und jagt! Und was er sonst noch alles gelernt hat. Entweder vom Florian oder vom lieben Herrgott oder ganz von selbst. Das erwidere ich meinem Herrn Vater und denke dabei: Möchte doch wissen, was ich sonst noch zu lernen habe? Außer etwa ein wenig zu zechen und zu schlemmen. Ja, und noch eines: junge rote Lippen zu küssen – recht junge und recht rote ... Das Zechen und Schlemmen wäre weiter nicht notwendig gewesen, und das letztere – wie wäre es, wenn ich es damit einmal versuchen würde? Bin ich doch heute bereits volle siebzehn Jahre alt, ohne von solcher geheimnisvollen Wissenschaft auch nur das geringste zu kennen. Das Judithlein würde übrigens ihren jungen roten Mund schwerlich als Versuchsobjekt hergeben; und andre Lippen mag ich nicht küssen, sie mögen noch so jung, rot und weich sein. Während mir das durch den Sinn fährt, sagt mein Herr Vater: »Rochus, du machst uns Sorgen, mir und deiner Mutter. Wir sind arm, mein Junge. Unser Schloß Enna ist eine Ruine, und unser alter Name läuft in zerrissenen Schuhen durch die Welt. Was an uns noch heil ist – und das ist wenig genug – muß einmal dein Bruder an seinen Leib bekommen. Er ist der Älteste und der Stammhalter. Wird er nun auch durch des Kaisers Gnade versorgt, so bist du doch noch da. Und was geschieht mit dir? Sollen wir in Wien etwa auch für dich bitten und betteln? Bitten und betteln um was?« Mir schoß das Blut zu Kopf, daß mir schwindelte. Ich stieß hervor: »Für mich beim Kaiser betteln gehen? Wenn Ihr mir das antätet!« »Wie soll es also mit dir werden?« »Ei, Vater, ich bin ja schon etwas! Meiner Eltern Sohn bin ich und ein Tiroler. Als ob das nicht genug wäre?« Mein Vater sieht mich ernsthaft an, schweigt eine Weile und spricht dann, spricht mit leiser und, wie mich bedünken will, trauriger Stimme: »Für dich bleibt nur eines übrig: nach Rom zu gehen und geistlich zu werden. In Rom haben wir für jeden zweiten und dritten Sohn, der geistlich wird, große Benefizien.« »Für mich bleibt nichts andres übrig, als geistlich zu werden,« sprach ich meinem Herrn Vater nach, ohne recht zu wissen, daß ich es tat, und was es eigentlich bedeutete. Mein Vater spricht mit derselben leisen und traurigen Stimme weiter: »Du weißt, daß fast jeder zweite und dritte Sohn unsres Hauses geistlich geworden ist, und das seit Jahrhunderten. Die meisten Töchter unsres Hauses werden geistlich. Hätte unser Geschlecht es mit seinen vielen Töchtern und Söhnen anders gehalten, bestünde es längst nicht mehr. Es wird dir also nichts andres übrig bleiben. Überlege es dir.« Damit ging er. Ich rief meinem Vater nach: »Ich will ein Graf von Enna bleiben und Judith Platter heiraten!« Ganz wild rief ich es meinem gestrengen Herrn Vater nach. Und jetzt soll ich mir es »überlegen«. Was überlegen? Ob ich »auf geistlich« studieren will, wie unsre Tiroler Bauern sagen. Ich, der Junker Rochus, ein Priester, ein Mönch, ein Knecht in der Kutte ... Lieber bring' ich mich um. Der Florian durfte gestern morgen die drei Säcke Sterz nicht ins Kloster Neustift fahren; denn sein Junker machte einen weiten Ritt. Ein wilder Ritt war es. Der Falbe bekam die Sporen und immer wieder die Sporen. Er flog nur so. Wie ein Falke flog mein Falbe. Binnen vierzig Minuten über Brixen bis nach Mühlbach hinauf! Ein andrer soll mir das nachtun. Ich geistlich werden? Hei, Falber! Ich nach Rom, um in Rom geistliche Benefizien zu haben? Lauf, Falber! Jage, rase! Und ich raste meine siebzehnjährige junge Seele auf meinem armen Falben still. Den Rückweg nahm ich über das grüne, grüne Vahrn. Als ich von fern den Platterhof liegen sah, wußte ich bestimmt: eher stürzt der Schlern zusammen; eher blüht der »Rosengarten« in duftenden Gluten, als daß ich nach Rom gehe, um mit allen Benefizien der Kirche geistlich zu werden, denn: Auch der jüngste Graf von Enna wollte dereinst ein Weib freien! Ein Weib vom Platterhof wollte er sich holen, und läge der Platterhof im siebenten Himmel. Einstweilen lag er zum Glück noch auf der Erde, dicht vor mir, inmitten seines weit und breit berühmten Waldes von Edelkastanien. Baumriesen sind das, wie sie so alt und hoch, so stolz und prächtig selbst bei Schloß Enna nicht zu finden sind. Gleich grauen, gewaltigen Granitsäulen ragen die Stämme auf, und ein goldiger Schimmer schwebt jetzt wie Sonnenschein darüber: alle die feinen, ganz feinen jungen Knösplein und Blütlein. Der Boden unter den Bäumen glüht scharlach von großen roten Orchideen. Auf der Terrasse vor dem Herrenhaus schießen Gras und Frühlingsblumen so üppig auf, daß der alte Edelsitz wie in einer fröhlichen Wildnis daliegt. Meine kleine Judith Platter ist nämlich die Schutzheilige sämtlicher Gräser, Kräuter und Blumen, und keine Hand darf sich danach ausstrecken, soweit ihr besonderes Gebiet reicht. Dieses aber ist der Kastanienwald, ist die große Terrasse, ist der Garten vom Platterhof. Als ich gestern auf den Hof geritten kam, spielten vor dem Hause im warmen Frühlingssonnenschein Judiths Tiere; denn meine kleine Judith ist eine große Zauberin, der Tiere und Menschen unterliegen. Sie hat sich eine vollständige Menagerie wilder Bestien gezähmt. Als Schoßhündlein läuft ihr ein junger Edelmarder nach; zwei braune Falken umflattern sie wie Täublein, und an ihrer Seite stolzieren ein Reiher und ein Silberfasan. Und das sollte keine Hexerei sein? Also: als ich gestern auf meinem Falben angetrabt kam, waren Judiths Marder, Judiths Falken, der Reiher und Silberfasan vor dem Hause auf der Terrasse. Meine Rüden, die immer dort sind, wo ihr Herr ist, kennen Judiths Haustiere so gut, wie ihr Herr deren Gebieterin kennt, haben sich mit ihnen auch ebenso angefreundet. So gab es denn mit dem Marder das lustigste Spektakel, bei dem der Reiher würdevoll dastand und sich die Lustbarkeit mit klugen Augen anschaute. Da hörte Judith die Hunde und kam aus dem Hause gelaufen. Gelaufen! Das ist nicht wahr. Sie kam gegangen, geschritten. Bei aller inneren Helle und Heiterkeit hat das Judithlein etwas Gehobenes, schier Feierliches an sich – anders weiß ich ihr besonderes Wesen nicht auszudrücken. Sie schritt mir also entgegen, im hellen Morgengewande, die graue Steintreppe herab. Einer ihrer Edelfalken kreiste über ihr, gleich einem Adler über dem Haupt einer jungen Göttin. Der Reiher breitete, so gut er konnte, seine beschnittenen schimmernden Schwingen und flatterte auf sie zu. Auch das andre Getier, soviel beisammen war, stürzte der feinen, lichten Gestalt entgegen. Von meinem Falben herab grüßte ich die zukünftige Gräfin von Enna ritterlich, schwang mich aus dem Sattel und ließ mein müdes Roß frei laufen. Es begann sogleich unter den goldenen Kastanien, zwischen den scharlachroten Orchideen zu grasen. Des Judithleins Morgengruß war: »Du wolltest wohl deinem Falben zeigen, daß sein Herr heute siebzehn Jahre alt geworden ist? Wie wirst du es erst mit zwanzig treiben!« Sie hat gar keine sonderlich weiche und zarte Stimme, meine zukünftige Braut; in ihrer Stimme liegt eine stille Kraft. Dabei sagt sie alles sehr gelassen, fast leise. Ich hörte sie niemals laut rufen oder gar schreien, wie ich sie auch niemals laufen sah. Aber obgleich ihre Stimme weder weich noch zart ist, so ist mir's, wenn sie redet, als hörte ich fernen, leisen Gesang. Das machen ihre Augen. Die Augen meiner kleinen blonden Judith sind rabenschwarz, mächtig groß und haben einen tiefen, tiefen Blick. Ihre Augen sind so voller Glanz, daß ihr Gesicht etwas Strahlendes hat; und wie etwas Strahlendes liegt es für mich über ihrer ganzen Gestalt... Ich weiß nicht mehr, was Übermütiges ich ihr erwiderte. Es muß aber etwas sehr Siebzehnjähriges gewesen sein, denn sie sagte: »Wilder Rochus!« Auch das ist ihr eigentümlich, daß sie selten lächelt, fast nie. Trotzdem liegt auf ihrem Gesicht solche Morgenhelle. Es ist wahres Frühlingslicht. »Schön, daß du dir selbst meinen Geburtstagsgruß für dich holst,« meinte sie dann, das Getier leise von sich fortscheuchend. »Ich wollte dir grade schreiben und hatte schon ein Päcklein für dich zurecht gemacht. Meine gute Frau Bürgermeisterin hat heute einen bösen Gichttag; ich hätte also nicht kommen können, dir zu gratulieren, du großer, lieber Mensch.« Ich muß aufschreiben, daß die Eltern meiner kleinen Judith tot sind; daß mein Bräutlein schon jetzt die Herrin vom Platterhof ist; daß eine entfernte Verwandte, die verwitwete Frau Bürgermeisterin Leitner aus Bozen, mit ihr auf dem Platterhof haust. Die zukünftige Gräfin von Enna ist ein wohlhabendes Patriziermägdlein, mit dem mein gestrenger Herr Vater als Schwiegertochter wohl zufrieden sein darf. Vor kurzem wurde sie fünfzehn Jahre. Und dann soll ich Mönch werden! Begleitet von der ganzen Judith-Menagerie und meinen Rüden gingen wir miteinander um das Haus, welches noch von alten Zeiten her eine wahre Burg ist, mit gewaltigen Mauern und Zinnen, Türmen und starken Toren, bedeckten Treppen und hölzernen Laufgängen. An diesem Urhause des Platterhofes hatte seit vier Jahrhunderten jede Zeit angeflickt, was jede Zeit für sich grade bedurfte. Das mußte also das vergnüglichste Durcheinander geben! Jetzt war das Mauerwerk aller Jahrhunderte gleichmäßig mit großblätterigem Efeu und anderm Gerank bedeckt; und die Dächer der alten sowohl wie der neuen Zeit waren von einer dicken, leuchtenden Moosschicht überzogen. »Ist das schön bei dir, Judith! Auf der Welt gibt es doch nichts Schöneres als deinen Platterhof und unser altes Schloß Enna!« Da sagte das junge Ding: »Bin ich erst einmal erwachsen, daß ich keinen Vormund mehr habe und tun kann, was ich will, so verkaufe ich den Platterhof.« Ich blieb stehen und schaute sie an, die das Schreckliche ganz gelassen gesagt hatte. »So verkaufst du den Platterhof? Den alten, herrlichen Hof, der deinem Geschlecht seit vielen Jahrhunderten gehört; diesen Herrensitz, der so schön ist, den du so liebst, willst du fremden Leuten verkaufen?« »Bin ich erst groß und stark, so muß ich etwas zu tun haben,« erklärte das Kind wiederum durchaus ernsthaft. »Hier kann ich nichts tun, als die Dinge lassen, wie sie sind. Ich muß etwas Neues schaffen; und hier ist alles schon fertig, im Hause sowohl wie auf den Feldern und den Weinbergen. Alles geht hier seinen hergebrachten guten Gang; alles ist im vortrefflichen Zustand und braucht nur die Aufsicht. Das kann jeder gescheite Verwalter besorgen oder sonst irgendwer.« »Deine Tiroler Heimat willst du verkaufen?« fragte ich wieder, noch immer ganz fassungslos. Und die Antwort lautete: »Ich will eine Heimat haben, die ich mir selber geschaffen habe.« Ich war so wild auf die Abtrünnige, daß ich nicht zu reden vermochte. Denn eine Tirolerin, die ihre Heimat verkaufen kann, wird nie und nimmer eine Gräfin von Enna. So wild war ich, daß ich mich vor Zorn gar nicht zu fassen vermochte. Aber das törichte Geschöpf sprach in seiner gleichmütigen Art weiter: »Jetzt möchtest du mich am liebsten erstechen, du wilder Rochus. Einstweilen laß das noch und komme lieber mit mir. Ich will dir zeigen, was ich dereinst tun möchte: so im Großen, verstehst du.« Sie führte mich in den Garten, wo es Gemüse und Früchte gibt, wie nirgends wo anders im Lande, und wo mitten in den Kräutern und Blumen buntbemalte Bienenstöcke stehen, die einen Honig liefern, als wäre der Platterhof, den seine kleine Herrin, wenn sie erst groß geworden, verkaufen will, das Land, darinnen Milch und Honig fließt. Vor dem Garten mußte die Menagerie mit den Hunden zurückbleiben, nur das Falkenpaar durfte mit. Wir gingen die mit hohen Himbeer-, Johannis- und Stachelbeersträuchern eingefaßten Wege dahin; gingen an den mit seltenen Obstsorten überzogenen Spalieren entlang, an den bereits reifenden Erdbeeren vorüber und gelangten zu den Blumenbeeten, wahren Gefilden von Tulpen und Hyazinthen, von Narzissen und Veilchen. Alsdann traten wir in den großen Kräutergarten, darüber eine Wolle von Wohlgerüchen schwebte und Scharen von Schmetterlingen, Bienen und Käfer gaukelten. Hier deutete Judith auf einige Rosenstöcke, an denen nichts andres Merkwürdiges zu sehen war, als daß sie prächtig Knospen angesetzt hatten. Sie sagte: »Sieh, wilder Rochus! Diese Rosenstöcke hatte der Gärtner fortgeworfen. Ich fand sie im Kehricht. Sie schienen verdorrt und ganz tot zu sein. Jetzt sieh sie an!« Dabei hatte das Kind einen seltsamen Glanz in den Augen. Darauf sprach es weiter: »Das will ich in Zukunft tun: Verwelktes wieder zum Blühen bringen, Krankes wieder gesund machen, halb Erstorbenes zu neuem Leben erwecken.« Mein ganzer Grimm verflog bei dem heiligen Ernst, mit dem das Judithlein diese großen Dinge sprach. Und ich mußte über die kleine Weisheit in ein übermütiges Gelächter ausbrechen. Sie nahm meine unbändige Lustigkeit über ihre Kinderphantasie so gelassen hin, wie sie meinen mühsam gebändigten Zorn über den »Verrat« am Vaterlande hingenommen hatte. In bester Eintracht begaben wir uns nun ins Haus. In dem großen Saalflur standen die Türen zu sämtlichen Zimmern weit offen, daß all das Blühen und Duften des Mais, all das Flimmern und Funkeln des Sonnenscheins hereindrang in den weiten, dämmerigen Raum, dessen vielhundertjähriges Getäfel aus Zirbenholz an Decken und Wänden ebenso berühmt ist, wie vor dem Edelsitz der Kastanienwald. Wo in Tirol von dem grünen, grünen Vahrn gesprochen ward, sprach man auch vom Platterhof; und jedesmal hieß es: »Ja, der Platterhof! Der hat einen Kastanienwald und ein Getäfel, das man gesehen haben muß. Und der Platterhof hat Rosmarinäpfel und Muskatellerbirnen, hat Honig und Butter, die man gegessen haben muß. Und er hat Wiesen und Maisfelder, Knechte und Mägde, auf die der Herr vom Platterhof stolz sein kann. Aber der Herr vom Platterhof wird einstmals eine Herrin sein. Judith heißt sie. Diese Judith Platter wird einstmals eine!« Inzwischen dachte diese »Eine« daran, den alten, hochherrlichen Platterhof zu verkaufen, um in der weiten Welt nach verwelkten Sträuchern zu suchen, die sie wieder grün machen könnte... Und inzwischen hatte das Judithlein im Saalflur für ihren großen siebzehnjährigen Freund vor der weit offenen Haustür den Tisch gedeckt, diesen mit des Junkers Lieblingsspeisen beladen und die Tafel mit einem gewaltigen Strauß Maiblumen geschmückt. Gleich einem König saß der Junker unter dem schimmernden Getäfel, über dem schneeweißen Linnen und hatte vor sich auf wie Silber blinkenden Zinnschüsseln schwarzes Tirolerbrot und goldige Tirolerbutter, rosigen Platterhof-Schinken und – sein Leibgericht – einen Berg leuchtender Riesenkrebse! Die Ahnen meiner Judith schauten von den Wänden herab zu, wie es der Junker Graf auf dem Platterhof sich schmecken ließ, und sie machten dazu entsetzlich ehrbare Gesichter. Einige sahen sehr unwirsch, fast drohend drein, als wären die alten Platters mit einer Heirat zwischen dem Junker von Enna und dem Töchterlein ihres Geschlechts genau so wenig zufrieden, wie des Junkers erlauchte Ahnen sein würden. Ich lachte sie jedoch im Herzen samt und sonders aus, die alten Platterleute sowohl wie die noch älteren Grafen von Enna. Ernsthaft saß das Judithlein neben mir, öffnete für mich mit ihren braunen, festen Händlein gar zierlich die Krebsscheren – bei den Schwänzen verrichtete ich die mühsame Arbeit selbst – und die vierfüßige Gesellschaft, Rüden und Edelmarder, warteten mit Ungeduld, bis der Junker gespeist hatte. Daß ich nicht vergesse: das Päcklein, welches dem Geburtstagskind bei seiner Ankunft zurecht gemacht werden sollte, trug ich später auf dem Falben mit mir nach Hause. Es enthielt die herrlichsten Dinge für Jagd, Vogelfang und Fischerei. Nein, mein gestrenger Herr Vater, nach Rom geht der Rochus nicht! Viertes Kapitel Das Judithlein Ich bin so betrübt! Daß ich nach Rom gehe, um daselbst am Grabe des Apostelfürsten unter den Augen des heiligen Vaters geistlich zu werden, scheint nämlich auch der Wunsch meiner Mutter zu sein. Sie sagt es nicht. Wenigstens sagt sie es nicht mit Worten. Aber ihr ganzes Wesen ist eine einzige flehentliche Bitte: »Liebster Sohn, werde geistlich! Mir zuliebe!« Ihr ganzes Leben flehet mich darum an. Ich darf ihr nicht einmal sagen, daß sie mir damit den ersten großen Schmerz zufügt. Aber ich kann es in dieses Buch einschreiben, welches ihre Liebe mir schenkte, wohl wissend, weshalb. In dieses Buch schreibe ich also: Ich wüßte nicht, was ich meiner Mutter zuliebe nicht tun würde? Ich könnte meiner Mutter zuliebe keine Büchse mehr anrühren, kein Pferd mehr besteigen, keinen Gipfel mehr erklimmen; nicht mehr jauchzen, jubeln und singen. Also aufhören, jung zu sein und mich glücklich zu fühlen. Ich könnte für meine süße Mutter um Almosen betteln, meine kleine Judith Platter nicht wiedersehen und für sie einen Totschlag begehen. Aber ich kann nicht meiner Mutter zuliebe meine Natur kreuzigen, kann nicht ihretwillen meinen lebendigen Menschen verleugnen – kann nicht meiner Mutter zuliebe geistlich werden . Von jeher waren wir Grafen von Enna ein sehr frommes Geschlecht: haben wir doch sogar einen Märtyrer in der Familie! Die Grafen von Enna waren fanatische Kreuzritter; sie kämpften um das Grab Christi, litten und starben dafür. Die Grafen von Enna bauten Klöster und Kirchen, machten fromme Stiftungen und wurden geistlich. Sie wurden Priester und Mönche, Prälaten und Bischöfe. Ein Graf von Enna hat den Kardinalshut getragen. In unserm Schlosse ist alles vernachlässigt, verödet, verfallen. Nur nicht die Kapelle. Die Kapelle auf Schloß Enna ist fast prächtig. Wir sind sehr arm. Aber wir haben unsern eigenen Kaplan. Die höchsten und wichtigsten Dinge im täglichen Leben sind für uns, Messe zu hören, zur Beichte zu gehen, die Fasten zu halten, die Feiertage zu ehren, die Heiligen anzurufen, der Mutter Gottes zu dienen, um uns dadurch ein möglichst großes Anrecht auf den Himmel zu erwerben. Wir geben von unsrer Armut den Armen; wir opfern Kerzen und Wachsbilder; wir machen Bußübungen; wir gehen wallfahrten; wir sind des Herrn mit allem, was wir haben; wir sind treue Anhänger, heiße Schwärmer, sind Fanatiker unsres triumphierenden katholischen Glaubens und der alleinseligmachenden Kirche. Mein rauher Vater betet ebenso zerknirscht wie meine süße Mutter. In der Passionszeit leiden wir mit dem Heilande; jedem Geistlichen mußte ich schon als Kind die Hand küssen; die Triumphe der Kirche sind die Triumphe des Hauses Enna; jeder Nichtgläubige oder Mindergläubige oder Andersgläubige gilt uns als Feind Gottes und ist daher unser eigener Feind. Dieser Strom schweren katholischen Blutes ist der Lebensstrom unsres alten Geschlechts. Auch ich habe davon manches Tröpflein in meinem Blut; aber – geistlich kann und kann ich nicht werden! Auch nicht meiner süßen Mutter zuliebe. Auf Schloß Enna ist gegenwärtig meine kleine zukünftige Braut zu Besuch, was jedes Jahr einige Male geschieht. Auch meine Mutter liebt das Kind vom Platterhofe zärtlich. Aber sie klagt: das Judithlein sei so ganz anders als andre Mädchen von fünfzehn Jahren, und sie könne sich in dieser verschlossenen und tiefen Natur nicht zurechtfinden. Noch mehr bekümmert ist meine liebe Mutter, daß dieses junge Geschöpf Gottes nicht die so breit getretenen Wege des Herrn wandelt, sondern auf einsamen Pfaden für sich allein ihren Gott sucht und mit offenbarem Widerstreben den streng katholischen Bräuchen des Landes und unsres Hauses sich fügt. In ihrer leisen, eindringlichen Weise redet meine Mutter immer wieder und wieder in das Judithlein hinein, erhält aber immer wieder und wieder zur Antwort: solche Dinge ließen sich nicht erzwingen. Und sonst kein Wort über ihren Glauben an Gott und die Heiligen, wie innig meine Mutter auch bittet, oft in wahrer Herzensangst um das Seelenheil der jungen Christin. Diese bleibt gelassen und ernsthaft, bleibt gegen meine Mutter stets gleich liebevoll und zugleich in allem und allem voll eigenen starken Willens, als wäre das Kind bereits ein großer Mensch mit allen Leiden und Erfahrungen eines solchen. Meiner guten Mutter kostet dieses absonderliche Wesen manchen schweren Seufzer. Auch das weiß ich: daß sie über meine leidenschaftliche Liebe zu dem schönen und seltsamen Geschöpf bitter betrübt ist und in ihrer geheimsten Seele zwischen unserm ruinenhaften, armseligen Schloß Enna und dem stattlichen, reichen Platterhof einen Abgrund wünscht, darüber keine Brücke führt. Das Judithlein braucht indessen nur zu kommen, braucht nur da zu sein, und meine Mutter ist von uns die erste, die ihrem Zauber sich ergibt. Und dann sollte ihr großer dummer Junge dagegen gefeit sein? So habe ich denn bereits allerlei Kümmernisse und Nöte. Auch andres betrübt mich. Wenn nämlich das Judithlein bei uns ist, sehe ich plötzlich die bröckelnden Mauern und zerrissenen Wände meines heißgeliebten Schlosses Enna; ich sehe plötzlich die schadhaften Fußböden und Decken, die verblichenen und zerfetzten Tapeten, die verblaßten und zerstörten Malereien, das wurmstichige Holzwerk, das alte, schlechte Gerät und all die andern trübseligen Reste aus früheren besseren Zeiten. Vom Keller bis zum Dache ist das große Haus mit Gerümpel angefüllt. Ich möchte über alles einen Glanz werfen, der für Judiths allesschauende Augen den Verfall unsres Schlosses verhüllte. Nicht etwa, daß ich unsrer Armut mich schäme; aber sie tut mir weh. Sie tut mir jedoch nur dann weh, wenn das Judithlein bei uns ist, und lediglich seinetwillen. Weil ich das Kind so unsinnig liebe, und weil ich im Grunde meiner Seele ein solch unbändig stolzer Mensch bin, kann ich nicht ertragen, daß es womöglich Mitleid mit uns fühlt, was für die kleine Herrin vom Platterhofe – so denke ich mir – womöglich noch schmerzlicher und demütigender ist als für uns. Sie läßt es jedoch nicht merken. So jung sie ist, hat sie bereits eine große Kunst, den Ort, wo sie sich gerade befindet, mit ihrer Gegenwart zu erfüllen. Ehe ich mich's versehe, liegt der Schein, mit dem ich für sie das große, ruinenhafte Schloß Enna umschleiern möchte, bereits darüber gebreitet. Nur daß all der Glanz von ihr selbst ausgeht. Dann bin ich glücklich. Ja, und dann geben wir uns so recht als das, was wir beide noch sind: als zwei Kinder. Das öde Haus tönt von unsrer glücklichen Jugend. Hand in Hand durchstreifen wir den Schloßboden, wo ich mit meiner Gefährtin Versteckens oder Blindekuh spielen möchte. Denn, wenn ich das Judithlein finde oder erhasche, muß es sich von mir küssen lassen auf seinen kirschroten, weichen, jungen Mund. Rings um das Schloß breitet sich eine weite, wonnige Wildnis. Sie zieht sich hoch von der Plose bis an den Eisack hinab, der genau so wild ist wie mein siebzehnjähriges Gemüt. Das Land rings um Enna ist derartig verwachsen, daß mein Vater den Hochwald müßte ausroden lassen, um für den Maisbau etwas mehr Feld zu beschaffen. Es wird jedoch bei uns weder ausgerottet noch angebaut; denn wir lassen für uns den Himmel sorgen, und der läßt selbst für unser frommes Haus keine Maisfelder und Weinberge wachsen. So sind wir denn in unserm Gott und in unsrer Armut erhaben; und ich freue mich, rings um Schloß Enna nach Herzenslust herumstreifen zu können, nicht anders, als wäre ich mitten im Urwald. Ich merke wohl, wie dies gleichgültige Wesen dem Judithlein in tiefster Seele verhaßt ist. An allen Ecken und Enden möchte sie es anders haben. Wenn sie später einmal ihren blühenden Platterhof verkauft, kann sie ja auf Schloß Enna – denn mein Herr Bruder bleibt gewiß beim Kaiser in Wien – die Wildnis vertreiben. Das soll sie auch einmal: als seine Herrin! Bis dahin mag es bei uns gehen, wie es eben geht. Auf unsern Herrntisch kommt für gewöhnlich nur grobe Bauernkost. Es gibt bei uns viel Sterz und Polenta, viel Speck und geräuchertes Fleisch. Dazu als Trunk schlechten Wein und gute Milch. Zum Glück sorgt Junker Rochus für Wildpret und Fische. Haben wir jedoch das Judithlein zu Gast, so ruhe ich nicht, bis unsre Tafel bestellt ist, daß unser Kaiser selbst bei dem Grafen von Enna speisen könnte. Auch Blumen müssen dann unsern Tisch zieren; denn so ist sie es auf dem Platterhofe gewöhnt. Meine süße Mutter seufzt, mein gestrenger Herr Vater brummt dazu und – beide lassen es seufzend und brummend geschehen, behandeln das Bürgerkind wie eine verwunschene Prinzeß und lassen im übrigen den Himmel walten. Mit Judith zusammen bin ich einer Todesgefahr entronnen, Wir schienen verloren, und ich möchte fast von einem Wunder reden, welches der Himmel für uns Kinder geschehen ließ. Meine Mutter ist darüber in Verzückung, läßt dafür eine Dankmesse lesen und vor dem Bilde meiner Schutzheiligen, Santa Barbara, geweihte Kerzen abbrennen. Sie glaubt mich zu großen Dingen ausersehen, die ich zu Ehren Gottes vollbringen soll, da allein Gottes Gnade mich am Leben erhielt. Meine fromme Mutter vergißt, daß Judith Platter mit mir war, daß wir beide in Todesgefahr standen, beide aus Todesgefahr gerettet wurden; daß also der Himmel selbst mich und sie für das Leben zusammengab. Aber ich will aufschreiben, wie die Sache sich zutrug. Wassersgefahr in Tirol! Wassersnot am Eisack! Man muß das erlebt haben. Und wenn es gar inmitten einer glückseligen Frühlingszeit ist! Plötzlich kann die Not, kann die Gefahr da sein: über Nacht, in einer Stunde, einem Augenblick. Nach lang anhaltenden heftigen Regengüssen. Oder während eines Wolkenbruchs, der nicht einmal über uns herabzufluten braucht, sondern in einer von unserm Tale weit entfernten Gegend geschehen kann. Oder wenn im ersten Frühling ein wilder Föhn aufbraust und die weichen Schneemassen der Alpen zum schnellen Schmelzen bringt. Nach allen Seiten hin stürzen von den Firnen und Felsen, aus Schluchten und Schrunden Gießbäche herab. Sie fluten zusammen, sammeln sich. Als Bergstrom entwurzeln sie Wälder, spülen die Erdschichten ab, reißen Wände ein. Eine braune, gewaltige Schlamm-Masse wälzt sich verheerend hernieder: tiefer und tiefer, näher und näher. Während über die Ortschaften der oberen Täler die Sintflut bereits zusammenschlägt, denken die Bewohner der unteren Dörfer: »Es hat wohl noch Zeit; es kommt wohl noch nicht.« Aber schon ist es da, oft in Augenblicksschnelle! Was soeben noch ein kleines, munter dahinfließendes Bächlein war, ist jetzt ein wildes, wütendes Gewässer. Es schwillt und steigt, brandet und braust, tobt und tost, wächst an zu einem beutegierigen Ungeheuer. Die wirbelnden, wallenden Wogen zerreißen die Ufer, zerbrechen die Dämme, strömen über, stürzen sich auf das arme, wehrlose Land. Die Glocken wimmern und warnen: »Wassersnot! Wassersgefahr!« Niemand dachte daran, obgleich die ganze Nacht Südwind geweht hatte. Am Morgen war es wundervoll. Wolkenloser, tiefblauer Himmel und kein Lüftchen unter den Wipfeln der Edelkastanien. Wir, das Judithlein und ich, waren seit dem frühen Morgen unterwegs gewesen: zu Fuß über Brixen nach dem Neustift, woselbst wir bei dem Klostergärtner eine Bestellung auf junge Marillenbäume machten, mit denen Judith ein ganzes Feld bepflanzen lassen will. Denn diese fünfzehnjährige Landwirtin meint: weil im Brixenerlande die Marillen gar so herrlich gedeihen, so sei mit den saftigen Früchten eine große Kultur zu betreiben. Auf dem Heimwege, als wir wieder durch die ehrwürdige Bischofsstadt kamen, führte ich meine Dame in das weit und breit berühmte Gasthaus zum »Elefanten« und traktierte sie zu meinem nicht geringen Stolz mit Backwerk und süßem Wein. Nachmittags waren wir denn doch etwas ermüdet und wußten nichts Besseres anzufangen, als den Schloßberg hinunter und an den grünen Eisack zu schlendern, den Nachen zu lösen und uns gemächlich stromabwärts treiben zu lassen. Wohlig glitten wir auf den weichen Wellen zwischen dicht bebuschten Ufern dahin, bis wir an unserm Lieblingsort anfuhren. Dies ist ein winziges Eiland, mitten im Strombette. Weiden haben es gebildet, die, durch eine Hochflut vom Ufer losgerissen, von den Wirbeln zusammengetrieben und hier festgeankert sind. Rings schießen üppig Schilf und Riedgras auf und ein Polster von Moos und Kräutern füllt das Innere, in welches man durch das Weidengeäst wie durch ein Bollwerk dringen muß. Angelangt, schlang ich die Kette um einen Stamm und schlüpfte mit dem Judithlein aus dem Nachen in das schöne Versteck. Hier ruhten wir nun auf einem Bette von gelben Primeln wie inmitten blühenden Goldes, umwallt von den im Sonnenschein schimmernden Wänden der knospenden Weiden, umrauscht von den murmelnden Wellen des jungen Eisack, welchen Blumen, Schilf und Dickicht uns vollständig verbargen, so daß das Wogenrauschen sich anhörte wie mystische Musik. In den Büschen flötete eine Amsel, die Schmetterlinge gaukelten über uns hin, und die Luft ertönte vom Summen der Insekten. O du mein lieber himmlischer Vater, wie ist deine Welt doch so schön, so wunderschön mit dem Judithlein an der Seite! Lang ausgestreckt lag ich großer Junge auf dem Rücken, schaute weit offenen Auges in das Glanzmeer des Äthers, lauschte auf alle Stimmen der lebendigen Gotteswelt und fühlte meine Jugend, meine Kraft und mein Glück wie einen heißen Strom meine Seele durchbrausen. Ich weiß nicht, was mir durch den Sinn fuhr; aber auf einmal fragte ich das Judithlein mit großer Heftigkeit: »Warum hast du eigentlich deinen aparten Glauben? Es wundern und bekümmern sich alle darüber. Du bist doch eine Tirolerin; und du bist doch noch ein wahres Kind. Wie kannst du also deinen Glauben für dich allein haben wollen?« Da ich über mir in die Luft starrte, sah ich sie nicht an, als sie erwiderte: »Wie ich das kann? Ich weiß gar nicht, daß mein Glaube apart ist, wie du es nennst.« »Ich möchte wissen, wie man es sonst nennen soll,« rief ich trotzig. »O du wilder, böser Rochus,« sprach das Kind weiter. »Sieh, ich hatte solche engelsgute Mutter. Von meiner Mutter sagten die Leute auch, daß sie einen aparten Glauben hätte. Ich verstand es nicht; denn ich war noch ein ganz kleines Ding, als meine Mutter starb. Ich wußte nur, daß sie so gut, o so gut war, etwa wie deine Mutter. Und als sie gestorben war, hörte ich die Leute von ihr sagen, ihre Seele müsse lange Zeit im Fegefeuer brennen, weil sie einen aparten Glauben gehabt hätte. »Meine engelsgute Mutter lange Zeit im Fegefeuer, in den gräßlichen Flammen! Ich weiß noch, wie ich viele Tage und Nächte immerfort geschrieen und geweint habe; wie ich einen großen Krug nahm und mit Wasser füllte; wie ich hingehen wollte, um das Fegefeuer, darin die Seele meiner Mutter brennen sollte, zu löschen. Und ich weiß noch, wie ich meine kleinen Hände ins Herdfeuer hielt, um zu fühlen, ob das Brennen sehr weh tat. »Es tat sehr, sehr, sehr weh. Und was war der kleine Schmerz gegen die Qualen, die meine Mutter erdulden mußte? Mir taten meine Hände weh, und sie mußte am ganzen Leibe brennen; ich hielt meine Hände nur für wenige Augenblicke in die Flamme, und sie mußte lange, lange Zeit darin dulden. »Ich weinte und schrie, wußte nicht aus und ein, hatte niemand, der mich hätte trösten können. »Niemand, niemand! »Wenn dann die Leute von dem lieben Gott zu mir sprachen, von dem gekreuzigten Heiland, der süßen Mutter Gottes und allen Heiligen, so dachte ich immer nur an meine Mutter, daß sie im Fegefeuer brennen mußte, daß der liebe Gott es zugab und daß auch die süße Mutter Gottes und alle Heiligen es ruhig geschehen ließen. Da bekam ich eben meinen aparten Glauben, wie du es nennst und wie solchen meine gute Mutter auch gehabt haben soll.« Jetzt wußte ich's und jetzt war ich still. Beide waren wir ganz still, ruhten unter goldenen Blüten im Sonnengefunkel; lauschten auf das Wellengemurmel und den Amselgesang; wurden plötzlich köstlich müde; schliefen fest ein. Ein Rauschen weckte mich auf. Nein! Ein Sausen war es, ein Brausen. Es schien aus der Tiefe aufzusteigen, aus den Lüften niederzudringen. Dabei war kein Sturm. Kein Lüftchen regte sich. Regungslos standen in dem gelben Abendlicht die Weiden, standen Röhricht und Schilf. Und immerfort das Sausen und Brausen, von dem ich nicht wußte, woher es kam und ob es fern oder nah war? Plötzlich fühlte ich unter mir das Bett von Gras und Blumen, darauf das Judithlein noch immer im tiefen Schlummer lag, heftig erbeben. Dann ein Anprall, ein gewaltiger Stoß, bei dem ich meine zukünftige Braut aufriß und fest umklammert hielt. Zugleich vernahm man durch das Sausen und Brausen vom Strom aufwärts her schrilles Glockengeläute. In Brixen läuteten sie die Notglocke: Wassersgefahr! Und jetzt von allen Seiten die wilden Töne ... Von allen Höhen gellte es herab, aus allen Tälern und Schluchten: Wassersgefahr! Judith im Arm, die nicht einmal zitterte, stürzte ich zum Dickicht, wo der Kahn angebunden war. Wir drangen durch das wirre Gezweig. Kein Kahn war zu sehen! Ringsum braune, wogende, wirbelnde, tosende Fluten, welche die Kette des Nachens gelöst und diesen hinweggetrieben hatten. Ich konnte schwimmen, ich hätte mich retten können – mich allein. Judith erkannte sogleich die Todesgefahr. Sie rief mir zu: »Rette dich!« Ich antwortete ihr: »Weißt du nicht, daß du einstmals meine kleine Braut sein sollst?« Da lachte sie mich an, was sie zuvor nie getan hatte. Die Scholle unter uns ächzte und schwankte. Wie mit unsichtbaren wilden Armen riß es an unserm Eiland, über dessen Rand der Fluß stieg und stieg. Wir konnten berechnen, wann die Insel überflutet sein würde, wann wir miteinander untergehen mußten. Die Ufer waren einsam, die nächsten Ortschaften lagen weit entfernt; durch Menschenhand konnten wir also vor dem Tode nicht bewahrt werden. Nur durch ein Wunder. Überdies ward es bald tiefe Dämmerung. Und immer noch das Sausen und Brausen, immer noch die gellenden Hilferufe der Notglocken: »Wassersgefahr: Rettet euch! Rettet euch!« Um uns kreiste allerlei Gevögel wie in Todesangst. Und die Amsel, die uns in den Schlaf geflötet hatte, kauerte dicht neben Judith auf einem Zweig blühenden Weißdorns. Jetzt begann meine kleine Braut, mich zu bitten, daß ich mich allein retten sollte – ihr zuliebe! Meine Arme würden gewiß kräftig genug sein, um den wilden Fluten Widerstand zu leisten und sie glücklich zu durchschwimmen. Judith flehte und schmeichelte. Sie war so weich, so sanft und holdselig, wie ich nie gedacht hätte, daß sie sein könnte. Beide Arme schlang sie um meinen Nacken, preßte ihre Wangen an mein Gesicht, flüsterte in mich hinein und gab mir die süßesten Namen: ihr zuliebe am leben zu bleiben und sie allein sterben zu lassen. Von meiner guten Mutter sprach sie zu mir, von meinem Vater, von meiner Zukunft und davon, daß ich einmal ein wackerer Tiroler werden sollte, ein tüchtiger Mann und guter Mensch, sich selbst und andern zur Freude und zum Nutzen. Sie fand in ihrer Todesangst um mein junges Leben Worte, wie ich solche niemals aus eines Menschen Mund vernommen hatte: nicht aus dem Munde eines Priesters und nicht von den Lippen meiner Mutter. Mit großen, feierlichen Worten drang das Kind in mich, am Leben zu bleiben. Judiths Worte berauschten mich, daß ich nichts fühlte als eine Seligkeit, die mich im Tiefsten erschauern machte. Eng umschlungen standen wir ... Es wurde dunkel und dunkler; es wurde Nacht. Immer höher stieg die Flut, während uns das Sausen und Brausen in der tiefen Finsternis wie ein Orkan umtoste. Ich dachte nicht an meine Mutter, die jetzt gewiß Todesangst um uns litt; ich dachte nicht an meine Zukunft, von der ich Großes geträumt hatte – ich dachte nur an meine kleine Judith Platter und daran, daß sie mit mir sterben würde, wenn kein Wunder uns errettete. Da geschah es, daß mir einfiel: Du bist ein guter Katholik. Für einen guten Katholiken läßt der Himmel fort und fort Wunder geschehen. Du hast eine mächtige Schutzpatronin. Rufe sie an in deiner höchsten Not! »Heilige Barbara, hilf; heilige Barbara, bitte für mich. Heilige Barbara, rette uns; und ich gelobe dir –« Was? Was? – Geistlich zu werden; Judith zu lassen ...? – Lieber sterbe ich jetzt mit ihr! Und während ich noch dachte, daß ich meine Schutzheilige für uns arme Kinder nicht anrufen wollte, half sie uns bereits. Wir verspürten von neuem einen gewaltigen Stoß, der uns sicherlich umgeworfen hätte, wenn wir uns nicht an die Weidenbäume geklammert. Darauf begann das Inselchen sich zu drehen. Es begann zu kreisen, um alsdann, losgerissen und freigeworden, gleich einem Floß mit uns den hochgehenden Strom hinabzutreiben. Fünftes Kapitel Die Brautfahrt auf dem Eisack Es war eine wundersame Fahrt in der lauen Mainacht unter einem strahlenden Sternenhimmel. Bald glitt unser Floß langsam, langsam, bald in rasender Schnelligkeit den Eisack hinab. Oft geriet es in Wirbel, wurde um und um gedreht, oft schien es zu sinken, hob sich wieder – glitt weiter dahin. Um ein Wunder wollten wir den Himmel, wollten die guten Heiligen um unsre Rettung bitten; und ein Wunder war an uns selbst geschehen. Denn wir dachten nicht mehr daran, daß unser Leben bedroht war; dachten nicht mehr an unsern frühen Tod und wie schön die Welt für uns hätte sein können. Inmitten aller Gefahr, von den schäumenden Gewässern umtost, umheult von dem Sausen und Brausen hoch in den Lüften, umgellt von den schreienden Glockentönen, dachten wir nur daran, daß wir uns lieb hatten, daß wir beisammen waren, daß wir mitsammen sterben sollten. Denn wir glaubten an keine Rettung mehr für uns ... Wir hielten uns eng umschlungen und erwarteten unsern Tod. Jeden Augenblick erwarteten wir, unser Eiland unter uns zerreißen zu fühlen; erwarteten jeden Augenblick, in die braunen, brüllenden Fluten zu versinken, und hielten uns fest, fest umschlungen. Nicht mehr an mein blühendes Leben und frühes Sterben dachte ich; auch nicht an meine süße Mutter, sondern ich dachte nur immerfort an das Judithlein und daß ich mit diesem zusammen in den Tod gehen sollte. Wir fürchteten uns also gar nicht mehr, waren ganz ruhig, fühlten uns glücklich. Die Mainacht, die unsre Todesnacht werden sollte, wurde immer leuchtender. Am Himmel kein Wölklein; nur das Sternenheer und die goldene Mondsichel. Sie stand über uns wie ein himmlisches Zeichen. An Judiths Seite auf dem blühenden Weißdornzweig saß wieder die Amsel. Sie hatte den Kopf unter die Fittiche gesteckt und war eingeschlafen. Einmal ließ ich Judith los, trat vor bis an den Rand, bog die Weidenbüsche auseinander ... Ringsum nichts als wildes, wogendes Wasser, darüber im zarten Dunst das Gebirge. An den Ufern der vielen Höhen hatten die bedrohten Bewohner hohe Holzstöße aufgeschichtet und angezündet. Flammen stiegen empor, als Riesenfackeln leuchteten sie der Zerstörung. Und um die Feuer wachende, angstvoll harrende Menschen. Sie hätten uns retten können! Einige Male wurden wir ganz nahe an den Ufern und den Feuern vorübergetrieben. Aber das Weidengebüsch war zu dicht, als daß uns jemand hatte gewahren können. Ich schrie. Man vernahm mich jedoch nicht durch alle die wilden Stimmen des Stromes und Sturmes. Also trieben wir weiter und weiter durch die glanzvolle Mainacht, in der wir erfuhren, wie schön das Leben war, und die unsere letzte Nacht werden sollte auf Erden. Aber so übermütig war ich in meiner letzten Lebensnacht, daß ich zum Judithlein, um sie in Versuchung zu führen, sagte: »Von unserm Inselchen ist bereits so viel fortgerissen, die Weiden unter uns sind schon derartig locker und lose geworden, daß es uns unmöglich lange noch tragen kann. Einen von uns beiden trägt es vielleicht. Aber nur einen!« Was antwortete mir darauf das Judithlein? Kein Wort! Es machte sich sogleich von mir frei, umschlang mich jedoch sofort wieder mit beiden Armen, verharrte so einen Augenblick regungslos und küßte mich dann auf den Mund. Dreimal küßte sie mich. Dreimal fühlte ich ihre weichen, warmen, zärtlichen Lippen fest auf die meinen gepreßt. Alsdann löste sie sich von mir, lachte mich mit Lippen und Augen an, und – wie ein Eidechslein glitt sie von mir fort zum Weidenrand, um ohne ein Wort durch die Büsche zu schlüpfen in die braunen, brüllenden Fluten hinein. Weil die winzige, lockere Scholle nur noch einen von uns beiden tragen konnte, wollte sie von mir gehen; um mir die letzte Möglichkeit einer Rettung zu geben, wollte sie sich hinabwerfen in die Wirbel; verlassen wollte sie mich; sterben wollte sie ohne ein einziges Wort, ohne einen Seufzer – nachdem sie mich zärtlich geküßt hatte. Pfeilschnell mußte ich zuspringen. Kaum konnte ich sie noch fassen und gewaltsam zurückhalten, so geschwind und behend hatte sie sich durch die Weiden gewunden. Nun hielt ich sie aber fest, fest an meinem Herzen! Darüber war die Amsel erwacht und tat einen hellen Ton. Wie ein Jubellaut klang's. Und darauf ereignete sich mit uns das zweite Wunder: wir wurden gerettet! Die Hilfe kam, als unser Schifflein so schwankend und unsicher geworden war, daß es uns nicht mehr lange getragen hätte. Schon sahen wir unter uns die Wasser schimmern; schon fühlten wir die Fluten unsre Füße umspülen. Nur noch nach Minuten hätte unser Leben gezählt. Da barst das Eiland mitten auseinander ... Aber anstatt zu sinken, saßen wir auf dem Ufer fest. Grade in dem Augenblick, wo die Wasser uns hätten verschlingen müssen, wurden wir ans Land getrieben. Die Amsel flog davon. Auf so wundersame Weise errettet, hatten wir unser ganzes Leben vor uns gleich einer leuchtenden Frühlingsflur, auf der wir Hand in Hand wandeln konnten, Blütenduft um uns, über uns Lerchenjubel, umflutet von Sonnenschein. Soeben noch den sicheren Tod vor Augen, vermochten wir uns nicht mehr vorzustellen, daß es einen solchen auf der Welt gab; auf einer Welt, darin zwei junge Menschenkinder einander lieb hatten und glücklich waren. Bei aller Liebe und Glückseligkeit mußten wir jedoch zunächst wissen, an welchem Ort wir uns befanden und auf welche Weise wir am schnellsten nach Hause gelangten; hielten uns die Unsern doch sicher für verloren und umgekommen! Was ich bei dem blassen Schimmer der Sterne von der Gegend erkennen konnte, war mir vollkommen fremd. Auch die Berge, die ich in schwachen Umrissen sah, erschienen mir unbekannt. Nach meiner Berechnung waren wir eine weite Strecke fortgetrieben worden und mußten uns in der Umgegend der Stadt Trento befinden. Mein Bräutlein – denn das war Judithlein nun einmal – riet sehr verständig, an Ort und Stelle den Morgen abzuwarten, um alsdann weiter zu sehen. Übrigens gestanden wir beide, daß wir starken Hunger verspürten. Der meine war grade von grimmiger Art, wäre jedoch vollkommen zu stillen gewesen, hätte mich mein Bräutlein wieder auf den Mund geküßt. Aber ich durfte nur nehmen, was mir geboten ward; und das Judithlein reichte mir ihre süßen Lippen nicht ein zweites Mal: ging sie doch nicht mehr in den Tod für mich, sondern sollte für mich leben. Und zwar für mich allein! Ich hatte bei ihren Küssen gezittert wie ein blöder Knabe. Zugleich war mir gewesen, als wäre in diesem einzigen Augenblick aus dem dummen Jungen plötzlich wie durch Zauber ein Jüngling geworden. Einem geistlichen Herrn möchte ich die Frage vorlegen, ob dies Judiths Küsse oder der Himmel bewirkt hat? Mich deucht, dieser müßte an solchem Wunder seine ganz besondere himmlische Freude haben ... Die Stelle, wo unser grünender und blühender Nachen gestrandet war, befand sich hoch über dem wirklichen Ufer, bei einer jähen Felsenwand, die wie eine Klippe aus den Strudeln emporragte. Mit großen Mühseligkeiten klimmten wir bei dem unsicheren Licht hinauf und standen nun auf dem Riff wie schwebend über den Wassern, die unter uns wogten und wallten, uns jedoch nicht mehr hinabziehen konnten. Wir befanden uns auf einem schmalen Vorsprung des Porphyrfelsens. Unmittelbar hinter uns stieg die Wand steil auf, so daß wir wie ein junges Königspaar auf einen Thron gehoben waren. Auf dem engen Raum erwarteten wir den Tagesanbruch. Mir war das Aufdämmern des Morgens etwas Gewohntes und Alltägliches. Aber an diesem Morgen war es, als hätte ich noch niemals in meinem Leben gesehen, wie die Schatten wichen und das Dunkel sich hellte. Die Sterne erblaßten, der Morgenwind wehte auf. Kaum überzog den Himmel der erste Tagesschein, als die Vögel ihren Morgengesang anhoben: Finken und Grasmücken, Meisen und Drosseln. Wir nannten leise die Namen der kleinen Sänger, deren Lied heller tönte als das Rauschen der Wellen in der Tiefe. Dann schauten wir schweigend zu, wie der Tag auferstand aus der grabesdunklen Nacht. Es war wie ein Mysterium. Jetzt wurde der Himmel von blaßroten und mattgelben Wölklein überzogen. Alle Dinge nahmen Gestalt und Farbe an. Wir sahen jetzt, daß der Fluß weit über sein Bett getreten war und das ganze Tal überflutet hatte. Dieses glich einem Alpsee. Auf der lehmigen Flut trieben entwurzelte Bäume, trieben fortgeschwemmte Balken, Reste von zerstörten Häusern und vielerlei andres Trümmerwerk. Ein Anblick zum Weinen war es, so daß wir nicht mehr an uns, an unser Leben und Glück dachten, sondern an die zerstörten Arbeiten und Hoffnungen fleißiger Menschen. Dann erglühten die höchsten Gipfel im Morgenrot, daß das Gestein Zungen bekam und von Gottes Herrlichkeit zeugte. Zugleich von seiner ewigen Güte, welche die Sonne als himmlische Spenderin alles Lebens, Blühens und Gedeihens jeden Tag von neuem aufgehen ließ. Als heute ihr erster Glanz auf unsre emporgehobenen jungen Angesichter fiel, zog ich von meinem Finger einen Ring mit einem kleinen Rubin, den mir meine liebe Mutter geschenkt hatte. Ich nahm das Ringlein, faßte Judiths rechte Hand und steckte ihr den schmalen Goldreif an. Wir sprachen nichts, schauten uns nur an: tief, tief einander in die Augen. Wohl war es kindliches Spiel und doch heiliger Ernst. Judith machte ein Gesicht, als stünde sie mit mir in einem Gotteshaus vor dem Altar und ein Priester segnete uns. So war es auch: die himmlische Sonne selbst segnete unsern kindischen Bund. Ich hatte recht gehabt: bis in die Gegend von Trient waren wir davongeführt worden. Das entfesselte Element hatte die Straßen zerstört, und als wir nach mancher Beschwerde den nächsten Ort erreichten und daselbst nach einem Fuhrwerk fragten, vernahmen wir, daß die Wege bis über Bozen hinauf nicht zu befahren wären. Das war schlechte Kunde. Anstatt schnell zu den angstvollen Unsern zurückzugelangen, mußten wir zu Fuß nach Hause wandern, mußten unsre Leute über unser Geschick in Ungewißheit lassen. Denn vor dem nächsten Tag konnten wir unmöglich daheim eintreffen, wenn wir auch noch so rasch vordrangen. Wie gewöhnlich hatte ich nicht einen roten Heller bei mir; aber das Judithlein war hausfraulich mit einigem Gelde versehen, so daß sie ihren Herrn Bräutigam zu Gaste laden konnte, meine Bewirtung im »Elefanten« in Brixen mir reichlich zurückgebend. Ich ließ mir das Traktament gerne gefallen. So lange im Lande Tirol die Berge stehen, hat darin keinem siebzehnjährigen Tiroler ein Eierkuchen so köstlich gemundet als an jenem heiligen Maienmorgen einem gewissen Junker Rochus, Grafen von Enna. Übrigens langte auch die Spenderin des goldigglänzenden Gerichtes tapfer zu. Es war nämlich ein Riesengebäck, welches uns in einer knospenden Geißblattlaube aufgetischt ward und welches ich selbst bei meinem Heißhunger unmöglich allein hätte vertilgen können. Der fette Kuchen war unser Brautmahl, und der blutrote Trientiner, den wir dazu schlürften, unser Brauttrank. O du dreifach gesegneter Maienmorgen! Da die Leute im Gasthof in uns sogleich die Fremden erkannten und sie sich höchlichst verwunderten, wie wir junges Blut miteinander während der Wassersgefahr bei den zerstörten Straßen nach dem Dorfe gelangt waren, so berichtete ich unser Abenteuer: woher wir kamen und auf welche Weise wir die Fahrt stromabwärts gemacht hatten. Nun gab es ein Fragen, Staunen, Ausrufen; ein Beschwören aller Heiligen und eine Ekstase über das Mirakel, welches der Himmel an uns Kindern getan hatte. Mehr und mehr Menschen versammelten sich, um das Märchen von den zwei aus Todesnöten wundersam Erretteten zu vernehmen und diese sich anzuschauen. Sie taten es beinahe andächtig mit gefalteten Händen, als seien wir wundertätige Heiligenbilder. Mit unsern eigenen Ohren mußten wir anhören, was für junge, gebenedeite Menschen wir wären, und wurde über die Holdseligkeit meines Bräutleins ein wahres Geschrei erhoben. Schließlich lief das ganze Dorf zusammen. Auch der geistliche Herr kam und hielt unter Gottes freiem Himmel seiner lieben christlichen Gemeinde eine überaus rührsame Predigt, deren lebendigen Text wir beide bildeten. Judith, die wieder ganz stumm und sehr bleich geworden war, mahnte jedoch zum Aufbruch. Die guten Dorfleute wollten uns kaum fortlassen, als ob unsre Gegenwart für sie Schirm und Schutz wäre vor der Wassersgefahr, die noch immer nicht völlig überstanden war. Als wir uns dann fast gewaltsam losmachten, gaben sie uns eine weite Strecke das Geleit, daß es war, als zögen wir in einer langen Prozession, bei der wir das Hochehrwürdige waren. Wir wurden ja auch vom heiligen Geist erfüllt, welcher die göttliche Liebe ist... Nun wanderten wir mitsammen durch den glanzvollen Tag. Häufig mußten wir Umwege machen, steile Lehnen emporklettern und in weitem Bogen die Zerstörung umgehen. Nur wenn wir sehr müde waren, ruhten wir, und wählten alsdann einen möglichst schönen und einsamen Platz. Noch einmal hielten wir eine Mahlzeit; hüteten uns jedoch, den Leuten von uns zu erzählen; ließen uns lieber verwundert anstarren. Ich bemerkte wohl, wie Judiths Schönheit überall Staunen erregte und wie man ihr nachschaute. Da die Nacht wiederum überaus lieblich war und der zunehmende Mond noch heller schien als in der gestrigen Schreckensnacht, beschlossen wir, unsre Wanderung auch nachts fortzusetzen. Wenn wir ermatteten, brauchten wir nur der Angst der Unsrigen zu gedenken, um uns von neuem gekräftigt zu fühlen. Hinter Bozen, welches wir bei anbrechendem Dunkel durchschritten, wurde die Straße besser, so daß wir uns mit dem letzten Rest der kleinen Barschaft Judiths einen Wagen nehmen konnten. Er brachte uns bis in die Nähe von Waidbruck, woselbst die Verwüstung wieder begann. Doch gelangten wir glücklich zu Fuß weiter, durch die Fahrt vollkommen ausgeruht und durch die Nähe der Heimat in die freudigste Stimmung versetzt. Kaum konnten wir erwarten, wieder zu Hause zu sein. Grade bei Sonnenaufgang erreichten wir am Eisack jene Stelle, wo noch gestern mitten im Flußbett das kleine Weideneiland lag. Wir standen und schauten hinüber. Jetzt war alles von dem gelben gurgelnden Gewässer weit überflutet. Da sprach Judith: »Es ist doch besser, daß wir hier zusammenstehen, als wenn du jetzt allein nach Hause kämst und ich da unten läge, obgleich ich gern in den Fluß gegangen wäre, um dich in der schönen Sonne zu lassen. Ich sage dir das nur, damit du weißt und immer wissen sollst, wie mein Leben dir gehört, so fest, wie ich deinen Ring an meinem Finger trage. Der ist mir angeschmiedet, daß ihn nichts von mir losbringen kann.« Diese Worte sprach sie mit solchem tiefen Ernst, als ob sie mir damit ihr Leben verschriebe. Wie ich sie so vor mir sah in ihrer Jugendschönheit und Kinderunschuld, faßte mich das Glück wie ein Sturmwind. Ich wurde wieder einmal übermütig, so recht der wilde Junker. Dabei fühlte ich mich so stolz, als wäre ich ein großer Held, der die herrlichsten Taten vollbracht hatte und mit dem köstlichsten Beutestück heimkehrte. Frohlockend rief ich: »Willst du auch jetzt noch einstmals, wenn aus dem törichten Judithlein eine weise Judith geworden ist, deinen schönen Platterhof für abscheuliches Geld fremden Leuten verkaufen und davongehen aus deinem grünen Vahrn, dorthin, wo die Welt am wüstesten ist? Aber verkaufe nur! Gehe nur fort, weit fort! Ich laufe dir nicht nach, ich sicher nicht!« Da neigte das Kind das Köpflein, schaute mich innig an und sagte in süßer Einfalt: »Ich bleibe, wo du bleibst; gehe hin, wo du hingehst, und nichts soll mich von dir scheiden.« Dicht neben uns blühte ein wilder Apfelbaum. Ich trat hin, brach einen schlanken Zweig, band selbigen mit Riedgras zusammen und drückte den rosigen Blütenkranz meinem Bräutlein in ihr goldiges Haar ... Bei leuchtendem Morgensonnenschein hielten wir dann in Enna unsern Einzug, und zwar unter feierlichem Geläute der Glocken des Dorfkirchleins. Auch die Glocke der Schloßkapelle wurde geläutet. Wir konnten uns die Ursache der frommen Klänge nicht erklären. Denn es war weder ein Sonntag, noch sonst irgendein Festtag. Daß man einen Dankgottesdienst wegen glücklich überstandener Wassersgefahr abhielt, konnten wir uns nicht vorstellen; wußten sie doch noch nichts von unsrer wunderbaren Rettung, sondern mußten uns vielmehr für verloren halten. Unwillkürlich faßte ich Judith bei der Hand, an welcher mein goldener Reif glänzte. Hand in Hand gingen wir weiter, kamen in die Dorfstraße, wo zuerst keine Menschenseele zu sehen war, bis wir einige Kinder erblickten. Sie standen und starrten uns an, als wären wir nicht Fleisch und Blut, sondern Gespenster. Dann liefen sie davon, der Kirche zu. Und wir hörten sie etwas rufen, was wir jedoch nicht verstanden. Alsbald sahen wir aus dem Gotteshaus Leute eilen. Unter heftigen Gebärden deuteten sie auf uns, und einige kamen uns entgegen. Diese riefen laut: »Junker Rochus und die junge Plätterin! Also seid ihr nicht tot? Nicht umgekommen in den Eisackfluten, wie man gesehen haben will und wie alle glauben? Euren Tod glauben ja auch die gnädigen Eltern des Junkers. Seht doch nur, seht – sie sind am Leben geblieben!« Und alle schrien: »Sie sind am Leben geblieben! Seht doch nur! Am Leben sind sie geblieben!« Ich rief voller Entsetzen: »Also auch meine Eltern glauben an unsern Tod?« Ich sprach es noch, als ich sie kommen sah. Sie kamen aus der Kirche. Meine süße Mutter war in tiefe Trauer gekleidet. Auch die Frau Leitnerin vom Platterhof war dabei; und auch sie ganz in Schwarz. Da begriffen wir denn, daß man für uns Lebende in der Dorfkirche das Totenamt hielt, und daß meine Eltern diese Trauerfeier gemeinsam mit der treuen Gemeinde begingen. Jetzt gewahrte ich, wie sämtliche Frauen des Dorfes, ebenso das weibliche Gesinde vom Schloß und vom Platterhof schwarz gekleidet waren. Als meine süße Mutter erkannte, daß ihr tot geglaubter Sohn Rochus als Fleisch und Blut vor ihr stand, sank sie ohne einen Laut nieder und lag wie leblos. Mein gestrenger Herr Vater war blaß wie ein Leichnam und hing mit ersticktem Schluchzen seinem großen Jungen am Halse. Als die Leute den gestrengen Grafen um seinen wiedergefundenen Sohn weinen sahen, weinten alle mit, so daß auch mir die hellen Tränen über die Wangen liefen. Und nicht einmal, daß ich mich meines weibischen Heulens geschämt hätte. Inzwischen war Judith bei meiner lieben Mutter hingekniet, hielt ihr Haupt in dem Schoß und sagte fort und fort mit leiser Stimme nur das eine: »Er lebt ja doch! Er lebt ja doch! Sieh, liebe Mutter, dein Sohn lebt ja doch!« Nun war auch unser guter alter Kaplan herbeigekommen in dem Gewande, in dem er für uns das heilige Amt zelebrierte. Als meine süße Mutter ihr Bewußtsein wiedererlangt, und als sie über uns beide viele Tränen vergossen hatte, mußten wir berichten und immer von neuem berichten. Die Glocken wurden nicht mehr geläutet, denn auch die Knaben, welche die Seile gezogen, waren herbeigeeilt. Der Kaplan schickte sie zurück, um wieder zu läuten. Unter den tönenden Glocken setzte sich alsbald der Zug in Bewegung: voraus der geistliche Herr. Darauf zwischen meinen lieben Eltern Judith und ich, wiederum Hand in Hand. Hinter uns beiden zog die Frau Bürgermeisterin vom Platterhof, zog das Gesinde und sonst alles, was Beine hatte. In die Kirche zogen wir. Hand in Hand stand ich mit Judith und den Eltern vor dem Altar, und Kaplan Plohner hielt anstatt eines Totenamts einen Dankgottesdienst. Mein holdseliges Bräutlein trug immer noch ihren Kranz aus Apfelblüten. Diese sollen sich einstmals in blühende Myrten verwandeln. Sechstes Kapitel Junker Rochus von Schloß Enna und das Judithlein vom Platterhof haben einander lieb Noch an dem nämlichen Tage gewahrte meine Mutter an Judiths Hand den schmalen Goldreif mit dem Rubin, den sie ihrem Lieblingssohne geschenkt hatte. Sie sagte nichts darüber. Ich merkte jedoch wohl, wie sie beständig aus großen, angstvollen Augen auf uns zwei Kinder schaute, die mit solchen heiligen Dingen ein Spiel trieben – wie sie gewiß meinte. Sie war von dem Ereignis im tiefsten erschüttert; hielt unsere Errettung für ein schönes Wunder, welches der Himmel auf die Fürbitte der heiligen Barbara getan hatte; empfing ihren lieben Sohn, den wilden Junker Rochus, so recht zum zweitenmal aus den Händen des Herrn, daß ihr ganzes Wesen Verzückung und Seligkeit war. Vielleicht dachte meine Mutter: ›Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden‹ – wenn er auch ein Graf von Enna und sie eine Platterin ist. Aber wenn der Junker Graf das Judithlein vom Platterhofe zum Weibe nahm, ging er ja nicht nach Rom; und wenn er nicht nach Rom ging, wurde er auch nicht geistlich ... Ich wußte nicht, wie meine fromme Mutter mit all diesem in sich zurecht kam, dachte darüber auch nicht viel nach. An dem Abend des großen Tages saßen wir alle in der Halle, wo auch genachtmahlt ward. Da es unter den hohen Wölbungen noch nicht frühlingswarm war, brannte im Kamin ein trauliches Feuer. An diesem Kamin, der so hoch war, daß man darin einen jungen Ochsen am Spieße hätte braten können, hatte bereits der große Kaiser Maximilian gesessen, als er auf seinen Gemsjagden ins Brixener Tal gekommen war. Im Saale droben wurde noch der Lehnsessel gehalten – er war mit rotem, längst verschlissenem Samt überzogen –, darin Österreichs lieber hoher Herr bei dem Grafen von Enna gerastet hatte. Heute hatten wir zwei Gerettete den Ehrenplatz, nahe bei den Flammen, deren zuckender Glanz auf die Gemälde an den Wänden fiel, welche lauter glorreiche Taten des Hauses Enna darstellten, deren Erinnerung sie für die Söhne und Enkel dieses edlen Geschlechtes aufbewahrten. Doch eine Brautfahrt, wie der Junker Rochus sie angestellt hatte, war darunter keine vorhanden. Meine liebe Mutter ließ auftragen, was in Küche und Vorratskammer an Gutem vorhanden war, und mein gestrenger Herr Vater tat auf eigenen gnädigen Füßen einen Gang in den Keller, um einen Trunk heraufzuholen, der – nicht gar zu säuerlich und des Hauses edelster Wein war. Aber wie der Frau Wirtin fetter goldiger Eierkuchen am gestrigen Morgen, schmeckten meiner Mutter geräucherte Lachsforellen und das am Spieße gebratene Lamm doch nicht, von dem Trunke gänzlich abgesehen: solchen Eierkuchen und solchen Wein ißt und trinkt der Mensch eben nur einmal im Leben. Glücklich, wer dieses eine, einzige Mal so königlich zu tafeln vermag. Nach dem Mahle durfte das Gesinde in die Halle kommen. Die Männer erhielten Wein und Tabak, wie der Herr Graf ihn rauchte; die Frauen und Dirnen bekamen zu ihrem Trunk süßes Gebäck, von dem die Frau Gräfin jeden Ersten eines Monats buk und sorgsam aufbewahrte für den Fall, daß auf Schloß Enna eines schönen Tages unerwartet Gäste ankommen sollten. Aber der gute Kuchen ward in den letzten Tagen eines jeden Monats altbacken von Junker Rochus verzehrt: auf Schloß Enna kehrten keine Gäste ein, weder erwartete noch unerwartete; denn das Judithlein war kein Gast. Aber der Kuchen wurde trotzdem regelmäßig an jedem Ersten von meiner Mutter eigenhändig angerührt und gebacken. Das muß ich großer kindischer Junge doch auch noch berichten: wie ausgezeichnet ein gewisser Junker Rochus in der Nacht, die jenem Tage folgte, auf seinem harten Bette in seinem hohen Turmgelasse schlief. Ihm träumte nicht einmal von einem holdseligen jungen Fräulein, welches einen schmalen Goldreif am Finger trug. Nächsten Tags merkte ich sogleich, daß meine Mutter mit meinem Vater über die Sache gesprochen – nämlich über die Ringgeschichte – und daß sie ihn gebeten hatte, sie als kindisches Spiel zu betrachten. Also schwieg mein gestrenger Herr Vater dazu, was mir recht sein konnte, nicht etwa aus feiger Furcht, sondern vielmehr aus einer Art von Scheu, an etwas Geweihtes rühren zu lassen. Schon vormittags wollte Judith in Begleitung der Frau Leitnerin auf ihren Platterhof und zu ihrer Menagerie zurückkehren. In früheren Zeiten hätten meine Eltern sie nicht fortgelassen, hätten sie zum mindesten gehörig geplagt, noch ein paar Tage zu bleiben; heute nötigte und bat man sie nicht. Ich merkte es wohl, aber es tat mir weiter nichts. Das kam wohl daher, weil das Glück ein siebzehnjähriges Herz übermächtig macht, und weil junge Liebe so voll Glanzes ist, daß sie selbst durch graues Gewölk strahlt. Auch Judith tat das freundlich-ruhige Dahinziehenlassen nicht sonderlich weh. Schon damals dachte ich in meinem unverständigen Sinn: ›Das müssen ganz andre und gar gewaltige Dinge sein, die mein Bräutlein beirren könnten.‹ So gut kannte ich diese stolze und starke Seele schon damals. (Diesen letzteren Satz habe ich dem oben aufgezeichneten nach vielen Jahren zugefügt, als ich Kenntnis davon hatte, welche Macht erforderlich war, um dieses Frauengemüt von einer Seele, der es sich ganz zu eigen gegeben hatte, zu lockern und zu lösen.) Die Wonnen der Maienzeit währten im Juni fort und dauerten den ganzen Sommer durch. Judith befand sich auf dem Platterhof und ich auf Schloß Enna. Es verging jedoch kein Tag, an welchem Schloß Enna nicht in Person seines Junkers auf dem Platterhofe erschienen wäre, wo diesen Sommer die Blumen blühten, die Kastanien Schatten gaben, die Früchte reiften, die Vögel sangen und die Welt schön war, wie noch in keinem andern Jahr in gesegneter Sommerszeit. So oft ich meinen Falben bestieg, um dem grünen, grünen Bahrn zuzutraben, schaute mein Mütterlein aus großen, angstvollen Augen auf mich, als unternähme ich einen Ritt, der mich um die ewige Seligkeit bringen konnte – in die hinein der Falbe mich allerdings geradewegs trug! – und mein Herr Vater schickte sich jedesmal an, mir eine herbe Rede zu halten. Doch ein erschreckter, flehender Blick meiner Mutter ließ ihn bereits bei den ersten Worten verstummen. Meine Mutter war nämlich nicht imstande, mit Worten zu bitten, sondern nur mit den Augen. Eine stumme Sprache war es, der so leicht niemand widerstand. Nur ihr eigener jüngster und liebster Sohn tat es um des Judithleins willen. Daß ich den angstvoll flehenden Augen meiner Mutter Tag für Tag Widerstand leistete und Tag für Tag nach dem Platterhof hinüberritt, vermochte über mich nur eine Gewalt, die der Zauberei gleichkam: ich gehörte eben mit Leib und Seele zu der Judith-Menagerie – ich mochte wollen oder nicht. Was vermag auch solch Bürschlein wider eine leibhaftige Hexe? Und gar, wenn sie solch goldiges Haar, solch schwarze Augen und rote Lippen hat! So war ich denn auf dem wunderschönen Platterhof mehr als auf meinem geliebten Schloß Enna. Auch gab es hier für mich wenig zu tun. Um die paar Acker, die wir mit Mais und Buchweizen bepflanzten, und um das Stücklein Weinfeld an der Sonnenlehne jenseits vom Eisack sorgte der alte Florian das eine Jahr genau ebenso recht und schlecht wie das andre. Und er sorgte für das Gemüse im Schloßgarten, wo die Blumen gemeinsam mit dem Unkraut ein gedeihliches Dasein fühlten. Ich hätte es anders auch gar nicht haben wollen, als diese bunte Wildnis rings um unser ehrwürdiges Gemäuer. Nur wenn Judith bei uns war, sah ich außer all den andern Schäden in dem allgemeinen Verfall unsres Stammsitzes auch die blühende Wüstenei, die wir den Schloßgarten zu nennen beliebten und inmitten deren Junker Rochus für die liebe Schloßfrau eine Laube gebaut hatte. Sie war im Frühling blau von rankenden Glyzinien, im Sommer rot von Schlingrosen, während im Herbst die Kastanien mit ihrem goldgelben Blätterdach einen Baldachin darüber webten. Judith hatte es in diesem Sommer unter Beistand der Frau Bürgermeisterin überaus eifrig mit Gärtnern und Haushalten. Es war nicht anders, als wollte sie sich – so bildete ich mir ein – für die große Arbeit, die sie einstmals als junge Gräfin von Enna haben würde, gehörig vorbereiten. Dabei verbrachte sie jeden Tag viele Stunden bei den guten Schwestern, die unterhalb der Vahrner Kirche in einem alten hochgiebeligen Edelsitz hausten und die der kleinen Herrin vom Platterhof Unterricht in allen häuslichen Künsten erteilten. Das hatte ich jedoch längst heraus, daß Sticken und Nähen die schwache Seite meines Bräutleins war. Besser ging es mit dem Spinnen. Auch das Weberschifflein warf Judith geschickt hin und her; und im letzten Winter hatte sie gar mit einem Damastgedeck begonnen, dessen Muster sie selbst erdachte. Es bestand aus prächtigem Gerank großblättrigen Efeus mit dem perlenden Schmuck seiner Früchte. Was ihr sonstiges Wissen anbetrifft, so mag es hier gestanden sein, daß meine Liebste weder das Französische noch das Englische spricht, weder sonderlich gern Bücher liest, noch mit Schreibereien sich plagt. Dafür kennt sie um so besser alles, was ein Tiroler Landwirt, Weinbauer und Almenherr kennen muß. Ihre Frau Tante, die gute Frau Leitnerin, sowie ein gewisser Junker Rochus kommen überhaupt nicht aus dem Staunen heraus, welche Gottesgabe das Kind besitzt, zu wirtschaften, zu ordnen und in seinem kleinen Kreise zu herrschen. Dabei vollbringt sie alles in solcher gelassenen, leisen Art, daß man die Dinge erst merkt, wenn sie bereits getan sind. Und immer so getan, wie es besser nicht hätte sein können. In diesem Sommer läßt Judith, wie schon gesagt, ein großes Stück Feld in besonders geschützter und warmer Lage für eine Anpflanzung von jungen Marillenbäumen herrichten, mit welcher im Herbst begonnen werden soll. Sie denkt sogar schon an die Bozener Händler, denen sie die süßen Früchte zu hohen Preisen überlassen will. Von dem jährlichen Ertrag der Obsternte soll ein großes, wüstes Steinfeld in einen fruchttragenden Acker umgeschaffen werden. Auf Felsengrund Weizen säen und ernten – das ist so recht eine Judith-Arbeit! Um meinen guten Eltern zu allen ihren Sorgen um ihren Junker einen kleinen Teil Freude zu schenken, besuchte ich während des ganzen Sommers nicht nur den Platterhof, sondern auch die ehrwürdigen Väter in Kloster Neustift. Unser Kaplan Plohner ist nämlich mit der Zeit doch etwas sehr alt und mühselig geworden und sein Schüler sehr lebhaft und ungestüm, so daß ich schon in den letzten Jahren bisweilen zu Neustift ein Scholar gewesen. Allerdings erwies ich mich als ein recht lässiger Jünger der gestrengen Göttin der Gelehrsamkeit. In diesen leuchtenden Sommertagen, in denen sich so viele wundersame Dinge zutrugen, ging der faule Junker in sich und verkündete aus freiem Antrieb im Kloster und im Schloß seinen Entschluß, in Zukunft ein besserer und beständigerer Klostergänger zu werden. Darüber entstand in meinem Elternhause solche Freude, Rührung und Dankbarkeit gegen mich, daß ich mich schämte, was sich als eine überaus widerwärtige Empfindung erwies. Jetzt behagte mir das Kloster Neustift gar sehr. Es hat etwas so Herrschaftliches, so Herrschendes. Ein echter Herrensitz ist es! Obgleich es im Tale liegt, thront es gleichsam auf einer stolzen geistigen Höhe, von der aus es sich viele Tiefen untertan macht. Es ist reich an Waldungen und Weinbergen, an Feldern und Weideland hoch auf den Alpen, und seine Gemeinde besteht aus einer Genossenschaft von Vasallen. Der Prälat ist ein Fürst, und die ehrwürdigen Patres sind eines Fürsten Minister und Räte. Alles in diesem Gotteshause ist weit, groß und prächtig. Die Kirche glänzt von Gold, und im Stift befinden sich Säle eines Königs würdig. Die Klosterküche ist ein Raum, so recht zum Backen und Braten geschaffen. Und erst der Klostergarten! Der Garten von Neustift bei Brixen ist eine wahre Herrlichkeit. Das Kloster hat viele Schüler, und alle sind angehende Mönchlein – sind werdende Herrscher und Herren. Vielleicht befindet sich unter den Schülern einer, der einstmals Kardinal wird. Oder gar – Papst! Es kann ein Bauernsohn sein, von den Armen der Ärmste. Das eben ist das Große an unsrer Kirche! Das Gewaltige und Herrliche ist es ... Von den Schülern des Klosters Neustift bin ich der einzige, der einstmals ein Weib freien wird. Stolz komme ich am frühen Morgen auf meinem Falben angeritten; hoch trage ich mein junges Haupt. Mit kraftvoll tönender Stimme überweise ich dem dienenden Bruder mein Rößlein zur Fürsorge; festen, fröhlichen Schrittes begebe ich mich in den Saal zu den Lektionen. Auch die andern Schüler sind jung; auch unter ihnen gibt es Herrensöhne. Aber sie schreiten nicht, sondern sie schleichen; sie reden nicht, sondern sie flüstern; sie heben nicht das Haupt, sondern sie senken es. Bereits jetzt haben sie blasse Gesichter und welke Züge; bereits jetzt machen sie in sich gekehrte Mienen, gebrauchen sie demütige Worte, wo sie doch noch so jung sind und wo doch Jugendkraft zugleich blühendes, jauchzendes Leben ist. Und zu denken, ich sollte einer von ihnen werden: ich, der Rochus! Aber es bleibt verwunderlich, daß aus Demut solche Macht erwächst, daß Männer mit tief gesenkten Häuptern solche gebietenden Geister haben und daß eine Gemeinde von armseligen Gottesknechten die halbe Welt regiert und sogar viele Regierende dieser Erde. Jeden Tag spreche ich in meiner Jugendkraft, meinem Daseinsrausch und meiner Zukunftsseligkeit dem Pharisäer in der Heiligen Schrift nach: »Gott, ich danke dir, daß ich der Junker Rochus bin und bleibe und kein Priester werde!« Und jeden Tag muß ich mehr staunen und auch eingestehen: »Es ist doch wundersam, ist doch allein schon ein Mysterium, ein großes, göttliches, daß die Krippe von Bethlehem zu solchem Herrscherthron wurde.« Ich merke gar wohl, daß die geistlichen Herren überaus weise gegen mich verfahren oder doch zu verfahren glauben. Aber zugleich merke ich den Grund ihrer Weisheit. Gar eifrig lassen sie mich Kirchengeschichte betreiben, die zugleich Weltgeschichte ist. Auch Kulturgeschichte – im höchsten Sinne genommen. Jedes Wort zeugt von der Kirche Macht und Herrlichkeit; jedes Wort strahlt Sieg und Ruhm aus, erglänzt gleichsam in himmlischer Glorie, errichtet Reiche und gründet den Thron eines Königs der Könige ... Sind die Lektionen im Kloster vorüber, so geht es sogleich hinaus. Ich stürme zu der Stallung, die prachtvoll ist, wie alles im Hause der Heiligen. Mein Falbe wiehert mir freudig entgegen; ich steige auf und – es geht davon. Schon im Hofe vernehme ich lautes Geheul. Meine Rüden sind es. Sie begleiten mich und mein Roß, müssen jedoch vor dem Klostertor ausgesperrt bleiben. Nun vollführen sie vor der heiligen Schwelle einen wahren Höllenlärm. Der Bruder Pförtner macht mir auf. Er ist wegen meiner zottigen Ungeheuer in Todesangst, und kaum daß er sich beim Öffnen davor retten kann, von ihnen niedergerissen zu werden. Er hebt seine Kutte und springt behende zur Seite. An dem Mönchlein vorüber stürzen meine Hunde in den Hof, springen an dem Falben in die Höhe und das alles mit einem Getöse, daß der Klosterfrieden gründlichst gestört wird. Das Tor ist offen, im Galopp sprenge ich hinaus. Mein Roß wiehert, meine Hunde kläffen – ich möchte einen Jubelschrei tun. Entronnen bin ich dem Klosterbann! ... Keine zehn Minuten dauert es und ich trabe unter den Kastanien des Platterhofes dahin. Das ist auch ein heiliger Ort, vom Himmel geschaffen zur Andacht und Anbetung. Sogar ein Gnadenbild hat er in seiner unergründlichen Güte hineingesetzt, und hat zu dessen Wächter den wilden Junker Rochus von Enna bestellt. Der wird seines Amtes walten. Es ist immer das gleiche: jeden Tag das nämliche, unbegreifliche, überschwengliche Glück zusammen mit dem Judithlein, welches sich so ernsthaft und ehrbar als eine Judith gebärdet. Bisweilen wird mir dabei ganz angst, und ich sage mir vor: »Sie ist ja doch erst fünfzehn Jahre; ist ja noch das reine Kind!« Denn das ist sie, trotzdem an ihrer Hand mein Goldreif glänzt, von dem sie sagte, er wäre ihr wie angeschmiedet worden... Immer das gleiche Glück umfängt mich, sobald ich auf dem Platterhofe einkehre, wo für mich immer die Sonne scheint, ist der Himmel auch noch so grau und bläst aus dem Schalderertal der Wind auch noch so bösartig. Judith empfängt mich in ihrer gelassenen Art, wie der Mensch etwas in Empfang nimmt, was ihm gehört. Ihre Menagerie ist vollzählig bei ihr. Meine Rüden begrüßen sie stürmisch, mein Falbe wendet ihr seinen schlanken Hals zu und ist erst zufrieden, wenn ihre Hand ihn geliebkost hat. Wir durchschweifen gemeinsam den Kastanienwald, die Maisfelder, das Weinland, Garten und Haus; ich großer Junge sage ein dummes Wort, meine kleine Judith ein weises. Warum hat sie auch solch rote Lippen, die ich immer ansehen muß, mir vorstellend – Aber so bald geschieht das nicht wieder: das Küssen nämlich. Es müßte denn sein, wir gerieten noch einmal miteinander in Lebensgefahr. Vielleicht, daß sie dann noch einmal – Aber keines von uns beiden will den Tod, sondern wir wollen das Leben. Und wir wollen all den Sonnenschein, der den Platterhof tagtäglich überflutet. Ich will den Himmelsglanz um ihr Haupt sammeln, daß dieses geliebte Haupt lebenslang in einer wahren Glorie erglänzt, fast wie der Strahlenkranz um den Scheitel meiner Schutzpatronin, der heiligen Barbara. Zum Platterhof gehören Alpenweiden. Sie sind weit und breit die am höchsten und am herrlichsten gelegenen. Selbst Kloster Neustift besitzt keine solch saftigen Almen und keinen besser genährten, prächtigen Viehbestand. Wer droben steht, schaut tief in die Felsenpracht der Dolomiten hinein. Das ist eine wüste, wilde Welt! Zugleich aber ist sie hehr und erhaben. Es gehört ein festes Herz dazu, um unter ihren Steinmassen und Felsendomen zu Hausen. Im Hochsommer zieht Judith mit der Frau Bürgermeister und etlichen Mägden auf die Alp, woselbst die Herren des Platterhofs von alters her ein stattliches Balkenhaus zum Übersommern haben. Der Alphof steht seit drei Jahrhunderten – seit drei Jahrhunderten Hausen die Platter des Sommers dort oben in der Wildnis. Der Hof liegt mitten auf einer freien, weiten Flur, hoch über dem dunklen Tannenwald, vor dem Eingange einer tiefen Schlucht, durch die ein weißer Gletscherbach niederrauscht. Des Hauses Holzwerk ist von dem dreihundertjährigen Sonnenbrand schier schwarz gefärbt, und im August liegt es da gleich einem mächtigen Kohlenmeiler inmitten eines goldgelben Gefildes von Arnikablumen, denen die rosigen Bergnelken folgen und diesen wiederum als letzte Blüte des Sommers die violetten Genzianen, so daß dort droben ein wahres Gartenland ist. Ich habe jetzt einen weiten und mühseligen Weg aus dem Tale zur Höhe hinauf. Mit dem Traben ist es vorbei; steigen muß mein Falbe, klettern wie eine Geiß. Die Rüden haben es am besten. Das letzte Stück laufen sie weit voraus und melden uns an, so daß wir stets von allen erwartet eintreffen. Ich sage: von allen. Denn auch die Menagerie ist mit hinaufgezogen. Mehr als je gleicht Judith, wenn sie mit ihrem Tiergefolge durch die Blüten der Bergwiesen schreitet, einer Zauberin, einer Tochter der Circe, welche die Gefährten des edlen Dulders Odysseus so schändlich verwandelt hat. Die Dolomiten schauen den Bewohnern des Alphofes gerade in die Fenster hinein. Judith mag das wüste Klippengewirr nicht leiden. Ja – könnte sie die Dolomiten in Wiesen und Weizenfelder umwandeln, auf dem Schlern Kartoffeln und Gemüse anbauen und die Felsenpyramiden im Rosengarten des Königs Laurin als Spalier verwenden, um daran Edelobst zu ziehen... Jetzt sind wir im Herbst. Im Schloßgarten blühen die Astern, das türkische Korn wird geerntet, die Weinlese beginnt. Alsdann kommen als des Jahres letzte Frucht die Kastanien an die Reihe. Jetzt rösten wir den jungen Mais. Es geschieht über dem Kaminfeuer in der großen Halle. Mit frischer Butter bestrichen wird die zarte Feldfrucht verspeist. Aber bald gibt es zu süßem Most gebratene Kastanien. Das schmeckt noch besser. Und immer merke ich tagtäglich an allem, daß es auf dem Schlosse sparsam zugehen muß. Die Schloßfrau wäre eines neuen Gewandes bedürftig und der Schloßherr nicht minder. Es muß jedoch ohne das gehen. Von Fleisch kommt jetzt selten etwas andres auf den Tisch als Wild, welches der Junker erlegt. Ich gehe auf den Schnepfenstrich und mache Jagd auf wilde Enten an dem Vahrner See. Aber den Drosseln vermag ich keine Schlingen zu stellen. Das ist eine Jagd für Knaben und Weiber! Dagegen werden Berghühner und Berghasen gejagt droben auf der Plose. Um auf der Plose Berghühner und Berghasen zu jagen, bedarf es nur eines Umwegs über die Almen des Platterhofes. Ist es mir da wohl zu verdenken, daß ich meiner lieben Mutter das meiste Wild von dort oben in die Küche liefere? Sagen läßt es sich nicht, wie herrlich mein Vaterland in der Herbstzeit ist. Schier so wundersam und unirdisch schön wie die Liebe, die ein junges glückseliges Menschenkind auch nicht zu nennen, sondern nur zu empfinden vermag. Auf den höchsten Gipfeln liegt bereits Neuschnee, während die Matten immer noch so sommergrün sind; durch die klaren Lüfte ziehen in langen schimmernden Ketten wilde Gänse. Von den Gipfeln aus reicht der Blick so weit, so weit. Zwischen den Tannen und Fichten stehen die Lärchen mit fast hellem Kleid. Die wilde Kirsche färbt sich purpurrot, die Birke schwefelgelb und goldig die Kastanie. In Tiefen und auf Höhen ist es ein Glänzen und Glühen. Gleich funkelndem Sonnenschein leuchtet das herbstliche Laub in den Tälern und auf den hohen Lehnen. Die Brust atmet tief und frei, das Herz pocht stark und freudig. Die Hirsche schreien jetzt, daß es wie Gebrüll klingt. Ihr jungen gelehrten Klosterschüler, wie dauert ihr mich! Wenn der Hirsch im kampfesmutigen Liebesverlangen seinen drohenden Ruf erschallen läßt, dürft ihr euer Herz nicht erzittern fühlen. Was wißt ihr von dem geheimnisvollen Schauern stiller Nächte, wenn der Jäger ausgezogen ist, den brüllenden König der Wälder zu beschleichen; was von der Magie glanzvoller Mondnächte, wenn er am Waldessaum auf das Edelwild lauert; was von der fiebernden Erwartung, wenn er bei dem Dämmerlicht eines Frühlingsmorgens den balzenden Auerhahn anspringt? Werdet fromme Mönche, gottesfürchtige Priester, ihr Scholaren vom Kloster Neustift! Und seid darum nicht beneidet von einem, der tausendmal glücklicher ist in Feld und Wald, unter dem freien Himmelsdom, als ihr in euren heiligen Hallen, unter Baldachinen und auf Bischofssitzen, über die Seelen von Völkern gebietend. Das ist dieses Jahr ein glanzvoller Herbst! Wie ein Königsmantel, funkelnd und flammend, liegt die Herbstpracht über unser Bergland ausgebreitet. Judith bewohnt noch immer den Alphof, und – ich gehe auf der Plose noch immer Berghasen und Schneehühner jagen. Da jedoch auf dem Platterhof die jungen Marillenbäume angepflanzt werden müssen, so steigt die Herrin zu ihrem Herrensitz gewiß bald hinab. Über tausend Stück schlanke Fruchtbäumlein sollen eingesetzt werden, als müßte der Platterhof ganz Tirol mit dem schönfarbigen süßen Obst versorgen. Zu Hause wird mehr als je gespart und alles Ersparte – es wird wenig genug sein – nach der Kaiserstadt geschickt, wo der älteste junge Graf von Enna »standesgemäß« erzogen werden muß. Und ich soll mir in meinen wilden Haarwuchs die Tonsur scheren lassen! Meine süße Mutter, mein gestrenger Herr Vater, seht doch nur diesen Wirrwarr von Locken auf eures Letztgeborenen Haupt – wie könnte darin wohl ein Schermesser ein rundes Glatzlein herstellen? Laßt mir doch um Himmels willen das Haar wachsen, wie es der Himmel mir wachsen ließ. Siebentes Kapitel Der Gang zum blutenden Herzen Marias Meine fromme Mutter will in diesen leuchtenden Nachsommertagen eine Wallfahrt zum blutenden Herzen der süßen Gottesmutter tun. Sie will ganz allein gehen. Nicht einmal eine Magd oder ein Knecht soll sie begleiten. Zu Fuß will sie den weiten, beschwerlichen Weg zurücklegen. Das kleine Heiligtum liegt hoch in den Dolomiten. Die Wege, die hinaufführen, sind steil und so schlimm, wie sie auf der ganzen Welt nur in Tirol sein können, wo jeder Weg, der nicht die breite Landstraße ist, einen wahren Büßerpfad und Martersteig bedeutet, so daß dem frommen Tiroler jeder Ausgang zur Wallfahrt wird. Und diesen weiten, schändlichen Weg will meine liebe Mutter ganz allein und zu Fuß zurücklegen. Darüber bin ich recht betrübt. Mein Vater hielt sie von ihrem Vorhaben nicht ab. Ebenso, wenig der Kaplan, und ich – ach, ich vermag es nicht. Denn es geschieht meinetwillen, daß meine Mutter zum blutenden Herzen der Gottesmutter wallfahrten will, womöglich mit bloßen Füßen über spitzige Steine, durch Disteln und Dornen... Daß sie aber grade zum blutenden Mutterherzen der Himmelskönigin pilgert! Und warum? Weil meiner Mutter Herz um ihren jüngsten Sohn blutet! Und es blutet, weil dieser nicht nach Rom gehen will; weil dieser nicht geistlich werden mag, sondern Judith Platter heiraten wird. Dieselbe Judith Platter, die, so jung sie noch ist, schon jetzt ihren eigenen Gott und eigenen Glauben besitzt. Darum die weite, mühselige Pilgerfahrt! Um ihres Sohnes willen wird meine Mutter beim blutenden Herzen Marias den Himmel anrufen, wird sie eine Wachskerze opfern und ein Gelübde tun, damit ihr lieber Sohn nach Rom gehe, in Rom geistlich werde und Judith Platter fahren lasse. Aber der Himmel wird meiner frommen Mutter Gebet nicht erhören; die Jungfrau Maria wird umsonst Fürbitte tun; die Wachskerze wird vergebens geopfert und das Gelübde vergebens geleistet werden. Alsdann wird das heilige Herz meiner süßen Mutter bluten um ihres glückseligen Sohnes willen. Meine Mutter trat ihre Pilgerschaft an. Sie hat ihr schlechtestes Gewand angetan und nur wenig Geld mit sich genommen. Bis Klausen durften wir, mein Vater und ich, ihr das Geleite geben. Weiter nicht! Sie schalt uns, weil wir in Sorge um sie zurückblieben; nicht anders, als ließen wir sie nicht in des Himmels und aller Heiligen Schutz. Sie fragte uns, was ihr wohl geschehen sollte? Wäre sie nur nicht gar so fein und zart: wären die Wege nur nicht gar so weit und beschwerlich. Und sie ist so mutterseelenallein... Das Wetter ist föhnig. Auch das ängstigt mich. Wenn es bei dem heftigen Südwind zu regnen beginnt, wenn der heiße Föhn umspringt und eisig kalt plötzlich der Nordwind sich erhebt, gibt es Schnee. Unten im Tale kann es um diese Jahreszeit nicht schneien, wohl aber auf den Höhen. Bereits im Mittelgebirge können Schneefall und starke Kälte eintreten; hatten wir jetzt doch schon einmal Neuschnee. Wäre wenigstens ihr Sohn, dessentwillen sie die Pilgerfahrt unternimmt, mit ihr gegangen! Immer noch wilder Föhn. Im Hause ist es einsam und öde: des Hauses Seele fehlt. Ich hielt es drinnen in den leeren Räumen nicht aus, ging hinaus in den Schloßgarten, setzte mich in die Laube, dachte an meine Mutter und daran, daß sie meinetwillen – Als fahles Dunstgewölk lagert der Föhn über der leuchtenden Welt; denn die Laubbäume tragen noch immer ihre Herbstespracht. Von der Laube im Schloßgarten aus schaue ich wie von einer Warte hinaus. Die Sonne kann den Föhndunst nicht durchdringen. Aber das goldige Herbstlaub leuchtet statt ihrer. Wie Alpdruck legt sich der heiße Brodem auf die Brust. Es ist mühsam, Atem zu holen. Dabei ist es so still. Lautlos ist's in den Lüften. Und meine feine, zarte Mutter wandert bei dem feurigen Föhn die schlechten Wege allein! Wie hoch sie hinauf muß! Hoch über das Mittelgebirge hinauf! Wie konnte ihr mein Vater die Wallfahrt gestatten; wie der Kaplan sie nicht zurückhalten? Wir katholische Christen können solche Fanatiker sein! Nach Vahrn ritt ich, Judith meine Angst um meine Mutter zu klagen. Das Schwerste durfte ich ihr freilich nicht sagen; nicht, weswegen meine liebe Mutter wallfahrten ging. In ihrer Gegenwart wurde ich gleich ruhiger. Es ist mir dann stets, als könnte kein Leid mich treffen, als gäbe es kein Unglück auf der Welt, als müßte alles gut werden. Man fühlt sich bei ihr so sicher, so wohl aufgehoben, so geborgen. Das fühlt man schon jetzt in ihrer Gegenwart, wo sie doch noch ein halbes Kind ist. Auf dem Heimwege erlebte ich etwas Wundersames ... Ich ritt durch die herbstlichen Wälder wie durch lauter Gluten und Glanz. Kein Blatt regte sich. Es war so feierlich wie in einer Kirche. Plötzlich – in einem Augenblick – ein Windstoß! In eines Augenblicks Schnelle kam der Sturm. Die Wipfel wurden geschüttelt, die Zweige gepeitscht. An den Stämmen ward gerüttelt wie von überirdischer Hand. Goldig, rostbraun, purpurrot prasselte der Regen der Blätter auf mich herab. Ich sah nichts als goldige, rostbraune, purpurrote Flocken. Wie märchenhafte Funken und Flammen sprühte es rauschend und raffelnd durch die Lüfte. Mein Falber scheute. In Karriere ging es durch den Sturm, durch den Blätterregen. In wenigen Minuten waren alle Bäume entlaubt. Bis zum Wipfel kahl und grau, schier leichenhaft, standen sie da. Gleichfalls in Augenblicksschnelle legte sich der Wirbelwind. Kein Lüftchen regte sich mehr; totenstill war es plötzlich geworden. Am Boden lag das welke Laub, durch das mein Falber dahinsprengte, fußhoch. Unter mir war es ein schier geisterhaftes Rauschen und Rascheln. Später begann es heftig zu regnen. Jetzt nur kein Nordwind! Um Gottes Barmherzigkeit willen – Nordwind! Ich reite meiner Mutter nach. Es ist Mitternacht. Meine Mutter ist tot. Umgekommen im Schneesturm. Meinetwillen. Erfroren ist sie. Ich fand sie. Schon seit Wochen ist meine liebe Mutter tot; schon seit Wochen ist es in dem großen Hause einsam und öde. Es ist nicht zu sagen, wie leer es in jedem Zimmer und jedem Räume ist; nicht anders, als befände sich darin weder Stuhl noch Tisch, als wäre jedes Geräte hinausgeschafft worden und es stünden nur noch die kahlen vier Wände. Durch das leere Haus hallen die Schritte geisterhaft, und bei jedem lauten Wort möchte ich aufschreien: »Seid still! Sprecht leise! Meine Mutter ist ja doch tot!« O du! Mutter, Mutter! Seit Wochen breitet sich über Berg und Tal die leuchtende Decke, die mit ihrem eisigen Schimmer meine Mutter in ihrer Todesstunde eingehüllt hat. Die Wiesen und jungen Saaten haben es warm darunter; die sprießende Hoffnung wird von der leuchtenden Decke gegen Frost und Tod geschützt. Meine Mutter kam um unter ihrem eisigen Glanz; sie erstarrte, starb. Wie Kirschblüten so weiß liegt es über Berg und Tal, wie ein Gespinst und Gewebe meiner Mutter. Wenn die Sonne scheint, ist es ein Flimmern und Funkeln, ein Glänzen und Gleißen, als wäre meiner Mutter Grabesdecke aus lauter Strahlen gewirkt. So einsam und öde es auch in dem großen Hause ist, gehe ich doch nie hinaus. Seitdem ich meine Mutter unter dem Schnee fand, – ich mußte sie mit den Händen ausgraben – seitdem reißt es an meinem Herzen, wenn ich über Schnee gehen muß. Mir ist es dann, als ob ich auf meiner Mutter Leib träte. Ich bleibe also zu Hause, stehe und gehe umher wie verloren und verlassen, beständig meine Mutter suchend. Oder ich sitze in meinem hohen Turmgemach am Fenster, schaue hinaus, schaue auf das weiße Leichentuch, in welches der Leib von Mutter Erde eingehüllt ist. Aber die tote Natur steht wieder auf; denn bald wird es Frühling, bald singen die Vögel, blühen die Blumen wieder. Meine tote Mutter ersteht erst nach einer Ewigkeit aus ihrem Grabe. Eine ganze Ewigkeit muß ich warten, bis ich sie wiedersehe. Auch nach Vahrn gehe ich nicht, nach dem Platterhof. Ich kann nicht! Mein Herz ist noch zu sehr bei meiner toten Mutter, die meinetwillen starb. Wäre sie nur nicht darum gestorben! Wie soll ich denn weiterleben mit diesem Muttergrab in mir? Und leben will ich doch. Wieder lachen will ich, will wieder glücklich sein; auf meinem Falben, von den Rüden begleitet, wieder nach dem Platterhof traben... Und wenn dann die Zeit kommt, wo Judith mich küßt – wie soll ich mich jemals von ihr küssen lassen, wo meine Mutter darum wallfahrten, darum in den Tod ging. Aber das kann ich meiner Mutter nicht zuliebe tun! Ich kann nicht das erfüllen, um was sie bei dem blutenden Herzen der Gottesmutter für mich den Himmel anrief. Auch meiner toten Mutter zuliebe kann ich nicht. Da ich zu meinem Vater nicht sprechen kann und da meine Mutter tot ist, so schreibe ich in diesem Buche, welches sie mir geschenkt hat, wohl wissend, daß das Buch ihrem Sohn ein Gefährte, ein Freund und Vertrauter sein würde. Mir ist es, als ob ich in dem Buche meiner Mutter zu ihr selbst spräche... Heute nun will ich aufschreiben, wie alles geschah, nachdem es an jenem Föhntage, an welchem die leuchtende Laubflut auf mich niederströmte, gegen Abend zu regnen begann und um Mitternacht sich der Nordwind erhob. Ich begab mich in dieser Nacht nicht zu Bette. Und kaum hörte ich den Wind vom Brenner her wehen, als ich wußte, was ich tun mußte, nicht begreifend, daß es mir erst jetzt einfiel: gleich hätte ich meiner Mutter folgen müssen! Ohne jemand im Hause zu wecken, machte ich mich reisefertig, sattelte mein Pferd, pfiff den Hunden und sprengte davon. Es regnete in Strömen, und der Wind brauste immer wilder vom Brenner herab. Nur bis Waidbruck konnte ich reiten; von dort kam ich zu Fuß schneller vorwärts. Als der Tag graute, sah ich das ganze Gebirge von weißlichem Dunst umbraut: Schnee ! An dem jagenden Gewölk erkannte ich, daß droben der Wind noch heftiger wehte. Wenn meine Mutter sich nicht in einer sicheren Unterkunft befand, mußte sie mitten im Schneetreiben sein. Aber sie war ja doch in der Nachtherberge, würde diese erst am Morgen verlassen. Vielmehr: sie würde bei dem Unwetter bleiben. Jedenfalls befand sie sich wohl aufgehoben. Wie konnte ich nur so ganz besinnungslos sein? Sicher war auch, daß sie unterwegs andre Wallfahrer getroffen, ihnen sich angeschlossen hatte und nun mit der Pilgerschar vor dem Unwetter geborgen war. Nach meiner Berechnung mußte sie gestern abend vor Anbruch der Nacht in einem kleinen Gasthause eingetroffen sein. Es befand sich wenige Stunden vor dem Heiligtum zu dem blutenden Herzen der schmerzensreichen Mutter entfernt und diente den Wallfahrern gewöhnlich als letzte Station. Das Kirchlein selbst liegt in tiefer Dolomiteneinsamkeit, ohne eine andre Behausung in der Nähe als die Wohnung des Mesners. Bei der Zartheit meiner Mutter konnte sie die Kapelle vor dem Schneetreiben nicht erreicht haben. Ich durfte wirklich beruhigt sein. Niemals werde ich vergessen, wie heiß ich betete, wie inbrünstig ich dem Himmel dankte, daß ich beruhigt sein durfte. Dem blutenden Herzen der Himmelskönigin gelobte ich ein silbernes Herz für das, was ich die Rettung meiner Mutter aus Todesgefahr nannte. Das silberne Herz sollte mein angstvolles und dankbares Sohnesherz vorstellen, und das Geld, welches es kosten würde, wollte ich von den Kreuzern zusammensparen, die ich von meinem Vater für Pulver und Blei zu meinem geliebten Weidwerk erhielt. Besseres fiel mir armem Jungen nicht ein. Mein Pferd stellte ich bei Tagesanbruch in einem Wirtshause ein und machte mich zu Fuß auf den Weg. Er war beschwerlich genug. Als ich die Höhe erreichte, wo der Regen zu Schnee ward, der Sturm die reichlich fallenden Flocken zu wilden Wirbeln auftrieb, hatte selbst ich in meiner Jugendkraft Mühe, vorwärts zu dringen. Nur auf dem Wege zu bleiben, kostete Anstrengung. Wie die Botschaft eines Engels des Herrn leuchtete in meiner Seele die Vorstellung: ›Deine Mutter, die deinetwillen wallfahrten ging, ist gut aufgehoben!‹ Was galt mir da das Unwetter? Ich fühlte es gleich lindem Frühlingswehen. Gegen Mittag erreichte ich das Alpenwirtshaus. Es war voller Wallfahrer, die wegen des Schneesturms nicht weiter konnten. Meine Mutter war nicht darunter! Ich fragte nach ihr: nach einer blassen, zarten, feinen Frau, die ganz allein gekommen war. Meine Mutter befand sich nicht in dem Hause! Aber sie war dort gewesen: gestern schon. Und schon gestern war sie weitergewandert, ganz allein! Schon gestern allein weiter auf dem steilen, mühseligen und gefahrvollen Weg zum Heiligtum! Sie würde bei dem Mesner des Wildkirchleins geblieben sein. Ja, ja, ja! Noch immer durfte ich beruhigt sein; durfte ich dem Himmel heiß danken; durfte ich der Gottesmutter das silberne Herz geloben. Ich erkundigte mich: »Wie war die Frau? War sie sehr müde, sehr ermattet? Sah sie sehr blaß und leidend aus?« Ja, ach ja! Sehr matt und müde war sie gewesen, sehr leidend hatte sie ausgesehen. Die Wirtsleute hatten sie aufgefordert, zu bleiben; hatten ihr dringend abgeraten, den Weg fortzusetzen; hatten sie ernstlich gewarnt. Aber sie wollte sich nicht zurückhalten lassen. Sie hatte es eilig, weiterzukommen, um die Pilgerschaft bald zu beenden, um bald wieder zu Hause zu sein, wo ihr lieber Sohn in Sorge um sie war. Ich fragte: »Hat die müde Frau gegessen und getrunken?« »Ein wenig.« »Also war sie doch etwas gestärkt weitergegangen?« Etwas ... Ob ich nicht ausrasten und einiges genießen wolle, um gestärkt weiterzugehen? Das Wetter sei entsetzlich und der Weg sicher tief verschneit. Aber ich wollte sogleich weiter, meiner Mutter nach. Erst an ihrem heiligen Herzen wollte ich ausruhen... Immer wüster ward der Weg, immer wilder das Wetter. Jeder Schritt vorwärts mußte erkämpft werden. Wie langsam ich weitergelangte und empordrang! Selbst die Hunde ermatteten. Ich redete mit ihnen, sprach ihnen Mut ein. Sie antworteten mir durch klägliches Winseln. Es wurde früh Nacht. Aber der Schnee verbreitete eine fahle Dämmerung. Bei dem gespenstischen Schein drang ich vorwärts, jeden Schritt mir erobernd, beständig ankämpfend gegen die Windsbraut. Solchen Weg hatte ich noch nie gemacht! Und ich wußte doch, was böse Wege und Unwetter hießen. Bis jetzt hatte ich mich auf dem rechten Weg befunden; plötzlich verlor ich ihn. Ich suchte und suchte und – fand ihn nicht wieder. Bei der Sturmesnacht, im Schneetreiben mitten in den hohen Dolomiten befand ich mich in der Irre. Von meinen Hunden blieb einer zurück. Ich suchte den Verlorenen. Ich ermattete. Dicht vor mir heller Lichtschein! Grade, als meine Kräfte mich zu verlassen drohten, als ich umsinken wollte. Taumelnd schwankte ich weiter, wo durch die fahle Finsternis plötzlich das Licht aufleuchtete. Meinen beiden Hunden, die sich hinter mir herschleppten, rief ich mit neuem Lebensmut zu, daß wir errettet wären. Denn ohne den leuchtenden Glanz vor uns wären wir verloren gewesen. Das Heiligtum des blutenden Herzens der schmerzensreichen Gottesmutter war es. Die Tür stand weit offen, vom Sturm aufgerissen. Auf dem Altare brannte eine hohe, mit Gold und Silber reich verzierte Wachskerze: die Opfergabe meiner Mutter, die hier gewesen war, die hier gekniet und gebetet hatte: für mich, für ihren lieben Sohn. Ich erkannte das Licht. Noch viele Kerzen andrer Pilger waren auf dem kleinen Altäre vor dem Bildnis der heiligen Jungfrau aufgestellt und angezündet worden. Aber alle die andern hatte der Sturm verlöscht. Auch das ewige Lämplein in der Ampel war ausgeweht. Nur die Wachskerze meiner Mutter brannte. Das brennende Licht meiner Mutter hatte mich vor einem jämmerlichen Tode bewahrt. Vor dem Altar fiel ich hin. Meine Arme streckte ich auf zu dem Bildnisse der himmlischen Frau, die im Glanz der Kerze meiner Mutter über ihrem blutenden Herzen mich anlächelte. Nur einen Augenblick blieb ich liegen. Alsdann riß ich mich in die Höhe, schwankte zum Kirchlein hinaus, wiederum in den Sturm zurück, lief zum Mesnerhaus, pochte und rief. Dabei sank ich vor Erschöpfung vor der Tür zusammen. Ich dachte jedoch: ›Drinnen ist deine Mutter! Deine Mutter ist gerettet, geborgen! Bald ruhst du aus an ihrem Herzen – schon im nächsten Augenblick.‹ Der Mesner machte mir auf. Meine Mutter war nicht in dem Hause. Ich wußte es sofort: ›Sie ist tot! Umgekommen ist sie im Schneesturm! Während du auf der Schwelle des Hauses stehst, in welchem du jetzt ausruhen und behaglich warm haben könntest, liegt sie irgendwo unter der weißen, eiskalten Decke und – ruht auch aus.‹ Vielleicht, ach vielleicht lebte sie noch, war sie noch zu retten. Wenn ich sie sogleich suchen, sogleich sie finden würde ... Es mußte jedoch auf der Stelle sein. Sogleich sie suchen! Und sogleich fühlte ich alle Müdigkeit von mir fallen, fühlte ich mich ausgeruht und erfrischt. Wundersam stark fühlte ich mich. Aber die beiden zu Tode ermatteten Hunde ... Sie mußten mir suchen helfen; denn nur sie konnten sie finden. Aber sie waren nicht imstande, sich weiterzuschleppen. Wie tot lagen sie da. Ich mußte warten, bis die Hunde sich erholt hatten. Die Mesnersleute brachten mir Wein, ich wollte jedoch nur etwas für die völlig erschöpften Tiere. Sie bekamen Milch und Brot. Zuerst rührten sie nichts an, blieben unbeweglich liegen. Und ich stand daneben, tatenlos, hilflos. Ich mußte warten, wo meine Mutter vielleicht gerade jetzt noch zu retten gewesen wäre. Ohne die Hunde wollte ich suchen. Die Mesnersleute mußten mich gewaltsam zurückhalten, bis die Hunde derartig gekräftigt waren, daß sie mir folgen konnten. Ich wartete also. Endlich genossen sie von der Milch. Ich kniete bei ihnen nieder, hielt ihnen die Schale mit der Milch vor, redete ihnen zu. Als sie sich sichtlich erholten, war ich fast glücklich, hielt ich meine Mutter fast für gerettet. Ich trug ein Tuch bei mir, welches ihr gehörte. Ich zeigte es den Hunden, ihnen befehlend, sie sollten suchen, suchen! Sie verstanden mich, sie, meine treuen, klugen Tiere! Ein schwaches, winselndes Geheul ausstoßend, folgten sie mir. Mir folgte auch der Mesner. Er trug eine Laterne und Schaufel und führte eine Flasche mit sich. Als seine Frau sie ihm gab, hörte ich diese leise sagen: »Ihr braucht sie ja doch nicht mehr.« Fast hätte ich laut aufgeschrieen. Wir suchten. Durch den Sturm das Winseln und Heulen der Hunde; durch den Sturm mein Rufen, mein Angstschrei: »Mutter! Mutter! Mutter!« Während ich mich heiser schrie, vernahm ich in mir beständig die leisen Worte der Mesnersfrau: »Ihr braucht sie ja doch nicht mehr!« Und ich antwortete darauf beständig mit meinem verzweiflungsvollen Aufschrei: »Mutter! Mutter! Mutter!« Alsdann – ich weiß noch heute nicht, nach wie langem Suchen – alsdann fanden sie die Hunde. Mit meinen Händen wühlte ich den Schnee auf. Ich wühlte schneller, als der Mesner grub, die Hunde kratzten. Immer noch hoffte ich, die eiskalte Decke könnte sie warm einhüllen. Sie möchte darunter schlummern, so sanft schlummern, daß sie noch zu erwecken war. Wenn ich sie so recht, recht innig bat, erwachte sie gewiß. Sie konnte ihrem Jungen nichts abschlagen, würde ihm einstmals auch Judith Platter zur Frau geben – wenn er sie so recht, recht innig bat. Ich zog sie aus ihrem leuchtenden Grabe... Gewiß, o gewiß schlief sie nur! Ihr liebes, schönes Gesicht sah so friedlich aus. Mir war es, als lächelte sie im Schlaf. Vielleicht träumte sie, sie wäre zu Hause bei den Ihren und die Frühlingssonne schiene. Einflößen konnten wir ihr nichts mehr von dem wärmenden Trunk aus der Flasche der guten Frau. Wir konnten sie nicht mehr erwecken. Ich nahm sie in die Arme, hob sie auf, trug sie fort. Sie war leicht wie ein Kind. Ich ward mit meiner leichten Last in den Armen gar nicht müde. Zuletzt lief ich, so daß wir bald in dem Mesnerhause wieder anlangten, wo ich meine Mutter weich und warm betten konnte. Aber sie erwachte nicht mehr. Achtes Kapitel Ich gehe meiner toten Mutter zuliebe nach Rom Schnee und Schnee! Dazu klare, kalte Tage. Kein Wölklein am Himmel, und dieser tiefblau über der weißen Welt. Jeden Morgen Rauhreif, so daß jeden Morgen um das Schloß ein Zauberwald ersteht. Im Garten erblühen leuchtende Wunderblumen, und die Geißblattlaube meiner Mutter wird von einem flimmernden, funkelnden Gespinst umzogen. Nächste Woche ist Weihnacht, heiliger Abend, das Fest nicht nur aller Kinder, sondern auch aller Mütter. Meine Mutter ist tot. Heute kam Judith. Sie trug das schwarze Kleid, darin sie gar nicht mehr wie ein Kind aussieht. Auch in ihrem Wesen ist sie seit meiner Mutter Tod noch weniger kindlich, als sie vordem schon war. Sie ist wie eine junge Matrone. Mit tiefem Weh schreibe ich hin, daß ich Judith in der ersten Zeit, nachdem ich mit meiner toten Mutter von ihrer Wallfahrt zum blutenden Herzen Marias nach Hause zurückkehrte, nicht ohne Überwindung bei uns sehen konnte, wie ich auch nicht imstande bin, über meiner Mutter Tod mit ihr zu reden. Zwischen ihr und mir steht die gestorbene Mutter, und ich muß zusehen, wie ich über diese hinweg zu meinem Glück gelangen kann. Schwer wird es sein; aber – es wird sein! Also heute war Judith da... Als ich in die Halle trat, wo jetzt vom frühen Morgen bis zum späten Abend die Fichtenscheite lodern, saß sie bei meinem Vater. Die Hexe vom Platterhof hat den gestrengen Schloßherrn schon längst zahm gemacht, daß es ihm so tief wohlig bei ihr ist, wie jedermann. Mit fast fröhlicher Stimme rief er mir daher zu: »Sie will uns für die ganze Festzeit nach Vahrn haben. Was sollen wir tun? Sie will es eben; also gehorchen wir ihr.« Ohne den Namen meiner Mutter zu nennen und auszusprechen, aus welchem Grunde sie uns über Weihnachten bei sich haben will, sagte sie zu mir gewendet: »Ihr tätet mir einen großen Gefallen, wenn ihr kämt. Nicht wahr, Rochus, du kommst?« Dabei schaute sie mich mit ihren großen dunklen Augen bittend an. Und wenn sie mich anblickend von mir verlangt hätte, ich sollte mit ihr von der Plose herunterspringen, so hätte ich es getan – tun müssen. Alles, was ich erwiderte, war denn auch nur: »Aber keinen Christbaum ...« Und ich setzte leise hinzu: »Nie mehr einen Christbaum.« Darauf schwiegen wir lange. Auch das muß ich von Judith noch berichten, daß sie bei den vielen Seelenmessen, die unser guter alter Kaplan in der Schloßkapelle in der Gruft las, niemals anwesend war. Sie sprach darüber mit mir: »Deiner Mutter ganzes Leben war ein Gebet, und im heiligsten Gebet starb sie. Was brauchen wir da erst noch den Himmel zu bitten, daß ihre Seele keine Flammenqualen erdulden muß? Es wäre schlimm, wenn wir darum erst bitten müßten.« Ich erwiderte: »Du wirst wohl recht haben; aber die Leute reden darüber, daß du den Seelenmessen für meine Mutter nicht beiwohnst. Die Leute verstehen es eben falsch. Wie sollten sie es auch richtig verstehen können?« »Wenn du es nur verstehst.« »O ich –« »Jetzt kannst du an dir selber erfahren, was ein Kind dabei fühlt, wenn die Leute von seiner Mutter sagen: sie muß Höllenqualen erdulden. Und wenn man solche gute Mutter gehabt hat... Ach, mein armer Rochus, daß auch du es jetzt erfahren mußt!« Dabei brach sie in Tränen aus. Ich hatte sie noch nie weinen sehen, selbst nicht an meiner und ihrer Mutter Grabe. Jetzt schluchzte sie, als ob ihr das Herz brechen wollte. Sie war in ihren Tränen – auch das geschah zum erstenmal – ganz ein Kind. Ich umschlang sie, drückte ihr weinendes Antlitz an meine Brust und fühlte bei ihren Tränen, daß wir zusammengehören und nichts uns trennen konnte. Wie eine Offenbarung überkam es mich, das schluchzende Kind in meinen Armen. Darauf zog eine große, feierliche Ruhe in mein Herz. Wir befinden uns auf dem Platterhofe und wissen seiner Herrin Dank, daß sie uns aus unsrem verödeten Gemäuer mit sich fortgenommen hat in ihr heimliches Haus, darin jeder Winkel von ihrer Gegenwart angefüllt ist. Alles in dem weiten Hause redet von ihr, und die ehrenwerte Frau Bürgermeisterin findet nicht Worte genug, sie zu rühmen. Solche Lebenswärme entströmt ihr, solche Tatkraft geht von ihr aus, daß jedermann in ihrer Nähe davon durchglüht und ergriffen wird. Beständig mit ihr zusammen zu leben, heißt, beständig zu arbeiten, zu schaffen, zu nützen; heißt, ein besserer, also ein frommerer Mensch zu werden. Das hat meine Mutter nicht bedacht, als sie ihren Sohn vom Platterhofe loszureißen und nach Rom zu führen versuchte. Selbst in der Stadt Sankt Peters und des heiligen Vaters könnte ich kein solch frommer Christ werden, wie ich es auf dem heidnischen Platterhofe bin ... Der heilige Abend ist glücklich vorüber. Judith bescherte uns nichts, damit wir nicht empfinden sollten, daß sie uns gab, was eine andre Hand uns nicht zu spenden vermochte. Auch wir versuchten nicht, ihr Freude zu bereiten. Aber festlich begingen wir den Christabend auf dem Platterhofe doch, ohne Lichter und Baum freilich. Auch diese Feier war ein Gedanke Judiths, derartig im Sinne der Toten, als hätte sie meine Mutter selbst für das erste Fest bestimmt, welches wir ohne sie abhalten mußten. In der Weihnachtsfeier auf dem Platterhofe war der Geist meiner Mutter unter uns, ihr leuchtender, liebender Geist. Judith bescherte sämtlichen Kindern von Vahrn, Kloster Neustift und Enna: sämtlichen Kindern, die mutterlos waren. Mutter, gute Mutter, wie liebe ich dieses Kind, welches deinen wilden Rochus sanft und fromm macht, wenn auch nicht fromm in deinem Sinne. Judith ahnte nichts von der schweren Last auf meiner jungen Seele. Sie ahnte nicht, um was meine Mutter zu dem blutenden Herzen der Himmelskönigin wallfahrtete und weswegen sie der allerheiligsten Jungfrau eine Kerze opferte. Erführe sie es, würde sie sich augenblicklich meinen Ring vom Finger streifen, den sonst nichts von ihrer Hand zu lösen vermag. Sie wird es jedoch niemals erfahren; denn außer der Toten Sohn besitzt niemand Kenntnis davon. Und dieser wird schweigen wie das Grab, welches die arme Pilgerin umfängt. Immerhin habe ich jetzt ein Geheimnis zu hüten, was meiner Natur so entgegengesetzt ist, als wollte ich mir auf meinem jungen Haupt eine Tonsur scheren lassen. Mit Judith zusammen gehe ich jetzt auch wieder durch den Schnee, von dessen erstarrender Kälte fortan mein ganzes Leben lang ein Hauch durch meine Seele wehen wird. Wir machen miteinander weite Wege nach Schalders, Mühlbach und Spinnes hinauf. Eines Tages war der Schnee so fest gefroren, daß man über Abgründe hätte hinwegschreiten können. Schon beim Morgengrauen brachen wir auf, führten Eispickel, Steigeisen und Schneeschuhe mit uns und klommen zum Alphaus empor, um daselbst nach dem Rechten zu sehen. Ich hatte zum erstenmal wieder meine liebe Büchse bei mir und schoß einen Berghasen. Pulver und Blei brauche ich nicht mehr zu sparen; brauche ich doch der Gottesmutter kein silbernes Herz zu opfern. Der Tag war herrlich, der Himmel blau, die Winterwelt voll Glanzes. Wir waren so jung, unsre Herzen schlugen so heiß, das Leben mit Judith zusammen konnte so schön sein, daß ich fröhlich ward, fast wie ich es vordem gewesen. Und ich merkte meine Freudigkeit nicht einmal sonderlich. Es kostete einen wahren Kampf, bis wir die verschneite Alp erreichten. Ohne die Schneeschuhe wäre es trotz des hartgefrorenen Schnees nicht möglich gewesen, hinauf zu gelangen. Als wir droben standen, wo die ebenen Weideplätze liegen, faßten wir uns bei den Händen, und jetzt sausten wir nur so dahin. Es war ein wonniger Lauf, als ginge es durch die Lüfte. An dem Alpenhaus wären wir fast vorübergeglitten, so tief steckte es im Schnee. An ein Hineingelangen, ohne zuvor einen Weg auszugraben, war nicht zu denken ... Seit jenem Tage gestaltete sich mein Leben nach außen hin wie früher; über das Grab meiner Mutter ging es hinweg. Ich ritt und jagte wieder, hatte an Reiten und Jagen meine helle Freude. Auch nach Kloster Neustift kam ich wieder, etwas seltener als früher. Dagegen war ich auf dem Platterhofe womöglich noch häufiger als sonst: so oft ich es zu Hause gar zu öde und einsam fand. In der ersten Zeit quälte ich mich darüber, weil ich wieder Freude an meinem jungen Dasein empfand. Allmählich wurde auch das anders. Meine Selbstvorwürfe verminderten sich zugleich mit meinem Leid, und beides kam – ganz allmählich – immer seltener. Es war grausam gegen die arme Tote in ihrem dunklen Grabe; aber es war so. Die Erkenntnis der Hinfälligkeit aller menschlichen Empfindungen – selbst die der innigsten und heiligsten – machte auf mein junges Gemüt beinahe einen ebenso erschütternden Eindruck als meiner Mutter Tod. Denn was soll auf dieser Welt bestehen, wenn es nicht die Trauer eines Kindes um den Tod der Mutter ist? Um eine solche Mutter, die in solcher Weise für ihren lieben Sohn ihr Leben ließ! Ewig bestehen aber wird meine Liebe für Judith Platter. Eine Mutter dagegen kann vergessen werden. Heute habe ich eine große Sache zu berichten: ich gehe wallfahrten! Und zwar gehe ich wallfahrten nach Rom! Wohlverstanden; nur wallfahrten gehe ich ... Wie kam das? Auf eine ganz natürliche Weise. Eine Anzahl Tiroler: Geistliche, Edelleute, Bürger, Bauern begeben sich auf eine Pilgerfahrt nach Rom, um daselbst die heiligen Ostern zu feiern. Fast alljährlich um die Osterzeit bildet sich in Tirol ein derartiger Pilgerzug. Schon in meiner glückseligen Kinderzeit sprach meine Mutter davon, daß ich in meinem siebzehnten Jahre solchen Wallfahrern mich anschließen möchte. An diesen mütterlichen Wunsch dachte ich, als ich auch dieses Jahr von der Romfahrt vernahm; und diesen frommen Wunsch meiner teuren Toten kann ich erfüllen. Ich bin glücklich, ihn erfüllen zu können, zumal ich mit innerem Grausen empfinde, wie meine Trauer um die Geliebte mehr und mehr meiner Jugendlust und Daseinsfreude – meiner Liebe zu Judith weicht. Ich werde mit größerer Ruhe meines Lebens und Liebens mich freuen können, wenn ich in Rom war und in den sieben Pilgerkirchen meine Andacht verrichtet habe. Rochus, o Rochus! Blickst du in dich hinein, recht tief in deine innerste Seele, so mußt du die Selbstsucht sehen, die dich nach Rom treibt. Erstrebst du redliche Erkenntnis der Menschen und Dinge, so trachte zuerst danach, dich selbst zu erkennen ... Als ich meinen Vorsatz, dem österlichen Pilgerzug mich anzuschließen, zu Hause mitteilte, war mein gestrenger Herr Vater tief gerührt und Kaplan Plohner segnete mich. Ich mußte mein Vorhaben auch Judith berichten. Weshalb wohl wurde es mir schwer, ihr die Mitteilung zu machen? Es war nicht anders, als blickte sie in mich: tief in mein innerstes Herz; als sehe sie mit ihren klaren, klugen Augen, um welcher Ursache willen ich nach Rom gehe. Es war, als schämte ich mich, daß sie mich erkannte. Mein Schamgefühl Judith gegenüber brachte mich wider mich auf. Ganz wild ward ich über mich selbst: weil ich mich diesem Kinde gegenüber fast fürchte. Als ich nach Vahrn ritt, um es ihr zu sagen, redete ich mich daher in einen lodernden Zorn hinein. Ich nahm mir vor, mich sehr männlich zu benehmen und gegen Judith, sollte sie meinen frommen Entschluß nicht lebhaft billigen, äußerst rauh zu sein. Wie sollte es dereinst werden, wenn ich mich dem Mägdelein jetzt schon unterwarf? Ich, der ich einmal Herr sein will, und der ich in mir etwas verspüre, als wäre ich so recht zum Herrschen geboren. Ich sagte es ihr also, bereit, bei ihrem ersten Wort, welches wie leise Mißbilligung oder nur wie Verwunderung klang, sogleich heftig aufzubegehren. Aber sie gab mir keinerlei Veranlassung zu einer derartigen kraftvollen Äußerung eines mir sehr männlich erscheinenden Unwillens. Voll freundlichen Anteils hörte sie mich an, ließ sich den Weg schildern, den die Pilger nahmen, und holte eine Landkarte herbei, weil sie die Straße recht anschaulich vor Augen haben wollte. Auch schrieb sie noch denselben Tag an eine Buchhandlung nach Innsbruck wegen guter Bücher über Rom, davon sie nur wenig wußte und darüber sie sich, da ich hinging, gern belehren wollte. Wir schieden in allem Frieden und in bester Freundschaft. Trotzdem blieb ich unwirsch, fühlte mich auch jetzt noch beschämt, und das womöglich in einem stärkeren Maße als vorhin, da ich angeritten kam. Meine schlechte Laune über mich selbst, die ich an Judith nicht auslassen konnte, mußte mein Falber an seinem Leibe verspüren. Ich gab ihm die Sporen derart heftig, daß er auf der glatten Straße nur so dahinflog und durch ein wahres Wunder nicht zum Sturze kam. Jetzt bereite ich mich für die Reise vor. Wir sind unser über hundert. Auch Frauen sind darunter. Wäre doch Judith dabei. Das sollte alsdann eine Pilgerfahrt werden! An der Seite der Geliebten den weiten Weg bis Rom und in Rom von Kirche zu Kirche, von Gnadenstätte zu Gnadenstätte. Sie geht jedoch nicht nach Rom, küßt nicht dem heiligen Vater den Fuß, sondern bleibt auf dem Platterhofe und freut sich über ihre jungen, kräftig gedeihenden Marillenbäume. Bis Verona gehen wir zu Fuß. In dieser Stadt setzen wir uns auf die Eisenbahn und fahren über Florenz bis Orvieto, von wo aus wir die letzte Strecke Wegs wiederum wandernd zurücklegen. Ich wollte, ich wäre bereits wieder daheim auf Schloß Enna am brausenden Eisackfluß, bei meinem Falben und meinen Hunden. Gewiß komme ich erst zurück, wenn der Auerhahn nicht mehr balzt. Das ganze hochheilige Rom würde ich lassen, um auf der Plose den Hahn balzen zu hören. In Kloster Neustift erhoben die angehenden Mönchlein und Pfäfflein, alle die zukünftigen Erzpriester, Prälaten, Bischöfe und großen Kirchenlichter ein gewaltiges Geschrei über meine Romfahrt; priesen mich deswegen schon jetzt auf Erden glückselig; fanden nicht Worte genug, um mir alle die Wunder der ewigen Stadt zu schildern, die von einer Herrlichkeit ohnegleichen sein muß, zumal für den katholischen Christen. Denn die Klosterschüler von Neustift wissen von Rom fast nur das Christliche und Heilige, und daß Rom das Grab des greulichen Heidentums sei, welches mir gar nicht so schrecklich und schauerlich erscheint, vielmehr voller Heiterkeit und Schönheit. Das sind jedoch unchristliche Gedanken, für die ich in Rom an den Grüften unsrer großen Märtyrer Pönitenz tun will. Judith liest eifrig in den Büchern, die sie sich aus Innsbruck über Rom kommen ließ. Ihrer Gewohnheit nach redet sie nicht viel davon. Da ihr jedoch alles welsche Wesen bis in den Grund der Seele verhaßt, ihr ganz und gar zuwider ist, so wird sie wohl kaum verstehen können, welche Bewandtnis es mit Rom hat. Dazu kommt, daß sie eine katholische Christin ist, die weder Roms noch sonst einer heiligen Stätte bedarf. Heute nun sprach sie in ihrer Art mit mir davon, mit großem Ernst meinend: »Das muß eine seltsame Stadt sein.« »Weswegen seltsam?« »Eine gefährliche Stadt.« »Gefährlich ... Rom?« »Für dich wird Rom gefährlich sein.« »Inwiefern das? Und weshalb grade für mich?« »Das wirst du selbst sehen.« Ungeduldig rief ich: »Sprich doch nicht so geheimnisvoll! Ich verstehe dich nicht.« »Wie eine Magie wird Rom für dich sein. Deutlicher kann ich es dir auch nicht sagen.« Sie sprach mit solchem feierlichen Ernst, daß ich laut lachen mußte. Von ganzem Herzen lachte ich das altkluge Kind aus. Aber dieses blieb dabei, daß Rom für mich gefährlich sein würde und daß ich mich vor Rom hüten sollte. Ich mich hüten vor Rom ... Du seltsames Judithlein, kennst du den Junker Rochus so schlecht? Im Tale schmilzt der Schnee. Als wären sie von Sommersgluten verbrannt, so fahl und farblos steigen die Wiesen aus dem Winterbett auf. Aber in hoffnungsvollem Grün prangt die junge Saat. An den Sonnenhängen der Berge blühen bereits Blumen: gelbe Primeln und blaue Leberblümlein. Und gestern brachte Judith für meiner Mutter Grab einen mächtigen Kranz aus großen blaßlila Anemonen, die im schönsten Silberglanz schimmern und auf den Alpenwiesen des Platterhofes gepflückt wurden. Es sind so schöne Tage, daß sicher bald der Hahn balzt. Und ich gehe nach Rom! Denn morgen schon geht es fort; und mich reut es jetzt, daß ich mit dabei bin. Würde ich mich nicht schämen, sagte ich noch in letzter Stunde: »Geht ihr nach Rom! Ich bleibe daheim! Was schert mich Rom? Geht und betet für meine arme Seele.« ... Dazu macht mir Judith das Scheiden noch schwerer; denn sie sieht mich immer so sonderbar an: mit solchen seltsamen, tief in mich hineinschauenden, forschenden Augen. Nach jeden derartigen Bohrblicken ist sie überaus ernsthaft und still. Was meint sie nur damit? Denkt sie im Ernst an eine Gefahr für mich in Rom? Genug, ich scheide betrübten Gemütes von hier; denke beim Abschiede bereits sehnsuchtsvoll an die Wiederkehr, darauf mich freuend wie ein Kind auf Weihnachten. Das ist für solche Reise, wie ich sie antreten will, gerade nicht die rechte Stimmung; und ich möchte wohl wissen, was die weite Wallfahrt mir nützen soll? Zur Umkehr ist es nun zu spät; aber – ich werde ja wiederkommen! Und das bald, bald. Santa Barbara, du heilige Schutzpatronin und Fürsprecherin, geleite mich bald, bald wieder in die liebe Heimat zurück! Amen. Neuntes Kapitel Wie aus Junker Rochus in Rom Pater Paulus ward Rom, im Kloster des heiligen Augustinus auf dem Aventin am 15. Mai 18.. Unter verschiedenen Dingen, die mein persönliches Eigentum sind, sandte mir mein Vater aus Schloß Enna auch dieses Buch, das Geschenk meiner seligen Mutter. Heute, an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, öffne ich es wieder. Seit acht Jahren zum erstenmal – Als ich vor acht Jahren zu Ostern mit der Tiroler Pilgerschar nach Rom ging, nahm ich das Buch nicht mit mir. War ich doch des festen Glaubens, ich würde rechtzeitig zurück sein, um auf der Plose den Hahn balzen zu hören. Weshalb hätte ich also das Heft mitführen sollen auf der Wallfahrt zu dem Grabe des Apostelfürsten? Aufzuschreiben hätte ich – so glaubte ich damals – ja doch nichts darüber. Denn was galt mir Rom? Aber ich bin nach Schloß Enna nicht zurückgekehrt; ich habe mein schönes Heimatland Tirol nicht wiedergesehen. Den wilden Eisack hörte ich seither nicht mehr rauschen. Mein Falber trägt keinen Junker Rochus mehr über die Fluren des Brixener Tals, die grünen Hänge nach Vahrn hinauf. Meine Rüden kennen den Herrn nicht mehr, wenn sie noch am Leben sein sollten, was ich nicht weiß, wonach ich nicht frage. Ich bin in Rom geblieben. Geistlich bin ich in Rom geworden. Meiner toten Mutter zuliebe. Damit sie aus den Qualen des Fegefeuers erlöst werde. Weshalb sie die Wallfahrt zum blutenden Herzen der süßen Gottesmutter getan; weshalb sie in dem kleinen Dolomitenheiligtum die Kerze angezündet; weshalb sie in dem Schneesturm der grausen Herbstnacht ihr Leben gelassen hat – ich habe es für sie zu Rom erfüllt. Damit ich den heißen Wunsch ihres Mutterherzens erfüllen konnte, mußte sie sterben, mußte ich meiner toten Mutter zuliebe nach Rom wallfahrten; mußte in Rom das Große an mir sich vollziehen: Die Erkenntnis meiner Sohnespflicht. Da mir mein Vater zu meinem Geburtstag, der zugleich der Tag meiner Priesterweihe ist, dieses Buch gewissermaßen als kostbares Vermächtnis meiner verstorbenen Mutter sandte, so will ich in dem Buche weiterschreiben. Ich werde fortan größere Dinge zu berichten haben als die Leiden und Freuden eines wilden Junkers und unverständigen Knaben. Obgleich alles weit hinter mir liegt; obgleich alles von mit längst abgetan ward und ich ein andrer, ganz neuer Mensch geworden bin: ein stärkerer, seines Ziels sich bewußter Mensch, so empfinde ich doch den Gegensatz zwischen damals und heute. Ich empfinde ihn mit stiller Verwunderung, mit einer Art dumpfen Staunens. Es ist ein Staunen darüber, daß es mit mir so hat kommen können. Bisweilen habe ich Stunden, in denen es mich packt – nicht Schmerz, Trauer und Reue; wohl aber Zorn, Ingrimm, Wut. Dann kämpfe ich mit meinem früheren Selbst wie mit einem Todfeind. Als stünde ich hoch droben auf dem Gipfel des Schlern am Rand des Abgrunds, so kämpfe ich mit meinem Ich von damals. Ich halte es umklammert, versuche es niederzuwerfen, versuche es in die bodenlose Tiefe zu schleudern ... Bisweilen droht mein Ich von heute von dem andern bezwungen zu werden. Bisweilen fühle ich mich ermatten, unterliegen. Alsdann werde ich wie rasend. Einen Aufschrei erstickend, bohre ich die Zähne in mein eigenes Fleisch. Aber immer wieder gelingt es mir, über meinen früheren Menschen zu siegen, diesen gewaltsam niederzuzwingen. An dem Abgrund, in den hinab ich mein vergangenes Selbst warf, stehe ich alsdann wie an einem offenen Grabe und triumphiere über meinen eigenen Untergang. Wenn andre junge Geistliche, die der Welt entsagen müssen, derartige Kämpfe zu bestehen haben, so nehmen sie ihre Zuflucht zu den gewaltigen Hilfsmitteln der Kirche: zu Gebet und Fasten, zu Bußgürtel und Geißelstrang. Solche Sünder vor dem Herrn haben es leicht. Ich mache es mir schwer. Nur durch mich selbst darf ich mir Hilfe verschaffen gegen mich selbst. Und so kämpfe ich denn. Jeden Tag meines Lebens empfinde ich den Unterschied von damals und heute. Meine Tage haben viele Stunden, da ein Kleriker auch zur Nachtzeit dem Herrn dienen, wachen und beten muß. Und jede wache Stunde fühle ich mich vergehen vor Heimweh und Sehnsucht. Jede Stunde muß ich kämpfen. Anders ist es geworden. Ich brauche vom Schreiben nur aufzublicken, um zu sehen, wie anders es ward. Anstatt meines hohen, freien Turmgemachs auf Schloß Enna eine Klosterzelle; anstatt des fröhlichen Durcheinanders von Dingen, die ein reitender, vogelstellender, jagender Junker braucht, die spärlichen Gerätschaften eines Geistlichen. Auch zu Hause, auf Schloß Enna, lernte ich beten und Knie beugen. Was jedoch damals fromme Gewohnheit war, wurde nun Lebensberuf. Wenn ich weiter Umschau halte; wenn ich zwischen den kahlen Mauern, deren einziger Schmuck ein großes schwarzes Kruzifix ist, mich selber erblicke in dem feierlichen Gewande Sankt Augustins; wenn ich mein Haupt befühle – fort ist das dichte Lockengewirr! Mit aszetischer Kunst ist mein Haar säuberlich zu einem Kranz geschoren, der ein kleines kahles Rund umschließt: die Tonsur. Mein Haupt eine Tonsur! Und mein Haupt ist noch immer so jung... Oft in den Stunden grimmigen Kämpfens und Leidens fasse ich mit beiden Händen nach meinem noch immer so jungen Haupte, als müßte ich etwas herabreißen, das mich blutiger drückt als eine Dornenkrone, das auf mir zermalmender lastet als ein Felsenstück. Und es ist doch nur eine kleine kahle Stelle auf meinem noch immer so jungen Haupt! Ich habe eine sonderbare Gewohnheit angenommen. Jedem jungen Kleriker spähe ich ins Gesicht, darin nach der Veränderung suchend, die mit dem jungen Antlitz sich allmählich vollzieht, auf jede Veränderung wartend, jede Veränderung belauernd. Denn unweigerlich verändern sich die Züge des werdenden Gottesmannes – unerbittlich. Bereits im Kloster Neustift und in der Bischofsstadt Brixen begann ich auf die Wandlung der Züge eines jungen Geistlichen zu achten. Sie kam allmählich, kaum merklich; aber – sie kam. Ich sah junge Gesichter, auf denen das Leben seinen Sang von Glauben, von Hoffnung und Lebensfreude gedichtet, unter meinen erschrockenen Knabenaugen sich verändern; sah die Inschrift glückseliger Jugend allmählich, kaum merklich, blaß und immer blasser werden; sah sie schwinden, verlöschen. Lachende, in Jugendkraft und Jugendlust leuchtende Angesichter wurden bleich unter den brechenden Augen des gekreuzigten Heilands, wurden traurig und trostlos, bekamen einen Zug von Aszese, der sie verzerrte, entstellte – unweigerlich, unerbittlich. Nicht die Tonsur ist das Mal, welches uns zeichnet, sondern es ist jener mystische Zug in unsern lebendigen Menschengesichtern. Er stempelt uns zu Gottesdienern, welche die Welt, die sie verachten sollen, zu beherrschen streben. Ob auch in meinem Antlitz die Veränderung bereits begann? In dem kleinen Spiegelscherben, den ich besitze, spähe ich in mein Gesicht. Ich warte, lauere darauf, daß die Veränderung auch auf meinem Gesicht sich zeige – unweigerlich, unerbittlich. Mir scheint, als dauere es bei mir länger als bei andern; als vollzöge sich bei mir die Wandlung langsamer und weniger merklich. Es scheint mir, als wäre in meinem Gesicht immer noch etwas, das der Erde angehört, das Leben vom Leben ist. Immer noch trage ich mein Haupt hoch. Mein Blick ist noch immer undemütig; mein Gang noch immer zu aufrecht und zu wenig priesterlich. Wenn ich beten will, murmeln meine Lippen oft Worte, die den Himmel nicht anrufen; wenn ich meine Hand nach Rosenkranz und Brevier ausstrecke, macht sie oft eine Bewegung, als ob sie nach etwas anderm, ganz anderm, greifen wollte. Wenn ich in meiner Zelle – wie ist sie doch so eng! – an das Fenster trete, so ist das Bild vor mir nicht weniger verschieden von dem meiner Heimat, als mein geschlechtloses, feierliches Mönchsgewand von meinem junkerlichen Jagdkleid verschieden ist. Ist es denn nur möglich, daß dort oben, am Fuß der Alpen, der junge wilde Eisack immer noch an Schloß Enna vorüberrauscht; daß in Tirol Plose und Schlern immer noch gegen den Himmel aufragen; daß im Schaldererbach die Forellen immer noch hin und her schießen und auf den Alpenwiesen der Auerhahn balzt? Ist es denn nur möglich, daß in dem grünen, grünen Vahrn auf dem Platterhof – Aber diesen Namen schreibe ich nicht. Was erblicke ich von dem Fenster meiner Zelle aus durch das Eisengitter, welches mich von der Welt scheidet, als wäre ich, der ich der Freieste der Freien war, ein Gefangener? Ich sehe Kirchen und Klöster auf dem Berge Aventin; ich sehe antike Ruinen. Immer wieder Ruinen! Zwischen Kirchen und Klöstern und Ruinen trauern Einsamkeit, Verlassenheit, Wildnis. Die Paläste, die Basiliken, die Landhäuser und Prachtbauten der Heiden sanken zu Schutt, wurden Trümmer; die Kirchen und Klöster erhoben sich. Ihrer wurden mehr und mehr und mehr. Aus den schwarzen Gründen der Erde, aus dem großen Reiche des Todes stiegen sie empor. Ringsum: unter dem ganzen Berg Aventin, unter allen angrenzenden Gebieten der Campagna ziehen sich die Katakomben der ersten Christen hin. Von unsrer Klosterkirche aus führt ein schmaler Gang in die Tiefe. Wenn der alte Rochus in mir wieder aufleben will, so gehe ich, zünde eine Wachskerze an, öffne die schmale Pforte, steige hinunter – tiefer, immer tiefer. Nichts als Gräber! Zu beiden Seiten des schmalen Ganges in der braunen Tufferde lauter Begrabene: Grab neben Grab. Die Gänge sind endlos. Sie kreuzen sich, verwirren sich. Drei Totenreiche liegen übereinander, und jedes hat die Ausdehnung von Meilen. Ich wandere, wandere, wandere. Tote christliche Bischöfe, tote christliche Märtyrer! Mein Wachslicht brennt trübe in der dicken Luft. Es flackert. Sein zuckender Schein fällt auf alle die Zeichen des frühesten Christentums, fällt auf Inschriften und Namen. Oft droht der schwache Schimmer zu verlöschen. Wenn ich meine Kerze einmal ausgehen ließe, wenn ich das Zündlicht fortwürfe ... Oder wenn ich in dem schauervollen Labyrinth mich verlöre ... Ich würde im Dunkeln wandern und wandern, irren und irren unter all den Legionen von Toten, bis ich zu Tode ermattet hinsänke. Dann würde ich einen Namen rufen. Ich würde diesen Namen so lange rufen, als meine Stimme noch einen Laut hat. Mit sterbender Stimme würde ich immer nur den einen Namen rufen. Es ist nicht dein geheiligter Name, du mein Heiland und Herr; nicht der deine, o süße Gottesgebärerin. Es ist auch nicht der Name meiner lieben Mutter, derentwillen ich wurde, was ich bin. Der Name ist es, den auszusprechen für mich Todsünde wäre; denn ich würde ihn nur rufen können mit lautem Jauchzen und lautem Jammer, mit inbrünstiger Liebe und inbrünstiger Leidenschaft. Nein! Nur als Sterbender darf ich deinen Namen nennen, du Geliebte meiner glückseligen Jugendzeit. Aber wie konnte es nur geschehen, daß ich von meiner österlichen Pilgerfahrt vor Jahren und Jahren nicht zurückkehrte nach Schloß Enna, ins Brixener Tal und nach dem Platterhof in den grünen, grünen Vahrn? Wie konnte es selbst meiner toten Mutter zuliebe kommen, wie es gekommen ist? Also vor sieben Jahren zur heiligen Osterzeit bin ich mit vielen Landsleuten aus dem Brixener Tal nach Rom gewallfahrtet meiner toten Mutter zuliebe. Wohl sämtliche Pilger waren viel frommere Christen und daher bessere Menschen als meines Vaters jüngster Sohn. Wohl viele gingen nach Rom, ohne gleich beim Fortziehen sehnsuchtsvoll einer baldigen Rückkehr zu gedenken, und alle trieb ein heißer Wunsch vorwärts, der Stadt des Apostelfürsten zu. Der eine mochte schwere Schuld zu sühnen haben, der andre wollte im Petersdom ein Gelübde leisten. Aber jeder trachtete danach, sein beladenes Herz in Rom mit dem Hauche des Himmlischen zu erfüllen und seine Seele von der Gottheit emporziehen zu lassen. Ich allein kam als rechtes Kind der Welt, welches ich auch für alle Zeit zu bleiben gedachte. Nach frommer Pilgerweise wurde unterwegs laut gebetet und psalmiert. Ich tat, wie alle taten; mein Herz wußte jedoch wenig davon. Es schlug zu jung und zu heiß in der Brust, und meine Augen hatten zu viel zu schauen und zu bestaunen; denn – wie groß war die Welt, an Herrlichkeiten reich! Vollends war sie das, als wir weiter vordrangen in das glückselige Italien hinein. Da erschien mir die Erde als ein einziger mit Blumen geschmückter, von Klängen durchrauschter, unendlicher Festsaal, und die Menschen nur geschaffen, um sich in heller Lust des Lebens zu freuen. Immerfort zu jubeln und zu jubilieren deuchte mich daher christlicher, als fromme Hymnen abzusingen. Schön war für mich auch die Vorstellung, daß mein liebes Heimatland Tirol mit seinen stolzen Alpen, seinen grünen Wäldern und blumigen Fluren gleich einem bekränzten, gewaltigen Wächter vor dem Felsentore stand, durch das es in das Sonnenland führte, Einlaß gewährend oder verweigernd. Das lombardische Gartenland durchziehend, schaute ich häufig rückwärts, wo die Alpen als mächtige Mauer aufstiegen; und ich grüßte hinüber, wo Heimat und Vaterhaus lagen, mit allem, was ich besaß und liebte. Jetzt ist meine Heimat die Welt, mein Vaterhaus die Kirche Christi; und meine Liebe darf allein dem angehören, was nicht von dieser Erde ist ... Gleich bei meinem Eintritt in Italien fiel mir eines auf: waren die Ortschaften, durch die wir zogen, auch noch so armselig, so war doch das Haus des Herrn ein hochragender Palast. Das Machtvolle, Triumphierende, Herrschende der Kirche stand für mich, der ich eine Herrenseele in mir trug, an dem Himmel Italiens gleich einem leuchtenden Zeichen; es schien geradewegs nach Rom zu führen, wo der demütige Vertreter Christi als weltlicher Machthaber thronte. Wir langten an. Kaum angelangt, ergriff es meine Seele wie ein Rausch, wie ein Taumel. »Ich bin die Herrscherin, die Königin, die Majestät auf Erden« – predigten Roms Steine. »Ich mache meine armseligen Knechte zu Herren, meine demütigsten Diener zu Fürsten«, rief es mir aus der Pracht der Basiliken und den Himmeln der Dome, dem goldenen Glanz der Altäre tausendstimmig mit Posaunentönen entgegen. Bischöfe und Prälaten schienen die Bürgerschaft von Rom, Priester und Mönche Roms Plebs zu sein. In schimmernden Prunkwagen durchfuhren die Kardinäle die Stadt. Als ich den Papst sah auf seinen Umzügen zu den sieben großen Pilgerkirchen, verstand ich plötzlich die Worte von der »triumphierenden« Kirche. Aber am gewaltigsten offenbarte sich mir die Macht und Herrlichkeit der Kirche, als ich das alte Rom durchwanderte: Forum und Kolosseum; als ich die Ruinen der untergegangenen Welt bestaunte, die das Christentum in Trümmer zerschlagen und zu Staub zermalmt hatte. Gleich bei unsrer Ankunft in Rom wurden wir Leute aus dem Eisacktale getrennt. Rom wimmelte von Pilgerscharen aus aller Herren Länder, so daß es in den Herbergen, wie viele ihrer auch waren, keine Unterkunft gab und die Wallfahrer in Klöstern und bei einzelnen Geistlichen untergebracht werden mußten. Letzteres geschah auch mir, und war es mir wohl vom Himmel bestimmt, so daß ich mich dagegen nicht auflehnen durfte. Es Zufall zu schelten, käme daher einer Lästerung des höchsten Willens gleich: göttliche Fügung war es, Vorsehung. Der Mann, dem ich als Gast zugeteilt wurde, und der Großes an mir vollbringen sollte, war ein deutscher Priester, hieß Sebastian Schwarz und wohnte, wie man mir sagte, jenseits vom Tiberfluß. Name und Wohnung standen auf einem Zettel verzeichnet. Diesen gab man mir und ließ mich sodann meinen Weg selbst suchen. Ganz Junker Rochus, also ganz frohe, starke Jugend, stürzte ich mich in das Gewühl der Stadt Pius' IX. Mir war zumute, als bade sich meine siebzehnjährige Seele in Hoffnung und Tatendrang, die nun einmal des Menschen Leben sind. Dabei hielt ich meine Augen weit offen. Das tat freilich not; denn Rom war kein kleines Tiroler Städtlein, und ich mußte von Rom alles schauen, um zu Hause davon erzählen zu können: in Schloß Enna und – auf dem Platterhof! In prachtvollen Karossen fuhren an mir die vornehmen Römerinnen vorüber. Sie waren sehr schön. Und schön waren viele Frauen und Töchter von Bürgern und sonst aus dem Volk, die mir zu Fuß begegneten. Die meisten hatten etwas überaus Stolzes, schritten einher, als ob sie Königinnen wären. Ich schaute allen keck ins Gesicht, weil ich sehen wollte, ob unter allen eine wäre, so schön wie die Herrin vom Platterhof. Es war jedoch keine wie sie. Im Brixener Tal gibt es genug Welsche. Wir Tiroler mögen sie nicht leiden; aber wir nehmen sie zu Knechten, weil sie geringeren Lohn fordern als unser Volk und weil sie nicht solche Fresser und Säufer sind. Den geringeren Lohn sparen sie mühselig zusammen; und mancher sitzt jetzt als Herr auf dem Hofe, wo er einst gedient hat. Mein Vater sagte oft, Tirol würde noch einmal welsches Land, ohne daß es den Fremden einen Schwertstreich und eine Kugel zu kosten brauchte. Freilich sind wir Söhne vom Kaiserland Österreich jetzt die Herren der Meereskönigin Venetia und des schönen Trento. Also wird mein kluger Vater wohl falsch prophezeit haben. Durch die vielen Welschen in Tirol – auf dem Platterhof wird keiner geduldet – wußte ich schon als Kind einiges von ihrer Sprache, so daß ich mich jetzt in Rom ganz gut durchfragen konnte. Man sagte mir, ich sollte dorthin gehen, wohin das größte Gewühl drängte, sei es von Fußgängern oder von Wagen. Der Menschenstrom würde mich zuerst nach dem Flusse führen, alsdann über den Fluß und weiter bis zum Petersplatz und dem Vatikan. Ganz nahe von beiden Orten würde ich den Mann finden, den ich suchte. Jedes Kind könnte mich von dort zu ihm weisen. Wie mir geraten war, so tat ich; trieb wohlgemut mit den lebendigen Fluten meinem Schicksal entgegen, schaute voll frohen Staunens zugleich auf Menschen und Dinge, bei jedem denkend: ›Was würde Judith dazu sagen? Wäre doch Judith hier! Du mußt wiederkommen – mit Judith!‹ Nun habe ich doch den Namen ausgesprochen ... Da mein Herz an jedem Tage, zu jeder Stunde ihn ruft, ihn aufschreit, so mag er auch auf diesem Papier, in dem Buche meiner schmerzensreichen Mutter gerufen werden – aufgeschrieen. Ich habe den Namen in meinem Herzen so heilig gemacht, daß ich ihn im Gebet an die allerheiligste Jungfrau nennen und mich dabei reinen Herzens fühlen könnte. Judith beständig in meiner Seele und an meiner Seite fühlend, durchschritt ich Rom. Ich kam an den Tiberstrom, von dem ich schon als Knabe vernommen hatte, als ich in der Klosterschule zu Neustift den Livius las. Der Fluß der alten Römer hätte mir Ehrfurcht einflößen sollen, all der großen Taten und Ereignisse wegen, die sich an seinen Ufern zugetragen hatten; aber – mein grüner, wilder Eisack ist tausendmal schöner als dieses gelbe, lehmige Wasser. Das nämliche meint auch Judith. Deutlich höre ich sie sagen, sie fände den Tiber abscheulich. Sieh doch, Judith! Der gewaltige runde Turm dort ist kein Turm und keine Festung, sondern ein Grab, ein Kaisergrab, Judith! Nicht wahr – das ist stolz? Und du und ich, wir lieben alles, was stolz ist. Ich liebe dich, Judith, die du eine Königsseele hast; und du liebst mich, Judith, der ich meine stolze Seele einzig vor Gott beuge, meiner toten Mutter zuliebe. Du freilich würdest dein Gemüt nicht vor dem Herrn demütigen können, Menschen zuliebe. Ich kenne dich! Was habe ich geschrieben? Daß ich dich liebe ... Wie durfte ich das schreiben in meinem Mönchsgewande? Dich zu lieben, ist Todsünde. Auch wollte ich schreiben: »Ich habe dich geliebt! » Und du – ich weiß es – du verachtest mich ! Du verachtest mich, weil ich dich nicht mehr lieben darf; weil ich mich mit Leib und Seele dem Herrn ergab; weil ich dieses heilige Gewand anzog. Nicht einmal, weshalb ich es tat, kann deine Verachtung mildern. Ich kenne dich, Judith, ach Judith! Dann sah ich den Petersdom und das Haus des heiligen Vaters ... Hadrian war ein großer Kaiser. Sein Grab am Tiber ist wie ein Felsenberg. Aber der Apostel Petrus, der zu Rom gekreuzigt ward, hat ein Grab, dreimal gewaltiger als die Imperatorengruft am Tiberstrand. Armselig erscheint das herrliche Heidentum neben dem, was von Nazareth aus über die Welt kam; und der Vatikan ist ein Herrscherschloß, wie es auf Erden kein zweites gibt. »Herrschen, herrschen, herrschen!« Schon damals, als ich das erstemal auf den Petersplatz trat, fühlte ich die Herrschermacht der katholischen Kirche als eine Macht von oben herab; und es ist mir jetzt oft zu Sinn, als ob ich nicht meiner toten Mutter zuliebe Geistlicher geworden wäre, sondern weil meine Herrschernatur ... Aber das läßt sich nicht ausdenken. Es würde auch eine zehnfach ärgere Sünde wider den heiligen Geist sein, als meine Liebe zu einem jungen, schönen und stolzen Weibe, welches meiner voller Verachtung gedenkt. Denn, Judith – mich vergessen kannst du nicht ... Man hatte mir gesagt, jedes Kind könnte mich zu dem hochwürdigen Herrn Sebastian Schwarz weisen. Es mußte also ein in ganz Rom bekannter und angesehener Mann sein. Ein solcher schien mir für den Junker Rochus auf Schloß Enna in Rom grade der richtige Wirt. Um zu seiner Wohnung zu gelangen, mußte ich über den Petersplatz gehen und linker Hand durch den gewaltigen Säulengang. Gleich goldbraunen Felswänden stiegen die Mauern der Kirche neben mir auf, bis zu einer Höhe, daß ich meinen Kopf in den Nacken werfen mußte, um emporzuschauen. Dann erst merkte ich, wie seltsam das war: aus dem Gewühle und Getöse war ich plötzlich in tiefe Einsamkeit und Stille geraten. Rechts das St. Petersgemäuer, links kleine Kirchen und Häuser und ansteigende Gärten und große Waldungen von Pfirsichbäumen. Diese standen in voller Blüte, so daß rosige Haine in den Himmel aufstiegen, der so blau und strahlend war, wie ich zuvor nie etwas so Blaues und Strahlendes gesehen hatte. In den Gärten herrschte ein bunter Wirrwarr von Rosen, Schwertlilien und vielen andern Blumen, die es bei uns erst zur Sommerszeit gibt. Heißer Sonnenschein brannte auf mich herab. Alles leuchtete, daß mich die Augen schmerzten. Die Straße, die ich schritt, und die kleinen Plätze vor den kleinen Kirchen und Häusern waren dicht mit Gras bewachsen, daß darauf eine Herde hätte werden können; und in dem tiefen Schweigen tönte aus den Gärten das Summen der Insekten herüber. Es war Klosterstille und Klosterfrieden. Beides ist bisweilen gleich Grabesruhe. Ich sah jedoch kein Kind, welches ich hätte fragen können, wo der hochwürdige Herr Sebastian Schwarz wohnte. Keine Seele sah ich um die heiße Mittagszeit in dieser verwunschenen Stadt. Alsdann fand ich den kleinen grasgrünen Platz, der auf meinem Zettel aufgeschrieben stand. Es befand sich hier ein einziges Häuslein. Goldgelb angestrichen, lag es inmitten von bunten Blumen und rosigen Blütenbäumen, durch deren schimmernde Zweige schwarze Amseln schlüpften. Die lieben Vögel flöteten mir Willkommen entgegen. So süß singen die Amseln im Schloßgarten von Enna. Aber bei uns singen sie erst im Mai. Alle Fenster des kleinen Hauses standen weit offen, die Tür war geschlossen. Ein eiserner Klopfer war daran befestigt, den ich kräftig bewegte. In einem der Fenster erschien die Gestalt eines geistlichen Herrn. Der Hochwürdige sah ganz anders aus, als ich mir vorgestellt hatte. Höchst unscheinbar, klein und schmal wie ein Schulknabe mit einem alten, verwelkten Gesicht. Ich hielt meinen Zettel zu ihm in die Höhe, nahm meinen Tiroler Hut ab und rief hinauf, ich hieße Rochus von Enna, käme aus dem Eisacktale und sollte bei ihm wohnen. – »Warten Sie, die Cristina wird Ihnen gleich öffnen.« Damit verschwand der hochwürdige Herr Sebastian Schwarz von dem Fenster, und ich wartete in dem heißen Mittagsschwelgen auf die Cristina. Mir gegenüber die Felsenwand der Peterskirche im Sonnenschein wie ein goldener Berg strahlend; vor mir das kleine gelbe Haus; gegenüber blühende Pfirsiche, rote und weiße Rosen und blaue Schwertlilien. Plötzlich begann hoch in Lüften ein Hallen, ein Klingen, ein Brausen von metallenen Tönen, als ob sämtliche Kirchenglocken der Christenheit in eine gewaltige Schallwoge zusammenflössen, die von St. Peter her als eine Sturmflut von Klängen sich ergoß. Die Gewalt der feierlichen Töne hätte mich fast zu Boden gezogen, nieder auf meine Knie, wo ich damals doch noch der lustige Junker war. In diesem Augenblick wurde die Tür des kleinen gelben Hauses aufgetan. Eine alte Frau mit blassem, feinem Gesicht öffnete mir, sah mich aus hellen, sanften Augen forschend an, nickte mir darauf liebreich zu und sagte mit einer zarten Stimme: »Sei benvenuto, figlio mio!« Die Frau, die mich so mütterlich grüßte, glich meiner toten Mutter ... Als ich über die Schwelle in das stille Haus schritt, überlief es mich. Es war das Schicksal, welches meine Seele anhauchte, diese Jünglingsseele, die mit allen Fasern an Gottes schöner Erde und ihren Geschöpfen hing, daran angekettet war, gleichsam angeschmiedet, und die von der Erde losgerissen und dem Himmel zugeführt werden sollte. Losgerissen von dir, Judith, o Judith l Ohne mich waren die Rompilger aus dem Eisacktale in die Heimat zurückgekehrt. Der hochwürdige Herr Sebastian hatte an meinen Vater geschrieben und den Herrn von Schloß Enna gebeten: ›Er möge seinen jüngsten Sohn für eine kleine Weile bei ihm lassen – nur für eine kleine Weile! Rom und die katholisch-christliche Kirche wirkten mächtig auf seinen jüngsten Sohn! Es käme schier einem Wunder gleich. Binnen einer kleinen Weile würde es sich entscheiden, ob der Himmel mit seinem Sohne Großes vorhätte. Auf diese himmlische Entscheidung wollte man warten – bitten wollte man, daß sie erfolgte: zu seines Sohnes ewigem Heil und Gottes Ruhm.‹ Dem Schreiben des hochwürdigen Herrn Sebastian Schwarz an meinen Vater fügte ich ein Brieflein bei: »Auf der Plose möge der Auerhahn balzen, ohne daß Junker Rochus seinen Liebesgesang durch eine gut gezielte Kugel beende; mein Falber möge auf den Eisackwiesen das junge Gras sich schmecken lassen, ohne daß sein Herr ihm den schlanken Rücken drücke; meine Rüden mögen den Weg nach Vahrn und zum Platterhofe ohne mich finden und das Judithlein von mir grüßen: ich bliebe noch für eine kurze Weile in Rom – nur noch für eine kurze Weile! Rom sei eine gar zu wundersame Stadt. Rom sei das wundersamste auf Erden. Davon könne ich mich nicht so schnell trennen. In Rom verkünden selbst die Steine die Größe, die Herrlichkeit und Allmacht der Kirche. Fern von der lieben Heimat fühle ich in Rom die Grenzen der Welt zu eng, um sie zu meiner Heimat zu machen; getrennt von meinem guten Vater fühle ich meine tote Mutter leben in meinem Herzen; getrennt von meiner allerliebsten Judith fühle ich die süße Madonna mir zulächeln. Aber – im Sommer käme ich nach Schloß Enna zurück! Spätestens im Sommer, wenn auf dem Platterhofe die Stockrosen blühen, die Himbeeren reifen, die Kastanien dichten Schatten spenden. Dann wird meines Falben gute Futterzeit aus sein; dann können meine Rüden unter freudigem Geheul zu dem Reiter aufspringen; dann ziehe ich mit Judith auf die Almen zum Besuch ihrer Herden; dann willkommen Heimat, willkommen Land Tirol! Du einziges, du wundersames Rom, wenn ich zu dir wiederkehre, bringe ich Judith mit und Judith ist mein! Dann ziehen zwei Glückliche ein in die ewige Stadt, um den Petersdom zu grüßen. Einstweilen grüße ich das Judithlein und dieses soll mich wiedergrüßen lassen ... So schrieb ich aus Rom und dem Hause des hochwürdigen Herrn Sebastian Schwarz an meinen Vater. Dieser schrieb zurück: »Er gäbe mir bis zum Sommer Urlaub. Aber dann bedürfe er meiner; denn seit dem Tode meiner Mutter sei es einsam geworden auf Schloß Enna« ... Vom Judithlein kein Wort. Nicht ein einziges Wort, geschweige denn einen Gruß ... Der Abend ging zu Ende. Im weiten, wilden Lande, welches rings um die Tore Roms sich erstreckt, weinte ich in tiefer Einsamkeit bittere Tränen, weil das Judithlein mich nicht hatte grüßen lassen. Noch nach sieben Jahren weinte ich ... Ich fahre fort zu schreiben. In der Osterwoche war ich vor lauter Schauen und Staunen gar nicht zu mir selbst gekommen. Schauer der Ehrfurcht hatten mich ergriffen. Gibt es etwas Unfaßlicheres, Größeres, Höheres; etwas Mystischeres, Heiligeres als Ostern in Rom! Es versetzte mich in einen Zustand, als hätte ich einen Zaubertrunk geschlürft. Den Papst hatte ich das erstemal auf seinem Zuge nach den sieben heiligen Kirchen gesehen. Ein Heer von Kardinalen und Bischöfen hatte ihn begleitet, und eine wahre Völkerschaft von Prälaten, Diakonen und Geistlichen aller Kongregationen befand sich in seinem Gefolge. Wohin er kam, sank die Menge auf die Knie wie gewaltsam niedergezogen. Er spendete seinen apostolischen Segen und erschien mir in Wahrheit als ein Gottgesalbter und Stellvertreter Christi auf Erden. Auch das ergriff mich mächtig, daß er in Gold gehüllt dahinwandelte, daß sein Gewand strahlte von Perlen und Edelsteinen, daß sein Haupt die dreifache Krone trug und daß sein war die irdische Macht und Herrlichkeit... Aber erst, als die Wunder der heiligen Osterzeit an meiner Seele vorübergerauscht waren; als meine Landsleute ohne mich Rom verlassen hatten; als ich in dem kleinen gelben, von einer Blumenwildnis umblühten Hause gegenüber den Mauermassen von St. Peter allein zurückgeblieben war – dann erst sollte die tiefste Erschütterung über mich kommen. Demütig und armselig war mir, dem menschenunkundigen und weltfremden Knaben, der hochwürdige Herr Sebastian Schwarz zuerst erschienen. In meinem Jugendübermut und meiner Jünglingskraft hatte ich mich zuerst über ihn erhaben gedünkt, auf die schmächtige, verkümmerte Gestalt mit dem Mitleid des Starken herabblickend. Dabei besaß er solche leise, fast frauenhafte Art, die mich heimlich lächeln machte. Ich merkte wohl, daß er mich beständig beobachtete, um zu ergründen, wes Geistes Kind er unter seinem frommen Dache beherberge; und ich dachte: »Beobachte du nur, sieh mich nur an! So bin ich! Ich bin der wilde Junker Rochus, der das Judithlein vom Platterhof lieb hat; und das mehr als sein Leben. Ich habe vor dir nichts zu verheimlichen und zu verbergen. Und wie ich bin, so bleibe ich. Basta!« Mit leiser, feiner Stimme sprach er zu mir. Er ließ sich von mir erzählen, von meiner Heimat, meinen Eltern, vom grünen Vahrn. Jawohl – auch von dem Platterhof und dem Judithlein! Zuerst wollte ich ihm nichts sagen, zuletzt sagte ich ihm alles. Ich wollte nicht und mußte doch. Wenn er mit seiner leisen, feinen Stimme nach diesem und jenem fragte und mich dabei mit seinen sanften, stillen Blicken ansah, so mußte ich. Jetzt weiß ich, daß dieser demütige und armselige Priester eine Gewalt über die Herzen der Menschen besitzt, die wie ein Zauber wirkt; ich weiß, daß er die Herzen der Menschen sich unterwirft; daß er eine große, heiße Seele, eine Herrschernatur hat, wie ich selbst sie in meinem tiefsten Innern fühle. Der demütige, armselige Priester stand vor mir als neuer Mensch. Sein Gesicht blieb blaß und unbeweglich; aber aus seinen Augen brach eine Glut, als wäre in seiner Seele ein heiliges Feuer entzündet worden. Aus seiner flammenden Seele schlug die Lohe über in die meine. Und er sagte mir: Es wäre meiner Mutter sehnlichster Wunsch gewesen, daß ihr jüngster Sohn Geistlicher werde. Damit der Himmel ihren sehnlichsten Wunsch erfüllte, hätte sie die Wallfahrt zu dem blutenden Herzen der Mutter Gottes in dem hohen Dolomitentale gemacht. Dabei wäre sie zugrunde gegangen. Ohne letztes Sakrament, ohne ein letztes Vergeben ihrer Sünden, wäre sie eines jähen Todes gestorben. Meiner verstorbenen Mutter Seele brannte im Fegfeuer und – sie brannte meinetwillen! Alle Messen, die wir für ihre Seele hatten lesen lassen, löschten die Flammen nicht, die ihre Seele verzehrten ... Meiner toten Mutter zuliebe war ich nach Rom gewallfahrtet. Das war jedoch nicht genug. Auch ihres Sohnes Romwallfahrt löschte die Flammen nicht. Mit fanatischer Glut in seinen Augen schilderte mir der Priester, was meine Mutter litt. Er schilderte mir ihre Flammenqualen, so lange und so gräßlich, bis ich vor Entsetzen laut aufschrie, vor Jammer besinnungslos niedersank. So tat er an meiner armen jungen Seele Tag für Tag, wochenlang. Was konnte meiner Mutter Qual lindern? Was die Flammen löschen? Eines, nur ein Einziges! Ihr Sohn mußte ihren heißen Wunsch erfüllen; ihr Sohn mußte das tun, um was sie für ihn die schmerzensreiche Gottesmutter in dem Dolomitenheiligtume anflehen wollte: Geistlich mußte ich werden! Wiederum schrie ich gräßlich auf; wiederum sank ich zerschmettert hin. Aber Tag für Tag wurde mir das nämliche mit furchtbarerer Gewalt gepredigt, mit Flammenschrift mir in die Seele gebohrt – wochenlang, Tag für Tag! Ich wollte nicht, konnte nicht. Also wollte ich meiner Mutter Seele Flammenqualen erdulden lassen? Flammenqualen bis in alle Ewigkeit! Wie ich litt! Judith, Judith, wie ich litt! Meine Qualen mußten zu dir hinüberdringen mit einem Schmerzensschrei, einem Sterbelaut. Als ich vor Qual nicht mehr ich selbst war, da – was geschah da mit mir? Da wurde mir mit Engelszungen verkündet, welche Wonnen meiner Mutter harrten, wenn ihr Sohn ihren sehnlichsten Wunsch erfüllte. Es waren Paradieseswonnen für meine Mutter, ihr geschenkt durch ihren Sohn! Um sie für meine Mutter zu erlangen, mußte ich Höllenpein erdulden, mußte ich auf Tod und Leben kämpfen, mit meiner Jugend, meiner Kraft, meinen Hoffnungen; kämpfen mußte ich mit meinem Daseinsdrang, meinem Lebenstrieb, meinem Glücksbedürfnis, meinem Hunger nach Liebe, Leben. Jahrelange Qual, jahrelanger Kampf standen mir bevor, wenn ich meiner Mutter Seele aus den Martern des Fegfeuers fort den Wonnen des Paradieses zuführte... Er ersparte mir nichts, verschonte mich mit nichts, war grausam, ganz mitleidslos. Denn er nannte auch deinen Namen, Judith, o Judith, für die ich dies alles aufschreibe – da ich es dir nicht sagen kann. Seit langem weiß ich nämlich: nur für dich schreibe ich in diesem Hefte meiner jetzt seligen Mutter; einzig und allein für dich, Geliebte! Meiner »seligen« Mutter... Denn – Judith, o Judith! – meine Mutter wurde durch mich von ihren Qualen erlöst; meiner Mutter Seele ist durch ihres Sohnes Liebe aus den Flammen des Fegfeuers hervor in die himmlische Seligkeit eingegangen! Ich erfüllte ihren sehnlichsten Wunsch; ich tat, um was sie die Madonna anflehen wollte: Ich blieb in Rom, wurde in Rom Geistlicher. Sein letztes Mittel, wodurch er mich völlig bezwang, war das deines Dämons. Er hatte in meiner Seele gelesen, in ihrem tiefsten, verborgensten, dunkelsten Wesen. Denn nachdem er den Kampf um die Qual, die mir bevorstand, eindringlich geschildert hatte, malte er mir den Sieg, der diesen Kämpfen; die Wonnen, die diesen Qualen folgen würden: Ein demütiger, armseliger Priester würde ich sein und – herrschen würde ich; herrschen über die Seelen der Menschen! Ein Herrscherdasein, ein königliches Dasein war es, das er mir beredten Mundes verkündete. War er doch selbst ein demütiger, armseliger Priester, zugleich aber ein Herrscher, ein »Königsmensch«! Ich war der Sohn des Grafen von Enna, ein Sproß aus uraltem, edlem Geschlecht. Wohl! Söhne von Tagelöhnern und Bauern waren Priester, wurden Bischöfe, Kardinäle... Das war von allen Wundern der katholischen Kirche das größte: eines Fischers Sohn konnte Stellvertreter Christi auf Erden werden. Wie ein Dämon packte die Gewalt dieses Worts meine ehrgeizige, herrschsüchtige Seele. Das Große, das Ungeheure, was des Priesters Werk an mir vollendete, begab sich folgendermaßen: Eines Tags in aller Frühe war's. In aller Frühe, der großen Sonnenhitze willen, verließ der Papst Rom, um sein Landhaus im Albaner Gebirge zu beziehen. Gleich nach dem Abhalten des Hochamtes sollte dahin aufgebrochen werden. Als Herr Sebastian Schwarz mit mir in den Vatikan ging, war es noch dämmerig. Wir nahmen die Straße, die zu den vatikanischen Gärten führt, und traten durch das Tor der Schweizerwache in den Palast. Seitdem ich wußte, daß meine Mutter meinetwillen Flammenqualen erduldete, befand ich mich in einem Zustand, in welchem das Leben für mich kein Leben mehr war. So fühlte ich denn auch an diesem Morgen alles, was ich sah und erfuhr, gleichsam als nicht von dieser Welt. Wir begaben uns in den Vatikan, der kein Haus, auch kein Palast, sondern eine Stadt ist, an der viele Jahrhunderte bauten, und die länger über dem Erdboden bleiben wird, als alle Herrscherschlösser der Erde. Zugleich mit uns kamen viele Mächtige der Kirche, römische Große und vornehme Damen, so daß es auf den Höfen, den Treppen und in den Gängen ein arges Gedränge gab. Durch eine enge Tür gelangten wir in einen sehr hohen, sehr langen und nicht sehr breiten Raum, darin es fast dunkel war. Auf dem Altar, der an einer der Schmalwände über einem Podest stand, brannten sechs gewaltige Wachskerzen. Sie flackerten mit rötlichem Schein, der über ein Wirrsal von dunklen titanischen Gestalten hinflammte. Diese Gestalten, von denen ich kaum Umrisse und Farben erkennen konnte, bedeckten die ganze hohe Mauer über dem Altar bis zu den Wölbungen der Decke empor. An dieser, wie an den andern drei Wänden, war alles Gestalt und Farbe, so daß ein Gewimmel von Leibern von allen Seiten herbeizudrängen schien, um den heiligen Vater die Messe lesen zu hören. Erhellt war jedoch nur der Altar durch die brennenden Kerzen; alles andere war wie von düsteren Schleiern umwoben. Denn es herrschte noch tiefe Dämmerung in der Kapelle, und nur von einer Seite flutete von hoch her fahles Morgenlicht herein. Hinter einer hohen Marmorschranke hatte ich neben Herrn Sebastian Schwarz Platz gefunden. Ich stand von dem Altar ziemlich entfernt, ihm jedoch gerade gegenüber. Also gerade gegenüber jener Legion von Gestalten, von denen viele aus der Tiefe zu kommen, aus dem schwarzen Abgrund aufzusteigen, aufzustürmen schienen. Meine Augen, an das Dämmerlicht allmählich gewöhnt, erkannten – immer noch als schattenhafte Gebilde – wie links vom Altar die Erde sich öffnete und wie die schwarze Scholle die Gestorbenen ausspie: Leichname und Gerippe! Die Auferstandenen strebten empor in den unendlichen Raum, und wurden von andern Auferstandenen, die bereits eine höhere Sphäre erreicht hatten, nachgezogen. Ein dichter Kreis von Leibern umdrängte mit Gebärden höchster Furcht und höchsten Hoffens, von Entzücken erfüllt und von Verzweiflung gepackt, einen Gewaltigen, der wie ein nackter Titan den Arm richtend emporstreckte. Eine bebende Frau schmiegte sich mit über der Brust gekreuzten Armen an des Fürchterlichen Knie, Gnade bittend, angstvoll flehend. Aber die emporgestreckte Hand schien nur Verdammnis zu spenden ... Unter dem erbarmungslosen Richter, gleich einem lebendigen Gewölk, eine Schar Engel, die mit Posaunentönen zu Gericht riefen; und von hoch oben her Cherubine, wie auf Sturmesfittichen brausend niederfahrend. Wer durch die Fürbitte der Mutter von dem schrecklichen Gott selig gesprochen ward, der fühlte himmlische Wonnen; während derjenige, für den es keine Verzeihung gab – für den die Mutter nicht bat –, in die ewige Tiefe zurückstürzte ... Schattenvoll und schemenhaft sah ich bei dem Ungewissen Schein des langsam aufdämmernden Tages den ungeheuren Vorgang des Jüngsten Gerichtes. Um so mystischer und furchtbarer wirkte er auf mein völlig zerrüttetes Gemüt. Meiner Mutter gedachte ich. Mir war es, als sähe ich sie. Sie war dort vor mir auf der Wand, über dem Altar, linker Hand. In Leichentücher gehüllt, beide Arme jammernd ausgestreckt, das Haupt wie in Verzweiflung in den Nacken geworfen, sah ich sie mutterseeleneinsam durch die Unendlichkeit irren, den Sohn suchend, dessentwillen sie gestorben war, dessentwillen sie die Flammenqualen des Fegfeuers erlitt. Sie suchte mich. Fand sie mich unter den Millionen, so wollte sie mich bei der Hand fassen und mit mir empordringen: dorthin, wo die zitternde Mutter an ihres richtenden Sohnes Knie sich schmiegte. Die Mutter wollte flehen für ihren Sohn, daß ihr Sohn nicht verdämmt werde, weil er seiner Mutter Seele im Fegfeuer hatte schmachten lassen. Unverwandt starrte ich auf die in der Unendlichkeit einsam irrende, einsam suchende Frauengestalt. Fast hätte ich laut aufgeschrieen: »Mutter! Mutter! Mutter! Hier bin ich! Vergib mir! Ich will es tun – deinetwillen!« In meiner fiebernden Phantasie merkte ich nicht, daß der Papst eingetreten und zum Altar vorgeschritten war. Gesang eines Knabenchors schwebte plötzlich wie Geisterstimmen durch die Wölbungen. Es war, als hätte die Schar der schwebenden Cherubim des Jüngsten Gerichts zu singen begonnen, so unirdisch erklang der Gesang, wie aus offenen Himmeln hernieder. Ich sah den Papst. Im weißen Gewände stand er vor dem Altar. Er hob beide Arme, als gebiete er den Toten, aufzustehen und zu dem Herrn und Heiland zu drängen – zu dem Richter und Rächer; besaß doch auch er Macht, auf Erden zu binden und zu lösen, zu verdammen und selig zu sprechen. Da geschah etwas Wundersames. Die Sonne ging auf. Ihre ersten Strahlen fielen durch dl« Fenster in die Kapelle und auf die Darstellung des Jüngsten Gerichts. Von Glanz überflutet die Gestalt des Heiligen Vaters; von Glanz überflutet die weiße Gestalt des göttlichen Rächers; von Glanz überflutet das Gewimmel der Seligen; von Glanz umflutet die zum Gericht rufenden Engel und Cherubim, die triumphierend Christi Märtyrerwerkzeuge mit sich führten: Strick und Kreuz, Dornenkrone und Speer, Nägel und Geißelstrang. Es war eine Verklärung. Eine Glorie war's l Der goldene Schein des großen Himmelslichtes brach so plötzlich herein, der Eindruck war von solcher überwältigenden Gewalt, daß in der Kapelle eine allgemeine Bewegung entstand. Und unter dem Jubelgesang des Knabenchors erteilte Plus IX. den Segen. Als ich mich von den Knien erhob, schaute ich auf. Da gewahrte ich, hoch über mir schwebend, Gott den Vater und Schöpfer, wie er die Dämmerung auseinanderriß, wie er seinen soeben geschaffenen Welten das erste Licht gab, wie er davonstürmte und, von Purpurwolken getragen, den ersten Menschen schuf – das erste Menschenpaar. Auch die göttliche Schönheit des ersten Menschenpaares empfand ich in jener großen Stunde, in welcher ich die auf Michelangelos Jüngstem Gericht einsam irrende Gestalt für den Geist meiner gestorbenen Mutter hielt, deren in Feuerqualen schmachtende Seele nicht eher Erlösung fand, als bis ihr jüngster und liebster Sohn ihren sehnlichsten Wunsch erfüllt hatte und ein armseliger Diener des Herrn, ein demütiger Knecht der Kirche – ein königlicher Herrscher über die Gemüter der Menschen geworden war. So geschah es, daß aus dem Junker Rochus in Rom Pater Paulus ward. Zehntes Kapitel Noch immer: »Wie aus dem Junker Rochus Pater Paulus wurde Zwei Jahre später.. Nein, noch immer nicht auf meinem Gesicht eine Wandlung der Züge, des Ausdrucks, des Blicks, der mir aufprägt, was ich bin: ein armseliger Diener des höchsten Herrn, ein demütig« Knecht der alleinseligmachenden Kirche. Noch immer trage ich mein Haupt zu hoch, ist mein Gang zu aufrecht und stolz. Und ich habe doch gebetet, wie der Mensch nur beten kann; habe meiner Mutter Seele aus dem Fegfeuer losgebetet! Gekämpft habe ich mit Gott um einer Mutter Seele, habe mit ihm gerungen. Bezwungen habe ich ihn; er hat mir meiner Mutter Seele lassen müssen, kraft meines Betens und Ringens. Du bist selig geworden durch deines Sohnes Liebe, o Mutter. Selig lächelnd schaust du auf mich herab... Und doch – was ist es nur, daß ich dennoch kein guter Christ bin; dennoch kein getreuer Diener des Herrn, kein frommer Knecht der katholischen Kirche? Etwas ist in mir, das noch nicht ganz abgetötet ist, noch nicht ganz Geist geworden: etwas vom Menschen ist immer noch in mir! Es ist Sehnsucht der Kreatur. Sehnsucht wonach? Herr, du gewaltiger Herr im Himmel und auf Erden, wonach sehnt sich mein junges Herz? Nach Weltfreude, nach Daseinslust, nach Glück des Geschöpfes, nach – Leben! Ich darf mich nicht sehnen; ich muß jede Sehnsucht der Kreatur in mir ersticken, bis auf die leiseste Regung ausrotten; die leiseste Regung ist Todsünde. Was habe ich sonst noch zu berichten? Ich meine von den Veränderungen, die seit jenem Sommermorgen in der Capella Sixtina mit mir vorgingen ... Am nächsten Tage warf mich ein hitziges Fieber darnieder. Ich krank? Junker Rochus krank? Konnte das möglich sein? Konnte ein junger Baum mitten in wonniger Frühlingszeit plötzlich verdorren? Ein fröhliches Tier der Berge plötzlich niederfallen, ohne von einer Kugel getroffen zu sein? Ein zu den Wolken sich aufschwingender, über Gipfeln kreisender Adler aus Sonnennähe plötzlich mit gelähmten Fittichen zur Erde herabsinken? Ich lag in dem kleinen, gelben Hause, dessen Blütengarten der Sonnenbrand längst versengt hatte, und wußte nichts mehr vom Leben. Wochenlang lag ich bewußtlos in Fiebergluten. Ich wäre gern gestorben, konnte nicht sterben, mußte auf Tod und Leben ringen mit dem Knochenmann, der den Junker Rochus holen wollte, bevor dieser noch so recht der Junker Rochus gewesen. Der hochwürdige Herr Sebastian Schwarz hat es mir nicht gesagt; ich weiß es jedoch, ich weiß, daß ich in meinen Phantasien nicht im heiligen Rom am gelben Tiber, sondern auf Schloß Enna am grünen Eisack war; daß ich in Vahrn unter den Kastanienbäumen weilte, unter der Kuppel ihres Domes dahinritt auf meinem Falben, von meinen Rüden umsprungen. Wir kamen an auf dem Platterhof. »Judith! Judith!« Ich jauchzte den Namen und um mich jauchzten Berg und Tal, Baum und Strauch, Himmel und Erde: »Judith! Judith!« Da war sie! Fein und schlank, mit dem hellen Antlitz, darin die schwarzen Augen so seltsam gedankentief in die mit mir jauchzende Welt hinausschauten. Sie trug ihr dunkles Gewand. Ihre Tiere waren mit ihr: der Edelmarder und der Reiher, der Silberfasan und das Falkenpaar... »Hast du deine ganze Menagerie glücklich beisammen, Zauberin, Hexe?« jubelte ich ihr zu, sprang vom Pferde, stürzte zu ihr, wollte sie umfassen, wollte weinen und lachen, wollte an ihr hinsinken, mit beiden Armen sie umfangen, wollte sie küssen. Was war es nur? Ich konnte sie nicht anrühren! Regungslos stand ich, daß mir das Herz zerspringen müßte, wenn ich sie nicht in meine Arme riß, sie nicht küßte; fühlte, daß ich mich nicht zu regen vermochte: sie war für mich unberührbar geworden! Das Judithlein vom Platterhof unberührbar für den Junker Rochus, der sie doch so herzinniglich – nein, so leidenschaftlich, so verzehrend, so ewig liebte. Sie schritt an mir vorüber: mit weit, weit offenen großen Augen dicht an mir vorüber, ohne mich anzuschauen, ohne mich überhaupt nur zu sehen. Ihre Tiere folgten ihr. Nicht einmal Judiths Tiere kümmerten sich um mich! Sie schritt durch den Blumengarten; schritt über die Wiese, in den Kastanienwald. Tief und tiefer schritt sie hinein. Ich wußte, daß der Wald sie verschlingen, daß ich sie verlieren würde, wenn ich mich nicht regen, ihr nicht nacheilen konnte. Und ich konnte kein Glied rühren! Hätte nicht nur mein Leben, sondern auch Judiths Leben davon abgehangen – ich konnte nicht! Sie entschwand meinem Blick. Nicht ein einziges Mal war sie stehen geblieben, nicht ein einziges Mal hatte sie zurückgeschaut... Der hochwürdige Herr Sebastian Schwarz sagte mir nichts von solchen Phantasien; ich weiß jedoch, daß ich sie hatte, und erinnere mich ihrer wie eines langen, bangen Traums. Ich befand mich im tiefen Dunkel, schien in den Lüften zu schweben, schien zu sinken und in Abgründe zu stürzen. Das war das erste, was ich vom Leben – nicht empfand, sondern ahnte. Die nächtliche Finsternis, die mich umfing, durchglühten unirdische Strahlen, in denen ich die Gestalten von Michelangelos Jüngstem Gericht erblickte: den richtenden Titanen, an dessen Knie die um Erbarmen flehende, zitternde Mutter sich drängte. Und ich erblickte jene in Leichentücher gewickelte, einsam irrende, die Unendlichkeit durchsuchende Frau, darin ich meine Mutter zu erkennen geglaubt hatte. Auch das erste Menschenpaar sah ich, wie es geschaffen ward, wie es im Paradiese selig miteinander ruhte, wie es in Schuld verfiel und vertrieben wurde. Durch Schuld war Eva an Adam gekettet, mehr noch als durch Liebe; ihre Schuld machte sie unlöslich von dem Manne, den sie zur Schuld verführt hatte. Wie schwach dieses erste Weib war! Und dieses erste, schwache, schuldig gewordene, der Sünde verfallene Weib ward die Mutter des Menschengeschlechts. Um die schuldig gewordene Menschheit in seine Gewalt zu bekommen, um sie zu richten, zu strafen, zu verdammen, ward es geschaffen. Des ersten Menschenpaares Schuld überlieferte die Menschheit dem Herrn! Aber das sind Gedanken, die an Gottes Thron rütteln. Von Gottes Diener gedacht, sind sie Todsünde. Weshalb denke ich an das erste Weib? ... Weil ich Judiths gedenken muß. Immer wieder Judiths! Sie wäre nicht schwach gewesen; sie wäre nicht in Schuld verfallen, also nicht verfallen der Reue und Strafe. Über Judiths Seele hätte Gott keine Gewalt gehabt – nicht Gewalt durch den Sündenfall. Nur durch die Liebe. Immer wieder muß ich es denken. Mit meinem mehr und mehr aufdämmernden Bewußtsein lichtete sich allmählich die Finsternis in mir und um mich. Aber immer noch schien ich nicht auf dieser Erde zu sein; denn der Mutter Antlitz neigte sich über mich, blaß und zart wie der Kelch einer weißen Blüte und mit seltsam stillem Blick. Und ich sagte meiner lieben Mutter: »Also fandest du mich doch in der Unendlichkeit? Deine arme Seele ward also doch erlöst aus dem Fegfeuer? Deines Sohnes Liebe erlöste dich! Jetzt wollen wir miteinander eingehen in das Paradies; Judith wartet auf uns.« Dann kam die Zeit, wo ich anfing, zu begreifen, daß ich auf Erden lebte, daß das über mich geneigte stille, blasse Antlitz mit dem mütterlichen Blick das gute Gesicht der alten Cristina war. Sie sagte mir, ich sei schwerkrank gewesen, dem Tode nahe; ich sei vom Tode errettet: deshalb errettet, weil Gott mich ausgewählt hatte, sein Diener zu werden. Ferner vernahm ich, der hochwürdige Herr Sebastian Schwarz hätte das Wunder, welches sich mit mir begeben, meinem Vater berichtet, und mein Vater schickte mir seinen Segen zu meinem frommen Entschluß, der meiner toten Mutter sehnlichsten Wunsch erfüllt, daß ihr lieber Jüngster dem Herrn sich weihte. Ich fragte, ob mein Vater mir geschrieben hätte? ... Nein. Nur dem hochwürdigen Herrn Sebastian Schwarz... Ob kein andrer Brief für mich eingetroffen wäre? ... Was für ein andrer Brief? Ich wollt« dem hochwürdigen Herrn Sebastian Schwarz antworten: »Aus dem grünen, grünen Vahrn, vom Judithlein!« fühlte jedoch von neuem meine große Schwäche; fühlte, wie ein gleich Sturmwind aufziehendes Dunkel mich einhüllte, wilde Wirbel in die Höhe trieben, in Abgründe niederrissen. Allmählich genese ich. Tagtäglich erwarte ich den Brief. Der Brief muß kommen! Der hochwürdige Herr Sebastian Schwarz trug während meiner schweren Erkrankung viel Sorge um mich. Ein vortrefflicher Arzt behandelte mich, eine barmherzige Schwester pflegte mich. Ich hatte das römischer Fieber. Das Fieber haben in Rom viele, und viele sterben daran. Ich blieb leben. Und ich blieb leben, weil ich zu großen Dingen auserwählt bin; blieb leben, damit aus dem Junker Rochus ein Pater Paulus werde. Der erwartete Brief aus Vahrn trifft nicht ein. Ich warte trotzdem.««' Denn – der Brief muß kommen! Der hochwürdige Herr Sebastian Schwarz ist nicht in Rom, sondern befindet sich beim heiligen Vater in Castel Gandolfo. Jede Woche kommt er jedoch in die Stadt, um nach mir zu sehen. Er erscheint mir demütiger und armseliger als je, sein Gesicht welker als je. Aber ich weiß jetzt, welche Gewalt dieser armselige, welke Priester über die Gemüter hat; selbst über ein junges, ungestümes, heißes Herz voller Träume, Hoffnungen, Wünsche. Auch ich soll dermaleinst über die Seelen der Menschen Gewalt erlangen. Dafür ward ich auserwählt und berufen. Der Heilige Vater weiß von mir. An dem Tage, an dem ich Priester werde, wird mir der Heilige Vater seinen apostolischen Segen spenden: bin ich doch ein Graf von Enna, ein Sohn aus uraltem, edlem Geschlecht! Im Geiste sehe ich Plus IX. Er steht unter Michelangelos Jüngstem Gericht vor dem Altar. Die ersten Sonnenstrahlen treffen die Lichtgestalt, die mit emporgestreckten Armen den katholischen Erdkreis segnet. Und mich durchschauert die Gewalt des Mysteriums. Der erwartete Brief trifft nicht ein. Es kommt die Zeit, wo ich nicht mehr darauf warte. Ich weiß: Judith hält mich für treulos; Judith wendet sich von mir; Judith verachtet mich. Ich will über deine Seele Gewalt bekommen! Deine Seele soll mir untertan werden! Und dann – Jenem ersten römischen Sommer folgten viele römische Jahre. Es waren Jahre beständigen Kampfes, beständiger Qual. Jahre waren es harter Vorbereitung, scharfer Selbstzucht und strenger, schier grausamer Aszese. Trotzdem war es nicht Selbstzucht und Aszese genug. Ich entschloß mich, dem Orden Sankt Augustinus beizutreten. Weshalb grade dem dieses Heiligen? Es ist kein besonders mächtiger Orden – und ich strebe doch nach Macht! Meine junge Seele strebt danach, meinen Willen stark und unbezwinglich zu machen. Diesem Zweck gilt meine scharfe Selbstzucht, meine leidenschaftliche Aszese. Um zu Macht zu gelangen, um eine große Gewalt über die Gemüter auszuüben, hätte ich dem Orden des heiligen Ignatius beitreten sollen. Der hochwürdige Herr Sebastian Schwarz riet mir dazu; denn unter dem neunten Pius bilden die Söhne Loyolas die Macht der Kirche. Es ist eine Gewaltmacht. Sie beherrschen Könige und Kaiser; sie beherrschen den Papst, beherrschen das katholische Universum. Und – ich will herrschen! Zum Herrschen bin ich geboren, Herrschen ist mein wahrer Beruf – das hat der hochwürdige Herr Sebastian Schwarz in mir erkannt; das fühle ich in mir als jene dunkle Gewalt, die mich lenkt. Trotzdem wurde ich Augustiner. Heute weiß ich weshalb: erst seit heute! Im Kloster Neustift sitzen Augustiner; das Kloster Neustift liegt bei Vahrn; in Vahrn ist der Platterhof. Vielleicht/ daß einmal der Tag kommt... Elftes Kapitel Fort aus Rom, nach Kloster Meustift, bei dem das grüne, grüne Vahrn liegt Dann wurd' ich Priester: »Pater Paulus!« er heilige Vater schickte mir seinen besonderen Segen, und mein Orden erwartet große Dinge von mir. Ich lebe in dem Augustinerkloster auf dem Aventin und schaue aus dem Fenster meiner Zelle auf die Ruinen des von der Kirche Christi bezwungenen, einstmals weltbeherrschenden heidnischen Rom herab. Unabsehbar erstreckt sich unter mir das Trümmerfeld des besiegten Heidentums, und unbegrenzt ist die Macht der katholischen Kirche. Nach wie vor verschmähe ich die gewaltigen Hilfsmittel meines Glaubens; anstatt mein Fleisch zu kasteien, ringe ich mit meinem Fleisch – bezwinge es! Nach wie vor steige ich hinunter in die grauenvolle Totenstadt. Seltsam ist der Mensch! Immer weniger wandelt mich das Gelüst an, mein Lämplein erlöschen zu lassen, es nicht wieder anzuzünden und in der Finsternis durch die unermeßlichen Grüfte zu wandern und zu wandern, bis ich in Wahnsinn verfalle oder verschmachtend hinsinke, ein Toter unter Toten. Seltsam ist der Mensch! Ich gewöhne mich an meine braune Kutte und den weißen Strick; gewöhne mich an die Tonsur, die mein immer noch junges Haupt entstellt; gewöhne mich an den strengen Klostergeist und an all das Mönchtum, welches die Seele dem Himmel zuführen soll, den Geist jedoch tötet. Und ich gewöhne mich daran, den wohllautenden, stolzen Frauennamen seltener und immer seltener in meine Gebete zu mischen. Doch er steht in meinem Herzen eingegraben mit unverlöschlichen Lettern, wie auf den Grabstätten der ersten Blutzeugen und Märtyrer das geschlachtete Gotteslamm und der symbolische Fisch. Meine Ordensbrüder lieben mich nicht. Das tut nichts. Abgesehen davon, daß niemand mich lieben darf, will ich von niemand geliebt sein. Nicht einmal ein Hund soll sich mir nahen, um meine Hand zu lecken! Es würde mir auch nicht leid sein, wenn Gott mich nicht lieben sollte. Mein Gelöbnis hat mich zur tiefsten aller Einsamkeiten verdammt, und die allertiefste Einsamkeit ist, wenn der Mensch von keinem andern Menschen geliebt wird. Überhaupt von keiner Kreatur. Folglich würde ich auch den Hund fortjagen, der käme, meine Hand zu lecken. Ich will einsam sein! Meine Ordensbrüder scheuen sich vor mir. Das ist mir recht. Ihre Scheu hält sie ab, sich mir gleich zu fühlen – unterschiedslos, wie wir alle sein sollen. Denn uns alle bekleidet die braune Kutte, umgürtet die weiße Schnur; wir alle sind gezeichnet durch Haltung und Gang; durch Tonsur, Miene und Blick ... Nein, darin unterscheide ich mich noch immer von allen! In Gang und Haltung, in Miene und Blick bin ich ihnen noch immer nicht gleich geworden, bin ich also noch immer kein Gezeichneter. Es reut mich noch immer nicht, demütiger Augustiner geworden zu sein, obgleich ich noch immer eine hochmütige Seele in mir trage und obgleich die Söhne des großen Kirchenvaters zu den geringsten Dienern des Herrn gehören; grade in unsrer Armseligkeit können wir zeugen, wie machtvoll wir sind. Von meinem Vater höre ich selten; er ist ein alter Mann geworden. Schloß Enna wird wohl mehr und mehr zur Ruine zerfallen sein. Sobald mein Vater das Zeitliche segnet, bekommt Schloß Enna einen neuen Herrn, der – nicht Junker Rochus heißt. Mein Herr Bruder wird eine Erbin freien. Dann kann aus dem Verfall eine neue Herrlichkeit erstehen, und ich könnte auf Schloß Enna Kaplan werden. Heimat! Heimat! Noch einmal auf der Plose den Hahn balzen hören; noch einmal im Schladererbach Forellen fangen; noch einmal im Platterhof. Judith Platter würde dem Hochwürden die Hand nicht küssen. Von ihr höre ich nichts – nichts! Sie muß jetzt eine vollerblühte Jungfrau sein; vielmehr ein herrliches Weib. Viele werden um sie geworben haben. Wer von den vielen hat sie zum Weibe genommen? Es muß ein Königsmensch sein mit einem Herrschergeist. Aber den ihren macht er sich doch nicht Untertan! Das vermag auf Erden nur einer. Ob sie ihrem Gatten von Junker Rochus erzählt? Was? Daß sie den Junker Rochus liebgehabt, wie sonst keinen andern auf der Welt; und daß der Junker Rochus der einzige ist, den Judith Platter liebhaben kann, der einzige, der zu ihr gehört, wie der Rosengarten zum Schlern ... Ob sie ihrem Ehegatten, von dem sie sich auf den Mund küssen läßt, wohl erzählt hat, daß sie mit Junker Rochus auf den Fluten des Eisacks eine Todesfahrt tat und daß sie jetzt bis zum Tode mit ihm vereint wäre, hätte er nicht gen Rom ziehen müssen. Aber Junker Rochus blieb in Rom, wurde in Rom Pater Paulus, und Judith Platter nahm einen andern zum Mann. Hilf, Gott, meiner geistlichen Seele! Es geschah zur heiligen Osterzeit, daß ich einen großen Entschluß faßte. Ich werde dem Superior in der Beichte das Geständnis ablegen, daß ich den Menschen in mir immer noch nicht überwand; daß dieser Mensch in mir noch immer nicht aufhört, nach dem zu schreien, was in mir von der Welt ist. Ich werde meinem Vorgesetzten beichten, daß ich mich verzehre in Sehnsucht und Heimweh. Heimweh! Selbst in meinen allermenschlichsten Stunden ließ ich mir dieses Wort nicht entschlüpfen, erstickte ich es in seinem ersten Laut. Heimweh! Das Weh ist Folterqual. Meiner Mutter Seele habe ich aus dem Fegfeuer erlöst und habe meine eigene Seele verdammt zu Leiden, gegen welche alle höllischen Flammen Frühlingslüfte sind. Heimweh! Wir Tiroler sterben daran. Den wilden Eisack wieder strömen zu sehen; die alten Kastanienbäume im Brixener Tal wieder rauschen zu hören; aus dem Erker von Schloß Enna die Gipfel der Dolomiten in Abendgluten sich entzünden zu sehen; die Luft der Heimat zu atmen und den Weg wieder zu wandern, der nach dem alten Herrenhause am Eingang des Schalderertals führt... Herr, Herr, sind in dieser Welt solche Wonnen denn möglich? Ich habe gebeichtet und ich habe für meine Schuld – denn mein Heimweh ist Schuld! – eine schwere Buße auf mich genommen. Aber welche Weisheit liegt in der mir auferlegten Pönitenz! Nur ein Priester der katholischen Kirche vermag mit solcher Weisheit zu strafen. Ich soll fort aus Rom; soll zurück nach Tirol, soll nach Kloster Neustift gehen. Angesichts der meinem Seelenheil drohenden Gefahr soll ich sie bekämpfen; in der Nähe von Judith soll ich über meine Leidenschaft triumphieren. Denn – Ja, ja, ja: ich liebe sie mit einer Leidenschaft, die verzehrender ist als himmlische Lohe. Ganz und gar trug ich meine Todsünde zu Gott. Und statt Kasteiung, statt Fasten und Gebet diese Strafe voller Weisheit, diese Buße voller Größe... Fort aus Rom; fort von dieser Stätte, wo ich meine Jugend begrub! Obgleich mein Antlitz noch immer nicht gezeichnet ward; obgleich ich mein Haupt noch immer hoch trage, habe ich doch keine Jugend mehr – jung, wie ich immer noch bin. Und meine Jugend war gleich einem Gesänge von Kraft, Hoffnung und Leben. Fort aus Rom! Nicht mehr St. Peter sehen; nicht mehr Vatikan und Lateran; nicht mehr Palatin und Kolosseum; nicht mehr Tiber und Campagna... Ich muß meinen Jubel gewaltsam ersticken, mein Frohlocken angstvoll verbergen. Zum Glück bin ich im Ersticken und Verbergen geübt, habe es darin zur Meisterschaft gebracht – schon jetzt, schon so bald. Aber ich will heute niedersteigen in die Katakomben zu den ersten toten Christen und den Bischöfen und Märtyrern zujauchzen, daß ich fortgehe aus Rom, zurückkehre in die Heimat; jauchzen will ich, daß die katholische Kirche göttlicher Weisheit voll ist. Eine Prüfung soll es für mich und meine Priesterschaft werden – meinte der hochwürdige Superior. Ich werde die Prüfung bestehen. Habe ich sie bestanden, so werde ich gefeit sein wider alles, was von der Erde ist. Geweiht werde ich sein. Dann erst gefeit und geweiht! Ich bereite mich vor, abzureisen. Es ist wie die Vorbereitung für eine Wallfahrt. Ich möchte von Rom und dem Grabe des Apostelfürsten fortziehen auf bloßen Füßen. Und sollte meine Pilgerfahrt durch Disteln und Dornen führen; sollten meine Füße blutrünstig und todmüde werden, mein Haupt versengt vom Sonnenbrände, meine Lippen verschmachten: ich pilgere der Heimat zu! Heimat! In dieses Buch, o Mutter, verzeichne ich dieses Wort, welches für meine Seele mehr frommen Wohllauts hat als alle Kirchenglocken Roms und der Christenheit. Ich habe das heilige Wort in dieses Buch geschrieben und mein Herz hat es geschrien alle diese Jahre, jeden Tag, jede Stunde. Sah ich auf meinem Wege durch Rom die Porta del Popolo, so dachte ich: ›Durch dieses Tor führt der Weg deiner Heimat zu!‹ Erblickte ich die etruskische Bergkette, so dachte ich: ›Dort, hinter jenem Gipfel, liegt deine Heimat!‹ Wehte der Wind von Norden her und stürmte er des Winters auch noch so eisig – es war Heimatluft! Oft ging ich bei wütender Tramontana aus dem Kloster. Ich ging hinaus in die Campagna, ließ mich vom Nordsturm umtosen und dachte dabei: ›Von den Alpen braust er her, geradewegs vom Brenner! Durch das Brixener Tal saust der Wind über die Eisackwellen; über die Gipfel von Eidechs und Plose, und um den Platterhof treibt er sein stürmisches Spiel! Vielleicht schreitet Judith bei seinem wilden Wehen durch den Frühlingsgarten oder unter den knospenden Wipfeln des Kastanienwaldes, über den Teppich purpurfarbener Orchideen. Sie läßt sich von dem Alpensturm umbrausen, ohne ihr Haupt zu beugen. Ich kenne sie! Ich weiß, daß sie blieb, was sie war: stolz und stark. Ich weiß, daß sie ihr Haupt und Herz nur einem beugen kann; aber der ward seiner toten Mutter zuliebe Priester und Mönch.‹ So dachte ich bei dem Wehen des Nordwindes; und in meinem tiefsten Herzen dachte ich weiter: ›Nur meines Willens bedarf es und – ich beuge dein Haupt! Wenn nicht mir, dem Priester, so beuge ich es dem Herrn, meinem Gott. Judith Platter – oder wie du jetzt heißen magst: ich setze Stolz gegen Stolz, Kraft gegen Kraft. Wer wird der Stärkere sein? Mann oder Weib?‹ Ich bin fort aus Rom ... Von der Veroneserklause aus wanderte ich zu Fuß. Die Etsch wanderte ich stromaufwärts. Die Etsch ist der Eisack. Ich hätte am liebsten mein priesterliches Gewand von mir getan und wäre in die rauschenden Wasser gestiegen, als wären sie der Fluß Jordan und ich müßte mit Heimatwasser die heilige Taufe empfangen. Gleich einem Verzückten schritt ich meines Wegs fürbaß zwischen rotbraunen himmelhohen Felsenmauern hin. Da ich Priester war, hätte ich Psalmen hersagen müssen; mein Mund blieb jedoch stumm. Aber meine Gedanken waren Gebete, und mein Herz jubelte den Psalm: Heimat, Heimat! Mit jedem Schritt, den ich vorwärts tat, wurde die Gegend heimatlicher. Himmel und Lüfte wurden mir vertraut. Wiesen und Buschwerk, Gräser und Blumen begannen zu mir die Sprache meiner Kindheit zu reden. Die ganze Natur brauste für mich auf zu einem Gesang, einem Hymnus. Als Junker Rochus war ich vor neun Jahren nach Rom diese Straße gezogen, als Pater Paulus wallfahrtete ich sie zurück. Nicht einmal mein Name war von dem alten Menschen übrig geblieben. Und dennoch – Kraftvoll vorwärtsschreitend, hoch erhobenen Hauptes und leuchtenden Blickes mußte ich an meiner Kutte herabsehen, mußte ich die mich umgürtende Schnur mit meinen Händen betasten, um zu glauben, daß Pater Paulus durch den sprossenden Frühling am Ufer der Etsch hinschritt, dem Brixener Tal entgegen, der Heimat zu. Wie unfaßbar wundersam ist es doch um das Gemüt des Menschen bestellt! Jahre des Kämpfens und Ringens, des Leides und der Qual kann eine einzige Stunde ungeschehen machen. Was hatte aller Kampf, was alle Qual genützt? Mit dumpfem Staunen mußte ich auf meinem Frühlingsgange erkennen, daß die vielen römischen Jahre in mir den Menschen nicht verwandelt hatten; daß ich nicht als Pater Paulus, sondern als Junker Rochus des Weges dahinschritt: leuchtenden Blicks, laut pochenden Herzens, heiße Sehnsucht in der Seele. Nur eines war anders: aus dem Jüngling war inzwischen ein Mann geworden. Hinter Trient fand ich am Flußufer die Stelle, an welcher das Judithlein und ich in jener Föhnnacht des Mai auf dem unter uns zerfallenden Weideneiland ans Land getrieben wurden. Ich erkannte den Platz an einer Felsenwand. Sie ragt wie eine Klippe aus den Wassern, die hier in jener Nacht in wilden Wirbeln getost hatten. Ein mühsames Erklimmen der steilen Ufer war es gewesen. Aber dann waren die beiden Kinder gerettet! Jetzt stand ich allein an demselben Fleck. Damals brach grade der Morgen an. Des steilen Absturzes wegen konnten wir uns nicht von der Stelle rühren, bis es vollends Tag geworden war. Wir standen und warteten, sahen die Sterne erblassen, sahen die Nacht hinsterben und den jungen Tag geboren werden. Es war so groß und feierlich, daß wir immer noch regungslos dastanden. Als über den Alpengipfeln die Sonne emporstieg, zog ich von meinem Finger einen Ring und – Und an den Ring hatte ich nie wieder gedacht! Er gehörte meiner Mutter und ich schenkte ihn dem Judithlein. »Ich nehme den Ring, auf daß du wissest und immer wissen sollst, wie meine Liebe dir gehört. Fest, fest werde ich an meinem Finger diesen Ring tragen. Er ist mir angeschmiedet und nichts kann ihn je von mir lösen.« Was geschah mir? Welcher Mund raunte mir diese Worte zu, als ich auf der Klippe über dem Flusse stand? Aus welchem Munde hatte ich diese Worte schon einmal gehört? Aus Judiths Mund. Wem galten die feierlichen Worte, die gleich einem Gelöbnis waren? Sie galten mir. Halb im kindischen Spiel hatte ich Judith den Ring meiner toten Mutter gegeben und voll heiligen Ernstes hatte das Kind meinen Ring genommen. Und das hatte ich in Rom vergessen können? Herr, mein Gott – dir habe ich Gelübde geleistet. Ich durfte es nicht; denn um mich dir anzugeloben, habe ich Gelübde gebrochen. Und was nun? Ich wußte es nicht; wußte nicht aus, nicht ein. Blitzgleich kam zu der Erkenntnis meiner Schuld eine andre: daß ich ein falscher, ein schlechter Priester nicht nur sei, sondern immer gewesen war. Die Erkenntnis kam mir, daß ich ein falscher und schlechter Priester immer bleiben würde... An der Stelle, an welcher ich damals mit Judith gestanden hatte, sank ich hin. Ich war wie ein von Gott Geschlagener. Mein Gesicht drückte ich gegen den Boden, darauf der geliebte Fuß geruht hatte. So lag ich, schaute tief in mich hinein, erkannte mich, rang – nicht mit meinem Gott, sondern mit mir. Aber wie ich auch rang, die Erkenntnis meiner Schuld konnte ich nicht zu Tode ringen. Sie wuchs und wuchs; stand vor mir riesengroß, titanisch, vernichtete meinen ganzen Menschen, zeugte wider mich, warf mich zu den Sündern, verdammte mich ... Gebrochen an Leib und Seele erhob ich mich, »erließ die Stätte meines vergeblichen Ringens; wandte mich von neuem der Landstraße zu; ging mit müden, schweren Schritten weiter. Das war jetzt der Gedanke, der mich auf meiner Rückkehr fortan geleitete ... Ich besaß ja wohl einen gewaltigen Willen? Mein Wille würde mir helfen, die mahnende Frage zu beantworten, und die Antwort zur Ausführung zu bringen. Einstweilen jedoch war meine Kraft durch mein Schuldgefühl in Bande gelegt. In diesem Zustande bereitete mir der demütige Gruß der mir Begegnenden große Qual. Jetzt erklang er noch in der fremden Sprache; plötzlich wurde dem Wiederkehrenden ein erster traulicher Gruß in Heimatlauten geboten. Kinder sprachen ihn aus! Ich erbebte und blieb stehen. Die Kinder wollten auf mich zu, um mir die Hand zu küssen. Ich wehrte sie unfreundlich ab. Sie sahen mich aus großen Augen an, schienen in meinem Gesicht etwas zu sehen, was sie erschreckte und – wichen scheu vor mir zurück. Was nun? Zunächst mußte ich mit müder Seele weiter wandern, näher der Heimat zu. Ich kam durch ein Dorf, welches ich wiedererkannte. In dem Wirtshause hatten wir beide, Judith und ich, damals gerastet, hatten wir ein Mahl eingenommen. Ich sah den Gasthof, ging vorüber; blieb stehen, kehrte um. Ich ging in das Haus, bestellte zu essen und zu trinken. In der Geißblattlaube, darüber damals ein goldgrüner Schimmer gebreitet lag, wollte ich das Mahl einnehmen. Damals hatte Judith mich fürstlich bewirtet; wir verzehrten mitsammen einen goldigen gewaltigen Eierkuchen und tranken dazu roten Tirolerwein. Ich war nicht der einzige Gast in der knospenden Geißblattlaube. Ein junges Paar war zugleich mit mir eingekehrt: zwei Zärtliche, Glückliche. Sie kümmerten sich nicht um mich. Für sie waren auf der Welt nur sie da! Im tiefsten ergriffen starrte ich zu ihnen hinüber. Junge, schöne Menschen waren es. Vor dem Wirtshause hielt der Reisewagen. Er war bekränzt, selbst die Pferde trugen Blumenschmuck. Also frisch vom Altar kamen die beiden! Sie fuhren den Strom hinunter, um ihr junges Glück nach Italien zu tragen. Daß es auf der Welt solches Glück gab! Als wären die beiden Glücklichen ein Wunder, starrte ich zu ihnen hinüber. Ein Wunder ist ja auch das Menschenglück! Es kommt vom Himmel zu uns herab. Alle Glücklichen sind zugleich Geweihte. Sie sind es mehr als wir, die wir die Geweihten des Herrn genannt werden. Ich bemerkte nicht, daß die Wirtin zu den beiden trat und laut mit ihnen plauderte. Plötzlich mußte ich hören, was sie sprach: von der großen Wassersnot jener Maiennacht! Die Wirtin erzählte, wie damals ganze Ortschaften zerstört und viele Menschenleben vernichtet wurden. Und bei all dem Entsetzlichen ein Geschehnis, welches einem leiblichen Wunder gleichkam: zwei Kinder wurden durch den Schutz der heiligen Jungfrau aus Wassersnot und Todesgefahr errettet. Und die Frau Wirtin erzählte von mir und dem Judithlein... Ich hörte zu; hörte, wie holdselig das Mägdlein gewesen, wie stattlich der junge Mensch. Ich hörte, wie lieb die beiden sich gehabt hatten und welchen Eindruck sie auf die Menschen gemacht: Wie vom Himmel selber füreinander geschaffen! Dann sagte die Frau: »Jetzt sind sie gewiß längst Mann und Frau!« Ich stand auf; wollte die Wirtin rufen; brachte jedoch nur einen heiseren Ton hervor. Als die Frau sich zu mir wandte, um nach meinem Begehr zu fragen, deutete ich stumm auf das Geld, welches ich auf den Tisch legte. Ohne zu grüßen, schritt ich aus der knospenden Geißblattlaube und davon. Ich wußte, daß die drei mir erstaunt, erschreckt nachschauten. Die beiden Glücklichen gewiß nur einen kurzen Augenblick. Hier brechen die Aufzeichnungen des Pater Paulus ab. Ende des ersten Teiles Zweiter Teil Pater Paulus Erstes Kapitel Vom Judithlein, welches inzwischen eine Judith geworden Judith Platter schritt durch den sprießenden Frühling, der das graue Haus des alten Geschlechts im »grünen, grünen Vahrn« am Eingang des Schalderertals mit einem Knospen und Blühen ohne Ende umglänzte. Von ihrem Gefolge – es hatte das Judithlein zu einer Märchenkönigin gemacht – war nur noch der Reiher übriggeblieben, und der war alt und flügellahm geworden. Zwar begleitete er die Herrin noch auf allen ihren Wegen. Aber nur mühsam, mit müdem Flügelschlag, hob er sich in die Lüfte, um adlergleich über dem Haupt der dunkelgewandeten Frauengestalt zu kreisen; und wenn er neben der stark und schnell Ausschreitenden einherflatterte, hatte der alte Herr etwas von der steifen Grandezza eines im Dienste seiner Fürstin ergrauten Kavaliers. Kein Judithlein mehr, sondern eine Judith, schritt die Herrin des Platterhofs an dem glanzvollen Lenzmorgen aus ihrem Hause. Sie war höher gewachsen als die andern Jungfrauen des gesegneten Brixener Tals, darunter sich überaus stattliche Gestalten befanden. Keine jedoch kam dieser jungen Tochter des ehrwürdigen Patriziergeschlechts gleich, weder an Ebenmaß der Glieder und Haltung, noch an Schönheit und Ausdruck der Züge. Judith Platters Schönheit war von einer seltsam herben, nahezu strengen Art, als hätten ihre dunklen Augen frühzeitig in des Lebens schattenvolle Tiefen geschaut, in Menschenschicksale und Menschenseelen, in der Dinge unerbittliche Wirklichkeiten. So glich sie denn in ihrem Wesen mehr einer jungen Frau voller Erfahrungen und Erkenntnisse, als einem von des Daseins Bitternissen noch unberührten Geschöpf, das sie ihren Jahren nach hätte sein müssen. Unbedeckten Hauptes, wie es so ihre Gewohnheit war, schritt sie über die Plattform der Terrasse, stieg die Stufen hinab unter die Wipfel der Edelkastanien, die den altertümlichen Edelsitz wie einen feierlichen Hain umgaben und die jetzt ein leichter, schimmernder Schleier umwob; entlockten Frühlingssonne und Lenzluft den grauen Ästen der alten Riesen doch erst jetzt ein spätes schüchternes Sprießen, während sich ringsum die Welt bereits mit frischem Grün und bunten Blüten bedeckt hatte. Judith brauchte nicht erst auf den schmalen Goldreif an ihrer rechten Hand zu sehen, um bei der Frühlingspracht eines Entfernten zu gedenken: ›Wie mag es in Rom sein, wenn es dort Frühling wird? Keine Maienwonne wie bei uns. Nur wo der Winter lang und hart ist, nur wo der Mensch leidenschaftlich nach neuem Lenz und Leben sich sehnt, kommt er gleich einem Erlöser von Eisesbanden und einem himmlischen Freudenspender ... Rom! Es soll eine heilige Stadt sein und es macht Abtrünnige, Treulose, Verräter. Ihn, den ich nicht vergessen kann, hat Rom sogar gegen sich selbst treulos und abtrünnig gemacht. Denn es ist nicht wahr, daß er aus heiliger Sohnesliebe Geistlicher und Mönch ward. Etwas andres gewann in der Tiberstadt Gewalt über ihn ... Was? Ich will darüber nicht nachdenken, muß es trotzdem und finde es nicht.‹ Darüber nachdenkend und es nicht findend, nahmen ihre ernsthaften Augen jenen Ausdruck an, den alle, die sie gut kannten, an ihr scheuten. Es war, als stiege aus ihrer Seele etwas in ihren Blick auf: etwas Dunkles und Unheilvolles. Auch um ihren Mund, der weich und schwellend war, das einzige Liebliche an diesem herben Frauenwesen, legte sich ein harter, fast feindseliger Zug, als erstickte sie ein verächtliches Wort. Ein solches aussprechen zu müssen, wäre für sie bittrer gewesen, als wenn sie zu einem einstmals geliebten Menschen gesagt hätte: »Ich hasse dich!« Judith Platter war eine zu kraftvolle, zu gesunde Natur, um mit einem großen Leid nicht fertig zu werden, und es wäre auch ein Leid gewesen, das zu ihrem Leben geworden war. Aber in ihrer Natur lag zugleich, daß sie nicht vergessen konnte – nicht vergessen wollte . Nur schwache Menschen wollen vergessen und nur solche vermögen es. Wie sie den unansehnlichen Goldreif am Finger behielt, wollte sie ihre herrliche Jugendliebe im Herzen behalten. Das war nun einmal so ihre Art. Wenn der Junker Rochus für sie auch gleich einem Gestorbenen war – er hatte sich selbst für Judith Platter getötet –, so blieb er doch in ihrer Seele lebendig, die die Qualen der Erinnerung nicht fürchtete, wie die matten Gemüter zu tun pflegen. So geschah es, daß ihr ganzes Leben mit allem Denken, Empfinden und auch Handeln gleich einem Gemälde von einem Hintergrund sich abhob, der ihre Kindheit und erste Jugend, ihre erste Freundschaft und Liebe war. Dieser Hintergrund erschien jedoch nicht etwa als einförmig dunkle Wolkenwand; es war vielmehr eine Tafel, überflutet von Goldglanz: ›Wie schön und stolz er war, wenn er auf seinem Falben angesprengt kam, um mich zu grüßen. Ein Königssohn könnte nicht stolzer sein. Die Wipfel unsrer Kastanien wölbten sich über ihm wie eine Kuppel aus Smaragd, und die roten Orchideen breiteten einen Purpurteppich zu seinen Füßen ... Nie wieder kommt er geritten; nie wieder schaut er den Frühlingsglanz in seiner Heimat. Und würde ich durch Jahre hier stehen und auf ihn warten – er käme nicht. Den Kuckuck höre ich jeden Mai rufen; doch seine helle Stimme ist für immer verklungen. Und sie war für mich wie Frühlingsgesang.‹ Judith durchschritt mit ihrem gefiederten Gefährten die feierliche Waldung, gelangte an den Rand eines von dunklen Erlen und lichten Birken eingefaßten Baches und über einen Steg an das jenseitige Ufer. Hier wandte sie sich dem Ursprung des Bergwassers zu und stieg auf schmalem Pfade eine tannenbewachsene steile Lehne empor, begleitet von dem geschwätzigen Rauschen des Wildbachs. Blaßblaue Veilchen, gelbe Primeln und weiße Anemonen schmückten die durch die Waldesschwärze schimmernde frischgrüne Wiese, die auf der andern Seite des Baches den sonnenbeschienenen Berg sich hinanzog. Finken übten ihre Lieder ein, mit denen sie auf fröhliche Freite ausziehen wollten, und eine Amsel flötete in so süßen Tönen, als wollte sie zeigen, die Welt bedürfe der Nachtigall nicht, um schmelzende Sehnsuchtsweisen zu hören. Aber von den Bergen des Schalderertals herüber kreiste hoch in den Lüften eine Weihe und stieß von Zeit zu Zeit einen gellenden Ruf aus, den Schrei des beutegierigen Räubers, der sein Opfer sieht. Mit dem bedächtigen Schritt des Alpenkindes stieg das junge Mädchen durch den Tann aufwärts, ließ den Bach hinter sich und wurde fortan nur noch von dem Wipfelrauschen, dieser die Seele einwiegenden mystischen Musik des Waldes, begleitet. Kundigen Augs musterte Judith den Stand des noch jungen Forstes. Er befand sich in bester Ordnung. Das üppig wuchernde Unterholz und alles Dürre war sorglich entfernt, sämtliche krüppelhaften Stämme unerbittlich geschlagen, damit die gesunden sich kräftig entwickeln konnten. Man mußte weit wandern, um einen ähnlichen Waldbestand zu finden, die Staatsforsten nicht ausgeschlossen. Und alles hatte der starke Wille des jungen Frauenwesens vollbracht, das keinen andern Lehrmeister kannte als den eigenen verständigen Sinn. Durch die Dämmerung der freien Höhe zustrebend, folgten der Herrin des Platterhofs ihre Gedanken, die gleichfalls nach oben drängten, lichten Gipfeln zu: ›Arbeit. Es ist doch das Höchste im Leben! Arbeit vom Morgen bis zum Abend; Arbeit jahraus, jahrein; Arbeit voller Sorgen und Schweiß. Denn nur solche ist gesegnete Arbeit; um so gesegneter, je mühevoller sie ist. Arbeit als Lebensfreude, als Lebensglück – das einzige Glück, das der Mensch sich selbst geben kann ... Hier habe ich des Glücks nicht genug; denn ich habe hier nicht genug Arbeit.‹ Unwillkürlich hob sie ihr Haupt. Sie gewahrte ein verdorrtes Tännlein, das der Waldhüter übersehen hatte; ging hin; faßte den dürren Stamm; riß ihn mit einem starken Ruck aus dem Boden; warf ihn jedoch nicht fort, sondern führte des Waldes toten Sohn als Stecken mit sich, um ihn an geeigneter Stelle einen steinigen Abhang hinunterzuschleudern. Nun erreichte sie die Höhe. Ein Schritt und sie trat auf eine von prachtvollen Lärchen umschlossene kreisförmige Halde, von der aus der Blick weit hinschweifte über das Brixener Tal, über die Plose und die Berge von Albeins bis zu den weißen wilden Geislerspitzen hinüber. Der steile Weg hatte Judith so wenig angestrengt, daß sie nicht tiefer Atem holte, als wäre sie auf ebener Landstraße gegangen. Wenn sie jetzt stehen blieb, so geschah es nicht, um auszuruhen, sondern um sich der weiten Umschau zu freuen: ›Stünde der Platterhof nicht bereits seit drei Jahrhunderten an seinem festen Platz, würde ich ihn hier oben aufführen lassen. Ein Hausen in der Höhe ist doch etwas andres, als in der dumpfen Tiefe zu sitzen; das ganze Leben wird dadurch in die Höhe gehoben. Was tut es, wenn hier oben die Stürme wilder toben, das Tagewerk mühsamer ist? Ich will damit schon fertig werden!‹ Wer sie gesehen hätte, wie sie schlank und stark auf der hohen Waldwiese stand, der hätte sich diese Frauengestalt nicht in Tiefen und Engen vorstellen können; Judith Platter gehörte auf Gipfel, umbraust von Alpenstürmen, denen sie widerstand, die sie nicht umwarfen ... Mit hellem Blick schaute sie jetzt hinab auf das große Landschaftsbild zu ihren Füßen, auf das vom Eisack durchflutete frühlingsgrüne Tal mit der vieltürmigen ehrwürdigen Bischofsstadt Brixen. An den Abhängen über noch winterlichen Weinbergen lagen von schwärzlichen Tannen und lichten Lärchen umstandene Höfe mit weißen Mauern und grauen Schindeldächern; lagen, überragt von spitzigen, himmelan weisenden Kirchtürmen, einsame Dörfer, häufig noch in Höhen, wo Wald und Wiese ihr Ende erreichten. Das Bild von Tal und Berg abschließend, durchschnitt den Äther die gewaltige Kette der Dolomiten mit unzugänglichen kahlen Schroffen und Spitzen, mit Zinken und Zacken, die sich in den Himmel zu bohren schienen, eine prachtvolle, eine furchtbare Felsenwelt, in einem Glanz erstrahlend, als würde sie von einem mystischen Feuer durchglüht. Von der schönen Halde aus auf die leuchtenden Gipfel schauend, kam Judith ihr Kindertraum in den Sinn: auf unwirtlichen Höhen in Wildnissen ein Stück Kulturland zu schaffen, aus eigenem Willen, eigener Kraft. Auch heute lächelte sie nicht über die Phantastik des Gedankens; selbst heute noch erschien ihr eine Erfüllung desselben gar köstlich. Sie dachte daran, wie empört Junker Rochus darüber gewesen war und daß er sie deshalb fast verachtet hatte: die letzte Platterin wollte den Hof der Platter verlassen, das Alte und Ehrwürdige mit Neuem und Gleichgültigem vertauschen, wollte sich selbst treulos werden! Nun hatte sie das Alte als Herrin verwaltet, hatte geordnet und gebessert, bis es nichts mehr zu ordnen und zu bessern gab. Sie, das Mädchen und die Bürgerin, hatte gearbeitet, hatte geschafft und gewirkt, indessen der Mann, der Edle, gebetet, gefastet und gebüßt hatte. Er lebte für den Himmel und die Ewigkeit – sie für die Erde und die Zeitlichkeit. Mit jedem Herzschlag war sie Judith Platter geblieben, während er – Pater Paulus geworden. Ihr Blick wollte die Stätte meiden; dennoch schaute sie hin, zu Schloß Enna hinüber. Grade noch konnte sie es von ihrem hohen Standpunkt aus erblicken: dort, wo das Brixener Tal sich engte und bei der Waldschlucht eine Bergkulisse sich vorschob. In der Talsohle sowohl wie auf den Höhen schmückten Edelsitze und Schlösser das reiche Land; viele mit Türmen und Zinnen gleich Festungen und alle mit einer Vergangenheit, die in des Landes Geschichte verzeichnet stand. Aber keine dieser alten stolzen Herrenburgen zwischen Mühlbach und der Klosterstadt Klausen glich an Schönheit der Lage und Ehrwürdigkeit seines Baues dem Stammsitze der Grafen von Enna, deren Jüngster in Rom betete, statt seine Hände zu rühren. Und wie jung und stark sie waren, Hände, geschaffen zur Arbeit! Zu einer Lebensarbeit voller Mühen, aber zugleich voller Kraft. Wenn sie dann abends von einem schweren, einem köstlichen Tagewerk ausruhten, so hätten andre Hände nach ihnen sich ausgestreckt um sie zu fassen und zu halten, bis der Tod von einem mühseligen, einem durch seine Mühsal gesegneten Tagewerk die fest verbundenen leise, leise löste ... Als sie von der Besichtigung des Forstes auf den Hof zurückkehrte, kam ihr die Schließerin entgegen mit der Meldung, von Schloß Enna sei ein Bote geschickt worden, sie möge sogleich kommen! Sie fragte: »War es der alte Florian?« »Einer von den jungen Knechten war's.« »Und er sagte?« »Der gnädige Herr Graf lasse die Jungfer Platterin bitten, sogleich auf das Schloß zu kommen.« »Weshalb?« »Das wußte der Mann nicht. Aber –« »Aber was?« »Auf Schloß Enna muß etwas geschehen sein.« Auf Schloß Enna etwas geschehen ... Und der Graf von Enna schickte nach ihr. Das war seit langem nicht vorgekommen. Judith Platter hatte sich von dem Grafen von Enna abgewendet: die Bürgerin von den Adelsleuten. Seit der Untreue des einen Grafen von Enna gegen sich selbst wollte sie mit der ganzen Sippe nichts mehr zu schaffen haben. Sie konnte jedoch nicht verhindern, daß sie bei dem bloßen Klange des wohllautenden Namens ein heißes Erbeben fühlte. Heute nun rief man sie hin. Was war geschehen? Etwas Wichtiges, Großes. Nichts Freudiges. Auf Schloß Enna konnte etwas Frohes sich nicht mehr begeben, seitdem des Hauses jüngster und liebster Sohn nach Rom gewallfahrtet und in Rom geblieben war – seitdem der alte einsame Mann der Rückkehr des andern Sohnes harrte, in dem das edle Geschlecht fortleben sollte. Der Älteste, jetzt Einzige des Stammes, befand sich noch immer in Wien, war noch immer unvermählt, scheute die Rückkehr in seiner Väter Haus, das inzwischen mehr und mehr zur Ruine ward. Und wie das Haus, so der ganze Besitz. Dieser Älteste und Einzige war am Kaiserhofe zu Wien ein gar glänzender Kavalier, der Schulden über Schulden machte, infolgedessen von dem schlecht verwalteten väterlichen Eigentum jedes Jahr ein Acker um den andern, eine Flur, eine Waldparzelle um die andre verkauft werden mußte, damit der Älteste und Einzige ein glänzender Kavalier sein konnte. Wie verächtlich das war! Aus voller Seele verachtete Judith Platter solch vornehmes Wesen. Junker Rochus hatte es verächtlich gefunden, daß sie ihr väterliches Erbe hingeben wollte, um durch den Erlös etwas Junges und Zukünftiges zu schaffen, und dieser Erbe seines Stammes verpraßte Haus und Gut. Jetzt wurde sie in Eile nach Schloß Enna gerufen – Was wollte man dort von ihr? Was hatte sie dort noch zu tun? Sollte sie etwa helfen und retten? Sollte die Herrin des Platterhofs vielleicht Herrin von Schloß Enna werden? Weil es der Älteste und Einzige bis auf den letzten Acker in der lustigen Donaustadt verjubelt hatte? Deshalb berief man sie plötzlich, dazu brauchte man sie jetzt. Sie erkundigte sich nochmals bei der Schließerin: »Ich soll wirklich sogleich kommen?« »So schnell Ihr kommen könnt.« »Und der Bote sagte kein Wort?« »Er sagte, es müsse ein Unglück geschehen sein.« »Dem alten Herrn?« »Nein.« Wenn es das wäre! Ein Unglück geschehen in Rom mit dem Jüngsten und einstmals Liebsten? Wenn Rochus von Enna in Rom gestorben wäre? ... Rochus von Enna war gestorben. Gestorben für die Welt; gestorben für sein Geschlecht; gestorben für die Geliebte, die Braut. Wenn man in Rom den längst Gestorbenen jetzt begraben hätte, wie man andre Tote begrub? Wenn sie sich ihn fortan als stillen, stummen Mann vorstellen durfte, mit ewig regungslosen Händen, ewig geschlossenen Lippen ... Solcher Tod mußte schön sein! An dem Grabe eines geliebten Menschen trauern zu dürfen, war Trost und Glück im Vergleich zu dem Jammer um einen Gestorbenen, den man in seiner Seele zu Grabe tragen mußte ... »Sogleich soll der Fuchs eingespannt werden!« Dem Befehl war anzuhören, wie widerwillig er erteilt ward. Sie hatte dabei einen Zug um die Lippen, der diesen jungen weichen Frauenmund nahezu hart erscheinen ließ. Während die Schließerin nach der Stallung eilte, begab sich Judith ins Haus, um für die Fahrt sich zu richten, als ob sie bei Fremden einen Besuch abstatten wollte. Zu dem grauen Kleide aus einem seidig schimmernden festen Stoff setzte sie den breitrandigen Florentiner Strohhut auf, der vollkommen unverziert war. Wie anders hatte sie in andern Zeiten diesen Weg angetreten: über Brixen, den rauschenden Eisack hinab, bis sie den stumpfen Turm, der mit braunrotem Ziegeldach den Gipfeln des Schloßbodens entstieg, voll verhaltenen Jubels grüßte. Judith ging in den Garten, der in üppigster Frühlingspracht prangte, und pflückte einen mächtigen Strauß weißer Narzissen, weißen Flieders und weißer Schwertlilien: ›Die Blumen bringe ich seiner Mutter. Sollten sie ihn in Rom begraben haben, kann ich keinen Kranz auf sein Grab legen. Seine Mutter mag ihm sagen: Judith Platter legte für dich aus ihrem Garten einen weißen Frühling auf mein Grab ... Morgen ist der fünfzehnte Mai. Sein Geburtstag! Vielleicht wird er gerade morgen zu Grabe getragen.‹ Sie fühlte ihre Glieder plötzlich schwer von der Frühlingsluft, darin Wehen des Südwindes war, des Windes von Rom her! Müden Schrittes ging sie zu dem leichten Gefährt, davor der junge Fuchs ungeduldig den Boden stampfte, die Herrin mit freudigem Wiehern grüßend. Fast wäre sie, die Starke und Aufrechte, mit ihrer Blumenlast einen Augenblick stehen geblieben, um eine plötzliche Schwäche zu besiegen: ›Vielleicht wird er grade morgen zu Grabe getragen –‹ Und sie stand da, an ihrem Finger seinen Ring, den keine Hand abstreifen, in ihrem Herzen seine Treulosigkeit, die nichts sie vergessen machen konnte. Und im Herzen ihre Liebe, die nichts zu töten vermochte; die noch gewaltiger, noch herrlicher in ihr aufleben würde, wenn sie ihn in Rom zu Grabe getragen ... Behutsam, fast zärtlich, legte sie die Blumen in den kleinen Tiroler Wagen, der fest genug gebaut war, um die Tiroler Straßen ertragen zu können; stieg auf; ließ sich die Zügel reichen, wies den Knecht ab: »Ich brauche dich heut' nicht.« Sie erteilte für Haus und Wirtschaft noch einige Befehle, falls sie vor Nachtanbruch nicht zurück sein sollte, und fuhr dann fort, eine kurze Strecke von ihrem Hofmarschall begleitet. Aber der in ihrem Dienste ergraute würdige Herr hatte steife Beine und seine Flügel trugen diesen Segler der Lüfte auch nicht mehr recht. Judith fuhr durch den Kastanienwald, um dessen Wipfel der Lenz goldige Schleier webte, dessen Grasboden in dem Purpur der Orchideen erglühte – genau so wie es Frühling um Frühling war, wie es Frühling um Frühling sein würde, während die Geschlechter, die auf dem Sitz der Platter hausten, daselbst lebten, arbeiteten, starben, um neuem Leben, neuer Arbeit, neuem Sterben Raum zu geben. Wenn Judith Platter nicht Ehefrau und Mutter einer jungen Generation ward, fiel alles, was sie zurückließ, weit entfernten, nie gesehenen Verwandten zu, die sie nichts angingen. Schon deshalb sollte der Hof in Hände gelangen, deren Tatkraft und Arbeitsfreudigkeit sie kannte. Sie wollte sich danach umtun. Und das bald; das schon jetzt. Indessen ihre Gedanken mit dem Ziele und der Ursache ihrer Fahrt beschäftigt waren, hielt sie Umschau in ihrem Eigentum, kein Versinken in Sorge und Vergessen ihrer Herrinpflichten sich gestattend: ›Die Marillenbäume stehen gut in Blüte. Wenn kein Nachtfrost mehr kommt, werden sie prächtig Frucht ansetzen. Die Pflanzung anzulegen, war damals klug von mir. Freilich wollte ich gar nicht klug sein, sondern nur Nutzen schaffen. Für Klugheit besitze ich nicht die geringste Begabung. Das schadet nichts. Die klugen Leute im Tal machen mir jetzt meine Pflanzung nach, selbst die Schloßherren. Nur nicht der Graf von Enna. Ihm erscheint solch neues Wesen seines alten Namens nicht würdig. Dem Manne ist eben nicht zu helfen. Das Alte und Morsche, das nicht das Neue und Kraftvolle will und tut, mag in Gottes Namen in sich selber verfallen, sich auflösen, zugrunde gehen ... Kürzlich hat wieder ein welscher Bauer einen Maisacker vom Schloßgut angekauft und darauf ein Haus errichtet. Wir selbst bringen unser schönes Land Tirol an unsre schlimmsten Feinde; denn das sind die Leute von dort unten. Meinen Platterhof muß ein Tiroler von echter rechter Art bekommen. Lieber deutsch als mit nur einem welschen Blutstropfen in den Adern! Der eine Blutstropfen kann für uns noch einmal zur blutigen Sündflut werden, darin ganz Tirol versinkt... Und er blieb in Rom!‹ Da war ihr Gemüt wiederum bei dem einen Punkt angelangt, um den ihre stolze Seele kreiste wie der Königsadler um den Gipfel des Schlern. In Brixen wurde die junge Herrin vom Platterhof viel gegrüßt: mehr achtungsvoll als vertraulich. Viele blieben stehen, schauten dem schmucken Gefährt und seiner Lenkerin wohlgefällig nach, stellten die Betrachtungen an: »Weshalb sie wohl immer noch einspännig durchs Leben fährt? Als ob sie nicht auch jung wäre und ein Herz in der Brust hätte, genau wie andre Frauenzimmer. Unter den Besten brauchte sie nur zu wählen: unter Männern, die unsre Edelfräulein nicht abweisen würden. Aber der Platterin scheint keiner gut genug. Sauber ist sie und tüchtig wie keine Zweite im Lande; aber auch wie keine Zweite hochmütig und streng.« So oft Judith durch Brixen fuhr – sie tat es nur notgedrungen und nur einige Male des Jahres – mied sie den Gasthof zum »Elefanten«. Lieber machte sie einen Umweg durch die von steinernen Laubengängen eingefaßten engen Gassen der altertümlichen, frommen Stadt, wo alle sie kannten und wo sie sich doch fremd fühlte. Fremd wollte sie bleiben. Mit jedem Jahr empfand sie mehr und mehr, wie wenig Gemeinsames sie mit den Menschen besaß. Selbst mit ihren Landsleuten. Es jagte sie förmlich aus dem fruchtbaren, reich bevölkerten Tale in die Einsamkeiten der Höhen hinauf. Jetzt ging die Fahrt wiederum längs des Eisacks hin, über eine Brücke, die einem Stege glich, durch graue Dörfer, an hochgiebligen Edelsitzen vorüber; dann grüßte sie mit Blick und Seele, was für sie nicht mehr auf der Welt sein sollte und doch einen Teil ihrer Welt ausmachte. Unterhalb des Schloßbodens hielt sie den Fuchs an. Sie schlang die Leine um eine Esche, nahm die Blumen aus dem Wagen und stieg einen Pfad hinauf, der durch ein nachtdunkles Gewölbe von Wipfeln und Zweigen zu der Kapelle und den Grüften der Grafen von Enna führte. Bevor sie im Schlosse vernahm, weshalb sie so eilig gerufen ward, wollte sie den beiden Toten ihre Blüten bringen; galt ihr Gang doch auch dem Sohn seiner Mutter. Als sei an der offenen Gruft die junge gute Frühlingsgöttin vorübergegangen, still gestanden und für einen Augenblick eingetreten, um von ihrer Fülle auch den Toten abzugeben, erschien Judith Platter in dem dämmerigen Raum. Sie schritt zu dem Stein am Boden, darunter eine müde Seele zur Ruhe gebettet wurde, und ließ aus ihren Armen die duftende lichte Last niedergleiten – niedergleiten auf eine hingesunkene dunkle Gestalt. Wie zu Boden gestreckt lag der Mönch auf dem weißen Marmor, wie auf einen Toten fielen Judiths Blumen auf den Regungslosen herab, auf den Sohn, der zur Mutter zurückkehrte. Da er sein Gesicht auf den Grabstein preßte, konnte sie ihm nicht ins Gesicht sehen. Um zu wissen, wen sie mit ihren Blumen zudeckte, bedurfte es jedoch nicht erst des Anblicks seiner Züge. Sie stieß keinen Schrei aus, tat keinen Laut. Aber als sie sich bewegen wollte, um sogleich wieder zu gehen, konnte sie kein Glied rühren. Sie blieb regungslos wie der Sohn auf dem Grabe seiner Mutter, der sich von ihren Blumen einhüllen ließ, ohne eine Bewegung zu tun, ohne es überhaupt zu empfinden – so sehr war seine Seele bei der Toten. Sie stand neben ihm; blickte auf ihn herab; würde ihr Leben dafür gegeben haben, hätte sie sich zu ihm herabbeugen, ihn mit beiden Armen – ihren starken Armen! – umfassen und emporziehen können, um sein Haupt an ihre Brust, an ihr Herz zu legen, voller Schwesterliebe: »Ruhe aus, du von deinem verfehlten Leben Todmüder! Hier ist dein Platz, um zu ruhen.« Ihr Leben würde sie dafür gegeben haben, hätte sie sich zu ihm niederwerfen und neben ihm daliegen können, selbst einer Toten gleich, mit ihm zusammen gestorben, im Tode mit ihm vereint. Sie konnte nicht, durfte nicht! Regen mußte sie sich; sich abwenden von ihm, der von ihr sich abgewendet hatte. Sie mußte davonschreiten, hinaus, ohne stehen zu bleiben und zurück zu schauen; nicht mit einem einzigen Blick! Aber jetzt – Plötzlich regte er sich wie im Traum; wie im Traum sprach er ... Sie mußte fort! Nicht einen Augenblick länger durfte sie bleiben! Sie durfte nicht mitanhören, was ein Sohn seiner Mutter sagte: dieser Sohn dieser Mutter. Sie wollte fliehen und sie blieb. Was rief er jetzt ... Einen Namen? Seiner Mutter Namen? ... Wie ein Verzweifelnder, von seinem Gott Verlassener, seinem Gott Ausgestoßener schrie der Priester auf dem Grabe seiner Mutter den Namen zu der Toten hinab: immerfort nur den einen Namen: »Judith! Judith! Judith"« Ihr Name von diesen Lippen mit dem Aufschrei eines Sterbenden gerufen, gab Judith die Kraft, ihrer Entgeisterung sich zu entreißen. Mit einem Gesicht, weiß wie die Blumen, die sie gebracht hatte, entfernte sie sich. Zweites Kapitel Judith! Judith! Judith! Von den Toten hinweg ging sie hinaus in den leuchtenden Maientag, an dem ein Toter auferstanden war. Nicht für sie. Für sie blieb er gestorben, begraben. Nach wie vor las sie mit ihrem inneren Auge die Grabschrift, die sie ihm im Geiste gesetzt hatte: »Hier ruht selig in seinem Gott: Rochus, Graf von Enna, gestorben in der heiligen Stadt Rom.« Können Tote reden und einen Namen rufen? Können sie seufzen, schluchzen, weinen? ... Ihren Namen rief er. Auf seiner Mutter Grabe rief er seiner Mutter ihren Namen zu. Ihr Name war auf seiner Mutter Grab sein Gebet: »Judith! Judith! Judith!« Sie mochte sich wehren, wie sie nur konnte. Aus dem Munde des für sie Gestorbenen vernahm sie fort und fort ihren Namen: gesprochen wie eine inbrünstige Bitte an die tote Mutter, ihrem Sohn zu verzeihen, daß er auf ihrem Grabe diesen Namen nannte; gerufen wie ein Flehen um göttliche Gnade; aufgeschrien zum Himmel wie ein Sterbender, der leben will: »Judith! Judith! Judith!« Und bei dem Aufschrei ihres Namens ein Seufzer gleich Stöhnen, ein krampfhaftes Schluchzen, daß sie den ganzen Mann erbeben sah, ein ersticktes Weinen ... Gewiß waren es die ersten Tränen, die er seit seiner Mutter Tod geweint hatte. Durch den jubilierenden Vogelsang, durch das Frühlingsweben in den Wipfeln vernahm sie fort und fort ihren Namen: »Judith! Judith! Judith!« Seine Stimme ... Auf den Klang seiner Stimme lauschte sie seit dem Tage, an dem er von ihr Abschied genommen hatte und nach Rom gezogen – nach Rom »gewallfahrtet« war. Sie kannte keine menschliche Stimme von solchem Wohllaut. Maiensonne und Lenzesjugend leuchteten und jauchzten darin. Mit dieser leuchtenden, jauchzenden Stimme betete er fortan sein ganzes Leben lang den Herrn an, sang er Psalmen ab, Responsorien und Litaneien. Und wie zärtlich seine Stimme klang! Mit welchem Ton von Sehnsucht, Leidenschaft, Liebe – Dagegen gewehrt hatte sich Judith Platter. Trotzdem mußte sie ihrer Seele beständig auf den Ton von Sehnsucht, Leidenschaft, Liebe lauschen, der in seiner Stimme lebte, wenn er zu ihr sprach. Nun hörte sie plötzlich seine Stimme wieder, und es war darin immer noch jener Klang, bei dem es sie mit Schauern überlief. Aber nicht den geheiligten Namen »Mutter« rief der auf das Grab Hingesunkene; auch nicht dreimal den gebenedeiten »Maria«, sondern er rief den Namen einer irdischen Frau – ihren Namen ... Judith mußte sich fassen. Sie mußte begreifen, daß sie nicht träumte und sich in einer wirklichen Welt befand. Frühling war's. Um sie her ergoß sich die ganze glanzvolle Frühlingsherrlichkeit. Es war seine Heimat, die er geliebt hatte, fast noch mehr als das Judithlein; seine Heimat, der er treulos geworden war, ebenso schmählich wie sich selbst. Und jetzt war er zurückgekehrt! Deshalb also hatte man sie gerufen ... Wie konnte man sie deshalb nach Schloß Enna rufen? Was ging diese Rückkehr sie an? Es war ja doch nicht die Wiederkunft eines verlorenen Sohnes. Der Graf von Enna brauchte kein Kalb schlachten und zu dem Festschmause Gäste laden zu lassen; war doch sein jüngster und liebster Sohn niemals verloren gewesen, konnte daher niemals wiedergefunden werden. Was hatte sie hier noch zu suchen? ... Nichts. Was mußte sie jetzt tun? ... Sofort umkehren. Das kam davon, daß sie dem Rufe gefolgt war. Was hatte sie mit diesen Menschen zu schaffen? Wäre sie ihnen doch stets so fremd geblieben, wie ihre ganze Wesensart der ihren war und immer bleiben würde. Sie kam zu ihrem Gefährt. Freudig wieherte der Fuchs der Herrin entgegen. Judith trat zu dem prächtigen Tier und streichelte seinen Hals; sie mußte berühren, was ihr Eigentum war. Weich, fast zärtlich glitt die kräftig gebräunte Frauenhand über das seidig schimmernde Fell. Diese Hand war das Liebkosen gar nicht gewohnt, selbst nicht bei ihren vierbeinigen Lieblingen. »Wir fahren wieder nach Hause!« Ohne es recht zu wissen, sagte sie es laut, als könnte ihre Stimme die andre in ihrem Innern übertönen, die beständig ihren Namen rief. Im Begriff, die Leine vom Baume zu lösen, sah sie den alten Grafen den Schloßberg herabkommen, ihr entgegen. So mußte sie denn bleiben und von dem Vater sich berichten lassen, sein Sohn sei zurückgekehrt! Sein jüngster und liebster Sohn. Wie sah der Mann aus! Nicht, als hätte er ihr eine Freudenkunde zu bringen. Der Graf von Enna schien über Nacht ein Greis geworden zu sein, als wenn ihn über Nacht ein Schicksal getroffen. »Wo bleibst du, Judith? Ich sah dich anlangen. Aber du kamst nicht.« »Nein, ich kam nicht.« »Ach, Judith! Judith! Judith!« Auch sein Vater rief sie bei Namen. Dreimal! Verzweiflungsvoll, in ausbrechendem leidenschaftlichem Jammer. »Judith, mein Sohn ist tot!« Judith starrte den Vater des Heimgekehrten an, als spräche Wahnsinn aus ihm. Sie wollte dem Manne zurufen: »Dein Sohn lebt!« – blieb jedoch sprachlos. »Erschossen hat man ihn. Wegen einer Weibersache. Mitten durch das Herz. Eine verheiratete Frau, du verstehst. Solchen schimpflichen, schändlichen Tod. Ein Graf Enna! In Wien verdarb man ihn. An Leib und Seele ward er faul. Nun ist er tot. Und mein Sohn Rochus ist in Rom, mein Sohn Rochus ist Pater Paulus. Ich habe keinen Sohn mehr. Judith! Judith! Judith – keinen Sohn habe ich mehr.« Sein Sohn Rochus, der sein Sohn nicht mehr war, in Rom ... Also wußte der Vater noch nichts von seines Sohnes Heimkehr. Der Heimgekehrte war zuerst zu seiner Mutter gegangen, um auf ihrem Grabe den Namen seiner toten Jugendliebe zu rufen. Aus Judiths Munde sollte der Greis jetzt erfahren, daß in der Gruftkapelle seines Geschlechts ein Mann im Gewande eines Augustinermönchs hingesunken dalag wie von der Hand Gottes niedergeworfen auf das Grab der Frau, der zuliebe er ein Gottgeweihter geworden. Judith mußte den kinderlosen alten Mann auf den Heimgekehrten vorbereiten. Sie faßte seine Hand und sagte mit einem Ton, der wie aus der Jugendzeit klang: »Wir wollen gehen.« Nach einem schweren Schweigen setzte sie leise hinzu: »Der eine, der in Rom ist, wird gewiß wiederkommen.« Fast wild rief der Alte ihr zu: »Wiederkommen muß er! Wieder mein Sohn Rochus muß er werden! Ist er doch jetzt seines Namens und Stammes Letzter. Der heilige Vater muß mir den Letzten meines Hauses zurückgeben. Er muß ! Ich will nicht der Letzte sein ... Und du – weißt du, weshalb ich nach dir schickte? Damit du mir helfen sollst, meinen Sohn Rochus zurückzurufen. Schweige! Du hast ihn lieb gehabt, hast ihn noch immer lieb. Mehr als alles im Leben. Trägst du doch noch immer an deinem Finger seinen Ring. Als wüßte ich's nicht; als hätte ich's nicht immer gewußt. Und er, Rochus! Er soll dein werden, wenn du mir hilfst, ihn zurückzurufen, ihn mir wiederzugeben: der Welt, der Menschheit, seinem Vater, seinem Stamm und Geschlecht. Wir waren blind, ich und seine Mutter. Gott straft mich jetzt für unsre Blindheit. Denn Gott ließ geschehen, daß mein Sohn in Wien so schimpflich und schändlich um sein Leben kam. Und er diente doch seinem Kaiser!« In der Halle von Schloß Enna, in der jetzt der Verfall des einst ruhmvollen Geschlechts hauste, vor dem mit rauchgeschwärztem Wappenschilde geschmückten gewaltigen Kamin, vor welchem damals das aus Wassersnot gerettete Kinderpaar mit den Gott lobpreisenden Eltern des Knaben gesessen hatte – in diesem ehrwürdigen Raume sagte es Judith Platter dem Grafen von Enna. Sie sagte ihm, der Sohn, den der Vater für die Erde und das Leben, für sein Geschlecht und sich selbst wiedergewinnen wollte, sei gleichsam durch ein Wunder grade heute zurückgekehrt und auf dem Grabe seiner Mutter zu finden; sie sagte ihm, mit keinem Wort, keinem Blick werde sie helfen, diesen Sohn ein zweites Mal zu einem Abtrünnigen zu machen. Und sie sagte ihm, wenn sie auch den Ring des lieben Knaben an ihrem Finger trüge und zeitlebens tragen würde, so habe sie doch für Zeit ihres Lebens ihre Seele von dem Manne gelöst, der sich dem Himmel verlobt hätte. Es war die erste bewußt ausgesprochene Lüge, die Judith Platter gelassen und mit tiefer Feierlichkeit aussprach. Aber sie sprach sie aus, um dadurch das große Geheimnis ihres Lebens zu verbergen, das nur ihr und ihrem Gott angehörte, der da war der göttliche Geist des Reinen und Wahren, des Starken und Guten auf Erden ... Sie geleitete die schwankende Gestalt des Vaters, der seinen heimgekehrten Sohn suchte, bis zur Tür der Kapelle; entfernte sich alsdann von der Gruft; vernahm nicht des Grafen Ruf, er habe seinen Sohn nicht gefunden! Sah nicht an ihrem Wege den Mann im Mönchshabit hinter einem Gebüsch blühenden Weißdorns versteckt, in dem eine Amsel sang. Wundersam ist es doch um die Liebe der Frau! Von den Dornen der Entsagung und des Leidens beinahe erstickt, treibt sie dennoch Blüte um Blüte, durchwindet mit glühenden Rosen die Märtyrerkrone, die jede unglücklich Liebende unsichtbar um ihre Stirn gewunden trägt. Wie anders gestaltete sich die Rückfahrt der Herrin des Platterhofs durch das blühende Land. Als sie Schloß Enna zufuhr, glaubte sie dort die Nachricht zu empfangen: »der für die Welt und sie Gestorbene hat in Rom sein Grab gefunden ...« Und auf der ganzen Fahrt durch seine Heimat nach dem Schloß seiner Väter begleitete sie der Gedanke: »Er sieht seine Heimat nicht wieder. Nicht wieder sieht er den wilden Eisack; nicht wieder Eidechs und Plose, das graue Brixen und den Turm vom Schloß Enna.« Aber – er war da! ... Während ihre Blicke auf der Herrlichkeit dieses Tiroler Alpentals ruhten, schaute vielleicht auch er denselben Augenblick auf die Frühlingspracht von Berg, Wald und Flur – mit welchen Empfindungen! Mit ihr zugleich atmete er diese Lüfte; fühlte er diese Sonne auf sich scheinen; sah er dieses weiße Gewölk durch den glanzvollen Äther ziehen. Bei allem, was sie auf dem Heimwege erblickte, mußte sie jetzt denken: ›das war damals anders. Er wird bei uns vieles sehr verändert finden; und es wird ihm darum bitter leid sein. Und wenn er erst den Verfall von Schloß Enna sieht! Die Verwüstung des Forstes, die Verwilderung der Äcker. Wenn er erkennen muß, wie vieles von dem, was jetzt nach seines Bruders Tode sein Erbe sein würde, verkauft, verschachert ward. Das Herz muß ihm bluten. Und er kann keine Hand rühren, um dem Zusammenbruch Einhalt zu tun, das Zerstörte wieder aufzubauen. Seine beiden Hände sind ihm durch sein Gelübde gefesselt.‹ Plötzlich hielt sie den Fuchs an ... Italienische Arbeiter standen im Begriff, eine mächtige Edelkastanie zu fällen. Sie erkundigte sich bei den Leuten: »Gehört dieser Baum nicht zu Schloß Enna?« »Freilich.« »Er soll umgehauen werden?« »Er soll verkauft werden.« »Steht ihr im Dienst von Schloß Enna?« »Gewiß.« »Ihr seid Welsche?« »Aus dem Trento.« »Der Baum wird nicht umgehauen!« »Wir erhielten Auftrag.« »Ich kaufe den Baum ... Kennt ihr mich?« »Nein.« »Kommt diesen Nachmittag nach Vahrn auf den Platterhof und holt das Geld für den Baum.« »Er kostet viel.« »Kommt und holt das Geld!« »Sehr wohl.« »Ich kaufe sämtliche Edelkastanien, die umgehauen werden sollen.« »Das werden viele sein.« »Ich kaufe alle.« »Sollen wir die Bäume für Euch fällen?« »Nicht einen Ast dürft ihr brechen! ... Habt ihr verstanden?« »Sehr wohl.« Mit einem tiefen Atemzuge trieb Judith Platter das Pferd an. Sie hatte etwas getan, wozu ihre Natur sie drängte, sie förmlich zwang. Zugleich waren die alten herrlichen Bäume, die sie für Schloß Enna erhielt, ihr heimlicher Gruß für den Wiedergekehrten, den sie selbst nicht willkommen heißen durfte. Aber – Er lebte ! Ohne in das Schloß deiner Väter einzutreten; ohne den Vater zu grüßen; ohne jenes junge Weib wiederzusehen, begibst du dich nach der Abtei von Kloster Neustift bei der Stadt Brixen und meldest dich bei deinem Oberen – lautete der Befehl, den Pater Paulus in Rom empfing. Er vollführte ihn, gehorsam dem Gebot seiner Kirche; und er pries die Weisheit der ihm auferlegten Pönitenz für alle seine schweren Gedankensünden. Weise war die Strafe, nicht milde. Der Besuch eines Grabes war dem Büßer nicht verboten worden. Er wollte niederknien, wollte die Nähe der geliebten Verstorbenen empfinden, wollte inbrünstig beten; aber die Gewalt des Augenblicks warf den ganzen Mann zu Boden. Er empfand nicht das Muttergrab, darauf er ausgestreckt lag, als wolle er die Begrabene mit seiner heiligen Sohnesliebe umfassen; kein Gebet stammelte er, sondern er gedachte der Nähe der einstmals Geliebten und rief ihren Namen, schrie ihn auf aus dem Grunde seines gequälten Herzens: »Judith! Judith! Judith!« Der süße Wohlgeruch von Flieder, Narzissen und Lilien weckte ihn aus seiner Versunkenheit, die einer Entgeisterung gleichkam. Als er sich mühsam aufraffte, um weiterzugehen, von Schloß Enna fort nach Kloster Neustift, fand er sich bedeckt mit weißen Blüten, deren Niederrieseln er in seiner Betäubung nicht gespürt hatte. Wäre Pater Paulus der fromme katholische Christ und wundergläubige Priester gewesen, der er von Berufs wegen und durch Überzeugung sein sollte, so hätte er an ein Mirakel glauben müssen. Denn – waren es nicht die nämlichen Blumen, die um die Frühlingszeit in Judith Platters Garten wuchsen? Während er ihren Namen zum Himmel aufschrie, waren ihre Blumen wie vom Himmel herab auf ihn niedergesunken. Sein Empfinden war zu heftig aufgewühlt, zu zerstückt sein Denken, um das an ihm geschehene Blumenwunder fassen zu können. Wie ein Trunkener taumelte er aus der dunklen Wölbung hinaus. Der strahlende Frühlingstag umhüllte den Mann, der einst ein Maienmensch gewesen war, mit aller seiner Glorie. Wenn ihm einer der Schloßleute begegnete! Gewiß war es noch das nämliche Gesinde, welches ihn von Kindesbeinen an kannte, für welches auch der Jüngling das »Junkerlein« geblieben war. Dieselben alten Getreuen mußten es noch sein. Und wenn einer von ihnen ihn erkannt hätte! Der alte Florian – Der eine Name nannte eine ganze Welt von Jugendglück: sein Falber; seine Rüden; alle die überschäumende Herrlichkeit jener Zeit... Damit niemand ihm begegne und ihn erkenne, wollte der Heimgekehrte vom Pfade hinweg in die tiefsten Wipfelschatten des Schloßbodens abweichen und durch die Dickichte des Unter» Holzes davonschleichen. Hier hatte er mit dem Judithlein Versteckens gespielt! Fand er sie, so küßte er sie. Aber nur auf Stirn und Wangen. Ihren Mund durfte er ein einziges Mal küssen: als er ihr seinen Ring gab. Eine weiße Narzisse am Boden! Wie ein leuchtendes Zeichen lag die schöne Blume auf dem dunklen Grund, darauf Sonnenstrahlen, das dichte Laubwerk durchdringend, ihr funkelndes Spiel trieben... Wiederum eine weiße Narzisse! Dort und dort! Unwillkürlich schritt der Mönch die bezeichnete Bahn und gelangte an den Platz, wo Judith das Pferd angebunden hatte. Hinter einem Gebüsch blühenden Weißdorns verbarg er sich. Über ihm sang eine Amsel ihr Frühlingslied. Grade wie damals. Wie damals! Dann sah er sie langsam herankommen... Das wäre sie gewesen? Das ,Judithlein«? So hochgewachsen, schlank und schön! Mit solchem stillen, ernsten Gesicht! Es war bleich und ihr Blick – welchen Blick hatte heute das Judithlein! Als hätte es einen Geist gesehen. Sie war in der Kapelle gewesen, hatte seiner Mutter Grab besucht, hatte darüber Blumen geschüttet: Weiße Totenblumen auf zwei Gestorbene... Daß er nicht vorstürzte, hin zu ihr; daß er vor ihr sich nicht niederwarf in den Staub, um sein dem Herrn geweihtes Haupt auf ihre Füße zu drücken; um sie anzurufen: »Judith! Judith! Judith!« Er umklammerte den Weißdorn, hielt sich daran fest, um nicht aufzuspringen; preßte die Lippen zusammen, daß sie bluteten, um ihren Namen zu ersticken. Da sah er an ihrem Finger seinen Ring – Wie ein Blutstropfen glühte auf dem schmalen Goldreif der Rubin. Es mußte ein Tropfen Herzbluts sein, an dem Golde hängen geblieben, als sie die Hand gegen ihr Herz drückte, dem er eine Todeswunde beigebracht hatte. Mächtig war sein Gott! Pater Paulus hatte dem Befehl seines Vorgesetzten gehorsamt, war nicht in das Haus seines Stammes getreten, hatte nicht seinen Vater gegrüßt; und wenn er Judith Platter wiedergesehen, so war es seine Schuld nicht gewesen. Aber nur wiedergesehen hatte er sie, war nicht zu ihr hingestürzt, hatte nicht ihren Namen zu ihr aufgeschrien wie ein Sterbender, der leben wollte; hatte sich selbst bezwungen. Gleich einem tödlich verwundeten Tier, das sich ins Dickicht verkriecht, blieb er geraume Zeit hinter dem blühenden Weißdorn. In den schimmernden Zweigen saß noch immer die Amsel und sang dem Heimgekehrten das Heimatlied. Ehe er mit Judith auf dem Weideneiland in den wütenden Wirbeln des Eisacks hinschiffte, dem Tode entgegen, hatte solch ein schwarzer Sänger den beiden Kindern von Lenz und Liebe geflötet. Auf den Gesang lauschend, stellte sich Pater Paulus die Frage, ob es nicht besser, nicht schöner und seliger gewesen wäre, hätten die tosenden Fluten das Inselchen damals verschlungen? Ja – ja! Für ihn tausendmal besser, schöner, seliger. Damit er sein junges Leben behalten sollte, wollte sich das Kind in die Wellen werfen. Und er – Aufgepeitscht von seinen wühlenden Gedanken, sprang der Mönch empor und verscheuchte den Frühlingssänger über seinem Haupte. Hörte er seine Rüden nicht bellen? Kam den Schloßberg der Falbe nicht heruntergesprengt? Vernahm er nicht seines Vaters Stimme? Und der alte Florian, der seinen Junker suchte, um mit ihm auf die Plose zu steigen ... Auf der Plose balzte der Auerhahn! Vom Wege wich er ab und suchte die heimlichsten Pfade durch Wald und Flur. Er kannte sie alle. Manches Bäumlein war inzwischen zum Baum, manches Strauchwerk zur Wildnis geworden, die ihm den Durchgang feindselig wehrte. Aber – wo waren die alten herrlichen Stämme geblieben? Wer hat gewagt, sie zu fällen? ... Auf diesem wüsten Steinacker hatte stets der prächtigste Mais gestanden. Wer ließ das reiche Feld verwildern? Wenn der Graf von Enna dafür keine Sorge trug, so war doch in Vahrn Judith Platter. Ein heißer Zorn gegen sie überkam ihn wegen der gefällten Stämme und des verwilderten Maisackers. Dann bückte er sich und begann etliche von den Steinen aufzulesen und zu einem Haufen zusammenzutragen. Es war so wenig, was er für die geschändete Heimatscholle tun konnte, solch armseliges Liebeswerk. Plötzlich hielt er inne, sprach mit lauter, kraftvoller Stimme: »Du sollst wieder Frucht tragen!« Dabei fiel ihm sein eigenes Leben ein. Glich es nicht diesem seiner Fruchtbarkeit beraubten Acker? Köstlich und reich war es gewesen. Was war es geworden? Ein Steinfeld ... Da schrie er auf: »Jeder meiner Gedanken wandelt sich in Sünde. Herr, nimm mir meine Gedanken, damit ich fortan nicht mehr sündigen kann. Herr, lasse das wüste Gestein wieder Frucht tragen, damit Gutes von ihm ausgehe, Reichtum und Segen. Mache den Steinacker zu deinem Weinberg. Herr, siehe – ich knie vor dir auf dieser unfruchtbar gewordenen Scholle meiner Heimat und schreie auf zu dir. Höre mich! Höre mich!« Er warf sich nieder und betete. Sein Gebet war ein grimmiges Ringen mit Gott, dem Herrn des Himmels und der Erde, der seinen sündigen Knecht nicht lassen wollte. An Leib und Seele wie von Gottes Hand geschlagen und gezüchtigt erhob sich Pater Paulus und setzte schwankenden Schrittes seinen Weg fort. Den Weiler Miland umging er. Und er umging die Stadt Brixen, hielt sich an den Rebengeländen des diesseitigen Ufers des Eisacks, dessen ungestüme Jugend aus umbuschtem Bett zu ihm emporrauschte. Einmal sah er den Kirchturm von dem grünen, grünen Vahrn, sah er die im Frühlingsgold leuchtenden Wipfel um den Platterhof. Er schaute nicht wieder auf. Dann langte er an ... Einem Fürstensitz gleich thronte das Heiligtum in der Felsenenge, diese mit dem Palast des Prälaten und den Wirtschaftsgebäuden vom Tal absperrend, als ob das Haus St. Augustins eine Festung sei. Schon vor dem Torbogen, den auf der einen Seite die steilgiebelige, stattliche Fremdenherberge, auf der andern der altertümliche, dreifach zinnengekrönte Rundbau von St. Michael flankiert, sah Pater Paulus die düsteren Gestalten der Schwarzgewandeten, die seinesgleichen waren. Er grüßte sie mit dem Gruß des Heiligen und empfing den Gegengruß um vieles demütiger, als er geboten ward. Ihren erstaunten Blick auf sich fühlend, begab er sich in den äußeren Hof, über dessen grauen Mauern die Blüte der Fruchtbäume mit schneeiger und rosiger Welle emporschlug. Jetzt stand er vor der festverschlossenen Pforte, wo er von dem Rücken seines Renners aus oft, oft den Glockenstrang gezogen, dessen schriller Ton ihm schon damals das junge Herz zusammengepreßt hatte. Damals mußte er hier seine unbändigen Rüden zurücklassen. Jetzt ließ er andres hinter sich ... Er läutete und ihm wurde geöffnet: Pater Paulus war heimgekehrt. Als das schwere Tor krachend hinter ihm zuschlug, klang es wie das Echo seiner eigenen Stimme in ihm wider: »Judith! Judith! Judith!« Drittes Kapitel Pater Paulus will das Dienen lernen, macht eine Wallfahrt und opfert ein blutendes Herz Ein dienender Bruder fühlte den Ankömmling nach seiner Zelle. »Du wurdest seit langem erwartet.« »Ich komme von weit her.« »Von Rom?« »Gesegnet du, der du in Rom dem Herrn dienen konntest.« »Du sagst es.« »Unser hochwürdigster Offizial selbst meldete dich unsrem hochwürdigen Prälaten an – hörte ich berichten ... Du scheinst den Weg nach den Zellen der Väter zu kennen?« »Ich kenne den Weg.« »Also warst du bereits einmal in unserm lieben Heiligtum?« »Bereits einmal ... Du liebst das Kloster?« »Von ganzem Gemüt.« »Wir dürfen nichts lieben.« »Du wurdest streng in Rom.« »Nicht streng genug gegen mich selbst.« Ein schwerer Seufzer war die Antwort des Mönchs ... Dann ließ er Pater Paulus in die für ihn bestimmte Zelle eintreten, ohne ihm zu folgen. Er stand in der Tür, sagte mit veränderter Miene und Stimme: »Unser hochwürdiger Herr Prälat wünscht dich binnen kurzem zu sehen.« »Ich werde kommen.« Sobald die Tür geschlossen war, stürzte Pater Paulus zum Fenster. Seine Zelle lag über dem Klostergarten, darin unter dem leuchtenden Baldachin der blühenden Fruchtbäume die wonnigste Wildnis von Frühlingsblumen wucherte: Tulpen und Hyazinthen, Tazetten und Narzissen. Er sah die Plose und die Berge von Albeins; die Türme von Brixen und den Laubhügel, darauf das Schloß seiner Väter lag. In dieser Zelle sollte er fortan dem Herrn dienen, Pönitenz tun und die Prüfung bestehen. Auch in der Bestimmung des Raumes erkannte er tiefe weise Absicht. Er fand Hauskleid und Skapulier für sich zurecht gelegt. Desgleichen neues Schuhwerk. Die düstere Kutte, die die Söhne St. Augustins außerhalb ihres Heiligtums trugen, legte er ab und hüllte sich in das weiße, weiche Hausgewand. Es kleidete diesen Diener des Herrn schier fürstlich. Danach begab er sich zu seinem Vorgesetzten ... Gegen Abend dieses Tages kam von Schloß Enna ein Bote nach Kloster Neustift. Der alte Florian war's. Er sollte dem hochwürdigen Herrn Prälaten den Tod des ältesten Sohnes seines Gebieters anzeigen; sollte melden, seines Herrn jüngster Sohn sei diesen Vormittag in der Gruftkapelle gesehen worden. Ob der hochwürdige Herr Prälat von einer Rückkehr des jüngsten und jetzt einzigen Sohnes des Grafen von Enna wüßte – da derselbe doch Augustiner geworden? Von dem Pförtner erfuhr der Abgeschickte, aus Rom sei heute ein fremder Mönch eingetroffen. Der Diener des Herrn sähe jedoch aus wie ein Gebietender. Da rief der Bote, und die Tränen stürzten ihm aus den Augen: »Das ist er! Das ist unser Junker Rochus!« »Nicht doch. Das ist Pater Paulus.« »Den kennen wir nicht. Wir wollen unsern Junker Rochus wiederhaben. Laßt mich zu ihm!« Aber Pater Paulus hielt mit den Vätern und Brüdern in der Klosterkirche Andacht. Da stellte sich der Bote in dem Gange auf, den die Geweihten gehen mußten, um aus dem Chor in das Kloster zu gelangen. Mit den andern kam Pater Paulus. Er hielt die Augen zu Boden geschlagen, sah bleich und stolz aus, Zoll für Zoll ein Herrensohn, ein Grafensproß. Dem treuen Diener seines Herrn wankten die Knie. Beide Arme streckte er nach dem Ehrwürdigen aus, als wollte er sein Junkerlein mit beiden Armen umfangen, und mit erstickter Stimme rief er seinen Namen: »Junker! Junker Rochus!« Ein Beben durchlief die hohe Gestalt, als würde ein Gestorbenes bei Namen gerufen. Mit totenhaftem Gesicht schaute er auf; sah den Alten an seinem Wege stehen; sah ihm mit einem erloschenen Blick tief in die Augen; schlug den seinen zu Boden – schritt weiter, schritt an dem treuen Freunde seiner glückseligen Kindheit vorüber. Bei der Beisetzung des zu Wien im Zweikampf gefallenen ältesten Sohnes des Grafen von Enna sah der Vater seinen jüngsten und liebsten Sohn wieder. Der gute Kaplan Plohner hatte sein christliches Erdenwallen längst beendet, und kein neuer Geistlicher war in dem verödeten Hause an die leere Stelle getreten. Der hochwürdige Herr Prälat selbst forderte Pater Paulus auf, dem letzten Erben des edlen Geschlechts das Grab zu weihen und auf Schloß Enna das Totenamt zu halten. Mit versteinerten Zügen trat der Priester dem Schloßherrn entgegen. Weder Miene, noch Blick und Wort verrieten eine Bewegung. Als Fremder kam er ins Vaterhaus, daß alle scheu auf ihn sahen. In der großen Halle stand der Katafalk, auf den die Ahnenbilder herabschauten. Für den Grafen war vor dem geschlossenen und mit schwarzsamtenem Bahrtuch bedeckten Sarge ein Lehnsessel aufgestellt. Ringsum stand das wenige Gesinde, standen die Dorfleute, eine Versammlung gleichgültiger Leidtragender; nicht der Tote war heute auf Schloß Enna die Hauptperson, sondern der junge Priester, Pater Paulus mit Namen. Er hielt die Leichenrede; und ihr Text war die Geschichte vom verlorenen Sohne, den der Vater wiederfand, wiederfand in seinem Tod, durch seinen Tod. Mit regungslosem Antlitz verkündete der Bruder am Sarge des Getöteten das Evangelium der Verzeihung, welches das Evangelium der Liebe war. Mächtig klangen seine Worte: »Gelobt sei mein Herr durch die, welche verzeihen um deiner Liebe willen. Und Schwachheit ertragen und Trübsal. Glückselig die, welche sie ertragen werden in Frieden; denn von dir, o Höchster, sollen sie gekrönt werden.« Ob Judith Platter die Botschaft hörte? Es war die ewig göttliche Sendung der verzeihenden, der himmlischen Liebe. Und wenn Judith Platter aus diesem Munde sie hörte, ob sie das Evangelium dann glaubte? Er wußte nicht, ob sie gekommen war, wollte es nicht wissen. Mit seinem entgeisterten Blick sah er nichts. Nicht die hohe Wölbung, durch die die Stimme des Knaben einst wie ein Jubelhymnus schallte; nicht das Gesinde, darunter sich wohlvertraute Gestalten befanden; nicht seines Vaters Gesicht. Aber seine Rede, deren machtvoller Klang im Saale den Widerhall weckte, hielt er weder dem verlorenen und wiedergefundenen Sohne, der als stiller Mann vor ihm lag, noch dessen tiefgebeugtem, greisem Vater, sondern ihr – ihr: der Geliebten aus seiner glückseligen Jugendzeit. Und es geschah in dieser Stunde, daß Pater Paulus sich zum erstenmal der Gewalt bewußt wurde, die seinem Munde gegeben war und mit der er einstmals über die Seelen der Menschen herrschen wollte – herrschen würde ... Durch die Frühlingspracht des verwahrlosten Parks trugen sie den Sarg zur Kapelle und senkten ihn in die Gruft, darin Generationen und Generationen des einst glorreichen Geschlechts zur Ruhe eingegangen waren. Nur noch einem Friedlichen konnte daselbst die letzte Stätte bereitet werden: dem letzten Grafen von Enna. Nach dem Leichenbegängnis sprach dieser Letzte mit dem Augustinermönch. Er sagte ihm, daß er ihn wiederhaben wolle. Ihn wiederhaben müsse er! Welches war die Antwort? »Ich wurde geistlich; geistlich bleibe ich. Ihr wolltet es nicht anders.« »Deine Mutter. Nicht ich, nicht ich.« »Du ließest es geschehen.« »Jetzt lasse ich nicht geschehen, daß du geistlich bleibst.« »Und du ließest es geschehen, weil du meinen Bruder hattest. Wenn du mich jetzt zurückforderst, so willst du mich nicht für dich haben, sondern für dein Geschlecht, deinen Namen. Deines Namens willen kehre ich nicht wieder zurück.« Da rief der Mann aus: »Ich gebe dir Judith Platter zur Frau.« »Judith Platter!« Der Name klang wie ein Aufschrei. »Sie gebe ich dir!« »Sagtest du ihr ... Antworte!« »Was willst du wissen?« »Ich will wissen, ob du es ihr sagtest?« »Ja.« »Und sie? Judith Platter? Antworte! Ich will von dir wissen, was Judith Platter dir erwidert hat?« Aber er erhielt nur Schweigen zur Antwort... Da wandte sich auch der Mönch schweigend ab, und schweigend ging er. Mein Sohn Paulus, du bist herrschsüchtig, herrschwütigen Geistes. Als solchen erkannte ich dich bereits während dieser wenigen Wochen. Du mußt deinen Gebietergeist gefügig machen. Beugen mußt du ihn – brechen. Dann erst wirst du dich aufrichten können. Deine Herrschsucht muß Demut werden. Dienen mußt du lernen. Dann erst darfst du herrschen ... Was kannst du mir darauf erwidern?« »Daß Ihr im Recht seid, mein Vater.« »Was willst du tun?« »Meinen hochfahrenden Geist unterwerfen.« »Wem?« »Mir selbst.« »Das spricht dein Hochmut aus dir.« »Ja, hochwürdiger Herr.« »Gott mußt du dich unterwerfen.« »Ihr meint die Kirche.« »Sie ist Gott... Auf welche Weise willst du dich unterwerfen?« »Ich will mich demütigen. Dienen will ich lernen; lernen mich selbst bezwingen.« »Wohl, wohl... Willst du dienen lernen, um über andre zu herrschen? Erforsche dich.« »Das will ich.« »Wie ich dich kennen lernte, wirst du dich selbst bezwingen, um andre zu unterjochen.« »Ihr erkanntet mich recht.« »Das ist aber nicht das Rechte.' »Ich weiß es.« »Und dennoch willst du –« »Hochwürdiger Herr, legt mir Buße auf. Je strenger, um so besser.« »Ich will dich nicht züchtigen, ich will dich bessern.« »Laßt mich Dienste tun. Die allerunwürdigsten! Sendet mich aus, wo Ihr den Geringsten der Unsern hinschickt. Sendet mich zu den Mühseligsten und den am schwersten Beladenen. Schickt mich zu Aussätzigen und Übeltätern in Alpenwildnisse und Einsamkeiten. Habt kein Mitleid mit meinem rebellischen Geist, meiner widerspenstigen Seele. Ich flehe Euch an.« Nach einer Weile erwiderte der Greis milde: »Ich will meine Hände über dir falten und über deinem Haupte beten, daß Gott der Herr Erbarmen mit dir habe. Du bist mein Sorgensohn, und eben deshalb mein lieber Sohn.« Von Stund an begann Pater Paulus sich in Demut zu üben und das Dienen zu lernen. Sie lebten einander so nahe, daß eine kurze halbe Stunde sie hätte vereinigen können; und sie waren durch Welten voneinander geschieden: dieser Mann und dieses Weib, diese – zwei Menschen! Denn wie es für das erste Menschenpaar keine andre Bezeichnung hätte zu geben brauchen, so genügt der Name für alle getrennten Hälften der Menschheit, die mit Sturmesgewalt zueinander getrieben werden, um aus zwei Menschen den einen ganzen Menschen zu schaffen, den gottgeschaffenen Menschen, der zugleich ein seliger Mensch ist. Und wären die beiden Getrennten durch Unendlichkeit voneinander geschieden, so müßten sie einander sich suchen. Sie irren und irren, suchen angstvoll, verzweiflungsvoll; sie glauben gefunden zu haben; stürzen aufeinander zu; jauchzen auf; wollen sich ineinander verschmelzen, um nur zu oft erkennen zu müssen: »Es ist nicht der Gesuchte! Ist nicht meine zweite Hälfte, nicht mein zweites Ich. Es war ein Irrtum, den wir beide büßen müssen. Und wir müssen uns trennen; denn wir können uns nicht vereinen. Müssen von neuem irren und suchen: mit Verzweiflung, mit Todesangst. Denn wir müssen unsern zweiten Menschen finden; sonst haben wir uns selbst nicht gefunden, sonst müssen wir aufschreien zu der Gottheit, die uns schuf: ›Es ist so beschämend, Mensch gewesen zu sein, ohne das Allermenschlichste erlebt zu haben!‹« Oder die zwei sich verzweiflungsvoll Suchenden finden sich; streben zueinander mit Sturmesgewalt; werden durch eine stärkere Macht wieder voneinander gerissen. An dem Abgrund, der sie scheidet, stehen sie nun. Sie strecken die Arme aus, umfassen die leere Luft und erleben an sich die große Tragödie der Menschheit: Mann und Weib; zwei Menschen, die nicht ein Mensch werden können; denn: »Keine Brücke führt von Mensch zu Mensch!« So nahe von Judith Platter lebte Pater Paulus, daß er die Glocken von Vahrn läuten hörte; daß er, wenn er die Felsenlehne dicht beim Kloster bestieg, den Platterhof unter sich liegen sah. Wäre Judith grade aus dem Hause getreten und über die Terrasse geschritten, so hätte er die Farbe ihres Kleides erkennen können. Pater Paulus blieb jedoch in der Tiefe. Den Glockenschall vom Vahrner Kirchturm mußte er freilich hören; und er mußte dabei denken: ›Auch Judith hört das Geläut!‹ Bereits beim ersten Schall stand sie auf. Wenn die Glocke den Mittag ansagte, feierte auch sie mit dem Gesinde, um die Arbeit beim Einkehrläuten wieder aufzunehmen. Dann die Vesperglocke, das Abendläuten: »Jetzt ruht auch sie. Gute Nacht, Judith ... Ave Maria, Regina Coeli!« Um seiner irdischen Gedanken Herr zu werden, befleißigte er sich mit heißer Inbrunst des Dienstes des Himmels. Was Rom ihn nicht gelehrt hatte, wollte er in der Heimat lernen: Ergebung, Demut, Beugen von Haupt und Herz. Erst jetzt wurde jede Stunde seiner langen Tage und wachen Nächte zu einem Ringen mit sich selbst. Ein Kampf war's um Sein oder Nichtsein. Aber auch jetzt verschmähte er, seine Zuflucht zu den wundertätigen Hilfsmitteln der Kirche zu nehmen; durch sich selbst wollte er über sich selbst siegen. Im Kloster tat er's in der Demut dem letzten der Brüder gleich. Aber er diente noch immer mit Herrschermiene. Um so tiefer neigte er das Antlitz, das so stolze Mienen zeigte. Er beaufsichtigte die Arbeiten auf den Feldern und Wiesen, in den Weinbergen und Bergwäldern; er besuchte die Armen und Trostbedürftigen in den höchsten Einsamkeiten; er hielt Wache bei Kranken und Sterbenden, die er nach ihrem Tode selbst einkleidete und in den Sarg legte. Er würde von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte gegangen sein, um Almosen zu erbitten, um zu betteln – wäre es ihm geboten worden. Bei allen diesen demütigen Verrichtungen bemühte er sich, seine herbe Stimme leise und weich zu machen, seinem harten Blick Milde zu geben. Fühlte er, daß der Versuch ihm mißlang, so verdoppelte er seine Anstrengung, sich selbst zu bezwingen. Eine Prüfung war's, durch Vahrn zu gehen, und weder nach rechts noch nach links zu schauen. Er bestand sie. Eine Prüfung war's, in der Grabkapelle von Schloß Enna für den verstorbenen ältesten und einzigen Sohn des Hauses die Totenmessen zu lesen. Er bestand auch diese. Einer andern Versuchung wäre er jedoch nahezu erlegen. Eines Tags aus der Kapelle tretend, schlich der alte Florian zu ihm heran, haschte nach seiner Hand, wollte die Hand des Ehrwürdigen küssen, wurde hart abgewiesen. Weinend flüsterte der Getreue: »Willst du deinen Falben nicht wiedersehen, hochwürdiger Herr? Er lebt noch immer, hat das Gnadenbrot, wird von mir gepflegt, als ob er der Junker Rochus selber wäre. Aber jetzt geht's mit ihm zu Ende. Ihr besucht ja doch sterbende Menschen, also erbarmt Euch des sterbenden Tiers. Euer alter Falbe ist's! Gewiß erkennt er Euch wieder. Wer Euch einmal gekannt hat, vergißt Euch nicht mehr. Geht mit mir zu Eurem Falben, lieber Junker, hochwürdiger Herr.« »Ich kann nicht mit dir gehen. Aber ich danke dir, du Getreuester der Treuen.« Des Priesters Stimme zitterte. Ein andres Mal trat ihm wiederum eine Versuchung nahe... Er befand sich auf Schloßgebiet und kam dazu, wie eine der ältesten und herrlichsten Edelkastanien gefällt werden sollte; denn der Graf von Enna bedurfte dringend des Geldes und hatte verboten, die Bäume an Judith Platter zu verkaufen. Bei dem Anblick der Männer, die mit ihren Äxten auf den Baumriesen einhieben, verlor der Mönch alle Herrschaft über sich selbst. Er stürzte vor, um den gemeuchelten Baum mit seinem eigenen Leibe zu decken. Die Axt wollte er den Arbeitern entreißen und sie gegen diese selbst schwingen. Die Leute kannten ihn nicht und schrien ihn wütend an, was den Pfaffen der Baum schere? Er solle sich um Seelen kümmern. Das sei seines Amtes. »Das ist meines Amtes,« sprach Pater Paulus den Männern nach; trat zurück; ging davon; ließ den Baum fällen; wich vom Wege ab; bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und weinte bitterlich. Das reiche Land stand in voller Sommerpracht. Die Fruchtbäume mußten Stützen erhalten, damit sie unter ihrer Last nicht zusammenbrachen; die Rebstöcke verhießen eine köstliche Ernte, und der türkische Mais ragte als Wald höh« Schäfte, aus deren saftgrünen Blattkronen die länglichen lichten Kolben mit goldigen Blütenperücken hervorglänzten. So war überall Menschenhoffnung und Erdenschönheit, Gedeihen und Himmelssegen. Am üppigsten und buntesten prangte der Sommer in dem Garten von Neustift, nicht anders, als hätte der Genius des Orts sich diesen zum Wohnsitz erkoren. Nur in dem Platterhof besaß das Klosterparadies einen Rivalen. An diesen erinnerte seine Blumenfülle den geistlichen Herrn, der aus dem Fenster seiner Zelle darauf hinabschaute, häufig halbe Nächte lang. Levkoien und Fuchsien, Glockenblumen und Mohn wucherten vergnüglich durcheinander; lange Gänge waren mit blauem und rosigem Rittersporn eingefaßt; andre mit endlosen Reihen prächtiger Dahlien oder mit mannshohen Hortensien. Es gab Felder von Nelken, Verbenen und Zynien. Wahre Bollwerke bunter Winden und die glühende Blüte der spanischen Kresse überrankte Mauern und Hecken. Aber der Garten von Kloster Neustift war vornehm wie der eines großen Herrensitzes mit Laubgängen, Fontänen und Steinfiguren aus der Zeit des Barock. Längs der Wege waren Orangerien und allerlei exotische Pflanzen aufgestellt, die abends einen schwülen Wohlgeruch aushauchten, betäubend wie Weihrauch. In diesen schönen Gefilden ergingen sich lesend und sinnend die frommen Väter, und es verbrachten darin einen Teil ihrer Freizeit die Klosterschüler, deren einer vor Jahren der Junker Rochus von Enna gewesen – allerdings Klosterschüler zu einem andern, ganz andern Zweck, als der war, dem diese jungen Seelen ihr Leben weihen wollten. Um den guten Jünglingen nicht ins Gesicht starren zu müssen, ging Pater Paulus stets gesenkten Hauptes an ihnen vorüber; sein starrender Blick hätte in den Mienen der angehenden Gottesdiener unwillkürlich nach der Veränderung geforscht, die mit ihnen bereits vorgegangen war; hätte die Wandlung der Züge gierigen Auges beobachtet. Die Knaben waren guter Dinge, oft heiter bis zum Übermut. Häufig geschah's jedoch, daß sie plötzlich verstummten; und es geschah jedesmal, wenn die hohe Gestalt in dem Kleide St. Augustinus vorüberging. Sie wurden still und blieben still, bis die gebieterische Männererscheinung ihren nachschauenden Blicken entschwunden war. Pater Paulus wußte, daß bei seinem Nahen die Fröhlichen schweigsam wurden, und mied ängstlich, ihren Weg zu kreuzen. Aber er mußte viel darüber nachdenken: ›Weshalb werden sie stumm, sobald sie mich sehen? Sie werden es stets nur, wenn ich komme. Weshalb nur bei mir? Womit bin ich gezeichnet, daß mein Anblick Scheu und Schweigen verbreitet? Steht mir auf der Stirn geschrieben, ich sei ein schlechter Priester? Ein schlechter Priester und ein unseliger Mensch. Denn das bin ich!‹ Jetzt sollten die jungen Leute, denen er Scheu einflößte, seine Schüler werden. In Kirchengeschichte sollte er ihnen Unterricht erteilen, jeden Tag eine Lektion. Der hochwürdige Herr Prälat wollte ihm durch diese Berufung zum Lehrer sein Vertrauen erweisen, wollte ihn dadurch auszeichnen. Aber Pater Paulus bat: »Ich will dienen lernen. Wenn ich das Lehramt übernehme, muß ich gebieten. Erlaßt es mir also.« Er erhielt den Bescheid: »Gehorchen ist Dienen.« Also gehorchte er. Aber die Klosterschüler erschraken, als sie vernahmen: ›Pater Paulus ward über euch als Lehrer gesetzt!‹ Wie sollte das werden? In den Sälen und auf den Gängen gab es viel Zusammensteckens der Köpfe und eifrigen Geflüsters; und bangen Gemütes erwarteten die Scholaren des Gefürchteten erstes Erscheinen. Er kam, bestieg den Lehrstuhl, warf einen langen sinnenden Blick auf die versammelte Jugend, der er die Größe und Herrlichkeit der katholischen Kirche in ihrer Geschichte verkündigen sollte, und begann seine erste Stunde mit einer Schilderung der christlichen Katakomben Roms. Er berichtete, wie er aus seinem Kloster auf dem Aventin hinabgestiegen sei in die Tiefen. Unmittelbar hinter dem Altar lag der Eingang in Roms Unterwelt, die von Toten bewohnt ward, von Legionen und aber Legionen! Völkerschaften der ersten römischen Christen lagen dort unten eingesargt in der purpurbraunen Tufferde. Symbole des Glaubens und Leidens, der Liebe und Hoffnung auf ein Auferstehen und ein ewiges Leben zeichneten ihre Grabstätten. Für diesen Glauben waren sie gestorben, Legionen und aber Legionen den Märtyrertod. Der Redner ließ seine Zuhörer mit sich den schmalen schwarzen Felsenpfad schreiten, tiefer und tiefer hinab! Das Lämplein brannte trübe und flackernd. Es beleuchtete mit geisterhaftem Schein die Wände, die Grüfte waren, endlose Galerien von Grüften! Bisweilen weitete sich der enge Raum. Er rundete sich zu einer Grotte, die zur Kapelle geweiht worden war. Hier ruhten große Bischöfe der Kirche; ruhten Märtyrer, Selige – Heilige... Auch Scharen Lebendiger hatten in diesem ungeheuren grausigen Grabe gehaust. Hinab zu den Toten hatten sie sich vor ihren Verfolgern geflüchtet, bei den modernden Leichnamen sich Verborgen gehalten; häufig so lange, bis sie selbst stille Bewohner der Totenstadt wurden. Ganze Familien, ganze Geschlechter hatten so gelebt, waren so gestorben, im Glauben an eine triumphierende Kirche. Von einem jungen christlichen Römer erzählte der Priester seinen jungen christlichen Zuhörern ... Der Jüngling hatte in dem fürchterlichen unterirdischen Labyrinth die Geliebte, die Gattin verloren. Er suchte sie. Tagelang durchirrte er die endlosen Gräberstraßen; rief laut den Namen der Verlorenen; grub den geliebten Namen in das Gestein. Er irrte, suchte, und rief so lange, bis sein Lämplein erlosch. Nun fand er die Geliebte im Tode. Und Pater Paulus schilderte die gräßliche Nacht, die den Jüngling nach dem Erlöschen seines Lichtes umfing; schilderte sein allmähliches Verschmachten, allmähliches Hinsterben, den Wahnsinn, der ihn packte. Im Wahnsinn riß er mit seinen Händen die Grüfte auf, und durchwühlte sie, um bis zu seinem letzten Atemzuge die Geliebte zu suchen, starb er ... Dann aber führte der Erzähler die Erschütterten aus dem finsteren Grausen wieder hinauf zu dem Glanz des Tages empor; hinauf in die Glorie der Sonne Roms. Er führte sie nach San Paolo fuori le Mura, nach Santa Maria Maggiore; führte sie in den Sankt Peter. Aus langer banger Todesnacht war die Kirche Christi auferstanden zu goldenen Sonnengluten empor. In Marmorhallen ward sie zur Triumphatorin erhoben. Ein Juwelenmantel umhüllte die Göttliche; ihr leuchtendes Haupt empfing die dreifache Krone; ein Zepter war ihrer gebietenden Rechten gegeben und zum Schemel ihrer Füße der Erdball: »Du sollst herrschen – herrschen – herrschen!« Staunend blickten die Jünglinge auf den Mann, der zu ihnen sprach, wie zuvor noch niemand gesprochen hatte. Seine Wangen waren gerötet, seine Augen leuchteten. Etwas Gewaltiges, Bezwingendes, etwas Herrschendes strömte von ihm aus über die Seelen, die er sich in dieser Stunde zu eigen machte. Wie einem Banne unterwarf sich der ehemalige Klosterschüler von Neustift die Gemüter der zukünftigen Diener der großen göttlichen Siegerin. Da geschah es zum zweitenmal, daß Pater Paulus die Macht erkannte, die ihm verliehen war. Wieder einmal warf der Herbst seinen Mantel aus Purpur und Gold über das Land Tirol. Auf den Wiesen sproßten des Jahres letzte Blumen, die zarten Zeitlosen, als ob Frühling wäre, und die blaßvioletten Krokusse blühten, die den Mai ankündigten. Zwischen den bräunlichen Maisfeldern, den gelben Weinbergen färbte junger Buchweizen den Grund mit sanfter Rosenröte, und die Wipfel der Edelkastanien wurden zu leuchtenden Wölbungen. Es blieb eine goldene Welt, bis der erste Frost kam. Dann hüllte sich Mutter Erde in schleppend wallende Wolkengewänder; warf graue Nebelschleier über Antlitz und Haupt, ließ sich eine Diamantenkrone aufsetzen und harrte des Winterschlafs. Vor seinen Obern trat Pater Paulus: »Ich möchte eine Wallfahrt tun. Gewährt sie mir, hochwürdiger Herr!« »Wenn dein Herz dich treibt.« »Es drängt mich, läßt mir nicht Ruhe.« »Willst du zum Gnadenbilde unsrer himmlischen Frau von Weißenstein, lieber Sohn?« »Ich will zu dem blutenden Herzen Maria, mein Vater.« »Dorthin zieht dich dein leidenschaftliches Gemüt? Es ist ein unscheinbares Kapellein. Doch das weißt du.« »Nur ein armseliges Heiligtum ist's, ich weiß.« »Hoch in den Dolomiten, mühselig zu erreichen.« »Grade deshalb möchte ich hin.« »Um daselbst für deiner Mutter Seele zu beten?« »Nein, mein Vater.« »Ich verstehe dich nicht.« »Meiner Mutter Seele hat die ewige Seligkeit, bedarf daher meines Gebetes nicht mehr.« »Wie du das sagst, Paulus, mein Sohn!« »Wie denn sage ich's, hochwürdiger Herr?« »Als wäre deine Seele voll Bitternis.« »Ich bekenne, in diesem Augenblick daran zu denken, wodurch die Kirche Gewalt über meine Seele gewann. Sie war damals die Seele eines Knaben.« »Bekenntnisse geziemen sich nur in der Beichte. Ich will dich nicht gehört haben.« »So hat der Herr mich gehört.« »Wann willst du die Wallfahrt antreten?« »Den Tag zuvor werde ich's melden.« Die Meldung erfolgte jedoch erst nach vielen Tagen. Es ward spät im Jahr. Schwülem Föhn folgte eisiger Nord. Im Tal fiel der Regen in Strömen, auf den Bergen aber trat heftiger Schneefall ein. Am frühen Morgen trat Pater Paulus seine Wallfahrt zum blutenden Herzen Maria an. Auch eine geweihte Kerze führte er mit sich. Am liebsten hätte er der gnadenvollen Gottesmutter ein silbernes Herz geopfert. Als Mönch durfte er jedoch der Himmelskönigin nur sein eigenes Herz darbringen. Es glich dem von Schwertern durchbohrten göttlichen Herzen; war es doch auch blutend. Freilich war's lediglich ein armseliges Menschenherz... Er ging den nämlichen Weg, den seine Mutter gegangen war. Je heftiger der wilde Wind ihn umtoste, je dichter die weißen Wirbel ihn einhüllten, um so leichter ward ihm ums Herz. Er atmete tief, wie von aller Erdenschwere befreit. Kaum gelangte er weiter. Jeder andre wäre zusammengebrochen, wäre hingesunken und nicht wieder aufgestanden. Pater Paulus brach nicht zusammen; sank nicht hin; drang unaufhaltsam vorwärts, als gelte es noch heute, bei dem wütenden Schneetreiben in der Felsenöde eine Mutter, die ihrem Sohn zuliebe einen Bittgang zur Gottheit tat, zu retten. Auch heute ward er wiederum versucht. Eine innere Stimme sprach zu ihm, raunte und lockte: »Lege dich hin aus freiem, eigenem Willen. Bleibe liegen; schließe die Augen; schlafe ein. Es ist so süß, zu schlummern unter der weichen weißen Decke. Nichts weckt dich. Kein Glockengeläut, kein Kirchengesang, kein Gebet. Auch keine Menschenstimme. Nicht einmal die Stimme der Liebe. Schlafe ein, mein lieber Sohn! Du weißt nicht, welche Wonne es ist, so still daliegen zu dürfen und seine Augen nicht wieder öffnen zu brauchen; welche Wonne, die Welt nicht mehr sehen zu müssen – so herrlich schön sie ist. Es ist gar mühsam, seine Augen aufzutun, seine Glieder zu legen und sich zu erheben. Darum, lieber Sohn, schlafe ein!« Es war seiner Mutter Stimme, die er auf dem Todesweg seiner Mutter beständig zu sich flüstern hörte, mit solchem sanften, solchem zärtlichen Ton. Und lockend, so ganz unwiderstehlich lockend ... Pater Paulus gab der raunenden Mutterstimme laut zur Antwort: »Ich darf nicht. Noch darf ich nicht. Ich darf erst später dir nachtun und der himmlischen Ruhe pflegen. Dann wird es freilich schön sein! Weißt du, gute Mutter, weshalb ich zum blutenden Herzen Mariä wallfahrte?« »Zu meinem Gedächtnis.« »Nein, Mutter.« »Also sage mir's.« »Du tatest diesen Bittgang, und dein Gebet ward erhört: siehe Mutter, dein Sohn wurde geistlich! Ich tue diesen Bittgang; opfere der Mutter Gottes eine Wachskerze; leiste ein Gelübde, damit auch ich bei dem blutenden Herzen Maria Erhörung finde. Danach will ich mich niederlegen, meine Glieder strecken, meine Augen schließen und nicht wieder öffnen. Schön wird's dann sein.« So besprachen sich Mutter und Sohn zusammen, während der Sturm immer wütender tobte, die Schneemassen immer höher sich türmten. Aber Pater Paulus durchdrang sie. Er langte an bei dem kleinen Heiligtum in den Dolomiten. Den Schnee mußte er mit den Händen fortschaffen – genau wie damals von seiner Mutter Grab. Dann trat er ein, entzündete die Wachskerze, befestigte sie vor dem Marienbild, kniete nieder, erhob Arme und Antlitz, schaute auf das blutende Herz der heiligen Jungfrau und betete mit lauter Stimme, die einen Klang hatte, hart wie Erz: »Ich bringe dir eine Wachskerze, Maria. Und ich bringe dir mein blutendes Herz. Für eine Wachskerze und mein blutendes Herz sollst du mir eine Seele zu eigen geben. Nur eine Seele! Und nur die Seele! Danach soll mein Amt auf Erden getan sein, soll mein Licht erlöschen – wie jetzt der Sturm meine Kerze erlöscht. Höre mich, Maria! Erhöre mich!« Die Kerze erlosch. Viertes Kapitel Judith steht mit einem anderen am wilden Eisack und zieht aus, ihr hohes Königreich zu suchen Der Winter war für diese gesegneten Gegenden ungewöhnlich lang und hart. Seit »Menschengedenken« hatte es nicht so viel Schnee gegeben. Aber dem Sohne des Landes, der von seinem Aventinischen Heiligtum aus durch Jahre und Jahre nur den Schnee auf dem fernen Sabinergebirge gesehen, erschien die grimmige Kälte und der gefrorene Glanz über Berg und Tal wie eine glückselige Jugenderinnerung. Auch jetzt noch konnte er die Schneeschuhe anschnallen, wenn sein Priesteramt ihn zu den höchsten Hütten emporführte; konnte auch jetzt pfeilschnell über die beschneiten Flächen hingleiten, die steilen Hänge nieder. Nur galt es jetzt keinem fröhlichen Weidwerk; Berghasen und Schneehühner waren sicher vor der ragenden Gestalt, die in ihrer schwarzen Gewandung gleich einem unheilvollen Schatten über den leuchtenden Gefilden schwebte. Dann sah er unter sich in der Tiefe, wie in einem glanzvollen Abgrund versunken, die Türme von Schloß Enna; und er sah die zinnengekrönten Mauern des Platterhofs ... Die Prüfung, die seine Kirche über ihn verhängt hatte, war schwer. Doch er bestand sie. Im Frühling kam Wassergefahr. Talauf, talab schallte um Mitternacht das Geläut der Notglocken. Auch Kloster Neustift ward alarmiert. Mit den Vätern und Brüdern und der Schar der Klosterschüler eilte auch der greise Prälat zum Eisack. Ganz nahe von dem Hause St. Augustins wälzte der empörte Fluß seine wilden Wogen weit über die Ufer. Er hatte unweit des Klosters ein Haus eingerissen und dessen Trümmer mit der Habe seiner Bewohner in den Wirbeln fortgerissen. Die Klosterleute mußten nach den Dämmen sehen, um ihr Gebiet vor den flutenden Gewalten zu schützen. Gluten loderten auf. Bei den roten sturmgepeitschten Flammen der gelbe tosende Strom und das Gewimmel der geistlichen Gestalten im weißen Haushabit... Das Gesinde vom Platterhof, die Herrin vom Platterhof! Judith stand den weiter und weiter ins Land hineinwogenden Wassern so nahe, als wollte sie sich von ihnen mit fortreißen lassen. Pater Paulus sah sie regungslos dastehen und abwesenden Geistes in die Wirbel starren. Sie, Judith Platter, bei einer Gefahr abwesenden Geistes! Erkannte sie nicht die Gefahr für sich selbst? Er wußte kaum, was er tat; er wußte kaum, daß er zu ihr hineilte. Plötzlich stand er bei ihr. Seine Arme streckte er nach ihr aus, um sie zu fassen und von den machtvoll andringenden Fluten zurückzureißen. Und er wußte nicht, daß er ihren Namen rief, dreimal ihren Namen, wie in seinem Gebet auf seiner Mutter Grab: »Judith! Judith! Judith!« Die Angerufene schien aus einem Traum zu erwachen. Sie blickte auf. Es war, als wollte sie vor dem nach ihr sich ausstreckenden Arm des Augustinermönchs in den Strom entweichen. Mit einem Laut wie ersticktes Stöhnen wich Pater Paulus zurück. Wer rief? Befand sich ein Mensch in Todesgefahr ... Nur ein Hund. Samt seiner Hütte trieb er in dem Fluß – noch angekettet. Das Geheul des Tieres in Todesangst klang schaurig durch das Tosen von Sturm und Flut. Um den Hund zu retten, warf sich einer der Klosterschüler in die Wirbel. Es war grade der jüngste und zarteste. Im nächsten Augenblick war der Platz neben Judith leer ... Nach kurzem, grimmigem Ringen mit der empörten Naturgewalt waren beide gerettet. Zuerst der todesmutige Knabe, danach das arme Tier. Regungslos, starren Blickes, hatte Judith dem Kampf zwischen Mensch und Element zugesehen, bereit, dem priesterlichen Retter sich nachzustürzen, wenn von den beiden in Todesgefahr Schwebenden keiner gerettet worden wäre. Am Morgen nach der Nacht dieser Ereignisse befand sich Judith in dem neben dem großen Saalflur befindlichen kleinen Gemach. Es war die ehemalige »Schreibstube«, darin Judiths Vater und Großvater und deren Großväter gesessen und über das Gedeihen ihres Geschlechts Buch geführt hatten, Haus und Habe sorglich verwaltend und glücklich vermehrend, vermehrend durch redliche Arbeit von Vater, Sohn und Sohneskind. Der ganze Raum bestand in einem einzigen kunstreichen Schnitzwerk aus rötlichem Zirbenholz, Wand, Decke und Tür. Jedes Gerät war altertümlich und ansehnlich: der mächtige Schreibtisch voller Fächer, Aufsätze und Geheimnisse, der hochlehnige Stuhl mit vergilbtem Lederpolster, die mit Urkunden und Briefen gefüllten Truhen, und sonst jeder Gegenstand. Die bunten Majolikakacheln des mächtigen Ofens zeigten in kindlicher Darstellung biblische Gestalten und Ereignisse, eine behagliche Bank lief rings um den winterlichen Wärmespender. Das Wandgetäfel ließ sich öffnen und erwies sich als Schränke, darin die Trachten von Generationen aufbewahrt wurden. Sie waren höchst seltsam: Moden, von denen das neue Geschlecht nicht begriff, daß sie einst »modern« gefunden wurden; viele kostbar und reich: Samt, Seide, Spitzen, Stickereien. Und zu jedem Gewande Kopfputz, Haube und Hut, Degen und Stock, Schlüsseltasche und Gürtel. In dem Saalflur nebenan hingen die Porträts vieler Männer und Frauen des Geschlechts, die diese Kleider einstmals durch ein langes oder kurzes Leben getragen hatten, immer in Ehren und Züchten, das Alte hochhaltend und selbst ein bereits morsches Herkommen feierlich vererbend von Sohn auf Sohn. In ihren Staatsgewändern, die Frauen behangen mit ihrem reichsten Schmuck, hatten sie von bescheidenen Künstlern sich abbilden lassen, auf daß ihr Gedächtnis auch in ihren Zügen den kommenden Generationen bewahrt bleibe. Judith Platter, die Letzte dieses tüchtigen Geschlechts, besaß keine Empfindung für Ahnenbilder und Ahnenkult, für Urväterhausrat und Urvätersitte. Das Vergangene ehrend, lebte sie in der Gegenwart für Zukünftiges, für das, was sie gestaltete, was unter ihrer Fürsorge, unter ihrer Arbeit reifte und Frucht trug, was ward. In das verstaubte Familienarchiv tat sie keinen Einblick, und den von Motten zernagten Inhalt der Wandschränke hätte sie längst fortgeschafft, würde sie in dem weitläufigen Hause der Räume bedurft haben. Von dem meisten, was seit Jahrhunderten hier aufgehäuft und pietätvoll bewahrt wurde, wußte sie nur, daß es da war. Nicht einmal das altehrwürdige Familienlinnen flößte ihr sonderlichen Respekt ein. Auf ihren Feldern wollte sie eigenen Flachs bauen und in ihrem Hause spinnen lassen, sie wollte während des Winters am Webstuhl sitzen und Neues wirken ... An diesem Frühlingsmorgen war sie anders als sonst; zum Erschrecken anders, wie sie selbst fühlte. An allen Lebensgeistern ermattet, saß sie in dem hochlehnigen Sessel, die Hände müßig im Schoß; und es waren Hände, die Tags keinen Augenblick ruhten. Das Fenster stand weit offen, um Sonne und Luft einströmen zu lassen. Den Vogelsang übertönte von fernher das immer noch wütende Brausen des Eisacks. Was war diese Nacht geschehen? ... Was in vielen Frühlingsnächten geschah: Wassersnot, Überschwemmungsgefahr. Sie hatte am Rande der Flut gestanden. Ein anderer trat zu ihr, streckte nach ihr seinen Arm aus, um sie von den todbringenden Wirbeln zurückzureißen, und sie hatte sich von ihm nicht anrühren lassen; dann aber – Ein winselnder Hund trieb auf den Wogen hin; ein zarter Knabe sprang in die Flut, um einem Tier das Leben zu retten. Tier und Mensch wären umgekommen, hätte der andere sein Leben für sie nicht gewagt. Wie konnte es geschehen, daß sie in jenem Augenblick dachte: »Wenn er umkommt, so stürzest du dich ihm nach!« Immer noch sah sie ihn in der Hochflut untertauchen, sie sah ihn vor ihren Augen versinken und wieder sich emporheben. Nicht wie ein Mönch, sondern wie ein Held kämpfte er mit den Wogen. Als er den Knaben am Ufer geborgen hatte, warf er sich sogleich nochmals hinab, um ein zweites Mal heldenhaft mit den Wassern zu ringen, eines armseligen Hundes willen! Und sie stand untätig daneben – Blickte er nicht zu ihr herüber, nachdem er seine zweite Rettungstat verübt hatte? ... Aber sie hatte sich bereits abgewendet, war mit ihrem Gesinde bereits fortgegangen, den nächsten von der Überschwemmung gefährdeten Stellen zu. Und jetzt saß sie todesmatt, von der Morgensonne überflutet, in dem Gemach ihrer Ahnen und sann darüber nach: »Wie hat es nur geschehen können? Wie ist es nur möglich gewesen?« Jemand mit einem Anliegen wurde ihr gemeldet: der alte Florian von Schloß Enna! Schon wieder dieser Name. Immer wieder! Die Leute von Schloß Enna nagten an ihrem Leben. Und sie hatte doch mit ihnen nichts mehr gemein; hatte in Wahrheit nie etwas mit ihnen gemein gehabt: die Bürgerin mit den Grafenleuten. »Soll der Florian warten?« »Laß ihn eintreten.« Noch einmal wollte sie einen von diesen Leuten anhören, ein letztes Mal. »Was ist's, Florian?« »Der Falbe ist nun auch nicht mehr. So geht alles dahin, was einmal war.« »Kommst du des Falben wegen auf den Platterhof?« Der Alte wich einer Antwort aus. Er berichtete: »Solange es anging, pflegte ich ihn, unseres lieben Junkers willen. Dann litt er aber doch zu sehr. Heute in aller Frühe erschoß ich ihn. Nun ist auch der Falbe dahin. Unser Junker hat seinen alten Falben nicht wiedergesehen. Er wollte nicht.« »Der Pater wollte nicht... Was weiter?« »Nichts weiter, als daß es mit allem dahingeht.« »Wie meinst du das? Mit allem?« »Alles geht an die Welschen. Oder geht's an die Juden? Beides ist eins.« »Enna soll verkauft werden? Schloß und – alles?« »Soviel davon noch übrig ist.« »Steht's so mit dem Grafen von Enna?« »Der gestorbene Graf ... Nicht der Junker, sondern der andre. Aus Wien kam das Unheil. Mehr und mehr Schulden. Schulden wegen Weiber und Spiel; Schulden bei Juden und Christen. Da alle Schulden bis auf den letzten Kreuzer bezahlt werden müssen, so muß eben alles dahin gehen. Ihr versteht.« »Ich verstehe nicht, was ich dabei tun soll.« Judiths Stimme klang rauh, ihr Blick sah hart auf den treuen Diener seines Herrn, daß der Alte sie anschaute, als hätte soeben eine Wildfremde zu ihm gesprochen. Er bemerkte nicht, daß die müßig im Schoß ruhenden Hände sich hoben und die Lehne des Sessels umfaßten, als müßten sie daran Halt suchen. Leise und scheu meinte der Erschreckte: »Was Ihr dabei tun sollt? Judith Platter! ... Ich dachte: ›Wenn du zu ihr gingst; wenn du sie bätest. Sie ist doch – Judith Platter ist sie! Vielleicht, daß sie dennoch die Schloßfrau von Enna wird.‹ So dacht' ich und ging zu ihr. Verzeiht, daß ich kam.« »Ich soll Schloß Enna kaufen?« »Sonst kauft es ein Welscher, oder ein Jude, was dasselbe ist. Denkt doch: Schloß Enna ein Jude oder ein Welscher! An unsern Junker denkt!« »Ich denke daran. Und weil ich daran denke –« Sie sprach nicht aus, schloß die Augen, blieb eine lange Weile stumm, stand auf. Sie ging zum Bittsteller und sah ihm in die Augen, wie man einen Freund ansieht, dann sagte sie leise und weich: »Ich kann nicht ›dennoch‹ Schloßfrau von Enna werden. Ich kann nicht, alter lieber Florian. Du weißt, weshalb ich nicht kann. Aber ich danke dir, daß du kamst, um mich zu bitten, es zu werden.« Der treue Mann wußte, weshalb Judith Platter ihn mit seiner Bitte abweisen mußte. Er hatte es nur versuchen wollen – als letzte Hilfe für seinen lieben alten Herrn. Sie ließ ihn nicht sogleich fort. Speise und Trank ließ sie für ihn auftragen und hieß ihn Platz nehmen. Es wäre das erste Mal gewesen, daß jemand von Schloß Enna auf dem Plauerhof einkehrte, ohne mit des Hofes Bestem bewirtet zu werden. So sollte es auch bei diesem Letzten sein, der von Schloß Enna kam. Judith setzte sich zu ihrem Gast, und er mußte ihr erzählen. Damit er nicht von seinem Junker sprach, fragte sie nach diesem und jenem, was mit den Schloßleuten nichts zu tun hatte: »Daß du Südtiroler bist, weiß ich. Aber ich weiß noch immer nicht, aus welchem Tal oder von welchem Berg?« »Ist das möglich?« »Also sage mir's.« »Das ist leicht gesagt. Aus den Dolomiten bin ich. Von dort, wo sie am einsamsten und wildesten, am höchsten und herrlichsten sind. Und für die Menschen am mühseligsten und armseligsten. Nichts als Felsen und Wald; und wiederum Fels. Unersteigliche Gipfel, steil wie der Kirchturm von Vahrn. Himmelhoch! So recht zum Himmel aufweisend. Aber der kümmert sich nicht groß um das Völklein dort unten, obgleich dieses zu ihm betet und aufseufzt, ihm sein Leiden klagt und um Hilfe bittet, daß die Dolomiten selbst Erbarmen fühlen könnten. Der Himmel hat keines. Der Himmel läßt seine armen Menschenkinder ihr mühseliges Leben weiterführen; läßt sie beten und lobsingen, jammern und klagen. Deshalb glauben die Dolomitenleute doch an den Himmel. Woran sollten sie sonst glauben?« »Ja, ja ... Wild und einsam, sagst du, ist's in deiner Heimat?« »Eine Wildnis. Adler und Gemsen haben es dort besser als Menschen. Auch Bären gibt's dort noch. Vielen graut's vor der Öde. Euch würde sie gefallen; denn so seid Ihr.« »Wie bin ich?« »Anders als alle andern. Ich kenne keine wie Euch. Nicht eine einzige! Ihr seid eine Kraft wie der Eisack, wie der Sturm und alles, was stark ist. Eine Kraft geht aus von Euch. Ihr selbst wißt's nicht; aber wir andern wissen es. Wir fühlen es, wenn wir bei Euch sind. Jeder, der zu Euch kommt, nimmt, wenn er von Euch wieder fortgeht, von Eurer Kraft mit sich fort ... Weshalb seht Ihr mich so an?« »Weil ich grade heute meine Schwachheit empfand.« »Grad heut'?« »Es geht vorüber.« »Gewiß. Bei Euch geht dergleichen schnell vorüber. Aber – auch Ihr seid doch nur ein Mensch!« »Auch ich bin nur ein Weib, ein sehr schwaches.« »Hört, Judith! Wenn Euch die Welt unten einmal zu eng werden sollte, so steigt in meine Heimat hinauf. Hinter dem Schiern liegt sie. Dort oben wird's Euch wohl sein. Tief aufatmen werdet Ihr. Die Luft dort oben ist von derselben Kraft, wie Ihr sie in der Seele habt. Ihr gehört dort hinauf. Ich wollte, ich könnte Euch führen!« »Weshalb kannst du nicht?« »Weil ich bei meinem Herrn bleiben muß. So lange ich lebe, bei meinem Herrn!... Ach, Judith! Judith!« Plötzlich brach aus dem Greis aller Jammer um Schloß Enna, um seinen lieben Herrn, um seinen liebsten Junker hervor. Blaß und stumm stand Judith daneben; blaß und stumm hörte sie zu. Aber – Sie konnte dem Manne nicht helfen. Als es ihr wiederum einmal in der Tiefe ›zu eng‹ um die Seele ward, unternahm sie eine Wanderung zur Höhe empor. Sie war für ihre Seele eine Wallfahrt. Zum erstenmal geschah's, daß sie ihr Heimattal verließ; und es erhob sich darüber unter dem Gesinde ein Wundern und Staunen, als ob die Herrin auszögt, um sich in der Fremde einen Gatten, dem Platterhofe einen Herrn zu suchen. Einen Herrn für den Platterhof... Seit Jahren suchten die Leute für Judith Platter einen Mann, für den Hof einen Herrn. Sie fanden diesen und jenen; wählten und wählten; wunderten sich, weil Judith Platter nicht diesen und jenen zum Manne nahm. Überhaupt keinen Mann. Plötzlich bildeten sie sich ein, Judith Platter suche und wähle selbst, und sogleich bemächtigte sich ihrer eine starke Erregung; denn – »Wozu braucht der Platterhof einen Herrn? Judith Platter ist Herr!« Bis Bozen blieb Judith im Tal. Sie fuhr in ihrem eigenen Bergwagen, neben sich den Knecht. Im »Greifen« wurde eingestellt, Wagen und Roß dem dienenden Geist des biedersten und behaglichsten aller Drachenungetüme anvertraut, und die Reise zu Fuß fortgesetzt. Der Knecht trug das Reisegepäck. Es war nicht schwer. Den dunklen Lodenrock hochgeschürzt, einen kräftigen Stecken mit spitzer Eisenzinke als Stütze begann der Aufstieg empor zu der wilden und einsamen, der königlichen Welt der Dolomiten... Am Vormittag des zweiten Wandertages erreichte sie ihr Ziel auf Alpenwegen, die häufig Hirtenpfaden glichen. Es war ein Hochtal mit einem altertümlichen Gebäude auf steilem Fels, von den elenden Behausungen eines kleinen Dorfes weltfremder Waldbauern umlagert. Die Leute, die einen verwahrlosten, gradezu verkümmerten Eindruck machten, starrten die Fremde an, als hätten sie noch niemals Menschen aus einer andern Gegend gesehen; noch niemals eine Frau aus einem Kulturland. Judith grüßte und erhielt mürrischen, nahezu feindseligen Gegengruß. Als sie nach einem Gasthofe fragte, wurde ihr erwidert, es gebe keinen. Sie sollte nur wieder gehen. Das wollte sie jedoch nicht. Also erkundigte sie sich: »Was für ein finsteres Gebäude liegt dort oben über dem Dorf?« »Wißt Ihr's nicht?« »Ich bin hier fremd.« »Weshalb seid Ihr gekommen, wenn Ihr's nicht wißt? Wollt Ihr nicht einen von dort oben besuchen?« »Einen von dort oben?« »Die dort oben können Euch bei sich aufnehmen.« »Wer sind sie?« »Solche, die Unrecht verübten. Und wir müssen sie bei uns dulden. Nicht einmal die Messe dürfen sie für uns lesen; nicht einmal die Beichte uns abnehmen und unsern Sterbenden das letzte Sakrament nicht geben. Wenn wir die Messe hören und unsre Sünden bekennen wollen, so müssen wir weit über die Berge gehen. Von weit über die Berge her müssen wir für unsre Sterbenden und Toten einen Priester rufen.« Judith rief: »Mönche, Priester wohnen in dem großen grauen Hause?« »Geistliche Übeltäter.« »Also kein Kloster, sondern eine Strafanstalt?« »Und wir müssen sie bei uns haben! Als ob wir nicht schon elend genug wären. Auch noch ihre Sünden müssen wir tragen. Und es sind Geweihte des Herrn ... Geht nur zu ihnen.« Inzwischen hatte Judiths Knecht nach Unterkunft gesucht und solche in einem zu der geistlichen Anstalt gehörigen Hause gefunden, darin bisweilen Fremde aufgenommen wurden, Verwandte und Freunde von – jenen! Er führte die Herrin hinauf und berichtete unterwegs: »Das sind üble Gesellen. Sie gehorsamen keinem Oberen, leben, wie sie mögen; beten, wann sie mögen ... Ja, und denkt Euch: es sind Augustiner.« »Augustiner?« »Die nämlichen sind's wie im Kloster Neustift.« Judith wollte umkehren. Etwas Seltsames geschah ihr plötzlich: ein Schauer überkam sie gleich einem Grauen. Wie eine Ahnung, wie eine Warnung war's ... Im nächsten Augenblick schämte sie sich der Anwandlung und folgte dem Führer, auf den die Büßermönche starken Eindruck gemacht hatten: »Was haben sie nur getan? Es sind doch Geweihte! Wie können sie Übeltäter sein? ... Oder – was meint Ihr, Frau – sind es vielleicht nur arme Unglückliche?« Aber der Knecht erhielt zur Antwort: »Ich weiß von solchen nichts; will von solchen nichts wissen.« Sie hatte einen harten Ton in ihrer Stimme und ihre Augen bekamen einen in sich schauenden, starren Blick. Drei Tage gewährte das Haus der Büßer der fremden Frau Herberge. Es war ein trauriger Aufenthalt. Die geistlichen Bewohner nahmen es mit einer Befolgung der Ordensregel nicht allzu genau; hielten es für Buße und Strafe genug, in der Wildnis zu hausen. Sie jagten und fischten. Im übrigen lebten sie gleich den Dolomitenleuten von Buchweizen und schlechtem Mais. Keiner der Waldbauern besaß eine Kuh; nur Ziegen und Schafe. Aus der dunkelgefärbten Schafswolle verfertigten sie ihre Kleider, Männer sowohl wie Frauen. Zu Weihnachten wurde ein Hammel, zu Ostern ein Lamm geschlachtet. Es waren des Jahres größte Feiertage – des Fleischgerichts wegen. Drei Tage hielt Judith Umschau. Von früh morgens bis spät abends stieg sie umher. Sie sah nicht nur die Herrlichkeit dieses entlegenen Alpenlandes, sondern auch seine Fruchtbarkeit. Es war jungfräuliche Erde. Allerdings mußten Wälder ausgerodet, es mußten die gerodeten Strecken in Weideland verwandelt werden. Dann aber würde es in diesem Hochtal eine Almenwirtschaft geben, wie nirgends wo anders im Lande. Arbeit würde es kosten. Durch Jahre und Jahre unermüdliche Arbeit. Ein starres Ausharren würde das Kulturwerk erfordern; einen unbeugsamen Willen, unbeugsame Kraft... Am dritten Tage gelangte Judith auf ihren einsamen Wanderungen hinauf zu den sogenannten Königswänden. Hier empfing sie die ganze Majestät der Dolomitenwelt. Es war, als trüge hier die Welt eine Krone. Am dritten Tage wies man sie fort. Die Mönche, die Sünder waren, fragten sie: »Wer seid Ihr eigentlich? Ihr scheint eine schlechte Christin zu sein! Nicht ein einziges Mal kamt Ihr in die Kirche. Seid Ihr überhaupt eine Christin?« Der Knecht, der dabeistand, als seiner Herrin so schmählich begegnet ward, wollte auffahren. Ein Blick Judiths gebot Ruhe. Sie erwiderte: »Ich habe meinen Glauben, wie ihr den euren habt.« »Was wollt Ihr bei uns?« »Ich will bei euch bleiben.« »Ihr bei uns bleiben? In dieser Wildnis? ... Was fällt Euch ein!« »Nicht hier unten will ich bleiben. Ich steige hinauf.« »Hinauf?« »So hoch ich kann. Bis zu den Königswänden hinauf.« »Das ist unmöglich!« »Das wird möglich sein ... Wem gehören dort oben die Wälder und Fluren? Sind sie Klostergut?« »Staatsgut.« »Um so besser.« »Geht! Geht! Wir wollen Euch nicht länger hier haben.« »Ich komme wieder.« Und sie kam wieder. Unter den Königswänden gründete Judith Platter ihr neues Reich, wurde sie die »Königsfrau«. Fünftes Kapitel Pater Paulus ruft einer jungen gläubigen Menschenseele zu: »Kreuzige! Kreuzige!« Und wie dieses Wort erfüllt ward Schloß Enna ward verkauft. Aber weder »Welsche noch Juden« erstanden den einstmals herrlichen Besitz des alten Geschlechts, sondern ein fremder reicher Edelmann, der die Schönheit des Ortes erkannte und ihm mit seinem vollendeten Geschmack – dem Geschmack des Mannes der großen Welt – seinen alten Glanz wiedergeben wollte. Was in der Seele des letzten Sohnes des untergegangenen Hauses bei dem Ereignis vorging – als solches ward es von jedem Bauer, jedem Knecht des Brixener Tales empfunden –, erfuhr nicht einmal der hochwürdige Herr Prälat in der Beichte; das bekannte er allein seinem Gott. Als Pater Paulus die Nachricht empfing, begab er sich nicht in die Kirche, um seine Seele in heißem Gebet sich ergießen zu lassen; er ging auch nicht in sein Kämmerlein, sondern er erbat sich Erlaubnis zu einem einsamen Berggang in der heiligen Frühe des aufdämmernden Tages. Zur Plose stieg er hinauf. Droben stand er lange, lange. Von hoch oben schaute er lange, lange hinab. Über den Gipfeln ging die Sonne auf, deren erste Strahlen auf sein gesalbtes und geweihtes Haupt fielen. Von seinem Haupt glitt der Himmelsschein an ihm herab über seine ganze Gestalt, daß er in Verklärung dastand. Gleichsam von dem Priester hinweg sank der Glanz in die Tiefe des Tals, auf seiner Väter Haus und brachte diesem vom letzten Enkel den Abschiedsgruß. Gelassen vernahm Pater Paulus später: Nahezu die ganze Kaufsumme ging zur Tilgung der brüderlichen Schuldmasse nach Wien, daß für den Grafen von Enna nur ein winziges Kapital übrig blieb. Der frühere Herr aber fand unterhalb des Schlosses in einem ehemaligen Wächterhaus am Ufer des Eisacks ein lebenslängliches Asyl – solange dieses zerbrochene Leben noch dauern würde... Hatte sich die Nachricht von dem Verkauf des Schlosses Enna wie ein Lauffeuer durch die Umgegend verbreitet: von Mühlberg bis Klausen, so schien Föhnsturm eine andre Botschaft auf seine lauschenden Schwingen zu nehmen und weithin durch das Tirolerland zu tragen: »Judith Platter gab den Platterhof hin!« Es klang fast wie: »Die Plose verlor ihre Gipfel, der Schlern seinen Rosengarten!« Der Schaldererbach, der an dem veräußerten Besitz vorüberfloß, raunte die Kunde dem Eisack zu; die Wipfel der Edelkastanien, die seit drei Jahrhunderten des Hofes Wahrzeichen gewesen, rauschten sie zu den Lärchen von Raudegg empor: »Judith Platter gab den Platterhof hin!« Alles gab sie hin. Nicht ein einziges Stück behielt sie zurück. Auch das Gesinde übernahm der neue Besitzer. Nur der Reiher durfte die Fortziehende in die neue Heimat begleiten; Judith Platter wollte das Leben in der hohen Wildnis unter den Königswänden von Anfang an beginnen, mit nichts anderm als mit ihrer Jugend, ihrer Kraft, ihrer Arbeit. Ihr neues Leben in der Öde sollte eine Prüfung dieser Kraft sein; nicht nur der Priester von Kloster Neustift würde eine solche bestehen müssen. Diesem teilte man mit: »Judith Platter gab den Platterhof hin!« Pater Paulus veränderte keine Miene, erwiderte kein Wort... Weil Judith Platter zu Vahrn auf ihrem Hofe saß, weil dieser Hof nahe bei Kloster Neustift lag, war er von Rom in die Heimat zurückgekehrt, hatte er alle Qualen dieser Heimkehr erduldet. Jetzt ging sie fort. Was sie als törichtes Kind phantastisch geträumt hatte, führte sie als reifes Weib aus. Selbst ihren Kinderträumen hielt sie die Treue, hielt allem die Treue so fest wie an ihrem Ringfinger dem Goldreif. Also mußte sie auch ihre Jugendliebe unentreißbar im Herzen behalten – obwohl sie vor ihm zurückgewichen war, als er in jener Nacht am Rande des Eisacks seine Arme nach ihr ausgestreckt hatte. »Also muß sie auch ihre Jugendliebe unentreißbar –« Als er es dachte, schien unter ihm der Boden zu schwanken. Schwindel ergriff ihn. Fast hätte er nach einem Halt greifen müssen, um nicht wie von einem Faustschlag getroffen zu Boden zu stürzen. Er hätte das Kruzifix fassen und umklammern können; aber von diesem göttlichen Zeichen stieß den seiner Schuld sich Bewußten eine unsichtbare Hand zurück. »Sie geht fort. Wohin geht sie? Fort von dir! Also flüchtet sie vor dir? Nicht doch! Flucht wäre Feigheit; und sie ist stark, ist stärker, als du bist. Sie wird dich daher überwinden ... Überwinden? Sie – dich !... Das darf nicht sein ... Darf nicht? Du Tor! Sie geht fort; du aber mußt bleiben.« In der Zeit, während welcher Judith ihren Hof räumte und einem andern Besitzer übergab, einem reichen Kaufmann aus Bozen, während sie davonzog – zu dieser Zeit trat in des Priesters Leben etwas ein, das er bis dahin von sich ferngehalten hatte, als ob es eines Mannes unwürdig sei. Dieses Neue waren jene gewaltigen Hilfsmittel seiner Kirche. Pater Paulus fastete bis zum grimmigen Hunger; er betete bis zur völligen Ermattung aller Lebensgeister; er geißelte sich, bis sein Körper mit Wunden bedeckt und blutrünstig war. Zu dieser Zeit geschah es, daß seine Schüler, die er gelehrt hatte, ihn fanatisch zu lieben, von ihrer alten Scheu vor ihm ergriffen wurden, wenn sie ihm in das todblasse leidensvolle Gesicht sahen, darin die Augen wie im Fieber glühten. Aber einer der guten Jünglinge fühlte in dieser schweren Zeit seine Liebe zu seinem geistlichen Mentor wachsen, daß das junge Herz sie kaum tragen konnte und überfloß in zärtlichem Mitleid mit dem sichtlich grausam Leidenden. Dieser heimlich Liebende war Einhard vom Rinn, dem Pater Paulus das Leben gerettet hatte, um dieses junge und zarte Menschenleben nicht Vater und Mutter, nicht Brüdern und Schwestern, nicht dermaleinst einer Geliebten und Gattin, auch nicht der Welt und dem Leben, sondern dem Himmel und der Kirche zu erhalten. Einhard vom Rinn war der Liebling des Klosters. In diese allgemeine Vorliebe mußte er sich jedoch mit dem Hunde Argos teilen – so tauften die Klosterschüler nach dem treuen Hunde des göttlichen Helden Odysseus das aus den Wirbeln des Stroms gerettete Tier, dessentwillen der junge Einhard sein Leben gewagt hatte. Der Hund Argos schien von Bären abzustammen, deren es in den Dolomiten noch gab, und war ein zottiges kleines Ungeheuer, eine wilde Bestie, die gleich ihre Zähne zeigte, gleich zusprang und zubiß. Aber im Kloster benahm sich der grimmige Raufbold sanft wie ein Lämmlein, vollends gegen den blondlockigen feinen Knaben Einhard. Was seinen Retter, den Pater Paulus betraf, so war dieser – da er noch der lustige Junker Rochus gewesen – von keinem seiner Rüden mit solcher unbändigen Leidenschaft geliebt worden, obgleich er den Hund stets hart anließ und feindselig fortscheuchte. Da er Judith Platter nicht lieben durfte, so sollte ihm nicht einmal ein Tier anhängen ... Aber er konnte nicht verhindern, daß er, ihm selbst unbewußt, dem von ihm geretteten guten Jüngling zugetan wurde. Es war ein Gemüt von geradezu lichter Lauterkeit, von jedem Lebensstaub unberührt, ahnungslos, daß diese wunderschöne Gotteswelt durch das Häßliche des Menschlichen, Allzumenschlichen getrübt und entstellt werden könnte. Dazu kam ein Kinderglaube, der Glaube des Einfältigen, welcher das Himmelreich haben wird. Mit heißer Inbrunst, voll stiller Glückseligkeit bereitete er sich auf sein zukünftiges Priesteramt vor, nicht wagend, sich selbst für einen der Erwählten zu halten, die der Menschheit den Gott verkündigen sollten. Dieser Gott war für ihn ein Gott der Liebe, der Gnade und der ewigen Güte. Auch das edle Blut, das diesem liebenswürdigen und liebenswerten Menschenkinde durch die Adern floß, mochte den Priester aus altem Grafengeschlecht mit geheimnisvoller Macht zu dem Knaben ziehen. Wenn Pater Paulus im Hörsaal zu seinen Schülern sprach, suchte sein Blick unwillkürlich das schöne, fast frauenhaft reizende Gesicht des einen unter den vielen. Er sah es zu dem seinen aufgehoben mit einem Blick, daraus ihn eine hingegebene, ihm angehörende Seele entgegenstrahlte. Das Leuchten dieses Blicks verfolgte ihn beständig, er mochte den seinen noch so oft abwenden. Wenn er den Schülern im Garten begegnete, so hemmte er unwillkürlich seinen Schritt, um von allen den einen zu grüßen; ja, er kreuzte deshalb bisweilen mit Absicht die Wege der jungen Leute, die jetzt bei seinem Nahen nicht mehr verstummten, ihm nicht mehr betroffen nachschauten, sondern die ihn am liebsten in ihre fröhlichen Gespräche, ihre kraftvollen Spiele gezogen hätten; denn schließlich war auch diese fromme Jugend eben – jung. Und es geschah bisweilen, daß Einhard vom Rinn von den Gefährten sich absonderte und sich in einen der Laubgänge stahl, wo er Pater Paulus zu finden wußte. Es war das wider die Klosterregel, was der geistliche Herr dadurch strafte, daß er den Übertreter völlig übersah – da er ihn nicht strafend zurechtweisen wollte. Einmal jedoch dachte auch der Lehrer nicht an das Verbot der Absonderung, sprach den freudig Erglühenden freundlich an, fragte ihn nach diesem und jenem, nach Heimat, Eltern, Freunden; und allmählich wurde aus der Ausnahme nachgerade eine Gewohnheit. Nun erlebte der Priester das Erschließen einer jungen reinen Menschenseele. Es war ein wundersames Sprießen, ein köstliches Erblühen. So voll und schön hatte sich ihm einst ein andres Gemüt aufgetan und sich ihm ganz zu eigen gegeben – so hätte er über jenes Macht gewinnen können. Denn Einhard vom Rinn kannte außer Gottes Gebot kein höheres Wort, als von diesen Lippen, denen eine zwingende Gewalt zu eigen war, zu ihm gesprochen ward. Was aber sprach der beredte Mund? Selten über Irdisches, fast immer nur Dinge des Himmels, des Glaubens, der Kirche. Bei diesen Gesprächen, in welchen der Jüngling dem Priester sein ganzes Herz darbrachte, ertappte sich Pater Paulus bei einer ihm bis dahin vollkommen unbekannten Empfindung. Sie jemals zu fühlen, hatte er für unmöglich gehalten. Es war Neid. ›Hätte ich dieses Knaben Glauben! Ich seine Überzeugung, Inbrunst, Hingabe! Meine ewige Seligkeit gäbe ich dafür. Er wähnt dich reich an Schätzen, an denen du arm bist, ein elender Bettler, dem er von seinem Überschuß Almosen erteilt. Wenn er deine Armseligkeit wüßte, würde er voller Entsetzen vor dir zurückweichen oder voller Erbarmen zu dir sich herabneigen. Er würde nie aufhören, dich zu lieben; aber er müßte aufhören, an dich zu glauben. Eigentlich täuschest du ihn beständig. Du belügst ihn. Deine Lüge entsteht aus deiner Furcht, und deine Furcht ist Feigheit. Was du dadurch ihm antust, ist ein Verbrechen, begangen an seinem Glauben an dich.‹ Fortan schien der Priester vor dem Klosterschüler Scheu zu empfinden, als hätte er ihm gegenüber ein böses Gewissen, während der Jüngling ihm immer fester, immer schöner vertraute... Einmal fragte ihn Pater Paulus: »Was dachtest du, als du dich in den hochgehenden Fluß warfest, um einem Tier das Leben zu retten? Dachtest du:›Auch ein Hund ist ein Geschöpf?‹« »Ach nein. Ich dachte an etwas ganz andres.« »An deine Eltern, die dich lieben, denen dein Tod einen großen Schmerz zugefügt hätte?« »Ich dachte nur an eines.« »Nenne mir's.« »Wenn ich umkomme, so kann ich nicht geistlich werden.« »Nur an dein zukünftiges Priesteramt dachtest du?« »An nichts andres.« »Dein zukünftiges Priesteramt ist also dein Leben. Und dieses wolltest du fortwerfen um eines Hundes willen?« »An mein Leben dachte ich nicht.« »Du hast es behalten. Vielleicht wäre es für dich besser gewesen, wenn du –« »Wie?« Pater Paulus besann sich; faßte sich; sagte nach einer Weile leise und mit tiefem Ernst: »Du kennst das Leben nicht, welches Gott dir erhielt, damit du ihm dienen sollst. Hast du noch niemals darüber nachgedacht, es könnte ein ganz andres Leben sein, als du jetzt träumst?« »Ein ganz andres?« »Weniger rein, gut, köstlich; mehr von der Welt, von den Menschen, dem Erdenleben.« »Ich werde Priester sein.« »Auch an diesen tritt das Erdenleben, das Menschliche heran. Als Versucher sich nahend, wird es häufig zum Totschläger; die Träume, die Illusionen, die Ideale schlägt es tot. Das ist grausamer als ein Totschlag des Leibes durch Dolchstöße. Nicht nur für deinen zukünftigen Priesterberuf mußt du deine junge Seele vorbereiten und stärken, sondern auch für den Menschen in dir und für das Menschentum der andern, die an dich glauben und denen du Priester, Helfer, Retter sein sollst. Dann erst wirst du das leben kennen lernen. Möchtest du es nicht zu sehr erkennen müssen.« Ein plötzliches heißes Mitleid mit der jungen, vom Leben unberührten Menschenseele hatte den Priester ergriffen und ihn so ernst mahnend – so ernst vorbereitend zu dem lieben Knaben sprechen lassen. Was sollte aus dem Guten und Unschuldsvollen werden, wenn er ohne jede Warnung und Vorbereitung das Leben erfassen, die Menschheit begreifen lernte? Was wurde aus dem kindlich Gläubigen, wenn er einsehen mußte, daß auf der Welt selbst an des Menschen Allerheiligstem gerüttelt wird? Würde dieses weiche Gemüt stark genug sein, daran nicht rühren zu lassen? Würde die Erkenntnis von Leben und Menschheit den Feinen und Reinen nicht niederwerfen, wie es die wilde Eisackwoge getan? Auch in der Kirche Christi war das Bildnis der Gottheit von Schleiern umwoben; auch für den christlichen Priester bestand das Gebot, die Hand nicht auszustrecken, den Schleier nicht zu heben; auch in den Tempeln der triumphierenden Kirche Christi konnte eine junge gläubige Seele das Schicksal des Jünglings von Sais erleben... Der Satz, den Pater Paulus nicht beendet hatte, sollte lauten: Vielleicht wäre es für dich tausendfach besser gewesen, du hättest in jener Frühlingsnacht dein junges Leben in den Eisackfluten gelassen – wie dasselbe Schicksal für mich besser gewesen wäre, da ich noch jung, gut und rein war, mit dem Glauben eines Kindes im Herzen. Auch für mich tausend- und tausendfach besser!« Das durfte er dem Knaben nicht sagen ... Die Worte unterdrückend, ward er sich zum erstenmal mit aller Klarheit bewußt, daß er den Ertrinkenden, für den der Tod vielleicht tausendfach besser gewesen wäre, am Leben erhalten hatte. Also hatte er durch seine Rettungstat die Verantwortung für dieses Leben auf sich genommen. Und so mußte er denn mahnen, warnen, vorbereiten. Das war dieser Seele gegenüber fortan seine priesterliche und zugleich menschliche Pflicht. Voll innigen Mitleids mit dem guten Jüngling, in dem qualvollen Gefühl seiner Verantwortung, dem starken Drang dessen, was er seine Pflichterfüllung nannte – von so vielen machtvollen Regungen erfüllt, beachtete Pater Paulus zu wenig den Eindruck, den Mahnung und Vorbereitung auf das Gemüt des Klosterschülers machten. Dieses Gemüt war eine nur mit heiligen Lettern beschriebene Tafel, darauf die flammenden Worte des geliebten und verehrten Lehrers wie von einem glühenden Stift eingegraben, wie eingebrannt wurden. Der Warner sah nicht das bleiche Gesicht, mit dem der arme Knabe zuhörte; der Vorbereitende verstand nicht den Blick des Schreckens, der allmählich zum Entsetzen, zum Grausen ward. So sollte das Leben sein? So furchtbar ernst, traurig, trostlos! So die Entsagung? So schwer und marternd und trotzdem niemals völlig Entsagung werdend – da der lebendige Mensch nicht zu entsagen vermag, nicht den Wünschen und Hoffnungen, nicht einem heimlichen heißen Sehnen. Sehnen wonach? Nach Glück; nach – eben nach Leben ! War solches Sehnen für einen Priester nicht gleichbedeutend mit dem unwiderstehlichen Verlangen nach dem Himmel, nach dem Glück im Glauben, dem Leben in Gott? Doch nicht ganz gleichbedeutend. Denn es war nicht Sehnsucht nach diesen heiligen Dingen allein. Im Menschen mußte erst der Mensch überwunden, mußte der Mensch erst getötet werden, um allein nach diesen höchsten Begriffen Verlangen zu empfinden, allein darin sein Glück und die Erfüllung seines Daseins zu suchen. Wenn jedoch der Mensch im Menschen nicht überwunden ward? Nicht überwunden und getötet von dem Priester ? Was dann? Dann war's ein Jammer, nicht auszudenken. Und wenn der Priester lernen mußte, an vielem zu zweifeln, woran nur mit einem Hauch zu rühren Schuld, Sünde, Missetat war – Was dann? Und wenn der nicht mehr gläubige Priester durch seinen sündhaften Zweifel zu einem schwankenden, einem schlechten und falschen Geistlichen ward; wenn er sich entstellte zu einem treulosen Diener des Herrn – Allmächtiger Herr des Himmels und der Erde, was dann, was dann? Dann ward aus dem Zweifel Verzweiflung ... Von Jammer und Verzweiflung wurde die junge Seele bereits jetzt gepackt. Aber Pater Paulus sah es nicht. Die verzweifelte Menschenseele versank in den verheerenden Wogen hilflosen Schmerzes, ging darin unter. Aber der Retter rettete nicht. Um die Osterzelt war's. Die Klösterlichen bereiteten sich auf die heiligen Tage vor, Priester, Laienbrüder, Schüler. Sie hielten streng die langen Fasten und verrichteten voll Eifers die geistlichen Übungen. Viele gesunde Knabenwangen erblaßten während dieser Wochen; manche fröhlich blitzenden Augen wurden trübe. Daß dies vor allem bei Einhard vom Rinn der Fall war, fiel nicht besonders auf; war er doch nicht nur der jüngste und zarteste, sondern auch der frömmste und zugleich leidenschaftlichste unter den Jünglingen, dabei mit einem bedenklichen Hang zu religiöser Schwärmerei, einer geradezu genialen Begabung zum Fanatiker. Sie fand in den Gesprächen mit Pater Paulus eine Nahrung, als würde in ein dürres Kornfeld die Fackel geworfen; die junge hilflose Seele mußte auflodern in Flammen, mußte sich in dem Brande verzehren ... Die Karwoche begann. Altem Brauch gemäß oblag die Ausschmückung der Klosterkirche den Schülern. Alles Goldwerk des prächtigen Gotteshauses wurde mit schwarzem Flor umhüllt; mit schwarzen Draperien wurden die Säulen, die Wände bekleidet. Das helle Tageslicht, das durch die Fenster den Himmel in das Heiligtum brachte, wurde durch düstere Schleier getrübt. Alle Altäre erhielten Trauerschmuck; vor sämtlichen Kreuzen sollten umflorte hohe Wachskerzen brennen. Die Nähe eines göttlichen Sterbens machte in allem sich fühlbar. Eine erhabene Feierlichkeit, von Todesschauern durchzittert, bereitete sich vor. Als Letztes und Höchstes galt es, die Gruft des gekreuzigten Herrn und Heilandes zu schmücken. Sie befand sich vor dem Hochaltar, eine künstliche Höhlung, darin der blutüberströmte blasse Leib des toten Gottessohnes gebettet ward. Dieser war eine mittelaltrige Holzfigur aus der St. Michaelskapelle, ein weit berühmtes Meisterwerk der Schnitzkunst, erschreckend durch die Wirklichkeit der Darstellung; nicht Nachbildung schien dieser Tote zu sein, sondern Wahrheit. An der lebensgroßen Gestalt haftete eine dunkle Sage: um den gekreuzigten Leib in jeder Muskel der Natur abzulauschen, sollte der Meister seinen eigenen jungen lieben Sohn gekreuzigt haben. Es war ein grauenvolles Totengesicht, kein göttliches Antlitz, sondern das eines Menschen, der unter Qualen starb, eines ganz jungen Menschen, fast noch eines Knaben. Einhard vom Rinn gehörte zu denen, die den Gekreuzigten in feierlicher Prozession aus der vor dem inneren Klostergebiet gelegenen Kapelle des Erzengels zur Kirche überführen und in das von Jünglingshänden bereitete Grab legen durften. Voller Entsetzen starrte der Knabe in die vom Kampf eines fürchterlichen Todes verzerrten Züge. So grausig – menschlich hatte Christus leiden müssen! Aber er litt, um die Sünden der Welt auf sich zu nehmen, um die Welt durch seinen Opfertod von ihren Sünden zu befreien. Der gekreuzigte Heiland der Welt war nach drei Tagen von den Toten auferstanden; dem Karfreitag folgte der Ostersonntag ... Bei der Totenfeier Christi sollten die Klosterschüler das Miserere singen, im Kirchenchor, durch den großen Altar verdeckt, daß es wie aus der Ferne dumpf und geisterhaft herüberklang. Jeden Tag wurde die Totenklage von den jungen Sängern eingeübt. Einhards vom Rinn helle Stimme erschallte wie die eines Cherubs durch die tieferen Stimmen seiner Gefährten. Je näher der erhabene Gedächtnistag kam, um so mehr bemächtigte sich der Gemüter der Klosterleute die Stimmung des Mysteriums, das sich erfüllen sollte: göttliches Leiden, Sterben und Auferstehen. In der Nacht zum Karfreitag fand Pater Paulus in seiner Zelle nicht Ruhe. Die engen Wände umfingen ihn, erdrückten ihn. Er mußte hinaus. Da alle äußeren Ausgänge verschlossen waren, so konnte er nur die Galerien und Säle durchirren. Aber sein auf den Steinfliesen widerhallender Schritt hätte gehört werden können. Auch klang er so geisterhaft hinter ihm drein. Von seinen eigenen gespenstischen Schritten gescheucht, wie verfolgt von sich selbst, gelangte er in die Kirche. Unter den hohen Wölbungen würde er gewiß freier aufatmen können, würde über sein eigenes Gemüt vielleicht Frieden kommen. Frieden – in dem Grabe vor dem Hochaltar lag der aus Todesqualen erlöste Gottessohn. Ihm zu Häupten brannte eine Kerze, wie sie für einen in Wahrheit Gestorbenen angezündet ward; und wie bei einem in Wahrheit Gestorbenen hielt jemand bei dem Leichnam des Herrn die Nachtwache. Eine schlanke schmächtige Gestalt in der dunklen Kutte der Klosterschüler war's. Hingesunken lag der junge Wächter und sah dem Gekreuzigten in das Gesicht. Regungslos, wie entgeistert durch die Qualen, die der Tote vor seinem Ende gelitten, starrte der Jüngling in das von der Kerze grell beleuchtete Antlitz. Jetzt seufzte er, stöhnte er auf. Ein Laut war's so voller Jammer, als müßte er dieses Sterbens Marter an sich selber erdulden. »Einhard! ... Einhard, mein guter Knabe! ... Was tust du hier?« »Ich halte Wache, ehrwürdiger Herr.« »Du mußt schlafen, ausruhen. Für dich hat das Leben noch Nächte voll Schlafes und Friedens.« Pater Paulus trat zu dem einsamen Wächter, der so jung noch bereits schlaflose Nächte hatte und blieb bei ihm stehen. Einhard regte sich nicht; wandte seinen Blick von dem Leidensantlitz vor sich nicht ab; sprach wie im Traume: »Es muß sehr weh getan haben!« Und plötzlich mit einem Blick aufschauend, darin eine Welt von Leiden lag: »Er war hier so allein, da mußte ich aufstehen und zu ihm kommen.« »Jetzt komm mit mir!« »Bitte, nein. Bitte, laßt mich bei ihm die Wache halten.« »So wache denn ich mit dir.« Er setzte sich zu dem Knaben auf eine der Stufen, die zu dem Grabmal emporführten, und sprach in seiner eindringlichen Weise auf den krankhaft Erregten ein: »Du darfst dich nicht in solcher Weise deiner Empfindung überlassen. Sieh, mein Knabe – es ist schön, daß auch Christus Todesqual litt. Was tut das? Nicht allein für ihn, sondern auch für uns. Was sind Todesqualen? Was galten sie ihm, der wußte, daß er nach drei Tagen auferstehen und zum Himmel fahren würde, um zu sitzen zur rechten Hand Gottes, um in ewiger Glorie zu thronen?« »Ach ja! Er wußte es. Wie schön, daß er es wußte. Dann freilich konnte das Sterben leicht sein.« »Siehst du wohl! Ich sage dir: es ist nicht schwer, sein Leben zu lassen. Und gar wenn es für die Menschheit ist: für die Sünden – für die Leiden der Menschheit. Taufende von uns würden um Geringeres willen den grausamsten Qualentod erdulden, erdulden mit Jauchzen und Frohlocken. Ich beneide diesen Jesus von Nazareth seines qualvollen Sterbens willen zu solchem großen, solchem göttlichen Zweck; ich könnte darum mich selber an ein Kreuz schlagen.« »Sich selber an ein Kreuz schlagen –«, sprach der Jüngling ihm nach. Der Priester fuhr fort: »Aber müßten wir alle uns nicht kreuzigen, auf daß das Wort erfüllt werde? Steht nicht geschrieben: wir müssen unser Kreuz auf uns nehmen? Wenn wir das müssen, so muß der Kreuzesaufnahme auch der Kreuzestod folgen. Zunächst der unsrer Selbstsucht. Für uns katholische Priester muß unsrer Kreuzesaufnahme der Kreuzestod alles Menschlichen folgen. Das sind freilich tausendfach größere Qualen als der qualvollste Märtyrertod, dessentwillen Scharen von Gestorbenen heilig gesprochen wurden.« Aber der junge Einhard schien nichts andres gehört zu haben, als die Worte, die er Pater Paulus jetzt ein zweites Mal nachsprach: »Sich selber an ein Kreuz schlagen...« »So sagte ich. Und ich sage dir: Kreuzige! Kreuzige dich selbst! Und ich sage dir seiner: um sich selbst zu kreuzigen, bedarf der Mensch nicht einmal des Glaubens, binnen dreien Tagen von den Toten aufzustehen. Er bedarf des Glaubens überhaupt nicht, um für die Leiden der Menschheit sich selbst mit Dornen zu krönen, sich selbst die Nägel durch Füße und Hände zu bohren, sich selbst den Speerstich zu geben.« Da wurde er mit tiefer Feierlichkeit von ein« Knabenstimme befragt: »Gibt es Menschen, die nicht an eine Auferstehung glauben?« »Lieber Knabe –« » Gibt es Menschen, die überhaupt keinen Glauben haben? Gibt es Priester ohne Glauben ?« Was ging in der Seele des Priesters vor? Welche Macht zwang ihn, an diesem Grabe des gekreuzigten und gestorbenen Gottessohnes, der in drei Tagen auferstehen sollte von den Toten, dem Knaben gegenüber ein Geständnis abzulegen, welches sich selbst zu bekennen er bisher nicht gewagt hatte: das Geständnis seines Unglaubens an eine Auferstehung von den Toten, seines Unglaubens überhaupt ? »Ihr glaubt nicht? Ihr, den ich verehre wie keinen andern Menschen auf Erden; Ihr, zu dem ich aufblicke wie zu einer Gestalt in der Höhe – Ihr glaubt nicht? Und Ihr seid Priester? Ein ungläubiger, unchristlicher, gottloser –« Mit einem Laut wie ein Sterbensschrei brach der Knabe neben dem Leichnam Christi bewußtlos zusammen. Sechstes Kapitel »Durch mich – für mich« Während Pater Paulus zu dem Büßerkloster in den Dolomiten, dahin er seiner schweren Schuld willen geschickt wurde, auf einsamen wilden Wegen emporstieg, versuchte er noch immer das gräßliche Ereignis zu fassen: »Kreuzige! Kreuzige dich selbst!« – hatte er dem Schwärmer zugerufen; und dieser kreuzigte sich selbst. Nicht seine junge gläubige Menschenseele schlug Einhard vom Rinn an das Kreuz des Entsagens und Leidens, sondern seinen armen zarten Knabenleib. Am Karfreitag sang er mit den Gefährten am Grabe des Heilands das Miserere; und niemals war seine Stimme so voll weichen Wohllauts gewesen. Wie eine Stimme von oben herab schwebte sie über Christi offener Gruft, bei welcher der Sänger in der Nacht Totenwache gehalten. Jeder, der dem süßen Klange lauschte, fühlte sich davon wundersam ergriffen; und es entstand rings um das geschmückte Gottesgrab ein stilles Weinen all der Mütter, die gekommen waren, um in der Kirche von Kloster Neustift den gekreuzigten Sohn einer Mutter auf seinem letzten Lager gebettet zu sehen. Danach vermißte man den Sänger. Er wurde durch einen ganzen Tag, durch eine ganze Nacht gesucht; wurde im Morgengrauen des Ostersonntags gefunden: von Pater Paulus in der St. Michaelskapelle, die ihres Alters und Verfalles willen geschlossen war und deren Schlüssel der Klosterschüler dem Pförtner entwendet hatte. Vor dem verödeten Hochaltar führte der unselige Jüngling die grausige Selbstkreuzigung aus ... Mit zerrüttetem Denken versuchte Pater Paulus wieder und wieder den unmenschlichen Vorgang sich vorzustellen: Einhard vom Rinn entfernte sich nach dem Ave aus dem Kloster, und da am Karfreitag des strengen Fastens wegen die Abendmahlzeit ausfiel, so konnte er sich unbemerkt fortschleichen. Es gelang ihm, auch aus dem inneren Klosterhof zu entweichen. Der Werkstatt des klösterlichen Zimmermanns entnahm er Nägel und Hammer; fand daselbst auch eine spitzige Feile, nicht unähnlich einem Dolch. Mit Wachskerze und Zünder hatte er sich im Kloster versehen. Er schlich zu der altertümlichen Kapelle; öffnete mit verrostetem Schlüssel mühsam die schwere Tür; trat ein; schloß Welt und Leben hinter sich aus. Wahnsinn mußte ihn gefaßt haben: die Wahnidee des religiösen Schwärmers, des Fanatikers, Märtyrers: »Kreuzige! Kreuzige dich selbst!« Aber – kreuzige dich nicht deiner selbst willen. Auch nicht wegen der Leiden und Sünden der Menschheit: kreuzige dich wegen des Leidens und der Schuld eines Menschen, der dir lieb ist. Denn darum hat der Knabe das Furchtbare vollbracht: um des geliebten Lehrers willen, der schwach im Glauben war, ein ungläubiger, also ein schlechter und falscher, ein unchristlicher Priester. Durch mich, für mich. Der Alpenwanderer dachte beständig nur das eine; malte sich den Vorgang, dafür es keine Vorstellung gab, mit fiebernden Pulsen, zerrütteten Sinnen beständig aus ... In der Kapelle schritt Einhard vom Rinn zum Hochaltar. Er zündete die Kerze an und begann die Vorbereitungen zu dem anderen Opfer, dem Menschenopfer, zu treffen. Auf dem Hochaltar ragte einsam das hölzerne Kreuz, von dem der Gekreuzigte am Tage vor Karfreitag für die Grablegung herabgenommen und in die Klosterkirche geschafft worden war. Das Kreuz raubte der Opfernde von seinem Platz und legte es auf die Altarstufen. Jetzt entkleidete er sich. Der Kerzenschein fiel auf den jungen lauteren Körper, der in der Schönheit eines Epheben aufleuchtete. Dem erschlagenen Sohn Adams mochte dieser blasse Jünglingsleib gleichen. Darauf betete der betörte Knabe lange, lange. Er betete mit heißer Inbrunst, die Verzückung ward: »Herr, gib mir Kraft! Stärke mich, Herr, Herr! Dich rufe ich an! Siehe, dein lieber Sohn wurde für die ganze Menschheit gekreuzigt – ich will mich für einen, nur für einen Menschen an das Kreuz schlagen. Nimm mein Opfer gnädig auf!« In der Ekstase des Märtyrers durchstach er sich Füße und Hände; bohrte sich die Nägel in die Wunde; legte sich blutüberströmt auf das Kreuz; trieb mit dem Hammer die Nägel ins Holz. Es gelang ihm nur an den Füßen und der linken Hand. Vielleicht ward er darnach bewußtlos. Jedoch noch einmal mußte er erwacht sein. Er mußte sich mit letzter schwindender Kraft den Speerstich in die linke Seite beigebracht haben ... Er verblutete am Kreuz gleich einem Opferlamm: »Durch mich – für mich!« Blutüberströmt, als sei ei der Mörder, trug Pater Paulus den Leichnam auf seinen Armen aus der Kapelle. Als sei er der Mörder, wichen alle vor ihm zurück. Als sei er in Wahrheit der Mörder, klagte er sich selber an: »Durch mich – für mich!« Er wich nicht von dem Toten; wusch ihn; kleidete ihn; legte ihn in den Sarg; wachte bei ihm; grub ihm das Grab. Aber – er betete nicht für ihn. Wenn dieser Tote nötig hatte, daß für seine Seele gebetet und Messe gelesen wurde – so gab es keinen allgütigen Gott. Auch keinen allgerechten. Der Selbstmörder sollte kein christliches Begräbnis erhalten. Es sollten für ihn nicht die Glocken geläutet und sein Grab sollte nicht gesegnet werden. Der hochwürdige Prälat war ein gütiger Herr; indessen – einem Selbstmörder wurde kein christliches Begräbnis gewährt. Das war nun einmal nicht anders. Pater Paulus wollte aufschreien. Auflehnen wollte er sich gegen den Befehl seines Oberen, dagegen sich empören. Doch blieb er ruhig. Der tote Jüngling konnte über sein unchristliches Begräbnis kaum ruhiger sein. Er dachte wiederum: ›Wenn sein unchristliches Begräbnis einem Seelenheile zu Schaden gereichen sollte, so – gibt es weder einen allgütigen, noch einen allgerechten Gott. So gibt es überhaupt keinen Gott.‹ Er ging zu dem hochwürdigen Prälaten, grüßte ihn demütig, bat demütig: »Gestattet, daß ich den Toten begrabe, in aller Morgenfrühe; ich allein. Beging er doch seine Tat durch mich – für mich. Lediglich durch mich und für mich.« Die Bitte ward ihm gewährt. Als er den Sarg auf den Karren heben und hinausführen wollte, standen die Klosterschüler versammelt; reine gute Jünglinge trugen den Guten und Reinen zu Grabe. Und als der Tote in die Gruft an der Kirchhofmauer versenkt ward, stieg zu den Gipfeln der Alpen, zu dem im Morgenlicht erglühenden Himmel statt des Segens feierlicher Gesang auf. Das Miserere des Meisters von Palestrina sangen sie dem verstummten Sänger im Tode nach. Hochwürdiger Herr Prälat! Der Knabe starb durch mich und für mich. Ihr sagt: durch die Todsünde seines Selbstmordes wäre seine Seele dem Himmel entrissen worden. Ihr müßt es wissen. Nur wollet bedenken, daß seine Schuld die meine ist. Wie Ihr seine Missetat an seinem Leichnam straftet und diesem das christliche Begräbnis weigertet, so muß Eure große Gerechtigkeit jetzt auch meine Schuld strafen an meinem lebendigen Leibe. Seele für Seele! Ich stahl der Kirche eine Seele; so muß ich ihr denn eine andere dafür wiedergeben. Das will ich. Ich kenne eine Seele, die der Kirche nicht gehört und die ich der Kirche zuführen werde. Überdies befindet sich daselbst eine Strafanstalt unsres Ordens für schuldige Priester und Mönche. Also ist jener Ort für mich gerade die rechte Stätte. Übt auch an mir Eure Gerechtigkeit und sendet mich zur Strafe meiner Sünden dorthin.« Dem nach seiner Bestrafung Verlangenden wurde entgegnet: »Du sollst der Gottheit viele Seelen gewinnen, mein Sohn Paulus. Auch die Greueltat des unseligen Knaben hat bewiesen, welche Macht über Seelen dir verliehen ward. Der Orden hat Hohes mit dir im Sinn. Ein Chorherr des heiligen Augustin der lateranensischen Kongregation wirst du aufsteigen bis zum Höchsten deines Ordens.« Der Gepriesene fühlte sein Blut zum Herzen drängen. Er hörte in seiner Seele den Versucher ihm zuraunen: »Macht, Herrschaft. Du sollst ein Herrscher sein!« Schweigend verharrte er eine Weile, dann sagte er mit vor Erregung heiserer Stimme: »Laßt mich zuerst über die eine Seele Gewalt gewinnen! Als kniete ich vor Euch in der Beichte, bekenne ich Euch, daß meine Seele nicht eher Ruhe finden wird, als bis dieses eine geschehen ist. Danach wählt mich zu einem andern großen Werk; danach bestimmt über mich. Ihr sollt mich gehorsam befinden in allen Dingen. Heute flehe ich in Demut, mir als Strafe aufzuerlegen, in der Dolomitenwildnis nach meinen Brüdern zu sehen, die dort der Strafe verfielen. Laßt mich selbst ein Büßer sein.« Es geschah so ... Und nun stieg Pater Paulus auf einsam wilden Wegen empor, hoch und höher. Aber die Last auf seiner Seele konnte er nicht in der Tiefe zurücklassen. Sie folgte ihm durch all sein Denken und Fühlen, all sein Beten und Büßen; sie blieb bei ihm, fortan seine Lebensgefährtin, und sollte er zu den höchsten Gipfeln der Kirche aufklimmen, ein Herr und Herrscher über die Seelen. Durch mich – für mich ... Durch mich für die Kirche; durch mich für Gott; durch mich für ewiges Seelenheil.« Er mußte sich besinnen, wen er eigentlich meinte? ... Den toten Knaben? ... Nicht doch! Er meinte sie : Judith Platter. Wen anders sollte er meinen als ihre Seele, die von der Kirche sich abwandte, die Gott niemals in seinem Hause aufsuchte, die ihren eigenen Gott besaß. Er meinte mit seinen Worten die Seele, die sich um ihr ewiges Heil nicht kümmerte; Judith Platters unchristliche Seele wollte er als Sühnopfer für die andre Seele darbringen. So hatte er es seinen Oberen verheißen, so sich selbst gelobt. Und jetzt stieg er hoch und höher zu der Felsenwand der Dolomiten empor, die ihre Welt geworden war, von ihr geschaffen durch die Macht ihres Willens; geschaffen aus eigener Kraft, wie sie bereits als Kind geplant hatte. Jetzt würde er mit seinem Willen, aus seiner Kraft sie zwingen – Auch das war über alle Vorstellung, daß er Judith Platter »zwingen« würde. Er wollte jedoch nicht ihr Herz seinem Herzen untertan machen, sondern ihre Seele Gott. Vielmehr der Kirche Gottes. Er stieg und stieg... Jetzt umwehten ihn wieder dieselben Lüfte wie sie, leuchtete derselbe Himmel über seinem Haupt wie über dem ihren. Wenn auf diesen Höhen der Wind zum Sturm ward, der Riesenfichten entwurzelte und Felsen zersplitterte, so war das nur um so besser, und zwar um so besser für ihn sowohl wie für sie. Für ihrer beider Seele waren Alpenstürme grade das rechte Element; waren sie ihnen doch Atem und Lebenslust! Nun mochte der Föhn der Dolomiten – der Föhn der Seelen sie umbrausen, den einen von beiden würde der Orkan sicher nicht zum Wanken bringen. Und dieser eine war der Mann, war der Priester. Welche grandiose Welt! Genau so wie heute war sie bereits vor Jahrtausenden gewesen: tiefe Schluchten, schwarz von Tannennacht; in den Abgründen der Gischt schäumender Wildbäche; Felsenöden mit geheimnisvollen blaugrünen Seen, deren Flut schneeige Grate und Gipfel widerspiegelten. Und wieder Engpässe, wieder Steinwüsten! Eine Welt für Königsadler war's; eine Welt für Königsmenschen ... Aber dann mußte Pater Paulus die wirklichen Bewohner dieser Wildnis kennen lernen, das armselige Volk von Waldbauern und Hirten nebst den Klausnern St. Augustins in dem Hochtal, welches das Ziel seiner Pilgerfahrt war. Die einen bestanden in einer kleinen Schar von Mühseligen und Geladenen – von Einfältigen und Glaubensreichen; die andern in einer Genossenschaft von Sündern und unfreiwilligen Büßern, darunter sich Lästerer des Höchsten, Verräter an der Gottheit befanden, auch solche voll tiefmenschlicher Schuld. Die Waldleute, die der dunklen Mönchsgestalt des Ankömmlings begegneten, gingen mit widerwilligem, mürrischem Gruß an ihm vorüber: »Da schicken sie uns von da draußen schon wieder einen, den sie bestrafen müssen und den wir behalten sollen!« Aber die Weiber liefen herbei und haschten nach des Priesters Hand, der für sie auch in seiner Schuld und Buße ein Geweihter blieb. Pater Paulus achtete weder der einen noch der andern, achtete nicht der finsteren Felsenenge, die ihn umschloß, als hielte sie ihn wie in einem Kerker gefangen. Er blickte suchend empor. Nicht zum Himmel schweifte sein Blick, sondern zu den Gipfeln der Dolomiten, darunter Judith Platter sich ihr Haus gebaut haben sollte. Unter den höchsten, den wildesten Schroffen leuchtete es auf: Mauern und Dächer. Dort oben also war's! Und er grüßte mit Blick und Seele hinauf: »Ich komme zu dir emporgestiegen! Und – höre mich, Judith Platter! Die Stunde wird schlagen, wo du zu mir niedergestiegen kommst.« Der Empfang, der Pater Paulus in der Klause zuteil ward, brachte sein heißes Blut in Wallung. Als sei er ihresgleichen! Als habe er geleugnet und gelästert in ihrer kleinen Sünderart; als habe er ihre Frevel und Verbrechen verübt, mit ihren Lastern sich befleckt. Aber bereits in der ersten Stunde zeigte er ihnen, daß er nicht zu ihrer Gemeinschaft gehörte; gab er sich ihnen als den Herrenmenschen zu erkennen, der er auch als Gottesmann geblieben war. Da es im Hause der Büßenden keinen Oberen gab, so wählte sich Pater Paulus selbst die Zelle; und er nahm für sich den Raum in Anspruch, der dem Superior gebühren würde, wäre die Strafanstalt St. Augustins dieses Heiligen Heiligtum. Selbst die heimlich wider ihn Murrenden erkannten: ›Diesem kommt es zu, hier zu wohnen!‹ Und sie setzten im Geiste hinzu: »Diesem wird es zukommen, über uns zu gebieten!« Zu ihrer feindseligen Empfindung gegen den Neuling gesellten sich jedoch Furcht und Grauen, als dieser auf ihre Frage, weswegen er zu ihnen geschickt worden sei, gelassen zur Antwort gab: »Wegen Totschlags.« Nicht, um in der größten und vornehmsten Zelle zu hausen, wählte Pater Paulus die altertümliche Wölbung, sondern er entschied sich für sie, weil er, als er an das Fenster trat, hoch über sich die Dolomiten sah. Die kahlen Felsenzinnen loderten in Sonnenuntergangsgluten gleich Flammensäulen, die zum Himmel aufschlugen, um diesen in Brand zu setzen, und in dem Purpurschein leuchtete das Haus der fremden Frau ... Anstatt die erste Nacht seiner Ankunft in der Kirche und im Gebet zu verbringen, durchwachte sie der Mann, der sich selbst eines Totschlags zieh, vor dem offenen Fenster seiner Zelle. Ob Judith Platter dort oben in ihrem Traum wohl empfand, daß er gekommen sei? Und weshalb gekommen? Nicht wegen des guten Jünglings, der sich für ihn, durch ihn selber gekreuzigt hatte, sondern ihretwillen gekommen. Ihretwillen allein! Als er am offenen Fenster stand, hinaufschaute in die Finsternis und an Judith Platters Träume dachte, vernahm er durch das Schweigen der Nacht vor den Mauern der Klause ein leises klägliches Winseln. Da im Hause niemand hörte und die jammervollen Laute nicht verstummten, ging der einsam Wachende, öffnete, fand auf der Schwelle zusammengebrochen einen völlig entkräfteten, mit dem Tode ringenden Hund: »Argos!« Der Priester kniete zu dem Getreuesten der Getreuen nieder, umfaßte seinen Kopf, wollte ihn aufrichten, wollte ihn ins Haus tragen, wollte das schon einmal durch ihn gerettete Leben mit der ganzen Macht seiner Liebe dem Tode entreißen. Aber seine Liebesmacht erwies sich diesmal als machtlos. Der Hund Argos starb. Ende des zweiten Teiles Dritter Teil Die Königsfrau Erstes Kapitel Wie aus Judith Platter die »Königsfrau« ward »Du, Königsfrau!« »Wie nennst du mich?« »Du bist sie ja doch. Bist die Königsfrau.« Aus dem Munde des Hüterbuben Martin erfuhr Judith den Beinamen, den sie in den Dolomiten führte. Sie empfand das Wort als Spottnamen, von der Feindseligkeit der Dolomitenleute ihr beigelegt. Aber der Hohn traf sie nicht. Sie nahm sich auch nicht vor, den Schimpfnamen in einen Ehrennamen zu verwandeln. Wie sie des einen nicht achtete, bedurfte sie nicht des andern; sie blieb in dem einen und dem andern sie selbst. Leuchtenden Blicks fuhr der Knabe fort: »Du, Königsfrau, höre! Dort oben weiß ich einen Adlerhorst mit zwei Jungen. Sind sie flügge, steig ich hinauf und bringe sie dir. Darf ich?« »Sahst du einmal einen gefangenen Adler?« »Beim Bären-Alois.« »Sahst du des Vogels Augen?« »Freilich.« »Und du willst für mich einen Adler fangen?« »Und müßt' ich auf einer Himmelsleiter zu den Königswänden aufsteigen!« »Sahst du nicht, wie traurig des Vogels Augen waren?« »Traurig? Du machst die beiden Adler so zahm wie deinen Reiher. Der hat lustige Augen!« »Dafür ist er auch nur ein Reiher. Ein Adler bleibt ein Adler. Er wird todtraurig in der Gefangenschaft; stirbt im Käfig. Bei mir darf kein Tier traurige Augen haben. Womöglich auch kein Mensch. Also bringe mir deine Adlerjungen nicht.« »Wenn sie groß sind, fressen sie meine Ziegen und Schafe.« »Wenn du groß bist, werde Jäger und schieße die Räuber deiner Ziegen und Schafe. Einen toten Königsadler darfst du mir bringen.« Der leidenschaftliche Knabe rief aus: »Wenn ich dir keine Freude machen kann, freut mich gar nichts mehr!« Judith mußte über den jungen Ungestüm lächeln. Freundlich sagte sie: »Werde solch braver Mann, wie du ein braver Bub bist, und du machst mir auch später Freude.« Der Belobte wurde rot bis zu seinem schwarzen Krauskopf hinauf. Plötzlich brach er in Tränen aus. Sie strömten so heftig, daß Judith erschrak. »Was fehlt dir?« Lange wollte der Knabe nicht gestehen. Dann stammelte er schluchzend: »Was haben sie gegen dich? Was tust du ihnen? Weshalb reden sie Übles von dir? Du bist besser als alle! Gut bist du. Bin ich erst groß, will ich keine Adler schießen – Menschen schieße ich tot! Alle, die dir Böses antun möchten.« Mit dem ruhigen Lächeln, welches Judith für des jungen Wildlings kindliches Liebeswerben hatte, tröstete sie ihn jetzt in seinem Leid: »Niemand will mir Böses zufügen. Das bildest du dir nur ein. Die Leute hier oben müssen mich erst so gut kennen lernen, wie du mich kennst. Sie denken: Was hat die fremde Frau bei uns zu schaffen? Sie soll bleiben, wohin sie gehört; soll wieder hingehen, woher sie kam. Wir wollen sie bei uns nicht haben!« Ich muß ihnen erst zeigen, was ich hier oben will, und daß ich von ihnen nichts verlange; daß ich ihnen gern geben würde, wenn sie es nur von mir annehmen möchten. Nicht Geld und Gut, sondern Arbeit, die ihnen Gut und Geld einbringt. Wenn ich den Leuten nicht böse bin, darfst du es auch nicht sein. Nicht wahr, das verstehst du?« Martin verstand es gar nicht. Da sie ihm jedoch bei den letzten Worten die Hand auf den Kopf legte, so lachte er unter Tränen über sein ganzes braunes hübsches Gesicht und versprach großmütig, dereinst nicht auf Menschenjagd zu gehen; sondern sich mit Adlern und Bären begnügen zu wollen ... Judith schickte den kampfbegierigen Hirtenjüngling zu seiner friedlichen Herde und schritt weiter, um auf dem Hof und in den Stallungen nach dem Rechten zu sehen. Stattlich standen die neuen Gebäude unter den drohenden Dolomitenwänden in der grünen Sommerwelt. Die Mauern waren aus Stein gefügt und von einer Stärke, als sollte der Königshof einen zweiten Platterhof vorstellen. Über den weißen Wänden ragten Obergeschoß und Dach aus jungen gleichmäßigen Föhrenstämmen gezimmert, noch ungebrannt von der Sonne der Alpen. Rötlich gelbe und braunviolette Dolomitenblöcke belasteten die Schindeln und schützten sie vor dem wütenden Föhn. Jedes Ding, auch das kleinste, war wohl bedacht und wohl ausgeführt worden, nach welchen Hindernissen, Mühen, Nöten! Allein die Arbeiter für den Bau zu gewinnen und alles Material zu beschaffen, war eine Tat gewesen, des Willens und der Kraft eines festen Mannes würdig. Jede andere Frau wäre darüber zerbrochen. Die Herrin dieses hohen Reiches hatte sich schließlich darein fügen müssen, fremde Handwerker zu berufen und zwar aus dem nahen, ihr verhaßten Welschland. Die Männer erwiesen sich als vortreffliche Arbeiter, und Judith war viel zu gerecht, um das Gute selbst bei einem Feinde nicht gelten zu lassen. Aber welche Beschwerden, Lasten, Sorgen hatte es gekostet! Grade das war jedoch von allem Bösen das Beste. Nicht einen Augenblick war Judiths Pfadfindernatur erlahmt; niemals hatte sie die Furcht befallen, sie könnte der Sorge nicht Herr werden, die Lasten nicht tragen. Jetzt standen Haus und Hof. Die weiten Stallungen gewährten Raum für zahlreiches Vieh von einem in diesen Gegenden unbekannten prachtvollen Schlag; für Unterbringung reichlicher Heuvorräte gab es hohe Schober aus unbehauenen Fichtenstämmen ausgeführt, und gar ansehnlich erhob sich ein Knechtshaus, während die Mägde gemeinsame Kammern im Hause der Herrin bewohnten. Hier befand sich auch die große Gesindestube, besonders behaglich an langen Winterabenden, wenn sich die Leute um den gewaltigen Kachelofen versammelten, den eine breite Bank umschloß. Dieser Raum stieß an Judiths Wohngemach, inmitten dessen schimmernder Täfelungen der Webstuhl der Herrin stand. Saß sie vor dem ehrwürdigen Gerät und warf mit kundiger Hand eifrig das Schifflein, so hatte die Königsfrau auf ihrem Thron Platz genommen... Die Reden des Knaben Martin taten es Judith nicht an; doch konnte sie nicht verhindern, sich darüber Gedanken zu machen: ›Erst wenn ein Ding Namen erhält, gewinnt es Gestalt. Empfunden habe ich oft genug, daß sie mich hier oben nicht leiden mögen und mich am liebsten verjagten wie einen gefährlichen Feind. Jetzt wurde es ausgesprochen. Und kam mir auch die Botschaft aus Kindermund, so vernahm ich sie doch: ich bin den Leuten verhaßt... Das ist ein seltsames Bewußtsein, gehaßt zu werden. Für mich etwas ganz Neues, Fremdes, Unheimliches und Unheilvolles. Ich muß auch das kennen lernen, muß auch damit fertig werden. Immerhin ist es häßlich, Haß zu erregen. Schön dagegen ist, wenn man geliebt wird, von einem Menschen! ... Was geht das mich an? ... Das ist abgetan für jetzt und für immer.‹ Sie gelangte zu einem Platz, von dem aus sie ihr kleines Gebiet übersehen konnte. Hellen Blicks und freien Herzens schaute sie um sich über die Fluren und Wälder, die sie sich in diesen Himmelshöhen zu eigen gemacht hatte. Das Gefühl einer großen Verantwortung überkam sie: ›Du darfst nicht müßig sein. Nicht eine einzige Stunde! Beide Hände mußt du regen. Sie regen bis zu deiner letzten Stunde. Hier gilt's, zu schaffen. Für wen? Nicht für Kind und Kindeskind. Also für wen? Daran darfst du nicht denken. Das Schaffen, die Arbeit, die Freude am Schaffen und an der Arbeit müssen dir Ziel und Zweck genug sein!‹ Unbedeckten Hauptes stand sie inmitten der lodernden Sonnenglorie; ihrem Haupte tat der Himmelsglanz nichts. An ihrer Hand flammte der Rubin auf. Ihrer Art nach wehrte sie sich nicht wider die bei dem Funkeln des Edelsteins auf sie einstürmenden Gedanken: ›Gut, daß Berge und Täler uns trennen. Es tut nicht wohl, wenn Zwei, welche Unendlichkeiten scheiden, nahe beieinander wohnen. Das mußte ich erkennen, da wir in der Sturmnacht am Eisack standen ... Wie er mich ansah, als er seinen Arm nach mir ausstreckte!... Wenn ich beten könnte, wie andre gute katholische Christen, so würde ich zu der Schutzheiligen seines Hauses, zu Santa Barbara die Hände aufheben und sie bitten, dieses Mannes Herz zu bewahren und darin nur das Bildnis der Himmelskönigin thronen zu lassen.... Was denkst du jetzt wieder? ... Judith! Judith!‹ Sie rief sich selbst so feierlich an, weil sie plötzlich wiederum denken mußte, ob es wohl sein könnte, daß in seinem Herzen – in dem Herzen des Priesters! – das Bild einer irdischen Frau eine Stätte hätte? Dann wäre er ein schlechter Priester, wäre sein ganzes Priestertum Lüge und Trug. Jedesmal, wenn diese Vorstellung Gewalt über sie gewann, mußte sie sich selbst warnend bei Namen rufen, um sich dadurch der dunklen Macht solcher Gedanken zu entziehen. Unwillkürlich glitt ihr Blick von den sonnenüberstrahlten Gipfeln in die schattenvolle Tiefe hinab. Dort ragte auf finster umwaldetem Fels ein graues Gebäude: die Klause der büßenden Augustiner. Daß in der von ihr erwählten neuen Heimat grade dieses heilig-unheilige Haus sein mußte! Heilig durch den Namen seines Gründers, unheilig durch seine Bewohner, die als Priester in menschliche Schwäche und Schuld verfallen waren. Vielleicht befanden sich darunter etliche, dadurch strafbar, weil sie nicht nur die heilige Jungfrau im Herzen trugen; also schlechte und falsche Priester. Gewiß war ihre Schuld eines tiefen Mitleids würdig. Judith Platter fühlte jedoch mit ihnen kein Mitleid. Die Heuernte fiel prachtvoll aus. Judith half tüchtig mit d versuchte die Arbeit für die Leute möglichst freudig zu gestalten; sollte doch Arbeit für den Menschen ein Fest sein. Das stets reichliche und gute Essen war in Zeiten besonders angestrengter Tätigkeit auf dem Hof der Königsfrau besonders vortrefflich; und wurde bei dergleichen Gelegenheiten von dem Gesinde ausnehmend viel verlangt, so stellte die Herrin zuerst an sich selbst die strengsten Anforderungen, die sie auch immer erfüllte. Bereits im Morgendämmer zogen die Mäher und Mäherinnen aus; denn das Gras schnitt sich am leichtesten, wenn auf den Wiesen noch Tau lag. Fluren von derartig üppigem Wuchs waren Judith bisher unbekannt gewesen, und sie hatte ihre helle Freude daran. Noch im hohen Juni blühten dort oben die Frühlingsblumen, daß die Matten märchenhaften Auen glichen, daraus die Dolomiten wie eine Götterburg aufragten. Die großen Glocken der Genzianen hüllten den welligen Grasboden in Azurblau, die duftenden Federnelken in zartes Rosa und die wohltätige Arnika in leuchtendes Gold. Ging über den purpurfarbenen Zinnen der Dolomiten die Sonne auf, so funkelten diese Gefilde in dem glühenden Glanz von Brillanten ... Am Abend des letzten Erntetages zogen plötzlich über den Gipfeln schwere Gewitter auf. Nicht eher sah man die Unwetter kommen, als bis sie bereits da waren. Plötzlich ward es blauschwarze Nacht. Noch standen die letzten Wagen hochbeladen und harrten der Einfuhr mit den Gespannen der silbergrauen, mächtig gehörnten Ochsen. Judith trieb zur Arbeit. Da erklärten einmütig die Knechte: würde ihnen der Lohn nicht erhöht, so rührten sie keine Hand. Sie erhielten zur Antwort: »Morgen zahle ich euch euren vollen Monatslohn aus und morgen seid ihr samt und sonders entlassen. Ihr sollt aber auch heute keine Hand rühren.« Nun wollten einige helfen; doch Judith gestattete es nicht. Sie befahl die Mägde zu den Ochsengespannen. Unter dem Höhnen der Männer gehorchten die einen mißmutig, unbeholfen die andern. Judith und der Knabe Martin arbeiteten fast allein. Sie sah prachtvoll aus. In dem dunklen Kleide einer Bergbäuerin, welches die hohe Gestalt in wenigen großen Falten umschloß, im schwarzen mit Silberknöpfen besetzten Mieder, die braungebrannten Arme frei aus den bauschigen Hemdsärmeln – so stattlich anzusehen, fuhr sie Wagen auf Wagen unter die breit vorspringenden Dächer der Stallungen, wo das Heu vor dem Regen geschützt war. Ringsum knatterten und krachten die Donnerschläge, als ob die Dolomiten einstürzten, lohten und loderten die Blitze, die Gewitternacht mit blauen und roten Flammen durchzuckend. Als der letzte Wagen glücklich geborgen war, brauste der Sturm auf. Am nächsten Tage wurden die frechen Knechte entlohnt und entlassen. Jetzt wären sie gern geblieben. Der eine und andre zeigte eine demütige Miene, oder er ließ sich sogar zu einer Bitte herbei. Stumm deutete Judith bei jedem zur Tür. Da begannen auch die Mägde heimlich zu murren, und eine von ihnen erklärte, gleichfalls gehen zu wollen. Es war die Großmagd, des Hofes tüchtigste Kraft. Sie ward zugleich mit den Männern fortgeschickt. In der dritten Nacht nach diesem Tage wurden die bis zum Dach hinauf gefüllten Heuschober in Brand gesteckt. Das Jammergeschrei der Mägde übertönte der Herrin gebieterischer Ruf: »Laßt brennen! Rettet das Vieh!« Judith erkannte sogleich, daß das Feuer nicht zu löschen sei, erkannte sogleich die Gefahr; erhob sich der leiseste Wind, so wurde auch das Wohnhaus, wurden auch die Stallungen von den Flammen erfaßt und eingeäschert. Der ganze, soeben erst aufgebaute, prächtige Hof konnte über Nacht in einen einzigen Trümmerhaufen verwandelt werden. Ihr Herz krampfte sich bei der Vorstellung zusammen, als würde es zwischen zwei Steinen gepreßt. Aber dafür war jetzt keine Zeit. Mochte der ganze Hof brennen! Er konnte ein zweitesmal – konnte ein drittesmal aufgebaut werden, wenn nur das in Todesängsten brüllende Vieh gerettet ward. Es gelang. Die starke Ruhe der Herrin wirkte wie Zauberkraft. Allein der Knabe Martin vollbrachte wahre Wunder. Erst nachdem die letzte Kuh, das letzte Lamm und Zicklein auf die Wiesen getrieben worden, ließ Judith den Hausrat bergen. Aber die Nacht blieb vollkommen windstill. Auch der Himmel tat ein Wunder. Gleich riesigen Fanalen schlugen die Flammen empor. Schön war's anzusehen! Über der Brandstätte glühte der Himmel, glühten die Dolomiten. Die Königswände standen bei dem roten Widerschein wie von Purpur umhüllt. Gegen Morgen erschienen einige der zunächst wohnenden Waldbauern und etliche Hirten. Auch von den Talleuten kam dieser und jener heraufgestiegen. Sie verhehlten kaum ihre Schadenfreude, kaum ihren Haß und Hohn. Aber das große Wesen der Fremden machte doch starken Eindruck. Von diesem Ereignis an begann in den wilden Gemütern eine Wandlung sich vorzubereiten, sehr langsam und höchst widerwillig. Doch sie begann. Das Vieh blieb vorerst auch über Nacht im Freien. Die niedergebrannten Scheuern entstanden neu und wurden im Spätherbst mit zum großen Teil aufgekauften Vorräten gefüllt. Zwei mächtige Bernhardinerhunde langten an. Sie erhielten von einem der vielen heimlichen Feinde der Königsfrau Gift und starben unter Qualen, das mächtige Haupt in den Schoß der Herrin gebettet. Da wäre es fast geschehen, daß Judiths Gesinde die Herrin hätte weinen sehen. Aber noch vor Wintersanfang wurden zwei neue gewaltige Wächter des vielfach bedrohten Hofes beschafft. Fortan hielt auch die Königsfrau Nachtwache. Das zweite Hundepaar ließ man am Leben; und den zweiten Bau der Scheuern steckte keine Bubenhand in Brand. Sie begann zu siegen, langsam, sehr langsam und ganz gegen den Willen ihres Gesindes sowohl wie den der Dolomitenbewohner ... Es kam ein Winter, der einem einzigen wolkenlosen Herbsttage glich. Die ganze strenge Zeit über konnte unter den Königswänden im Freien geschafft werden. Unwegbare Wildnisse wurden gangbar gemacht, über reißende Bäche Brücken geschlagen, weite Strecken Forstes – er glich einem Urwald – gelichtet oder gerodet. Wenn jetzt die Leute von Judith Platter sprachen, begannen sie zu sagen: »Das ist eine!« Der Knabe Martin entdeckte in den Königswänden eine Möglichkeit, zu bisher unzugänglichen Almen zu gelangen. Strahlend vor Freude kam er mit der guten Kunde zur Herrin: »Die Adlerjungen wolltest du nicht haben. Längst sind sie groß, rauben mein Jungvieh, und ich kann dir die Untäter nicht erschossen bringen! Denn ich habe noch immer keine Büchse, weil ich noch immer nur erst ein Bube sein soll. Aber ich fand andres für dich.« Und er berichtete seine große Entdeckung. Judith wußte von dem Vorhandensein herrlicher Weidegründe in den höchsten Dolomitenwänden. Sie gehörten zu ihrem Besitztum. Doch es sagten ihre alle Erfahrenen: »Lediglich Wildheuer sind imstande, an Seilen gebunden von hoch herab hinzugelangen; und es hat bisher beim Bergen des Heues jedesmal ein Unglück gegeben, so daß niemand mehr sich hinaufwagt. Auch du darfst es deine Knechte nicht tun lassen.« Als gute Haushälterin dauerte Judith der verlorene Grasreichtum. Sie hatte davon eines Tages zu dem ihr leidenschaftlich ergebenen jungen Hirten gesprochen. Dieser bewahrte jedes ihrer Worte im Gedächtnis und nahm sich vor: ›Zu den Almen findest du einen Weg!‹ Er suchte und suchte, schwebte dabei beständig in Lebensgefahr, dachte dabei beständig: ›Wenn du ihr die Almen dort oben erschließest, lobt sie dich wieder, legt sie dir wieder die Hand auf den Kopf.‹ Nun hatte er den Zugang zu der verschlossenen Welt entdeckt, ward dafür höchst belobt, bekam als wahren Königslohn von der Königsfrau zu hören: »Mit dem ›Buben‹ ist's fortan vorbei. Kein Knabe hätte finden können, was du fandest. Aus Bozen lasse ich für dich eine Büchse kommen und alles, was sonst zu einem richtigen Weidmann gehört. Dann kannst du mir auch die Räuber abschießen. Bären kannst du jagen!« Ein Jubelschrei des Knaben, der über Nacht ein Jüngling geworden, war des Beschenkten Dank. Aber dieses Mal hatte sie ihm nicht wie einem großen Kinde den Krauskopf gestreichelt. Fast wäre der so plötzlich für erwachsen Erklärte lieber noch immer nur erst ein ›Bube‹ gewesen ... Eines schönen Tages wollte Judith den entdeckten Aufgang besichtigen. Zu dieser Absicht meinte der Entdecker: »Andere Frauenzimmer kämen nicht hinauf. Du bist aber nicht wie die andern. Mit dir wage ich's. Schwindlig darfst du freilich nicht werden. Sonst stürzest du ab; und ich müßte mit dir hinunter.« Judith entgegnete belustigt: »Dafür täte dir dein junges Leben denn doch wohl zu leid.« Sie erhielt mit höchstem Ernst erwidert: »Um mein Leben wäre mir's weniger, obschon es bei dir hier oben ein gar schönes Leben ist. Aber meine gute Büchse, all das prächtige Pulver und Blei. Was sollte damit werden?« »Das bekäme eben ein anderer.« »Keinem gönn' ich's! Also darfst du keinen Schwindel haben !« »Gewiß nicht. Beruhige dich nur.« Beide traten den Weg an. Er erwies sich als gefährlich genug. Um für das Vieh gangbar zu sein, mußte der Fels vielfach gesprengt und der Pfad an den abgründigsten Stellen gut versichert werden. Aber droben war es eine wahre Herrlichkeit! Wie eine verwunschene Welt lag die Alm eingezwängt in den wilden Wänden, wie ein in den Abgrund versunkener Alpengarten. Der glückliche Pfadfinder sollte zu seinem Schießgewehr droben eine stattliche Sennhütte erhalten ... Als Judith dem Hirten das Weidmannszeug übergab und seinen Jubel vernahm, überlief es sie. Etwas von dem Jauchzen eines Verstorbenen klang ihr aus der Stimme des Lebenden entgegen. So mahnte sie auch in ihrer neuen Heimat, ihrem neuen Leben immer wieder etwas an längst Vergangenes, längst Begrabenes. Es war ein Glück, daß sie sich niemals vorgenommen hatte, die Vergangenheit tot sein zu lassen, daß sie die Kraft besaß, diese mit sich durch ihr Leben zu tragen. Wie sie nun einmal geartet war, hätte sie nur zu oft erkennen müssen: ›Es gibt für dich kein Vergessen‹ Selbst bis in ihre hohe Einsamkeit hinauf drang zur Frühlingszeit die Kunde eines grauenvollen Ereignisses, das in ihrer ehemaligen Heimat alle Gemüter mit Entsetzen erfüllte ... Ein Klosterschüler aus Neustift hatte sich am Karfreitag, von religiösem Wahnsinn ergriffen, selbst gekreuzigt. Die Mönche wollten anfangs den Selbstmord verhehlen. Aber einer von ihnen, derjenige, der den Gekreuzigten fand, zieh sich laut der Schuld, den Jüngling zum Selbstmord getrieben zu haben. Also gab es kein Verschweigen und Vertuschen, und der Selbstmörder erhielt das Begräbnis des Selbstmörders. Bleich und stumm ging Judith einher. Sie mußte mitanhören, wie das Gesinde das Gräßliche besprach, immer wieder und wieder; mußte jenen fanatischen Priester, der einen guten und unschuldigen Knaben in den Tod – in solchen Tod – getrieben hatte, laut verwünschen hören, mußte schweigen. Wenn es der eine war? ... Eine innere Stimme rief ihr zu: »Er war es! Priester seines Geistes werden Fanatiker, müssen Fanatiker werden. Und sie müssen durch ihren Fanatismus andre verderben – andre und sich selbst.« Zweites Kapitel Pater Paulus weiht bei der Königsfrau die Kapelle zum blutenden Herzen Mariä Im Maienmonat war's. Und es war schön, daß die katholische Kirche die holdseligste Jahreszeit der holdseligsten Jungfrau geweiht hatte, der jungfräulichen Gottesgebärerin, die aller Mütter schmerzensreichste war, Maria mit dem blutenden Herzen. Eine Poesie ohne Ende liegt in dem Marienkult, die lieblichste und zugleich erhabenste Dichtung der nach einem göttlichen Urbilde aller Frauenreinheit und Frauenhoheit sich sehnenden Menschenseele. Sie fand ihre Sehnsucht erfüllt in der Frau des Zimmermanns Joseph, in der Frau aus dem Volke. Der ewig jungfräuliche Leib von Mutter Erde gebar den Göttersohn Frühling, den die Flammenpfeile der Sommersonne töteten. Den aus weißer Winterstarre erwachten braunen Schollen entwanden sich unter dem Jubilieren der Lerchenchöre die sprießenden Saaten und Felder, die bunten Blütengefilde der Fluren; und es schmückten sich die Wälder mit Lenzespracht... Judith ließ für ihr Gesinde eine Kapelle bauen. Das kleine Heiligtum stand nahe beim Wohnhause auf einem Hügel unter einem uralten verwitterten Fichtenbaum. Der junge Martin erhielt den ehrenvollen Auftrag, nach Bozen niederzusteigen und ein schön geschnitztes Holzbild der Himmelskönigin in die Dolomitenwildnis herauszuführen. Eines leuchtenden Maisonntags zogen Judiths Mägde, junge blühende Geschöpfe, dem Boten eine Strecke Weges entgegen. Wie für eine Prozession hatten sie sich Blumenkränze gewunden, die einen aus blauschwarzen Genzianen; aus blaßvioletten Anemonen oder goldgelben Primeln die andern. Hinabsteigend sangen sie ein Maienlied. Auch Judith ging mit. Schweigend schritt sie voraus, tiefen Ernst auf ihren Zügen, als wäre sie eine Chorführerin. So feierlich wallte die kleine Schar von der Höhe herab durch die Frühlingsauen bis zur Grenze des Tannenwaldes. Dort erwartete sie Martin. Er sah den Zug kommen, befreite das Bildnis von seiner Umhüllung, stand unter den sprießenden Lärchen und hielt Herrin und Mägden mit beiden hocherhobenen Armen das Gnadenbild entgegen. Es wurde im Triumph vollends hinaufgeleitet und über dem Altar aufgestellt, der sich in einen Blumenhügel verwandelte. Aber noch fehlte der Kapelle die priesterliche Weihe. Für Judiths Empfinden hätte es der Heiligung durch Priestermund nicht bedurft. Sie erkannte jedoch, daß es sich nicht um ihr Gefühl handelte, für welches das Sanktuarium nicht erbaut worden war. Ihr Gesinde forderte die Weihe; und sie mußte diesem Verlangen nachgeben. Aber keiner der Geistlichen aus der Klause im Tal konnte die Heiligung vollziehen. Es waren Büßer, Missetäter. Die Dolomitenleute hegten wenig Achtung vor den Bestraften, wenn auch Frauen und Kinder sich drängten, um jedem der heimlich Mißachteten demütig die Hand zu küssen. Aber auch die Männer wären zu den Geächteten in die Messe gegangen, hätten den Sündern ihre Sünden zur Beichte getragen und sie sich von ihnen vergeben lassen. Sämtliche Bewohner des Hofes sowohl wie der umliegenden Wälder und Höhen trugen ein heißes Verlangen nach den Segnungen der Kirche, selbst durch Mund und Hand solcher sündigen Büßer; waren sie doch immerhin Gesalbte des Herrn, in denen der Geist der Kirche lebendig war – wenn auch nicht in ihrer sündhaften Person, so doch in ihrem heiligen Amt. Also sandte Judith auf dringliches Anliegen ihres Gesindes Botschaft und Bitte hinab, einer von den Vätern möge dem Waldkirchlein unter den Königswänden die Heiligung geben. Es sei dem blutenden Herzen Maria gestiftet. Aus der Klause kam die Antwort: ›Ohne besondere Erlaubnis unserer geistlichen Oberbehörde dürfen wir die Weihe nicht vollziehen. Es soll darum nachgesucht werden.‹ Nach einiger Zeit erfolgte die Mitteilung: ›Die Erlaubnis wurde einem der Unsern erteilt. Wir werden diesen einen hinaufsenden.‹ An Maria Himmelfahrt sollte der Kapelle mit dem Bildnis Mariä zum blutenden Herzen die Weihe erteilt werden. Von allen Seiten versammelten sich die Dolomitenleute. Sie wußten, es gab dort oben bei Judith Platter nicht allein himmlische Seelennahrung, sondern auch irdische Speise und Trank. Denn – so war sie nun einmal! Alles an ihr war besonders geartet. Wenn sie gab, so gab sie gleich mit vollen Händen; und dann war ihr Geben stets ein Verschwenden. Auch deswegen hätte man sie nennen können, wie man sie nannte: »Die Königsfrau!« Die eifrigen Mägde hatten die Kapelle mit Gewinden bekränzt. Da ließen es sich denn auch die Knechte nicht nehmen, für den Hochwürdigen, der zu ihnen heraufgestiegen kam, aus Tannengrün eine Ehrenpforte zu bauen und von dieser Stelle aus den Weg bis zum Kirchlein hinauf dicht mit Zweigen zu bestreuen; wie ein Kirchenfürst sollte der priesterliche Büßer in das Reich der Königsfrau einziehen. In dem mit Zirbenholz ausgetäfelten großen Gemach ward für den geistlichen Herrn der Tisch gedeckt. Die Hausfrau selbst suchte dafür das Linnen aus. Erst in ihrem Hause wollte sie den Priester begrüßen. Verdachte man ihr das Fernbleiben von der Zeremonie, so machte ihr das nichts aus. Der Obermagd befahl sie, das Brot und die Würste für die Scharen der Andächtigen und Hungrigen nach dem Kapellenhügel schaffen zu lassen, desgleichen die beiden Fässer guten Terlaners; wo die Leute fromm gewesen waren, sollten sie nachher fröhlich sein ... Der Geistliche traf ein. Er trug den violetten Talar eines Chorherrn vom heiligen Augustin der lateranensischen Kongregation. Den Priester begleitete ein Knabe mit dem von blasser Seide umhüllten Ciborium. Das gab eine Erregung! Die Dolomitenleute teilten einander flüsternd die große Neuigkeit mit: »Er hält das Hochamt! Er darf für uns das Hochamt halten. Der Himmel läßt für uns ein Wunder geschehen! Einem Büßer, einem Sünder ward die Erlaubnis erteilt, den Herrn zu uns zu bringen! Seine Buße muß groß gewesen sein; denn seine Sünde ward ihm vergeben. Seht ihn an! Er sieht nicht aus wie einer von denen dort unten, sondern wie einer, dem die Macht gegeben ward, zu binden und zu lösen.« Andre sprachen: »Wir kennen ihn. Dieses Frühjahr ward er zu uns geschickt. Weswegen? ... Einer Missetat willen... Dieser ein Mörder? So hörten wir ... Wir glauben euch nicht. Seht ihn doch an! Das ist einer!« So fand das Volk für die absonderliche Wesensart des Büßers Pater Paulus den nämlichen Ausdruck wie für Judith, die »Königsfrau«. Er achtete nicht des Aufsehens, das seine Erscheinung erregte, nicht des Flüsterns. Mit einem Blick tiefster Ergriffenheit schaute er um sich, als suchte er etwas, das zu schauen er mit heißer Inbrunst ersehnte. Jetzt war dafür die Stunde gekommen. Nur sein Herz und sein Gott wußten, wie er darauf gewartet hatte. Er Hütte die Erfüllung seines Wunsches früher herbeiführen können; aber er wollte, daß die Stunde für ihn schlagen sollte. So war es jetzt bei Judith Platter! ... Von der Tiefe aus hatte er die große Welt der Höhe nur als ferne Erscheinung erblickt; jetzt war sie ihm zur Nähe geworden. Unwillkürlich hemmte er seinen Schritt. Dieses ihr Haus; dieses ihr Hof, ihre Fluren, Felder, Wälder! Hier oben konnte sie frei genug atmen, stark genug schaffen. Unter diesen gewaltigen Gipfelwänden erfüllte sich ihre Natur; von diesen scharfen Lüften umweht, fühlte sie sich in ihrer wahren Lebenslust ... Umschau haltend, tat der Priester einen langen tiefen Atemzug. Dann schritt er weiter. Wo und wann würde er sie wiedersehen? ... Vor dem Heiligtum, jetzt gleich! ... Sie müßte nicht – Judith Platter sein, wenn das geschehen sollte. Er würde noch eine Weile warten müssen, bis er ihr gegenüberstand. Aber dann! Was dann? Was würde er ihr sagen? Was sie ihm? Wie würden sie einander gegenüberstehen? Nicht daran durfte er jetzt denken. Er ward hinaufgesendet, um in dieser stolzen Höhe eine heilige Handlung zu vollziehen. Alle seine Gedanken, seine ganze Seele mußten jetzt bei dem Mysterium sein. Aber auch sein Wiedersehen mit Judith Platter kam etwas Geheiligtem gleich. Der Priester betrat die Kapelle, um welche die Berggemeinde sich scharte; denn wenige nur konnten in das kleine Heiligtum selbst eingehen. Sie standen auf dem Hügel unter der uralten Fichte; und während der geistliche Herr drinnen die Weihe vollzog, sangen sie im Chor. Dann trat Pater Paulus heraus und sprach zu ihnen: »Dem blutenden Herzen Maria weihte ich diese Kapelle unter den Gipfeln der Dolomiten. Des Sohnes Blut floß am Kreuz für die Leiden und Sünden der Welt; die Mutter aber ließ ihr Herzblut strömen um des gemarterten und gestorbenen Sohnes willen. Solche unblutigen Wunden sind der Wunden grausamste; Speerstich, Dornenkrone und Nägelmale sind lind gegen ein vor Seelenqual blutendes Herz. »Wer auf dieser Welt so recht ein Mensch ist, der trägt auch des Menschen blutendes Herz in seiner Brust. Denn der Mensch muß leiden auf Erden. »Bis in eure Täler hinein, bis zu euren Höhen empor dringt der Menschheit Leid. Die Felsenmauern, die euch von der Welt abschließen, schützen euch nicht vor dem allgemeinen Menschenlos; und den Feierfrieden eurer Einsamkeit zerreißt der Schmerzenslaut eurer Menschlichkeit. Auch ihr müßt Gräber graben, Tränen trocknen und zum Himmel aufschreien: ›Herr, Herr, warum verließest du mich?‹ »Wenn ihr in eurem Menschenleid eure Herzen bluten fühlt, so steigt herauf zu dieser Stätte über dem Dunst der Tiefe. Hier tretet ein! Dem blutenden Herzen der Mutter ward hier ein Tempel errichtet, von allen Heiligtümern der Erde das Heiligste. Denn es gibt nichts so sehr, was vom Himmel ist, als Mutterliebe und Mutterschmerz. »Eure blutenden Menschenherzen tragt zu diesem Mutterherzen; und aus seinen Wunden wird es leis und lind in die euren überfließen, daß ihr getröstet von dannen geht, zurück in eure Hütten, zu eurer Arbeit, euren Mühen und Nöten, darüber ihr nicht murren sollt. Denn sie sind es, die euch hier herausführen, wo ihr dem Himmel näher seid, der euch segnen möge mit dem Segen der Liebe, der aller Segen machtvollster und göttlichster ist. »Und ich habe euch zu verkünden, daß mir Unwürdigem Erlaubnis erteilt ward, fortan eure Beichte abzunehmen, euch Absolution zu erteilen und für euch Messe zu lesen. Auch darf ich zu euren Sterbenden den Heiland bringen. So habe ich's für euch von meinen Oberen erbeten und so ward mir's gewährt.« Die kleine Gemeinde dieser Bergpredigt geriet in fanatischen Taumel ... Nicht mehr länger brauchte sie mühselige und weite Wanderungen zu unternehmen, um ihre Sünden zu einem Priester zu tragen und sie sich vergeben zu lassen; brauchte nicht länger mehr nach dem Anblick des höchsten Heiligtums zu schmachten. In die wilde Einsamkeit hatte die Gottheit Einzug gehalten, hatte ihr Haus bezogen, blieb bei ihnen wohnen. Und wenn sie jetzt nach einem langen mühseligen Leben das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschten, so konnten sie ihre letzten Stunden in Frieden erwarten; zu ihren Sterbebetten kam fortan der Herr und stand ihnen bei im letzten Kampf, der freilich ihres Lebens schwerster nicht war ... Sie drängten vor, hin zu dem Mann, der ein Übeltäter sein sollte und der für sie so großes Köstliches vollbracht hatte. Sie küßten dem Abwehrenden gewaltsam Hände und Gewand; sie dankten und beteten, weinten und jubelten in dem Rausch ihrer fanatischen Freude. Dann ertönte in dieser hohen Welt der Alpen zum erstenmal das Glöcklein; der junge Martin läutete es, dabei der geliebten Herrin gedenkend; dann vollzog der Priester vor der Kapelle das Meßopfer. Und über der Schar der demütig Niedergesunkenen wurde an diesem Ort zum erstenmal zu den starren Häuptern der Alpenriesen und dem von Morgensonne umfluteten Antlitz des Himmels von sündigen Händen der Kelch emporgehoben. »Der hochwürdige Herr möchte ins Haus kommen.« Der Gerufene mußte sich zusammennehmen, um der Botin mit möglichst ruhiger Stimme zu erwidern: »Melde deiner Herrin, ich würde kommen.« »Ich soll Hochwürden führen.« »Geh nur voraus.« Er ließ den Knaben, der als Ministrant mit ihm hinaufgestiegen war, bei den jetzt froh Feiernden auf dem Hügel und folgte der vorausgeeilten Dienerin mit schweren Schritten. Judiths Hunde empfingen ihn vor ihrem Haus. Sie begrüßten den Gast mit wütendem Gebell, als witterten sie in ihm einen Feind. Sie mußte selbst heraustreten, um Ruhe zu schaffen. Da sah sie ihn denn. Ich bin's, Judith Platter.« Das letzte Wort brachte er kaum über seine Lippen. Daß ihn das Leben dahin hatte bringen können, das Judithlein jemals Judith Platter zu nennen! Und sie trug an ihrem Finger noch immer seinen Ring... In derselben Weise, wie er sie ansprach, erwiderte sie: »Ich sehe, Ihr seid's, Pater Paulus.« Wie kalt und fremd ihre Stimme klang; wie kalt und fremd ihr Blick auf ihm ruhte. Grauen hätte diese beiden Menschen fassen müssen, Grauen vor einem Leben, das zwei Menschen in solcher Weise trennen konnte. Dann nach einem langen Schweigen: »Ihr ließet mich einladen, in Euer Haus zu kommen. Darf ich auch jetzt bei Euch eintreten, nun Ihr wißt, wen Ihr ludet?« »Ich lasse nicht vor meiner Tür stehen, wen zu kommen ich einmal bat. Tretet also ein, hochwürdiger Herr. Verzeiht, daß ich Euch kein anderes Willkommen zu bieten vermag.« »Ich erwartete kein andres.« Sie antwortete nicht und ging, ihm den Weg weisend, voraus. Hatte er eigentlich gehört, was sie ihm sagte? ... Nur dunkel erinnerte er sich ihrer Worte. Während sie zu ihm sprach, lauschte er auf ihre Stimme. So kalt und fremd sie klang, war es doch ihre Stimme, die er wieder vernahm – endlich, nach Jahren und Jahren, nachdem er ihren Klang in hundert schlummerlosen Nächten sich vorgestellt, darauf in seinen Träumen gelauscht hatte. Als er in der Frühlingsnacht am Rande des Eisacks bei ihr gestanden, war sie schweigend vor ihm zurückgewichen. Erst heute hörte er sie wieder zu ihm reden; und keine Engelstimme hätte ihm so überirdisch durch die Seele schallen und hallen können. Er war ins Haus getreten ... Zwischen diesen Mauern lebte sie also! Alles in ihrem neuen Hause war wie sie selbst: weit, luftig, hell. Jedes Gerät darin zeugte von ihr, von ihrem Geist, ihrer Arbeit. Pater Paulus mußte sich zwingen, bei diesem und jenem Stück Hausrats nicht zu verweilen, um seine Hand auf eine Stelle zu legen, woran die ihre gewiß häufig rührte, niemals müßig, beständig sich regend. »Wollt Euch setzen und vorlieb nehmen.« »Und Ihr?« »Der Wirtin geziemt es, bei dem Gast zu bleiben.« Sie stand an dem mit Speisen und Getränk reich besetzten Tische und deutete auf den für den Gast bestimmten Platz. Jetzt sagte sie: »Meine Leute haben für die Gäste draußen zu schaffen; für Euch muß ich sorgen.« Sie schenkte ihm Wein ein und legte ihm von den Forellen vor; suchte für ihn sorglich denjenigen Fisch aus, der mit gekrümmtem bläulichem Rücken unter den Kräutern in der bunt ausgemalten Schüssel lag. Auch Brot und Butter reichte sie ihm. Die Forellen waren aus ihrem Wildwasser, Brot und Butter von ihrem Hof – genau wie einstmals auf dem Platterhof im grünen, grünen Vahrn. Genau so wie einst trug sie für ihn Sorge. Aber heute war es die Sorge der Hausfrau, die ihrem Gaste an Speise und Trank des Hauses Bestes vorsetzt, damit der Gast von der Wirtin nicht sagen kann: »Sie ladet ein und gibt nicht reichlich und gut.« Pater Paulus setzte sich. Er aß, was Judith Platter ihm vorlegte; trank, was sie für ihn einschenkte. Sie stand ihm gegenüber, sah ihn essen und trinken, mußte sich gewaltsam erinnern, wer an ihrem Tische saß und von ihren Speisen genoß. Er hatte sich sehr verändert. Und doch, und doch – noch immer glich er in keinem Zuge einem Priester der katholischen Kirche; noch immer war er in jeder Miene Junker Rochus: Junker Rochus von Enna, ein Mann geworden! Nur um seine Lippen bisweilen ein unruhiges Zucken; nur in seinen Augen ein unsteter, flackernder Blick. Dann bekamen seine Augen etwas Unheimliches. Eine Flamme schlug darin auf. Seine Seele mußte beständig von Flammen verzehrt werden, mußte schon jetzt ein Fegfeuer erdulden. Plötzlich wußte sie: ›Er kam meinetwillen in diese Verbannung und meinetwillen wird er bleiben. So lange wird er bleiben, bis er erreichte, weswegen er kam .... Was kann das sein? .... Er will, daß ich mich ihm unterwerfe! Eher würde der Eisack stromaufwärts fließen, würden die Dolomiten zu sanften Hügeln werden, bevor er – Er war es, er, der den Jüngling in seinen gräßlichen Tod trieb! In mein Haus trat ein Mörder ein; ein Mörder sitzt an meinem Tisch und ißt mein Brot; ein Mörder kam meinetwillen, wird meinetwillen bleiben, bis er –‹ In diesem Augenblick hörte sie ihn fragen: »Also hier oben habt Ihr Euch das Haus gezimmert. Steht es Euch hoch genug?« »Höher konnte ich nicht.« »Sonst wäret Ihr höher gestiegen?« »Ja.« »Um dem Himmel möglichst nahe zu sein?« »Um von den Menschen möglichst entfernt zu sein.« »Taten sie Euch so viel zuleide?« »Nein.« »Dennoch floht Ihr vor ihnen?« »Ich mied sie und –« »Und Ihr fürchtet Euch nicht auf Eurer einsamen Höhe?« »Ich zimmerte mein Haus fest.« »Wißt Ihr, Judith Platter, daß Ihr hochmütig seid?« »Ich weiß.« »Hütet Euch also.« »Wovor?« »Vor Euch selbst.« »Das will ich.« Dabei sahen sie sich an, einander fest in die Augen. In des Priesters Blick brannte ein fanatischer Wille. Sein Blick sprach zu ihr: ›Ich unterwerfe dich doch!‹ In den Augen Judiths lag der Ausdruck ihrer starken Kraft: ›Ich unterliege dir doch nicht!‹ Ihre Blicke maßen sich, zwei Gegner, die in diesem Augenblick sich vornahmen, miteinander zu kämpfen, und sollte es ein Kampf sein um Leben und Tod. Ein solcher würde es sein! Das fühlte in diesem Augenblick jeder. Ein Augenblick war's, der das Schicksal eines jeden entschied. »Ich muß gehen.« »Habt guten Weg hinunter.« »Ich komme wieder herauf.« »Wie Ihr wollt.« »Ihr verwehrt mir nicht, wiederzukommen?« »Ihr wißt, zu wem Ihr kommt.« »Zu Judith Platter.« »Die niemals eine gute Christin war. Keine gute Christin in Eurem Sinn.« »Das könnte sich ändern.« »Gewiß nicht.« »Ändern wird es sich.« »Glaubt Ihr?« »Ja, ja, ja!« Gewaltsam mußte er an sich halten. Sein Leben hätte er dafür gegeben, in diesem Augenblick ihr trotzig erhobenes Haupt mit beiden Händen fassen und hinabbeugen – hinabreißen zu können, bis auf den Boden hinab, nicht zu dem blutenden Herzen Maria, sondern zu den Füßen des Heilands! Hinab zu seinen Füßen. Er ging. Und er ging, ohne den üblichen priesterlichen Abschiedsgruß zu sprechen. Judiths Blick folgte der hohen Gestalt bis zur Tür. Dann mußte sie gehen, um nach den Hunden zu sehen, damit diese dem Priester nicht nachstürzten. Dahin hatte es zwischen ihnen kommen können! Daß Judith Platter ihre Hunde zurückhalten mußte, weil sie sich sonst auf den Mann gestürzt hätten, der einstmals Junker Rochus gewesen. Drittes Kapitel Die Königsfrau betet und Pater Paulus befreit seine Seele von seiner sündhaften Liebe Pater Paulus kam und ging – ging und kam. Die Königsfrau duldete sein Kommen und Gehen, wie sie jeden Fremden, der zu ihrer Höhe hinaufstieg, in ihr Haus eintreten, sich ausruhen und wieder von dannen schreiten ließ. Sie bewirtete den Priester mit der großen Gastfreiheit ihres Hauses, wie sie jeden andern Gast bewirtet hätte; hörte ihn an, als wäre er ihr fremd; antwortete ihm, als spräche sie das erste Mal in ihrem Leben mit ihm. Von Mal zu Mal versuchte er mit wachsendem Ungestüm in ihr Seelenleben zu dringen. Ihres Hauses Tür fand er stets offen; alles andre, das ihr eigen war, blieb ihm gleich einem Buch mit sieben Siegeln verschlossen. Um so leidenschaftlicher war sein Begehren, sich dennoch und dennoch bei ihr Eingang zu verschaffen, und das in ihr tiefstes, ihr geheimstes Sein. Es mußte ihm gelingen! Denn – Trug sie doch noch immer an ihrem Finger seinen Ring – Sie hätte sich den Reif vor seinen Augen abstreifen und in irgendeinen Abgrund werfen können. Das wäre jedoch wider ihre Natur gewesen, und sie tat nichts, was ihrer Natur nicht gemäß war. Als er bei einem seiner Besuche wiederum starr auf ihre rechte Hand schaute, sagte sie in ihrer gelassenen Weise: »Ihr betrachtet Euch so oft diesen Ring. Es ist mein Verlobungsring. Aber der Jüngling, der mir den Reif gab, ist tot. Seinen Ring trage ich bis zu meinem Tode und darüber hinaus, als Zeichen, daß ich dem Gestorbenen meine Treue halte bis zum Tode und darüber hinaus. Ich ward eine arme Witwe, bevor ich eine glückliche Ehefrau werden durfte.« Eine echte Judithrede war's. Dem Mann, dem sie galt, war dabei zumute, als empfinge er einen Schlag ins Gesicht. Einen Augenblick schwindelte ihm, daß er die Augen schließen mußte. Als er sie wieder öffnete, war sein Antlitz fahl wie das eines Sterbenden. Er fragte: »Hieß Euer toter Verlobter Rochus?« »Rochus von Enna.« »Er war Euch sehr lieb?« »Ihr sagt es.« »Wie war der Jüngling, der so hieß?« »Wie er war?« »Da er Euch lieb war, muß er ein prächtiges junges Menschenkind gewesen sein.« Judith erwiderte: »Er war die gute und reine Jugend selbst. Seine Seele war licht wie sein Haar. Wenn er jauchzte, so jubelte aus ihm das Leben, die Freude und die Kraft. Er schien in seiner Lebensfülle und Daseinskraft unsterblich. Und dann doch; dann doch! ... Da ei nach Rom ging, trug er den Todeskeim bereits in sich. Wie das geschehen konnte? Auch er war eben ein sterblicher Mensch – selbst er! Aber es ist um ihn ein Jammer, nicht auszudenken.« Mit seinem todbleichen Antlitz stieß der Priester hervor: »Ihr liebt ihn noch immer?« »Den toten Rochus? ... Wie sollte ich ihn nicht immer noch lieben? Kann eine Liebe zu einem Gestorbenen je aufhören? Das gibt es nicht. Nicht für eine Frau; nicht für mich.« Da rief der Mann Gottes in Qualen: »Ihr scheint ihm seinen Tod nicht vergeben zu können.« »Ihr fragt mich zuviel.« Sie grüßte ihn mit einem leichten Neigen und schritt davon... Ein andres Mal versuchte Pater Paulus ihr den Tod des jungen Rochus in Rom zu erklären. Er sprach so beredt, wie er nie zuvor gesprochen hatte; fand erschütternde Worte für das Sterben des Jünglings in der ewigen Stadt, für seine Leiden, bevor er starb, für seinen grausamen Todeskampf. Aber Judith verstand seine Erklärung nicht und blieb unerschütterlich bei ihrem Glauben. Der Priester erwähnte, der Sohn sei aus Liebe zu seiner toten Mutter dem Leben abgestorben. Aber Judith Platter verstand auch das nicht. Ihrem ganzen Wesen nach konnte sie das nicht verstehen. So blieb es denn hoffnungslos zwischen den beiden. Ihren Kampf führten sie jedoch fort. Es kam eine Zeit, wo Judith glaubte, ihre innige Liebe zu Junker Rochus habe sich in leidenschaftlichen Haß gegen Pater Paulus verwandelt. Daß sie hassen konnte! Sie haßte sich selbst wegen dieser Empfindung, die sie demütigte, als sei ihr dadurch ein Schimpf zugefügt worden. Fortan kämpfte sie nicht nur mit dem Priester, sondern auch mit sich selbst; und sie kämpfte damit, wie andere Frauen mit ihrer Liebe kämpfen. Wie leicht und schön war es doch für die Frau, lieben zu dürfen; wie schwer und schrecklich, hassen zu müssen. Es entstellte das Antlitz der Frau, Antlitz und Seele, die eine von der Gottheit berührte Seele ist, wenn die Frau liebt. In diesem blutigen Ringen mit dem Dämon des Hasses erkannte Judith, daß nur Liebe die Natur der Frau sei, daß die Frau mit ihrem Haß einen Frevel gegen ihre eigene Natur begehe. Und so kam denn für sie die bitterste Zeit ihres Lebens. Was sollte aus ihr werden, wenn sie ihres Hasses nicht Herr ward? Es würde einer Selbstvernichtung gleichkommen, einem Selbstmord, an ihrer Seele vollbracht ... Nun betete sie, die in keiner Kirche beten wollte, tagtäglich, allnächtlich in ihrem Kämmerlein jenes Gebet St. Francisci, dieses heiligsten und zugleich menschlichsten aller Heiligen der katholischen Kirche: »Gelobt sei, mein Herr, durch die, welche verzeihen um deiner Liebe willen.« »Und Schwachheit ertragen und Trübsal.« »Glückselig die, welche sie ertragen im Frieden!« »Denn von dir, o Höchster, sollen sie gekrönet werden ...« Aus ihrer Kinderzeit her besaß sie einen alten Holzschnitt. Das Bild stellte den Gekreuzigten dar, wie er sich vom Kreuze herabneigt, um mit seiner durchbohrten Rechten freundlich den heiligen Franz zu umfassen, der mit beiden Armen an seinen blutigen Leichnam sich klammert. Voll unsäglicher Liebe schaut der Heilige zu dem Heiland empor und Christus sieht ihm mit einem Blick göttlichen Mitleids in die Augen. Zwei holdselige Engelknaben umschweben Gott und Mensch ... Unter dieses Bild schrieb Judith mit steilen starren Schriftzügen die Worte des Heiligen und stellte es neben ihrem Bette auf. Wenn sie sich spät abends entkleidet hatte und ihr schönes Haupt von dem düsteren Mantel ihres prachtvollen Haares umwallt war, trat sie vor das Bildnis und sprach mit lauter feierlicher Stimme den Vers; und sie sprach die großen Worte jeden frühen Morgen, ehe sie ihr Tagewerk begann, welches Arbeit, Mühe und Kampf war. Das Tagwerk ihres Lebens sollte fortan sein, des Heiligen Worte für sich zur Wahrheit zu machen. Dann würde vielleicht auch nach ihr eine Heilandshand sich ausstrecken; würde vielleicht auch sie eine Krone empfangen, und sollte das Siegeszeichen ein Dornenkranz sein. Auf Judiths Hof ahnte niemand, daß der geistliche Herr, der so häufig aus seiner Tiefe heraufgestiegen kam, ein alter Bekannter der Königsfrau war. Alle empfanden vor des Mannes gebietender Gestalt und machtvollem Wesen Ehrfurcht und Scheu zugleich; und alle dachten bei seinem Anblick daran, daß er es gewesen, der das Sakrament zu ihrer wilden Höhe hinaufgebracht und den priesterlosen Dolomitenleuten den Priester gegeben hatte. Von den Klausnern durfte er allein die Beichte abnehmen und Absolution erteilen; er allein durfte Messe lesen und an großen Festtagen Hochamt halten. Allein er besaß das Recht, die Sterbenden mit der Gottheit zu versöhnen und die Toten zu segnen. Er war ein gar eifriger und gestrenger Diener des Herrn; und er wurde immer gestrenger, immer eifriger, wurde ein Fanatiker und Asket. Die Sünder wagten ihm nur ihre kleinsten Sünden zu bekennen; die Schwerkranken sandten nach ihm nur in ihrem letzten Stündlein; die Sterbenden hingen mit Blicken voll Todesangst an seinem Munde, ob ei ihnen vergeben würde? Wo er erschien, entliefen die Kinder. Konnten sie sich vor ihm nicht mehr verstecken, so näherten sie sich furchtsam und haschten ängstlich nach seiner Hand, die er sich von keinem Kinde küssen ließ. Mit vieler Mühe brachte Judith es dahin, daß ihre Hunde sich nicht auf ihn stürzten wie auf einen Feind ihres Hauses und Friedens. Wenn er jetzt eintrat, verkrochen sie sich mit dumpfem Knurren und fletschten die Zähne nach dem Manne, der einst von seinen Rüden heftig geliebt worden war und zu dessen Füßen der Hund Argos starb ... In der Anstalt der Sündhaften und Büßenden führte Pater Paulus neue Zucht ein; und was er einführte, hielt er. Seine Zucht war so streng wie sein Antlitz und Geist, war so scharf, wie sie sündigen und büßenden Geistlichen gebührte. Er selbst unterwarf sich seinen Geboten am ausschließlichsten, mit einer wahren Wut des Büßens und Strafens. Wie es in den ersten Stunden seiner Ankunft geworden war, so war es geblieben: die Mönche haßten ihn. Zu dem allgemeinen Haß gesellte sich jedoch die Furcht. Freilich wußten alle, daß er von dem Orden auf die nachdrücklichste Weise geschützt ward. Aber auch ohne die ihm erteilte Machtbefugnis hätten sie sich seinem Willen unterwerfen müssen; denn er war der geborene Beherrscher der Seelen. Was galt ihm das, solange er sich nicht die eine Seele unterworfen hatte? Es war überdies die Seele einer Frau, die über den Tod hinaus liebte und getreu war. Wenn er den Toten für sie wieder erwecken konnte, wenn er ein Wunder vollbringen konnte ... Sie würde alsdann den Lebenden lieben; würde sich selbst die Treue brechen; und das mußte sie schuldig machen!... Diese stolze starre Seele in Schuld und Sünde zu verstricken, hätte ihre Unterwerfung bedeutet. Denn es war von jeher Schuld und Sünde, welche die Menschheit der Kirche, also der Gottheit, unterwarf. Das nämliche würde als, dann auch mit dieser einen geschehen. Bei der bloßen Vorstellung, ihm möchte Judiths Unterwerfung durch eine von ihr begangene Schuld gelingen, ergriff ihn ein Taumel. Seine Phantasie berauschte sich an der bloßen Vorstellung solchen Sieges. Wie er triumphieren wollte! Nie seinen Triumph ihr zu fühlen geben! Demütigen wollte er sie, knechten. Nur zuerst! Nach ihrer Unterwerfung wollte er ihr gebeugtes Haupt und Herz mit starken Armen aufziehen, zur Gottheit empor... So hatte sich denn auch die Liebe dieses leidenschaftlichen Gemütes in Haß verwandelt und – Pater Paulus freute sich seines Hasses, der den Priester von der Todsünde seiner Liebe befreite. Befreiten Herzens würde er fortan seinem Gott und Herrn dienen. Er würde fortan kein schlechter, kein falscher Priester mehr sein. Hosianna! Von Kloster Neustift kam ein Chorherr mit Botschaft von dem hochwürdigen Herrn Prälaten an Pater Paulus. In seiner gewölbten Zelle empfing dieser den Gast aus seiner einstmaligen Heimat. »Du hättest für deine Schuld, die im höchsten Sinne keine Schuld war, genug gebüßt – soll ich dir melden.« »Ich fühle sie als Gewissensschuld neben mancher andern noch immer auf mir lasten.« »Diese Wildnis so lang« Zeit ertragen zu haben, ist Strafe genug für ein in Wahrheit begangenes schweres Verbrechen. Wolle also mit mir zurückkehren.« »Wurdest du deshalb hergesandt?« »Deshalb.« »Ich möchte noch bleiben.« Und nach einer Weile mit schwerem Atem: »Bleiben muß ich noch.« »Du mußt?« »Mein Versprechen blieb noch unerfüllt; und es war ein Gelöbnis.« »Darf ich es wissen?« »Der hochwürdige Herr Prälat weiß es.« »Sicher hat er dich dessen entbunden; sonst hätte er mich nicht gesandt.« »Melde ihm, ich selbst könnte mich davon nicht lösen.« »Du wirst es, wenn du hörst, was der hochwürdige Herr Prälat, was unser heiliger Orden mit dir im Sinne hat.« »Was ist's?« »Gutes, Großes. Unser Orden erkennt die Kraft, die von dir ausgeht, denn er vernahm von deiner Zucht in diesem Hause der Zuchtlosen. Du sollst zurückkehren und steigen in Würden sowohl wie im Wirken.« Da rief der Erwählte: »Ich darf nicht erhoben werden! Ich darf es nicht, weil ich dessen unwert bin. Jetzt noch unwert! ... Ich bitte dich, lieber Bruder, dieses dem hochwürdigen Herrn Prälaten mit meinem demütigen Gruße zu melden.« »Zaudernd und ungern.« »Zugleich mit meiner inständigen Bitte. Sie möge in unserm Orden wohl erwogen und alsdann darüber beschlossen werden: über Aufhebung dieses Hauses als Strafanstalt. Ich mache mich anheischig, in dieser hohen wilden Welt unserm Heiligen ein Haus zu gründen und zu verwalten, welches eine Zukunft haben wird. Reiches Gut gibt es hier zu erwerben. Schaffen und Arbeit gibt es hier. Ich kann es hier unten im Schaffen und Arbeiten einer Kraft nachtun, die dort oben über den höchsten Wäldern dieses Tales, unmittelbar unter den wüsten Felsenöden aus dem Chaos eine Welt erstehen ließ ... Verweile einige Tage bei uns, lieber Bruder, und lasse dich von mir führen. Du wirst mir recht geben müssen, wirst für mich bei unsern Oberen sprechen. Auch sie werden erkennen, daß mein Vorschlag weise ist, unserm Orden zum Frommen und der Kirche zur Ehre.« So sprach er mit seiner heißen Beredsamkeit lange auf den Boten ein ... Der Chorherr aus Kloster Neustift blieb einige Tage in der Wildnis von Fels und Wald. Er lernte die von Pater Paulus eingeführte scharfe Zucht unter den Schuldigen kennen; sah, wie diese dem Herrschergeist des einen sich unterwarfen; sah ihr heimliches Knirschen und vergebliches Sich-Auflehnen. Der kluge Herr erkannte den Reichtum der Wälder und die Möglichkeit segensreichen Gedeihens, wenn die starke Hand sich fand, hier Zukünftiges vorzubereiten und Bleibendes zu schaffen. Nicht nur, daß die kraftvolle Hand sich bereits gefunden hatte – sie streckte sich begierig aus, um hier zu gründen und aufzubauen. Mit keinem Wort erkundigte sich der Sohn des schönen Brixener Tales nach den Stätten seiner Kindheit, nach Vaterhaus und Muttergrab. Er schien in Wahrheit keine andre Heimat zu besitzen als seine Kirche, keine andre Familie als die Gemeinschaft katholischer Christen; er schien in der engen Genossenschaft mit den Büßenden, in der großen Wildnis der Dolomiten zu einem Priester sich geläutert zu haben, wie sein Amt ihn forderte: ein Knecht Gottes und ein Diener der Kirche, an dem der Herr und die geistliche Behörde ihr Wohlgefallen haben konnten. In Pater Paulus' Zelle befand sich kein Spiegel. Er war daher nicht imstande, zu sehen, ob sein Gesicht sich verändert hatte; vermochte nicht die Wandlung seiner Züge zu beobachten und das Merkmal zu erkennen, welches sein Priestertum diesen aufdrückte – sie »zeichnete« mit dem Mal ihres heiligen Berufs. Die Wasser der Wildbäche, daran er entlang schritt, waren zu eilig, um sein Spiegelbild wiederzugeben; auch würde er wohl nicht hineingeschaut haben, hätte sich hastig abgewendet, wie in Scheu vor dem eigenen Anblick. Aber er las die Veränderung, die jetzt auch mit seinem Antlitz allmählich vorging, in den Gesichtern der andern, in denen der Mönche sowohl wie in denen der Dolomitenleute; besonders in den Mienen der Kinder. Und er bemühte sich, die Wandlung in den Augen der Königsfrau zu lesen, wenn er ihr in ihrem Hause gegenübersaß, um ihre freie Seele zu fassen und niederzubeugen – niederzuwerfen. Aber Judiths Augen verrieten ihm so wenig wie ihre Lippen. Nach wie vor ruhten sie kühl und fremd auf ihm, fast feindselig; und oft packte den Priester unter diesem Blick der Jugendgeliebten ein ungeheurer Schmerz, daß er laut aufschreien wollte. Doch er erstickte den Aufschrei seines Herzens, und der ungeheure Schmerz verwandelte sich in heftigen Zorn, in den heiligen Eifer des Priesters für seine Mission: Seelen zu binden und Seelen zu lösen ... Nach einiger Zeit traf aus der Welt weit, weit da unten, weit, weit da draußen Kunde ein: die geistliche Behörde des Augustinerordens hob die Wildklause als Büßeranstalt auf, versetzte die daselbst in Strafe befindlichen Priester und Mönche nach einem andern Ort, sandte eine kleine Schar Auserwählter in das Hochtal und ernannte Pater Paulus zum Superior des neuen Heiligtums. Weihe und Installation wurden zu einem hohen Festtage gemacht. Klöster und geistliche Behörden schickten Abgesandte; Kirchengeräte, Meßgewänder und Heiligtümer wurden gestiftet und in feierlicher Prozession eingeholt. Nicht nur aus den nächsten Tälern und von den nächsten Höhen kamen die Bewohner herbeigeströmt, sondern aus allen Teilen Tirols, dem ganzen Dolomitengebiet. Pater Paulus mußte eine Andacht vor dem Kloster halten, da die Kirche die Scharen nicht faßte. Herrlich angetan stand er da, ein Dienender und dennoch ein Gebietender. Er hatte das Gesicht aufgehoben und den Dolomitengipfeln zugewendet, den Königswänden zu; und es war, als richtete er seine leidenschaftliche Predigt nicht an seine andächtige Gemeinde, sondern an eine Seele dort oben, die einzige, die seinen Worten nicht lauschen wollte. Aber auch für Judith Platter würde die Stunde schlagen. Nur durfte es bis dahin nicht mehr zu lange währen; denn er mußte zur Ehre Gottes noch andres vollbringen. Nach diesem einen glücklich Vollbrachten sollte das Schwerste ihm leicht werden. Viertes Kapitel Die heilige Barbara tut ein Wunder, und sonst allerlei Wundersames Auf dem Wege zu ihrer Hochalm, woselbst sie nach dem Rechten sehen wollte, vernahm Judith laute Hilferufe einer Männerstimme. Jemand mußte in den Klippen abgestürzt sein! Ihre Hunde begleiteten sie, also machte sie sich mit ihnen sogleich auf die Suche. Um dem gewiß in Todesangst Ringenden ein Zeichen zu geben, daß er gehört worden sei, rief sie zurück: »Hilfe kommt!« Und von Zeit zu Zeit wieder: »Hilfe kommt!« Sie blieb im unklaren: war sich der Verunglückte ihrer Nähe bewußt oder nicht? Seine verzweifelten Rufe dauerten fort; doch schon klang seine Stimme schwach und schwächer, Judith mußte ihren aufgeregten Tieren Schweigen gebieten, um besser zu hören und wenigstens die Richtung zu finden. Die Rufe kamen geradewegs aus den verhängnisvollen Wänden her. ›Wer kann es sein? Martin ist bei den Herden, und von den Knechten ist keiner oben. An der Stimme kann ich den Mann nicht erkennen. Sie klingt fremd .... Er ist es nicht. Aber – wenn er's wäre! .... Ich meine: wenn er abgestürzt sein sollte, und jetzt in Verzweiflung mit dem Tode ringen würde? .... Vielleicht liegt er mit zerschmetterten Gliedern, verschmachtend, unter Qualen umkommend? Denn der Mensch kann bereits vor Tagen verunglückt sein, hängt also seit Tagen an einer Klippe über einem Abgrund, einem Spalt; ruft um Hilfe, bis ihm die Stimme versagt. Wie schwach sie klingt! .... Was täte ich, wenn er es wäre; wenn er sterbend den Namen riefe, den er auf dem Grabe seiner Mutter gerufen hatte, und ich käme zu ihm: zu dem Sterbenden –‹ Und nun suchte sie nach dem Verunglückten, selbst von Verzweiflung gepackt, selbst in Todesangst .... Nach langem mühseligen Klettern entdeckte sie den Abgestürzten über einer grauenvollen Tiefe auf einem Felsstück, das sich wie eine Nadel inmitten der Abgründe erhob. Ein Fremder war's! Auch in ihrer Angst um den Mann, den sie zu hassen glaubte, hatte Judith nicht für einen Augenblick ihre Fassung verloren. Aber jetzt kam zu ihrer starken Ruhe ein heftiges Glücksgefühl: ein Fremder war's! Nicht dem einst Geliebten – dem jetzt Gehaßten brauchte sie Rettung zu bringen. Wie aber Rettung bringen? Es blieb ihr unbegreiflich, auf welche Weise sich der Mann derartig versteigen konnte; wie er als Fremder überhaupt dahin gelangt war? Allein vermochte sie nichts; die Knechte mußte sie rufen. Von diesen mußten sich einige an Seilen hinablassen und den Abgestürzten heraufziehen. Zunächst warf sie sich flach auf den Boden, schob sich vorsichtig möglichst weit über die Wand vor, spähte hinab. Soviel sie erkennen konnte, war es ein blutjunger Mensch. Nicht etwa ein fremder Senn, Hirte oder Bauer, wie sie geglaubt hatte. Auch kein Arbeiter. Es war jemand, der Herrengewand trug. Aber er sah sie nicht, hörte sie nicht, er war bewußtlos geworden. Vielleicht bereits tot, verblutet! Denn Judith sah sein Felsenbett von Blut gerötet. Sie eilte zurück. Die Knechte wurden zusammengerufen, Seile und Tragbahre, Belebungsmittel und Verbandzeug beschafft; und sogleich wieder hinauf! Keine Hilferufe mehr ... Also war er noch immer ohne Besinnung. Judith bedachte alles. Sie ordnete alles an mit einer Ruhe, als handelte es sich nicht um ein Menschenleben. Während zwei sich hinabließen, beaufsichtigte sie das Halten des Seils. Es verstrichen bange Minuten, während derer Judiths Gedanken in weite Ferne wanderten: ›Wer mag es sein? Wenn die Seinen wüßten! Sie sind gewiß lustiger Dinge, lachen und scherzen vielleicht grade. Er scheint sehr jung zu sein ... Vielleicht hat er eine Braut. Sorglos denkt sie an ihn ... Ob keine Ahnung sie befällt, kein Bangen? Um es nicht aufkommen zu lassen, singt sie vielleicht, wie Kinder tun, wenn sie sich fürchten. Oder sie schreibt ihm soeben; sagt ihm, wie zärtlich sie ihn liebt, wie innig sie sich nach ihm sehnt, wie glücklich sie in seiner Liebe ist ... Wie es sein muß, jung zu sein und glücklich zu lieben?‹ Da vernahm sie von unten das Zeichen, daß die Männer den Abgestürzten erreicht hatten. »Lebt er?« »Er gibt nur schwache Lebenszeichen.« »Vorsicht! Behutsam! Legt möglichst leise die Schlingt um ihn... Regt sich?« »Nein.« »Hält die Schlinge?« »Sicher und fest.« »Hebt ihn langsam, langsam auf... Und jetzt – zieht! Langsam, sehr langsam!« Sie zogen ihn herauf und legten ihn nieder auf den Rasen zu Judiths Füßen. Während sie zum zweitenmal das Seil hinabließen, um die Retter heraufzubringen, lauerte Judith neben dem Bewußtlosen nieder. Es schien kaum noch Leben in ihm. Er war wirklich noch blutjung. Und – der Abgestürzte glich einem Gestorbenen! Dem Junker Rochus glich der fremde Jüngling, der jetzt zu Judiths Füßen seinen letzten Seufzer auszuhauchen schien. Obgleich ihr vor der gespenstischen Ähnlichkeit graute, verlor sie auch jetzt keinen Augenblick ihre Besonnenheit. Sie untersuchte die Wunden, wusch sie, verband sie. Dann flößte sie dem Ohnmächtigen Wein ein und rieb ihm Gesicht und Hände mit Essenzen, von ihr selbst aus heilkräftigen Alpenkräutern gebraut. Nach langem Bemühen regte sich der Gerettete, der dem Junker Rochus von Enna glich. Er schlug die Augen auf. Mit welchem Blick er sie ansah! Es war ein Italiener und er kam aus seiner Vaterstadt Venedig. Wandern wollte er, die wunderschöne Welt sehen. Von Valsugana aus stieg er quer durch die Gebirge mit dem ganzen Ungestüm, der ganzen Unvernunft erfahrungsloser junger Leute in dem gefährlichen Gebiet dieser Alpen. Auf irgend welche Weise war er in die Dolomiten gelangt, hatte sich in dem Gewirr von Wänden und Wällen, von Zinken und Zacken verirrt, ward vom Steinschlag in die Tiefe gerissen. An der spitzigen Felsennadel blieb er hängen. Zwei Tage und zwei Nächte schwebte er zwischen Himmel und Erde, rief zwei Tage und Nächte vergeblich um Hilfe. Da hörte ihn die fremde Frau, die von solcher seltsamen Schönheit, solcher stillen Hoheit war. Sie rettete sein junges Leben; ihr dankte er, daß er auf der wunderschönen Erde im Glanze der himmlischen Sonne geblieben. Barbaro Bossi hieß er und war ein Künstler, ein Maler ... Judith kannte keinen Künstler, wußte nichts von Kunst, nichts von ihrer heiligen Schönheit. Ihr war's lieb und leid, daß der Gerettete Italiener war: leid, weil sie wider die »Welschen« noch immer eine leidenschaftliche Abneigung verspürte; lieb, weil durch des Jünglings Abstammung seine schier unheimliche Ähnlichkeit mit dem andern etwas weniger geisterhaft ward. Aus diesem Grunde sprach sie denn auch mit dem Venezianer weniger ungern in seiner wohllautenden Muttersprache. Sie fragte ihn: »Ihr habt einen ungewöhnlichen Vornamen: Barbaro. Ich wußte nicht, daß das ein Name sei.« »Ich wurde am Barbaratage geboren und daher nach der Heiligen getauft. Santa Barbara ist meine hohe herrliche Schutzpatronin. Wißt Ihr, daß Ihr meiner lieben Heiligen gleicht?« »Gewiß nicht!« Aber Barbaro behauptete hartnäckig: »Ihr gleicht ihr zum Erstaunen, fast zum Fürchten.« »Zum Fürchten?« »Ja, und denkt nur ... Da ich stürzte, empfahl ich meine Seele meiner Schutzheiligen – obgleich ich eigentlich ein rechter Heide bin. Haltet mich deshalb nicht gleich für einen schlechten Menschen, liebe Frau.« »Weshalb sollte ich das?« »Weil Ihr doch gewiß eine fromme katholische Christin seid.« »Denkt nicht allzu Gutes von mir ... Wie aber kam es, daß Ihr zu Santa Barbara betetet, da Ihr doch nicht den rechten Glauben habt?« »Sie stand plötzlich vor mir, als ich in den Abgrund sank.« »Ihr saht sie?« »Wie ich Euch vor mir sehe. Ich sah sie in der himmlischen Gestalt, in der ein großer Künstler sie schuf. Und da ich wieder zur Besinnung kam – wessen Antlitz neigte sich zu mir herab? Kein andres, als das meiner hohen Heiligen.« »Wessen?« »Euer wunderschönes Antlitz, liebe Frau. Und dann soll es kein Wunder geben!« Der durch ein Wunder gerettete Jüngling betrachtete Judith so innig voll entzückten Staunens, daß sie sich abwandte ... Wie sagte er? »Euer wunderschönes Antlitz.« Sie sollte schön sein? Das hatte ihr noch niemand gesagt, daran hatte sie noch niemals gedacht. Sie selbst kannte von sich nur ihre Seele, und diese war unschön, war entstellt worden, verzerrt durch ihren Haß, der einstmals Liebe gewesen. Einstmals hatte sie eine schöne Seele besessen. Wer gab ihre verlorene Schönheit ihr wieder? Abgewendet von Barbaro erkundigte sie sich: »Woher wollt Ihr wissen, wie Eure Schutzpatronin aussah?« »Ich sagt's Euch ja doch. Hörtet Ihr denn niemals von dem Bildnis der heiligen Barbara, welches Meister Palma gemalt hat?« In ihrer herben Art entgegnete Judith: »Ich hörte niemals von Künstlern und ihren Werken.« »Ist das möglich? Das herrliche Gemälde befindet sich in meiner wundersamen Vaterstadt in der Kirche Santa Maria Formosa, und es gehört zum Höchsten, was die Kunst jemals gebildet hat. Die Menschen wallen zu dem Bildnis der Märtyrerin, als könnte ihr Bild Wunder vollbringen, von dem Völklein begeisterter Künstler völlig zu schweigen ... Ich muß es Euch noch einmal sagen, wenn Ihr's auch nicht hören möchtet.« »Was?« »Daß Eure Ähnlichkeit mit der Santa Barbara des Palma Vecchio jedenfalls das schönste Mirakel ist, welches die Heilige jemals vollführt hat. Ich will sie anbeten, indem ich Euch Verehrung und Adoration zolle. Erlaubt Ihr mir's, liebe Heilige?« Unwillig erhob sich Judith von ihrem Platz neben dem Lager des Schwerverletzten, und verließ in gekränktem Schweigen das helle Gemach, darin sie ihren Gast gebettet hatte. Barbaro stieß einen leisen Schmerzensruf aus; er hatte nach ihr seinen rechten Arm ausgestreckt, vergessend, daß dieser zerschmettert, gelähmt war ... Aber bei seiner großen Jugend konnte Judith keiner ihrer jungen Mägde die Pflege überlassen, mußte sie selbst diese übernehmen; fühlte sie sich doch als Matrone. Wenn sie an ihre Jugend dachte, so war ihr zu Sinn, als wäre sie niemals jung gewesen. Nur jung während ihrer Kinderzeit. Als jeden frühen Morgen Junker Rochus auf seinem Falben angesprengt kam, als des lieben Knaben wilde Rüden ihre Menagerie umtobten und sie mit Freudengeheul grüßten; jung nur damals, als der schmale schimmernde Reif ihr an den Finger gesteckt ward .... Daß der durch sie aus Todesgefahr Gerettete Barbaro hieß, daß dieser Barbaro aus Venedig dem Junker Rochus von Enna glich, sie selber dem Bildnis der Schutzpatronin dieses Barbaro und jenes Rochus – das alles kam freilich einem Wunder gleich. Ein Glück, daß der venezianische Rochus kein schwarzes, sondern bräunlich-blondes, vielmehr goldig-rötliches Gelock besaß und sich einen argen Heiden schalt. Obgleich sie selbst keine gute Christin im katholischen Sinne war, vermochte sie sich unter einem »Heiden« so wenig etwas Klares vorzustellen wie unter einem Künstler und der »heiligen Schönheit« der Kunst – solchen feierlichen Namen gab der Fremdling der Sache. Ihrer Art nach sann sie über diese für sie geheimnisvollen Dinge und versuchte, sie zu verstehen. Weshalb hatte sie sich eigentlich von des Jünglings bewundernden Blicken und begeisterten Worten gekränkt gefühlt? Gekränkt zu sein, lag doch wirklich nicht in ihrem Wesen. Wenn ein Mensch sie überhaupt treffen konnte, so traf er gleich ihr Herz. Das hatte bisher nur einer getan, konnte nie wieder ein andrer tun. Das Herzblut, welches sie des einen willen vergießen mußte, hatte sie gegen jeden Schmerz, der von Menschen kam, zeitlebens gefeit .... Wie traurig hatte er sie angeblickt, als sie plötzlich aufgestanden und schweigend gegangen war. Sie hatte seinen leisen Wehruf vernommen und – war doch gegangen. Erzürnt über ihre Herbheit, begab sie sich nachmittags in das Gärtlein – es war der Stolz ihres Besitztums – pflückte einen Strauß feurigroter Bauernnelken und blaublumigen Lavendels und brachte die Blumen als Zeichen ihrer Reue dem so hart Abgewiesenen. Aber Barbaro erkannte sie nicht. Er lag phantasierend in heftigem Wundfieber. Jetzt kam für Judith bange Zeit. Einen Arzt gab es nicht. Kranke Menschen und krankes Vieh heilten die Dolomitenleute mittels Kräutern, Salben und Sprüchen. Judith bedurfte auch nicht des Arztes; die Heilung lag in des Kranken Natur und ihrer sorgfältigen Pflege. Da sie des Fremden Natur nicht kannte, so konnte sie ihre Hoffnung nur in seine Jugend und in sich selbst setzen; sich selbst durfte sie vertrauen. Also wurde sie jetzt die treueste Pflegerin, wie sie die stärkste Retterin gewesen. Manches ward ihr schwer. Wenn sie stundenlang still bei ihm sitzen und seine Phantasien mitanhören mußte. Er schien zu Hause eine Braut oder Geliebte zu haben, Giulietta mit Namen. Aber häufig rief er: »Giudetta!« Und diese Giudetta verwechselte er beständig mit der heiligen Barbara. Er schilderte sie: eine hehre Gestalt, eine wahrhaft königliche Gestalt, eher einer Herrscherin als einer Märtyrerin ähnlich. Machtvoll stand sie da, in reiche, über der Brust gegürtete rote Mantelgewänder wie in Purpur gehüllt, einen Reif mit spitzigen Zacken wie eine Krone auf dem herrlichen Haupt über ihrem tief herabflutenden flammenden Haar. Ein Werkzeug ihres Martyriums hielt sie gleich einer Siegespalme – gleich einem Zepter in der erhobenen Rechten, während die andre Hand die Falten ihres Mantels faßte. Unmöglich konnte sie, Judith Platter, an diese siegreiche Frauenerscheinung auch nur in einer Miene, einer Bewegung gemahnen ... Da geschah etwas, das Judith Platter durchaus unähnlich war: daß sie vor einen Spiegel trat und sich in dem Glase lange forschend betrachtete. Und es geschah, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben ihre – Schönheit erkannte, die Schönheit ihrer Gestalt, ihrer Züge. Eine heiße Scham überfiel sie; nicht anders, als hätte sie durch das Betrachten ihrer selbst, durch Erkenntnis ihrer Frauenherrlichkeit etwas ihrer Unwürdiges begangen. Als Pater Paulus auf den Hof kam und das Vorgefallene vernahm, ließ er sich zu dem Geretteten führen; und als er sah, wie jung und schön und krank der arme Knabe war, wollte er selbst die Pflege übernehmen. Aber Judith wies ihn ab: »Er liegt in meinem Hause und in meinem Hause habe ich zu bestimmen. Laßt Euch das wieder und wieder gesagt sein.« »Sobald er ohne Fieber ist, soll er hinab ins Kloster gebracht werden.« Auch das wurde dem Superior des neuen Augustinerklosters verweigert: »Ich fand ihn auf der Felsennadel über dem Abgrund und meine Leute bargen ihn unter eigener Lebensgefahr. Also gehört der Fremde mir und dem Hof. Nicht eher lasse ich ihn davonziehen, bis er gesundet aus meinem Hause fortgehen kann, wohin zu gehen ihm gefällt.« Zornig fuhr der Hochwürdige auf: »Da der Jüngling katholischer Christ ist, so besitze ich auf ihn ein Anrecht, wie ich ein solches auf Euch habe. Ihr mögt Euch dagegen wehren, wie Ihr wollt.« Fast höhnend wurde dem Erzürnten erwidert: »Er nannte sich selbst einen Heiden. Über einen solchen habt Ihr keine Gewalt – so wenig wie über mich, die ich niemandem über mich Macht einräume. Das solltet Ihr endlich wissen.« Er wußte es. Trotzdem stieg er immer wieder und wieder mit geschürztem Gewände den weiten mühseligen Weg von seinem Kloster zum Dolomitenhofe hinauf; ließ sich von den seine dunkle Gestalt hassenden Bestien feindselig anknurren, von dem Gesinde mit scheuer Ehrfurcht grüßen und von der Hausfrau als Fremden empfangen... Heute nun stand er wieder am Lager des Fiebernden, lauschte auf dessen Irreden, erglühte und erbebte. Die heilige Barbara rief der Phantasierende zu seiner Hilfe in Todesnot; die heilige Barbara half ihm, und – die Himmlische war ein irdisches Weib. Dieses trat zu dem zwischen Erde und Himmel Schwebenden, rührte ihn an, trug ihn auf den Armen empor, neigte sich über ihn, neigte sich zu ihm herab – küßte ihn .... Da wich der Priester aus dem Gemach und dem Hause. Vor dem Hause harrte er auf die Hausfrau. Als sie zufällig kam und ihn draußen stehen sah, wollte sie an ihm vorbeigehen, ohne ihn zu beachten. Da vertrat er ihr den Weg, zwang sie, stehen zu bleiben und auf ihn zu hören: »Was bedeutet das? Was hat dieser junge Mensch, der sich selbst einen Heiden nennt, mit Santa Barbara zu schaffen? Wie kommt er dazu, die Heilige mit Euch zu verwechseln und in seinen Phantasien von Euch zu sprechen? In solcher Weise! Ist's wahr, daß Ihr ihn in Eure Arme nahmt und ihn –« Judiths Blick machte ihn verstummen. Nach einer Weile erst sprach sie: »Ich habe nicht nötig, Euch auf solche Frage Antwort zu geben, wie Ihr nicht befugt seid, mir solche Frage zu stellen. Aber ich will Euch antworten! ... Die heilige Barbara ist des Fremden Schutzpatronin, wie sie das einstmals einem andern gewesen. Jenen hat sie jedoch nicht geschützt, wie sie diesen schlechtgläubigen Jüngling schützte, schlechtgläubig in Eurem Sinn. Denn der Fremde ist ein Künstler, und ein Künstler soll etwas Heiliges sein ... Freilich umfing ich den Geretteten mit meinen Armen, als sie ihn aus dem schrecklichen Grabe emporgezogen; und wenn mein Kuß ihn heilen könnte, so wollte ich meinen Mund auf seine Stirn und Wangen pressen, bis er genesen sein würde.« Da schrie der Priester auf: »Würdet Ihr ihn auch auf den Mund küssen?« »Auch auf den Mund.« Sie ging an ihm vorbei. Barbaros starke Jugend und Judiths treue Pflege besiegten Fieber. Erst jetzt zeigte sich so recht Judiths frauenhaftes Wesen, welches dem Jüngling gegenüber mehr und mehr etwas Mütterliches annahm. Wie sie bereits als Kind halbverdorrte Pflanzen zum Treiben und Sprießen, zum Grünen und Blühen gebracht hatte, so flößte sie dem erst jetzt dem Leben Wiedergeschenkten neue Lebenskraft ein. Aber sowohl während des Fremden Erkrankung als während seiner Genesung verfolgte sie beständig eine qualvolle Vorstellung: »Wenn statt dieses Jünglings der andre todeswund in deinem Hause läge – würdest du auch an dem andern, dem dieser ähnlich ist, genau ebenso treulich deine Pflicht erfüllen? Und wenn er nur dadurch zu heilen wäre, daß du ihm Stirn und Wangen und Lippen küßtest – was dann? Du müßtest ihn sterben lassen! Denn einen Geweihten des Herrn darf kein Frauenmund berühren. Selbst wenn er dich um die Rettung seines Lebens durch einen Kuß anflehen würde – du müßtest ihn sterben lassen ... Aber er würde dich nicht anflehen! Nicht mit einem Laut, einem Blick.« Bald brauchte der Fieberfreie nicht mehr im Bett und im Zimmer zu bleiben und konnte in einem bequemen Lehnsessel im Freien gebettet werden, wenn es anging, in möglichster Nähe der Hausfrau. Möglichst nahe bei Judith zu sein, war für den Genesenden Bedürfnis und Glück zugleich. Auf dem Hofe liebten Mensch und Tier den freundlichen Jüngling. Judiths Hunde, die gegen den Hochwürdigen die Zähne fletschten, umschmeichelten ihn stürmisch; Judiths Mägde konnten sich in Bedauern und Bewundern nicht genug tun, und ihre Knechte, die ihn aus dem Abgrund gehoben, betrachteten ihn als ihr besonderes Eigentum. Selbst der junge Martin konnte dem anmutigen Fremdling auf die Dauer nicht gram sein, was anfangs der Fall war, weil er bei dem Rettungswerk nicht mitgetan, sondern auf der Hochalm bei den Herden gesteckt hatte. Als er seinen Groll kaum überwunden, verfiel er plötzlich in Eifersucht. Also erschien er auf dem Hof nur, wenn er für die Heiden Salz hinaufschleppen oder eine Last frischer Butter heruntertragen mußte. Am meisten quälte den Wildling die Wut über sich selbst, weil er den Liebling des Hofes nicht hassen konnte, sondern trotz seiner Eifersucht dessen Zauber unterlag. Eines Tages fragte Judith ihren Pflegling, ob er – da er den rechten Arm noch immer in der Binde trug – seinen Leuten nicht schreiben lassen wollte? Sicher sorgten sich die Seinen um ihn. »Wen nennt Ihr die Meinen?« »Eure Eltern, Geschwister, Freunde.« »Meine Eltern sind tot; Geschwister besitze ich nicht, und meine Freunde, wie Ihr sie heißt, sorgen sich nicht um mich.« Sie wollte es nicht sagen, sagte es aber doch: »Dann vielleicht sonst jemand.« »Wen meint Ihr, liebe Frau, mit diesem Jemand?« »Ihr habt zu Hause vielleicht eine Braut?« »Nein.« »Verzeiht. Ich wollte Euch nicht kränken.« Barbaro hatte ihre fast schüchtern gestellte Frage mit plötzlich verdüstertem Gesicht und harter Stimme verneint. Judith war böse auf sich. Wie kam sie dazu, solche Frage zu tun? Was ging es sie an, ob der fremde Mann eine Braut besaß oder nicht? Jene Giulietta ... Ihr geschah ganz recht, daß er sich jetzt mit diesem Gesicht, dieser Stimme bei ihr erkundigte: »Warum glaubt Ihr, daß ich in Venedig ein geliebtes Mädchen zurückließ? Sagt mir's!« »Ihr rieft häufig einen Frauennamen .... Ich mußte es mitanhören.« Das letzte klang wie eine Entschuldigung. »Rief ich in meinen Phantasien etwa Giulietta?« »Ja.« »Rief ich den Namen sehnsüchtig, zärtlich, leidenschaftlich? Ich bitte Euch, sagt mir's.« Da meinte sie ehrlich: »Mir schien es nicht so.« »Seht Ihr wohl!« »Aber –« Sie schwieg plötzlich und blieb schweigsam. Unmöglich konnte sie ihm sagen, daß er in seinem hohen Fieber Giulietta häufig mit Giudetta verwechselte und daß er ihren Namen in einem ganz andern Tone gerufen hatte. Das Gespräch schloß mit der Bemerkung Barbaros: »Eines Tages werde ich Euch von dieser Giulietta erzählen. Es wird nichts sehr Frohes sein. Keinesfalls etwas so Gutes und Großes, wie ich Euch von – Euch erzählen konnte.« Judith nahm sich vor, ihn nie an sein Versprechen zu erinnern .... Ein andres Mal erzählte er ihr die Legende von der heiligen Barbara, von welcher Judith nur wußte, sie sei eine große Märtyrerin gewesen und eine große Heilige geworden. Nun hörte sie: »Wie sie in Wirklichkeit war, mag ich sie gar nicht leiden, obgleich sie meine Schutzpatronin ist und mich durch Euch am Leben erhielt. Denn sie hat die herrlichen Götterbilder der Alten verflucht. Deswegen wurde sie von ihrem eigenen Vater vor den römischen Landpfleger geschleppt und der Gotteslästerung bezichtigt. Sie sollte ihre Schuld erkennen und zu den Göttern beten, die sie beleidigt hatte. Beten sollte die heimliche Christin, zu den in ewigem Schönheitsglanz prangenden Göttern der Griechen und Römer. Das wollte sie nicht; rief öffentlich den gekreuzigten blutigen Christengott an und wurde dafür öffentlich gemartert. Aber über Nacht heilten ihre schrecklichen Wunden, daß sie am nächsten Tage in voller Jungfrauenherrlichkeit von neuem vor den Richter geführt ward. Dieser ließ ihr alle Gewänder vom Leibe reißen und sie nackt und bloß durch sämtliche Gassen der großen Stadt führen, damit alle Welt ihre geheime Schönheit schauen sollte, die von göttlicher Gliederpracht war. Da flehte Barbara zu dem Heiland, er möge sie in dichte Schleier hüllen, damit sie sich nicht müsse zu Tode schämen. Sie blieb nackt am ganzen Leibe. Jedoch von allen Tausenden, die herbeiliefen, die Entweihte zu schauen und zu beschimpfen, wurde ihre Blöße von keinem Auge gesehen. Nur ihre himmlische Schönheit. Auf dieses neue Wunder hin übergab sie der Römer ihrem eigenen Vater zum Richten; auf einem hohen Berge schlug der Mann seiner Tochter das Haupt ab.« Judith war bewegt. Besonders starken Eindruck machte ihr die Sage von der mystischen Verhüllung des jungfräulichen Leibes vor den gierigen Augen der Volksmenge. Das war schön! Aber mit welchem Entzücken der Erzähler von den Göttern der Heiden sprach! Und jetzt rief er aus: »Die Santa Barbara des Palma Vecchio könnte eine Hera des Polykletos oder eine Pallas Athene des Phidias sein. Freilich niemals eine Venus! Niemals eine Göttin der Liebe oder sonst eine wonnige Frau, göttlicher Liebe fähig.« Dabei sah er Judith an ... Sie sollte der heiligen Barbara des großen Venezianers gleichen, jener gestrengen Jungfrau, die niemals hatte Liebe empfinden können – Fast hätte Judith Platter gelächelt. Ganz leise, heimlich. Fünftes Kapitel Wie die heilige Barbara des Palma Vecchio in die Dolomitenwildnis und in das Kloster St. Augustins kam Auf Judiths Hof stand der ganze Sommer unter dem Zeichen des goldfarbenen Gelocks von Judiths Schützling – auch seine Augen hatten die Farbe bräunlichen Bernsteins – und seines leuchtenden Wesens. Sobald er sich bewegen konnte, folgte er Judith wie ihre Hunde, wie der jetzt uralte und bereits recht gebrechliche Hofkavalier, der Reiher, so daß auch Barbaro Bossi fortan mit Leib und Seele zur Judith-Menagerie gehörte. Aber der Jüngling mußte mühselig an zwei Stöcken gehen, unter Schmerzen sich dahinschleppen, und es blieb ungewiß, ob er je wieder eine fröhliche Bergfahrt unternehmen oder gar einen Tanz machen konnte. Das war traurig. Um vieles trauriger jedoch war die Lähmung des rechten Armes, der noch immer schwer und steif in der Binde ruhte, grade des jungen Künstlers rechter Arm! Und seine Kunst war sein Leben, wie sie seine Religion war. Je weniger er sein Leid zeigte, um so tiefer bekümmert fühlte sich Judith. Sie sandte nun doch nach Bozen um einen Arzt, der ungern den weiten beschwerlichen Weg heraufkam. Er fragte, untersuchte, machte ein ernsthaftes Gesicht, sagte aus, keine bestimmte Zusicherung geben zu können; versicherte jedoch, in der Behandlung sei nichts verfehlt worden. Der Jünger Äskulaps verordnete heiße Bäder aus Alpenkräutern, gebot strenge Ruhe und stieg wieder hinab. Barbaro war seelenvergnügt und erklärte freudestrahlend: »Ein Glück für den Mann, daß er mich von hier nicht fortschaffen wollte! Ich hätte mich sonst vor seinen Augen gleich aus der Welt geschafft. Nur hier oben – nur bei Euch, liebe Frau – kann ich wieder gesund und heil werden ... Gesund und heil – In meinem ganzen, freilich noch recht kurzen Erdenleben war ich nicht solch gesunder und heiler Mensch. Was tut's, wenn ich etwas hinke und noch nicht ein hübsches junges Blut halten kann? Die holden Frauen werden mir um so liebreicher begegnen, wenn sie mich armen Lazarus so recht von Herzen bedauern müssen; und die holden Frauen sind und bleiben doch das Lebenswerteste und zugleich das Wonnigste auf der Welt ... Nun ja! Ich weiß, was Ihr sagen wollt. Ich sei ein rechter Fant und Tunichtgut. Straft mich nur, scheltet mich nur! Aber bleibt mir hold gesinnt; denn sonst – sonst reiße ich mir die häßliche Binde vom Arm, um beide Arme zu Euch aufzuheben, als ob Ihr doch wärt, was Ihr nicht sein wollt: nämlich Santa Barbara in eigener heiliger Person ... Nicht böse sein. Bitte, bitte! Nicht fortgehen, bleiben, gütig mich ansehen. Nur gütig! Mein rechter Arm ist eben immer noch ein wenig steif. Wenn Ihr Eure Augen mitleidig darauf ruhen lassen wollt, wird das mehr Wunder tun, als alle Wunderbäder der Welt. Also helft mir, heilt mich! Wenn Ihr mir bei meinem Arm nicht helfen wollt, hättet Ihr mich gar nicht erst aus dem Abgrund zu retten brauchen, hättet Ihr mich darin ruhig liegen lassen sollen ... Das ist Unsinn! Schließlich lerne ich mit der Linken malen. Der göttliche Raffael hätte es mit den Füßen können, hätte er keine Hände gehabt. Einstweilen male ich mit den Augen ... Jawohl! Seht mich nur groß an! Das geht tausendmal besser, wird tausendmal schöner. Ich male hier oben mit meinen Augen eine ganze Galerie zusammen. Es sind lauter unsterbliche Werke. Und – es sind lauter Judith-Gemälde ... Ihr könnt mich noch so ernsthaft, noch so bitterböse anschauen, es ist darum doch so: Ihr verhelft mir zur Unsterblichkeit.« Sie sah ihn weder ernsthaft noch bitterböse an. Gedankenvoll sah sie ihn an, schwermütig, fast traurig. Und auf seine übermütige Rede erwiderte sie nicht ein einziges Wort ... Aber die Geduld und Liebenswürdigkeit, womit Barbaro seine Leiden ertrug, machte ihr ihn wert und werter. Er verspürte häufig heftige Schmerzen und war grade in diesen Stunden am heitersten. Nur ein qualvolles Zucken seiner Lippen, ein erstickter Seufzer verrieten Judith, wie sehr er litt. In solchen Augenblicken würde sie viel darum gegeben haben, hätte sie, die Starke, niemals Leidende, ihm sein Leiden abnehmen können. Wenn er dann unter Scherzreden neben ihr hinschlich, schämte sie sich fast ihrer gesunden Glieder. So geschah es, daß Judith Platter der Frauen reinste und höchste Liebe, das Mitleid, kennen lernte. Niemals war der Superior des Augustinerklosters so oft heraufgestiegen, als in den langen Tagen dieses glühendheißen Sommers; und niemals früher war ihm unter den Königswänden die Hausfrau so fremd begegnet. Es hatte den Anschein, als wollte er sie bewachen, vielmehr sie belauern, jede ihrer Mienen, jeden ihrer Blicke, wenn sie mit ihrem jungen Gast sprach. Als wollte er sie bei einer Schuld ertappen, um sie alsdann zur Verantwortung zu ziehen. Selbst wenn diese Schuld, die der geistliche Herr an der Königsfrau zu entdecken strebte, auch nur in einer Gedankensünde bestand – zur Verantwortung gezogen hätte er sie dennoch. Als wäre Judith Platter die Frau gewesen, ihm dazu das Recht zu geben! Ihm oder irgendeinem andern Menschen auf der Welt. Sie schritt unbeirrt ihren Weg, den sie schreiten wollte. Und wäre es ihr Todesweg gewesen. Höchst sonderbar war das Verhältnis der beiden Männer zueinander: des Priesters und des jungen Künstlers, der sich auch dem Hochwürdigen gegenüber mit seinem leuchtenden Lachen einen schlimmen Heiden schalt und feierlich erklärte, keinerlei Bekehrung zugänglich zu sein. Pater Paulus verhielt sich dem Liebling des Hauses gegenüber ungewöhnlich duldsam, nahezu milde. Er wollte strenge Selbstzucht üben, sich ganz in Gewalt behalten, durch nichts verraten, was in ihm tobte: außer rasender Eifersucht ein wütender Neid. So jung war auch er gewesen, auch er so voll überschäumender Lebenslust und Lebenskraft. Was hatten dem Junker Rochus die Heiligen seiner Kirche, die Dogmen und Wunderlehren seines Glaubens gegolten? Einer Kirche, die die triumphierende war; eines Glaubens, der allein selig machen sollte. Er gedachte seiner Wandlung und dessen, was aus ihm geworden war – was aus ihm mehr und mehr werden mußte: ein Fanatiker, ein Zelot, ein unduldsamer Eiferer, gleich dem Konvertiten, der seinem alten Glauben flucht und ein wütender Streiter seines neuen Bekenntnisses wird, im Kampf gegen seine einstmaligen Glaubensgenossen grausam bis zur Erbarmungslosigkeit. Es war so das Übliche, fast das Gewöhnliche. Aber daß er den breitgetretenen Weg des allgemein Menschlichen ging! Den Künstler dagegen packte die monumentale Schönheit des Mannes, der sein Priesterkleid wie ein Königsgewand trug. Er hielt Gestalt und Antlitz für ein Meisterstück der Schöpfung und bewunderte darin die schaffende Natur, voll Staunens darüber, wie sie als große Künstlerin herrliche Werke schuf. Und da er mit seinem steifen Arm untätig sein mußte, so ließ er seine Augen auch von dieser bedeutenden Erscheinung Bild auf Bild malen: neben dem leuchtenden Gemälde Judiths, der Königsfrau, das dunkle Porträt des Priesters, dieses Königsmenschen. Seltsam, daß er die beiden beständig beieinander sehen, sie sich beständig vorstellen mußte, als gehörten sie zusammen. Einmal sprach er darüber zu Judith: »Was ist das nur, daß ich Euch von dem fremden Mann nicht zu trennen vermag? Grade Euch von ihm nicht zu trennen! Ich kenne auf Erden nichts, was so verschieden voneinander wäre, als Ihr und dieser Mann; und dennoch! Übrigens – was will er von Euch?« Darauf gab Judith keine Antwort. Immer wieder jedoch sprach Barbaro zu ihrer Qual von dem Priester: »Wie kommt er in diese Wildnis? Weshalb bleibt er? Was wißt Ihr von ihm? Er ist der eigentümlichste Mensch, den ich jemals sah. Er zieht mich gewaltsam an und stößt mich ebenso heftig ab. Ich bitte Euch, sagt mir alles, was Ihr von ihm wißt ... Ihr wollt mir nichts sagen?« »Nein.« »Also wißt Ihr etwas, das sich nicht sagen läßt? Trotzdem erlaubt Ihr ihm, beständig zu kommen?« »Ich will ihn zu kommen nicht hindern.« »Ihr wollt nicht?« »Dringt nicht in mich.« Sie sagte es so gequält, daß der Jüngling tief erschreckt schwieg. Nun begann auch er zu beobachten, zu belauern ... Wenn die beiden Männer bei Judith waren, so zeugte jeder von ihnen von seiner Gottheit. Der Priester predigte den dreieinigen Gott, der Künstler den einen und einzigen: den göttlichen Geist der Kunst; rief der eine voller Triumphs: »Die Kunst ist Dienerin der Kirche!« – so verkündete der andre: »Sie dient keiner Macht der Welt, sondern sie herrscht!« Für den Augustiner war die Macht seiner Kirche das Höchste; dem Bildner war es das innere Erschauen und Erschaffen der Schönheit. Beide ließen sich von der Gewalt ihrer Empfindung hinreißen, wurden beredt, sprachen wie mit Engelzungen. Aber sie sprachen nicht etwa einer zum andern, sondern beide sprachen einzig und allein zu Judith. Diese hörte beiden zu und schwieg beiden gegenüber. Kunst und Schönheit; Weihe der Kunst und Göttlichkeit der Schönheit – – Es erschloß sich für Judith durch den von ihr Geretteten eine neue Welt. Und wenn sie auch nur auf die Schwelle dieses Heiligtums trat, voller Scheu auf der Schwelle stehen blieb, so überkam sie doch eine Ahnung von der Fülle des Herrlichen, das zu der Menschheit höchsten Gütern gehörte. Und sie, die Pfadfinderin, deren tägliches inbrünstiges Gebet an die Gottheit ihre tägliche unermüdliche Arbeit war, fühlte erschauernd: Auch hier ist ein Tempel! Die zweite Heumahd war getan und der reiche Segen an kräuterreichem, stark duftendem Alpengras trocken unter Dach gebracht worden; keine Frevlerhand schleuderte mehr den Feuerbrand in den Besitz der Königsfrau, die keine Nacht mehr zu wachen brauchte. Auch auf der Hochalm war das stattliche Blockhaus mit Vorrat gefüllt, und das zur besonderen Freude der Herrin. Denn bislang hatten die herrlichen Weideplätze dort oben nur den Gemsen zunutz gedient; jetzt halfen sie Herden ernähren, Menschen Vorteil bringen. Nun bedeckten sich die herbstlichen Matten von neuem mit Blüten. Die Fluren blauten von dem Azur der kleinen Genzianen, und die Goldraute überzog sie mit Glanz. In Gold leuchteten auch die Lärchen, von denen hundertjährige Riesen den schwarzen Tann säumten. Am frühen Morgen lagen die Blumengefilde in märchenhafter Pracht – von zarten Geweben umsponnen, daran der Tau im Sonnenschein mit Brillantgefunkel hing. Am Himmel stiegen weiße Wolkengebilde auf und die Luft durchzogen silberne Flocken. In langen Reihen schwebten Kraniche und Wildgänse lautlos gen Süden; aber aus den Tiefen der Wälder dröhnte das Brüllen der brünstigen Hirsche empor, ein stolzer Liebesruf, der zugleich ein wilder Kampfschrei war. Immer kürzer wurden die Tage, immer behaglicher die langen Abende. In den gewaltigen Kachelöfen flammten die Tannenscheite, die Räder der spinnenden Mägde surrten, und die Hausfrau warf emsig das Weberschifflein. Sie erschien ihrem Gast bei dieser feierlichen Beschäftigung am schönsten und liebenswürdigsten ... Dank Judiths heilkräftigen Bädern – und dem Zauber ihrer Gegenwart – begann seine steife Rechte zu genesen. Es bestand daher keine Gefahr mehr, die Kunst könnte diesen gottbegeisterten Jünger verlieren. Immerhin fand sich grade in der augenscheinlichen Besserung ein neuer guter Grund, um die Abreise von neuem hinauszuschieben. Auch drängte die gütige Wirtin nicht. Sie hatte sich an das lichte Antlitz und Wesen des Fremdlings gewöhnt, so daß er kein Fremdling mehr war. In ihrer herben Aufrichtigkeit gegen sich selbst gestand sie sich, sie würde ihn eines Tages vermissen. Aber das eine hatte sie längst erkannt, daß dieser Lebende nur in seinen Zügen dem Gestorbenen glich. Nie und nimmer hätte Barbaro Bossi seine Seele einer andern Gottheit angelobt, als der seiner Kunst. So wäre er denn auch gewiß einem irdischen Weibe treu geblieben; und Treue, unverbrüchliche, heilige Treue, galt dieser Frauenseele als des Menschen Allerhöchstes. Bei dem schönen Herbstwetter, das dem Dolomitengebiet einen leuchtenden Nachsommer brachte, befanden sich die Herden noch zur späten Zeit auf der Hochalm. Der junge Martin war jetzt Oberhirte. Ein Senn und zwei Hüterbuben standen unter seinem Hirtenstab; und dieser wurde über Herde und Untergebene von kräftiger Hand als Zepter geschwungen. Da brach urplötzlich der Winter herein. Es schneite zwei Tage, zwei Nächte, und zwar gleich so mächtig, daß an ein Abtreiben der Herden auf den schwindelnden Felsenpfaden nicht zu denken war. Man hoffte auf endliches Aufhören des starken Schneefalls und auf eintretendes Tauwetter. Statt dessen kam strenger Frost und mit diesem ernste Gefahr. Hinunter mußte das Almenvieh! Martin sandte Botschaft, Heu und Salz gingen zu Ende. Alle Hilfe müßte aufgeboten werden; sie wären droben eingeschneit! Mit sämtlichen Knechten brach Judith auf. Die Männer führten außer Futter auch Schaufeln und Hacken mit sich; denn Stallung und Hütte mußten ausgegraben und für die Herden die Wege gebahnt werden. Seit Menschengedenken war ein derartiges Elementarereignis nicht dagewesen. Barbaro war außer sich. Seine lahmen Glieder verwehrten ihm, die gefahrvolle Expedition mitzumachen. Und Judith war dabei! Unmöglich sie abzuhalten! Dennoch versuchte er es. Er rief verzweifelt: »Wenn Ihr ausgleiten, wenn Ihr abstürzen solltet!« »Ich gehe sicher.« »Trotzdem bitte ich Euch. Auch Euch könnte etwas Menschliches begegnen.« »Ich komme heil zurück.« »Eure Leute sind für dort oben Beistand genug.« »Ich gehöre zu meinen Leuten.« »Ich flehe Euch an.« »Etwas zu unterlassen, das ich nicht unterlassen darf?« »Bleibt mir zuliebe!« »Euch zuliebe –« Sie sagte es seltsam ... Daß sie noch einmal gebeten wurde, einem Menschen etwas zuliebe zu tun! Alle ihre Liebe hatte nicht geholfen, daß ein Mensch ihr zuliebe keine Untreue gegen sie und sich selber beging. Und Untreue kam für sie einer Schandtat gleich. Der Jüngling wiederholte dringender, inniger: »Wollt mir zuliebe von dieser Gefahr zurückbleiben!« Lange sah sie ihn schweigend an. Ihr Blick wurde weich. Aber dann gab sie ihm mit fester Stimme zur Antwort: »Auch Euch zuliebe darf ich nicht unterlassen, meine Pflicht zu tun.« Dann brach sie auf mit den Knechten und ihren treuen Hunden, bis zum Fuße der vereisten Königswände von den jammernden Mägden begleitet. Der Schneefall war vorüber. Eine dichte Wolkenmasse umlagerte die Dolomiten nachtschwarz und undurchdringlich. Es wurde nicht Tag. Auf dem Hofe mußten Laternen und Leuchten angezündet werden und die Mägde verirrten sich auf dem kurzen Wege von den Stallungen zum Hause. Zu der unheimlichen Finsternis gesellte sich ein gespenstisches Schweigen, welches von Zeit zu Zeit der Donner abstürzender Lawinen unterbrach. Es knatterte und krachte in den Lüften so nahe vom Hofe, daß die Mauern erschüttert wurden. Durch das Grausen des Unwetters drang der Hochwürdige hinauf. Ein Wunder, daß er vom Wege nicht abgewichen, nicht in einen Abgrund gestürzt war! Seine Weihe schien den Mann gefeit zu haben. Oder war es sein machtvoller Wille? An seinem geistlichen Gewand, seinem Haupt und Haar hafteten die zu Eis erstarrten feuchten Nebel. Er glich einer Erscheinung, glich dem Berggeist, dem dämonischen König des wilden Alpengebiets. So stand er plötzlich in Judiths großem Gemach vor dem einzigen männlichen Bewohner des Hauses. Diesen herrschte er an: »Wo ist Judith?« »Wen meint Ihr?« »Unten vernahm ich, sie sei bei dem Schneefall hinaufgestiegen.« »Sie ist nicht hier.« »Also begab sie sich hinauf, befindet sie sich in Gefahr!« Fast hätte Barbaro dem Priester ins Gesicht geschrien: »Was schert das Euch?« Plötzlich empfand er, daß er diesen Mann haßte – Judith zuliebe. »Sie ist hinauf! Ohne Euch! Ihr könnt ihr nicht folgen! So wenig wie ich ihr folgen konnte in Todesgefahr.« Es klang voll triumphierenden Hohns ... Im nächsten Augenblick war der Priester aus dem Zimmer verschwunden. Er folgte ihr doch! Folgte ihr in Todesgefahr! Und Barbaro mußte zurückbleiben! In dieser Nebelnacht den Weg hinauf zu finden, war jedoch selbst dem Moseswillen dieses Mannes unmöglich. Stundenlang tappte und tastete er an den Wänden hin, um an die Stelle zu gelangen, wo der Aufstieg begann. Wie eingemauert von den Nebeln irrte er durch den lichtlosen Raum; wie von einem Kerker umschlossen, daraus es keinen Ausweg gab. Er suchte bis zur Ermattung. Durch Zufall gelangte er nach dem Hof zurück. Jetzt warteten die beiden zusammen auf Judiths Wiederkehr. Sie warteten auf die Nachricht, daß sie – nicht wiederkehrte ... Unbeweglich die schwere schwarze Wolkendecke! Die Harrenden hatten die Empfindung, sie müßten einen Hammer nehmen, um die gespenstische Wölbung zu sprengen, um aus dem Gefängnis sich zu befreien und sich zum Tageslicht hinaufzuarbeiten. Sie saßen in Judiths Gemach bei Judiths verstummten Vögeln einander gegenüber und schwiegen gleichfalls, lauschten auf die leblose Stille, starrten hinaus auf die geisterhafte Nebelwand, ob sie noch immer nicht wankte und wich? Der Hochwürdige war es, der zuerst den Alpdruck des Schweigens nicht länger ertrug und ihn abwerfen mußte. Er war von Zeit zu Zelt aufgesprungen, an das Fenster geeilt oder hinausgestürzt. Jetzt wandte er sich an den Künstler und rief ihn an: »Du, höre! Was geht's dich an, junger Mensch? Wie kommst du zu diesem Hangen und Bangen? Was hast du zu warten? Mit welchem Gesicht? Ich will dein Gesicht hier oben nicht länger sehen!« »Ihr wollt nicht?« »Da kommst du, der du hier nichts zu suchen hast, begibst dich in Gefahr, lässest dich von ihr retten und glaubst nun, ein Recht zu besitzen? Ein Recht worauf? Daß sie dich duldet in ihrem Hause? Nun ist's genug damit. Auch genug Duldung von mir ... Du hörst mich doch?« »Seid Ihr in diesem Hause der Herr, um das Recht zu haben, mich auszuweisen?« »Ich habe ein Recht, so zu sprechen.« »Wodurch? Etwa durch Euer Gewand?« »Auch durch dieses.« »Seid Ihr der Seelsorger der Herrin des Hauses?« Wiederum klangen die Worte des Fremden gleich Hohn, und wie peitschende Geißelhiebe empfand sie der Priester. Sein stolzer geschlagener Geist wand sich darunter. Er stieß hervor: »Es genügt, daß ich hier berechtigt bin, so zu reden.« »Ihr meint, Ihr fühlt Euch dazu berechtigt. Aus welchem Grunde Ihr Euch wohl dieses Recht zusprecht? Die Herrliche, die hier einzig und allein das Recht hat zu reden, würde es Euch nämlich nicht zuerkennen. Niemals! ... Fahrt nur auf. Ich weiß es.« »Was wißt Ihr?« »Soll ich's Euch ins Gesicht sagen?« »Ich fragte, was Ihr wissen könnt? Ihr von mir!« »Ich weiß von Euch, daß Ihr, um über die Seele dieser Frau Macht zu gewinnen, ein Verbrechen begehen würdet: Raub, Totschlag, Mord. Ich weiß von Euch, daß Ihr an nichts andres denkt, für nichts andres lebt als für das eine: ›Wie gewinnst du über sie Macht?‹ Und ich weiß von Euch, daß Ihr Euer geistliches Gelübde zu tausend Malen gebrochen habt; denn Ihr, der Priester, liebt diese Frau.« Sein Geheimnis verraten! Diesem verhaßten Fremdling ausgeliefert! ... Selbst in der Beichte hatte er es nur unvollkommen bekannt; hatte er hinter Hüllen die Sünde verborgen. Sein ganzes Sinnen und Trachten der letzten Jahre war darauf gerichtet gewesen, die Wahrheit auch für seine eigenen Augen zu verschleiern, auch sich selbst zu belügen: ›Du hast die Liebe zu diesem Weibe bezwungen; hast jede Regung der Kreatur in dir erstickt. Was in dir glüht und brennt, was dich treibt und drängt, ist eine ganz andre Liebe als jene, die von der Erde ist. Eine Liebe ist's, die dich zusammen mit diesem Weibe von der Erde zum Himmel emporzieht,‹ So weit hatte er es in seiner Selbsttäuschung gebracht, daß er es der Gottheit abgeleugnet hätte, würde sie ihn angeklagt haben: ›Wie du selber ein Mensch bliebst, so blieb auch dein Menschliches in dir!‹ Und nun – plötzlich – – ein einziges Wort dieses Knaben hatte den Schleier zerrissen, die Selbstlüge erkennen lassen – Nicht ganz vermochte er den Aufschrei zu ersticken. Wie ein Stöhnen aus tödlich verwundeter Seele kam es von seinen Lippen. Sein Arm hob sich, als wollte er den Schlag, den seine Seele empfing, dem Beleidiger in dessen Gesicht zurückgeben. Dann besann er sich auf sein Gewand, das er immer von neuem wieder vergaß. Sein Arm sank wie gelähmt herab. Er stand regungslos mit geschlossenen Augen, keuchendem Atem. Voller Entsetzen blickte der Künstler auf den Priester, der vor seinen Augen mit einem Dämon rang. So hatte er es sich nicht vorgestellt! Nicht voll solcher Qual, solcher Verzweiflung. Was mußte dieser Mann gelitten haben! Ein Martyrium der Leidenschaft, dafür er, statt selig gesprochen zu werden, verdammt wurde. Den Jüngling wandelte bei diesem Einblick in die Abgründe der Menschenseele ein Grauen an. Wer wollte den Stein aufheben? Der Heiland hätte es nicht getan; aber des Heilands Kirche mußte es tun. Auf den der Todsünde des Gedankens schuldigen Priester mußte sie den Stein werfen. Sie waltete dabei lediglich ihres heiligen Amtes. Zugleich mit dieser Erkenntnis ergriff Barbaro ein unsägliches Mitleid. Er mußte sich Gewalt antun, den von ihm tödlich Beleidigten nicht um Verzeihung zu bitten. Diese Empfindung verstärkte sich, als er sich von einer Stimme, die einem fremden Menschen anzugehören schien, aufgefordert hörte: »Komm mit mir hinaus, junger Mann. Ich will zu Euch sprechen, wie ich bisher noch zu keinem Menschen sprach. Es soll meine Strafe sein für die Demütigung, die ich mir durch Euch zuzog. Aber nicht hier, nicht in ihrem Hause, sollt Ihr mich anhören.« Ohne sich zu kümmern, ob er ihm folgte, schritt Pater Paulus zum Zimmer und zum Hause hinaus; schritt hinein in das Grausen der Nebelnacht. Barbaro ging ihm nach. Um die ragende Gestalt in dem dunklen Gewande in der Finsternis nicht zu verlieren, mußte er sich dicht neben ihr halten. Ein Geistergang war's. Umwogt von den schwarzen Wellen der Dunstflut, die über ihnen zusammenschlug, schritten sie pfadlos, ziellos weiter und weiter. Hätte sich zu ihren Füßen ein Abgrund aufgetan, so wären sie unfehlbar hinabgestürzt, oder sie konnten ihr Haupt an einer Felswand zerschellen. Keiner hatte dessen acht. Und der Priester sprach zu dem Jüngling, wie er »zuvor noch zu keinem Menschen« gesprochen hatte: »Es mag gut für Euch sein, einmal zu hören, welche Gewalten Macht über eine Seele gewinnen, welche Tiefen darin sich auftun, welche Finsternisse sie erfüllen. Die Elemente der Natur sind dagegen sanfte Geister, die Abgründe der Alpen und diese Dunkelheiten gefahrlos im Vergleich zu dem, was wir in uns tragen, in uns verstecken und begraben, bis auch für uns die Stunde schlägt, in der es in unsrer Seele aufersteht und aus uns hervorgeht, wie Ihr es bei mir in dieser Stunde erlebt ... Ihr hört mich doch?« »Sprecht! Sprecht!« »Auch Ihr wißt nicht, was keiner hier weiß, daß ich sie, der die Leute einen Königsnamen beilegten, seit meiner ersten Kindheit kenne. Oder sagte sie's Euch, verriet sie's Euch?« »Nein ... Seit ihrer ersten Kindheit kennt Ihr sie?« »Liebe ich sie.« »Oh!« »Ihr saht an ihrer Hand den Ring?« »Er ist von Euch!« »Ward ihr von mir mit heiligem Eidschwur gegeben. Heilig, obgleich ich damals noch ein unwissender Knabe war.« »Ihr bracht Euren Schwur?« »Ja, ja!« »Warum?« »So frage ich mich seit der Stunde, in der ich es tat; so werde ich mich fragen bis zu meiner letzten Stunde: ›Warum? Warum?‹« Tonlos kam es von des Jünglings Lippen: »Sie trägt Euren Ring noch, wird Euren Ring tragen bis zu ihrer letzten Stunde.« »Die Treue, die ich ihr brach, hielt sie mir ... Begreift Ihr nun? Begreift Ihr?« »Ich begreife sie. Aber ich begreife nicht Euch. Was wollt Ihr noch immer von ihr? Weshalb heftet Ihr Euch an ihr Leben? Verfolgt sie, martert sie? Denn das tut Ihr! Weshalb verwandelt Ihr ihre Liebe zu Euch in Haß?« »In Haß? Sie haßt mich!« »Das seht Ihr nicht, fühlt Ihr nicht?« »Und Ihr fühlt es doch!« Statt einer Antwort die Wiederholung der Frage: »Was wollt Ihr noch immer von ihr? Sie macht sich frei von Euch. Also laßt sie frei bleiben.« Der Priester war stehen geblieben. Er näherte sein todblasses, von der Gewalt seiner Empfindungen entstelltes Gesicht dem des Venezianers, daß dieser wie vor etwas Grausigem zurückwich; flüsterte mit heiserer Stimme: »Und Ihr fühlt, daß Judith Platter mich haßt ... Fühlt Ihr etwa auch, daß Ihr von Judith Platter geliebt werdet? ... Antwortet! Ihr sollt mir antworten!« »Ich antworte Euch nicht.« »Antwortet! Antwortet!« »Nein.« Schweigend standen sie sich gegenüber, von dem Nebelmeer wie von stygischer Welle umwogt ... Nach langer Weile hörte Barbaro die heisere Stimme von neuem flüstern: »So will ich Euch antworten! ... Noch liebt sie Euch nicht. Aber – sie wird Euch lieben ! Und sie wird Euch lieben, weil Ihr dem Jüngling gleicht, der ich einstmals war. Nur darum wird sie Euch lieben! Sie wird in Euch mich lieben, den sie hassen soll – wie Ihr zu behaupten wagt. Gut, gut, gut! Sei es so, werde es so: sie möge Euch lieben ! Geht also nicht fort, bleibt. Der Tag wird kommen, an dem Ihr wissen werdet, weshalb ich Euch hier noch fernhin dulde. Euch liebend, wird sie in Schuld verfallen; und einmal schuldig geworden, wird sie – Doch das ist meine Sache! ... Judith Platter haßt mich; und Judith Platter wird Euch lieben; und ich werde sie – Meine, meine Sache! ... Noch einmal: es ist so gut, ist so am besten. Und jetzt – Ich sprach zu Euch und Ihr hörtet mich. Ihr wißt jetzt, daß es auch in eines Priesters geweihter Seele sternenlose Nächte, grimmige Stürme, bodenlose Abgründe gibt. Hebt auf den Stein; werft den Stein; trefft mein Herz. Gott wird es Euch nachtun. Denn auch Judith Platters Haß kommt über mich, wie meine Liebe über mich kommt. Sie wird jedoch ihren Haß zwingen; und dann – dann werdet Ihr sehen.« Im nächsten Augenblick war die dunkle Gestalt von dem Künstler zurückgewichen; war sie in der Schwärze verschwunden, von den Nebeln wie verschlungen. Und wie die Stimme eines mit Wellen Kämpfenden, eines Ertrinkenden vernahm Barbaro aus der Ferne dumpf herüberklingend, als letztes Wort: »Dann – « Was sollte dann geschehen? Während der Einsame mit seinen schwerbeweglichen Gliedern sich mühsam zum Hause zurücktastete, sann er unablässig über dieses geheimnisvolle prophetische, wie eine dunkle Drohung tönende »Dann« nach. Er fand nicht die Antwort, nicht die Lösung. Aber bei dieser Rückkehr in das Haus der geliebten Frau gab er sich selbst auf eine andre Frage die Erwiderung; bei der Finsternis seines Weges gelangte er in sich selber zur Klarheit, und plötzlich wußte er, was er zu tun hatte. Als endlich, endlich die Nebelnacht zu weichen begann, wurde der Abtrieb der Herden vollführt; auf der Hochalm war das letzte Bündel Heu verfüttert, der letzte Laib Brot verzehrt worden. Jedes Stück Vieh brachten die Knechte unter Judiths und Martins Leitung unversehrt die verschneiten Pfade hinunter. Auf dem Hofe hatten sich viele Dolomitenleute eingefunden, um die verloren Geglaubten zu erwarten und ihnen einen festlichen Empfang zu bereiten. Der hochwürdige Herr vom Augustinerkloster befand sich jedoch nicht darunter. Judiths Mägde weinten, als sie die Herrin wiedersahen, die sie seltsam ernst grüßte. Martin berichtete: »Ohne die Frau wären wir samt und sonders nicht wiedergekommen. Es war fürchterlich droben. Fast hätte der Schnee das Dach eingedrückt und der Sturm beim Abstieg uns hinuntergerissen. Aber sie half uns Sturm und Schnee bestehen – sie, die Königsfrau! Als etliche von uns beten wollten, anstatt zu helfen, die Herde und uns selbst am Leben zu erhalten, sagte sie: ›Betet ihr nur. Ich und Martin bringen die Tiere ohne euch glücklich hinab. Wer jetzt beten will, darf niemals mehr eine Hand für mich rühren. Gott hilft nicht den Betenden, sondern solchen, deren Gebet in der höchsten Not ihre höchste Kraft ist.‹ Da hättet ihr sehen sollen! Solange die Dolomiten stehen, ward solch Abstieg nicht vollführt, wird ein solcher niemals wieder vollführt werden.« Judith trug Sorge für Menschen und Vieh. Die Knechte mußten Ruhetag halten. Sie bekamen Festgerichte vorgesetzt und lobende Worte zu hören, die ihnen aus dem Munde der Herrin mehr galten als die köstlichsten Feierspeisen. Wer aber keines Ausruhens zu bedürfen schien, war Judith. Und doch lag über ihrem ganzen Wesen etwas Schweres und Müdes, was ihr so fremd war, daß Barbaro sie mit heimlicher Scheu betrachtete. Mit keinem Wort fragte sie, ob während der Angsttage der Hochwürdige oben gewesen. Niemand sprach ihr von ihm. Sie hatte einen Blick und Ausdruck, der jedem verbot, nach überstandener Todesgefahr diesen Namen zu nennen. Als das Gesinde sich zum Schlaf niederlegte, bot sie auch ihrem jungen Gast Gute Nacht. Er fragte sie: »Liebe Frau, werdet Ihr Euch jetzt Ruhe gönnen?« »Ich bleibe noch auf.« »Schonung kennt Ihr wohl nicht?« »Ich bedarf keiner Schonung.« »Auch nicht für andre?« »Für welche andre?« »Für solche, die Euch lieben.« Wiederum sprach sie ihm nach: »Die mich lieben ...« Und wiederum mußte sie denken: ›Seltsam, daß es Menschen geben sollte, die mich lieben ... Menschen! Von einem Menschen geliebt zu werden, das wäre – Ich kann mir's nicht vorstellen. Eines Menschen Welt zu sein, sein Leben und Glück ... Davon einmal in der Jugend geträumt zu haben, allein das ist schon Glück. Ich war also einmal sehr glücklich ... Ich fürchte, dieser gute Jüngling könnte mich eines Tages lieb haben. Das darf nicht sein!‹ Und weil es nicht sein »durfte«, sagte sie ablehnend: »Ich will nicht geliebt werden. Von keinem! Geliebt zu werden, liegt nicht in meiner Natur; und der Mensch soll alles von sich weisen, was wider seine Natur ist. Ich weise die Liebe von mir, in welcher Gestalt sie auch an mich herantreten sollte. Aber sie wird in keiner Gestalt zu mir kommen.« Da sagte er ihr leise: »Ich liebe Euch. Und ich gehe fort von Euch. Gleich morgen. Ihr braucht mich also nicht von Euch zu weisen.« Sie hörte seine leise stammelnde Stimme, und sie sah seinen todtraurigen Blick. Sie sah, wie er erbebte, als würde er von Fieberschauern erfaßt. Also sie wurde geliebt! Auch sie! Von diesem Jüngling, der dem einstmals Geliebten gleichsah, als dieser noch jung und gut war. Sie wurde von seinem Ebenbilde geliebt – hoffnungslos. Ein ungeheures Mitleid ergriff sie. Nicht nur mit dem hoffnungslos Liebenden, sondern auch mit sich selbst, weil sie ihn nicht wiederlieben konnte, weil sie ihn von sich weisen, ihn gehen lassen mußte – gleich morgen. »Darf ich zu Euch sprechen? Es wird zum letztenmal im Leben sein.« »Sprecht.« Sie bedeutete ihm, sich zu setzen; denn er stand vor ihr und sie wußte, daß er noch immer Schmerzen litt. Auch sie nahm Platz. Und sie mußte sich zwingen, nicht seine Hand zu fassen und in der ihren zu halten, solange er sprach. Seine Liebe zurückweisend, fühlte sie, daß sie ihn liebte, schwesterlich, mit keinem andern Wunsch, als seine Hand zu fassen und festzuhalten ... In der Feierstille der Nacht sprach er zu ihr: »Ich wußte nicht, daß es solche Frauen gibt wie Ihr, wollte von solchen Frauen nichts wissen, lachte, wenn ich einmal sagen hörte: ›Das ist eine Frau, über die hat die Sünde keine Gewalt.‹ Ein Unchrist, als der ich mich fühlte, malte ich Madonnen und Heilige. Und ich lachte auch, wenn ich sagen hörte: ›Barbaro Bossi ist der neue Fra Angelico! Mit solcher Inbrust, solchem Glauben malt er seine Kirchenbilder. Für einen Künstler wie er müssen die Frauen die Verkörperung alles Reinen und Himmlischen sein.‹ »Wenn sie, die so sprachen, gewußt hätten, nach welchen Vorbildern ich meine unbefleckten Jungfrauen und seligen Gestalten schuf! Wenn sie gewußt hätten – »Da ist eine. Sie heißt Giulietta. Ihr Name klingt fast wie ein andrer Frauenname, den ich fortan aussprechen werde andächtigen Gemüts, als Gebet. Es sei ferne von mir, daß ich Euch von dieser Giulietta erzähle, von der Ihr glaubtet, sie sei meine Braut. Ich werde niemals eine Braut besitzen, weil ich mir von diesem Weibe Lippen und Seele wund küssen ließ und danach Euch kennen lernte. »Daß dies geschah, ist mein größtes Glück. Mein Schicksal ist's. Über meinem ganzen Leben, all meinem Denken und Tun, wird fortan Euer Antlitz schweben, wie ich es von Euch in meiner Seele mit mir davontrage. Euer Antlitz über mir und in mir, werde ich durch meine Liebe zu Euch ein Geweihter sein. Als solcher werde ich in Zukunft Werke schaffen, meiner Liebe zu Euch würdig. Sollte daher einmal ein wahrer Künstler aus mir werden, was Ihr einen wahren Künstler nennen würdet, so ist es Euer Werk. Und Euer Werk wird gesegnet sein wie alles, was von Euch kommt. »Das mußte ich Euch zum Abschied sagen. Vielleicht, daß die Erinnerung an die Seelenrettung, die Ihr an mir – an dem in einen Abgrund Gestürzten – vollzogen habt, Euch wohltun könnte in Stunden des Leidens. Denn möglicherweise werdet auch Ihr noch vieles leiden müssen auf dieser wunderschönen Welt voll Menschenjammers.« »Geliebte Frau – lebt wohl!« Er stand auf, trat zu ihr, wollte sich tief vor ihr neigen und sank dabei auf seine Knie. Da umfaßte sie ihn mit beiden Armen, zog sein Haupt an ihre Brust, daran keines Mannes Haupt geruht hatte, und gab ihm den Abschiedskuß. Auf den Mund küßte sie ihn. Nach einiger Zeit kam aus der Lagunenstadt von Barbaro Bossi Botschaft. Sie war jedoch nicht an Judith gerichtet, sondern an den hochwürdigen Superior des Augustinerklosters und bestand nicht in Worten, sondern in der Sendung eines Gemäldes. Es war die heilige Barbara des Palma Vecchio aus Santa Maria Formosa zu Venedig ... Als Kirchenbild war das Gemälde bestimmt, über dem Altar zur Anbetung für die ganze Gemeinde der Dolomitenleute. Aber der hochwürdige Herr gönnte keinem andern, vor der herrlichen Heiligen Andacht zu halten; einzig und allein er wollte vor Santa Barbara knien, beten, seine Hände aufheben; und einzig und allein sein Gott wußte, mit welcher Inbrunst, welcher Seelenqual, welchem Trost in hoffnungslosem Leid. Oder – wußte es auch der Künstler, und hatte er deshalb die heilige Barbara in die Wildnis der Dolomiten gesendet? Sechstes Kapitel Judith Platter hat dunkle Stunden und vollbringt ihre letzte Tat, bevor es wieder Frühling ward Nun lag über dem Hof unter den Königswänden der weiße Winter. Er erstickte jeden lebensfrohen Erdenlaut, thronte in starrer Majestät, verbreitete in dem großen Schweigen jene eisige Einsamkeit, darein ein Weltherrscher sich hüllt. Selbst der Schall der Klosterglocken drang nicht mehr empor aus der Tiefe, und nur wenn ein Adler mit schrillem Schrei vorüberschwebte, eine Fichte unter ihrer Schneelast krachend zusammenbrach, belebte sich diese blasse totenhafte Natur. Gleich darauf versank die glanzvolle Welt wiederum in Lautlosigkeit, Feierlichkeit, Frieden ... In dem Reiche der Königsfrau herrschte die Arbeit des Winters. Für die Knechte war diese voller Gefahren, für die Mägde voller Behaglichkeit. Die Knechte führten die im Herbst gefällten, in gewaltige Kloben zersägten Bäume zum Hof. Hochbeladen waren die ungefügen Schlitten, die der Mann selbst lenkte, vereiste steile Lehnen hinab, auf schmalen, schwankenden Stegen über Schlünde hinweg, an Abgründen entlang. Kam das schwere Fahrzeug ins Gleiten und besaßen die Fäuste, die es gepackt hielten, keine Riesenkraft, oder strauchelte der Mann auf spiegelglatter Bahn, so war er verloren. Judiths junge Knechte wetteiferten in der Kunst, sich mitten im Lauf auf den Schlitten zu schwingen und mit diesem, bei beiden »Hörnern« ihn regierend, pfeilschnell niederwärts zu sausen. Meister solchen gefahrvollen Spiels blieb Martin. Abends saß das Gesinde zusammen in der geräumigen Leutestube. Die Mägde spannen, die Burschen schnitzelten. Und alle schwatzten: Dolomitensagen, Alpengeschehnisse, Abenteuer von Waldbauern, Hirten und Jägern; Abstürze und Unglücksfälle, Geistergeschichten – Liebesgeschichten. Letztere wurden von dem jungen Völklein nicht nur berichtet, sondern gelebt. Martin war unter den Burschen der einzige, der keine Liebelei hatte. Und er wußte doch: eine ehrliche Liebelei zwischen zwei jungen Menschenkindern fühlte auf dem Hofe der Königsfrau stets zu einer lustigen Hochzeit. Das wußte dort oben ein jeder und eine jede, und weil sie es wußten, geschah in Judith Platters Hause niemals etwas Unrechtes. Gewannen sich zwei lieb und gestanden sie es einander, so sagten sie ihr Sichgernhaben alsbald auch der Herrin. Hand in Hand trat das Pärlein im Sonntagsstaat in das mit dem schönen, bereits goldig leuchtenden Zirbenholz ausgetäfelte Zimmer, kündigte schamhaft seine junge Liebe an, sagte schüchtern und zuversichtlich zugleich: »Hast du etwas dagegen, wenn wir uns gern haben?« Beide wußten aus den Erfahrungen andrer, wie es kam. Sinnend ruhten Judiths ernsthafte Augen auf den zwei Jungen und Glücklichen. Dann sagte sie mit leisem und etwas wehmütigem Lächeln: »Ich will zusehen, wie's mit eurer Liebe steht und ob ihr brav bleiben könnt. Befinde ich euch, wie es sich für ein rechtes Liebespaar schickt, so richte ich euch hier oben die Hochzeit. Auch die Wohnung, wenn ihr das wollt. Also seht zu, wie's wird.« Die beiden »sahen zu«; und es ward so gut und so tüchtig, wie alles war, was mit der Frau auf dem hohen Hofe zusammenhing. Zur üblichen Jahreszeit, wann in den Dolomiten nach uraltem Brauch aus glücklichen Brautpaaren glückliche Eheleute wurden, ward auf dem Königshof Hochzeit gefeiert, und in der Kapelle zum blutenden Herzen Mariä schlugen zwei zärtliche Herzen dem Segen des Priesters entgegen. In eigener hochwürdiger Person gab der Herr Superior die beiden zusammen im Beisein des ganzen Gesindes und – der Herrin, die dicht hinter dem Paar den Ehrensitz hatte und die nur bei solcher Gelegenheit das kleine, von ihr gestiftete Heiligtum betrat. Dann war es schier verwunderlich, wie der gestrenge geistliche Herr auch jetzt wiederum nicht zu den Hochzeitsleuten, sondern zu der Hochzeitsgeberin sprach. Wenigstens ruhte sein Blick beständig auf Judith. Und auch sie – bei dem blutenden Herzen Mariä! – auch sie wandte kein Auge von ihm. Was er bei diesen Traureden sagte; wie er's sagte! Das Völklein der Berge und Wälder hatte bis dahin nicht gewußt, daß einem Menschen solche großen, heißen, machtvollen Worte gegeben waren. Sie priesen mit Engelzungen der Menschen Liebesglück, nannten dieses der Menschen Allerhöchstes und Allerheiligstes, nannten diejenigen allem Glück der Erde und des Himmels verloren, die leben mußten, ohne das höchste Heiligtum der Welt empfangen und der Liebe Seligkeiten empfunden zu haben. Brautleute und Brautgefolge verstanden nicht des Priesters Rede. Aber sie fühlten dunkel: es sprach zu ihnen ein Mann, der zu jenen gehörte, die von diesem höchsten Erdenglück ausgeschlossen waren und sich in Sehnsucht nach dem verlorenen Himmel verzehrten. Und diesem war doch ihr ganzes Leben geweiht. Seit dem Herbstgang auf die Hochalm und dem Abschied des jungen Venezianers vollzog sich mit Judith mehr und mehr eine wundersame Wandlung. Sie erkannte den Vorgang, wehrte sich dagegen, fühlte das Vergebliche ihres Kampfes. Was war's mit ihr? Welche geheimnisvolle Macht gewann über ihr freies und starkes Innere allmählich Gewalt? Wenn sie an ihrem Webstuhl saß, so konnte es geschehen, daß ihrer nimmer ruhenden Hand das Weberschifflein entglitt, daß die fleißigste der Frauen müßig dasaß, versunken in tiefes Sinnen, daraus sie jäh aufschreckte, wie aus schweren Träumen erwachend. Wenn in solchen Stunden eine der Mägde mit einem Anliegen die Herrin aufsuchte, so wagte sie keine Anrede, blickte scheu hinüber, schlich wieder hinaus, teilte den andern flüsternd mit: »Stört sie nicht. Sie hat wieder ihre dunkle Stunde.« Und »wieder ihre dunkle Stunde« hatte Judith, wenn abends auf die blinkende Weiße die fahle Dämmerung herabsank, allen Glanz auslöschte, Himmel und Erde in Nebelnacht hüllte und die Menschenseele mit Sehnsucht erfüllte. Und gar wenn es eine Frauenseele war, einsam im tiefsten Innern. Um so einsamer, je stolzer sie war, und je stärker sie schien. Dann um so dunkler die Stunde, um so heißer die Sehnsucht. Wonach? Judith wußte keinen Namen dafür, suchte auch nicht nach Namen, wußte nicht, daß, was ihr die dunkle Stunde brachte, in ihrer tiefen Einsamkeit, ihrer heißen Sehnsucht lag. Sie hätte jeden, der es ihr gesagt und gedeutet haben würde, voller Empörung zurückgewiesen; hätte sich selbst geschmäht, wäre sie sich der Ursache ihrer Wandlung bewußt worden. Sie war nicht mehr jung; und grade, weil sie nicht mehr jung war – Sie hatte den Jüngling, der einem andern glich, auf den Mund geküßt ... Es war, als hätte dieser Kuß jenes mystische Sehnen in ihr geweckt, als hätte ihre unverständliche Wandlung mit diesem Kusse begonnen. Zugleich auch die Zeit ihrer dunklen Stunden. Er, dessen Mund sie geküßt hatte, liebte sie, die nicht mehr jung war, liebte sie mit verzehrender Leidenschaft. Konnte das möglich sein? ... Sie wagte nicht, es sich zu gestehen. Als sie dann endlich zu dem Geständnis den Mut fand, schämte sie sich. Mit beiden Händen bedeckte sie ihr Gesicht, als müßte sie es vor sich selber verhüllen. Geliebt wurde sie! Sie ging hinaus in die Winternacht. Sie wollte ihr Antlitz zur nächtlichen Erde niederneigen, und sie blickte zum Sternenhimmel empor. Belügen wollte sie sich, und sie mußte den Ausruf ersticken, mit dem sie ihre Erkenntnis der Gottheit bekannte. Geliebt wurde sie! Was aber bedeutete die Liebe des guten Jünglings gegen die Liebe, mit der sie einstmals von dem andern geliebt worden war? Dennoch hatte er sie verlassen, sie verraten können. Tot war er für sie; tot mußte er für sie bleiben ... Als ob Tote nur am jüngsten Tage ein Auferstehen hätten! In ihren dunklen Stunden, die häufiger und häufiger kamen, packte sie Angst, Entsetzen, Grauen: wenn auch dieser Gestorbene nicht erst beim letzten Gericht für sie auferstand. Sollte sie Richterin sein? Sie, die sich selbst schuldig fühlte! Denn es kam für Judith Platter eine Stunde, in der sie erkannte: ›Als du den Scheidenden auf den Mund küßtest, da küßtest du in ihm nicht Barbaro Bossi, sondern Rochus von Enna.‹ Seit dieser neuen Erkenntnis, die Judith zugleich ihre Schwäche, ihr Weibsein erkennen ließ, fühlte sie die Veränderung, die mit ihr vorging, auch in ihrem Empfinden Pater Paulus gegenüber. Ihretwillen war er von Rom – denn das wußte sie erst jetzt! – nach Kloster Neustift gekommen; ihretwillen hatte er sich in die Dolomitenwildnis zu der Brüderschaft der Büßer verbannen lassen; ihretwillen war er geblieben; ihretwillen würde er bleiben, bis – Bis wann? Wieder und wieder diese Frage! Diese Frage in wachsender Erregung, wachsender Angst vor der Antwort. Bleiben würde er, bis er müde geworden, den weiten mühseligen Weg von der durch ihn zum Heiligtum geweihten Klausur sündiger Menschen zu ihrer Höhe hinaufzusteigen, bei dem wildesten Wetter, bei Orkan und Schneetreiben, Nebelnacht und Lawinengefahr. Bleiben würde er, bis er erkannt hatte, daß er sie nicht zwingen konnte, weder zu seinem Gott, noch zu sich selbst im Namen seines Gottes. Bleiben würde er, bis er als Besiegter weichen mußte. Oder bis sie weichen mußte als Besiegte ... Der Kampf zwischen ihm und ihr war nicht etwa ein Kampf zwischen Priester und Christin, sondern zwischen Mann und Weib. Der große Kampf der Geschlechter war's, der blutige Kampf zweier Menschen. Sie hatte sich als stark erwiesen, sie, das Weib! Wie aber, wenn – Über dieses »Wenn« und darüber, was diesem »Wenn« folgen würde, begann Judith Platter zu sinnen und zu grübeln, durch alle die dunklen Stunden, die mehr und mehr zu ihren Tagen, zu ihren wachen Nächten wurden, die sie müßig und unstet, blaß und elend machten, daß sie umherging wie mit gelähmten Gliedern, gelähmtem Geist, daß ihr treues Gesinde die Köpfe zusammensteckte und einander zuraunte: »Sie ist krank!« Krank Judith Platter? Krank die Königsfrau? Krank die Gesunde und Starke? Und zwar krank nicht am Körper, sondern krank am Gemüt. Und das sollte möglich sein! »Wenn's wieder Frühling wird, tu ich meine Wallfahrt zum blutenden Herzen Mariä in den Dolomiten am Schlern, wonach unsre Kapelle genannt ward. Ich opfere der guten Himmelskönigin ein silbernes Herz und zwei Wachskerzen. Dann macht sie unsre liebe Herrin gesund.« Martin war's, der für Judith Platter die Wallfahrt tun wollte: »Wenn's wieder Frühling wird ...« Bevor es wieder Frühling ward, brach jedoch für den Hof unter den Königswänden eine Nacht an, die dessen Herrin das Letzte brachte. Es sollte zugleich Judith Platters letzte Lebensnacht sein. Die halbe Nacht hatten die beiden zusammen geredet – miteinander gekämpft. Im Hause schlief alles. Aus der Gesindestube drang bisweilen das dumpfe Knurren der Hunde, die des geistlichen Gastes wegen eingesperrt waren, zu ihnen herüber, und Judiths Vögel ließen im Schlaf einen leisen zwitschernden Laut hören; sie mochten von dem Frühling träumen, der sein baldiges Nahen durch Föhnsturm – Lawinendonner und die ersten blaßblauen Anemonen angekündigt hatte. Wie schön ward die Welt, wenn es Frühling ward ... Schön war auch diese Nacht, voll Schweigens und Friedens. Der Mond schien hell durch die Fenster ins Zimmer und auf die Gestalten der beiden, die voneinander nicht lassen konnten. Sie sprachen leise, fast flüsternd, als fürchteten sie, durch einen lauten Ton die Feierlichkeit der Stille zu stören – als fürchteten sie, in ihren Seelen etwas zu wecken, das in tiefem Schlummer verharren mußte; der laute Ton ihrer Stimmen konnte den Bann des Schlafes brechen, darin sie ihre Liebe und ihren Haß versenkt hatten, alles, was ihr Menschlichstes war. Um ihrer Seelen Seligkeit willen mußten sie ihrem Menschlichsten in ihren sehnsüchtigen Seelen das Grab graben und darauf die Schollen werfen, darüber den Hügel wölben, den Stein der Vergessenheit wälzen. Und so totengräberten sie denn gemeinsam, wo doch in ihnen alles nach Auferstehen schrie, nach Sonne, Frühling, Leben ... Da begann der Priester der Frau zu erzählen: von Rom, von der Capella Sistina. Er schilderte Judith die Wand mit Michelangelos Auferstehung von den Toten und dem Jüngsten Gericht, und er malte den ungeheuerlichen Vorgang fast mit derselben gewaltigen Beredsamkeit, mit welcher ihn der Buonarotti in Umrissen und Farben auf der weißen Mauer des Heiligtums gedichtet hatte, ein Dante seiner Kunst. Pater Paulus schilderte: »Dem Schoße der Erde, die bei dem Posaunenschall der niederfahrenden Cherubim aufbarst und ihre Toten hergab, hat sich der Leib eines Weibes entrungen. Es ist von den Heerscharen der Auferstandenen nur eine. Ihre Glieder sind von fahlen Leichentüchern umwickelt, und ein graues Linnen bedeckt Antlitz und Haupt. »Ich kann ihr Gesicht nicht sehen. Aber ich weiß: es ist nicht meiner Mutter Gesicht. Jetzt erst weiß ich's! Sie fährt aus der Grube wie hinaufgerissen, wie gepeitscht von göttlicher Gewalt, als jagte der Orkan, der die Grüfte durchwühlt, sie empor. »Ihr Leib hat noch die Starrheit des Todes. Beide Arme hält sie steif von sich gestreckt und den Kopf wirft sie zurück in den Nacken, daß ihr verhülltes Gesicht aufgehoben ist. Keine Hand rührt sie, um der Grabeshülle sich zu entwinden, um die Binde von den Augen zu reißen und des göttlichen Richters und Rächers furchtbare Herrlichkeit zu schauen. »Auferstanden von den Toten, kümmert sich dieses Weib nicht, was mit Erde und Himmel geschieht, was geschieht mit den Verdammten und den Seliggesprochenen. »Keinen Heiland gibt es für sie; sie bedarf keines Heilands, keines Erlösers! Auch keiner Mittlerin zwischen sich und dem Richtenden. Sie fleht nicht zur Mutter des Menschensohnes, die ein um den Sohn blutendes Herz hat und sich jetzt zitternd an die Knie dessen schmiegt, der ein Gott ist, ein Gott des Grimms, der Strafe, der Rache. Seine emporgehobene Hand segnet nicht, zieht nicht in seine Himmel empor, sondern sie flucht, zerschmettert, schleudert zurück in die Grüfte. »Aber – es kümmert sie nicht! In grauenvoller Einsamkeit treibt sie durch die Unendlichkeiten. Sie irrt und irrt, sucht und sucht. Und es ist nicht meine Mutter, wie ich als Knabe einst glaubte. »Du bist es, Judith! Judith! »Unbekümmert darum, ob du in Ewigkeit verdammt sein wirst, irrt und sucht deine auferstandene Seele nach dem einen und Einzigen, für den sie geschaffen ward. In Ewigkeit mußt du irren und suchen; denn in Ewigkeit findest du ihn nicht, der von dir sich abgewandt hat, der dich verlassen, verraten hat, und dem jetzt der Richter und Rächer das Urteil spricht: ›Du bist verflucht! Verflucht und verdammt in alle Ewigkeit, um deines Verrates willen!‹ »In alle Ewigkeit geschieden von dir, Judith! Judith! Judith!« Sie war stark geblieben. Aber nachdem er sie schwankenden Schrittes verlassen hatte, erkannte sie ihre Schwachheit. Es war vorbei mit ihrer Kraft. Also auch vorbei mit ihrem Widerstand. Und nun es mit diesem vorbei, war es das mit allem. Auch mit ihrem Leben ... Eine unendliche Ruhe überkam sie, eine schier heilige Feierlichkeit. Zugleich eine leuchtende Klarheit. Auch als sie ihren letzten Entschluß gefaßt hatte, bewegte sie nicht das leiseste Erbeben. Sie traf ihre Bestimmungen, als handelte es sich dabei um eine Sache, die eben getan werden mußte. Es war so leicht, über sein Leben zu beschließen; so – natürlich war's. Und wie eine leichte natürliche Sache sollte es vollbracht werden. Gleich diese Nacht! Sie schrieb nichts auf, ließ nichts von sich zurück. Nichts andres als die Erinnerung, daß sie einmal gelebt hatte. Keine Lüge durfte bei ihrem Tode sein. Der Weg, den sie alsbald gehen wollte, würde von allen als ihr Todesweg erkannt werden. Alle sollten erkennen müssen, daß sie ihn freiwillig ging. So blieb sie sich bis zum letzten Augenblick getreu. Judith rief ihre Hunde. Mit leichter Hand fuhr sie jedem ihrer getreuesten Freunde über das zottige Haupt, befahl ihnen, zurückzubleiben, verließ das Zimmer, das Haus. Über die Schwelle des Hauses schritt sie, als würde sie noch in derselben Stunde in ihr Haus zurückkehren. Die Welt leuchtete wie in Verklärung. Aber sie schaute sich nicht um. Sie ging ihren letzten Gang nicht zaudernd, nicht hastig. Als sie zu den Königswänden gelangte, blieb sie stehen und sprach laut: »Ich liebe ihn. Ich habe ihn geliebt jede Stunde. Jede Stunde war mein Haß Liebe. So werde ich ihn denn lieben bis in alle Ewigkeit.« Sie stieg hinauf. Am frühen Morgen fand sie Martin auf dem Lager der ersten blaßblauen Anemonen des Jahres. Sie lebte noch, und ihr brechender Blick sprach gebieterisch ihre letzte irdische Bitte aus. Nur Martin verstand sie. Zu der Sterbenden rief er den Priester. Siebentes Kapitel Ein armer Sünder schreibt in seinem Kloster auf dem Aventin zu Rom in sein Büchlein Im Heiligtum Sankt Augustins auf dem Aventin zu Rom Nun öffne ich doch noch einmal meiner toten Mutter Buch und will darin einiges aufzeichnen. So war es meiner Mutter Wunsch für ihren lieben Sohn Rochus ... Das Buch hat viele leere Seiten; viele Jahre blieb es verschlossen. Zum letztenmal schlug ich es auf an dem Tage vor dem Begräbnis Judith Platters, welche die Leute die Königsfrau nannten. Aber ich schrieb an jenem Tage nichts in das Buch. Das soll jetzt geschehen – zum letztenmal im Leben; denn bald kommt mein Allerletztes. Das wird dann das Ende eines verfehlten Menschenlebens sein. Was bedeutet das? Die Menschen werden geboren; sie leiden und freuen sich, leiden vieles und freuen sich ein Weniges, sind Gläubige und Ungläubige, Satte und Hungrige, Fleißige und Müßige, Herren und Diener. Sie lieben und werden geliebt, oder sie bleiben Zeit ihres Lebens ungeliebt und können selber nicht lieben. Sie verraten und werden verraten. Sie erkennen den Trug und die Lüge des Daseins oder bleiben mit glücklicher Blindheit geschlagen. Kommt alsdann ihre letzte Stunde, so legen sie sich nieder zum Sterben, ringen qualvoll mit dem Tode, und von den Millionen und aber Millionen, die geboren werden, können nur wenige sprechen: »Und seht – mein Leben war ein gesegnetes!« Das ist nun einmal nicht anders. Ich will heute zurückdenken ... Judith Platter war gestorben und sollte begraben werden. Der Knecht Martin bedrohte mich: »Die Frau starb als gläubige Christin. Ihr wißt's, denn Ihr versaht sie mit dem letzten Sakrament. Gebt Ihr der Frau kein christliches Begräbnis, geht's Euch schlecht.« Weshalb sollte ich Judith Platter kein christliches Begräbnis geben? Weil sie keine gute Christin, weil sie eine Selbstmörderin gewesen? Ihretwillen tat ich ganz andres als lügen. Also konnte ich ihretwillen auch die Lüge ihres bußfertigen Todes auf mich nehmen. Aber sie hätte die Lüge verschmäht – sie ! Es würde ihr Andenken entweiht haben, hätte ich ihr Sterben mit einer Lüge belastet. Die Lüge vernichten, hieß für mich, ihr Andenken heiligen. Dieses bedachte ich an dem Tage und in der Nacht vor ihrem Begräbnis. Ich saß in meiner Zelle unter dem Bildnis der heiligen Barbara, das mir der Mann sandte, der sie liebte und bis zu seinem letzten Atemzug lieben wird. In diesem Buche las ich in großer Einsamkeit als Totenfeier für sie. Ich las darin von meiner Liebe zu ihr, die ich bis zu meinem letzten Atemzug lieben werde, und die sich aus Liebe zu mir umgebracht hat. Wenn ich von dem Buche aufblickte, sah ich ihr Antlitz über mich leuchten, und ich sah durch das offene Fenster hinauf zu ihrem Hause unter den Königswänden, darin sie nun als stille Frau lag, daraus sie am nächsten Tage für immerdar ziehen wird, herab zu mir. Also kommt sie doch! In der Frühe des nächsten Tages wurde sie von ihren Leuten zu Grabe geführt. Jungfrauen trugen die Jungfrau, und die Dolomiten leuchteten ihr im Morgenglühen hinab. Als sie ihr Haus verließ, gab der Knecht Martin allen Vögeln die Freiheit. Da begab sich ein Wunder. Etliche von den befreiten Vögeln flogen auf und davon; aber viele setzten sich auf ihren Sarg oder schwebten darüber. Sie zwitscherten fröhlich und sangen ihre ersten Frühlingslieder. Es gab ein Jubeln und Jubilieren. Und Judiths Hunde geleiteten sie auf ihrem letzten Wege. Ein Trauerzug war's, nicht wie für eine Königsfrau, sondern wie für eine, die durch ihren unchristlichen Tod heilig geworden. I ch aber gab der Wahrheit die Ehre, ließ für Judith Platter nicht die Glocken läuten, ließ Judith Platters Grab ungesegnet, ließ sie als Selbstmörderin bestatten. So war's ihr letzter Wunsch und Wille gewesen, und ich erfüllte ihn. Der Knecht Martin reizte das Volk wider mich auf. Das Volk wollte mich zwingen, Judith Platter ein christliches Begräbnis zu geben. Ich ging hinaus, und die, die mich geehrt hatten, beschimpften mich, nannten mich einen Totschläger und Mörder, hätten mich am liebsten totgeschlagen und gemordet. Ich stand ruhig unter den Wütenden und fühlte eine heiße Liebe zu den Menschen, die aus Liebe zu Judith Platter mich steinigen wollten ... Ich habe seitdem nie wieder Menschenliebe in mir empfunden. Nicht ein Zucken von Menschenliebe! Meine Mönche schützten mich gegen meinen Willen; denn ich hätte in jener Stunde Judith Platters willen meine Seele mit Wonne ausgehaucht. Gegen meinen Willen blieb ich am Leben. Während ich, durch Steinwürfe verwundet, fiebernd in meiner Zelle lag, zwang der Knecht Martin meinen Kaplan, Judith Platter ein christliches Begräbnis zu geben. Ich hörte in meinem Fieber das Glockengeläute und soll bei jedem Schlage laut ausgerufen haben: »Judith! Judith! Judith!« Dann empörten sich wider mich meine Mönche, die mich seit langem heimlich haßten und verfolgten. Sie beschuldigten mich bei meinen Oberen einer sündhaften Leidenschaft für ein irdisches Weib und drangen auf meine Abberufung und Absetzung. Ich wurde zur Verantwortung gezogen. Das Bildnis Santa Barbara ließ ich im Kloster zu ihrem Gedächtnis; aber Santa Barbaras Ring nahm ich mit mir – trug den schmalen Goldreif mit dem wie ein Blutstropfen funkelnden Edelstein auf meinem Herzen mit mir davon. Ich meine den Ring Judith Platters, an der ich einen Leichenraub beging. Das eine will ich in diesem Buche von ihr noch aufschreiben: sie ließ einen rechtskräftigen letzten Willen zurück. In diesem verteilte sie ihr ganzes Hab und Gut unter ihr Gesinde, auf daß ein junges und starkes Geschlecht unter den Königswänden erblühe. Den Hof selbst erhielt der Knecht Martin mit der Bedingung, für sein Haus eine junge liebe Hausfrau zu nehmen. So lebt sie fort in ihrem freien stolzen Reiche unter den Königswänden; so wirkt sie fort noch nach ihrem Tode. Und sie wird noch nach ihrem Tode gesegnet von Kind und Kindeskind derer, die ihr getreu waren und an denen sie Gutes tat. Gesegnet sei ihr Gedächtnis, von nun an bis in Ewigkeit. Amen. Als Judith Platter in jener Märznacht das Leben von sich warf, weil es sonst mir gehört hätte und weil sie sich lieber in die Tiefe stürzte, als sich von mir zum Himmel erheben zu lassen, da küßte ich sie auf den toten Mund, schrie ihr meine Liebe ins starre Antlitz. Und ich schied von ihr, wissend, daß ich fürderhin ein Priester nicht länger sein durfte. Dennoch bin ich das geblieben – obgleich man mich zur Verantwortung zog. Wenigstens dem Worte nach blieb ich ein Priester, und es soll ja wohl das Wort aller Welten erster Anfang sein. Nicht nur, daß ich ein Diener Gottes blieb – ich wurde in seiner Kirche ein Mächtiger und Gewaltiger, wurde das, was ich werden wollte, ein Gebietender. Es ließ mich nicht wieder los! Auf stieg ich von Würde zu Würde, von Macht zu Macht. Ich herrschte! Ich herrschte über die Gemüter der Menschen, als wäre ich nicht ein Gesalbter, sondern ein Gekrönter, ein Königsmensch , wie sie es gewesen war. Nicht wieder los ließ es mich ... Ich wurde Prälat von Kloster Neustift bei Brixen; ich machte den Platterhof zum Klostergut, machte Schloß Enna zum Klostergut. Ich stieg, wurde Provinzial meines heiligen Ordens, stieg und stieg. Ich wurde Generalprior meines Ordens. Ich stieg und stieg und stieg ... Aber so hoch mein Adlergeist mich trug, erreicht er doch niemals den Himmel, niemals die Gottheit; nicht in aller Ewigkeit wird meine sündige Seele verweilen in der Gemeinschaft der Seligen – in der Gemeinschaft mit dir, Judith, Judith! Und mit meinem letzten Seufzer werde ich zur Gottheit aufschreien: » Mein Leben war verfehlt! « Mensch hätte ich bleiben müssen, die Erde meiner Väter im Schweiße meines Angesichts bebauen, Judith Platter zu meinem Weibe machen, mit Judith Platter Kinder zeugen, Söhne, die ein schönes und starkes Geschlecht von Männern und Frauen, die ihrer Eltern Gedächtnis hochhielten. Dann wäre mein nun verfehltes Leben ein gesegnetes gewesen; dann hätte ich in meiner letzten Stunde sprechen können: »Siehe, mein Gott und Herr – ein glücklicher Mensch ruht aus von seinem mühevollen, aber gesegneten Tagewerk. Nimm deinen Sohn gnädig auf.« Und der Herr hätte für mich seine beiden Arme geöffnet und mich meinem lieben Weibe zugeführt. Nun sind meines Geistes Schwingen gelähmt. Der Aar, der zur Sonne aufrauschen wollte, ist ein flügellahmer, todwunder und todmüder Vogel, der in diesem heiligen Käfig sehnsüchtig seines Endes harrt. Durch das vergitterte Fenster leuchtet die goldene Sommerschönheit von Roms Campagna zu meiner Aventinischen Höhe empor. Ich aber denke an das grüne, grüne Vahrn, und die ganze glanzvolle Herrlichkeit dieses heiligen und ewigen Rom versinkt für mich. Heimat, Heimat! Mein Vaterland Tirol! Es könnte mir nichts nützen, wenn ich als Sterbender Gott dem Allmächtigen seines falschen und schlechten Priesters sündige Liebe zu einem irdischen Weibe bekennen würde – Gott der Allgerechte würde mich nicht anhören. Und wenn ich zur Buße meiner Schuld mir selbst die Pönitenz auferlegte, auf meinen todmüden Füßen eine Wallfahrt zu Mariä blutendem Herzen in den Dolomiten am Schlern zu tun, oder zu dem Grabe der in geweihter Erde ruhenden Königsfrau, oder nur bis zum Ufer des rauschenden Eisack, wo einst zwei junge gute Menschenkinder gestanden sind – nichts nützen würde mir's! Meine Seele würde dennoch und dennoch verdammt bleiben. Trotz deiner Fürbitte, selige Mutter! Zu lange! Mein Leben währt viel zu lange! Ich führe das Dasein eines Asketen, Fanatikers, Heiligen. Ich faste und kasteie mich. Ich töte mein Fleisch. Dennoch lebe ich. Mein Leben ist ein so gottwohlgefälliges, daß ich das Wunder des Klosters bin und nur zu wollen brauchte, um Wunder zu tun. Ein Ende machen will ich; sterben will ich: sterben den Tod, den du starbst, Judith, Judith! Als junger Mönch stieg ich einstmals hinab in die Stadt der Grüfte, zu der es in unsrer Kirche gleich hinter dem Hochaltar hinunterführt. Das will ich wieder tun. Ich gieße Öl auf das Lämplein, zünde es an, steige mit dem matten Licht in den Schoß von Mutter Erde hinab, zu den tausendjährigen Toten. Ich wandere, wandere, wandere – Sie nehmen kein Ende, die Grüfte ... Sollte ich mich verlieren in dem endlosen Labyrinth; sollte mein Lämplein erlöschen – Das Ende, das Ende! Heute will ich mein Lämplein nicht wieder mit frischem Öl füllen. Ende