Ernst Willkomm Reeder und Matrose 1 Nach einem heftigen Gewitter, das unter Sturm und Regen über die Niederelbe von Süden nach Norden zog, trat ein erquickend milder Abend ein. Noch war viel Bewegung in der Luft, der volle Glanz der Sonne aber, die bereits niedrig stand, und Himmel und Gewölk mit flimmerndem Gold übergoß, verkündigte schönes Wetter. Nachdem der Sturm ausgetobt hatte, belebte sich der Hafen Hamburgs und der Strom von Neuem mit zahllosen Fahrzeugen, der monotone, bald leise, bald geschreiartig zum Quai herüberschallende Gesang der Matrosen auf den Schiffen, deren Ladung gelöscht ward, ließ sich wieder hören, und das Leben gestaltete sich gewühlvoller denn je. Wie hätte es auch anders sein können, da es Sonnabend war und der Tag bereits zu Ende ging. Jeder wollte noch möglichst viel vor Einbruch der Dunkelheit beseitigen, und so hasteten denn schwer tragende Menschen an allen Landungsplätzen, die Schutenführer strengten sich an, ihre Fahrzeuge durch die Kanäle nach den Speichern zu befördern, und an den Luken in den Speicherräumen sah man überall viele Hände in rühriger Tätigkeit, um aus den unten in den Fleeten liegenden Fahrzeugen die erhaltenen Ballen und Säcke aufzuwinden und sicher zu stauen. Diesem bewegten Leben sah, an die Brustwehr auf dem Kehrwieder gelehnt, ein Mann von etwa fünfzig Jahren wohlgefällig zu. Er trug die gewöhnliche Tracht der Arbeiter und seine schwieligen breiten Hände, sein gerötetes Gesicht, das sich vor keinem Wetter scheuen mochte, ließen auf den ersten Blick einen geschäftskundigen, überall selbst mit zugreifenden Quartiersmann erkennen, deren die gewaltige Handelsstadt viele besitzt, und die in mancher Hinsicht als Männer, denen man unbedingtes Vertrauen schenken darf, die rechte Hand großer Handelsherren sind. Der Quartiersmann Jacob Behnke kam zurück vom Speicher eines Kaufmannes, wo er beim Ausladen der letzten Schute Weizen zugegen gewesen war, und wollte nun, alter Gewohnheit gemäß, noch einen Blick auf das Lärmen im Hafen und auf das lebendige Durcheinander am gegenüberliegenden Ufer werfen. Auf den hochgegiebelten Häusern und den Mastenspitzen der Seeschiffe, die weiter draußen auf der Elbe lagen, glänzte noch das Sonnenlicht, und die goldene Krone, welche die Spitze des Katharinenkirchturmes umgibt, leuchtete wie ein Feuerball und zog wiederholt die Blicke des Quartiersmannes auf sich. Mit dem Versinken der Sonne änderte sich das so interessante Bild schnell. Behnke hatte diesen allmählichen Übergang von der eifrigsten Tätigkeit zur völligen Sonnabendsruhe viele hundert Male beobachtet. Er sah nur Allbekanntes, und dennoch konnte er nie in seine bescheidene Wohnung heimkehren, ohne, wenn das Wetter nicht gar zu widerwärtig war, diesen Anblick, an dem sein gut hamburgisches Herz sich labte, immer von Neuem wieder zu genießen. Er fühlte sich froh und glücklich, wenn er den Glanz und Wohlstand der Stadt, deren Sohn er war, betrachten konnte, und obwohl ihm selbst nur ein sehr bescheidenes Glückslos zugefallen war, würde er es doch schwerlich mit einem andern, selbst nicht mit einem glänzenderen, vertauscht haben. Es dunkelte. Behnke faßte mechanisch an die Kette des Kranes, neben dem er stand, und hob sich etwas daran empor, um hinabzusehen aus das plätschernde Wasser, wo seine Schute angekettet lag. Gerade als er sich so überzeugte, flog noch ein kleines Beiboot unter raschen Ruderschlägen heran, dem Binnenhafen zu. Außer dem Rudernden saß nur eine einzige Person darin. Der Quartiersmann sah scharf hinab und sein weittragendes Auge erkannte einen Kapitän, den er lange nicht mehr gesehen hatte. »Heda, Claus«, rief er dem im Boot Sitzenden zu, »seid Ihr's wirklich? Wo habt Ihr so lange vor Anker gelegen? In Brasilien oder an der Goldküste?« »Guten Abend, Jacob«, versetzte der Kapitän. »Wie ist's Befinden? Doch alles klar im Hause?« »Alles klar«, erwiderte der Quartiersmann. »Und bei Euch, Claus?« »Danke, gut!« entgegnete der Kapitän. »Bin vor einigen Stunden erst mit der Flut aufgekommen. Habt Ihr Nachricht von Euerm Paul?« Behnke holte schwer Atem. »Leider nein«, sagte er zögernd. »Seit einem halben Jahre hat er nicht mehr geschrieben. Als die ›Marie Elisabeth‹ in Rio angekommen war, meldete mir der wackere Junge, wie es ihm ergangen sei auf seiner ersten großen Reise. Er war munter und versprach vor Abgang des Schiffes nochmals zu schreiben. Das hat er aber nicht getan.« »Nun, dann kann ich Euch sagen, daß ich ihn und die gesamte Mannschaft der ›Marie Elisabeth‹ im mexikanischen Meerbusen wohl angetroffen habe. Läßt Euch grüßen, Alter, im Oktober will er wieder an seiner Mutter Tisch Anker werfen. Guten Abend, Jacob, auf Wiedersehen!« Behnke erwiderte dankend den freundlichen Gruß; das Boot schoß zwischen den vielen Ewern fort, den Kajen zu, und verschwand unter der über das breite Fleet führenden hohen Brücke. Diese unerwartete Kunde von dem Sohne, vor dessen Leben ihm in den letzten Wochen oft gebangt hatte, machte auf Jacob einen belebenden Eindruck. Paul war sein einziger Sohn und der Vater hätte es lieber gesehen, er wäre ihm zur Hand gegangen; denn bei dem Rufe, dessen der Quartiersmann sich erfreute, und bei der großen Bekanntschaft, die er sich sowohl unter der Kaufmannschaft wie unter den Arbeitsleuten erworben hatte, konnte es nicht fehlen, daß der Sohn dereinst seine Stelle erhalten mußte. Paul aber zeigte einen so unbezwingbaren Hang zum Seeleben, daß Jacob den Tag für Tag sich wiederholenden Bitten des Sohnes nicht widerstehen konnte, Er gab seine Einwilligung, obwohl mit schwerem Herzen, und hatte bald einen Mann gefunden, dem er den eben von der Schule entlassenen Knaben anvertrauen durfte. Mit fünfzehn Jahren war Paul Schiffsjunge und machte als solcher zuerst eine Reise nach England und Schottland. Seine Liebe zum Seewesen erleichterte ihm den oft so schweren Schiffsdienst, ließ ihn schnell das Schwierigste fassen und brachte ihn rasch vorwärts. Der Kapitän war äußerst zufrieden mit dem behenden, muntern, kecken und immer gut gelaunten Paul, und als er sich in einen Matrosen verwandelt hatte, nahm er ihn mit auf einer Reise ins Mittelmeer, wo der kaum zum Jüngling herangereifte Knabe die romantische Herrlichkeit dieser schönsten Gegenden Europas erlebte. Paul blieb nach seiner Rückkehr einige Monate daheim, studierte fleißig und erklärte mit der ihm eigenen Bestimmtheit, die immer das Zeichen eines starken Charakters ist, daß er nur dann wieder eine Heuer annehmen werde, wenn es ihm gelänge, einen Kapitän zu finden, der ihn als Vollmatrose auf einem West- oder Ostindienfahrer engagieren wolle. Freilich war Paul noch sehr jung, aber er hatte sich Kenntnisse mancherlei Art erworben. Er sprach drei Sprachen, und da er kräftig war und Mut und Geistesgegenwart ihn nicht verließen, so mußte der gern zum Zaudern geneigte Vater wohl seine Zustimmung geben, als ihm der Sohn eines Tages wohlgemut meldete, daß er ein Schiff und einen Kapitän gefunden habe, wie er ihn begehre. Vierzehn Tage später segelte er an Bord der Bark ›Marie Elisabeth‹ von Hamburg ab und zwar vorerst nach Kuba. Aus Havanna, später aus der Hauptstadt Brasiliens, waren Pauls Vater erfreuliche Nachrichten von dem Befinden des jungen Matrosen zugegangen, später aber erfuhr niemand etwas von dem Schicksal der ›Marie Elisabeth‹. Hastiger als gewöhnlich trat Behnke in seine Wohnung, wo der Abendtisch für den heimkehrenden Vater schon gedeckt war. »Gute Botschaft, Frau«, sagte er mit vergnügtem Gesicht, die kurze, weite Jacke ablegend, die er bei seiner Arbeit trug und sich bequem in den Sorgenstuhl am Fenster niederlassend. »Unser Sohn kommt hoffentlich schon Anfang Herbst wohlbehalten zurück. Kapitän Claus, dessen Schoner heute aus New-Orleans angekommen ist, hat das Schiff in der mexikanischen See angesprochen.« Die letzten Worte vernahm zugleich mit der Mutter ein junges, sauber, aber bürgerlich einfach gekleidetes Mädchen, das ihren Gesichtszügen nach zu urteilen kaum zwanzig Jahre zählen konnte. »Paul lebt? Paul ist gesund?« rief sie vor Freude errötend dem Vater zu, das schmale feingeflochtene Körbchen mit dem kokett darüber gebreiteten hochroten Tuch, dessen eines Ende fast den Fußboden berührte, auf die Tischecke stellend. »Warum hat er so lange nichts von sich hören lassen?« »Danken wir Gott, daß wir jetzt Hoffnung haben, den so lange Entbehrten in einiger Zeit wieder zu sehen«, warf mit tadelndem Tone die Mutter ein. »O, erzähle doch, Vater!« drängte Christine, deren liebliches Gesicht jetzt im Schein der Lampe, welche die Mutter mitten auf den Tisch stellte, noch an Reiz gewann. Christine war in der Tat ein hübsches Mädchen, schlank gewachsen, voll und doch von zartem, graziösem Gliederbau, mit reichem hellbraunen Haarwuchs und blauen Augen. »Sag uns, was du Gutes von dem fernen Bruder erfahren hast?« Jacob mußte lachen, während er dem vor ihm auf der glänzend gescheuerten, mit blaßgrauer Ölfarbe angestrichenen Diele knieenden Mädchen in das erwartungsvolle Gesicht sah. »Kleine Närrin«, versetzte er, der Tochter einen leichten Klaps gebend, »wie soll ich erzählen, wenn ich selber nichts weiß? Außerdem mahnt mich der Magen, daß die Uhr bald neun ist und du kennst ja meine Schwäche. Hunger macht mich immer stumm. Laß also sehen, was die Mutter bereit hält.« Die drei Bewohner des Hauses, welches Jacob Behnke schon seit einer Reihe von Jahren sein Eigentum nannte, nahmen Platz, und Vater suchte seine neugierige Tochter nach Kräften zu befriedigen. »Wem gehört denn das Schiff, das Kapitän Claus jetzt fährt?« fragte Christine, dem Vater ein Glas mischend und die gebräunte lange Tonpfeife reichend. »Das Schiff hat meines Wissens zwei Reeder«, erwiderte Jacob, »denn der Kapitän ist selbst beteiligt. An der Börse aber kennt man als Reeder den Kaufmann Ehrenthal, Firma: J. K. Ehrenthal Söhne.« »Ist mir nicht bekannt«, sagte wichtig Christine. »Er hat wohl weniger Ruf als Herr Heidenfrei?« »Sind reiche Leute, die Ehrenthals«, erwiderte Jacob. »Zwar sagen manche, die den Söhnen nicht wohl wollen, weil sie früher etwas flott lebten, die Solidität des Geschäftes, das der Vater gründete, ruhe nicht mehr auf so sichern Grundlagen. Ich glaube, die Ehrenthals sind nach wie vor Ehrenleute, und wenn sie meiner Dienste bedürfen, bin ich immer bereit, ihnen eben so schnell und gern meine Hände darzureichen, wie jedem Andern.« »Herrn Heidenfrei kommen sie doch nicht gleich«, meinte Christine. »Lieber Gott, was ist für ein Leben in dem Hanse! Mir würde schwindlig, wenn ich den vielen Menschen, die tagaus, tagein Fragen an den stillen, alten Herrn richten, Antwort geben sollte.« »Glaub's wohl«, lachte Jacob. »Ein Kopf wie Herr Heidenfrei wird nicht alle Tage geboren, und noch seltener vielleicht sind die Herzen, die sich von solchem Kopfe nicht zermalmen lassen.« »Warst du heute im Kontor?« fragte Doris die Tochter. »Im Kontor nicht, bloß auf der Diele«, versetzte Christine. »Ich gehe ungern in die Schreibzimmer, denn es wimmelt da von Maklern, die alle etwas zu erfahren wünschen.« Schon während Christine sprach, drangen abgerissene Töne eines mit lauten Stimmen gesungenen Liedes in das Zimmer. Jacob fesselte der harmonische Gesang des fremdartig klingenden Liedes, das kräftige Männerkehlen anstimmten und das offenbar irgendwo im Süden Europas seine Heimat hatte. Dieser Gesang, dem auch Doris und Christine verwundert lauschten, kam jetzt näher. Nach ein paar Sekunden schwiegen die Sänger. Eine Kette klirrte, Lachen, fremdtönende melodienreiche Worte hallten herauf, und endlich näherten sich schnelle Schritte. Die Ankömmlinge stiegen von der Straße her in den im Hause befindlichen Wirtschaftskeller hinab. Man vernahm Guitarrespiel, zu dem eine sonore kräftige Männerstimme eine schmeichelnde Melodie sang. »Ich wette, das sind Spaniolen«, sprach Jacob, als der Sänger eine Pause machte und von einem lauten Hurra der Übrigen für seine Unterhaltung belohnt ward. Nach einem Zusammenklingen der Gläser hob Spiel und Gesang von Neuem an, und sowohl die Besucher des Kellers wie die darüber wohnende Familie hörten den wunderbar süßen Klängen des unbekannten Sängers mit steigender Verwunderung zu. »Wer mag das wohl sein?« unterbrach Jacob das allgemeine Schweigen, als der Sänger abermals aufhörte. »So lange ich hier wohne, habe ich dergleichen nicht vernommen. Spanische und portugiesische Matrosen gewöhnlichen Schlages pflegen zwar weniger im Trunk auszuschweifen, als Holländer, Dänen und Engländer, im Vortrage schlechter und schlecht gesungener Lieder dagegen bleiben sie hinter keiner andern Nation zurück.« Plötzlich ließen sich eigentümlich schnarrende Töne hören, die unmittelbar ein lautes Lachen erregten; dann hörte man eine monotone, seelenlos klingende Stimme einzelne wenige Worte unbeholfen sprechen, als bemühe sich ein Papagei oder ein Star ihm oft vorsagte Worte mit schwerer Zunge nachzustammeln. Diese seltsame Stimme wiederholte die Worte anfangs langsam, später schneller und betete sie endlich nach einem immer mehr sich beeilenden Takt her, als würden sie durch ein Uhrwerk hervorgebracht. Die Gäste im Keller lachten laut darüber. Jacob aber ward beim Anhören dieses immer unheimlicher klingenden Kollerns bald ernst, sein Gesicht verdüsterte sich, er legte die Pfeife weg. »Ich hab's«. sagte Jacob. »Es sind Gaukler, vielleicht aus der Gascogne, vielleicht auch aus Granada. Vor ein paar Tagen schon hieß es, daß solch Volk mit einem spanischen Schiff hier eintreffen solle. Wahrscheinlich ist einer von der Gesellschaft schon früher einmal in Hamburg gewesen, hat hier Bekanntschaften gemacht und gibt nun vorläufig diesen Bekannten einige seiner Künste zum Besten. Ja, ja, so wird's sein, setzte er bestätigend und sich selbst beruhigend hinzu. Da fängt der närrische Spaß von Neuem an. Na, laßt sie machen. Mich dünkt, wir haben vorerst genug von diesen ausländischen Herrlichkeiten gehört, und damit wir morgen die Kirche nicht versäumen, halt' ich es fürs Beste, wir lassen die Narren tun, was sie wollen, und sehen zu, daß uns der Himmel einen erquickenden Schlaf schenkt.« Das junge Mädchen war in dieser Nacht nicht allein eine aufmerksame Zuhörerin der fremden Virtuosen, auch Jacob mußte bald auf die schmelzenden Laute ihrer Lieder, bald wieder auf das unheimlich klingende, monotone und seelenlose Geschwätz des sprechenden Vogels oder was es sonst sein mochte, hören. Mit dem festen Entschlusse, schon am nächsten Morgen Nachfrage bei dem Kellerwirt zu halten und über die wunderlichen Nachtschwärmer Erkundigungen einzuziehen, fiel der Quartiersmann endlich in tiefen Schlummer, der ihn festhielt, bis ihn früh die dumpfen Töne der Betglocke von St. Nicolai wieder erweckten. 2 Es war um die neunte Morgenstunde. Auf der Elbe wiegte sich ein zierlich gebauter Schoner. Auf allen Schiffen wehten Flaggen zur Feier des Sonntags. Auch der Schoner hatte seine Farben gehißt und war weithin als ein hamburgisches Schiff zu erkennen. Eben läutete die Glocke in der Schiffskirche, als aus den Reihen der hoch emporragenden Schiffskörper eine kleine Jolle in das bewegtere Wasser des Stromes schoß. Ein junger Mann in Matrosentracht, in jeder Hand ein Ruder, trieb gewandt und sicher das kleine Fahrzeug quer durch den Strom dem draußen liegenden Schoner zu. Als er noch etwa zwanzig Fuß vom Bord desselben entfernt sein mochte, rief den Mann in der Jolle eine laute Stimme vom Hinterdeck des Schoners an. »Bei Gott, du bist es!« sagte die Stimme, welche den Matrosen etwas unwirsch aufblicken machte. »Wer hat dir erlaubt, Miguel, die ganze Nacht am Lande zuzubringen? Ein Glück, daß der Kapitän nichts von deinen Streichen wittert, ich fürchte sonst, er könnte dir die Schärpe, die ohnehin knapp genug um deine Hüften schließt, so eng zusammenschnüren, daß wir eine Ration Essen für einen Tag profitieren.« Diese mit guter Laune in spanischer Sprache an den Matrosen gerichteten Worte kamen aus dem Munde des Steuermannes, der in schmucker Seemannstracht, ein rotseidenes Tuch lose um den Hals geschlungen, das vorn unter dem Kinn ein einfacher Goldreif zusammenhielt, über die Schanzkleidung herabsah. Der Angeredete grüßte mürrisch, ließ die Jolle dicht an das Fallreep treiben, kettete sie an und sprang behend die steil herabhängende Stiege hinauf an Bord des Schoners. »Wo hast du Don Alonso gelassen und Master Papageno?« fragte der Steuermann den flinken Burschen, dessen gedrungene, aber elastische Gestalt Kraft und Gewandtheit verriet, und dessen Gesichtszüge und dunkles Haar südliche Abkunft erkennen ließen. »Sie folgten mir beide auf dem Fuße«, erwiderte der Matrose. »Sie waren noch nicht müde genug und mußten deshalb noch einen kleinen Umweg machen.« »Hab' mir gedacht, daß es so kommen würde«, lachte der Steuermann. »Ich kenne das aus Erfahrung. Wer zwei Monate lang zur See gewesen ist und allerhand Strapazen durchgemacht hat, kennt weder Zeit noch Stunde, sobald er wieder festes Land unter seinen Füßen fühlt.« Noch während dieser Auslassung erschien zwischen den Reihen der Schiffe ein größeres Boot, von zwei Männern geführt, die ebenfalls mit langen Ruderschlägen dem Schoner zustrebten. »Wahrhaftig, da kommen sie!« fuhr der Steuermann fort, indem er seinen Platz auf dem Hinterdeck verließ und sich der Mitte des Schiffes zuwandte. »Guten Morgen, Don Alonso, guten Morgen, Master!« rief er heiter den beiden Ankömmlingen zu. »Beschleunigt Eure Schritte, damit ich beim Frühstück erfahre, welch' seltsame Abenteuer Ihr in der ersten Nacht erlebt habt, die Ihr auf deutschem Boden zubringt. – Wie gefällt Euch Hamburg? Ist's nicht ein Ort, wo sich's vortrefflich leben läßt, und hat der echte Hamburger Junge wohl Recht, wenn er voll Selbstbewußtsein und den Kopf stolz in den Nacken werfend ausruft: ›Dat gift man een Hamborg in de Welt‹.« Während dieser in heiterster Stimmung und mit einem gewissen Übermut gesprochenen Worte waren die beiden jungen Männer an Bord gekommen und folgten dem Steuermann in die Kajüte, wo schon ein Frühstück bereit stand. Don Alonso Gomez stammte aus Mexiko. war reich und unabhängig und besuchte Europa nur zu seinem Vergnügen. Der junge Mexikaner, der einer altspanischen Familie angehörte, die seit der Eroberung in Mexiko begütert war, konnte für einen schönen Mann gelten. Hoch von Wuchs, von edler Gesichtsbildung und feurigen Auges, hatte die Natur ihn auch noch mit einer unvergleichlichen Tenorstimme ausgerüstet. In seiner Vaterstadt lebte keine schöne Sennorita, welche die Stimme Don Alonsos und sein meisterhaftes Guitarrespiel nicht kannte. Der lebhafte junge Herr war Virtuose im Spiel wie in der Improvisation, und wäre er weniger flatterhaft, weniger genußsüchtig gewesen, und hätte nicht immer pikanten Abenteuern nachgejagt, so würde er längst schon das schönste Mädchen Mexikos als Gattin heimgeführt haben. Don Alonso Gomez aber liebte den Wechsel, die Veränderung. Zu mannigfach konnte sich der Genuß des Lebens für ihn nie gestalten. Er bedauerte nur den gebrechlichen Bau des menschlichen Körpers, der nicht jegliche Last ertragen kann und unter fortgesetzten Genüssen oft vor der Zeit zusammenbricht. Dieser unbändige, von frühester Jugend auf durch eine nur zu nachsichtige Erziehung genährte Hang nach unbegrenztem Genuß trieb den jungen und begüterten Mann von Land zu Land. In Texas hatte er kurze Zeit eine Pflanzung besessen, weil ihm aber der Verkehr mit Sklaven, die er nicht entbehren konnte, zuwider war, veräußerte er sie sehr bald wieder. Darauf ging Don Alonso nach New-Orleans, wo die schönen und graziösen Kreolinnen ihn ein ganzes Jahr lang fesselten. Eine dieser unwiderstehlichen Sirenen flößte ihm sogar eine sehr ernsthafte Neigung ein, und vielleicht wäre es ihr wirklich gelungen, den flatterhaften Mexikaner für immer an sich zu ketten, hätte nicht das furchtbare gelbe Fieber dies Herzensbündnis für immer gelöst. Don Alonsos Geliebte starb an der schrecklichen Seuche und der Mexikaner floh aus New-Orleans, als würde er von den Furien verfolgt. Er rettete sich, nur von seinem treuen Diener, Master Papageno, begleitet, den er schon aus Mexiko mit nach Texas gebracht hatte, auf ein hamburgisches Schiff, das segelfertig im Hafen lag, und trat, schnell entschlossen, leichtblütig und auch das letzte trübe Ereignis rasch vergessend, voll neuer Hoffnungen und Erwartungen eine Reise nach Europa an. Master Papageno, wie sein Herr ihn scherzweise nannte, war ein Mulatte mit nicht eben sehr einnehmenden Gesichtszügen. Einige Jahre älter als sein Gebieter, fügte er sich doch mit sklavischer Unterwürfigkeit in alle Launen desselben, und lieh nur zu oft Unternehmungen seinen Beistand, die besser unterblieben wären. Den Namen Papageno hatte Don Alonso ihm deshalb beigelegt, weil der Mulatte sich am liebsten in schreiend bunte, gewöhnlich nicht mit einander harmonierende Farben kleidete. Er trug feuerfarbene, weite Beinkleider, gelbe Stiefel, eine himmelblaue Jacke, die Hüften umwand eine breite schwefelgelbe Schärpe und auf seinem dicken, wolligen Haar saß der breitrandige Sombrero der Andalusier mit zwei sehr großen Rosetten an Kopf und Rand. Diese beiden Fremdlinge saßen jetzt dem Steuermanne in der Kajüte des Schoners gegenüber, um den guten Dingen zuzusprechen, welche der Schiffskoch für sie aufgetragen hatte. Der Steuermann Andreas, ein Hamburger, der schon seit seinem vierzehnten Jahre zur See fuhr, lachte unmäßig über die lustigen Erzählungen seines muntern Gastes. »Und wo habt Ihr denn all dies dumme Zeug angegeben?« fragte Andreas. »Da fragt Miguel, den widerspenstigen Schlingel«, versetzte der Mexikaner. »Ich habe mich ganz himmlisch unterhalten, und das genügte mir. Die Gesellschaft war allerdings nicht die feinste – wenigstens geht es in den Tertulias Mexikos vornehmer und geistreicher her – aber das kümmert mich wenig. Die Leute vergaßen ihren Grog, wenn ich meine Guitarre erklingen ließ und eins meiner ihnen gänzlich unverständlichen Liedchen anstimmte. Zur Abwechselung mußte dann noch Master Papageno schnarren, was er ja meisterhaft versteht, und Miguel, der sich seit Kurzem auf die Bauchrednerei gelegt hat, sprach dazwischen wie ein Papagei, der das Reden gern lernen möchte, was das versammelte halbtrunkene Schiffsvolk beinahe toll machte. Denn sie glaubten steif und fest mitsamt dem feisten und nicht sehr klugen Wirt, einer von uns trüge ein solches Tier in seiner Kleidung verborgen. Ich habe mich göttlich unterhalten und bin mit Vivat und Hurra geehrt worden wie ein Fürst.« Andreas fiel abermals in sein ausgelassenes Lachen. »Nimm dich in Acht, Freund Alonso«, sagte er, den Finger warnend gegen ihn erhebend. »Wo bleibt denn aber Miguel?« fragte jetzt Don Alonso. »Der Bursche fängt an, aufsässig zu werden. Weshalb das?« »Weil er es nicht vertragen kann, wie ein Knecht behandelt zu werden«, versetzte Andreas. »Was frage ich danach«, sagte Don Alonso mit der ganzen unnachahmlichen Erhabenheit eines Hidalgo von altkastilischem Blute. »Er ist der einzige unter den Matrosen, mit dem ich mich ungeniert unterhalten kann. Ich bin nicht karg gegen ihn; im Gegenteil, er bekommt viele und bedeutende Geschenke von mir. Dafür kann er sich doch wohl auch meinen Launen und Neigungen fügen?« »Kann? Gewiß, aber er will nun einmal nicht.« »Und ich sage dir, Freund, er soll es!« rief trotzig Don Alonso. »Sei vorsichtig und verletze seinen Stolz nicht.« »Wie kann ein kaum zum Matrosen aufgestiegener Kajütenjunge Stolz besitzen«, warf verächtlich der Mexikaner ein. »Er kann nicht bloß, er muß es sogar«, erwiderte in ernsterem kühlen Tone Andreas dem hochfahrenden Don. »Wir Alle, die wir uns dem Seewesen widmen, waren einst Kajütenjungen. Unser Stolz besteht gerade darin, daß wir von unten auf gedient, daß wir uns keiner Arbeit, keiner Dienstleistung geschämt haben, um uns durch Gehorsam einer höheren Stellung würdig zu machen. Auf den zahllosen Schiffen, welche Deutschlands Kaufmannschaft in alle Weltgegenden entsendet, lebt auch nicht ein einziger Kapitän, der nicht aus eigener Erfahrung wüßte, wie es einem Schiffsjungen in seiner Haut zu Mute wäre. Es kennt jeder seine Pflicht und tut sie gern, darum darf auch ein Kajütenjunge stolz sein.« »O, über Euch deutsche Pedanten!« lachte der Mexikaner. »Da bekomme ich gleich eine ganze Abhandlung zu hören, die, offen gestanden, außer meiner Begriffsfähigkeit liegt.« Andreas reichte dem übermütigen Passagier gutmütig die Hand. »Es wird dir niemand hinderlich sein, dich zu vergnügen wie du magst und kannst«, sagte er, »nur hier auf dem Schiff sei ein wenig vorsichtig und den Miguel lasse – ich bitte dich darum – in Ruhe! Er steht nicht in Deinem Dienst. Außerdem ist der Bursche ehrgeizig und, wie ich weiß, von guter Familie. Du wirst demnach einsehen, daß es ihm über die Maßen ärgerlich sein muß, sich von Dir behandelt zu sehen, als sei er ein Farbiger.« »Ich verspreche Dir, Miguels mir unbekannte, vornehme Abstammung von jetzt an vollkommen zu respektieren«, beteuerte mit komischem Ernst Don Alonso. »Jetzt aber laß uns einen würdigeren Gesprächsgegenstand wählen. Noch bin ich unentschlossen, ob ich hier bleiben, weiter landeinwärts reisen oder je eher je lieber wieder umkehren soll. Es ist gegenwärtig Hochsommer bei Euch, wie Du sagst, und wirklich hat es den Anschein, als könne die Sonne Wärme von sich geben, vorausgesetzt, daß der Nebel, der sich bereits wieder zeigt, nicht zuviel kühlt.« »Ich will Dir einen Vorschlag machen.« »Laß hören.« »Versuch's vier Wochen. Die schöne Jahreszeit, die deinem verwöhnten Leibe freilich nicht ganz zusagt, erlaubt dir, Stadt und Umgegend genügend kennen zu lernen. Bei deinen Mitteln wird es dir nicht fehlen, bald Bekanntschaften zu machen. Der Konsul deines Landes, der ja zugleich auch dein Bankier ist, wird dich in die Gesellschaft einführen. Du weißt zu leben, du bist mit einem Worte einer von den nichtswürdigen Gaunern, die mit ihrer bezaubernden Liebenswürdigkeit das größte Recht haben, sich den Eroberern beizuzählen. Nur eines bitte ich mir aus: laß dich selbst nicht etwa erobern!« »Edler, braver Andreas, es sei, wie du sagst!« rief pathetisch der Mexikaner, dem Steuermann seine schön geformte, kleine Hand hinreichend. »Jetzt, wackerer Freund, will ich in meine Koje kriechen, denn meine Augen sind schwer. Habe ich mich durch einen langen Schlummer vollkommen gestärkt, will ich in aller Ehrerbietung den Schoner verlassen und ein Hotel beziehen. Wo wohnt man bei euch gut und elegant?« »Das alles, Don Alonso Gomez, findet man in vorzüglichster Qualität im ›Hamburger Hof‹ am Jungfernstieg.« »Was? Wie heißt die Straße?« »Jungfernstieg«, wiederholte Andreas. »Und das mit Recht. Was vornehm, reich, elegant, fremd, schön und – kokett ist, das wandelt bei Sonnenschein und Sternenlicht unter den Linden des Jungfernstiegs, lechzt nach Lebensgenuß, geht auf süßen Raub aus und läßt sich zuweilen von Raubrittern, welche als Kavaliere feinster Bildung auftreten, fangen!« »Bei der Seele meiner Mutter, das ist ja der Eingang zum Paradiese!« rief entzückt Don Alonso Gomez. »Höre auf, ich bitte dich, sonst verscheuchst du mir den Schlaf. Es ist entschieden, der ›Hamburger Hof‹ soll mein Palast sein. Auf Wiedersehen am Jungfernstieg!« Ein spanisches Lied summend, begab sich Don Gomez in seine Koje, Andreas aber stieg wieder auf das Hinterdeck und überließ sich, hier gemütlich auf- und abgehend, seinen Gedanken, bis das Boot des Kapitäns mit dem Reeder an dem Fallreep anlegte und ihn nötigte, in die Wirklichkeit zurückzukehren. 3 Unter den Linden am Jungfernstieg flutete ein Strom elegant gekleideter Spaziergänger auf und nieder. Das prächtige Alsterbassin, von einem weichen Südwest kaum bewegt, glänzte blau wie ein Gebirgssee. Zahlreiche Schwäne glitten stolz und lautlos über das flimmernde breite Wasserbecken. Zierlich gebaute Boote mit weißen Segeln und roten Flaggen durchkreuzten die sanft sich kräuselnden Wellen nach allen Richtungen. Eine Anzahl langer Ruderboote, diese von vier, jene von sechs behenden jungen Männern rasch vorwärts getrieben, verschwanden unter der Lombardsbrücke, der breiteren Wasserfläche der Außenalster zu. Aus den Pavillons am Jungfernstieg hallte Musik. Hier wimmelte es von Gästen, die größtenteils im Freien saßen, um sich an dem fröhlich belebten Bilde, das sich mit jeder Minute neu gestaltete und das reizendste Kaleidoskop großen Weltlebens entrollte, zu weiden. Das Gewühl auf dieser schönsten Promenade Hamburgs wurde immer dichter, die hin und wieder rollenden Wagen reicher Kaufleute, die ins Theater fuhren, und die glänzenden Equipagen vornehmer und begüterter Fremden, welche in den Hotels am Jungfernstieg Wohnung genommen hatten, mehrten sich dauernd. Bei Kaffee und Zigarre sahen diesem unterhaltenden Treiben eine Anzahl noch sehr junger Männer zu, die im Innern des Alsterpavillons an einem der Tische in der Nähe der geöffneten Fenster sich zusammengefunden hatten. Sehr elegant und ganz nach der neuesten Mode gekleidet, sah man es ihnen an, daß sie bis jetzt nur die heitere Seite des Lebens kennen gelernt hatten. Ungeniert in ihrem Auftreten, etwas herausfordernd laut, verriet ihr ganzes Wesen den kräftigen Freimut, den stolzen Unabhängigkeitssinn, welcher den eingeborenen Hamburger kennzeichnet und der bisweilen sogar auffallen kann, wenn er die Grenzen seiner Sitte achtlos überspringt. Die Meisten blätterten in den Zeitungen, ohne sich dadurch in ihrem sehr laut geführten Gespräch oder in ihren Beobachtungen stören zu lassen. »Nächsten Sonntag gibt es ja ein Diner auf Heidenfreis Landsitz«, sagte einer der jungen Männer, sich eine Zigarre anzündend. »Hat einer von euch das Glück, eingeladen zu sein?« »Fängt Heidenfrei auch an zu traktieren?« erwiderte ein anderer. »Wie kommt der dazu?« »Mein Gott, Julius«, sagte der erstere, »stellst du dich unschuldig, wie ein neugeborenes Kind! Er muß, wenn er auch kein sonderlich großes Behagen daran findet. Seine Kinder sind seit vorigen Winter in die Gesellschaft getreten, was freilich die höchste Zeit war, denn die kleine Elisabeth ist über siebzehn Jahre alt und eins der schönsten Mädchen. Nun, und die Söhne brauchens, ihr wißt, weshalb.« »Freilich«, fiel ein Dritter, den man Anton nannte, ein, »die Söhne müssen wieder europäische Sitten lernen.« »Das wird schwer halten«, sagte Kurt. »Das Leben an der Westküste Amerikas und später am Golf von Mexiko hat ihnen so gut gefallen, daß sie es lächerlich, töricht finden, unsere lieben vaterstädtischen Gebräuche wieder in ihrer ganzen köstlichen Unverfälschtheit anzunehmen.« »Also der Zopf gefällt ihnen nicht mehr?« entgegnete Julius heiter lachend. »Du hast gut spotten«, meinte Kurt, »ehrlich gesagt aber dauern mich die guten Jungen. Ihr wißt, gescheit und unternehmend sind die Heidenfreis alle. Das haben die Söhne vom Alten so gut ererbt, wie seinen Hang zum Sparen, was viele Geiz nennen, und seine Abneigung gegen alles prunkende Auftreten. Die freie persönliche Bewegung aber, die man uns hier nicht nach allen Seiten hin gestattet, am wenigsten dann, wenn Familieninteressen dabei mit ins Spiel kommen. brachten sie als eine neue Errungenschaft aus Amerika zurück, und mit dieser stoßen sie zum Verdruß der Alten und zum Leidwesen ihrer Mutter und Tanten gar zu oft an.« »Der ärgste Verstoß gegen die heimische Sitte«, fiel Anton ein, »mag wohl die Huldigung sein, welche Ferdinand einem kleinen Mädchen darbringt, das vor kurzem als Gesellschafterin in das Heidenfreische Haus gekommen ist, von guter Geburt, feiner Bildung, sehr hübsch, aber leider blutarm sein soll.« »Man spricht davon«, versetzte Julius, »doch möchte ich raten, etwas vorsichtig mit der Verbreitung dieses Gerüchtes zu sein. Ulrike ist ein bescheidenes, feines und schönes Kind, das schwerlich daran denkt, einen solchen Goldfisch zu fangen, und Ferdinand wird eher seine Geburtsstadt für immer verlassen, als dem entschieden ausgesprochenen Willen seines Vaters zuwider handeln. – Aber was geht da vor? Seht, die Menschen drängen sich ja wie toll in den Torweg zum ›Hamburger Hof‹?« Die jungen Leute standen auf, machten lange Hälse und sahen neugierig, wie hundert andere, nach der Pforte des berühmten Hotels, vor welcher einige Droschken neben einer Equipage mit goldbetreßtem Bedienten und Kutscher hielt. Julius sagte: »Etwas Ungewöhnliches geht vor in dem Hotel, dessen Reinertrag ich jährlich als Taschengeld einstreichen möchte. Seht hin! Die Menge weicht zurück!« Der dichte Menschenknäuel öffnete sich jetzt wirklich, um zwei schlanke junge Männer durchzulassen, die beide fremdländisch, doch nicht gerade sehr auffallend gekleidet gingen. Nur die feinen, von bunter Seide gefertigten beutelartigen Mützen, die der breitrandige äußerst kleidsame Sombrero nicht ganz den Blicken der Neugierigen entzog, machte die Fremden zum Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. »Ah, der reiche spanische Herr mit seinem Faktotum!« sprach Julius, gelassen den Rest seines Kaffees schlürfend. »Was mag diesen Nabob wohl hierher getrieben haben?« »Man sieht ihn erst seit drei Tagen«, erwiderte Kurt. »Deutsch versteht er wenig, aber zu leben weiß er. Man sagt, er habe die halbe Etage des Hotels zu mieten gewünscht, obwohl er außer dem Mulatten keine Seele mitgebracht hat.« »Was kümmert uns das«, fiel Anton ein. »Hat er Geld, so kommt es unserer Bevölkerung zu Gute, wenn er recht viele Piaster ausstreut. Wohl aber möchte ich wissen, ob er von hoher Abkunft ist, ob er hier Verbindungen besitzt und die Aussicht hat, ein Mann der Gesellschaft zu werden.« »Ein hübscher Junge ist's, mag man sagen, was man will«, fiel Julius ein. »Wie köstlich steht ihm die breite seidene Schärpe, und wie keck und siegesgewiß blickt er um sich! Er geht zum Steg, um zu segeln!« »Fürwahr, ein gefährlicher Patron!« meinte Kurt. »Wir müssen uns doch etwas genauer nach ihm erkundigen. Lohnt es der Mühe, so scheint er mir der Mann zu sein, der sich lieber drei Freunde mehr zulegt, als einen verliert.« »Du meinst wahrscheinlich Freundinnen«, fiel Anton ein. »Da fliegt das Boot über die Wellen«, rief Julius aus. »Still, Freunde, nicht mehr gescherzt! Der verdammte Fremdling steuert wie ein geschulter Lotse. Und sein brauner Kerl von einem Diener hat auch schon mehr als ein Segel gehißt.« Wirklich handhabte der Fremde das Steuer mit seltener Fertigkeit und verstand das leichte Fahrzeug bei der nur geringen Luftbewegung so dicht an den Wind zu bringen, daß es rasch über den blauen Spiegel des Bassins fortglitt und die meisten übrigen Segler überholte. Diese meisterhafte Führung des Ruders und die Behändigkeit im Wenden lenkte die Blicke Vieler auf die Fremden. Nicht nur Spaziergänger blieben stehen, um dem Schiff zu folgen, auch Droschkenkutscher und mehr noch die vielen Jollenführer am Ufer, die Segellustige gern nach irgend einem besuchten Landungsplatz der Außenalster steuern, machten ihre Glossen über das gewandte Schifferpaar. 4 Miguel sah düster in die Wellen. Vom Kai herüber hallte Gesang, zahllose Lichtpunkte glänzten aus den langen Häuserreihen, über denen riesenhoch der Turm der Michaeliskirche emporstieg. Eine Hand berührte sanft die Schulter des jungen Menschen. Miguel kehrte sich um. »Wieder allein und immer still und ernst?« fragte ihn der Steuermann Andreas. »Du hast deine ganze Natur verändert, seit wir im Hafen liegen. Gefällt dir Hamburg denn gar nicht?« »Nein!« lautete die kurze Antwort des finstern Jünglings. »Und warum?« »Weil ich mich langweile.« »Ein triftiger Grund, dem indes bald abzuhelfen wäre.« »Wie das?« »Man geht ans Land und amüsiert sich.« »Wo soll ich mich amüsieren?« fragte beinahe verwundert der junge Matrose. »Das ist freilich eine höchst wunderliche Frage«, erwiderte Andreas. »Als ich in deinem Alter war, Miguel, freute ich mich mit meinen Kameraden auf die Stunde, wo wir in einem belebten Hafenort vor Anker gehen würden. Matrosen sind in der Regel leicht zufrieden zu stellen, wenn sie am Lande nur ein volles Glas, ein gefälliges, hübsches Kind und Tanzmusik finden. Solltest du, der Sohn des heißblütigen Südens, ganz allein eine Ausnahme machen? Sieh da links hinüber. Kennst du die Häuser dort am hohen Uferrande? Wenn du ein leidlich gutes Gehör besitzest, vernimmst du selbst hier den Jubel, der von dort herab aus hundert offenen Fenstern hallt. Auf dem Hamburger Berge stirbt nie die Freude, so lange das Jahr währt. Dort findest du auch Landsleute genug, denen du, wenn dich etwas drückt, dein Herz öffnen kannst.« Miguels schwarze Augen glühten. »Ich hasse die Freuden dieses Berges«, sagte er heftig. »Ja, mein lieber Junge«, versetzte Andreas zutraulich, »da muß ich schon wieder nach dem Grunde dieses Hasses fragen.« »O über euch grundliebende Deutsche«, seufzte Miguel ungeduldig. »Bist du betrogen worden?« »Laßt mich, Andrea«, erwiderte der Matrose, »und freut euch, daß ihr nicht mein Leid zu tragen habt.« Der Steuermann entfernte sich, kehrte aber bald wieder zu dem mürrischen Burschen zurück, der wie eine Bildsäule unbeweglich auf dem Deck stand und bald in die Flut, bald ostwärts auf die hohen Häusermassen der Stadt sah. »Du vermißt doch nicht Don Alonso Gomez?« redete Andreas den Schweigsamen abermals an. »In der letzten Zeit unserer Fahrt war er dir ja beinahe zuwider.« Miguel kehrte sich um und zeigte Andreas ein eisenhartes kaltes Gesicht, dem nur der starke Glanz seiner großen ausdrucksvollen Augen Leben verlieh. »Es ist, wie ihr sagt, Sennor Andrea«, versetzte er, »und dennoch vermisse ich ihn.« »Dann geh' zu ihm und nimm Dienste.« »Carajo!« rief Miguel, mit dem Fuße stampfend, durch die Zähne, indem er zugleich verächtlich ausspuckte. »Ich und ihm dienen! – Erwürgen will ich ihn lieber; es würde mir dann wohler sein.« »Man mordet niemand ohne Veranlassung«, sagte der Steuermann. »Ich hätte mehr als eine Veranlassung und könnte eure Neigung, für alles Gründe zu erfahren, recht gut befriedigen, aber ich will nicht.« »Traust du mir nicht?« »Mehr als mir selbst.« »Dann kannst du mir auch die Gründe deines Hasses oder deiner Abneigung gegen Don Alonso Gomez sagen.« »Es nützt nichts.« »Aber es kann deinen Kummer erleichtern.« »Schwerlich.« »Dennoch wär' es möglich.« »Don Gomez ist reich, ich bin arm; er ist ein freier Mann, ich bin gebunden.« »Und deshalb möchtest du ihn erwürgen?« sagte Andreas. »Nein, lieber Miguel, das ist es nicht. Don Alonso Gomez' Reichtum und Unabhängigkeit mögen dir unangenehm und unbequem sein, das gebe ich zu, dein heftiger Haß aber, den du seit einigen Tagen gar nicht mehr zu verbergen weißt, gründet sich darauf allein nicht. Soll ich dir sagen, was dich kränkt, was dich so wild macht?« »Ihr könnt nicht in meiner Seele lesen«, erwiderte Miguel ausweichend. »Wer weiß«, sagte mit teilnehmender Freundlichkeit der Steuermann. »Wenn ich nun annehme, du hättest ein paar merkwürdig glänzende Sterne von blauem Feuer entdeckt und seist in deren genauerer Beobachtung durch das kecke Dazwischentreten des reichen Don behindert worden, würde ich mit dieser Annahme wohl fehlgehen?« Der Matrose warf Andreas einen jener scharfen, harten und vielsagenden Blicke zu, mit denen er gewöhnlich eine laute Antwort zu umgehen suchte. »Verstelle dich nicht, Miguel«, fuhr der Steuermann fort. »Es ist, wie ich sage, und wenn du in mir deinen Freund erkennen willst, so verspreche ich dir Schutz. Es soll mir ganz recht sein, wenn der gar zu übermütige Mexikaner ein wenig gedemütigt werden kann.« Miguel reichte Andreas seine Rechte. »Habt ihr Zeit?« fragte er. »So lange du willst.« »Dann möchte ich in eurer Begleitung an Land gehen.« »Gern, aber wohin, kleine Eifersucht?« »Ich werde euch führen. Wollt ihr mir folgen?« »Du hast mein Wort, und Seemannswort gilt bei uns zu Lande oft mehr, als eines hochgeborenen Ritters Ehrenwort.« »So laßt uns eilen. Ihr werdet eure Freude an dem Anblick haben, den ich euch verschaffen will, zugleich aber auch einsehen, daß es mir in eurer Vaterstadt unmöglich gefallen kann.« Erwartungsvoll bestieg Andreas mit dem Matrosen ein Boot. Die Freunde ruderten dem Lande zu. Hier ergriff Miguel den Arm des Steuermannes und ging mit diesem die Vorsetzen entlang über den Baumwall nach dem Brook. »Wir sind gleich zur Stelle«, sagte der Matrose, dessen Blut lebhafter durch die Adern zu rollen begann. »Dort, wo die trübe Laterne über der schmalen Eingangstür brennt, ist der Ort.« Andreas ließ sich schweigend weiter führen. Jetzt erreichten sie die bezeichnete Tür. Miguel trat in einen finstern Gang, den er langsam durchschritt. Ein geräumiger, von hohen Gebäuden umschlossener Hof nahm sie auf. Auf einer Seite desselben glänzte Lichtschein aus einer Kellerwohnung. Vor dem einzigen Fenster stand ein hoher alter Lindenbaum, dessen Stamm stark genug war, um einem schlanken Manne als Versteck zu dienen. Hierher winkte jetzt Miguel seinen neugierigen Begleiter und deutete dann auf das Fenster des Kellers, dessen Inneres man von diesem Standort aus vollkommen übersehen konnte. Während Andreas den bezeichneten Platz einnahm, lehnte Miguel mit gekreuzten Armen an der Wand, oft schwer und tief Atem holend, wie ein Mensch, der von großer Angst befallen ist und vergebens nach Luft ringt. Der Anblick, welchen Andreas von seinem Versteck aus hatte, fesselte und entzückte ihn zugleich. An einem sehr einfachen Tisch saßen drei Personen, ein Kind von etwa acht Jahren, ein junges Mädchen, das eben das jungfräuliche Alter erreicht hatte, und ein steinaltes Mütterchen mit Haaren, weiß und glänzend wie Silber. Das junge Mädchen las der greisen Frau aus einem großen Bilderbuch vor, und aus den Handbewegungen der Greisin ließ sich vermuten, daß sie dem Gehörten Bemerkungen hinzufügte, so oft die Lesende innehielt. Das Kind hörte aufmerksam zu, spielte aber gleichzeitig mit einer schön gefleckten Tigerkatze, die, als verstehe sich das von selbst, neben dem Buche der Lesenden auf dem Tische saß. Andreas heftete seine scharfen Augen auf die Vorleserin. Es war eine Blondine von seltener Schönheit, mit reichem hellbraunen Haar, das sie vorn auf der Stirn gescheitelt trug und das in starken Zöpfen den zierlich geformten Kopf umwand. »Was sagt ihr zu diesem Bilde?« flüsterte jetzt Miguel seinem Freunde zu. »Wer sind diese Leute und wie hast du sie gefunden?« fragte Andreas. »Wer sie sind?« versetzte Miguel. »Fragt den Himmel, wo ihr die Gottheit antreffen könnt, er wird euch eben so leicht Antwort geben! – Wer sie sind! Es ist eine heilige Familie, das Bild der heiligen Dreieinigkeit, die unsere Kirche anbetet. Hier die Weisheit, da die lehrende Milde, dort die fromme gläubige Kindlichkeit! Und wie ich sie gefunden habe, wollt ihr wissen? Ach, das, mein Freund Andrea, das ist ein beschämendes Geständnis für mich. Die Langweiligkeit eurer nebelreichen Vaterstadt verlangte, daß ich mich nach Zerstreuung umsehen sollte. Ich lief straßauf, straßab immer tiefer in eure schmutzige Stadt hinein. Da begegnete ich diesem Madonnengesicht, dem ich wohl eben so auffallend und des Ansehens wert erscheinen mochte, wie das herrliche Mädchen es mir war. Ich grüßte und redete das reizende Kind an, erhielt aber als Antwort nur ein köstlich klingendes Lachen, weil sie mich nicht verstand. Dann nickte sie freundlich und lief schnell vor mir her, nicht, ohne noch ein paar Mal sich mit den klugen, heiligen Himmelsaugen nach mir umzukehren. Es war sehr lebhaft in allen Straßen, welche das Mädchen durchschritt, und durch die ich ihr, ganz von ihrem Anblick bezaubert, folgte. So entdeckte ich dies entlegene, still verborgene Paradies, nach dem ich seitdem ein paar Mal geschlichen bin, um mich an seinem Anblick zu weiden.« »Ich würde dich bedauern, wenn ich dich nicht beneidete«, sagte Andreas, noch immer ganz vertieft in das liebliche Familienbild, das so unerwartet seinem Blick enthüllt worden war. »Daß ich den Besitz dieses reizenden Engels entbehren muß«, fuhr Miguel fort, »wäre noch zu ertragen. Mir kommt das Recht nicht zu, nach so großem Glück meine Hand auszustrecken. Das Meer ist mein Tummelplatz, meine weite, unendliche Heimat; es wird dereinst auch mein Brautbett werden.« »Unnütze, finstere Phantasien«, versetzte der Steuermann. »Fort damit! Sie kommen und belästigen uns noch früh genug. Aber du hast noch etwas auf dem Herzen. Ich seh's am Zucken deiner Lippen, die wohl am liebsten mit denen da unten recht innige Bekanntschaft machen möchten.« »Ich bete nicht allein diese kindlich fromme Madonna an«, fuhr Miguel mit gepreßter Stimme fort. »Ein anderer, angelockt von ihrer Anmut, von dem Reiz ihrer blendenden Gestalt, verfolgt sie, stellt ihr nach; und ich fürchte, das unerfahrene Kind wird dem Köder nicht lange zu widerstehen vermögen, den dieser geübte Eroberer auszuwerfen versteht.« »Don Alonso Gomez?« fragte erregt Andreas. »Derselbe.« »Wie hat er sie kennen gelernt?« »In seiner jetzigen Wohnung.« »Was sucht die kleine Unschuld dort?« »Geschäftsgänge führen sie dorthin.« »Beruhige dich, Miguel. Die kleine Landsmännin soll dem Mexikaner nicht zum Opfer fallen. Mein Wort darauf! Zum Glück ist der Teufelsjunge der deutschen Sprache so wenig mächtig, wie du; der Ton seiner Worte, nicht deren Sinn könnte also höchstens auf das Herz des Mädchens Eindruck machen. Ich werde von heute an aufpassen und mich schon morgen nach dem lieben Kinde erkundigen. Ihre Mutter kann die ehrwürdige Blinde nicht sein, vermutlich also ist es ihre Großmutter. Von ihr werde ich erfahren, wer das Kind ist, ob sie Eltern hat, wie ihre sonstigen Verhältnisse beschaffen sind, und dann sollen den etwaigen Nachstellungen des lüsternen Halbindianers so viele und scharfe Fußangeln gelegt werden, daß ihn bei jedem Schritt solch ein Fangeisen beißt.« »Halt!« rief in diesem Augenblick eine kräftige Männerstimme, und eine schwere Hand legte sich unsanft auf die Schulter des Steuermannes. Dieser aber, jung, gewandt und von nicht gewöhnlicher Körperstärke, schüttelte die Hand rasch ab, sprang ein paar Schritte zurück in die Dunkelheit des Hofes und suchte die Gestalt des unberufenen Angreifers. Mit zwei Sätzen war Miguel an der Seite seines Freundes, in seiner Hand funkelte der zweischneidige Stahl eines in der Schärpe stets verborgen getragenen Dolches. Andreas sah einen stämmigen, breitschultrigen Mann von bürgerlich ehrbarem Ansehen neben der Linde stehen. Die derben Schuhe, die bequeme Jacke von dunkelfarbigem Tuch, mit den vielen großen, silbernen Knöpfen sagten ihm, daß er einen Mann der arbeitenden Klasse vor sich habe. »Ich frage euch«, sprach dieser Mann, unerschrocken den beiden Freunden sich nähernd, »was ihr hier wollt? Weshalb ihr euch hinter Baumstämme und Mauervorsprünge drückt und euch flüsternd in einem Kauderwelsch unterhaltet. Wenn ich nicht Lärm machen und euch ohne viel Federlesens als vermutliche Einschleicher festnehmen lassen soll, so steht mir Rede! Hütet euch aber, mir was vorlügen zu wollen! Ich bin nicht leichtgläubig. Nun, wird's bald?« Andreas beschwichtigte den ungestümen Miguel, der große Lust zeigte, mit dem ruhigen Bürger Händel anzufangen. Dann sprach er: »Wir sind Seeleute, lieber Mann, und befinden uns hier in durchaus keiner bösen Absicht.« »Das versteht sich«, erwiderte lachend der Bürger. »Jeder Storch klappert, wenn er sein Nest gefunden hat, ich bin nun aber kein Liebhaber, fremde Störche in mein Nest steigen zu lassen.« »Seid ihr etwa der Vater des jungen Mädchens, das so eifrig der greisen Frau da unten vorliest?« forschte Andreas. »Aha«, erwiderte der Bürger, »ich merke jetzt, daß ihr das Ehrwürdige liebt und es darum gern aufsucht. Es ist das Seemannssitte, ich kenne es. Sollte euch aber nebenbei auch der Mund wässern nach weniger ehrwürdigen Gegenständen, so muß ich euch ohne Umschweif sagen, laßt euch den Appetit darauf vergehen, sonst könntet ihr nicht mit einer, aber mit ein paar hundert Fäusten Bekanntschaft machen. Jetzt wißt ihr Bescheid, und habt ihr sonst noch was zu bestellen, so stehe ich gern zu Diensten. Mein Name ist Jacob Behnke, Quartiersmann!« »Behnke! Jacob Behnke?« rief im heitersten Ton der Steuermann und stand neben dem erstaunten Quartiersmann, dessen Rede so verdrossen und giftig klang. »Kennst du mich nicht mehr, Alter? Mein Vater war ja dein Schulkamerad!« »Beim Himmel, du bist's! Andreas Wohlers! Und dort der bräunliche Junge, mit den blinkenden Augen?« »Ein Freund von mir, gut, aber unglücklich. Er hat da einen Fund gemacht, der sein Herz abdrückt. Weißt du, Alter? Die Kleine im Keller!« »So – so – so!« sagte Behnke gedehnt. »Hm! hm! Weißt du was, Andreas? Ich denke, es wird gut sein, daß wir nach so langer Zeit ein Gläschen miteinander trinken. Was wir uns dann zu sagen haben, läßt sich dabei bequem abmachen. Dein Freund kann mitkommen. Ich will ihn gern ehren, weil er dein Freund ist, diese Liebäugelei aber vom Hofe in den Keller hinunter, und noch dazu am späten Abend, muß aufhören. Verstehst du mich, Andreas? Es ist mein voller Ernst.« »Ich weiß es, Alter!« »Dann rede mit deinem unheimlich blickenden Spaniolen dort«, sprach Behnke. »Mach's aber kurz, denn ich habe wenig Zeit. Ehe ihr mich begleitet, will ich nur noch zwei Worte mit der sprechen, die für den fremden Jungen eine so gewaltig große Anziehungskraft besitzt.« Hierauf stieg Behnke die schmale, steile Treppe hinab, welche zur Kellerwohnung führte, und Andreas teilte mit fliegenden Worten dem mißtrauisch dreinschauenden Miguel mit, welche Entdeckung er gemacht habe, und daß jetzt Hoffnung zu einer Verständigung vorhanden sei, falls Miguel sich entschließen könne, Hamburg zu seiner zweiten Heimat zu wählen. Dieser hörte schweigend und überrascht zu. Noch ehe er sich zu einer Antwort entschließen konnte, stand der rüstige Quartiersmann wieder neben den Freunden und nahm den Arm des jungen Matrosen, verließ den Hof und schlug direkt den Weg nach seiner nicht fernen Wohnung ein. 5 Als Miguel die Hausschwelle des Quartiersmannes überschreiten wollte, fiel sein Blick auf die offen stehende Kellertür und die Figur des feisten Wirtes. Er blieb stehen, betrachtete aufmerksam die Treppe und sagte dann schnell und lebendig ein paar spanische Worte zu Andreas. Jetzt sah auch dieser hinab in den Keller, wo bereits vollauf zu tun war. »Was meint der Spaniole?« fragte Behnke den Steuermann. »Mein junger Freund behauptet, schon einmal da unten gesessen zu haben«, antwortete Andreas. »Wann könnte das gewesen sein?« Andreas richtete die nämliche Frage an Miguel, der unter lebhaften Gebärden, während die beiden Freunde dem Quartiersmann ins Haus folgten, ausführlich Antwort gab. »Dachte ich mir's doch beinahe, daß es mir gelingen sollte, einen der Störenfriede kennen zu lernen, die mir so vielen Verdruß gemacht haben«, versetzte Behnke. »Schade, daß ich den Spaniolen nicht selber fragen kann, er sollte mir dann gehörig beichten. Aber ich denke, du wirst ihm die Hauptsache auch abfragen können, Andreas, und wenn du das redlich tun willst und mir versprichst, nichts, was er erzählt, zu verheimlichen, will ich's euch jungem Volk verzeihen, daß ihr in etwas ungebührlicher Manier meinem einzigen Mädel nachlauft. Wenn das junge Blut es wüßte, sie könnte sich wahrhaftig was einbilden und würde am Ende stolz.« »Alterchen«, versetzte der Steuermann, »du mußt ausnehmend gut angeschrieben stehen beim großen Kapitän, daß er dir eine solche Tochter geschenkt hat. Es wäre mir nicht eingefallen, die köstliche Blondine, die dem armen Jungen da so arges Herzeleid macht, für die kleine Christine zu halten. Vor zwei Jahren war sie ja noch beinahe ein Backfisch, und jetzt – mein Gott, wie schnell verwandelt sich der Mensch!« Inzwischen waren die drei Männer in Behnkes Wohnzimmer getreten. Frau Doris reichte Andreas. als einem alten Bekannten, mit freundlichem Gruß die Hand, während dem dunkeln Miguel nur ein schüchterner, forschender Blick als Bewillkommnung zuteil ward. »Du meinst also, der Bursche habe ein Auge auf mein Kind?« fragte Behnke ernsthaft. »Es ist, wie ich sage.« »Dann mache es ihm bei Zeiten begreiflich, daß ich von dergleichen Dingen nichts hören mag.« »Ein guter, ehrlicher Junge ist Miguel«, erwiderte der Steuermann, »auch rühmt er sich vornehmer Abstammung, Geld und Geldeswert aber hat er freilich nicht.« »Danach würde ich zuletzt fragen. Ein tüchtiger Seemann findet immer sein Brot und kommt sogar zu Vermögen, wenn er Glück hat«, entgegnete Behnke, »ich mag aber das welsche Volk nicht leiden, weil ihr ganzes Wesen und Tun, all' ihr Denken und Wollen dem unsern zuwider läuft. Hoffentlich weiß Christine nichts von des Burschen Verliebtheit, und sie soll auch, kann ich's verhindern, niemals ein Wort davon erfahren.« »Es konnte ein schreckliches Unglück geben!« fiel die Mutter ein, die mit steigender Unruhe dieser nur halblaut geführten Unterredung zugehört hatte. »Wir dürfen meinen Freund nicht länger vernachlässigen«, bemerkte Andreas. »Er ist mißtrauisch und könnte glauben, wir wollten ihm nicht wohl, wenn wir ihn ganz bei Seite liegen lassen. Ich werde also in deinem Namen das angekündigte Examen beginnen.« Der Quartiersmann bejahte durch stummes Kopfnicken. Die nun folgende Unterhaltung zwischen Andreas und Miguel, von welcher Behnke nur einzelne Worte verstand, ward mit großer Lebhaftigkeit geführt. Miguels funkelnde Blicke verrieten den Zuhörern, daß der junge Mensch seinem Freunde eine Geschichte erzählen müsse, die seines eigenen Beifalls sich nicht erfreue. Als er endigte, reichte er Andreas die Hand und schien froh, die Last von seiner Brust gewälzt zu haben. Behnke erfuhr nunmehr aus der Berichterstattung des Steuermannes, daß die fremden Sänger der Matrose Miguel mit seinen Gefährten waren. Andreas erzählte ferner, sein junger Freund wäre nur gezwungen den Übrigen gefolgt, habe sich aber den Wünschen seiner ihn beherrschenden Begleiter fügen müssen, um nicht in ernsthafte Händel zu geraten. Und da habe er denn nach Kräften und auf den besondern Wunsch des stets herrisch sich gebärdenden Don Alonso Gomez alle seine Kunststücke zum Besten gegeben, welche die übrigen bereits sehr aufgeregten Gäste im Keller mit großem Staunen erfüllten. Erst spät nach Mitternacht wären sie aufgebrochen, um noch bis zum Morgen herumzuschwärmen. Der Quartiersmann mußte jetzt über die Erzählung, die in Andreas Munde komisch genug klang, lächeln. Miguel reichte dem Quartiersmann die Hand und mit einer Flut wohlklingender spanischer Worte bat er ihn um Verzeihung. Behnke verstand zwar nichts von dem, was Miguel sagte, aber er erriet seine Absicht und erwiderte beschwichtigend: »Schon gut, schon gut; hat nichts weiter auf sich.« Darauf wandte er sich wieder zu Andrem. »Wer ist denn aber eigentlich dieser Don Gomez«, fragte er. »Weiß ich's doch selber kaum«, erwiderte der Steuermann. »Mexiko ist seine Heimat. Der junge Mann besitzt große Reichtümer, rühmt sich vornehmer Herkunft und hat sich nur zu einer Reise nach Europa entschlossen, um manches traurige Erlebnis, das seinen Geist verdüsterte, hier unter andern Menschen leichter zu vergessen.« »Nun, gar zu schwermütig schien mir der mexikanische Don nicht zu sein«, warf der Quartiersmann ein. »Mich dünkt, er gehört zu den Menschen, die man Schwindler nennt.« »Er liebt Glanz und Luxus, und wenn man ihn bewundert, fühlt er sich geschmeichelt und erträgt Fesseln, die ihn unter andern Verhältnissen drücken würden. Ich wette, Alter, es vergehen keine acht Tage, und ganz Hamburg spricht von dem vornehmen Mexikaner wie von einem Meteor.« »Mir solls recht sein«, meinte Behnke. »Wenn die Vornehmen von ihm reden, haben wir niedrig gestellten Leute nichts weiter von ihm zu befürchten.« Miguel stand auf. »Wie steht's?« fragte er Andreas. »Kannst du mir Hoffnung machen?« »Freund«, versetzte der Steuermann, »wir sind in Deutschland und noch dazu im Norden. Da will, wie unser Sprichwort sagt. gut Ding Weile haben.« »Ich begehe ein Verbrechen«, flüsterte Miguel mit unheimlich flammendem Auge dem Freunde zu, »wenn ich das Mädchen nicht sehen kann.« Andreas reichte Miguel die Hand. »Du sollst sie sehen, aber fluche nicht, wenn ein paar Tage darüber hingehen.« »Sie ist des Alten Kind?« »Seine einzige Tochter.« »Und er will keinen Fremden in seine Familie aufnehmen?« »Noch sträubt er sich dagegen, aber Zeit und geduldiges Ausharren machen vieles möglich.« »Er muß!« murmelte Miguel. »Ich verlasse Hamburg nicht eher, bis ich das Mädchen erobert habe.« Andreas legte dem leidenschaftlich Erregten durch einen vielsagenden Blick Schweigen auf, sagte den Quartiersleuten gute Nacht und schied mit dem Versprechen, seinen Besuch recht bald zu wiederholen. »Deinen Freund kannst du gern mitbringen«, sagte Behnke; »es wird meine Sorge sein, daß er nie meine Tochter antrifft.« Andreas nickte, dachte aber im Herzen: Das findet sich. Junge Männer wissen junge Mädchen auch außer dem Hause der Eltern aufzusuchen. 6 In den schattigen Gängen des parkähnlichen Gartens, welcher den prachtvollen Landsitz des reichen Reeders Heidenfrei umgab, wandelten zwei junge Leute lebhaft sprechend auf und ab. Beide gingen in leichter Kleidung, wie man sie in Mittel-Amerika auf den Pflanzungen zu tragen pflegt. Als Kopfbedeckung diente ihnen ein sehr breitkrempiger Strohhut mit herabflatterndem gelbem Seidenband. Es waren die Söhne des Kaufmanns Heidenfrei, Eduard und Ferdinand. Sie hatten einige Jahre in den Staaten und in Süd-Amerika zugebracht und in der Heimat gewisse lieb gewordene Gewohnheiten beibehalten. Bei einem freien Ausblick auf den Elbstrom mit seinen zahlreichen Inseln blieben die Brüder jetzt stehen und betrachteten einige Minuten lang das erhebende Bild. Große Schiffe kamen den breiten Strom herauf, und ihre Augen glänzten in stolzer Freude. Aus dem Landhause, dessen Dach über eine Gruppe wohlgepflegter Bäume zu den beiden jungen Männern herüberblickte, ließ sich jetzt eine starke, wohltönende Sopranstimme hören. »Ulrike singt«, sagte Ferdinand, sich umkehrend, den Arm des Bruders ergreifend und diesen mit sich fortziehend. »Lassen wir jetzt unsere kommerziellen Pläne ruhen und huldigen wir den schönen Künsten. Es ist doch etwas herrliches um eine Menschenstimme, die in süßen Klängen alle höchsten Freuden der Seele, alles tiefste Herzensweh aushauchen kann.« »Das Mädchen singt wirklich wunderbar«, sagte Eduard. »Man wird gefesselt, so oft sie eins ihrer Lieder zur Laute anstimmt.« »Meinst du nicht auch, daß Ulrike am gefühlvollsten singt, wenn sie ganz allein ist und sich unbeachtet weiß oder doch glaubt?« »Ich habe noch nicht darauf geachtet«, erwiderte Eduard, »vielleicht«, setzte er mit einem fernen Lächeln hinzu, »weil ich die Farbe ihrer Augen nicht mit solchem Eifer wie jemand anders studierte.« Ferdinand ließ diese Bemerkung, dem Hause zuschreitend, unbeachtet. »Nur einmal«, fuhr er fort, als hätten seine Gedanken in der Vergangenheit geweilt, »habe ich Ulrike in Gesellschaft mit dem ganzen bewältigenden Zauber ihrer seelenvollen Stimme singen hören, und ich bedauere noch jetzt, daß du damals gerade verreist warst.« »Beim letzten Fest, das Vater gab?« »Ja«, sagte Ferdinand, »Don Gomez, der reiche Mexikaner, der so schnell ein stark begehrter Gast in der guten Gesellschaft geworden ist, begleitete damals Ulrike. Er spielt die Laute ebenso meisterhaft, wie Ulrike nach meinem Dafürhalten singt.« »Man hört viel von diesem Mexikaner sprechen«, antwortete Eduard. »Jedenfalls ist er kein gewöhnlicher Alltagsmensch. Gerade deshalb aber, dünkt mich, sollte man etwas vorsichtiger sein und ihm nicht so schnell volles Vertrauen schenken. Es gibt zuviel Abenteurer.« »Unter diese Gattung gehört Don Gomez sicherlich nicht«, versetzte Ferdinand. »Er ist unstreitig, wofür er sich gibt, dennoch aber kann er gefährlich werden.« »Für Ulrike?« fragte mit dem früheren feinen Lächeln Eduard. »Vielleicht auch für Elisabeth«, entgegnete Ferdinand. Der Gesang verstummte, und Eduard zog den Bruder wieder seitwärts in einen Gang des weitläufigen Gartens. »Erkläre dich deutlicher«, sagte er ernst. »Du hast den Mexikaner gesehen, gesprochen, sogar besucht. Du mußt dir ein ungefähres Urteil über ihn gebildet haben.« Ferdinand erzählte. »Während deiner Abwesenheit erhielten wir eine Einladung zu Bankier Mertens, der eine seiner zahlreichen Gesellschaften gab. Du weißt, dem Vater liegt wenig an derartigen Vergnügungen. Geschäftsangelegenheiten nahmen ihn ganz in Anspruch, auch fühlte er sich nicht wohl. Deshalb blieb er mit der Mutter zu Hause, nur Elisabeth und ich folgten der erhaltenen Einladung. Wir unterhielten uns ungewöhnlich gut, weil außer dem bekannten Kreise eine Anzahl vornehmer Fremder zugegen war, die einige Zeit in Hamburg verweilten. Wir trafen also allerlei Volk und zwar Volk aller Nationen. Unter den Fremden fiel Don Alonso Gomez besonders auf. Die feine, schlanke Gestalt des jungen Mexikaners und seine dunklere Gesichtsfarbe machten ihn bald zum Gegenstand allgemeiner Beobachtung. Man fragte bald leise, bald lauter, woher der lebhafte junge Mann komme, wie er heiße, was er in Hamburg wolle? So wußte denn schon in der ersten Stunde jeder, daß Don Gomez reich, unabhängig, unverheiratet sei; daß er nur zu seinem Vergnügen Europa bereise und daß er einen höchst liebenswürdigen Charakter besitze. Don Gomez ward alsbald der bevorzugte Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft. Er sprach sich mit schönem, ja ich möchte sagen mit hinreißendem Freimut über die verschiedensten Gegenstände aus. Auch unsere Stadt, ihr Leben, ihre Volksmasse, so weit er während der kurzen Zeit seines Aufenthaltes dies alles hatte beobachten können, wurden von dem Mexikaner einer Beurteilung unterworfen. So schief nun auch dies Urteil ausfiel, man fand es originell, und besonders die Frauen waren des Lobes voll über den liebenswürdigen Mexikaner.« »Sehr begreiflich«, sagte Eduard. »Und unter diesen befand sich auch unser Schwesterchen?« »Elisabeth verhielt sich anfangs sehr still«, berichtete Ferdinand, »nur mit Ulrike mußte sie sich über den Fremdling weitläufiger ausgesprochen haben. Ich erfuhr dies ganz zufällig einige Tage später während des Frühstücks. Ulrike sprach in ihrer bescheidenen, ruhigen aber festen Art offen aus, daß sie den Fremden wohl kennen lernen möchte, und daß sie es durchaus nicht für unpassend halte, wenn man ihn zur nächsten größeren Gesellschaft einlade. Elisabeth meinte sogar, es sei unerläßlich, wolle das gastfreie Haus Heidenfrei nicht ungalant erscheinen. Die Mutter war bald gewonnen, ich selbst konnte nicht widersprechen, und der Vater kümmert sich, wie du weißt, um diesen Teil des Hausregiments sehr wenig. So erfolgte denn eine Einladung an Don Gomez, dem ich, nachdem eine zusagende Antwort eingelaufen war, einen Besuch abstattete. Der Mexikaner übertraf sich selbst an Liebenswürdigkeit. Nie hörte ich einen Mann seines Alters sich gewandter ausdrücken, nie fand ich bei einem so jungen Mann größeres Selbstbewußtsein.« Eduard zog den Bruder auf eine Bank nieder, von welcher der Strom und die prächtig beleuchtete Landschaft mit einem Blick zu übersehen waren. »Ich bin äußerst gespannt, zu erfahren, wie der bewunderte Caballero sich hier in diesem Asyl des nie gestörten Familienglückes eingeführt hat.« »Er kam, sah und siegte«, sagte Ferdinand in weniger freundlichem Tone. »Sein Sieg war in jeder Hinsicht ein vollkommener. Selbst der Vater fühlte sich angezogen, ja gefesselt. Er zeichnete Don Gomez aus und gab zuerst das Signal zu einem Duett, das der Mexikaner mit Ulrike sang. Die Gesellschaft vergaß über dem neuen Element, das sie mit ganz frischem Lebensodem durchhauchte, alle gewohnten Zerstreuungen. Es wurde den ganzen Abend kein Spieltisch zurecht gerückt. Jeder unterhielt sich und vergaß über der stets bewegt bleibenden Unterhaltung, daß man gewissermaßen, ohne es zu wollen, gegen sich selbst und eine alte Sitte sündige.« In der Ferne fiel jetzt ein Schuß, der an den Uferhöhen in vielfachem Echo verhallte. »Da kommt ein Schiff auf und begrüßt das Landhaus seines Eigentümers«, sagte Eduard. »Aber vollende deinen Bericht.« »Vergnügter und zufriedener denn je trennte sich die Gesellschaft spät in der Nacht. Man sprach von dem Genuß dieses ungewöhnlichen Abends noch tagelang. Die Woche darauf machte Don Alonso Gomez einen Besuch, unterhielt sich in der liebenswürdigsten Weise, bewunderte die Einrichtung unseres Hauses, fand die Gartenanlagen vortrefflich und die Aussicht entzückend. Seitdem hat er zweimal mit uns dort im Zelt den Tee genommen, wobei die Guitarre nicht fehlen durfte. Ein Duett mit Ulrike schloß beide Male die sehr angenehme Unterhaltung.« »Beim Himmel, es ist unsere lang ersehnte Bark, es ist die ›Marie Elisabeth‹!« Beide zogen ihre Taschentücher und winkten dem stolzen Schiffe zu, an dessen Gaffel die große Flagge Hamburgs sich entfaltete. Eiligen Laufes kamen die beiden Mädchen herbei. »Mein Namensträger kommt«, sagte mit glücklichem Lächeln Elisabeth, indem sie dankend unwillkürlich die kleinen Hände faltete. »Wie freue ich mich, daß das große Schiff glücklich von seiner langen ersten Reise zurückkehrt. Wie wird auch Vater sich freuen!« »Dort kommt er schon«, fiel Eduard ein. »Er ist früh unterrichtet worden, sonst hätte er heute das Kontor nicht so zeitig verlassen. Laßt uns ihm entgegen gehen und ihn begrüßen!« 7 Es war ein Bild glücklichsten Familienlebens, das jetzt von dem terrassenartigen Vorbau hinabblickte auf den Strom, um die große Bark majestätisch und still mit ihren aufgebauschten, von der Abendsonne vergoldeten Segeln vorübergleiten zu sehen. Der alte Heidenfrei stand zwischen seiner Tochter und Ulrike. Mit der Rechten schwenkte er grüßend seinen Hut gegen das Schiff. Ihm zur Linken hatten die beiden Brüder Platz genommen und an Elisabeths Arm lehnte sich froh lächelnd die Mutter. Als nur noch der Wimpel des großen Mastes über den Gebüschen zu sehen war, kehrte Vater Heidenfrei sich um, indem er sagte: »Kommt, liebe Kinder, die Luft ist feucht, und ich bin leicht gekleidet und innerlich erregt. Ein superbes Schiff, Elisabeth, dem du deinen Namen gegeben hast! Macht dirs nicht auch Freude, solch einen stolzen Bau unter deinem Namen über die Weltmeere schwimmen zu wissen?« »Gewiß freut es mich, Väterchen«, versetzte Elisabeth, sich schmeichelnd und liebkosend an den Arm des Vaters hängend, »ich möchte nur auch bald erfahren, welche Abenteuer das Fahrzeug und seine Bewohner erlebt haben mögen.« Die Familie betrat die zum Gartensalon führende Freitreppe. Der Reeder schloß die Glastür und sagte, dem in der Ecke angebrachten Divan zuschreitend: »Sieh', Elisabeth, laß uns hier so lange ruhen und plaudern, bis der Abendtisch angerichtet ist. Ich hoffe, Mutter läßt uns nicht lange warten, denn ich habe – mit Erlaubnis gesagt – einen ganz martialischen Appetit. Die ostindische Post hat meine Kräfte heute gar zu sehr in Anspruch genommen.« Vater Heidenfrei machte beim ersten Anblick keinen besonders vorteilhaften Eindruck. Von Gestalt kaum mittlerer Größe, war er fast zart gebaut. Dabei hager und ohne angeborenen Sinn für Eleganz, trug er zwar feine, aber jederzeit schlecht sitzende Kleider. Am liebsten kleidete er sich nachlässig, weil ihm dies bequemer war und es ihm widerstand, auf Äußerlichkeiten großes Gewicht zu legen. Nur dem schönen Geschlecht gab er das Recht, sich fein, möglichst geschmackvoll und mit größter Sorgfalt kleiden zu dürfen. Männer hatten seiner Ansicht nach Wichtigeres zu bedenken. Sein dunkelbrauner, schlottriger Rock, der fast bis auf die Knöchel herabreichte, und die Lederschuhe, deren Schleifen sich gelöst hatten, gaben Heidenfrei etwa das Ansehen eines den Sonderling spielenden alten und an Veraltetem hängenden Sprachlehrers. Wer freilich den Kopf dieses Mannes ins Auge faßte und sich einigermaßen auf Physiognomik verstand, der mußte alsbald zu der Überzeugung kommen, daß er in Heidenfrei einen ungewöhnlich begabten Menschen vor sich habe. Diese hohe, gewölbte, sonnenklare Stirn, diese großen, sprechenden Augen, die tief dunkelblau waren und doch häufig schwarz erschienen, je nachdem Heidenfrei von irgend etwas mehr oder weniger angeregt war, die feinen, fast durchsichtigen Züge des kleinen Kopfes, den nur noch eine schmale Krone dünnen grauen Haares schmückte, imponierten jedermann. Man konnte nur bedauern, daß ein so schöner Kopf auf einem so gebrechlich aussehenden und überdies sehr einfach gekleideten Körper saß. Das Geklapper von Tassen und ein einladendes Wort Frau Margarethas rief jetzt die Familie an den Teetisch. Heidenfrei erhob sich vom Divan und nahm seinen gewöhnlichen Platz zwischen Mutter und Tochter ein. Ulrike, ein schlankes Mädchen von auffallender Schönheit und dunklem Haar, reichte dem Hausherrn eine Tasse Tee, welche dieser mit freundlich dankendem Lächeln annahm, ohne ein mit den Söhnen angeknüpftes Gespräch, das eine rein kaufmännische Angelegenheit betraf, zu unterbrechen. Erst als Heidenfrei den Tee prüfend gekostet hatte, wandte er sich ihr zu und sagte, nochmals freundlich nickend: »Superbe, liebe Ulrike, ganz superbe!« Als bald darauf der Vater das Gespräch mit seinen Söhnen abbrach, sagte Elisabeth: »Kann man wohl erfahren, Väterchen, womit das schwimmende Gebäude, das ich mit meinen schwachen Armen, damals fast noch ein Kind, aus der Taufe heben mußte, beladen ist? Bringt es aus der neuen Welt garnichts mit, an dem auch ein Mädchenauge sich ergötzen kann? Eine niedliche Kleinigkeit für mein Boudoir, etwa einen besonders schönen Spiegel, oder etwas für den Salon, wünschte ich wohl von meinem Patenschiffe, für das ich mich ungemein lebhaft interessiere, als Andenken an seinen ersten Ausflug zu erhalten.« »Ja, mein liebes, kleines Närrchen«. versetzte Heidenfrei scherzend, indem er der Tochter, die eine frappante Gesichtsähnlichkeit mit dem Vater hatte, nur daß sie bei aller Zartheit voll und mädchenhaft rosig erschien, einen Teller abnahm, »darauf kann ich dir heute keine bestimmte Antwort geben. Die Hauptladung besteht aus Kaffee, Reis und Rohzucker. Was der Kapitän unterwegs nebenbei eingenommen hat, weiß ich im Augenblick selbst noch nicht. Ich bin vorerst froh, das Schiff wieder glücklich im Hafen zu wissen. Es hat sich als tüchtig bewährt, was mich auch veranlassen wird, von demselben Baumeister den Kiel zu einer Fregatte noch in diesem Jahre legen zu lassen. Drei heftige Stürme, die es überstehen mußte, und von denen der letzte bei den Azoren es in die gefahrvollste Lage brachte, konnten ihm nichts anhaben. Und das, meine Tochter, das ist hervorragend!« »Wer ist denn der Glückliche, der es über das Meer führte?« fragte Elisabeth. »Kapitän Lars Ohlsen.« »Der Sylter, der vor drei Jahren die merkwürdige Rettung mehrerer Schiffbrüchiger in der Elbmündung mit so großem Mut und so staunenswerter Geistesgegenwart bewerkstelligte?« »Derselbe, mein liebes Kind. Ich sage dir, das ist ein Seemann! Mir gilt er mehr als der siegreichste General.« »Es ist in der Tat verwunderlich«, fiel Eduard ein, dem Vater aus sein geschliffener Karaffe ein Glas alten französischen Haut-Sauterne einschenkend, »daß die ›Marie Elisabeth‹ so jungfräulich unbescholten an allen verborgenen Riffen und Klippen vorübergesegelt ist. Dafür verdienen Kapitän und Mannschaft volle Anerkennung und unsern ganz besondern Dank.« »So ist es«, sagte Heidenfrei, »sie sollen auf beides nicht lange warten. Übrigens bin ich begierig, Ohlsen persönlich zu sprechen. Es ist mir in der letzten Zeit so manches zu Ohren gekommen, was mich momentan unruhig, sogar unsicher macht. Die Verhältnisse auf der andern Welthälfte gehen einer Umgestaltung entgegen, sind vielleicht zum Teil schon jetzt ganz andere geworden. Die Konkurrenz häuft sich dort, und zwar nicht nur die kaufmännische, auch die Konkurrenz der Nationalitäten. Sonst hatten wir es allein mit den Yankees, im mexikanischen Golf höchstens noch mit gewinnsüchtigen Neuspaniern zu tun, jetzt, ja, du lieber Gott, wer zählt und nennt alle die Völkerableger, die gegenwärtig auf amerikanischer Erde neue Keime treiben und womöglich auch einen neuen Volksstamm großziehen möchten! Engländer, Franzosen, Italiener, Holländer, Russen, Dänen, Schweden, ferner Abkömmlinge aller slavischen Stämme, endlich gar Mongolen und Malaien kämpfen drüben mit allen Kräften des spekulierenden Geistes um den Preis, den der alte Gott Merkur dem glücklich Wagenden ausgestellt hat! Da gilt es aufmerken, fein fühlen, dreimal klug und neunmal energisch sein, wenn man nicht von Aufmerksameren und mit noch feineren Nerven Begabten verdrängt, vielleicht gar in böse Kalamitäten verlockt sein will. Dies erschwert das große überseeische Handelsgeschäft schon jetzt außerordentlich. Wenn man darüber bei Zeiten grau und alt wird, so ist's kein Wunder. Die Sorge, die Erwartung, die Spannung und fieberhafte Unruhe, in der wir ununterbrochen leben, reibt auf und macht nervös reizbar. Ehe ein Schnellsegler von jenen fernen Küsten über das Meer zu uns herüberschwimmt, vergehen selbst im glücklichsten Falle doch immer ein paar Monate. In einer so langen Zeit kann das sicherste Geschäft unsicher werden, die vorsichtigste und scheinbar klügste Unternehmung in das volle Gegenteil umschlagen. Ja, wenn wir fliegen oder uns mit der Schnelligkeit des Gedankens unterhalten könnten! Engländer und Amerikaner haben allerdings viel Neues und Gutes ausgeklügelt, ich fürchte jedoch, es geht damit bald zu Ende. Dem Forschen und Grübeln des Menschengeistes ist ein Ziel gesetzt, über das hinaus er nicht weiter vordringen kann, um die Geheimnisse der Schöpfung seinem Egoismus und seinen Leidenschaften, vielleicht gar seinen Lastern dienstbar zu machen.« »Dennoch, glaube ich, stehen wir gerade jetzt an einem merkwürdigen Wendepunkt«, bemerkte Ferdinand. »Es ist wahr, die Welt wird von Tag zu Tag prosaischer, den Menschen interessiert am meisten das, was sich berechnen läßt.« »Ich wollte noch die Frage an dich richten«, versetzte Eduard, »ob du noch immer so wenig Vertrauen auf die Anwendung der Dampfkraft zur Fortbewegung von Schiffen hast?« »Mit euern Dampfschiffen!« erwiderte Heidenfrei achselzuckend. »Als Versuche lasse ich sie gelten, auch ihre Vorteile, besonders in der Flußschiffahrt, will ich nicht ganz in Abrede stellen, auf dem Meere aber und zumal bei stürmischem Wetter und hohem Seegang werden sie es mit Segelschiffen nie und nimmer aufnehmen können.« »Und ich bin vom Gegenteil überzeugt«, meinte Ferdinand. »Weil du ein halber Yankee geworden bist während deiner amerikanischen Lehrjahre.« »Das bin ich nun zwar nicht«, versetzte Ferdinand, »ebensowenig wie der Bruder, obgleich es dir Vergnügen macht, uns scherzweise häufig so zu nennen, aber gelernt haben wir etwas von den Amerikanern. Amerika ist das Treibhaus der Welt, in welchem jegliches Gewächs rasch Keime, Blüten ansetzt und eine Menge unreifer Früchte trägt, Europa verpflanzt diese Gewächse auf seine nicht mehr jungfräuliche Erde, bedarf etwas mehr Zeit, um ihr Wachstum befördern zu helfen, bricht aber dafür alsbald bessere und saftigere Früchte. Mit der neuen Erfindung der Dampfschiffe wird es ebenso gehen. Bemächtigen wir uns jetzt derselben und suchen wir sie mit der uns angeborenen zähen Ausdauer immer mehr zu vervollkommnen, so wird uns Europäer die Geschichte dereinst als die größten Meister in der Benutzung eines glücklichen Gedankens aufführen, und wer anders als wir und die alte Welt werden den größten Nutzen davon haben?« »Jugendträume, die in den nächsten zehn Jahren verfliegen«, sagte Heidenfrei abwehrend. »Ich will in diese neue Spekulation kein Geld stecken, obwohl ihr beiden mir schon oft dazu geraten habt. Dem Wind und Wetter werden, so lange es Salzwasser gibt und unser Herrgott sich die Herrschaft über die Winde vorbehält, zuletzt doch alle Schiffe dienen müssen. Dem Segel beugt sich auch das schwerfälligste Fahrzeug oder das Segel reißt und zerflattert im Sturm. Euer Schaufelrad aber, mögt ihr es auch noch so stark machen, zerbricht ein stürmendes Meer, und wenn dann das Ding, was im Wasser rührt und quirlt, zersplittert ist, was fangt ihr dann an mit einem Schiffsrumpf ohne Segel und Tauwerk? Geht mir, ich lobe mir ein gut gebautes Segelschiff. In ihm feiert der menschliche Erfindungsgeist seinen größten Triumph.« Und als sei nie von so schwer ernsten Fragen die Rede gewesen, wandte sich Heidenfrei zu den bis jetzt schweigsam gebliebenen Frauen, indem er Elisabeth und Ulrike gleichzeitig anblickend sagte: »Was mag wohl unser Seladon machen? Hat er sich hier nicht wieder sehen lassen?« Die jungen Mädchen errieten sogleich, wer mit dieser Bezeichnung gemeint war, und Ferdinand wechselte verstohlen einen vielsagenden Blick mit Eduard. »Vorgestern fuhr er mit seinem braunen Bedienten am Gartentor vorüber«, antwortete Elisabeth. »Er schickte äußerst neugierige Blicke zu uns herein, ohne auch nur den Schatten eines Bändchens von uns entdecken zu können, was uns viel Vergnügen gewährte.« »Wir haben deshalb gewettet«, bemerkte Ulrike. »Gewettet? Wie das?« fragte Heidenfrei. »Ja, sieh, Väterchen!« erzählte in heiterster Laune Elisabeth, »ich war der Meinung, wenn wir uns nicht sehen ließen, falls es dem vornehmen Don einfallen sollte, seine Spazierfahrten hier in der Gegend zu wiederholen, so würde er auch seine Abendbesuche früh genug einstellen. Dagegen behauptete Ulrike, gerade unser Nichtsehenlassen würde ihm zu häufigerem Kommen Anlaß geben.« »Und da habt ihr gewettet?« »Ja, bester Vater!« »Und wie steht diese Wette, wenn man fragen darf?« Die Mädchen erröteten jetzt sichtbar. »Ich meines Teils wette, ihr habt es auf irgendeine Schelmerei abgesehen«, sagte Heidenfrei. »Nicht doch«, erwiderte Ulrike. »Behalte ich Recht – so lautet unser Abkommen – dann muß Elisabeth Don Alonso Gomez auffordern, sie zu einem Liede zu begleiten, und gewinnt meine liebe Freundin, so habe ich dasselbe zu tun.« »Wir kennen jetzt Eure Geheimnisse«, sagte Margaretha mild, aber doch in so bestimmtem Ton, daß die jungen Mädchen fühlten, sie würden sich dem Ausspruch der Matrone ohne Widerrede fügen müssen. »Gleich viel, ob Elisabeth oder Ulrike das kleine Spiel gewinnt. Jedenfalls werdet Ihr es mir überlassen, den Don statt eurer aufzufordern, uns wieder einmal durch seine Kunst zu ergötzen.« »Recht so, Mama«, stimmte Heidenfrei bei. »Mädchen sollen nicht wetten, und tun sie's dennoch, so darf es nicht gelten. Aber ich sage dir, Eduard, du wirst staunen über die merkwürdige Meisterschaft dieses mexikanischen Krösus in Spiel und Gesang. Wer ihn hört, ist bezaubert. Er ist überhaupt für sein Alter ein ganz charmanter Mann, superbe im Spiel, superbe in all' seinen Manieren.« »Ich habe den Namen dieses Fremden bereits von mehreren Seiten nennen hören«, versetzte Eduard, »und bin nun selbst begierig, dies Wunder persönlich begrüßen zu können. Ist Don Gomez in Geschäften hier?« »Wenigstens nicht in kaufmännischen Geschäften«, erwiderte Heidenfrei. »Zum Kaufmann würde sich Don Gomez auch nicht eignen. Ein guter Kaufmann muß immer ruhig, kalt, berechnend sein, wie ein guter Diplomat; er darf das Herz weder mit der Zunge, noch den Kopf mit dem Herzen davonlaufen lassen. Wäre Don Gomez in Europa geboren, gewiß würde er dann ein Virtuos geworden sein.« Die Hausglocke wurde zweimal stark angezogen. »Der hat es eilig«, sagte Ferdinand, »wenn er noch stärker schellte, würde er den Glockenzug abreißen. Man könnte glauben, es sei ein Unglück passiert.« »Nicht doch«, fiel Heidenfrei beruhigend ein. »Ich habe vergessen, euch zu sagen, daß mir die südamerikanische Post, die noch nicht ausgegeben war, als ich die Stadt verließ, nachgeschickt werden sollte. Wahrscheinlich hat Treufreund das Portefeuille dem handfesten David übergeben, der ans Laufen gewöhnt ist und dessen plumpe Manieren ganz seinen ungehobelten Ausdrücken entsprechen. Was der Mensch anfaßt, das bricht.« Der Bediente trat ein und überreichte dem Hausherrn wirklich die erwartete Post. Auf dem Vorplatz ließ sich die rauhe Stimme Davids hören, der vernehmbar zu irgendeinem der Dienstboten sagte: »Ich wollte, der Herr hätte nichts Dringendes in der Stadt zu bestellen, denn ich bin müde wie ein Droschkenpferd, und möchte am liebsten die Nacht in Neumühlen verbringen. Da gibts Musik, und wenn man dazu ein wenig springen kann, werden einem die von dem verfluchten Pflastertreten steifen Glieder wieder gelenkig.« Gutmütig rief Heidenfrei, die Sendung öffnend, dem Hausknecht zu: »Schon gut, David, geh nur und tanze. Dann schlaf' aus und sei morgen um neun Uhr pünktlich wieder mit wohl eingerenkten Gliedern auf der Diele. Viel Vergnügen!« »Gott verdamm' mich, der Herr hat's gehört!« brummte der plumpe David, riß die Tür des Vorzimmers auf und schlug sie so heftig wieder zu, daß sie zitterte. »Ein entsetzlich klotziger Mensch«, sagte Margaretha. »Wie magst du diesen Bär behalten!« »Weil er treu und ehrlich ist und trotz seiner groben, ja unverschämten Redensarten. die er aus schlechter Angewohnheit immer im Munde führt, doch ein grundbraver, gutmütiger Kerl ist, der auf mich und mein Haus nichts kommen läßt und sich mir zu Liebe eher totschlagen lassen, als fortgehen würde. Solche Leute sind selten und darum muß man sie festhalten und der rauhen Schale wegen nicht den edeln Kern, den sie umschließt, verkennen.« Heidenfrei betrachtete oberflächlich Adresse und Poststempel der Briefe und reichte mehrere seinen Söhnen. Aus fast allen größeren Hafenplätzen Südamerikas waren Schreiben an den Handelsherrn eingelaufen, dessen Verbindungen so ziemlich den ganzen Erdkreis umspannten. Nur die aus Rio de Janeiro und Buenos-Aires angekommenen Briefe legte Heidenfrei neben sich auf den Tisch, ließ die Briefe noch einmal durch seine Hände laufen, erbrach einige, auf deren Eintreffen er mit Sehnsucht gewartet hatte, durchflog ihren Inhalt und steckte sie dann befriedigt zu sich. Eduard und Ferdinand reichten zugleich mit den gemachten Notizen die gelesenen Briefe ihrem Vater, der nur einen Blick auf die Notizen seiner Söhne warf, die Briefe selbst aber unbesehen in die weite Brusttasche seines schlotterigen braunen Rockes schob. »Kennt einer von euch die Hand da?« sagte Heidenfrei, einen aus Rio eingelaufenen Brief mit größerer Aufmerksamkeit betrachtend. »Sie kommt mir bekannt vor und doch kann ich mich nicht besinnen, wem diese langen, steifen Schriftzüge angehören. Es muß ein alter Korrespondent sein, der lange Zeit geschwiegen hat.« Die Söhne musterten ebenfalls den Brief und gaben ihn dann dem Vater mit dem Bemerken zurück, daß ihnen die Handschrift völlig unbekannt sei. Heidenfrei löste darauf das Siegel, entfaltete das Schreiben und sah nach der Unterschrift. »Mein Gott«, rief er verwundert, überrascht und doch froh bewegt aus, »die Toten stehen auf! Wißt ihr, wer da an mich schreibt, nachdem wir ihn schon seit siebenzehn Jahren zu den Toten gezählt haben?« Die Brüder, ebenso Elisabeth und Ulrike, blickten den Vater erwartungsvoll, aber schweigend an, nur Margaretha, welche die Farbe wechselte, sprach kaum hörbar: »Doch nicht mein verschollener Stiefbruder?« »Augustin Hohenfels, kein anderer«, sagte Heidenfrei, das Schreiben mit zitternder Hand vollends entfaltend. »Doch laßt uns vernehmen, wie es ihm geht, welche seltsame Verkettung von Umständen ihn so lange Jahre abgehalten hat, uns auch nur ein Lebenszeichen zukommen zu lassen.« * Augustin Hohenfels, ein jüngerer Bruder Margarethas aus der zweiten Ehe ihrer Mutter, war, nachdem er den Kaufmannsberuf erlernt hatte, nach Amerika gereist, nicht in der Absicht, sich dort für immer niederzulassen, sondern lediglich, um Verbindungen, die sein damals noch lebender Vater angeknüpft hatte, eine weitere Ausdehnung zu geben und womöglich Schritte zur Anlegung eines Zweigkontors des Hauses Hohenfels an einem der regsamsten Plätze Südamerikas zu tun. Augustins Bestrebungen gelangen über alles Erwarten gut, so daß schon nach Ablauf kaum eines Jahres in Rio de Janeiro die Firma Hohenfels \& Comp. allgemein bekannt und geachtet dastand. Dies schnelle Gelingen, das dem Hamburger Mutterhause nur Segen bringen konnte, machten es dem glücklichen Begründer der amerikanischen Filiale wünschenswert, länger und zwar auf unbestimmte Zeit in der neuen Welt zu bleiben, deren reiche Natur und prachtvolle Vegetation den phantasievollen jungen Mann ohnehin mit ungeahnten Zauberbanden festhielt Drei volle Jahre blühte das Geschäft, an dem sich auch Heidenfrei, welcher sich vier Jahre vor Augustins Abreise mit dessen älterer Halbschwester Margaretha vermählt hatte, beteiligte. Im vierten Jahre stellten sich einige Verluste ein, die jedoch niemand auffielen und mit kaufmännischer Ruhe ertragen wurden. Den Vater Hohenfels beunruhigte es nur, daß sein Sohn immer seltener und dann regelmäßig in arger Verstimmung schrieb. Er glaubte anfangs die Veranlassung dazu in der erschlaffenden Einwirkung des Klimas suchen zu müssen, worunter alle Einwanderer zu leiden haben. War doch Augustin nicht einmal von der Pest dieser paradiesischen Länder, vom gelben Fieber verschont geblieben. Er sprach jedoch unumwunden aus, daß er nicht mehr daran denke, seinen jetzigen Aufenthalt je wieder mit Europa zu vertauschen. Er liebe seine neue Heimat, er schwärme für sie, und da sein ganzes Herz jetzt an diesem Lande hänge, wolle er auch daselbst leben und sterben. Nach diesem in offenbar ungewöhnlich aufgeregter Stimmung geschriebenen Briefe mußten den Vater des Abwesenden Besorgnisse mancherlei Art beschleichen. Das Geschäft machte dem äußern Anscheine nach die besten Fortschritte, es blühte, setzte viel um, und doch rentierte es nicht. Man zog also unter der Hand vorsichtig Erkundigungen ein, deren Ergebnisse nach vielen Monaten die Familie Augustins in tiefe Bekümmernis stürzte. Augustin war vermählt, nicht aber in gesetzlich erlaubter Weise. Er hatte die junge Frau eines unbemittelten Beamten, deren Schönheit ihn bestochen, entführt und, ohne daß eine Scheidung erfolgt war, sich heimlich durch einen bestochenen Priester mit ihr trauen lassen. Ein offenes Geständnis dieses Vergehens seinen Eltern abzulegen und um deren Vermittlung zu bitten, hinderten ihn Stolz und leidenschaftliche Liebe. Augustin Hohenfels griff daher zu einem anderen Mittel. Er suchte mit Geld gut zu machen, was sein Herz gefehlt und eine unüberlegte rasche Tat zu einem offenbaren Verbrechen gestempelt hatte. So erklärte sich die geringe Rentabilität des von Natur doch glänzenden Geschäftes. Die großen Summen, welche Augustin opfern mußte, um sich das Stillschweigen seiner Helfershelfer zu erkaufen, den Behörden den Mund zu stopfen und endlich den so schwer beleidigten Gatten der Entführten zu beruhigen, verschlangen die Gewinne mehrerer Jahre, ohne doch das erstrebte Ziel wirklich zu erreichen. Augustin gewahrte bald, daß seine mit so großem Opfern erkaufte Frau heimlich beobachtet und den ihr schlau gelegten Schlingen schwerlich entgehen werde. Dies veranlaßte den von Furcht, Mißtrauen und Eifersucht gequälten jungen Mann mit Dolores unbemerkt zu verreisen und sie aus einem versteckt liegenden Landhause, das Augustin auf einige Jahre mietete, etwa sechs Meilen von der Hauptstadt entfernt und in paradiesischer Waldeinsamkeit gelegen, den Augen ihrer und seiner Feinde für immer zu entziehen. Auf diesem Landhause, welches der liebende, seine junge Gattin anbetende Augustin mit allem Komfort ausstattete, dessen er habhaft werden konnte, gebar ihm einige Monate später Dolores einen Sohn, das Ebenbild seiner Mutter. Der glückliche Vater jubelte vor Freude und wähnte im Augenblick der Aufregung, nunmehr würden für ihn die schwersten Tage vorüber, die aufregendsten Kämpfe überstanden sein. Da erreichte ihn ein Brief seines Vaters, der in etwas barscher Weise Rechenschaftsablegung verlangte, einen genauen spezifizierten Auszug aus den Handelsbüchern forderte und nach Aufzählung und Vorhaltung der ihm gemachten Eröffnungen nur die einfache Frage an den Sohn richtete: ob er das ihm Schuld Gegebene einfach als Lüge bezeichnen und die Unwahrheit der Berichte anderer nachweisen könne? Sei dies nicht der Fall, so sehe sich die alte, unbescholtene Firma der Hohenfels ihrer kaufmännischen Ehre wegen in die betrübende Notwendigkeit versetzt, sich unter der Belassung der eingezahlten Kapitalien von der südamerikanischen Tochterfirma zu trennen. Nur aus Humanitätsrücksichten und um auch nicht den Schein der Härte auf sich zu laden oder gar die Welt ahnen zu lassen, daß im Schoße der Familie Hohenfels ein unheilbarer Bruch erfolgt sei, werde man die kommerziellen Beziehungen mit der alsdann für eigene Rechnung weiter arbeitenden Firma in Südamerika fortsetzen. In dem ganzen, äußerst kühl gehaltenen Schreiben des Vaters an seinen Sohn stand kein Wort des Vorwurfs. Es war genau so kaltverständig, so einfach klar abgefaßt, wie der sterilste Geschäftsbrief. Gerade diese fürchterliche Kälte aber, dieser farblose Geschäftsstil traf den leidenschaftlichen, nervös reizbaren Augustin wie ein Donnerschlag. Sein erster Blick sagte dem Bedauernswerten, daß jedes Band zwischen ihm und seinen stolzen Verwandten in der Heimat für immer durchschnitten sei, und daß er sich selbst und zwar sich ganz allein die Schuld davon beizumessen habe. Das gerade machte ihn vollends unglücklich und brachte ihn fast dem Wahnsinn nahe. Es wäre jedenfalls noch eine Verständigung zwischen Vater und Sohn denkbar gewesen, hätte Letzteren die Leidenschaft nicht gänzlich verblendet. Anstatt reuig dem Vater seine Schuld zu bekennen und die etwaigen Entschuldigungsgründe mit anzuführen, die einen jungen, leicht erregbaren Mann wohl in arge Verlegenheiten bringen und unter Umständen sogar zu einer verbrecherischen Handlung verleiten können, setzte sich Augustin in der heftigsten Erbitterung hin, um buchstäblich dem Verlangen des Vaters Genüge zu leisten. Seine Schuld gestand er offen ein, beiläufig meldete er seinen Eltern auch die Geburt eines Enkelsohnes, ein Wort der Bitte aber, der Rechtfertigung ging ebensowenig über seine Lippen als es der Feder entfloß. Die gewünschte Abrechnung ward ebenfalls durch seinen Buchhalter besorgt. Zum Erstaunen Augustins, der sich von Stund an als einen Verstoßenen betrachtete, stellte diese sich mehr als er zu hoffen wagen durfte, zu seinen Gunsten. Das Mutterhaus in Hamburg blieb ihm noch eine ganz erkleckliche Summe schuldig, mit der sich, sobald sie bar einging, schon etwas anfangen ließ. Als Augustin Hohenfels so seiner kaufmännischen Ehre vollkommen genügt hatte, expedierte er die erforderlichen Papiere und Dokumente und wartete nun das Weitere mit Ruhe ab. Hohenfels, der Vater, wollte lange Zeit nicht an die Wahrheit der ihm zugekommenen Mitteilungen über seinen Sohn und dessen Aufführung in Rio glauben. Er zögerte deshalb mehrere Wochen, ehe er, von den Seinigen gedrängt, zu dem erwähnten Schreiben sich entschloß. Nicht Herzlosigkeit, sondern Berechnung ließ ihn den kühlen trocknen Ton des Geschäftsmannes wählen. Er hoffte mit Zuversicht, Augustin werde, falls er der Schuldige sei, daran erkennen, daß er die ganze Angelegenheit vom geschäftlichen Gesichtspunkte aus behandelt wissen wolle, und daß, gerade weil diese Ansicht in der Heimat die vorherrschende sei, eine Verständigung leichter sich anbahnen lassen müsse, als wenn nur die Herzen oder altpatrizischer Dünkel das große Wort führten. In seiner Leidenschaftlichkeit verkannte Augustin leider diese wohlwollende Absicht der Seinigen, und anstatt zu versöhnen, stieß er seine ganze Verwandtschaft durch die Hast, mit welcher er ›das Geschäft‹, wie er sich selbst ausdrückte, ohne Umschweife abmachte, gänzlich von sich. Die schon bejahrte Mutter überlebte diesen harten Schlag, der ihr den einzigen Sohn raubte, nur wenige Monate, der Vater ward schwermütig, konnte sich aber doch nicht entschließen, nochmals ein mildes Wort an den Sohn zu richten. Aber Hohenfels, der Ältere, stand nicht verlassen da. Seine Stieftochter Margaretha und deren rüstiger Gatte Heidenfrei trösteten den unglücklichen, bejahrten Mann und redeten ihm so lange zu, bis er dem Schwiegersohn Erlaubnis gab, als Vermittler aufzutreten. Heidenfrei war nicht müßig. Er entwarf einen langen Brief, der unter Vermeidung jeglichen Vorwurfes dem fernen Schwager die traurige Gemütsverstimmung des Vaters, den kummervollen Tod der Mutter schilderte, und schließlich dringend um Um- und Heimkehr bat. Von der Gattin Augustins war in diesem Schreiben allerdings nur die Rede, als er andeutete, es werde auch dieser übereilte Schritt volle Verzeihung finden, wenn Augustin nur erst bekenne, daß er gefehlt habe und dem schwer beleidigten Vater das erste Wort gönne. Gleichzeitig mit Heidenfrei schrieb auch Margaretha an ihren Halbbruder, nicht, um Neues zu sagen, sondern den Bitten ihres Gatten noch mehr Nachdruck zu geben. Beide Briefe kamen zu spät an ihren Bestimmungsort, um eine schon längst vorbereitete Katastrophe abwenden zu können. Der frühere Gatte der Dolores, Gonsalez, ein Portugiese jähzornigen Charakters, vermochte den ihm angetanen Schimpf nicht zu vergessen und schmiedete deshalb in aller Heimlichkeit Rachepläne gegen Augustin Hohenfels. An käuflichen Subjekten der verschlagensten Gattung konnte es dem Eingeborenen gegenüber dem Eingewanderten, dem verhaßten, unternehmenden Deutschen, nicht fehlen. Es gelang ihm daher, das Versteck der jungen Frau früher auszuspüren, als Augustin, der wohl zuweilen dies fürchtete, die Möglichkeit des Gelingens eines solchen Versuches ahnte. Einmal so weit gelangt, war alles Fernere leicht zu bewerkstelligen. Der Betrogene, nach Rache lechzende Brasilianer wartete die ihm günstigste Stunde ab, wo er Augustin abwesend wußte. Dann umstellte er das einsame Landhaus mit zuverlässigen Leuten, drang ein, bemächtigte sich der entsetzten Dolores und ihres Säuglings, tötete die Wärterin und führte beide ins Innere des Landes. Augustin Hohenfels erfuhr erst am nächsten Morgen dieses furchtbare Unglück, und nur der Gedanke, es sei ein Fatum, ein ihm bestimmtes Verhängnis, verbunden mit der Hoffnung, den Räuber seines Weibes und Kindes aufzufinden, gab ihm Kraft. Mit wenigen flüchtigen Worten meldete er seinem Schwager Heidenfrei das Vorgefallene, indem er hinzufügte, daß er ausführliche Nachrichten senden werde, sobald er über das Schicksal der Seinigen Gewißheit erhalten habe. Die Fortführung der Geschäfte übertrug Augusten seinem erprobten Buchhalter, einem seit langen Jahren in Rio lebenden und mit den dortigen Handelsverhältnissen vollkommen vertrauten Deutschen. Durch diesen sollte auch die fernere Verbindung mit der Vaterstadt aufrecht erhalten werden. Dies alles ward von dem in Angst und Entsetzen lebenden jungen Manne nur angedeutet, denn er hatte keine Zeit zu verlieren, wollte er den frechen Räubern seines Weibes und Kindes auf die Spur kommen. Diese wenigen und offenbar in der furchtbarsten Aufregung geschriebenen Zeilen Augustin Hohenfels' waren das letzte sichtbare Zeichen seiner Existenz. Nie erhielten die in Europa lebenden Verwandten des beklagenswerten, talentvollen Mannes je wieder Kunde von ihm oder auch nur eine Hinweisung auf seine spätern Schicksale. Sein Stellvertreter und damals Chef der Handlung in Rio blieb ebenfalls ohne Nachricht. Er führte die Handlung unter großen Sorgen und Mühen noch einige Jahre fort, sah sich aber dann genötigt, sie ein paar rüstigen, jungen Männern, zwei Brüdern abzutreten, da seine angegriffene Gesundheit ein zurückgezogenes Leben von allen Geschäften verlangte. So erlosch die Firma Hohenfels Sohn für immer, und wie sein Name in der brasilianischen Hauptstadt unter der dortigen Kaufmannswelt verschwand, so ging er auch bald im Gedächtnis der Lebenden diesseits und jenseits des atlantischen Ozeans verloren. Wenn später auch dann und wann einer oder der andere des so gänzlich Verschollenen gelegentlich einmal gedachte, so drängte man die Erinnerung an ihn gewöhnlich geflissentlich wieder zurück, da man ja doch nur alte, schon vernarbte Wunden damit noch einmal aufriß, ohne Geschehenes ungeschehen machen und einen sicherlich längst Verstorbenen und Begrabenen dem Leben wieder geben zu können. Die Familie Heidenfrei wurde von diesem düstern Verhängnis schwer betroffen, und wie sehr auch ein seltenes Glück die immer riesenartiger sich gestaltenden Unternehmungen des Hauses begünstigte, oft drängte sich das Bild des Verlorenen wie ein dunkler, drohender Schatten in die sonnenhellsten Tage. Am meisten litt Margaretha darunter, die in der prunkvollen Herrlichkeit ihrer Häuslichkeit mehr als andere, von den Geschäften des Tages in Anspruch genommene, von dem Schattenbilde des unglücklichen Bruders umschwebt wurde. Die Kinder Heidenfreis erinnerten sich nur dunkel jener trüben Tage, wo sich das ganze Hans in Schwarz hüllte, um den Verschollenen als einen Toten zu betrauern. Der wahre Vorgang und die traurige Veranlassung zu Augustins unheimlichem Schicksal blieb allen verborgen. Selten hörten die Heranwachsenden in spätern Jahren des Onkels Augustin gedenken, der wie eine Mythe in die lebensfrische Gegenwart der Familie hereinragte. Erst als später die beiden Brüder die andere Hemisphäre besuchten, trug der Vater ihnen auf, Erkundigungen über den Oheim einzuziehen, indem er ihnen von den bekannt gewordenen Lebensschicksalen das Nötige mitteilte. Allein auch die Brüder hatten nicht mehr Glück, als frühere vertraute Sendlinge. Augustin Hohenfels blieb verschwunden und man mußte annehmen, daß er in den unzugänglichen Wildnissen Inner-Amerikas bei Verfolgung der Räuber seines Weibes und Kindes umgekommen sei. Es war dies so wahrscheinlich und kam so häufig vor, daß niemand daran zweifelte. Dort in den unermeßlichen Savannen Brasiliens, in den undurchdringlichen Urwäldern der Tropen, in den unzugänglichen Schluchten und Tälern der Kordilleren schwärmten damals noch zahlreiche, wilde Indianerstämme, die jeden weißen Mann als einen Feind betrachteten und seine Tötung für ein ihrem Volke verdienstliches Werk hielten. Wie leicht also konnte unter solchen Verhältnissen ein nur von wenigen begleiteter kühner Mann, den Leidenschaft und Rachedurst blindlings vorwärts trieben, in einen Hinterhalt fallen und nach heldenmütigem Kampf der Übermacht erliegen! Daß gerade Augustin Hohenfels ein solches Schicksal erreicht haben möge, war umsomehr anzunehmen, als sein Gegner viele Jahre später wirklich in ähnlicher Weise erlag. Indianische Krieger erschlugen ihn und seine Gefährten auf einem Jagdzuge. Die verstümmelten Leichen der Unglücklichen entdeckte ein Trupp anderer Jäger zu spät, um die Täter verfolgen und zur Rechenschaft ziehen zu können. Von diesem Manne nun traf jetzt nach siebenzehnjährigem Schweigen ein Brief ein. Dies Schreiben wirkte wie die Erscheinung eines Geistes und ergriff Margaretha heftig. Als man sich etwas beruhigt hatte, trug Heidenfrei den Brief des Totgeglaubten vor. Das Schreiben war, wie das Datum auswies, weit über ein Jahr alt, doch sagte eine Nachschrift, daß es erst vor fünf Monaten in Rio de Janeiro geschlossen und daselbst zur Post gegeben worden sei. Augustin Hohenfels schrieb:   Geliebter Schwager! In der Voraussetzung, daß diese Zeilen früher oder später in deine Hände kommen werden, ergreife ich noch einmal die Feder, obwohl es mir jetzt schwer fällt, sie zu führen. Von meinen persönlichen Schicksalen will ich dich nicht lange unterhalten. Ich würde beim Niederschreiben derselben nur schaudernd noch einmal in der Rückerinnerung durchleben müssen, was ich in der Wirklichkeit bis zum Überdruß ausgekostet habe. Es liegt auch wenig daran. Darum ein Schleier über die Vergangenheit und mit allen Rückwärtsgedanken hinunter in die Gruft, wo die Verwesung haust und schafft! Über die Veranlassung meines Wegganges aus Rio de Janeiro müßt ihr unterrichtet worden sein. Leider sollte ich kein Glück haben! Die Spuren meines Todfeindes und seiner Begleiter entdeckte ich zwar nach einigen Tagen, ihm selbst aber habe ich nie wieder in das verhaßte Antlitz blicken können. Nur ein Trost, ein einziger, kurzer Trost war mir beschieden. Dolores, mein geliebtes Weib, die Mutter meines Kindes, starb in meinen Armen. Es war eine wilde Jagd, die mich dieses Glückes teilhaftig machte. Drei Monate lang war ich durch Steppe, Wald und Wildnis geirrt, hatte reißende Bergflüsse durchwatet, gehungert und gedurstet, und immer besaß ich nichts, als die unzweideutige Spur des dreimal Vermaledeiten. Endlich, endlich entdeckte ich seinen Lagerplatz! Am Fuße der Cordillera grande, versteckt unter riesigen Farren, hatte der Schändliche Rast halten müssen, weil die zarte Dolores die Strapazen der Reise nicht mehr ertrug. Aber der unversöhnliche Räuber war vorsichtig gewesen. Seine ausgestellten Posten gewahrten uns zeitig genug, um ihm das Entkommen möglich zu machen. Auf einem Felsgrat, bis wohin ich ihm atemlos nachsetzte, sah ich ihn zum letzten Male, mein Kind auf dem Arm. Er schwang triumphierend die Büchse gegen mich und antwortete auf die Kugel, die ich ihm in der Wut nachschickte, mit einem wilden Jauchzen, wie es nur die Indianer auszustoßen pflegen. Zurückgekehrt in das Zelt der Kranken, fand ich Dolores bewußtlos. Meine liebenden Schmeichelworte brachten sie auf kurze Zeit zu sich. Sie erkannte mich, sie schlang ihre abgemagerten, todesfeuchten Arme um meinen Nacken, drückte mich unter Küssen an sich und starb dann, wimmernd nach ihrem Kinde verlangend, an meinem Herzen. Unter Palmen habe ich sie begraben. Dann trocknete ich meine Tränen, nahm die Büchse wieder auf und zog weiter in die Wildnis der Gebirge. Doch wozu noch mehr von meinem Elend reden. Es genügt die einfache Bemerkung, daß ich ganz Brasilien bis zum Äquator durchstreifte. Darüber vergingen Jahre. Ich gesellte mich wandernden oder mit andern Stämmen Krieg führenden Indianerhorden bei und ward unter ihnen selbst ein Halbwilder. Für einen Europäer würde mich schon damals ebensowenig jemand gehalten haben, wie ich dies jetzt verlangen möchte. So zog ich fort, immer nordwärts, über den Orinoco hinaus nach Venezuela, wandte mich später dem Magdalenenstrome zu und erreichte das karaibische Meer. Hier bestieg ich ein Schiff der Vereinigten Staaten, denn ich vermutete, Gonsalez werde sich nach den südlichen Staaten der Union gewendet haben, da er in der Louisiana wohlhabende Verwandte besaß. Wollte ich meine Nachforschungen mit einiger Aussicht auf Erfolg fortsetzen, so war es nötig, mich hinter die Maske eines fremden Namens zu verstecken. Ich legte mir demnach einen ganz gewöhnlichen, unendlich häufig vorkommenden, amerikanischen Namen bei, trieb Handelsgeschäfte in New-Orleans, wie sie mir eben vorkamen, hielt mich aber nur so lange daselbst wie überhaupt in der ganzen Louisiana auf, als nötig war, um mir darüber Gewißheit zu verschaffen, daß Gonsalez nicht in der Umgegend lebe. Auf die freilich ungewisse Nachricht hin, derselbe sei im Westen des Landes, in Texas, gesehen worden, solle daselbst sogar eine Besitzung gekauft haben, machte ich mich dahin auf den Weg und entdeckte wirklich Spuren seines dortigen Aufenthaltes. Ein Knabe von vier Jahren, aus dessen Beschreibung mir die Züge seiner unvergeßlichen Mutter entgegenlachten, bestärkte mich in meiner Annahme und da der Besitzer desselben nach der Westküste aufgebrochen sein sollte, richtete auch ich meine Schritte dorthin. Hier war es, wo ich an dich und den Vater schrieb, um euch wissen zu lassen, daß ich lebe und Hoffnung habe, mein Kind wieder zu finden. Nur war mein Briefbote ein wenig zuverlässiger Mensch, ein sogenannter Buschrandger, der ein Menschenleben ebensowenig achtete, wie ein Stück Papier. Wieder lockten mich untrügliche Spuren immer weiter bis an die Felsengestade des Rio Colorado, dessen Lauf ich, hundertmal in Todesgefahren, bis zu seiner Mündung in den Golf von Kalifornien verfolgte. Hier endeten meine Nachforschungen und nie wieder, obwohl ich bis in den eisigen Norden und abermals südwärts in die La Plata-Staaten vordrang, und Leiden erduldete, wie selten ein Sterblicher sie zu überstehen Kraft und Willen besaß, sah ich mein Kind und seinen Entführer. Kummer, geistige Aufregung, Seelenschmerzen und nie ruhende Strapazen haben mich alt und siech gemacht. Die Barmherzigkeit meiner Landsleute, die mich nicht wieder erkannten, aus meinen Erzählungen aber doch die Überzeugung gewannen, daß ich jener unglückliche Augustin Hohenfels sein müsse, den man längst für tot gehalten, hat mir im deutschen Hospital vorläufig ein Unterkommen verschafft. Und da lebe ich denn, lebe wie eine Raupe, die der Stunde harrt, wo sie sich ihr eigenes Totenkleid webt, um in dessen Umhüllung still zu sterben. Ich hoffe nichts mehr von der Welt. Diesen Brief schrieb ich nur, um euch zu sagen, daß, wenn ich gefehlt habe, mein Vergehen durch die furchtbaren Leiden, die ich ertrug, zehnmal gesühnt ist. Endlich aber drängt es mich, euch mitzuteilen, daß mein Sohn entweder dereinst Europa und wahrscheinlich auch Deutschland besuchen wird, oder vielleicht schon jetzt irgendwo in der alten Welt lebt. Ein alter Sklave des Gonsalez, der diesen bei seiner räuberischen Unternehmung begleitete, hat auf seinem Totenbett gebeichtet, daß sein Herr den geraubten Knaben in Texas einem Pflanzer abgelassen, dieser den hübschen Jungen aber wieder einem Kaufmann auf Kuba übergeben habe, der mit allen enropäischen Hafenplätzen in enger Verbindung steht und die Eigenheit besitzt, die meisten für seine eigenen Schiffe bestimmten Mannschaften unter seinen Augen zum Schiffsdienst erziehen zu lassen. Dieser Mann heißt, wenn der Sterbende nicht gelogen hat, was kaum anzunehmen ist, Don Pueblo y Miguel Saldanha. Lebt wohl! Gott sei mit dir, meiner Schwester und deinen Kindern! Vielleicht, obwohl ich es nicht glaube, wäre uns auf dieser qualvollen Erde doch noch die Freude eines kurzen Wiedersehens vergönnt. An diese Hoffnung klammert sich mit glaubensstarkem Herzen euer körperlich gebrochener, geistig aber noch immer ungebeugt dastehender Bruder und Schwager Augustin Hohenfels .   Von der Vorlesung dieses Briefes waren alle tief ergriffen. Elisabeth und Ulrike vermochten die schon längst gewaltsam hervorbrechenden Tränen nicht mehr zurückzuhalten. Laut schluchzend umarmten beide die gefaßtere, innerlich aber vielleicht von sämtlichen Zuhörern am tiefsten erschütterte Margaretha. Heidenfrei selbst zeigte, wie immer, äußerlich keine Spuren von starker Gemütsbewegung. Auch die Söhne behielten ihre ruhige Haltung bei, wie es Geschäftsleuten zukommt. »Also er lebt noch«, sprach nach kurzer Pause der Vater, das umfangreiche Schreiben bedächtig zusammenfaltend und in ein besonderes Fach seines Taschenbuches legend. »Und er meint, auch sein Sohn, das Kind seiner Liebe, seiner Schmerzen sei noch am Leben? Hm, hm! Es wäre superbe, aber recht einleuchtend ist es mir nicht.« »Sollte Don Gomez nichts von dem Kaufmanne auf Kuba gehört haben?« sagte Ferdinand. »Er war ja einige Zeit Grundbesitzer in Texas, er muß die bedeutenderen Handelsherren von den Inseln, die mit jenen Produzenten in lebhafter Korrespondenz stehen, kennen.« »Ist sehr unwahrscheinlich«, meinte der Vater. »Ich traue überhaupt dieser ganzen Angabe und Aussage nicht, denn bei unserm starken Verkehr mit Kuba müßte doch meines Erachtens der Name Pueblo y Miguel Saldanha irgendwie einmal auf der Börse oder in einen. Briefe, als Giro auf einem Wechsel vorgekommen sein.« »Seltsam ist's, daß diese Firma wenigstens nicht bei uns bekannt zu sein scheint«, sprach Eduard. »Indessen dies beweist noch immer nichts gegen die Existenz eines Mannes gleichen Namens. Wir werden vorsichtig Erkundigungen einziehen, wir werden vor allem dem unglücklichen Oheim freundlich antworten und ihm die erforderlichen Mittel zuweisen, um seine erschütterte Gesundheit womöglich wiederherzustellen. Inzwischen wollen wir auch Order geben, daß kein Spanier, der von den Küsten Amerikas, gleichviel wie er sich nennt, oder was er treibt, hier ankommt, unserer Nachforschung entgeht.« »Dem stimme ich bei«, sagte Ferdinand, »und eben deshalb mag es nicht schaden, wenn wir unseren lebenslustigen Freunde behutsam auf den Zahn fühlen.« Heidenfrei war derselben Ansicht, auch die Mutter billigte sie, nur riet sie zu größter Vorsicht, um den vornehmen Don nicht etwa zu beleidigen. Es war darüber spät geworden, und obwohl alle sich noch in seltsamer Aufregung befanden, trennte man sich doch, da Heidenfrei ein längeres Beisammensein, das zu einer weiteren Besprechung des aufregenden Gegenstandes immer von neuem führen müsse, für störend und mithin unzweckmäßig erklärte. 8 Es war zwischen halb und drei Viertel neun Uhr morgens. Die Büros in Heidenfreis Hause begannen sich mit den verschiedenen Persönlichkeiten zu bevölkern, welche ein festes Engagement bei dem viel vermögenden Handelsherrn gefunden hatten. Diese Zimmer bildeten eine ganze Reihe ineinander mündende Gemächer, deren Fenster, da sie im Hinterhause belegen waren, samt und sonders eine sehr unerquickliche Aussicht auf das schmale, hinter dem Hause vorüberfließende Fleet und auf eine Reihe hoher Speicher hatten. Nur die beiden Vorderzimmer, in deren einem Herr Heidenfrei selbst arbeitete, und von denen das zweite seinen Söhnen und dem ersten Buchhalter eingeräumt war, hatten ein etwas freundlicheres Aussehen. Da man aber an derartige Räume seit undenklichen Zeiten gewöhnt war, und die alte, gedrängte Bauart der Häuser vor allem Raumersparnis erzielte, um Platz für Aufstapelung der Waren und für deren Umpackung zu gewinnen, so fiel diese abstoßende Unwohnlichkeit niemand auf, noch gab sie jemals Anlaß zu unfreundlichen Äußerungen. Zu den schon seit Jahren im Kontor des Reeders angestellten teils älteren, teils jüngeren Leuten war seit einigen Wochen als englischer und spanischer Korrespondent ein junger Mann gekommen, nämlich der immer heitere, zu Scherz und Lust aufgelegte Anton. Anton saß auf dem hohen Polsterschemel mit kurzer steifer Lehne an seinem Pult, schnitt sich mit schwungvoll geführtem englischen Messer ein ganzes Dutzend der schönsten Hamburger Kiele, die damals eine in ganz Deutschland gesuchte Ware ausmachten und deshalb einen nicht unbedeutenden Handelsartikel bildeten und sah jedesmal, wenn er eine Feder mit wohlgefälligem Lächeln vor sich auf den sauber gehaltenen grünen Tischüberzug seines Arbeitspultes legte, nach dem Fleet hinaus; denn in regelmäßigen Pausen verdunkelten dicke, an dem Fenster vorüberschwebende Gegenstände den nicht besonders günstigen Stand des jungen Mannes. Arbeitsleute waren beschäftigt, große Ballen und Säcke einer soeben gelöschten Schiffsladung nach dem über den bewohnten Räumen des weitläufigen Hauses gelegenen Speicher zu schaffen. Endlich lag das Dutzend meisterhaft geschnittener dicker gelber Spulen vor dem zufrieden lächelnden Anton. Er schloß nun das Pult auf, nahm einige Bogen des glattesten Briefpapiers von dem darin vorhandenen Vorrat heraus, zupfte sich die saubern Manschetten zurecht und zog ein paar aschgraue Schreibärmel über seinen allerdings etwas zu eleganten Rock von feinstem, niederländischen Tuch. Da hörte er hinter sich schlürfen und sodann hastige kurze Schritte. Er glaubte, Herr Heidenfrei sei es selbst, der zu so ungewöhnlich früher Stunde das Kontor besuche, denn er hatte die Gewohnheit, beim Gehen entweder vernehmlich zu schlürfen oder ganz kleine, kurze Schritte zu machen. Seinen Irrtum sofort erkennend, kehrte er sich etwas brüsk wieder um, stützte den Kopf mit dem wohl geordneten Haar auf den rechten Arm, trommelte mit der Spitze des linken Fußes auf den Tritt unterm Schreibpult und kaute scheinbar zerstreut oder grübelnd an der Fahne der ergriffenen Feder. »Guten Morgen, wohl geruht zu haben«, sagte eine dünne, etwas heisere Stimme. Anton schwieg. »Hat man den neuen Herrn Korrespondenten etwa beleidigt?« fuhr der Sprecher fort. »Guten Morgen, hab' ich gesagt. Guten Morgen! Verstanden?« Anton kehrte phlegmatisch dem Sprechenden ein freundlich lächelndes Gesicht zu, in dem freilich alle kleinen Teufelchen der übermütigsten Laune kicherten. »Allerschönsten guten Morgen, Herr Treufreund«, erwiderte der junge Korrespondent. »Wie haben Sie geschlafen?« »Geschlafen? Wollen Sie mich foppen, Herr? Wissen Sie nicht, daß ich in voriger Nacht die Wache hatte?« »Nein, wahrhaftig nicht«, versetzte gutmütig Anton. »Ich bin noch etwas grün hier und kenne mithin die Hausordnung nicht so genau, wie es für mich selbst wohl wünschenswert wäre. Aber ich hörte doch letzthin, Sie könnten das Nachtwachen nicht gut vertragen.« Herr Treufreund war der älteste, eigentlich schon längst in Ruhestand versetzte Kontorist im Heidenfreischen Geschäft, denn er hörte häufig außerordentlich schwer, sah nicht gut und lag mit seinem Gedächtnis immer im Streit, obwohl er behauptete, niemand besitze ein besseres und zuverlässigeres als er. Treufreund war gewissermaßen ein Stück Inventar, das ebensogut zur Handlung Peter Thomas Heidenfrei gehörte, wie das uralte, wurmstichige Pult und der knarrende, längst schon durchgesessene Schreibstuhl, den er sich nicht nehmen ließ. Aus dem Geschäft entlassen wollte der Prinzipal diesen im Dienst der Firma alt und schwächlich gewordenen Junggesellen nicht, da er nur wenig eigenes Vermögen besaß und keine Angehörigen von ihm mehr lebten. Eine Pension lehnte der ehrgeizige und höchst empfindliche Mann ab, und so behielt denn Herr Heidenfrei den gutmütigen, in jeder Hinsicht braven Alten in seinem Geschäft, doch unter der Bedingung, daß er nur solche Arbeiten übernehme, die ihm der Prinzipal entweder selbst zuweise oder für welche Herr Treufreund sich besonders interessiere. Mit diesen Bedingungen erklärte sich der frühere Buchhalter – denn diese Stelle hatte er lange bekleidet – einverstanden. Da er sich gern unterhielt und Rat erteilte, so wußte das ganze Personal Treufreund in einer für ihn, wie für alle übrigen gleich angenehmen Weise zu beschäftigen. Jeder fragte ihn, selbst in den allergleichgültigsten Dingen, um seine Meinung, und dem gutmütigen, schwachhörigen Alten fiel es nicht ein, daß man ihn mit diesen Fragen nur zum Besten habe. Für den Prinzipal hatte dieser brave Mann eine unbegrenzte Verehrung, die soweit ging, daß er sich auch die nicht gerade lobenswerten Eigenschaften des ausgezeichneten Mannes aneignete. Er trug sich genau wie Heidenfrei, ebenso schlotterig, er hatte sich auch den Gang des Prinzipals angenommen. Sämtliche jüngeren Angestellten nannten deshalb den alten überzähligen Herrn den ›Schatten‹, eine Bezeichnung, die vollkommen zutreffend war, denn er glitt wirklich überall wie der Schatten des Prinzipals im Hause umher. Dieser Mann also stand jetzt mit verdrießlichem übernächtigen Gesicht neben Antons Pult und sagte auf den neugierig fragenden Blick desselben: »Freilich kann ich das Nachsitzen nicht vertragen, aber ich muß doch aushalten.« »Da möchte ich wohl nach dem Grunde fragen, mein verehrter Herr Treufreund«, erwiderte Anton, »denn soviel ich mich erinnere, hat Sie Herr Heidenfrei ausdrücklich von dem Nachtwachen dispensiert.« Treufreund riß seine großen, verschlafenen Augen noch größer auf und blickte ordentlich munter um sich: dann mußte er sich aber zur Seite wenden, denn als er den Mund zum Sprechen öffnete, überfiel ihn ein so gewaltiges Gähnen, daß der zahnlose Mund des armen Mannes die Gestalt eines Schlundes annahm. Anton probierte eine seiner schön geschnittenen Federn und malte mit großen kecken Zügen seinen eigenen Namen auf ein Blatt Papier, um der Lachlust, die ihn packte, Herr zu werden. »Ich will aber nicht dispensiert sein«, sagte Treufreund trotzig, »denn ich bin kein Krüppel, sondern ein für meine Jahre noch ganz rüstiger und zu jedem Geschäft brauchbarer Mann. Unsereins ist auch jung gewesen und hat sein Leben genossen wie einer, aber mit Verstand, mit vielem Verstand – begriffen? Die jungen Herren von gestern und heute genießen auch das, was sie Leben nennen, Sinn und Verstand aber, mit Verlaub – ich werde nie persönlich, Herr Anton – Sinn und Verstand ist selten in diesem Genuß. Darum sind die feinen Herren von heute mit dreißig Jahren Greise und haben eine Glatze aufzuweisen, die größer ist als die meinige, obwohl ich in siebenzehn Tagen mein zweiundsechzigstes Jahr beschließe und sechsundvierzig Jahre mich rühmen darf, ein Kaufmannsdiener gewesen zu sein, wie er sein soll.« Treufreund nahm bei diesem Sermon sein gesticktes, sehr buntes Käppchen ab, verbeugte sich etwas spöttisch vor Anton und zog sich zurück an sein Pult, als eben der Prinzipal in Begleitung beider Söhne das Kontor betrat. 9 Heidenfrei wurde gegen anderthalb Stunden von einer Menge Menschen in Anspruch genommen, mit denen allen er freundliche Worte wechselte. Dazwischen hatte er wieder Befehle an Leute zu erteilen, die speziell in seinem Dienst standen. Fonds- und Wechselmakler kamen in gewohnter Weise vor, um anzufragen, ob Heidenfrei ihnen Aufträge zu erteilen habe. Mit diesen wichtigen Herren unterhielt sich der Prinzipal länger, da es sich im Gespräche mit so gewandten Geschäftsleuten um kommerzielle Fragen von Bedeutung handelte, und aus den eingegangenen Erkundigungen die Stimmung der Börse für den einen oder andern Artikel sich erforschen ließ. Endlich leerte sich das Zimmer und Heidenfrei fand Muße, mit Ruhe an seine Arbeit zu gehen. Lange jedoch sollte er auch jetzt nicht ungestört bleiben, denn der Quartiersmann Behnke, der schon vom frühen Morgen an im Dienst des Reeders tätig gewesen war und mit seinen Leuten ein tüchtig Stück Arbeit beseitigt hatte, trat jetzt, nach gehaltenem Frühstück, in das Kontor, begleitet von einem jungen, hoch aufgeschossenen Manne in Seemannstracht, der beim Gehen etwas hinkte. »Guten Morgen, Jacob«, redete Heidenfrei den redlichen Arbeitsmann an. »Nun, alles wohlauf daheim? Hat sich die Mutter wieder erholt von ihrem Fall auf der Treppe? Wie geht's der schmucken Tochter? Ah, sieh, sieh, wer ist denn der Patron da mit den frischroten Backen? Ist er's wirklich, dein Paul?« Der Reeder richtete alle diese Fragen so rasch nacheinander an Jacob, daß dieser nicht zu Worte kam, sondern jede einzelne nur mit stummem Kopfnicken beantworten konnte. »Ja, Herr Heidenfrei«, sagte er jetzt. »Es ist der Paul, den ich ihnen da vorstellen will. Die zwei Jahre, die er draußen auf der See herumgeschwalgt ist, haben ihn gestreckt, aber auch stark gemacht. Er ist ein ganzer Mann geworden und gelernt hat er auch etwas, Herr. Mir trats Wasser in die Augen und Mutter Doris dazu, wie ich ihn so von Bord der ›Marie Elisabeth‹ abstoßen und mit drei, vier gewaltigen Riemenstrichen gerade auf die Landungstreppe zusteuern sah. Als er aber aus dem Boot sprang und die Treppe heraufstieg, erschraken wir beide ein wenig, denn er hinkte stark, und das tat er nicht, als er vor zwei Jahren geheuert ward.« Heidenfrei reichte dem jungen Matrosen die Hand und schüttelte sie mit Herzlichkeit. »Willkommen in der Vaterstadt, willkommen im guten, alten, lieben Hamburg«, sprach er freundlich. »Du bist brav gewesen, Paul, das ist superbe. Hab' schon ein paarmal Gutes von dir gehört und werde mir das merken. Läuft die Fregatte vom Stapel, die ich jetzt zimmern lasse, und hat Kapitän Ohlsen, der dich lieb gewonnen hat, Lust, sie statt der ›Marie Elisabeth‹ auf ihrer ersten Reise zu kommandieren, so kannst du vielleicht bis dahin das Untersteuermanns-Examen machen und ihn als solcher dann begleiten. Kommst dabei mehr in der Welt herum, kannst dir die Niederlassungen der Engländer in Kanton ansehen, die Zopfflechterei der Chinesen studieren und wenn du wiederkommst, belehrende Vergleiche anstellen zwischen den Zöpfen der Mandarine und dem Wuchs in unserer – Gott erhalte sie noch lange – Freien und Hansestadt. Lernen kann nichts schaden, und zur guten Stunde einen Mißbrauch rügen, ist superbe, hilft oft mehr, als langes Debattieren. Also nochmals Willkommen! Aber du hinkst, sagt der Vater. Bist du gefallen?« »Es hat nichts zu sagen, Herr Heidenfrei«, versetzte Paul mit Freimut und ohne die geringste Befangenheit. »Als uns zwischen den kanarischen Inseln und den Azoren der furchtbare Sturm packte und uns zwischen letztere Inselgruppe verschlug, traf mich das Ende einer brechenden Spier, die einzige Beschädigung, welche die vortrefflich segelnde Bark erlitt, die dem Winde dient, wie ich es kaum gesehen habe. Das schwere Stück Holz schrammte mir nur den Knöchel des linken Fußes, und jedenfalls hätte ich garkeine weiteren Beschwerden davon gehabt, wäre ich selbst vorsichtiger gewesen. Ich schonte mich aber nicht, obwohl der Kapitän mich mehrmals ermahnte, es zu tun. So entzündete sich die leichte Wunde und es bildete sich ein schmerzhaftes Geschwür, das selbst den Knochen anzugreifen drohte. Ich war nun genötigt, ruhig in meiner Koje zu bleiben, die ich erst gestern verließ, nachdem wir Glückstadt passiert hatten. Beim Aufsegeln an Ihrem Landhause stieg ich zum ersten Male wieder die Wanten hinauf und setzte mich rittlings auf die große Raa. Ich hab Sie gar wohl erkannt, Herr Heidenfrei, Sie und Ihre Herren Söhne. Auch den Damen hab ich recht von Herzen grüßend zugewinkt und der ›Marie Elisabeth‹, die uns so treu über die Meere getragen, bei dem Böllerschuß ein dreimaliges Vivat gerufen. Möge sie noch recht oft für das Haus Peter Thomas Heidenfrei die Salzflut durchfurchen und immer so glücklich und mit so reicher Ladung in Hamburgs Hafen einlaufen, wie bei der Heimkehr von ihrer ersten Reise!« »Danke, Paul, danke!« sagte Heidenfrei. »Hoffentlich geht dein ehrlicher Wunsch in Erfüllung. Man sagt ja immer, ein Schiff, das von einem jungen, unschuldigen Mädchen aus der Taufe gehoben werde, könne neun Jahre lang fahren, ohne ein Unglück zu haben. Für meine Fregatte will ich mir deshalb auch wieder ein hübsches, junges Mädchen zur Taufpatin aussuchen. Sollst die lebendige ›Marie Elisabeth‹, meine Tochter, kennen lernen, wenn du erst wieder gerade und recht stattlich auftreten kannst. Das Kind ist groß geworden, wirst dich wundern. Ist zwar fünf Jahre jünger als du, aber schon vollkommene Dame. Kannst englisch mit ihr sprechen, wenn du's Herz dazu hast. Sie plappert gern und hört noch lieber von fremden Völkern und Sitten erzählen.« Paul ward von dieser ungewöhnlichen Freundlichkeit des Reeders fast etwas in Verlegenheit gesetzt, weshalb er nur wenig darauf erwiderte. Heidenfrei wandte sich jetzt an den Vater des jungen Matrosen, richtete einige Fragen rein geschäftlichen Inhalts an diesen und sagte nach erhaltener Antwort: »Hattest du nicht vor einiger Zeit in dem Wirtschaftskeller unter deinem Hause mit fremden Matrosen einen verdrießlichen Handel?« »Ach«, erwiderte gutmütig lächelnd der Quartiersmann. »Es war nicht schlimm und die ganze Sache ist mir längst aus dem Gedächtnis entschwunden. Mich kanns nur ärgern, daß ich dabei einen andern Mieter bekomme. Wer weiß, ob ich nicht fehl greife und später noch bereue, daß ich der dummen Nacht wegen zur Kündigung schritt.« »Waren die Sänger nicht Spanier?« fragte in Gedanken versunken Heidenfrei weiter, der kaum auf die Erwiderung Jacobs hörte, während er ein Paket älterer Briefschaften öffnete und eine Anzahl vergilbter Papiere aus demselben hervorsuchte. »Spanien und Holländer, wohl auch Amerikaner«, versetzte Jacob. »Selbst der vornehme Herr, der nun schon seit Wochen so großes Aufsehen macht und so nobel wohnt, als wäre sein Vater ein indischer Prinz und seine Mutter eine Kaiserstochter, soll mit von der Partie gewesen sein.« »Superbe! rief Heidenfrei lachend. »Ähnlich sieht das dem etwas überlustigen Gesellen. Aber ich mag es doch leiden. Es beweist, daß er das Volk nicht verachtet, daß er Kenntnisse zu sammeln sich angelegen sein läßt und daß er sich in alle Verhältnisse zu schicken weiß.« Jacob brummte kopfschüttelnd. »Meinst du nicht?« sagte Heidenfrei. »Nun dann wars vielleicht bloß Marotte von dem Mexikaner.« »Wird vermutlich so sein«, bestätigte der Quartiersmann. »Vornehmtun und herablassendes Wesen vertragen sich selten gut miteinander. Vornehm aber ist der reiche Don, und über die Achsel sieht er gern alle an, die nicht eben so reichlich mit Dublonen gesegnet sind, wie er selber. Das läßt er namentlich gern seine Landsleute fühlen.« »Leben deren hier einige?« »Kanns nicht sagen, Herr Heidenfrei.« »Du hast ja eben davon gesprochen.« »Das heißt«, sagte sich verbessernd der Quartiersmann, »ich meinte damit eigentlich nur einen einzigen.« »Den du kennst?« »Nun ja, Herr, eigentlich wäre es mir lieber, daß ich ihn nicht kennte.« »Deine Reden machen einen ja ganz konfus. Erkläre dich deutlicher, daß ich verstehe, was du sagen willst.« Jacob räusperte sich und faßte sich ein Herz: »Nun, herausrücken muß ich ja doch, wenn ich meine Sache dem Herrn vortragen will. Das heißt, ich möchte nicht mißverstanden werden und nicht zudringlich erscheinen. Weil aber der Herr doch so freundlich zu meinem Paul gesprochen hat, da dachte ich, es könnte doch nicht schaden. wenn man sacht anfragte von wegen.« Jacob drehte seinen Hut und sah den aufmerksam zuhörenden Heidenfrei mit verschmitzten Augen an. Der ›Schatten‹ kam aus dem Kontor, warf einen Blick in das Privatgemach des Prinzipals, zog respektvoll sein buntes Käppchen und zeigte, sich tief verbeugend, seine Glatze. »Guten Morgen, lieber Treufreund«, sagte Heidenfrei dankend. »Bitte, nehmen Sie hier diese drei Briefe und geben Sie dieselben Herrn Anton zu sofortiger, kurzer Beantwortung. Die Notizen sind beigefügt.« Er sah nach der Uhr. »In einer halben Stunde müssen sie beantwortet sein.« »Sehr wohl«, sprach Treufreund, die Briefe empfangend. Dann eilte er mit kurzen, stampfenden Schritten zurück, um den erhaltenen Auftrag unverweilt auszurichten. »Also anfragen wolltest du?« sagte Heidenfrei zu Jacob. »Weshalb?« »Ich habe, wie Sie wissen, eine Tochter, ein Mädel, das sich sehen lassen kann, sollte ich meinen.« »Kenne sie und mag sie leiden. Ist sauber, flink, anstellig, gescheit, bescheiden, mit einem Wort: ganz superbe.« »Früher wusch sie die feine Wäsche für die Herren Kontoristen«, fuhr der Quartiersmann fort, »denn weil das Kind brav ist, wollte es auch was verdienen, um es mir und Mutter etwas leichter zu machen. Und abends unterhielt sie dann ihre alte Pate, die Gertrud Silberweiß, durch Vorlesen, denn die arme Frau ist blind und hat nichts als ihre Katze und ihr Enkelkindchen, das Semmel-Trudchen, wie wir sie nennen, weil der Vater als Brotmann sich den Lebensunterhalt ehrlich verdient. Ein hübsches, liebes Kind, voller Leben und Schelmerei, Herr Heidenfrei.« »Zur Sache, Jacob, zur Sache!« drängte der Kaufmann, abermals seine Uhr ziehend. »Die Bankzeit naht und ich habe vorher noch viele Dispositionen zu treffen.« »Also das Mädchen möchte ich gern in einem angesehenen Hause als angehende Köchin oder als Gehilfin einer solchen oder auch als Kammerjungfer der Herrschaft unterbringen.« »Warum soll Christine denn nicht bei Euch bleiben? Kann sie der Mutter nicht zur Hand gehen und ihr die Führung der Wirtschaft abnehmen?« Jacob drehte abermals seinen Hut. »Das könnte sie freilich nicht nur, sie kann es sogar«, sagte der Quartiersmann, »'s geht aber man doch nicht.« »Da werde nun einer klug aus dir!« rief Heidenfrei etwas verstimmt. »Ich bitte dich nochmals, Jacob, machs kurz, oder ich schicke dich mitsamt deinem Anliegen in die Schute, um hinauszufahren an Bord der ›Marie Elisabeth‹. »'s geht eben nicht, Herr«, wiederholte der Quartiersmann, »und wenn ich den Hals brechen soll. Das fremde Volk aus Mexiko oder wo sie sonst her sein mögen, hat es just abgesehen auf mein Mädel, läuft ihm nach, läßt das Kind nirgends in Ruhe und verfolgt es bis ins väterliche Haus. In dem Punkte sollen die Herren nicht die besten Brüder sein, hab ich mir sagen lassen. Und der Miguel, der Matrose, ist nun ganz und gar des Teufels. Damit nun nichts Unrichtiges passieren könne, soll Christine fort, und besser als in Ihrem Hause, Herr Heidenfrei, besser als unter dem Schutze der Frau Prinzipalin könnte meine Christine in Abrahams Schoß nicht aufbewahrt sein. Da wissen Sie die ganze Geschichte, nehmen Sie mirs nicht übel.« »Was du willst, Jacob, das weiß ich«, versetzte Heidenfrei, »die ganze Geschichte aber ist mir noch so unklar, wie nur möglich, aber Licht, denk' ich, wird wohl drein zu bringen sein, wenn wir Zeit finden, uns näher darüber auszusprechen. Im Augenblick erlauben dies meine Geschäfte nicht, heute Abend aber will ich dir eine Stunde schenken. Bis dahin hast du Zeit, dich vorzubereiten, dir zu überlegen, was du mir in dieser Angelegenheit noch mitteilen mußt, und wenn ich dann irgendwie deines Kindes oder deines Hauses Wohl bedroht sehe, so verlasse dich auf Heidenfreis Wort: er trifft Vorsorge, daß man dir und den Deinen kein Haar krümmt! Am allerwenigsten sollen Ausländer, überseeische Fremde, und wären sie mit den besten Konduiten versehen, dergleichen Frevel verüben dürfen. Also auf Wiedersehen heute Abend!« Als Jacob Behnke mit seinem Paul das Kontor verlassen hatte, wandte sich Heidenfrei zu seinen Söhnen. »Das sind wunderliche Eröffnungen«, sagte er, »mit denen mich der redliche Mann da eben unterhalten hat. Ich bin wirklich begierig, mehr und Verständlicheres von ihm zu hören. Wer ist dieser Matrose Miguel? Steht er in Verbindung mit Don Alonso Gomez? Auf welchem Schiffe mag er dienen? Wie kommt er in das Haus des Quartiersmannes? Das alles sind Fragen, die sich schneller tun als beantworten lassen. Und doch wird es nötig sein, hier weiter, nur sehr behutsam vorzugehen. Ich muß die bekanntesten Schlafbaase ins Geheimnis ziehen. Sie allein wissen genau Bescheid unter den Matrosen, und ihrer Vermittlung kann es am leichtesten gelingen, auf der Stelle von jedem neu angekommenen Fremdling, ist er in der Musterrolle eines Schiffers aufgeführt, Kenntnis zu erhalten. Es wäre superbe, wenn des armen Hohenfels geraubter Sohn wirklich noch lebte und in Europa den Vater, den er nicht einmal kennt, wiederfände.« Ehe Heidenfrei zur Börse ging, übergab er seinen Söhnen noch das Paket vergilbter Briefe, die längst zurückgelegte Privatkorrespondenz mit Augustin Hohenfels, deren Durchsicht jetzt unerläßlich war, um sich aller vergangenen Umstände recht deutlich wieder zu erinnern. Da Eduard und Ferdinand nur im allgemeinen die Lebensumrisse ihres Oheims kannten, empfahl ihnen der Vater jetzt die aufmerksamste Lektüre dieser nur den Angehörigen der Familien Heidenfrei und Hohenfels zukommenden Briefe. Mit dieser Weisung verließ Heidenfrei das Kontor, übertrug den Söhnen die Expedition der fälligen Posten und gab ihnen noch einige für die Börse zu beachtende Winke, um ja in der ihm unbequemen Gemütsbewegung alles zu meiden, wodurch die Ehre seines Hauses in kommerzieller Hinsicht nur im Geringsten hätte kompromittiert werden können. 10 Herr Heidenfrei saß allein mit dem Quartiersmanne bei verschlossener Tür in seinem Privatzimmer. Jacob wischte sich den Schweiß von der Stirn, eine lange Erzählung schließend, welcher der Reeder aufmerksam zugehört hatte. »Du hättest schon früher mit mir darüber sprechen sollen«, sagte jetzt Heidenfrei aufstehend, und wie es seine Art war, mit auf den Rücken gelegten Händen schlürfend durch das Zimmer gehend. »Geirrt hast du dich doch in keiner deiner Angaben? Denn wir müssen vor allen Dingen Sicherheit haben, festen Boden unter unsern Füßen fühlen.« »Auf mein Gedächtnis, Herr, kann ich mich verlassen. Es hat sich alles genau so zugetragen.« »Und wie lange ist es her?« »Es mögen gute sechs Wochen sein.« »Du hältst also den Steuermann Andreas für einen Ehrenmann?« »Er ist unter meinen Augen aufgewachsen, Herr, fast mit dem Paul, der nur ein paar Jahre jünger ist. Nun freilich, Sie wissen ja, Jugend hat nicht Tugend, und den Seeleuten muß ein vernünftiger Mann etwas zu Gute halten, aber redlich ist der Andreas, und einen schlechten Streich macht er nicht.« »Dann wird er auch seinen jungen Freund, den spanischen oder brasilianischen Matrosen, wohin er nun zu Hause gehört, zu zügeln wissen. Aber, Recht hast du doch, Jacob. Deine Tochter muß aus dem Hause, in Umgebungen, wohin nicht einmal die Blicke des verliebten Toren dringen können. Welch ein toller Einfall! Es ist zu superbe. Aber ganz spanisch, wahrhaftig, ganz spanisch.« »Der Herr wird also ein gutes Wort für mich einlegen?« fragte der besorgte Quartiersmann. »Es wäre mir bannig lieb.« »Gewiß, Jacob«, versicherte Heidenfrei, »Hilfe muß geschafft werden, und zwar bald, das sehe ich ein. Zuvor aber muß ich doch auch mit meiner Frau reden, denn eigentlich sind alles das, was du wünschest, echte Frauenzimmersachen, mit denen wir Männer nicht recht umzuspringen verstehen. Abschlägig beschieden sollst du nicht werden, dafür laß mich sorgen. Ich weiß nur nicht recht, in welcher Eigenschaft Christine bei uns eintreten soll. Alle Stellen sind besetzt, obendrein so, daß meine Frau nicht wechseln mag. Na, schon gut. Jacob, nur nicht ängstlich! Es wird sich schon ein Platz für deine Tochter finden. Versteht sie Handarbeiten zu fertigen?« »Vorzüglich«, beteuerte der Quartiersmann. »Ich habe es mich etwas kosten lassen, Herr, um das Mädel ein bißchen herauszuputzen. Nähen kann sie, wie die beste Weißnäherin, und zum Sticken hat sie ganz absonderliches Geschick, nur kam sie zu Hause selten dazu, sich zu üben und mehr zu vervollkommnen.« »Schon gut«, versetzte der Reeder, »paß auf und hüte dein Kind nur noch ein paar Tage. Bis dahin will ich die Sache in Ordnung bringen. Als was es immer sein mag, Christine kommt in mein Haus. Früher aber, bis meine Familie in die Stadt zieht, wird es sich schwerlich tun lassen. Das geschieht jedoch in wenigen Wochen, und wenn dir besonders viel daran gelegen sein sollte, das hübsche Gesichtchen möglichst bald den suchenden Augen ihres fremdländischen Bewunderers zu entrücken, so kann Christine schon beim Einpacken hilfreiche Hand leisten. Meine Tochter und die kleine Ulrike haben hunderterlei Sachen, die nur eine Mädchenhand anzufassen bestimmt ist. Dabei bekommt sie gleich die erforderliche Einsicht und wird dadurch beim Ordnen hier im Hause wieder von Nutzen sein.« Jacob zeigte sich für die Zusage des einflußreichen Mannes sehr dankbar. »Ich gehöre Ihnen mit Haut und Haar«, sagte er beim Fortgehen in seiner treuherzigen, derben Weise. »Gebrauchen Sie mich, wozu Sie wollen, und wenn kein Mensch mehr da wäre, den Heidenfreis zu dienen, Jacob Behnke wird nie fehlen, so lange er lebt und noch ein Glied rühren kann, für das Wohl Ihres Hauses, Ihrer Firma sich zu opfern. Tausend Dank, Herr, für Ihre Güte! Wie wird Mutter Doris sich über diese Nachricht freuen! Und Christine dazu. Ihr stand der Sinn immer etwas hoch, und zu vornehm und groß kanns ihr garnicht werden, der kleinen Blitzkröte!« – Um dieselbe Zeit waren die beiden Söhne des Reeders beschäftigt, die Briefe ihres Onkels aus der Zeit seines ersten Glückes durchzulesen. Aus diesen brieflichen Mitteilungen, die ganz ohne Hintergedanken niedergeschrieben waren und für den unverschleierten Ausdruck eines übervollen, heißen und starker Bewegungen fähigen Herzens gelten konnten, wurde den Brüdern vieles, was ihnen bisher dunkel geblieben, in ein helleres Licht gerückt. Beide kamen während dieser Lektüre, die ein paar Stunden in Anspruch nahm, zu der Überzeugung, daß Onkel Augustin nicht allein Schuld hatte an den betrübenden Unfällen, die erst später seine ganze Existenz vernichtet hatten. Es kamen Äußerungen in seinen Briefen vor, welche ein bis zum Zerwürfnis gediehenes Mißverständnis zwischen Vater und Sohn voraussetzen ließen. Augustin bezog sich auf Mitteilungen des Vaters, von denen einige sogar wörtlich angeführt waren, die jedoch ohne Einsicht auch der väterlichen Korrespondenz völlig unverständlich blieben. Nur so viel ließ sich ahnen, daß Augustin einer heftigen Neigung wegen das Vaterland verlassen hatte, weil der Vater diese Neigung seines Sohnes nicht billigte und seine Einwilligung zu geben, auf das hartnäckigste verweigert haben mußte. In Brasilien fühlte Augustin Hohenfels sich unabhängiger, und wenn es auch gewiß nicht in seiner Absicht lag, auch hier wieder gegen den Willen des Vaters sich zu verloben, so konnte doch, entschloß er sich, seinem Vaterlande ganz zu entsagen, eine dem Vater mißliebige Heirat für ihn persönlich keine unmittelbar empfindlich nachteiligen Folgen haben. »Wie strebte, wie wirkte Augustin Hohenfels! Welche gewaltigen Pläne wälzte er in seinem Geiste!« sagte Eduard. »Wie wahr, wie prophetisch erhaben waren die Gedanken, mit denen er sich trug und – o du mein Gott – wie wenig verstanden ihn diejenigen, denen er sein Herz rücksichtslos erschloß! Es ist und bleibt ein tief beklagenswertes Schicksal, aber laß uns Hoffnung fassen und handeln. Unser Vater liebt auch Vorsicht und Berechnung als Kaufmann, aber sein Blick ist weit, seine Gedanken sind auf das Allgemeine, das Große gerichtet. Ein Funke, in seine Seele geworfen, zündet, wenn man ihm Zeit läßt zur Erholung. Er opponiert gegen die Dampfschiffahrt und spottet sogar der bis jetzt erzielten Erfolge, aber er tut es im Grunde mit Widerstreben und weil es ihn ärgert, daß man nicht schon größere Resultate damit erreicht hat.« »Laß uns jetzt vor allem dahin streben«, nahm Ferdinand wieder das Wort, »daß wir den Vater bewegen, dem unglücklichen Oheim in Rio Mittel zukommen zu lassen, welche ihn in den Stand setzen, sich aus der Lethargie emporzuraffen, in die sein Schicksal ihn hineingestoßen hat. Ist es nicht schon zu spät, so wird schleunige Hilfe ihm neue Spannkraft geben, seinen Geist wieder aufrichten. Wichtiger und von größerem Einfluß würde es noch sein, ließe sich irgendeine Spur von seinem verschollenen Sohne entdecken. Dazu ist leider lange Zeit erforderlich, denn wie soll man es anfangen, einem Menschen nachzuspüren, von dem man nichts weiter weiß, als daß er eben existieren soll?« »Eine undankbare Aufgabe«, sagte Eduard schwer aufatmend. »Dennoch müssen wir uns Mühe geben und uns rühren. Komm jetzt und laß uns dem Vater mitteilen, welche Gedanken die Lektüre dieser Briefschaften in uns geweckt hat. Ich glaube, er wird nicht lange zaudern, vielmehr schon mit nächster Post Briefe und Anweisungen dem Hilfsbedürftigen, nur zu lange unserer Familie Entrissenen, senden.« »Das hoffe ich auch«, meinte der Bruder, die Briefe zusammenschnürend. »Eben fährt der Wagen vor, und da höre ich den Schritt des Vaters.« Gleich darauf ward die Tür geöffnet und der eintretende Heidenfrei fragte mit funkelndem Auge die Söhne, ob sie die Lektüre beendet hätten? Auf die bejahende Antwort sagte er ruhig: »Superbe, dann kommt und laßt mich unterwegs eure Ansichten hören.« 11 Es war ein trüber, kalter Herbstabend. In den entblätterten Bäumen rauschte der Wind, der seit einigen Stunden scharf aus Nordwest wehte und von Stunde zu Stunde heftiger ward. Die Wogen der Elbe gingen hoch und da sich die Flut einstellte, wanderte mancher Kellerbewohner in der Nähe des Hafens nach dem nächsten Flutmesser, um zu sehen, ob man sich vorsehen und bei Zeiten Anordnungen treffen müsse, damit etwaigen Beschädigungen durch ein Steigen des Wassers über die Normalhöhe vorgebeugt würde. Aus dem zu ebener Erde gelegenen geräumigen Gastzimmer des Baumhauses glänzten schon längst die Lampen, und von allen Seiten strömten in dem anlockenden Lokal abendliche Gäste zusammen. Der mitten im Zimmer befindliche gewaltige Eisenofen strahlte eine gemütliche Wärme aus, und die beiden in der Mitte durch einen Wandausschnitt in eins vereinigten Zimmer boten durch die große Sauberkeit, die überall bemerkbar war, in der Tat einen recht angenehmen Aufenthaltsort. Die großen, von Rauch etwas geschwärzten Land- und Seekarten, die Gemälde segelnder Schiffe, die zierliche Flaggenkarte und andere Gegenstände an den Wänden gewährten den in Menge hier verkehrenden Seeleuten Unterhaltung und gaben ihnen zugleich Gelegenheit, vorkommenden Falls etwaige geteilte Ansichten und Meinungen über Dinge, welche für Seefahrer wichtig sind, zu berichtigen. Heute abend war die Gesellschaft im Baumhause besonders lebhaft und das Gespräch sehr laut. Die schon während der Börsenzeit eingetroffene Nachricht von über Erwarten glücklich ausgefallenen Versuchen eines neuen Dampfschiffes, das die Amerikaner erbaut hatten und mit dem sie den Hudson herauf in unglaublich kurzer Zeit gefahren waren, brachte eine förmliche Bewegung hervor. Nicht alle aber freuten sich des Fortschrittes der neuen Erfindung, denn auch unter diesen Leuten gab es manche stark egoistische Natur, die von der Anwendung der Dampfkraft auf Schiffe und von deren größerer Verbreitung arge Nachteile für die Segelschiffahrt befürchtete und schon im Geiste die Verluste überschlug, die jedem einzelnen aus einer solchen Umgestaltung im Schiffswesen erwachsen würden. Nur etwa drei bis vier der versammelten Männer, die teils rauchend truppweise im geräumigen Zimmer standen, teils an den Tischen bei Wein und Grog sich gütlich taten, teils auch sich mit Billardspiel die Zeit vertrieben, nahmen keinen Teil an dem immer lebhafter werdenden Gespräch. Mit auffallend ruhiger Miene hörte namentlich ein schon ältlicher Mann mit starkem grauen Haar dem Gespräch zu. Er hatte neben der vergoldeten Büste des lorbeergekrönten Feldmarschalls Blücher Platz genommen, schlürfte bedächtig sein Glas Arracgrog und rauchte dazu eine dunkelbraune lange Tonpfeife, indem er den bläulichen Rauch des trefflichen Knasters mit großer Virtuosität in einer langen Kette zierlicher Ringe vor sich hin in die Luft blies. Unfern des Ofens hatte es sich ein jüngerer Mann von starkem Gliederbau eigentümlich bequem gemacht. In halb liegender Stellung sitzend, hing sein rechtes Bein auf der Lehne eines daneben stehenden Stuhles. Den Hut nach vorn gerückt, beschäftigte dieser Mann sich mit dem Zerschnitzeln eines kleinen Stückchen Holz, alles andere, wie es schien, über dieser wichtigen Arbeit vergessend. Ein Dritter nahm die Ecke des Zimmers ein und schlief. Seinem stark geröteten Gesicht sah man es an, daß er dem Wein wohl mit etwas zu großer Ausdauer zugesprochen haben mochte. Zwei der lebhaftesten jungen Männer, die schon geraume Zeit das Gesprächsthema ungewöhnlich laut werden ließ, gingen dabei auf und ab im Zimmer und kamen jetzt in das Bereich des Ringe blasenden stillen Rauchers. »Van Tolten soll sein Urteil fällen«, sprach der eine, ein hoher, blonder Mann zu seinem breitschultrigen, brünetten Gegner. »Was haltet ihr davon, Kapitän van Tolten? Wird ein Dampfschiff, wenn's auch noch so gut gebaut ist, gegen Wind und Flut zugleich anlaufen können? Ihr seid doch ein alter Seewolf, habt viele Reisen gemacht, manchen Orkan überstanden und wißt also, was es heißt, wenn eine wütende See bricht. Heraus also mit eurer Ansicht!« Van Tolten hatte aufgehört zu rauchen, den jungen Mann, der sich so vertrauensvoll an ihn wandte, ruhig mit gleichgültigen Augen angesehen, und hob jetzt, als der Fragende erwartungsvoll schwieg, die Pfeife wieder zum Munde, um ebenso ruhig weiter zu rauchen. Leider war sie ausgegangen. Van Tolten nahm einen Schluck aus dem neben ihm stehenden Glase, schlug das Auge nochmals zu dem jungen Kapitän auf und rief dann mit wundervollem Phlegma: »Johann, een Vlammetje!« Hierauf gab er sein Urteil mit dem einzigen Wort: »Abwarten, Mynheer.« »Verdammtes holländisches Phlegma!« murmelte der junge Kapitän, sich mit seinem lächelnden Gegner entfernend. »Bisweilen kann es einen zur Verzweiflung bringen, obwohl man zugeben muß, daß es auch seine guten Seiten hat. Ich glaube, wenn der alte Holländer sein Schiff mit Mann und Maus versinken sähe, ohne retten zu können, es würde ihn nicht mehr anfechten, als jetzt meine Frage, und seinen Ruf: een Vlammetje! ließ er gewiß unmittelbar darauf nicht weniger ruhig vernehmen.« »Bei alledem ist er ein sehr tüchtiger Seemann«, versetzte der Brünette, »ein Holländer von jener echten Sorte, ans denen man, wenn es sein muß, de Rhuyters macht. Vor etwa fünfzehn oder sechszehn Jahren verdankte der Reeder, für den Van Tolten noch heute fährt, der Unerschrockenheit und dem nie wankenden Gleichmut dieses entschlossenen Mannes die Rettung seiner ganzen Mannschaft bei der Strandung des Schiffes vor Texel. Ein anderer hätte in gleicher Lage vielleicht kaum die Hälfte an Land gebracht.« »Nun, das ist brav, jedoch andere verstehen es auch, Kopf und Hände zu gleicher Zeit zu brauchen«, erwiderte der Blonde. »Ich denke, du selber, Ohlsen, hast es bewiesen.« »Sprich nicht von dieser gefahrlosen Aufnahme einer Anzahl Schiffbrüchiger«, sagte beschwichtigend der Kapitän der Bark ›Marie Elisabeth‹. »Es war höchstens eine Jolle dabei zu riskieren. Aber um wieder auf unser Thema zu kommen, über das wir uns übrigens nicht erzürnen wollen, weißt du auch schon, daß die heutige Nachricht für unsern Platz nicht wirkungslos bleiben wird? Mein Reeder, Peter Thomas Heidenfrei, und einige der bedeutendsten Kapitalisten, die sich bisher am liebsten bloß mit diskontieren beschäftigten, sind entschlossen, auf eigene Kosten ein paar Seedampfschiffe bauen zu lassen. Wer weiß, ob wir beide nicht am Ende noch das Vergnügen haben, die ersten Meerfahrten damit zu versuchen? Dann wird unsere jetzige Streitfrage sich unwiderleglich durch die Praxis entscheiden lassen.« Der Blonde wollte sich damit noch nicht zufrieden geben, Ohlsen aber ließ sich nicht weiter auf eine Widerlegung seiner Einwürfe ein, sondern brach das Gespräch mit der Querfrage ab: »Darüber, Freund, stehe ich ein andermal Rede, jetzt sage mir lieber, ob der nette Junge, von dem du mir in New-Orleans erzähltest, wirklich als Matrose mit dir hierher gefahren ist?« »Welchen meinst du? Doch nicht den Miguel?« »Ich glaube, so hieß er – ja, ganz recht.« »Ich nahm ihn als Überzähligen und Freiwilligen mit. Geheuert wollte er nicht sein.« »Nicht geheuert?« wiederholte Ohlsen. »Aber weshalb denn nicht? Versteht er nichts vom Seewesen?« »Doch, er ist tüchtig, tüchtiger vielleicht, als mancher, der als Vollmatrose dient, aber es hat mir dem Jungen eine eigene Bewandtnis. Bisweilen beschlich mich der Gedanke, er sei nicht, was er scheine, dann glaubte ich wieder, er würde, einmal hier angekommen, seine Maske abwerfen, mir sagen, was er wolle, weshalb er diese weite Reise unternommen habe und wie er sich wirklich nenne, zuweilen aber besorgte ich auch, er gehe nicht freiwillig, sondern gezwungen mit, und nur, um diesen Zwang nicht merken zu lassen, stelle er sich, als liebe er das Meer und werde von einer unwiderstehlichen Leidenschaft zum Seedienst fortgerissen. Seit ich hier bin, urteile ich allerdings anders.« Ohlsen nahm seinen Freund am Arm und führte ihn aus dem Gedränge der Übrigen in das weniger gefüllte Billardzimmer, wo nur drei Spieltische der Spieler warteten. Dem schnitzelnden Stummen den Rücken zukehrend, nahmen beide Kapitäne an der Wand Platz, welche den großen Raum in zwei Hälften trennte. »Wäre es nicht möglich, Claus«, sprach der Sylter, »den wahren Namen dieses jungen Mannes zu erfahren? Es liegt mir daran, zu wissen, wie er heißt, wer seine Eltern sind oder waren, wo er geboren ist, was er in frühester Jugend getrieben hat und auf welche Weise er zu dir aufs Schiff und zwar in dieser Begleitung aufs Schiff gekommen ist?« »Mit Don Gomez und seinem närrischen Diener, meinst du?« »Ganz recht, just mit diesen beiden Menschen.« »Und das interessiert dich so sehr?« »Außerordentlich, lieber Claus, denn ich fürchte, es hat eine arge Spitzbüberei zwischen diesen drei Personen stattgefunden.« Bei diesen Worten zog der Schnitzelnde sein Bein von der Stuhllehne, rückte den zu weit nach vorn gefallenen Hut in den Nacken und setzte sich aufrecht, die linke Schulter gegen die Wand lehnend, hinter welcher die beiden Freunde das anziehende Gespräch führten. An den Gesichtszügen des Schnitzelnden sah man, daß er aufmerksam auf jedes Wort der Sprechenden horchte, dabei schnitzelte er jedoch ununterbrochen so eifrig fort, als müsse er sich mit dieser nutzlosen Spielerei das Brot verdienen. »Was berechtigt dich zu dieser Vermutung?« »Nichts, wenn du willst, und doch auch wieder sehr viel. Hast du nie gehört oder gelesen, daß man jemand seinen ehrlichen Namen gestohlen und den so schmachvoll Befohlenen dadurch in das tiefste Elend, in Armut, ja Sklaverei gestürzt hat?« »Ähnliche Schurkereien sind wohl vorgekommen, unsere Zeit aber, dünkt mich, ist zu aufgeklärt, die Menschen sind zu gebildet und die Augen der Gerechtigkeit zu wachsam, als daß derartige Verbrechen ungestraft jetzt noch begangen werden könnten.« Ohlsen zuckte die Achseln. »Verbrechen sind immer, auch unter den besten Gesetzen möglich«, sagte er, »und mich plagt schon seit einigen Tagen eine schlimme Ahnung. Uns Inselfriesen hängt – du weißt es – immer ein Stückchen Aberglauben an, das uns die Mütter schon in die Wiege legen. Ganz wird es auch der Vorurteilsfreiste niemals los, und so schleppe auch ich einen Nest dieses altfriesischen Eigentums, oft zu meiner eigenen Qual, mit mir herum. Die Vermutung, die ich eben geäußert habe, würde mir niemals in den Sinn gekommen sein, hätte nicht der Zufall bereitwillig die Rolle eines Vermittlers übernommen. Der Reeder Heidenfrei wünschte mich dieser Tage zu sprechen, um mir verschiedene Mitteilungen zu machen, Erkundigungen über die Verhältnisse und die Volksstimmung in der neuen Welt, namentlich im brasilianischen Staat einzuziehen; denn er geht, wie ich aus allem entnehmen konnte, stark damit um, dort neuerdings große Ländereien anzukaufen und eine deutsche Kolonie oder so etwas anzulegen. Na, ist seine Sache und geht mich nichts an. Nachdem ich ihm Auskunft gegeben hatte, sah er mich plötzlich mit seinen merkwürdig großen Augen scharf an und fragte mit Bestimmtheit: ›Kapitän Ohlsen, ist Ihnen ein junger Matrose, namens Miguel bekannt?‹ Unbefangen erwiderte ich den Blick des Reeders und sagte, deiner Begegnung mich erinnernd, ebenso unbefangen: ›Bekannt nicht, Herr, aber ich weiß, daß von New-Orleans aus ein Matrose, der sich Miguel nannte, als Überzähliger entweder wirklich Dienste auf einem hamburgischen Schiffe genommen hat oder doch nehmen wollte.‹ ›Name des Schiffes‹, fuhr Heidenfrei kurz fragend fort. Ich nannte den von dir geführten Schoner. Der Reeder sagte nichts, nur das Schiff und dessen Eigentümer notierte er sich. Noch damit beschäftigt, brachte ein Diener ein Billet. Heidenfrei erbrach es, überflog die Zeilen und entließ den Bedienten mit der schnell gegebenen Antwort: ›Superbe. Bitte mein Kompliment zu machen und Sennor Don Alonso Gomez würde sehr angenehm sein.‹ ›Don Alonso Gomez!‹ wiederholte ich halblaut und vor mir stehen sah ich im Geiste die Gestalt des abenteuernden Mexikaners, von dessen Verlobung mit dem schönsten Mädchen New-Orleans' damals die halbe Louisiana sprach, dessen trübes Geschick tausend schöne Augen in der Hoffnung beweinten, sie alle würden so viel Kraft und Schmelz besitzen, den tief Betrübten jetzt in ihre Zaubernetze zu verlocken. ›Kennen Sie Don Gomez, Kapitän Ohlsen?‹ fragte Heidenfrei arglos. ›Ein wenig.‹ ›Ein superber Mann‹, sagte er. ›Schön, jung, einschmeichelnd, reich und gefährlich‹, gab ich zur Antwort. ›Superber Gesellschafter! Ist gegenwärtig sehr beliebt hier. Wird in dieser Saison ohne Frage die erste Rolle spielen.‹« Das Gesicht des Schnitzelnden hatte sich langsam immer weiter vorgeschoben und konnte jetzt die beiden Männer ins Auge fassen. Kapitän Ohlsen fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich erwiderte keine Silbe auf diese Bemerkung, denn Don Gomez stand so leibhaftig vor meines Geistes Augen, daß ich Mühe hatte, seine schattenhafte Gegenwart nicht für etwas mehr als bloße Sinnentäuschung zu halten. Und wie ein Gespenst der Rache tauchte jetzt neben ihm der Matrose Miguel auf, so zornigen, vorwurfsvollen Blickes, so zerbrochen und doch wieder jugendlich trotzig, daß ich unmöglich zweifeln konnte, es müsse zwischen diesen beiden jungen Männern etwas vorgefallen sein, das sie in unversöhnliche Feinde verwandelt habe. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß eine unheimliche, in Nacht gehüllte Freveltat beide trenne und doch wieder verknüpfe. Und wie es uns Nordfriesen in so erregter Stimmung häufig zu geschehen pflegt, es knüpfte sich an diesen unwillkürlichen Gedanken Vergangenes und Zukünftiges. Ein Meer, eine Welt von Nebelbildern stürmte chaotisch vorüber vor meinem träumerischen Auge und überall standen als starre, erbitterte Kämpfer der Mexikaner und der finstere Miguel einander gegenüber, bis unter rollendem Gewölk, Sturmgebraus und strudelndem Wogengezisch alles in Nacht und Graus vor mir versank. Ich mußte mich im Anschauen dieses Gesichtes – meine Landsleute nennen es ›Vorspuk‹ – wohl etwas verändert haben, denn Heidenfrei fragte teilnehmend, ob mir unwohl sei. Von jener Stande an befinde ich mich in einer seltsamen Unruhe, und da ich zufällig in Erfahrung gebracht habe, daß auch dem Reeder daran gelegen ist, zu ermitteln, wo dieser Miguel sich aufhält, wer der junge Mann eigentlich sein mag, habe ich nicht Ruhe noch Rast, bis ich ihm begegnen werde.« »Dazu kann Rat werden«, versetzte Claus, »zuvor jedoch möchte ich wissen, welche Gründe dich bewegen, ein so besonderes Augenmerk dem uns beiden jedenfalls ganz unbekannten und gleichgültigen Menschen zu schenken.« »Mir ist der Ärmste nicht gleichgültig«, erwiderte Kapitän Ohlsen, »denn ich trage die feste Überzeugung in mir, er ist ein Betrogener, ein schwer Beleidigter. Don Gomez hat ihm Vermögen und Ehre gestohlen.« »Don Gomez?« »So vermute ich, und diese Vermutung wird, ich hoffe es, dereinst sich in eine unzweifelhafte Tatsache verwandeln.« Der Schnitzelnde warf einen stechenden, giftigen Blick auf die Sprechenden, zog sich zurück und ließ seinen schweren Körper mit solcher Gewalt wieder auf den Stuhl fallen, daß die Freunde ihr Gespräch abbrachen und aufstanden. Der Amerikaner hatte seine frühere Lage wieder eingenommen, auch sein Fuß hing wieder auf der Stuhllehne, und als die Kapitäne zurücktraten in den größeren Raum, mußten beide glauben, die schnitzelnde Maschine habe kein Glied bewegt. Im Vorübergehen reichte Claus seinem Freunde die Hand, indem er ihm leise zuflüsterte: »Mein Wort darauf, du sollst Miguel sehen und sprechen, wenn nicht morgen und übermorgen, doch jedenfalls schon in den nächsten Tagen.« Der alte Holländer saß noch immer bei seinem dampfenden Grog, von dem er eine unglaubliche Menge vertilgen konnte; auch seiner Tonpfeife entstiegen nach wie vor malerische Ketten sich drehender Rauchringe. »Nun, wie steht's, Alter«, sagte Ohlsen, »habt ihr euch jetzt auf eine Antwort besonnen?« Van Tolten sah phlegmatisch aus, blies einen großen Rauchreif und sagte noch phlegmatischer: »Hab' mich besonnen.« »Und wie lautet eure Antwort?« »Abwarten! – Een Vlammetje, Johann!« Der Gerufene reichte dem bequemen, trockenen Holländer den verlangten Fidibus, und die Freunde verließen lachend den schweigsamen Alten, der heute noch weniger als sonst aus seiner beschaulichen Ruhe und seiner Wortkargheit herauszubringen war. 12 Die Lüster brannten, die Säle waren geöffnet und von duftendem Aroma durchzogen. Ein ganzer Wald lebendiger Blumen, unter denen sich kostbare exotische Gewächse von seltener Schönheit befanden, war zu geschmackvoller Verzierung, sowohl der Gesellschaftszimmer wie der Korridore und der breiten Doppeltreppe, verwendet worden. Teppiche bedeckten die Treppenstufen und die weite Diele, auf welcher Heidenfrei eine Anzahl Büsten berühmter deutscher Gelehrter, Dichter und Komponisten hatte aufstellen lassen. Selbst bis auf die Straße hinaus erstreckten sich diese Teppiche, damit die zarte Fußbekleidung der zum Fest geladenen Damen nicht die feuchten Steine berührte; denn das Wetter war keineswegs angenehm. Es stürmte und regnete, und der Himmel war so dicht mit grauen Wolken verhangen, wie man ihn gewöhnlich an Novembertagen im nördlichen Deutschland sieht. Trotz dieses unfreundlichen Wetters aber sammelte sich doch ein Trupp Neugieriger an dem Heidenfreischen Hause, als eine Equipage nach der andern heranrollte und aus fast allen geschmückte Damen in blitzenden Kleidern, von Edelsteinen und Blumen strahlend, ausstiegen, und leichten Fußes die Stufen hinaufhüpften nach der von vielen geschäftigen Dienern erfüllten Diele. Don Alonso Gomez verwandte heute Abend die größte Sorgfalt auf seine Toilette, und als sie beendigt war, mußte er sich mit lächelndem Auge selbst gestehen, daß er Sensation erregen und viele schöne Augen auf sich ziehen werde. Dies war auch sein Wunsch, denn das gewöhnliche Alltagsleben in der großen reichen Handelsstadt fing an, ihn wirklich zu langweilen, weil ihm die Leute zu ernsthaft waren und selbst das Heitere, Scherzhafte ernsthaft betrieben. Das war nicht nach dem Geschmack des heißblütigen, die Veränderung liebenden Südamerikaners. Heute jedoch, im Hause seines Gönners Heidenfrei, versprach er sich Genuß und Zerstreuung. Obwohl er seine Vorschläge für die Festfeier mannigfach hatte modifizieren müssen, seiner Gewandtheit gelang es dennoch, einiges, woran ihm gerade am meisten gelegen war, durchzusetzen. So war es ihm denn auch geglückt, in mehreren Gruppen, welche die Gesellschaft als ›lebende Bilder‹ unterhalten sollten, sich eine Rolle zu sichern, und zwar waren dies solche, wo er den vorteilhaftesten Gebrauch von seinen Naturgaben machen konnte. Er hatte dabei das Vergnügen, dreimal als Liebender aufzutreten, und als solcher, wenn auch nur stumm, drei verschiedenen jungen Mädchen seine Liebe zu erklären, oder doch, was man ihm ja nicht verwehren konnte, die eine oder andere durch seine Blicke ahnen zu lassen, was er für sie fühle. Um gleich bei seinem Eintritt in die Gesellschaft alles Augenmerk auf sich zu richten, beschloß er, so spät wie möglich zu erscheinen. Vornehme und hochgestellte Personen lassen warten. Don Gomez ließ nun nicht warten, weil er sich ebenfalls zu den Vornehmen zählte, sondern weil er zu genau wußte, daß sein Nichtkommen die ganze Familie Heidenfrei in eine fieberhafte Spannung versetzen werde; denn gerade der musikalische Teil des Festes, in welchem der bevorzugte Fremdling am meisten zu glänzen hoffte, war von ihm selbst so geordnet, daß man ihn nicht beginnen lassen konnte, bis es ihm beliebte, die Harrenden und Sehnenden durch seinen Eintritt zu beruhigen, wo nicht zu beglücken. Als Don Gomez endlich glaubte, es sei spät genug, rief er seinen Diener, der ihn bis an das Haus begleiten sollte. Ein Wagen harrte schon geraume Zeit und nahm jetzt die beiden Männer auf. »Ich darf also gewiß sein, daß du alle meine Befehle pünktlich und buchstäblich vollzogen hast?« fragte Don Alonso den Mulatten. »Sie sind vollzogen.« »Und du bist schweigsam gewesen, wie das Grab?« »Der Tod selbst kann nicht stummer, nicht kälter, nicht unerbittlicher sein«, versetzte Master Papageno. »Es ist gut«, sagte Don Gomez zufrieden. »Du wirst sehen, daß ich erkenntlich bin.« In diesem Augenblick hielt der Wagen, der Schlag ward aufgerissen und Don Gomez schwang sich leicht und elastisch wie der geübteste Ballettänzer heraus. Als man ihn erkannte, rief man sofort seinen Namen, damit er den ungeduldig des spät kommenden Gastes Harrenden unverweilt gemeldet werde. Ein stolzes, zufriedenes Lächeln überglänzte einen Augenblick lang das Gesicht des Mexikaners, der sich innerlich freute, eine so wichtige, so unentbehrliche Person geworden zu sein. Ein paar Minuten später trat Don Gomez, von dem Hausherrn freundlichst empfangen, in die Gesellschaft. Zu seiner größten Genugtuung bemerkte er sogleich, daß alle, namentlich aber die Damen, ihn scharf fixierten. Sein verspätetes Kommen suchte er in der liebenswürdigsten, ungezwungensten Weise durch eine gut erfundene Lüge zu entschuldigen. Außer der bedeutenden Anzahl fremder Gäste waren als Teilnehmer zu diesem Familienfest auch sämtliche im Kontor Beschäftigten geladen, die sich pflichtschuldigst zur bestimmten Stunde eingefunden hatten. Der redliche Treufreund fehlte natürlich nicht, obwohl der stumpf und steif gewordene alte Herr wenig Sinn für so großartige Feste hatte. Zu Anton und den jüngeren Kontoristen im Heidenfreischen Hause gesellten sich auch dessen Freunde Julius und Kurt, die beide in Häusern engagiert waren, welche in engster Verbindung mit dem Reeder standen. Außerdem gehörten beide alten, geachteten Familien an und verkehrten daher viel in den ersten Zirkeln. Noch vor der Ankunft des Mexikaners, der diesen jungen Männern schon längst keine unbekannte Erscheinung mehr, wohl aber keine besonders gern gesehene war, hatte der übermütige Anton seine ebenfalls lustigen Freunde in gewisse Heimlichkeiten des Hauses Heidenfrei eingeweiht und schließlich eine so komische Schilderung von dem ›Schatten‹ entworfen, der leider heute ganz verloren ging, daß es den Zuhörern schwer fiel, ernsthaft zu bleiben. Es war ein Glück, daß gerade bei Beendigung dieser Eröffnungen Antons der Bediente den Neuspanier meldete, der ihm auf dem Fuße folgte. Der Anschlag eines Akkordes auf dem Piano machte jeder Unterhaltung ein Ende. Jeder suchte einen bequemen Platz zu erobern, was bei der großen Menge der Anwesenden nicht ganz leicht war und vielen nicht gelang. Inzwischen ordneten sich die Musikalischen, um die Gesellschaft durch ihre Vorträge zu unterhalten. Musik läßt sich nicht beschreiben; aber sämtliche nur von Dilettanten aufgeführten Vorträge entzückten in ihrer Art selbst musikalisch schwer zu Befriedigende. Rauschenden Beifall ernteten Elisabeth und Ulrike für ihre spanischen Lieder, die Don Gomez auf der Zither schmelzend und meisterhaft begleitete. Nicht so glücklich fiel ein dramatischer Versuch aus, obwohl ihn die Gesellschaft nachsichtsvoll beklatschte. Es fehlte die Einheit, der innere geistige Zusammenhang der heiter gehaltenen dramatischen Kleinigkeit, die aus dem Charakter der Humoreske sich einige Male in lyrische Sentimentalität verirrte. Dies ging ganz natürlich zu. Anton hatte nämlich mit leidlichem Geschick die Verse mit männlichen Reimen niedergeschrieben. Um diese Eintönigkeit zu verwischen, drechselten Ferdinand und Elisabeth einige in weiblichen Reimen ausgehende Verse dazu, die beim Lesen sich ganz allerliebst ausnahmen, nur leider aller humoristischen Färbung entbehrten, sonst aber zum Ganzen paßten. Bei gemeinsamer Durchsicht und Überarbeitung aller drei Poeten bemerkte Anton, der einen gesunden kritischen Scharfblick besaß, diesen bedenklichen Fehler und erlaubte sich, auf das Gefährliche desselben bei der Aufführung hinzudeuten. Er fand aber merkwürdigerweise ungläubige Zuhörer, und so blieb das interessante Produkt mit sehr geringen Veränderungen ganz, wie es war. Über dies halbe Fiasko des dramatischen Spieles, das vor einem streng richtenden Publikum unrettbar zu einem ganzen sich gesteigert haben würde, triumphierte Treufreund. Schon während der Aufführung ließ er Bemerkungen seinen höhnisch lächelnden Lippen entschlüpfen, die den Ohren des Autors nicht angenehm klingen konnten. Schade nur, daß der kritisierende ›Schatten‹ Recht hatte! Als nun aber der Vorhang des mit seinem Geschmack aufgeschlagenen kleinen Theaters fiel, prickelte es den alten Herrn, sein Mütchen zu kühlen. Er hing sich mit der freundlichsten Miene an Antons Arm und sagte lächelnd, wie ein Satyr, dem es gelungen ist, eine badende Nymphe zu belauschen: »Das gute, alte, derbe, deutsche Sprichwort: Schuster, bleib bei deinem Leisten! hat man auf dem vornehmen Institut, wo Sie Ihre ausgezeichnete Bildung erhielten, wohl nicht gekannt? Es geschieht Ihnen Recht, ganz Recht geschieht Ihnen. Warum ließen Sie sich durch Selbstüberschätzung verblendet, überreden, den Poeten ins Handwerk zu pfuschen?« Anton zuckte die Achseln. »Haben wir uns blamiert, mein Verehrtester«, versetzte er, »so tragen wenigstens drei zusammen daran. Eine so geteilte Last, die noch dazu teils auf den zarten Schultern einer liebenswürdigen, jungen Dame ruht, ist immer süß. Ich zweifle indes nicht, daß Sie weit befugter dazu waren, als ich, denn Sie haben ja in wirklicher poetischer Begeisterung zwei Gedichte gemacht.« Das war dem ›Schatten‹ zu viel, er machte ein gewaltig grimmiges Gesicht, indem er sich tief verbeugte und mit den Worten fortging: »Mit dem Bilderfirlefanz hat es wohl noch einige Zeit. Da will ich mal eine Inspektionsreise antreten, das ist als ältester Angestellter ohnehin gewissermaßen meine Pflicht. Wenn die Engel tanzen, lachen die Teufel. Adieu, meine Herren, auf Wiedersehen!« Treufreund verließ unbemerkt die Gesellschaft, ging die Treppe hinab über die jetzt stille Diele, und verfügte sich in das Kontor. das Allerheiligste des Hauses, wie er es nannte. Eine kleine Lampe anzündend, wanderte er langsam, in alle Ecken blickend, an jedem Pult kurze Zeit verweilend, durch sämtliche Zimmer. Erst auf seinem eigenen morschen und zersessenen Stuhl nahm Treufreund Platz, um auszuruhen. Er stellte die matt brennende Lampe mit dem grünen Schirm vor sich hin, daß sie ihr bleiches Licht über die ganze Breite des Schreibpultes ergoß. Wie oft hatte er an diesem Pult gesessen, jetzt freudig bewegt, stolz im Gefühl der Buchhalter eines Hauses zu sein, das, nicht um zu prahlen und etwa tote Schätze auf tote Schätze zu häufen, sondern um der Menschheit zu nützen, gemeinnützigen, die Zivilisation und europäische Bildung fördernden Zwecken zu dienen, Millionen wagte; dann wieder von schweren Sorgen und bangen Befürchtungen niedergedrückt, gelähmt an Leib und Seele. In diesen braunen, so unschön aussehenden Räumen waren große Pläne entworfen worden, große Entschlüsse zur Reife gediehen. Aber die Welt, die nur das Strahlende, das laut und pomphaft Verkündete kennt, wußte wenig oder nichts davon. Das Haus Peter Thomas Heidenfrei liebte es nicht, mit seinen Plänen zu prunken, erst die gelungene Tat machte es einfach bekannt, weil sie in ihren Wirkungen doch nicht lange verborgen bleiben konnte. Welch ein Abstand zwischen diesen jetzt so leeren, schweigsamen, ja toten Zimmern und dem Glanz und Leben, das über denselben bunt flimmernd rauschte! Wenn der weltmüde Mensch sich aus dem Lärm des Menschengewirres zurückzieht und Ruhe sucht in der Einsiedlerhütte zwischen rauschenden Bergtannen oder auf der Höhe eines unzugänglichen Felsengrates, kann ihm nicht wohler sein, kann er in der beschaulichen Stille seiner Einsamkeit nicht süßere Wonneschauer sein Herz durchbeben fühlen, als jetzt der alte Buchhalter, wie er in dem mürben Stuhl lehnte, dem Ticken der Totenuhr im morschen Holz zuhörte und sein vergangenes Leben in einer Reihe heiterer, ernster und schreckhafter Schildereien an seiner Seele vorübergehen ließ. Er saß lange so, ohne sich zu rühren, nur mit seinen Gedanken beschäftigt. Zuweilen glaubte er das Rascheln einer Maus zu vernehmen, oder hinter den alten, losen Tapeten bröckelte Sand von der Mauer und rieselte zischend nieder. Dann kam es ihm wieder vor, als regten sich die Blätter in den bei Seite gestellten Büchern, die mit Staub bedeckt waren. Was flüsterten sich wohl jetzt die großen Zahlen in den alten Büchern zu? Erzählten sie sich vergessene Geschichten? Sprachen sie wie hundertjährige Diener von den schweren, mühevollen Tagen, von den Arbeitslasten, welche das Haus Heidenfrei so groß, so reich, so mächtig gemacht hatten? Treufreund konnte sich das Vergnügen nicht versagen, eins dieser für ihn ehrwürdigen Bücher aufzuschlagen und sich in die Aufzeichnungen zu vertiefen, die sie enthielten. Da lag sie vor ihm, die Zeit vergangenen Glückes, freudigen Hoffens! Von den Küsten der neuen Welt herüber rauschten die Palmenhaine, Kolibris umflatterten ihn mit blitzendem Gefieder, rätselhafte, seltsam geformte Blumen leuchteten und glühten, und es war ihm, als sähe er das Wachsen der Diamanten Brasiliens, wo all das Seltene und Herrliche, von dem er wachend träumte, etwas Alltägliches war. Armer, armer Hohenfels! seufzte der alternde Mann und in seinen geröteten Augen glänzte eine Träne. Wo bist du hingekommen mit deinem großen, die ganze Welt umschließenden Herzen! Wer mag dich gepflegt, getröstet haben in den schweren Stunden, welche das Unglück über dich brachte und die Hartherzigkeit der Menschen? – Ja, wärest du am Leben und Chef der brasilianischen Filiale geblieben, die so große Erfolge verhieß, dann wäre auch hier manches anders und ich glaube sogar noch besser, als es jetzt ist. Auch ich selber, dein alter Freund, dein zuverlässigster und längster Korrespondent, wäre nicht so zeitig ergraut und stumpf geworden. Ohne dein grauenvolles Schicksal, armer, verlorener, hundertmal von mir beweinter Freund, hätte ich meine Kräfte gespart und weiser hausgehalten! Als sie dich aber alle aufgaben und mir auch die Handelskorrespondenz mit dir untersagt ward, da fühlte ich, daß mein Herz krank wurde, und ich gab mir ordentlich Mühe, es noch kränker zu machen. Was galt mir das Leben ohne dich, ohne den Balsamhauch deiner Briefe, die immer Engelsmelodien meinem Ohre vorsangen und wahres Manna waren für meinen Geist. – Armer, armer Augustin! – – O, wenn sie wüßten, die Glücklichen, im Glück Schwelgenden, die jetzt da oben in den Prunkgemächern sich gedankenlos vergnügen, mit wieviel Tränen die Erde gedüngt werden mußte, um all diese Herrlichkeit hervorzubringen, es erkaltete wohl manchem die Hand an dem erhobenen Glase, und die Geister der Vergangenheit schwebten unsichtbar und doch von allen geahnt, über den Häuptern der Geschmückten durch die Säle! – Das ist's, was mich zuweilen drückt, was schwer auf mir lastet, was mich schmerzt. – Es ist der einzige, nicht ganz helle Punkt auf der so makellosen Firma dieses Hauses, in dessen Diensten ich grau und steif geworden bin. Ich gäbe gern den Rest meiner Jahre dahin, könnte ich auch diesen Flecken austilgen, aber ich kann es nicht, und Heidenfrei, den im Grunde keine Schuld trifft, kann es ebensowenig. So bleibe denn begraben, du großer Mensch mit den starken Leidenschaften, und wenn dein Geist noch meiner gedenkt, dann gib mir ein Zeichen, damit ich stark bleibe und an ein dereinstiges Wiedersehen glauben darf! Der ehemalige Buchhalter schlug das Buch wieder zu und starrte mit merkwürdig glänzenden Augen in das Kontor. Der Schein seiner Lampe bildete an der Decke einen hellen Reif. Durch diesen Reif zog jetzt langsam ein Schatten, anfangs formlos, später etwas mehr Gestalt annehmend. Treufreund erschrak und hätte sich beinahe entsetzt, denn mit wie großer Liebe er auch an dem verloren geglaubten Hohenfels hing, ein Heldengeist wohnte nicht in seiner Brust und mit Geistern sich herumzuschlagen hatte er ebensowenig Mut, als eine geladene Pistole auf jemand, und wäre es sein Todfeind, abzudrücken. Er glaubte aber wirklich, sein aus tiefster Seele geflüsterter Seufzer sei von den dunkeln Mächten erhört worden und der Geist des Toten trete in seine eigenste Lebensatmosphäre. Er sprang auf und stieß dabei den Stuhl um, daß ein Stück der alten morschen Lehne davon abbrach. Der Schatten im Lichtschein an der Decke war verschwunden. »Tor, der ich bin!« rief Treufreund sich ermutigend zu, und hob den Sessel wieder auf. »Wie kann man doch verständig und nebenbei auch so kindisch, so hasenherzig sein! Wie oft habe ich ganze Nächte durch allein an diesem Pult zugebracht, ein Geist ist mir nie erschienen. Aber woher der Schatten kam, das möchte ich doch wissen.« Treufreund heftete seinen Blick fest an die Decke, bückte sich, folgte dem Lichtstrahl mit den Augen, entfernte sich selbst vom Pult und näherte sich dem nach dem Kanal hinaussehenden Fenster. Nach kurzem Verweilen daselbst hörte er ein dumpfes Rauschen, wie wenn eine Jolle von raschen Ruderschlägen getrieben, das Wasser durchbricht, nur Ruderschläge vernahm er nicht. Zu seinem nicht geringen Erstaunen glitt fast gleichzeitig der ungestalte Schatten wieder, diesmal aber äußerst schnell, durch den hellen Lichtschein an der Decke. Diese auffallende Erscheinung reizte Treufreunds Neugierde. Er ging zurück zu seinem Pult, ergriff die Lampe und löschte sie aus. Dann schlürfte er weiter durch die übrigen Zimmer und trat hinaus auf die hell erleuchtete Diele. Noch vernahm er an dem lauten Durcheinander vieler Sprechenden, daß die Vorbereitungen zu den ›lebenden Bildern‹ noch nicht beendigt sein konnten. Es blieb ihm deshalb Zeit, noch eine kleine Inspektion vorzunehmen, obwohl ihn persönlich der Verlust eines oder des andern Bildes, von dem man soviel im voraus gesprochen hatte, nicht geschmerzt haben würde. Nur um jegliche Störung während dieser Darstellungen zu vermeiden, wünschte Treufreund vor Beginn derselben wieder in die Gesellschaft zurückzukehren. Das Heidenfreische Haus war, wie dies bei vielen alten Gebäuden in Hamburg der Fall ist, an der Kehrseite mit einer sogenannten ›Laube‹ versehen, die als breiter Gang über dem Fleet hing. Hier wurden Geschirre aller Art, wenn man sie gereinigt und geputzt hatte, ausgestellt, auch Wäsche zum Trocknen aufgehängt, und im Sommer wurde der obere Teil der Laube mit einer Reihe Blumentöpfe besetzt, was dem an sich wenig anziehenden Raume etwas Anmutiges verlieh. An dem einen Ende dieses Anbaues führte eine auf die Vorsetzen sich stützende Treppe hinab, deren unterste Stufen zur Zeit der Flut, blieb diese eine normale, vom Wasser überspült wurden. Herr Heidenfrei hatte diese Vorrichtung zu seiner eigenen Bequemlichkeit machen lassen, denn war seine Anwesenheit im Hafen nötig, so konnte er gleich hier in eine Jolle springen und sich rasch auf die Elbe hinausrudern lassen. Oft indes benutzte er der unbequemen Passage wegen diese Gelegenheit nicht, und in den letzten drei oder vier Jahren war es niemand mehr eingefallen, von der Laube aus in eine Jolle zu steigen. Dagegen bedienten sich ihrer die Schutenführer häufig, teils um auf der Treppe sitzend, ihr Frühstück zu verzehren, teils um über dieselbe nach dem Kontor zu gelangen, wenn sie hier irgendetwas zu besorgen hatten. Unmittelbar an die Laube stieß ein nicht großes, aber nett eingerichtetes Zimmer, das früher ausschließlich als Garderobe benutzt worden war, seit der Aufnahme Christines in die Familie aber dieser zur Unterbringung ihrer Habseligkeiten eingeräumt wurde. Das einzige, hohe und breite Fenster desselben sah hinaus auf die Laube. In diesem Zimmer hatten am Festabend alle Herren ihre Mäntel und Überwürfe abgelegt, weshalb es jedem zugänglich war. Treufreund ging an diesem Gemach vorüber, stieg ein paar Stufen hinauf, öffnete die unverschlossene Tür und trat hinaus auf die Laube. Noch immer regnete und stürmte es, und die Luft war so dick, daß selbst scharfe Augen wenig sehen konnten. Die himmelhohen Giebel der Speicher, die krumme Richtung des Kanals, dessen träge Wellen jetzt schwarz aussahen, und das Pfeifen des Windes, der mit Fensterläden klappte und die alten Wetterfahnen kreischend auf ihren rostigen Spillen drehte, gewährten einen fast schauerlichen Anblick. Es überlief den alten Buchhalter kalt, als er so einsam hinunterstierte in die trübe, gurgelnde Flut, während einzelne Regentropfen eisig kalt auf seinen nackten Schädel fielen. Er mochte ein paar Minuten so gestanden haben, als er wirklich eines Bootes ansichtig ward, das drei bis vier Häuser weiter, unter einer Laube an den Vorsetzen angekettet sein mußte. Denn es tanzte auf dem stark bewegten Wasser und blieb doch auf derselben Stelle. Bemannt jedoch war es offenbar nicht. Treufreund durchfröstelte die Nachtluft; auch fühlte er sich nicht verpflichtet zu untersuchen, wem dieses Boot wohl gehören möge und zu welchem Zwecke man es dahin geschafft habe. Es waren ja hundert Gründe denkbar, und viele Schiffer und Jollenführer ließen mit Absicht ihre Fahrzeuge in stürmischen Nächten an geschützten Stellen auf den Kanälen liegen. Zugleich vernahm er Rufen und schnelles Hin- und Herlaufen der Diener, woraus er schloß, die Vorstellung werde sogleich beginnen, das erste lebende Bild vielleicht schon hinter der bergenden Gardine gestellt sein. Er verließ deshalb seinen kühlen, windigen Ausschau und eilte heruhigter und in sich heiterer gestimmt, zur Gesellschaft zurück, als er sie früher verlassen hatte. Gerade bei seinem Eintritt in den Salon erklang die silberne Schelle des die Vorstellung leitenden Direktors, eine Rolle, welche Eduard zugefallen war, die Gardine flog auf und die Gesellschaft erblickte, sogleich in stürmischen Applaus ausbrechend, das schmucklose Zimmer Clärchens, der Geliebten des Grafen Egmont, in jenem entzückenden Moment, wo Clärchen, nachdem sie bewundernd die reiche spanische Tracht des teuern Mannes betrachtet, zu seinen Füßen sich niederläßt, in seinem Anblick schwelgend. Dieser Egmont war ein Mann von wahrhaft hinreißender Schönheit, dennoch aber verdunkelte er nicht das zu seinen Füßen hingesunkene, durch ihr wunderbares Entzücken gleichsam verklärte Bürgermädchen, in dem jeder sofort Elisabeth Heidenfrei, die gefeierte Tochter des Hauses erkannte. Den Grafen verriet schon der etwas dunkle Teint als Südländer. Don Alonso Gomez, der kaum eine glücklichere Wahl hätte treffen können, war ihm daran gelegen, unerfahrene Herzen unruhiger klopfen zu machen und mehr als eine Einbildung mit süßem Köder zu vergiften, repräsentierte den ritterlichen Grafen mit vollendeter Grazie. Als der Vorhang niederrollte, ließ Heidenfrei selbst, der in der vordersten Reihe der Zuschauer neben seiner Gemahlin saß, ein lautes Bravo erschallen und gab damit das Signal zu neuem, nicht enden wollenden Applaus. »Wie gefällt dir der Bursche?« fragte Anton seinen Kollegen Kurt. »Mich dünkt, es kann niemand einen Grafen besser spielen, wenn er nicht zufällig schon von Geburt zum Grafen gestempelt worden ist.« »Es freut mich, daß ich keine Schwester habe«, erwiderte der Gefragte. Anton sah ihn groß und ernsthaft an. »Ja gewiß«, fuhr Kurt fort, »ich meine es, wie ich's sage. Einem Mädchen, das einigemale mit diesem Pseudografen das Pseudo-Clärchen spielte, könnte es passieren, sich plötzlich, ohne es zu wollen und zu wissen, in das wirkliche Clärchen mit all ihren Schmerzen verwandelt zu sehen.« »Du hast schauerliche Einfälle«, sagte Anton ganz verstimmt. »Doch horch, die Schelle gebietet Ruhe und fordert zur Aufmerksamkeit auf.« Hinter dem aufrollenden Vorhang zeigte sich jetzt die junonische Gestalt der Jungfrau von Orleans in dem begeisterten Augenblick, wo sie, aus dem Schatten des Druidenbaumes hervortretend, Bertrand den Helm mit den Worten entreißt: »Mein ist der Helm und mir gehört er zu.« Die Repräsentantin dieser Jungfrau war eine vollendete Schönheit. Sie zeigte ein Ebenmaß der Glieder, eine schlanke Fülle der Formen, ein so edel geschnittenes Gesicht, wie man in solcher Vollkommenheit sie nur selten antrifft. Der Beifall der Zuschauer gab sich in einem leisen, bewundernden Ah! kund, die Darstellerin selbst aber erkannte oder kannte niemand. Nur einige wenige Eingeweihte wußten, daß dies beneidenswerte, schöne Mädchen Christine, die Tochter eines Quartiersmannes sei, sie waren aber vorsichtig und schwiegen, was unter der Damenwelt Anlaß zu den kühnsten Vermutungen gab, und auch die Herren stark beunruhigte; denn jene wollten doch um jeden Preis erfahren, wo eine Blume von so ungewöhnlicher Schönheit sich versteckt halte, und diese fühlten mehr oder weniger das Bedürfnis, dem schönen Mädchen Huldigungen darzubringen. Man glossierte noch darüber, als die Enthüllung eines dritten Bildes angekündigt wurde. Diesmal zeigte sich der schöngeformte Balkon eines südeuropäischen Palastes mit Oleandergebüsch, Myrten- und Orangenbäumen. Zwischen diesen stand eine feine Mädchengestalt mit reichen, dunklen Locken, die das schwärmerisch-milde Gesicht weich umhüllten. Sie beugte sich herab über den Balkon, um einem Jüngling, der in sehnsüchtiger Liebesglut zu der Göttlichen aufblickte, zum Abschied die zarte Hand zu reichen. Schöner, idealer und doch so ganz naturwahr konnte der Abschied Romeos von Julia, als der Anbruch des Morgens die Liebenden nötigt, ihr süßes Geplauder abzubrechen, nicht im Bilde dargestellt werden. Niemand erinnerte sich jemals auf dem Theater eine so kindlich naive und doch wieder so edle Julia gesehen zu haben, jeder gestand es offen zu, daß, wäre dem wirklichen Darsteller des Romeo ein Anstand und eine Äußerlichkeit verliehen, wie man ihn jetzt eben bewunderte, der Eindruck eines solchen Glücklichen auf die Zuschauer ein völlig unberechenbarer sein müsse. Die gewinnende Julia stellte Ulrike dar, und daß Romeo kein anderer sein konnte, als der unentbehrliche Don Gomez, das hatte dieser bevorzugte Mann diesmal mehr noch seiner Abstammung als der Gunst der Verhältnisse und den Wünschen derer zu verdanken, die bei Verteilung der einzelnen Rollen doch vorzugsweise gehört und auch möglichst erfüllt werden mußten. Eduard behauptete später, er habe nie geglaubt, daß weiblicher Eigensinn so sich verschwistern und treulich zusammenhalten könne mit verführerischem Bitten frommer Augen und klug versteckter Schelmerei. Die nächstfolgenden Bilder, ebenfalls Szenen und Situationen aus den Werken verschiedener Klassiker des In- und Auslandes vorführend, machten weniger allgemeines Aufsehen, obwohl sie alle gefielen. Endlich war das letzte Bild angekündigt. Neugierig heftete jeder den Blick auf die sich langsam hebende Gardine. Vor aller Augen lag das Innere der Hexenküche, wie sie Goethe im Faust beschreibt, Junker Satan mit dem Wedel in der Hand, saß höhnisch grinsend auf seinem Throne, Faust näherte sich dem geheimnisvollen Zauberspiegel, der beim Aufrollen des Vorhangs noch verhüllt, jetzt sich plötzlich erleuchtete, und in überirdischem Ätherglanz strahlend das entzückende Bild eines vollendet schönen Weibes in antiker Gewandung zeigte. Es war ohne Frage das gelungenste aller vorgeführten Bilder. Unter den Mitwirkenden erkannte man im Faust abermals den gefeierten Löwen der Gesellschaft, Don Alonso Gomez, während die Gesichtszüge der weich hingegossenen Frauengestalt auf die Darstellerin der Jungfrau von Orleans deuteten. Mephistopheles hatte sich zu gut maskiert, um erkannt werden zu können. Es war aber niemand anders hinter dem Schalk versteckt, als Anton. »Superbe!« sprach aufstehend Herr Heidenfrei und rief den schon verschwundenen Darstellern noch ein lautes Bravo nach. Nach und nach traten die bisher unsichtbar gewesenen Mitglieder der Gesellschaft wieder ein, die jetzt neues Leben, neue Unterhaltung in die schon ermüdeten Gruppen brachten. Von den Meisten aus Überzeugung, von einigen. die wenig Sinn für künstlerische Darstellungen und gar kein Urteil besaßen, aus Galanterie mit Lobsprüchen überhäuft, ernteten Elisabeth und Ulrike und besonders der Mexikaner, der mit siegesgewissem Übermut königlich stolz auftrat, den Dank für ihre aufopfernden Bemühungen. Nur die Schönste der Schönen, die ›Jungfrau von Orleans‹ und die Gestalt des Weibes im Zauberspiegel ward nicht sichtbar. Selbst wiederholte Fragen und der bestimmt ausgesprochene Wunsch einzelner, man möge doch der Gesellschaft dies seltene Geschöpf vorstellen, blieben wirkungslos. Die Meisten vermuteten in der Unbekannten eine fremde Künstlerin, und als Elisabeth endlich das Versprechen gab, man würde sie bei Tisch kennen lernen, wünschten alle das Zauberwort, welches die Flügeltüren des Speisesaales zu erschließen pflegt, das Wort: es ist angerichtet! zu vernehmen. Auch dieser Augenblick erschien. Die Paare ordneten sich, und erwartungsvoll trat die Gesellschaft in den prächtig dekorierten Speisesaal. Neugierig wartete man auf die verheißene Erscheinung der Unbekannten, die schon geraume Zeit in einfacher Tracht sich unter den Aufwartenden befand, in dieser verbergenden Hülle aber von niemand gesucht und entdeckt wurde. Die Überraschung, das Staunen war daher allgemein, als Heidenfrei selbst diese Dienerin als ›Jungfrau von Orleans‹ bezeichnete. Man fand diesen Scherz ganz allerliebst, glaubte aber doch, daß sich hinter der scheinbaren Dienerin eine Berühmtheit ersten Ranges verberge, die nur nicht bekannt sein wolle, um später, wenn sie öffentlich auftreten werde, desto größeres Aufsehen zu machen und jubelnden Applaus zu ernten. In dieser Annahme wurden sie noch bestärkt durch das aufmerksame, ja fast an Huldigung streifende Benehmen Don Alonsos, der zwischen Elisabeth und Ulrike, die ihn so würdig unterstützten, einen beneidenswerten Platz gefunden hatte. So oft Christine in die Nähe des Mexikaners kam, sagte er dem schönen Mädchen ein paar verbindliche Worte, die sie erröten machten und dadurch nur die keusche Weiblichkeit ihres ganzen Wesens noch mehr zur Geltung brachte. Die Unterhaltung mit seinen beiden reizenden Nachbarinnen vernachlässigte Don Gomez keineswegs. Das Gespräch stockte nie und war ein Thema erledigt, so wußte der Mexikaner in ungezwungenster Weise ein anderes anzuschlagen. Da er es liebte, junge Damen anzuregen, so strebte Don Alonso immer darnach, sie in Opposition zu versetzen. Dies gelang ihm auch jetzt wieder, als er die ganz aus der Luft gegriffene Behauptung aufstellte, Goethe habe bei Ausarbeitung des Faust an Calderon gedacht und sei durch dessen Mysterien erst darauf geführt worden. Man könne dies unzweifelhaft aus einzelnen Versen in Calderon ersehen, die in ganz ähnlicher Weise sich im Faust wiederfänden. »Sie sollen entscheiden, mein Fräulein«, sagte Don Alonso zu Elisabeth, »Sie und Ihre liebenswürdige Freundin.« »Aber woher einen Calderon nehmen? Ich besitze seine Werke nicht.« »Aber ich«, versetzte der Mexikaner. »Ich habe den Band mitgebracht und mir die Stelle bezeichnet, von der ich behaupte, der deutsche Dichter habe daraus Faustgedanken gesogen.« »Wo?« fragte Ulrike. »Zeigen Sie uns diese Stelle!« »Hier?« fragte Don Gomez. »Hier und jetzt? – Ja, wenn Sie wünschen –« »Gewiß!« unterbrach ihn Elisabeth ungeduldig. »Wo befindet sich das Buch?« »In meinem Mantel unten in der Garderobe. Aber wer kennt meinen Mantel, ich würde selbst –« »Ist nicht nötig«, sagte Elisabeth. »Ich denke, da kommt jemand, der Ihren Mantel kennt.« Christine näherte sich der Tafel. »Wenn das herzige Kind so lange entbehrt werden kann –?« »Warum nicht«, fiel Elisabeth ein. »Bitte, Christine«, flüsterte sie der Nahenden zu. Christine beugte sich zu dem Ohre ihrer milden, schwesterlichen Herrin und empfing freundlich nickend ihren Auftrag. »In der linken Seitentasche«, ergänzte Don Alonso. »Ich danke Ihnen schon im voraus und küsse in Demut und Verehrung Ihre Fingerspitzen.« Christine wurde purpurrot, Ulrike aber sagte in mißbilligendem Ton und mit bittendem Blick: »Sie quälen das arme Mädchen. Tun Sie es nicht mehr, wenn Sie mir einen Gefallen erweisen wollen, denn was soll das gutherzige Kind auf solche Worte erwidern.« »Eine Bitte von Ihnen ist mir Befehl«, erwiderte der galante Mexikaner. Inzwischen hatte Christine sich entfernt, die Gesellschaft in heiterster Stimmung zurücklassend. Aus einem als Gartenlaube dekorierten kleineren Zimmer ertönte jetzt Tafelmusik, die späterhin in Tanzmusik sich zu verwandeln bestimmt war. Dies angenehme Intermezzo gab den Gedanken der Gäste eine andere Richtung und es mochte wohl eine Viertelstunde vergangen sein, seit Christine nach der Garderobe geschickt worden war. »Unsere Jungfrau von Orleans bleibt lange aus«, bemerkte Ulrike. »Die Ärmste wird erst ein paar Dutzend Überwürfe bei Seite packen müssen, denn der Raum ist etwas beschränkt«, meinte Elisabeth. »Vielleicht auch verlockt sie die Neugierde, ein wenig in dem Buche zu blättern«, sagte Don Gomez. So scherzte man noch einige Zeit hin und wieder, zwischendurch den Klängen der Musik lauschend. Da aber trotz alles Wartens Christine noch immer nicht zurückkam und man sie bereits allgemein vermißte, ward Elisabeth besorgt. Vielleicht war ihr unwohl geworden und sie saß hilflos in dem dunstigen, engen Stübchen. Das gutherzige Mädchen beschlich plötzlich eine heftige Angst, sie winkte einem Bedienten und befahl ihm, sogleich hinunter in die Herrengarderobe zu gehen und nachzusehen, was Christine dort mache und wie es ihr gehe. Schweigend entfernte sich der Bediente. Nach wenigen Minuten schon kam er allein, blaß, sichtlich bestürzt zurück. »Gnädiges Fräulein«, sagte er leise, an allen Gliedern zitternd, »es muß ein Unglück geschehen sein. Fräulein Christine ist nicht in der Garderobe, aber alles darin befindet sich in der größten Unordnung und, was das Schrecklichste ist, das Fenster steht weit offen! Es ist doch unmöglich –« Elisabeth winkte dem Bedienten zu schweigen. Ulrike hatte ihren Platz schon verlassen, um Heidenfrei und dessen Söhne sogleich von dem Vorgefallenen zu unterrichten, obwohl sie selbst noch nicht wußte, was sich eigentlich zugetragen haben mochte. Dies alles konnte nicht ohne Aufsehen geschehen, denn ehe noch Eduard und Ferdinand die überraschende Kunde von Christines Verschwinden vernommen hatte, war Elisabeth schon dem vorauseilenden Diener gefolgt. Bald darauf trat der Vater mit den Brüdern ein, auch Ulrike erschien, später folgten Anton und selbst Don Alonso Gomez. Bei der sofort angestellten Untersuchung war auch nicht ein auffallendes, verdächtiges Zeichen zu entdecken. Das Fenster war nicht zerbrochen, sondern von innen geöffnet worden, weil es aber offen geblieben war, mußte man annehmen, daß die Verschwundene ihren Weg durchs Fenster genommen hatte, was noch in der Versicherung mehrerer Diener ihre Bestätigung fand, die alle erklärten, die Vermißte in das Zimmer gehen, nicht aber sie dasselbe wieder verlassen gesehen zu haben. Eine freiwillige Flucht anzunehmen, lag ganz außerhalb der Grenzen alles Denkbaren. Sie wurde gehalten, geliebt, gepflegt wie das Kind im Hause. Sie weilte gern daselbst und wünschte gar keine Änderung ihrer Lage. Es blieb also nichts übrig, als die Vermutung einer Gewalttat. Diesem Gedanken lieh zuerst der erschrockene Heidenfrei selbst Worte: »Man hat das Kind geraubt, entführt«, sagte er bestimmt. »Arme, unglückliche Eltern! Und ich selbst, wie bin ich beklagenswert! Meiner Obhut hat der besorgte Vater sie anvertraut und dennoch – o, es ist um den Verstand zu verlieren!« Heidenfrei war indes an ungewöhnlich eintretende Ereignisse zu sehr gewöhnt, als daß er sich lange vom Schmerz hätte bewältigen oder vom Kummer niederdrücken lassen. Rasches, energisches Handeln allein konnte möglicherweise von glücklichen Folgen sein. All' sein Denken war deshalb sogleich darauf gerichtet, die erforderlichen Schritte zu tun, um die Entführte und ihre Räuber zu greifen, ehe es ihnen gelang, das Weichbild der Stadt zu verlassen. Es hatte dies freilich deshalb große Schwierigkeiten, weil auch nicht die Ahnung irgendeines Verdachtes, viel weniger eine Spur vorhanden war. Heftig erregt trat jetzt mitten in die Gruppe der Bestürzten, zum Teil Entsetzten der alte Treufreund. Sein Auge glänzte geisterhaft, seine schmalen Hände zitterten. »Ich bin Schuld an dem Unglück des armen Mädchens«, rief er tief erschüttert. »Warum schwieg ich und war so unvorsichtig, statt hier Wache zu halten, wieder hinaufzueilen, um die Kurzweil mit anzusehen.« Don Alonso Gomez warf dem schwächlichen Alten einen haßerfüllten Blick zu. Heidenfrei bestürmte ihn mit Fragen, die Treufreund kurz und gegen seine Gewohnheit sehr bestimmt beantwortete, indem er in fliegender Hast erzählte, was ihm begegnet war, was er gesehen hatte. »Keine Frage, Christine ist entführt«, sagte Heidenfrei, »die Jolle, deren Rauschen Sie im Wasser vernahmen, hat das unglückliche Kind, Gott weiß in welche Diebshöhle, weiter befördert. Aber es ist noch gut, daß uns wenigstens dieser Fingerzeig gegeben ist. Die Jolle kann uns die Entführer verraten.« Mittlerweile waren Eduard und Ferdinand auf die Laube hinausgetreten und hatten beim Schein einer Laterne die Treppenstufen und die Laube selbst genau untersucht. Hier gewahrten sie trotz des Regens, welcher das Holzwerk angefeuchtet hatte, deutlich die Abdrücke großer Nagelschuhe, wie sie Schiffer häufig tragen. Auch an den Stufen der Treppe konnte man bemerken, daß einige Zeit ein starkes Boot sich an denselben gescheuert haben mußte. Endlich auch fand sich ein Stück Zeug an dem vorstehenden Ast eines der Vorsetzen. Hier mußte das Kleid der gewaltsam Entführten hängen geblieben sei, als das Boot abstieß. »Miguel!« raunte Heidenfrei verstohlen seinen Söhnen zu. »Ich weiß, dieser kecke, unternehmende Mensch hat geschworen, nicht eher zu ruhen, bis Christine in seinen Besitz gekommen sei!« Dieser betrübende Zwischenfall störte die ferneren Freuden des Festes, das unter so glücklichen Auspizien begonnen hatte und nun in einer grellen Disharmonie endigte. Heidenfrei ersuchte zwar seine Gäste, sich von dem Vorgefallenen nicht weiter beirren zu lassen, allein die verloren gegangene Stimmung kehrte nicht wieder zurück. Bald brachen einzelne, dann mehrere auf. Auch Don Gomez empfahl sich unter warmen Versicherungen seiner innigsten Teilnahme. Master Papageno war bald nach Entdeckung des Geschehenen in Gesellschaft mehrerer anderen Bedienten im Heidenfreischen Hause angekommen, um seinen Herrn abzuholen. Eine Stunde nach Mitternacht durchwandelten nur noch die nächsten Freunde der Familie die leeren Säle. 13 Es ist gegen Mitternacht. Auf dem Deck eines von den Küsten Südamerikas kommenden Schoners, der die Bremer Flagge führt, lehnt außer dem Mann am Steuer und der Wache am Bug, nur noch ein Mann auf der Leeseite und blickt über die Schanzkleidung hinaus bald auf die endlose Wasserwüste, bald empor zum Sternenhimmel. Noch glüht dort im Süden, aber nur wenige Mondbreiten über dem Horizont, das wunderbarste aller Sternbilder, das südliche Kreuz. Auf dieser Hieroglyphe des Himmels, die kein Europäer erblickt, ohne tief ergriffen und in eine anbetende Stimmung versetzt zu werden, ruht lange der Blick des Einsamen, der, wie jeder Seemann, in grober bequemer Jacke einhergeht, statt der üblichen Kopfbedeckung der Matrosen aber einen breitrandigen Pflanzerhut trägt. »Schiff in Sicht, Süd-Süd-Ost zu Ost!« ruft die Wache, und der Passagier wendet das Auge der angedeuteten Gegend zu. Gleichzeitig tritt, das Fernrohr in der Hand, der Kapitän auf Deck. Er beobachtet, über das Quarterdeck schreitend, den schnell sich nähernden Segler, dessen Masten schon sichtbar werden und das Fahrzeug als eine große, schnell segelnde Bark erkennen lassen. Eine Flagge ist noch nicht zu sehen und würde auch kaum erkennbar sein, da das helle Mondlicht blendet und die Segel breite, fliegende Schatten werfen. Nach mehrmaligem Auf- und Niedergehen wendet sich der Kapitän zu dem fast regungslos die Woge, den Nachthimmel und das herannahende Schiff still beobachtenden Passagier. »Wieder schlaflos, Herr?« redet er ihn im Vorübergehen an. »Werden Ihrer Gesundheit schaden. Die Nacht ist kühl, der Tau feucht und durchdringend. Können sich das Fieber holen.« »Fürchte ich nicht, Kapitän«, erwiderte der Passagier. »Ich kenne das Klima dieser Breiten und bin gegen alle Wettereinflüsse unempfindlich.« »Aber die menschliche Natur bedarf des Schlafes, um nicht zu ermatten.« »Sagen Sie lieber, die Natur der meisten Menschen. Es gibt auch Ausnahmen. Lassen Sie mich für eine solche gelten.« Der Kapitän ging kopfschüttelnd nach dem Vorderteil des Schiffes und überließ den seltsamen Passagier sich selbst und seinen Gedanken. Das fremde Schiff war inzwischen so nahe gekommen, daß man an Bord des Bremer Schoners bereits die ganze Takelage, ja die Zahl der Segel, die es aufgesetzt hatte, erkennen konnte. Dem wachthabenden Matrosen mochte die Zeit lang werden, weshalb er erst nur leise ein Seemannslied summte, dann aber einen damals sehr beliebten Matrosengesang mit heller, volltönender Stimme zu singen begann, daß es weithinaus verhallte. Der Kapitän stand wieder beim Mann am Steuer, warf einen Blick auf die Bussole unter der Laterne und sagte: »Einen halben Strich mehr Backbord, will das Schiff sprechen.« Klirrend ließ der Steuermann das Rad um ein paar Speichen abfallen, die Wogen brausten und schlugen gegen Bug und Stern, der Schoner wiegte sich langsam, wie ein Reiter im Sattel eines stark austrabenden Renners, die Segel bauschten stärker auf, daß Raaen und Spieren ächzten, und das fremde Fahrzeug kam näher in Sicht. Noch einige Minuten und der ganze Rumpf hob sich aus dem leuchtenden Schaum der sprühend verwehenden Flut. Der Kapitän setzte sein Sprachrohr an den Mund und rief: »Schiff ahoi! Aus welchem Hafen? Wohin bestimmt?« Es vergingen wieder ein paar Minuten, dann wippte ein dunkler Gegenstand am hintern Mast auf zur Gaffel und gleichzeitig dröhnte über das Meer herüber die dumpfe Antwort: »Hamburger Bark ›Marie Elisabeth‹, Kapitän Ohlsen, nach Buenos-Aires.« Der Bremer Kapitän nannte jetzt den Namen seines Schiffes und als Bestimmungsort Bremen selbst. Es kam von Rio. Von der Hamburger Bark klang es wieder zurück: »Alles wohl an Bord. Nichts Neues.« Es wurden noch einige Worte zwischen den Führern beider Schiffe gewechselt, dann mußte man die flüchtige Unterhaltung einstellen, denn die frische Brise trennte die Fahrzeuge ebenso schnell wieder wie sie sie einander nahe geführt hatte. Der Kapitän sah nach seinem Chronometer. »Zwanzig Minuten nach zwölf«, sagte er, einen Blick auf den Himmel und den Mond werfend, der in ungetrübter Klarheit seine Bahn wandelte. »Die Nacht bleibt schön«, fuhr er mit sich selbst sprechend fort. »Morgen Vormittag aber wird der Wind wahrscheinlich umlaufen und uns weniger gutes Wetter bringen.« Er näherte sich nochmals dem immer noch an derselben Stelle lehnenden Passagier, der den bläulich glänzenden Wasserstrudeln folgte, welche der Kiel des Schiffes aufrührte und die oft ein wunderbar schönes Farbenlicht entwickelten. »Wollen Sie mich begleiten, Herr?« fragte er. »Mitternacht ist vorüber.« »Sie sind gütig, Herr Kapitän, doch bitte ich, nicht auf mich warten zu wollen.« »Gute Nacht denn. Morgen erreichen wir die Kap Verdischen Inseln.« »Gute Nacht«, erwiderte höflich der Passagier, hüllte sich fester in seine Jacke, verschränkte beide Arme über der Brust und sah wie früher, unverwandt in das Rollen, Schäumen, Strudeln und Sprühen der Wogen hinab, die in vielgestaltigen Formen, bald bebende Hügelreihen bildend, bald als wogende Täler dem Schiff nahend, an den festen Planken des Schoners zerbarsten. Es mochten wohl zwanzig Minuten vergangen sein, da sah man von der Hamburger Bark nur noch die obersten Segel über den Wogen schimmern. Ein Seufzer entrang sich der Brust des Passagiers, der jetzt seinen Standort verließ, noch ein paarmal die Länge des Schiffes mit großen festen Schritten durchmaß, den Steuermann stumm grüßte und sich endlich ebenfalls zurückzog. Stark und muskulös von Körperbau, zeigte das ganze Äußere des Fremden, daß ein Leben voll Strapazen ihn nicht eben sanft gewiegt haben mochte. Die Züge seines sehr dunkelbraunen, große Energie verkündenden Gesichts waren streng, hart, tief gefurcht, mit vielen Narben bedeckt. Das etwas struppige Haar, auf dessen Pflege sein Besitzer schwerlich viel Zeit verschwendete, zeigte eine fahlgraue Farbe, der aller Glanz natürlichen Haares fehlte. Man konnte den Mann gern für sechzig Jahre halten, obwohl er möglicherweise jünger war, denn die stramme Haltung seines nervigen Körpers, der geierartige Blick seiner großen, in tiefen Höhlen liegenden dunkelblauen Augen verrieten, daß es ihm weder an physischen Kräften noch an einer unverwüstlichen Gesundheit mangele. In der Kajüte brannte die gewöhnliche von der Decke herabhängende Lampe, deren gedämpftes Licht gerade hinreichend war, um den kleinen Raum zu erhellen. Beim Eintritt war der Passagier, der einzige auf dem ganzen Fahrzeuge, das außer dem Kapitän neun Mann Besatzung hatte, sehr behutsam, um den Kapitän in seiner Koje nicht zu stören. Erst, als er diesen mehrmals laut husten hörte, tat er sich weniger Zwang an. Er öffnete mit einigem Geräusch die zum Zurückschieben eingerichteten Türen, eines kleinen, ihm nur zu seinem Gebrauch überlassenen Seitenraumes, der außer einem bequemen Lager, noch verschiedene Utensilien für den täglichen Gebrauch, einige Bücher, einen sehr großen Koffer und einen stark mit Stahlbändern umlegten und verschlossenen Koffer enthielt. »Wird es Ihnen doch endlich zu kühl auf Deck?« fragte der teilnehmende Kapitän aus seiner Koje, dem das merkwürdig ruhelose Wesen seines ziemlich einsilbigen Passagiers fast unheimlich vorkam. »Suchen Sie die Ruhe, denn ich sage Ihnen, Herr, in der nächsten Nacht wird uns der Wind schwerlich schlafen lassen.« »Ist mir sehr gleichgültig«, erwiderte der Passagier. »Ich kann schlafen, wenn ich will, also, wenn ich das Bedürfnis dazu fühle, und ich kann wachen, sobald ich mir sagen darf, daß nutzloser Schlaf ein freiwilliger Totschlag ist, den leider sehr, sehr viele Menschen an ihrer eigenen Seele begehen.« Der Kapitän war durchaus kein philosophisch gebildeter Kopf. Er hütete sich deshalb wohl, eine Bemerkung zu machen, die seinen wunderlichen Passagier vielleicht zum Sprechen bewogen hätte. Brummend vielmehr kehrte er sich in seiner Koje um und überließ dem Fremden für den Rest der Nacht die Kajüte zu beliebiger Benutzung. * Dieser erschloß jetzt seinen Koffer und entnahm demselben ein Paket. Dann setzte er sich auf das kleine schmale Sofa, welches an der Rückwand angebracht war, und löste die es umwindenden Schnüre. Außer einem Heft Papiere und einigen Briefen enthielt das Paket auch noch zwei in Gold gefaßte Medaillons. Der Fremde betrachtete eins derselben, eine zarte, ungemein liebliche Frauengestalt darstellend, in deren großen dunkeln Augen Schwärmerei und Leidenschaft sich begegneten, lange. Sein Mund zuckte krampfhaft während dieses Beschauens, die buschigen Augenbrauen, welche seine tief liegenden Augen überschatteten, zogen sich schmerzbewegt zusammen, und ein paar Tränen fielen nieder auf die braunen, gefurchten Wangen des Fremdlings. Er küßte das Bild und legte es tief aufseufzend bei Seite. Jetzt warf er auch auf das zweite Medaillon, auf dem sich das Brustbild eines in vollster Jugendkraft stehenden Mannes befand, einen Blick. Dieser Mann mußte schön gewesen sein und viele Augen auf sich gezogen haben. Aus dem blitzenden, freien Blick sprachen Selbstgefühl und Intelligenz; die hohe gewölbte Stirn verkündete Gedankenreichtum und Unternehmungsgeist. Auch dies Bild war lange Gegenstand ernster, wehmütiger Musterung. Plötzlich erhob sich der Fremdling, kehrte sich um, daß er sein eigenes Antlitz in dem über dem Sofa hängenden Spiegel betrachten konnte, und ballte im nächsten Augenblick seine Hand um das Medaillon, während er in ein heiseres, markerschütterndes Lachen ausbrach. Matt zusammenbrechend, entfiel das Bild seiner Hand. Er achtete nicht darauf. Die Hände ineinandergeflochten und über die Stirn gelegt, saß er schwer atmend da. Er war das verkörperte Unglück, das einsam, freundlos, ungekannt, in tiefer Nacht auf dem Ozean treibt, nachdem es zehnmal Schiffbruch gelitten im Leben und darin alles verloren. Ihn störte nicht das Rasseln und Klirren der Steuerkette; er achtete wenig auf den dumpfen Schall der Tritte, die von Zeit zu Zeit, wenn die Wache das Deck beschritt, hörbar wurden. Das Schiff flog unbehindert rasch über die Wogen, die es leicht, bald stärker, bald schwächer schaukelten, und diese wiegende Bewegung war dem einsamen Passagier eher angenehm als unangenehm. Als der Fremde seinen Schmerz überwunden hatte und wieder Herr über sich selbst geworden war, ließ er die Hände sinken, raffte beide Medaillons auf, ohne sie noch einmal eines Blickes zu würdigen, wickelte sie ein und legte sie wieder in das Paket. Hierauf griff er nach den Briefen, von denen er einen sehr langen, mehrere Seiten füllenden entfaltete. Am Ende desselben stand der Name Eduard Heidenfrei. »Nun, vielleicht wird es dennoch besser!« sprach der Fremdling, sich selbst ermutigend, »vielleicht blüht mir in meinem Alter noch jenes Glück, das nach dem Willen Gottes und dem Gesetze der Natur nur die Jugend zu pflücken und wirklich zu genießen berufen ist. Jetzt meinen sie es redlich mit mir; daß sie auch früher, als ich noch stark, willenskräftig, freimütig und unternehmend war, nur mein Bestes gewollt haben, will ich annehmen. Es nützt ja doch nicht, die lebendige Gegenwart mit dem Stickstoff der toten, verwesenden Vergangenheit zu vergiften. Den Brief entfaltend, begann er zu lesen: Bester Oheim! Über deine Antwort auf unsern ersten Brief haben wir uns alle sehr gefreut; vor allem beruhigte es die Mutter, zu erfahren, daß deine kräftige Natur gesiegt und du wieder in voller Gesundheit den Stürmen entgegentreten kannst, die etwa noch in der Zukunft drohen mögen. Der Vater, mit welchem wir Brüder deinetwegen, bester Oheim, lange und ernste Unterredungen gepflogen haben, ist keineswegs abgeneigt, auf deine Pläne einzugehen, nur wünscht er sie zuvor ihrem ganzen Umfang nach kennen zu lernen; du darfst ihm das nicht verdenken, Vater kennt Brasilien nicht aus eigener Anschauung, er kennt es nur aus deinen feurigen Schilderungen und unsern prosaischen Erzählungen. Auch liegt eine gewisse Wahrheit in der Behauptung des Vaters, daß es dir nach so langen Irrfahrten schwer fallen werde, ein umfassendes kaufmännisches Geschäft mit all der Liebe und eisernen Ausdauer zu leiten, die nun einmal zu dessen Gedeihen unerläßlich sind. Lasse dich trotzdem nicht abschrecken, der Vater willigt doch ein, denn es liegt ihm selbst zu viel an dieser Unternehmung, ja, er kann sie kaum mehr entbehren, weil sie der Christophorus des heimischen Geschäftes sein wird. Im nächsten Sommer besucht dich einer von uns Brüdern. Dann bereisen wir mit dir das Land, schließen mit der Regierung ab und tun den ersten Spatenstich zu der Kolonie, die keinen andern Namen als deinen eigenen tragen soll. Dort sollst du dann leben, regieren, unabhängiger und freier, als jeder König in Europa. Du wirst herrschen über die Herzen eines Volkes, dem dein Unternehmungsgeist Boden gegeben, dem du eine Zukunft gegründet, eine Heimat erobert hast. Man wird dich lieben, verehren, anbeten, wie einen segenspendenden Apostel, und in dem Bewußtsein, dies Erlösungswerk aus der Knechtschaft des Arbeitsdruckes, aus der Qual des Hungers für Tausende durch deine Energie begonnen zu haben, wirst du all die Schmerzen vergessen, welche deine Seele so tief verwundeten und dich verzweifeln ließen an der Menschheit! Sieh, bester Oheim, Bruder Ferdinand und ich, wir haben so unsere eigenen Pläne und tragen uns, wenn wir eine Stunde allein sind, mit wunderbaren Gedanken. Uns hat es immer verdrossen, daß so zahllose Menschen, denen es doch sonst weder an natürlichem Verstand noch an Kenntnissen fehlt, mit einer gewissen Geringschätzung auf den Kaufmann herabsehen. Da wirft man immer und immer wieder mit ›Pfeffersäcken‹ um sich, um das grob Gemeine recht roh auszudrücken, das angeblich leitendes Prinzip aller Kaufleute sein soll. Nun, ich will gern zugeben, daß es sehr, sehr viele eigennützige, gewinnsüchtige Naturen unter den Kaufleuten gibt. Kann aber diese im Verhältnis zum Ganzen doch immerhin geringe Anzahl den Stand selbst herabsetzen? Ich meinesteils habe von dem Handel und von denjenigen, welche dem Handel ihre Kräfte, ihr Leben aus innerem Triebe widmen, einen ganz andern Begriff. Wer mich ›Pfeffersack‹ schimpft, soll es tun auf sein Gewissen und seine Verantwortung hin. Ich sehe ein Lächeln über dein Gesicht gleiten, du Vielgeprüfter, das dem jugendlichen Schwärmer gilt, den du vielleicht bemitleidest. Ja, ich bin ein Schwärmer, und ich wünsche es zu bleiben, wenn Schwärmen nichts anderes ist, als Bausteine sammeln für das zukünftige Geschlecht. Aber ich will und muß abbrechen, da ich noch vielerlei anderes auf dem Herzen und dir mitzuteilen habe. – –  Der Lesende legte hier das Schreiben nieder und stützte sinnend die gebräunte Stirn in seine Hand. Kein Lächeln erhellte seine hart gewordenen Züge. Die großen, tiefen Augen richteten sich nach oben, als suchten sie dort an dem ungewissen Lichtgeflimmer der Lampe, die ihren matten Schein über das Deckengebälk der Kajüte ausgoß, eine Antwort zu lesen auf still hingeworfene Fragen. Nach einiger Zeit nahm der Einsame den Brief wieder auf und las weiter: Unser Familienleben, bester Oheim, ist seit dem Feste, das ein so betrübendes Ende nahm, stiller und einförmiger geworden als früher. Der Vater mißtraut jetzt fast allen Menschen, die er nicht ganz genau kennt, und erst, wenn er untrügliche Beweise von Treue oder Zuverlässigkeit in Händen hat, erschließt sich sein großes, menschlich gutes Herz, und von neuem leben alle Pläne der Vergangenheit wieder in ihm auf. Am meisten drückt den Vater der stille Kummer seines langjährigen Quartiersmannes um die noch immer nicht wieder gefundene Tochter. Wäre anzunehmen, daß sie verunglückt sei, so würde der brave Alte sich trösten und resolut fassen, wir sind aber durch unermüdetes Forschen zu der traurigen Überzeugung gekommen, daß sie höchst wahrscheinlich lebt, vielleicht in harter Gefangenschaft, vielleicht in glänzenden, aber entwürdigenden Verhältnissen. Ein frevle Hand hat die Unglückliche geraubt. Der meiste Verdacht ruht bis jetzt auf einem Matrosen, Namens Miguel, einem jungen Manne von höchst zweifelhaftem Charakter, und auf dessen Freunde, dem Steuermanne Andreas vom Schoner ›Adolphine‹. Beide jungen Leute waren befreundet und stellten dem jungen Mädchen, noch ehe dasselbe als Gesellschafterin unser Haus betrat, nach. Miguel, der von unbekannter neuspanischer oder halbportugiesischer Abkunft ist – seine wirkliche Heimat ist nicht bekannt – hatte sogar wiederholt in leidenschaftlichen Worten beteuert, daß er ohne Christine nicht leben könne. Auffallend ist es nun, daß sowohl Andreas wie Miguel in der Nacht, wo Christine aus unserm Hause geraubt wurde, ebenfalls verschwunden und zwar spurlos verschwunden sind. Gegen neun Uhr holte Andreas seinen Freund Miguel von seinem Schlafbaas ab. Sie flüsterten lebhaft miteinander, ehe sie fortgingen, und Andreas bat sogar den Baas, er möge bis nach Mitternacht auf sie warten, da sie erst um diese Zeit zurückkommen würden. Der Baas hat späterhin ausgesagt und seine Aussage sogar eidlich erhärtet, daß Miguel sehr finster, fast gefährlich wild ausgesehen und außer seinem gewöhnlichen Messer, das er stets bei sich getragen, noch einen kleinen zierlichen Dolch in die Falten seiner Schärpe gesteckt habe. Diese Anzeichen deuten auf eine Entführung des jungen Mädchens durch die genannten beiden jungen Männer. Etwas Weiteres, Verfänglicheres ist aber nicht ermittelt worden. – Von deinem Sohn, den du in Europa, ja sogar in Deutschland vermutest, haben wir bis zu dieser Stunde keine Spur zu entdecken vermocht. Die havanesische Firma muß entweder erfunden sein oder seit längerer Zeit nicht mehr bestehen. Man kennt sie nicht. Auf diesem Wege also wird die Ermittlung kaum möglich werden. Ja, wenn du irgendein Merkmal angeben könntest, das sich nicht verwischen läßt. Aber du bist ja kaum je im Besitz deines Kindes gewesen und hast also wahrscheinlich auch nicht darauf geachtet. Bitte, bester Oheim, schreibe unmittelbar nach Empfang dieses Briefes wieder und laß uns wissen, was du beschlossen hast. Wir müssen uns bald sprechen, womöglich noch in diesem Jahre. Die Wiederaufrichtung der Handlung drüben in Rio oder an einem andern Platz steht fest. Einer von uns Brüdern tritt die Reise dahin an, sobald du gesprochen und einen unumstößlichen Entschluß gefaßt hast. Von den Eltern, Bruder Ferdinand und meiner kleinen Schwester viele Grüße. Lebe wohl, bester Onkel, und lies dir aus diesem endlosen Schreiben so viele Grüße eines dir treu ergebenen Herzens heraus, als du brauchst, dich in deiner Einsamkeit zu stärken. Dein aufrichtiger Neffe Eduard Heidenfrei . * Die Lektüre dieses Briefes mußte Augustin Hohenfels, den einsamen Passagier, etwas beruhigt haben. Er sah heiterer, fast glücklich aus, und aus seinen großen Augen brach das sprühende Licht zündender Gedanken. Das Schreiben seines Neffen, den er persönlich ebensowenig kannte, wie manchen anderen, von welchem die Rede darin war, hatte des eigentümlichen Mannes ganzen Beifall. Augustin liebte Eduard, nicht weil er sein Neffe, das Kind seiner Schwester war, sondern weil aus den Worten des jungen, strebenden, denkenden Kaufmannes ihm sein eigenes Wollen und Ringen in frischer, schöner Jugendblüte entgegenschlug. Hohenfels fühlte sich gehoben und gestärkt durch die Mitteilungen seines Neffen, der jetzt gereifte Mann, den so viele Stürme nicht zu brechen vermochten, glaubte, sein Leben und Wollen könne doch nicht ein ganz verfehltes genannt werden. Augustin Hohenfels legte das Schreiben zu den beiden Medaillons und ergriff jetzt das starke Konvolut dicht beschriebener Papiere. Unschlüssig, ob er es öffnen solle oder nicht, saß er eine kleine Weile, dann löste er mit raschem Griff die Umhüllung und entfaltete ein Manuskript, das die Überschrift trug: › Aufzeichnungen aus meinem Leben. ‹ Wie er diese Worte und den Tag las, an welchem er die ersten Blätter derselben niedergeschrieben hatte, überrieselten sein Herz abwechselnd Schmerzens- und Wonneschauer. Noch zögerte er, und wohl dreimal zog er die Hand zurück von diesen Aufzeichnungen, als enthielten sie Gift, dessen bloßer Duft schon lähmend, wenn nicht tödlich wirkte. Augustin kam sich wie ein Totengräber, wie ein Geisterbanner vor, und in der Tat konnte er sich aus dem Einen in den Andern verwandeln. Es war sein Grabmal, dessen Deckel er aufgebrochen hatte. Da drinnen in der vergilbten Hülle dieser Papiere lag sein ganzes vergangenes Leben begraben. Da war der Mensch, der er einst gewesen, unbemerkt vermodert, in Staub zerfallen. Ihn herausnehmen, die Atome dieses Staubes jetzt wieder in einen Körper formen, hieß seinen eigenen Leichnam zu einer verfrühten Auferstehung zwingen. Und dann war er auch Geistesbanner; denn war auch der Leib seines Lebens verwest und verweht, wie die abgelaufene Stunde, der vergangene Tag unwiederbringlich vom Schlund der Zeit verschluckt worden ist, die Seele, welche diesen Leib belebte, diese Seele glimmte noch fort, ähnlich dem Funken unter der Asche, den ein leiser Atemzug wieder zu hell auflodernder Flamme anfachen kann. Rief er diese Seele wach, so stiegen die Geister der Vergangenheit vor ihm auf und zwangen ihn noch einmal, unter Jauchzen und Zähneklappern das Leben an sich vorüberziehen zu lassen, für das er bald geschwärmt, bald gelitten und geblutet hatte. Endlich siegte das Bedürfnis, seine Wünsche, die längst als bloße Chrysaliden der Zukunft in den Ecken seiner begrabenen Vergangenheit des belebenden Sonnenstrahles harrten, zu durchmustern, über den Widerwillen oder die Furcht, sich selbst Geißelhiebe beizubringen. Augustin Hohenfels schlug die Blätter auf und begann bald da, bald dort darin zu lesen. Ohne den Brief seines Neffen hätte der schwer geprüfte Mann sich schwerlich dieser Papiere erinnert, denn vieles mochte ihm jetzt in einem ganz andern Licht erscheinen. Dennoch leuchtete sein Auge, wie es aus den Schriftzügen des Jünglings sein vergangenes Denken erquickend der ermatteten Seele zuströmen fühlte. Augustin Hohenfels schob jetzt das Manuskript zurück und ließ träumerisch erschöpft, halb freudig bewegt, halb in Trauer sich hüllend, das Haupt sinken. Trümmer einer untergegangenen Welt! dachte er. Wer achtet ihrer jetzt, wo die Zeit ihren Moderschutt darüber gebreitet hat, und Nesselkraut, Distel und Dornen daraus wuchern? Es wäre besser, sie existierten nicht, denn sie wecken nur das Gefühl des Heimwehs nach einem längst Vergangenen, das nie wiederkehrt. Und nun? . . . Enttäuscht, an hundert Klippen gescheitert, treibt mich die Sehnsucht der alten Welt wieder zu, um dort einen Halt in strebender Jugend für meinen gebrechlich werdenden Willen zu finden! . . . O, möchte ich diesmal nicht getäuscht werden! Möchte der Hauch des mir verwandten Geistes, der aus Eduard Heidenfreis Brief meinem Herzen tausend neue Hoffnungsblüten zuwehte, mich nicht betrügen! Wer weiß, ob dann nicht unter den pflegenden Händen des Oheims und Neffen doch noch ein Teil der Gedankensaat keimte, blühte und reifte, die unser gemeinsames Erbteil, unsere Lebensaufgabe ist, und deren Verwirklichung wir alles, selbst Blut und Leben, zum Opfer bringen sollen . . . Ermüdet schloß Augustin Hohenfels die vergilbten Blätter wieder in den Koffer. Der Mann am Steuer über ihm summte ein Seemannslied, der Kapitän in seiner Koje schnarchte. Hohenfels lehnte sich zurück in die Sofaecke, und seinen Gedanken sich hingebend, fiel auch der abgehetzte Wanderer alsbald in festen Schlummer. 14 In derselben Nacht waren zwei Männer an Bord der Bark ›Maria Elisabeth‹, von denen der eine fast noch dem Jünglingsalter nahe stand, in ein ernstes Gespräch vertieft. Der Jüngere der beiden Männer handhabte das Steuerrad. Außer dem wachhaltenden Matrosen, der im Vorderteil des Schiffes auf- und abging. störte niemand die nächtliche Ruhe an Bord. Diese Ruhe, der sternbeglänzte Himmel, die leuchtende See, deren sanftwogende Fläche die wunderbarsten Farbenspiele enthüllte, waren wohl geeignet, die Herzen Befreundeter zu erschließen. »Mir bangt vor meinem Vater«, sagte Paul Behnke, der sein Steuermannsexamen gemacht hatte und zum ersten Male als Untersteuermann nach Südamerika fuhr. »Leicht gibt der Vater sich nicht, denn er hat einen starken Willen und seine Natur kann auch etwas ertragen; wenn aber Tag für Tag ein Wurm an unserm Herzen frißt, und der Kummer nie mehr die Schwelle unseres Hauses verläßt, da schwindet zuletzt auch die rüstigste Kraft. Und stirbt man auch nicht gleich vor Gram und Kummer, so wird man doch hinfällig, siech, elend davon.« »Es ist und bleibt eine merkwürdige Geschichte‹, versetzte Kapitän Ohlsen, »und noch bis auf diesen Augenblick bin ich der Meinung, die Schuldigen sind ganz wo anders zu suchen, als wo man sie vermutet.« »Meine Schwester kannte doch niemand«, warf Paul ein. »Desto mehr war sie gekannt«, sagte Ohlsen. »Sieh, mein Junge«, fuhr er vertraulich fort, »ich kann dir nicht verschweigen, daß wir alle, die wir alter Gewohnheit gemäß, gegen Abend das Baumhaus zu besuchen pflegen, ein liebes Auge auf deine Schwester hatten, wenn wir ihrer ansichtig wurden. Und dies Glück hatten wir häufig, als Christine noch daheim verweilte. Etwas Schlimmes hatte von uns freilich sicherlich niemand im Sinne, obwohl sich mancher eine so herzige, schöne, anmutige Frau wünschen mochte. Du weißt aber, lieber Junge, es gibt in Hamburg verschiedene Sorten von Menschen. Eine der schlimmsten und gefährlichsten für jedes junge Mädchen sind jene reichen, vornehmen Wüstlinge, die vor lauter Übermut nicht wissen, was sie beginnen, wie sie sich die Zeit vertreiben sollen. Glaubst du, ein so auffallend schönes Mädchen wie deine Schwester, sei den ewig umherspürenden Augen dieser Lüstlinge entgangen? Denk' nicht daran! Warum sonst brachte sie dein Vater in das Haus des reichen Reeders?« »Ich kenne die Gründe des Vaters«, erwiderte Paul, »und weil der Vater offen mit mir über Christine sprach, mir auch nicht verschwieg, daß ein junger Ausländer ihr im Ernst Anträge machte, billigte ich die Ausführung seines Vornehmens.« »Warum aber mußte Christine gerade in das Heidenfreische Haus?« »Warum?« wiederholte Paul. »Konnte es denn irgendwo sonst für ein junges Mädchen von anziehendem Äußern einen bessern Zufluchtsort geben?« »Das weiß ich so genau nicht«, versetzte Ohlsen, »ich denke nur, gerade in damaliger Zeit war ein gar zu großer Zusammenfluß von Menschen im Hause des Reeders, und wollte jemand etwas Ungewöhnliches unternehmen, so ließ sich dies inmitten einer zahlreichen, glänzenden Gesellschaft, die vorzugsweise ihre ganze Aufmerksamkeit dem Genuß zuwendete, am leichtesten, sogar ohne allzu große Gefahr, entdeckt oder auf der Tat ertappt zu werden, ausführen. Bedenke nur, welch ein Schwarm junger reicher Herren, unter denen ich verschiedene als solche bezeichnen könnte, deren sittlicher Ruf nicht gar fein ist, waren an jenem Abend zugegen!« »Es ist aber doch erwiesen, daß nicht ein einziger von allen Gästen, ja nicht einmal einer der jüngeren Hausgenossen um die Zeit, wo meine Schwester verschwand, die Gesellschaftsräume verlassen hatte. Ließe sich auf irgend jemand ein Verdacht werfen, so würde man die strengste Untersuchung gegen den Verdächtigen eingeleitet haben. Wir aber wissen, du selbst nicht ausgenommen, daß bis zum Tage unserer Abreise niemand eines derartigen Verdachtes bezichtigt werden konnte.« »Du scheinst demnach die Ansicht derer zu teilen, die, wie ja auch dein Vater, entweder Andreas oder den rätselhaften Miguel, vielleicht gar beide in einer Person für Christines Räuber halten?‹ »Wird man nicht dazu gezwungen?« erwiderte Paul. »Deutet nicht alles darauf hin, daß diese beiden zu Freveln aufgelegten Unbesonnenen die verbrecherische Tat vollbracht haben? Beide hatten meine Schwester gewissermaßen verfolgt, beide liebten sie vielleicht, beide waren im Hause meiner Eltern, nachdem Christine es verlassen, und bestürmten erst den Vater, später, als dieser sie kurz und derb abwies, die Mutter mit Bitten, ihnen doch nur von Zeit zu Zeit, alle drei oder vier Wochen, einmal den Anblick Christines zu gönnen. Sehr verstimmt, sich nur mit Mühe lauter Drohungen enthaltend, verließen sie unsere Wohnung, da ihnen auch dies Verlangen mit Entschiedenheit abgeschlagen wurde. Keiner kehrte zurück; Andreas wendete meinem Vater den Rücken, wenn er ihm zufällig begegnete. Er wollte ihn nicht mehr kennen und zürnte ihm offenbar als nachtragender, auf Rache sinnender Feind. Noch auffälliger benahm sich der leidenschaftliche Miguel. Dieser knüpfte mit einem als bösartig bekannten Malayen an, der mancher schlechten Streiche wegen schon ein paar Mal bestraft worden war, trieb sich, was er früher nie tat, in den besuchtesten Tanzsalons auf dem Berge herum, und benahm sich ganz wie ein Mensch, dem man alles zumuten darf. Endlich aber haben mehr denn zwanzig Personen Andreas und Miguel einige Tage vor dem Fest teils flüsternd vor dem Hause des Reeders stehen, teils zu verschiedenen Malen in einem Boot den Kanal, welcher dessen Speicher bespült, befahren sehen. Und damit beinahe aller Zweifel beseitigt werde, verschwinden die Verdächtigen gleichzeitig mit der Geraubten, und nie wieder hat eines Menschen Auge weder meine arme Schwester, noch ihre wahrscheinlichen Entführer gesehen!« »Dies alles, mein Freund, verdächtigt sie sehr stark, kann sie aber noch lange nicht überführen. Wo in aller Welt sollen zwei junge Leute, die kein Vermögen besitzen, mit einem jungen, zierlich gekleideten Mädchen bleiben, das noch dazu nur mit Gewalt zurückgehalten werden kann? Verschwinden, unsichtbar machen können sie sich doch allesamt nicht. Irgendwo also müssen sie doch geblieben sein. Nun haben aber alle Nachforschungen, wie wir leider wissen, zu gar keinem Resultat geführt, weshalb man folgerichtig zu dem Schluß gekommen ist, die drei Verschwundenen hätten ihr Heil wahrscheinlich auf dem Wasser gesucht und in einem überseeischen Lande den Arm deutscher Gerechtigkeit nicht weiter zu fürchten.« »Mir scheinen diese Voraussetzungen und Vermutungen sehr wohl begründet zu sein«, sagte Paul. »Und ich gestehe ganz offen«, fuhr Ohlsen fort, »daß ich mir etwas Unwahrscheinlicheres gar nicht denken kann.« »Weil du Andreas gern weiß brennen möchtest«, erwiderte etwas gereizt der junge Steuermann. »Er war dir befreundet, ihr habt eine Zeitlang zusammen in Lima gelebt und seid vergnügt gewesen; du gewannst ihn lieb und denkst gern das Beste von einem Bekannten. Das ist ehrenwert, das achte ich, kann aber die Verdachtsgründe, die nun einmal in überwiegender Menge gegen Miguel und Andreas vorliegen, bei mir nicht abschwächen.« »Ich begreife dein Vorurteil und fühle deinen Schmerz!« versetzte vollkommen ruhig auf diese hastig gesprochenen Worte Pauls der Kapitän, »indes ließe sich nicht der Fall denken, daß nicht nur deine Schwester entführt sei, sondern daß gleichzeitig die beiden Bewunderer dieser Schönheit dem nämlichen Schicksal verfallen seien?« Paul frappierte dieser Einwurf Ohlsens dergestalt, daß er einen Augenblick die Speichen des Rades gleiten ließ. Der Kapitän drehte sie zurück und zwang das leicht abfallende Schiff in den eingehaltenen Kurs. »Eine kühne und wirklich ganz neue Idee«, sprach nach einer Weile Paul mit finsterer Miene. »Kühn?« versetzte der Kapitän. »Nicht im geringsten. Neu mag ich sie auch nicht nennen; wenn aber meine Vermutung richtig wäre, so müßte man zugeben, daß sie einem sehr klug berechnenden Kopf ihre Entstehung zu verdanken haben würde.« »Um so schlimmer!« seufzte Paul. »Je schlauer der oder die Räuber sind, desto gewisser ist die Unglückliche verloren!« »Verloren geb ich nur das, was ich wirklich in Trümmern, zerbrochen und zerschlagen vor mir liegen sehe. Überdies ist deine Schwester weder feig, noch leicht zu lenken. Vor ihr bangt mir wenig, besonders, wenn meine Vermutung richtig ist. Denn daß ichs offen sage: ich glaube, Christine lebt noch heute so gut wie deine Eltern in oder bei Hamburg, und derjenige, der das Wagestück unternahm, müht sich vergebens ab, die widerspenstige Ariadne zu versöhnen, ihre Gegenliebe zu gewinnen.« Paul richtete noch mehre Fragen an Ohlsen, um zu erfahren, ob dieser für seine Vermutungen Gründe angeben könne, der Kapitän jedoch weigerte sich entschieden, weil ihm zur Zeit noch nicht hinreichende Verdachtsgründe vorlägen, um eine bestimmte Persönlichkeit namhaft zu machen. Nur die Behauptung stellte er, sie scharf betonend, noch einmal auf, daß die Entführer aller Wahrscheinlichkeit, ja, seiner vollsten Überzeugung nach, in den höchsten Kreisen der Gesellschaft, nicht unter verliebten Seeleuten und Matrosen ohne Mittel und ohne reich bezahlte Helfershelfer, zu suchen sein müßten. Paul versank in schweigendes Nachdenken, sein Augenmerk nur auf die Führung des Steuers und auf die Bussole richtend, deren nie ruhende Nadel dem Schiff in der tropischen Nacht die Wandelbahn zeigte. Ohlsen überließ den jungen Mann, von dem er für die Zukunft Großes erwartete, seinen eigenen Gedanken. Er hatte, da Paul von selbst das Gespräch auf die mysteriöse Geschichte brachte, es für seine Pflicht gehalten, ihm unverhohlen seine Ansicht darüber mitzuteilen, da er glaubte, der Bruder der Verschwundenen werde nicht verfehlen, schon im nächsten Hafen etwas über das Vernommene an die Seinigen zu berichten. 15 Sechs Monate hatten in der Familie Heidenfrei keine wesentlichen Veränderungen hervorgebracht. Schon seit Wochen lebten die Frauen wieder auf dem malerisch gelegenen Landsitz an der Elbe, während der Chef des Hauses und dessen Söhne es vorzogen, ihren bleibenden Aufenthalt in der Stadt beizubehalten. Nur des Abends kam gewöhnlich der Vater mit einem seiner Söhne zu den Seinigen aufs Land, das beide schon am frühen Morgen wieder verließen. Der einzige Tag, welcher die ganze Familie zusammenrief, war der geschäftsfreie Sonntag. Heidenfrei vermied es, von den Vorgängen jener Nacht zu sprechen, die ein so beklagenswertes Ende genommen. Er selbst wußte sich so frei von Schuld wie alle übrigen Hausgenossen. Der wackere Behnke war vom ersten Augenblick an, wo ihm die Trauerkunde überbracht wurde, fest überzeugt gewesen, es habe kein anderer als Miguel die räuberische Hand nach seinem Kinde ausgestreckt. Diese Ansicht trug sehr viel auf den ganzen Gang der angestellten Nachforschungen bei, die natürlich diejenige Richtung verfolgten, welche von den am nächsten Beteiligten als die wahrscheinlichste und am ehesten zu einem günstigen Resultat führende bezeichnet wurde. Anfangs wurde jeden Tag von Christine gesprochen. Als aber Wochen und Monate vergingen, ohne daß der Aufenthalt der Verschwundenen entdeckt werden konnte, gedachte man ihrer selten, zumal das rege Geschäftsleben und eine Menge großer, weitgreifender Unternehmungen, welche die Zeit und Aufmerksamkeit aller im Kontor des Reeders Beschäftigten ausschließlich in Anspruch nahmen, das Vergangene weit in den Hintergrund zurückdrängten. Nur Elisabeth und Ulrike sprachen häufig über Christine, deren Gegenwart ihnen überall fehlte. Sie ließen auch nicht nach, unter der Hand zu forschen und nachzufragen, und in diesem löblichen Streben fanden sie ganz in der Stille bereitwillige Unterstützung bei Anton, namentlich aber bei Treufreund, der seit Christines Verschwinden einen Hang zur Schwermut nicht mehr ganz loswerden konnte. Diese beiden Herren waren auch eine Augenweide und ein wahrhaft erhebender Trost für Jacob, der rastlos arbeitete, unverdrossen auf den Vorteil Heidenfreis sah, dessen Haar aber unter dem Kummer sichtlich erbleichte. So oft der alternde, um vieles magerer gewordene Quartiersmann in das Kontor trat, fand einer oder der andere Gelegenheit, ihm ein paar freundliche Worte zuzurufen, ihm für einen geleisteten Dienst oder einen rasch und pünktlich vollzogenen Auftrag zu danken. Nach und nach hatte sich die Kunde von dem Wiedererwachen Augustin Hohenfels', des Verlorenen, auch unter den Kontoristen verbreitet, und zwar nach dem ausdrücklichen Wunsch Heidenfreis, da es diesem zweckmäßig schien, dem Bruder seiner Frau mit der Zeit abermals den Eintritt in das Geschäft zu eröffnen. Er konnte das jetzt um so eher tun, als Hohenfels durch schwere Erfahrungen milder und leidenschaftsloser geworden sein mußte, und in der Person einer seiner Söhne demselben immer eine Art Moderator an die Seite gegeben werden konnte, falls Augustin, wie Heidenfrei hoffte, in Amerika bleiben werde. Die einleitende Schritte zu treffen überließ der Reeder seinen Söhnen. Beide kannten Amerika und auf beide war, wie man dies so häufig zu beobachten Gelegenheit hatte, ein Zug des Onkels übergegangen, der, in einem jugendlichen Herzen Sprache gewinnend, den schwer geprüften Mann eigentlich ergreifen und für Heidenfreis größere Zwecke einnehmen mußte. Bald nach dem Abgang des Schreibens Eduards, das Augustin Hohenfels veranlaßte, eine Reise nach Europa anzutreten, wurden Heidenfrei sehr vorteilhafte Anerbietungen in einem großartigen Getreidegeschäft gemacht. Kaufmännisch betrachtet konnte es nicht leicht ein lukrativeres Unternehmen geben, denn schlug es ein, wofür fast untrügliche Anzeichen vorhanden waren, so wurden binnen wenigen Monaten enorme Summen verdient. Freilich aber konnte auch durch ein plötzliches Umschlagen der Konjunkturen ebensoviel verloren gehen. Heidenfrei war in allen Unternehmungen ein besonnener, leidenschaftsloser, kalt berechnender Geschäftsmann. Diesen Eigenschaften verdankte er sein auffallendes Glück. Er hatte bisher immer höchst vorteilhaft spekuliert, so daß mancher seiner Kollegen ihm ein eigentümliches kaufmännisches Ahnungsvermögen, eine Art merkantiler Prophetengabe zuerkannten. Dies sichere Zugreifen machte ihn zuversichtlich, und da er in der Tat einen großen kaufmännischen Blick besaß und sich niemals an Kleinigkeiten stieß, so wagte er nicht selten mehr als andere, die über gleich große Mittel verfügen konnten und selbst den Rückschlag eines verunglückten Unternehmens nicht zu fürchten brauchten. Um nicht in den Verdacht übereilten Handelns zu geraten, besprach er die ihm gemachte Offerte mit seinen Söhnen, die er, seit beide mündig waren, stets bei jedem großen Unternehmen zu Rate zog. Zu Heidenfreis großer und freudiger Genugtuung gingen diese mit Lebhaftigkeit darauf ein, und so wurde denn der Abschluß des Geschäftes beschlossen. Als Vermittler hatte das Haus Heidenfrei mit einem bekannten, sehr reichen Hofbesitzer in der Kremper Marsch zu verhandeln, der zuweilen, doch nur, wenn er mußte, seinen gewaltigen Hof verließ und persönlich nach Hamburg kam. Dieser Mann namens Diek-Johann, der in früher Zeit wohl ein Spitzname gewesen sein mochte, bis die Besitzer ihn sich wirklich beilegten, war ein naher Anverwandter des lebenslustigen Julius, dessen Mutter ebenfalls aus der Marsch stammte, und Julius hatte zuerst dem Hause Heidenfrei einen Wink durch seinen Freund Anton von dem gewinnverheißenden Unternehmen gegeben. So kam es, daß auch Antons Ansicht, wenigstens beiläufig, gehört wurde, die natürlich nur ermunternd ausfallen konnte. Es war ein nebelgrauer, kalter, windiger Tag Anfang März. Die Elbe trieb noch vereinzelte Eisschollen, die mit dem hohen Oberwasser aus dem Innern des Landes herabkamen. Die Unterelbe war schon mehrere Tage eisfrei und die Schiffahrt bereits wieder eröffnet. Der Marschbauer Diek-Johann hatte durch seinen Verwandten Julius bei dem Reeder anfragen lassen, wann es diesem genehm sei, das bereits halb und halb abgemachte Geschäft vollends zum Abschluß zu bringen. Heidenfrei bestimmte dem gewichtigen und als eigensinnig bekannten Mann eine Stunde und gab Befehl, ihn nicht ins Kontor, sondern in sein Privatzimmer zu führen. Er zog es vor, das Unternehmen nur im Beisein seiner Söhne abzuschließen, damit nicht jeder davon Kenntnis erhielt. Konnte man doch ohnehin nicht wissen, ob der harte Dithmarscher Kopf sich leicht den Vorschlägen fügen werde, welche der Handelsherr ihm zu machen gedachte. Genau zur angegebenen Stunde hielt der offene, mit zwei prächtigen Füchsen bespannte Stuhlwagen des Hofbesitzers vor Heidenfreis Haus. Diek-Johann besuchte Hamburg immer nur im eigenen Wagen, der zwar nicht besonders elegant, dafür aber desto dauerhafter und gut gehalten war. Ein untersetzter, breitschultriger Mann, mit einem wahren Stiernacken und feistem Gesicht, aus dem zwei kleine, graue, stechende Augen unter starken Brauen fest und sicher in die Welt blickten, stieg aus. Er trug über seiner gewöhnlichen Kleidung noch einen festen, steifen Regenmantel, wie ihn die Lotsen führen, und statt des üblichen runden Hutes einen niedrigen, mit breiter Krempe, dessen Wachstuchüberzug die Nässe abhielt. Die Füße steckten in bequemen, an den Knieen niedergeklappten Wasserstiefeln. Das war der reiche Diek-Johann, ein pfiffiger Getreidehändler. Es war diesem feisten, stramm auftretenden Dithmarscher anzusehen, daß, wer ihn übervorteilen wollte, früh aufstehen müsse. Heidenfrei kannte indes seinen Mann und war als vorsichtig handelnder Kaufmann längst mit sich im Reinen über die Bedingungen, die er dem Händler bieten könne. Ihm war die Zeit der Ablieferung und die Qualität des Getreides, von dem er Proben besaß, die Hauptsache. Diek-Johann hätte kein Dithmarscher Bauer sein müssen, wären ihm Gewinn und Verlust gleich gewesen. Verdienen, möglichst viel verdienen, das war für ihn der Zweck des Lebens, wer andere Gedanken hegte, andere Bedürfnisse kannte, den verachtete er gründlich. Er ließ ihn kaum für einen vollen Menschen gelten und würde ihn schwerlich lange neben sich geduldet haben. Knauserig aber war Diek-Johann nicht. Wie er es liebte, gern viel Geld zu verdienen. so ließ er auch gern etwas draufgehen. Vom Reden hielt er wenig, deshalb war er meist schweigsam und machte wenig Worte. Er war aber geduldig im Anhören der Reden anderer, und konnte ohne eine Miene zu verziehen, Viertelstunden lang einen Dritten sich abmühen lassen. Hatte er wirklich eine Einwendung zu machen, so unterbrach er den Redner mit einem stereotypen: »Süh so! Hoal stop!« Und dann legte er mit wenigen klaren Worten seine eigene Ansicht offen dar. Die Unterhandlungen Heidenfreis und seiner Söhne mit diesem originellen Mann verliefen viel rascher, als der Reeder erwartet hatte. Diek-Johann sah auf der Stelle, daß er einen Kaufmann großen Stils vor sich habe, der nicht um Kleinigkeiten feilsche, und so war das rein Geschäftliche erledigt, ehe beide Parteien es vermuteten. Ganz zufrieden und doch auch halb verwundert schloß der Dithmarscher das für ihn so rentable Geschäft mit seinem Wort: »Süh so! Hoal stop!« Er reichte dem Reeder wie dessen Söhnen zur Bekräftigung der Abmachungen die Hand und erklärte sich mit den kaufmännischen Formalitäten, deren Heidenfrei noch erwähnte, vollkommen einverstanden. Der Reeder freute sich, diesen Mann, von dem er schon oft gehört hatte, näher kennen gelernt zu haben, und überschlug schon jetzt die Vorteile, welche sich aus dieser neuen Bekanntschaft für ihn ergeben könnten. Diek-Johann war nicht weniger zufrieden und lud den Kaufmann ein, ihn in der Marsch zu besuchen. »Ja, mein Lieber«, erwiderte Heidenfrei auf diese Einladung, »es wäre mir ganz angenehm, Ihr Gewese in Augenschein zu nehmen. Wären nur die Wege in Ihrem gesegneten Lande etwas besser. Von diesen Marschwegen aber habe ich so viel Schlimmes erzählen hören, daß uns Stadtbewohnern Angst werden kann.« Zum ersten Male erheiterten sich die Züge des reichen Marschbauern. Er nickte zustimmend mit dem Kopf und sagte: »Man hat die Wahrheit gesagt. Unsere Wege gehören nicht zu den besten. Damen in feinem Schuhwerk und elegante Herren führen bei uns einen bannig schlechten Wandel. Hat aber sein Gutes, meine ich. Wer stecken bleibt in unserm Kleiboden, der muß aushalten, bis jemand kommt und ihn frei macht. Gab letzthin eine nette Geschichte das – haben viel darüber lachen müssen abends beim Tricktrack. – Süh so, hoal, stop!« Diek-Johann pustete, daß sein gewaltiger Brustkasten dröhnte, denn eine gleich lange und zusammenhängende Rede hielt er selten und tat er es, so war dies ein sicheres Zeichen, daß er ungewöhnlich gut bei Laune war. Hätte dies jemand bezweifeln wollen, so würde das herzhafte und zugleich herzliche Lachen ihn eines Besseren belehrt haben. »Darf man nicht Mitwisser dieser Geschichte sein?« fragte Heidenfrei, um noch etwas von dem originellen Hartkopf aus der Marsch erzählen zu hören. »Warum nicht, Herr Heidenfrei«, versetzte Diek-Johann, »will erzählen, was ich noch davon weiß.« – Er dachte eine Weile nach, dann begann er aufs Neue. »Recht, so war es; besinne mich deutlich. Ist mir, als sei's erst vorgestern passiert.« Er hustete, holte tief Atem und pustete, ehe er weiter sprach. »Mitte November – der Tag ist mir entfallen – war ein bannig grimmiges Nebelwetter. Es regnete fein und doch so dicht, als wäre der ganze Himmel ein großes Haarsieb und das halbe Weltmeer brandete von oben hinein. Auch wehte es scharf aus Südwest, daß ein einzelner Mensch auf dem Seedeich schier wuchtig auftreten mußte. Wer aber mit Wind und Wasser, mit Sumpf und Kleiboden nicht umgehen kann, der mag wohl in der fetten Erde, die uns Eingeborenen gut gefällt, zu Schaden kommen. Meine, es wäre passiert, ohne mein und meiner Nachbarn tätliches Einschreiten.« »Es handelt sich um eine Lebensrettung?« fragte Heidenfrei aufmerksamer. »Ungefähr läuft es auf so was hinaus. War aber doch zu spaßig anzusehen, wie sie so im Dreck saßen und einander bannig wilde Gesichter schnitten.« »Wer befand sich denn in einer so fatalen Situation?« fragte Ferdinand. »Wer?« fuhr Diek-Johann fort. »Darauf mag der Wind Antwort geben. – Aber süh so – das wars . . . Ich sitze gerade beim Mittagessen, da tritt eine der Mägde herein und sagt: ›Baas, an der Bohnenkoppel, wo der Fußsteig nach dem Binnendeich über drei Gräben führt, heults, als ob ein paar Teufel mit verdammten Nixen sich zankten.‹ Dachte mir gleich, es möchten ein paar Verunglückte sein. Stehe also auf, stülpe mir einen Hut auf den Kopf, nehme Springstock und ein paar Taue mit und trete hinaus ins Freie. War bannig scharfes Novemberwetter – hörte die Elbe hinter dem Deich toben. Viel Wasser vom Oberland, alle Gräben zum Überlaufen voll. – Wie ich nun so stehe und horche, und der Wind mir Nebel und Regen gerade ins Gesicht peitscht, sehe ich beide Nachbarn ebenfalls aus ihren Höfen kommen und den gleichen Weg wie ich einschlagen. Horch – da rufts – grauenhaft wild – ein Schrei, der wie ein Todesschrei klang – in der Luft heulte er fort, als röchelten böse Geister – und die Krähen flogen auf und kreischten. Es ward mir fast grauserlich, liebe Herren, aber ich mußte doch Mann bleiben und so faßte ich meinen Stock, schwinge mich über den nächsten Graben und bin mit wenigen Schritten bei den Nachbarn. – Uns ansehen und verstehen, das war Eins. Indem heults wieder in der Luft und der Ton klingt hohl, wie der eines Erstickenden oder doch eines Menschen, der ein sicheres, jammervolles Ende vor Augen sieht. ›Dort drüben ist's‹, sagt Nachbar Sootspring. ,Es müssen Fremde sein, die sich vom Deich im Nebel verirrt haben. Ein Glück für sie, daß es just erst dämmert. Wär's Nacht, so kämen sie um im Schilf und morgen früh hätte sie der Schlamm für ewige Zeiten begraben.‹ So gehen wir also zu Dreien dem Schreien vorsichtig nach, springen über vier, fünf Gräben, geben den Angstrufen Antwort in unserer Weise, und finden nach einer Viertelstunde die Stelle, war – Gott verdamm mich – ein Anblick zum Entsetzen, und doch auch wieder zum Lachen, den wir an jenem Novembernachmittag hatten!« »Zum Lachen?« erwiderte Eduard. »Sage, zum Lachen, Herr«, fuhr Diek-Johann in gemächlichster Weise fort. »Steckten zwei Menschen, die einander spinnefeind waren, im leimzähen Kleiboden bis an die Knie, zerrten einander hin und her, bald einen Kleidzipfel fassend, bald einer des andern Haare zausend; – riefen, schrien und schimpften dabei wie Besessene, und konnten alsobald merken, daß sie garnicht aus Furcht und um Hilfe herbeizurufen, so grimmig gezetert hatten, sondern weil die Wut, der gegenseitige Haß Besitz genommen von ihren Herzen, und einer den andern hinunterarbeiten wollte in Sumpf und Modergrund.« »Wer aber waren die Unseligen«, fragte Heidenfrei, »und was ist aus ihnen geworden, da nun durch Euer friedensrichterliches Einschreiten der Kampf beider doch wohl ein Ende fand?« »Süh so, stop!« pustete Diek-Johann, tief aufatmend. »Kümmern wir uns in der Marsch wenig um anderer Leute Angelegenheiten. Bringt selten Vorteil, öfter Schaden, verursacht Kosten, Lauferei und macht immer Verdruß. Haben wir also die beiden Menschen, von denen der eine einige und dreißig und der andere einige und zwanzig Jahre zählen mochte, weder nach Taufschein und Legitimation noch nach dem Grunde gefragt, aus dem sie sich takelten und sich im Klei zertreten wollten. War das nicht unseres Amtes.« »Gewiß aber versuchtet Ihr die Streitenden zu trennen und durch verständiges Zureden zu versöhnen«, meinte Ferdinand. »War bannig naßkalt und schlecht stehen im sinkenden Marschboden«, versetzte Diek-Johann, »und das ist keine passende Zeit zu langen Unterredungen. Auseinander brachten wir die giftigen Ringer, getrennt für immer jedoch und versöhnt haben wir sie nicht.« »Weshalb nicht?« fragte Eduard. »Weil der eine, der Jüngere, ein wildfremder Kerl war, den wir platterdings nicht verstanden. Der große Lange, ein schieläugiger Amerikaner, wie er sagte, konnte sich gut auf Platt ausdrücken, und der erzählte uns, daß der untersetzte Kleine, ein spanisches Blut, ihn unterwegs hinterrücks angefallen habe, um ihn zu berauben, später gar zu töten. Da sei das Ringen losgegangen, die Mordwaffe dem Miguel entfallen –« »Miguel?« riefen Vater und Söhne wie aus einem Munde. »So nannte der Yankee den wildblickenden Spanier, der auch wirklich wie ein in Wut geratener, gelb gekochter Teufel aussah und gegen uns ebenso drohend und immerfort fluchend die Hände ballte und die Zähne fletschte, wie gegen den Amerikaner. Hatte prächtig weiße Zähne, das gelenke Kerlchen.« »Der junge Spanier hieß also Miguel?« unterbrach Heidenfrei den Marschbauer nochmals mit scharfer Frage, während Eduard und Ferdinand Arm in Arm, lebhaft, aber leise sprechend, im Zimmer auf und nieder gingen. »Miguel oder Michal oder so ungefähr«, sagte Diek-Johann höchst gleichgültig. »Ist uns an den Namen ebensowenig wie an dem Manne, der ihn führte, gelegen gewesen. War jedenfalls ein schlimmer Geselle, der unter ehrliche Leute nicht gehörte. – Brachten wir also die fuchswilden Menschen auseinander, halfen ihnen aus dem zähen Klei und nahmen sie mit uns. Meine Nachbarn führten den wilden Spanier, der vor Gift und Galle ordentlich schäumte, mit mir voraus ging der lange Amerikaner und erzählte mir eine wunderliche Geschichte, aus der ich nicht recht klug werden konnte. Interessierte mich sein Schnack eigentlich wenig, und glaube ich auch, der Kerl log, was die Zunge halten wollte. Nur das eine, die heftige Feindschaft des Spaniers gegen den Amerikaner, war nicht erlogen. Weil aber der letztere behauptete und viele glaubhafte Gründe dafür vorbrachte, daß der widerspenstige Spanier ein ihm entlaufener Matrose sei, der sich vor dem Tauende fürchte, sobald er ihn an Bord seines Schiffes habe, taten wir ihm den Willen, nahmen den geifernden Burschen scharf in Obacht und brachten beide auf einem Wagen nach Brunsbüttel. Dort packten wir sie in ein Boot, den schimpfenden und greinenden Miguel oder Michal mit gebundenen Händen, und nun, süh so, fort mit dem unnützen Volk auf die breite, nebelbedeckte Elbe! – Verschwand das Boot bald und hat angelegt an Bord einer amerikanischen Brigg unter dem Jubel der ganzen Mannschaft. Weiter aber ist nicht mehr von der Sache die Rede gewesen.« Heidenfrei dankte dem Marschbauer für diese Mitteilung, fügte auch noch einige Fragen hinzu, aus deren Beantwortung sich, je nachdem sie ausfielen, mancherlei Schlüsse ziehen lassen konnten. Diek-Johann hatte aber sein Neuigkeitshorn vollkommen geleert und war aus seinem phlegmatischen ›Süh so, stop‹ nicht mehr herauszubringen. Nur seine Einladung, die Marsch zu besuchen, wiederholte er, und der Reeder stand nach dem Vernommenen nicht an, diesen Besuch dem reichen Grundbesitzer und Getreidehändler jetzt ganz bestimmt zuzusagen. Kaum hatte sich Diek-Johann entfernt, so traten die aufgeregten Söhne zu dem Vater, diesem mehr Fragen vorlegend, als er beantworten konnte. Hatte der Marschbauer, woran nicht zu zweifeln war, die ganze Wahrheit gesagt, so konnten die so zufällig erhaltenen Andeutungen, vorsichtig benutzt und verfolgt, zu weiteren Aufschlüssen führen. Miguel, der geheimnisvolle Matrose aus dem spanischen Amerika, war dann nicht der Räuber. Diesen mußte man anderwo suchen. Wo aber war sein Freund, der Steuermann Andreas geblieben? Wie hieß der Amerikaner, der in solche Todfeindschaft mit Miguel geraten war? Und endlich, wo und in wessen Gewalt befand sich das junge Mädchen? Die Brüder wurden durch diese Eröffnungen in die größte Unruhe versetzt. Sie berieten sich geraume Zeit mit dem Vater und man faßte endlich gemeinsam den Beschluß, vorerst Jacob von dem Gehörten Nachricht zu geben. Später wollte man unter der Hand und ganz nebenbei genaue Erkundigungen einziehen über alle um jene Zeit in See gegangenen amerikanischen Schiffe. Endlich mußte es die Aufgabe aller sein, welche teilnahmen an Christines Schicksal, auch in Erfahrung zu bringen, wo Andreas, der Freund und Gefährte Miguels, geblieben sei; denn daß die gewaltsame Fortschleppung des letzteren mit dem Verschwinden des jungen Mädchens in Beziehung stehe, davon waren jetzt die Brüder ebenso fest, wie der Vater überzeugt. Noch an demselben Abend schrieb Ferdinand einen ausführlichen Brief an Paul, Christines Bruder, der gerade noch mit der direkten Post nach Südamerika abging und fast gleichzeitig mit der Bark ›Maria Elisabeth‹ den Hafen von Buenos-Aires erreichen konnte. 16 Ein leises Klopfen störte Don Gomez in erbaulichen Gedanken. Er hatte jedoch nichts gegen jegliche Störung, denn was es auch immer sein mochte, es war doch etwas Neues, den Augenblick auf irgendeine Weise anders beleuchtend. Er rief deshalb mit vernehmbarer Stimme: Herein! und sah zugleich erfreut und verwundert ein Männchen ins Zimmer schlüpfen, das sich schüchtern näherte. Don Gomez hatte dies schmächtige Männchen schon früher gesehen und erkannte sofort, daß er einen spekulierenden Sohn aus dem Stamme Juda vor sich habe. »Der gnädige Herr wollen verzeihen«, sagte das Männchen, aus großen, schwarzen Augen dem schönen Mexikaner einen klug aufleuchtenden Blitz zuwerfend, »ich komme nicht um Profit, ich komme, um zu machen dem Herrn eine Mitteilung.« Hier dämpfte der vorsichtige Israelit seine Stimme, sah sich im Zimmer um und fuhr in leis flüsterndem Ton fort: »Sind wir allein, gnädiger Herr? Kann uns hören kein Dritter oder Vierter?« »Es ist niemand zugegen, mein Herr«, versetzte, Verdacht schöpfend, der auf diesen Besuch durchaus nicht gefaßte Mexikaner. »Die nächsten Zimmer gehören, wie dieses, mir persönlich und mein Diener ist ausgegangen.« »So kann ich also sprechen offen und sagen ohne Furcht, was ich mitzuteilen habe dem Herrn, ohne zu haben davon Verdruß?« »Wenn Sie es vor Ihrem Gewissen verantworten können und Ihr Auftrag oder Ihre Mitteilung ist wirklich für mich persönlich bestimmt, was ich ja nicht weiß, so reden Sie ungeniert. Horcher gibt es hier nicht.« Der Jude trat zagend einen Schritt näher, scheue Blicke auf den Spiegeltisch werfend, an welchem Don Gomez lehnte, und wo ihm der kostbare Griff eines niedlichen Dolches nicht entgangen war. »Sind Sie ja doch der vornehme Herr aus Mexiko, Don Alonso Gomez.« »Don Alonso Gomez ist mein Name, Sie wissen es«, sagte der Mexikaner kühl, den Juden scharf fixierend und den Dolch wie zum Tändeln aufnehmend. Das kleine, schmächtige Männchen mit den großen Augen fuhr unwillkürlich beim Anblick des blanken Stahls ein paar Schritte zurück. Da der Mexikaner indes regungslos seinen Platz behielt, trat der Jude wieder näher und sagte, immer nur halblaut sprechend: »Komme ich doch von Cuxhaven, wo ich habe gehabt Geschäfte viel und verdient wenig Geld, und bin ich zusammengetroffen mit einem Manne, der mich kennt genau und hält auf mich viel, weil ich ihm hab geholfen aus mancherlei Nöten. Der hat gesagt zu mir in freundschaftlichem Ton und mir drückend die Hand wie ein Freund, dem die Worte kommen vom Herzen: Moses, ich hab dich kennen gelernt als einen ehrlichen Mann, und weil ich weiß, daß du bist ehrlich und treu, will ich dir anvertrauen eine große Sache. Du mußt sie aber vollführen pünktlich, denn ich werde auch bezahlen pünktlich, und da hat er mir gegeben einen ganzen Portugalöser, an dem hat kaum gefehlt ein Achtel Gran! Ist's nicht nobel, gnädiger Herr?« »Mich dünkt, es war ein Handel, wie Sie ihn besser nicht abschließen könnten«, versetzte Don Gomez. »Hab' ich doch zu mir gesagt dasselbe, und darum bin ich gewesen bereit zu allem. Und der Herr, den ich kenne genau, wie er mir gibt das Zeugnis, daß ich sei ehrlich, hat mir eingehändigt ohne Bedenken einen Schreibebrief und hat gesagt zu mir: Moses, hat er gesagt, gehe hin nach Hamburg, wo da werden gemacht große Geschäfte und drunter manche, die da sind faul durch und durch, und bei denen geht pleite ganz und gar, der sie macht, gehe hin und mache ab für dich und mich und noch ein paar andere Leute ein Geschäft und laß dir zahlen dafür noch zwei Portugalöser, an denen fehlen soll auch nicht der achte Teil von einem Achtelgran. Gott, der Gerechte, gnädiger Herr, soll mich strafen, wenn ich nicht sage genau, wie der Mann, den ich kenne ganz und der kennt mich wie sich selber, sich hat ausgedrückt in seiner liebevollen Gesinnung zu mir! Und da hab ich genommen den Schreibebrief, hab ihn eingewickelt sauber in ein seidenes Tüchlein, das ich gebrauche zu garnichts, damit er nicht benetzt werde vom Regen oder von dem Schweiß meines Leibes, was leicht wäre möglich, da ich gehe Tag und Nacht immer zu Fuß, es mag regnen oder schneien, oder es mögen scheinen die Sonne oder Mond und Sterne. Und als ich gekommen bin vor zwei Stunden hier an, habe ich doch nichts eiliger gehabt zu tun, als zu gehen in diesem schlechten Wetter, das mir macht nasse und kalte Füße, was ich nicht kann vertragen, von den Kohlhöfen, wo ich wohne, durch die Neustraße und A-B-C-Straße bis an den Jungfernstieg, um zu übergeben eigenhändig, wie ausbedungen, den Brief an den gnädigen Herrn. Und als ich gehandelt hab als ein ehrlicher Mann, was beurteilen mögen der gnädige Herr selber, bitte ich untertänigst mir auszuzahlen den Botenlohn, den ich nicht finde zu hoch für den Weg von Cuxhaven bis hierher in einem Wetter, wo man nicht gern jagt hinaus einen räudigen Hund!« Während dieses langen, aber eiligst gesprochenen Sermons hatte Moses aus seinem Rock ein sorgsam zusammengefaltetes Tuch gezogen und mit größter Behutsamkeit einen Brief daraus hervorgezogen, den er jetzt unter tiefer Verneigung dem erstaunt zuhörenden Mexikaner überreichte. Don Gomez empfing das Schreiben, betrachtete die Adresse, und da ihm die Handschrift bekannt war, riß er es ziemlich ungestüm auf. Sein Blick ward finster, seine Gesichtsfarbe gelblich, während er den Brief las. Heftig mit dem Fuß stampfend riß er den Dolch aus der Scheide, daß der ängstliche Israelit laut aufschreiend bis zur Tür lief. Nach beendigter Lektüre zerknüllte Don Gomez den Brief, zog seine Börse und schleuderte dem Überbringer statt zwei Portugalöser deren drei zu, zugleich mit Donnerstimme rufend: »Fort, du Sohn eines Hundes! laß dich nie wieder vor mir blicken.« Erst als die Schritte des seltsamen Boten verhallt waren, entfaltete Don Gomez nochmals den empfangenen Brief, der nicht geeignet war, seine ohnehin schon mißvergnügte Stimmung aufzurichten. Das Schreiben rührte von einem Manne her, der sich Jack Charles Greatstring unterzeichnete, und war aus Cuxhaven datiert. Zu seinem eigenen Glück hörte er bald darauf Master Papageno ins Nebenzimmer treten. Don Gomez rief laut seinen Namen und entbot den Mulatten augenblicklich zu sich. »Schöne Neuigkeiten«, raunte er dem erprobten Diener zu, ihm den Brief ins Gesicht schleudernd. »Da lies, kaufe dir einen Strick und hänge dich selber auf, damit niemand unnötige Mühe hat, dich Dummkopf aus der Welt zu schaffen!« Papageno war an derartige Grobheit schon so gewöhnt, daß sie ihn persönlich wenig rührte. Er hob deshalb das zu Boden gefallene Papier gemächlich auf, blies den daran haftenden Staub ab, lehnte sich über die Lehne eines Stuhles, mit der linken Fußspitze die Diele klopfend und begann, während Don Gomez ununterbrochen schimpfte, die schlechte Handschrift mit großer Seelenruhe zu entziffern. Als er endlich fertig war, ließ er den Brief fallen und sah seinen Herrn mit so kalten, stieren Augen an, als beherberge sein Körper garkeine Seele. »Nun, du glotzäugiger Stier«, fuhr Don Gomez ihn an, »was hast du jetzt in deinem schuftigen Gehirn für Ratschläge?« »Was halten Ew. Gnaden von Master Greatstring?« »Daß er zu hängen verdiente.« »Wenn alle Schufte gehängt würden, was sollte dann in der Welt aus dem Amüsement werden!« »Mache einen vernünftigen Vorschlag und laß das Moralisieren sein«, sprach Don Gomez, unruhig im Zimmer auf- und abgehend. »Miguel ist fort, es wird nicht lange dauern. so schnüffelt der Bursche wieder hier herum. Das wäre mehr als gefährlich; denn erführe Heidenfrei die volle Wahrheit, so scheiterten alle meine Pläne.« »Sind Sie wirklich verliebt in eine dieser schlanken und weißen, deutschen Elfen, die nie reizender aussehen, als unter sonnenbeglänztem Buchenlaub oder im Mondschein. Ich sehe sie gern spazieren gehen, lieben aber könnte ich sie nicht.« »Du brauchst dich um meine Herzensangelegenheiten nicht zu kümmern«, sagte der Mexikaner ärgerlich. »Tu, was du sollst, halt mir die Spürhunde vom Leibe, sorge für Zerstreuung und biete all deinen Witz, all deine Niederträchtigkeit auf, um den Starrsinn dieser Widerspenstigen zu brechen.« »Kann nichts nützen, Herr«, erwiderte Papageno gelassen. »Ich habe es satt, mich immer brutal behandeln zu lassen, und das Mädchen dauert mich, das hundertmal ehrenwerter ist, als unsere vornehmsten Sennoritas. Gebt sie auf, schenkt ihr die Freiheit und laßt sie zuvor schwören, daß sie niemand verrät, wo sie so lange gewesen ist. Schwört sie erst, so hält sie auch ihren Schwur, denn sie ist fromm und gläubig, ehrlich und tugendhaft wie die keuscheste Nonne.« »Mich dünkt, du wirst mehr als lässig in deinem Dienst. Vergißt du ganz der Gefahr, der wir uns aussetzen, wenn das so lange vermißte Mädchen plötzlich wieder erscheint und in anderer Umgebung mir entgegentritt? Gesetzt, sie schwiege, wird sie durch ihre Miene, durch ihr Zusammenfahren bei meinem Anblick nicht sich und uns verraten? Es wäre mehr als Torheit, es wäre Wahnsinn, Christine früher hier auftreten zu lassen, ehe ich glücklich meine Hochzeitsreise angetreten habe.« »Und Miguel?« warf der Mulatte ein. »Soll er leben?« »Ich will ihn nie wieder sehen!« rief der Mexikaner voll Abscheu. »Du darfst meiner unbegrenzten Dankbarkeit versichert sein, wenn du ihn aufspüren und von hier fernhalten kannst, bis ich irgendwo ein neues Leben beginne. Wie du das anfangen willst, welcher Mittel du dich bedienst, soll mich nicht kümmern. Du hast völlig freie Hand. Über meine Börse darfst du verfügen. Ich aber will sehen, ob es Zeit wird, die längst vollkommen eingeschlossene Festung in raschem Anlauf zu erstürmen. Ein glücklicher Sturm läßt keine weitere Unterhandlung zu. Der Besiegte pflegt sich dann unbedingt, also auf Gnade und Ungnade zu ergeben.« 17 Elisabeth saß am Fenster und beugte sich, mit zartem Finger eifrig die Nadel führend, tief über die feine Stickerei, an welcher sie arbeitete. Eduard, dessen Augen ungewöhnlich, nicht aber freudig glänzten, ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder. Nach einiger Zeit trat er an den Nähtisch der Schwester, strich ihr die Locken von der Stirn und sagte mit innig teilnehmendem Ton: »Du weinst, liebe Elisabeth? Habe ich dir weh getan?« Die Schwester blickte den Bruder sanft mit tränenvollen Augen an und reichte ihm die kleine volle Hand. »Du meinst es ja gut, Eduard, ich weiß es, und darum kann ich dir nicht böse sein, aber vermag ich deshalb meinem Herzen zu gebieten? Es ist möglich, daß ich Unrecht tue, dennoch – dennoch – o, laß mich doch weinen!« »Immer weine dich aus, Elisabeth, du wirst dich dann frei und leicht fühlen.« Elisabeth schüttelte ungläubig den Kopf: »Wenn du die Wahrheit gesprochen hast, dann ist mein Leben vergiftet. Zürne mir nicht, lieber Bruder, aber ich kann nicht anders. Ich konnte nichts wissen, nichts ahnen, und – mein Herz, Eduard, zwingt mich dazu – ich kann es auch jetzt noch nicht glauben. Bringt mir Beweise, untrügliche, unwiderlegliche, die ihn überführen, verurteilen, und ich verspreche euch, mich dann selbst zu besiegen, wenn ich auch geistig darüber zugrunde gehen sollte!« »Du kannst nicht sagen, Elisabeth, daß du nicht gewarnt worden seist«, begann Eduard nach kurzem Schweigen aufs neue. »Ich persönlich habe nie seine Partei genommen, ich war immer etwas mißtrauisch. Sollte und konnte ich mehr tun, als mich in kühle Höflichkeit hüllen? Durfte ich den Mann verleumden, dem Vater Wohlwollen zeigte, dem unser Haus offen stand? Gewiß, liebe Schwester, als Bruder erfüllte ich vollkommen meine Pflicht, wenn ich scherzweise dich auf die Gefahren eines solchen Umganges aufmerksam zu machen suchte.« »Vergib mir, Eduard«, entgegnete Elisabeth gefaßter. »Ich bin gewiß töricht gewesen, nicht aber leichtsinnig! Und wie ich schon gesagt habe, dem unwiderleglichen Beweise bringe ich mein Herz zum Opfer, und müßte ich das Leben dafür lassen!« »Suche vor allem deine Gefühle zu beherrschen«, sagte Eduard liebevoll bittend. »Es wird dich niemand zu dem Unmöglichen zwingen. Noch ist von einem wirklichen Verhältnis zwischen dir und Don Gomez nichts in der Gesellschaft bekannt. Einzelne mögen es glauben, viele es vermuten, keiner darf auftreten und sagen: es ist so! Das nenne ich ein großes Glück. Du erinnerst dich gewiß noch, von einem Matrosen gehört zu haben, den man Miguel nannte.« »Der die arme Christine verfolgte?« »So glaubte man zu seinem und des Mädchens Unglück. Dieser Matrose nun ist durch eine Verkettung von Umständen, die an das Wunderbare streifen, seit einigen Wochen seiner Haft entkommen, hat durch Vermittelung des Konsuls seines Geburtslandes die Meldung hierher gemacht, daß er um den Raub seiner Geliebten – wie er Christine nennt – wisse, daß er, gewähre man ihm nur Schutz und Hilfe, auch deren Versteck zu ermitteln sich getraue, und daß er vollkommen imstande sei, den Urheber jener Entführung namhaft zu machen.« »Und das hat man so ohne weiteres dem Fremden geglaubt?« »Man vermutete im Gegenteil irgendeine Schurkerei dahinter, lockte deshalb den Matrosen her und bemächtigte sich seiner Person, wie der wenigen Habseligkeiten, die er besaß. In seinem ersten Verhör jedoch hat Miguel Angaben gemacht, die schwer ins Gewicht fallen und welche zuerst Don Alonso Gomez kompromittierten. Weil man jedoch alles Aufsehen vermeiden will, schlug man den Weg behutsamster Nachfrage ein. Unser Haus konnte dabei nicht übergangen werden, denn hier war ja die eigentliche Quelle des Unglücks zu suchen. So erhielt denn der Vater gestern die erste Nachricht von dem schweren Verdacht, welcher sich im entscheidenden Augenblick gegen den Mann erhebt, wo derselbe um die Hand der Tochter anhält. Ein solches Zusammentreffen mußte den Vater tief erschüttern. Er war nicht imstande, die Feder zu halten, weshalb ich in seinem Namen Don Gomez in einigen höflichen Zeilen ersuchte, einige Tage sich zu gedulden, der Vater sei augenblicklich unwohl, könne mit dir nicht sprechen und wolle eine so wichtige Frage mit der Tochter, der sie gelte, doch selbst besprechen. Diese notgedrungene Ausflucht gibt uns Zeit, zu forschen und unser späteres Verfahren und Benehmen gegen Don Gomez darnach zu regeln. Dir aber konnte das Vorgefallene nicht verschwiegen werden, da der Vater ja aus dem Briefe des Mexikaners ersah, daß du gleichzeitig von seinem Schritt unterrichtet worden seist.« Elisabeths Tränen begannen aufs Neue zu fließen, denn wie ein drohender finsterer Schatten stieg höher und immer höher die Unglück verheißende Wolke empor, welche die Sonne ihres jungen Lebens vielleicht für lange Zeit verfinsterte, wo nicht für immer auslöschte. »Bruder Ferdinand«, fuhr Eduard fort, »hat Don Gomez heute einen Besuch gemacht, um gesprächsweise womöglich seine Gesinnung zu ergründen. Der Mexikaner liebt Ferdinand, wie du weißt, und ist deshalb gegen ihn wahrscheinlich offen. Ferdinand ist besonnen, wird nichts überstürzen, kann aber durch eine unerwartete Querfrage doch gelegentlich den Schleier lüften oder lüften helfen, welcher die Vergangenheit dieses begabten Mannes verhüllt. Wir erwarten ihn noch vor Abend zurück.« »Noch vor Abend!« wiederholte sichtbar erschüttert und tief erschrocken Elisabeth. »Die Uhr ist schon fünf.« »In höchstens zwei Stunden muß der Vater unterrichtet sein.« Elisabeth begann krampfhaft zu zittern und stand auf. Sie war aber zu schwach, um das Zimmer zu durchschreiten und fiel dem Bruder schluchzend in die Arme. Eduard riß heftig an der Schelle, rief dem herbeieilenden Bedienten zu, sogleich Fräulein Ulrike zu rufen, um seiner Schwester, die unwohl geworden sei, beizustehen, und brachte Elisabeth mit Hilfe der feinfühlenden Freundin, die bereits Kunde von dem Vorgefallenen hatte, in ihr Schlafzimmer. Hier überließ Eduard die Schwester der Pflege und dem Zuspruch Ulrikes, deren Herzen er sie mit vollstem Vertrauen übergeben konnte. Er selbst blieb in großer Aufregung, von Zweifeln gepeinigt, von den widersprechendsten Erwartungen in Anspruch genommen, zurück. Um seiner Aufregung Herr zu werden, eilte er hinaus in den Park, dessen von anhaltendem Regenwetter noch feuchten Sandgänge er ruhelos nach den verschiedensten Richtungen durchkreuzte. Bald nach sieben Uhr abends traf Ferdinand ein. Er fragte sogleich nach dem Bruder und verfügte sich zu diesem in den Park, wo Eduard still brütend auf einer Bank saß und unverwandt auf die belebte Elbe hinaussah. Bei dem Geräusch der im Sand knirschenden Schritte kehrte er sich um und trat dem Bruder unter heftigem Herzklopfen entgegen. Er wagte keine direkte Frage an Ferdinand zu richten, der vollkommen ruhig, ja befriedigt schien. »Ist Elisabeth unterrichtet?« fragte er. »Sie hat das Allernötigste durch mich erfahren.« »Wie nahm sie es auf?« »Ein Mädchen, das ihr Herz verschenkt hat, ist immer unglücklich, wenn es erfährt, daß der Gegenstand, dem sie vertraute, ein unwürdiger war.« »Sie wird genesen«, sagte Ferdinand zuversichtlich, »nur laß uns nicht zur Unzeit weichherzig sein. Diese Neigung zu Don Gomez muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden.« »Ist er schuldig?« Ferdinand lachte so laut und bitter, daß Eduard vor Erschrecken bleich ward. »Du ängstigst mich, rede! Entreiße mich dieser Ungewißheit!« Ferdinand ergriff des Bruders Arm und wanderte mit ihm durch die in voller Blüte stehenden Hecken. Der Abend war mild und warm. Leichte, flockige Wolken überdeckten wie ein Flor den Himmel, die Natur schien zu neuem, schöneren Leben erwacht, und während das Herz eines jungen, blühenden Mädchens vor Schmerz beinahe brach, jauchzten in den Büschen fröhliche Nachtigallen in vollen, tönenden Schlägen. »War es nicht hier«, sagte Ferdinand, »wo ich dir im vergangenen Jahre die ersten Mitteilungen über den Mann machte, der nun so großes Herzeleid in unsere Familie bringt? Als ob wir nicht an altem Elend noch genug zu zehren hätten! O, es ist himmelschreiend, daß wir so blind sein konnten, daß wir nicht früher Verdacht schöpften! Es gab doch so viele Veranlassungen. Wir alle wußten, daß Don Gomez in seiner Heimat die Liebe von mehr als einer Seite kennen gelernt hatte, daß er auch hier nicht immer seine Leidenschaften streng zügelte. Aber freilich, er war liebenswürdig, bezaubernd liebenswürdig, und wer wollte dem lieben Kinde jede unschuldige Freude, die sie im Gespräch mit Don Gomez fand, vergällen! An einen offenen Antrag hätte ich nie geglaubt.« »Danken wir Gott, daß er erst jetzt damit hervorgetreten ist. Aber sage: wie benahm er sich?« »Dein Schreiben«, fuhr Ferdinand fort, »hatte ihn stutzig gemacht. Ich fand ihn merkwürdig verstimmt, so düster, hoffnungslos, gallig, wie ich ihn nie früher sah. Er begrüßte mich verstört, richtete zerstreute Fragen an mich und sagte zuletzt: Es ist heute ein Unglückstag. Alles schlägt mir fehl. Die Antwort, die ich da von Ihrem Bruder auf meine Anfrage erhalten habe, klingt ganz wie ein protestierter Wechsel. Ich betrachte sie als einen Korb, den Ihre Schwester mir sendet, und fürchte nur, daß ich mich blamiert habe. – Diese Auslassungen gaben mir sofort die ganze Ruhe und Kälte eines völlig Enttäuschten. Ein Mann, der wahrhaftig, innig, von ganzem Herzen, mit voller Seele liebt, spricht nicht so, nicht in so gleichgültigem, erbitterten Ton, wie Don Alonso Gomez es tat. Ich erwiderte deshalb nicht weniger scharf, wobei mein Auge tief in das seine sich versenkte: Und weiter, Don Gomez, weiter besorgen Sie nichts? – Er fuhr auf. Was weiter? versetzte er. Soll ich mir noch die Haare ausraufen oder Pulver und Blei verschlucken, um die Komödie in eine Tragödie zu verwandeln? Dazu, mein Herr, besitze ich just heute zu wenig Humor. Ich denke also, wir tun besser, unsere alte Freundschaft neu zu stärken bei einem Glase feurigen Weines. – Wie gefällt dir das?« »Es ist das Glaubensbekenntnis eines vollendeten Wüstlings.« »Du kannst dir denken, daß mein Freundschaftsgefühl nicht sehr heiß war. Ich ging deshalb auf seinen lockeren Ton ein und versetzte: So gefallen Sie mir, Sennor! Ein Narr, der eines Mädchens wegen, die launisch ist oder deren Anverwandte aus, Gott weiß, welchen Rücksichten sie hinter einen Glasschrank einsperren möchten, damit ja kein fremder Luftzug sie berühre, sich lange die Laune verderben läßt. Ist's nicht Elisabeth, so sei's vorläufig Christine – –! Diesen Namen betonte ich scharf und sah Don Gomez gleichzeitig fest und doch lächelnd an. Er wechselte die Farbe und zitterte. Was, Sennor, Sie erschrecken? fuhr ich fort. Wissen Sie denn, was aus Christine geworden ist in jener Nacht? Oder kennen Sie vielleicht die beiden Fährleute, die unterhalb Glückstadt anlegten, und von denen der eine den Matrosen Miguel landeinwärts führte? Oder haben Sie von einem gewissen Greatstring gehört, der in Verbindung steht mit dem Landkrämer Moses und diesem zweimal Briefe zur Besorgung an einen Mann übergeben hat, der früher lustig in New-Orleans lebte? Eine solche Geschichte horte ich heute an der Börse erzählen und ich zweifle nicht, daß die darin Verwickelten Unannehmlichkeiten davon haben werden. Wir, die es nichts angeht, lachen dazu und darum, Sennor, auf ferneres Glück bei hübschen Mädchen, lassen Sie uns einer oder zwei Flaschen altspanischen Weines fröhlich die Hälse brechen!« »Das alles wagtest du dem Don an den Kopf zu schleudern?« erwiderte Eduard nicht wenig erstaunt. »Wir haben ja nur Vermutungen, keine Gewißheit, keine überzeugenden Beweise!« »Bester Bruder«, versetzte Ferdinand, »ich tat nur, wozu ein glücklicher Gedanke mich instinktartig trieb. Als ich das Erblassen des Mexikaners bei Christinens Namen bemerkte, glaubte ich, es könnte gar nicht schaden, wenn man den gewiß nicht Schuldlosen mit einer wahren Flut von Anklagen überschütte. Ich habe mich gehütet, ihm zu sagen: das alles hast du getan, ich habe ihm nur Gerüchte erzählt, mit denen sich angeblich die halbe Bevölkerung unserer Stadt trägt. Daß ich zu diesem Mittel griff, ist mir unendlich lieb. Ich weiß jetzt und bin moralisch davon überzeugt, kein anderer als Don Gomez ließ Christine heimlich entführen, kein anderer als er war es, der den verliebten Matrosen Miguel und den Steuermann Andreas durch seine Helfershelfer festzunehmen und unschädlich zu machen befahl. Erst, als er einsah, daß die Entführte standhaft seine Künste abschlug, und als er befürchten mußte, der entflohene Miguel werde ihm zuvorkommen, faßte er den Entschluß, durch eine Verlobung dem etwa aufkeimenden Verdacht den Kopf abzubeißen. Erhielt er die Zusage unserer Eltern, war die Verlobung öffentlich bekannt gemacht, dann stand er sicher, denn er berechnete sehr richtig, daß alle Parteien möglichst zufriedengestellt werden würden, um einem öffentlichen Skandal vorzubeugen.« »Glaubst du wirklich, der unternehmende, vom Glück verwöhnte Mann werde so bald seine Pläne aufgeben?« fragte Eduard mit bekümmerter Miene seinen Bruder. »Was er tun wird oder will, darüber ist er in diesem Augenblick mit sich selbst gewiß noch nicht im Reinen. Es ist mir gelungen, ihn zu überrumpeln. Zwar nahm er, wie ich vermutete, meine Unterstellungen wie eine Art Scherz auf, heuchelte eine heitere, sogar ausgelassene Stimmung und ging auf meine Ideen ein. Innerlich aber war er verstört, oft sogar ganz abwesend, und da er auf nichts achtete, was um ihn her vorging, während meine Augen an der geringsten Kleinigkeit hingen, gelang es mir, ein Papier zu erwischen, das ihn im entscheidenden Augenblick überführen wird. Hier ist es.« Ferdinand zog einen ganz zerknitterten Brief ans der Tasche, den er im Zimmer des Mexikaners unter dem Sofa bemerkt und hervorgeholt hatte. Es war das Schreiben Greatstrings. Dieses Schreiben, das, obwohl beschmutzt, doch noch ganz erhalten war, lautete:   Mein Herr! Es betrübt mich sehr, Ihnen berichten zu müssen, daß der listige Vogel, dessen Aufbewahrung Sie mir ans Herz legten, unbeachtet aller Vorsicht, die ich angewendet habe, doch wieder entkommen ist. Ein Geschäft ähnlicher Art und brächte es mir einige tausend Dollars ein, werde ich nie wieder eingehen. Man hat nichts davon, als Ärger, Sorgen und Gefahren. Hätten nicht das böse Wetter und das Teufelszeug, die Aaskrähen, mich beschützt, als ich mit dem verdammten Jungen seelenallein durch das Marschland ging, um die Spuren für die etwa Verfolgenden zu verwischen, der rachsüchtige, falsche Halb-Havanese hätte mich umgebracht. Zum Glück hörten ein paar derbe Marschbauern mein Schreien und suchten uns auf, als wir uns schon so tief in den Schlamm hinein gerungen hatten, daß wenig mehr fehlte, der Gewandtere hätte den weniger Gewandten untergekriegt. Da ich das Platt dieser Leute verstehe, der dumme Junge aber kein Wort begriff, log ich den phlegmatischen Leuten vor, was mir gut dünkte. Das half mir vorerst aus der Bedrängnis. Gebunden brachte ich tags darauf den Lümmel an Bord meines Schiffes, obwohl er tobte, wie ein gefesselter Stier. Schreien konnte er nicht, denn ich hatte ihm vorsorglicherweise den Mund mit einem gut gedrehten Knebel verstopft. Ich sollte aber kein Glück haben. Widrige Winde hielten mich wochenlang auf der Elbe zurück. Nun hätte ich dem unbequemen Menschen freilich einen Klaps geben und ihn ins Wasser werfen können – die Flut würde ihn wohl seewärts getrieben haben – indes dazu fehlte mir doch der Mut. Der Schatten eines Ermordeten hat schon manches Schiff zum Kentern gebracht. Ich ließ ihn also leben und hielt ihn kurz, damit er nicht gar zu sehr zu Kräften kommen möge. Endlich passierten wir die Mündung der Elbe, weil ich aber verschiedener Gründe wegen keinen Lotsen einnahm, der Wind sehr konträr und die Luft dick war, rannte mein Schiff bei Helgoland auf die Ausläufer des Wittkliffs. Blieb also auf der langweiligen roten Klippe sitzen und vertrieb mir die Zeit, so gut es gehen wollte. Darüber vergaß ich, den Miguel jede Minute lang zu bewachen, und siehe da, eines Morgens, Mitte März – es hatte die Nacht wie rasend gestürmt, mehrere Notschüsse zeigten an, daß ein Fahrzeug in der Nähe der Insel in großer Gefahr schweben mußte – war der verfluchte Kerl verschwunden. Ohne Zweifel hatte er einen der auslaufenden Sloops bestiegen und war später auf dem Schiffe, das glücklich abgebracht wurde, geblieben. Hier in Cuxhaven, wo ich nun seit vierzehn Tagen bin und mein Schiff ausbessern lasse, konnte ich nichts von dem Entsprungenen erfahren. Ich weiß nicht, ob den Posten zu trauen ist. Darum ziehe ich es vor, dies Schreiben einem jüdischen Handelsmann anzuvertrauen, den wir beide ja genau kennen und in dessen Buch ich hoch genug angeschrieben bin, um von ihm für guten Lohn einen Dienst verlangen zu dürfen. Sein Sie nicht geizig und rücken Sie auch mit ein paar Portugalösern heraus. Ich hielt es für meine Pflicht, Sie von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Stets Ihr dienstwilliger Jack Charles Greatstring, Kapitän der amerikanischen Brigg Selfgovernment.   Eduard hatte dies wichtige Schreiben mit größter, steigender Aufmerksamkeit gelesen. Als er es jetzt dem Bruder zurückgab, sagte er: »Das gewährt ja einen tiefen Einblick in ein ganzes Lager von Banditen. In welcher Verbindung steht unser vornehmer Herr mit diesem gewissenlosen Greatstring? Was hat er mit Miguel schon früher vorgehabt und aus welchem Grunde verfolgt man den armen Jungen?« »Noch einige Tage Geduld«, versetzte Ferdinand, »und wir werden mehr wissen. Miguel ist hier, man kann uns nicht verwehren, mit ihm zu sprechen. Sein vergangenes Leben muß sich vor unsern Augen entrollen, sein feindliches Verhältnis zu dem intriganten Mexikaner uns klar werden, ehe wir einen Beschluß fassen, der den Gekränkten Gewinn bringt, den Geschädigten Genugtuung verschafft und diesen gefährlichen Mann unschädlich macht. Nur laß uns vorsichtig sein, nichts übereilen und deshalb mit Überlegung handeln. Die arme Schwester muß inzwischen geschont werden. Sie besitzt zu viel gesunden Sinn, um nicht mit der Zeit eine Neigung zu ersticken, die mehr in ihrer romantischen Phantasie, als in ihrem Herzen Nahrung fand. Noch liebt sie Don Gomez nicht mit jener Innigkeit, die nur im Besitz des geliebten Gegenstandes leben oder mit ihm untergehen will, sie ist von seinem Wesen, seinen bestechenden, geistigen und leiblichen Eigenschaften nur bezaubert. Dieser Zauber schwindet, wenn die Maske fällt, und unter der bestechenden Hülle die grinsende Fratze eines gemeinen Abenteurers sichtbar wird.« »Laßt uns abbrechen«, sagte Eduard, mit der Hand nach einem der zum Landhause führenden breiten Gänge zeigend, welchen ein Bedienter herabschritt. »Man schickt nach uns.« Die Brüder gingen dem Bedienten entgegen. »Hat unsere Schwester sich von ihrem Unwohlsein erholt?« fragte ihn Eduard. »Beide Fräulein befinden sich nach Aussage der Madame Heidenfrei wohl. Ich sollte die Herren bitten, Ihre Frau Mutter zu besuchen. Madame Heidenfrei hätte Ihnen einige wichtige Fragen vorzulegen.« »Sag unserer verehrten Muster, daß wir sogleich bei ihr sein würden.« Der Bediente entfernte sich. »Elisabeth ist nicht unheilbar verwundet«, sagte hoffnungsfroh Ferdinand. »Sie hat ihr Leid der Freundin geklagt, die vielleicht mit ihr zugleich leidet.« Beruhigter, als sie sich begrüßt hatten, schritten die Brüder dem Landhause zu, das in der untergehenden Sonne aus dem leuchtenden Saftgrün der Bäume emporstieg. 18 In einem niedrigen Keller am Binnenhafen saß eine Anzahl vergnügter Leute aus dem Volk beim Wein und Abendimbiß. Es waren Ewerführer, Besitzer oberelbischer Milch- und Torfewer, Quartiers- und Arbeitsleute, Hausküper und dergleichen. Das Gespräch war laut und sehr lebhaft und wurde ausschließlich in plattdeutscher Mundart geführt. Da alle diese Leute in guten Verhältnissen lebten, viel verdienten und mithin Nahrungssorgen sie in keiner Weise drückten, so waren sie allesamt zum Feierabend in heiterster Stimmung. Alle Anwesenden ergötzten sich noch über die Erzählung eines Schalks, der längst schon in dem Rufe stand, die amüsantesten Dönchens zu erfinden, als der Eintritt eines neuen Gastes und dessen laute Stimme die allgemeine Aufmerksamkeit diesem zuwendete. Der neue Ankömmling war kein anderer, als der seiner Grobheit wegen bekannte Hausknecht David aus Heidenfreis Geschäft. »Gott verdamm mich«, rief der wüste Mensch, sich heftig auf einen Schemel werfend und mit der Faust auf den Tisch schlagend, daß die Gläser klangen. »Ich will ein Schuft sein, wenns nicht größere Schurken gibt unter den Vornehmen als unter den Geringen.« »Was ist denn dir wieder in die Krone gefahren?« versetzte der Wirt, dem, wie es schien, heftig aufgeregten Manne ein Glas reichend. »Ists neue Tau an der Speicherwinde schon wieder gerissen oder hat Herr Treufreund das Tintenfaß für die Streusandbüchse angesehen? So was Großes muß vorgefallen sein.« »Ich will gehangen werden, und zwar in knieender Stellung«, beteuerte David, »wenns jetzt nicht besser wird!« »Bei dir oder in Hamburg?« fragte der Wirt. »Überall, sag ich. Aber ihr müßt weit abliegen von der Neuigkeitsstraße, wenn ihr alle nichts gehört habt von dem, was vorgegangen ist?« »Es gibt doch kein Unglück?« fragte Smalbeer, ein Ewerführer. »Gott sei Dank nein«, erwiderte David, »vielmehr wird bald großer Jubel sein in mehr als einem Hause. Ihr kennt unsern Quartiersmann?« »Wer kennt den ehrlichen Jacob nicht!« meinte ein Vierländer. »Er wäre der glücklichste, zufriedenste Mann ohne die fatale Geschichte, von der man lieber nicht spricht.« »Kann jetzt gern davon gesprochen werden, wird hoffentlich noch recht viel davon gesprochen. Wetten wir ein paar Buddel, daß die verschwundene Tochter Jacobs in acht Tagen wieder im Hause des Reeders lebt?« »Das wäre! – Süh so! – Kiek, wat's dat!« riefen mehrere zugleich und drangen mit Ungestüm in David, er solle erzählen, was vorgefallen sei; man würde ihn nicht eher von dannen lassen, bis er alles, was ihm in dieser wunderlichen Angelegenheit bekannt geworden, ganz genau wisse. Die beiden Buddel könnten gleich jetzt und zwar auf Abschlag für noch Besseres und für Überbringung noch interessanterer Neuigkeiten verbraucht werden. David machte keine Einwendungen. »Das Kurze und Lange von der Geschichte ist, Gott verdamm mich, so wunderlich, daß ein Gelehrter zu tun haben würde, wollte er sie zu Papier bringen. Ich kann nichts berichten, als was ich weiß. Der Prinzipal erhielt gestern Besuch. Darauf gab es große Unruhe im Hause. Die jungen Herren waren fast außer sich. Etwas später mußte ich den Jacob holen. Mit dem hatte Herr Heidenfrei eine lange Unterredung unter vier Augen und bei verschlossenen Türen. Ihr könnt denken, daß wir neugierig waren. Hätt ich mich nicht geschämt und wärs keine Schande, die Geheimnisse seiner Herrschaft zu belauschen, ich hätt, Gott verdamm mich, horchen können! Aber ich tats nicht, obwohl die Jule, das Stubenmädchen, es verlangte. Nanu! Als endlich der Alte wieder zum Vorschein kommt, sieht er ganz verjüngt aus, sein ganzes Gesicht strahlt vor Freude, und Herr Heidenfrei drückt ihm die Hand wie ein Bruder und spricht: Es wird alles gut, mein lieber Jacob, verlaß dich drauf. Christine kehrt so schuldlos in deine Vaterarme zurück, wie sie von dir gegangen ist, dem Miguel aber haben wir offenbar Unrecht getan. Wir müssen zusehen, daß wir dies auf andere Weise wieder ins Gleiche bringen.« »Da werde nun einer klug draus«, versetzte der Ewerführer. »Wer ist denn der Miguel?« fragte der humoristische Vierländer. »Wer der ist, das weiß keiner genau. Ich hab nur immer gehört, daß man ihn und ein paar seiner Genossen, unter denen sich ein Hamburger befinden soll, für Christines Räuber hielt.« »Und sie sinds nicht?« »Nein. Gott verdamm mich!« beteuerte David. »Dann angestoßen auf das Wohl des alten Jacob, seiner Tochter und derjenigen, denen es gelungen ist, die Verschwundene zu entdecken!« 19 Heidenfrei betrachtete nachdenklich einen vor ihm liegenden Brief, den er vor kurzem erhalten und gelesen hatte. Obwohl äußerlich ruhig, verriet doch das lebhaft bewegte Auge, daß eine Nachricht von Bedeutung seinen Geist ungewöhnlich stark beschäftigen müsse. Nach einiger Zeit trat der alte Treufreund in sein Zimmer. »Sie haben mich rufen lassen, Herr Heidenfrei?« sagte in etwas schüchternem Ton der gewesene Buchhalter. »Bitte, nehmen Sie Platz, lieber Treufreund«, erwiderte Heidenfrei, den treuen Diener freundlich auch durch eine Handbewegung zum Sitzen einladend. Zögernd folgte der Buchhalter. »Ich bin genötigt, lieber Treufreund, Ihnen eine Mitteilung zu machen, die Sie wahrscheinlich überraschen, ebenso sehr erschrecken, als erfreuen wird. Behalten Sie ruhig Platz – es ist nichts Unangenehmes, nur etwas sehr Ungewöhnliches, etwas beinahe Wunderbares.« Heidenfrei schwieg einige Augenblicke und Treufreund, dem vor gespannter Erwartung bald heiß, bald kalt wurde, trocknete sich wiederholt mit seinem seidenen Taschentuch die Glatze ab. »Ich darf es Ihnen unter vier Augen wohl sagen, lieber Treufreund«, begann der Reeder aufs neue, »ohne zu besorgen, Sie möchten sich deshalb überheben, daß ich Sie als meinen erprobtesten Mitarbeiter in unserm weitverzweigten Geschäft stets hochgeschätzt habe. In früheren Jahren waren Sie häufig die Seele desselben, namentlich des überseeischen transatlantischen Teiles –« »Womit das Haus Peter Thomas Heidenfrei wenig Glück hatte«, warf Treufreund ein. »Es waren traurige Verhältnisse, unglückliche Konjunkturen. –« Der ehemalige Buchhalter seufzte und betupfte in großer Unruhe seine Glatze. Heidenfrei warf einen scharfen, forschenden Blick auf den redlichen Diener. »Damals hatten wir alle, sowohl ich wie mein seitdem verstorbener Schwiegervater und noch mancher andere diese Ansicht, nur eines einzigen Mannes weiß ich mich zu erinnern, welcher anders urteilte. Kennen Sie diesen Mann, lieber Treufreund? Er lebt noch.« Der Buchhalter rückte unruhig und in größter Verlegenheit auf dem Polsterstuhl hin und her. Statt einer Antwort machte er ein paar tiefe Verbeugungen, die etwas Komisches hatten. »Sie haben wahrlich keine Ursache, sich jetzt, nach zwei Jahrzehnten zu schämen, daß Sie damals unter allen Urteilsfähigen der Urteilsfreieste waren. Wenn ich Ihnen dies heute erst offen sage, so hole ich nur etwas längst Versäumtes nach. Sie allein, lieber Treufreund, beurteilten damals die Sachlage richtig, wir andern waren voreingenommen und darum befangen, unfrei, einseitig in unserm Urteil. Es ist dies sehr zu beklagen und wir haben, wie Sie ja wissen, hart genug dafür büßen müssen.« »Jawohl, jawohl!« sagte Treufreund, die Hände faltend. »Am meisten von allen aber litt er, der Arme –« Er konnte nicht weiter sprechen. denn die hervorbrechenden Tränen erstickten seine Stimme. Auch Heidenfrei schwieg eine Weile. »Ich sagte Ihnen, lieber Treufreund, daß ich Ihnen eine merkwürdige Mitteilung zu machen habe«, begann der Reeder wieder, als er sah, daß der alte Buchhalter seine Fassung wieder gewonnen hatte. »Sie beweinten den Verschollenen, als das große Unglück geschehen war, und sein Vater streng befahl, nie mehr davon zu sprechen.« »Es war ein böses, hartes Wort, das unglücklichste Wort, das jemals über Herrn Hohenfels sen. Lippen gekommen ist!« »Es hat ihn auch getötet! – Aber wir haben kein Recht, ihn anzuklagen, über einen Verstorbenen, der das Gute wollte. selbst wenn er irrte, ja frevelte, Gericht zu halten. Darum Friede seiner Asche! Nur den Überlebenden, den noch Lebenden unsere ganze Aufmerksamkeit, unsere vollste Teilnahme und Liebe zuzuwenden, sind wir verpflichtet, zumal dann, wenn dadurch früheres Unrecht einigermaßen wieder gut gemacht werden kann.« Treufreund richtete sich erstaunt auf und blickte den Chef ungläubig fragend an. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Heidenfrei. Wie soll ich Ihre rätselhaft klingenden Worte deuten? Sie sprechen von Überlebenden und noch Lebenden.« »Ich hätte sagen sollen«, fiel der Reeder ein, »Wiederauferstandenen.« Treufreund wechselte die Farbe. Heidenfrei ergriff den vor ihm liegenden Brief. »Sie ahnen jetzt, lieber Freund, welche Veröffentlichung Ihrer harrt. Der Mann, den wir für tot hielten, den wir betrauerten, dessen unglückliches Schicksal tiefe Wunden in unsere Herzen riß; er ist nicht tot, er lebt.« »Mein Gott – Augustin Hohenfels lebt! – Mein edler, großer Freund lebt!« rief Treufreund aus, während Freudentränen seine krankhaft geröteten Augen füllten. »Und wir wußten es nicht!« »Seit länger als einem halben Jahr war ich davon unterrichtet«, sagte der Reeder. »Wenn ich dennoch Ihnen die mir gewordene Kunde verheimlichte, so geschah dies nur aus Schonung. Die ersten mir zugehenden Nachrichten lauteten wenig tröstlich. Mein Schwager war siech, hinfällig; der Tod konnte ihn ereilen, ehe er Rückantwort von uns erhielt. Wäre es da nicht grausam gewesen, Sie, lieber Treufreund, mit einer bloßen frohen Hoffnung zu täuschen? Ich wollte Gewißheit haben, ehe ich Sie in Kenntnis setzen durfte. Diese Gewißheit ist jetzt eingetreten. Augustin Hohenfels lebt nicht bloß in neu erstarkter Kraft, wenn auch sehr verändert, er gedenkt sogar uns wiederzusehen.« »Möchte ich diese selige Stunde erleben! Ich wollte dann zufrieden das Hauptbuch meines Daseins abschließen, die Bilanz ziehen und mich ruhig in die kühle Erde betten lassen . . . Mein lieber, lieber Augustin! . . . O, verzeihen Sie, Herr Heidenfrei! Ich bin wie ein Kind – das Herz läuft mit mir davon . . . Ich kann wahrhaftig nicht dafür, aber ich könnte vor Freude springen und tanzen. Hielt ich ihn doch schon hier in diesen meinen Armen!« »Hoffentlich geht Ihnen dieser Wunsch bald in Erfüllung. Mein Schwager schreibt, daß er wenige Tage nach Absendung dieses Briefes sich nach Europa einzuschiffen gedenke.« »Augustin Hohenfels wieder auf europäischem Boden!« sprach Treufreund, den Gedanken, daß der Freund ihm so nahe sei, daß er ihn alsbald wiedersehen solle, kaum fassend. »Wird er hier bleiben?« »Wer mag das jetzt schon bestimmen!« erwiderte Heidenfrei. »Das Herz, die Sehnsucht treiben ihn zu uns. Nicht allein alte Freunde, seine nächsten Verwandten wünscht er wieder zu sehen, er glaubt auch irgendwo in Deutschland den einzigen Sohn wieder zu finden, den ihm Dolores gebar und den ihm Gonsalez entriß.« »Auch dieser lebt?« »Augustin glaubt es, ob er sich geflissentlich täuscht, wer weiß es?« Heidenfrei fühlte sich von einer großen Last befreit, seitdem auch der redliche alte Diener, der mit aufopfernder Liebe stets an dem leidenschaftlichen Augustin Hohenfels gehangen, von dessen Wiedererwachen Kenntnis erhalten hatte. Für Treufreund war dieser Tag einer der wichtigsten seines ganzen Lebens. Er feierte ihn deshalb auch in einer ihm eigentümlichen Weise, indem er sich in seinem kleinen dunklen Kontorraum einschloß, nichts, was um ihn her vorging, beachtete, sondern sich ganz in seine Gedanken versenkte. Zuvörderst nahm er seinen Kalender, unterstrich den Tag dreimal grün und schrieb als Note an den Rand: ›Augustin Hohenfels ist heute von den Toten erstanden.‹ Dann nahm er die alten Handlungsbücher vor, um auch hier ähnlich lautende Notizen zu machen. Endlich vertiefte er sich in die Briefe des Freundes, die ihn schon oft in trüben Stunden getröstet hatten. 20 Es dunkelte bereits, als Ferdinand in das Zimmer seines Vaters trat, dem sein älterer Bruder und Treufreund Gesellschaft leisteten. Er sagte: »Eben sind die Erwarteten angekommen. Jacob hat es vorgezogen, den Weg durch die Kanäle einzuschlagen.« »Warten sie?« fragte Heidenfrei. »Auf der Diele.« »Rufe sie unverweilt herauf.« Ferdinand entfernte sich wieder; der Reeder legte die Hand auf Treufreunds Schulter und sagte: »Sie werden mir das Zeugnis geben, daß Hinfälligkeit, Schwäche, nervöses Zagen und Schwanken meinem Charakter fremd sind. Ich habe manche schwere Stunde durchlebt, viele Schicksalsschläge mit Gleichmut ertragen, und fast nie, möchte ich sagen, bin ich einer entscheidenden Stunde mit solcher Erwartung, mit so peinvoller Spannung entgegengegangen.« Treufreund wollte antworten, wurde aber durch laute Schritte und das unmittelbar darauf erfolgende Öffnen der Tür daran verhindert. Der helle Schein der Lampe fiel grell auf die Gesichter der Anwesenden, von denen nur ein einziges von allen zugleich gesucht ward, die ernsten, gebräunten, harten Züge des Matrosen Miguel, der trotzig neben dem vierschrötigen Quartiersmann stand, diesen aber um fast eine halbe Kopflänge überragte. Auf einen Wink Heidenfreis nahmen alle Platz um den runden, mitten im Zimmer stehenden Tisch, nur Treufreund zauderte, seine angegriffenen Augen blinzelnd und mit vorgebeugtem Kopf eigentümlich stier auf Miguel heftend. Dies merkwürdige Fixieren mochte wohl Ursache sein, daß auch Miguel sich nur zögernd zwischen Ferdinand und Jacob niederließ. Es entstand eine Pause, die etwas Bängliches hatte, und die doch kein anderer als nur der Reeder brechen konnte. Er tat es auch endlich mit dem ihm geläufigen Aushilfswort: »Superbe, daß du so pünktlich bist, Jacob! Keine zwei Minuten hast du uns warten lassen. Um so besser. Und dieser schlanke, junge Mann da«, setzte er etwas weniger zuversichtlich hinzu, »will uns so wichtige Mitteilungen machen? Ihre Papiere, mein Bester, sind uns zugegangen. Diese und einige mündliche Versicherungen des Konsuls, der Ihr Geburtsland bei unserer Regierung vertritt, haben uns bewogen, Sie zu ersuchen, das, was Sie etwa wissen oder zu wissen glauben, im Kreise dieser wenigen, uns zu sagen. Sie selbst behaupten und werden es auch zu beweisen vermögen, daß Sie völlig schuldlos sind an der frevelhaften Entführung der Tochter dieses Mannes aus dem Hause, wo Sie jetzt weilen. Sprechen Sie ohne Rückhalt, junger Mann. Man wird Sie mit Ruhe und Aufmerksamkeit anhören; man wird Ihre Mitteilungen zwar einer strengen, aber auch völlig unparteiischen Prüfung unterwerfen, und wenn es Ihnen gelingt, überzeugende Gründe, besser noch gar Tatsachen anzugeben, welche die Entdeckung jenes Frevlers ermöglichen und die so schwer Gekränkte ihren trauernden Eltern und uns allen wiedergeben, so dürfen Sie jeglicher Unterstützung gewiß sein, die Sie wünschen mögen und wir gewähren können.« Mit niedergeschlagenen Augen, vielleicht, um den rastlos fragenden Blick Treufreunds zu vermeiden, hatte Miguel diese wohlwollend und in aufmunterndem Ton gesprochenen Worte angehört. Da er nicht sogleich darauf antwortete, wandte sich Eduard mit der Frage an ihn: »Sie liebten das Mädchen, nicht wahr?« Miguel blickte rasch auf, sein schönes, dunkles Auge flammte in schwärmerischer Glut, und indem er seine für einen Matrosen kleine und schlanke Hand aufs Herz legte. versetzte er mit ungeheuchelter Wärme: »Wahr, Sennor, heiß und ewig! Immer würde ich gern mein Leben für das Mädchen gelassen haben, dem ich ein treuer Wächter, kein auf Böses sinnender Verfolger war!« »Erzählen Sie, was Sie wissen«, ermahnte nochmals Heidenfrei, dem die innige Natürlichkeit des jungen Matrosen gefiel. »Erzählen Sie alles, was Sie erlebt haben.« »Was ich erlebt habe? Das ist wenig und doch wieder auch sehr, sehr viel, nur würde es die Herren hier nicht interessieren.« »Uns interessiert Ihr ganzes Leben«, warf Treufreund ein. »Sie nennen ein Land Ihre Heimat, mit dem wir in nächster Verbindung stehen, wo viele treue Freunde von uns leben.Mexiko –« »Ich bin nicht in Mexiko geboren«, fiel Miguel dem alten Buchhalter ins Wort, indem eine kupferfarbene Röte sein bräunliches Gesicht überflammte. »Mein Vaterland ist Brasilien, obwohl ich es weniger kenne, als Mexiko und die Länder am mexikanischen Golf, wo ich meine Jugend verlebte. Aber wozu sage ich Ihnen dies, ich will ja nicht von mir, sondern von denen sprechen, welche diesem braven Mann hier sein Kind so freventlich raubten.« Der Quartiersmann drückte dem jungen Matrosen, den er jetzt ganz in sein Herz geschlossen und dem er ja bitteres Unrecht im Stillen abzubitten hatte, dankend die Hand und Miguel begann: »Eine trübe, ruhelose Jugend, die ich an sehr verschiedenen Orten, bald auf ermüdenden Wanderungen, bald unter Sklaven, bald auf stürmischen Meerfahrten durchlebte, gaben mir kaum auf Augenblicke Gelegenheit, mich mit einiger Muße in meinen so häufig wechselnden Umgebungen umzusehen. Das weibliche Geschlecht lernte ich garnicht kennen oder doch nur etwa so, wie eine wohlgefällige Erscheinung, die uns entgegentritt und schnell wieder verschwindet. Erst als Zufall oder Bestimmung mich in diese Stadt führten, trat mir die Frauenwelt etwas näher. Ich hatte das seltene Glück, gleich in den ersten Tagen meines Hierseins das reizende Mädchen zu erblicken, in dem ich bald darauf die Tochter dieses Mannes kennen lernen sollte. Ich liebte Christine damals, wie ich sie jetzt noch liebe; alle Qual meines vergangenen Lebens vergaß ich bei dem Gedanken an Christine! War es da ein Wunder, daß ich ihr möglichst oft zu begegnen suchte, deshalb mein Sinnen und Trachten darauf gerichtet war, sie genauer kennen zu lernen, sie zu sprechen, meine Gefühle der Angebeteten zu offenbaren, sie endlich, wo möglich, ganz und dauernd zu besitzen? – Ich entdeckte mich dem mir befreundeten Steuermann Andreas, dessen Charakterfestigkeit und redliche Gesinnung mir kein Geheimnis mehr waren. Andreas beneidete mich fast um die gemachte Entdeckung, versprach mich zu unterstützen und suchte, da er in der von mir Geliebten eine Gespielin erkannte, die Eltern Christines für mein Anliegen günstig zu stimmen. Durch Andreas erhielt ich die niederschlagende Nachricht, Christine habe die Wohnung der Eltern verlassen und sei wahrscheinlich bei entfernten Verwandten auf einer der Elbinseln untergebracht worden. Ich eilte sofort nach den bezeichneten Inseln, brachte aber sehr bald in Erfahrung, daß ich auf falscher Fährte spürte. Bei meiner Rückkunft überraschte, erfreute und erschreckte mich Andreas mit der inzwischen von ihm gemachten Entdeckung von Christines wirklichem Aufenthalt. Wir gingen ernstlich und lange mit uns zu Rat, was wir tun sollten; denn von der Gefahr, welche der Arglosen gerade in diesem Hause drohen müsse, waren wir beide überzeugt. Dennoch hielten wir es für klüger, zu schweigen, da es mehr als wahrscheinlich war, daß die offene Darlegung des Sachverhaltes damals für schändliche Verleumdung unsererseits gehalten worden sein würde. Das aber hätte uns in die mißlichste Stellung bringen, unsere ganze Tätigkeit lähmen und Christine weit bedenklicher gefährden müssen. Deshalb beschlossen wir, die Geliebte heimlich, aber unablässig zu bewachen und vor allem die Anstalten des Mannes genau zu beobachten, der schon mehr als einem Mädchen das Herz gebrochen, ihr Lebensglück zerstört hat.« »Nennen Sie den Namen dieses Mannes«, unterbrach hier Heidenfrei den ruhig Sprechenden, »nennen Sie ihn ohne Furcht, wenn Sie erforderlichen Falles auch beschwören können, daß Sie nur die Wahrheit sagen.« »Jener Mann, den Christine mehr zu fürchten, mehr zu fliehen hatte, als jedes andere dem Menschen beschiedene Unglück, heißt Don Alonso Gomez.« »Wirklich Don Gomez?« fiel Eduard ein. »Ich rede nur die Wahrheit«, fuhr Miguel fort, »und ich werde eines Tages, wie ich hoffe, den Beweis führen, daß ich nur Wahres gesprochen habe. Jetzt bin ich leider noch nicht imstande, dies tun zu können. Sie müssen mir glauben. Können oder wollen Sie dies nicht, so ist all mein Mühen umsonst.« »Erzählen Sie weiter«, sprach der Reeder, der mit größter Spannung den ferneren Erzählungen des ihm immer interessanter und bedeutender werdenden Matrosen zuhörte. »Don Alonso Gomez«, fuhr Miguel fort, »hatte fast gleichzeitig mit mir die liebreizende Tochter dieses Mannes von Angesicht zu Angesicht kennen gelernt. Er entbrannte zu ihr in leidenschaftlicher Liebe, wenn Liebe nichts anderes ist, als der Wunsch nach Befriedigung lebhaft begehrter Genüsse. Als ich diese Entdeckung machte, bangte mir für Christine, deren Unerfahrenheit den feinen, einschmeichelnden Künsten des reichen Mexikaners mit seinen vielen bestechenden Eigenschaften leicht unterliegen konnte. Mein Freund Andreas, dem ich mich rückhaltlos anvertraute und hinreichende Mitteilungen über die Vergangenheit und den wahren Charakter des Mexikaners machte, teilte meine Besorgnisse und sicherte mir uneigennützig seine Unterstützung zu. Unserm fortwährenden Spüren konnte es nicht entgehen, daß sein Vertrauter, der listige und dabei gewissenlose Master Papageno wiederholt geheime Besprechungen mit einigen Fremden hatte, deren Charakter uns verborgen blieb. Auch machte er Ausflüge von mehreren Tagen, deren Ziel wir ebenfalls nicht ermitteln konnten. Andreas erfuhr die Vorbereitungen zu dem glänzenden Familienfest in diesem Hause, selbst die Namen der bei den Vorstellungen Mitwirkenden vermochte er zu ermitteln. Mir fiel es sogleich auf, daß Christine unter diesen so auffallend bevorzugt war und ich schöpfte Verdacht. Bestärkt wurde ich darin durch ein kleines Boot, das mehrmals spät abends langsam die Kanäle befuhr, immer aber wenige Häuser oberhalb des der Familie Heidenfrei gehörenden wieder umkehrte. Den Führer dieses Bootes kannte ich nicht, ich bemerkte aber sehr deutlich, daß er die Tiefe des Kanals an den seichtesten Stellen erproben wollte. Wozu, fragte ich mich, sollen diese nächtlichen Fahrten dienen? Was bedeutet das Erforschen der Wassertiefe? Andreas war fest überzeugt, daß Don Gomez eine Entführung Christines beabsichtigte. Sein Vorschlag ging nun dahin, die Entführung wirklich geschehen zu lassen, dann aber die zitternde Christine zu befreien, die Räuber zu binden und im Triumph mit unserer schönen Beute mitten in das Haus der Freunde zurückzuführen. Gelang dieser Anschlag, woran wir nicht zweifelten, so mußte sich durch die ergriffenen Entführer der eigentliche Anstifter der Tat leicht ermitteln lassen, und war dies erreicht, dann stand Don Gomez entlarvt da und ich konnte gegen ihn auftreten und Genugtuung von ihm fordern. Ich erreichte damit ein doppeltes Ziel: ich nahm Rache an meinem Feinde und eroberte mir, wenn nicht den sofortigen Besitz der Geliebten, doch jedenfalls das Recht, um Christines Liebe werben zu dürfen, was ihre Eltern schon deshalb zugegeben haben würden, weil die Papiere, in deren Wiederbesitz ich durch die Entlarvung des Mexikaners zu kommen hoffte, aus dem armen Matrosen Miguel einen begüterten Mann, Don Pueblo y Miguel Saldanha werden ließen.« »Don Pueblo y Miguel Saldanha?« riefen wie aus einem Munde der Reeder und seine Söhne in höchstem Erstaunen aus, über diese völlig unerwartete Entdeckung ganz außer Fassung gebracht. Miguel konnte sich eines leichten, wohlgefälligen Lächelns nicht enthalten. »Ich führte, wie ich glaube, seit vier Jahren diesen Namen mit vollem Recht, als es aber diesem Don Gomez, meinem ärgsten Feinde, der mich haßte, noch ehe ich ihn kannte, gelungen war, mich berauben zu lassen, um durch mein Eigentum das seinige noch zu mehren und mich in das Elend mittelloser Armut zu stoßen, weil er eine gewisse Scheu vor dem Blutvergießen hat, konnte mir ein so klangvoller Name nichts mehr nützen. Ich gab ihn auf, bessere Zeiten erwartend und den Räuber meines Eigentums verfolgend. Ohne den Wunsch nach Rache, nach Wiedervergeltung würde ich meinen Freund Andreas nie gefunden, würde ich diese Stadt nie betreten, Christine nie erblickt haben.« Heidenfrei erhob sich. Er war so erregt, daß er den jungen Mann bat, eine Pause zu machen. Nicht weniger ergriff die Nennung dieses Namens Eduard und Ferdinand. Treufreund blieb äußerlich am ruhigsten. Er betastete sich bisweilen den Scheitel, als besorge er, es sei nicht alles mehr am rechten Platze und sah dann unverwandt den jungen Fremdling an, der ihm mit jeder Minute merkwürdiger wurde. »Endigen Sie jetzt, wenn ich bitten darf«, sprach der Reeder, als er den Eindruck vollständig bewältigt hatte, und nahm seinen vorigen Platz wieder ein. »Haben Sie die Wahrheit gesagt, dann bleibt auch zwischen uns noch viel Wichtiges, ja wohl das Wichtigste, das es überhaupt geben kann, zu erledigen. Es wäre superbe!« Jetzt war das Erstaunen auf Miguels Seite. Diese Worte klangen ihm so rätselhaft, daß er sie garnicht zu deuten wußte; denn was konnte er, der Fremde, einer andern Hemisphäre Angehörende, Wichtiges mit dem ihm gänzlich unbekannten, reichen Reeder der großen deutschen Handelsstadt zu besprechen, zu erledigen haben? Der nochmaligen Aufforderung Heidenfreis folgend, begann Miguel aufs neue: »Gegen zehn Uhr an jenem verhängnisvollen Novemberabend bemerkte ich ein Boot, von zwei Mann geführt, in den Kanal gleiten. Ruderschläge hörte ich nicht, denn der Ruderer, welcher das Boot vorwärts trieb, hatte die Riemen umwickelt. Dies steigerte meinen Verdacht zur Gewißheit. Ich setzte sogleich Andreas von dem Geschehenen in Kenntnis, der als Wachthaltender unter den neugierigen Gaffern auf der Straße der Ankunft der zum Fest Geladenen zusah. Andreas hatte Don Gomez zugleich mit Master Papageno eintreten sehen. Erst wenige Minuten vor meiner Ankunft hatte der Mulatte das Haus wieder verlassen, in einen weiten Regenmantel gehüllt, den er irgendeinem andern entliehen haben mußte, denn er trug nie zuvor einen ähnlichen. Wir waren jetzt überzeugt, daß irgendein Schelmenstreich ausgeführt werden sollte und zwar von der Wasserseite aus. Dieser Anschlag zeugte von Klugheit und ließ sich nur dann verhindern, wenn bereits andere davon Kunde erhalten hatten. Während Andreas seinen Wachtposten vor dem Hause behielt, eilte ich an den Hafen. In einem mir bekannten Keller, wo viele Seeleute verkehrten, wartete meiner der Malaye Mac-Jong-Kin, ein schlauer, gewandter, ungewöhnlich kräftiger Bursche, der vor mehreren Wochen Händel mit dem Mulatten gehabt hatte und ihm deshalb nicht wohl wollte. Dieser sollte uns behilflich sein, wenn die Zeit gekommen sein würde, den frechen Räubern ihre Beute abzujagen. Nachdem auch dieser genügend instruiert war, begab ich mich abermals zu Andreas und ging mit diesem an die Mündung des Kanals, wo wir den Malayen bereits unserer harrend fanden. Im Schutz einer Brücke legten wir uns auf die Lauer, fest entschlossen, unsern Feind ruhig vorüberfahren zu lassen. Es kam alles, wie wir vermutet hatten. In unserm Boot liegend erkannte ich den Mulatten, der Christine hielt und ihr eine dichte Kapuze über den Kopf gestülpt hatte. Die Arme wimmerte flehentlich. Das Steuer führte ein wüster Amerikaner, derselbe Mann, der Don Gomez bei seinem gegen mich verübten Schurkenstreich hilfreiche Hand geleistet. Ein Matrose von der Brigg Greatstrings, die zwei oder drei Tage früher elbabwärts gesegelt war, ruderte. Unser Anschlag wäre ohne Frage geglückt ohne die Unvorsichtigkeit des Malayen. Als wir nämlich noch innerhalb des Binnenhafens an das Boot heranfahren, es festhalten, ich Christine bei Namen nenne und ihr Mut zurufe, springt der Malaye aus unserer Jolle in das Boot, stürzt sich auf Master Papageno und will diesen niederwürgen. Das Unglück will, daß er ausgleitet, in die Wellen stürzt und auf der Stelle unter die vielen daselbst liegenden Schuten getrieben wird. Dieser böse Unfall änderte sofort unsere Situation und brachte uns in Nachteil. Wir wurden überwältigt, ehe wir recht zur Besinnung kamen. Andreas, das geraubte Mädchen und Papageno landeten an einer Spelunke, wo einige Helfershelfer bereit standen, sie weiter fortzuschaffen. Ich selbst blieb in den Händen des Amerikaners und seines Untergebenen. Es war ihm ein leichtes, in seinem eigenen Boot Blankenese mit mir zu erreichen. Dort vertauschten wir das Boot mit einem größeren Küstenfahrer, legten bei Glückstadt an und pilgerten jetzt zu Fuß durch die Marsch weiter. Noch einmal winkte mir das Glück. Die erweichten Marschwege erschwerten das Gehen. Ich wollte entfliehen – es entspann sich zwischen Greatstring und mir ein verzweifelter Kampf. Unser Geschrei, das wir teils aus Wut, teils auch aus Angst halb unbewußt ausstießen, rief einige Marschbauern herbei. Diese, die mich ebensowenig verstanden, wie ich sie, glaubten dem Amerikaner, halfen mich binden und brachten mich an Bord der amerikanischen Brigg. Zum Glück rannte das Fahrzeug später bei Helgoland auf; ich betrat die Felseninsel und entfloh, nachdem ich die Wachsamkeit Greatstrings durch erheuchelte Harmlosigkeit eingeschläfert hatte, mit Helgoländer Lotsen glücklich den Händen dieses gewissenlosen Mannes. Was später geschehen ist, wissen Sie.« Es trat jetzt eine längere Pause ein, in welcher der Reeder rasch im Zimmer auf- und abging. Dann öffnete er einen Sekretär und entnahm diesem einen Brief, welchen er vor sich auf den Tisch legte. Jacob hatte bisher schweigend zugehört. Die Angst des Vaters um sein Kind entlockte ihm jetzt die Frage: »Von meinem Kinde wissen Sie wohl nichts, lieber Herr?« »Dieselbe Frage schwebte mir auf den Lippen«, fiel Eduard ein. »Was wir bisher von Ihnen hörten, läßt uns erwarten, daß Sie sich streng an die Wahrheit gehalten haben, wir sind aber wenig gebessert, können wir diesem Mann, der durch und für uns gelitten hat, nicht sein Kind frei und rein in die Arme legen.« »Ich hoffe, Sie auch in dieser Beziehung zufrieden stellen zu können«, erwiderte Miguel. »Zwar weiß ich nicht, wo Christine verborgen gehalten wird, ich habe jedoch Grund anzunehmen, daß es ihr wohl ergeht, daß sie nur der Freiheit entbehrt und daß sie alle Anträge des Mexikaners mit Verachtung abgewiesen hat. Es würde dies viel schwieriger gewesen sein, hätte sie ganz allein dagestanden. Der mit ihr fortgeschleppte Andreas aber war klug genug, das unglückliche Mädchen nicht zu verlassen, und so scheiterte jeder fernere Versuch, die Entführte Don Gomez zu überantworten.« »Wenn Sie diese Einzelheiten in Erfahrung brachten, wie kam es, daß Ihnen der eigentliche Versteck des armen Mädchens verborgen blieb?« fragte Ferdinand mit einiger Verwunderung. »Greatstring, in dessen Gesellschaft ich so lange gezwungen weilen mußte, war bisweilen von Grillen geplagt, die er am liebsten durch starke Getränke vertrieb. Hatte er eine gewisse Quantität derselben zu sich genommen, so war er mitteilsam oder er verfiel in die für einen Menschen, der Geheimnisse in seiner Brust verschließt, gefährliche Gewohnheit, laut mit sich selbst zu sprechen. Teils aus diesen lauten Plaudereien des Amerikaners, den ich in solchen schwachen Stunden belauschte, teils aus brockenweisen direkten Mitteilungen erfuhr ich, was ich bereits angedeutet habe. So weit jedoch, daß er den Ort des Verstecks ausgeplaudert hätte, vergaß er sich merkwürdigerweise nie. Diesen zu ermitteln, dürfte aber nicht schwer fallen.« – »Wie! Sie glauben?« unterbrach Heidenfrei den jungen Mann. »Ich gelobe Ihnen den dritten Teil meines mühsam Ersparten«, sagte Jacob, »wenn Sie mir Christine, meine liebe Herzenstochter, wieder zuführen.« »Ich werde Sie an Ihre Dankbarkeit erinnern«, versetzte Miguel, »für eine Handlung der Gerechtigkeit und Humanität aber lasse ich mich niemals bezahlen.« »Was gedenken Sie zu tun?« fragte der Reeder. »Don Gomez verkehrte einige Male mit einem jüdischen Händler, dem er mancherlei alte Sachen, wie seine kostbaren, reich mit Silberstickerei verzierten Kleider verkauft hat. Dieser Mann ist von Natur weder gut noch schlecht, aber er macht gern einträgliche Geschäfte. Er steht auch mit Greatstring in Verbindung, da er diesem, wie hundert anderen, Geld vorschießt oder ihnen Waren zu doppelten Preisen aufdrängt. Wer ihn gut bezahlt, dem dient der gefällige Mann. Ich selbst kenne ihn oberflächlich. Sein Name ist Moses.« »Superbe!« rief Heidenfrei hocherfreut. »Dies ist der richtigste Wegweiser zu Christines Versteck. Es bleibt nichts übrig als Moses zu rufen, durch Geld zu gewinnen und ihn dahin zu bringen, daß er auf geschickte Weise von Don Gomez oder dessen vertrautem Diener zu erfahren sucht, wo das arme Mädchen gefangen gehalten wird.« Treufreund allein war bisher fast bewegungslos geblieben. Er sah unverwandt den Sprechenden an, dessen Stimme in seinem Herzen wunderbare Ahnungen wachrief. Je länger er die Züge des jungen Mannes betrachtete, desto seltsamere Gedanken stiegen in ihm auf. Aus diesen träumerischen Grübeleien weckte ihn die Frage Heidenfreis, der inzwischen leise mit seinen Söhnen gesprochen hatte: »Was ist Ihre Ansicht, lieber Treufreund? Wenden wir uns direkt an den jüdischen Händler, oder wäre es vorzuziehen, dies durch eine Mittelsperson zu tun?« »Überlassen Sie mir dies Geschäft. Mit diesen Leuten verstehe ich von früher her sehr gut umzugehen. Mich kennt der Mann nicht, faßt also auch schwerlich Verdacht, und überdies glaube ich, bringe ich den geldliebenden Händler für nahe um den halben Preis der Summe, welche das Haus Peter Thomas Heidenfrei zahlen müßte, ebenso gern zum Sprechen.« »Superbe! So sei es«, bekräftigte Heidenfrei. »Zögern Sie aber nicht, lieber Treufreund! Sie wissen, Zeit ist Geld, manchmal auch noch viel mehr. Mich dünkt, Sie täten am besten, wenn Sie ihm noch heute Abend einen freundschaftlichen Besuch abstatteten.« »Ich mache mich sogleich auf den Weg«, sagte der dienstwillige, alternde Herr, »weil ich aber abends schlecht zu Fuß bin, besonders in der Dämmerung, könnte mich Jacob vielleicht eine Strecke begleiten.« »Nicht mehr als gern«, sagte dieser ebenso bereitwillig. »Vorläufig sind wir ja wohl am Ende, und wenn Herr Heidenfrei –« »Geh nur, geh, Jacob«, unterbrach ihn der Prinzipal. »Deine Angelegenheit ist jetzt in guten Händen, und wer weiß, ob aus der schweren Trübsal, die unvermutet über dich kam, nicht ebenso unvermutet eine noch ungleich größere Freude erblüht. Die Wege des Herrn sind oft wunderbar!« Nun stand der Reeder mit seinen Söhnen dem Matrosen Miguel allein gegenüber. 21 »Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet, junger Freund«, redete Heidenfrei den Matrosen jetzt wieder an, und Sie dürfen versichert sein, daß wir es nicht bei leeren Worten bewenden lassen werden. Eine genauere gegenseitige Bekanntschaft kann nur dazu dienen, uns fester zu verbinden. Sie äußerten im Verlauf Ihrer Erzählung, daß Don Gomez Ihr persönlicher Feind sei, daß Ihnen das Recht zustehe, einen anderen Namen zu führen. Halten Sie es nicht für ungebührende Zudringlichkeit, wenn ich die Bitte an Sie richte, uns näheres über Ihre Vergangenheit, über Ihr Verhältnis zu Don Gomez mitzuteilen. Vor allem veranlaßt uns zu dieser Bitte der Name, den Sie führen, er gibt uns sogar ein Recht dazu; denn dieser Name ist schon geraume Zeit der Gegenstand angestrengter, leider aber bis jetzt erfolglos gebliebener Nachforschungen gewesen. Jedenfalls sind Sie diejenige Person, welche am sichersten Nachweise geben, vielleicht uns ganz neue Aussichten eröffnen kann.« Miguel hatte dieser Anrede mit steigender Aufmerksamkeit zugehört. Es überraschte ihn, daß so fern von seiner Heimat ein bekanntes Haus seinen Namen kannte. »Ich werde die Herren längere Zeit um Gehör bitten müssen, wenn ich sie, soweit ich dies überhaupt vermag, in den Wirrnissen meiner Vergangenheit umherführen soll.« »Gerade diese Wirrnisse wünschen wir kennen zu lernen, darum zögern Sie nicht«, fiel Eduard ein, »sind wir erst eingeweiht in Ihre Lebensschicksale, dann ist es uns vielleicht vergönnt, die Partien, die Ihnen dunkel geblieben sind, durch unsere Mitteilungen zu erhellen.« »Das Land und den Ort meiner Geburt habe ich so wenig gekannt, wie meine Eltern. Ich bin früh, als Kind von wenigen Wochen schon Waise geworden. Wer mich aufgezogen hat, weiß ich nicht. Nur wie im Traum schwebt mir eine endlos lange Reise vor, die ich in Begleitung eines Mannes machte, in welchem ich später meinen Oheim kennen lernte. Ich muß damals ein Kind von höchstens drei Jahren gewesen sein.« »Kennen Sie den Namen Ihres Oheims?« forschte der Reeder. »Ich hörte ihn nie anders, als Don Ottavio nennen und nannte ihn auch selbst so. Ottavio mußte viel Trübes erlebt haben. Mein Verhältnis zu Ottavio war übrigens eigentümlich genug. Er liebte mich zuweilen leidenschaftlich und überschüttete mich dann mit Liebkosungen; wieder anders gestimmt, zeigte er eine Abneigung gegen mich, die sogar momentan in ausgesprochenen Haß überging. Ich bin vollkommen überzeugt, daß er mich nur in einer so haßerfüllten Stimmung des Augenblicks gänzlich verstieß, mich für eine Summe Geldes, die ihm damals gerade angeboten wurde, einem reichen Pflanzer in Texas, wohin sich mein Oheim schon wenige Monate nach unserer Ankunft in Louisiana mit mir gewandt hatte, gewissermaßen als Sklaven verkaufte.« »In Texas?« sagte Eduard. »Seltsam, seltsam!« »Verließ Sie denn Ihr Oheim für immer und hörten Sie nie wieder von ihm?« fragte Heidenfrei den jungen Mann. »Ohne Abschied zu nehmen, ging er von mir«, fuhr Miguel fort. »Ich wußte nicht einmal, daß ich meine Freiheit verloren hatte, daß ich der Willkür, den Launen eines mir gänzlich Fremden machtlos verfallen war. Wir lebten schon ein paar Jahre auf der Pflanzung des Don Romerio Gomez, eines sehr begüterten Mannes, dem mein Oheim sich nützlich machte. Ein bis zweimal des Jahres besuchte ihn dessen Cousin, ein Mexikaner von Geburt, der vor früheren Jahren reich gewesen war, ein ungemein verschwenderisches Leben geführt und erst spät sich mit einer schönen Dame aus dem ältesten Adel Mexikos verheiratet hatte. Dieser Ehe war ein einziger Sohn entsprungen, der von beiden Eltern überzärtlich geliebt, aber auch maßlos verzogen ward. Er lebte mit der Mutter in Mexiko, denn aller Liebe der beiden Gatten ungeachtet, scheinen sie vereint doch kein sehr friedliches Leben miteinander geführt zu haben. Dieser Mexikaner, den ich immer nur Don Gonsalvo Gomez nennen hörte, versprach seinem Vetter, Romerio, ihm das kleine Besitztum, welches er bewohnte, bei seinem Tode abzutreten, was auch kurz vor meinem Wegzug aus Texas geschah. Den Sohn dieses Mannes, Alonso, sah ich nie, desto mehr hörte ich schon damals von ihm. Es ist derselbe, den Sie gegenwärtig als Don Alonso Gomez kennen, und der alles Glück, das er bis jetzt hatte, nur seinem elastischen Geist und seinen glänzenden Naturanlagen dankt.« »Wie konnten Sie mit diesem Manne, der ja keinerlei Interesse für Sie hatte, in Feindschaft geraten?« fragte Heidenfrei. »Veranlassung dazu hat Don Romerio Gomez gegeben. Dieser Mann, dem ich aus meiner Abneigung gegen ihn nie ein Geheimnis machte, weil ich es ihm nicht verzeihen konnte, daß er mich gekauft hatte, betrachtete mich als sein Eigentum. Als Sache gehörte ich gewissermaßen zum Inventar der Pflanzung. Nun aber setzte ich allen seinen Befehlen solchen Widerstand entgegen, daß Don Romerio mehr Ärger und Schaden als Nutzen von mir hatte. Sicherlich bin ich dem Mann dadurch lästig geworden, weshalb er mich auf gute Manier loszuwerden versuchte. Gelegenheit dazu fand sich bald. Ein Schiffsreeder und Plantagenbesitzer auf Kuba, der dann und wann New-Orleans und einige Küstenstriche von Texas besuchte, kam zufällig auf die Pflanzung des Don Romerio Gomez. Er sah mich und ich gefiel ihm, vielleicht gerade durch mein störrisches Wesen. Er drang in den Pflanzer mich freizugeben, er wolle einen Seemann aus mir machen. Beide Herren einigten sich, unter welchen Bedingungen, das kümmerte mich nicht. Ich war froh, einer tyrannischen Behandlung entrissen zu werden und schloß mich deshalb mit einer meinem Charakter von Natur nicht eigenen Unterwürfigkeit an meinen Befreier an, sodaß dieser mich wahrhaft liebgewann. Er sorgte väterlich für meine vernachlässigte Erziehung, gab aber den Gedanken, einen Seemann aus mir zu bilden, niemals auf. Wie hätte ich einen solchen Mann, der wohlwollend von Gesinnung, gebildet, nach größerer Bildung strebend, dabei reich war, an mir hing, mich stets bevorzugte und auszeichnete, nicht wieder lieben sollen? Don Pueblo y Miguel Saldanha ward mir Vater, ich ihm Sohn. Er besaß keine Kinder und als er starb, vom gelben Fieber hingerafft, ernannte er mich zu seinem Universalerben. Schon vier Jahre früher hatte er mich gesetzlich adoptiert. Dieser Unglücksfall ereignete sich an der Küste von Texas, nahe bei der Insel Galveston. Kurz vor seinem Tode hatte mir mein Wohltäter die betreffenden Papiere eingehändigt, die mich als Erben legitimierten. Etwas früher war auch mein früherer Gebieter in Texas, Don Romerio Gomez gestorben. Auf der Pflanzung desselben lebte seit einigen Jahren sein Verwandter Alonso Gomez, dessen Vater ebenfalls gestorben war. Ob Don Romerio diesem Verwandten seine reiche Pflanzung wirklich vererbte oder ob der unternehmende junge Mann nur auf Umwegen deren Besitz sich aneignete, mag dahingestellt bleiben. Zum Unglück findet er unter den Papieren des verstorbenen Don Romerio den Kaufbrief, kraft dessen ich dessen Eigentum geworden war. Dies stachelte den nach Reichtum lüsternen Mann an, seine Ansprüche auf mich geltend zu machen. Meines Adoptivvaters Verhältnisse waren bekannt, der schlaue Mexikaner wußte, daß außer Länderbesitz auch ein beträchtliches Barvermögen vorhanden sei. Eines Tages, ich wollte eben die Anker lichten und nach Kuba, meiner nunmehrigen Heimat unter Segel gehen, erhalte ich ein Billet, dessen Inhalt mich veranlaßte, nach New-Orleans zu reisen. In demselben zeigte mir nämlich Don Alonso Gomez an, daß er mir eine Mitteilung von größter Wichtigkeit zu machen habe. Arglos reiste ich nach New-Orleans, meine Papiere und mein Vermögen mit mir nehmend. Ich finde Don Gomez, der außer seinem Mulatten noch einen schlauen Amerikaner, Master Greatstring, bei sich hatte. Lachend zeigte er mir den gefundenen Kaufbrief, der von Ottavio unterzeichnet war und mich auf Lebenszeit Don Romerio Gomez und dessen Erbe als Eigentum zusprach. Ist das nicht lustig, Sennor? sagte höhnisch lächelnd Don Alonso. Wenn ich Gebrauch davon machen wollte, müßten Sie mir als Sklave dienen. Das Recht dazu habe ich. Ich denke aber, wir vergleichen uns. Sie sind reich und wissen am Ende nicht, was Sie mit Ihrem großen Vermögen anfangen sollen. Mir wäre mit einigem Zuschuß gedient, denn mein lieber Vetter, Ihr Herr, hat in den letzten Jahren nicht gut gewirtschaftet. Wissen Sie was? Dies Stück Papier hier, das mir Sie erb- und eigentümlich zuspricht, zerreiße und verbrenne ich, wenn Sie mir freiwillig und sogleich das bare Vermögen des verstorbenen Pueblo y Miguel Saldanha ausliefern. Es beträgt, ich weiß es, nahezu hunderttausend Dollar. Das Geschäft ist einfach. Ein kurzes Ja Ihrerseits macht Sie frei. Sprechen Sie es aus. Ich antwortete nicht, sondern kehrte dem frechen Mann verächtlich den Rücken. Sie wollen nicht? rief mir der Mexikaner nach. Niemals! erwiderte ich. Dann mache ich Gebrauch von diesem Papiere und Sie werden mir als gehorsamer Diener zu folgen das Vergnügen haben. Das Gesetz wird mich , nicht Sie schützen. Ist amerikanischer Grund und Boden hier. Ist ein Fact! beteuerte trocken der Yankee. Auch auf diese Drohung gab ich keine Antwort. Ich verließ den Ort unserer Zusammenkunft, ein Kaffeehaus nahe dem Hafen. Es war spät am Abend, der Himmel bewölkt. Kaum war ich hundert Schritt gegangen, so fühlte ich mich von hinten umschlungen. Ich werde zu Boden geworfen – ich erkenne in dem Manne, der mir die Hände hielt, Greatstring; der Mulatte entriß mir den größten Teil meines Vermögens und bemächtigte sich meiner Papiere. Darauf riefen mir beide lachend gute Nacht zu und überließen mich meinem Schmerz. Ich war anfangs wie vom Donner gerührt, gab mich aber doch noch nicht verloren. Noch besaß ich mehrere tausend Dollar, die Brigantine war ebenfalls mein Eigentum, allein, ohne zuvor in den Besitz der mir geraubten Papiere gekommen zu sein, konnte ich das rechtmäßig mir zukommende Erbe meines verstorbenen Adoptivvaters nicht antreten. Von Don Alonso wußte ich, daß er lustig zu leben gedachte. Er hatte Monate in der Louisiana verschwelgt, sich verlobt, wollte heiraten und dann eine Reise nach Europa antreten. Im Besitz reicher Mittel und meiner Papiere konnte er, seinem ganzen Charakter nach, diesen Plan nicht aufgeben. Unverweilt schrieb ich, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, an den wirklichen Kapitän der Brigantine und zeigte ihm an, daß dringende Geschäfte mich möglicherweise lange in der Union zurückhalten würden; er solle deshalb nach Kuba steuern und dort meine Rückkunft oder weitere Befehle abwarten. Dann versteckte ich mich, beobachtete, überwachte jeden Schritt des Mexikaners, und als die Seuche Don Alonso die Braut geraubt und er aus Furcht, gleichem Schicksal zu erliegen, sich auf dem hamburgischen Schoner einschiffte, ließ ich mich als überzähligen Matrosen aufnehmen. Auf See trat ich wie ein Geist vor Don Gomez. Er erschrak zwar, seine Keckheit aber überwand schnell diese Überraschung und er behandelte mich oft übermütig wie mein Herr und suchte sich dadurch in nicht geringen Respekt bei der Schiffsmannschaft zu setzen. Dies die Geschichte meines Lebens«, schloß Miguel seine Erzählung, »dies die Ursache meiner stillen, aber unermüdlichen Verfolgung des Mannes, den ich noch nicht zu überführen vermochte. Ich werde aber nicht eher ruhen, bis ich in Besitz der mir entwendeten Papiere gekommen bin. Das Geld kann mich nicht glücklich machen. Ich habe es nicht erworben. Ich opfere es gern, könnte ich mir dafür nur die Liebe Christines erobern!« Es war spät geworden über diesen Mitteilungen, welche die Zuhörer in immer größere Spannung versetzten. Dann und wann während Miguels Erzählung warf Heidenfrei einen Blick in die Briefe, die vor ihm lagen, gegen das Ende hin aber steckte er diese wieder zu sich. »Ihre Offenheit, junger Freund«, sprach jetzt der Reeder zu Miguel, »fordert von uns, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Sie haben Viel und Schreckliches erlebt. Vielleicht aber waren diese Schicksalsschläge nur Vorbereitungen zu einem ruhigeren, gesicherten Dasein, das die Vorsehung Ihnen bestimmt hat. Sie sind uns durch ein wunderbares Zusammentreffen von Umständen näher gerückt, in gewissem Sinne, möchte ich sagen, verwandt geworden. Kehren Sie oft zu uns zurück. Die Fragen, deren ich vorhin gedachte, werde ich nach einigen Tagen an Sie richten. Mich dünkt, sie können Ihnen nützen und zu Fingerzeigen werden, die Ihnen die Spuren Ihrer wirklichen Abstammung aufsuchen helfen.« Miguel wußte sich diese rätselhaft klingenden Worte nicht zu deuten, gern aber gab er die Zusage, wieder zu kommen; denn auch in ihm setzte sich der frohe Gedanke fest und bildete sich aus zum Glauben, daß die Zeit der schwersten Prüfungen überstanden sei und eine heitere, glücklichere Zeit seiner wartete. 22 David brachte einen ganzen Packen Briefe, die er von den verschiedenen Posten abgeholt hatte. »Aus Bremen!« sagte Ferdinand, einen der Briefe aufhebend. »Und diese Handschrift? Wahrlich, er kommt von ihm, von dem heimgekehrten Onkel! – Treufreund, he Treufreund!« rief er mit lauter Stimme, sein Kontor verlassend. »Was beliebt?« sagte der ›Schatten‹, den Kopf vorstreckend. »Ein Brief aus Bremen – Sie wissen, von unserm wiedererwachten Korrespondenten!« »Ists möglich!« sprach Treufreund, vor Freude erblassend. »Er ist auf deutschem Boden angekommen!« »Folgen Sie mir zum Vater«, fuhr Ferdinand fort. »Der Bruder muß sogleich kommen. Dieser Tag, scheint es, wird ein entscheidender, ein epochemachender in unserer Familie. Auch Moses hat sich melden lassen und wird, wie ich fest überzeugt bin, sicher gute Nachricht bringen. Sie haben Ihre Sachen vortrefflich gemacht.« Heidenfrei der Ältere befand sich seit der Zusammenkunft mit Miguel in einer aufreibenden Gemütsstimmung. Alles, was der junge Mann ihm mitgeteilt hatte, konnte vollkommen wahr sein. Der junge Matrose selbst machte nicht den Eindruck eines Abenteurers oder gar eines Betrügers. Dazu trat er zu unbefangen auf, und sein Auge blickte zu ehrlich und stolz in die Welt. Dennoch konnte er sich vielfacher Zweifel, die, je länger er mit sich zu Rat ging, in ihm aufstiegen, nicht entschlagen. Miguel haßte Don Gomez, und der Haß erfindet oder vergrößert doch gern geschehene Dinge, der Charakter des Mexikaners war – das ließ sich kaum bestreiten – kein völlig reiner, – nur eines Verbrechens hielt er den fein gebildeten, mit so seltenen Talenten begabten Mann nicht für fähig. Die strenge Gerechtigkeitsliebe, der gerade, redliche Bürgersinn gestatteten nicht ohne weiteres eine Verurteilung des Angeklagten. Gerade diese Zweifel veranlaßten Heidenfrei auch, nicht gar zu rasch dem jungen Matrosen unbedingtes Vertrauen zu schenken. Er wollte zuvor prüfen und je nachdem diese Prüfung ausfallen würde, einen unumstößlichen Entschluß fassen. Seine Söhne billigten dies zögernde Hinhalten ihres Vaters nicht ganz. Zwar waren sie auch nicht so gegen Don Gomez eingenommen, daß sie ihn für einen Ausbund aller Schlechtigkeiten gehalten hätten, aber sie wünschten eine baldige Erledigung der äußerst fatalen Angelegenheit schon der leidenden Schwester wegen. Der Brief des Oheims konnte, so hoffte Ferdinand, möglicherweise eine solche Beschleunigung herbeiführen, und darum war er begierig, den Inhalt desselben zu erfahren. Heidenfrei behielt das Schreiben einige Minuten sinnend in der Hand, ehe er das Siegel zu lösen wagte. »So ein Brief ist wie ein mit Glücksloosen gefülltes Rad«, sprach er. »Man kann eine ganze Welt voll Freude und einen unergründlichen Jammer darin finden. – Doch, da kommt Eduard. Wir haben mithin keinen Grund, uns selbst länger auf die Folter zu spannen.« Mit raschem Druck brach Heidenfrei das Siegel, entfaltete das Schreiben und trug es mit seiner klaren, volltönenden Stimme gemessen den Anwesenden vor:   Bester Schwager! Vor wenigen Stunden bin ich hier angekommen, und es ist mir, als hätte ich eine neue Welt entdeckt oder erwachte aus einem langen, langen, schweren Traum und sähe mich wieder zurückversetzt in die vergessene Zeit heiterer Jugendtage. Wie ganz anders ist es doch in dem Lande, das uns geboren hat, wo wir herangereift sind zum strebenden Manne! Ich hätte nie geglaubt, daß ich in meinen vorgerückten Jahren, mit der Bergeslast meiner Erlebnisse auf dem Herzen, doch noch so fröhlich aufjauchzen könnte, wie ich es wirklich getan habe, als ich die ersten Marschhöfe mit ihren langen, grauen Strohdächern, am Giebel das altsächsische Roß, neben dem Schornstein das struppige Storchnest, wiedersah. Viel fehlte nicht, und ich hätte die Hände ausgestreckt, wie ein Kind, das noch keine Vorstellung von Zeit und Raum hat. Niederknieen, beten hätte ich mögen beim Anblick dieses Heimatbildes. Es war nach endlos langen Jahren wieder der erste wahre Pulsschlag der Heimaterde, dessen Widerhall ich im Innersten meines Herzens fühlte . . . Doch will ich nicht in Empfindungen schwelgen. Von meiner Reise kein Wort. Sie verlief sehr glücklich. Wir sind sechs Wochen unterwegs gewesen. – Heute will ich mich hier ausruhen, mich auch zivilisiert kleiden. Ohnehin sehe ich barbarisch aus, auch wenn ich mich noch so schön frisieren lasse. Den tropischen Sonnenbrand wäscht keine Seife fort, und die Narben, welche das Leben mir ins Gesicht gerissen hat, vermag keine Schminke zu übertünchen. Mach' dich also darauf gefaßt, lieber Heidenfrei, in mir einen Menschen wieder zu sehen, der innerlich ein weißer Europäer geblieben ist, äußerlich aber vielleicht Ähnlichkeit mit einem Patagonier hat. Gesund bin ich, nur etwas müde. Übermorgen gedenke ich abzureisen. Darauf richte dich ein. Stören möchte ich nicht gern, weder in der Familie noch im Geschäft. Ich verspreche, mich still zu verhalten. Noch eine Bitte, liebster Schwager! Bringe meine Rückkehr nicht aus! Ich habe einen wahren Abscheu vor der Geschichte vom verlorenen Sohne. Bin ich auch, streng genommen, kein solcher, es sieht doch so aus und die Leute meinen, es sei nicht anders. Noch immer keine Spur von meinem Sohn? Daß er lebt, weiß ich jetzt bestimmt, auch daß er einige Jahre auf Kuba gelebt hat. Desgleichen hat es seine Richtigkeit mit dem Namen des Mannes, den ich dir genannt habe. Die Börse kann ihn nicht kennen, denn er betrieb nie persönlich kaufmännische Geschäfte. Beteiligte er sich an solchen, was er häufig getan haben soll, so bediente er sich dazu fremder Hände. Ein ganz kleines, aber untrügliches Merkmal, an dem mein Junge zu erkennen ist, teile ich dir mündlich mit. Vom Himmel herabfallen wird er nicht; wir werden ihn vermutlich erst nach langem Suchen finden. Dies soll vorerst die nächste Aufgabe meines Lebens sein. Herzensgrüße an dein Weib und deine Kinder dein Schwager Augustin Hohenfels .   Heidenfrei atmete freudig auf. »Gott Lob«, sprach er, »diese Last, die schwer auf mich drückte, wäre denn endlich abgewälzt! Wir werden ihn wiedersehen, und dem heimkehrenden Vater, hoffe ich, wird dann auch einst der Sohn folgen!‹ Es klopfte. Ferdinand öffnete die Tür. »Sogleich«, rief er hinaus, die Tür wieder schließend. »Moses wünscht dich zu sprechen. Er darf doch kommen?« »Ohne Frage«, sagte Eduard. »Das Glück, das von selbst anpocht, darf man nicht abweisen, sonst verscheucht man es für lange Zeit, wenn nicht für immer.« Heidenfreis Auge leuchtete heller als gewöhnlich und indem er dem Sohne zuwinkte, den draußen stehenden Juden hereinzurufen, rieb er sich, wie er stets in sicheren Augenblicken des Glücks zu tun pflegte, die Hände und sprach mehrmals schnell hintereinander: »Superbe, ganz superbe!« * Unter vielen, tiefen Bücklingen trat der jüdische Landkrämer ein, sein scharfes Auge mehr auf die eleganten Mobilien heftend, als auf die Personen, mit denen er sprechen wollte. Er trat dem Reeder etwas näher, hob die Hand auf und sagte: »Wenn Sie auch nicht sind der größte von den Herren, die ich sehe hier stehen um mich, bin ich doch dafür gut und weiß, daß ich mich nicht kann irren, wenn ich Sie nenne den Herrn von diesem Haus und den Mann, der mit seinen Gedanken übersieht viele und macht gewaltige Geschäfte. Großer Gott, ich bin gerührt, daß ich soll sehen vor mir stehen den Mann, welcher ausmacht die stolze Firma: Peter Thomas Heidenfrei.« »Man hat mir Sie von jeher als einen Mann von großer Vorsicht, nicht minder als einen Freund der Wahrheit und des Rechtes bezeichnet«, versetzte der Reeder, um das ganze Vertrauen des schlauen Juden zu gewinnen. »Ist es Ihnen also gelungen, in der betreffenden Angelegenheit, von welcher Sie dieser Herr hier, mein Freund, unterrichtet hat, etwas Zuverlässiges zu erfahren, so werden wir außer dem Dank, den wir im Herzen tragen, Ihnen auch die zugesicherte Belohnung für einen so menschenfreundlichen Dienst gern entrichten.« »Was sollte mir nicht gelungen sein!« erwiderte Moses mit selbstzufriedener Miene. »Hat mir auseinandergesetzt dieser Herr da, Moses, hat er gesagt, 's ist passiert eine böse Geschichte, die kosten wird dem, der sie hat angezettelt, viel Geld, wo nicht gar die Freiheit. Und es soll haben, hat er noch gesagt, eine große Belohnung derjenige, welcher bietet die Hand als ein redlich denkender Mann, damit gemacht werden kann aus Unrecht wieder Recht. Er hat gesagt ferner, Moses, wir sind gemeint, ich und ein anderer Mann, der höher steht als ich und mehr gilt an der Börse als wir beide zusammen und noch ein halb Dutzend unseres Schlages dazu, daß Sie sind vor allen derjenige, der uns helfen könnte mit seiner Klugheit aus der Patsche. Na, hab ich da nicht geantwortet drauf: Was Moses nicht kann, das kann keiner?« »So ist es, Moses«, sprach Treufreund, »und eben weil Sie so bereitwillig Ihr Wort verpfändeten, sind wir begierig, die Resultate Ihrer Nachforschungen gegen pünktliche Erfüllung der eingegangenen Verpflichtungen unsererseits zu erfahren.« »Resultate! Was ist Resultate? Ist das Mädchen aufgehoben gewesen so gut wie der Augapfel, den Gott der Allmächtige hat gesetzt in ein knöchernes Gehäuse und drüber gehängt den schimmernden Vorhang seidener Wimpern, damit er abhalte den Staub und den grellen Schein brennender Sonnenstrahlen. Hat sie doch gelebt in der Familie eines armen, aber gerechten Mannes, und lebt sie noch dort, zusammen mit ihrem Bruder, der sie hütet. Was soll also sein 's Resultat als daß sie blüht, wie eine Rose im Juni und springt, wie ein Lämmlein auf der Weide?« »Aber wo, Moses, wo?« fiel fragend Eduard ein. »Gott, Gerechter! Wie kann doch der Mensch sein so vergeßlich, daß er überspringt die Hauptsache und sich aufhält länger als notwendig bei Nebendingen. Christine und der junge Mensch, den man hält für den Bruder der jungen Schönheit, seit sie gegangen ist aus diesem Hause und ausgestiegen aus dem Kahne, in dem es sie schüttelte vor Frost und wohl auch ein wenig vor Furcht, haben gelebt und leben noch glücklich und zufrieden im Hause meines leiblichen Verwandten, des Jacob Joel Acher in Moisling.« In dieser Richtung die Vermißten zu suchen, war niemand in den Sinn gekommen, wie auch keiner auf den Gedanken verfallen konnte, Christines Räuber habe sich jüdischer Helfer bedient. Heidenfrei erkannte darin die fein berechnende Klugheit des Mexikaners und begriff erst jetzt, welch großen Dienst der aufmerksame, mißtrauische Miguel ihnen, wie dem Quartiersmann geleistet hatte. »Es bleibt also dabei, Moses«, sagte Heidenfrei fest und bestimmt »Sobald die Vermißten wohlbehalten hier ankommen, klingen die Portugalöser auf dem Zahlbrett. Adieu, auf baldiges Wiedersehen!« 23 Am nächsten Tage bestiegen Jacob und Miguel, denen sich Ferdinand Heidenfrei anschloß, einen offenen holsteinischen Stuhlwagen und traten ihre Reise nach Moisling bei Lübeck an. Es war dies wirklich eine Reise zu nennen, denn in damaliger Zeit gab es zwischen den beiden großen Schwesterstädten noch keine Chaussee. Der Kommunikationsweg, welcher die alte Königin der Ostsee mit der Handelsmetropole der Niederelbe verband, war ein so abscheulicher Sandweg durch Steingeröll, mooriges Sumpfland und Knüppeldämme unterbrochen, daß viel Zeit zu solcher Fahrt gehörte. Die Reisenden machten sich deshalb auch auf wenigstens vier Tage gefaßt. Der Reeder begab sich gleichzeitig in seine Villa, um einen ganzen Tag ungestört daselbst zu verweilen. Es war nötig, die Seinigen auf das Kommende vorzubereiten, sowie Elisabeth in schonender Weise das mitzuteilen, was sie erfahren mußte. Es geschah liebevoll, väterlich mild, und Elisabeth nahm es mit Ruhe auf. Sie weinte nicht, als sie aus den Erzählungen des Vaters deutlich heraushörte, daß Don Gomez bei allen liebenswürdigen Eigenschaften doch kein Mann sei, dem ein gebildetes Mädchen ihr Herz schenken könne. Es kam eine stille ernste Ruhe über die blühende Jungfrau, die ihr etwas Unnahbares gab. Alle Fröhlichkeit verlor sich, aber sie blieb dabei freundlich gegen jeden, und wer sie nicht früher in ihrer mädchenhaften Ausgelassenheit gekannt hatte, würde geglaubt haben, dieser Ernst sei ihr angeboren. Von Don Gomez wurde nicht mehr gesprochen. Er selbst hatte nach seiner letzten Zusammenkunft mit Ferdinand die Familie des Reeders gemieden. Sein ganzes Benehmen bewies, entweder daß er sich schuldig fühlte, oder daß er, durch die ausweichende Antwort des Reeders verletzt, seine Absichten für immer aufzugeben entschlossen sei. Heidenfreis Mitteilungen riefen auf der Villa eine vermehrte Tätigkeit hervor, die wohltuend auf Elisabeth wirkte. Die erwartete Ankunft des Oheims gab viel zu bedenken, zu besprechen. Es mußten für den lang Entbehrten Zimmer eingerichtet werden. Beide Mädchen hatten zu sorgen, daß nicht die kleinste Bequemlichkeit fehle, daß die Zimmer den freundlichsten Anblick boten und den Eintretenden festhielten. Darum berieten sie mit dem Gärtner über die Blumen, welche die Zimmer schmücken sollten, mit dem Tapezier über den Stoff, die Farbe und Anordnung der aufzuhängenden Gardinen. Das alles gab eine unterhaltende Zerstreuung und übte einen wohltuenden, beruhigenden Einfluß auf Elisabeths Gemütsstimmung. Augustin Hohenfels hätte zu keiner passenderen Zeit seine Ankunft melden können. Auch in der städtischen Wohnung machte sich der Eintritt von etwas Ungewöhnlichem bemerkbar. Das Personal war durch den Reeder persönlich von der Rückkehr seines Schwagers, den man längst für tot gehalten, unterrichtet worden. Weitere Auslassungen unterblieben, weshalb die auf dem Kontor Beschäftigten Stoff zu zahllosen Vermutungen erhielten. Die Meisten kannten kaum den Namen Hohenfels, da mit dem Ableben des Vaters die Firma erloschen, das Geschäft selbst aber auf Heidenfrei übergegangen war. Von dem jetzt plötzlich wieder auftauchenden so nahen Verwandten konnte begreiflicherweise im Geschäftsleben nie oder doch nur zwischen denen die Rede sein, welche Augustin früher gekannt und mit ihm in Verbindung gestanden hatten. Zwei Tage währte diese erwartungsvolle Unruhe. Da auf einmal hieß es: »Er ist da!« »Wer?« fragten alle den gerade eintretenden David. »Gott verdamm' mich, der Herr aus Südamerika.« »Wo? – Wie sieht er aus?« erscholl es von verschiedenen Pulten her. »Soll mich der Donner zerschmeißen, wenn ichs weiß«, erwiderte der grobe Hausknecht. Damit erreichten vorläufig die Fragen und Erkundigungen ein Ende. Es kamen und gingen Geschäftsleute, mit denen zu sprechen war, die Auskunft begehrten oder brachten, und so konnte aus Mangel an Zeit niemand der Beschäftigten seine Gedanken an das heften, was in der obern Etage, in den Gemächern des Reeders vorgehen mochte. Dort saß der Reeder nebst Eduard und Treufreund im Gespräch vertieft mit Augustin Hohenfels. Die Unterredung hatte weit über eine Stunde gedauert, da unterbrach sie Heidenfrei mit den Worten: »Ich muß Briefe unterzeichnen, lieber Augustin. Ich denke, du begleitest mich und siehst dir die Räume an, wo du früher ja so oft weiltest. Du wirst sie leicht wieder erkennen, denn ich habe nur wenig daran verändern lassen. Außer einer Teilung meines eigenen Zimmers, die ich für zweckmäßig hielt, ist, glaube ich, bis auf die Pulte und Sessel alles geblieben, wie es war. Doch nein, die Fenster sind etwas vergrößert und statt der kleinen Scheiben, die immer ein so falsches Licht gaben, große eingesetzt worden. Es läßt sich jetzt ganz superbe arbeiten, selbst bei dicker Nebelluft.« Augustin erklärte sich bereit zu diesem Gang. Er nahm den Arm seines Neffen und ein Seufzer entrang sich seiner Brust. »Mein Sohn!« sagte er. »Wär mirs doch vergönnt, auch mit dem Sohn dereinst so Arm in Arm über die Straße zu gehen! Wo er wohl weilen mag, der mich so wenig kennt, wie ich ihn, der von meinem Dasein nicht einmal eine Ahnung haben kann?« »Diese Zeit, glaube es meiner ahnenden Seele, Augustin, wird kommen, wird bald kommen!« sprach Treufreund. Es waren die ersten Worte, die seit dem Bewillkommnungsgruß über seine Lippen kamen. Hohenfels schüttelte ungläubig das Haupt. »Lieber, treuer, brüderlich-treuer Freund«, versetzte er, »ich danke dir für diesen neuen Beweis deiner unergründlichen Liebe und innigen Teilnahme, die auch diese lange Zeit der Trennung zwischen uns, der Glaube an meinen Tod in deinem Herzen nicht hat abschwächen können. Leider aber ist die Wirklichkeit nur gar zu oft der Narr unserer besten Wünsche, der sie mit der Peitsche totschlägt und wenn sie nicht gleich daran sterben wollen, noch obendrein, einen schlechten Witz reißend, lustige Bocksprünge auf ihnen macht. Einen verlorenen Sohn wiederfinden ist beinahe ebenso schwer, wie das Herz eines Mädchens entdecken, an dem man das eigene vertrauensvoll ausruhen kann. Es gibt solche Glücksfälle, gewiß, aber sie sind so rar, wie die Menschen, welche nur bisweilen wissentlich, um nicht zu sagen, mit Vorsatz, fehlen.« Bei den letzten Worten seines Schwagers öffnete Heidenfrei die Tür zum Kontor. Sämtliche Angestellten, welche den Schritt des Prinzipals genau kannten und aus den lauten Worten des Sprechenden vermuteten, daß er in Begleitung komme, wandten sich neugierig nach der Tür um, wo ihnen die imponierende Gestalt Hohenfels' mit den markigen, braunfarbigen Gesichtszügen sogleich ausfallen mußte. Wie auf ein Kommandowort erhoben sich alle. Heidenfrei, der gerade im Geschäftslokal am wenigsten redselig war, hielt es für schicklich, dem ganzen Personal seinen Verwandten ein für allemal mit bündigen Worten vorzustellen. Er sagte daher, wie ein Feldherr alle Kontoristen mit scharfem Auge streifend: »Mein Schwager, Herr Augustin Hohenfels aus Rio!« Damit war der Förmlichkeit genügt und dem Personal zugleich angedeutet, daß jeder Einzelne ungestört in seinen Arbeiten fortfahren möge. »Ich habe dir noch eine wichtige Mitteilung zu machen«, sagte er weitergehend zu Hohenfels. »Von meinen Söhnen wirst du erfahren haben, daß sich im vorigen Herbst eine höchst ärgerliche Geschichte hier zutrug. Die Sache überraschte mich damals dergestalt, daß ich Mühe hatte, meine Ruhe zu behalten. Kein Mensch vermochte mit einiger Gewißheit den eigentlichen Zusammenhang, viel weniger noch den wahren Hergang zu erraten, der mitten aus dem fröhlichen Leben einer zahlreichen Gesellschaft ein junges, hübsches Mädchen spurlos verschwinden ließ.« »Die Tochter deines Quartiersmannes«, fiel Hohenfels ein. »Ganz recht, ich entsinne mich. Eduard, glaub' ich, hat mir über dies auffallende Ereignis ziemlich ausführlich geschrieben. Der Verdacht fiel auf ein paar junge Seeleute, nicht wahr? Hat man sie entdeckt, und sind sie der frechen Tat geständig?« »Der Entführer oder vielmehr deren Anstifter ist entdeckt«, versetzte Heidenfrei, »es ist aber ein ganz anderer, als die wir anfangs für schuldig hielten. Gerade jener Matrose, ein Fremdling aus Süd- oder Mittel-Amerika war es, dem wir die Entdeckung des wirklichen Täters verdanken. Die Geraubte befindet sich, Gott sei Dank, leiblich und geistig im besten Wohlsein. Ihr Entführer hat von seinem romantisch-kecken, nach unsern Rechtsansichten höchst strafbaren Unternehmen nichts als den Schimpf und eine total ruinierte gesellschaftliche Stellung. Über seine Persönlichkeit sollst du später weiteres von mir hören. Gegenwärtig wollte ich dir nur sagen, daß Christine soeben von ihrem Vater aus dem bisher geheim gehaltenen Versteck abgeholt und zu meiner Familie auf dem Lande gebracht worden ist. Du sollst das Mädchen später kennen lernen und wirst es, hoffe ich, lieb gewinnen. Der junge Mann, welcher uns den Täter näher bezeichnete, wartet meiner, um mir Bericht abzustatten. Es ist derselbe, den wir früher für den wirklich Schuldigen hielten. Hast du Lust, seine Bekanntschaft zu machen? Er ist ja als geborener Brasilianer halb und halb dein Landsmann.« »Wie nennt er sich?« »Ja, das mag der gute Mensch so ganz genau wohl selbst nicht wissen. Nach seinem Familiennamen haben wir ihn nicht einmal gefragt.« »Er nennt sich Miguel«, sagte Treufreund, »er glaubt in Südamerika geboren zu sein, ist aber sehr frühzeitig erbarmungslos in die Welt hinausgestoßen worden und hat wunderbare Schicksale gehabt.« »Miguel!« sagte Hohenfels sinnend. »Miguel heißen viele Menschen. Ich muß, wenn ich diesen Namen höre, immer an Pueblo y Miguel Saldanha denken.« »Du könntest vielleicht den Matrosen nach diesen Manne fragen«, warf Heidenfrei ein. »Mir ist es noch nicht eingefallen oder richtiger, ich bin nicht dazu gekommen, da uns die Entdeckung des Aufenthaltsortes der armen Entführten ausschließlich bei unsern seitherigen Zusammenkünften beschäftigte.« »Das will ich auch«, sprach Hohenfels entschlossen. »Ist dieser Matrose ein Brasilianer von Geburt, hat er längere Zeit in den Küstenstrichen des mexikanischen Golfs und auf den Inseln gelebt, so muß dieser Name ihm mehr als einmal zu Ohren gekommen sein, denn der Mann, welcher ihn führte, war, wie ich durch unablässige Nachfragen erfahren habe, eine überall gekannte und beliebte Persönlichkeit.« Auf dem Korridor erwartete der Quartiersmann den Reeder. Das Gesicht des in den letzten Monaten stark gealterten Mannes strahlte vor Freude. »Du bringst gute Nachricht, ich sehe es dir an«, sprach Heidenfrei. »Superbe! Aber wo hast du deinen jungen Begleiter? Er ist doch nicht etwa mit deinem Willen durchgegangen?« »Alles in Ordnung, Herr«, versetzte Jacob. »Moses hat uns ausgezeichnet bedient für die schönen Portugalöser, die Sie ihm so gnädig zugesagt. Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gut machen soll mit meinen beiden Händen. Arbeiten kann ich wohl, aber mit Arbeit allein kann auch der redlichste Mann genossene Wohltaten nicht vollständig abverdienen.« »Still, still, Jacob«, unterbrach ihn der Reeder. »Du bist schon sehr nachsichtig gegen mich und mein Haus, wenn du mir erlaubst, daß wir nach dem, was alles geschehen ist und wenn fortan deine Tochter in meinem Hause bleibt und Unterricht genießt, wie ihre natürlichen Anlagen ihn verlangen, mit einander einfach aufheben. Abarbeiten! Pfui, Jacob! Wie magst du solchem Gedanken dich hingeben! Nichts mehr davon! Jetzt aber sieh dich um und sag mal, ob du das Gesicht da kennst oder ob es dir doch bekannt vorkommt.« Der Reeder öffnete bei diesen Worten die Tür seines Zimmers, durch welche das volle Licht des Tages in den dunkeln Korridor und auf die Gruppe der hier Stehenden fiel. Jacob prallte erschrocken und verwundert zurück beim Anblick Augustins, von dessen naher Ankunft er zwar gehört hatte, dessen er sich aber nur dunkel erinnern konnte. »O Gott, o Gott!« rief er aus, die Hände faltend. »Wie hab' ich mich erschrocken! Da ist ja Er! Nur etwas älter und härter von Zügen, aber ganz Er.« Treufreund betastete bald seine Glatze, bald trocknete er sich die tränenden Augen, während er innerlich frohlockend das Haupt hin und herwiegte. »Von wem spricht der Mann?« fragte sichtlich aufgeregt Hohenfels. »Wem sehe ich oder wer sieht mir ähnlich?« Ehe noch jemand darauf antworten konnte, rief eine jugendlich-frische Stimme den Namen Jacob und eilige Schritte ließen sich auf der Treppe hören. »Komm, komm, mein Junge!« versetzte Jacob. »Heute gibt es Freude auf Erden und Frohlocken im Himmel! Komm her und laß dich angucken, damit man erfährt, wo du heimisch bist und wem du angehörst!« Miguel trat rasch ins Zimmer, durch dessen Fenster goldiger Sonnenglanz schimmerte. Ihm gerade gegenüber stand Augustin Hohenfels, seine scharfen Augen auf den hochgewachsenen, kräftigen Jüngling heftend, der jetzt mit freudestrahlendem Antlitz ihm entgegentrat. »Himmel, was ist das!« rief der von so schweren Schicksalen heimgesuchte Mann, an allen Gliedern zitternd aus. »Dieser Junge heißt Miguel? Ich will Gewißheit. Gib her die Linke, und wehe mir, ein Fluch, ein Fluch auf diese Stunde, wenn du mich so fürchterlich täuschest!« Hohenfels warf einen schrecklichen Blick, aus dem das Feuer des Wahnsinns zuckte, gen Himmel, dann faßte er wild die Linke Miguels, riß das blaugestreifte Baumwollenhemd, das eng am Knöchel schloß, auf, streifte es zurück bis zum Ellenbogen und betrachtete hier die innere Seite des Armes. Ein feines, granatfarbenes Blatt von schönster Zeichnung schimmerte ihm als Mal entgegen. »Das Granatblatt! O Gott, das Granatblatt, dessen Fall meine Dolores so sehr erschreckte, als sie ihn unter dem Herzen trug!« Augustin Hohenfels brach in ein konvulsivisches Gelächter der Freude aus, öffnete beide Arme, riß Miguel an seine Brust und sank mit ihm zugleich, wiederholt die Worte rufend: »Mein Sohn! Mein Schmerzenskind! Kind meiner gemordeten, ewig geliebten, unvergeßlichen Dolores!« bewußtlos auf den Divan. Die Zeugen dieses Wiederfindens verstummten im Anblick eines Glückes, das denen, die es genossen, eben so leicht den Tod bringen, wie neues, frohes Leben schenken konnte. Treufreund aber kniete neben Vater und Sohn nieder, bewegte sprachlos die Lippen und legte seine weiße, zitternde Hand, als wolle er sie segnen, auf beider Scheitel. 24 Mit Zügen, die geistige Ermüdung verrieten, trat Hohenfels in sein Zimmer, erschloß einen Sekretär, legte ein Paket Papiere in ein Fach desselben und warf sich dann in die Ecke des Sofas. Er mochte einige Minuten mit halbgeschlossenen Augen hier gesessen haben, als das Öffnen der Tür ihn aufblicken ließ. Es war Eduard, der den Oheim besuchte. Der junge Mann schritt einige Male im Zimmer auf und nieder, dann sagte er zu Hohenfels: »Du fühlst dich beleidigt, Onkel, gesteh es, aber du wirst mir das Zeugnis geben, daß ich keine Schuld trage.« Hohenfels lächelte bitter. »Beleidigt?« erwiderte er. »Nein! Mich kann schon lange niemand mehr beleidigen; was mich bedrückt und wohl auch ängstigt, das ist viel schlimmer.« »Noch schlimmer?« »Ja, Eduard, für mich, nicht für euch. Ich bin überflüssig, unnütz, vielleicht im Wege.« »Das sind finstere Einbildungen eines erregten Gemüts.« »Keineswegs! Die Zeit der Illusionen liegt hinter mir, und wenn ich auch vielleicht heute noch nicht immer im gewöhnlichen Sinne praktisch bin, ein sinnloser Schwärmer brauche ich deshalb doch nicht gescholten zu werden!« »Es hat dich niemand so genannt.« »Nicht mit Namen, das ist wahr, die Bezeichnung aber galt mir und konnte nur mir ganz allein gelten!« »Mir möglicherweise auch, Oheim.« »Du bist gütig, Eduard, und dafür danke ich dir, dennoch muß ich die harten Worte, die in der heutigen Versammlung fielen, auf mich beziehen. Indes auch dies würde ich, wie so vieles verschmerzen, sähe ich nur irgendwo eine Aussicht.« »Der Vater unterstützt ja deine Vorschläge.« Hohenfels stand auf, ergriff den Arm seines Neffen und fuhr lebhaft fort: »Dein Vater, mein Schwager, ist ein vortrefflicher, ein ausgezeichneter Mann. Sein kaufmännischer Blick schweift in die Ferne und hat für Großes, Neues, Sinn und Verständnis. Bei alledem aber geht ihm etwas ab, was ich überall an dem deutschen Kaufmann mehr oder minder vermißte, das Talent, den rechten Augenblick mit aller Kraft, rasch, die halbe Welt überrumpelnd, zu erfassen. Dein Vater ist bald für ein gewaltiges Unternehmen zu gewinnen, aber er beginnt es nicht. So war er immer, so war auch mein verstorbener Vater. Vor zwanzig und mehr Jahren mochte ich wohl zu ungestüm verfahren, bisweilen auch zu herausfordernd an andere herantreten, hätte mich aber damals dein Vater unterstützt, so würde höchst wahrscheinlich kein Bruch zwischen mir und dem Vater erfolgt sein, und mein ganzes Leben hätte sich anders gestaltet. Meinen Feuereifer mäßigen, zugleich aber meine Pläne unterstützen mußte damals Heidenfrei. – Nun sind zwei Jahrzehnte vergangen, Hamburg steht größer und mächtiger da, als zu Anfang des Jahrhunderts. Aber zum Henker, es soll sich jetzt auch rühren, sag ich! Es soll aufhören, immer nur in alten Gleisen seine Handelsschiffe fortgleiten zu lassen, was mir vorkommt, als ginge jemand stets in geflickten Schuhen, weil er neue ihrer anfänglichen Unbequemlichkeit wegen anzuziehen scheut.« »Laß uns Zeit, Onkel, und wir tuns allen andern gleich.« »Das ists eben«, erwiderte Hohenfels mit Heftigkeit. »Wer sich Zeit läßt, kommt immer zu spät. Napoleon hat das zwanzig Mal bewiesen. Nicht nachtreten, vorangehen muß jeder Unternehmende. Wenn ihr euch Zeit laßt, so verhungert ihr allerdings dabei nicht, aber ihr setzt euch in einen Bequemlichkeitsstuhl, während andere auf schnaubendem Rosse durch die Welt jagen! – Da ist nun eine Erfindung gemacht für den Reeder wie geschaffen. Er darf nur zugreifen, sich nur verbinden mit Mechanikern, Mathematikern, Chemikern, kurz, er darf nur das tun, was ich vor zwanzig Jahren bereits in Vorschlag brachte: die Wissenschaften und deren Entdeckungen für das Leben ausbeuten, und er stellt sich unter die größten Wohltäter der Menschheit! Überflügelt werden schmerzt, sich von andern überflügeln lassen, ist ein Verbrechen, ein Frevel gegen sich selbst. Wenn man jetzt noch behaupten kann, meine wohlgemeinten Vorschläge seien die eines ziellosen Träumers, so gibt man damit nur zu erkennen, daß man die Zeit nicht begreifen will. Das aber macht mich unglücklich und überflüssig.« Die Unterredung wurde durch den Eintritt Ferdinands und Treufreunds unterbrochen. »Warum habt ihr die Versammlung nicht abgewartet?« sagte Ferdinand Heidenfrei. »Es gab noch so viele Punkte zu erörtern, so viele Fragen zu beantworten.« »Wenn man mir von Anfang an die Hauptfrage als ein Phantom bezeichnet, will ich nichts hören von den Nebenfragen«, erwiderte Hohenfels. »Konnte ich zu Worte kommen? War es möglich, meine Gedanken darzulegen, meine Ideen zu entwickeln?« »Es wäre, glaube ich, möglich gewesen, wenn du Rücksicht genommen hättest auf die Mehrheit der Anwesenden. Praktische oder, wenn du lieber willst, prosaische, zuerst auf Gewinn begierige Naturen gewinnt man nie für eine Idee durch Herauskehren der ideellen Seite, zeigst du ihnen aber erst die praktische, die einträgliche Seite, und stützst darauf die kulturelle, dann wirst du Erfolg haben!« »Lieber Gott, seid ihr denn gar keiner Begeisterung fähig?« warf Hohenfels ein. »Ich mußte mich immer erst für eine Sache begeistern können, ehe ich mich ihrer annahm, mich ganz an sie hingab.« »Ich persönlich, bester Oheim«, versetzte der jüngere Heidenfrei, »begeistere mich gern, die Masse der kaufmännischen Welt jedoch ist nicht dafür, und das kann man ihr nicht verdenken.« »Nicht verdenken!« wiederholte Augustin Hohenfels. »Ich verdenke es jedem, wenn er sich den Einwirkungen neuer Ideen verschließt.« »Damit schadest du dir und dem Allgemeinen«, erwiderte Ferdinand in wohlwollendem Ton. »Die Menge ist nun einmal so geartet, daß sie von jedem Unternehmen reellen Nutzen haben will. Die Größe der Idee, an sich allerdings die Hauptsache, das eigentliche fruchttragende Kapital, erscheint doch den Meisten, gegenüber den blinkenden Zinsen, also der bereits gebrochenen Frucht, erst in zweiter Reihe. Klimpere mit den Zinsen, anstatt das Gold deines Gedankenkapitals mit vollen Händen auszuwerfen, und man ruft dir ein Hurrah über das andere.« Hohenfels senkte seufzend das Haupt. »Ich glaube beinahe, der Bruder hat Recht«, sagte Eduard. »Dein Gedankengold lockt nicht, es macht die Hellsehendsten blind. Du vergreifst dich, begeistert, wie du bist, der prosaisch rechnenden Mehrheit gegenüber, in den Mitteln, und das veranlaßt sie, völlig ungerechte Urteile über dich zu fällen.« Niedergeschlagen und bekümmert stützte sich der leicht erregbare Mann auf Treufreunds Schulter, indem er sprach: »Also unnütz, ein Störenfried aus Begeisterung! Man könnte darüber lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre.« »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben«, tröstete Eduard. »Ein leidiger Trost, der Trost des Nachahmers, nicht des Erfinders.« »Du mußt aber doch selbst zugeben, bester Oheim, daß dein Plan, dessen Großartigkeit ich persönlich bewundere, auch seine bedenklichen Seiten hat«, meinte Ferdinand. »Allerdings hat er sie, das leugne ich nicht. Alles Große ist bedenklich, wer aber immer bedenkt und vor lauter Bedenklichkeit nie zu einem Entschluß, viel weniger noch zu einer Tat kommt, der wird auch nie Großes vollbringen. Mißglücken kann freilich alles, auch das Beste, wer sich aber nie mutig aufrichtet, wird nie über die Mittelmäßigkeit hinauswachsen. Und das, nehmt mirs nicht übel, ihr Herren, das gerade ist mir in der Seele zuwider.« »Mein Freund«, sagte Treufreund, »du hast dich durch die ersten Einwürfe zu sehr stören lassen. Ich sah es dir gleich an, daß du dich beleidigt fühltest und in dieser gereizten Stimmung wohl etwas zu weit gingst. Werde erst wieder ruhig, kühle dich ab, überlege selbst, gehe mit uns zu Rat, und dann lege noch einmal, aber vorsichtiger Hand ans Werk.« »Nie!« rief Hohenfels. »Entweder sie fassen mich, wie ich es für gut finde, mich auszudrücken, oder ich behalte meine Gedanken für mich. Es kommt eine Zeit, ich weiß es, wo sich verwirklichen wird, was schon jetzt ausführbar wäre, sie wird aber erst dann eintreten, wenn die Ehre, der Glanz und Ruhm des Unternehmens gar viel an Schimmer verloren hat. Und ich begnüge mich schon, wenn man mir so viel Humanität zutraut, daß ich einer Idee, von welcher mein ganzes Vaterland dereinst Nutzen haben wird, meine Lebenskraft zum Opfer bringen kann. Ist es denn zu viel verlangt, wenn ich wohlwollend, ratend sage: greift zu! Seid tätig, schart euch zusammen! Nehmt euch ein Beispiel an euern hansischen Vorfahren und erobert der Industrie und der Geistesherrschaft eures deutschen Vaterlandes durch einmütiges Handeln die transatlantische Welt, wie sich jene ehedem den Norden Europas untertan machten. Diese Weltaufgabe hat das Dampfschiff, und wenn die Reederei Geist besitzt und mittels dieses Geistes dem Kapital Seele verleiht, so wird sie materiell große Reichtümer erwerben und ideal das Reich der Bildung auf Erden ausbreiten helfen! Das ist meine sinnlose Idee. Mir ist sie lieb und teuer, und ich beklage nur, daß ich nicht Mittel besitze, um sie praktisch ins Leben zu rufen. Ich glaubte, diese Mittel zu finden, deshalb kehrte ich zurück. Wie es scheint, habe ich mich getäuscht. Glaubt jedoch nicht, daß ich einen einmal für gut erkannten Gedanken so leicht aufgebe. Ich werde damit hausieren gehen und ihn jetzt stückweise verwerten. Eines Tages finden sich die vereinzelten Stücke wohl wieder zusammen und dann gibt es, wenn ichs auch nicht mehr sehen kann, doch zuletzt noch ein leidlich gutes Ganzes.« Hohenfels schwieg. Seine tief liegenden Augen glänzten und das gebräunte Gesicht strahlte von geistigem Feuer. »Es ist einmal Erdenschicksal«, sprach Eduard, »daß wir nur zum Teil Zeugen der Schöpfungen sind, die unsern Anstrengungen ihre Entstehung verdanken. Wie viele Väter sehen ihre Kinder kaum sich entwickeln; was sie in der Reife ihres Alters, in der Fülle geistiger Kraft, schaffen, bleibt ihnen immerdar verborgen, und dennoch geht in Erfüllung, was sie in ihren Wünschen, diesen Embryonen zukünftiger Taten, schon fertig vor ihrem Geiste stehen sahen. So, bester Oheim, wird auch der Traum deines Lebens dereinst in einer schönen Tat den Nachgeborenen zur Erscheinung kommen.« »Ich möchte es doch so gern erleben«, sagte Hohenfels. »Ist es Sünde, einen solchen Wunsch zu haben? Oder sollte es Eitelkeit, geistiger Dünkel sein, der mich ihn aussprechen, ihn nur hegen läßt?« »Keins von beiden, mein edler Augustin«, sprach Treufreund, dem bewegten Manne die Hand drückend. »Du bist noch kräftig, und darum schließe ich mich deinem Glauben an und teile deine Wünsche. Erlebte auch ich noch den Tag, wo deutsche Reeder beide Hemisphären durch direkte Dampfschiffahrtslinien mit einander verbänden, dann wollte auch ich mich glücklich preisen und still zufrieden sterben.« Hohenfels hielt die Hand des Freundes lange in der seinigen. Die Augen halb geschlossen, blickte er vor sich nieder und seine Gedanken schienen weit in die Ferne zu schweifen. »Eins freut mich«, sprach er nach längerem Schweigen, »daß mein Sohn sich dem Seewesen widmen will. Er besitzt meine Energie. Was er sich vornimmt, das führt er zu Ende; was er einmal mit Liebe ergriffen hat, gibt er nicht wieder auf. Solche Menschen braucht unsere Zeit. Sie können von außerordentlichem Nutzen sein. Miguel, der glücklicherweise durch eure, besonders durch deine Vermittlung, bester Treufreund, wieder in den Besitz seiner Papiere gekommen ist, hat hoffentlich mehr Glück als ich, und so denke ich, wird er aus einem Matrosen, wie er sein soll, dereinst auch ein Kapitän werden, dem jeder Reeder ein Seeschiff unbedenklich anvertrauen darf.« Die beiden Freunde hatten es nicht beachtet, daß während ihres leise geführten Gedankenaustausches die Brüder abgerufen worden waren. Jetzt trat abermals ein Diener ein und meldete, daß Herr Heidenfrei sich unwohl fühle und seinen Schwager sogleich zu sprechen wünsche. »Heidenfrei kann sich unmöglich mehr alteriert haben, als ich«, sagte Hohenfels rasch aufspringend. »Aber er ist an so starke Dosen heftiger Aufregung wohl nicht gewöhnt. Vielleicht hat es ihn verdrossen, daß man mich gar so kurz und obenhin behandelte und es hat schließlich mit einigen der Matadore der Börse einen herben Wortwechsel gegeben.« Er verließ, von Treufreund begleitet, das Zimmer, der ihm an der Treppe nochmals recht herzlich die Hand schüttelte und dann ins Kontor hinabstieg. 25 Heidenfrei ruhte entkräftet im Sofa. Er sah bleich und angegriffen aus, dennoch drang er darauf, daß man den Arzt nicht rufe, überhaupt möglichst wenig von seinem Unwohlsein spreche, das sich nach einiger Zeit von selbst wieder verlieren werde. Die Söhne, welche den Vater einer Ohnmacht nahe getroffen hatten, waren in größter Bestürzung. Auch Hohenfels schien der Zustand des bejahrten Schwagers bedenklich, weshalb er vorschlug, er möge erlauben, daß man seine Frau und Tochter in Kenntnis setze. Davon jedoch wollte der Reeder vollends nichts wissen. Er verneinte heftig, wünschte mit seinen Söhnen und Hohenfels allein zu bleiben und befahl Ferdinand, die Tür zu verschließen. Als man diesem Wunsch des aufgeregten Mannes willfahrt hatte, schien er ruhiger zu werden. Er bedeutete den Anwesenden, sie möchten in seiner Nähe Platz nehmen, er habe ihnen eine Mitteilung von Wichtigkeit zu machen. Gespannt horchten alle auf. »Ich bin nicht krank, ihr Lieben, ich bin nur angegriffen«, hob Heidenfrei mit halblauter Stimme an. »Die Verhandlungen, die leider kein günstiges Resultat ergaben, haben dies nicht bewirkt, obwohl sie meinen Ansichten und meinen Erwartungen sehr wenig entsprachen. Eine Nachricht, die mich erst später erreichte, hat mich, weil sie unerwartet kam, erschüttert. Ich bin nämlich in große Verluste geraten, und wenn alles sich bestätigt, so wäre das Schlimmste denkbar.« Als Heidenfrei dies harte Wort ausgesprochen hatte, fühlte es sich leichter. Seine Söhne standen sprachlos und alle Farbe wich aus ihren Wangen. Hohenfels dagegen blieb ruhig. »Sind ein paar der ersten Häuser gefallen?« fragte er. »Noch nicht«, versetzte Heidenfrei, »man vermutet nur ihren Fall. Sollte er eintreten, so weiß ich nicht, wie ich mich halten soll, denn mehr als zwei Drittel meiner Habe schwimmt auf dem Meere.« »Wir müssen uns unverweilt Gewißheit zu verschaffen suchen und dann umsichtig, aber auch rasch handeln«, sagte Hohenfels. »Wie hoch belaufen sich deine Verbindlichkeiten?« Heidenfrei nannte die Summe. Es fehlte wenig an einer Million. »Und wieviel davon kannst du decken?« forschte der Schwager weiter. Der Reeder zuckte die Achseln. Es wird wenig genug sein, denn, wie gesagt, mein Vermögen gehört Wind und Wogen und ich habe es vorgezogen, weder die Schiffe noch die Waren zu versichern. Wenn jetzt ein Unglück geschieht –« »Es darf nicht geschehen«, fiel der energische Hohenfels dem Schwager ins Wort. »Ich weiß, oder was dasselbe ist, ich schaffe Rat.« »Du? Wie vermöchtest du eine solche Summe herbeizuschaffen!« sprach Eduard. »Ein entschlossener Mann vermag viel«, versetzte Hohenfels. »In vorliegendem Fall ist ohnehin, dünkt mich, leichter Rat zu schaffen, da nur Vermutungen vorhanden sind, nur Befürchtungen laut werden.« »Gerade diese Befürchtungen lassen mich das Schlimmste ahnen«, sagte Heidenfrei. »Der Ruf eines Hauses, das solche Befürchtungen zuläßt, ist schon verloren, nur der Beweis des Gegenteils kann ihn vollständig wiederherstellen.« »Welche Schiffe erwartest du?« fragte Hohenfels, ohne auf diese letzte Bemerkung zu achten. »Es müssen in den nächsten Wochen zwei Briggschiffe, eine Fregatte, eine Schonerbrigg und drei Kuffs teils hier, teils in Bremen und Antwerpen einlaufen. Alle sind gemeldet, die Ladungen sind wertvoll und der Gewinn ein bedeutender, wenn mir das Glück treu bleibt. Stürzen aber die beiden englischen Häuser, mit denen ich liiert bin, so fehlen mir die baren Mittel, und es ist sehr fraglich, ob ich in diesen ohnehin geldarmen Zeiten meinen Kredit so hoch anspannen kann, daß ich mich halte, ohne Verdacht zu erregen.« »Du bist gerettet«, sprach Hohenfels zuversichtlich. »Vertraue jetzt einmal mir, dem Schwärmer«, fuhr er lächelnd fort, als er die heiter werdende Miene des niedergeschmetterten Mannes sah. »In einem Falle, wie dieser, ist es gerade die Idee, die am sichersten Hilfe bringt. Darum steht mir eine große Idee so hoch, darum ist sie mir unter Umständen mehr Wert, als das größte klingende Kapital. Ihr verlacht unsere Ideen, die ihr ziel- und sinnlos nennt, und doch ist jeder Wechsel, den ihr trassiert, auch nur eine Idee, und der Kredit, ohne welchen aller Handel aufhören müßte, ist die kühnste aller Ideen. Solange der Glaube an eine Idee währt, solange ist sie gut. Habt also die Güte, meinen Ideen Glauben zu schenken und ihr könnt ohne Bedenken Wechsel darauf ziehen und Kredit darauf eröffnen.« Heidenfrei sah mit seinen scharfen, hellen Augen den Sprechenden groß an. »Du könntest Recht haben«, versetzte er, »und so will ich, obwohl es gegen mein Prinzip verstößt, auf eine bloße Idee, die bisweilen mit Chimäre gleichbedeutend ist, Kredit geben. Du bist zu ehrlich, als daß du mich, meinen Namen, mein ganzes Haus einer Idee zu Liebe ins Unglück stürzen kannst. Vor zwanzig Jahren, ich bekenne es offen, hätte ich dir solchen Glauben nicht geschenkt. Damals warst du mir zu schwärmerisch hochfahrend. Jetzt bist du mir an Lebenserfahrungen überlegen, stehst frei und vorurteilslos da, hast persönlich keine Verbindlichkeiten, brauchst dich vor niemand zu beugen und hast deshalb ein Recht, den Kopf ein wenig hoch zu tragen, wenn andere Miene machen, dich übersehen zu wollen. Ich will sogar, damit du siehst, daß ich kein Gegner deiner Pläne bin, wenn ich sie auch nicht mit Überzeugung zu den meinigen machen kann, nicht einmal fragen, auf welche Weise du mir im Fall der wirklich eintretenden Gefahr Rettung bringen willst.« Dieses unbegrenzte Vertrauen rührte und entzückte Hohenfels, der, unbeachtet seiner trüben Erlebnisse, sich einer gewissen Schwärmerei stets von neuem warm und innig hingab. »Ich danke dir«, sagte er, ganz wieder Vertrauen und vollkommen versöhnt. »In wenigen Tagen werde ich dir die Belege übergeben, welche dich unter allen Umständen sicher stellen. Vielleicht tragen sie mehr als meine feurigsten Worte dazu bei, dich und deine allernächsten Freunde meinen Vorschlägen geneigter zu machen. Auch damit würde ich schon zufrieden sein, denn aus der Geneigtheit entwickelt sich später die Lust zu wagen, und schon das erste sogenannte Wagnis wird – ich bin davon überzeugt – ein Triumph der Idee sein, von der ich nicht lassen kann, die mich nun einmal einzig und allein noch in der Welt festhält, weil ich in ihr einen neuen Prometheusfunken die Völker der Erde mit frohem Lebensfeuer durchglühen sehe.« Heidenfreis Aufregung verlor sich während dieser Unterredung und gleichzeitig kehrte dem entschlossenen Mann seine physische Kraft zurück. Niemand im Hause erfuhr von dem Inhalt des Gesprächs, nur die besorgten Mienen der Söhne wollten manchem auffallen, da sich beide Brüder gewöhnlich heiter und hoffnungsvoll zeigten. Augustin Hohenfels ging inzwischen unverweilt ans Werk. Es erhob den ungewöhnlichen Mann, daß ihm der Zufall, und anscheinend noch dazu ein unglücklicher Zufall, der hundert andere bis zur gänzlichen Verwirrung erschreckt haben würde, Gelegenheit bot, gewissermaßen die Probe auf seine Idee zu machen. Der edle, große Charakter des viel verkannten Mannes zeigte sich jetzt in seinem glänzendsten Licht. Hohenfels schrieb mehrere Briefe an ihm bekannte Handelshäuser, die, wie die Papiere seines Sohnes auswiesen, die Verhältnisse des verstorbenen Pueblo y Miguel Saldanha, dessen Erbe sein Sohn geworden war, ganz genau kannten. Was er sonst noch hinzufügte, blieb seinem Schwager ein Geheimnis. Von der Lage Heidenfreis, wenn die mit ihm verbundenen Häuser zugrunde gingen, war in keinem dieser Schreiben die Rede, desto beredter verbreitete sich Hohenfels über seinen großen Gedankenplan, Süd-Amerika der Kolonisation zu erschließen und den Zug tüchtiger, nicht ganz unbemittelter Auswanderer nach diesen reichen Ländern zu leiten. Er drang auf Befahrung aller Meere durch Dampfschiffe, aber er kam immer wieder auf die Grundidee zurück, daß, solle eine derartige Erweiterung der Reederei von nationalem Nutzen sein und denjenigen, die sie in die Hand nähmen. den unberechenbarsten handelspolitischen und kulturhistorischen Einfluß in der neuen Welt sichern, keine andere Staaten und Nationen sich dazwischen mengen dürften. Herstellung direkter Schiffahrtslinien unter deutscher Flagge, das war in diesen Briefen das große Thema, das er predigte. Als er die Schreiben siegelte, sagte er zu sich selbst: »Es wäre doch möglich, daß ich noch reussierte. Sind die einen schläfrig oder schwer zu einem Entschluß zu bewegen, so muß man versuchen, sie durch andere, rührigere aufwecken zu lassen. Die Konkurrenz ist eine gefährliche Waffe, die mit großer Geschicklichkeit gehandhabt sein will, soll man sich selbst nicht verwunden. Sie ist ein zweischneidiges Schwert ohne Griff, das man wirft, wie der Gallego sein im Ärmel verborgen gehaltenes Dolchmesser und das man am stumpfen Ende wieder auffangen muß. Aber sei es drum! Der Preis ist groß, der Ruhm noch größer. Dafür muß ein unternehmender Mann nötigenfalls Ehre und Kopf einsetzen.« Hohenfels war mit sich zufrieden. Er trug die Briefe selbst auf die Post, damit niemand erfahre, wer diejenigen seien, die, wie er sich ausdrückte, eine bloße Idee als Wechsel akzeptierten und die Valuta dafür bar auszahlten. Er wußte, daß er sicher ging, und dies Bewußtsein gab ihm seine geistige Spannkraft wieder, die ihn während der kleinlich prosaischen Verhandlung mit einer Anzahl begüterter Menschen verlassen hatte, welche die Großartigkeit seiner weltbefruchtenden, völkerbeglückenden Idee über die Berechnung des abfallenden Gewinnes ganz und gar vergessen konnten. Die Antworten auf die Briefe entzückten Hohenfels in jeder Beziehung, denn sie gewährten ihm mehr, als er zu erwarten gewagt hatte. Ein fast unbegrenzter Kredit war ihm eröffnet, sodaß Heidenfrei damit seine Verbindlichkeiten auch im Falle eines wirklich eintretenden Unglücks erfüllen konnte. Dieser Erfolg eines Experimentes, dessen Natur Heidenfrei nicht genügend kannte, knüpfte zwischen beiden Schwägern ein neues Band festen Vertrauens. Die Söhne drangen unablässig in den Vater, den Oheim, der einen so großen kaufmännischen Blick gerade in schwierigen Angelegenheiten besitze, als Kompagnon mit in das Geschäft zu nehmen und ihm vorzugsweise die Reedereiangelegenheiten allein anzuvertrauen, die, worauf alles hindeute, binnen wenigen Jahren durch die immer zweckmäßigere Benutzung der Dampfkraft unbedingt in ein ganz neues und eigentümliches Stadium treten müßten. Solchen Bitten, auf so triftige Gründe sich stützend. vermochte der Vater nicht länger zu widerstehen. Augustin Hohenfels trat in das Geschäft, und bald erregte es gewaltiges Aufsehen an der Börse, als eines Tages Zirkulare ausgegeben worden, welche diese wichtige Veränderung der europäischen und außereuropäischen Handelswelt bekannt machten. Glücklicherweise erwiesen sich die Befürchtungen Heidenfreis als völlig aus der Luft gegriffen. Ein allzu vorsichtiger Korrespondent hatte das Hamburger Haus unnötigerweise, aber in guter Absicht, erschreckt. Es erfolgte nicht die geringste Stockung, sodaß Hohenfels den Kredit, der ihm bewilligt worden war, garnicht zu benutzen brauchte, wenn er nicht wollte. Mit Hilfe desselben ließen sich indes außergewöhnliche Resultate erzielen, und so strengte denn Hohenfels seine ganze geistige Kraft an, um den Ideen, die ihn ins Vaterland zurückgeführt hatten, Leben einzuhauchen. 26 Es war um die Zeit, wo die ersten Fischewer den Baum passierten und die Brotverkäufer bereits von ihrem Morgengang zurückkehrten, als einer der letzteren, ein untersetzter Mann von munterem Aussehen, in der engen Mattentwiete etwas unsanft einen ihm rasch entgegenkommenden jungen Seemann mit seinem Korb anstieß. »Stop«, sagte der Seemann, sich zur Seite biegend. »Steckt ein Licht aus, wenn ihr auf schmalem Fahrwasser steuert, sonst gibts Kollision.« Die Stimme kam dem Brotmann bekannt vor. Er kehrte sich um und blickte in ein wohlbekanntes Gesicht. »Bist du's wirklich, Andreas?« sagte er, dem Steuermann die Hand reichend. »Wie lange bist du mir nicht mehr zu Gesicht gekommen! Besuche mich bald. Trudchen hat hundertmal nach dir gefragt, und die alte blinde Pate deines in so vornehme Gesellschaft geratenen Schützlings sehnt sich auch, ein verständiges Wort von dir im Vertrauen zu hören.« Andreas erwiderte den kräftigen Händedruck. »Sobald ich mit Christines Vater gesprochen habe, ehrlicher Peter Krume, siehst du mich, seis bei dir, seis bei der alten blinden Silberweiß. Ich komme direkt aus London, wohin ich im Auftrag Heidenfreis ging, um die Wahrheit über gewisse Angelegenheiten zu ermitteln.« »Hoffentlich hast du sie ermittelt.« »Vollkommen. Meine Auftraggeber können und werden zufrieden sein.« Die enge und belebte Twiete gestattete den beiden Bekannten keine längere Unterhaltung. Mit nochmaligem freundlichen Augenwink trennten sie sich, Peter Krume, um seine Wohnung hinter den Böden aufzusuchen, der Steuermann Andreas, um auf Umwegen dem Hause des reichen Reeders zuzuschreiten. Als er dies nach einer guten halben Stunde erreichte, fand er die geräumige Diele voll arbeitender Menschen, unter denen der derbe David mit seinen schrecklichen Flüchen der lauteste, aber auch der unermüdlichste war. Andreas fragte nach Jacob, und erhielt von David unter zugegebenem »Gottverdammich« die Antwort, daß er den Quartiersmann auf dem obersten Speicherboden antreffen werde. Der junge Herr sei mit ihm hinaufgestiegen. Der Steuermann traf Ferdinand Heidenfrei, den Quartiersmann und einige Arbeitsleute bei der Luke, um nach Amerika bestimmten Flachs zu verladen. Ferdinand erwiderte mit Freundlichkeit den Gruß Andreas', während Jacob ihn wie einen Menschen empfing, dem man großen Dank schuldig ist. »Ihre Briefe haben den Vater sehr befriedigt«, sagte der junge Heidenfrei. »Alles, was bis dahin noch unklar war, ist damit erledigt worden. Auch ich danke für Ihre Bemühungen. Es hängt jetzt nur von Ihnen ab, ob Sie Ihre bisherige Stelle behalten oder ob Sie auf unserer neu erbauten Fregatte, die nächstens in See gehen soll, als Obersteuermann eintreten wollen. Bis Sie einen bestimmten Entschluß gefaßt haben, bleibt Ihnen dieser Posten reserviert.« Andreas dankte. ging mit Jacob auf die Seite und sagte ihm leise ins Ohr: »Heute Abend erfährst du, was du zu wissen brauchst. Ich komme eigens deshalb hierher, um aller Ungewißheit ein Ende zu machen, weil ich weiß, daß sie am peinigendsten ist. Es hängt jetzt größtenteils nur von dir und deiner Frau ab, die Sache zu Ende zu führen und ihr die günstigste Wendung zu geben.« Jacob nickte schweigend mit dem Kopfe, sein Blick aber war trüb, fast finster und es schien, als setze er in die Worte des Steuermannes wenig Vertrauen. Indes sagte er zu und dieser entfernte sich wieder. »Jacob«, sagte Ferdinand Heidenfrei, als der größte Teil verladen war, »auf ein paar Worte!« Der Quartiersmann folgte dem jungen Herrn. »Wenn du es noch nicht wissen solltest, Jacob«, sagte hier Ferdinand, »so will ich es dir mitteilen. Jeder Zweifel, daß Miguel nicht der Sohn meines Oheims sein möge, ist durch die Erkundigungen, welche wir einziehen ließen, behoben. Miguel ist mein leiblicher, rechter Vetter, der einzige Sohn Augustin Hohenfels'. Alles, was er uns über das frühere Leben des Mexikaners erzählt hat, ist ebenfalls Wort für Wort wahr, und so dürfen wir uns ja wohl alle aufrichtig freuen.« »Ich habe das immer vermutet«, versetzte Jacob, »und hielt deshalb die Nachfragen eigentlich für überflüssig. Aber ich errate den wahren Grund und konnte es dem Herrn darum auch nicht verdenken. Wenn Sie aber meinen, mir persönlich, meiner Familie, meiner Tochter sei damit groß gedient, so muß ich mir erlauben, zu bemerken, daß ich mich dieser Ansicht nicht anschließen kann.« »Vergiß nicht, Jacob, daß du die Zusage meines Vaters hast. Zweifelst du an seinem Wort, an der Redlichkeit eines Heidenfrei?« »Nein, Herr, mich drücken ganz andere und viel schlimmere Bedenken.« »Laß sie mich kennen lernen, vielleicht kann ich dich beruhigen.« Jacob schwieg nachdenklich, dann sagte er: »Daß meine Christine von Ihrem Vetter geliebt wird, weiß ich, und daß meine Tochter sich schwerlich weigern würde, einem Manne die Hand fürs Leben zu reichen, der mehr für sie getan hat, als ein Bruder tun könnte, davon bin ich überzeugt. Was aber wäre damit gewonnen? Meine Tochter käme durch eine Heirat mit Herrn Miguel Hohenfels-Saldanha freilich in eine große Familie, ihr Vater aber und ihre Mutter, meine schlichte ehrliche Doris, würden dadurch weder vornehm noch gesellschaftsfähig. Das taugt nichts, Herr Heidenfrei, glauben Sie mir! Das ruiniert das Zutrauen zwischen Eltern und Kindern, macht diese hochmütig und jene mißmutig, und wenn dann ein kleiner Zwist kommt, wie's ja auch in der glücklichsten Ehe passieren mag, so kommt der verschiedene Stand zur Sprache, es gibt Vorwürfe und wie lange dauerts, so ist das Unglück fertig.« Ferdinand hatte die Banken des Quartiersmannes ruhig angehört, jetzt lächelte er und versetzte, die Hand zutraulich auf Jacobs Schulter legend: »Ehrlicher, braver Jacob, wenn diese Bedenken allein dir Kummer verursachen, so kann ich dich beruhigen. Wahr mag es freilich sein, daß weder du noch deine Frau in einem Salon unter vornehmen Damen und reichen Matadoren der Gesellschaft eine besonders angenehme Rolle spielen oder euch glücklich fühlen würdet. Aber ist denn das nötig? Begehrst du in diese Zirkel zu treten? Gewiß nicht. Unser Haus aber, Jacob, das kennst du und wenn es dem Vater einfällt, eine Familienmahlzeit zu geben, meinst du, daß es dann unschicklich wäre, dich deshalb mit einzuladen, weil du zufällig besser mit einer Speicherwinde als mit der Feder umzugehen weißt? Bist du etwa nicht bewandert in den Angelegenheiten, welche die Mehrzahl der Kaufleute interessiert? Du bist uns ebenso unentbehrlich wie der Kaufmann es wiederum dir und deinen Genossen ist.« Jacob war immer noch nicht beruhigt. Er ließ etwas von Mißheirat verlauten und sprach von den traurigen Folgen solcher Ehebündnisse, die immer erst dann sich herausstellten, wenn es zu spät wäre und an eine Änderung nicht mehr gedacht werden könnte. »Woran stößt du dich jetzt noch? Fürchtest du, deine Tochter werde stolz werden und mit Geringschätzung auf dich herabsehen?« »Nein, lieber Herr, das fürcht ich nicht«, erwiderte Jacob mit Lebhaftigkeit. »Dazu hat sie ein zu weiches Gemüt. Nein, nein, stolz und hochmütig wird mein Mädel nicht, aber –« »Wieviele Aber tanzen denn noch auf deiner Zungenspitze?« warf Ferdinand lächelnd ein. »Mir ist nur bange um den Herrn Vater.« »Um meinen Vater?« »Nein, behüte Gott, um den Vater des Herrn Miguel.« »Um Hohenfels? Wie kommst du darauf, Jacob? Hast du denn ganz und gar vergessen, was mein Oheim erlebt hat? Wie jedes Vorurteil, falls solche in ihm vorhanden waren, von den Erfahrungen, die er machte, getötet worden ist?« »Das alles macht mich nicht bange«, sagte Jacob; »was mich stört, ist sein düsteres, unzufriedenes Wesen. Ich fürchte, der gute Herr fühlt sich noch jetzt nicht glücklich und wird es überhaupt nie werden. Jetzt hat er freilich wieder etwas, das seine Gedanken beschäftigt, und da mag es wohl eine Weile gehen. Wenn aber sein Sohn sich wieder mehr von ihm wendet, was bei einem jungen Ehemanne ja gar nicht anders sein kann, dann wird er wieder umschlagen und ins Grübeln versinken und immer unglücklicher werden. Denk ich daran, Herr, und muß ich mir sagen, daß ich an solchem Unglück mittelbar doch die Schuld hätte, weil es ja eigentlich nur durch meine Tochter entstanden ist, so wäre es mir lieber, Christine kehrte in mein Haus zurück und träfe eine Wahl, wobei alle diese Bedenken von selbst wegfielen.« »Das nenne ich gewissenhaft sein«, versetzte Ferdinand sehr heiter. »Vorläufig, lieber Jacob, sorgte dich nicht um das Kommende und überlasse denen, die dir und deiner Familie wohlwollen, die Ordnung einer Angelegenheit, die ich meinesteils schon für ziemlich geordnet halte. Der Mißmut meines Oheims hat, dünkt mich, ganz andere Gründe. Lassen diese sich beseitigen, so verliert er sich wohl auch nach und nach.« Mit diesen beruhigenden Worten entließ Ferdinand den besorgten Quartiersmann, der zwar still, aber doch etwas heiterer als zuvor sich seiner gewohnten Tätigkeit wieder hingab. 27 »Das Gewitter scheint sich verzogen zu haben«, sprach Don Alonso Gomez, der sich nach Cuxhaven zurückgezogen hatte, einen soeben erhaltenen Brief weglegend, zu sich selbst. »Zeit wäre es auch, denn noch länger in dieser Zurückgezogenheit, ohne erheiternden Umgang, ohne pikante Unterhaltung zu leben, ist mir unmöglich. Was aber nun beginnen? Woher Kredit schaffen, nun der erste völlig erschöpft und die Quellen, die einen neuen vermitteln können, zu weit entfernt sind?« Der Mexikaner durchschritt einige Male sein Zimmer, das auf eine öde, jetzt im feuchten Nebel eines Spätherbsttages fast traurig erscheinende Gegend hinaussah. »Fort muß ich von hier, und selbst auf die Gefahr hin, mich den ärgerlichsten Verwicklungen auszusetzen, will ich es wagen, die Welt wieder zu betreten, die ich nunmehr seit beinahe vier Monaten gemieden habe. Käme nur mein schuftiger Diener zurück! – Freilich betrügt und belügt mich der Spitzbube, so oft er für sich selbst daraus Vorteil ziehen kann, ich darf ihn aber dennoch nicht fortjagen. Keiner schweigt stiller als er, wenn er dafür bezahlt wird, und er kennt mich und mein Leben zu genau, um ihn sich selbst überlassen zu dürfen. Er muß mir also auch fernerhin zur Seite stehen, ich muß ihn dulden.« Don Alonso Gomez sah in die Landschaft hinaus, die ihm zuwider war. Die Rückerinnerung an das Vergangene trieb finstere Schatten auf seiner Stirn zusammen. Gerade so war die Farbe des Himmels, als er den Anschlag auf Christine ausgeführt, der so ganz gegen alle Erwartung zu seinem Unglück ausschlug. Seit jenem Tage hatte es ihm nicht mehr recht glücken wollen. Sein ganzes Leben gestaltete sich anders. Was bisher daran glänzend, erheiternd gewesen, das verwandelte sich in farblose Langweiligkeit. Und als er nun vollends durch die Entdeckung von Christines Versteck genötigt wurde, dem verhaßten Miguel, der alle seine Schritte kreuzte, alle seine Pläne zerstörte, die früher entwendeten Papiere wieder zu geben, mußte er seine mit so vielem Glück gemachte Eroberung als einen gänzlich verlorenen Posten betrachten. Der namen- und vaterlose Miguel konnte ihm nicht gefährlich werden, der Sohn des einflußreichen, durch seine Familie mächtigen Hohenfels war ein achtunggebietender Gegner. Dieser Umschwung der Verhältnisse, dem ein Gesinnungswechsel folgen mußte, vertrieb den abenteuernden Glücksritter aus Hamburg. Don Gomez verließ die Stadt, die er in vieler Hinsicht liebgewonnen hatte und in welcher, des großen Weltverkehrs wegen, leichter als irgendwo anders unter Benutzung des günstigen Moments noch immer ein Glück für ihn zu erobern war, mit dem festen Entschluß, nach Verlauf einiger Zeit wieder dahin zurückzukehren. Nötigenfalls konnte er sich ja einen andern Namen geben, einen imponierenden Titel beilegen. Luft und Leben hatten in den letzten Monaten genug an ihm genagt, daß er mit Hilfe der Kunst sein Äußeres glücklich maskieren und so einen ganz andern Menschen anziehen konnte. Es gab in seinem Vaterlande eine Anzahl Namen, die kein Europäer kannte. Die vielen politischen Wandlungen, das heiße Durcheinander keck begonnener und rasch beendigter Aufstände hatte manchen früher unbekannten Namen zu Geltung, Ruf und Ehren gebracht, und wenn ein unternehmender Mann sich unterfing, auf fernem europäischen Boden den Namen eines solchen, nur aus Zeitungsberichten bekannten, Mannes anzunehmen, so war dabei keine Gefahr. Nur Geld mußte man besitzen, glänzend mußte man auftreten, um die leichtgläubige Welt, die sich von jeher durch Reichtum und Flitter bestechen ließ, zu verblenden und gläubig zu stimmen. Leider fehlte dem Mexikaner gerade das Geld. Er hatte zu flott, zu vornehm, zu freigebig gelebt. Sein Kredit war erschöpft und ließ sich nach dem Vorgefallenen, das freilich nicht auf der Straße besprochen und kritisiert wurde, in früherer Weise schwerlich wieder gewinnen. Zu Don Alonso Gomez würde kaum Einer volles Vertrauen gefaßt haben. Darum fort mit dem alten abgenutzten Namen. Endlich hörte er Schritte und gleich darauf stand Master Papageno vor ihm. »Du bist der saumseligste Mensch, den ich kenne«, herrschte der Mexikaner den Mulatten an. »Konntest du nicht schreiben, wenn du so lange Zeit brauchtest, einem gewinnsüchtigen Schurken mit funkelnden Worten Herz und Augen zu verblenden? Wie ist's? Bringst du Geld?« »Nein, aber Er ist da.« »Wer?« »Der als letzter Helfer zu ermitteln war.« »Wo ist er?« »Unten vor der Tür. Befehlen Sie und er macht seine Aufwartung.« »Dein Witz ist stumpf geworden in diesem Nebelklima«, sagte Don Gomez. »Im Tal von Tenochtitlan hättest du eher einem reichen Gauner die Kehle zugeschnürt, ehe du dich einem Menschen überliefertest, der jetzt seinerseits an deinem oder vielmehr an meinem Halse diesen Kunstgriff einstudieren kann. Zum Glück ist man hier zu Lande weniger heißblütig, als bei uns, und zeigt man sich nur willig, schließt man geflissentlich die Augen, um sich ungenierter betrügen zu lassen, so verträgt man sich allenfalls wohl auch mit einem verhaßten Feinde. Ruf also deinen Mann.« Der Mulatte entfernte sich und holte den hilfreichen jüdischen Unterhändler, Geschäftemacher und Spekulanten. Moses sagte einen kaum hörbaren Gruß, denn er traute dem Handel nicht recht, und wäre der Gewinn, den man ihm bot, nicht gar so verlockend gewesen, so hätte er sich kaum auf ein so gewagtes Anerbieten eingelassen. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß Don Gomez allein sei, fragte er mit größerer Zuversicht und offenbar erfreut, daß ihm ein neuer Gewinn bevorstehe: »Was wünschen der gnädige Herr, daß Sie lassen holen einen schwachen Mann viele Meilen weit bei diesem Wetter?« »Diese Frage ist überflüssig«, erwiderte der Mexikaner. »Mein Bevollmächtigter hatte Auftrag, dich zu unterrichten. Warum hast du nicht mit ihm unterhandelt und abgeschlossen?« »Wie kann ich abschließen ein Geschäft mit einem Manne, den ich habe erzürnt, obwohl ich es meinte gut?« versetzte Moses. »Ein Feind ist immer ein Feind und soll ich machen ein Geschäft, kann ich es doch nur machen mit einem Freunde. Also bin ich gekommen mit dem Bevollmächtigten des gnädigen Herrn, um zu fragen, ob er mir noch eine menschenfreundliche Handlung nachträgt, für die ich hätte verdient weit eher Lob als Tadel.« »Von Vergangenem soll zwischen uns nicht die Rede sein, Moses, und ich will dir nicht zürnen. Kannst du jetzt mit mir ein Geschäft machen?« »Warum sollt ich nicht! Wovon lebt der Mensch, als vom Geschäft? – Gott, was sollte ich anfangen, wenn es nicht Menschen gäbe von großmütiger Gesinnung, die mich verdienen ließen zuweilen eine Kleinigkeit.« »Nun ja, lieber Moses«, fuhr Don Alonso Gomez fort, »ich verspreche dir, meine Redeweise nie zu ändern, wenn deine Handlungsweise freundschaftlich bleibt. Sieh, lieber Freund, du würdest mich erfreuen und zu Dank verpflichten, wenn du mir gegenwärtig mit etwas barer Münze aushelfen könntest. Mein Bevollmächtigter hat dich gewiß hinlänglich von meinen Wünschen unterrichtet –« »Hinlänglich? Ja, so sagen der gnädige Herr. Was aber ist hinlänglich?« »Sahst du nicht die Papiere, Moses, die mein Bevollmächtigter dir vorlegen sollte?« fragte etwas erstaunt Don Gomez. »Warum sollt ich sie nicht haben gesehen? Hab sie gehabt in den Händen und hab sie gelesen mit meinen Augen, und ich denke, es sind gute Papiere; man hat doch seine Not mit allem, was heißt Papier!« »Du fürchtest, sie könnten ihren Wert verlieren? Das sehe ich ein, lieber Freund«, sagte der Mexikaner, »darum eben war mein Bevollmächtigter von mir beauftragt, dir in meinem Namen Wechsel über die betreffende Summe auszustellen, die ich später unterzeichnen wollte.« »Ja, so hat er gesagt, und darum hab ich auch schon mitgebracht die Wechsel.« Moses legte Don Gomez zwei Wechsel vor, die bereits ausgefüllt waren, nur die Unterschrift des Mexikaners fehlte noch. Don Alonso Gomez durchlas die Papiere. Seine Augen funkelten vor Freude, als er die Summe überflog, zu deren Herbeischaffung der gefällige Moses sich bereit erklärte. »Um dir zu beweisen, lieber Moses, daß ich weniger bedenklich bin, als du, unterzeichne ich diese Papiere sofort«, sprach der geldbedürftige Mexikaner. »Sicherheit, wie du sie nur wünschen kannst, hast du in diesen Papieren. Ich erlaube mir nur noch zu fragen, ob ich das Geld auch sogleich in Empfang nehmen kann!« »Hab es bei mir auf Mark und Schilling«, erwiderte Moses. »Die ganze Summe?« »Die ganze Summe in einem einzigen leichten Papierchen an meinen Wechsler, der es Ihnen bar auszahlt.« »Du bist ein wahrer Goldmann«, sagte Don Gomez und ergriff es begierig und legte es behutsam in sein Portefeuille. Moses verabschiedete sich mit den Worten: »Und so der gnädige Herr ist zufrieden mit mir, und ich bin es mit dem gnädigen Herrn, der mich großmütig läßt verdienen ein paar Spezies unter vielen Sorgen und Mühen, will ich jetzt setzen meinen Stab weiter und dem Herrn wünschen von Herzen eine gute Nacht und angenehme Träume. Bleiben Sie gesund!« Der Mulatte hatte dieser ganzen Unterhandlung stillschweigend zugehört. Jetzt, als Moses sich entfernte, näherte er sich seinem Herrn und sagte: »Wann gedenken Sie zu reisen?« »Morgen, wenn es die Witterung erlaubt. Auf jeden Fall bestelle schon jetzt Pferde. Die schnellste Beförderung ist für mich die billigste.« »Wo befehlen Sie abzusteigen?« »Wir nehmen vorerst auf dem Lande, nicht gar zu weit von der Stadt Quartier. Etwa in Blankenese. Man kann von da zu jeder Stunde leicht Hamburg erreichen. Auch hat man unterwegs, besonders wenn man die Strecke oft zurücklegt, Gelegenheit, für künftige Tage in der Stille Vorkehrungen zu treffen, um das Glück derer, die uns nicht gewogen sind, nicht gar zu üppig aufschießen zu lassen.« 28 Elisabeth saß am Fenster und stickte, ihr gegenüber beschäftigte sich Ulrike mit einer landschaftlichen Zeichnung. Aus dem Nebenzimmer, dessen Tür nur angelehnt war, hörte man Spiel und Gesang. »Christine macht schnelle Fortschritte und hat wirklich eine allerliebste Stimme«, sagte Elisabeth, auf die vollen, weichen Töne des Liedes horchend, das die Übende am Klavier sang. »Wie schade, daß sie nicht ein paar Jahre früher ihre angeborenen Fähigkeiten entwickeln konnte! Sie hätte es gewiß viel weiter gebracht, als ich mit meiner schwachen und wenig metallreichen Stimme.« »Etwas dünn finde ich den Ton doch immer noch«, erwiderte Ulrike. »Daran ist eben die späte Übung Schuld«, meinte Elisabeth. »Miguel wird sich aber doch freuen, daß Christine so leicht faßt und es bei fortgesetzter Übung zu einer ganz ansehnlichen Fertigkeit bringen kann.« »Er spielt selbst nicht übel«, versetzte Ulrike, »wenn ich aber zurückdenke an –« Sie unterbrach sich und warf einen schüchternen, bereuenden Blick auf die Freundin, die jedoch ruhig blieb und mild lächelnd zu ihr aufsah. »Sprich ruhig den Namen aus«, sagte Elisabeth, »ich habe diese Gefühlsverirrung längst überwunden. Das hindert mich aber nicht, die Vorzüge dessen zu würdigen, der sonst für immer unsere Achtung durch seine unverantwortliche Handlungsweise und seine leichtfertige Gewissenlosigkeit verscherzt hat.« Ulrike zeichnete schweigend eine Zeitlang fort, dann sprach sie: »Er ist neulich wieder gesehen worden.« »Hier?« fragte Elisabeth, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. »Ich glaubte, er lebe jetzt in Cuxhaven.« »Da soll er schon seit mehreren Wochen verschwunden sein.« »Woher weißt du das?« Ulrike errötete: »Dein Bruder Ferdinand erzählte es uns ja gestern.« »Ferdinand erzählte es uns?« fragte Elisabeth gedehnt. »Ich möchte wohl von dir erfahren; wo diese Mitteilung geschah und wer außer dir und meinem sehr aufmerksamen Bruder noch zugegen war.« Ulrike beugte ihr Gesicht tief auf die Zeichnung. »Da hab' ich mich schön verzeichnet«, sagte sie ablenkend. »Kannst du in diesen Strichen die Veranda wiedererkennen, in der wir vergangenen Sommer so oft die Sonne untergehen sahen?« Sie stand auf und hielt der Freundin das halbfertige Blatt hin. Elisabeth jedoch achtete nicht darauf. Ihr schien es weit mehr Vergnügen zu gewähren, die Freundin ein wenig zu necken. Sie ergriff ihre Hand und sah sie gutherzig an. »Sei offen, Ulrike«, sprach sie, »sei es wenigstens gegen mich! Mein Bruder hat sich erklärt.« Ulrike schüttelte leise aufseufzend das schön geformte dunkellockige Haupt. »Dann wird er sich demnächst erklären«, fuhr Elisabeth fort. »Er zeichnet dich seit langer Zeit schon sichtlich aus, und es wundert mich nur, daß es dem Vater noch nicht aufgefallen ist und Mutter bisher kein Wort darüber verloren hat. Wie ich darüber denke, meine beste Ulrike, das weißt du. Ich wünsche nur, daß eure Wünsche, eure Hoffnungen sich ohne ermüdende und aufreibende Kämpfe erfüllen mögen.« Mehrere Männerstimmen, die vor der Tür laut wurden, unterbrachen das Gespräch der jungen Mädchen. Ulrike setzte sich wieder an ihre Zeichnung. Einige Minuten vergingen in tiefem Schweigen; da traten beide Brüder ins Zimmer, denen bald darauf Hohenfels und Miguel folgten. Christine beendigte ihre Übungen und gesellte sich zu den Übrigen. Miguel ergriff Christines Arm und durchschritt, leise plaudernd, mit ihr das Zimmer. Die Verlobung der beiden jungen Leute hatte vor einigen Wochen stattgefunden, war aber auf Hohenfels' Wunsch noch nicht öffentlich bekannt gemacht worden. Während Ferdinand Ulrikes Zeichnung betrachtete, sagte er: »Eduard hat soeben durch den Vater die Bestätigung eines bedeutenden Vorhabens erhalten.« »Was ist es?« fragten gleichzeitig Elisabeth und Ulrike. Auch Christine, die sich mit Miguel unterhalten hatte, horchte auf. »Ich reise mit dem Oheim nach Südamerika«, sagte Eduard. »Nur unser persönliches Erscheinen auf dem Schauplatze unserer, wir hoffen es, in Zukunft segensreichen Tätigkeit, deren Ziel kein anderes ist und sein soll, als der deutschen Industrie, deutschem Ackerbau und dadurch deutschen Auswanderern in jenen unermeßlichen und fruchtbaren Landstrecken eine Kolonie zu gründen, welche dereinst den Überschuß der Bevölkerung unseres Vaterlandes aufzunehmen berufen sein kann, wird imstande sein, die zahlreichen Schwierigkeiten zu überwältigen, die sich uns von mehr als einer Seite entgegentürmen werden. Das Küstenland eignet sich, wie der Onkel behauptet, wenig für deutsche Ansiedler, weil das Fieber dort große Verheerungen anrichtet. Im Innern ist die Luft gesünder. Dort lassen sich große Ländereien erwerben, die kultiviert und rationell bearbeitet, reichen Ertrag liefern müssen. Es ist unsere Absicht, für diese neu zu begründende Kolonie eigene Verträge mit der Regierung Brasiliens abzuschließen, um sie völlig unabhängig zu machen. Gelingt uns dies, und wir hoffen es, dann gedenken wir dieser Kolonie eine den Verfassungen der Hansestädte ähnliche Gemeindeverfassung zu geben. Der Vater hat jetzt eben eingewilligt, mich ziehen zu lassen, damit der Oheim an mir eine Stütze hat, auf die er sich verlassen kann.« Elisabeth reichte dem Bruder die Hand. »Wenn du dich freust, Eduard, so will ich versuchen, ob ich mich auch freuen kann«, sagte sie bewegt. »Es ist ein großes Ziel, das wir uns stecken«, sagte Eduard, »wohl wert, daß man sich dafür begeistert und Opfer dafür bringt. Sollte es nicht möglich sein, auf diese Weise in veränderter Gestalt die Hansa wieder aufleben zu lassen, deren politische Bedeutung an der Entdeckung Amerikas zu Grunde ging?« »Man muß es versuchen«, sprach Hohenfels. »Ich, meinesteils, schrecke vor keiner Schwierigkeit zurück, weil sehr vieles möglich ist, was man gewöhnlich für unmöglich hält. Englische Kaufleute haben sich Ostindien erobert und beherrschen es mit einer Handvoll Soldaten. Diese Eroberung hat sie zur seemächtigsten Nation gemacht. Deutschland ist nun leider England nicht zu vergleichen, dennoch kann es sich vielmehr ausbreiten und sich weit mehr Macht und Einfluß verschaffen, wenn es nur einmütig große Pläne entwirft und sie energisch verfolgt. Unsere Handelsmarine nimmt es auf mit jeder andern Nation, und da allen Anzeichen nach die Zeit kriegerischer Eroberungen vorüber ist, müssen unternehmende Völker auf friedlichem Wege, also Handel treibend, Kolonien gründend, Kultur verbreitend. zu erringen suchen, was man sich früher mit der Schärfe des Schwertes nahm. Die deutsche Reederei kann das, wenn sie will. Was der Reeder denkt, der Matrose führt es unter dem Kommando des Kapitäns aus. Das muß man begreifen, darüber muß man sich klar werden, das muß man andern, die nicht gern weit in die Ferne blicken, auseinandersetzen, damit sie wissen, welche Mission der Reeder, welche der Matrose zu erfüllen berufen ist.« »Ich pflichte dir bei, Oheim«, sagte Eduard, »und wie du mein Wort hast, daß ich dich begleite, so gebe ich dir auch das heilige Versprechen, daß ich dich nicht wieder verlasse, daß ich unserm Ziel nicht den Rücken kehre, und sollte es mich Gesundheit und Leben kosten!« »Menschen von eurer Energie sind berufen, Staaten zu gründen«, sprach Ferdinand. »Wir andern, denen Gott nicht eine gleich große geistige Elastizität gegeben hat, müssen in zweiter Linie stehen bleiben. Ihr greift an, wir sind die Reserve und schicken, wo es nötig ist, Hilfstruppen. Wo aber bleiben die Adjutanten, die als Überbringer neuer Befehle hin und wieder eilen?« »Vorläufig ist es der Dampf und das von seiner Kraft bewegte Schiff«, sagte Eduard. »Einstweilen aber bauen wir Stilleren Hütten daheim«, sprach Ferdinand, »und richten sie wohnlich ein mit einem Allerheiligsten, wo die Büsten derer, die voll eroberungslustiger Gedanken hinausziehen, aufgestellt und mit Lorbeeren bekränzt werden, bis sie als Helden zurückkehren und selbst sich niederlassen in dem Tempel, welchen Liebe und Verehrung ihnen bereitet.« 29 Es war nun täglich in der Familie Heidenfrei die Rede von dieser großen Unternehmung, die eine Menge umfassender Arbeiten und Vorbereitungen erforderte. Eduard studierte die vorzüglichsten Schriften über das Land, dem er seine Kräfte opfern wollte, zeichnete, entwarf Pläne und steckte auf diesen Straßen und Kanäle ab, die dereinst dem Verkehr der Kolonie dienen sollten, die man zu gründen beabsichtigte. Ferdinand blieb bei diesen Arbeiten nicht gleichgültig, nur ließ er sich weniger als Eduard von dem bloßen Reiz des großen Gedankens beherrschen. Er hatte mehr die kühl berechnende Natur des Vaters, der zwar jede Idee hochschätzte, aber nicht ohne gründliches Erforschen ihrer Tüchtigkeit sich ihr hingab. Diese verschiedene Auffassungsweise ein und desselben Gedankens führte oft zu lebhaften und lange dauernden Debatten. Alle wollten das Gute, ohne sich doch über die Mittel und Wege völlig einigen zu können, die man einzuschlagen habe. Bisweilen kam es denn auch zu kleinen Spannungen, die wieder durch Vermittlung der weiblichen Mitglieder der Familie gehoben und mit milden Worten beigelegt wurden. Darüber vergingen Wochen. Während derselben leuchtete es allen ein, daß Augustin Hohenfels, ungeachtet seines Ideenreichtums, seiner großen Herzensgüte, seiner nichtsachtenden Opferfähigkeit, im Grunde doch ein unglaublich schwer zu behandelnder Mann sei. Selbst Eduard, der sich dem Oheim mit der vertrauenden Hingebung eines Sohnes anschloß, weil er den rastlos schaffenden Geist in ihm bewunderte und verehrte, mußte sich zuweilen Gewalt antun, um nicht in Konflikt mit ihm zu geraten. Margaretha, die Stiefschwester des hochstrebenden Mannes, betrübte diese Entdeckung am meisten, und so oft sie mit ihrem Gatten allein war, sprach sie von ihrem Kummer um den Bruder und von den Besorgnissen, die ihr Tag und Nacht die Ruhe raubten. »Augustin wird es nie zu einem dauernden Glück bringen«, sagte sie. »Kaum hat er etwas erreicht, so langweilt ihn dies Erreichte, oder es befriedigt ihn nicht. Und so hetzt er sich selbst ruhelos von einem Äußersten zum andern, bis er in dem Kreise, den er beschreibt, eines Tages entseelt zusammenbrechen wird. Ich wünschte, Eduard ließe sich bewegen, vorläufig noch bei uns zu bleiben.« »Eine derartige Andeutung würde dein Bruder für die größte Beleidigung halten«, erwiderte Heidenfrei, »und in der Tat würde sie auch einer groben Perfidie gleich zu achten sein. Nein, das geht nicht. Freude an dem Unternehmen habe ich selbst auch noch nicht, es kann aber zum Glück ausschlagen und ein Grundstein unvergänglichen Ruhmes wenden. Lassen wir also deinen Bruder und unsern ältesten Sohn gewähren. Beide sind unternehmungsstark, beide stachelt der Trieb, etwas Bedeutendes zu leisten, beide endlich sind ehrgeizig und ruhmsüchtig im edelsten Sinne. Sie zurückhalten, in kleinere Kreise bannen, würde ihre seltenen Anlagen zerstören und sie selbst geistig vernichten heißen. Eduard ist mir gewiß lieb und ich behielte ihn am liebsten im Geschäft, dennoch will ich ihn lieber noch an einer Idee zu Grunde gehen, an der Unausführbarkeit eines großen Gedankens sich aufreiben, als ihn trübselig hier verkümmern sehen. Menschen wie Hohenfels und Eduard müssen ins Große, ins Unabsehbare hineinarbeiten. Sie sind eigentlich zu gewaltig für unsere kleine Zeit. Wäre es erlaubt, mit einer Handvoll unerschrockener Männer an irgend einer Küste zu landen, so würden Männer wie unser ältester Sohn und dein Bruder ein neues Reich erobern, oder legten sie sich mit der ganzen Innerlichkeit ihres Wollens auf die religiöse Seite, so stifteten sie entweder eine neue Religion oder wenigstens einen Mönchsorden, der mehr zu tun bekäme, als nur einen Tag um den andern so und so viele Messen zu lesen und Paternoster abzubeten.« Gespräche dieser Art wiederholten sich oft, endigten aber immer damit, daß Heidenfrei darauf beharrte, die Strebenden und in diesem Streben Glücklichen nicht weiter zu stören. Hohenfels würde sich auch wenig haben stören lassen. Er bekümmerte sich in keiner Weise weder um die Meinung anderer, noch ließ er sich irgend einen Rat erteilen. Ganz so schroff, wie er es in seinen jüngeren Jahren gewesen war, trat er jetzt wieder auf, sodaß ihn bald die meisten lieber gehen als kommen sahen. Von seinem Standpunkt aus war er ohne Frage unbestreitbar im Recht. Er ragte geistig so hoch über die Masse empor, daß sie ihm wohl unbedeutend erscheinen mochte, aber als gleichberechtigtes Individuum einer großen Gesellschaft strebender und wirkender Menschen, verging er sich unverantwortlich an dem Geist der Assoziation. Die Größe seines Talents, die Macht seines Willens, die Federkraft seines Geistes isolierten ihn. Der isolierte Mensch, und besäße er hundertfache Kräfte, ist aber doch ein verlorner Posten im allgemeinen Kampf der Menge. Daß Hohenfels dies nicht einsah oder nicht einsehen wollte, war sein größtes Unglück. Er repräsentierte den Nationalfehler der ganzen deutschen Nation, deren Schwächen er doch so ganz kannte, die er tief beklagte, die er durch sein eignes Streben, so weit möglich, paralysieren wollte. So schlägt die Kraft, die sich selbst überhebt, in Ohnmacht um, und statt zu beglücken und dem großen Ganzen nützlich zu werden, verkohlt sie langsam in der Flamme ihres eigenen Geistesfeuers. Die Jahreszeit war zu weit vorgeschritten, um die beabsichtigte Reise noch im alten Jahre zu unternehmen. Augustin Hohenfels mußte sich deshalb bequemen, einen deutschen Winter in Umgebungen zu verleben, die ihm fremd geworden waren und denen er sich nicht fügen mochte. Es wunderte ihn nichts mehr, als daß sein Sohn Miguel sich anscheinend ohne Schwierigkeit dem Zwang der Gesellschaft fügte, und es fehlte wenig, so wäre es zwischen Vater und Sohn zu unliebsamen Erörterungen gekommen. Hohenfels übersah bei seinem Sohne das Wichtigste, seine Liebe zu Christine. Außer Eduard war Treufreund des seltenen Mannes liebster Umgang. Der frühere Buchhalter widersprach ihm nie, weil seine Verehrung so unbegrenzt war, daß er alles bei Augustin Hohenfels bewunderte. Auch das Sonderbarste fand Treufreund, sprach es Hohenfels aus oder verteidigte er es, ganz vortrefflich, und darum hielt dieser sich gern zu dem Jugendfreunde. Das übrige Personal seines Schwagers war dagegen nicht nach seinem Geschmack. Der Süd-Amerikaner – wie alle Kontoristen den hochfahrenden Mann nannten – fand hier nur Antipathien und wurde von den jungen Leuten unbarmherzig seiner Schroffheit wegen kritisiert. Gleichzeitig bedauerten alle, daß Eduard sich so ganz diesem Gedanken-Abenteurer anschloß, freuten sich der Zurückhaltung des ruhigen, immer klaren Ferdinand, und setzten auf den nahe bevorstehenden Eintritt desselben in die Handlung große Hoffnungen. Um Miguel kümmerten sich nur wenige. Anton war der einzige, der häufig mit dem aufgeweckten jungen Manne verkehrte, der sich mit Eifer auf Mathematik legte und alles tat, um ein tüchtiger Seemann zu werden. Die stille Verlobung Miguels mit Christine, die Weihnachten öffentlich bekannt gemacht werden sollte, erweckte eine gute Meinung für ihn, denn der alte Jacob war ein Liebling aller, und wollte Anton den im Grunde von allen doch nur verkannten Hohenfels in Schutz nehmen, so führte er an, daß gerade er derjenige gewesen sei, der die Verlobung seines Sohnes mit der unbemittelten Tochter des Quartiersmannes betrieben habe. Dies war allerdings kein ganz geringes Verdienst. Es charakterisierte den Mann und stellte ihn in das volle Licht des schönsten Freisinns. Unmöglich war es nicht, daß gerade die Billigung dieser Wahl, die freilich auch von der Familie Heidenfrei befürwortet wurde, dem heimgekehrten Hohenfels manchen geheimen Gegner erweckte, denn Miguel mit seinem bedeutenden Besitztum auf Kuba war ein ganz respektabler Mann und konnte die größten Ansprüche machen. 30 Anton war sehr verdrießlich. Es ging ihm heute alles verquer. Der Chef des Hauses hatte ihm ein paar unfreundliche Worte gesagt, die eigentlich ihm selbst garnicht galten, sondern die Folge eines Gespräches waren, das Herr Heidenfrei in Assekuranz-Angelegenheiten gehabt hatte und das, aller Wahrscheinlichkeit nach, einen ärgerlichen Prozeß nach sich zog. Unangenehmer noch berührte es den Korrespondenten, daß er vergebens nach einer, seiner Ansicht nach, gelungenen Federzeichnung suchte, die er von Elisabeth entworfen. Er wußte ganz bestimmt, daß sie in seiner Schreibmappe lag, die er Tags vorher eigenhändig in sein Pult verschlossen hatte. Und jetzt war sie fort, verschwunden! Wie ging dies zu? Gab es Nachschlüssel zu seinem Pult? Lebte man unter Dieben? Er hätte fluchen mögen, um nur die Galle los zu werden. Es blieb jedoch nichts übrig, als den Ärger still hinunterzuschlucken und sich entschlossen in die Arbeit zu stürzen. Das tat nun auch Anton, aber freilich mit Widerstreben und alle Augenblicke eine nochmalige Untersuchung der Mappe vornehmend. Dann schielte er hinüber nach Treufreunds Platz, denn er traute dem ›Schatten‹ schon lange nicht mehr und hatte ihn stark in Verdacht unbefugter Zuträgerei. Direkt zur Rede stellen konnte er ihn allerdings nicht, da keine Beweise vorlagen. Dennoch setzte sich in dem argwöhnischen Anton die Meinung fest, daß Treufreund das wohlgetroffene Bild Elisabeths genommen hätte. »Der alte Narr ist verliebt bis über die Ohren«, sagte er, »und Alter schützt vor Torheit nicht. Ein Glück nur, daß er nicht gefährlich werden kann. Insofern darf man sich beruhigen. Ich muß aber doch wissen, ob es hier einen Schlüssel gibt, der mehr als ein Pult öffnet. Heute um die Börsenzeit werde ich mir etwas zu schaffen machen, um das in Erfahrung zu bringen.« Bald darauf machte Herr Heidenfrei einen jener Inspektionsgänge, die jedermann kannte. Nach Beendigung des vormittäglichen Ganges pflegte der Reeder zu frühstücken und dann die Börse zu besuchen. Während einer Stunde blieb dann das Kontor meist geschlossen oder es hielt sich nur einer der Hausknechte darin auf. Solch ein Späher war leicht zu entfernen, und deshalb hatte Anton sich vorgenommen, gerade in dieser ihm günstigen Pause einige Schlüssel an seinem Pult zu erproben, die ein paar im Kontor befindliche Schränke erschlossen. Zu seinem größten Verdruß aber bedeutete Herr Heidenfrei ihm schon jetzt, er wünsche vor der Börse noch einige Worte mit ihm zu sprechen, und damit sie ungestört blieben, ersuchte er ihn, nach dem Fortgange der übrigen Herren seine Rückkunft abzuwarten. Eine derartige Bitte war ein Befehl, dem Folge geleistet werden mußte. »Der Teufel ist los oder ich bin behext«, brummte er. »Alles geht schief. Die Federn spritzeln, das Papier ist rauh, man schickt mir tolle Briefe zu, und nun will der Alte auch noch zum Überfluß vertraulich werden, damit ich ja nicht imstande bin, belehrende Untersuchungen über die Kunst, englische Schlösser ungesehen zu öffnen und andern ihr wohlerworbenes Eigentum zu entfremden, anstellen zu können.« Mit steigendem Ärger sah er einen seiner Kollegen nach dem andern um die gewohnte Zeit fortgehen. Um sich keine Blöße zu geben, stellte er sich ungemein stark beschäftigt und schrieb noch eifrig, während alle übrigen schon ihre Hüte aufgesetzt hatten. Endlich war er allein. Er holte tief Atem und sah sich mit einer Mischung von Neugier und Bosheit in den Räumen um, wo er sich augenblicklich als Alleinherrscher fühlte. Schon wollte er mit den Schlüsseln, die ihm in die Augen stachen, einen Versuch machen, als er den schlürfenden Gang des Prinzipals auf der Diele hörte. Er blieb deshalb sinnend und nachlässig an sein Pult gelehnt stehen und erwartete dessen Eintritt. »Es ist superbe von Ihnen, junger Mann«, sprach Heidenfrei, seinen bequemen Stuhl einnehmend und sein Pult aufschließend, »daß Sie meiner Weisung so pünktlich Folge leisten. Was ich mit Ihnen zu sprechen habe, liegt ganz außerhalb der Geschäftssphäre, dennoch greift es mittelbar in dieselbe ein. Ich bemerkte nämlich seit einiger Zeit, daß Sie neben Ihrer Tätigkeit als Handelskorrespondent sich auch andern Lieblingsbeschäftigungen hingeben. Ich will das nun nicht gerade schlechthin tadeln, denn die meisten Menschen haben ihr Steckenpferd, bitten aber möchte ich Sie doch, der Nebenbeschäftigung nicht zu viel Zeit zu opfern und vor allem sie etwas mehr im Stillen zu betreiben. Sie sind ein Freund und Verehrer der Künste, nicht wahr?« Anton stand nicht nur auf Kohlen, es kam ihm vor, als schlüge ein ganzes Meer von Flammen über ihm zusammen, und es verging ihm in der erstickenden Glutatmosphäre buchstäblich Hören und Sehen. Er antwortete etwas, aber er wußte im Augenblick nicht, was er sprach, da er keines Gedankens mächtig war. Ruhig und freundlich wie zuvor fuhr Heidenfrei fort: »Besonders lieb scheint Ihnen die Malerei zu sein und wirklich haben Sie, wie mich dünkt, ein ganz schätzenswertes Talent für die Porträtmalerei.« Heidenfrei öffnete sein Pult und langte aus demselben eine Mappe hervor. »Wenn diese Federzeichnung, wie ich vermute, Ihnen ihre Entstehung verdankt«, sprach er weiter, ein Blatt seines Papier der Mappe entnehmend, »so muß ich Sie wirklich loben, und Ihnen wohl verdiente Schmeicheleien Ihres Talentes wegen sagen. Die Stirn meiner Tochter, die Art, den Kopf zu tragen, ihre Locken – das alles ist Ihnen ganz superbe gelungen. Aber ich bitte Sie dringend, junger Mann, zeichnen Sie nicht zu viel und besonders unterlassen Sie künftighin die Federproben auf Ihren Papieren. Auch sollte man mit einer wohlgeratenen Arbeit behutsamer umgehen, als Sie es tun. Es zeigt wenig Achtung, mein Freund, eine junge Dame erst zu porträtieren und dann ihr Porträt nachlässig auf die Diele zu werfen. Ein Glück, daß ich es fand, und nicht ein anderer. Das würde Ihnen böse Tage bereitet haben! Hier, junger Herr, stelle ich Ihnen Ihr Eigentum wieder zu. Bewahren Sie es künftig sorgfältiger, lassen Sie aber nunmehr das fernere Abmalen ein und desselben Gegenstandes bleiben, wenn ich bitten darf. Ich empfehle Ihnen der Übung wegen sich jetzt an die Porträts meines Schwagers und Herrn Treufreunds zu wagen. Das sind ein paar superbe Köpfe, die jedem Maler von Talent in die Augen fallen müssen. Meinen Sie nicht?« Anton hielt das Bild Elisabeths in der Hand und beantwortete die letzte Frage des Reeders nur mit einem Blick, der ebenso gut alles, wie nichts sagen konnte. »Da Ihnen meine Tochter sicherlich nicht gesessen hat«, fuhr Heidenfrei fort, »verdient Ihre glückliche Auffassungsgabe doppeltes Lob. Sie würden sich damit im Notfall durch die Welt schlagen können. Dennoch rat ich, sich der Kunst nicht mit Leidenschaft hinzugeben. Sie pflegt launenhaft und unzuverlässig zu sein. Ein tüchtiger, solider. fleißiger Korrespondent, der seine fünf Sinne immer beisammen hat und nebenbei seine Handschrift nicht vernachlässigt, ist unter allen Umständen besser daran, als der Künstler, welcher durch die Kunst sein Brot verdienen soll. Übrigens, junger Mann, können Sie überzeugt sein, daß ich reinen Mund halten werde. Mancher andere wäre nicht so diskret. Guten Morgen!« Der Reeder drehte rasch den Schlüssel seines Pultes um, steckte ihn zu sich, stand auf, neigte ein wenig den Kopf und ging hinaus. Anton schien es, als habe Heidenfrei warnend den Finger gegen ihn erhoben, als er die Tür ins Schloß drückte. Der Zurückbleibende betrachtete einige Minuten sprachlos die Tür und das Pult, dann warf er einen flüchtigen Blick auf das Porträt und legte es behutsam in sein Taschenbuch. Darauf fuhr er sich mit der Hand durchs Haar, daß es sich genial aufrichtete, indem er ausrief: »Ein verzweifelt delikater Handel! – Was nun machen! – Der Alte sieht mehr, als er sich merken läßt, aber der Teufel werde klug aus seinen Gedanken, die er so geschickt, wie ein Mädchen ihre wahren Gefühle, zu verstecken weiß! O, ich dreimal dummer, blinder Hesse!« Er schlug sich in komischem Ärger vor die Stirn, stülpte den Hut schief auf den Kopf, warf nochmals einen langen Blick auf die bemalten Papierränder, riß sie zähneknirschend ab und verließ endlich mit einem Seufzer das Kontor. 31 Die See ging hoch. Kapitän Ohlsen saß vor seinem Journal und notierte die Abtrift des Schiffes seit den letzten zwölf Stunden. Die Bark ›Marie Elisabeth‹, von Melbourne kommend und nach Hamburg bestimmt, segelte sechs bis sieben Knoten in der Stunde. Sie befand sich im Eingang des Kanals, hatte ungünstigen, aber starken Wind, und mußte wiederholt über Stag gehen. Es war Mitte Februar 1825. Das Schiff hatte eine glückliche Reise gemacht und fast immer guten Wind gehabt. Erst auf der Höhe vom Kap Finisterre änderte sich das Wetter, die Luft wurde unruhig, der Himmel bezog mit schwerem Gewölk, der Wind lief häufig um und das Schiff trieb vielmals ab. Kapitän Ohlsen beobachtete sehr genau, traf alle Vorkehrungen für einen bevorstehenden Sturm und führte sein Schiffs-Journal mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit. »Es gibt Sturm, Kapitän«, sagte Steuermann Paul, als sämtliche Bramsegel eingezogen und die Stengen eingenommen worden waren. »Die Böen häufen sich, der Seegang wird immer höher.« »Alle Anzeichen deuten auf Sturm«, versetzte der Kapitän, »ich denke aber doch, wir passieren, ehe er losbricht, den Kanal. In der Nordsee halten wir ihn dann wohl aus.« Die Vermutungen des erfahrenen Seemannes bestätigten sich vollkommen. Das Schiff hatte häufige, harte Windstöße auszuhalten, denen dann wieder milderes Wehen, verbunden mit hohem Seegang, folgte. Die Mannschaft mußte hart arbeiten, blieb aber vor jedem Unfall beschützt. Die Bark machte keine Havarie und erreichte nach fünf Tagen glücklich das Ende des Kanals. In der Nordsee aber trat schon nach zwölf Stunden bei dicker Luft ein steifer Wind ein, der abwechselnd aus West, Südsüdwest, Westsüdwest und Nordwest wehte, und in einer Entfernung von vierzig Seemeilen von der Insel Helgoland plötzlich in einen vollen Weststurm überging, welcher die Bark weit abtrieb in der Richtung nach der Küste Jütlands. Nach beinahe vierundzwanzigstündigem Wehen ging der Wind mehr nördlich, ließ zur Flutzeit nach, wuchs während der Ebbe von neuem und ging zur nächsten Flut in einen wilden Orkan über. Nur der großen Umsicht Kapitän Ohlsens, der kräftigen Führung des Steuers und der Aufopferung und Ausdauer der Mannschaft verdankte das schwer gefährdete Schiff seine Rettung. Es verlor jedoch in diesem bösen Wetter mehrere Segel, zwei Mann wurden von Sturzseen über Bord gespült, und im Augenblick der äußersten Bedrängnis sah der Kapitän sich sogar genötigt, einen Teil der Ladung über Bord werfen zu lassen. * Mutter Silberweiß war über dem Geplauder ihrer Nichte mit Christine eingeschlafen. Miguels Braut hatte in den letzten Wochen schon einigemal ihre ehrwürdige Pate besucht, und ihr dann wie früher aus der Bilderbibel vorgelesen. Sie kam seitdem häufig, denn sie gestand offen, daß sie jetzt gern in dem kleinen, aber sauber gehaltenen Kellerstübchen weile, weil es der Ort sei, wo ihr Miguel sie als unbedeutende arme Wäscherin zuerst erblickt habe. Christine mußte der Blinden viel von ihrem Verlobten und dessen Vater erzählen, da sie nicht müde wurde, von den ganz unglaublichen Schicksalen des Vaters und Sohnes zu hören. So unbegreiflich manches der blinden Greisin vorkommen mochte, sie bezweifelte nie die Wahrheit des Gehörten, und fromm, gottergeben, vertrauensvoll, wie sie immer gewesen, fand sie überall die leitende Hand des Schöpfers heraus und pries ihre junge Pate glücklich, daß der Himmel ihr ein so seltenes Los bestimmt habe. Heute mußte Christine der Pate Silberweiß die Geschichte von der Sündflut vorlesen. Die Blinde erbaute sich immer von neuem an dieser biblischen Erzählung. Trudchen hörte zwar auch auf die Worte der Lesenden, beschäftigte sich aber doch mehr noch mit der spielenden Katze und besah nebenbei die in den Text der Bibel eingedruckten Bilder, welche die Arche Noah, den Eintritt der Flut, deren schreckliches Wachsen, den Tod der damaligen Erdbevölkerung, die Rückkehr der Taube mit dem Ölblatt, endlich das Gebirge Ararat mit der Arche und dem opfernden Noah darstellten. Trudchens Geplauder unterhielt Christine, und das junge Mädchen würde noch mehr Genuß von dem Geschwätz des Kindes gehabt haben, hätten die heftigen Windstöße, die rauschend über die hohen Giebeldächer fuhren, sie nicht bisweilen erschreckt. Christine liebte den Wind nicht. Sie mußte bei starkem Wehen immer der Seefahrer und der ihnen drohenden Gefahren gedenken, und dann zitterte sie für ihren Bruder Paul, der ja, wie sie wußte, jetzt gerade unterwegs war und schon den Kanal erreicht haben konnte. Auch mußte sie sich unwillkürlich schaudernd der windigen Regennacht erinnern, wo die bestochenen Helfershelfer des Mexikaners sie aus dem schützenden Hause des reichen Reeders entführten. »Ich wollte, Vater ließ nicht lange auf sich warten«, sagte Christine zu dem plaudernden Trudchen. »Ich habe einen so häßlichen Heimweg, und bin ich glücklich im Hause, quäle ich mich wieder um den heimkehrenden Vater. Bei solchem Wetter regnet es in unsern engen Twieten immer Ziegelbrocken und Dachpfannen.« Der Wind schlug gegen die Kellerfenster, als würfe man grobkörnigen Sand an das Glas. Mutter Silberweiß erwachte. »Was gab es? Rief mich jemand?« fragte die Blinde. »Ihr seid doch bei mir geblieben?« »Gewiß, Pate – Großmama«, versetzten gleichzeitig Christine und Trudchen. Das Geräusch von vorhin wiederholte sich, aber stärker, prasselnder. Ihm folgte der Fall eines harten schweren Gegenstandes, dann ein gleichmäßiges Rauschen, das sich eigentümlich anhörte. »Es weht bös, das gibt Unglück auf See«, sagte Mutter Silberweiß und faltete die Hände. »Wenn Ihr morgen oder übermorgen am Stock der Büchse, wo für Schiffbrüchige gesammelt wird, vorübergeht, dann vergeßt ja nicht ein paar Schillinge hinein zu stecken! Die armen Menschen brauchens. – Da – sind von mir auch zwei Schillinge, die steckt mit hinein. – Horch, wie das braust und heult!« »Hallo, Nachbarin«, rief jetzt eine Stimme auf dem Hofe, »werft euern Pelz um und macht euch fertig! Die Flut kommt! Beim Zippelhause stehen schon alle Keller voll Wasser. Habt ihr das Stürzen der Wellen noch nicht gehört?« »Um Gott, die Flut steigt, und der Vater kommt nicht!« rief Christine erschrocken, stand auf und öffnete die Tür nach der Treppe. Deutlich vernahm sie jetzt zwischen den brausenden Stößen des Windes das gleichmäßige Rauschen des seine Ufer übersteigenden Wassers, das in alle Vertiefungen in zahllosen Wasserfällen sich ergoß. Auf den Wällen wurden die Kanonen gelöst. Überall hörte man in den kurzen Pausen, die der Wind machte, rufende Stimmen, die bald befehlshaberisch, bald ängstlich klangen. Weinende Kinder kreischten dazwischen, ausgelassene Jungen gröhlten und patschten in die ersten trüben Pfützen, die sich auf der Straße zeigten. Diesmal jedoch gestattete das Hochwasser der Jugend keinen Spielraum zu unnützen Störungen. Der Spiegel der Elbe stieg in so erschreckender Weise, der Sturm heulte so wild, der Regen stürzte in solchen Massen dabei aus den graugelben Wolken nieder, daß jedes Scherzwort erstarb und alle nur zu bald den tiefen Ernst des Augenblicks erkannten und mit sprachlosem Entsetzen den Schrecken der nächsten Zukunft entgegen sahen. Christine hüllte schnell entschlossen die alte Pate in wärmende Kleider und sprach ihr Mut zu. »Noch haben wir Zeit, Pate«, sagte das jetzt mit Umsicht handelnde Mädchen. »Vater kennt die Elbe, wenn der Nordweststurm sie aufwühlt, er kommt sicher zur rechten Zeit, um uns abzuholen. Er muß nur zuvor auch die Mutter in Sicherheit bringen.« Trudchen begann zu weinen, nahm ihre Katze auf den Arm, liebkoste sie und setzte sich mit dem Tier auf den Tisch. Noch vergingen lange, angstvolle zehn Minuten, dann kamen Schritte vom schmalen Gang herein, und die Harrenden erkannten in dem mit Absicht sehr laut Sprechenden die Stimme des Quartiersmannes. Christine ging ihm bis auf den Hof entgegen. »O Vater, ist das Wetter so bös?« sprach die Tochter. »Gottlob, daß du da bist! Und da ist ja auch der treue Andreas und Trudchens Vater. O, wie danke ich euch! Wie möcht' ich euch allen so recht, recht von Herzen erkenntlich sein!« »Mach' nur jetzt nicht viel Worte, mein Kind«, versetzte Jacob sehr ernst. »Wir haben Eile. Geh' voran mit Trudchen und Andreas, Krume und ich kommen mit der Pate nach. Noch, hoff' ich, können wir mit Hilfe des an schlimmeres Wetter gewöhnten Andreas die hohe Brücke passieren. Aber es ist die höchste Zeit. Eine halbe Stunde später schlägt der Sturm auch im Binnenhafen die schwerste Jolle um.« Den Flüchtenden kam das strudelnde Wasser schon entgegen. Überall vor den Eingängen der Höfe sah man Kähne, Laternen eilten hin und wieder, Taue wurden aus den Häusern herabgelassen, Betten und andere Utensilien eingepackt. Männer fluchten, Weiber schrieen, Kinder weinten. Alles drängte vorwärts, und vieles wurde in der Eile des Flüchtens beschädigt. »Die Deiche brechen!« rief plötzlich eine Stimme. Niemand wußte woher sie kam. Dann hörte man wieder nichts wie das Niederschurren abgerissener Dachpfannen; Schornsteine stürzten, die ganze Wand eines Hauses wurde niedergeworfen. Aus der entstandenen Öffnung fiel unter wimmerndem Weheruf ein Mensch ins Fleet, wo er noch ein paarmal auftauchte und dann für immer verschwand. Die Geflüchteten erreichten glücklich die festgekettete Jolle. Jacob und Krume trugen die Blinde, die übrigen waren schon eingestiegen. Andreas faßte das Steuer, Jacob ergriff zwei Ruder und setzte sie scharf in das schäumende, wühlende Wasser. »Das walte Gott!« sprach er, als Andreas durch eine Wendung des Steuers das Boot mitten ins Fahrwasser trieb. Wider Erwarten erreichten sie ziemlich schnell den schützenden Kanal und auf diesem Heidenfreis Haus. Hier erreichte das Wasser schon beinahe die Laube, und man konnte mit Sicherheit annehmen, daß bei gleichmäßigem Steigen der Springflut weder die Diele, noch die Kontorzimmer verschont bleiben würden. Der Reeder stand mitten in einer Gruppe Menschen, die von ihm Aufträge erhielten. Er grüßte die erschrockene Christine nur flüchtig und rief Jacob zu, er möge sich bereit halten, um mit einer genügenden Zahl Arbeiter sogleich in den gemieteten Speicher zu gehen und dort im untersten Raume die vom Wasser bedrohten Waren zu bergen. Der Quartiersmann bejahte kurz und trug die vor Angst und Frost zitternde, sprachlose Blinde in das Zimmer seiner Tochter, wo er sie nebst dem kleinen, nicht weniger verängstigten Trudchen deren Pflege überließ. Andreas hatte sich zu den Männern gesellt, welche Heidenfrei umgaben. Er fragte, ob der Reeder wünsche, daß er im Hause bleiben solle, da man doch nicht alle möglicherweise eintretenden Zwischenfälle voraus berechnen könne. Das Krachen der Lärmkanonen, das sich jetzt abermals hören ließ, verkündigte neuerdings das fortwährende Steigen der Springflut. »Ich bin Ihnen für Ihr Anerbieten sehr verbunden«, versetzte der Reeder. »Verweilen Sie, wenn nicht dringende Geschäfte oder früher eingegangene Verbindlichkeiten Sie irgendwo andershin rufen, bei uns. Eine kräftige Hand ist unter solchen Verhältnissen oft viel wert. Ich selbst bin genötigt, mein Haus zu verlassen. Ich habe soeben die wenig tröstlich lautende Nachricht erhalten, daß der schwache Stadtdeich von der Flut bedroht ist. Kann ich nun auch etwaiges Unheil nicht abwenden, wenn die Gewässer den Anstrengungen menschlicher Kräfte spotten, so ist es doch Pflicht für mich, denjenigen, die in meinem Dienste stehen, so viel wie möglich Hilfe angedeihen zu lassen. Und überdies habe ich dort draußen auch Eigentum zu beschützen. bricht der Deich, so schwemmt mir die eindringende Elbe ein enormes Kapital fort, das ich in Holz angelegt habe.« Treufreund kam aus dem Kontor, eine Last großer Bücher auf dem Arm. »Wohin?« fragte Heidenfrei. »Nach meinem Zimmer«, antwortete der ›Schatten‹. »Es sind Hauptbücher, die ich geführt habe. Dringt das Wasser ein, so wäre der Schaden, feuchtete es die Blätter dieser Bücher an, durch nichts in der Welt mehr zu ersetzen.« »Aber, bester Treufreund«, fiel der Reeder ein, »wie soll das Wasser bis über die Pulte steigen können! Halb Hamburg würde ja in solchem Falle total von den Wellen verschlungen werden!« »Der Dunst, Herr Heidenfrei, der bloße kalte Fleetdunst, der einen eigentümlich scharfen Geruch besitzt«, erwiderte Treufreund, »könnte sich in den Blättern festsetzen, und das wäre beinahe ein ebenso großes Unglück, als deren Durchweichung. Ich stehe auf der Stelle wieder zu Befehl.« Er verbeugte sich und stieg die Treppe hinauf, um den geliebten Büchern, in denen der beste Teil seines Selbst und, wie er oft behauptete, die Ehre und Größe des Hauses Thomas Peter Heidenfrei aufbewahrt war, an einem völlig sichern Ort unterzubringen. Heidenfrei schüttelte den Kopf über dies sonderbare Gebaren des wackern Alten, es blieb ihm aber nicht lange Zeit, das Nutzlose desselben zu überlegen, denn sein Sohn Ferdinand trat, von dem Korrespondenten Anton gefolgt, sehr aufgeregt ins Haus. »Bester Vater«, sagte Ferdinand, »wenn mich nicht alles trügt, wird diese Nacht eine schreckenreiche, deren Angedenken lange fortleben dürfte in den Annalen unserer Stadt. Das Wasser steht in diesem Augenblick bereits auf einer Höhe von über siebenzehn Fuß. Die halbe Altstadt wird von der Elbe durchströmt, alle Keller sind voll Wasser, die Not der Geflüchteten ist groß, das Jammern und Schreien Hilfloser, die nicht wissen, wo sie unterkommen, wohin sie sich vor dem Hagel niederstürzender Ziegelstücke retten sollen, zerschneidet jedem Mitleidigen das Herz. Am allertraurigsten aber lauten die Nachrichten vom Stadtdeich. Dort rettet sich bereits, wer kann und flieht der Stadt zu, denn der schwache, längst schon stark mitgenommene Deich wird dem furchtbaren Andrang der Wellen, dem wilden Schlagen und Peitschen der Sturmflut schwerlich widerstehen. Ich komme, um deine Meinung zu hören. Bist du noch Willens hinauszufahren?« »Wir müssen den Feind bekämpfen, so lange wir können«, versetzte der Reeder. »Hier sind meine Anordnungen getroffen, ich selbst bin vor der Hand entbehrlich. Da kommt auch Jacob zurück. Er geht in den gemieteten Speicher, um dort zu retten, was möglich ist. Begleite ihn und tue, was der Augenblick erheischt. Ich eile nach dem Deich. Wer will mich begleiten?« »Ich«, rief Anton. »Mein Auge ist scharf, mein Fuß fest. Schwindlig und schreckhaft bin ich auch nicht, und außerdem kann ich zur Not noch schwimmen.« »Gut«, fuhr Heidenfrei fort, »ich nehme Ihre Begleitung an. Machen Sie sich fertig, ich bin sogleich wieder zur Stelle.« Der aufgeregte, dabei aber sehr besonnen handelnde Reeder eilte zu den Seinigen, sagte diesen mit kurzen Worten Lebewohl, empfahl allen Ruhe und Gottvertrauen und versprach möglichst bald zurückzukommen. Bleibe er länger aus. sollte man sich seinetwegen nicht ängstigen, Anton begleite ihn. »O, Gott!« seufzte Elisabeth, und alle Farbe wich aus ihrem sanften Gesicht. »Wärst du doch schon wieder hier und diese schreckliche Sturmnacht glücklich überstanden.« »Mut, mein Kind, Mut, und das Köpfchen immer oben behalten!« versetzte Heidenfrei scherzend. »In der Not nicht verzagen, macht uns dieses Lebens und der mancherlei Freuden und Segnungen desselben erst würdig!« »Gott begleite euch!« sagte Margaretha, den Gatten nochmals umarmend und als er das Zimmer verlassen hatte, zwischen der bang aufatmenden Tochter und der ganz schweigsamen Ulrike wieder Platz nehmend, die sich der bloßen Zerstreuung wegen jede mit einer Handarbeit beschäftigten. Antons beherztes Wesen erlitt einen bedeutenden Stoß, als er vor dem Deichtor einen ersten Blick auf den rasenden Strom warf. Der Anblick war furchtbar schön, bis zum Entsetzen erhaben. Bald lagerten über dem gelbgrauen strudelnden Abgrund schwarze Regenwolken, die in rasender Eile vom Sturme gepeitscht südwärts zogen, bald hob sich diese graue Wolkendecke, zerflatterte nach allen Seiten und einzelne Sterne blickten, brechenden Augen eines Sterbenden ähnlich, auf den Graus der Erde. Die Elbe wogte wie ein stürmisches Meer. Zahllose Trümmer zerschlagener Holzflöße trieben und tanzten auf den gurgelnden, zischenden Wellen, Hausgerät lag zerbrochen, vernichtet am Deichrande. Schauerlich klangen zwischen dem Brüllen des Nordweststurmes die Hilferufe der Menschen, welche die Flut überrascht und jeder Aussicht auf Rettung beraubt hatte, und nicht weniger erfüllte das ängstliche Blöcken fortgerissener Schafe, das heisere Brüllen der Kühe, das wimmernde Wiehern fortgeschwemmter Pferde das Herz jedes fühlenden Menschen mit Entsetzen. Wenn dann auf Augenblicke ein großer heller Raum in die Wolken riß und das bleiche, kalte Mondlicht auf die furchtbare Vernichtungsszene fiel, erbebte auch der mutigste Mann vor diesem Anblick, und der Kälteste, Hartherzigste sogar fühlte eine Anwandlung von Mitleid mit den Unglücklichen, denen die entfesselte Wut zweier Elemente vielleicht alles raubte. Nur mit Aufwendung aller Kräfte gelang es dem Reeder, die Gegend zu erreichen, wo sich sein Holzlager befand. Ein Teil der Bedachung war schon der Gewalt des Sturmes erlegen. Das ganze Gebäude zitterte unter der Wut der Windwogen, und von der Stromseite zischten bereits Wassermassen über den Deichkamm. Überall waren zahlreiche Hände beschäftigt, den offenbar zu niedrigen Deich mittels aufgehäufter Sandsäcke zu erhöhen. Heidenfrei war, soweit das andringende Wasser es zuließ, überall zur Hand und Anton mit seinem scharfen Auge, seiner geschmeidigen Gelenkigkeit, die dem Sturme besser, als der hagere, schwache Körper des Reeders die Spitze bot, leistete diesem sehr wesentliche Dienste. Beinahe anderthalb Stunden kämpfte und rang die vereinte Kraft vieler hundert Menschen mit der immer höher steifenden Flut. Bei dem Durchglänzen vereinzelter Mondstrahlen konnten die Arbeitenden bemerken, daß die Wassermasse immer wilder wogte und alles Land weit umher schon in einen weiß schäumenden See verwandelt war, aus welchem nur Baumgruppen, kahle, schwarze Streifen von Deichen und hohe, steile Strohdächer umfluteter Wohnungen emporragten. Heidenfrei hatte die Holztreppe erstiegen, welche zu seiner Niederlage führte, die größtenteils hinter dem Deiche, tief unter dem Spiegel des angeschwollenen Stromes lag. Anton leitete von der untersten Stufe der Treppe aus die Arbeiten am Deich. Da drang plötzlich ein wilder Schrei durch das Brausen des Sturmes, ein Schauer trüben Wassers spritzte herauf bis zum Standort des greisen Reeders, der sich, um dem Winde zu trotzen, mit beiden Händen an den obern Querbalken der Tür festklammerte und sich vergebens anstrengte, das Chaos zu durchschauen, das wenige Schritte entfernt sich gestaltete. Alles wankte, rollte, stürzte durch- und übereinander, der Strom brauste, die hochschlagenden Wogen schäumten wie Meeresbrandung, Bäume fielen, die Erde bebte, sank ein, trieb fort, krachend versanken Häuser, Menschen, Steinwerk in einen breiten, strömenden Wassersturz, der alles in seine Strudel fortriß und begrub. Der Deich war gebrochen! – Auch der lauteste Ruf einer Menschenstimme blieb in dem Gebrause von Wind und Wogen unhörbar. Heidenfrei bemerkte das Fortschurren des Erddammes, er fühlte den Druck der losgerissenen Schollen gegen das Holzgebälk, das ihn trug, er sah, wie Anton strauchelte, fiel, zwischen Erdgeröll und braungelben Wellen sich überschlug – er rief ihm zu, er streckte die Hand nach dem sinkenden Jüngling aus, erfassen aber konnte er ihn nicht. Noch wenige Augenblicke und die Treppe brach. Auch Heidenfrei stürzte zwischen Brettern, Erdschollen und Steingeröll in die brüllenden Wogen und trieb mit zahlreichen andern fort auf den zerstörenden Fluten. Sein graues, dünnes Haar flatterte im Sturm und machte ihn vielen kenntlich. Anton, der so glücklich war, einen gewichtigen Balken zu fassen und sich rittlings darauf zu schwingen, erkannte den bedrängten alten Mann und rief ihm, seine eigene Gefahr vergessend, ratende Worte zu. Jede Rettung aber würde unmöglich gewesen sein, hätte der erste gewaltige Schwall des Wassers, von der Menge Erde, die er mit fortriß, sich nicht kurze Zeit an einem querziehenden, mit vielem Buschwerk besetzten Damm gestaut. Hierhin trieben viele der Fortgetragenen und manchem gelang es, einen Baumast zu erreichen, in der Angst der Verzweiflung sich emporzuschwingen und so auf einem der starken, alten Bäume vorläufig Rettung, oder doch wenigstens eine Zuflucht zu finden. Zu diesen Glücklichen gehörte Anton. Kaum sah er sich selbst momentan geborgen, so dachte er auch schon an die Rettung anderer. Er gewahrte den Reeder auf den Trümmern der Treppe, die er mit beiden Händen festhielt, sah ihn herantreiben, zwischen den Baumstämmen verschwinden, wieder erscheinen, endlich sich festhaken. Ein Zeichen, ein Ruf, ein greller Schrei machten Heidenfrei aufhorchen. Anton wagte, wie eine Eichkatze weiter zu klettern auf einem der breiteten Äste der blätterlosen Rüster, die ihn trug. Die strudelnden Wasser streiften seine Füße, er tauchte sogar mit dem schwankenden Ast, der seinen Körper kaum zu tragen vermochte, bis zum halben Leibe in die kalte, lehmige Flut, aber er verlor den Mut nicht und gab auch sein Unternehmen nicht auf. Mit fast übermenschlicher Anstrengung schwang er sich auf einen andern Ast, von diesem auf einen dritten und vierten. Endlich faßte es wieder festen Fuß auf einem starken knorrigen Stamm. Er vermochte, dem hier zwischen zwei Stämmen festsitzenden Reeder die Hand zu reichen und zog ihn zu sich herauf. Dann schlang er seinen Arm um den Leib des Prinzipals, zog sein Taschentuch, knüpfte es mit dem des Reeders zusammen und band diesen, der mit geschlossenen Augen den Stamm umklammerte, um von der rasch vorüberziehenden Flut nicht schwindlig zu werden, mit diesem Nottau, so gut es gehen wollte, fest an den schützenden Baum. 32 Don Alonso Gomez und sein Diener hatten einen schweren Stand. Der Nordwest-Sturm versetzte ihnen nicht nur den Atem und nötigte sie, langsamer zu reiten, die Pferde wurden auch unruhig, ängstlich und zuletzt störrig. So lange die Reiter zwischen einigermaßen geschützten Hecken forttrabten, stießen sie auf kein bedenkliches Hindernis, als aber die Straße sich senkte, die bewaldeten Uferhöhen zur Rechten blieben und der brausende Strom zur Linken sichtbar wurde, da begannen die geängstigten Pferde zu schnauben und waren nur mit Mühe vorwärts zu bringen. Don Gomez, ohnehin ärgerlich darüber, daß sein köstliches Mahl ihm durch ein Naturereignis so unangenehm gestört worden war, schimpfte, fluchte, stieß die entsetzlichsten Gotteslästerungen aus und traktierte dabei in der Wut sein Tier in einer Weise, die ganz und gar das Gegenteil von dem zur Folge haben mußte, was er beabsichtigte. Das Roß bäumte, sprang zur Seite und gab alle Zeichen eines nahe bevorstehenden Scheuwerdens von sich. Master Papageno ließ sich weniger von blinder Leidenschaft beherrschen. Er begriff vollkommen, welcher Gefahr sie sich aussetzten, wenn die unruhigen Tiere dem Zügel nicht mehr gehorchten. »Schmeicheln Sie dem Pferde«, rief er fast gebieterisch dem heftigen Mexikaner zu. »Die Gerte macht es nur wild und am Ende wirft es Sie ab, wozu hier durchaus kein Platz ist. In einer Viertelstunde müssen wir die gefährliche Stelle hinter uns haben, wo bei Hochflut der Strom die Straße überspült, sonst können wir umkehren oder unter freiem Himmel kampieren.« »Carajo, ich wollte meine Augen hätten dies verdammte Land niemals gesehen!« versetzte Don Gomez. »Es ist nichts Anziehendes hier zu finden, außer den jungen Mädchen und Frauen, und diese besitzen neben allen Vorzügen nur wieder den einzigen großen Fehler, daß sie eiskalte Herzen oder doch nur Herz für einen Einzigen haben. Der Teufel hole das Volk, wie das Land! Immer rase zu, Sturm, immer rollt und braust, wild empörte Fluten, und wollt ihr mir einen Gefallen tun, so überschwemmt und verschlingt das ganze fischblutartige Geschlecht, das weder zu lieben, noch zu hassen versteht.« Es gelang ihm, das Tier wieder in Trab zu setzen. Der Mulatte ritt, da er bemerkte, daß das Pferd seines Herrn dann leichter vorwärts zu bringen war, diesem voraus. So vergingen etwa zehn Minuten. Die brechenden Wogen des Stromes donnerten immer vernehmbarer, das hohe Schilf am Strande pfiff unheimliche Weisen, hin und wieder scholl Hundegebell von dem hohen Ufer herab, vereinzelte Lichtpunkte schimmerten düster durch die feuchtkalte Luft. Die Krähen krächzten und hockten scharenweise, mit den schwarzen Fittichen die Luft schlagend, auf den entblätterten Bäumen, deren Wipfel der Sturm zerzauste oder wohl auch brach. Das Tier des Mulatten blieb stehen, stemmte beide Vorderfüße fest in den Sandboden, spitzte die Ohren, schnaubte und warf, die Nüstern aufblasend, den Kopf zurück. Der Rappe des Mexikaners zitterte und machte ebenfalls, seitwärts blickend, Halt. »Was gibt es schon wieder?« fragte Don Gomez. »Flut, Schaum und ein Schwarm weißer, gespenstischer Vögel versperren den Weg«, versetzte Master Papageno. »Wir müssen umkehren.« »Lieber dem Teufel in den Rachen, als umkehren!« erwiderte Don Gomez. »Vorwärts, sag' ich, und wenn die Bestie nicht will, so stoß' ihr die Sporen in die Weichen, daß du sie morgen früh mit einem Schraubenzieher wieder herausziehen mußt.« »Ich bin kein Tierquäler, Herr«, sagte der Mulatte finster, sein Pferd leise seitwärts drängend. »Versuchen Sie selbst Ihr Heil, wenn Sie meinen, die Elemente werden Ihnen ebenso willig dienen, wie die Menschen.« Des Mexikaners glühende Augen fielen auf den wühlenden, brausenden, vor- und rückwärts wogenden Schaum, den wohl dreißig bis vierzig Fuß breit die Flutbewegung des Stromes hier über die Straße trieb. Ein dichter Möwenschwarm stieg gleich einer weiß glänzenden Wolke über der verhängnisvollen Stelle klagend auf und nieder. »In des Teufels Namen, vorwärts!« schrie Don Gomez, den es empörte, daß er sich der eigensinnigen Laune eines Tieres fügen sollte. Der Rappe machte, vom scharfen Sporn des wilden Reiters getroffen, ein paar wütende Sätze, berührte die strudelnde kalte Schaumwelle, bäumte und warf seinen Reiter ab, dann kehrte er um und jagte unaufhaltsam rückwärts. Der Mulatte wollte das scheugewordene Roß am Zügel erfassen, verlor dabei selbst das Gleichgewicht und wurde von dem eigenen Tier fortgerissen, ebenfalls in die Flut geschleudert. Die Möwen flogen unter grellem Schrei hoch auf, sammelten sich aber schnell wieder über den tanzenden Schaumkreisen und blieben wie früher in schwebender Bewegung, ununterbrochen leise klagende Töne ausstoßend, darüber stehen. Zu jeder andern Zeit würde es Don Alonso Gomez leicht geworden sein, sich einem wirbelnden Wasserstrudel zu entringen, denn er war ein geübter Schwimmer, jetzt aber hinderte ihn die Kleidung an der freien Bewegung seiner Glieder, und während er, gegen den rollenden Triebsand unter seinen Füßen und gegen den Gischt der schäumenden Stromwellen einerseits kämpfte, suchte er sich möglichst schnell der hemmenden Hülle zu entledigen. Dies gelang ihm zwar; ehe er sich aber völlig frei und Herr seiner Kraft fühlte, hatte der rasende Flutstrom ihn schon erfaßt und trieb ihn, trotz alles Ringens, weit hinaus in die wild rollende Elbe. Auch Master Papageno versank in den Sand, die Wellen schlugen ihn um, das Gefieder der Möwen traf seine Augen, daß sie Funken sprühten und alle Sehkraft von ihm wich. Er rief seinen Herrn, dessen Haupt er noch über den Wellen zu sehen glaubte; er strengte sich an, ihn zu erreichen, aber der Unglückliche konnte nicht schwimmen! Er sank, tauchte wieder auf, schrie verzweiflungsvoll den Namen des Mexikaners in die rasende Sturmnacht, tauchte nochmals unter und wiederum auf und versank endlich in den gurgelnden Wogen. Ein trichterförmiger Ring, der schnell kleiner ward, bezeichnete die Stelle, wo der Mulatte sein Grab fand. Ein paar Möwen strichen noch einige Male darüber hin, die äußersten Spitzen ihrer Flügel in die Wellen tauchend und mit den langen spitzen Schnäbeln deren Schaum berührend, als pickten sie Nahrung aus dem trüben Gewässer. – Inzwischen strengte Don Gomez alle Kräfte an, um sich über Wasser zu halten. Er hörte den Verzweiflungsschrei seines Dieners und warf instinktmäßig einen Blick zum Ufer, wo er ihn zuletzt verlassen hatte, retten konnte er nicht, wenn er auch den besten Willen dazu gehabt hätte. Es war aber jetzt nicht Zeit zu grübeln und über Unabwendbares unnütze Betrachtungen anzustellen. Don Gomez wollte sich selbst um jeden Preis retten, denn das Leben erschien ihm doch schön und stellte sich gerade jetzt, wo er ein Spielball des erbarmungslosesten Elementes war, in so verlockenden Farben dar, daß er keinen anderen Gedanken, als den nach Rettung, zu fassen vermochte. Muskelkräftig und in anhaltendem Schwimmen geübt, getraute er sich, geraume Zeit einen Kampf mit den hochgehenden Wellen bestehen zu können, nur die heftigen Windstöße, die wie spitze Riesenkeulen in den Strom fuhren und bald tiefe Trichter und Schlünde bildeten, bald die Fluten zu schäumenden Kämmen aufrollten, drohten ihm Gefahr und mußten selbst die Kraft des stärksten Mannes binnen kurzem ermatten. Aber der Mexikaner war von jeher ein Kind des Glückes gewesen, und auch jetzt verließ es ihn nicht. Er bemerkte bald, daß die Flut mit einer Menge von Gegenständen spielte, die bald nah, bald fern an ihm vorübertrieben, oder, je nach der Bewegung der Wellen, auf einer Stelle zu weilen schienen. Einige Male täuschte er sich auch, denn die schleppenden Wolken warfen fratzenhafte Schatten, bildeten phantastische Fahrzeuge, die mit dunkelbauschigen Segeln gespensterhaft stromaufwärts schaukelten. Mitten in diesen schattenhaften Gestalten und den Gebilden der Einbildungskraft, die des Mexikaners glühendes Auge auf der weiten Wasserwüste auftauchen und wieder verschwinden sah, gab es auch reellere Gegenstände. Bald war es ein losgerissener Baumstamm, der einen abgebrochenen Ast über die Flut emporhob, wie ein Ertrinkender die Hand ausstreckt und krampfhaft in die leere Luft hineinfaßt. bald trieb der Giebel eines eingestürzten Hauses, dessen Warft die Flut zerschlagen, auf dem Strom, jetzt als breite Fläche, jetzt mit dem doppelten springenden Roß am Giebelende aufrecht im Wasser stehend. Dann wieder rollten die Wellen einen Wagen auf silbernen Schaumgeleisen oder breite, hohe Schober Heu, die Sturm und Wogenschlag noch nicht zerschlagen konnten, schwammen gleich Oasen, welche dem Schiffbrüchigen einladend zuwinkten, so nahe an ihm vorüber, daß Don Alonso Gomez sie beinahe greifen konnte. Immer aber täuschte er sich, immer entriß ein Windstoß oder eine hochgehende Woge den rettenden Anker wieder seiner Hand, und immer mehr erlahmte seine Kraft und alles um ihn her, Luft, Wolken, Wasser nahm eine zitternde, wogende, brandrote Farbe an. Schon glaubte er sich verloren, da sah er einen gewaltigen, hohen, schwarzen Gegenstand stromaufwärts treiben. Diesmal täuschten seine von Wasser entzündeten, heißen Augen ihn nicht. Es war kein vorübergehender Nebel, kein Schiff seiner erhitzten Einbildung, nur was die Wogen schaukelten, konnte er in der wüsten Sturmnacht nicht erkennen. Mit Aufbietung seiner letzten Kraft kämpfte Don Gomez gegen die Flut, um nicht rascher aufwärts getrieben zu werden, als der finstere Gegenstand ihm sich näherte. Es gelang ihm wider Erwarten. Das schwarze Gebäude, das sich jetzt als ein wohl erhaltenes Strohdach zeigte, welches von den Fluten irgendwo fortgerissen worden war, schwamm näher und immer näher heran. Dunkle Umrisse menschlicher Gestalten regten sich auf dem First des schwimmenden Daches. Wahrscheinlich waren es die Bewohner und Eigentümer des Hauses, welche, dem sichern Tode im Wasser zu entgehen, diesen letzten Zufluchtsort gesucht hatten. Don Alonso Gomez steuerte auf dieses Dach zu, er wagte sogar zu rufen und glaubte an den Bewegungen der Gestalten, die es trug, zu bemerken, daß sein Ruf vernommen worden sei. Noch einmal stieß er einen wilden, gellenden Schrei aus und sank zurück in eine sich brechende Welle. Er fühlte etwas Hartes seinen Körper berühren. Halb bewußtlos griff er danach und faßte ein Tau. Er hielt es fest, hob sich wieder empor über den Spiegel des Stromes und gewahrte, daß er dem Dache um ein Beträchtliches näher gekommen sei. Noch verging eine bange, schreckliche Minute, dann stieß er an das Stroh, faßte mit krampfhaften Griff in dasselbe, mit der andern Hand das Tau haltend, und in dem Augenblick, wo ihm die Sinne vergingen, fühlte er nur noch, daß mitleidige Hände ihn ergriffen und emporrissen aus der Flut, die seine Glieder erstarren machte. Er sah und hörte nichts mehr. Die ermüdete Hand sank kraftlos nieder, das Auge schloß sich und nur eine dumpfe Empfindung, ein Alpdrücken, knüpfte den Mexikaner noch an das Leben. 33 Am Morgen des dreiundzwanzigsten Februar boten die Ufer der Niederelbe und die Küstenränder der Nordsee einen herzzerreißenden Anblick. Wo am Tage vorher noch weite Strecken fruchtbarer Ländereien lagen, da sah man jetzt meilenweit nichts wie einen schmutziggelben Wasserspiegel, auf dem zwischen Häusertrümmern und Gerätschaften aller Art zerstoßene Leichen, ertrunkenes Vieh, zerbrochene Wagen, Bettstellen, Wiegen, Heudiemen und zahllose andere Gegenstände schwammen. Stehen gebliebene Wohnungen ragten mit den Dächern, höhere auch mit dem halben Geschoß über das jetzt langsam ablaufende Wasser empor. Auf vielen solcher Häuser saßen frierende, von den erlebten Schrecken stier blickende Menschengruppen. Aus manchem Gesicht blickte der Wahnsinn, aus andern sprach die kalte Ruhe der Verzweiflung. Es gab Männer, die mit fest gefalteten Händen auf die Verwüstung rund umher, auf diesen weiten, im Winde zitternden Kirchhof hinabsahen und bei diesem Anblick in unaufhaltsames Schluchzen ausbrachen. Andere zählten ihre Lieben und vermißten ein oder das andere Haupt. Eine Mutter, die ihr halbjähriges Kind in ein leeres Storchnest gebettet hatte, dann nochmals hinabgestiegen war in die Kammer, deren Fenster die Flut schon zerbrach, kniete jetzt neben dem Nest und suchte vergebens nach dem Säugling. Der Sturm hatte das Nest zerstört und das hilflose Kind in die Wogen geschleudert. Szenen solcher Art kamen nicht vereinzelt vor, sie gehörten in jenen Schreckensstunden zu den gewöhnlichen Begebenheiten. Wo am Morgen nach der großen Flut kein Wasser die verheerten Gegenden bedeckte, da lag jetzt fußhoher Sand oder schwerer Lehmboden, oder dicker, zäher Schlamm. Auch in diesem entdeckte man Leichen, und als die Flut wieder stieg, sickerte abermals schmutziges Wasser über das verschlammte Erdreich, denn die Elbe ergoß ihre Wogen durch die gebrochenen Deiche. Vereinzelt sah man zwischen den Deichen in den überschwemmten Landesteilen Kähne fahren, um die auf Bäume und Dächer Geflüchteten zu retten und sie, nun das Wasser sie verschont hatte, nicht der qualvolleren Pein des Hungertodes auszusetzen. Andere waren auf den Deichen beschäftigt, die schon angetriebenen, oder nach und nach anschwimmenden Leichen der Ertrunkenen zu bergen und sie den ihrigen zur Bestattung zu übergeben. Oft freilich mußte nur die Gemeinde die Bestattung übernehmen, denn gar viele Familien waren gänzlich umgekommen. Und doch konnte das Los solcher noch ein beneidenswertes genannt werden gegenüber den jammernd umherlaufenden Kindern, die vergebens nach den vermißten Eltern riefen und diese erst nach langem Suchen, in Schutt und Schmutz begraben, als starre, verstümmelte Leichen wiederfanden. Ein fahles, kupferfarbiges Rot säumte die düsteren Wolken, die noch immer ziemlich rasch südostwärts zogen. Die Sonne brach nur selten durch, und wenn es geschah, beleuchteten ihre Strahlen ein Gemälde, das keines Menschen Hand zu schildern vermöchte. Diek-Johann hatte, gleich allen Bewohnern der Marsch, eine schwere, sorgenvolle Nacht durchlebt. Wenn er auch in seiner Art ein Mann des Vergnügens war und sich körperlich nichts abgehen ließ, so folgte er doch stets dem Ausspruch des weisen Salomo: Alles hat seine Zeit. Arbeitete Diek-Johann, so gab es für ihn, wie für alle, die in seinen Diensten standen, nichts als eitel Arbeit. Und der reiche Hofbesitzer war ein strammer Arbeiter, der etwas leisten konnte. Pflegte er der Ruhe, so ließ er sich darin auch nicht gern stören. Wer es wagte, den bediente er mit sehr unhöflichen Redensarten, gleichviel wer es war. Es kam wohl vor, daß Bekannte und Freunde dem allzu rücksichtslosen Manne seines Benehmens wegen Vorwürfe machten und ihm zu bedeuten suchten, es sei weder möglich noch vorteilhaft, mit dem Kopfe gegen die Wand zu rennen. Diek-Johann änderte indes trotz solcher freundschaftlichen Ermahnungen sein Betragen nicht. Er sagte ganz trocken auf die letzte Bemerkung der Ratgeber: das kommt auf den Kopf an, warf die Lippe nur noch trotziger auf, als sonst, zog den Kopf tief in die Schultern, wie eine Schildkröte, wenn man sie berührt, und blieb genau so, wie ihn alle Welt von jeher kannte. Als in der vergangenen Nacht der Sturm losbrach und zum Orkan anwuchs, warf Diek-Johann sich in sein schwarzes Regenkostüm, griff nach Hacke und Schaufel, band sich den geteerten Südwester unterm Kinn fest und sagte zu allen männlichen Bewohnern des Marschhofes: »Es gibt diese Nacht eine Sturmflut. Wir müssen wach bleiben und den Deich schützen, sonst sind wir morgen früh allesamt ersoffen wie die Mäuse.« Da half keine Widerrede. Diek-Johann war der erste auf dem Deich, dessen schwächste Stellen er genau kannte. An die gefährlichste Stelle stellte er sich selbst mit seinen Leuten und arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirn troff. Die Nachbarn folgten seinem Beispiel und so gelang es den Anstrengungen vereinter Kräfte, den Deich gegen die Flut glücklich zu verteidigen. Erst als das Wasser fiel, begab Diek-Johann sich beruhigt und zufrieden zurück in seine Wohnung. Wie furchtbar auch noch der Nordweststurm brauste, wie wild die Wogen sich an dem Steingeripp des Deiches brachen, ihn kümmerte die Wut der Elemente jetzt nicht mehr. Er war von der angestrengten Arbeit hungrig geworden und ließ sich deshalb nunmehr das Essen schmecken. Alles hat ja seine Zeit! – Morgen konnte es abermals alle Hände voll zu tun geben, und wer soll und kann tüchtig zugreifen, wenn ihm der Hunger den Magen zuschnürt? Nach dem sehr späten Abendessen schlief er nur zwei Stunden, frühstückte in Ruhe, warf abermals sein Regenzeug über und war wieder der Erste auf dem Deich. Langsam beschritt der Marschbewohner den Kamm des Deiches, immer den noch stark bewegten Strom betrachtend, der jetzt bei dem Wiedereintritt der Flut heftig gegen den Deich brandete. Andere gesellten sich zu Diek-Johann, wechselten einige Worte mit ihm und gingen dann schweigend weiter, da sie nur kurze, mürrische Antworten erhielten. Die Blicke des reichen Marschbauern waren meistenteils auf den Strom gerichtet, der ausgestorben zu sein schien. Nirgends sah man ein Schiff, nirgends einen Ewer, deren doch sonst an jedem Morgen zahlreiche von allen Uferorten auslaufen, um nach Hamburg aufzusegeln. Er blieb stehen, stützte sich auf seinen Springstock, den er diesmal statt der Schaufel mitgenommen hatte, und sagte, dem Zug der Wellen folgend, mit eine, leichten Seufzer: »Ja, ja, der Strom ist still und wird's heute und morgen, vielleicht wohl auch übermorgen noch bleiben; denn die Leute, die ihn sonst befahren, haben anderes zu tun. Sie begraben ihre Toten! – Solch eine Sturmnacht ist eine Schlacht, die Gott der Herr der sündhaften Menschheit liefert. Er hat nichts, was Menschen erfanden, womit sie sich verteidigen. Seine alleinige Waffe ist eine Mütze voll Wind. Damit löscht er allen Witz und Verstand in den gescheitesten Köpfen der nach seinem Ebenbilde gemachten Menschen aus, und schlägt sie zu Hunderten und Tausenden nieder. Das ist die Macht des Herrn, und so oft er der Menschheit eine solche Schlacht liefert, muß ich immer an den Apostel Paulus denken, der von sich sagte, damit andere sich an seinem Tun ein Beispiel nähmen: Nicht, daß ich's schon ergriffen hätte oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach, ob ich's ergreifen möge! – Nun, will's Gott, und kann ich meinen schwachen Willen durchsetzen, so denk' ich, der starre Apostel, der kein Faselhans war, soll mir in Zukunft ein Beispiel bleiben, das ich beherzigen werde, so viel ich kann.« Diek-Johann sprach diese Worte laut vor sich hin, wie er so dastand am äußersten Deichrande, der Wind in seinen Haaren wühlte und der feuchte Dunst des rauschenden Stromes um sein Antlitz fächelte. Unten am Fuße des Deiches, wo sonst ein breiter Streif hohes Schilf bei gewöhnlichem Hochwasser noch über die Flut emporragte, lag jetzt ein Knäuel Schlamm, Erde und Steintrümmer, und zwischen diesem Flutgeröll schaukelten die Wellen ein schönes, großes Mutterschaf. Das gegenüberliegende Ufer war kaum zu erkennen. Wie ein schmaler, brauner Saum nur hob es sich über das düstere Grau der Wogen, auf denen die verschiedensten Gegenstände trieben. Es war Flutzeit und die Strömung ging rückwärts. Wie nun Diek-Johann so hinaussah auf die breite Wasserfläche und seine Miene immer ernster wurde bei den Gedanken, die in ihm aufstiegen, bemerkte er in sehr großer Entfernung vom Ufer eine hohe treibende Masse auf dem Wasser. Er konnte nicht klug aus diesem Gegenstand werden, den er bald für einen hohen Schober Heu, bald für ein Haus hielt. Auch kam es ihm vor, als bewege sich auf dessen höchster Spitze etwas Lebendiges. Es werden Aaskrähen sein, dachte der Marschbauer, sah dem Steigen der Flut noch eine Weile zu, um sich einen Maßstab zu bilden für die Höhe, die sie wahrscheinlich erreichen werde, und verließ dann den Deich wieder, um seine besorgten Hausgenossen zu beruhigen, die noch immer in Angst schwebten und ein abermaliges bedrohliches Steigen der Gewässer fürchteten. * Um dieselbe Zeit war im Hause des Reeders große Freude. Die Nacht war der Familie Heidenfrei unter schweren Ängsten vergangen. Das Ausbleiben des Vaters, der Schreckensruf der Menschen, der Deich sei gebrochen und die Elbe habe alles Land weithin überflutet, Häuser fortgeschwemmt und zahlreichen Menschen den Tod gebracht, mußte die Angst aufs Höchste steigern. Sie sahen freilich ein, daß im Augenblick keine sichere Nachricht zu erlangen sei. Die Flut trennte Hunderte, und die finstere Sturmnacht machte jede Rettung, selbst alles Nachforschen völlig unmöglich. Man mußte das Sinken des Wassers und die Morgendämmerung abwarten, um mit nur einiger Aussicht auf Erfolg das Rettungswerk beginnen zu können. Ein Trost für die geängsteten Frauen war der Steuermann Andreas. Dieser sprach allen Mut zu, blieb gelassen, ja beinahe heiter und beteuerte mehrmals, es sei nicht so gefährlich, wie es aussehe. Seine wahre Herzensmeinung freilich verbarg er oder äußerte sie nur gegen Jacob. Am unruhigsten von allen zeigte sich Treufreund. Als die anderthalb Stunden vergangen waren, in denen er die Rückkehr des Reeders erwartet hatte, hielt es den wackern Alten an keinem Ort länger, als fünf Minuten. Bald stand er, sein gesticktes Mützchen in der Hand drehend, vor Frau Margaretha, unzusammenhängende Fragen an die so schon schwer geängstete Matrone richtend, bald versuchte er mit Elisabeth und Ulrike zu scherzen, die, um ihre Herzensangst nicht merken zu lassen, mit einer früher nie gekannten Emsigkeit arbeiteten. Dann stieg er eine Treppe hoher, klopfte an Christines Zimmer und fühlte, als verstände er etwas von ärztlichen Dingen, der immer schwächer werdenden alten Silberweiß den Puls. Auch mit Trudchen, die noch immer ihre Katze liebkoste, ließ sich der ›Schatten‹ in ein Gespräch ein, erhielt aber von dem ängstlich gewordenen Kind keine Antwort. Nun begab sich Treufreund wieder ins Kontor, dessen Fußboden von Drängwasser feucht war, von da in den anstoßenden Speicher, wo unter Jacobs Aufsicht und Leitung noch immer rastlos gearbeitet wurde. Dann beobachtete er wieder den Flug der Wolken, horchte auf das Heulen des Sturmes, auf das Rauschen des Wassers, faltete die Hände, schüttelte sein kahles Haupt und sagte wohl hundert Mal im Laufe der Nacht: »Eine böse, böse Zeit! Man könnte graue Haare davon bekommen, wenn noch welche vorhanden wären.« Andreas um seine Ansicht zu fragen, der unermüdlich tätig war, wagte Treufreund nicht. Er hatte das vollste Zutrauen zu dem kräftigen, entschlossenen jungen Mann, nur gefielen ihm heute dessen Gesichtszüge nicht, wenn er meinte, er werde von andern nicht beobachtet. Drang er nun ernsthaft in Andreas, so besorgte er eine erschreckende, niederschlagende, vielleicht eine ganz hoffnungslose Antwort zu hören, und eine solche, das fühlte der ehemalige Buchhalter, hätte er in diesen schweren Prüfungsstunden nicht überlebt. Er wollte deshalb lieber in quälerischer Ungewißheit bleiben, sich mit schattenhaften, haltungslosen Annahmen und Möglichkeiten aufrecht erhalten, als durch ein trostloses Wort ganz zu Boden geschmettert werden. Sah er sich unbemerkt, so machte er sich wohl von Zeit zu Zeit mit dem Stoßseufzer Luft: »Unglücklicher Heidenfrei! Arme, arme Familie!« Den Gipfel tiefster Seelenangst sollte Treufreund erst ersteigen, als Andreas plötzlich ungestüm in das Kontor trat, wo der alte Buchhalter sich wieder etwas zu schaffen machte und nach ein paar Knechten fragte, die im Speicher beschäftigt waren. Treufreund wies den Steuermann dahin. »Gehen Sie, werter Herr«, versetzte Andreas, »ich habe keine Zeit. Das Gewölk hebt und teilt sich, eines Seemanns Auge sieht scharf und jetzt gerade dürfte es hohe Zeit sein, denen, die etwa noch auf Errettung hoffen können, diese zu bringen. Rufen Sie unverweilt die Knechte! Sie verstehen einen Riemen zu handhaben, sind unerschrocken und besitzen Ausdauer. Solche Leute gerade brauche ich, denn wir werden ein hartes Stück Arbeit haben.« ›Der Schatten‹ vermochte jetzt nicht mehr an sich zu halten. Er nahm seine Mütze ab, strich sich mit der Hand über die Glatze und sagte: »Ich gehe schon, Herr Steuermann – ich bin schon fort. Ich denke, Gott wird seine Hand über Herrn Heidenfrei –« »Wenn Sie nicht laufen und mir die Knechte zur Stelle schaffen«, unterbrach ihn Andreas, »so wird unser Herrgott weder an dem großen Reeder, noch an sonst jemand Wunder tun. Menschenleichen sind in den nächsten Tagen billig, darauf können Sie fluchen, wenn Ihnen das Beten nicht über die Zunge gehen will, und ob Reeder, ob Matrose, wenn der Wind seine Tyrannenlaune hat, ist ihm alles einerlei. Ist Herr Heidenfrei nicht schon ersoffen, so sollen Sie ihn lebendig wieder haben, oder ich will kein Salzwasser mehr sehen!« Treufreund erstarb das Wort auf der Zunge. Er stierte den ungeduldig drängenden Steuermann wie ein Blödsinniger an, rannte, als folge ihm die Flut auf dem Fuße, aus dem Kontor in den Speicher und rief die begehrten Knechte laut schreiend wiederholt bei Namen. Dann setzte er sich auf eine leere Kiste neben dem Tau, das durch die Luke von den verschiedenen Böden herablief, faltete die Hände über dem Knie, beugte sein tief bekümmertes Haupt und begann bitterlich zu weinen. So traf ihn Jacob, der Quartiersmann. Alles Zureden desselben konnte den treuen Diener nicht beruhigen. »Es geht zu Ende mit mir, ich fühl' es«, sprach Treufreund. »Hohenfels verläßt mich wieder, die Jugend spricht mich nicht an und nun begräbt ihn, der alles zusammenhielt, die Flut!« »Aber wer sagt denn das, Herr Treufreund!« erwiderte Jacob. »Der Herr Prinzipal ist ein vorsichtiger Mann, der sicherlich nicht mit geraden Beinen ins Wasser hineinspringen wird, und Herr Anton gehört zu den Leuten, die das Pulver noch erfinden könnten, wenns nicht schon erfunden wäre. Der wird den Herrn Prinzipal nicht im Stich lassen.« Treufreund erwiderte nichts auf diese Bemerkungen. Er blieb im Speicher, erstieg den obersten Raum und sah aus der Luke hinunter nach dem Kanal. »Wer da hinabfällt«, murmelte er mit wunderlichem Zucken der Augenbrauen, »der hat's bald überstanden. Er kann das Genick brechen, noch ehe er zum Ertrinken kommt!« Nach und nach entfernten sich die letzten Arbeiter aus dem Speicher und Treufreund war allein. Die Einsamkeit tat ihm wohl. Sie gestattete ihm einen Rückblick in die fernste Vergangenheit, dem sich der alte Mann jetzt auch willig hingab. Dies Versenken in das einst Dagewesene machte ihn die peinigende Gegenwart vergessen, und ein paar Stunden vergingen ihm verhältnismäßig ziemlich schnell. Aus seinem stillen Hinbrüten weckte ihn erst ein Geräusch vieler Stimmen im Nebenhause, das immer stärker wurde, das bald in frohlockenden Jubel überging, und offenbar ein glückliches Ereignis verkünden mußte. Treufreund trat horchend an die offene Luke in der Mitte des Speichers und erfaßte das herabhängende Tau. Da hörte er deutlich, wie die grobe Baßstimme des unhöflichen David rief: »Vivat hoch Herr Heidenfrei! Es lebe Herr Anton und Steuermann Andreas, die ihn gerettet, hoch! Und abermals hoch!« Andere Stimmen wiederholten den Jubelruf; Treufreund aber war von dieser ihn überraschenden Nachricht dergestalt beglückt, daß ihn seine gewohnte Ruhe verließ. Er wollte nur den verehrten Prinzipal wiedersehen, ihm die Hand drücken, ihm, sei's auch bloß durch Blicke, sagen, daß er ganz, ganz glücklich sei. In seiner Aufregung erfaßte er das Tau mit beiden Händen, schwang sich über die Öffnung und fuhr blitzschnell auf die Diele des Speichers hinab. Der Ärmste verbrannte sich jämmerlich die weichen, an derartige Turnübungen nicht gewöhnten Hände und verstauchte sich obendrein noch den linken Fuß. Zum Glück trat Jacob gerade ein, um dem alten Buchhalter die frohe Kunde von der glücklichen Rettung des Prinzipals mitzuteilen. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als er die schwer beschädigten Hände des armen, aufgeregten Mannes sah. »Mein Gott, Herr Treufreund«, rief er, »wie konnte Ihnen auch so etwas einfallen!« »Tut nichts, tut garnichts, Jacob«, versetzte dieser, die blutenden Hände in sein Taschentuch hüllend. »Hilf mir nur auf und schleppe mich hinüber zur Familie! Eine zerschundene Hand und ein verstauchter Fuß heilen wieder, und dann gehören beide auch einem Menschen, der nichts zu bedeuten hat, von dem die Welt nichts weiß, wenn aber Herr Heidenfrei einen Schluck Elbwasser zu viel getrunken hätte, wäre er nie wieder zu sich gekommen, und mehr als tausend redliche Menschen würden eine Flut von Schmerzenstränen vergossen haben.« Dem Quartiersmann trat selbst eine Träne ins Auge, als er den verwundeten Mann aufhob und, ihn stützend, unter heitern Scherzen über den ihm zugestoßenen Unfall in die Wohnung des Reeders geleitete. 34 »Wo bin ich?« fragte Don Alonso Gomez, als er nach kurzer Besinnungslosigkeit wieder zu sich kam und die Augen aufschlug. Er erhielt keine Antwort, aber er fühlte, daß er auf feuchtem Stroh im Augenblick wenigstens sicher liege. Ein Tau war um seinen Leib geschlungen und an einem Balken des zum Teil durchbrochenen Dachstuhles befestigt. Etwa zehn Schritte von sich entfernt sah der Mexikaner zwei Männer, von denen jeder eine lange Stange hielt. Beide sahen aufmerksam auf den Strom und dessen Bewegung. Näher als diese beiden Männer, aber auf der andern Hälfte des schwimmenden Daches, saßen ebenfalls zwei Männer rittlings auf dem First, bewaffnet wie jene und ebenso aufmerksam den Strom und die Flut beobachtend. Diese rief Don Alonso Gomez jetzt mit vernehmlichen Worten an. »Sie sind gerettet, Herr, wie Sie sehen«, versetzte der Größte derselben, ein alter Mann in Bauerntracht. »Wenn Sie stark genug sind, um eine schwere Stange zu regieren, so können Sie unser Schiff mit steuern helfen. Da unten liegen noch ein paar solcher Stecken.« Der Bauer deutete auf das Loch im Dach, aus dem die seltsamen Schiffer ohne Zweifel auf den First gestiegen waren. »Soll ich euch helfen«, erwiderte der Mexikaner, »so befreit mich erst von diesem Tau. Es drückt mich ohnehin ziemlich unsanft.« »Ja so«, sagte der Bauer, ritt, mit den Händen sich vorwärts schiebend, während er seine Stange dem Gefährten reichte, zu dem Gebundenen und löste den Knoten. »Was sind Sie denn eigentlich für ein Landsmann? Sie kommen mir etwas stark ausländisch vor.« »Das mag wohl sein«, erwiderte Don Gomez. »Mich überraschte die Flut drüben, unfern Blankenese, mein Pferd wurde scheu und warf mich ab. Dann trieben die Wellen mich fort. Mein Diener ist bei dem Spaß ums Leben gekommen.« Der trockne Bauer maß den Sprechenden mit einem ernsten Blick. »Na, den Spaß können wir allesamt auch noch erleben. Der Zufall hat Sie auf mein Eigentum geführt, Sie sind also mein Gast. Machen Sie's nun wie die Herren dort am andern Ende, die auch meine Gäste sind. Vielleicht haben wir zusammen Glück und treiben mit der Ebbe irgendwo an einer Insel an. Dann wollen wir uns gegenseitig für geleistete Dienste bedanken.« »Das ist also Euer Hausdach?« fragte Don Gomez, den jetzt dies Abenteuer trotz der augenscheinlichen Gefahr, in der er sich befand, zu amüsieren anfing. Es war in der Tat eine seltsame Situation und eben deshalb behagte sie gewissermaßen dem nach Neuem stets lüsternen Mexikaner. »Es ist der Rest meines Hauses«, versetzte kalt und resigniert der alte Bauer. »Noch vor acht Stunden galt es für den schönsten Sandkrug im ganzen Alten Lande. Jetzt ist's ein loses Gebälk, das eine einzige hohe Welle oder ein harter Windstoß zerschlagen kann.« Don Gomez erlaubte sich noch einige Fragen, aus deren schlichter Beantwortung er erfuhr, daß die Wohnung des alten Mannes außerhalb des Deiches gelegen habe und ein Fährhaus gewesen sei, wo häufig Reisende einkehrten, die nach dem nördlichen Elbufer übersetzen wollten. Die beiden Männer auf dem hintern Giebel seien solche Reisende, erklärte der Krughalter. Sie hätten schon Mittags über den Strom gewollt, des starken Windes wegen aber die Überfahrt nicht gewagt, da namentlich der eine, der Seemann sei, das Unternehmen gefährlich gefunden habe. Darauf hätten sie sich entschlossen, besseres Wetter abzuwarten, als unvorbereitet der Nordweststurm die Flut zu Bergen aufgetürmt, die dünnen Backsteinmauern seines Hauses zerschlagen und das Dach, wohin sie alle geflüchtet, fortgerissen hätte. »Ein Kind, ein liebes Mädchen trieb ans Land«, schloß der Bauer seine kurze Erzählung. »Ich hoffe, Gott läßt sie am Leben, und rettet er auch uns, so seh' ich sie wohl nach ein paar Tagen wieder.« Der Sturm hatte etwas nachgelassen, die Wogen gingen weniger hoch und es machte sich eine rückgängige Bewegung der Strömung bemerkbar. »Ebbe!« rief einer der Männer, welche der Bauer als Reisende bezeichnet hatte. Gleichzeitig bewegte sich das treibende Dach stromabwärts. Beim Klang dieser Stimme horchte Don Gomez erschrocken auf. Sein langes, feuchtes Haar, das der Wind beinahe getrocknet hatte, vollends aus der Stirn streichend, heftete er seine dunkeln Augen auf die beiden Männer, deren Gesichtszüge ihn das nächtliche Dunkel nicht erkennen ließ. Er griff in das Stroh des Daches und näherte sich kriechend den am Giebelende Hockenden. Da sah er ein Gesicht über sich, vor dem er erbebte. Er starrte es an, wie ein Geist, regungslos, kalt, boshaft. Das Erkennen war gegenseitig. »Don Gomez!« – »Miguel!« tönte es von beider Lippen und gleich darauf klammerten sich die Hände der beiden Feinde wie die Krallen wütender Tiger ineinander, und es begann auf dem schwimmenden, zitternden Dach, über den gurgelnden Wasserstrudeln ein Ringen, dem die andern drei Bewohner des gebrechlichen Gerüstes mit starrem Entsetzen zusahen. Die Kämpfenden mußten ihre Kräfte sitzend erproben, da zu einem Faustkampf im Stehen kein Raum vorhanden war. Keiner sprach ein Wort, nur pfeifende, kurze scharfe Töne entrangen sich bald Miguels Brust, bald der des Mexikaners. Zum Glück fehlten den erbitterten Gegnern scharfe Waffen. Nur die Faust, die Gelenkigkeit der Glieder, die Kraft der Muskeln, ein Stoß, ein wilder, hastiger Griff konnten entscheiden. Don Alonso Gomez übertraf Miguel an Körperkraft, dieser dagegen war gelenkiger und hatte vor seinem Gegner die Übung, auf schwanken, schwindligen Stegen glücklich und sicher zu balanzieren, voraus. Auch waren seine Kräfte nicht so erschöpft, wie die des Mexikaners. Der Kampf währte daher nur wenige Minuten, dann brach Don Gomez unter einem kräftigen Faustschlag Miguels zusammen. Dieser wiederholte den Schlag in der Raserei des Zornes, erfaßte den Mexikaner am Gürtel und hätte ihn erbarmungslos kopfüber in den wütenden Strom gestoßen, wäre dieser übereilten Handlung nicht die Hand eines Dritten zuvorgekommen. »Keinen Mord, Miguel!« sprach ernst, befehlend Eduard Heidenfrei. »Du bist Sieger geblieben, der Überwundene wird sich den Bedingungen unterwerfen, die wir ihm, angesichts des sichern Todes, zu dem wir ihn verurteilen können, diktieren wollen. Laß mich Richter sein, Miguel, und mein Wort als Deutscher darauf, das Urteil, das ich fälle, soll deinen Beifall haben. Erkennen auch Sie mich für Ihren Richter an, Don Alonso Gomez?« Der Mexikaner röchelte und stöhnte unter der würgenden Hand des von ihm so lange mißhandelten Miguel. »Endigt«, stammelte er heiser. »Ermordet mich, nur zwingt mich nicht, lange Eure mir verhaßten Gesichter sehen zu müssen!« »Sie haben Freiheit, uns den Rücken zukehren zu dürfen«, erwiderte Eduard. »Wir sind keineswegs gesonnen, uns an dem Anblick eines Wehrlosen zu weiden. Wir haben Sie gemieden, Don Gomez, seit Ihr Charakter uns durch Zufall enthüllt wurde. Wir suchten Sie nicht und würden Sie nie wieder aufgesucht haben. Gott gibt Sie uns jetzt in die Hände, und ein Gottesgericht soll entscheiden zwischen Ihnen und uns. Sehen Sie um sich, wir treiben augenblicklich ohne Hoffnung auf Rettung dem Meere zu. Noch tobt der Strom, noch hat der Sturm nicht ausgerast. Mit der nächsten Flut kann ein neues Wetter über uns kommen und die Hand des Allmächtigen, die uns bis jetzt so wunderbar schirmte, kann uns in die brausende Tiefe versenken. Ist dies Schicksal über uns verhängt, so werden wir ihm nicht entgehen. Es wäre aber auch möglich, daß ein glückliches Ungefähr uns einem aufsegelnden Schiff entgegenführt, dessen Besatzung uns aufnimmt. In diesem Fall sollen Sie nicht mit uns zurückkehren, sondern am ersten, besten Küstenort ausgesetzt und dem dortigen Voigt zur Verwahrung übergeben werden, bis Sie von Hamburg aus weitere Befehle erhalten, die Sie in Ihr Vaterland zurückweisen. Geschieht auch dies nicht, sondern wäre es uns bestimmt, rettungslos auf dem Wasser herumtreiben zu müssen, bis die Wellen den letzten Balken dieses Dachstuhles zerschlagen haben oder bis uns der Hungertod bedroht, so machen Sie den Übrigen durch einen freiwilligen Tod zuerst Platz, damit der dürftige Rest von Lebensmitteln, die wir besitzen, noch kurze Zeit länger ausreicht. Wir sterben demnach freiwillig in folgender Ordnung: zuerst Sie, dann ich, zuletzt Miguel. Als Fremdlinge, die wir die Gastfreiheit dieser wackern Leute genießen, ist es unsere Pflicht, alle Gefahren mit ihnen zu teilen, nicht aber, ihnen den letzten Bissen Brot vom Munde zu reißen. Fügen Sie sich?« Don Gomez stöhnte wie ein Sterbender. »Füge dich oder du stirbst!« rief ihm Miguel zu. »Du hast keine andere Wahl und sollst keine haben.« »Es sei!« stammelte der Besiegte, die Hoffnung möglicher Rettung als einzigen Anker festhaltend. »Laß ihn frei, Miguel!« sprach Eduard. »Er wird diesmal sein Wort nicht brechen. Dieser Himmel und dieser brüllende Strom sind uns zuverlässige Wächter.« Es begann nun eine Zeit traurigen Zusammenlebens. Der Dachstuhl wurde von der Ebbe rasch vorwärts getrieben, sodaß die Fortgeschwemmten sich bei dem Wiedereintritt der Flut schon unterhalb Glückstadt befanden. Nirgends zeigte sich ein aufsegelndes Schiff, nur kleine Boote wurden an den fernen Ufern sichtbar. Das Dach trieb immer mit dem stärksten Strom, ließ sich nicht steuern und konnte deshalb dem Lande nicht näher gebracht werden. Die Bewohner desselben verfielen in trübe Stimmung, die sich bedeutend steigerte, als man erkannte, daß auch die zweite Nacht sie auf dem unwirtlichen Strom überraschen würde, ehe irgendein Mensch ihrer ansichtig wurde. Mit Mühe befestigten die Unglücklichen eine Stange im Stroh und banden an die Spitze derselben ein Notzeichen. Zweimal flutete und ebbte das Meer und noch immer harrten die fünf Männer vergebens auf Rettung. In der dritten Flutzeit war das Hausdach nahe Cuxhaven und die Aussicht auf Rettung verlor sich mehr und mehr. Bis jetzt hatte Don Gomez sich ruhig verhalten. Er genoß schweigend, was der alte Bauer ihm reichte, den Anblick Miguels und Eduards suchte er zu vermeiden. Nun aber trat bereits der verhängnisvolle Augenblick ein, wo die Nahrungsmittel zu Ende gingen und man voraus berechnen konnte, daß schon nach vierundzwanzig Stunden die Schreckensherrschaft des Hungers beginnen werde. Durst litten sie nicht, denn es fiel hinlänglich Regen, den die Männer in ihren Südwestern auffingen. Außer dem drohenden Hunger lauerte aber noch eine andere Gefahr. Das Gebälk des Daches, von den Wogen umbraust, wurde lebendig. Es knackte und ächzte in allen Fugen, es zog und dehnte sich und je höher und länger die Wogen rollten, desto lockerer gestaltete sich der Bau. Es bedurfte nur einer starken Bö, einiger heftiger Wellenschläge, und das ganze kaum noch zusammenhängende Gerüst löste sich in viele einzelne Teile auf und das Gottesgericht war vollzogen. Alle sahen voraus, daß beim Hinausschwimmen auf das Meer nur Stücke und Splitter davon übrig sein würden. »Es ist Zeit«, sprach Miguel finster, als sie am zweiten Abend den Leuchtturm von Cuxhaven schon hinter sich liegen sahen. »Wir haben nur noch für zwei Personen eine halbe Ration Brot. Laßt uns beten und dann den Ersten von uns in den Wogen begraben.« Don Gomez blickte wild auf und lächelte. »Begrabt mich, wenn Ihr könnt«, versetzte er, »freiwillig ersäufe ich mich nicht! Sterben müssen wir alle, das weiß ich, und ich bin auch ganz damit zufrieden, nur würden mir die letzten Lebensmomente versüßt werden, könnten wir die Reise in jenes unbekannte Land in brüderlicher Gemeinschaft antreten. Mann gegen Mann, wenn's beliebt! Wir stehen. mein' ich, hier alle außer dem Gesetz!« Der alte Bauer und dessen Sohn würden zu jeder andern Zeit als Vermittler aufgetreten sein, jetzt achteten beide nicht auf den Streit ihrer Gefährten, denn der Hunger wühlte in ihren Eingeweiden und die Verzweiflung machte alles vor ihren Augen flirren. Don Gomez näherte sich Miguel – schon erhob er die Hand gegen den Nebenbuhler – da rief Eduard jubelnd aus: »Ein Segel! Ein Segel auf unserm Kurs!« Die erhobene Hand des Mexikaners sank wie gelähmt auf das zerstampfte, vom Sturmwind zerzauste Strohdach, dessen Balkengerüst eingesunken war, so daß es jetzt nur noch wie ein großer Schirm auf den Wogen forttrieb. Alle sahen auf, konnten aber mit Ausschluß des weitsichtigen Miguel nichts erkennen. Der weißliche Schimmer, der am äußersten Rande des Horizonts sichtbar wurde, konnte auch der weiße Schaumkamm einer springenden Welle sein. Eduard behauptete jedoch sehr bestimmt, ein Segel zu erblicken und nach Verlauf weniger Minuten stimmten nicht nur Miguel, sondern auch der Bauer und dessen Sohn ihm bei. Der nagende Hunger war vergessen, denn jeder hoffte, jeder glaubte wieder an Rettung! Don Alonso Gomez frohlockte im Stillen. Seine bis dahin finstern, verbissenen Züge wurden sanfter, fast freundlich. Es war, man sah es, plötzlich eine große Änderung in ihm vorgegangen. Er gab jeden Gedanken an Kampf auf, blickte sich heiter um und bot dem Gegner seine Hand zur Versöhnung. Miguel wollte seinen Ohren nicht trauen, aber er konnte nicht lange im Ungewissen bleiben. Mit einem bittenden, aufrichtig flehenden Blick sah Don Gomez ihn an und streckte seine Hand nach ihm aus. »Ich bin nicht so verwahrlost, so böse und unversöhnlich, wie du meinst«, sagte er zu dem unschlüssigen Miguel. »Leichtsinnig nur war ich immer, und weil ich alle Freuden des Lebens durchkosten, kein Glück, keinen Genuß mir entgehen lassen wollte, irrte und fehlte ich häufig. Ich habe dich beleidigt, erzürnt, mir zum Feinde gemacht, darum hast du ein Recht, mich zu hassen. Aber was ich gegen dich und Christine verbrochen habe, habe ich auch, obwohl mehr gezwungen, als freiwillig, bereits wieder gesühnt. Nun führt uns ein wundersames Schicksal in der furchtbarsten Bedrängnis, in welche Menschen kommen können, zusammen; wir sehen, als Feinde nebeneinander hockend, zwei volle Tage dem Tode hundertmal entgegen. Wir sterben Glied für Glied, wir dulden gemeinschaftlich alle Qualen der entsetzlichsten Einbildungen! Wir rüsten uns schon, den Tod zu empfangen, zu umarmen: da glänzt ein neuer Rettungsstern und gießt neues Lebenslicht in unser Auge, netzt unsere schon verschmachtenden Lippen mit neuem Hoffnungstau! Sollen wir jetzt noch hadern mit einander im Angesicht der Gnade des Himmels? Ich kann's nicht, bei dem Wunderbild der allerheiligsten Madonna! Die Härte meines Herzens weicht der Milde, die Lust nach Rache dem Drang der Versöhnung. Seid mir Freunde und Brüder und laßt uns in dem Moment, wo schon das Tau geschwungen wird, das uns wieder ans Land hissen soll, Frieden schließen für ewige Zeiten!« Miguel blickte noch einmal hinaus auf das graue unbegrenzte Meer, an dessen wogendem Horizont jetzt immer deutlicher das Segel zu erkennen war. Dann sah er dem Mexikaner wieder in das männlich schöne, ausdrucksvolle Gesicht. Ein dritter Blick fiel auf das immer tiefer einsinkende Strohdach, dessen schadhafte Stellen von den schäumenden Wellen in jeder Minute mehr litten. Schon neigte sich die Sonne dem Untergang zu, die finstere Wolkenwand mit falben Lichtstrahlen durchbrechend. Rechts und links war kein Land mehr zu sehen, nur weißer, rollender, bisweilen hochaufspritzender Schaum bezeichnete die gefährlichen breiten Sande in der Mündung der Elbe. »Gib Friede!« sagte nochmals in mild bittendem Ton der Mexikaner und seine Hand legte sich auf die Schultern Miguels. Dieser zauderte noch. Eduard erhob mit beiden Händen die Stange mit dem daran befestigten Notzeichen. Er schwenkte sie hin und wieder in der Luft, und ein blendend heller Sonnenstrahl beleuchtete das zerbröckelnde Floß mit der Gruppe der verlassenen Männer. Dann hüllte sich alles wieder in graue, dunstige Nebelatmosphäre. Da zeigte sich, über die Segel aufwirbelnd, ein weißer Rauch, gleich darauf rollte dumpfer Geschützdonner über das Meer. »Wir sind entdeckt! Wir sind gerettet!« jubelte Eduard, noch einmal die Stange mit dem Notzeichen hoch in die Luft emporhebend. Ein zweiter Schuß dröhnte über die Wogen. »Gerettet!« wiederholte Miguel. »Gott will uns wohl, wir sollen nicht verderben. So sei denn auch heute dir vergeben, was du an mir verbrochen hast. Werde mir fortan Freund, wie du mir bisher Feind gewesen bist!« Die Hand Miguels lag in der des Mexikaners. Dieser riß den Versöhnten an sein Herz und umarmte ihn stürmisch. Ein dritter Schuß hallte und besiegelte das feierliche Bündnis zweier Menschen, die das Glück getrennt und verfeindet hatte, die Todesnot aber zu Freunden machte. * Immer höher gingen die Wogen, jetzt rollende Hügelreihen, jetzt wieder breite, tiefe Talsenkungen bildend. Tümmler überschlugen sich mit ihren plumpen Körpern in aufstrudelnden Wellenkämmen und eine Schar Möwen umkreiste die Überreste des Daches, auf dessen noch lose zusammenhängenden Sparren die fünf Männer mit jeder Sekunde weiter in die Nordsee hinaustrieben. Es wurde dunkel. Nebel breiteten sich über die öde, endlose Wasserwüste. Am Himmel blickte da und dort durch fliegendes Gewölk ein Stern, auch die Mondscheibe wob ungewisse Dämmerungshelle um dichte schwarze Haufenwolken. Dann streute sie wieder silberne Flocken auf das Meer oder ein auffallend heller Strahl traf die bauschigen Segel des Schiffes, das ruhig seinen Kurs steuerte. In längeren Pausen fiel ein Schuß, und konnten die Fortgetriebenen ihr unlenksames Floß auch dieser rufenden Stimme nicht folgen lassen, so deutete sie ihnen doch an, daß Freunde sich näherten und daß auf dem Top ein scharfes Auge nach ihnen ausblicken müsse. Endlich sahen die Treibenden den Rumpf des Schiffes, hörten ihr Rufen von menschlichen Stimmen beantwortet. Noch vergingen einige Minuten, dann vernahm Miguel das Kommando des Kapitäns. Langsam drehte sich der schwarze Rumpf. Dann sank das Langboot aufs Meer, drei, vier Männer bestiegen es, das Schiff drehte ab und kräftige Ruderschläge trieben das Boot über die gipfelnde Flut. Bald war das Fahrzeug dem Floß so nahe, daß dessen Bewohnern ein paar Taue zugeworfen werden konnten. Die Schiffbrüchigen erfaßten diese, schlangen sie fest um die Balkenstümpfe und holten das Rettungsboot an. Zum Sprechen, zum Erkundigen war in diesem Augenblick keine Zeit. Der Mann, welcher das Boot steuerte, ermahnte zur Eile, denn schon wehte es wieder stärker und die Wolkenbildung am Kimming deutete auf nahende Windstöße. Die Männer auf dem zerbrechenden Gebälk fühlten noch weniger Bedürfnis zum Sprechen. Alle drängten dem Rettungsboot zu, und ihr allzu hastiges Anklammern an ein und dasselbe Tauende hätte das kleine Fahrzeug beinahe zum Kentern gebracht. Die Stimme des Steuernden scheuchte die Geängsteten nochmals mit hartem Wort zurück, gab dem Boot eine andere Richtung und nun erst wurden alle fünf Männer einer nach dem andern an Bord gehißt. Kaum hatte der Letzte – es war Don Alonso Gomez, der eigensinnig darauf bestand, bis zuletzt auszuharren – das Gebälk verlassen, als eine gewaltige Sturzsee es vollends zerschlug und die Trümmer nach verschiedenen Richtungen hin forttrieben. Mit eigentümlichen Empfindungen sahen die Geretteten das Zerbrechen ihres bisherigen Wracks. Inzwischen kamen sie dem Segelschiff schnell näher, das Boot legte an und Eduard betrat zuerst das Deck des Schiffes, über dessen Brüstung neben dem Fallreep der Kapitän auf die Ankommenden herabschaute. Er rief dem Steuernden ein paar Worte zu, die Eduard aufhorchen machten. »Wie heißt das Schiff?« fragte der vor Hunger, Frost und Ermattung kaum seiner selbst mehr bewußte junge Mann. »Marie Elisabeth, Kapitän Ohlsen, Reeder Peter Thomas Heidenfrei«, versetzte ein eben vorübergehender Matrose. »Meines Vaters Bark!« sagte Eduard. »Welch' glücklicher Zufall! Wahrlich, der Name meiner Schwester ist ein glückbringender Name! –« Die Geretteten fanden auf der Bark Heidenfreis eine Pflege, die sie bald alle erlebten Schrecknisse der letzten Tage vergessen ließ. Selbst daß Don Alonso Gomez sich mit unter den Geretteten befand, störte die Freunde, namentlich Paul, der aus leicht zu erratenden Gründen keine sehr gute Meinung von dem Mexikaner hatte, ihm vielmehr im Herzen grollte, nur in den ersten Augenblicken. Teils die Zureden Eduards und Miguels, teils das bestechende Wesen des ungewöhnlichen Mannes besänftigten schnell die zornigen Aufwallungen Pauls, der Don Gomez wohl schwerlich die Hand geboten haben würde, hätte er ihn früher erkannt. Alle fünf Geretteten saßen jetzt in der Kajüte des Kapitäns und ließen sich den steifen Grog und das schmackhafte Fleisch wohl schmecken. Kapitän Ohlsen und Paul waren begreiflicherweise äußerst begierig, zu erfahren, welche seltsamen Ereignisse Menschen so verschiedenen Charakters in so verhängnisvollen Augenblicken zusammengeführt haben konnten, und wie diese einander so feindlich Gesinnten den Entschluß, sich zu versöhnen, zu fassen vermochten. Die Bark war vom Sturm erfaßt, bis hart an die Küsten Jütlands verschlagen worden und hatte dabei zwei Matrosen verloren. Stark von Bau, mit tüchtigem, seegewohnten Volk bemannt, trefflich geführt und gesteuert, überstand sie den verwüstenden Sturm glücklich. Wetter und Flut waren auf hoher See viel weniger gefahrvoll, als an den Küsten. Die anhaltende Richtung des Windes und ein Zusammentreffen verschiedener ungünstiger Umstände brachten jenes große Unglück über die Küstenanwohner und die Bevölkerung der Halligen, welche von allen Flutverheerungen des neunzehnten Jahrhunderts die Sturmflut des zweiundzwanzigsten Februar als die verhängnisvollste bezeichnet. Spuren dieser Verwüstung hatte die Bark auf ihrer Fahrt nach der Mündung der Elbe entdeckt. Es war das erste Schiff, welches eine dunkle Kunde davon ans Festland brachte. Diesen Mitteilungen schlossen sich die Erzählungen Eduard Heidenfreis und seines Vetters Miguel an. Beide junge Männer hatten zwei Tage vor dem bösen Unwetter Bremen verlassen, wo Augustin Hohenfels allein zurückblieb, um noch einiges zu ordnen und die nötigen Vorkehrungen zur Reise nach Südamerika zu treffen. Das Haus Heidenfrei zog es vor, um den Wünschen Hohenfels' möglichst nachzugeben, ein Bremer Schiff zu chartern, da die ihm zu Gebote stehenden eigenen Fahrzeuge, mit Ausnahme eines einzigen, nicht mehr ganz seetüchtigen Schoners, auf See waren. Zu diesem Entschluß trugen wesentlich auch die Verbindungen bei, welche der verstorbene Saldanha mit Bremen in früherer Zeit durch Vermittlung holländischer Bankiers eingegangen war. Alle diese früheren Geschäftsfreunde des reichen Kubaners kannten genau dessen Verhältnisse; die Verbindungen des ehemaligen Plantagenbesitzers konzentrierten sich in der Handelsmetropole an der Weser, und so fand von dort aus das neue eigentümliche Unternehmen des ideenreichen, weitstrebenden Hohenfels die geeignetste und sicherste Förderung. Um nicht den langweiligen Weg über die uninteressante Heidefläche in kurzer Zeit wieder zurücklegen zu müssen, die namentlich Eduard zu genau kannte, zogen es die jungen Männer vor, von der großen Heerstraße abzubiegen, einen links führenden Kommunikationsweg einzuschlagen und dem ›Alten Lande‹ einen Besuch abzustatten. Erlaubte es die Witterung, die sich freilich schon zur Zeit ihrer Abreise aus Bremen ungünstig anließ, wollten sie in Stade einsprechen, wo das Haus Heidenfrei ebenfalls Verbindungen hatte. Dieser letzte Plan mußte aber aufgegeben werden. Die Reisenden ließen ihr gemietetes Fuhrwerk in Buxtehude, wanderten zu Fuß weiter und wollten über die Elbe nach Blankenese. Das Bedenken der Schiffer, welche über den inzwischen bereits sehr unruhig gewordenen Wind die schlimmsten Ansichten äußerten und sich entschieden weigerten, bei den gefährlichen Windstößen über den Strom zu setzen, machte auch Miguel bedenklich. Der Wirt des Kruges gesellte sich zu den Beratenden und da auch dieser, der ein sehr ruhiger, alter Mann zu sein schien, ebenfalls den Schiffern beistimmte, so nahmen die Reisenden den Vorschlag des Krugwirtes an, so lange bei ihm zu rasten, bis das Wetter ausgetobt haben würde. Endlich versuchte der alte Bauer den Anprall der Sturmflut, ihr unerwartet schnelles Wachsen und die Bestürzung zu schildern, die alle ergriff, als die wilden Wasser bei sinkender Nacht von allen Seiten um die schutzlosen Mauern seines Hauses zusammenschlugen, den ganzen Hausrat verwüsteten und fortschwemmten und ihn nebst seinen beiden Kindern und den Reisenden zu eiliger Flucht auf den Boden des Daches nötigten. »Ich hätte nie geglaubt«, schloß der alte Krughalter seinen Bericht, »daß Ständer, die über vierzig Jahre jedem Wasser trotzten, von zwei, drei schlagenden Wellen zerbrochen werden könnten. Und wie nun gar das Dach fortschurrte, sich auf den Wellen wiegte, in den wütenden Strom hineinschoß, und die Tochter mir verloren ging; da hätte ich mich am liebsten selber kopfüber in das brodelnde Flutwasser gestürzt, um dem Elend mit einem Male für immer überhoben zu sein. Die Herren aber hielten mich zurück und nun danke ich ihnen, daß sie es taten, denn ich denke jetzt doch, meine ans Land zurückgetriebene Tochter wiederzusehen.« Er reichte Eduard und Miguel seine harte, breite Hand, die den Druck derselben herzlich erwiderten. Unter diesem gegenseitigen Austausch der jüngsten Erlebnisse erreichte die Bark die Höhe von Neuwerk. Die Leuchtfeuer des großen und kleinen Turmes, ebenso das hell glänzende Licht von Cuxhaven warfen ihre Strahlen durch die wolkentrübe Nacht auf die grauen, langen Wogenkämme der hochgehenden See. »Das ist beinahe ein Anblick, wie damals, als wir zum ersten Mal die rote Tonne passierten«, sprach Don Alonso Gomez zu Miguel, der mit dem versöhnten Feinde jetzt das Verdeck auf und abschritt. »Nur war die Luft damals milder und ich war besser bei Kasse, als ich es gegenwärtig bin.« »Und das sprichst du so leichthin aus, ohne Reue zu fühlen?« versetzte Miguel. »Reue mag gut sein, denn sie soll ja, wie die Pfaffen behaupten, zur Erkenntnis und mithin zur Besserung führen. Dennoch will mich bedünken, taugt sie nicht für jeden. Wie es kommt, wissen die Heiligen, aber ich kann nichts bereuen, nicht einmal, daß ich den gewiß dummen Streich mit deiner schönen Braut beging, die ich dir übrigens, nimm mirs nicht übel, bis auf den heutigen Tag mißgönne. Wäre ich nicht ein so leichtblütiger Patron, ich glaube doch, bei diesem herrlichen Mädchen hätte ich glücklicher mit dir gerungen, als auf dem schlüpfrigen, moosbewachsenen Strohdach des alten Krugbauers. Es hat nicht sein sollen, mithin bin ich beruhigt. Die einzige wichtige Frage, die ich jetzt an mich richten muß, und die mich auch wirklich schon ganz ernsthaft beschäftigt, ist: woher nehme ich Geld, um zu leben, um mich zu halten und durch weise Sparsamkeit und kluges Haushalten meine in Unordnung gekommenen Verhältnisse wieder zu verbessern? Ich wüßte ein Mittel, nur weiß ich leider nicht, ob es anwendbar sein wird.« »Welches meinst du?« fragte Miguel, der mit steigender Teilnahme dem harmlos Plaudernden zuhörte, dessen Gemütsruhe ihm imponierte. »Du könntest mir helfen.« »Ich?« »Ganz gewiß. Das wäre nicht nur sehr edelmütig, sondern auch verdienstlich, und gleichzeitig bewiesest du mir damit, daß deine Aussöhnung ehrlich gemeint ist, dein Haß sich in wirkliche Freundschaft verwandelt hat.« »Aber ich begreife wahrhaftig nicht, wie ich dir helfen soll«, erwiderte Miguel. »Bare Mittel besitze ich augenblicklich nicht. Ich habe darüber disponiert, um die großen Pläne meines Vaters und Vetters fördern zu helfen. Und ich kann mir denken, daß dir mit einer Kleinigkeit nicht gedient sein wird.« »Das ist dumm«, sagte Don Gomez, »und dennoch wäre es möglich.« »Ich sehe keine Hilfe.« Der Mexikaner ergriff Miguels Arm und trat mit ihm an den Besanmast. »Ich sehe ein«, fuhr er fort, »daß ich in der europäischen Gesellschaft meinen Kredit verscherzt habe. Es gehört das zu den vielen Dingen, die sich nicht ändern lassen, die andern Qual verursachen, die ich dagegen für ein Schicksal hinnehme. Wozu soll ich mich nun noch länger auf europäischem Boden herumtreiben? Ich weiß im voraus, daß ich zwar manchen Genuß und dennoch wenig Freude davon haben würde. Also fort von der alten Welt, deren Solidität ich vollkommen respektiere, und deren liebreizende Töchter ich in der Erinnerung lieben, verehren, anbeten will, so lange mein Herz klopft und meine gottlose Zunge noch Schmeicheleien in hübsche Wortsträuße zu binden versteht! Die neue Welt, unsere Heimat, steht meinem abenteuerlichen Sinn ohne alle Frage besser an. Und daß ich dort fortkomme und wieder fester Grund sich unter meine Füße schiebt, dazu sollst du mir behilflich sein.« »Erkläre dich deutlicher, denn noch sprichst du für mich in Rätseln«, versetzte Miguel. »Du bist Besitzer reicher Kaffee- und Tabaksplantagen. Ein beneidenswertes Glück hat sie dir geschenkt. Du läßt sie, wie ich in Erfahrung gebracht habe, verwalten von Leuten, die du selbst nicht kennst, denen du aber vertraust, weil sie Diener des Mannes waren, der dich an Sohnes Statt angenommen hat. Meinst du nicht, daß ein Freund, der früher auch auf Plantagen lebte, der mit Sklaven umzugehen weiß, der selbst noch Sklaven- und Plantagenbesitzer ist, obwohl ein Jude sie als Pfand in seinem weiten Säckel mit sich herumschleppt, meinst du nicht, daß ein solcher Mann dir ebenso treu dienen kann, als bezahlte Söldlinge es tun? Mache mich zum Generalinspektor deiner Plantagen auf Kuba, besolde mich anständig, gib mir eine gute Provision, wie die Kaufleute sagen, und laß mich etwas Rechtes dabei verdienen. Bei meiner früheren Nichtsnutzigkeit verspreche ich dir, ehrlicher und gewissenhafter hat der alte Hausnarr deines sehr respektablen Herrn Oheim seinerzeit die Buchführung nicht getrieben, als ich sie in deinem Namen und in deiner Abwesenheit handhaben will.« Miguel konnte sich eines Lächelns über die Ernsthaftigkeit dieser Beteuerung nicht enthalten. »Ja, du lachst«, fuhr der Mexikaner fort, »und dennoch beharre ich auf meinem Satz. Meinst du etwa, ich würde mich schlecht für einen derartigen Posten eignen? Du irrst, mein Freund! Es gibt keine besseren Diebsfänger als Leute, die früher etwas konfuse Ansichten von dem Begriff Eigentum hatten. Betrügen lasse ich mich nicht, und sollte ich dich betrügen, so sei es dir freigestellt, mich zu behandeln, wie es dir beliebt.« »Du sprachst von einem Juden, dem du deine Besitzungen in Texas verpfändet hättest«, warf Miguel ein. »Wer ist der Mann, und wie hoch beläuft sich die darauf erhaltene Summe?« Don Alonso nannte den Namen des hilfreichen Israeliten und die Höhe des von ihm erhaltenen Geldvorschusses. »Zu unterhandeln ist mit dem Mann«, sprach Miguel, »denn er verdient gern. Wir haben dies, meine ich, beide kennen gelernt. Laß mir Zeit, Alonso, und warten wir vorerst ab, wie meine Verwandten darüber denken. Du wirst mich zu keiner Übereilung veranlassen wollen, die uns beiden nur Schaden verursachen könnte. Vorerst hast du bei mir offene Kasse, deinen Vorschlag werde ich, ist er ernst gemeint, in Überlegung ziehen.« »Er ist es«, sagte Don Gomez mit festem Ton. »Halb Steuerbord!« rief der Lotse. Eduard trat in Begleitung des Kapitäns und Pauls aus der Kajüte. Hinter dem Seedeich rechts konnte man dunkel die Häuser Cuxhavens, etwas entfernter das breite, turmartige Schloß Ritzebüttel mit seinem hohen spitzen Dach erkennen. »Geit die Segel auf!« befahl der Lotse, und bald verschwand alle Leinwand, welche die Bark noch zeigte, an den Raaen. Das Schiff wiegte sich langsam auf den hohen breiten Wellen. Der nächste Befehl lautete, den Anker fallen zu lassen. Die Kette klirrte, der Anker rollte in die Tiefe und faßte bald in den sandigen Grund. Die ›Marie Elisabeth‹ lag, von leichter Brise geschaukelt, auf der Reede von Cuxhaven. 35 »Gib mir von deiner besten Regalia, lieber Anton, und bitte, lasse das Predigen sein«, sagte Julius, sich auf dem bequemen Sopha im Zimmer des Freundes die seinem wohlbeleibten Körper angenehmste Lage gebend. »Du kennst jetzt meine Not, mein Unglück, Vorwürfe ändern daran nichts, das kann nur der Rat und die tatsächliche Hilfe eines oder mehrerer Freunde.« »Rede doch mit Kurt, mit unserm Buchhalter oder mit dem langhalsigen Emil«, erwiderte Anton. »Das waren ja den ganzen Winter hindurch deine Kumpane. Oder geh dem Makler zu Leibe, von dem du gelernt hast, eine neue Austernsauce mit Burgunder zu bereiten. Leute, die so viel Geld aufgehen lassen, müssen sehr, sehr reich sein.« Julius rauchte mit großem Behagen und blies den Rauch langsam durch die Nase. »Mit dem Pump also wäre es nichts«. begann er nach kurzem Schweigen das Gespräch abermals. »Na, gezwungen kann, soll und darf niemand werden, decken aber muß ich die Schuld. Es wären nun, um dies zu bewerkstelligen, noch zwei Wege einzuschlagen. Entweder ich verkaufe Uhr, Ringe und Brillantnadel, oder ich gehe zum Juden. Was hältst du für das Bessere?« »Soll ich meine wahre Meinung sagen?« »Ungeniert! Ich kann alles anhören, wenn ich auch nicht alles tue, was andere sagen.« »Gehe zu deinem Oheim und gib ihm ein gutes Wort.« »Ich will es nicht wieder tun, bester Onkel, Verzeihung! Nicht so? – Aber beim Himmel, du hast Recht!« rief Julius hoffnungsvoll aus, »und mein Oheim mag ein Dickkopf sein, seine Anschauungsweise ist doch keineswegs gemein. Da, alter Freund, meine Hand darauf, ich gehe zu Diek-Johann! Und nun von etwas anderem. Was mag Wahres sein an dem Gerücht, das jetzt von Mund zu Mund läuft?« »Welches meinst du?« »Daß sich Miguel Hohenfels-Saldanha mit Don Alonso Gomez ausgesöhnt habe.« »Freund«, versetzte Anton, »das ist ein Gegenstand, den ich ungern berührt sehe. Die große Flut hat viel Trauriges geschaffen, viel Unvermutetes herbeigeführt. Warum sollte sie nicht auch ein paar Menschen einander näher bringen, die sich früher ziemlich fern standen?« »Kommt der Mexikaner nicht wieder hier ins Haus?« »Nein«, sagte Anton kalt, »es wäre auch höchst überflüssig.« »Aber man kennt doch die stattgefundene Versöhnung?« »Kümmere mich nicht darum.« »Die andern auch nicht?« »Mir einerlei.« Julius stand auf und trat zu dem mürrischen Freunde. Er sah ihn forschend an, dann drehte er sich lachend auf dem Absatz herum und rief aus: »Also doch richtig gefangen! Hab mir's gedacht! – Und darum edler Philister, Schwärmer für solide Leute? Darum pünktlichster Börsenbesucher und liederlichster, unzuverlässigster Freund? O, das ist himmlisch, göttlich! Das müssen Kurt und der langhalsige Emil erfahren. Dieser Neuigkeit wegen muß der stiernackige Oheim in der Marsch ein Dutzend Spezies mehr herausrücken!« Julius nahm seinen Hut und ging lachend fort. Anton sah dem leichtfertigen Freunde verstimmt nach. »Ich hab's gedacht«, sagte er. »Verborgen konnte es nicht lange bleiben, seit ich mich erklärt und eine befriedigende Antwort erhalten habe. Ich bin selbst Schuld daran, aber es wäre doch ganz abscheulich, wenn der nutzlose Mensch eine bloße Vermutung als ausgemachte Wahrheit seinen geschwätzigen Kollegen im Alsterpavillon erzählte. Die ganze Familie wäre blamiert, durch mich blamiert, und Gott weiß, wie die Sache endigte! Dem muß vorgebeugt werden und zwar auf der Stelle. Es ist heute Sonntag, Herr Heidenfrei ist bei vortrefflicher Stimmung, denn Treufreund befindet sich wohler. Ich wag's!« Zu einem festen Entschluß gekommen, machte Anton ausgesucht feine Toilette und ließ sich bei dem Reeder melden. Dieser nahm seinen Korrespondenten sehr wohlwollend auf und hatte eine lange, beinahe zwei Stunden dauernde Unterredung mit ihm, in der er sich nicht einmal von Ferdinand unterbrechen ließ, der den Vater zu sprechen wünschte. Der Sohn wurde abgewiesen und hatte nichts Eiligeres zu tun, als diese überraschende Nachricht lächelnd seiner Schwester Elisabeth mitzuteilen, die mit einer Stickerei beschäftigt war. Sie erschrak darüber dergestalt, daß sie sich in den Finger stach. »Das ist gut«, sagte Ferdinand schalkhaft. »Du wirst, wenn der Volksmund wahr spricht, heute noch geküßt werden.« »O, du bist abscheulich«, erwiderte Elisabeth, raffte ihre Stickerei zusammen und ging mit Ulrike, die sie rief, in Treufreunds Zimmer, wo sich die Mitglieder des Hauses gewöhnlich kurz vor Tisch zu versammeln pflegten. Hier fanden sie bereits Eduard, Miguel mit Christine und Mutter Margaretha. Der frühere Buchhalter saß in einem Rollstuhl. Er war blaß und sehr hager geworden und hatte beinahe alle Haare verloren. Das bunte Mützchen, das er noch immer trug, bedeckte kaum noch die große Glatze, welche sich bis weit auf den Hinterkopf erstreckte. Seine stark verwundeten Hände waren zwar geheilt, schmerzten ihn aber noch immer. Schlimmer noch erging es ihm mit dem verstauchten Fuß. Dieser bekam trotz aller Bemühungen des Arztes seine Elastizität nicht wieder. Er blieb stumpf, fast gefühllos und hinderte Treufreund an aller freien Bewegung. Die Ärzte erklärten das Übel für unheilbar und wollten ein gänzliches Erlöschen aller Nerven- und Muskeltätigkeit darin erkennen. So wurde der alte redliche Diener des Hauses durch seine körperliche Schwäche zu andauernder Untätigkeit verurteilt. Im Kontor vermißte man den ›Schatten‹ am meisten, was früher niemand geglaubt haben würde. Man merkte jetzt, daß der alte erfahrene Mann überall fehlte, daß er durchaus nicht überflüssig gewesen sei und jeder mehr, denn einmal seine Ratschläge oder Winke habe benützen können. Wer von den Mitbewohnern des Hauses irgend Zeit gewinnen konnte, der beeilte sich, dem alten Herrn etwas Angenehmes zu sagen, eine Gefälligkeit zu erzeigen, und, da jeder den andern in diesem löblichen Eifer zu überbieten suchte, fehlte es Treufreund nie an Unterhaltung und Zeitvertreib. Abends las Anton am liebsten vor, bald ein Zeitungsblatt, bald ein Buch, und als dankbare Zuhörerinnen fehlten die jungen Mädchen dann nur selten. Der Reeder kam in der Regel erst später, da er nach Tisch auf ein paar Stunden seinen Klub zu besuchen pflegte. Diese früher nicht in solcher Weise gekannte Hausordnung, dies trauliche Zusammenleben der Familie entfremdete Anton der Welt vielleicht mehr, als wünschenswert sein mochte. Die Erlebnisse in der Sturmnacht, die Todesangst, die er momentan in derselben ausgestanden hatte, die entsetzensreichen Szenen, die er nur mit halbem Auge sah, von denen er aber doch Zeuge sein mußte, waren nicht ohne tiefe Eindrücke geblieben. Er war viel ernster und konnte jetzt gern für zehn Jahre älter gelten. Seiner geistigen Heiterkeit jedoch, seinem Streben und Wirken tat diese Veränderung seines ganzen übrigen Wesens durchaus keinen Abbruch. Heidenfrei zeichnete seinen Korrespondenten seit jener Nacht entschieden vor allen andern aus und behandelte ihn fast wie einen Mann, der mit ihm auf gleicher Stufe stand. Was Veranlassung zu solcher Aufmerksamkeit sei, blieb den Hausgenossen nicht lange verborgen. Anton hatte, das wußte bald der letzte Laufbursche, durch seine Geistesgegenwart und durch gänzliches Selbstvergessen dem Chef des Hauses nach dem Einsturz des Holzspeichers das Leben gerettet. Treufreund erhielt früher noch als andere davon Kunde, und seitdem vergab er dem übermütigen jungen Mann alles, selbst die bisweilen etwas zu weit getriebenen, freilich harmlos gemeinten Scherze, die seiner eigenen Person gegolten hatten. Der Korrespondent wurde sein erklärter Liebling. Er verkündete sein Lob allen, die ihn besuchten. Seit jener Zeit, die Anton einige Tage nach der Katastrophe ein hartnäckiges Wechselfieber eintrug, speiste der Korrespondent täglich am Tisch des Reeders. Dies war eine Aufmerksamkeit, deren Bedeutung Anton nicht verkannte. Er konnte sie beinahe einer völligen Aufnahme in die Familie gleich achten. Und wenn er etwas stolz auf eine solche Auszeichnung war und mancher Junggesellengewohnheit entsagte, die er früher nur schwer zum Opfer gebracht haben würde, so konnten ihm dies wohl nur junge, flatterhafte Köpfe verdenken, denen jeder Zwang ein Greuel war. Anton ließ sich in seiner rasch veränderten Lebensweise nicht stören. Er ertrug mit Gleichmut die Hänseleien seiner Kollegen, machte gelegentlich wohl selbst einen Scherz auf sein Philisterleben, gab es aber doch nicht auf. Der Magnet, welcher Anton fortan im Hause des Reeders festhielt, war der früher nie gekannte Umgang mit edlen, gebildeten Frauen. Die Anmut holder Weiblichkeit legte unsichtbare Schlingen um Antons Fuß und endlich auch sein Herz. Ferdinand scherzte mit Ulrike und flüsterte ihr allerhand Bemerkungen zu, die sie in Verlegenheit setzten, als der Diener meldete, daß die Tafel angerichtet sei. Gleich darauf trat Heidenfrei ungewöhnlich heiter unter die Harrenden, fragte teilnehmend nach dem Befinden des Gelähmten und gab Margaretha den Arm. Elisabeth wollte sich von Eduard in das Speisezimmer geleiten lassen, der Vater aber befahl dem hinter ihm erschienenen, sehr aufgeregten Anton, er solle seine Tochter führen, und kommandierte seinen ältesten Sohn hinter den Stuhl Treufreunds. »Was man einen Tag, wie alle tut, langweilt zuletzt«, sagte er vorausschreitend. »Herr Anton hat nun schon länger als vierzehn Tage regelmäßig jeden Mittag den Rollstuhl unseres Freundes vor sich hergeschoben, er soll deshalb für die nächsten acht Tage diese Beschäftigung an Eduard abtreten. So – da geht alles paarweise, erst die Alten, dann die Jungen – macht sich ganz superbe!« 36 So munter und aufgelegt zu Scherzen hatte man Heidenfrei lange Zeit nicht gesehen. Es war besonders in den letzten Monaten häufig vorgekommen, daß bei Tisch eine drückende Stille herrschte. Die schweren Verluste, welche die Verwüstungen der großen Sturmflut dem Reeder zugefügt hatten, konnten diese Mißstimmung wohl noch steigern. Aber Heidenfrei war kein ängstlicher Mann und blieb deshalb ruhig bei Verlusten, welche höhere Gewalt ihm bereitete. Die Flut schenkte ihm durch die Hand treuer Diener den einen seiner Söhne wieder, und ließ ihn tiefe Blicke tun in das Seelenleben zweier Männer, von denen der eine ihm durch Bande des Bluts verwandt, der andere durch Schicksalsfügungen in seinem Hause und seiner Familie so nahe gerückt worden war, daß seine Gestalt noch lange wie ein leichter Schatten durch dasselbe gleiten mußte. Und diese Erkenntnis war eine beruhigende. »Ich habe euch zwei wichtige Neuigkeiten mitzuteilen«, sagte der glückliche Reeder, mit kunstfertiger Hand einen Puter zerlegend, den der Diener soeben aufgesetzt hatte. »Ein Mann, den ihr alle kennt, dessen Namen ich aber nicht nennen will, hat alles Unrecht gegen uns und manchen andern dadurch gut gemacht, daß er sein früheres Handeln jetzt selbst verdammt. Er ist schon jetzt aus einem toll wirtschaftenden Verschwender ein solider Mann geworden. Seine Schulden sind durch meine Vermittlung bezahlt, und eine feste Stellung ist ihm durch Miguel gesichert, der, ebenfalls unter meinem Beistand, einen, wie ich glaube, ganz vorteilhaften Kontrakt mit dem Mexikaner abgeschlossen hat. In den nächsten Wochen schon reist der Gebesserte nach Kuba ab. Sein persönliches Erscheinen verhinderten viele Umstände, die sich nicht beseitigen ließen. Er bittet deshalb alle und jeden einzelnen wieder besonders, ihm diese scheinbare Unhöflichkeit verzeihen und ihm auch in der Ferne ein freundliches Andenken bewahren zu wollen.« »Und worin, Vater, besteht denn deine zweite Neuigkeit?« fragte Elisabeth, der es nicht ganz gelingen wollte, eine in erhöhtem Rot ihrer Wangen sich kundgebende Befangenheit den Blicken der Beobachtenden zu verbergen. »Hast du Christines Bruder den Obersteuermannsposten auf deiner neuen Fregatte übertragen?« »Erraten«, versetzte Heidenfrei, »aber der treffliche Junge weiß noch nichts davon. Ich habe mir vorgenommen, ihn zu seinem Geburtstag damit zu überraschen. Auch sein Vater lebt noch in völliger Unkenntnis. Ich bitte mir deshalb aus, daß man allerseits mein Geheimnis zu ehren weiß und als Geheimnis behandelt.« Das Auge des Reeders streifte bei dieser letzten Bemerkung die lächelnde Christine, die bejahend nickte. »Dem zukünftigen Obersteuermann der Fregatte ›Christine!‹« sprach Eduard, sein Glas füllend. »Möge er stets auf allen seinen Reisen so treu von gutem Glück begleitet werden, wie bisher!« Keiner unterließ, das Wohl des Seemannes zu trinken, dem Eduard und Miguel vorzugsweise ihre Errettung aus der augenscheinlichsten Todesgefahr zu verdanken hatten. Eduard mußte unwillkürlich wieder jener schrecklichen Situation gedenken und sah still und starr in sein Glas. »Was ist dir?« fragte Ferdinand. »Bist du unwohl?« »Im Gegenteil,« erwiderte Eduard. »Ich sah mich nur wieder auf dem zusammenbrechenden Strohdach treiben und fühlte einen Augenblick die Todesschauer, die mich damals durchbebten. In jenen verhängnisvollen Minuten, wo das Leben von fünf Menschen nur an einem Faden hing, wo ein zu rascher Ruderschlag, eine etwas schnelle Wendung des heranrollenden Bootes unsere Zuflucht zertrümmern, uns alle begraben konnte, habe ich den Wert eines tüchtigen Matrosen erst ganz schätzen gelernt. Nur der praktisch geschulte, in zahlreichen Stürmen wetterfest und willensstark gewordene Matrose vermag zu leisten, was bei der roten Tonne der wackere Paul leistete. Und so ist es immer und überall, auf allen Meeren, in jedem Sturm. Wo der Matrose nicht ein Mann ist in der vollsten Bedeutung des Wortes, da sind Schiff, Ladung und Besatzung schon beim Auslaufen aus dem Hafen ein Spiel der Launen des Windes geworden. Der Kapitän allein kann ein Schiff nicht retten, ebensowenig der Steuermann. Die Matrosen sind es, die jeden Sieg gegen Stürme erfechten. Und ohne zuvor ein guter Matrose gewesen zu sein, wird kein Seemann ein tüchtiger Pilot, kein Steuermann ein zuverlässiger Kapitän! Mithin liegt mehr oder minder auch das Glück, das Eigentum der Reeder, der Nationalreichtum aller miteinander Handel treibenden Völker in der Hand des Matrosen.« »Sind Sie auch dieser Meinung, lieber Anton?« sagte Heidenfrei, den jungen Korrespondenten mit merkwürdigem Blick treffend. »Ich habe kaum je ein so vollkommen glückliches Antlitz zu bewundern Gelegenheit gehabt, als Sie es seit einer Stunde zeigen, wenn Sie mit Ihrer Nachbarin zur Rechten sprechen. Selbst den materiellen Genuß, den, wie Sie wissen. ich selbst durchaus nicht verachte, scheinen Sie ganz und gar über Ihr Glück zu vergessen. Wie kommt das wohl? Könnten Sie uns darüber beruhigende Aufschlüsse geben?« Heidenfreis Stimme klang übermütig scherzend, dennoch fühlte sich Anton etwas davon in Verlegenheit gesetzt. Er stotterte einige unverständliche, unzusammenhängende Sätze, aus denen niemand klug werden konnte. Selbst die so ernsthafte Margaretha, Elisabeths Mutter, mußte lächeln. »Wißt ihr was, Kinder«, nahm Heidenfrei abermals das Wort, »da fällt mir ein, daß ich kurz vor Tisch noch eine weitere Neuigkeit erfahren habe. Wenn ich wüßte, daß ich nicht anstieße bei der Person, die mir dieselbe anvertraut hat, so wäre ich jetzt gerade in der Laune, sie nur unter uns, die wir uns ja alle sehr genau kennen, auszuplaudern. – Ihr horcht? Ihr seht mich schweigend, ein Paar, ich möchte beinahe sagen, verblüfft an? Nun, da muß ich zu einem andern Auskunftsmittel meine Zuflucht nehmen! Wir wollen doch sehen, was mächtiger ist, die Überzeugung, im Besitz eines vollkommenen Glückes sich sicher zu wissen oder der Wunsch, dies Glück heimlich, von niemand gekannt, zu genießen. Weigert sich auch nur eine einzige Person, ein Glas von diesem ganz superbe perlenden Champagner anzunehmen, so schweige ich wie das Grab und jedem soll es freigestellt bleiben, das Glas auszutrinken oder auszugießen. Machen Sie die Runde, Franz!« Der Bediente, welcher auf einen stummen Wink des Reeders die Kelchgläser inzwischen gefüllt hatte, kam dem erhaltenen Befehl nach. Es fand sich indes keine weigernde Hand. »Es ist mir, wie ich sehe, erlaubt zu sprechen«, sagte Heidenfrei mit einer gewissen Feierlichkeit. »Wohlan denn! Ich leere dies Kelchglas auf das Wohl, das irdische Glück und die Lebenswohlfahrt zweier Menschen, die mir und allen hier Anwesenden unaussprechlich teuer sind, und die sich entschlossen haben, dereinst immer nur eine und dieselbe Straße zu wandeln. Mit einem Wort: das neueste Brautpaar soll leben! Es gibt sich soeben durch magnetisches Kopfneigen zu erkennen.« »Elisabeth und Anton!« sprach Treufreund, sein Glas hebend und es der schönen Braut zum Anstoß darreichend. »Wer hätte das im vorigen Jahre gedacht! – Elisabeth und Anton!« Ein jubelndes Hoch übertönte das Klingen der Gläser. Der glückliche Anton dankte mit hochklopfendem Herzen seiner ihm freundlich zulächelnden Schwiegermutter die Hand küssend. Heidenfrei schüttelte Anton wiederholt die Hand und sagte: »Sobald die Verlobung mit meiner Tochter publiziert ist, treten Sie als Kompagnon in das Geschäft. Die Firma wird künftighin heißen: ›Peter Thomas Heidenfrei und Söhne.‹« 37 Ein Diener Heidenfreis kam nach der Wohnung des Quartiersmannes, wo Frau Doris von drei Näherinnen umgeben, inmitten eines Berges seiner Leinwand saß. »Guten Tag, Franz«, sagte sie. »Mein Mann ist schon längst ausgegangen. Ich glaube, er ist heute am Pinnas beschäftigt. Hast du was zu bestellen?« »Nur einen Brief abzugeben«, erwiderte dieser, »und von Fräulein Christine soll ich der Frau Mama die schönsten Grüße bringen.« »Ist der Brief an mich?« fragte Frau Doris. »Ich kann nicht mehr gut lesen.« »Er ist an Mann und Frau«, versetzte lächelnd der Bediente. »Und was enthält er?« forschte sie weiter. »So viel ich weiß, kann es nur eine Einladung zu dem Fest sein, das Herr Heidenfrei nächstens geben wird.« »Um Gott! Und da soll ich mit dabei sein und mein Alter auch?« »Warum nicht?« versetzte Franz. »Da Fräulein Tochter in die Familie des Reeders heiratet, dürfen die Eltern der Braut doch am Hochzeitstage nicht bei den Festlichkeiten fehlen. Nur nicht ängstlich, Frau Behnke! Es fährt mancher in einer Karosse, der in seiner Jugend auf Holzpantoffeln zur Schule ging. Haben Sie's etwa nicht verdient, im Alter ein seidenes Kleid zu tragen und vornehm an einer herrschaftlichen Tafel zu essen? Das kommt alles auf Gewohnheit an, Frau Behnke, und nichts auf der Welt lernt sich leichter, als das vornehme Leben in einem großen Hause. Bei Ihnen, Frau Behnke, ist's noch viel leichter. Sie sind Gast, Sie ehrt man, denn Sie gehören zu den Hauptpersonen, und wenn Sie sich nur recht ordentlich auftakeln lassen von der Friseurin unserer Madame, so weiß Sie kein Mensch von einer vornehmen Frau Konsul zu unterscheiden.« »Wo denkst du hin, Franz!« erwiderte Frau Doris. »Ich mich mit einer Frau Konsul messen! Wenn ich nun, falls eine von den Vornehmen mich anredete, im ersten Schreck eine platte Antwort gäbe? Aber sag' mir, Franz, ist's wirklich so, wie man erzählt? Will man drei Fliegen mit einer Klappe treffen?« »Es wird wohl nicht anders werden«, erwiderte der Diener. »Den Vorrichtungen nach muß man's glauben. Die Reise nach Amerika ist auch schon aufgeschoben. Herr Hohenfels kommt zurück aus Bremen, obwohl er es nicht gern tut, und um eben alles auf einmal abzumachen, wird das Fest so glänzend, und die Verlobungen werden zugleich mit der Hochzeit gefeiert.« Der Diener wendete sich zum Gehen. Frau Doris rief ihn nochmals zurück. »Du könntest mir einen Gefallen tun, Franz! Spring hinüber zu der alten Silberweiß und erkundige dich nach ihrem Befinden. Ich habe keine Seele, die ich schicken könnte. Paul ist auf der neuen Fregatte beschäftigt, die nächstens ihre erste Reise antreten soll. Die alte Frau wird sehr schwach. Seit den Schrecken der Wassersnot will sie sich nicht mehr recht erholen.« »Soll geschehen, adjüs!« erwiderte Franz, und verließ, noch einen forschenden Blick auf die Jüngste der Näherinnen werfend, die Wohnung des Quartiersmannes. 38 Augustin Hohenfels war aus Bremen zurückgekehrt, wo das Schiff bereits segelfertig lag, das ihn und Eduard nach der Ostküste Südamerikas tragen sollte. Er befand sich mit seinem Sohne allein, der sich anschickte, Toilette zu machen, denn heute sollte er die geliebte Christine, um die er so Schweres gelitten, die er sich ritterlich erkämpft hatte, als Gattin heimführen. Der Vater sah mit düstern Blicken auf das Treiben des Sohnes. »Du hast dich schnell europäisiert«, sprach Hohenfels, den Sohn in dem modernen Anzug musternd. »Mir würde das nicht so leicht geworden sein. Findest du diese Tracht nicht unschön, lächerlich, narrenhaft?« »Es ist ein Kleidungsstück wie jedes andere, Vater«, versetzte Miguel. »Meinen Beifall hat es nicht und aus Liebhaberei würde ich mir es niemals wählen, da es nun aber allgemein getragen wird und der Sitte sich fügen überall üblich ist, bequeme ich mich ebenfalls, es anzulegen.« »Die Tracht deines Vaterlandes ist malerischer, charakteristischer und viel, viel kleidsamer.« »Gewiß, bester Vater, sie paßt nur nicht für Deutschland.« »Bist du ein Deutscher?« Miguel errötete. »Du bist, wenn's hoch kommt, ein Hamburger«, fuhr Augustin Hohenfels bitter fort. »Auch das bist du nur zur Hälfte, da dein Geburtsland in der neuen Welt, in der goldenen Wiege einer neuen, großen, glücklicheren Zukunft liegt. Siehe, mein Sohn«, fuhr er mit wunderbar leuchtenden Augen fort, Miguels Hand erfassend und sie auf sein Herz legend, »ein magnetischer Zug meines Herzens führte mich von jenen sonnigen Gestaden, wo ich das höchste Glück schlürfte und das größte Leid erleben mußte, zurück in die nebelverhangene Heimat, damit ich dich, mein Kind, das der Haß mir geraubt hatte, wiederfände. Für diese Führung danke ich dem großen Geiste, den wir Gott nennen. Und doch bin ich nicht glücklich. Das Herz ist es, das uns erlöst und verdammt! . . . Ich suchte dich und als ich dich gefunden, wollte ich dich besitzen für immer. Ich hoffte, du würdest nicht nur der Erbe meines Namens, sondern auch der Erbe meiner Gedanken sein. Ich wünschte und glaubte, deine junge, fröhlicher aufblitzende Geistesflamme würde den düstern Gedankenbau, den ich unter tausend Schmerzen aufführte, mit wohltuendem Licht erhellen. Einen Hohenpriester an dem Altar, vor dem ich opferte mein Leben lang, wollte ich mir in dir erziehen, und die Gebetesbrocken, die ich vor diesem Altar stammelte, solltest du aufsammeln und eine neue Lehre, ein Buch des Lebens für alle zukünftigen Geschlechter daraus zusammenstellen . . . Du hast mich nicht verstanden, mein Sohn, wie die Welt mich nicht versteht. Die Liebe eines Weibes ertötet in dir die Liebe zur Weltbeglückung. Ich tadle dich deshalb nicht, denn ich weiß ja, es ist das so der Lauf der Welt, es ist irdisch mangelhaft. Tue also, wozu dein Herz dich drängt, nur eins versprich mir, Miguel, werde nicht modern und europäisch! Laß dich nicht einpuppen in die Hülsen alles dessen, was man Mode nennt! Moden sind gut für gefallsüchtige Weiber, für Gecken und Weiberknechte. Solchem Gelichter verdanken sie ihren Ursprung, ihre Verbreitung und ihre Vergötterung. Ein freier Mann, der Träger und Bildner schöpferischer Gedanken, verachtet sie. Glaube mir, mein Sohn, alles, was Mode heißt, trägt den Tod in sich. Wer dem Modernen huldigt, hüllt sich in Verwesung, bettet das ewig Geistige, das Zündende, Erleuchtende und neues Leben Zeugende in Moderdunst! Darum graut mir vor allem modern Europäischen; darum drängt es mich wieder fort von hier, fort von diesen Küsten, an denen selbst die Brandung nur noch rollt, weil's Mode ist . . . Drüben ist zum Glück alles noch unmodern, wenn auch roh, barbarisch, wüst. In der Wüste entstehen die wunderbarsten Halluzinationen. Man sättigt an ihnen den hungernden Geist, tränkt in dem Springbrunnen der purpurnen Atmosphäre die dürstende Seele, die in der europäisch-modern überkleisterten Welt stets verschmachtet . . . O, wie froh, wie leicht werde ich aufatmen, wenn der Ozean mit seinen tiefen Weltmelodien mich wieder begrüßt! – Freiheit, Ungebundenheit, das ist mein Element! Die Freiheit, von der man hier piept, genügt nur einem Geschlecht von Pygmäen . . . Folge mir, Miguel, wenn es mir gelingt, mit Hilfe Eduards drüben der Freiheit, die ich meine, dem Staate, den ich für den wahren, einzig glücklichen halte, dem Deutschland, für das ich als Märtyrer bluten könnte, den Eckstein zu errichten! – Bringe dann dein Weib mit, das du dir errungen, die Kinder, die sie dir gebären wird. Sie sollen die ersten Bürger sein in der deutschen Kolonie Hohenfelsland, die Stammväter eines Volkes der Zukunft, das Gott liebt, weil es den Geist der Menschheit von der Waisenpflege, die er jetzt genießt, erlösen wird. Versprich mir das, Miguel, und dann sei gesegnet!« Miguel hatte dem Vater, der mit einer Art Verzückung sprach, aufmerksam zugehört. Er kam sich in seinem bräutlichen Anzug fast klein vor gegenüber dem Manne in der schlichten Tracht eines brasilianischen Pflanzers, die Augustin Hohenfels auch jetzt noch nicht ablegte. »Ich halte, was ich kann«, sagte Miguel feierlich, die Hand des Vaters ergreifend. »Und ich nehme dich beim Wort«, erwiderte Hohenfels. »Erringe ich nicht, was ich will und anstrebe, so grabe ich mir die Grube, wo ich still der Ewigkeit entgegenträumen werde. Meine Kolonie, den Tempelsockel meiner Gedankenwelt findest du in der Umarmung des rauschenden Urwaldes oder – mein Grab. Das Eine wie das Andere sei für dich und die, welche sich mir verwandt nennen, ein Wallfahrtsort. Wunder werden sie nicht tun, auch keine Heiligen bilden, wie Loretto, aber Menschen nach dem Ebenbilde Gottes ziehen von dort aus in alle Welt und predigen als Apostel der Kultur das Reich des großen Geistes auf Erden!« Die Tür öffnete sich, Eduard trat ein. »Man wartet, Miguel«, sagte der Vetter zu dem von des Vaters Worten tief ergriffenen Bräutigam. »Es ist alles bereit. Die Zeugen sind versammelt, der Altar geschmückt. Jetzt eben tragen Diener die alte, blinde Pute Silberweiß die Treppe herauf. Komm und laß dich der sehnsüchtig harrenden Braut zuführen.« Eduard ergriff die Linke Miguels, der Vater faßte des Sohnes Rechte. So traten sie in den ihrer harrenden Familienkreis, wo der vor Glück strahlende Vater Jacob in seiner altmodischen Festtagstracht neben der glänzend herausgeputzten Doris nicht fehlte. Die ernste Gestalt Augustin Hohenfels', die so merkwürdig von allen andern abstach, machte einen fast erschütternden Eindruck. Der düstere Mann mit den blitzenden scharfen Augen, dessen Blick keiner als die glücklich lächelnde Christine ertragen konnte, schritt wie ein höheres Wesen durch die elegante Gesellschaft. Manchem kam er dämonisch vor und viele besorgten, der so ganz aller Etikette Hohn sprechende Mann sei eine Unheil verkündende Erscheinung. Jetzt wurde auch die Ankunft des Predigers gemeldet, und nach den üblichen Begrüßungen betraten alle den festlich dekorierten Saal, wo die Trauung stattfinden sollte. Hier befanden sich die zum Familienfest Geladenen, entferntere Verwandte und treue erprobte Freunde der Familien, deren Kinder jetzt durch die segnende Hand des Geistlichen feierlich verbunden werden sollten. Zunächst dem schlichten Altar, der zwei große silberne Armleuchter mit brennenden Wachskerzen, ein schön geschnitztes Kruzifix aus Elfenbein und eine Bibel trug, saßen rechts und links zu beiden Seiten die verlobten Paare Anton und Elisabeth, und Ferdinand und Ulrike. Hinter diesen befanden sich auf der einen Seite die Plätze für den Reeder und Margaretha, auf der andern Seite für den Quartiersmann Jacob und Frau Doris. Ungefähr in der Mitte des von Menschen fast ganz erfüllten Saales saßen in bequemen Lehnstühlen nebeneinander die greise Silberweiß und der gelähmte Treufreund. Der ehemalige Buchhalter litt heute mehr als gewöhnlich an den Augen, weshalb er meistens lächelnd vor sich niedersah und nur bisweilen einem näheren Bekannten flüchtig zunickte. Im Hintergrunde unter den jüngeren Herren, wo sich auch die Kontoristen des Hauses befanden, hatten sich die früheren Genossen Antons, der heitere Kurt, der dicke Julius und der langhalsige Emil gruppiert. Als das Brautpaar vor den Altar geführt worden war, nahmen Augustin Hohenfels und Eduard ebenfalls ihre Plätze ein. Die Zeremonie währte beinahe eine halbe Stunde. Nach erfolgter Einsegnung wurden die Neuvermählten von den Glückwünschenden umlagert, worüber eine beträchtliche Zeit verging. Diese waren gerührt, jene ernst und gemessen, Jüngere scherzten und konnten übermütige Nebenbemerkungen nicht unterlassen. Ganz schweigend verhielt sich nur Augustin Hohenfels, der seinem Sohn und seiner nunmehrigen Schwiegertochter in einem einzigen festen Händedruck die in Worte nicht zu fassenden Gefühle seines übervollen Herzens zu erkennen gab. Herr Heidenfrei zeigte sich ungleich beweglicher. Er blickte frei und zufrieden um sich, sprach vorzugsweise mit Jacob und dessen stets überaus glücklich lächelnder Frau, ging dann wieder zu Anton, dem er vertraulich auf die Schulter klopfte und schüttelte Paul die derbe Hand, indem er sagte: »Superbes Schiff, die neue Fregatte, ganz so superbe wie die prächtige junge Frau da, deren Namen sie trägt.« So machte Heidenfrei unter dem immer lauter werdenden Surren der Hochzeitsgäste die Runde. Im allgemeinen Jubel des Glückwünschens hatte man nur zwei Personen übersehen. Christine bemerkte dies zuerst. »Ach, meine gute, liebe Pate und mein trefflicher Treufreund«, sprach sie. »Wie konnten wir nicht längst schon ihrer gedenken! Komm, Miguel! Laß uns auch sie um ihren Segen bitten!« Miguel folgte willig dem Wort der Geliebten. Beide traten zu den Sitzenden. »Wir müssen uns wohl demütigen«, sprach Christine lächelnd, sich auf ein Knie niederlassend und das feine Haupt, das der bräutliche Kranz wie eine Glorie krönte, ein wenig vor der alten Frau bückend. »Ich bin es, Pate Silberweiß. Gebt mir euern Segen!« Die blinde Greisin legte ihre zitternde Rechte auf das Haupt der jungen Braut. Die Rechte Treufreunds fügte noch einmal die Hände der Vermählten zusammen. Sprechen konnte der alte Buchhalter ebenso wenig, wie die Greisin. Ein paar Tränen benetzten die Hände der Glücklichen, während der Gelähmte sie wiederholt drückte. Noch kniete Christine, denn die Hand der Pate ruhte fest auf ihrem Haupte. »Ich danke euch, Pate«, sprach sie, »euer Segen wird mir Glück bringen.« »Glück, alles Glück dieser Welt wünsche ich euch!« sprach jetzt Treufreund. »Ich armer Mensch habe weiter nichts, als mein Herz. Das habt ihr schon, ich brauchs euch also nicht erst zu geben. Ihr wißt, ich werde nie persönlich, heute aber muß ich doch sagen, daß ihr meinem alten Herzen doch gar zu arg mitspielt. Steht auf, ihr Lieben, und seid froh!« Die Hand der Greisin lag schwer und regungslos auf Christines Haupt. Diese erfaßte sie jetzt selbst und nahm sie herab. Die Blinde rührte sich nicht. »Die Freude hat sie überwältigt, sie ist ohnmächtig geworden«, sprach sie leise zu Treufreund. »Man muß sie in frische Luft bringen.« Die alte Frau ruhte, mild lächelnd, die Augen geschlossen, mit bleichen Zügen, das von weißen Löckchen umspielte Antlitz etwas niedergebeugt, im Polsterstuhl. Zwei herbeigerufene Diener trugen sie aus dem Saal in ein luftigeres Nebenzimmer. Die Neuvermählten, denen sich Elisabeth, Ulrike und Margaretha anschlossen, folgten. Letztere hatte ein Flakon stärkender Essenz bei sich. Als sie die Schläfen der Blinden damit rieb, trat Eduard ein. Er erfaßte den Arm der Silberweiß. Der Puls stand still. »Laß gut sein, beste Mutter«, sagte sie, »sie bedarf unserer Hilfe nicht mehr. Der Engel der Freude hat sich für sie in den Todesengel verwandelt.« Christine drückte der Pate die erdenmüden Augen zu, küßte die weiße, schon erkaltende Hand und sank dann unter glücklichem Schluchzen dem Geliebten in die Arme. Die Gäste erfuhren nichts von diesem plötzlichen Todesfall. Alle gaben sich mit ganzem Herzen der Freude hin. Erst spät in der Nacht wurden die Hausgenossen von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt, und die Blumen, die am Mittag den Altar geschmückt hatten, blühten und dufteten jetzt zu den Füßen einer in stillem Frieden Dahingeschiedenen. 39 Wiederum vergoldete die Sonne die Zinnen der alten hochgegiebelten Häuser, zahlreiche Seeschiffe blähten die halbgerefften Segel im Hafen, und das ganze volle Leben einer großen Handelsstadt setzte Tausende und Abertausende in lebhafte Spannung. Auch im Hause des Reeders Thomas Peter Heidenfrei, das, wie alle großen Kaufmannshäuser mit keiner gemahlten Firma prahlte, herrschte die gewohnte alte Tätigkeit, obwohl es daselbst weniger lebhaft als früher zuging. Die Zahl der Hausbewohner hatte sich bedeutend vermindert. Beide Söhne waren auf Reisen, der Älteste auf ungewisse Zeit im Süden Amerikas, der zweite, Ferdinand, erst seit anderthalb Monaten. Auch die einzige Tochter des Hauses, früher die belebende Seele in allen Gesellschaften, welche der Reeder gab, war am gleichen Tage mit ihrem jüngeren Bruder verreist; denn beide Geschwister hatten, wie sie gleichzeitig verlobt worden waren, auch an ein und demselben Tage Hochzeit gehalten. Ferdinand und Ulrike wandten sich nordwärts, besuchten zuerst die dänische Königsstadt, erfreuten sich der dortigen Kunstschätze, der idyllischen Umgebung, der traulichen Buchenhaine des feenhaften Seeland, und wendeten sich später, den Sund überschreitend, der grotesken Felsennatur Norwegens zu. Ulrike liebte in der Natur mehr das Erhabene als das Zarte, Elegische. Deshalb zog es sie mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem Kjölengebirge, dessen Fjällen und Fjorde sie mit sich immer steigerndem Erstaunen und Entzücken besuchte. Erst oberhalb Tornea, hoch in Lappland, beschlich sie ein Gefühl des Heimwehs. Sie bat Ferdinand, umzukehren, sie bewunderten das ergreifende Schauspiel der Mitternachtssonne, schifften sich dann nach Stockholm ein, und Ulrike drang hier so lange in ihren Mann, bis dieser sich entschloß, der jungen wißbegierigen Frau, die ihn als sanft Bittende gänzlich bezauberte, auch die Hauptstadt des Zarenreiches, das viel gepriesene und viel verlästerte St. Petersburg zu zeigen. Darüber verging der ganze Sommer, und als das glückliche Paar wieder heimkehrte, rollten die vor den Reisewagen gespannten Rosse schon Haufen rauschender Blätter vor sich her und mancher der schönen, großen Kastanienbäume streckte die gänzlich entblätterten Äste in die kühle Herbstluft. Elisabeth hatte nicht umsonst großen Fleiß auf die Erlernung der Sprache Calderons gewandt. Sie wollte Spanien und Portugal kennen lernen, dem ihre Gedanken mit eigentümlicher Vorliebe zugewandt blieben. Anton machte deshalb keine Einwendung, als sie mit bezaubernder Bestimmtheit entschied, daß sie das Glück ihrer Flitterwochen auf der pyrenäischen Halbinsel genießen wollten. Anfang Juni schon betraten die Reisenden den Boden Spaniens und am Johannistage erblickten sie, wie ein schwärmerischer Brief Elisabeths an ihre Eltern meldete, die Zinnen der wunderbaren Alhambra. Von den drei jungen Ehepaaren waren nur Miguel und Christine daheim geblieben. Einige wunderten sich darüber, weil sie nicht erwartet hatten, daß ein so lebhafter Geist, wie Miguel, sich leicht in die Einfachheit eines streng geordneten Lebens gewöhnen könne. Diese vergaßen, daß Miguel im Hause des Reeders zum ersten Male in seinem unruhvollen Leben eine Heimat gefunden hatte, daß er, des fortwährenden Umherirrens müde, sein tieferes Leben erst jetzt sammeln konnte, sich nun erst über das, was ihm dienen und andere fördern könne, klar zu werden vermochte. Und ein milderer, gewandterer und kenntnisreicherer Lehrer als der alte Heidenfrei hätte ihm auf dem neu betretenen Lebenspfade nicht geboten werden können. Ganz wider seinen Willen, aber doch völlig absichtslos, fand Miguel unter Heidenfreis Anleitung mehr und mehr Gefallen an den kaufmännischen Geschäften. Anfangs trat er freiwillig als Gehilfe ein, da er aber schnell faßte und bald einer bestimmten Branche des so sehr verzweigten Geschäftes vollkommen vorstehen konnte, übertrug ihm Heidenfrei diese ganz. Die Lust am Seewesen verlor sich dadurch begreiflicherweise mehr und mehr, und als der Sommer sich dem Ende zuneigte und die glückliche Christine einen lustigen Schreihals auf den Knien wiegte, fühlte der junge Vater durchaus kein Bedürfnis mehr, zur See zu gehen. Gerade um diese Zeit traf zum dritten Mal ein längerer Brief Eduards aus dem Innern Brasiliens ein, der seinem ganzen dunkel verhüllten Inhalt nach die Familie Heidenfrei in Unruhe versetzte. Wenige Tage nach Miguels Vermählung mit Christine waren Augustin Hohenfels und Eduard nach dem Süden Amerikas abgereist. Eduard mußte sich sogar noch aufs Bitten legen, um den Oheim so lange zu halten, bis die Pate seiner jungen Kusine, die greise Silberweiß, deren plötzliches und kampfloses Hinscheiden niemand geahnt hatte, bestattet worden war. Die Überfahrt verlief schnell und glücklich, der erste Empfang auf brasilianischem Boden war ein viel versprechender, ja die Berichte des Oheims wie des Neffen lauteten anfangs so hoffnungsvoll, so verführerisch, daß nur die ruhige Haltung des älteren Heidenfrei und die Bitten Christines den leicht erregbaren Miguel abhalten konnten, den bezaubernden Lockungen zu folgen, die ihm aus dem Lande, wo er geboren war, in dessen Erde seine von ihm nie gekannte Mutter schlief, mit Sirenenstimmen zum Kommen einluden. Das zweite Schreiben lautete schon kühler. Es rührte von Eduard allein, Augustin ließ sich entschuldigen, da eine Menge unerquicklicher Geschäfte und eine ungewöhnliche Nervenreizbarkeit ihm Schonung zur Pflicht machten. Heidenfrei schüttelte zu diesem Schreiben, das kurz vor der Doppelhochzeit einlief, den Kopf, und äußerte des Abends im Familienzirkel, die Pläne seines Schwagers seien zu groß entworfen, was von jeher seine Ansicht gewesen wäre, und gerade an dieser ungemessenen Größe würden sie wahrscheinlich auch scheitern. »Es ist das wie bei allen Spekulationen, die über die vorhandenen Mittel hinausgehen«, schloß der erfahrene Reeder seine Bemerkung. »Ein einziger Fehlschlag wirft alles über den Haufen, zerstört selbst die solideste Grundlage, und es mag dann ein Geist noch so groß und willensstark, eine Idee noch so superbe sein, sie ist entweder garnicht durchzuführen, oder doch nur mit unverhältnismäßig großen Opfern und äußerst langsam. Der Oktober war allerseits als der Zeitpunkt festgesetzt worden, wo die einzelnen Familienglieder sich im väterlichen Hause wieder sammeln sollten. Diese Zeit hielten beide jungen Ehepaare ein. Noch vor dem 18. Oktober, den man damals noch mit großen Festlichkeiten beging, saßen Elisabeth und Ulrike wieder neben Christine am großen Familientisch, während Ferdinand und Anton sich im Kontor möglichst rasch zu orientieren suchten. Die Herbststürme machten sich fühlbar, schon zweimal weckte und erschreckte des Nachts der Donner der Lärmkanonen die Bewohner der Keller. Da kam ein viertes Schreiben aus Rio an, das nicht an die Firma Peter Thomas Heidenfrei \& Söhne, wie die früheren Briefe, sondern speziell und ausdrücklich an Ferdinand und Miguel Hohenfels-Saldanha gerichtet war. Dieses Schreiben brachte von neuem Unruhe und Trauer über viele. Es lautete wie folgt:   Liebster Bruder und Vetter! Wenn ein General das Unglück gehabt hat, eine entscheidende Schlacht zu verlieren, pflegt er den einzureichenden offiziellen Bericht in Worten abzufassen, die den erlittenen Verlust verhüllen, in dieser Verhüllung aber gerade die nackte Blöße recht deutlich erkennen lassen. Ich befinde mich heute leider in der Lage eines solchen Generals. Verhüllen aber, entschuldigen, beschönigen mag und will ich nichts, weil mir der reelle Gewinn eines solchen Verfahrens nicht einleuchtet. Unser Kolonisationsplan ist – mit zuckendem Herzen schreibe ich es nieder – total gescheitert, und wir, wir allein, unser Eigensinn oder, wenn Ihr wollt, unsere Nationalität trägt die Schuld dieses Mißlingens. Onkel Augustin, dem hier fast alle mit offenen Armen entgegenkamen, würde Wunder gewirkt haben, wäre er nur ein wenig biegsamer gewesen. Daß er in nichts nachgab, sich keinem Vorschlag fügte, zuletzt bei gesteigerter Reizbarkeit sogar ungerecht gegen andere und uns Wohlwollende werden konnte, brach dem ganzen Unternehmen die Spitze ab und ihm, dem edlen, großen, aber zu hartnäckig einseitigen Manne das Herz. Die Kolonie Hohenfelsland existiert dem Namen nach. Sie ist abgegrenzt, sie bildet ein eigenes, schönes, kulturfähiges Territorium, das Raum genug hält, um ein paar Millionen betriebsamer Menschen zu ernähren und allen zu Wohlstand zu verhelfen, aber sie ist zur Zeit nur noch ein Stück Land, des Nachts von einem wunderbaren Sternenhimmel matt beleuchtet, des Tages im Goldrauch heißer Sonnenglut eine unglaubliche Fruchtbarkeit entfaltend. Häuser, Ansiedelungen gibt es nicht, Straßen bezeichnet nur die kleine Karawane von Schlachtvieh, die ihre Spuren in den Savannen zurückläßt. Die Flüsse tragen noch keine Schiffe, die Wälder sind nicht gelichtet, aber an der reizendsten Stelle des Landes, das uns von der Regierung überlassen ist, wenn wir uns entschließen wollen, ihr einige Konzessionen zu machen, ist der Grundriß einer Stadt abgesteckt und mit Spatenstichen der Umfang angegeben, den sie vorläufig einnehmen soll. Es war die letzte, glückliche Arbeit des unglücklichen, schon damals kranken Oheims. Ach, der gute Oheim war leider schon krank, als wir zu Schiff gingen! Damals vermutete ich freilich nur, was später nur zu unverkennbar ans Tageslicht kommen sollte! Eine große fixe Idee beherrschte ihn ganz, verließ ihn nie wieder, und darum konnte die Größe dieser Idee nicht lebendig werden unter den Menschen! Für mich persönlich mag dies ein Gewinn genannt werden. Ich war nahe daran, auf ähnliche Abwege zu geraten. Auch mir galt schon seit geraumer Zeit die Idee, der befruchtende Gedanke alles, die Materie, diese Erde, in welcher der Gedanke doch Keime treiben muß, um Wurzeln zu schlagen, achtete ich nicht nur gering, ich verachtete sie beinahe. Das aber ist ein Fehler, der sich immer rächt. Augustin Hohenfels kam mir vor wie ein Gott, der aus Nichts Welten schaffen will, dem der Wille alles, Materie, Geist und Frucht ist; der da nur zu sagen braucht: sei! und es ist! Das kann und darf der Schöpfer, der sich aus sich selbst geboren hat, nicht aber der Mensch, der nur ein winziger Sprößling des Schöpfers, selbst bei größter innerer Gedankenzeugungskraft, ist. So verwundete sich denn der treffliche Mann an den scharfen Narben, welche der Weltschöpfer seinem Gebilde eingedrückt hat und verblutete sich still an diesen selbst geschlagenen Wunden. Als er seinen Irrtum erkannte, war ihm die Kraft des Geistes ausgeflossen. Auf dem Sockel des Gemeindehauses, das Gerichts- und Thingstätte des neuen Staates sein sollte, den er der Zukunft eines der alten Heimat überdrüssig gewordenen Geschlechtes zu gründen unternahm, saß er Stunden und Tage lang. Da hauchte er eines Abends, als der ferne Urwald im Purpurbrand der Sonne aufloderte, als ob Gott selbst über die Erde wandelte und seine Boten ihm die Wege ebnen wollten, seine große Seele aus. An der Stelle, wo der seltene Mann zuerst die Axt einschlug, daneben sich niederwarf und still zu Gott betete, daß er Segen gebe seinem Werke, und es dereinst, wenn auch erst spät, gelingen lasse, habe ich ihn in die Erde gebettet. Glocken läuteten nicht über seinem Grabe, kein Priester hat ihn gesegnet, nur der Urwald rauscht früh und spät um die stille, gefeite Gruft des Edlen und Millionen Vogelkehlen singen dem Sohne der Natur, dem Verehrer des Geistes der Natur Tag und Nacht die versöhnendsten Seelen- und Totenmessen. Ich habe mir eine Hütte erbaut, um bessere Tage hier abzuwarten. Noch glaube ich an die Verwirklichung der Pläne unseres großen Toten, nur müssen wir noch einige Zeit warten. Dir, Miguel, lege ich ans Herz, deine Muttererde zu besuchen, sobald du kannst. Auf dem Grabe deines Vaters wird der Geist über dich kommen, der ihn beseelte. Grüßt die Eltern, gedenkt des Strebenden, des Toten, und haltet immerdar fest an dem Gedanken, der ihn durchdrang: die Kultur ist der einzig wahre, der einzig unsterbliche Träger des Gottesgeistes auf Erden. Brecht ihr Bahn, weitet ihr Wege und Stege, und das tausendjährige Reich, das Reich des ewigen Friedens, das Gottesreich auf Erden hat begonnen! Der Eurige Eduard Heidenfrei.   Dieser Brief wurde Anlaß zu einer gänzlichen Umgestaltung aller Verhältnisse. Miguel beschlich ein Gefühl der Reue, er gedachte der Mahnungsworte des nunmehr schon verewigten Vaters bei seiner Hochzeit, und die Sehnsucht, am Grabe des Toten zu beten, erfüllte bald seine ganze Seele. Bestärkt in seinem Vornehmen wurde der junge Mann durch Treufreund, der sich von Stund an völlig schwarz kleidete. »Die Sonne ist für mich untergegangen«, sagte er, »mir bricht jetzt kein Tag mehr an, ich vegetiere nur noch in Nacht und Dämmerung.« Geräuschlos, aber energisch traf Miguel Vorbereitungen zur Reise nach Brasilien. Das nächste Frühjahr wurde dazu festgesetzt. Heidenfrei, der anfangs Gegenvorstellungen machte, weil er fest überzeugt war, Miguel werde nirgends ein sichereres Glück als in seinem Hause finden, ließ sich durch die Zureden der drei jungen Frauen, die ganz die Partie Miguels ergriffen, umstimmen. Ehe aber die Reise noch begonnen werden konnte, brachte ein abermaliges Schreiben Eduards viel beruhigendere Nachrichten. Diesem zufolge hatte er in richtiger Würdigung der Verhältnisse und durch genaue Abschätzung der Mittel den ursprünglichen Plan, welcher zu sehr ins Unbegrenzte ging, aufgegeben, und war zu den Andeutungen zurückgekehrt, welche sich in den ›Aufzeichnungen‹ des verstorbenen Oheims vorfanden. Diese ›Aufzeichnungen‹ wurden von jetzt an für den praktischen Eduard wichtige Leitsterne. An ihnen entzündete sich seine Strebelust. Er fand darin stets neue und große Anregungen, und so gründete der junge Reeder im Verein mit Gleichdenkenden zwar nicht große Kolonien, wohl aber senkte er Wurzelfasern in die brasilianische Erde, die vielversprechend aufsproßten und welche gleich jenem wunderbaren Baume der neuen Welt, dessen Zweige, die Erde berührend, sich von selbst wieder in Wurzeln verwandeln und weite Strecken bedecken, dereinst zu schattigen Wäldern sich vergrößern können, in deren Schutz eingewanderte Deutsche dem deutschen Geiste Tempel der Kultur errichten werden. Was der prophetische Blick Augustins in Momenten geistiger Verzückung vorahnend erkannte, das wuchs und gedieh langsam, aber sicher, unter der sorgenden Pflege seines Geistesverwandten und dessen Freunden. Als Miguel acht Monate später, von Christine begleitet, die neue Niederlassung betrat, fand er sie in bestem Gedeihen. Der Fluß, welcher das Land durchströmte, war schiffbar und verband die bereits angelegten Faktoreien mit dem Meere und der europäischen Welt. Das Grab seines Vaters lag in einem prächtigen Garten. Eduard hatte dem Andenken des Verstorbenen eine Marmorplatte gewidmet, welche außer dem Namen, dem Geburts- und Todestage Augustins nur noch die Worte trug: »Dem Märtyrer für eine große Idee!« Nach einem mehrmonatlichen Aufenthalte in Hohenfelsland reiste Miguel nach Kuba. Er hatte von Rio aus schon an Don Alonso Gomez geschrieben und diesem seine Ankunft gemeldet. Die Antwort des Mexikaners lautete befriedigend, schlug einen heitern, fast übermütigen Ton an und enthielt die für alle Freunde überraschende Mitteilung von des flatterhaften Mannes Vermählung mit einer jungen, reichen Kreolin. Das Zusammentreffen der alten Bekannten auf Kuba wurde dadurch eine viel ungenierteres. Don Gomez schwamm in einem Meer von Glück, denn er konnte mit vollem Recht behaupten, das schönste Mädchen der ganzen Insel als Gattin heimgeführt zu haben. Später freilich blieb dies Glück nicht ungetrübt, denn beide Gatten plagten einander gegenseitig durch eifersüchtige Grillen und gaben leider auch zu solchen Vermutungen beiderseits Veranlassung. Erst nach drei Jahren kehrte Miguel wieder zurück in seine neue Heimat. Er fand den Freund seines Vaters auf dem Krankenlager, hoffnungslos, aber heiter. »Nun ist's gut, nun habe ich ihn doch noch einmal gesehen«, sprach der redliche Mann, als er Miguel die Hand drückte. »Aus dem Morgenrot ist ein mildes Abendrot geworden. Es kann jetzt der Dämmerung weichen, ich bin zufrieden.« Und es wich der Dämmerung. Acht Tage später begrub man Treufreund. Ein unabsehbarer Zug begleitete den Sarg des uneigennützigsten Freundes und treuesten Dieners zum Friedhof. Heidenfrei übergab nach Miguels Rückkehr das Geschäft seinem Sohn und Schwiegersohn, ohne die Firma zu ändern. Er zog sich zurück auf sein Landhaus und verfolgte hier mit großem Interesse die außerordentlichen Entdeckungen der Naturwissenschaft, die Vervollkommnungen der Dampfmaschinen. Mit seinem Sohne Eduard blieb er in lebhafter Korrespondenz, was den letzten Jahren seines Lebens einen neuen, immer frisch bleibenden Reiz verlieh. Die Niederlassung auf Hohenfelsland erhielt immer mehr Ausdehnung und hatte schon nach zehn Jahren eine solche Bedeutung gewonnen, daß verschiedene Handelsstaaten daselbst Konsuln hielten, und man ihre Handelsgeschäfte nach Millionen zählte. Deutsche Reeder waren ihre Gründer, deutsche Matrosen führten ihr Lebenselemente zu, und die geistigen Schätze, welche sie von dem Mutterlande eintauschte gegen die Erzeugnisse des Bodens, befruchtet vom Tau tropischer Nächte, leben und wirken noch fort und fort und lassen das Wort Hohenfels' zur Wahrheit werden: »Glück ist nichts, der Wille, das Urteil, die richtige Anwendung unserer Kräfte und Anlagen, also die weiseste Ausbeutung des Talents vermögen alles!«   Ende.