Ernst Willkomm Im Bann und Zauber. Erster Band von Leidenschaft und Wahn, von Ernst und Scherz Licht- und Nebelbilder   Leipzig. Theodor Thomas   1862 Der Graf von Tannensee. 1. Nach der Vorstellung. Vor dem Circus drängten sich neugierige Gruppen. Die so eben beendigte Vorstellung gehörte zu den vorzüglichsten Leistungen der Gesellschaft, welche sich nunmehr schon seit zwei Monaten in der Residenz aufhielt. Der Director derselben zeichnete sich vor seinen Collegen vortheilhaft aus durch den feinen Geschmack, den er in den Arrangements seiner Schaustellungen entfaltete, und die Mitglieder der Truppe, ihrer trefflichen Leistungen sich wohl bewußt, trugen mit Würde einen gewissen Künstlerstolz zur Schau. Am meisten Aufsehen erregte die junge Signora Graziosa Feliciani, ein Mädchen von seltener Schönheit. Graziosa trat wöchentlich nur zweimal auf, als müsse sie sich schonen, wenn sie aber im Circus erschien, wollte der Jubel der Zuschauer, der mehr noch ihrer bezaubernden Erscheinung, als ihren künstlerischen Leistungen zu gelten schien, gar kein Ende nehmen. Es konnte nicht fehlen, daß ein junges schönes Mädchen, welches mit so viel Anmuth und Gewandtheit ihr muthiges Roß tummelte, namentlich der vornehmen Männerwelt in die Augen fallen mußte. An jedem Abend füllte sich der Circus mit jungen Cavalieren, die nicht müde wurden, der reizenden Graziosa zu huldigen. Einzelnen mochte sogar das Feuer ihrer Augen gefährlich geworden sein, obwohl Signora Feliciani Niemand besonders auszeichnete. Heute war Graziosa zum ersten Male als florentinisches Blumenmädchen aufgetreten, hatte eine Anzahl der duftigsten Sträußchen, die sie in zierlich geflochtenem Körbchen trug, ausgetheilt und allgemeinen Beifall geerndtet. Dem Hervorrufe folgte sie nur ungenügend, indem sie sich am Eingange zur Bahn nicht zu Roß, sondern zu Fuß, und zwar auf nur wenige Augenblicke zeigte. Dies plötzliche Verschwinden war eigentlich Ursache, daß eine beträchtliche Anzahl bewundernder Männer sich vor dem Ausgange des Circus aufstellte, um die Schöne hier zu erwarten und nochmals zu begrüßen. Graziosa Feliciani kam aber nicht. Als man, des Harrens müde, sich endlich nach ihr erkundigte, erfuhr man, daß sie sich, um alles Aufsehen zu vermeiden, durch eine Seitenthür entfernt hatte. Diese Enttäuschung gefiel freilich Keinem, da sie aber doch Alle gemeinschaftlich traf, so nahm man sie lachend hin, und die Harrenden zerstreuten sich. Es war ziemlich spät geworden. Die hell erleuchteten Fenster eines großen Café-Restaurant wirkten aber so verführerisch, daß Mehrere der für Signora Feliciani Schwärmenden sich in diese eleganten Räume verfügten, um sich zu erfrischen und in heitern Gesprächen bis Mitternacht zu verweilen. Ein länglich runder Tisch mit prächtiger Marmorplatte bot einer kleinen, gewissermaßen geschlossenen Gesellschaft bequem Platz. Hier fanden sich die Vertrauteren zusammen, und während die heitern jungen Männer die Pflege ihres Leibes durchaus nicht versäumten, wendete sich das Gespräch fast Aller sogleich ausschließlich der bewunderten Kunstreiterin zu. »Glauben Sie wirklich an dieses Mährchen?« erwiderte Baron von Hohenort auf die Bemerkung eines Premier-Lieutenants, welche dieser seinem Nachbar zur Linken nur halblaut zuflüsterte. »Was mich betrifft, so halte ich Graziosa Feliciani für das, was sie ist. Die Zeiten der Romantik, wo sich hinter jeder hübschen Zigeunerin eine Fürstin oder Herzogin verbarg, sind längst vorüber. Dank unserer vortrefflich organisirten Polizei kommen Kinderraub und Entführung durch herumziehendes Gesindel, das früher ein Geschäft aus solchen Nichtswürdigkeiten machte, zum Glück nicht mehr vor.« »Mag sein,« versetzte der Premier-Lieutenant, »dennoch ist Graziosa Feliciani keine Italienerin.« »So stammt sie vermuthlich aus Spanien, dem Lande des Weins und Gesanges,« meinte Baron von Hohenort. »Die Sonne Spaniens ist wohl im Stande, so seltene Blumen sich entfalten zu lassen.« »Wer sagt denn, daß unsere bewunderte Schöne keine Italienerin sein soll?« warf der Fähndrich Appenzell, her Sohn des reichsten Banquiers der Residenz, ein, den eine unbezwingbare Neigung unter das Militär getrieben hatte. »Es sagt's nicht bloß Einer, es wissen's sogar Viele,« versetzte der Premier-Lieutenant, »und wenn Ihr meinen Versicherungen keinen Glauben schenken wollt, so erkundigt Euch gefälligst bei dem Director Banchi. Der Mann ist kein Charlatan, kein Aufschneider. Er kennt die Familienverhältnisse aller Mitglieder seiner Truppe.« »Das verdiente wirklich Bewunderung,« meinte der Fähndrich,, sein noch dürftiges blondes Schnurrbärtchen mit vieler Sorgfalt drehend. »Ein Kunstreiter-Director soll wissen, wer seine Leute sind und woher sie stammen!« Die Mehrzahl der jungen Männer lachte, der Premier-Lieutenant blieb aber ernsthaft und sagte etwas piquirt: »Dennoch ist es, wie ich sage. Fragt den Rittmeister von Birkenfeld, der eben eintritt; der weiß die Geschichte auch. In seiner Gegenwart hörte ich sie erzählen.« »Von wem, wenn ich bitten darf?« fragte Baron von Hohenort. »Der Rittmeister mag es Ihnen sagen. Lieber Birkenfeld!« rief er, dem Eingetretenen zuwinkend. »Woher so spät?... Sie werden uns doch Gesellschaft leisten?« Rittmeister von Birkenfeld ging in Civil. Er hatte vor wenig Tagen erst seinen Abschied genommen – Familienverhältnisse wegen – wie die Sage ging. Er war ein Mann von einigen zwanzig Jahren, mehr ernst als heiter, von sehr vornehmer Haltung. Reich begütert und Erbe, eines alten Namens, stand er völlig unabhängig da. »Wohnten sie der heutigen Vorstellung im Circus nicht bei, Herr Rittmeister?« fragte der blonde Fähndrich, einen Sessel zwischen sich und Baron Hohenort schiebend. »Ich habe Sie nicht gesehen.« »Ich kam etwas spät und hielt mich wie gewöhnlich im Hintergrunde,« erwiderte von Birkenfeld, »und ich bin sehr zufrieden, daß es der Zufall so fügte. Signora Feliciani ist in solcher Entfernung eine wirklich feenhafte Erscheinung.« »Sie gehören also doch auch zu den Bewunderern dieses göttlichen Mädchens?« sprach Baron von Hohenort. »Das beruhigt mich ordentlich.« »Die hübsche Person unterhält mich durch ihre Grazie, ihre Anmuth, ihre künstlerische Routine,« erwiderte der Rittmeister, »und seit ich etwas von ihrer Vergangenheit erfahren habe, läugne ich nicht, daß ich mich auch ein wenig für sie interessire.« »Da hört Ihr's!« rief der Premier-Lieutenant triumphirend aus. »Freund Birkenfeld kennt die Vergangenheit der schönen Signora und wird sicherlich die Güte haben, Euch ebenfalls mit derselben bekannt zu machen.« »Sie dürften dies besser können als ich,« erwiderte Birkenfeld, »auch bin ich, wie Sie wissen, ein schlechter Erzähler.« »Die Geschichte! die Geschichte!« drängte der Fähndrich. »Ich habe keine Ruhe, bis ich die Geschichte dieser wunderbaren Sylphide weiß, der man so willkürlich ihre italienische Nationalität rauben will.« Der Premier-Lieutenant, der sich auch nicht für einen Boccaccio ausgeben konnte, gerieth etwas in Verlegenheit, mußte aber, von allen Seiten gedrängt, zuletzt dem allgemeinen Verlangen doch nachgeben und schickte sich denn unter vielem Räuspern und Emporziehen seiner starken Augenbrauen an, die in gespannter Erwartung Harrenden zu befriedigen. 2. Eine romantische Geschichte. »Unsere bewunderte Künstlerin – begann der Premier-Lieutenant – heißt mit ihrem wirklichen Namen – so erzählt man sich nämlich – Olga Pankowska – ist die Tochter eines galizischen Grafen und mütterlicherseits mit einem der ältesten russischen Fürstengeschlechter verwandt.« »Also richtig die alte Zigeunergeschichte!« fiel Baron Hohenort ungläubig lachend ein. »Wenn solch ein Reiterkind von Mutter Natur mit ungewöhnlicher Schönheit begabt wird, sich leidlich geschickt und nöthigenfalls auch passabel vornehm – in ihren Rollen – zu benehmen weiß, so muß es irgendwo auf hohem alten Adelsschlosse zur Welt gekommen sein.« »Wenn Sie geneigt sind, weiter zu hören, so werden Sie früh genug widerrufen müssen,« sagte der Premier-Lieutenant. »Fortfahren!« riefen die Uebrigen und der Premier-Lieutenant nahm den Faden seiner Erzählung wieder auf. »Olga Pankowska kam auf die Welt, ohne daß sie eigentlich ein vollgültiges Recht dazu hatte.« »Darf man denn nicht geboren werden?« meinte der Fähndrich. »Gewiß, aber Olga ward geboren, ehe ihre Aeltern kirchlich eingesegnet werden konnten, und diese kleine Fatalität veranlaßt die schöne Mutter unseres Wunderkindes, sich auf einige Zeit ins Ausland zu verfügen. Der Herr Papa sollte inzwischen die erzürnten Aeltern der geflüchteten Tochter versöhnen, dieser Verzeihung erwirken und die Erlaubniß ermitteln, mit Olga wieder zurückkehren zu dürfen. Der alte Fürst scheint aber ein sehr verdrießlicher oder hitziger Herr gewesen zu sein. Graf Pankowsky – so sagt die Geschichte – fand einen höchst unfreundlichen Empfang; es gab harte Worte, die bald in Beleidigungen übergingen, und endlich durch das Abfeuern zweier scharf geladener Pistolen in einem finstern Wäldchen geschlichtet wurden. Die beiden Schüsse hatten Viele gehört, von den beiden Schützen sah man aber nur einen wieder nach dem Schlosse des alten russischen Fürsten zurückkehren. Pankowsky war gefallen. Die Beseitigung seiner Leiche blieb ein Geheimniß, von der geflüchteten Fürstentochter und ihrer zu ungelegener Zeit auf die Welt gekommenen Olga hörte Niemand mehr etwas. Erst nach dem Tode des grämlichen Fürsten, der seit jenem Meisterschusse wenig Ruhe gehabt haben soll, ließ die nunmehr etwas weichherzig gewordene Fürstin nach der verschwundenen Tochter forschen. Ein vertrauter Kammerdiener erhielt den Auftrag, den Schlupfwinkel der Verschwundenen zu ermitteln und diese der tief Betrübten wieder zuzuführen. Zum Unglück hatte die Geflüchtete nicht Zeit gehabt, so lange auf den Versöhnungsruf der fernen Mutter zu warten. Krank und elend, war sie, nachdem sie alle Pretiosen, die sie besaß, der Erhaltung ihres Kindes gewidmet, in einem Kloster der Lombardei gestorben. Dem Beichtvater entdeckte die Unglückliche auf dem Sterbebette ihren Stand und Namen, übergab ihm dann Olga, und schloß unter Thränen und Seufzen die lebensmüden Augen. Der gutherzige Beichtvater vertraute das achtjährige Mädchen der Aebtissin an, die es denn auch erzog und, wie sich von selbst versteht, die älternlose Waise dem Dienst der Kirche zu weihen fest entschlossen war. Der Kirchendienst aber behagte dem kleinen Wildlinge nicht. Eines Tages wußte das Kind sich fortzuschleichen, um nie wieder ins Kloster zurückzukehren. Diese betrübende Nachricht überbrachte der Kammerdiener nebst einem eigenhändigen Briefe der Aebtissin der trauernden Großmama Olga's, die sich denn damit zufrieden geben mußte und nun hoffentlich längst schon unter ihren Ahnen der dereinstigen Auferstehung entgegenschlummert.« »Nun und Olga?« unterbrach Baron von Hohenort den jetzt pausirenden Erzähler. »Wohin wandte sich das lebenslustige Kind? Wer nahm sich seiner an, als es die kluge Einsicht gewonnen hatte, das Leben im Kloster eigne sich nicht für sein weltlich klopfendes Herz?« »Der kleine Flüchtling sah ein,« fuhr der Premier-Lieutenant fort, »daß Eile vor Allem Noth thue. Sie vertraute sich deshalb der Schnelligkeit ihrer zart gebauten Füßchen an, die damals allem Vermuthen nach noch zierlicher gewesen sein müssen als gegenwärtig, wo sie doch auch noch begeisterte Verehrer des Schönen zum Küssen einladen können, und lief anfangs keck in die Welt hinein. Niemand hielt sie auf und so bettelte sich das Kind glücklich bis Venedig durch. Was sie in der herrlichen Lagunenstadt angefangen hat, ist nicht ganz offenbar geworden, es läßt sich aber mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie dort auf dem Markusplatze und unter den Bogengängen der Procuratien wie in Florenz, wo wir sie einige Jahre später wiederfinden, den einträglichen Handel mit Blumen studirte. Ich sage: studirte, denn wirklich gehört ein ganz eigenthümliches Studium dazu, um in Venedig, und ganz besonders in Florenz, mit Glück Blumen an den Mann zu bringen. Nicht die Blume ist es, die man empfängt und mit einigen Gracien honorirt, die Spenderin derselben verleiht ihr durch die Art, wie sie das gebundene Sträußchen überreicht, erst Werth, Sinn, Bedeutung. Auch bezahlt man bekanntlich in Florenz keine Blumenverkäuferin. Der Lohn besteht bei Empfang der Blumen in freundlich gelispelten Mille grazie , denen einige Dutzend feurige Blicke zugegeben werden dürfen. Nach einigen Tagen erst, wenn die graziöse Spenderin der duftenden Kinder Flora's sich abermals mit ihren niedlichen Gaben einfindet, läßt man in die gelispelten Grazien den feinen Silberklang gemünzter Gracien tönen, wobei man sich aber auch vergreifen kann. Ein Francescone trägt dann ebenfalls viele tausend Grazien, die auf rosigen Lippen spielen, ein, und wem das Glück wohl will, kann sogar die Erfahrung machen, daß die anmuthvolle Blumenverkäuferin kleine, weiche Hände hat und dem Lande classischer Formenschönheit durchaus keine Schande macht. Genug, die schöne Olga, die den Blumenhandel gründlich verstand und das Toscanische so rein und klangvoll sprach, als habe sie sich den Mund dazu aus Rom verschrieben, machte Aufsehen, fand Bewunderer. Ein Freund der Schönheit und Jugend nahm sich ihrer an, um sie auszubilden. Bald erschien sie an seiner Seite zu Roß, und die muthvolle Gracie, mit welcher die Reiterin ihr Roß zügelte, ließ errathen, daß adliges Blut in ihren Adern fließe. Carlo Feliciani bot ihr Hand und Herz und Olga würde sich nicht spröde gezeigt haben, hätte ihr Verehrer nicht das Unglück gehabt, noch vor der Hochzeit durch Meuchlerhand zu fallen. Auch Olga stand ein gleiches Schicksal bevor. Sie erhielt Kunde davon und floh. Sie verscholl nun gänzlich und außer ihr selbst und dem Manne, der sie liebt, wissen gewiß nur Wenige, welche Gelegenheit hatten, unbemerkt die Geschichte dieser Fee erzählen zu hören, daß sich in dieser Graziosa Feliciani das Blumenmädchen Olga und die nachmalige Marchesa Belmonte versteckt.« »Se non è vero, è bon trovato!« sprach Baron von Hohenort. »Die Geschichte läßt sich leidlich gut anhören, und wer sich an das Hochromantische darin nicht stößt, der mag sich damit zufrieden geben. Was meinen Sie, lieber Birkenfeld? Glauben Sie an diese hyperromantische Vergangenheit der schönen Graziosa?« »Kommt darauf etwas an?« erwiderte der Rittmeister. »Je nun, wenn man sich für eine hübsche Person interessirt, will man doch wissen, wie die Verhältnisse beschaffen sind und waren, in denen sie lebte.« »Da ich mich nun aber nicht für Graziosa Feliciani interessire, können mir diese Verhältnisse auch vollkommen gleichgiltig sein.« »Sie interessiren sich nicht?« sprach der Premier-Lieutenant. »Nicht für Signora Graziosa? ...Und fehlen doch selten im Circus? ... Birkenfeld, ich bitte, lassen Sie sich nicht auslachen!« »Da ich ein Freund schöner, gut dressirter Pferde bin und wohl auch behaupten darf, von der edlen Reitkunst etwas zu verstehen, so besuche ich den Circus gern und oft,« erwiderte der Rittmeister. »Auch macht es mir Vergnügen, ein schönes Mädchen, wie Signora Graziosa, mit so feinen Manieren die Zügel führen zu sehen. Ich bemerke dabei ausdrücklich, daß ich sie weniger als florentinische Blumenspenderin, wie als Amazone bewundere, wenn sie auf ihrem Achilles so meisterhaft die Schule reitet.« »Anstellerei!« warf der blonde Fähndrich ein, die Spitzen seines dünnen Schnurrbartes nach oben drehend. »Sie müßten kein Mann sein, wenn Sie an Graziosa nicht etwas mehr als ihre Reitkunst entzückte.« Der Rittmeister wechselte die Farbe und heftete einen sehr ernsten Blick auf Appenzell. »Sie werden erlauben, Appenzell,« sprach er in kühlem, aber bestimmten Tone, »daß ich meinem Geschmacke nachleben darf. Signora Graziosa ist gewiß schön, aber sie gefällt mir nicht.« »Parbleu!« rief der Premier-Lieutenant. »Rittmeister von Birkenfeld, bedenken Sie, was Sie da sagen.« »Ich wiederhole allen Ernstes,« fiel dieser abermals ein, »Signora Graziosa Feliciani, deren Anmuth und Schönheit ich willig anerkenne, gefällt mir nicht und darf mir nicht gefallen.« »Darf nicht?« sagte der Premier-Lieutenant ganz erstaunt. »Darf ich?« wandte sich Baron von Hohenort fragend an Birkenfeld. »Von Herzen gern!« erwiderte der Rittmeister. Der Baron stand auf. »Sie erlauben, meine Herren,« sprach er, »daß ich Ihnen in meinem Freunde, dem Rittmeister von Birkenfeld, einen glücklichen Bräutigam vorstelle.« Die Meisten der Anwesenden glaubten, der Baron, der sich gern einen Scherz erlaubte, wolle sie foppen; die ernste Miene des Rittmeisters aber belehrte sie bald, daß es sich hier um einen bloßen Scherz nicht handeln konnte. »In der That?« sagte der Premier-Lieutenant. »Sind Sie wirklich gesonnen, sich die Flügel so frühzeitig von ein paar schönen Händen binden zu lassen?« »Den Beweis, daß dies meine Absicht ist, hoffe ich Ihnen demnächst durch Uebersendung meiner Verlobungskarte liefern zu können,« erwiderte der Rittmeister. »Ich glaube, die Vermählung eines Birkenfeld mit einer Gräfin von Tannensee wird man keine Mesalliance nennen.« »Gräfin von Tannensee!« wiederholte der Premier-Lieutenant. »Beim großen Manöver im vorigen Herbst lag General von Haustein auf Schloß Tannensee.« »Ich war sein Adjutant,« bemerkte der Rittmeister, »verkehrte häufig im Schlosse und hatte dabei das Glück, die Erbin von Tannensee kennen zu lernen. Vor wenigen Tagen habe ich das Jawort ihrer Aeltern erhalten.« »Champagner!« rief der junge Fähndrich. »Auf Ihr Wohl und Ihr Glück, Herr Rittmeister, müssen nothwendig einigen Flaschen die Hälse gebrochen werden.« Birkenfeld wollte nichts davon hören, mußte sich aber, da auch die Uebrigen dem jungen Appenzell beistimmten, doch dem Verlangen Aller fügen und bald füllten sich die geschliffenen Kristallgläser mit dem perlenden Weine. »Die Familie von Tannensee,« nahm der Premier-Lieutenant das Wort, nachdem er mit Birkenfeld angestoßen und sein Glas geleert hatte, »zerfällt, wenn ich nicht irre, in zwei Linien, von denen die jüngere erst vor etwa zwei Decennien nach Brasilien ausgewandert ist. Man behauptete damals, sie habe diesen von der ganzen vornehmen Welt auffällig befundenen Schritt der vielen Mißhelligkeiten wegen gethan, in denen sie schon seit undenklichen Zeiten mit der älteren Linie lebte. Was an diesen Gerüchten wahr sein mochte, was erfunden, soll damals Vielen gar arges Kopfzerbrechen gemacht haben.« »Ich erinnere mich, ebenfalls davon gehört zu haben,« versetzte der Rittmeister. »Bei meiner Anwesenheit und meinen späteren Besuchen auf Tannensee gestehe ich aber offen, daß ich nicht mehr daran gedacht habe. Die junge Gräfin, jetzt meine Braut, ließ Gedanken an Vergangenes nicht aufkommen. In allzu freundschaftlichen Beziehungen mit jener ausgewanderten Familie mögen die Tannensee's allerdings nicht stehen, denn es war von ihr und ihren Schicksalen niemals die Rede.« »Ja, die fatalen Schicksale!« sagte der Premier-Lieutenant. »Wenn es keine Schicksale gäbe, wie viel angenehmer wäre dann das Leben!« Baron von Hohenort lachte. »Ein glückliches Schicksal hat noch Niemand vermaledeit,« sprach er. »Ein volles Glas also dem glücklichen Schicksal, das wir uns Alle wünschen!« Heiter leerte man die schaumsprudelnden Gläser. »Wie mag es aber kommen, daß man die gräfliche Familie von Tannensee niemals, auch nicht während des Winters, in der Residenz sieht?« warf der Fähndrich ein. Er durfte diese Frage aufwerfen, denn in dem gastfreien Hause seiner Aeltern verkehrte die gesammte hohe Aristokratie. »Man hört, Sie kennen eben den Grafen von Tannensee nicht,« versetzte der Premier-Lieutenant, als befinde er sich im alleinigen Besitz eines großen Geheimnisses. »Ganz recht,« sagte Birkenfeld. »Man muß die Verhältnisse kennen.« »Wie General von Haustein,« meinte der Premier-Lieutenant. »Glauben Sie, daß man den General auf Tannensee so genau in alle Familienverhältnisse meiner zukünftigen Schwiegereltern eingeweiht hat?« erwiderte mit leichtem Lächeln der Rittmeister. »General von Haustein besitzt Scharfsinn und seine Beobachtungsgabe,« lautete die Antwort, »und was er mir später – versteht sich ganz ohne, jede Nebenabsicht – mittheilte, läßt mich annehmen, daß er doch wirklich ziemlich tiefe Blicke in – in die Vergangenheit der Tannensee's gethan hat.« »Zum Beispiel?« fragte Birkenfeld, während alle Uebrigen gespannt aufhorchten. »Die Melancholie der Frau Gräfin mußte auffallen,« fuhr etwas zögernd der Premier-Lieutenant fort, »doch Sie entschuldigen, Herr Rittmeister, es ist dies, scheint mir, kein Gesprächsthema in einer so heitern Stunde.« »Im Gegentheil,« erwiderte Birkenfeld. »Es kann mir nur angenehm sein, zu erfahren, was die Welt, d. h. die schwatzhafte Welt, die auch in den Salons unserer ersten Cirkel so trefflich vertreten ist, von den Aeltern meiner Verlobten denkt, sagt, fabelt. Wir sind unter uns, wie sie sehen; der Kellner ist dort in seiner Ecke eingeschlafen, haben Sie also die Güte und lassen Sie hören, was der General von Haustein im Schlosse Tannensee erlebt oder erfahren, oder vielleicht nur durch Calculation und Combination herausgeklügelt hat. Ich bemerke ausdrücklich, daß ich einen völlig unbefangenen, ganz objectiven Zuhörer abgeben werde.« Der Premier-Lieutenant nahm dennoch Anstand, der Aufforderung Birkenfelds, dessen Blicke ihm nicht gefielen, zu entsprechen. Er suchte Ausflüchte, schützte die bereits späte Nachtstunde vor, und was ihm sonst gerade einfiel. Der Rittmeister jedoch beharrte auf seinem Willen, bezog sich auf die zu allgemeiner Zufriedenheit vorgetragene Erzählung von Graziosa Feliciani's angeblicher Vergangenheit, und so war denn der in die Enge getriebene Lieutenant, wenn er nicht geradezu unhöflich sein wollte, gezwungen, sich dem Wunsche des drängenden Rittmeisters zu fügen. »Gut denn,« sprach er entschlossen, indem er Appenzell aufforderte, die Gläser auf's Neue zu füllen. »Sie wollen es und so thue ich das, wozu ich gewissermaßen gezwungen werde. Wenn Ihnen aber meine Mittheilungen nicht gefallen sollten, lieber Birkenfeld, dann – Sie sind Zeugen meine Herren – dann wasche ich meine Hände in Unschuld. Ich wiederhole nur Vernommenes, von einem Manne mir Erzähltes, den Jeder von Ihnen als makellosen Ehrenmann kennt.« »General von Haustein ist ein Ehrenmann im weitesten Sinne des Wortes,« sprach der Rittmeister. »Dies Glas hier leere ich auf sein Wohl, und wer gleicher Meinung ist, der thue das Nämliche!« Alle schlürften den moussirenden Wein aus und rückten dann näher zusammen, um ja kein Wort von dem ziemlich leisen Vortrage des Premier-Lieutenants zu verlieren. 3. Aus der Vergangenheit des Grafen von Tannensee. »Graf Erhardt von Tannensee soll ein sehr stolzer, dabei aber auch sehr lebenslustiger Mann sein,« hub der Premier-Lieutenant seine Mittheilung an. »Leute, welche oft mit ihm verkehrten, bezeichneten beide Eigenschaften als vorherrschende Fehler seines Charakters. Sie, Herr Rittmeister, werden am besten beurtheilen können, ob dem Gerücht in dieser Beziehung Glauben zu schenken ist oder ob es, wie so häufig, übertreibt.« Diese Frage war so direct an Birkenfeld gerichtet, daß er eine ebenfalls bestimmte Antwort darauf nicht schuldig bleiben konnte. »Mir steht in diesem Punkte kein Urtheil, nicht einmal eine Meinung zu,« erwiderte der Rittmeister. »Wie!« riefen Mehrere der Anwesenden zugleich, ihre Blicke Birkenfeld zuwendend, während der Premier-Lieutenant erstaunt sagte: »Wie kann dies möglich sein!« »Die Erklärung ist leicht,« fuhr der Rittmeister fort. »Graf von Tannensee befindet sich schon seit langen Jahren auf Reisen, mithin konnte ich ihn trotz meines öfteren Verkehrs in Schloß Tannensee nicht persönlich kennen lernen. Gerade diese Abwesenheit des Grafen verzögert auch das Bekanntwerden meiner Verlobung.« »Weilt der Graf noch immer im Auslande?« fiel Baron von Hohenort ein. »Sein letzter Brief, welcher mir die Hand der Comtesse Bianca zusichert,« versetzte Rittmeister Birkenfeld, »war aus Adorno datirt. Der Graf kehrt von einer Reise durch Italien, Sicilien und einen Theil Aegyptens zurück, und erst in den nächsten Wochen erwartet man ihn.« »Armer Freund!« sprach lächelnd Baron von Hohenort. »Darum mußten Sie so lange hangen und bangen in schwebender Pein? Wenn nur Ihre Verlobte, die schöne Comtesse Bianca, vor Sehnsucht während dieser schweren Prüfungszeit nicht auch melancholisch geworden ist, wie ihre Mutter!« Birkenfeld entgegnete in scherzhafter Weise und bat sodann den Premier-Lieutenant, seine ergänzenden Mittheilungen wieder aufzunehmen. »Eigentlich scheint mir dies nach dem so eben Gehörten fast überflüssig zu sein,« versetzte dieser. »Die langjährige Abwesenheit des Grafen erklärt die trübe Stimmung seiner Gemahlin vollkommen, wenn wir annehmen, was doch wohl keinem Zweifel unterliegt, daß die Gräfin ihrem Gatten in treuer, zärtlicher Liebe anhängt. Es ist die Sehnsucht nach dem Abwesenden, welche Gräfin Mathilde verzehrt. Der Wunsch, den theuren Mann ihrer Wahl wiederzusehen, preßt der einsam, von Welt und Gesellschaft zurückgezogen Lebenden Seufzer aus, und so entstanden ganz natürlich alle die anderen Gerüchte, die sich anfangs wohl nur ein paar phantasievolle Personen von der Dienerschaft zuflüsterten, die aber später auch außerhalb des Schlosses sich verbreiteten und hier natürlich sehr gläubige Hörer fanden.« »Wie dem auch sein mag, werther Herr Waffenbruder,« sagte der Rittmeister, »ich als zukünftiger Schwiegersohn des Grafen interessire mich ungemein für alle über denselben umlaufende Gerüchte, mögen diese nun wahr oder unwahr sein, und gerade weil ich Graf Tannensee nicht von Person kenne, auch mir nicht ein einziges Wort von diesen Gerüchten bis jetzt zu Ohren gekommen ist, wünsche ich dieselben kennen zu lernen. General von Haustein ist eine so lautere Quelle, daß Sie aus ihr zu schöpfen keinen Anstand nehmen dürfen. Ihre Bemerkungen scheinen mir ohnehin wohl begründet zu sein, wenigstens muß ich bestätigen, daß ich die Mutter meiner Verlobten noch niemals lachen sah, ja ich möchte darauf schwören, daß nicht einmal ein heiterer Zug in ihre feinen und noch immer schönen Züge Leben und Bewegung brachte.« »General von Haustein ist ungefähr von gleichem Alter mit Graf Erhardt von Tannensee,« nahm jetzt der Premier-Lieutenant wieder das Wort. »Wie er mir sagte, kannten sie sich in der Jugend, wo sie Beide einige Jahre zusammen im Cadettenhause verweilten. Damals lebte der Vater des Grafen noch. Dieser starb aber plötzlich und dieser Todesfall nöthigte den Sohn, seine militärische Carrière aufzugeben, um die ihm zugefallene reiche Erbschaft anzutreten. Die Mutter Erhardt's war eine stille, fromme Dame, Viele nannten sie zu fromm, und weil ihr einziger Sohn eine ganz entgegengesetzte Richtung verfolgte, bestand zwischen Mutter und Sohn nicht immer das beste Einvernehmen. Graf Erhardt wollte sein Leben genießen und war deshalb der Ansicht, es könne ihm nur förderlich sein, wenn er, sobald das Nöthigste in den Erbangelegenheiten, die ohnehin nicht sehr verwickelt waren, geordnet sein würde, einige Jahre auf Reisen gehe. Die Gräfin Wittwe widersetzte sich mit nie an ihr gewohnter Energie diesem Vorhaben des Sohnes, und da Erhardt noch nicht majorenn war, so konnten seinen Neigungen leichter Zügel angelegt werden. Die Mutter traf Vorkehrungen, denen Erhardt sich fügen mußte. Er that es, aber knirschend vor Zorn und Aerger. Sein heftiger Charakter wurde für die Mutter bald zu einer Quelle schwerer Leiden. Zwar behandelte Graf Erhardt die fromme Frau mit gebührender Aufmerksamkeit und Ehrfurcht, es geschah dies aber so förmlich, so höfisch kalt, in so höhnischem Tone, daß die unglückliche Dame beinahe wahnsinnig darüber ward. In ihrer Herzensangst fiel sie auf den Gedanken, der unkindliche Sinn ihres Sohnes werde sich ändern, wenn er sich vermähle, und so wurden die geeigneten Schritte gethan, um den jungen Grafen zu fesseln. Erhardt errieth den Plan seiner Mutter und widersetzte sich ihm nicht. Er ließ Alles geschehen, was man in der Stille anordnete, und so fand er sich denn bald von einem Kreise der anmuthigsten jungen Damen umschwärmt. Von Stund' an nahm Graf Erhardt's Betragen gegen seine Mutter einen ganz andern Charakter an. Er zeigte sich wieder liebevoll, zärtlich, gehorsam, und die wieder auflebende Gräfin glaubte schon ihr Ziel erreicht zu haben. Es fehlte nur noch an einer entscheidenden Wahl. Diese nun sollte Graf Erhardt ganz nach Belieben treffen. In einer besonders glücklichen Stunde, wo der Graf ungewöhnlich heiter und hingebend zu sein schien, trug die zagende Mutter ihm ihre Wünsche vor. Auch jetzt widersprach der Sohn nicht. »Wählen Sie, gnädige Mama,« sagte er mit devotester Ehrerbietung. Die Mutter machte zwei Schwestern namhaft, von denen sie selbst nicht wußte, welcher von Beiden sie den Vorzug geben sollte. »Sie kommen meinen Wünschen entgegen, gnädige Mama,« lautete Graf Erhardt's Antwort. »In einigen Tagen werde ich mich entscheiden. Nur habe ich eine Bedingung dabei zu machen.« »Ich bin gern bereit, in allen billigen Dingen auch Dir entgegen zu kommen, mein Sohn,« versetzte die jetzt vollkommen beruhigte Mutter. »Dann werden Sie gestatten, daß ich vor meiner Vermählung meine Volljährigkeit abwarte und nach der Hochzeit mit meiner Gattin eine längere Reise antrete.« Dies Verlangen schien der frommen Dame unter ganz veränderten Umständen so verständig zu sein, daß sie gern darein willigte. Inzwischen verging ein Tag nach dem andern, ohne daß Graf Erhardt auf die doch so wichtige Angelegenheit zurückkam. Er sah die beiden Schwestern, unter denen er wählen sollte und wollte, Tag für Tag; er spielte und tanzte mit ihnen, er ritt gemeinschaftlich mit ihnen aus, er sagte Beiden die zartesten Schmeicheleien, erwies Beiden eine gleich große Aufmerksamkeit.« »Die Mutter zögerte, um den ungestümen Sinn ihres Sohnes, der nur besänftigt, nicht gebrochen war, nicht wieder zu wecken. Endlich aber hielt sie es doch für nöthig, abermals auf den wichtigen Gegenstand zurück zu kommen. Sie glaubte bemerkt zu haben, daß die Schwestern, früher schalkhaft und heiter, beide seit Kurzem ernster und stiller geworden waren, und sie fürchtete nicht mit Unrecht, die auffallenden Huldigungen, welche ihr Sohn Beiden in gleicher Weise darbrachte, könnten in den Herzen derselben eine unselige Leidenschaft entzünden, die statt Segen nur Fluch in ihrem Gefolge zu haben pflegt. »Wenn Beide Erhardt liebten?« rief es in dem geängstigten Mutterherzen. Wenn die unseligste Eifersucht zwei innig liebende Geschwister für immer einander entfremdete? Noch ist es Zeit, wenn Erhardt eine schnelle Wahl trifft! Gewiß, mein Sohn hat sich noch nicht entschieden ... Mit dem bestimmt ausgesprochenen Worte ist der Zauber gelöst, der Mathilde und Flora umstrickt.« »Mathilde?« wiederholte der Rittmeister. »Graf Erhardt von Tannensee reichte also wirklich einer jener Schwestern die Hand?« »Seine Wahl fiel nach abermaligem Anmahnen der Mutter auf die jüngste Schwester, das Freifräulein Mathilde von Hammerstein.« »Meine künftige Schwiegermutter!« »Und Flora?« fragte Baron von Hohenort. »Flora wünschte ihrer Schwester mit thränenden Augen Glück zum Bunde mit Graf Erhardt von Tannensee, doch fügte sie diesem Glückwunsche die Worte hinzu, welche wie Feuerfunken in Mathildas Seele fielen: Dein Glück bricht mir das Herz! – Erhardt hatte unter den Schwestern zu spät gewählt.« »Und dieses Wort,« fiel der Rittmeister ein, »machte es einen so tiefen Eindruck auf die glücklichere, von Graf Erhardt bevorzugte Schwester, daß es dieser die Ruhe raubte?« »Das wohl nicht,« erwiderte der Premier-Lieutenant. »Flora war edel, großdenkend, uneigennützig. Sie wollte das Glück ihrer Schwester nicht stören. Sie fügte sich in das ihr zugefallene traurige Schicksal und wohnte der bald darauf stattfindenden Vermählung des jungen Paares voll Schmerz bei. Tags darauf hielt sie sich verschlossen in ihrem Zimmer; am zweiten Tage fand man nur noch einen Brief von ihr vor, in welchem sie mit wenigen Worten erklärte, daß sie das Leben nicht ertragen könne und deshalb freiwillig aus einer Welt scheide, die ihr nichts mehr zu bieten vermöge.« »Die Aermste nahm sich das Leben?« rief der blonde Fähndrich. »Man hat nie etwas Näheres über das Schicksal der spurlos Verschwundenen in Erfahrung gebracht,« sagte der Premier-Lieutenant, »doch nimmt man allerdings an, daß sie ihren verzweifelten Vorsatz ausgeführt habe. Alle Nachforschungen der Familie blieben erfolglos, aus Schloß Tannensee aber war mit Flora von Hammerstein auch der Engel des Friedens gewichen. General von Haustein –« »Von ihm rühren diese Mittheilungen her?« unterbrach Birkenfeld den Erzähler. »Er war zum Theil Zeuge der erwähnten Vorgänge,« antwortete der Premier-Lieutenant. »Als Jugendgenosse Erhardt's von Tannensee wurde er von diesem zur Vermählungsfeier eingeladen, ja er war – so behauptet der jetzige General – Augenzeuge einer Scene in Schloß Tannensee, die seinem Gedächtniß bis an's Ende tief eingeprägt bleiben wird.« »Ich bin sehr begierig, auch diese Scene von Ihnen schildern zu hören,« sagte der Rittmeister, sich noch ein Glas Champagner einschenkend. »Und ich beeile mich, diesem Wunsche nachzukommen,« entgegnete der Premier-Lieutenant. »Mathilde, Gräfin von Tannensee, nannte ihren Gatten den Mörder ihrer Schwester; Erhardt erbleichte – es fielen harte, zürnende Worte ... Die Mutter des Grafen eilte bestürzt herbei ... Der Zorn des Sohnes wandte sich von der Gattin auf die Mutter. – Diese entsetzte sich vor Erhardt's an Wildheit grenzender Heftigkeit, stürzte zu Boden und brachte sich im Fallen eine so gefährliche Verwundung an der Schläfe bei, daß sie wenige Tage später an den zusammenwirkenden Folgen dieses Falles und des Schreckens starb. Gleich nach der Bestattung seiner Mutter verließ Erhardt, ohne Abschied von seiner jungen Gattin zu nehmen, Schloß Tannensee. Er mochte in den Räumen nicht leben, die ihm so unheimlich geworden waren. Vielleicht auch zog ihn der Schatten Flora's hinaus in die weite Welt, denn man wollte wissen, das schöne Freifräulein habe in noch höherem Grade Erhardt's Liebe besessen, als die jüngere, seine Gattin gewordene Schwester. Er kehrte nicht eher zurück, als nachdem er Kunde erhalten, daß Mathilde ihm eine Tochter geboren habe. Bei der Taufe dieser Tochter, der einzigen Frucht dieser trübseligen Ehe, sah man den Grafen zuerst wieder auf seinem alten Stammsitze. Aber er hatte sich dergestalt verändert, daß selbst seine Gattin ihn kaum wiedererkannte. Man wollte wissen, daß er in den größten Hauptstädten Europas unter lustigen Altersgenossen ein wild bewegtes, verschwenderisches Wüstlingsleben geführt habe.« »Genug!« fiel Rittmeister von Birkenfeld ein. »Sie haben Ihren Gewährsmann genannt, Herr Premier-Lieutenant, Sie werden also gewiß nicht Anstand nehmen, in Gegenwart des Generals von Haustein das, was die Herren hier von Ihnen über die angebliche Vergangenheit des Grafen Erhardt von Tannensee vernommen haben, zu wiederholen.« »Wenn Sie es wünschen, Herr Rittmeister, so erkläre ich mich dazu bereit, obwohl ich nicht begreife –« »Keine Einwendungen, mein Herr Premier-Lieutenant!« unterbrach diesen abermals der Rittmeister. »Ich halte Sie für einen Edelmann alten Styls. Damit ist zugleich auch gesagt, daß ich Ihnen die Kenntniß der Gesetze zutraue, welche von der edelmännischen Ehre dictirt werden.« Er leerte sein Glas und stand auf. »Auf Wiedersehen, meine Herren!« sprach er mit vollkommen ruhiger Stimme. »Wenn Sie erlauben, Herr Premier-Lieutenant, so hole ich Sie morgen um zehn Uhr zu einer Visite ab, die wir gemeinschaftlich Sr. Excellenz dem General von Haustein, meinem ehemaligen Chef, machen wollen.« Birkenfeld ging und die Zurückbleibenden sahen ihm mit Blicken nach, in denen sich die verschiedensten Empfindungen aussprachen. »Der fatale Champagner!« sagte der Baron von Hohenort, sein noch ungeleertes Glas auf den Fußboden gießend. »Er macht die Zungen doch immer beredter als gut ist.« »Schimpfen Sie nicht auf den Wein, Herr Baron,« fiel Appenzell ein, sich mit ernstester Miene den Schnurrbart drehend. »Er verdient eher Lob als Tadel, denn er bringt Geheimnisse an's Licht des Tages und lehrt uns Freund und Feind kennen.« Der Premier-Lieutenant ergriff den Arm des Fähndrichs, als sich Alle zum Aufbruch rüsteten. »Wollen Sie mir einen Gefallen thun, Appenzell?« fragte er den jungen Militär im Fortgehen. »Zehn für einen,« lautete des Fähndrichs Antwort. »Seien Sie mein Secundant, wenn der Rittmeister Lust zeigen sollte, einen Gang mit mir zu machen.« Der Fähndrich gab mit freundlichem Händedruck bereitwillig seine Zusage. 4. Ein Porträt. Die Unterredung, welche Rittmeister von Birkenfeld mit General von Haustein in Gegenwart des Premier-Lieutenants hatte, dauerte lange. Der General bestätigte in jeder Beziehung die Mittheilungen des Letzteren über den Grafen Erhardt von Tannensee, weigerte sich aber mit Entschiedenheit, dem Rittmeister noch weiter gehende Aufschlüsse über den Mann zu geben, mit dem er nächstens so nahe verwandt werden sollte. Birkenfeld glaubte vor Allem in dieser Weigerung eine Beleidigung erblicken zu müssen; auch daß in einem öffentlichen Lokale, wenn schon nur in einem Kreise Vertrauter, so seltsame Dinge erzählt worden waren, die in gewisser Beziehung die ganze Familie der Tannensee's compromittirten, schien dem Rittmeister gegründeten Anlaß zu einer Herausforderung zu gegeben. Zwar wollte der Premier-Lieutenant die ganze Schuld auf sich nehmen und deshalb auch die unvermeidlichen Folgen seiner Schwatzhaftigkeit tragen, General von Haustein aber, der eigentliche Urheber jener Mittheilungen über die Verhältnisse und das frühere Leben des Grafen von Tannensee, gab dies nicht zu. Er nahm die Herausforderung des Rittmeisters, welche ihm von Baron Hohenort in gebräuchlicher Weise zugestellt ward, an und überließ sodann diesem, und dem Ober-Lieutenant, den sich der General zum Secundanten erwählte, die nähere Verabredung über Schlichtung dieses Ehrenhandels. General von Haustein hatte die Pistole als Waffe gewählt. Man kam überein, sich auf zehn Schritte Barrière zu schießen, und begab sich an dem zu diesem Rencontre bestimmten Tage nach einem unfern der Residenz gelegenen Wäldchen, unter dessen grünen Schatten schon mancher Ehrenhandel ausgefochten worden war. Es war noch früh am Tage, als die Gegner einander begrüßten. Die nöthigen Vorbereitungen waren bald getroffen, die Pistolen wurden geladen und den Kämpfern übergeben. Beide schossen fast ganz zu gleicher Zeit. Birkenfelds Kugel durchbohrte des Generals Feldmütze, die Kugel Hausteins aber traf den Rittmeister gerade auf die Brust, prallte jedoch hier an einem harten Gegenstände ab, wodurch sie eine andere Richtung erhielt und nur die Haut an der linken Seite aufriß. »Ich bin verwundet,« sprach Birkenfeld, sich auf die Schulter des Barons von Hohenort stützend. Blut träufelte durch die zerrissenen Kleider und schnell sprang der Arzt hinzu, um die Wunde zu untersuchen und vorläufig in Eile einen Verband anzulegen. »Das Medaillon!« sagte mit frohem Augenaufschlag der Verwundete, indem er selbst den Rock aufriß. »Ich glaube, ihm allein habe ich das Leben zu verdanken. Daß es nur ja nicht durch Blut beschädigt wird!« Baron von Hohenort erblickte an schwarzem Bande eine kleine goldene Kapsel auf der bloßen Brust seines verwundeten Freundes. »Sie erlauben doch?« sprach er, das Band lösend. »Bitte! Bitte, nur schnell!« erwiderte der Rittmeister und wandte sich auf die Seite, um dem Arzte die Anlegung des Verbandes zu erleichtern. Das Medaillon lag in Baron von Hohenorts Hand. Es war nur Zufall, nicht Neugierde, daß seine Finger eine verborgene Feder berührten, wodurch die goldene Kapsel aufsprang. Sein Blick fiel auf das Miniaturbild eines Mädchens von seltener Schönheit. Der Ueberraschte glaubte seinen Augen kaum zu trauen und doch, doch war es Wahrheit! So blickte nur ein junges Mädchen in der ganzen Residenz! Gerade so gescheitelt, so in Locken geordnet trug nur Eine das reiche, dunkle, glänzende Haar! ... Es war das Porträt Graziosa Feliciani's, das der Baron sprachlos vor Erstaunen in der Hand hielt! ... Aus Rücksicht für den Rittmeister würde Baron von Hohenort geschwiegen haben, allein der Zufall wollte, daß in dem Augenblicke, wo sich die Kapsel von selbst öffnete, der Premier-Lieutenant gerade an ihm vorüberging und fast zu gleicher Zeit des auffallenden Bildes ebenfalls ansichtig wurde. Der Rittmeister bemerkte unter den Händen des Arztes nichts von der Entdeckung und dem Staunen des Barons. Auch dem General von Haustein, der von Birkenfeld bereits versöhnt die Hand gereicht hatte und jetzt in einiger Entfernung mit verschränkten Armen unter den von der Morgensonne vergoldeten Bäumen, in Gedanken versunken, auf- und niederschritt, entging die Bewegung und der rasche Wechsel vielsagender Blicke, mit denen die beiden Secundanten ein lebhaftes, nur stummes Gespräch führten. »Ist es denn möglich!« raunte dann der Premier-Lieutenant flüsternd dem Baron zu, während dieser geräuschlos und unbemerkt von den Uebrigen die Kapsel wieder zudrückte. »Nicht wahr, man kann irre werden?« lautete die Antwort Hohenorts. »Wer hätte das geahnt!« »Es ist nicht recht, daß wir ihn schonen,« fuhr der Ober-Lieutenant lebhafter, aber nur flüsternd fort. »Alles war Maske an ihm. Er hat sich meisterhaft verstellt, um für seine Dulcinea ins Feuer gehen zu können! ... Wissen Sie, Baron, daß ich jetzt an seine angebliche Verlobung mit der Comtesse Tannensee gar nicht glaube? ... Es war eine Fabel, erfunden zu, Gott weiß, welchem Zwecke!« »Das möchte ich doch bestreiten,« erwiderte Baron von Hohenort. »Aus freien Stücken hat mir der Rittmeister seine bevorstehende öffentliche Verlobung mit Gräfin Bianca von Tannensee mitgetheilt, für erfunden also kann ich diese nicht halten. Aber das schließt ja das Bestehen eines früheren Verhältnisses nicht aus ... Diese verführerische Italienerin hat wunderbar bezaubernde Augen ... Der Rittmeister ist ein stattlicher Mann; von Gestalt, Wuchs, Haar ein wahrer Apollo ... Wer also kann es ihm verargen, daß er Wohlgefallen an einem Wesen fand, das vielleicht gern von ihm erobert werden wollte? ... Doch still! der Arzt ist fertig ... Lassen Sie uns dem Verwundeten beistehen und schweigen wir vorläufig von unserer interessanten Entdeckung! Geschenkt ist dem schlauen, heimlichen Verehrer Graziosa's dieser Schalksstreich nicht. Ich riskire nöthigenfalls deshalb selbst einen Gang mit dem Rittmeister. Doch warten, überlegen wir, was sich thun läßt, bis nach seiner Genesung. Diese Geschichte kann pikant werden und einige Abwechselung in das trockene Einerlei des alltäglichen Gesellschaftslebens bringen.« Der Rittmeister erhob sich jetzt und streckte sogleich seine Hand nach dem Medaillon aus, das er ohne sichtbare Bewegung wieder auf der Brust verbarg. Baron von Hohenort verrieth sich weder durch Wort noch Miene, ebenso behielt der Premier-Lieutenant seine Ruhe äußerlich bei. Man kehrte in zwei Wagen nach der Residenz zurück, und es würde von dem Vorgefallenen kaum etwas verlautet haben, wäre nicht von dem Einen oder Andern der bei der Affaire Betheiligten absichtlich davon gesprochen worden. Rittmeister von Birkenfeld hütete einige Tage das Zimmer. Die Wunde heilte rasch und es wäre ihm möglich gewesen, noch vor Ablauf einer Woche wieder auszugehen, hätte er dies überhaupt beabsichtigt. Er kam lieber dem Wunsche des Arztes, der längere Ruhe rieth, entgegen, weil ihm mehr daran gelegen war. Seine Hauptbeschäftigung bestand in Briefschreiben. Die Correspondenz des Rittmeisters war nicht sehr ausgebreitet, wer aber einmal mit ihm in Verbindung stand, der erhielt ziemlich oft von ihm Briefe. Vorerst setzte nun Birkenfeld seine Verlobte von dem Unfalle in Kenntniß, der ihn an's Zimmer fesselte, ohne jedoch die Veranlassung nur anzudeuten, aus welcher das Duell entstanden war. Er hielt dies nicht für nöthig und glaubte überdies den Charakter der Comtesse Bianca genügend zu kennen, um zu wissen, daß sie schwerlich der Quelle dieses Ehrenhandels sehr eifrig nachspüren werde. Die Freunde besuchten den zu freiwilligem Zimmerarrest sich Verurtheilenden fast täglich und theilten gegen das Ende desselben dem Rittmeister mit, daß man doch von dem stattgehabten Rencontre spreche. Es war leicht, den Verdacht, die Sache ausgeplaudert zu haben, auf ganz fremde Personen zu lenken. Man mochte die Schüsse in der Morgenfrühe gehört, wohl auch die Wagen aus dem Wäldchen haben zurückkommen sehen. Das hatten denn die in der Feme harrenden Beobachter weiter erzählt, man hatte im Stillen nachgeforscht und endlich die Betheiligten glücklich errathen. Der Rittmeister nahm diese Mittheilung gleichgiltig auf, da es nicht wahrscheinlich war, daß die Polizei Recherchen anstellen würde. Was man über diese Veranlassung zu dem Duell etwa munkeln mochte, konnte, wenn nur die Eingeweihten reinen Mund hielten, seine Ehre nicht berühren. Er stand in dem besten Rufe und Niemand – das wußte er – traute ihm etwas Unehrenhaftes zu. Um so mehr wunderte er sich nach seinem Wiedereintritt in die Welt, daß Alle, denen er persönlich bekannt war, eine früher nicht bemerkte Aufmerksamkeit ihm zuwandten. Diese Aufmerksamkeit, die eigentlich nur in einem stillen Beobachten bestand, hatte weder geradezu etwas Auffallendes, noch auch besonders Auszeichnendes. Nur entging dem Rittmeister nicht, daß er sehr häufig Gegenstand des Gespräches selbst für ihn fremde Personen sein mußte. Diese stummen Winke, dies Augenblinzeln, dies heimliche Flüstern klang in seinem Ohre, als vernähme er die laut gesprochenen Worte: »Seht, das ist er! Der ist's, der mit dem General von Haustein Kugeln gewechselt hat!« Kannte man wirklich die Veranlassung des stattgehabten Duells? Hatte das Gerücht diese entstellt und mit allerhand romantischem Flitter ausgeschmückt? ... Wie leicht war es dann, daß er bei solcher Entstellung in einem wenig empfehlenswerthen Lichte erschien! Dieser Gedanke beunruhigte den Rittmeister. Aber er mochte ihn nicht laut werden lassen, nicht einmal gegen seine nächsten Bekannten. Ruhiges, kühles Beobachten und Abwarten konnten ja genügen, das Geheimniß ihm gelegentlich zu enthüllen. Gesellige Cirkel hatte von Birkenfeld noch nicht wieder besucht. Ein unklares Etwas hielt ihn davon zurück. Es würde ihn unangenehm berührt und in Verlegenheit gesetzt haben, hätte da oder dort der Eine oder der Andere eine directe Frage an ihn gerichtet. Um jeder solchen, doch immerhin möglichen Anfrage auszuweichen, beschloß er Antwort von Tannensee abzuwarten. Diese Antwort – so hoffte er – würde gleichzeitig die Erlaubniß enthalten, seine Verlobung mit Comtesse Bianca der vornehmen Welt anzeigen zu dürfen. Dies aber war wieder eine so wichtige Neuigkeit, daß man darüber sicherlich das fast spurlos vorübergegangene Duell vergessen mußte. Es sollte jedoch ganz anders kommen, als Rittmeister von Birkenfeld vermuthete. Der Circus ward seit einigen Tagen mehr noch als früher besucht. Ein wahrer Flor von Damen fand sich zu den Vorstellungen ein und es verging kein Tag, an welchem nicht mehrfache Aufrufe in den Zeitungen zu lesen waren, die stets ein und denselben Wunsch aussprachen. Director Bianchi wurde wiederholt dringend gebeten, doch ja die bewunderte Signora Graziosa Feliciani so oft wie möglich auftreten zu lassen. Der viel begehrten Künstlerin, die gerade in neuester Zeit einer besonders gelungenen Leistung sich ihrerseits nicht erinnern konnte, fielen diese Annoncen zuerst auf. Sie forschte und fragte, um die Urheber derselben zu entdecken, konnte aber etwas Gewisses durchaus nicht erfahren. Daß sie dennoch ihr allein galten, vielleicht mehr ihrer Person als ihren Leistungen, das entging ihr nicht. Hätte sie noch daran zweifeln können, so würden die zahlreichen Lorgnetten und Operngucker, die sich auf sie richteten, so oft sie im Circus erschien, sie eines Besseren belehrt haben. Eines Morgens saß Graziosa Feliciani allein in ihrem Zimmer. Vor ihr stand ein kleiner Koffer von sehr zierlicher Arbeit, der außer einer Reisetoilette auch eine Menge Schmuckgegenstände und Briefe oder doch beschriebene Papiere enthielt. Graziosa betrachtete diese Papiere mit düstern Blicken und eine Thräne feuchtete ihre großen, dunkeln Augen. »Ach, was nützt alles Grübeln,« rief sie dann seufzend aus, »es führt ja doch zu keinem Resultate!« Und mit einer trotzigen Miene warf sie unwillig die Papiere wieder in den Koffer, und schlug heftig den Koffer zu. Da klopfte es an ihre Thür ... Graziosa stand auf und trat vor den Spiegel. »Ich darf es wohl wagen,« sprach sie selbstgefällig lächelnd, und sogleich rief sie ein lautes »Herein!« »Signora entschuldigen, daß ich so früh störe,« redete der eintretende Director die jugendliche Künstlerin an. »Ich komme, um mich eines Versprechens zu entledigen, das ich Ihnen vor einigen Tagen gab.« »Sind Sie unterrichtet?« unterbrach ihn mit großer Lebhaftigkeit Graziosa Feliciani. »Ich glaube vollkommen auf der rechten Spur zu sein,« erwiderte Bianchi. »Man hat sich geschlagen.« »Um mich? ... Für mich? ... Wem könnte das einfallen!« »Es ist dennoch geschehen, Signora! ... Die ganze Welt spricht von dem Vorfalle. Die Damenwelt ist begreiflicherweise ganz außer sich und betrachtet seitdem, wie wir ja selbst bemerken konnten, Sie und Ihre Leistungen mit gesteigertem Interesse. Freilich – setzte der Director schalkhaft lächelnd hinzu – mag bei unsern schönen Zuschauerinnen Manche Ihnen recht von Herzen grollen. Einer der reichsten Cavaliere hat um Ihretwillen, aus glühender, schwärmerischer Liebe zu Ihnen, sein Leben aufs Spiel gesetzt!« »Kenne ich den Mann?« fragte Graziosa, den Worten des Directors noch immer keinen rechten Glauben beimessend. Bianchi hob schalkhaft drohend den Finger. »Böse, schöne Zauberin,« sprach er, »wenn Sie ihn nicht kennten, wie wäre es möglich, daß Ihr Bild sein Lebensretter werden konnte?« »Signor Bianchi,« erwiderte Graziosa in einem Tone, der Schmerz und Zorn ausdrückte, »Sie kennen mich genugsam, um zu wissen, daß ich für derartige Scherze sehr wenig Sinn habe. Ich traure um ein verloren gegangenes Geheimniß, das mir keine Ruhe läßt. Der Wunsch, dies Geheimniß vielleicht doch irgendwo wieder aufzufinden, hat mich den, wenn Sie wollen, verzweifelten Entschluß fassen lassen, mich Ihnen anzuschließen ... Ich war mittellos, verlassen; dem Elende, vielleicht dem Tode preisgegeben ... Sie sahen mich, redeten mich an, wollten sich für mich verwenden ... Es gelang nicht Alles, was Sie beabsichtigten, aber Sie verließen mich nicht ... Da entdeckte ich mich Ihnen, so weit ich durfte und konnte ... Meine traurige Lage und ein dankbares Gefühl, das sich für Sie in meinem Herzen regte, entriß mir eine Zusage, die ich oft schon bereut habe, die ich aber zurückzunehmen zu wenig Entschlossenheit besitze ... So liegen die Dinge zwischen uns und sie sind es, die Ihnen immer und immer wieder sagen müssen, daß ich auf Eroberungen wahrhaftig nicht ausgehe.« »Signora,« versetzte darauf Bianchi, »ich habe kein Recht, Ihre Herzensgeheimnisse erforschen zu wollen. Sie beauftragten mich mit einer Art Mission, und dieser Mission habe ich mich unterzogen. Welchen Erfolg sie hatte, wissen Sie.« »Wenn Ihre Worte nicht scherzhaft gemeint waren,« sagte Graziosa, »so verlange ich den Namen des Mannes zu erfahren, der aus irgend einer romantischen Ueberspannung, wie sie den Deutschen noch immer eigen sein soll, sich zu – einer so übereilten Handlung hinreißen ließ.« »Rittmeister von Birkenfeld nennt sich der Mann. Er ist jung, schön, ein wahrhaft ritterlicher Charakter und von sehr vornehmer Familie.« Graziosa zuckte die Achseln und warf schmollend die Lippe auf. »Alles möglich,« sprach sie, »trotzdem aber kenne ich ihn nicht. Der Mann ist wahrscheinlich ein Narr oder – ein sehr berechnender schlauer Schelm.« »Sie erlauben, Signora, daß ich eine andere Ansicht habe. Ich bin überzeugt, daß der namhaft gemachte Rittmeister Sie verehrt, er würde sonst Ihr Bild nicht auf dem Herzen tragen.« Graziosa erglühte in zorniger Schönheit. Ihre Augen blitzten, die noch ungeordneten Locken ringelten sich wie dunkel glänzende Schlangen um die von leisem Rosa nur angehauchte zarte Wange. Sie glich einer schönen Furie. »Diese Behauptung ist eine Entwürdigung!« rief sie empört. »Sie beleidigt mich, sie droht mich zu entehren! ... Wahrlich, wäre ich kein Weib, ich würde den zu blutiger Rechenschaft ziehen, der sie ausspricht!« »Dann müßten Sie sich mit der halben Stadt schießen,« versetzte der Director. »Es gibt kein Kaffeehaus, wo man nicht von dem Rencontre des Rittmeisters von Birkenfeld spricht ... Ihr Porträt, das dieser – Ihnen unbekannt gebliebene schwärmerische Verehrer in goldener Kapsel auf seiner Brust trägt, hat mehr denn Einer gesehen und Jeder, Jeder hat, was doch unmöglich bloße Einbildung und überspannte Phantasie junger verliebter Hitzköpfe sein kann, Signora Graziosa Feliciani darin erkannt.« »Kein Mann kann sich rühmen, mein Bild von mir erhalten zu haben,« erwiderte Graziosa. »Es muß also eine Intrigue im Spiele sein, die entweder mir oder einer Anderen, vielleicht mir völlig Unbekannten gilt.« »Höchst wahrscheinlich hat der Rittmeister ein Porträt von Ihnen gekauft,« bemerkte Bianchi, als er die heftige Unruhe der Signora gewahrte. »Nach diesem offenbar von dem leidenschaftlichen Schwärmer hoch verehrten Bilde wird er sich dann ein Miniaturgemälde haben anfertigen lassen.« »Kennen Sie den Rittmeister persönlich?« warf Graziosa ein. »Man hat ihn mir gezeigt.« »Besucht er den Circus?« »Ich erinnere mich, ihn einige Male gesehen zu haben.« »Wo pflegt er Platz zu, nehmen?« »Gewöhnlich hält er sich im Hintergrunde.« Graziosa sann eine Weile, ihr klassisch geformtes Haupt auf die Hand stützend, nach. »Signor Bianchi,« sprach sie dann, »wenn es sich, ohne Aufsehen zu erregen, thun ließe, daß Sie in einer der nächsten Vorstellungen dem Rittmeister einen Platz anweisen könnten, wo ich den sonderbaren Mann beobachten kann, so möchte ich Sie bitten, dies zu arrangiren. Ich bin doch begierig, den Mann kennen zu lernen, der, der Sage nach, mein Bild auf dem Herzen trägt, sich für mich schlägt, mich, wie man annimmt, leidenschaftlich liebt und doch nicht einmal den Muth besitzt, sich mir zu nähern. Liebhaber solch' romantischer Art sind gar zu eigenthümliche Menschen. Sie kennen zu lernen ist man sich selbst schuldig, damit man doch Gelegenheit findet, die männliche Natur zu ergründen.« »Es wird nicht schwer fallen, Ihren Wunsch zu erfüllen, Signora,« erwiderte der Director. »Wir kündigen für einen der nächsten Abende eine Benefiz-Vorstellung für Sie an nebst warmer Aufforderung an das Publikum, sich ja recht zahlreich zu dieser an ganz außerordentlichen Leistungen reichen Vorstellung einzufinden. Wie die Sachen liegen, wird so leicht von Denen, welche den Vorfall kennen, Keiner fehlen, der Rittmeister am wenigsten. Da es bei solchem Zudrange natürlich auch an Platz mangeln dürfte, so werde ich selbst mich bemühen, die Herrschaften am zweckmäßigsten zu placiren, und ich gebe Ihnen mein Wort, Signora, der Rittmeister von Birkenfeld soll in erster Reihe Platz finden und Ihnen so nahe gerückt werden, daß Sie ihn bequem betrachten, und, wenn Ihnen daran gelegen sein sollte, ihm sogar die Hand reichen können.« »Besorgen Sie das Nöthige,« versetzte Graziosa kühl, »was mir zu thun obliegt, werde ich im entscheidenden Momente wohl wissen.« 5. Im Circus. Nach einigen Tagen verkündigten die Zeitungen das Benefiz der Signora Graziosa Feliciani. Es ward den Freunden nicht schwer, auch den Rittmeister zu bereden, dieser Vorstellung mit beizuwohnen. Von dem sonderbaren Gerücht, das über ihn umlief und ihn zu dem leidenschaftlichsten Anbeter der schönen Italienerin stempelte, war ihm nichts zu Ohren gekommen. Auch interessirte sich Birkenfeld wenig für die von so Vielen Belobte, da seine Gedanken auf Schloß Tannensee weilten, von wo auf seine letzten Briefe noch immer keine Antwort eingetroffen war. Mit erwartungsvoller Unruhe dagegen sah Graziosa Feliciani dem Abend entgegen. Sie trug ein Gefühl in sich, das sie bald ängstigte, bald beglückte. Konnte diese Vorstellung für sie nicht verhängnißvoll werden? Wenn nun der Mann, der sich im Besitz ihres Miniaturporträts befinden sollte, sie wirklich liebte? ... Wenn er edel, großmüthig, vorurtheilsfrei war? ... Wenn es gelang, ihn näher kennen zu lernen, ihn zu sprechen? ... Eine Fluth von Möglichkeiten wogte durch ihre Gedanken und raubte ihr die Klarheit des Urtheils, das ihr sonst immer zu Gebote stand. – Sie war so allein, so verlassen in der Welt! ... Sie hatte keine Heimath, keine Verwandte, selbst einen wahrscheinlich erborgten Namen trug sie, weil ein grausames Schicksal sie von Jugend auf verfolgt hatte! ... Sie hätte es ja ein Glück nennen, für eine Fügung der Vorsehung ansehen müssen, wenn ein Mann von Herz und Charakter, bestochen und gefesselt durch den Reiz ihrer Erscheinung, den festen Entschluß zeigte, sie einem Wirkungskreise zu entreißen, dem sie nicht aus Neigung angehörte, den sie vielmehr nur ergriffen hatte, um das Leben zu fristen und die ihr verloren gegangenen Verwandten zu ermitteln. Es war vielleicht Thorheit, ja Wahnsinn, daß sie überhaupt diesem Gedanken sich noch hingeben konnte, aber die Papiere in dem Koffer! ... der namenlose Brief ihrer Mutter, die sie nie gekannt hatte ... der sein gearbeitete goldene Reif, dem die geheimnißvollen Worte »Bis in den Tod« nebst Datum und Jahreszahl, die der ihres Alters entsprach, eingegraben waren, konnte das Alles erfunden und ihr, der Verlassenen, von übelwollenden Menschen nur in der Absicht, sie recht gründlich elend zu machen, heimlich zugesteckt worden sein? Graziosa konnte von dem Fenster des bescheidenen Zimmers, das sie bewohnte, das Zuströmen der Menschen beobachten, die heute alle Räume des Circus zu überfüllen drohten. Je näher die Stunde rückte, wo die Vorstellung beginnen sollte, desto banger ward ihr. Sie war nie ängstlich gewesen, wenn sie vor dem Publikum erscheinen sollte, heute aber klopfte ihr Herz ungestüm, und eine Unruhe, die zu besiegen sie sich vergebens anstrengte, erhielt volle Gewalt über sie. Wäre es möglich gewesen, Graziosa würde sich krank gemeldet haben, nur um nicht auftreten zu müssen. Wie immer, machte Director Bianchi der jungen Signora in Person die Anzeige, daß die Vorstellung in wenigen Minuten ihren Anfang nehmen solle. Es war dies für Graziosa immer eine indirecte Aufforderung, ihr Zimmer mit dem Circus zu vertauschen. »Sind alle Räume mit Zuschauern gefüllt?« fragte Graziosa, einen letzten Blick in den Spiegel werfend, und die Schleppe ihres langen Reitkleides von meergrünem Sammet aufnehmend. »Es mußten Viele, die noch Einlaß begehrten, abgewiesen werden,« versetzte Bianchi. »Einige waren so zudringlich, daß es nicht den freundlichsten Wortwechsel gab. »Ist die haute volée stark vertreten, auch die Damenwelt?« »Signora können zufrieden sein.« »Nun, und der bewußte Herr?« fragte sie leiser. »Sie erkennen ihn an einer Granatblüthe im Knopfloche des schwarzen Rockes, den er bis an den Hals zugeknöpft trägt. Es ist der dritte Herr von der Säule C in der vordersten Sitzreihe.« »Also es gab Streit?« fragte leicht hingeworfen Graziosa. »Es wäre fast dazu gekommen,« versetzte der Director. »Es ist immer ärgerlich, wenn die Menschen deshalb mehr Nachsicht beanspruchen, weil der Zufall sie statt in einer Hütte in einem gräflichen Schlosse zur Welt kommen ließ.« »Also ein Graf hat Sie belästigt?« Die Musik fiel ein mit einem lebhaften, lärmenden Marsche. Bianchi, als Stallmeister gekleidet, knöpfte seinen Frack zu und zog sich die Handschuhe an. »Ein Graf von Tannensee, glaub ich,« lautete. des Direktors Antwort. »Vornehm mag er wohl sein, darnach sieht er wenigstens aus, liebenswürdig aber fand ich ihn wahrhaftig nicht. Er gab sich Mühe, damit er nur ja mein Kleid nicht streifte, gerade als könne er durch eine Berührung mit mir unehrlich werden. Trotz seines barschen und herrischen Wesens mußte er sich doch mit einem Stehplatze begnügen. Er lehnt an der Säule F , dem Herrn, der Sie so merkwürdig auszeichnet, fast gegenüber. Ich würde ihn seinem Aeußern nach eher für einen Spanier als für einen Deutschen gehalten haben.« »Es gibt auch Spanier, die deutsche Besitzungen haben. Vielleicht ist der Graf ein solcher. Wie hieß er doch?« »Graf von Tannensee.« »Tannensee?« wiederholte Graziosa. »Ist's mir doch, als hätte ich diesen Namen schon früher einmal nennen hören.« Die Musik schwieg, dann vernahm man Trompetengeschmetter. Bianchi verbeugte sich vor Graziosa. »Auf Wiedersehen, Signora, auf Wiedersehen!« sprach er pressirt. »Sie finden Alles in schönster Ordnung. Ihr Achilles ist mit einer Sorgfalt geschmückt worden, daß Ihnen beim Anblick des schönen, klugen Thieres das Herz aufgehen wird. Die fünfte Pièce – Sie wissen – länger darf ich das so zahlreich versammelte Publikum auf Ihr Erscheinen nicht warten lassen.« Bianchi entfernte sich. Graziosa verweilte noch kurze Zeit, dann folgte sie zögernd, in einer Beklommenheit, die sie sich nicht recht zu erklären wußte, dem Vorangegangenen. Als der Augenblick herannahte, wo sie sich als Amazone dem Publikum zeigen sollte, kehrte ihr Muth und Entschlossenheit zurück. Nur zu lächeln vermochte sie heute nicht. Sie saß wie eine bleiche Marmorstatue auf dem stolzen Thiere, das sie trug und das dem leisesten Druck ihrer Hand willig gehorchte. Mit stürmischem Jubel begrüßt, dankte Graziosa nur durch eine unnachahmlich vornehme Kopfbewegung. Während ihrer Production musterte Graziosa die Reihen der Zuschauer mit scharfem Auge. Der Mann mit der Granatblüthe im Knopfloche war leicht zu finden. Graziosa mußte sich gestehen, daß er etwas Anziehendes habe. Seine Jugend, sein dabei doch ernstes Wesen, seine männlich feste Haltung machten einen sehr guten Eindruck. Ihr Blick kehrte wiederholt zu diesem Manne zurück, und ruhte einige Male, wenn sie dicht an ihm vorüberritt, fast mit wohlwollender Theilnahme auf ihm. Auch der Rittmeister schien von der höchst vortheilhaften Erscheinung der Reiterin geblendet zu sein. Er betrachtete sie mit mehr als neugierigen Blicken. Graziosa's Herz begann rascher zu klopfen. »Aber ich kenne ihn doch nicht,« sprach es in ihr; »ich habe ihn nie zuvor gesehen, nie gesprochen! ... Mein Bild kann, es müßten denn Wunder geschehen, in der Hand dieses – interessanten Mannes nicht ruhen!« Fast, gegen das Ende ihrer Production gedachte Graziosa wieder des Grafen, mit welchem der Director des mangelnden Raumes wegen in Wortwechsel gerathen war. Sie suchte jetzt die Säule F und entdeckte hier auch wirklich den Fremden. Hatte der Anblick des Rittmeisters ihr wohl gethan, ihr bis zu einem gewissen Grade Vertrauen eingeflößt, so erschreckten sie die stieren, durchbohrenden, nahezu beleidigenden Blicke des Grafen von Tannensee. Er war groß und hager, sah, finster und hart aus, konnte aber trotzdem noch immer für einen pikant schönen Mann gelten. Nicht Jugendlichkeit und offene Züge fesselten an ihn, sondern eine moqante Vornehmheit, die Alles gering achtet und aus dieser Nichtachtung gewiß ist, Siege, wenigstens Vortheile, zu gewinnen. Bianchi hatte Recht. Der Fremde, der sich gegen dm Director so auffällig wegwerfend benommen hatte, sah unbedingt einem Südländer ähnlich. Sein Gesicht war von jener südlichen Blässe, die dem seinen Teint der Südländer einen bisweilen goldig schimmernden Anhauch verleiht. Sein Haar war noch voll und stark, begann aber schon zu ergrauen. Er trug einen offenbar künstlich gefärbten Schnurrbart. Sein Auge folgte der Reiterin unverwandt, aber fortwährend mit einem Ausdrucke, als zürne er und habe ein Recht, allenfalls auch mit ihr zu schelten. Graziosa ward ganz unheimlich, so oft sie an diesem bewegungslos an die Säule gelehnten Fremden vorüberritt, und um nicht von seinem stechenden Blicke getroffen zu werden, wendete sie sich, so gut es sich thun ließ, bei jedesmaligem Vorüberreiten von ihm ab. Erst im vollen Carrière die Bahn durchfliegend, kehrte Graziosa dem Grafen ihr von der Anstrengung des Rittes sanft geröthetes Antlitz wieder zu, faßte ihn scharf in's Auge, und glaubte zu bemerken, daß er vor ihrem so großen fragenden Blicke die graue Wimper senkte. Als Graziosa den Circus verließ, begleitete sie lauter Jubelruf der Zuschauer, und aus den hintersten Reihen des ersten Ranges flogen einige Kränze in die Bahn. Sie hatte zuletzt wieder den Rittmeister scharf beobachtet, und es war ihr aufgefallen, daß er nicht das geringste Beifallszeichen von sich gab. Dies Schweigen konnte sie günstig und ungünstig für sich deuten. Es lag darin entweder Gleichgiltigkeit und Zerstreutheit, oder ein tieferes Gefühl, das sich selbst zu verrathen und zu entweihen glaubte, wenn es mit einstimmte in den profanen Ruf der Menge. Director Bianchi ließ von einem seiner Leute die Kränze aufsammeln und überreichte sie, begleitet von den verbindlichsten Dankesworten, der in tiefes Sinnen verlorenen Signora. »Sie erobern heute mehr als Ein Herz,« setzte er hinzu. »Möge es Ihnen gelingen, eins davon auch glücklich zu machen!« Graziosa schwieg, übergab das keuchende Thier dem Groom und verließ den Circus, um sich wieder auf ihr Zimmer zurückzuziehen und hier so lange zu verweilen, bis man sie später, wenn sie abermals dem Publikum sich zeigen sollte, wieder rufen würde. Nachdem sich Graziosa eine kurze Ruhe gegönnt hatte, kleidete sie sich um, dann öffnete sie den kleinen Koffer und nahm aus den dann befindlichen Papieren einen vergilbten Bogen. Es war dies jener Brief ihrer Mutter, die sie nie gekannt hatte, deren Namen sie nicht einmal wußte. Obwohl sie die wenigen Zeilen schon hundert Mal sich eingeprägt, las sie dieselben doch immer wieder von Neuem. Sie kannte die Stelle, wo jedes Wort in diesem ihr so theuren Briefe stand, der sie doch nur beunruhigte, weil sie ja stets in ein unlösbares Räthsel blickte, so oft sie ihn entfaltete. Dieser Brief lautete: »Der Segen Deiner Mutter möge stets auf Dir ruhen, geliebte Tochter! Bewahre diese Zeilen, die eine Sterbende niederschreibt, als ein heiliges Vermächtniß. Es ist Alles, was eine Namenlose Dir hinterlassen kann. Niemand wird dies werthlose Vermächtniß Dir rauben, Dich aber kann es kräftigen, in der Noth ermuthigen, im Glück zur Demuth ermahnen. Du bist eine Waise, und doch berechtigt, dereinst einen hochgeachteten Namen zu führen. Aber Du mußt Geduld haben, nicht ungestüm werden und sehr, sehr vorsichtig sein. Diejenigen, welche Dich pflegen und schützen sollten, haben Dich verstoßen, und dennoch, dennoch bist Du ihnen nicht gleichgiltig. Nur der Tod kann Dir geben, was Du nicht besitzest, ohne den Tod auch nie besitzen wirst. Leb' wohl, geliebtes Kind, leb' ewig wohl! Ein Eid bindet mich, Dir meinen Namen zu nennen, allein früher oder später wirst Du ihn erfahren.« Hier endigte der Brief. Wie oft hatte Graziosa schon über diesen Worten gebrütet! Wenn die Hand, die sie vor vielen Jahren niederschrieb, nicht eine ihr feindliche war, welche Hoffnungen ließen sich dann an diese dunkeln Andeutungen knüpfen! Die jugendliche Phantasie erhielt durch sie den weitesten Spielraum, und es gab keinen noch so hochfliegenden Gedanken, den Graziosa zu fassen nicht berechtigt gewesen wäre. Seit einigen Jahren begannen allerdings Zweifel sie zu ängstigen. Sie hatte bereits das zwanzigste Jahr zurückgelegt und stand jetzt in der blühendsten Fülle schöner Jugendlichkeit. Aber das Leben lag vor ihr als endlose Oede. Nirgends sah sie ein Ziel oder nur einen Ausruhepunkt. Die Wirbel der Welt, die sie erfaßten und denen sie wider Willen folgen mußte, ließen sie nicht wieder los, wenn die Nachforschungen nach ihrem Ursprünge kein Resultat lieferten oder wenn ihr kein Retter erstand. Bisweilen hatte sie an Bianchi gedacht. Dieser Mann, dem auch kein beneidenswerthes Loos gefallen war, zeichnete sie vor Allen aus und behandelte sie mehr wie eine Gebieterin als wie eine Untergebene. Sie wußte, es bedurfte ihrerseits nur eines leisen Entgegenkommens, und Bianchi bot ihr seine Hand. Es wäre ein Ausweg gewesen, der ihr Ruhe und Beruhigung geben konnte, wenn sie jeden Wunsch, jede Hoffnung für immer begrub. Das aber vermochte sie nicht, und darum blieb sie Bianchi gegenüber immer das abweisend stolze und verschlossene Mädchen, das ihren übernommenen Verpflichtungen gewissenhaft und pünktlich, selten aber freundlich nachkam. Jetzt endlich, nach langem Harren und fruchtlosem Suchen schien ihr das Glück doch mehr lächeln zu wollen. Das Duell des Rittmeisters, dessen schuldlose Veranlassung sie gewesen war, konnte einen Anknüpfungspunkt geben, wenn es ihr nur gelang, diese von selbst sich darbietende Gelegenheit klug zu benutzen. Sie hatte den Mann, der – wie so Viele behaupteten – aus Liebe zu ihr sich mit einem Andern zu schlagen kein Bedenken trug, gesehen, und sie gestand sich, daß er ihr schon jetzt nicht mehr völlig gleichgiltig war. Wie aber sollte sie ihm zu erkennen geben, daß in ihrem Herzen für ihn Gefühle des Dankes sich regten? ... Durfte sie zudringlich sein? ... Ein zu herzlicher, offener Blick konnte ja diesen schwärmerischen Mann verwunden und für immer verscheuchen! ... Und dennoch – ein Blick wenigstens Auge in Auge, in dem vielleicht ein gegenseitiges tiefes Erkennen lag, war erwünscht und sogar gerechtfertigt. Dem Rittmeister war sie – das sagten ja so Viele – ein Gegenstand der Verehrung. Einem Manne, der ihr Bild auf dem Herzen trug, konnte sie unmöglich gleichgiltig sein ... Und der Rittmeister? ... Mußte er nicht längst ahnen, daß sein auffallendes Rencontre sich herumsprach, daß es, wenn auch noch so sehr entstellt, auch im Circus zuletzt seinen Widerhall fand? ... Im Grübeln und Sinnen erhitzte sich Graziosa bis zu leidenschaftlicher Erregtheit, ohne daß es ihr gelingen wollte, einen bestimmten Entschluß zu fassen. Da trat der Director wieder in ihr stilles, kleines Zimmer. »Ich komme, um Sie nach dem Circus zu geleiten, Signora,« sprach er ehrerbietig, mit wohlgefälligem Blicke die fein gegliederte, schlanke Gestalt musternd, die in der kleidsamen, etwas koketten Anzüge eines florentinischen Blumenmädchens Jeden fesseln mußte. Auf dem reich gelockten glänzenden Haar saß ein sehr feiner, ungewöhnlich breitkrempiger italienischer Strohhut. Ein rosaseidenes Band, das Wangen und Kinn leicht umfing, hielt ihn fest. Breite lange Bänder von gleicher Farbe flatterten bis über die Brust herab und verschlangen sich hier wieder zu einer lose gebundenen Schleife. Unter diesem Hute erhielt das edel geschnittene Profil Graziosa's einen wunderbar fesselnden Reiz, von dem selbst die Damenwelt entzückt wurde. Bianchi trug ein schön geflochtenes, mit blauer Seide gefüttertes Körbchen, das er jetzt auf den Tisch stellte. Es war bis zum Rande mit den frischesten Blumensträußchen angefüllt. Zwischen aufspringenden Centifolien, feurigen Nelken, süß duftenden Veilchen und Heliotrop sah Graziosa auch einige köstliche Granatblüthen glühen. Ein glückliches Lächeln verklärte ihr Gesicht. Ein erheiternder Gedanke oder eine selige Rückerinnerung mußte durch ihre Seele geflogen sein. Sie streckte ihre Hand nach dem Körbchen aus, nahm es an sich und sog den würzig süßen Blumenduft in langen Zügen ein, indem sie Bianchi's Anrede mit der kurzen Frage beantwortete: »Hat es auch Eile?« Der Director bat das Blumenmädchen, auf die Klänge der Musik zu hören, die nach kurzer Pause so eben wieder begann. Graziosa kannte, diese Töne. Es war ein Musikstück, das ihren Namen trug, und das ein junger Musiker ihr zu Ehren componirt hatte. Seitdem ward es regelmäßig gespielt, wenn Graziosa als Blumenverkäuferin von Florenz auf milchweißem, mit Purpur aufgezäumten Zelter im Circus erschien. »Gehen wir,« sprach sie mit drängender Hast. »Ich wünschte, das Spiel wäre schon zu Ende, darum will ich keine Minute länger zögern, als nöthig ist.« Die Begrüßung Graziosa's von Seiten der Zuschauer war laut und stürmisch. Sie begann noch einmal, als die Italienerin schon ihren Zelter in Bewegung gesetzt hatte und sich jetzt auf ein Knie niederließ, um ihre duftenden Blumenspenden beliebig an die Zuschauer zu vertheilen. In gemäßigtem Trabe den Circus umreitend, gab sich Graziosa den Anschein, als werde sie von zu großer Helle geblendet. Bald schirmte sie ihre Augen mit der Krempe des Hutes, bald durch Vorhalten ihrer blendend weißen Hand. Zögernd und wählend langte sie dann in das blumengefüllte Körbchen und zog nach kurzem Prüfen die Hand wieder zurück, als wisse sie nicht recht, wozu sie sich entschließen solle. Auf einen leichten Wink begann die Musik in schnellerem Tempo zu spielen, der Gang des stolzen weißen Zelters beschleunigte sich ebenfalls, und nun streute Graziosa mit bewundernswürdiger Gewandtheit, während der Lauf des Pferdes immer rascher werdend, einen wahren Blumenregen über die Zuschauer aus. Es war vorauszusehen, daß eine Anzahl von Händen nach, den von der reizenden Blumenspenderin geworfenen Sträußchen haschen und daß ein von Verschiedenen ergriffenes in mehrere Theile zerrissen werden würde. Am eifrigsten griffen die anwesenden Herren nach den Hereinstiegenden Gaben der Italienerin, und zwar mit solcher Hast, daß bald an verschiedenen Punkten der Sitzreihen ein starkes Drängen entstand. Graziosa achtete genau auf Diejenigen, welche sich besonders eifrig im Auffangen der geworfenen Sträußchen zeigten. Es hätte sie beinahe verletzt, daß gerade Rittmeister von Birkenfeld nicht den geringsten Theil auch an diesem heitern Spiel zu nehmen schien. Er saß still, mit verschränkten Armen, auf seinem Platze, und schien nur Auge für das edle Thier zu haben, das die Blumenspenderin trug. Daß ihr selbst dieser klare, ruhige Blick gelten könne, glaubte sie nicht, weil der Rittmeister sonst doch wohl eines der Sträußchen, deren mehrere dicht bei ihm niederfielen, würde aufgehoben haben. Da ergriff, halb im Zorn und doch von unwiderstehlichem Drange erfaßt, Graziosa die schönste der im Körbchen liegenden Granatblüthen, und reichte im Vorüberjagen diese Blüthe dem Rittmeister. Ueberrascht von dieser unerwarteten Handlung der schönen Fremden, ergriff er das dargereichte Geschenk, erfaßte gleichzeitig aber auch die Spitzen ihrer Finger, wodurch Graziosa das Gleichgewicht verlor. Noch aber hielt sie sich – sie sah, wie Birkenfeld die schöne Blüthe in eins der Knopflöcher steckte, während er die, welche er schon beim Betreten des Circus trug, zerpflückte. Ihr Herz jubelte, aber auch um ihre Geistesgegenwart war es geschehen. Einem unsichern kurzen Schwanken folgte ihr Sturz und zwar gegen die Barriere, so daß sie im Fallen von dem schnell weiter galoppirenden Pferde noch einen starken Schlag empfing. Diesen Sturz begleitete ein allgemeiner Angstschrei der Zuschauer, welcher das seiner schönen Bürde so Plötzlich entledigte Thier verwirrt machte, es mitten in der Bahn umkehren und in mäßigen Sätzen dem Ausgange zueilen ließ. Zum Glück fiel dem gut geschulten Zelter hier ein Groom in die Zügel und brachte ihn sofort zum Stehen. Inzwischen hatten Mehrere der Anwesenden die niedrige Barrière übersprungen, um Graziosa zu Hilfe zu eilen. Man fürchtete, da sie sich Anfangs kaum bewegte, das Schlimmste. Sie erhob sich jedoch mit Leichtigkeit, konnte aber, da der Fall oder der Schlag ihres Thieres sie stark am linken Fuße beschädigt hatte, nicht auftreten, und wäre jedenfalls sofort wieder zusammengebrochen, hätten nicht ein Paar starke Arme sie erfaßt. Als sie aufblickte, sah sie in ein Paar tiefliegende, glühende schwarze Augen. Der fremdländisch aussehende Fremde, in dessen Nähe der Unfall sich ereignet hatte, hielt sie umfangen. Sie zitterte heftig und wollte sich ihm entziehen. »Sie sind beschädigt, Signora,« sprach Graf von Tannensee in reinem Italienisch. »Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen behilflich sein darf, Sie aus dem Circus zu geleiten.« »Herr Graf von Tannensee,« versetzte darauf der bereits herbeigeeilte Director, »Signora Feliciani dankt Ihnen verbindlichst!« Er reichte Graziosa den Arm, die sich auch willig darauf stützte. Der Graf trat zurück und verbeugte sich mit seinem Lächeln. In diesem Moment erschien der Rittmeister in Begleitung des Fähndrichs Appenzell, der nicht weniger als drei Sträußchen in der Hand hielt. Hatte die Italienerin ihren Sturz auch nur einer Unvorsichtigkeit schuld zu geben, die Birkenfeld persönlich durch sein Verhalten gewiß nicht provocirte, so trieb ihn jetzt doch ein rein menschliches Mitgefühl zu der Schönen, um sich zu überzeugen, daß der unangenehme Vorfall wenigstens keine gar zu ernsten Folgen für dieselbe haben werde. Graziosa erröthete, als sie in des Rittmeisters Auge sah, doch senkte sie den Blick nicht, nur ein Murmeln der Entschuldigung spaltete ihre Lippen und traf in weichem Lispelton das Ohr des ehemaligen Militairs. »Wunderseltsam!« sprach beim letzten Klang dieser Worte und bei dem festen Blick in das Antlitz Graziosa's der Ueberraschte. »Solche Aehnlichkeit ist ja fast unheimlich!« »Herr Graf von Tannensee, meinen verbindlichsten Dank!« lispelte gleichzeitig die Signora, während ihr dunkles Auge noch einmal schwärmerisch den Rittmeister streifte. Ein herbeigebrachter Lehnsessel nahm die Verwundete auf. Sie ward fortgetragen. Rittmeister von Birkenfeld sah den Fremden unter der Menge, welche jetzt die ganze Bahn erfüllte, verschwinden. »Graf von Tannensee?« wiederholte Appenzell. »Wenn die Signora sich nicht geirrt hat, muß er es sein,« sagte Birkenfeld. »Ihr künftiger Schwiegervater?« »Der Vater meiner theuern Verlobten, mit welcher diese Sirene eine so beunruhigende Aehnlichkeit besitzt!« Dem Fähndrich flimmerte es vor den Augen. Er faßte die Hand des Rittmeisters. »Pardon!« sprach er in geflügelter Eile. »Sie tragen das Miniaturbild einer Dame auf der Brust?« »Das Conterfei der Comtesse Bianca von Tannensee.« »Und das – ähnelt – der –« »Signora Graziosa Feliciani könnte sich für ihre Zwillingsschwester ausgeben und ich fürchte, es würde mir schwer fallen, sie nicht für meine Verlobte zu halten. Gerade diese wunderbare Aehnlichkeit machte mich beim Anblick dieser Circe ganz stumm. So oft sie an mir vorüberschwebte und ich ihren Blick auffangen konnte, mußte ich stets Bianca in ihr sehen! Ich gestehe, daß ihre Aehnlichkeit mich im hohen Grade frappirt hat, und daß, wäre dieser Unfall nicht dazwischen gekommen, ich am Ende der Vorstellung mich bewogen gefühlt hätte, um die Erlaubniß einer Unterredung mit Graziosa zu bitten. In meinem Auge mag etwas von der Kraft des bösen Blickes gelegen haben, und der Zauber dieses mal' occhio verursachte ihren Sturz ... Aber, was haben Sie denn, Appenzell? Sie wollten ja doch den Abend mit mir zubringen? ... Ist Ihnen unwohl? ... Sie machen ja wahrhaftig Grimassen, als würden Sie von der Cholera befallen!« »Pardon, lieber Rittmeister, Pardon!« rief der erschrockene Fähndrich ihm zu, mit stürmischer Hast sich gewaltsam Bahn brechend aus dem Circus. »Eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit ruft mich ab ... Morgen, übermorgen stehe ich Ihnen Rede ... Dann sollen Sie Alles erfahren! ...« Er verlor sich unter der Menge, ehe es dem weniger ungestümen Rittmeister gelang, das Freie zu gewinnen. 6. Frohe Botschaften. Am nächsten Morgen überbrachte ein Lohndiener dem Rittmeister ziemlich früh ein Billet. Beim Oeffnen fiel eine Visitenkarte heraus. Sie trug den Namen Erhardt von Tannensee. Der Graf war Abends vorher angekommen und noch in derselben Nacht mit Courierpferden weiter gereist. »Er war es also doch!« sagte von Birkenfeld sinnend, indem seine Hand das auf dem Tische liegende Medaillon erfaßte und ein leiser Druck auf die Feder ihm das Portrait der Geliebten enthüllte. Er betrachtete die schönen, weichen Züge des intelligenten Gesichtes lange, und ein Gefühl von Wehmuth bemächtigte sich seiner, je mehr er sich in die Betrachtung des ihm so theuern Bildes vertiefte. »Und sie sieht ihr doch ähnlich wie eine Zwillingsschwester!« sprach er dann seufzend und die Kapsel wieder zudrückend. Er schritt das Zimmer einige Male auf und nieder, und trat sodann an's Fenster, die draußen Vorübergehenden gleichgiltig betrachtend. »Woher mag die Signora den Grafen kennen?« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. »Er war seit Jahren nicht in Italien, und die Signora kommt zum ersten Male, wie man allgemein wissen will, von dorther nach Deutschland! ... Erfahren muß ich, wie dies zusammenhängt, und zwar noch vor meiner Abreise nach Schloß Tannensee, die jetzt nach des Grafen längst gewünschter Rückkehr keinen Aufschub mehr erleidet.« Ein lautes Klopfen unterbrach den Rittmeister in seinem Selbstgespräch. Dem noch lauteren Herein! folgte der Eintritt eines Officierburschen, der eine ganze Hand voll Briefe dem Erstaunten einhändigte. »Von wem?« fragte Birkenfeld, ehe er die Züge der Handschriften betrachtete. »Der gnädige Herr finden die Adressen,« lautete des Burschen commandoartige Erwiderung. »Mir ist befohlen, die Briefe nur abzugeben. Habe die Ehre, mich dem Herrn Rittmeister respektvoll zu empfehlen.« Dieser schob jetzt einen Armstuhl an's Fenster und begann die Briefe, einen nach dem andern, zu erbrechen. Jeder enthielt eine Karte, die außer dem Namen des Absenders nur die bei allen ganz gleichlautenden Worte enthielt: »Tausend Pardons! Wir bekennen allesammt unsern Irrthum!« Der Rittmeister legte sämmtliche Karten der Reihe nach vor sich hin und schlug kopfschüttelnd die Arme über der Brust zusammen. »Ich begreife gar nicht, was das bedeuten soll!« sagte er endlich, ab und an einen Blick auf die Straße werfend, wo es jetzt von Minute zu Minute lebhafter ward. »Ich erinnere mich doch nicht, daß irgend einer dieser Herren, die sich ja ohnehin meine Freunde nennen, mich verletzt hat, und doch bitten mich Alle gleichlautend um Verzeihung? ... Das fasse, wer kann! ... Er nahm die erhaltenen Karten nochmals auf und unterwarf jede einzelne einer sehr genauen Untersuchung. »Sie könnten nachgemacht sein – dergleichen Dinge sind schon vorgekommen – und irgend ein recht bösartiger Schuft, der Freude hat am Unglück Anderer, beabsichtigt, Unkraut in unsere Freundschaft zu säen ... Nein, diese ist ächt – das ist die Hand Hohenorts – das da – des Generals von Haustein Lapidarschrift. – So kritzelt der Kammerjunker von Löwenzahn, – so, der kleine, bewegliche Major, Freiherr von Breitenstirn ... Die Kleckse des Premier-Lieutenants, der uns das schöne Märchen von der Italienern erzählte, kenne ich auch, und wenn diese mädchenhaft saubere Perlschrift nicht der Feder des leichtfertigen Fähndrichs Appenzell entsprungen ist, so will ich –« Plötzlich hielt Birkenfeld inne in seinem Selbstgespräch, ließ sämmtliche Karten fallen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Die Verwandlung des blonden Fähndrichs, sein auffallendes Wesen, seine Eile, die ihn in sichtbarer Angst am vorigen Abend von seiner Seite trieb, fielen dem Rittmeister wieder ein. »Findet zwischen jener eiligen Entfernung und diesen um Verzeihung bittenden Karten ein Zusammenhang statt?« fuhr er aufgeregt fort. Sein Blick fiel wieder auf's Fenster und die draußen vorüberziehende geschäftige Menge. »General von Haustein Arm in Arm mit dem Baron von Hohenort?« sagte er, aufstehend und das Fenster öffnend. »Wahrhaftig, sie steuern auf meine Wohnung zu ... Und dort aus der langen Seitenstraße sehe ich auch den Fähndrich in lebhaftem Gespräch mit dem Kammerjunker dieselbe Richtung einschlagen! ... Kein Zweifel, alle diese Herren haben mir gleichzeitig einen Besuch zugedacht! Aber vermaledeit will ich sein, wenn ich weiß oder nur vermuthe, was in aller Welt mir die Ehre dieses Besuches Befreundeter en masse und zu dieser Stunde verschafft!« ... Rittmeister von Birkenfeld zog sich zurück und schloß das Fenster. Keiner von seinen Freunden, die alle in lebhafte Gespräche vertieft waren, hatte ihn gesehen, und er selbst wollte sich nicht merken lassen, daß er um ihr Kommen wisse. Gemächlich im Divan Platz nehmend und in der neuesten Zeitung blätternd, erwartete er die Freunde. Es klopfte auch wirklich gleich darauf, diesmal aber trat auf des Rittmeisters Herein! der Postbote in's Zimmer. Er überreichte von Birkenfeld ein Packet mit dem gräflichen Wappen der Tannensee. »Endlich« rief er erfreut aus, das Siegel schnell lösend und den Inhalt des Packets musternd. Dasselbe enthielt außer Briefen von seiner Braut und Schwiegermutter einige Verlobungskarten, denen er schon so lange mit Sehnsucht entgegengesehen hatte. Der Brief Bianca's athmete Liebe und Zärtlichkeit. Die Comtesse erkundigte sich angelegentlich nach seinem Befinden, scherzte anmuthig über die üble Angewohnheit junger Männer, sich gleich jeder Kleinigkeit wegen zu raufen, sprach aber auch die Hoffnung aus, er werde nunmehr ihr zu Liebe diese Gewohnheit ablegen. Die Gräfin Tannensee schrieb eben so förmlich und kühl, wie sie sich im persönlichen Verkehr mit Andern zeigte. Ihr Brief enthielt eigentlich nur geschäftliche Anzeigen: daß sie der Ankunft des Grafen Erhardt stündlich entgegensehe; daß sie, um demselben eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, die Ankündigung der Verlobung genau auf diesen Tag verschoben habe, und dergleichen mehr. Schließlich sprach sie die Hoffnung aus, den Rittmeister nächstens auf Schloß Tannensee begrüßen zu können. »Zur guten Stunde,« sagte von Birkenfeld sehr befriedigt, die Briefe in sein Portefeuille legend und einen Blick voll Frohsinn und Glück auf die Namen heftend, welche die elegante Karte zeigte. Da hörte er die muntere Frage: »Ist's erlaubt, Herr von Birkenfeld?« Schon an der Stimme erkannte der Rittmeister den Baron von Hohenort, welcher, ohne sich vorher anmelden zu lassen, die Thür behutsam geöffnet hatte und jetzt in's Zimmer trat. »Wenn ich störe, komme ich später wieder,« fügte er seiner Frage hinzu. »Im Gegentheil, werther Herr Baron,« erwiderte der Rittmeister, »ich begrüße Sie aufs Freudigste. Wie könnte ich auch anders in dem Augenblicke, wo der sehnlichste Wunsch meines Herzens, die schönste Hoffnung meines Lebens in Erfüllung gegangen ist! Hier, bester Hohenort! Ich hoffe, ein ehrlich gemeinter Glückwunsch von Ihrer Seite wird nicht ausbleiben.« Mit triumphirender Miene hielt der Rittmeister dem Baron die so eben in seine Hände gelangte Karte vor, die seine Verlobung mit der Comtesse Bianca von Tannensee aller Welt verkündigte. Hohenort wußte sich vollkommen zu beherrschen, als er die Namen las, sein Blick aber ruhte nur kurze Zeit auf der vorgehaltenen Karte, denn ihm ganz nahe auf dem Tische lag die goldene Kapsel, welche das für ihn und seine Freunde verhängnißvoll gewordene Miniaturportrait der Braut des Rittmeisters verbarg. »Eine angenehmere Mittheilung, liebster Birkenfeld, hätten Sie mir in der That nicht machen können,« sagte er heiter und unbefangen. »Sie wissen, wie großen Antheil ich an Allem nehme, was Sie betrifft, und wie ich Ihnen gern meinen Beistand anbot, als damals der schwatzhafte Premier-Lieutenant –« »Apropos,« unterbrach der Rittmeister den Baron, schnell dem Fenster zuschreitend und hier die vor Kurzem erhaltenen Visitenkarten mit beiden Händen zusammenraffend, »was sollen denn eigentlich diese Spottvögel, die mir alle in ein und derselben Weise die Melodie eines langgezogenen Pardon vorsingen, bedeuten? Ist das etwa eine neu aufgekommene Art, guten Freunden zu gratuliren, oder versteckt sich hinter der lächelnden Maske bitterer Ernst? Ich bekenne Ihnen ganz ehrlich, liebster Hohenort, daß mein Witz mich vollkommen im Stiche läßt.« Der Baron sah den Rittmeister forschend an, als wünsche er die geheimsten Gedanken desselben zu errathen. Der Gesichtsausdruck Birkenfelds beruhigte ihn. »Wenn Sie noch einige Augenblicke Zeit haben für Ihre alten Freunde, Cameraden und Bekannten,« erwiderte von Hohenort, »so bin ich von allen Denen, deren Karten Sie empfingen, beauftragt, Sie für heute Mittag zu einem recht fröhlichen und ungenirten Junggesellen-Diner einzuladen. Es wird in unserm alten gemüthlichen Locale, im Caffeehause an der Ecke des großen Marktes, servirt. Sie kommen doch?« »Noch bin ich frei,« versetzte der Rittmeister mit Pathos. »Von morgen an fesseln mich zarte und heilige Bande. Meine vorige Frage aber muß ich dennoch wiederholen. Ist's Scherz, ist's Ernst? Verbirgt sich in diesem mir unverständlichen Pardon ein tiefer, geheimnißvoller Sinn?« »Von meinen Auftraggebern mit unbedingter Vollmacht ausgerüstet, kann ich auch diese Frage beantworten,« sagte Baron von Hohenort. Darauf erinnerte er den Rittmeister an das Rencontre mit General von Haustein, und was in Folge desselben sich später zugetragen hatte. »Sie selbst, lieber Birkenfeld, waren es, der mich aufforderte, das Medaillon dort an mich zu nehmen, damit es nicht etwa vom Blute benetzt werde,« schloß der Baron seine Mittheilung. »Das Porträt meiner Braut – ich erinnere mich dessen sehr wohl.« »Die Kapsel öffnete sich durch Zufall, und außer mir sahen die bewunderungswürdig schönen Züge der Comtesse Bianca von Tannensee auch noch einige Andere.« »Die hoffentlich nicht davor zurückbebten, Baron.« »Man war erstaunt –« »Ueber Bianca's Schönheit?« »Auch, mehr noch wohl über die Aehnlichkeit des Portraits mit –« »Mit – mit ... Graziosa ... Feliciani?« fiel Birkenfeld ein. »Sie finden es selbst?« Der Rittmeister war plötzlich sehr bleich geworden. »Lieber Baron,« sprach er, das Medaillon an seine Lippen drückend, »was ich erst seit gestern Abend weiß, was mich während Graziosa's hinreißender Darstellung bis zur Gedankenlosigkeit verwirrte, davon hatte ich an jenem Tage noch keine Ahnung! ... Und Sie, Baron? ... Und unsere Freunde? ... Sie glaubten? ...« »Nichts, worin Sie eine Beleidigung oder Ehrenkränkung erblicken könnten,« fiel von Hohenort ein. »Ihre Verlobung mit Comtesse Bianca von Tannensee war für die Gesellschaft noch ein Geheimniß, nur Einige von uns, gegen welche Sie in heiterer Stunde Ihres Glückes, Ihres Triumphes Erwähnung gethan hatten, wußten darum. Wer mochte es Ihnen verdenken, wenn eine mit seltener Schönheit begabte Zauberin momentan auch in Ihr Herz sich einzuschleichen verstanden hätte?« Der Rittmeister war sehr erregt. Er grollte dem Zufall, welcher den Freunden Anlaß zu Vermuthungen gegeben hatte, die er in ganz gleicher Lage höchst wahrscheinlich getheilt haben würde. »Der gestrige Abend,« fuhr der Baron fort, »und eine kurz hingeworfene Aeußerung von Ihnen, die der gute Appenzell in größter Bestürzung uns und den Wenigen, die um unsere Vermuthung wußten, überbrachte, hat uns bedauern lassen, daß wir so leichtgläubig waren. Wir hielten Rath, was zu thun sein möge und was sich für uns zieme, ohne daß wir unserer eigenen Ehre zu nahe träten. Unser Beschluß ist Ihnen seitdem bekannt geworden, und als Mann von Ehre werden Sie – davon sind wir allesammt überzeugt – die Hände offenherziger Freunde, die sich Ihnen vereint entgegenstrecken, gewiß nicht von sich stoßen.« Der Rittmeister ließ die erhaltenen Visitenkarten nochmals durch seine Finger gleiten. »Können Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß außer den hier sich Nennenden Niemand um Ihr Geheimniß wußte? fragte er den Baron.« »Nur wir kannten das Miniatur-Portrait in der goldenen Kapsel,« antwortete von Hohenort mit festem, ernsten Tone. »Dann hat für mich Ihre Vermuthung nicht existirt,« versetzte der Rittmeister, schob die Karten zusammen und legte sie in ein verborgenes Fach seines Secretairs. »Hier können die Spottvögel nicht zwitschern,« fuhr er fort. »Vielleicht drehe ich Ihnen aber doch später der größeren Sicherheit wegen mit barbarischer Hand die Hälse ab und übergebe sie gemeinschaftlich der verzehrenden Flamme ...« Dem Baron ward nach diesen mit edlem Freimuth gesprochenen Worten des Rittmeisters um Vieles leichter. Der ihm gewordene Auftrag war mißlich genug und hätte wohl schwerlich so schnell zu einem glücklichen Resultate geführt, wäre ihm nicht die erheiterte Stimmung des Freundes auf halbem Wege entgegengekommen. Von Birkenfeld hielt jetzt den Baron noch fest, um die Frage an ihn zu richten, ob er in Erfahrung gebracht habe, wie Signora Feliciani nach ihrem fatalen Unfälle während der gestrigen Vorstellung sich befinde »Ich kann nicht in Abrede stellen,« setzte er hinzu, »daß ich gerade seit gestern diese Dame mit eigenthümlichem Interesse betrachte. Wüßte ich eine Form zu finden, um mit derselben in Verbindung zu treten, so würde ich keinen Anstand nehmen, mich ihr zu nähern. Die Erzählung des Premier-Lieutenants kann ja doch ein Körnchen Wahrheit enthalten.« »Signora Feliciani kannte den Grafen von Tannensee,« bemerkte der Baron. »Daß sie ihn kannte, ist wohl noch zu beweisen, daß sie seinen Namen nannte, habe ich selbst gehört.« »Sollte eben diese namentliche Begrüßung nicht auf eine frühere Begegnung Beider schließen lassen?« »Der Graf lebte in Aegypten, Signora Feliciani. kam aus Italien zu uns!« »Aber in früheren Jahren besuchte Graf von Tannensee das classische Land der Kunst und Geschichte längere Zeit.« »Allerdings,« sagte der Rittmeister, »doch ist dies selbst nach General von Hausteins Versicherung so lange her, daß ein Mädchen von dem Alter der schönen Signora aus jener Zeit unmöglich noch eine Erinnerung mit sich umhertragen kann.« Der Baron schwieg, obwohl ihm noch eine andere, nahe liegende Frage auf den Lippen schwebte. Er hoffte halb und halb, von Birkenfeld werde diese Frage selbst aufwerfen, dies geschah jedoch nicht. Der Rittmeister sprang etwas hastig auf andere Gegenstände über und gab dadurch zu erkennen, daß es ihm angenehmer sei, wenn man das bisher erörterte Thema, das sich so ohne Weiteres doch nicht ergründen lasse, nicht ferner berühre. Da es nun unzart gewesen wäre, von Neuem darauf zurückzukommen, so beachtete der Baron den schweigend erhaltenen Wink des nicht nachtragend zu nennenden Freundes und ging willig auf die veränderte Gesprächsrichtung ein, die Beide erheiterte. Erst gegen Mittag verließ der Baron den Rittmeister, von diesem das Versprechen mitnehmend, daß er sich pünktlich bei dem Junggesellen-Diner einfinden werde. 7. Vater, Mutter und Tochter. Die bemoosten Zinnen von Schloß Tannensee funkelten im Gold der Abendsonne. In dunkler Bläue wölbte sich der Himmel über dem weitläufigen Park, dessen äußerste Buschpartieen mit dem düstern Tannenwalde zusammenliefen, welchem das Schloß wohl seinen Namen verdanken mochte. Etwa in der Mitte des Parkes befand sich ein kleiner See mit einer Insel, der von einigen meistentheils wasserarmen Bächen gespeist wurde, die von den hügeligen Waldhöhen, welche im Süden das alte Schloß umgaben, herabrieselten. Der See lag schon im Schatten, und im dunkeln Laub der ihn umrauschenden Buchen zeigten sich die blitzenden Lichtfunken schwärmender Leuchtkäfer. Auf dem klaren, von keinem Windhauch gekräuselten Wasserspiegel schaukelte ein Nachen, den ein kräftiger Mann in Livrée dem Ufer zusteuerte. Weiche melodische Klänge einer Guitarre verhallten zitternd über dem See und klangen fast wie die melancholisch fallenden und steigenden Töne einer Aeolsharfe. Als der Kahn an's Ufer schaukelte, sprang mit gazellenartiger Behendigkeit ein junges Mädchen an's Land, das an blauem Seidenband die Guitarre um den schneeigen Nacken trug, und von Zeit zu Zeit in vollen kräftigen Accorden die Saiten erklingen ließ. An dem fein geschnittenen Profil des von schwarzglänzenden Locken umspielten Kopfes, den ein breiter Strohhut bedeckte, erkennen wir das Urbild des Miniaturportraits, welches der Rittmeister besitzt, und wissen, daß wir die Comtesse Bianca von Tannensee vor uns haben. Die Kleidung Bianca's war weiß, duftig, geschmackvoll, aber so einfach, daß Viele sie zu einfach gefunden haben würden. Im Schlosse hörte man eine Glocke in langen Pausen erklingen. Die einzelnen Schläge dieser Glocke klangen fast unheimlich, sie mußten aber eine Bedeutung haben, denn Bianca achtete offenbar auf dieselben und es war wohl anzunehmen, daß sie ihrem monotonen Rufe folgte. Gräfin Mathilde von Tannensee hatte diese eigenthümliche Art, ihrer Tochter, wenn sie im Park weilte, was freilich sehr häufig geschah, den Wunsch zu erkennen zu geben, daß sie zurückkehren solle in's Schloß, schon seit Jahren eingeführt. Die Glocke rief aber so lange, bis Bianca der Mutter auch wirklich sichtbar wurde. Eine Freitreppe, mit Statuen geschmückt, die ihre Entstehung keinem Phidias verdankten, führte vom Park zur Schloßhalle hinauf. Sie war fast ganz von Epheu umrankt und auf dem oberen Theile durch eine Veranda überdacht. Hier, wie auf den Treppenstufen, standen in passenden Zwischenräumen exotische Gewächse in wohlerhaltenen Kübeln. Man sah es diesen Gewächsen an, daß sie der pflegenden Obhut eines tüchtigen Gärtners anvertraut waren. Die monotonen Rufe der Glocke ließen sich noch hören, als Bianca schon diese Treppe hinaufstieg. Erst beim Betreten der Veranda verstummten sie. Bianca blieb zögernd unter der Veranda stehen, denn die harte, rauhe Stimme eines Mannes, den sie nicht kannte, schallte ihr entgegen und machte sie ängstlich. Da sie aber gleich darauf auch die Stimme ihrer Mutter vernahm, die zwar immer traurig, aber doch sanft klang, trat sie, noch einen Accord auf der Guitarre greifend, in die Schloßhalle. Diese geräumige Halle war Saal und Zimmer zugleich, und Gräfin Mathilde pflegte im Sommer jeden Fremden, deren sich auf Schloß Tannensee allerdings nicht gerade sehr viele einfanden, in diesem alterthümlichen Räume zu begrüßen. Vor Jahrhunderten mochten hier die Besitzer von Tannensee ihre Bankette und Zechgelage, vielleicht auch ihre Waffenübungen abgehalten haben. Dem ersten Schritte Bianca's in die Schloßhalle, die vom Widerschein des Abendrothes romantisch erleuchtet wurde, folgte auf der Stelle ein zaghaftes Zurückweichen. Die Comtesse erschrak vor dem Fremden, dessen fahlbraunes, hageres, strenges Antlitz ihr gerade zugekehrt war. Größer aber noch, als der Schreck des jungen Mädchens, war das Erstaunen, ja Entsetzen des fremden Mannes, der die Hand der Gräfin Mathilde noch in der seinigen hielt. »Was muß ich sehen!« rief er aus, die Hand der Gräfin Mathilde so krampfhaft umschlingend, daß diese vor Schmerz zusammenzuckte. »Gehen Geister um in diesen unseligen Hallen?« »Es ist Ihr Kind, Graf Erhardt,« versetzte auf diese Aeußerung Gräfin Mathilde. »Bianca war ein Kind, als Sie vor acht Jahren Ihre große Reise antraten. Sie hat sich sehr, doch hoff ich zu ihrem Vortheil, verändert.« Kalt und stier ruhten die Blicke des Grafen auf der erschrockenen Bianca, der sich jetzt die Mutter näherte, um sie dem ihr entfremdeten Vater, den sie nur im Bilde noch kannte, zuzuführen. »Küsse Deinem Vater die Hand, mein Kind,« sprach die Gräfin in ihrem stets traurigen, melancholischen Tone, der nur zu laut verkündigte, daß das Herz der Gräfin keine Freudenstätte sei. »Dein Glück, Bianca, hat den Vater aus fernen Landen heimgerufen. Das vermag nur Vaterliebe, Vatersorgfalt.« Der kühle, seelenlose Ton, womit Gräfin Mathilde diese Worte sprach, strafte sie Lügen. Sie war aber durch die Verhältnisse gezwungen, auch gegen ihre Ueberzeugung zu handeln, wenn eine unabweisbare Nothwendigkeit dies verlangte. Eine solche Nothwendigkeit war ihrer Ansicht nach jetzt vorhanden, und deshalb that sie, was die Form und die Sitte gebot. Graf Erhardt von Tannensee, ihr Gemahl, der seit ihrer Vermählung im Ganzen kaum zwei volle Monate in Schloß Tannensee gelebt hatte, war zurückgekehrt, um der Vermählung seiner einzigen Tochter Bianca mit dem Rittmeister von Birkenfeld beizuwohnen, den er nur aus Briefen kannte. Bianca fügte sich dem Verlangen ihrer Mutter. Sie näherte sich dem Manne, den sie als Vater ehren und lieben sollte, aber mit einer Seelenangst, als werde sie von seinem Munde ein Todesurtheil hören, und wie die Mutter ihr geboten hatte, küßte sie die Hand des entsetzlich finstern Mannes und lispelte mit kaum vernehmbarer Stimme: »Ich grüße Sie, mein Vater, in Demuth. Gott segne Sie im Schlosse unserer Ahnen.« Graf Erhardt erwiderte keine Silbe auf diesen Gruß der jugendlich schönen Tochter, die in ihrer klaren, unschuldigen Mädchenhaftigkeit wie ein Engel des Lichtes neben einem Dämon der Finsterniß stand. Nur die Augen des Grafen ruhten brennend unverwandt auf der liebreizenden Gestalt Bianca's. Ein Sturm von Gedanken – oder waren es trübe, vielleicht gar schreckliche Erinnerungen? – versetzte den Grafen an andere fremde Orte, so daß er nicht geistig, nur körperlich auf Tannensee weilte. Eine abermalige Anrede seiner Gattin, auf deren Wink Bianca sich schüchtern zurückgezogen hatte, brachte Graf Erhardt wieder zu sich selbst. »Bianca hat dieser Stunde schon längst mit sehnsüchtigem Erwarten entgegengeharrt,« sprach sie. »Das Kind fühlte sich glücklich, in dem Gedanken, ihren geliebten Vater als Braut begrüßen zu können. Wie sehr bedaure ich, daß Sie, angegriffen von der Reise, gerade in diesem Augenblicke so verstimmt sind.« Der Graf fühlte sich getroffen. Wie aus einem Traume erwachend, ergriff er zum zweiten Male die Hand seiner Gattin, berührte sie kaum fühlbar mit seinen Lippen und versetzte: »Vergeben Sie mir, Mathilde! – Ich war in der That abwesend, aber es wird vorübergehen, und Bianca soll nicht Ursache haben, sich über ihren Vater zu beklagen. Wo ist das Kind geblieben?« Die Gräfin bedeutete ihrem Gemahl, daß sie Bianca befohlen habe, sich zu entfernen. »Sobald Sie das Bedürfniß fühlen werden, Ihre Tochter zu sehen und zu sprechen, wird sie Ihnen mit freudigem Jauchzen entgegenhüpfen.« Graf Erhardt bot darauf mit ceremoniöser Galanterie seiner Gemahlin den Arm, stieg mit ihr die breite bequeme Wendeltreppe hinan und geleitete sie in ihr Wohngemach. »Eine Stunde wünsche ich allein zu sein, um mich zu sammeln,« sprach er, die melancholische Frau wieder verlassend. »Nach einer Stunde werde ich Bianca rufen lassen. Ich wünsche, daß sie vorbereitet wird, mich gebührend zu begrüßen. Ich liebe Bianca und wünsche ihr Glück.« Der Graf entfernte sich; kein heiterer, liebevoller Blick, nur bange Seufzer folgten ihm. Im Schlosse, auf Treppen und Corridoren ward es nun lebendig, denn die Diener des Grafen, vier an der Zahl, alle Ausländer, packten den Reisewagen ihres Herrn ab, und schafften eine Anzahl Koffer und andere Reise-Utensilien in die für Graf Erhardt eingerichteten Zimmer. Die Dienerschaft der Gräfin verhielt sich völlig unthätig. Sie war sehr unzufrieden, daß der Graf, der für Alle ein völlig Fremder war, sich mit lauter Leuten umgeben hatte, die kein Wort deutsch verstanden. Es fehlte daher gleich in den ersten Minuten nach des Grafen Ankunft auf Schloß Tannensee nicht an heimlichem Geflüster, an spitzen und beißenden Bemerkungen, die großentheils dem »fremden Volke« galten, das seine Gespräche mit lebhaften Gesten, die sich fremdartig und deshalb komisch ausnahmen, begleitete. So bildeten sich gleich von Anfang an ganz in der Stille zwei einander feindlich gegenüber stehende Parteien auf Tannensee, von denen die seit jeher daselbst wohnende auf Seiten der Gräfin und deren Tochter, die andere fremde auf Seiten des finstern Grafen stand, welchen die deutsche Dienerschaft für wenig besser als einen Eindringling hielt. Gräfin Mathilde ließ ihre Tochter rufen. Sie mußte mit ihr sprechen, ehe Bianca ein zweites Mal vor ihren Vater trat. Der erste Empfang derselben Seitens des Grafen war zu auffallend, zu abstoßend gewesen. Es mußte diesem eine Unterredung zwischen Mutter und Tochter folgen, diese Unterredung aber hatte auch bis dahin mit Stillschweigen Uebergangenes zu berühren, um ein Verständniß zwischen Personen, die einander von Natur so nahe standen, und sich doch wieder so völlig fremd warm, anzubahnen. Bianca trat mit verweinten Augen vor die Mutter. Gräfin Mathilde umarmte ihr Kind, küßte ihr wiederholt die freie Stirn und legte dann beide Hände auf das dunkle Gelock Bianca's, als wolle sie das Haupt des geliebten Kindes segnen. »Dem Vater, mein liebes Kind,« begann die Gräfin nach einer Weile, während Bianca am Herzen der Mutter still weinte, »Dein Vater wünscht Dich zu sprechen. Er hat Dir wahrscheinlich Wichtiges mitzutheilen. Dir auch viele Fragen vorzulegen. Höre ihm aufmerksam zu und sei in Deinen Antworten wahr und unbefangen. Dein Vater kann keinen Widerspruch ertragen, selbst den nicht, welchen das Herz oft gebieterisch fordert.« Sie schwieg einige Zeit, dann fuhr sie mit sichtbarer Erregung fort: »Vor zwanzig Jahren war ich glücklich, wie Du. Ich liebte und glaubte mich wieder geliebt. Das Herz des Mannes aber, dem ich mein volles Vertrauen schenkte, dem ich das Glück meines Lebens rückhaltslos preisgab, war ein zwiefach getheiltes. Zu spät erst erfuhr ich, daß seine Liebe nicht unwandelbar sei. Nach schweren Kämpfen, nach unsäglichem Kummer trennten wir uns, nicht offen vor der Welt – denn zeitliche Rücksichten geboten vorsichtiges Handeln – nur vor Gott ... Graf Erhardt von Tannensee, Dein Vater, verließ mich, ehe Du geboren wurdest. Er ging auf Reisen und ich hörte nichts von ihm. Durch Dritte kannte ich aber seinen Aufenthalt, so daß es mir möglich ward, ihn Deine Geburt wissen zu lassen. Um die Welt zu täuschen und jedes etwa auftauchende Gerücht gleich im Entstehen zu ersticken, wohnte er Deiner Taufe bei. Geschäftsreisen – so hieß es – führten ihn dann wieder außer Landes. Zweimal noch sah ich den Grafen seitdem, zum letzten Male, als Du confirmirt werden solltest. Damals war er froher, als jetzt, wo das Leben und dessen Täuschungen auch an ihm nicht spurlos vorüber gegangen sind ... Jetzt, meine Tochter; wird Dir die Trauer verständlich sein, die mein steter Begleiter ist. Ich trage den Wittwenschleier seit meiner Vermählung und bin doch nicht Wittwe ... Dir, mein Kind, Dir steht ein gleich trauriges Loos nicht bevor, denn Du hast ... Du hast ... keine Schwester!« Gräfin Mathilde's Stimme erstickte bei diesen Worten in Thränen. Bianca, von dieser Eröffnung erschüttert, küßte der trauernden Mutter die Augen und sprach milde Worte, wie sie ungeheuchelte Kindesliebe ihr eingab. Sie hatte längst geahnt, daß ein düsteres Zerwürfniß den Vater stets fern halten möge, aber sie wagte nicht, einem Geheimnisse nachzuforschen, das ein bloßes Erkennen nicht zu ändern vermochte. Jetzt, wo sie den Schmerz der Mutter tief empfand, steigerte sich in demselben Grade ihre Liebe zu der Unglücklichen, als ihre Abneigung gegen den ihr völlig fremd gewordenen Vater sich mehrte. Ihre Entschlossenheit wuchs; sie fühlte sich muthig genug, dem Manne gegenüber zu treten, der so schwere Schuld auf sich geladen, der ihrer Mutter jede Lebensfreude vergällt hatte ... Aber war ihre Mutter auch ganz aufrichtig, ganz wahr gegen sie? ... Diese Seufzer, diese irrenden Blicke, dieses schmerzensreiche Lächeln, das so oft ihrem Antlitz den Schimmer einer Märtyrerin verlieh, verbarg es nicht noch schwerere Leiden? ... Die Mutter sprach von einer Schwester! Bianca hatte nie eine Tante gekannt! ... Auch bemerkte sie, daß ihre Mutter sich selbst ob dieser Aeußerung tadelte. »Sie ist todt, längst schon,« lautete der Gräfin Antwort auf die Frage Bianca's nach dieser ihr nie zu Gesicht gekommenen Schwester. »Du warst ein Kind, als sie starb.« »War sie auch nicht glücklich?« fragte die Tochter ahnungsvoll. »Gewiß, sie war es!« versetzte sehr bestimmt die Mutter. Bianca wollte weiter forschen, aber das Auge ihrer Mutter ruhte mit so flehendem Blicke auf ihr, daß sie ihre Neugierde bekämpfte. Was konnte es auch fruchten, den Lebensspuren einer längst Abgeschiedenen, von deren Existenz sie bisher nicht einmal eine Ahnung gehabt hatte, nachzuforschen! Sie unterdrückte daher jede fernere Frage, deren mehrere sich ihr aufdrängten, um bei gelegenerer Zeit, vielleicht nach der abermaligen Abreise des Grafen, dessen Aufenthalt unter den obwaltenden Verhältnissen kaum von sehr langer Dauer sein konnte, von Neuem dieses trübselige und schmerzende Thema zu berühren. Die Stunde war inzwischen verflossen, und ein Diener des Grafen meldete, daß der Herr Graf Comtesse Bianca zu sprechen wünsche. Bianca erbebte leise, die Mutter aber sprach ihr Muth ein. »Du darfst ruhig sein, mein Kind,« sprach sie. »Graf Erhardt wird es seine einzige Tochter nicht entgelten lassen, daß er die Mutter derselben nicht lieben konnte!« Gräfin Mathilde gab Bianca das Geleit bis in den Flügel, wo die Zimmer des Grafen völlig abgeschieden von den Gemächern seiner Gemahlin lagen. Der Kammerdiener des Grafen öffnete der Comtesse die Thür und hob die schwere Portière, um ihr das Eintreten zu erleichtern. Mitten im Zimmer, das Gesicht der Thür zugewandt, saß Graf Erhardt von Tannensee an einem großen Tische. Zwei silberne Armleuchter erhellten das Gemach und der Glanz ihres Lichtes brach sich auf einer Menge seltener Kostbarkeiten, welche auf dem Tische ausgebreitet lagen. Als der Graf seine Tochter gewahrte, stand er auf und ging ihr entgegen. Er sah jetzt viel freundlicher aus und Bianca entdeckte mit Vergnügen Spuren von Aehnlichkeit mit sich in den harten männlichen Zügen. In diesen Familienzügen erkannte sie den Vater, und ein süßes Beben durchzuckte sie. »Sie haben mich rufen lassen, mein Vater?« sagte sie, die Augen senkend und die sehr förmliche Umarmung, zu welcher sich der Graf jetzt herbeiließ, sanft erwidernd. »Um Dir zu beweisen,« versetzte Graf Erhardt, »daß ich auch in der Ferne stets auf Dein Wohl bedacht war, habe ich mir angelegen sein lassen, die Wünsche zu befriedigen, welche gewöhnlich jeder Braut besonders am Herzen liegen. Diese Kleinodien sind Dein. Ich weiß, daß ich Dir damit eine Freude mache, und da ich wünsche, daß Du glücklich werden mögest, ich aber nur sehr kurze Zeit auf Tannensee verweilen darf, weil andere größere Pflichten mich wieder abrufen, so ist mir daran gelegen, von Dir zu erfahren, ob Du zufrieden bist, oder ob Du noch andere Wünsche hegst. Sei offen und fordere ohne Scheu! Ich bin bereit zu gewähren, was ich vermag.« So sprechend führte der Graf seine Tochter an den Tisch, um ihr all' die Herrlichkeiten zu zeigen, die in schimmernder Fülle hier vor ihr ausgebreitet lagen. Bianca hätte nicht jung und schön sein müssen, wenn sie diese reichen Colliers, diese prächtigen Armbänder, dieses in farbigem Feuer sprühende Diadem von Diamanten nicht mit Wohlgefallen betrachtet hätte. Es waren Geschenke, würdig des alten Namens und der großen Vergangenheit der Tannensee's. Eine regierende Fürstin konnte in diesem reichen und geschmackvoll ausgewählten Schmucke vor den Traualtar treten. Das Wohlgefallen, das sich auf den reizenden Zügen seiner Tochter, die er fortwährend scharf beobachtete, zeigte, schien auch den Grafen zu erheitern. Er zeigte Bianca jedes einzelne Stück des werthvollen Schmuckes, ließ die Steine im Lichtschimmer blitzen, nannte den Ort und den Künstler, wo und bei welchem die Herrlichkeiten gekauft waren, und pries sie der Tochter an, als sei er selbst ein Juwelier und verstehe genau den Werth der Geschenke zu würdigen. »Von Deiner Mutter habe ich erfahren, daß Rittmeister von Birkenfeld in einigen Tagen auf Tannensee eintreffen wird,« fuhr er fort, wieder Platz im Lehnstuhle nehmend, der vor dem Tische stand. »Es ist mir lieb, daß ich vor ihm angekommen bin. Das Geschäftliche läßt sich um so leichter ordnen. Uebrigens billige ich Deine Wahl. Ihr kenne die Birkenfelds. Als mein eigensinniger Vetter Hannibal von Tannensee nach Brasilien auswanderte, hatte der Vater des Rittmeisters die Absicht, die etwas heruntergekommenen Besitzungen dieser jüngeren Linie unseres alten Hauses zu kaufen. Ich habe es verhindert, um die Güter wieder zu vereinigen. Der Vetter ist ein für allemal abgefunden worden, und wenn der Rittmeister Lust hat, statt hier in diesem etwas zu mittelalterlich aussehenden Baue zu wohnen, kann er ja mit Dir das neue Schloß mit seinen, freundlicheren, modernen Räumen beziehen. Du bist im Besitz seines Porträts, hörte ich? Ihr tauschtet gegenseitig Eure Conterfei's aus?« Bianca bejahte diese Fragen und legte unwillkürlich ihre Hand auf den Busen. »Darf ich bitten, mich das Bild Deines Bräutigams sehen zu lassen?« fuhr der Graf fort. »Es verlangt mich doch, ihn endlich kennen zu lernen.« Bianca reichte dem Vater das Medaillon, das sie im Busen verbarg. Es war ganz so geformt, wie jenes, welches der Rittmeister von seiner schönen Braut besaß. Als Graf Erhardt die Kapsel öffnete, nistete sich der abschreckend finstere Zug wieder in seinem Antlitze ein, der jedes Herz von ihm abwenden mußte. Er betrachtete ziemlich lange das Bild und gab es dann seiner Tochter zurück mit den gleichgültig gesprochenen Worten: »Ich kenne ihn jetzt. Er ist es – ich erinnere mich.« Damit endigte aber auch die kurze Unterhaltung des Grafen mit seiner Tochter. Er gab kaum noch knappe Antworten auf einige an ihn gerichtete Fragen, und erklärte Bianca zuletzt, daß er allein zu sein und – setzte er mit Nachdruck hinzu – auch zu bleiben wünsche. »Abends liebe ich die Einsamkeit,« lauteten die letzten Worte, die er an seine Tochter richtete. Hierauf zog er die Glocke, befahl den beiden zugleich eintretenden Dienern in spanischer Sprache, daß sie sämmtliche auf dem Tische befindliche Schmucksachen nach den Zimmern der Comtesse bringen sollten, und gab seiner Tochter, die vor diesen Förmlichkeiten innerlich zusammenschrak, bis an die Thür das Geleit, wo er sie mit einer steifen Verbeugung ohne Gruß verließ. 8. Graziosa's Entschliessung. Bei dem Junggesellen-Diner, das die Freunde des Rittmeisters diesem zu Ehren arrangirt hatten, um während desselben jedes Wölkchen zu entfernen, das vielleicht am Himmel ihrer Freundschaft in Folge des falschen Verdachtes, welchen sie gegen Birkenfeld hegten, aufgestiegen sein mochte, ging es sehr heiter zu. Der Rittmeister, glücklich, am Ziele seiner Wünsche zu sein, war ungemein versöhnlich gestimmt und wollte kaum dulden, daß man die Sache überhaupt nur erwähne. Es war ja erwiesen, daß die Freunde sich getäuscht hatten, diese Täuschung konnte ihnen aber um so weniger zum Verbrechen angerechnet werden, als ja der Rittmeister wiederholt betheuerte, er würde nicht anstehen, sich selbst verdächtig zu finden, wenn er Bild mit Bild vergleiche. »Was sagen Sie aber zu Signora Feliciani?« warf Fähndrich Appenzell hin. »Wissen Sie, daß man annimmt, Sie seien doch im Grunde die alleinige Ursache ihres unglücklichen Sturzes?« »Etwa, weil ich sie aus reiner Neugierde fortwährend fixirte?« meinte der Rittmeister. »War ich nicht dazu gezwungen? Ich konnte eifersüchtig werden auf meine unschuldige Braut blos darum, weil diese fremdländische Zauberin sich als ihre Doppelgängerin Hunderten zeigte.« »Ihre Blicke allein haben sie wohl nicht vom Pferde geworfen,« versetzte der Premier-Lieutenant, »der Wunsch, Ihnen die Hand zu drücken, hat es gethan.« »Wissen Sie das so bestimmt?« »Ich sage nur, was ich höre, bester Birkenfeld, und ich füge ausdrücklich hinzu, daß ich mit meinen Wiedererzählungen durchaus keine Nebenzwecke verfolge. Signora Feliciani – das kann bewiesen werden – theilte unsere Vermuthung.« »In Bezug auf das Portrait?« sagte der Rittmeister ungläubig lächelnd. »Von dem Vorhandensein dieses Portraits konnte die Florentinerin, oder wo sonst ihre Heimath sein mag, nichts wissen.« »Wände haben Ohren, lieber Rittmeister, und der Wind ist die plauderhafteste Frau Base, die es gibt,« fiel Baron von Hohenort ein. »Ich kann mithin bestätigen, daß die Signora wirklich von dem Portrait sprechen hörte, das sich in Ihrem Besitze befindet, und das angeblich sie selbst in wunderbarer Aehnlichkeit darstellen sollte. Den weiteren Zusammenhang zwischen diesem Wissen und dem Fall im Circus sich auszumalen, dürfen wir dreist Ihrer Phantasie und Ihrem Combinationstalent überlassen.« »Dann müßte ich ja annehmen, daß die Signora absichtlich mich durch Ueberreichung der verhängnißvollen Granatblume habe auszeichnen wollen!« »Die Feliciani wird, ist sie ehrlich, einer solchen Behauptung kaum widersprechen,« sagte der Premier-Lieutenant. Rittmeister von Birkenfeld schüttelte den Kopf. »Gott Lob,« sprach er, »daß allen Hypothesen morgen schon der Garaus gemacht wird! Die vornehmen Cirkel, in denen, fürcht' ich, manches harte Wort in den letzten Tagen über mich gefallen sein mag, sind durch Uebersendung unserer Verlobungskarte sofort au fait gesetzt und werden sich hüten, mir bösen Leumund anzudichten; das große Publikum aber wird durch die Zeitungen aufgeklärt. Eins dieser Zeitungsblätter soll Signora Feliciani morgen mit dem Frühesten auf ihrem Zimmer finden. Daraus erfährt sie, daß man mit ihr eben so wie mit mir gespielt hat, oder daß eigentlich nur ihr reizendes Gesicht schuld ist an ihrem Fall und meiner Verdächtigung. Wenn ich nur wissen sollte, woher sich diese doch wirklich wunderbare Aehnlichkeit zweier Mädchen schreibt, von denen das eine im Norden, das andere im Süden geboren ward von Eltern, die wahrscheinlich niemals etwas von einander gehört haben.« Der Premier-Lieutenant machte eine sehr weise Miene, die jedoch auf der Stelle vollkommenster Gleichgiltigkeit wich, als er einen empfindlichen Stoß von des Barons Fuß erhielt. Zugleich hob dieser sein Glas, um in emphatischen Worten das junge Brautpaar leben zu lassen, eine Aufforderung, welcher Alle mit großem Eifer nachkamen. Obwohl die Gesellschaft der jungen Männer in einem besondern Zimmer des Café-Restaurant dinirte, ließ es sich doch nicht vermeiden, daß durch das häufige Oeffnen der Thür andere im Café befindliche Personen Kunde von dem fröhlichen Kreise erhielten. Namentlich gegen das Ende des Diners, wo es ziemlich laut ward, achtete Mancher auf das laute Gespräch, das im Nebenzimmer geführt ward. Einzelne fragten wohl auch die geschäftig ab- und zugehenden Kellner, die als dienende Personen von den fast nur aus Militärs bestehenden Mitgliedern des kleinen Cirkels gar nicht beachtet wurden. So blieben denn außer den oft genannten Namen auch viele Bemerkungen im Gedächtniß dieser nur scheinbar achtlosen Menschen hängen, und gerade diese Namen und Bemerkungen waren es, welche gleich darauf einzelnen Fragenden wieder unter wichtigem Mienenspiel zugeflüstert wurden. So kam es, daß auch Director Bianchi bis zu einem gewissen Grade den Inhalt der Gespräche kennen lernte, die man während des Junggesellen-Diners ungenirt führte. Einige Momente waren für ihn wichtig, und er unterließ nicht, sich dieselben fest dem Gedächtniß einzuprägen. Noch am Abend dieses Tages war Signora Feliciani von dem unterrichtet, was für sie vorzugsweise Werth, vielleicht sogar eine tiefere Bedeutung besaß. Das schöne Mädchen litt noch an den Folgen des Sturzes, doch hatte es keine Gefahr. Einige Tage Ruhe konnten genügen, den stark geschwollenen Knöchel ihres verstauchten Fußes wieder zu heilen. Graziosa achtete auch weniger auf den Unfall selbst, den sie gehabt hatte, als auf die Veranlassung desselben. Es traf so Manches zusammen, was sie beunruhigte. Sie hätte den Mann so gern gesprochen, der allgemeiner Behauptung zufolge ihr Bild auf dem Herzen tragen sollte. Statt dessen mußte sie das Unglück haben, in seiner Nähe zu stürzen, und nun gab es für sie gar kein Mittel mehr, zu erfahren, wie es ihm gelungen war, in den Besitz ihres Portraits zu gelangen. Wie groß war nun ihre Ueberraschung, ihr Erstaunen, als Bianchi ihr ein Zeitungsblatt reichte und in demselben ihr ein paar Namen zeigte, von denen wenigstens einer ihr schon längst nicht mehr gleichgiltig war. »Wie!« rief Graziosa erschrocken aus. »Der Rittmeister von Birkenfeld ist verlobt? Derselbe Mann, der –« »Derselbe Rittmeister, der Schuld an Ihren Schmerzen ist,« fiel Bianchi ein. »Und verlobt mit einer Comtesse von Tannensee?« fuhr Graziosa fort. »Es war ein Tannensee, der mich dem Hufschlage meines sich bäumenden Pferdes entriß.« »Derselbe Graf von Tannensee, der sich schämte, mit mir in Berührung zu kommen!« »Bianca heißt die Comtesse? Und sie ist die Tochter dieses Grafen?« »Die einzige Tochter und Ihr Ebenbild, Signora!« »Mein Ebenbild? Wie das?« »Signora verzeihen, wenn ich mich in die traurige Nothwendigkeit versetzt sehe, Sie zu betrüben. Der Rittmeister von Birkenfeld hat Ihr Portrait niemals besessen!« Graziosa ward leichenblaß, indem sie zitternd die nur hingehauchte Frage an Bianchi richtete: »Für wen denn schlug er sich dann?« »Wahrscheinlich für ein Phantom,« versetzte der Direktor. »Warum es zwischen dem jungen Rittmeister außer Diensten und dem General von Haustein zum Duell kam, habe ich nicht genau erfahren, das Portrait auf seiner Brust gab dazu jedenfalls nicht die Veranlassung. Es ist das treue Abbild seiner Braut, der Comtesse Bianca von Tannensee.« Graziosa schwieg, das Wogen ihres Busens aber verrieth die gewaltige Aufregung, die in ihr tobte. Sie mußte immer wieder der stechenden Blicke des finstern Grafen gedenken, der sie geheimnißvoll anzog, und vor dem sie doch wieder scheu zurückbebte. »Bianca von Tannensee mein Ebenbild!« Diese Worte wiederholte Graziosa zahllose Male, nachdem Bianchi sie auf ihren Wunsch wieder verlassen hatte. Ihr Koffer mit den alten Papieren, den mancherlei Pretiosen, die sie besaß, war jetzt abermals Gegenstand ihrer ungetheilten Aufmerksamkeit. »Und ich habe doch keine Schwester!« seufzte sie dann und verhüllte ihr Gesicht mit beiden Händen. Abends äußerte Graziosa gegen Bianchi, der sich theilnehmend nach ihrem Befinden erkundigte, den Wunsch, einige Landkarten zu erhalten. Um nicht von Langeweile geplagt zu werden, hatte sie sich ein paar Reisebeschreibungen verschafft, die sie eifrig studirte. Die Länder oder Landschaften, wo sie gerade weilte, mit ihren etwaigen Merkwürdigkeiten kennen zu lernen, war für Graziosa Feliciani Bildungsbedürfniß. Bianchi willfahrte ihrem Wunsche und brachte ihr die von ihm selbst besorgten Landkarten. Es vergingen nun mehrere Tage, ohne daß Graziosa über das von Bianchi Vernommene auch nur eine Sylbe äußerte. Sie blieb gleichmäßig ruhig, nur nachdenklicher als sonst kam sie dem Director vor, der seine Aufmerksamkeit gegen sie jetzt verdoppelte. Bei seinen Besuchen sprach er von baldiger Abreise, da die Schaulust des Publicums zu ermatten beginne. Nur wenn Graziosa bald wieder auftreten könne, würde er sich zu längerem Bleiben entschließen. Graziosa stimmte für die Abreise, enthielt sich aber sonst aller Fragen, die ihr doch nahe lagen, da sie an dem Gedeihen der Unternehmung Bianchi's betheiligt war. Ihr beschädigter Fuß heilte übrigens langsamer, als Graziosa wünschte. Es war vorauszusehen, daß sie längere Zeit völliger Ruhe werde pflegen müssen, wenn das Uebel nicht unangenehme Folgen auch noch in der Zukunft für sie haben solle. Diese Wahrnehmung kam ihr jetzt ganz zu gelegener Zeit. Der Arzt, welcher sie behandelte, schlug eine zerstreuende Erholungsreise vor, untersagte ihr aber streng jede Besteigung eines Pferdes. Bei etwaiger Nichtachtung dieses Verbotes deutete er an, daß die Möglichkeit einer Knochenverhärtung vorliege. Graziosa nahm alle diese Mittheilungen mit großer Gemüthsruhe hin, und vertiefte sich immer mehr in geographische und heraldische Studien. Die vielen Adelsgeschlechter in weiter und naher Umgegend der Residenz gaben zu diesen Studien Anlaß. Nebenbei war Graziosa auch eine eifrige Zeitungsleserin geworden. Sie wußte Bescheid in der Politik, in Handelsangelegenheiten und volkswirthschaftlichen Dingen, und was sich in den Kreisen der hohen Aristokratie zutrug, entging ihr ebenfalls nicht. Alle Familienverhältnisse hatten von jeher für Graziosa bedeutendes Interesse gehabt. So waren zwei volle Wochen vergangen. Da erklärte Graziosa eines Tages, als Director Bianchi höchlichst bedauerte, daß er schon so lange Zeit ihre Mitwirkung entbehren müsse, sie habe nach reiflicher Ueberlegung den Entschluß gefaßt, der Kunst ganz zu entsagen. Aus Neigung habe sie, wie ihm bekannt sei, diese Laufbahn ohnehin nicht eingeschlagen, höhere Interessen und persönliche Dankbarkeit nur hätten sie bestimmt, sich in dieser Carrière zu versuchen. Jetzt endlich glaube sie den Weg aufgefunden zu haben, der sie zum Ziele führen könne. Ihn weiter zu verfolgen, verlange ihr Herz, fordere gebieterisch ihr Verstand. Gerathe sie dabei auf Ab- und Irrwege, so werde sie auch dies ruhig als ein ihr bestimmtes Schicksal hinnehmen. Bianchi war im ersten Augenblicke wahrhaft unglücklich über diesen Entschluß der Signora. Er bot all' seine Beredsamkeit auf, um sie andern Sinnes zu machen; er trat sogar, wenn auch nur andeutungsweise, mit Anerbietungen hervor, die unter andern Umständen selbst für Graziosa bestimmend gewesen sein würden. Sie blieb jedoch standhaft, lehnte Alles entschieden ab und erklärte nochmals, daß sie die künstlerische Laufbahn für immer aufgeben und vorerst dem Rathe ihres wohlwollenden Arztes folgen werde. Reisen zerstreue, erheitere, bilde, und gerade diese drei Dinge thäten ihr vor Allem Noth. Director Bianchi mußte bei solcher Entschiedenheit der Signora sich in das Unabänderliche fügen. Der Contract ward gelöst, und noch an demselben Tage verließ Graziosa, von einem schlichten Landmädchen begleitet, das sie als Dienerin annahm, in aller Stille die Residenz. Bianchi aber, der über diesen schweren Verlust fast untröstlich war, zeigte an, daß er nur noch wenige Vorstellungen geben werde. Ihn fesselte jetzt, wo die bewunderte Signora Feliciani ihn für immer verlassen hatte, nichts mehr an die luxuriöse Stadt, wo er bis zu Graziosa's beklagenswerthem Unfalle so allgemeines Glück gehabt und so große Anerkennung gefunden hatte. 9. Neue Enthüllungen. Birkenfelds Ankunft auf Schloß Tannensee, die wenige Tage nach dem Eintreffen des Grafen Erhardt erfolgte, brachte eine Wirkung hervor, die Niemand voraus berechnen konnte. Bianca jubelte im Stillen, daß sie doch endlich den Geliebten wiedersah. Sie bedurfte einer männlichen Stütze, der sie unbedingt vertrauen konnte, denn die Gegenwart des Vaters drückte sie unaussprechlich. Nur einmal täglich sah sie den Grafen, nämlich bei Tafel. Dieses Zusammentreffen mit dem Manne, den sie Vater nennen sollte war aber so peinlich, daß ihr fast das Herz still stand. Ueber Tafel wurden immer nur wenige Worte, diese stets höflich, nur freilich auch förmlich gesprochen. Die während der Tafel anwesenden Diener – Graf Erhardt ließ sich nur von seinen ihn begleitenden Spaniern bedienen – so störend sie an und für sich waren, gaben dennoch diesem traurig-kalten Familienmahle noch einige Traulichkeit. Wie Graf Erhardt unter der gedruckten Stimmung, die Jeden beherrschte, mit scheinbarem Appetit speisen konnte, blieb Bianca unbegreiflich. Nach Beendigung der Tafel, die stets anderthalb Stunden dauerte, zog sich der Graf abermals in seine Gemächer zurück und kam erst am nächsten Mittage wieder zum Vorschein. Was er in der Zwischenzeit trieb, erfuhr Niemand. Jeden Tag schickte er einen, bisweilen auch zwei seiner Diener mit Briefen fort, deren Adressen sowohl Gräfin Mathilde wie Bianca unbekannt blieben. Ueberhaupt schien der Graf eine sehr ausgebreitete Correspondenz zu führen. Als nun der Rittmeister diesem Manne gegenübertrat, gedachte er sogleich der Erzählung des Premier-Lieutenants, welche General von Haustein in allen Punkten aufrecht erhalten hatte. Seine Gedanken führten ihn gleichzeitig aber auch in den eleganten Circus Bianchi's zurück, und im Geiste sah er die wunderbar anziehende Gestalt Graziosa's im Arme dieses Mannes liegen, den er jetzt als Vater seiner Bianca begrüßen sollte! Graf Erhardt von Tannensee erkannte den Rittmeister ebenfalls wieder. Er hatte das Scherzspiel der Künstlerin mit den Blumensträußchen sehr aufmerksam verfolgt, und wußte besser vielleicht als irgend ein Anderer, daß der Sturz Graziosa's ganz allein mit ihrem Herabbeugen zu dem Rittmeister von Birkenfeld zusammenhing. Daß dieser Mann sein künftiger Schwiegersohn sei, das freilich konnte der eben erst mit Courierpferden angekommene Graf von Tannensee damals nicht wissen. Der Rittmeister hielt es nicht für nöthig, jenes Vorganges im Circus Erwähnung zu thun, Graf Erhardt schwieg ebenfalls, und so entstand sogleich zwischen beiden Männern ein gegenseitig sich ergänzendes Mißtrauen, das nicht geeignet war, sie einander näher zu bringen. Gräfin Mathilde trat dem Rittmeister noch gebeugter und melancholischer entgegen, als er sie früher gefunden hatte, und er fühlte mit schmerzlicher Theilnahme, daß die unglückliche Frau eine entsetzliche Last trage. »Welch' schreckliche Ehe!« rief er aus, um Luft zu schöpfen, als er sich allein und unbeobachtet wußte. Warum hat man sie nicht längst gelöst? ... O, schnöder, weltlicher Vortheil! Dir Ungeheuer bringt die Sitte oder das Vorurtheil Herzen und Seelen zum Opfer!« Comtesse Bianca konnte sich anfangs kaum fassen. Der eisig-kalte Blick ihres finsteren, förmlichen Vaters beherrschte sie ganz, das Leid der still duldenden Mutter krampfte ihr das Herz zusammen. Erst als die Etiquette ihr gestattete, den Rittmeister in den Park zu begleiten, ward ihr leichter, und jugendfrohe, heitere Bilder umgaukelten wieder ihre jungfräulich reine Stirn. Die Zeit, sich mitzutheilen, sich gegenseitig auszusprechen, war jetzt für die Liebenden gekommen. Sie fühlten sich Beide von schwerer Last gedrückt und Beiden drängte sich das Bedürfniß auf, dieser Last sich zu entledigen. Rittmeister von Birkenfeld schlug eine Lustfahrt auf dem See vor. Er glaubte unter dem Geplätscher der Wellen leichter Worte für seine Empfindungen und Gedanken zu finden. Bianca saß ihm gegenüber. Sie trug den breitkrempigen Strohhut, in dem wir ihr zuerst begegneten, als die melancholischen Glockentöne sie ins Schloß zurückriefen, wo ihr Vater so eben eingetroffen war. »Wunderbare Aehnlichkeit!« sprach der Rittmeister, wie damals im Circus, als Graziosa im Arme des Grafen mit halbgeschlossenen Augen ruhte. Bianca blickte den Geliebten frei, aber fragend an, ohne jedoch, ihre Frage in Worte zu kleiden. Ihr Auge nur fragte, von welcher Aehnlichkeit er spreche? »Kennst Du die Volkssage von den Doppelgängern?« hob er jetzt an, die Ruder langsam hebend und senkend. »Wäre ich abergläubisch, ich würde darauf schwören. Du vermöchtest an zwei verschiedenen Orten zugleich zu wandeln!« Bianca lächelte, indem das Roth glücklicher Liebe ihre Wangen überhauchte. »Ich muß Dir ja dankbar sein, Enno,« versetzte sie, die Krempe ihres Hutes ein wenig zurückbiegend, »wenn Du mich so warm im Herzen trägst, daß mein Bild jederzeit im Spiegel Deines Auges sich zeigt.« »Bei Gott, Bianca, ich sah Dich, nicht geistig, sondern leiblich!« rief Birkenfeld, vollkommen von Bianca's Aehnlichkeit mit Graziosa bezaubert, »aber Du weiltest ferne von mir!« »Das sind nur Vorspiegelungen Deiner Phantasie,« lautete die schmeichelnd milde Antwort der glücklichen Comtesse. »Könntest Du eifersüchtig werden?« fragte der Rittmeister schnell. »Ich weiß es nicht, Enno,« versetzte Bianca, »doch hoffe ich, Du wirst mir keinen Anlaß dazu geben.« Der Rittmeister schwieg und trieb den Nachen mit kräftigeren Ruderschlägen der kleinen Insel zu. Hier, zwischen hohen Nüstern, lag eine Mooshütte, die bequem und wohnlich eingerichtet war. Bianca weilte gern in dieser reizenden Einsiedelei, die ihr schon deshalb lieb geworden war, weil sie hier den Rittmeister zuerst kennen gelernt hatte. Ihre Mutter begleitete den General von Haustein und dessen Adjutanten nach der Insel, um ihren Gästen diesen lieblich stillen Aufenthalt zu zeigen. An's Land gestiegen, legte Birkenfeld seinen Arm um die schlanke Taille Bianca's und ging auf dem breiten Kieswege das Ufer entlang. »Wie lange mag es wohl her sein,« sagte er, das Gespräch wieder aufnehmend, »seit Dein Vetter, der Graf Hannibal von Tannensee, nach Brasilien auswanderte?« »Das ist eine Ewigkeit,« versetzte Bianca. »Ich glaube, es geschah diese Auswanderung noch vor meiner Geburt.« »War Graf Hannibal vermählt?« »Die Mutter sagt es.« »Und sonst leben Dir keine nahe Verwandten weder in der Nähe noch im Auslande?« »Die Besitzungen der jüngeren Linie,« versetzte Bianca, »fielen bei der Auswanderung des Vetters durch Kauf zurück an den Vater, und wenn der Vater dereinst stirbt, erlischt mit ihm die ältere Linie der Grafen von Tannensee. »Welche Veranlassung mochte wohl Deinen Vetter Hannibal über den atlantischen Ocean fortjagen?« »Ich habe darüber nur Vermuthungen, bester Enno.« »Die Du mir sicherlich mittheilst, wenn ich Dich darum bitte.« »Warum sollte ich damit zurückhalten?« sagte Comtesse Bianca. »Ich halte es sogar für besser, Du lernst auch die dunkeln Punkte kennen, die sich im Laufe so vieler Decennien auf unserm Stammbaum eingenistet haben und die sich nicht ganz, wenigstens nicht leicht, wieder dürften vertilgen lassen. – Komm, laß uns hier auf dieser Bank niedersitzen! Der Anblick des alten Schlosses mit seinen vorspringenden Erkern und Thürmen ist hier bezaubernd! – Siehst Du, Enno, dort in jener Fensterreihe liegen die Zimmer des Vaters – meines Vaters! –« Die letzten Worte hatte Bianca seufzend gesprochen, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Der Rittmeister küßte die Hand seiner Braut und sagte: »Du wolltest von Deinem Vetter Hannibal und von der Veranlassung sprechen, die ihn angeblich zu der Auswanderung bewog.« »Hannibal von Tannensee ist älter als mein Vater,« begann darauf Bianca, »und es scheint, als habe die zwar nur geringfügige Anzahl von Jahren, die er mehr zählte, als mein Vater, den ersten Anlaß zu einem herben Familienzwist gegeben, der von beiden Seiten mit großer Hartnäckigkeit geführt wurde. Ich habe meinen Vetter nie gesehen, nur Briefe, deren in langen Zwischenräumen einige an meine Mutter gelangten, kamen mir später zu Gesicht. Zwei derselben las ich mit hohem Interesse, obwohl ich ihren Inhalt niemals ganz verstand.« »Waren Sie in so geheimnißvollem Styl geschrieben?« warf der Rittmeister ein. »Es wurde auf Vergangenes darin angespielt, das ich nicht kannte,« fuhr Bianca fort. »Die Mutter, die ich wohl fragte, wich durch die Antwort aus: es thut nicht gut, mein Kind, davon zu sprechen. So schwieg ich denn, aber die unbefriedigte Neugierde ließ mir doch keine Ruhe. Ich forschte wiederholt nach dem fernen interessanten Vetter und endlich brachte ich in Erfahrung, daß Hannibal von Tannensee der schönste, ritterlichste, begehrenswerteste Mann seiner Zeit gewesen sein soll. Alle Herzen flogen ihm zu, auch das meiner Tante.« »Welcher Tante? Ich glaubte, Dein Vater habe keine Geschwister!« »Aber meine Mutter besaß eine Schwester, Namens Flora. –« »Flora von Hammerstein!« rief der Rittmeister und die Erzählung des Premier-Lieutenants fiel ihm wieder ein und setzte sein Blut in lebhaftere Wallung. »Hast Du von ihr gehört?« fragte Bianca. »Nichts als den Namen,« erwiderte von Birkenfeld zerstreut. »Ich hörte, sie sei längst schon gestorben – im Auslande.« »Leider, leider!« sagte die Comtesse. »Gerade dieser Tod, der niemals ganz aufgeklärt wurde, raubte meiner armen Mutter die Freudigkeit und machte sie später so melancholisch! ... Der Vater konnte diese ewige Betrübniß nicht ertragen und ging deshalb auf Reisen. Das schied denn die Eltern mehr und mehr, Und so habe ich gewissermaßen durch die gute Tante auch meinen Vater verloren. Nur ihr Bildniß besitzt die Mutter; wer es je sah, behauptet, ich sähe Tante Flora auffallend ähnlich.« Der Rittmeister konnte nicht unterlassen, seine schöne Braut mit neugierigem Wohlgefallen zu betrachten, indem er sagte: »Es kommt häufig vor, daß Kinder nicht ihren Aeltern, sondern mehr ihren nächsten Verwandten, bald den Großältern, bald Onkeln und Tanten ähnlich sehen. Bitte nun, zeige auch mir das Portrait Tante Flora's, wenn wir ins Schloß zurückkehren.« »Der Vater darf es aber nicht wissen, Enno!« sprach Bianca mit ängstlichem Aufblick. »Er ahnt nicht, daß Flora's Bild im Besitz der Mutter sich befindet.« »Kann er etwas dagegen haben, daß eine Schwester das Portrait einer andern, ihr früh durch den Tod entrissenen Schwester wie ein Heiligthum aufbewahrt?« »Aber mein Vater haßte Tante Flora und eben deshalb –« »Deshalb will er sie auch im Bilde nicht wiedersehen?« fiel der Rittmeister fragend ein. »Geliebte Bianca, vergib mir die folgende Bemerkung: Männer pflegen die Schönheit in der Regel nicht zu hassen!« »Mein Vater haßte Tante Flora auch nicht ihrer Schönheit wegen, sondern weil Vetter Hannibal dieselbe überall, wo sie sich trafen, vor allen andern Mädchen auszeichnete.« »Die Schwester Deiner Mutter?« sprach Enno von Birkenfeld und wieder zog wie ein Schattenspiel die Erzählung des Premier-Lieutenants an seiner Seele vorüber. »Liebte Hannibal von Tannensee vielleicht Flora von Hammerstein?« Bianca schmiegte sich eng an den Geliebten, indem sie ihm leise zuflüsterte: »Der Vetter entführte die Tante wider den Willen ihrer Aeltern, wider den Willen meines Vaters ... Letzterer setzte den Entflohenen nach, ungeachtet der Bitten meiner Mutter ... er ereilte sie ...« Bianca stockte und wieder flogen ihre Blicke scheu nach allen Seiten. »Vollende, Geliebte!« bat der Rittmeister. »Du folterst mich!« Die Comtesse legte ihren Mund fast an das Ohr des geliebten Mannes, indem sie fortfuhr: »Mein Vater und Vetter Hannibal schlugen sich auf Tod und Leben ... Flora, entsetzt, voll Angst und Verzweiflung, warf sich zwischen die Streitenden, und sank von dem Stahl des Vaters durchbohrt, zu Boden ...« »Dein Vater tödtete die Schwester Deiner Mutter?« rief Enno erschrocken aus. »Die Wunde Flora's war lebensgefährlich, aber meine Tante genas dennoch. Der Vater, die Rache Hannibals fürchtend, floh, weit, weit, ohne daß meine Mutter, Kunde von seinem Verbleiben erhielt. Aus Italien erst schrieb er der Trauernden. Er hielt Flora für todt, sich selbst für ihren Mörder ... Auch meine Mutter glaubte dasselbe, als ein eigenhändiges Schreiben Flora's ihr sagte, daß die theure Schwester noch am Leben sei. Dieser Brief, den die Mutter noch besitzt, war von einer Hacienda Brasiliens datirt, wo Flora als Gattin Hannibals von Tannensee zwar glücklich, aber schwer leidend lebte. Die Wunde, welche der Stahl meines Vaters ihr beigebracht, hatte edle Theile verletzt. Sie ward siech und litt unsäglich ... Auch konnte sie das heiße Clima nicht vertragen. Um zu gesunden, verließ Vetter Hannibal Brasilien mit meiner armen Tante und ging nach Nizza. Von dort aus erhielt meine Mutter den zweiten und letzten Brief von der Schwester, später sind alle Nachrichten von ihr wie von Hannibal ausgeblieben ... Man glaubt, d. h. meine Mutter vermuthet es, daß die lieben, von so schweren Prüfungen heimgesuchten Menschen bei einer Segelfahrt auf dem mittelländischen Meere ihren Tod durch einen unglücklichen Zufall gefunden haben.« »Wie nahm Dein Vater diese dunkle Kunde auf?« forschte Enno von Birkenfeld weiter, der diese vielfach anders lautende Erzählung seiner Braut mit den früher vernommenen Mittheilungen nicht recht in Einklang zu bringen wußte. »Mein Vater?« sagte Bianca. »Bester Enno, wie könnte ich diese Frage beantworten! ... Graf Erhardt – Bianca nannte ihren Vater lieber so – war nicht auf Schloß Tannensee, als ein Zeitungsbericht jenes Unfalles gedachte, den die Mutter mit dem völligen Verschwinden Hannibals und ihrer Schwester in Verbindung brachte. Wenn nicht später – und dies hätte nur ein einziges Mal geschehen können – mein Vater selbst der Verschollenen wieder gedacht hat, so glaubt er wohl heute noch, daß der Hannibals Brust bestimmte Stoß seines Degens Flora tödtete, und daß der geflüchtete Vetter im fernen Brasilien, wo er ansehnliche Besitzungen sich erworben haben soll, grollend seinen nächsten Verwandten in stiller Zurückgezogenheit lebt.« Diese merkwürdigen Mittheilungen seiner Braut, die mehr noch den Charakter von Enthüllungen trugen, beunruhigten Enno von Birkenfeld. Die Frage: Wo liegt die Wahrheit? mußte sich ihm gewaltsam aufdrängen ... Wie seltsam verstrickt, wie dunkel und verworren lag jetzt die Vergangenheit der Familie vor ihm, deren einzigem Sprößlinge er sich für immer verbinden wollte! ... Hatte General von Haustein gelogen? Hatte er mit Absicht, aus blos ihm genau bekannten Gründen, die Wahrheit nur bemäntelt, um den Grafen Erhardt von Tannensee, seinen ehemaligen Kameraden, zu schonen? ... Wem sollte, wem durfte der Rittmeister Recht geben? Und wie ließ sich, ohne zu verletzen, ohne längst erstorbene Leidenschaften wieder wach zu rütteln, die Wahrheit ergründen, das Tatsächliche sich unzweifelhaft feststellen? Für Bianca's Version, die sie zum Theil den eigenhändigen Briefen ihrer unglücklichen Tante entnommen haben wollte, sprach Mancherlei. Aus dieser Erzählung erklärte sich die Melancholie der Gräfin Mathilde, und für das finstere, kalte, vornehme, abstoßende und verschlossene Wesen des Grafen Erhardt von Tannensee, der Flora ohne Zweifel geliebt und das Glück ihres Besitzes dem Vetter nicht gegönnt hatte, war ebenfalls ein Schlüssel gefunden. Selbst die Bestürzung des Grafen beim Anblick Graziosa's im Circus, die ihn an die Geliebte, von seiner Hand, wie er meinte, Getödtete, sofort erinnern mußte, ließ sich dann leicht deuten. Endlich konnte der Rittmeister recht gut begreifen, daß sein Schwiegervater im Schlosse Tannensee, wo er Flora als Herrin so gern hätte walten sehen, keine bleibende Stätte finden könne, und daß er am liebsten sich gegen jeden geselligen Umgang, selbst gegen die nur geduldete Mutter seines Kindes, abschließe. Enno von Birkenfeld verschloß diese stürmisch in seiner Seele sich kreuzenden Gedanken vorerst still in seiner Brust. Das Bild! Das Bild! rief es in ihm und Einsicht der Briefe Flora's war der zweite Wunsch, der ihn beschlich. Beide verheimlichte er Bianca nicht. »Ich muß die Stimmung der Mutter abwarten,« sagte Bianca, den stürmischen Freund liebevoll anlächelnd. »Darf ich es wagen, dies trübe Thema, das sie stets erschüttert, zu berühren, so soll es geschehen aus Liebe zu Dir, mein theurer Enno!« Dem Rittmeister genügte diese Versicherung. Er überließ sich der heiteren, glückverheißenden Gegenwart, betrat an Bianca's Hand die stille, friedliche Mooshütte, umschritt mit ihr die kleine Insel, ruderte die Geliebte später wieder über den See zurück ans Land und betrat beim Dampfen der Tannenwaldung voll banger und froher Erwartungen Schloß Tannensee, das ihm wie eine uralte, von Zauberern, Kobolden und Dämonen bewohnte Ritterburg vorkam. 10. Der Fund. Die Vorbereitungen zur herannahenden Vermählung der Erbin von Tannensee brachten eine ungewohnte Lebendigkeit in die alten Schloßhallen. Es ward gezimmert und gebohnt; Tischler und Tapezierer hatten vollauf zu thun, um Alles prunkvoll herzurichten, wie man es auf Tannensee bei so festlichen Gelegenheiten, wo die alte angesehene Familie ihren ganzen traditionellen Glanz entfaltete, zu sehen gewohnt war. Gräfin Mathilde sah diesem geschäftigen Treiben mit wehmüthigen Rückerinnerungen zu. Es war vor mehr als zwanzig Jahren, als sie in blühender Jugendfrische dem damals so heiteren, lebendigen und ritterlich anziehenden Grafen Erhardt vermählt werden sollte, eben so zugegangen. Und welche traurige Tage, welche Monden und Jahre nie mehr enden wollender Qual folgten diesen freudigen hoffnungsvollen Schwärmereien weniger beglückter Stunden!... Wenn nun Bianca ein ähnliches Schicksal bevorstand? Wenn auch ihr augenblickliches Glück von plötzlich hereinbrausenden Stürmen für immer zertrümmert ward? Wer vermochte in die Zukunft zu blicken, vor deren Geheimnissen Mathilde noch immer bangte?... Graf Erhardt kümmerte sich wenig um das Schaffen der Arbeitsleute; er begnügte sich, diesen Befehle durch den Kammerdiener ertheilen zu lassen, der zugleich die Stelle eines Haushofmeisters bekleidete, und machte nur einmal des Tages einen kurzen Rundgang durch die zu schmückenden Räume, um nachzusehen, ob auch Alles reich und glänzend genug ausfalle. Vor den Verlobten ließ er sich kaum blicken. Es hatte fast den Anschein, als weiche er ihnen absichtlich aus. Auch sein Verhältniß zur Gräfin bewegte sich in den hergebrachten Förmlichkeiten, die Herzen und Seelen eher entfremden, als einander näher bringen. Oft ritt der Graf schon früh, von seinem Kammerdiener und einem Reitknecht gefolgt, aus, um weite Wege durch Wald und Felder zurückzulegen. Von solchen Ausflügen kehrte er bisweilen erst bei sinkender Abenddämmerung wieder heim. Da die Witterung meistens angenehm war und die Waldung, welche Schloß Tannensee von allen Seiten umrauschte, den farbig schimmernden Herbstschmuck schon anzulegen begann, fand der Rittmeister ebenfalls Wohlgefallen an bald längeren, bald kürzeren Ausflügen in die großen, stillen Forste. Bianca begleitete, von zwei Dienern gefolgt, ihren Verlobten gern auf diesen Spazierritten, da sie selbst ein muthiges Roß gewandt zu führen verstand, und der Aufenthalt im Schlosse nicht gerade viel Anziehendes hatte, so lange ihr finsterer, förmlicher Vater die Oberherrschaft darin besaß. Mit ihrer Mutter ließ sich ein heiteres Gespräch durchaus nicht anknüpfen. Sie war jetzt eher noch stiller, noch melancholischer geworden, als früher, und es leuchtete den beiden Verlobten ein, daß diese Verschlimmerung ihres beklagenswerthen Zustandes nur in dem Verweilen des Grafen Erhardt ihren Grund habe. »Welch ein unseliger Ehebund!« rief Enno von Birkenfeld sich immer und immer wieder von Neuem zu, wenn er täglich Zeuge war dieser verkümmerten Existenz, die vom Schicksal doch eigentlich zu hohem Glück, im weltlichen Sinne, bestimmt gewesen zu sein schien. Gerade diese tiefe, selbst die nächste Umgebung mit ergreifende Traurigkeit der Mutter Bianca's machte es unmöglich, den Gegenstand zu berühren, den zu ergründen Wunsch und Ziel des Rittmeisters war. Er hatte noch immer nicht das Bild jener Schwester gesehen, die später spurlos verschwand. Die beiden einzigen Briefe, welche Gräfin Mathilde von Flora besaß, hielt sie vor Jedem, am allermeisten vor ihrem Gatten geheim, in dessen Seele die Rückerinnerung an die, zum Glück für ihn, der Welt ein Geheimniß gebliebene Blutthat lebte. Comtesse Bianca besaß in ihrem Marstalle ein paar junge Grauschimmel edelster Race Dieser beiden muthigen, aber sichern Thiere bedienten sich die Liebenden zu ihren Ausflügen. Bianca legte dabei regelmäßig ein Reitkleid von schwarzem Sammet an, und bedeckte ihr schwarzlockiges Haupt mit einem ebenfalls schwarzen Amazonenhut, der mit prächtiger Reiherfeder und blitzender Diamant-Agraffe verziert war. Man konnte sich nicht leicht ein schöneres Paar denken, als den Rittmeister mit seiner Braut, wenn sie in schnellstem Rosseslaufe die Waldwege entlang sprengten, über Gräben und niedrige Hecken setzten, bald an sonnigen Wiesenrändern erschienen, bald in schattigem Waldesdunkel wieder verschwanden. In wenigen Tagen sollte die Vermählung des glücklichen Paares gefeiert werden. Schon waren verschiedene Gäste auf Tannensee eingetroffen, welche dieser Feier beiwohnen sollten, andere, darunter auch die intimsten Freunde des Rittmeisters und des Grafen Erhardt früherer Kamerad auf der Kadettenschule, General von Haustein, wurden erwartet. Gerade der Ankunft dieses Mannes sah der Rittmeister mit lebhaftem Verlangen entgegen. Er versprach sich von dessen Zusammentreffen mit Graf Erhardt irgend etwas, ohne eine klare Vorstellung von dem Eindrucke sich machen zu können, den ein Wiedersehen zweier Freunde nach so vielen Jahren doch hervorbringen müsse. Jedenfalls war dieses Wiedersehen geeignet, den Grafen etwas mehr anzuregen, und wer konnte wissen, ob einer abermaligen wirklichen Anregung nicht auch eine etwas freiere Aussprache folgte! Denn daß Graf Erhardt von Tannensee in seiner schweigsamen Verschlossenheit sich eben so wenig glücklich fühlte, wie Gräfin Mathilde in ihrer Traurigkeit, das war dem scharf beobachtenden Rittmeister schon längst nicht mehr entgangen. Nach der Tafel, bei welcher Graf von Tannensee fast gar nicht sprach, stiegen die Verlobten abermals zu Pferde, um einen Ritt in die jenseits des umfangreichen Parkes gelegene sehr ausgedehnte Tannenwaldung zu machen. Nur ein Diener begleitete sie. Etwas später verließ auch Graf Erhardt das Schloß. Seine Begleiter waren der vertraute Kammerdiener und ein hagerer, schon bejahrter Spanier, der bei Graf Tannensee in großer Gunst stand. Die jungen Verlobten mochten sich ungefähr eine Meile weit vom Schlosse entfernt haben, als der Wald sich etwas lichtete und ein schlecht gehaltener weil wenig benutzter Communicationsweg, welcher nach den zerstreut im Forste liegenden Holzschlägen führte, sichtbar ward. Auf diesem Wege ritten die Liebenden eine kurze Strecke fort, um später bei einer Wendung desselben, die nach einem Bergthale einbog, wieder nach dem Walde abzuschwenken. Sie waren hier noch nicht lange fortgeritten, als man Peitschengeknall hörte und das Schnaufen von rasch laufenden Rossen. Auch schien es dem Rittmeister, als habe er laut und in ängstlichem Tone sprechen hören. Dem sanften Klange nach mußte die Stimme aus einer weiblichen Brust kommen. Sogleich mäßigte er den Lauf seines Thieres und lauschte. Jetzt vernahm man deutlich wiederholt einen lauten, der Angst entschlüpften Aufschrei, der aber schnell im Dickicht verhallte. Dumpfes Gepolter und Krachen, als pralle eisenbeschlagenes Holz gegen hartes Gestein, folgte und verlief in einem unbestimmten rollenden Geräusche. »Sieh nach, Jean,« rief der Rittmeister dem Bedienten zu, »ob Jemand verunglückt ist. Wir harren hier Deiner Rückkehr, um, sollte es nöthig sein, den etwa Hilfsbedürftigen dann sofort beizuspringen.« Der Diener wandte sein Pferd und kehrte zurück nach dem Communicationswege. Nach kaum fünf Minuten ward er schon wieder sichtbar. »Was hast Du denn da?« fragte Bianca, ihre Augen neugierig ihm zuwendend, und auf einen braunen, mit gelblichen Punkten besäeten Gegenstand zeigend, den er vor sich auf dem Sattel trug und mit der rechten Hand festhielt. »Es ist ein Fund, gnädige Comtesse,« versetzte Jean. »Er lag mitten im Wege und muß aus dem Wagen geschleudert worden sein. Wahrscheinlich sind einem ungeschickten Wagenlenker die Pferde durchgegangen und bei dem Stoßen und Anprallen an die vielen großen Feldsteine ist das Ding herausgesprungen.« »Ist Jemand verunglückt?« fragte der Rittmeister, seinen Grauschimmel an die Seite des Pferdes drängend, welches Jean ritt. »Es war Niemand zu sehen,« erwiderte dieser, »weder im Walde noch im Thale. Die durchgehenden Rosse müssen fürchterlich gerannt sein.« Bianca's Augen ruhten noch auf dem Funde des Bedienten. »Ein allerliebster kleiner Koffer,« sprach sie. »Er ist mit braunem Saffian überzogen und rund um mit echten silbernen Buckelknöpfen beschlagen. Ist er schwer?« »Nicht eben sehr, gnädige Comtesse,« versetzte Jean »er muß aber entweder ganz leer sein oder mit allerhand leichtem Kram gefüllt, denn es regt sich nichts darin, wenn man ihn schüttelt.« Zugleich machte er den Versuch vor dem Ohre Bianca's, die nicht das leiseste Geräusch im Innern des kleinen Koffers vernahm. »Wem mag das elegante Geräth wohl gehören?« sprach sie, zu Enno von Birkenfeld gewandt. »Es ist fest verschlossen und kann die Stelle einer Chatulle vertreten. Wir müssen uns doch wohl nach den Besitzern desselben umsehen?« Der Rittmeister fand, daß dies nicht mehr als billig sei, nahm das Köfferchen an sich und gab Jean Befehl, schleunigst den Spuren des Wagens zu folgen und, falls er diesen selbst entdeckte, ihn sogleich davon zu benachrichtigen. Er selbst und die Comtesse würden langsamer nachkommen. Es zeigte sich jetzt, daß der Wagen in das Thal hinabgefahren war. Unten angekommen, hatten die offenbar der Gewalt des Wagenlenkers entronnenen Thiere die Straße ganz verlassen, hatten den Wagen mit sich über eine steinige Wiese fortgerissen und ihn weiter oben wieder in den Wald geschleppt. Hier schien das Gefährt an einen Baumstumpf gerannt und von dem Anprall umgeworfen worden zu sein. Man sah im moosigen Boden viele Fußtritte, neben mehreren männlichen Fußtapfen auch die eines kleinen weiblichen Fußes, ferner tief eingedrückte Hufspuren. Durch den Sturz waren die Pferde ohne Zweifel zum Stehen gekommen, man hatte den Wagen aufgerichtet und gewendet, und war längs des Waldsaumes bis auf den Commumcationsweg zurückgefahren. An den vielen Hufspuren neben dem Wagengeleise sah man aber, daß zwei Berittene den Wagen begleitet haben mußten. »Wohin nun?« sagte Bianca schalkhaft. »Die Prinzessin oder Fee, die uns diesen wahrscheinlich völlig unbezahlbaren Schatz, freilich sehr wider Willen, zugeworfen hat, ist vermuthlich von Reisigen entführt worden. Wo sollen wir sie suchen? Wie ihr dies unschätzbare Köfferchen, in dem gewiß das Feengeschmeide aufbewahrt wird, wieder zustellen?« »Wenn die Besitzer dieses Fundes kein Unglück genommen haben, was nicht der Fall zu sein scheint,« erwiderte Enno von Birkenfeld, »so dürfen wir annehmen, daß sie ihren Verlust alsbald gewahr werden. Drüben hinter der Hügelkette liegt der Tannenhof, weiter rechts die Försterei, von wo der Weg nach Tannendorf führt. Dahin müssen die Reisenden sich gewandt haben, wenn sie nicht etwa nach dem Schlosse wollten. Jedenfalls können wir Erkundigungen einziehen, was auch geschehen soll, sobald wir in Tannensee wieder angekommen sind. Bis dahin behalten wir unsern Fund, der uns eine ganze Reihe artiger Räthsel aufgeben kann.« »Ich wünschte wohl das Schlößchen öffnen zu können,« meinte Bianca. »Sieh, es ist von dem schönsten Silber wie die Knöpfe und die Beschläge. Ich wollte, es wäre mein Eigenthum. Ich habe es schon so lieb gewonnen, daß ich es ungern wieder ausliefern werde.« Der Rittmeister scherzte über diese räuberischen Gelüste seiner Braut, und meinte, es sei dies noch ein Ueberbleibsel aus der mittelalterlichen Vergangenheit ihrer Ahnen, die gewiß auch, damaliger Sitte gemäß, dem edlen Handwerk ritterlicher Wegelagerei nicht völlig abgeneigt gewesen sein möchten. Bianca erwiderte in gleicher Weise, und so ritten unter traulichem Geplauder die Liebenden auf bekannten Nichtwegen zurück nach Tannensee. Hier war wenige Minuten früher auf schweißtriefendem Rosse der spanische Bediente des Grafen Erhardt eingetroffen, hatte Befehl ertheilt, einen Wagen einzuspannen und diesen unverweilt nach Tannenhof zu schaffen. Von diesem Befehle wußte nur die Dienerschaft. Gräfin Mathilde, die sich wenig um das, was außerhalb des Schlosses vorging, kümmerte, hatte noch nichts davon erfahren. Rittmeister von Birkenfeld glaubte Anfangs, dem Grafen selbst möge, ein Unfall zugestoßen sein. Er forschte sogleich nach der Veranlassung des auffälligen Befehls, der Seitens der deutschen Diener etwas zögernd ausgeführt ward, weil die Heftigkeit des Spaniers, der sich schwer verständlich machen könnte, sie belustigte. Dabei erfuhr er denn, daß der Herr Graf einer vornehmen Dame behilflich gewesen sei, ein paar wild gewordene Bauergäule zu bändigen, und wohl nur in einer Anwandlung von Ritterlichkeit und Galanterie beabsichtige, der Fremden Quartier auf dem Schlosse zu geben. Beruhigt kehrte er zu Bianca zurück. »Gefunden und leider auch verloren!« sprach er achselzuckend. »Den schönen Koffer, unsern geheimnißvollen Fund, werden wir wohl heute noch wieder ausliefern müssen, dafür aber steht uns auch das Glück bevor, eine neue und, ich bin überzeugt davon, auch eine recht interessante, vielleicht sogar eine sehr liebenswürdige Bekanntschaft zu machen.« »Weil der Spanier von einer vornehmen Dame sprach?« warf Bianca ein. »Nicht deshalb, Theuerste,« versetzte Enno, »sondern weil Dein Vater nicht umhin konnte, sie ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich ihrer anzunehmen. Du weißt ja, er hat so leicht kein Bedürfnis sich irgend Jemand freundlich, noch weniger gar entgegenkommend zu nähern. Das vermag, glaub' ich, bei Deinem Vater, nur die wirkliche Vornehmheit, oder –« »Was?« »Oder seltene Schönheit!« Bianca schien verstimmt zu sein. Sie ließ den Koffer, den Jean wieder in Empfang genommen hatte, auf ihr Zimmer bringen, und begab sich dann, während der Rittmeister sich entkleidete, in das Gemach der Mutter, der sie flüchtig mittheilte, was ihnen begegnet war, und daß man den Grafen in Begleitung einer Dame schon binnen Kurzem erwarten müsse. »Darf ich Ihnen den gemachten Fund zeigen, beste Mama?« setzte sie fragend hinzu.« Gräfin Mathilde blieb ihrer Tochter die Antwort auf diese Frage schuldig. Der Fund ließ sie eben so gleichgiltig als die Dame, welche der Graf im eigenen Wagen nach Tannensee bringen wollte. Sie äußerte deshalb nur den Wunsch, Bianca möge dieselbe freundlich aufnehmen. Morgen, wenn sie Namen und Stand der Fremden erfahren habe, werde auch sie nicht Anstand nehmen, sie gebührend zu begrüßen. Es verging inzwischen eine Stunde nach der andern und Graf Erhardt kam noch immer nicht zurück. Niemand wußte sich dies lange Ausbleiben zu erklären, wenn man es nicht mit der Fremden in Verbindung bringen sollte. Des Rittmeisters Vermuthung, die Dame werde von dem gehabten Schreck sich unwohl fühlen, und daher wohl vorziehen, auf Tannenhof zu bleiben, wo es ja an ausreichenden Räumlichkeiten nicht fehlte, ward als die wahrscheinlichste und naheliegendste sowohl von Bianca wie von deren Mutter getheilt. Die Bewohner von Schloß Tannensee nebst den zum herannahenden Feste bereits eingetroffenen Gästen hatten sich schon längst zur Ruhe begeben, als spät nach Mitternacht ein Wagen, von Berittenen begleitet, in den Schloßhof rollte. Der Rittmeister vernahm das Geräusch der Räder, das Sprechen der Männer. Unter diesen erkannte er die scharfe, barsche Stimme des Grafen. Er gab nur kurze Befehle, dann zog er sich sogleich in seine Zimmer zurück. Ob die Besitzerin, des kleinen Koffers zugleich mit dem Grafen auf Tannensee angelangt war, konnte Enno von Birkenfeld ungeachtet aller Aufmerksamkeit, mit welcher er auf jedes Geräusch achtete, doch nicht ermitteln. Hatte der Graf die vornehme Dame auf das Schloß geleitet, so mußte sie sehr bescheidene Ansprüche machen oder sehr gebildet sein, weil ihr Kommen von Niemand wirklich bemerkt ward. 11. Bekenntnisse. Am andern Tage ward es früh wieder lebendig im Schlosse. Graf Erhardt, der sonst gewöhnlich erst gegen Mittag seine Appartements verließ, wenn er nicht gerade für längere Zeit ausritt, schellte heute seinem Kammerdiener sehr früh. Dieser erhielt von ihm ein Billet mit dem Auftrage, dasselbe der Gräfin so bald wie thunlich zu überreichen. Gräfin Mathilde ließ den Kammerdiener ihres Gemahls zwar vor, war aber doch über die frühe Stunde, welche dieser zur Uebersendung eines Billets wählte, verwundert. Mehr noch überraschte sie das Begehren des Grafen, der zwar in den gemessensten Ausdrücken, aber doch in so entschiedenen Worten, daß eine ablehnende Antwort darauf kaum gegeben werden konnte, um eine Unterredung unter vier Augen bat. Es kostete Mathilde einige Ueberwindung, ihre Antwort dem Grafen ebenfalls brieflich zuzustellen. Sie lautete natürlich bejahend. Graf Erhardt zögerte jedoch geraume Zeit, ehe er sich in den Flügel des Schlosses, wo die Gräfin und Bianca wohnten, verfügte. Er mußte einen peinvollen Kampf mit sich selbst kämpfen, um vollkommen gerüstet vor seiner Gemahlin erscheinen zu können. Endlich hatte er hinreichende Gewalt über sich gewonnen, und abermals war es der Kammerdiener, welcher den Auftrag erhielt, den Grafen anzumelden. Gräfin Mathilde empfing den finstern, ihr seit Jahren völlig entfremdeten Mann in ihrem Boudoir. Es war dies ein hohes Zimmer mit nur zwei Fenstern. Die Morgensonne erhellte das alterthümliche Gemach, dessen innere Einrichtung von Glanz und Reichthum zeugte, in traulicher Weise. Im viel verzierten Kamin brannte ein lustiges Feuer, weniger, um Wärme in dem Gemache zu verbreiten, als um es traulicher erscheinen zu lassen. Ein Schrank, dessen Thüren halb offen standen, zeigte eine ausgewählte kleine Handbibliothek. Zwischen diesem Schranke und einem sehr kostbaren Secretair, welcher eine gelungene Nachbildung des sterbenden Fechters trug, lehnte eine jetzt bestäubte Harfe; denn die Gräfin, in früheren Jahre eine geübte Harfenspielerin, hatte schon längst das ihr liebe Instrument nicht mehr berührt. Bianca aber zeigte wenig Lust, die Harfe zu erlernen, und hielt sich, schon der Bequemlichkeit wegen, lieber an die leichter zu handhabende Guitarre. Ueber dem Kamine hing ein Bild, das ein schwarzer Flor jedem neugierigen Auge vollständig verbarg. Die Begrüßung des Grafen und der Gräfin war so förmlich wie immer. Beide nahmen dann an den Fenstern einander gegenüber Platz. »Wir sind allein und ohne Zeugen?« begann nach kurzer Pause fragend Graf Erhardt die Unterredung. »Ganz allein,« erwiderte kühl die Gräfin. »Es ist beschlossen,« sagte darauf der Graf, »daß unsere Tochter Bianca übermorgen vor den Traualtar treten soll, um dem Rittmeister Enno von Birkenfeld vermählt zu werden. Nach getroffenem Abkommen billigen wir Beide diese Verbindung. Sie darf von uns als eine in jeder Beziehung erwünschte bezeichnet werden, um so mehr, als auch die Herzen der Verlobten, nicht blos ihre Lippen das bindende Ja frei und gern aussprechen werden. Nicht Alle, welche sich vermählen, vermögen dies ohne Bangen und Zagen zu thun.« »Sehr wahr!« hauchte die Gräfin vor sich hin, während ihr verschleiertes Auge in die Weite schwärmte und absichtlich vermied, dem fest auf sie gerichteten Blicke des Grafen zu begegnen. »Verzeihen Sie, Mathilde, daß ich diesen Punkt berühre,« fuhr der Graf fort. »Es muß geschehen, denn es wäre möglich, daß noch, vor der Vermählung unserer Tochter Todte erständen und Rechenschaft forderten von den Lebenden.« Bei diesen mit eigenthümlichem Ernst gesprochenen Worten fiel doch Mathilde's Blick auf das Antlitz des ihr gegenübersitzenden Grafen. Sie erschrak vor dem finstern Ernst seiner Züge. »Sie sprechen in Räthseln,« sagte sie leise wie vorhin. »Ich hoffe, Alles, was räthselhaft war in unserm Leben, werden die nächsten Stunden, schon enträthseln,« begann Graf Erhardt von Neuem. »Damit es aber Tag werde, Tag in der Gegenwart, wie in der Vergangenheit, muß ich noch einmal trauriger Ereignisse gedenken, die leider so schwer auf uns Beiden, Mathilde, lasteten.« Die Gräfin faltete die Hände und sah den ernsten Gatten angstvoll, ja mit der Miene des Entsetzens an, ohne zu sprechen. »Sie hatten eine Schwester,« sagte sanfter und in leiserem Tone der Graf. »Haben Sie ihrer nicht mehr gedacht seit – seit jenem Unglückstage?« »Arme, geopferte Flora!« rief klagend die Gräfin aus. Graf Erhardt zögerte einen Augenblick, dann fuhr er fort: »Ich liebte Flora, Sie wissen es, Mathilde, Sie wissen es seit –« »Seit wir vor den Altar traten!« lispelte Mathilde. »Sie waren sich so ähnlich, daß man Sie scherzend Zwillinge nannte, und nicht selten – eben auch zum Scherz – ihre Namen verwechselte, um heitere Täuschungen hervorzubringen, die zu den anmuthigsten Verwickelungen Anlaß gaben. Mein Vetter, Graf Hannibal, lernte Sie und Flora zu ein und derselben Zeit kennen, wie ich. Auch er liebte Ihre Schwester, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte. Meine Mutter wünschte mich vermählt zu sehen, und bezeichnete Sie, Sie, Mathilde und Ihre Schwester Flora als diejenigen Persönlichkeiten, von denen jede ihr als Schwiegertochter gleich angenehm sein würde. Mein Herz entschied sich für Flora – Sie wissen es – und dennoch, dennoch reichte ich Ihnen, Mathilde, die Hand vor dem Altare!« »O, wäre es nie geschehen!« sprach innerlich zusammenschaudernd die Gräfin. »Ich glaubte Ihren Schwüren und noch, noch weiß ich nicht, weshalb Sie mich so furchtbar, so gewissenlos hintergingen!« »Ich handelte unrecht, Mathilde,« erwiderte Graf Erhardt. »Zu spät sah ich es ein. Aber die Leidenschaft riß mich fort und das Bedürfniß nach Rache.« »Nach Rache! Weshalb und an wem wollten Sie sich rächen?« »Mit den heiligsten Schwüren hatte Flora gelobt, mein Weib sein zu wollen. Ich glaubte ihren Schwüren, als seien sie ein Evangelium. Da... es war am Tage vor meiner Werbung um Ihre Hand, Mathilde... traf ich Flora im Arm meines Vetters!...« Des Grafen Stimme zitterte, als er stammelnd diese Worte sprach, während Gräfin Mathilde ihre Augen verhüllte. »Die Verachtung ließ mich schweigen,« fuhr Graf Erhardt fort. »Mein Entschluß stand fest; ich wollte die Treulose, ohne daß sie eine Ahnung von meinem Vorhaben hatte, strafen, ich wollte durch mein Handeln sie tödtlich verwunden!... Mein Plan gelang vollständig; die Verlobung mit Ihnen verjagte Flora für immer... sie trieb sie meinem Vetter in die Arme trotz des Verbotes ihrer damals noch lebenden Mutter... Unserer Vermählung wohnte die geistig Gebrochene bei... Sie werden sich der schrecklichen Scene während der Trauung, wo sie, ohnmächtig, meinen Namen ausstoßend, und wie eine Wahnsinnige mit ihrem zeternden Nein unser Ja zerreißend, zusammenbrach, noch schaudernd erinnern... Dieses Nein Flora's, dieser Schmerzensschrei eines liebenden Herzens verwandelte meinen Haß in Mitleid... Sie drangen mit ungestümen Fragen in mich, entrissen mir eine Antwort, die Ihr Glück für immer zerstörte und ...meiner Mutter den Tod gab!... Da ereilte uns die Nachricht von Flora's Verschwinden... Sie war entführt, nicht geflohen... Ich errieth den Frevler, der sich der Unglücklichen, durch mich unglücklich Gewordenen bemächtigt hatte, setzte ihnen nach, ereilte sie...« Die Stimme des Grafen verlor sich in unverständliches Gemurmel, während die Gräfin sich einer Prophetin gleich erhob. »Vollenden Sie, Graf Erhardt,« sprach sie mit einer Entschlossenheit, welche diesem seine volle Selbstbeherrschung wiedergab, »und wenn Sie geendigt haben, dann, dann hören Sie mich!« »Soll ich noch einmal den unseligen Ausgang des Duells erzählen?« fuhr der Graf fort, »noch einmal die Kämpfe erwähnen, die erst mit unserer geheim gehaltenen Scheidung endigten und mich in ein freiwillig gewähltes Exil trieben? Aber die Vorsehung wollte nicht, daß Wuth und Eifersucht mich zum Mörder meiner, einst Verlobten, zum Mörder... meines Weibes machen sollten!...« »Ihrer Gattin?« rief Mathilde, noch tiefer erschüttert. »Vor Gott war Flora mein Weib,« sagte der Graf ernst und ruhig. »Ich gehörte ihr, sie mir zu; der sie umschlingende Arm meines Vetters nur zerriß den Bund, den die Kirche noch nicht gesegnet hatte.« »O weh, weh mir Armen!« schluchzte Gräfin Mathilde, und heiße Schmerzensthränen entströmten ihren Augen. »Fassen Sie sich, Mathilde,« sprach der Graf in milderem Tone weiter. »Die traurigen Mittheilungen sind vorüber, jetzt folgen beruhigendere. Die Vorsehung wachte über mich, als ich in blinder Zorneswuth meinen Vetter zu tödten strebte und mein Degen die minder Schuldige traf.« »Die Unschuldige!« fiel die Gräfin ein. »Sie selbst hat mir ihre Unschuld offenbart.« »Mathilde!... Und Sie schwiegen? Sie konnten schweigen?« . »Ich schwieg, weil alles Sprechen nutzlos gewesen wäre. Die Kunde von Flora's gänzlicher Schuldlosigkeit erreichte mich spät, sehr spät!...« »So wissen Sie, daß Ihre Schwester lebte?« »Ich wußte es, aber ich erhielt diese Nachricht erst nach Jahren!« Der Graf erhob sich und reichte Mathilde, seiner längst von ihm geschiedenen Gattin, die Hand. »Mathilde, sprach er in versöhnlichem Tone, »ich muß dennoch glauben, daß die Vorsehung über uns Alle wunderbar gewacht hat. Darf ich ganz offen sein, damit fortan kein Schatten mehr auf unser Thun, kein Schatten auf den Lebensweg derer fällt, die wir Kinder nennen und für deren Wohl' zu sorgen unsere Pflicht ist?« »Halten Sie nicht zurück, Graf Erhardt,« erwiderte Mathilde. »Ich fühle mich stark genug, um auch das Schlimmste zu ertragen.« Der Graf erfaßte den Schellenzug zunächst dem Kamin. »Dann wage ich, Todte in verjüngter Gestalt erscheinen zu lassen,« lautete seine entschlossene Antwort, indem draußen schon hell rufend die stark angezogene Glocke erklang. Mathilde wußte die Worte des Grafen nicht zu deuten; es vergingen einige Minuten unter gegenseitigem Schweigen, dann ward die Thür geöffnet und ein bildschönes junges Mädchen, das die Gräfin, wäre sie anders gekleidet gewesen, für Bianca gehalten haben würde, trat ins Zimmer. »Himmel, meine Schwester!« rief erschrocken und doch froh bewegt die erstaunte Gräfin aus. »Es ist Flora, wie sie lebte ...« »Als sie vor Gott mein Weib ward,« ergänzte der Graf. »Nicht Flora, Ihre unglückliche Schwester, die wiedergefundene Tochter der schuldlos Geopferten steht vor Ihnen!« Während dieser letzten Worte hatte die Gerufene ihre Kniee gebeugt und war vor Mathilde niedergesunken. Es war Graziosa Feliciani ... Die Bewegung raubte Mathilden einige Secunden fast die Besinnung. Sie sah und hörte nichts; sie achtete auch nicht auf die Worte, welche Graziosa an sie richtete. Ihre Hand ergriff eine grünseidene Schnur, die auf den Kaminsims herabhing. Ein leiser Zug daran entfernte den schwarzen Flor von dem Bilde und das Ebenbild der Knieenden sah auf Mathilde und Graziosa herab. Der Graf hob die Wiedergefundene auf und zeigte ihr das Portrait ihrer Mutter, die ihr nur dunkel, wie ein immer mehr entschwindender Traum, vorschwebte. Sie drückte dem Grafen dankbar die Hand und sagte: »Der Koffer!« Graf Erhardt zog zum zweiten Male die Glocke. Der Kammerdiener erhielt Befehl, die Comtesse, sowie den Rittmeister zur Gräfin zu bescheiden. Daß der verloren gegangene Koffer dem Diener Jean in die Hände gefallen war, hatte der Graf gleich nach seiner Rückkehr ins Schloß in Erfahrung gebracht. Dieser Koffer gleichzeitig zur Stelle zu schaffen, ward ebenfalls verlangt. Wenige Minuten später standen sich Bianca und Graziosa mit einem so verstummenden Staunen gegenüber, daß Beiden, die sich gegenseitig für vertauscht halten mußten, das Wort erstarb. Nur der Rittmeister, dem die wunderbare Aehnlichkeit beider Mädchen von völlig gleichem Alter abermals frappirte, fand Zeit, die Fremde mit den Worten: »Signora Feliciani!« zu begrüßen... Noch begriff Comtesse Bianca nichts von der Aufregung ihrer Aeltern, in die sich doch ein Schimmer von Freude mischte. Sie wußte nicht, was sie von dieser Erscheinung, die ihr so völlig ähnlich sah, daß es ihr fast schwer ward, sie nicht mit ihrem eigenen Namen anzureden, halten sollte. Erst der kleine schimmernde Koffer, den Graziosa mit großer Hast öffnete, zog ihre Aufmerksamkeit wieder etwas von ihrer schönen Doppelgängerin ab. Graziosa entnahm demselben zuerst jenen namenlosen Brief ihrer Mutter, dessen Inhalt wir bereits kennen. Gräfin Mathilde küßte leidenschaftlich die Schriftzüge ihrer längst verstorbenen Schwester. »Es ist Flora's Hand!« sprach sie, den Brief an Graf Erhardt gebend, der ihn mit tiefer Bewegung las. »Meine Schuld!« rief er, wieder finster vor sich hinblickend. »Meine Leidenschaft stieß sie ins Elend!« Zwischen den Fingern Graziosa's schimmerte ein. goldener Ring. »Es ist das größte Heiligthum meiner Mutter,« sprach sie. »Durch ihn – so steht es in dem Briefe – soll ich meinen Vater kennen lernen, wenn es Gottes Wille ist, ihn mich überhaupt finden zu lassen.« Graf Erhardt hatte den schön gearbeiteten Reif bereits ergriffen. Er erkannte ihn als denjenigen an, welchen er Flora geschenkt hatte, als diese ihm ewig als Gattin angehören zu wollen versprach. Jetzt steckte er ihn an den feinen Finger Graziosa's, breitete die Arme aus und sprach: »In meine Arme, Du zu lange Verwaiste! Ich erkenne in Dir meine älteste Tochter!« Zagend und doch von glücklichen Ahnungen einer schöneren Zukunft durchbebt, folgte Graziosa dieser Aufforderung. Nur über Bianca's bisher so heitere Züge glitt ein Schatten des Mißmuths. Obwohl das rechtmäßige Kind des Grafen und die Erbin seiner Besitzungen, hatte der strenge Vater sie doch noch niemals liebevoll umarmt. Dieser Mißmuth verlor sich aber, als Graf Erhardt, die Gefühle und Gedanken Bianca's errathend, sich gleich darauf auch ihr zuwandte und mit herzlicher Innigkeit auch sie umarmte und küßte. Dann erfaßte er die Hände beider Mädchen, führte sie einander zu und sagte: »Liebet Euch als Schwestern und versöhnt durch Eure Liebe die Verschuldungen Eures leidenschaftlichen und in seinen Leidenschaften ungerecht und lieblos handelnden Vaters!« Das laute Geschmetter mehrerer Posthörner machte dieser aufregenden Scene ein Ende. Eine Anzahl Wagen, darunter einige elegante Equipagen vornehmer Verwandter des gräflichen Hauses, rollten in den Hofraum. Es waren neue Gäste, welche der Vermählung Bianca's mit dem Rittmeister von Birkenfeld beiwohnen wollten. Graf Erhardt empfahl sich, von Enno begleitet. Bianca und Graziosa, die sich, noch immer sprachlos vor Erstaunen, umarmt hielten, blieben allein bei Mathilde. 12. Die Lösung. Die geräuschvollen Tage, welche einem Vermählungsfeste voranzugehen pflegen, waren vorüber. In Schloß Tannensee waltete wieder die altgewohnte Ruhe. Die zahlreichen Gäste hatten sich nach und nach entfernt, das junge Paar selbst war auf einige Zeit verreist. So still und einsam wie früher lag aber das alterthümliche, rings von Waldungen umrauschte Schloß doch nicht mehr da. Einige wenige Gäste weilten noch in dem weitläufigen, alten Bau, und auch Graf Erhardt, der mit dem festen Entschlüsse den Sitz seiner Ahnen nach jahrelanger Abwesenheit wieder betreten hatte, seinen Aufenthalt daselbst möglichst abzukürzen, war durch die Umstände genöthigt worden, sich anders zu besinnen. Eigenthümliche Fügungen verbreiteten Licht über eine dunkle Vergangenheit, in deren Schrecken einzudringen die am meisten Betheiligten Scheu und Furcht bisher abgehalten hatte. Graf Erhardt war bis zu dem Augenblicke, wo er nicht mehr daran zweifeln konnte, daß Graziosa sein Kind sei, der Meinung gewesen, die unglückliche Flora sei durch seine Hand gefallen. Absichtlich hatte er jedes Mittel angewandt, um das Verschwinden der Schwester seiner Gattin vor der Welt geheim zu halten. Rang und Vermögen unterstützten ihn dabei. Viele kannten die Rücksichtslosigkeit, den Ungestüm und das leidenschaftlich aufbrausende Wesen des Grafen Hannibal von Tannensee. Es war ferner ein öffentliches Geheimniß, daß dieser Vetter Erhardts durch maßlose Verschwendung die ihm zugehörigen Güter dergestalt mit Schulden belastet hatte, daß nur eine Veräußerung derselben ihm Rettung bringen konnte. Hannibals Wunsch ging dahin, diese an ein anderes adliges Geschlecht zu verkaufen mit dem Vorbehalt des Rückkaufsrechtes, wenn vielleicht dereinst wieder bessere Tage für ihn anbrechen sollten. Der Ausführung dieses Planes widersetzte sich mit der ganzen Hartnäckigkeit seines zähen und herrschsüchtigen Charakters Graf Erhardt. Sein Stolz fühlte sich tief beleidigt durch das Vorhaben Hannibals. Blieb nichts Anderes übrig zur Rettung des so tief verschuldeten Verschwenders, als ein Verkauf aller seiner Liegenschaften, so war nach Graf Erhardts Erachten die ältere Linie der Tannensee aus Familienrücksichten verpflichtet, diese Güter wieder an sich zu bringen. Verhandlungen, welche zu diesem Zwecke mit Hannibal gepflogen wurden, gediehen schließlich allerdings zum Abschlusse im Sinne des Grafen Erhardt, erzeugten aber in Hannibal eine Erbitterung gegen den Vetter, die sich zum tödtlichen Haß steigerte. Mehr Nahrung noch erhielt dieser Haß durch Flora's Neigung zu Graf Erhardt. Hannibal glaubte, durch Erwerbung der Hand dieser begüterten Erbin sich vorerst Mittel zu standesgemäßer Existenz und ferner zu neuen Verbindungen zu schaffen. Außerdem hatte die Schönheit Flora's und ihr aufgeweckter Geist ihn bezaubert. Die um nur Weniges jüngere Schwester Mathilde war ebenso schön; ihr stilles, mehr zurückhaltendes Wesen sagte aber dem sinnlich lebhaften Hannibal weniger zu. Auch hier nun in seinem Liebeswerben trat der reiche Vetter ihm störend in den Weg. Eine Verbindung der Liebenden zu hintertreiben griff Hannibal zu verzweifelten Mitteln, die jedoch gerade das Gegentheil dessen, was er beabsichtigte, bezweckten. Sie trieben Flora, die Schutz gegen den Verfolger suchte, ohne diesen dem Geliebten zu nennen, in Erhardts Arme. Ein unglücklicher Zufall nur verschaffte Hannibal ein einziges Mal das Vergnügen, Flora allein zu treffen, und sie, scheinbar vertraulich, zu umfassen. Erhardt ward Zeuge dieser zufälligen Begegnung und sein eifersüchtiges Zürnen ließ ihn, da er sich von Flora hintergangen glaubte, um die Hand der gleichschönen Schwester werben. Welche traurige Uebereilung er begangen hatte, sagte ihm erst das herzzerreißende Nein Flora's am Traualtare. Jetzt erst fühlte Erhardt, daß er nur Flora liebe, und als er die Entführung derselben durch Graf Hannibal erfuhr, vermochten ihn weder die Thränen Mathildens, noch die flehentlichen Bitten seiner Mutter von einer Verfolgung der Flüchtigen abzuhalten. Das Ergebniß dieser Verfolgung gestaltete sich zum Unglück für alle Betheiligte. Genaue Kenntniß von diesen betrübenden Vorfällen bei und nach der Vermählung des Grafen Erhardt von Tannensee mit der Freiin Mathilde von Hammerstein hatte nur General von Haustein. Auf heftiges Drängen des Grafen gelobte indeß dieser unverbrüchliches Schweigen über alles Vorgefallene, namentlich aber über den vermeintlichen Tod Flora's. Graf Erhardt, der auf Schloß Tannensee keine Ruhe fand, ging auf Reisen. Er wünschte zu erfahren, was wohl aus seinem Vetter geworden sein möge, den er bei der durchbohrten Flora zurückgelassen hatte. Er forschte dem Verschwundenen nach, ohne seine Spur zu entdecken, obwohl er dessen Pfad wiederholt kreuzte. Die Geburt Bianca's rief ihn zurück in die Heimath, der er dann abermals den Rücken kehrte. Zuvor jedoch wurde mit Mathildes Bewilligung in aller Stille die Scheidung eines Ehebundes eingeleitet, der beide Theile nur mit drückenden Fesseln belasten mußte. Die Welt erfuhr nichts von dieser Scheidung. Der Graf ging abermals auf Reisen, während Mathilde, der Erziehung ihrer Tochter lebend, in der Einsamkeit des Schlosses Tannensee jener Melancholie anheim fiel, die sie der Welt und ihren Freuden gänzlich entfremdete. Graf Erhardt hatte seine Nachforschungen längst aufgegeben. Er lebte abwechselnd in den verschiedenen Hauptstädten Europa's, in berühmten, viel besuchten Badeorten, und machte auch längere Reisen. In Spanien, dessen Natur und Geschichte ihn fast noch mehr als der classische Boden Italiens fesselte, blieb er mehrere Jahre. Von dieser Zeit her schrieb sich seine Vorliebe für spanische Diener, deren Anhänglichkeit er eben so rühmte, wie ihre Ritterlichkeit auch im Dienen sie den Dienern jeder andern Nation vorziehen ließ. In Cairo erhielt er die Nachricht von Bianca's Verlobung mit dem Rittmeister Enno von Birkenfeld. Er konnte sich des jungen Mannes nicht erinnern, wohl aber weckte der Name Birkenfeld eine Menge alter und peinlicher Erinnerungen auf. Der Gedanke an Hannibal von Tannensee, seinen Vetter und haßerfüllten Gegner, verließ ihn nicht mehr, die blutende Gestalt Flora's, seiner einst Verlobten, stieg wie ein drohendes Gespenst vor ihm auf. Dem Rufe des Kindes, das seinen Namen trug, mußte er folgen. Außerdem aber zog den finster gewordenen und rasch gealterten Mann auch ein unerklärbares Etwas magnetisch zurück nach Deutschland. Sollte er vielleicht doch noch einmal Kunde erhalten von dem Schicksale derer, die mit und durch ihn unglücklich geworden waren? Lebte sein Vetter noch? Und wenn er lebte, weshalb schwieg er fort und fort gegen Jedermann? Von solchen Gedanken beunruhigt, erreichte der Graf die Residenz. In dem Hotel, wo er abgestiegen war, um nur kurze Rast zu halten, hörte er viel von der reizvollen Signora Graziosa Feliciani sprechen und zufällig auch den Namen Birkenfeld nennen. Ein Rittmeister von Birkenfeld sollte sich dieser interessanten Schönheit wegen mit einem General, dem General von Haustein, geschlagen haben!... Wie konnte das zusammenhängen!... Seine Unruhe, seine Neugierde mehrte sich auch noch, als sein eigener Name genannt wurde. Von Schloß Tannensee war wenigstens die Rede. Es war kurz vor der Vorstellung im Circus, die die besuchteste aller zu werden versprach. Die gefeierte Schönheit sollte darin auftreten. Graf Erhardt beschloß, dieser Vorstellung beizuwohnen. Er wollte doch wissen, wie eine Künstlerin aussähe, die zwei so geachtete Männer dazu bringen konnte, Kugeln mit einander zu wechseln! Graziosa fesselte den Grafen. Die wunderbare Aehnlichkeit mit Flora machte sein Blut sieden, und als sie den unglücklichen Fall that, war es ihm angenehm, dem Ebenbilde des Weibes, das dereinst liebend an seinem Herzen geruht, an seinen Lippen gehangen, hatte, hilfreiche Hand zu leisten. »Sollte Flora noch am Leben sein?« Diese Frage war es, die der Graf wahrend seiner Reise nach Schloß Tannensee sich wiederholt vorlegte. Seine Vermuthung erhielt noch mehr Nahrung durch den Eindruck, welchen seine eigene Tochter auf ihn machte. War Bianca sein Kind, worüber gar kein Zweifel ihn. beschleichen konnte, so mußte Graziosa dieser seiner rechtmäßigen Tochter aufs Nächste verwandt sein. Was aber sollte er thun, um Graziosa noch einmal zu sehen, um dem Geheimnisse, das ihr Leben umhüllte, nachzuspüren? Geraume Zeit war er unschlüssig. Endlich aber schrieb er ein paar kurze Worte an den Director Bianchi, die wenig mehr als die Anfrage enthielten, ob dieser nicht einen Nachweis über Signora Feliciani's Geburtsort und deren Aeltern zu geben im Stande sei? Eine Antwort auf diese Frage erhielt der Graf an demselben Tage, wo der Zufall ihn mit Graziosa zusammenführte. Dies Zusammentreffen glich allerdings mehr einem Aufsuchen; denn Bianchi ließ in seiner Antwort Andeutungen fallen, welche den Grafen mit Recht vermuthen ließen, auch Graziosa möge einen Besuch auf Tannensee beabsichtigen. Der Koffer mit seinem Inhalt – dem Briefe Flora's und dem Ringe, wodurch Graf Erhardt der ersten Geliebten seiner Jugend sich verbunden hatte, führten zu weiteren Aufklärungen. Gräfin Mathilde kannte diesen Koffer ebenfalls. Es war ein Erbstück der Hammerstein, das immer an das älteste Glied der Familie fiel. Flora erhielt ihn beim Ableben ihrer Mutter. Ihr waren aber auch die geheimen Fächer bekannt, welche das Köfferchen verbarg. Bei Oeffnung derselben entdeckte man nun die wichtigen Documente, welche Graziosa unzweifelhaft als Flora's Tochter legitimirten. Graf Hannibal von Tannensee hatte – wie ein kurz gehaltenes Tagebuch desselben mittheilte, das sich in den verborgenen Fächern außer einigen andern wichtigen Schriften und einer bedeutenden Summe in Werthpapieren vorfand – die Verwundete in größter Verborgenheit bis zu ihrer Genesung gepflegt und sich später ehelich mit ihr verbunden. Unter dem angenommenen Namen Don Annibale Feliciani reisten die in gewissem Sinne Verbannten zuerst nach Brasilien, wo Hannibal von Tannensee eine Hacienda erwarb. Hier lebte er in gänzlicher Zurückgezogenheit bis nach Graziosa's Geburt. Es wurden zwischen Hannibal und Flora lange Berathungen gepflogen, ob man die Geburt dieses Kindes geheim halten oder den Verwandten in der fernen Heimath bekannt machen solle. Hannibals Wunsch, das tiefste Stillschweigen darüber zu beobachten, behielt die Oberhand. Später, als die Geflüchteten bereits wieder auf europäischem Boden weilten, da Flora's Gesundheit das heiße Clima Brasiliens nicht vertragen konnte, bewog Hannibal seine dem Tode rettungslos verfallene Gattin zu dem von Graziosa so heilig gehaltenen Briefe. Bald darauf erlag sie dem Schreck. Ihr Gatte ertrank bei einer Lustfahrt auf dem Meere. Dunkel nur erinnerte sich Graziosa eines feierlichen Leichenconductes, dem sie in kindlicher Unwissenheit beigewohnt hatte. Da sich nur wenige Mittel im Nachlasse vorfanden, übergab man das Kind einer Waisenanstalt. Graziosa's einziger Reichthum war der Koffer, den man ihr stets als etwas Wertvolles anempfahl, weil sich die Vermuthung daran knüpfte, es könne derselbe später einmal doch zu Entdeckungen führen, die für dessen Besitzerin von Bedeutung sein möchten. Unbekannt mit Welt und Menschen verlebte Graziosa eine ziemlich zufriedene Jugend in diesem Waisenhause. Sie lernte die üblichen Handarbeiten und genoß den nothdürftigen Unterricht derartiger Wohlthätigkeitsanstalten. Ein ältlicher Herr aus Mailand, Belmonte, den die früh sich entwickelnde Schönheit Graziosa's bezauberte, nahm das Mädchen zu sich, bildete sie weiter aus und ließ ihr, da sie Lust und Anlage zeigte, Unterricht im Reiten ertheilen. Ein plötzlicher Tod endigte auch dies Verhältniß. Ihr Gönner hatte in seinem Testamente keine Verfügung getroffen, welche zu Gunsten Graziosa's gedeutet werden konnte. Sie galt für eine Dienende in seinem Hause und war es auch gewesen. So mußte sich denn die abermals Verwaiste, die nur ihren Koffer, den räthselhaften Brief einer namenlosen Mutter und den kleinen Goldreif besaß, nach einem neuen Unterkommen umsehen, das sie vor Noth und Mangel schützte. Nach mancherlei Zwischenfällen, die indeß dazu dienten, die junge Graziosa ihren eigenen Werth und die Macht ihrer Erscheinung kennen zu lehren, erregte sie die Aufmerksamkeit Bianchi's, an dessen Circus zu Florenz sie als Blumenverkäuferin sich einfand. Das Interesse, mit welchem sie den Vorstellungen beiwohnte, führten zu näherer Aussprache und schließlich zum Eintritt Graziosa's in die Truppe Bianchi's, der schon damals den Wunsch einer Vereinigung auf Lebenszeit mit Graziosa deutlich durchblicken ließ. Von dieser Zeit an begann für Graziosa ein bewegtes, doch kein unglückliches Leben. Ueberall, wo sie sich zeigte, machte sie Aufsehen und ward der erklärte Liebling des Publikums. Bianchi's Unternehmen florirte durch ihre Leistungen, namentlich aber durch den bezaubernden Reiz ihrer glanzvollen Erscheinung. Jedes Mitglied der Truppe begegnete dieser bewunderten Zauberin mit Achtung und Ehrerbietung, und hätte Graziosa sich nicht entschieden geweigert, auf die wiederholten Anträge Bianchi's einzugehen, so würde sie sich zur eigentlichen Gebieterin schnell und leicht emporgeschwungen haben. Der geheimnißvolle Koffer allein und der noch geheimnißvollere Brief ihrer Mutter, der so viel zu denken gab und sie zu den kühnsten Hoffnungen berechtigte, hielt Graziosa von jedem bindenden Versprechen ab und umgab sie mit einer unnahbaren Glorie, die Alle respectirten. Nach fünfjährigem Harren und Forschen endlich erfüllten sich Graziosa's. Ahnungen. Sie fand die Heimath, sie fand den Vater, und was sie mehr noch als dies beglückte, sie gab der Familie, welcher sie angehörte, nach zwanzigjährigem Zwist den Frieden wieder ... Ein Jahr nach Bianca's Vermählung mit Enno von Birkenfeld ward abermals eine Hochzeit auf Schloß Tannensee gefeiert. Diesmal stand Graziosa Olga Felice, Gräfin von Tannensee, als Braut vor dem Altare, um sich dem Freunde ihres Schwagers Birkenfeld, dem Baron von Hohenort, zu verbinden. Unter den Zeugen dieses feierlichen Aktes befanden sich General von Haustein, der Premier-Lieutenant, dessen abenteuerliche Erzählung, wie er mit Genugthuung behauptete, zu so segensvollen Enthüllungen geführt hatte, und der blonde Appenzell, der sich den inzwischen kräftiger entwickelten Schnurrbart mit vielem Aplomb drehte. Graf Erhardt von Tannensee ging nicht wieder auf Reisen; die beiden einander so ähnlichen Halbschwestern aber verstanden es meisterhaft, durch Sanftmuth, Liebenswürdigkeit und echte Weiblichkeit die Wunden, zu heilen, welche blinde Leidenschaft und maßloses Wollen von Geburt und Glück so reich begünstigten Menschen beigebracht hatten. Flora's nunmehr wieder entschleiertes Bild schmückte, stets neu von duftenden Blumen umwunden, das große Familienzimmer Graziosa's, die zu ihrem gewöhnlichen Aufenthalt mit Zustimmung des Grafen Erhardt den alten Tannenhof wählte, wo ihr zuerst im dunkeln Auge des Grafen die Gewißheit aufdämmerte, daß es der Vater sei, der bewegt ihre Hand in der seinigen hielt. Alte Briefe. 1. Der Ball bei dem englischen Consul war glänzend und sehr besucht gewesen. Fast die ganze vornehme Welt hatte sich dazu eingefunden und als man sich spät in der Nacht wieder trennte, mochte es wohl nur Wenige geben, die nicht in jeder Beziehung sich befriedigt erklärten. Unter den eingeladenen jungen Damen machte die einzige Tochter des Justizraths Strahleck allgemeines Aufsehen und ward von Mehreren in auffallender Weise ausgezeichnet. Justine war jung, schön, regen lebhaften Geistes und liebenswürdig. Sehr strenge Beurtheiler weiblicher Eigenschaften mochten vielleicht an dem bewunderten Mädchen nur die eine Schattenseite tadelnswerth finden, daß sie sich ihrer Vorzüge vollkommen bewußt war und dies nicht immer genügend verbarg. Justine gefiel sich offenbar selbst, und wenn sie sich unbeobachtet glaubte, ließ sie dies merken. Dennoch konnte man sie weder kokett noch gefallsüchtig im schlimmen Sinne nennen. Sie ward, wo sie auch erschien, von Allen entschieden ausgezeichnet. Jeder fand sie anziehend, reizend, und unter einer Menge stiller Bewunderer wagten es einige durch Stellung und Vermögen hervorragende junge Männer ihre Aufmerksamkeiten gegen Justine bis zur Verehrung zu steigern. Auf dem erwähnten Balle hatte der schon bejahrte Justizrath mit besonderem Wohlgefallen das Bemühen des in der Gesellschaft sehr beliebten Legationsraths Rudolph Mandelsdorf um Justine bemerkt. Es schien ihm, als achte die jugendliche, vergnügte Tochter mit unverkennbarer Vorliebe auf Rudolphs Gespräche, der sich mit Glück der diplomatischen Laufbahn gewidmet und nach dem Urtheil aller Eingeweihten sichere Aussichten auf eine glänzende Carriere hatte. Zu wiederholten Malen war bereits von einer Versetzung Mandelsdorfs die Rede gewesen, ja Einige sprachen sogar von einem Gesandtschaftsposten, der ihm angeblich zugedacht sein sollte. Obwohl ermüdet und geistig wie leiblich der Ruhe bedürftig, nahm der Justizrath nach der Heimkunft von dem Ballfeste doch mit einer Miene Platz in seinem bequemsten Lehnstuhle, daß seine Gattin Laura die Absicht errieth, welche Strahleck damit verband. Er umarmte die jugendliche schöne Tochter mit sichtlichem Wohlgefallen, küßte sie und wünschte ihr erheiternde Traumbilder. Dann lehnte er sich behaglich zurück und blickte der Fortschwebenden lächelnd nach. Als sich Strahleck mit seiner Gattin allein sah, sagte er zu dieser: »Wie hat Dir unser Kind heute gefallen?« »Ich bin mit Justine sehr zufrieden,« lautete die Antwort der Justizräthin. »Sie hat sich seit vorigem Winter ungemein zu ihrem Vortheil verändert und kann von jetzt an in jeder Gesellschaft, auch in der vornehmsten, auftreten. Es macht mich glücklich, daß unsere Tochter überall diejenige Aufmerksamkeit findet, die sie verdient.« »Ich finde, Justine tanzt vorzüglich,« sagte Strahleck, »um so mehr ist es mir aufgefallen, daß sie diese Kunst nicht mit mehreren Tänzern zu dieser und ihrem eigenen Vergnügen ausübt.« »Es mochte Wohl ein wenig Caprice mit im Spiele sein,« bemerkte Laura lächelnd. »Der eingebildete und prahlerische Otterhaus, der sich gerühmt haben soll, Justine habe ihm gesagt, er tanze am leichtesten von allen Tänzern, die sie kenne, mußte für diese Ungebührlichkeit gestraft werden.« »Wenn eine Vertraute morgen eine ähnliche Frage an Justine richtete, würde diese vielleicht einen andern Namen nennen.« Laura's Auge streifte forschend den Blick ihres Gatten. »Glaubst Du, es sei auffällig gewesen, daß sie den Legationsrath Mandelsdorf zweimal im Cotillon aufforderte? Ich hatte ihr die Erlaubniß dazu gegeben.« »Nun, mein trautes Herz,« erwiderte Strahleck, die Hand seiner Gattin fassend, »dann begegnen sich vielleicht unsere Gedanken und Wünsche. Indeß, ehe wir uns denselben einseitig ganz hingeben, dünkt mich, verlangt es unsere Stellung und das Wohl unseres Kindes, daß wir uns gegen einander offen aussprechen und uns einigen. Mandelsdorf ist aus guter Familie; er hat seine Studienzeit gewissenhaft benutzt, besitzt ungewöhnliche Talente, wird geliebt, bevorzugt und die Zahl seiner Gönner, die er alle sehr geschickt sich zu erhalten versteht, ist noch immer im Wachsen. Ich zweifle nicht, daß sich unsere Regierung bei einem Wechsel der Gesandten, der längst schon beabsichtigt ist, seiner erinnern wird. Unser jetziger Vertreter in Paris beginnt etwas stumpf zu werden. Jedenfalls ruft man ihn bei schicklicher Gelegenheit ab und versetzt ihn mit Verleihung einer Auszeichnung in den Ruhestand. Paris wäre ein passender Schauplatz für den geistig regsamen, eben so geschmeidigen, als klugen Mandelsdorf. Eine bessere diplomatische Schule könnte der ungewöhnlich befähigte junge Mann nicht durchmachen. Ich glaube, bei Hofe sieht man das ein, und deshalb hoffe ich, man wird den bedeutenden Legationsrath als Attache an den Hof der Tuilerien schicken.« »Nicht als Gesandten?« fiel Laura enttäuscht ein. »Mein Kind,« erwiderte der Justizrath, »der Attache kann unter Umständen eine weit einflußreichere Person sein als der Gesandte selbst. Zu Letzterem gehört ein alter, schon bekannter Name, der eine geschichtliche Vergangenheit hat. Mandelsdorf kann mit einem solchen Vorzuge nicht brilliren. Es wäre daher tactlos, übertrüge man ihm jenen so wichtigen Gesandtschaftsposten. Dagegen besitzt unser Legationsrath Vorzüge, welche am Hofe der Tuilerien nicht lange unbemerkt bleiben werden, weil man sie gerade dort am Meisten schätzt. Durch diese Vorzüge kann sich Mandelsdorf leicht in das Vertrauen von Personen einschleichen, welche am Hofe von hohem Einfluß sind. Letzteres wird ihm noch leichter gelingen, erscheint er auf jenem spiegelglatten Parquet in Begleitung einer jungen, bestechenden Frau –.« »Liebster Mann!« rief die Justizräthin. »Wenn Du diesen Gedanken zur That werden lassen könntest ...!« »Wir wollen nichts übereilen, liebe Laura,« fuhr Strahleck ruhig fort. »Ich theile Dir vorläufig nur meine Vermuthungen mit und das Urtheil, das ich mir über den Legationsrath gebildet habe. Wenn ich mich auf Blicke und gewisse kleine Aufmerksamkeiten verstehe, so sind Justine und Mandelsdorf einander nicht gleichgültig. Deine Aufgabe mag es jetzt sein, das Herz unserer Tochter zu erforschen. Ich bin nicht gerade übertrieben ehrgeizig. Das Vergnügen und die Ehre aber möchte ich ihr wohl gönnen, einige Jahre hindurch sich unter den gefeierteren Damen von Distinction am Tuilerienhofe mit nennen zu hören. Selbst eine kleine politische Rolle könnte das kluge Kind spielen, wenn sie mit ihrem Gatten so recht ein Herz und eine Seele wäre.« »Ein häufigeres Erscheinen in den ausgezeichneteren Cirkeln der Residenz würde diese Herzensprüfung sehr erleichtern,« meinte die Justizräthin.« »Hinderlich werde ich einem solchen niemals sein,« entgegnete Strahleck, »nur geflissentlich danach streben kann und will ich nicht. Du weißt, unsere Vermögensverhältnisse sind nicht glänzend. Wir haben uns Ausgaben erlauben müssen, die eigentlich über unsere Kräfte gingen, mithin haben wir jetzt alle Ursache uns, ohne Aufsehen zu erregen, einzuschränken. Ich darf nur selten Gesellschaft bei mir sehen. Also – nun, ich hoffe, Du verstehst mich. Aber Du könntest auf anderem Wege ohne Schwierigkeiten zum Ziele kommen. Deine verstorbene Mutter war ja die vertrauteste Freundin der Mutter Rudolphs. Sollten sich da keine beziehungsreichen Anknüpfungspuncte auffinden lassen?« Laura ward sehr nachdenklich. »Meine Mutter!« wiederholte sie mehrmals, sich ganz in die Vergangenheit vertiefend. »Meine Mutter! So sehr sie mich und meinen Vater liebte, war sie doch nicht glücklich!« »Die vielen Thränen, die sie vergoß, waren Ursache, daß sie so früh erblindete!« Laura verhüllte sich, selbst in Thränen ausbrechend, die Augen, indem sie, die Hand des Justizraths an ihre Brust drückend, ausrief: »Laß uns der Vergangenheit nicht gedenken, Franz! Mich schaudert, wenn ich mir die arme Blinde vergegenwärtige, die fünfzehn Jahre lang keinen Schimmer des Lichtes erblickte und so, in ewige Nacht gebannt, ein wahrhaft trostloses Dasein führte!« »Ihre Thränen galten, wie sie mir wiederholt versichert hat, einer verlorenen Jugend,« sprach der Justizrath. »Das einzige Wort, das ich der Seligen niemals recht glaubte!« fiel Laura mit großer Lebhaftigkeit ein. »Meine Mutter selbst verlebte eine sehr heitere Jugend. Sie lernte meinen Vater schon im Alter von sechszehn Jahren kennen und verlobte sich ihm im Vollgefühl ihres Glückes, obwohl sie wissen konnte, daß ihre Aeltern eine Verbindung mit dem unbegüterten Edelmanne niemals ohne Widerstreben gestatten würden. Mein Großvater mütterlicherseits haßte den Adel und dieser Haß allein schon mußte ihm einen adlichen Schwiegersohn zuwider machen. Und sodann hatte er die triftigsten Gründe, für seine drei Töchter vermögende Freier zu wünschen, da die eigenen Verhältnisse ihm nicht erlaubten, sie standesgemäß auszustatten.« »Sechs volle Jahre dauerte der Widerstand Deines eigensinnigen Großvaters,« sagte der Justizrath. »Das, mein Kind, ist für leidenschaftlich liebende Herzen eine Ewigkeit! Deine Mutter, obwohl sie die Hoffnung nie aufgab, den Erwählten ihres Herzens dereinst zu besitzen, hat die Qualen dieses bangen Hoffens, dieses schmerzlichen Harrens zu lange tragen müssen, und wenn sie diese Zeit einer schweren Prüfung eine verlorene nannte, wer möchte sie deshalb Lügen strafen wollen!« Laura schwieg, um das betrübende Thema, das sie ungern anschlagen hörte, nicht noch länger zum Gegenstände des Gespräches gemacht zu sehen. Dann umarmte sie ihren Gatten und flüsterte ihm leise zu: »Justine soll ihre Jugend nicht verlieren, wenn wir Aeltern es verhindern können. Sobald sich eine Gelegenheit darbietet werde ich mich mit der Mutter des Legationsrathes, die mich ja stets wie eine Freundin behandelt hat, in die intimsten Beziehungen zu setzen suchen.« 2. Nach dieser Unterredung mit seiner Gattin vertiefte sich Strahleck mit dem ihm zur Gewohnheit gewordenen Eifer wieder tagelang in seine juristischen Geschäfte, mit denen er sehr überladen war. Routinirt in seinem Fache, verstand er eine Menge Dinge rasch zu erledigen, ohne daß es ihm große Mühe kostete. Unwichtiges übergab er Accessisten, die sich unter seiner Leitung ausbildeten, und so gelang es ihm fast immer, in kurzen Zwischenräumen Zeit auch zu geselligen Vergnügungen, die er sehr liebte, und zu unterhaltenden Gesprächen zu gewinnen. Inzwischen vergaß die Justizräthin nicht, im Interesse ihrer Tochter die ersten vorbereitenden Schritte zu thun. Es konnte der aufmerksamen Mutter nicht entgehen, daß Justine dem interessanten Legationsrathe gewogen war, und wenn sie an die glänzende Zukunft dachte, die unter besonders glücklichen Umständen ihrem einzigen Kinde vielleicht schon in sehr kurzer Zeit beschieden sein konnte, schlug ihr Herz lauter vor Freude und Entzücken. Der Entschluß der glücklichen Mutter stand fest. Justine sollte die Gemahlin des Legationsraths Mandelsdorf werden. Sie wollte das mit seltenen Gaben des Körpers und Geistes reich ausgestattete Kind am Hofe der Tuilerien unter Herzögen, Marschällen, Marquis und Grafen als bevorzugte Schönheit und geistreiche Frau bewundert sehen. Strahleck fragte nicht direct, in wiefern seine Andeutungen von Laura benutzt worden seien. Es war überhaupt nicht die Art des ziemlich ernsten Mannes, sich nach einem gegebenen Auftrage sogleich wieder zu erkundigen. Er ließ es lieber an sich kommen und ward durchaus nicht verstimmt, wenn Andere ihn, selbst zur Unzeit, an eine von früher her datirende Angelegenheit wieder erinnerten. Ohnehin war der Justizrath in den letzten Wochen sehr zerstreut, in Folge einer Angelegenheit, die man ihm schon vor längerer Zeit übergeben hatte. All' feine Rechtskenntniß, seine ganze juristische Erfahrung reichte nicht aus, um sich ein klares Urtheil zu bilden, und das beunruhigte den Justizrath sehr, während es ihn noch ungleich mehr verdroß. Der Fall betraf eine Erbschaft. Vor beinahe hundert Jahren war ein armer Zimmergeselle, Namens Ehrlich, aus Verdruß über das geringe Glück, das er auf vierjähriger Wanderschaft gemacht hatte, zu Schiffe gegangen, um in ferner Welt sein Heil zu versuchen. Josua, wie er mit seinem Taufnamen hieß, konnte zur Nothdurft lesen und schreiben, weiter aber gingen seine Kenntnisse nicht. Sein Handwerk nur verstand er aus dem Grunde, so daß er wohl hoffen durfte, er werde, blühe ihm das Glück nur einigermaßen, sich ganz gut durch seiner Hände Arbeit ernähren können. Ehrlich hatte noch zwei Geschwister, einen Bruder Elias – der alte Ehrlich, Schuhmacher seines Zeichens, war Mennonit und liebte die biblischen Namen – welcher des Vaters Handwerk ergriff, und eine Schwester Mirrha. Beide Geschwister verheiratheten sich und zeugten Kinder, von denen die meisten starben, einige wenige aber am Leben blieben und sich später wieder da- und dorthin zerstreuten. Da kein einziger Nachkomme des frommen Mennoniten sich besonders hervorthat, so machten sie auch keinerlei Aufsehen. Der alte Schuhmacher segnete das Zeitliche in hohen Jahren, auch Elias starb und Mirrha zog, nachdem sie eine Reihe Jahre in glücklicher Ehe gelebt hatte, mit ihrer Tochter, die auswärts einen Bräutigam fand, ganz fort. Weder von ihr noch von ihrer Tochter verlautete späterhin etwas, so daß schon nach fünfzig Jahren die ganze Familie völlig in Vergessenheit gerieth. Von Josua Ehrlich, dem ausgewanderten Zimmergesellen, hatten weder dessen Eltern, noch später die Geschwister je wieder eine Nachricht erhalten. Sie erfuhren nur durch Hörensagen, daß Josua zur See gegangen sei, und da keine Kunde mehr von ihm eintraf, auch angestellte Nachforschungen erfolglos blieben, so nahm man an, er möge auf dem Meere gestorben oder verunglückt sein. Da erhielt die Obrigkeit der Stadt, wo der alte Ehrlich gelebt und gewirkt hatte, eines Tages durch consularische Vermittelung die Anzeige, daß auf Java eine Dame in hohem Alter verstorben sei mit Hinterlassung eines colossalen Vermögens. Die Verstorbene war eine geborene Ehrlich, und zwar die älteste Tochter jenes ausgewanderten Josua, der wider alles Vermuthen auf Java sein Glück durch Uebernahme von Bauten gemacht, später sich reich verheirathet hatte und in hohen Jahren verstorben war. Aus den hinterlassenen Papieren, die man bei der alten Dame fand, ergab sich, daß Josua Ehrlich schon lange vor seinem Tode, als sein Vermögen bereits weit über eine Million Gulden betrug, dies in zwei gleiche Hälften getheilt und zu Gunsten seiner nächsten Verwandten darüber verfügt hatte. Nach längerem Suchen in dem mit allerhand Seltsamkeiten überfüllten Landhause, welches die alte Dame bis zu ihrem Tode bewohnt hatte, entdeckte man auch ein förmliches Testament Josua Ehrlichs. In diesem Testamente hatte der schon längst Verstorbene seine in Europa verbliebenen Geschwister und deren Kinder zu Erben der vollen Hälfte seines baaren Vermögens eingesetzt, während die andere Hälfte nebst seinen erworbenen und höchst beträchtlichen Besitzungen auf Java mit Allem, was sich an Werthsachen darin vorfände, seinen eigenen Kindern und deren Nachkommen verbleiben sollte. Dies Testament war in Form allen Rechtes abgefaßt, von dem Erblasser unterschrieben oder vielmehr unterkritzelt, so daß an dessen, Gültigkeit Niemand zweifeln konnte. Zugleich ward aber auch die Entdeckung gemacht, daß die letztwilligen Verfügungen Josua Ehrlich's niemals zur Ausführung gekommen waren! Zwischen dem Tode des reich gewordenen Zimmergesellen und dem Ableben seiner Tochter lag ein Zeitraum von weit über fünfzig Jahren. Zwei Josua später geborene Kinder waren in zartem Alter gestorben, die älteste Tochter aber, die den Vater überlebte, hatte sich nie verheirathet. Auch die Familie, welcher Josua Ehrlich sich auf Java durch Heirath verband, war in allen ihren Gliedern ausgestorben, so daß mit dem Tode der alten Dame die ganze Familie für erloschen gelten mußte, wenn nicht etwa in Europa noch Abkömmlinge der Ehrlich am Leben waren. Die letztere Annahme hatte viel Wahrscheinlichkeit für sich, da ja zwei Geschwister Josua's im Vaterlande zurückblieben. Gerade um diesen seinen nächsten Blutsverwandten ein besseres Loos zu bereiten und womöglich Allen reichliche Mittel zu gutem Fortkommen in die Hand zu geben, hatte der gutherzige, auf so Unerwartete Weise reich gewordene älteste Bruder das Testament verfaßt. Unvorhergesehenen Umständen mußte es zugeschrieben werden, daß Josua Ehrlichs letzter Wille nicht hatte vollstreckt werden können. Aus Europa war trotz zweimaliger Meldung von Josua's Tode keine Nachricht nach Java gelangt. Man mußte zuletzt annehmen, sämmtliche Nachkommen der Familie Ehrlich seien ausgestorben. Später schien in Folge der politischen Stürme, welche Europa damals heimsuchten und alles Bestehende in Frage stellten, eine Wiederholung des Aufrufes an die etwaigen Erben Josua's unterblieben zu sein. So ward nun die einzige noch lebende Tochter des reichen Bauherrn Universalerbin des großen Vermögens ihres Vaters, das sich während ihres ferneren Lebens, obwohl sie keineswegs sparte, mehr als verdreifachte. Aus den Erzählungen Josua's wußte sie, daß die Familie, ihres Vaters von jeher in drückenden Verhältnissen gelebt hatte, weshalb sie dessen Absicht, diesen ihren fernen Verwandten einen ansehnlichen Theil seiner Glücksgüter zu vererben, nur billigte. An ihr als Tochter beging der Vater dadurch keinen Raub. Es verblieb ihr genug, um verschwenderisch leben zu können. Und da sie auch das gute Herz des Vaters ererbt hatte, so gab sie in einem an die Behörde gerichteten Schreiben kurz vor ihrem Tode den Wunsch zu erkennen, man möge nach ihrem Ableben noch einmal den Spuren der Anverwandten ihres Vaters in Europa nachforschen. Erst nach Ablauf eines vollen Jahres erhielt die Behörde der Stadt, wo der alte Ehrlich gelebt und sich mühsam durchgeschlagen hatte, Kunde von den fernen Verwandten einer Familie, die längst verschollen war. Des frommen, fleißigen Schuhmachers erinnerte sich persönlich Niemand mehr, von den Zeitgenossen der Kinder desselben lebten aber noch einige Wenige in hohem Greisenalter. Aber auch diese vermochten über deren Verbleiben nur dürftige Auskunft zu geben. Indeß gelang es doch den jetzt ernstlich betriebenen Nachforschungen die eine Thatsache zu ermitteln, daß ein Sohn von Elias Ehrlich vor einigen dreißig Jahren nach Canada ausgewandert sei. Diese Thatsache ward constatirt, nach Java berichtet und vorläufig Arrest auf die Erbschaft gelegt. Die Enkel und Urenkel des Mennoniten, dessen Sohn Josua so reich geworden war, konnten ja noch leben. Endlich war auch Mirrha und ihre mögliche Nachkommenschaft noch übrig, der man jetzt ebenfalls nachspüren mußte. Zu diesen weitläufigen Schritten bedurfte man Zeit. Außerdem war die Betreibung der Nachforschung selbst mit vielen Mühen und endlosen Schreibereien verbunden. Es schien deshalb zweckmäßig zu sein, die interessante Erbschaftsangelegenheit, die voraussichtlich kaum in Jahren sich würde ordnen lassen, einem tüchtigen Juristen zu übertragen, und so gelangte sie in die Hände des Justizraths Strahleck. Wieder vergingen Monate, ohne daß es gelingen wollte, die muthmaßlichen Erben des fabelhaften Vermögens, das mit jedem Tage noch mehr anwuchs, zu ermitteln. Von Mirrha Ehrlich ließ sich gar keine Spur entdecken. Unbemittelt und unangesehen von Haus aus, hatte sich Niemand um das Mädchen und ihre Schicksale bekümmert. Strahleck gab jedoch die Hoffnung nicht auf. Je länger er sich mit den Nachforschungen nach den Abkömmlingen der Ehrlich beschäftigte, desto interessanter wurde im die Sache, und selbst, wenn Jahre darüber vergehen sollten, war dies für ihn persönlich kein Verlust. Mochten sich für das einstweilen von der Behörde gewissenhaft verwaltete Vermögen die rechtmäßigen Erben finden oder nicht, ihm mußte für sein treues Bemühen doch immer eine sehr anständige Gratification ausgezahlt werden, welche unter den obwaltenden Umständen einem Vermögen gleichkommen konnte. Einige Wochen nach dem vertraulichen Gespräch Strahlechs mit seiner Gattin in Folge des Ballfestes beim englischen Consul ward dem Justizrath durch Letzteren ein Schreiben zugefertigt, das aus Quebec kam. Dies Schreiben enthielt die ersten leisen Andeutungen, daß in dem weiten Nordamerika sich irgendwo noch Verwandte der auf Java verstorbenen Tochter des ehemaligen Zimmergesellen Josua Ehrlich aufhalten könnten. In Quebec selbst hatte vor langer Zeit ein Deutscher dieses Namens als Tischler sich niedergelassen. Er stammte aus der Geburtsstadt des Josua, der auf Java zu so enormen Reichthümern gelangt war. Mein nach der Gewohnheit der meisten naturalisirten Amerikaner war auch dieser Ehrlich bald weiter westwärts gezogen, und zwar, wie mit Bestimmtheit behauptet ward, zunächst nach Michigan. Es hatten sich mehrere Deutsche mit zwei Canadiern verbunden, um in dem neu aufblühenden Staate einen Holzhandel anzufangen, von dem sie sich großen Gewinn versprachen. Dem Schreiben ward schließlich die Versicherung beigefügt,, daß man bereits das Erforderliche, angeordnet habe, und daß man seiner Zeit über das Weitere Bericht erstatten werde. Wider alles Erwarten folgte diesem ersten Schreiben schon nach wenigen Wochen ein zweites, welches die Nachricht enthielt, daß man alle Ursache habe zu glauben, ein naher Verwandter Josua Ehrlichs lebe wirklich noch im Innern Nordamerika's. Dieser habe jedoch seinen deutschen Namen abgelegt und nenne sich schon seit geraumer Zeit Master Honest. Es werde sich indeß der Beweis unschwer führen lassen, daß er rein deutscher Abstammung sei, und daß er seinen ursprünglich deutschen Namen aus Nützlichkeitsrücksichten nur buchstäblich ins Englische übersetzt habe. Auch der Nachweis der Nothwendigkeit eines solchen Namenwechsels war gegeben. Master Honest, der vermuthliche Urenkel des frommen Schuhmachers Ehrlich, war in die Fußstapfen seines Urgroßvaters getreten und stand jetzt als angesehener Prediger der Mennoniten-Gemeinde zu Cincinati in hohem Ansehen. Weil fast alle Mitglieder dieser Gemeinde echte Amerikaner waren und durchaus nur einen Amerikaner als ihren Seelsorger haben wollten, würde der deutsche Name Ehrlich den würdigen Mann um allen Einfluß bei seiner ihm sonst sehr geneigten Gemeinde gebracht haben. Justizrath Strahleck war hoch erfreut über diese Nachrichten. Sie konnten ihm nur zur Ehre gereichen und seinen Ruf als scharfsinnigen Juristen, der fast jede ihm übertragene Angelegenheit glücklich zu Ende führte, auch im fernen Auslande vermehren. In seiner freudigen Aufregung theilte er den Vertrautesten die gemachte Entdeckung mit, nannte den Namen des aller Wahrscheinlichkeit nach glücklich aufgefundenen Ehrlich und überschlug schon im Geiste die mancherlei Vortheile, welche die Schlichtung dieser eigenthümlichen Erbangelegenheit für ihn und seine Familie haben müsse. Einer der Ersten, welche Strahleck von dem Erfolge seiner Bemühungen in Kenntniß setzte, war der englische Consul. Hatte dieser ihm doch bereitwillig die Hand geboten und seine Forschungen nach dem verschollenen Abkömmlinge der Familie Ehrlich auf jede Weise gefördert. Der Consul theilte jedoch nicht die zuversichtliche Hoffnung des Justizraths. »Master Honest?« sagte er, den Namen wiederholend, den ihm Strahleck als denjenigen nannte, hinter welchem sich der Urenkel Ehrlichs verbergen sollte. »Der Honest giebt es in England, wie in den englischen Besitzungen auf dem amerikanischen Continent, eine sehr große Menge. Sie sind ungefähr so verbreitet durch die vereinigten Königreiche, wie in Deutschland die Meier oder Schulze. Aus diesem Grunde, dünkt mich, bietet die aufgefundene Spur nur geringe Sicherheit, daß der ermittelte Mennonitenprediger auch wirklich der gesuchte Ehrlich und der rechtmäßige Erbe des auf Java verstorbenen Krösus ist.« Strahleck machte Einwendungen, und zählte alle Gründe auf, die für seine Annahme sprachen. Der kühle Engländer ließ sich aber nicht überzeugen. »Wenn Sie der entdeckte Name besticht, Herr Justizrath,« erwiderte er, »so könnte ich Ihnen leicht noch ein paar Fährten nachweisen, die zu verfolgen wohl auch der Mühe verlohnen dürfte.« »In Ihrem Geburtslande?« fiel Strahleck ein. »In England, in Schottland, in den Niederlanden, ja selbst hier. Ueberall leben Honest's, oder doch Personen, die mit Leuten dieses Namens verwandt sind.« Der Justizrath lächelte, indem er versetzte: »Wahrscheinlich sind Ihnen auch die Stammbäume dieser Familien bekannt.« »Nicht von allen,« sagte der englische Consul. »Es gibt unter ihnen Persönlichkeiten, deren Vergangenheit sich in ein verschwommenes Dunkel verliert. Zu diesen gehören sogar einige Personen von Dinstinction, denen man häufig in den ersten Cirkeln begegnet.« Strahleck glaubte jetzt wirklich, der Consul wolle nur seinen Scharfsinn und seine juristische Klugheit auf die Probe stellen, weshalb er sehr heiter versetzte: »Nun, wenn dies der Fall ist und Sie wollen nur die Güte haben, mir einen Fingerzeig zu geben, so darf ich mich vielleicht doppelt freuen. Es wäre ganz angenehm, wenn ein Theil der ungeheuren Erbschaft in die Vaterstadt der Ehrlich zurückkehrte, oder gar hier blieb.« »Ich spreche im vollen Ernst, Herr Justizrath!« »Und ich nicht minder, Herr Consul!« »Dann überrascht es mich in der That, daß Sie nicht ahnen, wohin meine Bemerkung zielen soll.« »Ich bin nicht, was man im Jargon der exclusiven Gesellschaft: »von Familie« nennt,« entgegnete Strahleck etwas piquirt, »und – offen gestanden – ich fühlte auch nie ein Bedürfniß, mich in Familiengeheimnisse zu drängen, wenn es meine amtliche Thätigkeit nicht als Pflicht erheischte.« »Sollten Sie wirklich niemals gehört haben,« erwiderte in stets gleichmäßig ruhigem Tone der englische Consul, »daß unser von der vornehmen Welt so arg verzogene Legationsrath Mandelsdorf mütterlicherseits von einer Familie Honest abstammt, und daß gerade diese Familie nicht englischen, sondern vlämischen Ursprungs ist?« »Das erste Wort, das ich höre!« rief der Justizrath mit ungekünsteltem Erstaunen aus. »Aber wie kommen Sie, Herr Consul, zu dieser Kenntniß?« »Auf die einfachste Weise von der Welt. In meiner Eigenschaft als Consul habe ich unter Anderem ja auch die Verpflichtung, Pässe zu visiren und mit dem Consulatsstempel zu versehen. Vor Jahren ward mir eines Tages ein solcher zu dem nämlichen Zwecke übergeben. Allzu ängstlich sind wir in England nicht, wie Sie wissen, weil wir auf sogenannte Legitimationspapiere keinen großen Werth legen. Ich visire also den Paß wie jeden anderen. Dabei lese ich zufällig den ganzen Namen seines Inhabers, und erst, als ich diesen erblicke, wird mir der Besitzer desselben interessant. Es war ein Mandelsdorf, wie ich gleich darauf von ihm selbst erfuhr, ein entfernter Cousin unseres Legationsrathes. Ein Wort gab das andere; der junge Mann sprach gern und gut, und so erfuhr ich denn gesprächsweise von ihm, daß er mit seinen nächsten Anverwandten sehr schlecht stehe und sie deshalb nicht einmal besucht habe. Dieser Bemerkung fügte er die Bitte hinzu, ich möge seiner, wenn ich mit den hiesigen Mandelsdorfs zusammenträfe, lieber nicht erwähnen. Seine Cousine möchte auffahren, denn ihre Mutter habe sich mit seiner eigenen Mutter von je her sehr schlecht vertragen, weil diese um ein Familiengeheimniß wisse, das man der Welt zu verbergen die triftigsten Gründe habe. Natürlich enthielt ich mich jeder weiteren Frage, nur einen Blick noch warf ich in den Paß, da ich flüchtig gesehen hatte, daß der junge Mann in Begleitung seiner Mutter reiste. Und da las ich denn neben dem Namen Mirrha Mandelsdorf die Worte: geborene Honest.« »Ich habe das allerdings nicht gewußt,« erwiderte der Justizrath, »und ich bin Ihnen deshalb sehr verbunden für Ihre Mittheilung, bedeutungsvoll aber für meine Erbschaftsangelegenheit wird sie, glaub' ich, nicht werden. Nach dem Vlämischen dürfte sich, so weit meine Erkundigungen reichen, kein Nachkomme der Ehrlich verirrt haben.« Jedenfalls war es meine Pflicht, Ihnen die Abstammung der Mandelsdorf nicht vorzuenthalten,« sagte der Consul. »Im Uebrigen wünsche ich Ihnen aufrichtig den besten Erfolg und eine Erledigung der fraglichen Angelegenheit zu Ihrer vollkommensten Zufriedenheit.« Der Justizrath versicherte den Consul nochmals feiner Ergebenheit und bat, ihm auch ferner eine wirksame Unterstützung nicht zu entziehen, worauf er das Haus desselben in nachdenklicher Stimmung verließ. 3. Justine hatte einige Freundinnen bei sich, mit denen sie höchst vergnügt plauderte. Es kamen hochwichtige Dinge unter den jungen Mädchen zur Sprache, die keine anderen Sorgen kannten, als die, welche ihnen bald die eigene Toilette, bald die Anderer machte. Die Persönlichkeiten der Männer, welche auf dem letzten Balle bei dem Stadtcommandanten mit den Freundinnen getanzt hatten, wurden gründlich kritisirt. Die jungen, übermüthigen Schönen verfuhren dabei gar nicht nachsichtig. Eigentlich fand auch nicht ein Einziger vollkommen Gnade vor ihren Augen, obwohl Alle sich durch Manche liebenswürdigen Eigenschaften auszeichneten. Bei dieser kritischen Musterung war Justine noch die mildeste Censorin von Allen. Sie bestritt manche herbe Bemerkung ihrer Freundinnen und nahm sogar einen und den andern zu hart Getadelten laut in Schutz, was ihr selbst einige scharfe Seitenhiebe zuzog, die Justine indeß völlig ignorirte. »Nächstens soll ja bei Mandelsdorf große Fête sein,« sagte, das gründlich bearbeitete Thema verlassend, die schelmische Minna Orlemann, die Tochter des reichen Bankdirectors. »Wenn das Gerücht wahr spricht, trifft man ganz ungewöhnliche Vorbereitungen. Du kannst uns gewiß Näheres darüber sagen, Justine! Deine Mutter ist ja eng befreundet mit den Mandelsdorfs.« »Wir besuchen einander,« sagte Justine, eine gleichgültige Miene annehmend, »das ist Alles!« »In den letzten Wochen ein wenig häufig,« fuhr Minna Orlemann fort. »Weißt Du, Justine, daß sich die Gesellschaft darüber schon ein Urtheil gebildet hat?« »Weshalb sollte sie es nicht?« erwiderte die Gefragte. »Die Zeit läßt sich ja nicht angenehmer tödten, als daß man über Andere spricht. Thun wir nicht dasselbe?« »Nur mit Unterschied, denk' ich,« gab Minna zur Antwort. »Wir lassen Jedermann Gerechtigkeit widerfahren.« »Ohne Frage, liebe Minna; und eben darum wollen wir auf bloße Gerüchte nicht allzu viel Werth legen.« Der Bediente trat ein und legte eine Mappe mit Journalen auf den Tisch; denn Justine war eine große Freundin von Lectüre, und in der Zeitungs- und Tagesliteratur wohl bewandert. »Sind sie neu, Jean?« rief sie dem jungen Burschen nach. »Eben angekommen,« erwiderte dieser mit devoter Verbeugung und entfernte sich. Justine löste die grünen Schnüre der ziemlich großen Mappe und begann deren Inhalt zu mustern. Auch die Freundinnen griffen neugierig zu und waren bald in die verschiedenen Modejournale, die sich darunter befanden, andächtig vertieft. Das Kritisiren der jungen Mädchen nahm abermals seinen Anfang, nur daß es jetzt den vorhandenen Modebildern, den Kleiderstoffen, Schnitten und Mustern galt, die in reicher Auswahl vorhanden waren. Justine selbst warf nur ab und zu ein Wort dazwischen, wenn die Freundinnen im Eifer gar zu lebhaft wurden und ihre Meinungen gegenseitig bestritten. Sie blätterte bald da, bald dort, las auch einzelne Notizen, die sie gerade interessirten, und war darauf bedacht, die Blätter mehr ernsten Inhalts von denen, welche nur leichter, oberflächlicher Unterhaltung gewidmet waren, zu sondern. Plötzlich rief sie verwundert aus: »Das kann aber interessant werden!« Sämmtliche Freundinnen blickten die Tochter des Justizraths an und fragten unisono: »Was denn?« indem sie die Modebilder zurückschoben. »Ich bitt' Euch, hört!« fuhr Justine fort. »In der gelesensten niederländischen Zeitung soll, wie hier behauptet wird, Folgendes vor ganz kurzer Zeit gestanden haben: »Neulich mußte wegen vorzunehmender Neubauten im Posthause zu R. eine Mauer niedergerissen werden, in welcher die Briefkasten eingefügt sind. Als man nun letztere entfernte, gewahrte man, daß in einem derselben die schiefe Fläche, auf welcher die Briefe in den Kasten selbst hinabgleiten, also das Brett, aus dem die Fläche besteht, gesprungen war, so daß sich in derselben ein Spalt von der Breite fast eines Zolles gebildet hatte. Unter der Fläche des Holzes, das oben und unten auf fester Mauer ruhte, entdeckte man einen hohlen Raum von geringer Tiefe. Dieser ganze Raum aber war mit unfrankirten Briefen angefüllt, die zum Theil wohl schon vor sehr sehr langer Zeit zur Weiterbeförderung in den Kasten gesteckt worden sein mögen. Noch verlautet nicht, was die Postverwaltung mit diesen Briefen, die etwas spät in die Hände ihrer Empfänger kommen, manchen derselben, wohl auch erst im Jenseits auffinden dürften, anzufangen gedenkt.« Justine ließ das Blatt sinken und sagte: »Nun, wie gefällt Euch das?« »Und das ist Alles?« warf unbefriedigt Minna Orlemann ein. »Hier wenigstens finde ich nichts weiter über den interessanten Fund. Es wäre möglich, daß die politischen Blätter ausführlichere Angaben enthielten, z. B. die Neuigkeits-Gazette, die sich so leicht nichts Interessantes in politischer wie socialer Beziehung entgehen läßt. Du hast sie dort, Auguste, bitte, lass' uns sie einsehen!« »Sieh' Du selbst zu,« sprach die genannte Freundin, Justine das Blatt reichend. »Du bist im Zeitungslesen bewanderter als wir und weißt die Rubriken leichter zu finden, die solche Mittheilungen zu enthalten pflegen.« Aufmerksam folgten die Freundinnen dem suchenden Blicke Justinens, die nach einiger Zeit mit glänzenden Augen ausrief: »Richtig! Die Gazette schenkt uns schon reineren Wein ein. Es heißt hier unter der Ueberschrift: Aeußerst wichtiger Fund, wie folgt: »Die Zahl der Briefe, welche man kürzlich bei dem Abbrechen der Mauer im alten Postgebäude unter einem der schon seit zwanzig und mehr Jahren nicht mehr benutzten Briefkasten entdecke, beträgt dreiundsechszig. Sie würde jedenfalls weit bedeutender sein, wäre mit dieser Summe der leere Raum unter dem schadhaften Briefkasten nicht vollständig ausgefüllt gewesen. Die Postbehörde befindet sich begreiflicherweise in einer fatalen Lage, obwohl Niemand berechtigt ist, ihr Nachlässigkeit vorzuwerfen. Nach der Erklärung Sachverständiger hat das aus zwei zusammengefügten Brettstücken bestehende Holz sich wahrscheinlich durch den Einfluß der Feuchtigkeit gelöst, wodurch nach und nach der verhängnißvolle Spalt entstanden ist, welcher die betreffende Anzahl von Briefen verschlang. Man vermuthet, daß sich die Oeffnung unter dem Brett in kurzer Zeit gefüllt haben möge, obwohl sich darüber etwas Bestimmtes nicht sagen läßt. Sicherem Vernehmen nach wird die Postbehörde kein Mittel unversucht lassen, den Aufenthalt derjenigen Personen, an welche die Briefe gerichtet sind, oder falls diese nicht mehr am Leben sein sollten, deren Nachkommen, soweit möglich, zu ermitteln. Bei der Mehrzahl dürfte dies gelingen. Im Allgemeinen nimmt man an, daß die Briefe wenigstens ein halbes Jahrhundert in ihrem unzugänglichen Verließ gelegen haben. Personen, welche Gelegenheit hatten, einige derselben zu sehen, sagen aus, daß die Couverts sehr vergilbt, die Siegel fast ganz unkenntlich geworden, die Schriftzüge dagegen noch vollkommen leserlich sind. Ungefähr die Hälfte aller aufgefundenen Briefe ist nur von kleinem Format.« Die jungen Mädchen waren der Vorleserin mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Man sah es ihren glänzenden Augen an, daß der seltsame Vorfall Alle lebhaft beschäftigte und ihnen Anlaß zu allerhand Conjecturen gab. »Himmel, wenn Einer von uns selbst oder doch ein naher Bekannter einen dieser aufgefundenen Briefe bekäme!« rief die sanguinische Minna Orlemann aus. »Ich ruhte nicht, bis ich eine Abschrift davon erhalten hätte! Denkt Euch, liebe Schwestern, welche Geheimnisse können sich in dreiundsechszig Briefen verstecken, die vor fünfzig Jahren geschrieben und doch von Niemand gelesen wurden! Wie viele Thränen mögen vergossen worden sein von denen, die vergebens auf das Eintreffen ersehnter Nachrichten warteten! Es ist geradezu unmöglich, sich alle denkbaren Fälle zu vergegenwärtigen, die aus dem Wegbleiben dieser Briefe sich ergeben. Wie schade, daß man zu Zeiten nicht ein wenig allwissend ist!« »Mich würden namentlich die Briefe von kleinem Format interessiren,« meinte Auguste. »Gewiß enthalten sie Herzensgeheimnisse.« »Wie schrecklich!« rief Minna aus. »Verloren gegangene Billet-douces ! Schon sehe ich vor mir gebrochene Herzen zittern. Weiße, zarte Hände ringen sich wund über treulos gewordene Geliebte; die Thore der Irrenhäuser öffnen sich geräuschlos und mit fliegenden Haaren, rollenden Augen stieren die schuldlos Betrogenen schaudernd in die weite, öde Welt!« »Hu!« sagte Auguste, sich schüttelnd. »Mit Deinen tollen Phantasien kannst Du einem ja selbst schaudern machen.« Justine faßte den Vorfall ruhiger auf, ohne die vielen Möglichkeiten, welche ihre lebhafte Freundin namhaft machte, bestreiten zu wollen. »Sonderbare Dinge können und werden durch diese Briefe jedenfalls an den Tag kommen,« sagte sie, »wenn die Behauptung des Berichterstatters in der Gazette sich bestätigt. Fünfzig Jahre sind freilich eine lange Zeit, schwerlich aber genügt sie, um alle Mitglieder von dreiundsechszig Familien bis auf den letzten Sproß aussterben zu lassen. Wenn also die aufgefundenen Briefe nicht blos gleichgültige Mittheilungen enthalten, so wird es an Verwickelungen mancherlei Art nicht fehlen. Wohl denen, die nicht urplötzlich durch das Eintreffen eines so lange verspäteten Briefes aus ihrer behaglichen Ruhe, vielleicht aus ihrem ganzen Lebensglück aufgeschreckt werden!« »Bei alledem möchte ich doch zu den Empfängern eines dieser Briefe gehören,« meinte Minna. »Mich wolle Gott davor bewahren!« rief die schreckhafte Auguste. »Einen Brief öffnen zu müssen, dessen Schreiber längst todt, begraben, vermodert ist, – der bloße Gedanke schon kann mich krank machen!« »Im Gegentheil, ich finde ihn ganz allerliebst pikant,« erwiderte Minna. »Ein Billet voll der zartesten Liebesbetheuerungen, die einander vor einem halben Jahrhundert unsere Großältern schriftlich zustellten, müßte eine ganz interessante Lectüre sein. Es ließe sich Mancherlei daraus lernen. Gesetzt aber, der Kopf profitirte eben so wenig dabei als das Herz, so gäbe es doch sicherlich Anlaß zu Scherz die Menge. Ein halbes Jahrhundert bringt, wie in Sitten und Kleidern, so auch in Stil und Ausdrucksweise die größten Veränderungen hervor. Mir wenigstens würde es ein unbezahlbarer Genuß sein, könnte ich in Erfahrung bringen, wie etwa meine nie verheirathet, wohl aber zweimal verlobt gewesene Großtante, von deren geziertem Wesen mir die Mutter so oft Wunderdinge erzählte, ihre Worte auf Stelzen gesetzt haben mag, als sie ihrem getreuen Schäfer das schreckliche Geständniß ablegte, daß der erste Kuß, den er der Schönen in der Jasminlaube raubte, nicht blos auf ihren Lippen, sondern auch in ihrem tugendhaften Herzen brenne.« »Boshafte Spötterin!« sagte Justine. »Sieh nur zu, daß Dir nicht etwa einmal ein Billet ähnlichen Inhaltes durch die Finger schlüpft, die Du ewig bewegliche Unruhe ja doch niemals ganz still halten kannst!« Minna schob ihren Stuhl näher an den Sitz der Freundin und flüsterte ihr lächelnd einige Worte ins Ohr, die Justine bis in den Nacken erröthen machten. Frohlockend klatschte die Ausgelassene in die Hände. »Getroffen! Getroffen!« rief sie jubelnd. »Ich habe es mir gedacht, seit –« »Liebe Minna,« fiel ihr Justine ins Wort, ihre Hand auf den Mund der Freundin legend, »wenn Dir etwas an meiner Freundschaft gelegen ist, so wirst Du schweigen. Glossen zu machen und Dich an Phantasien zu ergötzen, wie Du sie gern magst, kann ich Dir nicht verwehren. Im Uebrigen pflichte ich Auguste bei und wünsche sehr, daß keinem von unseren intimeren Bekannten ein solcher Grabesbrief überbracht werden möge. Selbst wenn er nur Gleichgültiges enthalten sollte, würde doch wohl Jeder von uns beim Erbrechen des Briefes ein wenig zittern.« »Nun gut,« sprach Minna Orlemann, »weil Ihr Euch denn vor wesenlosen Gestalten fürchtet, will ich Euch aus Liebe beipflichten. Ich bin jetzt nur begierig, was die alten und jungen Herren, die bekanntlich gar nicht neugierig sind, zu dieser amüsanten Zeitungsnachricht sagen werden. Dem Urtheil der Weisesten schließe ich mich unbedingt an, weil ich als ein Mitglied des schwächeren Geschlechts trotz der Liebenswürdigkeit, die mir nach der Versicherung einiger Repräsentanten des stärkeren Geschlechts zuweilen innewohnen soll, doch niemals einer kräftigen Stütze entbehren kann.« Mit diesen Scherzworten griff das junge Mädchen nach Hut und Umhang, streifte die Handschuhe über und empfahl sich der Freundin, noch mehrmals den Finger scherzhaft drohend gegen sie erhebend und zugleich um die Ehre eines baldigen Gegenbesuchs bittend. 4. Nach wenigen Tagen schon war die Kunde von den aufgefundenen Briefen durch alle Zeitungen gelaufen. Jedermann sprach davon, in allen Gesellschaften unterhielt man sich über das interessante Vorkommniß. Rechtsverständige warfen die Frage auf: ob die Postbehörde verpflichtet sei, die entdeckten Briefe nach so langer Zeit an ihre Adressen zu befördern, oder ob sie das Recht besitze, sie zu vernichten. Die Mehrzahl sprach sich für Versendung der alten Briefe aus, weil jede Postanstalt doch im Grunde nur ein vom Staate gegründetes und verwaltetes Speditionsgeschäft sei, das an die ihr übergebenen Briefe und Packete keinerlei Eigenthumsrecht beanspruchen könne. Nur Einzelne, die den Fall, gerade weil er so ganz vereinzelt dastand, von allen Seiten beleuchtet wissen wollten, harmonirten nicht mit dieser Auffassung. Sie meinten, es träte hier das Recht der Verjährung in Kraft, und ließe sich nachweisen, daß die Briefe über fünfzig Jahre in dem verborgenen Spalt des Briefkastens gelegen hätten, so seien sie dadurch allein schon herrenlos geworden und der Finder könne damit anfangen, was er wolle. Noch Andere waren aus Gründen der Vorsicht und Zweckmäßigkeit für Zurückhaltung und Vernichtung derselben, ohne daß man sich vorher mit dem Inhalt bekannt mache. Die Hindeutung auf Entstehung verwickelter Zwiste, die sich in kostspielige Processe verwandeln könnten, war nicht ganz aus der Luft gegriffen, und wenn sie deshalb bedauerten, daß man in der ersten Ueberraschung überhaupt das Bekanntwerden des Fundes zugegeben habe, so lag darin allerdings ein Körnchen Wahrheit verborgen. Zu diesen Vorsichtigen gehörte auch Justizrath Strahleck. Ihm schloß sich mit vieler Wärme der Legationsrath Rudolph Mandelsdorf an, der als fein fühlender Diplomat überhaupt der allzugroßen Oeffentlichkeit niemals das Wort redete. Befänden sich – äußerte der junge, vielversprechende Mann wiederholt – keine Depeschen darunter, die von irgend einer Behörde abgeschickt worden seien, so könne man dem lebenden Geschlecht nur einen Gefallen thun, wenn man dies Häufchen altes Papier ungesäumt verbrenne. Das geschah jedoch nicht. Den verschiedenen Zeitungsnachrichten, die vielfach von einander abwichen, folgte sehr bald die officielle Mittheilung von dem gemachten Funde. Die Zahl der Briefe ward genannt, das Format derselben wie die Farbe des Papiers sehr genau beschrieben und endlich eine Anzahl Adressen bekannt gemacht. Zugleich erging an alle Diejenigen, welche über die auf den Adressen der Briefe genannten Personen oder deren Angehörige etwa Auskunft geben könnten, die Aufforderung, sich innerhalb einer gewissen Frist zu melden, oder die betreffenden Briefe persönlich in Augenschein zu nehmen. Als dem Justizrath Strahleck diese Aufforderung zu Gesicht kam, ward er sehr ernst. Er bereute seine frühere Aeußerung und gerieth gleichzeitig in eine Unruhe, die man an dem besonnenen, stets sehr gemessen auftretenden Manne auffällig finden mußte. Zum Glück war Niemand zugegen, als er das Blatt mit der officiellen Anzeige der Postbehörde las. Er zog auf der Stelle die Glocke und befahl dem Bedienten, der Wagen solle unverweilt vorfahren. Darauf steckte er das wichtige Blatt zu sich und überlegte still, was er wohl zu thun habe, um schleunigst zum Ziele zu kommen. Es leuchtete ihm ein, daß Unberechenbares an einem leicht wiegenden Blättchen Papiere hänge, daß die Lösung eines unscheinbaren Siegels für ihn selbst, weit mehr noch für eine Anzahl anderer, ihm persönlich gar nicht bekannter Personen ein wichtiges Ereigniß werden könne. Der Besuch des Aufgeregten galt dem englischen Consul, den der Justizrath glücklicherweise zu Hause traf. »Was sagen Sie jetzt zu dem Vorfalle, der sich vor Kurzem in R. zugetragen hat?« redete Strahleck nach gegenseitig gewechselter Begrüßung den ihm befreundeten Consul an. »Diese Briefgeschichte kann, dünkt mich, verwickelter werden, als ich anfangs vermuthete. Seit ich die officielle Anzeige gelesen habe –« »Es ist also eine solche veröffentlicht worden?« warf der Consul ein. »Vor wenigen Tagen. Die heutige Nummer unserer vaterländischen Post bringt sie ausführlich.« »Ist mir ganz entgangen,« sagte kühl der Consul, nach dem Tische gehend, wo das genannte Blatt neben mehreren anderen größeren Zeitungen lag. Der Justizrath holte sein eigenes Exemplar hervor und nannte dem Consul die Spalte, auf welcher die wichtige Bekanntmachung stand. Als dieser das Verzeichniß der Briefe mit kalter Ruhe durchgesehen hatte, bekamen auch seine Züge etwas mehr Leben und Beweglichkeit. »Ach! – So! – Hm! Hm! Nun begreife ich vollkommen! – – Sehr interessant, ich gestehe! – Was gedenken Sie zu thun, Herr Justizrath?« »Ich wünschte Ihre Meinung zu hören, ehe ich einen Entschluß fasse. Es kommt, wie ich letzthin behauptete! Sie wollten mir nicht Recht geben und bestritten meine Aufstellung, indem Sie die freien Institutionen Ihres Vaterlandes gebührend hervorhoben. An diesem einen Falle sehen wir aber, daß eine zu weit getriebene Oeffentlichkeit doch auch ihre sehr dunklen Schattenseiten haben kann.« Der Consul ließ sich auf keine Discussion über diesen Gegenstand ein. Er warf nochmals einen Blick in das Briefverzeichniß und sagte dann: »Meiner Ansicht nach wird man Ihnen wahrscheinlich zuvorkommen. Ein so genau adressirter Brief muß, da ihn die Post empfangen hat, befördert werden und da Sie die Ehrlich'sche Sache führen, so kann ihn ja Niemand anders erhalten, als Sie ganz allein.« »Entschuldigen Sie, Herr Consul,« versetzte der Justizrath, »nicht der an die Geschwister Ehrlich gerichtete Brief macht mir Kopfzerbrechen, mein Bedenken gilt den beiden Schreiben, welche die Adresse »Honest« tragen, und von denen das Eine, wie die Liste ausweist, ebenfalls hieher dirigirt ist, das andere aber nach Frankreich gehen soll. Im Hinblick auf unser neuliches Gespräch und auf die mir aus Nordamerika zugegangenen Nachrichten befinde ich mich wirklich in einer ganz eigenthümlichen Verlegenheit. Die Ehrlich und Honest sollen oder können Verwandte Josua Ehrlichs sein. Mir liegt die Verpflichtung ob, diese Verwandten aufzuspüren, damit ihnen endlich ihr Recht werde. Wie nun? Darf ich unter diesen Umständen darauf dringen, daß mir die mit Honest bezeichneten Briefe ausgeliefert werden?« »Die Sache bedarf reiflicher Ueberlegung,« sagte der Consul. »Indeß giebt uns die Aufforderung selbst einen kleinen Anhaltungspunkt. Die Briefe sind erwiesenermaßen sehr alt. Diejenigen, an welche sie ursprünglich gerichtet waren, leben jedenfalls nicht mehr, wenigstens läßt es sich kaum annehmen. Dies gestattet Jedem, der Grund zu haben glaubt, zur Empfangnahme eines jener Briefe berechtigt zu sein, sich zu melden. Die Behörde wird durch verschiedene einlaufende Meldungen gezwungen, mit dem Abliefern der Briefe an sich zu halten. Die Ansprüche der sich Meldenden werden erst geprüft werden müssen, – wo ein bestimmter Anspruch nicht überzeugend nachgewiesen werden kann, wird die Oeffnung eines von mehreren Personen begehrten Briefes vor einer Prüfungs-Commission oder vor Geschworenen stattzufinden haben. Der Inhalt des so geöffneten Schreibens wird dann in den meisten Fällen darthun, welcher der Begehrenden wirklich zur Empfangnahme berechtigt war.« »Eine höchst ärgerliche Geschichte!« sprach der Justizrath unmuthig. »Kaum zeigt sich mir nach jahrelangen Mühen ein Ausweg, ein Ziel, dem ich zustreben darf, so verrückt es auch schon wieder ein unheilvoller Zufall! Hätte man doch den ganzen Wust verbrannt und keinen Menschen etwas davon wissen lassen!« Der Consul lächelte. »Wer weiß, ob Sie nicht eines Tages noch die Stunde segnen, in der man die Briefe entdeckte,« sagte er. »Die Oeffentlichkeit löst allerdings das Siegel der Verschwiegenheit, sie bringt Gutes und Böses an den Tag, aber sie trägt auch zur Verbreitung der Wahrheit bei und erleichtert eine unparteiische Gerechtigkeitspflege. Ich bin jetzt entschlossen, mich ebenfalls, zu melden.« »Aber Herr Consul!« rief Strahleck halb erstarrt vor Verwunderung aus. »Welches Interesse können Sie an diesen Briefen haben?« »Ein sehr großes,« erwiderte dieser. »Ich kenne ja einige Familien, welche den Namen Honest führen, selbst ein entfernter Verwandtschaftsgrad mit einer derselben würde sich vielleicht nachweisen lassen, wenn ich Werth darauf legte. Darauf jedoch verzichte ich. Nur versäumen mag ich nichts, was mir den leisesten Anhalt geben kann, ein Recht in Anspruch zu nehmen.« »So muß ich einen Rivalen in Ihnen erblicken?« sagte der Justizrath etwas verstimmt. »Im Gegentheil, ich denke, wir wollen recht einig Hand in Hand gehen,« erwiderte der Consul. »Dadurch hoffe ich Ihnen eher zu nützen als zu schaden. Vielleicht gesellt sich uns auch noch ein Dritter in gleicher Absicht bei, was ich fast wünschen möchte. Gelingt es uns, die mit Honest bezeichneten Briefe entweder an uns zu bringen oder doch Einsicht in dieselben zu erlangen, so beherrschen wir einen Theil des Terrains, das Sie bei Ihren ferneren Nachforschungen in der Ehrlich'schen Angelegenheit mit in den Gesichtskreis Ihrer Beobachtung dürften ziehen müssen.« Diese Zusicherung ließ den Justizrath wieder Hoffnung schöpfen, obwohl er sich gar nicht mit dem Gedanken vertraut machen konnte, daß, wenn die Umstände sich ungünstig gestalten sollten, eine Menge Thatsachen, Mittheilungen, Vermuthungen, ja blos private, vielleicht für eine einzige Person bestimmte Aeußerungen zur Kenntniß Vieler, wahrscheinlich auch Unberufener kommen dürften. Dieser Gedanke störte ihn dergestalt, daß er schon auf der Heimfahrt einen andern Weg einzuschlagen für gerathener hielt. Vorschriften wegen seines Handelns hatte ihm ja Niemand zumachen. Er that also gewiß recht, wenn er seiner Ueberzeugung mehr Gewicht beilegte als den Winken des englischen Consuls, der über viele Dinge ganz anders dachte. Strahlecks Augenmerk war immer darauf gerichtet, die Oeffentlichkeit möglichst auszuschließen, und gelang es ihm, den Gedanken, der ihm so eben durch den Kopf fuhr, zur That werden zu lassen, so hoffte er seine Bemühungen gekrönt zu sehen. Er ließ halten und befahl, bei Legationsrath Mandelsdorf vorzufahren. 5. Der junge Diplomat, der sich so allgemeiner Achtung erfreute, war ganz im Lesen vertieft, als man ihm die Ankunft des Justizraths meldete. Ein paar Augenblicke war er zweifelhaft, ob er den gewiegten Juristen empfangen oder sich verleugnen lassen sollte. Dann rief er, weiter lesend, dem Bedienten zu: »Sehr angenehm! – Der Mann kommt wie gerufen,« fuhr er mit sich selbst sprechend fort. »Ohne Zweifel sucht er bei mir, was ich bei ihm finden wollte. – Nun, desto besser! Freunde, Unterstützung, verschwiegenes Handeln sind immer vortreffliche Hülfsmittel, deren man gar nicht entbehren kann, wenn man die Menge beherrschen oder dupiren will.« Strahleck trat ein. Mandelsdorf begrüßte ihn mit Herzlichkeit. »Wissen Sie es schon, Herr Justizrath?« sagte der Diplomat mit einem Blicke, der geheimes Einverständniß stillschweigend voraussetzte, mithin zu vertrauensvollem Entgegenkommen aufforderte. »Sie gehen nach Paris?« lautete die Gegenfrage des Justizraths, der sich das heitere Gesicht des jungen Mannes nicht anders erklären konnte, als daß er glaubte, sein längst gehegter Wunsch, den alle seine Freunde billigten, sei bereits in Erfüllung gegangen. »Kommen Sie nicht von Haus?« fragte hierauf Mandelsdorf, ein wenig ernster blickend. »Ich verließ meine Wohnung vor einigen Stunden,« versetzte der Justizrath. »Eine Angelegenheit von Wichtigkeit nöthigte mich, längere Zeit mit dem englischen Consul zu conferiren.« »So, so!« sprach Mandelsdorf gedehnt. »Freilich, dann können Sie noch nicht unterrichtet sein.« »Wovon denn, Herr Legationsrath?« »Von – nun es sind, eben Briefe ausgegeben worden, die einiges Aussehen machen dürften.« Strahleck erschrak dergestalt, daß er sich entfärbte. In den nächsten Fauteuil niedergleitend, auf dessen Lehne er seine Handschuhe niedergelegt hatte, erwiderte er: »Briefe? Doch nicht aus Holland?« »Briefe, deren Absender längst vermodert sind,« erwiderte Mandelsdorf. »Hat man Ihnen direct von diesem Evenement Anzeige gemacht?« »Es kann wohl nicht directer geschehen, Herr Justizrath, indem mir die gewiß nur wenigen Personen beschiedene Auszeichnung zu Theil wurde, daß mir die Post einen jener verspäteten Briefe in reinlichem Umschlage zustellen ließ.« »Ihnen selbst?« »Nun ja,« sagte Mandelsdorf mit seinem Lächeln. »Uebrigens dürfen Sie auf diese ohne mein Verdienst mir gewordene Auszeichnung nicht neidisch sein. Die Post kann Sie durchaus nicht übergangen haben.« So sprechend ergriff der Diplomat ein sehr vergelbtes Papier und zeigte es dem überraschten Justizrathe. Dieser blieb unbeweglich sitzen, betrachtete den jungen Mann unverwandten Auges, und sagte endlich, des Staunens, das ihn befallen hatte, noch nicht völlig Herr geworden: »Wie soll ich mir diese Zusendung deuten! Der Name Ihrer hochgeschätzten Familie steht doch schwerlich in Beziehung mit einem der Adressaten, die nach einem halben Jahrhundert auf einmal wieder zu einem gespenstischen Leben erwachen und – ich fürchte so etwas – als Spukgestalten bald Diesen bald Jenen erschrecken werden?« »Wie eigentlich die Dinge zusammenhängen, kann ich augenblicklich selbst noch nicht beurtheilen,« erwiderte Rudolph Mandelsdorf. »Man muß prüfen, untersuchen, ermitteln. Möglich, daß ich dabei hinter ein Geheimniß komme, dessen Enthüllung hoffentlich in diesem Augenblick Niemand mehr schadet. Gegen Sie, Herr Justizrath, glaube ich schon jetzt offen sein zu können, da nicht nur unsere Ansichten sich in wichtigen Dingen fast immer begegnen, sondern in diesem speciellen Falle auch unsere beiderseitigen Interessen leicht Hand in Hand gehen dürften. Lesen Sie diese Zeilen und theilen Sie mir dann gefälligst mit, was Sie davon halten und was Sie an meiner Stelle thun würden. Das Schreiben ist, wie ich bemerken muß, an den Vater meiner Mutter gerichtet.« Der Justizrath empfing den alt gewordenen Brief aus der Hand des Diplomaten. Die Schriftzüge waren steif und unsicher, am Styl ließ sich viel aussetzen und mit der Orthographie hatte der Schreiber offenbar auf etwas gespanntem Fuße gelebt. Strahleck achtete wenig darauf, da ihm in seiner langen juristischen Praxis Aehnliches schon oft vorgekommen war. Ihm lag vor Allem daran, den Namen des Schreibers zu erfahren. »Paul Witteboom,« las er. »Nie im Leben habe ich diesen Namen nennen hören.« Darauf wendete er das Blatt um. Die Adresse lautete: »An den Finanzrath Michael Delft-Honest.« »Bitte, Herr Justizrath, machen Sie sich mit dem Inhalt des Schreibens bekannt,« sagte der Legationsrath. »Später will ich, wenn Sie mich gütigst anzuhören geruhen, mich Ihnen, so weit ich kann, eröffnen.« Strahleck las, langsam, bedächtig, jede Sylbe wägend und prüfend. Kopfschüttelnd gab er den Brief zurück, indem er unbefriedigt sagte: »Ich verstehe kein Wort davon.« Mandelsdorf erwiderte heiter: »Mein Wissen steht ziemlich auf gleicher Stufe, wenn Sie mich nach der Bedeutung des räthselhaften Inhaltes dieses Briefspätlings fragen. Ich habe indeß Vermuthungen, und gerade diese will ich Ihnen nicht vorenthalten. Sehr lieb ist es mir übrigens, daß die Post so viel Tact besaß, das Schreiben zu couvertiren und es mir unter meiner Adresse behändigen zu lassen. Wäre es meiner guten Mutter in die Hände gefallen, so würde ich Ihnen nicht mit so heiterm Gesicht entgegen gekommen sein.« »Delft-Honest!« sprach Strahleck. »Diese Namensverbindung war mir nicht bekannt.« »Ich glaube das wohl,« fuhr der Legationsrath fort. »Meine Mutter nannte sich auch nie so, da es ihr Vater schon vorgezogen hatte, den angehängten Namen Honest wieder abzulegen.« »Dazu müssen den Herrn Finanzrath doch sehr gewichtige Umstände bestimmt haben,« warf Strahleck ein. »Allerdings,« sagte Mandelsdorf, »und mit diesen Gründen will und muß ich Sie bekannt machen, da nur durch sie der räthselhafte Inhalt dieses Briefes einer Deutung fähig ist. Mein Großvater mütterlicherseits war ein sogenanntes angenommenes Kind. Seine Eltern, von Haus aus begütert, geriethen durch eine Verkettung ungünstiger Umstände in Dürftigkeit. In dieser Bedrängniß glaubten sie das Anerbieten einer befreundeten Familie, die ihnen jedoch gar nicht verwandt war, für die Erziehung ihres Sohnes Sorge tragen zu wollen, annehmen zu dürfen. So kam der junge Delft in das Haus der Honest, die ihn ganz wie ein eigenes Kind behandelten und – ich vermuthe aus Eitelkeit – mit dessen Vater das Abkommen trafen, ihm den eigenen Geschlechtsnamen mit beifügen zu dürfen. Vom Tage seiner Confirmation an hieß somit der Vater meiner Mutter Delft-Honest.« »Stammen die Honest aus England?« unterbrach Strahleck den Legationsrath. »Gewiß,« fuhr dieser fort. »Die bürgerlichen Kriege im siebzehnten Jahrhunderte nöthigten die Vorfahren meines Großvaters England zu verlassen und sich nach Frankreich zu flüchten. Lange indeß scheint es ihnen unter den Franzosen nicht gefallen zu haben, weshalb sie sich später im Vlämischen niederließen, das sie für ihr wirkliches Vaterland ansahen. Alle Honest dachten jedoch nicht, wie der Halb- oder Pflegevater meines Großvaters, denn einer der Gebrüder Honest wanderte um dieselbe Zeit als eifriger Methodist nach Canada aus, wo Nachkommen desselben, die sonach zu meinen Verwandten zählen würden, wohl auch noch leben mögen.« »Diese Mittheilung hat für mich einen ganz unschätzbaren Werth,« sagte der Justizrath. »Ich bedaure aufrichtig, nicht früher diesen Einblick in Ihre Familienverhältnisse gewonnen zu haben. Wie viel Mühe wäre mir dadurch erspart worden! Nach meiner Ansicht sollten Namensveränderungen, die in der Regel zu allerhand Irrungen und Wirnissen, sowie auch oft zu schwer löslichen Verwickelungen führen, unter keiner Bedingung gestattet werden.« »Um so angenehmer wird es mir sein,« sagte Mandelsdorf, »wenn ich dazu beitragen kann, Ihnen eine drückende Lage wenigstens zum Theil mit tragen zu helfen! Doch kommen wir auf die Honest zurück, denen mein Großvater Dank schuldig geworden ist. – Außer meinem Großvater lebten in dem glänzenden Hause der Honest zwei Kinder, ein um mehrere Jahre älterer Sohn, Alcid genannt, und eine jüngere Tochter Sara, Letztere ward ein Liebling des jungen Delft, und es läßt sich wohl mit Bestimmtheit annehmen, daß mein Großvater sich mit dem Gedanken trug, in Sara seine dereinstige Gattin zu erblicken. Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern, die erst nach seinem Tode meiner Mutter zugänglich wurden, stellen dies außer Zweifel. Auch deuten vorgefundene, sorgfältig aufbewahrte Zettel von Sara an, daß das junge Mädchen ihren Pflegebruder geliebt haben muß. Wie dem nun sein mag, die Neigung der Liebenden fand nicht die Billigung der Eltern. Man trennte die jungen Leute; man nahm zu Intriguen, endlich gar zu nicht ganz ehrenwerthen Schritten seine Zuflucht, um in Sara's Herzen, eben so wie in dem meines Großvaters die Liebe zu ersticken. Ob diese Absicht vollkommen auf beiden Seiten erreicht worden sein mag, hat Niemand erfahren. In den Aufzeichnungen meines Großvaters findet sich nicht die geringste darauf bezügliche Andeutung. Sie schließen die Periode stürmischer Jugend nur mit den trockenen Worten ab: »Von Sara geschieden – ihre Thränen absichtlich unbeachtet gelassen – Honesthof auf Nimmerwiedersehn den Rücken gekehrt ...!« – Mit diesem freiwilligen Scheiden aus einer Familie, in der mein Großvater erzogen worden war, scheint eine Erkältung namentlich zwischen den Kindern derselben eingetreten zu sein. Ein offener Bruch fand nicht statt, wohl aber machte sich eine Spannung oft bemerkbar, die, als der Pflegevater Delfts starb, zu gänzlicher Trennung führte. Kurz vorher hatte sich mein Großvater verheirathet, und zwar mit einer Freundin Sara's, die mit seiner Jugendgeliebten große Aehnlichkeit gehabt zu haben scheint. Durch Sara's Vermittelung lernte Delft Florinde Morhausen kennen, schätzen, lieben. Sie ward endlich seine Gattin. Als Sara meinen Großvater mit dieser Freundin glücklich vermählt wußte, trat sie eine längere Reise an, von der sie erst nach einigen Jahren zeitweise noch einmal zurückkehrte, um später abermals ins Ausland zu gehen. Sie hat sich nie vermählt und ist, so viel uns bekannt geworden, in einer Küstenstadt Frankreichs gestorben. In ihrer Begleitung befand sich ihre treuergebene Amme, die Sara ungewöhnlich hoch schätzte, und als Bedienter und Hausmeister deren Mann, Paul Witteboom, zwei Personen, denen die Dame sehr großes Vertrauen geschenkt zu haben scheint. Was nun diesen Witteboom veranlaßt haben mag, meinem Großvater eine solche Zumuthung zu machen, wie dieser Brief sie enthält, ist ein Geheimniß, das ich wohl zu ergründen wünschte.« »Wenn der Mensch kein Betrüger gewesen ist,« bemerkte der Justizrath, den unorthographisch geschriebenen Brief noch einmal durchlesend, »so muß das Geheimniß doch für Ihren Großvater einigen Werth gehabt haben. Man gibt fünfhundert Gulden nicht für eine Bagatelle aus, aber man hat auch nicht die Stirn, eine solche Summe für eine Lappalie zu fordern.« »Seltsam!« sagte Mandelsdorf. »Seit ich im Besitz dieses beinahe sechszig Jahre alten Briefes bin, werde ich von einer Neugierde geplagt, die ich noch nie an mir bemerkt habe. Was ist klüger: diesem Hange und Drange sich hinzugeben und Alles zu versuchen, um das auf fünfhundert Gulden veranschlagte Geheimniß, zu erfahren, oder der Verlockung zu widerstehen und das alte Papier unbeachtet in den Ofen zu werfen? In ersterem Falle kann man Geister citiren und ein Leidensgefährte von Goethe's Zauberlehrling werden, im zweiten entgeht mir vielleicht ein Glück, von dem ich nicht die entfernteste Ahnung habe.« »Hat Ihre Familie später, ich meine nach dem Tode Ihrer Großeltern mütterlicherseits, keinen Versuch gemacht, sich den Honests wieder zu nähern?« »Bei meinen Lebzeiten ist mir von einem solchen Versuche nichts bekannt geworden. Alcid, als Jüngling der Freund Delfts, hat des Letzteren Haus nie betreten. Die Spannung wuchs mit der Abreise Sara's und sie hat sich, allem Vermuthen nach, zur Feindschaft gesteigert, als Alcid in Erfahrung brachte, daß seine leibliche Schwester noch einmal den jungen Mann von Angesicht zu Angesicht sah, den sie als junges Mädchen so innig liebte.« »Erlauben Sie mir, daß ich gewissermaßen als Anwalt diese Angelegenheit zur meinigen mache?« fragte Strahleck. »Ich bitte sogar darum,« fiel der Legationsrath lebhaft ein. »Meiner Diskretion dürfen Sie versichert sein.« »Empfangen Sie schon heute Dank für dies freundschaftliche Anerbieten!« sprach Mandelsdorf. »Vorerst kann ich diese Gabe Ihres edelmüthigen Herzens nicht annehmen,« versetzte Strahleck, »und zwar, weil ich selbst doch etwas dabei interessirt bin.« »Wie das, Herr Justizrath?« »Sie haben Verwandte, Vettern, die Ihren Namen tragen?« »Nur zwei, aber ich kenne sie nicht.« »Bruder oder Geschwisterkinder?« »Soviel ich weiß, Brüder.« »Einer derselben Welt sich vor nicht langer Zeit einige Tage in unserer Residenz auf.« »Das haben Sie in Erfahrung gebracht?« »Durch Zufall. Herr Mandelsdorf, der mit seiner Mutter reiste, ließ beim englischen Consul, unserm sehr werthen Freunde, seinen Paß visiren.« »Also die Mutter dieses Cousins lebt noch?« sagte Mandelsdorf. »Ich glaubte, sie sei längst schon gestorben.« »Die erwähnte Dame ist eine geborene Honest, nicht wahr?« »In der That!« rief der Legationsrath. »Das hätte ich bald ganz vergessen! Mirrha Honest war ja die Halb-Cousine Alcids. Lebt die Dame wirklich noch, so muß sie jetzt eine Greisin sein. Ihre Verheirathung mit einem meiner Verwandten führte zu Mißhelligkeiten, die nie wieder ausgeglichen worden sind.« »Wenn sich nun Gelegenheit böte, eine solche Ausgleichung jetzt herbeizuführen,« entgegnete Strahleck, »würden Sie nicht gern die Hand dazu bieten?« »Ich persönlich sehr gern,« sagte Mandelsdorf, »ob aber meine Mutter ihre Einwilligung dazu geben würde, wage ich wenigstens augenblicklich nicht zu versprechen.« »Und wenn das Glück, vielleicht die ganze Zukunft mehr als einer Familie von einer solchen Versöhnung abhinge?« Mandelsdorf ward nachdenklich und griff zerstreut nach dem alten Briefe. »Ich werde die Stimmung meiner Mutter erforschen,« sprach er dann rasch. »Ueber die eigentliche Veranlassung des Zerwürfnisses, das die Familien Mandelsdorf vor so langer Zeit unter einander verfeindete, habe ich nie etwas erfahren. In unserm Hause ward kaum jemals ihrer gedacht. Mein Vater bezeichnete sie mit kurzen Worten als Unwürdige, und so bildete sich ebenso in mir ein Vorurtheil gegen diese nächsten Verwandten aus, wie es sich im Herzen meiner Mutter schon längst festgesetzt hatte.« »Und dieser Brief?« sagte der Justizrath. »Darf ich ihn einstweilen in Verwahrung nehmen? Sollten meine Bemühungen ohne Erfolg bleiben, so erhalten Sie das Schreiben binnen sehr kurzer Zeit wieder zurück.« »Nehmen Sie, nehmen Sie!« rief Mandelsdorf. »Das Blatt wird in Ihrer Behausung besser aufgehoben sein als bei mir. Ich ermächtige Sie, jeden beliebigen Gebrauch davon zu machen, nur keinen unerlaubten! Unerlaubt aber wäre ein Vorzeigen des Briefes an meine Mutter!« Der Justizrath legte den Brief Paul Wittebooms in seine Brieftasche und versicherte Mandelsdorf nochmals seiner Discretion. So trennten sich die einander befreundeten Männer, Beide erregt, Beide von Hoffnungen erfüllt, von Zweifeln über Ungewisses, kaum zu Enträthselndes beunruhigt. 6. Im Hause Strahlecks sah man inzwischen ungeduldig dessen Rückkehr entgegen. Es waren Briefe abgegeben worden, von denen einer durch seine Form die Aufmerksamkeit Justine's erregte. Da sie eine sehr eifrige Zeitungsleserin war, wußte sie bereits eine Menge Adressen der aufgefundenen Briefe, und so vermuthete sie denn, in dem neuen, großen Couvert, das noch dazu das Postsiegel trug, möge sich einer jener so allgemeines Aufsehen machenden Findlinge verbergen. Das junge, fröhliche Mädchen theilte der Mutter ihre Vermuthung mit. Diese widersprach nicht, warnte aber die Tochter vor unzeitiger Neugierde. »Wenn der Vater wirklich eins jener leider so spät entdeckten Schreiben erhält,« sagte sie, »kann es sich nur auf geschäftliche Angelegenheiten, deren ihm ja so viele anvertraut sind, beziehen. Von Geschäften aber spricht der Vater mit uns nicht gern. Du wirst Dich also gedulden müssen.« »Es ist ein Ausnahmefall, Mama,« meinte Justine, »und da an diesen gewissermaßen herrenlos gewordenen Briefen eigentlich Jeder Antheil nehmen muß, wird man die Frage eines Mädchens wohl entschuldigen. Das Fragen, Mama, mußt Du mir also diesmal erlauben. Thätest Du es nicht, so müßte ich wirklich wider Willen ungehorsam sein.« Laura lächelte. »Laß dem Vater wenigstens Zeit,« sagte sie. »Vielleicht drängt es ihn, uns aus eigenem Antriebe zu erzählen, was in dem dicken Schreiben Seltsames enthalten ist.« Justine versprach, diesem Verlangen der Mutter nachzukommen, auch hielt sie ihr Versprechen, obwohl ihr die Zeit lang ward, welche zwischen der Rückkehr des Vaters und dessen Eintritt in das Familienzimmer lag. Die zufriedene Miene Strahlecks, die gute Nachrichten vermuthen ließ, ermuthigte die Tochter zu einer halben Frage, die sie jedoch hinter eine Bemerkung versteckte, um der Mutter gegenüber nicht geradezu wortbrüchig zu erscheinen. »So emsig wie heute habe ich die Briefträger lange nicht gesehen,« sagte Justine, durch's Fenster blickend. »Die Posten müssen merkwürdig stark gewesen sein, daß sie so haften. Ist denn in der politischen Welt etwas Ungewöhnliches vorgekommen?« Der Justizrath berührte mit leichtem Finger die Schulter seiner Tochter. »Die guten Leute haben es auch eilig,« erwiderte er, »denn wenn es Briefe zu bestellen gibt, die mehr als fünfzig Jahre lang unterwegs gewesen sind, thut es wirklich Noth, sich zu rühren.« »Sind einige von diesen Spätlingen ausgegeben worden?« sprach Justine mit blitzenden Augen. »Hat man denn die Adressaten aufgefunden?« »Ersteres kann ich bejahen, liebes Kind, das Zweite scheint mir zweifelhaft.« »Minna ist außer sich, wenn sie nichts erfährt von dem Inhalt des einen oder andern dieser altgewordenen Briefe! Ich wünschte, daß sich einer darunter befände, der an die Thür ihrer Wohnung klopfte.« »Du kannst Deiner Freundin damit viel Böses wünschen, mein Kind,« erwiderte Strahleck. »Nicht jeder Empfänger eines so spät ihm zugekommenen Briefes wird das ramponirte Siegel desselben so ruhig erbrechen, wie ich es gethan habe und thun konnte.« »Hörst Du, Mama?« rief Justine triumphirend. »Meine Ahnung hat mich doch nicht getrogen!« »Wenn Dir die namhaft gemachte Liste der aufgefundenen Briefe nicht entgangen ist,« fuhr Strahleck fort, »konntest Du leicht auf die Vermuthung kommen, daß ich mich unter den Auserwählten befinden würde, an die sich die Postbehörde zu wenden habe, sei es auch nur, um die wirklich zum Empfange berechtigten Adressaten kennen zu lernen. Für diesmal halte ich mich für den Alleinberechtigten. Der Brief, den ich so eben durchstudirt habe, kommt von Java oder ward von dort vor einigen fünfzig Jahren nach Europa abgesendet. Seitdem lag er neben einer Menge anderer Schreiben unter dem schadhaften Briefkasten. Er ist an die Geschwister Ehrlich gerichtet, rührt von Josua Ehrlich, dem ausgewanderten Zimmergesellen her, und enthält die Nachricht von dessen Glück, wie die Mittheilung, daß er die Hälfte seines Vermögens seinen etwa noch lebenden Geschwistern und deren Kindern, allen zu gleichen Theilen, vererbe, sobald Gott ihn abrufen werde. Dieser Brief ist demnach für mich von unberechenbarem Werth. Schon jetzt würde ich meine Bemühungen belohnt sehen, könnte ich mit Bestimmtheit behaupten: hier sind die Nachkommen der Familie Ehrlich! Es fehlt Keiner; ihnen, ihnen ganz allein gehört die reiche Erbschaft! Leider aber,« setzte er mit leichtem Aufseufzen hinzu, »leider bin ich mit allen meinen Nachforschungen noch nicht so glücklich gewesen! Wie unablässig ich mich auch mühte und sorgte, die Ehrlich gingen mir bis auf die letzte Spur verloren; statt ihrer fand ich die Honest, die, soll ich fernerhin Glück haben, vielleicht durch eine erlaubte Rückübersetzung in's Deutsche wieder in Ehrlich sich verwandeln lassen.« Der Justizrath warf bei den letzten Worten einen scharfen Blick auf seine Gattin, die dem Vernommenen keine besondere, Theilnahme schenkte. »Es ist sonderbar,« fuhr er fort, »und mich hat es nicht wenig überrascht, als ich Kunde davon erhielt, die erwähnte Familie Honest hat sich auch hier in der Umgegend angesiedelt. Möglich, daß deren Vorhandensein mir jetzt förderlich in meinen ferneren Bestrebungen wird, obwohl ich noch gar keinen Anhaltepunkt besitze, auf den ich meine Beweisführung stützen kann. Ich muß sehr vorsichtig zu Werke gehen und möchte, um alles Aufsehen zu vermeiden, am liebsten ganz im Stillen ermitteln, ob nicht auch in der Residenz ein ehrlicher Honest sich irgendwo eingenistet hat. Dabei ist mir eingefallen, daß Deine Freundin, die Mutter unseres trefflichen Legationsraths, das Recht besitzt, sich Delft-Honest zu schreiben ...« Die Justizräthin konnte ein ungläubiges Lächeln kaum unterdrücken. »Auf dieser Fährte weiter zu spüren, lieber Franz,« sagte die besonnene, leidenschaftslose Frau, »halte ich für völlig überflüssig. Ich glaube so ziemlich in die kleinen Geheimnisse der guten Livia eingeweiht zu sein, und kann Dir daher die Versicherung geben, daß Rudolphs Mutter eben so wenig den Ehrlichs verwandt ist, wie wir.« »Frau Livia hat also doch kleine Geheimnisse?« erwiderte Strahleck. »Sieh' da; das macht sie mir noch interessanter.« »Wer hätte sie nicht!« sagte die Justizräthin. »Uebrigens ist es nicht nöthig, davon zu sprechen. Sie betreffen ja nur Livia selbst und die Familie, zu der ihr verstorbener Vater gehörte, ohne mit derselben verwandt zu sein.« Der Bediente trat ein und überreichte der Justizräthin ein zierlich gefaltetes Billet.« »Wird Antwort begehrt?« fragte sie den Domestiken. »Der Ueberbringer hat sich bereits wieder entfernt, gnädige Frau,« versetzte dieser, sich ebenfalls zurückziehend. Justine zeigte einige Unruhe. »Nun, ich will nicht stören,« sagte Strahleck. »Du bist so freundlich, meines Wunsches zu gedenken, wenn Du mit Deiner Freundin, was kaum unterbleiben kann, auf die alten Briefe und ihre Adressen zu sprechen kommst. Die Geheimräthin Mandelsdorf wird die Sache interessiren, und wer weiß, ob sie Dir dann nicht doch noch ein kleines Geheimniß mittheilt, das seither unbeachtet im Hintergrund ihrer Erinnerung schlummerte. – Wirst Du heute Abend die italienischen Sänger hören?« wendete sich der Justizrath fragend an seine Tochter. »Legationsrath Mandelsdorf bot mir seine beiden Plätze an, da er durch wichtige Geschäfte abgehalten ist, die Oper zu besuchen« Sie stehen also Dir und einer Deiner Freundinnen zu Gebote.« Justine dankte erröthend und eilte sogleich in ihr Boudoir, um zuerst ein Billet an Minna Orlemann zu schreiben und sodann Toilette zu machen. Mit der Tochter zugleich entfernte sich auch Strahleck. Die Justizräthin blieb allein zurück. Nichts ahnend öffnete sie das Billet, dessen Inhalt sie in die größte Bestürzung versetzte. Livia Mandelsdorf schrieb: »Beste Freundin, ich bin in Verzweiflung! – – Ein Brief, ein entsetzlicher Brief liegt vor mir! – – Dieser Brief zerstört alle unsere Hoffnungen, vernichtet alle Pläne, die wir so sinnig uns ausgedacht haben! – – O dieser abscheuliche Brief! – – Hätte ich ihn doch ungelesen, unberührt verbrannt! – – Aber ich konnte ja das Furchtbare nicht ahnen! – – Wenn mein armer Rudolph das wüßte – heute Abend noch wäre er eine Leiche! – – Es ist zu gräßlich! – – Verlassen Sie mich nicht in meiner Angst! – – Kommen Sie meinem Schmerz zu Hülfe, damit ich mich an Ihrem Busen ausweinen kann! – – Sie sollen Alles, Alles erfahren, wenn ich das Leben ertrage! – – Ihre aufrichtige, unglückliche Freundin Livia Mandelsdorf, geb. Delft (Honest?).« Laura Strahleck saß wie gelähmt. Was sollte das bedeuten? Was konnte der Freundin zugestoßen sein, daß die Verzweiflung sie fortriß selbst bis zu dem Gedanken an Selbstmord? Ein Brief hatte diese plötzliche Verwandlung der in glücklichen Verhältnissen lebenden Frau hervorgebracht, die hoffnungsfroh in jeder Stunde die Ernennung ihres Sohnes zum Gesandtschafts-Attaché am Hofe der Tuilerien erwarten durfte. »Ein Brief!« rief die Erschrockene aus und finstere Ahnungen erfüllten ihr bang klopfendes Herz. Wenn Livia doch nicht ganz offen gegen sie gewesen wäre? Wenn ein ihr selbst nicht ganz klar gewordenes Geheimniß sich jetzt erst in seiner wahren, erschütternden Gestalt zeigte? »Ich darf nicht säumen!« rief sie sich ermuthigend zu. »Die Arme in dieser aufgeregten Stimmung sich selbst zu überlassen, wäre Frevel, ja Verbrechen! – Ich muß zu ihr – auf der Stelle, damit sie ihr Herz gegen mich ausschüttet und ich Einsicht erhalte in den Brief, der ein so schönes, stilles Dasein mit Blitzesschnelle zerstören, den Himmel selbst in die Hölle verwandeln kann!« Laura zog die Schelle, weniger stark, als sie es sonst zu thun pflegte. »Ich habe einen wichtigen Auftrag zu besorgen,« sagte sie zu dem Bedienten. »Der Justizrath arbeitet und will nicht gern gestört sein. Sorge, daß ich einen Miethwagen an der nächsten Straßenecke vorfinde! – Ist meine Tochter schon ausgegangen?« »Noch nicht, gnädige Frau.« »Eile dann! – Ich wünsche ebenfalls ungestört zu bleiben.« Der Bediente entfernte sich, um ungesäumt die Befehle seiner Gebieterin zu vollziehen. Wenige Minuten später lehnte die Justizräthin Strahleck in der Ecke einer Droschke, die sich ziemlich langsam über das Pflaster fortbewegte, um vor der Wohnung des Legationsraths Mandelsdorf Halt zu machen. 7. Livia Mandelsdorf war eine corpulente Dame, die sich vortrefflich conservirt hatte. Ungeachtet ihres schon beträchtlichen Alters, das ihr Niemand ansah, konnte sie noch für hübsch gelten. Sie lag ausgestreckt auf dem Divan und in ihren jetzt sichtlich schlaff gewordenen Zügen verrieth sich eine ungewöhnliche Abspannung. Auf dem kleinen Tisch mit ausgeschweiften Füßen, der zu ihren Häupten stand, lagen unter einem schön gearbeiteten Briefbeschwerer, verziert mit einem bronzenen Löwen, mehrere Papiere. Daneben stand ein geschliffenes Glas mit unklarer Flüssigkeit. Außer dem Geschmetter eines Canarienvogels, der dem monotonen Geplauder eines grauen Papagei in höchst elegantem Bauer zu antworten schien, war es stille in dem wohnlichen Räume. Livia hatte die Augen geschlossen und ihre Hände lagen gefaltet auf der schwer athmenden Brust. So fand die herbeigeeilte Justizräthin die schwer leidende Freundin. »Verriegeln Sie die Thür, ich bitte!« versetzte sie auf Laura's bewegte Begrüßung. »Es darf uns Niemand stören, Niemand hören! – – O Himmel, wie entsetzlich unglücklich bin ich doch!« Die Justizräthin, noch immer ganz bestürzt, erfüllte die Bitte der offenbar leidenden Frau. Dann nahm sie Platz neben der ihre liegende Stellung beibehaltenden Freundin, die ihr nur mit leisem Druck die Hand reichte. »Beklagen Sie mich! ... Weinen Sie über mich! ...« fügte sie, selbst in Thränen ausbrechend, hinzu. Die Justizräthin war in einer peinlichen Lage. »Wäre es nicht zweckmäßiger, wenn Sie den Herrn Legationsrath –« »Nicht um alle Schätze dieser Erde!« unterbrach Livia die Freundin, sich kraftvoll erhebend und mit ihrer linken Hand den Löwenkopf des Briefbeschwerers berührend. »Erst Sie, dann – vielleicht – Ihr Herr Gemahl – ich weiß nicht ... Lesen Sie erst diese Zeilen, später das schreckliche Papier, das mir die Luft verpestet! ... Ihr Urtheil hilft mir vielleicht wieder klar denken!« Die aufgeregte Frau hob den Briefbeschwerer und schob der Justizräthin ein beschriebenes Blatt zu. Es war das Billet einer Frau, die sich Mirrha Mandelsdorf, geborene Honest, nannte. »Honest!« murmelte Laura, unwillkürlich der Worte gedenkend, die sie so eben erst von ihrem Gatten vernommen hatte. »Wird dieser Name denn auf einmal zur Parole des Tages?« Livia öffnete groß ihre dunklen Augen und blickte die Freundin so verstört an, daß diese mit jeder weitern Aeußerung zurückhielt. Auf eine nochmalige stumme Aufforderung der Leidenden überlas sie den ihr eingehändigten Brief. Dieser lautete: »Werthe Cousine! Obwohl ich mich nicht erinnern kann, Sie jemals von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben, finde ich mich doch in die Nothwendigkeit versetzt, einige Zeilen an Sie richten zu müssen. Zu meinem Bedauern sind wir uns gegenseitig stets fremd geblieben durch Schuld der Verhältnisse, die wir Beide wenigstens nicht zu verantworten haben. Familienzwistigkeiten entzweiten meine Eltern und die Ihres verstorbenen Gemahls. Ich muß dieser Zwistigkeiten in diesem Augenblick gedenken, weil ich mir nur durch sie den Inhalt des abenteuerlich klingenden Schreibens einigermaßen zu erklären vermag, das ich diesen Zeilen beilege. Ich glaube, dasselbe soll Ihrer Cousine gelten. Seine Bedeutung verstehe ich wenigstens bis jetzt noch nicht. Vielleicht besitzen Sie mehr Scharfsinn als ich, oder der Vater Ihres Gatten ist vor seinem Tode gegen Sie offener gewesen. Ich wünschte wohl, daß ich über diesen tief dunkeln Punkt noch Aufschluß erhielt, ehe ich aus dem Leben scheide. Es ist peinlich und tief niederschlagend, am Abend seiner Tage sich noch von unbekannten Personen brandmarken zu lassen. Wenn indeß diese Communication dazu führt, uns zu dauernder Versöhnung die Hand zu reichen, will ich die Feder segnen, welche diese hierbei folgenden, mich erschütternden Worte vor mehr als fünfzig Jahren niederschrieb. Ihre aufrichtige Cousine Mirrha Mandelsdorf, geb. Honest.« »Da! Da!« sagte Livia mit halb erstickter Summe, als die Justizräthin das Blatt sinken ließ. »Dieser zweite Brief, der ein halbhundertjähriges Alter hat, öffnet die Pforten der Hölle!« Laura Strahleck mußte auch dies Schreiben lesen, das folgende Eröffnungen enthielt: »Mademoiselle oder Madame! Nach der Behauptung des Arztes habe ich keine zwei Tage mehr zu leben. Diese mir noch vergönnte kurze Frist will ich benutzen, um Ihnen ein Geheimniß mitzutheilen, das Ihnen von unberechenbarem Vortheil sein kann. Sie haben Ihren eigenen Vater schwerlich gekannt, weil er sich schon aus dem Staube machte, ehe sie noch in der Wiege lagen. Ich war damals sein vertrauter Diener, zu jedem Abenteuer aufgelegt und immer bereit, lebenslustigen Herren Amüsements nach ihrem Geschmacke zu besorgen. Ihre Frau Mutter hatte dem jungen Herrn zu großes Vertrauen geschenkt, und das thut selten gut. Nach unserer Entfernung von Honesthof lernte mein Gebieter bald eine andere junge Dame kennen, mit der er sich, nachdem er seinen Namen nach seinem Geburtsorte in Mandelsdorf umgeändert hatte, verheirathete. Dieser Ehe, der zweiten, welche mein Herr schloß, ohne daß die erste gelöst war, entsprang ein Sohn, der sich in seinem vierundzwanzigsten Jahre mit einem Fräulein Delft-Honest vermählte. Ich habe gehört, auch dieses Kind sei noch als sehr junges Mädchen wieder einem Mandelsdorf angetraut worden. Ich müßte mich sehr irren, wenn dieser letzte Mandelsdorf nicht das Kind einer Dame, Namens Sara, wäre, die meines Wissens niemals verheirathet war, deren Lebensgeschichte mir aber wohl bekannt ist, weil ich ihr Vertrauen besaß und sie mehr denn einmal aus ihrem eigenen Munde gehört habe. Sie wollen mir, Mademoiselle oder Madame, diese Enthüllungen, zu denen Gewissensbisse mich veranlassen, zu Gute halten. Ich würde derselben überhoben gewesen sein, hätte der erwähnte letzte Herr Mandelsdorf, dessen wahrer Vater der Finanzrath Michael Delft-Honest war, mir die Ehre einer Antwort erwiesen und mir die fünfhundert Gulden, deren ich vor zwei Jahren so sehr benöthigt war, übersendet. Das Geheimniß, das ich ihm für diese Summe zu enthüllen versprach, wäre dann stets ein Geheimniß geblieben. – Mit pflichtschuldigem Respect Dero ergebener, unterthänigster Knecht Paul Witteboom.« Die Justizräthin war nach beendigter Lectüre dieses Briefes unfähig zu jeder Aeußerung. Ueber ihre Augen legten sich dunkle Schleier, das Blut in ihren Adern stockte; sie fürchtete vom Schlage getroffen zu werden. Livia Mandelsdorf beurtheilte den Zustand der Freundin richtig und reichte ihr das halb geleerte Glas. »Fassung, beste Laura, Fassung!« sprach sie. »Sie hören ja nur das Entsetzliche, ich – o daß ich es erleben, erfahren muß – ich werde persönlich davon betroffen!« »Noch schwirren die Dinge wirr durch einander, so daß ich mich in diesen äußerst verwickelten Verhältnissen gar nicht zurecht finden kann,« klagte die Justizräthin. »Und ich Aermste, ich sehe nur zu klar!« rief jammernd Livia Mandelsdorf aus. »Wenn dieser Witteboom, der willfährige, zu Allem entschlossene, gewissenlose und feile Mensch, der in früher Jugend leichtsinnige Streiche aller Art gemacht zu haben scheint, nicht müssige Erfindungen zu Papier brachte, so war mein Gatte der Sohn dieser Sara und ich – war seine Schwester!« Die leidenschaftlich aufgeregte Frau verhüllte sich das Antlitz und begann still zu weinen. Laura Strahleck, der noch mehrere Mittelglieder in der Kette entgingen, die sich um die Brust der Freundin legte, glaubte noch immer Grund zu haben, den abscheulichen Brief für die Ausgeburt eines boshaften Kopfes zu halten, der keinen andern Zweck haben konnte, als Geld zu erpressen. Da ihm dies nicht gelingen wollte, griff er zur Verleumdung, die, dreist angebracht, selten ihre Wirkung ganz verfehlt. »Beweise fehlen, beste Freundin,« sagte die Justizräthin beruhigend, »ohne die Beibringung unwiderlegbarer Beweise aber, was anders kann dieser Drohbrief sein, der gewissermaßen die Form eines reumüthigen Bekenntnisses hat, als ein blinder Schreckschuß, den man gar nicht zu beachten braucht? Ich sehe eine glückliche Fügung des Zufalls in dem so verspäteten Eintreffen des Briefes. Was kümmern das lebende Geschlecht Dinge, die vor einem halben Jahrhundert geschehen sind! Und wer mag Kinder und Enkel verantwortlich machen für Handlungen ihrer Eltern und Großeltern, noch dazu, wenn Niemand darunter leidet, kein Lebender darum weiß! Oder gilt Ihnen diese düstere Denunciation eines Todten mehr, als das Glück der Gegenwart, das Ihnen jetzt und in der Zukunft noch viele, viele Freudentage verheißt? Nein, beste Freundin, je länger ich ruhig über dies Schreiben nachdenke, desto unbedeutender kommt es mir vor. Ignoriren ist Alles, was Sie thun können, thun müssen! Nur vernichten wollen wir das Papier noch nicht! – Wer weiß, ob es in unsern Händen nicht eines Tages noch zur scharfen Waffe gegen Gleißnerei und unredliches Wesen werden kann! – Ich werde es mit Ihrer Genehmigung unter Verschluß nehmen, und seien Sie versichert, es liegt bei mir sicherer wie im Grabe und soll Jedermann unzugänglich bleiben!« Diese verständigen Trostesworte, die aus einem warm fühlenden Herzen kamen, blieben nicht wirkungslos. Die bestürzte Livia faßte wieder einigen Muth und betrachtete die Sachlage ohne Vorurtheil. Paul Witteboom war längst vermodert, Sara, deren Sohn ihr eigener verstorbener Gatte angeblich gewesen sein sollte, lebte ebenfalls nicht mehr, mithin fehlte jeder Zeuge, der mit wirksamer Anklage hätte auftreten können. Das vergilbte, morsche Papier war der einzige Ausplauderer eines Vergehens, das bisjetzt vor aller Welt ein Geheimniß geblieben war. »Wenn nur jener erste Brief, von dem Witteboom spricht, nicht auch noch ans Tageslicht kommt!« sagte, von bangen Ahnungen geängstigt, die zaghafte Livia, die sich scheu vom Spiegel abwandte, um nicht vor sich selbst zu erschrecken. »Wie mögen Sie von solchem Gedanken sich quälen lassen!« erwiderte die Justizräthin. »Lügt dieser Witteboom nicht, so war jenes erste Schreiben zwei Jahre älter als dieser Brief, und gelangte es an die richtige Adresse, so muß der verstorbene Geheimrath es auch erhalten haben, der in diesem wahrscheinlichen Falle gewiß das gethan hat, was unter solchen Umständen fast immer das räthlichste zu sein pflegt. Er las, lächelte über das Gelesene, die Absicht merkend, die sich darin kund gab, und vernichtete das unnütze Blatt, ohne irgend Jemand ein Wort davon zu sagen. Alles in Allem, liebe Freundin, will es mir immer mehr scheinen, als hätten wir uns Beide von einem Popanz erschrecken lassen. Es ist wahrlich nichts Anderes, als das Alter dieser Briefe, die uns so gewaltigen Respect einflößen, und denen wir eine zauberähnliche Macht beimessen, die doch genau genommen nur in unserer erhitzten Einbildung liegt! Darum nochmals: wenden wir uns von der dunkeln Vergangenheit der heitern Gegenwart, der verheißungsvollen Zukunft wieder zu! Unsere Kinder – apropos, liebe Freundin, darf ich noch immer nicht gratuliren? Der Legationsrath lebt noch in froher Erwartung?« Diese Wendung des Gesprächs verscheuchte wenigstens momentan die Schattenbilder, die ängstigend auf Livia's Seele einstürmten. »In einigen Tagen muß es sich entscheiden,« sagte sie, mit freierem Auge die Freundin anblickend. Dann streckte sie der Justizräthin zutraulich die Hand entgegen, die mit gleicher Zutraulichkeit ergriffen und festgehalten wurde. »Sie wollen mir also Ihre Freundschaft, Ihre Liebe nicht entziehen?« fuhr sie gerührt fort. »Sie achten mich noch? Sie vergeben mir, daß ein verzweiflungsvoller Schmerz mich zwang, mein Leid Ihnen mitzutheilen?« Laura fühlte, daß sie weich ward. Mit schwimmenden Augen umarmte sie die Freundin und drückte sie fest an sich. »Ich wünsche nur,« sprach sie, »daß diese Stunde, welche zum Prüfstein unserer Freundschaft geworden ist, uns und unsere Familien einander recht nahe führen, und, wenn es möglich sein könnte, durch enge verwandtschaftliche Bande für immer verbinden mag!« 8. Die Freundinnen hielten sich Wort. Von den Briefen, welche die Geheimräthin Livia Mandelsdorf erhalten hatte, ward nicht weiter gesprochen. Die Justizräthin Strahleck nahm beide in Verwahrung, ohne daß ihr Gatte etwas davon erfuhr. Dauernde Ruhe aber wollte sich durch diese Schweigsamkeit doch weder bei Livia noch bei Laura einfinden, und es währte nicht lange, so äußerte Rudolph Mandelsdorf sein Bedenken über das auffallende Wesen seiner Mutter gegen den Justizrath. »Ich würde mir diese Schwermuth, die sich zeitweilig ihrer bemächtigt, erklären können,« sprach er, »hätte sie Kunde von dem Schreiben erhalten, dessen Inhalt mir noch immer ein Räthsel ist.« Strahleck erkundigte sich theilnehmend nach dem Erfolg der Nachfragen, welche der Legationsrath hinsichtlich Paul Wittebooms zu halten versucht hatte. »Die Sache ist, wie das kaum anders sein kann, mit vielen Schwierigkeiten verbunden,« erwiderte Mandelsdorf. »Die Stellung Wittebooms als Leibdiener war eine zu untergeordnete, als daß Andere, die kein Interesse an dem Manne und seinem Wirken nahmen, sich um ihn bekümmern sollten. So kommt es, daß sich bisjetzt nur die Thatsache seines Aufenthaltes in K.** constatiren ließ. Ungefähr ward auch ermittelt, daß er zwei bis drei Jahre an diesem Orte gelebt hat, und zwar als Diener einer bejahrten Dame, die sich stets sehr zurückgezogen hielt, was den Neugierigsten Anlaß zu allerhand Vermuthungen und Glossen gab. So erklärt sich auch das Verschwinden des Briefes. Ohne Zweifel trug Paul Witteboom denselben in eigener Person nach R., von welcher K.** nur wenige Stunden entfernt ist; er warf das Schreiben hier in den schadhaft gewordenen Briefkasten, wo es unbemerkt in den Spalt glitt und für immer verschwand. Ein zweites Schreiben gleichen Inhalts an meinen verstorbenen Vater kann Witteboom nicht abgegeben haben, sonst müßte es doch jetzt mit vorgefunden worden sein. Dagegen wäre es aber auch möglich, ein zweiter Brief wäre wirklich in die Hände meines Vaters gelangt, und dieser hätte entweder das Geheimniß erkauft oder den dreisten Menschen ab und zur Ruhe verwiesen.« »Meiner Ansicht nach,« sagte der Justizrath, »können Sie das alte Papier als eine wunderliche Rarität zu andern alten und werthlosen Papieren legen. Es sind drei volle Wochen vergangen und von keiner Seite ist irgend eine Nachfrage geschehen, die einen Zusammenhang mit dem Briefe Wittebooms vermuthen ließe. Das Geheimniß selbst aber, das er für fünfhundert Gulden vor einem halben Jahrhundert verkaufen wollte, dürfte jetzt nicht so viele Kreuzer werth sein.« »Am liebsten vernichtete ich das ganze Schreiben,« meinte der Legationsrath, »und doch kann ich mich nicht recht dazu entschließen.« »Nehmen Sie an,« erwiderte Strahleck, »es existire nicht mehr und die Wirkung bleibt dieselbe!« »Nicht ganz, Herr Justizrath. Ich kann den wunderlichen Brief noch immer einsehen, wenn es mich dazu drängt, ja ich will es nicht verreden, daß ich Sie eines Tages ersuche, mir denselben zu diesem Behufe noch einmal zu geben.« »Um sich von Neuem beunruhigen zu lassen?« »Besitzt die Frau Justizräthin Kenntniß von Wittebooms Schreiben?« »Welche Frage!« »Sie verzeihen, Herr Justizrath! Seit Kurzem foltert mich dieser Gedanke, auf den mich die Haltung meiner Mutter gebracht hat. Ich fürchte, meine Mutter ahnt etwas von dem Briefe, und wenn ich annahm, sie könne nur durch die Frau Justizräthin von dessen Vorhandensein Kenntniß erhalten haben, so berechtigte mich dazu der intime und in letzter Zeit so lebhaft gewordene Verkehr zwischen beiden Freundinnen. Meine Mutter drückt etwas, darüber kann ich mir gar keine Täuschung machen, sie hat aber nicht den Muth, mich direct zu fragen oder ihren Kummer – und sie ist offenbar bekümmert – mir mitzutheilen.« »Ueber Frauenbekümmernisse denke ich anders,« versetzte mit vielsagendem Lächeln der Justizrath. »Sie vergessen, daß alle Frauen ohne Ausnahme immer, speculiren; die es nicht thun, werfen sich auf die Intrigue, was zehnmal schlimmer ist. Erwägen Sie nun, daß meine Tochter Justine in dem Alter sich befindet, welches einer sorgenden Mutter gerechte Veranlassung geben muß, in Bezug auf deren Zukunft Pläne zu machen, und daß jeder solcher Plan mit intimen Freundinnen besprochen wird; so glaube ich Ihnen mit dieser Hindeutung einen Wink gegeben zu haben, der Ihnen auch die Verstimmung Ihrer Frau Mutter erklärlich machen kann.« Der Legationsrath wurde nachdenklich und brach ab. »Haben Sie neuerdings wieder Nachrichten aus England oder Amerika erhalten?« sagte er. »Der englische Consul theilte mir neulich mit, daß nunmehr Aussicht zu baldiger Abwickelung der Erbschaftsangelegenheit vorhanden sei.« »Allerdings,« erwiderte Strahleck. »In dieser Sache ist der so spät angekommene Brief des verstorbenen Ehrlich für mich ein wahrer Retter in der Noth geworden. Ich brauche nicht einmal das seither Ermittelte geheim zu halten, da ich bereits die meisten Papiere besitze, die zu schließlicher Erhebung der Erbschaft beigebracht werden müssen.« »Die Nachkommen der Ehrlich sind also gefunden?« fragte Mandelsdorf mit lebhafter Theilnahme. »Leben sie in der Residenz oder in nächster Nähe?« »Im Gegentheil,« versetzte Strahleck. »Von dem schönen Gelde wird wenig genug hier bleiben oder überhaupt hieher kommen. Die Ehrlich sind als solche ausgestorben, das kann ich seit vorgestern, wo ich ein höchst wichtiges Document erhielt, beweisen. Was von den Nachkommen derselben übrig ist, führt entschieden den Namen Honest, und diese Honest sind nicht allein Bürger, sondern auch Eingeborene der amerikanischen Freistaaten. Der Methodistenprediger, dessen ich früher schon erwähnte, ist der Urenkel des armen alten Ehrlich, dessen Enkel mit Weib und Kind nach Canada auswanderte. Ich besitze, wie gesagt, alle darauf bezügliche Papiere, und sollte sich nicht noch ein anderer Zweig ausfindig machen lassen, so dürfte die Erbschaft binnen Jahr und Tag endlich ihren Herrn finden.« »Wenn nun aber inzwischen noch andere Honest sich melden oder später Ansprüche auf die Erbschaft erheben?« meinte Mandelsdorf. »Eine solche Möglichkeit ist doch immer noch vorhanden.« »Ich bin auf Alles vorbereitet,« erwiderte der Justizrath, »und sehe deshalb mit Gleichmuth jedem solchen allerdings sehr wahrscheinlichen Ansprüche entgegen. Wie gesagt, meine Papiere überheben mich jeder ferneren Mühe. Nur muß ich noch einem Zweige der Ehrlich, nämlich dem von Mirrha abstammenden, nachforschen. Dies ist mir bisjetzt zu meinem großen Bedauern nicht gelungen. Mirrha verheirathete sich nämlich gegen den Willen ihres überfrommen Vaters, und zwar mit einem wohlhabenden Manne, der ein großer Freidenker war. Um den väterlichen Vorwürfen, vielleicht auch möglichen Verfolgungen, zu entgehen, flüchtete das junge Paar und legte wahrscheinlich vor Überschreitung der niederländischen Grenze seinen Namen ab, um später – der Himmel weiß, wo – unter anderm Namen wieder aufzutauchen. Schade, daß der Spalt im Briefkasten, der mir bereits so treffliche Dienste geleistet hat, nicht auch ein Blättchen ans Licht des Tages brachte, das mir den Weg zeigen könnte, die Spuren Mirrha Ehrlichs auffinden zu lassen.« »Wozu?« sagte der Legationsrath. »Sie haben mehr gethan, als man billigerweise von Ihnen verlangen konnte. Weshalb das düstere Labyrinth, aus dem Sie ein glücklicher Zufall rettete, noch einmal betreten? Ein Erbe genügt für Sie; finden sich später noch andere Berechtigte ein und können sie ihre Ansprüche rechtsgültig darthun; so überlassen Sie es ruhig dem frommen Methodistenprediger und seinen Kindern, sich mit diesen Nachzüglern abzufinden.« »Etwas Anderes wird mir auch kaum übrig bleiben,« meinte Strahleck, »indeß will und darf ich als rechtlicher Mann doch kein Mittel unversucht lassen, von dem ich mir einen Erfolg versprechen könnte. Ein solches habe ich noch in petto , und dieses letzte werde ich anwenden, sobald ich mich vergewissert habe, daß Niemand dadurch compromittirt wird.« »Nun dann, viel Glück, Herr Justizrath!« sagte Mandelsdorf. »Künftigen Sonnabend habe ich wohl das Vergnügen, Sie nebst Frau Gemahlin und Fräulein Tochter beim Bankdirector Orlemann zu sehen?« Der Justizrath bejahte durch eine freundliche Kopfneigung. »Bis dahin ist auch der entscheidende Staatsrath abgehalten worden,« setzte er hinzu. »Wer weiß, was man sich dann in allen Cirkeln der Gesellschaft Neues und Erfreuliches zu erzählen hat!« Rudolph Mandelsdorf machte bei diesen Worten Strahlecks eine so tiefe Verbeugung, daß ihm der Justizrath nicht in's Auge blicken konnte. »Der Diplomat soll von dem Juristen überrascht und wo möglich überholt werden,« sagte Strahleck, die Thür seines Arbeitszimmers hinter sich schließend. »Bestätigt sich meine Vermuthung, so will ich einen Triumph, den ich meiner Spürkraft zu danken habe, auch triumphirend genießen.« 9. Minna Orlemann empfing ihre Freundinnen mit sehr vergnügtem Gesicht. Jeder Einzelnen flüsterte sie in ihrer übermüthigen Laune zu: »Nachher sollst Du etwas Neues erfahren! Etwas, das Du gar nicht errathen kannst!« Auch Justine ward von der Tochter des Bankdirectors mit dieser Bemerkung überrascht. »Nun, dann will ich mir den Kopf nicht unnütz zerbrechen,« erwiderte diese. »Ich kann meine Neugierde schon einige Stunden bezwingen.« »Aber Ihr sollt ja rathen!« entgegnete Minna. »Das soll uns ja gerade in fortwährender Spannung erhalten und uns köstlich amusiren.« »Dich, lieb Herz, uns wohl nur sehr kurze Zeit,« meinte Justine. »O Du bist heute auch gar nicht liebenswürdig,« sagte Minna schmollend. »Ich habe mich auf diesen Scherz den ganzen Tag schon gefreut. Und wenn ich Euch erst einweihe in mein Geheimniß, gerathet Ihr ganz außer Euch!« »Also es betrifft Dich persönlich?« versetzte Justine, die Freundin schon neugieriger ansehend. »Dann möchte ich auf ein Herzensgeheimniß rathen.« »Gefehlt, gefehlt!« rief Minna vergnügt. »O wie freut es mich, daß ich meine Absicht erreicht habe! Jetzt bist Du doch eben so neugierig, wie alle Uebrigen! – Ja, ja, liebe Seele! Widersprich, so viel Du willst, Du findest doch keinen Glauben bei mir!« »Nun, dann will ich Dir aus Freundschaft den Gefallen thun, Dir nicht zu widersprechen,« sagte Justine, indem sie den Arm der geschmückten Freundin ergriff und mit derselben sich unter die lebhaft sprechenden andern jungen Damen mischte. Die Gesellschaft war nicht sehr zahlreich, aber ausgesucht, da Bankdirector Orlemann nur die Spitzen der Gesellschaft eingeladen hatte. Etwas spät erschienen Justizrath Strahleck, der englische Consul und der Legationsrath Mandelsdorf. Die Mutter des Letzteren war von der Justizräthin und Justine schon früher abgeholt worden. Beim Eintritte Rudolphs entstand eine lebhafte Bewegung unter den Anwesenden. Der junge Diplomat ward von Allen mit größter Auszeichnung begrüßt; denn bereits wußte es die ganze vornehme Gesellschaft, daß des talentvollen Mannes längst gehegter Wunsch, auf einen wichtigen Posten gestellt zu werden, an diesem Tage in Erfüllung gegangen sei. Mandelsdorf war zum Attaché des neuen Gesandten in Paris ernannt worden. Der Gesandte entstammte einer alten reichen Adelsfamilie, aus welcher eine Menge Diplomaten hervorgegangen war, deren Wirksamkeit allerdings ihrer Stellung nicht immer entsprochen hatte. Der Hof wußte das sehr wohl; eben so bekannt war ihm die Unbedeutendheit gerade des Mannes, der mit einer so wichtigen Mission betraut werden sollte. Allein es würde an vielen Orten sehr unliebsam bemerkt worden sein, hätte man den einmal viel Genannten und gesellschaftlich Gewandten übergehen wollen. Um dies zu vermeiden und etwaigen Gerüchten keinen Vorschub zu leisten, zog es der Hof vor, in der bedeutenden Persönlichkeit des jungen Mandelsdorf dem wenig befähigten wirklichen Gesandten eine zuverlässige Stütze zu geben. Als Anerkennung für dem Staate bereits geleistete Dienste war der Ernennung Mandelsdorfs zum Attaché das Adelsdiplom beigefügt worden. Justizrath Strahleck gelang es, dieses wichtige Ereigniß seiner Familie geheim zu halten. Er wollte beobachten, welchen Eindruck es auf seine Tochter hervorbringen würde. Von diesem Eindrucke wollte er seine ferneren Entschließungen abhängig machen. Der in den Adelsstand erhobene junge Diplomat nahm die Glückwünsche, mit denen man ihn gleichsam überschüttete, mit gutem Anstande an. Sein Wesen zeigte sich in keiner Weise verändert. Er war derselbe, wie früher, nicht im Geringsten sich überhebend oder in die Brust werfend. Nur das glänzende Auge, das froh belebte intelligente Gesicht sagte Allen, daß er sich des Glückes aufrichtig freue, das er zumeist sich selbst zu verdanken hatte. Auf Justine war der Eindruck von dieser Kunde ein überraschender, fast bewältigender. Sie verstummte, wechselte die Farbe und ein paar Thränen der Freude, des Entzückens traten in ihre Augen. Sie vermochte keinen lauten Glückwunsch über ihre Lippen zu bringen. Desto beredter waren die Blicke, die sie mit dem neuen Baron wechselte und welche dieser auch vollkommen verstand. Diese Ueberraschung Justine's machte indeß sehr bald einer ungetrübt frohen Stimmung Platz, und wohl Keinem der Anwesenden konnte es entgehen, wie angelegentlich sich Mandelsdorf um die liebenswürdige Tochter des Justizraths bemühte. Was man längst schon in vielen Cirkeln sich leise zugeflüstert hatte, daß zwischen dem neuen Baron und Justine ein Herzensverhältniß bestände, das glaubte nunmehr Jeder bereits in den nächsten Tagen schon durch eine öffentliche Verlobungsanzeige bestätigt zu finden. Ziemlich spät erst fand die Tochter des Hauses Gelegenheit, wieder auf ihr Geheimniß zurückzukommen. Endlich aber hatte sie diejenigen ihrer Freundinnen, die sie als solche besonders auszeichnete, zu ungenirter Unterhaltung um sich versammelt. Mit triumphirender Miene ging die Uebermüthige von einer zur andern, stumme Fragen an Alle richtend. Als sie sich überzeugt hatte, daß keine der Freundinnen um ihr Geheimniß wisse, bildete sie aus ihnen einen Kreis, stellte sich mitten hinein und fragte mit Pathos: »Könnt Ihr auch reinen Mund halten?« Alle bejahten natürlich. »So wißt denn, daß mein heißester Wunsch in Erfüllung gegangen ist! Ich habe – Auguste, Du hörst ja nicht zu?« »Ich höre, auch wenn ich spreche.« »Meine Mittheilung ist aber von größter Wichtigkeit!« »Wer von uns zweifelt denn daran?« »Ihr erfahrt in dieser Stunde mehr, als Ihr in einem ganzen Leben lernen könnt!« »Aber so endige doch endlich!« bat Justine. Minna hob die Hand und ließ über ihrem brünetten Haar ein dunkles Papier sich bewegen. »Wofür haltet Ihr das?« fragte sie mit schelmischem Lächeln. »Für ein Stück Papier,« sagte die Tochter des pensionirten Generals. »Ich sehe jetzt, daß Du nur Deinen Spott mit uns treiben willst.« »Es kann auch ein Brief sein,« meinte ein anderes junges Mädchen. »Dann möchte ich nicht an Minna's Stelle sein,« erwiderte ein viertes. »Im Gegentheil, Ihr würdet mich sehr beneiden,« fiel Minna ein, »und Ihr sollt es auch. Es ist wirklich ein Brief, den ich hier halte. Und welch' ein Brief! Die Hand, die ihn schrieb, sie war schön und lebenswarm vor siebenzig oder achtzig Jahren ...« Auguste unterdrücke mit Mühe einen Schrei, indem sie aus dem Kreise trat und sich nach einem Sitze umsah. »Es ist ganz abscheulich von Dir, mich so zu erschrecken!« rief sie. »Sei doch kein Närrchen, beste Auguste!« sagte begütigend die Tochter des Bankdirectors. »Was geht uns denn die Hand an, welche vor ewig langer Zeit diese Zeilen schrieb? Ich kenne sie nicht und Euch Allen wird es eben so gehen. Aber es macht mir ein unbeschreibliches Vergnügen, daß mir der Zufall gerade diesen Brief, der jedenfalls der wichtigste von allen ist, die man in dem alten, schadhaft gewordenen Briefkasten gefunden hat, in die Hände spielte.« »Ein Brief von jenen alten?« rief Justine. »Wie kommst Du dazu?« »Das sollt Ihr auf der Stelle erfahren,« versetzte Minna. »Doch ich sehe, die gute, schreckhafte Auguste kann sich noch immer nicht erholen. Nehmt Alle Platz und hört, wie ich Besitzerin dieses unschätzbaren Kleinodes ward!« »Was enthält denn das Schreiben?« forschte Eine der Neugierigsten. »Das eben ist ja der Spaß!« rief Minna Orlemann ausgelassen heiter. »Als stünden unsichtbare Geister bereit, jeden Wink, jeden Wunsch, jeden Gedanken, noch ehe ich mich desselben selbst ganz klar bewußt bin, zu vollziehen, hat der sonderbarste Zufall der Welt diese Liebeserklärung eines Mädchens, das jetzt unser Aller Großmutter sein könnte, gerade mir ausgeantwortet, was ich ja gleich damals mir wünschte, als uns Justine die erste Anzeige von dem gemachten Funde vorlas.« »Eine Liebeserklärung!« riefen Mehrere wie aus einem Munde. »O bitte, laß hören!« Minna gebot mit erhobener Hand Ruhe. »Wie nennt sich denn das verliebte Kind, das schon lange nicht mehr existirt?« fragte in verdrießlichem Tone Auguste. »Auch den Namen, meiner Liebenden will ich Euch nicht vorenthalten,« versetzte Minna, »vorher aber sollt Ihr zur Vermehrung Eurer Kenntnisse hören, wie man sich in jener weit zurückliegenden Zeit, welcher diese köstliche Epistel entstammt, zierlich und manierlich auszudrücken verstand. Merkt auf: »Hoch- und werthgeschätzter, insonders wohlbelobter theurer Freund meiner Seele!« »Prrr! welch' steife Anrede!« unterbrach die Lesende eine der Zuhörerinnen. »Dabei kann einem ja das Blut in den Adern gerinnen.« »Erst höre, dann urtheile!« erwiderte Minna äußerst ernsthaft und nahm die Lectüre des Briefes wieder auf. »Massen ich Dero geschätzte Epistolam auf bewußtem Wege richtig empfangen und selbige brünstiglich an mein hochklopfendes Herz gedrücket habe, fühle ich mich innerlichst gar wundersam süß beweget und gestehe mit schamhaftem Erröthen dem fernen Herzensfreunde meine Schwäche! – – Wäre es mir doch vergönnet, Ihme wissen zu lassen, wie hoch und erhaben ich von Dero Gaben und preislichen Worten denke! – – Aber ich bin umstellet von Stricken und Netzen und Fallen; die Fürsicht muß der Stern sein, dem ich folge! – Alcid würde wüthen und mich in das Verließ des alten Schlosses hinabstoßen, daß ich verkäme bei Kröten und Molchen, so er unsere Liebe ahnete! – Aber vertrauet mir und glaubet meinen heiligen Schwüren! Ich küsse die Strahlen des Mondes, daß er Euch umschmeichle mit dem Odem der innigsten Liebe! – – Spät vielleicht erhaltet Ihr dies Schreiben, denn der Weg ist weit und Martha muß auf eine gute Gelegenheit warten! – Könnt Ihr mir keine Kunde zukommen lassen von Euch, so bleibt es bei unserer Abrede! – Ich bin und bleibe Euch ewig treu, im Leben wie im Tode. Von süßen Träumen und glücklichen Erinnerungen zehrend, ruft Euch tausend zärtliche Grüße zu Eure in Liebe zu Euch ersterbende Sara Honest.« Es war Minna nicht ganz leicht geworden, die Lectüre dieses Schreibens ohne Unterbrechung zu beendigen. Von eigenem Lachreiz ergriffen, ward dieser noch bedeutend vermehrt durch das Gekicher der zuhörenden Freundinnen, die sich Alle, selbst Auguste nicht ausgenommen, köstlich amüsirten. Jetzt ging der Brief von Hand zu Hand, um genau bescheinigt, betastet, kritisirt zu werden. Justine war die Einzige, die nur einen flüchtigen Blick hineinwarf. Ihr lag wenig an dem Inhalte, den sie ziemlich unbedeutend fand, mehr interessirte es sie, die Veranlassung kennen zu lernen, welche gerade ihrer übermüthigen Freundin dies Schreiben zugeführt hatte. »Du mußt beichten und uns die ganze Wahrheit sagen,« sprach Justine ernsthaft. »Du hast es versprochen, und ohnehin kann man doch immer nicht wissen, ob Du auch berechtigt bist, den Brief, der Dich offenbar gar nichts angeht, zu behalten. Hast Du ihn gefunden?« »Ja und Nein, wie Du willst,« erwiderte Minna in ungetrübter Heiterkeit. »Er ward dem Vater überbracht; da er mit solchen einer längst verschwundenen Zeit angehörenden Herzensergießungen eines liebesiechen Mädchens doch nichts anfangen konnte, warf er das Blatt in seinen Papierkorb. Aus diesem hab' ich es – um ehrlich und aufrichtig zu sein – stibitzt.« »So andächtig?« sprach jetzt, die Thür öffnend, eine Männerstimme, und der Bank-Director Orlemann warf einen heitern Blick auf den Kranz blühender Mädchen, die zu ernster Berathung zusammengetreten zu sein schienen. »Ich will nicht stören,« setzte er hinzu, »doch möchte ich um baldige Rückkehr zur Gesellschaft bitten, unter denen sich Einzelne bereits nach Ihnen, meine Damen, erkundigt haben.« »Still!« bat Minna. »Papa darf nicht wissen, daß ich den Brief besitze. Er würde mir ihn nicht lassen.« »Sara heißt die Liebende?« fragte Auguste. »Sara Honest,« erwiderte Minna. »Eine Engländerin,« meinte Justine. »Die aber deutsch versteht,« warf Minna ein. »Vielleicht eine Deutsche von englischen Eltern,« fuhr Justine fort. »Gibt es eine Familie Honest, die Euch bekannt ist?« »Hier wohl schwerlich,« sagte Minna.« »Wie konnte dann Dein Vater zu diesem Briefe kommen?« meinte Auguste. »Das kann ich mir sehr leicht erklären,« erwiderte die Tochter des Bankdirectors. »Mein Vater erhält täglich ganze Briefpackete von allen Enden der Welt. Auf der Post hat er, wie sämmtliche bedeutende Correspondenten, sein besonderes Brieffach. Jedenfalls ist nun durch einen verzeihlichen Irrthum der einem Andern bestimmte Brief mit in das Fach des Vaters und so in dessen Hände gekommen.« »Meinst Du wirklich?« sagte Auguste. »Gewiß, Liebe, es kann gar nicht anders sein!« »Mir kommt Deine Erklärung sehr unwahrscheinlich vor,« versetzte Justine. »Die Adresse des Briefes muß ja doch den Namen Deines Vaters getragen haben, sonst hätte er den Brief gewiß nicht geöffnet.« »Wo denkst Du hm!« rief Minna. »Beim Eröffnen von Briefen geht es häufig sehr eilig zu – ich weiß es – und da kann leicht ein Mißgriff passiren.« Justine schüttelte den Kopf, indem sie ernsthaft sagte: »Einen Mißgriff macht ein so gewissenhafter Mann, wie Dein Vater, sobald er ihn merkt, sofort wieder gut.« Abermals ließ sich die Stimme des Bankdirectors hören, die diesmal seinem Kammerdiener galt. Er ertheilte diesem einen Auftrag und öffnete dann zum zweiten Male die Thür des Zimmers, wo Minna ihre vertrautesten Freundinnen versammelt hatte. »Wenn es den jungen Damen gefällig ist,« sprach er freundlich, »so möchte ich jetzt meine vorige Bitte wiederholen. Ich habe für Sie alle eine Ueberraschung bereit, die Ihnen Vergnügen und viel zu Lachen geben wird. Später können Sie mit Ihren hier in so großer Heimlichkeit geschmiedeten Plänen zur Unterhaltung meiner lieben Gäste ungestört hervortreten.« Er entfernte sich, einen langen Blick seiner Tochter zuwerfend, die schnell den gefundenen Brief verborgen hatte. »Es wäre unartig, wollten wir länger zaudern,«' sagte Justine. »Laß uns gehen, Minna!« Diese legte den Finger auf ihre Lippen und erwiderte mit einem Blicke des Einverständnisses, der von einer ihrer Freundinnen zur andern glitt: »Reinen Mund, Ihr Lieben! Später sprechen wir mehr davon.« 10. Im Salon Orlemanns machte sich bei Allen eine erwartungsvolle Spannung bemerkbar. Der Bankdirector hatte diese selbst hervorgerufen und schien es kaum erwarten zu können, sie auch vollkommen zu befriedigen: »Ich gebe Ihnen die Versicherung,« sagte er, zu dem Justizrath Strahleck tretend, der sich geraume Zeit angelegentlich mit dem von Allen ganz besonders ausgezeichneten Mandelsdorf unterhalten hatte, »daß keinem ernsthaften Geschäftsmanns jemals etwas Lustigeres zugestoßen sein kann. Man müßte das Schreiben eigentlich veröffentlichen.« Die letzte Bemerkung des Vaters machte Minna, die sich inzwischen mit ihren Freundinnen wieder unter die Gesellschaft gemischt hatte und jetzt mit Justinens Mutter leise sprach, aufblicken, und auf ihren schelmisch-heitern Mimen malte sich einige Unruhe. »Der Mensch bleibt aber auch eine ewige Zeit aus!« sprach Orlemann ungeduldig, unfern der Tochter mit dem englischen Consul vorübergehend. »Ich werde wohl selbst nachsehen müssen. Sie entschuldigen ...« Augenblicklich legte Minna ihre kleine Hand auf den Arm des Vaters. »Kann ich Dir nicht behülflich sein, Papa?« sagte sie schmeichelnd. »Du wünschest ein Schreiben zu haben? Joseph findet ja nie etwas! Bitte, bezeichne mir ungefähr den Ort, wo es liegt, und ich werde es Dir in zwei Minuten behändigen.« »Nun so geh'!« versetzte der Bankdirector. »Du erkennst es leicht an der bläulichen Farbe des Papiers. Es ist dreifach zusammengebrochen und am obersten Rande links zeigt es eine Sonne, deren Strahlen goldblonde Locken vorstellen sollen.« Orlemann hatte die letzten Worte so laut gesprochen, daß die zunächst Stehenden sie deutlich hören konnten. Justine verstand jede Sylbe und ein leises Zittern erschütterte ihre Nerven. Sie fürchtete Unannehmlichkeiten für Minna. Diese aber war schon verschwunden, kehrte sehr bald zurück und zeigte dem Vater mit triumphirender Miene jetzt dasselbe Blatt, dessen Inhalt die Uebermüthige vor Kurzem dem vertrauten Cirkel ihrer Freundinnen mitgetheilt hatte. Während Orlemann sich zwischen einer Gruppe älterer Herren niederließ, schlüpfte Minna von Freundin zu Freundin, und raunte Allen ein bittendes »Still!« zu. Nach wenigen Einleitungsworten trug nunmehr der Bankdirector den uns schon bekannten Brief von Sara Honest vor, und zwar mit so komischer Betonung, daß die ganze Gesellschaft wider Willen in die heiterste Stimmung versetzt ward. »Aber wie in aller Welt, liebster Orlemann, sind Sie mit diesem Liebesbriefe beglückt worden?« sagte Rudolph Mandelsdorf, der sich ganz besonders daran ergötzte. »Trug das Schreiben denn Ihre Adresse?« »Ganz genau,« versetzte der Bankdirector. »Wie hätte es mir sonst einfallen können, das Siegel zu brechen! Aber auch, als dies geschehen war und das sonderbar gebrochene Papier mit der steif geschnörkelten Schrift mir vor Augen kam, hatte ich noch gar kein Arg. Anfangs meinte ich, es sei ein Bettelbrief, der mir auf diese originelle Weise zugestellt werde, damit er auch wirklich an mich selbst gelange. Ich werde oft genug mit derartigen Papieren beehrt, namentlich von Personen, die früher bessere Tage gekannt haben, durch Unglück, Krankheit oder eigene Schuld aber später heruntergekommen sind und sich nicht entschließen können, geradezu zu betteln. Solchen Bedauernswerthen liegt daran, daß ich meinen Namen unter ihr Bittschreiben setze. Sie halten ihn für einen Passe-partout und mögen meistentheils wohl auch ihren Zweck erreichen. Zu spät entdeckte ich meinen Irrthum. Indeß glaubte ich schon deshalb berechtigt zur Lectüre des Briefes zu sein, weil mir das Datum sagte, daß ich durchaus keine Indiscretion begehen könne. Liebesbetheuerungen, die vor siebzig Jahren ein heißes Mädchenherz dem verschwiegenen Papiere anvertraute, haben höchstens noch ein historisches Interesse.« Die Gesellschaft war ungewöhnlich munter geworden. Hier kicherte eine Anzahl junger Mädchen über die auf Stelzen gehenden Worte der Briefstellerin; dort lachten ein paar Militärs ziemlich laut, während die älteren Herren mehr im Stillen ihre Glossen machten, und die Frauen gesetzten Alters in eine lebhafte Debatte über die Frage geriethen, ob die unbekannte Briefstellerin glücklich oder unglücklich geliebt haben möge. »Dieses Billet-doux ist gewissermaßen von den spät versendeten Briefen, so weit uns Kenntniß davon wurde, der interessanteste,« sagte Justizrath Strahleck. »Noch interessanter würde es sein, ließe sich ermitteln, für wen diese liebeathmenden Zeilen eines ohne Zweifel sehr jungen und schönen Mädchens bestimmt gewesen sind.« »Darüber läßt uns die Liebende nicht in Zweifel,« erwiderte Orlemann. »Der Umschlag des Briefes trägt den vollen Namen des Mannes, an den derselbe gerichtet war.« »In der That?« sagte Mandelsdorf. »Ist es ein bekannter Name?« »Für mich nicht,« erwiderte der Bankdirector. »Etwas aber ist mir dabei aufgefallen, was mich stutzig gemacht hat und zugleich auch einiges Licht über das Verhältniß der Liebenden verbreitet, das wenigstens die Aeltern der Briefstellerin nicht gebilligt haben müssen.« »Am Ende erhalten wir von Ihnen den Stoff zu einer romantischen Erzählung,« sprach Mandelsdorf lächelnd. »Ist es erlaubt, weiter zu forschen? Was veranlaßt Sie zu der eben gemachten Bemerkung?« »Die Namen der Briefstellerin und des Mannes, dem das Billet zugestellt werden sollte.« »Die Namen?« sagte der Justizrath gedehnt. »Sie behaupteten ja eben, daß gerade diese Ihnen ganz unbekannt seien.« »Allerdings,« versetzte der Bankdirector. »Das thut jedoch hierbei nichts zur Sache. Ich bemerke nur, daß das junge Mädchen gerade so heißt, wie ihr Geliebter oder still Verlobter. Daraus schließe ich, daß beide Liebende sehr nahe Verwandte waren, und daß aus diesem Grunde die Verbindung derselben Seitens wahrscheinlich beider Aeltern ungern gesehen, mithin die Trennung Beider als das sicherste Mittel, sie einander vergessen zu lassen, beschlossen und ausgeführt wurde.« Der Justizrath trat jetzt dicht an den Bankdirector, indem er diesem halblaut zuflüsterte: »Darf ich neugierig sein? Gewissermaßen habe ich ein Recht dazu, denn Sie wissen ja, daß der schadhafte Briefkasten mir recht gute Dienste geleistet hat.« Orlemann zeigte Strahleck die Unterschrift des Briefes, welche gleichzeitig dem mit sehr scharfen Augen begabten Gesandtschafts-Attaché Mandelsdorf sichtbar ward. Letzterer stand schon im nächsten Augenblicke neben dem Bankdirector. Der Justizrath las den Namen mit offenbarem Erstaunen, während Mandelsdorf lächelnd das Couvert des Briefes zu sehen begehrte. »Ich bedaure, Ihnen dies nicht zeigen zu können,« versetzte Orlemann, »die Adresse weiß ich auswendig. Sie lautete: An den Hoch- und wohlgebornen Herrn Michael Honest in ***.« »Würden Sie mir wohl den Brief auf kurze Zeit anvertrauen?« sagte, sehr blaß werdend, der Diplomat. »Ich möchte die Schriftzüge mit einer anderen Handschrift vergleichen, in deren Besitz mein verstorbener Vater war. Ohnehin ist dieses Billet offenbar an eine falsche Adresse gekommen und hätte mich oder den Herrn Justizrath eben so gut erreichen können. Haben Sie keine Vermuthung, wer sich diesen sonderbaren Scherz, der allerdings für originell gelten kann, gemacht hat?« Da Mandelsdorf diese Worte mit lächelnder Miene und ohne die geringste Erregung zu zeigen an den Bankdirector richtete, fühlte sich auch dieser in keiner Weise davon getroffen. Um nicht eigensinnig und ungefällig zu erscheinen, reichte er dem Attaché das Blatt, indem er erwiderte: »Wenn ich Ihnen einen Gefallen damit thun kann, trete ich Ihnen das sonderbare Schreiben gern so lange ab, bis sich etwa Jemand meldet, der begründetere Ansprüche darauf machen darf, als ich. Meine Vermuthung trügt schwerlich. Der Einschlag, welcher es umhüllte, trug den Poststempel, mit dem alle jene spät aufgefundenen Briefe versehen worden sind. Die Hand, welche die Adresse, also meinen Namen, darauf geschrieben hat, halte ich für die eines Postbeamten. Es kann kaum zweifelhaft sein, daß hier eine Verwechslung zweier, wo nicht gar mehrerer Briefe stattgefunden hat und daß ich dadurch statt einer, mein altes Haus höchlichst interessirenden Anzeige, diese Seufzer eines liebenden Mädchens erhielt. Die Sache muß sich alsbald aufklären, da ich nicht gesäumt habe, dem Postamte Anzeige zu machen. Das Einzige, was dieser meiner Annahme widersprechen dürfte, ist, daß das Couvert des in den neuen Umschlag eingesiegelten Briefes schon geöffnet war.« Mandelsdorf hatte den Brief bereits ergriffen und sah in das bekümmerte Gesicht seiner Mutter. »Man ruft Dich ab,« sagte Livia im leisen Tone. »Der Bediente harrt Deiner.« »Ist es so eilig?« fragte Rudolph, indem er der Mutter den Arm bot und sich langsam mit ihr aus dem Salon entfernte. Kaum aber sah sich Livia allein mit dem Sohn, so drang sie heftig in ihn, er solle ihr den Brief zeigen, sie wolle und müsse die Namensunterschrift sehen. »Aber beste Mutter,« sagte Rudolph, »wie ist es möglich, daß ein so altes Schreiben Sie so aufregen kann?« »Die Verfasserin nennt sich Honest,« versetzte Livia, den Einwurf des Sohnes ignorirend. »Ahnen Sie dies?« »Ich habe nicht weniger scharfe Augen wie Du. Dein Vater – doch, das weißt Du ja nicht!« »Entschuldigen Sie, Mama,« unterbrach Mandelsdorf seine Mutter, »wenn es eilig ist, muß ich, ehe wir weiter sprechen, mich doch nach dem erkundigen, der mich abrufen läßt.« »Ich war es, mein Sohn, ich wollte Dich sprechen,« sagte Livia entschlossen. Wirst Du mich ruhig anhören?« Ueber Rudolphs offene Züge glitt ein Schatten des Unmuthes, schnell aber gewann er wieder Gewalt über sich, und die Hand der Mutter sanft in der seinigen drückend, versetzte er: »Ich müßte sehr undankbar sein, wollte ich für eine vertrauliche Mittheilung der gütigsten Mutter keine Zeit und kein Ohr haben.« »Laß uns hier auf- und abgehen,« sprach Livia. »Meine Entfernung aus dem Salon kann nicht auffallen. Madame Orlemann ist unterrichtet und weiß, daß ich mich in kühlerer Luft ein wenig erholen will.« Sie hemmte ihre Schritte und holte tief Athem. »Ihnen ist wirklich nicht wohl, theuerste Mutter!« sprach der Attaché kindlich besorgt. »Wenn ich Fräulein Orlemann oder Fräulein Strahleck riefe ...« »Nein, nein,« unterbrach ihn Livia mit Heftigkeit. »Sie dürfen nichts erfahren von dem, was ich Dir zu eröffnen habe ...« Abermals entrang sich ein Seufzer der Brust der geängstigten Frau, und Rudolphs bemächtigten sich die bängsten Gedanken. »Beste Mama,« flehte er, »Sie foltern mich! – Was haben Sie mir zu sagen?« Livia schlug das thränenumschleierte Auge zu dem bittenden Sohne auf und versetzte: »Diese unseligen Briefe, die man so spät entdeckte, werden uns Alle in's Unglück stürzen! ... Du verriethest Dich vorhin selbst, mein Sohn! Auch Dich hat eins jener Schreiben aus Deiner Ruhe aufgeschreckt und die schöne Harmonie Deiner Seele gestört! Und ich – ach, mein theurer Rudolph – ich wäre beinahe das Opfer des Schreckens geworden, der in Gestalt eines alten Briefes wie ein Racheengel vor mich hintrat!« Rudolph schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er die Mutter durchaus nicht verstehe. »Es ist eine schwere Pflicht, die mir obliegt,« fuhr Livia fort. »Ehe es nicht geschehen ist, foltern mich die gräßlichsten Einbildungen Du liebtest Deinen Vater, nicht wahr?« »Er war ein Mann,« sprach Mandelsdorf mit Stolz, »ein Mann im edelsten Sinne des Wortes!« »Du weißt ferner, daß mein Vater mit seinem Geschlechtsnamen Delft hieß.« »Michael Delft,« wiederholte mit zitternder Lippe der Diplomat. »Der brave Mann hat seine Aeltern nicht gekannt,« fuhr Livia fort. »Frühzeitig nahmen Fremde, wohlthätig gesinnte Freunde sich des Kindes an, ließen es auf ihre Kosten auf Honesthof erziehen und nannten es Delft-Honest.« »Sie haben mir diesen Lebensgang meines Großvaters zu wiederholten Malen erzählt und nie versäumt, mir Wohlthun, uneigennütziges Handeln angelegentlich dabei zu empfehlen. »Auf Honesthof lebte ein Geschwisterpaar, mit welchem Dein Großvater aufwuchs, Alcid und Sara – hörst Du, Sara, Sara Honest!« Livia versagte die Stimme und auf Rudolphs Stirn zeigten sich kalte Schweißtropfen. »Beste Mutter,« sagte er in flüsterndem Tone, »es geht kein irgend bedeutender Mensch durch's Leben, ohne bald mehr, bald weniger von Täuschungen ergriffen und dadurch irre geleitet zu werden. Irrthum läutert aber, und wer im Irren nicht untergeht, dem wird er zur bildenden Schule, in der er Lebensweisheit lernt und sich gegen die Stürme der Welt waffnet.« »Ich kann nicht zweifeln,« hob Livia auf's Neue an, »daß Dein Großvater zu seiner Adoptivschwester Sara eine tiefe Neigung gefaßt, und daß Beide in noch sehr jungen Jahren sich feierlich ewige Liebe und Treue geschworen haben. Aus Gründen, die mir bis heute unbekannt geblieben sind, widersetzten sich die Aeltern Sara's einer Verbindung ihrer einzigen Tochter mit Michael. Es muß indeß zu heftigen Scenen gekommen sein, ehe dieser jeder Hoffnung, Sara eines Tages zu besitzen, entsagte. Als er sich nothgedrungen zu diesem Aeußersten entschloß, verließ er den Hof seiner Pflege- und Adoptivältern, verlobte sich bald darauf mit meiner Mutter, der vertrautesten Freundin Sara's, und legte seinen bis dahin geführten Adoptivnamen wieder ab, wenigstens im täglichen Verkehr.« Livia machte eine Pause, offenbar um sich zu den ferneren Mittheilungen zu stärken, die sie ihrem Sohne schuldig zu sein glaubte. »In all' diesen Vorgängen, beste Mutter, erblicke ich nichts, das uns beunruhigen oder irgendwie in ein zweideutiges Licht stellen könnte,« versetzte der Attaché. »Ungefähr kannte ich ihren allgemeinen Umrissen nach diese Familienstörnisse, wenn man das Geschehene so nennen darf. Ein einziger Moment nur, dünkt mich, bedarf noch der Aufklärung, und gerade dieser machte es mir wünschenswerth, in Besitz der Zeilen zu gelangen, die Sara an ihren Adoptivbruder richtete, und die durch eine jener unberechenbaren Launen des Zufalls verloren gingen. Das Schreiben Sara Honests hilft mir – so hoffe ich – gewiß ein Räthsel lösen, das mich seit Kurzem beschäftigt und das mir ebenfalls durch Uebermittelung eines dieser spät versendeten Briefe aufgegeben worden ist.« Livia's Hände flochten sich krampfhaft zusammen. Sie sah den lebensmuthigen, von seltenem Glück hoch emporgehobenen Sohn mit scheuen Augen an und sprach stammelnd: »Auch Du, mein Sohn, auch Du erhieltest einen Brief? ... Warum schwiegst Du? ... Von Paul Witteboom, nicht wahr?« »Du weißt es!« versetzte Rudolph, vor Erstaunen scharrend. »Wer war dieser Mensch?« »O, ich unglückliche Frau!« rief Livia. »So ist Alles wahr und ich bin ein elendes Geschöpf!« Die Kräfte verließen die Aufgeregte. Mandelsdorf sah sich genöthigt, weibliche Hülfe herbeizurufen. Er mußte den Gedanken vorerst aufgeben, in das Geheimniß seiner Mutter, das die reizbare Frau bis zur drohenden Geistesstörung drückte, eingeweiht zu werden. Die geistig und physisch erschöpfte Frau, deren plötzliche Erkrankung durch die Geistesgegenwart der gewandten Justizräthin schicklich bemäntelt ward, mußte nach Hause gebracht werden, wohin sowohl Laura, wie deren Tochter Justine die Leidende begleiteten. Mandelsdorf selbst kehrte, äußerlich gefaßt, zur Gesellschaft zurück, wo er sich noch eine Zeit lang unbefangen, mit den verschiedensten Persönlichkeiten unterhielt. 11. Am andern Morgen fand Rudolph seine Mutter sehr leidend. Die Justizräthin hatte sie die ganze Nacht nicht verlassen und erklärte dem neuen Baron, daß sie es für besser halte, wenn sie einige Tage lang eine Mitbewohnerin seines Hauses bleibe. Mandelsdorf nahm dieses wohlwollende Anerbieten selbstverständlich mit Dank entgegen, nur ward er durch das Verbleiben der Justizräthin an jedem Zwiegespräch mit seiner eigenen Mutter verhindert. Anfangs vermuthete der Diplomat keine versteckte Absicht hinter der warmen Theilnahme der Justizräthin, bald aber konnte er bemerken, daß Berechnung das eigentliche Motiv dieser Theilnahme war. Diese Entdeckung verstimmte Mandelsdorf und machte ihn mißtrauisch gegen die Justizräthin. Er schwieg indeß und fügte sich, was er um so leichter konnte, als die Vorbereitungen zu seiner Abreise nach Paris, die binnen Monatsfrist stattfinden sollte, ihn sehr in Anspruch nahmen. Auch durfte er sich in seiner Stellung dem gesellschaftlichen Verkehr nicht dauernd entziehen, und so verging denn die Zeit unter mannigfachen Beschäftigungen und Zerstreuungen rascher, als Rudolph es wünschte. »Sollten Sie morgen eine Stunde für mich allein erübrigen können, Herr Baron,« redete ihn in engerem Cirkel bei dem Diner, das der pensionirte General dem Attaché zu Ehren gab, der Justizrath Strahleck an, »so würde ich mich sehr freuen, wenn Sie den Thee bei mir nehmen wollten. Ihrer Frau Mutter geht es ja, wie ich mit Vergnügen höre, wieder um Vieles besser. Ich hoffe, nur starke Emotionen waren die wahre Veranlassung dieser krankhaften Symptome.« Mandelsdorf sagte zu und stimmte in Bezug auf das leidende Wesen seiner Mutter dem Justizrathe vollkommen bei. Um die übliche Theestunde fand sich der neue Baron in der Wohnung Strahleck's ein. Außer Justine und deren Mutter war kurze Zeit nur noch der Bankdirector Orlemann zugegen, der sich jedoch sehr bald, von Justine begleitet, entfernte. Der Justizrath erkundigte sich angelegentlich nach dem Befinden der Mutter des Diplomaten, und an die Antwort desselben anknüpfend, sagte er lächelnd: »Gegen meine Frau hat die Geheimräthin sich offen über den Grund ihres Uebelbefindens ausgesprochen.« »Diese Aussprache läßt mich hoffen, meine Mutter wahrscheinlich völlig hergestellt verlassen zu können,« erwiderte Mandelsdorf. »Ich bedaure aufrichtig, daß die Zeit Ihrer Abreise so schnell heranrückt,« fuhr der Justizrath fort. »Man hat so Mancherlei noch zu besprechen, zu erörtern, und wie leicht vergißt sich da im Drange der Geschäfte gerade etwas recht Wichtiges. Es ist mir lieb, daß wir augenblicklich ungestört sind. Da können Sie mir vielleicht mit wenig Worten Aufschlüsse oder doch Winke geben, die ich beherzigen dürfte in der bekannten Erbschaftsangelegenheit, über welche mir der alte Brief das meiste Licht verbreitet hat. Irre ich mich nicht, so theilte ich Ihnen früher schon mit, daß sich die wirklichen Nachkommen der Ehrlich in Honest verwandelt haben. Da nun aber diese Familie eine sehr weit verzweigte ist, muß man äußerst vorsichtig verfahren. Gewissermaßen hängen ja auch Sie, Herr Baron, wenn auch nur durch sehr lockere, bereits seit längerer Zeit schon wieder gänzlich zerrissene Bande mit einem Geschlecht, das sich Honest nennt, zusammen. Darauf Bezug nehmend, möchte ich eine einzige Frage von Ihnen beantworten hören. Befand sich unter den Verwandten Ihres Großvaters mütterlicherseits, des Adoptivsohnes des Besitzers von Honesthof, eine Mirrha Honest?« »Des Namens Mirrha erinnere ich mich,« erwiderte Mandelsdorf, »doch kann das Mädchen, welches ich dabei im Sinne habe, nicht eine Schwester des auf Java verstorbenen Josua gewesen sein.« »Ich meines Theils habe mich dieser Annahme niemals zugeneigt,« fuhr der Justizrath fort. »Auch jetzt finde ich keinen Grund, mich eines Andern zu besinnen, wohl aber bin ich auf einen abseits führenden Gedanken durch eine Mittheilung des englischen Consuls geführt worden, der mich von Anfang an so uneigennützig unterstützte. Von diesem stets leidenschaftslosen Herrn erhielt ich vorgestern ein Schreiben, das mit dem Briefe Sara Honest's, den Sie, Herr Baron, augenblicklich in Verwahrung haben, auf das Engste zusammen zu hängen scheint. Es ist alt, vergilbt, wie alle Briefe aus dem schadhaften Kasten, rührt von einer Mirrha Honest her, ward an einen Michael Delft-Honest geschrieben und gelangte an demselben Tage, an welchem der Bankdirector Orleman unter Couvert die Worte Sara's erhielt, ebenfalls couvertirt an den englischen Consul.« »Und was enthält dieser neue räthselhafte Brief aus dem Reiche der Todten?« fragte Mandelsdorf mit großer Spannung. »Sie mögen sich selbst davon überzeugen,« sprach der Justizrath, indem er das alte Blatt Papier dem Attaché überreichte. Es war schwarz umrändert und enthielt folgende Worte: »Lieber Cousin! Kaum ist mein unglücklicher, mir so plötzlich entrissener Gatte der Erde übergeben, so erschrecken Sie mich durch die Nachricht Ihrer Flucht. Sie haben nicht recht gethan, so halsstarrig zu sein. Ihre Entfernung von Honesthof muß meiner guten Cousine das Herz brechen. Kehren Sie um, ich bitte Sie dringend darum! Ich kenne den Bruder des Vaters meines verstorbenen Gatten genau; er gibt nach, wenn er Widerstand findet. Eilen Sie daher, sobald diese Zeilen an Sie gelangen! Der Sicherheit wegen werde ich sie selbst zur Post tragen, ehe ich mich nach England, zum Onkel, einschiffe, wo ich fortan leben will. Vor meiner Abreise spreche ich wo möglich noch einmal die liebe, treue Sara. Ich werde das herzige Kind, das so fest an Ihnen hängt, im Sinne dieser Zeilen instruiren und sie auffordern, sogleich an Sie zu schreiben, damit Sie keine dummen Streiche machen und die Großmuth Sara's annehmen. In Herzensangelegenheiten hat das Herz immer die erste und letzte Stimme. Nur Muth, allzuhitziger Herr Cousin, und nicht vor der Zeit verzweifelt! Ich hoffe, in Jahr und Tag seid Ihr Beide ein glückliches Paar! Weshalb auch solltet Ihr Euch nicht heirathen? Adoptivgeschwister sind keine Geschwister! Alles Gutes, und Liebes Ihnen und Sara wünschend Ihre aufrichtige Namens-Cousine Mirrha Honest, geb. Ehrlich.« »Was?« rief Rudolph Mandelsdorf ganz erstaunt. »Ihre Ehrlich haben sich mit den Honest verheirathet?« »Das gerade ist's, was ich gern von Ihnen erfahren möchte,« fuhr der Justizrath fort. Meine Ehrlich – wie Sie zu sagen belieben – steckt zwar nicht in dieser Mirrha Honest, wohl aber könnte es eine Tochter von Elias Ehrlich sein, die mit seltenen musikalischen Talenten begabt war, sich zur Sängerin durch Hilfe bemittelter Freunde ausbildete und durch ihre Vermählung mit Peter Honest, dem Neffen von Michael Delft's Adoptivvater, eine gute Parthie machte.« Der Attaché war aufgestanden und nicht im Stande, seine Bewegung länger zu verbergen. »Lieber will ich mit der schwierigsten und delicatesten diplomatischen Mission betraut werden, als den Ausgang aus diesem Namenslabyrinthe suchen helfen!« rief er aus. »Wäre das alte Posthaus doch mit sammt den unseligen Briefen, die jetzt Verwirrung über Verwirrung anstiften, und am Ende noch Trauer und Jammer über uns selbst verhängen, schon längst verbrannt!« »Vor vierzehn Tagen nahmen Sie diese Ansicht von mir an,« erwiderte der Justizrath, »jetzt habe ich meine Ansicht geändert; denn ich zweifle nicht, daß die vermaledeiten alten Briefe mich zum schwerreichen Manne machen!« »Lieber als Bettler sterben, als von gespenstischen Schatten verfolgt, von Händen, die nicht existiren, gestreichelt, von Augen, in denen keine Pupille mehr leuchtet, bezaubert, von Lippen, die längst verwelkt sind, mit Liebesfloskeln überschüttet zu werden!« rief Mandelsdorf aufgeregt. »Im Ernst denken Sie anders, Herr Baron,« entgegnete Strahleck, »und wenn Sie die Dinge erst von meinem Gesichtspunkte aus betrachten wollen, werden Sie auch weiter kein Unglück darin erblicken. Wir haben nur zwei oder drei Fragen noch zu beantworten, was sich thun lassen wird, sobald einige wenige Thatsachen constatirt sind. Die Mittel zu Beiden glaube ich so ziemlich in den Händen zu haben.« Mandelsdorf hatte wieder neben dem Justizrathe Platz genommen. »Ich müßte mich schämen, die diplomatische Carriere eingeschlagen zu haben,« sagte er in seinem gewöhnlichen, etwas legèren Tone, »wenn ich die Hoffnung aufgeben wollte, Licht in diese Räthsel zu bringen. Wenn ich mich unbehaglich dabei fühlte, so liegt dies vorzugsweise an der Stimmung meiner guten Mutter, die ein entsetzliches Verbrechen wittert und es sich nicht einreden lassen will, daß diese ihre Annahme auf einem Irrthume beruhe. Leider aber vermag ich nicht zu beweisen, daß sie sich irrt, daß wirklich nichts dahinter steckt, als entweder eine unhaltbare Verläumdung oder die beabsichtigte Prellerei eines habgierigen Domestiken, der sich für angeblich geleistete Dienste nicht genügend belohnt glaubte.« »Die Frau Geheimräthin hatte bisher alle Ursache, hinter unklaren Angaben höchst betrübende Begebenheiten zu vermuthen,« entgegnete der Justizrath. »Durch Mirrha's Schreiben lichtet sich, wie ich hoffe, wahrscheinlich die trübe Aussicht in eine weit zurückliegende Vergangenheit. Ich verdanke es dem schönen Vertrauen Ihrer Frau Mutter, daß ich diese Hoffnung fassen kann. Wenn Sie diesen Brief, ebenfalls ein Gefangener des alten Briefkastens, gefälligst aufmerksam durchlesen und seinen Inhalt mit den Worten des Schreibens vergleichen wollen, das Ihnen kürzlich zuging, das aber ursprünglich für Ihren Großvater bestimmt war, so werden Sie zu der Ueberzeugung kommen, daß wir der Lösung dieses Räthsels, welches die Correspondenz Verstorbener uns aufgegeben hat, bedeutend näher gekommen sind.« So sprechend überreichte der Justizrath dem Attaché das Schreiben Paul Wittebooms, das vor einigen Tagen in die Hände Livia's gelangt war. Mandelsdorf überlas es mehr als einmal, ohne äußerlich die geringste Erregung zu zeigen. Nur seine Hand glitt einige Male über die Stirn, als wolle sie die leichten Falten, die sich von selbst darauf bildeten, verwischen. »Wäre auch dieser Brief mir zugekommen,« sagte er dann, ihn vor sich hinlegend, »so würde meine arme Mutter nicht so schwere Tage verlebt haben. Nun erst verstehe ich ganz ihre kummervolle Miene, die mich in der letzten Zeit, auch wenn sie sich heiter stellte, erschreckte, und ich begreife vollkommen, daß der Name Sara Honest einen so erschütternden Eindruck auf sie machte.« »Theilen Sie die Befürchtungen der Frau Geheimräthin?« fragte Strahleck. »Ich kenne nicht die Gedanken meiner Mutter, aber ich kann sie jetzt errathen.« »Und was halten Sie davon?« Der Attaché warf nochmals einen Blick in den Brief Wittebooms und stützte sinnend die Stirn in seine Hand. »Es ist sehr schwer, sich schnell ein Urtheil zu bilden,« sagte er nach einer Weile. »Die Gleichheit der Namen, die sich seltsam kreuzen und von denen sich nicht mit Bestimmtheit behaupten läßt, daß sie immer echt sind, d. h. daß ihre Träger von Natur berechtigt waren, sie zu führen, droht bei vorschnellem Urtheil die schon vorhandenen Wirren noch immer verwickelter zu machen. Ich vermuthe, es haben hier Namensverwechselungen stattgefunden, und diese Verwechselungen sind wieder Anlaß geworden zu Voraussetzungen, die, weil man sie für wahr hielt, zu weiteren Trugschlüssen, zu ungerechten und völlig unhaltbaren Beschuldigungen führten.« »Um diesen betrübenden Irrungen ferner zu entgehen, die entschieden eingetreten sind,« versetzte der Justizrath, »müssen wir, wie ich bereits gethan habe, ein Namensverzeichniß entwerfen, um immer genau zu wissen, mit welcher Person wir es zu thun haben. Erlauben Sie, daß ich Ihnen diese Liste jetzt mittheile?« Rudolph Mandelsdorf machte eine zustimmende Bewegung. Der Justizrath entnahm seinem Taschenbuche ein Papier und blickte, während er sprach, dann und wann hinein. »Wir haben es zuvörderst,« begann er, »wie aus den verschiedenen schriftlichen Ausweisen ersichtlich wird, mit drei Familien, welche alle Honest heißen, zu thun.« »Mit drei?« fiel der Attaché ein. »Sollte diese Annahme nicht abermals auf einem Irrthume beruhen? Ich sehe nur zwei Familien dieses Namens.« »Derselben Meinung war auch ich, bis mir der englische Consul den Brief der jungen Wittwe behändigte,« fuhr der Justizrath fort. »In ihm erblickte ich den eigentlichen Retter aus aller Noth, denn er hilft mir die falschen Ansichten berichtigen, zu denen Jeder durch die übrigen Schriftstücke gedrängt werden mußte. Es gibt also, wie ich beweisen werde, drei Familien Honest. Zwei derselben sind nahe Verwandte, indem sie sich auf zwei Brüder zurückführen lassen. Die dritte Familie entstand durch eine Namensübersetzung. Sie hieß ursprünglich Ehrlich, und die etwa noch vorhandenen Nachkommen derselben sind die Erben des von Josua Ehrlich herrührenden colossalen Vermögens. Ich nenne die uns bekannt gewordenen Namen dieser Honest. Sie heißen: Eduard und Gustav Honest, welche beide Brüder waren, durch Verheirathung aber zwei besondere Zweige bildeten. Der ältere Bruder von beiden hatte einen Sohn, Peter, der sich Mirrha Ehrlich, der Tochter des jüngsten Bruders von Josua Ehrlich auf Java, vermählte. Diese Mirrha ist unsere junge Wittwe, welche ihrer Freundin Sara so kluge Rathschläge gibt.« »In der That, so ist es!« sprach Mandelsdorf überzeugt. »Was aber fangen wir mit der zweiten Mirrha an, die ebenfalls Ehrlich heißt?« »Für uns, bester Herr Baron, hat diese keine weitere Bedeutung,« erwiderte Strahleck, »nachdem ich in Erfahrung gebracht habe, daß sie kinderlos gestorben ist. Sie ehelichte einen Witteboom.« – »Einen Bruder unseres Paul?« »Dessen Onkel vielmehr.« »Und Paul Witteboom kannte seine Familienverhältnisse?« »Ein Schreiben, das erst gestern an den Bankdirector Orlemann gelangte, und zwar aus ***, läßt keinen Zweifel übrig, daß der fügsame Kammerdiener verschiedener Herren seinem Verwandten das ihm zugefallene Glück beneidete, und daß, als er sich selbst hinfällig werden fühlte, er zu einem gewöhnlichen Kunstgriffe seine Zuflucht nahm, der jedenfalls seine Wirkung verfehlt haben würde, hätte der Spalt im Briefkasten nicht die Rolle eines Escamoteurs gespielt und beide Briefe spurlos verschwinden lassen. Da indeß auch Witteboom kinderlos starb, so macht er mir in der Ehrlich'schen Erbschaftsangelegenheit ebenfalls nichts zu schaffen.« »Und woher wollen Sie jetzt den dritten Zweig der Honest holen?« »Dieser dürfte, dünkt mich, von allen der glücklichste sein weil er in frischester Blüthe steht und seiner eine Zukunft von Glanz und Ehre wartet,« versetzte mit Ausdruck der Justizrath. »Nur müssen wir auch hier wieder sehr vorsichtig zu Werke gehen und gleichsam exegetisch verfahren. Halten wir also an der Thatsache fest, daß Eduard Honest Vater zweier Kinder, eines Sohnes und einer Tochter, war.« – »Alcid und Sara,« fiel Mandelsdorf ein, »Sara, deren Brief meine Mutter fast um die Besinnung brachte.« »Diese Sara besaß einen Pflege- oder Adoptivbruder, welcher Michael hieß, mit seinem ganzen Namen aber Michael Delft-Honest genannt wurde.« »Mein eigener Großvater mütterlicherseits.« »Dieser vermählte sich später, als das mit seiner Adoptivschwester angeknüpfte Verhältniß von ihm aufgegeben werden mußte, mit Florinde Morhausen.« »So hieß die erste Gattin meines Großvaters,« sagte Mandelsdorf. »Die Ehe war keine glückliche und wurde schon nach wenigen Jahren getrennt.« »Michael Delft-Horst ging nun auf Reisen,« fuhr Strahleck fort, »begleitet von seinem vertrauten Diener Paul Witteboom, dessen Abstammung wir bereits ermittelt haben. Unterwegs traf er wieder mit Sara zusammen und vielleicht wäre es zu einer Erklärung zwischen Beiden gekommen, hätte der Zufall diese nicht Unmöglich gemacht. Der jugendliche Wittwer erfuhr unmittelbar nach einer ersten Zusammenkunft mit Sara, daß sie versprochen sei, und man nannte ihm auch den Namen des Mannes, dem sie ihr Schicksal anvertrauen wollte.« »Paul Witteboom nennt ihn Mandelsdorf,« sprach der Attaché verdüstert. »Eine Verwechselung der Namen, die uns nicht zum ersten Male begegnet,« nahm der Justizrath kaltblütig wieder das Wort. »Meine Erkundigungen geben den Schlüssel zu all diesen scheinbaren Widersprüchen. Auch das Schreiben Wittebooms, der, nachdem Sara bemerkt hatte, daß er ihres Vertrauens nicht würdig sei, ihn aus ihren Diensten entließ, enthält Winke, die wir vorzugsweise beherzigen müssen. Da Pauls Brief an Michael Delft-Honest mit der geschickt erdachten Fabel, die ihm Geld einbringen sollte, unbeantwortet blieb, wandte er sich mit directer Anklage an die Cousine ihres Herrn Vaters, jene Mirrha, die, von England zurückgekehrt, sich mit Eugen Mandelsdorf vermählte. Dieser Mandelsdorf lebte damals mit Sara Honest in demselben Hause und galt für ihren Bruder Alcid, dem er an Alter und Gestalt ziemlich gleichkam. Paul mag wirklich Verdacht geschöpft und seinen eigenen Herrn in jenem Manne gesehen zu haben glauben, der im Halbdunkel mit Sara über Corridore und Treppen wandelte, um in Mirrha's Zimmer zu schlüpfen. Wenn Sie diese Papiere einsehen wollen, die ich vor wenigen Stunden erst durch den englischen Consul zugeschickt erhielt, so wird Ihnen Alles klar werden. Paul Witteboom täuschte sich theils selbst, theils wollte er täuschen. Er verstand es, Gerüchte zu verbreiten, die viel später nicht nur Sara ihrer Cousine Mirrha entfremdeten, sondern auch den Gemahl derselben gegen dessen Verwandten, den verstorbenen Geheimrath, auf das Heftigste erbitterten.« Der Baron stand nicht an, die dargebotenen Papiere begierig zu durchblättern. Es waren verschiedene Briefe von Alcid Honest und Eugen Mandelsdorf an ihren Verwandten in England, bei welchem Eugens spätere Gattin Mirrha, verwitwete Honest, einige Jahre zubrachte, ehe sie in zweiter Ehe sich mit Eugen vermählte. Aus diesen Briefen, die sämmtlich im Spalt des Briefkastens verschwunden, mithin niemals an ihre Adresse gelangt waren, erklärte sich das Geheimniß, welches der eigennützige, ungebildete und berechnende Paul Witteboom zu seinem Vortheil auszubeuten gedachte. Eugen Mandelsdorf erzählte dem wohlhabenden Cousin in England die Abenteuer, welche seiner Werbung um Mirrha vorausgegangen waren und ihm damals zur Belustigung gedient hatten. Pauls Neugierde veranlaßte den sehr muntern Herrn sogar zu Mummereien, welche dem argwöhnischen Diener nur mehr Nahrung zu verdächtigen Annahmen geben mußten. Er kleidete sich wie Michael Delft-Honest und ahmte sogar dessen Stimme nach, dabei aber behielt er seinen Namen Mandelsdorf bei. Später, d. h. nach Mirrha's Vermählung mit Eugen, ging Sara ins Ausland. Sie war immer traurig, lebte sehr eingezogen und hüllte sich ihren Umgebungen gegenüber in tiefes Schweigen. Gerade darauf und wohl auch auf manche unbedachtsam hingeworfene Aeußerung Sara's mochten sich die Vermuthungen Paul Wittebooms stützen, die in seiner Seele festere Gestalt annahmen, als mehrere Jahre nach Mirrha's Vermählung mit Eugen Mandelsdorf ein blühender Knabe kurze Zeit bei Sara eintraf, den die immer trauernde Dame mit mütterlicher Zärtlichkeit pflegte. Paul Witteboom wollte in den jungen Zügen dieses Knaben, der Mandelsdorf hieß, eben so große Aehnlichkeit mit seiner Gebieterin wie mit Michael Delft-Honest erkennen, was ihn ein verhängnißvolles Familiengeheimniß annehmen ließ. Die Briefe Eugens, die sich scherzend über alle Familienverhältnisse, sowohl der Mandelsdorf wie der Honest aussprachen und selbst Tage namhaft machten, an die sich interessante Vorkommnisse knüpften, waren nach ihrer Auferstehung aus dem Briefkasten an ihre Adresse nach England befördert worden, von dort aber, da man sie nicht unterbringen konnte, an den englischen Consul zurückgekommen, von dem man annehmen durfte, daß es ihm eher gelingen werde, eine Person ausfindig zu machen, für welche diese Aufzeichnungen einigen Werth haben könnten. Der Consul überreichte sie dem Justizrath Strahleck, in dessen Beisein die Siegel gebrochen, und so eine Menge Räthsel mit einem Male befriedigender Lösung nahe gebracht wurden. Rudolph Mandelsdorf gab dem Justizrath in feurigen Worten seinen Dank zu erkennen. »Diese neuesten Papiere,« fügte er hinzu, »geben meiner schwer geängstigten Mutter ihre Seelenruhe wieder. Jetzt segne ich den glücklichen Zufall, welcher vor so langen Jahren verschwundene Briefe doch ans Tageslicht brachte, und willig erkenne ich an, daß die Oeffentlichkeit dem Geheimhalten und Verbergen, selbst wenn eine gute Absicht damit verbunden wird, doch weit vorzuziehen ist.« Er wollte aufbrechen, um seiner Mutter die frohe Kunde zu überbringen. Der Justizrath hielt ihn jedoch zurück. »Sie werden die Frau Geheimräthin bei Ihrer Nachhausekunft von Allem unterrichtet finden,« sprach er. »Die Freude mußte ich meiner Frau schon gönnen, daß sie der geehrten Freundin zuerst die Botschaft dieses Glücksfalles überbringen durfte. Hoffentlich gelingt es nun auch, die Frau Geheimräthin ihrer bejahrten Cousine Mirrha Mandelsdorf zu versöhnen.« Der Baron hielt Strahlecks Hand noch immer fest. »Mir ist sonderbar zu Muthe,« sprach er, »wenn ich an meine so nahe bevorstehende Abreise denke. Nie ist mir das Scheiden so schwer geworden und nie habe ich schmerzlicher empfunden, daß ein abhängiger Mensch sich selbst doch eigentlich immer nur zur Hälfte besitzt. Wie sehr sind gegen uns Diener des Staates und der Staatsregierung alle Geschäftsleute zu beneiden, namentlich wenn ihnen so reiche Geldmittel zu Gebote stehen, wie unserm wackern Bankdirector!« »Dem wir wegen scherzhafter Publication des interessanten Briefes ebenfalls sehr verpflichtet sind,« fiel der Justizrath ein. »Weiß man noch nicht, wie es zuging, daß gerade Orlemann die Liebesseufzer eines unglücklichen Mädchens erhalten mußte?« fragte Mandelsdorf. »Bestimmt war Sara's Schreiben doch sicherlich einer andern Person.« »Ohne Zweifel habe ich das Vergnügen, verehrter Herr Baron,« sprach Strahles mit vielsagendem Lächeln, »Sie nächsten Sonntag in meiner bescheidenen ländlichen Besitzung zu sehen. Ich habe sie etwas aufputzen lassen zu – zu gewissen Zwecken, von denen ich zur Zeit noch nicht sprechen will. Sie werden nur Freunde bei uns finden. Im Kreise dieser Freunde mag dann der letzte Schleier fallen, der Sie augenblicklich noch hindert, alle Verhältnisse von durchsichtiger Klarheit umflossen erkennen zu lassen.« »Wozu aber so lange warten, wenn es in Ihrer Macht steht, mich sogleich wissend zu machen?« Der Justizrath lächelte. »Ich bin ein Freimaurer,« gab er auf diese Frage des Diplomaten zur Antwort, »und so viel ich gehört habe, sind Sie Willens, demnächst ebenfalls in diesen großen Bund edel strebender Menschen zu treten. Haben Sie wirklich diese Absicht, so müssen Sie auch Geduld und Ausdauer mitbringen; denn wissend wird in dieser die ganze Welt umfassenden Verbrüderung nur derjenige, der ohne Hast, aber auch ohne Rast um die Erkenntniß und das Verständniß des Lichtes sich bemüht, das er empfängt.« Mandelsdorf ließ sich durch diese eben so freundlichen als nachdrucksvoll gesprochenen Worte des Justizraths beschwichtigen und schied mit dem Versprechen, des verheißenen Wissens sich in jeder Hinsicht würdig zeigen zu wollen. 12. Justine ergötzte sich an dem Schmollen ihrer Freundinnen, die ihr doch nicht eigentlich zürnen konnten. »Wenn Du es weißt, aus welchem Grunde willst Du uns denn länger auf die Folter spannen?« fragte Minna Orlemann. »Uebrigens wäre es doch sonderbar, wenn Du einen tieferen Einblick in die Geschäftsgeheimnisse meines Vaters besäßest, als ich.« »Es steht Dir frei, darüber nach Deinem Belieben zu urtheilen,« erwiderte Justine. »Sobald ich die Erlaubniß erhalte, sprechen zu dürfen, wirst Du ja sehen, ob ich mich zu vielen Wissens rühme. Doch still! – Die Gesellschaft vergrößert sich, laß uns in den Salon treten!« Arm in Arm begaben sich die beiden jungen Mädchen zur Gesellschaft, welche Justizrath Strahleck in seinem neu decorirten Landhause versammelt hatte. Die Meisten kannten die Veranlassung dieser Zusammenkunft der ersten Notabilitäten der Residenz. Schon in nächster Woche sollte Rudolph Mandelsdorf nach Paris abreisen, um wahrscheinlich sich für Jahre daselbst niederzulassen. Man wußte, daß seine Mutter den Attache begleiten werde, man unterließ aber auch nicht, an manche Vorkommnisse der letzten Monde anknüpfend, allerhand Gerüchte damit in Verbindung zu bringen. Unter diesen tauchte namentlich eins mit großer Bestimmtheit auf, seit Mandelsdorf in den Adelsstand erhoben worden war. Obwohl Niemand laut davon sprach, flüsterten sich doch sehr Viele heimlich zu, der Justizrath Strahleck gebe die Gesellschaft auf seinem Landsitze, zu welcher vierzehn Tage vorher schon die Einladungskarten herumgeschickt worden waren, nur deshalb, um der haute volée die Verlobung seiner Tochter Justine mit dem liebenswürdigen Manne und glücklichen Diplomaten anzuzeigen. Livia, die Mutter Rudolphs, hatte sich wieder vollkommen von ihrem Schreck erholt. Sie war heute ungewöhnlich heiter, gesprächig und herablassend freundlich gegen Alle, Beweis genug, daß sie das Glück zu würdigen verstand, das ihrem einzigen Sohne beschieden war. Mit Justine unterhielt sich die ehrwürdige Matrone wiederholt angelegentlich, selbst eine Art Vertraulichkeit wollten scharfsichtige Beobachter zwischen der schönen Tochter des Justizraths und der sich ihrer Stellung wohlbewußten Mutter des einflußreichen Attache bemerken. Die Unterhaltung war lebhaft und ungezwungen, so daß sich bald auch weniger Bekannte einander näherten. »Kennst Du die Dame mit dem eigenthümlichen Toupé?« wandte sich Auguste, die Tochter des pensionirten Generals, fragend an Minna Orlemann. »Vor einer Viertelstunde habe ich sie noch nicht bemerkt, sie muß also erst kürzlich vorgefahren sein. Ich glaube wahrhaftig, sie hat sich Puder in's Haar streuen lassen!« »Puder!« sprach Minna, ein Lächeln mühsam unterdrückend. »Wer mag in unsern Tagen sich pudern!« »Nun, so gar übel wäre es doch nicht, wenn diese Mode wieder einmal aufkäme,« meinte Auguste. »Puder, ist für wiederspenstige Haare ganz dasselbe, was Schminke für einen unreinen Teint oder für unzeitig sich einstellende Fältchen auf noch jugendlichen Wangen! Wer wahrhaftig, die Dame trägt einen Reifrock à la Pompadour! Sieh', wie verbindlich sie lächelt! Wie gemessen sie sich vor dem Commandant verbeugt!« »Minna! liebe Minna!« raunte jetzt Justine der Freundin zu. »Komm geschwind, ich muß Dich Cousine Mirrha vorstellen!« »Mirrha?« wiederholte die Tochter des Bankdirectors. »Keine unzeitigen Scherze!« bat Auguste. Der Name gefällt mir nicht; er erinnert mich an Todte!« »Thut nichts, liebes Herz,« erwiderte Justine. »Die Cousine heißt nun einmal Mirrha, und das Schreiben einer Verstorbenen ist Ursache geworden, daß sie gewissermaßen selbst wieder vom Tode auferstand. Es ist ja –« Im Geräusch der plaudernden Gruppen überhörte Auguste den nur leise geflüsterten Namen, während sie Justine zu der offenbar steinalten Dame folgte, die Aller Augenmerk war. Lange indeß konnte der Name dieser so auffallenden Persönlichkeit Niemand verschwiegen bleiben. Man erfuhr, es sei eine Cousine des Attaché, die sich Mirrha Mandelsdorf nenne, seit sehr langen Jahren in völliger Zurückgezogenheit von der Welt gelebt habe und ihrer Taubheit wegen sich auch von allem geselligen Verkehr zurückhalten müsse. Bald wußten sämmtliche Anwesende, daß dieses Gerücht nicht auf müßiger Erfindung beruhe. Die greise Dame mit dem wunderlichen Toupé und dem stereotypen Lächeln auf den schmalen Lippen hörte wirklich keinen Laut, dagegen besaß sie ein scharfes Auge, das in der Ferne noch besser sah, als in der Nähe. »Aber wie kommt es, daß man diese Person gerade heute hierher geholt hat?« sagte ein noch sehr junges Mädchen zu Auguste. »Sie sieht ja aus wie eine Ohreule und muß sich offenbar in dieser ihr ganz fremden Umgebung entsetzlich langweilen.« »Meine Damen,« unterbrach der Justizrath die flüsternden Mädchen, »wenn es gefällig ist, möchte ich auch Sie der ehrwürdigen und verehrten Madame Mirrha Mandelsdorf, der ältesten Cousine des Herrn Baron, vorstellen. Die leider ihres Gehörs gänzlich beraubte Matrone ist unendlich glücklich, ihren jugendlichen Cousin so ausgezeichnet zu sehen, und auf ihren ganz besonderen Wunsch finde ich heute in meiner glücklichen Behausung so viele Freunde versammelt.« Die Mädchen näherten sich schweigend der ebenfalls schweigenden Dame, die sich fortwährend lächelnd verbeugte und dabei ihre großen, kalt glänzenden Augen von einer Gruppe zur andern schweifen ließ. Auguste schüttelte sich, als sie einige Schritte von der Greisin mit Justine zusammentraf. »So stelle ich mir die Verfasserin des Liebesbriefes vor,« flüsterte sie der anmuthigen Freundin zu, »der uns so großen Spaß machte.« »Wirklich?« erwiderte Justine lächelnd. »Mirrha ist auch nur um wenige Jahre jünger, als Sara Honest. Sie hat ihr fünfundachtzigstes Jahr vollendet.« »Aber was soll man denn den ganzen Tag mit der stocktauben Person anfangen?« meinte Auguste. »Cousine Mirrha Mandelsdorf wird, wie Euch Papa versichert hat, die eigentliche Ordnerin des heutigen Festes sein,« erwiderte die übermüthige Justine. »Gewiß, es ist nicht anders! Ihr müßt Euch unbedingt fügen und gute Miene zum bösen Spiele machen! Wenn doch endlich der gute Consul kommen wollte! Der Mann kann seine altenglischen Gewohnheiten doch nie ganz ablegen, obwohl er nun schon über zwanzig Jahre seinen jetzigen Posten in der Residenz bekleidet.« In demselben Augenblicke trat der englische Consul ein, ward sogleich von dem Justizrath empfangen und unverweilt der Greisin, um die stets einige Damen beschäftigt waren, vorgestellt. Bald darauf gewahrten Mehrere den Justizrath in eifrigem Gespräche mit Orlemann und dem Consul. Auch Minna entging die Vertraulichkeit Strahlecks mit ihrem Vater nicht, und die Behauptung Justine's ward ihr von Minute zu Minute wahrscheinlicher. »Sämmtliche Papiere, deren Sie bedürfen, befinden sich in dem Packet, das ich Ihnen zusendete,« sprach der Consul, einer Frage des Justizraths zuvorkommend. »Der Todtenschein des Methodistenpredigers liegt ebenfalls dabei.« Strahleck dankte durch einen langen Händedruck, dann wandte er sich dem Bankdirector zu und sagte: »Ich hoffe, man wird allseitig erkennen, daß namentlich auch Sie durch die Benutzung ihrer Verbindungen sich große Verdienste erworben haben.« Die Männer trennten sich und die Gesellschaft unterhielt sich, wie es schien, vortrefflich. Erst nach aufgehobener Tafel schienen Einzelne unbefriedigt zu sein. Es waren dies jene, die in der bestimmten Erwartung die Einladung des Justizraths angenommen hatten, Zeugen der Verlobung Justine's mit dem Baron Rudolph Mandelsdorf zu sein, die seit einigen Tagen bereits für ein fait accompli galt. Allein keine Aeußerung Strahlecks deutete darauf hin. Stand das bestimmt erwartete gesellschaftliche Ereigniß wirklich bevor, so wollte es dem Anscheine nach der Justizrath wenigstens augenblicklich noch nicht öffentlich bekannt werden lassen. Ganz unerwartet aber sah sich die Gesellschaft, welche Strahleck einlud, mit ihm auch einen Gang durch die übrigen Zimmer seines Landhauses zu machen, plötzlich in einem ziemlich großen Saale, an dessen oberem Ende eine grün überzogene Tafel stand. Auf dieser lagen zwischen zwei brennenden Wachskerzen verschiedene Papiere. Zu beiden Seiten des Saales standen Sessel und zwar genau so viele, als Personen zugegen waren. Hinter dem grünen Tische saßen zwei bekannte Notare, zwischen denen der Justizrath Platz nahm, indem er sofort folgende Worte an seine Gäste richtete: »Ihre Gegenwart gibt mir Veranlassung, Sie, wie ich glaube, mit einer erfreulichen Mittheilung zu überraschen. Meines Wissens befindet sich Niemand unter uns, der nicht direct oder indirect von jenem Funde in R. berührt worden wäre, der so allgemeines Aufsehen machte. Es lag sehr nahe, daß alle diejenigen, denen eins jener veralteten Briefblätter mit oder ohne Couvert in's Haus flatterte, sich zu Besprechungen und, wo es nöthig schien, zu Berathungen zusammenfanden. Einige der erwähnten Briefe drohten durch ihren unheilvollen Inhalt, der sich in schwer zu ergründende geheimnißvolle Andeutungen und Behauptungen hüllte, über angesehene, makellos dastehende Familien Unglück, Trauer, ja Verderben zu bringen. Andere dienten zur Aufklärung getrübter Verhältnisse, zur Ermittelung Verschollener oder Vergessener, und wurden so Veranlassung zur Schlichtung unklarer, seit Jahr und Tag schwebender Untersuchungen. »Ein Brief der letzteren Art kam nach langen und weiten Umwegen in meine Hände. Sein Inhalt führte zu weiteren Ermittelungen und diese brachten wieder Licht in die dunkeln Parthien gerade jener Schreiben, die ach, soeben als gefährlich bezeichnete, und das Glück, den Frieden, selbst die Ehre mehr als einer Familie zu zerstören drohten.« »Von den noch lebenden Abkömmlingen dieser Familien,« fuhr der Justizrath mit erhobener Stimme fort, »bin ich ermächtigt worden, Ihnen den Ausgang jener Erbschaftsangelegenheit zu veröffentlichen, die so lange von sich reden machte. Der Erbe, der wahre und einzige noch lebende Erbe des auf Java verstorbenen Joseph Ehrlich ist aufgefunden und befindet sich mitten unter uns.« In der Pause, welche hier der Justizrath machte, vernahm man das Athmen der gespannt lauschenden Zuhörer, während die Blicke der Neugierigsten von Einem zum Anderen irrten und, wohl Mancher sich bang die Frage vorlegen mochte, ob er nicht am Ende selbst der Glückliche sein könne, dem so unerwartet Millionen mühelos in den Schooß fallen sollten? Mit Absicht zögerte der Justizrath eine kleine Weile, sich weidend an dem Ausdruck der Verwunderung, der Spannung, der unbefriedigten Neugierde, der sich auf den verschiedenen ihm zugekehrten Gesichtern malte. Dann ergriff er einen großen Bogen Papier, entfaltete ihn und las folgende Worte: »Nachdem durch gewissenhafte Nachforschungen ermittelt und mittelst angefügter Documente rechtskräftig dargethan worden ist, daß von den Geschwistern des auf Java verstorbenen Tischlermeisters, Bauunternehmers und Pflanzers Josua Ehrlich nur ein einziger Abkömmling am Leben geblieben, wird selbigem die Verlassenschaft genannten Josua Ehrlichs und dessen verstorbener Tochter zugesprochen, und erhält, derselbe durch Ausantwortung aller auf diese Erbschaftsangelegenheit bezüglichen Papiere die Befugniß, in Person oder durch Bevollmächtigte die Erbschaft zu erheben und anzutreten. Der erwähnte Universalerbe ist die verwittwete Frau Mirrha Mandelsdorf, verwitwet gewesene Honest, geborene Honest, einzige Tochter von Mirrha Ehrlich, verehelichte Honest.« Bei diesen Worten begegneten sich die Blicke Justinens und Minna's. Letztere, hob drohend den Finger, während Erstere, leicht erröthend, aber mit glücklichem Lächeln, das feurig blitzende Auge senkte. Der Justizrath fuhr, ein anderes Papier ergreifend, fort: »In Anbetracht ihres hohen Alters verzichtet genannte Mirrha Mandelsdorf für ihre eigene Person sowohl auf die ihr zugefallene Erbschaft wie auf deren Nutznießung, indem sie selbige, nämlich das von Josua Ehrlich und dessen Tochter ererbte Vermögen wie die Nutznießung desselben, zur Hälfte ihrem Sohne, dem Kaufmann Tobias Mandelsdorf, in Liverpool, zur anderen Hälfte ihrem lieben Cousin, dem Herrn Rudolph von Mandelsdorf, Attaché bei der ** Gesandtschaft in Paris, aus freier Entschließung für immer abtritt.« Ein gepreßtes Ah! ließ sich in dem athemlos lauschenden Kreise der Versammelten hören und die glänzenden Augen mehr als einer Schönen flogen dem von so Vielen bewunderten Günstlinge des Glückes zu. Hätte der beneidenswerthe Erbe noch zu wählen gehabt, gewiß, die Wahl würde ihm sehr schwer geworden sein! Schon strecken sich einige Hände aus, um den Baron zu beglückwünschen, als der Justizrath das wenige Augenblicke gesenkt gehaltene Papier nochmals erhob und in der begonnenen Lectüre fortfuhr. »Die unterzeichnete Universal-Erbin des Nachlasses von Josua Ehrlich knüpft jedoch an diese Schenkung, soweit dieselbe den Herrn Baron Rudolph von Mandelsdorf betrifft, eine Bedingung, welcher sich dieser ohne Widerrede fügen muß, widrigenfalls die Schenkung null und nichtig sein soll.« Wiederum ließ sich das Ah! der Erwartung, das leisere Athmen banger Verwunderung hören. Justizrath Strahleck las weiter: »Baron Rudolph von Mandelsdorf muß sich verpflichten, unweigerlich derjenigen Dame seine Hand vor dem Altare zu reichen, welche seine großmüthige Cousine ihm zuzuführen gewillt sein mag. Selbst dann, wenn die Wahl derselben einen Gegenstand träfe, welcher dem Herrn Baron eher Abneigung als Zuneigung einflößen dürfte, soll dieser doch nicht das Recht haben, Einwendungen gegen die Wahl seiner Cousine zu machen, bei sofortigem Verlust der Schenkung. Nur, wenn Herr Baron Rudolph von Mandelsdorf sich durch Namensunterschrift und Siegel vor Zeugen verpflichtet, den namhaft gemachten Bedingungen sich ohne Widerrede zu unterwerfen, gilt die Schenkung für vollzogen!« Der Justizrath legte das Papier vor sich nieder. »Ich ersuche jetzt den Herrn Baron,« fuhr er fort, »in Anwesenheit dieser Zeugen und im Angesicht dieser vereidigten Herren Notare seine Erklärung und freie Willensmeinung abzugeben.« Der Attaché zögerte nur wenige Augenblicke. Dann trat er festen Schrittes an den Tisch, ergriff eine Feder und unterschrieb ohne weiteres Bedenken die Schenkungsurkunde. Während auch die Notare unterzeichneten, blickte Mandelsdorf zurück auf die lautlose Gesellschaft. Diesmal sah er nur scheu gesenkte Mädchenköpfe und mißbilligende Blicke einzelner Herren. Der englische Consul flüsterte lächelnd mit dem Bankdirector. Die Notare hatten unterschrieben und ersuchten jetzt den Diplomaten um seinen Siegelring. Diesen reichte ihnen Rudolph Mandelsdorf, mit sarkastischem Lächeln das weitere Thun der Notare beobachtend. Bald war auch diese Förmlichkeit beendigt und der Justizrath überreichte dem Glücklichen die Schenkungsurkunde. »Wenn ich nun aber ledig bleibe?« sprach er jetzt, sein heiteres Gesicht der Versammlung wieder zukehrend. »Ihre großmüthige Cousine wird einen solchen Entschluß, der übrigens einer Auflehnung gegen ihren bestimmt ausgesprochenen Willen gleich käme, nicht in Ihnen zur Reife gedeihen lassen,« erwiderte der Justizrath. »Als entschlossene Frau und wohl wissend, daß ihre Tage gezählt sein dürften, ist sie gewillt, Ihnen, Herr Baron, noch vor Ihrer Abreise nach Paris Ihre zukünftige Gemahlin zuzuführen. Sie erlauben, daß ich Sie zu Mirrha Mandelsdorf geleite.« Der Attaché konnte und durfte nicht zaudern. Eine Minute später schon stand er der Greisin gegenüber, die mit Hast seine Hand ergriff, dann auf die neben ihrer Mutter sitzende Justine zeigte und ruhig, aber fest sprach: »Diese Jungfrau soll Dein sein, ich will es!« Was Rudolph auf diese Worte erwiderte, verstand Niemand der Anwesenden, die plötzlich, als wäre ein bannender Zauber gelöst worden, unter lebhaftem Gespräch ihre Ansichten gegenseitig einander mittheilten. Das glückliche Brautpaar ward umdrängt, beglückwünscht, von Einzelnen wohl auch heimlich beneidet. Lama Strahleck und Livia Mandelsdorf aber, diese beiden glücklichen Mütter, umarmten sich gerührt und vergaßen die trüben Tage, die sie unter Bangen und Sorgen, nur Entsetzliches ahnend, mit einander durchlebt hatten. »Sind Sie jetzt zufrieden, ein Wissender geworden zu sein?« sagte der Justizrath zu seinem künftigen Schwiegersohn, als dieser mit Justine zu ihm trat. »Sobald ich auch das Licht empfangen habe,« versetzte Mandelsdorf. »Der Herr Bankdirector ist uns noch immer eine Aufklärung schuldig. Wem sollte der Brief Sara's übersendet werden?« »Ihrem Cousin, Herrn Tobias Mandelsdorf in Liverpool,« versetzte Orlemann, eins der auf dem grünen Tische liegenden Packete ergreifend und es dem Attaché überreichend. »Die Briefe wurden, wie Sie aus dem Inhalt dieses Schreibens ersehen können, zufällig falsch adressirt, indem der Postbeamte die Couverts verwechselte. Sara's Brief war nach England bestimmt, da man glaubte, nur dort könne ein Verwandter der Honest, an den das alte Schreiben gerichtet war, leben. An mich sollte diese letztwillige Aufzeichnung Sara Honest's gelangen, welche für die Firma meiner Vorgänger bestimmt und an diese adressirt war. Sie enthält wenig, aber Wichtiges; denn nicht nur ernennt sie die Nachkommen ihres Jugendgeliebten, Michael Delft-Honest, zu Erben ihres in der Bank von England niedergelegten kleinen Vermögens, von dessen Vorhandensein Paul Witteboom entweder gar keine Ahnung hatte, oder das er zum Theil an sich zu bringen gedachte, es ist dieser letztwilligen Verfügung auch noch eine kurze Selbstbiographie beigefügt, die Sara Honest, der hoffnungslos Liebenden, Entsagenden, und Duldenden, nur zur höchsten Ehre gereichen kann. In Ihren Händen, Herr Baron, wird das Vermögen, in denen Ihrer Fräulein Braut die Herzensgeschichte einer treu liebenden Seele wohl aufgehoben sein.«. Spät, aber in heiterster Stimmung verließ die Gesellschaft das Landhaus des Justizraths. Wenige Tage später wurde die Verlobung der Glücklichen publicirt. Im Herbst desselben Jahres feierte Mandelsdorf seine Vermählung mit Justine, die als die jugendlich schöne Gattin eines der reichsten Diplomaten am Hofe der Tuilerien mehrere Jahre eine höchst glänzende Rolle spielte.   Ende des ersten Bandes.     Druck von Gebrüder Katz in Dessau.