Ich und die Berge Ein Wanderleben von Theodor Wundt Mit zahlreichen photographischen Aufnahmen des Verfassers und Zeichnungen zumeist nach solchen von U. Heim Auf dem Band der kleinen Zinne Wandern, o wandern! Mein Vater war ein kluger Mann. Als ich, ein neugebackener, kaum 19jähriger Leutnant 1877 den Wunsch aussprach, meinen ersten 14tägigen Urlaub in der schönen Kaiserstadt an der Donau zu verbringen, von der mir ältere Kameraden eine begeisterte Schilderung entworfen hatten, sah er mich lange forschend an. Er kannte den ungewöhnlich großen, überschlanken jungen Menschen, der nicht recht wußte, was er mit seinen langen Gliedern anfangen sollte, natürlich ganz genau, sah das verworrene Sehnen und Suchen in dem knabenhaften Gesicht, den glühenden Wunsch, etwas zu erleben, wohl auch ein gewisses Zerwürfnis mit der Welt, wie das in diesem Alter so der Fall ist, mit einem Wort das gänzlich unfertige Menschenmaterial, aus dem noch werden konnte, was da wollte. Augenscheinlich überlegte er sich. Sollte er mich nach dem verführerischen Wien gehen lassen? Wie und auf welche Weise sollte er den Jüngling leiten, in dem so mancherlei Kräfte sich bekämpften und nach Betätigung rangen? War es überhaupt möglich, das zu tun? Nach einigem Nachdenken erklärte er, zu einer Reise in die Alpen werde er mir einen entsprechenden Beitrag geben, für Wien aber nicht. In die Alpen! So unerwartet mir dieser Vorschlag kam, so bedeutete er immerhin das Entgegenkommen, mir überhaupt eine Reise zu ermöglichen, und das war damals keineswegs etwas so Selbstverständliches, wie heutzutage, wo jedermann seine jährliche Ferientour als ein natürliches Recht beansprucht. Und zu der väterlichen Einsicht durfte ich doch gewiß Vertrauen haben. Aber freilich, da war auch mein Trotz, der seine eigenen Wege gehen, sich nichts sagen lassen wollte. Außerdem, was gingen mich denn die Alpen an, wo ich doch endlich das Leben kennen lernen wollte, das richtige, großzügige Erleben, von dem ich mir um so phantastischere Vorstellungen machte, je mehr ich mich bis jetzt enttäuscht wähnte. Um in das Heer einzutreten, hatte ich die Schule schon nach der Obersekunda verlassen. Eigentlich nur ungern, denn so zerfahren und ausgelassen ich anfänglich auch gewesen, so hatte ich doch später mehr und mehr Freude am Lernen gewonnen. Aber die Rücksicht auf die Zukunft war ausschlaggebend gewesen, und ich wollte die Lücken in meiner Bildung schon noch ausfüllen. Auch war der Entschluß, Offizier zu werden, gewissermaßen ein selbstverständlicher. Als Abkömmling einer alten Soldatenfamilie, die vor hundert Jahren ihre althergebrachten philosophischen Neigungen an den Nagel gehängt, das Schwert ergriffen und seither nicht mehr aus der Hand gelegt hatte, rann sozusagen kriegerisches Blut in meinen Adern. Dazu die Abenteuerlust, die in jeder Generation meiner Vorfahren immer wieder zum Durchbruch gekommen war! Freilich auch das Grüblerische steckte mir aus alter Vorzeit noch sehr im Blut, und ich war ein recht kritischer Geist. Daß das im Verein mit einem unbändigen Trotz meinen militärischen Weg nicht gerade ebnen würde, lag auf der Hand, und wenn ich mit all dem glühenden Überschwang der Jugend gewähnt hatte, ohne weiteres den Marschallstab in meinem Tornister zu haben, so war klar, daß in der Kaserne manches Wasser in den gärenden Most gegossen werden würde. In die militärische Zucht, die sich mir mit ihrer ehernen Selbstverständlichkeit aufzwang, fand ich mich ja soweit schon. Auch der Umstand, daß die älteren Kameraden, denen ich schon als »Generalsjöhre« verdächtig war, mehr als nötig an mir herumdokterten, kümmerte mich nicht allzusehr. Meinen Lebensnerv aber traf es, daß mein Bestreben, mich allgemein weiterzubilden, auf unüberwindliche Schwierigkeiten stieß und ich in der Enge des Kasernenlebens unterzugehen fürchtete. Wenn ich gehofft hatte, wenigstens als Offizier in dieser Hinsicht größere Bewegungsfreiheit zu erhalten, so erwies sich das als eine Täuschung. Mein Hauptmann, Gott hab ihn selig! spannte mich derart an, daß ich tagsüber überhaupt nicht aus der Kaserne kam und des Abends nur noch mein Bett aufsuchen konnte, mehr tot, als lebendig und ohne die so ersehnte Möglichkeit, die Lücken meiner Bildung auszufüllen. Das aber war mir innerstes Herzensbedürfnis. Wozu lebte man, was nützte dieses Dasein denn, wenn man sich nicht auf einen höheren Standpunkt hinaufrang, von dem aus man die Dinge überblicken, die Welt und das Leben beurteilen, sie mit philosophischer Gelassenheit an sich vorüberziehen lassen konnte! Und war das denn möglich ohne entsprechendes Wissen? Das mir versagt zu sein schien. Dazu kam, daß es damals weder Kolonien, noch Flieger, noch irgendeine der andern Abwechslungen gab, die einem unternehmungslustigen jungen Offizier heutzutage winken und wenigstens meine Abenteuerlust befriedigt hätten, sondern nur Drill, Drill und Drill. So sah ich in eine fünfzehnjährige Leutnantszeit hinein, deren Monotonie mir unerträglich erschien. Was Wunder, daß ich mich da einer aussichtslosen Liebe zu einer um ein halbes Jahrzehnt älteren, im übrigen ganz annehmbaren jungen Dame in die Arme geworfen hatte, mit der ich in Weltschmerz und Materialismus schwelgte. Denn Materialistin war die Auserwählte meines Herzens, das war damals Modephilosophie und kam nicht bloß meiner Stimmung, sondern auch meinem grüblerischen Wesen entgegen. So studierten wir jeden Sonntagnachmittag entsprechende Bücher, ohne sie zu verstehen und ergingen uns in pessimistischen Betrachtungen dunkelster Art. Meine Mutter, die Wind von der Sache bekommen hatte, war darüber ziemlich trostlos. Sie ahnte wohl die naturgemäße Reaktion einer allzusehr auf die Spitze getriebenen religiösen Erziehung, gegen die der philosophische Hang, der mir nun einmal im Blut lag, rebellierte. Aber ihre Einsprüche erreichten angesichts der ganzen Sachlage natürlich nicht ihr Ziel. Wenn ich somit das Gefühl hatte, daß sich alles gegen mich verschworen habe, so erhoffte ich um so mehr von meinem Urlaub, so kurz er auch war. Nicht etwa im Sinne einer Erholung, denn ich fühlte unmenschlich viel Lebenskraft in mir. Nein, das Reisen und alles, was damit zusammenhing, bedeutete mir unermeßlich viel mehr. Es war die so ersehnte Abwechslung, die Sehnsucht, das Abenteuerliche, Romantische, das beglückend Ereignisreiche, in gewissem Sinne auch das Wissen, mit einem Wort, das große Unbekannte, das lockt und reizt, von dem man in der Jugend die unmöglichsten Wunder erwartet. Und nun suchte man mir auch da noch Fesseln anzulegen! Daß mir mein Vater nur einen Weg zu gesunden, natürlichen Anschauungen zeigen wollte, sah ich natürlich nicht. Im übrigen ging er dabei wohl nicht bloß von erzieherischen Rücksichten aus, sondern auch von einer Art platonischer Bergesliebe, die ihn die wärmsten Töne für das Gebirge finden ließ, obgleich er es nie richtig betreten hatte. Dabei blieb er trotz aller meiner Einsprüche unbeugsam, und wenn ich in meinem Ärger auch eine Zeitlang daran dachte, den zu erwartenden Mammon heimlicherweise doch noch zu einer Reise nach Wien zu verwenden, so gewann schließlich die Ehrlichkeit die Oberhand und ich zog in die Berge, oder besser gesagt in die Täler, denn für gewöhnliche Sterbliche war das Bergsteigen damals so gut wie unbekannt. Die Reise führte mich nach den Hauptsehenswürdigkeiten der Schweiz: Zürich, Rigi, Vierwaldstättersee, Furka, Grimsel, Grindelwald, Wengernalp, Interlaken. Weiterhin hatte ich nach Genf und Chamonix gehen wollen, als mich der alte germanische Drang packte und ich über den Gotthard italienwärts zog. Allerdings nur bis Bellinzona, weiter reichten Zeit und Geld nicht. Dann ging es über den Bernhardin und die Via Mala zurück. Dabei zeigte sich bald, daß ich doch jünger war, als ich mir in meinem Weltschmerz eingebildet hatte. Schon der Hohentwiel erregte durch Scheffel mein Interesse mächtig, dann der Rheinfall mit seinen klaren Wassern, seinem Brausen und Toben, die Aussicht vom Ütliberg und nun gar vom Rigi! Das alles erweckte wieder Begeisterung in mir, die in dem Alltag verloren zu gehen gedroht hatte. Bis auf Kleinigkeiten erstreckte sich das. So erinnere ich mich jetzt noch des Anblicks der ersten Sennhütte, die mir an den steilen Hängen des Rigi »wie angeklebt«, also hochromantisch, erschien, der weidenden Herden, jodelnden Sennerbuben, und was sonst noch solche poetische Kleinigkeiten sind. Mein besonderes Interesse erweckten zunächst die Seen, und ich schrieb der Geliebten eine längere Epistel über den »majestätischen, kähnereichen Züricher See mit seinen eleganten Villenufern«, den »ruhig würdigen Zuger See«, über die »Idylle des Lowerzer Sees mit seinen »anmutigen Inselchen« und den »dramatischen Vierwaldstätter See«, auf dem auch der Sonnenuntergang mit dem gezackten Pilatus am blutroten Horizont mir mächtig imponierte. Dann kam der Geist Wilhelm Tells über mich, die Axenstraße und die Teufelsbrücke taten es mir an, und ich schwelgte in politischen Freiheitsidealen. Neben dieser jugendlichen Wanderfreude trat aber auch hier bald der grüblerische Hang hervor, der sich immer wieder mit den großen Daseinsrätseln abquälte, an allem und jedem herumdeutelte. So verdichteten sich zum Beispiel meine Gedanken beim Überschreiten der düstern Grimsel in einem meiner merkwürdigen Liebesbriefe ganz im Gegensatz zu dem bisherigen Materialismus in folgender Weise: »Stell dir vor, du kommst aus einem blumengeschmückten Tal auf einen Paß zwischen riesenhaften Felsen. Tief unter dir befindet sich ein wettergraues Haus an einem stillen, unbeweglichen See, und rings um dasselbe türmen sich kahle Felsen zu schwindelnder Höhe auf. Hoch oben glitzern eisige Gletscher. Du siehst nur Fels, Wasser, Eis und ein bißchen Himmel. Eine Wolke kommt das Tal herauf. Sie hüllt dich ein und es fängt zu schneien an und schneit und schneit. Kannst du glauben, daß aus einem solchen kalten Chaos Pflanzen, Tiere, vernünftige, fühlende Wesen ohne weiteres Dazutun entstehen können?« Dieses beständige Grübeln äußerte sich auch noch darin, daß ich, der doch nach Wien hatte gehen wollen, nun plötzlich den Drang in mir fühlte, möglichst wilde, öde und verlassene Gegenden aufzusuchen, wohl weil man da »dem Weltgeist näher ist, als sonst« und das Walten der Natur deutlicher fühlt. Also: »Ich sucht' und suchte sie am liebsten doch im Schrecken«, wie Byron, von dem ich im übrigen keine Ahnung hatte, wohl aber von meinem geliebten roten Bädeker, den ich immer wieder diesbezüglich um Rat befragte. Dieses Streben führte mich nach einigen Regentagen im Berner Oberland auf den Gotthard und brachte da ein kleines Abenteuer mit sich, dessen Humor meine ganze Jugendlichkeit charakterisiert. Mit einem Plaid und Regenschirm bewaffnet, näherte ich mich der Paßhöhe, die wohl recht wild und verlassen aussah, aber doch nicht so öde, als ich es gehofft hatte. So schlug ich denn wieder einmal meinen getreuen Bädeker auf, um darin zu sehen, daß der Monte Fibbia, eine der höchsten Erhebungen des Gotthard, schon von einer Dame bestiegen worden sei. Das reizte, wenn schon eine Dame dort oben war, dann mußte ja wohl auch ein Leutnant hinaufkommen, und in solcher Höhe mußte es doch wild und verlassen genug sein. Ich kam natürlich entfernt nicht hinauf. Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, bog ich von der Straße ab und ging geradewegs auf einen Gipfel zu, den ich für den gesuchten hielt, oder besser gesagt dafür erklärte. So kam ich nach manchen Mühen durch Bäche, über Felsblöcke und Geröll zu einem Felskamm, an dem ich emporkletterte, in der Hoffnung, meinen ganz naheliegenden Gipfel bald zu erreichen. Das tat ich denn auch, nur stellte sich heraus, daß ich mich auf einer unbedeutenden Erhebung befand, über die sich der Kamm ruhig weiter erhob. Also ging eben auch ich weiter. Mit demselben Erfolg. Das Spiel wiederholte sich von Kuppe zu Kuppe, bis ich schließlich merkte, daß ich mich auf einem von zahlreichen Absätzen gebildeten, halboffenen Bergeskranz befand, dessen eisiger Gipfel noch hoch in die Lüfte ragte und auf dem man tagelang herumklettern konnte. Dabei war die Sache keineswegs einfach. Bei jedem Schritt polterten die losgetretenen Steine in die Tiefe, und die Einsamkeit und Stille wirkten bedrückend. So gab ich mich schließlich zufrieden, als ich wieder einmal eine die Umgebung einigermaßen überragende Kuppe erreicht hatte. Es war zwar nicht die höchste, aber mein Drang nach oben war befriedigt und der Wunsch: wenn ich nur erst heil wieder unten wäre! wurde ziemlich lebhaft. Nachdem ich den Namen der Liebsten etwas zaghaft in die Lüfte gerufen hatte – man ist ja in solchen Dingen immer schüchtern – versuchte ich den Abstieg in einer steilen, mit losem Geröll bedeckten Rinne und kam schließlich an eine Stelle, wo zwei große Felsblöcke sich eingekeilt hatten. Sie hingen über eine Felswand hinaus, in der sich ein senkrechter Riß befand, der tiefer unten wieder weniger steil wurde. Gelang es mir, die senkrechte Stelle zu überwinden, so war ein weiterkommen vielleicht möglich. Also vorwärts! Ich hing meinen Regenschirm mit dem Griff in die Rocktasche, ging auf der Kante des am weitesten überragenden Blockes in Stütz, streckte mich meiner ganzen Länge nach aus, suchte mit der einen Hand nach einem Halt unterhalb der Blöcke und ließ mich oben los, so daß ich unter den Blöcken gewissermaßen frei in der Luft hing. Aber wenn ich geglaubt hatte, mich nun durch Anstemmen von Armen und Beinen in dem Riß hinabarbeiten zu können, so war das eine Täuschung. Herabrieselndes Wasser hatte die Felsen völlig glatt gemacht, und wenn ich los ließ, so mußte ich rettungslos in die Tiefe sausen. Was nun? Einige Augenblicke hing ich ratlos da und bemerkte bald, wie die Kräfte nachzulassen begannen. Nun kam ich mir ja in einem nachträglichen Brief an die Geliebte mit pessimistischen Todesgedanken recht interessant vor, in Wirklichkeit aber machte ich einen entschlossenen Ruck und war im Handumdrehen wieder oben auf meinem Gipfel, so unmöglich mir das auch vorher geschienen hatte. Dann versuchte ich es wohl oder übel mit einer anderen Rinne, die mich auch glücklich hinunter auf das Firnfeld brachte, wo dann neue Nöte begannen. Ich phantasierte von verborgenen Spalten, gegen die ich mich mit meinem Regenschirm sorgfältig sondierend wehrte und brach schließlich, als ich den befreienden Satz aufs Land machen wollte, durch die dünne Eisdecke in den See ein, der sich am untern Rande solcher Firnfelder zu bilden pflegt. So zog ich am Abend pudelnaß in Airolo ein und wurde von einem beim dortigen Tunnelbau beschäftigten Freund gehörig ausgelacht. Dieser erste naive Besteigungsversuch ist mir später oft als geradezu sinnbildlich für mein beständiges Bestreben erschienen, mir eine Weltanschauung aufzubauen, die mich über die Dinge stellen sollte, von der aus ich dieses Dasein überlegen und gleichmütig betrachten konnte. Auch da wollte ich nur so nach dem Höchsten greifen, auch da packte ich eine Riesenaufgabe mit jugendlicher Raschheit und Unüberlegtheit an, ohne ihre Größe auch nur zu ahnen, und wenn ich allemal wähnte, den ersehnten Gipfel nun endlich zu erreichen, so stellte sich immer wieder heraus, daß es nur eine ganz unerhebliche Kuppe an dem Berggiganten war, dessen Gipfel sich so unnahbar wie nur je erwies, dessen Einsamkeit und Kälte mir höchstens Schauer einflößten und mich schließlich froh sein ließen, glücklich wieder auf den gewohnten Boden herunter zu kommen. Damals freilich nahmen sich die Dinge anders aus. Ich war stolz darauf, die Alpen überschritten zu haben, und trotz allen Mißerfolgs freute ich mich der vermeintlichen Abenteuerlichkeit meines Tuns ebenso, wie der dabei entwickelten Kraftanstrengung. Auch erhabene Schauer hatte die Einsamkeit in mir ausgelöst, die zu genießen doch in gewissem Sinn eine Art Sieg über mich selbst bedeutete, den ich mit Genugtuung empfand. Wie anders war es bei dem sich anschließenden Marsch italienwärts! Vegetation und Farbenpracht, schwarze Augen und schäumender Asti gefielen mir da so, daß sich etwas wie ein Zwiespalt in mein reisefrohes Herz einschlich; der Zwiespalt: hie Alpen, hie Italien, oder anders ausgedrückt: hie mühevolles Wandern und Grübeln in der Einsamkeit des Gebirgs, hie gedankenloses Bummeln durch romantische Gefilde. An Wien aber dachte ich mit keinem Gedanken mehr. Wenn so diese Reise den väterlichen Zweck durchaus erreichte und ich für das Wandern gewonnen war, so war ich doch von einem richtigen Genießen noch weit entfernt. Wohl hatte ich manche Momente glücklicher Selbstvergessenheit gehabt, aber so ganz und dauernd hatte ich mich doch nicht hingegeben. Es war da etwas in mir, das dem überhaupt widerstrebte. In dem Drang des Erleben- und Sehenwollens hatte mich eine beständige Unrast weiter getrieben und mich zu keiner richtigen Beschaulichkeit kommen lassen. Das enorme Quantum Körper, das nur zufrieden war, wenn es halb zu Tod gehetzt wurde, wollte dauernd beschäftigt sein. Noch schlimmer war's mit dem rastlosen Geist, der nicht allein immer wieder nach Neuem verlangte und das Vergnügen des Schauens, das ihm wie verächtliche Trägheit vorkam, nicht verstand. Anstatt geradezu zu genießen, was sich bot, wollte ich in jugendlicher Neugierde alles begreifen, wissen und verstehen, nach der Methode jenes Gelehrten, der behauptete, um richtig reisen zu können, müsse man 70 Wissenschaften beherrschen. Ich aber beherrschte überhaupt keine, stand vor allem ratlos da, und das bedrückte mich mehr denn je. Immerhin hatte die Reise den Erfolg, daß ich wieder mit hoffnungsvolleren Augen ins Leben sah, das sich denn auch günstiger gestaltete, als ich gedacht. Mit der tragischen Liebe war's bald aus, indem die Geliebte sich von ihrem weltschmerzlichen Pessimismus zur Ehe mit einem andern bekehrte, und mein neuer Hauptmann ließ mir mehr freie Zeit, so daß ich daran denken konnte, auf die geistige Wanderschaft zu gehen, die mir so sehr am Herzen lag und die mich auch in allerhand Fernen führen sollte. Daß ich dabei naturwissenschaftliche Wege einschlug, entsprach meinem bisherigen Entwicklungsgang, zu dem auch diese Reise das ihrige beitrug. Ja, positiv wollte ich sein, wollte den Grund der Dinge kennen lernen, mich nicht mit leeren Phrasen begnügen. So hörte ich anthropologische und biologische Vorlesungen an dem heimischen Politechnikum und verkehrte viel mit Gelehrten und Ärzten, an deren Worten ich begeistert hing. Freilich nur zu bald kam auch hier der Grübler zum Vorschein, ich verlor mich in Spekulationen aller Art über Werden und Vergehen und entfernte mich immer mehr von der Wirklichkeit in die nebelhafte Vorzeit. Es war abermals eine Reise, die mich auf andere Gedanken brachte, als ein Jahr später die Stunde der Freiheit wieder schlug und der väterliche Geldbeutel sich bei meinem Wunsch, über die Alpen nach Italien zu gehen, widerstandslos öffnete. Ich befand mich diesmal in Gesellschaft eines Freundes, der ganz anders geartet war, als ich. Weniger schwerblütig und in keiner Weise von des Gedankens Blässe angekränkelt, war er eine anspruchslose Natur, ein fröhlicher Gesell, der das Leben nahm, wie es gerade war. Das steckte unwillkürlich auch mich an. Die naive Wanderfreude beherrschte uns also ganz, und unsere Jugend zeigte uns alles im rosigsten Licht, wie sogen wir die Eindrücke ein, wie unermeßlich wichtig und interessant kam uns alles vor! Da war zunächst der Thuner See mit den schneebedeckten Berner Alpen über den Wassern, das liebliche Kandertal, der grandiose Fernblick von der Gemmi auf die Walliser Berge, die gewaltige Felsenwelt auf dem Weg hinunter ins Rhonetal! Die französische Sprache, die wir dann dort unten vorfanden, tat es uns an, und wie die Pensions-Mädchen versuchten wir auf Welsch miteinander zu parlieren, was drollig genug geklungen haben mag. In Zermatt und beim Marsch auf den Gornergrat fanden wir dann schlechtes Wetter vor, und so wurden wir eine leichte Beute für zwei profitliche Führer aus Macugnaga, die uns unter Schauergeschichten aller Art von der Absicht, über das Matterjoch zu gehen, abbrachten und uns überredeten, mit ihnen den weiten Umweg über ihr heimatliches Dorf zu machen. Thuner See mit Berner Oberland. Da, als wir gedankenlos durch die Nebel nach Zermatt zurücktrotteten, ereignete sich etwas, das mich jäh aus meiner Harmlosigkeit aufrüttelte, mich an jene andere Welt von tieferem Gehalt erinnerte und mir beinahe wie zur Offenbarung wurde. Plötzlich zerriß das Gewölk und das Matterhorn stand in seiner ganzen Größe und Wucht im Schneegewand vor uns. Es war ein völlig unerwarteter Anblick, so märchenhaft und unbegreiflich, daß es mich einfach überwältigte. Und ehe ich mich auch nur einigermaßen von dem Staunen erholt hatte, war der Schleier schon wieder vorgezogen und lichtete sich nicht mehr. Mir aber hatte es das Matterhorn angetan. Durch die Jahrzehnte habe ich es mit mir herumgetragen, und es ist in mancher Hinsicht bestimmend für mich geworden, so wenig ich damals daran dachte, daß ich je einmal den Riesen bezwingen könnte. Ja weit verstiegen sich meine Gedanken nicht, aber das Bild lebte in mir und mit ihm ein merkwürdiges Sehnen, ein Gefühl, das unbewußt drängte und trieb, ohne daß ich es mit meiner Schulweisheit zu rubrizieren vermochte. Es war das erste wirkliche Erlebnis, ein überwältigendes Durchschauertsein von höheren Mächten. Das Matterhorn über den Wolken. Andern Tags standen wir dann nach einem recht anstrengenden und zum Teil nicht unschwierigen Marsch, der uns auf abkürzenden Seitenpfaden bis beinahe nach Stalden zurückbrachte, auf der Paßhöhe des Monte Moro und wurden von unsern Führern noch auf das Joderhorn hinaufgeschleppt, was ihnen zu ihrem sonstigen Verdienst noch weitere 12 Franken eintrug. Nun, wir konnten dort oben bei herrlich klarem Wetter über den gezackten Bergeskranz hinwegblicken, so weit das Auge reichte, vor allem auch hinüber zu der nahen Ostwand des Monte Rosa, dieser gewaltigsten Mauer der Alpen mit ihrer Welt von Eis und Schnee, wieder so ein Moment, der haftete. Und dann kam die ganze frohe Heiterkeit italienischen Lebens, Grünens und Blühens, mit seiner Farbenpracht, Lebhaftigkeit und Romantik, die uns in unserer jugendlichen Neugier gar nicht zu uns selbst kommen ließ. Da war der Lago Maggiore mit seinen prächtigen Inseln, das großstädtische Getriebe in Mailand, sein wunderbarer Dom, der herrliche Comer See mit dem schönen Bellaggio, wo wir ohne ein Wort zu verlieren unsere Fahrt unterbrachen und ausstiegen, um auch einmal das Dolce far niente zu üben, mit Hilfe des schäumenden Asti so gründlich, daß uns der Rückmarsch über den Splügen ordentlich sauer wurde. Im Gegensatz zu der ersten ließ diese Reise keinen Zwiespalt in meinem Herzen zurück. Wohl hatte ich unvergeßliche Ewigkeitseindrücke von dem Matterhorn und auf dem Monte Moro erhalten, aber sie schlummerten mehr in der träumenden Seele, die nicht recht wußte, was sie mit ihnen anfangen sollte und wagten sich nicht so an die Oberfläche, wie das Interesse, das mir das anziehende Leben und Treiben in Italien einflößte, dessen romantischer Schimmer mein jugendliches Gemüt völlig gefangen nahm. Wozu auch grüblerisch einsame Wege gehen, wenn das frische pulsierende Leben fröhlich winkte! Nicht bloß auf meine Wandergedanken erstreckte sich das, sondern bald auch auf meine Studien. Was hatte ich davon, wenn ich mich in den Jahrmillionen biologischer Spekulation verlor, welchen Sinn hatte schließlich mein geliebter Darwinismus, was konnte es mir bedeuten, ob unsere Vorfahren in jenem allergrauesten Altertum Affen oder Menschen waren! Und war denn der heutige Mensch mit seinen merkwürdigen Verschiedenheiten nicht doch das Interessanteste, was es gab? Der Einzelne, die Völker, ihr Entwicklungsgang, ihre Taten, ihre Geschichte! Ja, Länder und Völker wollte ich künftig studieren und kennen lernen, das erschien mir jetzt wertvoller als die tote Vorzeit. Vor allem aber berauschte mich der italienische Traum und wurde mir zur großen, unbändigen Sehnsucht. Zunächst freilich hatte mir das Leben eine andere, prosaischere Reiseüberraschung aufgespart. Infolge eines Massenduells mit Studenten hatte ich mich mit zwei Freunden auf ein einsam gelegenes, altes Bergfort zu begeben, dessen Besteigung volle vier Monate in Anspruch nahm. Im übrigen war es dort oben trotz der sogenannten Festungshaft recht nett und unterhaltsam. Wir ergingen uns viel in beträchtlichen Spaziergängen auf dem aussichtsreichen Wall und hatten fröhliche gemeinsame Abende, bei denen auch gehörig pokuliert wurde. Auch der Humor schoß üppig ins Kraut. So machte es uns an den Sonntagnachmittagen ein besonderes Vergnügen, den stets zahlreich ankommenden Fremden, welche sich neben der Aussicht und dem guten Wein auch für die »Gefangenen« interessierten, ein gelindes Gruseln einzujagen, indem wir mit Fechtmasken vor den Gesichtern drei Mann hoch nebeneinander an unsern Gittern rüttelten und wie Bären im Käfig die Köpfe hin- und herwiegten. Oft halbe Stunden lang, so daß die entsetzten Zuschauer uns ihren staunenden Kindern als warnendes Beispiel vorführen konnten. Die Hauptsache aber, die mich diese Zeit als die »schönste meines Lebens« ansehen ließ, war die Arbeitsfreiheit, die ich bei diesem »Gefangenenleben« hatte. Meinem neuen Programm entsprechend lernte ich mit Macht Französisch, Englisch und auch einigermaßen Italienisch. Zur Erholung wurde ferner Shakespeare studiert, was meinen Blick noch mehr auf des Lebens frohe Vielgestaltigkeit lenkte. So legte ich denn nach meiner Versetzung in die kleine Universitätsstadt die Naturwissenschaften endgültig beiseite und warf mich auf das Studium der Geschichte, von dem ich jetzt mein ganzes Heil erhoffte. Und in gewissem Sinn auch erhielt. Begeistert vertiefte ich mich in Mommsens klassische Schilderungen des römischen Altertums, und das Studium des tatendurstigen italienischen Mittelalters, zu dem die immer wiederholte Lektüre Shakespeares die gestaltenreiche Begleitmelodie gab, erfüllte mich mit lebensfrohestem Ahnen. Was Wunder, daß mich da helles Entzücken ergriff, als der Traum zur Wirklichkeit wurde und ich 1880 eine dreiwöchige Reise in das Land meiner Sehnsucht bis nach Rom machen durfte. Die Versuche, in Kunst zu schwärmen, gab ich dabei bald auf. Wohl machte ich Uffizien und Pitti, Kapitol und was sonst alles dazu gehörte, gewissenhaft ab, ich war aber auch aufrichtig genug, mir einzugestehen, daß ich da manches nicht verstand, mir nur Rückenschmerzen von dem vielen Schauen holte und meine Begeisterung doch eine mehr oder weniger gemachte war. Nein, mich interessierten die alten, malerischen Stadtwinkel, in denen das Cinque Cento mit Schwertern, Dolchen und glühenden schwarzen Augen vor mir auftauchte, die römischen Altertümer, Kaiserpaläste und Gärten, Forum und Kolosseum, wo ich die sieggewohnten römischen Legionen leibhaftig vor mir zu sehen glaubte. Ich träumte mich da in einen historischen Traum hinein, der mir beinahe wie die Wirklichkeit selbst erschien und mich in den lebhaften, romantisch aussehenden Menschen wahre Idealgestalten erblicken ließ. Nie werde ich jenen Abend vergessen, den ich mit einigen rasch gewonnenen Freunden in den Ruinen des fackelerleuchteten Kolosseums verbrachte, wo wir übermütig die leeren Fiaski an den düstern Wänden emporschleuderten und ich im Geiste die Gladiatoren ihre Kämpfe ausfechten, die Quadrigen die Arena durchsausen sah. Mir war, als hätte ich die ganze übrige Welt darüber vergessen. Da, auch hier wiederum ein neuer, an die Natur mahnender Eindruck, der mich aus meinen Träumen riß: das Meer. Ich sah es von der Peterskuppel in der Ferne in seinem Strahlenglanze leuchten und war in Civitavecchia so begeistert, daß ich sofort ein Boot nahm, mich hinausrudern ließ und, mich rasch entkleidend, in die schäumenden, tiefblauen Fluten sprang. Das Spiel der Wellen freilich dämpfte meinen Enthusiasmus bald, ich wurde seekrank, und die Sache nahm ein recht klägliches Ende, indem der Fährmann mich halb nackt und notdürftig mit meinen Kleidern bedeckt am Ufer liegen ließ, wo ich einige Stunden lang vergeblich das viele geschluckte Seewasser zu verdauen suchte. Nun, um so schöner war nach diesem ersten Tribut die Fahrt nach Livorno, die beständig an den blauen, sich kräuselnden Fluten entlang ging und mir zum erstenmal das grandiose Schauspiel eines Sonnenuntergangs über dem Meer vorführte, das Hinabtauchen des glühenden Balls in die unendlichen Wasser! Dann freilich lenkte Venedigs mittelalterliche Romantik den Blick wieder ganz zurück in die Vergangenheit.   Eines hatte mir diese Reise doch nicht gegeben. Der jugendliche Drang nach Abenteuern war nicht befriedigt worden, und er ließ mir keine Ruhe. So kam es bald darauf während eines Kommandos zu den Pionieren zu einer Rekordfahrt, die ich mit einem Freund auf der Donau unternahm. Eine Rekordfahrt war es insofern, als sie, aus guten Gründen, ohne Barmittel unternommen werden sollte, nach dem Motto, daß mit Geld jeder reisen könne, während ohne solches es erst eine wahre und genußreiche Kunst sei. Wir verschleuderten also ganze 18 Mark an den Ankauf eines entsprechenden Nachens und verwendeten den Rest unseres Vermögens auf die Beschaffung von Genußmitteln, bestehend aus einigen Laiben Kommißbrot und verschiedenen Krügen Most, denen glücklicherweise noch eine Reiseapotheke beigefügt wurde. Eine Rekordfahrt sollte es ferner werden durch die geplante Länge der Fahrt, die den unsere Ruderfertigkeit anzweifelnden Pionieren zeigen sollte, was wir konnten, und eine Rekordfahrt war es endlich insofern, als wir tatsächlich keine Ahnung vom Nachenfahren hatten. Die so sehr ersehnten Abenteuer ließen denn auch nicht lange auf sich warten. Daß zunächst der lange Aufenthalt auf dem Wasser angesichts unserer leichten Drillichanzüge Folgen mit sich brachte, die in dem kleinen, schwankenden Nachen kaum zu beheben waren und nur durch ungeheure Mengen von Opium einigermaßen paralisiert werden konnten, sei nur nebenbei bemerkt. Größere Schwierigkeiten machten die zahlreichen Brücken, von denen wir im ganzen 30 passierten. Schon bei der ersten fuhren wir mit solcher Wucht gegen einen Pfeiler, daß unsere Gondel in ihren innersten Fugen erbebte. Dies wiederholte sich unweigerlich, bis wir, um ein Ende zu machen, in unserer Verzweiflung direkt auf die Pfeiler zuruderten und dabei die Erfahrung machten, daß uns eine gütige Strömung im letzten Augenblick allemal noch verhältnismäßig glimpflich um das gefürchtete Hindernis herumbrachte. In direkte Wassersnot kamen wir dann am zweiten Tag, wo es derartig stürmte und regnete, daß der Fluß weit aus seinen Ufern trat und unser Fahrzeug sich trotz aller Bemühungen so mit Wasser füllte, daß wir, bis halbwegs zum Knie darin stehend, unsere liebe Not hatten, nicht umzukippen, während unsere in dem Nachen herumschwimmenden Brotlaibe allmählich ungeheuerliche Dimensionen annahmen. Unsere Tage wurde um so schwieriger, als wir uns der Stromschnelle von Weltenburg näherten, wo der Fluß mehrere Kilometer weit sich zwischen senkrecht abfallenden Felsen hindurchzwängt und das geringste Mißgeschick zweifellos eine Katastrophe bedeutet hätte. Nun, auch hier half uns ein gütiges Geschick, und wir erreichten in aufregender Fahrt Regensburg, wo wir durch den Verkauf unseres Nachens um 12 Mark das nötige Kleingeld zur Heimreise erwarben. Auf der Rückreise hatten wir dann noch ein interessantes Nachtquartier in Augsburg, wo wir für Nachtessen, Bier und zwei Nachtlager zusammen 92 Pfennige bezahlten, was gewiß billig genannt werden kann. Im Vertrauen gesagt: es war die Wirtschaft »Zur finstern Stube«, die hiermit wärmstens empfohlen sein soll. Alles in allem waren wir rund 230 Kilometer weit gefahren und konnten die Pioniere stolz auffordern, es uns nachzumachen. Eine arbeitsreiche Zeit folgte. Es handelte sich um die Verwirklichung meines lang gehegten Traumes, die Mangelhaftigkeit meiner Schulbildung durch das dreijährige Studium auf der Kriegsakademie nachzuholen. Ich gab mir nicht wenig Mühe, um das dafür notwendige Konkurrenzexamen zu bestehen, und die Freude darüber, daß dies der Fall war, wurde nicht geringer, als ich nun auch noch einen dreimonatigen Urlaub zu meiner Weiterbildung erhielt. Er führte mich nach London zur Erlernung der englischen Sprache, die es mir seit der Lektüre Shakespeares angetan hatte. Auch interessierten mich die Engländer als modernes Volk ebenso, wie gewisse Engländerinnen. Zunächst kam wieder das Abenteuerliche an die Reihe, indem ich beschloß, den ganzen Rhein von Mannheim bis Rotterdam hinunterzufahren. Es war dies ein Plan, der einen mächtigen Reiz für mich hatte, wie oft hatte man gesungen von dem Vater Rhein, seinen Burgen und Reben, seiner Lorelei und den sonstigen Schönen! Freilich, zunächst schien mir die Prosa des Lebens einen Strich durch meine poetische Rechnung machen zu wollen. Das Schiff, auf das ich angewiesen war, führte 2000 Auswanderer mit sich und war so überfüllt, daß man sich nicht vom Platz rühren konnte; nette Aussichten für die nächsten 36 Stunden! Nun, die hübschen rheinischen Augen bekam ich doch zu sehen. Ein junges Mädchen aus Köln, das aus der Schweizer Pension zurückkam, hatte den gleichen romantischen Plan gefaßt und bereute nun bitterlich. Es gab da also etwas zu trösten, und da auch noch ein junges Ehepaar unser Los teilte, so erkämpften wir uns als die einzigen Fahrgäste erster Klasse die Damenkajüte, bestellten einige Pullen Rheinwein und tranken uns höchst vergnüglich den Fluß hinunter, ohne die Landschaft auch nur mit einem Blick zu sehen. Es war so behaglich und feuchtfröhlich da drinnen, daß uns die Scheidestunde in Köln noch viel zu schnell schlug. Bis Rotterdam war es dann weniger unterhaltsam, während die Stadt selbst mit ihrem Seemannsleben mein höchstes Interesse, wenn auch nicht gerade Entzücken, erregte. Was es da nicht alles zu sehen gab an merkwürdigem Realismus! Bei der Fahrt nach Harwich trat dann die Natur wieder in ihre Rechte. Zum erstenmal richtig auf dem Meer! Die so eigen fremde Dünenlandschaft in der Abenddämmerung, das Stampfen und Kämpfen des Schiffes, als es an dem Leuchtturm vorbei hinausging auf die weite, wogende See, der Sonnenuntergang hinter den schäumenden Wellenkämmen, das alles packte mich mit elementarer Gewalt, während der ganzen Nacht über blieb ich an Bord, sah in die brausenden Wogen hinein, hinauf zum Sternenhimmel und betrachtete erwartungsvoll die im Sonnenaufgang erstrahlende Küste. Und nun England selbst! Wenn ich in Italien vorwiegend in einem romantischen Traum der Vergangenheit schwelgte, in dem sich meine lebhafte Phantasie die Dinge nach Belieben zurechtlegte, so interessierten mich hier die modernen Verhältnisse, auf die man in einem so real denkenden Land ja auch ganz von selbst hingewiesen wird. Zunächst blendeten mich naturgemäß der enorme aus allen Teilen der Welt angesammelte Reichtum und behagliche Luxus, die ich des öfteren in großen Klubs, wie auch in manchem echt englischen Home zu sehen bekam. Ich bin ferner in den besseren Kreisen, zu denen ich reichlich Zutritt hatte, auf recht großzügige und freie Anschauungen gestoßen, die zu leugnen Torheit wäre. Auch habe ich mir manche dauernde Freunde erworben. Im englischen Charakter interessierte mich das vorwiegend Willensmäßige, das das Gefühlsleben so stark dominiert, und ich habe mich als impulsive Natur oft zweifelnd gefragt, ob ein falsches Zurückdämmen des Gefühls hinter den Willen nicht doch das Richtige sei? Ich könnte zahlreiche Beispiele angeben, wo die unerhörte Zähigkeit des einmal gefaßten Entschlusses den Betreffenden insofern wenigstens zu einem gewissen Glück führte, als sie ihn mit Befriedigung auf sein konsequentes Tun zurückblicken ließ, was auch etwas wert ist, während der reine Gefühlsmensch doch leicht unter den Schwankungen seines Empfindens leidet. Vor allem fiel mir diese Betonung des Willensmäßigen in dem Sportsleben auf, das mir in hohem Maße imponierte. Kann man sich doch heutzutage kaum mehr einen Begriff davon machen, wie rückständig wir damals in dieser Hinsicht waren. Ich will nicht weiter davon reden, daß z.B. zu meiner Mutter Zeiten das Schlittschuhlaufen der Damen bei uns beinahe als unanständig galt, ich weiß nur, daß in meiner eigenen Jugend jeglicher Sport als eine eines Erwachsenen unwürdige Kinderei belächelt und verachtet wurde. Das einzige, was damals sportmäßig betrieben wurde, war das Biertrinken, bei dem die Grenzen jeglicher Vernunft weit überschritten wurden, so daß ein unermeßlicher Schaden an Gesundheit und geistiger Frische entstand. Wie ganz anders sah es in England aus, welche Unsumme von Energie, Entschlossenheit und Selbstverleugnung konnte man da bei den glänzendsten Leistungen erblicken! Freilich ebenso bedenklich sind drüben die sportlichen Übertreibungen, die oft zu merkwürdig schiefen Ansichten führen, das Wesen der Dinge ganz auf den Kopf stellen. Um nur ein Beispiel anzugeben, so ist es ja gewiß sehr hübsch, zu sehen, mit welcher Begeisterung sich die ganze Bevölkerung an einer Fuchshetze beteiligt. Man sieht da Leute zu Pferd, denen man es nie zugetraut hätte. Aber daß darum der Fuchs ein geheiligtes Tier sein soll, ist weniger verständlich. In welchem Maß dies der Fall ist, konnte ich gelegentlich einer Fasanenjagd erfahren. Als sich der Jagdheger darüber beklagte, daß ihm die Füchse so viele, mit schweren Kosten ausgesetzte Fasanen wegfingen, fragte ich ihn harmlos, warum er sie denn nicht abschieße? Ein unbeschreiblicher Blick des Mannes folgte, als wolle ich ihn verhöhnen. Schließlich meinte er, meinem Ausländertum Rechnung tragend: »O Herr, in England können Sie viel eher einen Menschen totschießen, als einen Fuchs.« Nun faßt aber der Engländer meist alles als Sport auf. Kriegführung, Politik und häufig auch der Gelderwerb sind ihm einfach sportliche Betätigungen, die er weniger um der Sache willen, als aus Sportfreude betreibt. Der Soldat oder vielmehr der Söldner hat eben Lust am »Fighting«. Wofür oder gegen wen er kämpft, ist ihm völlig gleichgültig. Aus dieser Sportsfreude und dem Ansehen, das sie genießt, erklärt sich z. B. auch die unsereinem völlig unverständliche Tatsache, daß der Offizier seine Stelle damals einfach kaufte und sich lediglich mit Hilfe seines Geldbeutels bis zum General befördern konnte. Man nahm eben an, wenn der Mann so viel Geld für diesen Sport ausgebe, so werde er auch das nötige Interesse und Verständnis dafür haben. Daß auch die Politik vielfach nur als Sport betrieben wird, kann man häufig beobachten. Ich hatte in Oxford in einer der allwöchentlich stattfindenden Sitzungen des studentischen Debattierklubs Gelegenheit, einen Blick in die Werkstätte zu tun, in der die Politiker erzogen werden. Es handelte sich dabei lediglich um die Debattierfertigkeit, d. h. darum, in irgendeiner gleichgültigen Frage vor einem beliebig zusammengewürfelten Publikum schöne und packende Worte zu finden, die dann auch wahllos beklatscht wurden. Es war eine Berauschung durch Wort und Form, die für einen sachlich denkenden Germanengeist völlig unverständlich, die ganze Oberflächlichkeit des politischen Sportsmanns charakterisiert. Tatsächlich nimmt ja auch der Engländer seine Politiker gar nicht so ernst, er weiß schon, wie das gemeint ist. Hierher gehört auch die übertriebene Art und Weise, wie die berühmte englische Freiheit aufgefaßt wird. Ich habe es mit angehört, wie ein öffentlicher Redner in Regent Park den Prinzen von Wales und das ganze Kabinett für Lumpen und Schufte erklärte, ohne daß sich jemand darüber aufregte, oder der dabei stehende Schutzmann einschritt. Als ich den letzteren fragte, ob das denn erlaubt sei, meinte er nur, das habe nichts zu sagen, und irgendein Ventil müsse doch da sein. Gut! Aber auch in anderer Weise zeigte sich diese Freiheit. So erfuhr ich zum Beispiel von einer jungen Dame, die die Wette machte, mit einer ausgewachsenen Sonnenblume an der Brust die ganze Regent Street, die vornehmste Verkehrsader Londons, hinauf und hinunter zu gehen, was auch ohne besonderes Aufsehen geschah. Welcher Engländer würde da lachen! Ist es nicht ein allgemeines Menschenrecht, mit einer Sonnenblume im Knopfloch spazieren zu gehen? Auch das Recht sich zu prügeln hat man, wenn es nur nach den Regeln der Kunst geschieht. Die Geschichte von dem Lord, der sich wegen unverschämter Forderungen mit seinem Kutscher boxt, ist ja bekannt genug. Ich konnte sie zwar nicht selbst beobachten, habe es aber mit angesehen, wie zwei Frauen in der vollbelebten, nächtlichen Regent Street einen Mann mit ihren Schirmen derart verprügelten, daß sie, die Schirme nämlich, in Stücke flogen. Der Gentleman rührte sich nicht, – wer würde sich gegen eine Frau auch nur wehren! – die herumstehende Menge, Polizei eingeschlossen, sah schweigend zu, und der Kampf war erst aus, als die beiden Megären nichts mehr zum Dreinschlagen hatten, worauf man wortlos auseinander ging. Eine andere Art dieser »Freiheit« bildete die Aufdringlichkeit der Heilsarmee . Daß man mitten auf den belebtesten Plätzen, wo man wirklich besorgt sein mußte, nicht überfahren zu werden, Leute mit großen Plakaten sah: »Mensch, denk an deine Seele!«, konnte man ja mit Humor ertragen. Weniger harmlos, wenn auch ganz amüsant in seiner Art war folgendes Erlebnis. Ich machte an einem Sonntagnachmittag mit einer richtiggehenden Cousine, Vaters Bruders Tochter, einen Spaziergang in der Stadt, und wir blieben gelegentlich bei einem Heilsarmeemenschen stehen, der vor einem größeren Publikum seine Predigt hielt. Als der Mann uns Arm in Arm sah, hörte er plötzlich in seiner Rede auf und sprach uns mit lauter Stimme an, wir sollen den leichtsinnigen Lebenswandel lassen und in uns gehen, was er dann in keineswegs erbaulicher Weise weiter ausführte. Zum Glück verstand ihn meine Cousine nicht, und wir konnten uns lachend drücken. Ein andermal fragte mich mein bis dahin schweigendes Gegenüber in der Eisenbahn plötzlich ganz ernst: »Spielen Sie Karten? Trinken Sie?« Als ich, um Weitläufigkeiten zu entgehen, kurz mit »Nein« antwortete, streckte er mir begeistert seine schwielige Rechte entgegen mit den Worten: »Jetzt sind wir Freunde!« Es war ein Anerbieten, auf das ich wirklich keinen besonderen Wert legte. Interessant war auch der Besuch einer Versammlung, die zugunsten eines Soldatenheims abgehalten wurde, das eine junge und recht hübsche Miß in der Nähe einer Kaserne gegründet hatte, um die Soldaten zu bekehren. Diese Versammlung bestand aus hocheleganten Damen und einigen Geistlichen und verlief in der Weise, daß eine Anzahl Bekehrter, meist alte Unteroffiziere, die in allen Erdteilen gedient hatten, auf ein Podium stiegen und zunächst in krassestem Realismus ihre Sünden erzählten, bis sie dann von der gütigen Miß auf den guten und christlichen Weg geführt wurden. Das alles wurde unter atemlosem Schweigen vorgetragen, und nur dann und wann hörte man das Schluchzen der gerührten Damen. Ich konnte mir nicht helfen, aber ich hatte das Gefühl, daß ihnen eine gewöhnliche Theatervorstellung nicht mehr genügte, sie vielmehr aufregenderer Sensationen bedurften. Auch in anderer Hinsicht wurde ich stutzig durch die Unterredung, welche ein Reverend nach Schluß der Vorstellung an dem sehr reichlich ausgestatteten Büfett mit mir anknüpfte und worin er nicht genug rühmen konnte, wie sehr die edle Miß die Soldaten zu Mäßigkeit und Enthaltsamkeit anhalte. An sich wäre dagegen ja weiter nichts einzuwenden gewesen, hätte ich nicht die bekehrten Sünder an dem allerdings alkoholfreien Büfett Leckerbissen in einer Weise füttern sehen, die einen mehr als gierigen Eindruck machte und mir als praktischen Soldaten unwillkürlich den Gedanken nahe legte, daß sie sich nur deshalb bekehren ließen. Auch das hätte ich ja noch im allgemeinen soldatischen Interesse humorvoll mit angesehen, hätte der Mäßigkeitsapostel von Reverend nicht mit dem Eßlöffel so ungeheure Mengen von Eis verschlungen, daß ich seine Worte unmöglich mit seinen Taten in Einklang bringen konnte. Ich komme damit auf das Kapitel des Cant, der ja aus dem bisher Gesagten schon überall herausleuchtet. Auch folgendes spricht dabei mit. Der junge Engländer ist vielfach darauf angewiesen, in die Welt hinaus zu ziehen, in der ihm ja alle Erdteile offen sind, er besteht dort oft verwegene Abenteuer und kehrt mit den rücksichtslos eingeheimsten Reichtümern zurück, um sein Leben angenehm zu Hause zu beschließen, wo er vor allem seine Ruhe und Behaglichkeit haben will. Er weiß ganz genau, daß, »draußen« gar manches nötig ist, um vorwärts zu kommen, aber in dem geheiligten Territorium der Heimat soll man ihn damit verschonen, soll den Schein und die Form wahren, und wer sich anders amüsieren will, soll das zu Hause tun, oder nach Paris gehen. Ist doch auch dafür gesorgt, daß man ungestört bleibt, wenn man nur nicht auffällt. Da ist zunächst der Grundsatz, daß »mein Haus meine Burg« ist, zu der nicht einmal die Polizei ohne richterlichen Befehl Zutritt hat. Bei vielen erfährt man aber die Wohnung überhaupt nicht. So hatte ich eine Empfehlung an einen bekannten Schriftsteller, die die Adresse seines Klubs trug. Als ich den Mann dort nicht vorfand, fragte ich den Portier harmlos nach seiner Wohnung, worauf der mich groß ansah und erklärte, er sei nicht berechtigt, Privatadressen anzugeben, auch wenn er sie wüßte. Im Verein mit dem Fehlen jeglicher polizeilichen Anmeldepflicht und der Möglichkeit, seinen Namen jederzeit von Rechts wegen zu ändern, ist es deshalb ein leichtes, plötzlich für kürzer oder länger vor der Welt und seinen Bekannten zu verschwinden. Was das bedeuten kann, dafür gab damals der Irenführer Parnell, der »ungekrönte König von Irland«, ein klassisches Beispiel, indem seine häufige unerklärliche Abwesenheit mit politischen Gründen aller Art in Zusammenhang gebracht wurde, bis sich bei einem Ehebruchsprozeß herausstellte, daß er ganz andere als politische Wege ging. Daß der Cant auch in der hohen Politik seine unheilvolle Rolle spielt, haben wir inzwischen ja zur Genüge erfahren. Er hat da seine Wurzeln in dem gottseligen Puritanertum, das im Verein mit den riesenhaften Erfolgen eines zügellosen Eroberungsdranges dazu führte, daß man sich für das »auserwählte Volk« des Alten Testaments hält, das über den andern steht, sie von Rechts wegen beherrscht, bestraft und belohnt, wenn ihm dabei jedes Mittel der Gewalt, Scheinheiligkeit und Verleumdung recht ist, und Neid und Hochmut ihre Krallen überall hervorstrecken, so erscheint das um so befremdlicher, als die persönliche Wahrhaftigkeit und Lauterkeit immer gar so sehr betont werden. Schade, daß durch diese, in Jahrhunderten bewußt ausgebildeten Masseninstinkte so manches persönliche Gute verdunkelt wird! London selbst, wohin ich nach einem kurzen Aufenthalt in dem schön gelegenen Richmond und dem ehrwürdigen Oxford übersiedelte, imponierte mir sehr. Der riesenhafte, einem mächtigen Strome ähnliche Verkehr mit seiner ewig gleichen Rastlosigkeit und vielgestaltigen Geschäftigkeit entbehrte für den Provinzler einer gewissen großzügigen Romantik nicht. Auch kam ich viel hinaus ins Freie, wo die herrlichen Parks mit ihren stolzen Landsitzen, die weiten, malerischen Wasserläufe und das durch so viele uralte Gebäude in die Gegenwart hineinragende Mittelalter einen besonderen Reiz für mich hatten. Eine Zeitlang wenigstens. Dann aber machte sich die Rastlosigkeit geltend, ein Sehnen nach etwas Tieferem, zu Herz und Gemüt Sprechendem, das ich in dem Menschengetriebe mehr und mehr vermißte. Es war die Natur, die wieder einmal lockte, bis ich auf und davon ging. Schottische Ruine. Mein Ziel war Schottland. Auch Wales und das meerumsäumte, klippenreiche Devonshire hatten gelockt, aber das Hochland trug den Sieg davon, so wenig ich von ihm wußte. Macbeth mit seinen Hexen auf dem wilden Moor war mir natürlich bekannt, ich hatte einiges von Walter Scott gelesen, hatte von den Sagen Ossians aus wilder Vorzeit und von der blutgetränkten Geschichte des Landes gehört. Und das alles war düster, traurig und verworren. Noch verworrener freilich war der Reiz, den etwas anderes auf mich ausübte, ein Wort, eine Idee, eine Ahnung. Der Norden hatte es mir angetan, und so gewiß es war, daß es sich da um kein eigentliches Nordland, sondern um eine Reisegegend wie irgendeine andere handelte, so hatte es doch einen eigenen Reiz für mich, auch einmal »dort oben« zu sein, und wie ich bei meiner ersten Reise vornämlich wilde und verlassene Gegenden aufsuchte, so hoffte ich auch diesmal etwas zu finden, das meinem schwerblütigen Gemüt entsprach, verwandte Saiten anklingen ließ. Dieses Gefühl hat mich nicht getäuscht. Ich kam da in einen merkwürdigen Traum von eigen packender Gewalt hinein, der mich ganz gefangen nahm. Zunächst erreichte ich Glasgow über Irland auf dem Wasser. Ich brauchte Meer, um nach dem Stadtleben wieder aufnahmefähig zu werden. Bald darauf war ich dann an dem schönen, inselreichen Loch Lomond, der seiner ganzen Länge nach durchfahren wurde. Immer näher rückten die kahlen Berge zu beiden Seiten heran, tiefe Nebelwolken hingen über dem Seeende, und ein eigen melancholischer Reiz lagerte über der Landschaft dort oben, die Ahnung dessen, was kommen sollte. Ich wurde ordentlich gespannt darauf. Zunächst allerdings blieb ich noch am Rande des Hochlands und fuhr in vergnüglicher Postfahrt an dem kleinen, malerischen Loch Katrine entlang und durch die bewaldete Schlucht der Trossachs, den einstigen Grenzpaß. Man geht da auf den Spuren Walter Scotts, wird in die wildromantische Vergangenheit seiner Lady vom See zurückversetzt, mit der hoffnungslosen Liebe des königlichen Jägers zu der schönen Rebellentochter und hört von allerhand sagenhaften Kämpfen in der Paßschlucht. Dann verließ ich die große Heerstraße und wandte mich nach Norden, den Mooren des Hochlands zu, deren Zauber mich bald umfing. An sich war ja eigentlich nicht viel zu sehen, es lag alles mehr in der Stimmung. Ringsum weite Flächen ohne Baum und Strauch, Heideland mit Pfützen und Rinnsalen, eingerahmt von kahlen, welligen Bergen, auf denen da und dort noch Schneeflocken lagen. So ging es an langgestreckten, stillen Seen vorbei, deren leblose Wasser den Eindruck düsterer Verlassenheit noch verstärkten. Und über alledem niedere, ziehende Wolken mit jagenden Schatten. Man hätte meinen sollen, ein solcher mehrtägiger Marsch müsse monoton und langweilig sein, doch war dem nicht so. Was man da sah, war eben Macbethland, in dem die alten Sagen und Geschichten, von denen mein Reisehandbuch Schritt für Schritt erzählte, wie greifbar wieder lebendig wurden; mit ihren Morden und Gewalttaten, ihren Hexen und sonstigem phantastischen Aberglauben einem mit solch zwingender Gewalt vor die Seele traten, daß man sich völlig in eine andere Welt versetzt wähnte. Mir war, als lebte ich in einem gruseligen Traum wilder Vorzeit, der mich nicht mehr los ließ. Selbst das beständig herrschende nasse Wetter schien mir dazu zu gehören. Eine Art Mittelding zwischen feuchtem Nebel und eigentlichem Regen, war es für mich der Gruß der wilden See, die ringsum das Land umbrandet. So zog ich träumend durch die Grampischen Berge und Moore bis hinauf zum Rannochsee, um mich dann durch das blutgetränkte Tal von Glencoe nach Westen zu wenden und an dem weiten Meeresarm des Firth of Lorne entlang, Oban zu erreichen. Dabei ergaben sich wieder völlig neue Eindrücke in den prächtigen Blicken auf die inselreiche Fjordlandschaft mit ihren Schlössern und Ruinen, bei denen man sich in der Tat besinnen mußte, »ob die Gegend dem Wasser oder dem Lande gehöre.« Oban war damals schon eine freundliche Fremdenstadt, die sich amphitheatralisch an den bewaldeten Hängen des Fjords aufbaut, von hier aus unternahm ich die bekannte Dampfertour nach den Inseln Staffa und Jona, die mich zunächst durch den landschaftlich so reizvollen Sound of Mull und dann hinaus auf die hohe See führte. Schottisches Moor. Staffa, die Säuleninsel mit ihren langen, dem Meer entragenden Basaltreihen und grüner Grasdecke darüber, ist ein kleines Felseneiland, das durch die »sagenhafte« Fingalshöhle erst seit Walter Scott seine Weltberühmtheit erlangt hat. Es herrschte hoher Seegang, als wir vor der hafenlosen Insel ankamen, und es war keine Kleinigkeit, den richtigen Moment zu erfassen, um in das Boot zu springen, das wie wahnsinnig an der Schiffswand auf und ab sauste. Die Höhle ist an einer Ecke der Insel gelegen, und man gelangt zu ihr auf schlüpfrigen, dem Wasser entragenden Basaltstumpen. Unser Herrgott soll sie nach gotischem Stil gebaut haben, was ich nicht bestreiten will. Jedenfalls ist sie auch in ihrem Innern zu beiden Seiten von senkrechten Basaltreihen umgeben, während das sich hoch zuspitzende Dach aus festem Gestein besteht. Insel Staffa. Als wir ankamen, brausten beständig mächtige Wogen von der offenen See heran, fluteten über die Basaltstumpen hinweg und tobten zu beiden Seiten hoch aufspritzend in die Höhle hinein, sich mit Gischt unter gewaltigem Donner brechend und wieder zurückflutend. Es war ein Schauspiel ohnegleichen, das das Ohr ebenso in Anspruch nahm wie das staunende Auge, eindrucksvoll und fantastisch im höchsten Grade. Daß hier die Sage thronen sollte, leuchtet jedermann ohne weiteres ein, und Ossians Vater, der Riese Fingal, wäre gewiß geeignet gewesen, sie zu beleben. Aber so sehr ich mir Mühe gab, etwas darüber zu erfahren, es war vergeblich. Man sprach damals von einem Liebespaar, das in ihr Zuflucht suchte und von der steigenden Flut ertränkt wurde, ich glaube aber, es lag da eine Verwechslung mit dem im Sound of Mull befindlichen Ladys Rock vor, wo ein Häuptling angeblich seine Gattin aussetzte, um sich ihrer durch die darüber hinwegwogende Flut zu entledigen. Fingalshöhle Wenn Staffa die wilde nordische Natur plastisch zum Ausdruck bringt, so weist die »heilige« Insel Jona, die keinerlei landschaftliche Reize hat, ausschließlich auf die Vergangenheit hin, als die erste Pflanzstätte des Christentums im Norden, zu der die verfolgten Mönche aus Irland flohen. Diese Tatsache, im Verein mit der andern, daß ganze Reihen schottischer, irischer und norwegischer Könige an der heiligen Stätte begraben sein sollen, macht die Insel naturgemäß zu einer besonderen Sehenswürdigkeit der Engländer. Weiterhin fuhr ich nach der mir als besonders wild und romantisch geschilderten Insel Skye, wo ich mich an dem Tech Coruisk aussetzen ließ. Damit kam der Höhepunkt der Reise. Dieser See und die ihn umgebenden Cuchullin Hills, die inzwischen ein Klettergarten für schottische Bergsteiger geworden sind, sowie das dahinter liegende Moor von Sligachan boten Bilder von solch eindrucksvoller Öde und Verlassenheit, daß sie mir in unvergeßlicher Erinnerung geblieben sind. Es war ein erneuter Traum von Moor, Fels, düstern Wolken und stürmischer Meeresküste, in den sich wieder blutige Vorzeit, Aberglauben, Sage und Geschichte in gruseligem Behagen verflochten. von Sligachan fuhr ich nach Gairloch, dem nördlichsten Punkt, den ich erreichte. Meine Zeit war um, und es ging im Eilmarsch an dem prächtigen Loch Maree vorbei, quer durch das ganze Land nach Inverneß und von da mit der Bahn nach Edinburgh. Die romantische Lage dieser merkwürdigen Felsenstadt tat es mir ebenso an, wie ihr unheimliches Schloß Holyrood mit dem blutgetränkten Rizziozimmer, in dem Schönheit und Liebe, Mord und Dolch, Romantik und düster wilde Grausamkeit so eindrucksvoll vor einen treten und durch die schöne Büßerin Maria Stuart verklärt werden, deren romantische Gestalt doch den hellsten Schein auf ein jetzt so nüchternes, kaltes und berechnendes Volk wirft. Und nun wiederum ein Wechsel! Zu der lange ersehnten dreijährigen Studienzeit auf der Berliner Kriegsakademie, die mir schon äußerlich so manches Neue gab. Begann doch damit eine Art studentischer Zeit mit jener Mischung von Studium, Bohême und Geselligkeit, die Jugend und Großstadt in einem solchen Falle mit sich bringen, deren Freiheit und Ungebundenheit ich in vollen Zügen genoß und die mir gewissermaßen das Reisen ersetzte. Ich hatte das Gefühl, mich auf beständiger Wanderung zu befinden. Alles war mir neu, ich hatte einen netten Kreis unternehmender Kameraden, und beinahe jeden Abend zogen wir auf Abenteuer aus, um Berlin in allen seinen Einzelheiten zu entdecken. Auch das gehörte ja dazu. Und dann das Studium! Daß ich dasselbe nicht bloß auf die militärischen Fächer beschränkte, verstand sich von selbst, wenn je, so war jetzt die Gelegenheit, meinem alten Sehnen nachzugehen, mich auf jene Höhe der Erkenntnis hinaufzuringen, von der ich mir so viel versprach. Und das Studium der Geschichte, dem ich mich jetzt mit doppeltem Eifer widmete, schien mir das ja auch zu geben. Zunächst wenigstens. Mit welcher Begeisterung hörte ich die Flammenworte Treitschkes, wie lauschte ich dem hinreißenden Mommsen, dem kühl abwägenden Droysen, dem ehrwürdigen Max Dunker! Aber wie einst bei den Naturwissenschaften, so begnügte sich der rastlos grübelnde Geist bald auch hier nicht mehr mit den Tatsachen, sondern wollte in das Wesen der Dinge eindringen, ihr innerstes Walten und Weben verstehen. Auch der praktische Soldat sprach unwillkürlich mit, der aus der Kriegsgeschichte seine positiven Nutzanwendungen zog. Welchen Zweck hatte dieses ganze Studium vergangener Tatsachen, wenn es nicht zu positiven, nutzbringenden Ergebnissen führte? Und lag denn diese Nutzanwendung nicht ganz nahe? Wo ich mich im Zentrum des politischen Lebens befand, das hier so viel lebhafter pulsierte, als bei uns zu Hause! So wurde der schon in London erwachte Sinn fürs politische noch mehr angeregt, und neben den geschichtlichen Studien warf ich mich auf Staatswissenschaft und Politik und hörte mit großem Eifer die Zelebritäten der Universität in diesen Fächern. Vergangenheit und Gegenwart begannen in mir zu streiten, und mehr und mehr gewann die letztere die Oberhand. Ich besuchte viel den Reichstag, begeisterte mich an Bismarcks Riesengestalt, ging in Versammlungen aller Art und wurde theoretisch ein so leidenschaftlicher Politiker, daß mir diese Beschäftigung geradezu als das gesuchte Ideal erschien, war es nicht das höchste, die Menschen zu leiten, ihren Sorgen abzuhelfen? Der Sommer 1882 brachte mich dann auf ein Vierteljahr zu einem Kavallerieregiment nach dem Osten, wo es allerhand neue Eindrücke, insbesondere auch recht feudaler Art gab. Ich lernte da ferner das Leben auf den großen Gütern und seine Vertreter kennen, für die ich mich als Süddeutscher naturgemäß besonders interessierte. Sie imponierten mir auch mit ihrer unzerstörbaren Lebenskraft, ihrer Bestimmtheit in allem und jedem, ihrer Zähigkeit und Konsequenz, die sich überall so entschlossen durchzusetzen wußte. Sprach da nicht die Tat gegenüber den doch etwas verworrenen Berliner Ideen, und war dieses scheinbar völlige Aufgehen in dem Staatsgedanken nicht vielleicht das, was mir als dunkles Ziel vorschwebte? Nebenbei kam auch mein Herz in Wallung und eine kleine Idylle entspann sich, die vielleicht ernsthaft geworden wäre, wenn nicht ... Aber ein solches »Wenn nicht« ist ja meist vorhanden. Als ich dann zum Schluß 14 Tage freie Zeit für mich hatte, schwankte ich lange, was ich tun solle. Nach dem Manöver-Wanderleben von Gut zu Gut erschien mir die Großstadt wieder besonders anziehend. Warum also nicht nach Berlin zurückfahren, wo ich meine Bequemlichkeit hatte und mir alles winkte, was mein Herz begehrte? Was hatte ich denn noch draußen in der Welt verloren, in dem fernen Osten, wo sich so wie so kein anziehendes Reiseziel bot! Aber da reizte wieder das Unbekannte, und der Wandertrieb siegte. Und so merkwürdig es vielleicht klingen mag: Wenn mich in Schottland der Norden angezogen hatte, so war es jetzt der Osten, gerade weil er so unbekannt und verrufen war. Krakau, mein erstes Reiseziel, erinnerte mich in mancher Hinsicht an Italien. Die engen Straßen, die hohen mittelalterlichen Häuser mit den großen, von Galerien umgebenen Innenhöfen, die zahlreichen Kirchen und Türme, das stattliche Schloß, die fremdartigen Gestalten mit ihren bunten Trachten auf den starkbelebten Straßen, das alles hatte für mich einen südlichen Anstrich und gefiel mir. Wenn nur der Schmutz nicht gewesen wäre! Nun ja, ich war eben verwöhnt, hatte es auf allen meinen bisherigen Reisen, wo ich stets komfortabel leben konnte, viel zu gut gehabt. Aber so oft ich mir das auch sagte, zu einer reinen Freude kam es nicht, und immer wieder überlegte ich mir, ob ich nicht doch nach Berlin zurückfahren solle. Da, auf dem Cosciusco-Hügel, dem polnischen Nationaldenkmal in der Nähe der Stadt, wurde ich doch ergriffen durch einen überwältigenden Rundblick. Vor mir die weite Ebene mit ihren unbegrenzten Fernen, dazwischen das Silberband der Weichsel, die sich bis zum Horizont durch das grüne Gewoge der unermeßlich sich ausdehnenden Wälder schlängelte, dort die Türme Krakaus im Sonnenglanz und über der kahlen Hochfläche der Babia Gura die wilden Zacken der Hohen Tatra! Ja, das war es! Was ging mich Krakau mit all seinen Sehenswürdigkeiten an! Dort im Gebirge lag mein Ziel. Das brachte wieder Leben in mich, und ich zog sofort entschlossen los. Freilich, so ganz einfach war die Sache nicht. Daß mich auf der Eisenbahnfahrt nach Wieliczka zwei Bauernfänger mit dem Kümmelblättchen zu fangen versuchten, war schon nicht gerade ermunternd. Der Gedanke, in die Gesellschaft von solchen Strolchen mit ihren abgetretenen Hosen und rabenschwarzen Fingernägeln zu kommen, hatte etwas recht Peinliches für mich. Immerhin habe ich selten dümmere Gesichter gesehen, als die der beiden Gentlemen, die wie begossene Pudel das Weite suchten, nachdem sie so gar nichts erreichten. Das Salzbergwerk von Wieliczka mit seinen von Fackeln beleuchteten Gängen, mächtigen Hallen, malerischen Kapellen und Salzsäulen war hochinteressant, und die Fahrt über den weiten, unterirdischen See, dessen turmhohes Gewölbe in dem Feuer von bengalischen Lichtern und Raketen erstrahlte, feenhaft. Wie das glitzerte und sprühte auf dem dunklen Wasser, bis hinauf zu den weiten Kuppeln! Auch der Tanz mit der hübschen, feurigen Polin war pikant genug, und nur ungern kam ich wieder ans Tageslicht, wo mich sofort wieder dieser entsetzliche Schmutz anstarrte, den ich nicht ertragen konnte. Also weiter! Mein Ziel, Zakopane, war rund 90 Kilometer entfernt. Davon wollte ich trotz der bald einbrechenden Nacht wenigstens noch ein Stück herunterlaufen. So begann die Tour, auf der ich das Wandern lernen sollte. Die ersten Versuche, ein Unterkommen zu finden, die ich nach einigen Stunden unternahm, waren recht wenig erfreulich. Ich kam in völlig menschenunwürdige Höhlen hinein, und immer wieder trieb es mich rastlos weiter. Schließlich freilich, in der Not frißt der Teufel nun einmal Fliegen, mußte ich wohl oder übel mit einer Herberge vorlieb nehmen, so wenig einladend sie auch aussah. Ein malerisches Halbdunkel herrschte in der niedern, durch eine beinahe undurchdringliche Wolke schauderhaftesten Tabakqualms verräucherten Stube, und nur mit Mühe konnte ich eine Anzahl Bauern erkennen, die auf den an die Wand geschobenen Tischen saßen. Lebhaft gestikulierend unterhielten sie sich, tranken einen ätzend riechenden Schnaps, qualmten wie die Wilden aus ihren Holzpfeifen und spuckten beständig in das mehr als zweifelhafte Lokal. Na ja! Zunächst verstand mich kein Mensch, bis sich schließlich der Wirtssohn, ein Krakauer Student, meiner annahm und mir als Dolmetscher diente. Vorsichtigerweise bestellte ich zunächst ein halbes Dutzend Eier, die mir als das Appetitlichste erschienen. Schlimmer stand es mit dem Wein, denn schon beim ersten Schluck hatte ich wohlgezählte vier Fliegen im Mund. Da ich mich nun in dieser Weise doch nicht auf Fleischnahrung einlassen wollte, so bequemte ich mich eben zum Wasser. Ein gutes Wasser war doch das wenigste, was man auf dem Lande verlangen konnte. Freilich, trotz größten Durstes mundete auch das recht eigenartig, und so stellte ich schließlich den irdenen Krug, in den man nicht hineinsehen konnte, mürrisch beiseite. Als die Leute dann gegangen waren, warf der Wirt einen Haufen Stroh in das Zimmer, auf dem ich, eingewickelt in meinen Plaid, zu schlafen versuchte, bis ich trotz des Tabakqualms merkte, daß es schon benützte Pferdestreu war. Auch meine Versuche, mich am andern Morgen zu waschen, waren nicht sehr erfolgreich. Nachdem es mir nicht gelang, ein einigermaßen sauberes Wasser zu erhalten, ging ich selbst an den großen Ziehbrunnen, förderte aber trotz aller Bemühungen immer nur schmutziges Schlammwasser zutage. Schließlich meinte mein Student, der mir mit unverhohlener Verwunderung zusah: »Wenn Sie gestern von dem Wasser getrunken haben, so können Sie sich doch heute auch damit waschen.« Ein heißer und recht anstrengender Tag auf staubiger Landstraße folgte, denn ich hatte eine heilige Scheu vor allen Wirtschaften und ging in weitem Bogen um sie herum. Als ich dann gegen Abend gar zu müde wurde, nahm ich einen Wagen, um nach Neumarkt zu fahren, dem einzigen sogenannten Städtchen, das auf meinem Wege lag, denn eines stand für mich fest: heute wollte ich in einem richtigen Bett schlafen. Es war eine Art Berner Wägelchen, in dem ich auf Stroh verstaut wurde, etwa wie man die Kälber zum Markt fährt, aber immerhin! Es lag sich bequem darin, die fremdartige Landschaft unter dem prächtigen Sternenhimmel mit dem vom Mond beschienenen zackigen Gebirge am Horizont nahm sich hochromantisch aus, und ich kam doch vorwärts. Wenigstens dachte ich so. Aber als ich einige Zeit etwas eingenickt war und wieder erwachte, bemerkte ich mit Erstaunen, daß der Wagen hielt, das Pferd an einem Bündel Klee fraß, während der Kutscher gemütlich schnarchend im Straßengraben lag. Eine kurze Auseinandersetzung folgte. Aber weder Bitten noch Drohungen konnten den Mann bewegen, sich auch nur zu rühren, und es machte keinerlei Eindruck, als ich mit der Verweigerung der Bezahlung drohte. Er bedeutete mir nur immer wieder, daß ich ruhig gehen könne. Damit freilich war mir auch nicht gedient. Es war schon spät, ich kannte weder Weg noch Steg und hätte mein Ziel sicher nicht erreicht. So gab ich eben nach, legte mich wieder hin und schlief weiter. Wohl eine Stunde mochte so vorgegangen sein, als das Fuhrwerk sich doch wieder in Bewegung setzte, so daß wir endlich nach Mitternacht Neumarkt und damit ein sogenanntes Hotel erreichten. Es dauerte einige Zeit, bis der Wirt geweckt war und mich in ein Zimmer mit zwei Betten führte unter dem Hinweis: »Das ist Ihr Bett.« Ich freilich war nicht so schnell zufrieden und verlangte eine Flasche vom besten Ungarwein, den er im Keller habe. Das imponierte ihm augenscheinlich, und als er mit dem Gewünschten zurück kam, meinte er gutmütig: »Legen Sie sich lieber in das Bett, das ist noch frischer.« Mein Weggang am andern Morgen, als ich mir erst noch das »Städtchen« betrachten wollte, glich einer Flucht. Nie habe ich etwas Trostloseres gesehen, als diese niedern Blockhütten mit ihren verwitterten Strohdächern, die beinahe bis auf den Boden heranreichten, dem unsagbaren Schmutz und den überall auf der Straße frei herumlaufenden Schweinen. Weiter, nur weiter! Als es dann aber auch noch in Strömen zu regnen begann, wurde ich doch allmählich nachdenklich. Was wollte ich denn eigentlich? Was für ein Esel war ich doch, so von aller Zivilisation wegzurennen, immer tiefer in den Schmutz hinein! Wie ein Stromer, wahrend ich bequem in Berlin sitzen konnte! Da kam plötzlich die Erleuchtung in Gestalt eines Selbstgesprächs, das mein innerer Mensch mit mir hielt. »Alter Freund«, meinte er, »du bist ja wirklich zu dumm! Was nützt dich denn all der Ärger, nachdem du dich selbst in den Dreck gesetzt hast und doch nichts mehr zu ändern ist! Außerdem, was gehen dich denn Wind und Wetter, Schmutz und Ungeziefer, polnisches Bettzeug und Pferdestreu an, wenn du nur du selbst bist, der große Philosoph, der sich über alles hinwegsetzt! Dir fehlt der Humor. Also sei gescheit, blamier dich nicht und zieh dich heraus aus dem Sumpf, mein lieber Münchhausen, auch wenn's am eigenen Schopf sein muß!« Das tat ich denn, und wenn es zunächst nur Galgenhumor war, als ich mich in dem strömenden Regen an den Bach neben der Straße setzte, einen kräftigen Schluck daraus trank und den letzten Bissen meines Proviants verzehrte, fest entschlossen zu absolutester, unermeßlicher Wurstigkeit, so war es doch Humor. Und bald bewährte sich dann auch das Sprüchlein: »Nun hab ich mein Sach auf nichts gestellt Und mein gehört die ganze Welt.« Es wurde heller und heller in mir, ich fühlte ordentlich, wie ich mich über die Dinge erhob, die Welt mir untertan wurde. Ich hatte das Wandern gelernt. Das Wandern! Auch das Leben ist ja ein Wandern, und auch da suchte ich mir einen Standpunkt, von dem aus ich die Welt mit mildem Humor betrachten konnte, aber da freilich hatte ich das befreiende Wort noch lange nicht gefunden, und es gab noch manches polnische Abenteuer zu verdauen. Zunächst nahmen jetzt auch die Dinge einen freundlicheren Anblick an. In Zakopane, einem richtigen Touristenstandquartier, traf ich ganz annehmbare Unterkunftsverhältnisse vor, sowie eine Gesellschaft unterhaltsamer Beamter des dortigen Eisenwerks, die froh waren, ein neues Gesicht zu sehen und in der Annahme: »Aha, da kommt wieder einer, der vor der Tatra Respekt bekommen will«, mir des Abends am Biertisch grausige Geschichten von blutdürstigen Bärinnen und sonstigen Schrecken aller Art versetzten, wofür ich mich dann meinerseits durch die unglaublichsten Abenteuer, die ich angeblich erlebt hatte, revanchierte. Im übrigen erwies sich die Tatra als ein ideales Gebirge, in dem damals wenigstens eine geradezu erfrischende Ursprünglichkeit herrschte. Da waren vor allem richtige Urwälder mit halb vermoderten, umgefallenen Stämmen, Gestrüpp und Gebüsch, dazwischen reißende Wildbäche mit mächtigem Geröll und Wasserfällen und darüber die gewaltigsten phantastischen Felsgestalten, alles wie geschaffen für mein romantisches Gemüt. In den Vorbergen der Hohen Tatra. Die ersten Tage wanderte ich allein in den Vorbergen herum, und es war mir eine Wonne, durch Bäche zu waten, an den Felsen emporzuklettern, Umschau über die Lande zu halten und den Bärinnen nachzuforschen, von denen ich aber nur einmal eine hinterlassene Spur zu sehen wähnte. Dann machte ich die bekannte Tour zu dem prächtigen Fischsee, dem Glanzpunkt der Tatra, und kam damit in das eigentliche Gebirge. Als höchster Teil der Zentral-Karpathen und auf engsten Raum zusammengedrängt, hebt es sich 100–1500 Meter scharf und plastisch aus dem umgebenden Land heraus und bildet eine Welt für sich, die an wilder, ursprünglicher Pracht nichts zu wünschen läßt. Wohl ragen die Gipfel nur wenig aus den steilen Kämmen hervor, aber auch die Pässe bilden nur geringe Einschnitte, so daß man den Eindruck übermächtiger Mauern erhält, die sich überaus gewaltig auftürmen. Dieser wilde Eindruck wird noch verstärkt durch eine merkwürdige, sozusagen unfertige Talbildung. Statt langgestreckter Täler erhebt sich ein Trümmerkessel über dem andern, durch steile Wände getrennt, an denen Wasserfälle herabstürzen, die den zahlreichen, in den Kesseln liegenden Seen, sogenannten ›Meeraugen‹, entstammen und im Verein mit den Wäldern das Bild eigen beleben. Ein Führer namens Gasienica begleitete mich. Ein richtiger Pole, in rotumsäumter, heller Flanelljuppe und eng anliegenden Hosen nahm er sich mit seinen scharfgeschnittenen Gesichtszügen und rabenschwarzen Flechtenhaaren unter dem umgestülpten Banditenhut recht malerisch aus. Auch sprach er einigermaßen Deutsch und war ganz intelligent, wäre der Schweißgeruch nicht gewesen, man hätte wahrhaftig Freundschaft mit ihm schließen können. Zunächst ging es zum Czarny Staw, einem inmitten gewaltiger Felswände und weiter Trümmerfelder gelegenen, einsamen See, dessen ruhige, dunkle Fläche, Czarny Staw heißt Schwarzsee, einen merkwürdig toten Eindruck machte. Noch verlassener war der darüber liegende Eissee mit seinen verschneiten Ufern und schwimmenden Eisblöcken. Auf der trümmerbedeckten Paßhöhe des Zawrat, die mühsam erklettert wurde, kamen wir dann in die Nebel hinein und mußten uns statt der Aussicht damit begnügen, Felsblöcke in die Tiefe zu rollen, um das Gefühl der Verlassenheit los zu werden. Bei den polnischen fünf Seen war dann wieder besseres Wetter, und wir hatten herrliche Blicke über das verlassene Tal mit seinen stillen Wassern. Geradezu abenteuerlich romantisch wurde mir der Abend am Fischsee. Schon seine Lage inmitten des trümmerreichen Bergeskranzes regte meine Phantasie aufs höchste an. Dazu das Übernachten in der aus mächtigen Stämmen rohgezimmerten Blockhütte! Da sich in der Nähe nur Gestrüpp vorfand, so erklärte Gasienica, er wolle Holz herbeischaffen und verschwand, während ich daran ging, mich in der Hütte häuslich einzurichten, wo außer einigen Holzbänken und Pritschen nichts vorhanden war. Ich sammelte zunächst Kleinholz, zündete ein Feuer im Kamin an und kochte mir Tee. Dann richtete ich aus Tannenreis ein Lager her. Es war das erstemal, daß ich so etwas tat, und ich träumte mich unwillkürlich in die jugendlichen Indianergeschichten hinein, die mich seinerzeit so sehr in Anspruch genommen hatten. Lederstrumpf! das war die Idee, die mich in dem einsamen Blockhaus am See mehr und mehr ergriff. Auch an dem Gruseligen sollte es nicht fehlen. Eine gute Stunde war verflossen, es begann rasch zu dunkeln, ohne daß sich Gasienica wieder gezeigt hätte, und all mein Suchen und Rufen war vergeblich. Wo war der Mann? War ihm etwas zugestoßen, war er durchgegangen, oder was hatte er sonst vor? Da, ich traue meinen Augen nicht, als ich plötzlich eine Art Fahrzeug mitten auf dem weiten See, ein mit hohem Geländer versehenes Floß, sehe, das langsam auf das Ufer zutreibt. Wahrhaftig, es ist Gasienica, der zwei mächtige Bäume gefällt hat, mit denen wir nun ein Riesenfeuer anzünden, kochen und um das wir zu einem höchst unterhaltsamen Abend herumsitzen. Ehe ich mich schlafen legte, ging ich noch einmal hinaus. Es war eine sternenhelle Nacht, unermeßlich hoch hoben sich die Felsen aus der weiten Fläche mit ihren vom Mond beleuchteten Silberstreifen, und mitten im See zog das Floß vom Winde getrieben langsam dahin. Es lag etwas Magisches in dieser ruhigen, selbsttätigen Bewegung auf dem dunkeln, verlassenen Wasser, und wieder mußte ich an die Lederstrumpferzählungen denken, wo Kutters Arche auch so ziel- und planlos auf dem Urwaldsee hin- und hergetrieben wird. Weniger romantisch war es während der Nacht. Trotz meiner Tannenzweige lag ich auf der verdammten Pritsche so hart, daß mich alle Knochen schmerzten. Dabei fuhr der Wind durch die schlecht gefügten Stämme der Hütte und es fror mich zum Erbarmen. Auch am anderen Morgen sah's recht trübe aus. Bei strömendem Regen erstiegen wir die zum Meeraugsee führende Talstufe, und trotz Gasienicas Einspruch versuchte ich, die Besteigung der Meeraugspitze zu erzwingen. Fischsee mit Meeraugspitze. Aber als wir uns nach mehrstündigem Steigen schließlich in den Nebeln verloren und der Regen immer toller wurde, gab ich nach. Drunten in der Hütte ging mir dann der geringe Vorrat an Proviant so auf den Magen, beziehungsweise der Blick auf die drei aus meinen Stiefeln herausstehenden Zehen so zu Herzen, daß es mich trotz aller Bedenken Gasienicas unwiderstehlich nach den Fleischtöpfen Zakopanes zurücktrieb. Diese Bedenken waren insofern nicht ganz ungerechtfertigt, als es sich um einen sechsstündigen Marsch durch nächtlichen Urwald handelte. Wohl hatten wir einen Lichtstumpen bei uns, der uns an den schwierigsten Stellen wenigstens einigermaßen ein Weiterkommen durch das Gestrüpp und über die umgefallenen, durcheinander liegenden Baumstämme ermöglichte, im übrigen aber herrschte rabenschwarze Nacht, und ich wundere mich heute noch, wie mein edler Pole sich immer wieder zurechtfand. Er muß geradezu einen Zugvogelinstinkt gehabt haben. Es war schon lange nach Mitternacht, als wir endlich an dem ersehnten Ziel ankamen. Andern Tags wurde die Einweihung eines neuen Etablissements des Eisenwerks gefeiert. Die Festlichkeit trug einen streng nationalen, das heißt in diesem Fall polnischen Charakter. Der Norden des Gebirges für die Polen, der Süden für die Magyaren, das war die Parole, die nach dem Grundsatz, wer am meisten schreit, hat recht, mit schroffstem Fanatismus durchgeführt wurde. Um die zahlreichen, gerade hier ansässigen Deutschen, Slowaken, Slowenen, Ruthenen und Zigeuner kümmerte man sich einfach nicht, und leider ließen die sich's gefallen. Sie boten ein hübsches Bild, alle diese malerischen Gestalten mit ihren bunten Trachten, lebhaften Bewegungen und lauten Ausrufen. Bei der Rede des Direktors passierte ein humorvolles Mißverständnis, das dem zahlreich vertretenen weiblichen Teil seiner Familie keinen geringen Schreck einjagte. Als der Mann, der nun einmal nur Deutsch konnte, er war ein richtig gehender gemietlicher Sachse, seine Rede mit der »unwiderstehlichen Wucht der vereinten Kräfte« schwungvoll endete, stürzten zwei handfeste Kerle auf ihn los, packten ihn an den Beinen und hoben ihn hoch, als wollten sie ihn zum Fenster hinauswerfen, wie weiland die Prager Ratsschreiber zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, und es mußte der halb ohnmächtigen Frau Direktorin erst klar gemacht werden, daß es landesübliche Sitte sei, denjenigen, den man hochleben lasse, der Versammlung triumphierend zu zeigen. Die Rede war nämlich mißverstanden worden: man hatte geglaubt, der Direktor lasse sich selbst hochleben. Sehr hübsch war der Tanz, der nun einsetzte. Erst war es nur eine Polka, die aber bald zu dem allgemeinen stürmischen Verlangen nach einem Czardas führte. Das elektrisierte die hübsche junge Polin, die bei dem Direktor zu Gaste war, so, daß sie sich einen jungen Burschen heranwinkte, der ihr als guter Tänzer bezeichnet wurde. Und nun kam ein Tanz der beiden, wie ich ihn nicht für möglich gehalten hätte. Jede Muskel, jede Fiber war angespannt, das wirbelte nur so in völligem Selbstvergessen. Das Volk aber stand in bewundernder Andacht im Kreis herum, schaukelte den Rhythmus in Knien und Hüften mit und betrachtete sich jede einzelne Bewegung mit begeistertem Kennerblick, obgleich die Sache wohl über eine halbe Stunde dauerte. Swinica. Der folgende Tag, an dem ich Zakopane endgültig verließ, um über das Gebirge nach Schmecks zu gehen, brachte meine erste Hochtour. Es war gewissermaßen eine Besteigung wider Willen. Wir hatten ursprünglich die Absicht gehabt, auf die stolze Swinica (2306 Meter) zu gehen und packten den Berg auch aus der Gegend des Lilijove-Passes an, da aber bald dicker Nebel einfiel und Gasienica mit seinen Sandalen auf dem mit Neuschnee bedeckten glatten Gestein beständig rutschte, so erschien die Sache auch mir bedenklich, und er vermochte mich zu überreden, den Berg in halber Höhe zu umgehen, um in das Tal der polnischen fünf Seen abzusteigen. Unser gutes Geschick freilich wollte es anders. Immer wieder schreckte Gasienica vor den Steilhängen zurück und stieg unwillkürlich in die Höhe, indem er gewissermaßen einen Pfropfzieherweg um den Berg beschrieb. Bis schließlich nichts mehr zum Ausweichen da war. Wir mochten die Sache drehen und wenden wie wir wollten, wir waren nun einmal oben. Darüber ließ auch die Gipfelflasche mit den Karten keinen Zweifel. Nun, wir fanden uns fröhlich in unser Geschick, bauten aus Felsblocken einen Windschirm, kochten Tee, und ich freute mich mächtig über diese, wenn auch etwas eigenartige Besteigung. Konnten wir doch auch dann und wann, wenn die Nebel zerrissen, ein Stück der herrlich wilden Aussicht betrachten. Mißlich war dann freilich der Abstieg, denn einmal mußten wir schließlich doch hinunter. Wohl zog Gasienica seine Sandalen aus und kletterte trotz des Schnees barfuß, aber es gab doch manche Situation, die uns recht heikel vorkam, so sehr ich mich bemühte, durch unsere zusammengebundenen Riemen an Stelle des mangelnden Seiles Abhilfe zu schaffen. So verging manche Stunde in Hangen und Bangen, bis wir endlich das Tal der polnischen fünf Seen erreichten, wo wir in einer kleinen Hütte auf hartem Boden in dem Rauch und Qualm eines schlecht brennenden Feuers und inmitten einer überreichen Fauna die Nacht verbrachten. Andern Tags machte ich dann eine Reisebekanntschaft in Gestalt eines französischen Leutnants, der sich mir anschloß, und wenn es auch wiederum wegen schlechten Wetters nicht gelang, die Meeraugenspitze zu ersteigen, so unterhielten wir uns doch vortrefflich an dem Kaminfeuer in der Roztokahütte. Mein Gefährte wußte da allerhand Interessantes von Algier, Spanien, Montenegro und Korsika zu erzählen. Der dann folgende Marsch durch das Poduplaskital und über den polnischen Kamm war hochinteressant. Ich habe kaum je solche romantische Wildheit und Ursprünglichkeit gesehen, und nach der Anstrengung war die Erholung in dem vornehmen Schmeckser Hotel doppelt angenehm. Die Widrigkeiten zu Anfang dieser Reise hatten sich humorvoll verklärt, die schöne Tatra hinterließ mächtige Eindrücke in mir, und daß es mir in Berlin nun doppelt gut gefiel, brauche ich wohl kaum zu sagen. Tofana. Während der nun folgenden anderthalb Jahre kam es außer einigen Ausflügen nach Rügen, Kopenhagen, dem Harz, Riesengebirge usw. zu keiner größeren Reise. Ich war zu beschäftigt, und auch der plötzliche Tod meines Vaters, dem ich so vieles verdankte, verhinderte mich daran. So begann die Berliner Freizeit ihrem Ende zuzuneigen, und ich fühlte mit wachsendem Unbehagen den Alltag heranrücken. Was hatte ich denn nun eigentlich erreicht? Erreicht in dem Leben, das mir gehörte, mit meinem Streben, mich über dieses Daseins Enge zu erheben, das mich zu Studien aller Art ebenso wie in fremde Länder getrieben hatte. Hatte ich die ersehnte Höhe erklommen, von der aus ich die Welt und das Leben in erhabener Ruhe betrachten und an mir vorbeiziehen lassen konnte? Der Leser lächelt. Als ob es so etwas gäbe! Und doch, trifft man noch manchmal Sonnennaturen, denen kein Leid beizukommen scheint, die stets nur Freude um sich streuen und zu allem milde zu lächeln vermögen? Freilich, dafür war ich zu grüblerisch und skeptisch, in gewissem Sinn auch zu trotzig. Aber gibt es nicht auch für solche Naturen ein Freiland, in das sie sich flüchten können, hat unser Herrgott das Glück nur für die Sanguiniker geschaffen? Mag dem nun sein, wie ihm wolle, zunächst war und blieb dieses Land für mich Fremdland. Bei den Wanderungen auf den Gebieten des Wissens wie beim Durchstreifen fremder Länder. Grödner Alpen von Campitello im Winter. Beim Studium hatte ich mir gewiß die ehrlichste Mühe gegeben. Vergebens! In den Naturwissenschaften hatte ich mich in den fernsten Fernen der Vorzeit verloren, mich mit den Fragen ursprünglichen Werdens beschäftigt, die mein, bei aller philosophischen Neigung militärisch positiver Geist schließlich doch als unerheblich für meine Weiterentwicklung bezeichnen mußte. Ähnlich war es mir bei der Geschichte ergangen. Die Begeisterung allein hatte mir nicht genügt. Auch hier sollte doch das Studium einen positiven Zweck haben, und die wachsende Einsicht, daß unsere beschränkte, nur in einzelnen Linien verlaufende Denkweise die gleichzeitige Vielseitigkeit des einstigen Geschehens nicht wahrhaft erfassen, es höchstens in allgemeinsten Umrissen und nur rein subjektiv meistern konnte, hatte den Blick mehr und mehr nach der lebensvolleren Gegenwart gelenkt. Und nun die Politik! Ich glaube, ich kann darüber schweigen. Jedenfalls zeigte sich mir da bald die Macht der realen Interessen, die, von großen Worten umrankt, schließlich doch allein ausschlaggebend sind und nur noch tiefer in das Gewirr der Leidenschaftlichkeit hineinführen. Nein, da lag die erstrebte Höhe wirklich nicht. Nun hätte ich mich ja allerdings nur zu beschränken brauchen, wie man das in jedem Beruf als selbstverständlich tut und ich es in dem meinen auch tat. Aber hier, in meinem Freiland, wollte ich doch gerade universell sein, mich keinen praktischen Notwendigkeiten beugen. Wenn ich mir somit bei meinen Studien wie ein Wanderer ohne rechtes Ziel und wirkliche innere Befriedigung vorkam, so war das in meinem eigentlichen Wanderleben allerdings besser. Ich hatte da gar manches Interessante an Ländern, Völkern und Menschen gesehen, für meine Jugend und die damalige Zeit sogar recht viel, und war so begeistert darüber, daß ich mein Leben unwillkürlich in ein reisendes und nichtreisendes einteilte und z. B. damals schrieb: »Wenn ich erst in der Reisestimmung bin, dann verschwindet mir der Alltag, und neben der aussichtsreichen Zukunft gibt es für mich nur noch die schöne Vergangenheit, wo ich der Daseinsfesseln los und ledig war. So knüpfen sich die Bilder der Freiheit zusammen, gewissermaßen die Licht- und Ruhepunkte in meinem Leben, denn für gewöhnlich ist bei mir alles Hast und Unruhe, ein ewiges Vorwärtsdrängen, Sehnen und Suchen, und erst wenn die Unruhe Selbstzweck wird, wie beim Wandern, komme ich zu mir selber und bin in meinem Element.« Aber stimmte das denn auch wirklich? War es nicht nur eine Art von Extase, die ich mir einbildete? Während ich in Wahrheit doch an dieser Unruhe litt, eine Leere empfand, die keine rechte innere Harmonie aufkommen ließ. Entsprach denn das bequeme Bummeln durch die Lande wirklich meinem innersten, so grüblerischen Wesen? Floß nur fröhliches Wanderblut durch meine Adern? Da traf es sich, daß ich zufällig Whympers Matterhornbuch in die Hände bekam. Ich verschlang es ordentlich, und es wurde mir geradezu zum Erlebnis mit seiner einzigartigen Bergesliebe, die ich so gut verstand, seiner Lust an der Gefahr, die mich so reizte, seinem Heldentum im Bestehen derselben, das mir so sympathisch war. Ja, da lag es! Es war das Heroische, das mir fehlte, das mir innerstes, unbewußtes Bedürfnis war. Was nützte mir alle Kenntnis von Ländern und Völkern, die doch nur das trockene Wissen bereicherte, was hatte ich von all den kleinen Wanderabenteuern, die so bald wieder vergessen waren, wo mein Herz sich nach der Tat sehnte, in deren Hangen, Bangen und Erleben mehr Glück lag, als alle Schulweisheit oder Einbildung von Erlebnissen mir zu bieten vermochte. Mein Entschluß war rasch gefaßt, wenn ich auch nicht das Matterhorn besteigen konnte, so konnte ich doch, da es gerade Winter war, überall in den Bergen alles nur Wünschenswerte an Abenteuern und Gefahren erleben. Also, ich ging auf und davon in das nächstliegende Gebirge, die Hohe Tatra. Erste Wintertouren. »Was gibt es Trostloseres als einen späten Herbsttag im Hochgebirge! Stumm sitzt das zusammengeschmolzene Häuflein der Gäste in einer Ecke des großen Hotelsaals in Überziehern und friert, während draußen ein eisiger Wind das Tal hinunterfegt und der düster bewölkte Himmel das bißchen Sonne gänzlich fernhält. Der einzige noch übriggebliebene Kellner hat seinen Frack schon längst an den Nagel gehängt. Der Mensch wagt sich bei ihm wieder an die Oberfläche, selbst er friert trotz seines warmen Rockes und seiner Filzschuhe. Auch der Wirt hat seine ewig gleiche Physiognomie verändert. Er ist jetzt mit dem Saisanabschluß beschäftigt und seine Trostsprüche auf gutes Wetter klingen weniger hoffnungsvoll; augenscheinlich sieht er mit einer gewissen Spannung dem Schluß des Hotels entgegen. Den einzigen Lichtpunkt bildet schließlich ein gemeinsamer Grog. Mag das Wetter jetzt toben wie es will, was schadet's! Doch wie sieht es am andern Morgen aus! Man reibt sich die Augen, um recht zu sehen. Draußen liegt der erste Schnee, fußtief, dicke Wolken hängen an den Bergen und es schneit unaufhörlich weiter. Das Gehen ist so gut wie unmöglich geworden, die Post ist ausgeblieben und die Kälte unerträglich, was ist da noch zu machen, als schleunigst das Weite zu suchen! Der Schlitten wird angespannt, freundlich holt der geschäftige Wirt noch einige wollene Decken hervor und wünscht ein fröhliches Wiedersehen im nächsten Jahre. Die Saison ist geschlossen, und man ist herzlich froh, wieder unter Menschen zu kommen. Nichts ist natürlicher als das. Arbeitet doch auch die Phantasie die gewonnenen Eindrücke noch weiter aus und umgibt die Landschaft hier oben mit märchenhaften Vorstellungen von Schneemassen, Kälte, Unwetter, Lawinen und sonstigen Gefahren, welche den Wanderer abschrecken. Aber so rauh und häßlich der Einzug des Winters auch sein kann, so unfreundlich er sich nach den schönen Herbsttagen anläßt, er ist doch ganz anders, als man es sich vorstellt. Die Wolken ziehen das Tal hinab, und während sie wie ein bleierner Mantel über dem menschlichen Getriebe dort unten lagern, wölbt sich ein herrlich klarer, beständiger Himmel über den luftigen Höhen, und die Sonne wirft ihre freundlichen Strahlen über eine Welt von Schnee und Eis, wie sie gewaltiger kaum gedacht werden kann. Welche Pracht entfaltet sich da, welch gewaltige Größe ergreift das Gemüt in staunender Ahnung des Unendlichen! Wer aber, der Lust am Wagen hat, wollte nicht eindringen in diese eigen fremde Welt und ihre Rätsel erforschen? Freilich, man befindet sich da nicht auf gebahnten Pfaden und findet weder Rat noch Hilfe. Alles ist anders und die Schwierigkeiten sind ganz unberechenbar. Man geht also ernsten Prüfungen des Willens entgegen, und die unsicheren Verhältnisse verlangen die angespannteste geistige und seelische Tätigkeit ebenso, wie ein sicheres, entschlossenes Urteil. Wer also ein leichtes Vergnügen sucht, für den ist das winterliche Hochgebirge nicht geschaffen. Wer aber weiß, daß jeder wahre Genuß erkämpft werden muß, daß jede Leistung auch ihre Befriedigung mit sich bringt, der gehe getrost im Winter in die Berge, er wird sich reichlich belohnt finden. Die Freiwilligkeit, mit welcher man Mühen und Gefahren auf sich nimmt, die intensive Anspannung des Geistes und Gemütes, das Schweben zwischen Furcht und Hoffnung und das Bewußtsein, daß Tatkraft und Ausdauer alles leisten können, verschaffen ein erhebendes Gefühl und eine Befriedigung, die das Alltägliche niemals gewährt.« Diese und ähnliche Worte, die ich anfangs der neunziger Jahre schrieb, deuten auf den Umschwung hin, der damals zugunsten des alpinen Wintersports einsetzte. Wie bei der ersten bergsteigerischen Eroberung des so lange mißachteten Gebirges plötzlich alte Vorurteile über Bord geworfen wurden, so brauste jetzt noch viel schneller ein erfrischender Hauch über das Gebirge hinweg, um es sich auch in der bisher so verpönten Winterszeit dienstbar zu machen. Wenn man heutzutage sieht, wie alle Welt dem alpinen Wintersport huldigt, wie von den Hauptstädten des Flachlandes allsonntäglich übervolle Züge ins Gebirge eilen und auf die stets wachsende Zahl der Sportszentren blickt, denen die Wintersaison beinahe mehr bedeutet, als die des Sommers, so kann man sich kaum einen Begriff davon machen, wie ganz anders die Dinge früher lagen. Was jetzt ein selbstverständliches Vergnügen ist, galt als verrückt, ja beinahe als gemeingefährlich. Ein rodelnder Mann konnte sich überhaupt nicht oder höchstens bei Nacht sehen lassen und fiel, wenn er sich erwischen ließ, der Polizei zum Opfer. Mir selbst hat die heilige Hermandad einmal unter entsprechender Belehrung 1 Mark Strafe abgenommen, und ich tröstete mich nur damit, daß auch eine rodelnde Königin einst deshalb hatte verhaftet werden sollen. Im Gebirge selbst aber betrachtete es jeder als seine heilige Pflicht, einem alle nur möglichen Hindernisse in den Weg zu legen, denn das Bergsteigen galt geradezu als eine Art von Selbstmord. Inzwischen wurde nun allerdings in dem Ski ein Mittel zur Überwindung des Schnees, dieser Hauptschwierigkeit und Gefahr, geschaffen, das unermeßliche Erleichterungen brachte und die Dinge völlig veränderte. Die wenigen skilosen Touren von damals sind deshalb nur noch historische Reminiszenzen und als Übergangsstadium für immer abgetan. Die ungeheuerlichen Anstrengungen aber, die dabei auch auf den kleinsten Vorberg verwendet werden mußten, und von denen man sich jetzt kaum noch einen Begriff macht, sind schon deshalb interessant, weil sie auf die Unsumme von Begeisterung hinweisen, die den eigentlichen Wintersport in Schwung brachte, denn dieser konnte erst dann seine richtige Verbreitung finden, nachdem die Schönheiten des winterlichen Hochgebirges erschlossen waren. Diese Schönheit wurde einst vor allem durch das Gefühl der Verlassenheit beeinträchtigt, das gerade die bewohnten und zugänglichen Regionen im Winter unwillkürlich erwecken. Man sah in dem Schnee nur ein Leichentuch, das die blühende Farbenpracht der Natur vernichtete und verdeckte, und man kann sich ja auch kaum etwas Trostloseres denken, als ein einsames, verschneites Häuslein, um das die Bäume ihre kahlen Arme flehend nach dem düstern Himmel hinausstrecken, als eine Bank im Schnee, auf der sonst Liebende zu sitzen pflegen, ein Kreuz am Wege, ein Muttergottesbild, oder was sonst an Menschen-Freude, Glauben oder Leben erinnert. Mit dem Eindringen in das Gebirge wuchs dann aber doch das Gefühl für seine eigenartige Schönheit, für die weihnachtliche Pracht der Tannen zum Beispiel, deren Zweige sich so malerisch unter der Schneelast beugen, des Rauhreifs, der auch die feinsten Gegenstände mit seinem Silberkorn überzieht, für den Farbenreichtum des Schnees überhaupt, dessen langgestreckte Schatten die tiefstehende Sonne in beständiger Bewegung hält und ihnen ein so plastisches, geisterhaftes Leben gibt. Und welch beinahe überirdische Wucht nehmen die Felsenriesen über der verschneiten Landschaft an! Man betrachte sich nur unser Bild von den Grödner Alpen! Wie ganz anders stehen sie da, wieviel kälter, riesenhafter, unnahbarer über den verschneiten Hütten, als im Sommer! Daß das eigentliche Hochgebirge durch den Winter verhältnismäßig wenig verändert wird, ja zum Teil an Gestaltenreichtum einbüßt, ist ja richtig. Die Spalten der Gletscher sind verschneit, viele Rauhheiten eingeebnet, aber auch hier bieten Farbe und Lebhaftigkeit der wandernden Schatten prächtige Blicke, und ich brauche in dieser Hinsicht nur auf das Bild von dem winterlichen Grindelwalder Eismeer hinzuweisen. Freilich solche Schönheit, die sich aus der Einsamkeit und Kälte ergibt und das Gemüt bedrücken möchte, verlangt ein ganzes Herz, bedarf der befreienden Tat, die damals noch mehr als heutzutage notwendig war. Doch kehren wir wieder in das Jahr 1884 und in die Hohe Tatra zurück, der ich den ersten winterlichen Besuch abstattete, den sie überhaupt erhalten hat. Es heißt da in meinem, an einen Freund gerichteten Tagebuch: Sonntag, Poprad. »Welch prächtige Eisenbahnfahrt so unmittelbar an dem winterlichen Gebirge entlang! Berg an Berg, Zacken an Zacken in nächster Nähe, alles unermeßlich hoch und tief verschneit! Herrlich!« Montag, Schmecks. »Ich befinde mich schon mitten in der Krisis. Alle raten mir ab, beziehungsweise sträuben und weigern sich mitzugehen.« Dienstag früh, Schmecks. »Tiefer frischer Schnee ist gefallen, aber ich ziehe doch los.« Dienstag abend, Majlathhütte am Poppersee. »Da bin ich also inmitten der winterlichen Hochgebirgswildnis! Welch ein Kampf, bis ich heute früh endlich von Schmecks wegkam! Aber ich habe doch jetzt wenigstens einen Führer, der Schneid zu haben scheint, Jakob Horway aus Neu-Walddorf. An den Marsch hierher werde ich denken. Ein zehnstündiges Waten in metertiefem Schnee! Dazu noch mitten durch den Urwald, denn sofort hatten wir den Weg verloren. Unsere Blockhütte ist wunderbar am Poppersee, einem richtigen »Meerauge«, gelegen. Der Nebel, der an den Bergen hängt, macht das prächtige Winterbild noch düsterer und einsamer. Als wir endlich hier ankamen, fällten wir ein paar Bäume, machten ein Riesenfeuer und kochten drauf los, daß es eine wahre Freude war. Und wie das schmeckte! Jetzt sitzen wir am Kamin, trinken Ungarwein und schwätzen. Draußen heulen ein paar Biester, hin und wieder gehe ich hinaus. Man kann sich ja gar nicht satt sehen an solch einsamer Großartigkeit, die im Mondlicht doppelt wild wirkt. Ringsum diese riesigen Berge über den verschneiten Tannen! Drüben am See steht eine Gemse. Kein Rufen oder Pfeifen vermag sie in Bewegung zu bringen. »O Winterwaldnacht, stumm und hehr Mit deinen eisumglänzten Zweigen, lautlos und pfadlos, schneelastschwer, Wie ist das groß – dein stolzes Schweigen!« K. Stieler Majlathhütte, Mittwoch abend. »Nun hab ich wieder einmal meinen Willen durchgesetzt! wie hat man mich gewarnt und verhöhnt wegen meiner »verrückten« Idee, im Winter auf die Berge gehen zu wollen. Und die Redensarten machen doch etwas aus. Man wird schließlich scheu vor sich selber. Die Nacht habe ich auf einer schmalen Holzbank verbracht. Sie war hart um Steine zu erweichen, und es fror mich zum Erbarmen. Als ich um fünf Uhr aufwachte, fiel mein rechter Arm wie tot vom Leib herab. Er hatte besser geschlafen als ich, und ich brauchte volle 10 Minuten, um ihn durch Reiben und an die Wand schlagen wieder einigermaßen zum Leben zu bringen. Horway meinte, das Wetter sei miserabel, und einen Augenblick lang war ich schwach genug, trotz aller Qualen, mich wieder aufs Ohr legen zu wollen. Dann ging ich doch hinaus ins Freie. Einladend sah's ja da allerdings nicht aus. Dicker Nebel überall, alles grau in grau, dazu eine Hundekälte. Die brachte mich aber auch in Bewegung und zur Vernunft. Was sollte ich denn den ganzen Tag über in dem Loch da drinnen, das mir gestern abend ja ganz romantisch erschienen war, jetzt aber so entsetzlich öd und schmutzig aussah! Du weißt, daß ich mich seinerzeit zweimal vergeblich an der Meeraugspitze versuchte und – alte Liebe rostet nicht, vornehmlich wegen diesem Berg war ich hierher gekommen, er sollte der erste sein und er wurde es. Der Schnee war recht gut. Wir gingen glatt über die Tannenbäumchen weg, die bis auf die obersten Spitzen eingefroren waren, so daß wir schon nach Fünfviertelstunden die Froschseen erreichten und damit 400 Meter Höhendifferenz überwunden hatten. Dann stiegen wir ein steiles, schluchtartiges Tal nach rechts hinauf. Anfangs ging's gut. Später mußten Tritte gehauen werden, und glatt vereiste Felsen machten Schwierigkeiten. Dann kamen weite Kessel mit ungeheuren Steilwänden. Rechts die Tatraspitze, links die Meeraugspitze, dazwischen das Hunfalvy-Joch, alles noch immer unermeßlich hoch über uns. Welches Gefühl, wir zwei Menschlein zwischen solchen Schneemassen! Bald blendete uns dann der Sonnenreflex trotz unserer Brillen, und das Gesicht brannte recht schmerzhaft in der Glut, aber wir stiegen unentwegt weiter und erreichten nach langen Mühen das ersehnte Joch. Die Neugierde hatte mich vorwärts getrieben, und ich konnte es schließlich kaum mehr erwarten, bis die Mauer, die uns den Blick dort hinüber verbarg, sich senkte. Und der war ein Leben wert in seiner überwältigenden Wildheit! Dazu die Erinnerung! Ich sah die alten Wege wieder, die ich damals gemacht, tief, tief unten, und alles wurde wieder lebendig, was ich geschaut, gehofft, gefühlt und erlebt. Meeraugspitze (2503 m) mit Froschseekessel. Der weitere Anstieg wurde ziemlich gefährlich. Der zum Gipfel führende Grat war von überhängendem Schnee bedeckt, der leicht durchbrechen konnte. Ein Glück, daß Horway sich nicht darauf verstand. Schließlich kamen wir auf eine Art Vorgipfel und kletterten rittlings weiter, das eine Bein in diesem, das andere in jenem Tal, bis Horway erklärte, daß er da nicht mehr mitmache, wir versuchten es also auf dem steilen Hang zur Linken, wo uns der tiefe Schnee viel zu schaffen machte. Aber schließlich erreichten wir nach einigen Kletterkunststücken über vereiste Felsen doch gegen 1 Uhr den Gipfel. Wie triumphierte ich! Dazu diese Aussicht! Dort unten über der Welt ein Wolkenmeer, das nur in den weitesten Fernen die schneebedeckten Karpathengipfel hervortreten ließ, hier oben sämtliche Tatrariesen im eisigen Schneegewand, phantastisch über den tiefen Tälern mit ihren verschneiten, winzig kleinen Tannen und vereisten Seen. Wir ließen uns alle Zeit, kochten Tee und freuten uns königlich, wer weiß wie lange. Beim Abstieg kam dann sofort der Ernst wieder. Wir hatten uns zu lange aufgehalten. Der Schnee war von der Sonne so erweicht, daß wir bis über die Ohren einsanken und die Gefahr, Lawinen loszutreten, in nächste Nähe rückte. Eine Zeitlang überlegten wir ernsthaft, ob wir bis zum andern Morgen dableiben sollten bis der Schnee wieder gefroren war, dann aber siegte doch der Untersuchungsgeist, und wir kämpften uns durch so gut es ging. Jetzt sitze ich am Feuer und philosophiere. So etwas macht hier oben Spaß. Man ist da empfänglicher für Ewigkeitsmomente und ahnt den Weltengeist eher.« Donnerstag, am Csorber See. »Heute war's nichts. Wir versuchten uns vergeblich an der Tatraspitze (2562 m). Alles ließ sich zunächst gut an. Das Wetter war herrlich, der Schnee gut gefroren und die Aussicht prächtig. Nachdem wir das Trümmertal hinaufgestiegen waren, machten wir kurz vor dem Eissee linksum, in einen gewaltigen Kessel hinein, über dem unser Gipfel thronte. Er hat zwei durch eine Kluft voneinander getrennte Spitzen, zu deren Sattel eine steile Schneerinne hinaufführt. Auf sie hielten wir uns zu. Im übrigen merkte ich bald, daß ich mich in den Höhenverhältnissen verschätzt hatte. In endlosem, monotonem Schneebrechen, scheinbar ohne irgendwie vorwärtszukommen, kämpften wir uns unter unermeßlichen Mühen Stunde für Stunde vorwärts. So wurde es 11 Uhr, die Sonne brannte glühend herab, und der Schnee wurde weicher und weicher. Immer mehr zeigte es sich, daß wir zu spät losgezogen waren, wenn wir auch den Gipfel erreichten, so mußte es mit dem Abstieg doch eine recht bedenkliche Sache werden. Was Wunder, daß wir uns schließlich entschlossen, die Sache aufzugeben und nach einer Scharte im Hauptgebirgskamm zur Rechten hinaufzusteigen, um wenigstens noch jenseits hinübersehen zu können. Nach meiner barometrischen Messung waren wir 2400 Meter hoch, also etwa 150 Meter unter dem Gipfel. Den Rückweg trat ich mit etwas beklommenem Herzen an, doch ging es besser, als ich gedacht. Wir versanken zwar bis unter die Arme im Schnee, aber die Geschichte hielt doch. Mächtig anstrengend war's natürlich. Morgen geht's auf den Krivan (2496 m), deshalb der Wohnungswechsel.« Freitag, Majlath-Hütte. »Mein gestriges Quartier war großartig. Insassen: Ein Bauer mit Frau und Töchterchen und ein Troglodyt, als Sklave sozusagen. Letzterer sah fürchterlich aus. Ein langes, rabenschwarzes Flechtenhaar hing über das unterwürfige Gesicht, dazu als Anzug ein einziger großer Schmutzlumpen. Kein Quadratzoll war ungeflickt. Halb sitzend, halb liegend, kauerte das Ungetüm hinter dem großen Ofen und erinnerte mich lebhaft an die Höhlenbewohner in Shakespeares »Sturm«. Der Bauer und seine Frau waren freundlich und zuvorkommend. Sie holten mir alles herbei, was sie an Vorrat hatten. Während der Nacht schlief ich und Horway auf dem Boden, der Troglodyt hinter dem Ofen, das Töchterchen in der Wiege, daneben in der von unserem Zimmer durch eine offene Tür getrennten Küche das Ehepaar im Bett. Um 3 Uhr morgens brachen wir auf und zogen beim Schein einer Laterne unseres Weges, schweigend, nachdenklich, bis es allmählich Tag wurde, herrlich, als dann die Sonne kam! Hinter uns ein graues Wolkenmeer, ringsum der Tannenwald in seinem weißen Gewand, über uns die mächtigen Gipfel mit ihren kalten Dunstkappen, die das heranflutende Sonnengold mehr und mehr verschwinden ließ. Dazu über allem dieser bläulich rosafarbene Hauch, wie ein unbeschreiblich feines Gewand! Auch einige Birkhühner flogen vorbei, und da und dort begannen Vögel schüchtern zu zwitschern, als ahnten sie den Frühling. Ist es nicht etwas Wunderbares um so einen einsamen Winterwald? Immer wieder schmetterte ich mein Leiblied in die Lüfte hinaus: »O Morgenluft, o Waldesduft, o goldner Sonnenstrahl.« Nach etwa 3 Stunden kamen wir an den Fuß unseres Berges, an dem wir uns mühsam, aber ohne besondere Schwierigkeiten emporkämpften, bei jedem Schritt vorwärts einen halben Schritt zurückrutschend. Eine Zeitlang hatten wir einen prächtigen Rückblick über die Hochebene bis zu den Liptauer Alpen. Auch drei Gemsen zeigten sich, die uns aus nächster Nähe verwundert ansahen. Dann kamen treibende Nebel, die die mächtigen Felsgestalten des Grates allerhand phantastische Formen annehmen ließen. Auf dem Rückweg zur Majlath-Hütte schneite es in großen Flocken. Es war ordentlich mollig in dem tiefen, stillen Winterwald. Jetzt sitzen wir um ein Riesenfeuer, und Horway erzählt ungarische Räubergeschichten. Kann man sich's romantischer denken? Morgen geht's über das Gebirge.« Die beiden folgenden Tage brachten zwei verzweifelte Versuche, den Übergang über den Wildererpaß zu erzwingen. Das erstemal kam am Hinzen-See ein furchtbarer Schneesturm mit allerdings gewaltig wilden Ausblicken durch die schwarzen, tobenden Wolken, und jeglicher Versuch, vorwärts zu kommen, erwies sich als völlig aussichtslos. Tags darauf, bei schönem, kaltem Wetter kamen wir wesentlich höher, ertranken aber dann derartig im Schnee, daß wir wiederum, unter zum Teil recht bedenklichen Umständen, umkehren mußten. Nun, in Schmecks war's dann um so behaglicher bei Ungarwein und einem richtig gehenden Bett. Donnerstag, polnisches Jagdhaus. »Am Montag bestiegen wir die Schlagendorfer Spitze (2453 m). Es war anstrengend, aber kinderleicht, soviel Gerede die Leute in Schmecks auch daraus machten. Wenn nur der Ungarwein von tags zuvor nicht gewesen wäre! Auf dem Gipfel herrschte dicker Nebel, und nach einer Stunde frostigen Wartens kehrten wir wieder um, ohne die Hand vor dem Gesicht gesehen zu haben. Dafür konnten wir die ganze Strecke abrutschen, wie das Spaß machte! Nachmittags gingen wir nach Neuwalddorf, Horways Heimatsort, wo es zu einem scharfen Krawall kam. Als ich zufällig in das Wirtshaus kam, fand ich eine erregte Gesellschaft von Führern vor, die unsere Touren bestritten, was Horway so in Harnisch brachte, daß eine richtige Keilerei zu entstehen drohte. Ich selbst nahm die Sache philosophischer, indem ich, auf mein Heldentum verzichtend, den Leuten erklärte, ihretwegen sei ich nicht gestiegen, sie könnten glauben oder nicht glauben, was sie wollten, das sei mir »Wurst im Superlativ«. Das brachte dann einigermaßen verdutzte Gesichter, und wir hatten unsere Ruhe. Später zeigte mir Horway die im Dorf ansässigen Zigeuner. Es war das Tollste an Schmutz, was ich je gesehen. Eine niedere, nur durch ein kleines Loch einigermaßen erhellte Lehmhütte, war völlig von Menschen angefüllt. Dutzende von Weibern und Kindern lagen zerlumpt und halbnackt auf dem Baden herum. Tiere hätten es da nicht ausgehalten, und als ich eine Handvoll Kreuzer hineinwarf, ging ein Handgemenge los, von dem man sich keinen Begriff macht. Sehr unterhaltsam war mein Nachtquartier, Horway brachte mich zu einem reichen Bauern, mit der Bitte, mich aufzunehmen. Der Mann, ein stattlicher Ungar, musterte mich von Kopf bis zu Fuß, dann, als ich wohl seinen Beifall gefunden hatte, nickte er stolz und bot mir Gastfreundschaft an. Ganz einfach war die Sache ja freilich nicht. Er und seine Frau, sein Schwiegersohn und seine Tochter und schließlich meine Wenigkeit hatten alle in einem Zimmer zu schlafen, die beiden Paare je in einem Bett, ich auf dem Boden, so daß es immerhin einiger Formalitäten bedurfte, bis wir endlich glücklich auf unsern respektiven Lagern untergekommen waren. Der Dienstag brachte uns zunächst nach dem Kopapaß. Dabei hatten wir unterwegs einen herrlichen Blick auf die prächtige Umgebung des Grünen Sees. Weiße Seespitze, Grüne Seespitze und Lomnitzer Spitze ragen in himmelhohem, gezacktem Kranz um das stille Wasser, neben dem sich der sagenumwobene Karfunkelturm, ein kolossaler Felsblock, phantastisch erhebt. Alles im weißen Gewande, über den schneebedeckten Tannen! Beim Abstieg auf der Nordseite des Passes fing dann unser Elend an. Wir ertranken einfach in den ungeheuren, pulverigen Schneemassen, waren wohl auch in beträchtlicher Lawinengefahr, und es ist kein Wunder, daß Horway schließlich wild wurde und nicht mehr mitmachen wollte. Ich kurierte ihn, indem ich ihn stehen ließ und mich allein weiterkämpfte. Ein Zurückgehen war ja doch ausgeschlossen. Da es mit meinen Barmitteln ziemlich bedenklich stand, so machte ich vor Javorina halt und kochte ab. Dabei versöhnte sich auch Horway wieder, und wir zogen voll Fidelität in das Wirtshaus ein, wo es noch tüchtige Mengen Glühwein und zur Abwechslung auch wieder ein richtiges Bett gab. Gestern ging's bei Nebelwetter zur Roztoka-Hütte, und ich ließ es mir nicht nehmen, auch zum Fischsee hinaufzusteigen, im Gedenken an damals. Der Marsch hierher war fürchterlich. Auf der Nordseite, wo keine Sonne tagsüber den Schnee erweicht, so daß er des Nachts gefrieren kann, sind die Verhältnisse sehr viel schlimmer, als im Süden. Ob wir wohl wieder zurückkommen über das Gebirge? Meine Tage sind gezählt, und ich muß doch rechtzeitig wieder zu Hause sein! Im übrigen habe ich mich absichtlich in eine Zwangslage versetzt, wenn man wirklich muß, geht ja alles. Heute früh traten wir uns den Weg zum Grünen See hinauf, als Vorbereitung für die morgige Tour. Es ist hier wohl einer der wildesten Teile des Gebirges und die Szenerie überaus großartig. Man kann sich kaum einen Begriff von diesen düstern, übereinander liegenden Felskesseln machen, von denen jeder gewissermaßen eine Welt für sich bildet. Freitag, Schmecks. »Heut war's wieder eine Gewalttour. Schon kurz nach 2 Uhr zogen wir hinaus in die nächtliche Stille des verschneiten Tannenwaldes. Über den Spitzen der Berge lagerten die Nebel. Sie verdeckten den Mond, der nur zeitweise sein Licht an den weiten Hängen herabfluten ließ, während man die Riesen nur wie Silhouetten sah. Ich fühlte mich doch etwas bedrückt. Würden wir hinüberkommen? Der Schnee war nicht besonders, aber unser Wegetreten von gestern lohnte sich. Die allmählich eintretende Dämmerung entfaltete eine eigenartige Pracht, überall langsam streichende Nebel in den abgelegenen Felskesseln, dort unten in dem verschneiten Tal unsere einsame Hütte und hoch über den Nebeln die zackigen Gipfel. Es war ein schwerer Kampf zum polnischen Kamm hinauf, und mehrfach kam ich in Streit mit Horway, der wie immer die Felsen vorzog, während ich mehr Vertrauen zum Schnee hatte, auch wenn er noch so tief war. So trennten wir uns öfter, aber schließlich wurde die Paßhöhe doch erreicht, wir hatten gewonnen! Und welch merkwürdig ergreifendes Bild sich uns da bot! Die Nebel hatten sich gesenkt und lagerten bleiern über den Tälern, über uns aber fluteten neue Wolken durcheinander, die Bergspitzen bald bedeckend, bald frei lassend. Dazwischen Kämpften sich Sonnenstrahlen hindurch und gaben der Schnee- und Felsenwildnis eine geradezu magische Beleuchtung. Ich habe nie ein solches, ich möchte sagen überirdisches Chaos gesehen. Der Gedanke, daß es da Menschen geben könne, ging einem völlig verloren. Der Abstieg sah ziemlich schlimm aus und wurde es beinahe auch. Der Erfolg hatte mich übermütig gemacht, und in meiner Achtlosigkeit trat ich eine regelrechte Lawine los, die uns beide eine gute Strecke weit mit sich nahm, so daß wir erst nach gewaltsamen Anstrengungen wieder zum Halten kamen. Horway schimpfte mächtig, während ich, bis über die Ohren im Schnee, laut lachen mußte. Sehr zu Unrecht, denn die unter uns dröhnenden Schneemassen ließen erkennen, daß es auch anders hätte gehen können. Zum Schluß wurde die Schneewaterei immer entsetzlicher. Dazu ein eisiger Sturm, der durch Mark und Bein ging! Es schien, als habe sich noch einmal alles gegen uns verschworen. Wie ich jetzt aussehe! Die Kleider zerfetzt und zerrissen und von dem Trocknen am Feuer verbrannt, das Gesicht voll Bartstoppeln und völlig verwildert. Na ja, sei's drum! Schön war's doch. Man wird eben wieder Mensch dort oben, nur Mensch, und darauf allein kommt's doch an! Was nützt mir alle Zivilisation, wenn ich nicht ein Kerl bin, der auch vor sich selber Respekt hat. Den aber bekommt man erst, wenn's wirklich gilt.« Die tiefen Eindrücke, welche diese Reise auf mich machte, sind lange bestimmend für mich gewesen. Die Tat war zum erstenmal ganz zu ihrem Recht gekommen, und wenn es dabei auch weiter nichts Heroisches gab, so hatte ich doch eine unermeßliche Freude an ihr. Ja, hier konnte ich endlich den Kräfteüberschuß los werden, konnte mich austoben, ganz ich selbst sein, ohne die ewige kritische Sucht, die mich einst beständig hinderte, wirklich voll und rückhaltlos zu erleben. Hier mußte ich bedingungslos an mich und mein Tun glauben, wenn ich überhaupt etwas erreichen wollte, und dieser sieghafte Glaube war mehr wert, als alles, was mir das frühere Bummeln durch die Lande geben konnte, das eben doch nur ein Bummeln war. Welche Lust schon allein für meinen Trotz, die Widerstände zu brechen, meinen Willen immer wieder durchzusetzen gegen Menschen und Berge! Dazu die Einsamkeit, die meinem Hang zum Sinnieren so entgegenkam! Wie konnte ich mich da in mir selber verlieren, wie Abstand von der »kleinen Welt dort unten« gewinnen! Ja, die winterlichen Berge hatten es mir angetan, und ich wußte jetzt, wohin ich mich zu flüchten hatte. Bald darauf war die schöne Berliner Studienzeit zu Ende und es hieß Abschied nehmen von guten Freunden, Freiheit und Ungebundenheit, um endgültig in den Alltag hineinzuschreiten, von dem ich mir die trübsten Vorstellungen machte. Nun, er erwies sich auch diesmal freundlicher, als ich gefürchtet. Zunächst konnte ich die Rückreise über die Schweiz machen und bei dieser Gelegenheit die stolze Jungfrau besteigen, was meinen Blick mächtig weitete. Dann war es in der kleinen Universitätsstadt keineswegs so schlimm. Nicht allein hatte ich es bei aller Anstrengung des Dienstes, die mir im übrigen behagte, in militärischer Beziehung recht angenehm, auch das studentische Leben, mit dem ich viel in Berührung kam, sagte mir zu, die hübsche Umgebung lockte mit ihren Wäldern, Hügeln, Weinbergen und Ruinen zum Nachdenken, und auch das Herz blieb nicht unbeschäftigt. In meinen Studien aber nahm ich erneut einen Anlauf, indem ich ganz zur Philosophie als dem letzten Hoffnungsanker überging. Eigentlich war es merkwürdig, daß ich das nicht schon längst getan, denn auf das Philosophieren und Grübeln lief ja doch alles bei mir hinaus. Was nützten mir alle Kenntnisse, wenn sie sich nicht zu etwas Lebenspendendem verdichteten, zu einer heiligen, alles umfassenden Überzeugung, zu einem Glauben, der Licht und damit auch Wärme ausstrahlte, mich über den Wechsel der Dinge stellte und sie begreifen ließ! Das aber sollte mir jetzt die Philosophie geben, nachdem ich solange vergeblich herumgeirrt war. Ich nahm es wirklich ernst damit und hörte neben meinem Dienst wohl mehr Vorlesungen als mancher Student, bis mich dann allemal wieder die Abenteuerlust hinaus in die winterlichen Berge trieb. Da war zunächst ein Weihnachtsausflug auf die Scesaplana (2969 m), der so recht die Schwierigkeiten zeigte, die man damals einer solchen Tour auch in den Alpen in den Weg legte. In Brand, dem letzten Ort am Fuße meines Berges, wurde mein unvorsichtigerweise ausgeplaudertes Vorhaben sofort allgemeines Tagesgespräch, das heißt, man entrüstete sich darüber, verhöhnte mich und erklärte, ich könne froh sein, wenn ich bis zum »Bösen Tritt« unterhalb des Lüner Sees komme, weiter sei völlig ausgeschlossen. Außerdem sei keine Rede davon, daß jemand diesen Unsinn mitmache und mich begleite. Nun, der Wirt versprach, mir insgeheim zu helfen, und nach einigen Tagen ärgerlichen Wartens teilte er mir denn auch mit, er habe jemand gefunden, der mitgehen wolle. Es sei zwar kein Führer, aber ein kouragierter Kerl, der nichts zu verlieren habe. Im übrigen solle ich mich nicht mit ihm zeigen, da es sonst Streit geben und man ihn zurückhalten würde. So empfing ich ihn denn unter allerhand Vorsichtsmaßregeln auf meinem Zimmer. Er war etwa in den vierziger Jahren, sah recht zerklüftet aus und stand mit seinem Schicksal auf einem keineswegs freundschaftlichen Fuß. Seine Eltern habe er nie gekannt, auch wisse er nicht, wo er geboren und wie er hierher gekommen sei. Man habe ihn auf Gemeindekosten erzogen, sehe ihn nur über die Achsel an, werfe ihm alle Arbeit hin, die man selbst nicht verrichten wolle, und so schlage er sich eben durch, wie es gerade komme. Es sei ein Hundeleben, und er würde gerne weggehen, aber dazu gehöre Geld, und das habe er nicht. Die Scesaplana kannte er nicht, meinte aber, die Besteigung werde sich schon machen lassen. Jedenfalls sei er bereit, auch den Teufel aus der Hölle zu holen, ihm sei alles gleichgültig. So trafen wir uns denn am andern Morgen vor dem Dorf und zogen das Tal hinauf. Nach mehrstündigem, anstrengendem Waten im tiefsten Schnee kamen wir an eine niedere, das Tal versperrende Felswand, die mit blankem Eis bedeckt war. Also das war der »Böse Tritt«, vor dem die Leute sich so gefürchtet hatten! Ich mußte lachen, und mit ein paar Dutzend Stufen waren wir darüber hinweg. Bald darauf wurde der prächtig gelegene Lüner See erreicht, aber von der Douglashütte, die dort liegen sollte, war trotz allen Suchens weit und breit nichts zu erblicken. Schließlich erklärte mein Begleiter, unter einem mächtigen Schneehaufen, der sonst keinerlei Besonderheit verriet, müsse sie verschneit sein, und so stellten wir eine Art von Tunnel her, der uns nach langer Arbeit glücklich zur Tür führte. Drinnen war es im übrigen ganz gemütlich. Man hatte so eine Art Eskimogefühl unter der tiefen Schneedecke, auch war zur Genüge Holz vorhanden, so daß wir die doch etwas kühle Finsternis erwärmen und einigermaßen beleuchten konnten. Dann ging's hinunter zum See, in dessen 60 cm dicke Eisdecke ein Loch gehauen wurde, um das für unsere Kochkünste nötige Wasser zu erhalten. Am andern Morgen, den 2. Januar 1885, waren wir schon früh auf den Beinen und voll froher Hoffnung, denn der klare Sternenhimmel kündete einen schönen Tag an. Er hat auch gehalten, was er versprach. Anstrengend war ja der Marsch in dem mehr als metertiefen Schnee, und gegen die grimme Kälte konnte nur beständige Bewegung schützen, so daß von einem Ausruhen keine Rede war. Eigentliche Schwierigkeiten aber gab es nicht. Auch das »Kamin« unter dem Gipfel brachte nur Arbeit, ebenso wie der flache Brandner Ferner. Zum Schluß wurde eine Eiswand erklettert, und gegen Mittag standen wir auf unserem Gipfel bei freiem Blick über die herrlich gezackte Winterlandschaft, die nur über dem Bodensee durch leichte, kalte Nebel verdeckt war. Welche Wonne! Beim Abstieg konnte größtenteils gerutscht werden, und es gefiel mir in unserer Hütte so gut, daß ich unseren Aufenthalt um einen Tag verlängerte. Schade nur, daß ich keine Schlittschuhe bei mir hatte, denn das Eis auf dem See war spiegelglatt. Interessant war auch der Abend, wo mir mein Begleiter sein Herz ausschüttete und über die Verhältnisse drunten erzählte, wie die Dorfhierarchie in ihrem Kastengeist nach uralten Regeln lebte, die ebenso feierlich gehalten werden, wie das Zeremoniell bei Hofe. So bleibt der Mensch eben Mensch, und auch die Alpenwelt vermag ihn nicht zu ändern. Beim Rückweg am andern Morgen wollte ich direkt über den See gehen, um mir den Umweg durch den tiefen Schnee am Ufer zu sparen. Auf die Einrede meines Begleiters, es sei da heute nicht geheuer, hörte ich natürlich nicht und ging lachend allein. Ich war aber kaum hundert Schritte gegangen, als ein dröhnendes Krachen ertönte, das aus einiger Entfernung kommend, unter meinen Füßen wegrollte und sich nach weithin fortpflanzte. Ich machte mir erst nichts daraus, aber als sich die Sache bei jedem Schritt wiederholte und das unterirdische Krachen über den ganzen See weglief, war's schließlich auch mir nicht mehr geheuer, und ich ging vorsichtig wieder ans Ufer zurück, wo mein Begleiter jetzt lachte, woher der eigentümliche Vorgang kam, ist mir nicht recht klar geworden. Vielleicht weil das Eis hohl lag und sich infolge des Drucks auf das Wasser setzte. Warum war das dann aber nicht gestern schon der Fall gewesen, wo wir uns den ganzen Tag darauf getummelt hatten? In Brand gab's die üblichen Zweifel an unserer Besteigung, aber wir kümmerten uns nicht darum, luden unser Gepäck auf einen Hörnerschlitten und sausten mit einer Geschwindigkeit in die bewohnte Welt hinein, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Einige Monate darauf hatte ich die Freude, einen jugendlichen Freund auf den noch winterlichen »Hochvogel« zu führen und das strahlende Glück zu sehen, das er bei dem Ausblick von dort oben empfand. Ich werde nie den Händedruck vergessen, den er mir da gab. Ja, ja, wenn der Blick so zum erstenmal in die endlosen sonnenbestrahlten Fernen schweift und man die schöne Welt zu seinen Füßen hat, welches Erlebnis! Im übrigen blieben mir die Niederlagen nicht erspart. Dies sollte ich bei meiner nächsten Winterpartie, Weihnachten 1886, in der Silvretta erfahren. Ich war kurz vorher in die Residenz versetzt worden und in den Alpenverein eingetreten. Da hatte man mich denn von allen Seiten aufgefordert, der Hütte der Sektion im Jamtal einen Besuch abzustatten und von da aus einige Besteigungen zu machen. Trotz des gewaltigen Schnees, der allenthalben gefallen war, reiste ich ab und hatte zunächst eine prächtige Fahrt auf der Arlbergbahn durch das nächtliche Gebirge unter einem klaren Sternenhimmel. Nie sind mir die Berge so hoch erschienen, nie so belebt. Das kam und kam, immer höher und wilder und huschte vorbei ohne Unterlaß, der Schnee nahm kein Ende. Auch die Schlittenfahrt durch das Paznaun war hochinteressant, so kalt der Wind wehte. Dann aber wurde die Sache geradezu katastrophal. Von Galtür zur Hütte, die im Sommer in zwei Stunden bequem erreicht wird, brauchten wir, immer im Schnee bis an die Hüften, volle acht Stunden und wurden dann derartig eingeschneit, daß wir froh waren, nach vier Tagen Galtür überhaupt wieder zu erreichen. Wir ertranken beinahe in dem weichen Schnee, mußten schließlich liegend weiterkriechen, ein Stück unseres Gepäcks nach dem andern mußte zurückgelassen werden, und eine lange Reihe von Gegenständen aller Art kennzeichnete unseren traurigen Rückzug, wer aber den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. Das merkte ich bei meiner Rückkehr zur Sektion. Die Niederlage im Jamtal ließ mich nicht lange ruhen. Die Berge steckten mir in den Gliedern, Ostern stand vor der Tür, und das Wetter war prächtig. Also hinaus! Wir waren diesmal zu zweien. Fritz, der Donaufahrer, hatte mich gebeten, ihn mitzunehmen. Unser Ziel war das Allgäu , insbesondere die Mädeler Gabel, und so fuhren wir am Gründonnerstag im Einspänner durch das breite Illertal gen Oberstdorf. Es war ein herrlicher Morgen. Ein milder Frühlingsduft lag über der sonnenbestrahlten Landschaft, ringsum färbten sich die Wiesen im Blumenflor, die Mühlen klapperten, und vor uns über den dunkeln Wäldern erhob sich das winterliche Gebirge in seiner eisigen Pracht, unnahbar, majestätisch. Eine fröhliche Stimmung war in unser Herz eingezogen, das Rößlein zog uns munter durch das Land, wir sangen heitere Lieder und freuten uns des Frühlings. In Oberstdorf war's schon winterlicher. Erstaunt blickten die Leute aus den kleinen Fenstern hervor ob solcher Gäste. Beim Marsch nach Einödsbach kam ich dann auf meine Pläne zu sprechen und meinte im Hinblick auf die Jamtaler Geschichte, daß wir unter keinen Umständen umkehren dürften. Fritz aber, der Neuling, war forsch und meinte, ich renommiere und mache mich nur wichtig. Nun, das mußte sich ja bald zeigen. Im Illertal. Einödsbach verdiente seinen Namen in der Tat. Tief unten am Ausgang des Bacher Lochs gelegen, dessen zackig wilde Kämme den Himmel zu berühren schienen, boten die paar eingeschneiten Häuschen ein Bild trostlosester Verlassenheit. Schraudolf, der Nestor der Allgäuer Führer, begrüßte uns als die ersten Gäste des Jahres und meinte, man könne es ja einmal mit der Mädeler Gabel versuchen. Für heute aber riet er ab, noch zum Waltenberger Haus zu gehen, es sei zu spät wegen der Lawinen. Was tun? Ich war noch unschlüssig und gab ihm wohl innerlich Recht, aber Fritz meinte, wir seien nun einmal da, man brauche nicht zu warten. Bacher Loch mit Trettachspitze, Mädeler Gabel und Hochfrottspitze. Also vorwärts! Um 2 Uhr nachmittags traten wir mit Schraudolf und einem Träger den hochinteressanten Marsch an. Der ganze Talgrund war ein Trümmerfeld von Lawinen. Einige waren die seitlichen Hänge herabgestürzt und hatten sich unten in haushohen Massen gestaut, andere waren die Talsohle entlang gerollt und hatten über mannstiefe Rinnen in den festgefrorenen Schnee gerissen, mit senkrechten seitlichen Wänden, so glatt, als ob sie mit einem scharfen Messer abgeschnitten wären. Man ging da wie in einem Hohlweg, von der nächsten Umgebung getrennt und ohne sie überblicken zu können. Hoch oben aber herrschte ein beständiges Leben. Bald da, bald dort hörte man ein leichtes Rieseln von rutschendem Schnee und rollenden Steinen. Schraudolf war es dabei gar nicht wohl zumute. Besorgt blickte er um sich und drängte nach vorwärts; er fürchtete Lawinen. Und er hatte recht. Plötzlich erhob sich ein gewaltiges Getöse hinter uns. Wir hatten gerade Zeit, uns umzudrehen und zu sehen, wie hoch oben am Talhang eine dicke Schneewolke gespenstig herabschritt. Mächtige Blöcke flogen aus ihr heraus, ein donnerndes Getöse hallte von allen Seiten wieder und immer schneller rollten die Massen scheinbar gerade auf uns zu. Entsetzt rannten wir erst ein Stück weit, dann standen wir lange sprachlos da und wurden nur ganz allmählich unserer Sinne wieder mächtig. Das Ungetüm lag nur wenige 100 Schritte weit hinter uns. Schließlich gingen wir zurück und sahen uns die Zerstörung an. Ein Chaos von Schneemassen und Felsen hatte unsere Fußspuren haustief begraben. »I hob mir's glei denkt!« meinte Schraudolf und trat mit dem Träger den Rückweg an. Sollten auch wir umkehren? Nach der Szene mit Fritz gewiß nicht. Wohl aber ließ ich mir den Weg zeigen. »Erst gangen's das ganze Tal aufi, nochher machen's linksum in a Schneerinnen. Do is a Wandl mit 'nem Drahtseil. Wann's dös finden, nochher haben's g'wonnen. A halbe Stund drüber is die Hütten.« So die Erklärung Schraudolfs, der bald darauf verschwand. Unser Marsch verlief zunächst genau dieser Beschreibung entsprechend. Ich war etwas voraus und stieß an einem steilen Felsenvorsprung direkt auf das Drahtseil an dem »Wandl«. Ohne auf Fritz zu warten, ging ich nun auf dem hier wagrecht entlang führenden »Band« entlang, das mit schräg abfallendem Schnee bedeckt war. Aber kaum war ich ein paar Schritte gegangen, als Fritz mir zurief. Schrecken auf dem Gesicht, stand er in höchster Erregung da, und erklärte, da gehe er unter keinen Umständen weiter. Ich lachte erst und redete ihm zu, aber alle Versuche, ihn ans Seil zu nehmen und den Weg zu treten, waren erfolglos. Auch er kehrte um und eilte den Hang wieder hinunter Ich war also allein! Das Wändle hatte ich bald passiert und kam dann auf ein weites, schräg ansteigendes Schneefeld, wo es schnell zu dunkeln anfing. Wenn ich nun die Hütte nicht fand? Lange watete ich nervös hin und her, bis ihre Umrisse schließlich doch aus der Dunkelheit hervortraten. Welche Freude, aber auch welch ein eigenes Gefühl, als ich die einsame Stube betrat! Bisher hatte die Gewalt der Verhältnisse mich vorwärtsgetrieben und mich nicht zu mir selber kommen lassen, jetzt sah sich alles plötzlich ganz anders an. Wie gespenstig und drohend die Schneeriesen das einsame Haus umstanden! War es nicht doch Vermessenheit, sich allein da herauf zu wagen? Drinnen in der Stube war dunkle Nacht, und laut hallten meine Tritte von den Wänden wieder, als fragten sie mich, was willst denn du da oben? Ich glaube doch, mir gruselte etwas. Plötzlich durchfuhr mich ein jäher Schreck. Hatte ich auch Proviant und Lichter bei mir? Beim Abmarsch aus Einödsbach hatten wir das Gepäck dem Gewicht nach an uns genommen, und als wir uns trennten, dachte ich nicht daran, die Sachen richtig zu verteilen. Zum Glück fand sich alles vor, Proviant, sechs Lichter, und nach langem Suchen auch ein paar Zündhölzer. Pietätvoll wurde eines angezündet, die Lichter aber mußten alle brennen. Jetzt konnte ich mir die Bude erst recht betrachten. Sie war geräumig, sauber und mit allem versehen. Prächtig! Nun konnte ich mir's ja bequem machen. Zwar war ich recht müde, aber die Aussicht auf einen behaglichen Abend ließ mich alles vergessen, und munter ging's an die Arbeit, die allerdings nicht gering war. Vor allem mußte eingeheizt werden, denn es war kalt, und der Schnee an den Kleidern fing an aufzutauen. Aber alle meine Bemühungen waren vergeblich. Der Kamin war verstopft, und bald füllte ein unerträglicher Qualm die ganze Stube. Nun, konnte ich mich äußerlich nicht wärmen, so wollte ich es wenigstens innerlich tun. Dort stand ja eine Kochmaschine, mit der ich mir Tee machen konnte. Aber jetzt war kein Spiritus da. Also mußte eben ein Feuer angezündet werden, draußen im Freien, da es in der Stube wegen der hölzernen Dielen nicht ging. Bald war nun auch ein mächtiger Holzstoß aufgerichtet, aber der Wind wirbelte den Schnee hoch auf und erstickte jeden Funken im Keim. Da, ein neuer Gedanke, wozu hatte ich denn meine sechs Lichter! Ich füllte eine Kanne mit Schnee, rückte zwei Lichter zusammen und hielt mein Gefäß darüber. Es ging etwas langsamer als ich gedacht, und bald wurde wiederum alles fraglich. Je mehr Wasser sich erhitzte, um so schneller brachte die ausstrahlende Wärme die Lichter zum Schmelzen. Ich hatte schon 4 Stück verbraucht, und die Sache fing an bedenklich zu werden. Da, als das Wasser doch einigermaßen zu kochen anfing, warf ich schnell meinen Tee hinein. Ich triumphierte, denn Hunger und Durst waren riesenhaft, und es fror mich zum Erbarmen. Zunächst wurde nun alles sauber hergerichtet, meine Herrlichkeiten ausgepackt, und das fröhliche Mahl konnte beginnen. Ein Hoch den Bergen! Waltenberger Haus. Ich habe keinen Tropfen getrunken. In der Eile war zu viel Tee in das Wasser geraten, und ich hatte eine Lauge angebrüht, der auch die dickste Magenwand nicht hätte widerstehen können. Jetzt ging mir der Humor aus. Mit dem Essen war's natürlich auch nichts mehr, und so legte ich mich denn aufs Ohr, hungrig, durstig, frierend, mürrisch. Aber bald hatte der Schlaf die müden Glieder umfangen, ich fühlte mich ordentlich mollig unter meinen Decken, und in der Grabesstille kam ich mir vor wie in einem verwunschenen Schloß. Und in gewissem Sinn war's auch so. Leise öffnete sich die Tür, und langsam, feierlich kamen die Schatten des Gebirges herab von ihren luftigen Höhen und huschten ins Zimmer. Wie mancher alte Bekannte der Alpen, Karpathen und vom fernen Schottland nickte mir da zu und erzählte von früheren Zeiten! Da, ein lautes Gepolter. Kein Zweifel, es war ein richtiges Gepolter, was konnte das sein? Erregt starrte ich in die dunkle Stube hinein und rieb mir die Augen. Endlich stand ich auf und ging hinaus. Es war heller Tag, den nur die dichten Fensterläden abgehalten hatten. Und da stand die ganze Gesellschaft, Schraudolf, der Träger und sogar Fritz. Sie lachten ordentlich über mein verschlafenes Gesicht. Dann wußte Fritz viel zu erzählen von dem Marsch und den Schrecken des »Wändles«. Es sei eine Höllenarbeit gewesen, bis man ihn da hinübergeschleppt hätte, und er war ordentlich stolz auf seine Leistung. Aber als ich ihm den Vorschlag machte, mit mir zur Bockkarscharte zu gehen und den Weg zur Mädeler Gabel zu erkunden, war er nicht zu haben. Am Abend sah's diesmal anders aus in der Hütte. Wohl heulte draußen der Sturm und wirbelte den Schnee an den Fenstern empor, hier drinnen aber brannte ein lustiges Feuer, eine kräftige Suppe dampfte auf dem Tisch und draußen im Schnee standen 3 Flaschen Sekt und harrten ihrer Bestimmung. Sie sollten nicht lange warten. Nach dem Essen ließ sich Fritz eingehend erzählen, wie es droben am Bockkar aussehe, meinte aber, er gehe nicht hinauf, dazu sei ihm sein Leben zu lieb. Zu lieb! Was steckte da dahinter? Nach einigem Zögern rückte er denn auch heraus mit der Sprache und gestand, daß er sich kurz vor unserem Weggang verlobt habe, »weißt du«, meinte er elegisch, »wenn man erst einmal verlobt ist, dann wird man ein ganz anderer Mensch.« Dies belegte er mit allerhand sinnigen Sprüchen, ich aber ging hinaus, holte eine Flasche und ein donnerndes Hoch auf die Braut durchtönte die Stube. Wie das schmeckte aus den zinnernen Kaffeeschüsseln, kalt wie Eis und belebend wie Feuer! Dann wollte ich natürlich auch meine Flasche haben, auf fröhlichen Mut und Abenteuerlust, und schließlich konnten wir die letzte doch auch nicht so allein draußen stehen lassen. Ja, ja, wenn die Braut da ihren Fritz gesehen hätte! Am andern Morgen war dicker Nebel und Fritz schon zeitig reisebereit. Wir nahmen Abschied, und er verschwand in der Tiefe, während ich mit Schraudolf sinnend zum Bockkar hinaufging. Steig du hinunter zu den andern, ich beneide dich nicht! Mein Herz schlug nach oben, zum fröhlichen Kampf, zum Wagen und Streiten. Da war ich Herr der Schöpfung, frei und ungebunden, und ich gedacht' es zu genießen. Trettachspitze und Mädeler Gabel von der Hochfrottspitze. Das Glück war uns diesmal hold. Bald lagen die Nebel unter uns, und wir befanden uns auf den sonnenbestrahlten Höhen in warmer Frühlingsluft, trotz allen Schnees. So wurden nacheinander Mädeler Gabel (2646 m), Hochfrottspitze (2649 m) und Bockkarkopf (2608 m) erstiegen, unter starken Mühen wohl, aber ohne größere Schwierigkeiten. Nur das Kamin der Hochfrottspitze war wegen tiefen Schnees unangenehm. Im übrigen war dies die schönste Tour unter den dreien, so selten sie sonst gemacht wird. Die Aussicht ist hier wilder als auf der Mädeler Gabel, man steckt mehr zwischen den Bergen drin, und der Gipfel selbst mit seinem prächtigen Grat ist interessanter. Wunderbar ist auch die Aussicht vom Bockkarkopf. Wenn diese Reise durchaus harmonisch verlief, so ging es bei einer Winterbesteigung der Zugspitze (2968 m) weniger friedlich zu, ja sie endigte beinahe mit einer blutigen Katastrophe. An einem schönen Januarmorgen war ich mit einem Ehrwalder Führer und seinem Sohn nach der Wiener Neustädter Hütte gegangen, und wir hatten, da uns nur Schneewasser zur Verfügung stand, während der Nacht mächtig Durst gelitten, so daß der auf dem Lager sich hin und her wälzende Führer in freier Zitierung Richards III. immer wieder rief: »Eine Flasche Bier, eine Flasche Bier, einen Kronentaler für eine Flasche Bier!« Ich schickte also am andern Morgen seinen Sohn nach Ehrwald, um von dem Gewünschten zu holen, so viel er tragen könne. Dann erstiegen wir nicht ohne Schwierigkeiten die steile, verschneite Felswand mit ihren vielen Klammern und kamen glücklich auf den westlichen Vorgipfel unseres Berges, der wohl eine hübsche kleine Hütte, nicht aber ein meteorologisches Observatorium, wie heutzutage, trug. Es war recht nett da drinnen, und der Blick durch das Fenster auf den schroffen, uns nur vier Meter überragenden Ostgipfel hochromantisch. Das Fremdenbuch wies eine Menge Namen auf, darunter auch einen Winterbesuch Münchner Studenten, die aber nach Angabe meines Führers nicht auf den Ostgipfel hinübergegangen waren. Zugspitz Ostgipfel. Einige Zeit war vergangen, als ich hinausging, um mir den Ostgipfel näher zu betrachten. Ein nach der Seite schräg abfallender Hang aus fest gefrorenem Schnee führte zu dem Schlußgrat hinüber, der tief verschneit in senkrechten Felsen abstürzte und an seinem äußersten Ende ein den höchsten Punkt des Berges bezeichnendes Kreuz trug. Es war ja nicht leicht, da hinüber zu kommen, immerhin ging es meiner Ansicht nach. Der Führer aber geriet in höchste Erregung: »Herr, do gangen's net nüber! Jetzt san's auf den Gipfel kommen, was haben's au na do drüben verloren! Dös is Gott versucht!« Ich verstand erst gar nicht, was fiel dem Mann auf einmal ein, der sich doch bis jetzt ganz ordentlich gehalten hatte. Als ich dann schließlich den Marsch allein antrat, kam er vollends ganz außer sich. »Dös kann i net mit ansehen! I gang jetzt in die Hütten und do bleib' i. Wenn d' abi keist, i laß di liegen, i seh net nach dir num! Mach' was du willst, mi geht's nix mehr an!« Nun, ich arbeitete mich ruhig über das Schneefeld hinüber, passierte eine kleine Schlucht und kletterte dann hinauf zu dem Schlußgrat. Er war sehr schmal, und ich kroch schließlich liegend weiter, bis ich das Kreuz erreichte, das ich mit beiden Armen umschlingen mußte, um einen Halt zu haben. Auch der Rückzug ging gut vonstatten, und so kam ich wieder glücklich in der Hütte bei meinem vortrefflichen Führer an, der unbeweglich dasaß und nun nicht recht wußte, was er machen sollte. »Sehen Sie, es ging doch!« meinte ich humorvoll und suchte ihn wieder zu guter Laune zu bringen. Äußerlich gelang das auch, ja er war sogar damit einverstanden, andern Tags den Schneefernerkopf zu besteigen und bot sich an, Stufen in der Richtung dahin zu treten, was ich gerne annahm. Wir trennten uns also auf dem Sattel unterhalb des Gipfels, und ich eilte rasch hinunter zur Hütte, wo sich inzwischen auch der junge Bursche mit 6 Flaschen Bier eingefunden hatte. Später kam dann auch der Führer. Er war recht schlechter Laune, »Wo ist ein Bier?« schrie er und fiel gierig über die dargebotene Flasche her, indem er maßlos auf das Stufentreten schimpfte, das eine ganz niederträchtige Arbeit sei. Auch die Suppe, die ich ihm vorsetzte, fand seinen Beifall nicht. Sie sei miserabel. So war ich schließlich froh, als er sich auf die Pritsche legte und schlief. Ich verabschiedete den jungen Burschen und ging nach einiger Zeit daran, die Films meines photographischen Apparats zu wechseln, nachdem ich vorher das Licht gelöscht hatte. Ich war eben fertig und daran, die Kassette wieder zu schließen, als mein vortrefflicher Führer erwachte. Er schimpfte sofort fürchterlich, daß es so kalt sei, warum ich nicht besser geheizt habe. Nun, das Feuer brannte und ich erklärte, sofort Holz nachlegen zu wollen, er solle nur einen Augenblick warten, bis ich meine Kassette verschlossen habe, da sonst alles zugrunde gehe. Inzwischen tobte er wie ein Rasender fluchend und schimpfend in der Hütte auf und ab. Wohl eine Viertelstunde lang hörte ich ihn an, erst beschwichtigend, dann, als alles nichts nützte, ohne ein Wort zu erwidern. Als er dann aber gar kein Ende finden konnte, riß mir doch die Geduld. Ich sagte, er solle sich nunmehr mäßigen, sonst werde ich anders mit ihm reden. Das schlug dem Faß den Boden aus. Außer sich, sprang er auf mich zu und erhob die Faust zum Schlage, während ich den Pickel ergriff. So standen wir uns eine Zeitlang gegenüber, er schäumend vor Wut, ich bereit, ihn niederzuschlagen, denn auch meine Geduld hatte ein Ende. Es war ein grimmiger Moment da oben in der einsamen Hütte, und eine Katastrophe schien unausbleiblich. Da plötzlich besann der Mann sich eines Besseren und stürmte zur Tür hinaus, die er schallend zuschlug. Meine Körpergröße und Entschlossenheit hatten ihm doch wohl imponiert. Es war 9 Uhr abends, und da ich allein da oben nichts mehr machen konnte, so trat ich am andern Morgen den Rückweg an. Daß dieses Erlebnis meiner Begeisterung für den winterlichen Gebirgssport keinen Eintrag tun konnte, brauche ich wohl kaum zu sagen. Immerhin wurde mir aber allmählich klar, daß das alles nur ein Übergangsstadium sein konnte, der Sturm und Drang zu etwas Höherem führen mußte. So ganz im stillen empfand ich doch eine gewisse Einseitigkeit, einen Mangel an Abwechslung und Reichhaltigkeit, und damit an innerem Erleben. Auch war ja nicht immer Winter, der Sommer hatte seine Reize keineswegs für mich verloren, und die verhältnismäßig kleinen Objekte, an denen ich meinen Tatendrang ausließ, schienen mir doch manchmal außer Verhältnis zu ihm zu stehen. Whympers Buch, das mich für den eigentlichen Alpinismus und die großen Schweizer Berge begeistert hatte, steckte mir noch immer im Kopf, die Besteigung der Jungfrau hatte diese Begeisterung vertieft, und oft genug sehnte ich mich danach, sie in die Tat umsetzen zu können. Freilich, in einem so gebundenen Leben gab es der Hindernisse genug, und insbesondere die pekuniären Schwierigkeiten waren beinahe unüberwindlich. Als ich dann aber 1886 einen längeren Urlaub zur Erlernung der französischen Sprache erhielt, der mich zunächst nach Paris führte, war ich entschlossen, meine Zeit, so weit irgend möglich, auch in dieser Hinsicht auszunützen. Wenn ich so im Begriff stand, bei meinen Alpenwanderungen einen Aufschwung zu nehmen, so ging es umgekehrt bei meinem geistigen Wanderleben. Wie schon bemerkt, hatte ich mich schließlich der Philosophie in die Arme geworfen und mir redlich Mühe gegeben, mit ihrer Hilfe jene Lebenshöhe zu erklimmen, die mir eine heitere, über den Dingen schwebende, innere Harmonie geben sollte. Aber ich war über den Zwiespalt, der mich beständig verfolgte, nicht hinausgekommen. Auch in Paris arbeitete ich noch fieberhaft daran und hatte mir, so komisch es klingen mag, geradezu einen Termin, die Vollendung des 28. Lebensjahres, gesetzt, bis zu dem ich fertig, meine wachsenden Zweifel an der Realisierbarkeit meines Strebens los sein wollte. Entweder – oder! Als ich dann, wie zu erwarten, immer noch keinen Ausweg sah, gab ich das Studieren endgültig auf. Wenn überhaupt, so war mein Ziel auf diesem Wege nicht zu erreichen. Die Wissenschaft in allen Ehren, aber ich hatte etwas von ihr erwartet, das außerhalb ihres Bereiches lag. Blicke ich jetzt auf diese Periode glühenden Strebens und innerer Kämpfe zurück, so kann ich wohl zu meinen Gunsten anführen, daß ich in gewissem Sinn ein Opfer meiner Zeit geworden war, jener materialistischen Periode der 70er Jahre, in der ich meine ersten bestimmenden Eindrücke aufgenommen hatte. Die Überschätzung des Greifbaren, die sich aus dem Aufschwung der Naturwissenschaften ergeben hatte, war damals ziemlich allgemein, und gar mancher glaubte und lehrte, daß Verstand und positives Wissen die entscheidenden, glückbringenden Mächte seien, die allein den Menschen wahrhaft befriedigen könnten. Daran hatte auch ich geglaubt und war gescheitert. Nun, ich habe nicht umsonst gekämpft. Einmal sollte mich mein Beruf bald höheren Zielen zuführen, die mich für die Grübelei vollauf entschädigten, und dann, war dieses fieberhafte Greifen nach dem Höchsten nicht doch nur eine Jugenderscheinung, ein Übergangsstadium, das ich vermöge meiner ganzen Veranlagung eben durchmachen mußte? Auch hatte ich ja ehrlich gekämpft, ein Urteil über gar manches gewonnen, mich zu einem selbständig denkenden Menschen erzogen, der sich nicht in blinder Gefolgschaft andern unterzuordnen brauchte. Endlich sagte mir eine innere Stimme, daß sich die Dinge schon von selbst weiter entwickeln würden. Jedenfalls fand ich mich mit der Einsicht ab, daß ich der Kompliziertheit des Lebens wissenschaftlich doch nicht beikommen könne, und das unbestimmte Gefühl, daß es noch etwas Höheres gäbe als Verstand, Logik und Metaphysik, verließ mich nicht. Was konnte es sein? Nun, ich machte mir keine weiteren Gedanken mehr und war geradezu glücklich, es nicht zu wissen. In gewissem Sinn hatte ich mein Sach' nun auch hier auf nichts gestellt, hatte den Grübler überwunden. Wießhorngrat. Was nun Paris anbelangt, so machte es mir einen besonderen Spaß, mich mit den Absonderheiten der dortigen »Kultur« abzugeben. So besuchte ich allerhand Versammlungen, hörte unter anderem die hagere, von der Kommune her berüchtigte Petroleuse Louise Michel, die mit dem ewig gleichen, verbissenen Tonfall des Fanatismus nichts als Gift und Verderben spie, und genoß als Gegenstück den russischen Prinzenrevolutionär Fürst Krapotkin, den wohlgenährten, scheinbar gemütvollen Lebemann, der behaglich von den Schrecken russischer Gefängnisse und Revolutionen erzählte. Auch zahlreiche andere Größen der sozialen Revolutionspartei konnte ich bewundern, und wohnte einer Vorstellung des »Lumpensammlers von Paris« zugunsten des Streiks von Decazeville bei, wo der leitende Ingenieur aus dem Fenster geworfen und von einem Haufen rasender Weiber buchstäblich zu Tode getreten worden war. Diese Vorstellung ließ an dramatischer Steigerung der Verhetzung nichts zu wünschen. Als der künstlich auf die Spitze getriebene, tragische Jammer des Stückes seinen Höhepunkt erreicht hatte, traten einige Stadträte vor die mit roten Fahnen bekränzte Freiheitsstatue und hielten eine Ansprache an die erregte Zuschauermenge: »Da seht ihr, wie das arme, unschuldige Volk von den reichen Schuften unterdrückt wird. Also auf, helfet ihm!« Am schlimmsten war der Schauspieler dran, der den reichen Bösewicht darzustellen hatte. Ein Grinsen des Abscheus begleitete sein Auftreten, dann ein Toben und Rasen, und des öftern hatte er gegen Apfelsinenschalen und andere, noch schlimmere Projektile anzukämpfen. Drei Zinnen von Cadinen. Auch Held Boulanger, den Exkriegsminister und vorbeigelungenen Usurpator, konnte ich eingehend bewundern, da ich das Glück hatte, eine Zeitlang in einem Hotel mit ihm zusammen zu wohnen. Es war unterhaltsam zu sehen, wie er alltäglich von Hunderten von Bittstellern belagert wurde, die nicht bloß sein Vorzimmer, sondern auch die Treppe und den großen Lichthof des Hotels so anfüllten, daß jeder sonstige Verkehr beinahe ausgeschlossen war, bis er allemal gegen 11 Uhr die Reihen der ehrfurchtsvoll Platz machenden durchschritt, um seinen berühmten 30 000-Franks-Rappen – oder war es ein Schimmel? – zu besteigen und sich dem Volk zu zeigen. Im übrigen sah der gedrungene Mann mit seiner gebückten Haltung keineswegs besonders kriegerisch aus, eher wie ein behäbiger Bürger, und kein Unparteiischer hätte ihm so ehrgeizige oder gar revanchedurstige Eroberungspläne zugetraut. Nun sein Tod – obgleich verheiratet, erschoß er sich nach dem Scheitern seines Ehrgeizes am Grab seiner Geliebten – deutet ja auch darauf hin, daß er eine vorwiegend romantische Natur war. Ein unterhaltsames militärisches Abenteuer hatte ich in Fontainebleau. Ohne eine Ahnung von den dortigen Verhältnissen zu haben, ging ich in dem schönen Wald spazieren, als mich plötzlich ein bewaffneter Posten anhielt, keineswegs um mich zu verhaften. Nein, er bestand darauf, daß ich eine größtkalibrige Kanone neuester Konstruktion ansah, mit der besonders interessante Schießversuche gemacht wurden. Dabei erklärte er mir alles auf das eingehendste und ließ nicht locker, bis ich einen Blick durch das Rohr getan und mir den Verschluß auf das genaueste angesehen hatte. Nun er wurde ja auch mit einem Franken belohnt. Das alles hatte ich fröhlich genossen, den Schluß der Reise aber bildete ein Besuch von Zermatt und dem Berner Oberland, wobei ich neben kleineren Touren den Monte Rosa und das Finsteraarhorn bestieg. Auch an dem Matterhorn machte ich einen Versuch, der jedoch angesichts verschiedener ungünstiger Umstände mit einer Niederlage endigte. Es war nicht viel, aber immerhin ein Anfang im wirklichen Alpinismus, der mich meinem Ziel bedeutend näher rückte. Doch davon später! Kraxeln Wo ist Schluderbach!? – Ich hatte keine Ahnung davon, als ich im Sommer 1887 wieder einmal alpenwärts fuhr. Alle nur denkbaren Pläne waren mir durch den Kopf gegangen und wieder verworfen worden. Der Drang, etwas zu erleben und die tödliche Leere des Geldbeutels waren eben zwei Dinge, die sich nur schwer unter einen Hut bringen ließen. Am liebsten wäre ich wieder in die Schweiz gegangen; denn die Touren vom letzten Jahr hatten mich mächtig ergriffen und gefesselt. Dort, in den Zentralalpen hatte ich das wirklich Große kennen gelernt, hatte gefühlt, was wahrer Alpinismus ist, und war aufs höchste begeistert davon. Aber diese Begeisterung fand an den Verhältnissen meiner Tasche eine unüberwindliche Schranke, und so hatte ich mich wohl oder übel für das billigere Tirol entscheiden müssen und mir die Ötztaler Alpen ausgesucht. Nur ungern, denn auch da konnte ich das Gefühl nicht loswerden, daß angesichts der Eisverhältnisse nicht viel für mich zu machen war. So nahm ich unterwegs noch einmal meinen geliebten Baedeker vor, nebenbei bemerkt, neben dem Kursbuch das schönste Buch, das es gibt, und schwelgte in dem Gefühl, es doch noch anders machen zu können, wenn ich das nur wollte. »Nur sich nicht binden!« war ja von jeher mein Motto gewesen. Dabei stieß ich ganz zufällig auch auf die Dolomiten, die mir bis dahin so gut wie unbekannt gewesen waren. Wohl hatte ich von einigen verwegenen Touren gehört, die Ludwig Purtscheller und die Brüder Zsigmondy dort gemacht, aber damit war mein Wissen auch zu Ende, was ich nun in wenigen Sätzen von dieser »Zauberwelt« las, faszinierte mich so, daß ich ohne weiteres meine Pläne über den Haufen warf und mich für sie entschied. Das war es, was ich brauchte: Felsen, an denen ich mich einüben, meine Kräfte erproben und schließlich auch führerlos etwas wagen konnte. Dazu die Anregung, welche diese bizarre Welt unter dem italienischen Himmel der Phantasie bot, herrlich! So ging's denn ohne Unterbrechung weiter nach Schluderbach, das mein geliebtes, rotes Büchlein als das »Herz der Dolomiten« pries, und ich kam, ohne es eigentlich gewollt zu haben, in das erste Stadium des richtigen, selbständigen Alpinismus: die Kraxelei, was ich dabei geleistet, waren ja allerdings nur Kleinigkeiten. Aber die Dinge lagen damals auch anders; die Kletterei stand noch in ihren Jugendjahren, und jede Zeit hat nun einmal ihren eigenen Maßstab. Das werden die heutigen Unüberwindlichen, die meist lächelnd auf alles Frühere herabsehen, in dreißig Jahren gewiß auch erfahren. Mein erster Eindruck von Schluderbach war keineswegs ein besonders günstiger. Während der Fahrt von Toblach in dem offenen Wägelchen hatte es in Bindfäden geregnet, ich sah von der Gegend so gut wie nichts, und die paar Häuser an der Landstraße, aus denen der Ort besteht, erschienen mir durchaus nicht romantisch. So saß ich des Abends ziemlich trübselig im Speisesaal und war völlig im unklaren darüber, was nun eigentlich geschehen solle. Nun war es, glaube ich, mein etwas dezimiertes Äußeres, das mir aus der Verlegenheit half. Gleich und gleich gesellt sich gern. Es setzte sich nämlich ein Mann an meinen Tisch, den sein völlig verwitterter oder sagen wir hochalpiner Anzug augenscheinlich von besserer Gesellschaft abhielt, während er zu mir Vertrauen zu haben schien. Er sei der Doktor Werner aus Berlin und gehe morgen auf die Kleine Zinne. Die Kleine Zinne? Ich hatte noch nie von ihr gehört, und da es ja immer gut ist, mit Kleinem anzufangen, so fragte ich ihn, ob ich mitgehen könne, was bejaht wurde. So kam ich ahnungslos zu einer der schwierigsten Touren, die es damals gab. Die Besteigung der Kleinen Zinne (2881 m). Es war ein Erwachen zur rauhen Wirklichkeit und – Bescheidenheit, über das ich noch heute lächeln muß. Noch in dunkler Nacht zogen wir am andern Morgen aus, ich, Werner und sein Führer, Michel Innerkofler, ein kleiner Mann mit rötlichem Vollbart, hellen blauen Augen und verschmitzt lächelnder Miene. Bei der Rimbianco Alm machten wir einen kurzen Halt, und das Gespräch kam auf die Kleine Zinne. »Daifel!« meinte Michel, »Dös is a schiacher Berg!« ein Ausspruch, der mich Verdächtiges ahnen ließ. Um dem von Anfang an die Spitze abzubrechen, erklärte ich energisch, daß wir schon hinaufkommen würden, und richtig, unser edler Führersmann erhob sofort Bedenken. »Was wir?« meinte er. »Jo wir gangen doch auf die Große Zinne! Dös hätten's früher sagen sollen, dös geht nit mit dem kurzen brüchigen Seil, do hätt' i mein langes, neues mitnehmen müssen, und überhaupt san zwei Touristen für die Kleine Zinne zu viel!« »Dann gehen wir erst recht hinauf!« lautete meine stolze Antwort, der auch Werner beipflichtete. Nein, ich war nicht geneigt, so mir nichts, dir nichts nachzugeben. Michel schwieg, aber sah uns dabei mit so verschmitzten Äuglein an, daß ich ordentlich wütend wurde. Allmählich wurde es dann Tag, und die aufgehende Sonne beschien zu unserer Rechten eine prächtige Felsenwildnis von abenteuerlichen Zacken, die phantastisch in die Lüfte ragten und mich wie magisch anzogen, die Cadinen. Bald darauf wurden dann auch die Zinnen vor uns sichtbar, und zwar zunächst nur die beiden westlich gelegenen, gewaltige Felspyramiden von überaus imposanter Gestalt, an deren Fuß es entlang ging, bis sich endlich unser Berg in nächster Nähe zeigte. Er flößte mir keinen geringen Schrecken ein. Als ein klotziger, unförmiger Turm starrte er senkrecht in die Lüfte, ein Zeichen absolutester Unnahbarkeit. Also da wollten wir hinauf? Schon der Gedanke daran erschien mir völlig unfaßbar. Und wie verwünschte ich es jetzt, vorhin so »schneidig« gewesen zu sein! Dann versuchte ich mich damit zu trösten, daß der Anstieg auf der andern Seite des Berges sein und es da schon besser aussehen werde, als Michel in die Höhe deutete: »Sehen's die Rinnen dort links unterm Gipfel? Do müssen wir aufi, dös is die schiachste Stelle.« Dabei lächelte er wieder, ich aber blieb diesmal wohlweislich still. Nur das eine war mir klar, daß ich mich auf einen Rückzug in Ehren einrichtete. In der Scharte zwischen der Großen und Kleinen Zinne wurde das Gepäck abgelegt, und die Kletterei begann. Sie war zunächst nicht so schwierig, als ich gefürchtet, und wir betraten verhältnismäßig bald das bekannte »Große Band«. Etwa zwei Fuß breit verläuft es eine gute Strecke weit an der völlig senkrechten, zum Teil überhängenden Wand entlang. Nun war ich ja soweit schwindelfrei, und da der Fels gute Griffe bot, schlich ich, Brust und Gesicht hart an das Gestein gedrückt, bedächtig weiter. Bald wurde die Sache dann bedenklicher. Das Band verschmälerte sich noch mehr, und es kam eine überhängende Stelle, bei der der Oberkörper so gut wie frei in der Luft schwebte. Wohl half nun hier Michel mit seinem »kurzen brüchigen Seil« nach, aber es ging mir doch durch Mark und Bein, als ich unwillkürlich einen kurzen Blick in die frei unter mir gähnende Tiefe tat. Dann hörte das Band ganz auf, und es begann eine Kletterei gerade in die Höhe, bei der mir wieder wohler zumut wurde, obgleich wir uns oft senkrecht übereinander befanden. Da von Umkehr keine Rede war und Michel ruhig weiterkletterte, so erreichten wir nach manchen Mühen die »Kanzel«, einen kleinen Felsvorsprung am eigentlichen Gipfelturm, wo endlich Rast gemacht wurde und wir uns, bequem dasitzend, auch moralisch stärken konnten. Der Gipfelblock der Kleinen Zinne Man sieht auf umstehendem Bild einen Felsenriß, der sich zur Linken bis unmittelbar unter den höchsten Gipfel des Berges hinaufzieht. An seinem Fuß befanden wir uns und renkten uns beinahe die Hälse aus, um zu sehen, wie es nun eigentlich weiter gehen solle, als Michel meinte, daß nicht einer, sondern zwei »Wege« zum Gipfel führten. »Schauen's, do in der Rinnen grad über uns, is der Zsigmondy aufi und rechts so drüben is mei' Weg. Der is schwerer, weil's do um a schiache Ecken rumgeht. I mein' also, wir gangen den aufi, und in der Rinnen über uns wieder abi.« Es war eine infame Frage, vor die der schlaue Gesell uns da stellte. Lange sahen wir uns diesen »leichteren Weg« unmittelbar über uns an, wechselten einige fragende Blicke, um dann schließlich in erfreulicher Offenherzigkeit zu erklären, wir seien herzlich froh, wenn wir glücklich da hinauf und wieder herunter. kämen. So machen die Berge bescheiden. Michel kletterte nun einer Katze gleich in die Höhe, und war bald über einem überhängenden Felsblock verschwunden. Dann ließ er das Seil herunter, und es kam erst Werner, dann meine Wenigkeit an die Reihe. Es ging bei mir erst ganz ordentlich, indem ich mich zu beiden Seiten des »Kamins« anstemmte und an den kleinen Vorsprüngen des Gesteins in die Höhe zog. Bei dem überhängenden Felsblock aber war es mit meiner Kletterkunst zu Ende. Wohl hielt ich mich mit den Händen krampfhaft fest, aber die Beine hingen hilflos in der Luft, und alles Strampeln war vergeblich. Nun, Michel zog mit Leibeskräften am Seil, so daß ich schließlich auch um diese Ecke herumkam. Da waren wir also wieder beisammen, aber wie! Eigentlich frei in der Luft hängend; denn die Stützpunkte, an die wir uns krampfhaft anklammerten, waren minimal. Und welche Tiefen gähnten unter uns! Aber auch jetzt kletterte Michel wieder vergnüglich weiter und half uns mit dem Seile nach, so daß wir bald den Gipfel betreten konnten. Nun hatten wir also doch gewonnen, wenn auch ohne viel eigenen Ruhm. Wir befanden uns auf einem kleinen, länglichen Plateau, das ringsum senkrecht abfiel. Der Ausblick war höchst eigenartig: tief, tief unter uns weite, kahle Trümmerfelder, deren düsteres Grau sich schwer von dem tiefblauen Himmel abhob, da und dort die gewaltigen Dolomitblöcke, in phantastischen Formen, beinahe gespenstig in die Lüfte ragend, und nur am nördlichen Horizont brachte die Schneelinie der Tauern einiges Leben in diese wilde Öde. Geradezu ungeheuerlich wirkten die Felsen der Großen Zinne, die uns beinahe wie auf Reichweite gegenüberstanden und uns noch weit überragten. Was soll ich nun über den Abstieg sagen! Wir nahmen eben allen unsern Mut zusammen, hangten und bangten bei dem beständigen Blick in die Tiefe und taten unser Bestes, so gut es ging. Später machte sich dann immer häufiger ein pfeifendes Zischen bemerkbar. Es waren Steine, welche die Sonnenglut von der Großen Zinne losgelöst hatte und die nun, an den Wänden der beiden Berge anprallend, in die Tiefe sausten. Michel war es dabei gar nicht wohl. Er drängte derartig, daß wir oft mehr rutschten als kletterten und heilfroh waren, als wir glücklich wieder auf dem Sattel zwischen den beiden Bergen ankamen. Dort rissen wir schnell unser Gepäck an uns und fuhren eiligst über ein Schneefeld ab, bis wir uns außerhalb dieses Steinhagels befanden. Dann erst ließen wir's uns wieder wohl sein und zogen in dem bescheidenen Gefühl nach Hause, daß es uns bei dieser etwas leichtfertig unternommenen Sache über Erwarten gut gegangen war. Auf dem Heimweg spendete mir Michel allerhand Lob über meine Kletterkünste, wie das die Führer ja immer so machen. Immerhin glaubte ich eine gewisse Überzeugung aus seinen Worten lesen zu können, und als er meinte, ich solle die Sache doch einmal allein versuchen, leuchtete mir das angesichts der dreißig Gulden, welche mich die Kleine Zinne kostete, um so mehr ein, als er mir mit seinem Rat zur Seite zu stehen versprach. Freilich, es war kein kleiner Entschluß, war doch schon das führerlose Gehen damals so gut wie unbekannt und noch lange später eine recht scharf umstrittene Sache! Von dem Alleingehen aber war überhaupt nicht die Rede, und die Gefahr, beim geringsten Unfall einfach liegen zu bleiben, erschien höchst bedenklich. Immerhin wagte ich die Sache, vielleicht mehr aus Not als aus Überzeugung, und ich habe es nicht bereut. Woran sollte ich nun zunächst meine Kräfte erproben? In dem Bergeskranz, der Schluderbach umgibt, spielt der Gebirgsstock des Monte Cristallo zweifellos die Hauptrolle. Man kann sich kaum ein schöneres Bild denken, als seine vielgestalteten Formen über den Fluten des benachbarten Dürrensees. Links der zackige Cristallin, in der Mitte der mächtige Turm des Piz Popena und zur Rechten über dem Gletscher die Wand mit ihren drei riesenhaften Kristallen. Daß der Monte Cristallo das Ziel meiner Sehnsucht wurde, war klar, aber ebenso klar standen auch die Schwierigkeiten vor mir. Aber da war auch der Cristallin, den ich ja nicht gerade auf seinem einfachsten Weg zu ersteigen brauchte, und außerdem steckten mir die Cadinen im Kopf, deren Anblick mich bei der Zinnenbesteigung besonders fasziniert hatte. Es gibt nun einmal Berge, mit denen man wie bei den Menschen sofort in nähere Beziehungen tritt. Also auf in die Cadinen! Michel, der sich meiner aufrichtig annahm, schilderte mir den Weg auf die höchste Cadinspitze, die er für leicht erklärte, ziemlich genau, aber meine Unkenntnis mit den Dolomitbergen konnte er mir nicht nehmen, und so endete mein Versuch mit einem totalen Mißerfolg. In der Meinung, seiner Beschreibung entsprechend gegangen zu sein, kletterte ich an einem steilen Turm in die Höhe, um immer mehr zu merken, daß ich mich auf völlig falschem Weg befand und es, wenigstens was die Höhe betrifft, mit einem recht bescheidenen Gipfelchen zu tun hatte, denn ringsum zeigte sich bald eine Welt von Zacken, die noch weit über den meinen hinausragten. Nun, Kummer bereitete mir das weiter nicht, ich war ja nur zum Trainieren da, und die Gipfel dort drüben sollten mir nicht entgehen, wenn ich nur erst einmal hier Herr wurde. Aber auch damit war das so eine Sache. Die Wand, an der ich mich befand, wurde immer steiler, das Gestein lockerer, so daß bald bei jedem Tritt ganze Blöcke in die Tiefe polterten. Auch das Alleinsein mußte ich erst lernen. »Ach was, vorwärts, nur vorwärts!« sagte ich wohl Dutzende Male zu mir, bis ich mich etwa 30 m unter dem Gipfel so verstiegen hatte, daß ein weiteres Vorwärtskommen ebenso ausgeschlossen erschien, wie das Zurückgehen. Nach einigen bangen Minuten, und da ich doch nun einmal wieder hinunter mußte, zog ich dann den zu diesem Zweck mitgenommenen Stahlhaken aus der Tasche, band ihn ans Seil und verankerte die Geschichte mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt, um mich bedächtig daran herunterzulassen, bis ich wieder einigermaßen festen Boden unter den Füßen hatte. Dann zog ich bescheiden nach Hause, um natürlich von Michel tüchtig ausgelacht zu werden. Ohne auch nur an den Fuß des Hauptgebirgsstockes gelangt zu sein, hatte ich mir an dem allerdings noch unerstiegenen Kleinen Piz Popena die Zähne ausgebissen. Auch bei der Tour auf den Cristallin (2786 m) erlebte ich ein Abenteuer in Gestalt eines Gewitters, das mich völlig unvermutet mitten in einem steilen Kamin überraschte. Ein wütender Sturm fegte vorbei, peitschte mir den Hagel ins Gesicht, in dicken Strömen stürzten die Wassermassen herab, und unter furchtbaren Donnerschlägen schlugen die Blitze in nächster Nähe ein, so daß ich mich genötigt sah, inmitten der strömenden Fluten ein Stück weit von meinem höchst verdächtig surrenden Pickel weg in die Höhe zu klettern und in unbequemster Lage das Ende des Unwetters abzuwarten. Auf dem Cristallin. Auf dem Gipfel wurde ich mit einer unvergleichlichen Aussicht belohnt. Schwere Wolken hingen an den Bergkolossen ringsum, und während jähes Wetterleuchten die stürmische Landschaft durchzitterte, brachen da und dort dicke Sonnenstrahlen durch das Gewölk und beleuchteten die Gegend wie ein magisches Zauberland. Ganz besonders prächtig war der Piz Popena, der in ungeheuerlicher Wucht und Steilheit in die Sturmwolken hineinragte, ein geradezu überwältigender Anblick. Die Besteigung des Monte Cristallo (3199 m). Dürren-See. In Schluderbach war mir inzwischen recht wohl geworden, zu wohl. Der »alte Ploner«, das Urbild eines Tiroler Gastwirts, der immer Neckereien und Späße trieb, sorgte vortrefflich für mich, und ich hatte eine ansprechende Gesellschaft gefunden, deren Mittelpunkt ich bald bildete, ohne es zu wollen. Da waren zwei ältere Herren, die eine Monographie über die benachbarten Berge schrieben und sich naturgemäß für meine Touren interessierten. Ihre Damen unterstützten das wohlwollend. Michel würzte die Abendgespräche mit seinem Humor, und zwei gar nicht üble junge Damen erkundigten sich stets besonders lebhaft nach meinen »Taten«. Der Leser ahnt. Na ja, die grande passion war es nicht, aber immerhin, »man« interessierte sich für mich, und der Mensch ist nun einmal schwach. Also ich gestehe, reumütig, daß ich doch etwas der Vanitas alpina gloriosa anheimfiel, das heißt, mich innerlich für Dinge engagierte, denen ich doch nicht so recht gewachsen war. Monte Cristallo und Piz Popena von Süden. Daß mein Heroismus sich nur den Monte Cristallo zum Ziel setzen konnte, verstand sich jetzt von selbst, aber mit einer führerlosen Alleinbesteigung war das doch so eine Sache. Der moderne Leser und Bergfex lächelt. Was soll da weiter dabei sein! So ein Allerweltsberg! Damals freilich lagen die Dinge doch etwas anders. Die Hauptschwierigkeit bestand weniger in der Überschreitung des tückischen Cristallogletschers, als in der Erklimmung einer weiten Felswand, die auf der Schluderbach abgewandten Seite gelegen, mir völlig unbekannt und auch nicht zu erkunden war. Michel hatte sich deshalb einige Zeit früher dahin geäußert: »daß es schier unmöglich sei, selbst für die besten Touristen, führerlos hinauf zu kommen, wenn sie nicht schon einmal oben gewesen seien. Sie würden einfach fehlgehen, in anstrengender Kletterei die Zeit verlieren und dann, wenn sie nicht von der Nacht überrascht werden wollten, die Rückkehr antreten müssen.« Und da wollte ich allein gehen! Wenn ich mich nun, wie wahrscheinlich, verirrte und überhaupt nicht mehr zurück konnte? Solche Gedanken drängten sich mir um so mehr auf, je näher es an die Ausführung meines Planes ging, der nun doch einmal feststand. Da, als ich brütend hin und her ging, kam Michel mit einem Rat. Er gehe morgen auf den Berg, und zwar um 3 Uhr früh, ich solle doch um 2 Uhr weggehen. Er könne mir dann vielleicht helfen, wenn mir etwas zustoße. Ich war schwach genug, darauf einzugehen. Es war eine Halbheit, die sich rächen mußte. Die Tour stand von Anfang an unter ungünstigen Zeichen. Ich hatte mich verschlafen, und es war schon 2 Uhr vorüber, als ich das Hotel verließ. In der Erregung darüber eilte ich so, daß ich meine Laterne mitzunehmen vergaß, zunächst auch nicht wegen ihr zurückkehrte, denn nur der eine Gedanke beherrschte mich, daß mich die andern unter keinen Umständen einholen durften. Draußen aber war die Nacht stockdunkel. Erst fiel ich in einen Graben, rannte an einen Baum, und auf der Wiese hinter dem Hotel stolperte ich über etwas weiches, das sich als ein Tier entpuppte, das aufsprang und ein plötzliches Leben über die bis dahin so ruhige Wiese brachte. Von allen Seiten kamen Riesengestalten mit großem Glotzaugen auf mich zu, das reine Gespensterheer. Nun waren es ja allerdings nur Kühe, und ich verstand keinen Spaß, hieb wie wütend mit dem Pickel um mich und hatte mir bald eine Gasse gebahnt. Dann aber kam der Wald, der so dunkel war, daß ich den kleinen Fußweg absolut nicht finden konnte und wohl oder übel schließlich doch umkehren mußte, um meine Laterne zu holen. Ich hatte eine halbe Stunde verloren. Cristallo-Gletscher Den Eingang ins Val Fonda fand ich nun zwar, aber der Gedanke, daß Michel mich jetzt einholen könne, erregte mich fieberhaft. Eine nette »führerlose« Besteigung das, wenn ich hinter den andern drein laufen mußte! In höchster Eile stürmte ich also durch das dunkle Trümmertal, über alles hinweg und watete oft mitten in dem verwünschten Bach, der mich beständig hinderte, vorwärts, nur vorwärts! Endlich gegen Tagesanbruch erreichte ich den Abschluß des Tales. Er wird durch senkrechte Felswände gebildet, und Michel hatte mir hier Vorsicht empfohlen. »Wann's den richtigen Einstieg nit finden, nochher können's den ganzen Tag da rumkraxeln!« Nun, das Glück war mir hold, und ich befand mich bald auf dem Gletscher. Mein Weg war mir jetzt genau vorgezeichnet: vor mir das prächtige Felsentor des Cristallojochs mit dem Popenaturm zur Linken und der stolzen Cristallowand zur Rechten. Ich kam gut vorwärts, und auch der berüchtigte Bergschrund konnte ohne weiteres überschritten werden. Bald darauf war das Joch erreicht, und ich triumphierte. Zu früh! Kaum 10 Minuten hinter mir bemerkte ich plötzlich die andern, die raschen Schrittes auf mich zusteuerten, wer beschreibt meine Wut. Ohne mich umzusehen, rannte ich, Michels Beschreibung entsprechend, ein Stück weit nach jenseits hinunter, um das bekannte Band zu erreichen. Aber ich suchte vergeblich. Überall war steiler Fels und nichts zu sehen. Erst eine zerbrochene Flasche, die augenscheinlich von oben herabgeworfen worden war, machte mir meinen Irrtum klar. Also rasch hinauf! Ich packte entschlossen die Felswand an und kletterte gerade in die Höhe, noch immer hoffend, den andern zuvor zu kommen. »Daifel!« rief es da plötzlich von oben, »Sie möchten wohl auf Cortina? Schauen's zu, daß aufi kommen, sonst kriegen's den Cristallo niemol zu sehen!« Ich hatte verloren. Mühsam kletterte ich hinauf zu dem Band, wo die beiden gemütlich frühstückten und stillvergnügt lächelten. Auf dem Band des Monte Cristallo. Beim Weitermarsch hatte ich jetzt einfach zu folgen, und man wird es verstehen, daß ich mich wenig beeilte, mich wenigstens einigermaßen mit der Aussicht auf die prächtig wilde Umgebung zu trösten versuchte. Einige Zeit war so verflossen, als Michels Stimme plötzlich wieder hoch über mir zur Rechten ertönte. »Daifel, wos machen's denn do unten?« Ich war in meinem Ärger zu lange auf dem Band geblieben, dessen zahlreiche Vorsprünge und Ecken die vorausgehenden verdeckt hatten, und befand mich also wiederum auf dem falschen Weg. Diesmal mit etwas andern Gefühlen als zuvor. Der Anblick der riesigen Felsen hatte meinen Stolz doch etwas gebändigt. Also weg mit der falschen Scham und hinauf zu den andern! Aber damit hatte es gute Wege, denn wenn ich jetzt auch alles daran setzte, sie wieder einzuholen, so waren die Schwierigkeiten doch ganz beträchtliche. Bald ging es hier nicht, bald dort nicht, und der Gedanke, daß die beiden sich mehr und mehr entfernten, machte mich immer nervöser. Laut pochte das Herz, noch lauter keuchte der Atem, und die Steine, die ich in der Hast überall lostrat, flogen polternd in die Tiefe. Zwar rief mir Michel noch einmal zu, aber er war schon hoch über mir und verschwand dann endgültig meinen Blicken. So gelangte ich schließlich in eine gewaltige Nische, welche auf allen Seiten von senkrechten Felsen eingeschlossen war, die mir meine verlassene Lage so recht zum Bewußtsein brachten. Ein weiteres Vorwärtskommen erschien völlig unmöglich, und so setzte ich mich deprimiert nieder. Anfangs war ich ordentlich wütend auf Michel, der mich so im Stich gelassen. Warum hatte er keinerlei Rücksicht auf mich genommen und nicht die kurze Zeit gewartet? Dann beruhigte ich mich allmählich, und schließlich wurde ich ärgerlich, mich überhaupt mit ihm eingelassen zu haben. Was ging mich denn diese Partie an? Hatte ich nicht allein sein wollen? War ich nicht bis hierher gekommen, warum sollte es nicht auch weiterhin gehen? Nein, jetzt wollte ich erst recht hinauf, und in der Tat wäre das auch nicht schwierig gewesen, denn wie sich später herausstellte, befand ich mich ganz auf dem richtigen Wege. Aber die kleine Lücke zur Linken übersah ich und stieg fälschlicherweise wieder ein Stück weit zurück. Dann ging es gerade in die Höhe an dem mehr als steilen Fels. Hier erlebte ich nun allerdings einige böse Augenblicke; aber der feste Entschluß, unter keinen Umständen mehr nachzugeben, hielt jedes gefährliche Zaudern zurück. So erreichte ich das zweite Band, eine breite Schutthalde, welche mich zu dem schmalen, zackigen Schlußgrat führte. An ein Verirren war jetzt nicht mehr zu denken, und ich stürmte nur so vorwärts auf dem schwindelnden, steil ansteigenden Kamm, um mich dann laut jauchzend dem Gipfel zu nähern. Nun hatte ich die beiden doch eingeholt, und sie konnten mir nicht mehr entgehen. Auf dem Gipfel des Monte Cristallo Beim Abstieg mußte ich ein Stück weit mit Michael gehen, angeblich der fallenden Steine wegen, die den Vorausgehenden gefährlich werden konnten. Später ließ er mich dann wieder frei, und ich zog noch stundenlang da oben herum, versunken in die ungeheure Pracht und Größe, allein, glücklich. Gibt es doch nur wenige Berge von so viel Schönheit und Abwechslung! Das trümmerreiche Val Fonda, der zerklüftete Gletscher inmitten des herrlichen Felsenzirkus, das prächtige Cristallojoch, die ungeheuren Wände des Piz Popena, die abgelegenen Schluchten des Berges in seinen höheren Regionen und endlich der zackige Grat suchen ihresgleichen. In Schluderbach wurde ich mit Begeisterung empfangen, aber so recht wohl war mir dabei nicht, wenn die andern auch so liebenswürdig waren, über meine Schwächen hinwegzusehen, so war ich doch aufrichtig genug, sie mir einzugestehen. Der Piz Popena (3143 m). Auf diesen Berg war ich damals besonders stolz. Er hat mich wesentlich mehr Mühe gekostet als der Monte Cristallo und eine gewaltige moralische Anstrengung verlangt. Dafür war aber auch der Lohn entsprechend, wenn auch anders geartet, als man dies von einer gelungenen Besteigung zu erwarten pflegt. Zunächst lag die Route auch hier in einem mir völlig unbekannten Gelände, und die Beschreibung, die man mir gab, war keineswegs besonders einladend. »Sie müssen da eine Menge von Bändern, Kaminen und Felswänden durchschreiten, die sich unmöglich näher erklären lassen. Erst geht es nach links auf dem Großen Band, dann nach rechts, dann wieder nach links, rechts usw. Wenn Sie den richtigen Weg finden, so kann es schließlich schon gelingen, wenn nicht, dann steht es wohl schlimm.« Als ich von Schluderbach wegging, hing dickes Gewölk am Himmel, und die aufsteigenden Nebel verhießen einen regnerischen Tag. Das ließ schon von Anfang an keine rechte Stimmung aufkommen. Recht langweilig und ermüdend war auch der endlose Marsch durch das Val Povena Alta, auf dessen weiten Geröllhalden man sich die Beine brechen konnte. So war es schon ziemlich spät, als ich an den Südostfuß des Berges kam und die langsam fallenden Tropfen den Beginn eines schweren Wetters verkündeten. Was Wunder, daß ich da den Gedanken an eine Besteigung aufgab und nur den Weg zu erkunden beschloß! Ich legte also den zum Klettern hinderlichen Pickel beiseite, leider! und stieg eine Schutthalde zu dem Großen Band hinauf, das ich entlang ging, bis ich eine steil von rechts herankommende Firnrinne erreichte. Sie war mir durch den Unfall bekannt, dem hier einst Emil Zsigmondy beinahe zum Opfer fiel, indem er ein Stück weit abgefahren und gestürzt war, so daß er sich nur mühsam hatte retten können. Da ich ohne Pickel hier nicht vorwärtskommen konnte, kletterte ich in den Felsen zur Rechten empor, entschloß mich aber schließlich doch, die Rinne zu überschreiten. Wie sehr vermißte ich jetzt meinen Pickel! Frei balancierend, stieß ich mit dem Stiefel Stufen in den Schnee und brauchte wohl eine halbe Stunde, bis ich die schmale Strecke überschritten und wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Da war ich also, in ziemlicher Erregung und durchnäßt bis auf die Haut; denn seit einiger Zeit regnete es in Strömen. Und was hatte ich erreicht? Zu sehen war so gut wie nichts, und über den Weg zum Gipfel war ich mir nach wie vor völlig im unklaren. Was aber nun? Sollte ich einfach wieder umkehren? Jetzt, wo ich doch schon einen großen Teil der Besteigung hinter mir hatte und bis auf die Haut naß war! Nein, jetzt wollte ich auch vollends hinauf. Dieser Entschluß mag vielleicht töricht erscheinen. Er war es nicht, und er hat mich nicht gereut. Brachte er doch jene äußerste Spannung aller Kräfte hervor, in der man alles leistet. Eine unheimliche Entschlossenheit kam über mich und völlige Gleichgültigkeit gegen alles, was sich mir in den Weg stellte, was kümmerte mich jetzt der Regen, was die strömenden Gewässer, die an dem Gestein herabstürzten, was scherte mich der Weg, den ich doch nicht fand! Gerade ging es hinauf, ohne Umschweife oder Bedenken, durch ein wildes Gewirre von Felsen, Kaminen, Wänden und Rinnen, bis ich schließlich einen Kamm erreichte, wo die huschenden Nebel frei ihr Spiel trieben, war ich oben? Nun, einmal gab es trotz allen Suchens nichts mehr zum Weiterklettern, und dann fand ich auch schließlich den Steinmann mit den Besteigerkarten. Lange bin ich dagesessen in dem tobenden Unwetter. Dutzendfach tönte mein Rufen aus den Tälern wieder und ließ mich ahnen, wie tief die Welt dort unten lag. Gesehen habe ich so gut wie nichts, aber ich bedauerte das keineswegs. Einmal hatte ich das stolze Gefühl, als befände ich mich außerhalb dieser Welt, in jenen andern Regionen, nach denen ich mich in so merkwürdigem Drang gesehnt hatte. Und dann, war ein solches dämonisch wildes Treiben der Elemente mit seinem geisterhaften Wolkenspiel, seinem wütenden Donnern und Blitzen, dem Rauschen seiner Wasser, dem Heulen des Sturmes und dem Rollen der abstürzenden Blöcke nicht auch etwas Schönes in seiner Art? Ich wenigstens empfand es so, und die Erinnerung daran ist mir unvergeßlich geblieben: ein Ewigkeitsmoment! Und der Rückweg? Nun, Michels Wort hat sich hier bewährt: »Hinunter, sellen is leicht, da helfen alle Engeln.« Die Rotwand (3148 m). Diesen Berg, der so stolz auf Schluderbach herabsieht, habe ich natürlich auch bestiegen, und zwar bei schönstem Wetter. Aber wenn mich jemand fragen sollte, was ich dabei gesehen habe, so könnte ich nach viel weniger erzählen, als beim Piz Popena, wo ich von den üblichen Sehenswürdigkeiten wirklich nichts sah. Ich war nämlich in Gesellschaft eines Engländers, der sich wohl zum Schnelläufer ausbildete. Er tat dies nicht etwa bloß bei seinen Touren, sondern auch drunten im Tale. Seit Jahren kam er regelmäßig nach Schluderdach und rannte mit der Pünktlichkeit einer Uhr jeden zweiten Tag nach Cortina, um dort Eier zu holen, für die er eine besondere Vorliebe hatte. Als alter Kunde wurde er augenscheinlich gut bedient, und als er einst von einer jungen Dame gefragt wurde, wo er denn die schönen Eier her habe, antwortete er lakonisch: »Von die Huhn.« Schluderbach mit der Rotwand. Doch beschäftigen wir uns jetzt mit der Rotwand: denn wir haben nicht viel Zeit. Es ist schon 2 Uhr morgens, und draußen steht der Wagen. Also fort, Trab! Es dauert nicht lange. Im Handumdrehen sind wir beim Gottres Tal angekommen, noch in dunkler Nacht, und es fängt jetzt ein Rennen an, wie ich es noch nie mitgemacht, der Engländer voraus, dann Michel, welcher diesmal auch dabei war, und hinten meine Wenigkeit. Ich glaube, es war ein schöner Wald, den wir da passierten, aber gesehen habe ich nichts. Dann kam Alm, Geröll, nebenbei war es auch Tag geworden, und schließlich Fels, eine ausgedehnte zackige Mauer, welche im Sturmlaufe erstiegen wurde. Auf dem Gipfel wollte ich mich gerade umsehen, als der Engländer auch schon wieder zum Rückzug blies. Hier nun war die Sache anders. Die weiten, von morschem Geröll bedeckten Hänge des Berges zeigten die bekannte Schwierigkeit: zu steil, um frei zu gehen, waren sie doch nicht steil genug, um zu klettern, wenigstens für meinen Engländer. »Halt, mein Sohn,« dachte ich, »jetzt ist die Reihe an mir.« Den Pickel fest in der Hand, sprang ich in weiten Sätzen voraus, und es freute mich ingrimmig, zu sehen, wie der Mann sich abmühte, um nachzukommen. Er hat sich furchtbar gerächt. Kaum hatte er wieder festen Boden unter den Füßen, als die Steeplechase sich entschieden zu meinen Ungunsten wandte, ich mochte tun, was ich wollte. Mein Gott, wie ist der Mann gerannt! Es war einfach zum Verrücktwerden. Doch da ist ja wieder Schluderbach. Gott sei Dank! Aber was nun anfangen den lieben langen Tag? Ich glaube, ich hätte mich fürchterlich gelangweilt, wenn ich nicht bis zum Abend geschlafen hätte, wie tot. Ja, ja: »wer mit der Uhr geht in der Hand, der ist fürwahr nicht bei Verstand.« In den Cadinen. Nachdem ich so die Hauptgipfel Schluderbachs erstiegen hatte, wandte ich mich wieder den Cadinen zu, für die ich von Anfang an eine besondere Vorliebe gehabt hatte. Eigentlich hätte ich ja dort auch eine Scharte auszuwetzen gehabt, nach meinem vergeblichen Versuch auf den Kleinen Popena, aber ich wollte mir das nicht so recht eingestehen. Ein gewisser, sagen wir, Respekt, hinderte mich daran. Auch hatte ich es ja damals auf die höchste Spitze abgesehen gehabt und war nur zufällig an diesen andern Gipfel geraten. So kam es, daß ich ihn keiner weiteren Beachtung würdigte. Nur scheinbar freilich; denn in meinem Innern nagte die Niederlage doch. Der Name Cadinen bedeutet Kessel. Unzählige Felszacken umstehen eine Anzahl öder Trümmerkare, die wie abgeschlossene Welten unermeßlich öde, wild und einsam daliegen. Beinahe unentwirrbar erscheinen die phantastischen Gebilde, wenn man sich zwischen ihnen befindet. Wohin man sich wendet, immer wieder zeigen sich andere, überraschende Ausblicke, tauchen neue Zacken und Türme auf, und es ist eine wahre Lust, zwischen ihnen zu wandern. Im allgemeinen unterscheidet man die Cadini del Neve und die Cadini di San Lugano. Die erstern liegen bei Misurina, die letztern erstrecken sich nach Norden in der Richtung auf die Drei Zinnen, von denen sie durch das tief eingeschnittene Val Campedelle getrennt sind, wir sehen auf umstehendem Bilde dieses Tal, wie es sich als breite Firnmulde hoch in das Gebirge hinein erstreckt und dasselbe in eine westliche und östliche Hälfte teilt. Links, im Osten, liegt die höchste Spitze in 2841 m Höhe. Ihr ist ein breiter, etwas niedrigerer Felskopf vorgelagert, der bei meiner nächsten Wanderung eine Rolle spielen sollte, ebenso wie die von dem Firnfeld zu ihm hinaufführende Schneerinne. Cadini di San Lugano von Norden. Bei meinem zweiten Versuch, die höchste Spitze zu besteigen, war ich nicht allein. Ein Herr, der sich seit einigen Tagen in Schluderbach befand, hatte mich gebeten, ihn mitzunehmen. Als wir das große Firnfeld erreicht hatten, ging ich, Michels Beschreibung entsprechend, nicht ganz zu seiner Höhe hinauf, sondern bog nach links in eine Schneerinne ein, die sich zwischen den Felsen steil in die Höhe zog. Ihr Firn war hart, und bald wurde es notwendig, Stufen zu schlagen, bis wir eine von mächtigen Felswänden umgebene schmale Scharte erreichten. Die Kletterei, die hier begann, war großartig, und es machte mir ordentlich Spaß, die Führerrolle dabei zu spielen. Bald darauf erreichten wir dann ein Geröllfeld, das mühelos zum Gipfel führte, wir triumphierten – zu früh! Zu unserer Rechten erhoben sich die Felsen noch hoch über uns. Ich hatte mich wiederum getäuscht. Nun, die Freude an unserem Gipfel nahm mir das nicht, vermutlich hatten wir aus Versehen eine Erstbesteigung gemacht, und auch der Ausblick über die gewaltige Felsenwildnis war eindrucksvoll genug. Der Rückweg verlief glatt bis zur Scharte, wo ich auf dem Schnee abzufahren beschloß, während mein Begleiter, der dieser Kunst nicht mächtig war, gehen sollte. Die Abfahrt war glänzend. Das lief, daß mir nur so die Augen übergingen und ich schließlich bremste, um nicht gar zu sehr in Schwung zu kommen. Meinem Begleiter schien das inzwischen gefallen zu haben, und mit Schrecken bemerkte ich, wie auch er abzufahren versuchte, und zwar recht ungeschickt. Wohl rief ich ihm zu, aufrecht zu bleiben und den Pickel höher zu halten, aber schon neigte er sich zur Seite, verlor das Gleichgewicht und begann, auf dem Rücken liegend, abzurutschen. Kein Zweifel, das bedeutete eine Katastrophe. Ein entsetzlicher Schreck durchfuhr mich, was sollte ich tun? Schnell entschlossen stieß ich meinen Pickel in den Schnee, um den Gefährten daran zum Halten zu bringen. Aber die Geschwindigkeit, mit der er heransauste, war eine geradezu fürchterliche, wurde er nicht schon vorher in die Felsen geschleudert, so zerschmetterte er gewiß an meinem Pickel. Also heraus damit! Im selben Augenblicke stürmte er auch schon vorbei. Wohl versuchte er, sich an dem dargebotenen Stock zu halten, aber seine Hand glitt machtlos daran herunter. Er verlor das Gleichgewicht, überschlug sich, ein-, zwei-, drei-, viermal, daß der Schnee hoch aufwirbelte, der Pickel flog zur Rechten, der Hut zur Linken, und unaufhaltsam stürzte die Lawine in die Tiefe. Allmählich wurde sie dann wieder langsamer und hielt schließlich. Die Schneewolke legte sich, und ein regungsloser Körper lag dort unten. Nach stand ich vor Schreck erstarrt da; denn das alles war das Werk eines Augenblicks gewesen. Dann eilte ich so rasch als möglich hinunter. Die Sache lief noch besser ab, als ich befürchtet. Der Mann kam wieder zu sich, und es zeigte sich, daß ihm, abgesehen von einer Rippenkontusion und einigen Schrammen im Gesicht, nichts von Bedeutung fehlte. So konnten wir nach einer halben Stunde den Rückmarsch fortsetzen, und mein Begleiter wurde wieder so forsch, daß er vorschlug, über den Kessel der Cadini del Neve abzusteigen. Leider ging ich darauf ein, und als wir erneut über ein steiles Firnfeld absteigen mußten, hatte ich das Vergnügen, den Mann, der plötzlich alles Vertrauen zu sich verlor, die ganze weite Strecke abzuseilen. Es war eine Arbeit, an die ich denken werde. Wie groß war nun vollends mein Erstaunen, als ich einige Zeit später unsere »Erstbesteigung« in einem alpinen Blatte ohne irgend welche Erwähnung der Nebenumstände verherrlicht fand. Ja, ja, die Vanitas alpina gloriosa ! Der Wunsch, die höchste Cadinspitze nun doch noch zu besteigen, war durch dieses Ereignis nur gewachsen, und so zog ich denn von neuem aus, und zwar diesmal durch die Cadini del Neve. Mein Gedanke war, der großen Firnmulde des Val Campedelle von hinten beizukommen und dann auf dem gewöhnlichen Wege den Gipfel zu erreichen. Aber wiederum täuschte ich mich völlig. Augenscheinlich geriet ich auf eine falsche Scharte zur Rechten der Mulde und wollte dieselbe nun durch eine Umgehung nach links erreichen. Eine interessante Kletterei folgte, die aber endlos lange dauerte. Nach meiner Schätzung mußte ich schon längst in Höhe der Mulde sein. Endlich kam eine schmale, zwischen hohen Felsen eingeklemmte Scharte, von der ich nur so viel sagen konnte, daß sie das zunächst erstrebte Ziel nicht war. Also eine neue Enttäuschung, die um so schlimmer war, als jede Orientierungsmöglichkeit zwischen den hohen Felsen fehlte. Doch diesmal durfte ich nicht nachgeben. Also hinauf an der Felswand, um zunächst wenigstens einen Ausblick zu gewinnen! So erreichte ich nach kurzer Kletterei einen Gipfel und wohin ich blickte, nirgends war ein überragender Fels, sie alle lagen tiefer. Nun befand ich mich also doch auf der höchsten Spitze. So gibt's der Herr den Seinen im Schlaf. In den Cadinen. In Schluderbach war der gute Michel höchlichst erstaunt über den »neuen« Weg, welchen ich gemacht. Lange wollte er nicht glauben, daß ich auf solche Weise hinaufgekommen, aber es war nun einmal so. Die schönen Schluderbacher Tage fanden damit ihren Abschluß. Mein Urlaub ging seinem Ende zu und neue Pläne drängten sich vor. So hieß es denn Abschied nehmen von dem gastlichen Ort, von Bekannten und Freundinnen, deren schöne Augen sich trübten. Auch mir wurde der Abschied sauer. Nicht bloß dieser schönen Augen wegen. Auch die Kletterlust hatte es mir angetan, war mir geradezu zur Leidenschaft geworden. Mag man über das Kraxeln denken, wie man will, es vielleicht als einen schwerwiegenden Beweis zu Gunsten des Darwinismus ansehen, soviel steht jedenfalls fest, daß der gewandte Gebrauch kräftiger und elastischer Glieder ein Genuß ist, der einen jeden dazu Befähigten ganz außerordentlich begeistert und befriedigt. Dazu fördert die Kraxelei Bergeskenntnis, Orientierungssinn, Urteilskraft, Entschlossenheit, Verantwortungsgefühl, Selbsterkenntnis und Selbstvertrauen, vor allem wenn sie allein unternommen wird. Und dann die Bergeseinsamkeit! Was kann man da in sich aufnehmen an tiefgehenden Eindrücken, wie ausdrucksvoll spricht alles zu der so empfänglichen Seele. Mir jedenfalls bedeutete die Schluderbacher Zeit mit ihrer Abenteuerlust, ihrem heiligen Eifer, ihrer göttlichen Naivität, ihrem unverfrorenen Draufgängertum und ihren ahnungsvollen Stimmungen eine Art zweiter Jugend, deren goldener Schimmer nicht erlöschen kann. Den Schluß der Reise bildete die Besteigung des Cevedale und der Königsspitze in der Ortlergruppe, die ich in Gesellschaft eines Reisebekannten unternahm. Michel Innerkoffler. Ich möchte hier noch besonders des guten Michel gedenken, dieses einzig gearteten Mannes, dem ich wie so viele in warmer Anhänglichkeit zugetan war und der schon ein Jahr später auf dem Cristallogletscher sein Leben verlieren sollte, von dem Gipfel des Berges zurückkehrend, brach einer seiner beiden Touristen auf einer Schneebrücke des bekannten Gletscherschrundes ein und riß ihn so unglücklich mit sich, daß ihm am unteren Spaltenrand der Schädel zertrümmert wurde und er sofort verschied. 1848 zu Sexten geboren, war Michel 1872 nach Schluderbach gekommen und in die Dienste Ploners getreten. Anfänglich verrichtete er die gewöhnlichen Arbeiten eines Knechts, etablierte sich aber bald als Führer. Es war dies um die Mitte der siebziger Jahre, wo sich ein gewisser Stillstand im Alpinismus bemerkbar machte. Die großen Berge der Schweiz und Tirols waren bezwungen. Es gab hier kaum mehr etwas Epochemachendes zu tun und doch lechzten die »Jungen« nach neuen Taten. So wandten sich die Blicke den Dolomiten zu. Wohl war auch hier schon vieles geschehen. Grohmann insbesondere hatte die Mehrzahl der großen Gipfel in den sechziger Jahren erstiegen, wie Monte Cristallo, Sorapiß, Antelao, Tofana, Große Zinne, Dreischusterspitze und andere, daneben aber starrte noch ein ganzes Heer von bisher unbeachteten Zacken und Türmen jungfräulich in die Lüfte, unbedeutend an Höhe zwar und nicht zu vergleichen mit den gewaltigen Riesen des ewigen Schnees, dafür aber auch um so steiler und unnahbarer. Auf sie lenkte sich jetzt das Interesse. War es möglich, an diesen glatten Steilwänden und zerklüfteten Zacken hinaufzukommen? War es nicht waghalsige Vermessenheit, war es überhaupt lohnend? Furcht freilich kannte die junge Generation nicht, aber wagte sie sich nicht an Unerreichbares? Da kamen plötzlich die Nachrichten von Michels Erfolgen Schlag auf Schlag: der Zwölfer, der Elfer und die westliche Zinne sind gefallen, der Einser, die Grohmannspitze und jetzt gar die gefürchtete Kleine Zinne und die Croda da Lago! Kein Zweifel, es war möglich, ja mehr noch, es zeigte sich, daß ein guter Kletterer überhaupt überall hinkam und daß die Ersteigung solcher Felsen ein ganz eigen faszinierendes Vergnügen bot. Dies der Welt zum Bewußtsein gebracht und dem Alpinismus durch die Einführung der Dolomitkletterei schwierigster Art die Krone aufgesetzt zu haben, ist das Verdienst Michels. Darin liegt seine Bedeutung, denn er hat alle diese Touren selbständig ausgedacht und durchgeführt. Darum war er auch mehr als nur ein Führer: ein Alpinist von epochemachender Bedeutung. Entbehren freilich konnte er die Touristen nicht, aber es ist ein schöner Zug von ihm, daß er mit seinen »Erstlingstouristen« sehr wählerisch war und ich bin weit entfernt, die Verdienste dieser hervorragenden Alpinisten schmälern zu wollen. Man denke sich nur einmal zurück in jene Zeit der Spannung, der Ungewißheit und des Zweifels! War es da eine Kleinigkeit, den neugefundenen Wegen des verwegenen Mannes zu folgen, des unbestritten ersten Kletterers seiner Zeit? Betrachten wir ihn bei der Arbeit, so springt vor allem seine geradezu unglaubliche Kletterfertigkeit in die Augen. Als ich mich einst mit ihm über die Art und Weise des Kletterns unterhielt, meinte er, er klettere in der Hauptsache mit den Händen und gebrauche die Beine nur nebenher bei besonders schwierigen Stellen. »Schauen's, i komm mit de Finger allein aufi!« Sprach's und zog sich an einer senkrechten Felswand mit den Händen ein gutes Stück weit in die Höhe, während die Beine frei in der Luft hingen. Ebenso kam er auch wieder herunter. »Ja, guter Michel, der Fels war dir untertan. Keiner konnte dir etwas anhaben, er war dein Element, in dem du sicher herrschtest, und im Fels hätte dich das tragische Schicksal, welches dir die trügerische Gletscherspalte bereitete, gewiß nicht ereilt.« Großartig war sein Verständnis für das Gebirge überhaupt, für seine Eigenheit, seine Zugänglichkeit, seine Gefahren, so daß er sich überall ohne weiteres zurechtfand. Dazu war seine Tatkraft eine ganz ungewöhnliche, wie unbeugsam und gebieterisch war er im Augenblick der Gefahr und erstickte jeden Widerstand im Keim! Ebensowenig duldete er eine ungerechtfertigte Umkehr. »Nauf hat er müssen und wann i ihn hätt' dertragen müssen!« Als Mensch war Michel eine goldklare Natur. Von Statur mittelgroß, breitschulterig und muskulös, blitzten in seinem gebräunten, von rötlichem Vollbart umrahmten Gesicht ein Paar blauer Augen, denen man die Gutmütigkeit und Herzensgüte, gepaart mit harmloser Schelmigkeit ansah, und wenn er, was bei seiner wohltuenden Fröhlichkeit so oft der Fall war, seinen Mund lächelnd öffnete, blinkten zwei wahre Perlenreihen von Zähnen einem entgegen, um die ihn wohl ein jeder beneidet hat. Sein harmlos bescheidenes, durch und durch natürliches Wesen gewann ihm sofort aller Herzen, und kaum je ist ein Führer auch persönlich so beliebt gewesen wie er. Kam es doch vor, daß Touristen, die sich auf größere Besteigungen nicht einlassen wollten, ihm für einen Spaziergang den Tarif des Monte Cristallo anboten, um nur seine Gesellschaft zu haben. Seine Mäßigkeit war eine geradezu spartanische. Nie nahm er geistige Getränke zu sich, und es war ihm ein großer Kummer, daß sein Bruder, das »Gamsmannl«, in dieser Beziehung des Guten oft zu viel tat. Aber wenn's darauf ankam, wußte er sich auf drastische Weise zu helfen. Vor jeder größeren Tour, die er mit ihm unternahm, sperrte er ihn den ganzen Tag ein, brachte ihm persönlich das Essen und – Wasser, soviel er trinken wollte. Nachher allerdings, wenn das Unternehmen glücklich vollbracht war, hatte er auch ein Einsehen und – sperrte ihn wieder ein, aber jetzt mit einigen Flaschen Tiroler. Mit dem Lesen und Schreiben stand er angesichts seiner in den Bergen als »Geisbue« verbrachten Jugend auf etwas gespanntem Fuße. Doch sein Humor half ihm darüber hinweg: »Geh, schauen's doch amol, was do staht, san's so guet, i bin so kurzsichtig.« Bezüglich des Heiratens, zu dem er von allen Damen immer wieder angehalten wurde, meinte er: »Jo, sellen is nit so einfach! Wissen's, mei Frau mueß jung, schön, reich und tugendsam sein. Na, bis zum Herbst denk' i, werden mir's z'sammen hoben.« Der Bund der Herzen war nämlich im stillen schon geschlossen, aber der Tod bereitet ihm ein jähes Ende. Eine besondere Freundschaft verband ihn mit dem alten Ploner. Die beiden waren Jagdfreunde, und insbesondere war die »Gamsjagd« ihre höchste Passion. Darüber »dischkerierten« sie beinahe täglich, und daß dabei das Jägerlatein eine große Rolle spielte, verstand sich von selbst. Es war eine Wonne, die beiden erzählen zu hören, und ich möchte dem Leser einige ihrer Geschichten nicht vorenthalten. Kommt z. B. der Michel einmal mit einem Bekannten von der Jagd zurück, deren Mißerfolg er durch folgendes Abenteuer zu verbergen sucht: »Weißt ka Gams ham mer nit g'sehen und do sitzen wir halt z'sammen hoch oben und vespern. A schön's Stück Speck ham mer g'habt, dös liegt grad zwischen uns drin. Auf amol wird's dunkel, a Mordsadler kimmt g'flogen und stoßt auf den Speck mitten zwischen uns. Wir aber nit faul, ham uns einfach z'sammen g'wälzt und ham den Adler in der Mitten verdruckt.« Und als Ploner nach dem Adler fragte, »tut er fuchsteufelswild«, daß ihm der »derfallen« sei. »Drunten is er g'legen und i hab ihn nimmer kriegt.« Erfolgreicher war die Jagd bei folgendem heiteren Stücklein, das Ploner erzählte. »Amol war i und der Michel ins Birkental eini gangen auf die Gamsen, und weil wir schon a weil umanand g'laufen waren, setz'n wir uns nieder, a bissel weg vom Bach, hab'n ausg'rast't und was verspeist. Auf amol derschaut der Michel a Gams – scho a sakrischer Bock war's – auf der Wand grad über uns. Die Gams hot bald a bissel g'äst, bald hat's runterg'schaut nach uns, neugierig, wie's a so san, wann's kan Jäger wittern. ›Daifel, Daifel!‹ sagt der Michel, jetzt wie ankimmen? Sieht der Bock uns weglauf'n, reißt er sicher aus, und ins Bachbett, wo mer sich anschleich'n könnt, laßt er uns nit. No i hab mi halt a bissel b'sunnen, nocher sag i: Michel, hab i g'sagt, jetzt du bleibst sitz'n, derrührst di nit und wartst grad, was i mach! I aber bin langsam aufg'standen, hab' mi immer am Boden buckt, grad als wenn i Holz aufklaub'n und z'sammtragen tät, zum Michel 'nüber. Dös hab' i so a Zeitlang trieb'n, no sag' i: Michel, hab' i g'sagt, jetzt nimm i di auf'n Rucken mit samt deiner Büchs und schmeiß di ins Bachbett eini, wie a Holzbündl, nachher merkt die Gams nix. So hab'n wir die Sach' g'macht, und der Bock, der a so 'was wohl schon oft g'sehen hat, hat ganz ruhig zueg'schaut und g'halten. I hab' mir weiter am Boden z'schaff'n g'macht und hab wieder Holz aufklaubt, und der Michel hat sich dervon g'schlich'n im Bach, hat sich an die Gams anbirscht, die immer wieder bloß nach mir g'schaut hat, und wie's g'schnellt hat, do hat er's a troff'n g'habt und derwuschen hab'n wir 'n Bock! Do hat ma's halt wieder dersehn, daß ma bloß praktisch sein mueß auf der Jagd.« Freilich, manchmal ging auch der alte Ploner trotz all seiner Schlauheit ein, wie dies z. B. bei den beiden ersten Besteigungen der höchsten Cadinspitze der Fall war. »Wie i amol beim Jag'n g'wesen bin da droben und nix g'schossen hab', da denk' i, jetzt gehst amol auf den Cadinspitz aufi. Der gucket so alleweil auf Schluderbach abi, als ob er b'stiegen sein möcht'. I bin au ohne weiteres aufi kommen, aber wie i wieder zurückkomm' nach Schluderbach auf'n Abend, do heißt's, morgen kommt der Grohmann. Jesses, sag' i, der Grohmann! Bist du a Kerl, daß d' heut da aufi bist, allein und ohne Touristen. So hat jo die ganz Besteigung kan Wert nit, und der Grohmann geht sicher nimmer aufi! Dös darf nit sei, dös is ganz was anders, wann der Grohmann z'erst droben war. Der mueß nauf, nochher hat die G'schicht an Ansehen. No hab' i aber auf'm Gipfel a Steinmannl g'macht mit einer Karten drin, die alles verroten hätt'. Dös hat also wieder 'runter müssen, sell war g'wiß. Was bleibt mir also übrig, als wieder aufi z'gehn, und zwar glei in der Nacht, und dös war ka Kleinigkeit. Drob'n, i ha mi kaum z'recht g'fund'n in der Dunkelheit, schmeiß' i s' Mannl wieder um und nimm mei Karten weg, daß er jo nix merkt. Nochher aber, auf'm Heimweg, hab' i erst recht schaff'n müssen, damit er die Spur nit sieht in der Schneerinnen. Denn meine Tritt, hab'n natürlich nit bleib'n dürfen, die hätten jo alles verroten. I steig' also 'n ganzen Weg rückwärts abi, und vermach 'n Weg mit de Händ', daß 's a so aussieht, als wär' a Gams aufi gangen oder so was. Jesses, war dös a G'schäft, und d' Händ hob' i derfroren, daß 's a wahrs Elend g'wesen is. Wie i no endlich wieder z' Haus bin kommen auf'n Morgen, richtig is der Grohmann au schon do, und wie mir z'sammensitzen und dischkerieren, so sag' i: Herr Grohmann, i wüßt' an schönen Berg für Ihnen, dös wär' so was für Sie, der is no nie b'stiegen worden. So, sagt er, dös is mir glei' recht, i möcht' schon aufi, was ist's denn für aner? Jo, schaun's do droben der höchste Cadinspitz, a schöner Berg, sag' i Ihnen! Was, die Cadinspitz? sagt er, was hab' i auf der Cadinspitz verloren, na, Ploner, do gang i g'wiß nit aufi, dös fallet mir scho gar nit ei. Und richtig, unten is er blieben und weiter gangen und all dös G'schäft is umsonst g'wesen.« Auch Michel hat eine ähnliche ›Erstbesteigung‹ der Rotwand vom Osten her gemacht, die mir folgendermaßen erzählt wurde. »Dös schwere Tragen, wissen's, dös hat der Michel ganz auf'm Strich g'habt. Wann er erst g'merkt hat, daß 's viel zum Trag'n gibt, nochher war's mit der guet'n Laun aus. Kommt do amol a Tourist nach Schluderbach, um auf die Groß Zinnen z'gehn, der hot schon an Mordsranzen g'habt. Wie den der Michel sieht, ist's glei nix g'wesen, da macht er an Ausflucht und sagt, er hätt' schon a Tour mit an anderen Fremden, auf'n Cristallo. No, domals war jo a no 's Gamsmannl do, und do ist der Tourist halt mit dem gangen. Auf'n andern Abend find't aber der Michel niemand, und wie er hört, daß der Fremde a no auf d' Rotwand will, do möcht' er doch mit und frogt'n, ob er 'n net mitnehmet. Aber der sagt: Na, heut san's nit mit mir auf die Große Zinnen gang'n, also brauchen's morgen a nit auf die Rotwand. Da is der Michel schon fuchsteufelswild worden, dös können's Ihnen denk'n, und sagt zu mir: Ploner, sagt er, die zwa will i scho krieg'n. Am andern Tag auf'n Abend kommt 's Gamsmannl mit sei'm Touristen ganz verstört wieder an. Jesses Ploner, sagt er, i weiß nit, was dös is. Wie mir do aufi kommen, am Grat unterm Gipfel, do steht a weißer Kerl do mit einer fürchterlich langen Nasen und an Stecken hat er in der Hand g'habt, als wollt' er auf jeden dreinhauen, der vorbei will. Mir san ganz starr g'wesen, was dös do droben is. No zum Schluß han mer schon g'merkt, daß es a Schneemann war, aber schau, Ploner, wie kann denn der do aufi kommen sein? Sell weiß i scho g'wiß, daß heut' ka anderer aufi gangen is, und von früher kann der Kerl doch a nit sein, do hätt 'n ja die Sonnen derschmolzen g'habt.« Na, der alte Ploner und der neben ihm sitzende Michel wußten schon die Erklärung zu diesem rätselhaften Phänomen. Michel hatte den Berg an demselben Morgen direkt von Osten her bestiegen, den Schneemann auf den Grat gesetzt, ihm seinen Bergstock in die Hand gedrückt und war dann sofort wieder denselben Weg heruntergekommen. Aber gesagt haben sie natürlich nichts, und noch lange mußte das Gamsmannl von den weißen Geistern hören, die ihm den Zugang zu den Gipfeln versperren, »Hascht wieder so an weißen Kerl derwuschen do droben!« Hören wir nun zum Schluß noch den jungen Ploner über ein Haupterlebnis in Michels Leben, seine im Jahre 1881 in Gesellschaft der beiden Ploner nach Wien unternommene Reise. »Anfangs wie mir auf der Eisenbahn g'fahren san, do ist's dem Michel gar nit wohl g'wesen und die Fahrt is ihm viel zu lang vorkommen. Daifel, sagt er immer wieder, do kommen wir jo gar nimmer heim, wann mir nur a wieder zeitig heimkommen, jetzt is grad die schönste Zeit für die Gamsen. Wie wir nu san auf Wien kommen, auf'n andern Morgen in der Frueh, do hab'n uns die Leut' am Bahnhof erwartet, wissen's, a ganze Abordnung im Staat. Der Michel aber, der is no halb verschlafen g'wesen und hat nit aufpaßt, und wie er die große steinerne Stieg'n runter will, rutscht er aus mit seine g'nagelte Stiefel und fallt die ganze Stieg'n abi. Do is er g'legen. Dös war der Empfang. Den Spektakel können's sich denken, und die Fraid! Erst haben's g'schaut, ob's nix tun hat, nachher aber schreien's alle: Jesses, a Seil bringen, bringet a Seil, daß mir den berühmten Tiroler Führer dran anhängen, sonst derfallet er no in Wien. Nochher san mir ausquartiert worden, jeder bei'n andern Herrn. Unter Tags hab'n wir uns dann die Stadt allein ang'sehn und auf'n Abend san die Herrn mit uns 'gangen. Die Hauptschwierigkeit is g'wesen, daß wir uns z'recht g'funden ham unter Tags, und do hat aner immer 'n andern überboten, wer sich leichter ausfind't. Der Vater, wissen's, der schon a paar mol in Wien g'wesen is, der hat se immer am besten auskennen wollen, und der Michel als berühmter Bergführer natürlich hat seine Kenntnis au an Tag leg'n wollen. Der hat sich immer an die Statuen auf den Brücken g'halten, weil dös so nette Mädel waren, und da sagt er oft, halt, Schaffer, sagt er, i mein, an der san mir heut scho amal vorbeikommen, aber dös is natürlich immer wieder an andere g'wesen. I selber bin hinten drein gangen und hab nix sagen dürfen. Aber wie's amol ganz verkehrt san gangen und i was g'sagt hab', do san beide über mi her g'fallen, da hat's g'heißen: Halt's Maul; du verstehst nix, du bist ka Führer. Ang'sehn haben wir uns natürlich alles; was aber den Michel am meisten int'ressiert hat, dös war die Menagerie in Schönbrunn. Die Gamsen freili, die ham ihm gar nit g'fallen, do hat er nit traut. Was, dös sollen Gamsen sei, das san kane Gamsen, dös muß i wissen, die san nit echt. Und die Affen natürlich, die ham mir uns a anguckt in dem runden Käfig, dös war amal int'ressant. Der Vater hat gar nimmer fort wollen, der schaut immer so eini, ganz nah, was die Kerle do drin für Faxen machen; auf amol springt so an Aff derher und packt 'm sein Hut mit der Pratzen, und weg war er. Der Vater is dog'standen wie an Ölbild vor Schrecken. Denn wissen's, a nagelneuer Hut is 's g'wesen mit an Gamsbart drauf. Dös können's Ihna denken, daß der Vater kan schlechten Gamsbart mit auf Wien g'nommen hat. Daifel, schreit da der Michel, der schöne Gamsbart, is ka Büchsen do, wann i no a Büchsen hätt', i derschießet den Kerl, den elendigen, wahrhaftig; Daifel, der schöne Gamsbart! Und der Vater, wissen's, is immer no traurig dog'standen. Die Affen aber natürlich, die ham a Mordsgaudi g'habt. Z'erst ham's nit recht traut und san alle drum rum g'standen, und der ane, der Spitzbue, hat jedem andern den Gamsbart unter d' Nasen g'halten, zum Schmecken. Nochher sind alle umanand g'sprungen wie närrisch vor Fraid, und wie alle dran g'schmeckt haben, ham's ang'fangen, den Gamsbart z' zerreißen. Daifel, is der Michel wütig g'wesen. Und der Spektakel! D' Leut' ham g'lacht und g'schrien vor Fraid, 's ist a ganze Ansammlung rumg'standen und ham g'sogt: do kriegen mir amol an Tiroler, an echten, mit samt sei'm Gamsbart. Schließlich auf dös G'schrei is dann a Wärter kommen und hat dem Affen den Hut wieder abg'jagt. Der hat aber dem Affen schon kurios zuesetzen müssen, bis er n' g'habt hat. Den Hut haben m'r jo schließlich wieder kriegt, aber der Gamsbart natürlich, der war fertig. Und der Aff hat uns ganz traurig nachg'schaut wie m'r gangen san. Der wird wohl denkt haben: So drei find' i nimmer! Auf'n Abend do sind m'r dann mit den Herrn in a Vergnügungshalle gangen, do is Scheiben g'schosse worden, und wie dös der Michel sieht, natürlich do hat er 'n ganzen Abend nix wie g'schossen. Und in dem andern Saal do is tanzt worden, mit schöne Damen, und do hat der Vater a tanzen wollen und hat aner auf'n Schlepp treten und is hing'fallen, mitten in den Saal nei, daß alles z'sammeng'lacht hat. Jesses, hab' i mi g'schämt. Und weil so a Spektakel g'wesen is, do haben die Herrn zum Michel g'sagt, er soll die Wachtel machen, wissen's, dös hat der Michel famos verstanden, alle Vögel hat er nochmachen können. No, dös hat dem natürlich eing'leucht't, und do hat er sei Sacktücherl z'sammeng'macht, als ob er a Käfig drin hätt', und is durch den Saal gangen und hat d' Wachtel g'macht. Do is natürlich alles z'sammg'sprungen, was dös is, und alle ham gemeint, der hat a richtige Wachtel in sei'm Tucherl. Ins Theater san mir a gangen. Die Herrn ham uns Karten b'sorgt, an gueten Platz, hoch droben, und da ham m'r natürlich unsere schönsten Lodenröck ang'habt. Haben do dem Michel die Mädle g'fallen! Wissen's, 's war so a Ballett. Dös Glas hat er nimmer von de Augen bracht und hat's dem Vater um d' Welt nit geben. Daifel, hat er immer g'schrien, dös is a schöne. Schau doch, jetzt kommt wieder a ganzer Haufe Mädle raus, ganz laut, und i hab' immer sagen müssen: Michel, do darfst nit so schreien, jetzt bist nit auf'm Cristallo. Und a Hitz hat er g'habt, wissen's, daß er schier derschmolzen is. Ja, wenn i halt 'n Rock auszieh'n könnt, sagt er, du i mein', i probier's. Na, sag i, Michel, dös gaht nit, und doch hat er's partu tun wollen, bis sich der Vater ins Mittel g'legt hat, sonst hätten's uns ja außig'jagt. Sein Huet aber, den hat er fest in der Hand g'halten, wissen's wegen dem Gamsbart, daß 'm der nit dervonkimmt, wie dem Vater. So san mir schließlich ganz damisch worden vor lauter Schauen. Und wie mir wieder ham san kommen auf Toblach in der Nacht, da ham mir in der klanen Hütten am Toblacher See g'schlofen, auf'm Stroh, und die ganz Nacht durch hat der Michel immer so an Muketz tue, vor Aufregung, wissen's. Und g'wußt ham m'r gar nix mehr von Wien, weil m'r z'viel g'sehen ham.« Ja, die Liebe! Das alles ist mir heute noch wie ein Traum. Nicht bloß ein Frühlingstraum von Lenz und Liebe mit Knospen- und Blütenpracht und ahnungsvollen Schauern unter sternenbesätem Himmel. Mit seinem Wirbel der widersprechendsten Dinge ist es mir auch wie ein wildverworrenes Alpdrücken, eine höhnische Groteske mit phantastischen Erlebnissen aller Art, ein Traum, aus dem es kein Erwachen zu geben schien und den ich doch wachend träumte. Wenn mich meine Wanderungen in dem Drang nach Erleben unwillkürlich immer wieder der Höhe zuführten, so war mein sonstiges Leben bis dahin ziemlich eben verlaufen. In meinem Beruf hatte ich Aussicht auf eine ganz erfolgreiche Laufbahn, meine Garnison war unterhaltsam und gefiel mir, die Knappheit meiner Mittel kümmerte mich nicht, und von großen seelischen Erschütterungen war ich verschont geblieben. Auch in Herzensangelegenheiten, die wohl da und dort etwas aufgeflackert waren, aber nie wirklich intensive Formen angenommen hatten. Es war da etwas, das mich abhielt, mich innerlich zu sehr zu binden. Im Gebirge, ja, da konnte ich mich ganz und gar hingeben, da blieb ich, wer ich war, aber bei den Menschen war das etwas anderes. Da liebte ich doch meine Freiheit zu sehr. Auch meine Studien hatten mich schließlich ganz auf den Weg des Verstandes geführt. Ich war ein Anhänger Epiktets geworden, der bekanntlich rät, sein Herz an nichts zu sehr zu hängen, weil es dann auch keine Enttäuschungen gebe. Und warum sollte das nicht richtig sein! Predigen nicht auch alle andern weisen Mäßigung und Gleichmut? Und nun wurde ich plötzlich in einen Wirbel der Gefühle hineingerissen, der mich in alle Höhen und durch alle Tiefen führte. Die uralte und doch ewig neue Geschichte natürlich von dem Herzzerbrechen. Was bedeutete das für mich? War es ein Schicksal oder eine gütige Fügung? Doch betrachten wir uns erst den Verlauf der Krankheit! Es war bei einem großen Ball in der Residenz. »Sie stand neben einem der vielen Pfeiler des weiten, prächtig beleuchteten Saales, eine hochelegante, stattlich volle Erscheinung von fremdländischem, beinahe südlich feurigem Typus. Eine hochstehende Feder in dem brünetten Haar erhöhte noch den hoheitsvollen, unnahbaren Eindruck, der eigentümlich von einer gewissen Weichheit abstach. Fragend schweiften die großen, dunkeln Augen über das bunte Menschengewirre vor ihr hinweg. Niemand kannte die Fremde oder wagte sich an sie heran. Scheu, wenn auch mit neugierigen Blicken ging man an ihr vorbei, und ich hatte die größte Mühe, bis ich ihr endlich vorgestellt werden konnte. Ich tanzte den ganzen Abend nur mit ihr. Einmal, weil ich das auf Bällen immer so machte und dann interessierte sie mich. Sie gab sich sehr liebenswürdig und zuvorkommend. Augenscheinlich war sie froh, jemand zu haben, der sich ihrer annahm. So unterhielten wir uns vortrefflich, und ich nahm mir vor, diese Sache zu pflegen. Bei meinem ersten Besuche wurde ich etwas ernüchtert, wenn auch nicht gerade enttäuscht. Der blendende Glanz des Ballsaals war verflogen und das leicht gepuderte Gesicht erschien mir älter als am Abend zuvor. Überhaupt hatte sie ihre »Tage«. Nicht bloß äußerlich, auch in ihrem stark exotischen, oft launischen Wesen, das in der braven Stadt ziemliches Aufsehen erregte. Daß sie sich daraus nichts machte, gefiel mir. Auch ihre Mutter kümmerte sich nicht darum und war froh, wenn sie einige Unterhaltung hatte. Im übrigen fanden wir bald etwas, das uns zusagte. Der schneereiche Winter und die bergige Umgebung der Stadt brachten es ganz von selbst mit sich, daß wir auf das damals allerdings noch recht ungewöhnliche Rodeln verfielen. Das war etwas Romantisches, und wir konnten uns dabei nähertreten. So zogen wir beinahe jeden Abend mit unserem Doppelschlitten auf die benachbarten Höhen hinaus und unterhielten uns glänzend bei unserem Sport. Sie war dabei ein vortrefflicher, unternehmungslustiger Kamerad, der auf alles einging und nie Schwierigkeiten machte, wenn wir genug gerodelt hatten, brauten wir uns in dem schneelastschweren Wald einen Grog, aßen Süßigkeiten, tanzten um das Feuer herum, um die Füße zu wärmen und traten meist erst lang nach Mitternacht Hand in Hand den Heimweg durch die verschneiten Gassen an. Soweit war der Traum also nicht übel, und wenn er plötzlich eine andere Gestalt annahm, uns blutig angrinste, so waren wir daran nur selbst schuld, wir hatten eben beide zu harte Köpfe. Der Gefährtin ging nämlich die Fahrt nie schnell genug, und ich wiederum war nicht geneigt, den Bedächtigen zu spielen, vor irgend etwas zurückzuschrecken. So schraubten wir uns gegenseitig, bis die Katastrophe eintrat, unser Schlitten an einer scharfen Kurve, die dazu noch über eine Bahnlinie hinwegführte, zerschmetterte und wir in eine eiserne Barriere hineingeschleudert wurden, die zum Glück nicht ganz vorgezogen war. Ich selbst kam mit einigen zerschundenen Gliedern davon, während sie mit einer langen klaffenden Wunde über der Stirn am Boden lag. Im übrigen blieb sie sich treu. Als sie wieder zu sich kam, war ihre erste Frage, ob ihre Augenbrauen, auf die sie besonders stolz war, nicht verletzt seien. Nachdem ich verneinen konnte, machte sie sich uns der Sache weiter nicht viel und nahm auch die sieben Nadeln, die sie kostete, nicht tragisch. Bei den Krankenbesuchen, die ich nun machte, kam dann meine eigene Krankheit vollends zum Ausbruch. Mitleid für ihre Schmerzen, die sie mit ruhiger Gelassenheit ertrug, spielte dabei ebenso eine Rolle, wie Bewunderung für ihre Schneid, von der ich sie im übrigen doch einigermaßen kuriert hatte. Auch etwas Stolz über diese letztere Tatsache war wohl dabei. Kurz und gut, die Große Passion brach rettungslos bei mir aus und steigerte sich rasch ins Unermeßliche. Bald war dann auch sie ganz im Bann, und so träumten wir den großen Traum, demgegenüber es eigentlich gar keine Wirklichkeit mehr gibt. Ich sehe uns großen Kindern gleich durch Wald und Frühlingsflur streifen oder hoch zu Roß dahinreiten, sehe uns an den Ufern jenes kleinen Sees sitzen, an Bachesrand unter mächtigen Tannen Blumen pflücken, sonnenfroh, wie in einem Mysterium, und umgaukelt von Zukunftsplänen aller Art. Dazwischen freilich mischte sich das drohende Gespenst einer Trennung, die notwendig war, um die Einwilligung des Vaters von jenseits des Ozeans zu holen. Endlich der Höhepunkt, der zugleich den Abschied mildern sollte: die Reise nach der Schweiz, nach Engelberg und dem Vierwaldstädter See. Was soll ich weiter darüber sagen! Wie sollte ich jene Mondnacht in dem einsam treibenden Kahn auf dem feenhaft beleuchteten See mit seinen stillen, lauen Wassern und dem Schilf am Ufer vergessen, zwischen den es uns weltenfern hineintrieb, während dort die stolze Front der Stadt in magischem Feuerwerk erstrahlte! Als dann die Trennungsstunde schlug, war ich wie betäubt und scheute mich vor dem Erwachen. So kam es, da ich noch reichlich Zeit vor mir hatte, zu jenem Zwischenspiel in dem Traum, das mich jäh in eine ganz andere Welt versetzte und mit seinen drohenden Gefahren und Abenteuern heute noch wie eine phantastisch höhnische Groteske anmutet, deren grimmer Humor mir nur ganz allmählich zum Bewußtsein kam. Also es trieb mich nach dem Süden. Dort in Nizza hatte die Geliebte einst geweilt, da wollte auch ich jetzt hin, um weiter an den Plätzen träumen zu können, die sie für mich mit einem so romantischen Schimmer umgeben hatte. Auch die Seealpen, durch die ich dabei wandern konnte, lockten, wenngleich ich zum eigentlichen Bergsteigen nicht in der Stimmung war. Daß ich auf dieser Wanderung als Offizier allerhand Unangenehmes erleben kannte, dachte ich mir ja auch schon so ungefähr. Ich kam da durch ein befestigtes Grenzgebiet, in dem der Spionageverdacht gewiß seine Blüten trieb. Aber gar so schlimm würde das ja wohl nicht sein und was konnte mich denn besser über die Sentimentalität der nächsten Zeit hinwegbringen, als Abenteuer? Doch die Dinge waren wesentlich schlimmer, als ich dachte. Die zahlreichen militärischen Wegeanlagen und Grenzstellungen waren von Truppen besetzt, und unter den wenigen seßhaften Sommerfrischlern fiel jeder wandernde Tourist bedenklich auf. So hatten die überall herumstreifenden Carabinieri und Gendarmen ein leichtes Spiel, um ihren Argwohn zu befriedigen und eventuell einen guten Fang zu tun, der dann auf Nachsicht gewiß nicht rechnen konnte. Sprach man doch auch überall davon, daß in Frankreich einmal Festgenommene, abgesehen von ihrer Verurteilung, durch unverdauliche Gefängniskost rasch und sicher zugrunde gerichtet würden, während in Italien die Behandlung Verdächtiger mindestens ebenso rücksichtslos sei. Nun zunächst wenigstens blieb ich in meinem Traum befangen, und die Reise ließ sich recht gut an. Ich zog von Cuneo über den Colle delle Fenestre nach St. Martin Lantasque, erfreute mich an der romantischen italienischen Landschaft und den malerischen Gestalten, holte mir Trauben von den Weinlauben herunter und lebte bei manchem Fiasko der Erinnerung. Auch der Spaziergang durch das wilde Trümmertal des Passes mit dem großartigen Blick auf die Firnfelder der Cima dei Gelas und des Mont Clapier, der einen so gewaltigen Kontrast zu dem Blick über die grünen Vorberge mit ihrer südlichen Pracht bis zum Mittelmeer bildete, gefiel mir höchlichst. In St. Martin Lantosque, einem hübsch gelegenen Städtchen mit malerischen Mauern, das voll von Nizzaer Sommergästen war, erregte ich einiges Aufsehen. Augenscheinlich amüsierte man sich über den »langen, spleenigen Engländer«, der schwer bepackt durch die Lande zog, anstatt sich bequem an einem hübschen Plätzchen niederzulassen. Auf einem Umweg nach meinem Ziel kam ich dann über hübsche aussichtsreiche Vorberge und in interessantem Wechsel durch das schluchtenreiche Tinee Hochtal nach St. Etienne, wo der Traum eine drohendere Gestalt anzunehmen begann. Am Abend trat ein Gendarm bei mir ein und ersuchte mich, mit ihm auf sein Bureau zu kommen. Ein Gendarm! Nun, ich war auf meiner Hut, als sich folgendes Verhör abspielte. »Monsieur, wir sind hier an der Grenze und müssen uns über alles auf dem laufenden halten. Also, was wollen Sie eigentlich hier?« »Was werde ich weiter wollen! Wandern! Die Seealpen interessieren mich,« »Sie sind wohl ein Engländer?« Da der Mann das so kategorisch annahm, so bejahte ich eben. »Und ihre Papiere?« Ich hielt Ihm einige Briefe hin, die ich aus England erhalten hatte, dazu meine allerdings gut deutsche Alpenvereinskarte, die er augenscheinlich nicht verstand und mir nach einigem Betrachten zurückgab. »Wo wohnen Sie denn in England?« Jetzt konnte nur Unverfrorenheit helfen. »In London.« »In welcher Straße?« »9 Cecil Street Strand.« Da hatte ich nämlich seinerzeit tatsächlich gewohnt. »Sie sind wohl Mitglied des Alpine Club?« »Allerdings!« »Wer ist denn der Präsident des Alpine Club?« Also auch das noch! »John Ball,« erwiderte ich, einen Namen der mir gerade einfiel. »Das ist aber merkwürdig. Ich kenne den Präsidenten von Nizza her, und der heißt ganz anders.« »Das mag wohl sein!« Und ohne weiteres besinnen: »Der Alpine Club hat jedes Jahr einen neuen Präsidenten und der gegenwärtige heißt John Ball.« Das leuchtete dem Mann ein, und er gab sich endlich zufrieden. Als ich dann aber etwas erleichtert auf mein Zimmer kam, zeigte sich, daß mein Gepäck inzwischen durchsucht worden war. Das war gut, denn ich hatte meinen photographischen Apparat in meiner Rocktasche gehabt und sonst nichts Kompromittierendes bei mir. Da ich nun fürchtete, bälder oder später auch noch selbst einer Untersuchung unterzogen zu werden, ließ ich bei dem Ausflug, den ich andern Tags unternahm, den Apparat in meinem Tornister zu Hause, in der Annahme, daß jetzt wenigstens mein Gepäck sicher sei. Doch ich hatte nicht mit der Gründlichkeit dieser Leute gerechnet, und als ich wieder zurückkam, stand mein Gendarm auch schon erregt vor der Tür. »Aber Sie photographieren ja?« Das kam nun allerdings etwas überraschend, und da ein Leugnen unmöglich war, so zuckte ich nur gleichgültig mit den Achseln. »Selbstverständlich photographiere ich, jedermann photographiert doch jetzt im Gebirge.« »Ja, was nehmen Sie denn auf?« »Was mir gerade in den weg Kommt: Bäume, Menschen, Kühe, Ochsen, wie es sich eben gibt.« »Also petites scènes ?« Und nach einer Pause: »Da könnten Sie ja auch mich photographieren?« Einen Augenblick lang zögerte ich. Mein Eindruck war, daß der Mann mich hinhalten wolle, um erst Instruktionen bei seiner Behörde einzuholen. Dann erklärte ich mich mit dem größten Vergnügen dazu bereit, aber heute abend sei das Licht schon zu schlecht und morgen gehe ich nach den Quellen des Var. Wenn ich von da zurückkomme, so werde ich gerne so viel Aufnahmen von ihm machen, als er haben wolle. Damit schien er sich zufrieden zu geben. Andern Tags zog ich in aller Frühe los. Meine Absicht war, über den Col de Jallorgues nach Süden zu wandern in Richtung auf mein vorgenommenes Ziel. Dabei kam für den Fall einer weiteren Verwicklung mit der Gendarmerie die Eigenart des Gebirges allerdings recht ungünstig in Betracht. Alle Täler liefen in sogenannte »Clus« aus, meilenlange, senkrechte Felsschluchten, in denen ein Ausweichen nach der Seite völlig unmöglich war, so daß man mich leicht anhalten konnte, wenn ich telegraphisch signalisiert wurde. Zunächst ließ sich alles gut an. Das Dörfchen lag noch in tiefem Schlaf, und ich begegnete keinem Menschen. Aber bald hatte ich das unbestimmte Gefühl, daß etwas nicht stimme, und mehr und mehr kam mir der Gedanke, ob es nicht besser sei, über den naheliegenden Col de Pourriac nach Italien zurückzukehren, das ich in wenigen Stunden erreichen konnte, während ich sonst mindestens einige Tage lang in Frankreich bleiben mußte. So kam ich noch unschlüssig bei Pont Haut an, wo die Wege sich trennten und eine »Clus« nach links zum Col de Jallorgues führte. Einen Augenblick lang kämpften Sentimentalität und Vernunft, Träumerei und Wirklichkeit miteinander, dann siegte die erstere, und ich machte entschlossen linksum in die Schlucht hinein, froh, daß ich nun wenigstens wußte, was ich wollte. Die Freude sollte nicht lange dauern. Als ich ein kurzes Stück weit gegangen war und mich zufällig umsah, bemerkte ich zwei Gendarmen hinter mir, die sich sofort platt auf den Boden warfen, augenscheinlich, um nicht gesehen zu werden. Kein Zweifel, ich wurde verfolgt. Nun, auf meine Beine konnte ich mich ja verlassen, wenn nur der verdammte Telegraph nicht gewesen wäre! Günstig war auch mein angebliches Ziel. Die famosen Quellen des Var waren nämlich nur so eine Art geographischer Begriff, beinah wie die Quellen des Nil. Man konnte da lange suchen, bis man mich fand. Immerhin war meine Phantasie stark erregt, wie das folgende Erlebnis zeigt. Als ich mich mit Riesenschritten der Paßhöhe näherte, erblickte ich auf einem benachbarten kleinen Gipfel eine Gestalt, die sich scheinbar riesengroß vom Horizont abhob und als sie mich sah, in weiten Sätzen auf mich zusprang. Nun waren ja die Gendarmen schon weit hinter mir und längst nicht mehr zu sehen, aber ich hatte das Gefühl, daß ich umstellt sei und die Schlinge nun zugezogen werde. Was tun? In finsterer Wut und entschlossen zu allem, blieb ich stehen, bis schließlich zu meiner nicht geringen Überraschung ein kleiner Hirtenjunge vor mir stand, dessen Gestalt meine überhitzte Phantasie im Verein mit der Horizontperspektive beinahe ins Übermenschliche vergrößert hatte und der sich nur harmlos freute, in dieser gottverlassenen Gegend einen Menschen zu sehen. Von Guillaumes, wo ich die Nacht verbrachte, indem ich mich, Müdigkeit vorschützend, sofort ins Bett legte, fuhr ich im Wagen weiter. Wagenreisende werden ja immer weniger belästigt, als gemeine Fußgänger. Die Schwierigkeit bestand jetzt darin, die Schlucht zu passieren, in der der obere Var das Gebirge durchströmt, hier nun nahm die Sache geradezu die Form einer Groteske an. Als ich einige Zeit gefahren war, kam uns ein Fuhrwerk mit einem Insassen entgegen, die beiden Kutscher besprachen sich und mein Rosselenker meinte, ob ich den Wagen nicht tauschen wolle, man erspare sich so unnötige Arbeit. Mir war natürlich nichts lieber als das. Zweifellos hatte man mich in Guillaumes als Fremden erkannt, der neue Kutscher aber sollte nichts davon merken. Ich nickte also nur zustimmend und stieg in den andern Wagen, entschlossen, meine Rolle schweigend bzw. scheinbar schlafend durchzuführen. Nachdem wir etwa eine halbe Stunde lang gefahren waren, kamen wir in der Gegend von Daluis an den Eingang der erwähnten Clus, wo auch richtig ein Gendarm wartete und den Wagen halten ließ. Das Herz pochte mir nicht wenig, aber da ich scheinbar fest schlief, so wandte er sich an den Kutscher und fragte ihn, woher ich komme, wohin ich gehe, und vor allem, ob ich kein Ausländer sei? Mit einer geradezu herzerfrischenden Kutschergrobheit erklärte nun aber mein Rosselenker, der Gendarm habe mich doch hereinfahren sehen! Ich sei aus Entrevaux, er kenne mich ganz genau, und wisse schon, was er zu tun habe. Damit ließ uns der bestürzte Gendarm passieren, und ich stellte vergnüglich Betrachtungen über den Wert einer richtig angebrachten Grobheit an. Höflichkeit macht es eben doch nicht immer! Beim Ausgang aus der Schlucht, wo wiederum ein Gendarm wartete, ging es dann ähnlich, und die Unterredung endete mit dem ebenso weisen wie grob vorgebrachten Schluß meines Kutschers: Wen man hereingelassen habe, den müsse man auch wieder herauslassen. In Entrevaux übergab mich mein vortrefflicher Rosselenker wie ein Gepäckstück einem nach Nizza fahrenden Omnibus, auf dessen Verdeck bald auch eine Gesellschaft Betrunkener kam, die mich in patriotischer Begeisterung nicht nur auf die hoch oben an den Talhängen liegenden Befestigungen aufmerksam machten, sondern auch noch in eine Talsperre führten. Die Wache ließ das ohne weiteres zu und ein Posten erklärte uns alles eingehend, so daß ich mich wenigstens durch ein Trinkgeld erkenntlich zeigte, denn was ich da sah, war wirklich hochinteressant. Bei der Vesubieschlucht verließ ich dann unser Fuhrwerk. Ich begann doch allmählich das Erwachen zu fürchten und es schien mir geraten, das Weite zu suchen. So kletterte ich durch die steilen Felsen hinauf nach Levens, wo ich mir einen Wagen bestellte, um nordwärts der Grenze zuzufahren. In dem Gärtchen der dortigen Osteria blickte ich dann noch einmal mit fiebernden Augen über die malerischen Vorberge hinweg, an den Reben, Kastanien und Nußbäumen vorbei bis hinunter nach Nizza mit seinem weißschimmernden Häusermeer, hinter dem sich die blauen Wogen bis zum weiten Horizont ausbreiteten, und machte mir meine Gedanken. Welcher Wechsel in wenigen Tagen! Ich kam mir vor wie ein Geächteter, der hinausblickte ins gelobte Tand, das er nie betreten würde. Ob ich auch nur noch die Grenze glücklich erreichte? Ich sehe mich in dem kleinen Wirtshaus sitzen, das unmittelbar neben einer das Tal sperrenden Befestigung lag, durch die mein Kutscher mich mitten hindurch geführt hatte, ohne daß er zu bewegen gewesen wäre, weiter zu fahren. Es war mir eine recht unangenehme Nachbarschaft, und ich beeilte mich mit dem Nachtessen, um möglichst rasch und ungesehen auf mein Zimmer zu kommen. Ich hatte aber die Rechnung ohne die Gendarmen gemacht, die augenscheinlich die benachbarte Befestigung bewachen sollten. Eben wollte ich mich zurückziehen, als einer eintrat und sich an den Nebentisch setzte. Angesichts meiner so gänzlich überfranzösischen Länge und der Wahrscheinlichkeit, daß mein Signalement ausgegeben war, wagte ich nicht, aufzustehen, vertiefte mich also in das auf dem Tisch liegende Lokalblättchen, indem ich gleichzeitig durch gebücktes Sitzen meine Größe nicht zu verraten suchte. Ich mußte den Kerl eben »aushungern«, und ewig würde er ja doch wohl nicht bleiben. Aber meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Bald kam ein zweiter Uniformierter von der Sorte und dann auch noch ein dritter, so daß ich mich immer mehr hinter mein Zeitungsblättchen drückte. Den andern freilich schien inzwischen recht wohl zu sein. Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, begannen sie Karten zu spielen. So verging Stunde um Stunde, während ich gebückt dasaß und mein Wurstblättchen von vorn und hinten studierte, das zu allem hin auch noch grausige Angaben über den Fang eines Spions machte, dem man nun entsprechend beikommen werde. Und dabei saßen die drei Kerle stundenlang neben mir, ohne sich um ihr Festungswerk zu kümmern. Ich war einfach empört, warum taten sie nicht ihre Schuldigkeit, wie es sich gehörte? Endlich gegen 1 Uhr nachts besprachen sie eine Patrouille, standen auf und gingen, ohne sich nach mir umzusehen. Der folgende Morgen brachte mich dann vollends glücklich nach der Grenze, die ich mit einem weiten Satz übersprang. Ich beschloß, mich jetzt eben in Italien umzusehen, und Frankreich lief mir ja nicht weg. Freilich, wenn ich geglaubt hatte, nun meine Ruhe zu finden, so war das eine Täuschung. Schon bei dem wild romantisch gelegenen Bad Valdieri wimmelte es von Alpini, die hier ihr Lager aufgeschlagen hatten, und ein Verhör, dem mich zwei Carabinieri unterzogen, ließ mich erkennen, daß auch hier der Boden leicht zu heiß werden konnte. Immerhin ließ man mich nach einem kurzen Verhör weiterziehen, und ich erreichte über Entraque und den Colle del Sabbione in dem prächtigen kleinen Bad San Dalmazzo di Tenda endlich einen Ort, der mir Ruhe vor der ewigen Verdachtsschnüffelei bot. Wie freute ich mich, in dem anheimelnden früheren Klostersaal wieder harmlos unter Menschen sein und mich bei Trauben und Asti von dem aufregenden Traum erholen zu können! Auch einige interessante photographische Ausflüge in die benachbarten Berge konnte ich machen, aber lange hielt es mein unruhiger Geist doch nicht aus, und so begann die Komödie von neuem. Um die Seealpen nach etwas näher kennen zu lernen, überschritt ich den Col di Tenda und wendete mich dem Colle dell'Argentera zu, auf Seitenwegen über den Colle del Mulo, um der Hitze im unteren Sturatal zu entgehen. Als ich dabei in Demonte an übenden Soldaten vorbeikam, schickten sie mir sofort einen Unteroffizier nach, der mich den ganzen Tag über begleitete. Nun, der Mann war gesprächig und höflich, warum also nicht! Auf der Paßhöhe, wo sich ein befestigtes Lager befand, führte er mich in die Offiziersmesse, und nach anfänglicher Zurückhaltung erwiesen sich die dortigen Offiziere als ganz umgänglich. Soweit schien also alles in Ordnung zu sein. Ich zog ruhig weiter nach Sambucco, wo mich mein Unteroffizier verließ, um nach Demonte zurückzukehren, allerdings etwas erstaunt, daß ich nicht mit ihm, sondern der verdächtigen Grenze zuging. Ich legte dem weiter keine Bedeutung bei und fand auch in Pietraporzio bei einer Wirtin, deren Mann verreist war, ein ganz ordentliches Quartier. Da, mitten in der Nacht, wurde ich plötzlich durch ein lautes Klopfen geweckt. Der von seiner Reise zurückgekehrte Wirt trat ein und hielt erregte Reden über verdächtige Telegramme, Deserteure und Spione. Das sei kein Reisegebiet hier, seine Frau habe unrecht getan, mich aufzunehmen, er wolle wissen, wer ich sei und was ich hier treibe. Schließlich mußte ich mich in das Fremdenbuch eintragen und konnte mir meine Gedanken über dieses im Hemd ausgestandene Verhör machen. Da mich diese Sache immerhin etwas stutzig machte, so beschloß ich, wieder einen Wagen zu nehmen. Diesmal freilich mit weniger gutem Erfolg. Schon am Dorfrand warteten zwei Carabinieri, die mich nicht bloß ausfragten, sondern auch einer gründlichen Leibesvisitation unterzogen. Das war mir wegen meines photographischen Apparates doch etwas peinlich, denn die beiden waren augenscheinlich nicht so leicht zu befriedigen, wie der Gendarm von St. Etienne. Sie besichtigten meinen Tornister auf das gründlichste, wendeten meine Hosen», Brust- und Westentaschen um und ließen nur die Rocktasche ungeschoren, in der sich mein Apparat unter dem Taschentuch befand. Als sie somit nichts Verdächtiges fanden und in Erfahrung gebracht hatten, daß ich nach Argentera gehe, entließen sie mich endlich unter weisen Sprüchen. Das Klügste dünkte mir jetzt, den Stiel umzudrehen und selbst angriffsweise vorzugehen. Nach einiger Zeit schickte ich also meinen Wagen wieder zurück, ging etwas abseits von der Straße und vergrub in einem großen Trümmerfeld meinen photographischen Apparat unter Steinen. Dann begab ich mich auf die nächste Gendarmeriestation, erzählte, was geschehen und begehrte entrüstet auf. Ich sei ein harmloser deutscher Reisender und verbitte mir derartige Schikanen. Aber der Mann zuckte nur mit den Achseln, meinte, das sei nun einmal hier so und – mein Apparat war weg. Auch der Verdacht war jetzt rege, was ich bald merken sollte. In Argentera, einem kleinen Luftkurort, konnte ich mich zwar mit einigen Gästen, darunter einem Turiner Professor, anfreunden, im Laufe des Abends setzte sich aber auch eine Persönlichkeit an den Tisch, die sich später als Gendarmerieleutnant entpuppte und mich auszufragen suchte. Als er schließlich wissen wollte, wo ich morgen hingehe, kam mir der Professor zur Hilfe und schlug vor, mit ihm und seinen Freunden nach der Paßhöhe zu gehen, was mir durchaus gelegen kam. Während der nächsten Tage wiederholte sich das, so daß ich Gelegenheit hatte, die recht hübsche Gegend genau kennen zu lernen. Im übrigen suchte auch mein Professor mich auf die Probe zu stellen, ob ich wirklich ein Deutscher sei oder nicht. So richtete er eines Abends die verfängliche Frage an mich, welches Geschlecht denn das Wort Band habe, ob man das oder der Band sage. Auf meine Erwiderung, daß es selbstverständlich das und niemals der Band heiß«, meinte er, man sage doch auch zum Beispiel: dies ist der erste Band von Goethes Schriften, und ich brauchte einige Zeit, um ihm klar zu machen, daß dies ein vollständig anderer Begriff sei. Da meine diesbezügliche Beweisführung ihm doch nicht so ganz einleuchtete, so sang er bald darauf mit der ganzen Gesellschaft die italienische Nationalhymne und forderte mich dann auf, die deutsche zum besten zu geben. Das konnte ich nun natürlich vortrefflich und schmetterte mein Lied mit solcher Wucht in das Lokal hinein, daß jeder nationale Zweifel vergehen mußte. Als ich so nach einigen Tagen den Verdacht verscheucht zu haben wähnte, auch alles Sehenswürdige gesehen hatte, mußte ich doch allmählich wieder an meinen photographischen Apparat denken und entschloß mich zum Weggang. Meinem besorgten Gendarmerieleutnant erklärte ich auf seine übliche Frage, daß ich nach Bad Vinadio gehen werde. Dies war ihm augenscheinlich gar nicht recht, er schüttelte bedenklich den Kopf und meinte, ich solle unter keinen Umständen von der Straße heruntergehen, da ich sonst recht üble Unannehmlichkeiten haben würde, gleichgültig, ab ich nun ein Deutscher sei oder nicht. Angesichts der Sachlage mit meiner Kamera war mir diese Warnung allerdings etwas störend, aber ich hoffte, mir schon auf irgendeine Weise helfen zu Können. Zunächst zog ich unmenschlich früh los und kam auch völlig ungestört bis in die Gegend, wo sich mein Apparat befand. Dort vergewisserte ich mich, ob niemand in der Nähe sei und ging dann direkt auf den vermeintlichen Platz zu. Aber die Sache war nicht so einfach. Ich hatte mein Versteck zu gut gewählt und mußte geraume Zeit suchen, bis ich den Apparat endlich fand. Und gerade als ich ihn in die Tasche gesteckt hatte, kamen zwei Carabinieri um die Ecke. Wenn ich jetzt keine gute Ausrede fand, saß ich in der Falle. Nun, ich habe sie gefunden. Als die beiden atemlos anstürmten, trafen sie mich bei einer Beschäftigung, die ich mit gutem Grund unmöglich mitten auf der Straße vornehmen konnte. Der Beweis meiner Unschuld war mir geglückt. Im übrigen wurde ich die Carabinieri nun nicht mehr los. In Bad Vinadio war am Abend auch mein Gendarmerieleutnant wieder da, diesmal in voller Uniform, und auf dem Marsch nach Bad Valdieri schlossen sich mir zwei Carabinieri an, die mich den ganzen Tag über begleiteten. Da sie mir den Weg zeigten und ganz nette Leute waren, so war mir diese vorsorgliche Eskorte durchaus nicht unangenehm, wir unterhielten uns vortrefflich, kochten Polenta und schlossen eine Art Kameradschaft, bei der ich manches Interessante über ihr Leben und Treiben erfuhr. Im Bad Valdieri war auch schon mein Leutnant wieder und empfing mich sehr erregt. Der Col di Tenda sei befestigt, ich solle mir ja nicht einfallen lassen, in dieser Richtung weiterzugehen. Da ich schon dort gewesen, hatte ich das ja auch weiter nicht nötig und wurde deutlich. Es sei mir allmählich zu dumm, mich so beaufsichtigen zu lassen, und ich werde morgen überhaupt weggehen. Als ich dann nach Borgo san Dalmazza trottete, begegnete ich unterwegs ganzen 24 Karabinieri, immer je zweien, die mich mit den liebevollsten Blicken musterten, augenscheinlich um sich mein Signalement einzuprägen. Ich kam mir vor wie in einer Operette. Alassio ist ein hübsch gelegenes kleines Seebad an der italienischen Riviera, wo es recht unterhaltsam zugeht. Mein Hotel war unmittelbar am Meeresstrand gelegen und nur durch eine schmale Strecke schönsten weißen Sandes vom Wasser getrennt. Was Wunder, daß man da gewissermaßen als Babender lebte! Das heißt, man zog morgens seinen Badeanzug an, Männlein wie Weiblein, frühstückte im Sand lagernd, badete und lungerte halb nackt den ganzen Tag auf dem Strande herum, alles bunt durcheinander. Erst des Abends zog man sich dann richtig an, zu Diner und Tanz. Die Ausflüge in die rebenreiche Gegend mit ihren Zypressen und Oliven und sonstiger üppiger Vegetation waren zwar recht heiß, aber von einer eigenartigen Schönheit, insbesondere auch durch den beständigen Blick auf das Meer. Sehr malerisch waren auch die wie angeklebt an den Bergen hängenden Ortschaften, wegen der Erdbebengefahr waren alle Häuser zusammengebaut, so daß jede Ortschaft gewissermaßen aus einem einzigen Bauwerk bestand. Durch was für merkwürdige enge Gassen man da kam! Mir schien, als rede das römische Altertum aus diesen uralten Steinhäusern. Nach einiger Zeit siegte dann die Sehnsucht nach Nizza wieder. Ich mußte da nun einmal hin. Es geschah auf Umwegen durch die Berge, und es fehlte auch hier nicht an interessanten nächtlichen Abenteuern. Nach dem Überschreiten der Grenze stieß ich u. a. auch auf einen italienischen Deserteur, der sein Gewehr und Seitengewehr wegwarf, um alsbald einem Fremdenlegionärswerber in die Hände zu fallen, der ihn betrunken machte und in die afrikanische Sklaverei wegschleppte. Mir selbst wurde mein Geldbeutel in den Spielsälen von Monte Carlo erleichtert, doch fand ich auch hier noch rechtzeitig den Weg ins Freie. Nur unsagbar dumm kam ich mir vor. Und nun endlich Nizza, das Hauptziel meiner Sehnsucht! Brauche ich zu sagen, daß es meinen Erwartungen Keineswegs entsprach? Träume und Wirklichkeiten sind nun einmal verschiedene Dinge. Schwierigkeiten hatte ich im übrigen keine mehr, und eine eingehende Visitation an der Grenze verlief ebenso glatt, wie der erneute Marsch über den Col di Tenda. Auch die Carabinieri hängen eben nur die Leute, die sie fangen. Damit war das Zwischenspiel zu Ende. Bei meiner Rückkehr gab es eine unerwartete Überraschung. Die Geliebte war geblieben. Sie verstand es auch jetzt, die Abreise immer wieder hinzuziehen und setzte es durch, daß wir noch ein volles Jahr des Zusammenseins hatten. So begann der Traum von neuem; glühender und verzehrender als je. Freilich, auch nicht ohne Schatten. Ich fühlte mehr und mehr, daß es der in so ganz anderen Verhältnissen Aufgewachsenen schwer fallen würde, sich bei uns zurechtzufinden, daß in ihrem Innersten etwas Absprechendes, Verneinendes, auch Realistisches lebte, das nicht so recht zu mir paßte. Aber da war auch meine merkwürdige idealistische Art, auf das einmal gesteckte Ziel weiterzustürmen, blind und in der phantastischen Zuversicht, die vermeintliche Höhe doch noch zu erreichen. Und wohl oder übel folgte die Geliebte dem Gewaltmenschen, der ihr keine andere Wahl ließ und immer wieder jeden Gedanken in Anspruch nahm. Endlich schlug dann die nicht mehr aufschiebbare Trennungsstunde. Es war ein Abschied unter vielen Tränen und Beteuerungen ihrerseits. Dann der Niedergang. Wieder dauerte es ein Jahr, bis es ganz aus war, ein Jahr verzweifeltsten Kampfes und aufreibendster Selbstquälerei. Langsam und ganz allmählich stürzte das Luftgebilde zusammen, das sich meine Phantasie in glühendem Sehnen aufgebaut hatte, das ich immer wieder festzuhalten versuchte. Aber wer kann eine Frau festhalten, die Tausende von Meilen entfernt ist und die so gänzlich verschiedenen heimatlichen Eindrücke wieder in sich aufnimmt! Als dann schließlich der Zusammenbruch erfolgte, war ich völlig zerfallen mit der Welt und mir selbst und hatte nur noch ein Bedürfnis, allein zu sein, die in mir gärenden, sich krampfhaft aufbäumenden Kräfte besinnungslos zu betätigen, einfach niederzuhetzen. In dieser Stimmung erinnerte ich mich meiner Berge wieder, und so kam es 1890 zu meiner Weihnachtsreise ins Engadin , bei der ich den Tod zwar nicht gerade aufsuchte, aber doch gegen ein Weiterleben so gut wie gleichgültig war. Es war die Katharsis des Traumes. An einem grimmig kalten Dezembermorgen langte ich in Davos an und fuhr sofort mit der Post nach dem Flüela weiter, allein in einem der fünf Schlitten, von denen nur der vorderste und hinterste geleitet wurden. Zu sehen war dabei nur wenig, um so mehr gab die Einsamkeit zu denken. Gegen Mittag wurde das Hospiz erreicht, das unermeßlich einsam in dem tiefen Schnee dalag. Das paßte mir. Ich stieg aus und blieb, meinen Träumen nachhängend. Schwarzhorn mit Wegwärterhaus. Andern Tags brach ich gegen 4 Uhr morgens auf, um das Schwarzhorn (3150 m) zu besteigen, einen Allerweltsberg, der im Sommer bequem in 3 Stunden erreicht wird. Es war ein klarer Sternenhimmel und der Marsch auf der Straße zunächst ganz bequem. Dann aber sank ich bald bis unter die Arme in den weichen Schnee und wurde mir der Mühseligkeiten, die mir bevorstanden, bewußt. Wunderbar war der Sonnenaufgang in der monotonen eisigen Einsamkeit. Kaum je habe ich den Lichtball so groß, so feurig über den kalten weiten Schneeflächen gesehen, die er mit einem eigen duftigen Schimmer rötete, ohne sie doch erwärmen zu können. Lange sah ich mir das Schauspiel an. Gewiß, die Welt war schön, aber auch kalt und tot, und ihre Schönheit erschien mir wie grimmer Hohn. Gleichgültig setzte ich mich hin und verzehrte das Stückchen Brot, das ich mitgenommen. Der Weitermarsch war ein ununterbrochener Kampf, es wurde 11 Uhr, bis ich endlich den Kamm erreichte, der von Süden zum Gipfel führt, aber ich war entschlossen, nicht nachzugeben, und immer ingrimmiger schrie ich in meinen Gedanken das Bergesungetüm an: ich will doch sehen, wer stärker ist, du oder ich! Unmittelbar vor dem Gipfel hatte ich eine eigenartige Sinnestäuschung, von weither hatte ich dort oben einen Steinwall, zwei in die Luft ragende Balken und eine Fahne gesehen, und während der ganzen Zeit den Eindruck gehabt, als ob sich da ein mächtiges Bauwerk befinde. Auch jetzt nach erschien es mir so groß und so entfernt wie nur je. Da, nach wenigen Dutzend Schritten zeigte es sich, daß ich oben war und ein kleines Mäuerlein vor mir hatte, in dem zwei Stecken mit einem Taschentuch steckten. War das nicht genau so wie im Leben? Man sieht in seinem Wahn allerhand Schlösser in der Ferne, und wenn man hinkommt, sind's elende Stecken und Mäuerlein. Um die Aussicht kümmerte ich mich wenig, sah's doch dort draußen ebenso eisig und öde aus wie in meinem Innern. Wohl aber freute ich mich grimmig, meinen Willen durchgesetzt zu haben. Ich glaube, ich wäre weitergestiegen, auch wenn der Berg in den Himmel hineingeragt hätte. Im übrigen war es 3 Uhr nachmittags vorbei und recht gut, daß mein Gipfelchen das nicht mehr zuließ. Beim Rückweg konnte ich meist rutschen, und so war der Sattel bald wieder erreicht. Sollte ich nun den alten Weg wieder zurück zum Hospiz? Pah, warum nicht einfach geradeaus, wo es doch so gleichgültig war, wo ich hinkam! Ich rutschte also auf den Gletscher hinunter, um dann die Schneewaterei von neuem Zu beginnen. Aber ich hatte ohne meine erschöpften Kräfte gerechnet. Die Arbeit war fürchterlich, und immer hoffnungsloser versank ich in den haustiefen Schneemassen. Bald brach dann auch die Nacht ein. Um wenigstens einigermaßen die Richtung einzuhalten, nahm ich einen entfernt gelegenen Felsblock zum Ziel und kämpfte mich darauf zu. Eine Zeitlang in verzweifelter Hast und mit Aufbietung der äußersten Kräfte. Aber der Block schien sich immer weiter zu entfernen, und es wurde mir immer verschwommener vor den Augen, bis ich zusammenbrach. Ich raffte mich auf, kämpfte und kämpfte und blieb schließlich liegen. Ein Gefühl völliger Gleichgültigkeit kam über mich, und der Gedanke, so ruhig dazuliegen, hatte geradezu etwas Anheimelndes. Auch wenn es zum Sterben kommen sollte. War der Tod denn nicht ein Glück? Nicht nur jetzt, sondern überhaupt! So mochte wohl eine halbe Stunde vergangen sein, als ich Durst verspürte und den ausgetrockneten Mund mit etwas Schnee erfrischte. Das belebte mich sofort merkwürdig. Kein Zweifel, der Schwächezustand war nur meinem mißhandelten Magen zuzuschreiben, der seit Sonnenaufgang nichts mehr bekommen hatte. Auch mein Trotz war erwacht. Mochte mir die Welt dort unten bieten oder versagen, was sie wollte: jedenfalls ließ ich mich nicht von ihr klein kriegen! War nicht auch ich eine Welt für mich, so gut wie die andere? was brauchte ich mich überhaupt um sie zu kümmern! Was war denn diese weiche, träumerische Sehnsuchtstorheit, als eine dumme Schwäche! Also ich ertrotze mir jetzt meinen weg und kam auch schließlich bei meinem Felsblock an. Freilich war damit nur wenig gewonnen, denn der Weg war noch unabsehbar weit. Bis um den Hals im Schnee kämpfte ich mich also weiter, brach nach dem Überschreiten des Gletschers hin und wieder in den eisigen Bach unter mir ein und erreichte endlich gegen 9 Uhr abends den Talrand. Wie trotzig habe ich da hinuntergeschaut! Hätte ich gewußt, wie es hinter mir aussah, so wäre ich wohl weniger zuversichtlich gewesen. Aber man stürmt ja gottlob immer blind ins Leben hinein und merkt in seiner göttlichen Sorglosigkeit erst nachher, wie es hätte kommen können. Also ich setzte mich auf den steilen Hang und rutschte los, in die dunkle Tiefe hinein. Es ging nur zu gut. Schon nach wenigen Schritten lösten sich gewaltige Schneemassen hinter mir und drückten mit ungeheurer Kraft nach, die Geschwindigkeit wurde immer rasender, und ich merkte bald, daß ich eine regelrechte Lawine losgelöst hatte. Nun verstand ich mich ja auf das Abfahren, hielt meine Beine hoch in der Luft, um nicht verschüttet zu werden, und solange es sich nur um die wellenartigen Bewegungen der Lawine selbst handelte, ging das ja soweit ganz gut. Auch um die Felsen und Abgründe, die bald rechts, bald links aus der Dunkelheit auftauchten, kam ich glücklich herum, wurde aber schließlich über einige Absätze in die Luft hinausgeschleudert, bis die Lawine zum Halten kam, in der ich bis um die Ohren begraben war. Nun kam ein neues Bedenken. Während der sausenden Fahrt in dunkler Nacht hatte ich unmöglich sehen können, ob ich schon über die schräg am Hang entlang führende Paßstraße hinweggekommen war. War dies der Fall, so standen die Dinge schlimmer als je. Ich mußte dann dort unten bälder oder später doch liegen bleiben, denn ansteigen konnte ich nicht mehr. Aber wieder war das Glück mir hold. Nach kurzem Marsch befand ich mich auf der Straße und kam bald darauf um 10 Uhr nachts an ein Wegwärterhaus, dessen Insassen mich freundlich aufnahmen. Wie habe ich da ausgesehen! Der ganze Mensch ein einziger Eisklumpen. Wohl gaben mir die Leute Schokolade und halfen mir, mich von dem Eis befreien, aber das konnte nur oberflächlich geschehen, und auf der Ofenbank, wo ich zu schlafen versuchte, taute ich nur ganz allmählich auf, so daß es mich jammervoll fror. Ich werde an diese Silvesternacht denken! Als ich Tags darauf meinem braven Straßenwärter zeigte, wo ich abgefahren war, schlug er nur sprachlos die Hände über dem Kopf zusammen. Es war die lawinengefährlichste Stelle des ganzen Tales. Der folgende Abend war wieder völlig traumhaft, als ich, ohne eine Ahnung von den Verhältnissen zu haben, im Culm-Hotel in St. Moritz, den Pickel in der Hand, mit genagelten Stiefeln und verschneiten Kleidern, Eiszapfen an Bart und Augenbrauen in einen elektrisch beleuchteten Saal geführt wurde, in dem einige hundert Personen, die Herren im Frack, die Damen in Gesellschaftstoilette, dinierten. Ich kam mir vor wie in einem Märchen. Tags darauf machte ich den vergeblichen Versuch, den Piz Albula zu besteigen. Da die Post lange bis an den Fuß des Berges brauchte, so war die Sache von Anfang an aussichtslos, und um 2 Uhr nachmittags kehrte ich auf dem in Schnee und Eis erstarrten Schlußgrat wieder um. Das Schwarzhorn hatte mich doch etwas gewitzigt. Sogar so, daß ich zu der nun beabsichtigten Tour über die Diavolezza einen Führer nahm. Er war großartig, Johann Groß. Wie mancher wäre schon umgekehrt bei dem Marsch von den Berninahäusern zur Paßhöhe, wo man wieder einmal im Schnee versinken konnte. Aber wie mir Groß später sagte, hätte er niemals nachgegeben, schon der andern Führer wegen, die ihn nicht allein mit mir hatten gehen lassen wollen. Obgleich es schon 2 Uhr nachmittags war, so erklärte er sich auch mit dem Abstieg auf der Morteratschseite einverstanden, nur eines sei notwendig, daß der Gletscher noch vor Einbruch der Nacht überschritten werde. So stürmten wir den Hang hinunter, dann aber kam eine steile Moräne, deren angewehte Schneemassen beinahe unüberwindlich waren und uns alle Kraft aus den Gliedern sogen. Es wurde 4 Uhr, bis wir die Höhe der Isola Pers erreichten, und schon begann die Dämmerung einzubrechen. Wir versuchten jetzt wenigstens noch bei Tag den Einstieg auf den Morteratschgletscher zu finden, aber auch dazu reichte es nicht mehr. Der Schnee wurde immer tiefer, die Ermattung immer größer, vierzehn Stunden schon hatte der Marsch gedauert, und was noch kam, war gar nicht abzusehen. Es war ein feierlich ernster Moment, als wir uns bei dem trüben Schein unserer Laterne in der grimmen Kälte halb tot hinsetzten und den Dingen ihren Lauf ließen. Tief unter uns lag der wild zerklüftete Gletscher in dem bläulichgrauen Scheine der Nacht, mit seinen zahllosen Spalten, einem Untier gleich, das grinsend auf seine Opfer wartete. Darüber stiegen die dunkeln Gebirgsmassen in gespenstige Nebel hinein. Eis ringsum, nichts als fahles, kaltes Eis! Dazu eine tiefe Stille. Nur hin und wieder hörte man das dröhnende Getöse abstürzender Gletschermassen und einen leisen klagenden Wind. Unsere Lage war keine einfache. Ohne ein Wort zu sagen, saß Groß da und starrte vor sich hin, während ich eine Art grimmer Freude empfand. Wenn ich am Schwarzhorn in meinem Lebensüberdruß den Dingen eine Zeitlang ihren Lauf gelassen hatte, so war das jetzt anders. In wildem Trotz freute ich mich auf den Kampf, den der nächtliche Gang über den Gletscher dort unten bringen mußte, und eine fatalistische Gewißheit sagte mir, daß mir nichts zustoßen könne . Bovalhütte. Es war der großartigste, wildeste Marsch, den ich je gemacht habe. An dem Gletscherrand angekommen, hoben sich die zerklüfteten, fahlen Eismassen scheinbar haushoch in die dunkle Nacht hinein, und tückisch grinsten neben ihnen die halbverschneiten, breiten Spalten. Daß da nirgends ein sicherer Boden war, war klar. Aber wir machten keine Umstände. Groß ließ mich voraus. Er meinte, er bringe mich besser aus einer Spalte heraus, als ich ihn. Ohne Besinnen hackte ich mich in die Höhe. Dann versuchten wir eine Zeitlang, uns im Zickzack durch das nur schwer erkennbare Gewirr hindurchzuwinden. Aber in der rabenschwarzen Finsternis konnten wir uns so nur verirren und kamen niemals ans Ziel. Also gerade drauf los! Wo ich mit dem sondierenden Pickel eine Spalte vermutete, wurde einfach gesprungen, gleichgültig wo und wie ich jenseits landete. Es war ein Sprung nach dem andern in das dunkle Nichts hinein, oft von beinahe übernatürlicher Weite und immer wieder rief Groß: »Jesses, Jesses, ich hab halt zu viel Courage!« 3½ Stunden dauerte es, bis wir uns durch das Labyrinth der phantastischen Eisgestalten und trügerischen Klüfte zum jenseitigen Gletscherrand hindurchgekämpft hatten, und erst nach einer weiteren Stunde tiefsten Schneewatens erreichten wir die ersehnte Bovalhütte. Wir waren 19 Stunden unterwegs gewesen und hatten 5 Stunden zu dem letzten Teil des Marsches gebraucht, den man sonst in 1 Stunde zurücklegt. Eine kalte Nacht folgte, aber als wir am andern Morgen nach Pontresina hinunterstiegen, war mir, als komme ich in eine neue Welt hinein. Wenn mir in Herz und Ohren Der Menschen Jammer gellt, Wenn ich mich selbst verloren Im Kampfgewühl der Welt, Wenn an der Freude Särgen Die Wehmut mich beschlich, Dann zieh ich nach den Bergen Und droben find' ich mich. R. Baumbach Droben find' ich mich! Vergessen machen können die Berge natürlich nicht, aber sie können mildern, läutern, heben, bis zu einem gewissen Grad auch neue Wege weisen. Schon der Kampf mit ihnen betäubt und lenkt ab, die überschießende Energie erhält neue Ziele, und man wird sich seiner Kraft wieder bewußt. Auch der Verkehr mit dem All und seinen Wundern stärkt und versöhnt. Was haben die Leiden eines kleinen Menschleins in dieser unermeßlichen Schöpfung zu sagen, die mit so riesenhaften Maßstäben rechnet! Und dieser ganze, wildverworrene Traum soll Leben heißen! War es nicht Wahnwitz, sich so zu verlieren, immer verzweifelter um ein vermeintliches Glück zu kämpfen, von dem man doch fühlt, wie es langsam und sicher verschwindet? Wo blieb denn da meine gepriesene Philosophie, mit der ich mich so sehr abgemüht, die mich über all das hatte stellen, vor Enttäuschungen hatte bewahren sollen? Wenn ich so scheiterte! Aber war das denn ein Scheitern? War es nicht gerade höchstes intensivstes Leben? Was bedeutete denn demgegenüber das bischen Dasein vorher mit all seinen Kleinigkeiten und Nichtigkeiten? Alltag, trauriger Alltag! Während hier das Blut wirklich durch die Adern geströmt war, alle Sinne sich gespannt hatten, der ganze Mensch ein anderer war, höher, gehobener! Wohl hatte ich ja manches dabei ausgestanden und dieses Gehobensein teuer bezahlt. Aber hatte nicht auch das sein Gutes, bedeutete es nicht einen weiten Fortschritt gegenüber dem früheren Verstandesleben? Ja, alter Epiktet, wie sehr hast du das Leben verkannt, während mir eine neue, ahnungsvolle Welt sich aufgetan, die des Fühlens und Mitempfindens! Die wohl nicht auf so festen Füßen steht, wie der einseitige, kurze Verstand sich das einbildet in seinem dünkelhaften Wahn, die aber darum auch viel tiefer geht, noch ganz andere Zusammenhänge bloßlegt und darum auch so unermeßlich viel umfassender ist. Nein, es war Zeit gewesen, daß ich einmal tüchtig geschüttelt wurde, und es sollte nicht umsonst geschehen sein. Ich konnte jetzt weiter schreiten. Freilich, das Ziel zeigte sich nur ganz allmählich und auf Umwegen. Doch kehren wir wieder zu meiner Reise zurück! Ich hatte zunächst einige hübsche sportsreiche Tage in St. Moritz, während deren ich auch meinen Humor wiederfand. Eine prächtige Rodelfahrt über den Julier und ein Spaziergang durch die verschneite Via Mala folgten, und zum Schluß kam eine Schlittschuhfahrt auf dem Züricher See, der spiegelglatt gefroren war. Ich war im dichten Nebel zunächst 8 Kilometer weit am rechten Seeufer entlang gefahren und hatte dann den See neben der Dampfschiffbahn durchquert, die eine breite Schollenspur zurückgelassen hatte. Dann wurde ich gewarnt, noch niemand sei den See weiter hinuntergefahren, dessen unterer Teil noch offen sei. Nun, das mußte sich ja zeigen. Eine Zeitlang ging es gut, dann kamen Risse, ein beständiges Krachen begleitete mich, und nur eine rasend schnelle Fahrt konnte mich vor dem Einbrechen schützen, weiter, nur weiter! Schließlich tauchte eine dunkle Fläche aus dem Nebel vor mir auf. Sie ließ den offenen See erkennen, und es war jetzt wirklich die höchste Zeit, in weitem Bogen durch das Schilf ans Land zu fahren, nachdem die Fahrt mich 18 Kilometer weit gebracht hatte. Als ich dann wieder nach Hause kam, trat auch bald in meinen äußeren Verhältnissen eine bedeutsame Veränderung ein, indem ich auf ein Jahr nach Berlin kam. Es war eine recht arbeitsame, für mein ganzes Berufsleben sehr erfolgreiche, daneben aber auch ziemlich wilde Zeit, so eine Art zweiter Sturm- und Drangperiode. Im übrigen konnte auch darin ein Rückschlag nicht ausbleiben, und so sah mich das folgende Weihnachtsfest wiederum in den Bergen, und zwar zum drittenmal in der Hohen Tatra . Es war eine Art zahmer Wiederholung der Engadiner Reise, die erst zum Schluß wieder gewaltsamere Formen annahm. Zunächst wollte ich der Erinnerung an die schönen früheren Tatrazeiten leben und begab mich für nahezu eine Woche zu meinem Waldhüter am Czorbersee, der mich recht gastfreundlich aufnahm, mir sogar für ein Villenzimmer sorgte, das kurz zuvor ein Gemsen jagender Erzherzog bewohnt hatte. Ganz frisch war das Bett ja allerdings nicht mehr, aber immerhin besser als dasjenige, das mir seinerzeit in Neumarkt angeboten worden war. Auch wußte ich immerhin die Ehre eines solchen erzherzoglichen Lagers zu würdigen, zumal mir noch in späterem Einvernehmen mit dem Besitzer einige Flaschen feurigen Ungarweins kredenzt wurden. So zog ich also Tag für Tag hinaus in die prächtigen verschneiten Wälder, kletterte auf die Patriaspitze, Bastei und Osterva, besuchte den Poppersee mit der abgebrannten Ruine der Majlathütte, lauerte den zahlreichen Gemsen auf, die sich einmal sogar mit dem Stativapparat photographieren ließen, während mein Erzherzog keine einzige erlegt hatte, und genoß überaus prächtige Blicke auf die winterliche Gebirgslandschaft. Da möchte ich eines merkwürdigen Naturschauspiels gedenken. Ich war an einem nächtlichen Morgen schon ziemlich hoch gestiegen. Es begann zu dämmern, die Sterne verblaßten, und die sich senkenden Nebel bildeten ein dickes Wolkenmeer über der Ebene, während sich dort das eisige Gebirge mächtig erhob. Langsam erwachte die frierende Landschaft. Es war die Zeit des Erwartens. Da brachen plötzlich rote Streifen durch das Wolkenmeer unter mir hindurch und zerteilten die Nebel. Ich dachte erst, es sei der Wiederschein der Sonne, aber dann wurde mir klar, daß es der Feuerball selbst war, der unterhalb des Wolkenhorizonts aufgegangen. Sonnenaufgang in der Tiefe! Wie hoch oben man sich da vorkam in der eisigen Winterwelt! Auch der beträchtlichen Abende in der einsamen Villa unter den mächtigen, verschneiten Tannen möchte ich gedenken, die insbesondere am Weihnachtsfest so viel Gelegenheit zu Gedanken aller Art wie zur Selbsteinkehr boten. O Winterwaldnacht, stumm und hehr Mit deinen eisumglänzten Zweigen, Lautlos und pfadlos, schneelastschwer – Wie ist das groß, dein stolzes Schweigen! K. Stieler. Lomnitzerspitze Mit einemmal kam dann die alte Energie wieder zum Durchbruch und die Sehnsucht nach oben. Ich ging nach Schmecks, suchte Horway auf, und wir erstiegen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen die Lomnitzer- und Eistalerspitze (2634 bzw. 2630 m), beides erste Winterbesteigungen, die nicht geringe Arbeit verlangten. Auf dem Gipfel der Lomnitzerspitze Bei der Lomnitzerspitze kamen wir zunächst verhältnismäßig leicht auf den Südkamm, dann aber begann eine bedenkliche Kletterei, die wir nur im Vertrauen auf unsere gegenseitige Zuverlässigkeit wagen konnten, bei der wir aber mit einer herrlichen Aussicht belohnt wurden. Anders bei der Eistalerspitze, hier schien sich alles gegen uns verschworen zu haben: Der weiche, tiefe Schnee, ein furchtbarer Sturm und Schneetreiben, das oft den Himmel völlig verfinsterte, und schwierigste, vereiste Felsen. Zum Schluß noch die Überwindung des vereisten »Steinernen Rosses« im tollsten Wintersturm und Schneegestöber. Wir brauchten eine gute Stunde, um die etwa 100 Fuß lange Strecke, einen tief verschneiten Felsgrat mit Zacken und Scharten rittlings zu überschreiten. Aber wir ließen nicht nach, obgleich wir auf dem Gipfel in dem grausigen Unwetter kaum die Augen öffnen und die Hand vor dem Gesicht sehen konnten. Grimmig, mit halberfrorenen Gliedern kämpften wir uns dann wieder zurück und hatten endlich noch eine aufregende Rutschpartie, die wieder einmal besser endete, als wir es verdienten. Und doch war die Tour schön gewesen, so wenig wir gesehen außer tobendem Sturm, treibenden Nebeln, gespenstigen Felsgestalten und wirbelnden Schneemassen. Auch in den Bergen hat das heroische eben seine eigene Anziehungskraft und ist oft mehr wert, als die reizvollste Romantik. Als dann im Frühjahr meine Berliner Zeit zu Ende war, setzte ich mich auf mein Rößlein und ritt südwärts, bis ich die telegraphische Nachricht erhielt, daß ich wohlbestallter Kompagniechef in der mir sehr genehmen Hauptstadt geworden war. Der Traum war endgültig vorüber. Dolomitenbilder. Die Paladolomiten vom Lusiapaß. Schon bei meiner ersten Winterreise in die hohe Tatra im Jahre 1884 hatte ich es lebhaft bedauert, daß ich die einzigen Eindrücke der großartigen Winterlandschaft nicht auf irgendeine Weise festhalten konnte, sie sich auch allmählich wieder verflüchtigen mußten in der vergeßlichen Erinnerung, wie so manches andere Schöne und Eigenartige. Das brachte mich auf den Gedanken, mich der Lichtbildkunst in die Arme zu werfen, die gerade damals durch die Erfindung der Trockenplatten einen Aufschwung nahm und auch Aufnahmen außerhalb des Ateliers ermöglichte. So einfach wie heutzutage war das nun allerdings nicht. Amateurphotographen gab es eigentlich überhaupt noch keine, und die Schwierigkeiten waren gerade bei der Hochgebirgsphotographie enorme. Aber das reizte nur, und ich freute mich höchlichst, daß hier Erfindungsgabe und Bastelei noch etwas leisten konnten. Was ich dabei alles durchzumachen hatte, läßt sich kaum beschreiben, aber meine Begeisterung wuchs ins Grenzenlose. Erst habe ich mich mit dem unerträglichen Gewicht zahlreicher Glasplatten so lange abgeschleppt, bis ich einen Plattfuß weg hatte, dann arbeitete ich mich durch Negativpavier, Strippingfilms und Gelatinefilms hindurch, die, abgesehen von allerhand Unvollkommenheiten jedes Jahr wieder eine andere Empfindlichkeit hatten und konstruierte mir zahlreiche Apparate, was man sich heute fertig im Laden kauft, das mußte man alles erst erfinden, konstruieren und unter vielen Umständen und Kosten herstellen lassen, um dann nach der nächsten Reise, die neue Gesichtspunkte brachte, wieder von vorne anzufangen. Viel unterhaltsame Anregung erhielt ich mit der Zeit auch in einem selbstgegründeten Amateurklub, der bald eine Anzahl Mitglieder zählte und in dem einer den anderen in Geschick, Erfahrung und praktischen Erfindungen zu überbieten suchte. Und dann dieser Eifer draußen bei der Aufnahme! Ich kann wohl sagen, daß es auf der ganzen Welt nichts gab, das mich abgehalten hätte, eine stimmungsvolle Hochgebirgsphotographie zu machen. Ich habe oft tagelang unter den schwierigsten Verhältnissen auf ein Bild gewartet, das ich in entsprechender Beleuchtung haben wollte. Mit der Zeit vervollkommnete ich mich dann auch. Das Hauptergebnis dieser ganzen Tätigkeit lag aber weniger in den verschiedenen tausend Negativen, die ich mir allmählich ansammelte, als darin, daß ich sehen lernte. Zunächst allerdings nur photographisch. Das mag ja nun manchem wenig genug dünken, zumal der Photograph nur mit Schwarz und Weiß arbeitet und ihm, damals wenigstens, die Farbenpracht fehlte. Einen künstlerischen Vorteil hatte das aber doch: die Konzentration. Wie oft kann man beobachten, daß der Maler in seinem Farbenrausch recht »genial« ist, das heißt, sich mit einer »Farbensymphonie« begnügt, bei der die dargestellten Dinge, so hübsch sie an sich gemalt sein mögen, einfach auseinanderfalten, so daß man die »Studie« unmöglich als ein »Bild« ansprechen kann. Demgegenüber muß sich der Photograph in der Komposition von Linien, Licht und Schatten ganz anders konzentrieren. Nun kann es mir natürlich nicht einfallen, die Photographie als Kunst neben die Malerei stellen, sie überhaupt als Kunst im strengen Sinne, zu der sie höchstens einige Ansätze zeigt, ausgeben zu wollen. Wohl aber kann sie das Kunstempfinden fördern und in ihrer ganzen Auffassung künstlerisch sehen lehren. Jawohl Auffassung, denn eine solche hat auch die Photographie. Zwei Photographen werden von demselben Gegenstand niemals dasselbe Bild machen, ein jeder hat seine charakteristische Eigenart, und der Kenner kann z. B. die bekannteren Hochgebirgslichtbildner in der Wahl ihrer Gegenstände, dem Arrangement, der ganzen Auffassung und der Technik der Ausführung ohne weiteres erkennen und voneinander unterscheiden. Auch die Photographie ermöglicht es eben, daß in alledem der Geist und das Wesen ihres Urhebers zum Ausdruck kommen. Wenn ich somit äußerlich einen Anhalt hatte, einigermaßen künstlerische Wege zu gehen, so kamen dem auch die bei meinem Liebestraum gemachten Erfahrungen entgegen, die mich für Gefühlswerte empfänglicher gemacht hatten. Endlich fand ich dabei einen Ersatz für mein aufgegebenes Studium. Die Tatsache, »daß wir nichts wissen können«, machte mich empfänglicher für die Welt, die sich nicht mit dem Verstand abgibt, die mit ihrem Ahnen noch viel tiefere Zusammenhänge erschließt, Werte, Erlebnisse und Offenbarungen schafft, als es das bißchen Gehirn in seiner logischen Einseitigkeit und Kausalitätsbeschränkung je vermag. »So ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen!« Also der Boden war jetzt für das künstlerische Empfinden geebnet. Meine Kunst aber wurde nicht etwa die Photographie, sondern der Alpinismus. Der Alpinismus als Kunst! Leonhard hat einst in einer Schrift, »Zur Stellung und Würdigung des Alpinismus«, gestützt auf Kant, nachgewiesen, daß der Alpinismus seiner wahren Natur nach ästhetischer Art und als eine besondere Kunstgattung anzusehen sei. Er geht sogar noch weiter und erklärt, daß zwei Umstände ihn über alle anderen Künste erheben. Einmal weil er sich an den Urquell jeder Kunst, die Natur wende, die stets der Jungbrunnen ist, aus dem der wahre Künstler schöpft, die ihn gegen alle Verirrungen immer wieder schützt. Ferner zeichne er sich dadurch aus, daß bei ihm jeder einzelne ein schaffender Künstler sei. »Hier gibt es keine nur rezeptiven Kunstfreunde, hier ist der ästhetische Genuß eines jeden einzelnen eigenstes Werk, durch eigene Kraft und Arbeit erworben und errungen. Der Bergsteiger teilt die ästhetischen Empfindungen eines Komponisten, der sein eigenes Werk hört. Was jede andere Kunst immer nur einzelnen Bevorzugten gewährt, das bietet der Alpinismus allen seinen Jüngern.« Es verlohnt sich, etwas näher darauf einzugehen. Wenn die Kunst das Ahnen des Unendlichen, das Herausfühlen des Ewigen aus den Dingen ist, so kann der Alpinist sich dieses Gefühl allerdings in besonderem Maße verschaffen, wenn er das nur will und sein Herz dafür empfänglich ist. Daß die Natur an sich schon eine beruhigende, befreiende und läuternde Kraft hat, unsere Seele erhebt, wer wollte es bestreiten! Wieviel mehr und intensiver aber ist das für den Empfänglichen beim Hochgebirge der Fall, in dieser geheimnisvollen Welt des Erhabenen, die unwillkürlich Ehrfurcht und heilige Schauer erweckt! Es ist gewiß nicht nur ein Zufall, daß den Naturvölkern die Berge als Heiligtümer erschienen, daß Moses und Elias auf den Höhen die Gottheit, also das Ewige, suchten, daß der Erlöser selbst hinaufging auf einen Berg, um zu beten. Die Stille dort oben, die Weite und Größe, ebenso wie das Walten unerhörter Mächte lösen Gefühle in uns aus, die weit über Menschenwitz und Verstand gehen. Mag man nun Panteist sein oder nicht, mag man glauben, daß die Welt die Gottheit selbst ist, oder daß diese sie von außen her umfaßt und durchdringt, Tatsache ist, daß ein jeder, dem Übersinnlichen auch nur halbwegs zugängliche Mensch dort oben »das Gefühl eines geheimnisvollen Empfangens« verspürt, ein Anklingen von Kräften, die er auch in sich selbst als die höchsten und edelsten empfindet, mit einem Wort; etwas vom Zusammenhang dieser Welt und ihrer Größe. Am präzisesten gibt Falke diesem Gefühl in seinem Jungfraubuch Ausdruck. »Die Berge zeigen uns den Takt der Weltenuhr, den langsamen, erhabenen Rhythmus des Anorganischen, der jenseits aller Lust und Qual eines fühlenden Herzens, tief unter dem wechselvollen Traum eitler Menschenwünsche in unbeirrbarer Gesetzmäßigkeit vor sich geht. Das ist es, was beim Anblick der Berge so unbegreiflich beruhigend wirkt. – Die übermächtige Natur läßt uns leise in ihr Sinnen hineingleiten, man fühlt den schmerzlosen Untergrund des Unbewußten, dem wir entstammen und zu dem wir einst wieder zurückkehren. Eine tiefe Sehnsucht ergreift uns, unsern nervösen Herzschlag am Busen der Allmutter wieder mit dem ihrigen in Einklang zu bringen.« Byron sind deshalb »hohe Berge ein Gefühl«. »Auf Felsen sitzen, über Fluten träumen, Still sich ergehn auf schatt'gem Waldespfad, In nie von Menschen noch beherrschten Räumen, Die selten, nie ein Sterblicher betrat, Erklimmen einsam des Gebirges Grat, Am Abgrund stehn, am schäum'gen Wasserbad, Das ist nicht Einsamkeit, das heißt sich tauchen In die Natur, die Seel in ihre Seele hauchen.« Sind solche Weihestunden, ein solches Heimfinden zum All nun Kunst oder nicht, oder sagen wir wenigstens Kunstgefühl? Mag man darüber denken, wie man will; ich kann nur sagen, daß ich sie so empfinden lernte und glücklich bin, daß meine Seele im Gebirge in solche Berührung mit dem Übersinnlichen kommt, in ein Ahnen unfaßbarer und unbegreifbarer Zusammenhänge, wie es sonst nur der Religion und Kunst eigen ist, ein Ahnen, das mir oft genug eine Offenbarung und ein lebendiges Erlebnis bedeutete. Ich muß nun allerdings sagen, daß ich es meist mehr als Religion, denn als Kunst empfand. Doch was hat da der Name zu sagen! »Nenn's Glück, Herz, Liebe, Gott, Gefühl ist alles, umnebelnd Himmelsglut.« Jedenfalls halte ich dieses Gefühl für das weitaus Höchste, was der Alpinismus zu geben hat. Man hat viel darüber geschrieben und alles Mögliche daraus abgeleitet, daß der Alpinismus ein Sport sei. Gewiß kann er auch das sein, und kein Verständiger wird zum Beispiel einen jungen Alpinisten tadeln, der das Klettern als Sport betreibt. Es ist eine Lust, ja mehr noch ein Glück, einen gesunden, kräftigen und leistungsfähigen Körper zu haben. Es ist auch eine Lust, ihn im Wettkampf in geregelten Normen zu üben. Die Hauptsache ist das aber nicht, höchstens ein Mittel zur Erreichung höherer Ziele, und man könnte zum Beispiel ebensogut sagen, der Alpinismus sei die Grundlage für geologische, geographische oder andere Studien, die ja im übrigen auch ihre Gefühlswerte haben Können. Kehren wir also wieder zur Hauptsache zurück, daß sich nämlich das Sehen zum ahnungsvollen, künstlerischen Schauen und Empfinden erweitert. Es ist dies ein Schritt, dem eine bedeutsame seelische Tätigkeit innewohnt. Bekanntlich sieht der Bergbewohner nur, das heißt er beobachtet eine Unmasse von Detail, das dem Flachländer meist völlig entgeht, das er aber nicht innerlich verarbeitet. Nach Rosegger »erfaßt er nur die einzelnen Objekte und setzt sie zu seinem Leben wesentlich unter dem Gesichtspunkt des persönlichen Nutzens oder Schadens in Beziehung. Ebenso beschäftigt sich auch die Volkspoesie nur mit den praktischen Seiten der Berge. Der Hirt besingt die grünen Matten, der Holzhauer den dunkeln Wald, der Gemsjäger den schroffen Felsenschrund. Die Schönheit an sich entwickelt sich erst in der Gegensätzlichkeit. Dem Gebirgskind wird's bekanntlich erst im Flachland bewußt, wie sehr es die Berge liebt.« Anders beim Schauen, wo es darauf ankommt, die Stimmungsimpressionen der Landschaft aufzusuchen, sie seelisch und gefühlsmäßig auszulösen, zu vertiefen, in ihrem Ewigkeitszusammenhang und ihren Harmonien zu ahnen. Dies ist um so schwieriger, als die Natur nicht wie der Künstler auf ein ästhetisches Ziel hinarbeitet und das Nebeneinander ihres Reichtums unbegrenzt ist. Sie läßt alles unbestimmt, es wohnt ihr keine künstlerische Absicht inne, und eigentlich können wir auch keine solche aus ihr herauslesen. Tun wir das doch, und als Künstler sollen und wollen wir es, so legen wir in Wahrheit Ewigkeitsgefühle in sie hinein, die wir dem eigenen Innern entnehmen. »Ich mache diese wunderbare Reise, um mich selbst an den Dingen kennen zu lernen,« sagt Goethe. Wie weit das oft geht, zeigt unter anderem Lammer, dem unablässig »seine Verwandtschaft mit den tausend Einzelerscheinungen«, z. B. ganz bestimmten Blumen, zum Bewußtsein kommt. »Jener flüchtige Sonnenblitz im wallenden Nebelrauch, der das einsame Hüttchen oder jenen Serac so wunderseltsam verklärt, läßt neue oder wieder uralte heimatliche Gefühle in mir aufklingen, jene Lawine spricht zu mir in verständlichster Sprache, nur kann ich alle diese Dinge, die ich sehr individuell und klar empfinde, nicht entsprechend ausdrücken.« Also: »Mit Worten läßt sich's erschildern nicht Und nicht mit Farben ermalen; Mich dünkt so purpurgetempert und licht Muß das heilige Land erstrahlen.« Scheffel. Die Frage, wie wir sehen sollen, beantwortet sich danach: mit offenem Herzen sollen wir aufnehmen, was am meisten in uns anklingt, sollen der innern Stimme liebevoll folgen, wenn sie sich ihr ahnungsvolles Gebäude aufbaut, sollen uns mit dem »unendlich beseligenden Unterton« begnügen, daß wir uns in diesen Stimmungen eins mit der Größe dort draußen fühlen, vernunftgemäß begreifen und fassen können und sollen wir es nicht. Wollen wir das doch, so eröffnen sich sofort wieder die Abgründe des Verstandes, der sich zu solchen Höhen nicht emporschwingen kann und alles Große zu sich herunterzerrt, dem sich die ewig verschlossene Pforte am allerwenigsten öffnet. Und wenn der eine meint, »daß eine Welt, die so viel Schönheit berge, nicht ohne einen großen Plan sein könne,« so betont der andere »die harte Brutalität und Erbarmungslosigkeit, mit der die Natur gerade dort oben alles Leben zertritt«, die »göttliche Zwecklosigkeit der Alpenwüste«. Was nun mich betrifft, so waren mir die Berge jetzt bald nicht mehr bloß Gegner, mit denen ich kämpfte. Sie wurden mir Freunde, einzelne so sehr, daß ich immer wieder zu ihnen zurückkehrte, immer neue und tiefere Anregung von ihnen erhielt. Was mich anzog, war vor allem Größe, Kühnheit und Wildheit, kurz das eigentlich Hochgebirgsmäßige und Alpine. Ebenso liebte ich Wolken und Sturm. Der Blick in zerfetzte Nebelgebilde, die in mächtigen Kesseln lagern und an den steilen, zerrissenen Hängen hinaufragen, war mir stets eine Wonne, und eine schwere, dunkle Gewitterwolke, die einen Berg umarmte, ihn bald frei ließ, bald ganz einhüllte, sagte mir außerordentlich viel. Auch die Bedeutung des äußeren Aufputzes lernte ich schätzen. Gibt es doch viele Berge, welche erst durch seinen Reichtum, durch wechselvolle Schnee- und Eismassen und ihre merkwürdigen, der Schwerkraft scheinbar oft völlig hohnsprechenden Gebilde, durch abenteuerliche Felsformen und eindrucksvolle Steilwände ihren wahren Schönheitscharakter erhalten, wenn zum Beispiel die Jungfrau wohl eine in ihrer Art schöne pyramidale Gipfelform zeigt, so sind es doch erst die prächtigen vorgelagerten Silberhörner mit ihrer abenteuerlichen Gletscherzerklüftung, die den Berg zu einem so wunderbar erhabenen, wechselreichen Gebilde machen. Überhaupt das Detail! Zacken, Klüfte, Grate, Seracs, Spalten, Wächten und was es sonst noch gibt! Ich muß sagen, daß sie mir meist mehr bedeuteten, als die Berge selbst, hauchen doch diese riesenhaften Kleinigkeiten dem Ganzen erst wirklich Leben und Charakter ein und lassen uns seine ungeheuerliche Größe fühlen, umwoben von ihrem romantischen Schimmer, welche kaum faßbaren Wunder erlebt man da z. B. bei einer Besteigung des Matterhorns auf der Südseite, auf dem zerklüfteten Grat des Cimone oder den ungeheuren Gipfelblöcken des Crozzon! Die Details sind mir auch lieber, als der Fernblick vom Gipfel, der wohl eine unermeßliche Weite im Herzen eröffnet, ein Entrücktsein aus der Welt, mit seiner verflachenden Ballonperspektive auf die Dauer aber leicht monoton und verwirrend wirkt. Wenn nicht ein Wolkenmeer mit seinen hervorstehenden Inselzacken seine abgeklärte Ruhe darüber breitet, oder Sturmwolken und Schneegestöber ihm dramatisches Leben einhauchen. Besonders viel sagt mir auch der Blick vom Vorland auf das ferne Gebirge, das mit seinem eisigen Zackengewirre über der grünen Ebene so märchenhaft anmutet, beinahe wie ein besseres, unerreichbares Jenseits, dem unsere ganze Menschensehnsucht entgegenpocht. Nicht vergessen möchte ich endlich die heldenhafte Geschichte, die oft einem Berg die Wucht eines historischen Hintergrundes und mit ihren heißen Bemühungen, Hoffnungen, Enttäuschungen und Schicksalsschlägen so manche kalte Örtlichkeit mit dem Zauber der Menschlichkeit umwebt und erwärmt. Einige sportliche Einschränkungen mußten bei dieser Art künstlerisch-photographischen Alpinismus, der ich mich mehr und mehr ergab, naturgemäß in den Kauf genommen werden. Das Betrachten und Sinnieren hält ja an sich schon auf, das photographieren natürlich noch viel mehr. Auch brachte die Tatsache, daß ich meist zwei Apparate, darunter einen größten Formats mit mir führte, es mit sich, daß ich meist mit Führern gehen mußte. In gewissem Sinne bedauerte ich das manchmal und empfand es als seelisch störend und die Unternehmungslust hemmend, aber die lebhafte, präzise Erinnerung, die meine Photographien in Stimmung und Erleben immer wieder in mir erwecken, sind mir doch wesentlich mehr wert, als manches vielleicht verpatzte Abenteuer oder gar dieser oder jener nicht bestiegene Gipfel. »Man mueß nit überall g'wesen sein!« sagte mein Freund Stabeler einmal sehr treffend. Im übrigen sorgten mein Naturell und Temperament schon dafür, daß es auch in Zukunft nicht gar zu zahm zuging. Es entwickelte sich vielmehr eine Mischung von Unternehmungslust und Naturschwärmerei, bei der alles zu seinem Rechte kam, die mein ganzes Wesen vertiefte und mich jedenfalls so befriedigte, wie ich es andern nur wünschen kann. Rosetta Pala Ball Saß Maor Die südliche Palagruppe.   Es war ein Zufall, der mich 1892 in das Gebiet der Pala-Dolomiten führte. Ich hatte eine Photographie des Timone della Pala in die Hände bekommen, die mich so entzückte, daß ich beschloß, mir diesen Berg, der es mir beim ersten Blick angetan hatte, näher anzusehen. Dieser Entschluß war vor allem in photographischer Hinsicht ein äußerst glücklicher und hat mir sehr viel Anregung gegeben. Wenn die Dolomiten an sich schon vortreffliche und verhältnismäßig leicht zu meisternde Objekte der Lichtbildnerei sind, so zeigt die Palagruppe mit ihren vielgestaltigen Felsen, den häufigen malerischen Wolkenbildungen, die ihnen ein so eigenes Leben einhauchen, und dem südlichen Charakter der ganzen Landschaft besonders pittoreske Formen. Es war eine Lust, sich da seine Bilder zu suchen, oder vielmehr dieselben drängten sich mir in einer Weise auf, wie ich es kaum irgendwo gefunden habe. Auch sonst traf ich es recht gut in dem komfortabeln Hotel von San Martino di Castrozza, wo ich eine recht sympathische Gesellschaft vorfand. Auf meinen Touren ging ich teils allein, teils in Begleitung des trefflichen Michele Bettega, eines Prachtkerls und erstklassigen Führers, der mit leidenschaftlicher südlicher Lebhaftigkeit die größte Harmlosigkeit und Gutmütigkeit verband. Ich habe dabei vor allem mehrmals den Timone bestiegen, die Vezzana, Pala di San Martino und später den hochinteressanten Saß Maor, mich auch vergeblich an der Cima di Ball abgemüht, wo ich mich bei einer Alleinkletterei gründlich verstieg. Zu erwähnen ist dabei weiter nicht viel, und ich möchte nur auf einige der Eindrücke eingehen, die besonders hafteten. Da wurde vor allem der Cimone della Pala geradezu eine Wunderwelt für mich. Man hat den Berg auch das Matterhorn der Dolomiten genannt, und wenn man ihn vom Rollepaß aus betrachtet, so ist eine gewisse Ähnlichkeit unverkennbar. Nur ist der ganze Aufbau ein spitzerer, mehr nadelartiger, und die Blöcke, aus denen er von Zyklopenhänden zusammengesetzt zu sein scheint, geben ihm wohl einen größeren Reichtum, nehmen ihm aber auch die Wucht des aus einem Gusse aufgebauten Zermatter Riesen; es herrscht nicht jene eherne Ruhe über ihm, aber er ist dafür lebendiger. Ich will dabei nicht weiter davon reden, daß man in dem zweiten mächtigen Block rechts unterhalb des Gipfels ein regelrechtes Bärengesicht erkennen kann, denn ich gehöre nicht zu den Leuten, die überall Gesichter sehen und wurde erst später von anderer Seite darauf aufmerksam gemacht. Mir war das Leben interessanter, das die prachtvolle Wolkenbildung der von Süden anrückenden Nebelbank dem Berg verlieh, als ich ihn zum erstenmal sah. Wie das huschte und hin und her wogte, ihn bald geisterhaft verdeckte, bald in seiner ganzen Wucht und Größe aus den grünen Matten hervortreten ließ! Ein Schauspiel ohnegleichen! Ich rannte wie ein Verrückter, bebenden Herzens, ob ich noch rechtzeitig einen geeigneten Standpunkt für eine Aufnahme finden würde. Ich hätte mich nicht so zu beeilen brauchen, denn wie sich bald herausstellte, ist diese Wolkenbildung eine charakteristische Eigentümlichkeit des Berges, die sich beinahe täglich wiederholt, und schon 22 Jahre vorher schrieb der erste Besteiger: »Ich hatte einen der schönsten Anblicke, die ich je gesehen. Der höhere Teil des Berges war allein sichtbar und umgeben von einem Kranz von Nebeln, der ihm das herrlichste Aussehen gab, das man sich nur denken kann.« Wie ganz anders nun nimmt sich der Berg von dem Gipfel der benachbarten Rosetta aus! Sollte man glauben, es mit demselben Berg zu tun zu haben? Eine riesenhafte Felswand erhebt sich hier wiederum aus den Nebeln, die so ganz anders geartet ist, als die spitze Nadel vom Rollepaß. Der Berg bietet uns hier seine Breitseite dar, und der Vergleich der beiden Bilder läßt erkennen, wie scharf der Grad dort oben sein muß, der so senkrecht zu beiden Seiten abfällt. Man beachte auch die gigantische Linienführung, in welcher die Riesenwand nach links, dem Rollepatz zu abfällt. Wieder ein ander Bild! Wir haben unsern Berg von dem ihn umgebenden Hochplateau aus vor Augen. Hebt er sich da nicht wie eine luftige Burg mit Zacken und Türmen und vorgelagerten trotzigen Bastionen in die Lüfte, oder wie ein riesenhaftes verwunschenes Zauberschloß, dessen Umgebung zu Stein erstarrt ist? Wie klein erscheint daneben das Menschenbauwerk der Rosettahütte an seinem Fuß, welche riesenhafte Bewohner kann man sich dort hinaufdenken! Ich möchte hier noch etwas näher auf die Bedeutung der Größenverhältnisse eingehen. Wenn der Alpinismus das Ahnen des Unendlichen fördert, so hat er noch den Vorzug, daß er uns dieses Unendliche gewissermaßen greifbar vor Augen stellt und uns damit einen Größenmaßstab gibt, den wir sonst nirgends finden. Wohl herrschen am gestirnten Himmel noch ganz andere Größenverhältnisse, aber Leßlie Stephen hat recht, wenn er von den zehnstelligen Zahlen der Astronomen sagt: »Du meine Güte, auf ein paar Nullen mehr oder weniger kommt's da gar nicht mehr an, man versteht sie ja doch nicht.« Die Größenverhältnisse des Gebirges aber sind dem Alpinisten noch faßbar und verständlich. Sie geben ihm einen Maßstab, der die Seele für das Unermeßliche vorbereitet und empfänglich macht und »lehren ihn damit eine Sprache, welche sich dem gewöhnlichen Menschen nur zum Teil offenbart«. Cimone della Pala vom Rollepaß Vergleichen wir zu diesem Zweck die beiden Bilder des Cimone vom Plateau, welche genau an derselben Stelle aufgenommen sind. Wie reckt sich da bei dem Fernrohrbild die mächtige Wand in die Höhe, wie heben sich die Zacken und Türme heraus, wie türmt sich Abgrund über Abgrund! Und das alles nur auf dem Bilde! Betrachten wir nun auch gleich den Gipfel, der sich auf den beiden ersten Bildern kaum als ein Punkt darstellt, so können wir doch vielleicht das Gefühl der ungeheuerlichen Größenverhältnisse bekommen, können verstehen, wie ergreifend sie auf das Gemüt wirken müssen. Auch das Detail des Bildes »Einstieg am Drahtseil«, das in der Scharte zur Rechten des Gipfelblocks aufgenommen ist, läßt uns bei vergleichender Betrachtung die packende Vielgestaltigkeit der ungeheuerlichen Formen dort oben ahnen. Daß die Besteigung des Berges, welche senkrecht an dem Turm zur Rechten empor und dann über den Grat zum Gipfel führt, eine überaus interessante und wechselvolle ist, ergibt sich aus dem Vorstehenden. Sie bringt nicht nur großartige Klettereien auf gutem Gestein, herrliche Details und Ausblicke aller Art mit sich, sondern hatte für mich auch einige geradezu ideale Eindrücke. So wird mir die Morgendämmerung auf dem Travignolopaß ewig unvergeßlich sein. Noch während der Nacht waren wir in einer felsumbrandeten Schneerinne angestiegen. Mühsam, noch halb verschlafen, immer die steile Firnwand unmittelbar vor uns, hatten wir der Umgebung kaum geachtet. Die Dämmerung war eingetreten, ohne daß wir es bemerkten. Da mit einem Schlag auf der Paßhöhe eröffnete sich eine Welt zu unseren Füßen, so weit das Auge reichte, wie ein bleiernes Meer lagen die wogenden Morgennebel über den Tälern, darüber die Berge, Inseln gleich, und überall Sonne und Leben. Wie fühlten wir uns da gehoben auf unserer luftigen Höhe, wie beseeligt in dieser anderen, schöneren Welt. Ja, ja, ihr Schläfer dort unten, reckt und streckt nur eure Glieder, bis ihr euch endlich zum Aufstehen bequemt und redet klug! Wir hier oben wissen es besser. Cimone della Pala. Der Einstieg am Drahtseil. Und dann dieser herrliche Grat! Wohl eine halbe Stunde lang geht es da auf der scharfen Höhe entlang, über Zacken und Türme, in Risse hinein, an Blöcken hinauf, nicht geringer als der das Ganze krönende Gipfelblick. Dabei immer die ungeheuerlichen Abgründe zu beiden Seiten. Überaus merkwürdig war mir auch, als ich, vom Gipfel der Vezzana nach dem Berge hinüberblickend, ein Brockengespenst dort drüben sah. Wohl merkte ich bald an den Bewegungen, daß es meine eigene ins Riesenhafte vergrößerte Wenigkeit war, die sich dort drüben zu schaffen machte, aber beinahe übernatürlich kam mir die Sache doch vor. Hochinteressant war auch die Besteigung der einst viel belagerten Pala di San Martino. Freilich um den Berg zu verstehen, müssen wir versuchen, unserem Bilde wenigstens einigermaßen die Größe der Wirklichkeit einzuhauchen. Dann erst fühlen wir die grandiose Wucht dieses viel gerippten Felsens, bei dessen Ersteigung wir uns aus den ungeheuerlichen Abgründen emporarbeiten, die ihn im Halbkreis umgeben und das Gefühl trostlosester Verlassenheit erwecken, mit dem wir ebenso kämpfen müssen, wie mit dem schwer ersteigbaren Gestein. Auch der Blick von dem Gipfel ist überaus merkwürdig und schreckhaft. Da er das umgebende Plateau nur wenig überragt und der Fernblick deshalb beschränkt ist, wirken die Abgründe des Kessels ringsum geradezu wie eine Hölle. Bei der Besteigung des Saß-Maor-Doppelgipfels ist es vor allem die prächtige Turmgestalt der Cima della Madonna, die die Aufmerksamkeit fesselt. Auch sonst ist sie charakteristisch. Man vergleiche die Seitenwände des Turmes mit dem pyramidalen Gipfel, während sie in ihrem gleichförmig senkrechten Abfall einen massig düstern, nach unten weisenden Eindruck macht, zeigt schon die kleine Gipfelpyramide den Drang nach oben. – Zur Abwechslung nun noch ein amüsantes kleines Abenteuer, das ich in der Rosettahütte hatte. Ich befand mich da an einem Abend mit Michele, als wir draußen Stimmen hörten und zu unserem Erstaunen drei italienische Weiber, darunter ein recht hübsches junges Mädel, vorfanden, die mächtige Körbe trugen und es sich in dem kleinen Anbau bequem machten. Cima della Madonna. »Sie sind wohl Schmugglerinen?« fragte ich. » Si Signore ,« war die ohne jedes Zögern abgegebene Antwort. »Haben sie keine Furcht, daß ich sie anzeige?« » O no! Die Touristen tun uns nichts.« Ungeheuer war das Gepäck, das sie trugen. Volle 80 Pfund wog jeder der drei mit Kaffee, Zucker, Salz, Tabak usw. gefüllten Körbe. Es war die reine Viktualienhandlung. »Gehört das alles Ihnen?« » O no , wenn wir so reich wären! Wir tragen das nur und bekommen dafür 3 Lire pro Person. Wir sind gewöhnlich zwei Tage unterwegs.« Michele hatte inzwischen die Jüngste der drei mit sichtlichem Wohlgefallen betrachtet und bat mich, die Gesellschaft in die Hütte hereinzulassen, was denn auch geschah. Da wurde es denn bald recht vergnüglich. Man kochte Polenta, sang italienische Lieder, und Michele, der Schwerenöter, wurde immer galanter. Die Alte freilich verstand darin keinen Spaß und war eine grimmige Wächterin, so daß er den Polentastecken mehrere Male gehörig auf den allzu neugierigen Fingern zu verspüren hatte. Vor dem Schlafengehen erstaunte ich dann nicht wenig, als Rosenkränze hervorgeholt wurden und ein Betgemurmel anfing, das nicht mehr aufhören wollte, bis es mir schließlich doch zu viel wurde. »Betrügen Sie lieber nicht, das ist gescheiter, als hier so demonstrativ drauflos zu beten.« Aber da kam ich schön an. Erregt fuhr die Alte auf und kreischte mich an: Sie seien keine Betrüger, sie seien ehrliche Leute, die alles bar bezahlt haben. »Sie betrügen den Staat.« »Das ist keine Sünde!« erwiderte sie erregt. Nun, wer kann gegen solche Logik aufkommen! Schon am frühesten Morgen waren die drei dann wieder verschwunden. Die Dolomiten hatten mir es so angetan, daß ich mich schon an Weihnachten wieder unter ihnen befand. Die Reise galt den Ampezzaner Dolomiten und wurde wohl meine ereignisreichste Wintertour. Wir folgen dabei am besten meinem Tagebuch. Dreizinnenhütte, 27. Dezember 1892. Hei, wie das wild ist hier oben und schaurig! Eine völlige Polarlandschaft. Eis, nichts als Eis und nackter Fels, der sich gegen die kalte Umarmung wehrt, wie klein und verlassen die Hütte dasteht! Und doch hält sie den Elementen stand. Menschenwerk, kleines trauriges Menschenwerk, aber Sinn liegt drin und Verstand und ein gutes Stück Trotz. Seht nur her ihr unförmigen Kolosse, hier stehe ich, ein Hüttlein, klein und unscheinbar! Aber was könnt ihr ungeschlachten Riesen mir anhaben? Hier in meinem Innern ruht die Macht und die Kraft und der Sieg über euch alle, versucht es nur, euch aufzulehnen! Man wird den Fuß auf eure Häupter setzen, und ihr habt es zu erdulden. Der Tod ist euer Los und ewiges dumpfes Schweigen. Wir sind heut spät weggekommen von Sexten, mit den üblichen Sprüchen. »Sie gelt, schauen's zue, daß nix passiert! wissen's im Winter san die Berge halt wieder ganz anders als im Sommer.« Und wie entsetzt die Leute heraussahen aus den kleinen Fenstern, als ging's direkt ins Jenseits! Leb wohl, du nettes eingeschneites Dörfchen mit den behaglich rauchenden Kaminen! Lebt wohl, ihr verschneiten Tannen und Wälder! Wir wollen höher hinaus. Wie kalt es ist! Der harte Schnee knirscht ordentlich unter den Füßen, ein eisiger Duft liegt über dem Tal, und der Bach hat sich in eine Dunstwolke gehüllt, die langsam in die Höhe dampft. Anfangs kommen wir rüstig vorwärts, dann aber verschwindet der Weg. Immer tiefer sinkt der Fuß in den Schnee, und immer schwerer drückt die Last auf dem Rücken. Da sind mir endlich! Wer wir? Mein Freund Michele Bettega, Johann Watschinger aus Sexten und meine Wenigkeit. Michele habe ich extra aus San Martino kommen lassen. Ich weiß, was ich an ihm habe. Nun, auch Watschinger ist ein stämmiger Gesell, der seinen Mann schon stellen wird. Auch spricht er nur Deutsch, Michele aber nur Italienisch. Jetzt bin ich der alleinige Dolmetscher ihrer Gefühle und damit unumschränkter Herr. Wie unsagbar gewaltig und eisig die Drei Zinnen auf unser Hüttlein herabsehen! Nun um so gemütlicher ist es hier drinnen an dem flackernden Feuer. Was für ein spaßiger Kauz dieser Michele ist! Er hat sich Polenta gekocht und macht jetzt eine große Kugel daraus. Er verzehrt sie mit Hochgenuß zusammen mit einem Peitschenstecken. Steinhart ist dieses Stück Wurst, das er sich auch noch am Feuer geröstet hat, und schwarz wie die Nacht, wie die Polentakugel in seiner Hand. Wohl bekomm's! Was wir wohl morgen unternehmen werden? Ich werde mich hüten, meine Pläne auszukramen. Sonst gibt's ja doch nur Schwierigkeiten. Draußen ist die Nacht wunderbar. Der Mond scheint über die weiten Schneefelder hinweg, die Wolken ziehen, und stumm stehen dort die riesenhaften Zinnen. Wie drohende Wächter. Dreizinnenhütte, 28. Dezember. Wir haben uns auf die Große Zinne geeinigt. Sie konnte schließlich bezwungen werden. Im stillen ist mir ja auch die Kleine durch den Kopf gegangen, aber wie sollte das möglich sein, jetzt zur Winterszeit! Wir sind um 7 Uhr aufgebrochen, zwischen Tag und Dunkel. Langsam verschwinden die Sterne, ein goldener Schein legt sich über die Schneeriesen und die Felsen flimmern. Man meint, es sei Tag, aber es ist eine Täuschung. Immer heller wird's und heller, die eisigen Hänge glühen, und der düstere Himmel wird blau. Da plötzlich ein Flämmlein an der höchsten Spitze der Zinnen! Es ist Sonnenlicht. Wie eine Welle schreitet es herab, an den eisigen Hängen, und eh' wir's uns versehen, ist es Tag. Und doch ist es nicht jene strahlende Sonne, die den Erdball belebt. Kalt starrt ihr das Leichentuch entgegen, eisig, wohin sie blickt, und sie vermag es nicht zu durchdringen, noch zu erwärmen. So setzt sie teilnahmslos ihren Weg fort, ein feurig roter Ball in der frostigen Umarmung der Atmosphäre. Wir haben den Fuß der Kleinen Zinne umgangen und wenden uns dem Sattel zu, der sie von der Großen trennt. Bald führt dann eine Schneerinne nach links in die Höhe und wir sinken bis um die Hüften ein. Dann kommt eine Kletterei durch enge, beinahe senkrechte Kamine. Sie ist recht schlimm, denn eine fürchterliche Kälte herrscht da drinnen. Haufenweise ist der Schnee aufgestaut und mannshohe Zapfen hängen von den steilen Wänden herab, ein geradezu arktisches Bild. Ob wir wohl hinaufkommen durch jenes finstre Loch, das so eng ist, daß man schon im Sommer hindurchkriechen muß? Ganze Lasten von Schnee wälzen wir in die Tiefe und doch umfängt uns völlig die eisige Umarmung. Aber wir ringen uns durch, schweißtriefend trotz aller Kälte. Endlich erreichen wir ein kleines Plateau, und die Sonne scheint uns wieder. Hurra! Und da ist ja die Kleine Zinne, meine geliebte Kleine Zinne! Einen Stein könnte man hinüberwerfen, so nah steht sie da. Welch mächtiger, ungeheuerlicher Turm! Und wir sind schon höher und sehen über den Berg hinweg. Dazu diese Polarlandschaft ringsum! Es ist einfach überwältigend! – Wie wär's, wenn ich es nun doch mit der Kleinen Zinne versuchte? Immer wieder schießt mir der Gedanke durch den Kopf und läßt mich nicht mehr los, wie eine alte Liebe. Doch vorwärts, sonst frieren wir noch an! Hurra, wir sind oben! Unter einem Stein ist das Ersteigerbuch in einer Blechkapsel. Heraus damit! »Morgen wird die Kleine Zinne bestiegen!« Dies meine Inschrift. Es war das erste, an was ich dort oben dachte. Wie gewaltig dieser Gipfel ist! Mächtige Felsblöcke türmen sich übereinander auf, und tief verschneite Schluchten ziehen sich durch das morsche Gestein, wie wir da herumkletterten, bis wir endlich wieder Abschied nahmen! Da ist ja die Kleine Zinne wieder, unnahbar steil! Und da will ich hinauf, in dieser fürchterlichen Kälte? Die Hände werden mir wegfrieren. Nein, das ist ja ganz ausgeschlossen! Und droben steht es jetzt in dem Buch, schwarz auf weiß. Man wird mich auslachen als Renommisten. Beim Heimweg zur Hütte gingen wir direkt über die Scharte zwischen den beiden Bergen. Eine steile, vereiste Rinne führte von da hinab. Der Sturz meines Begleiters in den Cadinen fiel mir ein, als ich so zagend auf der Höhe stand und nicht recht wußte, wie die Sache angreifen. Ach was, ein tüchtiger Satz und den Pickel fest eingestemmt! Eins, zwei, drei, es geht wie der Sturmwind. Wenn ich nur das dumme Zeug nicht in das Buch dort oben geschrieben hätte! Es war so unnötig. Diese Blamage, wenn nichts draus wird! Aber halt! Schließlich gehe ich eben wieder hinauf und reiße die Seite heraus. Albergo Misurina, 29. Dezember. Da sitzen wir in der Küche am Feuer um den großen Kessel herum und wärmen uns seelenvergnügt. Er wird mir unvergeßlich bleiben, dieser Wintertag an der Kleinen Zinne . Wieder bin ich bangend dort oben gestanden in der Nische unter dem Gipfel, und habe hinaufgeblickt in der schmalen senkrechten Schlucht, die noch überwunden werden mußte. Diesmal bei einer Kälte von 20 Grad. Wir hatten wahrlich schon genug zu tun gehabt, um bis dahin zu gelangen, an dem eisigen Gestein herauf. Und jetzt soll die Hauptsache erst losgehen! Michele hat den Berg noch nie bestiegen, wie wird er's angreifen, wird es gelingen? – Aber was ist denn das? Er zieht sich Rock und Stiefel aus, bei dieser Kälte! Nun ja, er will unbehindert sein, und die Strümpfe kleben besser an den Felsen als die ungelenken, vereisten Stiefel. Er fängt zu klettern an, und es herrscht Todesstille, langsam schiebt und zieht und windet er sich in die Höhe. Oft versagen die eisigglatten Griffe und Tritte ganz, und er muß sich gewaltsam zu beiden Seiten der engen Felsschlucht anstemmen. Jetzt kommt er an die schwierige Stelle unter dem überhängenden Block. Wenn er da den Halt verliert, dann ist's sicher aus mit ihm. Wie er sich abmüht und vorsichtig das glatte Gestein abtastet! Aber es geht ja, Hurra, er ist oben auf dem Block! Jetzt bin also ich an die Reihe. Es ist natürlich unermeßlich viel leichter als für ihn und ein paarmal baumele ich eben am Seil. Was hat das weiter zu sagen! So stehen wir also wieder beisammen auf dem Block, zitternd vor Kälte. Die senkrechte Rinne, die vollends hinaufführt ist stark vereist und dem Gestein nicht zu trauen, aber die Gipfelkrankheit hat uns mächtig erfaßt, die große Passion, bei der es kein Besinnen gibt, und ehe wir's uns versehen, sind wir auf dem kleinen, schneebedeckten Plateau. Triumphierend blicke ich hinaus über die weite Schneelandschaft mit ihren phantastischen Zackengebilden ringsum, warum soll ich mich darüber nicht freuen! – Aber was macht denn Michele, ist er verrückt geworden? Wie ein Besessener stampft er die Füße in den Schnee, schlägt sich die Arme um den Leib herum und flucht, wie nur ein Italiener fluchen kann! Freilich, es ist so eine Sache, im Dezember 2881 m hoch zu sein, ohne Rock und Stiefel! Es ist ja nicht nett von mir, aber ich habe geheult vor Lachen. Dieser wilde, halbnackte Kerl mit dem langen, fliegenden Haar, dem struppigen, schwarzen Vollbart, den lodernden Augen und rasenden Gesten hier oben in der eisigen Bergeseinsamkeit! Wie ein tobender Berggeist kam er mir vor. Und nun sitzen wir hier behaglich ums Feuer, nachdem wir allerdings noch manches ausgestanden. Ein bekannter Bergsteiger sagte einmal, am schwersten sei ihm bei der Besteigung der Zinnen der Rückweg nach Misurina geworden. So ging's auch uns. Je weiter wir herunter kamen in das Tal, um so tiefer wurde der Schnee, so daß wir uns schließlich beinahe die Seele herausgekeucht haben. Nun jetzt geht's ja wieder besser. »Hallo, noch eine Flasche Asti! – Und jetzt noch eine! – Und noch eine! Wir haben's verdient.« Albergo Misurina, 30. Dezember. Da stand er wieder, kalt und abweisend, mein Turm in den Cadinen , der Kleine Popena, und ich bin auch diesmal nicht hinaufgekommen. Der Schnee war aber auch zu tief. Und dazu dieser verdammte Asti! Mich schaudert, wenn ich an mein Bett denke! Wie das gestern ausgefroren war in dem unheizbaren Zimmer! Wie ein Wurm habe ich mich darin gekrümmt und vor Kälte geschnattert. Cortina, 31. Dezember. Das Glück war mir wieder hold, der Monte Cristallo lag zu unseren Füßen. Aber welche Mühen hat es gekostet! Um 3 Uhr sind wir von Misurina weggegangen, in stockdunkler Nacht beim Scheine der Laterne. Um 4 Uhr glaubten wir nach Tre Croci zu kommen. Es wurde beinahe 6 Uhr. Sollte man es glauben, den ganzen Weg mußten wir Stufen hauen. Auf der ebenen Landstraße! Sie war mit blankem Eis bedeckt, das schräg abfiel. Man rutschte da beständig, und nachdem wir unsre Knochen erst einige Male tüchtig angeschlagen hatten, auch in dem tiefen Schnee daneben nicht vorwärts kamen, hieben wir eben Stufen. Und welcher Marsch die weite Schutthalde hinauf zum Cristalljoch! Stunde um Stunde verrann, Flasche um Flasche wurde getrunken, und das Joch war so weit wie nur je. Erst um 9 Uhr erreichten wir das Große Band, wo wir vergeblich Wasser zu finden hofften, denn unser Wein war längst dahin. Was soll ich über den Weitermarsch sagen! Die Hände im Schnee, die Füße im Schnee und brennender Durst bei 20 Grad Kälte, so kletterten wir in die Höhe, ohne übrigens den Humor zu verlieren. Nein, wer am 31. Dezember so hoch hinaus will, der muß auch etwas ertragen können, das ist klar. Und was haben wir nicht alles gesehen an riesenhaften Klüften und Felsen, alles im Schnee, mit überall herabhängenden, ich möchte sagen übernatürlich großen Eiszapfen. Gegen 2 Uhr nachmittags kamen wir auf den Gipfel und konnten hinabblicken auf den tiefverschneiten Gletscher mit seinen grinsenden Spalten in dem ewigen Halbdunkel, das jetzt dort unten herrscht. Unwillkürlich mußte ich an den guten Michel denken, der in so einem trügerischen Riß sein Leben verlor. Der Abstieg brachte nichts Neues. Todmüde kamen wir bei Tre Croci an und tranken in langen Zügen das Eiswasser aus dem Bach. Dann zogen wir müde die Straße hinunter nach Cortina, während sich vor uns im milden Abendsonnenglanz die herrlich gezackte Tofana erhob, die unser nächstes Ziel sein sollte. Draußen vor dem Dorf schießen sie jetzt mit Böllern und freuen sich, daß ein neues Jahr beginnt. Nun ja, mir ist's auch wohler, als damals im Wegwärterhaus am Schwarzhorn, und auch der brave Papa Verzi vom Croce Bianca sorgt geradezu rührend für mich. Cortina, 2. Januar. Der Rasttag ist vorüber. Draußen schneit und stürmt es, daß man verzweifeln möchte. Cortina, 3. Januar. Mit Michele bin ich heute nach Lorca hinuntergefahren, um ihm ein Stück weit das Geleit zu geben, denn er geht wieder nach Hause. Während der ganzen Fahrt haben wir kaum die Hände vor dem Gesicht gesehen, so stark war das Schneetreiben. Jetzt sitze ich wieder da, und die Zeit verstreicht tatenlos. Aber ich gebe nicht nach, obgleich jedermann sagt, daß es wochenlang so fortstürmen könne. Cortina, 5. Januar. Nun ist es doch geglückt! Als gestern früh ein Stückchen blauen Himmels zu sehen war, hielt ich es nicht länger aus und zog mit dem trotzigen Antonio Dimai nach der Tofanahütte. Es war ein prächtiger Spaziergang durch den verschneiten Tannenwald und so recht weihnachtsmäßig. Dazu dieser südliche Glanz, der über den pittoresken Bergen lagert und der nordisch kalte Schnee! So etwas trifft man nur in den winterlichen Dolomiten. Die Hütte war prächtig gelegen, in einer verschneiten Felsschlucht mit himmelhohen, gezackten Wänden, in der überall riesenhafte Blöcke herumlagen. Nur an einer schmalen Stelle sah man hinaus auf das weite Bergland und hinunter auf die verschneiten Tannen. Die Besteigung war in der Hauptsache mühsam und lawinengefährlich. Einmal dachte ich sogar ans Umkehren, aber Antonio sah mich nur finster an, und so kämpften wir uns weiter bis zum Gipfel, wo Antonio mitten im Schneesturm sein rotes Taschentuch stolz an den dort befindlichen Stecken band. Beim Abstieg konnten wir eine Zeitlang wie auf einem wogenden Wellenmeere abrutschen, das die rollenden Schneemassen bildeten, und hatten manchen herrlichen Blick über die weite verschneite Landschaft. Den Abschluß bildete eine sausende Fahrt im Hörnerschlitten. Antonio verstand sich darauf, wie kein zweiter. Michele Bettega Ein hübscher Marsch über Schluderbach nach Toblach beendete die ereignisreiche Tour, auf die ich jetzt noch mit besonderer Genugtuung zurückblicke. Auch ein unwiderstehliches Sehnen ließ sie in mir zurück, und so sah mich der Sommer 1893 wieder in den Ampezzaner Dolomiten , diesmal im Zeichen des höchsten photographischen Fanatismus. Die Besteigung des Monte Pelmo (3169 m). Der Leser kennt meine Vorliebe für den Süden. Es gab nichts Schöneres für mich, als aus den Schnee- und Eisregionen hinunterzuziehen in Italiens lachende Gefilde mit ihrer herrlichen Vegetation, ihren malerischen Gestalten und romantischen Bauwerken, aus denen die Jahrhunderte reden. Der Wechsel ist so groß und ergreifend, daß er mit magischer Gewalt packt und gefangen nimmt. In düsterm Träumen sind wir dagestanden in dem ewigen Schnee, bestrebt, die Rätsel dieser Schöpfung zu ergründen und einzudringen in ihr eigen wild Geheimnis. Wir waren überwältigt von der eisigen Pracht, die unserem klopfenden Herzen so ferne steht, haben uns hinaufgerungen im Kampf mit uns selbst, germanische Naturen, die in unermüdlichem Drang das Unendliche zu greifen suchen. Wie ganz anders sind wir dann dort unten! Wir pflücken die Kastanien von den Bäumen, trinken fröhlich süßen Wein, freuen uns an dem blauen Himmel und den beweglichen bunten Menschen, liegen am Ufer eines Sees und blicken hinweg über die grüne Flut, ohne quälende Gedanken, jeder Sorge los und ledig. Dolce far niente . Was wollen wir weiter! Was kümmern uns die Rätsel dieser Welt! Weg mit dir, du törichtes Grübeln! Dolce far niente ! Diesmal ist mir's gerade umgekehrt ergangen. Ich kam aus dem schönen Italien froh und heiter. Die südliche Sonne hatte mich beschienen und erwärmt. Ich war wieder einmal aufgetaut. Jetzt stehe ich dort oben auf den Schneefeldern des Monte Pelmo. Weg sind die weichen Lüfte, kein auch nach so ärmliches Pflänzchen ist zu sehen. Nur Fels und Eis starren mir entgegen und ringsum tobt wilder Sturm. Was will ich da oben, was? – Was aber soll ich unten? Was geb' ich für ein ausgeträumtes Leben, das tatenlos verstreicht? Folgt nicht Erwachen stets dem Traum, zerstört die rauhe Wirklichkeit nicht stets den Wahn? Nichts tun, ist auch nichts! Du hast genug geträumt, also vorwärts, weiter! Da nur liegt des Gebens wahre Lust und Wonne, wo sie erkämpft wird und erstritten! Wenn nur die Sache nicht gar so niederträchtig angefangen hätte! Ich war des Abends in San Vito eingetroffen. Ein herrlicher Tag lag hinter mir voll fesselndster Eindrücke, und noch umfing mich Italiens Zauber. Wir machten uns früh auf die Beine. Der Weg war weit, denn noch am selben Abend gedachten wir in Cortina zu sein. Stumm schritt ich hinter den beiden Führern drein, im dunkeln Wald beim Schein der Laterne. Wie wohl das Wetter werden wird? Unsinn, wie soll es weiter werden, wir sind ja noch in Italien! Da muß es doch schön sein! Aber es regnet ja, wahrhaftig es regnet. So eine Gemeinheit! Also warten wir unter einer Tanne! Eine halbe Stunde ist vergangen, eine Stunde. Ich schnattere vor Kälte. Es ist hell geworden und naß sind wir ja doch, also weiter! Wenn wir nur erst bei der Hütte wären! Endlich erscheint sie, Gott sei Dank! »Venezia« ist sie »getauft«, und wahrlich, an Lagunen hat mich ihre Umgebung erinnert. Einen Schlüssel haben wir auch nicht, den hat es zu der frühen Jahreszeit in San Vito noch nicht gegeben, und das Vertrauen auf meinen Vereinsschlüssel erweist sich als trügerisch. Da stehen wir also in dem strömenden Regen. Der Versuch, durch die wohlverschlossenen Läden zu gelangen, mißglückt, und selbst vom Dach her gelingt es nicht, in die jungfräuliche Feste einzudringen. Lasciate ogni speranza! Ein offener Nebenraum ist ja allerdings da, aber wie sieht der aus! Acht Fuß breit, acht Fuß lang, ein lehmiger Fußboden und als Einrichtung zwischen unmenschlich vielem Dreck eine hölzerne Bank. Voilà! O, Photograph, was bist du für ein Esel! Als Bergsteiger, Mensch und Tourist würde mich keine Macht der Erde abhalten, weiter zu steigen oder zurückzugehen, aber als Photograph heißt's einfach ausharren. Zunächst wird also in dem Schmutzloch ein Feuer angezündet, an dem wir uns zu trocknen suchen. »Wie steht's denn mit dem Wetter?« »Es gießt.« »So laß es gießen!« Also kochen wir uns eine Suppe, die kann nie schaden. »Wieviel Uhr ist's denn?« »Acht Uhr.« Morgens, wohlverstanden! »Und das Wetter?« »Es gießt.« Allmählich kommt ein solcher Rauch in das Lokal, daß man kaum atmen und die Augen öffnen kann. Also Tür auf! Aber der Zug, der jetzt hereinkommt, ist in den nassen Kleidern unerträglich und der Blick da hinaus in das Regenwetter entsetzlich. Ganze Bäche strömen von dem Dach herunter, gerade an der Tür. Es ist nicht mit anzusehen. Tür zu! Lieber Rauch und Dunkelheit, als solchen Anblick. »Wieviel Uhr ist's denn jetzt?« »Halb neun Uhr.« Die beiden Führer sind hinausgegangen, um Strauchwerk für das Nachtlager zu holen, von einer Besteigung kann ja heute doch keine Rede mehr sein. Ich habe mich auf die Bank gelegt und sinniere, wie hübsch wäre es, wenn man dort oben herumphotographieren könnte! Jedermann hat mir den Pelmo als einen so interessanten Berg geschildert. Besonders auch das Große Band. Es ist da eine Stelle mit einem Loch, durch das man liegend hindurchkriechen muß. Welcher Genuß für meinen Apparat! – Aber was ist denn das für ein Kerl, der da hereinkommt, den kenn' ich ja gar nicht. Augenscheinlich ein Vagabund, groß, ruppig, finster. »He, was wollen Sie?« Keine Antwort. Der Kerl kommt drohend auf mich zu. »Oho, mit dir werde ich schon noch fertig!« – Verdammt, er hat mich gepackt, drückt mich zu Boden und würgt mich, wenn ich nur die Arme frei hätte, ah! – Nun, gar so schlimm war die Sache schließlich doch nicht, ich habe nur geträumt auf der steinharten Bank und wische mir jetzt den Schweiß von der triefenden Stirne. Noch zwölf solche Stunden, bis wir zu »Bett« gehen. Ich werde daran denken. Gipfel des Monte Pelmo. Am folgenden Morgen war das Wetter einigermaßen passabel, also los! Am Monte Pelmo ist alles großartig, gewaltig, imponierend. Man trifft da keine zierlichen Nadeln und Zacken, die das Bild beleben. Alles ist nur ungeheure Masse, bedrückend und doch erhebend, wenn man sich erst als Herr über sie fühlt. Mochte es jetzt wehen und stürmen, ich setzte meinen Fuß auf den mächtigen Gipfel und hatte die trotzig stolze Siegerfreude inmitten tobender Wolken, die immer wieder neue Ausblicke eröffneten. Die Croda da Lago (2709 m). An der Westwand der Croda da Lago Auch an diesem Berg hatte ich einen Tag Regenwetter für meine photographischen Gelüste auszuhalten. Allerdings war's diesmal weniger langweilig, denn wir befanden uns bei Hirten auf der Federa Alp, deren Leben und Treiben mich interessierte und dann, wie wurde ich belohnt! Schon an dem prächtigen Lago da Lago, diesem einzig schönen See! Auch so wechselvoll ist die Tour. Von dem in halber Höhe des Berges befindlichen Großen Band steigt man erst die steile Ostwand zu einer Scharte hinauf, aus der sich der doppeltgezackte Gipfel erhebt. In halber Höhe des Gipfelblockes geht es dann schräg hinüber zu der ungeheueren Westwand, auf der sich die gewaltigsten Ausblicke eröffnen. Welch grandiose, bedrückende Felsenwildnis! Und wie kann man da klettern! Mit welchen Schwierigkeiten ich zu kämpfen hatte, zeigt folgendes Erlebnis, das doch ziemlich bedenklich war: Um den Gipfelblock aufzunehmen, war ich von der Scharte nach links in die Höhe gestiegen, während die Führer jenseits die eigentliche Besteigung ausführten. Sarapißgipfel. Daß ich mich da auf völlig unbetretenem Boden befand, bewiesen bald die ungeheuren Felsmassen, die bei jedem Schritt losbröckelten und dröhnend in die Tiefe stürzten. Nun ich war vorsichtig und kam schließlich auch zu einem Band, wo ich meine Aufnahmen machen zu können wähnte. Also heraus mit dem Stativ! Da ich schrecklich wenig Raum hatte, setzte ich mich hin, stellte den Apparat auf, so gut es ging und, den Kopf unter dem schwarzen Tuch, sah ich durch die Mattscheibe. Da plötzlich ertönt drüben ein entsetztes Geschrei: »Santo Dio , passen's auf!« Der ganze Block, auf dem ich saß, war langsam und ohne daß ich es gleich bemerkte, ins Rutschen gekommen, und schon donnerten die Felsblöcke in die Tiefe, daß es dröhnend von allen Seiten widerhallte. Ich aber hatte noch immer das schwarze Tuch um den Kopf. Gipfel der Croda da Lago »Erst das Roß und dann der Reiter!« Oder ins Photographische übersetzt: Erst der Apparat und dann der Photograph. Das waren so etwa meine Gedanken, als ich das Stativ mit der linken Hand an einem Bein packte. Dann warf ich mich auf den Rücken nach der Wand zu und erwischte mit der Rechten nach eine Felskante, welche hielt. Da hingen wir. Mein Tornister freilich, der neben mir gelegen, war in der Tiefe verschwunden. Daß ich meine Aufnahme jetzt erst recht machte, war klar. Und nicht bloß die eine! Denn so eine Gelegenheit, wie dort oben, findet man selten. Auch meinen Tornister bekam ich wieder. Als wir nach der Besteigung den Berg umgingen, fanden wir ihn an seinem Fuße behaglich daliegen. Daß ein leichter, leerer Tornister rund 1000 Fuß tief fallen kann, ohne sich unterwegs an den Riemen zu verfangen, ist ein genügendes Zeichen für die Steilheit und Glätte dieser Westwand, die der Leser im übrigen auch auf unsrem Bilde beurteilen kann. Die Fallstelle befindet sich da etwa zwischen den beiden Kletterern, an der jenseitigen dunkeln Wand. Bei dem nun folgenden Marsch nach der Dreizinnenhütte kam ich auch wieder an den Cadinen und damit an meinem Turm, dem Kleinen Popena vorbei, nach dem mein Sehnen seit der Schluderbacher Zeit schon so oft gestanden. Daß er diesmal fallen würde, war keine Frage, denn ich hatte zwei vortreffliche Führer bei mir. Auf diese Weise war das freilich auch keine besondere Leistung, und als wir am Fuße des Berges eine kurze Rast hielten, begann ich mich doch zu schämen. Allein hatte ich damals hinauf wollen und mußte das von Rechts wegen auch jetzt tun, ohne daß die andern es merkten. Ich erklärte also, daß ich erst rekognoszieren wolle und verschwand hinter der nächsten Ecke. Dann ging es rasch auf meinem alten »Weg« in die Höhe. Er kam mir sehr viel leichter vor als damals. Ich hatte inzwischen etwas gelernt in der edlen Kletterkunst und triumphierte schon, denn die Stelle, an der ich einst umgekehrt, war passiert, und ich befand mich nur noch wenige Dutzend Meter unter dem Gipfel. Da kam plötzlich ein Halt! Der steile Fels wurde so brüchig, daß die größten Steinlawinen sich loslösten und ich nicht mehr weiterkam. Machtlos hing ich an der Wand und machte mir deprimierte Gedanken, während die Führer rasch nahten. Aber sollte es wirklich allein nicht gehen? Ach was! Ein rascher Ruck, ein Hagel polternder Blöcke, und ich hatte weiter oben wieder festen Fuß gefaßt. Es ging doch, und ich konnte die beiden triumphierend auf dem Gipfel begrüßen. Der Kleine Popena. Dann wurde ein Steinmann gebaut, wie die Alpen noch selten einen gesehen. Man ist nun einmal ein Kindskopf da oben, und das ist auch gut so. Jugendlichkeit kann nie etwas schaden, nur Blasiertheit ist dumm. Bei meiner Tour an Weihnachten hatte ich in Erfahrung gebracht, daß Jeanne Imink, eine bekannte Bergsteigerin, die Croda da Lago schon im Winter bestiegen hatte. Ich hatte die Dame auf der Rückreise in München besucht, und wir hatten uns verabredet, in diesem Sommer einige photographische Klettertouren zusammen zu machen. Unser jetziges Zusammentreffen in der Dreizinnenhütte erfolgte zunächst unter nicht gerade günstigen Verhältnissen. Die Hütte war von lautem Volk völlig überfüllt, und der Abend verlief deshalb ziemlich ungemütlich. Um so interessanter war's am folgenden Tag, der wieder einmal der Kleinen Zinne gewidmet war. Meine liebenswürdige Begleiterin ergab sich da humorvoll in ihr Schicksal, meinem photographischen Fanatismus verfallen zu sein, der sich erst nach 36 Stativaufnahmen größten Formats zufrieden gab, nachdem wirklich nichts mehr zu photographieren war. Doch hören wir sie selbst darüber! »Zu einer Bergpartie hatte er mich aufgefordert, und was war es? Eine zwölfstündige photographische Aufnahme ohne Unterbrechung. Was sind die Alpen, was ist die Welt überhaupt für ihn, als ein großes Atelier, eine Versuchswerkstätte, wo alles man noch photographieren kann! Es war meine erste Tour in diesem Jahre, und für den Anfang doch gerade keine Kleinigkeit. Wir waren behaglich zu dem Bande angestiegen, und Wundt folgte langsam. Bis hierher war er ganz normal und nichts fiel mir auf an ihm. Jetzt aber erfaßte ihn plötzlich eine eigene Nervosität. Ohne ein Wort zu sagen, stürmte er voraus. Was er wohl vor hatte? Doch keine Unvorsichtigkeit, denn an solchen Felsen war wahrlich nicht zu spaßen. Da, gerade als ich eine schmale Stelle, die unangenehmste von allen passierte, wo der jäh abstürzende Fels eine Wölbung nach außen bildet, rief es halt. Und wahrhaftig, dort an der senkrechten Wand stand er und wollte photographieren. Kaum einen Fuß breit war der Vorsprung, auf dem er sich befand, und der brave Führer der auch nicht viel besser postiert war, hatte alle Mühe ihn zu halten. Doch das kümmerte ihn wenig. Im Nu hatte er das dreibeinige Ungetüm aufgeschlagen und ein schwarzes Tuch über den Kopf gezogen. Die linke Hand höher! Noch Höher! So! – Den linken Fuß vor!‹ Und das alles im Kommandotone, als ob man an den senkrechten Felsen exerzieren könnte! Dabei drehte und wendete er sich mühevoll hin und her, um den Apparat nicht zu erschüttern oder gar hinunter zu werfen. Doch er beginnt. ›So, jetzt bitte recht freundlich!‹ Auch das noch! Ich mußte laut lachen trotz aller Schwierigkeiten meiner Lage. Aber die Prozedur war jetzt wenigstens ausgestanden und ich hatte wieder meine Freiheit. Ich triumphierte zu früh. Kaum war ich einige Schritte gegangen, als schon wieder von hoch oben sein ›Halt!‹ ertönte, Wieder hatte ich mich an weiß Gott was für ungeheuerlichen Stellen zu postieren, die Hand vor, den Fuß zurückzunehmen und ›recht freundlich‹ zu sein. So ging es weiter, Stunde für Stunde, ohne Unterbrechung. Auf der ›Kanzel‹ verließ er uns und ging hinüber zu dem südlichen Vorgipfel, während wir am Hauptgipfel anstiegen. Es war wirklich halsbrecherisch, wie er da herumkletterte, um einen guten Standpunkt zu bekommen. Die größten Felsblöcke lösten sich los von dem völlig morschen Gestein, und wir verzweifelten beinahe um ihn. Aber uns konnte er wenigstens nichts mehr anhaben, denn er war wohl über 100 Schritte entfernt, Weit gefehlt! Jetzt ging es erst recht los. Zunächst wurden wir mehrere Male in der ›Nische‹ aufgenommen, und als wir dann durch den Kamin ansteigen wollten, kam wieder das unerbittliche ›Halt!‹ Es sei noch nicht Zeit, die Beleuchtung müsse erst günstiger werden. Dann aber war er unersättlich, und einmal wäre mir beinahe ein Unfall zugestoßen. Gerade an der schwierigsten Stelle im Kamin, unter dem bekannten Block, konnte ich es ihm gar nicht recht machen. Da mit einem Male brach der Fels, auf dem ich stand, ab und polterte in die Tiefe. Ich hing frei in der Luft. Es hat mir einen starken Ruck gegeben, aber der Führer hielt das Seil gut und – die Photographiererei ging erst recht los. In welchen unmöglichen Stellungen hat er mich noch aufgenommen, ohne Ende zu finden! Nie in meinem Leben lasse ich mich wieder photographieren!« Nun, den Abend verbrachten wir recht vergnüglich in dem Misurina Hotel und hatten Tags darauf eine idyllische Kahnfahrt auf dem herrlichen See, so recht behaglich, bummelig, schwärmerisch. Stundenlang sahen wir in das grüne Wasser hinein und über die Wälder hinweg hinauf zu den Zinnen, zu meinen geliebten Cadinen und hinüber zu der Mauer des Sorapiß, die sich so ungeheuerlich wuchtig über dem Val d'Ansiei erhebt. Dolce far niente! Zwei Stunden bin ich gelegen An deinem schattigen Bord, Nimm meinen Wandersegen, Bevor ich ziehe fort: Daß dich des Himmels Güte vor malenden Backfischlein Und angelnden Briten behüte Und Wirten mit saurem Wein. R. Baumbach. Misurinasee mit Sorapiß. Die Besteigung des Sorapiß (3206 m). Unser nächstes Ziel war der Sorapiß, an dessen steiler Nordwand Jeanne Imink gerade hinauf wollte, eine Route, welche nur einmal zuvor gemacht worden war. Ein behaglicher Spaziergang führte uns durch den schönen Wald zu der prächtig gelegenen Pfalzgauhütte. Über dem benachbarten kleinen See neben dem Gletscher erhebt sich die Mauer unseres Berges im Halbkreis so hoch in die Lüfte, daß man es kaum begreifen kann, und dort schweift der Blick über die Wälder hinweg zu unsern wohlbekannten Gipfeln, dem Monte Cristallo, Piz Popena und den Cadinen. In der Hütte selbst war es urbehaglich. Das Proviantdepot enthielt alles, was das Herz nur wünschen konnte, und Damen verstehen nun einmal die edle Kochkunst ganz anders, als wir Männer. Was Wunder, daß ich mich da im Laufe des gemütlichen Abends verleiten ließ, die verschiedentlichen Bierflaschen zu leeren, die sich vom Vorjahr her noch im Proviantdepot vorfanden! Sie sollten sich fürchterlich rächen. Wir gingen sehr früh weg am andern Morgen; denn die Tour war außergewöhnlich lang. Sie führte uns zuerst über den Gletscher in eine riesenhafte Schlucht, wie ich noch selten eine gesehen. In ihr ging es über zyklopische Blöcke und durch höhlenartige Risse, bis wir die offene Felswand erreichten, an der es wohl 6 Stunden lang in die Höhe ging. Das alles hätte ganz schön sein können, wenn nur das alte Bier vom Abend zuvor nicht gewesen wäre! Nach mehrstündigem Klettern kam die Pièce de resistance Wir befanden uns auf einem breiten Bande, vor dem sich eine senkrechte, völlig glatte Mauer etwa 4 m hoch erhob. Es gab nur ein Mittel, um da hinaufzukommen. Ein Führer stellte sich auf die Schulter des andern und dann hoben wir die ganze »Maschine« in die Höhe, bis der oberste einen Griff erwischte und sich daran hinaufziehen konnte. Das weitere war Tierquälerei. Wie die Säcke wurden wir einzeln aufgehißt. Das Hängen muß eine Kleinigkeit dagegen sein, denn ich wenigstens habe die vom Seil verursachten Striemen noch acht Tage lang gespürt. Endlich haben wir den Kamm erreicht, und nur noch eine Schlucht trennt uns von dem eigentlichen Gipfel. Aber das ist ja gar kein Gipfel, sondern geradezu ein Meer von Felskämmen, die sich in wirrem Durcheinander nach allen Richtungen hinaus erstrecken! Die Nebel huschen darüber hinweg, bald hier, bald dort, lassen sie verschwinden und wieder auftauchen, ein gewaltiges, wild ursprüngliches Bild. Wie lange sind wir da gesessen und haben uns gefreut an dieser schönen Welt mit den grünen Tälern und freundlichen Dörfchen dort unten, den gewaltigen Felsen und huschenden Nebeln ringsum! Jetzt zu des Lebens ganzem Ernst, zu der schwerwiegenden Frage, an der man nun einmal nicht vorbeikommt! Wie heißt es da doch? Beklemmungen. »Hier ruht in Gott N. N. 26 Jahre lebte er als Mensch und 37 Jahre als Ehemann.« Ja, alter Junggeselle, wenn es erst so weit ist und Hymens Fesseln winken, dann wird der Mensch abgestreift, um sich in jenes merkwürdige Zwischenwesen zu verwandeln, das aus lauter Rücksichten zusammengesetzt ist, stets fragend nach der Gattin schielt, die schreienden Kinder auf den Knien schaukelt, keinen Zug ertragen kann und höchstens noch in unbewachten Stunden wehmütig die Melodie vor sich hinsummt: »Schön ist die Jugend, sie kehrt nicht mehr!« Und dazu sollte es nun auch mit mir kommen? Was würden da schon meine Freunde sagen? Nun ja, meinetwegen! Aber würde ich mich darein finden können, war das überhaupt denkbar, nach solchen 36 Junggesellenjahren? Konnte ich denn meine Freiheit und Ungebundenheit missen, jene herrliche Rastlosigkeit, die mich immer so schön weiter trieb, und vor allem die Bergsteigerei, die mir doch nun einmal über alles ging? Wohl wußte ich ja, daß »sie« eine große Verehrerin meiner geliebten Berge war und schon versuchen würde, mir dort hinauf zu folgen. Aber würde sie das auch können, nachdem sie bis dahin so gut wie keine Touren gemacht? Würde nicht sofort das und jenes Bedenken oder Hindernis auftauchen und uns bald genug ein unerbittliches »Halt!« entgegenrufen? Was vermag denn der Einzelne gegen die Macht der Verhältnisse, an denen er sich höchstens den Kopf einrennt. Und dann war's eben auch um mich geschehen: »36 Jahre lebte er als Mensch und ...« Brrrrr! Aber alter Freund, sagte es da auch leise in mir, wie kommst du denn dazu, es plötzlich mit der Angst zu haben? Du, ein Bergsteiger, der vor nichts zurückzuschrecken wähnte! Und wozu bist du denn der große Philosoph, der die Wandlungen dieses kleinen Erdendaseins mit olympisch gelassener Ruhe hinzunehmen vorgibt, wenn du so vor einem Schicksal zitterst, dem man doch nicht entgeht? – So faßte ich denn den Mut des Unvermeidlichen, und dieser gab mir jenen unverwüstlichen Optimismus, der zu allem nur milde lächelt, jene unverfrorenste Zuversicht, an der alle Schwierigkeiten abgleiten, die bedingungslos auf ihr Glück baut, das ja bekanntlich auch dazu gehört auf dieser unvollkommenen Welt. Also mit einem Wort, ich war gefaßt auf alles, was konnte mir jetzt noch passieren? – wie war das doch damals bei meiner ersten Tatrareise, wo ich das Wandern lernte? »Nun hab' ich mein' Sach' auf nichts gestellt, Und mein gehört die ganze Welt.« Sollte es bei der Ehe nicht ebenso sein, wie beim Wandern? Doch hören wir nun, wie es mir erging! Es war diesmal mehr als blinder Liebeswahn oder gar schwächliche Verliebtheit. Zeit meines Lebens war ich für eine nette Kameradschaft zwischen Mann und Frau gewesen, für das, was man damals »Emanzipation« nannte, für Emanzipation von der »gutbürgerlichen« Anschauung, daß das brave Gretchen immer nur die Augen niederschlagen müsse, um ihre Sittsamkeit zu zeigen, daß dreimal an einem Abend zusammen tanzen soviel wie eine Verlobung bedeute, daß die Frau für die Haushaltung und die Kinder da sei und sich nicht in andere Dinge zu mischen habe usw. Ich hatte auch schon manche nette Kameradschaft mit jungen Damen gehabt, hatte dieselbe nie mißbraucht und war durch meine exotische Sache immerhin etwas gewitzigt. Also unsere Beziehungen bauten sich auf einem kameradschaftlichen Verhältnis auf, woraus sich dann ganz allmählich die tiefere Neigung entwickelte. Wir kannten uns schon über ein Jahr, und ich wußte genau, daß wir in allem prächtig zusammen stimmten, in unserer Zuneigung, unserer Unternehmungslust, in einem gesunden, natürlichen Wesen, das sich nicht in überirdischen Phantastereien erging. So erklärte ich mich denn eines Tages und nahm glücklich das Jawort entgegen. Soweit war alles in schönster Ordnung. Aber freilich: »Das Heiraten, sellen is nit so einfach!« hatte einst der gute Michel Innerkofler gesagt, und das Drum und Dran will überwunden sein, zumal es mir wahrlich nicht leicht gemacht wurde. Betrachten wir also zunächst meine Nöte, in dieser Hinsicht. Meine Braut war Engländerin und befand sich in Deutschland, um Musik zu treiben und Deutsch zu lernen. Ihr Vater wohnte in einem kleinen Städtchen in der Nähe von London, und sie hatte zwei Brüder und fünf Schwestern. Das war alles, was ich über ihre äußeren Verhältnisse wußte. Genügte es zum Heiraten? Also ich packte Weihnachten 1893 mein Köfferlein und fuhr englandwärts, wo »sie« sich seit einiger Zeit wieder befand. Ich kam einen Tag früher an, als ich mich angesagt. Das hatte sich im letzten Augenblick so gemacht. Da stand ich also auf dem kleinen, unansehnlichen Bahnhof, nicht ohne Beklemmungen, denn in der Nähe nehmen sich die Dinge doch immer wieder anders aus, als aus der Ferne. Zögernd gab ich mein Billett ab und fragte den Schaffner, wo Mr. Walters wohne? »Welcher Mr. Walters?« Die Frage war nicht gerade ermunternd. »Nun, der mit den vielen Töchtern.« Er wußte nun Bescheid, beschrieb mir den Weg, und so zog ich denn nachdenklich los. Vor allem betrachtete ich mir eingehend die einzelnen Häuser, nicht ohne dann und wann einen Stoßseufzer von mir zu geben, »Hm, wär' nicht übel, wenn er da wohnen würde!« Oder: »Hoffentlich geht dieser Kelch vorüber!« Schließlich, ganz in der Nähe, bekam ich vor einem recht wenig einladend aussehenden Haus beinahe Herzklopfen – um dann um so angenehmer enttäuscht zu werden. Kein Zweifel, jene stattliche Villa dort in dem großen Park war das gesuchte Heim. Ja, ja, alter Junggeselle, Glück gehört eben auch dazu! Als ich meinem Schwiegervater später die Sache erzählte, meinte er humorvoll, das Haus gegenüber, vor dem ich einen solchen Schrecken bekommen hatte, wäre gar nicht so übel gewesen. Man lasse sich da leicht durch die Außenfront täuschen, die gar nichts besage. Noch besser freilich wäre es gewesen, wenn ich ein Haus weiter, zu dem nächsten Nachbar, einem großen Londoner Bankier, gegangen wäre. Nun, ich war durchaus zufrieden, wie es war, und fühlte mich bei der Braut und den vielen hübschen Schwägerinnen bald recht heimisch, zumal auch das Weihnachtsfest ganz nach deutscher Art abgehalten wurde und sich unsern Wünschen keine unüberwindlichen Schwierigkeiten in den Weg stellten. Wenn sich somit die Dinge hier über Erwarten gut anließen, so lagen sie bei meinen lieben Freunden und Bekannten schwieriger. Als ich nach Hause zurückgekehrt, bei einer kleinen Gesellschaft, die ich meinen Kameraden und ihren Frauen gab, mit meiner Verlobung herausrückte, lächelten sie nur milde und hielten die Sache für einen schlechten Witz. Wie sollte ein Mann wie ich dazu kommen, sich zu binden, wie sollte ein Mädchen einen solchen Freiheitsfanatiker nehmen! Nein, das glaubte man einfach nicht und lachte mich aus. Als dann die gedruckten Verlobungsanzeigen erschienen, war allerdings nichts mehr zu machen, und nun schwelgte alles in reiner Schadenfreude, daß ich doch noch gefangen worden sei und jetzt natürlich mehr als jeder andere unter den Pantoffel kommen werde. »Und mit der Kraxelei ist's selbstverständlich auch aus! Ja, ja, so geht's!« Als ich dann den mitleidig Lächelnden erklärte, daß gar nichts aus sei, wir vielmehr unsere Hochzeitsreise in's Gebirge machen würden, brach der Sturm von neuem los. Solche unverantwortliche Torheiten gäbe es nicht in der Ehe. Da müsse ich auch an meine Frau denken, und könne nicht einfach dort oben herumtoben wie bisher. Als ich auch dem standhaft Trotz bot, folgte ein bezeichnendes Schweigen. Na ja, dachte man augenscheinlich, er heiratet eben eine von jenen Bergsteigerinnen, so ein Mannweib, das überhaupt für nichts Feineres Gefühl hat. Da ich nun in dieser Sache doch Partei bin, so möchte ich die Schilderung der Erscheinung und des Auftretens meiner Frau einem bekannten italienischen Schriftsteller überlassen, den wir einige Jahre später zufällig in Breuil trafen und der seine Eindrücke darüber veröffentlichte. Edmondo de Amicis, der Verfasser von »Herz«, schrieb damals: »Nach allem, was man von ihr hörte, wurde sie mit Spannung erwartet, besonders von denen, die sie noch nicht kannten. Wir dachten, sie sei eine männliche, kriegerisch stolze Frau, ihrem riesenhaften Mann im Aussehen wie in der Konstitution gleich. Aber für uns alle war ihr Erscheinen eine angenehme Enttäuschung. Sie war groß, aber zart und schlank. Ein kleiner, blonder Kopf, den niedlichen Hals etwas vorgebeugt, zarte Züge, lebhafte milde Augen, ein süßes Lächeln, wie von einem träumerischen jungen Mädchen und eine wohlklingende, diesem Lächeln ganz entsprechende, kindliche Stimme. Dabei war sie außerordentlich einfach in ihrem Wesen und in ihrer Art zu sprechen eher Mädchen als Frau, graziös, beinahe schüchtern. Es machte einen merkwürdigen Eindruck, wie sie mit ihrer süßen Stimme von ihren Touren und den dabei ausgestandenen Mühen erzählte. Es war, als höre man eine junge Nonne kriegerische Melodien singen. Sie war allen sympathisch, sogar einigen Damen, die jedermann kritisierten. Am Tag nach ihrer Ankunft machte sie eine kleine Tour, und da man wußte, daß sie in Männerkleidung gehen würde, waren einige Neugierige auf der Lauer. Aber alle mußten zugeben, daß sie äußerst gewandt, ohne Ostentation, ganz der Würde und Liebenswürdigkeit ihres Geschlechtes entsprechend auftrat, so daß es niemand einfallen konnte, einen Scherz über sie zu machen.« Also auch in dieser Hinsicht mußte ich meine »guten Freunde« enttäuschen. Nun muß ich ja allerdings gestehen, auch jetzt noch erschien mir der Schritt in die Ehe so tiefgreifend, bedeutete eine solche Wendung ins Unbekannte, daß der Junggeselle in mir noch einmal mit elementarer Wucht hervorbrach und ich das unüberwindlich Bedürfnis hatte, ein letztes Mal meine Freiheit zu feiern, mich zum Abschied gründlich auszutoben. So kam es zu meiner Ostertour ins Berner Oberland, die einen völlig winterlichen Charakter trug und bei der ich meinen Zweck auch in hervorragender Weise erreichte. Zunächst ging es hinauf zur Schwarzegghütte, wo ich mehrere Tage im tiefsten Hochgebirgswinter zubrachte. Was wollte ich da? Nichts, als wieder einmal Mensch sein, Nur-Mensch, wollte kraxeln, am Feuer sitzen, Erbswurst essen, nasse Strümpfe bekommen, frieren, mit einem Wort mich noch einmal so recht unvernünftig jung und frei fühlen. Eingang des Grindelwalder Eismeers. Das alles habe ich aufs gründlichste genossen. Denn wenn auch angesichts der frühjahrlichen Lawinenverhältnisse von einer größeren Besteigung keine Rede sein konnte, so bot sich doch auf dem tief verschneiten Eismeer mit seinen Tausenden von Spalten, seinen großartigen Gletscherstürzen und Eisbrücken eine geradezu ideale Gelegenheit zu Klettereien, und ich kam in Situationen genug, wie sie bei ber schwierigsten Besteigung nicht schlimmer sein können. Dazu sternenklare Mondnächte über den fahlen Gletschern kaltes Dämmerlicht, heller Sonnenschein unter dem stahlblauen Himmel, schwere Wetterwolken und tobendes Schneetreiben, alles in der ungeheuerlichen Polarwelt des Grindelwalder Eismeers! Herz, was willst du noch mehr?! Interessant war auch der trotzige Ulrich Almer, einer meiner beiden Führer. Ein kleines, unscheinbares Männlein von unverwüstlicher Energie, war er eine jener Naturen, die sich überhaupt über nichts wundern, denen gar nichts befremdend vorkommt, mag es nun sein, was es will, also kurz gesagt, das richtige Vorbild für einen zukünftigen Ehemann. Drei Tage lang zogen wir dort oben herum, ziel- und planlos, kreuz und quer, über alles hinweg und freuten uns des Abends am Feuer unseres Tuns. Zum Abschied kam dann noch ein Marsch über die Strahlegg nach dem Grimselhospiz. Da war zunächst ein prächtiges Nachtbild. Sternenklarer Himmel und vom Mond beschienener Schnee, dessen phosphoreszierendes Leuchten der wilden Landschaft ein eigen merkwürdiges, geisterhaftes Leben gab. Dazu die riesenhaften Bergkolosse, wie Schreckhorn, Finsteraarhorn, Eiger, an deren weiten, fahlen Steilhängen die rabenschwarzen Schatten in phantastischen Formen emporkrochen. Jenseits der Paßhöhe dann ein kleines Abenteuer, indem der hinten befindliche Führer beim Abstieg in einen Bergschrund fiel. Ich war nicht wenig erschrocken, aber Almer in seiner kurzen Art nahm überhaupt keine Notiz davon. »Der wird schon wieder herauskommen!« Und richtig, bald erschien auch ein Arm, ein Kopf und schließlich der ganze Mensch an der Oberfläche, worauf Almer auch sofort und ohne ein Wort zu verlieren die pfeilschnelle Abfahrt an dem steilen Hang begann. Ein entsetzlich mühevoller Tag folgte und eine dunkle Nacht, die die sich mehrenden Gletscherspalten kaum erkennen ließ. Auch jetzt war Almer prächtig. Fröhlich und ohne nur einen Schritt auszuweichen, übersprang er alles, was ihm in den weg kam, als ob es nichts Schöneres geben könne. Endlich ein Nachtlager in einer aus rohen Blöcken gezimmerten Alphütte. Wir räumten erst den fußtief angewehten Schnee, unter dem sich etwas Heu befand, auf die Seite und versuchten zu schlafen. Aber das Heu bestand aus feuchten, moderigen Klumpen, und bald standen wir wieder auf, frierend und zähneklappernd, daß es zum Erbarmen war. Wohl fanden wir nun etwas Holz, mit dem ein kleines Feuer angezündet wurde, aber bald war es verbrannt, und unsere verzweifelten Versuche mit den Pickeln den schweren Stämmen Brennmaterial zu entreißen, waren so gut wie fruchtlos. Das flackernde Feuerlein brannte vollends ab, und schnatternd vor Kälte standen wir im Dunkeln. Eiskletterei. »Also legen Sie sich eben wieder hin,« meinte Almer, »Wir werden Sie schon anwärmen.« Das geschah, die beiden nahmen mich in die Mitte und drückten aus Leibeskräften von der Seite her. Dabei wurde ich doch einigermaßen warm und schlief den Schlaf des Gerechten bis um 7 Uhr morgens, während die andern schon längst aufgestanden waren und wie rasend auf und ab tobten, um sich zu erwärmen. In dem einsamen, tief verschneiten Grimselhospiz wurde uns dann wieder am Feuer bei ungeheuren Mengen heißen Grogs geradezu mollig wohl, und wir zogen fröhlich das Tal hinab durch die weihnachtlich verschneite Landschaft mit ihren schneelastschweren Tannen und den herrlichen Bergeshöhen darüber, bis es bei Meiringen hinaus in den Frühling ging. Damit hielt ich mich reif für die Ehe, ein Urteil, das ich im übrigen dem Leser überlassen möchte. Nun die Vorbereitungen zur Hochzeitsreise! Daß dieselbe ins Gebirge führen sollte, habe ich schon gesagt und war eigentlich selbstverständlich. Ebenso natürlich war wohl auch mein Wunsch, etwas Rechtes zu unternehmen. Man macht nun einmal nur eine Hochzeitsreise, und dann mußte ich doch auch meinen »guten Freunden« mit etwas Besonderem aufwarten. Was aber sollte das sein? Ich selbst war mir für meine Person darüber durchaus im klaren. Der Leser weiß, daß das Matterhorn es mir schon auf meiner zweiten Alpenreise angetan hatte, als es auf der Riffelalp so plötzlich und unerwartet in seiner ganzen Größe aus den Nebeln vor mich getreten war. Es war ein erstes Durchschauertsein von höheren Mächten gewesen, das haftete und immer noch in mir nachzitterte. Später hatte Whympers Buch mich zum eigentlichen Bergsteigertum angefeuert, meine Begeisterung für den Riesen noch gesteigert und durch das Interesse für seine Geschichte vertieft, die mir wie eine Tragödie allergrößten Stils erschien. Da war vor allem das dämonische Locken dieses Berges der Berge, der einen jeden in seinen Bann zwang und doch so mit seinen geheimnisvollen Schauern erfüllte, daß auch das neue, scheinbar keinen Halt kennende Geschlecht endgültig vor ihm zurückzuschrecken begann. So wurde er als Inbegriff der Unzugänglichkeit des Gebirgs die letzte sagenhafte Heimstätte jener phantastischen Gestalten, Riesen, Zwerge und Drachen, mit denen vergangene Jahrhunderte die Naturgewalten poesievoll verklärt hatten. Er fiel dann doch, aber nur, um diesen entscheidenden Triumph der neuen, zur Höhe strebenden Zeit in die größte Alpenkatastrophe zu verwandeln, die als ein furchtbares Memento in alle Zukunft hineinleuchtet, daß menschliche Kraft und Unternehmungslust ihre Grenzen haben und es noch höhere Mächte gibt, die wohl einmal außer acht gelassen, aber nie mißachtet werden können. Dazu kam das menschliche Interesse, das ich wie ein jeder für den Hauptträger dieser Tragödie, Edward Whymper, jenen Bergsteigerheros empfand, der bei aller Kühnheit so schwärmerisch veranlagt war, daß er von seinem Berg nicht lassen konnte, einem »törichten Verliebten« gleich, »der den Gegenstand seiner Neigung auch dann noch umkreist, wenn er einen Korb bekommen«; der immer und immer wieder nach dem Höchsten griff und trotz aller Widrigkeiten auch in der größten Niedergeschlagenheit nicht verzagte. Endlich diese überwältigenden Eindrücke dort oben, von denen er so packend zu berichten, die er mit dem ganzen Glanz der Poesie der Tat zu verklären wußte! Wenn mich somit mein ganzes Herz nach dem Berge hinzog, so kam dazu noch, daß auch ich schon einmal dem Locken der Sphinx gefolgt und höhnisch von ihr abgewiesen worden war. Es war gelegentlich meines Zermatter Aufenthalts 1886 nach der Pariser Reise gewesen. Angesichts der frühen Jahreszeit hatte der Berg nicht bestiegen werden können, und erst ganz zum Schluß meines Urlaubs zeigte er ein einigermaßen zugänglicheres Aussehen. Wenn alles klappte, so hatte ich gerade noch Zeit zu der Besteigung, aber auch keinen Tag länger. Ich versuchte es also auf gut Glück. Es wird mir unvergeßlich bleiben, wie ich noch in dunkler Nacht jene geheimnisvolle »Schranke«, die den Berg umgibt, überschritt und in die phantastischen Felsregionen dort oben eindrang. Tiefer Schnee bedeckte die weiten Hänge, und die Mühe war groß. Immerhin kamen wir, wenn auch langsam, vorwärts und erreichten schließlich den unteren Teil der »Schulter«. Ein steiles Firnfeld zog sich vor uns in die Höhe, und unmittelbar darüber erhob sich drohend der mächtige Gipfelblock. Zuversichtlich sah ich hinauf. Sei's um einige Stunden, und er war besiegt. So dachte ich wenigstens. Da begannen meine Führer, zwei im übrigen recht minderwertige Leute, zu streiken. Es sei schon spät, der Schnee schlecht usw. Ich war wie vom Donner gerührt. Aber was half es, daß ich mich vom Seil losband und allein weiterzugehen versuchte! Die beiden hatten keinen Ehrgeiz. Es war ein trauriger Rückzug, und der Berg trieb geradezu Hohn mit mir. In der Hütte waren schon mehrere Partien versammelt, um ihn nach dem schönen Sommertag zu besteigen, was denn auch gelang, so daß ich sie am andern Morgen von Zermatt aus noch auf dem Gipfel beobachten kannte und unter dem Achselzucken der Umstehenden weggehen mußte. Daß ich dem Berg das nicht vergaß, war klar, und gerade die Hochzeitsreise erschien mir als eine besonders günstige Gelegenheit, um mich zu rächen. Nun war es gewiß ein günstiges Zusammentreffen, daß sich auch meine Braut im Banne des großen Berges befand. Sie schreibt darüber: »Es war meine Mutter, die mir die Liebe zu den Bergen ins Herz pflanzte. Obgleich selbst keine gute Fußgängerin, liebte sie doch nichts mehr, als den Aufenthalt in den Alpen. Nicht an den viel begangenen fashionablen Mittelpunkten. Nein, sie pflegte nach hochgelegenen kleinen Plätzen zu gehen, wo sie den Bergen nahe war und sie in ihrer ewigen Schönheit und Eigenart genießen konnte. Zum erstenmal nahm sie mich 1889 mit sich nach der Riffelalp bei Zermatt, wo wir mehrere Wochen blieben. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den da das Matterhorn auf mich machte, wir waren in strömendem Regen angekommen, ohne etwas zu sehen. Beim Erwachen am andern Morgen traute ich meinen Augen nicht, als der Berg über und über mit frischem Schnee bedeckt, einem wunderherrlichen Bilde gleich, durch den Rahmen meines Fensters hereinsah. Es kam da zu einer Liebe auf den ersten Blick. Rasch zog ich mich an und rannte hinunter zum Teleskop, um eine nähere Bekanntschaft mit der Schönheit zu machen. Als ich dann ein paar Tage später eine Partie auf dem Berg entdeckte, kannte meine Erregung keine Grenzen, wie großartig mußte es sein, diese scheinbar unersteiglichen Felsen zu erklettern, auf dem herrlichen Gipfel zu stehen, nur noch den Himmel über sich und die ganze kleine, unbedeutende Welt zu Füßen! Es wurde der Traum meiner Jugend, und Bergsteiger waren richtige Helden für mich. Damals freilich konnte keine Rede von einer Verwirklichung meines Traumes sein. Wohl aber engagierte meine Mutter für mich und meine Schwester einen Führer, der uns erst auf Edelweißspaziergänge nahm und schließlich auch hinauf auf das Breithorn und den Furggengrat. Ein andermal waren wir in Beatenberg und Mürren im Berner Oberland, ohne jedoch Touren machen zu können und 1892 in Partenkirchen, wo ich mit meiner Schwester die Zugspitze und Dreitorspitze bestieg. Daß dabei das Matterhorn noch immer in meinem Herzen lebte und nach alledem, was mir mein Bräutigam darüber erzählte, erst recht das Ziel meiner Sehnsucht war, brauche ich wohl kaum zu sagen.« Wenn somit meine Braut bezüglich des ersten und hauptsächlichsten Zieles unserer Reise durchaus mit mir übereinstimmte und fröhlich das Unternehmen wagen wollte, so war der Entschluß dazu angesichts ihrer mangelnden Übung doch recht schwer für mich. Denn eines stand fest: wenn ich mich überhaupt mit dem Berg einließ, dann konnte ich mich mit der Besteigung auf der üblichen Zermatter Route nicht begnügen. Bekanntlich hat der Riese ein doppeltes Gesicht. Wohl hat ihm sein grandioser Anblick von dem vielbesuchten Zermatt aus den Ruhm des Berges der Berge verschafft und erhält ihm denselben dauernd, aber seine Besteigung ist hier verhältnismäßig einfach, streckenweise auch monoton. Demgegenüber zeigt die weniger eindrucksvolle, aber vielgestaltigere Südseite im einzelnen eine Großartigkeit und Abwechslung, die nicht mehr übertroffen werden kann. Dort haben auch die großen Kämpfe um die Bezwingung des Berges stattgefunden, die ihn zum klassischen Boden des Alpinismus gemacht haben. Wer ihn also wirklich kennen lernen will, dem kann die Zermatter Route nicht genügen, und mein Plan ging deshalb dahin, ihn von Süden nach Norden zu überschreiten. Freilich, diese alpine Tour par exellence ist nicht bloß recht schwierig und außerordentlich lang, sondern auch durch die bekannten Wetterlaunen des Berges mit seinen plötzlichen, aus heiterem Himmel kommenden Gewittern stark verrufen. Wer aber an ungünstiger Stelle von einem dieser häufigen, unvorherzusehenden Stürme überrascht wird, kämpft um sein Leben, und schon mancher ist dabei zu Grund gegangen. Sollte ich aber darum mein Vorhaben aufgeben, das unsern beiderseitigen innersten Wünschen entsprach? Nun erklärte allerdings meine Braut bezüglich der zu überwindenden Schwierigkeiten ruhig: »Ich liebte meinen Bräutigam und hatte ein unbegrenztes Vertrauen zu ihm. Er würde alles schon recht machen.« Aber durfte ich mich damit zufrieden geben? Genügte das Vertrauen der Liebe, um das Wagnis einer solchen Tour zu rechtfertigen? Und doch lockte die große Sphinx mit unwiderstehlicher Gewalt. Da verfiel ich in meiner Bedrängnis auf einen Ausweg. In der Überzeugung, daß eine erfahrene Besteigerin meiner jungen Frau doch manchen guten und nützlichen Rat geben, sie auf das und jenes aufmerksam machen, ihr in allerhand Kleinigkeiten helfen könne, machte ich den Vorschlag, Jeanne Immink zu dieser Tour einzuladen. Das geschah denn auch und wurde beiderseits fröhlich angenommen. Daß auch dieser Entschluß lebhaft kritisiert wurde, konnte natürlich nicht ausbleiben, und wenn einer meiner ganz klugen Freunde meinte, diese Hochzeitsreise mit zwei Frauen sei ihm ein »psychologisches Rätsel«, so gab er damit nur der allgemeinen Überzeugung Ausdruck. An den Felsen der Tête de Lion. Nun schien allerdings ein widriges Geschick alle unsere Pläne zunichte machen zu wollen. Kurz vor der Hochzeit erhielt ich die Nachricht, daß sich meine Braut beim Tennis den Fuß verstaucht habe und überhaupt nicht auftreten könne, was nun? Wohl rannte ich von einem Doktor zum andern, natürlich nur um ein Achselzucken und Kopfschütteln zu erhalten. So richtete ich mich im stillen auf eine ruhmlose Badekur ein und machte mir meine Gedanken über das eheliche Leben. Doch es kam anders. Schon nach 8 Tagen war die Fußgeschwulst verschwunden, und bald dachte kein Mensch mehr daran. Nun die Hochzeit! Fröhlich fuhr ich den Rhein hinunter und dann über den Kanal, um mir die Braut zu holen. Aber wenn man 36 Jahre seine Freiheit so genossen hat, wie ich, dann ist so eine Zeremonie doch immerhin eine etwas nachdenkliche Sache. Als sich an jenem denkwürdigen Vormittag in dem schwiegerelterlichen Haus unter allen Vorbereitungen so gar niemand um mich kümmerte und ich mir so völlig überflüssig vorkam, war mir doch nicht so recht wohl. Ja, ja, das Heiraten, sellen is nit so einfach! Da nahm sich mein vortrefflicher Schwager, der augenscheinlich mit mir fühlte, meiner an und schlug mir einen Spazierritt vor. Das vertreibe »trübe Gedanken« am besten. So galoppierten wir denn durch die benachbarten Downs, daß es eine wahre Freude war, und ließen uns verleiten, auch noch eine weitere Schleife zu reiten. Ganz durchbrennen konnte ich ja allerdings nicht mehr, nachdem England nun einmal eine Insel war, ja, ich bekam sogar keinen kleinen Schreck, als ich plötzlich bemerkte, daß wir uns verspätet hatten und nur mit knapper Not rechtzeitig zur Trauung kommen konnten. Alter Freund, sagte ich vorwurfsvoll zu mir, jetzt ist die Sache nicht mehr so einfach, jetzt bist du eben gebunden und hast deine Pflichten. Basta! So stürmten wir denn in richtiger Steeplechase geradewegs auf unser Ziel los. Aber wir hatten die Rechnung ohne den Besitzer des »Privatwegs« gemacht, auf dem wir uns befanden. Derselbe hielt uns an, erklärte, daß wir uns auf verbotenem Grund befänden und mit ihm zum Rathaus zu gehen hätten, um festgestellt und bestraft zu werden. Wohl parlamentierte mein Schwager hin und her mit dem Mann, ohne jedoch zum Ziel zu gelangen, bis ich dem Grimmen erklärte, daß ich in einer halben Stunde heiraten und da sozusagen doch auch dabei sein müsse. Da sah mich der Mann lange nachdenklich an und ließ uns ziehen. Augenscheinlich hielt er mich für gestraft genug. So kam es, daß ich doch noch rechtzeitig getraut wurde. Wer kann seinem Schicksal entgehen! Über die Hochzeitsreise wurden nicht mehr viele Worte verloren. Meine Schwiegermutter ergab sich angstvoll in das Unvermeidliche und verlangte nur tägliche Telegramme, mein Schwiegervater aber meinte klugerweise: »Das wird eine schöne Erinnerung für das ganze Leben sein.« Drei Tage darauf waren wir in Zermatt, wo uns Jeanne Immink am Bahnhof mit den Führern erwartete. Hochzeitsreise. Italienischer Matterhorngipfel. Daß meine junge Frau zu der Matterhorntour erst einiger Übung bedurfte, war klar, und ich hatte das auch in Aussicht genommen, aber ich muß gestehen, daß ich es recht ungeschickt anfing. Mein nächster Plan ging nämlich dahin, den Monte Rosa zu besteigen, der zwar höher ist als das Matterhorn, aber durch die auf einem seiner Gipfel befindliche Capanna Margherita eine vorteilhafte Einteilung der zu leistenden Arbeit ermöglichte. Dort oben gedachte ich eine Nacht zuzubringen und dann über den Hauptgipfel abzusteigen. An sich war das durchaus keine schwierige Tour, die keinerlei Gefahr bot, aber sie führte in zu große Höhen und war wegen des tiefen und weichen Schnees zu mühsam. Nicht etwa für meine Frau, sondern – so hat die Ehe nun einmal ihre Überraschungen – für mich. Doch greifen wir nicht vor. Wir hatten zunächst einen schönen und warmen Abend an den Plattjefelsen am Fuß unseres Berges, wo ein Zelt für uns aufgeschlagen war, da eine Hütte hier damals noch nicht bestand. Bis spät in die Nacht hinein lungerten wir gemütlich herum, freuten uns der großartigen Ausblicke und träumten fröhlich von den Dingen, die da kommen sollten. Weniger angenehm war allerdings das enge Zelt mit seinem steinharten Boden, in dem von Schlafen kaum die Rede sein konnte. Daß am andern Morgen Föhnwetter herrschte, der Schnee sehr weich war und die Führer schlechtes Wetter prophezeiten, kümmerte mich wenig: So schnell gab ich den einmal gefaßten Plan, der dazu noch in Zermatt bekannt geworden war, nicht auf. Nun kamen wir ja auch nach gut zwölfstündigem Marsch in unserer 4559 m hohen Hütte an, aber das Waten in dem tiefen Schnee und die noch gänzlich ungewohnte Höhenluft bewirkten, daß ich schließlich – zum einzigen Male in meinem Leben – bergkrank wurde und mich nur mühsam zu dem sturmumtobten Asyl hinaufschleppen konnte, wo ich die Nacht in völliger Apathie verbrachte. Es war mir dabei nur ein geringer Trost, daß dann auch die andern, einschließlich Führer, von der Krankheit befallen wurden. Am andern Morgen, wo der wütende Sturm noch immer die Hütte umbrauste, gab es nur eine Rettung: so rasch wie möglich wieder hinunter! Mit Aufbietung aller Kräfte stürmten wir den Hang hinab, um in der tieferen, zuträglicheren Luft allmählich wieder in eine normale Verfassung zu kommen. Dieser erste, gründliche Mißerfolg war natürlich wenig aufmunternd, wenn ich mir auch aus dem eigenen Versagen weiter nicht viel machte und meinen bergsteigerischen Ruf schon wiederherzustellen gedachte, so waren doch Frau Mauds Begeisterung und Selbstvertrauen einigermaßen ins Wanken gekommen und mußten erst wieder gehoben werden, ehe ich an unsere große Unternehmung denken konnte. Das nächste Mal fing ich die Suche geschickter an. Wir machten zunächst den prächtigen Spaziergang zu der am Fuß unseres Berges großartig gelegenen Schweizer Matterhornhütte, wo wir die Nacht zubrachten, um tags darauf ein Stück weit an den verhältnismäßig leichten Felsen emporzuklettern. Das gefiel Frau Maud schon wesentlich besser. Sie schreibt darüber: »Ich freute mich riesig über das abenteuerliche Leben und Treiben in der Hütte. Der Spaß, uns unser Essen selbst zu kochen, die Vorbereitungen für den folgenden Tag, die Schwierigkeiten, die es machte, daß man für nichts Platz hatte und schließlich alles in den Rucksack warf, das Strohlager, der pfeifende Wind draußen während der Nacht, das alles erschien mir höchst interessant und unterhaltsam. Je abenteuerlicher, um so besser! Und wie freute ich mich über die Kletterei! Das war doch ganz etwas anderes als die Schneewaterei am Monte Rasa. Auch fand ich dabei nicht die geringste Schwierigkeit, und es machte mir die größte Freude, daß mein Mann mit mir zufrieden war. Es war mein Stolz, überall mit ihm gehen zu können, wohin er wollte.« Ebenso erfrischend war dann auch der herrliche Spaziergang über das Gebirge nach Breuil mit seinen Ausblicken auf die großartige Eiswelt ringsum und dem abwechslungsreichen Marsch hinunter nach den italienischen Gefilden. Nachdem wir so glücklich an dem Südfuß unseres Berges angelangt waren, beschloß ich zunächst einmal zu der halbwegs unter dem Gipfel gelegenen italienischen Matterhornhütte zu gehen. Dabei bekam Frau Maud gründliche Gelegenheit zu Klettereien aller Art und Schwierigkeit, wir konnten uns auf dem »klassischen Boden des Alpinismus« umsehen und dann vielleicht die Überschreitung des Riesen kurz entschlossen wagen. Der Marsch da hinauf führt erst nach dem Fuß der Tête de Lion, einem Vorberg, an dessen Felsen es wagrecht zu dem Col de Lion hinübergeht, worauf dann der eigentliche Berg betreten wird. Er ist geradezu fabelhaft abwechslungsreich und von denkbarster Großartigkeit und Wildheit. Man kann sich kaum etwas Gewaltigeres vorstellen, als wenn bei jener bekannten Ecke am Fuße der Tête de Lion sich so plötzlich und unerwartet der Blick auf die ungeheuren Felsen des Riesen mit ihren unermeßlichen Steilwänden, ihren phantastischen Blöcken, Türmen, Zacken und schwindelnden Graten eröffnet, eine finstere Welt für sich, die die ganzen Schauer des Unbegreiflichen, Unfaßbaren und Unerhörten auf die Seele des Eindringlings wirft. Es gibt kaum etwas Mächtigeres, als das schmale Felsentor des Col de Lion mit seinem reizvollen, fensterartigen Durchblick auf die fernen Schneeberge. Dann das Betreten des Berges selbst, ein weihevoller Moment, den man nicht mehr vergißt; die schwierigen Felsen darüber, die einem nach Tyndall »das Blut in den Adern erstarren machen« und endlich der verblüffende Anblick der beiden, scheinbar an den senkrechten Felsen klebenden Hütten des »Großen Turmes«, die ein so trotziges und doch zugleich anheimelndes Wahrzeichen menschlichen Unternehmungsgeistes in dieser ungeheuerlichen Öde bilden. Ich muß sagen, so groß auch meine Erwartungen gewesen, sie wurden von der Wirklichkeit weit übertroffen und mein ganzes Sein im Tiefsten und Innersten ergriffen. Das alles war mir wie eine Offenbarung. Wie aber erging es Frau Maud? Sie nahm die Sache merkwürdig leicht. »Die Tour machte mir einen großartigen Spaß. Erst freuten mich die hübschen Blumen auf den schönen Wiesen, und dann war es mir ein Genuß, immer höher zu kommen, immer mehr auf die Welt dort unten hinabzublicken. Die Freude an der nun folgenden Kletterei war wohl zum großen Teil eine rein physische. Das Gefühl der Kraft: ich kann es, eiferte mich an. Dazu kam das Vergnügen, Schwierigkeiten zu überwinden, und meinem Mann zu zeigen, daß er sich nicht in mir getäuscht habe, daß ich ihm auch in seinen Bergen ein ebenso guter Kamerad sein könne, wie im Tale. Auch kargte er bald nicht mit seiner Bewunderung, was mir große Freude machte und ein mächtiger Ansporn war, der mir mehr half als alle Übung. Im übrigen kam mir unsere Auffassung vom Sport zugut. Wir waren dazu erzogen, uns zu zwingen, gegen Schwierigkeiten anzukämpfen, eine einmal angefangene Sache unter allen Umständen zu Ende zu führen, kurz, ich sah die Tour durchaus nicht bloß als ein Vergnügen an. An den Blick in die Tiefe gewöhnte ich mich rasch. Von den zahlreichen an dem Berge verankerten Seilen machte ich so wenig als möglich Gebrauch und war entsetzlich ärgerlich, daß mir an der schwierigen Stelle im ›Kamin‹ schließlich doch geholfen werden mußte.« Der »Große Turm« mit den beiden Hütten. Nachdem so alles über Erwarten gut gegangen, war es doppelt schön, nun auch unsere eigenartige, so ganz von der Welt abgeschlossene Lage zu genießen und die grandiosen Eindrücke dort oben in Ruhe auf uns einwirken zu lassen, wo alles geradezu ins Unermeßliche gesteigert ist. So kletterten wir einen vollen Tag lang an den Felsen des Berges herum, hinauf zu der alten Hütte, auf den »Großen Turm« und besahen uns die Stelle, wo Whympers Rivale Carrel seinen Namen in den Fels gemeißelt hatte, als Zeichen, daß der Berg ihm und sonst niemand gehöre. Weiterhin überschritten wir das heikle »Leichentuch«, erkletterten das Seil, das Tyndall einst zurückgelassen, tummelten uns auf dem schwindelnden »Hahnenkamm« mit seinen, jedem Schwergewicht scheinbar spottenden Blöcken und besuchten die an der »Crawatte« gelegene oberste Hütte, die einst mit so geräuschvoller Begeisterung erbaut worden war und nun nur noch an die Vergänglichkeit der Zeiten erinnert. Wie hat uns das alles interessiert, wie haben wir geschwelgt in den maßlos großartigen Ausblicken, wie hat uns das romantische Leben in der kleinen Hütte gefreut und angeheimelt! Wir hätten wochenlang da oben bleiben können, umwoben von dem Geist des mächtigen Riesen, der uns so ganz mit seinen Rätseln und Schauern erfüllte. Auch noch anderes, Persönliches kam für mich hinzu, um diesen Tag zu einem so unvergeßlichen zu machen: ein Stolz, ein Jubel über Frau Maud, die mit solchem Interesse meinen Erzählungen folgte, alle Anstrengung und Gefahr mit solcher Selbstverständlichkeit auf sich nahm und immer wieder neues, tieferes Leben in mir weckte. Ja, alter Junggeselle von damals, wie klein begannst du mir allmählich vorzukommen! Der Entschluß zu der eigentlichen Besteigung des Berges wurde mir am andern Morgen durch mehr als zweifelhaftes Wetter recht schwer gemacht, aber ich wagte ihn. Allerdings nicht, ohne einen Träger hinüber nach dem auf der anderen Seite des Berges befindlichen Schwarzseehotel zu schicken, um unser Unternehmen dort mitzuteilen. Meine Besorgnisse waren auch nicht ungerechtfertigt; wir sollten die ganze Wildheit und Tücke des dämonischen Berges zu spüren bekommen. Zunächst ging alles gut. Durch huschende Nebel, die all die riesenhaften Details und Ausblicke noch vergrößerten, stiegen wir hinauf zu dem Pic Tyndall, einem mächtigen Vorsprung der Bergeskante, von dem aus ein scharfer Grat zu dem letzten Gipfelblock hinüberführt. Der Blick von da ist wohl einer der großartigsten der ganzen Alpenwelt. Obgleich man sich schon in einer Höhe von 4200 m befindet, erhebt sich der Riese scheinbar so hoch und mächtig wie nur je in die Lüfte. Ich muß gestehen, daß sein Anblick mich in meinem Vorhaben doch etwas stutzig machte, zumal die Nebel bis zu uns heraufdrangen, und das Wetter jeden Augenblick umschlagen konnte. Immerhin wurde der Weitermarsch gewagt und mit allseitigem Beifall aufgenommen. Frau Maud insbesondere erklärte mir später, sie habe schrecklich Angst gehabt, ich werde sagen, die Sache sei zu schwer für sie, und umkehren. Der Marsch über den Tyndallgrat hat einen ganz merkwürdigen Reiz. Man geht da eine halbe Stunde lang wie auf des Messers Schneide, teils über Firn, teils auf Fels, und die Abgründe zu beiden Seiten sind so ungeheuerlich, daß sie jeglicher Vorstellung spotten. Pikant ist auch die »Enjambée«, eine Schlucht im Grat mit einem Felszacken darin, über die man in zwei weiten Sätzen hinwegspringt. Der Anstieg zum Gipfel war sehr steil, und insbesondere die Ersteigung der »Echelle Jordan«, einer ziemlich brüchigen und schiefen Strickleiter, die an dem ausgebauchten Fels hängt, eine recht kitzlige Sache. Dann aber ging es trotz aller Schwierigkeiten rasch an dem riesenhaften Block in die Höhe, bis wir den italienischen Gipfel erreichten, glücklich, triumphierend, erwartungsvoll und – in dickem Nebel, der sich plötzlich von oben herab senkte. Rückblick auf den Tyndallgrat. Da waren wir also an dem ersehnten Ziel, die Sphinx aber hatte sich verschleiert und wir sahen nichts. Auch dem herrlichen Übergang auf dem scharfen Grat zu dem Schweizer Gipfel war ein großer Teil seines Reizes genommen, wenngleich die trotzigen Details riesenhaft hervortraten. Dort warteten wir dann wohl eine Stunde lang vergebens auf Aussicht, bis wir schließlich wohl oder übel und natürlich schwer enttäuscht den Abstieg antreten mußten; denn noch lag ein weiter und schwieriger Weg vor bzw. unter uns. Auf dem Gipfelgrat des Matterhorns. (Nach Boppa.) Er hat sich als ein solcher erwiesen. Nach einem kurzen Steilabstieg über Schnee und gefrorenes Geröll kamen wir an jenen senkrecht abstürzenden Felsgrat, den man als die Kante des einem Haus ähnelnden Gipfelblockes bezeichnen kann. Es ist der schwierigste Teil des ganzen Weges, an dem zahlreiche Seile und klirrende Ketten herabhängen. Er ist so steil und nach allen Seiten zu frei gelegen, daß wir froh an den Nebeln waren, die uns den Blick in die Tiefe verbargen. Dann wurde die »Schulter« erreicht, ein scharf gezackter Felsgrat, der zu jenem steilen Schneefeld hinunterführt, auf dem ich einst hatte umkehren müssen. Unerreichbar war damals der mächtige Gipfelblock vor mir gestanden, und mit Sehnsucht und Groll im Herzen hatte ich den Rückweg antreten müssen. Jetzt kam ich siegreich von oben herab, aber der ersehnte Gipfel war mir so fremd wie nur je. Hatte der grimme Berggeist mich wieder verspotten wollen? Da plötzlich wurde ich in meinen Träumen jäh unterbrochen. Ein helles Leuchten, nur wenige Schritte entfernt, ein fürchterlicher Krach, und betäubender Donner rollt drohend an den weiten Felswänden entlang. Der Blitz hat in nächster Nähe eingeschlagen, und ein Gewitter entladet sich, wie es schrecklicher nicht gedacht werden kann. Wie erstarrt vor Schreck stehen wir da und hören in dem Toben des Unwetters nur noch das Sausen unserer Pickel und das Knistern der Haare in der von Elektrizität geschwängerten Luft. »Vorwärts, vorwärts!« schreien die Führer, und in wilder Hast, halb springend, halb rutschend, geht es an dem steilen Firnhang hinab. Blitz auf Blitz schlägt rings um uns ein, furchtbar dröhnt der Donner, der wütende Sturm peitscht uns den stromweise herabstürzenden Regen und Hagel ins Gesicht, und es ist, als habe sich die ganze Natur gegen uns verschworen. Wilde Szenen spielen sich ab. Wir haben die Felsen unterhalb des Firnfeldes erreicht, und die ringsum einschlagenden Blitze treiben uns bald hierhin, bald dorthin. Beständig werden durch das allzu hastige Klettern Blöcke losgelöst. »Achtung, Achtung!« ertönt es immer wieder; ein Sprung auf die Seite, und prasselnd donnert das Gestein vorbei, hinunter in die unermeßliche Tiefe. Jetzt erst wird es klar, welche Abgründe sich unter uns befinden. Dazu diese beständigen Blitze in nächster Nähe, dieses grausige Knistern der Pickel und Haare, das man trotz Wetter und Sturm selbst noch von den anderen her hört. Nur gut, daß wir wenigstens den schwierigsten Teil des Weges schon hinter uns haben! Wir wären dort oben niemals weiter gekommen. Aber wenn wir gehofft hatten, daß das Gewitter sich nur auf die oberen Teile des Berges beschränke, so daß wir durch rasches Vorwärtsstürmen aus ihm herauskommen würden, so erwies sich das als trügerisch. Vier volle Stunden waren wir der Wucht des Unwetters preisgegeben, kämpften uns weiter durch Regen, Sturm und Blitze. Erst nachdem wir die verfallene obere Hütte hinter uns hatten, klärte sich der Himmel einigermaßen auf, und man sah tief unten die bewohnten Regionen. »Hallo, die Sonne!« Hallo, hallo! tönt es von unten herauf. Man konnte Gestalten erkennen, und eine ganze Karawane von Führern rückte an, um uns zu helfen, was wir jetzt allerdings nicht mehr nötig hatten. Bald war dann die untere Hütte erreicht, ein prasselndes Feuer und ein wärmender Grog erwarteten uns, und kurze Zeit darauf saßen wir in geborgten Kleidern beim fröhlichen Mahl um die Tafel des Schwarzseehotels. Und welchen Spaß machte es mir Tags darauf in Zermatt, wo »die beiden Frauen auf der Matterhornhochzeitsreise« die Sensation des Tages bildeten, Frau Maud mit ihren 21 Jahren im weißen Mädchenkleid zu zeigen, das sie doppelt jung und kindlich erscheinen ließ. Sie hatte sich glänzend gehalten und war den schwierigsten Lagen durchaus gewachsen gewesen. Auch Jeanne Imminks, die nun ihre Aufgabe für erfüllt hielt, sei noch einmal dankbar gedacht. Als »zweite Frau« hatte sie sich der »Rivalin« getreulich angenommen, war ihr mit Rat und Tat zur Seite gestanden und hatte uneigennützig ihr redlich Teil zum Gelingen beigetragen. Kein Zweifel, es war ein glücklicher Gedanke gewesen, sie mitzunehmen. Wie aber stand es nun eigentlich mit unserer Unternehmung? Wohl hatten wir den Riesen trotz allen Wütens besiegt. Aber war das denn ein Sieg? Nachdem wir nichts dort oben gesehen hatten! Sollten wir uns damit begnügen, gewissermaßen auf halbem Wege stehen bleiben? Nein, die Sphinx mußte uns alles zeigen! Und sie zeigte es. Zwar wurden wir bei unserem nächsten Versuch schnöde zurückgetrieben und mußten in strömendem Gewitter Schutz in der Schweizer Hütte suchen, aber wenige Tage darauf standen wir doch wieder oben. Bei herrlichstem Wetter waren wir über die Schweizer Seite hinaufgestiegen, hatten die prächtig gelegene Ruine der alten obern Hütte, die darüber aufragenden mächtigen Türme bewundert und fröhlich den schwindelnden Aufstieg an der Kante des Gipfelblockes gemacht, um jetzt frei hinausschauen zu können über die Lande, soweit das Auge reichte. So hatten wir also voll gewonnen, uns zu einem jener Momente hindurchgerungen, die man nicht vergißt, die dem ganzen Leben ihre Weihe geben. Wer wird es Frau Maud verdenken, wenn sie darüber jubelte und sagt: »Mir war als lebe die Seele des Matterhorns in mir auf, diese Verkörperung von königlichem Trotz und stolzer Größe, die nichts neben sich duldet. Wohl hatte ich zunächst ein unbeschreibliches Gefühl der Einsamkeit, als sei ich mitten in der Luft gefesselt über dieser äußersten Welt; denn die Flanken des Berges sind so steil, daß man nur eine ganz kurze Strecke an ihnen hinuntersieht. Aber dieses Gefühl der Einsamkeit machte bald dem trotzigen Stolz Platz, den einsamen König besiegt zu haben. Ich fühlte mich selbst als Königin über alle Lande dort unten. Vielleicht erscheint das als Anmaßung, aber das Gefühl war zwingend und unauslöschlich; ohne es eigentlich zu wollen, hatte ich die Idee des Berges in mich aufgenommen.« Nun, auch ich fühlte mich als König und mußte an ein anderes Wort der tapfern Gefährtin denken, das den Jubel über unsere gelungene Tat, wie über die Schönheit dort draußen noch verdoppelte, mich dankbar an die nicht weniger große Welt in dem eigenen Innern erinnerte: »Ich liebte meinen Mann. Das ließ mich alles wagen und siegreich durchführen.« Nachdem ich Frau Maud so die düstere Felsenwelt des grimmen Matterhorns gezeigt, sollte sie nun auch in die strahlende Eisespracht der Schneeberge eingeführt werden. Daß es sich dabei nur um die zweite wahrhaft große Schönheit der Schweiz, die Jungfrau, handeln konnte, war für uns von Anfang an klar. Also hinüber ins Berner Oberland! Was dieses Gebirge bedeutet, weiß ein jeder, der auch nur einmal die Nordschweiz betreten hat. Bis zum Bodensee, dem Schwarzwald und den Vogesen leuchten die Alpen hinaus in die Lande, ein schneeweißer Wall von Bergen, eine unermeßliche Anzahl von Spitzen und Zacken, die in ihrer Vielheit das Auge verwirren. Ein Bild aber prägt sich dem Beschauer sofort unauslöschlich ein: der Blick auf das Berner Oberland. Stolz hebt es sich aus dem übrigen Volk von Bergen heraus, und seine zahlreichen Gipfel dominieren das Zackengewirre durch überragende Höhe und packende Eigenart. Kein Zweifel, das Berner Oberland ist die Perle unter den Nordalpen. Aber so mächtig sich auch seine Gipfel, ein Finsteraarhorn, Schreckhorn, Wetterhorn, erheben, sie treten doch zurück hinter dem Dreigestirn der Jungfrau mit ihren beiden Genossen, Mönch und Eiger, das alles andere stolz beherrscht. Und was wir aus der Ferne bewundern, das gewinnt noch an Macht und Größe, bis auf der Wengernalp der Höhepunkt erreicht ist. »Eine Welt voll Pracht und Herrlichkeit« erhebt sich vor uns, so großartig in ihrem Aufbau, so vielseitig in ihren Formen, so herrlich in ihrem glitzernden Strahlen, wie man es sonst nirgends sieht. Dazu der Kontrast zu den lieblichen Regionen grüner Weiden und hochstämmiger Wälder hier unten! Tausendfach glitzern dort die Schneekristalle an den herrlichen Firnwänden, an denen die Sonne tiefste Schatten wirft, und klar hebt sich das grünliche Eis von den dunkeln Felsen ab. Das alles liegt unmittelbar vor uns, beinahe zum Greifen nahe, und doch befinden wir uns auf grüner, blumenbesäter Flur, wir haben bekannten Boden unter den Füßen, und es dünkt uns, als blickten mir in eine Ewigkeit hinein. In ihrer Vielgestaltigkeit macht die Jungfrau mehr den Eindruck eines Gebirgsstockes, als den eines einzelnen Berges. Eine Reihe herrlicher Vorgipfel, die Silberhörner und das Schneehorn, umgeben die Spitze, mächtige, von schroffen Felsen durchsetzte Gletscherströme ziehen sich in wilder Zerklüftung an den steilen Wänden herab, gezackte Kämme wechseln mit weiten Schneefeldern und abgelegenen Schluchten, und nur die edle Form der alles überragenden Gipfelpyramide gewährt einen Ruhepunkt in dem wechselvollen Bilde, das etwas so geheimnisvoll Unnahbares an sich hat. Dieses Geheimnis zu lüften, die Vielgestaltigkeit des Berges zu ergründen und zu genießen, war unser Ziel. Da die vorgerückte Jahreszeit eine Besteigung von der Wengeralp her wegen zu großer Ausaperung (Trockenheit) der Gletscher verbot, so beschlossen wir, zunächst wenigstens auf das hier gelegene Schneehorn (3415 m) zu gehen, einen Vorberg zwar nur, der aber keineswegs leicht zu ersteigen war und ebenso instruktive wie intime Einblicke in die Welt dort oben versprach. Den ersten eigenartigen Eindruck hatten wir dabei in der netten, kleinen Guggihütte, wo es umgekehrt war, als drüben auf der Wengeralp, und man von dem wilden Kessel des Jungfraujochs mit seinen Felswänden und Gletscherströmen hinüberblickte nach den Wäldern und Matten, hinaus in die fröhlich grüne Landschaft mit ihren Bergen, Tälern und Seen. Sonnenuntergang! Die Firne um uns erstrahlen noch einmal in hellem Glanz, die Schatten kriechen aus den Tälern empor, leichte Dünste erheben sich, und die Wolkenwand am fernen Horizont beginnt, sich zu vergolden. Wir hören das Geläute der Herden auf der Alp, die sich langsam in die friedliche Dunkelheit des Abends hüllt, bis endlich die Sonne auch an den eisigen Schneegipfeln verschwindet, um dem glühenden Rot der weiten Eisflächen Platz zu machen, das sich ganz allmählich in dem kalten Grau der Nacht verliert. Nacheinander kommen die Sterne an dem dunkeln Himmel hervor, der Mond beginnt seinen Lauf, und die unendliche Stille der Hochgebirgsnacht hält ihren Einzug. Die Tour des andern Tages stand angesichts ihrer Länge und der schwierigen Eisverhältnisse von Anfang an unter dem etwas bedrückenden Gedanken, daß sich sehr leicht ein Freilager auf dem Gletscher als notwendig erweisen konnte, eine Möglichkeit, auf die Lauener, unser Lokalführer, dem auch die beiden mitgenommenen Zermatter Führer beistimmten, immer wieder hinwies. Wir brachen noch in dunkler Nacht auf und hatten das geisterhafte Schauspiel eines Gletschermarsches beim Mondenschein. Es ist ungeheuerlich, welche Zerklüftung der Guggigletscher, den wir seiner ganzen Länge nach zu durchschreiten hatten, zeigt. Ein Chaos von Eistrümmern, zwischen denen der kleine Mensch geradezu verschwand, erhob sich in abenteuerlichen Formen ringsum, und die in der Dunkelheit besonders lebhafte Phantasie gestaltete alles doppelt eigenartig aus. Es war ein langer Marsch durch das nicht endenwollende Labyrinth, hinauf und hinab, herüber und hinüber, bis wir endlich das höher gelegene Gletscherplateau erreichten. Nach einiger Zeit sollte dann ein seitlich von oben herabkommender Eisstrom zur Rechten erstiegen werden. Es war eine steile Wand, und darüber hing, scheinbar frei in der Luft, eine zerklüftete Masse von Eistrümmern, in der man ein beständiges Poltern und Dröhnen hörte. Zerfall und Zerstörung trieben da ihr ewiges Werk und bedrohten den Eindringling. »Der Marsch da hinauf würde ebenso sein, wie ein Spaziergang vor einer Batterie Kanonen, die jeden Augenblick zu schießen anfangen können.« Ein bekannter Bergsteiger hatte einst diesen aufmunternden Ausspruch getan, der uns im übrigen natürlich nicht von unserem Vorhaben abhielt. Bald waren wir in einer Linie übereinander eingefädelt, und während der vorausgehende Führer mit Wucht die Stufen schlug, warteten wir, den Blick auf die glatte Wand gerichtet, bis die Reihe an uns kam, einen Schritt vorwärts zu tun. Die losgeschlagenen Eisteile flogen uns um die Ohren, die Füße wurden kalt von dem langen Stehen, das Gesicht glühte im Sonnenbrand, und das beständige unheimliche Krachen und Poltern über uns gab Gelegenheit zu allerhand betrachtlichen Gedanken. Wenn die dort abbröckelnden Eisblöcke hier herunterkamen, so waren wir rettungslos verloren; denn ausweichen konnten wir unmöglich an der glatten Wand. Dabei fiel mir ein Abenteuer ein, das sich einst hier zugetragen. Abstürzende Eisteile hatten eine Partie getroffen und ins Rutschen gebracht, so daß zwei Mann in einer Spalte frei am Seil hingen, der dritte mit dem Kopf voraus so unglücklich an dem Spaltenrand lag, daß er sich nicht zu rühren vermochte. Das Schicksal aller hing von dem obenstehenden Führer ab, dem es gelungen war, festen Fuß zu fassen. Helfen aber konnte er nicht, und gab er auch nur einen Schritt nach, so war alles vorüber. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wie lange er es aushalten würde; denn den Gedanken des Seildurchschneidens wies der Brave ohne weiteres von sich. Verzweifelt stand er da und hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, als merkwürdigerweise eine zweite Partie, von der man keine Ahnung gehabt hatte, in diese sonst so völlig verlassene Gegend kam und der gefährlichen Lage ein Ende machte. Also: nur nicht nachlassen! Wir selbst erreichten schließlich glücklich den über uns befindlichen Eisbruch, und wenn wir bis dahin in beständiger Furcht vor abstürzenden Trümmern geschwebt hatten, so zeigte sich jetzt, daß diese Gefahr mehr eine eingebildete, als eine wirkliche gewesen war. Es lagen da so ungeheure Spalten, daß sie völlig genügten, um alle von oben herabkommenden Trümmer in sich aufzunehmen. Wie nun aber darüber hinwegkommen? Nun fanden wir ja nach langem Suchen eine »Schneebrücke«, die in kühn geschwungenem Bogen nach jenseits hinüberführte, und unter entsprechenden Vorsichtsmaßregeln überschritten werden konnte, aber viel war damit freilich nicht gewonnen, wir befanden uns jetzt in einem Labyrinth von haushohen Eistrümmern, die, völlig unterminiert, beständig in sich zusammenbrachen. Es gab da nur eine Möglichkeit: auf gut Glück so rasch wie möglich hindurch! Es war eine arktische Wildnis von unheimlicher Pracht, in der senkrechte, blaugrün schimmernde Wände kaum ein kleines Stückchen Himmel freiließen. Mannshohe Eiszapfen hingen herab, und überall zeigten sich Spalten, Risse und Trümmer. So vergingen bange zehn Minuten, die wir wehrlos dem Schicksal anvertrauten, aber es war uns hold, und wir erreichten glücklich das unter dem Jungfraujoch gelegene Firnplateau. Der weitere Weg führte beinahe eben nach den Felsen unseres Berges, die uns nur noch wenig überragten. Er war jetzt durchaus unschwierig – wenn es nur gelang, eine riesige Spalte zu überschreiten, welche sich über das ganze Plateau hinwegzog. »Es ist zu spät für den Guggigletscher im August,« meinte Lauener zum hundertsten Male, und auch die beiden Zermatter schüttelten bedenklich die Köpfe, zumal es schon 11 Uhr war. Nun, auch diesmal half uns das Glück in Gestalt eines Vorsprungs in der Tiefe der Spalte, der es schließlich doch ermöglichte, nach jenseits hinüber zu kommen. Damit war das Schneehorn gewonnen. Nur ein banger Augenblick kam noch, als wir uns auf den Felsen unter der ungeheuren, überhängenden Gipfelwächte mit ihren mächtigen Eiszapfen befanden. Bei ihrem Durchschlagen mußten wir darauf gefaßt sein, daß die ganze Geschichte über uns abbrach und wir den Anprall der abstürzenden Lawine auszuhalten hatten. Doch nichts dergleichen passierte. Bald war ein Loch durch den Schnee gehauen, und vorsichtig kroch einer nach dem anderen durch das eisige Tor. Dann ging es rasch auf den Gipfel. Jungfrau mit Schneehorn und Silberhörnern. Und nun das Lüften des Geheimnisses, denn als ein solches erschien mir die Gestaltung des Berges mehr und mehr. Es kam mir vor, wie ein weihevolles Entschleiern, als wir mit einem Male das abgelegene, eiserfüllte Hochtal unmittelbar vor uns sahen, das sich am Fuß der Gipfelpyramide nach der »Silberlücke« zieht und die schneeweißen Silberhörner, diesen eisigen Busen der Jungfrau von ihr trennt; eine Welt für sich, ein von den Schauern der Einsamkeit und Unnahbarkeit umgebenes, glitzerndes und strahlendes Heiligtum, vor dem wir in staunender Verehrung den Atem anhielten. Wahrlich, es war Lohn genug für unsere Mühe! Gehen wir, um die geheimnisvoll riesenhafte Gestaltung unseres Berges ganz kennen zu lernen, in Gedanken noch einen Schritt weiter, hinauf nach der höchsten Spitze unseres Bildes! welche Überraschung steht uns da bevor! Wiederum erhebt sich in klassischer Ruhe und Einfachheit in urgewaltiger Block aus dem weiten Firnfeld. Er ist der eigentliche, von der Wengernalp überhaupt nicht sichtbare und auch sonst vielfach verdeckte Gipfel. Jetzt erst ist das Geheimnis der Jungfrau ganz entschleiert. Jungfraugipfel vom Vorgipfel. Beim Abstieg verwandelte sich unsere Furcht vor einem Gletscherbiwak in eine Humoreske. Trotz aller Schwierigkeiten kamen wir rascher vorwärts, als wir gedacht, und schon um 6 Uhr abends erreichten wir die Hütte wieder. Was aber hatten wir jetzt noch hier verloren! Wie verlockend winkte dort drüben das komfortable Scheidegghotel! Also weiter! Gegen Abend wurde es erreicht, und wonnig reckten und streckten wir die müden Glieder. Welcher Genuß, es sich jetzt bequem zu machen und alle die wohlverdienten Annehmlichkeiten der Zivilisation behaglich durchzukosten! Doch der Mensch denkt und der Wirt lenkt, oder anders ausgedrückt: man glaubt zu reisen und man wird gereist. Wir hatten gestern die große Sünde begangen und den Proviant von unserem Hotel in Lauterbrunnen mitgebracht, das Anerbieten des Scheideggwirts, uns damit zu versehen, ausgeschlagen. Jetzt gab es auch keinen Platz mehr für uns. Keinen Platz für eine Dame nach einer solchen Tour! Ich wetterte und tobte, stieß aber auf ein gleichgültiges Achselzucken, wie das nur Kellnerseelen eigen ist. So blieb schließlich nichts übrig, als weiterzugehen, und zwar dann auch gleich ganz hinunter nach Lauterbrunnen zu unserem Gepäck. Zunächst ließ sich die Sache nicht übel an. Was gibt es denn Schöneres für ein junges Liebespaar, als eine Mondscheinpromenade in solcher Landschaft! Arm in Arm zogen wir behaglich über die prächtige Wengernalp hinab, bewunderten die Berge, lauschten dem Summen der Käfer und beobachteten das Einbrechen der Nacht mit ihrer stillen Schönheit, wie man das in diesem Fall so zu tun pflegt. Bald machte sich dann aber der prosaische Hunger geltend, die müden Beine kamen allmählich in ein rascheres Tempo, immer mehr zog sich die Gesellschaft auseinander, und schließlich wurde der Marsch zum Wettlauf. Wer gewann? Die schöne Leserin wird gewiß triumphieren, wenn sie hört, daß ich total geschlagen wurde. Schon in Wengen hatte ich das Rennen längst aufgegeben. Nun gibt es auf der ganzen Welt keinen miserableren Weg, als den von da hinunter nach Lauterbrunnen, der damals wenigstens eine Art ausgetrocknetes Bachbett mit darin herumliegenden zahlreichen Steinen war, Dinge, die nach einem 16stündigen Marsch den Humor in stockdunkler Nacht nicht gerade erhöhen. Und die Laterne befand sich natürlich vorne bei Frau Maud. So zog ich denn mit wachsendem Grimm diese Via Dolorosa weiter, ohne daß die Lichter des infamen Dorfes da unten näher kommen wollten. Wie würde sich das Wiedersehen gestalten? Ich war in schrecklicher Laune, aber als mir Frau Maud auf der Schwelle des Hotels in einem frischen, weißen Kleid heiter entgegentrat und erklärte, sie habe ein herrliches Bad genommen, da machte ich eben gute Miene zum bösen Spiel und erwiderte: »Mit dir mache ich noch einmal eine Hochzeitsreise!« Dann nahm ich auch ein Bad, aber ein innerliches. Da wir nun gerade beim Baden sind, so möchte ich ein unterhaltsames kleines Ereignis erwähnen, das sich anderen Tages in unserem Hotel, einem aus Holz gebauten Schweizerhaus zutrug. Fröhlich saßen die Gäste bei der Suppe um den Tisch, als plötzlich ein strömender Regen von der Decke herabkam und alles entsetzt auseinanderstob. Ich hatte in meinem darüber befindlichen Schlafzimmer ein Bad zu nehmen versucht und die Wanne glücklich umgeworfen, so daß man jetzt dort unten das Mittagessen mit aufgespannten Regenschirmen beenden mußte. Nun, angesichts meines Kostüms war ich wenigstens vor der tobenden Wirtin sicher. »Und dieses Mann habe ich verheiratet!« meinte Frau Maud, die damals das Deutsch noch etwas gebrochen sprach. Die Überschreitung der Jungfrau (4243 m). Auch im Westen, gegen den in das Lauterbrunner Tal mündenden Rottalkessel, ist der Abfall unseres Berges ein tiefer und steiler, wenn auch weniger gestaltenreich als auf der Nordseite. Im Süden dagegen ragt er kaum aus dem Hochplateau des Jungfraufirns hervor, das sich in dem Aletschgletscher nur ganz allmählich in das Rhonetal hinabsenkt. Die Besteigung, welche zum erstenmal schon 1812 gemacht wurde, ist denn auch von hier aus eine verhältnismäßig einfache, wenngleich das steile Eisfeld über dem Rottalsattel und der Schrund unterhalb desselben schon verschiedene Opfer gefordert haben. Da ich den Berg schon 1884 von Grindelwald her über das Mönchjoch erstiegen hatte, beschlossen wir, ihn jetzt von dem Rottal aus anzugreifen und über den Jungfraufirn nach Grindelwald abzusteigen, eine Tour, die eine Fülle von Abwechslung und eisiger Pracht versprach. Zunächst fing die Sache recht stattlich an. Stolz fuhren wir in einem uns zur Verfügung gestellten Vierspänner das schöne Lauterbrunner Tal hinauf, bewunderten fröhlich die glitzernden Schneeriesen über uns ebenso, wie die von den hohen Felswänden auf die blumenbesäten Wiesen herabströmenden Silberfäden der Staubbäche, und bemitleideten die zahlreichen Fußgänger, die sich im Schweiß ihres Angesichtes auf der staubigen Landstraße abmühten. Da war so ein flotter Vierspänner doch etwas ganz anderes! Hochwichtig kamen sich auch die Führer vor. Die Pickel in der Hand, die Seile um den Leib geschlungen und in dem Gefühl, daß es sich bei uns um etwas Rechtes handle, saßen sie ernst und würdevoll auf den weichen Polstern. Etwas anders sah die Sache freilich aus, als wir uns dann ebenfalls zu Fuß und schwerstbepackt in die höhern Regionen hinaufarbeiten mußten. Erbarmungslos brannte die Sonne auf den steilen Hang herab, eine unerträgliche Schwüle hing über dem Tal mit seinen monotonen Hängen, und es ist nicht zu verwundern, wenn »manch gräßlicher Fluch schwitzender Touristen an diesen steilen Wänden klebt«. Nach fünfstündigem Keuchen änderte sich dann mit dem Betreten des hochgelegenen Rottalkessels die monotone Szenerie, wir kamen in eine Trümmerwüste von Felsblöcken und konnten über den zerklüfteten Gletscher hinweg an dem mauerähnlichen Firnwall hinaufblicken, der so hoch in die Lüfte steigt, daß man sich wie in einen engen Raum eingeschlossen fühlt. Eine bedrückende Einsamkeit herrscht auf diesem »Tanzplatz der Rottalherren«, die hier als wildes Heer mit Hussa und Hallo ihr Unwesen treiben sollen, und nur der herrliche Blick nach den schmucken Gestalten des Breithorns, Tschingelhorns, Gspaltenhorns und der Blümlisalp bringt Leben in das schauerlich öde Bild. Es ist nicht gerade erfreulich, wenn man, wie wir, am späten Nachmittag in eine schon nahezu vollbesetzte Hütte kommt und ihre Insassen um fünf Köpfe vermehrt. Wer auf einer langen Eisenbahnfahrt sich zum Schlafen niedergelegt hat, um dann plötzlich von einem Mitreisenden überrascht zu werden, der »gleiches Recht für alle« verlangt, der kennt die Gefühle, mit denen man bei solcher Gelegenheit empfangen wird. Nun, unter uns Touristen herrschte bald die schönste Harmonie. Dagegen konnten wir bei den Führern eine Erregung beobachten, die die Stimmung der Zeit charakterisiert. Den Gegenstand dieser Erregung bildeten nämlich zwei Studenten, die die damals noch ganz unerhörte Absicht hatten, die Jungfrau führerlos zu besteigen. Das fehlte gerade noch, daß jetzt auch die großen Schweizer Berge von diesen Führerlosen heimgesucht wurden! »Erst darf man ihnen den Weg zeigen und schöne Stufen schlagen, damit sie dann mit ihren Heldentaten prahlen können und die Berge in Mißkredit bringen.« Auch ihr Verhalten hier unten wurde einer scharfen Aufsicht unterzogen. »Ich bin der Obmann der Hütte,« wetterte einer der Führer, »und dafür verantwortlich, daß sie gut im Stand bleibt, wie das bei den Führerlosen zugeht, weiß man. Da wird nichts geputzt und gewaschen. Ich werde ihnen aber morgen genau auf die Finger sehen und beim Kochen kommen wir zuerst. Die können sehen, wie sie sich ihren Kaffee machen!« Nun, die beiden Attentäter haben sich nicht übel gerächt. Schon um 1 Uhr morgens standen sie leise auf, legten ihre Decken zusammen, aßen etwas Brot und gedörrtes Obst, um dann geräuschlos zu verschwinden. Kaum war das geschehen, da stürmten auch schon die Führer herein, um nachzusehen, ob auch alles wieder ordnungsmäßig instand gesetzt sei, und als sie mit dem besten Willen nichts aussetzen konnten, ließ ihnen der Gedanke, daß die beiden nun voraus waren, keine Ruhe mehr. »Stehen Sie auf! Wenn wir sie nicht fangen, dann können wir heute die Besteigung nicht machen. Da muß alles zusammen bleiben, sonst gibt's Steinfall. Bei diesen Leuten ist man ja so wie so nicht sicher davor. Wir Führer sind verantwortlich, daß nichts passiert,« usw. Alles protestierte. Es sei ein Unsinn, so bald wegzugehen. Vergebens. In aller Eile mußte der Kaffee getrunken werden, und um 2 Uhr begann das Wettrennen draußen in der stockdunkeln Nacht. Es war ein entsetzlicher Marsch über das Trümmerfeld, bei dem man jeden Augenblick Arme und Beine brechen konnte. Doch das alles war jetzt gleichgültig, »wenn wir sie nicht einholen, müssen wir umkehren.« Damit wurde jeder Widerspruch kategorisch abgetan. Aber so einfach war die Sache nicht. Schon flackerte die feindliche Laterne hoch oben in den Felsen und bewegte sich munter weiter. Durch einfaches Nachrennen war da nichts zu erreichen. So kam es zu lauten Auseinandersetzungen, von denen das ganze Tal widerhallte. Was Wunder, daß nun auch die Touristen nervös wurden! »wenn Sie nicht halten, dann schieße ich mit dem Revolver«, rief einer. Das half. Die Attentäter warteten, um endlich den Führern den Vortritt zu lassen, was diese würdevoll unter entsprechenden Bemerkungen taten. Allmählich brach dann ein trüber Tag an, der nichts Gutes erwarten ließ, so daß ich es für geraten fand, einen ruhmlosen Rückzug zu befehlen. Es war ein harter Schlag für meine Führer, daß sie nicht bloß die anderen Partien, sondern auch die verhaßten Führerlosen wieder vorlassen mußten. Auch mir war ja offengestanden nicht so recht behaglich zumute, wenn nun die andern doch hinaufkamen! Jeder Sonnenstrahl wurde ärgerlich empfunden und machte mich wieder schwankend. Als dann aber gerade beim Betreten der Hütte um 7 Uhr morgens schwere Tropfen fielen und die »Rottalherren« in einem orkanartigen Wolkenbruch ihren Tanz begannen, da kam ich mir entsetzlich klug vor und legte mich am wärmenden Feuer vergnüglich wieder zum Schlafen nieder. Im Laufe des Vormittags hielten dann auch die andern Partien bei strömendem Regen wieder ihren Einzug, nur die beiden Führerlosen ließen sich nicht blicken. Stunde um Stunde verrann, und man mußte sich unwillkürlich auf ein Unglück gefaßt machen. »Es ist die alte Geschichte,« meinten die Führer, »wenn den Leuten etwas passiert, dann können wir sie wieder herausreißen. Man hätte sie einfach zur Umkehr zwingen sollen.« Schließlich kamen sie dann doch, nachdem sie stundenlang unter einem Felsblock Schutz gesucht hatten. Alles in allem hatten sie sich als recht respektable Bergsteiger gezeigt, vor denen man nur den Hut abziehen konnte. Ein langer und langweiliger Nachmittag folgte; denn alle andern Partien waren zu Tal gezogen. Betrachten wir die Jungfrau aus der Gegend des obersten Lauterbrunner Tales von der Mutthornhütte aus, so sehen wir zur Rechten unseres Bildes in das zum Teil mit Wolken bedeckte Rottal hinein. Das darüber befindliche breite Bergmassiv zeigt drei Zacken, den eigentlichen Gipfel in der Mitte, rechts das wesentlich niedrigere Rottalhorn mit dem dazwischen liegenden Rottalsattel, zur Linken den etwas höheren Vorgipfel, welchen wir vom Schneehorn aus gesehen haben. Zwischen diesem Vorgipfel und dem Hauptgipfel fällt ein breites Schneefeld ein ziemliches Stück weit verhältnismäßig flach ab, bis dann steilere Felswände kommen, darunter eine Art keilförmiger Klotz, welcher den Anstieg vom Rottal aus vermittelt. Unsere Tour am andern Morgen stand im Zeichen von Frau Mauds Geburtstag, der in Grindelwald seinen festlichen Abschluß finden sollte. Das Wetter war zweifelhaft. Sonne, Wind und Nebel kämpften lange miteinander, bis sie schließlich einen Pakt schlossen, dahingehend, daß den Wolken die Täler, die Gipfel aber der Sonne gehören sollten. Der Marsch führte über ein breites, steiles Trümmerfeld, das mit seinen morschen Felsen, tief eingerissenen Schluchten und massigen Türmen eher einer Ruine als einer stolzen Jungfrau glich. Die Kletterei war nicht gerade schwierig, aber interessant, da sie meist schräg an dem Hang hinaufführte und manche Abwechslung bot. So kamen wir rasch vorwärts und erreichten nach einer hübschen Schlußkletterei durch eine wilde, kaminartige Schlucht schon um 8 Uhr das hochgelegene Schneefeld, welches den Gipfel auf der Nordseite umgibt. Eigentlich hätten wir nun, dem üblichen Gebrauch entsprechend, direkt zum Gipfel ansteigen sollen. Ich zog es aber vor, erst zu dem zur Linken befindlichen Vorgipfel hinüberzugehen, von dem aus man zu dem Schneehorn hinabsehen und den letzten Gipfelblock, dessen Anblick wir ja schon kennen, in seiner ganzen Wucht bewundern konnte. Solche kleine »Umwege«, die oft ein ganz neues Licht auf die Umgebung werfen, möchte ich überhaupt empfehlen. Bald darauf war dann auch die Spitze erstiegen. Es ist immer wieder ein erhebendes Gefühl, wenn man einen solchen Hochgipfel betritt. Das Bewußtsein, den Riesen bezwungen, allen Schwierigkeiten getrotzt zu haben, sich so hoch über der Erde dort unten in den luftigen Himmelsregionen zu befinden, ergreift einen unweigerlich, so oft man es auch schon erlebt hat. Alle Blasiertheit, diese Krankheit der Täler, fällt weg vor der Leistung und dem Ergriffensein über die Erhabenheit dieser Welt. Man wird da immer wieder jung, mag man auch nach so viele Jahre im Rucksack haben. Aus Firnschnee bestehend, hat der Jungfraugipfel eine beständig sich ändernde Form. Meist ist er ein scharfer, nur wenige Meter langer Firngrat, auf dem man rittlings sitzen muß. Wir selbst hatten es heute besser und konnten auf bequem hergerichteten Plätzen die Blicke frei über das grandiose Panorama hinausschweifen lassen. Einen Hauptreiz verleihen der Jungfrauaussicht der Mönch und Eiger. Nur wenige Kilometer entfernt, bilden diese mächtigen Bergesgestalten einen überaus packenden Vordergrund, der in der Morgensonne besonders plastisch hervortritt. Das Auge findet hier einen Ruhepunkt, zu dem es immer wieder bewundernd zurückkehrt, und jenes ruhelose Hin- und Herirren an den zahllosen Zacken am Horizont, das Bergpanoramen meist charakterisiert, fällt weg. Das Dreigestirn des Berner Oberlands gehört eben auch hier oben zusammen und gibt dem Gebirge ebenso wie vom Tal aus sein Gepräge. Mächtig ergreifend ist ferner der Kontrast zwischen der grünen Landschaft im Norden und den eisigen Gefilden im Süden. Während wir dort auf die lachenden Fluren mit ihren Wäldern, Wiesen, Seen und Ortschaften hinabblicken, starren uns hier die Riesen des Gebirges, Aletschhorn, Finsteraarhorn, Schreckhorn und wie sie alle heißen, entgegen. Dahinter die ganze Kette der Zentralalpen in Schnee und Eis gepanzert. Dort heimelt uns das Leben an, wir fühlen uns als Kinder dieser grünen Erde mit ihren Freuden und Leiden, hier blicken wir in die unheimliche Pracht der starren Unendlichkeit hinein, winzige Atome und doch Träger von weltbeherrschenden, ewigen Ideen. Der Abstieg zum Rottalsattel führt über einen außerordentlich steilen Eishang hinab und war um so schwieriger, als wir, das heißt der vorausgehende Führer, unsere Stufen erst zu schlagen hatten. Notdürftig in den kleinen Tritten stehend und den Blick in die gähnende Tiefe vor uns, mußten wir beständig überlegen, wie der nächste weite Schritt wohl am besten zu machen sei. Einige Zeit war so vergangen, als man eine Partie von unten heraufkommen sah. Sie schien sehr eifrig zu sein, und es wäre doch ungerecht gewesen, ihren Ruhm durch weiteres Stufenschlagen unsererseits zu kürzen. Es wurde also haltgemacht, und wir wandten unsere Aufmerksamkeit wieder der Umgebung zu. Merkwürdig, wie sie sich durch den jetzt höheren Sonnenstand verändert und alle Plastik verloren hatte! Überall weite Eisflächen in jener monotonen Helligkeit, die das Auge blendet und jede malerische Wirkung ausschließt. Also Morgenstunde usw.! Inzwischen war die berganstrebende Partie herangekommen, und wir mußten uns, immer zu zweien in einer Stufe stehend, in gegenseitiger Umarmung aneinander vorbeischieben, was Frau Maud als eine besondere Geburtstagshuldigung hinnahm. Der Rottalsattel ist ein schmaler, vereister Paß, dessen mächtige überhängende Schneewächten heute schon von der Anstiegpartie durchschlagen waren. Auch der darunter liegende Bergschrund machte keine besondern Schwierigkeiten, und bald befanden wir uns nach einer solennen Rutschpartie am Fuße unseres Berges auf dem weiten Jungfraufirn. Damit schlug die Stunde des Abschieds von unsern Walliser Führern, welche sich jetzt über den Aletschgletscher wieder nach Hause begaben. Da sie die ganze Hochzeitsreise mitgemacht hatten, so bedeutete das immerhin einen Abschnitt in unserer kurzen Ehe, und während ich prosaisch mit Franken und Rappen rechnete, ließ es sich Frau Maud nicht nehmen, den beiden Stück für Stück unseres schönen Proviants in die Rucksäcke zu stecken, damit sie in der Konkordiahütte doch auch liebevoll an uns denken konnten, wenn wir drunten in Grindelwald festlich Geburtstag feierten. Freilich, diese Gutmütigkeit sollte sich bitter rächen. Unser weiterer Weg führte vom Jungfraufirn über das Ewigschneefeld an dem Mönch vorbei und dann gegenüber dem Eiger, wo sich die Berglihütte befindet, in den Kessel des Eismeers hinab. Es war ein langer Marsch. Endlos dehnten sich die weiten Schneegefilde vor uns aus, mit geradezu fürchterlicher Glut brannte die Sonne herab und versengte die welke Haut, und das Waten in dem tiefen Schnee wurde immer entsetzlicher. So wurde es 4 Uhr nachmittags, bis wir endlich halbtot vor der Berglihütte anlangten, wo eine kurze Rast beschlossen wurde. Eismeerkessel mit Jungfrau, Mönch und Eiger. Es sah recht wohlig in dem kleinen Stübchen aus. Erleichtert warfen wir die Rucksäcke beiseite, reckten und streckten die müden Glieder, und ohne viel zu reden, legte man sich der Reihe nach aufs Ohr. Welche Wonne! – Sehr lange dauerte der Genuß freilich nicht. Der an den Kleidern hängende Schnee fing zu schmelzen an, das schweißige Hemd wurde kalt, und das Schneewasser in den Stiefeln trug auch nicht gerade zur Erhöhung der Behaglichkeit bei. Bald war also eins nach dem andern wieder aufgestanden, man begann den Schnee von den Kleidern abzuschütteln und die Stiefel auszuziehen, um das Wasser heraustropfen zu lassen. Und nach Grindelwald waren es noch gute sechs Stunden! Dabei brodelte es dort unten in der Tiefe wie in einem Hexenkessel und regnete augenscheinlich in Strömen. Nein, es war klar, da kamen wir heute nicht mehr hinunter! »Aber wie steht's dann mit dem Geburtstagsessen?« Teufel, ja, das Essen! Jetzt schnabulierten die Walliser drüben in der Konkordiahütte ihr lukullisches Mahl, während wir unsere Magen noch 18 Stunden lang knurren lassen sollten! »Drehen wir mal die Taschen um! Da findet sich immer noch etwas.« Eine Bergsteigertasche! Wer hat nicht schon in ein so unerschöpfliches Reservoir mit bangem Schaudern hineingegriffen, was alles an seinen Fingern hängen bleiben würde! Doch jetzt war keine Zeit für Sentimentalitäten. Es wurde also alles umgedreht und der Inhalt auf den Tisch geschüttet, aber freilich, es kam herzlich wenig Brauchbares zutage: der Inhalt der Lanolinbüchsen und sonstigen Pomadentöpfe, welche Frau Maud zum Vorschein brachte, konnte ebensowenig als Suppe Verwendung finden, wie unsere Talglichterstumpfen, Seifenstücke, Zigarren, Opiumtabletten und andere Luxusartikel. Schon begannen die Gemüter, sich zusehends zu verdüstern, als Lauener bedächtig an seinen Rucksack ging. Natürlich, der war von Frau Mauds freigebiger Hand verschont geblieben; da mußten sich ja ganze Schätze drin befinden. Mit atemloser Spannung sahen wir der Entleerung des wertvollen Stücks entgegen. Zunächst kamen allerdings nur Dinge wie Strümpfe usw. zum Vorschein, dann aber wurde die Sache bald geradezu großartig. Triumphierend zog der Brave einige Brotstücke hervor, an denen das »Weiche« allerdings stark durchnäßt war, dazu eine Tafel Erbssuppe und schließlich gar ein Stück Schokolade. Es war entzückend. Als dann Frau Maud auch noch eine ganze Ladung Pfefferminz aus einem der entlegensten Winkel ihrer Taschen zutage förderte, herrschte eitel Freude, und liebevoll wurde das Festmahl zubereitet. Erbssuppe mit geröstetem Brot, Pfefferminzwasser aus Schnee und Schokolade, was konnte man sich Herrlicheres denken! Bald dröhnte die Hütte von dem Hoch wider, das auf das Geburtstagskind ausgebracht wurde, und auch draußen schien die ganze Natur bei der Feier mitwirken zu wollen: der Regen platschte auf das Dach, und der Donner dröhnte, daß es nur so eine Art hatte, wahrend uns immer wohliger da drinnen wurde und wir bis in die tiefe Nacht hinein uns fröhlich unterhielten. Prächtig war dann am andern Morgen der Marsch hinunter durch den Eismeerkessel, dieses wohl gewaltigste Amphitheater Europas, dessen ursprüngliche Pracht mit den wilden Ausblicken auf Felsen, Gletscherstürze und Spalten noch durch sogenanntes schlechtes Wetter erhöht wurde. Drunten über der mächtigen Ausgangspforte, die sich der leibhaftige Gottseibeiuns in höchst eigener Person geschaffen haben soll, lagerte eine dichte Wolkenschicht, während hier oben ein erbitterter Kampf der Element stattfand. Ruhelos zogen die Nebel hin und her, dazwischen warf die Sonne greifbar dicke Strahlenbündel auf die weiten Eisflächen, und über diesem urweltlichen Gebrodel erhob sich das gewaltige Schreckhorn zu seiner riesenhaften Höhe, ein unvergeßliches Bild. Allmählich stiegen wir dann in den strömenden Regen hinunter und waren nach mehrstündigem nassen Marsche froh, die bekannte Leiter zu erreichen, die von dem Gletscher an den Felsen hinauf zum Bäreggwirtshaus und damit in die bewohnten Regionen führt. Erst aber mußten wir dem Besitzer der Leiter einen Franken pro Person berappen, ehe wir wieder zu den Segnungen der Zivilisation zugelassen wurden. Waren sie das wirklich wert? Dann stürmten wir weiter nach Grindelwald, und es gab da etwas anderes als Schneewasser mit Pfefferminz, so bekömmlich dasselbe auch sein mag. Einige richtige Hochzeitsreisetage folgten in Interlaken, wo man in dem Strudel von Leuten aller Art bei Konzerten, Rößleinspiel und Feuerwerk das genus homo sapiens in Seide und Pomade, bei Flirt und Gigerltum in seiner ganzen zivilisatorischen Größe bewundern und sich seine Gedanken darüber machen konnte, wo es eigentlich schöner sei, droben oder hier unten. Na, zur Abwechslung ... Dann ging's über den Brünig nach Engelberg, um den Urirotstock, dieses Wahrzeichen des Vierwaldstätter Sees zu besteigen. Es war eine lange und recht nasse Tour. Anfangs konnten wir aus der Ferne noch einmal das Berner Oberland bewundern, dessen verschneite Gipfel sich wie Gestalten einer anderen Welt aus dem grünen Land erhoben. Auch auf dem Gipfel gab es einen großartigen Wolkenausblick. Dann aber brach einer jener Gebirgsregen herein, gegen die überhaupt nichts aufkommt, so daß wir schließlich herzlich froh waren, in einem kleinen Bergwirtshaus Schutz zu finden, und den Abend in geborgten Kleidern zubrachten. Ein gemütvolles Familienbild, wie wir so um den Tisch saßen! Ich ohne Hemd in meinem unzuknöpfbaren Rock, dessen Ärmel gerade noch über die Ellbogen reichten und in Beinkleidern, die wirklich keine Gefahr liefen, abgetreten zu werden, während die schlanke Frau Maud in den faltenreichen Gewändern der rundlichen Wirtin völlig verschwand. Auch bei der Fahrt über den Vierwaldstätter See am andern Tag regnete es unaufhörlich. Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter. Also nach Hause! Verheiratet. Schreckhorn von der Berglihütte Nun waren wir also zu Hause! Wie ein Wirbel waren die Ereignisse dieser denkwürdigen Hochzeitsreise an uns vorbeigestürmt, und wir hatten fröhlich den Augenblick genossen. Jetzt aber zeigte sich bald auch die tiefere Bedeutung unseres Tuns. Zunächst hatte mein Schwiegervater wahrlich Recht gehabt, als er sagte: »Diese Reise wird eine Erinnerung fürs ganze Leben sein.« Nun sind ja andere Hochzeitsreisen gewiß auch schöne Erinnerungen, aber diese war zugleich eine Tat gewesen, von seiten meiner Frau sogar eine Reihe von Taten, und wiegen die nicht schwerer, als alles beschauliche Glück und mühelose Genießen? Schon der Entschluß war ein großer und geeignet, uns in unseren Beziehungen zueinander zu heben, Kleinigkeiten nicht aufkommen zu lassen. Außerdem waren wir aufs engste aufeinander angewiesen gewesen, hatten gelernt, daß wir uns aufeinander verlassen konnten, hatten unendlich vieles erlebt, und wenn allemal die Gefahr gekommen war, dann hatten die Augen aufgeblitzt, und wir hatten uns nicht klein finden lassen. Wie hätten wir da nicht ein unerschütterliches Vertrauen zueinander gewinnen sollen! Wir hatten uns in diesen Wochen besser kennen und schätzen gelernt, als manche oft in jahrzentelangem Zusammensein, wir hatten gelernt, die großen Gesichtspunkte hoch zu halten, immer wieder den hohen Zielen zuzustreben, sie nicht über den Kleinigkeiten zu vergessen, hatten gelernt uns und die Dinge so zu nehmen, wie sie waren. So war eine im Sturm erprobte Kameradschaft entstanden, in der wir wußten, was mir aneinander hatten, die sich stetig erweiterte und vertiefte, an der nicht von Tag zu Tag etwas abbröckelte, wie damals bei der » grande passion «. Dazu die unvergängliche Feiertagsstimmung, die wir von dort oben mit uns heruntergenommen in den Alltag, die auch nicht mehr vergehen konnte, wie hätten sich jene überwältigenden Augenblicke verwischen sollen! Der grandiose Tag auf der Südseite des Matterhorns, das Wüten des Sturmes in seiner unheimlichen Pracht und Größe, das schließlich doch erzwungene Gipfelglück, das Entschleiern des Jungfraugeheimnisses auf dem Schneehorn, der Ausblick von dem Gipfel der strahlenden Eiskönigin und Dutzende andere, wo die von ihren Fesseln befreite Seele sich hinausgeschwungen in den Äther, sich eins gefühlt hatte mit dem unendlichen All! Und das alles Hand in Hand mit dem andern, mitfühlend, mitahnend, sich so ganz verstehend! War das nicht lebendig gewordene Poesie, ein höheres Leben, das seine Weihe über die ganze Zukunft werfen mußte? Was wollte es da besagen, daß wir allerhand Mühen und Beschwerden auf uns genommen hatten, die jetzt doch nur dazu dienten, alles noch mehr zu verklären! was bedeuteten z.B. jene 21 Nächte, die wir in Hütten oder im Zelt, zum Teil recht unbequem, verbracht hatten! Nein, diese viel kritisierte Hochzeitsreise war das allein Richtige gewesen, und ich habe nicht wenig Lust, jedem jungen Ehepaar zu raten, es uns nachzumachen. Nun werden die Bedächtigen natürlich einwenden, das sei eben eine Ausnahme gewesen, und nicht jede Frau könne ihre Hochzeitsreise in die Berge machen, auch wenn sie Lust dazu hätte. Ich möchte deshalb hier etwas näher auf die Eignung der Frau zum Bergsteigen eingehen, eine Frage, der sich Frau Maud eingehend angenommen hat und in der sie auch an die Öffentlichkeit getreten ist. Als Resultat einer Rundfrage bei den bekannten Bergsteigerinnen konnte sie zu Anfang des Jahrhunderts feststellen, daß alle bedeutenderen Gipfel der Alpen schon von Frauen erstiegen waren. Dabei wird dem Manne allerdings die größere Kraft, Entschlossenheit, Umsicht und Fachkenntnis zugesprochen, die die Elite der Erstbezwinger schwieriger Gipfel zu Leistungen befähigt haben, die Frauen wohl nicht erreichen können. Auf der andern Seite wird bei der Frau die vielfach größere Geschicklichkeit, Ausdauer und Zähigkeit gegenüber dem Durchschnittstouristen hervorgehoben. »Mancher Mann vermag ein Kind nicht so lange auf dem Arm zu tragen, ohne zu ermüden, als eine viel schwächere, zartere Frau dies gewöhnt ist.« Unbestreitbar ist ferner ihre größere Enthaltsamkeit im Alkoholgenuß und in dem den Lungen schädlichen Rauchen. Auch hören wir, daß den Damen bei Unbequemlichkeiten der Humor nicht so leicht ausgehe, sie schlechtes und ungenügendes Essen leichter ertragen usw. Also die Eignung des sogenannten schwachen Geschlechts zum Bergsteigen wurde schon damals einwandfrei nachgewiesen. Daß nur eine Frau, welche über einen normalen, wirklich gesunden Organismus verfügt, Bergsteigerin werden soll, leuchtet ein, aber der Grund für mangelnde Fähigkeit liegt meist weniger an einer ungesunden Veranlagung, als in verweichlichender Lebensweise, dem Mangel an Abhärtung, der geringen Bedeutung, die man dem Turnen beilegt, und oft auch an dem unsinnigen Schnüren von zarter Jugend auf. Daß demgegenüber das Bergsteigen innerhalb vernünftiger Grenzen nur zuträglich wirke, wird allgemein betont und von verschiedenen Damen darauf hingewiesen, daß, obgleich sie früher manchen Sport getrieben haben, sie doch nie so kräftig und gesund gewesen seien, als nachdem sie Bergsteigerinnen wurden. »Ich halte es für sehr zuträglich, nervöse Mädchen oder Frauen in die Berge zu schicken. Es würde sich dabei ein recht prosaischer, aber gesunder Appetit mit nachfolgendem erquickendem Schlaf einstellen, und als neuer Mensch würde so ein leidend gewesenes, armes Ding zurückkehren. Allgemeines Bergsteigen der Damen würde einen erfolgreichen Feldzug gegen die Bleichsucht bedeuten, und die Schwächlichen würden dabei kräftig, die Rundlichen schlank werden.« Besonders betont werden die seelischen Einflüsse des Bergsteigens. »Wir huldigen ihm, weil wir dadurch hoch über das Niveau des alltäglichen materiellen Lebens gehoben werden und uns einen idealen Zug des Geistes zu bewahren vermögen.« »Gerade diejenigen Eigenschaften, die die Erziehung der Frau meist vernachlässigt, werden beim Bergsteigen entwickelt: Beobachtung, Vorsicht, Geistesgegenwart, Geduld, Selbstbeherrschung, Entschlossenheit und Ausdauer.« Auch auf die Kameradschaft mit dem Gatten wird hingewiesen. Endlich schrieb die Witwe eines in den Alpen verunglückten Bergsteigers: »Obgleich mir von den Bergen das tiefste Leid zugefügt wurde, so vermag dies doch nicht einen Schatten auf all das Glück zu werfen, das mir an der Seite meines Mannes von den Bergen geboten wurde. Nie in meinem Leben werde ich die unaussprechlich erhabenen Augenblicke vergessen, wo wir uns so ganz und gar eins mit der Natur fühlten. Zu ihr flüchtete ich auch in meinem höchsten Leid und fand in den Bergen Trost und Kraft, mein Schicksal zu ertragen.« Auch im einzelnen geben die Damen recht verständige Ratschläge, indem sie vor zu frühzeitigem Steigen, vor Rekords, zu scharfem Tempo und sonstigen jugendlichen Übertreibungen warnen, gleichzeitig aber konstatieren, daß oft Sechzigjährige noch recht gute Bergsteigerinnen sein können. Daß wir selbst unseren Idealen treu blieben und fest zu unseren Bergen hielten, versteht sich wohl von selbst. Wenn immer möglich, zogen wir hinauf. Freilich, das Leben mit seinen wachsenden Berufsanforderungen und zu Anfang auch die Ehe mit ihren Konsequenzen brachten dann und wann unumgängliche Einschränkungen mit sich, aber das alles konnte höchstens stören, nicht verhindern. Im allgemeinen wurde ich ja dabei mit der Zeit allerdings ruhiger, welchen Einfluß ich der Ehe gern einräume. Wohl machten wir da und dort noch verwegene Seitensprünge oder arrangierten ein romantisches Freilager in unserem Zelt, das uns nie verließ, in der Hauptsache aber zogen wir gesittet und nach den Regeln der Kunst auf unsere Berge, um unsere Aufmerksamkeit dem zuzuwenden, was es zu sehen gab, es intensiv und verständnisvoll zu genießen, was mir, wie schon früher ausgeführt, immer mehr als die Hauptsache erschien. Und wie schön waren diese Weihemomente gar jetzt, wo wir uns von Jahr zu Jahr mehr verstanden, von Jahr zu Jahr auf eine längere Kette reizvoller Erinnerungen zurückblicken konnten, die uns im Verein mit dem Planen neuer Touren so viele Alltagsstunden verschönten. In bezug auf die Wahl der Gebiete wurde ich allmählich verwöhnt. Angesichts meiner wachsenden Gebundenheit in der Zeit konnte es sich für mich nicht darum handeln, ganze Gebirgsteile systematisch zu durchforschen, was ja auch seine Reize hat. Auch die Photographie, die besonders packende Gegenstände verlangt, hielt mich davon ab. Mein Streben war vielmehr darauf gerichtet, Frau Maud die Hauptschönheiten der bedeutendsten Gebirgsteile zu zeigen. So wurden wir in gewissem Sinne alpine Feinschmecker, die nur das Beste und Schönste vorwegnahmen, was ich gerne und durchaus unreumütig gestehe; denn der Alpinismus war mir eben ein Genuß und eine Erholung, und ich sehe nicht ein, weshalb ich da nicht aus dem Vollen schöpfen sollte. Wie sehr Frau Maud Alpinistin geworden war, zeigte sich sofort nach unserer Rückkehr von der Hochzeitsreise. Wir hatten nur wenige Tage Zeit, um unser neues Heim zu genießen. Dann rief mich der Dienst, und während ich zum Krieg im Frieden hinauszog, nahm Frau Maud gräßliche Rache dafür, daß ich die Hochzeitsreise mit zwei Frauen gemacht hatte, indem sie dieselbe jetzt allein fortsetzte. Zu ihrer Entschuldigung muß allerdings gesagt werden, daß sie sich dabei redlich Mühe gab, um den Vorsprung, den ich in der Lichtbildkunst vor ihr voraus hatte, nachzuholen. Sie nahm sich dieselben Führer, die wir zusammen gehabt hatten und ging nach allen den Stellen, an denen meine photographische Kunst aus irgendeinem Grunde versagt hatte. So brachte sie eine ganze Reihe prächtiger Bilder nach Hause, die mir von höchstem Interesse waren. Wie unterhaltsam und so gar nicht haushaltungsmäßig gestalteten sich dann die langen Winterabende in der Dunkelkammer, wo aus den weißen Platten eine schöne Erinnerung nach der andern ans Licht gezaubert und unsere ganze Reise in dem dunkeln, rot erleuchteten Zimmerchen noch einmal durchlebt wurde! Im Sommer 1895 freilich, der auch meine Versetzung nach Berlin brachte, waren die Verhältnisse doch stärker als wir, und Frau Maud mußte mich zweimal allein wegschicken. Ich hatte dabei noch eine Rechnung mit dem Matterhorn auszugleichen, dessen photographische Ausbeute mir nicht genügte, da ich eine Monographie über den Berg schreiben wollte. Weiterhin wandte ich mich dem Berner Oberland zu, das unser nächstes gemeinschaftliches Ausflugsgebiet werden sollte, und in den folgenden Jahren zogen wir über das Engadin, die Ortler, und Ötztaleralpen nach dem Osten, um Frau Maud auch meine geliebten Dolomiten zu zeigen. Davon seien einige Hauptmomente hervorgehoben. Berner Oberland. Daß das Berner Oberland die Perle der schweizerischen Nordalpen ist, wurde schon früher erwähnt. Manchen ist es das vornehmste Gebiet der Alpen überhaupt. In gewissem Sinn nicht mit Unrecht. Es ist der klassische Boden alpiner Eis- und Firnpracht, der in seinem unerhörten, wechselvollen Gestaltenreichtum zuerst die Pioniere der großen alpinen Zeitepoche anzog und an Abwechslung und Kontrasten wohl unerreicht ist. Es gibt kaum ein Gebirge, wo sich die eisigen Firne so wuchtig, abenteuerlich und malerisch aus einer ausgesucht schönen und herrlich grünen Tallandschaft erheben. Für mich selbst kam, da ich nun einmal ein alpiner Genießer war, nur der zentrale Gebirgsteil zwischen Lauterbrunner und Aaretal in Betracht, der, in dem Finsteraarhorn kulminierend, im Norden neben dem Schreckhorn, Mönch und Eiger die Jungfrau und das Wetterhorn als stolze Eckpfeiler trägt und die gewaltigen Kessel des obern und untern Grindelwalder Gletschers umschließt, im Süden aber in dem Aletschgletscher und Fiescherfirn sich langsam und weniger malerisch nach dem Rhonetal zu hinabsenkt. Mein diesjähriges Ziel war das Wetterhorn (3703 m), dessen prächtig massive und doch so graziöse Gestalt, ein glitzernder Firnzacken über ungeheuren Felsen und dem darunter befindlichen fröhlich grünen Land den Glanzpunkt des schönen Grindelwald bildet. Ich machte die Besteigung auf dem gewöhnlichen Wege von Grindelwald über den obern Grindelwaldgletscher und die Glecksteinhütte und stieg dann nach jenseits in das Rosenlauital ab. Sie verlief in Gesellschaft Ulrich Kaufmanns, eines prächtig trotzigen alten Kumpans ohne besondere Abenteuer, und hat bleibende Eindrücke in mir zurückgelassen. Grindelwald mit Wetterhorn. Da war die mächtige trümmerreiche Felswand, die sich von dem Gletscher in allerhand riesenhaften Formen breit bis unmittelbar unter den Gipfel hinaufzieht, eine düstere Welt für sich, die merkwürdig zu der glitzernden Firnenpracht des gegenüberliegenden Schreckhorns abstach. Da war der schneeverwehte Gipfel, auf dem wir rittlings sitzend einen Ausblick von einfach ungeheuerlicher Pracht und Großartigkeit hatten. Man sehe sich nur diese riesenhafte Gestalt des Eiger an, der sich so scharf aus dem grünen Land zur Rechten erhebt, den schneeweißen Mönch mit seiner dachförmigen Kante, hinter der noch die Jungfrau hervorlugt, die nach Süden ziehenden Schneehänge und darunter den abgrundtiefen, gewaltigen Eismeerkessel! Da waren die ungeheuren Felsen beim Abstieg und das schöne, romantische Rosenlauital mit seinem edelgeformten Wellhorn! Gewiß, es gibt nur wenige Touren von solcher Schönheit! Bei meiner Rückkehr beschenkte mich dann Frau Maud mit einem Töchterlein, das in Erinnerung an die Hochzeitsreise den Beinamen »Matterl« erhielt. Ein überaus arbeitsreicher Winter folgte, denn der Große Generalstab versteht in diesem Punkt keinen Spaß, und auch in dem folgenden Jahr, das wiederum dem Berner Oberland gewidmet war, hatten wir nur acht Tage zu unserer Verfügung. Acht kurze Tage, von denen dazu noch mindestens zwei für Hin- und Rückreise wegfielen, was wollte das besagen, dazu noch in dem regenreichen Sommer 1896! Sie verflogen mit Sturmeseile, und ehe wir es uns versahen, saßen wir wieder zu Hause. Es war wie ein kurzer Traum, und doch bedeutete er eine Welt von Ewigkeitserinnerungen. Unser erstes Ziel war das Schreckhorn (4080 m), dessen Anblick mir seit unserem Abstieg von der Berglihütte nicht mehr aus dem Kopf gegangen war. Finsteraarhorn vom Mönch. Es ist etwas Geheimnisvolles um diesen Berg, auch wenn man von seinem bezeichnenden Namen absieht. Im Innern des Gebirgs gelegen, tritt er nicht so hervor wie die Jungfrau oder das Wetterhorn, und keine grünen Matten umsäumen seinen Fuß. Dafür ist aber auch alles wilder ursprünglicher. Die Kessel, die ihn zu beiden Seiten umgeben, sind so mächtig und großartig, wie nur irgendein Alpenzirkus. Dazu kommt, daß die Besteigung lange vergeblich versucht wurde und wegen Steinfalls und Lawinengefahr, wovon mehrere Unglücksfälle erzählen, berüchtigt ist. Auch die Sage hat sich des Berges mit seinen beiden »Täubchen« auf dem Gipfel bemächtigt, die verdammte Seelen sein sollen, und es ist nicht gerade verwunderlich, wenn eine junge Dame, die einst unmittelbar unter dem Gipfel biwakieren mußte, sich allerhand poetische Gedanken über die Sturmgeräusche machte, die sie dort oben zu hören bekam. »Noch immer schweben mir die tausend und abertausend von Strahlenglorie umflossenen Gestirne vor. Aber unheimliche, gedehnte Laute schreckten mich aus dem Verkehr mit den höheren Welten auf. Uh, uh, uh, drang es aus der Tiefe ganz schauerlich empor. War es ein Chor von Nachteulen, uns hilflosen Menschenkindern das nahe Unheil verkündend? Bald änderte sich der Ton, und ich vernahm wie Geheul eines hungernden Wolfes. Dann durchflog es die Lüfte in schrillem Pfiff, und darauf erfolgte Gewinsel und ersterbendes Gestöhn. Vielleicht ein armes gejagtes Tier, das der wilde Jäger verfolgt und getroffen? Zuletzt glaubte ich gar noch, das Seufzen und Jammern rühre von einer abgeschiedenen Seele her, welche auf einsamer Klippe für begangene Missetat zu büßen hat.« Uns selbst sah ein Sommerabend in der Schwarzegghütte, wo wir den prächtig wilden Eismeerkessel in allen Stadien des Sonnenuntergangs bei stürmisch düsterm Himmel bewundern konnten, während jenseits der schmalen Lücke zwischen Eiger und Mettenberg die grüne Landschaft in friedlichem Abendrot erstrahlte. Bald nach dem Abmarsch am andern Morgen sandte uns das Schreckhorn seinen Morgengruß in Gestalt einer Steinkanonade herab, die mitten zwischen unsere Gesellschaft hineinprasselte, so daß der Schnee ringsum nur so aufspritzte. Wie das Leben in die noch Schlaftrunkenen brachte! Wie besessen stoben wir auseinander, bis wir endlich in Sicherheit waren. Es war nichts passiert. Nur Stabeler, unser Leibführer, hatte einen Stein auf seinen Rucksack bekommen, aber es war dafür gesorgt, daß da nichts hindurchging, und nach einem kräftigen Schluck konnte man ihn darüber belehren, wie gut und nützlich es sei, die Rucksäcke entsprechend voll zu beladen. Über den endlosen Anstieg an der breiten Kesselwand hinauf zum Grat ist nicht viel zu sagen, während hier sonst eine Hauptschwierigkeit darin besteht, eine gefahrfreie, nach den Verhältnissen stets sich ändernde Route zu finden, stiegen wir angesichts des außerordentlich tiefen Schnees gerade in die Höhe, was allerdings einige Lawinengefahr bedeutete. Dann folgte eine hochinteressante Kletterei auf dem scharfen Felsgrat, an dem »Elliotwändle« vorbei, wo jener verwegene Tourist, der sich nie anseilte, einst abstürzte, und mit dem Erreichen des Vorgipfels kam dann der Triumph des Tages. Schreckhorngipfel Man kann sich kaum einen Begriff von dem Gipfelblock machen, der sich so ungeheuerlich wild aus den Abgründen und der blendenden Firnenpracht ringsum erhebt, ein Koloß von unerreicht packender Eigenart. Dazu dieser Marsch da hinüber, der in seiner schaurigen Pikanterie allein schon die Anstrengungen einer Hochtour wert ist! Die Pracht der Aussicht liegt ausschließlich in ihrer grandiosen Wildheit, in der Eisesstarre der Gletscherwelt ringsum, die sich zu allen Seiten in phantastischen Formen aus den ungeheuren Tiefen erhebt, was will da das bißchen grüne Land besagen, das sich zwischen Eiger und Wetterhörnern schüchtern hervorwagt! Man mag sich einen Ausschnitt aus dem Rundblick nehmen, wo man will, im Nordosten bei den edelgeformten Pyramiden der Wetterhörner, im Osten bei dem türmereichen Lauteraarhorn, dem ausgedehnten Strahleggfirn, im Süden bei dem alles überragenden Finsteraarhorn, im Westen bei dem Tiefblick auf das Eismeer und hinüber zu Jungfrau, Mönch und Eiger: überall dieselbe starre, abgründliche Eisespracht, überall das bebende Gefühl der Einsamkeit, Kleinheit und Verlassenheit und – das stolze Sichdarübererheben! Lauteraarhorn und Finsteraarhorn vom Schreckhorn. Und das alles stürmt gleichzeitig auf uns ein, gräbt sich ein im tiefsten Innern in ewigen Schauern. Nach einer solennen Rutschpartie beim Abstieg und einem fröhlichen Abend in der Hütte zogen wir andern Tags durch den prächtigen Eismeerkessel zu der uns wohlbekannten Berglihütte, um unsere Aufmerksamkeit dem Mönch zuzuwenden. Zunächst schien uns das Glück nicht gerade hold zu sein. Wir trafen eine völlig überfüllte Hütte vor und waren froh, als wir nach Mitternacht annehmen konnten, daß es Morgen sei. Kein einziger Stern leuchtete an dem rabenschwarzen Himmel, als wir, im ganzen vier Partien, in dem tiefen Schnee zum Unteren Mönchjoch hinaufwateten. Ein heftiger Wind wirbelte die Flocken hoch auf und hüllte die verschneiten, schattenhaften Menschengestalten wie in Wolken ein. Man konnte glauben, es handle sich um eine Polarexpedition in der ewigen Winternacht. Nach einigen Schwierigkeiten an dem Schrund des Untern Mönchjochs trat dann allmählich die Dämmerung ein, und ein stürmischer Tag brach an. Ohne Unterbrechung tobte der Sturm, dicke Wolken jagten hin und her, und es schneite und hagelte durcheinander, als gehe es an das jüngste Gericht. Was Wunder, daß wir da den Rückzug antraten! Andern Tags sah es draußen allerdings nicht viel besser aus, und wir mußten die Besteigung eben erzwingen. Es war ein merkwürdiges Wetter, als wir den Grat vom Obern Mönchjoch anstiegen. Die Nebel, die uns einhüllten, verflüchteten sich dann und wann, so daß der massige Berg mit seinen scharfen Kanten und langgestreckten Schatten hin und wieder aus dem huschenden Gewölk hervortrat, ein eigener und in seinem beständigen Wechsel beinahe geisterhafter Anblick. Auf dem breiten Gipfelplateau kamen wir dann wieder in dicke Nebel, und Stunde um Stunde verrann in trostlosem Warten. Da, als wir schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, zeigte sich plötzlich ein dunkler Fleck in dem einförmigen Grau und verdichtete sich zu einem zackigen Felsen in dem sich senkenden Wolkenmeer, während darüber der klare Himmel zum Vorschein kam. »Das ist ja der Gipfel der Jungfrau!« Laut jubelten wir es hinaus in grenzenloser Freude und noch größerer Erwartung, was wohl sich noch dort drüben enthüllen würde? Aber unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Bleischwer und unbeweglich lagerte die Wolkenwand über der Erde, und der starke Westwind war eher unheilkündend, als glückverheißend. Mehrfach schien es sogar, als sollte der stolze Bau dort drüben wieder von den Nebeln verschlungen werden. Eine bange, erwartungsvolle halbe Stunde verstrich so, als plötzlich ein frischer Windstoß in die Wolkenklumpen hineinfegte und ein tiefes Loch riß. Der luftige Sturmgott siegte, die graue Nebelwand wich, immer mehr trat der herrliche felsgezackte Berg hervor, immer höher hob er sich in die Lüfte, immer tiefer öffneten sich die Abgründe zu beiden Seiten, bis schließlich das ganze herrliche Gebilde im Sonnenglanz über den Wolken erstrahlte, ein märchenhafter Anblick von geradezu dramatischer Bewegung. Wie aber stand es mit den andern Größen des Gebirgs? Wohl hüllten sie sich noch in dicke Nebel ein, aber der Bann war gebrochen, und eine nach der andern wagte sich aus der grauen Hülle hervor, eine schöner als die andere: Schreckhorn, Finsteraarhorn, Aletschhorn, Eiger, und wie sie alle heißen. Jungfrau vom Mönch. Unsagbar dankbare Erinnerungen durchzogen mich beim Anblick dieser einzigartigen Wandelbilder. Also dort drüben, über dem dicken Wolkenmeer waren wir auf dem mächtigen Schreckhorn gestanden, hatten den Fuß auf die sagenhaften »Täubchen« gesetzt und waren durch diese brodelnde Urwelt bis hier herauf gedrungen! Und dort war mein Finsteraarhorn, mit seinen charakteristischen Stufen, das ich vor 10 Jahren bezwungen, wie stolz war ich damals gewesen, auf diesem höchsten Gipfel des Berner Oberlands zu stehen, der an Wildheit der Aussicht beinahe noch das Schreckhorn überbietet! Wie hatte es mir imponiert, als ich, auf dem Schlußgrat sitzend, einen Stein nach jenseits in die Tiefe fallen ließ, um zu sehen, wie lange er wohl brauchte, um diese mächtigste Felswand der Schweiz hinunterzufallen. Ich habe sehr langsam dazu gezählt: eins, zwei, drei, und doch bin ich auf einundzwanzig gekommen, bis ich ihn zum erstenmal aufschlagen hörte. Dann wieder der Blick dort hinüber zur Jungfrau mit ihrer Erinnerung an die Hochzeitsreise! War das nicht wieder so eine Weihestunde, die das ganze Leben verklärte? Auch beim Abstieg, der erst nach Stunden angetreten wurde, hatten wir mächtig Glück. Bei der Berglihütte waren wir im Zweifel, ob wir eine kurze Rast machen sollten. Schließlich hatte sich die Aussicht auf einen warmen Tee, den uns Frau Maud anbot, doch als zu verlockend erwiesen, und wir waren eingetreten, um bald darauf das furchtbare Donnern einer Lawine zu hören, die unmittelbar neben dem Berglifelsen herabstürzte: Eine gespenstige Wolke von hochaufwirbelndem Schneestaub langsam vorausschreitend, dahinter polternde Trümmer, deren Dröhnen laut von den weiten Wänden ringsum widerhallte, und lange noch, als das Ungeheuer friedlich dort unten auf dem Gletscher lag, leise nachrieselnder Schnee. Wir aber sahen uns schweigend an. Unser Weg, der dort im Zickzack an dem steilen Hang hinunterführe, war von den Schneemassen tief bedeckt, und jeder, der sich da befunden hätte, wäre ebenso von ihnen begraben worden, wie das einige Jahre später einer Partie von zwei Touristen und fünf Führern passierte, von denen fünf das Leben verloren; darunter der berühmte Alexander Burgener. Wir selbst stürmten später in wilder Hast über die gefahrvolle Stelle hinweg, dann ging es in ein trostloses Regenwetter hinein, das den ganzen Tag über unten geherrscht hatte. Doch was bedeutete das uns, die wir trotz der kurzen Spanne Zeit lebenslange Erinnerungen mit uns trugen! Fröhlich zogen wir wieder in den Alltag hinein, und Frau Maud beschenkte mich nach einem Vierteljahr mit meinem ersten Jungen, Max, der zur Erinnerung an diese ereignisreiche Tour den Beinamen »Schreckerle« erhielt. In späteren Jahren zogen wir noch einmal zum Jungfraujoch hinauf, um über die dort zu erbauende Station der Jungfraubahn ein Bild zu gewinnen. Man mag über diese Bahn denken wie man will, jedenfalls gewährt sie einer Menge Menschen, die sonst nie in das richtige Hochgebirge kommen würden, einen intimen Einblick in dasselbe – falls sie sich nämlich auf den Nordhang des Jochs hinauswagen. Auch der Ausblick von der Station Eismeer ist im hohen Grade lohnend durch die Intimität des Blicks auf die riesenhafte Gletscherwelt. Nordhang des Jungfraujochs. Wenn Firnenglanz und Gestaltenreichtum die Schönheit der Höhen des Berner Oberlandes ausmachen, so ist Eleganz und Abwechslung die Eigenart des Fremdenlebens in Interlaken mit seinen beiden herrlichen Seen. Im übrigen muß gesagt werden, daß für den, der diese Eleganz nicht oder nur ausnahmsweise liebt, sich zahlreiche hübsch gelegene Punkte in der Umgebung abseits von der großen Heerstraße befinden, die sich durch außergewöhnliche Billigkeit und Reellität auszeichnen. Ober-Engadin. Meint man nicht, man stehe vor einem norwegischen Fjord, wenn man diese Seenreihe vor sich sieht, mit den steilen Hängen, den Schneefeldern und massigen Bergen darüber? Aber während das düstere Grau des Nordlands auch düstere Gedanken erweckt, herrscht hier eine märchenhafte Farbenpracht und Vielseitigkeit, in der Wälder, Wiesen, glitzernde Seen und Gletscher mit dem blauen Himmel sich zu überbieten suchen. Dazu die zahlreichen Ortschaften mit ihren schmucken Häusern, die überall hervorlugen, und die sonstigen unzähligen malerischen Kleinigkeiten! »Vor allem aber ist das Licht, das aparte, reine, kindliche Licht das Geheimnis dieses merkwürdigen Tales.« Auch die Trennung der Gewässer in mehrere Seen bringt gegenüber der Fjordlandschaft eine größere Abwechslung mit sich, zumal diese Seen durch Talbarrieren voneinander getrennt sind, die der Landschaft den Charakter des Mittelgebirgs inmitten der schneebedeckten Riesen geben, welch unvergleichliche Fülle von Spaziergängen jeder Art bis hinauf zur Hochgebirgswanderung gibt es da! Alles in allem ist das Engadin eine sehr vornehme Landschaft, die bekanntlich ein recht verwöhntes Publikum anzieht und als das eleganteste Viertel der Alpen gilt, das sich nur noch mit den großen Badeorten der Riviera vergleichen läßt. Man fährt da im Wagen hinauf zum Malojapaß, wo »die Verblüffung des abrupt in die Tiefe stürzenden Bergells wie ein plötzlich in die Hölle gefallenes Stück Engadin neben dessen Schönheitstraum steht,« rudert auf den Seen, bummelt im schönen Fex-, Roseg- oder Morteratschtal, fährt hinauf zu Muottas Muraigl, besteigt auch den Piz Languard, Corvatsch oder gar den Piz Morteratsch, alles Aussichtsberge erster Klasse, überschreitet die Diavolezza und führt im übrigen ein luxuriöses Hotelleben mit all seinen interessanten Pikanterien, während im Winter der intensivste und exklusivste Sport getrieben wird, zu dem nur Geldbeutel erster Klasse zugelassen sind. Vornehm ist auch die Berninagruppe, das hauptsächlichste Gebirge des Ober-Engadins. Als ein mächtiger, von West nach Ost ziehender Eiswall, von dem die Seitenarme des Piz Corvatsch, Piz Bernina und der Diavolezza nach Norden ins Berninatal abfallen, hebt es sich in ruhiger Pracht in den Himmel hinein. Wir sehen da keine scharf ausgeprägte Gipfelbildung, und nur wenig erheben sich die Spitzen über die Kämme. Dafür herrscht aber eine um so vielgestaltigere Entwicklung der überaus großartigen Gletscherwelt. Je mehr wir in das Gebirge eindringen, um so mehr müssen wir über den Reichtum der eisigen Gletscherformen staunen. Nirgends sehen wir jene monotonen Firnhänge, welche in den Schneeregionen so oft das Auge ermüden. Überall sind den Firnen phantastische Eisgebilde vorgelagert, zackige Grate ziehen sich an ihnen herab, durchbrechen die gewaltigen Formen und erregen das Entzücken des Bergsteigers immer von neuem. Das vor allem bewirkt es, daß man das Gebirge um so mehr lieben lernt, je mehr man sich mit ihm vertraut macht. Piz Bernina und Piz Morteratsch von der Diavolezza. Auch uns ging es so im Jahre 1898, obgleich wir nur wenige Tage zur Verfügung hatten. Es machte mir dabei zunächst ein besonderes Vergnügen, über die Diavolezza zu gehen, bei welchem Spaziergang ich die Erinnerung an meine Wintertour auffrischen, sie Frau Maud erzählen und über die Wechselfälle des Lebens nachdenken konnte. Wie sich die Dinge ändern können! Man hält es oft für ganz unmöglich, und doch folgt dem Winter immer wieder der Frühling und Sommer. Piz Roseg. Die nächste Besteigung galt dem Kulminationspunkt der Gruppe, Piz Bernina (4052 m). Von der Diavolezza gesehen, ähnelt dieser Berg der Jungfrau von der Wengernalp, ohne im übrigen ihren Gestaltenreichtum zu erreichen. Die vornehm einfache Engadiner Ruhe tritt da mehr hervor, als bei der Perle des Oberlands. Die Tour charakterisierte sich im allgemeinen als eine mühsame Schneewaterei, bei der die zerklüfteten Eismassen des »Labyrinths«, der Sonnenaufgang an dem Felskoloß der schönen Crast' Agüzza und der herrliche Gipfel des Berges als erhebende Glanzpunkte hervortraten. Es ist ein messerscharfer Firngrat, wie man nur selten einen findet, der sich dort oben im Zickzack hin- und herzieht und mit seinen plastischen Schatten und reizvollen Lichtern auf engstem Raum eine Welt voll eigen eisiger Pracht über den Abgründen bildet. Auch die Aussicht ist überaus großartig, vor allem nach Süden auf den majestätischen Monte della Disgrazia, den schönen Unglücksberg. Der Abstieg an dem steilen Hang war infolge des inzwischen durch die Sonne gelockerten Schnees, der kein Stufenschlagen erlaubte, recht heikel. Der Piz Morteratsch (3754 m), dem dann ein Besuch abgestattet wurde, hat als Aussichtsberg vor seinen schon erwähnten Genossen den Vorteil voraus, daß er sich mitten im Gebirge befindet und sein Ausblick instruktiver und großartiger ist. Auch ist seine Besteigung nicht so ganz bedeutungslos, wie ein Abenteuer zeigt, das drei Touristen und zwei Führern begegnete, die von einer losgelösten Lawine über 300 Meter weit in die Tiefe gerissen, in Spalten geworfen und wieder herausgeschleudert wurden, ohne daß im übrigen jemand erhebliche Verletzungen erlitt. Wir selbst nahmen uns alle Zeit zu der interessanten Tour und bewunderten den mächtigen Gipfelblock mit seinen beiden wächtengekrönten Kuppen, seinen prächtig glitzernden Schneeflächen und den langgestreckten Felsenschatten nach Gebühr. Auf dem Gipfel zeigte sich uns eine wunderbar wilde Aussicht. Da war vor allem der nahe Piz Bernina mit seinem mächtigen Turm und der berüchtigten Scharte, daneben der breite Monte Scersen, von dessen Überschreitung Güßfeld eine so abenteuerlich plastische Schilderung gegeben hat, und endlich mein Lieblingsberg in der Gruppe, der interessante Piz Roseg. Wohl eine Stunde lang hielten wir uns auf dem breiten Firnplateau in jener wohltuenden, unendlichen Ruhe auf. welche das Gemüt für die Schönheit und Größe des Hochgebirgs so empfänglich macht. Bernina, Scersen und Roseg vom Piz Morteratsch. Prächtig war auch die Besteigung des Piz Roseg (3943 m), dieses bergsteigerischen Glanzpunktes der Gruppe. Ganz in dem Gebirge versteckt, zeigt dieser dreigegipfelte Berg die packendste Eigenart. Nach jeder Seite hin hat er ein anderes Aussehen, ist bald scharf und spitzig, bald breit und klotzig, immer aber stolz und unnahbar. Unter dem Gipfel des Piz Roseg. Für die anfängliche Schneestampferei bei der Besteigung brachte der Grat die Belohnung. Wie das elektrisierte, dieser prächtige Gipfel mit seinem scharf ansteigenden Firngrat und dem höllenartigen dunkeln Felskessel darunter, den gezackten Kämmen und dem brodelnden Nebelmeer mit seinen Felseninseln, das sich so weit, weit hinaus unter dem blauen, farbenfrohen Himmel erstreckte! Dann der Marsch zu der Scharte mit dem Blick auf die Größen des Gebirgs: Piz Zupo, Crast' Agüzza, Piz Argient mit seinem Steilabfall und dem zackigen kleinen Piz Roseg vor dem Nebelmeer dort unten! Der steile Anstieg zum Gipfel war etwas heikel, da in dem dünnen, die Felsen verdeckenden Eis keine richtigen Stufen geschlagen werden konnten. Noch prickelnder war der Gang über den wächtengekrönten Schlußgrat mit seinen eigentümlichen Firnbildungen und langgestreckten Schatten. Aber so unsicher wir uns auch auf dem trügerischen Boden fühlten, der Reiz dieser eigentümlichen Gipfellandschaft, in der man sich über dieser Erde wähnte, wurde dadurch nur noch größer. Gipfelkamm des Piz Roseg. Auf dem Gipfel stiegen wir des Sturmes wegen etwas nach jenseits hinab, wo wir in einer Eisnische Schutz fanden und in Ruhe die Wunder ringsum betrachten konnten, während die Führer neugierig herumkletterten. Welch merkwürdige Polarpracht wir da vor uns hatten, alles so ganz anders, als hier unten! Eindrucksvoll, ergreifend, zum Nachdenken stimmend; bedrückend und im Gefühl des Sieges doch erhebend, wieder einer jener Momente, die man nicht vergißt, die die kleinen Fesseln des Alltags nicht mehr kennen, die Gefahr milde belächeln und einem mehr geben, als man je verlieren kann. Ortlergruppe. Wo immer die Ortlergruppe das übrige Volk von Bergen weit überragend am Horizont erscheint, wenden sich ihr die Blicke wie einem besondern Edelstein bewundernd zu. Es ist vor allem das Dreigestirn von Ortler, Zebru und Königsspitze, das unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht, und man kann ruhig sagen, daß es kaum irgendwo eine so stolze Reihe von Schwesterbergen gibt, wie diese; denn neben dem massigen Ortler kommt die schlanke Pyramide der Königsspitze in ihrer edlen Form doppelt prächtig zur Geltung, und wenn auch der Zebru zwischen den beiden weniger hervortritt, so bildet er doch die Vermittlung zu der heiligen Dreizahl, die den Wechsel in der Einheit bedeutet. Dazu kommt, daß die Gruppe neben ihrer überragenden Höhe eine solche Menge packendster Berggestalten und einen so seltenen Reichtum der Eisformen zeigt, daß sie als die Herrscherin der Ostalpen gilt, an die sich höchstens noch die Glocknergruppe heranwagen kann. Alt-Sulden. Rein geographisch kann man die Grundform des Gebirgs mit einem Kreuz vergleichen, dessen Arme von dem Mittelpunkt Cevedale-Suldenspitze im allgemeinen nach den vier Himmelsrichtungen auseinandergehen. Der touristische Schwerpunkt liegt in Tirol, wo der Westkamm die Hauptgipfel der Gruppe überhaupt trägt, während der Laafer Kamm von leicht erreichbaren Aussichtsbergen geradezu besät ist. Demgegenüber kann der italienische Südkamm trotz seiner imponierenden, aber einfacheren Gesamtgestaltung nicht aufkommen, und die nach Osten verlaufenden Marteller Alpen mit dem gleichnamigen Tal haben nur als Zugangsweg Bedeutung. In touristischer Beziehung war die Gruppe damals wenigstens das genaue Gegenteil des eleganten Engadins, tirolerisch gemütlich, und es ist nicht uninteressant, sich die Entwicklung von Sulden, dieses Hauptzentrums des Gebirgs, etwas näher anzusehen. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bestand der Ort aus einem kleinen, malerischen Kirchlein, dem Vidum des Kuraten und ein paar zerstreut herumliegenden Bauernhäusern. Hier herrschte als Seelenhirte der Kurat Eller mit seinen drei Schwestern Katharine, Magdalene und Philomene, denen sich später, wie das so geht, noch ein Schwager hinzugesellte. Ein echter Menschenfreund von humaner Gesinnung und praktischem Blick, nahm Eller die wenigen Gäste, die sich in das entlegene Tal verirrten, in patriarchalischer Weise auf und bewirtete sie in seiner Familie. Es waren im ganzen nur vier im Jahre 1863, aber ihre Zahl wuchs und wuchs, Schutzhütten wurden auf den Bergen ringsum erbaut, Wege angelegt, und so konnte es nicht ausbleiben, daß bei Eller allmählich ein Gasthaus entstand, in dem sich die drei Schwestern in die Verpflegungsgeschäfte teilten, während der vielbeschäftigte Schwager den Dienst des Bureaus, des Auskunftsmenschen, Führervermittlers und alles dessen übernahm, was eben sonst noch dazu gehört. Der würdige Kurat aber schwebte über dem Ganzen, und vor allem machte es ihm ein Vergnügen, bei den Mahlzeiten zu präsidieren. Am oberen Ende der Tafel sitzend, sprach er sein Gebet, das man stehend mit anzuhören hatte, ehe die Schwestern mit ihren dampfenden Schüsseln anrückten und die Andacht der jungen Bergsteiger rasch und energisch ablenkten, während der Mahlzeit unterhielt er sich mit seinen Nachbarn und gab Ratschläge und Winke aller Art. Vor allem aber wandte er seine Aufmerksamkeit dem Essen zu. Die kleinen Äuglein leuchteten ordentlich aus dem etwas derben Gesicht mit der langen, breiten Nase und der stark herunterhängenden Unterlippe, wenn seiner soliden Hausmannskost gehörig zugesprochen und kräftig eingehauen wurde, was ja meist der Fall war, verfinsterte sich aber zu offenem Groll, wenn es je einmal einem nicht schmeckte. Er konnte da geradezu grob werden, denn »zum Bergsteigen gehört ein guter Hunger«. So hat sich mancher, darunter auch einst ich, um geringes Geld bei ihm herausgefüttert und zu neuen Taten gestärkt. Da nun die Zahl der Sommergäste schon 1888 auf rund 1000 im Jahre angeschwollen war, so vergrößerte sich das Hotel schließlich bis über die Straße hinweg, und da, der ganzen Sachlage entsprechend, von Gesellschaftsräumen keine Rede war, so lebte man tagsüber fröhlich und ungezwungen gewissermaßen auf der Landstraße. Interessant ist es auch in dem Fremdenbuch zu blättern, das ein amüsantes Dokument für die Psychologie des Gebirgsreisenden bildet. Zunächst sehen wir da Leute aller Art aus aller Herren Länder friedlich um den Tisch des Kuraten herumsitzen: aus Moskau, Halle, Paris, San Franzisko, Graz, London, Wien und Berlin; Erbprinzen, Dienstmädchen, Studiosi, neben Kommerzienräten von schwerem Klang, Senatoren und Handlungsbeflissenen, alles bunt durcheinander; denn im Gebirge hören ja alle Unterschiede auf. Freilich, so ganz verschwinden sie doch nicht, und dann und wann vertraut einer seine heimischen Würden mehr als nötig dem Fremdenbuch an. Wir finden da den Regierungsrat und Oberbürgermeister, den Oberstabs- und Regimentsarzt, den Anstalts geistlichen, den Bürger schuldirektor – muß es gerade eine Bürgerschule sein? – die Generalswitwe und die Metzgermeisterstochter aus München. Daß die Ergüsse in dem Fremdenbuch vielfach poetischer Art sind, ist nun einmal eine menschliche Schwäche, die besonders bei dem Job des braven Kuraten verzeihlich erscheint. Auch die begeisterten Erzählungen der zahlreichen Erlebnisse von sternenhellen Nächten, überwältigender Rundsicht, grausigen Schneestürmen usw. wird man mit Interesse lesen. Spaßhaft ist ferner die gegenseitige genaue Kontrolle der Bergsteiger, ob sie ihre Gipfel auch wirklich erreicht haben, am merkwürdigsten aber erscheint die Spezies der Zeit-, Baro- und Klinometerfexen, deren Stil folgendermaßen lauft: »Ab 1 Uhr 30 morgens /Vidum/. An Königsjoch 6 Uhr 20. Schneehänge unter der Bergkluft mittlere Neigung von 36 Grad, zum Joch ziehende Wand 51 Grad Klinometer. Rast von 30 Minuten. Temperatur Max.: 9-½ Min.: -4 Grad Celsius, 1 Fuß ob Felsen. Ab 7 Uhr 10 Schnee sehr locker. Spitze 9 Uhr 3. Nebelstürme gegen Nordwest. Aneroid: 46 12,25/10 bei – 7 Grad Celsius. Ab 10 Uhr 10.« Da wendet sich der Naturfreund wirklich mit Grausen. Trafoier Tal. Alles in allem können wir aber trotz mancher Schwäche im einzelnen nicht umhin, die Unsumme von Kraft, Begeisterung, und gesundem Sinn zu bewundern, welche dem Gebirge entgegengebracht wird, und auch der Skeptiker muß zugeben, daß hinter dieser Bergfreudigkeit doch mehr steckt, als bloßes Fexentum, Renommisterei und sonstige Schwächen: die unwillkürliche Rückkehr des nervösen Städters zu einer großartigen Natur, zu fröhlichem Tatendrang, gesunder Bewegung und ungekünsteltem Wesen, das dem zu Blasiertheit neigenden modernen Menschen besonders nottut. Ortler. Wenn die Natur um Sulden einen vorwiegend wilden und großartigen Charakter zeigt, so ist in dem an der Stilfserjochstraße gelegenen, waldumgebenen Trafoi alles romantisch, lieblich und idyllisch, und man kann sich kaum einen prächtigeren, harmonischeren Blick denken, als den herrlichen Talabschluß des gletscherreichen Gebirgs über dem tannenbeschatteten Bache mit seinen friedlichen Wiesen. Da ist alles stilvollste Hochgebirgsgröße und vornehme Ruhe. Könisspitze vom Zebru. Was nun die Besteigungen betrifft, so sind die Aussichtsberge des Nordkammes: Schöntaufspitze, Vertainspitze, Tschengelser Hochwand, Schöneck, und wie sie alle heißen, von Sulden ausnahmlos bequem zu erreichen, und es ist durch Hütten dafür gesorgt, daß neben dem Genuß der Aussicht auch der leibliche Mensch nicht zu kurz kommt. Der Ortler ist mit seinen 3902 m Höhe eher als ein Bergmassiv, denn als Berg anzusprechen. Im Gegensatz zu der schlanken Königsspitze ist da alles Wucht und Masse. Ein weiter Gletscher, der obere Ortlerferner, bedeckt die ausgedehnte Felsmasse und ist von einem kleinen Firntrapez gekrönt, nach dem der Berg seinen Namen erhalten hat; denn »Ortle« bedeutet Spitzlein. Lucus a non lucendo , ein Gebirgsstock erhält von einem Spitzlein den Namen. Ortler vom Tabarettakamm. Die übliche Besteigung erfolgt über den nach Norden verlaufenden Tabarettakamm, der von Trafoi oder Sulden auf gebahntem Pfad erreicht wird. Einer Ritterburg ähnlich thront da die stattliche Payerhütte. Der Anstieg von hier aus dauert 3 Stunden und führt zunächst immer etwas unterhalb des Kammes entlang, bis man hinter dem Tschirfeck an den bekannten Bergschrund kommt, der auf das obere Gletscherplateau und dann zur Spitze führt, wenn die Besteigung an sich schon unschwierig ist, so kommt dazu noch, daß meist ganze Scharen von Touristen hintereinander da hinaufziehen und dafür sorgen, daß der Weg genügend ausgetreten ist. Das hat den Fexen Veranlassung gegeben, dieser Route den poetischen Namen »Kuhweg« zu geben, die prozessionsartige Wanderung aber »Ortlerschlange« zu nennen. Im übrigen ist der Ortler ein Berg der Probleme, an dem immer wieder neue Routen gesucht werden, da dem Fexen die von allen Seiten hinaufführenden »Wege« über Marltgrat, Hinterer Grat, Hintere Wandeln, Schückrinne und wie sie alle heißen, natürlich nicht genügen. Ortlergipfel vom Tschirfeck. Wesentlich schwieriger als der Ortler ist die Königsspitze. Schon das Königsjoch ist wegen seines lockeren Gesteins unangenehm, und dann folgt eine lange Eiskletterei an steiler Wand, die insbesondere im Abstieg nicht jedermanns Sache ist. Dagegen stellt sich die Besteigung des Cevedale von der prächtig gelegenen Halleschen Hütte aus als eine unschwierige Schneewanderung dar, wenn man nicht das Pech hat, in eine Spalte zu fallen. Bei allen diesen Bergen ist der Rundblick ein überaus großartiger und gewährt vielfach prächtige Einblicke in eine herrliche Eiswelt. Ich selbst war im ganzen viermal in der Ortlergruppe. Das erstemal 1887, als ich mit begeistertem Herzen und völlig leerem Geldbeutel von Schluderbach kam. Ein vergnüglicher Engländer, den ich unterwegs kennen gelernt hatte, begleitete mich. Er war ein spaßiger Kauz. Daß er schon drei Frauen geheiratet hatte, bewies seine Begeisterung für diese Welt, die sich auch sonst bei jeder Gelegenheit ganz im Gegensatz zu seinen Landsleuten kundtat. Königsspitze mit Schaubachhütte. Also wir zogen zusammen gen Sulden und stiegen zu der damals noch unbewirtschafteten Schaubachhütte hinauf, nachdem ich mich bei Eller entsprechend satt gegessen und für einige Tage verproviantiert hatte. Diese Eile war geboten, denn mein Barvorrat betrug nur noch wenige Kreuzer, und von dem sehnlich erwarteten Geldbrief zeigte sich natürlich nicht die geringste Spur. Ist schon jemals ein Geldbrief für einen Leutnant rechtzeitig eingetroffen? Nun bei Papa Eller hatte es ja mit der Bezahlung keine Eile, und mit dem Proviant war schon einige Tage dort oben auszukommen. So bestiegen wir zunächst den Cevedale trotz dickstem Nebel, und Tags darauf die Königsspitze, diesmal bei schönerem Wetter. Auch in meinem Innern folgte da auf die trübe Stimmung froher Sonnenschein. Die prächtige Tour brachte nämlich meinen Engländer in solche Begeisterung, daß er, auf dem Gipfel angekommen, mir strahlenden Auges die Hand drückte und mit einem für einen Briten kaum faßbaren Feuer erklärte, daß wir jetzt Freunde seien. Was konnte ich da anderes tun, als nach gut deutschem Jugendgebrauch nicht bloß einzuwilligen, sondern ihn auch um hundert Gulden anzupumpen? Und wahrlich, das Unglaubliche geschah. Ohne eine Miene zu verziehen, zog der Mann den Beutel aus der Tasche und drückte mir den blauen Lappen in die Hand. So etwas bringen nur die Berge fertig. Nun der Gentleman hatte seine Begeisterung ja auch nicht zu bereuen; denn wenn auch mein Geldbrief natürlich heutigen Tags noch nicht in Sulden angekommen ist, so wußte ich doch, was ich der Königsspitze schuldig war und ließ mich nicht schlecht finden. Wenn man im übrigen nach dem umstehenden Bilde meint, der Geist unseres Berges habe mit seinem verbissenen Gesicht keine gute Miene zu diesem Spiel gemacht, so ist das eine Täuschung, denn elf Jahre später, als ich wieder eine Aufnahme von ihm machte, konnte ich feststellen, daß er noch mit demselben grimmen Blick in das Suldental hinabsah. Beide Aufnahmen gleichen sich vollkommen. Der Gipfel der Königsspitze. Bei meiner zweiten Wanderung, 1897, mit Frau Maud hatten wir zunächst eine hübsche Zeit in dem schönen Trafoi, wo wir uns von der Alltagsarbeit erholten, am Ortler herumstiegen und es neben einigen unterhaltsamen Klettereien bei den heiligen drei Brunnen zu einer führerlosen Expedition in dem westlichen Teil der Gruppe kam, die ein ziemlich bedenkliches Abenteuer mit sich brachte. Wir hatten in der Gegend von Franzenshöhe den langgestreckten, recht schwierigen Gletschersturz des Madatschferners überschritten und, am rechtsseitigen Gletscherrand entlang gehend, das Tuckettjoch erstiegen, wo wir einen prächtigen Blick über die herrlichen Eisgefilde des Zebrutals bis hinüber zur Königsspitze hatten. Denselben Weg ging es dann wieder zurück. »Wir schritten«, so schreibt Frau Maud, »in Gedanken versunken über eine nahezu ebene, scheinbar harte Firnfläche, als mein Mann plötzlich mit einem Bein einbrach. Gleich darauf sank er auch mit dem andern in die sich öffnende schmale Spalte, und hätte er nicht die Geistesgegenwart gehabt, im Fallen den Pickel quer darüber zu legen, so wäre es wohl um ihn geschehen gewesen, denn die tückische Kluft, in der er jetzt hing, war nahezu bis zum Rand mit eisigem Wasser gefüllt. Ich war zu Tod erschrocken, aber mein Mann machte sich zunächst nichts daraus. Seinen Anweisungen entspechend hielt ich mich bereit, ihn aus der eisigen Umarmung herauszuziehen, aber er mußte sich erst von dem um die Schulter geschlungenen Seil loswinden, was ziemlich lange dauerte. Endlich konnte ich ziehen, aus Leibeskräften natürlich, während mein Mann gewaltsame Anstrengungen machte, um sich aus dem ihm bis an den Hals reichenden Eiswasser in die Höhe zu arbeiten. Vergeblich! Die Kluft ging auf beiden Zeiten schräg auseinander, so daß er, auch durch den schweren Tornister behindert, keinerlei Halt mit den Füßen bekam, während ich selbst mich der Spalte nicht zu sehr nähern durfte, um nicht ebenfalls einzubrechen. Drei-, vier-, fünfmal machten wir verzweifelte Versuche, und immer mehr schwanden ihm die Kräfte, während ich nicht imstande war, ihn aus eigener Kraft herauszuziehen. Es war entsetzlich. Da plötzlich kam er doch höher. Er hatte sich gedreht, es gelang ihm, die Steigeisen, welche er glücklicherweise anhatte, nach rückwärts in das Eis zu hauen und sich so weit in die Höhe zu schieben, daß er mit den Armen oben Halt bekam und sich vollends ans Tageslicht arbeiten konnte. Meine Gefühle waren unbeschreiblich. Lange lagen wir zu Tode erschöpft auf dem Eis, bis wir uns endlich wieder aufrafften, wie nun aber weiter? Ich erklärte, keinen Schritt mehr über diese tückische Fläche zu tun, und so versuchten wir, uns einen Weg quer über den Gletschersturz hinweg zu bahnen. Zweimal durchschritten wir ihn unter unsäglichen Schwierigkeiten bis an den jenseitigen Rand, aber die Eiswände fielen dort senkrecht in die Tiefe, und es war keine Möglichkeit, auf festen Baden zu gelangen. Schließlich blieb nichts übrig, als doch den alten Weg zu versuchen und über jene entsetzliche Stelle hinwegzugehen. Dabei ereignete sich nicht das Geringste, und es gelang uns, wenn auch unter vielen Mühen, den Gletschersturz nun glücklich zu durchschreiten. Daß wir unter solchen Verhältnissen zu dem Entschluß kamen, nicht mehr zu zweien über einen unbekannten Gletscher zu gehen, wird man wohl verstehen.« Ein Jahr später waren wir vom Glück mehr begünstigt. Allerdings hatten wir dabei den vortrefflichen Stabeler mit uns, der schon dafür sorgte, daß keine Dummheiten gemacht wurden. Wir hatten, vom Engadin kommend, von der Cedehhütte aus die Königsspitze bestiegen und waren von hier über den herrlichen Suldengletscher, wohl einen der schönsten der ganzen Ostalpen, hinunter nach Sulden gegangen. Unser ursprünglicher Plan, das steile Hochjoch von hier aus zu machen, wurde durch das Wetter verhindert, und so zogen wir auf dem allerdings weiten, aber um so schöneren Umweg über die Hallesche Hütte und den Zebrupaß zu der Mailänderhütte, was insbesondere prächtige Blicke auf die nach allen Seiten gleich stolze Königsspitze gewährte. Weniger erfreut waren wir von dem Zustand der Mailänderhütte, der, auch wenn man von den dreibeinigen Stühlen, Tischen und gebirgsähnlichen Matratzen absah, ein mehr als italienisch schmutziger war, so daß wir Stunden brauchten, um auch nur einigermaßen Ordnung zu schaffen. Stabeler folgte dabei gehorsam, wenn auch etwas verdutzt, den strengen Weisungen von Frau Maud und erwies sich als äußerst geschickt in der Bändigung des rauchenden Kamins sowie in der Wiederherstellung der altersschwachen Stühle und Tische. Nur in einem Punkt setzte er ihr ernsthaften Widerstand entgegen: da wir keine Seife und Putztücher hatten, so dürfe der Tisch unter keinen Umständen gewaschen werden, er werde sonst nur noch schmutziger!!! Nun zu den Bergen! Ich muß sagen, daß die westliche Ortlergruppe für mich geradezu eine Art von Heiligtum ist. Schon der Umstand, daß dieses Gebirge dem großen Touristenschwarm so gut wie unbekannt bleibt, spricht dafür, und wenn auch der Wanderer, der die Stilfserjochstraße hinaufzieht, gewiß den herrlichen Firnkamm des westlichen Gebirgarmes bewundert, der sich so hoch über ihm erhebt, so gibt er sich doch nur dem Gesamteindruck dieser mächtigen Wand hin, ohne zu ahnen was alles da verborgen liegt. Sehen wir uns also einmal näher dort oben um! Es war eine sternenklare Nacht, als wir die Mailänderhütte verließen, und schon nach wenigen Schritten standen wir auf dem weiten Zebrugletscher. Zu unserer Linken erhoben sich wild zerklüftete Felsen: die breite, drohende Südostwand der Thurwieserspitze, bei deren düsterem Anblick wir nicht ahnten, welche Überraschung der Berg uns noch bereiten würde. Rechts vor uns erglänzten die Firnwände von Zebru und Königsspitze im Mondlicht, und über dem tiefen Tal hinter uns hingen die phantastischen Wolkennebel, alles ein Bild gewaltigster Ursprünglichkeit. In tiefem Schweigen zogen wir über den Gletscher, dessen Spalten in der Dunkelheit drohender aussahen, als sie es in Wirklichkeit waren. Nach etwa zwei Stunden verflachte sich dann der Hang zu einem breiten Firnsattel, der messerscharf abgeschnitten und völlig abrupt, ganz außerordentlich steil nach jenseits auf den Suldenferner abstürzte. Das Hochjoch war erreicht. Die Spuren einer früheren Besteigung führten jenseits herauf, und es konnte einem schwindlig werden, wenn man an dieser steilen Leiter hinabsah. Mehr noch interessierte uns der Blick in die Fernen, wo der neue Tag seinen strahlenden Einzug hielt. Die weiten Schneefelder wurden heller, die schattenhaften Umrisse der Berge verschärften sich, und an den sich rötenden Dolomitenzacken am Horizont, die einer so ganz andern Welt anzugehören schienen, vollzog sich das ewig neue Wunder des Sonnenaufgangs. Die nun folgende Besteigung des Zebru (3735m), ein Anstieg an steiler Firnwand mit dem schließlichen Durchschlagen einer Wächte, bedeutete uns eine kurze, angenehme Unterhaltung. Der Lohn aber, den wir dafür ernteten, war darum nicht geringer, denn der Ausblick von diesem vierthöchsten Gipfel des Gebirgs ist von einer selten großartigen Pracht, wenn nicht der schönste in dem ganzen Gebiet überhaupt. Er hat zunächst den Vorzug, daß man mitten zwischen Ortler und Königsspitze steht und sie in nächster Nähe bewundern kann, während die breite Masse des Ortlers mit seinen weiten Eisfeldern, scharfen Graten und ungeheuren Steilhängen durch ihre Einfachheit und Wucht gigantisch wirbt, sucht die stolze Pyramide der Königsspitze mit den kühn geschwungenen Graten und gipfelgekrönten Wächten ihresgleichen an gewaltiger Pracht und Gestaltung. Als dritte Größe gesellt sich dem die Thurwieserspitze zu, die jetzt als ein regelmäßig geformter, schlanker Felsgipfel in den Himmel hineinragt. Zwischen diesen drei Riesen nun schweift der Blick über die Abgründe und Eisfelder hinweg nach dem zackigen Horizont, der mit der stolzen Berninagruppe, den monotonen Eisgefilden der Ötztaler Alpen und den so ganz anders gearteten Dolomiten und südlichen Bergen der Adamello- und Presanellagruppe eine so bizarre Verschiedenheit aufweist. Dazu noch als Vordergrund der herrlich gezackte, wächtengekrönte Grat des Berges selbst, der mit seinen merkwürdigen Details die eisigen Schönheiten und Gefahren der Höhen so drastisch zum Ausdruck bringt. Nur ungern trennten wir uns und zogen den steilen Firnhang wieder hinab, um der Thurwieserspitze (3641 m) unsern Besuch abzustatten, die uns nun ihre Überraschung bereitete. Denn eine Überraschung war ihr Anblick in der Tat, wie man sie manchmal bei Menschen erlebt, denen nur wenig zuzutrauen man sich angewöhnt hat, und die nun plötzlich bei irgendeiner entscheidenden Gelegenheit sich zu einer Kraft und Größe entwickeln, die man nie bei ihnen gesucht hätte. Wir kennen den Berg bisher nur als einen düstern Felsen, der, obwohl groß und wuchtig, neben einem Ortler nicht recht aufkommen konnte. Da sahen wir die schmale zum Gipfel führende Firnlinie sich plötzlich zu einer eisigen Steilwand verbreitern, deren glitzernde Helligkeit und Wucht alle Vorstellung überbot. Man kann sich aus unserem Bild nur schwer einen Begriff von der grandiosen Eisespracht machen, die sich da dem Auge bietet, und man muß schon die zwei kleinen Menschenpunkte zur Vergleichung heranziehen, die sich halbwegs zum Gipfel über dem Grat zur Linken, der Anstiegsroute, befinden. Einigermaßen ergeben sich daraus die riesenhaften Größenverhältnisse. Und unmittelbar daneben steht, nur wenig aus dem herrlichen Kamm herausragend, die Trafoier Eiswand mit ihren hängenden Gletschern, glitzernden Rinnen und dem prächtigen Gipfelkamm; ein Bild von merkwürdigster Eigenart und Größe, die wir den beiden Bergen vorher entfernt nicht zugetraut hatten. Daß die Besteigung der Thurwieserspitze und der Blick von ihrem gezackten Wächtengrat nicht wenig dazu beitrugen, uns den Tag zu einem unvergeßlichen zu machen, wird man mir wohl glauben. Am folgenden Morgen bestieg Frau Maud mit Stabeler den Ortler über den Hochjochgrat, während ich mit dem uns begleitenden Freund über den Cevedale nach Sulden ging, wo wir uns wieder trafen und die Gattin gar manches von ihren Erlebnissen auf dem unheimlichen Grat mit seinen düstern Felsen, steilen Firnhängen und prächtigen Wächten zu erzählen wußte. Acht Jahre vergingen, ohne daß ich die Eindrücke von dort oben vergessen hätte. Es war eine Mischung von Dankbarkeit und Sehnen, die immer wieder mahnte und uns schließlich noch einmal dort hinauftrieb. Durch die Erbauung der Hochjochhütte war die Sache auch leichter und bequemer geworden, wir stiegen diesmal über den zerklüfteten interessanten Unteren Ortler Ferner an, wobei sich manche packende Eiskletterei abseits vom Wege bot und zum Teil auch der vom Ortler kommende Steinfall für die nötige Pikanterie sorgte. In der prächtig eingerichteten, unmittelbar am Loch gelegenen Berliner Hütte verbrachten wir zunächst einen stimmungsvollen Abend um das flackernde Feuer, während draußen der tobende Sturm sich vergeblich abmühte, das ganze Bauwerk in die Lüfte hinauszufegen. Berliner Hochjochhütte. Am andern Morgen war Nebeltreiben und Schneegestöber, und nachdem wir uns an steiler Firnwand über den Bergschrund hinaufgekämpft hatten, mußten wir wegen Blitzgefahr die Zebrubesteigung vorzeitig abbrechen. Als unsere Pickel immer unheimlicher surrten, kam es zu einer wilden Jagd an dem Hang hinunter, und wir hatten gerade schwer keuchend unser Asyl wieder erreicht, als ein fürchterliches Donnerwetter losbrach, das den ganzen Tag über anhielt. Bergsteigerlos. Am andern Morgen ging's wieder hinauf zum Zebru. Wieder kämpften die Wettergeister miteinander, und dasselbe Los schien uns vorbehalten zu sein, wie gestern. Da plötzlich huschten am Ortler die Nebel auseinander, Sonnenstrahlen kämpften sich zwischen den Riesen hindurch und fluteten an den Firnhängen hinab, deren Kamm sich scharf aus dem brodelnden Kessel des Suldenferners heraushob. Licht, Licht, Licht! Jubelnd begrüßten wir den herrlichen Anblick und sahen gespannt dem geisterhaften Schauspiel von wandernden Schatten und fliehenden Nebeln zu, beglückt von seiner tief ergreifenden, elementaren Pracht. Freilich es währte nur kurz; denn bald hatte die siegreiche Sonne die weiten Schneeflächen in ein einziges monotones Licht getaucht, und der Zauber des Geheimnisvollen war dahin, – um sofort an anderer Stelle sein Spiel neu zu beginnen. Auf dem vor uns liegenden Zebrugipfel, der bis dahin in Schatten gehüllt war, regte es sich. Ein glitzernder Lichtfleck erschien, da und dort setzten sich schüchterne Sonnenstrählchen auf die Schneevorsprünge, und lange Schatten streckten sich. Der Kampf zwischen Licht und Finsternis begann auch hier. Immer plastischer traten die mächtigen und doch so graziösen Formen des Gipfels hervor, und der Kamm bekam Leben bis zu der wolkenumspielten Spitze. Immer mächtiger hob sich das Firnbecken zur Linken mit seinen Abgründen und Löchern aus der Schneemasse ab, und die Felsen zur Rechten verdunkelten sich zusehends in dem greller werdenden Licht. Man konnte kaum Augen genug haben, um das alles zu sehen. Die Sonne hatte gesiegt, und lange noch kletterten wir auf dem prächtigen Grat mit seinen Abgründen und herrlichen Fernblicken hoch über den brodelnden Tiefen herum, mitten im Licht. Sonnenkinder! Auf dem Gipfel des Zebru. Am dritten Tag war wieder schlechtes Wetter, und von einer Überschreitung des Hochjochgrats konnte keine Rede sein. Gar zu toll trieb der eiskalte Sturm die Wolken durcheinander. Immerhin kämpften wir uns ein gut Stück weit hinauf, auf eisiger Firnschneide, an steilen Hängen entlang über Felsen und Zacken, bis uns der Sturm zur Umkehr zwang. Wohl durchschauerte es uns Mark und Knochen, und einmal sogar waren wir genötigt, unterhalb der Wächte zu gehen, um nicht einfach weggefegt zu werden, aber prächtig war's doch. Das Heroische in uns war geweckt, und dann sieht man eben mit andern Augen, als sie der gewöhnliche Beschauer hat. Rein bergsteigerisch wären diese drei Tage völlig verfehlt gewesen, aber trotz oder gerade wegen des »schlechten Wetters« bildeten sie unvergeßliche Ewigkeitsmomente. Thurwieserspitze und Trafoier-Eiswand vom Eiskögele. Dolomiten. Wie, wenn an einem düstern Wintertag, wo das Leben unter dem weißen Leichentuch erstarrt ist und die kalten Stürme über das öde Land hinwegbrausen, wie, wenn sich da plötzlich der Himmel klären, der Schnee dahinschmelzen würde, unter dem lachenden Sonnenschein Blumen und Gräser hervorkämen, die Bäume sich belaubten, Früchte trügen und der Sommer mit einem Schlag seinen Einzug hielte? Ein märchenhafter, phantastischer Traum, würde man sagen, und doch wäre es nichts anderes, als was ich 1898 mit Frau Maud bei unserem Zug von der Ortlergruppe nach den Dolomiten erlebte. Da waren zunächst die Eisgefilde der Ötztaler Alpen. Dem Zentralkamm des Gebirges angehörend, zeigen sie eine durch Höhe und Ausdehnung so bedeutende Erhebung, wie man sie in Europa sonst nicht vorfindet und damit eine entsprechend beträchtliche Gletscherentwicklung. Auch sind die Kämme nur wenig durchbrochen, und die Gipfel meist keine so ausgesprochene Individualitäten wie die der Ortlergruppe. »Der Ausdruck tiefen Ernstes, stolzer, ruhiger Majestät zeichnet deshalb diesen Teil der Alpen vielleicht mehr aus als jeden andern.« Die weiten, nur wenig zerklüfteten Eisgefilde, die der Landschaft ihren polarartigen Charakter geben, erwecken in uns das Gefühl der Unendlichkeit, und unsere Aufmerksamkeit ist von der Höhe in die Weite gelenkt. Unverwandt starren wir hinaus in diese eisige Ferne. Es ist der Winter, der sich in die Seele senkt, sie mit seinen Schauern erfüllt. Bei uns kamen dazu noch winterliche Wetterunbilden und für mich ein allerdings selbstverschuldeter Umstand, der mich dieselben doppelt schwer empfinden ließ. Gipfel der Weißkugel. Nach einer Besteigung der stolzen Weißkugel in Vent angekommen, hatte ich es mir nicht versagen können, ein Bad zu nehmen, obgleich als Wanne nur ein im Keller befindlicher Brunnentrog aufzutreiben war, durch den ein mehr als eisiges Wasser lief. Die Folgen dieses übertriebenen Reinlichkeitsbedürfnisses machten sich denn auch bei der Tags darauf unternommenen Besteigung der schönen Wildspitze in einem Zahngeschwür geltend, das seine Spuren in einer mehr und mehr anschwellenden Wange zeigte. Noch am selben Abend erreichten wir in strömendem, kaltem Regen die Samoarhütte, wo der Winter seinen endgültigen Einzug zu halten schien, wir sahen da am andern Morgen in ein Mittelding zwischen Regen und Schneesturm hinein, das in nichts mehr an den August erinnerte und uns den Weitermarsch antreten ließ, obgleich wir weder den Weg kannten, noch eine brauchbare Karte hatten und anstatt des Seiles eine Waschleine benützen mußten. Auf dem Niederjochferner herrschte ein solides Schneegestöber, der Nebel war so dick, daß man kaum einige Schritte weit sehen konnte, und wir hatten die größten Schwierigkeiten, um uns auch nur einigermaßen zu orientieren. So erreichten wir nach mehrstündigem Marsch einen sich quer vorlegenden Felskamm. Daß es der Hauptgebirgskamm war, konnte angenommen werden, wo aber befand sich das gesuchte Niederjoch? Nach einigem Suchen kamen wir an eine Art von Sattel, durch den der Sturm wütend herüber tobte, so daß meine geschwollene Backe allmählich riesenhafte Dimensionen annahm. Also auf gut Glück weiter, in den Sommer des Etschtals! Und beide, Glück und Sommer lächelten uns. In dem Tal, in das wir uns schließlich hinunterfanden, machte das Schneegestöber zwar einem gründlichen Gebirgsregen Platz, dann aber marschierten wir rasch in den prächtigsten Sonnenschein hinein, während dort hinten in den Bergen nach wie vor das schwere, dunkle Gewölk hing, wie ein zauberhaftes Wandelbild huschten dann bei der sich anschließenden Postfahrt die üppig grünen Fluren des herrlichen Vintschgaus an uns vorbei, und in dem schönen Bozen konnten wir, in lauer Sommernacht im Freien sitzend, den Klängen einer Regimentskapelle lauschen, während das Ötztaler Wintererlebnis mit seiner geschwollenen Backe, seinen Nebeln und eisigen Schneestürmen nur noch wie ein längst vergessener schwerer Traum erschien. Der Trozzon von der Cima Tosa. Ja, dieses Bozen! Welche Lust in den malerischen, altersgrauen Straßen unter den Bogengängen zu wandeln! Dazu diese urechten, kernigen Tirolergestalten mit ihren bunten Trachten, der Obstmarkt mit seinen Trauben, Orangen, Datteln und den lachenden deutschen Äpfeln, die beinahe so groß wie die Kinderköpfe sind, das famose Batzenhäusl mit seinem Terlaner und die rebenbegrenzten Höhen mit ihren Burgen! Vajolettürme mit Rosengartl. Und dann, alles überragend, der phantastische Rosengarten König Laurins! In grellem Weiß flimmern die vielgestaltigen Zacken und riesenhaften Mauerkolosse über den grünen Wäldern und Wiesen an dem tiefblauen Himmel, bis die Sonne ihr Haupt neigt und sie in feurigstem Purpur erglühen läßt. Diesem rosigen Licht verdankt das Gebirge wohl seinen Namen. Daß sich auch die Sage dieses märchenhaften Anblicks bemächtigt hat, ist nur natürlich. Ich möchte aber bezweifeln, ob der Verfasser des mittelalterlichen Spielmannslieds sich je dort oben befunden hat. Höchstens König Laurins »Heerstraße«, die das Gebirge entlang führen sollte, erinnert durch ein breites, weithin sichtbares Schuttband einigermaßen an die tatsächlichen Verhältnisse, während sonst auch nicht die entfernteste Anspielung an sie vorhanden ist. Die Sage beschäftigt sich mit dem Raub der schönen Similde von Steiermark durch den im Innern des Gebirgs hausenden Zwergkönig Laurin, der mit Hilfe einer Tarnkappe und magischer Ringe eine übernatürliche Kraft besaß und seine Rosen in dem »Gartl« behütete. »Ein Gärtlein hat er geziert und gepflegt, Drin prangen die duftendsten Rosen, Mit seidenem Faden ist es umhegt, Dort will ich nun küssen und kosen, Verschlossen sind die Pforten von Gold, Und wer den Faden zerreißen wollt, Dem sagt der Kleine gar üblen Gruß, Die rechte Hand und den linken Fuß Muß er zum Pfande ihm geben – – « Rosengartengruppe von St. Cyprian. Unter allerhand Fährlichkeiten bezwang der von Simildes Bruder zu Hilfe geholte Dietrich von Bern den Zwergkönig, zog in sein unterirdisches Zauberschloß ein und wußte nach einer kurzen, heimtückischen Gefangennahme sich und die Seinen mit Similde wieder zu befreien. Damit ging der Rosengarten in Trümmer, und nur noch das Abendrot läßt seine einstige Schönheit ahnen. Sie ist in anderer Weise für uns Moderne auferstanden. Schon das allmählich ansteigende Vorgelände mit seinen herrlichen Almen und Wäldern, die rechts von der gezackten Mauer des Latemar, links von dem massigen, aussichtsreichen Schlern eingerahmt sind, gewähren eine Überfülle lieblich großartiger Landschaftsbilder, die von Jahr zu Jahr häufiger aufgesucht werden. Noch mehr aber ist der Sinn für die Schönheit des Gebirges selbst erwacht, dessen Zackengewirre schon von außen unser Herz ergötzt und uns um so mehr erhebt, je tiefer wir in dasselbe eindringen. Seine beiden, vielgegipfelten, von Norden nach Süden verlaufenden Parallelketten umschließen im Norden den mächtigen Grasleitenkessel, im Süden das Vajolettal, ein wildes, von den phantastischen Kolossen überragtes Schutt- und Trümmerkar, das tiefer unten die herrlichsten, südlichen Bilder zeigt. Den Glanzpunkt des Gebirgs aber bildet das sagenumwobene »Gartl«. Wir sehen auf unserem vom Grasleitenpaß aufgenommenen Bild die alles überragende Rosengartenspitze mit ihrem halbkreisförmigen Gipfelgrat. Ihr vorgelagert sind die wesentlich niedrigeren, hier massig aussehenden Vajolettürme, während rechts die Laurinswand steil in das Vorgelände abstürzt. Zwischen diesen drei Bergen schimmert das kleine Schneefeld des »Gartls«« hervor, wahrlich, ein prächtiger Anblick! Noch phantastischer macht sich der Eingang des »Gartls« von oberhalb der inzwischen erbauten Vajolethütte, wo der Winklerturm sich von dem Vajolethauptturm getrennt hat und als riesenhafter Wächter neben der Laurinswand steht. Dringen wir nun erst dort oben ein und klettern abseits von dem gebahnten Pfad herum, so zeigen sich uns, abgesehen von dem bekannten Anblick der drei südlichen Vajolettürme, Bilder phantastischster Art, wie wir sie kaum je wiederfinden. Es ist, als habe die Dolomitenwelt in ihrer ganzen Pracht und Großartigkeit sich auf engstem Raum wiederholen wollen. Das »Gartl« ist deshalb nicht bloß das Herz des Rosengartens, sondern der Dolomiten überhaupt. Stabeler- und Delagoturm von Norden. Was nun uns selbst betrifft, so bestiegen wir in der kurzen, uns zur Verfügung stehenden Zeit die beiden Hauptgipfel der schönen Gruppe, den Kesselkogel (3001 m) und die Rosengartenspitze (2981 m). Weiterhin ließ es sich Frau Maud nicht nehmen, in Gesellschaft unseres zufällig anwesenden Freundes Stabeler dessen Turm zu besteigen, von welcher Kletterei sie gar manches zu erzählen wußte, während ich mich in unverantwortlicher Faulheit damit begnügte, am obern Gartlrand liegend, ihr zuzusehen und hin und wieder den Blick von den phantastischen Dolomitengestalten hinaus über das grüne Vorland bis zu dem schneebedeckten Horizont schweifen zu lassen und dort alte Bekannte zu grüßen. Nun zu der Königin der Dolomiten, der stolzen Marmolata! . Sie ist ein überaus mächtiges Gebilde von packendster Eigenart, während im Süden eine ungeheure Mauer sich glatt und abrupt aus dem grünen Land erhebt, die dem modernen Kletterer die verwegensten Kunststücke ermöglicht, steigt im Norden ein weiter Gletscher ganz allmählich zu dem Gipfel an. Fels und Eis stoßen so zu einem an Massigkeit alles überragenden Gebilde zusammen, das in majestätischer Ruhe über der weiten Landschaft thront, sich glitzernd und strahlend, wie andern Regionen angehörig, aus derselben abhebt. Es gehört wahrlich keine besondere Phantasie dazu, um in diesem Berg die »Königin der Dolomiten« zu sehen und von ihrem »silbernen Hermelin« zu sprechen. Inmitten ihres Reiches thronend, zeigt die Marmolata einen Rundblick, der an Großartigkeit, weite, malerischer Pracht und instruktiver Bedeutung gleich hervorragend ist. Beinahe die ganze Dolomitenwelt ist da in ihrer packenden Eigenart vor uns ausgebreitet. Dem Zackengewirre der Rosengartengruppe im Westen gesellen sich im Nordwesten die Riesen der Grödner Alpen zu: Langkofel, Fünffingerspitze, Grohmannspitze, Innerkoflerturm, Zahnkofel; gewaltige Dolomitblöcke, deren riesenhaften Aufbau wir ja zum Teil schon früher im Wintergewand bewundern konnten. Daneben im Norden wieder ein ganz anderes Bild: die breite Sellagruppe mit dem weiten, mauerumgürteten Gletscherplateau, zu dem sich wilde Felsschluchten als die alleinigen Zugänge hinaufschlängeln. Im Nordosten lugen die südlichen Ampezzaner Dolomiten, vor allem der mächtige Pelmo hervor, im Osten erhebt sich die breite Wand der Civetta in ihrer ganzen Größe, und weiter rechts strecken die Gipfel der Palagruppe ihre Zacken in den Himmel hinein. Und das alles in dem weiten, südlichen, grünen Land mit seinen Tälern und welligen Höhen, aus denen sich die Felskolosse wie verirrte Sendboten aus einer andern Welt phantastisch abheben. Marmolata von Norden. Wir selbst erreichten den Fuß des Berges 1898 durch das südlich schöne Fassatal, von dem aus wir in das Contrintal anstiegen. Der Marsch da hinauf ist wohl einer der schönsten Dolomitenspaziergänge, bei dem sich liebliche Anmut mit gewaltiger Hochgebirgsgröße in seltener Art vereinigen. Das auf waldbedeckter Alm gelegene Contrinhaus ist ein höchst behagliches Heim oder besser gesagt eine idyllische Sommerfrische, die bei leichtester Zugänglichkeit die stattliche Höhe von 2100 m erreicht und außerdem noch einige Mineralquellen in der Nähe aufweisen kann. Es war so schön da, daß wir uns erst nach einem Bummeltag, der der Besteigung der aussichtsreichen Ombrettaspitze (3009 m) gewidmet war, zu dem Gang auf die Marmolata (3344 m) entschließen konnten. Ein wilder Sturm tobte dort oben, hoch wirbelte der Schnee in der Luft und unablässig fegten die Wolken über den eisigen Kamm hinweg. Und doch, was man unter sich sah, war südliche Pracht. Nord und Süd lagen im Kampf miteinander und zauberten eine unerschöpfliche Fülle märchenhafter Bilder hervor. Montblanc vom Tol du Géant. Unter dem ergreifenden Gegensatz von Ernst und Anmut stand auch der Abstieg. Hier die lange Gletscherwanderung, dort der schöne Fedajapaß mit seinen Wäldern, Wiesen, dem spiegelklaren See und den gewaltigen Felsen ringsum neben dem strahlenden Hermelinmantel der Dolomitenkönigin. Weiter! Wieder ein ganz anderes Bild zeigte uns die westlich der Etsch, isoliert von der übrigen Dolomitenwelt gelegene Brentagruppe . Wenn uns bei der Rosengartengruppe Vielseitigkeit, Reichtum und Schlankheit der Formen anzieht, so ist hier alles massig und riesenhaft. Eine ungeheure, nur durch wenige hochgelegene Scharten getrennte Mauer verläuft da zwischen dem Val Nambino und dem Molvenosee in nordsüdlicher Richtung, an Wucht der Blöcke und Mächtigkeit der Wände so riesenhaft, daß die andern Dolomitengruppen beinahe zierlich neben ihr erscheinen. Kaum irgendwo fühlt man sich so beengt, und es bedarf einer gewissen Anstrengung, um sich solch düsterer Eigenart zu freuen. Um so lieblicher ist demgegenüber die herrliche Umgebung: auf der einen Seite der idyllische Molvenosee mit italienisch heiterem Anstrich, auf der andern das schöne Madonna di Campiglio mit seinen germanischen Wäldern und seinem Reichtum an bequemen Wegen und Spaziergängen, die das alte Klosterhotel zu einer der schönsten Sommerfrischen Tirols machen. Der Crozzon vom Val Brenta Alta. Und nun die Berge! Gewiß, auch unter ihnen gibt es manches Alltagsvolk, am dem wir achtlos vorüberziehen. Es kommt und geht, ohne daß wir uns um dasselbe kümmern, und nicht einmal für die Namen interessieren wir uns. Andere wieder erfreuen unser Herz, sind uns sympathisch, gute Freunde, an die wir gerne zurückdenken. Einige wenige gibt es auch, die anspruchsvoller sind. Sie lassen sich nicht ignorieren und begnügen sich nicht mit unserer Freundschaft. Nein, sie zwingen uns, sie zu beachten, ziehen uns an mit dämonischer Gewalt und lassen uns nicht mehr los. Immer wieder müssen unsere Blicke sich ihnen zuwenden, und eine mit Trotz gemischte Sehnsucht ergreift uns, dort oben zu stehen, wir müssen hinauf. Nicht bloß einmal, sondern wieder und wieder. Ein solcher Berg war für mich wie für manchen andern der Crozzon di Brenta. Es ist ein eigenartiges Gebilde, das ganz aus dem Rahmen des Gewöhnlichen, Alltäglichen herausfällt. Ein Ausläufer der höheren Cima Tosa (3176 m), die ihn mit dem Strahlenglanze ihres hochgelegenen Firnfeldes umkränzt, kann er genau genommen nicht einmal als ein selbständiger Berg angesehen werden, sondern nur als ein Teil jener, mit der er aufs engste verbunden ist. Aber der Hauptberg bildet doch nur den stimmungsvollen Hintergrund des Kolosses, der ihn zu überragen scheint und alles für sich beansprucht, als Herrscher seiner Umgebung. Was nun ist das Packende an diesem Gebilde? Wohl zeigt es Erhabenheit, Stolz, Hoheit und Ebenmaß der Form, was aber in Wahrheit so dämonisch anzieht, ist der ungeheuerliche Trotz, der über dem Berge lagert, der vollendete Ausdruck der schrankenlosen Wildheit der Hochgebirgsnatur. Es gibt keinen zweiten Turm in den Dolomiten, keinen Grat, der in so gewaltigen zyklopischen Formen aufgebaut ist. Dieser letztere Umstand insbesondere macht die an sich schon so eigenartige Besteigung so merkwürdig anziehend. Man betrachte sich nur diese drei Gipfelblöcke von dem Firnfeld der Cima Tosa, an denen es immer wieder hinauf- und hinuntergeht, bis man endlich den letzten, 53 m unter dem Tosagipfel liegenden Koloß erreicht hat. Welche herrlichen Klettereien gibt es da in nie dagewesener Abwechslung! Wir selbst bestiegen den Berg neben verschiedenen andern Größen der Gruppe zweimal, 1897 und 1898. Das eine Mal kamen wir von Trafoi, bei welcher Gelegenheit wir das schöne, zwischen Adamello- und Presanellagruppe gelegene Val di Genova durchstreiften, das andere Mal kamen wir vom Molvenosee und hatten dabei ein unterhaltsames Biwak, das allerdings nicht ganz ungestört verlief. Am Fuße des Gebirgs an einem prächtigen Wald angekommen, fanden wir eine solche Menge von Erdbeeren vor, daß Frau Maud erklärte, hier bleiben und die Nacht zubringen zu wollen. Es ließ sich dies um so eher machen, als am Waldrand ein kleines Zelt aus Rinde vorhanden war, das wohl einem Hirten gehörte und gegebenenfalls Schutz bot. Zunächst nun ließ sich die Sache vortrefflich an. Wir pflückten Unmengen von Beeren, die uns nach dem selbstgekochten Mahl vortrefflich mundeten und saßen bis gegen Mitternacht um ein mächtiges Feuer, dessen Flammen sich außerordentlich malerisch von den Tannen und dem Felsgebirge dort oben abhoben. Da plötzlich kam ein fürchterliches Gewitter, das uns schleunigst Schutz in unserem Hirtenzelt suchen ließ. Aber wir kamen vom Regen in die Traufe. »Steter Tropfen höhlt den Stein«, und es gibt nichts Schrecklicheres als das beständige Heruntertropfen von Wasser auf dieselbe Körperstelle. Wohl versuchten wir uns durch Hinundherwälzen dagegen zu schützen, aber der Raum da drinnen war viel zu eng und außerdem machte sich bald auch von unten her ein mindestens ebenso schlimmer Feind bemerkbar, der, in einer Überzahl von Tausenden auftretend, uns schließlich zu völliger Verzweiflung brachte. Nun ein Bad in dem Bach am andern Morgen erfrischte und reinigte uns wieder einigermaßen, und die Besteigung des herrlichen Crozzon, der Marsch durch das gewaltige Felsentor der Bocca di Brenta hinunter zum schönen Gardasee ließ uns die Leiden dieses nächtlichen Biwakskampfes bald wieder vergessen. Matterhorn. Riffealp mit Matterhorn. Von dem Matterhorn war meine erste Bergesliebe ausgegangen, zu ihm war ich in der entscheidenden Zeit meines Lebens zurückgekehrt, auf ihm hatte ich die weitaus größten Eindrücke erhalten; was Wunder, daß sich meine Sympathien immer mehr dem Berg zuwandten, zumal auch noch ein Ereignis auf ihm eintrat, das das große Erlebnis meines alpinen Lebens bildet! Schon in dem Jahr nach der Hochzeitsreise, als ich genötigt war, allein im Gebirge zu gehen, hatte ich dem Berge einen zweimaligen Besuch abgestattet. Das erstemal, noch ziemlich früh im Jahre, versuchte ich, von Breuil aus die italienische Hütte zu erreichen; aber die ungeheuren Mengen von Winterschnee, die die Felsen noch bedeckten, machten es zur Unmöglichkeit, und die Führer waren umgekehrt, ohne daß ich sie vernünftigerweise daran hätte hindern können. Einige Monate später, im Hochsommer, brachte ich dann drei Nächte auf dem Berge zu. Die erste in einem etwa 3800 Meter hohen Freilager auf der Schweizer Seite in einer Randkluft zwischen Fels und Firn, das zwar grimmig kalt war, mir aber doch ermöglichte, rechtzeitig auf den Gipfel zu gelangen. Dort machte ich die beabsichtigten photographischen Aufnahmen und stieg dann nach der italienischen Hütte hinunter, wo das Nachtlager zusammen mit zwanzig andern Personen wohl wärmer, aber keineswegs angenehmer war. Tags darauf kletterte ich wieder hinauf zum Tyndallgrat und hatte eine weitere bequemere Nacht in der Hütte. Die Eindrücke, die ich da bei schönstem Wetter erhielt, waren um so stärker, als ich die Route in ihrer Gesamtheit ja schon kannte und mich nun liebevoll auch den kleinsten Einzelheiten widmen konnte, was meine Kenntnis des Berges sowie mein Interesse für ihn wesentlich vertiefte. Das Jahr 1900 sah uns dann wieder zusammen in Zermatt, wir waren von Chamonix über den Col du Géant gegangen, von dem aus wir die Südseite des Mont Blanc in ihrer ganzen Größe bewundern konnten, der auf seiner Nordseite bekanntlich weder schön noch bergsteigerisch interessant ist. Dann zogen wir durch das Val Pelline nach Arolla, wo wir eine recht schöne Zeit verlebten. Ist dies doch einer der wenigen Orte der Schweiz, der, obgleich erstklassiges Bergsteigerzentrum, volle neun Stunden von der Eisenbahn entfernt liegt und in seinen zwei Hotels die alten familiären Sitten bewahrt hat. Und welch großartiger Bergeskranz umgibt ihn! Man betrachte nur den Mont Collon, dieses Wahrzeichen Arollas! Ein düsterer, drohender Koloß und doch, wie stolz und prächtig! Dazu Mont Blanc de Seilon, Pigno d'Arolla, Dents des Bouquentins, Aiguille de la Za und zahlreiche andere Größen jeder Art und Schwierigkeit, fürwahr ein Dorado für den Bergsteiger und Kletterer, wie dies z. B. unser an der Aiguille de la Za aufgenommenes Bild zur Genüge erweist. Und nun zog es uns wieder nach Zermatt, wo es in Gesellschaft Stabelers zu einer Besteigung des Zinal Rothorns (4223 m) kam. Dieselbe war insofern interessant, als sie trotz starken Neuschnees unternommen wurde und keiner von uns die Route kannte, so daß Stabeler Gelegenheit hatte, sein Pfadfindertalent zu zeigen. Es ist dies eine Art von Instinkt, der gewissen Leuten im Blut liegt. Sie richten sich dabei nach scheinbar geringfügigen Kleinigkeiten, wie von den Stiefeln früherer Besteiger herrührenden Kratzern auf Felsen, aus ihrer ursprünglichen Lage gebrachten Steinen usw., Dinge, die dem gewähnlichen Sterblichen beinahe immer entgehen. Nun war ich dabei, wie sich Stabeler von einem Lokalkundigen die Route erklären ließ, aber ich muß gestehen, daß ich dem Gespräch ob all der vielen Details bald nicht mehr folgen konnte und recht gespannt war, ob Stabeler die Sache auch wirklich voll und ganz erfaßt hatte. Zunächst ging alles gut, obgleich wir durch einen Sturm an einem rechtzeitigen Aufbruch verhindert wurden und der Neuschnee recht viel Mühe machte. Unter herrlichen Ausblicken stiegen wir schließlich auf dem zum Gipfel führenden Grat an, als ein glatter, senkrechter Felsblock ein gebieterisches Halt gebot. Daß wir denselben nach links umgehen mußten, war auch mir klar, aber während es sich meiner Ansicht nach nur darum handeln konnte, bald den Grat wieder zu erreichen, traversierte Stabeler immer weiter nach links auf ein steiles Schneefeld, das entsetzliche Mühen verursachte und erhebliche Lawinengefahr in sich barg. Schließlich verschwand er scheinbar auf Nimmerwiedersehen hinter einer senkrechten Felsrippe, und ich hatte keinen Zweifel, daß er sich auf völlig falschem Wege befinde. Wohl eine halbe Stunde dauerte es, bis er endlich rief, daß ich folgen solle. Es war eine ganz infame Kletterei. Erst mußte ich mich um die glatte Ecke herumwinden und mich an einer äußerst exponierten, beinahe senkrechten Wand über eine vereiste »Platte« emporarbeiten, die so gut wie keinen Halt gewährte. Zur Belohnung wurde ich dann oben von einem fürchterlichen Sturm empfangen, der mir den Hut vom Kopf riß und ihn weit hinunter auf den Gletscher wirbelte. Schlimmer aber war die Lage, in der ich mich befand. Kniend, die halberfrorenen Hände in den steilen Firn gekrallt, mußte ich wieder im Sturm ausharren, bis Stabeler sich weitergearbeitet hatte. Und meine schönen warmen Handschuhe befanden sich in dem Rucksack, unerreichbar! Dabei konnte ich zu allem hin noch über ein Unglück nachdenken, das sich einst zusammen mit einem merkwürdigen Glückszufall hier zugetragen. Eine Partie von drei Personen war abgestürzt, und während einer der Teilnehmer den Tod in der Tiefe fand, blieben die beiden andern mit dem Rest des gerissenen Seils an einem Felsenvorsprung der weiten Wand hängen, so daß sie von einer andern Partie noch rechtzeitig aus ihrer furchtbaren Lage befreit werden konnten. Nach langem Warten durften auch wir endlich wieder ein Stück weiter, aber nur um auf einen ausgedehnten Firnhang zu kommen, an dem kein Ende abzusehen war. Ging das so fort, so brauchten wir nach einen halben Tag bis zum Gipfel, wenn wir ihn überhaupt erreichten, wie aber sollten wir dann in der Nacht wieder herunterkommen? Ich muß gestehen, daß ich immer wütender auf Stabeler und seine vermeintliche falsche Führung wurde. Da ertönte plötzlich sein Ruf: »Schauen's, die Seilschlingen!« Er zog sie triumphierend aus dem Schnee hervor als Zeichen, daß er die allein mögliche Route haarscharf eingeschlagen, ich selbst mich aber inmitten der Schwierigkeiten völlig getäuscht hatte. Mit der Gewißheit, daß wir uns auf dem richtigen Weg befanden, belebte sich auch unsere Stimmung wieder, und bald wurde ein Firnrücken betreten, der zu einem Chaos übereinander getürmter Felstrümmer führte, aus denen die beiden Gipfelblöcke des Berges herausragten. Hier nun wurde die Sache pikant. Unterhalb des Vorgipfels kam jene berüchtigte Traversierstelle, wo man auf einer schmalen Leiste sich an dem senkrechten Fels entlangwinden muß, der Tausende von Fuß in die Tiefe stürzt. Überhaupt dieser doppelt gegipfelte Schlußgrat! Man kann sich kaum etwas Wilderes denken. Das Schönste für mich aber war, daß wir uns wieder im Bannkreis des Matterhorns befanden, das in seiner seltenen Wildheit und packenden Eigenart herüberwinkte. Dafür mußten wir eben den mühsamen Abstieg, der bis Mitternacht dauerte, in den Kauf nehmen und taten es gerne. Dent d'Hérens von Nordwesten. Auch im folgenden Jahr hatten wir zweimal Gelegenheit, nach dem Riesen hinüberzublicken, ihn von einer neuen Seite kennen zu lernen. Das eine Mal von der Dent d'Hérens, das andere Mal von dem gewaltigen Weißhorn. Die Dent d'Hérens (4180 m) ist ein abgelegener und nur selten bestiegener Berg, der sich meist hinter dem benachbarten Matterhorn versteckt, dessen Besteigung darum aber nicht weniger interessant ist. Was für eine prächtige Tour war das gewesen, als wir, von Praraye kommend, das Labyrinth des weiten Za de Zan Gletschers erstiegen, auf dem Tiefenmattenjoch einen herrlichen Sonnenaufgang erlebten, um dann jenen berüchtigten Grat zu erklettern, auf dem einst Whymper umkehrte, der so scharf und gezackt wie kein zweiter ist. Dazu jene pikante Schlußkletterei über schwierige Platten! Am schönsten war aber doch der Ausblick von dem wächtengekrönten Gipfel, wo man den Zermatter Riesen in seiner ungeheuren Größe so unmittelbar vor sich hatte. Welche Freude, den ganzen Hochzeitsreiseanstieg auf einmal überblicken zu können! Wie haben wir Felsen um Felsen, Grat um Grat, Zacken um Zacken nach den Erinnerungen von damals abgesucht! wie ist alles wieder neu in uns aufgelebt! Was hatte es da zu sagen, daß wir nach 21stündigem Marsch uns in der Dunkelheit nicht mehr zurechtfanden und lange vergeblich das kleine Praraye Gasthaus suchten. Schon schickten wir uns dazu an, im Wald ein Freilager zu beziehen, als ein Jodler des Führers verkündete, daß die ersehnte Unterkunft nur wenige hundert Schritt entfernt sei, so daß wir uns doch noch in den allerdings recht primitiven Betten ausstrecken konnten. Das Matterhorn von der Dent d'Hérens. Nicht minder großartig war die Besteigung des Weißhorns (4512 m), dieser herrlichsten Pyramide der Alpenwelt. Was gab es da nicht alles zu sehen auf dem scharfen, wolkenumspielten Firngrat, auf dem steilen Gletscher darüber und dem prächtigen Gipfel! Kletterrei an der Aiguille de la Za. Und nun kam das größte Ereignis meines alpinen Lebens; die Bestätigung unseres Könnens im Dienste der Menschlichkeit. Von Zermatt kommend, waren wir gegen Abend in Breuil eingetroffen, von wo aus wir nach einer kurzen Rast weitergehen wollten, um uns dem Montblancgebiet zuzuwenden. Wir waren eben im Begriff, wieder aufzubrechen, als der Wirt mir sagte, ein Herr wünsche mich draußen zu sprechen, vor dem Hotel standen Gruppen von Leuten herum, meist Führer mit Pickeln und Seilen, und besprachen sich erregt. Augenscheinlich war etwas los. Gleich darauf kam auch ein älterer Herr auf mich zu und sagte mir, seine Tochter sei am Matterhorn abgestürzt, er habe von meinem Kommen gehört, ob ich mich nicht an der Rettung beteiligen wolle? Die verunglückte Partie, zwei junge Damen, ein Herr und ein Führer, hatten die italienische Hütte besucht, waren beim Abstieg verunglückt und eine andere Partie hatte die Nachricht zu Tal gebracht. Der Sturz war an den Felsen der Tête de Lion an derselben Ecke erfolgt, an der auch Whymper einst seinen Unfall gehabt hatte und davongekommen war. Auf die Frage des schwerbesorgten Vaters konnte ich also mit gutem Gewissen die Antwort geben, daß die Möglichkeit eines Glücksfalles nicht ausgeschlossen sei. Auch erklärte ich mich bereit, auf die Suche zu gehen und mein Möglichstes zu tun, aber selbständig und ohne mich den eben abgehenden Führerpartien anzuschließen. Zermatter Weißhorn. Wir waren im ganzen vier Personen; außer mir meine Frau, Stabeler und sein junger Sohn. Wir gelobten uns, nicht eher abzulassen, als bis wir die Verunglückten gefunden hätten. Unsere Vorbereitungen waren rasch getroffen; ich warf unsere Rucksäcke in das nächste Zimmer, und beim Weggang drang mir der Wirt noch eine Flasche Kognak für die Verunglückten auf, die ich harmlos annahm. Unser Marsch über die weiten Grashänge des Berges wurde durch die eintretende Dunkelheit und mehr noch durch Nebelwetter wesentlich erschwert. Ich war deshalb froh, einen Hirten zu finden, an dessen Ehrgefühl ich appellierte, um uns den Weg zu zeigen, indem ich ihm gleichzeitig ein Fünflirestück in die Hand drückte. Aber ich hatte ohne den Welschen in ihm gerechnet; denn bei der nächsten Gelegenheit verschwand er spurlos im Nebel. Nun, wir fanden uns auch allein zurecht und erreichten glücklich den vom Col de Lion herabkommenden Gletscher, wo wir bald Rufe und Pfiffe hörten. Sie kamen von den vorausgegangenen Führern und bedeuteten augenscheinlich gute Kunde. Bald trafen wir sie denn auch in einer steilen, von Felsen umsäumten Schlucht. Langsam näherten wir uns, um zunächst auf einen delirierenden Mann zu stoßen, der sich unter einem überhängenden Felsen verkrochen hatte, wie ein angeschossenes Wild, das im Dickicht Schutz sucht. Es war der Führer der verunglückten Partie, der mit einigen Kopfwunden davongekommen und schon verbunden war. Etwas höher oben lag ein junges Mädchen. Sie hatte den Kopf verbunden, war aber bei Bewußtsein. Als ich ihr sagte, daß ich von ihrem Vater komme, zeigte sich, daß nicht sie, sondern die andere Dame die Tochter war. Auf meine Frage, wie sich das Unglück zugetragen, erwiderte sie, die Partie sei zweimal gefallen. Das erstemal seien sie im Schnee steckengeblieben, bei dem Versuch aber, wieder anzusteigen, über Felsen abgestürzt und schließlich von selbst zum Halten gekommen. Der Führer habe sich dann vom Seil losgeschnitten, um Hilfe zu holen. Später habe sie das auch getan und sei abgestiegen, bis die Kräfte sie verließen. Die andern seien noch hoch oben, es gehe ihnen wohl nicht gut. Mehr war nicht zu erfahren. Unsere Aufgabe war also erst zur Hälfte erfüllt, und die Hauptsache stand uns noch bevor. Aber als ich mit den Welschen darüber verhandelte, erklärten sie, daß sie genug getan hätten. Der Hang liege unter beständigem Steinfall, es sei unmöglich, in der Nacht da hinaufzugehen, außerdem habe es keinen Wert. Zinal Rothorn von der Wellenkuppe. Daß wir uns dabei nicht beruhigten, war klar, und schließlich zwang ich einfach einen der Hauptschreier mit mir und Stabeler weiterzugehen, während meine Frau bei der Verwundeten bleiben sollte, letzteres war im übrigen ein recht gefährlicher Auftrag, den ich als schwere Verantwortung empfand. Die Verunglückte lag mitten in der Rinne, durch die alle Steine kommen mußten, die wir bei unserem Marsch sicher lostreten würden. Allerdings befand sich ein nicht ganz mannshoher Felsenabsatz unmittelbar über ihr, so daß sie selbst vor den herabkommenden Steinen geschützt war. Wenn sie aber unvorsichtig den Kopf über die Wand erhob, so konnte jedes der gefährlichen Projektile sie treffen. Nun ich kannte sie ja und war ihrer schon sicher. Die vier bis fünf Stunden, die wir fort waren, hat sie neben der Verwundeten zugebracht, ohne sich zu rühren. Die Führer machten es sich bequemer, indem sie abseits an eine gesicherte Stelle gingen und den mir von dem Wirt aufgedrungenen Kognak vertilgten. Inzwischen waren wir drei losgezogen. Mühsam kletterten wir über einen weiten, geröllbedeckten Hang empor, und es war nicht zu vermeiden, daß wir immer wieder Steine lostraten, die prasselnd in die Tiefe stürzten. Auch von oben fehlte es an solchen Grüßen nicht. Um die Verunglückten aufmerksam zu machen, hielten wir immer wieder und riefen und pfiffen, vergebens. Es machte sich niemand bemerkbar, und mehr und mehr deprimierte uns die dahinschwindende Hoffnung. Auch die Unsicherheit, wohin wir uns wenden sollten, vermehrte dieses Gefühl; denn man konnte da tagelang herumirren. Gegen Mitternacht kamen wir endlich an einer senkrechten Felswand an, die sich den ganzen Hang quer entlang zog und deren oberes Ende in der Dunkelheit nicht abzusehen war. Hier nun begann unser Italiener aufzubegehren. Man habe jetzt genug getan und müsse umkehren, es sei doch unmöglich, weiterzukommen. »Sell wollen wir erst amol sehen!« meinte da Stabeler, band den Welschen vom Seil los, um mehr Freiheit zu haben und begann am Fuß der Felsen auf eine Schlucht zuzugehen, die sich steil und zerklüftet in die Höhe zog. Erwartungsvoll folgte ich dem hin und her irrenden Licht seiner Laterne, als es am Fuße der Schlucht plötzlich an einem dunkeln Gegenstand haften blieb und ich durch einen entsetzten Ruf Stabelers aufgeschreckt wurde. Was war das? Allmählich konnte ich durch die Dunkelheit einen schräg am Boden liegenden Mann erkennen, den Kopf nach unten an einem mächtigen Felsblock völlig zerschellt. Eine Zeitlang verharrten wir in dumpfem Schweigen, als Stabeler auf ein Seil deutete, daß sich straff gespannt über einen steilen Schneehang hinabzog. Vorwärts! Vorsichtig Stufen schlagend stieg er in die dunkle Tiefe, deutete auf eine aufgeschnittene Seilschlinge und ging dann weiter, bis das Licht seiner Laterne an einem jungen Mädchen haften blieb, das, aufrecht im Schnee stehend, offenbar durch das straff gespannte Seil gehalten wurde. Augenscheinlich war sie tot, obgleich sie nur kleine Verletzungen an den Schläfen hatte, der Oberkörper noch warm und nur die Beine erstarrt waren. Wir waren zu spät gekommen. Wir brauchten einige Zeit, um uns zu fassen, unsere vernichteten Hoffnungen zu begraben. Von einem Transport der Leichen während der Nacht konnte keine Rede sein. Was blieb also übrig, als unverrichteter Dinge wieder abzuziehen, um den schwergeprüften Vater zu benachrichtigen? Der Italiener freilich erklärte, bei Nacht gehe er da nicht hinunter. Nun was kümmerte uns das jetzt noch! Wir ließen ihn also zurück und stiegen hinab zu den andern, wo Frau Maud die Nacht über bei der Verwundeten bleiben wollte, während ich selber weiter nach Breuil ging. Es war eine schwere Stunde, als ich dem Vater des Mädchens, dem ich so gern günstige Nachrichten gebracht hätte, die Sachlage in dem kleinen Hotelzimmer erklären mußte. Im Verlauf des Nachmittags sah man dann langsam den Zug der auf Tragbahren gebetteten Verwundeten über den Hang am Fuß des grimmen Berges herabkommen, ein ergreifendes Bild, das den schwergeprüften Vater der nicht Zurückkehrenden ruhelos hin und her trieb, während die vor dem Hotel stehende Menge, darunter auch Reporter, die mich auszufragen suchten, ihre neugierigen Bemerkungen machte. Immer näher kam die Trauerkarawane, man konnte Frau Maud erkennen, die neben der Tragbahre mit dem Mädchen, seine Hand haltend, schritt. Scheu und schweigend machte man ihr Platz, und sie ließ es sich nicht nehmen, die Verwundete noch zu Bett zu bringen. Die ganze kalte Nacht hatte sie auf dem Berge neben ihrer Schutzbefohlenen zugebracht, hatte sie verbunden, ihr zu essen gegeben, sie aufzuheitern versucht, ohne ein Auge zutun zu können. Auch nach Tagesanbruch hatten sie noch stundenlang warten müssen, bis die Bergungsmannschaft kam, um dann in ständiger Sorge für die Verunglückte die ganze lange Kletterei da hinunter mitzumachen. Nichts war ihr zu viel gewesen. Einige Tage darauf wurden dann auch die Leichen zu Tal gefördert, wir aber waren inzwischen weitergezogen, mit einer quittierten Zimmerrechnung für jene Nacht, die unsere Rucksäcke in dem Hotel verbracht hatten, sowie für den Kognak »Fine Champagne«, den der Wirt mir für die Verwundeten aufgedrängt hatte. Der Rest dieser Reise stand unter keinen günstigen Auspizien, äußerlich wenigstens. Wir wurden drei Tage lang vom Schneesturm in der Montblanchütte festgehalten, ohne an eine Besteigung des Berges denken zu können, bis uns der Hunger zwang, über den Col de Miage nach Chamonix abzuziehen. Nun, es war immerhin ein hochinteressanter Weg, und wir hatten manche prächtige Sturmaussicht. Auf der Südseite des Montblanc ist eben alles einzig großartig. Daß das Matterhornerlebnis einen tiefen Eindruck auf mich machte, ist verständlich. Das Gefühl, in entscheidender Stunde mein Alles eingesetzt zu haben, war mir doch eine große innere Befriedigung, auch wenn es vergeblich gewesen war. Diese Befriedigung war mir auch ein Beweis für die Bedeutung der ethischen Werte in diesem Dasein, der insofern doppelt schwer wog als er sich in einer positiven, wohltuenden Weise geltend machte und nicht bloß das Resultat von Erwägungen war, oder gar der Furcht vor einer immanenten Gerechtigkeit entsprang. Daß ich diese Erfahrung meinem geliebten Alpinismus verdankte, machte mir denselben natürlich doppelt wertvoll. Auch in anderer Hinsicht beeinflußte mich das Matterhornerlebnis, indem ich vollends ganz in den Bann des Berges kam, dessen dämonisch faszinierende Macht mich jetzt erst recht umgarnte. Noch dreimal ging ich zur italienischen Hütte, wo ich zweimal durch das Unwetter zurückgehalten wurde, stieg noch einmal bis hinauf über den Tyndallgrat, besuchte alle die alten, mir so wohl bekannten Stätten und machte mehrere hundert photographische Aufnahmen auf dem Berg, der es mir nun einmal angetan hatte. Es war dies im übrigen keineswegs eine Monomanie von mir. Ich weiß von genug Leuten, denen es in ihrer Art genau ebenso erging. Um von Whymper, dessen ganzem Leben der Berg bekanntlich seinen Stempel aufgedrückt hat, gar nicht zu reden, ist da zum Beispiel Mummery, der zur Einleitung seines Alpenwerkes schreibt: »Ich war siebenmal auf dem Gipfel des Matterhorns. Ich saß da mit meiner Frau, als ein angezündetes Streichholz in der windstillen Luft nicht flackern wollte und bin von seinem zerklüfteten Gipfel durch die tobende Wut von Donner, Blitz und wirbelndem Schneesturm vertrieben worden. Jede dieser Erinnerungen hat ihren eigenen, merkwürdigen Reiz, und die wilde Musik des Sturmes ist kaum ein geringerer Genuß, als die Pracht eines schönen Tages.« Da ist ferner Guido Rey, der Mann des Furggengrats, der, nachdem er alle andern Routen gemacht, auch diese, für unmöglich gehaltene erzwingen wollte und, als es nicht ging, sich mehrere hundert Fuß weit von oben über die Stelle hinabseilen ließ, die ihm im Anstieg unmöglich gewesen, um auch auf dieser Seite des Berges wenigstens überall gewesen zu sein und der dann ein begeistertes, von tiefster Liebe zu dem Berg durchdrungenes Buch darüber schrieb. Da ist der Mann, der den Furggengrat dann doch noch erzwang und neben ihm eine ganze Anzahl weniger bekannter Größen, denen der Berg es in ganz ähnlicher Weise angetan hatte. Dent d'Hérens von der Dent Blanche. Worin liegt das? Schon die Gestalt des Berges ist von einer Wucht und ausgeprägten, merkwürdigen Eigenart, wie man sie sonst nirgends findet. Paul Güßfeld hat diese Form am treffendsten charakterisiert, indem er sagt: »Das Merkwürdige liegt in der Kombination von Eigentümlichkeiten, die sich nach unserer Erfahrung gegenseitig auszuschließen scheinen, denn die Gestalt und Schneelosigkeit des Matterhorns wiederholen sich nur an kleineren Felszähnen, seine Masse und Höhe dagegen nur bei den schneetragenden Häuptern der höchsten Alpen.« Diese Vereinigung der Form eines sonst kleinen Felszackens mit ungeheurer Größe gibt dem Berg etwas Übernatürliches, noch nie Dagewesenes, gewissermaßen die Idee des über sich selbst Hinauswollens, die mächtig fasziniert und anzieht. Beinahe noch mehr ist dies mit den Einzelheiten der Fall, die den Eindringling dort oben erwarten. Da ist alles so riesenhaft, gewaltig und scheinbar übernatürlich, daß uns unwillkürlich das Grauen des Unerhörten umfängt. Und warum sollte nicht auch hier das Grauen anziehen? Nicht in kleinlicher Neugier, sondern in dem Wunsch, das Unfaßliche zu ergründen, dem Unendlichen näherzutreten, der kühne Seelen unwillkürlich lockt, den Schleier zu lüften, in das Heiligtum einzudringen. Sehr bezeichnend ist in dieser Hinsicht das Verhalten jener verunglückten Mädchen, die ihre Begeisterung für den Berg so teuer zu bezahlen hatten. Sie waren zu der Tête de Lion hinaufgestiegen, ein allerdings nicht einfacher Spaziergang, den sie aber immerhin trotz ihrer völligen Unerfahrenheit wagen konnten. Mehr war auch nicht beabsichtigt gewesen; aber als sie dort oben die ganze gewaltige Südseite des Berges in ihrer ungeheuerlichen Pracht beinahe zum Greifen nahe vor sich hatten, da wurde der Wunsch, in das Heiligtum einzudringen, übermächtig, zwingend und verhängnisvoll. Liegt da nicht eine sinnverwirrend lockende, nein tragische Macht? Mountethütte mit Obergabelhorn. Hierzu kommt endlich noch die Geschichte des Berges, die auf Schritt und Tritt nicht bloß von diesem Locken und dem titanenhaften Ringen mit ihm redet und uns darum menschlich so anmutet, sondern die auch der Ausdruck des Zornes und der rächenden Gewalt der Elemente ist, die nicht nur gewöhnliches Verderben bringen, sondern oft genug gerade den vernichten, der sie am meisten liebt. Das alles zieht an dem nachdenklichen Besteiger vorüber, dringt auf ihn ein mit elementarer Wucht, und immer mehr gerät er in den Bann dieses höchsten Sinnbilds, dieser gewaltigsten Verkörperung der Wildheit, Größe und Erhebung des Hochgebirgs. Bei meinen Wanderungen, die mich unwillkürlich immer wieder in die Gegend des Berges zogen, lernte ich seine Umgebung allmählich auf das genaueste kennen, und auch an Abenteuern aller Art fehlte es dabei natürlich nicht. Da war zum Beispiel ein wütender Gewittersturm auf dem Lysjoch, an Blitzgefahr demjenigen von der Hochzeitsreise kaum nachstehend, da war ein hochgelegenes Zeltlager am Rimpfischhorn, bei dem der während der Nacht fallende Schnee unser Zelt so zu Boden drückte, daß wir uns mühsam aus der kalten Umarmung herausarbeiten mußten, ehe wir die Besteigung fortsetzen konnten. Interessant war ferner ein Erlebnis an dem steinfallgefährlichen Triftjoch. Nach einer Besteigung des Besso verbrachten wir einen herrlichen Abend in der einzig schönen Mountethütte, wo sich das Gebirge in einem so ungeheuren, mauerähnlichen Wall vor dem Beschauer erhebt, wie man ihn in solcher Kompaktheit und niederdrückenden Mächtigkeit kaum irgend sonst wo zu sehen bekommt. Ein Gornergrat, man möchte sagen, dessen Berge auf allernächste Nähe herangerückt sind. Dazu das Gold des Sonnenuntergangs, dessen blutrote Streifen sich langgestreckt an den Firnenrand hefteten und mit der beständig wechselnden Wolkenbildung in dem zunehmenden Dämmerlicht einen so magischen Anblick boten, daß man sich geradezu in einem eisigen Feenlande zu befinden wähnte. Um der am Triftjoch drohenden Steingefahr, die sich meist erst gegen Mittag zeigt, zuvorzukommen, hatte ich einen frühzeitigen Aufbruch beschlossen, aber, wie so oft bei solchen Gelegenheiten, verzögerte sich der Abmarsch, was mich angesichts der kostbaren Minuten in keinen kleinen Grimm versetzte. Immer wieder drängte ich vorwärts, und wir waren nur noch wenige hundert Meter von der gefährlichen Firnrinne entfernt, als plötzlich ein ungeheurer Donner hörbar wurde. Ein Felsblock in Hausgröße war von hoch oben auf die Rinne gestürzt, in Tausende von Steinen zerschellt und fegte nun als ein wilder Trümmerhaufen den schmalen Hang herab, über den wir hinauf wollten. Mächtige Blöcke kamen polternd bis in unsere nächste Nähe, einzelne sausten sogar noch an uns vorbei. Hätten wir nicht die halbe Stunde Verspätung gehabt, so wäre es fraglos um uns alle geschehen gewesen. So sahen wir uns die Sache nur stumm an. – Was aber nun? Durften wir es wagen, unter solchen Verhältnissen die Rinne doch noch zu ersteigen? Nach einigem Beraten kamen wir zu der Ansicht, daß für heute genug Steine heruntergefallen seien und stiegen, allerdings in ziemlicher Hast, hinauf, ohne irgendwie belästigt zu werden. Humorvoller war ein Interview durch den bekannten italienischen Schriftsteller de Amicis, dem wir zum Opfer fielen, und das der Leser, was Frau Maud betrifft, ja schon kennt. Möge er nun auch das Nötige über mich hören! De Amicis, ein sehr stattlicher, etwas korpulenter Herr mit schneeweißer Mähne, möchte man sagen, und von unermeßlicher Würde und Herablassung schreibt: »Er war ein Riese, einen Kopf größer als alle andern. Wenn ich hundert Jahre lebte, würde ich nie sein Aussehen, seinen Charakter, seine Art zu sprechen, vergessen. Man erwartete ihn mit Sehnsucht in Breuil, wo er seit Jahren einige Tage im Sommer verbringt. Ich sah ihn am ersten Abend seiner Ankunft mit langen Schritten in den Gängen des Hotels auf und ab gehen, und seine riesige Gestalt, sein zerzaustes Haar, seine kleinen, tiefen Augen, von welchen nur die Pupille zu sehen war, seine niedrige, gefaltete Stirn von einem großen Hut beschattet, erinnerte mich an die deutschen Soldaten, welche Detaille im Vordergrund mancher seiner Bilder gemalt hat, um die Hartnäckigkeit und die harte Seele jenes Geschlechts wiederzugeben. – Ein Hunne, hörte ich von ihm sagen, ein Bär vom Schwarzwald und auch: das Matterhorn als Mensch. – Er sollte 44 Jahre alt sein, aber er sah aus, als ob er niemals jünger gewesen wäre und niemals älter werden könnte: ein Fels in menschlicher Gestalt, dem der Alpenwind Leben eingehaucht hat. Bei seinem ersten Anblick verflüchtigte sich mein Wunsch, ihn zu sprechen, bis in die Tiefe meiner Seele, als ob sie warten wolle, daß dieses Antlitz gleich einem bewölkten Himmel sich aufkläre. Und trotz seines freundlichen Empfanges, als ich ihn das erstemal sprach, ermutigten mich weder seine laute soldatische Stimme, noch sein hartes Französisch, welches er mit großen Unterbrechungen sprach, den richtigen Ausdruck mit ungeduldigen und schnellen Gebärden suchend, als wolle er eine Pistole gegen mich losdrücken. Aber nach und nach zeigte er sich anders: als ein guter, lieber Mensch und eine heitere Natur. Es kam mir vor, als falle eine Rüstung von ihm ab, aber entwaffnet und wohlwollend erschien er mir noch stärker. Ganz gemütlich seine hölzerne Pfeife rauchend, erzählte er mir seine Geschichte als Bergsteiger, langsam, geordnet und einfach, als ob er diktierte. Er interessierte sich für den ›Kontakt mit dem Übernatürlichen‹, wo der Geist sich vertieft, der Gedanke ausschweift. Seiner Meinung nach ist das Bergsteigen die einzige Leidenschaft, welche den Menschen ganz und gar in ihrem Bann hält, welche in ihm alle Fähigkeiten und Gefühle erzieht: Geist, Herz, Charakter, Gefühl, Sinn für Poesie und Schönheit. Als er dies sagte, war er ganz begeistert, und man merkte seiner Stimme eine tiefe Überzeugung, eine eiserne Willenskraft an. Von seinen Kindern sagte er, als ob er einen Schwur leisten wollte: ›Sie werden Alpinisten sein!‹ und man merkte wohl, daß ein jedes Vorhaben in seiner Seele fest sei, wie ein Fels des Matterhorns.« Wie ein Fels des Matterhorns hatte sich im übrigen allmählich etwas anderes in mir festgesetzt. Naturgemäß hatte ich mir im Laufe der Jahre Gedanken über das Hochgebirge, seine Bedeutung, seinen Einfluß auf Leben und Anschauungen durch seine belebenden und zerstörenden Kräfte gemacht, die mich mehr und mehr in Anspruch nahmen. Was Wunder, wenn ein innerer Drang mich trieb, das auf irgendeine Weise zu gestalten? Nachdem ich meine jugendlichen Ideen, der Weisheit Gipfel verstandesgemäß zu erklettern, aufgegeben, war ich schon längst daran gegangen, mich wenigstens in der alpinen Literatur zu betätigen. So waren verschiedene Aufsätze und Werke entstanden, die sich vornehmlich um meine photographischen Aufnahmen rankten, aber doch nur rein bergsteigerischen Inhalts waren und keineswegs all das sagten, was in mir lebte und nach Ausdruck rang. Im Gegenteil! Denn das Körperliche im Alpinismus erschien mir mehr und mehr nebensächlich neben dem, was ich rein menschlich, seelisch und künstlerisch in den Bergen fühlte und in mich aufnahm. Das aber mußte einfach heraus. In dem Wunsche, es so plastisch als möglich zu tun, kam ich nun auf den Gedanken, meine Ideen dramatisch zu gestalten, natürlich an der Hand des Matterhorns, das nun einmal alles in sich vereinigte, was ich fühlte. Daß ich mir da eine Aufgabe gestellt hatte, die nicht nur einen Geist allerersten Ranges, sondern auch eine entsprechende Schulung verlangt hätte, ist klar. Doch das kümmerte mich wenig, und in dem Gefühl, bei einem so hohen Ziel wenigstens eine milde Beurteilung beanspruchen zu können, packte ich mein »Matterhorn«, wie ich es sonst gewöhnt war, ohne viel Federlesens an. Da war zunächst der Gegensatz zwischen dem Leben auf den Höhen und dem Alltag, dessen Gestaltung mich reizte. Dort der Verkehr mit dem Unendlichen, der freie, weite Blick, das Gefühl über dieser Welt zu stehen, Schönheit, Größe und Natürlichkeit mit ihrer gehobenen Stimmung, ihrer ethischen Kraft und dem Flug des Gedankens, aber auch mit ihrer traumartigen Kürze und dem tragischen Zwang des immer wieder Hinuntermüssens. Da die Länge und Gebundenheit des Lebens hier unten mit der erdrückenden Wucht seiner Wirklichkeiten, seinem schonungslosen Hinwegschreiten über alles, was sich ihnen nicht beugt, seinem systematischen Zertreten des Idealen. Dabei ergaben sich mancherlei Fragen: War die Flucht dort hinauf geeignet, die Qual hier unten mit ihrem verklärenden Hauch zu durchdringen, die Kraft zum Standhalten zu geben, das Leben überhaupt zu idealisieren und dauernd zu heben? Und wenn ja, in welcher Weise? Oder ist es nicht besser, die Schwärmerei überhaupt zu lassen, sich nur kühl auf die Tatsachen zu stützen? Als gewissermaßen »matterhornartig«, weil über sich selbst hinaushebend, erschienen mir in dieser Hinsicht die Gegensätze des reinen, himmelstürmenden Idealisten und jenes realistischen Übermenschen, der, ganz auf dem Boden der Tatsachen stehend, rücksichtslos über alles hinwegschreitet und darum auch so manchen Erfolg verzeichnen kann. Wo liegen überhaupt die wahren Höhen dieses Lebens? Daß ich diese Frage in idealistischem Sinne beantworten würde, war für mich ja allerdings von Anfang an klar. Aber worin bestand denn der »wahre« Idealismus, wenn ideales Streben doch so oft den Boden unter den Füßen verliert und damit leicht unwirklich, wenn nicht unheilvoll wird? Und mußte mir, als einem so ganz im praktischen Leben stehenden Menschen die wenn auch harte und nüchterne Wirklichkeit nicht auch als eine nun einmal gegebene Größe erscheinen, mit der man eben zu rechnen hat und die dann auch gewiß manche gute und stärkende Kraft in sich birgt? Nun, zunächst siegte in meinem Stück der Idealismus, der seine ganze blendende Macht entwickeln konnte und ja auch die Jugend so leicht bezaubert. Ein rücksichtsloses Weib, das, mit allen materiellen Gaben ausgestattet, gewohnt ist, die Welt vor sich auf die Knie zu zwingen, verleitet einen überideal veranlagten Höhenschwärmer, sie auf »sein« Matterhorn hinaufzuführen, lediglich um dadurch billigen Ruhm zu ernten. Aber die Dinge verlaufen anders. In der großen Natur dort oben vollzieht sich das Wunder ihrer idealistischen Bekehrung, die in der beiderseitigen Liebe als ihrem höchsten Ausdruck gipfelt. Es ist die heilige Flamme, die da entzündet wird. Wird sie anhalten, wird sie beider Leben mit ihrem verklärenden Hauch durchdringen, oder ist es nur ein kurzer, vorübergehender Höhenrausch? Was ist überhaupt das Ziel ihres neu erweckten Lebens? Der Idealist bleibt sich zunächst treu und besteht auf seinen beinahe übermenschlichen Forderungen, denn das Ideal kennt keine Kompromisse. Das sieht auch sie ein und sie hat allen guten Willen, dann aber siegt doch der Alltag über sie, und ihre Liebe verleugnend, fällt sie in das alte, rücksichtslose Wirklichkeitsleben zurück. Aber das Licht der Höhen läßt sich nicht verlöschen, so schwach es auch noch flackert. Der einmal von ihm Bestrahlten vermag das gewöhnliche Dasein nichts mehr zu bieten. Angesichts der wachsenden, durch Schicksalsschläge vertieften Enttäuschung, treibt es sie mit unwiderstehlicher Gewalt nach der Stätte ihres einstigen Glücks zurück, nur um zu finden, daß inzwischen auch der Idealist in der Qual des Alltags sich untreu geworden ist; an der Seite einer vermeintlich unscheinbaren Frau eine Befriedigung suchend, die ihm ebensowenig gegeben ist. So hat der Alltag also gesiegt, und nur einer ist da, dem inmitten des allgemeinen Scheiterns sein lange vorbereiteter Lohn endlich zu winken scheint: der konsequente Realist, der die Leichtgläubigen in schwere Schuld gestürzt hat und seinen Vorteil unerbittlich ausbeutet. So ist den beiden die Welt zu eng geworden und nur im Todesgedanken finden sie sich wieder, der sie erneut dort hinauf treibt, ihn unauffällig auszuführen. Wie nun zeigt sich der Einfluß des Gebirges jetzt? Zunächst fühlt der Idealist bald die vernichtende Schwere seines Entschlusses, aber das finstere Toben des Berges betäubt die beiden auch. In einem wilden Höhentaumel suchen sie es ihm gleichzutun und durchbrechen die Schranken von Menschensitte und Gesetz, nur um sich noch mehr in Schuld zu verstricken, die dort oben doppelt schwer auf ihnen lastet, die Gegensätze noch verschärft, sie völlig verzweifeln läßt. Da greift der Berg selbst sühnend und rächend ein. Sühnend, denn das kalte Höhenlicht, das die beiden erschauern macht, bringt alles an den Tag, zerrt es aus seinen dunkelsten Winkeln heraus und zwingt die Schuldbeladenen zur läuternden Selbsteinkehr; rächend, denn die blinde Wut des Fanatismus führt leicht zu Fehltritten, die an den gefährlichen Klippen verhängnisvoll sind. So wird der rücksichtslose Ausbeuter, der auch dort oben das Geschick in den verbrecherischen Händen halten zu können wähnt, das eigene Opfer seiner Rachgier. Die im Tode zutage tretende Größe jener unscheinbaren Frau aber, die überall helfend und tröstend ihren stillen Weg gegangen, wächst und wächst und zeigt den verirrten die wahren Höhen in jenem Idealismus der Tat, der festen Boden unter den Füßen behält und auch im kleinen getreu, der Wirklichkeit, nicht nur seinen Träumen lebt. So durchbrechen die hellen Strahlen des neuen Tages die wilde Hochgebirgsnacht, und die beiden steigen geläutert hinunter in die Welt, in die wir nun einmal gehören. »Ein weites ew'ges Schweigen singt Dort laut des Todes Lied! – weh dem, der aus der Berge Reich Nicht zu den Menschen flieht!« Herzfeld Meine Freunde warnten mich dringend, vor allem einer, der beim Theater bekannt und wohl bewandert war. »Schreiben Sie einen Roman oder was Sie wollen, aber nur nichts fürs Theater. Wenn Sie ein Stück schreiben, dann werden Sie zum Lumpen gemacht, zu einem gemeinen Kerl und Tantiemenschinder.« Nun, in dem kleinen Stadttheater, wo ich nach allerhand Fährnissen zuerst zur Aufführung kam, ging's ja noch. Die Kritik lächelte milde, und ich hatte wenigstens einen unvergeßlichen Eindruck: Als wir uns bei der ersten Probe nach all den Mühen auf der die Matterhornhütte darstellenden Bühne hinsetzten, hatten wir das Gefühl, als seien wir wirklich und wahrhaftig dort oben und feierten unsere Besteigung mit einem ebenso begeisterten wie kräftigen Trunk. In der Residenz war es dann anders. Das war so etwas für die literarischen Keuschheitswächter, die in beleidigtem Zorn von ihrem erhabenen Thron ihre grimmen Blitze schleuderten. Wie konnte dieser Laie es wagen, vor sie hinzutreten, die Allgewaltigen, die die hehre Flamme bewachen! Einer, der sich auch noch für einen Alpinisten ausgab, meinte sogar, ich müßte zur Strafe für solche Vermessenheit gezwungen werden, von Landeck nach Gomagoi zu Fuß zu gehen. Als ob ich das nicht sehr gern getan und dabei vielleicht viel mehr gesehen hätte als er! Tatsächlich kam ich mir auch ungefähr so vor: Als munterer Wanderer, der vergnüglich seinen mühsamen Weg einherschreitet, während verschiedene andere – ich sage gewiß nicht alle; denn ich bin für ein wohlgemeintes, offenes Wort immer empfänglich gewesen – auf gespornten Pegasus einhergaloppierten und »sich in jenen eisigen Höhen der Spekulation verloren, wo der Wahnsinn auf seine Opfer lauert.« Später habe ich dann den Stoff als Roman neu bearbeitet, so daß sich der Leser, falls er das will, ja selbst ein Urteil bilden kann. Ausklang. In einer Gletscherspalte am OIperer. In Zermatt ging einst das Gerücht, ein blinder Engländer habe das Matterhorn bestiegen, ja mehr noch, er habe sich auch auf zahlreiche andere Berge hinaufschleppen lassen. Daß dies für den Gipfel spleeniger Verrücktheit angesehen wurde, liegt auf der Hand. Auch ich tat das erst, ging dann aber der Sache auf den Grund und wurde von einem Führer, der dabei gewesen, eines Besseren belehrt, so sehr, daß ich ordentlich Sympathie für den Blinden bekam. Derselbe war in seiner Jugend Bergsteiger gewesen und hatte erst später das Augenlicht verloren, ohne im übrigen den vollen Gebrauch seiner Glieder einzubüßen. Nun hing er mit solcher Liebe an seinen Jugenderinnerungen, daß er sie soviel als irgend möglich wieder aufzufrischen suchte. Aber, welchen Sinn, so fragt man sich unwillkürlich, hatte das denn, nachdem er nun doch einmal nichts sah? Als ob man nur mit dem äußeren Auge sähe! Gibt es nicht auch einen inneren Blick, der alle Finsternis durchdringt? Tatsächlich unternahm der Mann nur Touren, die er in seiner Jugend schon einmal gemacht hatte und bediente sich der Führer, die ihn früher begleitet. Dabei hatten dieselben genau zu erklären, was alles zu sehen war, und ihre Erinnerungen von damals soviel als möglich aufzufrischen. Mußte ihm das nicht die Zeiten, wo er es selbst noch im goldenen Sonnenlicht sehen und erleben konnte, so ins Gedächtnis zurückrufen, daß er sie, verklärt von dem Schimmer der Vergangenheit, wieder lebhaft fühlte, mußte nicht wenigstens der Geist des Ortes ihn wiederum mit seinem Zauber umfangen? Der Geist des Ortes! In gewissem Sinn ist ja alles durchgeistigt, hat sein Seele, wenn man sie nur sehen will. Wer z. B., der im Schlafwagen bei Nacht die Lande durcheilt und unterwegs zufällig erwacht, hat nicht schon in einem einzigen Augenblick den Geist der Gegend in sich aufgenommen, an die er vorher mit keinem Gedanken gedacht? Man hört draußen im Dialekt oder in fremder Sprache einige gleichgültige Worte, sieht im Vorbeifahren einen Fluß, eine weite Heide, eine spärlich beleuchtete Straße oder irgendeine Kleinigkeit und ist sofort im Bilde, ahnt und fühlt die der Gegend innewohnende Eigenart. Ist es nicht schon etwas ganz anderes, ob da der Rhein oder die Donau fließt, ob man sich gerade in Luzern, Eisenach oder Florenz befindet, auch wenn es nur der Bahnhof ist? Nun kann man vielleicht einwenden, daß da auch noch andere als rein lokale Beziehungen mitsprechen und anklingen, während bei den leblosen Bergen nur die starre Örtlichkeit an sich zum Ausdruck komme, die nichts Menschliches an sich hat. Aber der Bergsteiger schafft sich eben solche Anhaltspunkte, er lebt mit seinem Berg, gibt und empfängt von ihm, kommt ihm mit Liebe und Vertrauen entgegen und erhält dafür nicht bloß Größe, Schönheit und Unendlichkeit in ganz bestimmter Eigenart, erhabene Schauer, vielleicht auch Schrecken und Gefahren, sondern er erlebt auch zahlreiche kleine Nichtigkeiten, die für empfängliche Seelen einen unendlichen persönlichen Reiz besitzen. Das alles aber schafft Beziehungen, verbindet, bringt Leben und persönliche, menschliche Werte. So kann ich mir z. B. sehr wohl denken, daß, wenn man mich mit verbundenen Augen auf das Matterhorn führen und mir nur ganz unzusammenhängende Worte zuflüstern würde, das völlig genügte, um mir den Geist des Berges heraufzubeschwören, die Örtlichkeit mit allen ihren Zusammenhängen lebendig zu machen. Und ist ein Blinder nicht doppelt empfänglich, weil sein Blick nur nach innen gerichtet ist? Wenn ich somit besondere Sympathien für den blinden Matterhornbesteiger empfinde, so kommt das vielleicht daher, daß ich allmählich auch in eine Lage kam, wie er. Nicht etwa, daß mir das Augenlicht genommen worden wäre, nein, es war ein anderes, aber doch ähnliche Gefühle erweckendes Leiden, mit dem ich allmählich zu kämpfen hatte: das Altern. Auch damit ist ja so mancher Verzicht verbunden, der schmerzlich wirkend den Blick nach innen lenkt und dadurch wieder den Trost der Läuterung und Verklärung mit sich bringt. Doch ich greife vor. Noch pochte das Alter nicht so radikal bei mir an, wenn es sich auch langsam mit seiner Unerbittlichkeit geltend machte. Nach wie vor gingen wir allsommerlich, meist auch zur Winterszeit, in die Berge und suchten, oft weit nach Osten schweifend, für uns neue Gebiete auf. So zogen wir zweimal in die schönen Zillertaler Alpen, wo wir unter anderem bei einer Olpererbesteigung Gelegenheit hatten, eine tückische Spalte zu besichtigen, in die wenige Tage zuvor ein Bergsteiger mit seinem Führer gestürzt und in der er nach vergeblichen Versuchen, wieder ans Tageslicht zu kommen, zugrunde gegangen war. Es war eine in ihrer Art wunderbare Eishöhle , ein herrlich gewölbter Dom von magisch schimmernder, blaugrüner Pracht. Ringsum erhoben sich, nur durch ein kleines Loch beleuchtet, die kalten Flächen kuppelförmig über uns, zu unsern Füßen gähnte eine unergründliche, dunkle Tiefe, während ein phantastischer, gewundener Gang ans Tageslicht führte und die sonnige Welt draußen ahnen ließ, zu der hier alles einen so starren Kontrast bildete. Ein eigentümlich einsames Gefühl wie auf hohem Bergesgipfel überkam einen, und die zahlreichen verbrannten Streichhölzer, die der Unglückliche benutzt hatte, um seinen letzten Willen zu schreiben, erweckten unwillkürlich Gedanken über das Leid dieser Welt und ihre tückischen Zufälle. Und doch sprach auch aus dieser unbarmherzigen, starren Kälte die eindrucksvolle Größe der unendlichen Natur. Recht unterhaltsam war's einige Jahre später in der schönen Berliner Hütte im Zillertal, in der man sich so münchnerisch fühlt. Auch dem stolzen Großglockner und den Stubeiern wurde ein Besuch abgestattet, und einmal zog mich Baumbachs prächtige Sage vom Zlatorog so an, daß es über die Niederen Tauern bis zum schönen Triglaw und weiterhin auch noch nach Triest ging. Auch die Voralpen, vor allem den benachbarten Sentis und das schöne Kaisergebirge vergaßen wir nicht. Wenn es somit an neuen Wegen nicht fehlte, so erging es mir doch mehr und mehr wie dem blinden Matterhornbesteiger. Die alten Plätze taten es mir in wachsendem Maße an, und ein unwiderstehliches Sehnen zog mich immer wieder zu ihnen, eine gewisse Treue und Dankbarkeit für das, was ich hatte schauen und erleben dürfen, welche Wonne, in der Vergangenheit zu kramen, sie wieder an sich vorüberziehen zu lassen mit ihren jugendlichen Torheiten und Übertreibungen, ihrer Kampfeslust, ihrem Übermut, ihren Hoffnungen, jubelnden Siegen oder auch Niederlagen! Und das alles zusammen mit Frau Maud, die sich so glühend dafür interessierte, war das nicht auch ein Glück in seiner Art, stiller und in sich gekehrter wohl, aber dafür auch milder und verklärter; wenn auch keine Erweiterung, so doch eine Vertiefung? Ganz besonders hatten es mir neben Zermatt die Dolomiten angetan, in denen die Herz und Lunge verhältnismäßig wenig anstrengende Kletterei mir zudem noch am ehesten Gelegenheit gab, meine schwindenden Kräfte einigermaßen zu erproben. So machten wir unter anderem eine Dolomiten-Erinnerungstour, die mich wieder an die altbekannten Plätze führte, wir begannen in Sexten mit dem schönen Zwölfer, den wir über die Eisrinne erstiegen und von dessen Gipfel wir erwartungsvoll zu den Drei Zinnen hinüberblickten. Wie gemütlich war's dann in der dortigen Hütte, wo Sepp Innerkoffler, der als Jeanne Imminks Führer unsere Hochzeitsreise mitgemacht, eine mächtige Freude hatte, uns wiederzusehen und wir den ganzen Abend über Erinnerungen austauschten, während es seine Frau sich nicht nehmen ließ, uns einen Extraschmarren vorzusetzen. Andern Tags machte es mir einen ganz besonderen Spaß, von den Hängen der Großen Zinne behaglich mitanzusehen, wie Frau Maud Jeanne Imminks Kletterkünste an der Kleinen Zinne nachahmte und ihren Gipfel erstieg. Dann wurde den Cadinen ein Besuch abgestattet, ein für mich noch neuer Gipfel erklettert und Frau Maud mein Turm gezeigt. Neu war mir auch der Anblick des Torre del Diavolo und seines Nachbars Gobbo, des »Buckligen«, bei dem die Natur sich offenbar einen Scherz erlaubt hat. Wer sollte nicht das buckelige Untier sehen, das mit seiner Schnauze, dem breiten Maul und den kleinen Äuglein an dem stolzen, größeren Nachbar neidisch hinaufgrinst? Von bergsteigerischem Interesse ist auch die erste Besteigung des scheinbar völlig unnahbaren Torre del Diavolo durch zwei Damen, deren Führern es nach talelangen Mühen gelang, vom Gipfel des Gobbo eine Seilschlinge nach einem Felsenvorsprung zu werfen, so daß eine, wenn auch nicht gerade bequeme Beförderungsmöglichkeit da hinüber gegeben war. Von Sepp Innenkoffler wurde nun Abschied genommen. Er war einer der intelligentesten Tiroler Führer, und sein inzwischen auf den Felsen des Paternkofels erfolgter Heldentod, wo ihn bei der Artilleriebeobachtung die feindliche Kugel traf, sichert ihm einen Ehrenplatz in der ruhmreichen Kriegsgeschichte seines Landes. Wir bummelten nun an dem schönen Misurinasee vorbei nach Cortina und wurden von Papa Verzi mit gewohnter Freundlichkeit aufgenommen. Dann kam der Cimone an die Reihe, den ich nun zum drittenmal bestieg, ohne die geringste Langeweile zu empfinden. Im Gegenteil, die Eindrücke waren größer als je zuvor, und auch der alte Bettega freute sich mächtig, Frau Maud von meinen photographischen Kraxeleien erzählen zu können. Ein Besuch des Rosengartens, wo inzwischen die prächtig gelegene Vajolethütte am Gartleingang erbaut worden war, folgte, und beim Anblick des Stabelerturmes gedachten wir wehmütig unseres guten alten Leibführers, der schon im Jahre nach seiner Rettungstat am Matterhorn einem Bergunglück zum Opfer gefallen war. Wieviel hatten wir mit ihm zusammen erlebt, wie sehr hatten wir ihn schätzen gelernt! Nicht bloß als Führer, sondern auch als Menschen und Freund. Auch das ist ja einer der Vorzüge des Alters, daß man den Genossen seiner Taten menschlich näher tritt, als dies in der Jugend meist der Fall ist. Nicht bloß wegen der Leistungen, sondern oft genug auch aus Sympathie für ihre Gefühle, die bei dem Naturmenschen häufig reiner aus dem Innern hervorquellen, wie bei dem Gebildeten, dessen Blick durch allerhand Nebendinge und Rücksichten so leicht getrübt ist. Ich muß in dieser Beziehung oft an die kleine Erzählung Whympers von seinem buckligen Zeltträger denken, als dieser zum erstenmal die Aussicht von den Hängen des Matterhorns bewundern konnte: »Der arme, kleine verwachsene Bauer starrte schweigend und ehrfurchtsvoll hinaus. Dann fiel er unwillkürlich wie anbetend auf die Knie, faltete die Hände und rief: ›O ihr schönen Berge!‹ Dabei waren seine Bewegungen so ungezwungen wie seine Worte natürlich, und Tränen zeugten für die Wahrheit seiner Erregung.« Auch den seiner Verantwortung bewußten Mut finden wir bei dem Naturmenschen oft unverfälschter als bei dem Übergebildeten, der so leicht geneigt ist, blasierte Todesverachtung für ihn auszugeben, die doch auf einer unendlich viel niedrigeren Stufe steht. Um nun auf Stabeler zurückzukommen, so zwang er einem Achtung und Vertrauen wie eine selbstverständliche Sache ab. Goldklar lag diese kreuzbrave, ehrliche und tapfere Natur vor jedermanns Augen da. Aus den treuherzigen blauen Augen, dem scharfgeformten Gesicht mit seinem mächtigen blonden Vollbart, den buschigen Augenbrauen und dem wirren Haar sprach ein Naturkind von unverfälschter Treue, ein echter und rechter Tiroler, und zwar ein Südtiroler, wie man ihn charakteristischer sich nicht denken konnte, der unsereinem auf den ersten Blick beinahe zu lebhaft erschien. Da war alles gleich Feuer und Flamme, die Arme gestikulierten in der Luft herum, ein drastischer Ausdruck folgte dem andern, und doch lag darin keinerlei Übertreibung. Man sah, das alles steckte tatsächlich in dem Mann drin, mußte mit Naturgewalt heraus. Dabei war er von unbegrenzter Gutmütigkeit und hatte ein ungemein feines natürliches Taktgefühl. Daß er in der Stunde der Not das letzte Stück Brot, den letzten Schluck freiwillig hergab, war bei ihm völlig selbstverständlich. Aber auch im alltäglichen Leben, in den langen Stunden, wo man so leicht mißmutig wird, war ihm nichts zuviel, kein Rucksack zu schwer, kein, wenn auch unnötiger Weg zu lang. Stets blieb er bescheiden, willig und hilfsbereit. Ja, seine Gutmütigkeit konnte sich manchmal geradezu in Hilflosigkeit verwandeln, wenn er sich im Unrecht wähnte. So habe ich es erlebt, wie auf der Seißer Alpe eine hochnäsige reiche Sennerin sich durch einen harmlosen Witz von ihm beleidigt fühlte und ihn wütend anfauchte: »Was willst denn du, so a lumpiger Bergführer, der nix is und nix hat und um sein täglich Brot gehen mueß!« usw. Wie verdonnert stand der Brave da, ohne ein Wort zu finden. Augenscheinlich meinte er, sich schämen zu müssen, bis er durch unser homerisches Gelächter sich selbst und den Humor wiederfand, diesen Guß vergnüglich über sich ergehen zu lassen. Und dieser Humor, ein natürlicher Ausfluß seiner Gutmütigkeit, war ebenso bescheiden wie sein ganzes Wesen. »Stabeler,« pflegte ich zu ihm zu sagen, wenn er etwas besonders gut gemacht hatte, »was hast du denn da wieder angestellt?« »Ja schauen's,« meinte er dann, »i bin halt e bissel dumm, als wie die Leut bei uns so san. Wir Tiroler werden sonst mit vierzig Johren g'scheit. Da tuet's e Pfnatscherl. Dös hab i überhört und hab zwanzig Jahr Verlängerung kriegt.« Natürlich hatte er auch seine »ständigen« Witze. Beim ersten Zusammentreffen wurde man unweigerlich gefragt, ob man auch gutes Wetter »in der Flaschen« mitgebracht habe, und nie versäumte er unmittelbar vor der Ankunft auf einem Gipfel zu sagen: »In aner Stunden san wir g'wiß oben!« Seine allgemeinen Kenntnisse waren gleich Null, denn in die Schule war er kaum gegangen. Mit dem Schreiben stand er also auf recht gespanntem Fuß. »Wissen's, dös Schriftliche, dös b'surgt mei Frau.« Und was das Lesen anbelangt, so hielt er es mit Michel Innerkofler und erklärte sich lachend für kurzsichtig. Dagegen machte er mit seinen italienischen Kollegen stets lebhafte Konversation. »Bello tempo heut, gelt?« oder beim Abschied: »Also adies, altera volta!« Mit seinen Führerkenntnissen stand es anders. Auf sein außerordentliches Pfadfindertalent habe ich schon gelegentlich der Rothornbesteigung hingewiesen. Er brauchte einen Berg nur zu sehen, um sofort zu wissen, wie man ihm beikommen konnte. Auch wußte er stets genau, was möglich war und was nicht und konnte bei den kompliziertesten ihm noch fremden Touren stets auf das genaueste angeben, wo man sich inmitten des Gewirrs von Felszacken oder Eistrümmern befand, wie man gehen mußte, wie weit man noch zum Gipfel hatte usw. Nur so erklären sich seine zahlreichen Erstlingstouren, die in den Dolomiten allein über 25 betrugen, darunter die Auffindung eines steinsicheren Weges auf den Cimone della Pala, die Ersteigung der westlichen Graßleitenspitze und des Zahnkofels mit Ludwig Darmstädter, seines Turmes mit Helversen und im Kaisergebirge die Überschreitung des Totenkirchls mit Leon Treptow. Sein körperliches Geschick, seine Eistechnik und Kletterkunst waren absolut erstklassig, obgleich er sich einst den rechten Daumen auf der Jagd »aus Dummheit« weggeschossen hatte. »Jo wann i nit immer jagen müßt!« Seine größte Tugend aber war eine unbedingte Vorsicht und Sicherheit, und es ist besonders anzuerkennen, daß er trotz seines unleugbaren Mutes die Grenzen der Waghalsigkeit nie überschritt, wie er trotzdem an einem ganz leichten Berg verunglücken konnte, ist ein Rätsel geblieben und vermutlich seinem, soweit bekannt, unerfahrenen Touristen zuzuschreiben. Auch Philosoph war er. So sagte er einmal, als er über seine Touren gefragt wurde: »O mein Gott, do ist kein Berg in de Dolomiten, wo i nit schon oben g'wesen bin, in Tirol hob i alles g'macht und in der Schweiz die ganze G'schichten vom Engadin bis zum Gran Paradis. Bloß im Dauphine bin i nit g'wesen. Do hätt i au schon hingehen können, aber i hab nit wollen. Man mueß nit überall g'wesen sein!« So lebt er in unseren und seiner Freunde Herzen weiter als eine kreuzbrave, treue und tapfere Seele, als ein Führer ersten Ranges, dem es nur wenige gleichgetan. Ehre seinem Andenken!. Beendet wurde unsere Dolomiten-Erinnerungstour mit einem herrlichen Abend auf der Terrasse der neu erbauten Kölner Hütte, wo wir bei einem grandiosen Sonnenuntergang und vortrefflichem Rheinwein noch einmal die ganze südlich phantastische Pracht genießen konnten. Auch der Silvrettagruppe winterlichen Angedenkens wurde noch einmal ein Besuch abgestattet, und ich konnte vom Gipfel des interessanten Groß-Litzner auf das Jamtal hinabblicken, wo ich mich einst so vergeblich in dem tiefen Schnee abgemüht. Endlich wurde im Allgäu die Genossin der Mädelergabel, die stolze Trettachspitze, bestiegen, und ich hatte Gelegenheit, mich mit dem prächtigen Schraudolf in im übrigen recht vergnüglicher Weise über die Vergänglichkeiten dieses Lebens zu unterhalten. Bald darauf ereilte auch ihn der unerbittliche Tod. Und nun kam langsam die Zeit, wo ich mich auf die Täler beschränken mußte, mich höchstens noch als »Jochfink« betätigen konnte. Sollte ich damit, wie das so viele tun, dem Alpinismus ganz Valet sagen? Auch das Alles oder Nichts hat ja seine Berechtigung. Aber war nicht mein ganzes Wesen und Sein allmählich auf die Alpen eingestellt, wäre das nicht wie ein geistiger und seelischer Selbstmord gewesen, und dafür war ich doch von Natur aus und dank meiner Berge viel zu positiv veranlagt. Ich zog also nach wie vor ins Gebirge, wenn es auch nur geschah, um beträchtlich hinaufzublicken und der Erinnerung zu leben, mir selber zu erzählen: »Da bist du damals hinauf, da ging's nicht mehr, und du hast gehangt und gebangt, dort kam der Nebel oder sonst irgendeine Tücke und schließlich standest du doch oben, triumphierend, sonnenfroh – oder auch nicht, was schadet's jetzt! Und wenn mir das allein schon eine große Befriedigung war, im Alter wird man ja genügsam, so hatte ich doch außerdem noch eine große alpine Aufgabe vor mir, beinahe die schönste von allen. Galt es jetzt nicht, all das, was der Alpinismus mir gegeben, in meinen Kindern wieder aufleben zu lassen, sie von der Heiligkeit meiner Berge zu überzeugen, mit Freiheitsgefühl, gesundem Sinn, Unternehmungslust und Wagemut zu erfüllen, sie zu Menschen der Tat zu machen und zu Idealisten zugleich, die den Alltag hier unten von Anfang an in seiner richtigen und so vielfach nichtigen Bedeutung erkannten? Faßte sich nicht darin mein ganzes Alpensehnen noch einmal in verklärter Weise zusammen, wie das Abendrot, das das goldene Tageslicht wiederholt, milder zwar, aber um so feuriger? Wahrlich, erst wer seine Kinder für die Berge erzieht, versteht deren wahre Bedeutung! Die Jugend an der Mädelergabel Und nun sollte gerade hier, wo, es sich um meines Lebens Krönung handelte, die Tragik einsetzen, was war natürlicher, als daß ich gerade auf meinen Max, den »Schreckerle«, wie er einst genannt wurde, meine größten Hoffnungen setzte. Wohl war auch das »Matterl« von unermüdlicher Energie und glühender Begeisterung für die Berge, aber er hatte doch die größere Kraft und Geschicklichkeit, ein äußerst starker, zäher, in sich gekehrter Charakter, der mit geradezu fabelhafter Energie das einmal erfaßte Ziel verfolgte und wie geschaffen war für eine große alpine Zukunft. Und nun liegt er unter dem grünen Rasen des Argonnerwaldes in dem feindlichen Land, nachdem er, noch nicht 18 Jahre alt, sein Blut für die Heimat vergossen. Wir hatten es wahrlich ernst genommen mit der alpinen Erziehung und konnten mit hoffnungsvollster Freude sein Werden und Wachsen beobachten. Daß Frau Maud die beiden Kinder schon in frühestem Alter an ihrer sichern Hand auf der Brüstung des im dritten Stockwerk befindlichen Balkons auf und ab gehen ließ, »um sie Schwindelfreiheit zu lehren«, sei nur nebenbei bemerkt. Später ging es dann alltäglich hinaus in Wald und Flur, das Lagerleben wurde geübt und von den Bergen erzählt, was stets große Begeisterung erweckte. So war der Junge 11 Jahre alt geworden, als wir ihn zum erstenmal mit ins Hochgebirge nach Zermatt nehmen konnten, vor allem waren wir gespannt, wie er sich zu unserem Matterhorn stellen würde. Würde es auch auf ihn jenen mächtigen Eindruck machen, wie seinerzeit auf uns? Zunächst enttäuschte er uns etwas. Kein Wort des Staunens oder der Bewunderung entschlüpfte ihm, und Frau Maud erklärte es sich damit, daß Kinder beinahe täglich etwas Neues und für sie noch Fremdes sehen, so daß eigentlich nichts sie überrascht. Später gestand mir dann der immer schweigsame und in sich gekehrte Gesell, der stets seine eigenen Wege ging, er habe wohl bemerkt, daß wir einen besonderen Ausdruck des Staunens von ihm erwarteten, weshalb er geschwiegen habe. Doch es kam anders. Als wir über den Gornergletscher zum Fuß unseres Berges hinübergingen, machte es ihm eine Riesenfreude, mit seiner kleinen Eisaxt Stufen zu schlagen, und als wir erst in die Felsen stiegen, packte ihn die Kletterlust mit Macht, und er war höchlichst enttäuscht, daß wir den Berg nicht bestiegen, sondern nur etwas an ihm herumkraxelten. Bei dem dann folgenden längeren Aufenthalt in Zermatt wuchs die Lust, und es gab keinen Kletterbock in der Umgebung, den er nicht von allen Seiten bestiegen hätte. Dann folgten neben »Wandervogel«-Touren mit Guitarre, Gesang und romantischen Nachtlagern Familienausflüge in die Voralpen, auf den Schwarzen Grat, die Mädlergabel, den Sentis, in die bayerischen und Lechtaler Alpen usw. Dabei herrschte stets eitel Freude bei der Jugend, die beständig Extraklettereien auf benachbarte Blöcke und Zacken zu machen hatte. Im Winter kam dann das Skilaufen an die Reihe, erst in gemeinsam in den Vorbergen verbrachten Übungsferien, wobei die beiden mit ihrer elastischen Geschicklichkeit die Eltern bald weit überholten und bei manchem Sturz auslachen konnten. Später zogen sie allein zu zahlreichen sonntäglichen Fahrten hinaus ins Gebirge. Da wurde dann in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen und nicht geringe Anstrengungen und Entbehrungen erduldet, denn nach dem Grundsatz meiner Jugend, daß mit Geld ein jeder reisen könne und es erst ohne solches eine wahre und wirklich genußreiche Kunst sei, gab es in der Hauptsache nur Proviant mit, der dann allerdings oft riesenhafte Dimensionen annahm. Dabei war der die Kasse verwaltende Junge äußerst gewissenhaft und lieferte selbst nicht verwendetes Trambahngeld stets wieder ab, allerdings meist nur pro forma, denn der gestrenge Herr Vater mußte solche Tugend doch auch belohnen. Wie nett war's dann allemal, wenn wir spät am Abend um den Tisch herumsaßen und die beiden mächtig einhauend von ihren Abenteuern und Taten erzählten, welch letztere bald recht respektable Gestalt annahmen. Dazu die rührende Kameradschaft, die sie mehr und mehr miteinander verband, nachdem sie draußen ganz aufeinander angewiesen, sich gegenseitig schätzen und einander aushelfen lernten, wahrlich, man wurde wieder ordentlich jung dabei! So war Max 16jährig geworden, als ich ihn 1913 auf eine größere Tour mit mir nahm. Es war verabredet, daß wir erst wandern wollten und er dann zum Schluß einige Besteigungen machen könne. Dabei machte zunächst die Verpflegungsfrage allerhand humorvolle Schwierigkeiten. Um ihn zur Selbständigkeit zu erziehen, bekam er für sein Essen täglich 5 Kronen und ich gab ihm den Rat, sich entsprechend einzuteilen und täglich eine Krone für Führerlohn zu ersparen, um dann etwas Rechtes unternehmen zu können. Aber das hatte angesichts der entschlossenen Sparsamkeit des Jungen bald seine Grenzen, denn wenn er auch meinen Rat befolgte, an der table d'hôte zu essen, »weil er sich da soviel nehmen könne, als er wolle«, so ging der Jugendhunger doch meist so mit ihm durch, daß ich immer wieder »ausnahmsweise« mit einer Naturaleinlage nachhelfen mußte. So waren wir durch das Pflerschertal zur Magdeburger Hütte gewandert, hatten die Magdeburger Scharte überschritten, mußten dann aber unsere Absicht, auf den Becher zu gehen, wegen Unwetters aufgeben. Wir zogen also durch das Ridnauntal nach Sterzing, frischten, über den Jaufenpaß nach Meran ziehend, Andreas-Hofer-Erinnerungen auf, und in Bozen konnte ich es mir nicht versagen, den jungen Mann in die Geheimnisse des Batzenhäusls einzuweihen, was höchstes Entzücken erregte. Dann ging's über den Karerpaß und die Kölner Hütte zur Vajolethütte, wo endlich die beträchtlich angewachsenen Ersparnisse verwendet werden sollten. Es war nun sehr unterhaltsam zu sehen, wie er sich in Fragen verschiedenster Art mit dem Führer verständigte und schließlich auf die Rosengartenspitze einigte. Am andern Morgen waren die beiden schon in aller Frühe weg und ich schlenderte langsam hinauf ins Gartl, um mir die Sache mitanzusehen. Aber als ich ankam, war alles schon vorüber. Der Junge hatte nicht allein die Rosengartenspitze, sondern auch die Laurinswand und einen dort befindlichen Zacken im Handumdrehen erstiegen und sein ganzes Geld auf einmal verbraucht. Die Kletterei hatte es ihm so angetan, daß es kein Halten mehr für ihn gegeben hatte. Nur darüber klagte er, daß es viel zu leicht gewesen sei. Also wahrlich gute Aussichten für die Zukunft. Als dann im Sommer 1914 der Krieg ausbrach, befand er sich gerade im großelterlichen Hause in England und es gelang ihm, noch rechtzeitig die deutsche Grenze zu erreichen. Dort aber wurde er von der Behörde in Empfang genommen, von dem gestrengen Herrn Bezirksfeldwebel verhört und nicht mehr losgelassen. »Es sei ausgeschlossen, daß ein General seinen Sohn ohne Legitimationspapiere reisen lasse.« Dabei blieb es. So wurde er denn mit aufgepflanztem Seitengewehr durch die Stadt transportiert und mit zwei italienischen Arbeitern in einen Gepäckwagen eingesperrt, um in ein Gefangenenlager transportiert oder gar als Spion behandelt zu werden. Aber man hatte die Rechnung ohne den Sohn seines Vaters gemacht. Beim nächsten längeren Aufenthalt brach er aus und es gelang ihm, in dem allgemeinen Durcheinander auf weiten Umwegen und ohne die Bahn zu verlassen, sich heimzufinden. So konnte ich kurz, ehe ich selbst ausmarschierte, seinem Wunsch, Offizier zu werden, noch willfahren und ihn in mein altes Regiment einstellen. Schon nach fünfwöchiger Ausbildungszeit rückte er dann Mitte September mit zahlreichen Kameraden ins Feld. Begeistert wurde der Rhein überschritten, dann begann sofort der Ernst des Krieges. Kalte Biwaks im Regen und ohne Stroh wurden ohne zu murren ertragen und im Schützengraben, der gerade angegriffen wurde, soll der Junge, der ein vortrefflicher Schütze war, 10–12 Franzosen bei einem einzigen Ansturm erledigt haben. Es war der Höhepunkt seines Soldatenlebens. Kurz darauf wurde die Kompagnie zu einem Angriff herausgezogen, und in dem dichten Argonnerwald traf ihn neben und mit seinem Kompagnieführer die tödliche Kugel. Nur vier Tage lang war er draußen gewesen. So werden Hoffnungen begraben. Nun, noch ist mir ein kleiner Junge geblieben, der zusammen mit unserem »Matterl« gewiß die Höhentradition hochhalten wird, freilich ohne daß der Vater dabei wird mittun können. Alpinismus So ist also das ganze Wanderleben wieder vorbeigehuscht mit seinem Sehnen und Suchen, seinem Sturm und Drang, seinem Schauen und Genießen und endlich dem langsamen Sichbegnügenmüssen. Das alles kommt mir jetzt vor wie ein schattenhafter Traum, denn neben der Intensität des Erlebens ist das bißchen Erinnerung kaum wie das Alpenglühen gegenüber der strahlenden Sonne, so beruhigende Reize es auch hat, und in der Vielgestaltigkeit des so viel umfassenderen und inhaltsreicheren Lebens selbst spielt das Wandern doch nur eine recht bescheidene Rolle. Immerhin ist es von nicht zu unterschätzender Bedeutung und so wenig es ein Leben ausfüllen kann, geeignet, ihm in gar manchem eine entscheidende Richtung zu geben, es bedeutsam zu beeinflussen. Wenigstens war das bei mir der Fall. Wenn ich mich frage, was das Wandern mir gewesen ist, so sehe ich darin in erster Linie eine gewisse innere Notwendigkeit, die sich aus meinem ganzen ungestümen Wesen ergab und die wohl auch typisch für junge, kräftige Naturen ist. Die unbändige Sehnsucht, die mich erst planlos in die lockenden Fernen trieb, war von solch elementarer Wucht, daß sie befriedigt werden mußte, ein künstliches Zurückdämmen einen gewaltsamen Eingriff bedeutet hätte, der leicht gefährlich geworden wäre. Ich bin meinem Vater heute noch dankbar, daß er diesen Drang auf Wanderwege leitete und sehe darin eine gesunde Ablenkung von Abwegen aller Art. Nicht als ob ich dadurch von Torheiten ganz zurückgehalten worden wäre. So weit reicht die Kraft des Wanderns nicht. Wohl aber hat es mich mit seiner stärkenden Bewegung in freier Luft und seinen zahlreichen Anregungen immer wieder auf richtige Bahnen gelenkt, auf den Weg gesunder Natürlichkeit, wenn es sich dann bald auf die Berge konzentrierte, so bedeutete das gegenüber dem Durchstreifen fremder Länder zweifellos eine gewisse Einengung und Beschränkung, denn bei Wanderreisen befindet man sich mitten im Leben selbst mit seiner ganzen Vielfältigkeit und weitet den Blick für Menschen und Verhältnisse, während der Bergsteiger sich in einer wohl großartigen aber verhältnismäßig einfachen Natur bewegt. Um so mehr befriedigt es andererseits die Abenteuerlust, die nun einmal – glücklicherweise – mit dämonischer Macht in manchem Menschen steckt. Außerdem wird der Blick nach innen gerichtet, der Kontakt mit dem Ewigen hergestellt und die Seele vertieft. Allmählich, Schritt für Schritt. Auch ich habe ja erst in der Freude an körperlicher Betätigung, dem Aufenthalt in der gesunden frischen Luft und in dem Abenteuerlichen mein Hauptziel gesehen, doch scheint mir das nur eine Vorstufe zu dem ahnungsvollen Schauen zu sein, das ich für das Höchste halte, was der Alpinismus zu geben vermag. Jedenfalls hat es mir mehr gegeben, als ich auf meinen geistigen Wanderungen mit dem trockenen, allerdings recht grüblerischen Verstand zu erreichen vermochte. So ragen die alpinen Erlebnisse aus meinen Erinnerungen wie strahlende Höhen heraus. Die Berge sind mir etwas geworden, das ich nicht mehr hergeben möchte, eine Stärkung, eine Kraft, ein Trost, die mich über alle Stürme des Lebens hinwegbrachten, ein Heiligtum, das sich dem Flüchtenden immer wieder öffnete, eine Quelle und ein zuverlässiger Stützpunkt des Idealismus in dem brandenden Meer der sich widerstreitenden Interessen. Vor allem bin ich dem Alpinismus für eine Fülle von Ewigkeitsmomenten dankbar, die mich in meinem tiefsten Innern ergriffen haben. Solche Momente, bei denen man das Rauschen des Weltgeistes verspürt, mögen sie nun der Natur, der Liebe, Freundschaft, einer großen Handlungsweise oder was sonst immer entspringen, sind es ja erst, die dem Leben seine richtige Weihe geben, den monotonen Alltag wirklich wert zu leben machen. Wofür ich aber noch besonders dankbar bin: es waren Ewigkeitsmomente ohne Reue, ohne das fragende Grübeln, das beim Erwachen aus der Ekstase intensiveren Lebens sich so häufig einstellt. Wo gibt es denn das sonst für eine kritische Natur, die alles selbst zu prüfen gewöhnt ist, sich nur an die eigenen Erfahrungen hält? Man frage sich ehrlich: Folgt in diesem unvollkommenen Dasein auch den erhebendsten Momenten nicht meist etwas nach, das zerrt, rüttelt, peinigt? Wer ist nicht schon gerade in seinen besten und lautersten Augenblicken doch schließlich irgendwie enttäuscht oder durch Zweifel gequält worden? Außer dort oben! Und erwächst daraus nicht eine natürliche Dankbarkeit für diese Welt, ein glaubensstarker Optimismus, der über ihre Mangelhaftigkeit freudig hinweghilft? Nein, der richtige Alpinismus kennt keine Pessimisten, und das allein genügt schon, um ihm seine überragende Bedeutung zu geben. Man steht da wirklich über dieser Welt, nicht bloß äußerlich. Das machte sich bei mir in gar manchem geltend: Der dort oben immer wieder nach innen gerichtete Blick ließ mich das äußere Leben mehr und mehr als das ansehen, was es in Wirklichkeit ist, eben als eine Äußerlichkeit, mit der man sich humorvoll abfindet, und der Umgang mit der Natur wendete den Blick immer wieder auf das Große und Natürliche. Einen starken Einfluß hat dabei auch der Umgang mit den besseren Führern auf mich gehabt, mit einem Michel Innerkofler, Stabeler, Michele Bettega, Ulrich Almer und anderen. Bei ihnen habe ich Achtung vor dem Menschen an sich gelernt, sie haben mir mehr gesagt, als manche »Kulturträger« mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Eitelkeit, Nervosität, Empfindlichkeit und was sonst noch solche liebliche Dinge sind. Endlich haben mir die Berge eine große Liebe ins Herz gelegt, die alles poetisch verklärt, das ganze Leben mit einem romantisch abenteuerlichen Hauch durchzieht, der mir über alles hinweghilft. Um nur ein Beispiel anzuführen, so habe ich dieses Buch in der Hauptsache während der Sommeschlacht bei einem 12wöchigen ununterbrochenen Aufenthalt im Gefechtsunterstand geschrieben. Hunderte von Granaten flogen alltäglich über den notdürftigen Bau hinweg, den ich mir zum Tagesaufenthalt zurechtgezimmert hatte, was kümmerte es mich! Ich befand mich ja in meiner anderen Welt. Frau Maud hat oft zu mir gesagt, es schlage mir alles immer zum Besten aus. Woher kann das kommen, als von den Bergen, die mir einen zweiten, höheren Lebensinhalt gegeben haben, der sich in freudigem Glauben nur an den idealen Kern und das tiefere Wesen der Dinge hält, sich über ihre Äußerlichkeiten erhebt, vor allem aber auf die Tat eingestellt ist, die immer wieder weiterhilft. Was ich in jahrelangen mühevollen Studien vergeblich suchte, das haben mir die Berge spielend gegeben. Wenn wir nun noch kurz die allgemeine Bedeutung des Alpinismus betrachten, so ist es fraglos ein Zeichen von Kraft und gesundem Gefühl, daß sich der moderne Mensch an die Ersteigung der Berge gewagt hat, die ihm jahrtausendelang verschlossen geblieben waren. Er war in gewissem Sinn eine Notwendigkeit unserer Zeit, als eine Reaktion gegen die Nervosität des modernen Lebens mit seiner mehr und mehr ins einzelne gehenden Zergliederung des Berufslebens und seiner geisttötenden Spezialisierung, gegen Überkultur und Phrasentum ein Schrei nach idealen, kräftigen und mutigen Anschauungen. In dieser Hinsicht bedeutet er mehr und mehr ein Stück Lösung der sozialen Frage in idealem Sinn. Daß diese Lösung auf mancherlei Wegen gesucht wird, ist nur natürlich und entspricht den verschiedenen Lebensbedingungen und Altersverhältnissen. Wenn dem einen fröhliche Spaziergänge in der schönen Alpennatur genügen, so freut sich der andere an intensivster Körperbetätigung, an Aufregung, Gefahr und der Stählung seiner moralischen Eigenschaften. Auch Extravaganzen und Exzentrizitäten finden in dem Naturell, den speziellen Lebensverhältnissen ihre Erklärung und bis zu einem gewissen Grade auch Berechtigung. Jedenfalls werden alle, die in die Alpen gehen, nicht nur körperlich frisch und leistungsfähig, sondern sie stärken auch Geist, Gemüt und Charakter. Der Hauptwert aber liegt in den seelischen Kräften, die durch den Verkehr mit einer großen Natur und ihren Schönheiten geweckt und angeregt werden. Sie sind auch der Maßstab, nach dem der richtige Alpinist beurteilt werden muß. Was er leistet, hat ja gewiß seine pfadfindende oder sportliche Bedeutung, was der Alpinismus aber innerlich bringt, ist mehr wert und die Hauptsache. Was nützen mich tausend erstiegene Gipfel, wenn ich innerlich nichts von ihnen habe! Nun wird ja viel von der ethischen Bedeutung des Alpinismus gesprochen, ich möchte aber glauben, daß da eine Verwechslung vorliegt. Ethisch ist allerdings das Streben nach einem hohen Ziel, die Selbstverleugnung, mit der man Mühen, Anstrengungen und Gefahren auf sich nimmt, um dasselbe zu erreichen. Aber die Besteigung eines Berges ist kein solches Ziel und hat mit Ethik an sich nichts zu tun. Es gibt da kein kategorisches »Du sollst!« und man kann deshalb, abgesehen von Übertreibungen und Extravaganzen, auch von keiner Schuld sprechen. Wenn ich eine Besteigung aufgebe und umkehre, so liegt darin keinerlei Versündigung an irgendwelchem sittlichen Gebot. Dagegen ist das Bergsteigen die »vielseitigste und glücklichste Quelle aller Symbolisierungen inneren Erlebens« und seine Ähnlichkeit mit ethischen Bestrebungen eine geradezu verblüffende. Man setzt sich ein hohes Ziel, begeistert sich und kämpft für dasselbe, nimmt Mühen und Gefahren auf sich, und der reine Genuß, den man dabei erhält, bleibt einem als ein köstlicher, befriedigender Schatz, als ein ahnungsvolles Erleben des Ewigen. »Ja, so ist das Leben! Schritt für Schritt müht man sich ab, geht durch weite eisige Strecken, langsam und beschwerlich, ohne ein Ende abzusehen. Aber wenn man nur ruhig und fest weiterschreitet, Schritt für Schritt, dann kommt man schließlich doch zu einem großen und hohen Ziel, zu einem Blick in verklärte Fernen, die wohl unerreichbar sind, deren ahnungsvolle Schimmer sich aber mild über alles legen, klärend, heiligend, versöhnend.« Diese in meinem Matterhornroman von der entsagungsvollen Dulderin ausgesprochene Gleichheit und Ähnlichkeit des Bergsteigens mit den ethischen Bestrebungen im Leben ließe sich noch weit ausspinnen. Z. B.: Hier wie dort bleibt als wirklicher innerer Gewinn vor allem das, was man sich in ehrlichem Kampfe erstritten hat. »Und wenn es köstlich ist, so ist es Mühe und Arbeit.« Auch bedeutet wie im Leben nicht so sehr die Gipfelfreude das Glück, als das Ringen nach dem ersehnten Ziel. Es liegt so manches Schöne am Weg, an dem man sich erfreuen kann, wenn man es nur sehen und sich freuen will, das einen in seiner Gesamtheit mehr befriedigt, als die besinnungslose Hast nach dem entfernten Ziel, die sich um nichts kümmert und darum auch nichts sieht. Und wenn man sich so freudig staunend auf seinen Berg, der gewiß nicht der höchste zu sein braucht, hinaufgekämpft hat und hinausblickt über die Lande zu seinen Füßen, ist das nicht auch ein Lohn, ähnlich wie am Ende eines mühevollen Lebens? Alle diese Ähnlichkeiten, die beliebig vermehrt werden könnten, die auch einen jeden Denkenden unwillkürlich beschäftigen, weisen indirekt auf die große ethische Bedeutung des Bergsteigens hin. Eine Gefahr ist demgegenüber allerdings vorhanden: daß der Bergsteiger, der sich über den Alltag erhebt und mit berechtigtem Stolz über die Lande hinausblickt, eine Herrennatur wird, die geringschätzig auf den gewöhnlichen Sterblichen und Talbummler herabblickt. Man kann das ja hin und wieder beobachten, insbesondere auch in einer Art blasierter Scheinbescheidenheit, die sich nicht offen an ihren Taten freut. Doch das sind Kleinigkeiten, die sich bald verlieren, denn ältere Leute brauchen einen tieferen Hintergrund für ihre Leistungen, als Bergbesteigungen. Vielleicht ist es nun auch am Platz, noch einige kurze Worte über die Zukunft des Alpinismus zu sagen. Die eigentliche Bergsteigerära, die mit der Erstürmung der großen Alpengipfel um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts endete, war eine jener großen Ausnahmegelegenheiten, die Heroen zeitigte. Was nachfolgte, ist Epigonentum, das sich auch noch da und dort in bedeutungsvollen Erscheinungen, wie zum Beispiel Ludwig Purtscheller, Emil Zsigmondy und andern heroisch ausprägte. In der Hauptsache aber ist das Bergsteigen eine Erholung geworden, die mit Heldentum nichts mehr zu tun hat. Daran ändern auch die extravagantesten Touren ebensowenig, wie der Zug in überseeische Länder, der wohl noch da und dort eine lokale geographische Bedeutung haben kann, in der Hauptsache aber ebenfalls abgeschlossen ist. Gewiß, man kann das bedauern, aber die Welt ist nun einmal eng und bietet ihre großen Gaben, von denen gottlob immer wieder neue auftauchen, nur einmal. Unsere Aufgabe aber ist es, den Alpinismus zu verinnerlichen und zu vertiefen. Daß eine solche Verinnerlichung nicht im rein Sportmäßigen liegt, daß sportmäßige Exzentrizitäten überhaupt kein erstrebenswertes Ziel bilden, ist zur Genüge von anderer Seite klargestellt worden, und mit Schaudern wird jeder wahre Alpinist an sportliche Auswüchse, wie z. B. Sechstage-Radrennen und ähnlichen Unfug denken. Nein, dafür sind ihm die Alpen zu gut, und man kann sich nur freuen, daß unser »Sport«, wenn man ihn so nennen will, kein Zuschauerpublikum hat. Auf welchem Wege die Verinnerlichung des Alpinismus vor sich gehen soll, ist meines Erachtens völlig klar: Sein Ziel ist das ahnungsvolle Schauen, der Kontakt mit dem Ewigen, verbunden mit gesunder körperlicher Leistung und vernünftigem Tatendrang. Dieses Ziel ist auf die Seele des einzelnen eingestellt und verlangt volle Hingabe an das innere Ich. Lärm und großstädtische Überkultur sind ihm fremd und feindlich, denn der Alpinist will ja eben an die Quellen der Natur zurückkehren, um da wieder neue Kraft zu schöpfen. Nun ist es gewiß schön und gut, die Alpen den weitesten Kreisen zugänglich zu machen, über es liegt auch ein gewisses selbstmörderisches Beginnen darin, dies gar zu sehr zu tun. Die Hochregionen wenigstens sollten unberührte und ausschließliche Naturstätte sein. Leute, die ihrem innersten Wesen nach nicht dahin passen, sollten auch nicht durch allzu große Erleichterung angezogen werden, und die Alpenvereine sind keineswegs Vereine zur Hebung des Fremdenverkehrs. Sie haben höhere Aufgaben. Nur wer sich überwinden kann, gehört in die Berge, wer Stille liebt und den Drang hat, sich innerlich und tatenfroh in einer großen Natur zu betätigen. Die »Salontiroler« aber und ähnliche »Kulturträger« sollen sich mit den Tälern begnügen. Im übrigen ist der Lauf der Welt natürlich nicht aufzuhalten, auch wird der Weise immer einsame Wege finden, auf denen er sich innerlich stärken kann, wenn er nur ein Aristokrat der Seele ist. Dazu erziehen ihn aber die Alpenhöhen wohl mehr, als irgend etwas anderes. Also hinauf!