Henry Sanson Tagebücher der Henker von Paris – Zweiter Band 1685 bis 1847 1923 Nach einer zeitgenössischen deutschen Ausgabe ausgewählt von Eduard Trautner Gegen die Gemäßigten Die Girondisten Brissot, Gensonne, Ducos, Boyer-Fonfrêde, Vergniaud usw.; Chabot, Hébert, Fabre d'Eglantine, Chaumette, Herman, Amar. Auf den Prozeß der Königin folgte der der Einwohner von Armentières, welche angeklagt waren, Einverständnis mit dem Feinde unterhalten und namentlich ein Komplott zu dem Zwecke, dem Feinde die Tore der Stadt zu öffnen, gebildet zu haben. Sechs der Angeklagten wurden freigesprochen, die übrigen aber zum Tode verurteilt und am 27. Vendemiaire hingerichtet. Schon hatte aber die erste Abteilung des Tribunals einen viel wichtigeren Prozeß in Angriff genommen: den der Girondisten. Dieser Prozeß wurde von den Klubs und der Gemeinde mit gleichem Ungestüm gefordert, wie früher der der Königin; die Anklageakte der am 31. Mai verhafteten Deputierten war aber schwierig zu formulieren. Diejenigen der Girondisten, welche sich nicht durch die Flucht dem Dekret des Konvents entzogen, hatten keine Handlung begangen, worauf sich eine Schuld gründen ließ; man mußte also ihrer Meinung den Prozeß machen und das Verbrechen in den föderalistischen Absichten, die man bei ihnen voraussetzte, suchen. Amar verfaßte im Namen des Sicherheitskomitees die Anklageschrift. Am 12. Vendemiaire teilte er dieselbe Fouquier-Tinville mit und dieser ließ am 13. die Angeklagten aus dem Gefängnis der Karmeliter, worin sie sich befanden, nach der Conciergerie, der letzten Station zur Guillotine, bringen. Die Flucht von Barbaroux, Pétion, Guadet und einigen anderen hatte die Reihen der Zweiundzwanzig gelichtet; um diese Zahl, welche durch den Aufstand vom 2. Juli geheiligt war, zu vervollständigen, nahm man einige von den anderen zuletzt verhafteten Deputierten hinzu und gelangte dahin, einundzwanzig Angeklagte zusammenzubringen, welche mit dem vor einigen Tagen guillotinierten Gorsas dem Volke die vollständige Zahl der Köpfe, welche dasselbe beanspruchte, liefern sollten. Am 3. Brumaire erschienen sie vor dem Gerichtshof. Der Gerichtsschreiber Fabricius verlas das Meisterwerk von Amar, einen wortreichen Tatbericht, der sich zur Aufgabe gestellt hatte, zu beweisen, daß die Angeklagten gegen die Einheit und Unteilbarkeit der Republik und gegen die Freiheit und Sicherheit des französischen Volkes konspiriert hätten. Dieser Bericht erreichte aber seinen Zweck keineswegs, obgleich er sich angelegen sein ließ, die patriotische Gesinnung der Angeklagten zu verdächtigen, und, um belastende Tatsachen aufzufinden, sogar die widersprechendsten Aussagen nicht scheute. Die Ereignisse jener schmachvollen Tage, des 31. Mai und des 2. Juni, sollten, von Amars Feder dargestellt, das Ansehen erhalten, als ob das Recht und die Tugend über den Aufstand gesiegt hätten. Ein wenig weiter wird Brissot, und zwar im Namen der Freiheit, vorgeworfen, daß er an dem Dekret der Befreiung der Farbigen teilgenommen habe! Die Mehrzahl der vernommenen Zeugen bestand gerade aus denjenigen, welche die Bewegung vom 31. Mai geleitet und deren Feindschaft gegen die Männer, zu deren Verhaftung sie selber beigetragen hatten, zu jeder anderen Zeit ihr Zeugnis ungültig gemacht hätte. Hébert erzählte mit Nachdruck, wie er auf Befehl des Zwölferkomitees verhaftet worden; er behauptete, Roland hätte alles aufgeboten, um ihn zu bestechen; er sprach von den Schritten, welche Gonchon im Namen der Madame Roland versucht, um sein Blatt zu kaufen. Bei der Darstellung der Ereignisse vom 31. Mai ging er noch weiter, als seine Vorredner, indem er behauptete, daß es die Angeklagten selbst wären, welche die Verbrecher besoldet hatten, um von der Kommune die Köpfe der Verschworenen zu verlangen. Nach Héberts Aussage ergriff Bergniaud das Wort; bis dahin hatte sich seine Verteidigung auf Rechtfertigungen beschränkt, deren einige seines edlen Charakters und seines großen Rufes nicht würdig waren; dem Elenden aber gegenüber, der ihn als Gründer und Retter der Republik angriff, fand er die Beredsamkeit seiner glorreichsten Tage wieder. »Die erste Tatsache, welche der Zeuge mir zur Last legt,« rief er, »ist, ich hätte in der gesetzgebenden Versammlung eine Partei zur Unterdrückung der Freiheit gebildet. Heißt es eine Partei zur Unterdrückung der Freiheit bilden, wenn man die konstitutionelle Garde des Königs einen Eid schwören und sie nachher als konterrevolutionär aufheben läßt? Dann habe ich es getan. Heißt es eine Fraktion zur Unterdrückung der Freiheit bilden, wenn man die Treulosigkeit des Ministeriums und namentlich die Delessarts enthüllt? Das habe ich getan. Heißt es eine Partei zur Unterdrückung der Freiheit bilden, wenn man, als der König sich der Gerichte zur Bestrafung der Patrioten bediente, den ersten dieser pflichtvergessenen Richter anzeigt? Ich habe es getan. Heißt es eine Partei zur Unterdrückung der Freiheit bilden, wenn man bei dem ersten Schlage der Sturmglocke in der Nacht vom 9. zum 10. August sich einfindet, um der gesetzgebenden Versammlung vorzusitzen? Dann habe ich es getan. Heißt es eine Partei zur Unterdrückung der Freiheit bilden, wenn man Lafayette anklagt? Ich habe es getan. Heißt es eine Partei zur Unterdrückung der Freiheit bilden, wenn man Narbonne angreift, wie ich Lafayette angegriffen hatte? Das tat ich. Heißt es eine Partei zur Unterdrückung der Freiheit bilden, wenn ich mich gegen die sogenannten Petitionäre der Acht- und der Zwanzigtausend erhob und Einspruch dagegen machte, daß man ihnen die Ehre einer Sitzung bewilligte? Dann habe ich es getan.« Unglücklicherweise haben die Tagesblätter den Schluß von Bergniauds Rede, welche einen großen Eindruck auf die Zuhörerschaft hervorbrachte, verstümmelt. Die gehässigsten Aussagen waren die des Exkapuziners Chabot. Durch seine Verbindungen mit den Geldmännern in Verlegenheit geraten und stark des Wuchers verdächtig, fühlte Chabot den Boden unter den Füßen weichen. Bei der Verhandlung über die Verfassung hatte er außerdem Widerspruch gegen Robespierre erhoben und so hatte er zu gleicher Zeit viele Fehler und ein Verbrechen wieder gutzumachen; er glaubte zum Ziele zu kommen, wenn er die Schwierigkeiten der Anklage mindern half. Er hatte Falsches, Unwahrscheinliches und Unsinniges in einem Pack Akten zusammengestellt, welches er, ohne sich an die gesetzlichen Vorschriften zu kehren, dem Gerichtshofe zu lesen gab. Diese Durchlesung dauerte nicht weniger als dritthalb Stunden. Indem der Exkapuziner seine eigene Verzeihung nachsuchte, schonte er die Girondisten nicht; er nahm keinen Anstand, sie für die Metzeleien vom 2. September verantwortlich zu machen; »sie hätten, sagte er, dieselben angeregt, um die Departements in Schrecken zu setzen und sie über die Lage der Hauptstadt zu täuschen, damit, wie Pétion es wünschte, die Deputierten verhindert würden, nach Paris zu kommen und der Sitz der Regierung anderswohin verlegt würde.« Indem dieser elende Chabot seine eigene Verteidigungsrede hielt, indem er erzählte, wie er vier Millionen zurückgewiesen, welche ihm der Graf Ocarides, der spanische Gesandte, zur Rettung des Königs angeboten habe, wagte er es, ohne eine besondere Tatsache vorzubringen, die Rechtschaffenheit dieser großherzigen Männer anzutasten, die ihre Gesinnung, ihr Vermögen dem Vaterlande geopfert hatten und nun das Opfer mit ihrem Leben besiegeln sollten. Fabre d'Eglantine, der ebenso kompromittiert wie Chabot, aber doch besser als der ehemalige Mönch war, ging noch weiter als dieser: er behauptete, Roland und seine Freunde hätten im Einverständnisse mit denjenigen gestanden, welche das Garde-Meuble bestohlen hätten! Er erhielt von Vergniaud die stolze Antwort: »Ich glaube nicht verbunden zu sein, mich gegen die Mitschuld mit Dieben und Mördern zu verwahren!« Die gerichtliche Verhandlung bot ein Bild unglaublicher Unordnung. Die Zeugen, blutgierig wie eine Koppel Jagdhunde, mißachteten alle schützenden, herkömmlichen Formen der Justiz; sie richteten direkte Fragen an die Angeklagten, bestritten die Aussagen derselben und sagten den Geschworenen ihre Meinung. Nicht Herman leitete die Verhandlungen, sondern Chaumette, Hébert und Chabot, und dennoch dauerte, trotz dieser Verachtung aller Formen und Bürgschaften, der Prozeß schon sechs Tage, ohne vom Fleck zu kommen. Zwei der Angeklagten, Boiteau und Gardien, hatten der Furcht nachgegeben und die Schwachheit gehabt, die vorgebliche Verschwörung wirklich einzuräumen; aber der Ruhm der Gironde, ihre durch Brissot, Gensonné, Ducos, Boyer-Fonfrêde und Vergniaud vertretene Beredsamkeit widersprach noch immer mit gleichem Nachdruck, mit gleichem Stolz des besiegten Patriotismus, und es ließ sich vermuten, daß der große Redner der Rechten seine ganze Kraft für den letzten Augenblick aufgespart habe; es ließ sich befürchten, daß die Zuhörer durch die Gewalt seiner Worte hingerissen würden und eine Verurteilung unmöglich werden könnte. In der Sitzung vom 7. Brumaire beklagten sich die Jakobiner über das langsame Verfahren des Gerichtshofes und beschlossen, eine Deputation an den Konvent abzuordnen und ihn um eine beschleunigte Bestrafung der Verbrecher zu bitten. Zu gleicher Zeit teilte Fouquier seine Besorgnisse Robespierre mit und richtete auf Anstiften des letzteren einen Brief an den Konvent, worin er gestand, daß er und Herman unfähig seien, die Debatten zu leiten; er schloß mit der Bemerkung, es wäre nötig, das Tribunal von den gesetzlichen Formen zu befreien. Endlich, um acht Uhr abends, kam das Dekret des Konvents an und wurde den Angeklagten bekannt. Mit einem Rest von Schamgefühl nahmen jedoch die Geschworenen Anstand, dasselbe sogleich zur Anwendung zu bringen und erklärten: sie wären nicht hinreichend instruiert. Die Sitzung wurde also auf den folgenden Tag vertagt. Die Abstimmung des vergangenen Abends und der Inhalt der Dekrete zeigten den Girondisten, daß ihre ehemaligen Kollegen ihren Tod als eine politische Notwendigkeit ansähen; sie hatten sich gegen Fouquier und seinen kläglichen Gerichtshof verteidigt; nachdem sie aber vom Konvent verlassen waren, verzichteten sie darauf um ihr Leben zu streiten, und die erste Sitzung am Montag dem 9. Brumaire verlief unter nichtssagenden Erörterungen. In der Abendsitzung gegen neun Uhr erklärte der Oberste der Jury, daß die Geschworenen hinreichend instruiert wären. Herman sprach den Schluß der Debatte aus und ließ die Angeklagten abtreten. Die Geschworenen gingen in das Ratszimmer und kehrten um dreiviertel auf zwölf Uhr mit einem Verdikt zurück, welches alle Anklagepunkte bejahte. Die Angeklagten wurden darauf in das Verhörzimmer zurückgeführt, der Vorsitzende teilte ihnen den Ausspruch der Jury mit und der Ankläger trug auf Todesstrafe an. In diesem Augenblick entsteht eine große Bewegung unter den Girondisten. Brissot läßt sein Haupt auf die Brust sinken; Gensonné verlangt das Wort, um über die Anwendung des Gesetzes zu sprechen; Boileau wirft seinen Hut in die Höhe und ruft: »Ich sterbe unschuldig!« Sillery wirft seine Krücke weg mit den Worten: »Dieser Tag ist der schönste meines Lebens!« Boyer-Fonfrêde umarmt Ducos, seinen Jugendfreund und Schwager, indem er spricht: »Mein Freund, ich habe dich getötet!« Faucher und Duprat sind niedergeschlagen, aber Carra behält seine erhabene Miene; Lassource richtet einige Worte an die Geschworenen, welche in dem Tumult verhallen; Vergniaud bewahrt die bewundernswerte Heiterkeit, die er während der Verhandlungen gezeigt hat; dann erheben sich alle in einem gleichzeitigen Antriebe und rufen: »Wir sind unschuldig! Es lebe die Republik!« In diesem Augenblicke übertönt ein Todesschrei alle anderen Rufe, man hört eine Stimme: »Ich sterbe!« Der Vorsitzende befiehlt den bestürzten, starr dastehenden Gendarmen, die Angeklagten abzuführen. Diese stimmen die Marseiller Hymne an; während sie sich entfernen, ertönt noch lange unter dem Gewölbe des Gerichtssaales der Refrain ihres Gesanges. Ein einziger war ihnen nicht gefolgt und blieb unbeweglich auf seinem erhöhten Platze ausgestreckt; es war derjenige, der gerufen hatte: »Ich sterbe!« Es war Dufriche-Valazé, der sich einen Dolch in die Brust gestoßen hatte. Dieser unbeschreibliche Auftritt hatte alle erschüttert. Camille Desmoulins, welcher der Sitzung beiwohnte, verhüllte sein Gesicht mit den Händen und entfloh, ausrufend: »Die Unglücklichen! Ich, mein entschleierter Brissot, ich habe sie getötet!« Der Oberste der Geschworenen, Antonnelle, war bleich wie ein Gespenst; Fouquier allein blieb unerschütterlich; mit fast sicherer Stimme stellte er den Antrag, daß der Leichnam Valazés, dessen Tod die Gerichtsärzte festgestellt hatten, in den Karren gelegt werden sollte, der seine Mitschuldigen zur Richtstätte führen würde, damit er nach ihrer Hinrichtung in demselben Grabe bestattet werde, wie seine verurteilten Genossen. Die näheren Umstände des Prozesses waren notwendig zur klaren Darstellung meiner Erzählung, aber jetzt will ich mich darauf beschränken, die letzten Augenblicke dieser Opfer, berühmt unter den berühmtesten, in ihren kleinsten Einzelheiten mitzuteilen. Um eine Vorstellung von der letzten Unterhaltung dieser Männer zu geben, welche Frankreich niemals genug bedauern kann, werde ich einige Seiten aus den Memoiren von Riouffe, der sich mit ihnen in der Conciergerie befand, entlehnen; die Hauptzüge ihrer Physiognomie sind darin mit Meisterhand gezeichnet. »Bei diesen berühmten Namen wird die Neugierde rege, ich besitze aber geringe Mittel, um dieselbe zu befriedigen; ich kam erst zwei Tage vor ihrer Verurteilung an, gleichsam, um ihrem Tode beizuwohnen ... Sie waren alle ruhig, ohne Prahlerei, obgleich keiner sich durch die Hoffnung mehr täuschen ließ. Ihre Seelen befanden sich in einer so erhabenen Stimmung, daß es unmöglich war, sie mit den Gemeinplätzen gewöhnlicher Tröstungen anzureden. Brissot, ernst und nachdenklich, hatte die Haltung eines Weisen, der gegen das Unglück kämpft, und wenn sich Unruhe in seiner Miene zeigte, so sah man wohl, daß dieselbe allein dem Vaterlande galt. Gensonné, in sich selbst zurückgezogen, schien zu fürchten, daß er seinen Mund besudle, wenn er die Namen seiner Mörder ausspräche. Er äußerte kein Wort über seine Lage, aber allgemeine Betrachtungen über das Glück des Volkes, für das er die herzlichsten Wünsche aussprach. Vergniaud, bald mehr, bald weniger ernst, sagte eine Menge scherzhafte Verse aus dem Gedächtnis her und entzückte uns zuweilen durch einzelne Wendungen jener erhabenen Beredsamkeit, welche bereits für die Welt verloren war. Was Valazé betrifft, so hatten seine Augen etwas unbeschreiblich Göttliches im Ausdruck. Ein sanftes und heiteres Lächeln wich nicht von seinen Lippen, er genoß schon im voraus seinen ruhmwürdigen Tod. Man sah ihm an, daß er frei war und in einem großen Entschluß die Bürgschaft für seine Freiheit gefunden hatte. Ich sagte einige Male zu ihm: »Valazé, Ihr spitzt Euch auf einen schönen Tod, aber man wird Euch bestrafen, indem man Euch freispricht!« Am letzten Tage, ehe er nach dem Gerichtshof ging, kehrte er wieder um und reichte mir eine Schere, die er bei sich trug, mit den Worten: »Das ist eine gefährliche Waffe; man fürchtet, daß wir Hand an uns selber legen.« Die Ironie, eines Sokrates würdig, mit welcher er diese Worte aussprach, machte einen Eindruck auf mich, den ich mir damals nicht erklären konnte; als ich aber hörte, daß dieser moderne Cato sich mit einem unter seinem Mantel verborgenen Dolche getroffen habe, erstaunte ich nicht mehr und glaubte ihn erraten zu haben: er hatte diesen Dolch den Nachsuchungen entzogen, denn man durchsuchte sie wie gemeine Verbrecher, ehe sie hineingingen. Vergniaud warf das Gift, welches er aufbewahrt hatte, weg, und zog es vor, mit seinen Amtsbrüdern zu sterben. Die beiden Brüder Fonfrêde und Ducos sonderten sich von diesem ernsten Gemälde, indem sie ein noch zarteres und lebhafteres Interesse einflößten. Ihre Jugend, ihre Freundschaft, die Heiterkeit Ducos', welche bis zum letzten Augenblick unerschüttert blieb, die Anmut seines Geistes und seines Gesichts: dies alles machte den Ingrimm ihrer Feinde noch gehässiger. Ducos hatte sich für seinen Bruder geopfert und sich in das Gefängnis begeben, um sein Los zu teilen. Oft umarmten sie sich und schöpften in dieser Umarmung neue Kraft. Sie verließen alles, was das Leben teuer machen kann: ein ungeheures Vermögen und geliebte Gattinnen, und dennoch warfen sie keinen Blick rückwärts, sondern hielten ihr Auge fest auf das Vaterland und die Freiheit gerichtet. Nur ein einziges Mal nahm mich Fonfrêde, ungesehen von seinem Bruder, beiseite und ließ einen Strom von Tränen fließen, indem er Namen nannte, bei welchen die festesten Herzen brechen: die Namen seiner Frau und seiner Kinder. Sein Bruder bemerkt es und fragt ihn: »Was fehlt dir denn?« Fonfrêde schämt sich seiner Tränen und hält sie zurück, indem er antwortet: »Es ist nichts; Riouffe wollte nur mit mir sprechen.« So warf er das, was er für eine Schwäche hielt, auf mich zurück. Sie umarmten sich und fanden ihre Kraft wieder. Fonfrêde trocknete seine Tränen; sein Bruder hielt die seinigen zurück und beide wurden wieder wahrhafte Römer. Sie wurden in der Nacht des 30. September zum Tode verurteilt. Das Signal, welches sie uns versprochen hatten, kam uns zu. Es waren patriotische Gesänge, welche einstimmig erschollen, und aller Stimmen mischten sich zu den letzten Hymnen an die Freiheit. Sie parodierten den Gesang der Marseillaise auf folgende Weise: Plutôt la mort que l'esclave! C'est la dévise des Français. (Den Tod der Knechtschaft vorzuziehn, Sind Frankreichs Söhne stets bereit.) Diese ganze schreckliche Nacht erschollen ihre Gesänge, und wenn sie pausierten, so geschah es nur, um sich über das Vaterland zu unterhalten, zuweilen auch, um einen witzigen Einfall von Ducos zu hören. Es war das erstemal, daß man so viele außerordentliche Männer niedermetzelte. Jugend, Schönheit, Tugenden, Talente, Geist, alles, was es Anziehendes unter Menschen gibt, wurde von einem einzigen Streiche gefällt.« Seit dem 8. Brumaire hatte Fouquier den Scharfrichter amtlich benachrichtigt, daß er sich mit Ersatzgehilfen zu versehen habe. An dem folgenden Tage, dem 10. Brumaire nahm mein Großvater am frühen Morgen sein Personal in Augenschein. Es sollte für diesen Tag aus zehn Gehilfen und fünf Kärrnern mit fünf Fuhrwerken bestehen. Der neuangekommene André Dutruy war anwesend; Charles Henri Sanson glaubte zu bemerken, daß er unter seiner Carmagnole eine Art roter Weste trug, achtete aber nicht weiter darauf. Um acht Uhr ging er mit meinem Großvater und sechs Gehilfen nach der Conciergerie, zwei andere sollten auf dem Revolutionsplatze warten, zwei blieben zurück, um die Gefährte zu leiten. André Dutruy, Héberts Schützling, gehörte zu den letzteren. Die Conciergerie war bereits von einer großen Zahl Truppen umgeben. Zwei Gerichtsdiener des Tribunals, die Bürger Nappier und Monet, waren dem Scharfrichter vorausgegangen und erwarteten ihn im Zimmer des Schließers. Sie gingen zusammen nach dem Palais hinauf, wo sie die letzten Befehle empfingen. Um halb zehn Uhr kamen sie wieder herunter. Es war bestimmt, daß die Vorbereitungen zur Hinrichtung in dem Vorzimmer der Kanzlei oder dem freien Sprechzimmer stattfinden sollten, einem großen schwarzen und räucherigen Zimmer, welches man bereits anfing, das Totenzimmer zu nennen, seitdem es zum Vorzimmer des Schafotts diente. Als mein Großvater mit seinen Leuten und den Gendarmen dort eintrat, waren die Verurteilten schon versammelt. Sie bildeten verschiedene Gruppen; einige gingen auf und nieder, andere standen in einem Kreise; alle unterhielten sich sehr lebhaft und wie Freunde, welche eine lange Reise trennen soll. Brulard-Sillery und der Bischof Fauchet plauderten in einer Ecke des Gemaches mit leiser Stimme; Mainvielle schrieb auf seinen Knien. Auf drei Sessel vor dem Fenster hatte man den Leichnam Valazés gelegt, dessen steife Glieder sich unter der blutigen Decke erkennen ließen. Als sie das schreckliche Geleit erblickten, stießen sie einen undeutlichen Ausruf aus und mehrere von ihnen umarmten sich. Der Bürger Nappier rief die Namen auf; jeder der Verurteilten antwortete: »Hier!« Mehrere fügten noch scherzhafte Worte hinzu. »Anwesend!« sagte Vergniaud, »und wenn Ihr mir versichert, daß unser Blut ausreichen wird, die Freiheit zu befestigen, so seid gegrüßt!« »Ich liebe keine langen Reden und verstehe es nicht, das Recht und die Gerechtigkeit zu beschimpfen«, rief Ducos, indem er einen Ausspruch Robespierres parodierte. Als der Bürger Nappier ihn mit groben Worten unterbrach, entgegnete er mit lautem Lachen: »Nun gut! anwesend! sans phrases .« Anstatt der Antwort ereiferte sich Duperret gegen die Stadt Paris, von welcher er sagte, sie erwürge die besten Patrioten. Man mußte ihm Stillschweigen gebieten. Brissot war düster. Vergniaud sprach einige Augenblicke nachdrücklich mit ihm. Der Lärm verhinderte zu verstehen, was er sagte, aber man hörte mehrmals die Worte Republik und Freiheit. Als der namentliche Aufruf beendigt war, riefen alle mit gleicher Begeisterung: »Es lebe die Republik!« Der Anblick dieser Männer, deren letzter Ruf die Republik verherrlichte, in deren Namen man sie zum Tode schickte, wird ewig unvergeßlich bleiben. Mein Vater wiederholte mir oft, indem er mir diese Einzelheiten erzählte, daß keine Hinrichtung ihn so tief gerührt habe. Der Anzug begann; während dieser verhängnisvollen Zurichtung behielten die Girondisten fast alle die Ruhe und Heiterkeit ihrer Fassung. Mein Großvater und mein Vater machten ihnen das Haar zurecht, die Gehilfen banden ihnen die Hände. Sie nahmen ihren Platz ohne erkünstelten Mut, ohne Prahlerei ein und setzten ihre Unterhaltung fort, als ob diese Vorbereitungen nicht zum Tode führen sollten. Fauchet und Sillery waren nach dem Aufrufe in ihre Ecke zurückgekehrt; sie schienen in ihre Unterhaltung so vertieft, daß man sie zweimal rufen mußte. Fauchet war sehr niedergeschlagen, Sillery im Gegenteil fast heiter in seiner Ruhe. In dem Augenblick, als Duprat den Platz auf dem Sessel einnehmen sollte, näherte sich Mainvielle, der in der Hand noch den eben geschriebenen Brief und die Feder hielt; er stellte beides seinem Gefährten zu, indem er zu meinem Großvater sagte: »Du wirst wohl erlauben, daß wir einige Augenblicke unseren Familienangelegenheiten widmen; übrigens kannst du mir an seiner Stelle das Haar zurecht machen.« Darauf fügte Duprat einige Worte jenem Briefe hinzu, der für eine Frau bestimmt war, die beide geliebt hatten. Ducos kam zuletzt an die Reihe und mein Vater schnitt ihm das Haar ab, während Fonfrêde vor ihm stand. Bei dieser Operation blieben einige Haare zwischen der Schere sitzen und wurden ausgerissen; Ducos konnte ein Zeichen des Schmerzes nicht zurückhalten und sagte nachher, während die Gehilfen ihn banden, zu meinem Vater: »Es ist zu hoffen, daß deine Guillotine besser schneidet als deine Schere!« Als alle fertig waren, gab mein Großvater das Zeichen zum Aufbruch; ein Teil der Gendarmen war schon die Stufen zum Torweg hinuntergeschritten; die Verurteilten drängten sich um Vergniaud und schienen ihm die Ehre des Zugführers zu gönnen; dieser aber wendete sich um und deutete auf den Leichnam Valazés, den zwei Gehilfen auf eine Bahre legten. »Dies ist unser Ältester im Tode,« sagte er in ernstem Tone, »er soll uns den Weg zeigen.« Auf seine Worte machten alle Platz und der Leichnam wurde durch ihre Reihen getragen. Die fünf Karren warteten. Man hatte noch nicht hundert Schritte auf dem Kai zurückgelegt, als mein Großvater sah, daß sein neuer Gehilfe André Dutruy oder vielmehr Jacot seine neue Carmagnole, worunter er ein Seiltänzerkostüm trug, ablegte, sich rittlings auf das Pferd setzte und equilibristische Kunststücke machte, während er von Zeit zu Zeit elende Spottreden über die Verurteilten hören ließ. Charles Henri war darüber empört und stieg von dem Wagen, um Dutruy wegzujagen; dieser verweigerte aber den Gehorsam; die Wütenden, welche neben dem Wagen herliefen, sogar die Gendarmen nahmen Partei für den Seiltänzer, und mein Großvater mußte unter lautem Spottgeschrei wieder auf seinen Posten zurückkehren. Der Ruf: »Es lebe die Republik!« ließ sich allein auf dem Wege hören und verbreitete sich unter den dichten Massen, durch welche der Zug sich bewegte. Mainvielle und Duprat wiederholten mit der Menge: »Es lebe die Republik!« Nur auf zwei oder drei Punkten mischte sich mit diesem Rufe der: »Tod den Verrätern!« Die Girondisten hörten ihn ohne Zorn; einmal antwortete eine Stentorstimme vom vierten Wagen herab: »Die Republik werdet ihr nicht bekommen!« Vergniaud, hinter welchem mein Vater stand, hörte diesen Ruf und sprach: »Ja, sie werden sie erhalten; sie kommt uns teuer genug zu stehen, daß wir wenigstens noch die Hoffnung, sie ihnen zu hinterlassen, mit in das Grab nehmen können!« Ihre Fassung verlor sich nicht einen Augenblick. Vergniaud, der ernst und gesammelt erschien, suchte die düsteren Ahnungen Brissots zu verscheuchen, der ebenfalls zu glauben schien, daß die Freiheit sie nicht überleben werde. Ducos und Boyer-Fonfrêde unterhielten sich halblaut; über die Wangen des letzteren sah mein Vater Tränen herabrollen. Die Fassung der Verurteilten auf den übrigen Karren war nicht weniger würdig und mutig. Zweimal stimmten sie die Marseillaise an: als sie die Conciergerie verließen und in der Straße Saint-Honoré, auf der Höhe der Tuilerien. Der Bischof Fauchet allein schien niedergeschlagen: er betete mit großer Inbrunst; als Christ sah er in der Stunde, die ihm schlagen sollte, nicht allein den Tod, sondern auch den Richter. Ducos' lustige Einfälle schienen im Gegenteil desto lebhafter zu werden, je mehr sich der verhängnisvolle Zeitpunkt näherte. In dem Augenblick, als die Wagen auf dem Revolutionsplatze anhielten, rief Vigée beim Anblick der Guillotine: »Dies ist wahrlich die Erbin des letzten Ludwig!« »Nicht doch,« entgegnete Ducos achselzuckend, »wie ist es mit dem salischen Gesetz?« Als sie alle vor dem Schafott versammelt waren, sagte Ducos wieder: »Wie schade ist es, daß der Konvent nicht die Einheit und Unteilbarkeit unserer Personen dekretiert hat!« Als man sie vor der Treppe der Guillotine zwischen eine doppelte Reihe von Gendarmen einpferchte, sagten sie sich mit Umarmungen Lebewohl und man hörte, wie sie sich untereinander ermutigten, ohne Furcht und Tadel zu sterben, wie sie gelebt hatten; dann stimmten sie im Chor den Refrain der freien Männer an und das Opfern begann. Sillery erschien zuerst auf der Plattform; er ging im Kreise herum und grüßte die Menge viermal, auf jeder Seite des Schafotts. Er litt an den Folgen einer Lähmung und ging mit einiger Schwierigkeit. Als einer der Gehilfen ihm sagte, er möchte sich beeilen, antwortete er: »Kannst du nicht warten? Warte ich doch und habe es noch eiliger als du!« In dem Augenblick, als das Messer fiel, ertönte der Gesang der Verurteilten mit doppelter Stärke, als hofften sie von der Seele, die eben ihren Aufschwung nahm, noch gehört zu werden. Nach Sillery kam der Bischof Fauchet, den zwei Gehilfen beim Hinaufsteigen der sehr steilen Stufen unterstützen mußten; dann Carra, Lesterpt-Beauvais, Duperret und Lacase. Charles Henri Sanson leitete die Hinrichtung. Der erste Gehilfe Fermin stand am Rammblock; mein Vater überwachte die Wegführung der Leichname, welche man zu Zweien in die hinter der Guillotine bereitstehenden Körbe warf. Nachdem aber sechs Köpfe gefallen, waren die Körbe und das Fallbrett so mit Blut überschwemmt, daß die Berührung dieses Blutes für die folgenden viel schrecklicher sein mußte, als der Tod selber. Charles Henri Sanson befahl zweien Gehilfen, mehrere Eimer Wasser auszugießen und die Stücke nach jeder Hinrichtung mit einem Schwamme abzuwaschen. Die Reihen der Verurteilten begannen sich zu lichten. Ihr Gesang verlor an Nachdruck, ohne an Kraft zu verlieren; unter allen diesen männlichen und festen Stimmen unterschied man deutlich die Lehardys, welche alle anderen übertönte. Boileau, Antiboul, Gardien, Lasource und Brissot stiegen der Reihe nach auf das Schafott; Lehardy rief, als man ihn auf das Fallbrett band, dreimal: »Es lebe die Republik!« Nach ihm wurde Duprat hingerichtet. Ducos umarmte, ehe er seine Freunde verließ, noch einmal Fonfrêde; als er die Treppe hinaufstieg, sagte er zu meinem Vater, der sich herunterbückte, um ihn zu stützen: »Ach, wenn doch deine Guillotine uns hätte mitsammen töten können, meinen Bruder und mich!« Er sprach noch in dem Augenblick, als das Messer fiel. Es waren nur noch sechs auf dem Platze, aber ihr Gesang erscholl noch immer. Gensonné, Mainvielle, Boyer-Fonfrêde und Duchatel kamen an die Reihe; die Zahl der Lebenden war auf zwei zusammengeschrumpft: Vergniaud und Vigée. Einige Geschichtschreiber berichten, daß Vergniaud zuletzt gestorben sei, dies ist ein Irrtum. Nach dem Vorfalle während der Verhandlung hatte man gehofft, daß einige der Girondisten in der letzten Stunde den kraftvollen Mut, der ihren Ruf erhöhte, verleugnen würden. Es wird auch versichert, daß aus dieser Zeit das Verbot herrühre, den Verurteilten eine Herzstärkung mitzugeben. Man hat gesehen, wie die heldenmütige Phalanx aus der Gemeinsamkeit ihrer Empfindungen den gemeinsamen Mut schöpfte. Die Stärksten wie die Furchtsamsten zeigten sich gleich stark in der Todesbegeisterung. Der Gerichtsdiener Nappier, welcher hier das schreckliche Amt des Ordners versah, zeigte eine Bestürzung, die an Entsetzen grenzte. Als Vergniaud und Vigée allein übrig waren, wurde die Stimme des letzteren, der seinen Aufruf erwartete, schwächer; Vergniaud blickte ihn an und sogleich begann er mit neuer Kraft: » Plutôt la mort que l'esclavage !« Nappier rief Vergniaud auf. Er glaubte ohne Zweifel, daß Vigée, wenn man ihn des stützenden Freundes, des Vorbildes jener erhabenen Ergebung, welche der Mann von Genie vor dem Tode bekundet, beraubte, seine Festigkeit verlieren und die schreckliche Hekatombe mit einer Ohnmacht endigen würde. Dem war nicht so. Als Vergniauds Leichnam zu denen seiner Freunde gelegt war, zeigte sich Vigée den Scharfrichtern mit dem Stolz eines Siegers. Auf das Brett gebunden, den Kopf mit dem Halsbande befestigt, sang er noch immer; als der Gesang aufhörte, war der letzte der Zwanzig tot. Dreiundvierzig Minuten hatten hingereicht, um die Republik ihrer Gründer zu berauben und Frankreich in Trauer über die edelsten seiner Kinder zu versetzen. Am Abend beklagte sich Charles Henri Sanson bei Fouquier über die unschickliche Aufführung von Huberts Schützling; in der Hoffnung, sich dieses Elenden entledigen zu dürfen, suchte er darzulegen, daß, wenn einer der Scharfrichter die Verurteilten beleidigte, dadurch das Volk für die letzteren Partei ergreifen könnte. Fouquier nahm die Klage meines Großvaters als geringfügig auf und warf ihm zornig vor, daß er in den Rücksichten, die er gegen einzelne Verurteilte gezeigt, Mangel an Bürgersinn bekunde. Die Folge dieser Unterredung war, daß André Dutruy bei dem Personal des Schafotts verblieb; die Grimassen des erbärmlichen Jacot wirkten fortan bei allen wichtigen Hinrichtungen mit, und zwar zum großen Ergötzen des Pöbels. Der Herzog von Orleans Ebene und Berg. Seit dem Tode der Girondisten beschleunigen und vermehren sich die Hinrichtungen; der wahrhafte Schrecken hat seinen Anfang genommen; bis dahin bestand er nur in der fanatischen Begeisterung einiger Rasender, jetzt wird er das Haupttriebwerk der Regierungsmaschine. Der 16. Brumaire sah den Tod des berühmtesten Urhebers der Revolution, Louis Philippe Josephs von Orléans. Vergebens hatte er seinen Titel mit dem bezeichnenden Namen Egalité vertauscht, vergebens der Revolution ein anderes schreckliches Pfand bewilligt, indem er für den Tod seines Königs und Verwandten stimmte; es war ihm nicht gelungen, das Unrecht seiner hohen Geburt und seiner unschätzbaren Reichtümer vergessen zu machen. Den Royalisten mit Recht gehässig, konnte es nicht fehlen, daß er für die Republikaner ein Gegenstand der Furcht und Verlegenheit wurde. Die Girondisten wollten nicht glauben, der Patriotismus sei der einzige Beweggrund, daß sich ein Prinz von Geblüt, obgleich er zum Hofe gehörte, zu der Opposition schlug; sie gaben das Bündnis einer kundbaren Unsittlichkeit mit der reinsten Bürgertugend, der Uneigennützigkeit, nicht zu. Seit der Wiedervereinigung des Konvents hatten sie niemals aufgehört, ihn als Prätendenten zu behandeln. Die Bergpartei ihrerseits merkte, daß die Anwesenheit eines Bourbon in ihren Reihen ihren Feinden stets Veranlassung zum Argwohn und zu Beschuldigungen geben würde; sie zögerte daher nicht, ihn bei der ersten Gelegenheit zu opfern. Diese Gelegenheit lieferte Dumouriers Abfall. Am 7. April wurde Egalité verhaftet und am 12. nach Marseille gebracht, wo er seine beiden Söhne wiedersah, die Herzöge von Montpensier und von Beaujolais, welche beide aufgehoben worden waren, und zwar der erstere in der italienischen Armee, wo er unter Biron diente. Nach sechsmonatlicher Haft im Fort St.-Jean brachte man ihn am 2. Brumaire nach Paris zurück und sperrte ihn in die Conciergerie. Der Tod dieses wichtigen Mitschuldigen war so fest im voraus beschlossen, daß Fouquier ihm nicht einmal die Ehre einer Anklageakte erzeigte. Mit Beiseitesetzung des Rechtsgrundsatzes non bis in idem bediente er sich derselben Anklage, welche Amar gegen die Girondisten, die unversöhnlichen Feinde Egalités, verfaßt hatte. Als man Egalité vorwarf, was man in gleicher Weise Carra vorgeworfen, er hätte den Herzog von York auf den Thron Frankreichs setzen wollen, unterbrach er den Vorleser, indem er ausrief: »Aber das hört sich wie ein Scherz an!« Als der Vorsitzende ihn fragte, was er zu antworten habe, sagte er in kaltem Tone: »Diese Anklagen widerlegen sich durch sich selber und sind auf mich nicht anwendbar, weil es feststeht, daß ich dem System und den Maßregeln der Partei, deren Begünstigung man mich anklagt, stets entgegen gewesen bin.« Charles Voidel verteidigte ihn mit großem Nachdruck; aber wie schon erwähnt, sein Tod wurde für notwendig erachtet und der Herzog von Orleans flößte zu wenig Teilnahme ein, als daß die Richter vor einer Maßregel, die sie für das öffentliche Wohl ersprießlich hielten, zurückgebebt hatten. Er hörte seine Verurteilung mit großer Kaltblütigkeit an und wendete sich an Antonelle, den Vorsitzenden der Geschworenen, der einer seiner Vertrauten gewesen war, mit den Worten: »Da ihr entschieden wart, mich zu verderben, so hättet ihr wenigstens wahrscheinlichere Vorwände für euren Zweck suchen sollen; denn ihr werdet nimmermehr jemand einreden wollen, daß ihr mich aller Verbrechen schuldig glaubt, deren ihr mich für überwiesen erklärt, und Sie am wenigsten, Antonelle, der Sie mich so gut kennen. Da übrigens mein Schicksal entschieden ist, so bitte ich Sie, mich hier nicht bis morgen schmachten zu lassen, sondern zu befehlen, daß ich auf der Stelle zum Tode geführt werde.« Der General Coustard, sein Adjutant und Konventsdeputierter, wurde mit ihm gleichzeitig verurteilt. Die Sitzung hatte am Morgen begonnen; als der Herzog von Orleans nach der Conciergene zurückgekehrt, beklagte er sich über Hunger; man trug ihm Austern und ein Huhn auf; Coustard lud er vergebens zur Teilnahme an seinem Mahle ein. Da das Tribunal dem traurigen Bittgesuch, welches an dasselbe gerichtet war, zu willfahren beschlossen hatte, so ließ Fouquier Charles Henri Sanson holen und Monet stellte ihm den Befehl zur unmittelbaren Hinrichtung zu, welche an noch zwei anderen Personen, die am Abend vorher verurteilt worden, vollstreckt werden sollte; außer an jenen beiden Verurteilten nämlich noch an Jacques-Nicolas de Laroque, ehemaligem Unterabgeordneten von Mortagne, und dem Wechselagenten Pierre Gondier. Pierre Gondier war beschuldigt, eine Quantität Brot aufgekauft zu haben, welche die Verteidigung auf einige vertrocknete Krusten zurückführte, die der Unglückliche aufgehoben hatte, um die Hühner einer Nachbarin zu füttern. Es war halb vier Uhr, als mein Großvater den Befehl erhielt; in dem Augenblick jedoch, als er fortgehen wollte, gebot man ihm zu warten, und einige Augenblicke später fand eine fünfte Verurteilung statt, die des Antoine Brousse, eines Schlossergesellen; ohne Zweifel, um den Grundsätzen der Gleichheit zu huldigen, war befohlen, daß derselbe gleichzeitig mit dem Prinzen das Schafott besteigen sollte. Der Herzog von Orléans ging mit dem General Coustard auf und nieder, als der Scharfrichter sich in dem Vorzimmer der Kanzlei zeigte. Er war ein wenig bleich, zeigte aber sonst nicht die geringste Bewegung. Mein Großvater entblößte wie gewöhnlich sein Haupt; an der Begleitung der Gendarmen, der Kleidung der Gehilfen, den Seilen und der Schere, welche sie trugen, mußte der Prinz erraten, wer der Grüßende war; er sah ihn starr an, unterbrach aber weder seine Unterhaltung, noch seinen Spaziergang. Als Charles Henri Sanson ihn fragte, ob er erlauben wollte, daß man ihm das Haar abschnitte, setzte er sich, ohne weitere Bemerkungen zu machen, auf einen Stuhl. In diesem Augenblick brachte man die drei anderen Verurteilten geführt. Herr von Laroque trat zuerst ein; er war ein Greis von siebzig Jahren, dessen Miene den Ausdruck des Adels trug. Als ihm einer der Gehilfen das Haar abschneiden wollte, nahm er die Perücke ab, die sein kahles Haupt bedeckte, und antwortete: »Diese erspart mir jene wesentliche Förmlichkeit.« Als der Herzog von Orleans, der ihm bis dahin den Rücken zugekehrt hatte, aufstand, erkannte ihn Herr von Laroque; ein lebhafter Unwille zeigt sich auf dem Antlitz des alten Edelmannes und er sprach mit lauter Stimme zum Prinzen: »Mein Leben tut mir nicht leid, da der Verderber meines Vaterlandes die Strafe für seine Verbrechen erhält; aber ich muß Ihnen gestehen, gnädiger Herr, daß es mich demütigt, mit Ihnen auf einem und demselben Schafott sterben zu müssen.« Der Herzog von Orléans wendete den Kopf weg, ohne zu antworten. Es war vier Uhr nachmittags, als der Zug aus der Conciergerie kam. Den Prinzen verließ seine Kaltblütigkeit nicht, aber sein Mut hatte durchaus keine Ähnlichkeit mit dem der Girondisten und vieler anderer Opfer; seine Züge zeigten Gleichgültigkeit und eher Ekel, als männliche Entschlossenheit. Diese Unerschütterlichkeit eines entnervten Geistes, eines übersättigten Herzens blieb weit zurück hinter der heldenmütigen Festigkeit eines Mannes, der von einer politischen Meinung, welcher Art sie auch sei, wirklich überzeugt war; der unberühmte Edelmann, der ihn im Saale der Toten mit so harten Worten angeredet und jetzt an seiner Seite ohne Verstellung, aber auch ohne Schwäche betete, stellte viel besser die wahre Größe der menschlichen Seele dar. Der Führer des Zuges ließ die Karren vor dem Palais Egalité halten, auf dessen Vorderseite man die mit großen Buchstaben geschriebenen Worte »Nationaleigentum« las. Der Prinz verstand wohl, aus welcher Absicht man hier Halt machte. Der Herzog von Orleans schaute einen Augenblick auf die Wohnung seiner Väter, ohne daß man die Gefühle seines Innern ergründen konnte; dann wendete er die Augen verächtlich weg. Herr von Laroque wurde zuerst hingerichtet; er zeigte eine gewisse Absichtlichkeit, als er seinen Gefährten und selbst dem armen Handwerker Lebewohl sagte, aber kein Wort an den Herzog von Orleans richtete. Gondier war der zweite Hingerichtete, dann folgte der General Coustard und endlich der unglückliche Brousse. Der Prinz sah diese vier Köpfe, ohne Rührung fallen; dann stieg er auf das Schafott und blickte mit stolzer und hochmütiger Miene und mit Achselzucken auf die Menge, die ihn mit spöttischem Geschrei verfolgte; vielleicht erinnerte er sich, daß dies dieselben Pariser waren, welche im Jahre 1789 seine lorbeergekrönte Büste im Triumphe umhergetragen hatten. Nachdem die Gehilfen ihm den Frack ausgezogen hatten, wollten sie ihm auch die Stiefel ausziehen; er machte sich aber aus ihren Händen los und ging allein nach dem verhängnisvollen Brett, indem er die Worte sprach: »Das ist nur Zeitverlust, ihr könnt mir die Stiefel viel leichter ausziehen, wenn ich tot bin; beeilen wir uns!« Einen Augenblick später fiel das Haupt dieses unglücklichen Prinzen unter dem wilden Beifallsjauchzen einer blödsichtigen Menge, welche die Sühne in gleicher Weise begrüßte, wie sie das Verbrechen gegrüßt hatte. Ebene und Berg Madame Roland Am 17. Brumaire fanden sechs Hinrichtungen statt; die Hingerichteten waren alle Munizipalbeamte aus dem Flecken Pont de Cé und des Einverständnisses mit dem Rebellen der Vendée überwiesen. Diesen Unglücklichen folgte aber sehr bald ein berühmteres Opfer. Am 31. Mai verhaftet, hatte Madame Roland am 11. Brumaire ihr erstes Verhör bestanden und erschien am 18. vor dem Revolutionstribunal. Madame Roland war die Seele der Gironde gewesen; ihr großer Charakter, die Grazie ihres Geistes und ihre erhabenen Ansichten hatten ihr einen bedeutenden Einfluß nicht allein auf ihren Gemahl, sondern auch auf die bedeutenden Männer, die sich in ihren Salons versammelten, gesichert. Diese Einmischung einer Frau in die Politik hatte sowohl in der Presse, wie im Schoße des Konvents heftigen Zorn erregt. Der satirische Geist der Madame Roland und ihre wohlbegründete Verachtung der ehrgeizigen Mittelmäßigkeiten trugen dazu bei, die Zahl ihrer Feinde zu vermehren und den Haß derselben zu steigern. Diese Feinde wurden vollends unerbittlich, als sie sahen, daß eine Frau, die sich durch ihre Überlegenheit gehässig machte und zu gleicher Zeit die letzte und rührendste Persönlichkeit von der gemäßigten Partei war, mit einem Streiche gefällt werden konnte. Die Anklageakte war fast ausschließlich auf ihre Verbindung mit den Girondisten begründet. Madame Roland war in ihr Schicksal ergeben, konnte aber nicht ohne zu schaudern die Namen ihrer Freunde beschimpfen hören und versuchte dieselben zu verteidigen. »In welcher Zeit und unter welchem Volke leben wir,« rief sie, »wenn die Gefühle der Achtung und der Treue, welche Freunde gegenseitig empfinden, ihnen als Verbrechen angerechnet werden? Es steht mir nicht zu, über die Männer, die ihr geächtet habt, zu urteilen; aber ich habe niemals geglaubt, daß jene, welche ihrem Vaterlands so viele Proben von Patriotismus, Lauterkeit und großmütiger Aufopferung gaben, schlechte Absichten hegen konnten. Wenn sie in Irrtum verfielen, so war dieser Irrtum tugendhaft; sie haben sich getäuscht, ohne entehrt zu sein; in meinen Augen sind sie unglücklich, aber nicht schuldig! Wenn es ein Verbrechen ist, Wünsche für ihre Erhaltung gehegt zu haben, so erkläre ich mich der Welt gegenüber für schuldig, und mit Vergnügen nehme ich an der Ehre Anteil, von ihren Feinden verfolgt zu werden. Ich habe diese Männer, diese großmütigen Männer gekannt, die man der Verschwörung gegen ihr Vaterland anklagt: sie waren entschiedene, aber menschlich gesinnte Republikaner; sie glaubten, diejenigen, welche kein Vertrauen zu der Republik hätten, könnten allein durch gute Gesetze dahin gebracht werden, sie zu lieben; dies war eine schwerere Aufgabe, als sie niederzumetzeln!« Dumas, der Vorsitzende, ließ sie nicht weitersprechen, indem er sie mit einer Erklärung unterbrach, er könne unmöglich dulden, daß sie den Verrätern, welche das Gesetz mit Recht getroffen, eine Lobrede halte. Madame Roland wendete sich darauf an das Publikum, welches den Saal füllte, und rief dasselbe zum Zeugen auf, daß man ihr Gewalt antue. Diese heftige Appellation wurde jedoch nur mit beleidigenden Ausrufungen beantwortet und von diesem Augenblicke an bewahrte sie ein verachtendes Stillschweigen. Als sie zum Tode verurteilt wurde, hörte sie das Urteil mit bewundernswerter Heiterkeit an und wendete sich dann an das Tribunal mit einer sanften und klangvollen Stimme, welche Riouffe mit dem Klange eines musikalischen Instrumentes verglich: »Ihr haltet mich für würdig, das Los der großen Männer zu teilen, die ihr ermordet habt; ich werde danach streben, mit demselben Mute, den sie gezeigt haben, auf dem Schafott zu erscheinen.« Nach ihrer Verurteilung – so erzählen die Memoiren eines Verhafteten – kehrte sie mit einer Schnelligkeit, welche fast an Freude grenzte, in den Kerker zurück und meldete uns durch eine Gebärde, daß man sie zum Tode verurteilt habe. Wie der Herzog von Orléans wurde Madame Roland noch an demselben Tage hingerichtet; an demselben Tage wurde auch Simon François Lamarche, früherer Direktor der Assignatenfabrikation, hingerichtet, der nach ihr vor dem Revolutionstribunal erschienen war. Madame Roland hatte schönes schwarzes Haar und es schien sie zu betrüben, daß sie einen Teil davon abschneiden lassen sollte, denn sie bat inständigst, es behalten zu dürfen. Mein Großvater schwankte und versuchte ihr mit allen möglichen Umschreibungen verständlich zu machen, wie er sie den schrecklichsten Qualen aussetzen würde, sobald er ihrem Wunsche nachkäme; sie schien gerührt von seiner Fürsorge, sie nicht durch eine genaue Schilderung der Hinrichtung zu erschrecken, und sprach lächelnd, einen berühmten Ausspruch Molières parodierend: »Wohin hat Menschlichkeit sich denn geflüchtet?« Ein wenig später, als die Schere in ihr dichtes Haar einschnitt, griff sie mit den Händen schnell nach dem Kopfe und rief: »Laßt mir wenigstens soviel, daß ich meinen Kopf dem Volke zeigen kann, wenn es denselben sehen will!« Nachdem sie gefesselt war, hatte sie einige Minuten der Niedergeschlagenheit oder vielmehr der Sammlung; ihr Haupt war auf die Brust geneigt und ihre Augen feucht. Ohne Zweifel dachte sie an ihre Tochter und an Roland, von dem sie wußte, daß er entschlossen sei, sie nicht zu überleben; vielleicht aber erinnerte sie sich der Worte, die sie in ihrer Verteidigung geschrieben hatte: »Wenn die Unschuld zum Tode geht, zu dem der Irrtum und die Niederträchtigkeit sie verurteilen, so gelangt sie zum Triumphe!« Sie erhob das Haupt wieder und von diesem Augenblicke an verleugnete sich ihre Stärke nicht mehr. Der, welcher gleichzeitig mit ihr sterben sollte, hatte bei weitem nicht diesen Mut. Das letzte Werk der Madame Roland war ein Werk der Selbstverleugnung und christlichen Liebe. Sie weihte die Stunde, die ihr zum Leben übrig blieb, dem Unbekannten, den sie an ihrer Seite niedergebeugt sah; sie vergaß sich selber so weit, daß sie nur daran dachte, ihm die schreckliche Prüfung, der sie selber unterworfen war, zu erleichtern. Auf dem ganzen Wege hörte sie nicht auf, ihn zu trösten und zu stärken. Sie stellte eine Heiterkeit zur Schau, welche eine Mutter und Gattin unmöglich im Herzen empfinden konnte und die nur den Zweck hatte, Lamarche von seiner Todesfurcht zu befreien. Weder die Königin, noch Charlotte Corday, noch die Girondisten waren in gleichem Maße wie Madame Roland der Gegenstand der Wut des sogenannten Volkes gewesen. Sie hörte diese Schmähungen mit verächtlichem Lächeln; zuweilen antwortete sie mit Scherzen, welche den Schrecken und die Furcht ihres Gefährten auf einige Augenblicke verscheuchten. Auf dem Revolutionsplatze, als Lamarche den Fuß zur Erde setzte, konnte er die düstere Ergebung, in welche ihn Madame Rolands Trost versetzt hatte, doch nicht bewahren; sein Gesicht war fahl geworden, alle seine Glieder zitterten in krampfhaftem Schauer; ein Scharfrichtergehilfe mußte ihn unterstützen. Madame Roland betrachtete ihn mit dem Ausdruck tiefen und aufrichtigen Mitleidens und sprach: »Ich will Ihnen den Schmerz ersparen, mein Blut fließen zu sehen, gehen Sie zuerst, mein armer Herr!« Seit dem Tode der Girondisten bestimmte der öffentliche Ankläger, in welcher Ordnung die Verurteilten hingerichtet werden sollten. Madame Roland hatte kraft ihres Geschlechts das Vorrecht erlangt, zuerst an die Reihe zu kommen, um nicht der Hinrichtung ihres Gefährten zuzusehen und den dumpfen Fall des Messers zu hören. Als sie meinem Großvater meldete, daß sie Lamarche die klägliche Gunst, zuerst hingerichtet zu werden, abtrete, antwortete er ihr, es wäre dies unmöglich, da er entgegenstehende Befehle habe. »Nein, nein,« erwiderte Madame Roland, immer lächelnd »ich bin überzeugt, man hat Euch nicht befohlen, einer Frau die letzte Bitte abzuschlagen.« In der Tat hatte Charles Henri nicht den Mut, sich dem Antriebe dieser edlen Seele zu widersetzen. Man trug Lamarche schon halbtot auf das Schafott; Madame Roland sah seinen Kopf fallen, ohne zu schaudern, und ging dann selber auf die Plattform. Bei Gelegenheit des Festes vom 10. August hatte man im Mittelpunkte des Revolutionsplatzes eine kolossale Statue der Freiheit errichtet, die nach der Zeremonie nicht wieder fortgenommen worden war und sich dem Schafott gegenüber befand. Madame Roland richtete das Auge auf diese Statue; man sah ein bitteres Lächeln ihre Lippen umschweben und sie sagte mit lauter und fester Stimme: »O Freiheit, wie hat man dir mitgespielt!« Die Scharfrichtergehilfen stießen sie unter das schreckliche Fallbeil; sie leistete ihnen Widerstand, um sich zuvor vor dem Sinnbilde, welches ihr Abgott gewesen war, zu verneigen. Eine Minute später hatte sie aufgehört zu leben. Bailly Die berühmten Opfer folgten ohne Aufhören nach einander; der 21. Brumaire kennzeichnete sich noch durch den Tod eines der Gründer der Freiheit, Bailly. Die Hinrichtung des letzteren ist mit so gehässigen Umständen verbunden, daß die meisten Geschichtschreiber der Revolution sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, diejenige Partei zu beschimpfen, welche solche Verletzungen des menschlichen Gefühls anbefahl oder duldete; sie haben Baillys Tod in allen Einzelheiten erzählt; notwendigerweise ließen sie sich aber von der Lebhaftigkeit ihrer Eindrücke bewegen, ein schon schreckliches Gemälde noch zu überladen. Anderseits haben die demokratischen Schriftsteller sich nicht mit einer genauen Darstellung der Tatsachen begnügt; ohne zu entschuldigen, was sich nicht entschuldigen läßt, versuchten sie doch, die Kommune, welche man stark im Verdacht hatte, zu solchen Akten wilder Grausamkeit ermutigt zu haben, die man sogar vollständig überwiesen hat, daß sie dieselben mit barbarischer Gleichgültigkeit gestattete, von der Verantwortlichkeit freizusprechen. Daraus ergibt sich, daß jene, dem Andenken der Jakobiner treu ergeben, sich nicht weniger parteiisch zeigten, als es ihre Gegner in ihrem Hasse waren, und daß die wahrhafte Erzählung von der Hinrichtung Baillys noch übrigbleibt. Dies will ich unternehmen mit Hilfe der ziemlich umständlichen Notizen, welche mein Großvater hinterließ, und der Mitteilungen, die ich meinem Vater verdanke, welcher der Hinrichtung des ehemaligen Maires von Paris ebenfalls beiwohnte. Jean Sylvain Bailly wurde am 15. September 1736 zu Paris geboren. Er war der Sohn des Jacques Bailly, des Aufsehers der königlichen Gemäldegalerie, und hatte ausgezeichnete Maler zu Ahnen. Aus jugendlicher Neigung hatte er sich mit der Literatur beschäftigt. Sein erstes Werk war eine Tragödie, betitelt Clotar, deren Hauptepisode, einem sonderbaren Zufall nach, den Tod eines Palastaufsehers behandelt, der von dem Volke massakriert wird. Darauf hatte er wissenschaftliche Briefe verfaßt und die Denkschrift über das Licht der Trabanten, welche er im Jahre 1771 veröffentlichte, wies ihm einen Rang unter den ausgezeichnetsten Astronomen an. Im Jahre 1775 erschien der erste Band seiner Geschichte der alten und neueren Astronomie und 1787 die drei Bände seiner Geschichte der indischen und orientalischen Astronomie. Als Mitglied der drei französischen Akademien und Verfasser zahlreicher philantropischer Denkschriften war Bailly der Wahl seiner Mitbürger ebensowohl durch seinen wissenschaftlichen Ruf wie durch seine Freisinnigkeit empfohlen. Als Deputierter von Paris in der Nationalversammlung, die ihn zum Präsidenten wählte, führte er den Vorsitz bei der berühmten Sitzung im Ballhause. Am 16. Juli 1789 zum Maire von Paris ernannt, nahm er diese gefahrvolle Ehrenstelle mehr aus Patriotismus als aus Klugheit an; seine Volksbeliebtheit verblendete ihn; er glaubte, dieselbe sei so fest, daß ihm seine neue Amtstätigkeit dadurch erleichtert würde, erkannte aber sehr bald, daß diese Popularität ihm nicht mehr folgte, als er die Rolle eines Führers zu spielen begann. Als aufrichtiger Konstitutioneller nahm er die Verantwortlichkeit für das blutige Einschreiten auf dem Bundesfelde auf sich. Die beiden am Morgen begangenen Mordtaten, der Schuß, der auf den Adjutanten Lafayettes gerichtet wurde, die Befehle der Nationalversammlung, die sich in bezug auf die vorläufige Absetzung des Königs für unumschränkt erklärte, rechtfertigten die Verkündigung des Kriegsgesetzes; außerdem schien es erwiesen, daß die Füsillade, welche so bejammernswerte Erfolge hatte, zu jenen Ereignissen gehörte, welche die Parteien zu ihrem Vorteil ausbeuten, ohne jemals einzugestehen, daß sie dieselben verschuldeten, und daß der Befehl, auf die Menge, welche die Stufen des Altars des Vaterlandes besetzt hielt, zu schießen, Bailly nicht zugeschrieben werden kann. Wie es auch um seine Unschuld stehen mochte, so gaben doch am folgenden Tage tausend Stimmen in der Presse und die Stimmen, welche von den Tribünen der Jakobiner erschollen, den armen Gelehrten dem Hasse und der Verachtung des Volkes preis. Einer der Gemäßigtsten schrieb, indem er sich an dem Maire von Paris wendete: »Dieser Tag wird dir bis zum letzten Tage deines Lebens Gift bereiten!« Bailly bot seine Entlassung an, welche aber abgewiesen wurde; erst in den ersten Tagen des November gelang es ihm, sich seines Amtes zu entledigen. In dem Prozeß der Königin trat er als Zeuge auf und Hermans Sprache und Haltung ließen ihm keinen Zweifel über sein nahes Geschick. In der Tat erschien er am 19. Brumaire seinerseits vor dem Tribunal. Das Gemetzel auf dem Marsfelde war nicht der einzige Beschwerdepunkt, welchen die Anklage gegen Bailly hervorhob; sie warf ihm noch vor, die Sieger der Bastille untereinander aufgereizt zu haben, indem er die französische Garde vermocht habe, die Dekoration, womit das Dekret vom 19. Juni 1790 sie beehrte, abzulegen; sie beschuldigte ihn endlich, im Einverständnis mit Lafayette die Flucht des Königs nach Varennes begünstigt zu haben. Die Abgeschmacktheit dieser Erdichtungen, welche sich bereits in den Verhandlungen bei dem Prozeß der Marie-Antoinette offenbarte, braucht hier nicht weiter bewiesen zu werden. Eine große Anzahl Zeugen wurden gehört; alle belasteten den Angeklagten, doch ließ sich nicht verkennen, daß die Mehrzahl von ihnen zu gleicher Zeit ein Zeugnis ihres eigenen Hasses gegen denselben ablegten. Das Verhör währte bis zum späten Abende und wurde am nächsten Tage wieder aufgenommen. Als Bailly mit Einstimmigkeit zum Tode verurteilt wurde, hörte er den Urteilsspruch mit der Festigkeit eines Weisen. F. Arago erzählt in seiner Lebensbeschreibung Baillys, derselbe habe, als man ihn in sein Gefängnis zurückgeführt, seinen Neffen zu einer Partie Pikett aufgefordert und in der Mitte des Spiels lächelnd die Worte gesprochen: »Wir wollen einen Augenblick anhalten, mein Freund, und eine Prise Tabak nehmen; morgen werde ich dieses Vergnügens beraubt sein, da man mir die Hände auf den Rücken gebunden haben wird.« Das Urteil enthielt die Bestimmung, daß Bailly auf dem Schauplatze des Verbrechens, welches seine Verurteilung begründete, hingerichtet werden sollte. Ich habe bereits gesagt, daß der Scharfrichter sich jeden Tag nach der Kanzlei oder zum öffentlichen Ankläger begab, um Befehle zu empfangen; dorthin ging er am 20. Brumaire, als er dem Gerichtsdiener auf einem der Flure begegnete, der mit einem Geschworenen namens Chrétien plauderte. Dieser rief ihm zu: »Es gibt heute nichts zu tun!« und schickte ihn zurück, ohne ihn mit Vorkehrungen für den folgenden Tag zu beauftragen. Erst am 21. um neun Uhr morgens erhielt Charles Henri den Befehl, die Guillotine abbrechen und nach dem Bundesfelde bringen zu lassen. Er bedurfte einiger Zeit, um seine Leute zu sammeln, so daß es schon zehn Uhr vorüber war, als jene nach dem Revolutionsplatze aufbrachen. Fouquier-Tinville hatte zur Aufstellung des Schafotts den Raum zwischen dem Altar des Vaterlandes und dem Gros-Caillou bezeichnet, das heißt denselben Platz, welchen die Truppen, die auf das Volk geschossen hatten, besetzten. Mein Vater übernahm es, das Todesgerät wegbringen und wieder aufstellen zu lassen; mein Großvater teilte ihm die Instruktionen mit und begab sich in die Conciergerie, wo er gegen halb zwölf Uhr anlangte. In dem Augenblick, als er eintrat, begegnete er Hébert, welcher herauskam und ihn grüßte. Bailly wurde bald darauf in das Vorzimmer der Kanzlei geführt. Es ist sehr wahr, was Franz Arago berichtet, daß nämlich die Volksmenge nicht mit den Mißhandlungen begann, welche dem unglücklichen Gelehrten einen so bitteren Todeskampf verursachten. Die Kerkermeister der Conciergerie, die sich gewöhnlich grob und zuweilen sogar viehisch gegen die Gefangenen benahmen, behandelten Bailly mit einer Roheit, die sich nur aus den ihnen erteilten Befehlen erklären läßt. Einer von ihnen nahm den Ton eines anmeldenden Bedienten an und rief in dem Augenblick, als er in das Kanzleizimmer trat: »Herr Bailly, ehemaliger Schlächter des ehemaligen Tyrannen!« Ein anderer stieß ihn, als er sich niederbückte, um seine Strumpfbänder festzubinden, so heftig, daß er beinahe auf den Rücken gefallen wäre, und rief einem dritten seiner Kameraden zu: »Da, nimm du den Bailly!« Dieser stieß ihn wieder dem ersteren zu und in dieser Weise warfen sie ihn eine Zeitlang unter den unanständigsten Späßen hin und her. Bault und der Gerichtsschreiber Nappier wohnten diesem grausamen Auftritte bei. Charles Henri fragte Bault, wie er ein solches Betragen seiner Untergebenen dulden könne, worauf Bault die Achseln zuckte und antwortete: »Was soll ich dabei tun!« Der Gerichtsschreiber lachte zustimmend. Jetzt fiel meinem Großvater ein, daß ihm wenige Augenblicke vorher Hébert begegnet war und daß dieser wahrscheinlich von dem Vorgefallenen Kenntnis habe. Er täuschte sich nicht, denn Bault gestand ihm späterhin, daß der Gemeindesubstitut diese Männer gegen Bailly aufgehetzt habe. Als Charles Henri sah, daß der Unglückliche auf dieser Welt keine andere Hilfe zu erwarten habe als den Tod, trieb er seine Gehilfen an, sich des Verurteilten zu bemächtigen und ihm die Hände zu binden. Die Grausamkeit seiner Kerkermeister hatte den Mut des berühmten Gelehrten nicht erschüttert; mit seiner festen Ruhe vereinte sich noch eine besondere Gutmütigkeit. Den unwürdigen Späßen seiner Kerkermeister hatte er eine unerschütterliche Sanftmut entgegengesetzt und sich damit begnügt, mehrere Male mit leiser Stimme zu sagen: »Ihr tut mir wehe!« Als die Gehilfen ihn seinen Verfolgern entrissen, ordnete er sein Hemd, indem er, lächelnd sagte: »Ich bin ein wenig zu alt für solche Spiele.« Als das Ankleiden beendet war, und mein Großvater ihn ersuchte, seinen Rock anzuziehen, weil der Morgen kalt sei, antwortete er: »Fürchtet ihr denn, daß ich den Schnupfen bekommen könnte?« Thiers erzählt in seiner Geschichte der Revolution, Bailly sei zu Fuß zum Tode geführt worden; dies ist nicht richtig. Der ehemalige Maire von Paris teilte das Vorrecht aller Verurteilten; er wurde, wie sie auf einem Karren zum Schafott befördert. Hinten an diesen Karren hatte man eine rote Fahne befestigt, die laut dem Urteilsspruch vor dem Verurteilten durch die Hand des Henkers verbrannt werden sollte. Man verließ die Conciergerie um Dreiviertel auf zwölf Uhr. Als der Karren auf den Kai hinauskam, wurde er mit betäubendem Geschrei begrüßt und von einer Volksmenge umringt, in welcher mein Großvater den Heerbann und das Aufgebot der gewöhnlichen Besucher des Revolutionsplatzes erkannte. Die Kriegsschar der Kannibalen war durchaus vollständig; jener Auswurf des weiblichen Geschlechts, den man mit dem Namen »Guillotineablecker« gebrandmarkt hatte, machte sich durch seine Kühnheit und durch seinen übertriebenen Haß bemerkbar. Bis zum Revolutionsplatze jedoch bekundete sich die Wut des Volkes nur durch Beleidigungen und Drohungen; man warf nicht gegen den Karren. Bailly saß und unterhielt sich mit meinem Großvater mit unglaublicher Ruhe und Freiheit des Geistes. Er sprach von allem, nur nicht von sich. Er befragte Charles Henri über die letzten Augenblicke der früher Hingerichteten, Custines, der Charlotte Corday und der Königin; bald darauf fragte er ihn über die Einkünfte seines Amtes, und zwar mit solcher Ruhe, als ob er in seinem Kabinett im Stadthause säße und als Magistratsbeamter einen seiner Untergebenen zu vernehmen hätte. Als der Wagen die Höhe der elyseischen Felder erreicht hatte, kam ein Gehilfe nachgelaufen. Die Zimmerleute hatten in der Eile einige Bohlen vergessen, welche zum Fußboden des Schafotts verwendet werden sollten. Man mußte wieder umlenken und diese auf den Karren laden, auf welchem sich der Verurteilte befand. Dieser Halt war nicht ohne Gefahr. Bailly war abgestiegen. Zweimal machte die Menge den Versuch, sich auf ihn zu stürzen, aber die Gendarmen benahmen sich mutig und gefaßt und es gelang ihnen, die Anstürmenden zurückzutreiben. Der Zug setzte sich endlich wieder in Bewegung, aber die Stücke Holz, welche sich auf dem Wagen befanden und von den Stößen erschüttert wurden, waren dem armen Bailly durchaus hinderlich. Mein Großvater schlug ihm vor, zu Fuß zu gehen und er nahm es an. Man stieg ab. Der Weg war so schlecht, daß die Männer der Geleitschaft sich weiter voneinander trennten. Die Menge, welche nicht den gleichen Widerwillen gegen den Schmutz hatte, benutzte dies, um sich dem Delinquenten zu nähern; durch diese fast unmittelbare Berührung steigerte sich ihre Wut zur Raserei und das Geschrei nahm eine doppelte Kraft an. Man hatte noch nicht zweihundert Schritte zurückgelegt, als ein Taugenichts von etwa fünfzehn Jahren den Rock, welchen Bailly über seine Schultern geworfen hatte, herabriß; durch den heftigen Ruck fiel der Unglückliche rückwärts. In einem Augenblick war der Rock in tausend Fetzen zerrissen und die, Wütenden machten nochmals den Versuch, sich des Verurteilten zu bemächtigen, der nur von dem Scharfrichter und seinem Gehilfen umgeben war. Noch einmal wurde er durch das Einschreiten der Gendarmen gerettet. Mein Großvater ließ ihn eilig wieder auf den Karren steigen, aber der Antrieb war einmal gegeben; die Elenden, welche sie umgaben, waren entweder des Geheuls müde oder fühlten den Durst nach einer befriedigenderen Rache: sie begannen einen Hagel von Wurfgeschossen aller Art auf den Delinquenten regnen zu lassen. Mein Großvater gab Bailly den Rat, sich auf die Bohlen zu setzen; kaum aber bemerkte die Menge ihr Schlachtopfer nicht mehr, als sie ihr Geschrei verdoppelte und abermals mit Steinen warf. Bailly stand auf und sagte zum Scharfrichter: »Euer Rat ist entschieden schlecht, man muß immer dem Sturm die Spitze bieten.« Als Charles Henri sich beklagte und gegen die Menge eiferte, fügte er hinzu: »Es wäre verdrießlich, wenn man gelernt hätte, siebenundfünfzig Jahre mit Ehren zu leben und nicht verstände, eine Viertelstunde lang mutig zu sterben.« Der Weg wurde ziemlich schnell zurückgelegt; es war halb zwei Uhr, als man auf dem Bundesfelde ankam. Das Schafott war errichtet und von drei- bis viertausend Menschen umringt. Es waren meistens Bewohner von Gros-Caillou und von Grenelle; darunter befanden sich aber in erster Reihe einige jener kräftigen Gestalten, die man bei allen Volksbewegungen findet; diese Individuen warteten wahrscheinlich auf den Zug, denn sie halfen den Ankommenden die Neugierigen zurücktreiben um sich um die Guillotine zu stellen. Die Befürchtung Charles Henris vergrößerte sich mehr und mehr. Als er sah, wie sich diese Menge hinter dem schwachen Geleit schloß, begriff er, daß der Delinquent allen jenen Männern preisgegeben sei und daß es die Menschlichkeit geböte, ein schnelles Ende mit ihm zu machen, um ihm schreckliche Qualen zu ersparen. Er drängte seine Arbeiter, so schnell wie möglich die Bohlen des Fußbodens zusammenzulegen; inzwischen aber wurden die Schimpfreden und abgeschmackten Witze in Rufe verwandelt, die sich nicht mehr gegen Bailly, sondern gegen den Scharfrichter richteten; letzterer wurde zu gleicher Zeit von etwa zwanzig der erwähnten Rädelsführer umringt und sie erklärten ihm, der Boden, der das Blut der Märtyrer getrunken hätte, dürfe nicht von dem Blute eines Verbrechers besudelt und Bailly nicht auf dem Bundesfelde hingerichtet werden. Mein Großvater stellte ihnen die Befehle, die er erhalten, entgegen. »Was für Befehle?« fragte einer jener Männer, »das souveräne Volk, dein Herr, hat allein das Recht, dir Befehle zu erteilen; gehorche!« Als Charles Henri einen Offizier der Gendarmen herbeirief, um sich mit ihm zu beraten, rief ein anderer: »Du kannst das Kriegsgesetz verkünden, denn du hast die rote Fahne und Bailly unter der Hand; was uns betrifft, so werden wir die Guillotine an den wahren Ort bringen; wir nehmen das Geschäft auf uns, Tagedieb!« Man hörte ein lärmendes Beifallsgeschrei und es folgte ein Auftritt unbeschreiblicher Verwirrung. Die Gendarmen hatten sich zerstreut; Leute aus dem Volke gaben ihnen zu trinken, unter dem Vorwande, sich mit ihnen zu verbrüdern; andere halfen den Zimmerleuten die Guillotine abbrechen. Mein Großvater war von dem unglücklichen Bailly getrennt worden, den eine Flut des bewegten Meeres fortgerissen hatte, und nur mit großer Mühe konnte er wieder zu ihm gelangen. Von diesem Augenblick an begann erst die traurige Todesqual des ehrwürdigen Gelehrten. An dem Schmutz, der sein Hemd und sein Gesicht besudelte, und aus einer Wunde auf seiner Stirn, aus welcher einige Tropfen Blut rieselten, konnte man deutlich sehen, daß die Wut jener Wilden sich soweit vergessen hatte, ihn zu schlagen. Alles, was der Wahnsinn der Wut an Verwünschungen erfinden kann, hatten ihm die von Galle berauschten Megären in das Antlitz gegeifert; die Männer waren nicht weniger erbittert; einige erhoben die Faust gegen den Unglücklichen, dessen Hände gebunden waren; andere langten mit einem Stock über die Köpfe ihrer Nachbarn, um ihn zu treffen. Bailly hatte seine gleichmäßige Ruhe bewahrt, aber sein Antlitz war sehr bleich. Sobald er Charles Henri erkannte, rief er ihn mit seinen Blicken; der arme Bailly sah keinen anderen Freund, als seinen Henker. In dem Augenblick, als dieser zu ihm trat, sagte er: »Ach, ich hoffte früher zu Ende zu kommen!« Einer der Gehilfen war bei dem Verurteilten geblieben, der andere verschwunden. Zwei edelmütige Bürger, ein Regimentsquartiermeister namens Beaulieu und ein Gendarm namens Lebidois, schlossen sich dem Gerichtsgefolge an; mit ihrer Hilfe gelang es wenigstens, die ferneren Mißhandlungen zu verhindern. Beaulieu redete die Menge an; er schmeichelte geschickt ihrem Rachedurst, stellte aber zu gleicher Zeit vor, daß die Nation den Verurteilten ihren Beamten anvertraut habe und daß nur ein schlechter Bürger einen anderen Bürger an der gerechten und gesetzmäßigen Ausübung seines Amtes hindere. Einige der Wütenden versuchten Beaulieu zu unterbrechen und ihm mit spöttischem Gelächter zu antworten; seine starke und tönende Stimme war aber in den ferneren Reihen gehört worden, und fand einen Widerhall in rechtschaffenen Herzen; man rief ihm Beifall zu und die Elenden schwiegen auf einige Augenblicke. Beaulieu sah ein, daß es gefährlich sei, auf dem Platze zu bleiben; in der Hoffnung, sich von den unheilverkündenden Gestalten, welche ihn umgaben, freizumachen, namentlich die Menge abzulenken, schlug er vor, Bailly selber den Ort des Schafotts wählen zu lassen. Diesem Gedanken pflichtete man mit Begeisterung bei und begab sich sogleich auf den Weg. Beaulieu hielt einen Arm des Verurteilten, Charles Henri den anderen; der Gendarm und der Gehilfe gingen unmittelbar hinter ihm. Dieser Zug hat zu der Fabel Veranlassung gegeben, daß das Schlachtopfer zu einem Spaziergange um das Bundesfeld gezwungen worden sei. Es ist falsch, daß man Bailly genötigt habe, die Bretter der Guillotine auf seinem Rücken zu tragen. Wie schon gesagt, wurde die Maschine von den Arbeitsleuten meines Vaters und unter Hilfe von Leuten aus dem Volke abgebrochen. Es ist wahr, daß einige Männer, und namentlich junge Leute, eine halb wilde und halb kindische Prahlerei darein setzten, sich mit den auffallendsten Stücken des Schafotts zu beladen und die Menge mit dieser entsetzlichen Last zu durchschreiten; das ganze Zimmergerüst wurde jedoch auf zwei auf dem Platze befindlichen Karren fortgeschafft. Herr von Lamartine folgte mehr seinem poetischen Antriebe als der weisen Mäßigung des Geschichtschreibers, wenn er erzählt, man hätte Bailly gezwungen, die Erde zu belecken, wo das Blut des Volles geflossen sei. Wählend der drei Viertelstunden, welche zwischen der Ankunft auf dem Bundesfelde und der Hinrichtung verliefen, hatte der arme Märtyrer freilich grausamen Schimpf zu erleiden; das Einschreiten derjenigen, welche die Pflicht hatten, ihn zu schützen, war allerdings nicht immer wirksam; aber der einmal begonnene brutale Angriff erneuerte sich nicht mehr; neben jenen Individuen, welche den Auftrag zu haben schienen, die scheußlichen Triebe des Pöbels anzureizen, befanden sich mitten unter dieser Menge auch Männer von Herz, welche jenen Greueln nachdrücklich entgegentraten. Warum soll man die Wahrheit noch übertreiben, wenn sie schon betrübend genug ist? Das Leben eines tugendhaften Mannes, welches zum Spielzeug und zum Gelächter einiger Wahnsinnigen geworden ist, der Anblick dieses großen Bürgers, dessen Vorsitz an einem berühmten Tage ihn der Achtung ganzer Generationen empfahl, ohne Verteidigung den wilden Leidenschaften des niedrigsten Pöbels der Welt anheimgegeben; ein Unglücklicher, der da Hingetrieben wird, das Schafott als die wohltätigste Einrichtung menschlicher Satzungen anzusehen, ist dies nicht genügend, um eine Einbildungskraft, welche das Schrecklichste sucht, zu befriedigen? Bailly war an das äußerste linke Ende des Bundesfeldes nach der Flußseite hin geführt worden; dort wurde nach langem Hin- und Herreden zwischen den Rädelsführers das Schafott in dem Graben, welcher die Einschließung umgab, aufgerichtet. Es fiel ein feiner und eisiger Herbstregen. Bailly hatte nichts mehr auf dem Leibe als sein zerfetztes Hemd, welches stellenweise sein verwundetes Fleisch sehen ließ. Er schauderte und klapperte mit den Zähnen. In diesem Augenblick sagte einer der Männer, die sich um ihn drängten: »Du zitterst, Bailly?« Darauf gab er die berühmte Antwort: »Mein Freund, ich zittere nur, weil mich friert.« Die Einfachheit und Sanftmut, mit der er diese Worte sprach, war noch erhabener als die Antwort selber. So viele Angriffe und Qualen hatten seinen Mut noch nicht erschüttert; aber seine Kräfte fingen an, ihn zu verlassen, er wurde sichtlich schwach. Erlag denn also diese starke Seele im Kampfe? War es der schwache, erschöpfte, von der Kälte gelähmte Körper, der ihrem Willen Widerstand leistete? Bailly lehnte den Kopf zurück, schloß die Augen und glitt wie ohnmächtig in die Arme des Gendarmen und Scharfrichters, indem er wiederholt die Worte murmelte: »Gebt mir zu trinken, zu trinken!« Irgend jemand, ich nehme Anstand, ein solches Ungeheuer näher zu bezeichnen, warf ihm in diesem Augenblick flüssigen Kot in das Gesicht. Diese Handlung empörte selbst die Herzen, die sich bis dahin steinern gezeigt hatten: sie wurde mit einem allgemeinen Schrei des Unwillens aufgenommen. Einer der Zuschauer lief nach dem Schafott und brachte eine Flasche, in welcher sich ein wenig Wein befand. Diesen flößte er in Baillys halbgeöffnete Lippen; er kam wieder zu sich und sprach: »Ich danke« mit seinem bewundernswerten Lächeln, dem Lächeln des wahrhaften Menschenfreundes, sagte mein Vater, mit einem Lächeln, das man niemals wieder vergißt, wenn man es einmal gesehen hat. Während Baillys Ohnmacht hatte sich die Volkswut gelegt; nur noch einmal zeigte sie sich in dem Augenblick, als man ihn in den Graben zur Guillotine hinabsteigen ließ, aber mit geringer Heftigkeit. Das Volk wurde bereits eines schönen Todes müde. Vielleicht schien ihm die Sündhaftigkeit der Opfer die höchste Verachtung gegen die Macht, worauf es sich soviel einbildete, auszudrücken. Vielleicht hatte jene unerschütterliche Gleichgültigkeit gegen den von allen Menschen gefürchteten Augenblick etwas übermenschliches, das seine Einbildungskraft nicht enträtseln konnte? Der gewöhnliche Tod, wobei der Delinquent sich, sei es aus Schwäche, sei es aus Furcht, dem gemeinsten seiner Mitmenschen nähert, fand viel leichter als jener den Weg zum Mitleid der Menge. Sie war ohne Mitgefühl gegen Bailly, der ihren Beleidigungen, Drohungen und brutalen Mißhandlungen eine ruhige und heitere Stirn bot; sie wurde schüchterner in der Kundgebung ihrer Wut, als sie bemerkte, daß das Opfer schwankte und der Gebrechlichkeit unseres elenden Körpers unterlag. Man mußte Bailly unterstützen, als er die Stufen zum Schafott hinabstieg; als er unten war, lächelte er, als ob sein Herz sich erleichtert fühlte und sagte zu Charles Henri: »Schnell, mein Herr, sputen Sie sich, ich bitte darum!« Ach, dieser letzte Wunsch sollte noch nicht erfüllt werden! Das Urteil bestimmte, daß die rote Fahne vor dem ehemaligen Maire von Paris durch Henkershand verbrannt werden sollte. Dieser Formalität mußte genügt werden; aber das herbeigebrachte Feuerbecken war sehr schlecht in Glut gesetzt, und die Flamme versengte nur den durchnäßten Stoff, der wegen seiner wolligen Bestandteile überhaupt nicht leicht Feuer faßte. Man brach eine Planke vom Schafott ab, spaltete diese in dünne Stücke und zündete eine Lohe an, welche die Fahne schnell verzehrte. Die Fabel, wonach der Scharfrichter dem Delinquenten die brennende Fahne unter die Nase gehalten und die Flamme die Kleidungsstücke Vaillys ergriffen haben soll, verdient keinen Glauben. Diese Vorbereitungen hatten indes Zeit geraubt und der Leidende wurde immer schwächer; er war nahe daran, zum zweiten Male in Ohnmacht zu fallen. Als alle Bestimmungen des Urteilsspruches erfüllt waren, näherte sich mein Großvater dem Verurteilten; dieser merkte, daß er sich dem Ende seiner Leiden nähere und schien sich wieder zu erholen. Charles Henri führte ihn zum Fallbrett und half ihn dort befestigen; während er ihn festschnallte, sagte er zu ihm: »Mut, Mut, Herr Bailly!« Der erhabene Märtyrer wendete den Kopf nach rechts und antwortete mit vollkommen deutlicher Stimme: »Ha, jetzt bin ich dem Hafen nahe und...« Der Fall des Beils, welches ein Gehilfe niederließ, gestattete ihm nicht, seine Rede zu vollenden. Tagebuch des Charles Henri Sanson Madame Dubarry, Biron, die Cordeliers. 28. Brumaire. Heute morgen waren wir in der Conciergere; als ich mich in dem Vorzimmer der Kanzlei befand, kamen zwei Bürger vorbei, die man zum Verhör führte; einer derselben, der ein Militär namens Boisguyon sein soll, näherte sich mir und sagte mit ganz auffallender Höflichkeit: »Habe ich die Ehre, mit dem Bürger Scharfrichter zu sprechen? Nicht wahr, Bürger, es ist bei Ihnen wie beim Tanze: sobald man sich gestellt hat, fangen die Geigen, das heißt hier das Fallbrett, an aufzuspielen, so daß einem nicht mehr die Zeit bleibt, auch nur zwei Worte zu sprechen?« Ich antwortete zustimmend. Darauf wendete er sich an seinen Gefährten und sprach: »Sie sehen, Dupré, daß ich recht habe und daß Sie Ihre Rolle sehr schlecht gespielt haben. Wir hätten Fouquier bitten sollen, daß er dem Bürger erlaubte, unsere Probe zu leiten!« Die Gendarmen führten sie ab, aber man hörte sie noch im Fortgehen lachen. Er spielte bereits auf eine Parodie der Hinrichtung an, welche seitdem den Gefangenen zu großer Zerstreuung gereichte. Die Heiterkeit jener Leute flößte mir Entsetzen ein. Heute, am 30. Brumaire, hat die Sektion der Unité den Nachlaß des Aberglaubens aus der ehemaligen Abtei von Saint-Germain-des-Prés dem Konvente überbracht. Ich sah den Zug vorbeikommen. An der Spitze marschierte eine Rotte der bewaffneten Macht; dann folgten Männer, welche die priesterlichen Kostüme über ihre Kleider gezogen hatten und in zwei Reihen gingen. In der Mitte Frauen und weißgekleidete Mädchen mit dreifarbigen Schärpen, endlich auf Tragbahren Kelche, Ziborien, Monstranzen, Kandelaber, goldene und silberne Schüsseln und der ganz mit Edelsteinen bedeckte Reliquienkasten. Dann folgte zuletzt ein mit schwarzem Tuch bedeckter Katafalk und ein Musikkorps, welches das Marlboroughlied spielte. Diese Beute soll mehr als eine Million wert sein; war es aber nicht besser, sie in dem Kasten zu lassen, als sie offen über den Straßenkot zu tragen? Das Tribunal hat uns Ferien gegeben; solche Tage fangen bereits an selten zu werden. 1. Frimaire. Wir haben den armen Bürger Boisguyon abgeholt, der sich so über die Guillotine gefreut hatte. Als man ihn abführte, sagte er: »Heute gibt es etwas Gutes, Ihr werdet Euch wundern, wie ich meine Rolle zu spielen verstehe.« Mit ihm war Girey-Dupré, mit Brissot an der Redaktion des »Französischen Patrioten« beteiligt. Letzterer hatte sich vor dem Verhör von dem Friseur des Gefängnisses das Haar zurechtmachen lassen; er erschien im Schafottkostüm in dem Verhör und sprach', indem er sich vor mir hin- und herdrehte: »Hoffentlich fehlt nichts als die Schnüre, für die Ihr allein einzustehen habt.« Dabei hielt er mir die Hände hin, daß man sie binde. Er schien sehr aufgeregt. Ein vom Kriminalgericht verurteilter Landmann, Colombier, ein Verfertiger falscher Assignaten, sollte mit ihnen sterben. Sie bestiegen alle drei einen Karren. Der Bauer war sehr bestürzt und suchte dem Bürger Boisguyon zu beweisen, daß er unschuldig sei. Dieser versuchte ihn mit den Worten zu trösten: »Wenn ein zweimaliger Tod dich retten könnte, würde ich es auf mich nehmen, denn jetzt, da ich dabei bin, scheint es mir nur eine leichte Sache; da dies aber unmöglich ist, so spare deine Gründe für den lieben Gott auf, vor dem wir stehen werden, ehe zwei Stunden vergangen sind.« Als wir durch die Straße Honoré kamen, zeigten sich zwei Frauen an einem Fenster von Duplays Hause, welches der Bürger Robespierre bewohnt. Kaum hatte Girey-Dupré, der dieses Haus Boisguyon zeigte, sie bemerkt, als er aus Leibeskräften rief: »Nieder mit dem Cromwell! Nieder mit dem Diktator, dem Tyrannen!« Juglet, der Gendarmenoffizier, versuchte vergeblich, ihn zum Schweigen zu bringen. 7. Frimaire. Das Brot ist selten in der Stadt. Um welches zu erhalten, muß man sich an der Tür des Bäckers aufstellen. Die Frauen nehmen dort schon am Abend ihren Platz und zuweilen die Nacht durch; doch löst man sich ab. Es müßte eigentlich ein kläglicher Auftritt sein, so viele Menschen in Ungewißheit über den folgenden Tag ihrer Familien zu sehen; aber unsere Mitbürger wissen sich über alles und überall zu belustigen. Heute Nacht standen mehr als fünfhundert Personen vor der Tür des Bäckers, der in unserer Straße wohnt; obgleich es kalt war, sangen sie; man hörte lautes Gelächter und mehrere Stimmen riefen, wie vor einem Schauspiel: »Platz zum Verkaufen!« Unglücklicherweise verläuft solche Heiterkeit nicht ohne Unordnung und mancher Ehemann beklagt sich darüber. 9. Frimaire. Heute fielen fünf Köpfe, zwei von berühmten Männern: von Barnave, dem Exdeputierten, den ich am Tage der Rückkehr des Königs in der königlichen Kutsche an Marie-Antoinettes Seite gesehen hatte, und von Duport du Tertre, der Justizminister gewesen war. Man sagt, der Bürger Danton hätte Barnave zu retten versucht; nach dem bestehenden Gesetze aber genügt die Anzeige eines Kindes, um einen Mann unter das Messer zu bringen, und dem Willen des Ersten der Republik würde es nicht gelingen, ihn davon zu retten. Die Hinrichtung sollte im Laufe des Tages stattfinden; aber die Verurteilten verdankten dem Glatteise, einen Tag länger leben zu können. Um elf Uhr brachte man zum Anzuge herbei: Barnave, Duport, den Bürger Benolt Grandel, der verurteilt war, weil er auf ein Assignat geschrieben hatte: »Es lebe der König!«; den Bürger Vervitch und die Bürgerin Vervitch, die Schwester des letzteren, der Verschwörung schuldig. Barnave und du Tertre waren sehr mutig und ruhig. Der erste schritt hastig auf mich zu und zeigte mir seine Hände mit den Worten: »Binde diese Hände, welche die erste Erklärung der Rechte niedergeschrieben haben!« Als er fertig war und während man sich mit der wehklagenden Bürgerin Vervitch beschäftigte, sprach er mit dem Bürger Duport und schien sich sehr zu ereifern. Es waren zwei Karren vorhanden; die Bürger-Exdeputierten stiegen mit mir in den ersten, die anderen mit Henri in den zweiten. Während des Zuges setzten die beiden Verurteilten ihre Unterhaltung fort; sie sprachen über die Republik und behaupteten, daß ihr naher Untergang auch den der Freiheit mit sich führen würde. Das Geschrei in der Umgebung der Karren nahm kein Ende; mehrmals hörte man in diesem Lärm das Wort »Varennes« rufen. Eine Stimme rief spöttisch: »So jung, so beredt, so mutig, es ist wirklich schade!« Und Barnave antwortete stolz: »Du hast recht.« Die Bürgerin Vervitch wurde zuerst hingerichtet; man trug sie halbtot auf das Schafott; nach ihr guillotinierte man ihren Bruder, den Pfarrer, darauf den weinenden Benoît Grandel, dann Duport du Tertre und zuletzt Barnave. Dieser betrachtete die Guillotine sehr aufmerksam und sagte: »Damit wird man also die Dienste belohnen, die ich der Freiheit geleistet habe.« 11. Frimaire. Die schönsten Frauen von Paris erbieten sich, unsere neue Göttin, die Vernunft, darzustellen; man wird nur durch die Wahl in Verlegenheit gesetzt. Ein Blatt sagte gestern, in gegenwärtiger Zeit käme jene Göttin in keine schlimmere Verlegenheit, als ein General, dem die Soldaten fehlen. 12. Frimaire. Heute Morgen wurden zwei Schuhmacher, Barthélemy Soudre und Guillaume Jean Flamant, verurteilt, beide wegen Veruntreuung der Lieferungen. Gestern nannte Vouland, ein Mitglied des Konvents und der Komitees, in der Trinkstube des Gerichtshofes die Hinrichtung durch die Guillotine die rote Messe. Ich erfuhr es von dem Geschworenen Prieur, aber heute ist es schon öffentlich und alle Welt wiederholt diesen Ausspruch. Der neue liebe Gott hat schon seinen Pilatus, der niemand anders ist als der Bürger Robespierre; er hat in der Versammlung gegen die Erfindung von Cloots und Chaumette gesprochen und seine Reden wurden vom Publikum mit größerem Beifall als die der Deputierten aufgenommen. Die Frauen, welche die Göttin nicht zu sehr lieben, benutzen dies, um ihr Gehässigkeiten nachzusagen; über die sogenannte Scheinheiligkeit des Bürgers Robespierre macht man allerlei Wortspiele, dennoch aber bleibt er sehr populär. 13. Frimaire. Heute wurde ein Beschluß der Gemeinde veröffentlicht, der bestimmt, was jemand getan und nicht getan haben muß, um einen Bürgerbrief zu erhalten; dies ist wirklich schwerer, als in das ehemalige Paradies zu kommen und der heilige Petrus macht geringere Ansprüche als der Bürger Chaumette. 1. Diejenigen, welche im Jahre 1790 aktive Bürger waren, müssen eine Bescheinigung beibringen, daß sie seit jener Zeit in die Nationalgarde eingetragen worden sind; 2. muß man Quittung über die patriotischen Beiträge und Steuern von den Jahren 1791 und 1792 vorlegen; 3. darf man seit dem 10. August nicht mehr als eine Stelle bekleidet; 4. nichts gegen die Freiheit geschrieben; 5. keinem Klub angehört haben, der in der öffentlichen Meinung geächtet ist, wie in Paris die Klubs Monarchien, Feuillant, Samte Chapelle, Massiau und Montaigu; 6. darf man aus keiner Volksgesellschaft ausgeschlossen worden sein, wie in Paris aus der der Jakobiner und der Cordeliers seit ihrer Vereinigung; 7. darf man keine der geächteten Bittschriften unterzeichnet haben, wie in Paris die der Achttausend und der Zwanzigtausend, gegen die Versetzung der Asche Voltaires und gegen die Priesterheirat; selbst nicht, wenn man auf der Stelle widerrufen hat. Wenn dieses Dekret in Ausführung gelangen sollte, so wären drei Viertel der Pariser Bürger verdächtig. 17. Frimaire. Madame Dubarry wurde gestern abend verurteilt und heute morgen hingerichtet. Wir waren, dem Befehl gemäß, um neun Uhr im Gerichtsgebäude; es waren jedoch Enthüllungen zu erwarten, weil die Verurteilte sich mit dem Richter Denizot und dem Vertreter des Anklägers, Royer, eingeschlossen hatte. Um zehn Uhr brachte man die drei Bürger Vandenyver, den Vater und zwei Söhne, alle Mitschuldige der Madame Dubarry, und die Bürger Bonnardot und Joseph Bruniot, Verfertiger falscher Assignaten, welche vom Kriminalgericht verurteilt waren. Während die Genannten ihre Vorkehrungen trafen, erschien Madame Dubarry in dem Vorzimmer der Kanzlei. Sie stützte sich beim Gehen gegen die Wand, denn ihre Knie wankten. Ich hatte sie seit zwanzig Jahren nicht wiedergesehen und konnte sie kaum erkennen; sie war ebensowohl durch ihre zu große Beleibtheit wie durch Angst und Kummer entstellt. Als sie mich hinter den schon gefesselten Verurteilten stehen sah, stieß sie einen Schrei aus, verbarg ihre Augen hinter ihrem Taschentuche und warf sich auf die Knie, indem sie schrie: »Ich will nicht, ich will nicht!« Sogleich erhob sie sich wieder und fragte: »Wo find die Richter? Ich habe noch nicht alles erklärt, nicht alles gestanden.« Die Bürger Denizot und Royer befanden sich bei Richard mit einigen Deputierten, welche sich aus Neugierde eingefunden hatten, um die arme Frau vorbeigehen zu sehen; sie kamen sogleich herbei, weigerten sich aber, nach der Kanzlei zurückzukehren und forderten sie auf, auf der Stelle zu sprechen. Sie gab sodann einige kostbare Gegenstände an, welche in dem Hause von Lucienne verborgen oder verschiedenen Privatpersonen anvertraut waren; jeden Augenblick aber unterbrach sie sich mit Wehklagen und verwirrte sich zu wiederholten Malen, als ob ihr Hirn vom Fieber befallen wäre. Der Bürger Royer, welcher ihre Aussage niederschrieb, fragte darauf: »Ist dies alles?« und wollte sie das Protokoll unterschreiben lassen; sie stieß jedoch das Papier zurück und versicherte, sie hätte noch verschiedenes hinzuzufügen; man sah ihr an, daß sie in ihrem Gedächtnis nachsuchte. Vielleicht vermutete sie, man würde sie begnadigen, wenn sie ungeheure Summen der Konfiskation anheimstellte, und niemals in ihrer glücklichen Zeit mag sie so begierig nach den Reichtümern gewesen sein, die sie jetzt bereitwillig opferte, um dem Tode noch einige Minuten abzugewinnen. Endlich standen die Bürger Denizot und Royer auf und erklärten ihr in rauhem Tone, daß sie sich den Verfügungen der Justiz unterwerfen und die Schmach ihres vergangenen Lebens durch einen mutigen Tod austilgen möchte. Sie blieb wie vernichtet auf ihrem Stuhl sitzen. Ein Gehilfe trat zu ihr und hielt den Augenblick für günstig, ihr das Haar abzuschneiden. Beim ersten Schnitt mit der Schere sprang sie aber auf und stieß ihn zurück; zwei andere Gehilfen mußten sie binden helfen. Nun ließ sie alles mit sich geschehen, weinte aber, wie ich niemals weinen sah. Auf dem Kai befanden sich ebensoviele Menschen, wie bei der Hinrichtung der Königin und der Girondisten. Man schrie laut, aber das Geschrei des Opfers übertönte fortwährend das des Volkes. Wir konnten nicht hundert Schritte zurücklegen, ohne ihre Stimme zu vernehmen. Sie rief: »Gute Bürger, befreiet mich, ich bin unschuldig! Ich gehöre dem Volke an, wie ihr, gute Bürger; lasset mich nicht sterben!« Man rührte sich nicht, aber alle senkten den Kopf und schmähten sie nicht ferner. Niemals habe ich das Volk so sanftmütig gesehen. Jacot verschwendete seine Grimassen vergeblich. Ich erkannte die Leute von der Guillotine nicht wieder, und doch waren es dieselben, die sich bei dem Tode des Bürgers Bailly so hartherzig zeigten. Auf einige Augenblicke hielt die Verurteilte zu schreien inne; ihr Gesicht, das bisher dunkelrot gewesen, wurde bleich. Sie fiel wie tot gegen die Wagenleiter und wurde von einer Seite zur anderen geschüttelt; zehnmal wäre sie umgefallen, wenn mein Sohn sie nicht unterstützt hätte. Von Zeit zu Zeit sagte sie zu mir: »Nein, nicht wahr, Ihr werdet mich nicht töten?« Ihre Zähne klapperten und ihre Stimme war rauh und heiser. Ich fühlte mich so gerührt, daß ich, wie die anderen, weinen konnte, und noch bitterer weinen, als irgendein anderer, denn der Anblick dieser unglücklichen Frau erinnerte mich an unsere Jugend, die uns ein solches Schicksal nicht vermuten ließ, und an ihren würdigen Vater, dessen Sorge sie weder vor ihrer kläglichen Größe, noch vor ihrem schrecklichen Sturze hatte bewahren können. Ungeachtet aller meiner Bemühung, meine Rührung zu bekämpfen, hat mir niemals ein Zug so lange gewährt. Einmal riet ich ihr zu beten, indem ich meinte, dies würde ihr gewiß zum Troste gereichen. Es war ihr aber kein Gebet mehr erinnerlich und sie sagte nur: »Mein Gott, mein Gott, mein Gott«, ohne ein anderes Wort zu finden. Dann fuhr sie fort, die Bürger anzuflehen. Es war der Befehl erlassen, sie zuletzt hinzurichten, als ich aber abstieg, sagte mir der Bürger Gerichtsdiener, ich könnte es nach meinem Belieben einrichten. Da sie beim Anblick der Guillotine in Ohnmacht fiel, ließ ich sie sogleich hinaufbringen; kaum fühlte sie aber, daß man Hand an sie legte, als sie wieder zu sich kam und, obgleich gefesselt, die Gehilfen zurückstieß. »Nicht gleich!« rief sie; »noch einen Augenblick, meine Herren Scharfrichter, einen Augenblick, ich bitte Sie!« Man schleppte sie weg, aber sie wehrte sich und versuchte zu beißen. Sie war stark und kräftig, denn obgleich es ihrer vier waren, brauchten sie mehr als drei Minuten, um sie hinaufzubringen. Die Männer waren bestürzt, und wenn sie nicht durch ihre Stöße in Zorn geraten wären, würden sie vielleicht gar nicht zum Zweck gekommen sein. Auch das Volk geriet in Bestürzung; niemand sprach ein Wort und viele entliefen nach allen Seiten, wie auf einer Flucht. Oben ging es von neuem an; man konnte sie jenseits des Flusses hören; sie war schrecklich anzusehen; endlich gelang es, sie festzuschnallen, und damit war es geschehen. 10. Nivôse. Im vergangenen Monat wurde ich auf Ansuchen des Bürger Gemeindeprokurators beordert, das Blut fortzuschaffen, welches zwischen die Bohlen der Guillotine floß und von den Hunden bei offenem Tage abgeleckt wurde. Man legte eine Grube an und bedeckte, dieselbe mit einem eisernen Gitter, welches jeden Tag sorgfältig abgewaschen wurde. Das Blut gerann jedoch zu schnell, als daß es von der Erde aufgesogen werden konnte; in Fäulnis übergehend verbreitete es einen pestartigen Geruch, den man an dem entferntesten Ende des Platzes wahrnehmen konnte. In der verflossenen Nacht habe ich mit sechs Erdarbeitern die Brunnenstube vertiefen und fünf kleine Senkgruben anlegen lassen, welche in ebensoviele Gossen auslaufen. 11. Nivôse. Wieder ein General unserer Armee auf der Guillotine gestorben. Biron wurde gestern verurteilt und heute morgen habe ich ihn von der Conciergerie abgeholt. Er befand sich in Richards Zimmer und verzehrte mit gutem Appetit Austern; als er mich sah, rief er: Aha! und sagte dann zu mir: »Du erlaubst mir wohl, daß ich erst mein letztes Dutzend Austern verzehre?« Ich antwortete ihm, ich stände zu seinem Befehl, worauf er lachte und erwiderte: »Nein, Donnerwetter! unglücklicherweise muß ich zu deinem Befehle stehen.« Er beschloß sein Mahl mit bewundernswerter Ruhe, indem er mit uns darüber scherzte, daß, da der 11. Nivôse nach dem alten Kalender der letzte Tag im Jahr sei, er nun bald in die andere Welt kommen und seinen Bekannten zu Neujahr gratulieren könnte. Diese Kaltblütigkeit bewahrte er bis zu Ende. Unterwegs rief ihm ein Soldat zu: »Adieu, mein General!« Biron antwortete: »Adieu, Kamerad!« Man hat den Soldaten weder geschlagen noch beschimpft. Seit dem Tode der Frau Dubarry sind die Bürger weniger erbittert gegen die Verurteilten. Wenn alle so schrien und sich wehrten, wie sie es getan hat, würde die Guillotine nicht mehr lange stehen. 15. Nivôse. Ich habe für 30 Sols eine Nummer vom Vieux Cordelier des Bürgers Desmoulins gekauft. Es ist die fünfte. Die Gehilfen des Bürgers Desenne reichen nicht mehr zum Vertriebe aus. Der Eisenfresser Hébert hat seinen Meister gefunden, jeder will seinen Teil an der Genugtuung haben und lacht über die Geißelhiebe, die er von Camille empfängt. Seitdem ein unnahbarer Patriot wie jener es gewagt hat, von Barmherzigkeit zu sprechen, scheint es, alle Gesichter sähen weniger lang und düster aus. Man ist überzeugt, daß Danton, Camilles Freund, dahinter steckt und daß beide den Sieg über diejenigen davontragen werden, welche verlangen, die Republik solle jeden Morgen unter der Guillotine getauft werden. Es steht jedoch dahin, ob Robespierre ihnen den Vorzug einer so großen Volksbeliebtheit lassen werde. Unterdessen nehmen die Hinrichtungen ihren Fortgang. 16. Pluviôse. Die Bürger-Geschworenen feilschen nicht um die, welche sie verurteilen, und diese ihrerseits geben ihr Leben billig. Niemals hat man das Leben so gering geschätzt. Früher, wenn ich mich im Gefängnis zeigte, flößte ich selbst dem Kühnsten Schrecken ein; wenn ich heute auf dem Flur oder in der Kanzlei der Conciergerie Gefangenen begegne, so scheint kein einziger daran zu denken, daß ich morgen vielleicht seinetwegen kommen könne; er lächelt mir zu, und dieses Lächeln macht einen seltsamen Eindruck auf mich. Ich habe mich mit dem Schrecken, den wir einflößten, vertraut machen können, aber viel schwerer ist es, sich daran zu gewöhnen, Leute zur Guillotine zu führen, die sich dafür bedanken. Wenn meine Hand noch etwas mit der unmittelbaren Vollstreckung der Todesstrafe zu tun hätte, so würde sie schon seit langer Zeit nicht gezittert haben. In der Tat, wenn man sie alle, die Richter wie die Gerichteten und die Angeklagten, sieht, so glaubt man sie von einer Krankheit befallen, die man den Todeswahnsinn nennen könnte. Wo und wann wird das enden? – Ein Gefangener fragte neulich Toustin: »Was soll ich tun, um gleich morgen guillotiniert zu werden?« Diese Ungeduldigen sind vielleicht nicht die Mutigsten; es gibt noch andere, welche so ruhig und kaltblütig bleiben, als ob zwischen heute und morgen noch hundert Jahre verliefen; dies sind die Tapfersten. Ein solcher war Montjourdain, Kommandant des Bataillons Saint-Lazare, als Mitschuldiger vom 10. August verurteilt. Während der sechs Wochen, die er in der Conciergerie zubrachte, hat man niemals an ihm das geringste Zeichen von Angst oder auch nur von Betrübnis gemerkt. Als man ihn benachrichtigte, daß er vor den Gerichtshof gebracht werden sollte, fing er ein Lied zu dichten an; er machte fünf Verse sogleich und vier andere nach seiner Verurteilung. Richard hat mich eine Abschrift davon nehmen lassen, die ich als ein seltsames Schriftstück aufbewahre. Er ging mit Courtonnet zum Tode und unterwegs hörten sie nicht auf zu lachen und zu scherzen. 17. Pluviôse. Heut haben wir ehemalige vornehme Damen hingerichtet, die sich fast nicht weniger ruhig zeigten, als der Bürger Montjourdain. Die Bürgerin Marboeuf, welche mit Lebensmitteln Wucher getrieben haben sollte, ermahnte unterwegs ihren Mitschuldigen, den Pächter Payen, mutig zu sterben. »Im ganzen, mein armer Freund,« sagte sie zu ihm, »ist es ganz gleich, ob man heute oder nach zwanzig Jahren stirbt.« Dieser, bei weitem nicht so entschlossen wie sie, antwortete: »Wenn es ganz gleich ist, Madame, so würde es mir doch nach zwanzig Jahren lieber sein.« 22. Pluviôse. Couthon hatte in Lyon mehr Lärm gemacht als Taten verübt; er drohte, aber seine Drohungen brachten keinen um das Leben, stießen kaum einige Häuser in den Grund. Die Sache änderte sich indessen, als er durch die Bürger Collot und Fouché abgelöst wurde; die Zeitungen waren voll Namen solcher, welche in der befreiten Stadt verurteilt worden waren. Collot hatte die Guillotine beseitigt, weil sie ihm nach seiner Meinung nicht eilig genug war; er ließ durch die Kanonen hinrichten und weihte auf diese Weise täglich mehr als zweihundert Menschen dem Tode. Man erzählt sogar, er habe gesagt: »Das macht mehr Lärm als eure Ohrfeigen.« 1. Ventôse. Heute wurden hingerichtet: Francois Girbaut, ein Kaufmann, der als Fälscher von Assignaten vom Tribunal verurteilt wurde, und ein desertierter Husar, namens Gossenet, der auf die Guillotine schritt, wie andere zur Hochzeit gehen. Riouffe führt über Gossenet seltsame Tatsachen an, welche beweisen, wie gleichgültig sich manche Menschen gegen die Schreckensherrschaft zeigen. »Als man ihm – sagt er – seine Anklage brachte, nahm er diese kaltblütig in Empfang, rollte sie zusammen, hielt sie an ein Licht und zündete sich eine Pfeife damit an. Einige seiner Gefährten bemerkten ihm jedoch, es sei eine Torheit, in seinem Alter in den Tod zu gehen, wenn man noch so schlagende Beweise für seine Unschuld habe wie er. Gossenet schien sich ihren Vorstellungen zu fügen, aber im Herzen war er zum Sterben bereit. Ehe er vor den Gerichtshof ging, aß er Austern, trank weißen Wein und rauchte ruhig, indem er sich mit seinen Gefährten über den Untergang unseres Daseins unterhielt. »Das ist noch nicht alles,« sprach er zu ihnen; »jetzt, da wir gut gefrühstückt haben, handelt es sich um das Abendessen und ihr werdet mir die Adresse eines Restaurateurs in der jenseitigen Welt geben, damit ich euch eine gute Mahlzeit zurechtmachen lasse.« Als man ihm vor Gericht seine Anklageakte vorlas, sagte er, alle angeführten Tatsachen seien vollkommen wahr, und als ihm sein Verteidiger bemerkbar machte, er sei nicht völlig bei Verstande, antwortete er: »Verteidiger von Amts wegen, ich verbiete dir, mich zu verteidigen; man führe mich zur Guillotine!« 10. Ventôse. Robespierre und Couthon sind krank und die Cordeliers tanzen auf den Tischen; gestern erklärten sie, daß die Bürger Camille, Fabre und andere vom Berge gestürzt werden sollten. Seitdem die Guillotine an der Tagesordnung ist, zerbrechen sich die Erfinden den Kopf, sie zu verbessern. Mehr als zwanzig Vorschläge sind dem Komitee unterbreitet; sie waren aber so unsinnig, daß sich von zwanzig derselben nur einer ausführen ließ. Nach dem letzteren sollte sich eine Klappe auf der linken Seite des Fallbeils öffnen und der Körper des Hingerichteten in einen unter der Guillotine stehenden Korb gleiten, so daß die Anhäufung auf der Plattform vermieden wird. Der Bürgerrepräsentant Vouland und zwei Beamte des Komitees wollten dem Versuche beiwohnen. Die Federn waren schlecht imstande und die Sandsäcke, die man auf das Fallbrett gelegt hatte, blieben zweimal zwischen der Klappe stecken. Der Bürger Vouland fragte mich nach meiner Meinung. Ich bemerkte ihm, daß diese Verbesserung große Gefahr mit sich führe, indem, wenn die Klappe sich nicht schneller schlösse, als sie sich öffnete, die Scharfrichter zu gleicher Zeit mit dem Leichname hinunterfallen könnten und dies ein trauriges Schauspiel abgeben würde. Er sagte darauf zu mir: »Du hast recht; übrigens würde jetzt dadurch nicht ein Kopf gewonnen werden; man muß ein Mittel suchen, um schneller verfahren zu können.« Ich wußte ihm nichts zu antworten und er ging seiner Wege. Wir richteten heute fünf Verurteilte hin. 18. Ventôse. Heute erschien ein Privatmann, den man an seiner Aussprache für einen Engländer erkannte, in meiner Wohnung und bot mir ohne weitere Einleitung zehn Pfund Sterling, wenn ich ihn auf einen Tag unter die Zahl meiner Gehilfen aufnehmen wolle. Ich hatte alle Ursache, über solchen Vorschlag erstaunt zu sein; ich fragte ihn, ob sein Nationalhaß gegen die Franzosen ihn zu einem so seltsamen Wunsche vermocht habe. Er antwortete mir, er liebe weder Frankreich noch die Franzosen, aber seine Abneigung habe mit seiner Absicht nichts gemein; die Neugierde allein habe ihn nach Paris geführt; er wolle eine Revolution, mit der sich die ganze Welt beschäftige, in der Nähe sehen; damit aber sein Zweck vollständig erreicht werde, wäre es nötig, daß er wenigstens einer Hinrichtung in der Nähe beiwohne. Ich machte ihm bemerklich, daß seine Neugierde ihm teuer zu stehen kommen könne, daß wir mit seinem Vaterlands im Kriege ständen, und wenn er erkannt würde, was in Betracht seiner unvollkommenen Verkleidung mir sehr wahrscheinlich schiene, er jedenfalls als Spion angesehen und als solcher behandelt werden würde; endlich schlug ich ihm seine Bitte rund ab. Er hörte mir mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit zu; als ich zu Ende war, erklärte er, er wäre entschieden und würde trotz meiner Weigerung auf das Schafott kommen. Ich konnte nicht umhin, ihm nachzurufen: »Nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht wider Ihren eigenen Willen hinaufkommen!« Danton und seine Freunde Die Verhaftung Danton und Robespierre, Desmoulins, Lacroir, Philippeaur; Eulogius Schneider. 5. Germinal. Gestern sahen alle Gesichter festlich aus; heute dagegen sehr lang. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, die Bürger Robespierre und Danton hätten Frieden geschlossen und einer hätte den Tod Héberts und seiner Anhänger als Pfand dieser Versöhnung, der andere dagegen die Köpfe der großen royalistischen Verschwörer, der wegen Unterschiede angeklagten Deputierten und der am 28. Ventôse verhafteten Chaumette und Simon gefordert; nach diesen Hinrichtungen würde der Gerichtshof endlich Befehl erhalten, gerecht zu verfahren. Dies war einer der Gründe, weshalb eine so außerordentliche Menge gestern nach dem Richtplatze hinströmte. Heute morgen geriet man ebenso leicht wieder in Besorgnis, wie man sich am vorigen Abend in Sicherheit hatte wiegen lassen, und es liefen düstere Gerüchte um. Man sagte, Robespierre, weit entfernt, an eine Verständigung mit Danton zu denken, habe die Feinde des letzteren nur getroffen, um ihn selber desto sicherer zu erreichen und eine Art von Unparteilichkeit für seine noch beabsichtigten Streiche zu bewahren. Tatsache ist es, daß unsere Demokratie zu sehr einem Despotismus gleicht, als daß diejenigen, welche die Macht ausüben, sich dazu verstehen sollten, dieselbe untereinander zu teilen. Einer der Geschworenen, Raudin, sagte laut zu Sellier: »Um hinter Robespierre zu gehen, hat Danton einen Kopf zuviel, den muß man abschneiden.« Man erzählt auch, Danton sei gewarnt, daß er sich in Gefahr befinde. Er hat geantwortet: »Sie werden es nicht wagen, ich bin die heilige Arche; und wenn ich voraussetzen müßte, daß Robespierre diesen Gedanken hegt, so würde ich ihm die Eingeweide ausreißen.« Ich glaube, daß er sich täuscht. Es gibt gegenwärtig nur eine heilige Arche: die Guillotine. Gewiß ist es für einen Tribunen ebenso schwierig wie für einen König, die wahre Stimmung des Volkes zu kennen. Das Volk bewundert die großen Zerstörer, aber seine Bewunderung gleicht dem Entsetzen; die es liebt, sind diejenigen, welche entweder für seine Augen oder für sein Herz aufbauen, und diesen gibt es sich hin. Danton spricht und handelt wie ein Mensch, Robespierre wie ein Prophet: das Reich wird immer den Propheten gehören. Es war notwendig, daß ein Dolch in das Herz Marats drang, damit man dieses Stück Verwesung anbetete; der Mann mit dem blauen Rock ist noch am Leben, und schon hat er seine andächtigen Verehrer und Verehrerinnen. Die Frau Desmorets, meines ersten Gehilfen, spricht morgens und abends ihre Gebete vor einem Bildnis Robespierres, welches sie an Stelle des Heilandes an das Kopfende ihres Bettes gestellt hat; viele machen es wie sie. 7. Germinal. Man sagt allgemein, daß in den Komitees über Dantons Verhaftung verhandelt werde. Nach meinem geringen Urteil halte ich es für wahrscheinlich, daß die großen Hunde sich zu beißen anschicken, da die kleinen Spitze zu arg kläffen. Der freche Vilate sagte ganz offen in der Schenkstube: »Ehe acht Tage vergehen, werden wir Danton, Camille und Philippeaux haben.« Wenn sie sich fangen lassen, so ist es ihr eigener Fehler, denn das Gerücht geht ganz öffentlich. 9. Germinal. Die Hébertisten wurden durch einen gewissen Laboureau, der 45 Jahre alt ist, sich aber noch Student der Medizin nennt, verkauft und überliefert. Er machte Anzeige von ihrer Verschwörung und behandelte seine ehemaligen Freunde als Schurken. Natürlich hat ihn der Gerichtshof freigesprochen. Vorgestern ließ dieser Laboureau sich bei den Jakobinern huldigen. Legendre, der den Vorsitz führte, umarmte ihn und nahm die Gelegenheit wahr, den Gerichtshof wegen seiner Gerechtigkeit zu beloben. Armer Bürger Legendre, vielleicht bist du nahe daran, diese Gerechtigkeit an dir selber zu erfahren. 11. Germinal. Heute wurden die Bürger Danton, Camille Desmoulins, Lacroir und Philippeaur in ihren Wohnungen verhaftet und nach dem Luxembourg geführt. Gestern und heute wurden sieben Verurteilte hingerichtet, darunter Louis François Delavergne Champlaurier, ehemaliger Kommandant von Longwy, überführt, mit dem Feinde im Einvernehmen gestanden und die Invasion durch Überlieferung des ihm anvertrauten Platzes begünstigt zu haben. Der Prozeß des Delavergne Champlaurier bildet eine der schmerzlichsten Episoden in dieser kläglichen Parodie der Justiz. Der unglückliche Platzkommandant war krank, fast sterbend; man trug ihn auf einer Matratze in das Audienzzimmer. Er hatte eine Art von Verhör zu bestehen; vom Fieber verzehrt, von Schmerzen aufgerieben, antwortete er auf Hermans Fragen nur mit Seufzern. Aber die unerbittlichen Richter waren nicht die geeigneten Leute, um ihm die Wohltat des natürlichen Todes zu lassen, den ihm seine Leiden für die nächste Zeit versprachen; sie verurteilten ihn. In dem Augenblicke, als der Vorsitzende das Urteil aussprach, erscholl in dem Saale der Ruf: »Es lebe der König!« Diese Worte rief die junge Frau des Sterbenden aus. Verhaftet, wurde sie noch in derselben Sitzung verurteilt und erhielt die einzige Gunst, die sie wünschte, bewilligt, nämlich die, den Greis, dem sie ihr Leben gewidmet hatte, zum Schafott begleiten und mit ihm sterben zu dürfen. 12. Germinal. Der Bürger Legendre, Mitglied des Konvents und gegenwärtiger Vorsitzender der Jakobiner, ist nicht mit Danton verhaftet worden, wie das Gerücht gestern verlautete. Richard hat Befehle erhalten. Er hat Beysser, welcher das von Hébert verlassene Zimmer Nr. 4 innehatte, in eine andere Nummer gebracht; außerdem hält er sieben andere Zellen in Bereitschaft. Diese Vorkehrungen zeigen, daß Danton und seine Freunde heute abend, spätestens morgen, dorthin geführt und der Prozeß unmittelbar seinen Anfang nehmen wird. Solche Gefangenen sind nicht bequem zu verwahren. Heute guillotinierten wir Eulogius Schneider, einen ehemaligen Priester, der das Revolutionsgericht von Straßburg, wo er öffentlicher Ankläger war, zu einer wahren Räuberhöhle gemacht hatte. Er beutete die Schreckensherrschaft zu seinem Nutzen, das heißt zugunsten seiner Laster aus. Er führte in dem ehemaligen Elsaß seinen Gerichtshof, die Guillotine und meinen Kollegen von Straßburg umher, begleitet von einer Truppe Husaren, auf deren Säbeltaschen Totenköpfe gemalt waren; beim Einzug dieser Truppe wurde die Stadt gezwungen, die Häuser zu erleuchten; er erhob Kontributionen wie ein General der Armee, fällte Todesurteile, die man sich nicht die Mühe gab einzuzeichnen, und machte überall, wo er sich aufhielt, Völlerei, Plünderung und Schändung zur Tagesordnung. Eine hübsche Tochter haben, war ein Verbrechen, das die Eltern nur abbüßen konnten, wenn sie ihr Kind dieser wilden Bestie überlieferten. Als einer seiner Freunde, namens Tunck, sich verheiraten wollte, ließ er alle jungen Mädchen von Barr in Beschlag nehmen und ihm zur Wahl stellen. Um dieses gute Werk noch zu vervollständigen, befahl er dem Scharfrichter, in der Umgebung der Guillotine eine Kollekte zugunsten des jungen Ehepaares zu veranstalten. Bald darauf fühlte er selber Lust, sich einen Hausstand zu gründen, und schickte eines Morgens in der Frühe einem Bürger derselben Stadt Barr den bündigen Befehl, ihm seine Tochter, die für jung und schön galt, zuzuführen. Der Schrecken war so groß, daß dieser Unglückliche sich nicht zu weigern wagte. Am nächsten Tage kehrte er nach Straßburg zurück und zog mit dem armen Kinde im Triumphe wie ein König in einer mit sechs Pferden bespannten Kutsche ein. Aber während seiner Abwesenheit war der Repräsentant Saint Just angekommen, und der Schnapphahn aus dem Elsaß war nicht der Mann, jenen in Schrecken zu setzen. Eulogius Schneider wurde an demselben Tage verhaftet, drei Stunden auf seiner eigenen Guillotine ausgestellt und am nächsten Tage nach Paris geschickt, wo das Revolutionstribunal diesmal volles Recht übte. Dieser so schreckliche Schneider war sehr klein- und demütig in seinen letzten Stunden; doch sah er stark und untersetzt wie ein Stier aus, nicht durch die Höhe seiner Gestalt, sondern durch seine Schulterbreite; sein Gesicht war von Pockennarben entstellt, seine Augen grau und scheu, wenn man ihn ansah; er hatte rotes Haar, im ganzen ein gemeines und abstoßendes Gesicht. Als er in das Vorzimmer der Kanzlei trat, versuchte er zu scherzen und begann einen schlechten Witz über seinen dicken Hals, konnte ihn aber nicht vollenden, denn die Tränen traten ihm in die Augen, und der Spaß erstickte vor Furcht in seiner Kehle. Er erholte sich nicht wieder. Auf dem Richtplatze rief er mich: »Mein Herr, mein Herr, mein Herr!« ohne zu wissen, was er sprach; die Augen waren ihm schon verschleiert. 13. Germinal. Die Bürger Danton und seine Mitschuldigen sind in der Nacht hinübergeführt worden; ihr Prozeß wird heute vor der Sektion im Saale der Freiheit anfangen. Man hat die der Unterschleife angeklagten Deputierten in dieselbe Anklageakte einbegriffen. Es werden fünfzehn vor dem Tribunal erscheinen. Der Prozeß Legendre, Robespierre, St. Just, Chabot, Delaunay, Vazire, Fabre d'Eglantine, Herault de Séchelles, Westermann; »Die Verschwörung der Fremden«; Unruhen in den Gefängnissen; Luzile Desmoulins. Wie streng man auch das politische Betragen Dantons verurteile, wie wenig Teilnahme man auch dem berühmten Tribunen zolle, so wird man doch anerkennen müssen, daß sein Prozeß der größte Prozeß der Revolutionsperiode ist. Bis jetzt hatte die Revolution nur diejenigen getroffen, die ihr das Recht gegeben hatten, sie als Feinde zu behandeln; jetzt fängt sie an, sich gegen ihre eigenen Eingeweide zu wenden, um sie zu zerreißen. Der mächtige Bund von Willenskraft, Talenten und Genie, welcher sich zum Schlagen gebildet hatte, verfiel nach dem Siege selber in Auflösung; die festesten Säulen des Gebäudes, das die Neuerer auf den Trümmern der alten Gesellschaft aufgerichtet zu haben glaubten, fallen selber zu Boden; dieses Gebäude schwankt künftighin auf seinen Grundfesten; der Tag ist nicht fern, wo ein Hauch eines Barère oder eines Tallien hinreichen wird, es zu Boden zu stürzen. Als ein Werk der Republikaner ist der Tod Dantons nichtsdestoweniger das erste Merkmal der Reaktion, welche die Republik so schnell wegraffen sollte. Ich werde also die Hauptumstände jener Erörterungen erzählen und dann Charles Henri Sanson das Wort lassen, der uns die letzten Augenblicke dieser berühmten Konventsmitglieder schildern wird. Wie schon oben erwähnt, wurden Danton, Camille Desmoulins, Philippeaux und Lacroix in der Nacht vom 10. zum 11. Germinal in ihren Wohnungen verhaftet. Diese Maßregel bildete den Gegenstand sehr lebhafter Debatten im Schoße der Komitees. Einige Geschichtschreiber behaupten, daß Robespierre, weit entfernt, die Ächtung seiner alten Freunde hervorgerufen zu haben, sich nur nach heftigem Kampfe mit seinen Amtsgenossen und mit sich selber und nachdem man ihm bewiesen, daß ihr Dasein die Republik in Gefahr setze, dazu entschlossen hätte. Ist dies wahr, so war es von Robespierre nur ein geschickter Streich mehr. Daß Amar, Voulland, Vadier, Billaud, die echten Terroristen, welche alle Stimmen in den Komitees hatten, die Verhaftung Dantons zuerst in Angriff genommen, ist wahrscheinlich; aber, sei es, daß Robespierre von seinem persönlichen Ehrgeiz geleitet worden oder daß er der uneigennützige Apostel eines politischen Systems gewesen sei, so stand der Haß der Feinde Dantons doch zu sehr im Einklang mit den Erfordernissen seiner persönlichen Stellung, als daß man annehmen dürfte, sein Schwanken sei aufrichtig gemeint gewesen. Er nimmt es übrigens selbst auf sich, seine Gefühle für die Angeschuldigten in helleres Licht zu setzen. In der Sitzung des 11., als Legendre im Namen der Gerechtigkeit und des Rechts für seine Freunde die Gunst in Anspruch nimmt, daß sie durch ihre Amtsgenossen verhört würden – wer widersetzt sich da? Robespierre; und seine Rede, welche ich später im Auszug geben werde, dient als Einleitung zu dem furchtbaren Antrag Saint Justs. Danton – und dies ist sein Ruhm, dies wird vielleicht in der Zukunft den blutigen Flecken auslöschen, den die Septembermetzeleien auf seinem Andenken gelassen haben –, Danton stellte in diesem Augenblicke den Begriff der Großmut und Milde dar. Wenn es in seiner mächtigen Organisation Laster gab, so hatte er auch gute Eigenschaften; wenn er das Blut, welches in der Hitze des Kampfes floß, mit gleichgültigen Augen betrachten konnte, so flößten ihm doch die gerichtlichen Metzeleien einen Widerwillen ein, der an Ekel grenzte; übrigens war er zu gleichgültig, um auch nur seine Feinde zu hassen; die öffentliche Meinung brachte ihn auch in Zusammenhang mit den erhabenen Blättern, auf welchen Camille Desmoulins seinen patriotischen Unwillen ergoß. Diese beiden Männer töten, welche beschlossen hatten, dem blutigen Regiment, das die Fanatiker des Schreckenssystems für den Normalzustand Frankreichs nötig hielten, ein Ziel zu setzen – dies war der Gedanke der Komitees. Die Absicht Robespierres war, wie mir scheint, tiefer gehend. Grausamkeit lag nicht in seinem natürlichen Triebe; sie war vielmehr ein Bedürfnis seiner Politik; er war zu scharfsinnig, um nicht einzusehen, daß demjenigen die wahre Popularität zufiele, der das Land von dem schrecklichen Alp befreien würde, welcher auf dem Schlummer der Unschuldigen wie der Schuldigen lastete; diese Rolle hatte er sich vorbehalten und erwartete die geeignete Stunde. Danton wollte vor Robespierre der Befreier sein – dies war sein Verbrechen. Der letztere folgte ohne Widerstand den Agenten Herons, welche ihn verhafteten und nach dem Luxembourg führten. Camille Desmoulins hatte im Gegenteil sein Fenster geöffnet und um Hilfe gegen die Tyrannei gerufen. Als er sah, daß sich niemand zu seiner Verteidigung stellte, bat er um die Erlaubnis, einige Bücher mit sich zu nehmen, wählte aus seiner Bibliothek »Youngs Nachtgedanken« und »Herveys Betrachtungen«, umarmte seine Frau und seinen in der Wiege schlafenden Sohn und ließ sich fortführen. Die Verhaftung Philippeaux' und Lacroix' verursachte nicht größere Schwierigkeiten. Am Tage fanden die gebräuchlichen Formalitäten statt, und man erlaubte ihnen, in den Hof hinabzugehen. Die vier Geächteten zeigten eine verschiedene Haltung: Camille war düster, traurig, niedergeschlagen; Lacroix teilte seine Entmutigung; Philippeaux zeigte sich ruhig und gefaßt; Danton kehrte, vielleicht um den Mut seiner Freunde aufzurichten, eine stoische Heiterkeit heraus. Die Nachricht von der Anwesenheit dieser einst so mächtigen Männer hatte sich im Gefängnisse verbreitet; alles lief herbei, um sie zu sehen. Hérault de Séchelles, welcher beim Spiel war, als sie in den Hof traten, erkannte Danton, verließ seine Partie und warf sich in seine Arme. Einige Gefangene, die vergaßen, daß diese Männer da waren, weil sie die Sache der Besiegten im Namen der Menschlichkeit verteidigt hatten, nahmen keinen Anstand, über ihr Unglück zu spotten. Einer von ihnen sagte, indem er auf Lacroix zeigte, der groß und breit in den Schultern war: »Aus dem da kann man einen guten Kutscher schneiden.« Danton nahm diese Spottrede mit verächtlichem Lächeln auf, wendete sich an die Gruppe und antwortete: »Wenn man eine Dummheit begangen hat, so muß man sich darüber zu trösten wissen, und am besten ist es, wenn man darüber lacht; ich beklage euch alle, wenn die Vernunft nicht zurückkehrt; bis jetzt seid ihr noch auf Rosen gewandelt.« Als jemand ihn fragte, wie er – Danton – sich von Robespierre habe anführen lassen können, antwortete er wieder: »Ich konnte nicht glauben, daß dieser Schelm mich so leicht wegstibitzen würde; aber im ganzen ist es mir lieber, guillotiniert zu werden, als guillotinieren zu lassen.« Der Amerikaner Thomas Payne war im Luxembourg verhaftet; als Danton ihn erkannte, drückte er ihm die Hand und sprach: » Good day! Was du für das Glück und die Freiheit deines Vaterlandes tatest, habe ich vergeblich für das meinige versucht. Ich war weniger glücklich, aber nicht strafbarer. Man schickt mich auf das Schafott; nun wohl, meine Freunde, ich werde fröhlich dorthin gehen.« Im Konvent wagte jedoch ein Freund Dantons, Legendre, sich für die Sache der Geächteten zu verwenden. Er besteigt die Tribüne und spricht mit einer Stimme, deren Rührung er nicht verbergen kann: »Bürger! Vier Mitglieder dieser Versammlung sind heute nacht verhaftet worden. Ich weiß, daß Danton darunter ist, die Namen der übrigen kenne ich nicht. Was kümmern uns die Namen, wenn sie schuldig sind? Aber, Bürger, ich verlange, daß die verhafteten Mitglieder vor die Schranken geführt werden, wo ihr sie hören, wo ihr sie verurteilen oder freisprechen könnt. Ich gestehe, daß ich Danton nicht für schuldig halten kann; ich wiederhole, daß er ebenso rein ist wie ich. Er ist seit dieser Nacht in Banden; ohne Zweifel hat man gefürchtet, seine Antworten könnten die Beschuldigungen, die man gegen ihn richtet, vernichten.« Ein Repräsentant von der Bergpartei, Fayau, antwortete Legendre und widersetzte sich dem Antrage; aber die Versammlung war aufgeregt, und es bedurfte eines mächtigeren Wortes, um eine Erregung zu bewältigen, welche den Angeklagten günstig werden konnte. Robespierre besteigt die Tribüne. Er beginnt damit, daß er über die Verwirrung, die sich im Konvent bemerken lasse, erstaunt; er fragt, ob er den Schluß daraus ziehen solle, daß einige Männer, die er für Ränkeschmiede halte, den Sieg über das Vaterland davontragen sollen; endlich wendet er sich mit den Worten an Legendre: »Legendre scheint die Namen der Verhafteten nicht zu kennen; aber der ganze Konvent kennt sie. Sein Freund Lacroix gehört zu dieser Zahl. Warum stellt er sich, als ob er es nicht wisse? Weil er weiß, daß man nicht ohne Schamlosigkeit Lacroix verteidigen kann. Er hat von Danton gesprochen. Vermutlich, weil er glaubt, mit diesem Namen verbände sich ein Vorrecht; nein, wir wollen kein Vorrecht, wir wollen keine Götzenbilder! Wir werden am heutigen Tage sehen, ob der Konvent ein schon seit langer Zeit verfaultes Götzenbild zu zerbrechen versteht, oder ob dasselbe in seinem Falle den Konvent und das französische Volk zerschmettern wird. Welches Vorrecht hätte er denn? Worin ist ein Danton seinen Amtsgenossen überlegen? Etwa darin, daß einige Personen, die er getäuscht, und andere, die er nicht getäuscht hat, sich um ihn scharten, um in seinem Gefolge Glück und Macht zu erjagen?« Ein wenig nachher erklärte er, er habe nicht gezaudert, Danton zu opfern. »Man hat an mich geschrieben; Dantons Freunde haben mir Briefe zugestellt und mich mit ihren Reden belästigt. Sie glaubten, die Erinnerung an ein altes Bündnis, ein alter Glaube an falsche Tugenden würde mich bestimmen, meinen Eifer und meine leidenschaftliche Liebe für die Freiheit zu unterdrücken. Nun wohl – ich erkläre, daß keiner jener Beweggründe auch nur den mindesten Eindruck auf meine Seele ausgeübt hat.« Er schließt damit, daß er verlangt, man solle über Legendres Antrag zur vorhergängigen Frage übergehen. Die Wirkung dieser machiavellistischen Rede war bedeutend. Robespierre hatte in sehr geschickter Weise den Konvent mit dem Beschlusse der Komitees in Verbindung gebracht; er hatte die Eifrigen angeregt, die Schüchternen sicher gemacht, indem er ihnen erklärte, die Zahl der Schuldigen sei nur unbedeutend, wobei er sie aber vermuten ließ, daß der Minotaurus nachher noch andere Köpfe verlangen könnte. Saint Just vollendete das Werk, welches Robespierre begonnen hatte. Zwischen Robespierres Rede und Saint Justs Bericht liegt die ganze Kluft, welche den kalten und berechnenden Ehrgeiz vom Fanatismus trennt. Der strenge Mann vom Konvent, der gesagt hatte: »Die Republik ist kein Senat, sondern eine Tugend«, meinte es aufrichtig mit seinem Haß gegen Danton, der sich nicht die Mühe gab, seine Laster zu verschleiern und seine Schwächen zu verhüllen. Mit einer Art wilder Trunkenheit hatte er sich auf die Beute, die man ihm preisgab, geworfen; diese Trunkenheit zeigt sich in jeder Zeile dieser Arbeit, wo das Wahre mit dem Falschen, das Sinnlose mit dem Wahrscheinlichen sich kreuzt und mischt: in dieser ungeheuerlichen Mischung von wilder Überzeugung, wütender Unduldsamkeit, niedriger Schmeichelei und unsinnigen Anklagen, in welche er, damit niemand das Opfer aufzuheben versuche, noch Kot ausgoß, indem er das Wort aussprach, das alle Teilnahme zurückwies: den Diebstahl. – Diesen Bericht las Saint Just mit jener Beredsamkeit, welche, einem Schriftsteller zufolge, kalt wie Stahl und schneidend wie ein Schwert war. Die Volksvertreter lauschten mit gesenktem Haupte, wie die Schüler unter der Rute des Schulmeisters. Die Bestürzung war allgemein. Dieses neue Eindringen des Schreckens in den Konvent machte selbst die Mutigsten erstarren; keine Stimme erhob sich zur Verteidigung der Geächteten; Legendre verleugnete öfter als dreimal denjenigen, dessen Schüler er war, und man stimmte mit der Begeisterung des Entsetzens für das Dekret. Am folgenden Tage, am 12. Germinal, wurde Fouquier-Tinvilles Anklageakte, eine wortreiche Nachahmung des niederschmetternden Antrages von Saint Just, den Angeklagten zugestellt. Der zweite Teil der Memoiren über die Gefängnisse schildert folgendermaßen den Eindruck, den dieses Schriftstück hervorbrachte: Als die Verhafteten ihre Anklageakte empfingen, sprang Camille, vor Wut schäumend, auf und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder; Philippeaux faltete gerührt die Hände und blickte zum Himmel empor; Danton lachte und scherzte über Camille Desmoulins; dann ging er wieder in das Zimmer, welches er mit Lacroix innehatte: »Nun, Lacroix, was sagst du dazu? – Ich will mir das Haar abschneiden, damit Sanson es nicht berührt. – Es wird noch ganz anders sein, wenn uns Sanson die Halswirbel ausrenkt. – Ich denke, wir dürfen nur in Gegenwart der Komitees antworten. – Du hast recht; man muß danach trachten, das Volk aufzuregen.« Die Aufregung, auf welche Danton rechnete, war schon vorhanden. Das Gerücht über seine Verhaftung und die Gefangennehmung Camilles, welchen die letzten Nummern des »Vieux Cordelier« populärer als jemals gemacht hatten, brachte die höchste Aufregung hervor. Während des 11. und 12. gingen viele Personen in dem Garten des Luxembourg spazieren, und mein Vater erzählte mir, daß man Leute unbeweglich vor jenen Granitmauern stehen und sie betrachten sah, als erwarteten sie, daß die Mauern dieses neuen Jericho bei Dantons Stimme erbeben und in Schutt zerfallen würden. Camille, eine zartere Seele, weilte allein bei denen, die er zurückgelassen hatte; bei seiner angebeteten Lucile, bei seinem kleinen Horaz, dessen Andenken ihm das Herz brach. Seine verzweifelte Gattin irrte in den Alleen des Luxembourggartens umher, indem sie ihr Kind auf dem Arm hielt; er, das Gesicht an die Eisenstäbe seines Fensters gelehnt, verbrachte seine Tage damit, sie unter der Menge aufzusuchen. Auf einen Augenblick fand er seine beredte Begeisterung wieder; in der Nacht vom 11. zum 12. begann er in seiner Nummer des »Vieux Cordelier« den letzten Schrei des Patriotismus und Unwillens, den er gegen die Tyrannei richtete. Er unterbrach sich bald, um zu schlafen. Beim Erwachen nahm er seine Arbeit nicht wieder auf. Er schrieb an seine Frau. Die Geschichte hat diesen Brief aufbewahrt. »Niemals« – sagt Louis Blanc – »ist ein herzzerreißenderer Schrei aus der Tiefe einer Seele gedrungen, welche der Tod der Liebe streitig machte.« »Décadi, 12. Germinal, 5 Uhr morgens. Der wohltuende Schlummer hat mich auf kurze Zeit von meinen Leiden befreit; man ist frei, wenn man schläft; man hat nicht das Gefühl der Gefangenschaft; der Himmel ist barmherzig gegen mich gewesen. Nur einen Augenblick sah ich Dich im Traum; ich umarmte Euch nach der Reihe, Dich, Horaz und Daronne, die zu Hause war; mein armer Kleiner hatte infolge eines zurückgetretenen Übels ein Auge verloren, und der Schmerz darüber brachte mich zum Erwachen. Ich fand mich in meinem Kerker wieder; es tagte ein wenig; als ich Dich nicht sah und Deine Antwort hören konnte – denn Du und Deine Mutter Ihr spracht mit mir –, so stand ich auf, mit Dir zu reden und Dir zu schreiben. Als ich aber mein Fenster öffnete, wurde die ganze Festigkeit meiner Seele erschüttert durch den Gedanken an meine Verlassenheit, durch den Anblick der schrecklichen Eisenstäbe und der Riegel, die mich von Dir trennen. Ich zerfloß in Tränen, ich schluchzte und rief in meinem Gram: »Lucile! Lucile! o meine teure Lucile, wo bist Du?« (Hier sieht man die Spur einer Träne.) Gestern abend hatte ich einen ähnlichen Augenblick, und mein Herz fühlte sich in gleicher Weise gebrochen, als ich Deine Mutter in dem Garten bemerkte; unwillkürlich fiel ich hinter den eisernen Schranken auf die Knie; ich faltete meine Hände und flehte um ihr Mitleid. Sie hat, dessen bin ich gewiß, nicht geringeren Schmerz gefühlt als wir. Gestern sah ich ihren Schmerz (wieder die Spur einer Träne); denn sie hatte den Schleier herabgelassen, weil sie den trübseligen Anblick meines Gefängnisses nicht ertragen konnte. Wenn Ihr wiederkommt, so setze Dich mit ihr ein wenig näher, damit ich Euch besser sehen kann. Wie mir scheint, ist damit keine Gefahr verbunden. Meine geliebte Lucile, so bin ich also zu der Zeit unserer ersten Liebe zurückgekehrt, wo jedermann mir schon dadurch Teilnahme einflößte, wenn er von Dir kam. Gestern, als der Bürger zurückkehrte, der Dir meinen Brief überbracht hat, befragte ich ihn, wie ich früher den Abbé von Longville fragte, und ich sah ihn an, als ob auf seinen Kleidern, an seiner Person etwas von Deiner Gegenwart, von Dir selber haften geblieben wäre. Ich entdeckte eine Spalte in meinem Zimmer, legte mein Ohr daran und hörte seufzen; ich wagte einige Worte und vernahm die Stimme eines Leidenden. Er fragte mich nach meinem Namen, und ich nannte ihm denselben. ›O mein Gott!‹ rief er bei diesem Namen, indem er auf sein Bett zurücksank. Und ich erkannte deutlich die Stimme von Fabre d'Eglantine. ›Ja, ich bin Fabre,‹ sagte er zu mir, ›aber wie kommst Du hierher? So hat also die Reaktion gesiegt?‹ Wir wagten jedoch nicht, miteinander zu sprechen, aus Furcht, der Haß möchte uns diesen schwachen Trost beneiden, und man könnte uns, wenn man uns hörte, trennen und in engeren Verwahrsam bringen. Wenn es noch Pitt oder Cobourg wären, die mich so hart behandeln, aber meine Kollegen, aber Robespierre, der den Befehl meiner Verhaftung unterzeichnete; aber die Republik, für die ich so viel getan habe! Ich sehe, welches Schicksal mich erwartet. Lebe wohl, meine Lucile, meine teure Lolotte, sage meinem Vater Lebewohl! Du siehst an mir ein Beispiel der Barbarei und der Undankbarkeit der Menschen; meine letzten Augenblicke werden Dir keine Schande machen. Du siehst, daß meine Furcht begründet, daß meine Ahnung immer wahr war. O meine geliebte Lucile, ich war geboren, um Verse zu machen, um die Unglücklichen zu verteidigen, um Dich zu beglücken, um mit Deiner Mutter und meinem Vater und einigen Personen nach der Wahl unseres Herzens ein glückliches Otahiti zu bilden! Ich hatte eine Republik geträumt, die alle Welt angebetet hätte! Ich konnte nicht glauben, daß die Menschen so wild und ungerecht seien! Wie konnte ich denken, daß einige Scherzreden in meinen Erzählungen gegen Amtsgenossen, die mich gereizt hatten, das Andenken an meine Dienste auslöschen könnten! Ich verberge mir nicht, daß ich als Opfer dieser Späße und meiner Freundschaft für Danton sterbe. Ich danke meinen Mördern, daß sie mich mit ihm und Philippeaux sterben lassen; und da unsere Kollegen feige genug sind, uns zu verlassen, so leuchtet mir ein, daß wir als Opfer unseres Mutes, als Ankläger der Verräter und als Verehrer der Wahrheit sterben müssen. Verzeihe, geliebte Freundin, seit dem Augenblick, wo man uns trennte, habe ich mein wirkliches Leben verloren und beschäftige mich mit meiner Erinnerung; freilich, ich sollte es mir lieber angelegen sein lassen, Dich die Vergangenheit vergessen zu machen. Meine Lucile, ich beschwöre Dich, rufe mich nicht mit Deinem Wehklagen, es würde mir das Herz noch im Grabe zerreißen! Lebe für Deinen Kleinen, für Horaz, sprich ihm von mir! Du kannst ihm sagen, was er nicht mehr hören kann: daß ich ihn sehr geliebt habe! Ungeachtet meiner Qualen glaube ich, daß es einen Gott gibt! Mein Blut wird meine Fehler, die Schwachheit des Menschen auslöschen; und was Gutes an mir ist: meine Tugenden, meine Liebe für die Menschheit wird Gott belohnen! Ich werde Dich einst wiedersehen, o Lucile! o Annette! Ist der Tod, der mich vom Anblick so vieler Verbrechen befreit, ein so großes Unglück für mich, der ich so gefühlvoll bin? Lebe wohl, meine Lucile, meine geliebte Lucile! Lebe wohl, Horaz, Annette! Lebe wohl, mein Vater! Ich sehe das Gestade des Lebens von mir fliehen! Ich sehe noch Lucile! ich sehe sie! meine verschränkten Arme umfassen Dich, meine gebundenen Hände umarmen Dich! und mein abgetrennter Kopf ruht auf Dir. Ich werde sterben!« In der Nacht vom 12. zum 13. wurden die Angeklagten aus dem Luxembourg nach der Conciergerie gebracht. Als Danton unter die Wölbung gelangte, die er nur noch durchschreiten sollte, um zum Tode geführt zu werden, sagte er zu seiner Umgebung: »Zu einer solchen Zeit habe ich das Revolutionstribunal eingesetzt, ich bitte Gott und die Menschen dafür um Verzeihung. Ich gehe zum Schafott, weil ich einige Tränen über das Schicksal der Unglücklichen vergossen habe. Meine einzige Reue im Tode wird sein, daß ich ihnen nicht dienen konnte.« Am 13. Germinal erschienen sie vor dem Gerichtshofe. Die Komitees hatten alle Sorgfalt auf die Zusammensetzung dieses Tribunals verwendet. Zu Geschworenen hatte man diejenigen gewählt, die sich selber die Soliden nannten; diejenigen, welche sich eifrig genug gezeigt hatten, ein Rottenfeuer auf die Unglücklichen, die man ihnen vorführte, zu eröffnen. Es waren Trinchard, Renaudin, der Lautenmacher, die rechte Hand Robespierres bei diesem Todesgerichtshofe, Vilate, Lumière, Desboisseaux, Souberbielle, Ganney, welcher letztere – wie Michelet sagt – blödsinnig war, Fragen ebensowenig wie Antworten verstand und meistens schwieg, und der Solideste der Soliden, der ehemalige Marquis de Montflabert, der Bürger Dix-Août. Herman führte den Vorsitz, an seiner Seite saßen Masson Denisot, Foucault und Bravet. Um Saint Justs Anklage zu rechtfertigen, hatte man in Dantons Prozeß die wegen Unterschleife angeklagten Repräsentanten hineingezogen: Chabot, Delaunay, Bazire, welche beinahe überwiesen waren, ihren Einfluß, die beiden ersten aus Habsucht, der dritte aus Schwäche, bei den Angelegenheiten der Indischen Compagnie verkauft zu haben; Fabre d'Eglantine, dessen Mitschuld bei der Fälschung, welche diese Angelegenheit zur Folge hatte, niemals erwiesen wurde, dessen Feder aber von Robespierre ebenso wie die Desmoulins' gefürchtet war. Indem man sich auf die Verbrechen stützte, welche Lacroix und Danton während ihrer Mission in Belgien begangen haben sollten, konnte man einen scheinbaren Zusammenhang zwischen ihnen und den vorgeblichen oder wirklichen Fälschern feststellen; Hérault de Séchelles war verhaftet, weil er einem Geächteten Obdach gegeben hatte und wegen unbestimmter Beschuldigungen seitens des öffentlichen Sicherheitskomitees; Philippeaux war dessen schuldig, was Robespierre »Philippotiken« nannte, nämlich aufregender Schriften, worin er die Aufführung der Agenten der Republik in der Vendée kennzeichnete; die Sache war schwieriger, aber man entschied sich, mit der Wahrscheinlichkeit zufriedengestellt zu sein, und fügte dem Schub einen Dänen, einen Spanier und zwei Deutsche hinzu, so daß ein Ganzes entstand, welches den wohlklingenden Titel, den man ihm gab: »die Verschwörung der Fremden«, rechtfertigte. Es waren dreizehn auf den Bänken. George Jacques Danton, 34 Jahre alt; Camille Desmoulins, 33 Jahre alt, Advokat und Schriftsteller; Pierre Philippeaux, 35 Jahre alt; Philippe François Nazaire Fabre d'Eglantine, 39 Jahre alt; Claude Bazire, 29 Jahre alt; François Chabot, 33 Jahre alt, ehemaliger Kapuziner; Marie Jean Hérault de Séchelles, 34 Jahre alt, ehemaliger Generaladvokat beim damaligen Pariser Parlament und Mitglied des Kassationshofes; Jacques Delaunay, ehemaliger Gerichtsbeamter, alle Deputierte beim Nationalkonvent; Jean Diedericksen, 41 Jahre alt, ehemaliger Pächter; René Sahuguet d'Espagnac, ehemaliger Armeelieferant; Sigismond Junius Frey, 36 Jahre alt, Armeelieferant; Emanuel Frey, 34 Jahre alt, von seinen Einkünften lebend; André Marie Gusman, 41 Jahre alt, naturalisierter Spanier, ehemaliger Offizier, von seinen Einkünften lebend. Nach dem Verhör bemerkte Fouquier, daß zwei der Angeklagten vergessen waren: Jacques Luillier, Generalstaatsanwalt im Departement von Paris, und François Joseph Westermann, 40 Jahre alt, Brigadegeneral. Man ließ sie aus der Conciergerie holen, und die Zahl der Angeklagten belief sich auf fünfzehn. Camille hatte bei den Jakobinern einen Streit mit Renaudin, der einen Kampf zur Folge gehabt hatte; als er ihn auf der Bank der Geschworenen erblickte, erklärte er, daß er ihn ablehne; aber Renaudin war seinen Kollegen notwendig, und ungeachtet der Billigkeit dieses Einspruches entschied das Tribunal, daß derselbe zurückgewiesen und zu den Debatten geschritten werden sollte. Auf die gebräuchlichen Fragen nach Namen und Wohnung antwortete Danton: »Ich bin Danton, bekannt genug in der Revolution; meine Wohnung wird bald das Nichts sein, mein Name wird im Pantheon der Geschichte fortleben.« Camille sagte seinerseits: »Ich bin 33 Jahre alt; ein bedenkliches Alter für die Revolutionäre, das Alter des Sansculotten Jesus, als er starb.« Und Hérault de Séchelles: »Ich heiße Jean Marie, ein wenig berühmter Name unter den Heiligen. Ich hatte einst meinen Sitz in diesem Saale, wo mich die Parlamentäre verabscheuten.« Fouquier-Tinville begann seine Ergänzungen zu dem Berichte Saint Justs vorzulesen. Die Angeklagten verlangten, daß ihnen der Bericht selber mitgeteilt würde, und dieser Antrag wurde ihnen genehmigt. Einige Stellen, die wir hier anführen wollen, werden eine Vorstellung von der Gesamtheit dieses seltsamen Schriftstückes geben: »Danton, du erklärtest dich für gemäßigte Grundsätze, und deine starken Körperformen schienen die Schwachheit deiner Ratschläge zu verdecken. Du sagtest: Strenge Grundsätze könnten der Republik zu viele Feinde zuziehen. Alltäglicher Vermittler, alle deine Redeeingänge auf der Tribüne begannen wie der Donner und endigten mit einem Vertrage zwischen der Wahrheit und der Lüge; du fügtest dich in alles; Brissot und seine Mitschuldigen gingen immer, zufrieden mit dir, fort. Auf der Tribüne gabst du ihnen heilsame Ratschläge, wie sie noch mehr betrügen könnten. Du drohtest ihnen ohne Unwillen, aber mit väterlicher Güte, und du erteiltest ihnen eher den Rat, die Freiheit zu verderben, sich zu retten, um uns besser zu betrügen, als daß du der republikanischen Partei rietest, sie zugrunde zu richten. ›Der Haß‹, sagtest du, ›ist meinem Herzen unerträglich!‹ Und du sagtest uns: ›Ich liebe Marat nicht.‹ Aber bist du nicht strafwürdig, daß du die Feinde des Vaterlandes nicht haßtest? Gibt ein öffentlicher Beamter seine Gleichgültigkeit oder seinen Haß durch seine persönliche Neigung zu erkennen oder durch die Liebe zum Vaterlande, die dein Herz niemals fühlte? Du spieltest den Vermittler, wie Sixtus V. den Einfaltspinsel spielte, um seine Zwecke zu erreichen. Sprich dich jetzt vor der Justiz des Volkes aus, du, der du dich niemals vor den Feinden des Vaterlandes aussprachest! Du sahst mit Schrecken die Revolution vom 31. Mai. Hérault, Lacroix und du verlangten Henriots Kopf, welcher der Freiheit Dienste geleistet hatte, und ihr rechnetet es ihm zum Verbrechen an, daß er sich der Unterdrückung eurer Partei zu entziehen versuchte. Hast du nicht seitdem einen Gesandten an Péthion, an Wimpffen nach Calvados geschickt? Hast du dich nicht der Bestrafung der Deputierten von der Gironde widersetzt? Verteidigtest du nicht Steingel, der die Deputierten bei den Vorposten des Heeres in Aachen erwürgen ließ? Alle Verbrecher verteidigend, hast du niemals dasselbe für einen Patrioten getan. Du klagtest Roland an, aber mehr als einen Dummkopf von beißender Schärfe, denn als einen Verbrecher. In seiner Frau sahst du nur die Anmaßung, ein schöner Geist zu sein. Du warfst deinen Mantel auf alle Schandtaten, um sie besser zu verhüllen! Schlechter Bürger, du hast konspiriert; falscher Freund, du sagtest noch vor zwei Tagen Böses von Desmoulins, dem Werkzeuge, das du zugrunde richtetest; schlechter Mensch, du hast die öffentliche Meinung mit einer Metze verglichen; du erklärtest, die Ehre sei lächerlich und das Urteil der Nachwelt und der Ruhm seien Dummheiten!« Und weiter, sich an Camille und an Fabre wendend: »Camille Desmoulins, der anfänglich genarrt und später mitschuldig wurde, war wie Philippeaux ein Werkzeug Fabres und Dantons. Dieser erzählt als eine Probe von Fabres guter Gesinnung, daß derselbe in Tränen ausgebrochen sei, als Desmoulins ein Schriftstück vorgelesen, in welchem er ein Gnadenkomitee für die Aristokratie forderte und den Konvent den Hof des Tiberius nannte. Das Krokodil weint auch. Da Camille schwach von Charakter war, so benutzte man seinen Stolz. In allen seinen Reden griff er in rhetorischer Weise die revolutionäre Regierung an. Er sprach frech zugunsten der Feinde der Revolution, schlug für sie ein Komitee der Barmherzigkeit vor und zeigte sich sehr unbarmherzig gegen die Volkspartei. Die Tage des Verbrechens sind vorüber; wehe dem, der die Verteidigung desselben übernähme! Seine Politik ist entlarvt. Alles, was verbrecherisch war, möge zugrunde gehen! Man macht keine Republik mit Mäßigung, sondern mit eiserner Strenge, mit unbeugsamer Strenge gegen alle Verräter. Man kann solchen Menschen, welche, wie wir, alles für die Wahrheit gewagt haben, das Leben entreißen, aber man kann ihnen nicht die Herzen, nicht das gastliche Grab rauben, unter welches sie sich vor der Sklaverei und vor dem schmachvollen Triumphe der Bösen retten.« Wie schon oben erwähnt, befolgte Fouquier, indem er drei Kategorien von Angeklagten, deren vorgebliche Verbrechen verschieden waren, zu einer einzigen Sache vereinigte, eine Taktik, welche beim Revolutionstribunal herkömmlich war und darin bestand, beim Publikum jedes Mitgefühl zu ersticken, indem man solche Angeklagte, deren Volksbeliebtheit man fürchtete, mit Leuten zusammenbrachte, bei welchen jedes Mitleid durchaus unmöglich war. Als sie sich mit Schelmen zusammengeworfen sahen, hatten Camille, Philippeaux und Lacroix nachdrücklich Protest eingelegt; Danton schwieg, ein Lächeln der Verachtung umschwebte seine dicken Lippen. Als Camille auf seinem Proteste bestehen wollte, bat er ihn, sich wieder zu setzen. »Laß sie ihr Handwerk treiben,« sprach er; »sie vermögen nichts weiter, als uns zu töten; wenn sie uns entehren wollen, so biete ich ihnen Trotz.« Die Verhöre nahmen ihren Anfang. Fabre d'Eglantine erklärte die Fälschung des Dekrets, die man ihm vorwarf. Er sagte, das Schriftstück, wovon man spräche – denn man legte es nicht vor – sei nur ein Aufsatz, den man infolge der Erörterungen im Komitee entworfen und welcher alle Varianten, die sich infolge jener Erörterungen ergeben, an sich trüge. Chabot behauptete, er habe sich mit dieser Angelegenheit nur befaßt, um die Fäden in die Hand zu bekommen und sie zur Anzeige zu bringen; Delaunay und Bazire leugneten, Kenntnis davon gehabt zu haben. Der Prozeß war, was Lacroix, Philippeaux und Hérault de Séchelles anbetraf, ein echter Tendenzprozeß. Man stempelte nicht nur ihre Meinungen, sondern sogar ihre Stimmen als Volksvertreter zu Verbrechen. Sie waren nicht nur die treuesten, sondern auch die hervorragendsten Freunde Dantons; sie vermochten ihn nicht zu ersetzen, konnten aber die Häupter jener Fraktion des Konvents werden, welche einen Widerwillen gegen das Mißtrauen, die rohen Formen und strengen Sitten der Anhänger Robespierres und gegen die blutdürstige Politik der Schreckensherrschaft hegte; welche der Meinung war, daß, wenn Frankreich Republik sein sollte, diese Republik eher Athen als Sparta zum Muster nehmen müßte. Wie alle Männer zweiten Ranges waren sie die heftigsten beim Angriffe gewesen; Philippeaux hatte in seinen Schriften und in den im Konvent und bei den Jakobinern gehaltenen Reden das Benehmen der im Auftrage abgesandten Volksvertreter angegriffen; er war einer der ersten gewesen, welcher sie mit dem Titel Prokonsuln gebrandmarkt hatte; Fouquier warf es ihm vor. »Wenn es ein Verbrechen ist,« antwortete Philippeaux, »der Regierung die Schandtaten anzuzeigen, welche in ihrem Namen vollzogen werden, so bin ich in der Tat schuldig. Ist denn aber die Sittlichkeit in dem Grade verkehrt, daß man tugendhafte Handlungen zu Verbrechen stempelt? Ich gab der Regierung heilsame Ratschläge in betreff der empörenden Ausschweifungen, welche in der Vendée begangen wurden, und ich zolle mir Beifall dafür. Als meine Schritte beim Komitee vergeblich waren, ich aber dennoch mein Mandat erfüllen wollte, schrieb ich dem Konvent die Wahrheit. Ich denunzierte das Komitee der öffentlichen Sicherheit; ich enthüllte die Schliche der Ränkeschmiede. Das Komitee ist nur ein Bevollmächtigter des Konvents; ich habe meine Schuldigkeit getan. Ich würdigte die Volksvertretung nicht herab und rechne mir meine Schriften zur Ehre an.« Man mußte nun auch zu Danton kommen. Herman fürchtete mit Recht den Augenblick, wo er sprechen würde, und in der Tat hatte der Titan der Revolution nicht sobald den Mund geöffnet, als der Saal der Freiheit sich verwandelte, als beim Ausbruch dieser furchtbaren Stimme die Richter zu Angeklagten und der Angeklagte zum Richter wurde; als Hermans Geschworene die Häupter beugten vor dem Löwenhaupte, dem sie nicht ins Antlitz zu schauen wagten. »Meine Stimme, die ich so oft für des Volkes Sache erhoben habe, wird die Verleumdung ohne Mühe zurückschleudern. Werden die Feigen, die mich verleumden« – rief Danton – »mich im Angesicht anzugreifen wagen? Sie mögen sich zeigen, und ich werde sie bald mit der Schmach und Schande bedeckt haben, die ihnen gebührt. Hier ist mein Kopf, der für alles einsteht; mein Leben ist mir zur Last, und mich verlangt, davon befreit zu werden.« Voller Schrecken beeilt sich Herman, ihn zu unterbrechen, indem er ihm bemerkt: »Die Keckheit sei dem Verbrechen, aber die Ruhe sei der Unschuld eigen.« »Ohne Zweifel,« entgegnete Danton auf die salbungsreiche Einrede des Präsidenten, »ohne Zweifel ist die persönliche Kühnheit verwerflich, und sie kann mir nimmer zum Vorwurf gemacht werden; aber die nationale Kühnheit, von der ich so oft ein Beispiel gegeben, mit der ich so oft der öffentlichen Angelegenheit gedient habe, diese Kühnheit ist erlaubt. Sie ist notwendig, und ich mache mir eine Ehre daraus! Bin ich Herr über die Entrüstung, die sich in meinem Innern erhebt, wenn ich mich so gröblich und ungerecht beschuldigt sehe? Kann man von einem Revolutionär wie ich eine kalte Verteidigung erwarten? In einer Revolution sind die Männer meines Schlages unschätzbar; auf ihrer Stirn ist mit unauslöschlichen Schriftzügen das republikanische Genie, der Stempel der Freiheit ausgeprägt. Und du, Saint Just, du wirst der Nachwelt Rechenschaft ablegen über die Verleumdung, die man gegen den besten Freund des Volkes geschleudert hat. Wenn ich diese Liste des Schreckens durchlaufe, so erbebt mein ganzes innerstes Wesen!« Herman unterbrach ihn zum zweiten Male; er fürchtete vielleicht, daß, nachdem er sich gegen Saint Just gewendet, er sich auch gegen Robespierre wenden und das Parteihaupt erdrücken könnte. Er ersuchte den Angeklagten, sich zu seinem eigenen Vorteil zu mäßigen, indem er ihm Marats Benehmen bei ähnlicher Gelegenheit zum Muster vorhielt; ohne Zweifel wollte er damit andeuten, daß auch er gleich Marat freigesprochen werden und siegreich aus der Prüfung hervorgehen könnte. Man kann vermuten, daß Danton sich einen Augenblick in der Schlinge fangen ließ, denn er begann nach der Reihe die belastenden Punkte zu besprechen, welche Saint Just in seinem Bericht gegen sein Benehmen vorgebracht hatte; aber bald gewann wieder der Ungestüm seiner Natur die Oberhand. »Wenn ich meine Kläger herausfordere,« rief er zum zweiten Male, »so bin ich bei vollem Verstande. Man führe sie mir vor, damit ich sie in das Nichts tauche, aus dem sie niemals hätten hervorkommen sollen. Gemeine Betrüger, erscheinet, und ich werde euch die Maske abreißen, die euch vor der öffentlichen Verfolgung verbirgt!« Lacroix hatte Danton empfohlen, das Volk aufzuregen; das Volk war mehr als aufgeregt: es schauderte. Aller Herzen schlugen höher, sowohl im Saale wie außerhalb, denn das Gebrüll des Tribunen drang durch die geöffneten Fenster und fand seinen Widerhall jenseits der Seine. Die Richter waren niedergeschmettert. Vergebens bewegte Herman die Glocke. »Hörst du mich nicht?« fragte er Danton. »Die Stimme eines Mannes, der seine Ehre und sein Leben verteidigt, muß das Geräusch deiner Klingel überschallen.« Man entzog ihm das Wort unter dem Vorwande, daß er ermüdet sein müsse. Herman verhörte Hérault de Séchelles über seinen Briefwechsel mit Dumouriez und über den Anteil, welchen er an dem Rückzuge der Preußen gehabt habe. Er nahm die alte Geschichte von dem Diebstahl im Garde-meuble wieder auf, eine Waffe, welche durch die Verachtung der Girondisten, gegen die man sie bereits angewendet hatte, sehr abgestumpft war. Indem er dann auf Desmoulins überging, klagte er ihn an, er habe versucht, die Volksvertretung durch seine Schriften herabzuwürdigen. »Ich werde«, sagte er, »ein Muster von dem grausamen Hohn geben, womit du die heilsamsten Dekrete angreifst.« Und er begann das beredte Pamphlet vorzulesen, welches das Gesetz über die Verdächtigen dem Unwillen Camilles diktiert hatte. »Bald war es ein Verbrechen der Majestätsbeleidigung oder der Konterrevolution in der Stadt Nursia, den bei der Belagerung von Modena gefallenen Bewohnern, die unter Augustus selber gekämpft hatten, ein Denkmal errichtet zu haben, und zwar weil Augustus damals mit Brutus kämpfte und Nursia das Schicksal von Perugia hatte. Libonius Drusus ist der Konterrevolution beschuldigt, weil er die Wahrsager befragt, ob er nicht eines Tages Reichtümer besitzen würde. Der Journalist Cremutius Cordus der Konterrevolution beschuldigt, weil er Brutus und Cassius die letzten Römer genannt. Ein Nachkomme des Cassius der Konterrevolution beschuldigt, weil er ein Bildnis seines Urgroßvaters bei sich getragen. Mamercus Scaurus der Konterrevolution beschuldigt, weil er ein Trauerspiel gedichtet, in welchem zweideutige Strophen enthalten. Torquatus Silanus der Konterrevolution beschuldigt, weil er Aufwand gemacht. Perreius der Konterrevolution beschuldigt, weil er von Claudius geträumt. Appius Silanus der Konterrevolution beschuldigt, weil die Flau des Claudius von ihm geträumt. Pomponius der Konterrevolution beschuldigt, weil ein Freund des Sejanus in einem seiner Landhäuser ein Asyl gesucht. Es war ein Verbrechen der Konterrevolution, wenn man auf den Nachtstuhl ging, ohne seine Taschen geleert zu haben und in seiner Weste eine Spielmarke mit dem Bildnis des Königs behielt; denn dies verriet einen Mangel an Ehrfurcht gegen das geheiligte Antlitz des Tyrannen. Es war ein Verbrechen der Konterrevolution, wenn man sich über das Unglück der Zeit beklagte, denn damit erhob man eine Anklage gegen die Regierung. Es war das Verbrechen der Konterrevolution, wenn man nicht den göttlichen Geist des Caligula anrief. Es war das Verbrechen der Konterrevolution seitens der Mutter des Konsuls Fusius Germinus, daß sie den kläglichen Tod ihres Sohnes beweint hatte. Man mußte Freude bezeigen über den Tod seines Freundes, seines Verwandten, wenn man sich nicht dem eigenen Verderben aussetzen wollte. Unter Nero dankten mehrere, denen er die nächsten Verwandten getötet hatte, den Göttern dafür und erleuchteten ihre Häuser. Wenigstens mußte man eine offene und ruhige Miene haben; man fürchtete, daß die Furcht selber schuldig mache. Alles erregte Verdacht bei dem Tyrannen. Hatte ein Bürger sich der Popularität zu erfreuen, so war er ein Nebenbuhler des Fürsten, der einen Bürgerkrieg erregen könnte. Studia civium in se vesteret et si multi idem audeant bellum esse. Verdächtig. Floh man im Gegenteil dieser Volksbeliebtheit, indem man sich in der Ecke seines Herdes hielt, so hatte man sich durch dieses zurückgezogene Leben bemerkbar und auffallend gemacht. Quanto metu occultior tanto plus famae adeptus . Verdächtig. Warst du reich, so war eine ungeheure Gefahr vorhanden, daß das Volk durch deine Freigebigkeit bestochen würde. Auri vim atque opes Plauti principi infensas . Verdächtig. Warst du arm? Wie? Unbesieglicher Imperator, man muß diesen Mann um so mehr überwachen. Niemand ist unternehmender als der, welcher nichts besitzt. Syllam inopem, unde praecipuam audanciam . Verdächtig. Warst du düsteren und melancholischen Gemüts, so betrübte es dich nur, daß die öffentlichen Angelegenheiten so gut gingen. Hominem honis publicis maestum . Verdächtig. Wenn im Gegenteil ein Bürger es sich gut sein ließ und schwelgte, so freute er sich darüber, daß der Imperator einen Anfall von Gicht hatte; man mußte ihn fühlen lassen, daß Seine Majestät noch in der Fülle der Kraft sei. Reddendam pro intempestiva licentia maestam et funebrem noctem qua sentiat vivere Vitellium et imperare . Verdächtig. Der eine wurde getroffen wegen seines Namens oder wegen seiner Vorfahren; ein anderer wegen seines schönen Hauses zu Alba; Valerius Asiaticus, weil seine Gärten der Kaiserin gefallen hatten; Statitius, weil sein Gesicht ihr mißfallen hatte, und eine Menge anderer, bei denen man die Ursachen nicht erraten konnte. Wie die Ankläger so die Richter. Die Gerichtshöfe, welche Leben und Eigentum schützen sollten, waren Schlachthöfe geworden, wo alles, was Strafe und Konfiskation geheißen hatte, in Diebstahl und Mord verkehrt wurde.« Derjenige, der diese mutige Sprache geführt hatte, besaß weder die Kühnheit Dantons noch die Festigkeit Philippeaux' und Lacroix'; er leugnete diese unsterblichen Zeilen nicht ab, aber er nahm nicht mehr das großmütige Gefühl, welches sie ihm eingegeben hatte, als seinen schönsten Ruhm in Anspruch. Herman warf Lacroix ebenso wie Hérault de Séchelles seine Verbindung mit Dumouriez vor; er hielt ihm die Geständnisse vor, welche sich Miaczinski in der Hoffnung, sein Leben um einige Tage zu verlängern, hatte entreißen lassen. Lacroix forderte ihn auf, die Zeugen auftreten zu lassen, indem er erklärte, daß diejenigen, auf die er sich berufen wolle, nicht verdächtig sein könnten, weil er sie aus dem Schoße des Konvents selber nehmen würde. Fouquier gab ihm eine Antwort, die wegen des darin enthaltenen unverschämten Sophismus merkwürdig ist. »Weil du«, sagte er, »von mir eine förmliche Erklärung verlangst, so erkläre ich, erlauben zu wollen, daß deine Entlastungszeugen vorgeladen werden, jedoch andere, als du in dem Konvent bezeichnet; und bei dieser Gelegenheit bemerke ich, daß, da die Beschuldigung gegen dich von dem gesamten Konvent ausgeht, keines seiner Mitglieder dir als Entlastungszeuge dienen kann, denn nichts wäre lächerlicher, als zu verlangen, man sollte deine eigenen Ankläger zu deiner Rechtfertigung aufrufen lassen, und am wenigsten konstituierte Körperschaften, Verwahrer der höchsten Gewalt, welche zum Wohl des Volkes berufen und nur ihm Rechenschaft schuldig sind.« Fouquier versprach jedoch, dem Konvent Bericht darüber zu erstatten, und das Verhör nahm seinen Fortgang. Westermann, ebenso wie Lacroix infolge der Aussage von Miaczinski beschuldigt, antwortete sehr richtig, man hätte ihn seinem Ankläger bei Lebzeiten des letzteren gegenüberstellen müssen. Der Prozeß nahm für diejenigen, welche den Auftrag angenommen hatten, Danton und seine Freunde zu töten, eine beunruhigende Wendung. In der Sitzung vom 14. gerieten sie vollends in Bestürzung. Danton hatte wieder das Wort mit einem Nachdruck ergriffen, der sich in dem Maße, wie die Debatten sich verlängerten, steigerte; sein Ruhm, der seltsame Umstand, daß ein Angeklagter vor Gericht stand, der die Welt zittern machte, hatten eine ungeheure Menge herbeigezogen, und bei jedem Ausbruch dieser mächtigen Stimme hörte man, wie beim Sturmeswehen, jenes Erschauern unter den gedrängten Massen, jenes sichere Anzeichen der Rührung in der Volksmenge, jene Vorläufer des donnernden Beifalls, der jeden Augenblick den Prozeß ersticken und die Verurteilung unmöglich machen konnte. Die Geschworenen, selbst die soliden, waren erschüttert; Naudin, einer derselben, sagte: »Es ist indes unmöglich, ihnen die Zeugen zu verweigern.« Die Sitzung wurde in aller Eile aufgehoben. Fouquier lief in die Komitees, Herman begab sich zu Robespierre; dieser aber, klug wie immer, hatte seine Tür geschlossen; die Heftigen, welche allein in den Tuilerien waren, bedrohten Fouquier, der vorzuschlagen wagte, er wolle auf die Berufung der Angeklagten eingehen. Um einen Ausweg zu finden, verfaßten Herman und Fouquier einen Brief, worin beim geringsten Murren Dantons oder seiner Anhänger die Einmischung des Konvents erbeten wurde. Während dieser Nacht faßte man den Plan, die dumpfe Aufregung, welche sich aus der Stadt bis in die Gefängnisse verbreitet hatte, in eine Verschwörung umzuwandeln. Ihrerseits sahen die Angeklagten deutlich, daß ihnen die öffentliche Stimmung günstig sei, und ihre Füße gewannen wieder festeren Boden; der Mut kehrte auch den Schwächeren zurück, die Kühnheit der Ungestümen steigerte sich bei der Aussicht auf einen Sieg. Beim Beginn der Sitzung vom 15. wurde ihre Forderung, die Zeugen vor Gericht zu berufen, gebietend, fast heftig. Dieses Geschrei, diese Verwünschungen und den daraus folgenden Lärm erwartete gerade Fouquier-Tinville. Er zog den vorbereiteten Brief aus seinen Akten, las ihn mit lauter Stimme und fertigte ihn auf der Stelle den Komitees zu. Derselbe lautete wie folgt: »Ein schreckliches Gewitter grollt, seitdem die Sitzung eröffnet ist. Die Angeklagten, die sich wie Wahnsinnige gebärden, verlangen die Vernehmung der Entlastungszeugen, der Bürger-Abgeordneten: Simon, Courtois Laignelot, Panis, Fréron, Lindet, Calon, Merlin (von Douai), Gossuin, Legendre, Robin, Goupilleau von Montaigu, Robert Lindet, Lecointre (von Versailles), Brival und Merlin (von Thionville); sie berufen sich auf das Volk, wegen der, wie sie behaupten, ungerechten Verweigerung. Ungeachtet der Festigkeit des Vorsitzenden und des ganzen Gerichtshofes wird dennoch die Sitzung durch ihre wiederholten Anträge gestört, und sie verkünden laut, daß sie nicht schweigen würden und daß ihre Zeugen auch ohne Dekret vernommen werden sollten. Wir ersuchen euch, uns genau vorzuschreiben,wie wir uns auf diese Reklamation zu verhalten haben, da die Gerichtsordnung uns kein Mittel vorschreibt, einen abschlägigen Bescheid zu begründen.« Gleichzeitig mit diesem Briefe erhielt das Komitee Nachrichten aus den Gefängnissen. Es gibt darüber zwei verschiedene Berichte: Die einen behaupten, die Verschwörung im Luxembourg sei allein das Werk der Aufwiegler gewesen, welche die Polizei in den Gefängnissen unterhielt. Andere behaupten, der Plan zu einer Erhebung sei wirklich vorhanden und die edelmütige Lucile sei die Anstifterin gewesen. Die arme Frau, von Robespierre zurückgewiesen, hatte im Wahnsinn des Schmerzes den Plan gefaßt, sich mitten unter das Volk zu werfen und von ihm die Rettung der ersten Apostel der Freiheit zu fordern. In ihrer Angst, in dem Eifer, Verteidiger für ihren Camille zu finden, teilte sie ihren Plan Dillon, einem im Luxembourg verhafteten Freunde ihres Gemahls mit; sie beschwor ihn, ihr zu helfen, sie erfüllte ihn mit der Besorgnis eines neuen September; sie stachelte seinen Mut an, indem sie ihn fragte, ob er weniger Kraft besäße als ein Weib. Dillon soll einen Elenden, namens Laflotte, in sein Vertrauen gezogen und dieser ihn am folgenden Tage angezeigt haben. Die Anzeige, welche von dem Portier des Luxembourg der Polizeiverwaltung überbracht wurde, gelangte durch Withcherich in die Hände des Sicherheitskomitees. Mit diesen beiden Schriftstücken in der Hand bestieg Saint Just die Tribüne; und um die Köpfe, die er fallen sehen wollte, sicherer zu erlangen, überbot er Fouquiers Brief noch durch eine gehässige Lüge, indem er folgendermaßen begann: »Der öffentliche Ankläger des Revolutionsgerichts hat die Meldung gemacht, daß durch die Empörung der Verurteilten die gerichtlichen Verhandlungen so lange aufgehoben seien, bis der Konvent seine Maßregeln ergriffen habe.« Indem er dem unumschränkten Urteilsspruch der Jury vorgreift, fährt er fort: »Welcher Unschuldige hat sich jemals gegen das Gesetz empört? Es bedarf keiner anderen Beweise ihrer Verbrechen als ihre Kühnheit. Die Unglücklichen bekennen ihre Verbrechen, indem sie dem Gesetz Widerstand leisten.« Dann entwirft er ein phantastisches Gemälde von den Gefahren des Vaterlandes; er ruft den willfährigen Schatten Catilinas auf, er bezeichnet die Angeklagten als die Anstifter der Verschwörung in den Gefängnissen; Withcherichs Brief wird von einem der Schreiber vorgelesen, und der Konvent stimmt für das folgende Dekret: »Nachdem der Nationalkonvent den Bericht seiner Komitees der öffentlichen Wohlfahrt und der öffentlichen Sicherheit vernommen, verfügt er, daß das Revolutionstribunal die Verhandlung, welche sich auf die Verschwörung von Lacroix, Danton, Chabot und anderen bezieht, fortsetze; daß der Präsident alle Mittel in Anwendung bringe, welche ihm das Gesetz gewährt, um sein Ansehen und das des Revolutionstribunals aufrechtzuerhalten, und jeden Versuch seitens der Angeklagten, die öffentliche Ruhe zu stören und den Gang der Gerechtigkeit zu hemmen, zu unterdrücken; beschließt ferner, daß jeder der Verschwörung Überwiesene, welcher der Nationaljustiz Widerstand leistet oder sie beleidigt, auf der Stelle von den Verhandlungen ausgeschlossen werden soll.« Drei Komiteemitglieder, Amar, Bouland und David, von fieberhaftem Haß gegen Danton erfüllt, erklärten sich bereit, das mörderische Dekret sogleich dem Tribunal zu überbringen. Louis Blanc erzählt, Bouland hätte, indem er Fouquier-Tinville das Papier übergab, gerufen: »Jetzt haben wir die Verräter in unseren Händen; dies hier wird es dir bequem machen!« Und dieser, ein Verwandter des Camille Desmoulins, den er vor das Revolutionstribunal gebracht hatte, habe mit lächelndem Munde geantwortet: »Das tut uns, meiner Treu', auch not.« Michelet bestätigt, daß die drei Konventsmitglieder der Versuchung, sich an der Verzweiflung ihrer Feinde zu werden, nicht widerstehen konnten; während Fouquier das Dekret las, zeigten sich ihre Gesichter an der Luke des Druckers Nicolas, dessen Kabinett sich hinter den Bänken der Geschworenen befand. Danton erkannte sie und zeigte sie Desmoulins mit dem Rufe: »Sieh nur diese feigen Mörder, sie verfolgen uns bis in den Tod!« Die Vorlesung von Laflottes Denunzierung, welche dem Dekret beigefügt war, hatte die Verzweiflung des unglücklichen Camille noch auf die höchste Stufe getrieben. Der Verräter erklärte, die Frau des Desmoulins hätte Dillon tausend Taler geboten, um das Publikum im Revolutionstribunal zu gewinnen. Der Unglückliche begriff, daß dies das Todesurteil seiner Lucile sei, und rief bei dem Gedanken, sie mit sich in das Grab zu ziehen, händeringend aus: »Die Ungeheuer! Nicht zufrieden, mich zu ermorden, wollen sie auch noch mein Weib ermorden!« Danton sprang auf eine Bank; mit den heftigen, kurz ausgestoßenen Sätzen, welche seine Beredsamkeit ausmachten, wendet er sich bald an das Gewissen der Richter und der Geschworenen, bald läßt er seinem Unwillen freien Zügel; er verflucht die Tyrannen und ruft, indem er den Schleier der Zukunft zerreißt: »Schändlicher Robespierre, das Schafott verlangt nach dir! Du wirst nicht ungestraft ausgehen, sondern mir folgen.« Endlich wendet er sich an das Volk und fragt es, ob es die Ungerechtigkeit gestatten wolle; er beschwört es, zu erklären, ob er etwas anderes verlangt habe, als das dem Verklagten zustehende Recht, die Zeugen zu verlangen, welche seine Unschuld kundtun können. Lacroix sagt: »Man führe uns zum Schafott; wir haben genug gelebt, um ruhmvoll zu schlafen.« Das Volk erbebt und murrt. Herman droht, Camille richtet heftige Beleidigungen gegen ihn, zerreißt das Papier, worauf er seine Verteidigung vorbereitet hatte, und wirft die Stücke vor das Tribunal. Nun erhebt sich Fouquier-Tinville und fordert, daß das Dekret des Konvents in Vollzug komme; die Richter entscheiden, daß die Angeklagten von den Verhandlungen ausgeschlossen seien, und auf Hermans Befehl erscheinen Gendarmen, um sie nach der Conciergerie abzuführen. Dies geschah nicht ohne Mühe. Danton, auf seiner Bank stehend, mit purpurrotem Gesicht, brüllte die heftigsten und beleidigendsten Reden; Lacroix häufte seine Spottreden auf Fouquier, Westermann erschöpfte sich in Verwünschungen; Desmoulins klammerte sich an die Lehne der Bank der Angeklagten und verteidigte sich gegen die, welche ihn fortzuschleppen versuchten; drei Gendarmen hatten Mühe, ihn zu überwältigen. Fabre d'Eglantine, der seit Eröffnung des Prozesses krank war, erhob sich von seinem Stuhl und rief: »Tod den Tyrannen!« Endlich gelang es, sie fortzubringen, und sie verloren sich auf den dunklen Flurgängen. Die Aufregung war so groß, daß, nachdem sie abgeführt, ein düsteres Schweigen in dem Saale der Freiheit herrschte, welches niemand zuerst zu unterbrechen wagte. Richter, Vorsitzender und Geschworene sahen sich bestürzt und bleich wie die Gespenster an. Endlich erklärten die Geschworenen auf Fouquiers Aufforderung, daß sie genügend unterrichtet seien. Herman gab einen umfassenden Bericht über die Verhandlung, und die Jury ging in ihr Beratungszimmer. Sie kehrte um drei Uhr morgens zurück und gab ein Verdikt ab, welches alle Angeklagten mit Ausnahme von Luillier für schuldig erklärte; der Gerichtshof verurteilte sie zum Tode. Fouquier-Tinville stellte das Ansuchen, daß in Anbetracht des heftigen Benehmens, dessen sich die Angeklagten schuldig gemacht, das Urteil ihnen im Gefängnisse verkündigt werden solle. Der Gerichtshof trat diesem Antrage bei. Die Hinrichtung Die Luxembourg-Verschwörung; Chaumette, Gobel. 16. Germinal. Dem Befehl des Bürgers Fouquier zufolge blieb ich gestern bis am Abend im Gerichtshause. Da ich ebenso wie die vorhergehenden Tage nicht in den Saal der Freiheit, wo der Prozeß der Bürger-Deputierten verhandelt wurde, eintreten konnte, wo der Zudrang noch bedeutender als vorher war, so kehrte ich gegen neun Uhr nach Hause zurück. Heute morgen ging ich wieder beizeiten nach der Conciergerie. Als ich eintrat, klopfte mir ein Gendarm auf die Schulter und sagte: »Heute hast du Hochwild.« Rivière setzte hinzu: »Sie sind alle verurteilt.« Er täuschte sich, denn der Bürger Luillier war freigesprochen worden. Dieser ist aber so unbedeutend, daß es wohl verzeihlich ist, ihn zu vergessen! Es befanden sich schon Leute bei Richard, wahrscheinlich, um die Verurteilten herauskommen zu sehen; letztere mußten wichtige Personen sein, denn die Tür des Gefängnisses war noch nicht geöffnet, und jene Menschen hatten wahrscheinlich schon die Nacht dort zugebracht. Als ich in den Hof trat, um mich nach dem Gerichtshofe zu verfügen, begegnete mir der Aktuargehilfe Robert Wolf und forderte mich auf, mit ihm hinaufzugehen. In dem Zimmer des Kanzlisten war der Bürger Ducray, der zweite Amtsschreiber, noch mit einem anderen Gehilfen beschäftigt. Fabricius Paris ging mit langen Schritten auf und nieder. Letzterer hatte gerötete Augen, war niedergeschlagen und bleich, und seine Lippen bebten, als ob er vom Fieber befallen sei. Als er mich eintreten sah, nahm er seinen Hut und sprach: »Ich gehe.« Ducray wendete sich nach ihm um und fragte; »Wirst du unterzeichnen?« »Nein, nein, noch einmal nein,« antwortete der Bürger Fabricius; »lieber will ich mir die Hand abschneiden.« Als er hinausging, sah ich, daß seine Augen mit Tränen gefüllt waren. Dies setzte mich nicht in Erstaunen, denn er war ein vertrauter Freund des Bürgers Danton, und sein Mut verursachte mir innerliche Freude. Fouquier, der Vetter Desmoulins', der ihn früher eifrig beschützte, hat solche Gewissensbisse nicht gefühlt. Bald darauf kamen die Bürger Lescot-Fleuriot, der Vertreter des Anklägers, und zwei Departementsverwalter. Lescot fragte mich, ob meine Karren bereit wären; ich antwortete, daß sie kämen. Danach befahl er mir, hinabzugehen und zu warten, was ich auch tat. Ich hatte eine gute Stunde hoffend gewartet, als ein Gendarm kam und mich im Namen des Anklägers abrief. In seinem Kabinett fand ich eine Menge Bürger, unter welchen ich den alten Vadier, den Repräsentanten, und seinen Kollegen Amar erkannte; seiner sah ich Coffinhal, Arthur, Herman und andere, deren Namen mir unbekannt waren. Sobald Fouquier anwesend war, erteilte mir Lescot-Fleuriot den Befehl. Er sagte mir, die Verurteilten hätten sich gegen den Gerichtshof empört, und man müsse vermuten, daß sie sich der Vollstreckung des Urteils widersetzen würden; ich sollte nicht vergessen, daß die Gewalt der Gerechtigkeit des Volkes verbleiben müßte; um einen Kampf mit der ganzen Truppe dieser Besessenen zu verhüten, würde man sie mir einzeln überliefern; bei ihrem Austritt aus dem Kanzleizimmer sollte ich sie ergreifen und unverzüglich im Guten oder Bösen knebeln; eine Rotte entschlossener Gendarmen würde da sein und mir nötigenfalls Hilfe leisten. Als der Bürger Amar fragte, ob die Pferde tüchtig seien, bejahte dies der andere Vertreter Liendon, und Lescot-Fleuriot fügte hinzu, daß, im Fall die Rebellen einen Volksaufstand bewirkten, mein Wagen mit der Begleitschaft im Trabe oder im Galopp davonfahren sollte; nötigenfalls würden die Gendarmen unsere Deichselpferde mit der Degenspitze anstacheln. Er sagte ferner, auf dem Platze solle alles pünktlich vollzogen werden; die Republik könnte nur gerettet werden, wenn die Köpfe dieser Verräter unter dem rächenden Eisen fielen. Es fand noch eine Erörterung über die Zahl der zu verwendenden Wagen statt. Ich hatte drei bestellt. Lescot erklärte mir, zwei würden ausreichen. Coffinhal behauptete, man brauche nur einen zu nehmen; in dem Falle, daß sich Verräter fänden, um die Verurteilten zu entführen, würde die Begleitung viel leichter einen Karren als mehrere in Schutz nehmen können. Es war nicht der geeignete Augenblick, um bemerkbar zu machen, daß die Verurteilten, wenn sie in einem einzigen Wagen zusammengedrängt wären, große Qualen erleiden müßten; ich warf jedoch ein, daß wenn die Befürchtungen des Bürgers Lescot-Fleuriot in Erfüllung gingen und man gezwungen wäre, die Pferde anzutreiben, so könnten die zu Fuß gehenden Gehilfen sich nicht zur rechten Zeit auf ihrem Posten auf der Guillotine einfinden; es blieb also ausgemacht, daß ich zwei Karren nehmen sollte, und man verabschiedete mich, nachdem mir Liendon die Verhaltungsbefehle seines Amtsgenossen aufs neue eingeschärft hatte. Ich fand das Vorzimmer der Kanzlei voller Gendarmen, und unter ihnen auch einige Kanoniere von dem Revolutionsheere; sie bildeten längs des Gitters, welches das Vorzimmer von der Kanzlei trennt, eine dichte Schranke. Nach einer halben Stunde durchschritt ein Mann ihre Reihen; es war der Bürger Chabot; er war sehr niedergeschlagen und konnte kaum gehen; dies rührte ohne Zweifel ebensowohl von dem Schreck als von seinen Leiden her, denn er hatte sich im Luxembourg vergiftet. Er schien überrascht und unruhig, sich allein unter uns zu sehen, und murmelte zu wiederholten Malen: »Wo sind denn die anderen?« Man fesselte ihn und schnitt ihm das Haar ab. Ehe man damit fertig war, trat Bazire aus der Kanzlei. Chabot stand auf, lief ihm entgegen und hielt ihm sein Gesicht zum Kusse hin. Er weinte und sagte mit einer Stimme, die noch tränenreicher als seine Augen war: »Mein armer Bazire, meinethalben mußt du den Tod erleiden.« Der Bürger Bazire drückte ihn an sein Herz, ohne ein Wort des Vorwurfs auszusprechen. Die beiden Volksrepräsentanten Frey und Delaunays, der ehemalige Abbé d'Espagnac und Diedericksen wurden darauf herbeigeführt. Man rief sie in die Kanzlei, ohne ihnen zu sagen, um was es sich handle; man las ihnen ihr Urteil vor und ließ sie dann in den Saal treten, wo wir sie erwarteten; jene obengenannten fünf Verurteilten traten zu gleicher Zeit ein. Darauf kamen nach der Reihe Philippeaux, Lacroix, Westermann und Fabre d'Eglantine; der letztere, welcher krank schien, wurde von zwei Gefängniswärtern unterstützt. Während seines Anzuges erklärte er, er habe entweder dem Bürger Fouquier oder einem anderen Stellvertreter eine notwendige Mitteilung zu machen; einer der Gehilfen meldete dies dem Gerichtsschreiber, der aber abschlägigen Bescheid gab. Der Bürger Fabre stampfte zornig mit dem Fuße und rief: »Es ist also nicht genug, mich zu morden, man muß auch das Schlachtopfer noch berauben.« Dann erhob er seine Stimme und fügte hinzu: »Ich protestiere hiermit öffentlich gegen die Schändlichkeit der Verräter vom Komitee, die mir eine Komödie gestohlen haben, die nichts mit meinem Prozeß zu schaffen hat und die sie mir vorenthalten.« Lacroix sah die Leute mit trüben Augen an. Philippeaux war sehr ruhig. Noch sprach Fabre, als wir einen großen Lärm in der Kanzlei vernahmen. Man erkannte die Stimme des Bürgers Danton, und alle schwiegen, um ihn besser hören zu können. Wegen der Lebhaftigkeit, womit er sich ausdrückte, konnte man nicht jedes Wort verstehen; oft hörte sich seine Rede wie ein Gebrüll an. Einen Augenblick sagte er deutlich: »An deinem Urteil ist nichts gelegen; ich will es nicht hören; uns Revolutionäre richtet die Nachwelt, sie wird meinen Namen ins Pantheon und die eurigen auf das Hochgericht setzen.« Als Ducray wieder mit dem Lesen fortfuhr, unterbrach er ihn abermals, immer schrecklicher, und erging sich in Schmähungen gegen die Tyrannei, gegen das Tribunal, welches er einen Ort der Entehrung nannte, und gegen das Volk, das er der Dummheit beschuldigte. Man konnte ihn nicht zum Schweigen bringen, und Ducray mußte zu Ende lesen, ohne daß er ihn anhörte; endlich gelangte er, von den Schließern gestoßen und von den Gendarmen fortgezerrt, in das Vorzimmer. Sobald er die schon gefesselten Verurteilten und uns erblickte, nahm sein Gesicht so plötzlich einen ganz anderen Ausdruck an, daß man ihn nicht für denselben Mann hätte halten können, wenn er nicht von der vorhergegangenen Aufregung noch atemlos gewesen wäre. Er nahm eine gleichgültige, fast kalte Miene an; entschlossenen Schrittes ging er auf mich zu, fiel auf einen Stuhl, riß den Kragen von seinem Hemd und sagte zu mir: »Verrichte dein Geschäft, Bürger Sanson!« Ich vollzog es selber. Er hatte ungewöhnlich hartes Haar, wie Pferdehaar. Während dieser Zeit sprach er ununterbrochen und wendete sich an seine Freunde mit den Worten: »Das ist der Anfang vom Ende; jetzt wollen sie die Volksvertreter schubweise guillotinieren, aber Vereinzelung ist nicht Stärke. Komitees, die von Robespierre und dem lahmen Couthon geleitet werden ... wenn ich ihnen noch meine Beine hinterlassen könnte, so möchte es noch einige Zeit aushalten ... aber nein ... und Frankreich wird in einer Pfütze von Blut und Kot erwachen.« Ein wenig später rief er noch: »Wir haben unsere Aufgabe vollendet, nun wollen wir schlafen gehen.« Die Bürger Hérault de Séchelles und Camille Desmoulins wurden zusammen herbeigeführt. Der erste schien gleichgültig; der zweite weinte und sprach in herzzerreißenden Worten von seiner Frau und seinem Kinde; sobald er uns aber sah, fand eine ebenso unmittelbare, aber ganz verschiedene Veränderung statt, wie bei Danton; er warf sich auf die Gehilfen, als ob diese die Verurteilten und er der Scharfrichter wäre – er stieß und schlug sie; seine Kleider wurden zerrissen in dem Kampfe, der erst ein Ende erreichte, als die Gendarmen sich einmischten. Er war nicht groß und ein wenig fett, dennoch leistete er ebenso lange Widerstand, als ob er ein sehr starker Mann gewesen wäre. Freilich befand er sich in einem Zustande, wo die Seele in die Muskeln übertritt. In einem Augenblicke waren seine Kleider zerfetzt. Als ihm das Haar abgeschnitten werden sollte, mußten vier Personen ihn auf dem Stuhle festhalten; bald warf er sich vor-, bald rückwärts, und schlug zwei von denen, welche ihn hielten, zu Boden. Bei diesem Kampfe schmähte er uns; seine Freunde versuchten, ihn zu beruhigen, Fabre mit sehr sanften Worten, Danton mit dem Nachdruck der Autorität. Letzterer sagte zu ihm: »Lasse doch diese Männer! Weswegen willst du dich an diesen Knechten der Guillotine vergreifen, sie verrichten ihr Handwerk, tue du deine Schuldigkeit!« Nun stürzten die Tränen stromweise aus Desmoulins' Augen, und er rief: »Lucile, komm zu mir, Lucile!« als ob die arme Frau ihn hätte hören können. Als er sie nicht kommen sah, wollte er wahrscheinlich zu ihr eilen und versuchte abermals, zu entkommen. Endlich waren wir mit allen fertig. Ducray, der dageblieben war, gab das Zeichen zum Fortgehen. Man stellte je einen Verurteilten zwischen zwei Gendarmen, und die übrigen Gendarmen bildeten eine zweite Schutzwehr um sie. So gingen wir fort. Die Repräsentanten und Westermann stiegen in den ersten Wagen. Ich stellte mich vornhin; Henri und ein Gehilfe hinten; in dem zweiten Wagen befanden sich vier Gehilfen mit den übrigen Verurteilten. Die Bedeckung war ebenso stark wie bei der Königin und den Bürgern von der Gironde. Danton stand hinter mir in der ersten Reihe aufrecht; neben ihm Hérault de Séchelles; dann kamen Fabre, Camille und Philippeaux; Chabot war der einzige, der saß; er schien stark zu leiden und erbrach sich unterwegs. Bazire kniete neben ihm, und war Henri soviel wie möglich behilflich, ihn zu unterstützen und zu ermutigen. In dem Augenblicke, als der Kärrner sein Pferd antrieb, rief Danton: »Die verdammten Schafsköpfe werden rufen, wenn sie uns vorbeikommen sehen: Es lebe die Republik! – Binnen zwei Stunden wird die Republik ohne Kopf sein.« Fabre klagte noch immer über den Verlust seiner Komödie; als Danton dies hörte, sagte er ihm lachend, indem er ein Wortspiel machte (vers – Verse und Würmer): »Du klagst über deine Verse, ehe acht Tage vergehen, wirst du mehr Würmer bilden, als dir lieb ist, und mir auch.« Als wir auf den Kai hinausbogen, überließ sich Camille Desmoulins abermals seiner Aufregung. »Kennt ihr mich nicht mehr?« rief er, indem er sich zum Karren hinauslegte, »auf meine Stimme ist die Bastille gefallen! Kennt ihr mich nicht? Ich bin der erste Apostel der Freiheit! Ihre Bildsäule wird von dem Blute eines ihrer Kinder benetzt werden. Mir zu Hilfe, Volk des 14. Juli, laß mich nicht ermorden!« Man antwortete ihm mit höhnischem Gelächter. Seine Wut verdoppelte sich; ich fürchtete, er möchte sich unter die Räder des Wagens stürzen; der Gehilfe mußte hin, ihn zurückzuhalten; man drohte ihm, aber vergebens, ihn an die Wagenleitern zu knebeln. Danton, der deutlich sah, daß das Volk, welches sie umgab, sich nicht regen würde, bog sich über Philippeaux fort und sagte mit starker Stimme zu ihm: »Schweig doch, schweig, hoffst du etwa, diese gemeine Kanaille zu rühren?« Und Lacroix sagte: »Beruhige dich, sei eher darauf bedacht, ihnen Achtung einzuflößen, als ihr Mitleid zu erregen!« Danton hatte recht. Er hätte eher Steine erweichen können. Als wir aus der Conciergerie herauskamen, wurde die Bedeckung von einer Menge Männer und Frauen der Guillotine, die uns erwarteten, umringt; diese Menge hielt sich gedrängt, blieb an unserer Seite und stieß ein so lautes Geschrei aus, daß die Bürger, welche an den Fenstern oder längs der Häuser standen, unmöglich die Worte der Verurteilten verstehen konnten. Als wir an einem Kaffeehause vorüberkamen, sahen wir einen Bürger auf dem Fensterbrett sitzen und die Verurteilten abzeichnen. Diese erhoben das Haupt und murmelten: »David, David!« Ich erkannte ihn wirklich an seinem schiefen Munde. Danton erhob die Stimme und rief ihm zu: »Du da, Knecht, sage deinem Herrn, wie die Soldaten der Freiheit sterben!« Lacroix rief ihn seinerseits an und schalt ihn einen Verräter; David fuhr fort zu zeichnen. Türen, Fenster und Fensterläden, alles war in Duplays Hause geschlossen. Die Verurteilten suchten es schon vorher mit den Blicken. Als sie vor demselben waren, riefen sie diesen stummen und düsteren Mauern tausend Spottreden zu. »Elender Scheinheiliger,« sagte Fabre. Lacroix rief: »Der Feige, er verbirgt sich, wie er sich am 10. August verbarg!« Camille: »Ungeheuer, wirst du nicht von meinem Mut gesättigt sein? Weshalb lechzest du noch nach dem Blute meiner Frau?« Dantons Stimme beherrschte alle übrigen; sein Gesicht, das schon immer rot war, wurde bläulich, sein Mund schäumte und seine Augen funkelten wie glühende Kohlen. »Robespierre!« rief er aus, »es ist vergebens, daß du dich verbirgst; auch du wirst an die Reihe kommen, und der Schatten Dantons wird in seinem Grabe vor Freuden beben, wenn du an diesem Platze stehst.« Er fügte noch grobe Beleidigungen hinzu. Bis vor die Guillotine blieb sich Danton gleich, indem er ohne Übergangsstufen von der heftigsten Aufregung zur ruhigsten Heiterkeit überging, bald brutal, bald niedrig scherzend, aber immer so standhaft, daß, wer ihn allein gesehen, das traurige Gefährt, in welchem ich ihn führte, für den Wagen eines Triumphators hätte halten können. In dem Augenblicke, als wir auf den Platz einbogen, bemerkte er das Schafott; sein Gesicht entfärbte sich, und ich sah sein Auge feucht werden. Die Aufmerksamkeit, womit ich ihn betrachtete, mochte ihm mißfallen; er stieß mich hastig mit seinem Ellbogen und fragte mich wütend: »Hast du nicht ein Weibchen und Kinder?« Ich antwortete bejahend; darauf fuhr er in demselben Tone fort: »Ich auch. Nun, als ich an sie dachte, wurde ich wieder Mensch.« Er senkte das Haupt, und wir hörten ihn murmeln: »Mein geliebtes Weib, ich werde dich nicht wiedersehen; mein Kind, ich werde dich nicht sehen.« Als der Karren anhielt, faßte er sich wieder, schüttelte krampfhaft das Haupt, als wollte er sich von einem lästigen Gedanken befreien, und stieg mit den Worten ab: »Keine Schwachheit, Danton.« Delaunay, Chabot, Bazire, die beiden Frey, Gusman, Diedericksen, d'Espagnac starben zuerst. Als Camille auf die Plattform stieg, blieb er einen Augenblick vor mir stehen und fragte mich, ob ich ihm noch einen letzten Dienst erweisen wollte; ich hatte nicht die Zeit, ihm zu antworten, aber er mochte mir am Gesicht ansehen, daß er auf mich rechnen konnte; er ersuchte mich, ihm eine Haarlocke aus seiner Hand zu nehmen und sie der Mutter seiner Frau, Madame Duplessis, zu überbringen. Bei dem letzten Worte weinte er, und ich war nahe daran, ein gleiches zu tun. In diesem Augenblick zog man das Messer, welches Chabot enthauptet hatte, in die Höhe; er sah das Eisen mit Blut befleckt und sagte halblaut: »Das ist meine Belohnung, meine Belohnung.« Dann blickte er zum Himmel empor und ließ sich nach dem Fallbrett führen, während er zu wiederholten Malen den Namen Lucile nannte. Ich gab das Zeichen, und das Messer fiel. Fabre, Lacroir, Westermann und Philippeaur wurden nach Camille hingerichtet. Westermann rief mehrere Male: »Es lebe die Republik!« Fabre sagte zu sich selbst: »Wir werden zu sterben wissen!« Aber seine Aufregung war groß, und er hatte Mühe, sie zu bezähmen. Lacroix wollte zum Volke reden; wir hatten aber Befehl, uns dem zu widersetzen, und die Gehilfen schleppten ihn fort. Dann kam Hérault de Séchelles herauf und Danton mit ihm, ohne den Aufruf abzuwarten und ohne daß ihn jemand hinderte. Die Gehilfen hatten Hérault schon ergriffen, als er hinzutrat, ihn zu umarmen. Hérault, der nach dem Fallbrett gestoßen wurde, konnte ihm das letzte Lebewohl nicht sagen, und Danton rief: »Ihr Dummköpfe! wollt ihr verhindern, daß unsere Köpfe sich im Korbe küssen?« Er sah seinen Freund mit einer Kaltblütigkeit sterben, die dem menschlichen Geschlecht nicht eigen ist, nicht eine Muskel seines Gesichts verzog sich. Es schien nicht nur der Todesfurcht, sondern dem Tode selber Trotz zu bieten. Der Korb war noch nicht ausgeräumt und das Halsstück noch nicht gereinigt, als er vorschritt; ich hielt ihn zurück und nötigte ihn, umzukehren, bis man den Leichnam fortgebracht hätte; er aber zuckte verächtlich die Achseln: »Was tut es, ob ein wenig mehr oder weniger Blut an deiner Maschine klebt,« sprach er, »vergiß nur nicht, meinen Kopf dem Volke zu zeigen, solche Köpfe bekommt es nicht alle Tage zu sehen!« Als man, seinem letzten Wunsche gemäß, den Kopf Dantons um das Schafott herumzeigte, wurde gerufen: »Es lebe die Republik!« Aber dieser Ruf blieb auf die nächste Umgebung der Guillotine beschränkt. – Da der Magdalenenkirchhof, worauf der König, die Königin und die Girondisten liegen, durch Departementsentscheid geschlossen war, so wurden die fünfzehn Leichname der Dantonisten heute nacht nach dem kleinen Kirchhofe gebracht, den man neben der Barriere von Monyeaux in dem alten Garten für die Hingerichteten angelegt hat. Ich kehrte um sechs Uhr nach dem Gerichtshause zurück, um mir Befehle zu morgen einzuholen. Riviére machte ich Mitteilung über das Geschehene. Als ich über die Brücke nach Hause ging, begegneten mir die Geschworenen Desboisseaux und Vilate in Begleitung der Gemeindemitglieder Vaucannu und Langlois. Sie wollten von mir hören, wie Danton gestorben wäre. Ich erzählte, was ich gesehen hatte. Langlois unterbrach mit den Worten: »Das glaube ich wohl, er war besoffen wie ein Preuße.« Ich versicherte, er sei ebensowenig betrunken gewesen wie ich selber. Darauf nannten sie mich einen Verräter und riefen mir noch andere Beleidigungen nach. Lucile Desmoulins 17. Germinal. Ich erfüllte den Auftrag, den mir der arme Bürger Desmoulins erteilt hatte. In seiner Wohnung, Straße des französischen Theaters, gab mir der Türsteher die Adresse des Bürgers Duplessis in der Rue des Arcs. Ich hütete mich, hinaufzugehen, sondern ließ die Magd holen, ohne zu sagen, wer ich sei; ich teilte ihr mit, ich hätte dem Tode Desmoulins beigewohnt und wäre von ihm ersucht worden, dieses Medaillon seiner Schwiegermutter zu übergeben. Ich legte es in ihre Hände und ging fort. Noch hatte ich nicht hundert Schritte zurückgelegt, als ich mich rufen hörte; die Magd kam hinter mir hergelaufen und bat mich, zurückzukehren, der Bürger Duplessis wolle mich sehen; ich entgegnete, ich hätte es eilig und würde ein anderes Mal wiederkommen; in diesem Augenblicke aber kam der Bürger Duplessis selber; es war ein bejahrter, ehrwürdig aussehender Mann. Ich wiederholte, was ich der Magd erzählt hatte; er antwortete mir, ich müßte ihm noch mehr erzählen, wofür er mir dankbar sein würde. Ich sträubte mich noch immer, indem ich meine Geschäfte vorschützte; aber er bestand dringend auf seinem Verlangen, so daß die Vorübergehenden stehenblieben und lauschten. Sie konnten mich kennen; ich hielt es daher für das beste, ihm zu folgen. Er wollte meinen Arm nehmen, ich zog ihn aber zurück, und als wir in der engen Straße nicht nebeneinander gehen konnten, hielt ich mich hinter ihm. Er wohnte im zweiten Stockwerk; er ließ mich in ein großes, reich möbliertes Zimmer treten, wies mir einen Stuhl an, setzte sich selber vor einem mit Papieren bedeckten Tische in einen Lehnstuhl und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Ich hörte den Schrei eines Kindes und bemerkte in der Vertiefung eines Bibliothekzimmers eine Wiege mit herabgelassenen Vorhängen. Der Bürger Duplessis lief nach der Wiege hin und nahm einen kleinen Knaben heraus, der krank zu sein schien und fortwährend ächzte. Er zeigte ihn mir mit den Worten: »Das ist ihr Sohn.« Seine Stimme verriet Tränen, aber seine geröteten Augen blieben trocken. »Dies ist ihr Kind«, wiederholte er. Dann umarmte er es mit einer krampfhaften Hast, legte es wieder in sein Bett und fragte mit einiger Anstrengung.' »Ihr waret zugegen, Ihr habt ihn gesehen?« Ich machte eine bejahende Gebärde. »Als ein mutiger Mann, als ein Republikaner, nicht wahr?« fügte er hinzu, ohne das Wort sterben auszusprechen. Ich antwortete, seine letzten Worte hätten seinen Geliebten gegolten. Nach ziemlich langer Pause rang er plötzlich seine Hände, erbleichte und rief: »Und sie? o meine Tochter? meine arme Lucile? Werden sie ebenso unbarmherzig gegen sie sein wie gegen ihn? Ist es nicht zu viel für einen elenden Greis, zwei Kinder beweinen zu müssen? Man hält sich für einen Philosophen, mein Herr, man glaubt sich durch die Vernunft gegen den Gedanken an die Zerstörung gestählt ... Gibt es denn aber eine Philosophie, gibt es eine Vernunft, wenn man unser Kind bedroht? wenn wir uns ohnmächtig fühlen, es zu verteidigen, für dasselbe zu kämpfen, unser Blut zu seiner Rettung zu vergießen? Mein Gott, wenn ich denke, daß es uns nicht erlaubt sein soll, ihren letzten Athem zu empfangen, daß sie sich abquälen, daß sie zwei Stunden Todesqual leiden soll, während wir uns hier in Sicherheit befinden, in diesem Hause, wo sie geboren wurde, in diesem Zimmer, wo sie spielte, vor diesem Herde, der sie erwärmte. Wenn wir uns sagen, daß sie vielleicht, noch unglücklicher als Camille, niemand anders haben wird, uns ihr letztes Lebewohl zu übersenden, als den elenden Henker, der sie tötet!« Ich fühlte, wie mich ein Schauer durchrieselte und mein Haar sich sträubte. Er ging im Zimmer auf und ab, indem er seine weißen, verworrenen Haare schüttelte und mit stierem Blick und wilder Miene die Fäuste ballte. Als er vor einer Büste der Freiheit, die auf dem Kaminsims stand, vorüberkam, warf er sie wütend herunter und zertrat die Trümmer vollends mit dem Fuße. Ich war zu gleicher Zeit entsetzt und bestürzt und fand kein Wort des Trostes, kein Wort der Hoffnung für ihn. Ich bedauerte bitter, den Bitten des armen Mannes nachgegeben zu haben. In diesem Augenblicke klingelte man; eine Bürgerin, etwa fünfzig Jahre alt, aber noch schön, obgleich das Gesicht von Verzweiflung entstellt war, trat ein und sank dem Bürger Duplessis in die Arme, mit den Worten: »Verloren! sie ist verloren! binnen drei Tagen wird sie vor das Tribunal geführt.« Sie war die Mutter von Desmoulins' Gattin. Ich entsetzte mich bei dem Gedanken, von dieser Frau erkannt zu werden, der ich das Glück ihrer Tochter geraubt und wahrscheinlich ihre eigene Tochter nehmen mußte; ich entfloh, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Niemals habe ich so schmerzlich gelitten wie in Gegenwart dieser Unglücklichen. 18. Germinal. Gestern erschien ein großmütiger Bürger vor der Schranke des Nationalkonvents und erbot sich, auf seine Kosten die Guillotine zu unterhalten. 20. Germinal. Die Frau von Desmoulins befindet sich mit ihren Mitschuldigen bei der sogenannten Luxembourg-Verschwörung in der Conciergerie; morgen werden sie mit dem Bürger Anaxagoras Chaumette, Gobel, ehemaligem Bischof, dem Repräsentanten Simon und vielen anderen vor dem Tribunal erscheinen. 24. Germinal. Der Prozeß der Frau des Bürgers Desmoulins wurde heute um zehn Uhr morgens geschlossen; um fünf Uhr abends war auch ihr Leben und ihr Schmerz beendigt. Als sie nach der Conciergerie kam, rührte sie alle Leute durch den Ausdruck ihrer Verzweiflung. Einen Augenblick hielt man sie für verrückt und hoffte, obgleich dies eine kühne Hoffnung war, ihre Verstandsverwirrung könnte sie vom Schafott retten; aber der Gedanke, ihren Camille wiederzusehen, herrschte in diesem gestörten Hirne vor, und dieser Gedanke war so mächtig, daß sie in der Gerichtssitzung die ganze Klarheit ihres Geistes wieder erhielt; sie antwortete dem Vorsitzenden Dumas mit großem Nachdruck und mit Lebhaftigkeit. Sie wäre schneller abgefertigt worden, denn die Angelegenheit hat nicht weniger als drei Sitzungen in Anspruch genommen, aber man hielt es für schicklich, die Angeklagten der vorgeblichen Luxembourg-Verschwörung mit den Mitschuldigen Héberts, Vincents und Ronsins zu vereinigen, d. h. mit Leuten, die sich gegenseitig verabscheuten; es saßen fünfundzwanzig auf den Bänken, von denen neunzehn verurteilt und hingerichtet wurden. Der Bürger Chaumette, Schriftsteller und Agent der Pariser Kommune, verleugnete seinen Ruf als Philosoph nicht; er ertrug sein trauriges Schicksal mit großer Festigkeit und unerschütterlicher Heiterkeit des Gesichts; von Zeit zu Zeit wendete er sich an das Publikum mit seiner gewöhnlichen Beredsamkeit. Aber dieses Volk ist unter der Republik ebenso wandelbar und vergeßlich, wie es unter dem alten Regime gewesen ist. Vor vier oder fünf Monaten galt der Bürger Chaumette bei den Parisern noch für eine große Berühmtheit; es war die erste Sorge des Fremden, seine Reden zu hören; man drängte sich an die Türen des Gemeindehauses; heute antworteten viele dieser damals Begeisterten auf seine ergreifenden Worte nur mit Spottgeschrei. In seiner Verteidigung entwarf Chaumette in kurzem seine Lebensbeschreibung. »Ich habe erklärt,« sprach er, »daß ich der Sohn eines ehrlichen Handwerkers bin; dreizehn Jahre alt, ging ich zur See; ich begann als Schiffsjunge und wurde Steuermann; nach dem beendigten amerikanischen Kriege hoffte ich, die Freiheit in meinem Vaterlande hergestellt zu sehen. Vom Adel und den Priestern, namentlich von den Bischöfen verfolgt, warf ich mich in die Schriftsteller-Laufbahn; ich übersiedelte nach Avignon, wo ich das Tageblatt dieser Stadt schrieb. Dann eilte ich bald nach Brest, bald nach Calais, bald nach Marseille; überall lieferte ich Artikel von philosophischem Wert. In mein Departement zur Zeit der Revolution zurückgekehrt, ergriff ich die Partei der Sansculotten. Ich erklärte den Generälen der Nationalgarde, welche zuletzt auswanderten, den Krieg. Meine Mitbürger forderten mich auf, den zu Nancy verstorbenen Patrioten die Leichenrede zu halten; darauf schilderte und entlarvte ich Bouillé; ich wagte es, Schmähschriften gegen Lafayette zu schleudern. Ich kam nach Paris, Loustalot lebte noch, Prudhomme nahm mich auf, und ich arbeitete bis zum 19. August an den ›Révolutions de Paris‹. Mein Benehmen während dieser denkwürdigen Zeit ist bekannt. Seitdem wurde ich vom Volk zu einem Gemeindeamte berufen, und man weiß, wie ich seine Rechte wahrgenommen habe. Jetzt soll der Gerichtshof mein Todesurteil sprechen. Ich bin ruhig über mein zukünftiges Geschick!« Ganz anders war Gobels Haltung; mit dem Unglück war ihm das Gewissen erwacht; er hörte nicht auf, den Gott, den er geleugnet hatte, anzurufen. Er beichtete seinem ehemaligen Vikar, dem Bürger Lothringer, der sich entschieden geweigert hatte, seinen Glauben abzuschwören. In dem Vorzimmer der Kanzlei kniete der ehemalige Bischof nieder und bat mit lauter Stimme um Verzeihung für den Skandal, den er verursacht hatte; er wollte Chaumette vorpredigen, aber dieser fiel ihm gleich in die Rede und sagte ihm mit Entrüstung: »Stirb du in deinem Glauben, ich werde in dem meinigen sterben; wenn es einen Gott gibt, so mag er mir die Fehler, die ich in guter Meinung beging, verzeihen, aber er würde mir nicht eine Lüge, die mir die Furcht eingeflößt, vergeben.« Beysser zeigte bis zum letzten Augenblicke völlige Sorglosigkeit. Die Bürgerin Desmoulins benutzte die wenigen Augenblicke, die ihr nach dem Urteilsspruch blieben, sich zu schmücken, als ob dieser Tag ihr zweiter Hochzeitstag wäre. Sie war ebenso wie die Witwe Heberts in das Zimmer der Gefängnisschließer gebracht worden und sollte dort bis zum Abgange bleiben; dort haben wir sie zur Hinrichtung vorbereitet. Die Witwe Hébert weinte sehr; die Bürgerin Desmoulins lächelte im Gegenteil; mehrmals umarmte sie die Frau des erbittertsten Feindes ihres Gatten und wandte alles zu ihrem Troste auf. Als sie auf den Karren steigen sollte, näherte sich ihr Dillon. Sie drückte ihr herzliches Bedauern aus, seinen Tod veranlaßt zu haben; Dillon antwortete, dies sei nichts als ein Vorwand; und zeigte sich über das Schicksal eines so jungen und reizenden Geschöpfes gerührt. Die Bürgerin Desmoulins unterbrach ihn: »Betrachtet doch einmal mein Angesicht,« rief sie, »ob es das einer Frau ist, die des Trostes bedarf? Seit acht Tagen hege ich nur den einen Wunsch, Camille wiederzusehen; dieser Wunsch wird erfüllt werden. Wenn ich nicht diejenigen haßte, die mich verurteilt haben, weil sie den edelsten und besten der Männer mordeten, so würde ich sie für den Dienst, den sie mir heute erweisen, segnen.« Darauf sagte sie Dillon Lebewohl, ohne Rührung und mit der Heiterkeit einer Frau, die sich von einem Freunde trennt, den sie bald wiederzusehen hofft. Dillon saß im ersten Karren, im zweiten die Bürgerin Desmoulins mit Grammont-Nourry, Lacroir, Lapalu, Lassalle und der Witwe Hébert. Während der Fahrt plauderte sie mit diesen beiden Bürgern, die sehr jung waren: Lapalu war sechsundzwanzig und Lassalle vierundzwanzig Jahre alt. Sie scherzte mit solcher Heiterkeit, daß sie jene mehrmals zum Lächeln zwang. Ihre Unterhaltung wurde durch die Tränen der Witwe Hébert und durch die beiden Grammont gestört, die sich in einen elenden Streit verwickelten: der Sohn warf dem Vater vor, er habe durch seine Ratschläge und durch sein Beispiel seinen Tod verschuldet. In seiner Angst ließ sich der junge Mann dazu verleiten, seinen Vater wie einen Schurken zu behandeln. »Mein Herr,« sagte die Bürgerin Desmoulins zu ihm, »man behauptet, Sie hätten Antoinette, als sie zum Schafott geführt wurde, beleidigt; darüber bin ich nicht erstaunt; Sie hätten sich aber ein wenig Kühnheit aufsparen sollen, um einer anderen Majestät Trotz zu bieten: der Majestät des Todes dem Sie entgegengehen.« Grammont, der Sohn, antwortete mit einer Beleidigung, und sie wendete sich mit Widerwillen ab. Sie stieg mutig hinauf und sah kaum bleich aus. Wie Adam Lux ging sie mit der Überzeugung dahin, daß die Seele des Geliebten sie jenseits erwarte. Dillon rief: »Es lebe der König!« Im Augenblick des Sterbens wollte Grammont, der Vater, seinen Sohn gerührt umarmen, aber dieser stieß ihn zurück. 25. Germinal. Heute morgen habe ich das Haar der Bürgerin Desmoulins ihren Eltern geschickt. Ich übergab das Paket einem Savoyarden, den ich von der Barrière Saint Jacques geholt hatte; ich sprach lange mit ihm, um mich zu überzeugen, daß er mich nicht kenne und ihnen den Namen dessen, der ihnen diese Reliquien überschickte, nicht nennen werde. Der Gedanke, mir Dank zu schulden, würde ihnen wahrscheinlich schrecklich gewesen sein. Übrigens mußten sie bereits einen Teil des Haupthaares ihrer Tochter besitzen, denn ich bemerkte, daß sie dasselbe schon vorn und an den Seiten verschnitten hatte. Tagebuch Die Parlamentsrichter und Beamten; Malesherbes, d'Espremenil; die Generalpächter; Lavoisier. 30. Germinal. Seit Dumas dem Herman im Vorsitz des Gerichtshofes gefolgt ist, werden die Urteilssprüche noch beschleunigt, was jeder bisher für unmöglich hielt. Gestern wurden siebzehn verurteilt und heute morgen nach dem Revolutionsplatze geführt. Die Haltung von zwei Dienstboten war erhaben an Selbstverleugnung und Treue, sie schienen stolz und geehrt, mit ihrer Herrschaft zu sterben, und wollten nicht darauf hören, als jene sich entschuldigten, ihren Tod verursacht zu haben. 1. Floreal. Der Gerichtshof hat diejenigen, welche im Namen der Gerechtigkeit richteten, im Namen der Revolution gerichtet, und ich führte heute dieselben Magistratspersonen, deren Urteilssprüche ich solange vollzog, zum Schafott. Ich fühlte mich tief gerührt, als ich sie, fünfundzwanzig an der Zahl, teils vom Parlament von Paris, teils von Provinzialparlamenten, vorüberkommen sah; sie gingen in einer Reihe, die Präsidenten an der Spitze, ernst und gesammelt, als wenn sie zu einer Amtstätigkeit schritten. Als sie in den Saal der Toten geführt wurden, blieb ich bestürzt vor dem Präsidenten Bochart de Sarron stehen, der mir seine Hände zum Binden hinhielt; als er meine Bestürzung sah, sprach er: »Tue, was dir das Gesetz befiehlt! selbst das ungerechte Gesetz bleibt noch immer das Gesetz.« 2. Floreal. Die Jakobiner beschäftigten sich mit einer wichtigen Angelegenheit. Der Steuereinnehmer von ihrer Abteilung, ein ängstlicher und schwieriger Beamter, ist auf den Einfall geraten, daß der Patriotismus sich nicht von der Steuerzahlung ausschließen dürfe, besonders wenn diese Steuern in die Staatskasse fallen; infolgedessen hatte er an die Gesellschaft geschrieben und mehrere Quartalbeträge fälligen Mietzinses gefordert, welche sie der Nation als Eigentümerin des Lokals der Jakobiner schulde. Die Entrüstung war groß und verlor an ihrer Heftigkeit nichts, als Collot d'Herbois, nachdem er die Gesinnung der Versammlung geprüft, rund heraus verlangte, der Schuldige solle vor das Revolutionstribunal gestellt werden, damit dieses seine Rechnungen ins reine bringe. So sind wir also zu jener Zeit zurückgekehrt, wo die großen Herren ihre Gläubiger zum Fenster hinauswarfen, mit dem Unterschiede nur, daß dieses Fenster heute nur eine Dachluke ist und die Guillotine heißt. Heute wurden sechs Verurteilte hingerichtet. 3. Floreal. Die angesehenen Bürger, die Männer von Besitz folgen sich ohne Unterbrechung auf der Guillotine. Wie viele wird man noch verschlingen? Die, welche uns regieren, sollten jedoch bedenken, daß diese täglichen Schlächtereien sehr gehässig geworden sind. Selbst die Troßbuben der Guillotine haben von ihrer Hitze und Wut verloren, und was die wirklichen Bürger anbelangt, so sind diese jetzt ganz anders gesonnen als im Pluviose. Wenn die Karren ankommen, so ist es, als ob die Pest vorbeizöge: Türen, Fenster, Läden werden geschlossen, die Straße bleibt öde. Heute fuhren wir den Bürger Lamoignon de Malesherbes, der bei Gelegenheit des Prozesses gegen den König in so mutiger Weise an den Konvent schrieb: »Ich bin zweimal von demjenigen, den ihr richten wollt, zu Rate gezogen worden, zu einer Zeit, wo dieses Amt von aller Welt begehrt wurde; ich bin ihm denselben Dienst jetzt schuldig, wo viele Leute dieses Amt gefährlich finden.« Er ist auf seinem Landgute Malesherbes mit seiner ganzen Familie verhaftet worden; der vorgestern hingerichtete Präsident von Rosambo war sein Schwiegersohn; heute wurde seine Tochter und Enkelin mit ihm guillotiniert. Nach seiner Verhaftung hatte man ihn in das Haus von Port-Libre gebracht; dort begegnete er einem ehemaligen Hilfsarbeiter von seinem Ministerium, der ganz erstaunt ausrief: »Sie sind hier, mein Herr?« Er antwortete lächelnd: »Ja, mein Freund, in meinen alten Tagen bin ich ein schlechter Mensch geworden und lasse mich ins Gefängnis setzen.« d'Espremenil, der in dem alten Parlament so viel Aufsehen machte, gehört auch zu den Verurteilten; er zählt zu denen, welche zuerst von ihrer Begeisterung für die Republik zurückkamen, und hatte in der gesetzgebenden Versammlung das Königtum ebenso warm verteidigt, wie er es ehemals angriff. Am 10. August wurde er auf der Terrasse der Feuillants von den Wütenden, die ihn erkannten, mit Schlägen, Säbelhieben und Pikenstichen verwundet. Als Péthion ihm zur Hilfe kam, zeigte ihm d'Espremenil seine Wunden mit den Worten: »Und auch ich war der Abgott des Volkes wie Sie.« An diese Worte hat sich der arme Péthion wahrscheinlich erinnert, als er auf den Getreidefeldern von Saint Emilion mit Hunden gehetzt wurde. Die Parlamentsbeamten erinnerten mich an die alten Römer. Lamoignon Malesherbes ließ mich an Sokrates und Cato denken; er starb mit der lächelnden Standhaftigkeit eines Weisen und mit der Ruhe, die ein gutes Gewissen verleiht. Als ich mich ihm näherte und ihn zum Sitzen aufforderte, zog er gerade seine Uhr auf und sprach: »Ich stehe dir gleich zu Diensten, mein Freund!« Darauf steckte er die Uhr in die Tasche und folgte mir. Als sein Haar abgeschnitten und seine Hände gebunden waren, bat er mich, ihm die Perücke wieder aufzusetzen. Nicht etwa deswegen, meinte er, weil ein Schnupfen viel für ihn zu bedeuten hätte, sondern weil ihm die Kälte unangenehm sei, denn er sähe wohl ein, daß er bis zu seinem Tode ein weichlicher Mensch bleiben würde. Dann ging er zu Châteaubriand, dem Gemahl seiner Enkelin; dieser sowie seine Frau und die Witwe Rosambo, Malesherbes' Tochter, knieten nieder, und der Greis segnete sie alle drei. Von allen, welche diesem Auftritt beiwohnten, war er am wenigsten gerührt. Als er die Stufen herabstieg, um die Conciergerie zu verlassen,strauchelte er und wäre gefallen, wenn wir ihn nicht gehalten hätten; sich an seine Kinder wendend, sprach er: »Das nennt man eine böse Vorbedeutung! Ein Römer an meiner Stelle wäre wieder umgekehrt.« Seine Töchter setzten sich in dem Karren um ihn herum; ihre Unterhaltung war sehr rührend: sie versicherten ihm, daß sie sich glücklich fühlten, mit ihm zu sterben; Malesherbes sprach mit einer Ruhe, die sich keinen Augenblick verleugnete. d'Espremenil befand sich an der Seite von le Chappelier, der gleichfalls verurteilt und im Verfassungsrate sein erbittertster Gegner gewesen war. Als wir aufbrachen,sagte Malesherbes zu jenem: »Mein Herr, wir werden sogleich ein schwieriges Rätsel zu lösen bekommen.« »Welches Rätsel denn, mein Herr?« »Zu erfahren, an welchen von uns beiden das Spottgeschrei des Volkes gerichtet ist.« »An uns beide,« antwortete d'Espremenil. 5. Floreal. Als der König von Preußen im vergangenen Jahre in Verdun einzog, boten ihm die Einwohner die Schlüssel der Stadt dar, und Bürgerfrauen und Mädchen überreichten ihm Blumenkörbe. Die letzteren wohnten auch einem Balle bei, welchen der royalistische Magistrat dem Feinde veranstaltete, und tanzten mit den Offizieren. Wegen dieser Handlung wurden vierunddreißig Bürger und Bürgerinnen von Verdun vor das Revolutionstribunal gestellt und zum Tode verurteilt. Die beiden Schwestern Henry und die Geschwister Vatrin, welche, alle vier in Weiß gekleidet, vorn auf dem ersten Karren saßen, sangen unterwegs geistliche Lieder. Unsere Begleiter fanden keinen sonderlichen Geschmack an diesem Schauspiel; die wütenden Weiber schrien allerdings, denn je jünger die verurteilten Frauenzimmer waren, desto mehr ereiferten sie sich gegen sie, aber die Männer schienen nicht ihrer Ansicht, und ihre Galgengesichter sahen sorgenvoll aus. In solchen Fällen macht mein Schurke von Seiltänzer seine besten Affenstreiche, um den Todesgang zu erheitern; sei es nun, daß er fremde Befehle bekommen oder es aus eigenem Eifer tut. Heute erntete er jedoch keinen sonderlichen Beifall bei der Menge; dagegen lachte Helene Vatrin über jeden seiner Purzelbäume und stieß ihre Schwester Henriette mit den Worten an: »Sieh doch nur, Schwester, wie komisch er ist.« Ich glaube, wenn sie die Hände frei gehabt hätte, würde sie dem Pickelhering Beifall geklatscht haben. 6. Floreal. Heute morgen um sieben Uhr wurden Clara Tabouillot und Barba Henry auf derselben Guillotine ausgestellt, wo gestern ihre Mutter und ihre Geschwister den Tod erlitten. Sie sollten sechs Stunden aushalten; aber nach einer Stunde wurde Barba Henry ohnmächtig, und man mußte sie losbinden, damit sie zur Besinnung käme. Clara Tabouillot sah so bleich aus, daß jeder merkte, auch sie würde in Ohnmacht fallen. Man hörte in der Menge den leisen Ruf: »Genug!« In Betracht der Umstände ist dieser Ruf ein Merkzeichen, welches das Herz eines redlichen Mannes erfreuen muß. Henri ging nach dem Gerichtshause, um Fouquier-Tinville das Vorgefallene zu berichten. Der Stellvertreter Naudin gab ihm Befehl, die jungen Mädchen loszubinden und durch die Gendarmen wieder nach dem Gefängnis bringen zu lassen. Dies geschah um halb ein Uhr. 9. Floreal. Heute hat sich der Bürger Fouquier als Mann gezeigt; diese Tatsache ist so selten, daß ich sie in meinen Notizen vermerke. Als er durch sein unordentliches Leben gezwungen war, sein Amt als Staatsanwalt beim Châtelet-Gerichtshofe zu verkaufen, erzeigte ihm der Zivilleutnant Angrand d'Alleray einige Dienste; deren erinnerte sich Fouquier. Angrand d'Alleray war in Port-Libre verhaftet; er war ein harmloser und allgemein geehrter Greis, und man konnte vermuten, daß er übergangen werden würde. Unglücklicherweise braucht man nicht einmal einen Feind unter den Beamten des Sicherheitskomitees zu haben, sondern es ist nur nötig, daß der Name des Gefangenen einem jener Bürger mißfalle, um ihn sogleich nach der Conciergerie, das heißt nach dem Schafott, zu schicken. In diesem Falle legt der Beamte das Aktenstück so, daß es in die Augen fällt, und wenn dieses Papier drei- oder viermal den Blick der Herren Beamten belästigt hat, übergeben sie es dem öffentlichen Ankläger. Auf diese Weise war unser ehrwürdiger Zivilleutnant wahrscheinlich vor Gericht gekommen; Fouqmer zeigte aber, daß er seinen Tod nicht wollte, indem er es wagte, ihn Sellier, einem der gemäßigten Richter, zu empfehlen. Als Dumas den Angeklagten verhörte, der beschuldigt war, seine ausgewanderten Söhne unterstützt zu haben, ergriff Sellier das Wort und bemerkte, der gute Mann sei vielleicht nicht mit dem Gesetz bekannt, das jede Gemeinschaft mit allen, welche die Waffen gegen das Vaterland ergriffen, untersage. Angrand jedoch stieß die zu seiner Rettung dargebotene Hand zurück und antwortete mit großer Festigkeit: Was ihm noch vom Leben bleibe, verlohne sich nicht der Mühe, durch eine Lüge erkauft zu werden; er kenne wohl das Gesetz, aber die Gesetze der Natur hätten den Vorrang vor denen der Republik. Mit ihm wurden hingerichtet: Aymond Charles Franyois de Nicolai, ehemaliger erster Vorsitzender im großen Rate. Rivière erzählte mir, daß dieser, als er nach der Conciergerie gebracht wurde, an einem Rheumatismus in der Schulter litt. Als Vayard, der Gesundheitsbeamte in der Conciergerie, ihn ersuchte, sich zu schonen, antwortete er ihm: »Das lohnt sich nicht der Mühe, das Übel ist nahe beim Kopfe und wird mit diesem schwinden.« Mit Angrand und Nicolai wurden dreiunddreißig Verurteilte; fast alle Magistratsbeamte oder ehemalige vornehme Herren, hingerichtet. Alle waren der Verschwörung gegen die Sicherheit und Souveränität des Volkes schuldig erklärt. Sie starben mutig; der Sorgloseste war aber dieses Mal der Jüngste, Joseph Chopin, ein Husar, erst dreiundzwanzig Jahre alt. Er rauchte unterwegs seine Pfeife und bat einen Gehilfen, sie ihm jedesmal, wenn sie ausgeraucht war, wieder zu stopfen. Beim Aussteigen sagte er zu mir: »Bürger, ich wünsche dir Glück, denn, wie es heißt, gehören dir die nachgelassenen Effekten derjenigen, die du in die andere Welt beförderst; da mußt du schon eine ganz hübsche Garderobe haben.« Ich hatte nicht Zeit, ihm seinen Irrtum zu nehmen, und antwortete nichts. Die Kleider und die Wäsche der Verurteilten werden in die Hospitäler, die Kleinodien in den Staatsschatz geschickt. Dieser Joseph Chopin war der zweite unter den Hingerichteten; er rauchte noch auf dem Brette, und Kopf und Pfeife fielen zusammen in den Korb. 10. Floreal. Gamain, der den vorigen König im Schlosserhandwerk unterrichtete und nachher den eisernen Schrank und die darin enthaltenen wertvollen Papiere zur Anzeige brachte, hat noch keinen Lohn für seinen Verrat empfangen; und dies ist ganz recht. Er hat nun eine Bittschrift an den Konvent gerichtet, und um seine Ansprüche höher zu stellen, fügte er noch die Verleumdung hinzu, Ludwig XVI. hätte ihn vergiften wollen. Nachdem Musset Bericht erstattet, wurde Gamains Bittschrift von der Versammlung angenommen; er wird einige hundert Livres erhalten nebst der Ehre, durch ein Dekret zum Judas erklärt zu sein. 11. Floreal. Heute wurde Stanislas de Langanerie hingerichtet, ehemaliger Ludwigsritter, überführt, zu den Dolchrittern gehört zu haben. Es ist seit langer Zeit nicht vorgekommen, daß wir nur einen Verurteilten hatten; die, welche uns gewöhnlich folgen, verließen uns auch unterwegs, als verlohnte es sich wegen einer solchen Kleinigkeit nicht der Mühe. Wir hörten sie untereinander sagen: »Heute wird nur der kleine Korb gebraucht; wir wollen nicht hingehen.« Der Gerichtshof hat fünfzehn Personen freigesprochen, was ebenso selten vorkommt. Mehrere dieser Personen, Patrioten aus der Stadt Mans, haben, wie es in jener Provinz Gebrauch ist, ihren Namen mit dem Marats in Verbindung gebracht. Ehe der Vorsitzende Dumas sie entließ, hielt er ihnen eine kleine Rede über die Pflichten, welche sich für sie daran knüpften, daß dieser große Bürger ihr Pate sei. 19. Floreal. Diesen Morgen wurde das Urteil über die Generalpächter gefällt. Vier wurden freigesprochen: Sanlot, Delaage, der Sohn, Bellefait und Delahante; alle anderen, achtundzwanzig an der Zahl, wurden zum Tode verurteilt und um zwei Uhr nachmittags hingerichtet; es bleiben noch sechs zu richten. Einer von ihnen, Lavoisier, ist ein gelehrter Chemiker; er ersuchte den Vorsitzenden Coffinhal um einen Aufschub von vierzehn Tagen, um eine Entdeckung, welche der Nation von Nutzen wäre, zu beendigen; der Auvergnat antwortete ihm: »Das Volk braucht keine Chemie und bekümmert sich nicht um deine Entdeckungen.« Die Motive des Urteils beschuldigen sie, den Tabak durch verschlechternde Zusätze verfälscht zu haben, und dies bewog die Zuhörer zu abgeschmackten Witzen, die ich nicht anführen will. Die Mehrzahl von ihnen schien ohne Reue zu sterben; einige waren trostlos: man ist nicht ungestraft reich. Papillon d'Hauteroche sagte, mit einem Blick auf die Menge: »Was mich am meisten ärgert, ist nur, daß ich so unangenehme Erben habe.« Madame Elisabeth 20. Floreal. Heute haben wir Madame Elisabeth nach der Conciergerie gebracht. Während man eine Zelle in der Frauenabteilung für sie zurechtmachte, führte man sie in die Kanzlei, wo mein Sohn sie erblickte; sie war sehr mager und bleich; sie saß und las in einem Gebetbuch, ohne die Unruhe um sie her zu bemerken. Heute nacht wird sie durch Fouquier-Tinville verhört. Morgen wird der Prozeß seinen Anfang nehmen. 21. Floreal. Ich wohnte einem Teil der Sitzung bei, in welcher die Schwester des verstorbenen Königs verurteilt wurde. Dumas führte den Vorsitz; es saßen fünfzehn Geschworene auf den Bänken; Liendon erhob die Anklage. Man hatte der ehemaligen Prinzessin einen Lehnstuhl bewilligt, was mich von Dumas wunderte, über diesen Prozeß laufen tausend verschiedene Gerüchte um. Einige behaupten, Robespierre hätte Madame Elisabeth im Temple besucht und ihr zu verstehen gegeben, es käme nur auf sie an, den Thron ihrer Ahnen zu besteigen, wenn sie seine Hand annähme; sie habe dieselbe ausgeschlagen und sich durch ihren legitimen Unwillen den Tod zugezogen. Man muß sehr dumm sein, zu glauben, daß ein Mann, dem niemand die Verstandesschärfe abspricht, einen solchen Schritt getan habe. Andere im Gegenteil versichern, er habe sich in den Comitees diesem Prozeß, der mindestens ohne Nutzen sei, entgegengesetzt. Dieser Meinung möchte ich eher zustimmen, wenn ich die Rücksichten sehe, welche Dumas gegen die arme Frau nimmt. Die Haltung der Prinzessin vor dem Gerichtshof glich nicht dem Benehmen der Marie Antoinette. Jene mit ihrem starren und stolzen Auge und der hochmütig aufgeworfenen Lippe hatte niemals besser eine Königin vorgestellt; die ehemalige Prinzessin mit ihrem verschleierten Blick, der den Himmel zu suchen schien, mit ihrem Lächeln, das sogar sanft blieb, als Fouquier sie in den beleidigendsten Ausdrücken anklagte, mit allen Verschwörungen ihrer Familie in Verbindung gestanden zu haben, glich einer vom Paradiese herabgestiegenen Heiligen. Sie antwortete mit großer Ruhe und Geistesgegenwart auf alle Fragen. Als man sie fragte, weshalb sie Ludwig auf seiner Flucht nach Varennes begleitet habe, sagte sie: »Alles gebot mir, meinem Bruder zu folgen; ich machte mir bei dieser Gelegenheit wie bei jeder anderen eine Pflicht daraus, ihn nicht zu verlassen.« Als Dumas ihr bemerkte, sie hätte bei der Orgie des Garde du Corps und des Regiments von Flandern eine Rolle gespielt, antwortete sie: »Ich weiß durchaus nicht, ob die Orgie, um die es sich handelt, überhaupt stattgefunden hat; ich erkläre aber, nichts davon gewußt und keinen Anteil daran genommen zu haben.« Dumas behauptete, die Antworten, welche Marie Antoinette in ihrem Prozeß gegeben, hätten die Schuld der Elisabeth vollkommen nachgewiesen. »Ihr könnt nicht leugnen,« fügte er hinzu, »daß Ihr in Eurem Eifer, den Feinden des Volkes zu dienen, die für die Patrioten bestimmten Patronen machen halfet, damit sie desto sicherer töten sollten.« Auch durch diese abgeschmackte Beschuldigung kam die Angeklagte nicht aus ihrer Ruhe; sie antwortete ohne Zorn und Ungeduld: »Alle die Tatsachen, welche mir zur Last gelegt werden, sind so unwürdig, daß ich mich nicht damit besudeln mag.« Als man sie in dem letzten Anklagepunkte beschuldigte, die Wunden der Nationalgarden verbunden zu haben, welche vor dem 10. August die Marseiller in den Elysäischen Feldern angegriffen, sagte sie: »Ich habe nicht gewußt, daß mein Bruder befohlen, irgend jemand zu ermorden; wenn ich zufällig einigen Verwundeten Hilfe geleistet habe, so bewog mich die Menschlichkeit allein, ihre Wunden zu verbinden. Ich habe mich nicht nach der Ursache ihrer Leiden erkundigt, ehe ich ihnen Pflege gewährte. Ich rechne mir dies nicht zum Verdienst an, aber ich kann mir auch nicht denken, daß man es mir zum Verbrechen auslegen werde.« Da eine Verschwörung niemals ohne Mitschuldige stattfinden kann, so wurden dreiundzwanzig Angeklagte mit dem Prozeß der Prinzessin vereinigt. Ich verließ das Verhörzimmer, als man zur Vernehmung der übrigen schritt; es war ein Uhr nachmittags. Um drei Uhr kam Desmorets, der oben geblieben war, und erzählte mir, alle wären nach einer Beratung von fünfundzwanzig Minuten zum Tode verurteilt. Er überbrachte mir den Befehl, unverzüglich die Hinrichtung vorzubereiten. Als ich in Richards Zimmer trat, sah ich eine Frau dort sitzen, die ein Taschentuch vor ihr Gesicht hielt; an ihrem schwarzen Kleide erkannte ich sie als die ehemalige Prinzessin und zog mich zurück, denn ich fürchtete, es könnte mich jemand bei Namen rufen, und sie möchte, wenn sie mich vor der Zeit sähe, in Angst geraten. Richard erzählte mir, sie habe am Morgen des Verhörs, als sie von dem Gerichtshofe heruntergekommen sei, lange mit seiner Frau gesprochen; sie befragte die Richard über das Leben der Königin während ihrer Gefangenschaft in der Conciergerie und wollte alle einzelnen Umstände ihres Todes hören. Die Richard erzählte, durch diese Mitteilung sei die Prinzessin aufs heftigste gerührt worden, sie habe sich vollständig selber vergessen und gar nicht daran gedacht, daß ein gleiches Schicksal sie erwarte. Während Henri und die Gehilfen die Verurteilte in dem Vorzimmer der Kanzlei zurüsteten, zeigte ihr Richard an, daß die Stunde gekommen sei; sie sagte in gütigem Tone Richards Frau Lebewohl, aber sie folgte nicht jenem edlen Antrieb, welcher die anscheinend viel stolzere Marie Antoinette in dem letzten Augenblicke bewog, die Tochter Baults, welche sie gepflegt hatte, zu umarmen. Richard führte Madame Elisabeth in das Frauengemach. Ich kam ein wenig später. Sie saß schon auf dem Stuhl, das gelöste Haar über dem Rücken herabhängend; sie hatte ihr Buch wiedergenommen, betete und schlug sich die Brust; nach einem so heiligen Lebenswandel und im Angesicht eines so unverschuldeten Todes braucht sie wohl nicht an der Barmherzigkeit Gottes zu zweifeln. Ihr Haar war kastanienbraun, sehr lang und üppig. In dem Augenblicke, als ich ihre Hände binden wollte, machte sie das Zeichen eines Kreuzes; ich fand sie nicht so mager, wie Henri sie mir geschildert hatte und wie sie mir selber beim Verhör vorgekommen war. Ihr Wuchs war ein wenig derb, wie der des Königs, ihres Bruders; ihr Gesicht sehr voll. Die einzige sichtbare Spur der Gefangenschaft war die außerordentlich bleiche Farbe ihres Gesichts. Da ihre Wangen alle Röte verloren und eine matte Blässe angenommen hatten, erschienen ihre blauen Augen um so klarer. Alle Verurteilten verneigten sich vor ihr. Die weinenden Frauen schwiegen; sie erwiderte ihren Gruß, rief einen der Gebrüder Loménie zu sich und sprach mit ihm. Wir konnten aber nicht verstehen, was sie zu ihm sagte. Nach einer Unterhaltung von wenigen Minuten senkte sie das Haupt, und wir sahen an Loménies Lippen, daß er ein Gebet murmelte, ohne Zweifel eine Absolution, denn er ist Bischof; dies wird ein großer Trost für die arme Frau gewesen sein. Die Verurteilten verließen die Conciergerie um vier Uhr; in dem ersten Karren saß Madame Elisabeth mit den beiden Loménie, dem Bischof und dem ehemaligen Pfarrer, der Witwe Senozan, Montmorin dem Sohn, Sourdeval und Gressy de Chamillon. – Alle standen, sie allein saß; in der Mitte der Straße du Coq mußten wir die Pferde antreiben, da die Zeit drängte; jetzt stand sie auf, ohne Zweifel, weil die Stöße des Wagens ihr Beschwerden verursachten. Als der Bischof Loménie zu ihr sagte, Gott würde ihr Märtyrertum belohnen, antwortete sie lächelnd: »Ihr habt Euch genug mit meinem Heile beschäftigt; die mildtätige Liebe darf Euch nicht verhindern, an das Heil Eurer eigenen Seele zu denken.« Als das Haupt der Verschwörung – denn die Geschworenen hatten eine Verschwörung anerkannt – mußte sie zuletzt hingerichtet werden; in dieser Beziehung hatte mir Ducray strengen Befehl erteilt. Sie blieb unter den Gendarmen auf dem Platze stehen, während ihre Gefährten den Tod erlitten. Ich sah sie mehrere Male an und immer betete sie, das Gesicht nach dem Schafott gewandt, ohne auch nur bei irgendeinem Geräusch die Augen aufzuschlagen. Der junge Montmorin und der Bediente Lhote riefen: »Es lebe der König!« Dies setzte das Publikum in große Wut. Jedesmal, wenn das Messer fiel, klatschte es Beifall und rief: »Es lebe die Nation!« Die Prinzessin, mit erhabenen Dingen beschäftigt, hörte diese Rufe und Beifallszeichen mit Gleichgültigkeit an; sie blieb unbeweglich, wie jene Statuen des Glaubens, die man früher unter den Hallen der Kirchen sah und deren steinernes Gesicht keinen anderen Ausdruck zu haben schien als den der Liebe zu Gott. Als ihre Zeit gekommen war, stieg sie langsamen Schrittes die Stufen hinauf; sie bebte ein wenig, ihr Haupt war auf die Brust geneigt. In dem Augenblick, als sie sich dem Fallbrett näherte, riß ihr einer der Gehilfen das Halstuch von den Schultern. Da rief sie in edler Schamhaftigkeit: »O mein Herr, haben Sie Mitleid!« Fast in demselben Augenblicke wurde sie auf das Brett geschnallt, und ihr Kopf fiel. Um elf Uhr abends wurde sie mit den übrigen Verurteilten zu Mousseaux beerdigt; man warf viel Kalk auf ihren Körper, ebenso wie auf den des Königs und der Königin. Wie vorsichtig man auch die Leichname nach dem neu angelegten Kirchhofe befördert, so hat das Publikum doch entdeckt, daß man sie nicht, wie ausgesprengt worden war, auf dem Kirchhofe Saint Roche beerdige; und die Bewohner des Dorfes Batignolles beklagen sich jetzt ebenso über diese Nachbarschaft, wie sich früher die von Madeleine beschwerten. Die Schreckensherrschaft Tagebuch des Henkers Der dunkle Himmel, unter dem wir leben, scheint sich ein wenig zu klären. Am 18. hat Robespierre eine Rede gehalten, in welcher er sich wirklich beredt zeigte, wahrscheinlich, weil er aufrichtig war. Infolge dieser Rede erklärten dieselben Repräsentanten, welche Gobels Abschwörung und dem daraus entstandenen Skandale Beifall gezollt hatten, durch ein Dekret, daß das französische Volk das Dasein des höchsten Wesens und die Unsterblichkeit der Seele wieder anerkenne. Viele Leute scherzen über diesen lieben Gott, mit dem wir durch das Gesetz versehen worden sind; aber alle Leidenden, und zu diesen möchte ich mich zählen, fühlen sich ein wenig durch diesen einfachen Satz getröstet. Wenn man das Dasein eines höchsten Wesens erklärt, so nimmt man die Verpflichtung auf sich, zur Gerechtigkeit, welche sein Gesetz ist, zurückzukehren. Daß dies bald geschehe, ist mein erstes Gebet, welches ich an den Gott des Konvents richte. Heute wurden acht hingerichtet. 23. Floreal. Mein gestriges Gebet ist noch nicht erhört worden, denn der Bürger Fouquier hat uns aufgetragen, für neue Gehilfen zu sorgen. – Man sagt, die Gefangenen regen sich in den Gefängnissen, und man müsse Luft machen. Sie sollen Verschwörungen anzetteln, um die Republik zu stürzen; dies setzt mich nicht in Erstaunen; aus dem, was ich in der Conciergerie sehe, errate ich, was in den anderen Gefängnissen vorgehen mag. Überallhin schickt man Agenten mit dem Auftrage, die Gefangenen zum Schwatzen zu bringen; sie versetzen sie in die höchste Aufregung, indem sie die Hoffnung in ihnen erwecken, ihre Freiheit wiederzuerlangen; dies ist erklärlich, denn heute ist die Freiheit gleichbedeutend mit Leben; so gewinnt der falsche Bruder auf ein übereiltes Wort, eine Hoffnung, eine Verwünschung hin sein Geld, indem er den Unglücklichen anzeigt und den verzeihlichen Wunsch, der Guillotine zu entgehen, zu einer großen Verschwörung umwandelt. Ich habe sechzehn Menschen zusammengebracht. Das Betrübendste ist, daß man mit uns so verfährt, als sollte der jetzige Zustand ewig dauern. Die Hälfte des Personals muß bis zur Beendigung der Verhöre beständig auf dem Posten sein. Die Frauen werden fortan in dem Quartier der Gefängnisschließer zugerüstet; die Gerichtsdiener gehen nach der Reihe nach dem Revolutionsplatze und sind nicht mehr von der Laune des Kanzleigehilfen abhängig, woraus sich früher unangenehme Auftritte ergaben; endlich hat uns der öffentliche Ankläger befohlen, die Verurteilten strenge nach dem Aufrufe zu befördern. 24. Floreal. Unter den heute Hingerichteten befand sich Rollet d'Avaux, der ehemalige Präsident der Landvogtei von Riom. Er war sehr alt und sein Gesicht so schwach, daß er kaum allein gehen konnte; seine Verurteilung hatte so mächtig auf ihn gewirkt, daß er fast ohne Verstand war; seine Frau erhielt die Erlaubnis, bei ihm zu bleiben; sie führte ihn an der Hand in das Vorzimmer der Kanzlei; beim Eintreten fragte er sie: »Wohin führst du mich?« Sie antwortete: »Ins Paradies.« 25. Floreal. Wir haben heute Charles Auguste Prévost d'Arlincour, Generalpächter und Vater des am 19. Hingerichteten, fortgeführt. Er war ein Greis von sechsundsiebzig Jahren. Die Sansculotten sind gegen die, welche ihren Tabak verdorben haben sollen, erbitterter, als wenn sie das Brot, welches uns alle nährt, gefälscht hätten. Sie hatten kein Erbarmen mit dem alten Mann. Es würde auch nicht gut sein, dies zu zeigen. Die Zahl der Beobachter, welche uns begleiten, ist wenigstens verdoppelt, seitdem die Bewohner der Straße Honoré sich in ihren Häusern verbergen. 29. Floreal. Bourrée-Corberon, der Sohn des am 1. des vorigen Monats Hingerichteten Expräsidenten, wurde heute guillotiniert, mit ihm zehn von dem Revolutionstribunal und zwei von dem Kriminalgericht Verurteilte. Heute morgen kam einer, der vor Mechanik und Patriotismus verrückt geworden war, und ersuchte mich, das von ihm verfertigte Modell zu einer Guillotine mit drei Fallbeilen zu prüfen; wenn ich noch lachen könnte, so würde mich sein Benehmen außerordentlich belustigt haben. Er war fast rasend vor Stolz über seine Entdeckung und voll Haß gegen die Aristokraten. Nichts Geringeres als das Pantheon müßte ihm, seiner Meinung nach, für seine Entdeckung werden, welche die Ausrottung der Aristokraten vollenden und die Republik auf immer befestigen würde. Er verließ mich, um sich nach dem Sicherheitskomitee zu begeben. So hat also das traurige Wort, welches von der Tribüne des Konvents erscholl: »Nur die Toten kehren nicht wieder!« seinen Weg gemacht. 3. Prairial. Leflot, Douanenkapitän zu Tréguier, wurde heute hingerichtet. Am letzten Rivôse irrte eine Räuberfrau in der Umgegend der Stadt mit einem kleinen Kinde umher; sie litt Kälte und Hunger und härmte sich, ihren Sohn sterben zu sehen, denn vor Ermüdung und Entbehrung hatte sie ihre Milch verloren. Niemand kümmerte sich, ihr ein Obdach oder auch nur einen Bissen Brot zu geben. Ein braver Soldat von den Douanen wagte es, was niemand wagte: er verbarg sie in einer Felshöhle, verschaffte ihr einige Kleidungsstücke, bereitete ihr eine Streu und beraubte sich jeden Tag seiner halben Ration, um sie ihr zu überbringen. Glücklicherweise sind die guten Gefühle ebenso ansteckend wie die bösen. Die anderen Soldaten der Douanen hatten ihren Kameraden gehen und kommen sehen und säumten nicht, ihm sein Geheimnis abzulauschen. Anfänglich versprachen sie nur, zu schweigen, bald aber wurden sie von einer ansteckenden Wohltätigkeitssucht ergriffen und beschlossen, trotz der Dekrete und Gesetze, welche ihnen unbarmherzig zu sein befahlen, jenen noch in der Mildtätigkeit zu übertreffen. Die Räuberfrau wurde mit ihrem Kinde auf einem Küstenfahrer eingeschifft, und während der Nacht brachten sie dieselbe an Bord eines englischen Schiffes, welches sie anriefen, in Sicherheit. Unglücklicherweise blieb der Streich, den sie den Kopfabschneidern gespielt hatten, nicht verborgen; sie schwatzten, und die Geschichte wurde ruchbar. Als der Kommandant Kunde davon erhielt, wollte er die Schuldigen kennenlernen; obgleich jedoch mehr als sechzig die Namen derselben anzugeben wußten, fand sich dennoch nicht ein einziger bereit, sie anzuzeigen. Als der Kommandant den zehnten Mann auszuheben drohte, antworteten sie ihm lächelnd: er sei ein viel zu braver Mann, um dies zu tun. Der Hauptmann Leflot war in der Tat ein braver Mann; er wollte nicht minder mutig und großmütig sein als die Soldaten, welche er befehligte; er zeigte sie nicht bei der Behörde an, sondern rechnete darauf, daß die sich täglich ereignenden wichtigeren Begebenheiten das Gerücht, welches in Tréguier über dieses kleine Ereignis umlief, ersticken würden. Er täuschte sich jedoch und mußte seinen Glauben mit seinem Kopfe büßen. 4. Prairial. Unter den Hingerichteten dieses Tages befanden sich auch drei Brüder: Joseph Henri, Joseph Auguste und Joseph Antoine de Barrème, alle drei vom ersten Husarenregiment. Sie hatten einen nahen Verwandten in der Armee der Emigranten. Eines Tages befand sich der eine von ihnen, Joseph Henri, auf dem Vorposten in geringer Entfernung von diesem Verwandten, der wie er als reitende Schildwache diente. Sie vergaßen beide die Verschiedenheit ihrer Kokarden und umarmten sich noch einmal vor dem Kampfe. Dies war das Verbrechen der drei Brüder, das übrige machte ihre adlige Geburt. Sie starben mutig und erklärten, daß sie von dem alten Regime nur den Tod durch Erschießen bedauerten, worauf sie in ihrer Eigenschaft als Soldaten Anspruch gehabt haben würden. 27. Prairial. Ich kam heute ins klare über die Leibwächter, welche, wie man sagt, dem Bürger Robespierre überallhin folgen. Ich traf ihn an einem sehr abgelegenen Ort, und seine Schildknappen beschränkten sich auf einen schwarzweißen Fleischerhund, der allerdings von Ehrfurcht erweckender Größe und Stärke war. Martin hatte mir heute morgen vorgeschlagen, meinen Dienst zu verrichten; ich nahm es an; ich habe schon lange meinen kleinen Nichten versprochen, sie über Land zu führen, und ich selber wünschte die Guillotine einen Tag zu vergessen. Wir kamen durch Clichy und schlugen einen Fußweg über die Getreidefelder ein. Diese noch grünen Felder sind voller Blumen. Die Kinder sprangen vor Freude und baten mich um die Erlaubnis, einen Blumenstrauß für die Tante zu pflücken; ohne meine Antwort abzuwarten, warfen sie sich in die Ähren. Ich setzte mich an den Abhang des Grabens, und sie liefen weiter. In der Hecke sahen sie wilde Rosen und wollten ihren Blumenstrauß damit vermehren; aber diese Blumen ergaben sich nicht wie die Mohnblumen, und sie erreichten ihren Zweck erst, nachdem sie sich die Finger an den Dornen zerstochen hatten. In diesem Augenblicke sah ich einen Bürger des Weges kommen, von einem großen Hunde gefolgt. Dieser Bürger betrachtete die Kinder und half ihnen bereitwillig. Er pflückte die Blumen, nach denen sie Verlangen hatten, teilte sie zur Hälfte und gab jedem der Kinder einen Teil. Ich sah, wie die Kleinen den Bürger küßten. Plaudernd und lachend näherten sich alle drei meinem Platze. Da erkannte ich ihn. Er trug einen blauen Rock, aber von dunklerer Farbe als am Zwanzigsten dieses Monats, ein gelbes Beinkleid und eine weiße Weste. Sein Haar war mit einer gewissen Zierlichkeit aufgebunden und gepudert. Den Hut hatte er auf ein Stöckchen gesteckt, das er über der Schulter trug. Seine Haltung war sehr steif; er hielt den Kopf ein wenig nach hinten über; seine Gesichtszüge hatten aber einen Ausdruck von Heiterkeit, der mich in Erstaunen setzte. Er fragte mich, ob dies meine Kinder seien. Ich antwortete, sie wären meine Nichten; er wünschte mir Glück über diese artigen Kinder und richtete nach diesem Kompliment wieder Fragen an die Kleinen. Marie machte einen kleinen Blumenstrauß und überreichte ihm denselben; er nahm ihn, steckte ihn in ein Knopfloch und fragte sie nach ihrem Namen, um sich, wie er sagte, daran erinnern zu können, wenn die Blumen verwelkt sein würden. Das arme Kind begnügte sich nicht mit seinem Taufnamen, sondern sagte ihm auch den anderen. Oh, ich habe nie eine auffallendere Veränderung in einem menschlichen Gesicht gesehen! Er fuhr auf, als hätte er auf eine Schlange getreten, und seine Stirn wurde von tausend Runzeln verdüstert. Er richtete unter seinen zuckenden Augenlidern einen starren Blick auf mich; seine blasse Gesichtsfarbe wurde erdfahl; er lächelte nicht mehr, eine schmale, fast unbemerkbare Linie kennzeichnete nur die Stelle seines Mundes und verlieh seinem Antlitz den Ausdruck unbeschreiblicher Härte. In barschem Tone und mit einem Hochmute, den ich bei dem Apostel der Gleichheit nicht erwartet hatte, begann er: »Du bist ein – –« Ich bückte mich, und er sprach seinen Satz nicht zu Ende. Einige Augenblicke blieb er in tiefes Nachdenken versunken; ich glaubte mehrmals, daß er sprechen wollte; er kämpfte sichtlich mit einem Widerwillen, den er nicht zu beherrschen vermochte. Endlich bückte er sich zu den Kindern nieder, umarmte sie mit großer Zärtlichkeit, rief seinen Hund und entfernte sich schnellen Schrittes, ohne mich anzusehen. Ich kehrte grübelnd heim, indem ich mich fragte, ob man über den Schrecken eines Menschen, der sich vor dem Beile, womit er tötet, entsetzt, lachen oder weinen müsse. Vielleicht dachte er auch, als er mich sah, an Dantons Verwünschungen. Ränke um Robespierre Der Prozeß der »Mörder Robespierres«; die Saint Amaranthe; die »große, rote Messe«; Ladmiral, Cecile Rénault; Collot d'Herbois, Vadier, die Wahrsagerin; die Gefangenen von Bîcetre. Robespierre predigt zwar bei den Jakobinern gegen die Duldsamkeit, hütet sich aber wohl, in einer Sitzung zu erscheinen, wo das künftige Kontingent der Guillotine aufgestellt wird; mit anderen Worten, er überläßt seinen Amtsgenossen das ganze Gehässige der Rolle der Ächter und ist darauf bedacht, eines Tages seine Hände rein von allem vergossenen Blute zeigen zu können. Aber jene haben seine Taktik erraten; zuerst erschraken sie, dann suchten sie die Waffen, die er ihnen zu ihrem Verderben überlassen hatte, gegen ihn zu kehren. Sie machten mit dem Prozeß, den man den Prozeß der Mörder Robespierres nennt (als ob Collot nicht ebensogut wie er getroffen worden wäre!), ein ungeheures Aufsehen; während sie ihn durch die aufsehenerregende Hinrichtung seiner Mörder als einen darstellten, der nach der Allgewalt strebt, versuchten sie zu gleicher Zeit den Ruf, der die Stärke des Unbestechlichen ausmacht, zu untergraben. Sie verwickelten in diese Angelegenheit zwei Frauen, die Saint Amaranthe, mit welchen der jüngere Robespierre in Verbindung stand, und ließen verschiedene Gerüchte verbreiten. Die eine dieser Frauen soll Maximilians Mätresse gewesen sein und dieser ihren Kopf verlangt haben, weil sie bei Gelegenheit einer Schwelgerei erfahren habe, er strebe nach dem Königtum; die junge Saint Amaranthe würde auf die Guillotine geschickt, weil sie die Anträge Saint Justs zurückgewiesen hätte. Dies alles wird in der Conciergerie und in der Umgebung des Schafotts erzählt; es ist eben weiter nichts als ein Ränkespiel des Komitees, aber dennoch von der größten Wirkung. Die Bürgerin Saint Amaranthe, die Mutter, hielt in Nr. 50 des Palais Egalité ein Spielhaus, wohin einige angesehene Personen und viele Ränkeschmiede kamen: Danton, Hérault de Séchelles, Lacroix, der jüngere Robespierre, Desfieux, Proly und jener berühmte Baron von Batz, dessen die Polizei nicht habhaft werden konnte. Ihre junge und hübsche Tochter, die nicht wenig dazu beitrug, dem Spielhause Kunden zu verschaffen, war mit Sartine, einem Neffen des ehemaligen Polizeileutnants, verheiratet. Dem Gesetz über die Verdächtigen gemäß hat man nicht nur die ganze Familie, sondern alles, was selbst mittelbar damit in Verbindung stand, verhaftet: Maria Grandmaison, eine ehemalige Schauspielerin vom italienischen Theater und Sartines Mätresse, und Marie Nicole Bouchard, die Magd der Maria Grandmaison, letztere war achtzehn Jahre alt, schien aber nicht älter als vierzehn. Sie war so fein und zart gebaut, daß ein Tiger mit ihr Mitleid gefühlt hätte. Als sie in das Vorzimmer der Kanzlei hinunterkam und ihre kleinen Händchen Larivière zum Binden hinhielt, wendete sich dieser an Desmorets, meinen ersten Gehilfen, mit den Worten: »Nicht wahr, das ist zum Lachen?« Desmorets zuckte die Achseln, und die Kleine lächelte unter Tränen. Darauf warf Larivière die Stricke fort und rief: »Suche einen anderen, der dich fesselt! es gehört nicht zu meinem Handwerk, Kinder zu spänen!« Sie war ruhig, gefaßt, beinahe heiter. Der Aufbruch wurde verzögert; man hatte nur für Ladmiral, Saintenax und die vier Rénault rote Hemden besorgt, als die Anordnung vom Komitee eintraf, daß alle vierundfünfzig ohne Ausnahme damit bekleidet werden sollten. Während man dieselben holte, setzte sich die Nicole Bouchard zu den Füßen der Grandmaison, die sehr niedergeschlagen war, und bemühte sich, sie zu trösten. Sie bat um die Erlaubnis, sich neben sie in den Karren setzen zu dürfen, was man ihr auch nicht verweigerte. Ich glaube, wenn sie um das Leben gebeten hätte, würde niemand gezaudert haben, ihre Fesseln zu zerschneiden und ihre Stelle einzunehmen. Was wir fühlten, empfand seinerseits auch das Volk. Der Zudrang war beträchtlich und stand im Verhältnis zu dem Aufsehen, welches man mit dieser Hinrichtung machte. Die ungeheure Anzahl von Gendarmen und Geschützen, welche uns folgten, hatte die Pariser aus den Häusern gelockt. In den ersten Karren saßen fünf oder sechs Frauen, alle jung und hübsch, und ihr Anblick stimmte wie gewöhnlich zum Mitleid; als aber Nicole Bouchard erschien, erreichte der Unwille den höchsten Grad. Von allen Seiten vernahm man Murren, und an mehr als zehn Stellen rief man: »Keine Kinder!« In der Vorstadt Antoine sah man, wie die an den Fenstern stehenden Frauen die Hände falteten, lebhaft miteinander sprachen und mit den Fingern auf sie zeigten; viele weinten. Ich wagte es während des ganzen Weges und auf dem Platze des umgestürzten Thrones nicht ein einziges Mal, den Kopf nach ihr umzuwenden. In der Conciergerie hatte ich sie angeblickt, und ihre großen schwarzen Augen schienen mich damals zu fragen: »Nicht wahr, du wirst mich nicht sterben lassen?« Und doch ist sie gestorben. Sie war die neunte, welche hinaufstieg. Als sie, von dem Gehilfen geführt, an mir vorüberkam, fühlte ich mich unwillkürlich zu ihr hingezogen und rang mit schwachen Kräften gegen eine innere Stimme, die mir zurief: »Zertrümmere lieber die Guillotine, als daß du dieses Kind umbringen lassest!« Die Gehilfen stießen sie fort, und ich hörte, wie sie mit leiser Flötenstimme fragte: »Bürger, bin ich so recht?« Ich wendete mich schnell um, meine Augen waren mit einer Wolke verschleiert, und ich fühlte meine Knie beben. Martin leitete die Hinrichtung und sagte zu mir: »Du bist krank, geh nach Hause! Ich werde allein bleiben.« Ich stieg schweigend vom Schafott und ging fort, ohne mich umzusehen. Meine Gemütskrankheit verließ mich den ganzen Tag nicht. An der Ecke der Straße Saintonge kam eine Bettlerin auf mich zu und bat mich um ein Almosen. Ich hielt sie für jenes junge Mädchen und wäre beinahe zu Boden gesunken. Heute abend, als wir uns zu Tisch setzten, behauptete ich gegen meine Frau, Blutflecke auf dem Tischtuche zu sehen.   Die Hinrichtungen vom 29. Prairial (die »große rote Messe«, zu der Voulland seine Kollegen einlud) gehören zu den wichtigsten Ereignissen der letzten und entsetzlichsten Periode der Schreckensherrschaft. Ladmiral, der Mörder von Collot d'Herbois, war ein Mann von fünfzig Jahren und zu Aujolet in Puy-de-Dôme geboren; er war nicht von hohem Wuchs, aber kräftig gebaut; sein Antlitz war ernst und düster; bei seinem Verhör vor dem Gerichtshofe und in seinem letzten Augenblicke bewies er große Festigkeit. Alles in seiner Haltung wie in seiner Verteidigung bezeugt, daß er zu jenen Fanatikern gehörte, die sich für die Rächer der unterdrückten Gesellschaft halten. Aus den Verhandlungen ergibt sich deutlich, daß zwischen dem Attentat von Ladmiral und jenem von Cécile Rénault keinerlei Zusammenhang bestand. Cécile Rénault war die Tochter eines Papierfabrikanten, der in der Stadt, in der Laternenstraße, an der Ecke der Straße Marmouzets wohnt. Wie Charlotte Corday schöpfte sie ihren Entschluß aus dem Haß gegen die Tyrannei, vielleicht auch aus Abscheu gegen die täglichen Hinrichtungen. Besaß sie gleich die erhabenen Gefühle und die Todesverachtung ihrer Vorgängerin, so doch bei weitem nicht eine so erhabene Seele wie die junge Normännin. Sowohl bei Ausführung ihres Planes wie in Antworten vor Gericht zeigte sie sich als ein Weib; sie erscheint bei Robespierre mit zwei Messerchen, einer Art Kinderspielzeug, bewaffnet, und in ihrem Verhör gibt sie einen schüchternen, fast sanften Haß und unklare Bestrebungen kund. Alles an ihr zeugt eher von einem unbestimmten Verlangen, mit dem Leben abzuschließen, als von jenem männlichen Willen, welcher Charlottes Arm stählte und sie auch auf dem Schafott nicht verließ. Wenn man die ärmlichen Mittel betrachtet, mit welchen Cécile Rénault ihren Zweck zu erreichen glaubte, so fragt man sich, ob sie nicht schwachsinnig und irre und von jenem ansteckenden Todesfieber ergriffen gewesen, welches in jener Zeit die Exaltierten antrieb, der Guillotine Trotz zu bieten. Es ist mehr als ein Grund vorhanden, dies anzunehmen und den Schluß zu ziehen, daß Robespierre, durch die Popularität beunruhigt, welche Ladmirals Pistolenschuß dem Collot d'Herbois verschaffte, dem ungeschickten Antriebe nachgab, den kleinen Messern der armen Wahnsinnigen eine ernste Bedeutung beizulegen. Wie dem auch sei, so wurde ihre ganze Familie in die Proskription einbegriffen; ihr dreiundsechzig Jahre alter Vater, ihre Tante, eine ehemalige Nonne, und einer ihrer Brüder wurden mit ihr vor Gericht gestellt. Außer Sartine und den beiden Saint Amaranthe, Mutter und Tochter, hatte man noch einen Studenten der Wundarzneikunde, Saintenax, beigefügt, der sich zu Choisy, wo er wohnte, beifällig über Ladmirals Attentat ausgesprochen hatte; ferner mehrere ehemalige Polizeibeamte, unter anderen Michonis, der in die Geschichte von der Nelke, die man der Königin dargeboten, verwickelt war; mehrere vornehme Herren, die Witwe von d'Espremenil und andere. Die Mehrzahl war an dem großen Finanzkomplott beteiligt, deren Haupt der Baron von Batz war. Diese Verschwörung wurde durch eines der Kunststücke, worauf sich Fouquier-Tinville so musterhaft verstand, mit den Attentaten Ladmirals und der Cécile Rénault zusammengeworfen. 30. Prairial. Heute am Decadi findet keine Hinrichtung statt. Ich verbrachte den Tag zu Hause, wo ich die Zeitung las. Robespierres Feinde haben noch etwas Wirksameres gegen ihn aufgebracht, als der gestrige Tag bot. Es gibt Gläubige, welche Litaneien zu seiner Ehre hersagen. Wenn sich der Glaube verbreiten ließe, daß er seine Seligsprechung annimmt und für Ernst hält, so könnte er sich nicht wieder von seinem Falle aufrichten, und diesen Versuch machte Vadier in der Sitzung des 27. – Ein Polizist der Komitees, Sénart, entdeckte in Nr. 17 der Contrescarpe eine alte Frau namens Catharina Theot, die sich vom Wahrsagen nährt, die Ankunft eines Heilandes verheißt und allen denjenigen, die sich in seine Mysterien einweihen lassen, Unsterblichkeit der Seele und des Leibes verspricht. Drei junge Mädchen, die man die »Aufklärerin«, die »Sängerin« und die »Taube« nannte, leisteten der Priesterin bei ihren Mummereien Beistand; auch war ein ernster Mann, Christoph Gerle, ein ehemaliger Karthäuser und Mitglied des Verfassungsrates, dabei beteiligt. Man soll bei der Hexe einen an Robespierre gerichteten Brief gefunden haben, in welchem sie ihn ihren lieben Sohn nennt. Da sie sich selber die »Mutter Gottes« nennt, so konnte Vadier leicht einen passenden Schluß machen. Alle, welche ihn hörten, hatten schon begriffen, daß der Messias, der Prophet, der Erlöser kein anderer sein könne als Robespierre. Vadier wußte wohl, daß ein Gott, über den man gelacht hat, ein ziemlich kranker Gott ist; er begnügte sich daher, den Konvent durch die Erzählung von dem Verfahren jener Narren und Närrinnen zu erheitern; er erzählte von den sieben Küssen, welche die Adepten der Mutter Gottes auf das Kinn geben und dafür sieben Gaben empfangen, von den Kniebeugungen der Aufzunehmenden usw. Man hörte den Bericht mit rauschendem Beifall und erklärte sich einstimmig dafür, daß derselbe gedruckt und an alle Gemeinden der Republik geschickt würde. Catharina Theot, Dom Gerle, Quesormont, der Arzt von d'Egalité, die ehemalige Marquise von Chastenois, Marie Madeleine Amblard, die Witwe Godefroid, alle Anhänger der Sekte, sind vor das Revolutionstribunal gestellt worden. Dies ist der schärfste Angriff, den Robespierre bisher erlitten hat; wir wollen sehen, wie er ihn abwehren wird. 5. Messidor. Vom 1. bis zum 4. Messidor wurden zweiundneunzig Verurteilte hingerichtet. Unsere Toten setzen alle Lebenden in der Umgegend, wo wir sie begraben, in Schrecken. Die Bewohner der Sektion Montreuil, wohin wir sie jetzt schicken, beklagen sich ebenso, wie sich die Bürger von Madeleine und von Batignolles beklagt haben, und da sie kein Blatt vor den Mund nehmen, werden ihre Beschwerden eher berücksichtigt werden als die ihrer Vorgänger. Die Eleven im Salpètre, welche in der ehemaligen Margaretenkirche arbeiten, haben erklärt, der Pestgeruch würde so unerträglich, daß, wenn man die Körper noch länger auf dem engen Kirchhofe, welcher die Werkstätten umgibt, beerdigte, eine unvermeidliche Epidemie unter ihrem Personal ausbrechen würde. Nach vielem Schwanken und Hin- und Herreden hat die Gemeinde einen besonderen Platz zur Aufnahme der Leichname der Hingerichteten angewiesen: es ist der Garten des ehemaligen Klosters der Stiftsdamen von Picpus. Man hat eine lange und breite Grube angelegt, wie man solche auf den Schlachtfeldern zu graben pflegt. Die heute Hingerichteten sind zuerst hineingekommen. 8. Messidor. Die übrigen Gefangenen von Bicêtre, welche von Valagnos' Anzeige betroffen wurden, sind heute hingerichtet worden. Unter ihnen befand sich der ehemalige Volksrepräsentant Osselin. Derselbe hatte in einem Häuschen in der Umgegend von Marly eine emigrierte Frau, Madame Charly, versteckt gehalten; diese großmütige Handlung kostete ihm erst die Freiheit, dann das Leben. Er hatte die Unvorsichtigkeit begangen, sein Geheimnis einem Elenden, den er für seinen Freund hielt, anzuvertrauen. Als dieser bei Madame Charry eingeführt wurde, verliebte er sich in die schöne Geächtete und forderte für sein Stillschweigen einen Preis, der die junge Frau empörte; sie wies seine Anträge zurück, und am anderen Morgen drang die bewaffnete Macht in ihren Zufluchtsort: sie wurde verhaftet, vor das Tribunal geführt und guillotiniert. Das Gesetz, welches den mit dem Tode bestraft, der einem Verurteilten ein Asyl einräumt, war noch nicht erlassen. Osselin wurde zu zehn Jahren in Eisen verurteilt, in das Gefängnis von Bicêtre geworfen und mit der Hefe der Verbrecher zusammengebracht. Durch seine frühere Stellung und namentlich durch seine Verbindung mit der Partei Dantons wurde er denjenigen auffällig, welche in den Gefängnissen aufzuräumen unternommen hatten; er mußte eine Rolle unter den Verschworenen spielen, die – nach Fouquiers Versicherung – die Herzen der Komiteemitglieder auf den Bratspieß stecken und zum Abendbrot zubereiten wollten. Er war entschlossen, sich der Hinrichtung zu entziehen, und es gelang ihm, einen großen Nagel aus einem Balken in seinem Kerker zu ziehen, den er sich gestern früh dreimal in die Eingeweide stieß, ohne daß es ihm gelang, sich zu töten. Der Arzt in der Conciergerie hatte eine Anwandlung von gesunder Vernunft und Menschlichkeit, die allerdings nicht zu lange anhielt. Als man Osselin abholen wollte, um ihn nach dem Tribunal zu führen, stellte der Arzt vor, es sei eine unnütze Barbarei, denn die drei Wunden, welche Osselin im Bauche hätte, verurteilten ihn schon sicherer zum nahen Tode als alle Beschlüsse des Tribunals. Letzteres aber verzichtete nicht gern auf den einzigen Kopf, welcher der dunklen Ernte aus Bicêtre einiges Licht verlieh; Liendon bestand darauf; man brachte Osselin nach dem Verhörzimmer, und Dumas war bereit genug, sein Stöhnen für Antworten zu nehmen. In dem Augenblicke, wo man ihn ins Vorzimmer der Kanzlei trug, wurde er ohnmächtig. Man ließ ihn Essig einschlürfen, wodurch er wieder zu sich kam; als sich seine Augen wieder öffneten, richteten sie sich mit schmerzlichem Erstaunen auf seine Umgebung, und er sprach: »Wie, wird denn dieser Tod nicht kommen?« Er versuchte seine Hände, die ein Gehilfe festhielt, loszumachen, um sich den Verband von der Wunde zu reißen. Der Arzt, der ihn behandelte, sagte: »Seid ruhig, es ist weit von hier bis zur Guillotine, und wenn nicht ein Wunder geschieht, werdet Ihr dort ankommen, ohne noch Unannehmlichkeiten mit ihr zu haben.« Diese Weissagung wurde nur zur Hälfte verwirklicht. Als wir unten ankamen, gab Osselin, den man auf einer Matratze in den Karren gelegt hatte, kein Lebenszeichen; sein Auge war gläsern, seine Lippen bleich, sein Mund stand weit offen. Ich hielt ihn für tot und befahl Desmorets, eine Decke über den Leichnam zu werfen und ihn im Karren zu lassen; aber der Arzt, der uns begleitet hatte, bestand darauf, daß er noch lebe und das Urteil vollzogen werden sollte. Als ich mich dagegen auflehnte, sprach er: »Dummkopf, wenn er tot ist, so kommt es nicht darauf an, wenn er mit dem Kopfe unter dem Arme in der anderen Welt anlangt; lassen wir ihn aber liegen und er kommt zufällig wieder zum Leben zurück, so werden wir beide sicherlich Unannehmlichkeiten davon haben.« Man trug ihn auf das Fallbrett; als aber das Messer fiel, zitterte keine Fiber an ihm, und was auch der Arzt behaupten mag, ich bin doch überzeugt, daß wir einen Leichnam geköpft haben. Die Verschwörungen in den Gefängnissen Das St.-Bartholomäus-Gericht hat seinen Gipfel erreicht. Die Prozesse des Luxembourg, der Karmeliter, von Saint Lazare; Baron v. Trenck. Jenes schauerliche Hilfsmittel, der Schrecken genannt, hatte alle Vervollkommnung, deren es fähig war, erhalten. Sein Personal von Angebern, Lieferanten, Richtern, Geschworenen, Anklägern und Exekutoren wirkte mit an dem Werke, mit der unerschütterlichen Regelmäßigkeit eines metallenen Räderwerks, und das Ganze ging seinen Gang mit der Unempfindlichkeit einer Maschine. Diejenigen aber, welche dieser Maschine ihre Bewegung erteilt hatten, erlagen ihrerseits dem Schwindel, in welchen sie Frankreich zu versetzen beabsichtigt hatten. Weder Wachen noch Höflinge verhinderten die neuen Tyrannen, in unmittelbaren Verkehr mit dem Volke zu treten. Die Gefühle und Meinungen der Menge konnten ihnen nicht entgehen; sie mußten folglich erfahren haben, daß dem Abscheu das Mitleid folgen werde. Ihr Gewissen blieb ohne Zweifel nicht stumm, sondern sprach vielleicht noch deutlicher als die Spione; aber das Blut hat seinen Rausch wie der Wein, einen viel schrecklicheren Rausch. Die Männer von 93 konnten jenem Wahnsinn nicht entrinnen, der den Mörder antreibt, den Körper noch einmal zu treffen, den sein Dolch bereits zum Leichnam gemacht; eine innere Stimme sagte ihnen, daß sie die Stunde zur Rückkehr an dem Tage versäumt hätten, wo sie gestatteten, daß die Köpfe Dantons und Desmoulins' fielen. Auf dem verhängnisvollen Abhange fortgestoßen, folgten sie dem Antriebe, geblendet und betäubt, indem sie den Fall errieten, den Abgrund ahnten, aber beständig von einer Zerstörungswut beherrscht wurden, die nur einem Gefühl Raum ließ: dem Entsetzen! Für diese wütenden Konventmitglieder, vor welchen Europa bereits ein Knie gebeugt hatte, gab es eine noch viel schrecklichere Drohung als den Schrei ihrer Gewissen, als den Unwillen der öffentlichen Meinung; diese Drohung war die Abwesenheit Robespierres. Der Mann im blauen Rock, der Wirt des Hauses Duplay, dieser anscheinend so demütige und doch so furchtbare Mann, besuchte nicht mehr die Salons des Komitees; er erschien auch nicht mehr im Konvent und zeigte sich nur von Zeit zu Zeit bei seinen getreuen Jakobinern. Er war seiner Herrschaft so gewiß, daß er nur sein Haupt abzuwenden brauchte, um diejenigen, die von seinem Blicke gemieden wurden, zittern zu machen, daß sie in ihren Träumen die Schatten von Danton, Camille, Fabre, Hébert, Chaumette und vielen anderen erblickten, die gestorben waren, weil Robespierre ihren Tod gewollt hatte. Was wollte er? Was verlangte er? Nach welchem Ziele sollte man, seinem Willen gemäß, schreiten? Sollte man ihm noch einmal die Köpfe der dreiundsiebzig Girondisten bieten, die den 31. Oktober überlebt hatten, und die er bereits großmütig abgelehnt? Sollten diejenigen, welche seiner Politik auf dem Berge gedient hatten, ihm aber auch in seinem Patriotismus gleichkommen und ihn in seiner Strenge übertreffen wollten, sich als gehorsame und ergebene Opfer unter die Räder seines Triumphwagens werfen? Von wo wollte er den neuen Tribut von Köpfen, den man ihm schuldete, nehmen? Von der rechten oder der linken Seite des Konvents? Dies war das Rätsel, welches Robespierres Zurückhaltung aufgab. Man suchte die Lösung dazu in den Sitzungen der vereinigten Mitglieder der Versammlung. Jeder von ihnen suchte es noch im nächtlichen Halbschlummer aufzuklären, ohne daß es einem gelang. Dieser Zweifel war erschreckend und noch schwerer als eine unmittelbare Proskription zu ertragen. Die Beschlüsse und das Benehmen der Komitees mußten unter der Besorgnis, welche dieser Zweifel in den Gemütern erweckte, leiden; dieser Besorgnis muß man es ebensowohl wie den oben angedeuteten Grundsätzen der sittlichen Ordnung zuschreiben, daß sich die Hinrichtungen während der Monate Messidor und Thermidor so außerordentlich vermehrten. Weit entfernt, die Geheimnisse von Robespierres Politik ergründet zu haben, glauben sie das Heil in jenem Gesetze vom Prairial zu finden, in jener zweischneidigen Waffe, welche die Triumvirn nur in ihre Hände legten, in der Hoffnung, daß sie sich die Finger damit zerschneiden würden: sie verlangen den strengsten Vollzug desselben. Vielleicht hoffen einige von ihnen, wie Amar und Vadier in dem Prozeß der Rothemden, daß das vergossene Blut über die wirklichen Urheber des Metzeleigesetzes kommen werde; aber die übrigen, wie Billaud-Varennes, Voulland, Collot und andere, bleiben der Überzeugung, daß es keinen sichereren Verbündeten gäbe als den Tod, daß der Sieg denjenigen gehören müsse, die, indem sie die blutige Fahne des Schreckens so weit wie möglich in den Vordergrund pflanzen, der Revolution die meisten Pfänder gegeben haben; sie beeifern sich, die Listen zu vermehren, welche ihnen jenes Komitee des Louvre zustellt, das jeden Tag die Hekatombe für den folgenden Morgen auswählt. Die Partei von Robespierre, welcher dieser wahrscheinlich seine Absicht gar nicht mitgeteilt hat, kann ihrerseits nicht darein willigen, sich übertreffen zu lassen. Die einen wie die anderen überlassen sich einem schrecklichen Wetteifer in patriotischen Überschreitungen, und die unglücklichen Verdächtigen müssen die Kosten davon tragen; die Köpfe der letzteren sollen demjenigen, der die Partie verlieren oder gewinnen wird, als Spielmarken dienen. Den Prozeß von Bicêtre, den das Sicherheitskomitee ins Werk gesetzt hatte, erwidern die Robespierristen mit dem Prozeß des Luxembourg; der Zahl vierundsiebzig setzten sie hundertfünfundvierzig entgegen; gegen die durch vorhergegangene Verurteilung gebrandmarkten Leute haben sie ehrwürdige Magistratspersonen, Adlige, Priester, vornehme Herren, echte Aristokraten aufzubieten. Der süßliche Herman übernahm die Aufgabe, die Verschwörung auszuarbeiten und so viel Blut als möglich daraus zu pressen. Einer der Verwalter des Luxembourg, Wiltcherich, der nicht erst sein Probestück abzulegen, sondern schon die große Verschwörung von Dillon und der Ehefrau Desmoulins' zurechtgemacht hatte, half ihm treulich bei seiner Aufgabe. Wiltcherich verband sich mit untergeordneten Mitarbeitern: einem Hauptmann Boyenval, den die Revolutionsarmee als unwürdig ausgestoßen hatte; einem gewissen Beausire, einem Pamphletschreiber, der nur durch die traurige Berühmtheit seiner Frau, der Oliva, im Halsbandprozeß berühmt geworden war; einem Kerkermeister namens Verney; einem ehemaligen Adjutanten von Cartaux, namens Amans, einem wahren Galgenstrick. Zu einer Beratung versammelt, trafen die vier Räuber ihre Auswahl. Es sind nicht nur ehemalige Namen von Bedeutung und ehemalige Rangstufen, welche die Schuldigen für die rächende Anzeige jener ehrlichen Bürger kennzeichnen, es ist auch der Haß, die Laune oder ein verliebtes Phantasiestück. Der eine ist ein Verschworener, weil er sich geweigert hat, mit dem Schurken aus einer Tabaksdose zu schnupfen; ein anderer, weil er sich gegen den Gefängnisschließer nicht großmütig genug zeigte; ein dritter, weil er der Gemahl einer Frau war, die der galante Boyenval angenehm fand: alle, weil sie den geheimen, aber nicht sehr strafbaren Wunsch hegten, nicht im Gefängnis zu verfaulen oder unter der Guillotine zu sterben. Das nennt man Geschichte, und man glaubt zu träumen, indem man sie niederschreibt. Als die Zahl der Verschwörer sich auf hundertvierundfünfzig belief, hielt man inne: die Totalsumme schien genügend für eine erste Probe, und Boyenval und seine Freunde hatten den guten Willen, ein Weiteres auf die Zukunft zu versparen. Die so entworfene Liste wurde im Namen des Wohlfahrtskomitees und des Bureaus der allgemeinen Polizei, welchem Herman vorstand, unmittelbar Fouquier-Tinville zugefertigt, ohne weder der Kommission des Louvre noch dem Sicherheitskomitee mitgeteilt worden zu sein. Zu jener Zeit hatte der solide Fouquier Anfälle von Schwäche, die allerdings rein nervöser Natur waren. Einige Tage vorher erzählte er einem Mitgliede vom Komitee, als er aus den Tuilerien gekommen, habe es ihm geschienen, als ob die Seine aus blutigen Fluten bestände; und während er sprach, bemerkte sein Zuhörer, daß er bleicher als ein Gespenst aussah und sein Haar sich auf dem Kopfe emporsträubte. Litt er an einem Anfalle von Wahnsinn? oder wollte er seinen Meistern boshafterweise die famosen Motive, die man bei dem Urteil der Gefangenen von Bicêtre ausgesprochen, wieder vorhalten, als er in bezug auf die Verschwörung vom Luxembourg den Gedanken faßte, die Hundertvierundfünfzig mitsammen zu richten und zu diesem Zwecke in dem Saale der Freiheit eine ungeheure Stufenestrade zu erbauen, die sich bis zur Decke erheben sollte? Das Wohlfahrtskomitee, in welchem bei Robespierres Abwesenheit Couthon die Gewalt des Triumvirats zur Geltung brachte, forderte Fouquier-Tinville vor und befahl ihm, auf seine Estrade zu verzichten. Die »Verschwörer« des Luxembourg wurden von Herman in drei Klassen geteilt, die in drei Sitzungen gerichtet werden sollten. Die erste erschien am 19. Messidor vor Gericht; sei es nun, daß Fouquier den Vorwurf, den ihm die Robespierristen machen konnten, austilgen wollte, sei es, daß Hermans Beispiel seinen Eifer angestachelt hatte, so hat doch niemals, selbst nicht vor dem Revolutionstribunal, ein Verfahren unter solcher Mißachtung der gewöhnlichen Billigkeit stattgefunden. Es ist ein Angeklagter namens Maurin, dessen Vornamen nicht mit denen, die der Gerichtsschreiber liest, übereinstimmen. Er tut Einspruch. Fouquier liest die Anklageschrift, ändert sie und verlangt, daß der Maurin, der im Verhör anwesend ist, unter Anklage gestellt werde. Einen Schließer namens Lesenne läßt er wegen falschen Zeugnisses einkerkern, weil er mutig erklärt hat, die Verschwörung bestände nur in der Einbildung der Ankläger. Diese Ankläger werden aufgerufen; ihr Zeugnis stimmt um so besser überein, da es falsch und im voraus abgekartet ist. Neunundfünfzig Angeklagte saßen auf den Bänken, neunundfünfzig wurden zur Guillotine geschickt, darunter ein Greis von achtzig Jahren. Der zweite Schub wurde am 21. Messidor abgefertigt. Derselbe bestand aus fünfzig Angeklagten. Die Sitzung hatte das Merkwürdige, daß zwei der Überführten freigesprochen wurden; der eine derselben war freilich ein Kind von vierzehn Jahren. Unter den Verurteilten befand sich die Familie Malessy, aus Vater, Mutter und Tochter bestehend. Diese Tochter, die Marquise von Bois-Bérenger, deren Gemahl im Jahre 1791 ausgewandert war, hatte sich scheiden lassen, um sich die ihr zugehörigen Güter zu erhalten; dieses Zugeständnis, welches sie der damaligen Gesetzgebung gemacht, sicherte sie nicht vor der Ächtung; als verdächtig verhaftet, wurde sie mit ihrer Familie im Luxembourg-Gefängnis vereinigt. Sie waren alle in Boyenvals Anzeige mit einbegriffen; infolge einer Nachlässigkeit des Gerichtsschreibers aber empfing Frau von Bois-Bérenger keine Anklageschrift. Anstatt sich über die Hoffnung, noch leben zu können, zu freuen, geriet sie in Verzweiflung, das Schicksal ihrer Geliebten nicht teilen zu können. Als ihr endlich das verhängnisvolle Papier zugestellt wurde, sank sie ihrer Mutter mit den Worten in die Arme: »Gott sei Dank! Liebe Mutter, wir werden zusammen sterben!« Diese mutige Begeisterung verließ sie selbst auf dem Schafott nicht. Die dritte Klasse der »Verschwörer« vom Luxembourg wurde am folgenden Tage, dem 22. Messidor, gerichtet. Zu dieser gehörte Leclerc de Buffon, der Sohn des berühmten Naturforschers. Als er das Schafott bestieg, blieb er auf der Plattform stehen und wendete sich an das Volk mit den Worten des Vorwurfs: »Ich bin der Sohn Buffons.« Ein anderer, Caradeuc de la Chalotais, war anerkanntermaßen in einem Zustande der Verrücktheit. »Aber,« wie Dumas sagte, »man weiß, woran man sich in bezug auf die Moralität eines ehemaligen Staatsanwalts vom Parlament von Rennes zu halten hat«, und die Verrücktheit wurde bei der Prüfung seiner früheren Amtsverrichtung nicht weiter berücksichtigt. Vom 15. Messidor ab sinkt die Zahl der täglichen Opfer niemals unter dreißig, beläuft sich einigemal auf sechzig. Das Verfahren, mit dessen Hilfe man das Luxembourggefängnis gereinigt, hatte sich zu gut bewährt, als daß man hätte Anstand nehmen sollen, dasselbe auch auf andere vollgepfropfte Gefängnishäuser anzuwenden; die Zahl belief sich bereits auf mehr als achttausend Gefangene. Es war abermals Hermans Bureau, welches die Anzeigen erhielt oder vielmehr hervorrief, und zwei andere Aufführungen der Luxembourgkomödie, oder vielmehr -tragödie, führten einundfünfzig Gefangene von den Karmelitern und siebenundsiebzig aus dem Gefängnisse Saint Lazare auf die Bänke des Tribunals. Die bei den Karmelitern Verhafteten waren beschuldigt, einen Plan zur Flucht gemacht zu haben; elendes Geklatsch vervollständigte eine Reihe von Beschuldigungen, welche das öffentliche Ministerium zu einer großen Verschwörung stempelte! Am folgenden Tage, dem 6.Thermidor, erschienen ihrerseits die Gefangenen von Saint Lazare. Ein Gipsgießer namens Manini und ein Schlosser Coquery waren die Aufwiegler bei diesem letzten Komplott. Diese waren aber nicht so geschickt wie Boyenval und Beausire. Sie sagten aus, es seien ihnen ungeheure Summen geboten worden, wenn sie einwilligen würden, die Eisenstäbe eines Fensters im ersten Stockwerke zu durchsägen. Diese Fabel war im höchsten Grade abgeschmackt, denn jenes Fenster war das einzige, welches mit solchen Eisenstangen versehen war, und es blieb wenigstens ungeschickt, zu behaupten, daß die Gefangenen gerade diesen Weg erwählt haben sollten. Jenes Fenster lag freilich einer Terrasse gegenüber, von welcher man leicht ins freie Feld hinabsteigen konnte, dazwischen befand sich aber noch ein Raum von 25 Fuß, und außerdem stand gerade unter dem vergitterten Fenster eine Schildwache bei Tag und Nacht. Sie bemäntelten ihre schlecht erfundene Fabel, indem sie versicherten, daß die Mäuse ihre Falle nicht bloß hätten zernagen wollen, um die Freiheit zu erlangen, sondern daß sie danach strebten, ein großes Blutbad unter den Katzen anzurichten, die Komitees, den Konvent, die Nationalgarde und vielleicht alle Franzosen niederzumetzeln. Diese Angabe machte natürlicherweise die Wahrscheinlichkeit ihrer früheren Aussagen unnütz. Einer anderen Ungeschicklichkeit zufolge hatten sie ganz unbedeutende Gefangene als Häupter der Verschwörung angegeben, wodurch das Tribunal sich gerade nicht von dem Vorwurf, den ihm der Konvent gemacht hatte, reinigen konnte: nämlich von dem Vorwurfe, daß es die großen Schuldigen verschone und sich auf unbedeutende Verdächtige richte. Herman half diesem Übelstande ab, indem er den Urhebern der Verschwörung zwei moutons beifügte, welche die Verwaltung in Saint Lazare unterhielt. Auf diese Weise kam man zu einer Liste, die sich sehen lassen konnte. Auf derselben standen unter anderen die beiden de Vergennes, Vater und Sohn, die ehemalige Äbtissin von Montmartre, Marie Louise von Laval-Montmorency, der Herzog von Beauvilliers und seine Gemahlin; Joly de Fleury, ehemaliger Generaladvokat beim Pariser Parlament; die Prinzessin von Monaco; der Baron de Bléset; Albert de Berulle, erster Präsident des Parlaments zu Grenoble. In dieser Sitzung machte Fouquier-Tinville ein scheußliches Wortspiel, das eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Frau von Laval-Montmorency war taub. Als Coffinhal, der den Vorsitz führte, sie verhörte, schwieg sie still, und als Fouquier das Wort an sie richtete, bemerkte einer der Anwesenden, daß die Angeklagte nicht hören könne. »Das ist gut, das ist gut« – murmelte Fouquier – »wir werden im Urteil schreiben, sie habe sich sourdement (taub und heimlich) verschworen.« Fünf der verurteilten Frauen erklärten sich für schwanger. Die Gesundheitsbeamten vom Tribunal gaben ihr Gutachten dahin ab, daß in bezug auf drei von ihnen: die Baronin von Hinisdal, die Frau Meursin und Frau Joly de Fleury, kein Anschein einer Schwangerschaft vorhanden sei. Frau von Monaco zog in ehrenhafter Weise ihre Aussage in einem an Fouquier gerichteten Briefe zurück; sie wurden am 8. Thermidor guillotiniert. Die Herzogin von Beauvilliers war die einzige, welche dem sicheren Tode entrann. Am 7. Thermidor lieferten die Verschworenen des Gefängnisses von Saint Lazare noch immer das wichtigste Kontingent zum Schafott. Es sind nicht mehr allein die vornehmen Herren, die auf der Anklagebank sitzen: die Aristokratie des Geistes wird durch André Chénier und durch Roucher vertreten. Ersterer war nur einunddreißig Jahre alt! Nicht auf dem Schafott, sondern als er vor Gericht trat, rief André Chénier, indem er sich vor die Stirn schlug, aus: »Und doch besaß ich hier etwas!« Er hatte seine Rechnung mit dem Leben schon abgeschlossen, ehe der Urteilsspruch gefällt war. Er kannte diejenigen zu gut, die er »vom Gesetz schwatzende Henkersknechte« genannt hatte, als daß er sie hätte der Großherzigkeit fähig halten und hoffen können, sie würden einem Dichter verzeihen, durch dessen Verse sie für ewige Zeiten an den Galgen geheftet wurden. Mit Chénier und Roucher endigte Baron von Trenck auf dem Schafott die siebzig Jahre seines abenteuerlichen und romanhaften Lebens. Eine Berühmtheit anderer Art, der Rat Goezman, der komische Held in Beaumarchais' Memoiren, gehörte mit zu diesem Schub. Unter den achtzig Verurteilten bemerkte man noch die beiden Marquis von Montalembert und von Roquelaure, den Herzog von Créqui, den Grafen Bourdeilles, einen ehemaligen Bruder vom Orden Raoul. Die Sitzung vom 8. erschöpft die Listen der Verschworenen aus dem Lazare-Gefängnis. Offener Angriff auf die Triumvirn Cambon, Collot d'Herbois, St. Just, die Kommunen, Henriot. Ich habe im vorhergehenden Kapitel gesagt, daß der Zweifel, in welchem man über Robespierres wahre Absichten schwebte, mit der Zeit für die Mitglieder des Konvents quälender wurde als eine unmittelbare Proskription. Die geschickte Verstellung des Triumvirs sollte sich gegen ihn selber kehren. Er hatte zunächst zu Gegnern die Freunde Dantons und Camilles, einige Deputierte von der Ebene, die trotz seiner Gnade gegen die Dreiundsiebzig den 31. Mai nicht vergessen hatten, und endlich die Repräsentanten, die er wegen ihres Benehmens während ihrer im Auftrage des Konvents unternommenen Reisen unmittelbar angegriffen hatte. Seine Ansprüche auf Unbestechlichkeit, seine strengen dogmatischen Formen, das Ansehen, das er erlangt hatte, seine wirkliche Befähigung zum Staatsmann, wodurch er zu der ersten Stelle geeignet war, endlich sein Ehrgeiz und seine Verachtung der Vorurteile über Gerechtigkeit und Menschlichkeit: dies alles verschaffte ihm viele Neider. Als jeder sich bedroht glauben konnte, als viele berechtigt waren, vorauszusetzen, die Freiheit sei ebensowohl wie ihre Köpfe in Gefahr, vereinigten sich alle zu einer unversöhnlichen Feindschaft. Während seiner Zurückgezogenheit gewannen sie an Kühnheit und Zahl. Auf Einflüsterung Barères hatte ihm Vadier jenen grausamen Dolchstich von der »Mutter Gottes« gegeben. Robespierre war in das Komitee gekommen, um sich in Klagen zu ergehen; er hatte sich der Schriftstücke bemächtigt und sie mit sich genommen, und ein Mitglied antwortete Fouquier, der diese Papiere zur Einleitung des Prozesses wieder zurückverlangte: »Wir können den Prozeß nicht anstrengen, er will es nicht.« Tallien war am meisten erbittert; er hatte zwei Leben zu verteidigen: das seinige und das einer geliebten Frau, der Frau von Fontenay, einer Tochter des Bankiers Cabarrus, welche auf Robespierres unmittelbaren Befehl verhaftet worden war und aus dem Gefängnis an Tallien geschrieben hatte: »Ich sterbe mit der Schande, einen Feigling, wie du bist, geliebt zu haben!« Bald vereinigte sich fast die ganze Bergpartei in dem gemeinsamen Gedanken, daß der Sturz der Triumvirn, denn wenn man von Robespierre sprach, so waren St. Just und Couthon immer mit einbegriffen, für das Wohl aller notwendig sei. Dennoch beherrschte Robespierre, auf die Ebene gestützt und mit einigen ihm treu gebliebenen Mitgliedern der Bergpartei vereinigt, noch immer die Versammlung, der Zahl nach; es kam also darauf an, sich der Mitwirkung dieser Deputierten zu versichern. Der Sieg mußte denjenigen gehören, mit welchen die Repräsentanten stimmten, die man mit dem Beinamen der »Kröten des Sumpfes« gebrandmarkt hatte; diejenigen, welche sie verlassen würden, waren der Guillotine verfallen. Fouché und Tallien, welche die Ebene zu gewinnen übernommen hatten, faßten sie zuerst an ihrer schwachen Seite, bei der Feigheit. Man ließ sie die Todeslisten lesen, worauf die Namen ihrer einflußreichsten Mitglieder standen; man versicherte ihnen, Robespierre beabsichtige gegen sie einen zweiten Aufstand wie am 31. Mai. Die Ebene schwankte lange Zeit, sich an diejenigen anzulehnen, welche den Triumvirn wirklich zu Leibe gehen sollten; es scheint jedoch nicht, daß der Gedanke, der Sieg müsse zunächst die Abschaffung des Schafotts zur Folge haben, irgendeinen Einfluß auf ihre Entschlüsse gehabt habe. Wenn man, in der Ebene sowohl wie auf dem Berge, an die Guillotine dachte, so war man nur vorzugsweise darauf bedacht, nicht zu der Ehre zu gelangen, seinen Kopf darunterzulegen. Die Komitees führten die ersten Streiche; sie schlugen zu dem Gesetz vom Prairial eine Abänderung vor, die zwar etwas unbestimmt war, dem Robespierristischen Geiste aber, dem dies Gesetz seinen Ursprung verdankte, keinen Eintrag tat. Sie schafften das Bureau der Generalpolizei ab, bei welchem Herman die Hand im Spiele hatte, und vereinigten dasselbe mit der Polizei des allgemeinen Sicherheitskomitees, sie entfernten außerdem von Paris eine Abteilung Kanoniere, die zu der Sektion gehörten, deren Chef Henriot war und die sich offen für Robespierre ausgesprochen hatte. Letzterer bereitete sich seinerseits zum Kampfe; er hatte St. Just von der Armee zurückgerufen und arbeitete, auf seine rednerische Oberherrschaft im Konvent vertrauend, eine Rede aus, welche seine Feinde entlarven und zerschmettern sollte. Ein am 5. Thermidor im Schoße der Komitees angestellter Versuch zur Versöhnung diente nur dazu, den Zwiespalt der Mitglieder noch zu erweitern; am 6. und 7. regten sich die Jakobiner und erhoben sich gegen die Bestrebungen der Gegner Robespierres, und am 8. fand der erste Zusammenstoß zwischen beiden Parteien statt. Die Manöver der Gegner Robespierres waren notwendigerweise geheim geblieben. »Man mußte sich verstellen vor dem Tyrannen, der sich mit dem Purpurmantel der Volksbeliebtheit bekleidet hatte«, sagte Barère. Die Beratungen der Verbindung blieben geheim, und dennoch hatte die Menge eine Ahnung von den Begebenheiten; die Witterung des Kampfes, der sich entspinnen sollte, schwebte in der Luft. Am 8. Thermidor strömte eine ungeheure Volksmenge in den Konvent, und sie überschwemmte die Tribünen, sie ergoß sich in die Flurgänge und verdeckte alle äußeren Zugänge des Palastes. Für das Publikum dieses umgrenzten Ortes gab es etwas anderes als ein Turnier zu erwarten: es war einer jener Kämpfe, welche über das Geschick eines großen Volkes entscheiden; ein Zweikampf auf Leben und Tod, nicht nur für die Kämpfer, sondern auch für die Zuschauer. Man kann sich daher die ängstliche Spannung vorstellen. Nachdem über die Bittschriften Bericht erstattet worden, erschien Robespierre auf der Tribüne und begann seine Rede. Obgleich diese Rede eine fleißige Arbeit war, welcher er mehrere Wochen gewidmet hatte, so war sie doch nichts weniger als deutlich. Der Redner schien so lange darüber nachgedacht zu haben, um seine Gedanken desto besser zu verhehlen. Sie enthält für jede der Parteien in der Versammlung eine Wendung; schmeichelt und huldigt ihren Hoffnungen nach der Reihe. Zu den Gemäßigten spricht er: »Ich kenne nur zwei Parteien: die der guten und die der schlechten Bürger. Der Patriotismus ist keine Parteiangelegenheit, sondern eine Angelegenheit des Herzens; er besteht nicht in einer vorübergehenden aufbrausenden Hitze, die weder die Grundsätze noch die gesunde Vernunft noch die Sittlichkeit achtet, noch weniger in der Hingebung an die Interessen einer Partei. Mit einem Herzen, welches durch die Erfahrung so vielfachen Verrats verletzt ist, halte ich es für notwendig, die Rechtschaffenheit und alle edlen Empfindungen zur Hilfe der Republik anzurufen. Ich fühle, daß, wo immer man einen edlen Mann findet, an welcher Stelle er auch sitze, man ihm die Hand reichen und ihn an sein Herz drücken müsse.« In der Besorgnis, diejenigen, die sich zur revolutionären Strenge bekennen, beleidigt zu haben, wendet er sich gleich an diese und spricht zu ihnen: »Lasset nur einen Augenblick die Zügel der Revolution nach, und ihr werdet sehen, wie der Despotismus sich derselben bemächtigt und die Parteihäupter, die Volksvertretung geschändet zu Boden wirft.« Dies alles wird mit jener ewigen Selbstverteidigung, welche man in allen Reden Robespierres wiederfindet, umrahmt. Ein wenig weiter weist er mit Nachdruck die gegen ihn erhobene Beschuldigung zurück, er habe nach der Diktatur gestrebt; dann geht er schnell von der Verteidigung zum Angriff über und ruft das ewige Schreckgespenst der Verschwörung auf, das ihn schon von seinen fürchterlichsten Gegnern befreit hat; und ohne jemand zu bezeichnen, nach unbestimmten Beschuldigungen gegen die von ihren Missionen zurückgekehrten Repräsentanten, gegen die Komitees, nach einem heftigen Ausfall gegen Cambon, fordert er den Konvent auf, die Partei zu vernichten und die Verräter zu bestrafen. Nach Robespierres Meinung sollte diese Rede ohne Zweifel als Eingang zu einer anderen Rede St. Justs dienen, welchem er die Sorge überließ, die Köpfe, die abgeschlagen werden sollten, näher zu bezeichnen. Lecointre, einer der Bedrohten, verlangte, um den Kampf leidenschaftlicher zu machen, daß Robespierres Rede gedruckt, dies hieß, daß derselben die Zustimmung der Versammlung gegeben würde. Bourdon de l'Oise sprach gegen den Druck und verlangte, die Rede sollte den Komitees überwiesen werden; damit wären die darin enthaltenen Angriffe der Prüfung der Angegriffenen selber unterworfen worden. Die Debatte entspann sich; eine Rede Couthons rief die Abstimmung der Versammlung hervor, welche nicht nur entschied, daß die Rede gedruckt, sondern auch, daß dieselbe an alle Gemeinden der Republik versandt werden sollte. Diese Unbeständigkeit erschreckte die Repräsentanten, denn ihr Leben konnte ebensogut von einer anderen Abstimmung abhängen, die eine andere Rede dem Konvent entlocken konnte; sie erinnerten sich an Dantons Wort; sie begriffen, daß sie sich nur durch Kühnheit retten könnten, und zum ersten Male stieß Robespierre nicht nur auf Widerstand, sondern auch auf unmittelbare und genau gefaßte Beschuldigungen. Cambon schließt seine Antwort mit folgenden Worten: »Es ist Zeit, die Wahrheit frei herauszusagen: ein einziger Mann lähmte den Willen des Nationalkonvents; dieser Mann ist derjenige, der soeben geredet hat, es ist Robespierre. Also richtet!« Billaud-Varennes ruft: »Man muß die Maske von jedem Gesichte reißen, wo man sie findet; ich will lieber, daß mein Leichnam einem Ehrgeizigen zum Throne diene, als daß ich durch mein Stillschweigen der Mitschuldige seiner Verbrechen werde.« Charlier ruft ihm diese Worte zu: »Wenn man sich rühmt, den Mut der Tugend zu haben, so muß man auch den der Wahrheit besitzen.« Thirion erklärt, er begreife nicht, wie Robespierre allein recht gegen alle seine Kollegen haben könnte; es ließe sich vielmehr vermuten, daß die Komitees in ihrem Rechte seien. Der ganze Konvent zollte ihm Beifall und beschließt die Überweisung an die Komitees. Das teils drohende, teils spöttische Getöse, welches sich während dieses ersten Scharmützels von den Bänken des Konvents hatte hören lassen, hätte Robespierre als das Vorzeichen des am nächsten Tage eintretenden Sturmes ansehen können; er scheint dasselbe nur als eine vorübergehende Laune, ein um so sichereres Anzeichen von dem Gehorsam der Versammlung angesehen zu haben. »In seine Wohnung zurückgekehrt«, sagt Louis Blanc, »zeigte er sich sehr heiter. Er sprach ruhig über die Sitzung und ihren Erfolg; er sagte: ›Ich erwarte nichts mehr von dem Berge. Sie wollen sich von mir wie von einem Tyrannen losmachen, aber die große Masse der Versammlung wird mich verstehen‹.« Er ging darauf mit seiner Braut in den Elysäischen Feldern spazieren. Sie gingen einige Zeit lang schweigend, von dem treuen Brount gefolgt. Leonore war traurig und träumerisch. Robespierre bemerkte ihr, daß die Sonne, die in diesem Augenblicke am Horizonte unterging, sehr rot aussähe. »Das bedeutet schönes Wetter für morgen«, sagte sie. Nach diesem Spaziergange ging er, um bei den Jakobinern zu triumphieren. Er las dort seine Rede vor, die mit wahnsinnigem Beifall aufgenommen wurde. Die Begeisterung rief die drohendsten Beschlüsse hervor; es wurde der Vorschlag geäußert, den Konvent zu befreien, wie dies am 2. Juni geschehen war. Ihrerseits übertrafen die Gemeinden von Payan und Coffinhal, welche noch robespierristischer als Robespierre gesonnen waren, die Beschlüsse des Meisters und beschleunigten die Bewegung. Mit ihrer Ermächtigung schickte Henriot einer Auswahl von Nationalgarden den Befehl, um sieben Uhr morgens die Waffen zu ergreifen. Zwei Komiteemitglieder, Collot d'Herbois und Villaud-Varennes hatten der Sitzung der Jakobiner beigewohnt; sie kamen bestürzt heraus; als sie in den Saal der Komitees zurückkehrten, fanden sie dort St. Just, der sich mit seiner unerschütterlichen Kühnheit mitten ins feindliche Lager gesetzt hatte, um besser beobachten zu können. Den Auftritt, der sich zwischen ihnen zutrug, erzählt Toulongeon wie folgt: »Während der Zeit, welche der Rückkehr Collot d'Herbois' und seines Amtsgenossen voranging, hatte St. Just ruhig an dem Tische geschrieben, an welchem die übrigen Mitglieder des Komitees mit ihm saßen. In der Hitze des Wortstreites, der sich zwischen ihnen und St. Just entspann, beeilte sich letzterer, die angefangenen Schriftstücke zurückzuziehen. Diese Bewegung erregte Verdacht. Seine Kollegen bemächtigten sich der Papiere und fanden ihre Denunzierung darin. Darauf bemächtigten sie sich seiner Person, schlossen die Türen und beabsichtigten, ihn während der Nacht, solange die Sitzung dauerte, im Auge zu behalten. Er selber verpflichtete sich, von seinen Schriftstücken keinen Gebrauch zu machen; am Morgen aber, als sich der Konvent versammelte, entschlüpfte er der Wachsamkeit seiner Hüter.« Die Verhaftung Tallien, Blllaud-Varennes; Barère, Vadier; Louchet, Loseau; die beiden Robespierre, Couthon, Saint Just, Lebas, Henriot, Dumas; Aufstand in Paris, Coffinhal; der Konvent; Barras, Bourdon; im Stadthaus; verschiedene Versionen; Médal; Thuriot. Durch die Unentschlossenheit, welche die Komitees bekundet hatten, nachdem sie schon von der Haltung der Kommunen und Henriots unterrichtet waren, wurde die Entschlossenheit der Bergpartei verdoppelt. Sie sahen klar, daß ihnen diese Komitees vielleicht zu Hilfe kommen würden, wenn sie angriffen, nicht aber, wenn sie von den Triumvirn angegriffen würden. Sie machten der Ebene neue Anträge, und diese entschloß sich endlich zu ihrem Beistande. Die Berufung an die Gefühle der Menschlichkeit hatte sie unentschlossen gefunden: die Hoffnung, ihrerseits im Konvent zu herrschen, besiegte ihren Wankelmut. Die Sitzung des Konvents begann um Mittag. Die Komitees beratschlagten noch, als man ihnen ankündigte, daß St. Just, seinem gegebenen Worte untreu, seinen Bericht dem Konvent vorlese. Er hatte schon einige Zeilen gelesen, als ihn Tallien unterbrach. Ich werde den »Moniteur« so viel als möglich sprechen lassen, da derselbe von diesem Auftritte, einem der erschütterndsten in der neueren Geschichte, einen besseren Begriff als meine Erzählung gibt: Tallien: »Ich verlange das Wort zu einem Antrag. Der Redner begann damit, daß er versicherte, er gehöre zu keiner Partei. Ich sage dasselbe. Ich gehöre nur mir selber, nur der Freiheit an. Gestern hat sich ein Mitglied von der Regierung gesondert und eine Rede in seinem eigenen Namen gehalten; heute tut ein anderer dasselbe. Ich verlange, daß der Schleier vollständig gelüftet werde.« (Man klatscht dreimal lebhaft Beifall.) Billaud-Varennes: »Ich verlange das Wort zu einer Antragstellung. Gestern war die Gesellschaft der Jakobiner mit bestellten Leuten angefüllt, denn keiner hatte eine Karte bei sich. Gestern hat man in dieser Gesellschaft die Absicht enthüllt, die Nationalversammlung zu erwürgen. Gestern hörte ich dort Menschen ganz offen die infamsten Anschuldigungen gegen diejenigen schleudern, die niemals der Revolution abtrünnig wurden. Ich sehe auf dem Berge einen dieser Männer, welche die Repräsentanten des Volkes bedrohten. Dort ist er!« (Von allen Seiten: »Nehmet ihn fest, nehmet ihn fest!« Die Person wird ergriffen und unter lautem Beifall aus dem Saal geschleppt.) »Ihr werdet vor Entsetzen beben, wenn ihr erfahrt, daß die bewaffnete Macht mörderischen Händen anvertraut ist; wenn ihr erfahrt, daß das Haupt der Nationalgarde dem Wohlfahrtskomitee seitens des Revolutionstribunals als Mitschuldiger Héberts und als schändlicher Verschwörer denunziert ist. Wenn Robespierre euch sagt, er hätte sich vom Komitee entfernt, weil er darin unterdrückt worden sei, so hütet er sich wohl, euch alles wissen zu lassen. Er sagt euch nicht, daß, während er in dem Komitee sechs Monate lang seinen Willen durchgesetzt, er in dem Augenblick dort Widerstand fand, wo er allein jenes Dekret vom 22. Prairial erlassen wollte, jenes Dekret, welches in den unreinen Händen, die er auserwählt hatte, so verhängnisvoll für die Patrioten geworden ist. Man wollte den Konvent zugrunderichten, verstümmeln, und diese Absicht stand so fest, daß man die Repräsentanten des Volks, die man erwürgen wollte, durch vollständig organisierte Spione beobachten ließ. Es ist schändlich, von Gerechtigkeit und Tugend zu sprechen, wenn man ihnen Trotz bietet und sich nur in breiten Redensarten ergeht, sobald man auf Widerstand stößt.« (Robespierre stürzt auf die Tribüne. – Eine große Zahl Stimmen: »Nieder! nieder mit dem Tyrannen!«) »Ich forderte soeben, daß der Schleier zerrissen werde; ich bemerke eben jetzt mit Vergnügen, daß er es völlig ist, daß die Verschwörer entlarvt sind, daß sie bald vernichtet sein werden, daß die Freiheit siegen wird. (Lebhafter Beifall.) Der Feind der Volksvertretung wird unter ihren Streichen fallen. Ich habe das Stillschweigen nur beobachtet, weil ich wußte, daß ein Mann, der den Tyrannen Frankreichs gleichkommt, eine Ächtungsliste entworfen hat. Ich habe gegen niemand Gegenbeschuldigungen erheben wollen; aber ich wohnte gestern der Sitzung der Jakobiner bei; ich sah, wie sich die Armee des neuen Cromwell bildete, und ich bewaffnete mich mit einem Dolche, um ihm das Herz zu durchstoßen, falls der Konvent nicht den Mut gehabt hätte, seine Verhaftung zu beschließen.« (Rauschender Beifall.) »Klagen wir ihn an mit der Loyalität des Muts und angesichts des französischen Volkes. Ich rufe alle alten Freunde der Freiheit, alle ehemaligen Jakobiner, alle Patrioten auf, daß sie uns die Freiheit retten helfen.« Tallien trug auf die Verhaftung Henriots und seines Generalstabes sowie auf Permanenz der Versammlung an. Beide Vorschläge wurden unter rauschendem Beifall und dem Rufe: »Es lebe die Republik!« angenommen. Billaud-Varennes verlangt die Verhaftung von Dumas, von Boulanger und von Dufraisse. Dieselbe wird beschlossen. Robespierre, welcher sieht, daß der Lauf der Proskription sich auf ihn richtet, besteht darauf, daß ihm das Wort erteilt werde, aber vergebens; seine Stimme wird übertönt durch den Ruf: »Nieder mit dem Tyrannen! Nieder mit dem Tyrannen!« Zwei Mitglieder der Komitees, Barère und Vadier, sprechen lange und in gemäßigter Weise; sie wollten Robespierre demütigen, sind aber ebensowenig wie in der Sitzung des vorigen Abends willens, ihn zu Boden zu werfen. Als Sieger durch den Beistand der Rechten, lassen sie sich die Macht doch ebenso entschlüpfen, als ob sie besiegt worden wären. Tallien sah ein, welche unheilvollen Folgen diese Taktik haben konnte, und rief daher: »Ich verlange das Wort, um die Diskussion wieder in ihren richtigen Gang zu bringen.« Robespierre: »Ich werde sie dahin zu bringen wissen.« (Gemurr.) Tallien: »Bürger, nicht auf besondere Tatsachen darf ich in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit des Konvents lenken, sondern ich bringe nur die Rede in ihr Gedächtnis, welche gestern in diesen Räumen gehalten und bei den Jakobinern wiederholt wurde. Darin finde ich den Tyrannen, darin erkenne ich die ganze Verschwörung; in dieser Rede will ich mit Hilfe der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Konvents die Waffe finden, um diesen Mann niederzuschmettern, dessen Tugend und Vaterlandsliebe man so hoch gerühmt, den man aber in der denkwürdigen Epoche vom 10. August erst drei Tage nach der Revolution gesehen hat; diesen Mann, der, anstatt in dem Komitee der öffentlichen Wohlfahrt der Verteidiger der Unterdrückten zu sein, anstatt auf seinem Posten zu stehen, denselben seit vier Monaten verlassen hat, um endlich die Komitees zu verleumden, die das Vaterland retteten.« Von diesem Gegner, den er als unversöhnlich kennt, angegriffen, verliert Robespierre alle Ruhe; er unterbricht Tallien durch Geschrei, durch das Verlangen, daß man ihm das Wort erteile; die Versammlung antwortet ihm durch heftiges Murren, und ein Mitglied der Bergpartei, Louchet, beherrscht den Tumult, indem er den Satz ausspricht, den noch niemand auszusprechen wagte: »Ich verlange den Haftbefehl gegen Robespierre.« Loseau: »Es steht fest, daß Robespierre ein Beherrscher gewesen ist; aus diesem Grunde allein verlange ich den Haftbefehl.« Louchet: »Mein Antrag ist unterstützt.« Man schreitet zur Abstimmung über die Verhaftung. Robespierre der Jüngere: »Ich bin ebenso strafbar wie mein Bruder, ich teile seine Tugenden; ich verlange, daß der Haftbefehl ebenfalls gegen mich erlassen werde. Robespierre der Ältere: »Präsident der Räuber, gib mir das Wort oder dekretiere, daß du mich ermorden willst!« Collot, der den Vorsitz führt, klingelt heftig; Charles Duval wendet sich an ihn: »Präsident, soll ein Mann der Herr des Konvents sein?« Robespierre, bleich und fahl, will Billaud-Varennes, welcher Tallien auf die Tribüne gefolgt ist, unterbrechen, seine Kräfte reichen aber nicht aus, um den Tumult zu beherrschen; sei es aus Erschöpfung oder vor zu großer Aufregung, er bringt nur heiseres, unverständliches Geschrei hervor. »Das Blut Dantons erstickt dich!« ruft ihm Garnier de Saintes zu. Dieser schrecklichen Anrede folgte Stille; Robespierre suchte daraus Nutzen zu ziehen. »Ihr seid Feiglinge!« sagte er zum Berge. Dann wendet er sich an die Ebene mit den Worten: »An euch, reine Männer, an die Tugend wende ich mich, nicht an die Räuber – –« Thuriot, ein anderer Dantonist, welcher nach Collot d'Herbois den Präsidentenstuhl eingenommen hat, schwingt die Glocke; er hindert ihn, fortzufahren, und man ruft von allen Seiten: »Die Verhaftung! die Verhaftung!« Diese wird zur Abstimmung gebracht und einstimmig beschlossen. Louchet: »Wir hörten für die Verhaftung der beiden Robespierre St. Just und Couthon stimmen.« Lebas: »Ich will nicht teilhaben an diesem schandbaren Dekret, ich verlange ebenfalls verhaftet zu werden.« Fréron: »Bürger, Kollegen! Das Vaterland und die Freiheit werden an dem heutigen Tage von ihren Trümmern erstehen.« Robespierre: »Ja, denn die Räuber erhalten den Sieg.« Dies waren seine letzten Worte an den Konvent. Das Bewußtsein von der Herrschaft, die er über die Versammlung ausgeübt, war bei ihm so tief eingewurzelt, daß er das, was sich zugetragen, nicht für wirklich zu halten schien. Trotz dem erlassenen Dekrete, trotz Thuriots Befehle blieben die beiden Robespierre, St. Just, Couthon und Lebas auf ihrer Bank. Durch das Geschrei des Unwillens, das die Versammlung erhob, wurden sie genötigt, vor die Schranke hinunterzusteigen. Die Gerichtsdiener führten sie aus dem Saale, und ihr Abgang wurde von wahnsinnigem Beifallsgeschrei begleitet. Als mein Großvater und mein Vater um acht Uhr abends heimkehrten, fanden sie einen Befehl Fouquiers, der sie nach dem Justizpalaste berief. Sie begaben sich dorthin, und er befahl ihnen sowohl wie ihren Gehilfen, während der ganzen Nacht dort zu bleiben. Fouquier-Tinvilles Witterung war sicher; er ahnte eine reiche Beute für den nächsten Tag; ob seine Freunde oder seine Feinde die Kosten davontragen würden, darum kümmerte sich dieser sonderbare Mensch am wenigsten. Es kostete viel, daß diese Frage gerade in der Stunde entschieden wurde, wo der Ankläger des Revolutionsgerichts sein Beil schärfte. Die verhafteten Repräsentanten waren eine Zeitlang in ein Kabinett des Sicherheitskomitees eingeschlossen gewesen; von da hatte man sie fortgeführt: den älteren Robespierre nach dem Luxembourg, Saint Just zu den Schotten, Couthon nach La Bourbe, Lebas nach dem Gerichtshause des Departements und den jüngeren Robespierre nach La Force. In dem Augenblicke, als sie die Tuilerien verließen, wurden Henriot und sein Adjutant gebunden und geknebelt dorthin gebracht. Alle, ganz oder beinahe betrunken, hatten den Versuch gemacht, das Volk zum Aufstande zu bringen. Als sie Merlin de Thionville trafen, nahmen sie ihn fest; in dem Augenblick aber, als sie die Straße Saint Honoré herunterkamen, erschienen zwei Repräsentanten, Robin de l'Aude und Courtois, und befahlen den Gendarmen von der Eskorte im Namen des Konvents, sich ihres Anführers zu bemächtigen; diese, der magischen Kraft dieses Namens nachgebend, gehorchten, und der Degen der Robespierristen wurde gefangengenommen. Seinerseits blieb der Gemeinderat nicht untätig; er proklamierte den Aufstand, schloß die Tore und schickte Emissäre in alle Sektionen, um sie um sich zu versammeln und auf den Konvent zu werfen. Auf seinen Befehl wurde der Generalmarsch geschlagen und vom Stadthause mit allen Glocken Sturm geläutet. Zu gleicher Zeit setzten sich auch die Jakobiner mit der Kommune in Verbindung. Ein Teil der Nationalgarde, die Kanoniere, erklärten sich zugunsten Robespierres und wendeten ihre Geschütze gegen die Tuilerien. Mit ihrer Hilfe dringt Coffinhal, der Robespierre sucht, in die Bureaus des Komitees, findet dort Henriot und befreit ihn. Dieser steigt zu Pferde und übernimmt wieder den Befehl über das Heer der Aufständischen. Anstatt aber unmittelbar gegen die Versammlung zu marschieren, eilt er nach dem Stadthause, um sich mit Robespierre zu verständigen, den seine Parteigänger bereits entführt hatten; nicht aus dem Luxembourg, wo sie der Hausmeister nicht aufgenommen, sondern aus der Polizeiadministration, wohin seine Hüter ihn geführt hatten. Die Unentschlossenheit Henriots bei diesem Umstande rettete den Konvent. Angesichts der ungeheuren Gefahr zeigten diese sonst so unentschlossenen und schüchternen Repräsentanten großen Mut und Tatkraft. Collot d'Herbois hatte den Stuhl des Präsidenten inne, er zeigt dem Konvent an, daß bewaffnete Verräter sich des Komitees der öffentlichen Sicherheit bemächtigt hätten und daß jetzt der Augenblick gekommen sei, auf ihrem Posten zu sterben. Das Publikum, welches die Tribüne besetzt hielt, begriff, daß der Saal des Konvents der Schauplatz eines Kampfes werden würde: es flieht in so bestürzter Eile, daß mehrere Personen verletzt werden. Die Repräsentanten bleiben allein. Goupilleau, Elie Lacoste verkünden, daß die Kommune im Aufstande und Robespierre und Henriot befreit seien; sie fordern, daß man die Repräsentanten, die sich dem Dekrete widersetzten, den General und die rebellischen Munizipalen außer dem Gesetz erkläre. In dieser Gefahr und von allen verlassen, findet der noch vor wenigen Tagen so kleinmütige Konvent eine ruhige Haltung und eine heldenmütige Standhaftigkeit wieder. Nicht einer der Repräsentanten verließ den Posten, wo sie sich in Permanenz erklärt hatten; Elie Lacostes Antrag wurde einstimmig und mit lautem Beifall angenommen. Barras wurde zum Befehlshaber der bewaffneten Macht ernannt; man ordnete ihm sechs Kommissäre bei, welche sich in die Sektionen begeben und diese zur Hilfe des Konvents aufrufen sollten; denn indem der Konvent seinen General ernannte, wußte er noch nicht, ob er ihm einen Soldaten geben konnte. Der Rest der Sektionen, welche darüber entscheiden sollten, wem Frankreich gehören würde, stand glücklicherweise nicht mehr auf Robespierres Seite. Die Emissäre der Gemeinden waren vor den Kommissären des Konvents bei ihnen eingetroffen; so revolutionär sie aber auch waren, so begriff doch die Mehrzahl die ernste Bedeutung der Handlung, die man von ihnen verlangte, und sie weigerten sich entschlossen, den Beamten des Bürgerrats Beistand zu leisten. Die Vorstädte Saint Marceau, Saint Antoine und Saint Martin allein schickten Mannschaften und Geschütz auf den Platz und in die Umgegend des Stadthauses; und aus einem Manuskript meines Vaters kann man ersehen, daß viele überrascht worden waren und nicht einmal wußten, daß sie einen Aufstand unterstützten. Die Sektionen der Arcis, der Gravilliers und der Lombarden erhoben sich im Gegenteil auf die Stimme von Leonard Bourdon und erklärten, sie seien bereit, für den Konvent zu sterben. Bourdon stellte sich an ihre Spitze und, die Gerichtsdiener der Versammlung vorauf, marschierte er nach dem Gemeindehause, um den Aufstand im Keime zu ersticken. Auf dem ganzen Wege der Kolonne lasen die Gerichtsdiener das Dekret vor, und die Allmacht des Wortes: »Außer dem Gesetz« brachte einen tiefen Eindruck auf die Massen hervor; sie öffneten ihre Reihen, ohne den geringsten Widerstand zu versuchen. Die entschiedenen Robespierristen erlagen selber dem Einfluß dieser schrecklichen Waffe. Die Kanoniere von Popincourt, welche ihre Geschütze zu einer Batterie auf dem Platze des Stadthauses vereinigt hatten, widerstanden ebensowenig wie die übrigen; sie bespannten ihre Geschütze und ließen Leonard Bourdon seine Leute auf dem Stadthause einquartieren und die Zitadelle, wo der Aufstand seinen Rat hielt, einschließen. Seit neun Uhr abends taten Robespierre und seine Anhänger nichts weiter, als daß sie Rat hielten. Der Triumvir besaß die Verstellungskunst, die Geschicklichkeit und Zähigkeit eines Staatsmannes, er hatte aber weder die Schnelligkeit des Entschlusses noch die Kraft in der Ausführung, welche ihn vervollständigen. Daher schreibt sich seine Vorliebe für das System der Guillotine, welches mehr Beobachtung als Willenskraft, mehr Berechnung als Genie verlangt. Er hatte sich desselben bis zum 8. Thermidor mit so vielem Glück bedient, daß er es als die höchste Aufgabe der Politik betrachtete. In einen höheren Kreis der Tätigkeit versetzt, zeigte er sich als ein gewöhnliches Parteihaupt ohne Ansehen, ohne Unternehmungsgeist, ohne Kühnheit. Robespierres Lobredner schreiben die Unentschlossenheit ihres Helden seiner übertriebenen Achtung vor dem Gesetze zu. Diese Auslegung könnte wahrscheinlich sein, wenn man den 31. Mai aus der Geschichte der Revolution striche, wenn man die Reden austilgte, die er bei dieser Gelegenheit hielt; bis dahin möchte es vernünftiger sein, anzunehmen, sein Benehmen in der Nacht des 10. Thermidor sei die notwendige Folge seiner Charaktereigenschaften gewesen. Leonard Bourdon, den Degen zwischen den Zähnen, in jeder Hand eine Pistole, erzwingt sich den Eintritt in das Stadthaus, und seine Pfadfinder dringen bis in den Sitzungssaal. Die beiden Robespierre, Saint Just, Couthon, Lebas, Henriot, Payan, Coffinhal und Dumas befanden sich mit den Mitgliedern der Gemeinde in diesem Saal; drei der letzteren hatten sich zurückgezogen, über den Auftritt, der sich nach dem Eindringen der bewaffneten Macht zutrug, hat lange Zeit große Dunkelheit geschwebt; Barère schildert ihn in seinem Bericht vom 10. Thermidor wie folgt: »Sobald die Pariser Sektionen sich im Gemeindehause zeigten, wurden die Schuldigen von Schrecken befallen; Lebas tötete sich mit einem Pistolenschuß; Couthon verletzte sich beim Fallen; Robespierre der Jüngere stürzte sich zum Fenster hinaus; der ältere Robespierre verwundete sich; Saint Just wurde ergriffen; Dumas, der das Leben mehr liebte, verbarg sich in einem Schlupfwinkel; Henriot entfloh durch die Gäßchen, welche das Gemeindehaus umgrenzten; er verbarg sich eine Zeitlang und richtete sich selbst, indem er sich zum Fenster hinausstürzte.« Mit Recht hat sich die Geschichte mißtrauisch gezeigt und den offiziellen Bericht Barères nur als eine teilweise Erfindung angenommen, denn sie widerspricht auffällig der Erzählung, welche an demselben Morgen Leonard Bourdon dem Konvent machte. Er stellte einen Gendarmen namens Charles André Médal vor und verkündigte, daß dieser Gendarm mit eigener Hand zwei Verschwörer getötet habe, und ein wenig später bezeichnete er diese Verschwörer: »Wir fanden den älteren Robespierre mit einem Messer bewaffnet, welches dieser brave Gendarm ihm entrissen hat; er traf auch Couthon, der ebenfalls mit einem Messer bewaffnet war.« Toulongeon, ein ehemaliger Konstituant, der im Jahre 1812 schrieb, bestätigt, daß Robespierre einen Pistolenschuß erhielt, der ihm den Kinnbacken zerschmetterte. Man hat also Grund, anzunehmen, daß ein Versuch zum Selbstmord seitens Robespierres nur vermutet wurde; Louis Blanc zeigt es deutlich in den Noten, welche dem siebenten Kapitel des zehnten Bandes seiner Geschichte der Revolution folgen. Nach Louis Blanc wäre Médal lange vor Leonard Bourdon in den Beratungssaal der Gemeinde getreten; als er Robespierre erkannte, hätte er ihn mit einem Pistolenschuß verwundet; alle Anwesenden hätten die Flucht ergriffen, und mit einem Pistolenschuß hätte er die Schulter eines Mannes getroffen, welcher Couthon auf einer dunklen Treppe mit sich fortführte. Dieser bündigen Darstellung des Herrn Louis Blanc werde ich eine Aussage beifügen, welche, so bescheiden sie auch sei, doch ihren Wert hat. Médal gehört zu jener Gendarmerie des Tribunals, welche durch ihren Dienst täglich mit meinem Vater in Berührung kam; er verließ das Korps mit dem Grade eines Offiziers; die Gründe seiner Beförderung aber waren für niemand ein Geheimnis, und zu der Zeit, als die zuverlässigsten Geschichtschreiber einen Versuch zum Selbstmorde seitens Robespierres annahmen, erzählte mir mein Vater schon von dem Pistolenschuß des Gendarmen Médal, von den Folgen, die derselbe für diesen gehabt, und von dem Zorne, den seine Beförderung unter seinen ehemaligen Kameraden, von denen die meisten wütende Robespierristen waren, hervorgerufen hatte. Wie dem auch sei, so war doch eine Viertelstunde nachdem Leonard Bourdon in das Gemeindehaus getreten, die Lage der Dinge beinahe ebenso, wie sie Barère geschildert hat. Maximilian Robespierre lag schwer verwundet und mit Blut bedeckt am Boden; nachdem der jüngere Robespierre sich seine Schuhe ausgezogen hatte und eine Strecke den breiten Karnies des ersten Stockwerks am Stadthause entlang gegangen war, warf er sich auf die Spitzen der Bajonette hinab; Couthon, nur leicht gequetscht, wurde von seinen Freunden nach dem Kai getragen, dort aber von ihnen verlassen; Henriot war in keinem besseren Zustande als seine Mitschuldigen, er hatte sich nicht selber Gerechtigkeit widerfahren lassen, wie Barère sich ausdrückte: von seiner Feigheit empört, hatte Coffinhal ihn zu einem Fenster, welches nach einem der inneren Höfe führte, hinausgestürzt, und er war auf einen Haufen Glasscherben gefallen; noch ganz betäubt von seinem Falle, hatte er sich in eine Gasse geschleppt, wo man ihn erst einige Stunden nachher auffand. Saint Just, Payan, Lescot, Fleuriot waren verhaftet. Robespierre der Ältere wurde auf eine Tragbahre gelegt und in den Konvent getragen. Charlier, der den Präsidentenstuhl einnahm, kündigte ihn der Versammlung mit den Worten an: »Der feige Robespierre ist da, ihr wollt doch nicht, daß er eintrete?« »Nein! Nein!« rief man von allen Seiten. Thuriot: »Den Leichnam eines mit allen Verbrechen behafteten Menschen in den Schoß des Konvents tragen, hieße, diesem schönen Tage allen Glanz, der ihm gebührt, rauben. Der Leichnam eines Tyrannen kann nur die Pest mit sich führen, der für ihn und seine Mitschuldigen passende Platz ist einzig der Platz der Revolution. Es ist nötig, daß die beiden Komitees Maßregeln ergreifen, daß das Schwert des Gesetzes ihn unverzüglich treffe.« Der Konvent nimmt nun einstimmig den Antrag Thuriots an. Robespierre wurde in einen der Säle des Komitees hinaufgetragen und auf einen Tisch gelegt; man gab ihm als Kopfkissen eine Kiste, welche Proviantproben enthielt; er blieb dort von drei bis acht Uhr morgens, den Spottreden derjenigen preisgegeben, welche vor drei Tagen noch vor ihm gezittert hatten. Eine Broschüre, betitelt: »Letzte Augenblicke Robespierres und seiner Partei«, gibt interessante Einzelheiten über diese Szene: »Er blieb beinahe eine Stunde lang in einem Zustande der Unbeweglichkeit, der fast vermuten ließ, er würde seinen Geist aufgeben. Endlich nach Verlauf einer Stunde fing er an, die Augen zu öffnen. Das Blut floß reichlich aus der Wunde, die er im linken unteren Kinnbacken erhalten hatte. Dieser Kinnbacken war zerbrochen und die Wange von einem Schuß durchdrungen. Seine Hand war blutig. Er war ohne Hut und ohne Halstuch. Er trug einen hellblauen Rock, eine Nankinghose und weiße baumwollene, auf die Fersen herabhängende Strümpfe. Gegen vier Uhr morgens bemerkte man, daß er in seinen Händen ein Säckchen aus weißem Leder hielt, auf welchem geschrieben stand: ›Dem großen Monarchen, Lecourt, königlichem Lieferanten und Lieferanten der königlichen Truppen, Straße Saint Honoré nahe bei der Straße des Poulies in Paris.‹ Und auf der Kehrseite des Säckchens: ›A. M. Archier.‹ Er bediente sich dieses Sackes, das geronnene Blut, welches aus seinem Munde kam, wegzunehmen. Die Bürger, welche ihn umringten, beobachteten alle seine Bewegungen. Einige von ihnen gaben ihm sogar, aus Mangel an Leinwand, weißes Papier, welches er zu demselben Zwecke verwendete, indem er sich nur der rechten Hand bediente und sich auf den linken Ellbogen stützte. Robespierre wurde zwei- oder dreimal von einigen Bürgern durch Schimpfworts beleidigt, besonders aber durch einen Kanonier aus seiner Heimat, der ihm als Soldat seine Treulosigkeit und Feigheit vorwarf. Gegen zehn Uhr morgens wurde ein Chirurg gerufen, der sich in dem Hofe des Nationalpalastes befand, um ihn zu verbinden; er gab ihm zur Vorsicht einen Schlüssel in den Mund. Er fand, daß der Kinnbacken zerschmettert war, zog ihm zwei oder drei Zähne aus, verband ihm die Wunde und ließ einen Napf mit Wasser neben ihn setzen. Robespierre bediente sich desselben von Zeit zu Zeit, nahm das Blut, das seinen Mund füllte, mit dem Stückchen Papier heraus, das er zu diesem Zwecke mit der rechten Hand allein mehrfach zusammenfaltete. Im Augenblicke, als man es am wenigsten vermutete, erhob er sich zum Sitzen, stützte sich auf die Arme, glitt plötzlich vom Tisch hinunter und lief nach einem Lehnstuhl. Sobald er saß, forderte er Wasser und weiße Leinwand. Als er wieder zu sich gekommen war, sah er alle, die ihn umringten, starr an, namentlich die Beamten vom Wohlfahrtskomitee, die er wiedererkannte. Er hob oft die Augen zur Decke empor; einige krampfhafte Bewegungen abgerechnet, zeigte er einen unerschütterlichen Gleichmut, selbst in dem Augenblicke, als seine Wunde verbunden wurde, was ihm die heftigsten Schmerzen verursachen mußte. Seine gewöhnliche gallichte Gesichtsfarbe war totenbleich.« Nachdem man seine Wunde verbunden hatte, brachte man ihn in die Conciergerie, ebenso wie Saint Just, Dumas und Payan. Couthon und mehrere von der Gemeinde wurden dort um neun Uhr in die Listen eingeschrieben. Gegen zehn Uhr abends hatte sich Fouquier in das Komitee begeben; er kehrte dorthin ein zweites Mal um drei Uhr morgens zurück. Um fünf Uhr ließ der Stellvertreter Liendon meinen Großvater rufen und befahl ihm, die Guillotine fortzubringen und auf dem Grèveplatze aufzurichten. Charles Henri Sanson befand sich noch nicht in dem Hofe des Palastes, als man ihn zurückrief und ihm befahl, noch nicht fortzugehen. Man schickte vor ihm eine Depesche an das Sicherheitskomitee, und die Antwort ließ nicht auf sich warten. Diese Antwort änderte die Instruktionen, welche Fouquier geholt hatte: der Grèveplatz, den man ursprünglich zum Schauplatz der Hinrichtung gewählt hatte, war aufgegeben worden, und zwar wegen des Hasses, den die benachbarten Sektionen gegen Robespierre hegten und wegen der Hilfe, die sie dem Konvent geleistet hatten: es war beschlossen, Robespierre sollte den Tod auf dem Revolutionsplatze erleiden. Da man über die Stimmung der Bewohner der Vorstadt Saint Antoine nicht im klaren war, so befahl man Charles Henri, die Wagen, welche das Schafott tragen sollten, den Rundweg bis Monceaux fahren zu lassen. Gegen sechs Uhr abends brach er mit seinen Gehilfen auf; weder er noch sein Bruder konnten folglich der Ankunft Robespierres und der außer dem Gesetz erklärten Deputierten in der Conciergerie beiwohnen; nur die Schließer erfuhren einige nähere Umstände. In der Stadt herrschte eine ungeheure Aufregung. Trotz der frühen Stunde war die ganze Bevölkerung in die Straßen und auf die öffentlichen Plätze hinabgekommen. Man erzählte und besprach die Ereignisse der Nacht. Prozeß und Hinrichtung Simon. Der Haß gegen dieses blutige Regiment war so allgemein und tief, daß bei diesen Volksverhandlungen niemand die Verteidigung des Tyrannen zu übernehmen wagte. Es war eine plötzliche Wendung eingetreten, und es schien, als hätte man niemals einen anderen gefürchtet, als denjenigen, auf den man doch noch unlängst seine Hoffnung zu setzen genötigt gewesen war. Der Zorn aller vermehrte sich in dem Maße, als man ihm allgemein seine Feigheit vorwarf. Man verknüpfte plötzlich die Schreckensregierung mit ihrem berüchtigten Apostel; man vergaß die bitteren Täuschungen, welche der Hinrichtung der Hébertisten und dem Feste des höchsten Wesens gefolgt waren; man vergaß, daß viel grausamere Terroristen, als Robespierre gewesen, noch an der Spitze der Regierung verblieben – so unmöglich schien es, daß das Revolutionstribunal und die Ausnahmegesetze, welche das Schafott in so fürchterlicher Weise speisten, die Triumvirn noch überleben könnten. – Man sah nur Leute, die sich Glück wünschten, die Hände drückten und umarmten; Freude und Hoffnung schimmerte auf allen Gesichtern. Die vorüberkommenden Ordonnanzen und Gendarmen wurden mit dem begeisterten Rufe: »Es lebe die Republik!« begrüßt; dieses Geschrei, welches sich wie ein Donner dahinzog, begleitete den Galopp ihrer Pferde: es war eine Trunkenheit, nicht die eines Sieges, sondern die Trunkenheit einer Auferstehung. Der Konvent vom Thermidor hat sich die Ehre zugeeignet, den ersten Schritt außerhalb des Abgrundes getan zu haben; vielleicht wäre es gerecht, dieses Verdienst der öffentlichen Meinung zuzuschreiben, welche sich von der ersten Stunde so nachdrücklich kundgab, daß die Rückkehr zu jener traurigen Vergangenheit sehr schwer gewesen wäre. Das Schafott wurde abgebrochen und auf die Karren geladen. Während dieser Arbeit versammelte sich eine große Volksmenge auf dem Platz des umgestürzten Thrones. Trotz den robespierristischen Bestrebungen der Vorstadt zeigte diese Menge nicht die geringste feindliche Absicht gegen die Arbeiter. In dem Augenblick, als sich die Karren in Bewegung setzten, hörte man einige Stimmen rufen: »Glückliche Reise, und kommet nicht wieder!« Eine dichte Masse, worin sich junge Leute und Frauen in der Mehrzahl befanden, begleitete sie auf diesem letzten Wege bis auf den äußeren Boulevard und vermehrte sich noch durch eine große Menge Neugieriger, denen jene ihre Mutmaßungen über den Abbruch des Todeswerkzeuges mitteilten. Als man auf dem Revolutionsplatze ankam, war aus dieser Geleitschaft eine Armee geworden; in weniger als fünf Minuten war der ungeheure Raum so überschwemmt, daß es des Einschreitens der bewaffneten Macht bedurfte, um den Platz, wo das Schafott aufgestellt werden sollte, zu räumen. Es war zwei Uhr nachts, als man diese Arbeit beendigt hatte. Mein Großvater und mein Vater waren mit ihren Gehilfen gegen Mitternacht in die Conciergerie zurückgekehrt. Die Aufregung in dem Gefängnis war nicht geringer als draußen, sie glich aber mehr dem starren Erstaunen als der Freude. Alle, die sich dort befanden, waren dem Tode so nahe, daß, als sie hörten, derjenige, in dessen Namen man sie opfern wollte, befände sich unter demselben Dache und in größerer Gefahr als sie selber, sie sich von einem Traum befangen glaubten, dem sie nicht trauen dürften. Wie ich schon oben sagte, war Robespierre zwischen 8 und 9 Uhr morgens in die Liste eingetragen worden; man brachte ihn in einen Kerker und legte ihn auf ein Bett, auf welchem Danton eine Nacht geschlafen hatte. Er ließ keine Klage, keinen Seufzer hören; seine Haltung war so, wie sie der Verfasser der letzten Augenblicke Robespierres und seiner Partei geschildert hat; er sprach nur zwei- oder dreimal, und seine Worte waren wegen seiner Wunde fast unverständlich. Man bot ihm Wasser und Leinwand; er verlangte nach einem Wundarzte. Er wurde darauf nach dem Hotel Dieu gebracht und zum zweiten Male verbunden. In die Conciergerie zurückgekehrt, versuchte er zu schlafen, seine Wunde hinderte ihn jedoch, Ruhe zu finden. Er erhob sich in sitzender Stellung und verlangte von seinem Kerkermeister Schreibmaterial; da bestimmte Anweisungen darüber erteilt worden, verweigerte man ihm dieselben. Die abschlägliche Antwort gab der Schließer in dem groben Tone, welcher solchen Leuten eigen ist. Robespierre entschlüpfte eine drohende, zornige Gebärde; gleich darauf aber gewann er wieder seine Teilnahmlosigkeit, schloß die Augen und versank in Nachdenken. Der jüngere Robespierre befand sich in einem Kerker dicht neben seinem Bruder; glücklicher als dieser, gelang es ihm, einige Augenblicke zu schlummern. Couthon war in das Kabinett der wachthabenden Schließer gebracht worden; Saint Just befand sich in jener Zelle, welche man zum Andenken an die Septembermetzeleien den Nationalklotz nannte. Das Tribunal war auf 10 Uhr berufen worden; es zeigte sich aber ein unerwartetes Hindernis. Ein Dekret verlangte, daß die Identität der Schuldigen, welche außer dem Gesetz erklärt waren, in Gegenwart zweier Munizipalbeamter festgestellt werde; da aber alle Mitglieder des Gemeinderats selber außer dem Gesetz erklärt waren, so war es unmöglich, dieser Formalität Genüge zu leisten. Fouquier begab sich zum drittenmal in den Konvent und schilderte die Schwierigkeit seiner Lage; die Versammlung schlug vor, man solle Departementsmitglieder an die Stelle der Munizipalbeamten berufen, und schickte den Bescheid den Komitees, welche mehrere Personen auswählten, um die Verurteilten anzuerkennen. Um ein halb ein Uhr trat das Tribunal seine Sitzung an; Scellier führte den Vorsitz; Fouquier-Tinville saß auf seiner Bank, der Stellvertreter Liendon war Besitzender. Der ältere Robespierre wurde auf einer Tragbahre herbeigebracht; Robespierre der Jüngere wurde von zwei Gendarmen unterstützt; zwei andere Gendarmen trugen Couthon in einem Lehnstuhl. Nachdem die Identität festgestellt war, brachte man sie wieder nach der Conciergerie, und das Tribunal führte die Prozesse gegen die Vorgeführten in der Reihe, wie man sie verhaftet hatte oder aus den Gefängnissen, in welchen sie sich seit dem Morgen befanden, herbeischaffte. Liendon hatte befohlen, die Verurteilten sollten, sowie sie von dem Gerichtshofe herabkämen, zugerüstet werden, so daß man sie bei der ersten Aufforderung zum Schafott führen könnte. Gegen zwei Uhr trat Charles Henri Sanson mit seinem Bruder und zwei Gehilfen in den Kerker Robespierres. Er lag ausgestreckt, seine Augen hatte er auf das Fenster gerichtet, welches sich seinem Bette gegenüber befand und durch welches ein schwacher Sonnenschimmer eindrang. Er machte keine Bewegung, als er sie kommen hörte, und wendete nicht das Haupt. Mein Vater nötigte ihn, aufzustehen; sein noch lebhafter Blick schien zu fragen: »Weshalb?« – Ehe man ihm antwortete, richtete er sich sitzend auf, stützte seinen Kopf mit der rechten Hand und hielt den Nacken hin, wodurch er den Wunsch ausdrückte, das Bett nicht zu verlassen. Man bemerkte ihm, daß es in dieser Lage schwer sein würde, den Verband seiner Wunde nicht zu verschieben. Die beiden Gehilfen nahmen ihn in ihre Arme und setzten ihn auf einen Stuhl. Man nahm die breite Binde weg, welche den Kinnverband, der seinen zerbrochenen Kinnbacken zusammenhielt, unterstützte, und während mein Großoheim das Haar abschnitt, hielt Charles Henri Sanson, der vor Robespierre stand, den Verband nach den Schläfen hinauf fest. Als dies beendigt war, legte mein Großvater das Verbandzeug wieder an seine Stelle, und Robespierre machte ihm, ehe er nach seinem Bette ging, ein Zeichen mit dem Kopfe, welches auszudrücken schien: »Es ist gut!« oder vielleicht: »Ich danke.« Saint Just ging in seiner Zelle auf und nieder, als die Scharfrichter eintraten. Er war ein wenig bleich, seine Augen hatten aber nichts von ihrem sicheren und stolzen Ausdrucke verloren. Er setzte sich nieder und ließ sich das Haar abschneiden, ohne ein Wort zu sprechen; als dies geschehen war, reichte er Charles Henri von selber die Hände dar; als dieser ihm sagte: »Noch nicht«, murmelte Saint Just: »Desto schlimmer!« Dies war das einzige Wort, das er sprach, und dies, ohne die Miene stolzer Gleichgültigkeit zu verändern, ohne die Ungeduld, welche in diesem Worte lag, in seinem Gesicht kundzugeben. Couthon war der einzige der drei Triumvirn, der niedergeschlagen war; seine Niedergeschlagenheit entsprang aber eher aus Traurigkeit als aus Furcht. Dueray war während des Anzugs in sein Kabinett getreten, und gegen diesen äußerte er sich mit Bitterkeit über das Geschehene. Gegen Collot d'Herbois schien er am meisten erbittert. Um vier Uhr hatte das Tribunal eine große Zahl der außer dem Gesetz erklärten Personen rekognosziert. Es entstand ein neuer Austausch von Botschaften zwischen dem Gerichtshöfe und dem Sicherheitskomitee in betreff der Verurteilten, die noch an demselben Tage hingerichtet werden sollten. Ihre Zahl belief sich auf einundzwanzig. Es waren: Henriot, ehemaliger kommandierender General der bewaffneten Macht; Lavalette, ehemaliger Brigadegeneral bei der Nordarmee; Dumas, ehemaliger Vorsitzender des Revolutionstribunals; Payan, Nationalagent beim Gemeinderat; Vivier, Richter beim Tribunal und Präsident der Jakobiner; der Maire von Paris, Lescot Fleuriot; der Schuhmacher Simon, der schändliche Erzieher des Sohnes Ludwigs XVI. und Mitglied des Gemeinderats; außerdem zehn andere Munizipalbeamte. Henriot hatte in der Gasse, wo man ihn fand, einen Bajonettstich bekommen, durch welchen ihm ein Auge aus seiner Höhle gerissen wurde. Blutend, entstellt und mit Kot bedeckt, war er scheußlich anzusehen. Es konnte nichts Schrecklicheres geben, als sie die Treppe in der Conciergerie hinabsteigen zu sehen; zwei Sterbende und ein Kranker befanden sich an der Spitze, und der klägliche Zug wurde von einem Toten beschlossen. Gerechte, aber schreckliche Vergeltung des Schicksals: der Leichnam von Lebas folgte Robespierre, wie der Leichnam von Valazé den Girondisten gefolgt war. Um halb fünf Uhr fuhren die Karren ab und bogen auf die Kais hinaus. Was ich von der Menge erzählt habe, welche die großen Toten begrüßte oder beschimpfte, kann keine Vorstellung geben von dem Volkszudrange, der sich am 10. Thermidor in den Straßen zeigte, durch welche die Verurteilten geführt wurden. Ganz Paris war dort, nicht weniger neugierig als damals, aber in größerer Aufregung, das Herz von verhaltener Trauer, von heimlich verschluckten Tränen geschwellt; zitternd vor Zorn, vor Haß, vor Rache, vor Reue, in den mannigfaltigsten, lange verhaltenen Empfindungen, die plötzlich überflossen wie ein Strom, dessen Dämme ein Sturm durchbrochen hat. Es war nicht mehr das Geschrei eines Fanatismus, der aufrichtig erscheinen wollte, sondern der Ausbruch der Gemüter, die sich von einer Angst befreit fühlten, mit welcher verglichen der Tod eine Wohltat war; es war das Geschrei der Verzweifelten, denen man Hoffnung wiedergab, der stumme Fluch, der plötzlich eine Stimme fand, es war die Menschlichkeit, die wieder festen Boden fühlte. Alle Schriftsteller haben die näheren Umstände dieses Trauerzuges geschildert. Ich habe den Mitteilungen, welche sie geben, nur wenig hinzuzufügen. Das Drama trug sich mehr in der Umgebung der Scharfrichter als unter ihnen selber zu, mehr in den Straßen als auf den Karren. Robespierre, in dem Wagen sitzend (nicht stehend und mit Stricken befestigt, wie Michelet in seiner Geschichte der Revolution behauptet), auf einer dünnen Schicht Stroh, welche ein Gehilfe ihm untergelegt hatte, lehnte den Rücken gegen die Wagenleiter; sein Gesicht, noch mehr geschwollen als am Morgen, war auch bleicher. Das Geschrei und die heftigsten Schimpfworte fanden ihn unempfindlich; er hielt seine Augen fast immer geschlossen. Sein Bruder war beinahe der Empfindung beraubt. Couthon schien über die Äußerungen dieser Wut erstaunt; er blickte mit einer Art stummer Verwunderung um sich; als die Gendarmen ihn der Menge mit ihren Degenspitzen zeigten und die Verwünschungen sich unmittelbar gegen ihn lenkten, senkte er das Haupt, und in seinen großen, sanften, klugen Augen bemerkte man einen feuchten Schimmer, welcher Tränen ankündigte. Dumas antwortete auf eine beleidigende Anrede: »Es tut mir nur leid, daß ich nicht alle die Schurken, die uns jetzt beleidigen, habe guillotinieren lassen.« Couthon schüttelte auf diese Bemerkung zweifelnd das Haupt. Saint Just hielt es allein unter seiner Würde, sich dieser schrecklichen Kundgebung der öffentlichen Meinung bloßzustellen; er allein ertrug sie ohne Zorn, ohne Ärger, ohne Schwachheit. Vielleicht hielt ihn die Festigkeit seiner Überzeugung in diesem Sturm aufrecht; vielleicht verwendete der unerbittliche Fanatiker seine letzte Stunde dazu, die geheimnisvolle Tiefe der Zukunft zu ergründen, die Zwecke seiner Volksbeglückungstheorie, die sein Ideal gewesen war, weiter zu verfolgen. Nur ein einziges Mal stieg er von seiner Höhe herab, um den Ereignissen einige Teilnahme zu schenken. Eine Frau war herbeigekommen und warf Robespierre die Verurteilung ihrer Tochter vor. Bei dieser schluchzenden Stimme senkte Saint Just den Blick; er betrachtete sie mit einem Ausdruck, den man für Mitleid hätte halten können; als aber der Karren vorbei war, umschwebte ein bitteres Lächeln sein ehernes Gesicht, und man hörte ihn murmeln: »Ihre Tochter! sie würde sie wahrscheinlich für zwanzig Livres verkauft haben.« Als man auf die Höhe von Assomption, dem Hause der Familie Duplay gegenüber, welches Robespierre als Wirt und Hausfreund bewohnt hatte, angekommen war, machten die Wagen halt. Das Volk schloß einen Kreis um die Karren und tanzte einen Ringtanz; ein Kind brachte einen Eimer voll Blut von einem der benachbarten Schlächter herbei, und man bestrich mittels eines Besens die Außenseite des Hauses damit. Vergebens befahl Charles Henri den Gendarmen, ihm einen Durchweg zu bahnen; vergebens berief er sich auf die Pflicht und Achtung, die man dem Unglück schuldig sei; die Gendarmen wendeten ihre Pferde um, mischten ihr Hohngeschrei mit dem der Wütenden und versetzten sie in noch größere Aufregung. Dies war jedenfalls ein klägliches Schauspiel, von welchem sich jedes edle Herz, welcher Parteimeinung es auch zugehörte, mit Unwillen abwendete. Wem kann man aber die Verantwortlichkeit dafür anders aufbürden als denjenigen, die zuerst diese schimpflichen Beleidigungen hervorgerufen und verlangt hatten, daß der Beifall einer schmachvollen Schar ihre Feinde bis jenseits des Grabes verfolge? Ein Jacques Roux konnte Ludwig XVI. antworten: »Ich bin hier, um dich zur Guillotine zu führen, und nicht, um deine Aufträge anzunehmen!« Einem Gramont war es erlaubt, derjenigen, die er während ihrer letzten Lebensstunden beschützen sollte, einer Frau, einer Königin, einer Mutter eine feige Beleidigung entgegenzuschleudern! Die Kerkermeister, welche den unglücklichen Bailly noch vor seinem Märtyrertode gequält hatten, waren ohne Verweis davongekommen! Jedesmal, wenn ein Elender einer Majestät in das Antlitz spie, fand sich bei den Jakobinern, im Konvent oder in den Komitees ein Redner, der lächelte oder Bravo schrie, der den Patriotismus des Beleidigers rühmte, um Frankreich ein Beispiel zu geben! Man hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Herz des Volkes so zu stimmen, wie das Herz jenes römischen Kaisers, welcher verlangte, seine Opfer sollten das Sterben fühlen; man wünschte ihm den Ingrimm jenes anderen Kaisers, der den Wunsch aussprach, das römische Volk möchte nur einen Kopf haben, damit er ihn mit einem einzigen Streiche abschlagen könnte. Und es finden sich heute große Geschichtschreiber, die darüber erstaunen, daß dieser Samen Früchte getragen, daß jene Männer, jene Weiber, denen man den Glauben an Menschlichkeit, Gnade und Seelengröße geraubt hatte, sich nicht mitleidvoll zeigten, weil der Leidende an jenem Tage Robespierre hieß. Diese schreckliche Station währte länger als fünf Minuten. Als Robespierre sich jener Wohnung gegenübersah, wo er schon vor langer Zeit die Tage seiner Größe erlebte, wo er vielleicht einige glückliche Stunden zubrachte, deren Erinnerung als letzte Planke im Schiffbruch vielleicht in seinen Gedanken vorherrschte, schloß er krampfhaft die Augen, die er beim Anhalten der Wagen geöffnet hatte, und während einiger Sekunden sah man seine Augenlider zittern, als wollten sie eine Träne zurückhalten oder weinen. Als die Karren sich wieder in Bewegung setzten, klammerte sich eine andere Frau, welche, nach ihrer Kleidung zu schließen, der Bürgerklasse angehörte, an den Wagen, so daß sie beinahe gerädert worden wäre, und rief: »Steige zur Hölle, Verbrecher, beladen mit dem Fluch aller Gattinnen und Mütter!« Robespierre schien sie nicht zu hören. Man riß sie mit Gewalt fort, denn sie wollte den Wagen nicht loslassen, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Es war ein viertel auf sieben Uhr, als er auf dem Platze der Revolution anlangte. Die Verurteilten stiegen aus. Gobeau, ehemaliger Stellvertreter des öffentlichen Anklägers beim Kriminalgericht und Mitglied des Gemeinderats, wurde zuerst hingerichtet. Maximilian Robespierre blieb gegen den Karren gelehnt stehen und kehrte dem Schafott den Rücken zu. Sein Bruder wurde von Gendarmen unterstützt; wegen seiner Wunde konnte er sich nicht auf seinen Beinen halten. Man hatte Couthon einen Stuhl hingestellt, auf welchem er bereits saß. Als Saint Just an der Reihe war, hinaufzusteigen, umarmte er den Gelähmten, und bei Robespierre vorübergehend, sagte er nur die Worte: »Lebe wohl!« Seine Stimme verriet keine Aufregung. Jener antwortete ihm mit einem Kopfnicken, wendete sich um und folgte ihm mit den Augen, bis er auf dem Fallbrett lag. Robespierre war der zehnte der Hinzurichtenden; er stieg allein, ohne jede Hilfe, hinauf. Seine Haltung verriet weder Prahlerei noch Feigheit. Seine Augen, der einzige Teil seines Gesichts, welcher Leben verriet, waren kalt, aber ruhig. Charles Henri hatte einen seiner Gehilfen beauftragt, den Verband, der den Kopf des Patienten umgab, wegzunehmen; dieser tat, wie ihm befohlen war, und zog die Leinwand mit den Bändern fort. Der Schmerz war entsetzlich, so daß der Patient einen schrecklichen Schrei ausstieß. Der lose Kinnbacken hing herab, der Mund öffnete sich weit, und das Blut floß heraus. Man stieß ihn eilig auf das Brett, und nach kaum einer Minute fiel das Messer nieder. Das Haupt Robespierres wurde dem Volke gezeigt, wie es mit dem des Königs und Dantons geschehen war; die Menge begrüßte es mit wiederholtem Beifallssturm. Ende der Revolution Coffinhal Das System der unerbittlichen Strenge hatte sich der Gemüter so sehr bemächtigt, daß der Gedanke an Gnade selbst den Männern nicht in den Sinn kam, welche behaupteten, daß dieselbe die nötige Folge der neuen Umwälzungen sein müsse. Während des 19. hatten die Verhaftungen ihren Fortgang gehabt. Alle Personen, welche das Dekret des Konvents außer dem Gesetz erklärte, waren nacheinander verhaftet und in die Gefängnisse geführt worden. Das barbarische Gesetz, welches jeden mit dem Tode bestrafte, der einem Geächteten eine Zufluchtsstätte öffnete, war noch nicht zurückgenommen worden. Die Robespierristen, die dasselbe erlassen hatten, fanden alle Tore verschlossen und keine freundschaftliche Hand der ihrigen geboten; wenige entkamen. Am 10. morgens gingen die Mitglieder des Revolutionstribunals, dem Konvent ihren Glückwunsch darzubringen. Fouquier begleitete die Deputation. Letzterer glaubte so fest an den erfolgreichen Eindruck dieser Maßregel, daß er unterwegs zu Soly, einem Gerichtsschreiber, sagte: »Das Volk muß zufrieden sein; die Guillotine geht ihren Gang, sie wird ihren Gang gehen und besser als früher.« Inzwischen hatte in der Sitzung vom 11. Elie Lacoste die Reinigung des Revolutionstribunals und die Einsetzung einer provisorischen Kommission für die Ausübung der Amtstätigkeit verlangt. Sein Antrag, von Thuriot und Turreau unterstützt, gelangte zur Abstimmung. Die Versammlung stimmte für die Aufhebung des Tribunals; gegen das Ende der Sitzung aber kam sie auf Billaud-Varenne's Bemerkungen wieder auf sein Dekret zurück und entschied sich für die Vertagung; endlich legte vor dem Schluß der Debatte Barère eine Liste der Mitglieder vor, die zu einem neuen Tribunal vorgeschlagen waren, womit zugleich die Abschaffung des alten einbegriffen war. Am 14. versetzte die gemäßigte Partei des Konvents der mörderischen Organisation der Schreckensherrschaft neue Schläge, indem sie verlangte, daß das Gesetz vom 22. Prairial zurückgenommen und die von ihr aufgehobenen Gesetze wieder in Kraft gesetzt würden. Der Antrag, den die Bergpartei selber unterstützte, wurde unter lebhaftem Beifall angenommen; Fréron bestieg die Tribüne. »Ich habe« – sprach er – »mit Schrecken und Erstaunen auf der Liste der neuen Mitglieder, welche zur Bildung des Revolutionstribunals vorgeschlagen worden, Männer gesehen, welche die öffentliche Meinung zurückweist. Ganz Paris verlangt die wohlverdiente Hinrichtung von Fouquier-Tinville. (Allgemeine Zustimmung.) Ihr habt den schändlichen Dumas und die Geschworenen, welche mit ihm an dem Verbrechen des Schurken Robespierre teilnahmen, vor das Revolutionstribunal gestellt. Ich will euch beweisen, daß Fouquier-Tinville ebenso strafbar wie jene ist; denn wenn der Präsident und die Geschworenen unter Robespierres Einfluß standen, so war dies derselbe Fall mit dem öffentlichen Ankläger, weil er die Anklageakten aus demselben Gesichtspunkte abfaßte. Ich verlange, daß Fouquier-Tinville in der Hölle das Blut keltere, welches er vergossen; ich verlange einen Haftbefehl gegen ihn.« Mehrere Mitglieder: »Zur Abstimmung über den Haftbefehl!« Turreau: »Ich erkläre mich gegen den Haftbefehl. Es hieße diesem Schurken zu große Ehre erweisen; ich verlange, daß man ihn einfach für verhaftet, verurteilt und dem Revolutionstribunal übergeben erkläre.« Dieser Antrag wird angenommen, und man zollt ihm wiederholten Beifall. Dieses Dekret wurde gegen Mittag erlassen; um vier Uhr nachmittags stellte sich Fouquier selber als Gefangener in der Conciergerie, wo er seinen ehemaligen Kollegen vom Tribunal, Coffinhal, wiederfand. Des letzteren Leben war durch die Aufhebung des Revolutionstribunals um einige Tage verlängert worden: es bedurfte eines Dekrets seitens des Konvents, um das Kriminalgericht zu bevollmächtigen, die Identität des Verurteilten festzustellen und ihn zum Tode zu schicken. Dieses Dekret wurde am 17. erlassen und Coffinhal am 18. auf die Guillotine geführt. Er saß allein in einem Karren. Sonst machte sich das gute Volk von Paris wegen einer solchen Kleinigkeit keine Mühe, und man hörte auf dem Platze sagen: »Heute ist der kleine Korb daran, wir wollen fortgehen.« Jedoch der barbarische Sinn, welchen Coffinhal den Angeklagten gegenüber zeigte, die Spottreden, mit denen er die Unglücklichen verhöhnte, hatten ihm eine bedeutende Berühmtheit verschafft. Überdies hatte die Guillotine fünf Tage Ferien gehabt und diese ungewöhnliche Rast die Gewohnheit vieler Leute gestört; so bewegte sich denn eine große Volksmenge in den Straßen, die sich lärmend und angreifend zeigte. Coffinhal wurde beleidigt und mit Hohngelächter begleitet. Eines Tages, als er das Urteil eines unglücklichen Fechtmeisters aussprach, hatte er es für geeignet gehalten, die traurige Sitzung zu erheitern; er hatte mit seiner Baßstimme zu ihm gesagt: »Du bist ein Fechtmeister, mein alter Junge; nun wohl, so pariere mir diesen Stoß!« Unterwegs rief man ihm öfter als zwanzigmal dieses trübselige Scherzwort zu. Kinder und sogar Männer steckten einen Stock oder einen Regenschirm durch die Wagenleitern und zielten damit nach der Brust des Verurteilten, indem sie ihm zuriefen: »Kannst du den da parieren, Coffinhal?« Andere machten eine ähnliche Anspielung mit den Worten: »Coffinhal, du würdest dich wundern, wenn man dir sagte, du kämest ins Paradies.« Und alle ahmten den Ton des früheren Präsidenten nach, womit er so oft die Verteidigung der Unglücklichen unterbrochen hatte: »Coffinhal, du hast nicht das Wort!« Er starb mutig. Nach seiner Hinrichtung wurde die Guillotine abgebrochen und fortgefahren, um nur an den Tagen der Hinrichtungen wieder aufgestellt zu werden. Carrier Die Bürger von Nantes; Tronjolly; Trouson- Ducoudray; das Revolutionstribunal von Nantes; Pinard, Grandmaison. Das Tribunal entledigte sich seiner Aufgabe mit so vieler Mäßigung, als man nur von Männern erwarten konnte, deren Revolutionsfieber kaum gekühlt war. Vom 15. bis 30. Fruktidor schickte es sechs Verurteilte auf die Guillotine. Vom 1. Brumaire bis zum 6. Frimaire waren die Hinrichtungen noch weniger zahlreich: es ließen nur fünf Verurteilte ihre Köpfe auf dem Grèveplatz. Doch blieb das Tribunal nicht untätig, es hatte eine große Zahl Angeklagter freigesprochen und am 22. Fruktidor den Prozeß der vierundzwanzig Bürger von Nantes in Angriff genommen, welche durch Carrier nach Paris geschickt worden waren. Carrier klagte sie an, mit den Rebellen der Vendée im Einverständnis gewesen zu sein. Dieser Prozeß fand einen ungeheuren Widerhall. Die Angeklagten, am 7. Frimaire von Nantes abgereist, hatten vierzig Tage im strengsten Winter unterwegs zugebracht; die Leiden, welche diese Menschen duldeten, die schlechte Behandlung, welche sie erfuhren, waren entsetzlich. Der Bericht, den einer von ihnen verfaßte, lief in ganz Paris um und rührte aller Herzen. Carriers blutiger Ruf war nur zum geringen Teil in die Massen gedrungen. Die so zahlreichen Tagesblätter waren klug, das heißt stumm, und außerdem hatte die Sorge der persönlichen Sicherheit es verhindert, sich um das Elend der Provinz große Sorge zu machen. Auf diese Weise war der Minotaurus von Nantes, der Mann der Ertränkungen, auf seiner Bank der öffentlichen Aufmerksamkeit entgangen. Am 9. Thermidor erhob er ein größeres Zetergeschrei als seine Nachbarn und spielte seine Rolle fort, indem er den mit dem Tode ringenden Robespierre in der Straße Saint Honoré beschimpfte und das, was er, Carrier, eine gerechte Büßung nannte, mit Händeklatschen begrüßte. Der Prozeß der 132 Bürger von Nantes gab eine Enthüllung. Man erfuhr mit mehr Bestürzung als Schrecken, daß einer dieser entsetzlichen Tyrannen, die man für immer in den Gräbern glaubte, auf welche Suetonius und Tacitus die Grabschrift geschrieben, wiederauferstanden sei, daß ein solcher das Leben eines Vampirs besäße und noch existiere, nachdem er nach zwanzig Jahrhunderten die Rolle eines Heliogabalus und Nero erneuert, seine Häscher zu empörenden Ausschweifungen angestachelt und eine große Stadt, deren Vaterlandsliebe Frankreich vor der Invasion der Vendée bewahrte, in eine Wüste verwandelt hatte. Carrier mußte in dem Prozeß der Vierundneunzig vor Gericht erscheinen, und Tronjolly, der ehemalige Bürgermeister von Nantes, der auf der Bank saß, kehrte die Rolle um, indem er denjenigen, der sich als Zeuge darbot, anklagte und ihm die Ertränkungen, Erschießungen und Metzeleien, die er während seines Prokonsulats befohlen, vorwarf. Carrier leugnete, daß er das befohlen habe, was Tronjolly in mutiger Weise als scheußliche Verbrechen schilderte. Aber diese Ausflucht wurde durch die Aussagen seiner Mitschuldigen selber, der Mitglieder des Revolutionskomitees von Nantes, auf nichts zurückgeführt. Einige standen schon unter Anklage; die anderen fühlten die Hand der Gerechtigkeit auf ihrer Schulter; alle kamen überein, Carrier für die zahllosen Mordtaten, welche begangen worden waren, verantwortlich zu machen. Der Verteidiger der Bürger von Nantes, Tronson-Ducoudray, zerriß vollends den Schleier, indem er im einzelnen darlegte, was sich zu Nantes zugetragen hatte. »Hundert Priester«, sagte er, »welche deportiert werden sollten, wurden ergriffen. Man schickte sie in einem mit einer Klappe versehenen Schiff auf die Loire, man entkleidete sie und stürzte sie in die Fluten. Dieses Schiff hat zu mehreren Ertränkungen gedient. Dieses neue Wort »die Noyaden« hat neue Schandtaten geheiligt. Am 21. bereitete sich das Komitee eine schwelgerische Mahlzeit: Gourlin zieht ein Knäuel Bindfaden aus seiner Tasche, nähert sich den Gefangenen und bindet ihnen die Hände. Philippe Tronjolly weigert sich, die Gefangenen ohne Urteil und ohne Befehl herauszugeben; auch der Gefängniswärter widersetzt sich, wird aber nicht gehört. Man treibt die Gefangenen mit Säbelhieben nach dem Hafen; sie besteigen das verhängnisvolle Fahrzeug und werden von den Fluten verschlungen. Nur einer entrinnt und klammert sich während der ganzen Nacht an einen Felsen. Man entdeckt ihn und bringt ihn wieder in das Gefängnis. Schwangere Frauen wurden in der Loire ertränkt; Kinder von sieben, acht, neun und zehn Jahren erlitten dasselbe Schicksal. Gefühlvolle Menschen verlangten, für die letzteren sorgen zu dürfen; einige Kinder wurden ihnen bewilligt, andere sah man wahrscheinlich als junge Wölfe an und ertränkte sie trotz aller Bitten der Bürger. Man hat mir mitgeteilt, daß 144 Frauen in jener Stadt, als Verdächtige eingekerkert, Hemden und Gamaschen für die Verteidiger des Vaterlandes nähten und daß diese ebenfalls auf das Schiff geführt und ertränkt wurden. Die Zahl der in der Loire ertränkten Unglücklichen war so groß und der Fluß wurde derartig verpestet, daß ein Polizeiverbot den Einwohnern von Nantes den Gebrauch des Flußwassers und sogar den Fischfang untersagte. Die blutdürstigen Männer, welche diese Maßregel rechtfertigten, wollen behaupten, man hätte nur so gehandelt, um das Vaterland zu retten. Tiberius und Ludwig XI. waren der Meinung, daß das Wohl des Staates unter gewissen Umständen Strenge nötig mache; aber ihre Trabanten erlaubten sich niemals ähnliche Gewalttätigkeiten, ohne dazu von ihrem Herrn ermächtigt worden zu sein.« Die Bürger von Nantes wurden freigesprochen. Beifallruf und der Ruf: »Es lebe die Republik!« begrüßten den Urteilsspruch, der ihnen die Freiheit gab. Nach dem, was vorgefallen war, gewann diese Begeisterung die Kraft eines volkstümlichen Anklagedekrets. Bald darauf wurde Carrier noch unmittelbarer unter Anklage gestellt. Die Mitglieder des Revolutionskomitees zu Nantes, die Vollstrecker von Carriers blutdürstigem Wahnsinn, welche vor dem Sturze Robespierres verhaftet worden waren, erschienen am 29. Vendemiaire vor dem Tribunal, und die Tatsachen, welche den Zuhörern enthüllt wurden, trieben den öffentlichen Unwillen auf die höchste Spitze. Die schreckliche Legende von Nantes wurde eine Wahrheit; es schien, als sei die Loire nach Paris hinaufgestiegen und habe ihren scheußlichen Inhalt, der ihre Fluten vergiftete, an den Uferplätzen ausgespült. Ich werde nun den öffentlichen Ankläger sprechen lassen: »Am 15. Frimaire werden neue Opfer bezeichnet: hundertzweiunddreißig werden dem Tode geweiht; es wird Befehl gegeben, sie zu erschießen, und Goullin, Grandmaison und Mainguet unterzeichneten diesen Befehl, der im Original vorliegt. In der Nacht vom 24. zum 25. Frimaire werden 129 Gefangene aufs Geratewohl aus ihren Kerkern gerissen, gebunden und geknebelt nach dem Hafen geschafft, auf ein Lichterschiff gebracht und im Wasser ertränkt. Goullin führte das scheußliche Verzeichnis, Joly band die unglücklichen Opfer, und Grandmaison stürzte sie in die Loire. Unschuldige Opfer, Kinder, die erst aus den Händen der Natur hervorgegangen, wurden von diesem neuen Caligula auserwählt; sie wurden den Fluten geopfert; die Bitten der Bürger vermochten die Herzen dieser Barbaren nicht zu rühren. Mainguet ist der einzige, welcher erklärte, er habe gegen fünfhundert der Ertränkung entzogen und ohne Wissen des Komitees der wohltätigen Pflege der Einwohner anvertraut. Man werfe einen Blick auf ihr Privatleben, man betrachte sie einzeln: man sieht Goullin, der seine Kollegen despotisch beherrscht und sie zwingt, zu unterzeichnen, was seine Grausamkeit ihm eingibt. Man hörte ihn einer unglücklichen Gattin, die ihn um Nachricht über ihren Gemahl bittet, antworten: ›Ei, was geht das mich an! je eher er stirbt, desto eher werden wir sein Holz haben.‹ Überblicket das Leben von Chaux! Ihr werdet sehen, wie er in seinem Bezirk alle diejenigen, welche als seine Konkurrenten erscheinen, einschüchtert und bedroht, wie er sich die Meiereien des Gutes de la Barossière zusprechen läßt, ihr werdet ihn über ein Lokal, das ihm zusagt, äußern hören: ›Ich kenne ein Mittel, es mir zu verschaffen; ich werde den Eigentümer verhaften lassen, und er wird sich glücklich fühlen, mir sein Besitztum zu überlassen, wenn er nur wieder aus dem Gefängnis entkommen kann.‹ Perrochaux treibt kaltblütig Handel mit der Freiheit der Bürger. Die Tochter Brettenville bittet um ihren Vater. Als Preis seiner Freiheit fordert er, daß ihm die Bittstellerin ihre Ehre opfere. Er fordert von der Bürgerin Ollemard-Dudan 50 000 Franken, wenn sie nicht verhaftet werden wolle. Grandmaison war ein Mörder vor der Revolution; nachher mißhandelte er alle Opfer, die er verhaftete; er eignete sich das sequestrierte Silbergerät an; er vollführte die Ertränkungen und unterschrieb die Todesurteile. Joly vollstreckte die Hinrichtung; er bemächtigte sich alles dessen, was er fand: Kleinodien, Silberwerk, Kostbarkeiten, alles kam seiner Raubsucht gelegen. Er war der große Vollstrecker; er war es, der die zum Tode verurteilten Unglücklichen fesselte. Bachelier, als Präsident, leitete alle Operationen des Komitees; er ließ alles, was seinen Vorteil beeinträchtigte, einkerkern; er eignete sich das Silbergeld, welches man als Spenden bot, zu und leitete alle nächtlichen Unternehmungen. Naud allein legte die gerichtlichen Siegel bei den Privatpersonen an und hob sie auch wieder; er stellte in den Häusern der Gefangenen nächtliche Haussuchungen an und bemächtigte sich alles dessen, was ihm zusagte. Pinard war der große Lieferant; er diente bei den ländlichen Expeditionen; er raubte und stahl ungestraft und lieferte jedem Mitglied des Komitees, was zum täglichen Hausgebrauch nötig war. Gallen eignete sich das Öl und den Branntwein zu. Duracier unternahm Haussuchungen und forderte Kontributionen ein. Den Bürger Lemoine ließ er 2500 Livres bezahlen, um der Verhaftung zu entgehen. Die entschiedensten Verschwörer, die grausamsten Feinde der Republik können die Freiheit nicht schändlicher gemordet haben. Haben sie wohl mit größerer Kühnheit die Volkssouveränität angetastet? Raub, Diebstahl, Räuberei, Unsittlichkeit, Mißbrauch des Ansehens und der Macht, Mord und Totschlag, dies sind die Verbrechen, mit denen sich die Angeklagten bedeckten, dies sind die Verbrechen, welche das Tribunal zu strafen haben wird.« Der Bürger Leblois hatte viel gesagt, aber bei weitem nicht alles. Da er den Repräsentanten Carrier, der für die Metzeleien eigentlich verantwortlich war, nicht unmittelbar anklagen konnte, so stellte er nur die Tatsachen fest, ohne jedoch das Schreckliche derselben zu verhehlen; er schrieb sie der Unwürdigkeit derjenigen zu, auf welche der Prokonsul sein Vertrauen gesetzt hatte; er legte besonderen Nachdruck auf die Erpressungen und Betäubungen, welche seine Mitschuld ausschlossen. Die Aussagen der Zeugen beobachteten nicht diese Schonung gegen den Tyrannen von Nantes, und die Angeklagten selber beschuldigten ihn beim Versuch ihrer Rechtfertigung ganz unmittelbar. Einer der ersteren, ein gewisser Peter Wolf, legte den Befehl zur Vollstreckung der Ertränkungen vor, und dieser Befehl war von Carrier unterzeichnet. Derselbe lautete folgendermaßen: »Carrier, Volksvertreter bei der Westarmee, fordert die Zahl der Bürger auf, welche Wilhelm Lambertyc auswählen wird, allen seinen Befehlen bei der Expedition, mit welcher wir ihn betraut, zu gehorchen. Auch wird der Kommandant der Tore von Nantes aufgefordert, den gedachten Lambertyc und die Bürger, die er mit sich führt, sei es bei Tag oder Nacht, frei passieren zu lassen. Jedermann ist es verboten, den Handlungen, welche ihre Expedition nötig machen könnte, das geringste Hindernis in den Weg zu setzen. Gezeichnet: Carrier.« Einer der freigesprochenen Bürger von Nantes, Philippe Tronjolly, sagte seinerseits aus: »Carrier kam am 15. Frimaire zu mir zum Abendessen. Auf meine Bemerkung, daß er die Verhafteten viel zu schnell abfertigen lassen wollte, sagte er: ›Aber braucht es denn so vieler Beweise? Es ist viel kürzer, sie ins Wasser werfen zu lassen. Du wirst bald die Frauen sanskulottieren sehen.‹ Er meinte damit, die Frauen würden ebenfalls bald eine Rolle bei den Ertränkungen spielen. Er sprach von jener scheußlichen Hinrichtungsart, welche Carriers Trabanten die republikanische Hochzeit nannten und welche darin bestand, daß man einen Mann und eine Frau nackt zusammenband und sie dann in den Fluß warf.« Man vernahm später einen Zeugen, der bei den Ertränkungen eine Rolle gespielt hatte und dem es nur durch ein Wunder gelungen war, sich zu retten. Folgendes ist seine Aussage: »Seit zwei Jahren in dem Hause Bouffay verhaftet, weil ich ein Pferd gekauft hatte, das ohne mein Wissen gestohlen worden sein sollte, sah ich zu einer Zeit, die ich nicht genau bestimmen kann, um elf Uhr abends bewaffnete Leute bei uns eintreten, welche uns nach unseren Namen fragten, uns befahlen, unsere Sachen zusammenzupacken, uns zwei und zwei mit Tauen zusammenbanden und unsere Hände auf den Rücken knüpften. Ich sah diesen Augenblick als meinen letzten an; ich beteuerte, daß ich, von jedem Vorwurfe frei, stürbe. Diese Offenheit meinerseits veranlaßte Ducour und Grandmaison, über mich zu witzeln. ›Verdammter Schafskopf,‹ sagten sie zu mir, ›wir wollen nicht eure Person, sondern eure Güter; was dich betrifft, so stirbst du in diesem Hause vor Hunger, wir wollen dich nun an einen Ort führen, wo es dir besser gehen wird.‹ Wir befürchteten alle, erschossen zu werden, und verlangten, dem Vaterlande Dienste zu leisten. Man antwortete uns, wir würden beim Bau eines Forts verwandt werden; einer der Angeklagten hatte eine Axt auf der Schulter. Wir wurden in das Gehölz von Lamorette, dann in das Wachthaus La Machine geführt; einem von uns, einem gewissen Garnier, gelang es, zu entfliehen; man wendete Schimpfreden, Drohungen und alles mögliche an, uns zu zwingen, daß wir seinen Zufluchtsort verrieten. Grandmaison schlug uns unter anderem mit dem Pistolenkolben gegen den Kopf; Grandmaison schiffte die Gefangenen ein und ließ uns mittels Leitern in das Lichterschiff hinuntersteigen; unsere Taue wurden zerschnitten, damit wir leichter nacheinander hinabsteigen konnten, und da dies dennoch nicht ohne Schwierigkeit möglich war, kam Grandmaison auf den Einfall, uns beim Kragen zu nehmen und hinunterzuwerfen. Wir boten alles auf, um unsere Fessel zu lösen, als wir aber damit zustande gekommen waren, wurden wir mit Flintenschüssen gezwungen, uns wieder festzumachen. In dem Augenblick jedoch, als man das Lichterschiff, welches die Gefangenen trug, abstieß, hatte ich das Glück, zu entkommen, und seit dieser Zeit habe ich den Strick bewahrt, mit welchem man mich gefesselt hatte.« Der 127. Zeuge, Thomas, ein Gesundheitsbeamter, gibt eine entsetzliche Schilderung von der Beschaffenheit der Gefängnisse und der Stadthospitäler von Nantes unter Carriers Herrschaft. »Das Revolutionshospital«, sagt er, »war in gänzlicher Entblößung; die Epidemie verübte schreckliche Verwüstungen in den Gefängnishäusern. In dem genannten Hospital sah ich in zwei Tagen fünfundsiebzig umkommen; man fand nur verfaulte Matratzen, auf deren jeder die Seuche über fünfzig Personen hingerafft hatte. Ich beschuldige das Revolutionstribunal im allgemeinen, vier- bis fünfhundert Kinder ertränkt oder füsiliert zu haben, von denen das älteste vielleicht vierzehn Jahre alt war. Mainguet gab mit eines Tages eine Anweisung, damit ich in dem Verwahrsam zwei Kinder, die ich annehmen wollte, auswählen durfte, ich wählte eins von elf Jahren und ein anderes von siebzehn Jahren. Am folgenden Tage kamen einige Freunde mit mir, die ich aufgefordert hatte, mehrere dieser unglücklichen Wesen zu sich zu nehmen, zu erziehen und zu ernähren; diese kleinen Unschuldigen waren aber nicht mehr am Leben, sie waren alle ertränkt worden. Ich versichere, daß ich noch am Abend vorher mehr als vier- oder fünfhundert gesehen hatte.« Die Zuhörer schauderten; jede dieser Enthüllungen wurde mit dem Geschrei des Unwillens und Schreckens aufgenommen. Am Abend riß sich das Publikum um die Blätter, welche diese schrecklichen Aussagen nebst bitteren Bemerkungen brachten. Die Aufregung verbreitete sich unter den Massen, und der Name Carrier wurde den Furien gewidmet. Der Zorn, den dieser Prozeß erregte, war so nachhaltig, daß sich eines Abends die Menge nach einem Orte bewegte, wo die Jakobiner ihre Sitzung hielten, dort die Tür sprengte und unter dem Vorwande, Carrier zu suchen, alle Anwesenden mißhandelte, die Bänke zertrümmerte und die Fensterscheiben zerbrach. Niemand zweifelte, daß der Konvent den ersten Schritt zum Anklagedekret tun werde; dies schien um so wahrscheinlicher, als schon neunzehn seiner ehemaligen Trabanten, Mitglieder des Revolutionstribunals zu Nantes und der Gesellschaft Marat, auf Aufforderung des Anklägers die Bank der Zeugen mit der Bank der Angeklagten vertauscht hatten. Der Zudrang zu den Tribünen des Konvents war ebenso stark wie zu dem Verhör, denn man erwartete jeden Tag, daß sich die Debatten entspinnen sollten; aber jeden Tag wurden die Erwartungen des Publikums getäuscht. Keiner der Repräsentanten, welche nach dem Tode Robespierres so bereit zu Anzeigen und Anklagen waren, entschied sich, im Namen der Menschlichkeit und der Würde der Versammlung die gerechte Bestrafung dieses Weiber- und Kindermörders zu verlangen. Von der Bank der Angeklagten ging der Ruf aus, man könne nicht diejenigen, die gehorcht, bestrafen und denjenigen, der befohlen, freisprechen, ohne die Gerechtigkeit und die Billigkeit zu beleidigen. Der Konvent entschied, daß Carrier vorläufig unter der Obhut von vier Gendarmen Hausarrest haben sollte, bis der Konvent ihn gehört hätte. Carrier arbeitete ohne Unterlaß an seiner Verteidigung; aber von allen Seiten erhoben sich neue Ankläger, eine ganze Stadt verlangte seine Züchtigung. Nantes richtete an die Versammlung eine Bittschrift, worin die wütenden Taten, die Ausschweifungen, Grausamkeiten und Mordtaten, deren Verantwortlichkeit er nicht von sich ablehnen konnte, aufgezählt waren; er hatte sich beklagt, daß die gegen ihn erhobenen Anzeigen nicht unterschrieben seien: Neun Zehntteile der Bewohner einer Stadt antworteten ihm, indem sie dieses Schriftstück mit ihren Namen unterzeichneten. Am 1. und 2. Frimaire erschien er im Konvent und begann seine Verteidigung. Die Repräsentanten und das Volk auf den Tribünen hörten ihn, ohne sich ein Wort oder eine Gebärde des Unwillens zu erlauben; aber diese düstere Stille gab hinreichend Kunde von den Gefühlen, die auf beiden Seiten herrschten: sie setzte Carrier in Schrecken. Am 3. Frimaire ersuchte er den Präsidenten schriftlich um Entschuldigung, daß er sich wegen plötzlicher Erkrankung nicht in die Sitzung begeben könne. Mehrere Mitglieder verlangten, man solle zum Namensaufruf schreiten; andere widersetzten sich diesem Schritt, ehe man Carrier gehört habe. Ihre Einmischung ärgerte Legendre, den Vorsitzenden, und bewog ihn zu einem rednerischen Aufschwung, der seinem ehemaligen Freunde Danton sogar Ehre gemacht haben würde. Er verließ seinen Lehnstuhl und schritt auf die Rednerbühne. »Ich klage niemand an,« rief er; »aber ich erkläre, daß bei mir die Überzeugung feststeht, daß diejenigen, welche bei den Jakobinern Carrier mit ihren Leibern schützen wollten, noch hier sind, um ihn zu retten. Von dieser Seite ging die Diskussion aus, welche gestern hier stattfand. Man hat tatsächliche Beweisstücke verlangt. Nun gut, wenn ihr wollt, so lasset die Loire nach Paris zurückfließen; lasset die Schiffe mit der Klappe kommen, lasset die Leichen der Unglücklichen kommen, die man geopfert hat. Ihre Zahl ist groß genug, um die Lebenden zu überdecken. Das Volk hält die Augen offen, und niemand wird es in dieser Angelegenheit täuschen.« Legendre erklärte darauf, daß die vorgeschützte Krankheit Carriers ihn nicht vor seinem Urteil schützen könne. »Werfet die Augen auf den Kalender,« fügt er hinzu, »zählet die Zahl der Tage, die er in Nantes zugebracht hat, und ihr werdet die Zahl seiner Verbrechen gezählt haben. Ich verlange, daß er aufgefordert werde, sich in den Schoß des Konvents zu begeben, und daß man zum Namensaufruf schreite.« Diese mit Beifall aufgenommene Rede riß die Versammlung fort, und man erhob Legendres Antrag zum Beschluß. Zwei Stunden darauf brachten die Gendarmen Carrier herbei, welcher seine Verteidigung beschloß, worin sich unter anderem jener Satz befand, der sich vielleicht als eine Anschuldigung der berühmten Versammlung erhalten wird: »Alles ist hier schuldig, sogar die Klingel des Präsidenten!« Man ließ Carrier abführen, um zur namentlichen Abstimmung zu schreiten. Die Stimmenzahl belief sich auf fünfhundert; vierhundertachtundneunzig sprachen sich für die Anklage aus; nur zwei gaben eine bedingte Stimme ab. Carrier wurde in der Nacht verhaftet; er lag gerade zu Bett und schlief. Er bat die Agenten der Komitees, man solle ihm erlauben, die Bettvorhänge zuzuziehen, er wolle sich ankleiden; jene weigerten sich; er ergriff darauf eine Pistole, welche er unter seinem Kopfkissen versteckt hatte; man entriß sie ihm aber, ehe er sie nach dem Munde führen konnte; er wurde in die Conciergerie gebracht. Am 7. Frimaire erschien er vor dem Tribunal. Die in dem ersten Teil des Prozesses vernommenen Zeugen wurden von neuem aufgerufen und sagten über die Tatsachen aus, die den Repräsentanten persönlich betrafen. Mehrere bezeugten, in Lambertycs Händen den schriftlichen Befehl gesehen zu haben, kraft dessen jener die Ertränkungen vorgenommen habe. Diesen Aussagen gegenüber legt sich Carrier aufs Leugnen; er beteuert, durchaus keine Kenntnis von jenen Ertränkungen gehabt zu haben; er erklärt, daß, wenn einige zum Transport bestimmte Verhaftete auf diese Weise umgekommen, dies nur die Folge eines Zufalls gewesen sei; er schreibt diese Verleumdungen, wie er es nennt, dem Hasse zu, welchen die Provinzbewohner im allgemeinen und die Bretonen im besonderen gegen die Fremden hegen; er behauptet, das Volk von Nantes sei fern gewesen, ihn als einen Tyrannen anzusehen, sondern hätte ihn vielmehr als einen Wohltäter betrachtet und, wenn er sich auf den Straßen gezeigt, Kränze auf sein Haupt geschüttet. Aber seine Mitangeklagten unterbrechen ihn, indem sie die Wahrheit der Zeugenaussagen bestätigen, auf die Unwahrscheinlichkeit der Behauptungen Carriers aufmerksam machen und beteuern, daß sie nur die Vollstrecker der Befehle gewesen seien, welche jener, durch seine Stellung berechtigt, ihnen erteilt habe. Der allgemeine Unwille, welchen er einflößte, die entsetzliche Verlassenheit, welche die Folge seiner Verbrechen war, erschütterte die wilde Festigkeit der Prokonsuls nicht im geringsten. Er zeigte dieselbe zynische Unverschämtheit, von welcher Marat zuerst ein Beispiel gegeben hatte; wie jener antwortete er auf die niederschmetterndsten Beschuldigungen damit, daß er seine Feinde zur Scham zurückrief! Er berief sich auf das Gesetz, er, der Verächter aller göttlichen und menschlichen Gesetze; er empfand einen stolzen Unwillen gegen alles, was sich, nach seiner Meinung, von den schützenden Formen jener Gerechtigkeit entfernte, an die er erst zu glauben anfing, seitdem man ihn vor ihren Richterstuhl gestellt hatte. Im Konvent hatte sich niemand zu seiner Entschuldigung erhoben; im Verhör fand sich kein Advokat, der ihn verteidigen wollte. Antonelle, der ehemalige Geschworene im Prozeß der Königin und der Girondisten, welcher durch Dobsent zum Verteidiger von Amts wegen ernannt wurde, nahm es nicht an. Auf diese Kundgebung des Abscheus, welchen er einflößt, antwortet Carrier mit einem verächtlichen Lächeln. Carrier hatte den Grundsatz befolgt, den ihm Hérault-Séchelles in einem im Verhör vorgelesenen Briefe empfahl: »Wenn ein Repräsentant auf Mission geschickt wird, so muß er treffen, mit schweren Schlägen treffen und die Verantwortlichkeit den Vollstreckern überlassen; er darf sich durch schriftliche Befehle durchaus nicht bloßstellen.« Da er keinen schriftlichen Beweis der Missetaten, die er befohlen, hinterlassen hatte, so glaubte er, sein Heil bestände im Leugnen, und eine Verurteilung schien ihm aus Mangel an Beweisen völlig unmöglich. Darin bestand das Geheimnis seiner Kühnheit, und deswegen weigerte er sich, die zwei oder drei Namensunterschriften, die man als Beweisstücke aufgebracht hatte, anzuerkennen; aus diesem Grunde auch verschanzte er sich hinter elende Spitzfindigkeiten und Wortspiele, indem er es von sich ablehnte, die Ertränkungen befohlen zu haben, sich aber nicht von der Schuld freimachen konnte, ihre Ausführung gelitten zu haben. Gegen Ende des Prozesses verließ ihn jedoch sein Vertrauen; in seiner Verteidigung, die er selber hielt, erkannte er, daß mehrere der von den Zeugen ausgesagten Tatsachen wahr seien, daß sie ihm aber bei seinen vielfachen Beschäftigungen aus seinem Gedächtnis hätten entschwinden können; er willigte ein, daß man seine Ungewißheit darüber für Zugeständnisse annehme. Als eine Entschuldigung nahm er die schreckliche Lage in Anspruch, in welcher sich Frankreich zu jener Zeit befunden, im Norden, Osten und Süden von Feinden überschwemmt, zu Toulon, Marseille, Bordeaux und Lyon verraten, im Westen durch den schrecklichsten Bürgerkrieg zerrissen; er schob die Übergriffe, welche begangen worden, auf die Notwendigkeit der Repressalien und auf die Schwierigkeit, einheitlich zu wirken; er rief die Gnade des Tribunals an. »Ich bemerke,« sagte er, »daß den Räubern, die zur Pflicht zurückkehren würden, eine Amnestie bewilligt worden ist und daß man sich anschickt, eine solche auch den unglücklichen verirrten Patrioten zu gewähren; es scheint mir, daß man dieselbe Nachsicht auch den Opfern, die sich an meiner Seite befinden, bewilligen sollte; sie konnten sich täuschen, sie konnten diesen Irrtum mit vielen anderen teilen.« Am 26. fünf Uhr morgens traten die Geschworenen in das Beratungszimmer; sie kehrten zurück und sprachen das Schuldig aus über Carrier, Pinard und Grandmaison, das Nichtschuldig für die übrigen. Letztere wurden in Freiheit gesetzt, und auf den Antrag des öffentlichen Anklägers fällte der Vorsitzende das Urteil, welches die drei Angeklagten zum Tode verurteilte. Die Nachricht von Carriers Verurteilung verbreitete sich mit unglaublicher Schnelligkeit durch Paris; mein Großvater erfuhr dieselbe, ehe ihm der Befehl zur Hinrichtung zugegangen war. Freilich befolgte der neue Gerichtshof nicht die Sitte Fouquier-Tinvilles, sondern wartete mit dem Befehle, das Schafott zu errichten, bis das Urteil gefällt war. Mein Großvater begab sich um zwei Uhr in die Conciergerie. Die Verurteilten wurden behufs Zurüstung in das Vorzimmer der Kanzlei gefühlt. Grandmaison erschien zuerst. Dieser Mensch, der schwache Wesen erwürgt hatte, zitterte vor dem Tode; er war bleich und entstellt, konnte nur mit Mühe gehen und atmete beengt. Pinard, welcher der zweite war, geriet im Gegenteil in eine Wut, die an Wahnsinn grenzte. Er war ein kleiner, dicker, untersetzter Mann mit finsterem Gesicht. Als er Carrier erblickte, machte er sich von den Gehilfen, die ihm die Hände banden, los, stürzte sich mit einem Satze auf seinen ehemaligen Vorgesetzten, packte ihn bei der Kehle und versuchte ihn zu ersticken. Hätten sich die Gehilfen und Gendarmen nicht ins Mittel gelegt, so wäre Carrier sicherlich von der Hand eines seiner Mitschuldigen umgebracht worden. Es gelang ihnen, ihn diesem Wütenden zu entreißen; er machte sich hastig, aber ohne Zorn, los, und als Pinard ihn noch immer mit Schimpfreden verfolgte und ihm nicht nur seinen Tod, sondern auch die Verbrechen, die er auf seinen Befehl vollbracht, vorwarf, zuckte Carrier die Achseln und sagte zu den Gendarmen in dem befehlenden Tone, den er noch aus seinem Amte behalten: »Befreiet uns doch von diesem Wütenden!« Carrier war ein Mann von fünf Fuß sechs Zoll Höhe, mager, knochig und sehr gebückt; seine Gesichtsfarbe war gelb wie die eines Kreolen, seine Haare von mattem Schwarz fielen lang und schlicht auf seine Schultern herab. Die hervorspringenden Backenknochen, die eckigen Züge, ein breiter Mund, verschleierte Augen verliehen seinem Gesicht eher einen gemeinen als wilden Ausdruck. Er hatte seine ganze Kaltblütigkeit bewahrt und schien fest in sein Schicksal ergeben. Während man ihm das Haar verschnitt, sprach er viel, wiederholte aber nur, was er bereits vor dem Gerichtshofe gesagt hatte, daß er arm aus seinem Amte getreten sei, daß er sich von den Gütern der Republik, die er verwaltet, nichts zugeeignet habe, daß sein ganzes Vermögen heute wie vor der Revolution in einem Pachthofe von 10 000 Livres bestände, welchen er seiner Frau hinterließe und womit diese kaum ihren Unterhalt finden würde. Bei diesem Gedanken schien er gerührt zu werden, aber seine Rührung glich durchaus nicht der weichen Stimmung anderer Menschen; sie verriet sich nur durch seinen starren Blick und durch nervöse krampfhafte Zuckungen. Er erholte sich auch sogleich wieder und sagte, »er würde zufrieden sterben, wenn sein Tod dazu beitrüge, die Republik zu befestigen; was ihn betreffe, so sei er der Überzeugung, daß die Nachwelt ihn rehabilitieren werde«. Diese Meinung klang so seltsam von Carriers Lippen, daß alle Anwesenden trotz der ernsten Lage sich des Lächelns nicht erwehren konnten. Er wiederholte noch einmal, daß er als Opfer der zweideutigen Befehle des Komitees sterbe, daß man ihm befohlen, so zu handeln, wie er gehandelt habe, und daß man sich wohl gehütet haben würde, ihn unter Anklage zu stellen, wenn die Originale jener Befehle noch in seinem Besitze wären. Die drei Verurteilten wurden zusammen in einen Karren gebracht. Pinards Wut wuchs mit jedem Augenblick; wiederholt versuchte er, Carrier, der in seiner Nähe stand, zu beißen; ein Gehilfe mußte sich zwischen die beiden Verurteilten stellen, um jenen zu schützen. Während des Zuges ließ das Volk wütende Verwünschungen hören, es lag in dem Ton so viel Haß, in den Augen so viel Abscheu, daß man hätte glauben können, alle ohne Ausnahme hätten den Tod eines ihrer Verwandten zu rächen. Diese Wut der Menge machte nicht den geringsten Eindruck auf Carrier. Wie zornig sich auch die Blicke auf ihn richteten, so hielt er sie aus; wie schrecklich auch die Zurufe klangen, so hörte er sie, ohne den Kopf zu senken. Welches war die Ursache dieser Verhärtung bei einem Menschen, der zu aufgeklärt war, als daß er die Bedeutung der Missetaten, mit denen er sich besudelt, nicht hätte richtig schätzen müssen? Muß man sie dem revolutionären Fanatismus zuschreiben? Oder muß man annehmen, Gott habe manchem Menschen das richtige Gefühl für die Unterscheidung des Guten vom Bösen vorenthalten? Wie dem auch sei, diese Verhärtung brachte die Menge zur äußersten Wut, und der Unwille wuchs in dem Maße, wie der Karren weiter vorrückte. Man schien zu glauben, daß Carrier, wenn er nicht wie ein Feigling stürbe, die Natur und das Gesetz noch einmal beschimpfe. Als der Zug auf dem Grèveplatze ankam und am Fuße des Schafotts hielt, wartete die Menge auch nicht mit ihrem Beifall, bis die Köpfe der Schuldigen unter dem Messer fielen; sie wollte, daß sie die kränkende Überzeugung von der Befriedigung, mit welcher ihr Tod aufgenommen wurde, mit in das Grab nehmen sollten, und ein donnernder Applaus begrüßte sie, als sie von dem Wagen herabstiegen. Grandmaison wurde zuerst hingerichtet; dieser endigte, wie solche Elenden endigen müßten: der Schrecken hatte sein Blut erstarrt und seine Nerven gelähmt. In dem Augenblick, als Pinard die Leiter hinaufstieg, warf er sich hintenüber, ließ sich auf die Gehilfen, welche ihn stützten, fallen und begann einen Kampf mit ihnen, indem er sich mit den Füßen, den gefesselten Händen und seinen Zähnen verteidigte; er war so stark, daß vier Gehilfen des Scharfrichters ihre Kräfte vereinigen mußten, um ihn niederzuwerfen und auf das Fallbrett zu tragen. Auch dieser bebte, der Strafe ins Auge zu schauen. Carrier stieg ruhig und kaltblütig die Stufen hinauf; als aber Desmorets ihm die Hände auf die Schulter legte, um ihn auf das Fallbrett zu stoßen, hörte man mitten in der Stille der zwanzigtausend Menschen, die den Atem anhielten, den durchdringenden Ton einer Klarinette, welche das Ça ira spielte. Carrier wendete sich schnell nach der Seite, von welcher dieser höchste Schimpf herkam; seine Augen behielten den drohenden Ausdruck, aber sein Gesicht entstellte sich, und, ganz vergessend, daß auch er in seinen Orgien die zum Tode Gefühlten beleidigt hatte, murmelte er: »Elendes Volk! Wie leid tut es mir, dir gedient zu haben!« Dies war die öffentliche Abbitte, welche Carrier tat. Eine Minute später fiel sein Haupt. Fouquier-Tinville German, Vilate usw. In der Sitzung vom 28. Frimaire machte sich Legendre zum Organ der öffentlichen Meinung; er forderte gleichzeitig, daß die Mitglieder des Revolutionskomitees von Nantes einem gewöhnlichen Gericht überwiesen würden und daß der Konvent zu einer Reorganisation des Tribunals schritte. Die Mehrheit der Versammlung nahm die Anträge Legendres an; sie verfügte am 2. Floreal die vorläufige Verhaftung der freigesprochenen Personen und schickte sie vor das Kriminalgericht von Angers; auf den Antrag von Merlin de Douai beschloß sie, daß ein neues Revolutionstribunal eingesetzt werde, aus zwölf Richtern und zweiunddreißig Geschworenen bestehend, welches alle drei Monate erneuert werden sollte; sie gestand außerdem den Angeklagten das Recht der Verwerfung zu; sie stellte das Gerichtsverfahren fest und bestimmte im einzelnen die Verbrechen, über die zu erkennen war. Dieses Dekret gelangte am 8. Nivôse zur Abstimmung, und am kommenden 8. Pluviose hielt das Tribunal seine erste Sitzung im Saale der Freiheit. Die Gerechtigkeit erstand aus ihrem Grabe in dieser Höhle der Mordtaten und Ächtungen. Die Freisprechungen wurden jetzt ebenso zahlreich, wie vor einem Monat die Verurteilungen gewesen waren. Vom 25. Frimaire bis zum Aufstande im Prairial, das heißt drei Monate lang, wurde das Schafott nur viermal auf dem Grèveplatz errichtet. Wir haben Fouquier-Tinville als Gefangenen in der Conciergerie verlassen. Während der Sitzung des 21. Thermidor verlas einer der Schreiber des Konvents folgenden Brief: »Bürger-Präsident! Ich habe dem Konvent Tatsachen, welche für das öffentliche Wesen von Wichtigkeit und zugleich zu meiner Rechtfertigung notwendig sind, mitzuteilen; ich ersuche daher den Konvent um die Gunst, vor seine Schranke gelassen zu werden, um jene Mitteilungen zu machen. Fouquier.« Die Gunst, welche der Konvent seinen angeklagten Mitgliedern Danton und Robespierre verweigert hatte, bewilligte er Fouquier-Tinville. Pochelle und Defiot wollten allerdings nicht zugeben, daß man ihn höre; da aber ihr Widerstand nicht unterstützt wurde, so beauftragte der Konvent zwei Gerichtsdiener, den Bittsteller zu holen und vor die Schranke zu führen. Fouquier war bei seiner Verteidigung nicht beredter als bei seinen Anschuldigungen; seine Enthüllungen beschränkten sich auf Anklagen gegen Robespierre, der ihm nicht mehr antworten konnte. Die Versammlung schenkte diesen Mitteilungen Fouquiers wenig Teilnahme, und auf Befehl des Vorsitzenden wurde er wieder nach dem Gefängnis zurückgeführt, wo er bis zum Nivôse blieb. Nach Carriers Tode kam die Reihe, vor Gericht zu erscheinen, an ihn; er saß bereits auf dem Sessel und antwortete dem Verhör, als ein Diener des Konvents dem Präsidenten des Tribunals ein Papier zustellte; es war die Verfügung, daß das Revolutionstribunal zum zweiten Male erneuert werden solle. Die Sitzung wurde aufgehoben, und Fouquir lebte noch einige Tage länger. Am 8. Germinal wurde er vor die neuen Richter geführt; aber dieses Mal war er nicht allein; man hatte ihm eine Geleitschaft von vierundzwanzig seiner ehemaligen Amtsgenossen beim Bluttribunal gegeben. Folgendes sind die wichtigsten Tatsachen, welche die Anklageakte den Angeklagten zur Last legte. In betreff Fouquier-Tinvilles: »Er habe außer den bereits in der Anklageakte vom 25. Frimaire berichteten Maßregeln noch andere derselben Art gebraucht: 1. Anklageakten vorgelegt, welche mit ausgestrichenen Stellen, Nebenbemerkungen, Zwischenlinien angefüllt gewesen; er habe sie unterzeichnet und teils unausgefüllte, teils solche vorgelegt, in die die Namen der Angeklagten nach der Ausfertigung nachträglich eingeschrieben, und zwar in dem Augenblick des Verhörs von fremder Hand und mit einer Tinte, die sich von der in den Akten befindlichen unterschied, oder es seien mehrere Namen mit kleineren Buchstaben geschrieben oder eingeschaltet oder am Rande ausgeworfen oder die Namen der Angeklagten radiert oder ausgestrichen gewesen; 2. er habe in eine andere Anklageschrift den Namen eines bereits zum Tode Verurteilten und vor einem Monate Hingerichteten eingeschrieben und zum Urteil vorgelegt, als wenn derselbe noch am Leben sei; eine Tatsache, welche beweise, daß man oft nur nach den Listen gerichtet, ohne die Angeklagten vor Augen gehabt zu haben; 3. er habe verlangt, daß der Leichnam eines Angeklagten, der sich im Augenblick, da man sein Todesurteil sprach, erwürgt, nach dem Schafott getragen werde; 4. er habe vom Tribunal den Befehl zur Hinrichtung mehrerer zum Tode verurteilter Frauen, welche sich für schwanger erklärt hatten, verlangt, ohne den Gesundheitsbeamten Zeit zur Prüfung jener Erklärung zu lassen. In betreff der ehemaligen Richter: daß 1. viele der Urteile unausgefüllt bald von dem einen, bald von dem andern unterzeichnet worden seien, was vermuten läßt, daß sie vor dem Verhör schon zurechtgemacht worden seien und man die Angeklagten nur der Form wegen vorgeladen habe; 2. daß sie den Angeklagten und ihren Verteidigern das Wort entzogen unter dem Vorwande, es sei nicht der geeignete Augenblick zur Verteidigung und das Wort werde ihnen später erteilt werden; letzteres sei aber nicht geschehen und die Angeklagten ohne Verteidigung verurteilt worden; 3. Harny und Bravet hätten am 18. Messidor ein Urteil unterzeichnet, welches eine Person zum Tode verurteilte, die auch in der Tat hingerichtet worden, obgleich sie weder in die Anklageakte noch in die der Jury vorgelegten Fragen mit einbegriffen worden sei; 4. Barbier und Foucault hätten am 8. Thermidor einen Vater an Stelle des Sohnes verurteilt; 5. Lohier und Harny hätten am 1. Thermidor ein Urteil unterzeichnet, welches dem Sohne an Stelle des Vaters das Leben abgesprochen; in dem Prozesse befände sich eine geschriebene Notiz von Fouquier, worin er sagt, es bedürfe der Zeugen nicht; obgleich solche vorhanden gewesen und man nur vergessen habe, sie vor Gericht zu laden; 6. es fänden sich noch viel größere Vergehen in dem unausgefüllten Urteil vom 1. Messidor, welches von den Stellvertretern Naulin, Barbier, Maire, Gilbert und Liendon unterzeichnet sei; dieses Urteil enthalte weder die den Geschworenen vorgelegten Fragen noch die Erklärung der letzteren und ferner ebensowenig die Anführung des angewandten Gesetzes, nach welchem neununddreißig Angeklagte verurteilt worden seien; 7. Deliège, Scellier und Maire hätten ein Urteil vom 3. Prairial unterzeichnet, das dieselben Mängel wie das vorige trüge.« Nach der Lesung der Anklageakte begannen die Aussagen der Zeugen; diese waren in einer Zahl von vierhundertundneunzehn anwesend. Der größte Teil der Tatsachen, welche sie bezeugten, fanden ihren Platz bereits im vorhergehenden Kapitel. Infolge der Aussagen, die sich auf die Gefängnisverschwörungen bezogen, verfügte das Tribunal die Verhaftung von Herman, Lanne, Boyaval, Beausire, Benoit, Lesenne, Verney und Guyard, welche auf der Bank der Angeklagten Platz nahmen. Die ehemaligen Kanzlisten Fabricius Paris und Wolf sagten ebenfalls gegen Fouquier aus. Sie berichteten, wie Scellier einen Artikel des schändlichen Prairial-Gesetzes umschrieben, indem er sagte: »Die Verschwörer bedürfen keiner Verteidigung und noch weniger die Unschuldigen; letztere haben in den Geschworenen ihre natürlichen Verteidiger.« Sie erzählten die zynischen Späße eines Chatelêt, eines Prieur, welche während des Verhörs eine Karikatur von den Unglücklichen, die sie zum Schafott schickten, zeichneten und ihnen die ärgsten Spottnamen beilegten. Auch das zynische Wort, welches Vilate an den Präsidenten Dumas richtete, wurde wiederholt; ebenso kam ein Ausspruch des letzteren zum Vorschein, welcher die Unparteilichkeit seiner Entscheidung beurteilen läßt. »In der Revolution«, sagte er, »müssen alle, die vor dem Tribunal erscheinen, verurteilt werden.« Die Angeklagten verteidigten sich wie Carrier, indem sie die Schwierigkeit der Umstände, in welchen sie sich befunden, anführten; indem sie dem Tribunal das Recht absprachen, Rechenschaft von ihnen über die Urteile zu verlangen, welche sie nach ihrer besten Überzeugung gefällt hätten. Mit einem Wort: sie behaupteten, daß ein Ausnahmegerichtshof, wie das Revolutionstribunal war, nicht gehalten gewesen sei, im gleichen Maße wie ein gewöhnlicher Gerichtshof die Formen zu beachten und die Regeln des Rechts in Obacht zu nehmen. Der öffentliche Ankläger ließ dieser Behauptung, welche von Fouquier ausging, ihre volle Gerechtigkeit widerfahren: »Welche Sprache müssen wir hören?« rief er; »gibt es denn irgendwie Umstände, unter welchen die Gesetze der Gerechtigkeit von den Beamten mit Füßen getreten werden dürfen? Ohne Zweifel waren die Gesetze, deren Organe ihr waret, gebieterisch und im höchsten Grade grausam; mußte ihre Grausamkeit aber noch verschärft werden durch die Übereilung, die sie euch nicht auferlegten? Und wenn euch diese Übereilung auferlegt worden wäre, so wäre es eure Pflicht gewesen, euer Haupt eher auf das Schafott zu legen, als zu leiden, daß die Rechte der Unschuld verletzt würden.« Fouquier-Tinville war besser beraten, als er sich in seiner Verteidigungsrede auf das Vorrecht berief, welches ihm seine Stelle als Staatsanwalt verliehen, der von dem Gesetze beauftragt sei, die Angeklagten vor den Gerichtshof zu bringen und ihre Strafwürdigkeit aufrechtzuerhalten. Konnte man ihm als Verbrechen anrechnen, was den wichtigsten Charakter seiner Amtstätigkeit ausmachte? War es möglich, ihn für die Urteilssprüche verantwortlich zu machen, die er allerdings hervorrief, worüber aber die Jury immer noch der unabhängige und letzte Schiedsrichter blieb? Diese Verteidigung war von Wirkung; aber außer den schändlichen Unordnungen, welche Fouquier bei seiner vorübergehenden Tätigkeit im Blutgerichtshofe nachgewiesen worden, stellte die Anklage auch noch gerechte Beschwerden auf, vor denen er nur das Haupt beugen konnte. Am 16. Floreal, um zehn Uhr abends, trat die Jury in ihren Saal; am 17. um ein Uhr nachmittags gab sie nach fünfzehnstündiger Beratung ihr Verdikt ab. Dieses Verdikt sprach frei: Maire, Delaporte, Deliège, Naulin, Harny, ehemalige Richter, Trimhard, Duplay, Brechet, Chrétien, Ganney, Trey, ehemalige Geschworene, und Beausire, Guyard und Valagnos, drei der Angeber bei den Gefängnisverschwörungen. Dagegen wurden Fouquier-Tinville, Herman, Scellier, Garnier, Launay, Foucault, ehemaliger Ankläger, Präsident und Richter, Leroy-Dix-Août de Montflabert, Renaudin, Vilate, Prieur, Chatelet, Girard, ehemalige Geschworene, Lanne, Generalinspektor der Polizei, Boyaval, Benoit, Verney und Dupaumier für schuldig erklärt und zum Tode verurteilt. Nach der Verlesung des Urteils ließen dieselben Männer, welche so oft mit Gleichgültigkeit einem ihrer Nebenmenschen, bloß aus dem Grunde, weil er nicht ihre politische Meinung teilte, das Leben abgesprochen hatten, sich zu Ausbrüchen der ungemessensten Wut fortreißen; derselbe Herman, der den berüchtigten Brief: »Die von Wut berauschten Angeklagten« unterzeichnet und auf unbarmherzige Weise gegen Dantons Heftigkeit aufgetreten war, um ihn von den Debatten auszuschließen, dieser selbe Herman warf dem Präsidenten Agier ein Buch, welches er gerade in der Hand hielt, ins Gesicht. Am folgenden Morgen um acht Uhr kamen die Scharfrichter nach der Conciergerie, wo die Verurteilten ihre letzte Nacht zugebracht hatten. Letztere hatten die Erlaubnis erhalten, von ihren Familien Abschied zu nehmen; Frauen und heftig weinende Kinder verließen in demselben Augenblick das Gefängnis, als die traurige Truppe durch den Torweg schritt. Fouquier-Tinville, Herman, Foucault, Scellier, Leroy-Dix-Août, Garnier, Launay wurden in ihren Kerkern zur Hinrichtung zugerüstet, die übrigen im Vorzimmer der Kanzlei. Der ehemalige Präsident Scellier befand sich schon seit längerer Zeit leidend und war sehr niedergeschlagen; Foucault sprach heftig; Leroy-Dix-Août wiederholte mehrere Male, daß er unschuldig sterbe, daß er überzeugt sei, die Republik wäre ohne die von ihm und seinen Kollegen angewandte Energie verloren gewesen. Auf Hermans wütende Ausbrüche war eine lautlose, sonst hier ungewöhnliche Stille gefolgt; er schien in sein Schicksal ergeben und sprach mit großer Freiheit des Geistes über die letzten Ereignisse, die sich im Schoße des Konvents zugetragen hatten. Er zweifelte nicht, daß seine Partei wieder zur Macht gelangen würde; er sprach die Überzeugung aus, daß sein Tod und der Mord Robespierres, wie er sich ausdrückte, durch schreckliche Repressalien gerächt werden würden. Fouquier frühstückte, als mein Großvater bei ihm eintrat; als er ihn bemerkte, runzelte er die Stirn, seine Augenbrauen zogen sich zusammen, und er sprach, einen Beinamen gebrauchend, der schon aus der Mode war: »Ah, Schurke, ich glaubte dich noch dahin schicken zu können, wohin du mich führen willst.« Er war bleich, fieberhaft aufgeregt, seine Hände zitterten, seine kleinen Augen rollten in ihren Höhlen, aber dennoch aß er mit einer Hastigkeit, die man für Eßlust hätte halten können. Er erklärte Charles Henri Sanson, daß er seine Mahlzeit zu beendigen gedächte; dann kam er ohne weiteren Übergang auf seine Verurteilung zu sprechen, die er eine Ungerechtigkeit nannte, und, sich über die Richter auslassend, bezeichnete er sie mit dem Beinamen »Mörder«, der ihm selber so oft beigelegt worden war. Mein Großvater, sagte er, sollte sich nur darauf gefaßt machen, nächstens ebenfalls vor dem Tribunal zu stehen und von dort auf die Guillotine zu steigen. »Wenn man den Ankläger verurteilt,« sagte er, »so ist kein Grund, nicht auch den Scharfrichter zu verurteilen, der ganz ebenso strafbar ist wie jener.« Fouquier überließ sich der Heftigkeit seiner Empfindungen und berührte nicht mehr die Lebensmittel, welche auf dem Tische standen; mein Großvater bemerkte ihm, es sei nötig, daß er seine Mahlzeit beendige, weil seine Augenblicke gezählt seien. Darauf geriet Fouquier in den heftigen Zorn, den der Scharfrichter längst an ihm kannte; er warf ihm vor, daß er niemals so eilig gewesen sei, wenn es sich darum gehandelt habe, Royalisten zur Hinrichtung zu führen, und in dem befehlerischen Tone, in welchem er ihn so oft gescholten hatte, drückte er seinen Unwillen darüber aus, daß der Henker es wage, ihm Befehle zu erteilen. Mein Großvater wollte seine Lage nicht noch trauriger machen und ihn zu der Einsicht zwingen, daß die Rollen jetzt sehr geändert wären; er schwieg und wartete. Das Volk war gegen Fouquier-Tinville noch strenger, als es gegen Carrier gewesen war. Die Ereignisse vom Germinal und Prairial, auf die ich sogleich zurückkommen werde, hatten den Haß gegen die Demagogenpartei aufs äußerste getrieben. Noch vom Kampfe aufgeregt, trunken von dem kürzlich errungenen Siege, angesichts dieser lebenden Vertreter der gehässigsten Eigenschaften des gestürzten Systems verstanden die Gemäßigten es nicht, großmütig zu sein. Die Haltung der Verurteilten, namentlich die Fouquiers, konnte auch wenig dazu beitragen, die Erbitterung der Menge zu mildern: durch ihre Blicke und Worte schienen sie dem Volke Trotz zu bieten; auf Schimpfworte antworteten sie mit Schimpfworten, auf Beleidigungen mit Beleidigungen, auf Verwünschungen mit Flüchen. Alles, was das Wörterbuch der Markthallen an Grobheiten aufzubieten vermag, ging von den Reihen der Zuschauer nach den Karren und von den Karren nach den Reihen der Zuschauer zurück. Man hörte, wie Fouquier auf die schreckliche Hungersnot, welche Paris zur Verzweiflung brachte, anspielte und den Männern des Volkes zurief: »Dumme Kanaille, die vor Hunger stirbt, gehe doch in die Sektion und hole dir deine vier Unzen Brot, ich habe mir meinen Bauch vollgegessen!« Doch am Fuße des Schafotts schien dieses Granitherz plötzlich und zum ersten Male von Reue erfaßt. Er war bleich geworden, und dieser starre und strenge Blick, vor welchem die Entschlossensten die Augen niedergeschlagen hatten, floh jetzt die Blicke seiner Umgebung. Man sah ihn zittern, von krankhaftem Beben erfaßt, man hörte ihn unzusammenhängende Sätze murmeln, aus denen man den Ausruf: »Lebe wohl!«, welchen er mehrere Male wiederholte, unterschied. Herman, Scellier, Renaudin waren mit Festigkeit gestorben. Als Fouquier an die Reihe kam, auf das Schafott zu steigen, glaubte man, er würde ohnmächtig werden. Endlich fiel sein Kopf unter dem Beile und wurde dem Volke gezeigt. Ende der Bergpartei Aufruhr im Konvent; Feraud; Tinette; die sechs Repräsentanten. Das Revolutionstribunal war die Lebenskraft der Partei gewesen, die sich durch den Schrecken Geltung verschafft hatte; es diente diesem System zur Basis, welches ohne Zweifel den Heldenmut erleichterte und verallgemeinerte, zur selben Zeit aber auch den Massen das Laster der Furcht einimpfte und sie für die Tyrannei bereitete, von welcher man sie hatte befreien wollen. Indem die Neuerer die scheußlichen Niedermetzelungen der Besiegten an die Stelle der Justiz setzten, die doch immer die notwendigste Grundlage für jede moralische und politische Ordnung bleibt, hatten sie ihr Gebäude einer frühen Zerstörung geweiht: es war mit ihnen zusammengestürzt; und wenn das Tribunal sie überlebte, so geschah es nur, weil es ein einziges Mal so gerecht war, die scheußlichen Werkzeuge der jakobinistischen Ächtungen zu beseitigen. Am 22. Prairial erließ der Konvent ein Dekret, welches bestimmte, daß das am 8. Rivêse eingesetzte Tribunal aufgehoben würde. Dieses Tribunal hatte übrigens nichts als den Namen mit demjenigen gemein gehabt, welches die Männer, die wir eben auf das Schafott steigen sahen, vorgestellt hatten: Fouquier, Herman, Coffinhal und Dumas. Man hat viel über die Wut der Partei vom Thermidor gesprochen; dem roten Schrecken hat man eine Phantasmagorie, den weißen Schrecken, entgegengesetzt. Blut fordert Blut, sagt ein arabisches Sprichwort; man konnte also nicht erwarten, daß die Reaktion, welche den vierzehn Monaten jener Herrschaft voll Heftigkeit und Barbarei folgte, rein von Überschreitungen bleiben würde; was sich aber leicht nachweisen läßt, ist, daß der weiße Schrecken, wenn es einen solchen gab, wenigstens die Zügel der Gesetze achtete und nicht die schützenden Formen der Justiz verletzte. Um dies zu zeigen, braucht man sich nur an die schnellen Urteile des Gesetzes vom Prairial zu erinnern und dagegen zu bedenken, daß die Beamten des Tribunals vom Thermidor 139 Tage brauchten, um sich von der Schuld Fouquier-Tinvilles zu überzeugen, und daß der Prozeß Carrier, der am 25. Vendémiaire begann, erst am 27. Frimaire beendigt wurde. Der Hinrichtung Fouquiers waren andere Hinrichtungen voraufgegangen, und andere folgten ihr, die ich nicht mit Stillschweigen übergehen kann. Indem der Berg die Ebene zur Hilfe rief, um Robespierre zu stürzen, hatte er ohne Zweifel auf die Verzagtheit jener Konventspartei gerechnet, um die Früchte des Sieges in Frieden zu genießen und die Macht in seiner Hand zu vereinigen; als aber die Ebene sich von ihrer geistlähmenden Erstarrung erholte und sich der Zahl nach in der Majorität fühlte, ergriff sie selber wieder die Regierung und erblickte bald in den Männern, welche eine Stunde mit ihr verbündet gewesen waren, nur die ehemaligen Apostel des Terrorismus und ihre früheren und gegenwärtigen Widersacher. Sie verstärkte sich mit dreiundsiebzig Deputierten, welche infolge des 21. Oktober ausgestoßen worden waren, sie rief dieselben in den Schoß des Konvents zurück, und, nun der Majorität sicher, verfolgte sie den Jakobinismus nicht nur in den Klubs, in den Sektionen, in dem Gemeinderat, sondern auch auf den Bänken der Bergpartei. Die Mitglieder, welche auf dieser Seite saßen, bemerkten aus den Angriffen, welche man gegen sie richtete, daß sie zum Kampfe nicht um die Macht, sondern um das Leben gezwungen wurden. Sie regten das Volk auf; dieses war durch die Folgen der schlechten Ernte und der Wertlosigkeit der Assignaten zu einer Bewegung aufgelegt. Es entstanden täglich Aufläufe, und am 12. Germinal stürmte ein Haufe Männer und Weiber die Tür des Konvents und drang mit dem Rufe in den Saal: »Brot! und die Verfassung von 1793!« Die Sektionen griffen zu den Waffen und befreiten die Versammlung, welche sogleich die Deportation derjenigen Mitglieder beschloß, welche die Unordnung unterstützt zu haben schienen; Chasles, Foussedoire, Duhem, Choudieu, Huguet, Amar, Ruamps, Leonard, Bourdon, Collot-d'Herbois, Billaud-Varennes, Barère und Vadier, die durch vorhergehendes Dekret verhaftet wurden, sollten ebenfalls ausgestoßen werden. Das Volk hielt die Wagen, welche die Verurteilten führten, an; da es aber trotz des Aufstandes noch eine Art Achtung vor der Versammlung hegte, so führte es sie nach dem Sicherheitskomitee zurück, von wo man sie wieder nach ihrem Bestimmungsort abgehen ließ. Am 16. wurden neun andere Repräsentanten verhaftet. In der Nacht vom 10. zum 11. Floreal geriet die Sektion der Freiheit in Aufstand unter dem Vorwande, daß die Lebensmittel zu teuer seien; die Bewegung wurde aber bald unterdrückt. Die Verurteilung und Hinrichtung Fouquiers lenkte die in der Vorstadt herrschende Aufregung einen Augenblick ab. Das » Panem et circenses! « des römischen Volkes konnte auf die Pariser der damaligen Zeit angewendet werden. Am 1. Prairial erneuerten sich die Auftritte vom 12. Germinal mit größerer Heftigkeit; man drang abermals in den Saal des Konvents, beleidigte und bedrohte die Repräsentanten und fügte einigen sogar schwere Verletzungen zu. Der Abgeordnete Féraud, der sich der Entweihung des Heiligtums der Gesetze widersetzen wollte, wurde neben der Tribüne ermordet; sein Kopf, auf eine Pike gesteckt, wurde in den Straßen umhergetragen und dann in den Sitzungssaal zurückgebracht und dem Präsidenten Boissy-d'Anglas vorgezeigt, welcher sich vor dem Überreste dieses mutigen Märtyrers des Gesetzes verneigte. – Nachdem sich die Insurgenten in den Besitz des Saales gesetzt hatten, vertrieben sie die Repräsentanten, setzten sich an ihre Plätze und stellten Anträge über Anträge. Um elf Uhr abends endlich gelang es Legendre, der sich an die Spitze der bewaffneten Macht gestellt hatte, die Rebellen zu vertreiben und dem Konvent die Freiheit wiederzugeben. Der erste Gebrauch, den dieser davon macht, besteht darin, daß er die unter dem Druck der siegreichen Demagogen erlassenen Dekrete aufhebt, Romme, Duquesnoy, Prieur, von der Marne, Duroy, Bourbotte, Goujon, Soubrany, Albitte den Älteren, Peyssard, Lecarpentier, Pinet, Borie, Fayau und Ruhl verhaften und Férauds Mörder außer dem Gesetz erklären läßt. Der folgende Tag war schrecklich, der Aufstand hatte sich in die Vorstädte Saint Antoine und Saint Marceau geflüchtet; er beherrschte dieselben und bedrohte den Konvent, der sich nicht stark genug fühlte, ihn zu unterdrücken, und sich gezwungen sah, mit ihm zu unterhandeln. Dem Aufstand fehlten aber die Führer; während er die rechte Stunde vorübergehen ließ, sammelte der Konvent Truppen und war am nächsten Tage imstande, ihn niederzuwerfen. Am 3. Prairial um zwei Uhr nachmittags war ein Mann in der Straße des Théâtre français durch Leute von den Sektionen verhaftet worden, welche in ihm den Elenden zu erkennen meinten, der das Haupt des Repräsentanten Féraud getragen hatte; es war ein Schlossergesell namens Tinelle; er wurde zunächst nach dem Sicherheitskomitee und darauf nach der Conciergerie gebracht. Seit dem vorigen Abend hatte Charles Henri Sanson den erhaltenen Befehlen gemäß im Gerichtshause zubringen müssen; er erhielt den Auftrag, Tinelle zu ergreifen und ihn unmittelbar zum Schafott zu führen. Es war ihm jedoch unmöglich, auf der Stelle vorzugehen, weil den Zimmerleuten und den Gehilfen Zeit zur Aufstellung der Guillotine gegeben werden mußte. Dieses Geschäft war erst um sieben Uhr abends beendigt. Die Befürchtungen, welche die Haltung der Aufständischen einflößte, und die Notwendigkeit, in dem Gerichtshause eine bewaffnete Macht zur Abweisung eines Angriffs bereitzuhalten, verhinderte es, dem Verurteilten eine ausreichende Geleitschaft zu geben, um die Ausführung des Urteils zu sichern. Auf die Einwendung meines Großvaters antwortete man, daß, sobald er auf dem Grèveplatze ankäme, ihn nötigenfalls die bewaffnete Macht des Gemeindehauses unterstützen würde. Der Zug kam aber nicht so weit; auf dem Kai Lepelletier stürzte sich eine Masse Menschen auf die Geleitschaft, schloß sie ein, lähmte durch ihre Überzahl den Widerstand der Gendarmen und befreite Tinelle, der übrigens nicht aufgehört hatte, seine Unschuld zu beteuern. Dies war die letzte Anstrengung der verscheidenden Revolution. Der Mehrzahl der verhafteten Repräsentanten war es gelungen, zu flüchten, nur sechs: Duquesnoy, Soubrany, Duroy, Bourbotte, Romme und Goujon blieben im Gefängnis. Sie waren nach Nantes gebracht worden, von wo man sie nach einer Haft von vierundzwanzig Tagen zurückführte, um sie der Militärkommission zu überliefern. Der Prozeß begann am 24. Prairial. Die Angeklagten gehörten zu jener Partei des Berges, welche, ohne die Überschreitungen der Revolution zu verkennen, nur einen indirekten Anteil daran genommen hatten; sie bildeten jedenfalls den besten und reinsten Teil der linken Seite. Ihre Haltung vor dem Tribunal war würdig und stolz; sie verteidigten sich mit Edelmut und ohne ihre Grundsätze zu verleugnen. Aber ihr Einverständnis mit den Insurgenten vom Prairial wurde dadurch festgestellt, daß sie die Verhandlungen fortgesetzt, während die Versammlung überfallen worden und die Mehrzahl ihrer Kollegen, der Gewalt weichend, den Sitzungssaal verlassen hatte. Die Richter, welche man ihnen gab, machten die Verurteilung vollends gewiß, übrigens muß man gestehen, daß die Majorität des Konvents selber dem Wahne anheimfiel, den ihnen die Jakobiner überliefert hatten; wie diese, sahen auch sie das Heil nur in dem Tode ihrer Gegner; wie diese, verwechselten auch sie die Stille des Grabes mit der Ruhe des Friedens. Zum Tode verurteilt, verließen die sechs Repräsentanten den Verhörssaal; als sie jedoch die Treppe hinabstiegen, machten sie sich von den Gendarmen los, und Romme, dem es gelungen war, vor der Wachsamkeit seiner Kerkermeister ein Messer zu verbergen, ersticht sich mit dieser Waffe; im Verscheiden reicht er sie Duquesnoy, der sie sich ebenfalls in die Brust bohrt. Das Eisen geht der Reihe nach in die Hände von vier anderen Repräsentanten, welche alle vier dem Beispiel ihrer Gefährten folgen. Romme blieb auf der Stelle tot. Duquesnoy und Goujon verschieden in der Conciergerie, wohin man sie brachte; Duroy, Soubrany und Bourbotte lebten noch; das Komitee entschied, daß der Überrest ihres Lebens dem Schafott gehören sollte, und um es diesem nicht zu entziehen, beschleunigte man die Vorkehrungen zur Hinrichtung. Es erneuerte sich der schreckliche Kampf zwischen dem Tode durch das Beil und dem Selbstmorde, bei welchem das Opfer demjenigen anheimfiel, der sich am meisten beeilte. Noch einmal wurde dem Volke das klägliche Schauspiel geboten, daß zuckende, entstellte und im Todeskampfe ächzende halbe Leichen fortgeschleppt wurden, und zwar, wie man wohl merken muß, zu einer Zeit und durch Menschen, welche nicht mehr das schreckliche Losungswort zur Entschuldigung hatten wie die Anhänger der Revolution. Soubrany lag mit aufgeschlitztem Bauche und heraushängenden Eingeweiden, vom Blutverlust erschöpft, im Karren ausgestreckt, und mehrmals glaubte man, daß er schon unterwegs verscheiden würde; Bourbotte saß, mit der Hand hielt er eine breite Wunde in seiner Seite zusammen; er bemühte sich, seine Schmerzen zu unterdrücken, als wollte er den Ruf eines Stoikers aufrechterhalten und durch seine Festigkeit beweisen, daß ihn nicht die Furcht vor dem Schafott zum Selbstmorde bestimmt habe. Duroy, welcher leichter verwundet war, sprach in großer Aufgeregtheit zum Volke. Er wurde zuerst hingerichtet, dann Soubrany, und Bourbotte nach seinen beiden Freunden. Was blieb von dieser schrecklichen Bergpartei, welche Frankreich unterjocht, die Könige gedemütigt und Europa zittern gemacht hatte? Von den Konventionalen, woraus sie bestand, waren die einen verbannt, die anderen geächtet; andere noch erkauften ihr politisches Leben, indem sie ihre Grundsätze in feiger Weise abschworen; die Guillotine hatte die Berühmtesten und Größten verschlungen. Sie waren gleich Meteoren, die Zerstörung und Tod hinter sich lassen, über die Erde hinweggezogen, und ihre verhöhnten Namen würden dem gerechten Abscheu der Nachwelt überliefert bleiben, wenn diese Nachwelt vergessen könnte, daß sie trotz aller Irrtümer, Fehler und Verbrechen das Vaterland verteidigten und retteten. Dieser Ruhm wird sie in der Zukunft begnadigen. Gracchus Baboeuf Jacques Roux; Sylvain Marechal; das »Manifest der Gleichen«; Drouet, Vadier, Darthé. Unter der eisernen Herrschaft der republikanischen Diktatur hatte die Zahl der Angriffe und Verbrechen gegen Eigentum und Personen in bedeutendem Grade abgenommen. Die Politik nahm alle Leidenschaften in Anspruch, sie mochten gut oder böse sein. Sobald aber der Thermidor das System des Druckes und der unnatürlichen Überreizung aufgehoben hatte, erschienen jene Verbrechen häufiger als jemals. Überall fand eine Rückwirkung statt: in den Gefühlen und Antrieben wie in den Ideen. Jeder schien, indem er sich das Elend des gestrigen Tages vergegenwärtigte, an dem folgenden Tag zu zweifeln und stürzte sich mit einer Art Wut in alle Genüsse, die er für verloren gehalten hatte. Der Durst nach Gold, welches alle jene Genüsse verschafft, und den die Neueren hatten zügeln wollen, war in aller Herzen zurückgekehrt. Die oberen Klassen der Gesellschaft bereicherten sich durch Spekulationen, durch Handel und den zügellosesten Wucher; in den unteren Schichten nahm man aufs neue zum Diebstahl und zuweilen zum Morde seine Zuflucht, um sich das kostbare Metall zu verschaffen. Der Konvent hatte sich durch seine wichtigen politischen Beschäftigungen hindern lassen, auch zuweilen der inneren Ordnung einige Aufmerksamkeit zu schenken. Vollkommen gerüstet gegen die Meinungen, war er doch gänzlich unfähig, als es sich darum handelte, die Bürger zu sichern und zu schützen. Die Straßenräuber vermehrten sich in Paris wie in der schrecklichsten Zeit der Monarchie; die Provinz wurde durch Strauchdiebe, Straßenräuber und Banditen beunruhigt. Einige glaubten ihre Missetaten zu rechtfertigen, indem sie konterrevolutionäre Gesinnungen vorschützten, viele andere, wie die Chauffeurs, die Banden von Orgères, verschmähten dergleichen Bedenken und raubten, um zu rauben. Vom Thermidor des Jahres II bis zum Vendemiaire des Jahres IV waren die öffentlichen Ausstellungen und Hinrichtungen wegen Verbrechen sehr zahlreich. Nur wenige politisch Verurteilte bestiegen das Schafott. Alle diese seltenen Opfer waren zurückgekehrte Emigranten, welche man vor das Kriminalgericht gestellt hatte. Infolge der Ereignisse vom Vendemiaire setzte der Konvent drei Kriegsgerichte ein, um die Rebellen der Sektionen zu richten; diese Kommissionen sollten ihre Amtstätigkeit nach zehn Tagen wieder einstellen. Der Aufstand war durch den General Bonaparte mit Nachdruck bekämpft worden; mit ihrem Siege zufrieden, hielt es die Regierung nicht für angemessen, gegen die Schuldigen die revolutionäre Strenge wieder herauszukehren. Man betrieb die Untersuchung mit so wenig Hast und Nachdruck, daß die meisten Verurteilungen, welche die Kommissionen aussprachen, ohne Erfolg blieben, weil die Angeklagten sich der Strafe entzogen hatten. Vom 24. Vendemiaire bis zum 15. Brumaire sprachen die Kriegsräte noch mehrere Todesurteile aus. Alle Verurteilten waren auf der Flucht; alle mit Ausnahme des Lemaitre retteten ihren Kopf; der letztere allein wurde am 15. Brumaire hingerichtet. Man gab sich so wenig Mühe, sie zu finden, daß die Mehrzahl nicht einmal Paris verließ und die Kühnsten sich sogar an öffentlichen Orten zu zeigen wagten. Als einer der Verurteilten vom Vendemiaire eines Abends aus der Oper kam, antwortete er auf das » Qui vive? « der Schildwache: » Castelline, Contumax! «. Und die Schildwache ließ ihn vorüber. Nach dem Vendemiaire war das Schafott glücklicherweise nur auf die gemeinen Verbrechen beschränkt. Für einige Zeit hörte es auf, ein Werkzeug der politischen Rache zu sein. Zu welchem Vorwurf man sich auch in betreff der Politik des Direktoriums berechtigt halten mag, so muß man doch anerkennen, daß diese Regierung nicht weniger nachsichtig gegen die Demagogen als gegen die Royalisten war. Im Monat Floreal des Jahres IV hatte man eine Verschwörung entdeckt, die nichts Geringeres bezweckte, als die Gesellschaft noch gründlicher zu erschüttern, als es die Revolution schon getan hatte; denn die Verschwörung richtete sich nicht mehr gegen die öffentlichen Einrichtungen allein, sondern gegen die Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung selber, gegen das Eigentum und die persönliche Freiheit. Schon seit dem Anfang der Revolution hatten kühne und heftige Geister erklärt, wenn die Revolution wirksam sein solle, so dürfe sie sich nicht darauf beschränken, das Volk von der politischen Knechtschaft zu befreien, ihm Rechte zu erteilen, die sich bei seinem Elende doch nicht durchführen ließen, und ihm eine eingebildete Gleichheit zuzuschreiben; es sei auch nötig, meinten sie, daß man das Volk, indem man die alte Ungleichheit des Reichtums verbessere, in den Besitz desjenigen Anteils von Landbesitz und Früchten setze, wodurch allein seine Unabhängigkeit verwirklicht werden könnte. Es war, mit einem Worte gesagt, die Theorie des Kommunismus, die wir in unseren Tagen wieder aufleben sahen. Diese nicht zahlreichen Sektierer scharten sich in der Sektion der Gravilliers um Jacques Roux, der sich als der erste zu diesen Grundsätzen bekannt hatte. Nach dem Tode des Jacques Roux fand der Kommunismus einen noch eifrigeren und einflußreicheren Apostel. Dieser Apostel war Baboeuf, das Haupt der Verschwörung vom Floreal. Zu Saint-Quentin von armen Eltern geboren, wurde François Noël Baboeuf von einem Einwohner von Roye erzogen, der den Knaben für geistig befähigt hielt und ihn unterrichten ließ. Man behauptete, Baboeuf hätte seine Dankbarkeit dadurch bewiesen, daß er gegen seinen Wohltäter prozessierte. Er wurde Kommissarius in Horrier und bald darauf in eine Fälschungsklage verwickelt, infolge deren er in der Zitadelle von Arras in Haft saß und seine Freiheit erst im Jahre 1789 wiedererhielt. Um diese Zeit kam er nach Paris und stellte sich in den Vortrupp der Revolution. Nach Sitte der überspannten Patrioten änderte er seinen Vornamen; der Schutzpatron, den er sich aus dem Altertum wählte, kennzeichnet das Programm seiner Ideen und seiner Pläne; er nahm den Namen Gracchus an und predigte, wie seine berühmten Vorfahren, die Verteilung der Güter, den gewaltsamen Eingriff in das Eigentum und den Aufstand der ärmeren Klassen in einem Tageblatt, das er »Volkstribun« nannte. Nach dem Sturze Robespierres wurde er mehrmals verhaftet und gefangengesetzt; er ließ sich aber durch nichts weder einschüchtern noch entmutigen. Mit einer Festigkeit und Hartnäckigkeit, welche im Dienste anderer Ideen vielleicht einen großen Mann aus ihm gemacht hätten, flüchtig oder geächtet, arm, verlassen und ohne Hilfsmittel, verlor er niemals die Hoffnung, sein kühnes System zum Siege gelangen zu sehen. Im Monat Germinal des Jahres IV schien ihm die Stimmung des Volkes günstig, und er legte den Grund zu einer bestimmten Verschwörung; denn er hatte niemals aufgehört, sich zu verschwören. Sylvain Maréchal verfaßte das Manifest der »Gleichen«, worin sowohl der Zweck wie die Bestrebung der Verschworenen ausgesprochen waren. Einige Stellen aus diesem seltsamen Schriftstück werden einen Begriff davon geben, welche Zukunft die Partei Baboeufs ihrem Vaterlands zugedacht hatte: »Jene Gleichheit darf nicht nur in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte ausgesprochen sein, sondern wir verlangen sie mitten unter uns, unter den Dächern unserer Häuser. Wir verstehen uns ihretwegen zu allem; wir wollen reinen Tisch machen und uns an sie allein halten. Es mögen, wenn es sein muß, alle Künste zugrunde gehen, wenn uns nur die wirkliche Gleichheit bleibt. Wir streben nach etwas Erhabenerem und Gerechterem als nach dem Agrargesetz: nach dem gemeinsamen Gut und nach der Gemeinschaft der Güter. Keinen persönlichen Landbesitz; die Erde gehört niemand. Wir beanspruchen und verlangen einen gemeinschaftlichen Nießbrauch der Früchte des Bodens: die Früchte gehören jedermann.« Baboeuf wich vor keiner Folge, welche diese unglaubliche Theorie mit sich führte, zurück; er hatte im voraus das Gesetzbuch seiner Republik der Gleichen formuliert, und dieses Gesetzbuch unterdrückte den Handel und den Verkehr mit den Fremden, hob die Person zugunsten des Staates auf, entzog dem Individuum die Erziehung seiner Kinder und gestand ihm nur ein Nutzungsrecht auf die Güter zu, welche ihm die Obrigkeit gestattete. Dieses Gesetzbuch verbannte die Künste und maßregelte das persönliche Leben des Bürgers, bestimmte seine Kleidung und seine häusliche Einrichtung und setzte eine Volksregierung mit unmittelbarer Gewalt ein. Folgendes sind einige Einrichtungen, welche dem Siege des Aufstandes folgen sollten: »Unverzügliche Auflösung aller bürgerlichen und richterlichen Behörden; jeder, welcher die Amtstätigkeit derselben auszuüben wagt, soll außer dem Gesetz erklärt sein. Aufhebung aller direkten Steuern und Patente. Fortschreitende Belastung der Reichen und Beitreibung dieser Steuern in Naturalien. Unverzügliche Abschaffung des Umsatzes von Silber und Gold im Innern der Republik. Den Agenten sollten die nötigen Bedürfnisse in Natur geliefert werden. Die Reichen sollten ermahnt sein, der gebietenden Stimme der Gerechtigkeit gutwillig Folge zu leisten, dem Vaterlands Zerwürfnisse und sich selber eine Reihe von Übeln zu ersparen und großmütig auf ihren Überfluß zu verzichten. Alle diejenigen, welche am 8. Thermidor des Jahres II in Verhaft gewesen, sollten aufs neue verhaftet werden, wenn sie sich nicht freiwillig auf die nötigsten Bedürfnisse beschränken wollten.« Der Zwiespalt, welcher unter den Verschworenen ausbrach, brachte glücklicherweise die unsinnigen Pläne zum Scheitern, welche die Gesellschaft in den wildesten Zustand der Barbarei versetzt haben würden. Die Bergpartei hatte die Volksbeliebtheit des Baboeuf und den Einfluß, den er durch seine Grundsätze erworben hatte, zugunsten ihres Hasses und ihres Ehrgeizes ausbeuten wollen. Als sie sich ihm jedoch mehr näherten und die unbezwingliche Kraft und Überlegenheit dieses Menschen gewahr wurden, sahen sie ein, daß sie im Fall des Gelingens nur eine untergeordnete Rolle in einer neuen Revolution spielen würden, daß sie dem Haupte der Gleichmacher überall folgen müßten, wohin er sie führen würde. Sein Programm erschreckte sie alle; sie weigerten sich, ihre Zustimmung zur Veröffentlichung des Manifestes der »Gleichen« zu geben, und trennten bald ihre Sache von der seinigen. Der Mann von Varennes, Drouet, war der einzige der Volksvertreter, welcher dem Bunde mit Baboeuf treu blieb. Dieser verlor den Mut nicht, aber unter die militärischen Agenten, welche die Armee gewinnen, während die Revolutionäre das Volk aufwiegeln sollten, hatte sich ein Verräter eingeschlichen, Georges Grisel, welcher dem Direktorium den Plan der Verschwörung und die Namen der Verschwörer einlieferte. Am 20. Floreal wurden Baboeuf, Buonarotti, Darthé, Germain und Drouet verhaftet, und in den folgenden Tagen befanden sich sechsunddreißig ihrer Mitschuldigen in den Händen der Justiz. Baboeuf bewahrte noch in den Fesseln seine ganze Kühnheit; er fühlte sich so durchdrungen von der Macht der Sekte der Gleichen, so überzeugt von der Wichtigkeit, die er selber dadurch erhielt, daß er sich nicht wie ein besiegter Gefangener, sondern wie ein furchtbarer Gegner an die Regierung wendete. Der hohe Gerichtshof begann die Untersuchung, als Baboeufs Parteigänger in Paris sich entschieden, den Aufstand zu versuchen, um ihn zu retten. In der Nacht des 23. Fructidor lenkte eine Bande von sechs- bis siebenhundert Bewaffneten die Schritte nach dem Felde von Grenelle, in der Hoffnung, die Soldaten zum Aufstande zu bringen und sich der Geschütze zu bemächtigen. Diese Truppe wurde zurückgeschlagen; eine große Zahl derer, welche dazu gehörten, kam mit den Waffen in der Hand um; die übrigen, welche man verhaftete, wurden vor ein Militärgericht gestellt. Die Verhandlungen zu Vendôme nahmen am 2. Ventôse des Jahres V ihren Anfang. Es waren siebenundvierzig Angeklagte gegenwärtig. Unter ihnen bemerkte man: Baboeuf, Darthé, Germain, Fion; das ehemalige Mitglied des Sicherheitsausschusses: Vadier; Laignelot, ein ehemaliges Konventsmitglied; Antonelle, einen Geschworenen beim Revolutionstribunal; die beiden Duplay, Vater und Sohn, und vier Frauen. Gegen achtzehn der Angeklagten sollte in contumaciam verhandelt werden. Die Angeklagten verteidigten sich mit dem Nachdruck, den man von diesen alten Revolutionären erwarten konnte. Baboeuf verharrte in seiner drohenden Haltung; nicht nur verschmähte er es, die Tatsachen, deren man ihn beschuldigte, zu leugnen; er unternahm es sogar, den Aufstand vom Prairial zu rechtfertigen und seine Lehrsätze zu verteidigen, indem er die Gerechtigkeit derselben pries und die Verschwörung als eine gesetzmäßige schilderte. Mehrere Male wurden die Zuhörer von der wilden Beredsamkeit dieses Schwärmers tief erschüttert. »Wenn das Beil mein Haupt bedroht,« sagte er am Schluß seiner Verteidigung, »so werden mich die Liktoren bereit finden; es ist ruhmwürdig, für die Sache der Tugend zu sterben. Wenn unser Tod beschlossen ist, wenn die verhängnisvolle Stunde für mich geschlagen hat, so bin ich schon lange darauf gefaßt gewesen. Als ein beständiges Opfer dieser langen Revolution habe ich mich mit der Todesstrafe bekannt gemacht. Der Tarpejische Felsen steht immer vor meinen Augen, und Gracchus Baboeuf fühlt sich glücklich, für sein Vaterland in den Tod zu gehen. Ihr Freunde, die ihr mich auf diesen Bänken umgebet, wer seid ihr? Jetzt erkenne ich euch: ihr seid fast alle die Gründer, die festen Stützen der Republik; wenn man euch verurteilt, wenn man mich verurteilt, wohlan, ich sehe es: wir sind die letzten Franzosen, wir sind die letzten Republikaner!« Der Prozeß wurde erst am 7. Prairial beendigt. Am 6. erließ die Jury ihr Verdikt, wonach sechsunddreißig der Angeklagten freigesprochen und neun andere, darunter zwei unter mildernden Umständen, für schuldig erklärt wurden. Infolge des Ausspruches der Geschworenen wurden Buonarotti, Germain, Cazin, Mauroy, Blondeau, Menessier und Bouin zur Deportation, Baboeuf und Darthé zum Tode verurteilt. Im Augenblick, als der Vorsitzende des hohen Gerichtshofes das Urteil aussprach, erhob sich ein großer Lärm; Baboeuf und Darthé hatten sich zwei Dolchstiche beigebracht, und ihre Gefährten riefen: »Hilfe! man ermordet sie!« Die Dolche waren aber so schwach gewesen, daß es den beiden Verurteilten nicht gelungen war, sich das Leben zu nehmen; die Gendarmen nahmen ihnen die Waffen und führten sie nebst den Angeklagten, welche zur Deportation verurteilt waren, hinaus. Am 7. Prairial bestimmte Vieillard, der öffentliche Ankläger beim hohen Gerichtshöfe, die Stunde, zu welcher am nächsten Morgen die Hinrichtung der beiden zum Tode Verurteilten stattfinden sollte. Die Guillotine kam um zehn Uhr abends von Blois an; die Scharfrichter von Chartres und von Bois sollten meinem Großvater, der nur zwei Gehilfen mit sich genommen hatte, beistehen. Um neun Uhr morgens führte man sie in die Kerker, worin sich die Verurteilten befanden. Sie waren durch Blutverlust erschöpft, zeigten sich aber nicht niedergeschlagen. Baboeuf schien furchtbar zu leiden. Die Klinge seines Dolches war in der Wunde abgebrochen, und der Chirurg hatte erklärt, die Operation, um dieses Eisen herauszuziehen, sei zu schmerzlich, als daß man sie einem Mann, der dem Tode so nahe sei, noch auferlegen könnte. Ungeachtet seiner Leiden hatte er einen Teil der Nacht zugebracht, an seine Frau und seine Kinder zu schreiben; darauf hatte er einige Verbesserungen in seiner Verteidigungsrede vorgenommen, auf deren Veröffentlichung er großen Wert zu legen schien. Er lag auf dem Bette ausgestreckt, als die Scharfrichter eintraten; als er sie erblickte, begriff er, daß seine letzte Stunde gekommen sei; er stand schnell auf, ging ihnen entgegen und sagte: so leid es ihm tue, sich von einer Frau und zärtlich geliebten Kindern zu trennen, und trotz aller Sorge über ihre Zukunft sähe er doch den Tag, an welchem er für das Volk stürbe, als den schönsten seines Lebens an. Alles, was er sagte, verriet eher den aufrichtigen und überzeugten Schwärmer als den Ehrgeizigen, der den Leidenschaften der Menge nur schmeichelt, um sich zur Macht emporzuschwingen. Seine Festigkeit – ebenso Darthés – verleugnete sich weder während der kläglichen Zurüstung noch auf dem Wege vom Gefängnisse nach dem Platze, auf welchem das Schafott aufgerichtet war. Unterwegs wendete er sich mehrmals an die Zuschauer, beteuerte seine Liebe für das Volk und empfahl ihnen seine Familie mit einer Rührung, welche sich wiederholt der Menge mitteilte. Vielleicht hoffte er, daß man infolge dieser Rührung zu seiner Rettung einschreiten würde; die militärischen Maßregeln, um die Hinrichtung zu sichern, waren aber zu gut getroffen, das Schafott war von beträchtlicher Macht umringt. Darthé wurde zuerst hingerichtet; er rief dreimal: »Es lebe die Republik!«, und jedesmal antwortete ihm Baboeuf, der am Fuße der Guillotine stand. Als der Kopf des ersteren gefallen war, stieg Baboeuf mit festem und sicherem Schritt auf die Plattform. Er wollte noch einmal zum Volk sprechen, aber der öffentliche Ankläger hatte bestimmte Befehle erlassen; die Gehilfen schleppten ihn fort, banden ihn auf das Brett, und mein Großvater gab das Zeichen zu seinem Tode. Attentate auf Napoleon Arena, Ceracchi, Topino-Lebrun, Harel, Diana. Wir beginnen eine neue Zeit; die Zeit der hohlen Utopien ist ebensowohl dahingeschwunden wie die der demagogischen Saturnale. Die weibische Lässigkeit des Direktoriums hat es zugelassen, daß ein junger General, der aus den Ebenen Ägyptens zurückkehrte, wie Cäsar aus den Wäldern der Gallier, die Zügel des Staates mit siegreicher Hand aufnimmt. Als Besieger der Parteien mußte Bonaparte notwendigerweise der Gegenstand des Hasses der Parteimitglieder sein. Die Republikaner verziehen ihm nicht, daß er, ein Sohn der Revolution, die Lehrsätze dieser Revolution verworfen und, ein Soldat der Freiheit, diese Freiheit der Ordnung und der öffentlichen Wohlfahrt untergeordnet hatte. Lange Zeit hatten die königlich Gesinnten gehofft, daß das Übermaß des Übels die von ihnen gewünschte königliche Restauration herbeiführen würde; dem 18. Brumaire hatten sie in der Hoffnung Beifall gezollt, daß der junge General sich von der Rolle eines Monck würde verführen lassen. In dem Maße, wie die letzteren bemerkten, daß seine Bestrebungen auf ein höheres Ziel gerichtet waren und sein Genie diese Bestrebungen erfolgreich machen würde, verschärften sie ihren Zorn; sie nahmen keinen Anstand, das zu vergessen, was der Erste Konsul für sie getan hatte; sie sahen in ihm nichts weiter als den unrechtmäßigen Besitzer des Throns, der für die Nachfolger Ludwigs XVI. bestimmt war. Für die einen wie für die andern war das Haupt der Konsularregierung das einzige Hindernis, welches sich dem Siege ihrer Meinung entgegenstellte, und die abenteuerlichen Geister, gleichsam die verdorbenen Kinder aller Parteien, hatten keinen andern Gedanken und keinen andern Zweck, als dieses Hindernis zu beseitigen. Die Polizei beobachtete die Republikaner mit scharfem Auge; weniger aufmerksam war sie auf die Schliche der Royalisten, denn sie hielt dieselben für unfähig, außerhalb der Vendée etwas zu unternehmen. Im September 1800 machte ein Hauptmann in der Suite der 45. Halbbrigade namens Harel dem Polizeiminister die Anzeige: einer seiner Freunde namens Demerville, ein ehemaliger Beamter der Komitees, hätte ihm den Vorschlag gemacht, den Ersten Konsul in der Oper zu erdolchen, und ihm versichert, die Zahl derjenigen, welche in die Verschwörung eingegangen, sei schon so beträchtlich, daß sich an dem Erfolge des Unternehmens kein Zweifel hegen ließe. Der Minister konnte unverzüglich die Verhaftung der Personen befehlen, welche ihm Harel anzeigte; es lag ihm aber daran, von seinem Eifer Zeugnis abzulegen, vielleicht auch Frankreich den Beweis zu liefern, daß das Feuer noch unter der Asche des Vulkans glimme; er befahl Harel, auf die Vorschläge seines Freundes einzugehen; um alle Verzweigungen der Verschwörung zu durchdringen, und dieser übernahm auch die traurige Rolle, die man seinem Ehrgeiz oder seiner Ergebenheit zuwies, und spielte sie mit solcher Vollkommenheit, daß Demerville ihm alle seine Geheimnisse mitteilte. Letzterer stellte ihn Ceracchi vor, einem überspannten Revolutionär und einem der Gründer der römischen Republik von 1799. Unter diesen dreien wurde der Tag der Ausführung der Verschwörung festgesetzt. – Man bestimmte dazu die erste Vorstellung der Oper »Die Horatier«, der der Erste Konsul beiwohnen sollte. Harel erhielt Geld, um Waffen zu kaufen und vier Männer zu werben, welche die ersten Streiche führen sollten. Am 10. Oktober fand sich Harel in der Straße Desmoulins bei Demerville ein und trug unter seinem Überrock mehrere Pistolen, die ihm vielleicht aus der Rüstkammer des Polizeiministers geliefert worden waren; er fand dort Cercachi, verteilte seine Waffen und meldete, daß die vier von ihm verlangten Angeworbenen sie um zwei Uhr nachmittags in den Tuilerien erwarten würden. Dorthin begab man sich. Harel bewaffnete noch selber seine vier Gefährten, und darauf schritt man zu den letzten Maßregeln. Demerville sollte sich mit einer größeren Zahl junger Leute, welche die Flucht der Mörder begünstigen sollten, im Garten des Palais Royal aufhalten. Ceracchi wollte mit Harel im Kaffeehause der Oper zusammentreffen, wohin ersterer den Mann mitbringen sollte, welch er, gemeinschaftlich mit den Agenten des Polizeiministers, Bonaparte niederzustoßen hatte. Diese Person war ein ehemaliger Notar namens Diana. Ceracchi brachte ihn um sieben Uhr abends in das Kaffeehaus der Oper. Sie gingen alle in das Theater, wo Befehl erteilt war, jedermann von der Loge des Ersten Konsuls fernzuhalten, damit die Verschwörer dreister gemacht würden. In dem Augenblick, als Ceracchi sich dieser Loge näherte, wurde er von dem Generaladjutanten de Laborde festgenommen; Diana, der sich auf dem Flur des ersten Ranges aufgestellt hatte, wurde von den Agenten, die allen seinen Bewegungen gefolgt waren, ergriffen. Infolge dieser Verhaftung verfügte sich die Polizei zu Demerville. Er war nicht zurückgekehrt, aber seine Cousine oder seine Mätresse, Magdalena Fumey, eine frühere Erzieherin, befand sich mit zwei Personen zu Hause, mit einem gewissen Delavigne, einem Kaufmann, und mit Daitey, einem Bildhauer; alle drei wurden ins Gefängnis gesetzt. Gleicherweise legte die Justiz Hand auf Arsna, Generaladjutant, Mitglied des Rats der Fünfhundert, welchen Harel als Haupt der Verschwörung bezeichnet hatte, und auf den Maler Topino-Lebrun, einen ehemaligen Geschworenen beim Revolutionstribunal, welcher beschuldigt war, die zur Verübung des Attentats bestimmten Dolche geliefert zu haben. Sei es indessen, daß der Konsularregierung nichts daran lag, Europa diesen neuen Beweis der inneren Zerwürfnisse zu geben, sei es, daß sie Bedenken fühlte, einen Prozeß anzustrengen, der gewissermaßen hervorgerufen worden war, genug, sie schien entschlossen, diese Sache zu ersticken und sich die Verschwörer vom Halse zu schaffen, indem sie dieselben aus dem Lande verbannte, wie man Felix Lepelletier, Destrem, Choudieu, den ehemaligen General Rossignol und eine große Zahl anderer unverbesserlicher Revolutionsmänner verbannt hatte; aber das Attentat mit der Höllenmaschine, welches man ursprünglich der republikanischen Partei zuschrieb, zeigte die Notwendigkeit der Strenge, und man gab daher in den ersten Tagen des Januar 1801 (im Jahre IX) den Befehl, die am 11. Oktober Verhafteten vor das Kriminalgericht zu stellen. Der Prozeß begann am 7. Januar. Wie zu erwarten stand, versteckten sich die Angeklagten hinter ein System des gänzlichen Ableugnens und machten es sich zur Aufgabe, zu beweisen, die Verschwörung hätte nur in der Einbildung Harels, den sie als einen Polizeivigilanten bezeichneten, stattgehabt. Dieser konnte das letztere nicht leugnen, und alle seine Aussagen gingen darauf hinaus, zu beweisen, daß das ausgeführte Attentat vor seiner Anzeige und seiner Teilnahme an der Verschwörung vorbedacht gewesen sei. Am 9. Januar, um zehn Uhr abends, fällte das Gericht den Urteilsspruch. Diana, Daitey, Lavigne und Magdalena Fumey wurden freigesprochen, und Aréna, Demerville, Topino-Lebrun und Ceracchi wurden zum Tode verurteilt. Sie kamen um die Aufhebung dieses Spruches ein; drei Sitzungen des obersten Gerichtshofes wurden der Prüfung des Urteils gewidmet. Die Appellation wurde verworfen. Am 29. Januar erhielt mein Großvater den Befehl, das Schafott aufzurichten. Am folgenden Tage um neun Uhr morgens sollte die Hinrichtung stattfinden. Um sieben Uhr kam er mit seinen Gehilfen nach der Conciergerie; in dem Augenblick aber, als er in den Kerker trat, wo der Gerichtsschreiber dem Demerville das Urteil vorlesen sollte, erklärte der Verurteilte, er sei bereit, Enthüllungen zu machen, und verlangte, daß man den Polizeipräsidenten davon in Kenntnis setze. Die Urheber der Höllenmaschine waren noch nicht entdeckt; man vermutete, daß Demervilles Geständnisse einiges Licht auf diese Angelegenheit werfen würden; daher beeilte man sich, seinem Wunsche nachzukommen, und der Präfekt Dubois, den man davon benachrichtigt hatte, ließ Demerville nach der Kanzlei bringen, wo er anderthalb Stunden mit ihm in geheimer Beratung zubrachte. Es war aber nur ein letzter Versuch gewesen, sein Leben und das seiner Mitschuldigen zu erhalten; denn Demerville verlangte, daß, ehe er mit den versprochenen Enthüllungen beginne, der Erste Konsul sich verpflichten sollte, die Strafe der vier Verurteilten in die Strafe der Deportation zu verwandeln; dies ließ vermuten, daß er selber keine große Wirkung von seinen Enthüllungen erwartete oder daß sie nur erfunden seien. Folgendes Protokoll, welches bei dieser Gelegenheit aufgenommen war, wurde in den Tagesblättern veröffentlicht: »Auf die erhaltene Anzeige, daß Demerville, Ceracchi, Arsna und Topmo-Lebrun, welche als zum Tode Verurteilte im Gerichtshause verhaftet saßen, wichtige Enthüllungen zu machen hätten und mit mir zu sprechen verlangten, begab ich, der Polizeipräfekt, mich nach dem genannten Hause, ließ den Demerville vorführen und fragte ihn, welche Enthüllungen er zu machen habe. Er antwortete, daß er keine Art von Enthüllungen früher zu machen gedenke, bevor der Erste Konsul sich nicht verbürge, daß die Strafe, zu welcher er verurteilt worden, in eine einfache Deportation ermäßigt würde; dieses Gesuch stellte er in betreff seiner und seiner Mitverurteilten. Ich, der Polizeipräfekt, forderte ihn danach auf, mir alle Eröffnungen zu machen, welche die Sicherheit des Ersten Konsuls und des Staates betreffen könnten; versprach ihm, dieselben unverzüglich der Regierung vorzulegen und seine Hinrichtung bis zu dieser Kenntnisnahme verschieben zu lassen. Der genannte Demerville bestand jedoch auf den Bedingungen, die er für seine erbetenen Enthüllungen stellte, worauf ich das vorstehende Protokoll abfaßte, welches er ebenso wie ich nach geschehener Verlesung unterzeichnet hat.« Nachdem Dubois sich zurückgezogen hatte, erging der Befehl, den Urteilsspruch unverzüglich zu vollziehen. Die Zurüstung der vier Verurteilten geschah in den Gefängnissen; man fesselte sie in dem Vorzimmer der Kanzlei. Sie schritten mit großem Mute und mit Kaltblütigkeit zum Tode. Unterwegs unterhielten sie sich übel ihre Hoffnungen und ihre Verluste; mehrere Personen, welche sie unter der Menge erkannten, grüßten sie mit einer Verbeugung. Ihre Kaltblütigkeit verleugnete sich nicht vor dem Schafott; im Augenblicke, als Aréna hinaufsteigen sollte, sagte er mit lauter Stimme: »Wenn man mich als einen Republikaner, als einen Feind des Ersten Konsuls zum Tode schickt, so habe ich mein Los verdient; wenn man mich aber als Mitschuldigen eines Mordes bezeichnet, so bestehe ich darauf, meine Unschuld zu beschwören.« Das Attentat mit der Höllenmaschine Das Attentat mit der Höllenmaschine Françis Carbon; Cadoudal, Saint-Régent; Collin. Am 24. Dezember (3. Nivôse), um acht Uhr abends, verließ der Konsul die Tuilerien, um sich in die Oper zu begeben, wo zum erstenmal das Oratorium »Die Schöpfung« von Haydn aufgeführt werden sollte. Die Generale Lannes und Bessières, der Zweite Konsul, Lebrun, befanden sich in seiner Kutsche, die von einer Schwadron Grenadiere der Konsulargarde geleitet wurde. Die Eskorte fand die kleine Straße Saint-Nicaise, welche sie passieren mußte, von einem Fasse eines Wasserträgers und von einem Mietswagen versperrt, sie wollte den Durchgang frei machen, einer der Soldaten stieß auf einen Mann, der sich mitten in der Straße befand, und dieser, den man für den Wasserträger hielt, näherte sich schnell dem Fasse; in demselben Augenblick langte die Kutsche des Konsuls in der größten Geschwindigkeit an; kaum war dieselbe an den beiden Hindernissen vorüber, als ein furchtbarer Krach, wie die Explosion einer Pulvermine, gehört wurde; die Straße war von Toten und Verwundeten übersät; die erschütterten Häuser stürzten ein und begruben andere Opfer unter ihren Trümmern. Derjenige aber, dem dieser schreckliche Hinterhalt gelegt worden war, entrann wie durch ein Wunder dem Tode und betrat das Opernhaus unter wahnsinnigem Beifallsgeschrei. Wie schon oben erwähnt, richtete sich die Mutmaßung der Polizei auf die Republikaner. Napoleon selber bestätigt es in dem Memorial von St. Helena. »Etwa hundert überspannte Jakobiner,« sagte er, »die eigentlichen Urheber der Septembermorde und des 10. August, hatten den Entschluß gefaßt, sich des Ersten Konsuls zu entledigen. Zu diesem Zwecke hatten sie eine Art fünfzehnpfündiger Haubitzgranate erfunden, welche, in die Kutsche geworfen, von selber explodieren und alle Personen der Umgebung vernichten sollte. Um ihres Streiches sicher zu sein, sollte ein Teil der Straße mit Fußangeln belegt werden, damit die Pferde aufgehalten und die Kutsche zum Stillstehen gebracht würde. Der Arbeiter, welchem man den Auftrag erteilte, die Fußangeln zu legen, schöpfte sowohl über das Unternehmen selbst als über die Person, die ihn dazu bewegen, Verdacht und setzte die Polizei davon in Kenntnis. Man fand sehr bald die Spuren der Leute, ertappte sie sogar auf der Tat, als sie außerhalb Paris, in der Nähe des botanischen Gartens, die Wirkung der Maschine versuchten, welche eine schreckliche Explosion verursachte.« Nach diesem vorhergegangenen Verfahren der Jakobinerpartei und vielleicht, weil er den Royalisten, die er von gänzlichem Untergange gerettet hatte, nicht so großen Undank zutrauen mochte, zweifelte der Erste Konsul nicht, daß die Explosion der Maschine, welcher man bereits den Namen Höllenmaschine gegeben hatte, das Werk dieser Partei sei. Die Nachforschungen der Polizei zeigten ihm aber, daß, wenn man auch den Jakobinern den ersten Plan zu dieser Tat zuschreiben wollte, doch die Ausführung derselben nicht von ihnen ausgegangen war. Die Explosion hatte wenig Anzeichen übriggelassen, durch welche diese Nachforschungen geleitet werden konnten: das mit Pulver gefüllte Faß war in Stücken, das Pferd, welches dasselbe in die Straße Nicaise gefahren hatte, war getötet worden; mit Hilfe der Überreste desselben erforschte man die Urheber des scheußlichen Verbrechens. Alle Pferdehändler in Paris wurden vorgefordert. Einer derselben erkannte den Kadaver des Tieres; er gab die Kennzeichen des Mannes an, welchem er dasselbe verkauft hatte. Die eisernen Reifen des Fasses waren unversehrt geblieben; der Schmied, der sie verfertigt, gab ebenfalls eine Beschreibung der Person, die sie bestellt hatte, und beide Signalements stimmten überein. Dieselben bezogen sich auf einen gewissen François Jean, genannt Carbon oder Petit-François oder Constant, einen ehemaligen Seemann und Chouan, den man als einen Agenten von Georges Cadoudal bezeichnete, und nach dieser Seite hin lenkte man die Nachforschungen. Vor dem Verbrechen wohnte François, genannt Carbon, bei seiner Schwester; man verhaftete diese Schwester und ihre beiden Töchter. Sie erklärten, Carbon hätte bei drei Frauen Zuflucht gefunden, welche ein und dasselbe Gemach in der Straße Notre-Dame des Champs bewohnten: Marie-Anne Duquesne, ehemalige Vorsteherin des Klosters von Saint-Michel, Goyon de Beaufort und Fräulein de Champion de Cicé, Schwester des ehemaligen Bischofs von Bordeaux. Carbon wurde nebst denjenigen, die ihn aufgenommen hatten, verhaftet. Man erkannte ihn als den Käufer des Wagens und des Pferdes, und er war zu Geständnissen bereit. Nach seinen Aussagen war der Plan zu dem Verbrechen aus England gebracht worden, und zwar durch Picot de Limoëlan de Beaumont, einen ehemaligen, Georges Cadoudal befreundeten Offizier aus der Vendée und durch einen ehemaligen Marineoffizier namens Pierre Robinault, genannt Saint-Regent, welcher unter dem Namen Pierre eine Bande Chouans befehligt hatte. Carbon wurde mit dem Ankauf des Wagens und des Pferdes beauftragt, Limoëlan hatte die Verfertigung der Maschine geleitet, und Saint-Regent hatte es übernommen, das Feuer anzulegen. Carbons Aussage wurde durch die der Witwe Jourdan bestätigt, bei welcher Saint-Régent gewohnt hatte. Diese Frau hatte gesehen, wie ihr Mietsmann Zündschwamm in lange, schmale Streifen zu einer Lunte zuschnitt und, die Uhr in der Hand, prüfte, wieviel Zeit zur Verbrennung dieser Lunte notwendig sei. Es gelang nicht, Limoëlan zu entdecken. Saint-Régent wurde am 7. Pluviôse verhaftet, und mit ihm ein Wundarzt, namens Collin, der ihn zuerst nach dem 3. Rivôse verpflegt hatte, Leguilloux, früher Kurier bei der Post, und Therese Minguer, seine Frau, welche Saint-Régent nach dem Attentat bei sich aufgenommen hatten, Micault de Lavieuville, ein ehemaliger Hoflakai, und die Ehefrau desselben, Eude Villeneuve, eine nahe Verwandte von Limoëlan, sowie ein gewisser Baudet, Handschuhmacher in den Galerien des Palais Royal. Am 1. April 1801 (11. Germinal des Jahres IX) erschienen alle verhafteten Personen vor dem Kriminalgericht. Gegen sechs derselben wurde in contumaciam verhandelt: Limoëlan, Edouard Lahaye de Saint-Hilaire, Coster de Saint-Victor Sangé, ehemaligen Häuptling der Chouans, Bourgeois und Soyau, genannt d'Assas. Aus den Verhandlungen ergab sich, daß Saint-Régent, als er am 3. Rivôse bei der Frau Leguilloux eingetreten, sich in kläglichem Zustande befunden habe. »Ich fand ihn«, sagte der Wundarzt Collin, der ihn verpflegt hatte, »auf eine sonderbare Weise angegriffen; er brach Blut; das Blut trat ihm auch aus der Nase, er atmete mit Mühe, der Puls war schwach; äußerlich war keine Verletzung wahrzunehmen; er litt an furchtbaren Unterleibsschmerzen, hatte angegriffene Augen und war auf dem linken Ohre taub.« Saint-Régent, welcher den Aussagen seines Mitschuldigen Carbon ein hartnäckiges Leugnen entgegensetzte, erklärte diesen Zustand dadurch, daß er behauptete, er hätte sich zufällig in der Nähe der Straße Saint-Nicaise befunden und wäre durch die Explosion zu Boden geworfen worden; zwei Personen, die er nicht kannte, hätten ihn aufgehoben und bis nach der Straße des Prouvaires zurückgeführt; er versicherte, er habe immer an der Taubheit gelitten, welche in der Anklage dem Umstände zugeschrieben worden, daß er sich bei der Explosion der Maschine in unmittelbarer Nähe befunden habe. Durch keine der Zeugenaussagen konnte festgestellt werden, welche die Person war, die nach Carbons Erklärung in der Straße Saint-Denis das Faß, womit der Wagen beladen war, gegen ein anderes Faß vertauscht hatte, das derselbe Carbon mit eisernen Reifen hatte beschlagen lassen und welches ohne sein Wissen in dem von ihm bezeichneten Hause mit Pulver angefüllt worden sein sollte. Es ist anzunehmen, daß diese Erklärung nur den Zweck hatte, die auf ihm lastenden Verdachtsgründe zu schwächen und die Fabel glaubwürdiger zu machen, wonach ihm bei den Machinationen, deren Zweck er durchaus nicht erkannt hätte, eine rein passive Rolle zugefallen wäre. Die Aussage der beiden Mädchen Vallon, Carbons Nichten, stellten fest, daß das Faß, welches das zur Ausübung des Attentats bestimmte Pulver enthalten, sich noch nach dem 3. Nivôse bei ihnen vorgefunden habe und daß Limoëlan, als er es bei einem seiner häufigen Besuche bei ihnen gesehen, ihnen anempfohlen habe, es zu zerbrechen. »Verbrenne es,« hatte er geäußert, »denn das Holz könnte uns teuer zu stehen kommen!« Es wurden noch andere Zeugen gehört, deren Erscheinen und Aussagen die lebhafteste Teilnahme erregten; dies waren nämlich die Opfer der scheußlichen Missetat. Der eine zeigte vierzehn Wunden auf, ein anderer fünfundzwanzig, ein dritter wies seinen durch die schreckliche Operation des Trepanierens verstümmelten Kopf; eine Mutter sagte aus, ihre Tochter wäre an ihrer Seite getötet worden, sie hätte sie aber in dem fürchterlich entstellten Leichnam, den man ihr vorgezeigt, nicht wiedererkennen können. Während diese letzteren Zeugen ihre Aussagen machten, hörte man unter den Zuhörern ersticktes Schluchzen. Carbon und Saint-Régent blieben aber ungerührt. Durch ihren unversöhnlichen Haß geblendet, unter dem Einfluß jenes Wahnes, welchen die politische Leidenschaft stets zur Folge hat, huldigten diese Männer dem gottlosen Lehrsatz, daß der Zweck die Mittel heilige, und sie wagten ihre vom Blute unschuldiger Menschen befleckten Hände zu Gott zu erheben, sie glaubten an die Rechtmäßigkeit ihrer ungeheuerlichen Tat. Am 16. Germinal, nachdem die Verteidiger ihre Reden gehalten hatten, fällte der Gerichtshof den Urteilsspruch. Limoëlan de Beaumont, Lahaye de Saint-Hilaire, Coster de Saint-Victor, Sangé, Bourgeois und Soyau, alle sechs, gegen die in contumacianm verhandelt worden, wurden zur Todesstrafe verurteilt. Pierre Robinault, genannt Saint-Régent oder Pierrot oder Pierre Martin, der ehemalige Marineoffizier und Divisionschef in der Armee von Georges Cadoudal, Carbon, genannt Petit François oder Constant, als anwesende Angeklagte, wurden gleichfalls zum Tode verurteilt. Leguilloux und seine Frau, die Frau Ballon, Carbons Schwester, die Witwe Goyon de Beaufort und Fräulein Duquesne wurden zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie der Behörde ihres Bezirks nicht angezeigt, daß sie Saint-Régent und Carbon Quartier gegeben hatten. Collin, der Wundarzt, wurde zu drei Monaten Gefängnis und fünfhundert Franken Geldstrafe verurteilt, weil er dem Polizeikommissar seines Bezirks nicht gemeldet, daß er dem Saint-Régent ärztliche Hilfe geleistet hatte. Baudet, die Eheleute Lavieuville, die Fräulein Goyon de Beaufort und Champion de Cicé und die Töchter Vallons wurden freigesprochen. Carbon und Saint-Régent legten Appellation ein; ihre Nichtigkeitsbeschwerde wurde am 19. April (30. Germinal) verworfen, und am folgenden Tage, am 20. April (1. Floreal), wurden sie zum Tode geführt. Sie hatten einen Beichtvater verlangt, und man erfüllte ihren letzten Wunsch. Am vorhergehenden Abend erfuhren sie durch den Besuch des Priesters, daß sie nur noch eine Nacht zu leben hätten. Als der Scharfrichter in ihren Kerker trat, fand er sie im Gebet. Carbon schien in sein Schicksal ergeben; Saint-Régent war dagegen bleich und sehr niedergeschlagen; als ihm jedoch sein Urteilsspruch vorgelesen worden war, suchte er seine Fassung wiederzugewinnen und versicherte den anwesenden Personen, sie würden ihn mit dem Mute eines Soldaten sterben sehen. Dieses Versprechen sollte er indes nicht halten. Der gehässige Charakter des Verbrechens der beiden Verurteilten hatte eine ungeheure Menge zu ihrer Hinrichtung gelockt, und auf dem ganzen Wege wurden sie von den Verwünschungen dieser Menge verfolgt. Saint-Régent suchte anfänglich der Erbitterung des Volkes die Spitze zu bieten; allmählich aber verbündete sich sein Gewissen mit den Stimmen, die ihn verfolgten, er neigte das Haupt und antwortete den Beleidigungen nur stammelnd. Der Anblick des Schafotts schlug ihn völlig nieder; kaum vermochte er sich auf den Beinen zu erhalten; seine Brust keuchte, sein Blick war stier; man mußte ihn unterstützen, als er die Stufen zum Schafott hinaufstieg, wohin Carbon ihm voraufgegangen war. Auf der Plattform versuchte er das Volk anzurufen, aber die Stimme versagte ihm; er ließ nur einen rauhen und halberstickten Laut hören, der auf seinen Lippen erstarb. Die Generäle gegen Napoleon Pichegru, Moreau; Cadoudal, Querette, Vouvet de Lozier. Nicht allein gegen die feindlichen Parteien hatte Bonaparte zu kämpfen; der wunderbare Aufschwung seiner Größe verfeindete ihm die ehemaligen Nebenbuhler seines Ruhmes; nicht ohne Zorn sahen die Generäle die nahe Thronbesteigung ihres Kollegen in der italienischen Armee. Unter diesen Generälen war einer, der schon unter dem Direktorium die Vorschläge des Prätendenten nicht zurückgewiesen, sondern sich bereit gezeigt hatte, ihm zur Wiedererwerbung der Krone seiner Väter behilflich zu sein; dieser General war Pichegru. Im Monat April 1795 befehligte er die Rheinarmee; der Graf von Entraigues, ein Agent des Prinzen von Condé, hatte eine Unterredung mit dem republikanischen General gehabt; infolge dieser Unterredung war ein Briefwechsel zwischen diesem letzteren und dem Prinzen von Condé entstanden. Man hatte Pichegru angeboten, ihn zum Marschall von Frankreich und Gouverneur des Elsaß zu ernennen, ihm das rote Band, Schloß und Park Chambord, zwölf den Österreichern genommene Geschütze, eine Million baren Silbers und zweihunderttausend Livres Rente zu geben; er hatte diese Anerbieten nicht zurückgewiesen, sondern geschrieben: »Ich will nichts Unvollständiges tun,: ich will nicht dem Beispiele eines Lafayette und Dumouriez folgen; ich kenne meine Mittel und weiß, daß sie ebenso sicher wie weitgreifend sind; sie fußen nicht nur in meinem Heere, sondern auch in Paris, im Konvent, in den Departements, in den Armeen der Generäle, meiner Kollegen, welche ebenso wie ich denken. Ich will nichts teilweise tun, sondern die Sache zu Ende führen. Frankreich kann nicht als Republik bestehen, sondern es muß einen König, es muß Ludwig XVIII. haben; aber man darf die Konterrevolution erst beginnen, wenn man sicher ist, sie bestimmt ins Werk zu setzen.« Nach diesem Beitritt erbot er sich, über den Rhein zu gehen, die weiße Fahne zu entfalten, sich mit dem Heere des Kaisers und mit dem Korps Condés zu vereinigen, um auf Paris zu marschieren. Aber der Prinz von Condé war nicht willens, mit anderen als Franzosen die Ehre der Restauration zu teilen. Pichegru seinerseits glaubte der Hilfe Fremder nicht entbehren zu können. Während der Unterhandlung, welche diese Meinungsverschiedenheit notwendig machte, wurde er dem Direktorium angezeigt, nach Paris zurückgerufen und infolgedessen bei der Armee vertreten. Der Mittel beraubt, welche seine Beihilfe erfolgreich machen sollten, setzte Pichegru seine Unterhandlung mit dem verbannten Fürsten nichtsdestoweniger fort; er hatte sich in sein Departement zurückgezogen. Bald darauf schickten ihn die Wähler des Jura in die gesetzgebende Versammlung, die ihn zum Präsidenten wählte. Auf einen anderen Schauplatz versetzt, führte er seine Anschläge weiter aus. Das Direktorium, welches, nachdem man das Reisegerät des Generals Kinglin in Beschlag genommen hatte, in Besitz handschriftlicher Beweise von Pichegrus Verrat gekommen war, konnte sich über die Absicht des Besiegers von Holland keine falsche Vorstellung machen. Durch den Staatsstreich vom 17. Februar schaffte es sich ihn vom Halse, und am 1. Vendemiaire schickte es ihn nach Synamori, einem Orte, der für die Deportation der neuen Geächteten bestimmt war. Seit sechs Monaten befand er sich in Cayenne, als er den Plan zur Flucht faßte. Mit mehreren seiner Unglücksgefährten verbunden, verließ er die Kasematten mitten in der Nacht; Pichegru, Aubry und Ramel warfen sich auf die Schildwache, welche auf der Bastion des Wachthauses stand, entwaffneten und knebelten sie, stiegen in den Graben hinab, erreichten das Ufer, bemächtigten sich einer Pirogue und wagten sich, ohne andere Hilfsmittel als einige in aller Eile gesammelte Lebensmittel, ohne einen anderen Führer als einen Taschenkompaß, auf die hohe See. Zehn Tage später schifften sie sich beim Fort Monte-Krich aus, von wo sie nach England gelangten. Zu London wurde das Einvernehmen Pichegrus mit der entthronten Familie immer vertrauter. In diesen geheimen Beratungen erforschte man eifrig die öffentliche Meinung in Frankreich; die Anschläge der Generäle waren zu auffällig, als daß man sie nicht hätte bemerken sollen. Zu gleicher Zeit sah man ein, daß Pichegru, nachdem sein Verrat öffentlich kundgeworden, seinen Einfluß auf die Soldaten verloren hatte; man fühlte die Notwendigkeit, Napoleon einen anderen von den großen militärischen Häuptern entgegenzustellen, dessen Name inmitten der Bürgerkriege geachtet und unbefleckt geblieben wäre. Sowohl Moreaus Ruf wie auch seine ziemlich offenkundige Feindschaft gegen den ersten Konsul bezeichnete ihn für die Wahl der Feinde des letzteren, und verschiedene Kommissarien gingen von London ab, um ihn zu gewinnen. Welches aber auch die Absicht Moreaus sein mochte, so hatte man doch eine zu hohe Vorstellung von seinem Charakter, als daß man hoffen konnte, er würde jemals auf eine Verschwörung eingehen, welche sich des Mordes als Hilfsmittel bediente. Georges Cadoudal befand sich in London; er war einer jener außerordentlichen Männer, welche die Revolutionen und die Bürgerkriege hervorbringen. Als kühner Parteigänger und unbeugsamer Sektierer war er gleich bereit, für die Gegenstände seines Fanatismus zu töten oder sich töten zu lassen. Er war zu Brech in Morbihan geboren; als Sohn eines wohlhabenden Pächters hatte er seine Studien auf der Schule von Vannes gemacht. Er war kaum zwanzig Jahre alt, als die Länder jenseits der Loire die Waffen ergriffen; er gesellte sich zu den Vendéern und nahm teil an allen ihren Kämpfen. Nach der Niederlage von Mans ging er wieder in seine Bretagne zurück und diente dem Grafen von Siltz, welcher eine Truppe befehligte, als Leutnant. Als dieser im Kampfe von Grandchamp getötet worden war, erwählten die Chouans Georges Cadoudal zu ihrem Häuptling; er führte diese Männer in der Affäre von Quiberon; er verrichtete Wunder der Tapferkeit und entging dem Tode nur durch ein Wunder. In seine Wälder zurückgekehrt, fuhr er ohne Aufhören fort, mit den Republikanern zu scharmützeln. Nach dem Rückzug von Puysaye war er zum Oberbefehl aller Truppen gelangt, und in dieser neuen Stellung zeigte er die außerordentlichen Eigenschaften eines Kriegsmannes. Er schlug die Blauen zu wiederholten Malen. In unaufhörlicher Bewegung, hielt er eine beträchtliche Zahl Truppen in Schach, warf sich auf sie, sobald er die Gelegenheit für günstig hielt, zog sich zurück, zerstreute seine Leute nach einer Niederlage und verlangte einen Waffenstillstand, um Zeit zu gewinnen, seine Leute aufs neue zu verproviantieren oder neue Banden auf die Beine zu bringen. Während eines solchen Waffenstillstandes und in der Absicht, von der englischen Regierung Waffen und Munition zu erhalten, ging er nach London und wurde den Prinzen vorgestellt, die ihn zum Generalleutnant ernannten und ihm das Ludwigskreuz und das rote Band verliehen. Endlich zwang ihn der General Brune, die Waffen zu strecken, konnte ihn aber nicht bewegen, sich der Regierung zu unterwerfen; er hielt noch ferner den Faden zu allen geheimen Schlichen, welche den Westen bewegten, in Händen; seine ehemaligen Soldaten zollten ihm eine Ergebenheit, welche frommer Verehrung glich; diese Gewalt über die Gemüter unterhielt er durch seinen Briefwechsel und durch sein persönliches Erscheinen in der Bretagne, wo die alten Chouans, indem sie ihre so lange Zeit brachgelegenen Felder bebauten, noch immer auf neuen Kampf sannen. In seinem unversöhnlichen Hasse gegen den, der den Thron der Bourbons beanspruchte, schreckte Georges Cadoudal vor keinem Mittel zurück, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Es ist nicht erwiesen, aber wahrscheinlich, daß er von dem entsetzlichen Unternehmen vom 3. Nivôse Kenntnis gehabt und es gebilligt habe. Das Mißlingen und die Bestrafung seiner Mitschuldigen konnte diesen eisenfesten Charakter nicht erschüttern; aber der Schrei der Mißbilligung, der von allen Seiten erscholl, machte ihn angesichts der Wahl der Mittel bedenklicher. Er entwarf einen Angriffsplan, welcher eine so ritterliche Seite hatte, daß der gehässige Charakter des Mordes dadurch abgeschwächt werden konnte. Jeden Tag begab sich der Erste Konsul nach Malmaison; ein Geleite von dreißig Reitern umgab seine Kutsche. In der Gegend der Schenke Chant du Coq, eine halbe Meile von Neuilly, war die Straße verödet; Georges nahm sich vor, sich in einer verlassenen Steingrube in der Umgegend mit einem Trupp Chouans, welcher der Zahl der Soldaten der Eskorte gleich wäre, zu verbergen; man wollte Vorkehrungen treffen, um die Straße zu versperren; er selbst wollte die Begleitung mit dem Säbel und der Pistole in der Hand angreifen und Bonaparte im Kampfe töten. War der Erste Konsul tot, so konnte Moreau nicht zaudern, seinen Einfluß auf die Armee geltend zu machen, um eine Restauration zu bewirken; es handelte sich also um nichts weiter, als Moreau zu gewinnen, wie man Pichegru gewonnen hatte. Aber der Sieger von Hohenlinden konnte nicht erbötig sein, seine republikanische Gesinnung ebenso billig zu verkaufen. Man hatte ihn ohne Erfolg durch den früheren General Lajolais, einen Freund Moreaus, und einen der Geächteten vom Fructidor, ausforschen lassen. Pichegru glaubte, er würde mehr Einfluß auf seinen ehemaligen Kollegen haben; er beschloß, nach Frankreich zu gehen, wohin Georges vor ihm abgereist war. Die Regierung war auf der Hut. Der Erste Konsul hatte geheimnisvolle Meldungen bekommen, die ihm Vorsicht anempfahlen. Einer dieser Briefe lautete: »Es schweben Dolche in der Luft; hüten Sie sich!« Die Küste war sorgfältig bewacht und eine Landung schwierig; sie wurde jedoch mit einer Kühnheit vollzogen, welche alle getroffenen Vorsichtsmaßregeln vereitelte. Einige Meilen von Tréport befindet sich das steile Gestade von Bréville, dessen Fuß mit Felsenriffen bedeckt ist, an welchen das an sich ruhige Meer sich mit Heftigkeit bricht, und erhebt sich zweihundertfünfzig Fuß senkrecht über das Meer; es schien unmöglich, daß ein Mensch, wenn er nicht Flügel hätte, einen Versuch unternehmen sollte, auf den Gipfel zu gelangen. Und doch drang Georges mit seinen Leuten auf diesem Wege der Reihe nach auf das französische Gebiet. Der englische Kutter, welcher sie trug, lavierte, solange die Sonne am Horizont stand; bei Nacht näherte er sich der Küste, auf die Gefahr hin, an den Klippen zu scheitern; eine Schaluppe brachte die Verschworenen auf die Felsenriffe; ein ins Vertrauen gezogener Fischer, der auf dem Gipfel des Gestades wohnte, wickelte ein ungeheuer langes Tau ab, band es an Ankerpfähle und ließ es in den Abgrund hinunter; mit Hilfe desselben erklommen die, kühnen Abenteurer das Gestade, zwischen Himmel und Meer, zwischen Leben und Tod schwebend, in Gefahr, nicht nur beim geringsten Schwindel in den Abgrund zu stürzen, sondern auch an den Felsen zu zerschellen, sobald der Wind die gebrechliche Leiter in Schwanken setzte. Als sie erst den Boden Frankreichs betreten hatten, erreichten sie Paris auf verschiedenen Straßen, auf deren jeder die Etappenplätze und die Nachtherbergen schon vorher bestimmt und vorbereitet waren. Inzwischen waren zwei Chouans, Picot und Lebourgeois, von den Polizeiagenten, welche Frankreich in London unterhielt, signalisiert und in Pont-Audemer verhaftet worden; sie wurden einer Militärkommission überliefert, vor welcher sie erklärten, daß sie wieder nach Frankreich gekommen seien, um Bonaparte nach dem Leben zu trachten. Man hoffte von ihnen Aufklärung über die mutmaßliche Verschwörung zu erhalten; sie ließen aber kein Wort laut werden, wodurch ihre Mitschuldigen bloßgestellt worden wären. Sie wurden erschossen; vor dem Tode erklärten sie jedoch, daß sie unfehlbar gerächt werden würden, daß Bonaparte springen müßte. Diese Drohung bestärkte die Regierung in ihren Befürchtungen. Einige Tage nach der Hinrichtung von Picot und Lebourgeois war ein ehemaliger Offizier Georges Cadoudals, ein gewisser Querelle, aus der Niederbretagne gebürtig, auf die Anzeige eines seiner Gläubiger verhaftet worden. In Rücksicht auf seine Vergangenheit wurde er ebenfalls vor ein Militärgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Er war weit entfernt, dem Tode mit gleicher Festigkeit ins Auge zu sehen wie seine Genossen, und um einige Stunden seines Lebens zu gewinnen, erklärte er, daß er Enthüllungen zu machen beabsichtige. Diese Enthüllungen waren viel wichtiger, als man erwartet hatte. Querelle erklärte, daß Georges Cadoudal sich in Paris befände; er überlieferte das Geheimnis der Landung auf dem Felsengestade bei Béville und meldete, daß einer der französischen Prinzen auf demselben Wege in Frankreich eindringen und sich an die Spitze der Verschwörung stellen würde. Durch die Verhaftung des ehemaligen Abbé David, welcher vor Lajolais als Mittelsperson zwischen Pichegru und Moreau gedient hatte, war der letztere dieser Generäle verdächtig geworden; der Bericht eines Londoner Agenten, wonach Pichegru und die Adjutanten des Grafen von Artois, von Polignac und von Rivière, sich ebenso wie Cadoudal in Paris befinden sollten, ließ vermuten, daß eine Annäherung zwischen beiden Seiten vollzogen sei, daß Republikaner und Royalisten sich verständigt hätten. Die Gefahr nahm also einen solchen Umfang an, daß man keine Minute verlieren durfte, ihr mit aller Kraft entgegenzutreten. Der Oberlichter, der Justizminister, stattete der Regierung einen Bericht ab, und diese teilte denselben dem Senat, dem gesetzgebenden Körper und dem Tribunal mit; die erstere dieser Versammlungen erließ einen Senatsbeschluß, wodurch die Amtsverrichtungen der Geschworenen in allen Departements der Republik betreffs aller Verbrechen des Mordes und des Verrats aufgehoben und die Untersuchung den durch das Gesetz vom Floreal des Jahres X eingerichteten Kriminalgerichten überwiesen wurde; gleichzeitig mit diesem Senatsbeschluß wurde ein Gesetz gegen die Verheimlichung der Verschworenen erlassen, welches lautete: Art. 1. Die Verheimlichung von Georges Cadoudal und sechzig Räubern, welche sich gegenwärtig in Paris und der Umgegend verborgen halten und von England besoldet sind, um dem Ersten Konsul nach dem Leben zu trachten und die Sicherheit der Republik in Gefahr zu setzen, soll als Hauptverbrechen erachtet und bestraft werden. Art. 2. Als Verschwörer werden angesehen diejenigen, welche, vom Erlaß des gegenwärtigen Gesetzes an gerechnet, einen oder mehrere der im vorhergehenden Artikel besagten Personen aufgenommen oder behütet haben, wofern sie nicht binnen vierundzwanzig Stunden nach der Aufnahme der Polizei Anzeige machen, es mögen diese Personen noch bei ihnen wohnen oder sich an einem anderen Orte befinden. Art. 3. Diejenigen, welche vor der Verkündigung dieses Gesetzes Pichegru oder die vorerwähnten Personen aufgenommen haben, sind gehalten, der Polizei binnen acht Tagen davon Anzeige zu machen, widrigenfalls sie zu sechs Jahren Kettenstrafe verurteilt werden. Diese außerordentlichen Maßregeln zeigten, welche gerechte Besorgnis die Regierung hegte. Durch ein unerwartetes Ereignis wurden Querelles Enthüllungen bestätigt und das Geheimnis der Verschwörung in allen Einzelheiten enthüllt. Ein Adjutant von Georges Cadoudal, Bouvet de Lozier, war verhaftet und in engen Gewahrsam ins Templegefängnis gebracht worden. Er mochte sich vielleicht zu schwach fühlen, lange Zeit den Tod zu erwarten, und versuchte es, sich mittels seiner Halsbinde zu erhängen; ein eintretender Gefängnisschließer zerschnitt den verhängnisvollen Knoten; Bouvet, der durch ein Wunder ins Leben zurückgerufen war, klammerte sich mit leidenschaftlichem Eifer daran fest; er zeigte an, daß er Geständnisse ablegen wolle. Man führte ihn zu dem Justizminister, welchem er den Anteil, den Moreau an der Verschwörung genommen hatten um so unverhohlener eingestand, als er das jüngste Mißgeschick seiner Partei der Abtrünnigkeit dieses Generals zuschrieb. In der Tat hatte Moreau, nachdem er die Abgesandten Pichegrus empfangen und Lajolais mit unbestimmten Versprechungen seiner Mithilfe nach London zurückgeschickt, seinen persönlichen Ehrgeiz verraten. In seinen Unterredungen mit Pichegru hatte er die Idee verworfen, einen Prinzen aus dem Hause Bourbon nach Paris zu berufen, indem er erklärte, die Wiedereinsetzung eines Königs sei ein unausführbares Hirngespinst, und indem er nicht weniger verlangte, als Napoleon zu stürzen, um seine eigene Diktatur an die Stelle des Konsulats zu setzen. Dieser Widerstand hatte Pichegru nicht wenig in Verlegenheit gesetzt. Georges Cadoudal, welcher einer dieser Unterhaltungen unerkannt beigewohnt hatte, äußerte sich in seiner bretonischen Freimütigkeit über den General. »Ein Usurpator für einen Usurpator!« sagte er. »Mir ist der, welcher den Platz innehat, lieber als dieser Gänserich, welcher denselben einnehmen möchte.« Der Prozeß Polignac. Infolge dieser Aussage des Bouvet de Lozier wurde Moreau ebenso wie Lajolais und Rolland, Generalagent der Militärtransporte, verhaftet; alle drei wurden in das Templegefängnis gebracht. Am 8. Ventôse kam ein ehemaliger Offizier vom Generalstabe namens Leblanc, welcher Pichegru eine Zufluchtsstätte angeboten hatte, zu Murat, dem Gouverneur von Paris, und erbot sich, ihm Pichegru, den die Polizei nicht aufzufinden vermochte, auszuliefern. Der Elende forderte für seinen Verrat einen Preis von hunderttausend Franken. Man nahm das Anerbieten an, und in der folgenden Nacht öffnete Leblanc mit Hilfe eines Nachschlüssels, den er im voraus hatte machen lassen, Pichegrus Zimmer und führte einen Polizeikommissarius und mehrere Gendarmen ein, welchen es nach einem Kampfe von einer Viertelstunde gelang, sich des Geächteten zu bemächtigen. An demselben Tage veröffentlichte die Polizei das Signalement von Georges Cadoudal und seinen Gefährten in Paris und der Bannmeile. Ungeachtet des schrecklichen Gesetzes, welches ihn vor der Menschheit in die Acht erklärte, ungeachtet des in Überfluß verbreiteten Signalements blieb der Häuptling der Chouans unantastbar. Seine getreuen Bretagner setzten ihre eigene Sicherheit außer Augen, um über ihn zu wachen; er ging in Paris frei umher; aber drei oder vier seiner Gefährten beobachteten fortwährend seinen Gang und leiteten die geschicktesten Spürhunde des Präfekten Dubois irre. Picot, Georges' Bedienter, war verhaftet worden; weder Versprechungen noch Drohungen konnten ihn bewegen, die geringste Auskunft zu geben. Cadoudal hatte nach der Reihe in den Straßen du Bac, de Carême-Prenant Nr. 21, Quai de Chaillot Nr. 6, Straße du Puils-l'Hermite Nr. 8 gewohnt. Durch Picots Verhaftung war er bestimmt worden, die letztere Zufluchtsstätte zu verlassen; einer seiner Genossen, Charles d'Hozier, trat ihm ein Zimmer ab, welches er einem Mädchen namens Hizay in der Straße Montaigne Sainte-Genevieve Nr. 22 abgemietet hatte. Da durch Moleaus und Pichegrus Verhaftung jede Hoffnung auf Erfolg der Verschwörung abgeschnitten war, so dachte Georges daran, Paris zu verlassen und wieder nach Morbihan zu gelangen. Am 18. Ventôse, bei anbrechendem Abend, holte ihn ein Kabriolett aus seinem Hause ab. Er kam mit vier seiner Gefährten heraus. Drei gingen zu Fuß fort, der vierte, Léridant, setzte sich neben ihn in die Kutsche. Er fuhr die Straße Sainte-Hyacinthe hinauf, über den Platz Saint-Michel und in die Straße Monsieur le Prince. In dem Augenblick, als er um die Ecke des Odeon bog, fielen zwei Polizeiagenten, die ihm gefolgt waren, dem Pferde in die Zügel und hielten ihn an. Georges Cadoudal streckte sie mit zwei Pistolenschüssen nieder und versuchte aus seinem Kabriolett zu springen, aber andere Agenten kamen ihren Kameraden zu Hilfe, und nach einem verzweifelten Kampfe wurde er ebenso wie sein Genosse ergriffen und geknebelt. Nach der Polizeipräfektur geführt, wurde er auf der Stelle verhört. Aus der Ruhe und der Bestimmtheit seiner Antworten, die er in einem solchen Augenblicke gab, kann man auf die Beschaffenheit seines Charakters schließen. Folgendes sind einige Bruchstücke aus Georges Cadoudals Verhör. »Was wollten Sie in Frankreich tun?« »Den Ersten Konsul angreifen.« »Welches waren Ihre Mittel zum Angriff?« »Der Angriff sollte mit offenbarer Gewalt vollführt werden.« »Welches war Ihre Absicht und die Ihrer Mitverschworenen?« »Einen Bourbon an die Stelle des Ersten Konsuls zu setzen.« »Rechneten Sie nicht darauf, Ihren Zweck durch den Mord zu erreichen?« »Nein; ich und meine Offiziere, wir hatten die Wachen des Ersten Konsuls einzeln gezählt; es waren dreißig; ich und neunundzwanzig meiner Anhänger hätten Mann gegen Mann mit ihnen gekämpft, nachdem wir die Straße mit zwei Stricken gesperrt, um die Eskorte aufzuhalten, und uns mit der Pistole in der Hand auf sie geworfen hätten; im Vertrauen auf unser gutes Recht und unseres Mutes gewiß, hätten wir das übrige Gott überlassen.« »Wer beauftragte Sie, nach Frankreich zu gehen?« »Die Prinzen, um die Monarchie wiederherzustellen.« »Mit welchen Personen verkehrten Sie, als Sie nach Paris kamen?« »Ich kenne sie nicht; ich will die Zahl der Opfer nicht noch vermehren.« Er leugnete seine Verbindung mit Pichegru und Moreau; gestand aber mit einer Art von Stolz, daß er nach Paris in der Absicht gekommen sei, den Ersten Konsul mit offener Gewalt anzugreifen, und nur die Ankunft eines Prinzen in Paris abgewartet hätte, um seinen Plan zur Ausführung zu bringen. Man hatte einen prächtigen Dolch mit einem silberbeschlagenen Griffe aus Ebenholz bei ihm vorgefunden. Thuriot fragte ihn, ob nicht der englische Stempel auf dem Beschlage sichtbar sei. »Ich weiß es nicht,« antwortete Georges, »ich kann aber versichern, daß, als ich nach Paris kam, ich ihn nicht auf der Münze kontrollieren ließ.« Einer der beiden Polizeibeamten, welche ihn angehalten hatten, ein gewisser Buffet, war von einer Kugel an der Stirn getroffen und getötet, der andere namens Cailotte in die Brust geschossen und gefährlich verwundet worden. Thuriot versuchte, dieses Eisenherz zu rühren, indem er ihm den begangenen Mord vorwarf. »Ich habe nur der Gewalt Gewalt entgegengesetzt,« antwortete Cadoudal. Als man ihm vorstellte, der Unglückliche wäre Familienvater, antwortete er: »Das ist eure Schuld; ihr hättet mich durch Hagestolze müssen verhaften lassen.« Alle bei der Verschwörung Beteiligten befanden sich in den Händen der Justiz; die Herren von Polignac und Rivière waren am 14. Ventôse ergriffen worden; ein Chouan, Raoul Gaillard, wurde von einem Büchsenschuß getroffen in dem Augenblick, als er die Seine überschritt, um dem verfolgenden Gendarmen zu entkommen. Die Untersuchung hatte ihren Verlauf, als eines Morgens der Kerkermeister, welcher in Pichegrus Zimmer trat, ihn tot in seinem Bette fand. Am vorhergehenden Abend hatte der Besieger Hollands Réal gebeten, ihm Seneka zu leihen; das Buch lag noch auf dem Tische, auf der Seite aufgeschlagen, wo der berühmte Philosoph sagt: »Derjenige, welcher sich verschwören will, darf vor allem den Tod nicht fürchten.« Der General lag auf der Seite. Eine schwarzseidene Halsbinde war mit Hilfe eines Stückchens Holz, welches er von einem Reisig, dessen Überreste noch im Zimmer lagen, abgerissen hatte, eng um den Hals geschlossen. Mit diesem Knebel hatte Pichegru wahrscheinlich seine Halsbinde zusammengeschnürt, bis die Erstickung ihren Anfang nahm; dann hatte er sich fest darauf gelegt, und der dadurch verursachte Blutandrang nach dem Kopfe hatte den Schlagfluß herbeigeführt. Am 28. Mai 1804, zehn Tage nachdem Napoleon zum Kaiser erklärt worden war, erschienen die Angeklagten, zweiundvierzig an der Zahl, vor dem Kriminalgericht. Moreau, der wie die übrigen auf der Verbrecherbank saß, war ruhig und schien sich der Entscheidung des Tribunals schon bewußt zu sein. An seiner Seite befanden sich Lajolais, sein ehemaliger Adjutant, Cauchery und Abbé David, die beiden Unterhändler mit Pichegru. Die Herren von Polignac und von Rivière, welche das aristokratische Element der Verschwörung vorstellten, saßen hinter dem General Moreau; Georges Cadoudal war von seinen Chouans wie an einem Schlachttage umgeben. Diese Bauern hatten kaum einen Blick für den Gerichtshof oder für die Zuhörer, welche in den Saal strömten; ihre Augen waren starr auf ihren Häuptling gerichtet; sie betrachteten ihn; sie hörten ihm mit einer ehrfurchtsvollen Aufmerksamkeit zu, die anzeigte, welch einen allmächtigen Einfluß er auf sie übte. Was Georges betraf, so bot er dem Geschick, das ihn erwartete, mit wildem Gleichmut Trotz; zuweilen beantwortete er die Beinamen, welche ihm die Ankläger reichlich zuteil werden ließen, mit beißenden Spottreden. Thuriot, welcher dem Verhöre vorsaß, hatte für den Tod Ludwigs XVI. gestimmt, der Bretagner nannte ihn daher mit einer tief verletzenden Anspielung Herr Tue-Roi (Herr Königsmörder). Als er einmal aus Versehen seinen Namen ausgesprochen hatte, bat er sich von einem Gendarmen ein Glas Wasser aus, um sich, wie er sagte, den Mund auszuspülen. Es wurden neununddreißig Belastungs- und dreizehn Entlastungszeugen vernommen. In der Sitzung vom 11. Prairial entspann sich eine ziemlich lebhafte Debatte zwischen dem Vorsitzenden und dem General Moreau über gewisse Aussagen des Angeklagten Rolland, welcher versicherte, der Graf von Artois hätte zu ihm gesagt: »Wenn sich unsere beiden Generäle verständigen, so werde ich bald in Paris sein.« Moreau leugnete, daß diese Rede sich auf ihn bezöge. »Aber,« entgegnete der Präsident, »wenn man sieht, daß Pichegru nach Paris kommt und Unterredungen mit Ihnen hat?« Moreau unterbrach ihn: »Wenn man sieht, daß Pichegru sich nicht mit mir verständigt, so ist es klar, daß überhaupt nicht von mir die Rede gewesen ist.« Der Präsident: »Weil Sie Diktator werden wollten.« »Ich Diktator?« rief Moreau in großer Aufregung; »ich Diktator? Mich mit allen Parteigängern der Bourbonen zum Diktator machen? Man suche einmal meine Parteigänger! Meine Parteigänger sind die französische Armee, von der ich neun Zehnteile befehligt und mehr als fünfzigtausend Mann gerettet habe. Dies sind meine Parteigänger? Weshalb will man mir die Torheit zuschreiben, ich wollte mich durch die Anhänger der ehemaligen französischen Prinzen, welche schon seit 1792 für diese Sache kämpfen, zum Diktator ernennen lassen? Glauben Sie, daß jene Leute binnen vierundzwanzig Stunden den Plan entwerfen, mich zur Diktatur zu befördern?« Diese Worte des Generals Moreau wurden mit einem dreimal wiederholten Beifallruf aufgenommen, den der Vorsitzende nur mit Mühe zum Schweigen brachte; die öffentliche Meinung war für ihn; sie weigerte sich, anzunehmen, daß der Held so vieler Kämpfe, der Sieger von Hohenlinden ein Mitschuldiger von Leuten geworden sei, welche man wegen ihres Anteils an dem Attentat der Höllenmaschine nur als verächtliche Mörder ansehen konnte. Die Aufregung war so allgemein und nachhaltig, daß Cadoudal, als er die Sitzung verließ, zu Moreau sagte: »General, noch eine Sitzung wie die heutige, und Sie werden in den Tuilerien schlafen.« Sonntags, am 14. Prairial, stellte der Staatsanwalt Gérard den Antrag; er verlangte die Todesstrafe gegen sämtliche Angeklagten mit Ausnahme von Even, Caron, Gallais und dessen Frau, welche er der Gerechtigkeit des Gerichtshofes empfahl. Die Sitzung vom Montag, dem 15., wurde mit einer Rede von Bouvet de Lozier eröffnet, welche so merkwürdig ist, daß ich einige Bruchstücke davon anführen will. Meine Leser werden sich ohne Zweifel erinnern, daß Bouvet de Lozier in dieser Verschwörung die Rolle eines Angebers gespielt hatte. »Mein Advokat hat sich in zwei Punkten in einer Weise ausgesprochen, welche sowohl meinem Gefühl wie meiner Lage durchaus widerstrebt. Mein Advokat sagte zu Anfang, daß ich, meine Herren Richter, Ihnen durch meine Geständnisse großen Anteil eingeflößt haben müsse. Ich lege allerdings den größten Wert auf die Meinung des Gerichtshofes, und ohne daß ich den Tod fürchte, hege ich den heißesten Wunsch, in den Augen desselben für unschuldig zu gelten; aber nicht weniger wünsche ich seine Achtung, die Achtung des Publikums, welches mich hört, und die der Welt, welche uns richten wird, zu verdienen. Ich muß Ihnen daher bemerklich machen, daß ich bei meiner Erklärung durchaus nicht von dem Wunsche geleitet wurde, meinen Richtern Mitleid einzuflößen, wohl aber von Empfindungen, die ich ausgesprochen habe: von der Verzweiflung und dem Wunsche nach Rache. Im weiteren Verlauf hat mein Advokat fast den Lobredner des Generals Moreau gemacht. Welches auch das Verdienst des Generals Moreau sein mag, so steht es nach meiner Erklärung nicht meinem Verteidiger zu, ihn zu loben: sein Lob aus meinem Munde würde eine Feigheit und ein Widerruf sein; ich widerrufe durchaus nicht.« Die Sitzungen am 16., 17., 18. und 19. Prairial wurden bestimmt, die Verteidiger anzuhören. Am Ende der Sitzung vom 19. wurden die Angeklagten ihrerseits vernommen. Georges begann damit, sich von aller Teilnahme an dem Attentat vom 3. Nivôse zu reinigen, dann fuhr er in folgenden Worten fort: »Nachdem diese Nebensachen beseitigt sind, werde ich mit Freimut und Wahrheitsliebe auf den eigentlichen Punkt der Diskussion eingehen. Da ich Frankreich und der Familie der Bourbons ergeben bin, so haben zwei Jahre, die ich friedlich auf dem Boden Englands verlebte, mich nicht erkälten können. Alle Nachrichten, die ich von Frankreich erhielt, verkündigten mir, daß die öffentliche Meinung deutlich ausgesprochen sei, daß der eifrigste Wunsch der Franzosen der sei, die Regierung eines einzelnen wiederkehren und auf eine einzige Familie beschränkt zu sehen, daß man keine Umwälzungen mehr zu fürchten haben würde. Bis zum Augenblicke des Vertrags von Amiens wußte ich nichts davon, daß Bonaparte zum Kaiser erklärt werden sollte. Nach dieser Nachricht entschloß ich mich, nach Frankreich zu gehen, um selber zu untersuchen, ob der öffentliche Geist derart sei, wie man mir versichert hatte. Hätte ich diese öffentliche Meinung günstig für die Familie der Bourbons gefunden, so würde ich sogleich einen französischen Prinzen haben kommen lassen, und bei seiner Ankunft wäre man auf die notwendigen Mittel bedacht gewesen, den gewünschten Zweck zu erreichen; als ich mich aber in dieser Hoffnung getäuscht sah, habe ich diesen Prinzen nicht berufen und nicht sechs Männer zusammengebracht.« General Moreau ergänzte die Rede seines Verteidigers in folgenden Worten: »Es sind in diesem Prozeß weder Schriftstücke noch überzeugende Tatsachen noch Zeugen vorhanden, welche gegen mich aussagen. Es ist ersichtlich, daß meine Verbindung mit David durchaus nichts Verbrecherisches an sich trägt und nur die Rückkehr des Generals Pichegru beabsichtigt hat. Was meine Aussöhnung mit dem letzteren betrifft, so liegt dieselbe dem Urteil der öffentlichen Meinung vor; ich bin weit davon entfernt, dasselbe zu fürchten; es wird sicherlich einen unversöhnlichen Haß, aber niemals eine großmütige Gesinnung verdammen. Was sich am deutlichsten aus dem Prozesse ergeben hat, wiederhole ich, daß ich nämlich alle Anerbietungen, die mir von den ehemaligen französischen Prinzen gemacht worden, zurückgewiesen habe; daran wird, wie ich glaube, niemand zweifeln können. Der einzige belastende Umstand, der gegen mich vorliegt, ist eine politische Plauderei Rollands, die jener verstümmelt, aber ganz absichtlich durch gerichtliche Fragen hervorgerufen, wiedergegeben hat und welche von der Hoffnung eines furchtsamen Mannes, darin sein einziges Rettungsmittel zu finden, zeugt. Man hat von meinem Vermögen gesprochen. Ich habe mit nichts angefangen. Ich könnte fünfzig Millionen besitzen, besitze aber eigentlich nichts als ein Haus in Paris und ein Landgut. Was mein Gehalt als Obergeneral betrifft, so beträgt es, was auch der Herr Kriegsminister behaupten mag, vierzigtausend Franken, und man hüte sich wohl, dasselbe mit meinen Diensten zu vergleichen! Unglückliche Umstände, Umstände, welche der Zufall herbeigeführt oder der Haß vorbereitet hat, können sogar einzelne Lebensaugenblicke des rechtschaffensten Mannes verdunkeln; ich stelle daher mein ganzes Leben den mich verfolgenden Anschuldigungen entgegen. Dasselbe ist öffentlich wohl genug bekannt; ich berufe mich nur auf die einzelnen Epochen, und die Zeugen, die ich anrufen werde, sind das französische Volk, welches ich zu Siegen geführt, und die fremden Völker, die ich besiegt habe. Meine Herren Richter, ich habe weiter nichts zu sagen. Sie kennen Ihre Pflicht. Frankreich hört Sie, Europa blickt auf Sie und die Nachwelt vernimmt Ihre Stimme.« Als der Präsident den Armand de Polignac fragte, ob er seiner Verteidigung noch etwas hinzuzufügen hätte, vergaß dieser die Verurteilung, die ihm selber drohte, und bestrebte sich nur, den Gerichtshof zugunsten seines Bruders anzuflehen, indem er bat, auf dessen Jugend Rücksicht zu nehmen und sich mit seinem Opfertode zu begnügen. Am Eingang der letzten Sitzung ergriff Julius von Polignac das Wort, und es begann der rührendste Streit zwischen den beiden Brüdern. »Da ich gestern«, sagte Julius, »von der Rede meines Bruders zu tief gerührt war, so konnte ich dem, was zu meiner eigenen Verteidigung vorgebracht worden, nur eine vorübergehende Aufmerksamkeit schenken; da ich heute in einer ruhigeren Stimmung bin, so bitte ich Sie, meine Herren, daß Sie die Wünsche, welche mein großmütiger Bruder in bezug auf mich ausgesprochen, nicht zu sehr berücksichtigen mögen. Ich wiederhole es im Gegenteile und mit größerem Rechte, daß, wenn einer von uns unterliegen soll und es noch Zeit ist, Sie ihn retten mögen. Geben Sie ihn seiner weinenden Gattin wieder, ich habe keine. Gleich ihm verstehe ich dem Tode Trotz zu bieten; sollte ich das Leben bedauern, da ich noch zu jung bin, um mit demselben zu kämpfen?« »Nein, nein,« rief Armand, seinen Bruder umarmend, »hören Sie nicht auf ihn, meine Herren. Du hast noch eine Laufbahn vor dir; ich bin es, der zugrundegehen muß! Ich bitte dich, mein teurer Julius!« Die Zuhörer waren bis zu Tränen gerührt. Der Vorsitzende Hémart beeilte sich daher, die Sitzung aufzuheben. Der Gerichtshof zog sich nun in das Beratungszimmer zurück; die Beratung dauerte lange und war sehr stürmisch. Die Persönlichkeit Moreaus hatte während des Prozesses ein solches Ansehen gewonnen, daß seine Freisprechung einen vernichtenden Einfluß gegen die jüngst auf den Thron gelangte Macht ausgeübt haben würde. Die Regierung hielt seine Verurteilung für notwendig und nahm keinen Anstand, dem Gerichtshof zu verstehen zu geben, daß, wenn der General von der Anklage entbunden würde, die Regierung sich in die Notwendigkeit versetzt sähe, das Urteil durch einen Staatsstreich umzustoßen. Einige der Richter fügten sich ohne zu großen Widerstand in diese politische Rücksicht, andere, wie man zu Ehren des französischen Richterstandes bekennen muß, erklärten, es lägen keine hinreichenden Beweise vor, um eine Verurteilung zu rechtfertigen, und weigerten sich, die Stimme ihres Gewissens zu ersticken. Der eifrigste von den überzeugten, Thuriot, stimmte für den Tod, indem er vorstellte, der Kaiser würde Moreau begnadigen. Einer der Räte, Clavier, gab ihm die treffende Antwort: »Und wer wird uns Gnade erzeigen?« Von zwölf Richtern erklärten sieben Moreau für unschuldig, nur fünf waren geneigt, ihn schuldig zu finden. Die Erörterungen dauerten vierundzwanzig Stunden, endlich siegte der Druck, welchen der Präsident Hémart und Thuriot auf ihre Amtsgenossen ausübten, über ihren Widerstand, und es gelang, eine Art Vergleich zwischen ihrer ersten Erklärung und den Anforderungen der Regierung herzustellen. Zwei von den Räten, Lecourbe und Rigaud, verharrten auf ihrer Meinung und protestierten. Das Urteil wurde am 21. Prairial um vier Uhr morgens gefällt und lautete: Es hat sich nach der Untersuchung und den Verhandlungen ergeben, daß eine Verschwörung zu dem Zwecke bestanden hat, die Republik durch einen Bürgerkrieg in Verwirrung zu setzen und die Bürger gegeneinander und gegen die rechtmäßigen Behörden zu bewaffnen, und sind folgende Angeklagte: Georges Cadoudal, Bouvet de Lozier, Russillion, Rochelle, Armand de Polignac, Charles d'Hozier, de Rivière, Ducorps, Picot, Lajolais, Roger, Coster de Saint-Victor, Deville, Armand Gaillard, Alexis Soyant, Burdan, Lemercier, Pierre Cadoudal, Lelan und Merille überwiesen, an dieser Verschwörung in verbrecherischer Absicht teilgenommen zu haben. Dieselben werden zum Tode verurteilt; dem Gesetz vom 14. Prairial des Jahres III gemäß werden ihre Güter als der Republik verfallen erklärt. In Betracht, daß Jules de Polignac, Louis Léridant, Jean Victor Moreau, Henri Rolland, Marie Micheline Hizay an dieser Verschwörung teilgenommen haben, sich aber aus dem Verhör und den Verhandlungen mildernde Umstände ergeben, so ermäßigt der Gerichtshof die Strafe, in welche die Genannten verfallen sind, in eine Besserungsstrafe und verurteilt sie zu zwei Jahren Gefängnis.« Couchery, David, Hervé, Lenoble, Rubin, Lagrimaudière, Noel Ducorps, Datry, Even, Gaston Troche, Pierre Troche, Monnier und seine Frau, Verder, Spin, Dubuisson und seine Frau, Caron, Gallais und seine Frau, Denand und seine Frau wurden freigesprochen. Der Gerichtshof stellte jedoch diejenigen von ihnen, welche den Verschwörern Quartier gegeben hatten, vor die fünfte Abteilung des Gerichtshofes der ersten Instanz. Die Verurteilten vernahmen den Spruch, ohne die geringste Erschütterung zu zeigen. Als Georges Cadoudal in die Conciergerie zurückgekehrt war, traf er den Staatsrat Réal, mit welchem er eine lange Unterredung hatte. Réal versicherte dem Vendéer, der Kaiser sei geneigt, ihn zu begnadigen, wenn er seine Barmherzigkeit anflehe. Cadoudal lehnte dieses Ansinnen ab und zeigte sich entschieden, das Schicksal seiner Kameraden zu teilen. Herr von Rivière, welcher ebenfalls eine Unterredung mit Réal hatte, weigerte sich wie Georges, ein Gnadengesuch an den Kaiser zu richten. In den Familien der Verurteilten fanden sich jedoch Herzen, welche weniger stolz waren und sich nicht zu erniedrigen glaubten, wenn sie den Herrscher um das Leben geliebter Personen anflehten. Die Schwester des Herrn von Rivière fand in der Kaiserin eine allmächtige Vermittlerin, andere Gesuche wurden für die Herren de Polignac, Rochelle de Bercy, Bouvet de Lozier und Charles d'Hozier gestellt. Fräulein Lajolais warf sich dem Kaiser zu Füßen und bat ihn um Gnade für ihren Vater; Fräulein Gaillard bat für ihren Bruder, und der Bankier Scherer für seinen Schwager Russillion. Der Kaiser wies keines dieser Gesuche zurück, und am 6. Messidor des Jahres XII erhielt der Kriminalgerichtshof das kaiserliche Schreiben, welches für die Verurteilten Bouvet de Lozier, Russillion, Rochelle, Armand de Polignac, d'Hozier, de Rivière, Lajolais und Gaillard die Todesstrafe in die Strafe der Deportation verwandelte. Georges und seinen Chouans stand allein das Schafott in Aussicht. Nicht etwa, daß ihnen Fürsprecher fehlten, um ihre Sache bei Napoleon zu führen; es war am Hofe ein ritterlicher Mann, welchem der unbezwingliche Mut, die Tatkraft und Strenge des Vendéers Teilnahme einflößen mußte, dieser Mann war Murat. Der künftige König von Neapel verwendete sich beim Kaiser für die Verurteilten, und dieser war nicht abgeneigt, seinen Bitten zu willfahren; in der Tiefe seines Kerkers führte aber Georges noch dieselbe Sprache wie in dem Augenblick, als er sich mit seinem Säbel zum König der Heiden des Morbihan gemacht hatte; er verlangte, die Gnade sollte sich auf alle seine Mitschuldigen erstrecken, und die kaiserliche Barmherzigkeit wich vor dieser Anforderung zurück. Er hatte, um das Leben seiner Genossen noch um einige Tage zu verlängern, die Appellation eingelegt. Am 4. Messidor verwarf der Gerichtshof diese Appellation, und am 5. führte man die Verurteilten, welche vorläufig nach Bicètre gebracht worden waren, in die Conciergerie zurück. Die Hinrichtung war auf den 6. festgesetzt. Die Hinrichtungen waren zu dieser Zeit ziemlich selten, so daß mein Vater nur vier Gehilfen hielt. In Rücksicht auf die Zahl der Verurteilten war er genötigt, noch andere Gehilfen zum Ersatz anzustellen. Man hatte bereits die Gewohnheit wieder angenommen, den Verurteilten zu gestatten, daß sie bis zum Richtplatz von einem Priester begleitet wurden; infolgedessen belief sich die Zahl der Karren, welche diesen traurigen Zug bildeten, auf drei. Um vier Uhr morgens erschienen die Wagen und die Scharfrichter vor dem Tore der Conciergerie. Die Zurüstungen fanden in dem Vorzimmer der Kanzlei statt. Die Verurteilten wurden zusammen eingeführt; sie beteten mit großer Sammlung. Einige Augenblicke vorher war man noch einmal in Cadoudal gedrungen, daß er um Gnade bitte. Er weigerte sich mit noch größerer Lebhaftigkeit und murmelte, als er die Kanzlei verließ: »Dieser Schelm ist nicht zufrieden, mir den Kopf abzuschneiden, er möchte mich auch noch ehrlos machen!« Als Georges in den Saal trat, sagte er einige Worte zu einem Schließer namens Eberle, welcher ihn begleitete, und wendete sich dann, nachdem dieser geantwortet hatte, an meinen Vater. Seine Haltung war stolz, sein Blick sicher, seine Gesichtsfarbe wie gewöhnlich, es zeigte sich weder in seinen Zügen noch in seinem Tone eine Aufregung. »Sind Sie der Scharfrichter von Paris?« fragte er. Mein Vater bejahte es. »In diesem Falle«, fuhr Georges fort, »werden Sie wissen, daß ich zuerst hingerichtet sein will; mir steht es zu, meinen Gefährten mit Mut und Ergebung voranzugehen. Außerdem will ich nicht, daß einer diese Welt mit dem Gedanken verlasse, daß ich ihn überleben könnte.« Mein Vater bemerkte ihm, die Ordnung der Hinrichtung sei festgestellt, und demgemäß müßte er zuletzt sterben. »Pah,« entgegnete Georges, »man ist zu sehr bemüht gewesen, mich gänzlich zu begnadigen, als daß es möglich wäre, mir meine einzige Bitte abzuschlagen.« In der Hoffnung, diesen Wunsch erfüllen zu können, benutzte mein Vater die lange Zeit, welche zur Zurichtung einer so großen Zahl Verurteilter nötig war, um Georges Bitte durch den Gerichtsschreiber, welcher das Urteil vorgelesen hatte und das Protokoll über die Hinrichtung führen sollte, an den Oberrichter gelangen zu lassen. Er brachte nur einen ablehnenden Bescheid; man gestattete demjenigen, dem man das Leben angeboten hatte, nicht, den Augenblick seines Todes zu wählen. Der rauhe Häuptling der Parteigänger mußte sich darein schicken. Während man ihm die Hände band, sagte er zu seinen Gefährten: »Wir haben die Blauen oft genug geschlagen, um ein Recht auf Soldatentod zu haben; aber es darf uns nicht reuen, wenn wir uns erinnern, daß das Schafott, welches wir betreten sollen, durch das Märtyrertum unseres Königs geweiht worden ist!« Ehe er die Conciergerie verließ, bat er seine Kameraden, ihn zu umarmen. Alle gehorchten. Diese rauhen Gesichter bekamen beim letzten Abschiede von ihrem geliebten Führer einen milderen Ausdruck, einige Augen wurden feucht. Als dies geschehen war, sagte er zu ihnen: »Und jetzt handelt es sich darum, den Parisern zu zeigen, wie Christen, Royalisten und Bretagner sterben.« Er winkte seinem Beichtiger, ihm den Arm zu reichen, und ohne den Befehl des Scharfrichters abzuwarten, kommandierte er: »Marsch!« mit solcher Lebhaftigkeit, als ob es sich darum handelte, eine Schanze zu stürmen. Er befand sich mit seinem Vetter Pierre Cadoudal auf dem ersten Wagen; Picot, sein Diener, und Coste Saint-Victor, Roger, Soyant, Burban, Lemercier saßen auf dem zweiten, Lelan, Merille, Deville auf dem dritten. Coster Saint-Victor erregte nicht weniger Teilnahme als sein Häuptling. Seine Schönheit, seine stolze Miene, seine Eleganz und das große Vermögen, welches man ihm zuschrieb, machten ihn zum Löwen des Prozesses. Das Publikum hatte sich zuletzt für den Verschwörer begeistert, und während des Zuges vernahm man aus der Menge wiederholte Äußerungen des Mitleids. Georges war, seitdem man ihm seine letzte Bitte abgeschlagen hatte, düster und schweigsam geworden und betete unterwegs unaufhörlich. Er sah, ohne ein Wort zu sagen, alle seine Gefährten absteigen, selbst Coster Saint-Victor, der, als er zuletzt vor ihm das Schafott betreten sollte, ihn noch einmal umarmte und beim letzten Kusse sagte: »Leben Sie wohl, mein General!« Georges ließ ihn gewähren, zuckte aber die Achseln, wie über ein Zeichen der Schwäche. Dann, als das schöne Haupt seines jungen Mitschuldigen gefallen war, stieg er langsamen, aber festen Schrittes die Stufen des Schafotts hinauf und rief, auf der Plattform angelangt, mit weithin tönender Stimme: »Kameraden, ich folge euch! Es lebe der König!« Nach diesem letzten Opfer entstand ein Augenblick der Verwirrung. In Betracht der vielfachen Hinrichtungen waren die Vorkehrungen sehr mangelhaft getroffen. Als Cadoudals Kopf fiel, war der mitgebrachte Korb schon gefüllt. Der kolossale Leichnam des ritterlichen Mörders blieb länger als eine Viertelstunde auf dem Schafott liegen, während mein Vater Leinwand kaufen ließ, um ihm ein besonderes Leichentuch zu machen. Dieses letzte Zeichen der Achtung war vielleicht für einen Mann nicht unangemessen, der mit den Königsmördern des Konvents, den zaghaften Mördern des Konsulats, der Restauration, der Juli-Monarchie und des zweiten Kaiserreichs nicht in gleiche Reihe gestellt werden darf. Meine eignen Erinnerungen Meine eigenen Erinnerungen Meine erste Hinrichtung Seit meiner Heirat hatte ich es auf mich genommen, meinen Vater bei den wenigen stattfindenden Hinrichtungen zu begleiten, war jedoch ein stummer, untätiger Zeuge am Fuße des Schafotts geblieben, nicht ohne mit lebhaftem Widerwillen zu kämpfen; eine tätige Rolle hatte ich bei diesen blutigen Schauspielen bisher nicht übernommen. Ich muß übrigens gestehen, daß dies mein Vater ebensowenig getan; er hatte mich nicht getäuscht, als er mir sagte, die Gehilfen seien fast die einzigen handelnden Personen und der Scharfrichter sei darauf beschränkt, die Handlung zu leiten und zu beaufsichtigen, ohne selbst Hand anzulegen. Auf diese Weise hatte ich als Zuschauer am 2. Februar 1816 der Hinrichtung eines Unglücklichen beigewohnt, eines gewissen Magloire, welcher das erste Opfer der Prevotalhöfe wurde. Eine seltsame Gerichtsbarkeit, die, wenn sie länger tätig gewesen wäre, das Gegenstück zu dem Revolutionstribunal gebildet haben würde. Magloire war überwiesen, auf der Straße von Paris nach Saint-Denis einen nächtlichen Raub mit bewaffneter Hand versucht zu haben, und wurde von dem Prevotalhofe des Seinedepartements zum Tode verurteilt und binnen vierundzwanzig Stunden hingerichtet. Der Gedanke an eine so schnelle und unverzügliche Gerechtigkeit erregt Schaudern. Ich war auch Zeuge der Hinrichtung der: Pleignier, Carbonneau und Tolleron, die wegen einer Verschwörung gegen das Leben des Königs Ludwig XVIII. zum Tode der Vatermörder, durch Abhauen der Hand verschärft, verurteilt worden waren. Obgleich ich nur als Zuschauer anwesend war, hatten diese barbarischen Auftritte doch mein Inneres umgekehrt; bis dahin war ich, ich wiederhole es, in keiner Weise bei dem schrecklichen Amt unserer Familie tätig gewesen. Das am 13. Januar 1819, in dem Augenblick, als mein Vater zwischen Tod und Leben schwebte, gefällte Todesurteil gegen Foulard erfüllte mich mit trüben Ahnungen. Ich vermutete, daß meine verhängnisvolle Stunde schlagen würde. Ein in Versailles in Garnison stehender königlicher Gardejäger namens Pierre Charles Rodolphe Foulard hatte zwei Frauen ermordet, um ihnen eine erbärmliche Uhr und ein Paar goldene Ohrringe zu stehlen. Obgleich die Geschworenen die Frage des Vorbedachts verneint hatten, wurde dieser Unglückliche nichtsdestoweniger zum Tode verurteilt, und trotz seines jugendlichen Alters – er war kaum zwanzig Jahre alt – war das Verbrechen doch von so empörenden Umständen begleitet, daß sich nicht hoffen ließ, die königliche Gnade würde die Strafe mildern. Es hing also alles von dem Kassationshofe ab, welcher nicht über die Rechtsgründe zu entscheiden hat, sondern nur die Urteile wegen Formfehler kassiert, und man weiß, daß dies, namentlich zugunsten des Verbrechers, sehr selten stattfindet. Am 12. Februar erfuhr ich, daß der Kassationshof Foulards Appellation verworfen habe, und Dienstag, am 16., erhielten wir den Befehl, am nächsten Tage die Hinrichtung zu vollstrecken. Mein Vater befand sich erst seit einigen Tagen in der Genesung. Obgleich er sich kaum aufrechterhalten konnte, verriet er doch die Absicht, seinem schmerzlichen Amte selber vorzustehen. Es war keine Zeit mehr, einen Amtsgenossen aus der Provinz zu berufen, der auch, wie sich wohl einsehen läßt, einen derartigen Dienst höchst ungern geleistet haben würde. Fast alle wußten, daß ich zum Nachfolger meines Vaters auf einem Posten, den die Mehrzahl beneidete, bestimmt sei, und sie würden sicherlich Widerspruch erhoben haben, wenn man sie aufgefordert hätte, mir ein Amt zu ersparen, das sie selber gern bekleidet hätten. In Betracht aller dieser Gründe wollte mein armer Vater die übermenschliche und heldenmütige Anstrengung auf sich nehmen und sich selber nach dem Grèveplatze schleppen; das durfte ich nicht leiden. In den Augen meiner Mutter hatte ich gelesen, was ich selber wußte, daß, wenn ich schwach genug wäre, in dieses Opfer zu willigen, mein Vater nur erschöpft an dem Orte der Hinrichtung ankommen und nur zurückkehren würde, um sich auf sein Totenbett zu legen. Es war also keine Zeit zu weiteren Bedenken; ich mußte mich in mein Schicksal ergeben und das lange Noviziat, durch welches ich mich zu der dornenvollsten Laufbahn vorbereitet hatte, verlassen. Mein Entschluß war in einem Augenblicke gefaßt. Sobald der Befehl zu der Hinrichtung anlangte, begab ich mich in das Zimmer meines Vaters. »Ich komme, um deine Befehle und Anweisungen für morgen entgegenzunehmen«, sagte ich beim Eintreten in so natürlichem Tone, als ich vermochte, indem ich das Zittern meiner Stimme zu verbergen suchte. Er sah mich mit erstaunten Blicken an. »Weshalb, Heinrich, willst du dich so binden, mein Freund?« antwortete er. »Ich bin jetzt hergestellt und kann sehr gut meiner Pflicht nachkommen. Ich habe niemals daran gedacht, daß du bei meinen Lebzeiten diese Last auf dich nehmen solltest; es wird schon genug für dich, armes Kind, sein, wenn du es nach mir tust.« »Deine Güte verblendet dich, lieber Vater, und läßt dich deine Kräfte überschätzen. Du kannst weder den Zug noch die körperlichen und geistigen Beschwerden eines solchen Tages ertragen. Was tut es übrigens, wenn ich dir doch einmal nachfolgen soll, ob dies ein wenig früher oder später stattfindet? Trägst du nicht schon lange genug die Last dieses mühseligen Amtes allein? Ach, du hast es mir vergebens zu verbergen gesucht; trotz meiner eigenen Rührung sah ich, wenn ich dich begleiten durfte, auf deinem Gesicht, was du selber littest.« »Ich versichere dir, daß du dich irrst. Ich bin jetzt vollkommen hergestellt und fühle meinen Fuß und meine Augen so sicher wie jemals.« Bei diesen Worten erhob er sich aus seinem Lehnstuhl und versuchte einige Schritte im Zimmer, bald aber verließen ihn seine Kräfte, und er mußte sich wieder niedersetzen. »Selbst wenn du imstande wärest, deinem Amte vorzustehen, bin ich entschlossen, dir dieses Mal die Mühe zu ersparen. Du weißt, wie schwer mir diese Entscheidung wird, du weißt aber auch, daß ein einmal gefaßter Entschluß bei mir unwiderruflich feststeht. Von heute ab betrete ich entschlossenen Schrittes meine Laufbahn. Nun, mein Vater, so mache es wie jene alten römischen Kaiser, die noch bei ihren Lebzeiten ihren Sohn mit dem Purpur bekleideten!« Der Vergleich war zwar doppelsinnig, zeugte aber von der erkünstelten Heiterkeit, unter welcher ich meinem Vater meine eigene Überwindung verbarg. Man glaubt nicht, wieviel zärtliche List und Verstellung in unserer Familie aufgeboten ward, um sich gegenseitig die Last eines qualvollen Lebens zu erleichtern. Mein Vater gab nach. Er gab mit die verschiedenen Befehle an, welche ich dem Zimmermann und seinen Arbeitern zu erteilen hatte, damit die Maschine zur bestimmten Stunde aufgestellt sei; er wies mich an unsere beiden ältesten Gehilfen, machte mich mit den Pflichten eines jeden von ihnen bekannt und versicherte mir, sie würden mir bei dieser Gelegenheit den Eifer und die Hingebung erzeigen, welche sie stets unserem Hause erwiesen hätten, und daß, wie bei ihm, sich meine Aufgabe einzig darauf beschränken würde, den Tod, den die Gesellschaft über eines ihrer unwürdigen Mitglieder verhängt hatte, durch meine Gegenwart zu rechtfertigen. Ich verließ das Zimmer meines Vaters in dem Augenblick, als er die mir angewiesenen Gehilfen rufen ließ, um eine kurze Anrede an sie zu richten und sie zu bitten, mir bei meinem schwierigen Amtsantritte als Beschützer und Helfer beizustehen. »Ich vertraue euch, was ich Teuerstes auf der Welt habe, an,« sagte er zu ihnen, »meinen einzigen Sohn. Er ist der Nachkomme einer alten Scharfrichterfamilie; wachet darüber, daß er nicht unter der Last seines erblichen Amtes erliege! Eure Väter haben in diesem Hause gelebt, in dem wir leben und sterben werden; eine traurige Gegenseitigkeit verbindet uns, wir bilden eine Welt für uns; die Geschlechter folgen sich darin, ohne daß die Lage des einzelnen sich verändert. Laßt uns also in vollkommener Einigkeit und gegenseitiger Hingebung die Mittel finden, uns über die harten Pflichten unseres Lebens zu trösten!« Die Gehilfen waren gerührt und versprachen meinem Vater, ihrem jungen Meister treu zu dienen, übrigens war ich von diesen armen Leuten geliebt, und ich begegnete ihnen niemals im Hofe oder beim Gebet, ohne einige freundliche Worte an sie zu richten. Ich hatte das Zimmer meines Vaters in der größten Aufregung verlassen; nichtsdestoweniger erfüllte ich genau die Anweisung, die er mir in bezug auf den Zimmermann gegeben hatte. Je näher aber der Abend kam, desto größer wurde die Angst, die sich meiner bemächtigte. Beim Mittagsmahle konnte ich nur einige Löffel Suppe und einige Schlucke Wein genießen, der Schlund war mir dermaßen zusammengeschnürt, daß ich nichts hinunterbringen konnte. Zum Glück war mein Vater auf seinem Zimmer geblieben, denn wenn er mich in diesem Zustande gesehen hätte, würde er mir mein Amt für den folgenden Tag streitig gemacht haben. Meine Mutter und meine Frau betrachteten mich mit unruhigen Blicken; mit dem feinen Takt, welcher den Frauen von Natur eigen ist, enthielten sie sich aber, ein Wort an mich zu richten, denn sie sahen ein, daß jede Art Ermutigung unnütz sei und daß ich mit einem inneren Gefühl kämpfte, das überwunden werden mußte. Nach Tisch zog sich jeder zurück. Ich vertiefte mich in das dickste Gesträuch des Gartens und setzte mich auf die Bank, auf welcher ich in meiner Kindheit meinen Vater oft schlafen gesehen hatte. Ich sehnte mich nach Schlummer, aber er senkte sich nicht auf meine ermüdeten Augenlider. Ich entschloß mich, nicht zu Bett zu gehen, sondern die Nacht vor meinem Ritterschlage wachend zu vollbringen. Alles an diesem Orte sprach zu meiner Erinnerung: die Bank, auf welcher ich saß; dieses alte, in Trümmer gefallene Waschhaus, das ehemalige Asyl meiner Tauben. Ich fühlte die Anwandlung, aufzustehen und vor meinen Vater mit der Erklärung hinzutreten, ich hätte meine Kräfte überschätzt, indem ich ein Amt auf mich genommen, zu dessen Ausübung ich nicht die nötigen Kräfte haben würde, denn ich könnte den Abscheu dagegen nicht überwinden. Dann stellte ich mir aber wieder den armen Mann vor, wie er, von diesem unerwarteten Geständnis überrascht, seine letzten Kräfte zusammenraffen würde, um meine Stelle auszufüllen, und das Opfer, zu dem ich ihn zwang, vielleicht mit dem Leben bezahlen mußte. Die Worte, die er zu meinem Lehrer sagte: »Wiese mein Sohn diese Livree zurück, in welcher zu altern und zu sterben ich einmal verdammt bin, so würde es mir vorkommen, als hätte ich alles Anrecht auf seine Achtung und Zuneigung verloren; ich würde ihn nicht ohne Erröten anzusehen wagen!« Diese Worte kamen mir ebenfalls ins Gedächtnis und machten mir klar, wohin der Trieb des Widerspruchs, der in mir rege wurde, führen mußte. Es schien mir, als hätte der gute Abbé dies selber eingesehen, als er zu mir sagten: »Was auch geschehe und was du tust, wenn du Mann geworden bist, so werde ich dir meinen Segen nicht entziehen, und wenn du hienieden leidest, dort oben für dich beten!« In seiner letzten Todesstunde hatte mein alter Lehrer eine Vorstellung von dem schrecklichen Kampf, den ich in dieser verhängnisvollen Nacht bestehen mußte, und mir deshalb feierlich verkündigt, er wolle jedem Entschluß, den ich fassen würde, seinen Segen erteilen. Diese im voraus gegebene Amnestie eines Gerechten und Weisen, welche zu den unerbittlichen Vorurteilen der Welt in schroffem Gegensatze stand, tat mir wohl. Ich fühlte mich einen Augenblick gekräftigt, aber bald sah ich mich in eine neue Verlegenheit verstrickt. Ich bedachte, daß man zu derselben Zeit einen Mann in seinem Kerker weckte, um ihm anzuzeigen, daß seine letzte Stunde geschlagen habe und er seinen zeitlichen Schlaf gegen den ewigen vertauschen müsse. Diese düstere Szene, die ich niemals gesehen hatte, trat in meiner Einbildungskraft deutlich hervor. Bei dem düsteren Lampenlicht sah ich, wie dieser Unglückliche von den Schrecken des Todes erfaßt wurde, wie er sich auf seinem Sitz erhob, die Glieder in die Zwangsjacke geschnürt und das Gesicht mit der bleichen Farbe des Schreckens bedeckt; ich hörte den Gerichtsdiener den verhängnisvollen Urteilsspruch vorlesen, während die Kerkermeister sich untereinander anblickten und die Rührung, die sich auf ihren sonst so mürrischen und düsteren Zügen zeigte, nicht verbergen konnten; ich sah endlich den Mann Gottes vortreten, um diesem Opfer unerbittlicher Gerechtigkeit die Worte unendlicher Gnade zu spenden. Es war mir, als widerspräche er diesen strengen menschlichen Urteilssprüchen, die unwiderrufliche Strafen verfügen, während der Herr selbst, der unumschränkte Urheber der Gnade, sich durch einen Augenblick der Reue entwaffnen läßt. Es entging mir kein einziger Umstand. Ich folgte dem Verurteilten durch die ganze schmerzliche Todesqual; ich wohnte dem Abschiede von seinen Angehörigen bei, ebenso dem kläglichen Henkersmahl, wo man ihm einen herzstärkenden Trank reicht, damit er Kräfte und Mut aufspare, der Totenmesse und dem verfrühten Leichenzuge, wobei der Priester, barmherziger als die menschlichen Richter, keinen Anstand nimmt, das Viatikum den besudelten Lippen zu reichen, sobald sie sich durch Gebet und Bekenntnis gereinigt haben. Ich sagte mir, daß sie alle nur Vorläufer meiner schrecklichen Sendung seien, daß dieser Unglückliche noch immer mit einem Faden, wenngleich einem schwachen, dem Leben anhinge und sich dann erst für vollkommen verloren hielte, sobald er mich erblickte; daß mir allein das traurige Vorrecht zustehe, seine letzten Täuschungen mit einem Augenblinzeln zu vernichten und ihn völlig niederzuschmettern. Diese Nacht verging unter diesen ängstlichen Kämpfen. Der Unglückliche, welcher am nächsten Tage sterben sollte, kämpfte nicht schlimmer als der Mann, welchen das Gesetz zu seinem Mörder bestimmte und der zum ersten Male seine Hände in das Blut seines Nächsten tauchen sollte. In solche düsteren Betrachtungen fand mich noch das Morgenlicht versunken. Ich stand von der Bank auf, wo ich so lange gesessen hatte. Es schien mir, als sollte ich, gleich dem gefallenen Engel und den aus dem Paradiese vertriebenen ersten Menschen, auf ein erhabenes Recht Verzicht leisten und den Stempel des göttlichen Ursprungs verlieren. Langsamen und scheuen Schrittes ging ich einher, als ob der Blitz das Siegel der Verworfenheit auf meine Stirn geprägt hätte. Die Gehilfen erwarteten mich im Hofe; ich stieg mutlos in die alte Kutsche, auf deren Wappen sich die zerbrochene Glocke zeigte; gleich ihr war auch ich ohne Stimme. Wir fuhren langsam die Vorstadt Saint-Denis hinab, über die Kais und gelangten bis an die Pforte der Conciergerie. Die dicken Gittertore knarrten in ihren Angeln, und wir betraten die düsteren Flure, deren Gewölbe und feuchte Mauern ein eiskaltes Wasser herabtröpfeln lassen, welches unwillkürlich an den Todesschweiß erinnert. Meine Gehilfen folgten mir in einiger Entfernung, ich glaubte zu bemerken, daß man sich beim Anblick dieses Generalstabes des Todes mit einer Verachtung entfernte, welche zum Teil erkünstelt schien. Ich fühlte mich nicht in der Stimmung, den Hochmut der Herren von der Feder oder von der Kohorte der Schlüsselträger zu dulden. Ich nahm selber einen rauhen und befehlenden Ton an, der ihnen zeigte, daß ihre Art und Weise keinen Eindruck auf mich machte; zu gleicher Zeit erleichterte ich dadurch mein von Bitterkeit geschwelltes Herz. Ich forderte den ersten Schließer auf, uns den Verurteilten zu überliefern. Man führte uns in einen niedrigen Saal, dessen Gewölbeverzierungen auf eine ehemalige religiöse Bestimmung deuteten. Es war eine Kapelle oder ein Betzimmer aus der Zeit des heiligen Ludwig, welches man in ein Gefängnisvorzimmer verwandelt hatte. Bald darauf erschien Foulard, von dem würdigen Abbé Montès begleitet, mit welchem ich später in ein Verhältnis trat, das nur durch den Tod gelöst wurde. Ich geriet in Bestürzung bei dem Anblick des unglücklichen Mannes, den ein unerbittlicher Richterspruch mir überließ, wie man einem wilden Tiere die Beute vorwirft. Foulard war kaum zwanzig Jahre alt; hätte ihm sein Vater beim Tode zehn Taler Rente hinterlassen, so würde man seine Minderjährigkeit vorgeschützt haben, um ihm die Verfügung über dieses geringe Erbteil zu verweigern; aber für das Verbrechen, zur Verbüßung der Strafe, und welcher Strafe: des Todes! hatte man ihn volljährig erklärt. Der Tod für dieses Kind voll Leben, voll Kraft und Gesundheit, dem Gott gewiß viele Jahre zur Reue und Buße vorbehalten hatte! Dies schien mir ein doppelter Schimpf: an der Vorsehung und an der Natur. Foulard war ein großer, schöner Bursche; seine freie Stirn und das ein wenig kränkliche, aber von offener Miene beseelte Antlitz, seine ausdrucksvollen Augen ließen kaum eine solche Verderbtheit ahnen, wie die, welche ihn zu dem begangenen Verbrechen getrieben hatte. Erschien uns ohne Rührung und Aufregung zu erblicken; wer uns in diesem Augenblick beobachtet hätte, würde kaum vermutet haben, daß er das Opfer und ich der Scharfrichter sei. Fauconnier, mein erster Gehilfe, der meinen inneren Kampf aus meinen Gesichtszügen las, trat eilig vor und ersuchte Foulard, sich niederzusetzen, damit er die traurige Zurüstung mit ihm vornehmen könnte. Dieser gehorchte stumm, beugte das Haupt und fühlte an seinem Nacken die Schneide der Schere, die klägliche Vorbotin des mörderischen Beils. Nachdem dies beendigt war, stiegen wir auf den Karren; der Abbé Montès und Foulard nahmen den Hinteren Platz, ich nebst meinen beiden Gehilfen den vorderen ein. Der ehrwürdige Seelsorger der Conciergerie, welcher fortfuhr, dem unglücklichen Büßenden die notwendigen Ermahnungen und Ermutigungen zu spenden, bemerkte ohne Zweifel, was ich selber litt; denn er richtete voller Güte das Wort an mich. »Sie sind«, sagte er, »der Nachfolger Ihres Vaters. Es gehört viel Mut dazu, ein solches Amt auszuüben. Wir beide gehen auf benachbarten Straßen nach entgegengesetzten Zielen. Sie stellen hier die Gerechtigkeit der Menschen vor und ich die Barmherzigkeit Gottes. Es ist nicht zu erstaunen, daß die eine unendlich, die andere beschränkt ist, nur jene, welche ewig ist, vermag geduldig zu sein; auf sie allein«, fügte er, zu Foulard gewandt, hinzu, »muß man seine letzten Gedanken richten und darin sein letztes Heil suchen.« Obgleich ich das Gefühl des Wohlwollens, in welchem der Abbé Montès dies zu mir sagte, wohl empfand, war ich doch unfähig, eine Antwort hervorzubringen. Foulard war anfänglich schweigsam; in dem Augenblick jedoch, als wir auf den Kai hinausbogen, geriet er in große Aufregung, erhob sich mehrmals von seiner Bank und rief der Menge, die sich längs der Straße versammelt hatte, mit gellender Stimme zu: »Ihr Eltern, sehet, wohin es führt, wenn man von der Familie verlassen ist! Ja, ich bin schuldig, aber die Schuld lag an meinen Eltern, die mich ohne Stütze und Erziehung mir selber überließen.« Der Abbé beschwor ihn, diese bitteren Beschuldigungen zu unterlassen, die Gott beleidigten, ohne ihn vor den Menschen zu rechtfertigen. Im ersten Augenblick schien der Unglückliche diese Vorstellung nicht zu beachten; da neigte sich der Priester zu mir und flüsterte mir ins Ohr: »Mein Herr, ich bin mit Ihrem Vater übereingekommen, daß er das Zeichen nicht eher gebe, als bis er den Verurteilten, den ich mit dem Herrn versöhnt habe, die Worte sprechen hören werde: »Mein Gott, ich empfehle meine Seele in deine Hände!« Es handelt sich darum, eine Seele zu retten; darf ich hoffen, daß Sie diese Bitte ebenfalls berücksichtigen?« Stumm und gebeugt, beschränkte ich mich auf eine bejahende Gebärde. Wir waren auf dem Grèveplatz angekommen. Die Guillotine streckte ihre beiden roten Arme aus, und das bleiche Licht der Wintersonne spiegelte sich auf dem polierten Stahl. Foulard hatte sich plötzlich beruhigt. Eine beträchtliche Menge bedeckte den gepflasterten Platz, und zahlreiche Neugierige, von diesem blutigen Schauspiel angelockt, zeigten sich an den Fenstern der Häuser. Wir stiegen ab, Foulard warf sich in die Arme des Abbé Montès, küßte andächtig das Kruzifix und rief dann einen Brigadier von seiner Kompanie, den er in der ersten Reihe der Zuschauer erkannt, herbei. »Tritt heran, mein Alter!« rief er ihm zu. »Wenn ich nicht allen Kameraden Lebewohl sagen kann, so mag es in deiner Person geschehen.« Der alte Soldat zauderte nicht; er trat an den Fuß des Schafotts, umarmte den zum Tode Geführten, und ich sah, wie zwei Tränen von seinem gebräunten Gesicht in seinen dichten Bart hinabrollten. Foulard war immer aufgeregter geworden, und seine Gesichtsfarbe verriet eine Art von Fieber oder Wahnsinn. Er wendete sich plötzlich zu mir. »Lassen Sie sich ebenfalls umarmen,« sprach er, »damit ich zeigen kann, ich sei ohne Groll und verzeihe allen Menschen, damit Gott auch mir verzeihe.« Dies war der letzte Schlag für mich; ich bebte erschrocken zurück. Das Opfer verzieh dem Scharfrichter, und der Scharfrichter konnte sich nicht selber verzeihen. Ich glaube, daß, wenn dieser Unglückliche mich mit seinen Lippen berührt hätte, ich nicht den Mut haben würde, das Zeichen zu seinem Tode zu geben. Aber was sage ich? Dieses Zeichen gab ich nicht. Meine Gehilfen, die meine jähe, zurückweichende Bewegung bemerkt hatten, ahnten die Gefahr. Sie führten Foulard nach dem Schafott, zu welchem er mit festen Schritten hinaufstieg. In wenigen Augenblicken war er auf das Brett gebunden, und eine Stimme, deren Ton noch lange in meinen Ohren nachhallte, hatte kaum die Worte gesprochen: »Mein Gott, ich befehle meine Seele in deine Hände!«, als sich ein dumpfer Ton, der mir durch Mark und Bein ging, hören ließ. Fauconnier hatte nicht auf das Zeichen gewartet, da er wohl sah, daß ich nicht im stände war, es zu geben. Unwillkürlich richtete ich meine Augen auf die Szene des Mordes und sah, wie einer der Gehilfen den Korb beiseitestieß, während der andere das Blut, welches über das Schafott floß und durch die Planken auf das Pflaster rann, mit einem Schwamm abwusch. Ich war einer Ohnmacht nahe. Von einem schrecklichen Phantom verfolgt, entfloh ich. Es war mir, als verfolgte mich dieser enthauptete Leichnam und als drängte die Volksmenge hinter ihm her und riefe aus tausend Kehlen den Racheschrei: »Henker! Henker! Henker!« Meine Gehilfen, den Wagen, das ganze Gerät der Hinrichtung hatte ich auf dem Grèveplatz zurückgelassen. Ich vertiefte mich allein in jenes Wirrsal düsterer und krummer Gassen, welche früher dem Rathause gegenüberlagen und jetzt durch einen der glänzendsten Stadtteile von Paris ersetzt sind. Immer noch schien es mir, als erblickte ich auf dem kotigen Boden oder an den trüben Fenstern dieser scheußlichen Häuser bleiche Gesichter, die mir mit den Augen folgten; das Geräusch von Schritten hinter mir versetzte mich in eisigen Schreck; wie das Weib Macbeths blickte ich jeden Augenblick meine Hände an, auf denen ich unauslöschliche Spuren des vergossenen Blutes zu erblicken glaubte. So irrte ich lange Zeit umher, in dem Wahne, ich sei beobachtet und verfolgt. Dieser Wahn verließ mich erst, als ich die Elysäischen Felder erreichte, wo sich zahlreiche Spaziergänger, von dem schönen Wintertage angelockt, ergingen. Ich bedachte, daß diejenigen, welche vom Anblick der Natur angelockt seien, nicht dieselben Zuschauer der Blutszene, wobei ich eine Rolle gespielt, sein konnten, eine und dieselbe Seele konnte nicht nach so verschiedenartigen Regungen begierig sein. Ich fühlte mich also ein wenig beruhigter und setzte meinen Weg wie ein trunkener Mensch ohne Zweck bis nach Neuilly fort. Aber ich war nicht allein; denn in mir machte sich die schreckliche Stimme des Gewissens hörbar. Heute, nach so vielen Jahren, vermag ich nicht, alle Gedanken, die sich in meinem Hirn kreuzten, zu nennen, nicht die Gefühle zu schildern, welche bald entmutigend, bald voll Hoffnung sich in meinem Herzen geltend machten. Es blieb nichts mehr übrig. Ich hatte, wie Cäsar, den Rubikon meines verhängnisvollen Daseins überschritten. In offener Empörung gegen das Menschlichkeitsgefühl war ich aus einem Menschen ein Henker geworden; ich hatte mich freiwillig der öffentlichen Verachtung und dem allgemeinen Abscheu preisgegeben. Ich entsetzte mich über das, was ich getan hatte. Am Tage meiner ersten Hinrichtung faßte ich aber den ganz bestimmten Entschluß, offenes Zeugnis gegen die Todesstrafe abzulegen, sobald der Augenblick dazu gekommen sein würde. Das Attentat auf den Herzog von Berry Louvel; Ludwig XVIII. Wenn es wahr ist, was der Volksspruch behauptet: daß es bei jeder Sache nur auf den ersten Schritt ankomme, so bleibt es doch unbestritten, daß dieser erste Schritt auch der schwerste ist. Nachdem ich den meinigen erst einmal auf den blutigen Weg gelenkt hatte, wurde ich zwar nicht mit meinem kläglichen Amte vertraut, aber wenngleich ich es nur mit Abscheu und Widerwillen ausübte, ich fühlte doch niemals wieder eine so heftige innere Aufregung wie damals bei meiner ersten Hinrichtung, welche ich im vorigen Kapitel schilderte. Von jenem Augenblick an vertrat oder begleitete ich regelmäßig meinen Vater bei allen Hinrichtungen. Im Laufe desselben Jahres 1819 wurden wir zweimal nach Beauvais entboten, am 13. Juli und am 22. Oktober; das erstemal zur Hinrichtung eines Vatermörders namens Moroy, das andere Mal zu der eines Mörders namens Liebe. Diese beiden Hinrichtungen bieten keinen erwähnenswerten Umstand dar. Am 13. Mai des folgenden Jahres wurde die Guillotine wieder auf dem Grèveplatze errichtet wegen eines unglücklichen jungen Mannes von zweiundzwanzig Jahren, des Bedienten Charles Normand, welcher an seinem Herrn, dem Hauptmann Sion, einen vorbedachten Mord verübt hatte und von dem Assisenhofe am 8. Mai zum Tode verurteilt worden war. An dem kurzen Zwischenräume zwischen dem Urteilsspruch und der Hinrichtung ersieht man, daß jener Unglückliche keine Appellation eingelegt hatte; er zeigte in der Tat in den letzten Augenblicken eine Gleichgültigkeit, welche kundgab, daß er sich in den Tod ergeben hatte. An diesem Tage befanden sich wenige Leute auf dem Grèveplatz; ganz Frankreich beschäftigte sich mit der Lösung eines anderen Dramas, welches die öffentliche Meinung viel lebhafter in Anspruch nahm. Genau drei Tage früher fiel einer der Söhne Frankreichs, der einzige, welcher die Dynastie des älteren Zweiges der Bourbons fortsetzen konnte, der Herzog von Berry, als er die Oper verließ, unter dem Messer eines Mörders. Dieser Mann, den man in dem Augenblick, als er nach dem verübten Attentat die Flucht ergreifen wollte, verhaftet hatte, erklärte, er heiße Louis Pierre Louvel, sei sechsunddreißig Jahre alt, aus Versailles und seines Handwerks ein Sattler, über die Beweggründe befragt, die ihn zu solcher Tat getrieben, antwortete er, er habe den Plan schon seit Jahren in sich gehegt, und nur die Gelegenheit zur Ausführung hätte ihm bisher gefehlt. Der unglückliche Prinz, welcher um elf Uhr abends erstochen worden war, lebte nur noch eine Nacht im Todeskampf; trotz der geschickten und treuen Pflege, welche ihm die herbeigeeilten Doktoren Bougon und Dupuytren widmeten, hauchte er um halb sieben Uhr seine letzten Seufzer aus, indem er um Gnade für seinen Mörder bat und seine mutige Gattin ermahnte, sich für das Kind, das sie im Schoße trug, zu erhalten; ein kostbares Kind in Wirklichkeit, der letzte Sprößling eines berühmten Geschlechts, welchem das Geschick einen Thron versprach und nur die Pilgerfahrt der Verbannung gewährte. Mitten unter den Freuden einer Karnevalsnacht hatte sich diese traurige Nachricht in der Hauptstadt verbreitet. Der Prinz konnte nicht nach den Tuilerien gebracht werden; man schlug ihm ein Bett im Theater selbst auf, in einem kleinen Salon neben der königlichen Loge; dort verschied er inmitten seiner trostlosen Familie und rührte alle, die ihn umgaben, durch sein christliches Ende und seine dringende Vermittlung zugunsten des Elenden, der ihm den Todesstoß versetzt hatte. Obgleich Ludwig XVIII. schon krank und gebrechlich war, ließ er sich doch an das Bett seines Neffen bringen. Der alte König neigte sein weißes Haupt unter der Last dieses Unglücks und fragte sich, ob der Dolch jenes Mörders nicht außerdem eine verhängnisvolle Vorbedeutung für seine durch soviel Wechselfälle geprüfte Familie sei. Wer weiß, ob das scharfsichtige Auge des Monarchen, indem es die Geheimnisse der Zukunft erforschte nicht in jener Trauernacht die Katastrophe vorhersah, welche zehn Jahre später die Hoffnungen seines Geschlechts scheitern ließ. Am folgenden Morgen wurde Louvel in die Conciergerie gebracht. Aus dem ersten Verhöre ergab sich, daß er den Plan schon seit 1814 gefaßt hatte. Der Gedanke war ihm in Metz gekommen, während er als Nationalgardist auf dem Walle Schildwache stand. »Seit einigen Wochen«, erzählte er, »wurden wir durch die Fremden belagert, als ich aus den Tageblättern, die ich damals noch las, aber jetzt nicht mehr lese, weil sie mir zuwider sind, ersah, daß die Bourbonen nach Frankreich zurückkehren und den Thron besteigen sollten. In jenem Augenblick schwor ich ihnen den Tod, denn in meinen Augen ist das größte Verbrechen, welches ein Franzose begehen kann, das, wenn er mit Hilfe der Feinde in sein Vaterland zurückkehrt. Außerdem hatten die Bourbons die Waffen gegen Frankreich geführt, was ich ihnen nicht verzeihen konnte; ich würde also, wenn ich sie tötete, meinem Vaterlande einen Dienst leisten und war bereit, dem Tode Trotz zu bieten und meine Pläne zur Ausführung zu bringen. Sechs Jahre lang habe ich auf die Gelegenheit gewartet, immer nach dem günstigen Augenblick gespäht, ihn zuweilen durch Zufall, zuweilen aus Schwäche versäumt; endlich ist der Streich geschehen, und ihr werdet mich auf dem Schafott ebenso ruhig sehen, wie ich jetzt bin, wie ich es bei der Ausübung meines Handwerks war und wie ich es stets gewesen bin.« Das Verbrechen war somit vollkommen eingestanden und der Vorbedacht unverkennbar. Die Nachforschungen, welche man über das frühere Leben Louvels anstellte, ergaben nichts Ungewöhnliches. Frühzeitig verwaist, war er von einer älteren Schwester erzogen worden, die ihn in eine Erziehungsanstalt in Versailles zu kostenfreiem Unterricht gegeben hatte. Der Erziehungsart jener Zeit gemäß hatte man ihn in der »Erklärung der Menschenrechte« und in der »Sammlung patriotischer Hymnen«, wie die ›Marseillaise‹, der ›Gesang des Abmarsches‹, das ›Erwachen des Volkes‹ und so weiter, lesen gelehrt. Louvel verließ diese republikanische Kindheit nur, um sich der Überspannung eines kriegerischen Jünglingsalters zu ergeben. Die kaiserliche Heldenfahrt ließ in seiner Einbildungskraft noch tiefere Spuren zurück als die demokratischen Erinnerungen seiner frühesten Jugend. Der Liberalismus verwandelte sich in Patriotismus. Die unerbittliche Konskription, welche zu jener Zeit die Menschengeschlechter niedermähte, rief ihn unter die Fahnen, aber seine schwächliche Körperbeschaffenheit und eine frühzeitige Gebrechlichkeit gestatteten ihm nicht, im Dienst zu verbleiben; nach einiger Zeit erhielt er seinen Abschied. Wenngleich er aber aus der französischen Armee ausschied, so fühlte er doch bitter die letzten Unglücksfälle, welche dieselbe betrafen. Die verhängnisvolle Invasion von 1814 erregte seinen Unwillen in höchstem Grade; seit jener Zeit hegte er einen tiefen, blinden Haß gegen die Bourbons, in welchen sein engherziger Patriotismus nicht nur die Wiederhersteller der Leiden des Vaterlandes, sondern auch ehrgeizige Fürsten erblickte, die das Unglück des Vaterlandes benutzten, um den Thron ihrer Väter wieder zu besteigen. Als ein unbedeutender Trabant des großen Mannes, dessen Genie durch das ganze verbündete Europa und durch verräterische Diener, auf deren Treue er gerechnet hatte, besiegt worden war, wurde Louvel ein Zeuge der Abdankung zu Fontainebleau und folgte dem besitzlosen Herrscher nach der Insel Elba. Der Sattlermeister der kaiserlichen Ställe, ein gewisser Vincent, wurde durch diese Treue, die sich durch das Unglück nicht erschüttern ließ, gerührt und nahm ihn in seinen Dienst. Aber schon wurde Louvel von Rachedurst gequält; er konnte sich nicht mit der Ergebung befreunden, die sich scheinbar mit der Insel Elba begnügte; man hatte sich wohl gehütet, ihn mit den Plänen vertraut zu machen, welche erst durch günstige Umstände zur Ausführung gelangten; er verließ also die Insel und begab sich nach Versailles, um den günstigen Augenblick zur Ausführung seines Planes abzuwarten. Dort erfuhr er die Rückkehr Napoleons von der Insel Elba und seinen Triumphzug, auf dem die Adler des Kaiserreichs von Kirchturm zu Kirchturm, bis zum Gipfel von Notre-Dame flogen. Louvel verließ eilig Versailles, schloß sich zu Lyon wieder dem Gefolge des Kaisers an und erhielt durch Vermittlung seines früheren Beschützers Vincent eine Stelle im Train. Unglücklicherweise war diese Rückkehr des Glücks für den Halbgott, den sich der arme Sattler zum Götzen erwählt hatte, nur der letzte Schimmer eines dem Untergange nahen Gestirns. Waterloo bildete ein blutiges und trauriges Gegenstück zu Fontainebleau, und Louvel, der Zeuge dieser beiden Katastrophen gewesen war, sah mithin zweimal das größte und glänzendste Glück der neuesten Geschichte zugrunde gehen. Von unerbittlichem Haß erfüllt, kehrte er nach Versailles zurück. Schon trug er auf seiner Brust den geschliffenen Dolch des Brutus, mit welchem er die Nachfolger des neuen Cäsaren durchbohren wollte. Er gelangte in den Marstall des Königs, wodurch die Ausführung seines abscheulichen Komplotts erleichtert wurde. Vier Jahre lang folgte er dem ersten Opfer, das er sich zum Ziel erwählt hatte, dem Herzog von Berry, auf die Jagd, auf die öffentlichen Spaziergänge, in die Theater und sogar in die Kirchen, wohin sich der Prinz, dem frommen Gebrauche seiner Familie getreu, ziemlich oft begab. Mehrmals ließ er die Gelegenheit, seine Rache zu befriedigen, entschlüpfen; an dem Tage des Attentats hatte er sich aber durch den Besuch des Père-Lachaise, an den Gräbern von Lannes, Massena und einigen anderen Marschällen, in aufgeregte Stimmung versetzt und brachte von seinem Aufenthalt in der Totenstadt einen noch glühenderen Haß zurück. Am zweiten Tage nach dem Verbrechen wurde Louvel vor den Leichnam seines Opfers geführt, welcher im Louvre auf einem Katafalk ausgestellt und von Prälaten und Würdenträgern der Krone umgeben war. Er bestand diese schreckliche Prüfung mit Standhaftigkeit und ließ sich durch die glänzende Versammlung nicht einschüchtern. Als man ihn aufforderte, seine Mitschuldigen zu nennen, verblieb er bei der Beteuerung, daß er keine Mitschuldigen habe und die Verantwortlichkeit für sein Verbrechen allein auf sich nehme. Dennoch wollte man nicht daran glauben, daß dies eine alleinstehende Missetat sei und der Fanatismus sich begnügt habe, den Arm eines niederen Sattlers gegen einen so mächtigen Prinzen zu bewaffnen. Bald nachdem die erste Begeisterung, womit man die Bourbonen wieder aufgenommen hatte, verrauscht war, hatte man bemerkt, daß Frankreich durch die Parteien unterwühlt sei. Die Revolution hatte eine Hefe zurückgelassen, welche innerlich weitergärte; der Rausch, den die kaiserlichen Siege erzeugten, beherrschte noch viele Geister, und von Zeit zu Zeit wendeten sich die Blicke auf den Märtyrer von St. Helena wie auf einen Befreier, dessen politische Rolle noch nicht ausgespielt sei; endlich drängten sich ehrgeizige Familien um den alten Thron der Bourbons, der eigentlich keinen anderen Erben und keine andere Hoffnung auf Fortpflanzung hatte als den Prinzen, welcher geopfert worden war. Es bot sich ein unendliches Feld von Vermutungen dar, und die Einbildungskraft mochte sich lieber darauf verlieren, als ein gemeines Verbrechen annehmen, das keinen anderen Beweggrund gehabt habe als die überspannten Träume eines Aristogiton vom Pferdestalle. Die Untersuchung war, obgleich sie mit erstaunlicher Schnelligkeit geführt wurde, doch außerordentlich genau und verwickelt. Durch königlichen Befehl war die Pairskammer in einen Gerichtshof verwandelt worden, um über den Schuldigen zu richten. Wie vorher, antwortete Louvel den Kommissarien der Kammer, daß er nicht die geringste Beschwerde über den Herzog von Berry noch über einen Prinzen seiner Familie zu führen habe; er habe weder einen Beweggrund noch Vorwand zu persönlichem Haß; er sei nur durch Rücksicht auf das öffentliche Wohl geleitet worden; er würde alle Bourbons als Feinde Frankreichs ansehen, weil sie die Waffen gegen dasselbe gefühlt hätten; sobald er bei ihrer Rückkehr die weiße Fahne habe wehen sehen, habe er den Plan gefaßt, sie alle ums Leben zu bringen, und seitdem eine Gelegenheit zur Ausführung seines Planes erspäht. Ohne Zweifel wäre er schon früher zur Tat geschritten, wenn ihm nicht der Mut gefehlt hätte, weil er sich zuweilen wider Willen die Frage gestellt habe, ob er auch wirklich im Rechte sei. Zu Metz im Jahre 1814 hätte er einen Augenblick daran gedacht, den Marschall Herzog von Valmy, den Diener der Prinzen, zu töten, diesen Gedanken aber wieder aufgegeben, in Erwägung, daß der letztere nur ein schlichter Privatmann und es angemessener sei, das Opfer in den höheren Regionen zu wählen. Er hätte Monsieur in Lyon getötet, wenn dieser bei der Landung Napoleons dort anwesend gewesen wäre. Seitdem habe er sich an den Herzog von Berry geheftet, da auf diesem die größte Hoffnung der Familie beruhte; nach dem Herzog von Berry würde er den Herzog von Angoulême getötet haben, nach dem letzteren Monsieur und nach Monsieur den König; damit hätte er vielleicht innegehalten, wenigstens habe sein Entschluß noch nicht festgestanden, ob sich die Rache auch auf die anderen Zweige der königlichen Familie erstrecken sollte. Bei seiner Verhaftung habe er nur Kummer darüber empfunden, daß er dem Gefallenen nicht noch andere Opfer hinzufügen könne; es sei ihm fern, seine Handlung zu bereuen, er betrachte dieselbe im Gegenteil als schön und tugendhaft. Übrigens beharre er bei seinen Meinungen, Ansichten und Plänen, ohne sich um das Urteil der Menschen zu bekümmern, die über solche Handlungen und Gesinnungen verschiedener Ansicht seien; noch weniger Rücksicht nehme er auf die Grundsätze der Religion, an die er nicht glaube und um die er sich niemals bekümmert habe. Eine solche Roheit und Schamlosigkeit erschreckte die Untersuchungsrichter; trotz der wiederholten Erklärung konnte man kaum daran glauben, daß der Wahnsinnige eine solche Kühnheit aus sich selber schöpfe. Dennoch leitete die Untersuchung auf keine Entdeckung, und der Staatsanwalt Bellart, welcher am 12. Mai 1820 die Untersuchungsakten vorlegte, sah sich genötigt, zu bekennen, daß man zwar Nachforschungen bei allen Verwandten des Mörders angestellt, diese aber nichts zu ihrer Belastung ergeben hätten; sie waren scharf ins Verhör genommen worden, doch hatte sich kein belastender Umstand finden lassen. Ohne Erfolg hatte man alle Schriftstücke durchwühlt, die auf die Spur fremder Mitschuldigen hätten führen können. Drei Monate hatte man auf diese lange, mühevolle Untersuchung verwendet; mehr als fünfzig Kommissionen wurden eingesetzt, mehr als zwölfhundert Zeugen verhört, und man entdeckte nichts, gar nichts. Man mußte sich daher mit diesem einzigen Schuldigen begnügen, der sich selber als Opfer darbot und, vereinzelt stehend, sich mit dem Glanz seiner Missetat brüstete. Am 26. Mai empfing er mit einem gewissen Hochmut die von Amts wegen bestellten Verteidiger Archambault und Bonnet. Er empfahl ihnen, nichts zu seiner Verteidigung anzuführen, was im Widerspruch zu seinen beharrlichen Aussagen stünde. Er hätte das Verbrechen allein begangen, ohne einen anderen Beweggrund als seinen Patriotismus. Er zeigte keine Reue. Am Abend des Verbrechens hatte er leichte Schuhe angezogen, um schneller entfliehen zu können. Wäre es ihm in der Tat gelungen, sich den Verfolgungen zu entziehen, so würde er nach seiner Wohnung im königlichen Marstall zurückgekehrt sein und dort, allem Verdacht Trotz bietend, auf neue Mittel gesonnen haben, seine Mordtaten an der königlichen Familie fortzusetzen. »Vielleicht,« fügte er hinzu, »würde ich die Person des Königs verschont haben, weil dieser der einzige aus der Familie ist, der die Waffen nicht gegen Frankreich gekehrt hat, und nur die, welche sich dieses Verbrechens schuldig gemacht haben, wollte ich bestrafen.« Am 5. Juni begannen die Verhandlungen vor dem Pairshofe, bei welchen der Kanzler Dambray den Vorsitz führte. Angesichts einer bestätigten und eingestandenen Tatsache nahmen sie nur zwei Tage in Anspruch. Vergebens verbanden sich mehrere Pairs, wie Desèze, de Lally-Tollendal, Dubouchage und de Montmorency, mit dem ehrwürdigen Kanzler, um Louvel mit Fragen in die Enge zu treiben. Er widersprach sich nicht in seinen Antworten und behauptete dieselbe Haltung wie beim Verhör. Die Aufgabe des Staatsanwalts war leicht und beschränkte sich nur auf einen kurzgefaßten Strafantrag; die des Verteidigers war unmöglich; er konnte nur eine geistige Verirrung dieses Unglücklichen vorschützen, der von der Demagogie irregeleitet worden sei. Damit war aber Louvel, der bis zum letzten Augenblicke mit seinem Verbrechen prunken wollte, durchaus nicht einverstanden. Nachdem der Advokat gesprochen hatte, erhob er sich und las mit der größten Ruhe folgende Rede ab, die er im Gefängnis aufgesetzt hatte: »Ich habe heute über ein Verbrechen zu erröten, das ich allein verübte. Sterbend habe ich den tröstlichen Glauben, daß ich weder mein Volk noch meine Familie entehrte. Man erblicke in mir nur einen Franzosen, der sich, seiner Überzeugung treu, dem Tode weihte, um einen Teil der Männer, welche die Waffe gegen das Vaterland ergriffen, zu vernichten. Ich bin angeklagt, einem Prinzen das Leben geraubt zu haben; ich bin allein schuldig. Unter den Männern, welche zur Regierung gehören, gibt es aber ebenso schuldige wie ich. Meiner Ansicht nach haben sie die Verbrechen zu Tugenden gestempelt; selbst die schlechtesten Regierungen, die Frankreich gehabt hat, bestraften doch stets die Männer, welche das Vaterland verrieten oder gegen die Nation Krieg führten. Meiner Ansicht nach müssen die Parteien im Innern, sobald fremde Heere das Vaterland bedrohen, mit ihren Wettkämpfen aufhören und gemeinsame Sache machen, die Feinde aller Franzosen zu bekriegen. Die Franzosen, welche sich nicht verbünden, sind schuldig. Meiner Ansicht nach ist auch derjenige Franzose schuldig, welcher seine Waffen mit den Waffen fremder Heere gegen die Waffen Frankreichs vereinigt, selbst wenn er durch eine ungerechte Regierung aus Frankreich vertrieben wurde. In der Eigenschaft als französischer Bürger kann er nicht wieder zurückkehren. Ich bin der Meinung, daß, wenn die Schlacht bei Waterloo verhängnisvoll für Frankreich gewesen, der Grund nur darin lag, daß zu Gent und Brüssel Franzosen lebten, welche die Armeen zum Verrat trieben und den Feinden Hilfe leisteten. Meiner Meinung nach und meinem Systeme gemäß war der Tod Ludwigs XVI. notwendig, weil die Nation dareinwilligte; anders, wenn eine Handvoll Ränkeschmiede in die Tuilerien gedrungen wären und ihm das Leben geraubt hätten. Da aber Ludwig XVI. und seine Familie lange Zeit in Haft blieben, so muß man wohl annehmen, daß dies mit Zustimmung der Nation geschah. Wäre es nur durch einige Menschen bewirkt worden, so würde er nicht umgekommen sein, die ganze Nation hätte sich seinem Tode widersetzt. Aber heute wollen die Bourbons Herren der Nation sein, während sie in Wahrheit Verbrecher sind und die Nation entehrt wäre, wenn sie sich durch dieselben regieren ließe.« Das System Louvels war wenig nach dem Geschmack der hohen Versammlung; diese gelehrte Verteidigung des Königsmordes nach der Mordtat, diese kaltblütige Beleidigung des regierenden Hauses, nachdem eines seiner Mitglieder ermordet worden, rief auf allen Bänken des Gerichtshofes einen Schauder des Abscheus hervor. Indem man sich der edlen Worte des Geopferten erinnerte, welcher mit dem letzten Atemzuge um Gnade für seinen Mörder gebeten, erhöhte sich der Unwille gegen den letzteren, den eine so großmütige Verzeihung nicht rühren und von seinem engherzigen und beschränkten Patriotismus abbringen konnte. Der Staatsanwalt und der Verteidiger suchten in ihren Repliken den letzten Widerhall dieser abscheulichen Worte zu vernichten. Nachdem die Verhandlung geschlossen war, wurde Louvel in die Conciergerie zurückgeführt, und der Gerichtshof trat zur Beratung zusammen. Wie sich denken läßt, dauerte diese Beratung nicht lange; der Angeklagte wurde einstimmig zum Tode verurteilt. Der Sekretär der Kammer begab sich darauf in das Gefängnis, um ihm sein Urteil zu verkünden; er hörte es mit Ruhe vorlesen. »Desto besser,« sagte er; »ich sterbe gern. Wenn man mir die Gnade bewilligte, um welche der Herzog von Berry gebeten hat, so würde es mir schmerzlicher als der Tod selbst gewesen sein.« Man bot ihm die Tröstungen der Religion. »Weshalb das?« entgegnete er spöttisch; »um in das Paradies zu kommen? Ich könnte am Ende dort den Herzog von Enghien finden, der ebenfalls die Waffen gegen Frankreich geführt und den verdienten Lohn erhalten hat; wir würden uns niemals vertragen.« Nichtsdestoweniger gelang es dem Abbé Montès, zugelassen zu werden. Seine Güte und Sanftmut rührten ein wenig den wilden Sinn des Verurteilten. Nur um dem würdigen Priester nicht zu viel Mühe zu verursachen, verstand er sich zu einer vorgeblichen Beichte. Was uns, die letzten handelnden Personen in allen diesen Dramen, betrifft, so empfingen wir am 6. Juni, um neun Uhr abends, nur wenige Stunden nach dem gefällten Urteil, den Befehl vom königlichen Staatsanwalt beim Pairshofe, uns am folgenden Tage, dem 7., in die Conciergerie zu verfügen um dort um fünf Uhr abends Louis Pierre Louvel in Empfang zu nehmen, ihn nach dem Grèveplatz zu führen und die Todesstrafe, zu welcher er durch das Urteil des Gerichtshofes von demselben Tage verurteilt, zu vollziehen. Wir warteten anderthalb Stunden in dem Gefängnis. In dem Augenblick, als man Louvel holte, um ihn zuzurüsten, bemerkte mein Vater, daß der Pairshof keinen Gerichtsschreiber geschickt hatte, um ein Protokoll über die Hinrichtung aufzunehmen. Man mußte noch eine Viertelstunde warten, bis ein Beamter, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, vom königlichen Gerichtshofe anlangte, um diese traurige Aufgabe zu übernehmen. Endlich, um dreiviertel auf sechs Uhr, führte man Louvel herbei; ein Gehilfe band ihm die Hände, ein anderer die Füße, ein drittel schnitt ihm das Haar und den Hemdkragen ab. Während dieser Zeit dankte er dem Portier des Gerichtsgebäudes, Blanchard und seiner Frau, für die Güte, die sie ihm während seiner Gefangenschaft erzeigt hatten. Louvel war damals, wie er erklärt hatte, sechsunddreißig Jahre alt und von mittlerem Wuchs. Seine flache Stirn, seine düsteren und tiefliegenden Augen, sein fast kahler Schädel, eine strengen und winkligen Züge, seine dünnen und schmalen Lippen verliehen ihm ein abstoßendes Äußere. Als die verhängnisvolle Zurüstung beendet war, bat er um seinen Hut, indem er seine Kahlköpfigkeit vorschützte. Da ihm bereits die Hände gebunden waren, so gab ich einem Gehilfen das Zeichen, ihm den Hut auf den Kopf zu setzen. Wir fuhren in der Ordnung ab, die ich bereits bei Foulard angenommen hatte, das heißt, mein Vater und ich saßen vorn, der Delinquent und der Abbé Montès hinten. Ich weiß nicht, weshalb ich beständig den Gedanken hegte, diese Hinrichtung würde nicht stattfinden; ich glaubte, die königliche Familie würde den letzten Willen des gemordeten Prinzen erfüllen, eine hohe Fürsprache würde sich des Verurteilten annehmen, politische Rücksichten vollends würden dazu beitragen, in dieser beklagenswerten Angelegenheit Gnade walten zu lassen. Ein unwillkürlicher Antrieb bewog mich stets, unseren unglücklichen Opfern noch eine Frist zu verschaffen, während welcher die Verhältnisse sich zu ihren Gunsten wenden könnten. In diesem Augenblick blieb dem Unglücklichen, den wir zum Richtplatz führten, kein anderer Weg offen, dem bestimmten Tode zu entgehen, als Geständnisse abzulegen. Ich konnte nicht umhin, zu meinem Vater so laut, daß Louvel es hörte, zu sagen: »Wenn er Mitschuldige hat, so müßte er es jetzt erklären, und die Hinrichtung würde aufgeschoben.« Der Abbé Montès ergriff diese Worte. »Sie hören es, mein Freund,« sagte er; »wenn Sie noch Mitschuldige haben, so erleichtern Sie Ihr Herz und nennen Sie jene! Gott und vielleicht die Menschen selber würden Ihnen diesen letzten Dienst, den Sie der Wahrheit leisten, anrechnen.« Er antwortete in trockenem Tone und mit einer ungeduldigen Gebärde: »Ich habe schon gesagt, daß ich keine habe.« Während dieser Zeit fuhr der Karren weiter, und Louvel, der den Kopf nach beiden Seiten wendete, warf Blicke der Verachtung auf die versammelte Menge. Wir kamen am Fuße des Schafotts an. Der Verurteilte schickte sich an, die ersten Stufen zu besteigen, als der Abbé Montès ihn sanft am Arm zurückhielt und sagte: »Knien Sie nieder, mein Sohn, und bitten Sie Gott um Verzeihung für Ihr begangenes Verbrechen.« »Niemals!« antwortete er in hochmütigem Tone. »Ich fühle keine Reue über das, was ich getan habe, und ich würde es noch einmal tun.« »Und doch, mein Freund, habe ich Ihre Beichte erhalten. Es kostet Ihnen nur noch eine letzte Anstrengung, um den Himmel zu gewinnen. Noch eine Handlung der Reue, und Sie werden den Gott der unendlichen Barmherzigkeit zum Erbarmen bewegen.« »Ich werde in den Himmel kommen, so gut wie Sie, wenn es einen gibt; aber ich bitte darum, sputen Sie sich! Dort wartet man auf mich!« Dabei zeigte er auf das Schafott. »Mein liebes Kind, ich beschwöre Sie,« hob der Abbé Montès mit Salbung an, »denken Sie in diesem kurzen und entscheidenden Augenblick an das Heil Ihrer Seele, bekennen Sie Ihre Reue, Gott erzürnt zu haben.« »Ich habe Ihnen bereits vieles zu Gefallen getan,« entgegnete er mit gesteigerter Ungeduld; »muß ich auch noch gestehen, daß es mir jetzt leid tut, so mögen Sie dies hinnehmen.« Als der ehrwürdige Geistliche sah, daß er nicht mehr erlangen konnte, entschloß er sich, die Absolution zu erteilen. Nachdem er ihm die Hand aufgelegt hatte, wollte er ihn ein Kruzifix, das er in der Hand hielt, küssen lassen. Louvel zog hastig den Kopf zurück, und seine Augen funkelten vor Zorn, daß die Menge vielleicht glauben könnte, er verstände sich zu diesem Zeichen der Frömmigkeit. »Niemals! Niemals!« rief er zweimal mit schallender Stimme. Mit festem und schnellem Schritt stieg er das Schafott hinauf, daß ihn die Gehilfen zurückhalten mußten, um ihm folgen zu können. Er legte sich selber auf das Brett. Vergeblich warteten wir auf die mit dem Abbé verabredeten Worte: »Mein Gott, ich befehle meine Seele in deine Hände!« Louvel wollte dem alten Priester, der ihn begleitet hatte, nicht den Trost gewähren, eine verirrte Seele mit dem Herrn versöhnt zu haben. Der erste Glockenschlag der Uhr vom Stadthause, welche sechs schlug, mischte sich mit dem Geräusch des verhängnisvollen Messers; der Kopf des Schuldigen war gefallen. Wir brachten darauf seine blutenden Überreste nach dem Kirchhof der Barrière du Maine, wo wir sie in Gegenwart vieler Neugierigen in die gemeinsame Grube legten. Als sich aber die Menge zerstreut hatte, langte ein Befehl des Polizeipräfekten an, den Leichnam Louvels wieder auszugraben und sofort an einem anderen, niemandem bekannten Orte zu beerdigen. Das Geheimnis dieses zweiten Begräbnisses wurde nur dem Scharfrichter und seinen Gehilfen bekannt, welche diesmal als Totengräber tätig sein mußten. Die Verschwörung der Carbonari Bories. Am 21. September 1823 berief uns eine traurige Pflicht wieder nach der Conciergerie und auf den Grèveplatz. Es handelte sich dieses Mal nicht mehr um gewöhnliche Missetäter, um Menschen, welche durch die gemeinen Leidenschaften, die das menschliche Geschlecht schänden, zu Verbrechen getrieben worden waren; es handelte sich um vier unglückliche junge Leute, die dem politischen Fanatismus und den geheimen Schlichen einer während der ganzen Dauer der Restauration im Dunkeln wirksamen Partei zum Opfer gefallen waren. Es handelte sich darum, den Thron der Bourbons zu untergraben. Es ist hier nicht der Ort, eine Geschichte jener geheimnisvollen Verbindung des Karbonarismus zu geben, welche von Italien eingeführt war, in ihrem Schoße Fürsten zählte und es doch nicht verschmähte, auch den schlichtesten Bürger und den bescheidensten Handwerker aufzunehmen, sich sogar aus den Bauernhütten zu rekrutieren. Die Aufnahme wurde massenhaft vollzogen, aber die Gefahr dieser unaufhörlichen Propaganda wurde durch die Organisation und die Art der Vereinigung vermindert, indem die Gesellschaft sich in kleine Gruppen, in sogenannte besondere Ventas teilte und nur durch ein verborgenes Band mit den Zentralventas in Verbindung stand. Letztere waren selber nur durch verborgene Mittel mit den oberen Ventas verknüpft; so bildete die ganze Organisation eine ungeheure Kette, von welcher man wohl eines Ringes, aber unmöglich des Ganzen habhaft werden konnte. Mit Hilfe einer solchen Vorsicht, welche ihnen bei jeder Wendung der Sache Straflosigkeit verbürgte, stellten sich Männer von Ansehen an die Spitze einer tätigen und beständigen Verschwörung, deren erste Handstreiche zu weiter nichts führten, als daß das Blut unbedeutender Mitschuldiger vergossen wurde, die für jene berühmten Häuptlinge starben, ohne nur den Trost zu haben, sie zu kennen. Jene angesehenen Männer waren die Koryphäen der sogenannten liberalen Partei, wie Lafayette, Dupont (de l'Eure), Manuel, Voyer d'Argenson, Benjamin Constant, Foy, Laffitte und andere, welche, nicht zufrieden mit der Aufregung, die sie von der Tribüne aus und durch die Presse mittels ihrer Reden und Schriften verbreiteten, sich an die Spitze der Verschwörung gestellt hatten. Die Armee war niemals der Restauration anhänglich, und das war gerade das Unglück dieser Regierung. Der durch die ruhmerfüllte Erinnerung an das Kaiserreich geblendete militärische Geist konnte sich nicht unter eine Fahne gewöhnen, die man erst infolge unserer verlorenen Schlachten entfaltet hatte. Im Jahre 1821 war Napoleon durch seinen Tod auf dem Felsen von Sankt Helena verklärt und zu einer Art Prometheus geworden, dessen sagenhaftes Andenken das Herz des Soldaten mit Begeisterung erfüllte. Die geschickten Werber für den Karbonarismus benutzten diese günstige Gelegenheit, die Regimenter zu bearbeiten, um in ihre Verschwörung auch ein militärisches Element zu bringen. Nur zu wohl gelang es ihnen mit dem 45. Linienregiment, in welchem sich einige Veteranen aus der Loirearmee befanden, ehemalige Unteroffiziere, welche die Restauration nicht in ihren Ämtern belassen hatte. Aber nicht diese hatten es am schlimmsten zu büßen, daß sie jener gefährlichen Aufregung Gehör gegeben hatten. Im 45. Regiment befand sich ein junger Sergeant, dessen feurige Seele von ehrgeizigen Bestrebungen erfüllt war; mit einem verführerischen Äußern und einer hinreißenden Beredsamkeit begabt, übte er einen unwiderstehlichen Einfluß auf seine Kameraden aus. Bories, so hieß er, nahm die ihm gemachte Eröffnung mit Begeisterung auf und organisierte bald im 45. Regiment eine Militärventa, deren Beistand für die beabsichtigte Empörung von großer Wichtigkeit gewesen wäre. Er stellte mehreren seiner Gefährten den Dolch des carbonaro , das Sinnbild der Gesellschaft, zu, welchen diese an ihre Brust drückten, ohne zu bedenken, was sie bereits bei dem Degen, den sie an der Seite trugen, geschworen hatten. Trotz der heiligsten Verschwiegenheit, welche die Verschworenen über ihr Geheimnis bewahrten, wurden sie doch durch gewisse Anzeichen entdeckt. Zu jung zu Verschwörungen, konnten sie ihre Gefühle nicht verhehlen, und dies genügte, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im Augenblick, als das Unternehmen des Generals Berton auf Saumur fehlschlug, war Bories schon auf unbestimmten Verdacht verhaftet. Der Verrat krönte das Werk; einer der Vertrauten, schwächer an Geist und leichter zu entmutigen als die übrigen, ein gewisser Goupillon, ließ sich durch seinen Obersten das Geheimnis der Venta entlocken. Noch an dem Abend, wo dieses Geständnis stattgefunden, wurden alle Verschworenen nach dem Appell mitten unter der Kameradschaft verhaftet und in das Stadtgefängnis abgeführt. Fast alle machten mehr oder weniger umfassende Geständnisse, ohne jedoch die Schwäche Goupillons zu zeigen; Bories allein verharrte in hartnäckigem Leugnen. Von dem General Despinois, Kommandanten der Division, einem eifrigen Royalisten, besonders ins Verhör genommen, blieb er ebenso taub gegen Bitten wie gegen Drohungen. Besser gelang es dem General mit zwei anderen Mitgliedern der Venta, den Sergeanten Pommier und Goubin, gegen welche er jedoch, wenn man einem demokratischen Geschichtschreiber glauben darf, gewisse Untersuchungsmittel anwendete, die sich schlecht für einen Militärrichter schicken. Alle Angeklagten wurden nach Paris gebracht, um vor den Assisenhof der Seine gestellt zu werden, in dessen Bereich die meisten von ihnen ihren Wohnsitz hatten. Dies war übrigens der Gerichtshof für die bürgerlichen Verschworenen, die sich ebenfalls in diese Angelegenheit verwickelt sahen; denn da man damals kein Ausnahmegesetz hatte, so mußte man wohl alle Schuldigen vor denselben Richter stellen. Als sie sich in der Conciergerie vereinigt sahen, schlug Bories wieder den Weg der geheimen Beratung ein, weniger, um eine gewagte Verschwörung zur Ausführung zu bringen, als um das Leben der unglücklichen Opfer dieser Unbesonnenheit zu retten, und namentlich, um der Sache, welcher sie sich gewidmet hatten, eine Zukunft zu sichern. Bories wollte alles auf sich nehmen, um seine Mitgefangenen von der Schuld zu befreien und die Zentralventa, die Oberventa und endlich das leitende Komitee zu retten; denn letzteres hielt ja das Geschick der politischen Partei in Händen, welcher er den Sieg wünschte, und sollte die Morgenröte desselben erst sein Grab bescheinen. Dieses System einer verabredeten Verteidigung befolgten alle Angeklagten unwandelbar während der öffentlichen Verhandlung, welche am 21. August 1822 vor dem Seine-Assisenhofe ihren Anfang nahm. Es saßen fünfundzwanzig Angeklagte auf den Bänken: auf einer Seite der Hauptmann Massias; der Sergeantmajor Bories; der Advokat Baradère; Hénon, ein Schulvorsteher, ehemals Militär; Gauran, ein Chirurg; Rose, Beamter bei einer Versicherungsgesellschaft; Pommier, Sergeantmajor; Goubin, Raoulx und Asnes, Sergeanten; Goupillon und Bicheron, als Teilnehmer an einer Verschwörung gegen die Sicherheit des Staats; auf der anderen Seite: Labouré, Cochet, Castille, Lutron, Hue, Barlet, Pereon, Lefebvre, Thomas, Gautier, Lecoq, Dariotscq und Demais, als Mitwisser dieses Komplotts, und weil sie ihre Kenntnis davon nicht binnen vierundzwanzig Stunden angezeigt hatten. Ich werde nicht weiter auf die Verhandlung eingehen, die nicht weniger als vierzehn Tage erforderte. Die Hauptangeklagten entfernten sich keinen Augenblick von dem Verteidigungsplan, über welchen sie unter sich in der Conciergerie übereingekommen waren; sie verneinten alles und überließen Bories, wozu er sich selber erboten hatte, die schwierige Aufgabe, ihre widersprechenden Aussagen in Einklang zu bringen und ihre erwiesene Verbindung dahin zu erklären, daß sie nur einen philanthropischen Zweck gehabt habe. Die abgelegten Geständnisse wurden der Einschüchterung oder der Bestechung zugeschrieben. Die Haltung des Polizeipräfekten, welcher auf Ansuchen des Präsidenten vernommen wurde, lieh diesen Angaben einige Wahrscheinlichkeit. Was den General Despinois anbetraf, welcher namentlich von Pommier und Goubin beschuldigt wurde, er habe ihnen gegenüber zu Mitteln Zuflucht genommen, deren sich ein Inquisitionsgericht schämen würde, so erschien derselbe gar nicht und weigerte sich, mit seinen Opfern konfrontiert zu werden, obgleich der Vorsitzende sein Erscheinen gemeldet hatte. Nach dem Verhör und den Zeugenaussagen hielt der Staatsanwalt, welcher die Anklage aufrechtzuerhalten hatte, eine lange Rede, worin er ziemlich genau und treu den revolutionären Geist schilderte, der damals alle Monarchien Europas zu untergraben suchte. Er entwickelte eine prophetische Beredsamkeit, als er auf die Führer dieser Verschwörung anspielte, welche ungestraft blieben, während ihre unglücklichen Werkzeuge die ganze Last auf sich zu nehmen hätten. Ich will den gerichtlichen Antrag nicht weiter ins Einzelne verfolgen. Zum Schluß berief sich Herr von Marchangy auf die Unabhängigkeit der Jury und bat sie, durch ihren bestimmten Urteilsspruch zu beweisen, daß sie über die Drohung erhaben sei, welche sich in der Umgebung der heiligen Stätte der Justiz hatte hören lassen. Dies war die geschickteste Weise, eine französische Jury zu gewinnen. Von den Verteidigern Berville, Barthe, Mérilhou gehörten die beiden letzteren im geheimen dem Bunde der Karbonari an. Mocquart, Chaix d'Est-Ange, Plougoulm betraten damals die Laufbahn, welche sie mit so großem Glanz vollenden sollten, um sich danach, wie ihre Amtsbrüder, zu den höchsten Verwaltungsämtern zu erheben. Die Beredsamkeit aller dieser Männer war nicht ausreichend, die unglücklichen Opfer des verwegenen Unternehmens zu retten. Herr von Marchangy hielt die Erwiderungsrede übrigens fast mit derselben Kraft, die er in seinem Strafantrage offenbarte. Er lenkte seinen Eifer namentlich auf Bories, was um so leichter war, da dieser sich selber als Beute darbot. »Alle Macht der Beredsamkeit«, rief er mit einer an Leidenschaft grenzenden Heftigkeit, »wird nicht imstande sein, Bories der öffentlichen Verfolgung zu entziehen.« Ach, diese Macht der Beredsamkeit befand sich in übler Lage. Die Häupter derselben, Barthe und Mérilhou, welche, ohne daß jemand es wußte, Verschwörer in der Reihe der Advokaten waren, fühlten sich unwillkürlich in Verlegenheit, da sie zu gleicher Zeit als Verteidiger und Partei dastanden. Dennoch machte Mérilhou, welcher Bories verteidigte, mutige Anstrengungen. In beredsamer Weise bezog er sich auf die leidenschaftlichen Ausdrücke des Herrn von Marchangy und bemerkte ihm, die Stimme des öffentlichen Ministeriums hätte nicht immer gleich einem Orakel ihren Widerhall in den Verhandlungen der Justiz gefunden, und es sei vielleicht eine gewisse Verwegenheit, in dieser Weise einen Einfluß auf die Beratungen des Geschworenengerichts ausüben zu wollen. Als die Verhandlung geschlossen war, fragte der Vorsitzende, ehe er sein Resumé vollzog, die Angeklagten, ob sie etwas zu ihrer Verteidigung hinzuzufügen hätten. Bories allein bat, einige Worte sagen zu dürfen. Bis zu Ende seinem hochherzigen Plane getreu, alles auf sich zu nehmen, erhebt er sich und spricht in ernstem und sicherem Tone, wie folgt: »Meine Herren Geschworenen! Sie haben die Anklageakte, die Zeugen und die Verhandlung gehört, und danach sind Sie ohne Zweifel erstaunt gewesen, das öffentliche Ministerium durch das Organ des Staatsanwalts ausrufen zu hören: »Alle Macht der Beredsamkeit wird nicht ausreichen, Bories der öffentlichen Verfolgung zu entziehen.« Es hat mich als den Häuptling bezeichnet; nun wohl, ich nehme es an. Glücklich bin ich, wenn mein Haupt, indem es über das Schafott rollt, die Freisprechung meiner Kameraden bewirken kann.« Bei diesen Worten verbreitete sich eine allgemeine Rührung unter den Zuhörern; Mérilhou vermag die seinige nicht zu verbergen, und, indem er seinem großmütigen Klienten Stillschweigen gebietet, nimmt er selber das Wort und fügt mit von Tränen unterbrochener Stimme seiner ergreifenden Verteidigungsrede bewundernswerte Sätze hinzu. Die Anstrengung war erfolglos. Die Geschworenen hatten ihren Entschluß gefaßt; sie wollten sich unerbittlich zeigen. Übrigens hatten ungeschickte Freunde dem Angeklagten in seltsamer Weise geschadet, indem sie ihm zu dienen glaubten; man hatte den Mitgliedern des Gerichtshofes, den Geschworenen und ihren Familien anonyme Briefe zugeschickt, in welchen der Dolch, das Sinnbild des Karbonarismus, dargestellt war mit dem drohenden Wort: »Tod den Henkern! Das Blut wird durch Blut gerächt werden.« Diesen Umstand beutete der Staatsanwalt Marchangy in geschicktester Weise aus, indem er sich auf den Mut und die Festigkeit der Geschworenen berief. Dies war, ich wiederhole es, die geschickteste Taktik. Die eigentlichen Fragen, welche in diesem Prozesse hätten gestellt werden müssen und wodurch die Keimkörnchen eines Komplotts in ihren wahren Verhältnissen dargestellt worden wären, wurden zurückgewiesen, obgleich die Verteidiger darauf bestanden, sie den Geschworenen vorzulegen. Das Programm der Anklageschrift mit allen Übertreibungen wurde der Fragestellung zugrunde gelegt. Im Falle des bejahenden Verdikts mußte sich immer noch eine schreckliche Strafe ergeben, um so schrecklicher, wenn man an die unbedeutenden Tatsachen und an die Jugend der Angeklagten denkt. Das Resultat war dieses: Bories, Pommier, Raoulx und Goubin wurden schuldig erachtet, in den letzten Monaten des Jahres 1821 oder in den ersten Monaten des Jahres 1822 an einem bestimmten, zwischen mehreren Personen verabredeten Komplott teilgenommen zu haben, welches zum Zweck hatte, entweder die Regierung zu stürzen oder zu ändern, oder die Thronfolge zu ändern, oder die Bürger gegen die königliche Autorität zu bewaffnen, oder den Bürgerkrieg durch Aufreizung der Bürger gegeneinander hervorzurufen; sie wurden zum Tode verurteilt. Andere Angeklagte wurden teils, je nach ihren verbrecherischen Handlungen, zu mehr oder weniger strengen Strafen verurteilt, teils freigesprochen. Es ist unmöglich, die unbestimmte Ausdrucksweise dieser Fragestellung zu verkennen, deren Bejahung vier junge Häupter dem Schafott überliefern sollte. Es war darin weder die bestimmte Zeit der Verschwörung ausgedrückt, welche entweder in den letzten Monaten des Jahres 1821 oder in den ersten Monaten des Jahres 1822 angesponnen sein sollte, noch der Zweck, welcher entweder dieser oder jener gewesen sein sollte: vier Hypothesen. Dies ist die Geschichte der politischen Prozesse, wo man um den Tod nicht feilschen läßt. Bories, Goubin, Raoulx und Pommier hörten ihr Todesurteil mit vollkommener Ruhe an. Der erste neigte sich sogleich zu seinem Verteidiger, löste einige Kleinodien, die er an sich trug, und stellte ihm dieselben mit der Bitte zu, sie einer Person, deren Adresse er ihm gab, als Andenken zu überbringen. [Das Geheimnis dieser rührenden Botschaft wurde nicht durch den Advokaten, sondern durch die Person, an welche das Vermächtnis gerichtet war, verraten. Länger als vierzig Jahre nach der Hinrichtung Bories' und seiner Gefährten sahen wir eine erst junge, dann gereiftere Frau, endlich eine Matrone fast ganz Paris zu Fuß durchschreiten, um jeden Tag auf den Hügel, welcher auf dem Kirchhofe von Montparnasse die Asche Boires' und seiner drei Kameraden deckte, einen Blumenstrauß zu legen, der ewig blühte, wie die Erinnerung, die sie treu in ihrem Herzen bewahrte. Wie eine zweite Nina verlor sie auf diesen beschwerlichen Pilgerfahrten wohl ihre Vernunft, aber nicht ihre Liebe. Vor einigen Tagen las ich in den Zeitungen, daß diese wahnsinnige, aber dabei sanfte und harmlose Frau in dem Hotel Dieu gestorben sei; ein sonderbarer Schluß dieses Romans, welcher an dem Schafott vorübergeht, um seine Lösung im Hospital zu finden. –] Nachdem das Urteil verkündet war, zeigte der gelehrte Numismatiker Monmarqué, der berühmte Kommentator der Frau von Sévigné, welcher den Vorsitz bei den Assisen geführt hatte, dem Gebrauch gemäß den Verurteilten an, daß ihnen drei Tage zur Appellation blieben. »Das ist unnütz, Herr Präsident«, antwortete Bories in entschiedenem Tone. »In Anbetracht der Unparteilichkeit jedoch, welche Sie im Laufe der Verhandlungen gezeigt haben, wagen wir es, Sie zu bitten, Sie möchten Befehl erteilen, daß man mich nicht von meinen Mitverurteilten trenne, daß man uns, wenn es nötig ist, einkerkere, aber nicht mit Fesseln belaste.« Monmarqué versprach mit bewegter Stimme, in dieser Angelegenheit an den Polizeipräfekten zu schreiben. Die Verteidiger konnten ihre Rührung nicht verbergen und warfen sich in Bories' Arme, der sie mit Innigkeit an sich drückte. Die vier Sergeanten wurden nach Bicètre gebracht. Drei von ihnen, Goubin, Raoulx und Pommier hatten Appellation eingelegt; als sie erfuhren, daß Bories auf dieses Rechtsmittel verzichtet habe, beeilten sie sich, seinem Beispiele zu folgen und von ihrer Berufung abzustehen. Die Opfer erregten solchen Anteil, daß die Partei, welche sie vorgeschoben hatte, die Unverschämtheit nicht wagte, sie aufzugeben, ohne ihre Rettung zu versuchen. Man machte einen Versuch, den Direktor vom Bicètregefängnis zu bestechen, daß er die Flucht der Gefangenen begünstige; wenn man jedoch dem Verfasser der neuen berühmten Rechtsfälle, dem schon erwähnten Fouquier, Glauben schenken darf, war es ein Oheim des Direktors, ein Priester, seines Standes unwürdig, der, als Seelsorger der Strafanstalt in das Vertrauen gezogen, dieses Geheimnis, welches ebenso heilig wie das der Beichte war, verriet und ein Vorhaben scheitern ließ, welches zum Zweck hatte, vier der Rache des Schafotts überlieferte Unglückliche zu retten. Am 21. September wurden Bories und seine Gefährten am frühen Morgen von Bicètre nach der Conciergerie gebracht. Alle wiesen die Tröstungen der Kirche, die ihnen unglücklicherweise als eine politische Feindin gezeigt worden war, zurück. Als sie in den Saal traten, wo die letzten Zurüstungen stattfinden sollten, glaubte Bories, der eine Zeitlang von den übrigen entfernt gewesen war, da man sie in einzelnen Zellen gefangengehalten hatte, sie anreden zu müssen, um sie für den letzten Augenblick zu ermutigen. »Teure Freunde,« sprach er zu ihnen, »der Augenblick naht, wo wir diese Welt verlassen sollen; laßt uns zeigen, daß wir würdig waren, darin für die heiligsten Angelegenheiten zu kämpfen und zu sterben. Verzeiht mir nur, daß ich euch zu diesem tragischen Tode fortriß, aber unser Blut wird keine unfruchtbare Saat sein. Es lebe die Freiheit!« Die drei Sergeanten schlossen Bories in ihre Arme und wiederholten mit unbeschreiblicher Begeisterung den Ruf, den sie eben gehört hatten. Sogleich nahm die klägliche Zurüstung ihren Anfang; alle unterzogen sich derselben mit edler Hingebung, Raoulx, der jüngste von ihnen, sogar mit einem Anfluge von Heiterkeit, der nicht ganz frei von Schärfe war. »Armer Raoulx,« sagte er, indem er auf seine kleine Gestalt anspielte, »was soll von ihm übrigbleiben, wenn man ihm den Kopf abschneidet?« Goubin lächelte über die Scherze seines jungen Genossen und mischte zuweilen ein Witzwort darein. Pommier allein blieb düster, aber ruhig und fest. Was Bories anbetraf, so zeigte er den Stoizismus eines Römers. Wir sollten die Conciergerie um vier Uhr verlassen; um fünf Uhr waren wir noch da. Während dieser langen Stunde voll Angst und tödlicher Erwartung beriet sich der Ministerrat über die Frage, ob man den Verurteilten das Leben schenken solle. Der König Ludwig XVIII. soll sich zu diesem Gnadenakt geneigt gezeigt haben, der Pavillon Marsan, Monsieur und seine Freunde waren jedoch der entgegengesetzten Ansicht. Im Ministerrat wurde die letztere Ansicht durch den Grafen Peyronnet, den ehemaligen Großsiegelbewahrer, unterstützt, und endlich gab sie den Ausschlag. Während dieser Zeit versuchte man aufs neue, jenen unglücklichen jungen Leuten Geständnisse zu entlocken, wodurch sich die Sache wahrscheinlich zu ihren Gunsten gestaltet hätte und ihre Köpfe gerettet worden wären. Sie wurden nach der Reihe vor einen Beamten geführt, welcher jedem erklärte, es hinge nur von seinem aufrichtigen und vollständigen Geständnis über die Verzweigung der Verschwörung ab, der Hinrichtung zu entgehen. Man hoffte sie dadurch zu erweichen; eine vergebliche Hoffnung! Sie waren unerschütterlich. Um fünf Uhr mußte man sich zum Abzuge entschließen. Die Verurteilten waren stumm geblieben. Der Ministerrat hatte den Vollzug des Todesurteils beschlossen. Der traurige Zug ging schnell und ohne Hindernis vonstatten, über den Pont au Change und den Kai entlang bis zum Grèveplatz. Der Zudrang war sehr beträchtlich, aber man hatte eine so gewaltige Militärmacht entfaltet, daß der Durchgang mit leichter Mühe freigehalten werden konnte. Man versichert sogar, daß nur in Betracht der aufgewandten Vorsichtsmaßregeln die politischen Parteigänger der unglücklichen Sergeanten auf ihren Plan, sie während des Zuges zu befreien, verzichten mußten. Am Fuße des Schafotts angelangt, verharrten sie dabei, den Ermahnungen des Geistlichen, der sie begleitet hatte, kein Gehör zu geben. Bories gehörte übrigens der protestantischen Konfession an. Sie vereinigten sich alle vier zu einer letzten Umarmung; dann machte sich Raoulx zuerst von der Gruppe los, die ein Opfer des Todes werden sollte, und sprach: »Vorwärts, armer Raoulx; obgleich du der Jüngste bist, ist die Reihe an dir, das Beispiel zu geben.« Er stieg mit festem Schritt die Treppe zur Plattform hinauf, der zweite Gehilfe ergriff ihn. Als man ihn auf das Brett band, rief er seinen Freunden unter der Menge die Worte, mit welchen Bories sie in der Conciergerie angeredet hatte, als Lebewohl zu: »Es lebe die Freiheit!« Nach ihm kam Goubin an die Reihe, der nicht weniger Mut zeigte; er stieg ebenso entschlossen die verhängnisvollen Stufen hinauf und rief wie sein Vorgänger mit fester und sicherer Stimme: »Es lebe die Freiheit!« Pommier war der dritte, der hingerichtet wurde; er brach das Stillschweigen, das er solange beobachtet hatte, um denselben Ruf wie seine beiden vorangegangenen Gefährten auszustoßen. Endlich kam die Reihe an Bories. Man hatte ihm, der in hochherziger Weise sein Leben anbot, um seine Freunde zu retten, den Schmerz aufgespart, sie alle verenden zu sehen. Der Anblick dieser dreifachen Hinrichtung hatte endlich das stoische Herz des jungen Sergeanten erschüttert; seine Augen waren mit Tränen gefüllt. Auf dem Schafott angekommen, sammelte er jedoch seine ganze Fassung wieder, richtete einen festen Blick auf die Menge und sprach mit ruhiger Stimme die Worte: »Brüder, wenn ich weine, so ist es nicht um mein Geschick, sondern um das meiner Kameraden, die man vor meinen Augen erwürgt hat. Indem wir unser Blut für euch vergießen, vermachen wir euch unsere Rache! Erinnert euch unseres letzten Gelübdes: Es lebe die Freiheit!« Man zog ihn nach dem Fallbrett und band ihn darauf fest. Einige Augenblicke später war sein Kopf gefallen. Es waren noch nicht acht Jahre seit dieser Hinrichtung verflossen, als eine siegreiche Revolution sich auf demselben Platze zur Testamentsvollstreckerin der jungen Sergeanten machte. Das Volk zog siegreich in das Stadthaus mit dem tausendfach wiederholten Ruf: »Es lebe die Freiheit!«, mit welchem die am 21. September 1822 Hingerichteten Abschied von ihren Mitbürgern genommen hatten. Wie lange dauerte die Trunkenheit dieses Sieges und die daraus entsprossenen Hoffnungen? Man frage nach im Kloster St. Merry und in der Straße Transnonain! Jean Asselineau – Abbé Contrafatto Nicolas Benoît Ich bin nun zu einer Hinrichtung gekommen, welche den lebhaftesten Eindruck auf mich machte und meine Gefühle schmerzlich verletzte. Es handelte sich um einen unglücklichen jungen Mann von kaum zwanzig Jahren: Jean Baptiste Francois Elisabeth Asselineau, einen Weinhändlergehilfen, aus Nièvre gebürtig, welcher am 8. Mai 1827 um fünfeinhalb Uhr auf dem Grèveplatze hingerichtet wurde. Dieser Verurteilte hatte ein überaus kluges und Teilnahme erregendes Gesicht; dennoch war er schon seit länger als zwei Jahren in den Strudel des Verbrechens versunken. Während der Jahre 1825 und 1826 hatte er eine große Menge Fälschungen verübt, indem er eine durch die andere verdeckte und auf die gefälschten Wertpapiere ausgedachte Unterschriften schrieb, bis es ihm gelang, wirkliche Namensunterschriften täuschend nachzumachen. Von hier bis zum Morde ist nur ein Schritt; diesen legte er zurück, indem er in der Nacht vom 21. zum 22. Februar 1827 einen Mann, welchem er den Namen eines Freundes gegeben hatte: Jean Baptiste Brouet, meuchlings ermordete, um sich des Geldes, der Kleinodien und der Wertpapiere, die derselbe besaß, zu bemächtigen. Um diese Wertpapiere, unter denen sich Handelsscheine und eine Rentenverschreibung befanden, benutzen zu können, nahm er zu neuen Fälschungen seine Zuflucht und geriet dadurch in das Verderben, indem man in ihm den Mörder Brouets entdeckte. Man staunt über die frühzeitige Habsucht dieses jungen Mannes, der schon im Alter von siebzehn Jahren den Weg des Verbrechens betrat, indem er falsche Bankbilletts anfertigte und falsche Bankoperationen unternahm. Man erkennt hier eine irregeleitete Geisteskraft, welche sich nicht auf Versuche beschränkt, und man darf nicht erstaunen, daß er, in seinen eigenen Schlingen gefangen, zur Mordtat schreitet. Man erkennt daraus auch die Krankheit des Jahrhunderts: Entsittlichung, Mangel an Grundsätzen, Zügellosigkeit, Durst nach Geld und Vergnügungen, der vor keinem Hindernis zurückbebt. Asselineau ist der Vorläufer von Lacenaire. Als wir diesen Unglücklichen von der Conciergerie abholten, zeigte er sich ruhig und ergeben und unterwarf sich geduldig den vorbereitenden Zurüstungen. Im Gegensatze zu denjenigen, die ich im letzten Augenblicke ihres Lebens ihre Eltern wegen dieses kläglichen Ausganges hatte anschuldigen hören, schien Asselineau nur an den Schmerz seiner Familie und an die Schande, die er ihr hinterließ, zu denken. Eine unglückliche Familie in der Tat, welcher man jedoch nicht den Vorwurf machen konnte, daß sie die Erziehung dieses jungen Mannes vernachlässigt habe, denn im Gegenteil hatte vielleicht die darauf verwandte Sorgfalt dazu beigetragen, in ihm Ansprüche zu erwecken, welche über seinen Stand hinausgingen und sich in verbrecherische Gelüste verwandeln mußten. Asselineau schien nicht ohne eine gewisse Bildung zu sein. In dem Augenblicke, als wir aufbrechen sollten und meine Gehilfen ihm die Hände banden, stellte er mir ein viereckig zusammengefaltetes Papier zu und bat mich ungemein höflich, von dem Inhalte desselben Kenntnis zu nehmen und die letzte Bitte eines Sterbenden zu erfüllen. Das Papier enthielt das Gesuch, einem Schneider, von welchem er einen Rock und ein Beinkleid ohne Bezahlung entnommen hatte, diese Kleidungsstücke wieder zurückzustellen. Die Orthographie war nicht ohne Fehler, die Handschrift selber aber vollkommen und zeugte von einer Schreibfertigkeit, die man von einem Weinhändlerlehrling kaum erwarten konnte. Ich versicherte ihm, daß sein Auftrag ausgerichtet werden sollte, und die Kleidungsstücke wurden auch in der Tat an demselben Abend dem Kleidermacher zugestellt. Als wir das Kleidungsstück nahmen, um es an den bestimmten Ort gelangen zu lassen, fiel ein anderes Papier in unsere Hände, und dies setzte uns noch besser in den Stand, die Fähigkeiten Asselineaus zu beurteilen. Dasselbe enthielt deklamatorische Sätze, worin einige Wahrheiten unter einer Masse von Trugschlüssen hervorblickten, und war wahrscheinlich der Entwurf einer Verteidigungsschrift, welche Asselineau vorbereitet hatte. Es war darin jene Theorie von einem allmählichen und unvermeidlichen Verhängnis enthalten, welche wir weiter unten aus einer verfänglicheren und geschickteren Feder wiederfinden werden: von der des Lacenaire. Dort aber wird sie, wie überall, die Prüfung nicht bestehen und unter dem ersten Hauch der Wahrhaftigkeit und Sittlichkeit verschwinden. Die letzten Zeilen jenes seltsamen Schriftstückes von Asselineau waren mit einer zitternden Hand geschrieben und voll von Radierungen und Tintenflecken. Unterhalb des letzten Blattes befand sich eine sonderbare Anmerkung, eine Anweisung auf einen Herrn Bellemain im Betrage von neunmalhunderttausend Franken. Diese Zeilen waren ebenfalls von Asselineaus Hand, aber, wie leicht zu ersehen, gefälscht. Was bedeutet dies? Vielleicht, daß dieser Unglückliche noch bis zum letzten Augenblick und selbst in der Haft über Fälschungen und Betrügereien nachdachte? Es ist dies ein Geheimnis, das Asselineau mit in das Grab genommen hat. Auf dem Todesgange bewahrte er seine ganze Kaltblütigkeit und zeigte die tiefste Reue und den aufrichtigsten Schmerz darüber, daß seine Schande auf seine Familie, welcher er zärtlich zugetan schien, zurückfallen würde. Die Sanftmut seiner Mienen und seiner Sprache rührte tief. Man konnte kaum glauben, daß er so viel Verderbtheit im Herzen gehegt habe. Am Fuße des Schafotts umarmte er den Abbé Montés, der ihm das Kruzifix zum Kusse hinhielt, und überlieferte sich selber dem Gehilfen, der bereit stand, ihn auf das Brett zu binden. Es schlug halb vier Uhr, als sein Kopf in den verhängnisvollen Korb fiel. Bei Beginn des Jahres 1828 fand die öffentliche Ausstellung des Abbé Joseph Contrafatto statt, eines Priesters aus Piazza in Sizilien gebürtig, welcher durch Urteilsspruch des Pariser Assisenhofes vom 16. Oktober 1827 zu lebenslänglicher Strafarbeit, einer Stunde Prangerausstellung und zur Brandmarkung mit den Buchstaben T. F. verurteilt wurde, und zwar wegen einer Unzüchtigkeit, die er als katholischer Geistlicher an einem fünfjährigen Mädchen verübt haben soll. Die Haltung dieses unglücklichen Geistlichen war voll Ergebung und christlicher Demut, doch nicht ohne Würde. Die um den Pranger versammelte Volksmenge überhäufte ihn mit Schmähungen und Schimpfreden. »Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« wiederholte er unaufhörlich, die Augen bescheiden niedergeschlagen, mit einer sanften Stimme, welche noch durch seinen italienischen Akzent einen gewissen Reiz erhielt. Erzürnt über die feigen und groben Beleidigungen seitens der gemeinen Menge, die von dem dummen Priesterhaß, der traurigen Krankheit jener Zeit, beseelt war, näherte ich mich auf einen Augenblick dem armen Abbé und sagte zu ihm: »Mut und Geduld, mein Herr! Sie werden bald von diesen herzlosen Leuten befreit werden.« »Wie sollte ich mich beklagen, mein Freund,« entgegnete er, »am Pranger zu stehen, da unser Heiland ans Kreuz geschlagen wurde?« Contrafatto hatte den Ausdruck der Unschuld im Blick. Von dem Tage seiner Ausstellung schreibt sich die Teilnahme her, welche er zwei frommen Frauen, Mutter und Tochter, einflößte, die sich, ebenso wie Henriette Leglos für Latude, unaufhörlich seiner Befreiung widmeten. Durch einen jener erstaunlichen Umstände, welche sich in irdischen Angelegenheiten zuweilen ereignen, fanden sie einen tätigen und standhaften Helfer in dem Advokaten des Zivilgerichts, welcher zu seiner Verurteilung beigetragen hatte. Ledru, so hieß dieser Advokat, war seit jener Verurteilung von mächtigen Zweifeln über die Schuld Contrafattos ergriffen worden. Er gewann die Überzeugung, daß Contrafatto verleumdet worden sei, daß die Mutter des kleinen Mädchens, welches jener Unglückliche gemißbraucht haben sollte, selber eine Frau von zweifelhafter Sittlichkeit sei und daß die Zeugen, aus Haß gegen das Priesteramt des Angeklagten, mit Parteilichkeit ausgesagt hatten. Seitdem versäumte er keine Mühe und keinen Schritt, um das Unglück, dessen Verschuldung er sich vorwarf, wieder rückgängig zu machen. Allmählich wurde Contrafattos Schicksal gemildert, und endlich erhielt dieser unglückliche Priester die Freiheit wieder, nachdem er siebzehn Jahre im Bagno zugebracht hatte. Sein großmütiger Befreier wurde durch seinen Eifer und den Erfolg seiner Bemühung dermaßen bloßgestellt, daß er seine Stellung als Advokat aufgeben mußte. Um die Rehabilitation des Mannes, den er als sein Opfer betrachtete, vollständig zu machen, hatte er sich zu unvorsichtigen Erklärungen verleiten lassen, so daß er von der Liste der Advokaten gestrichen wurde. Es blieb ihm nur der Trost, das Unglück, als dessen Urheber er sich anklagte, soviel wie möglich rückgängig gemacht zu haben. Am Donnerstag, dem 30. August 1832, kam die Reihe an einen jungen, aber großen Verbrecher, dessen tragisches Schicksal unendliche Teilnahme erweckte. Nicolas Theodore Frédéric Benoît, der Sohn eines achtbaren Friedensrichters von den Ardennen, wurde vor Gericht gestellt, um über zwei vor achtzehn Monaten begangene Mordtaten Rechenschaft abzulegen; der Vater war erschienen, um die Unschuld des Sohnes zu beweisen. Diejenigen, welche die genaueren Umstände dieser Angelegenheit, wodurch die Abscheulichkeit einer verderbten Natur in das hellste Licht gesetzt wird, kennenlernen wollen, verweise ich auf A. Fouquiers berühmte Rechtsfälle. Es möge hinreichen, zu erwähnen, daß die erste der Mordtaten, welche Benoît zur Last gelegt wurde, an seiner eigenen Mutter vollzogen war, welche er erwürgt hatte, um ihr einen Beutel mit viertausend Franken zu entwenden. Das Verbrechen war so abscheulich, daß der Verdacht nicht sogleich auf den wirklichen Schuldigen gelenkt wurde; man wich vor dem Gedanken zurück, daß ein aus ehrenhafter Familie entsprossener, wohlerzogener junger Mann von neunzehn Jahren eine solche Verderbtheit zeigen könnte. Ein schwerer Verdacht lenkte sich im Gegenteil auf einen Landbewohner, der mit Benoît dem Vater, dem Gatten des Opfers, in unfreundlicher Beziehung stand; es erhoben sich sogar so schwere Verdachtsgründe wider ihn, daß er nur durch ein Wunder der Verurteilung entging. In der Tat wurde er nur durch einfache Majorität freigesprochen und blieb in der öffentlichen Meinung noch immer der Ermordung der Frau Benoît verdächtig. Während dieser Zeit war Frédéric zuerst nach Nancy und darauf nach Paris geschickt worden, wo sein Vater ihn zum Notar ausbilden lassen wollte. Er wechselte mehrere Studien nacheinander, verbrachte seine Zeit in Vergnügungen und Ausschweifungen und gab beträchtliche Summen aus, ohne daß man wußte, auf welche Weise er sich das Geld verschaffte. Die Ausschweifungen Benoîts waren von besonderer Art. Dieser Unglückliche frönte einem Laster, welches den Gesetzen der Natur Hohn spricht. Damals gab es in Paris ein verborgenes Haus, welches zu diesen unflätigen Orgien bestimmt war. Dort traf Benoît mit einem jungen Manne zusammen, welcher demselben Laster anheimgefallen war; er nahm ihn aus dem abscheulichen Hause, um ihn zu seinem täglichen Gefährten zu machen und seine Wohnung mit ihm zu teilen. Im Anfange der schimpflichen Verbindung dieser beiden jungen Leute gab es kein Geheimnis zwischen ihnen, und es ist anzunehmen, daß Benoît seinem Freunde vertraulich mitgeteilt habe, daß er der Mörder seiner Mutter sei, wenn man nicht der wahrscheinlicheren Vermutung Raum geben will, daß ihm das schreckliche Geständnis in der Nacht während des Schlummers und unter den Träumen, welche den Schlaf eines schuldigen Gewissens quälen, entschlüpft sei. Kurz, Joseph Formage, Frédérics Freund, wurde Vertrauter des verhängnisvollen Geheimnisses. Wenn schon die natürlichen Zuneigungen nicht immer gegen die Prüfungen der Zeit und der Gesellschaft stichhaltig sind, wie sollte es mit jenen der Fall sein, welche ihre Quelle in der abscheulichsten Sinnenverirrung haben? Benoît wollte eine Verbindung auflösen, welche drückend für ihn wurde, und sich neuen Ausschweifungen hingeben. Dazu fehlte es nicht an einem Vorwande; von seinem Vater nach Vouziers zurückberufen, ergriff er bereitwillig die Gelegenheit, sich von Formage zu trennen. Dies kam aber letzterem sehr ungelegen, der, an Nichtstun gewöhnt, die Hilfsmittel zu seinem Müßiggang verlieren sollte. Kaum war Frédéric zu Hause angelangt, als er von dem verlassenen Freunde mit schriftlichen Bitten um Geldunterstützung bestürmt wurde. Die ersten Briefe waren höflich und freundschaftlich; da Benoît jedoch, weil er wußte, daß sie sich erneuern würden, wenn sie Erfolg hätten, nicht darauf antwortete, so nahm Formage endlich einen drohenden Ton an und erklärte, daß, wenn sein Gesuch nicht befriedigt würde, er nach Vouziers kommen und das Geheimnis, dessen Mitwisser er sei, entdecken würde. Frédéric hielt sich für verloren, und es ist zu begreifen, daß der Elende, der nicht zurückgeschaudert war, um einiger tausend Franken willen seine Mutter zu ermorden, auch vor einem zweiten Verbrechen nicht zurückwich, um die Strafe von sich abzuwenden und das Schwert des Damokles, welches über seinem Haupte schwebte, auf immer zu beseitigen. Benoît eilte also nach Paris, stellte sich freundlich gegen Formage, nahm ihn unter dem Vorwande einer Vergnügungspartie mit sich nach Versailles und erwürgte ihn in einem Hotelzimmer, gleichwie er seine Mutter erwürgt hatte. Was er für seine Rettung gehalten, bewirkte aber gerade seinen Untergang. Benoît war am Abend vor dem Verbrechen in Paris und an dem Tage des Mordes selbst in Versailles in Formages Gesellschaft gesehen worden; obgleich er das Hotel, wo er den Mord begangen, ohne Hindernis verlassen hatte, wurde er drei Tage später als vermutlicher Täter verhaftet. Die Untersuchung häufte die erschwerendsten Verdachtsgründe gegen ihn; alle Zeugenaussagen vereinigten sich, ihn anzuklagen; Formages Brief, von dem man ein Konzept unter den Papieren des Unglücklichen vorfand, stürzte ihn vollends in den Abgrund, indem er den Zweck seines zweiten Verbrechens enthüllte, der nur darin bestanden hatte, den gefährlichen Mitwisser des Muttermordes auf die Seite zu schaffen. Benoît leugnete nachdrücklich beide Mordtaten, welche ihm zur Last gelegt wurden, ab; er zeigte bei seiner Verteidigung ebensoviel Geschicklichkeit, als er bei der Ausübung seiner Verbrechen kundgegeben hatte. Er hatte es jedoch mit einem furchtbaren Gegner zu tun. Der Landbewohner aus Vouziers, welcher ursprünglich angeklagt gewesen und in der öffentlichen Meinung noch in Verdacht stand, den Mord an der Frau Benoît begangen zu haben, war als Belastungszeuge aufgetreten und hatte dem Advokaten Chaix d'Est-Ange den Auftrag erteilt, den Schrei der verleumdeten Unschuld vor dem Gerichtshof geltend zu machen, das heißt Benoît anzuklagen. Benoît wurde zum Tode der Vatermörder verurteilt, das heißt, im Hemde, barfuß und den Kopf mit einem schwarzen Schleier verhüllt, zum Tode zu gehen. Nichtigkeitsbeschwerde, Gnadengesuch, alles wurde verworfen; die Bitten seiner Familie vermochten nicht, sein Schicksal zu erleichtern. Als wir ihn aus Bicètre abholen wollten, um ihn zuzurüsten, war er noch nicht in den dazu bestimmten Saal eingetreten, doch hörten wir ihn schon durch die dicken Mauern und Türen ein gellendes Geschrei ausstoßen, als man ihm sagte, daß er nur noch wenige Augenblicke zu leben habe. Bald darauf erschien er, von zwei Gefangenenwärtern unterstützt, denn die Beine brachen unter ihm zusammen. Er war der erste Verurteilte, den ich in solcher Schwäche erblickte. Er ließ sich das Haar abschneiden, ohne ein Wort zu sprechen; nur von Zeit zu Zeit drang ein Schluchzen aus seiner Brust, und reichliche Tränen entrannen seinen Augen. Als er, dem Urteilsspruche gemäß, seiner Kleider und Schuhe entledigt werden sollte, stieß er abermals ein unmenschliches Geschrei aus. Niemals hörte ich einen solchen Ausdruck des Schreckens. Die einzigen Worte, die man unter diesem kläglichen Geheul hören konnte, waren: »Gnade! Mitleid! Ich bin unschuldig! Führen Sie mich nicht fort!« Er wollte sich aufrichten, sank aber dann wieder vernichtet den Gehilfen in die Arme. Man verhüllte ihm das Gesicht mit dem Schleier der Vatermörder; darauf gingen wir fort. Unterwegs verlor er zu wiederholten Malen die Besinnung, aber immer erholte er sich wieder und sagte weinend: »Die Herren Persil und Chair d'Est-Ange sind an meinem Tode schuld. Ach, meine arme Mutter! Joseph, du weißt wohl, daß ich unschuldig bin; warum kommst du nicht und sagst es?« Der würdige Priester, welcher ihn begleitete, benutzte diese seltenen lichten Augenblicke, um mit ihm von Gott zu sprechen und ihn zu ermahnen, die Geständnisse abzulegen, welche allein sein Gewissen erleichtern könnten. Benoît hörte ihn kaum an und schien nur mit dem Gedanken beschäftigt, auf welche Weise er der schrecklichen Strafe, die ihn erwartete, entrinnen könnte. Dennoch, sobald er nur von weitem die unbestimmten Umrisse der Guillotine an der Barrière von Arcuel bemerkte, mochte er einsehen, daß alle Hoffnung verloren sei, und das Vertrauen auf das physische Leben, welches jeder solange wie möglich zu bewahren sucht, schien plötzlich zu schwinden. Er fiel aufs neue in Ohnmacht, aber nur auf kurze Zeit. Als er an dem Orte der Hinrichtung ankam, nahm er anstatt des Mutes jene Ergebung an, welche ein unvermeidliches Geschick verleiht. Auf den Tritt der Kutsche niederkniend, legte er seinem Beichtiger das Geständnis der Verbrechen ab, die er jetzt schmerzlich büßen sollte. Dieses vor Gott abgelegte Geständnis hörte ich ohne meinen Willen. Benoît machte es zwar mit ganz leiser Stimme und glaubte nur von dem frommen Priester, an den es gerichtet war, gehört zu werden; ich vernahm es aber mit nicht geringer Begierde. Soll ich es gestehen? Bis dahin hatte ich noch die Unschuld des Unglücklichen für möglich gehalten, keiner von den aufgestellten Beweisen gegen ihn schien mir den bestimmten Charakter zu haben, der allein ein Todesurteil rechtfertigen kann. Nach meiner Meinung hatte ein undurchdringliches Dunkel diese Sache umhüllt, und mit innerer Befriedigung hatte ich zur Ehre des menschlichen Geschlechts an der Wirklichkeit eines so gräßlichen Verbrechens, wie der Muttermord, gezweifelt; ich wurde grausam enttäuscht. Benoît stieg, von den Gehilfen unterstützt, aus der Kutsche und stieß wieder jenes schreckliche Geheul aus, mit welchem er die Stimme des Gerichtsschreibers, der das Urteil verlesen, übertönt hatte. Man trug ihn auf das Schafott, denn er konnte sich nicht entschließen, seine nackten Füße auf die Erde zu setzen; selbst in einem solchen Augenblick bebte noch diese entnervte Natur vor einem leichten körperlichen Leiden zurück. Als man ihn auf das Brett band, war er so völlig gelähmt, daß sein Körper nur einer trägen Masse glich. Es war um halb acht Uhr, als Benoîts Kopf unter dem Messer fiel. Mein Vater sagte mir, daß seit der Hinrichtung der Frau Dubarry kein Beispiel einer ähnlichen Schwäche auf dem Schafott gesehen worden. »Erkenne daraus«, fügte er hinzu, »die Unwirksamkeit der Todesstrafe. Wir haben jedenfalls einen Mann vor uns gehabt, der den Tod am meisten fürchtete. Wohl! Dieser Mann war noch nicht einundzwanzig Jahre alt, als er schon zwei Mordtaten, und zwar zuerst den Mord an seiner Mutter, begangen hatte. Da muß man doch wohl eingestehen, daß das Strafgesetz ein schlechtes Schreckbild für ihn war.« Ich pflichtete nur zu sehr dieser Ansicht bei; mein Vater zuckte die Achseln und fuhr fort: »Die Furcht vor dem Tode ist eine rein körperliche Empfindung, welche mit dem Trieb der Lebenserhaltung zusammenhängt. Sobald der Mensch krank wird oder sich in einer sichtlichen Gefahr befindet, wird er den Tod fürchten; aber hoffe nicht, ihn durch die Aussicht auf einen fernen, Ungewissen, von tausend verschiedenen Umständen abhängigen Tod zu erschrecken und zu zügeln. Ist dieser Mann verderbten Herzens, so wird die Versuchung zum Verbrechen immer den Sieg über die Furcht vor einer zufälligen Gefahr, die sich vielleicht vermeiden läßt, davontragen.« So endigte diese traurige Angelegenheit, in welcher wir ein Beweismittel mehr gegen das barbarische Gesetz fanden, zu dessen Vollstreckern wir berufen waren. Lacenaire, Avril Zum Beginn des Jahres 1836 erhielt das Schafott ein gräßliches Neujahrsgeschenk mit der Doppelhinrichtung von Lacenaire und Avril. Namentlich dem ersteren dieser beiden Verbrecher gebührt der Beiname eines »Löwen des Verbrechens«. In der Tat ist niemals ein Mörder auf dem Wege vom Gefängnis zum Gerichtssaal und zum Schafott von neugierigeren und begeisterteren Blicken begleitet, ich möchte sagen, mit ähnlichen Huldigungen gefeiert worden. Den Diebstahl als Zweck, den Mord als Mittel – nach diesem System hatte Lacenaire seine Verbrechen in großem Maßstabe auszuführen gedacht. Mit reichen Einnahmen beladene Kassendiener zu ermorden und zu berauben unternahm er mit seinem Spießgesellen mehrere Versuche, die glücklicherweise mißlangen, bis eines Tages Avril ergriffen ward und bald darauf auch Lacenaire in die Hände der Justiz geriet. Es läßt sich kaum sagen, welche Roheit und Kühnheit dieser Mensch bewies. Anstatt zuzugeben, daß schlechte Leidenschaften ihn zu den Verbrechen, die er offen eingestand, getrieben hätten, wollte er dieselben auf bestimmte Grundsätze zurückführen und bestand darauf, indem er mit den Theorien eines verworfenen Materialismus prahlte, sein Betragen mit Hilfe von Lehrsätzen zu erklären, deren Ausdruck allein schon eine schimpfliche Beleidigung der Sittlichkeit und des gesunden Menschenverstandes war. Mit Fähigkeiten begabt, von denen er wohl einen besseren Gebrauch hätte machen können, kleidete er seine schamlosen Trugschlüsse in eine kühne und glänzende Beredsamkeit, und es gelang ihm, mit Wohlgefallen gehört zu werden. Was sage ich? Er wurde gefeiert und bewundert. Man riß sich um seine Prosa und machte sich seine Verse streitig. Dennoch war Lacenaire nicht von Anfang an so entschieden verderbt gewesen. Im Verlauf seiner ersten Vergehen war diese krankhafte Intelligenz noch nicht gänzlich vom Laster befleckt, und er hatte, ebenso wie Asselineau, jedoch in edlerer Sprache, das Schicksal seines allmählichen Falles zu erklären gesucht. Wir entnehmen einem Artikel, welchen er in der »Tribüne der Proletarier« erscheinen ließ, die folgende Stelle: »Ein junger Mann verfällt seinen Leidenschaften; indem er die Stimme der Ehre erstickt, die Grundsätze der Rechtlichkeit, die er in seiner Kindheit im Schoße seiner Familie erfahren, welche aber noch nicht Zeit gehabt haben, tiefe Wurzeln zu schlagen, mit Füßen tritt, begeht er ein Verbrechen. Sogleich bemächtigt sich seiner die Polizei und versenkt ihn lebendig in jene Kloake, welche ›das Depot der Präfektur‹ genannt wird. Wer begegnet ihm bei seinem Eintritt? Entflohene Sträflinge, die man in Paris wieder ergriffen hat, Sträflinge, die ihre Ketten zerbrochen haben und aus ihrer Haft entsprungen sind, die man bei neuen Verbrechen auf frischer Tat ergriffen hat, außer den anderen Dieben, Gaunern, Spitzbuben aus Neigung, von Profession, fast von Geburt, ein von Lastern zerfressenes Geschlecht, Geißeln der menschlichen Gesellschaft, unverbesserliche Taugenichtse, welche, wenngleich sie nicht auf die Galeere gebracht worden sind, doch um nichts besser und schon seit längerer Zeit zu jedem rechtlichen Gedanken, zu jeder guten Tat unfähig sind. Was soll aus unserem jungen, unerfahrenen Manne inmitten dieser verderbten Gesellschaft werden? Dort hört er zum ersten Male die barbarische Sprache eines Cartouche und eines Poulailler, ein schmachvolles Rotwelsch; dort sieht er, wie mit Zustimmung der Aufsichtsbeamten des Depots den Veteranen des Verbrechens, den berühmtesten dieser Gattung, die größere Gunst und Rücksicht gewährt wird; ihnen allein steht das Recht zu, die armen Teufel, welche durch mancherlei Umstände in ihre Mitte gebracht worden sind, zu drücken, zu quälen, selbst nach Belieben mit Füßen zu treten. Wehe unserem jungen Mann, wenn er nicht schnell ihrem Ton, ihren Grundsätzen und ihrer Sprache beistimmt! Er wird bald als ein falscher Bruder erkannt und für unwürdig geachtet, sich an die Seite der Freunde zu setzen! Nun gibt es keine Art der Quälerei, welcher er nicht unrettbar anheimfällt; Beschwerden darüber würden von den Aufsehern selber, welche immer geneigt sind, jene Veteranen zu beschützen, übel vermerkt werden und nur den Zorn des Profoß, der gewöhnlich ein ehemaliger Sträfling ist, ebenso wie den Zorn seiner Mitgefangenen reizen. Bei all dieser Ruchlosigkeit, diesen rohen Gebärden und Anträgen, diesen schändlichen Erzählungen und ekelhaften Verbrechen errötet der Unglückliche zum erstenmal über ein Gefühl der Scham und Unschuld, welche ihm bei seinem Eintritt geblieben war. Er schämt sich, ein geringerer Verbrecher zu sein als seine Gefährten; er fürchtet ihre Spöttereien, ihre Verachtung; denn man täusche sich nicht, es gibt Achtung und Geringschätzung sogar auf der Bank der Galeere, woraus es sich erklärt, daß einige Sträflinge sich dort wohler befinden als im Schoße der Gesellschaft, von welcher sie nur mit Verachtung behandelt werden. Niemand gibt sich willig der Geringschätzung seiner Umgebung preis. Unser junger Mann bildet sich wohlweislich sogleich an den besten Mustern, die sich von dieser Gattung vorfinden; er bildet sich nach ihrem Tone und ihren Manieren; er ahmt ihnen nach; in zwei Tagen spricht er ihre Sprache so gut wie sie selber; nun ist er nicht mehr ein armer Einfaltspinsel, nun können die Freunde ihm die Hand reichen, ohne sich etwas zu vergeben. Man bemerke wohl, daß bisher nur eine kleinliche Ruhmsucht im Spiele ist, daß er nicht gern für einen Lehrling in der Gesellschaft gelten mag. Die Veränderung erstreckt sich noch mehr auf die Form als auf das Wesen. Zwei oder drei Tage, die er an diesem Sammelplatz von liederlichem Gesindel verlebt, konnten ihn noch nicht gänzlich verderben; aber seid überzeugt, der erste Schritt ist geschehen; er wird auf dem schönen Wege nicht stehenbleiben, und seine Erziehung, welche unter den Wölbungen der Polizeipräfektur ihren Anfang nahm, wird sich in Laforce vollenden und in Poissy oder in Melun ihr Ende erreichen.« Als Lacenaire diese philanthropischen Übungsstücke veröffentlichte, hatte er noch nicht Blut geleckt, die Tigertatze noch nicht herausgekehrt. Eine ganz andere Haltung nahm er auf der Bank des Assisenhofes an; der schüchterne Jüngling, welcher jene Art Elegie in der »Tribüne der Proletarier« veröffentlichte, zeigte sich als Mann, der die Maske abgeworfen hatte und mit seinen Verbrechen prahlte. Ich wiederhole es, man schenkte jenen ungeheuerlichen Prahlereien zu viel Aufmerksamkeit, ganz abgesehen von der Intelligenz ihres Urhebers. Man machte zu viel aus diesem Mörder, diesem Herostrat der Sittlichkeit, der das Schafott als Piedestal benutzen wollte; man gestattete ihm, in sein namenloses Grab den Trost mitzunehmen, er sei eine hochberühmte Persönlichkeit gewesen. Lacenaire und Avril wurden am 15. November zum Tode verurteilt. Beide legten Appellation ein; der erstere erklärte, es geschähe nur, um Zeit zu gewinnen, seine »Denkwürdigkeiten« zu schreiben. Ja, bei Gott, die Empfindlichkeit, die sich schon entsetzte bei der Ankündigung der Veröffentlichung meiner Memoiren, erwies sich viel nachsichtiger mit jenem Helden des Mordes, der Fälschung und des Diebstahls. Dennoch wurde Lacenaires Hoffnung getäuscht, er konnte seine skandalöse Autobiographie nicht beendigen, und um die traurige Spekulation des Verlegers zu retten, mußte ein Schriftsteller sich dazu verstehen, die letzten Seiten dieses unglücklichen Buches zu schreiben. Man findet darin genau verzeichnet, wie sich Lacenaire während der Zeit, die er in Bicètre und in der Conciergerie verlebte, das heißt, seit seiner Appellation bis zur Hinrichtung, betrug. Dieser große Mann des Assisenhofes hatte seinen Dangeau, seinen Lebensgeschichtschreiber, welcher Tag für Tag seine geringsten Worte und unbedeutendsten Handlungen verzeichnete; er fand auch seitdem seinen Plutarch an einem obskuren Journalisten, welcher sich darin gefiel, in einer Reihe von Artikeln, die später in einem kleinen Bande herausgegeben wurden, dieses Epos des Meuchelmordes zu veröffentlichen. Wir werden uns hier nicht auf die Einzelheiten einlassen, weder auf die nächtlich ausgeheckten Poesien, womit Lacenaire seine letzten Mußestunden ausfüllte, noch auf die Mahlzeit am Weihnachtsabend, welche zum letztenmal Lacenaire und Avril an demselben Tische vereinigte. Den letzteren hatte er zweimal gemordet: das erstemal, indem er den Einfluß, den ihm sein überlegener Geist verlieh, mißbrauchte, jenen Unglücklichen zum Morde zu verleiten; das zweitemal, indem er ihn durch seine Geständnisse der grausamsten Strenge des Gesetzes überlieferte. Wir übergehen die theatralische Abschiedsszene, die er beim Abgange aus der Conciergerie und Bicètre spielte, mit Stillschweigen; ebenso die skeptische Haltung, zu welcher er sich zwang, während Avril mit der Sammlung eines reuevollen Christen die Sterbegebete anhörte, die man in der Gefängniskapelle für sie las. Wir erwarteten Lacenaire in der Kanzlei, wo man die Zurüstung der Verurteilten vornehmen sollte. Er erschien daselbst, die Zigarre im Munde, mit einer Sicherheit, die nicht frei von Verstellung war. Nachdem er sich auf den Schemel gesetzt hatte, richtete er ganz unbefangen das Wort an einige Personen. Einer der Gehilfen schnitt ihm das Haar ab, und als dies geschehen war, verlangte er dieselbe Kleidung, die er im Assisenhofe getragen hatte. Man gab sie ihm; es war ein Überrock, den er als Mantel über die Schulter warf. Darauf kam Avril an die Reihe. Dieser prahlte nicht mit seiner Festigkeit, wie Lacenaire, zeigte aber nichtsdestoweniger eine außerordentliche Ruhe. Der Tag begann erst zu grauen, und da es im Monat Januar war, wo die Morgen immer kalt sind, so konnte Avril einen leichten Schauer nicht unterdrücken. Ohne es zu wissen, parodierte er das berühmte Wort Bayles. »Teufel,« sagte er, »ich zittere vor Kälte; man könnte glauben, ich fürchte mich.« Er bat um ein Gläschen Branntwein, um sich zu erwärmen; ein Aufseher brachte es ihm. »Dank, Alter!« sagte er, leerte es mit einem Zuge und schnalzte mit der Zunge. Nachdem man ihm und Lacenaire Hände und Füße gebunden hatte, nahm er von den Anwesenden mit den in treuherzigem Tone ausgesprochenen Worten Abschied: »Lebt wohl, ihr alle!« Man ging ab. Der Zug dauerte lange, denn die Wege waren sehr schlecht. Der Abbé Montès benutzte die Zeit und gab sich alle erdenkliche Mühe, das widerspenstige Gemüt Lacenaires zu rühren; diese Versuche scheiterten aber an dem Eise dieses wahren oder vorgeblichen Skeptizismus. Es war beinahe halb neun Uhr morgens, als wir auf dem Platze ankamen. Die Verurteilten stiegen zuerst ab, dann der Beichtiger und wir. Avril, welcher zuerst hingerichtet werden sollte, umarmte den würdigen Priester, der ihm beistand, und stieg dann festen Schrittes die Stufen zum Schafott hinauf. Auf der Plattform wendete er sich an Lacenaire und rief ihm mit starker und sicherer Stimme zu: »Lebe wohl, Lacenaire! Lebe wohl, mein Kamerad!« Ein unmerkliches Lächeln glitt über das bleiche Antlitz des letzteren, welcher den Kopf vorgestreckt hatte, um den des Unglücklichen, den er ins Verderben gestürzt, fallen zu sehen. Selbst bei dem Geräusch des Fallbeils erbebte er nicht. Ohne Hilfe stieg er die Stufen, die zum Tode führten, hinauf und warf einen letzten Blick auf die Menge, welche er vielleicht zahlreicher erwartet hatte. Wir glaubten, er würde sprechen, er legte sich aber selber auf das von dem Blute Avrils triefende Brett; der Kopf des Schuldigen rollte in den Korb. Einige Tagesblätter jener Zeit haben behauptet, es habe ein Stillstand von fünfzehn bis zwanzig Minuten stattgefunden, und die Guillotine habe eine Weile gefeiert. Diese Angabe ist falsch und war nur auf den Effekt berechnet, um einer Sache, in welcher man schon zu viel Hebel in Bewegung gesetzt hatte, ein noch mehr dramatisches Ende zu geben. Es trug sich nichts Besonderes zu, als Lacenaire an die Reihe kam, und er wurde mit ebensowenig Umständen hingerichtet wie sein Mitschuldiger Avril. Ich wollte zu jener Zeit einer so abgeschmackten Fabel öffentlich widersprechen, fand aber kein Journal bereit, meine Widerlegung aufzunehmen. Was ich zu sagen habe, ist nur, daß dieser berühmte Verbrecher bis zum letzten Augenblick eine merkwürdige Kaltblütigkeit und Entschlossenheit bewahrte.–   Kaum drei Wochen später, am Mittwoch, dem 27. Januar 1836, richteten wir an dem alten Orte das Schafott auf, um einen ehemaligen Militär namens Joseph David, vierzig Jahre alt, welcher im Invalidenhause seine Schwägerin ermordet hatte. Er wurde um halb neun Uhr hingerichtet und zeigte außerordentlichen Mut. Zwei Anschläge auf Louis Philipp Fieschi, Morey, Pépin, die Höllenmaschine; Louis Alibaud. Am Freitag, dem 19. Februar desselben Jahres, hatten wir eine dreifache Hinrichtung, welche die traurigsten Erinnerungen an das Konsulat erweckte. Ich meine die Hinrichtung von Fieschi, Morey und Pépin, alle drei durch den Pairshof zum Tode, und Fieschi mit der verschärften Strafe des Vatermords, verurteilt. Es war in der Angelegenheit der Höllenmaschine, welche auf dem Boulevard des Temples in dem Augenblicke losging, als der König Louis Philipp mit seinem Geleite vorüberzog, um den Jahrestag des 28. Juli 1830 zu feiern. Man erinnert sich aller Einzelheiten jener schmachvollen Katastrophe. Der König und sein Sohn entrannen durch ein Wunder dem Kugelregen; aber zweiundvierzig Personen fielen um sie her, von denen neunzehn nicht wieder aufstanden: ein Marschall von Frankreich, tapfere Generäle, welche in hundert Schlachten erhalten geblieben waren, Beamte, Kaufleute, ehrsame Handwerker, Frauen, Kinder kamen als Opfer dieses schändlichen Attentats um. Selbst der Urheber dieses Verbrechens wäre beinahe demselben erlegen, denn als man ihn verhaftete, war er durch einige Gewehrläufe seiner mörderischen Maschine leicht verwundet. Nachdem man seine Identität festgestellt hatte, erfuhr man, er sei ein Korse von niederer Abkunft namens Fieschi, der alle Gewerbe durchgemacht habe, selbst Überläufer und Spion gewesen, durch ein entehrendes Urteil geschändet, in das tiefste Elend gesunken war und sich aus Spekulation zum politischen Mörder gemacht hatte, indem er sich einigen unglücklichen Fanatikern verkaufte, welchen der Königsmord kein Verbrechen schien. Fieschi, seinen verräterischen Gewohnheiten getreu, hatte nichts Eiligeres zu tun, als diese Fanatiker den Gerichten zu überliefern. Es waren ein Sattler aus der Straße St. Victor und ein Gewürzkrämer aus dem Faubourg St.-Antoine, zu welchen sich später ein Klempner namens Boireau und ein Buchbinder namens Bescher gesellt hatten. Dieses Verschwörerpersonal war durchaus schlecht rekrutiert, um das Schicksal eines Reiches zu ändern. Ich will die bekannten Verhandlungen in dieser Angelegenheit nicht noch einmal erzählen. Die Erinnerung an Lacenaire war noch in den Gemütern wach. Wenn Fioschi nicht jenem berühmten Muster so weit folgte, daß er dem Verbrechen eine Lobrede hielt, so ahmte er ihm doch in der Schändlichkeit der Angeberei nach. Weniger darauf bedacht, sich selbst zu rechtfertigen, als seine Mitschuldigen anzuklagen, erwarb er sich die Geneigtheit der Polizei, welche in dieser Angelegenheit gern eine höhere Urheberschaft auffinden mochte, und da die Zeit den Verbrechern günstig war, so fand auch Fieschi im Publikum nach Lacenaire seine Ernte an Popularität. Er wurde in seinem Gefängnis gepflegt und konnte vor dem Pairshofe eine neue Art der Beredsamkeit entfalten, deren possierliche Ausschweifungen zuweilen zum Lächeln reizten, deren gallichte und gehässige Ausfälle aber auch das Herz mit Widerwillen erfüllten. Das Ergebnis dieser Bemühung war, daß Fieschi zwei seiner Mitschuldigen, den Sattler namens Morey, einen Greis von einundsechzig Jahren, und den Gewürzkrämer namens Pépin, kaum fünfunddreißig Jahre alt und Vater von vier jungen Kindern, mit sich auf das Schafott zog. Boireau aber wurde nur zu zwanzig Jahren Haft verurteilt und Bescher freigesprochen. Morey war ein abgezehrter, armseliger Greis, aber er trug ein edles Herz in seinem abgelebten Körper. Bis zum Ende bewahrte er die Haltung eines Römers und hörte seinen Urteilsspruch mit der stoischen Gleichgültigkeit eines Cato an. Pépin, welcher sich während der Verhandlung schwach gezeigt hatte, schien sich zu ermannen, nachdem er die Gewißheit über sein trauriges Geschick erhalten hatte. Er schrieb einen rührenden Brief an seinen Advokaten und ordnete seine Angelegenheiten in der Art, daß seine Familie so wenig wie möglich durch seinen Untergang beeinträchtigt werde. Was Fieschi anbelangt, so verließ ihn seine Weitschweifigkeit und seine Prahlerei auch während der wenigen Tage nicht, welche er noch nach seiner Verurteilung in dem Gefängnis von Klein-Luxembourg zubrachte. Er schrieb auch an seinen Advokaten Pasquier und an mehrere andere Personen. Seine gemeine Eitelkeit gefiel sich darin, das Publikum bis zu dem letzten Augenblick mit ihm beschäftigt zu sehen. Während dieser Zeit bemühte man sich, Morey und Pépin, von welchen man voraussetzte, daß sie die Verschwörung auf höheren Befehl angesponnen, Enthüllungen zu entlocken, um die geheimnisvollen Mitschuldigen kennenzulernen. Beide weigerten sich mit unerschütterlicher Standhaftigkeit, sei es, daß sie in der Tat keine Enthüllung zu machen hatten, sei es, daß sie einem gegebenen Worte treu bleiben und die Geheimnisse ihrer Partei achten wollten. Pépins Familie verwendete sich beim Könige; Louis Philipp gab auf diese Bitte der Familie eine bewundernswerte Antwort. »Ich möchte an jenem grausamen Tage das Recht, zu begnadigen, mit meinem Blute bezahlt haben,« sagte er, »aber ich habe eine Verpflichtung gegen die Familien so vieler unglücklicher Opfer.« Am 19. morgens, als es kaum tagte, holten wir die drei Verurteilten aus dem Gefängnis von Klein-Luxembourg ab. Sie wurden der Reihe nach behufs der verhängnisvollen Zurüstung herbeigeführt. Fieschi sprach viel in fieberhafter Lebendigkeit; Pépin zeigte sich ruhig und ergeben; was Morey anbetrifft, so blieb er düster und ernst wie vorher. Um ihm das Haar abzuschneiden, war man genötigt, ihm eine schwarze seidene Mütze, die er beständig trug, vom Kopfe zu nehmen; Piot wollte ihm auch seinen Westenkragen abschneiden, welcher zu hoch in den Nacken hinaufreichte, Moiey zog es aber vor, dies Kleidungsstück abzulegen. »Weshalb diese Weste verderben,« sagte er zu mir mit dem Tone eines Mannes von mitleidigem Herzen; »sie ist noch gut genug, um sie einem Armen zu schenken.« Beim Weggehen wurden die drei Verurteilten wieder vereinigt. Fieschi wollte sich seinen Todesgefährten nähern und das Wort an sie richten; Pépin antwortete ihm in kaltem Tone, aber ohne Groll; Morey wendete sich mit Verachtung ab. Wir fuhren durch den ganzen Luxembourggarten bis zum Gitter der Sternwarte, und von dort erreichten wir den Rundplatz der Barrière St. Jacques, wo uns eine bedeutende Militärmacht erwartete. Während des ganzen Hinweges wiederholte Pépin fast wie ein öffentlicher Ausrufer, aber in kläglichem Tone: »Fieschi und sein Verbrechen kommen hier vorbei.« An dem Platze der Bestimmung angelangt, stieg er zuerst ab. Noch bis zum Fuße des Schafotts bat man ihn, das, was er wisse, mitzuteilen. Ein Polizeikommissarius bedrängte ihn mit Fragen und gab ihm zu verstehen, seine Strafe würde gemildert und ihm das Leben gerettet werden, wenn er sich zu Geständnissen bewegen ließe. Pépin wies jedoch mit Edelmut diese Eröffnungen zurück, welche im letzten Augenblicke wohl seinen Mut hätten wankend machen können. »Ich habe nichts weiter zu sagen,« sprach er mit Festigkeit und stieg behend auf die Plattform, wo sein Kopf zuerst fiel. Man hatte sich nicht einmal Mühe gegeben, dem alten Morey dieselbe Prüfung aufzulegen, denn man wußte im voraus, daß man von diesem standhaften Charakter nichts erlangen würde. Da er gliederlahm war, so mußten ihn die Gehilfen gewissermaßen auf das Schafott tragen; die nächsten Zuschauer konnten sich jedoch über diesen Umstand nicht täuschen und die Gebrechlichkeit des Greises einer Schwäche zuschreiben. Sein Blick war fest, und keine Muskel seines Gesichts verzog sich. Fieschi bestieg zuletzt das Schafott. Louis Philipp hatte es ihm erlassen, im Hemde, barfuß und den Kopf mit einem schwarzen Schleier bedeckt, zur Hinrichtung zu gehen, wie es das Urteil des Pairshofes verlangte. Das war die einzige Gnade, welche der König sich gestatten zu dürfen glaubte. Die Unparteilichkeit zwingt mich, anzuerkennen, daß dieser prahlerische Korse selbst in dieser letzten kritischen Stunde keine Schwäche zeigte; ich weiß aber nicht, weshalb mich seine mit Prahlerei gemischte Sündhaftigkeit viel weniger rührte als der einfache, würdige Mut der beiden Männer, welche ihm vorangingen. Ehe er sich auf das Brett binden ließ, wollte er die Menge anreden. Der Abbé Grivel, der Seelsorger von Luxembourg, welcher ihm versprochen hatte, daß man ihm diese letzte Gunst gewähren würde, hatte mich gebeten, nichts dagegen einzuwenden. Fieschi trat also an den Rand der Plattform und begann anfänglich mit starker Stimme folgende Rede: »Bürger, ich fürchte den Tod nicht, ich hätte aus freiem Antriebe hierherkommen können, wie auf eine Stätte der Ehre. Ich sagte die Wahrheit, als ich meine Mitschuldigen angab: ich habe diesen Dienst meinem Vaterlande erzeigt; ich sage die Wahrheit, die volle Wahrheit!« Plötzlich erbleichte jedoch sein Antlitz, seine Züge entstellten sich, er stammelte und sank den Gehilfen in die Arme. Einen Augenblick später hatte der Angeber dasselbe Schicksal wie seine Opfer, und ich frage, ob Frankreich viel dabei gewann, daß an jenem Morgen drei Köpfe anstatt eines in den roten Korb fielen?   Der 11. Juli sah noch einmal einen Königsmörder das Schafott besteigen, aber von anderer Art als der elende Fieschi. Dieser, namens Louis Alibaud, war ein junger Mann von sechsundzwanzig Jahren, ehemaliger Militär, gebürtig aus Nimes, welcher in dem Augenblick, als die Kutsche des Königs aus der Pforte des Carousel kam, um die Rivolistraße hinunterzufahren, aus einem in einem Rohrstock verborgenen Flintenlauf auf den König geschossen hatte. Auch dieses Mal war Louis Philipp nicht getroffen worden, und glücklicherweise war auch kein anderes Opfer zu beklagen. Stehenden Fußes von den in dem Schlosse diensttuenden Nationalgarden verhaftet, nahm Alibaud keinen Anstand, sein Verbrechen zu gestehen, und anstatt dasselbe zu bereuen, sich im Gegenteil damit zu rühmen. Der an den Pairshof verwiesene Prozeß wurde schnell betrieben, denn man zweifelte nicht, daß, selbst wenn dieses neue Attentat keine vereinzelte Tatsache sei, man doch nicht mehr erfahren würde. Der Angeklagte hatte sogleich durch seine Haltung und seine Sprache gezeigt, daß er nicht zu denen gehöre, auf die Versuchung oder Gewalt Einfluß haben könnte. In jedem Verhöre erneuerte er das Geständnis, er habe die bestimmte Absicht gehabt, den König zu töten, und nahm die Verantwortlichkeit für diesen Entschluß, der aus seiner Vaterlandsliebe und dem heißen Wunsche, zur Befreiung des Volks beizutragen, hervorgegangen sei, allein auf sich. Dieses Geständnis wurde in festem Tone und mit unbeschreiblichem Stolze gegeben. Die anklagende Behörde war nicht mit dem offenen Geständnis des augenfälligen Verbrechens zufrieden und beging den Fehler, noch andere Waffen gegen Alibaud anwenden zu wollen. Man suchte seine Sittlichkeit zu verdächtigen, sein vorhergehendes Leben zu beschmutzen, man verleumdete sein Privatleben; dadurch bot man ihm die Mittel zu seiner Verteidigung, denn in allen diesen Beziehungen war er nicht anzugreifen. Alibaud hatte zwar sein Leben zum Opfer gebracht, wollte aber seine Ehre nicht angreifen lassen, die er durch seinen versuchten Königsmord für unbefleckt hielt. Im Verlauf der Verhandlung wies er siegreich alle Angriffe gegen seine Sittlichkeit und Rechtlichkeit zurück. Als er jedoch bis zur Verteidigung seines Verbrechens schreiten wollte, erregten seine kühnen Worte auf den Bänken des edlen Gerichtshofes ein Murmeln der Mißbilligung, vor welchem er schweigen mußte. Ich kann nicht umhin, der kostbaren Sammlung Fouquiers den dramatischen Bericht dieses Audienztermines, welcher die schreckliche Energie Alibauds ins Licht setzte, zu entlehnen. Nach der Verteidigungsrede seines Advokaten wurde Alibaud befragt, ob er noch etwas zu seiner Verteidigung hinzuzufügen habe. Er erhebt sich, entfaltet die Blätter einer Handschrift und liest mit lauter und fester Stimme folgendes: »Meine Herren Pairs! Ich habe niemals daran gedacht, meinen Kopf zu verteidigen; meine Absicht war, Ihnen denselben in loyalster Weise darzubringen, und ich glaube, daß Sie ihn ebenso angenommen hätten. Ein Verschwörer führt sein Werk zum Gelingen oder stirbt; mir jedoch mußte im Fall des Gelingens oder im entgegengesetzten Fall der Tod zuteil werden. Ich wollte meinen Feinden nicht lebend in die Hände fallen; ebenso wollte ich, wenn mein Vorhaben gelang, nur einen glorreichen und populären Tod erlangen. Ich ergreife also das Wort nicht, um meinen Kopf zu verteidigen. Sie haben etwas an mir angeklagt, was viel höher zu schätzen ist als mein Leben: die Ehre. Diese will ich verteidigen, weil ich damit auch zugleich diejenigen, welche meinen Namen führen, verteidige. Meine Herren, die Anklageakte ist nur von Leidenschaft, von Bitterkeit und Lüge diktiert.« Indem er dem Staatsanwalt einen Blick voll Haß und Verachtung zuwarf, rief er: »Man hat mir niedrige Gesinnungen zugeschrieben; es fehlte nur noch, daß man mich als einen jener Ränkeschmiede, welche unter der Julisonne erblühten, dargestellt hätte. Was mich anbelangt, so war ich im Juli 1830 Militär und stand zu Paris in Garnison. Ich verließ die Sache Karls X., um mich der des Volkes zu widmen. Das ist alles, was ich von jener Revolution verlangte; deshalb liest man ohne Zweifel in Ihrer Anklageakte, ich würde von Habsucht verzehrt, besäße aber nicht den Mut, dieselbe durch Arbeit zu befriedigen. Der Mensch besitzt ein persönliches Recht gegen die Tyrannei. Wenn ein Fürst die Verfassung des Vaterlandes verletzt und sich über das Gesetz stellt, so sind die Menschen nicht verpflichtet, sondern nur gezwungen, zu gehorchen. In bezug auf Philipp I. hatte ich dasselbe Recht, von welchem Brutus gegen Cäsar Gebrauch machte.« Lebhafte Unterbrechung. »Man hat mich einen Mörder genannt: meinetwegen. Aber man hat mich auch einen Feigling genannt; darüber bin ich jedoch anderer Meinung, meine Herren Pairs! Als ich den König angriff, war er von mehr Soldaten verteidigt, als Napoleon hatte, um seinen Thron wiederzuerobern. Der regierende König ist für alle Handlungen, welche von der Macht ausgehen, verantwortlich; wenn der König über Paris den Belagerungszustand verhängt, so versetzt er sich selber in den Fall, weswegen er den Exminister Polignac durch die Pairskammer verurteilen ließ. Armes Volk! Du wirst erniedrigt und läßt deine Ohren hängen; bald wirst du deinen Rücken den Stockschlägen hinhalten, denn dahin wird es kommen. Der Königsmord ist das Recht des Menschen, der nur durch seine Hände Gerechtigkeit erlangen kann.« Lautes Murren auf den Bänken der Pairs. Der Präsident Pasquier warf einen fragenden Blick auf die Versammlung und sagte dann: »Ich kann Sie nicht in dieser Sprache fortfahren lassen; setzen Sie sich!« Alibaud mit erregter Stimme: »Sie verlangen meinen Kopf; mir steht es zu, ihn zu verteidigen.« Er ist bleich, sein Körper wird von krampfhaftem Zittern befallen; er bleibt aufrecht stehen, das Auge starr auf den Vorsitzenden gerichtet. Zwei Munizipalgardisten fassen den Angeklagten bei den Schultern und nötigen ihn, sich niederzusetzen. Er setzt sich, zwingt sich zur Fassung und überreicht sein Manuskript Herrn Ledru. Der Präsident zu Herrn Ledru: »Verteidiger, Sie dürfen dieses Schriftstück nicht behalten; dergleichen zu Prozessen gehörige Schriftstücke müssen in der Kanzlei niedergelegt werden.« Herr Ledru: »Ich nehme es, Herr Präsident; der Gerichtshof kann sich auf meine Verschwiegenheit und Vorsicht verlassen.« Der Präsident lebhaft: »Stellen Sie dieses Schriftstück dem Gerichtsschreiber zu.« Herr Bonjour steht auf; Alibaud ergreift ihn beim Arme. »Verzeihen Sie!« sagte er zu ihm. »Ihre Absicht ist, Gnade oder Mitleid für mich zu verlangen. Nein, nein! Ich will meinen Feinden nur Haß und einigen Bürgern Achtung einflößen.« Nachdem der Staatsanwalt eine kurze Replik gehalten und Alibaud noch einmal gefragt worden, ob er noch etwas zu seiner Verteidigung hinzuzufügen habe, verlangt er sein Manuskript wieder. Man gibt es ihm. Mehrere Male vom Präsidenten unterbrochen, liest er einige Sätze. »Der Königsmord ist eine ewige Notwendigkeit, welcher ich gehorchen muß. Der Urheber meines Unglücks ist der König, welcher Frankreich regiert; die Korruption herrscht unter den Beamten der Regierung.« Auf formellen Antrag des öffentlichen Ministers wird ihm das Wort entzogen und der Gerichtshof fällt das Urteil, wodurch er zur Strafe der Vatermörder verdammt wird. Alibaud wurde also im Hemde, barfuß, das Gesicht mit einem schwarzen Schleier verhüllt, zur Hinrichtung gefühlt. Während dieses letzten grausamen Auftritts verleugnete sich sein männlicher Mut keinen Augenblick. Da die Jahreszeit günstig war, konnte man seine Hinrichtung auf eine frühe Stunde festsetzen. Es war wirklich noch nicht fünf Uhr, als wir auf dem Rundplatze der Barrière St. Jacques ankamen, wo wir dieselbe Militärmacht wie bei Fieschis Hinrichtung aufgewandt fanden. Alibaud stieg mutig, aber ohne Prahlerei auf das Schafott; bevor er sich dem Gehilfen überlieferte, wendete er sich an die Zuschauer dieses blutigen Schauspiels und sagte mit fester Stimme: »Ich sterbe für die Freiheit und die Vernichtung dieser schändlichen Monarchie.« Darauf senkte sich das Fallbeil auf das Haupt dieses unglücklichen jungen Mannes, der ohne Zweifel sehr strafbar war, aber einen so vorteilhaften Gegensatz zu dem zuvor an derselben Stelle Hingerichteten Fieschi bildete, daß man in Frankreich, wo man den Mut achtet, das Schicksal dieses neuen Opfers des politischen Fanatismus, welches mit Heldenhaftigkeit alle Prüfungen seiner Lage ertragen hatte, aufrichtig bemitleidete. Salmon, Poulmann Am Donnerstag, dem 30. November, wurde auf dem Platze St. Jacques Henri Salmon hingerichtet, welcher im Gehölz von Vincennes einen gewissen Séchepine ermordet hatte. Wie man weiß, überließ ich seit einiger Zeit Piot die Sorge, die Einzelheiten der Hinrichtungen zu versehen. Zu meinem großen Erstaunen meldete er mir, daß Henri Salmon den Wunsch geäußert, ich selber sollte seiner Leichentoilette vorstehen. Ich konnte nicht umhin, einzuwilligen, und als ich den Unglücklichen fragte, was ihn auf diesen Gedanken gebracht habe, sagte er, er kenne mich und meine Familie schon seit längerer Zeit und wisse, daß wir gut und menschlich wären; er rechnete daher auf mich, daß ich seine letzten schrecklichen Augenblicke soviel wie möglich mildern werde. Ich war tief gerührt davon und tat alles, was in meiner Macht stand, um den Unglücklichen bei einer so schrecklichen Prüfung zu unterstützen. Salmon hatte als Nachfolger auf dem Schafott einen Mann, der uns diese Mühe nicht verursachte, ich meine den berüchtigten Poulmann, genannt Durand oder Legrand, dessen schimpfliche Berühmtheit einen Augenblick der des Lacenaire die Wage hielt. Poulmann war in der Tat ein Ausnahmecharakter, und wenngleich er nicht, wie sein Nebenbuhler, das Verbrechen und den Mord zum Grundsatz erhob, so war er jedenfalls mit größerer Körperkraft ausgerüstet, um auf einer solchen Laufbahn zu glänzen. Er hatte einen siebzigjährigen Greis, welcher zwischen Marmont und Rangis ein einsam liegendes Wirtshaus hielt, ermordet; am 27. Januar zum Tode verurteilt, verzichtete er auf die Appellation. Als die Stunde der Strafe schlug, bewies er den erstaunlichsten Mut. Im Gegensatz zu denjenigen, welche in religiösen Betrachtungen ihren Trost finden, schöpfte er den seinen aus einem entsetzlichen Materialismus, mittels dessen er jeden Gedanken an ein anderes Leben zurückwies. Der Tod war für diesen unglücklichen Ungläubigen nur den »Übergang vom Leben zum Nichts« in einem Augenblick zu überspringen, um von allen menschlichen Empfindungen befreit zu sein. In den Augen solcher Menschen ist die brutale Gewalt die Herrscherin der Welt. Poulmann war besonders stolz auf die seinige. Man fürchtete, er würde in den letzten Augenblicken Proben davon ablegen und der Vollstreckung des Urteils Widerstand entgegensetzen. Ich war aus diesem Grunde angewiesen worden, die Zahl der Gehilfen zu verdoppeln. Diese Befürchtungen verwirklichten sich jedoch nicht. Er ließ sich das Haar ohne Widerspruch abschneiden; als man sich ihm aber näherte, um ihm die Hände zu binden, zauderte er einen Augenblick. »Was wollt ihr?« fragte er in barschem Tone. Ich trat vor und sagte ihm, es sei Gebrauch, allen Verurteilten die Hände zu binden, und dies sei unumgänglich nötig. »Ist es wenigstens gewiß, daß Ihr es mit allen so macht? Wenn ich glauben sollte, es geschähe nur mit mir allein, so wollte ich Euch und Eure ganze Clique hundert Schritte weit schleudern.« Poulmann hatte hartnäckig und oft in übler Laune die Tröstungen der Religion zurückgewiesen. Er wollte sogar nicht zugeben, daß der Abbé Montès ihn auf dem Wege von La Roquette nach der Barrière St. Jacques begleite. Der würdige Priester war genötigt, in einer besonderen Kutsche voraufzufahren, um am Hinrichtungsorte zu sein, falls der Anblick des Todesgeräts diesen verhärteten Schuldigen zur Reue stimmen sollte. Dem geschah nicht also; Poulmann betrachtete die Guillotine, ohne mit den Augen zu zucken. »Ist es weiter nichts?« fragte er. Ich versichere, daß in diesem Worte weder Verstellung noch Prahlerei zu erkennen war. Es war weiter nichts als die vollständigste Gleichgültigkeit gegen Leben oder Tod; die Seelenkräfte waren durch das körperliche Übergewicht ertötet, und infolgedessen fehlte es ihm an den Gedanken und Empfindungen, welche alle Geschöpfe beseelen, in denen sich jene beiden Elemente friedlich vereinigen. Auf dem Schafott angekommen, wendete sich Poulmann an die Gehilfen und sagte zu ihnen: »He, he! Heda! Ihr da! Wollt ihr mir nicht ein Zwanzigsousstück für den Totengräber in die Tasche stecken? Es ist nicht gerade warm, und der arme Schlucker wird nach seinem Geschäft nötig haben, sich durch eine Flasche guten Wein zu erwärmen, um auf meine Gesundheit zu trinken!« fügte er mit plumpem Gelächter hinzu. Piot erfüllte eilig seinen Wunsch. »Die ganze Gesellschaft lebe wohl!« rief Poulmann; »auch du, meine geliebte Louise, mein letzter Gedanke. Du bist mehr zu beklagen als ich, denn du lebst noch, und wir werden uns nicht wiedersehen.« Dieser Ruf war an seine Mätresse namens Marie Louise Frenot gerichtet, welche durch dasselbe Erkenntnis zu zwanzigjähriger Strafarbeit verurteilt worden war. Um acht Uhr morgens war Poulmann hingerichtet.   Am Montag, dem 28. Oktober 1844, fand eine Hinrichtung zu Versailles statt. Antoine Pont, ein Grundbesitzer und Gehilfe des Maire der Gemeinde d'Epinay-sous-Senart, hatte seine Frau am 24. Januar 1843 vergiftet und seine Mätresse namens Louise Monteneau am 5. April desselben Jahres im Walde von Senart ermordet und war infolgedessen von dem Assisenhofe der Seine und Oise zum Tode verurteilt. Der Stand des Verurteilten und die Scheußlichkeit seiner Verbrechen hatten großes Aufsehen erregt, und es fand sich deswegen eine ungeheure Volksmenge bei seiner Hinrichtung ein, welche sich wenig menschlich zeigte und den Delinquenten bis an den Fuß des Schafotts mit Schimpfreden verfolgte.– Hier enden die Notizen, welche ich, dem Gebrauch meiner Vorfahren folgend, über die Hinrichtungen gemacht habe. Ich weiß nicht und will nicht wissen, ob Piot diese blutige Nekrologie fortgeführt hat. Was mich betrifft, so entsank die Feder meinen Händen; mehr als hundert Köpfe, die in einem Vierteljahrhundert fielen, haben meine Kräfte erschöpft. Seit vier Jahren hatte ich meinen Vater verloren; ich glaubte, der kindlichen Liebe, die mich sein schweres Amt zu übernehmen bewog, hinlänglich Rechnung getragen zu haben. Ich blieb dem Namen nach Scharfrichter, bis man daran dachte, sich des Müßiggängers der Guillotine zu entledigen. Piot verrichtete den ganzen Dienst, und ich beschränkte mich darauf, ihn durch meine Gegenwart zu ermutigen. Die beiden einzigen Hinrichtungen dieser ganzen Zeit, welche eine Spur in meinem Gedächtnis zurückließen, waren die des Fourier, des Häuptlings der Bande der Escarpes, und die des Lecomte, des letzten Königsmörders, welcher Louis Philipp nach dem Leben trachtete. Der erste war fast noch ein Kind, welches früh von seinen Eltern verlassen worden war und im letzten Augenblick, wie Foulard, ein Rachegeschrei gegen sie erhob, indem er ihnen die Verantwortlichkeit für seinen Untergang zur Last legte; der zweite war ein alter Militär, ein tapferer Unteroffizier, welcher des Ehrenzeichens beraubt werden mußte, ehe man ihn der schimpflichen Todesstrafe überlieferte. Er starb mit stoischer Festigkeit. Meine lange vorhergesehene Abberufung erfolgte im Jahre 1847; man weiß, wie ich sie aufnahm. Eine Schar von Bewerbern machte sich das alte Erbteil meiner Familie streitig; keiner von denen, welche sich darum bewarben, erhielt dasselbe. Nachwort Ich bin zu Ende. Ist es nötig, dem Leser erst anzuzeigen, welchen Schluß er zunächst aus diesem Buche zu ziehen habe, welches sich von der Zeit der Überlieferung und der historischen Erinnerungen, bis auf die von mir gesehenen und erzählten Begebenheiten erstreckt? Welches ist das Ergebnis der Bilanz von hundertundelf Menschenköpfen, die ich auf den Altar der Justiz niedergelegt habe? Das Resultat ist gleich null! Wo in dieser langen Reihe von Hinrichtungen hat man wirklich gefunden, daß die abscheuliche Strafe, mit welcher die menschlichen Gesetze in die göttliche Macht eingreifen, durch wirkliche praktische Vorteile das ersetze, was theoretisch Scheußliches darin enthalten ist? Wo hat man gesehen, daß dem Verbrechen dadurch vorgebeugt oder auch nur, daß dasselbe durch ein heilsames Beispiel zurückgeschreckt worden wäre? Etwa unter denjenigen Verurteilten, welche es nicht einmal der Mühe für wert hielten, von der Appellation Gebrauch zu machen? Etwa unter denjenigen, welche nur zu Zwangsarbeit oder langwieriger Haft verurteilt waren und sich beeilten, ein neues Verbrechen zu begehen, um die Galeeren mit dem Schafott zu vertauschen? Etwa unter der Menge von Delinquenten, welche fast alle festen Schrittes und ruhigen Blickes zum Tode gehen und sich stellen; als verachteten sie die ihnen auferlegte Strafe? Benoît allein zittert in diesem fürchterlichen Augenblick und verrät einen tiefen Schrecken; aber Benoît, diese weibische, durch Ausschweifungen entnervte Natur, ist eine ungeheuerliche Ausnahme, und trotzdem ist dieser kaum volljährige Schurke, der den Tod so sehr fürchtete, durch kein Entsetzen zurückgehalten worden; in noch zartem Alter bebte er nicht vor zwei Mordtaten zurück, an die nur zu denken uns vor Abscheu schaudern macht. Was soll man erst von Chandelet, von Defournel und anderen sagen, welche mit lächelnden Lippen und singendem Munde der ihnen auferlegten Strafe Hohn sprechen? Was soll man von Lacenaire denken, welcher sich der Strafe so überlegen zeigte, daß man sich aus Achtung vor der Sittlichkeit gezwungen sieht, seinen Ruf zu verleumden und ihn einer Schwäche zu zeihen, die er in der Wirklichkeit nicht fühlte? Was soll man von Poulmann sagen, dieser personifizierten Roheit und Mordtat, der den Kelch seiner Todesstrafe mit derselben Sorglosigkeit leert, als ob er am Tische eines Weinschänkers ein Glas Wein tränke? Sind das die Menschen, die ihr mit eurem düsteren Schreckbild, worüber die meisten lachen, im Zaume halten wollt? Haben sie nicht der Guillotine, jenem scheußlichen Werkzeuge, das ihr zum Palladium der menschlichen Gesellschaft erheben wolltet, ihren Spottnamen gegeben, nennen sie dieselbe nicht die Witwe, die Abtei von Monte-à-regret ? Es wird mit der Todesstrafe wie mit allen grausamen Strafen gehen, welche nach und nach von unseren richterlichen Einrichtungen verschwunden sind. Wenn das Gesetz auch noch einwilligt, zu töten, so hat es wenigstens auf das Recht verzichtet, seine Opfer leiden zu lassen; dies ist schon ein Fortschritt zur Vernunft und Menschlichkeit. Wenn aber das Gesetz die Guillotine zum Werkzeug der Todesstrafe wählt, ist es auch gewiß, seinen Zweck erreicht zu haben? Ich meinesteils glaube es, obwohl ich zuweilen seltsame Zuckungen auf den Gesichtern der Köpfe sah, welche vor meinen Augen in den verhängnisvollen Korb fielen. Ich wollte darin nur automatische Bewegungen der dem Nervensystem dienstbaren Muskeln erblicken. Aber nicht jeder ist dieser Ansicht. Gelehrte Physiologen und Männer, welche in die Geheimnisse der Anatomie tief eingedrungen sind, haben bestätigt, daß der Schmerz längere oder kürzere Zeit in dem Gehirn, als dem Mittelpunkte der Empfindung, nachwirke. Wenn dies wirklich der Fall wäre? Man kann nicht ohne Schaudern daran denken. Unsere vorgebliche Menschlichkeit wäre dann nichts als eine raffinierte Barbarei. Die Todesstrafe hat ihre Zeit gehabt. Wenn man sie abschafft, wird man zugleich eine Klasse von Beamten von einer höchst peinlichen Pflicht befreien; ich erhebe um so lauter meine Stimme für sie, weil ich nicht mehr zu ihnen gehöre. Man verhelfe diesen Männern wieder zu der Achtung ihrer Mitbürger, welche sie nur unter der Herrschaft eines vernunftwidrigen Vorurteils verloren haben! Noch als Greis habe ich über diesen Gegenstand alle Ansichten meiner Jugend und meines reiferen Alters bewahrt. Es ist unvernünftig, dem Scharfrichter allein den ganzen Widerwillen, den die Todesstrafe einflößt, aufzubürden. Ist dieser Beamte vielleicht schuldiger als der Beamte des Gerichtshofes, dessen Pflicht es war, die Verurteilung herauszufordern und das Gutachten der Geschworenen darauf hinzulenken? Ist er etwa schuldiger als die Geschworenen, die bei der Wahl zwischen einem Nein, welches das Leben in sich schließt, und einem Ja, welches den Tod fordert, sich für die mörderische Silbe entschieden? Ist er strafbarer als die Mitglieder des Gerichtshofes, die dem Todesurteile, indem sie es aussprechen, Gesetzeskraft verleihen; oder ist er strafbarer als der Kassationshof, der, indem er die Appellation des Unglücklichen verwirft, dem Verurteilten die einzige und letzte Hoffnung raubt? Darf ich die Frage wagen, ob er endlich schuldiger sei als der Souverän, welcher, indem er noch das Leben dieses Unglücklichen in einem Tropfen Tinte in der Spitze seiner Feder schwebend hält, sich entscheidet, er dürfe das schönste Vorrecht der Krone nicht ausüben und müsse das Gnadengesuch verwerfen? Verhüte Gott, daß ich mit diesem Worte einen Tadel sogar gegen jene erhabenen Beschützer der menschlichen Gesellschaft aussprechen wollte, welche ihre ernste Pflicht mit edler Festigkeit und sogar mit Verleugnung ihrer eigenen Gefühle ausüben! Verhüte Gott, daß ich die Anmaßung hätte, zwischen ihnen und dem demütigen Vollstrecker des Gesetzes einen unehrerbietigen Vergleich anzustellen! Ich will nur das logische Band andeuten, welches dem letzteren eine so schwere Aufgabe auferlegt und infolgedessen die Vernunftwidrigkeit jenes Vorurteils, welches ihn mit Schimpf beladet, gegen den ihn die menschliche Gesellschaft schon um ihres eigenen Vorteils willen schützen sollte. Also Achtung vor den Männern, welche, auf den oberen wie auf den unteren Sprossen der menschlichen Gesellschaft stehend, die ihnen auferlegte Pflicht in ehrenhafter Weise erfüllen; aber unerbittlichen Krieg gegen die Einrichtungen, welche, von tatsächlicher Gebrechlichkeit betroffen, sich nur dadurch erhalten, daß sie die öffentliche Meinung verletzen! Soviel über die Todesstrafe, die verdammt sei, in nächster Zeit aus unseren Gesetzbüchern gänzlich zu verschwinden! Möge diese heilige Reform mir am Rande meines Grabes leuchten; dann will ich es nicht bedauern, dieses traurige Bekenntnis niedergeschrieben zu haben, in welchem ich mich selber anklagen mußte, mehr als hundert Köpfe gefällt zu haben. Eine andere Absolution verlange und erhoffe ich nicht!