Franz Treller Der König der Miami Begegnung auf dem Ontario Ein heftiger Sturm peitschte die Wasser des Ontariosees und wühlte seine Fluten bis in die Tiefe auf. Weißmähnigen Riesenrossen gleich jagten die Wogen dahin; die Luft sprühte vom Gischt, den der harte Südwest den Wellenkämmen entführte. Der riesige See glich einem Meer im Orkan; die bergehohen Wogen bedrohten alles Lebende auf seiner Oberfläche. Die Geräusche des Sturmes und der übereinanderstürzenden Wassermassen vereinigten sich zu einer unheimlichen Sinfonie. Unter dem fahldüsteren Himmel jagten die schwarzen Wolken wie gespenstige Schiffe dahin; sie hingen so tief, daß sie die haushohen Wellenköpfe zu berühren schienen. Da der Sturm plötzlich und unvermittelt eingesetzt hatte, ohne warnende Boten vorauszusenden, hatten nicht alle Fahrzeuge, die sich in diesem Augenblick auf dem Ontario befanden, rechtzeitig das schützende Ufer erreichen können. Ein einzelnes leichtes Rindenkanu kämpfte hart mit den Wogen; gleich einer Nußschale wurde es hin und her geworfen. In dem winzigen Fahrzeug saßen drei Männer, die es mit einer bewundernswerten Ruhe und Kaltblütigkeit lenkten. Einer der drei Indianer – denn um solche handelte es sich – handhabte das Steuer, während die beiden anderen die schaufelartigen Ruder bedienten. Die Lippen der Männer waren fest zusammengepreßt, die funkelnden Augen unverwandt auf das Wasser gerichtet. Es gehörten nicht nur Mut und Kühnheit, sondern auch eine unvergleichliche Geschicklichkeit dazu, das Kanu vor dem Winde zu halten und seine Bewegungen dem Wellengang anzupassen. Ein einziger falscher Ruderschlag, ein kurzes Nachlassen des Steuers mußten unweigerlich dazu führen, das leichte Gefährt quer vor den Wind zu bringen und es damit dem sicheren Untergange zu weihen. Denn das Ufer war weit und Hilfe nirgendwo zu erwarten. Zwei der Indianer waren bereits gesetzten Alters, der dritte ein noch sehr junger Mann, der indessen sein Ruder mit gleicher Sicherheit wie sein älterer Gefährte führte; auch sein Gesicht zeigte die gleiche steinerne Ruhe. Das Kanu tänzelte wie ein Spielzeug zwischen den Wellen, bald verschwand es zwischen den Wasserbergen, bald erschien es auf der Spitze eines Wellenkammes, vom Gischt umsprüht. Mit unheimlicher Geschwindigkeit, mehr vom Sturm als von der Muskelkraft seiner Insassen getrieben, jagte es unaufhaltsam gen Osten. Plötzlich begann einer der Indianer zu singen. Die getragenen, eintönigen Laute mischten sich mit dem Donnern des Sturmes und dem Gurgeln der Wellen; es war, als verschmölzen sie mit dem Tosen der Elemente zu einer phantastischen Melodie. Die beiden Gefährten des Singenden hörten zu, ohne in ihren Anstrengungen im geringsten zu erlahmen. Nicht jedes Wort des Gesanges wurde deutlich, aber immer wieder hoben sich klar und deutlich einige Satzfetzen aus dem großen Brausen heraus: »Nana-bosch, großer Manitu – du bist über allem – du bist gut! Die Wasser beherrschst du und den Wind in den Lüften! Sieh deine Kinder in Not, Nana-bosch! Sollen sie leben, so besänftige das Wasser! Sollen sie sterben, so öffne das Tor zu den ewigen Gründen! Du bist groß, Nana-bosch, du bist gut, deine Kinder sind dein!« Die Worte klangen auf, vermählten sich mit dem Toben der Wasser und Winde und ertranken darin. Unentwegt handhabten die drei Indianer Ruder und Steuer, aber ihre Kräfte begannen allmählich zu erlahmen. Was hier gefordert wurde, ging über Menschenkraft. In einiger Entfernung von dem Kanu jagte mit stark verkürzten Segeln eine Sloop über die schäumenden Wasserberge vor dem Winde dahin. Am Steuer des gedeckten Fahrzeuges stand ein hünenhafter, breitschulteriger Mann, zwei andere hielten sich an den Wanten des starken Mastes, der das dreifach gereffte Hauptsegel trug. Auch dieses ungleich stärkere und widerstandsfähigere Fahrzeug hatte alle Not, sich vor der wuchtigen Gewalt niederstürzender Wellenberge zu sichern; es wurde kaum weniger hin und her geworfen. Der ältere der beiden am Hauptmast stehenden Männer löste sich vorsichtig von den Wanten und turnte, sich mit einer Hand an der Bordwand haltend, zu dem Steuermann hinüber. »Was meinst du, Bob? Wie siehst du die Lage?« brüllte er dem Mann am Rad durch das Tosen des Sturmes zu. »Meine gar nichts, Sir«, brüllte der Steuermann zurück, »halte mein Schiff vor dem Wind. Sonst ist nichts zu tun.« »Welche Richtung halten wir?« »Denke Nordost mit ein paar Strich Ost. Müssen bald Land sichten.« »Und dann, Bob? Was wird dann?« Der Riese zuckte die Achseln: »Müssen versuchen, aufzulaufen. Einzige Möglichkeit, uns zu retten.« »Werden vermutlich zu Bruch gehn bei dem Versuch.« Ein grimmiges Lächeln verzog das Gesicht des Steuermanns: »Warten wir's ab. Ganz kampflos soll der Ontario Bob Green jedenfalls nicht haben. Die Molly hält, Gott sei Dank, einen Stoß aus.« »Wollen's also dem Alten da oben überlassen, Bob.« »Ihm, der Molly und mir«, sagte der Steuermann. In diesem Augenblick kam der dritte Mann der Sloop-Besatzung über das schwankende Deck heran. Es war dies ein junger Bursche von athletischen Formen mit einem klaren, offenen Gesicht. Er streckte den linken Arm aus und schrie, um sich in dem fürchterlichen Getose verständlich zu machen: »Seht doch, da drüben!« Die beiden anderen sahen in der Richtung des ausgestreckten Armes über Bord und gewahrten hoch auf dem Kamm einer schäumenden Welle das tänzelnde Rindenkanu. »Alle Wetter!« knurrte der Mann am Steuer. »Eine solche Nußschale noch mitten auf dem See! Die machen's nicht lange mehr; erreichen das Ufer nie und nimmer.« Der ältere der beiden anderen, überhaupt der älteste der drei, hatte das Glas vor den Augen und folgte den Bewegungen des Kanus im Tanz der Wogen. »Sind Rothäute«, sagte er,«und zwar drei.« »Soll'n also von mir aus zum Teufel gehen«; Bob Green, der Steuermann, verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Etwas weniger Ungeziefer auf der Welt!« »Sind Gottes Geschöpfe wie Ihr und ich«, sagte der junge Mann. »Daß ich nicht lache!« brüllte Bob Green. »Gottes Geschöpfe! Bluthunde sind's, widerwärtige! Das Stück Blei nicht wert, das man ihnen in den Bauch schießt!« Der Jüngling wandte sich, ohne zu antworten, dem Alten zu. »Wie ist's, Vater«, sagte er, »haben wir wirklich keine Möglichkeit, den Leuten zu helfen?« »Kaum, John«, sagte der Alte. »Selbst wenn wir heranzukommen versuchten; das Kanu würde bei dem Wellengang wie ein Glasscherben an unserer Bordwand zerschellen.« »Finde, wir müßten's trotzdem versuchen, Vater. Es sind Menschen in Lebensgefahr.« »Was denkst du denn, was man tun könnte?« »Ihnen ein Tau zuwerfen. Vielleicht kriegen wir sie doch an Bord.« »Halt's für ausgeschlossen bei dem Sturm, John.« »Dann haben wir unsere Pflicht getan, Vater. Ohne uns sind sie sicher verloren. Da sieh!« Die beiden Fahrzeuge waren näher aufeinander zugetrieben worden; man konnte die Männer im Kanu jetzt vom Deck der Sloop aus deutlicher sehen. »Ihre Anstrengungen lassen nach, ihre Kräfte versagen. Ein Wunder, daß sie sich in dem Hexenkessel überhaupt so lange hielten.« »Zweifellos richtig – sie können nicht mehr«, sagte der Alte, »laß uns also sehen, was wir tun können.« John war bereits mit einem Seil beschäftigt, das zusammengerollt auf dem Hinterdeck lag. Er befestigte das eine Ende am Gangspill und machte sich bereit, das andere dem Kanu zuzuwerfen. Man sah seinen Bewegungen an, daß er Erfahrung in Manövern dieser Art hatte. Wenn die Indianer das Seil zu fassen bekamen, mußte das Kanu in das Kielwasser der Sloop gerissen werden. Der Steuermann sah den Vorbereitungen offensichtlich mißgelaunt zu. Nackter Wahnsinn, Sir«, schrie er jetzt dem Alten zu, »absolut unmöglich, bei diesem Wellengang ein lebendes Wesen an Bord zu bekommen!« »Laßt John gewähren, Bob«, versetzte der Alte ruhig. »Unterlassen wir den Versuch, sind die Männer rettungslos verloren. Seht, daß Ihr auf der Windseite vorbeikommt und haltet genügend Abstand, damit das Kanu nicht gegen unsere Bordwand geschleudert wird.« »Ay, ay, Sir«, knurrte der Steuermann, »ist schon gut. Allerhand Umstände ein paar roter Halunken wegen!« Aber er brachte das Schiff in die erforderliche Richtung; das Steuer gehorchte spielend seiner Faust. Die Sloop näherte sich dem Kanu mit großer Geschwindigkeit. Da John beide Hände für den entscheidenden Wurf frei haben mußte, hatte er sich mit einem leichten Seil an der Bordwand festgebunden. Alle drei lugten jetzt scharf nach dem Indianerboot aus. Schäumend brach sich die Sloop ihre Bahn durch die Wogen; das Wasser, das bei jeder Wellenbewegung in Sturzbächen über Bord hereingeschleudert wurde, floß zu beiden Seiten durch die Speigatte wieder ab. Das kleine Fahrzeug hielt sich wacker in dem furchtbaren Sturm, wozu freilich die Geschicklichkeit des Steuermannes nicht wenig beitrug. John sah jetzt, daß der am Steuer des Kanus stehende Indianer das Manöver der Sloop genau verfolgt hatte. Er schwenkte das Tauende in der Luft, um den Gefährdeten klarzumachen, was er beabsichtige. Doch kam er einstweilen noch nicht zum Wurf; das winzige Rindenfahrzeug verschwand hinter einer Woge und entzog sich seinen Blicken. Als es dann, auf einem Wellenkamm tänzelnd, wieder sichtbar wurde, sah John die Blicke aller drei Indianer auf sich gerichtet. Man hatte im Kanu verstanden, was er wollte. Der Sturm heulte und raste im Takelwerk. Jetzt! dachte John und stemmte sich fest gegen das Bollwerk. Bei dem Toben des Wassers und dem wilden Auf- und Niederschwanken der Sloop gehörte keine geringe Kraft und Geschicklichkeit dazu, das Tau so zu werfen, daß es das Kanu erreichte. Aber John wußte den rechten Augenblick abzupassen, und der Steuermann Bob manövrierte so geschickt, daß immerhin einige Erfolgschancen gegeben waren. Als die Sloop in etwa zwanzig Schritt Entfernung an dem Kanu vorüberglitt, flog das Tau, seine Ringe entfaltend; es fiel zwischen dem Mann am Steuer und den beiden Ruderern genau über das Boot. Im nahezu gleichen Augenblick hatten die drei Indianer das Tau auch bereits ergriffen. Mit der Kraft der Verzweiflung stemmten sie sich mit den Füßen gegen die Bootswand. Es gab einen kurzen Ruck, dann füllte das leichte Gefährt sich mit Wasser und sank; kurz darauf tauchten die drei Indianer im Fahrwasser der Sloop auf. »Nehmt das Steuer, Sir!« rief Bob Green dem Alten zu und griff nach dem von John gehaltenen Tau. Während der Alte schweigend gehorchte, zogen die beiden aus Leibeskräften an dem Tau. Die drei Rothäute tauchten unter. Bob und John zogen unter Aufbietung der äußersten Kraft an dem Tau, aber nur einer der drei Indianer tauchte wieder auf; die beiden anderen waren offenbar untergegangen und ertrunken. »Halt' dich fest, Rothaut!« brüllte Bob, »zieh, Junge, zieh!« Der rote Mann hielt fest; er war jetzt schon ganz nahe. Eine Minute später, das Heck der Sloop lag eben tief im Wasser, streckte der Riese den Arm über die Bordwand und griff in das schwarze, strähnige Haar des Gefährdeten. Gleich darauf lag der triefende Körper des Mannes auf dem Deck. Der Mann war bewußtlos, aber seine knochigen Finger umklammerten immer noch mit eisernem Griff das Tau. Bob band den Körper des Indianers fest, damit er nicht auf dem schaukelnden Deck umhergeschleudert werden konnte, und griff wieder zum Steuer. »Zäh wie eine Katze – so eine rote Bestie!« knurrte er. John, der Ausschau gehalten hatte, ob nicht vielleicht doch noch einer der beiden untergesunkenen Indianer auftauchen möchte, ohne allerdings das Geringste erblicken zu können, kam heran und kniete sich neben den Liegenden. Es war dies ein noch sehr junger Mann mit edlen, fast klassisch geschnittenen Zügen. Er schob ihm eine Rolle Tauwerk unter den Kopf und wandte sich dem Alten zu. »Einen haben wir wenigstens retten können, Vater«, sagte er. »Wollen sehen, ob wir selber gerettet werden«, sagte der Alte. »Land voraus!« brüllte plötzlich Bob und gestikulierte mit einem Arm. Die beiden anderen folgten seinem Blick. Als die nächste Wellenbewegung gleich darauf das Schiff hob, sahen sie es auch: In nicht allzu weiter Entfernung erhob sich ein bewaldetes Ufer, an dem weiß schäumende Wellen emporschlugen. Der Alte wurde fahl im Gesicht; mit weit aufgerissenen Augen starrte er zum Ufer. »Gott sei uns gnädig!« murmelte er, »unsere letzte Stunde ist gekommen.« Obgleich seine Worte im allgemeinen Getose ertranken, hatte der Steuermann sie gleichwohl vernommen. »Vorläufig noch nicht!« sagte er, den massigen Kopf schüttelnd. »Wir sind im Bereich der Tausend Inseln, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn die Molly da nicht ein Schlupfloch fände.« Die zweifellos höchst gefährdete Lage des Schiffes nahm jetzt die Aufmerksamkeit aller drei Männer in Anspruch, so daß sie des geretteten Indianers nicht achteten und also auch nicht wahrnahmen, daß er zu atmen begann. Die Sloop lief mit großer Geschwindigkeit auf die Küste zu, und die Männer starrten dem Streifen bewaldeten Landes entgegen, der Rettung wie Untergang bedeuten konnte. »An die Schote des Großsegels, John!« brüllte Bob. »Laßt es fliegen, wenn ich rufe.« John gehorchte schweigend. Immer näher kam das Land. Einer eisernen Statue gleich stand Bob am Steuer und hielt darauf zu. Knapp tausend Schritt vor ihnen toste die Tod und Untergang verheißende Brandung. Es schien fast zu spät, als Bobs scharfes Auge eine Lücke in der weiß schäumenden Wand erblickte; seine Hand riß mit eisernem Griff das Steuer herum, das Schiff gehorchte, und der Bug der Sloop hielt hart auf das Brandungstor zu. Auf und nieder wogte das kleine, feste Schiff; zur Rechten und Linken brandeten die Wogen. Unmittelbar vor ihnen aber war offenes Wasser, von uralten Baumriesen flankiert. Und dann sahen sie vor sich den dicht bewaldeten Uferhang. Darauf zuzuhalten, schien sicherer Untergang, andererseits gab es jetzt keine Möglichkeit des Ausweichens mehr. Mit starren Augen blickten die Männer auf die drohend näherkommende Wand, darauf gefaßt, sich beim Aufprall des Schiffes mit zerschmetterten Gliedern wiederzufinden. Da plötzlich machte der Kanal, in den sie eingelaufen waren, eine jähe Biegung nach links. »Gott sei uns gnädig!« murmelte der Alte. »Segel los!« brüllte der Steuermann. John, der auf dieses Zeichen gewartet hatte, reagierte blitzschnell; das große Segel blähte und füllte sich im Anprall des Windes. Mit gewaltiger Kraft riß der Riese das Steuer hart backbord, es war, als handhabe er einen Kahn. Das Schiff gehorchte dem Steuer und fiel scharf über den linken Bug ab. Und abermals erblickten sie Land, diesmal aber eine flache, sandige Küste. Der Kanal wandte sich jetzt mit leichter Biegung nach rechts, aber die Sloop war bei dem starken Wind und dem geringen Raum unfähig, die Wendung zu machen. Bob versuchte es erst gar nicht; er ließ die Molly geradeaus auf den Strand auflaufen. Alle drei Männer stürzten bei dem heftigen Anprall zu Boden, über ihnen war ein Splittern und Krachen; der schwere Mast barst wie ein Streichholz und kippte vornüber. Die Molly aber lag fest auf Strand, mit dem Bug tief in den Sand eingegraben, während die Wellen das aufragende Heck umbrandeten. Bob, der nicht eben sanft gefallen war, stand auf und grinste über das ganze Gesicht. »Alsdann, Sir«, sagte er, »wir haben dem alten Ontario ein Schnippchen geschlagen. Die Molly liegt sanft gebettet. Ich denke, wir kriegen sie wieder flott.« Auch John und der Alte erhoben sich nun. »Hast du dich verletzt, Vater?« fragte der Junge besorgt. Der Alte schüttelte den Kopf. Er war wie die beiden anderen mit ein paar leichten Prellungen davongekommen. Die Sloop lag völlig bewegungslos; von dem wilden Tosen der See war hier nur noch wenig zu spüren. Sie waren unzweifelhaft gerettet. Und ganz so, als hätte der Sturm seine Wut überhaupt nur an dem kleinen Schiff auslassen wollen, begann er sich jetzt zu beruhigen, und nicht lange danach lag der Ontario so friedlich und still unter dem Himmel, als vermöchte er kein Wässerchen zu trüben. Der Alte öffnete die unter Deck führende Luke und kletterte in den Kielraum hinab, in dem die Ballen und Fässer der Ladung gestapelt lagen. Zu seiner Freude stellte er fest, daß das Schiff kein Leck hatte. Es war, bis auf den gebrochenen Mast, unbeschädigt auf Schlamm und Sand aufgelaufen; die Ladung war trocken. Wir können wahrhaftig Gott danken«, sagte er, wieder an Deck kommend, »wir haben nicht nur das Leben gerettet, sondern auch die Ladung.« »Hart genug am Tode vorbei ist's gegangen«, meinte John. Der Alte reichte dem Steuermann, der sich bereits eine Pfeife angezündet hatte und dicke Qualmwolken erzeugte, die Hand. »Nächst Gott haben wir es Euch zu danken, daß wir jetzt nicht samt Ladung irgendwo auf dem Grund des Sees liegen«, sagte er, »ich werd' Euch das nicht vergessen.« »Laßt's gut sein, Sir«, entgegnete der Steuermann. »Ich werd' mit dem alten Ontario immer noch fertig; er kennt den Robert Green, und ich kenn' ihn auch. Er hat manchmal seine Mucken, der Gute, aber zum Schluß sind wir immer noch miteinander ausgekommen.« Ihre Aufmerksamkeit richtete sich nun auf den jungen Indianer, der zu sich gekommen war, auf dem nassen Deck saß und mit verstörten Blicken um sich sah. Der Oberkörper des roten Mannes war nackt, vom Gürtel abwärts war er mit Leggins aus gegerbter Hirschhaut und Mokassins aus dem gleichen Material bekleidet. John trat heran und löste das Tau, mit dem er den Indianer zu seinem eigenen Schutz angebunden hatte. Der Rote erhob sich und sah sich mit halb scheuen, halb verwunderten Blicken um. Er sah das Schiff, auf dem er stand, den gebrochenen Mast, den sandigen Strand und den sich in einiger Entfernung erhebenden Wald. Schließlich sah er John gerade ins Gesicht. John lächelte schwach. »Spricht oder versteht mein Bruder die Sprache der Yengeese?« fragte er. Der Indianer antwortete nicht; er mochte die Frage auch nicht verstanden haben, seine großen schwarzen Augen starrten unter der leicht in Falten gezogenen Stirn auf den jungen Weißen. John sah, daß der rote Mann prachtvoll gewachsen war; das feuchte, schwarze Haar fiel ihm bis auf die Schultern herab und umrahmte das klare Gesicht mit den harten Linien und den fest zusammengepreßten schmalen Lippen. Er war etwas kleiner und wirkte im ganzen auch schmächtiger als John, doch konnten beide, der breitbrüstige, blonde Angelsachse und der schlanke, drahtige Indianer, als nahezu vollkommene Vertreter ihrer Rassen gelten. Der Indianer stieß ein paar gutturale Laute aus. Bob Green, der hereingekommen war, schaltete sich ein. »Ein Seneca ist's jedenfalls nicht«, sagte er, »wahrscheinlich überhaupt kein Irokese. Sollte es gar ein Hurone sein?« Ein Funke des Hasses blitzte in seinen Augen; John griff unwillkürlich nach seinem Arm. »Versteh' das Mingo-Kauderwelsch nicht«, knurrte der Steuermann. »Wenn er vielleicht ein Lenni-Lenape wäre?« tastete John; »die Algonkin-Dialekte ähneln einander alle; hier und da habe ich ein paar Worte aufgeschnappt.« Er runzelte die Stirn und kramte in seiner Erinnerung. »Zu welchem Volke gehört mein Bruder?« brachte er schließlich im Dialekt der Lenni-Lenape zusammen. In den Augen des jungen Roten blitzte es kurz auf; sein Mund stieß hastig ein paar Worte heraus. »Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hat, aber ich habe ihn verstanden«, sagte John, »er fragt nach seinen Gefährten.« Wieder dem Indianer zugewandt, wies er ernsten Gesichts mit der Hand auf den See hinaus. »Ewige Jagdgründe – bei Manitu!« stammelte er. Der Indianer sah ihm starr ins Gesicht und wandte den Kopf dann langsam dem See zu. Ein Schatten fiel wie ein Vorhang über sein Gesicht. Er ging langsam mit gleitenden Schritten zum Vorderdeck, sank dort in die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Vielleicht war einer der Ertrunkenen sein Vater; er ist noch sehr jung«, sagte John leise. Der Alte nickte, und Bob Green nahm die Pfeife aus dem Mund, räusperte sich und knurrte etwas Unverständliches. Er ist weder Hurone noch Irokese«, sagte John; »soviel steht fest. Er gehört irgendeinem der Algonkin-Völker an, mag er nun ein Ottawa, ein Lenni-Lenape oder ein Shawano sein.« Hab' nur mal kurz mit den Seneca zu tun gehabt«, knurrte Bob« »ist eine gefährliche Rasse, aber schließlich immer noch nicht so gefährlich wie die Huronen, die Satanskerle, die den Frenchers die Geschäfte besorgen. Hätt' mir verdammt leid getan, wenn ich geholfen hätte, so einem verdammten Mingo das Leben zu retten. Na, mag die Rothaut von mir aus sein, was sie will. Mach uns Kaffee, John; dann wollen wir überlegen, wie wir aus der Schweinerei hier mit einigem Anstand wieder herauskommen.« Es währte nicht lange, da stieg den Männern der würzige Duft des braunen Getränkes verlockend in die Nase. Bob Green brachte grinsend eine Rumflasche heran. »Kaffee ist was für Weiber«, sagte er, »mit einem guten Schuß Rum wird's ein erträgliches Männergetränk.« John breitete Schinken, kalten Braten und Maisbrot aus, und alle gaben sich nach den mit knapper Not überstandenen Strapazen dem Genuß einer kräftigen Mahlzeit hin. Die Pirateninsel Bei dem ›Alten‹, wie wir ihn bisher kurz genannt haben, handelte es sich um Mister Elias Burns, einen Farmer, dessen nicht sonderlich große Besitzung sehr einsam am Genesee, einem Zufluß des Ontario, gelegen war. Burns hatte wie in jedem Jahr die Sloop gemietet, um die Erzeugnisse seiner Farm nach Stacket Harbour zu bringen. Mais, Hafer, Weizen, geräuchertes und eingesalzenes Fleisch sowie Ahornzucker bildeten die Hauptbestandteile der Fracht. Besitzer und eigentlicher Führer des Schiffes war der im ganzen Bereich des Ontario weithin bekannte Bootsmann Robert Green. Da Elias Burns und sein Sohn John genügend Erfahrung in der Bedienung einer Sloop hatten und die Frühlingsstürme ausgetobt zu haben schienen, hatte man darauf verzichtet, fremde Schiffsleute anzuheuern. Der alte Burns machte die Fahrt alljährlich; der heranwachsende John hatte ihn fast immer begleitet, und bisher war die Reise immer ohne ernsthafte Zwischenfälle verlaufen. Zum ersten Male war es ihnen geschehen, daß sie unversehens von einem schnell aufkommenden Sturm überrascht, aus dem Kurs geworfen und an eine fremde Küste verschlagen wurden. Mr. Burns war ein hochgewachsener, kräftiger und muskulöser Mann hoch in den Fünfzigern. Der Bootsmann Green, dessen hünenhafte Gestalt wir bereits erwähnten, war sowohl seiner ungewöhnlichen Körperkraft als auch seiner Geschicklichkeit und Zuverlässigkeit wegen allgemein bekannt und geachtet. Er mochte erst wenig mehr als dreißig Jahre zählen; sein von Wind und Wetter tief gebräuntes Gesicht war derb geschnitten, aber offen und vertrauenerweckend. Er pflegte leicht zu poltern, aber seine zuweilen wilden Redensarten vermochten den gutmütigen Grundzug seines Wesens nicht zu verdecken. Er aß jetzt, seiner Größe und seiner Körperkraft entsprechend, mit gesundem Appetit, und John stand ihm darin nicht viel nach. Doch glitten die Augen des jungen Burns während des Essens immer wieder zu dem Indianer hinüber, der noch immer regungslos, einer bronzenen Bildsäule gleich, auf dem Vorderdeck kniete. »Wenn Mary uns hier sehen könnte und wüßte, was wir hinter uns haben, sie würde einen hübschen Schreck kriegen«, sagte John. »Wahrhaftig, mein Junge«, antwortete der Alte, und seine Stirn zog sich in Falten. Er gedachte der auf der heimatlichen Farm zurückgelassenen Tochter. Die Achtzehnjährige bildete mit dem neben ihm sitzenden Sohn den Stolz und den Inhalt seines Lebens. Die Mutter der Kinder ruhte seit Jahren unter der Erde. »Ich hoffe nur, daß man am Genesee nichts von dem Sturm gemerkt hat«, setzte er hinzu; »sie würden sonst aus der Angst gar nicht herauskommen. Nun, Hauptsache ist trotzdem, daß wir fürs erste geborgen sind. Was meint Ihr, Bob, wird es uns gelingen, die Molly wieder flott zu machen?« »Nun, ich denke schon«, antwortete der Steuermann. »Eine böse Schweinerei ist's natürlich, in der wir da stecken, weiß der Teufel! Eine ganz hübsche Patsche; die Kunst ist eben, wie wir wieder herauskommen. Schätze, das Richtigste wird sein, ich nehme die Jolle und suche den nächsten Hafen auf; wird ja wohl Stacket Harbour sein. Denn Leute heranholen müssen wir, allein kriegen wir die Sloop nicht zum Schwimmen. Hat sich übrigens verdammt gut gehalten, das alte Mädchen; das müßt Ihr mir zugeben. Haben wir Glück, läuft's darauf hinaus, daß wir ein paar Tage später ans Ziel kommen.« Aber der Mast?« wandte der alte Burns ein. »Ja, Sir, das hilft nun nichts. Müssen uns mit einem Notmast behelfen. Fichten gibt's ja genug hier und ganz hübsche dabei; werden uns eben eine zurechtzimmern. Können dann natürlich nicht ganz so schnell fahren, aber kommen jedenfalls fort. Nach diesem Sturm können wir wochenlang mit glattem Wasser rechnen.« »Aber habt Ihr wenigstens eine Ahnung, wo wir hier sind?« Der Steuermann nickte: »Bin ziemlich sicher. Möchte fast eine Wette eingehen, daß wir uns zwischen den Tausend Inseln befinden.« »Schön: Tausend Inseln. Aber befinden wir uns auf englischem oder auf französischem Boden?« »Tja!« Bob Green hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Möchte fast annehmen, daß wir uns sozusagen in neutraler Zone befinden; daß das Land hier weder König Georg noch dem Frencherkönig gehört.« »War' eine ziemlich unangenehme Sache, wenn wir mit den Franzosen zu tun bekämen«, seufzte der Alte, »mindestens was Schiff und Ladung angeht.« »Kaum zu bezweifeln, Sir. Die Frenchers würden die Molly samt Inhalt höchst wahrscheinlich als Strandgut betrachten. Sind nicht wählerisch in solchen Dingen, und die Kolonien würden der alten Molly wegen kaum einen Krieg anfangen.« »Grund genug zur Besorgnis, Bob«, sagte Burns, bedenklich den Kopf schüttelnd. »Nun, Master, ich denke, es ist nicht so schlimm.« Der Steuermann ließ den Blick über das Wasser schweifen. »Wir sind in jedem Fall in eine ziemlich abgelegene Gegend geraten; ein Schiff verirrt sich selten hierher. Außerdem: Im Herbst hatten die Frenchers nicht ein einziges Kanonenboot auf dem See; werden inzwischen kaum eins gebaut haben. Wird zwar immer wieder vom Krieg gemunkelt, der bevorstände, aber ich glaub' das nicht recht. Die werden sich hüten, mit uns anzubinden.« »Wenn Ihr mich fragt, – ich kann dazu kaum etwas sagen«, stellte der Alte fest. »Am Genesee sind wir von aller Welt sozusagen abgeschnitten; nur höchst selten verirrt sich irgend eine Nachricht bis zu uns. Aber irgendwer sagte mir, die Frenchers hätten sich noch im Herbst im Ohiotal mit den Virginiern herumgeschossen; außerdem soll vom Niagara aus eine Expedition südwärts gegangen sein.« »Das wird schon stimmen«, gab Bob Green zu; »die Frenchers sind seit langem scharf auf das Ohiotal; denke aber, das geht uns hier oben nichts an; einen richtigen Krieg wird's deswegen kaum geben. Glaube nicht, daß sich König Georg groß darum kümmert, was die Kolonien in der Wildnis anstellen.« »Nun, wie dem auch sei«, sagte Elias Burns, »da wir jedenfalls nicht wissen, auf wessen Grund und Boden wir uns hier befinden, ist höchste Vorsicht geboten. Ich möchte meine Ladung nicht verlieren. Ihr meint also, die Molly könnte wieder flott gemacht werden?« »Das werde ich gleich ganz genau wissen«, erwiderte Bob; »werde den Kielraum untersuchen. Sind Rippen und Planken noch fest, dann bringen wir sie auch ab, und wenn sie sich noch so fest in den Sand gerannt hat.« Er nickte den anderen zu, erhob sich und kletterte in das Schiffsinnere hinab. Unten untersuchte der Bootsmann die Schiffswände, soweit die Ladung es zuließ; er fand nichts, was auf eine Beschädigung hingedeutet hätte. Er kam wieder herauf und ließ zusammen mit den beiden anderen die Jolle zu Wasser. Gemeinsam mit Elias Burns umfuhr er das im Wasser liegende hintere Teil der Sloop, und auch hier fand sich nichts. Nachdem sie dann mit gleicher Gründlichkeit auch das Vorderteil, soweit es nicht im Sand vergraben war, untersucht hatten, ohne auf sichtbare Beschädigungen zu stoßen, schien festzustehen, daß die Molly bis auf den abgebrochenen Mast keine ernsthafte Beschädigung erlitten hatte. Der Mast hatte zwar das Bollwerk eingeschlagen, das Bugspriet aber unverletzt gelassen. Bob Green grunzte zufrieden. »Scheint in Ordnung, Sir. Machen die alte Lady wieder flott. Soll bald wieder auf dem Ontario schwimmen.« Seid Ihr wenigstens hinsichtlich der Tausend Inseln Eurer Sache sicher?« fragte der noch immer besorgte Farmer; »mich beunruhigt es, nicht zu wissen, wo ich bin.« ,Nun«, entgegnete der Steuermann, »wäre natürlich immerhin möglich, daß wir weiter nach Norden getrieben wurden. So genau war das bei dem Ausmaß des Sturmes nicht zu berechnen. Ich werde die Jolle nehmen und das klarstellen. In jedem Fall befinden wir uns am Ostende des Sees, und ich muß Hilfe von der Südküste holen. Was meint Ihr: – wollen wir noch vor Einbruch der Nacht los und uns die Gegend ein bißchen besehen?« »Bin unter allen Umständen dafür; möchte die Unruhe loswerden«, sagte der Alte. »Schön. Fahren wir also!« versetzte der Bootsmann. Ein Stapel wollener Decken und etwas Proviant wurden in die Jolle geschafft. Mr. Burns steckte einen Taschenkompaß zu sich. John ging zum Vorderdeck hinüber und stellte dem Indianer eine Platte mit gebratenem Fleisch und Maisbrot hin; der rote Mann sah nicht einmal auf; er glich noch immer einer Bronzestatue. Alle drei Weißen ergriffen Büchsen und Kugelbeutel und ließen sich in die Jolle hinab, die sich gleich darauf von der Sloop löste. Der Himmel war jetzt vollkommen klar; die Sonne sandte ihre warmen Strahlen über Wälder und Wasserläufe. Die Männer bedienten sich zunächst der Ruder, da aber bald ein leichter Wind aufkam, setzten sie den Mast und entfalteten das Segel. Sie glitten in den Kanal hinein, der sie vom See aus hierhergeführt hatte, und stellten fest, daß er nach rechts weiterging. Sie ließen den Ontario rechts liegen und segelten weiter. Bob handhabte das Steuer. Nach links umbiegend, immer noch in einem verhältnismäßig schmalen Kanal zwischen bewaldeten Ufern dahinsegelnd, wurden sie sich sehr bald darüber klar, daß sie an einer Insel gestrandet waren, zweifellos einer von vielen, nach den Kanälen zu schließen, die sie passierten. Nachdem sie sicher waren, daß der Kanal auf ihrer Nordseite ebenfalls in den Ontario mündete, beschlossen sie, ihn in anderer Richtung weiter zu verfolgen. Sie wendeten die Jolle und segelten, von einem leichten Windhauch getrieben, tiefer in das Insellabyrinth hinein. Nach einiger Zeit trieben sie in eine größere, seeartige Wasserfläche hinein, von der aus Kanäle nach verschiedenen Richtungen zwischen bewaldeten Ufern ausliefen. Sie kreuzten wiederholt schmälere und breitere Wasserläufe, und konnten somit nicht mehr daran zweifeln, daß sie sich inmitten einer Gruppe größerer und kleinerer Inseln befanden. »Hab' mich nicht getäuscht, Sir«, sagte Bob Green; »der Sturm hat uns zu den Tausend Inseln verschlagen. Immerhin weit genug ab von unserem Kurs.« »Schön, oder vielmehr nicht schön«, versetzte Elias Burns; »habe nämlich von dieser Inselwelt reden gehört, und zwar wenig Gutes. Soll hier allerlei räuberisches Gesindel geben, das den Ontario samt Umgebung unsicher macht. Idealere Schlupfwinkel als diese Inseln hier sind ja auch kaum zu denken.« »Tja«, sagte der Bootsmann nach einer Pause des Schweigens, »kann Euch leider nicht unrecht geben. Hättet Ihr nicht davon angefangen, ich hätt' Euch nichts gesagt, um Euch nicht unnötig zu beunruhigen. Aber es ist wirklich so wie Ihr sagt: das ganze Piratengesindel von Kanada und den südlichen Kolonien hat in der Gegend hier Verstecke, die kein Mensch ausfindig machen kann.« »Schlimm, Bob, schlimm!« Der Farmer sah betroffen auf. »Fehlt bloß noch, daß so eine Bande die Molly entdeckt. Dann dürften wir sie los sein. Und mit uns selber ist's dann wahrscheinlich auch aus.« »Solange ich lebe, ist's mit mir grundsätzlich nicht aus«, knurrte Bob. »Außerdem: die Molly liegt dicht am See, und zwar auf der Innenseite der Insel. Wüßte nicht, was einen Strandräuber veranlassen sollte, ausgerechnet da nach Beute zu suchen.« »Ein Zufall kann dazu führen, daß sie sie finden«, brummte der Alte. Sie segelten weiter über das stille Wasser und glitten immer tiefer in ein Gewirr von Inseln hinein. Kommen Indianer in diese Gegend?« fragte Burns. Der Bootsmann zuckte die Achseln: »Immerhin anzunehmen, daß sich ein paar Rothäute zum Fischen und Jagen manchmal hierher verirren. Huronen sogar möglicherweise. Vor allem aber Irokesen: Oneida, Onondaga, Seneca.« »Das sind alles Irokesen?« fragte John. »Ja«, versetzte Green. »Hab' mir das mal erzählen lassen. Man spricht da von den ›Fünf Nationen‹; eigentlich sind's sogar sechs, wenn man die Tuscarora noch dazu zählt, die auch zur irokesischen Sprachgruppe gehören; sonst gibt's da noch die Mohawk und die Cayuga. Aber ich versichere Euch: Ist alles das gleiche Gesindel. Rothaut ist Rothaut!« »Glaubt Ihr, daß wir etwas von ihnen zu befürchten hätten, wenn sie uns entdeckten?« fragte der Alte. »Trau grundsätzlich keinem von dem Gesindel, Master. Aber wenn Ihr mich ernsthaft fragt: Ich glaub's nicht. Wenn nicht gerade irgendein Häuptling die Kriegsaxt ausgegraben hat. Sonst ist Friede zwischen den Kolonien und den Irokesen. Aber mir scheint, es wird Zeit, umzukehren; die Sonne ist schon im Sinken, und wenn's erst dunkel ist, könnt' es uns passieren, daß wir die Molly vergeblich suchen.« »Also gut, kehren wir um«, sagte Burns. Die Jolle wendete und glitt auf dem eben gekommenen Wege zurück. Es war nicht einfach, sich in dem Gewirr von Kanälen zurecht zu finden, doch vermochten sie mit Hilfe des Kompasses wenigstens die Richtung zu halten. Eine feierliche Ruhe herrschte auf dem spiegelblanken Wasser zwischen den schweigenden Wäldern, welche rundum die Inseln bedeckten; den Männern war es, als glitten sie durch eine Märchenlandschaft. In der Hauptsache wuchsen hochstämmige Tannen und Fichten auf den Inseln, doch lugte dann und wann immer wieder das junge Grün alter Laubbäume zwischen den Stämmen hervor. Die Gipfel der Waldesriesen leuchteten im Licht des sinkenden Abends; geräuschlos glitt das leichte Boot vor dem schwachen Winde dahin. Sie passierten eben das Ufer einer Insel, die im Gegensatz zu den meisten anderen felsiges Gestein an den Rändern zeigte, als John plötzlich auf einen im Wasser schwimmenden Gegenstand deutete. Bob hielt darauf zu, und es zeigte sich, daß es sich bei dem treibenden Ding um einen Bootsriemen handelte, der nahe dem Ufer herumschwamm. Während sie vorüberglitten, langte John über Bord, ergriff den Riemen und zog ihn an Bord. Alle drei betrachteten das Ruder aufmerksam. Es war ein normaler Bootsriemen, wie er hier auf dem See und in der Umgebung allgemein in Gebrauch war. »Hat schon wochenlang im Wasser gelegen, ist beinahe ganz vollgesogen«, stellte Bob fest; »sonderbar genug, daß er überhaupt noch schwamm.« »Hier sind Buchstaben eingebrannt«, sagte John. Bob und der Alte folgten dem weisenden Finger des Jungen und erkannten gleicherweise die Buchstaben: D. R. Bob Green stieß einen Pfiff durch die Zähne; sein Gesicht wurde ernst. »Teufel auch!« sagte er, »wie ist das möglich?« »Was meint Ihr?« fragte der alte Burns beunruhigt. »Der Riemen stammt von der Jolle des DUKE OF RICHMOND«, sagte Bob. »Gar kein Zweifel.« »Ihr meint ein Schiff?« »Ja. Der DUKE OF RICHMOND ist hier auf dem Ontario verschwunden, als wäre er eine Stecknadel.« »Verschwunden?« »Habt Ihr denn nichts davon gehört?« »Was höre ich schon am Genesee!« »Der DUKE OF RICHMOND war die schönste Sloop, die auf dem ganzen Ontario herumschwamm«, berichtete der Bootsmann. »Sie verließ Stacket Harbour im Oktober und segelte mit Kurs auf Oswego. Da ist sie nie angekommen, und kein Mensch hat seit dem Tag ihrer Abfahrt auch nur noch das geringste von ihr gehört. Nun hat zwar am zweiten Tag nach der Ausfahrt des Schiffes ein ziemlich heftiger Sturm geherrscht, aber der DUKE war eine großartige Sloop und hatte eine hervorragende Mannschaft. Möchte sagen: Es ist nahezu ausgeschlossen, daß sie einem Unwetter zum Opfer gefallen sein soll. Noch unglaubhafter ist, daß sie ähnlich wie wir irgendwo auf Strand gelaufen ist; dann hätte man das Wrack oder wenigstens etwas von seinen Trümmern finden müssen, denn die Nachforschungen haben damals sofort eingesetzt, und zwar mit aller erdenklichen Gründlichkeit.« Und wie erklärt Ihr Euch also die Sache?« Vollkommen klarer Fall.« Bob zuckte die Achseln. »Piraten natürlich. Haben das Schiff überfallen, die Besatzung umgebracht, die Ladung geraubt und den Kasten versenkt. Das heißt, das ist das Wahrscheinlichste; möglich ist natürlich auch, daß der DUKE hier noch irgendwo zwischen diesen verteufelten Inseln liegt, ich glaube aber nicht oberhalb, sondern unterhalb des Wassers. Wenn ein Schiff stehend sinkt, kann es lange auf Grund liegen, bevor eine Planke zutage kommt.« »Und Ihr meint also, der Riemen hier – –« »Der gehörte zum DUKE OF RICHMOND, Sir, darauf könnt Ihr Gift nehmen. Wüßte nicht, daß es auf dem ganzen Ontario ein Schiff gäbe oder gegeben hätte, zu dem die Buchstaben sonst noch passen.« »Und man hat bisher nichts von dem DUKE gefunden?« »Nicht das geringste, Sir. Der Riemen hier ist das erste Stück von der Sloop, das eines ehrlichen Mannes Auge erblickt. Und das ist verdammt schlimm, sage ich Euch, denn nunmehr ist es vollkommen klar, daß man die Mannschaft umgebracht hat.« »Wieso ist das klar, Bob?« »Tja, Master, das ist verdammt einfach.« Der Bootsmann starrte auf den Fund, den John noch immer in Händen hielt. »Nicht gut möglich, daß der DUKE gesunken ist und der Riemen da als einziges Überbleibsel oben blieb. Müßte von Rechts wegen auch langst bei den Fischen sein. Die Sloop ist im Oktober verschwunden; jetzt haben wir Mai. Das Stück Holz da hat aber bei weitem nicht so lange im Wasser gelegen. Ziemlich klar, daß es bis vor ein paar Wochen noch benutzt wurde.« »Aber schließlich können auch ehrliche Leute ein treibendes Ruder auffischen; wir haben's ja auch«, sagte der Alte; »wieso schließt Ihr so ohne weiteres auf Seeräuber?« »Weil kein ehrlicher Mann am Ontario gezögert hätte, sofort Meldung von dem Fund zu machen«, versetzte der Bootsmann. »Das hätten in diesem Fall selbst die Frenchers getan. Denn die Geschichte hat damals ein Riesenaufsehen gemacht. Wurde eine große Belohnung ausgesetzt. Weil sich nämlich der junge Sir Richard Waltham an Bord befand, ein schwerreicher Junge, Sohn und einstiger Erbe des alten Lord Somerset, ein künftiger Peer also. Nein, Sir, klare Sache das: Hier waren Piraten am Werk. Der Gouverneur hat damals Ufer und Wälder und auch die Inseln hier absuchen lassen, aber das ist keine einfache Sache. Kriegsschaluppen und Infanterie waren unterwegs; nichts zu machen, Sir, der DUKE war und blieb verschwunden. Bin überzeugt: die Halunken haben die Jolle mitgeschleppt und sind damit zwischen den Inseln umhergefahren. Haben dann eines Tages den Riemen da verloren.« »Das würde bedeuten, daß sich etwas von dem Gesindel hier in der Gegend herumtreibt, Bob.« »Sehr wahrscheinlich, nachdem wir das Ding da gefunden haben.« »Gute Aussichten!« knurrte der Alte. Das Boot trieb langsam weiter; eine Zeitlang herrschte Schweigen zwischen den Männern. Plötzlich hob John lauschend den Kopf. »Still«, flüsterte er. »Was gibt's?« fragte der Alte verdutzt. »Pst! Ruderschläge.« »Wo?« »Dort.« John deutete in Fahrtrichtung voraus. John Burns war zwischen den Wäldern groß geworden; er hatte gute Ohren. Bob, ein kaltblütiger und erfahrener Schiffer, lugte nach einem Zufluchtsort aus. Er brauchte nicht lange zu suchen. Von dem Ufer der Insel, an der sie eben vorüberglitten, zweigte unmittelbar vor ihnen eine kleine Landzunge ab, dicht mit allerlei Buschwerk bewachsen. Die schmale, auf diese Weise gebildete Einbuchtung bot nach dem Kanal zu sicheren Schutz vor Entdeckung. »Nehmt den Mast ab, John«, flüsterte Bob. John löste das Segel, faltete es geräuschlos zusammen und legte den Mast um. Die weit überhängenden Büsche ergreifend, zog Bob das kleine Gefährt in die Bucht hinter die nur wenige Fuß breite Landzunge. Die Ruderschläge wurden deutlicher und nun auch für die beiden anderen vernehmbar. Gut getarnt lag die Jolle hinter dem Buschwerk der Landzunge; auf der Landseite stieg das bewaldete Ufer ziemlich hoch an. Eine kleine Einbuchtung im eigentlichen Inselufer ermöglichte es, das Boot so weit zurückzulegen, daß auch ein vom Kanal aus in die Bucht fallender Blick es nicht sehen konnte. Die Männer legten das Boot fest und griffen in schweigender Übereinstimmung zu den Büchsen. Immer näher kamen die Ruderschläge; das Fahrzeug, von dem sie herrührten, schien unmittelbar auf das Versteck zuzustreben. Auf einen Wink Bobs legten die drei Männer sich nieder, die schußbereiten Gewehre in der Hand. Jetzt drang auch Stimmengewirr an ihr Ohr, das bald vernehmlicher wurde. »Ich gehe an Land«, flüsterte John, »ich möchte sehen, was da herankommt.« Der Alte nickte, und John kletterte gewandt und geräuschlos wie eine Wildkatze an dem mit knorrigen Wurzeln und dichtem Unterholz bewachsenen Steilufer hoch, um sich oben hinter Büschen versteckt niederzukauern. Er vermochte von hier aus zwischen einzelnen Baumlücken einen Teil des die Insel umgebenden Kanals zu überblicken. Nicht lange danach sah er, das Geräusch der Stimmen und Ruderschläge immer im Ohr, auch das Boot, dem sie entstammten. Es war dies ein starkes und schweres Kielboot, das von sechs Männern gerudert wurde, während ein siebenter das Steuer bediente. Nach dem Äußeren zu schließen, schien es sich bei den Bootsinsassen um ziemlich wüste Gesellen zu handeln; rauhe und heisere Stimmen durchdrangen die ringsum herrschende majestätische Stille. »Hoffe, Fellows, der Sturm hat ein bißchen für uns gesorgt«, sagte einer der Kerle; »sehne mich nach einer Gallone Rum wie ein Wickelkind nach der Milchflasche.« »Alte Saufgurgel!« gröhlte ein zweiter; »hast dir doch erst gestern abend den Hals vollgegossen, daß ein anderer dran krepiert wäre.« »Ist 'ne Krankheit, Boys«, lachte der erste, »trockene Kehle; eine verdammte Krankheit, sage ich euch. Beste Medizin dagegen: Echter Jamaika. Hab's ausprobiert.« Der Mann am Steuer sagte mit grollender Stimme: »Nächstens laß ich dich Ontariowasser schlucken. Deine verdammte Krankheit hat unsere gesamten Vorräte aus der Welt geschafft.« »Tut genügend Rum und Zucker dazu, und mir soll's recht sein Captain«, grinste der erste ungerührt. Dröhnendes Gelächter schallte zu John herauf. Das Kielboot fuhr eben an der Stelle vorüber, wo die Jolle hinter der Landzunge lag. John erhob sich unhörbar und schlich mit einer Geschicklichkeit, die den geübten Jäger verriet, hinter den Uferbüschen entlang; er wollte sehen, wohin das Boot steuerte. Doch verlor er, während er sich lautlos im Gesträuch fortbewegte, das Fahrzeug aus den Augen. Zu seiner Verblüffung verstummten die Ruderschläge plötzlich, nachdem er erst eine kurze Strecke zurückgelegt hatte, dagegen hörte er die Stimmen nach wie vor. Sie klangen plötzlich so nahe, daß John sich zu Boden gleiten ließ und einer Schlange gleich auf die Stelle zukroch, von der sie ertönten. »Bin neugierig, wie Seine Lordschaft sich befindet«, hörte John. »Nun, Skroop ist ein liebenswürdiger Wärter; wird das Jüngelchen schon gut gepflegt haben«, versetzte ein anderer, »hat ein Herz weich wie Butter.« Die Kerle lachten; sie konnten sich nur wenige Schritte entfernt von John aufhalten. Der bog mit unendlicher Vorsicht ein paar Zweige auseinander und sah zu seiner nicht geringen Überraschung unmittelbar vor sich einen kleinen Hafen, oder jedenfalls eine hafenartige Ausbuchtung, in der mehrere Kähne lagen. Der Zugang zum Kanal war nur sehr schmal und außerdem von riesigem Wurzelwerk bogenartig überbrückt. Dichtes, ineinander gewachsenes Strauchwerk deckte den Zugang vom Kanal aus fast gänzlich ab. Die Natur hatte hier ein von außen kaum wahrnehmbares Tor und dahinter einen versteckten Hafen geschaffen, von dessen Existenz niemand etwas ahnen konnte, der draußen vorüberfuhr. John besah sich die kleine, von steilen Ufern umgebene Wasserfläche; er hatte das Kielboot und seine Insassen unmittelbar vor sich. Wüste Gesellen waren das, wahrhaftig, nicht nur der Kleider wegen, die schmutzig und zerlumpt waren. In den Lumpen steckten kräftige, teilweise vierschrötige Gestalten mit Galgengesichtern. Die Gürtel der Männer waren mit Messern und Pistolen gespickt; auf dem Boden des Bootes lagen mehrere Büchsen. Vom Hafen aus führten im Erdreich ausgehobene treppenartige Stufen zu der bewaldeten Anhöhe hinauf. Unmittelbar vor dieser Treppe hatte das Fahrzeug, dessen Vorderteil mit Ballen, Fässern und Säcken beladen war, angelegt. Der Mann, der vorher das Steuer geführt hatte, offenbar der Anführer der Bande, befahl jetzt einigen Männern, die Ladung an Land zu bringen. Der Befehl wurde ausgeführt, die Männer beluden sich und keuchten mit ihren Lasten die künstliche Treppe hinauf, der Steuermann als letzter; das leere Boot blieb, leicht vertäut, vor der Treppe liegen. John, der sich ja bereits oben befand, folgte den landein Schreitenden in einigem Abstand lautlos. Erst jetzt, da er sie aus nächster Nähe erblickte, konnte er die räubermäßige Ausstattung der Burschen genau in Augenschein nehmen. Sie trugen teilweise zerrissene Jagdhemden, teilweise alte Seemannsjacken; unter breitrandigen Filzhüten wirkten die sonnverbrannten, narbenzerrissenen und von verwilderten Haaren umgebenen Gesichter wenig vertrauenerweckend. Einige trugen hohe Stiefel, andere indianische Mokassins; ausnahmslos waren sie bis an die Zähne bewaffnet. Sie schwätzten und lachten, während sie ihre Lasten durch den Wald schleppten; französische und englische Laute drangen an Johns Ohr. Nach etwa hundert Schritten betraten die Männer, zweifellos Banditen, eine Rodung, in deren Mitte ein von einem palisadenartigen Zaun umgebenes Blockhaus stand. »Hallo!« brüllte der Anführer. »Hallo, Skroop, alte Wasserratte! Wo steckst du? Ich mach dir gleich Beine!« Eine Minute etwa verging, dann öffnete sich eine Tür in der Palisadenwand, und ein breitschulteriger Mann mit einem Stelzfuß kam herausgehumpelt. »Seid ein bißchen höflicher, Hollins«, brummte der Alte. »Habt lange genug auf euch warten lassen. Will euch übrigens gleich sagen: Hab' die Geschichte satt bis zum Hals. Setzt einen anderen hierher, den Bengel zu bewachen. Oder dreht ihm von mir aus das Genick um. So oder so, ich jedenfalls habe es satt!« »Halt's Maul, Skroop, altes Ungeziefer«, versetzte der mit Hollins angeredete Banditenführer. »Da seht her, was wir bringen: Rum, Tabak, allerlei Freßbares! Wird dich, denk' ich, beruhigen und das Gleichgewicht deiner Seele wieder herstellen.« »Will hier nicht länger Kindermädchen spielen«, brummte der Stelzfuß. »Setzt einen anderen her.« »Wie befindet sich Mylord?« »Der Idiot sitzt den ganzen Tag da, ohne das Maul aufzumachen.« »Und das gefällt dir natürlich gar nicht, was ich dir nachfühlen kann. Na schön! Allons, tragt die Sachen ins Haus. Will Mylord gleich meine Aufwartung machen. Skroop, sorge gleich für heißes Wasser. Brauchen gleich eine Herzstärkung; der durstige Bill verschmachtet uns sonst.« Lachend verschwand einer der Burschen nach dem anderen hinter den Palisaden. John, der diesen Vorgängen mit begreiflicher Aufmerksamkeit gelauscht hatte, trat jetzt eilig den Rückweg an, begann die Dunkelheit doch bereits hereinzubrechen. In wenigen Minuten erreichte er die Stelle, wo die Jolle lag, in der sein Vater und der Bootsmann Bob unruhig auf ihn warteten. Schnell glitt er ins Boot und berichtete den aufhorchenden Männern von seinem Erlebnis. »Eine tolle Schweinerei. Wollen später beraten, was zu tun ist. Jetzt erst einmal fort«, sagte Bob Green und zog die Jolle aus der kleinen Bucht heraus. Mit einem gewaltigen Stoß stieß er das kleine Fahrzeug dann vom Ufer ab und ließ es in den Kanal hineingleiten. Noch war es eben hell genug, um die Einzelheiten der Landschaft erkennen zu können. »Sonderbare Dinge habt Ihr uns da erzählt, John«, sagte Bob, während sie so geräuschlos wie Vögel zwischen den Inseln dahinglitten. »Ein Blockhaus und ein Gefangener darin – ›Mylord‹ kann natürlich eine Verhöhnung sein, aber immerhin, sonderbar genug.« »Habt ja selbst von den Seepiraten gesprochen«, versetzte der Alte; »wird also wohl seine Richtigkeit haben. Vielleicht hat John den Schlupfwinkel der Bande ausfindig gemacht.« »Hätte nicht übel Lust, dem Hafen einen Besuch abzustatten und die Boote zu kapern«, sagte Bob; »dann könnten die Herrschaften auf ihrer Insel Robinson spielen.« Elias Burns schüttelte den Kopf: »Das würde wahrscheinlich wenig nützen. Erstens haben die Kerle sicherlich noch andere Schlupfwinkel in diesem Insellabyrinth, und zweitens sind die Kanäle nicht breit und leicht zu durchschwimmen.« »Hätte trotzdem Lust, es zu versuchen.« »Und das Gesindel damit erst auf unsere Spur zu hetzen.« »Vielleicht. Aber es wäre jedenfalls ein Hauptspaß – hätten wir nur drei, vier weitere Büchsen, wir wollten den Burschen schon warm machen.« Die Jolle glitt in ziemlicher Ufernähe langsam dahin. Plötzlich hörten die Männer von der Seeseite her abermals Ruderschläge, die schnell näherkamen. Bob zog das Boot dicht unter die überhängenden Äste der Uferbäume; bei der inzwischen herrschenden Dunkelheit war es so völlig unsichtbar. Die Männer umklammerten die Büchsen und verhielten vor heimlicher Erregung den Atem. Eine Jolle, ähnlich ihrer eigenen, näherte sich. Sie war mit zwei Männern besetzt, von denen nur einer die Ruder führte. Fast unmittelbar vor ihrem Versteck hielt das Boot. Im schwachen Licht des fahlen Himmels war noch eben zu erkennen, daß der im Stern sitzende Mann einen dreieckigen Hut und einen Kapottmantel trug; der andere war wie ein Seemann gekleidet. »Der Teufel soll's holen, Sir Edmund«, sagte der Ruderer, sich nach allen Seiten umblickend, »ich kann bei der verwünschten Dunkelheit die Insel nicht finden. Es ist schon bei Tage nicht einfach. Sie muß in der Nähe sein, das ist sicher, aber in der Nacht sieht ein Baum wie der andere aus. Hätte uns der Sturm nicht gezwungen, an Land zu gehen, wir wären längst da.« »Sperr die Augen auf, Mann!« schalt der Mann im Stern mit einer noch jungen, aber harten und kalten Stimme, »die Insel ist an ihren felsigen Uferrändern leicht zu erkennen. Du bist zu weit nach rechts abgekommen.« »Mag sein«, brummte der andere. »Wie soll man bei Nacht, ohne alle Zeichen, den richtigen Kurs halten?« »Fahr' in den Kanal hinein, der dort links abzweigt.« »Schön. Übrigens ist's zweifelhaft, ob Ihr Hollins antrefft.« »Das wird sich finden. Vorwärts!« Der Seemann setzte die Ruder ein und wandte sich nach links. Bald darauf war die Jolle in der Dunkelheit untergetaucht. Nur das Geräusch der an die Dollen anschlagenden Riemen war noch eine Zeitlang zu hören. Die drei Männer in ihrem Versteck hatten der kurzen Unterhaltung schweigend gelauscht und horchten nun den allmählich verklingenden Geräuschen der Bootsriemen nach. »Verdammt merkwürdige Geschichte!« knurrte Bob Green schließlich. »Keine Gegend für mich«, brummte der alte Burns. »Wollte, die Molly schwämme schon wieder auf dem Ontario. Wollen sehen, daß wir jetzt weiterkommen.« »Hoffentlich finden wir die Sloop. Aber wir werden schon. Leider steht der Polarstern nicht am Himmel, und die Kompaßnadel wird bei der Finsternis auch nicht zu erkennen sein. Nun, wollen sehen.« Er schob, von Ast zu Ast über sich greifend, die Jolle aus ihrem Versteck heraus und sah gleich darauf zu seiner Freude, daß das Sternenlicht ausreichte, die Kompaßnadel erkennen zu lassen. Um sich in dieser zweifellos gefährlichen Gegend nicht durch das Rudergeräusch zu verraten, richteten sie den Mast wieder auf und setzten das Segel. Der leichte Abendwind trieb sie schnell durch das Inselgewirr. Zwei Stunden später hielten sie vor dem gestrandeten Schiff. Ni-kun-tha – der Schnelle Falke Als John Burns zum Vorderdeck hinüberging, fand er den jungen Indianer dort immer noch sitzen; die in seiner Nähe stehenden Speisen hatte er nicht angerührt. »Mein roter Bruder hat Kummer, aber er muß den Schmerz bekämpfen«, sagte er leise, unwillkürlich englisch sprechend. Der Indianer sah auf und erhob sich. Vielleicht verstand er doch etwas Englisch und war vorhin nur zu versunken gewesen, um dem Sinn der Worte nachzudenken. Jetzt jedenfalls kam er auf den jungen Weißen zu, ergriff dessen Hand und legte sie auf sein Herz, einige Worte murmelnd, die John nicht verstand. John lud ihn mit einer Handbewegung ein, ihm in die Kabine zu folgen, in der Burns und Bob Green nach sorgfältiger Abdunklung der Fenster ein paar Kerzen angezündet hatten. Der Rote ging willig mit. In der Kabine neigte er sich leicht vor dem alten Burns, indem er die rechte Hand zum Gruß auf die Brust legte. Dazu sprach er wieder einige gutturale Laute. »Ich verstehe seine Worte im einzelnen nicht, aber sie enthalten den Dank für seine Rettung«, sagte John. Der Alte maß die junge Rothaut mit einem ernst prüfenden Blick, während Bob Green irgendetwas Unverständliches in seinen Bart brummte. Dann plötzlich, als komme ihm ein Gedanke, hob der Bootsmann den Kopf. »Wie wär's, wenn wir den Kerl auf Deck Wache halten ließen«, sagte er; »diese Rothäute haben ein Gehör wie ein Luchs, Augen wie ein Falke und eine Nase wie ein Schweißhund. Stehlen kann er da oben nichts; zuverlässig sieht er aus, soweit so eine Kreatur überhaupt zuverlässig sein kann, und wir können eine Mütze voll Schlaf nehmen. Würde uns verdammt gut tun.« Er wandte sich dem Indianer zu und sagte ein paar Worte im Seneca-Dialekt. Aber der Rote riß nur die Augen auf und starrte ihn schweigend an. John suchte seine schwachen Kenntnisse der Algonkin-Dialekte zusammen und sagte, den jungen Indianer freundlich anlächelnd: »Versteht mein roter Bruder nichts von der Sprache der Yengeese?« Die Augen des roten Mannes fuhren herum, es leuchtete kurz in ihnen auf. »Versteht manches«, radebrechte er, »Männer kommen – Yengeese – bringen Pulver, nehmen Felle – verstehen, was sie sagen; sprechen wenig.« »Großartig!« lachte John, »ausgezeichnet. Werd's dir beibringen, mein Junge. Hör zu: Feinde in der Nähe. Du verstehst?« »Feinde? Verstehen!« Die Augen des Indianers funkelten, sein Blick streifte die in einer Ecke stehenden Büchsen der Weißen. Bob, der den Blick bemerkt hatte, grinste. »Kann der rote Mann schießen mit Feuerrohr?« fragte er. Der Rote ergriff eine der Büchsen und riß sie mit so sicherem Griff an die Wange, daß seine Kenntnis im Umgang mit Schußwaffen nicht zweifelhaft sein konnte. Ein schwaches Lächeln überflog sein Gesicht, als er das Gewehr wieder absetzte. »Das rote Gesindel wird immer gefährlicher«, knurrte Bob leise. John trat dazwischen und lachte den Indianer an. »Will mein Bruder auf dem Deck Wache halten und uns wecken, wenn die Sonne hochkommt?« fragte er. Er wies auf die Büchse, die der Rote noch immer hielt. Der Indianer lächelte und legte zum Zeichen des Einverständnisses die Hand auf das Herz. »Wie heißt mein roter Bruder? Er hat doch schon einen Namen?« »Ni-kun-tha«, antwortete der Rote. Mit einem kleinen Lächeln im dunklen Gesicht setzte er auf Englisch hinzu: »Der Schnelle Falke«. »Ni-kun-tha – Schneller Falke! Das ist gut. Mein Bruder wolle die Büchse behalten und Wache halten.« »Ni-kun-tha will«, sagte der Rote. »Wer ist Feind? Wo – ist Feind?« »Nun – Räuber, Banditen«, antwortete John. »Auf den Inseln ringsum.« »Sind die Mehti-kosche, die – Kanadas – eure Feinde?« Mehti-kosche? dachte John, Kanadas? »Ha!« rief da Bob Green; »er meint die Frenchers; Kanadas heißt soviel wie Franzosen.« »Oh, jetzt weiß ich«, sagte John; »ich habe auch ›Mehti-kosche‹ schon gehört; es heißt Schiffsbauer und ist bei den Indianern als Bezeichnung für die Franzosen aus der Zeit überliefert, da die ersten französischen Waldläufer hier auf den Seen ihre Schiffe bauten.« Er lachte: »Jedenfalls sind die Kanadas den Yengeese nicht Freund.« »Teufel sind sie, die zur Hölle fahren sollen!« brummte Bob Green, »samt ihren roten Spießgesellen, den Mingos.« »Mingos?« Ni-kun-tha hob den Kopf. »Huronen«, sagte John. »Und zuweilen auch Irokesen. Die Irokesen, die Seneca vor allem, sind falsch, stehen bald hier, bald da.« »Sie sind Hunde!« sagte Ni-kun-tha, und ein Funke des Hasses blitzte in seinen Augen auf: »Huronen, Irokesen, Mehti-kosche – Hunde!« »Der Bursche wird mir zunehmend sympathischer«, knurrte Bob. John nahm ein Jagdhemd von einem Nagel herunter und reichte es dem Indianer. »Mein Bruder mag das anziehen, die Nacht wird kühl«, sagte er. Der Indianer grinste, zog das Hemd an, ergriff die Büchse und begab sich an Deck. »Denke, man kann ihm vertrauen!« sagte Bob. »Hab' die Erfahrung gemacht, daß die Kerle in der Regel nicht vergessen, wenn man gut zu ihnen war. Hab' nur nicht gern was mit ihnen zu tun.« »Ich bin immer gut mit ihnen ausgekommen«, versetzte der alte Burns, »hab' schon ziemlich viel Bekanntschaft mit ihnen gemacht. Begegnet man ihnen höflich und friedlich, benehmen sie sich entsprechend.« »Erlebt sie erst mal mit dem Skalpiermesser in der Hand«, brummte der Bootsmann; »habe einige Tänze erlebt. Von mir aus könnt' man die ganze rote Zucht ausrotten wie Wölfe. Wölfe morden aus Hunger, die roten Bestien aus Blutdurst.« Der Alte schüttelte den Kopf. »Ich bezweifle das. Sie haben dem weißen Mann Stück um Stück ihr Land räumen müssen. Ich habe auch Weiße und Rote im Krieg erlebt. Der Indianer ist hart und grausam im Krieg, ja, er kann erbarmungslos sein, aber der Weiße ist es nicht minder. Gute und schlechte Eigenschaften wohnen in allen Menschen. Doch laßt uns jetzt schlafen; der neue Tag wird unsere Kräfte brauchen.« Sie suchten ihre Lagerstätten auf, und bald verkündeten tiefe Atemzüge, daß sie schliefen. Der alte Burns freilich wurde mehrmals im Laufe der Nacht wach. Dann begab er sich leise an Deck, und jedesmal fand er den Indianer einer Bildsäule gleich regungslos am Bollwerk stehen. Kurz vor Sonnenaufgang war Burns schon wieder wach und weckte die beiden anderen. Wenige Minuten später öffnete der Indianer die Tür; als er sah, daß die Weißen wach waren, entfernte er sich wieder, lautlos, wie er gekommen war. John bereitete Kaffee in der kleinen Kombüse, und die Männer begannen Kriegsrat zu halten. »Ich habe über den Gefangenen nachgedacht, über den die Piraten nach Johns Worten gesprochen haben«, sagte der alte Burns; »was denkt Ihr darüber, Bob?« »Ich könnte mir vorstellen, daß es in Oswego oder Stacket Harbour allerlei Aufsehen erregt, wenn wir den Bootsriemen mit den Buchstaben D. R. vorzeigen und von einem Gefangenen erzählen, den die Strandräuber ›Mylord‹ nennen«, versetzte der Bootsmann gleichmütig. »Die Frage ist zunächst, was wir selber beginnen«, sagte Burns. »Kann nicht behaupten, daß ich mich sonderlich behaglich in der verwünschten Gegend hier fühle.« »Die Gefahr einer Entdeckung ist nicht von der Hand zu weisen«, gab Bob Green zu; »ohne die Entdeckungen, die wir gemacht haben, hätte ich mich jetzt in die Jolle gesetzt und wäre nach Stacket Harbour gerudert. So, wie die Dinge jetzt liegen, kann ich Euch nicht allein lassen.« »Was aber dann?« »Offen gestanden bin ich dafür, wir verlassen die Sloop und begeben uns an Land, nehmen Waffen und Proviant mit und schlagen irgendwo in der Nähe ein Lager auf. Wird die Molly dann wirklich entdeckt, dann sind wir jedenfalls sicher und können uns mit der Jolle schlimmstenfalls in Sicherheit bringen. Das Schiff ist eine Mausefalle.« »Kann nicht sagen, daß mir der Vorschlag gefällt«, versetzte der Alte. »Wir sind, den Indianer eingerechnet, vier Büchsen und haben es gegebenenfalls mit sieben oder acht Piraten zu tun. Warum sollen wir die Molly nicht von Bord aus verteidigen?« »Weil wir es sicherlich nicht nur mit sieben oder acht Halunken zu tun haben. Bin überzeugt, daß wir nur eins der Verstecke ausfindig gemacht haben, vielleicht nicht einmal das Hauptquartier. Schwämme die Molly auf dem Wasser, sagte ich: Gut. Sie liegt aber fest und zur Hälfte auf Land, ist also nicht schwer zu ersteigen. Außerdem kann das Deck von den Bäumen herunter beschossen werden.« Elias Burns zog ein finsteres Gesicht. »Laß die Ladung nicht gerne im Stich; hängt mancher Schweißtropfen dran«, brummte er. »Was meinst du, John?« »Bin der Meinung, Bob hat recht, Vater«, antwortete der Junge, ohne zu zögern. »Wir können die Molly eventuell auch von Land aus verteidigen, haben in der Jolle schlimmstenfalls aber immer ein Fluchtmittel.« »Also«, sagte er seufzend, »ich füge mich. Gehen wir an Land.« »Von hier aus wäre das nicht anzuraten«, lächelte John. »Da würden sie uns bald auf der Spur sitzen.« Der Alte sah ihn verständnislos an. »Wir beladen die Jolle, fahren ein Stück um die Insel herum, landen an einer passenden Stelle und suchen uns einen Platz, von dem aus wir die Molly sehen und nötigenfalls auch schießen können«, sagte John. »Der Junge ist richtig«, grinste Bob. »Macht's, wie er sagt, Sir, ist ein guter Rat. Wird die Molly entdeckt, und sie finden keine Spur in der Nähe, werden sie glauben, sie sei verlassen und die Besatzung habe sich im Boot gerettet.« »Also denn in Gottes Namen!« sagte Elias Burns. »Laßt uns die Jolle beladen. Vergeßt die Waffen nicht; der Indianer mag die Büchse behalten, die er hat, und nehmt auch ein Fäßchen mit Wasser mit. Möchten's vielleicht nötig haben.« Nachdem alle, einschließlich des Indianers, einen kräftigen Imbiß zu sich genommen hatten, wurde die Jolle beladen; die Sonne erschien eben über dem Horizont, als sie sich vom Schiff löste. Die Ruder hatte man zur Vorsicht umwickelt. Ni-kun-tha saß schweigend im Bug des Bootes und ließ die dunklen Augen umherschweifen. Die geladene Büchse hielt er über den Knien. Sie umfuhren einen Teil der buchtenreichen Insel. Nach einiger Zeit wies John mit der Hand zum Ufer und sagte: »Steiniger Boden; hier müssen wir landen. Steine hinterlassen keine Spuren.« Bob ließ die Jolle mit geschickter Drehung auf Strand laufen, und die Männer sprangen heraus. John reichte die einzelnen mitgenommenen Gegenstände heraus. Der Indianer stand mit übereinandergeschlagenen Armen dabei und sah dem Tun der weißen Männer zu. Er begriff wohl noch nicht, was das Ganze bedeuten solle. Doch als die Weißen sich jetzt nach einem geeigneten Versteck für das Boot umsahen, blitzte es in seinen Augen auf. »Hier«, sagte er, mit der Hand auf eine dichte Buschgruppe deutend. Bob grunzte anerkennend, und bald lag die Jolle, flüchtigen Blicken unsichtbar, in ihrem Versteck. Nun begann Bob sich mit den mitgenommenen Packen zu beladen, und die beiden anderen Weißen taten es ihm nach. Nur Ni-kun-tha schien das für weit unter seiner Würde zu halten. Doch trat er, als die kleine Kolonne sich in Bewegung setzte, auf den alten Burns zu und machte ihm durch Zeichen verständlich, er möchte ihm die schwere Büchse zum Tragen überlassen. Burns gab sie ihm, seine Last dadurch nicht unwesentlich erleichternd. »Immerhin etwas«, knurrte Bob, der den Vorgang beobachtet hatte; »diese roten Burschen benehmen sich samt und sonders, als wären sie als Grafen oder Barone zur Welt gekommen.« »Sind's wohl so gewöhnt«, versetzte Burns gleichmütig, »bei ihnen verrichten die Frauen die Arbeit, für den Mann gibt es nur Jagd und Krieg.« Sie schritten unter Bobs Führung in den Wald hinein. Die hochstämmigen Bäume waren von starrendem Unterholz durchsetzt. Sie hatten erst eine verhältnismäßig kurze Strecke zurückgelegt, als der Indianer durch die Baumstämme zeigte: »Groß Kanu – da!« sagte er. »Wie?« Bob blieb verdutzt stehen. »Du meinst, die Molly läge in der Richtung? Sollte ich mich geirrt haben?« »Groß Kanu – da!« wiederholte Ni-kun-tha. »Ich glaube, unser roter Freund hat recht«, sagte John, der inzwischen herangekommen war. »Auch meiner Schätzung nach müssen wir uns weiter nach links halten.« »Schön. Sollt von mir aus recht haben«, knurrte der Bootsmann. »Kenn' mich in dem verdammten Gestrüpp nicht aus. Alsdann, Rothaut, geh du voran und zeig uns den Weg.« Ein schmales Lächeln verzog die Lippen des Indianers; schweigend setzte er sich an die Spitze. Er mühte sich, soweit irgend möglich, eine schnurgerade Richtung einzuhalten; kleinere Hindernisse schlug er mit dem Tomahawk weg. Nach einer kleinen halben Stunde anstrengenden Marsches verhielt er auf einer Bodenerhebung, streckte den Arm aus und sagte: »Da – groß Kanu!« Sie bogen die Büsche auseinander und sahen vor sich mit der Steuerbordseite das gestrandete Schiff. Sie befanden sich hier etwa dreißig Fuß über dem Wasserspiegel und an dreihundert Schritt von dem Schiff entfernt. Der Boden fiel vor ihnen ziemlich steil ab, um alsdann bis hinunter zum Strand nahezu glatt zu verlaufen. Die erhöhte Position und der hier vorn erheblich lichtere Wald gestatteten einen guten Blick auf die Sloop und den Kanal, dessen Wasser ihren Stern umspülte. Sie beseitigten ein paar Büsche, welche die Sicht behinderten und ließen sich alsdann in einer kleinen Bodenvertiefung nieder. Ein Puritaner Der alte Farmer war düsterer und mißmutiger Stimmung. Die ganze Situation behagte ihm wenig. Er sah sein sauer erworbenes Eigentum in Gefahr und wurde überdies das dunkle Gefühl nicht los, daß von den in der Umgebung hausenden Seeräubern darüber hinaus noch mancherlei Verwirrung und Unruhe drohe. Elias Burns entstammte einer der alten englischen Puritanerfamilien, die sich schon zu Beginn der Kolonisation in den Neuenglandstaaten niedergelassen hatten. Er war in den Wäldern groß geworden und hatte ihre Gefahren von Kindheit an kennengelernt. Als Jüngling und junger Mann war er dann mehr als einmal in blutige Indianergefechte verwickelt worden und hatte bei dieser Gelegenheit bewiesen, daß er nicht nur beten, sondern auch schießen gelernt hatte. Aber er schoß nicht gern; er war gewöhnt, jeder Gefahr unerschrocken ins Auge zu sehen, aber er haßte das Blutvergießen und suchte es, wenn irgend möglich, zu vermeiden. Kurz vor Johns Geburt hatte Burns am damals noch wenig besiedelten Ontario zu günstigen Bedingungen Land erworben und mit eisernem Fleiß der Wildnis fruchtbares Ackerland abgerungen. Das schnelle Anwachsen der Besiedlung, das in kurzer Zeit zur Bildung großer Städte führte, hatte die Absatzmöglichkeit für seine Landprodukte bald erheblich gesteigert; Burns war in kurzer Zeit zum wohlhabenden Mann geworden. An seinem Wesen hatte sich dadurch nichts geändert. Er war der fromme und nüchterne Puritaner und der harte, zähe und nicht selten störrische Grenzer geblieben, ein typischer Vertreter jener alten Kolonialpioniere, die das neue Land Stück um Stück seinen Ureinwohnern entwanden und eigentlich das junge Amerika gründeten. John hatte vom Vater Härte, Ausdauer und Zähigkeit, von der Mutter aber Frohsinn und Abenteuerlust geerbt, er war erheblich beweglicher als der schwerfällige Vater. Was dem Alten gegenwärtig Mißmut und Verdruß bereitete, feuerte ihn an und stachelte seinen Erlebnishunger. Auch er war in den Wäldern an der Grenze der Zivilisation aufgewachsen, war ein kaltblütiger, treffsicherer Schütze und ein geschickter und erfahrener Jäger. Mehr als einmal war er allein, nur seiner Kraft, seiner Gewandtheit und seiner guten Waffe vertrauend, dem Bären und dem Panther entgegengetreten, und er war in dem zuweilen recht ungleichen Kampf noch immer Sieger geblieben. Die Zeichen des Waldes wußte er so gut wie ein Indianer zu deuten, im Auffinden und Verfolgen einer Fährte tat es ihm kaum jemand nach. Auch der riesenhafte Bootsmann Bob Green war weithin als guter Schütze bekannt; er galt als verwegen, ja tollkühn. Obgleich sein eigentliches Element der See war, hatte er doch an manch blutiger Indianerschlacht teilgenommen. Seine ungeheure Kraft und seine ungebärdige Wildheit im Kampf hatten ihm bei einigen Stämmen den Namen ›Der große Bär‹ eingetragen. Bob war auch jetzt sorglos und guter Laune, obgleich die Molly, die ihm zum größten Teil gehörte – er war Teilhaber einer Gesellschaft in Oswego – obgleich sein Schiff also festlag und zweifellos in Gefahr war, von Piraten entdeckt und gekapert zu werden. Er hätte gegen ein Feuergefecht mit den Banditen durchaus nichts einzuwenden gehabt. Der Indianer stand für sich allein unter einem Baum; sein Gesicht war ernst und verschlossen; die Gedanken, die hinter seiner Stirn spielen mochten, hinterließen auf ihm keine Spuren. »Seit vielen Jahren habe ich mich nicht mehr in so eigentümlicher Lage befunden«, unterbrach Elias Burns nach einem Weilchen das allgemeine Schweigen. »Das Leben ist zuweilen bunt mit mir umgesprungen und hat mir mancherlei Gefahren und Abenteuer gebracht, wie das die Grenze nun einmal mit sich bringt. Aber ich wußte eigentlich immer, womit ich zu rechnen hatte. Diesmal weiß ich es nicht. Mit Piraten hatte ich noch nichts zu schaffen. Habe auch noch nichts von dem Unwesen, das hier am Ontario zu herrschen scheint, gehört.« »Dafür habe ich das Gesindel umso besser kennengelernt«, versetzte der Bootsmann, »auch der Name Hollins ist mir nicht neu. Er ist weit und breit in der Gegend bekannt. Ein höchst gerissener und gefährlicher Bursche, sage ich Euch. Soll sein Geschäft früher schon auf dem Ozean getrieben und manches Menschenleben auf dem Gewissen haben. Es sind Preise auf seinen Kopf gesetzt in den Kolonien. Hätte nicht übel Lust, sie mir zu verdienen.« »Eine sonderbare Geschichte!« Der Alte schüttelte nachdenklich den Kopf. »Ein Gefangener, den sie ›Mylord‹ nennen, und ein Strandräuber, der Sir Edmund genannt wird.« »Die Kerle wollen natürlich ein Lösegeld erpressen«, sagte Bob Green. »Dieser Sir Edmund hat da vermutlich seine Hand im Spiele.« John wandte sich an seinen Vater, »Wie wäre es, wenn wir versuchten, den Gefangenen zu befreien?« sagte er. Der Alte sah dem Jungen ruhig in die Augen. »Es ist Pflicht, einem Menschen in Gefahr zu helfen«, sagte er. »Aber man muß auch die Möglichkeit haben. Einstweilen sind wir selbst in Gefahr und wissen noch nicht, wie wir ihr begegnen sollen.« »Ich möchte jedenfalls das mögliche versuchen. Schätze, daß die Burschen sich nicht allzu lange in dem Blockhaus auf der Insel aufhalten werden. Sobald es dunkel ist, werde ich versuchen, Verbindung mit dem Gefangenen zu bekommen.« Der Alte zuckte die Achseln: »Wer weiß, was der Tag uns bringt und wo wir am Abend sind.« »Das wird sich finden«, sagte John, »ich will jedenfalls versuchen, an das Blockhaus heranzukommen.« »Ich wollte, wir schwämmen auf dem Ontario«, brummte der Vater; »gäbe die halbe Ladung der Molly dafür hin.« »Nichts geben wir hin, Sir«, versetzte Bob Green. »Denke, wir machen die alte Lady flott und bringen sie nach Stacket Harbour. Muß dabei ein bißchen geschossen werden – mir macht's nichts aus. Rate keinem Menschen, mir auf zweihundert Meter vor die Büchse zu kommen.« »Gott möge uns davor bewahren, Blut zu vergießen«, sagte Elias Burns, »habe in meiner Jugend genug fließen sehen.« Der Bootsmann zuckte die Achseln: »Piraten zur Hölle schicken, scheint mir ein verdienstvolles Werk.« »Wir werden uns unserer Haut wehren, wenn man uns angreift«, sagte der Puritaner. »Nun«, versetzte der Bootsmann, »ich denke, Ihr seid der Mann dazu, Sir. Hab' mir erzählen lassen, wie Ihr seinerzeit das Blockhaus am Susquehanna verteidigt habt. Muß eine ziemlich blutige Geschichte gewesen sein.« »Das war es, bei Gott«, entgegnete Burns langsam. »Keiner von uns rechnete damals damit, lebend davonzukommen. Aber Gott war mit uns und gab uns den Sieg.« »Man sagt, Ihr wart einer gegen fünf. Die ganze Grenze kennt die Geschichte ja. Lebt außer Euch noch jemand von denen, die damals dabei waren?« »Dick Rover am Hudson dürfte noch leben, die anderen sind tot.« »Ihr wart damals noch jung, Master?« »O ja, ich war kaum zwanzig; es ist lange her. Aber ich seh' den Tag noch wie heute vor mir.« Der Bootsmann legte sich behaglich auf die Ellbogen zurück. »Spinnt ein Garn, Master«, sagte er, »hörte gern mal von einem, der dabei war, wie's zuging damals am Susquehanna.« »Los, Vater, erzähl' schon«, bat nun auch John. »Bist zuhause immer reichlich sparsam mit deinen Erlebnissen.« Das Gesicht des Alten verdüsterte sich. »Ich wärm' die alten blutigen Geschichten nicht gerne auf«, sagte er, »aber da ihr's absolut wollt, mag es sein.« Er sah einen Augenblick starr vor sich hin; in seinen Augen war ein seltsamer Glanz. »Mein Vater hatte am Susquehanna Land erworben«, begann er; »wir hatten uns mit anderen zusammen dort angesiedelt. Es war eine harte Arbeit, sage ich euch; aber wir schafften's. In fünf Jahren hatten wir ein ordentliches Stück Land urbar gemacht. Wir hausten inmitten der dichten Wälder am äußersten Rand der Kolonie und hatten wenig Verbindung mit den weiter rückwärts gelegenen Ansiedlungen. Wir standen da sozusagen auf Vorposten. Unsere alten Männer hatten von vornherein versucht, ein gutes oder doch wenigstens ein erträgliches Verhältnis zu den Indianern herzustellen, und das war ihnen zunächst auch gelungen. Fünf Jahre lebten wir dort völlig unbehelligt. Ich weiß bis heute noch nicht, was die Roten veranlaßt hat, plötzlich den Frieden zu brechen; es hat sich bis zur Stunde nicht aufgeklärt. Aber ich seh' noch immer Dick Rover vor mir – er war ebenso alt wie ich – auf schaumbedecktem Pferd kam er herangejagt, sank vor Erschöpfung aus dem Sattel und konnte nur noch stammeln: ›Die Indianer!‹ – Wir begriffen das nicht gleich, aber wir bekamen es bald zu spüren. Der Wampanoag hatte die Streitaxt ausgegraben. Wie die Teufel waren die roten Horden mitten im Frieden über die Ansiedlungen hergefallen, hatten Männer, Frauen und Kinder erschlagen, die Gehöfte niedergebrannt und das Land verwüstet. Und sie kamen näher, auf uns zu. – Nun, wir verloren nicht gleich den Kopf. Wir riefen alle waffenfähigen Männer zusammen und wählten den alten Habakuk Oldcastle zum Captain. Das war der rechte Mann in solcher Lage, sage ich euch; er traf seine Anordnungen so kaltblütig, als handle es sich darum, ein Milizmanöver zu veranstalten. Oldcastle hatte uns schon früher mit seiner reichen Erfahrung geholfen; auf seine Veranlassung hatten wir eine kleine fortartige Befestigung angelegt, in die sich die benachbarten Kolonisten zur Not zurückziehen könnten. Es waren nur drei kleine, aber ziemlich feste Blockhäuser innerhalb einer starken Palisadenwand. Hier sammelten wir nun alles, was wir eben noch benachrichtigen konnten. In dem größten der drei Häuser wurden die Frauen und Kinder untergebracht, die Verteidigung übernahmen die Familienväter und unsere besten Scharfschützen. Die beiden kleineren Häuser wurden von je zehn jungen Männern besetzt. – Zephanja Fürchtegott, unser Prediger, hatte einen Gottesdienst abgehalten, danach hatten wir alle Verteidigungsanlagen genauestens geprüft und Waffen und Munition bereitgelegt. Nun mochten die Roten kommen. – Und sie kamen. Sie zeichneten ihren Weg durch die Wälder mit Feuer und Blut. Von unserem kleinen Fort aus sahen wir unsere Häuser in Flammen aufgehen. Wir sahen es kochend vor Grimm, aber wir konnten es nicht ändern. Und nun dauerte es nicht mehr lange, da begann ein Kampf, der seinesgleichen sucht in der blutigen Geschichte der Grenze. – Es mögen wohl an die dreihundert blutige Wilde gewesen sein, die uns umheulten und fest entschlossen waren, nicht ohne unsere Skalpe abzuziehen; wir waren alles in allem zweiundsiebzig Männer. Die Roten griffen an und fielen zunächst wie die Sperlinge unter unseren Kugeln. Ich will die Einzelheiten nicht schildern. Sie versuchten es mit Feuer, sie wandten überhaupt alle Listen an, die ein Indianerhirn sich auszudenken vermag. Die Angreifer wechselten sich ständig ab; sie schickten immer nur ausgeruhte Krieger ins Feuer. Wir waren samt und sonders schon nach kurzer Zeit so erschöpft, daß wir uns kaum noch auf den Beinen zu halten vermochten. Bereits am zweiten Tag ging uns das Wasser aus, und die Munition ging bedenklich zur Neige. Am dritten Tag gelang es ihnen dann, das Haupthaus in Brand zu setzen, das Haus, in dem sich die Frauen und Kinder befanden, meine Mutter, meine Schwester und mein alter Vater waren ebenfalls drin. – Wir haben vor Grimm, Schmerz und Verzweiflung mit den Zähnen geknirscht. Und dann hörten wir sie drüben singen; die Stimme des alten Zephanja war deutlich herauszuhören. Sie sangen: ›Ein feste Burg ist unser Gott!‹ Da sind manchem von uns die Tränen gekommen; wir wollten mitsingen, aber wir haben uns die Lippen blutig gebissen. Und dann sagte Dick Rover zu mir: ›Es ist Zeit, Elias, müssen raus und eingreifen.‹ ›Hast recht‹, antwortete ich, ›müssen raus! Befreien die Weiber oder fallen.‹ – Sie sangen noch, als wir durch die Tür brachen. Und als hätte da eine geheime Abmachung bestanden, öffnete sich zur gleichen Zeit die Tür in dem brennenden Haus und in dem Blockhaus uns gegenüber. Wir stürzten, zum letzten entschlossen, auf die roten Teufel, die in dichten Haufen zusammenstanden und den Erfolg des Feuers abwarteten. Wir waren blind vor Zorn. Wir wüteten mit Gewehren, Kolben, Messern und Äxten unter ihnen. Und der grausige Kampf währte gar nicht lange. Gott war mit uns; die Roten erfaßte panischer Schreck; vom Grauen geschüttelt, wandten sie sich zur Flucht und stürzten davon. Die Frauen und Kinder waren gerettet. Fünfundzwanzig der Unseren waren gefallen. Verwundet waren wir alle. Rechte Freude über den Sieg kam nicht auf. Aber als wir die Stätte hinterher absuchten, fanden wir hundertsechs tote Indianer.« Der Alte schwieg. John sah mit leuchtenden Augen auf seinen Vater. »Danach bin ich noch einmal mit der Miliz ausgezogen, die roten Räuber züchtigen zu helfen«, sagte der; »später bin ich nur noch friedlich mit Indianern zusammengetroffen, und dabei hat sich meine Auffassung vom Wesen und Charakter des roten Mannes nach und nach nicht unerheblich gewandelt. Er ist nicht schlecht, hat im Gegenteil viele gute Eigenschaften und ist zu seinen Grausamkeiten fast immer gereizt worden. Man hat die Indianer oft genug wie Tiere behandelt, hat ihnen ihr Land geraubt und ihnen nicht einmal Jagd und Fischerei gelassen. Unter den Weißen der Grenze gab und gibt es viel böses Gesindel; wir haben ja gerade gestern erlebt, was sich da herumtreibt. Brauchen nur ein paar Indianer hierher kommen, um zu fischen und von den Piraten niedergeschossen werden; schon können wir den schönsten Indianerkrieg haben. Die unschuldigen Ansiedlungen müssen dann bezahlen, was ein paar Desperados anrichteten. Auf solche Weise sind die roten Männer oft zum Kriege gereizt worden. Dann sehen sie nur noch den weißen Mann und machen keinen Unterschied zwischen schuldig und unschuldig. Gott schütze die Grenze vor Indianerkrieg! Hab' ihn kennengelernt.« Der Bootsmann mochte diese Seite der Sache noch nicht bedacht haben, aber er widersprach nicht. Dagegen fragte Burns ihn jetzt: »Ihr seid doch auch öfters mit den Roten zusammengestoßen, nicht wahr?« »Kann's nicht leugnen«, entgegnete Bob. »Meine frühesten Jugenderinnerungen verbinden sich damit. Sowas vergißt sich nicht. Meine Eltern lebten damals am Onondaga; Vater war Fährmann auf dem Fluß und auf dem Ontario. Zu der Zeit war's hier herum noch ziemlich einsam. Eines Nachts kam der Wilde und begann zu brennen, zu sengen und zu morden. Acht Jahre war ich alt, aber ich hab's nicht vergessen. Vater, Mutter und ich konnten uns in die Wälder retten, aber den kleinen Tom, meinen zwei Jahre jüngeren Bruder, haben sie vor unseren Augen erschlagen und in den Fluß geworfen. Weiß nicht, ob's Onondaga oder was es sonst für Rothäute waren; war ja noch zu klein damals. Eine Mordbande war's jedenfalls, die mitten im Frieden Häuser überfiel und brannte und mordete. Seit damals sitzt mir der Haß gegen die ganze Rasse im Blut. – Nun, einige Male hatte ich Gelegenheit, es ihnen einzutränken«, setzte er mit offensichtlicher Befriedigung hinzu, »haben mich nicht umsonst ›Großer Bär‹ getauft, die Halunken; haben meine Pranken zu spüren bekommen.« Nun trat ein längeres Schweigen ein, das schließlich durch John gebrochen wurde. »Ich möchte den Wald ein bißchen abstreifen und einen Blick auf den See werfen«, sagte der junge Mann. »Tu das, mein Sohn«, antwortete Burns; »wir halten von hier aus die Molly im Auge.« John ergriff seine Büchse und entfernte sich. Er war erst hundert Schritt gegangen, als der Indianer neben ihm auftauchte. Der junge Weiße lachte ihn an: »Willst du mitkommen, Falke?« Der Rote nickte: »Ni-kun-tha gehen mit.« Nebeneinander schritten die beiden so verschiedenen jungen Männer durch den Wald. Wo es nötig war, schlug der Indianer das Unterholz mit dem Tomahawk weg. Schon nach kurzer Zeit sahen sie den glänzenden Spiegel des Sees durch die Stämme schimmern. Die ausgedehnte Wasserfläche schien völlig verlassen. Kein Segel, kein Kanu war weit und breit zu erblicken, nur ein paar Möwen wiegten sich in den Lüften und ließen von Zeit zu Zeit einen krächzenden Schrei ertönen. »Laß uns ein wenig am Ufer entlanggehen«, sagte John nach einer Weile. Er setzte sich gleichzeitig in Bewegung, der Indianer blieb dicht an seiner Seite. Nach einiger Zeit blieb Ni-kun-tha plötzlich stehen und betrachtete aufmerksam einen größeren Haufen dürrer Äste und Zweige, die der Wind zusammengetrieben haben mochte. »Was hat mein Bruder?« fragte John, ebenfalls stehenbleibend. Ni-kun-tha ging, ohne zu antworten, auf den Reisighaufen zu und machte sich daran, die obersten Zweige wegzuräumen. John sah ihm mit einiger Verblüffung zu, faßte aber dann schweigend mit an. »Da, sehen: Kanu!« sagte der Indianer, noch ein paar größere Äste wegräumend und in das Innere des Haufens zeigend. John stieß einen leisen Überraschungsruf aus: im Reisig gebettet lag ein offenbar indianisches Kanu, aber kein Rindenboot, sondern ein kunstvoll ausgehöhlter Stamm. Ein Paar Ruder und einige Fischereigeräte lagen auf dem Boden des Fahrzeuges. »Großartig!« rief John begeistert, »das werden wir brauchen können.« »Injinkanu«, grinste Ni-kun-tha. »Offenbar, obgleich ich mich nicht erinnere, solch ein Boot jemals gesehen zu haben«, versetzte John. »Wir wollen's auch nur im Notfall entleihen.« »Irokesenkanu«, grinste Ni-kun-tha. »Irokesen Hunde! Kanu nehmen.« »Sehr gut«, sagte John; »wollen es aber liegenlassen, bis wir es brauchen.« Und er begann die Äste und Zweige wieder darüberzubreiten, bis nichts mehr von dem Fahrzeug zu sehen war. Bald darauf kamen sie an den die Insel in einem nordostwärts verlaufenden Bogen umfließenden Kanal. Sie folgten dem Wasserlauf nach beiden Seiten aufmerksam mit den Blicken, ohne etwas anderes zu gewahren als die schweigende Wildnis. Sie lösten sich vom Wasser, durchquerten die Insel und suchten und fanden den Kanal, in dem die Molly eingefahren war. Die Insel lief hier in eine Landzunge aus, die das Schiff während des Sturmes umsegelt hatte. Sie folgten der Landzunge bis zu ihrer Spitze und sahen sich nach allen Richtungen um. Aber auch hier herrschte weit und breit die friedliche Stille unberührter Wälder. John erkletterte eine hochstämmige Fichte, und der Indianer tat es ihm nach. Von ihrem luftigen Sitz aus sahen sie weit in die Runde. Bis auf ein paar Wasservögel sahen sie weit und breit nichts Lebendes, nichts, was auf die Anwesenheit von Menschen schließen ließ. Deutlich sichtbar lag unmittelbar vor ihnen die Molly, auch ihren Lagerplatz erkannten sie, vermochten aber von Burns und Bob Green nichts zu erblicken. Sie kletterten wieder hinab und gingen durch die Uferbüsche zum Lager zurück. Der Gefangene Nachdem John Bericht erstattet und von dem Fund des Irokesenkanus berichtet hatte, brachte er die Sprache wieder auf den Gefangenen der Pirateninsel. Er gedenke, dem Blockhaus auf alle Fälle einen Besuch abzustatten, sagte er; Ni-kun-tha werde er mitnehmen, und außerdem gedenke er, das gefundene Indianerkanu zu benützen, um die anderen nicht der Jolle zu berauben und dadurch möglicherweise in Gefahr zu bringen. Elias Burns schüttelte bedenklich den Kopf; er hielt es wohl für richtiger, daß sie angesichts der ungeklärten Lage zusammenblieben. »Es dient schließlich unserer eigenen Sicherheit, daß wir den Feind beobachten«, sagte John, der entschlossen war, seinen Kopf durchzusetzen. »Euer Sohn hat recht«, schaltete Bob sich jetzt ein, »und wenn die Jolle hierbleibt, die Euch und mich beweglich hält, bin ich dafür, daß er geht und den roten Burschen mitnimmt. Es ist immer gut zu wissen, was der Gegner tut. Am liebsten ginge ich ja mit, aber ich will Euch nicht allein lassen, und es ist schon das Richtige, wir teilen uns. Euer John ist ein tapferer Bursche und auch umsichtig genug, und ein Indianer ist bei so einem Unternehmen nicht mit Gold zu bezahlen. Recht muß Recht bleiben, wenn ich die ganze Rasse auch nicht ausstehen kann.« »Nun gut«, sagte Burns, »mag es also sein. Geht, sobald die Sonne sinkt, und holt euch das Kanu. Wirst du die Räuberinsel wiederfinden, John?« »O gewiß; ich habe mir die Lage genau gemerkt.« Der Tag, ein herrlicher Maitag, verlief ohne Zwischenfälle. Die Stunden schienen zu schleichen. Die Männer versuchten abwechselnd ein bißchen zu schlafen. Feuer wagten sie nicht anzuzünden; sie begnügten sich damit, ihr Fleisch kalt zu verzehren. Als die Sonne zu sinken begann, machte John dem Indianer klar, was er von ihm wünschte. Er bediente sich dabei des Englischen und mühte sich, wo Ni-kun-tha offensichtlich nicht verstand, passende indianische Ausdrücke zu finden. Da er seine Worte bildkräftig durch Zeichen unterstützte und der Indianer keineswegs dumm war, kam eine ganz gute Verständigung zustande. Im Augenblick, da Ni-kun-tha begriffen hatte, worum es sich handelte, erhob er sich und sagte: »Gut. Gehen!« Beide griffen zu den Büchsen, John nahm noch eine Decke über den Arm und verabschiedete sich von dem Vater und dem Bootsmann. Gleich darauf tauchte er neben Ni-kun-tha im Dunkel des Waldes unter. Sie hoben das ziemlich schwere Kanu aus dem Reisigversteck und brachten es mit einiger Mühe zu Wasser. Da ein frischer Wind wehte, kam John auf den Gedanken, die mitgenommene Wolldecke als Segel zu benützen. Zusammen mit Ni-kun-tha fällte er zwei schlanke, junge Fichtenstämme und entästete sie. Mit Hilfe einiger Schnüre, die er noch vom Schiff her in der Tasche hatte, brachte er es zuwege, einen Mast und eine schräg liegende Rahe herzustellen, woran er nun die Decke befestigte. Der Indianer hatte der Tätigkeit des Weißen zunächst schweigend zugesehen; endlich begriff er, welchem Zweck sie dienen sollte und lächelte. Bevor sie in das Boot stiegen, nahm er ein paar Federn auf, die irgendwelchen Raubvögeln entfallen sein mochten, und befestigte sie an Johns Kopfbedeckung. »Was soll das?« fragte John verblüfft. »Injin«, antwortete Ni-kun-tha. Er deutete auf sich: »Injin!« dann auf John, und wiederholte: »Alles Injin!« »Oh, ich verstehe«, lachte John. »Sie sollen uns in der Dämmerung beide für Indianer halten. Nun, das mag möglicherweise seinen Nutzen haben. Mein roter Bruder ist klug. Ich danke ihm.« Ni-kun-tha grinste und befestigte eine besonders große Feder aufrechtstehend in seinem Haar. Sie legten nun den Mast mit dem seltsamen Segel in das Boot, stiegen nach und griffen nach den Rudern. Der irokesische Einbaum war zwar längst nicht so beweglich wie ein Rindenkanu, aber leichter als die Jolle zu handhaben. Sie fuhren an der Küste entlang bis zum Eingang in den nördlichen Kanal. Hier zog John das Ruder ein und veranlaßte den Indianer, ein Gleiches zu tun. Er richtete den Mast auf und befestigte ihn mit Hilfe seines schnell begreifenden Gefährten an dem im Kanu befindlichen Querholz. Kaum entfaltete sich, durch John straff gezogen, die Decke, da fing sich auch schon der Wind darin, das Notsegel blähte sich, und das Kanu glitt mit großer Geschwindigkeit dahin. »Das tut's!« lachte John, mit der Rechten die Segelleine haltend und mit der Linken steuernd. Der Indianer sah staunend und offensichtlich verblüfft, wie das Boot vor dem Winde dahin flog. »Mein Bruder verstehe: Ruder machen Geräusch, Feinde hören«, sagte John; »Segel außerdem schneller.« Ni-kun-tha nickte. Er begriff vollkommen, er bewunderte nur den Einfall, der ihm nie gekommen wäre. John hatte sich die Windungen, denen er folgen mußte, genau eingeprägt; nach etwa einer Stunde schneller Fahrt erreichten sie den Ort, wo sie am Vorabend gelandet waren. Während der ganzen Zeit hatten er und der Indianer Ufer und Wasserläufe aufmerksam beobachtet und mit gespannten Ohren nach verdächtigen Geräuschen gelauscht, ohne das geringste gewahr zu werden, was geeignet gewesen wäre, Besorgnis zu erwecken. Nun segelten sie lautlos am Ufer der Pirateninsel entlang. Die Dämmerung war mittlerweile eingebrochen, das schmale Boot und das dunkle Segel waren auf einige Entfernung gewiß nicht mehr wahrzunehmen. John lenkte das Boot an der schmalen Landzunge vorbei in dieselbe Bucht, in die sie am Abend zuvor eingelaufen waren. Hier legten sie den behelfsmäßigen Mast um, befestigten das Boot am Ufer, nahmen ihre Büchsen zur Hand und begannen den Abhang hinaufzuklettern. Sie warfen zunächst einen Blick auf den kleinen Seeräuberhafen. Es lagen einige Boote darin, aber der Sechsruderer vom Vorabend war nicht darunter. John folgerte daraus, daß die Freibeuter sich auswärts befänden. Schweigend forderte er Ni-kun-tha auf, ihm zu folgen. Sie waren erst wenige Schritte gegangen, als sie sich nähernde Stimmen vernahmen. Geräuschlos ließen sie sich zu Boden gleiten. Hinter Zweigen gedeckt gewahrten sie zwei Männer, die offenbar im Begriff waren, zum Hafen zu gehen. John erkannte in dem einen der Männer den Anführer vom Vorabend. Sein Begleiter war der Mann mit dem Kapottmantel und dem dreieckigen Hut, der in der Jolle an ihnen vorübergefahren war. Als der Mann jetzt zu reden begann, erkannte John ihn auch an der Stimme wieder. »Ich verstehe Euer ganzes Verhalten nicht. Hollins«, sagte der Mann, »es war ausgemacht, daß Waltham den Tod in den Wellen finden sollte; dann mußte ich zu meinem größten Erstaunen hören, daß er hier als Euer Gefangener lebt. Wie kamt Ihr dazu, unserem klaren Übereinkommen entgegenzuhandeln?« »Je nun, Sir Edmund«, entgegnete der Angeredete ziemlich mürrisch; »muß gestehen, daß der Bursche mir leid tat. Hatte nicht die Courage, ihn fertig zu machen wie die anderen.« »Daß ich nicht lache: Leid tat er Euch? Ausgerechnet Euch?« sagte der im Kapottmantel, »haltet mich nicht zum Narren, James Hollins. Ich will's kurz machen; habe zu langen Verhandlungen keine Zeit. Also: Ich zahle sofort fünfhundert Pfund, wenn Waltham verschwindet. Spurlos verschwindet, Ihr versteht?« »Tut mir leid, Sir Edmund, es geht gegen mein Gewissen«, versetzte der Bandit. »Ein Halunke seid Ihr!« schnaufte der andere. »Na, laßt mich das Geld einmal sehen«, sagte Hollins, »vielleicht ändert der Anblick der Banknoten meine Gesinnung.« Der mit Sir Edmund Angeredete stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus. »Ihr müßt mich wahrhaftig für einen Narren halten«, sagte er, »daß Ihr Euch einbildet, ich würde mit fünfhundert Pfund in der Tasche auf Eure Insel kommen. Dafür kenne ich Euch denn doch zu gut. Nein, um Klarheit zu schaffen: In dem Augenblick, wo ich die absolute Gewißheit vom Tode Walthams erlange, erhält Euer Vertrauensmann in Stacket Harbour das Geld.« »Nichts zu machen, Sir Edmund.« »Mein Lieber, Ihr scheint vergessen zu haben, daß ich Euch in der Hand habe. Daß ich Euch jederzeit vernichten kann.« Ein rauhes Lachen war die Antwort. »Ihr solltet in einem etwas anderen Ton mit mir reden, Sir«, knirschte der Bandit; »möchte sonst sein, daß Ihr unliebsame Bekanntschaft mit den Fischen hier macht. Weiß verdammt nicht, wofür Ihr mich haltet. Nur eins weiß ich ziemlich sicher: Ich brauche nur Euren Herzenswunsch zu erfüllen, damit Ihr mir die Rotröcke auf den Hals hetzt, um einen lästigen Zeugen aus der Welt zu schaffen.« Er lachte abermals kurz auf: »Aber versucht's nur. Könnte sein, daß die Rotberockten außer mir auch noch ein paar Blauröcken aus Montreal begegnen.« »Schau, schau«, grinste Sir Edmund. »Mit den Franzosen haltet Ihr's auch.« »Wär' Euch auch recht, wenn die mir die Kehle abschnitten, was?« »Ihr seid ein Narr, Hollins! Wahrhaftig, ein verdammter Narr seid Ihr! Ich brauch Euch noch öfter.« »Schön«, sagte Hollins kalt. »Tausend Pfund also, und Waltham verschwindet.« »Ich hab' sie nicht. Hört zu, Hollins. Ich gebe Euch vorab fünfhundert Pfund und eine Sicherheit, daß ich weitere fünfhundert zahle, im Augenblick, wo ich die Herrschaft antrete. Aber ich zahle keinen Pfennig, solange ich nicht die Gewißheit habe, daß der Bursche tot ist.« Hollins schien einen Augenblick zu überlegen, dann sagte er: »Gut. Zahlt die fünfhundert Pfund. Damit fängt's an. Brauche das Geld. Habe schlechte Geschäfte gemacht seit der Geschichte mit dem DUKE OF RICHMOND. Habe ich die fünfhundert und eine Verschreibung über die gleiche Summe, beseitige ich den Erben. Falls Ihr mich etwa zu betrügen beabsichtigt – ich hab' ein paar Briefe von Eurer Hand im Besitz, die den Richter verdammt stutzig machen würden, bekäme er sie zu sehen. Seid Euch darüber klar, daß man mit mir nicht spaßt.« Der andere stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus. »Also«, knirschte er schließlich, »ich zahl' die fünfhundert, aber dann –« »Dann verlaßt Euch darauf.« »Gut. Ich muß fort. Es wird dunkel.« »Bleibt die Nacht hier.« »Nein. Raggle hat draußen am See ein Shanty; da will ich bleiben.« Er pfiff, und der Seemann, der ihn am Vortage gefahren hatte, trat aus dem Walde heraus. Auf einen Wink seines Herrn kletterte er in eines der im Hafen liegenden Boote. »Gute Nacht, Hollins«, sagte Sir Edmund und kletterte ihm nach. Hollins ließ das Boot abfahren, sah ihm noch einen Augenblick nach und ging dann durch den Wald zurück. John hörte ihn lachen: »Daß ich ein Narr wäre, eine Geisel zu beseitigen, mit der ich dir Daumenschrauben anlegen kann, solange du lebst. Warte nur! Das soll Eurer Lordschaft noch manches Pfund kosten!« Die Gestalt des Banditen tauchte im Wald unter. John war von dem Gehörten völlig betäubt. Er vermochte nicht zu fassen, daß es Menschen gab, die über den Tod eines anderen wie über ein beliebiges Geschäft verhandelten. Es schauderte ihn. Das kurze Selbstgespräch des Piratenkapitäns beruhigte ihn zwar über das allernächste Schicksal des Gefangenen, aber es dauerte gleichwohl ein Weilchen, bis er sein seelisches Gleichgewicht wiederfand. Aber er durfte sich dem Entsetzen nicht überlassen; es mußte etwas geschehen, und zwar unverzüglich. Sich vorsichtig erhebend, winkte er seinem roten Begleiter, ihm zu folgen. Mit unendlicher Vorsicht schlichen die beiden Männer durch die Büsche auf das Blockhaus zu. Das von starken Palisaden umgebene Gebäude lag in vollkommener Stille inmitten des dunklen Waldes. Nur schwacher Lichtschein, der hier und da durch die Ritzen der Schießscharten drang, wies darauf hin, daß das Anwesen bewohnt sei. Mit immer gleicher Vorsicht, ohne sich vom Saum des Buschwerks zu lösen, umschlichen sie den Komplex. Auf der Rückseite gewahrten sie ein erleuchtetes Fenster, das sich einige Fuß über den Palisaden befand. Es war mit starken Eisenstäben vergittert. Schweigend standen sie eine Zeitlang nebeneinander in den Büschen, zu den erhellten Scheiben hinaufstarrend. Saß hinter diesem hochgelegenen und wohlverwahrten Fenster der Gefangene? Der Gedanke lag immerhin nahe. Wie aber, wenn dem so war, sollte man eine Verbindung zu ihm herstellen? Hollins und der Stelzfuß, den John am Vorabend gesehen hatte, weilten zweifellos in den unteren Räumen des Hauses, und sie waren sicher noch munter. Die hohen und glatten Palisaden ohne Hilfsmittel zu erklettern, schien kaum möglich, auch nicht ratsam. Das geringste Geräusch konnte übrigens die Bewohner aufmerksam machen. Und man wußte nicht einmal, wieviele Leute im Haus waren. Während John noch so stand und nachsann, was in dieser Lage zu tun sei, berührte der Indianer leicht seinen Arm. Er sah auf; der Indianer wies schweigend nach oben. Der weisenden Hand folgend, gewahrte John hinter der erleuchteten Scheibe den Kopf eines jungen Mannes, der von langem, lockigen Haar umgeben war. Der Mann hielt die Stirn gegen die Scheibe gepreßt. Im Augenblick beschloß John, auf jede Gefahr den Schutz des Buschwerks zu verlassen. Er forderte den Indianer auf, sich schußfertig zu machen, um ihm erforderlichenfalls den Rückzug decken zu können. Ni-kun-tha begriff und spannte den Hahn seiner Büchse. John trat ein paar Schritte vor und winkte der Gestalt am Fenster mit beiden Händen zu. Doch die schien nichts wahrzunehmen; Johns Gestalt hob sich wohl zu wenig von dem dunklen Hintergrund des Waldes ab. Der junge Mann ließ sich zur Erde niedergleiten und kroch, die Stümpfe der gefällten Bäume zur Deckung ausnützend, bis auf zwanzig Schritt an die Palisadenwand heran; er konnte jetzt eben noch den Kopf des Gefangenen hinter dem Fenster erkennen. Schnell richtete er sich auf und winkte abermals mit beiden Armen. Und jetzt wurde der Mann am Fenster aufmerksam. Aus den unteren Räumen drang rauher Gesang. Eine betrunkene Stimme gröhlte ein bekanntes Seemannslied. Oben öffnete sich das Fenster; eine gedämpfte Stimme fragte: »Wer ist da?« »Freund!« raunte John, beide Hände trichterförmig an den Mund legend. »Dem Himmel sei Dank! Bringt Ihr Hilfe?« »Wenn ich kann: ja.« »Wißt Ihr, wer ich bin?« »Ja. Sir Richard Waltham.« »Oh, dann ist alles gut.« »Könnt Ihr Euer Zimmer verlassen?« »Nein. Unmöglich.« »Dann holen wir Euch morgen oder übermorgen nach Mitternacht.« »Ihr werdet eine Leiter und eine Feile brauchen.« »Beides wird zur Stelle sein.« Die Unterredung wurde in hastigem Flüsterton geführt, lag die Gefahr einer plötzlichen Überraschung doch nahe. »Habt Dank, unbekannter Freund, und meldet Lord Somerset, wo Ihr Richard Waltham gefunden habt«, rief der Gefangene noch. »Wird besorgt werden«, sagte John. Im gleichen Augenblick glitt er zu Boden, hatte er doch Schritte hinter den Palisaden vernommen. Der Gesang im Haus war verstummt. Der junge Mann oben trat vom Fenster zurück. »Skroop, versoffene Wasserratte, wo liegt das Holz?« brüllte es hinter den Palisaden. »Wir müssen einen steifen Toddy brauen; die Boys müssen jeden Augenblick kommen.« John erkannte die Stimme Hollins'. »Da drüben in der Ecke«, kam die Antwort einer lallender Stimme. »Mein lieber Junge, ich werde dich knapp halten müssen«, schimpfte Hollins, »einen betrunkenen Wächter kann ich hier nicht brauchen.« »Hab' meine fünf Sinne so gut beisammen wie Ihr, Hollins«, tönte es als Antwort zurück; der Sprechende war offenbar schwer betrunken; »weiß aber verdammt nicht, wielange noch, wenn ich noch lange hier bleiben muß, ohne Rum und ohne Tabak. Sag Euch im Guten: Ich mach' das nicht mehr mit.« »Wart's ab und leg' dich schlafen, alte Saufgurgel. Hast für heute genug«, brummte Hollins. John hörte ihn noch einen Fluch ausstoßen, dann verloren sich Schritte und Stimmen. Er erhob sich und eilte in gebückter Haltung zum Waldrand zurück. Oben am Fenster zeichnete sich die Silhouette des Gefangenen ab. Der Indianer, der gegen einen Baumstamm gelehnt, den Vorgängen gefolgt war, deutete hinauf. »Gefangener«, flüsterte er; »ihn retten? – Gut!« »Wollen sehen. Morgen. Für heute ist nichts mehr zu tun.« Sie gingen zum Ufer zurück, glitten in ihr Kanu, ließen es in den Kanal treiben und waren eben im Begriff, den Mast aufzurichten, als eine Stimme über das Wasser zu ihnen drang: »Was gibt's da? Ahoi, Kanu!« Sie wandten blitzschnell den Kopf und gewahrten hinter sich das stark bemannte Boot, das John am Vorabend gesehen hatte. Rasch ließen sie den Mast fallen, ergriffen die Ruder und tauchten sie zu eiliger Flucht in das Wasser. Das große Kielboot war, langsam von der Strömung getrieben, nahezu lautlos um die Insel herumgekommen und hatte John und Ni-kun-tha überrascht. Da das Kanu jetzt nach dem Anruf mit so verdächtiger Eile davonglitt, rief die Stimme, die eben gerufen hatte, in scharfem Ton: »Halt! Oder ich schieße!« John und Ni-kun-tha ruderten mit aller Kraft; Schaumblasen aufwerfend, schoß das Kanu durch die Flut. Ein Schuß krachte; die Flüchtenden hörten das Pfeifen der Kugel. »Bist du wahnsinnig? Wart', bis ich Feuerbefehl gebe!« brüllte der Rufer von vorhin. »Es sind Indianer. Willst du uns einen ganzen Stamm auf den Hals hetzen? Woll'n uns die Burschen aber wenigstens ansehen. Riemen eingelegt! Los!« Die Männer im Einbaum hörten die dröhnende Stimme die Stille der Nacht durchdringen; jetzt vernahmen sie auch den taktmäßigen Ruderschlag. Ihr Kanu mußte auf dem den Himmel spiegelnden Wasser genau zu erkennen sein. John wie Ni-kun-tha verstanden, ein Kanu zu lenken; sie setzten ihre ganze Kraft und Geschicklichkeit ein, doch waren sie sich beide darüber klar, daß sie der stärkeren Ruderkraft des großen Kielbootes auf die Dauer nicht zu begegnen vermochten. Sie mußten versuchen, sich durch geschicktes Manövrieren, durch schnelle Wendungen und durch rechtzeitiges Untertauchen in irgendeinem dichten Ufergebüsch zu retten. »Links jetzt«, zischte John, als sich dort ein Kanal öffnete. Sie bogen ein und fuhren mit großer Geschwindigkeit in Ufernähe dahin, aber immer noch klangen die taktmäßigen Ruderschläge dicht genug hinter ihnen. Sie mochten ein paar Minuten mit äußerster Kraft gerudert haben, als von rechts her ein Boot in ihren Weg trieb, in dem ein einzelner Mann saß. Das Boot war eine Jolle, wie die Molly sie führte. Der Mann mochte etwas von der wilden Jagd, die da im Gange war, bemerkt haben. Er schrie: »Ahoi, Kanu!« Aus dem Kielboot antwortete es: »Stell' sie, Bill!« Mit einer geschickten Wendung legte sich die Jolle quer vor den Lauf des Kanus. Im gleichen Augenblick, da Ni-kun-tha das gewahrte, ließ er das Ruder sinken, griff zur Büchse, riß sie an die Wange und schoß. Dem harten Knall folgte unmittelbar ein gellender Schrei aus der Jolle. Augenblicklich griff Ni-kun-tha wieder zum Ruder; das Kanu schoß an der querliegenden Jolle, in der ein Mann sich stöhnend herumwälzte, vorbei. »Verdammt!« brüllte es hinter ihnen. »Jetzt schießt mir die Hunde über den Haufen!« Mit aller Kraft lagen John und Ni-kun-tha in den Riemen. John atmete schwer; er war mit den Gedanken noch bei der raschen Tat des Indianers. Er hatte noch nie einen Mann im Kampf fallen sehen, und er wußte nicht, ob er die Handlung seines Gefährten gutheißen sollte. Und doch – es hatte keine andere Möglichkeit gegeben, der sicheren Falle zu entrinnen. Eine Gewehrsalve dröhnte hinter ihnen auf; die Kugeln pfiffen über sie hinweg und an ihren Köpfen vorbei. Da die Ruder im Kielboot während der Vorbereitungen zum Schuß ruhen mußten, gewannen die Verfolgten einen nicht unerheblichen Vorsprung. Einbiegen, das Kanu unter die überhängenden Äste treiben und mit den Büchsen in der Hand an Land springen, war das Werk eines Augenblicks. Atemlos und keuchend vor Anstrengung kauerten sie sich in den Büschen nieder; der Indianer begann, ungeachtet seiner Erschöpfung, seine Büchse zu laden. Von kräftigen Ruderschlägen getrieben, bog das Kielboot in den Kanal ein. Eine Stimme brüllte: »Halt!« Das Boot hielt. »Die Burschen sind längst an Land«, fuhr die Stimme fort, »wir setzen uns nur der Gefahr aus, eine Kugel in die Rippen zu bekommen. Bei der Dunkelheit sind sie unmöglich zu finden. Diese roten Hunde haben uns gerade noch hier gefehlt. Wenden! Müssen uns um Bill kümmern.« Das Boot wendete und fuhr, langsamer als es gekommen war, zurück. Erst nach geraumer Zeit und nachdem sie sicher waren, nicht mehr in einen absichtlich gelegten Hinterhalt zu geraten, verließen die Verfolgten ihr Versteck, bestiegen das Kanu, setzten das Behelfssegel und landeten gegen Mitternacht an der Insel, an der sie gestrandet waren. John erstattete den bereits unruhig Wartenden eingehend Bericht und erregte mit seinen Mitteilungen nicht geringes Aufsehen. Der junge Indianer, der noch immer ruhige, ernste Zurückhaltung zeigte, erhielt nicht nur von Elias Burns, sondern sogar von dem Indianerfresser Bob Green für sein tapferes und entschlossenes Verhalten hohes Lob gespendet. Und das wollte etwas heißen. Piraten an Bord Die Sonne stand schon lange am Himmel, als die Gestrandeten sich vom Lager erhoben. Ihr erster Blick galt dem Schiff. Die Molly lag ruhig im Schein der Morgensonne; die Wälder schwiegen ringsum. Das unbewegte Wasser, in dem sich die Baumkronen spiegelten, der wolkenlose Himmel, der rötliche Schimmer, der die Spitzen der Bäume vergoldete – das alles vermittelte ein Bild des Friedens, wie es eindrucksvoller nicht gedacht werden konnte. Und doch lauerten hinter diesem freundlichen Bild finstere Leidenschaften; hinter dem Dunkel der Wälder gab es Menschen, die mit allen göttlichen und irdischen Gesetzen gebrochen hatten. Elias Burns, der alte Puritaner, wich auch hier in der Wildnis nicht von dem Brauch, den beginnenden Tag mit einem Gebet zu eröffnen. Bob Green, der weniger vom Beten halten mochte, hörte gleichwohl andächtig zu, und auch der Indianer lauschte den ihm kaum verständlichen Lauten. Er mochte immerhin begreifen, daß der alte Mann mit dem Großen Geist der Weißen sprach. Anschließend wurde mit gutem Appetit gefrühstückt. Der Indianer zeigte auch beim Essen eine würdige Zurückhaltung; obgleich er sich, insbesondere mit Johns Hilfe, recht gut verständlich machen konnte, sprach er kaum. Die Trauer um seine ertrunkenen Gefährten mochte ihm noch im Sinn stecken. Auch über seine Stammeszugehörigkeit hatte er sich noch nicht geäußert, klar war nur, daß er weder ein Hurone war, noch zu den sechs Nationen der Irokesen gehörte; im Gegenteil, er schien Huronen wie Irokesen mit unauslöschlichem Haß zu verfolgen. Der Unbekümmertste und Sorgloseste von allen war nach wie vor Bob Green, der alte Seefahrer. Nach dem Essen steckte er sich seine Pfeife an und blies dicke blaue Ringe in die Luft. »Nun wissen wir also, daß die Sache mit dem DUKE OF RICHMOND stimmt«, sagte er. »Das Schiff ist nicht im Sturm untergegangen, sondern von Piraten gekapert worden, und zwar war es auf den Erben des Lords abgesehen.« »Trauriges Los, das den jungen Herrn getroffen hat.« Der alte Burns schüttelte bekümmert den Kopf. »Aber wir werden ihn befreien, Vater«, sagte John. »Wenn es überhaupt möglich ist, wollen wir es gewiß versuchen«, versetzte der Alte. »Ich habe es versprochen, und es ist klar, daß ich zu meinem Wort stehe«, stellte John mit Entschiedenheit fest. Elias Burns blieb ruhig und bedächtig: »Wir werden alles versuchen, dein Wort einzulösen.« »Wird einen Hauptspaß geben, Master«, lachte der Bootsmann. »Brenne direkt darauf, nähere Bekanntschaft mit den Halunken zu machen, die so manchen ehrlichen Seemann auf dem Gewissen haben.« »Ich fürchte, Ihr stellt euch die Sache ein wenig gar zu leicht vor«, sagte der Alte. »Nach Johns Bericht besteht kein Zweifel daran, daß die Banditen Helfershelfer auf dem festen Land haben, und daß es sich um eine größere Bande mit mehreren Schlupfwinkeln handelt. Dieser sonderbare Sir Edmund scheint in diesem Zusammenhang ja auch eine bemerkenswerte Rolle zu spielen.« »Diesen ehrenwerten Gentleman möchte ich besonders gern in der Hand des Sheriffs sehen«, knurrte Bob Green. »Aber was sollen wir überhaupt tun, Bob? Wir sind ja selber in einer nicht eben erfreulichen Lage«, wandte Burns ein. »Jetzt liegen wir hier schon zwei Tage hilflos am Strand, und da wir wissen, daß sich das Seeräubergesindel in nächster Nähe aufhält, ist nicht abzusehen, wie wir aus dieser Situation herauskommen sollen.« »Ich hatte mir das alles schon überlegt«, sagte Bob. »Eigentlich wollte ich euch heute morgen den Vorschlag machen, trotz allem nach Stacket Harbour zu segeln und eine tüchtige Mannschaft heranzuholen. Dann bekämen wir nicht nur das Schiff wieder flott, sondern könnten gleichzeitig auch mit dem Piratengesindel aufräumen. Und ob hier nun drei oder vier Mann sitzen und warten, läuft schließlich auf dasselbe hinaus. Ich hatte mir vorgenommen, unter Umständen sogar einen Regierungskutter mit Soldaten mitzubringen. Johns neueste Nachrichten haben mich nun aber bedenklich gemacht. Ich bin überzeugt, die Halunken haben hier am See ihre Aufpasser sitzen. Wittern sie erst Gefahr, werden sie sich samt dem Gefangenen in Sicherheit zu bringen wissen. Es scheint mir nach all meinen Erfahrungen aber unmöglich, sie, wenn sie erst einmal untergetaucht sind, im Gewirr der Tausend Inseln aufzuspüren; abgesehen davon, daß ihnen der Rückzug nach dem französischen Kanada immer offen ist. Es scheint mir deshalb leichtfertig, am hellen Tage mit der Jolle auf den See zu gehen; werde ich entdeckt und ist der Sechsruderer draußen, womit wir rechnen müssen, könnte ich den Banditen nicht entgehen. Damit aber wäre alles verloren.« »Das alles ist unzweifelhaft richtig«, versetzte Elias Burns nach kurzem Schweigen. »Und da John überdies sein Wort gegeben hat, möchte ich also vorschlagen, daß wir heut abend nach Einbruch der Dunkelheit einen Versuch machen, den jungen Baronet zu befreien. Möglicherweise können wir damit rechnen, daß die Piraten auf Beutefang sind; dann könnte die Sache keine allzu großen Schwierigkeiten machen.« John jubelte, und auch der Bootsmann stimmte dem Vorschlag höchst befriedigt zu. »Spaßige Sache, daß die Banditen überzeugt waren, zwei Indianer vor sich zu haben«, lachte Bob Green, »könnte uns unter Umständen gut zupaß kommen; mindestens brauchen sie nichts von unserer Anwesenheit zu ahnen, selbst wenn sie die Molly entdecken sollten.« Er hatte kaum ausgesprochen, als der Indianer, der schweigend an einen Baum gelehnt stand, den Arm ausstreckte und ein warnendes »Hugh!« ausstieß. Der Arm wies in die Richtung, wo die Molly lag. Die drei Weißen sprangen erschrocken auf und gewahrten, durch die Büsche lugend, das stark bemannte Kielboot der Seeräuber, das eben aus dem Ausgang des Kanals kommend, langsam auf die gestrandete Sloop zusteuerte. »Da sind sie. Nun schütze uns der Herrgott!« flüsterte Elias Burns. »Nun also«, knurrte Bob; er schien eher befriedigt, daß die Spannung gebrochen war. »Wie ist's«, sagte er, »wollen wir ihnen eine volle Salve geben?« »Still, Bob, wollen erst abwarten, was sie tun.« John starrte mit glühenden Augen auf die Szene; man sah ihm an, daß er entschlossen war, den Kampf aufzunehmen. Der Indianer öffnete, unbewegt neben ihm stehend, die Pfanne seiner Büchse und sah nach dem Pulver; sein Gesicht war völlig ausdruckslos. Das Boot war mit zwölf schwer bewaffneten Männern besetzt, die mit unverhohlenem Staunen auf das wracke Schiff starrten. Die Lauscher oben im Wald hätten etwas darum gegeben, hätten sie hören können, was unten im Kielboot gesprochen wurde, doch dafür war die Entfernung zu weit. John sah nur, daß der Banditenchef Hollins persönlich am Steuer saß. Auch sonst gab ihr günstig gewähltes Versteck ihnen die Möglichkeit, die Vorgänge unten in Einzelheiten zu verfolgen. Hollins unten rief, während das Kielboot sich der Sloop näherte: »Beim Jupiter! Da hat der Sturm doch noch unseren Strand gesegnet. Ein verdammt erfreulicher Anblick, Boys. Sitzt auf dem Sand wie ein an die Küste geschleuderter Walfisch. Hoffentlich entspricht der Inhalt dem Äußeren.« Er gab den Ruderern das Zeichen zum Halten und betrachtete aufmerksam das Schiff und seine Lage. »Der Sturm hat die Sloop nicht in diesen Winkel geführt, soviel steht fest«, sagte er; »man hat sie dahin gesteuert und auf Strand laufen lassen. Wäre sie nur einfach gescheitert, läge sie dort.« Er deutete auf das nahe Ufer, nahm ein Teleskop aus der Tasche, richtete es auf die Molly und dann auf die nächste Umgebung. Die Männer oben in ihrem Versteck duckten sich tiefer hinter die Büsche. »Die Sloop hat drei bis vier Mann Besatzung gehabt«, fuhr Hollins unten fort, »wo sind die Leute geblieben?« Er wandte sich einem rothaarigen, wüsten Gesellen zu: »Hast du dich nicht vielleicht geirrt, Dick?« fragte er, »waren es wirklich Indianer, die sich gestern abend an der Insel herumtrieben?« »Will verdammt sein, Captain, wenn es nicht ein Irokesen-Einbaum mit zwei rothäutigen Schuften war«, entgegnete der Angeredete. »Konnte übrigens auch die Falkenfedern genau erkennen.« Das Boot näherte sich langsam der Sloop. »Sloop ahoi!« schrie Hollins mit weithin schallender Stimme. Er erhielt keine Antwort, nichts regte sich auf dem Schiff, und die Wälder schwiegen. »Der Mast ist gebrochen, aber der Rumpf scheint noch fest in den Fugen zu halten«, stellte Hollins fest. »Wo aber mag die Mannschaft stecken?« »Vermutlich an Land gegangen«, sagte einer der Männer. »Sehe die Jolle nicht«, bemerkte der vorhin mit Dick Angeredete. »Werden sich in ihr davongemacht haben.« »Hätten wir doch auf dem See bemerken müssen«, sagte Hollins. »Nicht unbedingt, Captain. Können bei Nacht gesegelt sein. Bei dem glatten Wasser kommt man in einer Nußschale über den ganzen Ontario.« »Hm, könntest recht haben. Konnten die Sloop allein nicht flott machen. Werden also weg sein, um Hilfe zu holen. Man läßt eine beladene Sloop nicht einfach liegen, wenn Hoffnung ist, das ganze Schiff, oder wenigstens die Ladung zu bergen. Werden also wohl bald mit Mannschaft und Leichterkähnen zurückkehren. Wollen uns also den Kasten jetzt schnell mal von innen besehen.« Das Kielboot fuhr dicht an die Sloop heran und legte am Achterdeck bei. Hollins und zwei Männer kletterten mit leichter Mühe an Bord, warfen ein paar flüchtige Blicke umher und stiegen dann in das Schiffsinnere hinab. Unten untersuchte der Seeräubercaptain aufmerksam erst die Kajüte und dann den Laderaum. Er ließ ein befriedigtes Knurren vernehmen, als er die gestapelten Fässer, Ballen und Säcke erblickte. »Lohnende Sache, Fellows«, sagte er, »läßt sich in Detroit ohne Schwierigkeit in blankes Geld umsetzen.« Er untersuchte nun aufmerksam die Bordwände, und da er ein erfahrener Seemann war, kam er ebenso wie Bob Green zu der Überzeugung, daß der Schiffskörper im wesentlichen unbeschädigt sei und daß die Sloop flottgemacht werden könne. Er beschloß, unverzüglich einen Versuch zu unternehmen. Wieder an Deck steigend, rief er seine Leute zusammen. »Ein fetter Happen, Boys«, sagte er, »aber das Ausladen wäre ein schwieriges und zeitraubendes Stück Arbeit. Wollen deshalb versuchen, die Sloop abzubringen. Müßt euch aber dran halten; möchte sein, daß wir bei der Arbeit überrascht werden.« Die Boys, reiche Beute witternd, gröhlten vor Begeisterung. »Mast über Deck!« befahl Hollins. »Dann bringen wir einen Anker aus und gehen mit vereinten Kräften ans Werk.« Es gab Äxte genug an Bord, die den Mast haltenden Taue waren bald gekappt. Oben im Wald sagte Bob, der dem Treiben an Deck des Schiffes aufmerksam zusah: »Die Halunken wollen wahrhaftig versuchen, die Molly abzubringen.« »Laß sie gewähren. Werden später sehen, was zu tun ist«, entgegnete Elias Burns, der, wie immer in gefährlichen Situationen, die verkörperte Ruhe und Kaltblütigkeit war. Gespannt verfolgten die vier Männer das Treiben der Seeräuber. Sie entfernten das große Hauptsegel von der Rahe und legten es auf Deck zusammen. Bald danach wälzten die Männer den schweren Mast mit vereinten Kräften über Bord, wo er im Sand liegenblieb. Neben dem schweren Anker lagen an Deck zusammengerollt einige schwere Trossen. Die Banditen richteten mit großer Geschicklichkeit eine der Rahen auf, befestigten den Flaschenzug, der das Segel getragen hatte, an deren Spitze, hoben auf diese Weise den inzwischen am Tau befestigten Anker und ließen ihn in das Boot hinab. Dann zogen sie das Ende des Taues durch das Gangspill. »Sie verstehn ihre Sache«, brummte Bob, »sind ein paar richtige Seeleute darunter.« Unten wurde das Kielboot jetzt bemannt. »Laß zwanzig bis dreißig Faden Tau ablaufen, Dick«, rief Hollins dem Rothaarigen zu. Alsdann befahl er den Männern im Boot, den Anker bis zu einer am Ufer stehenden Fichte zu bringen und ihn dort in Ufernähe fallen zu lassen. Das Boot stieß ab und führte den Befehl aus. Nachdem der Anker Grund gefaßt hatte, kehrte es um, und die Männer stiegen wieder an Bord. »Alle Hände ans Gangspill!« befahl Hollins. Die Leute griffen in die Speichen und begannen, die schwere, an Deck befestigte Winde zu drehen. Das Tau straffte sich; der Anker schleifte noch einige Male und saß dann endgültig fest. »Los, Boys, zeigt, was ihr könnt!« brüllte Hollins. »Munter! Munter!« Er ging nun selbst mit ans Gangspill und setzte seine herkulische Körperkraft ein. »Aho – hup!« rief er, »aho – hup!« Die Männer setzten die letzte Kraft ein, aber die Molly bewegte sich nicht. »Noch einmal, Boys! Aho – hup! Aho – hup!« Es half alles nichts; die Molly rührte sich nicht, sie steckte zu fest im Ufersand. »Hat keinen Zweck, Captain«, sagte der rothaarige Dick, »sind nicht Hände genug.« »Hilft alles nichts«, knurrte Hollins, »die Sloop muß zu Wasser. Wir müssen das Vorderteil erleichtern. Macht die große Luke dort auf und richtet einen Kran her. Wir schaffen etwas von der Ladung heraus.« Den Burschen schien selber viel daran zu liegen, das Schiff zu bergen; sie murrten nicht. Sie richteten mit Hilfe der Rahe und des Flaschenzuges einen Kran her, der denn auch bald darauf Fässer, Ballen und Säcke auf den Strand beförderte. Die durch den Fall des Mastes verursachte Zertrümmerung des Bollwerks leistete dabei gute Dienste. Mit steigender Erregung sahen die Männer im Wald dem Treiben der Piraten zu. Bob hielt es bald nicht mehr aus. Er hatte schon mehrmals den Wunsch geäußert, dazwischen zu schießen, aber Burns wollte nicht. »Warum?« entgegnete er jedesmal; »die Burschen sollen uns die Sloop erst einmal flott machen. So billig und einfach kriegen wir's sonst nicht. Nachher werden wir weitersehen.« Nachdem etwa fünfzig bis sechzig Stückgüter auf dem Ufersand lagerten, befahl Hollins, das Ausladen einzustellen und das Gangspill erneut zu bemannen. Auf sein aufmunterndes »Aho – hup!« setzten alle Mann wieder ihre äußerste Kraft ein. Das Tau war so straff gespannt, daß es zu reißen drohte. »Nochmals, Boys!« brüllte Hollins, »ich höre den Sand knirschen.« Noch eine wilde, gemeinsame Anstrengung, und die Molly begann sich zu rühren. Die Piraten stießen ein Gebrüll des Triumphes aus. »Sagte euch ja: kriegen den Kahn zum Schwimmen«, rief Hollins, »noch einmal alle Mann! Aho – hup!« Und wieder bewegte sich der Schiffsrumpf, um nun in langsamer, stetiger Bewegung, unter dem letzten Krafteinsatz der das Gangspill bedienenden Männer, ins Wasser zu gleiten. Wenige Minuten später schwamm die Sloop frei. Die Piraten brüllten und tobten vor Freude, und das Schiff trieb auf den Anker zu. »Gut gemacht, Boys!« lobte Hollins. »Legt das Schiff fest und braut einen steifen Grog. Rum und Zucker sind da.« Die erschöpften Leute ließen sich das nicht zweimal sagen. Bald darauf brannte der Herd in der auf Deck befindlichen Kombüse, und während die Piraten sich an Schinken und Bärenpranken gütlich taten, die sie unter den Proviantvorräten der Molly gefunden hatten, siedete das Wasser für das geliebte Getränk. Die Männer im Wald hatten dem Ablauf der Ereignisse mit gemischten Gefühlen zugesehen. In die Freude über das Abbringen des Schiffes mischte sich die Besorgnis, es könne in der Gewalt der Seeräuber endgültig verloren sein. Sie waren in starker Spannung Zeugen der ungeheuren, am Ende durch das Gelingen gekrönten Anstrengungen der Piraten gewesen. »Was nun, Master?« fragte Bob Green, auf die Molly starrend, die leicht schaukelnd vor Anker lag. »Hättet meinem Rat folgen sollen. Eine einzige Salve hätte vier der Halunken kampfunfähig gemacht. Mit den anderen wären wir dann schon fertig geworden.« »Und die Molly?« sagte Burns, »würde sie dann schwimmen?« »Ist natürlich ganz schön, daß sie uns eine Arbeit abgenommen haben, die wir allein nicht leisten konnten, aber nun scheint mir auch die Stunde des Handelns gekommen. Tun wir jetzt nichts, dann sind wir die Molly los.« »Es widerstrebt mir, Blut zu vergießen, wenn es nicht zur unmittelbaren Verteidigung des eigenen Lebens geschieht«, sagte der Puritaner. »Nehmt's mir nicht übel, aber das sind närrische Bedenken«, schnaufte der Bootsmann. »Von den Burschen da unten ist jeder einzelne für den Galgen reif. Ihr nehmt die Sache verdammt kaltblütig, Sir, schließlich steht auch Euer Eigentum auf dem Spiel.« Der Alte schüttelte störrisch den Kopf. »Vorläufig können die Kerle mit dem Schiff nicht weg«, sagte er. »Oder meint Ihr doch? Ihr seid Fachmann. Müssen sie nicht wenigstens einen Notmast setzen?« »Irgend etwas dergleichen müssen sie natürlich tun. Würde wahrscheinlich schwer halten, das Schiff mit sechs Rudern ins Schlepptau zu nehmen. Aber paßt nur auf, sie werden schon eine Spiere setzen. Die Jungen verstehen ihr Handwerk, das hab' ich gesehen.« Der Alte zögerte; er war offensichtlich unschlüssig. Abgesehen davon, daß es ihm zuwider war, Blut zu vergießen, wollte er auch das Leben des Sohnes der Schiffsladung wegen nicht in Gefahr bringen. Auf dem Schiff unten kreiste mittlerweile der Grogbecher. Gesang und Gejohl zeigten an, daß die Piraten den Beutetag feierten. John, der bisher geschwiegen hatte, sagte jetzt mit ironischem Lächeln: »Ich meine, die Burschen haben uns einen ganz hübschen Gefallen erwiesen. Sie sollen sich ruhig noch etwas mehr für uns anstrengen. Ich denke, wir lassen sie einen Notmast setzen und takeln – sie werden damit bestimmt schneller fertig als wir – wenn die Molly dann klar zum Auslaufen ist, holen wir sie uns.« Bob Green sah den Jungen verdutzt an und hatte dann Mühe, ein Lachen zu unterdrücken. »Weiß Gott, Ihr habt recht, John«,, sagte er; »wir lassen die Kanaillen unsere Arbeit verrichten, und wenn sie damit fertig sind, gehen wir an Deck. Muß Euch sagen, ich brenne geradezu darauf, ihnen den Büchsenkolben um die Ohren zu schlagen.« »Der Vorschlag ist grundsätzlich so übel nicht«, sagte Elias Burns mit gleichbleibender Ruhe. »Versuchten wir das Schiff jetzt zu nehmen, müßten wir sie alle hinschlachten. Selbst wenn wir vier Mann aus dem Hinterhalt abschössen, was mir gar nicht gefällt, blieben immer noch acht, mit denen wir kämpfen müßten. Und das scheint immerhin eine recht unsichere Sache.« »Also gut«, versetzte Bob Green, »sollen die Halunken die alte Molly segelfertig machen. Und dann müßte ich nicht meines Vaters Sohn sein, wenn ich sie ihnen nicht abjagte.« Der junge Indianer, der den Vorgängen auf dem Wasser aufmerksam gefolgt war und auch den Reden seiner drei weißen Gefährten gelauscht hatte, ohne selbst ein einziges Mal den Mund zu öffnen, sagte jetzt, auf das Schiff deutend: »Alle Feinde dort. Gehen, Gefangenen holen. Eine Büchse mehr.« Zunächst erfolgte keine Antwort auf den unerwarteten Vorschlag, doch leuchteten die darin zum Ausdruck gebrachten Gesichtspunkte den anderen ohne weiteres ein. Es war sehr wahrscheinlich, daß sich im Augenblick außer dem Gefangenen nur der alte Stelzfuß in dem Insel-Blockhaus befand. Waren die rechtmäßigen Eigentümer des Schiffes erst einmal offen in Erscheinung getreten, bestand kaum noch eine Möglichkeit, dem Gefangenen Hilfe zu bringen, und die Seeräuber würden in solchem Fall sicherlich keinen Augenblick zögern, einen so gefährlichen Zeugen wie Richard Waltham zu beseitigen. John, dem die Worte des Indianers aus der Seele gesprochen waren, sah seinen Vater an. Dessen Stirn war gefurcht. Er erwog wohl das Für und Wider des Vorschlages. Als niemand antwortete, sagte Ni-kun-tha ruhig: »Roter Mann allein gehen – Gefangenen holen.« Elias Burns sagte in seiner bedächtigen Weise, ohne auf die Worte des Indianers zu achten: »Wie lange Zeit werden die Leute brauchen, um einen Notmast zu setzen?« »Nun«, antwortete Bob, »falls sie jetzt an die Arbeit gingen, möchten sie es vielleicht bis zum Abend geschafft haben, wenn sie die Molly einigermaßen segeltüchtig machen wollen. Begnügen sie sich damit, soviel Leinwand zu setzen, wie nötig ist, um die Sloop in irgendein Versteck zwischen den Inseln zu steuern, ist es auch in ein paar Stunden zu machen. Denke aber nicht, daß sie die ausgeladene Fracht zurücklassen wollen. Das Einladen würde ein paar weitere Stunden in Anspruch nehmen.« »Ihr meint also, es sei in jedem Fall genug Zeit, um im Kanu nach der Pirateninsel zu fahren und wieder zurückzukommen?« »Ganz gewiß, Sir, zumal die Kerle einstweilen stark mit dem Grog beschäftigt sind. Schätze auch nicht, daß sie sobald damit aufhören werden, sich vollaufen zu lassen.« »Gut«, sagte Elias Burns. »Es liegt mir natürlich am Herzen, den jungen Waltham aus den Händen der Bande zu befreien, und es sieht aus, als könne das gerade jetzt ohne sonderliche Gefahr geschehen. Also mögen John und der Indianer sich in Gottes Namen aufmachen und ihr Heil versuchen.« »Danke schön, Vater«, rief John freudig aus, »Ni-kun-tha und ich holen den jungen Waltham heraus.« »Aber ihr müßt euch eilen und unter allen Umständen sofort zurückkommen; wir wissen nicht, wie die Dinge sich hier entwickeln«, mahnte der Alte. »Selbstverständlich, wir verschwenden keine Minute. Aber – wie beseitigen wir die Gitter an dem Fenster des Gefängnisses?« »Denke, das wird gar nicht nötig sein«, schaltete Bob sich jetzt ein. »Am liebsten ginge ich ja überhaupt mit; aber das geht nicht gut, kann Euern Vater nicht hier allein lassen, außerdem müssen wir ein Auge auf die Molly haben. Aber die Sache ist doch so: Entweder sind außer dem Stelzbein, von dem Ihr erzähltet, noch weitere Leute im Haus; dann ist am Tage sowieso nichts zu machen und ihr kehrt schleunigst um. Oder der Wächter ist allein, dann müßt ihr eben mit ihm fertig werden. Nehmt auf alle Fälle die Axt aus der Jolle mit, könnte euch unter Umständen gute Dienste tun.« »Machen wir«, antwortete John. »Komm, Falke, wir gehen.« Er verabschiedete sich kurz und betrat gleich darauf, von Ni-kun-tha gefolgt, den Wald. Nicht lange danach glitt das Irokesenkanu mit seinen beiden Insassen, vom leichten Wind getrieben, in das Gewirr der Inseln hinein. Ni-kun-thas Kriegslist Nach einer knappen Stunde schneller Fahrt erreichte das Kanu die Pirateninsel. Ni-kun-tha und John durchforschten aufmerksam den Uferbereich, vermochten aber nichts Verdächtiges zu bemerken. Sie landeten schließlich an einer Stelle, die für den Notfall eine schnelle Flucht ermöglichte. Durch das dichte Gebüsch schlichen sie sich alsdann an das Blockhaus heran, und zwar von der Rückseite aus, weil sie erst einmal den Gefangenen von ihrer Anwesenheit verständigen wollten. Danach hatte John die Absicht, den Wächter anzurufen und sich als Bote Hollins auszugeben. Sobald der Stelzfuß ihnen öffnete, wollten sie sich dann seiner bemächtigen. Das Gebäude lag völlig erstorben vor ihnen, nirgendwo rührte sich ein Laut. Auch am Fenster zeigte sich niemand. John ließ den Ruf des Whippoorwill ertönen und gestikulierte mit den Armen, aber nach wie vor rührte und regte sich nichts. Sie begaben sich nun im Schutz der Büsche auf die Vorderseite des Hauses. Nach kurzer Überlegung ging John auf das Palisadentor zu, nachdem er dem Indianer gedeutet hatte, in Deckung zu bleiben und die Büchse schußbereit zu halten. Wie gut, daß er sich den Namen des Stelzfußes gemerkt hatte. Er pochte mit den Fäusten gegen das Tor und rief laut mit verstellter Stimme: »Hallo! Skroop! Aufgemacht!« Es kam keine Antwort. »Hallo! Skroop!« brüllte John abermals, »Botschaft vom Chef!« Nicht ein Laut drang aus dem Hause heraus. Was war das? War das Haus etwa leer? Hatte man den Gefangenen getötet oder weggeschleppt? John lief um die Palisaden herum und rief zu dem vergitterten Fenster hinauf: »Hallo, Sir Richard! Hört Ihr mich?« Ehernes Schweigen nach wie vor. Es war klar: In diesem Haus war gegenwärtig kein Mensch. John ging zu der verschlossenen Palisadentür zurück und rüttelte daran. Aber das Schloß hielt dicht. Plötzlich hörte John eine Stimme in seinem Rücken: »Hallo, Boy, was macht Ihr denn da?« Blitzschnell fuhr er herum. Vor ihm stand, die Büchse in der Hand, der Seemann, der Sir Edmund in der Jolle zur Insel gerudert hatte. Er war so erschrocken, daß er nicht gleich eine Antwort fand und den Piraten wie eine Erscheinung anstarrte. Der nahm jetzt eine drohende Haltung an: »Wer, zum Teufel, hat Euch geheißen, hier nach Sir Richard zu rufen?« sagte er barsch. »Kriege ich bald Antwort?« John riß in einer Art Reflexbewegung die Büchse hoch; der Pirat drang auf ihn ein. Fast im gleichen Augenblick krachte aus dem Gebüsch ein Schuß. Der Fremde stieß einen Schrei aus, warf die Arme in die Luft und brach zusammen. Der Pulverdampf verzog sich, und der immer noch wie betäubte John erblickte zwischen den Büschen den Indianer, der ruhig und gelassen seine Büchse lud. John kniete neben dem Gefallenen nieder, der sich stöhnend umwandte. Sein Hemd zeigte große Blutflecke auf der Brust. »Wasser!« keuchte der Mann, während John seinen Kopf in den Schoß nahm; auf seinen Lippen erschien Blut. John ließ den Kopf sacht zu Boden gleiten und ging zu einer nahen Quelle, die er bei seinem Rundgang um das Haus bemerkt hatte. Er füllte seine Mütze, ging zurück und ließ den Verwundeten trinken. Ni-kun-tha stand regungslos, die Büchse in der Hand, im Gebüsch. Die Gesichtszüge des Verwundeten veränderten sich schnell; er verfiel zusehends. »Wer seid Ihr?« flüsterte er, während John sich mühte, das Blut seiner Brustwunde zu stillen. »Warum habt Ihr nach Sir Richard gerufen?« »Ich wollte ihn befreien!« »Er ist also – fort?« »Das Haus ist leer.« Der Mann keuchte und schluckte: »Dachte es mir.« »Strengt Euch nicht an.« »Laßt nur. Sowieso gleich aus. Verspielt! Wollt' dem jungen Baron in eine bessere Welt verhelfen – komme selber hin.« Er röchelte: »Wollte erst nicht, aber – hundert Pfund sind ein Stück Geld. Äh!« Er hustete; ein Blutstrom brach aus seinem Mund. John glaubte, es sei schon zu Ende, aber der Verwundete erholte sich noch einmal; in seinen starren Augen war ein sonderbarer Glanz. Er stammelte: »Egal – Halunke: Sir Edmund! Betrügt alle! Der Baronet – rettet ihn nur – Gott vergib – Kanal Südost – sechste Insel – großer Stein – äh – Er – barmen!« Er reckte sich, röchelte, ein krampfhaftes Zucken schüttelte den Körper des Mannes, dann fiel er zurück und regte sich nicht mehr. John war erschüttert, obgleich dieser Mann ein Verbrecher war; Erlebnisse dieser Art waren ihm noch neu. Der Indianer hatte dem Todeskampf des Piraten zugesehen, als handle es sich um ein Stück Wild, das verendete. Er kam jetzt aus den Büschen heraus und warf das Gewehr um. »Aus – gehen!« sagte er kurz. »Mein Bruder möge helfen, die Leiche in die Büsche zu tragen; wir können sie nicht hier liegen lassen«, sagte John. Ni-kun-tha faßte zwar mit an, aber man sah ihm an, daß er es höchst widerwillig tat. Als sie den Toten dann unter den grünen Zweigen eines Baumes gebettet hatten, griff der Indianer in die Tasche des Mannes und holte einige blutbefleckte Papiere heraus. Er reichte sie John und sagte: »Das vielleicht sprechen. Nehmen!« John nahm die Papiere und steckte sie in die eigene Tasche. Er deckte den Körper des Toten mit Zweigen zu und ging, von Ni-kun-tha gefolgt, zum Kanu zurück. Ni-kun-tha folgte ihm, nachdem er die dem Toten entfallene Büchse aufgenommen hatte. Sie erwies sich bei näherer Untersuchung als sorgfältig geladen. Am Ufer angekommen, reichte John dem Indianer die Hand und schüttelte sie. »Vielleicht hat mein roter Bruder mir das Leben gerettet«, sagte er; »ich danke ihm, und ich werde es nicht vergessen.« Über das bronzene Antlitz Ni-kun-thas flog ein hellerer Schein. Er antwortete in seinem gebrochenen Englisch: »Weißer Mann mein Leben – ich das seine retten. Gut!« Sie bestiegen den Einbaum und bedienten sich der Ruder, da der Wind einstweilen nicht in ihrer Richtung blies. John war ernster als sonst. Er hatte jetzt an zwei Tagen hintereinander zwei Menschen fallen sehen, und es waren dies die einzigen Menschen, die er überhaupt sterben sah. Gewiß, er hatte nicht selbst geschossen, außerdem waren die Schüsse beide Male in klarer Selbstverteidigung abgegeben worden. Sehr wahrscheinlich verdankte er der kalten Entschlossenheit und der kriegerischen Erfahrung seines roten Bruders sogar, daß er noch atmete. Und der eben Gefallene war ein gedungener Mörder gewesen. Aber John sah immer noch das Gesicht des sterbenden Mannes vor sich; er glaubte es nie vergessen zu können. Während sie schweigend durch die Inselwelt ruderten, glitten Johns Gedanken schließlich von dem grausigen Ereignis der jüngsten Vergangenheit ab und wandten sich dem Gefangenen zu, den er hatte befreien wollen. Da er am Vortage das Gespräch des Piratenkapitäns Hollins mit Sir Edmund und das folgende Selbstgespräch Hollins belauscht hatte, war es nicht schwer für ihn, sich die Zusammenhänge zu erklären. Hollins hatte den Gefangenen fortschaffen lassen, um ihn vor etwaigen direkten Mordabsichten des sauberen Baronets zu schützen, weil er ihn als Geisel in der Hand behalten wollte. Wie richtig er damit gehandelt hatte, hatte John gerade eben erlebt. Sir Edmund, der Grund haben mochte, dem Piraten nicht zu trauen, hatte seinen eigenen Bootsführer gedungen, den Mord an Waltham auszuführen. Unter diesen Umständen schien im Augenblick keine unmittelbare Gefahr für den Gefangenen zu bestehen. Aus den letzten Worten des von Ni-kun-tha Erschossenen ging unzweideutig hervor, daß die Seeräuber noch über einen weiteren Zufluchtsort im Inselbereich verfügten. John hatte die Einzelheiten, die der Sterbende in diesem Zusammenhang äußerte, seinem Gedächtnis fest eingeprägt. Die Sache hatte doch mehr Zeit erfordert, als John ursprünglich angenommen hatte. Jetzt hatten sie den Wind gegen sich und mußten sich schwer in die Riemen legen, um so schnell wie möglich vorwärts zu kommen. Da sie außerdem sehr vorsichtig sein und die Augen offen halten mußten, war es bereits später Nachmittag, als sie wieder in dem Waldversteck eintrafen. Elias Burns und Bob Green hörten sich Johns Bericht mit gefurchten Stirnen an. Aber sie hatten im Augenblick weit ernstere Sorgen: Ein Blick auf die vor Anker liegende Molly zeigte John, daß die Piraten es entgegen aller Erwartung inzwischen fertiggebracht hatten, die Sloop so zu takeln, daß sie bei ruhigem Wind sogar eine Fahrt über den See wagen konnte. Damit näherte sich der Augenblick, wo etwas geschehen mußte, um das Schiff den Räubern zu entreißen. Befand sich die Molly erst einmal außerhalb der Reichweite ihrer Gewehre, war sie unwiderruflich verloren, denn selbstverständlich wäre es Wahnsinn gewesen, zwölf von entschlossenen Männern geführten Büchsen gegenüber mit der Jolle anzugreifen. Ein Angriff zur Nachtzeit hätte vielleicht noch Erfolgschancen geboten, aber dazu mußte das Schiff erst einmal erreichbar sein. Wer weiß, wo es bei Einbruch der Dunkelheit war, wenn man die Banditen jetzt weiter gewähren ließ. John durchschaute die Lage mit einem einzigen Blick. Es war auch ihm klar, daß sofort etwas geschehen mußte; zweifelhaft blieb nur das Wie. Bobs Vorschlag ging dahin, sich auf der Landzunge, in welche die Insel auslief, bis in Schußweite an das Schiff heranzuschleichen, vier Piraten durch eine gut gezielte Salve außer Gefecht zu setzen und die Besatzung alsdann in einem weiteren Feuergefecht so empfindlich zu schwächen, daß der Rest sein Heil in der Flucht suchte. Er meinte, möglicherweise genügten überhaupt schon die ersten vier Schüsse, sie kopflos zu machen, konnten sie doch nicht wissen, ob sie nicht von erheblicher Übermacht angegriffen würden. Elias Burns vermochte sich mit diesem Plan nicht zu befreunden. Er glaubte nicht, daß die Piraten nach der ersten Salve fliehen und das Schiff im Stich lassen würden. Sie würden sicherlich erst festzustellen suchen, mit wieviel Gegnern sie es zu tun hätten. Sie brauchten dann nur den Anker zu lichten; bei dem herrschenden Wind war die Molly in kurzer Zeit im Gewirr der Inselkanäle untergetaucht und außer Schußweite. Außerdem hatten die Piraten an Bord der Molly überhaupt wenig von den Kugeln der Angreifer zu fürchten. Der Indianer hatte der Auseinandersetzung der Weißen sehr aufmerksam zugehört; er mochte aus Wortfetzen, die er verstand, und aus den Gebärden geschlossen haben, worum es sich handelte. Er berührte jetzt Burns' Arm leicht mit dem Finger und sagte, als der Alte sich ihm zuwandte: »Ni-kun-tha nehmen Kanu – fahren dort«; er wies auf den zwischen den Inseln dahinfließenden Kanal, »Feind ihn sehen – Ni-kun-tha gestern ihren Krieger getötet – ihn verfolgen: Dann: Schiff ganz leer. Ihr gehen auf Schiff – fahren weit fort – dahin!« Er wies in die Richtung des Sees. »Teufel auch!« sagte Bob Green. »Hätte nie geglaubt, daß indianische Schlauheit auch einmal nützlich sein könnte. Ein großartiger Plan. Gelingt er, ist die Molly unser, auch wenn ein paar Mann auf dem Schiff zurückbleiben sollten.« John und der alte Burns sahen den jungen Indianer bewundernd an. »Der Plan ist gut«, sagte der Alte schließlich. »Aber er setzt unseren roten Freund großer Gefahr aus. Was will der rote Mann machen, wenn man ihn ernsthaft verfolgt?« Ein flüchtiges Lächeln überzog das Gesicht des Indianers. »Weiße Männer blind«, sagte er. »Ni-kun-tha gehen an Land – kriechen in Busch – schwimmen wie Otter in Wasser – kommen auf großes Kanu.« »Laßt den Burschen gehen, Sir«, rief Bob Green. »Ist gerissen genug, wird sich nicht fangen lassen. Bin sicher, daß er heil wiederkommt.« Da der Plan zweifellos gut und keine Zeit mehr zu verlieren war, stimmte Elias Burns schließlich zu. Es wurde beschlossen, zunächst einmal für alle Fälle die Jolle etwas näher heranzubringen; alsdann wollte man die Vorgänge von dem bisherigen Lagerplatz aus beobachten und im gegebenen Augenblick eingreifen. John und der Indianer entfernten sich gemeinsam. Ni-kun-tha bestieg das Irokesenkanu, und John setzte sich in die Jolle, um sie heranzuholen. Burns und der Bootsmann harrten in fieberhafter Erregung der Dinge, die kommen sollten. Der Plan brachte für die in ihrem Versteck lauernden Weißen zunächst keine Gefahr, selbst dann nicht, wenn die erwartete Wirkung ausblieb. Denn das Auftauchen eines indianischen Kanus ließ ja noch keine Schlüsse auf die Anwesenheit von Weißen zu. Indessen mußte es jetzt so oder so zu einer Entscheidung kommen. John kehrte schon nach kurzer Zeit mit der Jolle zurück, befestigte sie im Ufergebüsch und begab sich zum Lagerplatz. Alle drei Männer prüften aufmerksam ihre Gewehre und richteten ihre Aufmerksamkeit dann auf das Schiff und auf den Kanal, wo der Indianer jeden Augenblick auftauchen mußte. Plötzlich wurde drüben am Schiff das große Ruderboot bemannt, und zwar mit sämtlichen Männern. Offenbar sollte der Anker gehoben werden. Tatsächlich setzte sich das Boot auf die Ankerstelle zu in Bewegung. Es war eben dort angekommen, als in weiterer Entfernung das Indianerkanu sichtbar wurde. Ni-kun-tha saß darin; er schien leicht und völlig sorglos die Ruder zu handhaben. Jetzt aber hatte der Piratenkapitän ihn bemerkt. »Hallo!« brüllte er. »Da ist einer der roten Hunde, die gestern die Insel ausspionierten und unserem guten Bill das Lebenslicht ausbliesen. Legt die Riemen ein. Mit dem Burschen wollen wir ein Wörtchen reden.« Während die Männer im Boot nach den Rudern griffen, hob Hollins die Büchse, zielte nach dem Kanu und schoß; ohne Erfolg freilich, da sich das Kanu noch außer Schußweite befand. »Vorwärts, Boys! Gleichen Schlag!« rief Hollins und setzte sich ans Steuer. Der Indianer hatte das Kanu gewendet und ruderte in großer Eile davon. Hollins war, was die drei im Wald lauernden Männer nicht wissen konnten, durch das Erscheinen des Indianerkanus in besondere Erregung versetzt worden. Er war nämlich der Meinung, es sei auf seinen Gefangenen abgesehen. Völlig überzeugt davon, daß Sir Edmund nach Mitteln und Wegen suchen würde, den jungen Waltham selbst beseitigen zu lassen, da er ihm, Hollins, nicht traute, hatte er den jungen Mann von der Insel entfernen lassen. Nun waren schon am Vorabend zwei Indianer um die Insel herumgestrichen und hatten, als man sie stellen wollte, einen seiner Männer erschossen. Vielleicht, so argumentierte er, hatte der ehrenwerte Sir die beiden Roten gekauft, Waltham umbringen zu lassen. Der Piratenkapitän war jedenfalls sehr begierig, den in seinem Kanu geflüchteten Indianer in seine Gewalt zu bringen, um Klarheit über seine etwaigen Absichten zu erlangen. Das Kanu schoß durch den Kanal, aber das Kielboot war schneller; John wurde unruhig, als er dies sah. Doch entschwanden beide Fahrzeuge sehr bald den Blicken der Beobachter. »Höchste Zeit, Sir, alle Mann an Bord!« rief Bob Green, ergriff seine Büchse und dazu die von dem Indianer erbeutete, und eilte, von den beiden Burns gefolgt, nach der Jolle. Einsteigen, die Riemen ergreifen und zum Schiff hinüberrudern war das Werk eines Augenblicks. Kaum eine Minute war vergangen, als die drei sich schon hintereinander an Bord schwangen. Ein hastiger Rundblick vom Deck aus; von dem Kanu und dem Kielboot war weit und breit nichts zu sehen. »Die Sprietsegel auf, John!« schrie Bob und kappte mit einem schnellen Axthieb das Ankertau. Gleich darauf warf er sich mit seiner riesigen Kraft an das erst unvollständig entfaltete Hauptsegel und brachte es an den Wind. Da der Luftzug vom See herüberkam, wurde die Molly auf diese Weise allerdings zurückgetrieben. »Ans Steuer, John! Hart Backbord!« brüllte Bob; »kommen sonst nie hier heraus. Müssen leewärts der Insel segeln und dann durch den anderen Kanal in den Ontario.« Bevor John aber noch mit den Segeln am Bugspriet fertig war und die Sloop das Steuer spürte, waren sie bereits eine so große Strecke zurückgetrieben worden, daß es schwierig wurde, noch den Kanal zu gewinnen, der sie leewärts der Insel führen sollte. Bob arbeitete für zehn. Endlich stand das Segel und er sprang an das Steuer. »Jetzt eine Mütze voll Wind, oder wir stranden«, keuchte er. Die Molly trieb immer noch ab. Ein gellender Ruf ließ die Männer aufblicken; sie sahen: Hinter ihnen im Kanal schwamm das Kielboot. Der Indianer mochte, als es ihm an der Zeit dünkte, aus dem Kanu in das Buschwerk geschlüpft sein, und die Verfolger mochten die Jagd als aussichtslos eingestellt haben. Nun sahen die zurückkommenden Piraten die Molly zu ihrem grenzenlosen Staunen in der Hand von Männern, von deren Anwesenheit sie nichts geahnt hatten. Sie stutzten einen Augenblick, hielten und berieten sich. Nach einem Weilchen sahen die Männer auf der Sloop, daß die Piraten einige der Bootinsassen auf der Insel absetzten, auf welche sie zutrieben, während das Kielboot zurückfuhr. »Die Teufel!« knirschte Bob Green. »Wollen uns am Kanal den Weg verlegen und uns vom Land aus abschießen lassen, bevor wir auch nur den Ausgang erreichen.« Die Situation war gefährlich genug. Nach Lage der Dinge gab es für die Sloop nur eine Möglichkeit: vom Winde abhängig, der ihren Plänen schnurstracks entgegenwehte, mußten sie den Weg einschlagen, der ihnen eben von Land und Wasser zugleich verlegt worden war. Die drei spielten schon mit dem Gedanken, die Jolle zu besteigen und zu flüchten, als ein frischer Luftzug das Wasser zu kräuseln begann und die Segel sich füllten. Kaum spürte das leicht und schnittig gebaute Schiff den Wind, da begann es auch schon das Wasser zu zerteilen. Es gehorchte dem Steuer und kam langsam von der Insel an Steuerbord ab. »Hurra!« brüllte Bob Green, »die alte Molly legt ihre Seebeine an. Legt euch lang, Leute, und achtet auf die Büsche. Gleich wird es da knallen. Ich kann das Steuer jetzt nicht aus der Hand lassen.« Die Brise wurde frischer, am Bug schäumte bereits das Wasser. Der Wind hatte leicht gedreht, für die Fahrt im Kanal stand er jetzt gut; in den See zu kommen würde freilich noch seine Schwierigkeit haben. Die beiden Burns durchforschten, flach im Anschlag liegend, den Ufersaum, während Bob in seiner ganzen Größe am Steuer stand. John verfügte über ein scharfes Auge und eine sichere Hand; auch hatte er sich durch die jüngsten Ereignisse so in das Kampfgeschehen hineingesteigert, daß jede Scheu und jede Hemmung gefallen war. Auch Vater Burns war ein guter und dazu ein sehr kaltblütiger Schütze, und Bob Green vollends war im ganzen Seebereich seiner Schießkunst wegen berühmt. Während er jetzt das Steuer hielt, stand die gespannte Büchse in Griffnähe neben ihm; er teilte seine Aufmerksamkeit zwischen dem Lauf des Schiffes und dem Ufer, von dem aus sie jeden Augenblick Feuer bekommen konnten. Donnernd entlud sich Johns Gewehr, gleich darauf das seines Vaters, und beide Male antwortete dem Schuß ein gellender Schrei. »Gute Arbeit!« schrie Bob. In den Büschen blitzte es auf; eine Kugel strich pfeifend an ihm vorbei. Blitzschnell riß der Riese die Waffe an die Wange; es krachte fast gleichzeitig, und auch diesmal antwortete ein jäher Schmerzensschrei dem Schuß fast unmittelbar. »Geht zum Teufel, Halunken!« knurrte Bob Green. Die beiden Burns luden mit schnellen Griffen ihre Gewehre, der Bootsmann aber griff zu der Büchse, die Ni-kun-tha von der Räuberinsel mitgebracht hatte. »Kommt nur«, murmelte er, »sollt Bob Green kennenlernen!« Das Fahrzeug steuerte schnell und leicht durch den Kanal. Reicht mir mal die Axt und ladet meine Büchse, John«, rief Bob, »gleich wird der Haupttanz losgehen.« John tat, wie ihm geheißen. Die Inseln zur Linken und Rechten gingen zu Ende; quer vor dem Schiff erstreckte sich der Wasserlauf, der nach links in den Ontario mündete und nach rechts tiefer in die Inselwelt führte. »Achtung! Aufgepaßt!« brüllte Bob. Der Steuermann mußte jetzt, um einen ausreichenden Bogen für den Auslauf in den See zu gewinnen, hart an die rechts liegende Insel heranhalten. Man spürte bereits den frischen Luftzug vom See. Die Molly glitt schneller durch das Wasser. Jetzt erreichte sie das Ende der Insel zur Rechten. Bob riß das Ruder nach Backbord herum. Da plötzlich schoß, einem Hai gleich, das Kielboot unter den Büschen hervor, und ein Wurfanker, von einem in seinem Bug stehenden Mann geworfen, erfaßte das Schiff und haftete in seinem Heck. Doch die Angreifer hatten es mit Leuten zu tun, die ihnen gewachsen waren. Bob hatte das Kielboot kaum erblickt, als er sich auch schon zu Boden warf. Diesem schnellen Entschluß und der Nähe der Feinde, die durch Ast- und Buschwerk in der Sicht behindert waren, verdankte er sein Leben. Die Banditen hatten die herkulische Gestalt des Schiffers erst im buchstäblich letzten Augenblick zu Gesicht bekommen. Die Molly schoß vorwärts, das Piratenboot im Schlepptau. Burns und John schossen zwar auf die Insassen, vermochten aber wegen der Schnelligkeit, mit der das Boot in das Kielwasser der Molly gerissen wurde, nicht sicher zu zielen und trafen demzufolge auch nicht. »Hierher, Männer!« brüllte Bob, »jetzt geht es ums Leben!« Tatsächlich tauchte bereits ein Kopf über dem Bollwerk auf. Bobs Büchse entlud sich, der Kopf verschwand und man hörte, wie der Körper ins Wasser fiel. Aber schon tauchten weitere Köpfe auf. Bob schoß abermals, aber diesmal fehlte er; zwei, drei Männer sprangen an Bord. John stürzte auf einen der ungebetenen Gäste zu, umschlang ihn, bevor er noch Fuß zu fassen vermochte, und riß ihn zu Boden. In wildem Ringen wälzten sich die beiden Männer am Deck. Einem rasenden Tiger gleich sprang Bob, die Axt in der Faust, auf den nächsten Gegner zu; mit zerschmettertem Schädel brach der Mann zusammen. Bob hob den taumelnden Körper mit Riesenkräften auf und schleuderte ihn auf die beiden anderen, und zwar mit einer Wucht, daß die Kerle, die eben schießen wollten, zu Boden stürzten. Die beiden Büchsen entluden sich, ohne Schaden anzurichten. Der vor Wut schäumende Bob sprang auf einen der beiden los, hob ihn, bevor der noch zu sich gekommen war, gleich dem ersten empor und schleuderte ihn mit gewaltiger Kraftanstrengung in das Boot. Dabei wäre es beinahe um sein Leben geschehen gewesen. Während John sich nämlich immer noch mit seinem Gegner auf dem Deck herumwälzte und Elias Burns sich dem zweiten durch den Leichnam zu Boden geschleuderten Piraten entgegenwarf, der sich wieder aufgerafft hatte, legte ein außen an der Bordwand stehender Mann auf den Schiffer an. Bevor er noch abdrücken konnte, löste sich vom jenseitigen Ufer ein Büchsenschuß, dem ein heller indianischer Kriegsruf folgte, und der Pirat stürzte, die Arme hochwerfend und das Gewehr fallen lassend, über Bord. Jetzt führte Bob einen wuchtigen Axthieb gegen das Tau am Enterhaken und durchschnitt es. Das Boot blieb zurück. Der Steuermann fuhr herum und sah den alten Burns in schwerem Ringen mit einem Gegner, dem er an Körperkraft nicht gewachsen war. Ein Faustschlag des Riesen setzte den Piraten außer Gefecht. Bob ergriff ihn, hob ihn hoch empor und schleuderte ihn in großem Bogen über die Bordwand. Die Molly, die das Steuer nicht mehr spürte, war während des hitzigen Gefechts hart an das jenseitige Ufer herangetrieben und berührte bereits die Büsche. Da löste sich dort eine schmale Gestalt und kletterte mit der Gewandtheit einer Pantherkatze an Bord. Es war Ni-kun-tha, dessen treffsicherer Schuß Bob Green vor wenigen Minuten das Leben gerettet hatte. Das Seeräuberboot war weit zurückgeblieben. Seine Insassen mühten sich, die ins Wasser Geschleuderten aufzufischen. Auf dem Deck der Molly wälzte sich John noch immer mit seinem Gegner herum. Dies sehend, war der Indianer mit einem einzigen Satz neben den Kämpfenden; sein Messer blitzte auf und fuhr dem Piraten in die Kehle, daß das Blut im Bogen heraussprang und der Mann zusammensackte. Schwer atmend erhob sich John, vom Blut seines Gegners überströmt, und sah sich mit wilden Blicken um. Die Molly war mittlerweile an Land getrieben worden; die Segel hingen schlaff an den Rahen; das Seeräuberboot, in dem nur noch wenige Männer unverwundet sein mochten, entschwand eben in der Ferne. »So«, keuchte Bob, »das hätten wir, ziemlich ruhmreich, glaube ich, geschafft. Die Burschen werden an uns denken!« Der vom Kampf schwer erschöpfte Burns war dabei, seine ziemlich in Unordnung geratenen Kleider zu richten. »Euch und dem roten Mann danken wir's in erster Linie«, sagte er; »ich will's nicht vergessen.« »Gut, gut, Sir«, wehrte der Bootsmann ab. »Und jetzt segeln wir zurück und holen unsere noch auf Strand liegende Fracht.« Aber davon wollte Elias Burns durchaus nichts wissen. »Das hieße Gott versuchen«, meinte er, »wollen sehen, daß wir den See erreichen.« Sie warfen zunächst die Leiche des von dem Indianer erstochenen Piraten über Bord, alsdann gelang es ihren vereinten Bemühungen, das Schiff in Fahrt zu bekommen. Der frische Wind unterstützte Bobs Bemühungen, und nach einiger Zeit schwamm die Molly mit mäßiger Geschwindigkeit auf dem Ontario und nahm Kurs auf Stacket Harbour. Lord Somerset Unweit Stacket Harbour, an den Ufern des Black River, lagen die ausgedehnten, wohlbestellten Besitzungen Lord Somersets. Der alte Herr zählte bereits über siebzig Jahre. In früher Jugend ausgewandert, hatte er Dienst in den Kolonien genommen, sich mit der Tochter eines Kolonisten verheiratet und war schließlich selbst zum Kolonisten geworden. Er war schon fast sechzig Jahre alt, als er die Pairwürde erbte, zu der umfangreiche Besitzungen in England gehörten. Er hatte sich nicht entschließen können, in die Heimat zurückzukehren und seinen Sitz im Hause der Lords einzunehmen. Er hatte nun schon zu lange in den Kolonien gelebt, war hier heimisch geworden und mit vielen ihrer Bewohner durch Bande des Blutes und der Freundschaft verbunden. Dann und wann, wenn seine Anwesenheit in der Heimat unerläßlich schien, fuhr er hinüber, kehrte aber immer schon bald wieder nach New York zurück. Als junger Offizier hatte er sich wiederholt in den Kriegen mit Spaniern, Franzosen und Indianern ausgezeichnet. Er hatte auf diese Weise den Colonelsrang erworben, hatte dann den Dienst quittiert und sich ganz der Bewirtschaftung der Ländereien hingegeben, die ihm seine Frau zugebracht hatte. Einige rasch aufeinanderfolgende Todesfälle innerhalb seiner Familie machten ihn dann plötzlich, gegen jede Voraussicht, von heut auf morgen zum Lord Somerset, dem Haupt einer der ältesten und begütertsten Familien Altenglands. Sein Vermögen wuchs durch diese unvorhergesehene Entwicklung beträchtlich, nicht aber seine innere Zufriedenheit; er hatte sich zeitlebens als Sir Henry Waltham sehr wohl gefühlt; die neue Würde und der neue Besitz brachten ihm mehr Sorge als Freude. Die Ehe des Lords war kinderlos geblieben; jetzt, nachdem auch die Gattin, mit der er eine lange, glückliche Ehe geführt, das Zeitliche gesegnet hatte, fühlte der alte Herr sich sehr vereinsamt. Da er keinen Sohn hatte, folgte ihm, dem geltenden Rechte nach, in der Würde des Pairs und als Erbe seiner Besitzungen in England sein Neffe Sir Richard Waltham, während er über seine amerikanischen Güter nach freiem Ermessen verfügen konnte. Richard war der Sohn seines jüngeren Bruders Edward, der gleich ihm in den Kolonien eine Heimat gefunden hatte. Nach Edwards Tode nahm er den Neffen in sein Haus und ließ ihn seiner künftigen hohen Stellung entsprechend erziehen. Er fand Gefallen an dem frischen, gut gewachsenen Jungen, der zudem freien und offenen Wesens war, und auch der elternlose Richard schloß sich eng an den Oheim an und mühte sich, ihm die Einsamkeit erträglicher zu machen. Außer Richard war noch ein weiterer Schwestersohn vorhanden: Sir Edmund Hotham. Lord Somersets Schwester hatte einen Offizier geheiratet, der außer seinem Sold wenig besaß; nach dem Tode ihres Gatten lebte sie weitgehend von der Hilfe ihres Bruders. Zwischen dem Lord und seiner Schwester hatte nie ein sonderlich herzliches Verhältnis bestanden, dafür waren sie zu verschiedene Naturen. Ohnehin herben und verschlossenen Charakters, war das Gemüt der Frau durch den harten Daseinskampf mit den Jahren immer mehr verbittert worden; sie war zudem neidisch und abschreckend geizig, Eigenschaften, die dem immer großzügigen, lebensoffenen Lord wenig behagten. Während Richard Waltham zu Ausbildungszwecken in England weilte und in Eton zur Schule ging, hatte der Lord auf Bitten seiner Schwester deren Sohn Edmund ins Haus genommen, und Edmund Hotham hatte keine Mühe gescheut, sich die Gunst des Oheims zu erwerben. Bis zu einem gewissen Grade war ihm das auch gelungen; ein wirkliches Vertrauensverhältnis entstand indessen nicht, denn der alte Lord war zu klug und zu welterfahren, um das Absichtliche in den Bemühungen des Neffen nicht zu erkennen. Gewisse Ähnlichkeiten im Charakter Edmunds mit dem seiner Mutter trugen weiter dazu bei, die Reserve des Lords zu verstärken. Nichtsdestoweniger tat er auch an diesem Neffen alles, was er für seine Pflicht hielt, er ermöglichte ihm eine gute Erziehung, stattete ihn mit reichlichen Mitteln aus und bedachte ihn in seinem Testament mit einem Teil seines Privatvermögens und einigen der in den amerikanischen Kolonien gelegenen Besitzungen. Mit dem größeren Teil dieser Liegenschaften glaubte er freilich ärmere Verwandte seiner verstorbenen Frau bedenken zu müssen. Seit dem geheimnisvollen Verschwinden des DUKE OF RICHMOND im vergangenen Herbst war Lord Somerset ein innerlich gebrochener Mann. Sein Neffe und Haupterbe, Sir Richard Waltham, hatte auf diesem Schiff von Stacket Harbour nach Oswego reisen wollen. Das Schiff war während eines bösen Sturmwetters spurlos verschwunden, und weder der Lord noch sonst irgendwer zweifelte daran, daß es mit Mann und Maus untergegangen sei. Alle mit den beträchtlichsten Mitteln angestellten Nachforschungen nach dem Verbleib der Sloop waren ergebnislos. Der Lord war überzeugt, daß sein Neffe den Tod gefunden habe. Erbe der Pairswürde und aller damit verbundenen Besitzungen aber war nach Richard Waltham dessen Vetter Sir Edmund Hotham. Und doch gab es einen Menschen in der Umgebung des Lords, der immer wieder seiner Überzeugung Ausdruck gab, der junge Waltham sei noch am Leben. Dieser Mann war seinem Stande nach ein ganz gewöhnlicher Diener, und er war ebenso alt wie der Lord selbst. Aber Allan Mac Gregor war eben kein gewöhnlicher Diener. Er hatte dem Lord schon als Ordonnanz gedient, als jener noch ein junger Offizier war. Mac Gregor war Schotte und stammte aus den Bergen; er war ein Hüne und hatte einmal über Riesenkräfte verfügt. Fünfzig Jahre gemeinsamen Erlebens hatten zwischen Herrn und Diener ein festes Band menschlicher Zusammengehörigkeit geknüpft, das nicht mehr zu erschüttern war. Allan war dem Lord auf Tod und Leben ergeben, und dieser sah in dem alten Bergschotten mehr den erprobten und verläßlichen Freund als den Diener. Allan Mac Gregor nun vertrat immer wieder absolut unerschütterlich die Meinung, der junge Herr lebe noch. Er vermochte diese Behauptung freilich auf nichts anderes als Träume zu stützen, denen er freilich prophetische Kraft beimaß. Der alte Lord war an sich ein nüchterner Mann, doch hatte er in einem langen Leben die Beobachtung gemacht, daß die Propheterie des Bergschotten sich als zuverlässig erwies, und so war es denn nicht verwunderlich, daß sich jetzt seine letzte schwache Hoffnung auf die durch nichts zu erschütternde Sicherheit seines alten Dieners stützte. Das am Ufer des Black River gelegene Herrenhaus Lord Somersets war in normannischem Stil erbaut, es lag, etwa eine Stunde von Stacket Harbour entfernt, in einem großen, gepflegten Park. An einem schönen Morgen, es war noch früh am Tage, saß der Lord, bereits sorgfältig gekleidet und frisiert, in einer Laube des Parkes und hielt einen Brief in der Hand. Er machte, in eine Decke gehüllt, mit seinem bleichen Gesicht und seinen zitternden Händen einen stark verfallenen Eindruck. Der Diener Allan hielt sich, seines Winkes gewärtig, in der Nähe; der alte Bergschotte sah, im Gegensatz zu seinem Herrn, mit seinen kräftigen, völlig ungebeugten Gliedern und seinem frischen Gesicht noch ungewöhnlich rüstig aus. Es mochte immer noch nicht ratsam sein, sich mit diesem Mann auf einen handgreiflichen Streit einzulassen. »Allan!« rief der Lord und legte den Brief, den er zu wiederholten Malen aufmerksam gelesen hatte, auf das vor ihm stehende Tischchen. Im Augenblick stand der Alte im Eingang der Laube; die respektvolle Haltung war ihm in einem langen Leben eingeboren. »Böse Nachrichten, Alter«, sagte der Lord. »Was gibt's, Colonel?« Allan redete seinen Herrn immer noch mit seinem letzten militärischen Dienstgrad an. »Krieg gibt's.« »Oh! Rühren sich die Franzosen?« »Es sieht so aus.« »Aber man hat bisher kein Wort in dieser Richtung gehört.« »Nun«, sagte der Lord, »daß sich ein Zusammenstoß zwischen England und Frankreich vorbereitet, war schon lange klar; die Diplomaten hofften nur, ihn vermeiden zu können. Ich habe an diese Möglichkeit nie so recht geglaubt. Jetzt sieht es so aus, daß wir in ein paar Wochen wohl schon die Kanonen hören werden. Und das erste wird sein, daß die Franzosen über den Ontario kommen.« »Der Krieg ist also erklärt?« »Nein, das noch nicht. Dagegen ist das sicherste Anzeichen für den Ausbruch eines Kolonialkrieges inzwischen eingetreten.« »Sie meinen die Roten, Colonel? Tut sich da etwas?« »Mein lieber Allan, wir beide haben uns ja lange genug hier herumgetrieben, um die Zeichen deuten zu können. Wir wissen, was es heißt, wenn man die Indianer in Bewegung setzt. Hier schreibt mir eben Colonel Johnson, daß französische Agenten unter den Stämmen der Sechs Nationen umherreisen und ziemlich verschwenderisch mit Geschenken umgehen. Johnson ist nun von der Regierung beauftragt worden, seinen Einfluß vor allem auf die Mohawk und die Onondaga auszuüben, bei denen er sich ja ziemlich beliebt gemacht hat und die immerhin noch die verläßlichsten Irokesenstämme sind, im Gegensatz etwa zu den Seneca, die immer das Mäntelchen nach dem Winde gedreht haben. Johnson meint, er hoffe, Mohawk und Onondaga auf unserer Seite zu halten, sie möglicherweise sogar zum Kampf auf Seite der Kolonien zu bringen. Aber wie dem auch sei: die Tatsache, daß überhaupt Sendboten der europäischen Regierungen unter den Indianern herumreisen und werben, scheint mir das zuverlässigste Zeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Krieg. Das haben wir ja immer wieder erfahren.« »Stimmt, Colonel. Bei den Roten fängt's immer an. An sich eine greuliche Sitte, Mylord – halten zu Gnaden – hab' mich nie damit abfinden können, daß Weiße das rote Mordgesindel zum Kampf aufstacheln. Hab' oft genug erlebt, wie sich das dann auswirkt. Die unglücklichen Opfer sind immer wieder die armen Ansiedler an der Grenze.« »Hast selbstverständlich recht, Allan«, versetzte der Lord. »Und ich weiß auch, daß unser Gouverneur grundsätzlich der gleichen Meinung ist. Aber was soll er tun? Wenn die Franzosen Indianerstämme gegen uns mobilmachen, muß er zum gleichen Mittel greifen.« »Versteht sich, Colonel. Hätte auch gar nichts dagegen, wenn die Rothäute sich dabei nur gegenseitig auffräßen. Ich hab' die Wolfsrasse unter Frauen und Kindern wüten sehen. Von mir aus mögen sie alle zur Hölle gehen.« »Gott schütze uns vor dem Indianerkrieg!« seufzte der Lord. »Nur, da wir jetzt gewarnt sind, müssen wir auch Entschlüsse fassen. Es wird uns nichts weiter übrig bleiben, als nach Albany überzusiedeln. Zweifellos wird der Ontario zum Schauplatz wilder Kämpfe werden. Ich bin zu alt, um mich in Oswego einzuschließen und die Schrecken einer Belagerung durchzumachen. Es geht mir nicht sehr gut, Allan, ich bin krank und schwach.« »Nicht doch, Colonel«, entgegnete der Alte. »Eure Lordschaft sehen im Gegenteil heute recht frisch aus.« Er log, und er log ganz bewußt, der alte Schotte; er war innerlich über das verfallene Aussehen seines Herrn äußerst erschrocken. »Ja, frisch«, der Lord lächelte schwach, »höhne auch noch, alter Kumpan. Weiß ganz genau, was mit mir los ist. Habe manchmal einen Blutandrang im Kopf, daß ich denke, es ist aus.« »Nun«, versetzte der Diener, »ich denke, damit hat es noch Zeit. Wenn erst der junge Herr wieder hier ist – solange müssen Eure Lordschaft ohnehin den Platz halten. Sie wissen, Colonel: Ein Soldat auf dem Posten – –« »Du hoffst also immer noch, Allan?« Der Lord lächelte müde. »Ich hoffe nicht, ich weiß«, entgegnete der alte Schotte. »So wahr ich ein Mac Gregor bin, Sir Richard lebt, und er kommt auch wieder.« In den Augen des alten Obersten war ein schwacher Glanz: »Möcht' ihn gern noch einmal sehen, bevor – es soweit ist«, flüsterte er. Auf dem Kies der Parkwege wurde ein fester Schritt hörbar, der sich schnell näherte. Das Gesicht des alten Dieners verschloß sich. »Edmund?« fragte der Lord, aufsehend. »Ja, Colonel, Sir Edmund.« Im gleichen Augenblick bog der Vermutete auch schon um eine Ecke des Parkweges und erschien gleich darauf vor der Laube. Der junge Baronet sah nicht unvorteilhaft aus. Seine schlanke, biegsame Gestalt steckte in einem eleganten Reitanzug; er hielt den dreieckigen Hut in der Hand und hatte ein höfliches Lächeln auf dem glatten Gesicht mit den schlaffen, etwas verwaschenen Zügen. Er verbeugte sich in tadelloser Haltung: »Ich freue mich, Oheim, Sie wohl und bei Kräften zu finden.« »Guten Morgen, Edmund«, antwortete der Lord. »Du bist länger geblieben, als du vorhattest.« »Ja, verzeih. Es ging mir nicht besonders; hatte ein bißchen Ausspannung nötig. Ich habe deshalb nach meinem Besuch bei Sir Walther Egon oben am See noch ein bißchen auf Enten gejagt und bin erst gestern abend ziemlich spät zurückgekommen.« »Hast du etwas von einem bevorstehenden Krieg gehört?« »Ja, zu meinem Erstaunen, Oheim. Die Stadt ist voll von Gerüchten; es herrscht ziemliche Aufregung unter den Leuten. Es tut mir jetzt fast leid, daß ich nicht Soldat bin. Nun, so werde ich also meine Pflicht in der Miliz erfüllen.« »Also in Stacket Harbour weiß man es schon?« »Es heißt, die Franzosen hätten in Montreal eine Flotte zusammengebracht und auch bereits starke Truppenmassen vorgeschoben. Ich kann mir nur nicht vorstellen, daß Maßnahmen dieser Art unserer Führung unbekannt geblieben sein sollen.« Der Lord schüttelte den Kopf. »Oswego und die Forts am Champlain und am St. Georgs-See werden den ersten Stoß auszuhalten haben«, sagte er; »sind die Franzosen entschlossen, Krieg zu führen, dann werden sie uns zweifellos zuvorkommen, und ich fürchte, wir sind nicht genügend vorbereitet, um einem überraschenden Angriff standzuhalten.« »Ich hoffe, Sie sehen zu schwarz, Oheim. Aber ich werde sofort zur Stadt reiten und Erkundigungen bei der Regierung einziehen, um Ihnen Genaueres berichten zu können.« »Das wäre sehr nett von dir. Ich bitte dich darum.« Der Baronet verbeugte sich ehrerbietig und begab sich schnellen Schrittes zum Tor, wo ein Reitknecht sein Pferd hielt. Und hier traf er jäh und unvermittelt mit zwei Männern zusammen, die sich in dieser Umgebung wunderlich genug ausnahmen: mit dem Bootsmann Bob Green und dem jungen Burns. Bob hatte sich prächtig herausgeputzt. Er trug ein brennend rotes Tuch um den Hals, das er mit einer großen, von falschen Steinen glitzernden Busennadel geschlossen hatte. Im übrigen trug er Transtiefel und Schifferkleidung und einen schweren Wachstuchhut auf dem Kopf. Johns verblichenes Jagdhemd und seine Hosen aus derbem Stoff verrieten ohne weiteres den Hinterwäldler. Beide hatten eben den Park betreten, indem sie Lord Somerset zu sprechen begehrten, aber der dort haltende Reitknecht hatte ihnen den Eintritt verweigert. Bob verhandelte noch mit ihm, als der junge Baronet den Hauptweg herunterkam. »Zurück, Burschen, dort kommt mein Herr«, sagte der Reitknecht. Der Schiffer unterdrückte mit Mühe einen Fluch. Verwundert sah der elegante Baronet auf die Gruppe. »Was sind das für Leute, Fred?« sagte er. »Zu wem wollen sie?« »Behaupten, zu Mylord persönlich zu wollen«, versetzte der Reitknecht, »hab' sie natürlich nicht passieren lassen. Handelt sich wahrscheinlich um irgendeine Bettelei.« Bob und John hatten sich im Augenblick, da der Baronet den Mund auftat, angesehen; sie kannten die Stimme. Da Bob jetzt das von der Bettelei hörte, reichte es ihm. Er sagte, zu dem Reitknecht gewandt: »Hör zu, du schäbiger Lakai, wenn du noch einmal so eine Bemerkung machst, dann kriegst du einen Tritt vor den Magen, daß dir der Ontario wie eine Punschbowle vorkommen soll. Hast es mit Gentlemen zu tun, du galonierter Affe, du!« Sir Edmund, der mittlerweile sein Pferd bestiegen hatte, sagte, die Reitgerte schwingend: »Genug nun. Macht euch fort, Burschen, oder ihr bekommt meine Peitsche zu spüren.« »So?« grinste Bob, zwei Reihen Zähne zeigend, die einem Haifisch Ehre gemacht hätten; er stand wie eine lebende Mauer vor dem Pferd. »Die Peitsche soll ich spüren? Ihr möchtet wohl gerne mitsamt Eurer Mähre im Staube liegen?« In einiger Entfernung wurde jetzt der alte Allan sichtbar, den der Lärm herbeigelockt haben mochte. »Gib Raum, du Narr, oder ich reite dich über den Haufen«, schrie der Baronet. Aber er wagte angesichts der trotzigen Haltung des riesigen und zweifellos bärenstarken Mannes nicht, die Peitsche zu gebrauchen. »Will Euch was sagen, Sir Edmund«, fuhr Bob fort, in die Zügel des Pferdes greifend, »wir wollen nicht betteln, und wir wollen überhaupt nichts für uns; wir haben nur eine Nachricht für Lord Somerset, die ihm Freude machen wird. Eine Nachricht vom Ontario, Sir, die auch Euch interessieren wird.« Ein höhnisches Grinsen verzog das Gesicht des Schiffers; er sah mit Befriedigung, wie der Baronet erbleichte. In diesem Augenblick trat Allan heran und fragte, was es da gäbe. »Kommen vom Ontario, Herr«, sagte Bob, »und bringen eine Botschaft für Seine Lordschaft.« »Vom Ontario?« In den grauen Augen des alten Dieners blitzte es auf. »So kommt herein«, sagte er hastig. – »Sir Edmund, entschuldigt.« »Ihr wollt das Gesindel doch nicht etwa zu Seiner Lordschaft führen, Allan?« stieß der Baronet heraus, »das ist doch Wahnsinn!« »Wieso, Sir Edmund? Vielleicht bringen die Leute gute Nachrichten?« »Könnte immerhin sein«, grinste Bob. »So kommt herein.« Und der junge Herr auf dem Pferde mußte es geschehen lassen, daß die beiden wunderlichen Gäste, von dem alten Diener geleitet, den Park betraten. »Wer seid Ihr?« fragte Allan, die beiden drinnen noch ein wenig zurückhaltend. »Muß ja schließlich wissen, wen ich zu melden habe.« »Bin der Bootsmann Bob Green und am ganzen See bekannt. Der junge Mann da ist John Burns, Sohn eines Farmers vom Genesee.« »Gut. Und was wollt Ihr bei Mylord?« Bob zögerte und wand sich. »Seht«, sagte er, »kommen, wie gesagt, vom Ontario – haben da allerlei merkwürdige Dinge erlebt. Würden dem Herrn gerne selber berichten.« Er warf dabei einen mißtrauischen Blick zum Tor zurück, wo Sir Edmund noch immer auf dem Pferde hielt. Allan, der diesen Blick bemerkt hatte und richtig zu deuten glaubte, fragte in steigender Erregung: »Nur eines, Mann: Betreffen Eure Nachrichten etwa den DUKE OF RICHMOND?« »Ja«, antwortete Bob, »eben davon handeln sie.« »So kommt schnell. Ich führe Euch zu Seiner Lordschaft. Nur eines, Mann: Mylord ist krank und schwächlich. Seid vorsichtig.« »Will's bedenken, Sir«, sagte Bob. Beide gingen nun, dem Alten folgend, durch den Park auf die Laube zu. Am Tor stieg Sir Edmund aus dem Sattel und folgte ihnen. In einigem Abstand von der Laube hieß Allan die beiden Männer warten, um sie zunächst seinem Herrn zu melden. »Vom Ontario, sagst du?« Der Lord richtete sich auf, nachdem er die Meldung des Alten angehört hatte. »Bringen sie etwa Nachricht – Gewißheit?« »Die Leute ließen durchblicken, daß sie gute Botschaft zu bringen hätten, Colonel.« »Dann her mit ihnen, Allan. Ich will sie anhören.« Auf einen Wink des Dieners betraten Bob und John die Laube und verbeugten sich mit linkischer Höflichkeit. »Was bringt Ihr mir, Mann?« fragte der Lord den im Vordergrund stehenden Bob. Bob räusperte sich und drehte etwas verlegen seinen Wachstuchhut in den Händen. »Ist nicht so einfach, Euer Gnaden«, begann er, »eine ziemlich wunderliche Geschichte. Nämlich die Halunken, die Seeräuber meine ich, haben da ein Blockhaus auf einer Insel, gibt tausend Inseln da oben, Herr, und wir waren doch mit der Molly gestrandet, haben sie ihnen aber abgejagt. War gar keine einfache Sache. Habe selber vier von den Kerlen über Bord geschafft –«; er räusperte sich wieder; es war wirklich gar keine einfache Sache, mit einem leibhaftigen Lord zu reden, der noch dazu ein kranker und hilfloser Greis war, den man schonen mußte. Der Lord starrte die wunderliche Erscheinung des Schiffers an. Seeräuber? dachte er, Insel? Was will der Mann denn? Er brannte vor Begierde, Näheres zu erfahren. Sein Blick fiel auf den bescheiden im Hintergrund stehenden John. »Verzeiht«, sagte er, »wie ist's, junger Mann, könnt Ihr mir vielleicht eine etwas schnellere und deutlichere Erklärung geben, was euch zu mir führt?« John trat vor und sagte, den alten Herrn ruhig anblickend: »Es ist so, Mylord: Unsere Sloop wurde unlängst bei einem heftigen Sturm zwischen die Tausend Inseln getrieben. Und eben dort machten wir eine Entdeckung, die Eure Lordschaft angeht.« Lord Somerset starrte den jungen Mann an. Auch Allan lauschte mit brennender Aufmerksamkeit. Am Eingang der Laube erschien jetzt Sir Edmund. »Sprecht! Was für eine Entdeckung?« keuchte der Lord. »Wir fanden dort einen jungen Mann, der uns bat, zu Euch zu gehen«, fuhr John Burns fort. »Einen jungen Mann?« »Ja, Mylord. Er nannte sich Richard Waltham.« »Laßt Euch nicht narren, Oheim!« ertönte vom Laubeneingang her jetzt eine schrille Stimme. »Das Gesindel hat von dem Unglück gehört und will Kapital daraus schlagen.« »Das ›Gesindel‹ werd' ich dir noch eintränken, du geschniegelter Laffe!« brüllte Bob herumfahrend. Er schien nicht übel Lust zu haben, den Baronet beim Kragen zu nehmen. »Ruhe!« rief der Lord, während heftige Erregung seine eingefallenen Züge belebte. »Sprecht weiter, junger Mann!« Kurz und klar, jedes überflüssige Wort vermeidend, berichtete John Burns von seinen Erlebnissen mit den Seepiraten und von seiner Begegnung mit dem gefangenen Richard Waltham. »Er lebt, Allan, er lebt!« rief der Lord, nachdem John geendet hatte; er bebte vor Freude. »Ich habe nie daran gezweifelt«, versetzte Allan ruhig. »Aber wie könnt Ihr nur so alberne Märchen glauben, Oheim!« rief der Baronet, der sich nur noch mühsam beherrschte. »Schweig!« versetzte der Lord kalt und, sich Bob und John zuwendend: »Ihr konntet den Gefangenen nicht befreien?« »Ging wahrhaftig nicht, Mylord«, schaltete Bob sich jetzt wieder ein. »Der Junge da hat sein Möglichstes versucht, zusammen mit einem rothäutigen Burschen, der sozusagen eine Ausnahme seiner Rasse darstellt, die – halten zu Gnaden – der Teufel holen möge. Ging wirklich nicht. Hatten das Gesindel auf dem Hals und Mühe und Not, unser Leben zu retten. Aber glaubt mir, Mylord, Master John hat die reine Wahrheit gesagt; seht Euch den Jungen an; ist kein Falsch an ihm.« »Ich glaube Euch und auch ihm«, lächelte der Lord, »kenne Menschengesichter.« Und zu John gewandt: »Sprecht weiter, Mr. Burns, habt Ihr eine Vorstellung, wo mein Neffe jetzt weilt?« John berichtete kurz von dem vergeblichen Rettungsversuch und erzählte, daß der Gefangene aus seinem bisherigen Gefängnis weggebracht worden sei. »Natürlich!« höhnte Sir Edmund im Hintergrund, »da löst sich die Geschichte schon in Nichts auf. Freche Lügen, nichts weiter. Die Strolche möchten sich eine angemessene Belohnung verdienen. Eine ganz klare Sache! Was für Gründe sollten die angeblichen Seeräuber wohl haben, Richard verborgen zu halten, wo sie leicht ein erhebliches Lösegeld erpressen könnten?« John legte dem wütenden Bob, der schon wieder herumfahren wollte, beruhigend die Hand auf die Schulter und sagte, während es gefährlich in seinen Augen aufblitzte: »Die Gründe kann ich Euch nennen, Sir. Ich habe nämlich Gelegenheit gehabt, einige höchst interessante Gespräche der Verbrecher zu belauschen. Es gibt da noch einen anderen Mann, einen Verwandten des Gefangenen, der ihn aus dem Wege zu räumen wünscht, um an seiner Statt Titel und Vermögen zu erben.« »Schurke, was wagst du!« rief, aschfahl plötzlich und an allen Gliedern zitternd, der Baronet und machte Miene, auf John zuzuspringen. Dessen drohende Haltung und die massige Gestalt des Schiffers hielten ihn zurück. John fuhr ruhig und sicher fort: »Ich habe diesen Vetter Sir Richards selbst im Gespräch mit dem Piratencaptain Hollins belauscht. Dieser saubere Herr hatte Hollins gedungen, Richard Waltham aus der Welt zu schaffen. Da Hollins es vorzog, den Gefangenen als Geisel zurückzuhalten, sandte er selbst einen Mörder aus. Das weiß ich aus dem eigenen Mund dieses Mannes, denn er starb in meinen Armen. Hollins hat den Gefangenen zweifellos aus dem bisherigen Versteck fortführen lassen, um ihn vor den Mordanschlägen des eigenen Vetters zu schützen, weil er hofft, mit der Geisel in der Hand ein höheres Lösegeld zu erlangen.« Der alte Herr hatte diesen ruhigen und nüchternen Ausführungen mit weit aufgerissenen Augen zugehört. Er zitterte jetzt am ganzen Leibe, seine Augen glühten, und sein Gesicht war leichenhaft blaß. »Ihr habt diesen – Vetter selbst gesehen und – belauscht?« sagte er mit kaum noch vernehmbarer Stimme. »Ja, Mylord.« »Und?« »Der Piratencaptain Hollins und sein eigener Bootsmann nannten ihn Sir Edmund.« Er trat etwas beiseite, hob die Hand und wies auf den Baronet: »Dort steht er.« Drei Schreie antworteten dieser Erklärung nahezu gleichzeitig. Den ersten stieß der Baronet aus, den zweiten der Lord, der sich aufbäumte und dann in seinem Sessel zusammensank, den dritten der Diener Allan, als er die Wirkung der Nachricht auf seinen Herrn erkannte. Allan kniete neben dem Sessel nieder und suchte den zusammengesunkenen Körper aufzurichten. Der Baronet stand mit haß- und wutverzerrtem Gesicht daneben, und Bob und John machten betroffene Gesichter. Allan schrie nach den Dienern, und zwei Lakaien kamen gleich darauf hereingestürzt und starrten erschrocken auf die Gruppe. »Kommt, helft Seine Lordschaft hereintragen und ruft einen Arzt«, rief Allan ihnen zu. Lord Somerset richtete sich noch einmal auf, seine Augen öffneten sich ein wenig und richteten sich mit einem Ausdruck furchtbaren Hasses auf den Baronet; aber dies war auch die letzte Lebensäußerung des alten Herrn; er stieß einen röchelnden Seufzer aus und streckte sich. »Colonel«, flüsterte der alte Schotte erschüttert, »geht doch nicht fort, Colonel, doch nicht jetzt!« Aber das Herz des alten Lords hatte bereits den letzten Schlag getan. Mehrere Diener waren, durch die anderen benachrichtigt, herbeigeeilt und umstanden trauernd die Leiche. Der alte Schotte richtete sich auf. »Kommt«, sagte er leise mit gebrochener Stimme, »laßt uns den Herrn in sein Zimmer tragen; es ist vorbei.« »Die Leiche kommt in den Saal und wird dort aufgebahrt«, erklang jetzt die kalte, schneidende Stimme des Baronets. »Verzeiht, Sir Edmund –«, setzte Allan an, aber er konnte nicht ausreden; die schneidende Stimme unterbrach ihn: »Eure Lordschaft, wenn's beliebt, Mr. Allan. Jetzt bin ich hier der Herr!« »Da sei Gott vor!« rief mit kaum unterdrücktem Zorn der Alte. »Der Erbe dieses Hauses, Lord Somerset, lebt. Ich werde nicht dulden, daß irgendwer die Hand an sein Eigentum legt.« »So, Herr Kammerdiener. Euch hat das Märchengespinst der Kerle da also auch beeindruckt. Nun, ich werde Euch zeigen, wer hier Lord Somerset ist. Die Burschen da werden zunächst einmal Bekanntschaft mit dem Sheriff machen.« Und, zu den herumstehenden Dienern gewandt: »Ergreift die Strolche und bindet sie. Sie werden wegen Erpressung dem Richter überstellt. Vorwärts!« rief er erbost, als die Diener zögerten. Bob Green spuckte eine Ladung Tabaksaft in die Ecke der Laube, hob zwei Fäuste von der Größe mittlerer Hammelkeulen und sagte: »So, du ehrenwerter Halunke, wir sollen die Bekanntschaft des Sheriffs machen, meinst du? Nun, du hast recht, das werden wir, Mann! Wir werden zum Richter gehen und ihm eine Story von zwei Vettern erzählen. Und jetzt gib Raum, sage ich dir, sonst –«; und er schob seinen gewaltigen Körper einen Schritt vor. Die Diener wichen zurück, höchlichst verblüfft von Bobs Worten und eingeschüchtert durch das bedrohliche Äußere des Riesen und die finstere Entschlossenheit des neben ihm stehenden jungen Mannes, der die Hand am Griff eines in seinem Gürtel steckenden langen Jagdmessers hatte. Der Baronet war mit aschfahlem Gesicht unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten. Der Riese trat dicht vor ihn hin, maß ihn mit einem höhnischen Blick und sagte: »Schlüge dir verdammt gerne den Schädel ein, mein Junge, das kannst du mir glauben. Aber ich möchte dem Henker nicht gerne die Arbeit ersparen.« Er spuckte aus und wandte sich ab. »Kommt, John«, sagte er, »haben hier vorläufig nichts mehr verloren. Tut mir verdammt leid, daß der alte Herr daran glauben mußte, konnt's aber nicht ändern.« Von dem schweigsamen John gefolgt, verließ er aufrechten Schrittes die Laube und den Park. Niemand wagte, den beiden zu folgen. Der Sohn Tana-ca-ris-sons Als Bob Green und John Burns etwa eine Stunde später in Stacket Harbour eintrafen, fanden sie die Stadt zu ihrem Erstaunen in wildem Aufruhr. Weiber und Kinder befanden sich auf der Straße, Gruppen von Männern eilten, mit Büchsen und Schaufeln ausgerüstet, zum Hafen. Kleinere Gruppen kriegsmäßig ausgerüsteter Soldaten marschierten in der gleichen Richtung. Überall schien ein wildes Durcheinander zu herrschen. Eben im Begriff, einen bewaffneten Bürger nach der Ursache des Lärms zu fragen, sahen sie Elias Burns auf sich zukommen. Er schien sehr erregt. »Gut, daß ihr da seid!« rief er ihnen schon von weitem entgegen. »Um Gottes willen, was gibt es denn, Master?« fragte Bob. »Der Franzose ist auf dem See. Der Krieg ist da.« »Segne meine Seele! Kriegsschiffe etwa?« »Ja. Drei schwer bewaffnete Schaluppen wurden gesichtet.« »Alle Wetter! Was fällt den Musjöhs ein? Wollen sie Dresche haben?« »Es ist nichts vorbereitet. Jetzt sind sie dabei, in aller Eile ein paar Batterien aufzustellen.« »Wo halten die Schiffe?« »Keine Ahnung. Sollen ganz plötzlich aufgetaucht sein und die französische Kriegsflagge gehißt haben.« »Na, dann werden wir wohl bald die Kanonen hören. Hätte das, offen gesagt, nicht für möglich gehalten.« »Eine verteufelte Situation, Bob, auch für uns. Beherrschen die Franzosen den See, liegen wir mit der Molly hier fest.« »Begreife überhaupt nichts mehr. Noch vor einem Monat hatten die Musjöhs weder in Frontenac noch in Montreal auch nur ein einziges Kriegsschiff. Weiß das ganz bestimmt; hätte Euch sonst gewarnt, über den See zu fahren. Na, ich denke, unsere Bulldoggen werden den Herrschaften die Geschichte versalzen. Selbst hätte ich übrigens keine Angst, mit der Molly auszulaufen, auch wenn die Frenchers auf dem See sind. Die Molly hat gute Seebeine; die fangen sie nicht so leicht.« »Zu Land marschieren können wir ohnehin nicht«, versetzte Burns, »ist zu weit und auch zu beschwerlich. Ein verteufelter Weg.« »Den vermutlich sowieso schon die Roten unsicher machen. Ist der Franzose auf dem See, sind die roten Spießgesellen in den Wäldern. Eine klare Sache. Verdammt, es hieß doch, die Kolonien hätten sich mit den Franzosen geeinigt. Da muß etwas vorgefallen sein, was die Musjöhs wild gemacht hat. Na, wir werden ja hören. Laßt uns zum See gehen.« »Ich bin in schrecklicher Unruhe Marys wegen, wie Ihr Euch denken könnt«, sagte Burns. »Wenn ich mir vorstelle, daß die roten Halunken in die Ansiedlungen fallen – es ist nicht auszudenken!« Auch John, erst an diese Möglichkeit denkend, schrie unwillkürlich auf, aber Bob beruhigte: »Da scheint einstweilen keine Gefahr. Die haben vorläufig anderes zu tun, als den Genesee aufzusuchen; man wird sie aufs Ohiotal loslassen. Kaum anzunehmen, daß sie bis zu Euch heraufkommen.« »Gott gebe es! Aber ruhig werde ich erst wieder sein, wenn ich Mary heil und gesund vor mir sehe.« Sie gingen zwischen aufgeregt schreienden und gestikulierenden Menschen zum Hafen. Auf dem Weg berichteten Bob und John von ihren Erlebnissen in Somersethouse. Der alte Burns nahm die Mitteilungen mit großer Betroffenheit auf. »Eine höchst unangenehme Sache«, sagte er, »ganz gut, daß im Augenblick niemand Zeit hat, sich für solche Dinge zu interessieren, der saubere Vetter möchte uns sonst allerlei Unannehmlichkeiten bereiten. Ich fürchte, er hat die Macht und die Möglichkeit dazu.« »Wo ist der Indianer?« fragte John. »Auf der Molly. In der Stadt behagt es ihm nicht.« »Prachtvoller Junge, dieser Miami«, sagte Bob. »Könnte mich wahrhaftig fast mit seiner Rasse aussöhnen.« Die drei Gefährten wußten seit ihrer Ankunft in Stacket Harbour, daß Ni-kun-tha ein Miami, und zwar der Letzte eines alten, berühmten indianischen Geschlechtes war. Elias Burns hatte bald nach der Landung der Molly den Kommandanten der Stadt aufgesucht und ihm Mitteilung von seinem Zusammentreffen mit den Seeräubern gemacht. Nur Sir Richard Waltham hatte er nicht erwähnt, weil er der Meinung war, die erste Nachricht über den Vermißten gebühre Lord Somerset, der dann von sich aus die erforderlichen Schritte einleiten mochte. Der Kommandant, Major Dunwiddie, ein alter, erfahrener Soldat, hatte sich den Bericht des Farmers interessiert angehört, aber sogleich erklärt, daß bei der gegenwärtigen Lage wenig gegen die Seeräuber zu tun sei. Nach den jüngsten, verspätet eingetroffenen Nachrichten stehe die Kriegserklärung Englands an Frankreich unmittelbar bevor, möglicherweise sei sie sogar in diesem Augenblick schon ergangen. Unter diesen Umständen könne man sich nicht gut auch noch mit Piraten befassen. Im Verlauf seines Berichtes hatte der wegen der Kriegsgefahr einigermaßen beunruhigte Burns auch des jungen Indianers Erwähnung getan, der ihm und seinen Gefährten gute Dienste geleistet habe. Als der Name Ni-kun-tha – Schneller Falke – fiel, horchte der Major auf. »Ni-kun-tha?« sagte er, »ein Miami etwa?« Der Indianer habe sich über seine Stammesherkunft nicht geäußert, versetzte Burns und gab dann eine Beschreibung des jungen Mannes. »Es ist kaum ein Zweifel«, sagte der Offizier nachdenklich, »es muß sich um den Sohn des Häuptlings Tana-ca-ris-son handeln. Ihr müßt wissen, das ist ein bedeutender Mann, unter Indianern eine einmalige Erscheinung. Der Miamibund ist eine nicht zu unterschätzende Macht, eine Art Stammeskonföderation. Der augenblicklich ›regierende‹ – laßt mich diesen Ausdruck einmal gebrauchen – oberste Sagamore des ganzen Bundes, den man seiner Stellung und seiner Würde nach bald als König bezeichnen könnte, ist eben dieser Tana-ca-ris-son. Ich kenne ihn seit Jahren und habe nie einen Indianer wie ihn schätzen gelernt. Die Miami haben beträchtlichen Einfluß auf alle übrigen Völker der Algonkin-Familie, und auch dies ist vor allem der Persönlichkeit Tana-ca-ris-sons zu danken. Eurer Beschreibung nach muß jener Ni-kun-tha sein Sohn sein. Davon möchte ich mich überzeugen. Ich frage mich, wie der junge Mann auf den Ontario kommt. Jetzt, wo Krieg droht, ist mir an der Haltung der Miami außerordentlich viel gelegen.« Die Angelegenheit schien Dunwiddie so wichtig, daß er sich mit Burns an Bord der Molly begab, wo er in dem Indianer dann tatsächlich den Sohn des von ihm so hochgeschätzten Sagamoren erkannte, der sich als Kriegshäuptling innerhalb seiner Stammesgemeinschaft bereits einen Namen gemacht hatte. Da ihm nahezu alle indianischen Sprachen geläufig waren, redete er den jungen Mann im Miami-Dialekt an: »Welche Freude, Häuptling! Wie kommt mein junger Bruder hierher?« In dem bronzenen Antlitz des jungen Indianers leuchtete es auf. »Hugh!« sagte er, »die Grade Zunge! Ni-kun-tha ist glücklich.« »Wie kommt der Häuptling in die Kolonie? Noch dazu allein? Was macht Tana-ca-ris-son, mein weiser Freund?« In Ni-kun-thas Augen blitzte es düster auf; ein Schatten flog über sein junges Gesicht. »Tana-ca-ris-son ist in die ewigen Jagdgründe seines Volkes gegangen«, sagte er leise. Der Major zuckte unwillkürlich zusammen. »Oh!« sagte er, »Tana-ca-ris-son tot? Welches Unglück!« Der erfahrene Grenzoffizier kannte die indianische Seele gut; er wußte, daß sie ihre Gefühle nicht zu offenbaren pflegte, daß es auch keinen Sinn hatte, ihr mit Worten des Beileids und der Teilnahme zu nahen. »Schlimme Botschaft bringt mir mein junger Freund«, sagte er, »ich beklage den Tod eines großen, weisen Mannes. Aber ich bin sicher, Ni-kun-tha wird in den Spuren seines Vaters wandeln.« Das Antlitz des Indianers blieb unverändert düster. »Ni-kun-tha ist heimatlos«, sagte er, »Piqua, die Miamistadt, wurde zu Asche. Die Flammen verzehrten auch die Gebeine des großen Häuptlings.« Jetzt wurde der Major erst recht aufmerksam. Was war da vorgegangen? Piqua, die Bundeshauptstadt der Miami-Konföderation, war eine für indianische Verhältnisse bedeutende Ansiedlung, seit mehr denn hundert Jahren weithin bekannt. Sie war gut befestigt und mit indianischen Mitteln kaum einzunehmen. Selbst weißen Grenzern wäre ein etwaiger Angriff vermutlich teuer zu stehen gekommen. »Mein Bruder erzähle!« stieß Dunwiddie heraus. »Was ist im Ohiotal geschehen, ohne daß wir etwas erfuhren? Wie kam Tana-ca-ris-son ums Leben?« Der Indianer begann nun in der etwas weitschweifigen Art des roten Mannes zu berichten. Französische Agenten hatten seit längerem unter den einzelnen ziemlich weit auseinander siedelnden Stämmen des Miamibundes gewirkt, hatten nicht mit Geschenken und Versprechungen gegeizt und es durch geschickte Überredungskunst fertig gebracht, den größten Teil der Stämme für die französische Sache zu gewinnen. Die Folge war eine völlige Zersplitterung gewesen, derer Tana-ca-ris-son nicht mehr Herr zu werden vermochte. Schließlich waren vor wenigen Wochen französische Truppen in Begleitung von zweihundertfünfzig Senecakriegern vor Piqua erschienen und hatten die Auslieferung dort weilender englischer Händler verlangt. Tana-ca-ris-son hatte das verweigert; er hätte das auch getan, wenn er nicht treu zu seinem Bündnis mit den Kolonien gestanden hätte – der Gast ist unter jedem indianischen Dach unverletzlich – Franzosen und Irokesen hatten die auf einen Überfall nicht vorbereitete Stadt daraufhin überfallen und die Verteidiger nach kurzer, heftiger Gegenwehr überwältigt. Tana-ca-ris-son war an der Spitze seiner Getreuen gefallen, und die Irokesen hatten die Stadt unter dem Beifall der zusehenden Franzosen eingeäschert. Der Indianer, die dunklen, brennenden Augen unverwandt auf den Offizier gerichtet, fuhr fort: »Ni-kun-tha weilte an jenem Tage auf der Jagd. Als er am Abend zurückkehrte, stand Piqua nicht mehr; Tana-ca-ris-son, die in Piqua weilenden Häuptlinge und die meisten Krieger waren tot, Frauen und Kinder, soweit sie nicht in die Wälder gelaufen waren, in der Hand der Seneca, die noch zwischen den Trümmern tanzten. Die älteren Krieger, die bei Ni-kun-tha waren, hielten ihn zurück, sonst hätte er sich zwischen die Feinde gestürzt und den Tod in der Schlacht gesucht. Sie sagten, der Sohn Tana-ca-ris-sons müsse leben, um den Vater zu rächen.« Der Jüngling reckte sich, und eine Flamme ungezügelter Wildheit brach aus seinen Augen: »Ni-kun-tha lebt, und er wird Tana-ca-ris-son rächen!« »Entsetzlich«, flüsterte Dunwiddie. »Soweit sind die Franzosen also schon!« Auch seine Gestalt straffte sich. »Nun«, knirschte er, »wenn jetzt nicht die Kolonien aufstehen und die Franzosen samt ihren blutdürstigen irokesischen Bundesgenossen züchtigen, dann verdienen sie ihr Los. Und die Miami, Falke?« wandte er sich an den Indianer; »sie sind abgefallen, sagst du? Alle Stämme?« »Die zu Tana-ca-ris-son und zu den Verträgen stehen, sind zu den Shawano gegangen«, berichtete Ni-kun-tha. »Einzelne Stämme haben sich den Franzosen verbündet, andere haben den Friedenswampun untereinander getauscht und gelobt, sich am Krieg nicht zu beteiligen.« Düsterer Ernst lag über dem Antlitz des jungen Mannes. »Der Miamibund ist zerbrochen«, sagte er, »Macht und Größe sind dahin.« »Schlimm, Falke, schlimm!« sagte der Major, der über den Ausführungen des Indianers immer ernster geworden war. »Gerade auf die Miami hatten wir große Hoffnungen gesetzt. Aber berichte erst einmal weiter, wie es dir erging.« »Ni-kun-tha ging zu den Tuscarora«, fuhr der Häuptling fort; »aber sie wollten von den Yengeese nichts wissen. Er ging zu den Lenni-Lenape; auch sie weigerten sich, das Kriegsbeil gegen die Franzosen auszugraben. Nur die Shawano halten an ihren Verträgen mit dem großen weißen Vater im Land der Yengeese fest. Ni-kun-tha ließ seine wenigen Krieger dort. Mit zwei Männern schlich er sich durch die Linien der Mehti-kosche und der Irokesen und kam bis zum großen See. Er wollte die Hilfe der englischen Väter in Oswego erbitten und von dem Unglück am großen Miami berichten. Auch die Grade Zunge wollte er aufsuchen. Er war auf dem Wege nach Oswego, als der Zorn des bösen Geistes ihn und seine Krieger erreichte. Die Krieger ertranken; Ni-kun-tha wurde durch die Hilfe weißer Männer gerettet. Nun hat er die Grade Zunge gefunden und hat ihr gesagt, was geschehen ist.« Der Indianer schwieg, und der Offizier sah düsteren Gesichts vor sich hin. »Ja«, sagte er nach einer Weile, »was geschehen ist, weiß ich nun. Wüßte ich nur auch, was ich tun kann. Ich kann nach Albany und nach New York berichten und Hilfe erbitten. Ob ich sie bekomme, ist eine andere Frage. Ganz gewiß kann ich jetzt nicht ins Ohiotal. Ich brauche selbst Hilfe, bin abgeschnitten von aller Welt und habe kaum eine kriegsstarke Kompanie Soldaten. Ein Glück, daß wenigstens nicht alle irokesischen Nationen abgefallen sind. Die Onondaga scheinen ziemlich verläßlich. Von Oswego aus kann dir auch keine Hilfe zuteil werden. Die sind ebenso abgeschnitten wie wir. Wenn die Regierung nicht ein paar Regimenter schickt und die Kolonien nicht mindestens zehntausend Milizen zusammenbringen, sehe ich schwarz für die englische Sache hier. Diese elende Wirtschaft in den Kolonien hier! Setzt der Franzose alle verfügbaren Kräfte ein, sind Stacket Harbour und Oswego verloren, und der Ontario ist ein französischer See. Die Meldung von dem Handstreich auf Piqua gebe ich sofort nach Albany weiter; vielleicht weckt sie die Leute dort aus dem Schlaf. Ich freue mich, Häuptling, dich zu sehen, so traurig und entmutigend der Anlaß deiner Reise auch ist. Meiner Hilfe, soweit ich welche zu vergeben habe, bist du sicher.« »Ni-kun-tha braucht nur Waffen«, entgegnete der Häuptling, »die seinen liegen im See.« »Der Falke soll haben, was er braucht. Aber was gedenkt er zu tun?« »Er wird wieder zu den Shawano gehen, um an der Seite seiner Krieger zu kämpfen.« »Gut, Häuptling, geh! Dort bist du nötig. Die Miami werden sich besinnen und erkennen, daß sie auf der falschen Fährte wandeln. Ni-kun-tha wird sie im Geiste seines großen Vaters wieder einigen und den Bund der Stämme neu begründen. Er wird ein großer Häuptling und eines Tages der oberste Sagamore seines Volkes sein.« Den Inhalt dieses bemerkenswerten Gespräches hatte Major Dunwiddie Elias Burns, der ihm nicht hatte folgen können, später ausführlich wiedergegeben. Dem jungen Häuptling sandte er noch am gleichen Tag ein schön verziertes Jagdhemd, eine wertvolle Büchse, einen Tomahawk mit kostbar verziertem Griff, Messer, Pulverhorn, Kugelbeutel und Jagdtasche; außerdem verlieh er ihm für sein tapferes und umsichtiges Verhalten bei den Tausend Inseln eine silberne Medaille, die den für solche Dinge gleich allen seinen Artgenossen sehr empfänglichen Indianer außerordentlich beglückte. Auch Bob Green und John waren nicht wenig erstaunt, als ihnen Vater Burns von den Geschehnissen in der Miamistadt und von der Abkunft ihres indianischen Gefährten berichtete, wenn sie auch, mit der Geschichte der indianischen Völkerschaften wenig vertraut, von Tana-ca-ris-son und der Bedeutung der Miami-Konföderation noch nichts vernommen hatten. Die Burns hatten in ihrer abgelegenen Ansiedlung am Genesee ja überhaupt wenig Gelegenheit, etwas von den Vorgängen im Lande und in der Welt zu erfahren. Die Verbindung mit Albany war schwierig und umständlich, vor allem im Winter und Frühjahr. Daß im Ohiotal schon seit längerer Zeit des öfteren blutige Zusammenstöße stattfanden, war durchgesickert, doch hatte es bisher immer so ausgesehen, als beschränkten sich die Auseinandersetzungen auf die französischen Grenzposten, ihre indianischen Verbündeten und die Kolonie Virginia und hätten keinen bedeutsamen Einfluß auf die große Politik Englands und Frankreichs. Es war zwischen den beiden Großmächten endgültig zum Bruch gekommen, nachdem die Engländer vor der Mündung des St. Lorenz-Stromes zwei französische Kriegsschiffe nach blutigem Kampf genommen hatten. Für die Anwohner des Ontario-Ufers war der Krieg Tatsache, als dann französische Kriegsschiffe auf dem See erschienen, die bereits einige Handelsfahrzeuge gekapert hatten. Das gemeldete Näherkommen dieser Schiffe hatte die Hafenstadt Stacket Harbour nun in heftige Aufregung versetzt, und John und Bob waren bei ihrer Ankunft in der Stadt mitten in den Wirrwarr hineingeraten. Major Dunwiddie hatte sofort die erforderlichen Maßnahmen getroffen, um den Hafen und die darin liegenden Handelsschiffe zu schützen. Er bot, da er selbst nur über geringe Mannschaft verfügte, die waffenfähigen Bürger der Stadt auf, ließ Verschanzungen aufwerfen und ein paar alte Kanonen an das Seeufer schaffen. Ein Blick auf den See zeigte auch bereits drei langsam heransegelnde Brigantinen, die Frankreichs Kriegsflagge mit den Lilien am Besanmast führten. Aller Augen waren gespannt auf die feindlichen Schiffe gerichtet, deren eines eine englische Handelssloop im Schlepptau führte. Daß die Schiffe einen Landungsversuch unternehmen würden, war nicht zu erwarten, da ihre Besatzung nicht ausgereicht hätte, der aus Linientruppen, Milizen und bewaffneten Bürgern bestehenden Verteidigung erfolgreich entgegenzutreten; wohl aber mußte damit gerechnet werden, daß die weittragenden Schiffsgeschütze die Stadt und die im Hafen ankernden Fahrzeuge unter Feuer nahmen. Als das dritte Geschütz stand und verankert war, wandte der Major sich dem See zu und beobachtete durch das Glas die französischen Schiffe. Das Glas absetzend, sah er sich um. Die Kanonen standen, wer aber sollte sie bedienen? Seine Infanteristen verstanden nichts von artilleristischen Dingen. »Ist jemand hier, der ein Geschütz zu bedienen versteht?« fragte er, sich unter der Menge umblickend, unter der sich mehrere Schiffer und Bootsleute befanden. »Hier!« sagte Bob Green, der noch immer seinen Festtagsstaat trug. Gleichzeitig mit ihm meldeten sich drei andere Bootsleute. Es stellte sich nach einigen Fragen heraus, daß alle vier mehrere Jahre auf englischen Kriegsbooten gedient hatten und auch als Kanoniere ausgebildet waren. »Ausgezeichnet!« sagte der Major. »Dann macht mir die Brummer mal schußfertig!« Der Befehl war schnell ausgeführt. Es zeigte sich, daß alle vier Schiffer sich auf die Sache verstanden. Bob stampfte eine stattliche Vollkugel in den Achtzehnpfünder, goß Pulver in das Zündloch und setzte die Lunte in Brand. »Bereit zum Schuß, Herr Major!« meldete er. »Wer von euch ist der beste Richtkanonier?« fragte Dunwiddie. »Bob Green, Sir!« riefen die drei anderen nahezu einstimmig. »So, Bob Green. Das seid Ihr also?« Der Major, der hier am See erst wenige Monate kommandierte, kannte den stattlichen Riesen nicht, der sich in den englischen Häfen am See einer gewissen Volkstümlichkeit erfreute. »Jawohl, Euer Gnaden«, sagte Bob Green. »Nun, was meint Ihr, Bob: Sind die Kästen da in Schußweite Eures langen Rohres?« Bob maß die Entfernung sehr kritisch und antwortete: »Zu Befehl, Herr Major, für die erste Brigantine dürfte es reichen.« »Alsdann richtet einmal Euren Feuerspeier. Wir wollen den Kampf nicht beginnen, sondern nur einen Warnschuß abfeuern. Ihr schießt also erst, wenn es drüben knallt.« Er gab darauf dem dritten Geschütz Feuerbefehl, mit der Weisung, nicht auf die Schiffe zu halten, und ließ gleichzeitig an dem dafür vorgesehenen Mast die englische Flagge hochgehen. Der Schuß fiel, und die Kugel schlug in einiger Entfernung von den Brigantinen ins Wasser, Fontänen aufwerfend, die in langen Sprüngen über den See hüpften. Fast unmittelbar darauf nahm die vorderste Brigantine eine schnelle Wendung vor und zeigte die Breitseite. Eine Dampfwolke verhüllte für einen Augenblick das Schiff; ein großer Eisenball kam herangesaust und grub sich am Uferrand ein; dann erst dröhnte der nachfolgende Donner den Leuten am Strand in die Ohren. Bob, sein Ziel noch einmal genau ins Auge fassend, legte die Lunte an. Lärmend brach der Feuerstrahl aus dem Rohr; die ganze Umgebung war in Dampf gehüllt. Kaum hatte die Nebelwand sich verzogen, als aller Augen sich auf die Brigantine richteten. Es war zunächst kein Erfolg festzustellen. »Wartet's nur ab«, brummte Bob, als er die Enttäuschung in den Mienen der Umstehenden gewahrte. Und siehe da, wenige Sekunden später wankte der Besanmast der Brigantine und stürzte, im Fallen noch die große Rahe des Fockmastes mit sich reißend. Brausendes Jubelgeschrei erhob sich ringsum. »Gut gemacht, Bob!« lobte der Major. »Wollen den Burschen die Zähne zeigen. Gebt's ihnen nochmal!« Die Franzosen schienen indessen ob des unfreundlichen Empfanges stutzig geworden; die beiden hinteren Brigantinen kürzten die Segel und legten sich hinter das entmastete Schiff. Die am Lande verfolgten das Treiben mit gespannter Aufmerksamkeit. Doch zeigte es sich bald, daß die unbeschädigten Schiffe das dritte in Schlepptau genommen hatten und den Rückzug antraten. Das Rohr des Achtzehnpfünders war mittlerweile erkaltet; Bob lud es von neuem, während die Brigantinen schon seewärts abzogen. Und abermals entlud sich krachend das Geschütz. Diesmal holte die Kugel die große Rahe des zweiten französischen Schiffes herab. Der darauf einsetzende Jubel war unbeschreiblich. Ehe der Achtzehnpfünder aber zum dritten Mal schußfertig war, befanden die Brigantinen sich bereits außer Reichweite und entfernten sich von Minute zu Minute mehr von der Küste. Nachdem die Ruhe einigermaßen wieder hergestellt war, wandte Elias Burns sich mit ernster Miene an Bob Green. »Was machen wir?« sagte er. »Es zieht mich mit allen Fasern nach Hause. Der Krieg hat begonnen, und ich sorge mich um mein Kind. Aber der Landweg dürfte kaum passierbar sein, ist wahrscheinlich längst von den Roten beherrscht, und den See blockieren französische Kriegsschiffe.« »Und doch müssen wir, wenn Ihr heimwollt, über den See, Sir«, entgegnete Bob. »In den Wäldern sind die Roten bestimmt in Bewegung; dürfte kaum anzuraten sein, jetzt auf den ohnehin kaum passierbaren Wegen über Land zu marschieren. Außerdem: den See und seine Gefahren kenne ich, die Wälder nicht.« »Aber die Franzosen?« wandte der Alte ein. »Will Euch was sagen, Sir: Die Molly ist ein Schiff, das es mit jedem Kriegsschiff aufnimmt, mindestens was die Schnelligkeit und Manövrierfähigkeit angeht. Steckt ja mein bißchen Hab und Gut in dem Kasten, will's aber trotzdem wagen. Denke übrigens auch, daß die Bulldoggen in Oswego die Flagge zeigen und die Musjöhs bald nach Montreal heimschicken werden.« »Nun«, seufzte Burns, »wir werden sehen. Ihr wißt, Bob, ich vertraue Euch. Ich kenne Eure Unerschrockenheit und Eure Geschicklichkeit als Schiffsführer. Trotzdem möchte ich meinen: es wäre Tollkühnheit, sich im Augenblick auf den See zu wagen.« »Weiß ich nicht mal«, versetzte der Bootsmann. »Wenn wir bei Nacht segeln, sind wir im Morgengrauen schon weit von der Küste. Kenne genug Schlupfwinkel, an unserem Ufer so gut wie drüben im Kanadischen, Schlupfwinkel, in denen uns sechs Brigantinen nicht aufspüren sollen.« Sie gingen, so miteinander beratend, langsam zum Hafen zurück und betraten das Deck der Molly, wo Ni-kun-tha ihnen entgegenkam. »Was hat der Häuptling über seine nächste Zukunft beschlossen?« fragte Burns. Und da ihm einfiel, daß der Indianer des Englischen doch nur in geringem Umfang mächtig war, verdeutlichte er noch einmal: »Ni-kun-tha – wohin gehen?« »Gehen zu den Shawano«, antwortete der Häuptling. »Grade Zunge sagen: Gut!« »Grade Zunge – Major Dunwiddie – gut zu dir. Kannte deinen Vater.« »Grade Zunge sehr gut! Lieben Tana-ca-ris-son. Lieben Ni-kun-tha. Sehr gut Freund!« »Will mein junger Freund durch die Wälder gehen?« Der Indianer schüttelte den Kopf: »Dort viel Sumpf – dicker Wald. Fahren Kanu – dann in Wald zu Shawano.« »Ich sagte es Euch ja, Sir, es ist unmöglich, jetzt durch die Wälder zu gehen«, schaltete Bob sich ein. »Ich weiß nur, daß ich fort muß«, versetzte Burns. »Die Sorge um meine Tochter bringt mich um.« »Überlegt's gut, Master. Bob Green ist der Mann, Euch heil über den Ontario zu bringen; kein aufgeputzter Musjöh soll ihn daran hindern.« Sie standen, in ihr Gespräch vertieft, auf dem Achterdeck und sahen nicht, daß ein elegant gekleideter Herr mit zwei Männern am Uferbollwerk entlangging und aufmerksam die ankernden Schiffe musterte. Daß er stehenblieb, auf die Molly und die kleine Gruppe auf ihrem hinteren Deck wies und sich gleich darauf zurückzog. Sie sahen erst auf, als plötzlich zwei fremde Männer vor ihnen auftauchten, die unbemerkt das Schiff betreten haben mußten. Die Männer tippten Bob Green und John Burns leicht auf den Arm und zwar vermittels eines kleinen Stabes, der an der Spitze eine silberne Krone trug. Bob und John fuhren herum und starrten die Männer, nichts begreifend an. »Was heißt das? Was wollt ihr?« fragte der Bootsmann schließlich, während hitzige Röte seine Wangen färbte. »Konstabler des Königs«, sagte einer der Männer. »Mitkommen ohne weitere Umstände! Vorwärts, vorwärts, sonst laß ich euch schließen.« Burns, Bob und John sahen einander erstaunt an, aber dann begriff der Bootsmann auch schon. »Das ist die Klaue des sauberen Vetters, John«, sagte er und stieß ein grollendes Lachen aus. Er wandte sich dem Konstabler zu, der ihn mit seinem Stäbchen berührt hatte. Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Wollt mich verhaften, wie?« sagte er, »im Namen des Königs?« »Allerdings wollen wir das. Nun aber voran!« Bob grinste unentwegt weiter. »So. Da habt Ihr denn ja wohl ein Papierchen, vom Richter unterschrieben, nicht wahr? Zeigt das Ding doch einmal her. Ich kann nämlich lesen.« Jetzt trat Elias Burns heran. »Wo ist der Befehl, der Euch ermächtigt, in amtlicher Eigenschaft mein Schiff zu betreten?« sagte er scharf, »ich bin Bürger der Kolonien. Mein Schiff ist mein Haus.« Die Beamten warfen sich einen Blick zu, dann sagte der eine: »Kommt mit, wenn Ihr nichts zu verbergen habt. Wird sich alles herausstellen. Macht jetzt weiter keine Umstände.« Bob Green schob seine massige Gestalt vor. »Also so sieht das aus«, grollte er, seine Arme mit den Schmiedefäusten reckend, »habt gar kein Papier vom Richter? Habt vielleicht eins von Sir Edmund Hotham, wie?« Er wandte sich Burns zu: »Wollt Ihr erlauben, Sir, daß ich diese beiden Gesellen eben mal kurz ins Wasser werfe?« Und er tat abermals einen Schritt auf die Männer zu. Die wichen, ihre Stäbchen hebend, zurück. »Das wird Euch teuer zu stehen kommen, Mann!« drohte der eine. »Nicht im geringsten, meine Ehrenwertesten«, knurrte Bob, »Kenne die Gesetze auch ziemlich gut. Geht nur zurück zu eurem sauberen Auftraggeber, dem Räuber und Mörder, und sagt ihm, daß der wahre Lord Somerset lebt und daß ich hoffe, ihn noch einmal zwischen meine Fäuste zu bekommen.« Da der Riese unter diesen Worten unentwegt weiter auf die Zurückweichenden eindrang, machten die schließlich kehrt und verließen eiligen Schrittes das Schiff. »Genug, das reicht mir«, sagte Elias Burns, nachdem die Männer von Bord waren. »Ähnlichen Dingen möchte ich Euch und mich nicht mehr aussetzen. In der gegenwärtigen Verwirrung ist dieser zweifellos einflußreiche Baronet möglicherweise imstande, auch wirksamere Schläge zu führen. Da für ihn alles auf dem Spiel steht, wird er auch alles daransetzen, uns zu vernichten. Wir segeln noch in der Nacht.« Am Abend erschien Major Dunwiddie noch einmal an Bord der Molly und hatte eine lange und eingehende Unterredung mit Ni-kun-tha, dem Miamihäuptling. Anschließend sah Elias Burns die Zeit für gekommen an, dem Kommandanten alles Wissenswerte über den DUKE OF RICHMOND, den entführten jungen Lord und die Anschläge Sir Edmund Hothams mitzuteilen. Der Offizier war nahezu fassungslos. »Nun, bei meiner Seele!« sagte er schließlich, »den Burschen will ich im Auge behalten. Das ist ja ein auserlesener Schurke.« Er billigte Burns' Entschluß, abzusegeln; auch er hielt die Gefahr, die Molly möchte von den Franzosen aufgebracht werden, für nicht sonderlich groß. Nachdem er den Männern eine gute Fahrt gewünscht hatte, verabschiedete er sich mit besonderer Herzlichkeit von dem jungen Häuptling, der erklärt hatte, mit der Molly segeln und von ihrem Landungsplatz aus den Weg durch die Wälder nehmen zu wollen. Die Befreiung Kurz nach Mitternacht glitt die Molly mit einer leichten Südbrise in See. Zwei Stunden später trat fast völlige Windstille ein, und die Segel hingen schlaff an den Rahen. Das erregte zwar einige Besorgnis, doch rechnete man auf den Morgenwind. Schlaflos erwarteten die Männer das Hochkommen der Sonne; nur Ni-kun-tha schlummerte, in seine wollene Decke gehüllt, ruhig an Deck. Der Himmel war sternenklar; die Sloop schaukelte sich sanft in den leichten Wellen des Sees. Die beiden Burns saßen mit Bob Green zusammen und unterhielten sich in gedämpftem Ton. »Meine einzige Sorge gilt meiner Tochter Mary«, sagte der Alte. »Die Politik der indianischen Völkerschaften ist undurchsichtig; ich weiß nicht einmal, ob Ni-kun-tha sie durchschaut. Die Miami-Stämme schwanken offenbar zwischen England und Frankreich; die sechs Nationen waren im Grunde immer unzuverlässig; die Mohawk und die Onondaga scheinen ja zu ihren Verträgen zu stehen, die Seneca haben sich immer dorthin geschlagen, wo der Erfolg winkte, sie sind augenblicklich klar bei den Franzosen, und für die anderen Irokesenstämme gilt dasselbe. Die Lenni-Lenape sind vor einem Jahr von den Pennsylvaniern gezüchtigt worden, aber das hatten sie verdient und verschuldet. Von allen Algonkinvölkern scheinen augenblicklich nur die Shawano zuverlässig, zu denen unser Häuptling jetzt will. Damit scheinen mir die Franzosen das glatte Übergewicht unter den Indianern zu haben, selbst wenn sich viele Stämme auch nur neutral verhalten. Das aber heißt, daß man das Angriffsgeheul der Wilden bald in den entferntesten Ansiedlungen hören wird. Gott schütze unser friedliches Tal am Genesee. Gott schütze mein armes Mädchen!« »Sagte Euch schon: Sehe da nicht so schwarz«, entgegnete Bob, »bin überzeugt, die Hauptkämpfe werden sich im Ohiotal, in der Kolonie New York und an den Seen, wo die großen Forts liegen, abspielen, am Champlain, am Georgsee und hier am Ontario.« »Ihr habt gewiß mehr Erfahrung als ich, Bob«, versetzte Burns, »aber ich kann mir nicht helfen: Ich werde die Sorge und die Unruhe nicht los.« Es wurde allmählich im Osten lichter, die Nacht begann zu weichen; gleichzeitig erhob sich ein Nebeldunst, der das Schiff in graue Schleier einhüllte. Der Sonnenball stieg höher und tauchte die Schleier in rötliche Glut. Vom Süden kam ein frischer Luftzug herauf, füllte die Segel, hob die Nebelschleier und trieb sie auseinander. Als der Ausblick eben ein wenig freier wurde, gewahrten die Männer zu ihrem Schrecken zwei französische Kriegsschiffe, die in langsamer Fahrt näherkamen. Nach einem Augenblick der Ratlosigkeit sagte Bob: »Hilft alles nichts, Master, müssen umlegen. Können weder vorbeischlüpfen, noch bei diesem Wind Oswego erreichen.« »Handelt, wie Ihr es für richtig haltet, Bob«, entgegnete Burns. »Werde auf die Edwardsinseln zuhalten. Müssen Nordwest liegen. Da werden wir den Burschen dann eine Nase drehen.« Die Molly wurde umgelegt und steuerte Nordost. Sie mußte auf den französischen Kriegsschiffen bemerkt worden sein, denn die begannen jetzt neue Leinwand zu setzen und wechselten den Kurs. Als der Nebel sich weiter verzog, stellten die Männer an Bord der Molly fest, daß es sich keineswegs nur um zwei Schiffe handelte. Schiff um Schiff tauchte auf; schließlich zählte man acht Brigantinen, die fast in einer Linie herangesegelt kamen. »Aus, Master«, sagte Bob nach einer beklemmenden Pause. »Gibt nur noch eine Möglichkeit: Müssen versuchen, vor dem Wind ins Gebiet der Tausend Inseln zu laufen. Ist die einzige Rettung.« Burns stimmte zu; hier auf dem Wasser mußte Bob wissen, was zu tun war. Die Franzosen waren noch etwa zwei Meilen entfernt, und die Sloop war ein hervorragender Segler. Bob gab das Steuer an John ab und hißte über dem Hauptsegel noch das Königssegel, dessen Hilfe die Molly denn auch bald zu spüren bekam. Doch stellte sich nun heraus, daß zwei der französischen Brigantinen in der Segelkraft durchaus gewachsen waren; man sah, daß sie sich aus dem Verband lösten und ständig an Fahrt gewannen. Die eine, weit voraus, schien der Molly sogar überlegen. »Nehmt die Spritze, John und macht mir das große Segel naß«, gebot Bob; der junge Mann machte sich unverzüglich an die Arbeit. Die Nässe machte die Leinwand widerstandsfähiger gegen den Luftdurchzug, und die Fahrt der Sloop beschleunigte sich erheblich. Sechs der feindlichen Kriegsschiffe blieben zurück, während die beiden anderen die Jagd unverdrossen fortsetzten. Der Wind steigerte sich; Schaumberge aufwerfend jagte die Molly über den See, von dem schnellsten französischen Segler unentwegt verfolgt. Der Franzose lief augenscheinlich unter vollem Segeldruck, aber der Abstand zwischen ihm und der Sloop verringerte sich nicht. Neben dem Bootsmann stehend, hielt der alte Farmer den Blick auf den Verfolger gerichtet. Der Indianer lehnte ruhig, mit unbewegtem Gesicht am Mast; nur dem Funkeln der Augen war zu entnehmen, daß es hinter seiner Stirn arbeitete. »Was meint Ihr, Bob?« fragte Burns, »gewinnen wir Raum?« Der Bootsmann warf abschätzend einen Blick zurück. »Scheint nicht so, Sir«, entgegnete er, »der Bursche hat längere Beine als die Molly; verstände er die Segel richtig zu stellen, würden wir in längstens einer Stunde die Kugeln pfeifen hören. Aber eine Sternjagd ist eine lange Jagd; schätze, wir erreichen die Inseln, ehe er eine halbe Meile nähergekommen ist.« Er sah mit grimmigem Gesicht vor sich hin. »Böse Sache, Master«, stieß er zwischen den Zähnen heraus, »meine nicht für uns – überhaupt. Die Frenchers beherrschen den See. Haben keine drei Schiffe, die wir den acht Kähnen da entgegenstellen könnten.« »Wir müssen also unbedingt zu den Tausend Inseln?« »Unbedingt! Einzige Rettung! In die Kanäle gehen sie nicht. Und selbst wenn sie gingen, – da sollen sie uns suchen.« »Aber wie kommen wir heraus, wenn wir einmal drin sind?« »Ja, Sir, das ist mehr gefragt, als ich beantworten kann. Von den Schiffen da genügt eins, um uns festzuhalten. Und kämen wir trotzdem raus, wäre die einzige Rettung Oswego. Aber wie sollen wir über den See kommen? Konnte kein Mensch ahnen, daß die Musjöhs in solcher Stärke auftreten würden. Scheint mir schon verwunderlich genug, daß die Lilien sich überhaupt auf dem Ontario zeigen.« »Und –«, sagte Burns nach einer kleinen Pause, – »die Seeräuber?« »Nun, ich denke, die werden es sich überlegen, die Molly ein zweites Mal anzugreifen«, lachte Bob. »Werden noch eine Zeitlang an der ersten Erfahrung zu schlucken haben, die sie mit ihr gemacht haben.« »Hoffentlich«, sagte Burns. Der Franzose schien doch nicht ganz so unbewandert in der Segelkunst, wie Bob vermutet hatte. Er hatte seine Leinwand schärfer gespannt und flog jetzt schäumend vor dem Winde einher. Die Entfernung zwischen ihm und der Molly begann sich sichtbar zu verringern, langsam zwar, aber stetig. Doch zeigte sich jetzt zur großen Freude der Verfolgten Land. Burns griff zum Glas und vermochte bald zu erkennen, daß sie dieselbe durchbrochene Küste vor sich hatten, der sie vor wenigen Tagen durch den Sturm zugetrieben worden waren. »Zieht das große Segel fester an«, brüllte Bob; »muß wie ein Brett stehen.« Die beiden Burns kamen der Aufforderung nach, doch hatte es nicht den Anschein, als würde durch das straffere Anziehen der Leinwand eine Erhöhung der Geschwindigkeit erreicht. Die Molly war ein schnelles Schiff, und sie lag vorzüglich, aber die Brigantine war ihr an Segelkraft augenscheinlich überlegen. »Nehmt einen Augenblick das Steuer, Sir, und gebt mir das Glas«, sagte Bob. Die Küste war jetzt deutlich zu erkennen. »Möchte gern mal den Kanal treffen, durch den wir ausgelaufen sind.« Bob musterte scharf den immer höher ansteigenden Küstensaum. »Zwei Strich Nord«, rief er plötzlich, »laufen sonst stracks auf die Küste. Steuer nach Backbord!« Burns folgte der Anweisung; der Lauf der Molly beschleunigte sich zufolge der veränderten Windrichtung erheblich. Trotzdem kam der auf seinem Kurs beharrende Franzose näher. »Stetig, Master, stetig!« keuchte Bob. »Hilft alles nichts, müssen noch mehr nach Nord herum.« Bob hielt das Glas vor den Augen; die Küste kam schnell heran. Jetzt luvte die verfolgende Brigantine im Wind und barg einige Segel. »Ha!« schrie Bob, »gleich werden wir den Musjöh brüllen hören.« Er hatte das kaum gesagt, als sich vor dem Franzosen eine Rauchwolke erhob. Knapp hundert Schritt hinter der Molly fiel eine gutgezielte Kugel ins Wasser. »Luv nur, mein Junge und vertrödele deine Zeit!« knurrte Bob. »Deine Eisenpillen reichen nicht weit genug.« Abermals krachten die beiden Geschütze an Bord der Brigantine, aber die Kugeln lagen diesmal noch weiter hinten. Das Luvmanöver des Franzosen hatte dazu gedient, einen sicheren Schuß zu ermöglichen, hatte ihn aber nicht unerheblich Zeit gekostet, wodurch die Molly einen merklichen Vorsprung gewann. Vor ihr zeigte sich jetzt ein Loch in der Küstenwand. »Gerade drauf zu, Master«, sagte Bob. »Hoffentlich laufen wir nicht in eine Sackgasse.« Sie mußten die Gefahr in Kauf nehmen, denn der Franzose hatte seine Fahrt wieder aufgenommen. Es gab keine andere Möglichkeit, als in den sich vor ihnen öffnenden Kanal einzulaufen. Bob nahm jetzt wieder das Steuer; pfeilschnell jagte die Molly auf die Küste zu. »Das große Segel zurück, Master«, gebot Bob. »Laufen neun Knoten. Können mit solcher Fahrt nicht zwischen die Inseln laufen. Bleibt aber an der Brasse.« Die Schoten wurden losgelassen und die dem Wind dargebotene Leinwandfläche entsprechend verringert; die Molly verlor schnell an Fahrt, während der Franzose jetzt mit voller Segelkraft herangeschossen kam. Doch schon näherte die Sloop sich dem Eingang des breiten Kanals – die Brigantine war noch eine halbe Meile entfernt – und schlüpfte hinein. Gewandt wie eine Ente gehorchte die Molly dem Steuer. Zwischen das Inselgewirr tretend, bog sie nach links, dann nach rechts, wieder nach links und fuhr, nachdem sie einen sich weithin in gerader Richtung erstreckenden Kanal gewonnen hatte, mit beschleunigter Fahrt weiter. Sie mochten ein paar Meilen zurückgelegt haben, da sagte Bob: »Denke, wird reichen, Sir. Woll'n jetzt ein bißchen ausruhen. Glaube kaum, daß uns der Franzose gefolgt ist. Und wenn, soll es ihm schwer werden, uns aufzuspüren.« Er steuerte die Sloop zwischen zwei kleinere Inseln und ließ die Segel einziehen. Bald schaukelte das Schiff sich gemächlich auf dem fast unbewegten Wasser. Der Bootsmann lachte kurz auf: »Da wären wir also wieder glücklich zwischen den blutigen Inseln. Hat die alte Molly sich nicht prachtvoll gehalten? Laßt's gut sein, Sir, denke, wir kommen auch wieder heraus.« Sie legten das Schiff, das über keinen Anker mehr verfügte, mit einem in der Jolle ausgemachten starken Tau an einem Baum fest. Während die drei Weißen sich auf Deck zusammensetzten, ging Ni-kun-tha, der mit an Land gefahren war, in den Wald. »Eine wilde Welt, verdammt nochmal!« sagte Bob. »Schwimmen da plötzlich acht Musjöhs, wie vom Himmel gefallen, auf dem Ontario. Na, ich denke, der Spaß wird nicht allzulang dauern. Werden auch wieder herunterkommen. Wartet's ab!« Aber der alte Burns war mißmutig und bedrückt. »Mag schon sein«, sagte er, »wir aber liegen einstweilen jedenfalls hoffnungslos fest und können uns nicht rühren. Dabei habe ich keine Minute Ruhe meiner Tochter wegen. Es ist entsetzlich!« Darauf wußte auch der starke Bob, den so leicht nichts aus dem Geleise warf, nichts zu entgegnen. Was hätte er auch sagen sollen? Nach etwa zwei Stunden erschien Ni-kun-tha am Ufer und winkte, ihn an Bord zu holen. John stieg in die Jolle, die sich am Heck des Schiffes im Wasser schaukelte und holte ihn herüber. Der Indianer zeigte auf das Dickicht, aus dem er eben gekommen war und sagte, während ein sonderbares Lächeln seine Lippen umspielte: »Dort Gefangener.« Alle drei fuhren auf. »Was?« schrie John, »der junge Waltham? Hier?« »Hugh. Er dort«, sagte der Häuptling. »Du hast ihn gesehen?« »Ni-kun-tha ihn sehen.« »Und die Piraten?« »Nur Toter Fuß da.« »Welch eine Fügung!« sagte der alte Puritaner leise. »Mein Bruder ist sicher, daß sonst keine Piraten auf der Insel sind?« »Ganz sicher. Nur Toter Fuß da.« »Ist ein Haus da?« »Großes Haus.« »Vater«, sagte John, »wir holen ihn. Auf der Stelle. Dann verlassen wir die Insel und legen irgendwoanders an.« »Gewiß müssen wir ihn holen«, versetzte der Alte, »und zwar unverzüglich. Können wir die Molly allein lassen, Bob?« »Denke schon, Master. Wird ja so lange nicht dauern. Und sollten die Piraten wirklich kommen, werden sie das Schiff hier auch nicht gleich entdecken. Sieht nicht so aus, als ob hier ihre Landestelle wäre. Werden sich dann erst in ihre Höhle begeben.« »Also, nehmt die Büchsen. Der Häuptling mag uns führen. Nimm auch die Axt mit, Bob.« »Ay, ay, Sir.« Sie begaben sich in die Jolle. Ni-kun-tha ließ sie ein gutes Stück um die Insel herumfahren, bevor er das Zeichen zur Landung gab. Sie bargen das Boot unter überhängenden Büschen und betraten unter der Führung des Indianers den Wald. Schon nach kurzem Marsch kamen sie auf eine Lichtung, auf der sich ein starkes Palisadenwerk erhob. Über den Pfahlspitzen zeigten sich mehrere Dächer. Ni-kun-tha kroch einer Schlange gleich durch das hohe Gras auf die Pforte in der Palisadenwand zu und kauerte sich sprungbereit daneben nieder. Burns und Bob blieben mit den schußfertigen Büchsen in den Büschen stehen, und John ging geradewegs auf die Pforte zu, klopfte hart an die Bohlen und brüllte: »Hallo, Skroop! Aufgemacht!« Es erfolgte keine Antwort; nichts regte sich hinter den Palisaden. »Er ganz gut hören. Er schon kommen«, flüsterte Ni-kun-tha. »Skroop! In des Henkers Namen, macht auf. Komme mit Botschaft von Hollins!« brüllte John in gewollt rauhem Ton. Jetzt hörte man Schritte und das taktmäßige Aufstoßen des Stelzfußes hinter der Palisadenwand. »Gemach, gemach!« brummte eine mürrische Stimme. »Bin kein Rennpferd.« Ein schwerer Riegelbalken wurde zurückgeschoben, und die Pforte öffnete sich. Der Stelzfuß tauchte in der Spalte auf. Sein nicht nur von Wind und Wetter gerötetes Gesicht zog sich in Falten, in den grauen dicht überbuschten Augen flackerte es; mißtrauisch musterte er den ihm unbekannten jungen Mann. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr hier?« »Das sollt Ihr gleich hören.« John trat einen Schritt vor. »Halt!« donnerte der Alte. »Erst die Losung!« Und er machte Miene, die Tür zuzuschlagen. Da tauchte, wie der Erde entstiegen, das dunkle Antlitz Ni-kun-thas vor ihm auf; einen Schreckensruf ausstoßend, taumelte der Stelzfuß zurück. In der Hand des Indianers blinkte der Tomahawk. »Nicht töten, Ni-kun-tha!« rief John. Der Indianer bückte sich blitzschnell und führte einen kurzen Schlag gegen das Holzbein des Invaliden, der mit einem gräßlichen Fluch zusammenbrach. Sekunden später lag Ni-kun-tha über ihm und schnürte ihm mit einem Stück Tau, das er vom Schiff mitgenommen hatte, die Arme über der Brust zusammen. Burns und Bob waren mittlerweile herausgekommen, und alle vier betraten jetzt den Hofraum hinter den Palisaden. »Wo ist der Gefangene?« fragte John. Der Stelzfuß antwortete mit einer Verwünschung. Bob Green hob die Axt. »Antworte, oder ich schlage dir den Schädel ein!« brüllte er. Der alte Burns hielt den Wütenden zurück. »Sprecht, Mann«, sagte er, sich an den Gebundenen wendend, »wir finden ihn doch. Erschwert uns die Sache nicht unnütz.« »Daß euch der Satan hole!« knirschte der Stelzfuß, »holt ihn euch meinetwegen und bringt ihn um die Ecke! Tut mir verdammt leid um den Burschen. Dachte, ihn vor dem Schurken Hotham bewahrt zu haben. Sitzt im oberen Stock.« Bob und John betraten das Haus, stiegen eine Treppe hinauf und riefen mit Aufwendung aller Stimmenkraft: »Sir Richard, wo seid Ihr?« »Hier!« ertönte von irgendwoher eine schwache Stimme. John fand die Tür und stellte fest, daß der Schlüssel außen steckte. Auf die Anwendung der Axt konnte deshalb verzichtet werden. Als John aufschloß und das Zimmer betrat, sah er sich einem jungen Mann gegenüber, dessen stubenbleiches, gut geschnittenes und von blonden Locken umgebenes Gesicht Spuren starker Erschöpfung zeigte. Er trat, als die Tür sich öffnete, ein paar Schritte zurück, und maß den Eintretenden, hinter dem nun noch ein riesenhafter, athletisch gebauter Mann – Bob – sichtbar wurde, mit einem Blick, in dem sich Trotz und Erbitterung mit aufkeimender Hoffnung sonderbar mischten. »Sir Richard Waltham?« sagte John, einen Schritt nähertretend. »Ja. Wer seid Ihr?« »Freunde. Wir wollen Euch hier herausholen. Waren früher schon einmal da – auf der anderen Insel; Ihr erinnert Euch?« Das Gesicht des jungen Mannes belebte sich, freudiger Glanz trat in seine hellen Augen. »Ja – ich kenne Euch wieder, wenn ich Euch auch nur undeutlich sah. Oh, Gott sei Dank!« »Wir wollten Euch damals schon holen, fanden das Nest aber leer. Doch kommt jetzt; wir müssen die Zeit nützen. Es ist im Augenblick keiner der Banditen da. Es ist besser, wir warten ihre Ankunft nicht ab. Seid Ihr sehr schwach?« »O nein, es geht schon. Und vollends jetzt, wo es in die Freiheit geht.« Sie eilten, von Bob Green gefolgt, die Treppe hinab und wurden unten vom alten Burns und dem Indianer in Empfang genommen. »Elias Burns«, sagte der Alte, »freue mich, Euch begrüßen zu können, Sir Richard. Der Zufall – oder sagen wir besser: Gottes Fügung hat uns Euer Versteck finden lassen.« »Ich werd' Euch das nie vergessen, Gentlemen«, sagte der Befreite. Sie betraten den Hof, und er erblickte den gebunden daliegenden Skroop. »Laßt uns den Mann ins Haus tragen«, sagte er, »er hat mich nicht schlecht behandelt.« Dem Wunsch wurde entsprochen; Bob und John trugen den Stelzfuß ins Haus und legten ihn in einem ebenerdigen Zimmer auf ein Bett. John lockerte seine Fesseln ein wenig, um ihm ein freieres Atmen zu ermöglichen. Der befreite Gefangene stand dabei. Der Gebundene warf dem jungen Mann aus seinen verquollenen Augen einen scheuen Blick zu. »Ist mir recht, daß Ihr freikommt«, murmelte er, »hab' nichts gegen Euch.« »Seht zu, daß Ihr von den Banditen wegkommt, Mann«, versetzte der Befreite. »Könnt Euch später an mich wenden, wenn Ihr Hilfe braucht. Wäret Ihr böse gewesen, Ihr hättet anders mit mir umspringen können.« Der Alte murmelte etwas Unverständliches und wälzte sich auf die Seite. Richard Waltham nahm eine kunstvoll beschlagene Büchse, einen Kugelbeutel und eine Jagdtasche von einem Wandhaken herab. »Mein Eigentum«, lächelte er, »ich hätte nicht gedacht, es wiederzusehen. Man hat es mir damals abgenommen. Laßt uns also gehen.« Sie verließen gleich darauf das Grundstück. Als sie sich dem Versteck der Jolle näherten, hörten sie plötzlich vom Wasser her Stimmen; unwillkürlich blieben sie stehen, um sich dann vorsichtig durch die Büsche an das Ufer heranzuschleichen. Bei dem Anblick, der sich ihnen bot, unterdrückten die beiden Burns mit Mühe einen Aufschrei; Bob Green knurrte einen grimmigen Fluch. Vor ihren Augen glitt eben mit leichten Segeln die französische Brigantine vorüber, die sie auf dem See verfolgt hatte. Sie hielt Kurs auf den Anlegeplatz der Molly. An Deck des Schiffes befanden sich dreißig bis vierzig lachende und schwätzende Matrosen. Eine etwas kräftigere Stimme hob sich aus den anderen heraus. »Was sagt der Franzose, Sir?« wandte sich Burns, der kein Französisch verstand, an Richard Waltham. »Wenn wir nur erst aus diesem Hexenkessel von Inseln und Kanälen heraus wären«, übersetzte Waltham. Die Brigantine verschwand um die Biegung und entzog sich ihren Blicken. Gleich darauf vernahmen die Lauschenden ein Freudengebrüll, das ohne Zweifel der entdeckten Prise galt. Der alte Farmer stöhnte unwillkürlich auf und schlug die Hände vor das Gesicht; seine Schultern zuckten wie im Krampf. Abgesehen von dem Verlust seiner Güter schien der Rückweg in die Heimat endgültig abgeschnitten. Auch John war unwillkürlich blaß geworden, und Bob entleerte sein beträchtliches Arsenal von Seemannsflüchen und wünschte Pest und Verderben auf alle Franzosen herab. Aber was half das schon?! Selbst das ausdruckslose Gesicht des Indianers verdüsterte sich. »Was bedeutet das, Sir?« fragte Waltham, der die Zusammenhänge ja nicht kannte, betroffen. »Daß die Franzosen soeben mein Schiff gekapert haben, das jenseits der Biegung vertäut lag«, stöhnte der Farmer. »Es ist Krieg, Sir. Und was uns anbetrifft, so sitzen wir jetzt aller Hilfsmittel beraubt, in der Wildnis.« Betroffen hörte Waltham, was sich in den letzten Wochen ereignet hatte und in welcher Lage er sich jetzt mit seinen Befreiern befand. »Und durch mich seid Ihr in diese Lage gekommen«, murmelte er verstört. »Und ich weiß nicht einmal, wann und wie ich Euch den materiellen Schaden ersetzen kann, von allem anderen zu schweigen.« »Gottes Wille, Sir, müssen uns fügen«, seufzte der Alte. »Euch zu helfen, war Menschen- und Christenpflicht. Redet nicht davon. Müssen sehen, was zu tun ist. Was meint Ihr, Bob?« »Heillose Sache, Sir«, knurrte der Bootsmann, »aber solange Bob Green lebt, gibt er nicht auf. Ist nie seine Sache gewesen. Was wir müssen, ist klar: Müssen zum Genesee. Wie, muß sich zeigen. Vorerst scheint's geraten, von der Insel hier wegzukommen. Möchte sonst sein, daß wir zwischen zwei Feuer geraten.« »Ja«, seufzte der Farmer, »wird weiter nichts übrig bleiben. Also auf in die Jolle. Wollen uns zunächst ein anderes Versteck suchen und dann weiter überlegen.« Sie durchführen eine Stunde lang die in majestätischem Schweigen liegende Inselwelt, ohne auf irgendein Zeichen menschlichen Lebens zu stoßen, und hielten schließlich an einer kleinen, dicht belaubten Insel. Sie sprachen während der Fahrt kaum ein Wort. Und ebenso schweigsam suchten sie sich im Inneren der Insel einen Lagerplatz. Gefährliche Begegnung Seit Tagen schon zogen die Gefährten durch den Wald; es schien kein Ende nehmen zu wollen. Soweit das Auge reichte, sah es nichts als breitstämmige Eichen, ungeheure Ahorne, Hickorys und Sykomoren, von wildem Lianengestrüpp umwuchert. Hier und da ein entwurzelter Baumriese, modernd und dem Fäulnistod preisgegeben, am Boden; häufig waren drei, vier Stämme, riesige Barrikaden bildend, quer übereinander gefallen. Unter dem dichten Laubdach herrschte ein trübes Dämmerlicht; die Strahlen der Sonne hatten es schwer, den dichten Blattbaldachin zu durchdringen. In dem grünschimmernden Wasser des kleinen Baches, in dessen Nähe die Männer am Feuer saßen, tanzten silberne Lichter. Ni-kun-tha, der Schnelle Falke, hatte einen kapitalen Hirsch geschossen, und obgleich es nicht ratsam schien, hatten die in die Wildnis Verschlagenen sich entschlossen, ein kleines Feuer in Gang zu setzen, sogleich darauf bedacht, nur trockenes Reisig zu verwenden, um möglichst wenig Rauch zu entwickeln. Sie hatten sich von den saftigsten Stücken des erlegten Tieres eine kräftige Mahlzeit gebraten und lagen nun, in ihren Gedanken versunken, um das mählich verglimmende Feuer. Ni-kun-tha weilte nicht bei ihnen, er streifte im Wald. Der junge Waltham machte einen müden und erschöpften Eindruck. Ihm, der so lange hinter Gittern gesessen hatte und nur dürftig ernährt worden war, machten die Strapazen des anstrengenden Waldmarsches besonders zu schaffen. Das blonde Haar hing ihm wirr und zerzaust in das blasse Gesicht, die Augen glänzten fiebrig, und sein für Abenteuer dieser Art nicht berechneter Anzug zeigte überall in Flecken und Rissen die Spuren des Waldes. Zu den ungewohnten Anstrengungen kam bei ihm außerdem der innere Aufruhr. John und Bob hatten ihm inzwischen eingehend Bericht erstattet; er wußte, daß sein Oheim tot und unter welchen Umständen er gestorben war, er wußte, daß er die Qualen der letzten Zeit und sein gegenwärtiges Elend seinem ehrenwerten Vetter Hotham verdankte; Trauer, Scham und Zorn stritten sich in seinem aufgewühlten Innern. Den beiden Burns, Vater wie Sohn, taten die Strapazen des Marsches nicht viel. Auch sie waren müde und einigermaßen erschöpft, aber durchaus nicht mehr, als die Anstrengungen einer beschwerlichen Tagesreise es bedingten. Fast noch erschöpfter und unglücklicher als Richard Waltham war dagegen Bob Green, der Schiffer. Er war es am wenigsten von allen gewöhnt, durch den Wald zu streifen – der junge Baronet hatte sich immerhin oft gern als Jäger betätigt – er war es gewöhnt, auf dem Wasser zu leben, das sein eigentliches Element war. Sein schwerer, massiger Körper war für anstrengende Märsche wenig geeignet. Er lag jetzt, die Hände unter dem Kopf verschränkt, der Länge nach auf dem Rücken und war so müde und erschöpft, daß er darüber das Rauchen vergaß, während ihm sonst die Pfeife doch kaum ausging. In seinem eigentlichen Element war unzweifelhaft der Miami-Häuptling, den es gleich nach dem Essen schon wieder in die Tiefe des Waldes getrieben hatte. Die Männer hatten sich schweren Herzens entschlossen, an Land zu gehen und den Weg durch die Wälder zu nehmen; aber den alten Farmer zog es unwiderstehlich nach der heimatlichen Scholle, und es gab nun, da sie die Molly verloren hatten, keine andere Möglichkeit. Der Miami hatte sich bereit erklärt, die Führung zu übernehmen, und der junge Waltham hatte sich der kleinen Gesellschaft wohl oder übel anschließen müssen, obgleich er sehr viel lieber nach Stacket Harbour geeilt wäre, um seinem sauberen Vetter das Handwerk zu legen. Ausgedehnte Sümpfe zu ihrer Rechten hatten die Männer gezwungen, weiter nach Süden zu gehen, als sonst nötig gewesen wäre. Abgesehen von den Beschwerlichkeiten des Marsches selbst war ihnen bisher nichts Außergewöhnliches begegnet. Die Wälder lagen so unberührt, als habe sie vor ihnen nie eines Menschen Fuß betreten. Da sie glaubten, das Sumpfgebiet nun hinter sich gelassen zu haben, beabsichtigten sie, sich möglichst schnurgerade westwärts zu wenden; so mußten sie eines Tages in den Bereich des Genesees kommen. John warf dem mit fast erloschenem Gesicht unter einem Baum hockenden Waltham einen teilnahmsvollen Blick zu. »Mut, Sir Richard«, sagte er, sich zu einem Lächeln zwingend, »wir schaffen's schon. Oder fürchtet Ihr, nicht durchzuhalten?« Der Baronet sah auf: »Oh, ich werde schon. Es tut mir leid, daß ich Euch Mühe mache.« »Unsinn!« wehrte John ab, »wir sitzen jetzt alle zusammen sozusagen auf denselben Bootsplanken fest – –« »Bootsplanken!« ächzte Bob Green, den Kopf hebend, »hol Euch der Satan, Bursche, von Bootsplanken zu reden, wenn ein christlicher Seemann gezwungen ist, von morgens bis abends durch Gestrüpp und Dornenhecken zu kriechen, über Baumwurzeln zu stolpern und über Barrikaden zu klettern! Der Henker hole diesen verdammten Wald, in dem's nicht mal Luft genug zum Atmen gibt!« »Wärt wohl lieber auf dem Ontario, was?« grinste John, lachend die Zähne zeigend. »Weiß Gott!« ächzte der Bootsmann, »meinetwegen auch auf dem Ozean!« »Nun, den Ontario habe ich nicht gerade in guter Erinnerung«, lachte John, »habe manchmal wahrhaftig keinen Penny mehr für mein Leben gegeben.« »Ha!« rief Bob, »du verdammter Narr! Gibt's etwas Großartigeres auf der Welt als einen steifen Südwest, wenn die Wogen über den Bug rollen und unter einem die Planken krachen? Dann die Hand am Steuer und den Blick nach vorn; ich sage dir, Junge, da fängt das Leben erst an, interessant zu werden! Komm' mir in der Düsternis hier vor wie lebendig begraben. Ist ein Seemann dazu bestimmt, wie eine Schnecke auf dem Bauch zu kriechen? Sumpf, Moder und Dickicht, links Holz, rechts Holz, nichts als Holz und Gestrüpp. Kein Licht, keine Luft! O verdammt, so stell' ich mir die Hölle vor.« »Geschmacksache!« grinste John. »Seid beide Narren«, versetzte der alte Farmer; stille Einfalt malte sich auf dem müden, zerfurchten Gesicht. »Gottes Odem hier wie dort«, sagte er leise; »Bob ward auf dem Wasser groß, ich in den Wäldern; hier wie dort zeigt die Natur ihre erhabene Größe. Wer wollte sie schmähen!« »Hätte gar nichts gegen den Wald, soll so erhaben sein, wie er will, wenn ich nur nicht tagelang drin herumlaufen müßte«, knurrte Bob. Er hatte sich auf die Ellbogen aufgerichtet und sah John grinsen. »Gar nichts zu grinsen«, fauchte er; »ihr könnt überhaupt nicht mitreden. Ihr müßt nicht zwei Zentner Körpergewicht herumschleppen wie ich und dabei alle drei Minuten vor irgendeinem Ast einen Bückling machen. Kommt noch dazu, daß hinter jedem Baumstamm eine blutgierige Rothaut lauern kann.« »Nun, Bob, wir sind Waldmenschen und waren mit Euch im Sturm auf dem See, ohne zu murren«, versetzte Burns, »war auch kein Vergnügen für uns. Nun lauft Ihr eben mit uns durch den Wald, und ich glaub' Euch gern, daß das kein Spaß für Euch ist. Werden auch wieder herauskommen aus den Wäldern.« »Muß aber bald geschehen, Master. Muß verdammt bald geschehen, sonst könnt Ihr mich hier irgendwo eingraben. Halt's wahrhaftig nicht lange mehr aus.« Jetzt zeigte sich auch auf den schmalen Lippen des Farmers ein Lächeln. »Nun, Bob«, sagte er, »glaube nicht, daß Ihr so schnell umzubringen seid. Und was die Indianer betrifft, so müssen wir ja nicht unbedingt auf feindliche stoßen. Huronen sind hier kaum zu erwarten, und von den Irokesenstämmen kämpfen Mohawk und Onondaga auf unserer Seite. Warum sollten wir gerade auf Oneida und Seneca stoßen? Es jagen mehrere befreundete Stämme in diesen Bereichen.« »Könnt Euch drauf verlassen, daß das Mingogesindel hier herumkriecht«, seufzte Bob; »wo die Franzosen sind, sind auch die Gurgelabschneider nicht weit.« »Der Miami ist bei uns; er wird uns auf etwaige Gefahren schon rechtzeitig aufmerksam machen«, versetzte Burns. »Und im übrigen stehen wir hier wie auf dem Ontario in Gottes Hand.« Ein Weilchen herrschte nun Schweigen, dann erhob sich John, reckte die Glieder und griff nach der Büchse. »Ich denke; ich werde dem Bachlauf mal ein Stückchen folgen«, sagte er, »möchte gern sehen, wohin er fließt. Wir könnten daraus schließen, wie weit wir mittlerweile vom See entfernt sind.« »Sei vorsichtig, John, du weißt –« »O ja, ich weiß. Hab' keine Bange.« »Käme gern mit Euch, John«, ächzte Bob, »krieg' aber wahrhaftig die Beine kaum hoch.« »Bleibt ja liegen und ruht Euch aus. Werdet noch genug laufen müssen«, lachte John. »Ist noch ein hübsches Ende bis zum Genesee, soviel ist sicher.« »Hol's der Teufel!« brummte Bob und ließ sich zurücksinken. John entfernte sich, die Büchse umhängend, und folgte dem Bachlauf. Der junge Burns war von Kind auf an das Leben in den Wäldern gewöhnt. Er wußte, daß man mit der Anwesenheit von Indianern rechnen mußte und versäumte deshalb keine Vorsicht. Seine Füße steckten mittlerweile in Mokassins, die er im Wald stets zu tragen pflegte. Er mochte drei bis vier Meilen gegangen sein, als der Bach in einen breiteren Fluß einmündete, der zunächst in westlicher Richtung verlief. Er war mit der Bodengestaltung südlich des Ontario wenig bekannt, wußte aber, daß es hier mehrere Seen gab, die je nachdem das Quellgebiet oder das Sammelbecken kleinerer Wasserläufe darstellten. Der einstweilen westwärts fließende Fluß mußte irgendwo nach Norden oder Süden abbiegen, wenn er nicht in einen der ostwärts dem Meere zufließenden Ströme mündete. Er beschloß, dem Fluß eine kurze Strecke zu folgen und dann umzukehren. Er mochte eben hundert Schritte zurückgelegt haben, als er ein Eichhörnchen erblickte, das, einen pfeifenden Laut ausstoßend, an einem riesigen Ahorn emporlief. Es war unzweifelhaft, daß das Tierchen durch ein größeres lebendiges Wesen, Mensch oder Tier, aufgeschreckt sein mußte. John nahm in einer schnellen Reflexbewegung die Büchse von der Schulter und machte sie schußfertig. Sein Auge durchspähte aufmerksam das Buschwerk. Da teilten sich, fast unmittelbar vor ihm, die Büsche, und ein Indianer trat heraus. Der fast nackte, muskulöse Mann, dessen Gesicht mit schwarzer und grellroter Farbe abschreckend bemalt war, schien nicht weniger verblüfft als John. Er hatte seine Büchse umhängen, war aber offensichtlich nicht schußfertig, während John das Gewehr in der Hand hielt. Der junge Burns, der Stammesabzeichen und Kriegsfarben der einzelnen indianischen Stämme nicht zu unterscheiden vermochte, wußte nicht, ob er Freund oder Feind vor sich habe, deshalb zögerte er, das schußbereite Gewehr zum Abzug bereit. Der Indianer mochte die Unsicherheit des Weißen erkennen; sein wild bemaltes Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, das offenbar seine freundschaftlichen Gefühle offenbaren sollte. Er trat jetzt ganz aus dem Gebüsch heraus und sagte in gebrochenem Englisch: »Junger Krieger pfadlos, he? Gut Freund – schütteln Hände!« Und er kam, die Büchse über der Schulter lassend und anscheinend völlig sorglos näher. Es ist Krieg, dachte John, erst muß ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Er kannte die tückischen Gebräuche der Roten zwar nicht aus eigener Erfahrung, aber aus vielen Erzählungen. »Zu welchem Volk gehört mein roter Bruder?« fragte er, die Büchse leicht hebend. »Onondaga! Gut Freund!« grinste der Rote. »Du Yengeese, he?« Onondaga! dachte John. Dieser Irokesenstamm hält gegenwärtig zu den Engländern. Aber er wurde ein Gefühl des Mißtrauens nicht los. Vielleicht war es die gräßliche Bemalung, die ihn abstieß und die keinen Zweifel daran ließ, daß der Indianer sich auf dem Kriegspfad befand. »Onondaga – Yengeese – gut Freund«, sagte er etwas zögernd, dem Mann unverwandt ins Gesicht blickend. Der Indianer zeigte die Zähne: »Weißer Bruder sehr jung«, sagte er, »gewiß nicht allein auf Kriegspfad. Wo sind Freunde, he?« »Ich bin nicht auf dem Kriegspfad, Indianer, ich bin auf der Jagd; meine Freunde lagern stromauf.« »Oh, mein Bruder großer Jäger? Aber er wissen: Große Häuptlinge der Yengeese und Frenchers haben Kriegsaxt ausgegraben?« »Gewiß weiß ich das.« »Gut. Weißer Bruder mag jagen. Wald voll Onondaga. Kein Seneca, kein Oneida. Hat mein Bruder gesehen?« »Nein, Indianer. Keinen roten Mann außer dir.« »Gut. Er werden sehen. Viele Onondaga. Gehen jagen. Werden kommen in Dörfer der Onondaga?« »Ich weiß nicht, was unsere Häuptlinge beschließen werden.« »Die Yengeese sind bei den Onondaga willkommen.« Der Indianer ergriff die Hand Johns, schüttelte sie und wandte sich ab. John sah ihm nach; er wurde ein unheimliches Gefühl nicht los; der Mann gefiel ihm nicht. Der Indianer war zwischen den Büschen untergetaucht. John zögerte immer noch; sein Blick tastete unruhig das Buschwerk ab, da plötzlich – es versetzte ihm einen Ruck – sah er ein funkelndes Auge zwischen den Sträuchern und gleich darauf einen Büchsenlauf. Im Bruchteil einer Sekunde riß er die Büchse hoch, zielte und riß den Abzugshahn durch. Der Schuß brach, und der Donner mischte sich mit dem eines fast gleichzeitig abgegebenen Schusses. Eine Kugel pfiff dicht an seinem Ohr vorbei. Er ließ die Büchse sinken. Er war gewohnt, den springenden Hirsch aufs Blatt zu treffen, er wußte, daß er sein Ziel nicht verfehlt hatte. Hinter einen dicken Baumstamm tretend, lud er mit schnellen, sicheren Griffen seine Büchse von neuem, Auge und Ohr offen. Aber außer dem leisen Rascheln der Blätter war nirgendwo ein Laut. Nachdem einige Minuten im Schweigen vergangen waren, schlich John sich mit schußfertiger Büchse auf die Stelle zu, wo er das Auge und den Gewehrlauf gesehen hatte, alle Sinne angespannt und jeden Augenblick eines heimtückischen Überfalls gewärtig. Aber nichts rührte sich. Er bog die Büsche vorsichtig auseinander und sah den Indianer. Er lag regungslos auf dem Gesicht, die Hände im Laub verkrampft. Vorsichtig, den Büchsenkolben zum Schlag bereit, beugte er sich nieder. Kein Laut, kein Atemzug. Da ergriff er den Arm des Mannes und drehte den Körper herum. Der Indianer hatte ein kleines rundes Loch genau in der Stirn, an dem ein paar Tropfen geronnenen Blutes klebten. Er war unzweifelhaft tot. Ein leichter Schauder erfaßte den Farmerssohn. Da lag ein Mensch, von seiner Hand gefällt, ein Mensch, der noch vor wenigen Minuten lebendig vor ihm gestanden hatte. Was hilft's? dachte er, ich werde es lernen müssen, will ich selber das Leben bewahren. Er warf etwas Laub über den Toten und entfernte sich langsam, trotz seiner inneren Beklemmung nach allen Seiten vorsichtig sichernd. Jeder Schritt konnte eine neue unliebsame Begegnung bringen. Die schußfertige Büchse ließ er nicht mehr aus der Hand. Er mochte eine kleine halbe Meile gegangen sein, als er zu seiner Rechten ein Geräusch hörte. Herumfahrend sah er ein indianisches Gesicht zwischen den Büschen auftauchen. Im Augenblick, da er die Büchse hochriß, hörte er Ni-kun-thas Stimme: »John roten Bruder schießen, he?« Großer Gott! dachte John, ich muß vorsichtiger werden. Aufatmend ging er dem jungen Häuptling entgegen, der jetzt ganz aus den Büschen herauskam. »Du geschossen, he?« fragte Ni-kun-tha. John berichtete ihm von der Begegnung mit dem angeblichen Onondaga und ihrem Ausgang. Auf die Bitte des Häuptlings beschrieb er die Stelle, wo der Tote lag. »Mein Bruder warte«, sagte Ni-kun-tha und sprang in langen Sätzen davon. John lehnte sich, die Büchse in der Hand, gegen einen Baum und ließ seine Blicke aufmerksam umherschweifen. Schon nach kurzer Zeit war der Häuptling wieder da. »Senecahäuptling«, sagte er kurz, »Ni-kun-tha Skalp nicht nehmen, weil nicht selbst getötet – verstehen?« In seinen Augen brannte die Flamme der Wildnis. »Häuptling nicht allein – viele Seneca im Wald«, setzte er hinzu: »Seneca blutige Hunde!« »Also wären wir mitten zwischen feindliche Indianer geraten?« sagte John. »Kommen mit an Feuer. Dann hören.« Beide eilten nun schnellen Schrittes, aber mit gebotener Vorsicht, dem Lager zu. Unterwegs blitzte der Häuptling den jungen Weißen an: »Er schießen – du schießen – du schneller – du treffen, he?« »Ich war eine Sekunde schneller, Falke. Hörte die Kugel am Ohr vorbeipfeifen.« »Du Schnelle Büchse! Ich – Schneller Falke, weil gut laufen. Du feuern wie Blitz – heißen: Schnelle Büchse!« John lachte: »Gut, Falke. Der Name gefällt mir. Aufs Schießen verstehe ich mich wahrscheinlich recht gut. Hab's seit dem zehnten Lebensjahr geübt.« »Schießen schnell und sicher. Sehr gut! Schnelle Büchse!« Sie erreichten das Lager in kurzer Zeit. Bevor John noch von seiner gefährlichen Begegnung berichten konnte, sagte Ni-kun-tha: »John großer Krieger. Er kämpfen – töten großen Senecahäuptling. Heißen jetzt: Schnelle Büchse!« Der Alte starrte erschrocken auf John: »Du hast kämpfen müssen?« John berichtete in kurzen Worten von seinem Erlebnis. »Also haust das Ungeziefer schon hier in der Gegend«, knurrte Bob. »Es scheint immer heiterer in den ›herrlichen Wäldern‹ zu werden.« »Der Mann war gewiß nicht allein«, bemerkte der alte Burns, der sehr ernst geworden war. »Was meint unser roter Freund?« »Viel Seneca in den Wäldern«, antwortete Ni-kun-tha, »auch Oneida. Ni-kun-tha sehen. Fährte sehen – ihn selbst sehen.« »Reizende Aussichten!« knurrte Bob. »Also höchste Gefahr. Sie werden unsere Spur finden«, sagte der Alte. »Denke: Ziehen alle nach Westen – nach Oswego. Kämpfen für großen weißen Vater in den Kanadas.« Der Indianer wies mit der Hand die Richtung. »Indianerhorden ziehen durch die Wälder, und die Kolonien rühren sich nicht!« schimpfte Bob. »Wo, zum Henker! stecken unsere Truppen? Die Milizen? Die Rotröcke?« »Rotrock und Lange Messer werden kommen«, versetzte Ni-kun-tha gleichmütig; »Frencher waren schneller, waren früher da.« »Weiß Gott! Hab's auf dem See gemerkt«, schnaufte Bob. »Was rät uns der Häuptling?« fragte der Farmer. Der Indianer antwortete nicht gleich; sein Gesicht war verschlossen. Schließlich sagte er mit einer Bewegung der Hand: »Irokesen dort – viel – gehen nach Sonnenuntergang. Denke, wir gehen nach Süden. Treffen dort Rotrock und Langmesser, Onondaga und Shawano.« »Noch weiter nach Süden?« Burns furchte die Stirn. »Noch weiter weg von meiner Farm? Nun, wenn es sein muß, muß ich mich fügen. Glaubt der Häuptling, uns durch die Linien der Feinde bringen zu können?« »Denken: Ja«, versetzte der Miami. »Seneca blinde Hunde. Coyoten!« Sein Blick fiel auf den Bootsmann, der die Beine weit von sich gestreckt hatte; ein Lächeln verzog sein Gesicht: »Großer Mann machen Fährte wie Büffel – können schlecht verbergen.« »Laß deine Witze, Rothaut«, knurrte Bob, »Füße wie eine Franzosenmamsell hab' ich freilich nicht.« John kicherte: »Wahrhaftig, Bob, das wird Euch niemand nachsagen.« Es war nicht zu leugnen, daß der stattliche Seemann selbst im Verhältnis zu seinem massigen Körper über ungewöhnlich große Füße verfügte. Da sie außerdem noch in schweren Schifferstiefeln steckten, hatte er kaum eine Möglichkeit, seine Spuren zu verwischen. Schnell wieder ernst werdend, fuhr der Indianer fort: »Hier bleiben, nicht gut. Seneca spüren überall. Denken gehen in Fluß. Wasser keine Spur.« »Das erste vernünftige Wort, das ich heute höre, Rothaut«, ächzte Bob Green. »Schafft mir ein Boot oder meinetwegen auch nur ein Floß unter die Füße, dann sieht die Welt gleich wieder anders aus. Füchse und Eulen mögen durchs Dickicht kriechen, ein ehrlicher Seemann geht dabei vor die Hunde.« Mit Rücksicht auf die Erschöpfung des jungen Waltham und des Bootsmannes wurde beschlossen, die Nacht über noch zu verweilen und in der Morgendämmerung den Marsch nach Süden fortzusetzen. John und Ni-kun-tha hielten während der Nacht abwechselnd Wache, doch wurde die Ruhe des Waldes durch kein fremdes Geräusch gestört. Als die Sterne zu erbleichen begannen, weckte der Indianer die Männer. Sie aßen etwas von dem gebratenen Hirschfleisch, das sie noch hatten, und brachen dann auf. Auf Ni-kun-thas Weisung gingen sie im Indianermarsch, und zwar Bob an der Spitze. Als zweiter ging Richard Waltham, als dritter der alte Burns, und John machte den Schluß, wobei alle Nachfolgenden in Bobs stattliche Spuren treten sollten. Ni-kun-tha selbst sicherte seitwärts. Sowohl Waltham als auch der Bootsmann fühlten sich nach der Nachtruhe nicht unerheblich gekräftigt. Sie wateten zunächst ein Stück den Bach entlang, um ihn schließlich auf dem linken Ufer zu verlassen. Als sie am Fluß ankamen, schien zunächst guter Rat teuer, denn das ziemlich breite und reißende Wasser mußte überquert werden. Einen Baum zu fällen, wagten sie der unvermeidbaren Geräusche wegen nicht. Auf Ni-kun-thas Vorschlag machten sie sich schließlich daran, aus jungen Stämmen und starken Zweigen ein kleines Floß zu bauen, das Kleider und Waffen tragen konnte. Während die Weißen mit dieser Arbeit beschäftigt waren, suchte der Indianer die nächste Umgebung nach verdächtigen Spuren ab. Er kam schon nach kurzer Zeit zurück, ohne irgendetwas Verdächtiges bemerkt zu haben. Bald danach schwamm das leichte Floß auf dem Wasser. Sie entledigten sich ihrer Kleider, legten sie samt Büchsen, Kugelbeuteln und Pulverhörnern darauf und schoben es schwimmend über den Fluß. Ohne große Schwierigkeit gelangten sie hinüber. Sie kleideten sich rasch an, nahmen ihre Waffen und Geräte auf und setzten schweigend ihren Weg nach Süden fort. Ni-kun-tha ging bald voraus, bald zur Seite des kleinen Zuges. Sie mochten einige Meilen gegangen sein, ohne daß sich irgendetwas Befremdliches gezeigt hatte, als der Häuptling sie plötzlich mit einer jähen Gebärde zum Niederlegen aufforderte. Sie reagierten blitzschnell, wenn die Bewegung bei Bob auch nicht ohne einen unterdrückten Fluch abging. Bald genug sollten sie erkennen, wie geboten die Vorsicht gewesen war. Denn durch das Gras lugend sahen sie gleich darauf in geringer Entfernung an die vierzig grell bemalte und schwer bewaffnete Indianer an sich vorbeiziehen. Die Männer hielten den Atem an und verharrten bewegungslos, während die Roten in bedrohlicher Nähe vor ihnen gleich dunklen Schatten vorüberzogen. Erst geraume Zeit später wagten sie sich vorsichtig aufzurichten. Das Gelände stieg an und wurde steinig, der Baumwuchs wurde spärlicher und hörte schließlich fast ganz auf. Nach einer Weile marschierten sie zwischen mit spärlichem Pflanzenwuchs bedeckten Felsen dahin. Walthams wegen wurde es bald nötig, eine kleine Ruhepause einzulegen. Eine Quelle, auf die sie glücklicherweise stießen, spendete ihnen Erfrischung. Burns, den die Unruhe jagte und dessen Besorgnisse seit dem Auftauchen der feindlichen Indianer erheblich gestiegen waren, drängte schließlich zum Aufbruch. Sie schleppten sich weiter. Der Weg führte bald wieder bergab. Durch eine weite Senke gelangten sie bald darauf wieder in Wald. Ein paar Meilen weiter trafen sie zu ihrer Freude auf einen Flußlauf, der einstweilen in nordwestlicher Richtung verlief. Sie überlegten unschlüssig, was zu tun sei. Ni-kun-tha riet, dem Fluß so lange zu folgen, wie er die augenblickliche Richtung einhielte, indessen erklärte Bob Green kategorisch, dann müsse man ihn zurücklassen, er könne nicht mehr, und er habe dieses Landstreicherdasein satt. Burns furchte die Stirn, doch abgesehen davon, daß dem Bootsmann die Erschöpfung im krebsroten und schweißüberströmten Gesicht stand, mußte er einsehen, daß auch der junge Waltham dringend der Ruhe bedurfte, wenn er auch nichts sagte und tapfer die Zähne zusammenbiß. »Nun gut«, sagte Ni-kun-tha, mit der Hand in die Richtung weisend, aus der sie gekommen, »Seneca gehen dort – anderer Fluß – wollen nach Oswego; wir gehen hier –«; er wies in die Flußrichtung. »Wenn schon mit dem Fluß, dann laßt uns ein Floß bauen«, sagte Bob. »Floß gut, aber nicht jetzt«, sagte der Miami. »Müssen Bäume schlagen – viel laut. Nicht gut.« Doch er wurde überstimmt. Unter den gegebenen Umständen war auch Burns dafür, ein paar Bäume zu fällen und ein Floß zu errichten, das sie alle zu tragen vermochte. Sie standen noch da und berieten, als ein Geräusch im Wasser ihre Aufmerksamkeit erregte. Hinsehend, erblickten sie einen Hirsch, der am jenseitigen Ufer mit einem wilden Sprung in den Fluß setzte und sich anschickte, herüberzuschwimmen. Ni-kun-tha warf die Büchse fort, zog sein Jagdhemd über den Kopf und war im nächsten Augenblick im Wasser. Abermals rauschte es drüben, und ein prachtvoller Panther sprang, offenbar auf der Fährte des Hirsches, mit einem gewaltigen Satz in den Fluß. Der Hirsch, den Jäger hinter sich witternd, verdoppelte seine Anstrengungen. John hob die Büchse und legte auf den Panther an, zögerte aber noch, zu schießen, weil er das Echo der Wälder fürchtete. Plötzlich zuckte der Hirsch zusammen, stieß einen röhrenden Laut aus und verschwand im Wasser. Knapp drei Meter vor dem herankommenden Panther tauchte Ni-kun-thas Kopf mit triefenden Haaren auf. John drückte durch, der Schuß brach, und der Donner hallte, hundertfaches Echo weckend, durch den Wald. Der Panther versank wie ein Klotz. Jetzt erst sah der Miami, in welcher unmittelbaren Gefahr er geschwebt hatte. Etwas unterhalb trieb der Körper des verendeten Hirsches, den Ni-kun-thas Messer unter dem Wasser ins Herz getroffen hatte. Der Indianer schwamm ihm nach und zog ihn ans Ufer, wo Bob und John ihn an Land zogen und ausweideten. Danach holte Ni-kun-tha den Panther, den Johns Kugel ins Auge getroffen hatte. Es war ein ungewöhnlich großes und starkes Tier. Der Häuptling schüttelte das Wasser aus seinem Haar, warf das Jagdhemd über und sagte, Bob angrinsend: »Jetzt Großer Büffel Floß bauen. Lärm genug.« »Büffel!« knurrte der Bootsmann, Ni-kun-tha einen wütenden Blick zuwerfend. »Die Rothaut wird frech. Die Seneca haben mich wenigstens ›Starker Bär‹ getauft; damals waren sie mal gerade nicht darauf aus, Christenmenschen die Gurgel abzuschneiden.« Ni-kun-tha grinste: »Ni-kun-tha hat seinen großen weißen Bruder kämpfen gesehen – er sehr stark. Soll heißen: Starker Bär!« »Von mir aus!« brummte Bob, die gewaltigen Arme reckend. »Laßt uns Bäume fällen, Leute. Daß ich ein paar Planken unter die Füße kriege. Wahrhaftig, ich halt's nicht mehr aus.« Er griff zur Axt, schwang sie wie ein Spielzeug, und gleich darauf hallten dröhnende Schläge durch den Wald. Während die Männer die erforderlichen Bäume umlegten und sich an den Floßbau machten, zog Ni-kun-tha dem Panther das prachtvolle Fell ab und überreichte es John. »Hirsch gut – essen«, sagte er, »Panther sehr gut – Mantel und Decke!« Er lachte den jungen Farmer an und glitt gleich darauf mit schlangenhaften Bewegungen in den Wald, um nach etwaigen Feinden auszuspähen. die der Lärm herbeigelockt haben mochte. Bei der gewaltigen Kraft des Bootsmannes und der Geschicklichkeit der beiden Burns im Umgang mit Holz verging nur verhältnismäßig wenig Zeit, bis ein starkes und tragfähiges Floß fertiggestellt war. Sie schoben das freilich ziemlich rohe und primitive Fahrzeug ins Wasser, und Bob machte sich daran, aus zwei jungen Stämmen ein paar ungefüge Ruder zu schnitzen. Ni-kun-tha weilte noch irgendwo im Wald, aber Bob drang nun auf die Abfahrt. Er meinte, Ni-kun-tha mit seinen Hirschbeinen werde schon nachkommen; außerdem sei es ganz gut, einen zuverlässigen Späher am Lande zu wissen. Burns fügte sich mit einigem Widerstreben, und alle bestiegen das Floß, dem Bob sogar eine niedrige, mit Buschwerk besteckte Bordwand gezimmert hatte, um sich einigermaßen vor feindlichen Kugeln schützen zu können. Der Bootsmann trieb das ungefüge Fahrzeug in die Mitte des Flusses und überließ es dem Strom. Er war jetzt, da er den Anstrengungen und Mühseligkeiten eines Waldmarsches fürs erste enthoben war, wieder glänzender Laune. Da ohnehin nicht daran zu denken war, sich mitten auf dem Fluß vor feindlichen Augen verbergen zu wollen, entzündete er seelenruhig seine Pfeife. »Das ist ein so gutes Floß, wie nur je eins zurechtgezimmert wurde, Master«, sagte er, »ich wollte, wir brauchten es bis zum Genesee nicht zu verlassen.« »Weniger anstrengend ist die Floßfahrt gewiß«, versetzte Burns, »aber zweifellos auch sehr viel gefährlicher. Wir geben für Schützen, die links oder rechts in den Uferbüschen liegen, eine ausgezeichnete Zielscheibe ab.« »Lieber ein paar Kugeln pfeifen hören, als über Baumwurzeln stolpern«, lachte Bob. »Außerdem scheint mir die Gefahr hier nicht größer als dort. Findet einer dieser Mingostrolche im Wald unsere Spur, haben wir zwei Minuten später eine ganze Bande auf dem Hals, und unsere Skalpe sind alle zusammen nicht einen Schilling mehr wert. Bleibt sich alles gleich.« »Ich wollte, Ni-kun-tha wäre da«, sagte John. »Um den seid nur unbesorgt«, tröstete Bob. »Der Junge scheint mir dazu gemacht, einen ganzen Irokesenstamm an der Nase herumzuführen. Hab' wahrhaftig nichts für die Roten übrig, und außerdem hat der Bursche mich einen Büffel genannt, trotzdem: er gefällt mir.« »Ich bin glücklich, ihn bei uns zu wissen«, sagte der Farmer. »John und ich sind zwar auch in den Wäldern zu Hause, aber dieser Miami ist uns denn doch bei weitem überlegen. Außerdem verfügt er über eine Ruhe und Sicherheit – ich wollte auch, er wäre wieder da.« Aber einstweilen war von Ni-kun-tha weit und breit nichts zu erblicken. Langsam und gleichmäßig trieb das Floß stromab. Way-te-ta – der blonde Indianer Schweigend dehnten sich die dunklen Wälder zur Linken und Rechten; die rauschenden Baumkronen spiegelten sich im glitzernden Wasser. Hätte man nicht jeden Augenblick mit einem heimtückischen Angriff blutgieriger Feinde rechnen müssen, die Fahrt auf dem ruhig dahinfließenden Wasser wäre Genuß und Erholung gewesen. Freilich, zunächst deutete nichts darauf hin, daß das Floß mit seiner Bemannung von Gegnern umlauert war; alles war friedlich und still, und ein goldener Glanz lag über Wasser und Wald. Plötzlich stutzte John, dessen Ohr daran gewöhnt war, auch die leisesten Geräusche wahrzunehmen. »Hört ihr nichts?« fragte er. Auch die anderen hoben nun lauschend die Köpfe und sahen sich gleich darauf betroffen an. Irgendjemand sang, ein einzelner Mann mit einer vollen, sonoren Stimme. Er sang englisch und zwar zur grenzenlosen Verblüffung der Lauschenden – ein Kinderlied, ein ziemlich bekanntes, das Bob wie John des öfteren von Kindern in den Kolonien gehört hatten. Der Gesang wurde vernehmlicher, je weiter sie fuhren. Plötzlich und ruckartig brach dann die Stimme mitten in einer Strophe ab. Die Männer sahen sich an, die Büchsen in den Händen, und blickten dann zum rechten Ufer hinüber, woher die sonderbaren Laute gekommen waren. »Stop! O la là!« drang es aus den Uferbüschen zu ihnen herüber. »Qui vive? Vite! Vite! Attention! Stop, stop, Messieurs! O la là!« Bob Green, der im Umgang mit kanadischen Pelzhändlern einige Brocken Französisch aufgeschnappt hatte, rief hinüber: »Nous sommes bon amis!« »Hahahaha!« lachte es zwischen den Büschen und klatschte gleich darauf in die Hände. Dann fuhr die gleiche Stimme auf Englisch, wunderlich mit indianischen Brocken untermischt, fort: »Seid Frenchers, was? Selbstverständlich seid ihr! Weiß schon! Keine verwünschten Yengeese, hahahaha! Sind Hunde, die Sapona, Coyoten! Hahahaha!« Und unmittelbar gegenüber dem Floß erhob sich im Gebüsch eine merkwürdige Gestalt, trat ans Ufer heran und bot sich den Männern auf dem Floß in voller Größe dar. Sie sahen mit vor Staunen aufgerissenen Augen einen kräftigen, hochgewachsenen Mann vor sich stehen, gekleidet in ein schmutziges und zerrissenes indianisches Jagdhemd, Wildlederleggins und Mokassins. Eine zerrissene Wolldecke hing ihm über der Schulter. In den Händen trug er einen ziemlich großen Bogen in der Art, wie die Irokesenvölker ihn zu verwenden pflegten; im Köcher steckten mehrere befiederte Pfeile. Das Gesicht hatte er in gräßlicher Weise mit roter und schwarzer Farbe bemalt; das Haar war mit einem grellroten Band durchflochten und zusammengeschlungen; im Haarknoten steckten einige Truthahnfedern. In sprachlosem Staunen hörten die Männer auf dem Floß die wirren Reden des sonderbaren Mannes; mit Verblüffung sahen sie, daß dieser kriegerisch bemalte Indianer – blondes Haar hatte. »Kommt her, Freunde!« rief der Mann, »landet euer Fahrzeug. Way-te-ta ist müde; er will mit euch fahren.« Das Floß trieb weiter. Die Männer achteten kaum auf die Worte des Mannes, sie starrten noch immer fasziniert auf die groteske Erscheinung. Aber das schien der blonde Indianer übel zu nehmen. Er rief mit schriller Stimme hinterher: »Wollt ihr gleich halten! Orenda soll euch strafen, wenn ihr dem Befehl eines Häuptlings nicht gehorcht!« »Ein Weißer«, flüsterte John. »Und offenbar geistig gestört«, sagte Waltham ebenso leise. »Er wird die Wälder wachschreien und uns die roten Teufel auf den Hals hetzen«, gab Elias Burns zu bedenken. »Wenn nicht überhaupt eine indianische Teufelei dahintersteckt«, knurrte Bob Green. »Verdammte Frenchers!« brüllte der Mann am Ufer mit überschnappender Stimme, »kehrt ihr sofort um!« »Wir sollten ihn aufs Floß nehmen«, riet Sir Richard. »Er ist gewiß nicht allein; hier auf dem Wasser unter unserer Aufsicht kann er uns am wenigsten schaden.« Burns Vater und Sohn stimmten dem Rat zu, und Bob lenkte das Floß an das Ufer. Der sonderbare Mann in indianischer Bemalung kam gravitätisch herangeschritten und sprang mit einem langen Satz auf das Floß. Er sah sich mit irr flackernden Blicken um, betrachtete jeden einzelnen der Floßinsassen mit offenbar wachem Mißtrauen und sagte: »Seid ihr auch wirklich Frenchers und keine verdammten Yengeese? Mille tonnères, betrügt mich nicht!« Als Waltham ihn daraufhin in geläufigem Französisch ansprach, verzog sein wüst bemaltes Gesicht sich zu einem Grinsen. »Très bien, Messieurs«, sagte er, »ich höre, meine Freunde sind Kinder des großen Vaters in Kanada. Way-te-ta weiß, wie sie dort sprechen. Très bien! Way-te-ta ist froh.« Man sah nun unzweideutig, daß man einen Weißen vor sich hatte, und es war kein Zweifel daran, daß der Mann nicht im Besitz seiner Geisteskräfte war. »Mein Bruder ist ein Häuptling?« sagte John, den sonderbaren Mann freundlich anlächelnd. »Way-te-ta sitzt am großen Ratsfeuer der Oneida«, entgegnete der Fremde mit unverkennbarem Stolz; er sprach unverfälschtes Englisch. Der Irokesenstamm der Oneida aber stand im gegenwärtigen Feldzug auf Seiten der Franzosen. »Gut«, sagte John. »Mein Bruder ist auf dem Kriegspfad?« Der Mann nickte. »Aber weiß mein Bruder auch, daß Shawano und Miami in den Wäldern weilen?« fuhr John fort. »Ich fürchte, er weiß es nicht, er würde sonst leiser reden. Die Häuptlinge der Oneida werden sagen, Way-te-ta sei auf dem Kriegspfad nicht vorsichtig genug gewesen.« Der Mann sah sich mit scheuen Blicken um und flüsterte, die Hand an den Mund legend: »Verrate Way-te-ta nicht. Der große Krieger wird still wie ein Maulwurf sein.« Er ließ sich auf dem Floß nieder, kreuzte die Beine und legte den Bogen neben sich hin. »Was fangen wir mit dem Mann an?« flüsterte Burns dem Sohn zu; »er kann uns leicht in Gefahr bringen. Irrsinnige sind unberechenbar.« »Ich denke, er kann uns hier jedenfalls weniger schaden, als wenn wir ihn am Ufer zurückgelassen hätten«, bemerkte Waltham. Sich an den Kranken wendend, sagte er leise auf Französisch: »Würde mein Bruder es vorziehen, am Ufer nach Feinden auszuspähen?« Aber der blonde Indianer reagierte gar nicht auf die Frage. Der alte Burns wiederholte die Frage auf Englisch. Der Mann schüttelte den Kopf. »Way-te-ta ist müde und hungrig«, antwortete er, »er will zu den Häuptlingen. Wir werden sie bald eingeholt haben.« »Sind sie denn voraus?« fragte Burns. »Ja«, antwortete der Mann. »Way-te-ta blieb zurück, um den Hirsch zu jagen. Die Häuptlinge wollten ihn erst überhaupt nicht mitnehmen, aber er lief ihnen nach. – Seid ihr allein oder kommen die anderen hinter euch?« setzte er mit wiederaufflackerndem Mißtrauen hinzu. »Sie kommen nach«, entgegnete der Farmer, durch die Bemerkung des Irren aufs höchste beunruhigt. Offenbar wimmelten die Wälder von Oneida und Senecakriegern. Sie überlegten flüsternd, ob es nicht vielleicht geraten sein möchte, das Floß zu verlassen und in die Wälder zu fliehen, kamen aber schließlich zu der Überzeugung, daß das eine so gefährlich wie das andere sei. Sie hatten sich eben entschlossen, auf dem Floß zu bleiben, als vor ihnen bei einer Biegung des Flusses eine kleine Insel sichtbar wurde, zwischen deren dichter Bewaldung einige Felszacken aufragten. Sie beschlossen, hierin einen Fingerzeig des Himmels erblickend, bei der Insel zu landen und dort die Nacht abzuwarten. An einer überbuschten Stelle ließen sie ihr primitives Fahrzeug ans Ufer gleiten und gingen an Land. Danach bemühten sie sich, das Floß so gut wie möglich gegen Sicht vom Fluß her zu tarnen, indem sie es unter schnell abgehauenen Ästen und Zweigen versteckten. Das Innere des kleinen Eilandes betretend, stellten sie dann fest, daß die Felsen einen trichterähnlichen Raum einschlossen, der nur durch eine schmale Öffnung zugänglich war. Hier in diesem kleinen Felsenkessel beschlossen sie vorerst zu bleiben. Innerhalb des Trichters gab es nur spärlichen Graswuchs, etwas kümmerliches Buschwerk und ein paar hoch aufgeschossene Bäume, deren Wipfel die Felswände überragten. Sie nahmen dann eine kurze Mahlzeit ein und gaben auch dem Weißen in der indianischen Gewandung von den Resten ihres Hirschfleisches zu essen. Er schlang die ihm dargereichten Bissen mit einer Gier herunter, die darauf schließen ließ, daß er lange gefastet hatte. Gleich nachdem er gegessen hatte, wickelte der Mann sich in seine zerfetzte wollene Decke, legte sich nieder und war gleich darauf eingeschlafen. »Ich wollte, Ni-kun-tha wäre hier«, sagte der alte Burns seufzend, »wir sind da in eine böse Lage geraten. Zweifellos sind wir ringsum von Feinden umgeben.« »Ich denke, sie werden vorbeiziehen und uns in Ruhe lassen«, tröstete Bob. »Und der Indianer wird schon kommen. Der hat die Spürnase, uns ausfindig zu machen; darum bin ich nicht bange.« »Warten müssen wir ja in jedem Fall. Wenn wir feindliche Indianer vor und hinter uns haben, wie aus den Worten des Irren zu schließen ist, wäre es glatter Selbstmord, wollten wir jetzt den Fluß hinunterfahren.« »Fühl' mich einstweilen ganz wohl hier, Master«, brummte Bob, »denke auch nicht, daß sie uns hier aufspüren werden. Schlimmstenfalls müssen wir eben wieder in die Wälder zurück. Aber solange wir es vermeiden können, wollen wir es auch lassen. Einstweilen wollen wir abwarten.« In diesem Augenblick wurde vom Fluß her das Geräusch menschlicher Stimmen vernehmbar, von taktmäßigen Ruderschlägen unterbrochen. John kroch aus der Felsspalte heraus und lugte am oberen Ende des Eilandes durch das Ufergebüsch. Die anderen folgten ihm, von Unruhe getrieben. Der Anblick, der ihnen wurde, war geeignet, das Blut in den Adern gerinnen zu lassen: Eine große Anzahl Kanus, jedes mit vier bis sechs indianischen Kriegern bemannt, kam in schneller Fahrt den Fluß herunter. Die Roten mußten sich völlig sicher fühlen, denn sie schrien und lachten und waren offenbar fröhlicher Laune. In einem der vordersten Kanus, das sich durch Größe und Bau vor den übrigen auszeichnete, stand im Vorderteil hoch aufgerichtet ein großer, muskulöser Indianer, der nach den drei aufrechtstehenden Adlerfedern in der Skalplocke, dem reichen Knochenschmuck und dem kostbaren Otterfell, das ihm über die Schulter hing, ein bedeutender Häuptling sein mußte. Das Kanu mochte auf etwa achtzig Schritte an die Insel herangekommen sein, als genau gegenüber ein junger Indianer aus dem Ufergebüsch heraustrat. Der Mann riß mit einer jähen Bewegung die Büchse an die Wange; gleich darauf brach ein Feuerblitz aus ihrem Rohr, ein Schuß krachte, und der stehende Häuptling brach wie vom Blitz gefällt zusammen und fiel in das Kanu zurück. Ein wilder triumphierender Kriegsruf ertönte vom Lande. Die vor Staunen und Entsetzen fassungslosen Männer auf der Insel aber erkannten in dem jungen Indianer, der gleich darauf im Ufergebüsch untertauchte, Ni-kun-tha, den Miami, ihren Freund und Gefährten. Sekundenlang schienen auch die Indianer auf dem Fluß vor Schrecken gelähmt, dann aber brach ein infernalisches Geheul los. Wie auf geheimen Befehl wendeten sämtliche Kanus sich dem Ufer zu, und die Roten machten Anstalten, an Land zu springen. Da aber klang aus einem anderen Kanu eine befehlende Stimme auf, und die Lauschenden auf der Insel sahen, daß nur zehn Rote an Land gingen, während die anderen ihre Fahrt flußabwärts fortsetzten. Die Männer auf der Insel sagten sich, daß sich soeben vor ihren Augen höchstwahrscheinlich ein Akt der Blutrache vollzogen hatte, wahrscheinlich war der von Ni-kun-tha erschossene Irokesenhäuptling bei dem Überfall auf Piqua und dem Tode von Ni-kun-thas Vater führend beteiligt gewesen. Die Tat war so plötzlich und überraschend geschehen und zeugte von einer solchen Verwegenheit, ja Tollkühnheit, daß die Zuschauer sich noch immer nicht aus ihrer Erstarrung zu lösen vermochten. Sie zitterten jetzt um den Gefährten, indessen sagte sich John, daß gerade die Tollkühnheit und die dadurch hervorgerufene Überraschung bei den Irokesen dem jungen Miami eine gute Fluchtchance boten. Und sie wußten auch, daß Ni-kun-tha sich im Wald so leicht nicht fangen lassen würde. Die große Masse der Irokesenkanus – die Männer hatten ihrer an die sechzig gezählt – waren bereits weit stromab, als Bob allmählich die Fassung zurückgewann. »Ein toller Bursche, dieser rothäutige Gentleman!« keuchte er. »Schießt aus rund dreihundert Indianern den Häuptling heraus! Das macht den Jungen für alle Zeit an der ganzen Grenze berühmt.« Auch die anderen kamen allmählich wieder zu sich. »Eine unglaubliche Verwegenheit!« sagte der alte Burns. Johns Augen blitzten: »Ich bin sicher, der Falke hat das nicht ohne Grund getan«, sagte er, »ich müßte mich sehr irren, wenn er nicht eben seinen Vater gerächt hat.« Der junge Waltham strich sich das Haar aus dem blassen Gesicht, seine Augen flackerten noch immer vor Erregung, er vermochte nichts zu sagen. Abermals näherten sich Stimmen vom Fluß. Die Männer zuckten zusammen und lauschten. Zu ihrer Verblüffung vernahmen sie Gesang. Muntere Stimmen sangen ein französisches Soldatenlied. Gleich darauf kamen, in kurzem Abstand hintereinander fahrend, zehn große Flußboote herangeschwommen, mit rund zweihundert Mann französischer Linieninfanterie besetzt. Hinter den Büschen kauernd, sahen die Männer die Boote vorübergleiten und stromauf allmählich verschwinden. Nicht ohne Befremden hatten die Lauschenden das Militär inmitten der Wildnis an sich vorüberziehen sehen. »Das scheint allmählich wirklich ernst zu werden«, flüsterte Burns nach einer Weile atemlosen Schweigens. »Hätte nie geglaubt, so tief drinnen im Land französischen Truppen zu begegnen. Wo mögen sie hinziehen?« »Denke, sie sind zusammen mit ihren blutdürstigen Bundesgenossen auf dem Weg nach dem Ohio«, knurrte Bob Green. Der junge Waltham, der den Franzosenbooten bis jetzt nachgesehen hatte, wandte sich um. »Ihr mögt recht haben«, sagte er. »Vielleicht wollen sie auch zu den Forts am Niagara. Das sieht alles ziemlich bedenklich aus. Denn die Macht der Kolonien dürfte nicht ausreichen, um einer so konzentrierten Kraftentfaltung wirksam zu begegnen. Eines scheint ziemlich klar: Die Franzosen zeigen ihre Flagge hier in den Wäldern, um die noch schwankenden Indianerstämme mit fortzureißen.« Der alte Burns nickte betrübt; John lauschte den Ausführungen des jungen Baronets interessiert, und der Bootsmann sah mit dem Gesicht einer wütenden Bulldogge vor sich hin. »Wenn sich so weit südlich des Ontario französische Truppen zeigen, dann sind sowohl Oswego als Stacket Harbour zweifellos auch von der Landseite her bedroht«, fuhr Sir Richard fort, »ja, vielleicht liegen bereits Truppen davor. Ausgeschlossen, daß die Franzosen anderenfalls kleinere Truppenverbände hier durch die Wälder ziehen ließen.« »Gott sei den Ansiedlungen im Hinterland gnädig!« stöhnte der alte Burns. »Die Franzosen sind immerhin Christenmenschen, aber von ihren roten Verbündeten ist ganz gewiß das Schlimmste zu erwarten. Ich kenne das.« Ein bedrücktes Schweigen folgte diesen Worten; die Lage, in der die Männer sich befanden, war wirklich alles andere als erfreulich. Denn immer ist der Indianer dem Weißen im Wald überlegen, wievielmehr galt das erst, wenn man mit der Anwesenheit ganzer Indianerstämme rechnen mußte. Nach einiger Zeit sagte Bob Green: »Wo der Falke jetzt stecken mag? Wahrhaftig, traue dem Burschen allerhand zu, aber schließlich: Viele Hunde sind des Hasen Tod.« Bevor jemand etwas dazu äußern konnte, wurde die Aufmerksamkeit der Lauschenden wieder stromauf gelenkt. Drei Kanus, deren jedes mit vier Indianern bemannt war, kamen mit raschen Ruderschlägen den Fluß herab. Schweigend folgten ihnen die Augen der Männer, als sie an der Insel vorüberglitten. Die Boote fuhren, das kleine Eiland links liegen lassend, fast in Kiellinie. Plötzlich schien ihnen irgend etwas Befremdliches aufzufallen. Eines der Boote löste sich aus der Reihe und kam dicht an das Inselufer heran, und zwar genau an die Stelle, wo das Floß, durch Zweige getarnt, unter den Büschen verborgen lag. Einer der Indianer bog das Strauchwerk auseinander und stieß einen leisen Ruf des Erstaunens aus, als er das Floß erblickte; er hob den Kopf und ließ den Blick seiner funkelnden Augen mißtrauisch über die Insel gleiten. »Wir sind entdeckt«, flüsterte Bob, »verdammte Geschichte! Jetzt heißt es: Sich wehren.« Der Indianer wandte die Augen ab, und das Kanu trieb weiter. »Komm«, raunte der Bootsmann John zu, »die Burschen werden gleich landen. Wir wollen sie in Empfang nehmen.« Der alte Burns hatte die Lippen fest verkniffen. »Ja«, flüsterte er, »leicht soll es ihnen nicht werden.« Sie schlichen sich durch das Buschwerk, und zwar verbargen sich Bob und John am rechten, der alte Burns und Richard Waltham am linken Ufer der schmalen Insel, wo sie, die schußbereiten Büchsen in der Hand, sprungbereit niederkauerten. Ein Weilchen rührte sich nichts. Durch das Blattwerk des Ufergebüschs lugend, vermochten sie zu ihrem Befremden auch von den Kanus nichts mehr zu erblicken. »Sie sind schon auf der Insel«, flüsterte Burns, der von allen noch die meiste Erfahrung in Kämpfen mit Indianern hatte. In eben diesem Augenblick zeigte sich neben Bob, der mit der Büchse in der Hand lauernd neben einem Baum stand, ein braunes Gesicht. Bevor der Indianer noch den Arm mit dem Tomahawk hochbrachte, traf ihn Bobs massige Faust gerade zwischen die Augen; er sank lautlos zu Boden. Weiter rechts krachten zwei Schüsse unmittelbar hintereinander. Der Bootsmann brach wie ein Bär durch die Büsche. Er erblickte John, ruhig hinter einem Baum stehend. Der junge Burns war eben dabei, kaltblütig seine Büchse neu zu laden. »Ich war etwas schneller«, sagte er, kurz mit dem Kopf nach vorn winkend. Der Angreifer lag mit einem kreisrunden Loch in der Stirn hart am Ufer. Seine Kugel war John hart am Ohr vorbeigezischt. Beide lauschten einen Augenblick gespannt; nichts regte sich; in den Baumkronen raschelte ein leichter Wind. Zu der Stelle zurückschleichend, wo Bob den Indianer niedergeschlagen hatte, sahen sie den Mann nicht mehr. Bob war verblüfft und wollte es noch nicht glauben. Er machte ein paar tapsende Schritte auf das Ufer zu und riß den jungen Burns mit einem heiseren Laut beiseite. Im gleichen Augenblick hatten beide die Büchse an der Wange und schossen. Doch sie mußten beide gefehlt haben. Sie sahen verschwommen eine huschende Gestalt hinter den Uferbüschen, gleich darauf sagte ihnen ein plätscherndes Geräusch, daß der Indianer ins Wasser gesprungen sein mußte. Mit fieberhaften Griffen luden sie, hinter Baumstämmen geduckt, die Büchsen von neuem. Durch das Strauchwerk spähend, gewahrten sie auf dem Wasser des Flusses ein Kanu. Es trieb mit dem Strom und schien leer. »Der Hund liegt flach auf dem Bauch«, knurrte Bob, legte die Büchse an und schoß durch die Bordwand des indianischen Fahrzeuges. Das Kanu trieb weiter; nichts regte sich darin. Nahe dem linken Inselufer tauchte jetzt ein schwarzer Kopf aus dem Wasser auf. Ein Büchsenschuß krachte; Burns oder Waltham mochten ihn abgefeuert haben. Der Kopf tauchte unter, und die Kugel schlug wirkungslos ins Wasser. »Bob, sieh doch, da drüben!« Johns Hand riß den Bootsmann herum. Der wandte sich nach rechts und sah zu seinem nicht geringen Schrecken das Floß den Strom hinabtreiben. »Hölle und Teufel!« fluchte Bob; »die verdammten Halunken! Zum Überfluß hab' ich das Ding auch noch kugelfest gemacht. Jetzt liegen sie hinter der Bordwand, und ich kann sie nicht einmal abschießen.« Sie folgten dem Lauf des Floßes und sahen nicht lange danach, daß es ein Stück weiter unten, aber schon außer Schußweite, von einem Indianer an Land gebracht wurde. Sie hatten sich in der Erregung über den Raub des Fahrzeuges etwas zu weit vorgewagt; ein paar Schüsse von links und rechts belehrten sie jetzt darüber, daß sie noch immer belauert und beobachtet wurden und also auf ihrer Insel eigentlich Gefangene waren. Die Kugeln pfiffen ihnen um die Köpfe, und sie nahmen Deckung hinter Baumstämmen. »Da drüben! Warte, du Hund!« knurrte Bob, der hinter einem Baum am rechten Ufer ein Indianerbein erblickt hatte. Er zielte vorsichtig und schoß. Ein Aufschrei von drüben zeigte ihm, daß er getroffen hatte. »Der wird heute nicht mehr weit laufen«, knurrte er. Plötzlich lagen Fluß und Insel in tiefem Schweigen. Elias Burns und Waltham kamen in Deckung der Büsche vom jenseitigen Inselufer herübergekrochen; auch sie hatten das Floß davonschwimmen sehen. »Was machen wir jetzt, Master?« fragte Bob. Der Alte schüttelte trübe den Kopf. »Kämpfen«, antwortete er lakonisch; »sie wissen jetzt, daß wir da sind, und sie werden gewiß keine Ruhe geben, bis sie unsere Skalpe haben. Leicht sollen sie sie nicht bekommen. Aber ich fürchte, wir werden mit allerlei indianischen Teufeleien rechnen müssen.« »Weiß nicht, ob sie es noch einmal wagen werden, angesichts unserer vier Büchsen, deren Wirkung sie ja erprobt haben, noch einmal über den Fluß zu setzen«, brummte der Bootsmann. Um die Lippen des Alten spielte ein resigniertes Lächeln: »Fürchte, wird uns alles nicht viel helfen«, versetzte er, »sind ihrer zuviel. Die Wälder sind voll. Sie werden mit einer ganzen Meute kommen.« Sie hörten den offenbar geistesgestörten Fremden mit der indianischen Bemalung im Inneren des kleinen Felsenkessels schnarchen; ihn hatten nicht einmal die Schüsse geweckt; er mußte völlig erschöpft sein. Durch die Büsche stromauf blickend, sahen sie den Fluß still und friedlich seine Bahn ziehen. Nichts erinnerte daran, daß blutdürstige Wilde hinter Bäumen und Sträuchern lauerten, um ihre Stunde abzuwarten. Schweigend lagen die Wälder. Weiter oberhalb mußten starke Regengüsse niedergegangen sein; im Fluß trieben vereinzelte Baumstämme und vom Land losgerissene grasbedeckte Erdschollen. Sogar ein paar Sträucher schwammen stromab. »Gib mir doch einmal das Glas, Vater«, sagte John plötzlich. Er richtete das Teleskop auf ein dichtes Gewirr belaubter Äste, das in etwa zweihundert Schritt Entfernung herangetrieben kam. »Zwischen den Zweigen steckt ein Büchsenlauf«, flüsterte er; »darunter sitzt selbstverständlich so ein roter Spitzbube. Gebt acht, es kommt näher. Na warte!« Er ließ das Teleskop sinken und griff nach der Büchse. Als auch der Bootsmann nach seiner Waffe langte, sagte Burns: »Und wenn es nun Ni-kun-tha wäre?« John ließ die Büchse sinken, und Bob machte ein verblüfftes Gesicht. »Sähe dem Burschen verdammt ähnlich«, knurrte er. Sie starrten auf die schwimmenden Zweige, die näher und näher kamen. Ohne Glas war überhaupt nichts Verdächtiges wahrzunehmen, durch das Teleskop erkannte man deutlich den schimmernden Büchsenlauf, aber sonst auch nichts. Das Gestrüpp trieb, scheinbar zufällig, genau auf die Insel zu, während andere ähnliche Gebilde sich schon weiter oberhalb nach beiden Seiten verteilten. Jetzt griff Bob nach dem Glas. Er sah nur einen Augenblick hindurch und ließ es wieder sinken. Seine Augen funkelten. »Will mich hängen lassen, wenn das nicht der Falke ist«, flüsterte er, von einem heimlichen Lachen geschüttelt; »ein Teufelsbraten, der Junge!« Sie ließen, die gespannten Büchsen in der Hand, den Asthaufen herankommen. Sie starrten fieberhaft auf das Gezweig und atmeten keuchend. Das Astwerk streifte die Büsche am oberen Inselufer. Fast im gleichen Augenblick wurden zwei tiefbraune Hände sichtbar, die Büchse und Pulverhorn hielten; die Äste trieben weiter, als hätten sie sich beim Anprall selbst abgestoßen, und im Ufergebüsch war für Sekunden der geschmeidige Körper eines Indianers sichtbar, der gleich darauf untertauchte. »Wahrhaftig, Ni-kun-tha!« flüsterte John. »Der Satansbraten!« grinste Bob. »Hat einen ganzen Stamm an der Nase herumgeführt.« Sie wollten sich eben nach links wenden, wo der Miami jeden Augenblick auftauchen mußte, als sich am jenseitigen Landufer etwas regte. Die Sonne war schon im Sinken; es dämmerte; gleichwohl mußte einem der da drüben lauernden Indianer etwas aufgefallen sein. John sah die Bewegung, zielte kurz und schoß; ein kurzes Aufstöhnen folgte dem Widerhall des Schusses. Ni-kun-tha kam durch die Büsche heran; seine Augen funkelten, in seinem kühlen Gesicht stand ein schwaches Lächeln. Er prüfte sorgfältig Büchse und Pulverhorn, ob sie auch nicht durch Berührung mit Wasser gelitten hätten; indessen schien das Ergebnis seiner Untersuchung ihn zu befriedigen. »Wunderbar, Häuptling!« flüsterte Burns, dem Indianer die Hand reichend; »wir fürchteten schon, den Falken nicht wiederzusehen.« Der Indianer stieß einen grollenden Laut aus. »Ni-kun-tha sah Mona-ka-wache, den Seneca«, flüsterte er, »Mona-ka-wache tötete seinen Vater. Ni-kun-tha löschte ihn aus. Er bekam seinen Skalp noch nicht, aber er wird ihn haben.« »Falke ist seinen Verfolgern entkommen«, lachte John; »ich wußte es.« »Ni-kun-tha läuft wie der Falke fliegt«, versetzte der Miami, »ein Irokese vermag ihn nicht einzuholen. Tana-ca-ris-sons Sohn hinterläßt keine Spur. Sie suchten ihn noch in den Wäldern, als er schon im Fluß war. Blinde Hunde!« »Wir sind in Gefahr, Häuptling, du weißt es«, sagte Burns ernst; »du kamst zurück, die Gefahr mit uns zu teilen. Du bist groß, Indianer!« »Ihr retten Ni-kun-tha – Ni-kun-tha retten euch«, entgegnete der Miami schlicht. »Retten – aber wie?« knurrte der Bootsmann, dessen scharfe Augen schon wieder die beiderseitigen Landufer durchstreiften. »Sonne sinkt. Wenn ganz dunkel, dann sagen«, versetzte Ni-kun-tha. »Glaubst du, daß sie uns angreifen werden?« »Solange Sonne am Himmel: Nein. Verlieren zuviel Krieger. Wenn Nacht – er vielleicht kommen; vielleicht auch erst morgen, bevor Sonne erwacht. Dann kämpfen. Skalp nehmen. Jetzt schlafen.« Der Indianer betrat mit den anderen den kleinen Felsenkessel und erblickte den schlafenden Fremden. Die Gefährten erzählten ihm, unter welchen Umständen er zu ihnen gestoßen und wie es mit ihm bestellt sei. Etwas wie andächtige Scheu malte sich im Gesicht des Indianers. Der geistig Gestörte ist dem roten Mann heilig; er glaubt ihn unter dem besonderen Schutz des großen Geistes und begegnet ihm jederzeit mit Ehrfurcht; er gilt als absolut unverletzlich. Und so mochte sich auch der Aufenthalt des weißen Mannes bei den Oneida erklären. Ohne sich weiter zu äußern, ließ Ni-kun-tha sich im Gras nieder; gleich darauf schlief er schon. Die Weißen verteilten sich im Ufergebüsch, um Fluß und Landufer unter ständiger Beobachtung zu halten. Es begann jetzt schon stärker zu dunkeln. Die Vögel suchten ihre Nester auf, und die ganze Natur schien sich zum Schlaf anzuschicken. Nichtsdestoweniger konnte es keinem Zweifel unterliegen, daß jede Bewegung auf dem kleinen Eiland vom Land aus belauert wurde. Die auf solche Weise Gefangenen überlegten fieberhaft alle ihnen gebliebenen Möglichkeiten. Ni-kun-tha hatte sicherlich recht: Die Irokesen würden sich den Büchsen der Weißen nicht unnötig aussetzen; um so sicherer mußte man in der Nacht oder in der Morgendämmerung mit einem Angriff rechnen, und der würde dann gewiß mit aller indianischen Schlauheit durchgeführt werden. Es schien nicht unmöglich, das Eiland im Schutze der Dunkelheit zu verlassen, aber man mußte sicherlich damit rechnen, daß Irokesenkanus auf dem Fluß waren. Während die Gefährten all diese Dinge noch bedachten, erwachte zwischen den Felsen der fremde Mann mit dem indianischen Aufputz. Sich aufrichtend, blickte er sich um. Scheu und Neugier standen in seinen Augen. Von der geringen Bewegung erwachte der Miami. Aus halb geschlossenen Augen beobachtete er den sonderbaren weißen Mann, ohne seine Stellung zu verändern. Der Fremde zuckte zusammen, da er den Indianer liegen sah; ein Ausdruck scheuer Angst erschien auf seinem Gesicht; er reckte den Kopf vor und streckte eine Hand aus. »He«, raunte er, »wer bist du? Haben die Häuptlinge dich gesandt?« Er sprach indianisch. Ni-kun-tha, der von den anderen wußte, daß der Mann sich bei den Oneida aufhielt, antwortete in einem anderen ähnlichen Irokesendialekt, den er teilweise beherrschte: »Die Häuptlinge haben mich einem großen Krieger nachgesandt, um ihn zu ihren Feuern zu geleiten.« »Wie spricht mein Bruder?« fragte der Fremde mißtrauisch. »Er ist kein Oneida.« »Falke ist ein Cayuga«, lächelte Ni-kun-tha. »Ah, Cayuga!« Die Auskunft schien zu befriedigen. »Cayuga ist gut«, sagte der blonde Indianer, »sind Freunde. Aber Mohawk und Onondaga sind abgefallen. Sie sind Hunde!« Er brachte dies in einer Mischung von Englisch und Irokesisch heraus. »Die Häuptlinge sprechen mit Way-te-ta in der Sprache der Yengeese«, fuhr er fort; »auch der weiße Medizinmann. Way-te-ta versteht auch die Sprache der Männer von den Kanadas.« Sein Gesicht wurde starr, gleich darauf blinkte der Wahnsinnsfunke in seinen Augen. »Halt«, sagte er, »spricht mein Bruder die Sprache der Kanadas? Er muß sie verstehen, wenn er unser Freund ist.« Ni-kun-tha warf ihm lächelnd ein paar französische Brocken zu, die er im Umgang mit französischen Agenten und Pelzhändlern in den Forts am Erie aufgeschnappt hatte. »Ha, ha, ha!« lachte der Irre. »Très bien! Mein Bruder ist ein Freund!« Dann verschleierten sich seine Augen wieder, der scheue Ausdruck trat darin hervor. »Die Häuptlinge haben dich geschickt?« flüsterte er. »Was wollten sie? Way-te-ta sollte nicht mit auf den Kriegspfad. Schu-wa-na hat gesagt, er wolle mir mit dem Tomahawk die Hirnschale zerschmettern, wenn ich den Wigwam verließe. Ist Schu-wa-na sehr zornig?« »Schu-wa-na weiß, daß Way-te-ta ein großer Krieger ist«, lächelte Ni-kun-tha. »Aber er befiehlt ihm, nur ganz leise zu sprechen, damit die Feinde ihn nicht hören, die sonst seinen Skalp nehmen.« »Gut, Cayuga, gut!« kicherte der Irre. »Way-te-ta wird ganz leise sprechen. Schu-wa-na großer Häuptling! Gewaltiger Krieger und leicht sehr böse. Alle fürchten ihn.« Ein Schauer lief über den Rücken des Mannes, er kauerte sich hin, und es sah aus, als wolle er in sich selbst hineinkriechen. Die Nacht war mittlerweile herabgesunken. Die Männer am Inselufer gewahrten in der Ferne stromab einen helleren Schein. Dort mußte man Feuer entzündet haben, die ihr Licht auf das stille Wasser warfen. Es währte nicht lange, da glommen auch in kürzerer Entfernung hier und da Feuer auf, schließlich brannten sie sogar auf beiden Landufern gegenüber der Insel. Der ziemlich breite Strom wurde auf diese Weise bis zu den Büschen am Inselufer hell beleuchtet. Es war ziemlich klar, daß die Indianer eine etwaige nächtliche Flucht der Belagerten verhindern wollten. Ni-kun-tha, nach seiner Meinung befragt, lächelte schwach. »Stromauf dunkel«, sagte er. »Irokesen von dort kommen, unsere Skalpe zu holen. Blinde Hunde! Ni-kun-tha will zwischen den Feuern stromab schwimmen. Sie ihn nicht sehen.« »Ja«, knurrte der Bootsmann, »dir glaube ich das ohne weiteres, mein Junge. Uns würden leider ziemlich sicher die Kugeln um die Ohren fliegen. Möcht's jedenfalls lieber nicht darauf ankommen lassen. Falke glaubt also, sie würden von oben angreifen.« »Denken: Das ist ganz sicher.« »Schön. Und was denkst du, was wir tun?« Ni-kun-thas Blick tastete den Himmel ab; zwischen grauen Wolkensegeln blinkten hier und da blasse Sterne. Er sagte, mit der Hand nach oben weisend: »Wenn Sterne ganz hell: Irokese kommen.« Bob Green berechnete: Das Sternbild, das der Miami meinte, würde etwa zwei Stunden nach Mitternacht dort oben stehen. »Und dann?« fragte er. »Denken: Gehen stromauf«, antwortete Ni-kun-tha. »Stromauf?« Der Indianer öffnete den Mund, um zu antworten, als der dumpfe Knall eines Büchsenschusses die Stille zerriß. Vom jenseitigen Ufer antwortete fast unmittelbar ein gellender Schrei. Der Schuß stammte von John. Der junge Burns, der die Feuer am Landufer unentwegt beobachtet hatte, glaubte eine verdächtige Bewegung unmittelbar neben dem größten der Feuer bemerkt zu haben. Er hatte auf gut Glück geschossen, schon, um denen da drüben zu zeigen, daß man auf der Insel nicht schlief. Dem Schmerzensschrei, der seinem Schuß geantwortet hatte, folgten fast unmittelbar drei, vier Schüsse, die indessen keinerlei Schaden anrichteten. Ni-kun-tha lächelte: »Schnelle Büchse. Schießen sicher und gut. John schießen – Irokesenhund heulen. Das gut!« Das von den Schüssen geweckte Echo der Wälder verhallte; wieder trat lautlose Stille ein. »Stromauf?« fuhr der Bootsmann fort, »wie meinst du das, Falke? Wie können wir gegen den Strom schwimmen, ohne daß das Geräusch uns verrät? Stromab können wir uns treiben lassen!« »Gehen stromauf«, beharrte der Indianer. »Wasser in Mitte flach; Ni-kun-tha gesehen. Lange Felsbank weit hinauf. Irokesen nicht wissen. Gehen alle.« »Das wäre vielleicht wirklich ein Ausweg«, sagte Elias Burns. »Können wir weit genug hinaufwaten, gelingt es uns möglicherweise, den Schutz der Wälder zu gewinnen.« »Können waten. Tragen Büchsen über Kopf«, sagte Ni-kun-tha. Nach einer kurzen Beratung stimmten alle dem Vorschlag des Miami zu. Es wurde beschlossen, in einer Stunde aufzubrechen. »Aber der Irre?« fragte Richard Waltham plötzlich. »Werden ihn wohl oder übel zurücklassen müssen«, meinte Burns. »Die Irokesen werden ihm nichts tun, uns aber könnte er sehr leicht gefährlich werden. Er weiß ja nicht, was er tut.« Es schien dies in der Tat die einzige Möglichkeit. Man konnte sich bei einem so gefährlichen Unternehmen unmöglich mit einem unzurechnungsfähigen und in jeder Beziehung unberechenbaren Manne belasten. Der Himmel hatte sich in der letzten halben Stunde mehr und mehr bewölkt; es begann jetzt leicht zu regnen. »Regen sehr gut!« stellte Ni-kun-tha fest. »Nana-bosch liebt seine Kinder. Irokesen blind und taub!« Das leuchtete ohne weiteres ein, und alle sahen mit Befriedigung, daß stärkere Tropfen zu fallen begannen. Die Feuer am Landufer brannten düsterer und begannen hier und da schon zu erlöschen. Schwarze Dunkelheit breitete sich aus. Kein Stern war an dem völlig zugezogenen Himmel zu sehen, auch das Wasser floß dunkel dahin. »Gehen jetzt«, sagte Ni-kun-tha leise. Sie schlichen sich vorsichtig zum oberen Ende der Insel; der Indianer suchte tastend nach einer günstigen Stelle, um ins Wasser zu gehen. Sie wollten eben den ersten Fuß hineinsetzen, als hinter ihnen der Irre erschien, der sich ihnen wie selbstverständlich anschloß. Niemand hatte das Herz, ihn zurückzuweisen, abgesehen davon, daß er möglicherweise gerade eine solche Zurückweisung mit Lärm und Geschrei beantwortet hätte. Indessen trat Ni-kun-tha dicht an seine Seite und raunte ihm mit unverkennbarer Drohung im Ton zu: »Mein Bruder wird stumm sein wie ein Fisch. Schu-wa-nas Tomahawk trifft sonst seine Stirn.« Er ging dann als erster ins Wasser, das ihm nur bis zur Brust reichte. Mit einem Stab, den er sich von einem Baum geschnitten hatte, tastete er schreitend den Grund ab. Dem Falken unmittelbar folgte Burns, diesem Sir Richard. Es folgten hintereinander der Irre und Bob. Als letzter ging John in das Wasser. Es regnete jetzt stark. Das Fallen der Tropfen und das Rauschen des Windes verschlangen die unvermeidlichen Plätschergeräusche. Es war gleichwohl ein höchst gewagtes Unternehmen, und es gehörten die Augen des jungen Miami dazu, um auch nur die Richtung zu halten. Er tastete sich langsam mit seinem Stab vorwärts, die anderen folgten in dicht aufgeschlossener Reihe. Nur schattenhaft konnte jeder die Umrisse des Vordermannes wahrnehmen. Sie hielten die Büchsen hoch, an denen Kugelbeutel und Pulverhorn hingen. Dann spürten sie die Felsenbank unter den Füßen, und die Wassertiefe sank noch mehr ab. Sie mochten an die fünfhundert Schritt so lautlos wie möglich zurückgelegt haben, als sie plötzlich vor sich auf dem Wasser gedämpfte Stimmen vernahmen. Sie verhielten den Schritt. »Indianer!« flüsterte Bob. »Haltet die Messer bereit. Bei dem Regen geht keine Büchse los.« Sie tauchten bis an den Hals in das Wasser hinab. Gleich darauf tauchte unmittelbar vor Bob der Bug eines indianischen Kanus auf, er würde unfehlbar seinen Kopf getroffen haben, hätte er sich nicht noch eben rechtzeitig zur Seite gewandt. Dafür erhielt er einen Schlag von einem Ruder. Gutturale Laute klangen auf. Die Roten im Kanu schienen höchlichst überrascht. Mit einer wilden Verwünschung ergriff der Bootsmann die Bordwand des Kanus, führte einen gewaltigen Schlag mit der umgekehrten Büchse gegen die Insassen und stürzte mit gewaltiger Kraftanstrengung das leichte Fahrzeug um, so daß die darin befindlichen Männer kopfüber ins Wasser flogen. Dicht neben John tauchte ein Kopf auf. Aber der Junge war wachsam; sein Messer stieß blitzschnell zu. Er fühlte, wie es in einen Körper eindrang, der gleich darauf untersackte. Er riß das Messer zurück und sah undeutlich, wie der Körper des Getroffenen stromab schwamm. Fast zur gleichen Zeit hatte Bob einen neben ihm auftauchenden Indianer ergriffen und ihm mit einem Griff seiner gewaltigen Faust die Kehle zugedrückt. Der Mann sank gleich einem Leichnam ab, als die Hand sich löste. Aber jetzt wurden abermals Stimmen laut; zwei weitere Kanus kamen heran. Das eine erwartete Ni-kun-tha. Die Augen des Miami durchdrangen die Dunkelheit; sein Messer stieß mehrmals kurz hintereinander zu, schneller, als die Indianer auch nur zu denken vermochten. Das zweite Kanu kam wieder auf Bob zugetrieben. Er erwartete es, hob die umgekehrte Büchse mit beiden Händen und führte einen so furchtbaren Schlag damit gegen die vordere Bordwand, daß das leichte Gefährt sich mit Wasser füllte und sank. Die Insassen paddelten im Wasser; Bob schlug und stieß nach allem, was in der Dunkelheit an einen menschlichen Körper erinnerte. Es war eine grausig-gespenstische Szene: der unentwegt strömende Regen, der nachtdunkle, sternlose Himmel und die im Wasser auf Leben und Tod miteinander kämpfenden Menschen. Auch Burns und Richard Waltham waren mittlerweile in Einzelgefechte verwickelt worden. Hier und da waren untergesunkene Rothäute wieder aufgetaucht und suchten nun im Dunkeln ihre Gegner zu erkennen. Aber die Weißen und der Miami, die nicht überrascht worden waren und die Feinde rechtzeitig erkannt hatten, waren von vornherein im Vorteil. Dicht vor Ni-kun-tha tauchte ein hochgewachsener Indianer auf; er mochte den Miami für einen seiner Gefährten halten, denn er rief ihm kurz etwas zu. Doch er brachte das Wort kaum zu Ende; es erstickte in einem gurgelnden Todesschrei; Ni-kun-thas Messer war ihm tief in die Kehle geglitten. Die Skalplocke ergreifend, vollführte der Sieger den Kreisschnitt und riß die begehrte Trophäe an sich. Während dieser ganzen Zeit hatte der Mann, der sich Way-te-ta nannte, nahezu unbewegt mit aufgerissenen Augen und offenbar nichts begreifend, im Wasser gestanden. Plötzlich sah er sich angegriffen. Der Irre verfügte über außerordentliche Körperkräfte; jetzt, da ihm jemand zu Leibe wollte, ergriff ihn die Wut, und er stieß ein laut schallendes Gebrüll aus. Gleichzeitig griff seine linke Hand mit einer instinktiven Abwehrbewegung nach der messerbewehrten Rechten des Gegners und umklammerte deren Handgelenk mit einem so harten Druck, daß das Messer der Hand entfiel. Way-te-ta fühlte einen Griff an seiner Kehle, schüttelte sich, brüllte abermals auf und hielt gleich darauf selbst einen Hals zwischen den Fingern. Die beiden ineinander verkrampften Männer taumelten im Wasser hin und her, Way-te-ta fortgesetzt schrille Schreie ausstoßend, dann plötzlich wurde der Körper des Indianers schlaff und gab nach. Der Irre schien das gar nicht zu bemerken; er schüttelte sein Opfer; ein infernalisches Gelächter erscholl über dem Wasser: »Ha ha ha! Mit einem großen Krieger kämpfen, was? Ha ha ha! Verdammter Wesche! Verdammter Shawano! Ha ha ha!« Er hob, den Hals des Opfers noch immer zwischen den Händen, den Körper des längst still gewordenen Mannes und schleuderte ihn wie ein Spielzeug ins Wasser, wo er mit einem klatschenden Geräusch untersank. »Ha ha ha!« brüllte der Irre. »Mit Way-te-ta kämpfen! Ha ha ha! Way-te-ta ist stark! Ha ha ha!« »Nun komm schon, du komisches Gestell!« Bob tauchte neben Way-te-ta auf und ergriff ihn am Arm. Der wollte abermals aufbegehren, als Ni-kun-thas zischende Stimme neben ihm erklang: »Schu-wa-na befiehlt: Mein Bruder schweige!« Der Irre ließ ein kicherndes Lachen hören, folgte dann aber, gehorsam wie ein Lamm. Der gespenstige Nachtkampf war zu Ende, weit und breit kein Gegner mehr zu sehen. Unheimlich still war die Nacht. Und der Regen rann. Von den Gefährten war, von ein paar Beulen und Schrammen abgesehen, niemand verwundet. Das erste Kanu schwamm noch immer auf dem Wasser. Ni-kun-tha holte es heran. »An Land gehen«, flüsterte er, »Kanu mitnehmen.« Er hieß den Irren, von dem man nicht wußte, ob er schwimmen konnte, in dem schmalen Gefährt Platz nehmen und schob es dann dem nahen Ufer entgegen; die anderen folgten keuchend. Kurz vor dem Ufer zögerte der Indianer, als sei ihm eine bessere Lösung eingefallen. »Besser noch etwas rudern«, raunte er, »Irokesen sonst morgen gleich Spur. Gehen stromauf, bis Sonne am Himmel.« »Mir ein Vergnügen!« knurrte Bob und kletterte in das Kanu, in dem Way-te-ta einer Statue gleich hockte. Die anderen folgten, John und der Bootsmann griffen zu den Rudern, Ni-kun-tha hockte sich im Bug nieder, die anderen in den Stern. Schweigend ruderten sie stromauf, das leichte Gefährt mit aller Kraft vorwärtstreibend. Der Regen ließ allmählich nach und hörte schließlich ganz auf, Die Sterne waren schon blaß. Es währte nicht lange, da zeigte sich im Osten der erste Tagesschimmer. Als am linken Ufer eine Bachmündung auftauchte, gab Ni-kun-tha das Zeichen, hineinzufahren. Burns und Richard Waltham lösten John und Bob im Rudern ab; die schwache Strömung des Baches war leicht zu überwinden. Sie ruderten, sich noch mehrmals ablösend, bis die Sonne hervortrat und ihre goldenen Strahlen über die schweigenden Wälder warf. Als sie ein paar Meilen gerudert hatten, begann das Gelände anzusteigen und felsigen Charakter anzunehmen. Sie hörten das Rauschen eines Wasserfalles, den sie dann bald darauf auch vor sich sahen, als der Bach eine Biegung machte. Der Wasserfall setzte der Fahrt ein vorläufiges Ende. Da ihnen das linke Ufer einen geeigneten Ruheplatz zu bieten schien, ruderten sie an Land und verließen das Kanu. Zwischen ragenden Felswänden fanden sie bald darauf einen geschützten Ort, der sie Späheraugen verbarg. Die Männer fröstelte, als sie an Land traten; ihre Kleider waren noch naß. Aber die Sonne stieg nun höher und höher und strömte allmählich eine sengende Hitze aus, die sich zwischen den Felswänden niederschlug. Sie prüften ihre Büchsen und Pulverhörner und fanden, daß nur das Pulver auf den Pfannen feucht geworden war und erneuert werden mußte. Sie machten die Gewehre schußfertig. »Guter Platz«, sagte Ni-kun-tha, »Wasser nicht Spur, Stein nicht Spur. Sehr guter Platz! Denken: Feuer anzünden.« »Wär mir wahrhaftig recht«, knurrte Bob, »aber wo nehmen wir in dieser Steinwüste Holz her? Hunger hätte ich außerdem, fürchte aber: haben nicht mehr viel zum Beißen.« Es erwies sich gleich darauf, daß sie gar nichts mehr hatten; alle Vorräte waren aufgezehrt. »Gehen John, schießen Wild«, sagte Ni-kun-tha und erhob sich. Und zu dem Irren gewandt: »Großer Krieger gehen mit. Tragen Holz.« Way-te-ta grinste und folgte den beiden. Sie kletterten zwischen den Felsen herum, fanden aber bald danach einen Pfad, der in den Wald führte. Der blonde Indianer hatte sich sehr verwandelt, er sah gar nicht mehr wie ein Indianer aus. Die Berührung mit Wasser hatte ihm äußerlich zum Vorteil gereicht; sie hatte die schauerliche Kriegsbemalung aus seinem Gesicht gewaschen; auch das rote Band mit den Truthahnfedern war dem Wasser zum Opfer gefallen; langes blondes Haar fiel dem Mann wild über die Schulter; sein Gesicht zeigte regelmäßige Züge; nur die flackernden Augen verrieten seinen Zustand. Der Wald war hier vorn ziemlich licht und schien noch von keines Menschen Fuß betreten. Auf dem breiten Geäst einer riesigen Platane hockten mehrere Wildtauben, die das Erscheinen von Menschen nicht im geringsten zu erschrecken schien. Der Irre hatte noch immer seinen Bogen umhängen, von dem er sich nicht getrennt hatte; in seinem Köcher steckten mehrere Pfeile, deren Spitzen nicht sonderlich scharf waren. Die Oneida mochten ihm das Schießgerät als eine Art harmloses Spielzeug gegeben haben. Ni-kun-tha sagte, auf die Tauben deutend: »Vögel gut. Mein Bruder schießen?« »Schießen«, grinste Way-te-ta, »o ja! Way-te-ta großer Krieger. Gut schießen!« Er nahm den Bogen herab und spannte einen Pfeil auf die Sehne. Tatsächlich erwies sich schon mit dem ersten Schuß, daß er ein ausgezeichneter Schütze war; eine der Tauben stürzte getroffen zu Boden. Die anderen stoben davon. Aber es zeigte sich nun, daß viele Vögel mehr oder weniger verborgen auf Zweigen gehockt hatten; Way-te-ta holte in kurzer Zeit noch drei Tauben herunter. »Way-te-ta sehr großer Krieger! Sehr guter Schütze!« lobte Ni-kun-tha. »Doch nun gehen, sammeln Holz. Schnelle Büchse und Falke schießen großes Wild.« Der Irre strahlte vor Stolz und machte sich willig wie ein Kind an die Arbeit; es lag genug dürres Holz herum. Ni-kun-tha und John schritten, vorsichtig sichernd, tiefer in den Wald hinein. Sie hatten sich entschlossen, des Lärms ungeachtet, Gebrauch von den Büchsen zu machen, falls sich jagdbares Wild zeigen sollte; denn die vier Tauben reichten kaum hin, den ärgsten Hunger zu stillen. Nach einiger Zeit stieß der Indianer auf die Spur eines Bären, die er sogleich aufnahm. Sie hatten auch gar nicht lange zu gehen. Ein leises Zischen Ni-kun-thas machte John aufmerksam. Er folgte der ausgestreckten Hand mit dem Blick und sah: Vor der dunklen Öffnung einer Felsspalte, vermutlich seiner Behausung, hockte ahnungslos Meister Petz, eifrig mit Krallen und Zunge beschäftigt, seine Morgentoilette zu vollenden. »Triff ihn ins Ohr«, flüsterte John, »ich spare meinen Schuß.« Der Indianer legte an. Doch machte das Tier im gleichen Augenblick, da er abdrückte, eine Bewegung mit dem Kopf; die Kugel traf nicht sein Ohr, sondern den Schädelknochen; sie prallte ab und fuhr gegen den Fels. Das Tier richtete sich auf, unwillig brummend und den Kopf schüttelnd. Es witterte, doch die Windrichtung war ihm nicht günstig; bei einer abermaligen Wendung des Kopfes fuhr ihm Johns Kugel ins Ohr. Es stürzte einem Klotz gleich zusammen und regte sich nicht mehr. »Braten genug für ein paar Wochen«, sagte John zufrieden. »Tauben und Bärenpranken. Was wollen wir mehr?« Sie brachen das stattliche Tier auf, warfen es aus und entkleideten es seines Pelzes. Dann schnitten sie die Pranken ab und lösten die Keulen und ein paar saftige Lendenstücke, die sie in das Fell wickelten. Bald darauf trafen sie wieder mit Way-te-ta zusammen, der einen stattlichen Holzhaufen zusammengetragen hatte und nun mit Zweigen zusammenband. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach dem Lagerplatz, den sie nach kurzer Zeit erreichten, von den Gefährten freudig begrüßt. Bald loderte ein helles Feuer, und das Fleisch wurde gebraten. Die Sonne brannte mittlerweile so heiß, daß sie den Schatten aufsuchen mußten, um ihr wohlschmeckendes Mahl zu verzehren. Danach holten sie vorsichtshalber das Kanu an Land und legten sich nieder, um im Schlaf neue Kräfte zu sammeln. Eine Überraschung Die Sonne hatte bereits den Zenit überschritten, als die Männer sich gekräftigt erhoben. Als der alte Puritaner seiner Gewohnheit nach ein leises Vaterunser betete, sah er, aufschauend, die Augen des Irren wie in kindlichem Staunen auf sich gerichtet. Plötzlich faltete der Mann die Hände und begann die Worte des Gebets nachzusprechen. Er kam nicht mehr ganz damit zustande, aber es schien offensichtlich, daß er es kannte und irgendwann einmal zu beten gewohnt gewesen war. Burns versuchte seinen flackernden Blick zu fassen und sprach ihn an: »Ihr kennt das Vaterunser?« »Vaterunser?« sagte der Irre und schüttelte nachdenklich den Kopf. »Vater unser, der du bist im Himmel«, begann der Alte. In den flackernden Augen ihm gegenüber leuchtete es auf. »Ihr kennt das Gebet von Euren Eltern? Aus Eurer Kindheit?« Die Augen blieben leer. Der Mann schien nicht zu wissen, was Eltern und Kindheit bedeutete. »Ihr seid Engländer?« fuhr der Alte fort; »Ihr sprecht englisch.« Die Augen flackerten stärker. »Engländer!« zischte der Mann und spuckte aus. Dann richtete er sich auf; der irre Ausdruck in seinem Gesicht verstärkte sich. »Way-te-ta ist ein Krieger der Oneida«, sagte er, »kein Yengeese!« »Er war vielleicht früher ein Engländer«, beharrte Burns. Aber den Mann schien das Wort wild zu machen; er fletschte die Zähne. »Way-te-ta Oneidakrieger!« wiederholte er stumpf. »Wieso hat er dann weiße Haut?« Der Mann sah an sich herab, sein Gesichtsausdruck wurde stumpf; das Auge blickte leer; er antwortete nicht. »Way-te-ta hat doch sicher Eltern gehabt«, fuhr Burns unbeirrt fort, »erinnert er sich nicht? Einen Vater, eine Mutter?« »Mutter«, wiederholte der Mann, und seine Stirn zog sich wie in angestrengtem Nachdenken zusammen, »Mutter?« Sein Kopf fuhr plötzlich hoch, ein Ausdruck hemmungsloser Wildheit trat darin hervor. »Way-te-ta Oneidakrieger!« stieß er heraus, sich unruhig umsehend. Gleich darauf versank er wieder in Lethargie. Sein Blick traf Bob Green. Bob sah ihn unverwandt an. »Wo habe ich nur dieses Gesicht schon gesehen?« murmelte er. Way-te-ta schien nichts zu sehen und zu hören; seine Gedanken mochten irgendwo suchend umherirren, in der eigenen Vergangenheit vielleicht. Er erhob sich plötzlich und ging, als rufe ihn eine Stimme, mit langen, wiegenden Schritten in den Wald. »Mir ist, als kennte ich das Gesicht, und zwar schon seit langem«, sagte der Bootsmann, »seit das Wasser die greuliche Malerei aus seinem Gesicht wusch, grübele ich darüber nach. Ich finde es nicht. Da ist irgend eine Ähnlichkeit – ich weiß nicht, mit wem.« Burns maß ihn mit einem verwunderten Blick. Bob schüttelte nachdenklich den Kopf. »Wir müssen überlegen, was wir nun beginnen wollen«, sagte der Farmer nach einer Weile, und, sich an Waltham wendend: »Wie beurteilen Sie die Lage, Sir Richard?« Der junge Baronet, der noch immer einen sehr erschöpften Eindruck machte, lächelte schwach. »Verzeiht, Freunde«, antwortete er, »ich versuche mich erst zurechtzufinden. Ich war zu lange von der Welt abgesperrt. Die Tatsache des Krieges hat mich überrascht; ich begreife immer noch nicht, wie es dazu kommen konnte. Ich war vor gar nicht langer Zeit drüben in England, da dachte noch niemand an eine solche Möglichkeit. Die kolonialen Streitigkeiten hier in Amerika schienen in keiner Weise wichtig. Nun ist es doch so weit gekommen. Und hier scheint es mir nun vor allem um Akadien und die Verhältnisse am Ohio zu gehen. Die Franzosen sind von ihren Ausgangsstellungen am Erie aus nach Süden gegen den Ohio vorgestoßen, um die Landstriche dort in Besitz zu nehmen. Die Überraschungsaktion dürfte ihnen teilweise gelungen sein. Von Osten aus gilt der Angriff den Kolonien Virginien und Pennsylvanien. Hier im Norden sind New-York, Connecticut und wohl auch Massachusetts in Mitleidenschaft gezogen worden. Es kann meines Erachtens nur zwei größere Kriegsschauplätze geben: Im Ohiotal und am Champlain- und Georgsee. Im Ohiotal war die Miami-Konföderation den Engländern verbunden; der Bund scheint gesprengt, und es ist offensichtlich ein Umschwung zu Gunsten der Franzosen eingetreten. Die indianischen Stämme scheinen überhaupt uneinig und hin- und hergerissen. So geht der Riß mitten durch den Irokesenbund. Von den sechs Nationen stehen zwei auf unserer Seite: Onondaga und Mohawk, die anderen haben sich, wohl unter Führung der Seneca, für die Franzosen entschieden. Stammesstreitigkeiten mögen dazu beigetragen haben; Onondaga und Seneca waren einander schon lange nicht grün. Die Huronen haben immer auf Seiten der Franzosen gestanden, sie haben lange und schwer unter den Angriffen der Oneida und Onondaga zu leiden gehabt und sind schließlich aus reinem Selbsterhaltungstrieb zum Bündnis mit den mächtigen Seneca gekommen. Jedenfalls, die Wälder rund um die Seen starren von Waffen; blutige Auseinandersetzungen scheinen unvermeidlich. Wenn ich mich unter diesen Umständen frage, welcher Weg uns die größte Sicherheit gewähren könnte, möchte ich sagen: der Marsch nach Südosten, zum Hudson. In dieser Richtung müßten wir schon nach kurzer Zeit auf befreundete Stämme stoßen, wahrscheinlich auch auf englische Linientruppen und Kolonialmiliz. Ich glaube nicht, daß ich mich in dieser Berechnung irre.« »Was meinst du, Häuptling?« wandte der Alte sich an Ni-kun-tha. Das Gesicht des Indianers blieb unbewegt. »Ni-kun-thas Weg klar«, antwortete er. »Seine Krieger sind bei den Shawano. Die Shawano wohnen im Westen. Ni-kun-tha muß nach Westen gehen. Den Weg zum Hudson kennt er nicht.« »Und Ihr, Bob?« »Nicht einfach zu sagen, Sir«, knurrte der Bootsmann. »In den Wäldern kenne sich der Teufel aus. Sehen überall gleich aus. Zumal, wenn hinter jedem Baum eine schuftige Rothaut lauern kann. Meine deshalb: Es ist ziemlich gleich, ob wir nach West oder Ost gehen. Wenn ich aber sagen wollte, daß ich große Lust hätte, nach Westen zu gehen, müßt' ich lügen. Aber mit der Ostrichtung verhält sich's nicht viel anders. Habe überhaupt keine Lust, durch die Wälder zu – klettern, muß man ja wohl sagen. Muß aber überhaupt marschiert werden, was der Teufel holen soll, dann ist's, glaube ich, immer noch besser nach Westen. Erstens bleibt dann der alte Ontario an seiner Stelle, und der Genesee kommt uns näher. Das Beste wäre natürlich, wir versuchten, auf dem Wasser vorwärts zu kommen. Hab' zu Lande verdammt wenig Erfahrung und kann deshalb auch nichts sagen. Muß mich fügen, wenn's mir auch schwer fällt.« »Ich will Euch gerne glauben, daß der Weg nach dem Hudson weniger Gefahren bietet«, wandte Elias Burns sich wieder an Waltham. »Aber ich muß nach Hause, Mann. Die Unruhe bringt mich bald um, wenn ich an meine Tochter denke und mir vorstelle, daß die Wilden am Genesee herumheulen.« »Damit kein Irrtum entsteht: Ich bleibe natürlich bei Euch, ob Ihr nun nach Ost oder West geht«, warf Bob Green ein. »Das gilt natürlich auch für mich«, sagte Waltham lächelnd. »Selbstverständlich möchte ich gern nach Albany, aber ebenso selbstverständlich ist es, daß ich mich hier in der Wildnis nicht von Euch trenne, ganz abgesehen davon, daß ich Euch meine Freiheit und vielleicht das Leben verdanke. Und schließlich, da Ni-kun-tha nach Westen geht, und der Häuptling im Augenblick zweifellos unser wichtigster Mann ist, so ist es klar, daß wir alle nach Westen gehen.« So wurde denn also beschlossen, sich gemeinsam westwärts zu wenden. Way-te-ta kam nach einiger Zeit zurück; er hatte in einem Eßgeschirr eine ziemliche Menge Waldbeeren gesammelt, die allen gut schmeckten. Bald darauf brach man auf, um bis Sonnenuntergang noch eine Strecke nach Westen zurückzulegen. Den Bach weiter zu verfolgen schien sinnlos; man hätte zu diesem Zweck das Kanu eine ziemliche Strecke um den Fall herumtragen müssen. Man nahm deshalb den Weg durch den Wald. Einstweilen fiel ihnen nichts Beunruhigendes auf. Bald nach Sonnenuntergang erreichten sie einen sich von Norden nach Süden erstreckenden See. Sie stießen von Nordosten kommend darauf zu und sahen das gegenüberliegende Ufer vor sich. Da die Nacht nicht mehr fern war, schien es geraten, sich einen geeigneten Ruheplatz zu suchen. Sie brauchten sich auch gar nicht weit umzusehen; zu ihrer Überraschung stieß Ni-kun-tha bald darauf auf ein noch gut erhaltenes Blockhaus nahe am Seeufer. Es war eine dieser aus rohem Holz primitiv zusammengeschlagenen Hütten, wie Jäger und Waldläufer sie sich hier und dort zu errichten pflegten, wenn sie sich längere Zeit in einem bestimmten Jagdrevier aufzuhalten gedachten. Es mußte jetzt längere Zeit nicht mehr benutzt worden sein, denn das Dach war ziemlich stark beschädigt, und die Tür hatte sich ihrer aus Weidengeflecht hergestellten Angeln entledigt und lag am Boden. Immerhin schien dieses Häuschen ein geradezu idealer Aufenthaltsort für die Nacht, die in der Regel empfindliche Kälte zu bringen pflegte. Auch war der Waldboden ziemlich feucht. Sie machten sich unverzüglich an die Arbeit. Gras und Strauchwerk wurde herbeigeschleppt, die Tür wieder befestigt und das erbeutete Bärenfell ausgebreitet. Feuer zu entzünden wagte man nicht, solange man sich nicht näher im Wald umgesehen hatte. Da ohnehin alle müde und erschöpft waren, legte man sich nach einer kleinen Mahlzeit aus dem gebratenen Bärenfleisch, das man mitgenommen hatte, bald zur Ruhe. Richard Waltham aber vermochte nicht einzuschlafen. Er sah die Sterne durch die Ritzen und Fugen im Dach schimmern und überließ sich seinen wenig erfreulichen Gedanken. Die Erlebnisse der jüngsten Zeit standen wieder vor ihm auf. Er erlebte noch einmal den jähen Oberfall auf den DUKE OF RICHMOND. Damals hatte er nicht ahnen können, daß das Piratenstück eigens seinetwegen veranstaltet worden war, und ganz gewiß hätte er nicht auf den Gedanken kommen können, in seinem Vetter Hotham den Anstifter der Sache zu sehen. Die Zeit der Gefangenschaft war nicht einfach gewesen. Er hatte immer und immer wieder hohes Lösegeld geboten, sicher, daß sein Onkel kein Mittel scheuen würde, ihn zu befreien, aber er hatte nichts damit erreicht. Dann wieder hatte es unter den Piraten bei Trinkgelagen öfters böse Situationen gegeben, wenn einzelne betrunkene Kerle sich auf ihn stürzen und ihn kurzerhand umbringen wollten; in solchen Fällen hatte ihn das Dazwischentreten des Piratenkapitäns immer noch gerade im letzten Augenblick gerettet. Der jähe Tod seines Oheims, noch dazu unter solchen Umständen erfolgt, ging ihm nahe, und die Handlungsweise seines Vetters sah ihn fassungslos; hilflos gegenüber heimtückischen Ränken, deren Quelle ihm verschlossen war, wußte er nicht einmal, wie er ihnen begegnen sollte. Die Unruhe trieb ihn nach einiger Zeit vom Lager und hinaus in die schweigende Nacht. Die Gefährten schliefen bis auf Ni-kun-tha, dessen dunkle Augen ihm aufmerksam folgten. Er ging ein Stück am Seeufer entlang und ließ sich schließlich unter der Krone eines breitästigen Baumes nieder. Über ihm funkelten die Sterne, tausend sprühende Lichter im glatten Spiegel des Sees erzeugend. Bis auf das Rauschen in den Baumkronen war feierliche Stille ringsum. Auch die Natur schien zu schlafen. Was tue ich, wenn ich aus dieser Wildnis heil herauskommen sollte? dachte Waltham. Soll ich dem eigenen Blutsverwandten mit den Mitteln des Gesetzes entgegentreten? Soll ich ihn einfach davonjagen wie einen räudigen Hund? Nun, einstweilen waren Gedanken dieser Art wohl müßig, denn die Wälder steckten voll roter Teufel, und nahezu alle Wege schienen verlegt. Waltham wußte nicht, wie lange er, in Gedanken versunken, am Seeufer gesessen hatte, als plötzlich Stimmengewirr zu ihm herandrang. Die Stimmen kamen von rechts, sie näherten sich und wurden allmählich deutlicher. Er unterschied französische Laute, Wortfetzen, die der leichte Wind vom See her zu ihm herübertrug. Er glitt unwillkürlich hinter den Baum, unter dem er gesessen hatte, und verschmolz mit dem Stamm. Plötzlich zuckte er zusammen: Das gab es doch nicht. Das war doch unmöglich. Ihm stockte der Atem, er glaubte sich von einem Spuk genarrt. Aber dann wurde die Stimme, die da sprach, deutlich, er hörte den scharfen, befehlsgewohnten und Widerspruch von vornherein ausschließenden Ton. Diese Stimme gab es nur einmal. Mochte es zusammenhängen wie es wollte, einer der beiden Männer, die da, französisch miteinander sprechend, herankamen, war Edmund Hotham, sein Vetter, der Mann, dessen er eben noch grollend gedacht hatte. Dann sah er die Umrisse zweier Männer sich schattenhaft vom Spiegel des Wassers abheben. Der zweite Mann – er vermochte Einzelheiten nicht zu erkennen – war seiner holprigen Aussprache und seiner Akzentuierung nach ein Indianer, der andere aber, jeder Zweifel war ausgeschlossen, sein Vetter Hotham. »Mein Freund mag ruhig sein, ich habe die zwanzig Krieger selbst ausgewählt«, sagte der Indianer. »Sie sind ihnen auf den Fersen. Der hungrige Wolf kann nicht eifriger einer Spur folgen als meine jungen Leute. Sie haben noch einen anderen Grund. Bei den Yengeese weilt ein Miamihäuptling, ein räudiger Hund, der den großen Mona-ka-wache aus dem Hinterhalt abschoß. Mein Bruder glaube mir: wir werden sie finden.« »Und wenn sie sich längst zu den englischen Truppen oder zu den Engländern befreundeten Stämmen durchgeschlagen hätten?« »Sie können soweit noch nicht sein. Ob sie sich nun nach Osten oder Westen gewandt haben, meine Krieger finden sie. Der weiße Mann mag mir glauben. Der weiße Mann hat viel Geld gegeben; die Seneca kennen den Wert des Geldes; sie wissen, was sie an Büchsen und Decken dafür kaufen können. Er kann sich auf sie verlassen.« »Ich verdoppele die Summe, sobald ich Gewißheit habe, daß der Mann nicht mehr lebt«, sagte der Weiße. »Er soll sterben wie die anderen. O-kon-tha gab sein Wort; er wird es halten. Die Seneca sind bereit, hundert Krieger zu opfern, um den Miami zu fangen. Die Huronen sind den Seneca befreundet. Die weißen Leute, deren Tod mein Bruder wünscht, befinden sich bei dem Miami. Sie werden alle nicht entkommen. Im Osten stehen Franzosen und Huronen, im Westen – aber mein Bruder wird sehen. Er wolle jetzt mit mir in das Kanu steigen, ich bringe ihn zum Lager der Krieger aus den Kanadas. O-kon-tha muß dann zu den Seinen zurück.« Der von wilden Gefühlen geschüttelte Waltham sah zähneknirschend, wie die beiden Männer ein im Ufergebüsch bereitliegendes Kanu bestiegen und in den See hineinfuhren. Bald tauchten sie in der Dunkelheit unter. Richard Waltham war wie gelähmt; er vermochte sich nur schwer aus seiner Erstarrung zu lösen. Dann war es, als zöge sich ein eiserner Ring um sein Herz. Dieser Schuft! dachte er. Soweit gehen Ehrgeiz und Geldgier also, daß sie selbst den Verrat nicht scheuen. Ein Mann, der auf den englischen Pairstitel Anspruch erhebt, konspiriert mit dem Landesfeind! Scheut sich nicht, mitten im Krieg die Hilfe des Feindes für seine persönlichen Schurkereien zu erkaufen! Dann kamen die nüchternen Überlegungen: So nahe also stand der Feind! In den Wäldern Irokesen und jenseits des Sees französische Truppen! Er erhob sich schwerfällig und ging nach der Blockhütte zurück. Er hatte sie noch nicht erreicht, als ihm der Miami entgegenkam. Mit hastigen Worten flüsterte der Weiße ihm zu, was er soeben erlauscht hatte. Das Gesicht des Häuptlings verdüsterte sich, dann verzogen sich seine Lippen zu einem verächtlichen Lächeln. »Finden nicht Spur«, sagte er, »zu viel Fels. Denken auch nicht, daß wir nach Westen gehen, suchen nach Osten. Hier nicht gut. Sicher viel Seneca und Oneida im Wald. Können Spur nicht verbergen. Großer Büffel zu schwer. Wenn Sonne da, Seneca werden sehen.« »Was also tun, Falke?« »Ni-kun-tha wird warten, bis der Seneca zurückkommt.« »Töte ihn nicht, Falke. Das würde sie uns erst recht auf den Hals hetzen.« »Nicht töten. Verfolgen. Sehen, wo Seneca schlafen.« »Ja, das ist gut, Falke.« »Du gehen zu Shanty zurück. Wecken alle. Zu viele Feinde. Wenn Eule schreit, dann Gefahr.« Der Indianer entfernte sich in der Richtung, aus der Waltham gekommen, und dieser ging zur Blockhütte zurück. Er weckte die Gefährten bis auf Way-te-ta und berichtete ihnen sein Erlebnis. Der alte Burns zeigte sich besorgter als je zuvor. Selbst John schien einigermaßen ratlos, und Bob äußerte den Wunsch, das ganze Irokesengezücht möchte nur einen Hals haben, damit er ihm die Gurgel zudrücken könne. Indessen erkletterte Ni-kun-tha draußen eine hochragende Fichte, von der aus er die ganze Fläche des Sees zu überblicken vermochte. In der Entfernung von einigen Meilen sah er die hellen, glühenden Punkte der französischen Wachfeuer. Dort mochten die Truppen liegen, von denen der Seneca gesprochen hatte. Er stieg wieder hinab, verbarg sich in der Nähe der Stelle, wo das Kanu gelegen hatte und wartete geduldig. Eine der besten indianischen Eigenschaften ist das geduldige Wartenkönnen. Es verging ein Weilchen, bis er den regelmäßigen Schlag eines Ruders vernahm. Er sah aus seinem Versteck heraus den Irokesen landen und in den Wald hineingehen, einem schmalen, mit dem Tomahawk roh ausgehauenen Pfade folgend. Ni-kun-tha folgte ihm mit den geschmeidigen Bewegungen einer Wildkatze. Sie mochten an die fünfhundert Schritte zurückgelegt haben, als der Miami Feuerschein durch die Baumstämme schimmern sah. So nahe also lagerte der Feind? Wunderbar genug, daß sie das Shanty erreicht hatten, ohne bemerkt zu werden. Der junge Miami fühlte eine starke Versuchung, dem Senecakrieger sein Messer in den Nacken zu stoßen; er erlag ihr nicht, sagte er sich doch, daß ein kleiner Schrei des Mannes das ganze Lager in Aufruhr bringen würde. Er wußte jetzt, wo die Irokesen lagerten. Offenbar waren es dieselben Leute, die mit Mona-ka-wache den Fluß herabgekommen waren, dessen Leben seine Kugel ein Ende bereitet hatte. Er ging vorsichtig und nach allen Seiten sichernd nach dem Shanty zurück, wo man ihn schon sehnsüchtig erwartete. »Sehen Franzosenlager, Irokesenlager. Kommen, nehmen Kanu, gehen auf See«, sagte er kurz, »Wasser keine Spur.« Sie ergriffen das Kanu, das sie vorsorglich mitgenommen hatten, und gingen zum Ufer. Ni-kun-tha und John griffen zu den Rudern. Auf Weisung des Indianers fuhren sie quer über das Wasser zu einem Punkt, der etwa die Mitte zwischen den feindlichen Lagern bildete. Sie spähten, sich dem Ufer nähernd, nach einer Bachmündung aus, erschien es doch gefährlich, unmittelbar das Land zu betreten. Hunderte scharfer Augen lauerten rundum in den Wäldern. Es mußte damit gerechnet werden, daß Läufer den See abstreiften. Nach vergeblichem Suchen glaubten sie zwischen dem den Uferrand säumenden Schilf eine Öffnung zu erblicken und lenkten das Kanu darauf zu. Es zeigte sich gleich darauf, daß sie nicht in eine Bachmündung, sondern in einen Sumpf einliefen, der von Schilfinseln und Bäumen durchsetzt, sich weit auszudehnen schien. Sie fuhren in der Dunkelheit hin und her; augenscheinlich hatten sie sich bereits ziemlich weit vom Seeufer entfernt. Es schien äußerst bedenklich, sich noch weiter zu wagen, zumal niemand wissen konnte, wie weit das Sumpfgebiet sich erstreckte. Sie hielten deshalb im Schilf und erwarteten die Morgendämmerung. Der Aufenthalt in dem schmalen indianischen Kanu war für alle reichlich unbequem, da keiner die Glieder zu rühren vermochte, die allmählich in der Feuchtigkeit zu erstarren begannen. Vor allem Bob wußte kaum noch, wie er seine gewaltigen Gliedmaßen unterbringen sollte. Way-te-ta verhielt sich vollkommen still, der Indianer kauerte ebenso lautlos im Stern des Bootes. »Wie, um alles in der Welt, mag der junge Hotham hierher in die Wildnis kommen?« sagte Elias Burns nach einer Weile. Der Miami wandte ihm das Gesicht zu. »Grade Zunge ihn fortjagen«, entgegnete er, »Ni-kun-tha ihm sagen, was weißer Schurke getan.« »Hoffe, ich kriege ihn mal zwischen die Fäuste, den sauberen Patron«, knurrte Bob Green. Waltham äußerte sich nicht, und allmählich trat wieder Schweigen ein. Sehnsüchtig warteten alle auf den Aufgang der Sonne. Der Marterpfahl droht Ni-kun-tha hatte aus Instinkt die Dinge ganz richtig gesehen. Es war Sir Edmund Hotham in Stacket Harbour sozusagen nichts nach Wunsch gegangen, so gut sich die Dinge zunächst angelassen hatten. Er hatte sogleich nach dem plötzlichen Tode des alten Lords Besitz von der Erbschaft ergriffen. Es war ihm bei seinen weitreichenden Beziehungen und den materiellen Mitteln, über die er nun verfügte, nicht schwer gefallen, dafür zu sorgen, daß kein richterlicher Einspruch erfolgte. Und doch hatte er die Rechnung schließlich ohne Allan Mac Gregor und Major Dunwiddie gemacht. Der Schotte hatte sich sofort nach der Beisetzung seines Herrn an den Richter gewandt, um die Erbansprüche Sir Richard Walthams geltend zu machen, der noch lebe und sich zur Zeit in der Gefangenschaft von Piraten befinde. Das hatte ihm zunächst nichts geholfen. Der Richter war wie nahezu alle Bewohner der Stadt davon überzeugt, daß der DUKE OF RICHMOND gesunken und Sir Richard mit der Besatzung ertrunken sei. Die Erzählung des alten Dieners erschien ihm zu phantastisch, um ihr irgendwelchen Glauben beizumessen, zumal Allan sie nicht zu belegen vermochte. Denn die von ihm benannten Zeugen John Burns und Bob Green befanden sich nicht mehr am Ort. Sein Einspruch wurde deshalb abgewiesen. Darüber hinaus stand es durchaus in der Macht des Richters, Sir Richard für tot erklären zu lassen, worauf Edmund Hotham auch von Rechts wegen in den Besitz der Hinterlassenschaft Lord Somersets gelangt wäre, wenigstens soweit es die amerikanischen Liegenschaften und das auf amerikanischen Banken liegende Barvermögen betraf. Inzwischen hatte aber Major Dunwiddie als Stadtkommandant angesichts eines offenen Angriffs französischer Kriegsschaluppen das Kriegsrecht verkündet, womit auch in zivilen Angelegenheiten die Exekutive auf ihn übergegangen war. Sogleich hatte Allan, der alte Soldat, sich an den Kommandanten gewandt und ihm die Angelegenheit vorgetragen. Zu seiner Freude fand er den Major bereits unterrichtet und von der Wahrheit der Angaben John Burns' und des Miamihäuptlings völlig überzeugt. Der Major begab sich danach persönlich mit Allan zum Richter und vertrat dessen Sache mit solchem Nachdruck und solcher Überzeugungskraft, daß dieser darauf verzichtete, einen Befehl der militärischen Exekutive abzuwarten und eine einstweilige Verfügung erließ, wonach der gesamte Nachlaß Lord Somersets in der Kolonie New York bis zur endgültigen Regelung der schwebenden Erbverhältnisse der Verwaltung Allan Mac Gregors überlassen wurde. Edmund, dessen Versuch, Bob Green und John Burns durch bestochene Konstabler verhaften zu lassen, gescheitert war und der fürchten mußte, dieser Sache wegen zur Rechenschaft gezogen zu werden, verließ deshalb, als die einstweilige Verfügung des Richters ihm zugestellt wurde, Somersethouse und segelte in einer Jolle zu den Tausend Inseln, um Hollins aufzusuchen. Hier erst erfuhr er, daß der Gefangene entführt worden war. Die Piraten hatten festgestellt, daß die Sloop Molly von französischer Kriegsmarine gekapert wurde. Sie hatten die Spur der Sloopbesatzung, bei der Waltham sich befinden mußte, eine Zeitlang verfolgt und festgestellt, daß die Männer auf das Festland übergewechselt hatten. Da nun Hotham bereits in Stacket Harbour festgestellt hatte, wer die Leute von der Molly waren und woher sie stammten, hatte er sich ausgerechnet, welchen Weg sie nach Lage der Dinge vermutlich einschlagen würden. Edmund Hotham hatte seine Finger bei vielen Dingen im Spiel. Er hatte auch seit längerem gute Beziehungen zu einem Huronenstamm im Kanadischen; er hatte diese Beziehung gepflegt, um eines Tages erforderlichenfalls mit Hilfe der Indianer einen Schlag gegen die Seeräuber führen zu können, falls diese aufsässig wurden oder es gut schien, sich ihrer zu entledigen. Daß er mit jenem Häuptling und seinen Kriegern zusammentraf, war reiner Zufall. Die Indianer waren eben im Begriff gewesen, zwischen den Inseln auf englischen Boden überzusetzen, um sich den französischen Truppen anzuschließen. Geschenke und Geld machten den Häuptling seiner Sache schnell geneigt; Huronen und Seneca nahmen die Spur der die Wildnis durchziehenden Sloopbesatzung auf. Hotham schloß sich ihnen an; es schien ihm im Augenblick zu gefährlich, nach Stacket Harbour zurückzukehren, zumal die Stadt bereits blockiert war. Er gab die Hoffnung, den unbequemen Vetter aus der Welt zu schaffen, nicht auf und jetzt, da dieser mit seinen Begleitern, einem gehetzten Wild gleich, die Wälder durchzog, schien die Aussicht, ihn sich auf bequeme Weise vom Halse zu schaffen, näher zu liegen denn je. Ein Zusammentreffen mit regulären französischen Truppen fürchtete der Baronet nicht. Er hatte gute Verbindungen nach Montreal und glaubte überdies, sich auf seine Gewandtheit verlassen zu können. Zudem war das Schlimmste, was ihm eventuell geschehen konnte, eine kurzfristige Internierung. Diese Gefahr erschien ihm wesentlich geringer, als das etwaige Entkommen Richard Walthams zu den englischen Truppen. Gegenwärtig war seine ganze Hoffnung darauf gerichtet, Waltham durch Irokesen oder Huronen abfangen zu lassen, bevor er sich unter den Schutz englischer Waffen zu stellen vermochte. Als die Gefährten nach dem Fluß aufbrachen, waren huronische und irokesische Späher bereits hinter ihnen. Ihr Übergang über den Fluß und die heimliche Flucht von der kleinen Insel entzogen sie zunächst weiterer Verfolgung; doch nachdem Ni-kun-tha den Seneca-Häuptling Mona-ka-wache aus den Reihen seiner Krieger herausgeschossen hatte, bedurften insbesondere die Irokesen keines weiteren Ansporns, um Bluthunden gleich nach dem verwegenen Miamihäuptling zu suchen. Auf diese Weise also war Richard Waltham zu der unerwarteten Begegnung mit seinem Vetter Hotham mitten in der Wildnis gekommen. Die Gefährten, denen Waltham von der Begegnung berichtete, waren nicht wenig überrascht; doch hatte die Besorgnis vor der immer bedrohlicher werdenden Lage begreiflicherweise den Vorrang in seinen Überlegungen. Ni-kun-tha erklärte, er hoffe, nach Westen durchbrechen zu können, nachdem er sich vom Standort der französischen Biwaks überzeugt habe. Er meinte, daß überdies sehr wahrscheinlich sowohl die Soldaten als die ihnen verbündeten Indianer nicht sehr lange hier verweilen, sondern sehr bald ihren Marsch nach Südwesten fortsetzen würden. Allmählich begann der dunkle Himmel sich im Osten aufzuhellen; die aufkommende Dämmerung erlaubte den im Schilf Eingeschlossenen, ihre Umgebung in Augenschein zu nehmen. Sie gewahrten in einiger Entfernung mehrere kleine Inseln. Auf eines dieser Eilande hielten sie, sich schwer durch Sumpf und Schilf arbeitend, zu, erreichten das Ufer und kletterten mit Gliedern, die ihnen vor Erstarrung kaum noch gehorchen wollten, mühselig an Land. Als es heller wurde, erkannten sie dann, daß sie sich inmitten weit gedehnter Sümpfe, von Schilf und kleinen Inseln durchsetzt, befanden. Auf einem dieser Inselchen waren sie gelandet. Ni-kun-tha forderte die Weißen auf, sich sorgfältig verborgen zu halten, und bestieg das Kanu, um die nähere Umgebung auszukundschaften. Er kam nach etwa zwei Stunden zurück und berichtete, daß sich zahlreiche Indianerkanus auf dem See befänden, die nach Süden zögen. Er war ernst und schien sehr besorgt. Es sei kein Zweifel, daß die zum Shanty führenden Spuren inzwischen entdeckt worden seien, meinte er; sehr wahrscheinlich seien rings um den See bereits feindliche Späher unterwegs, um den Flüchtigen nachzuspüren. Er hatte auch die Grenze des Sumpfgebietes nach Westen hin erreicht und einen Bach gefunden, den man, seiner Meinung nach, ein Stück hinauffahren konnte. »Das gut«, sagte er in seiner kurzen, abgehackten Sprechweise, »Wasser keine Spur. Land sehr schlimm. Müssen hier weg. Kanus werden kommen und suchen Sumpf ab. Gleich gehen.« »Aber wenn die Indianer abziehen, ist es dann nicht besser, einen Tag hier zu warten?« wandte Burns ein. Der Indianer schüttelte den Kopf: »Nicht alle gehen. Späher bleiben zurück. Irokesen gehen nach Süden, Huronen nach Westen. Ni-kun-tha denkt: Weitergehen. Unsere Spur ganz frisch.« »Die Rothaut hat recht«, sagte Bob, »kennt sich aus mit seinen Genossen, der Junge. Keinen Zweck, hier zu warten.« Auch John war für sofortigen Aufbruch, und so ließ sein Vater sich denn überzeugen; die Vorbereitungen zur Abfahrt wurden getroffen. »Wann kommen wir zu den Häuptlingen?« fragte Way-te-ta plötzlich. »Das mag der Teufel wissen«, knurrte Bob Green, »die Wälder stecken voll von Feinden.« Der Irre sah stumpf vor sich hin und hob dann den Kopf. »Way-te-ta hat Hunger«, sagte er. Bob reichte ihm ein Stück gebratener Bärenlende, das der etwas unheimliche Fremde gierig hinunterschlang. »Großer Büffel gut!« sagte er schmatzend. »Halt' das Maul, du Idiot!« brummte Bob; »fängt der Kerl jetzt auch mit dem Büffel an! Bob Green heiße ich, hast du das verstanden? Bob! Bob Green! Bob wirst du doch wohl sagen können.« Way-te-ta sah ihn an und fing plötzlich an zu kichern. »Bob«, wiederholte er, als hätte er nie etwas Absonderlicheres gehört, »Bob, Bob, ha ha ha! Er heißt Bob!« »Was gibt's da zu lachen, du Unflat?« schnaubte der Bootsmann. Der Irre kicherte unentwegt weiter. Der Name Bob schien ihn ungemein zu erheitern. Er wiederholte ihn noch mehrere Male. Er brach dabei immer wieder in wildes Lachen aus. Das Kanu stakte bereits wieder durch Schilf; man näherte sich dem Lande. Das Lachen des Irren konnte unter diesen Umständen leicht gefährlich werden. Ni-kun-tha ergriff ihn deshalb am Arm und zischte ihm zu: »Sollen die Häuptlinge hören, daß Way-te-ta auf dem Kriegspfad schwätzt und die Feinde anlockt?« Der Mann machte ein erschrockenes Gesicht; er sah aus wie ein Kind, das gescholten wurde. Er schwieg augenblicklich und sank gleich darauf in die stumpfe Haltung zurück, die er im allgemeinen zu zeigen pflegte. Sie näherten sich dem Ende des Sumpfes und der Bachmündung, die der Häuptling entdeckt hatte. Während dieser allein mit äußerster Vorsicht ruderte, griffen die anderen zu den Waffen, jeden Nerv bis zum Zerreißen gespannt. Indessen, es rührte sich nichts; die Wälder lagen in majestätischem Schweigen, gleichsam unberührt. Vögel sangen in den Lüften, eine Spottdrossel ließ sich hören, nichts deutete auf eine irgendwo lauernde Gefahr. Das Kanu glitt in den Bach hinein. Sofern sie nicht bereits von einem Späherauge entdeckt waren, konnten sie nunmehr hoffen, in verhältnismäßiger Sicherheit zu sein. Langsam, mit nie erlahmender Vorsicht, trieb der Indianer das Kanu weiter. Links und rechts wogte und raschelte das Schilf; weiterhin gewahrte das Auge dann und wann die ausgebreiteten Wipfel eines uralten Waldriesen. »Hast jetzt genug getan, Falke, jetzt laß mich einmal rudern«, sagte Bob. Sie tauschten schweigend die Plätze, was in dem engen Gefährt gar keine einfache Sache war. Bob verstand mit dem Ruder umzugehen; mit vorsichtigen, aber gewaltigen Schlägen trieb der Riese das Kanu vorwärts. Das Schilf wurde zur Linken und Rechten des Baches allmählich dünner; schließlich hörte es ganz auf und machte dichtem Buschwerk Platz, hinter dem zu beiden Seiten hochstämmiger Urwald aufragte. Die Wipfel der Bäume berührten sich über dem Wasser, so daß sie gleichsam wie in einer Laube dahinglitten. Nach Burns' Taschenkompaß hielten sie unentwegt Nordwestkurs. Das schien um so günstiger, als der Feind nach allen bisherigen Beobachtungen sich ausnahmslos in südwestlicher Richtung bewegte. Dann plötzlich, sie mochten erst wenige Meilen zurückgelegt haben, wich der Wald zu beiden Seiten des Baches zurück, die Büsche verschwanden, und wieder trat hohes Schilf an ihre Stelle, das dichter und dichter wurde, um schließlich den weiteren Weg abzuschneiden. Sie steckten in einer Sackgasse. Einen Augenblick hielten sie ratlos, dann sagte der Häuptling: »Gehen in Schilf hinein. Kommen an Land oder an anderes Wasser.« Dem Rate folgend, versanken sie beinahe im Schilf. Sie sahen jetzt nichts mehr als den klaren Himmel über sich, und rundherum die starrenden Rohrwände. Die Ruder waren nicht länger zu gebrauchen; sie griffen mit den Händen nach den Schilfhalmen und zogen das Kanu vorwärts. Inmitten des Schilfmeeres erreichten sie schließlich etwas offenes Wasser, um bald danach wieder zwischen Schilfwänden unterzutauchen. Nach harter Anstrengung bemerkten sie dann nach vorn zu ein größeres Gewässer und glitten, sich mühsam vorwärtsschiebend, in einen kleinen See hinein, auf dessen ruhiger Oberfläche zahlreiche Wildenten schwammen. Burns griff zum Glas und untersuchte sorgfältig den See und seine Uferränder. Sie lagen einsam und verlassen im Sonnenschein. Am anderen Ende des Sees stieg das Land in bewaldeten Hügelwellen allmählich an. Angesichts der bedrohlichen Situation, da zahlreiche Indianerstämme im Dienst der Franzosen von Norden nach Süden zogen, mußte es bedenklich erscheinen, sich mit dem Kanu auf eine offen daliegende Wasserfläche zu wagen, bevor man noch wußte, wie es in den umliegenden Wäldern aussah. Sie trieben das Kanu deshalb im Schutz der Uferbüsche seitwärts entlang und betraten nach einer Weile festen Boden. Ni-kun-tha erklärte, den Uferbereich untersuchen zu wollen, und John schloß sich ihm an. Unter hochstämmigen Bäumen begannen beide mit aller erdenklichen Vorsicht das Seeufer zu umkreisen. Beinahe am entgegengesetzten Ende ihrer Landestelle stießen sie auf eine mit zahllosen Steinen bedeckte Bodenrinne, die bei heftigem Regen oder in der Zeit der Frühjahrsschneeschmelze die Wasser der Berge zu Tal führen mochte. Sie passierten die Rinne und gingen weiter um den See herum, ihn vollständig umkreisend, ohne irgendetwas Verdachterweckendes wahrzunehmen. So kamen sie zu der Landestelle zurück und machten sich durch leisen Zuruf bemerkbar. Gleich darauf kam das Kanu mit den anderen heran und nahm sie auf. Sie fuhren nun quer über den See bis zu der mit Steinen angefüllten Wasserrinne, die der Miami für die Landung ausgewählt hatte, da Steine keine Spur hinterlassen. Alle begaben sich nun an Land, nachdem sie das Kanu unter Büschen sorgfältig versteckt hatten. Sie stiegen langsam die ziemlich steil bergan führende Rinne hinan, die oben in einer waldigen Schlucht endete, deren Boden ebenfalls mit kleineren und größeren Steinen bedeckt war. Sie folgten der Schlucht eine Weile; als sie indessen feststellen mußten, daß sie auf diese Weise immer höher in die Berge geraten würden, beschlossen sie, nach rechts abzubiegen und wieder talabwärts zu steigen. Der Höhenzug lief, wie sie schon vom See aus festgestellt hatten, von Ost nach West und schien von beträchtlicher Ausdehnung. Es war damit zu rechnen, daß vom Eriesee kommende Indianerhorden ihren Weg nach Süden seinen westlichen Abhang hinab nehmen würden, denn es war nun keinerlei Zweifel mehr daran möglich, daß die Bewegung der französischen Truppen und ihrer roten Verbündeten sich auf das Ohiotal richtete. Danach glaubten die Männer nördlich der Berge weniger Gefahr zu laufen. Außerdem näherte man sich in dieser Richtung dem Genesee. Sie kletterten den Nordhang hinab, um wieder ebenes Land zu gewinnen, was, des felsigen Bodens wegen, nicht ohne erhebliche Schwierigkeit vor sich ging. Als sie reichlich erschöpft schließlich am Fuße der Berge ankamen, bot eine von Bäumen umstandene Höhle ihnen einen willkommenen Lagerplatz; in unmittelbarer Nähe entsprang eine sprudelnde Quelle. Sie ließen sich vor dem Eingang der ziemlich geräumigen Höhle nieder, stillten ihren Durst an dem klaren und eiskalten Wasser der Quelle und suchten dann nach dem anstrengenden Marsch etwas Ruhe zu finden. Schlimm war, daß niemand von ihnen genau zu sagen wußte, wo eigentlich sie sich befanden. Insoweit versagten auch Ni-kun-thas unschätzbare Fähigkeiten, hatte er sich doch in den Wäldern und Bergen südlich des Ontario kaum aufgehalten. Sie vermochten nicht einmal abzuschätzen, wie weit südwärts sie bisher gekommen waren. Kreuzten sie jetzt einen nach Norden fließenden Wasserlauf, dann konnten sie sicher sein, daß er dem Ontario zuströmte; dann war auch die Lage des Genesees zu berechnen. Die Hoffnung des alten Burns richtete sich darauf, das John genauestens bekannte Land um den Genesee zu erreichen; Voraussetzung dafür war, daß sie nicht zu weit nach Süden abgekommen waren. Verfehlten sie den Genesee, weil sie zu weit südwärts gegangen waren, dann mußten sie eines Tages auf den Eriesee stoßen, der von Franzosen besiedelt war. Indessen hofften sowohl der Farmer als sein Sohn, daß sie in einigen Tagen das heimische Gewässer erreichen würden. Die Besorgnis des Alten hinsichtlich des Schicksals der tief in den Wäldern gelegenen Ansiedlung war zwar ohne weiteres begreiflich, aber nicht sehr begründet, da die Bewegung aller an den Seen hausenden Indianerstämme sich nach Süden richtete. Da die Ansiedlung zudem fern der Küste lag, war auch vom Ontario aus kaum etwas zu befürchten. John suchte den ängstlichen Vater denn auch immer wieder zu beruhigen, ohne dessen Besorgnisse allerdings ganz verscheuchen zu können. Was die Verhältnisse im Ohiotal anging, war der Miamihäuptling bestens unterrichtet. Auch er war der Meinung, der Vorstoß der Franzosen ziele von den Forts am Erie aus unmittelbar südwärts. Das Vorschieben französischer Truppen von Ost nach Südwest hatte ihn überrascht. Richard Waltham glaubte es damit erklären zu können, daß die Franzosen noch schwankenden indianischen Stämmen die französische Flagge zeigen wollten, um sie mitzureißen; natürlich konnten die Franzosen auch beabsichtigen, einen überraschenden Flankenangriff gegen die notwendig von Süd und Südwest heranziehenden Truppen der Kolonien zu führen. Alles in allem schien die Lage etwas undurchsichtig. Die Miamistämme im Ohiotal waren zwar nur teilweise offen zu den Franzosen übergetreten, dagegen hatte die Mehrzahl erklärt, sich neutral verhalten zu wollen. Die Miami hatten in diesem Sinne auch auf benachbarte Völkerschaften einzuwirken gesucht, was ihnen teilweise, so bei drei Stämmen der Lenni-Lenape, auch gelungen war. Tana-ca-ris-son, der Vater Ni-kun-thas, hatte als oberster Sagamore des ausgedehnten und einst sehr mächtigen Miamibundes eine gewaltige Macht in seiner Hand vereinigt gehabt, sein Ansehen hatte ihm einen beinahe königlichen Rang eingeräumt, den die Engländer, zuweilen nicht ungeschickt in der Ausnützung indianischer Gebräuche, denn auch vorbehaltlos anerkannten, indem sie Tana-ca-ris-son wie einen König behandelten. Ni-kun-tha, der Sohn, hatte sich bei den einzelnen Stämmen großer Beliebtheit erfreut, er hatte sich zudem in sehr jungen Jahren als Kriegshäuptling hervorgetan, und bei normaler Entwicklung hätte es kaum einem Zweifel unterlegen, daß er vom Rat der Alten eines Tages an die Stelle seines Vaters gerückt worden wäre. Die jähe Entwicklung durch den unversehens hereinbrechenden Krieg, Tana-ca-ris-sons plötzlicher Tod und Ni-kun-thas Abwesenheit hatten den künftigen ›König der Miami‹ zu einem landflüchtigen Krieger gemacht, der nur mit geringer Gefolgschaft rechnen konnte, eben mit den Leuten, die bei den Shawano seiner warteten. Ni-kun-tha sehnte sich sehr danach, mit seinen wenigen Getreuen zusammenzutreffen, um sie für die Sache seines ermordeten Vaters in den Kampf zu führen. Allein auf sich gestellt wäre er wohl längst an seinem Ziel angelangt, indessen duldete das in ihm wurzelnde natürliche Treuegefühl nicht, daß er in der Stunde der Not die Männer verließ, denen er die Rettung seines Lebens verdankte. Er beabsichtigte, die Gefährten bis zum Genesee zu geleiten und dann unverzüglich seinen Weg südwärts zu den befreundeten Shawano zu nehmen. Daß von Norden her auf englische Hilfe nicht zu rechnen war, hatte man erkannt; dort hatte man genug damit zu tun, die Seeplätze zu verteidigen. Hilfe konnte nur von Osten und Südosten kommen, und auch hierfür war, als er die Shawano verließ, um den englischen Kommandanten aufzusuchen, auch nur geringe Aussicht gewesen. Dabei wußte er, daß das Ohiotal verloren war, wenn sich nicht bald eine entscheidende Wendung vollzog. Dann trat unvermeidlich ein, was Tana-ca-ris-son immer gefürchtet hatte: Die Miamistämme gerieten unter französischen Einfluß und schließlich in völlige Abhängigkeit von Kanada. Sie hatten erst eine kleine Weile geruht, als der Häuptling sich erhob, um zunächst einmal, seiner Gewohnheit nach, die nähere Umgebung nach verdächtigen Spuren abzustreifen. »Ich lasse dich nicht allein gehen, Falke«, sagte John, aufstehend und nach der Büchse greifend. Der Indianer lächelte: »Schnelle Büchse mag mitkommen. Er sehr klug, scharfes Auge. Vier Augen besser als zwei.« Die beiden Männer hielten sich bei ihrem Streifzug nach Westen, um nach einiger Zeit, einen Bogen beschreibend, zum Lager zurückzukehren. Das Holz stand am Fuß der Hügelkette lichter und erlaubte ein ziemlich rüstiges Ausschreiten. Sie mochten ein paar Meilen gegangen sein, ohne irgendetwas Verdächtiges zu gewahren, als der Miami, während sie dem Lauf eines seichten Baches folgten, plötzlich zusammenzuckte und einen heiseren Überraschungsruf ausstieß. John stutzte, blieb gleichfalls stehen und faßte die Büchse fester. »Was gibt's, Falke?« flüsterte er. »Dort!« zischte der Indianer; seine Augen funkelten gleich denen eines auf Beute lauernden Panthers. John folgte dem weisenden Finger seines roten Gefährten mit dem Blick, sah aber nichts. »Was fällt dir auf?« flüsterte er. »Irokese hier!« zischte der Indianer. John erschrak und blickte sich unruhig um; er gewahrte noch immer nichts. »Komm«, raunte der Häuptling und watete durch den Bach. John folgte ihm. Drüben angekommen, wies Ni-kun-tha auf eine Stelle am Boden. John sah nichts. »Gras niedergetreten – hier – da – dort«, raunte der Miami. »Irokesenspäher kommen Bach herauf, gehen hier an Land.« John starrte auf das Gras; jetzt schien es ihm, als seien hier und da ein paar Hälmchen umgeknickt. Er hätte das nie gesehen, ohne ausdrücklich darauf hingewiesen zu werden. »Eben erst hier gewesen, Spur frisch«, flüsterte Ni-kun-tha. John, der selbst im Wald aufgewachsen war, ein vorzüglicher Jäger war und über scharfe Augen verfügte, bewunderte den Spürsinn des roten Mannes. Er hatte oft von der unwahrscheinlichen Fähigkeit der Indianer, Spuren zu lesen, gehört; jetzt zum ersten Male erhielt er eine unmittelbare Probe dieser Kunst. »Was beginnen wir?« raunte er. »Gehen nach. Töten ihn«, zischte Ni-kun-tha. »Sehr gefährlich!« Und mit unendlicher Vorsicht, dabei doch raschen Schrittes folgte er der nur seinem Auge wahrnehmbaren Spur, bis zu einer Stelle, wo das Gras spärlicher wuchs und wo nun auch John in dem weichen Boden den leichten Eindruck eines Fußes gewahrte. Plötzlich fiel irgendwoher ein Schuß; John hörte die Kugel dicht an seinem Ohr vorbeipfeifen; in knapp hundert Schritt Entfernung stieg Pulverdampf auf. Ni-kun-tha sprang, den Tomahawk aus dem Gürtel reißend, mit gellendem Schrei auf die Stelle zu, John folgte ihm, ohne zu zögern. Unmittelbar vor ihnen tauchte ein Indianer auf; er entfernte sich in eiliger Flucht, von John und dem Miami gefolgt. Plötzlich stolperte Ni-kun-tha und fiel. John erkannte zu spät, daß ein ihm geschickt zwischen die Beine geworfener Ast die Ursache dieses Stolperns war. Fast im gleichen Augenblick erhoben sich ringsum an die zwanzig wild bemalte Indianer; ebenso viele Gewehrläufe starrten den beiden entgegen. Ni-kun-tha sprang auf; sein Blick flog wie der eines gestellten Wildes in die Runde. Wohin er sah, standen Irokesenkrieger in Kriegsbemalung, die schußbereiten Büchsen erhoben. Der Häuptling ließ die eigene Büchse sinken und blieb hochaufgerichtet, in königlicher Haltung stehen. John stand schwer atmend neben ihm. Ein alter Indianer trat vor und redete Ni-kun-tha an: »Mein junger Bruder hatte es sehr eilig bei der Verfolgung eines meiner jungen Leute.« Ni-kun-tha antwortete nicht. Die anderen Indianer drängten jetzt näher; auf einen Wink des Alten wurden John und dem Miami die Waffen abgenommen. »Mein junger Bruder ist ein Shawano, der gleich einem Wolf in den Wäldern heult?« sagte der Irokese, wie Ni-kun-tha auf den ersten Blick gesehen hatte, ein Seneca-Häuptling. Ni-kun-thas Gesicht war hoheitsvoll verschlossen und erschien völlig ausdruckslos. Er antwortete immer noch nicht. »Der noch sehr junge Krieger schämt sich, seinen Namen zu nennen?« höhnte der Seneca. »Gewiß wurde er noch nie im Rat der Alten genannt; nur die jungen Squaws werden ihn kennen.« Ein finsteres Lächeln erschien auf dem Gesicht des jungen Häuptlings. Er hatte nicht alles, aber doch das Wesentliche verstanden. Jetzt antwortete er im Dialekt der Cayuga: »Die Seneca heulen vor Angst und verkriechen sich in den Wäldern, wenn sie meinen Namen hören. Ich bin Ni-kun-tha, der Miami, der Sohn Tana-ca-ris-sons.« Jähe Überraschungsrufe wurden laut; gleich darauf setzte wildes Geheul ein; wilder Haß sprühte in den Augen der Indianer. Nur der alte Häuptling ließ sich die innere Erregung nicht anmerken. »Oh«, sagte er nach einer kleinen Weile, »Ni-kun-tha, der Miami bist du, der aus dem Hinterhalt den großen Mona-ka-wache tötete.« »Er fiel von meiner Kugel; sechs Skalpe seiner Krieger sind in meiner Hand«, versetzte Ni-kun-tha hochmütig. Der Alte hatte Mühe, die Wut seiner Krieger zu zügeln, die Anstalten machten, auf den Miami einzudringen. »Gut«, sagte der alte Häuptling schließlich, »der Miami hat Mut. Er wird Gelegenheit haben, es zu beweisen.« Ein Wink seiner Hand, und beiden Gefangenen wurden die Arme mit dünnen Riemen auf dem Rücken zusammengeschnürt. Der Krieger, den Ni-kun-tha verfolgt hatte, trat an den Alten heran und flüsterte ihm etwas zu. Der befahl, den Miami fortzuführen und drohte jedem mit schwerster Strafe, der dem Gefangenen ein Leid zufügte. Darauf wandte der Häuptling sich John zu, der bleich, aber gefaßt und in aufrechter Haltung dastand. »Das Bleichgesicht ist ein Freund der Miami?« fragte er kurz. »Das bin ich«, antwortete John. »Gut. Der weiße Mann folgt dem Miami auf dem Kriegspfad?« Der Häuptling hatte John auf Englisch angesprochen, das er mit indianischem Akzent nahezu fehlerfrei sprach. »Nein«, antwortete der junge Burns. »Ich bin nicht auf dem Kriegspfad, sondern ziehe friedlich durch die Wälder, meiner Heimat zu.« »Sehr gut. Der weiße Mann ist kein Krieger?« »Nein.« »Aber er nimmt Irokesenskalpe, wo er sie findet.« »Kein weißer Mann nimmt Skalpe, Indianer«, versetzte John, »du weißt das sehr gut. Ich füge niemand ein Leid zu, es sei denn zur Verteidigung meines Lebens.« »Ich sehe, mein junger Bruder ist friedlichen Sinnes und wandelt nicht auf dem Kriegspfad. Er wird das den großen Häuptlingen sagen, und sie werden ihn mit seinen Begleitern nach seinem Wigwam ziehen lassen.« John atmete unwillkürlich auf. Er ahnte die Arglist des Indianers nicht, auch fiel ihm nicht auf, daß der Rote von seinen Begleitern sprach, von denen er eigentlich nichts wissen konnte. »Welchen Weg ging mein junger Bruder?« fragte der Indianer. Die Frage machte den Jüngling stutzig; mit Schrecken gedachte er seines Vaters. Besonnen antwortete er: »Wir sind vom Onondaga aus durch die Wälder gezogen und wollen zum Genesee, weil der Ontario in der Hand der Franzosen ist.« »Es ist gut, mein junger Freund spricht nur mit einer Zunge«, versetzte der Irokese. Er befahl, Johns Fesseln zu lösen, und fuhr fort: »Die anderen weißen Männer werden Sorge haben, wenn das junge Blaßgesicht nicht zurückkehrt. Will er ihnen nicht durch einen meiner Läufer Botschaft senden, daß sie bei den Irokesen willkommen sind?« Das war ein wenig plump gefragt. Fuchs! dachte John, der seine Erregung inzwischen einigermaßen niedergekämpft hatte. Mit einer Treuherzigkeit, die geeignet war, selbst den verschlagenen Alten zu täuschen, antwortete er: »Ich würde das dankbar annehmen, Häuptling, wüßte ich nur, wo sie zu finden sind. Mein roter Gefährte und ich waren einen vollen Tagesmarsch voraus, um die Sicherheit der Wälder zu erkunden. Denn da gegenwärtig Krieg herrscht, wollten wir, wie du dir leicht denken kannst, nicht gern mit Irokesen und Huronen zusammenstoßen.« »Gut«, versetzte der Indianer, »aber wie will mein junger Bruder seine Freunde wissen lassen, daß die Wälder sicher sind?« »Wir wollten zurückgehen und am Nordufer des Cayugasees mit ihnen zusammentreffen«, antwortete John schlagfertig. Er wußte, daß es hier irgendwo einen See dieses Namens gab, hatte allerdings von seiner Lage keine Ahnung. Er vermochte nicht zu erkennen, ob der Irokese ihm glaubte. Der antwortete nur: »Gut, meine jungen Leute werden nach ihnen suchen.« Mit unverkennbarer Drohung im Ton fuhr er fort: »Mein junger Freund versuche nicht zu fliehen. Er ist bewacht, und eine Kugel eilt schneller als sein Fuß.« Er rief einigen jungen Kriegern ein paar Worte zu, die daraufhin im Wald untertauchten, und winkte den übrigen zu gehen. Neben John gingen zwei schwerbewaffnete Indianer, die jede seiner Bewegungen belauerten. Aber der junge Mann dachte gar nicht an Flucht, wußte er doch, daß sie völlig aussichtslos war. Was ihn innerlich quälte, war eigentlich nur die Unruhe um seinen Vater. Der Marsch verlief schweigsam, nach etwa zwei Stunden erreichten sie ein Irokesenlager, das mehr als zweihundert Krieger vereinigte. John sah sich nach Ni-kun-tha um und fand ihn alsbald an einem Baum festgebunden. Er warf dem roten Freund einen schnellen Blick zu, den dieser wohl verstand, aber nicht erwiderte. Ni-kun-thas Gesicht war so hochmütig verschlossen, als sei er nicht ein gebundener Gefangener, sondern der oberste Häuptling der hier versammelten Indianer. Die Indianer lagerten an mehreren Feuern, über denen Fleischstücke brieten. Ungefähr in der Mitte des ziemlich regellosen Haufens saßen auf einer kleinen Lichtung mehrere ältere Männer, deren reicher Knochen- und Perlenschmuck auf hohen Häuptlingsrang schließen ließ. Zu ihnen begab sich der alte Irokese, der die beiden jungen Männer gefangengenommen hatte, und erstattete Bericht. Von John schien kein Mensch Notiz zu nehmen, doch der junge Weiße wußte sehr wohl, daß das eine Täuschung war, daß er unter ständiger Beobachtung stand. Er wollte auf den gebundenen Miamihäuptling zugehen und sah sich schon nach den ersten Schritten in dieser Richtung von einem Krieger zurückgehalten. Er ließ sich achselzuckend im Gras nieder. Übrigens schien man auch den gebundenen Ni-kun-tha kaum zu beachten. Nach kurzer Beratung gingen zwei Krieger auf den Baum zu, an dem der Miami stand, und schnitten ihn los. Zwei andere Krieger bedeuteten John, ihnen zu folgen; bald darauf standen beide Gefangene vor der Gruppe der alten Häuptlinge, um sie schloß sich ein Ring von waffenstarrenden Kriegern. Ein alter Häuptling mit narbenzerrissenem Gesicht richtete die Augen auf Ni-kun-tha, der in stolzer Haltung aufrecht vor ihm stand, und sagte: »Mein junger Bruder ist Ni-kun-tha, der Sohn Tana-ca-ris-sons, des obersten Sagamoren der Miami?« »Du weißt es, Häuptling«, antwortete Ni-kun-tha unbewegten Gesichts. »Die Miami sind bekannt dafür, große Worte zu machen«, sagte der Alte. »Der junge Häuptling hat Mona-ka-wache, den großen Kriegshäuptling der Seneca, getötet?« In Ni-kun-thas Augen blitzte es auf. »Ja, Seneca«, antwortete er, »im Angesicht von zweihundert seiner Krieger schoß ich ihn nieder.« Wutgeheul brandete auf. Der alte Häuptling aber wandte sich ruhig und gleichmütig John zu, der neben dem Miami stand. »Das junge Blaßgesicht hat die Waffen gegen meine Krieger erhoben«, sagte er. »Ich bin friedlich durch die Wälder gezogen und habe mich gewehrt, als ich angegriffen wurde«, entgegnete John. »Er hat am Canadaigafluß einen meiner Krieger erschlagen«, sagte der Seneca. Die Huronen, die im Auftrage Hothams der Besatzung der Molly folgten, hatten die Leiche des von John erschossenen Seneca gefunden und Johns Spur gemessen. Der junge Mann zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte er: »Der Mann griff mich verräterisch aus dem Hinterhalt an; meine Büchse war schneller als die seine.« »Der junge weiße Krieger ist tapfer, er sagt die Wahrheit; es ist gut«, versetzte der Häuptling. Er erhob sich mit schneller Bewegung und sprach mit weithin schallender Stimme: »Die Völker der Sechs Nationen bis auf die abgefallenen Hunde der Onondaga und Mohawk, sind weit verstreut in den Wäldern, um gegen die Yengeese und ihre Verbündeten zu kämpfen. Von Osten ziehen Krieger heran, andere ziehen nach Süden; wir stehen in der Mitte. Der Miami hat Mona-ka-wache, den großen Häuptling, getötet. Er stirbt am Marterpfahl. Er soll zu den Dörfern der Seneca geführt und gut bewacht werden, bis die Krieger, mit Skalpen beladen, zurückkehren. Alle sollen den Mörder Mona-ka-waches sterben sehen.« Dumpfes Beifallsgemurmel erhob sich rundum. »Das Blaßgesicht hier hat verräterischerweise einen Krieger getötet«, fuhr der Alte fort. »Auch er soll vor der großen Ratshütte am Pfahl sterben. Er soll ebenfalls zu den Dörfern gebracht werden. Ich habe gesprochen.« Es erhob sich kein Einwand, die Krieger gingen zu ihren Feuern zurück. John wurde gebunden und zusammen mit Ni-kun-tha zu dem Baum geführt, an dem der Miami bisher gefesselt gestanden hatte. Ni-kun-tha hatte den wesentlichen Inhalt der Rede des Alten verstanden, John dagegen nicht. Deshalb fragte er jetzt: »Was wird mit uns geschehen?« »Sie schicken uns zu den Dörfern der Seneca. Wir sollen dort später am Marterpfahl sterben«, antwortete Ni-kun-tha. John fuhr unwillkürlich zusammen. Der Miami sagte leise: »Mein Bruder fürchte nichts. Der Weg zu den Dörfern der Seneca ist lang. Wir stehen noch nicht am Marterpfahl.« »Aber mein Vater –«, flüsterte John. »Hoffen – ihn nicht finden. Haben Fährte gut versteckt in Wasser und auf Stein.« »Gott gebe es!« flüsterte John. Ein paar Krieger erschienen und brachten den Gefangenen zu essen. Sie lösten ihnen zu diesem Zweck die Fesseln. Ni-kun-tha aß mit augenscheinlichem Appetit; er würdigte die Irokesen rundum nicht eines Blickes. John dagegen mußte sich zum Essen zwingen. Nachdem sie ihre Mahlzeit beendet hatten, wurden beide Gefangene wieder gefesselt. Sechs Krieger nahmen sie in die Mitte. Unter den finster drohenden Blicken der umherstehenden Indianer traten sie den Marsch an, der nach dem Willen der Feinde ihr letzter sein sollte. In der Hand der Huronen Burns, Richard Waltham und Bob warteten mit dem Mann, der sich Way-te-ta nannte, vor dem Eingang der Höhle auf die Rückkehr der jungen Leute. Die Zeit verstrich, Stunden vergingen, und nichts rührte sich. Der Männer bemächtigte sich allmählich heftige Unruhe, die sich von Stunde zu Stunde steigerte. Vor allem Burns wurde von furchtbarer Sorge gequält. Bob suchte ihn zu trösten. »Der Falke ist ein geriebener Bursche«, sagte er, »und er ist ebenso tapfer wie klug. Sie werden schon wiederkommen. Wahrscheinlich sind sie irgendwo auf Irokesenspuren gestoßen und müssen einen weiten Umweg machen, um zurückzukommen. Ängstigt Euch nicht, sie werden nicht mehr lange auf sich warten lassen.« Doch die Stunden verrannen, und die Vermißten kamen nicht. Dem alten Burns sträubten sich bei dem Gedanken, John möchte in die Hände der Roten gefallen sein, die Haare auf dem Kopf. »Möcht Euch gerne helfen, Mr. Burns«, sagte Richard Waltham, »wüßt' ich mich nur besser im Wald zu bewegen.« »Bleibt um Gotteswillen hier«, sagte der Alte. »Wir wenigstens dürfen uns jetzt nicht mehr trennen.« Stunden der Unruhe und der Sorge vergingen, auch Bob wurde allgemach mißtrauisch. Der Irre, der während der meisten Zeit geschlafen hatte, erwachte eben und sah sich mit seinen scheuen Blicken um. »Wo Junge Tanne? Wo Cayugahäuptling?« fragte er. »Wollte, weiß Gott, wir wüßten's«, knurrte Bob, »lange genug sind sie weg.« Der blonde Fremde mit dem seltsamen Wesen sah den bärenstarken Riesen, der ihm von jeher zu gefallen schien, aufmerksam an. »Warum ist Bob traurig?« fragte er. Er lauschte dem Klang des Namens nach, den er eben ausgesprochen hatte. »Bob?« kicherte er, »Bob?« Er schüttelte den Kopf. »Grund genug, traurig zu sein«, knurrte der Bootsmann. »Ni-kun-tha und John sind in die Hände der Feinde gefallen.« Die Augen des Irren verdunkelten sich; ein Schimmer von Vernunft schien darin aufzuglimmen. Er sagte: »Warum gehst du nicht auf ihrer Spur und befreist sie? Oneidakrieger so tun.« »Spur!« keuchte Bob, »da könnte ich wahrscheinlich lange suchen. Ich bin kein Indianer.« »Way-te-ta Oneidakrieger!« versetzte der Mann. »Er wird Spur verfolgen und Junge Tanne finden. Nicht traurig sein, Bob.« Wieder war es, als horche er dem Klang des Namens nach, der irgendetwas in ihm zu wecken schien. »Bob?« wiederholte er abermals in fragendem Tonfall, »Bob, Bob?« Er schüttelte den Kopf, erhob sich und griff nach Bogen und Pfeilen, die neben ihm lagen. Danach ging er wiegenden Schrittes in den Wald. Bob wollte ihn erst zurückholen, und auch die anderen riefen hinter ihm her. Aber der Mann winkte nur mit der Hand und rief über die Schulter zurück: »Way-te-ta gleich wiederkommen.« Mit diesen Worten verschwand er zwischen den Büschen. Der sonderbare Mann schien in der Tat über die geschärften Sinne einer Rothaut zu verfügen; jedenfalls währte es nicht lange, da hatte er Johns Fußstapfen entdeckt, und zwar an einer Stelle, wo jener in einen kleinen Bach hinabgestiegen war. Während er sich niederbeugte, um die kaum noch erkennbare Fährte zu untersuchen, die nur dem schärfsten Indianerauge sichtbar war, trat aus den Büschen gegenüber ein Indianer hervor. Der Mann, ein Hurone, hatte Way-te-tas Tun schon seit längerer Zeit beobachtet, er kam jetzt auf ihn zu. Der vernahm einen leichten Schritt hinter sich und fuhr herum. Der Hurone lächelte, grüßte mit der Hand und fragte in der Sprache seines Volkes: »Was sucht mein Bruder?« In den Augen des Irren flackerte es. Er fragte unsicher: »Wer bist du?« Die Worte des Indianers hatte er wohl nicht verstanden; er sprach selbst englisch. Der Indianer mochte sich die sonderbare Gestalt des blonden Mannes nicht recht zu deuten wissen; er antwortete jetzt in gebrochenem Englisch: »Mein Freund ist ein Yengeese?« »Way-te-ta ist kein verdammter Yengeese, Way-te-ta ist ein Oneidakrieger«, versetzte der Irre. »Oh, Way-te-ta – Oneidakrieger! Gut! Mein Bruder ist auf der Spur eines Feindes?« »Auf der Spur von Freunden«, versetzte der andere. »Hast du sie nicht gesehen: Ni-kun-tha, den Cayagu und die Junge Tanne? Sie gingen heut morgen fort und kamen nicht zurück.« Der Indianer horchte auf. Und das nicht ohne Grund. Gehörte er doch zu jener Huronenschar, zu welcher Edmund Hotham zunächst gegangen war. Von den Huronen waren die befreundeten Seneca benachrichtigt worden, und da der Marschweg der Seneca das Gebiet früher berührte, das die Flüchtlinge von der Sloop notwendig passieren mußten, war Hotham an den Senecahäuptling O-kon-tha verwiesen worden. Der Hurone, dessen Trupp inzwischen Tuchfühlung mit den Seneca hatte, wußte, daß diese am Morgen dieses Tages den Miamihäuptling und einen jungen Weißen gefangen hatten. Nur diese beiden konnten das sonderbare Blaßgesicht, das sich für einen Oneidakrieger ausgab, meinen. Der Irre, in dem unklare Vorstellungen mit realen Eindrücken der jüngsten Vergangenheit durcheinanderliefen, sagte: »Starker Bob jetzt sehr traurig.« Sein Gesicht wurde wieder leer. »Bob?« sagte er, »Bob?« Ein unheimliches Lächeln verzerrte sein Gesicht; plötzlich begann er zu kichern, und er krähte: »Way-te-ta weiß jetzt, oh, Way-te-ta weiß: Ned! Bob! Ned! Bob und Ned!« Er fuchtelte mit den Armen; seine Augen glänzten wie im Fieber. Der aufmerksam lauschende und ihn unausgesetzt beobachtende Hurone begriff, daß mit dem Blaßgesicht nicht alles in Ordnung, daß sein Verstand verwirrt war. Er sagte in achtungsvollem Ton, einen Schritt zurücktretend: »Ich habe die Junge Tanne gesehen. Auch den roten Häuptling.« »He?« grinste Way-te-ta, »gesehen? Wo sind sie?« »Sie haben mich ausgesandt, ihren Freunden zu sagen, daß sie erst am Abend zurückkehren.« »Gut! Gut!« Der Irre begann kichernd herumzuhüpfen. »Wird den starken Bob freuen. Bob? Bob?« Er starrte den Indianer an. »Bob und Ned«, murmelte er, »Bob und Ned.« »Will mich mein Bruder zum Lager seiner Freunde geleiten, daß ich die Nachricht ausrichten kann?« sagte der Indianer. »Komm! Sehr gut! Komm!« antwortete Way-te-ta, »werden sich sehr freuen allesamt: Goldhaar, Bob und der alte Mann!« »So gehe mein Bruder voran!« Way-te-ta schlug den Weg zum Lager ein; der Hurone blieb ihm dicht an der Seite. Er hatte vorher ein Zeichen mit der Hand nach den Büschen im Hintergrund gegeben und wußte, daß seine Krieger ihm unhörbar folgten. Als sie auf etwa zweihundert Schritt dem Lager nahegekommen waren, wurden die Felsen erkennbar, in deren Schutz die Gefährten verweilten. »Dort am Quell, vor der Höhle!« Way-te-ta wies mit der Hand, und der Hurone nickte. Ein leiser Ruf brachte zwanzig bis an die Zähne bewaffnete Krieger an seine Seite. Er wußte, daß er dem Rest der kleinen Gesellschaft auf der Spur war, an deren Vernichtung dem jungen freigebigen Yengeese soviel gelegen war. Way-te-ta schien verblüfft und beunruhigt, als er die vielen Indianer so unvermutet neben sich auftauchen sah. »Alles Freunde!« beruhigte ihn sein Begleiter. Er gab einige halblaute Befehle, worauf die Krieger sich nach allen Seiten verstreuten, den Lagerplatz vor der Höhle in einem Halbkreis umstellend. An ein Entrinnen der auf solche Weise Eingeschlossenen war nicht mehr zu denken. Der Hurone ging mit dem blondhaarigen Blaßgesicht auf den Höhleneingang zu. Etwa hundert Schritte davor blieb er stehen und trat hinter einen Baum. »Mein Bruder gehe jetzt zu seinen Freunden und sage ihnen, An-da-wa, der Hurone, stehe mit zwanzig Kriegern hier. Er komme als Freund und wolle die weißen Männer zur Jungen Tanne führen. Hat mein Bruder verstanden?« »Way-te-ta hat verstanden«, sagte der Irre und schritt auf den Höhleneingang zu, vor dem Burns unruhig auf und ab ging, während die beiden anderen hinter ihm an der Erde hockten. Der alte Farmer sah kaum auf, als er den Kranken erblickte, indessen trat der dicht vor ihn hin und sagte: »Ein Hurone mit zwanzig Kriegern ist da. Er bringt Nachricht von der Jungen Tanne.« Bob und Richard Waltham sprangen bei diesen Worten auf, und Burns stieß unwillkürlich einen Schrei aus. Alle drei starrten den Wahnsinnigen an. »Was sagst du da?« keuchte Burns. »Hurone steht dort hinter dem Baum«; Way-te-ta wies mit der Hand hinter sich. »Die anderen sind da überall.« Er beschrieb einen Halbkreis. »Way-te-ta traf sie im Walde und brachte sie hierher. Sie wollen Euch zu Ni-kun-tha und der Jungen Tanne führen.« Alle drei atmeten schwer und starrten verständnislos auf den vor ihnen stehenden Mann. Sprach er die Wahrheit oder redete er irre? »Großer Gott, was ist das? Was sagst du da?« flüsterte Burns, dessen Gesicht fahl geworden war. »Geh nur hin«, versetzte der Irre, »der Hurone will dich sprechen.« Während sie, von der Nachricht überwältigt, nicht wußten, was sie tun sollten, ertönte vom Baum her die Stimme des Huronen: »Will einer der weißen Männer mit mir reden? Es ist nutzlos, zu kämpfen.« Der alte Farmer stieß einen keuchenden Laut aus und griff unwillkürlich nach der hinter ihm an der Felswand lehnenden Büchse. Richard Waltham war, hinter einen der Bäume an der Quelle tretend, schon dabei, sein Gewehr zu spannen. Bob, urplötzlich zur Erkenntnis der Lage gekommen, stieß einen grimmigen Fluch aus. Aber Burns hatte sich nun gefaßt. Er gebot den anderen, sich ruhig zu verhalten, und sagte mit leiser Stimme: »Ich will mit ihm reden. Ich fürchte, John befindet sich in der Hand der Wilden.« Er ließ die Büchse stehen und trat waffenlos ein paar Schritte vor. »Hier stehe ich, Hurone«, sagte er. »Komm hervor und sage, was du zu sagen hast.« Der Indianer trat augenblicklich hinter dem Baum hervor, lehnte die Büchse gegen den Stamm und kam waffenlos näher. »Was willst du, Indianer?« fragte Elias Burns. »Die Häuptlinge wollen die weißen Männer an ihrem Lagerfeuer sehen«, entgegnete der Hurone. »Ich bin ausgesandt, sie zu holen.« »Sage mir zuvor eines, Indianer«, stieß der Farmer heraus, »aber bei dem großen Geist, an den du glaubst, sprich die Wahrheit: Wo ist mein Sohn, der junge Weiße, den der Unglückliche da Junge Tanne nannte?« »Die Junge Tanne und der Miamihäuptling befinden sich im Lager der Seneca«, antwortete der Indianer ruhig, »die Seneca sind den Huronen befreundet und mit ihnen auf dem Kriegspfad.« »Oh, mein Gott!« stöhnte Burns leise; er zitterte unwillkürlich. »An-da-wa folgte ihren Spuren vom Irokesenlager rückwärts bis hierher«, fuhr der Hurone fort. »Wenn die weißen Männer mit uns gehen, werden sie ihre Freunde sehen. Huronen und Irokesen lagern nicht weit auseinander.« »Was geschieht, wenn wir freiwillig folgen?« fragte Burns, der allmählich mit wachsender Kaltblütigkeit auch seine Haltung zurückgewann. »Die Häuptlinge werden es sagen.« »Und wenn wir uns weigern?« »An-da-wa verfügt über zwanzig Krieger. Ihre Büchsen sind geladen. An-da-wa wird die Skalpe der Blaßgesichter ins Lager bringen; sein Auftrag wird auch so erfüllt sein.« »Hölle und Teufel!« knurrte der hinter Burns stehende Bootsmann. »Das ist offenbar eine verfluchte Geschichte. Hört zu, Master«, raunte er dann, »bin trotzdem fürs Kämpfen. Liefern wir uns den Bluthunden aus, werden sie uns ohnehin abschlachten. Man hat Beispiele. Möchte meine Haut nicht leichtfertig zu Markt tragen und schlimmstenfalls noch ein paar rote Halunken mit ins Jenseits nehmen.« Der Irre, der in offenbarer Ratlosigkeit bisher schweigend zugehört hatte, sagte jetzt, zu Burns gewandt: »Warum wollen die weißen Männer nicht mit den Huronen zur Jungen Tanne gehen? Die Huronen sind Freunde der Oneida.« »Treffliche Freunde, weiß Gott, die du uns da auf den Hals gehetzt hast!« keuchte Bob. Burns wandte sich um. In seinem kalkweißen Greisengesicht flammten die Augen dunkel. »Gibt der Mann uns die Versicherung, uns als Gefangene in sein Lager zu führen, so werde ich mitgehen«, sagte er. »Ich will meinen Jungen nicht im Stich lassen und schlimmstenfalls sein Schicksal teilen.« »Hol's der Teufel!« schimpfte Bob. »Aber wenn Ihr geht, geh ich natürlich auch. Oder hattet Ihr Euch eingebildet, ich ließe Euch allein? Wäre mir aber verdammt lieber, mit der Büchse in der Hand zu fallen, muß ich Euch sagen.« Der junge Waltham schaltete sich ein. »Was immer wir tun, wir müssen gemeinsam handeln und zusammenbleiben«, sagte er mit heiserer Stimme. »Ist Mr. Burns entschlossen, sich gefangen zu geben, teile auch ich sein Los.« Der Farmer rief zu dem Huronen hinüber: »Gibt der rote Mann sein Wort, uns unbehelligt zum Lager seiner Krieger zu geleiten, wenn wir waffenlos kommen?« »An-da-wa gibt sein Wort und schwört es bei Manitu«, sagte der Indianer, die Hand aufs Herz legend. »Er hat Auftrag, die Blaßgesichter nur zu bekämpfen, wenn sie Widerstand leisten.« »Laß mich erst mal deine zwanzig Krieger sehen, mein Junge«, schrie Bob, »damit ich mich ohne Schande ergeben kann.« Und leise zu den Gefährten gewandt: »Am Ende hat er nur ein halbes Dutzend Strolche bei sich. Das wär' dann eine andere Sache. Mit denen wollten wir schon fertig werden.« Der Hurone stieß einen scharfen Pfiff aus und bewegte die rechte Hand kreisend über dem Kopf. Seine sämtlichen Begleiter traten links und rechts aus den Büschen heraus. Als Bob die Zahl der grell bemalten Kerle überblickt hatte, schrie er: »Hol euch alle der Satan, rothäutige Schufte! – Nichts zu machen, Master. Sie hungern uns aus, wenn sie uns nicht vorher die Kehle abschneiden.« Und er warf seine Büchse weg, ihr einen greulichen Fluch nachsendend. »Gebt ihm Bescheid, Mr. Burns«, sagte Waltham, »Widerstand ist offensichtlich sinnlos.« Auch er legte die Büchse nieder und folgte mit Bob Green dem stumm voranschreitenden Farmer. Die Huronen schlossen, von allen Seiten herankommend, einen Kreis um die Gefangenen, einige von ihnen sammelten die herumliegenden Büchsen, Kugelbeutel und Pulverhörner auf. Andere zogen den Wehrlosen die Messer aus den Gürteln. »Es ist gut«, erklärte der Häuptling, »die Blaßgesichter werden sicher zu den Ratsfeuern der Huronen geleitet werden; An-da-wa bürgt, daß ihnen auf dem Weg kein Leid geschieht.« Er starrte den riesenhaften Bootsmann an, und seine Augen vergrößerten sich. »Ja, glotze nur!« knurrte Bob Green. »Legt nur eure Waffen ab, dann wollen wir mal sehen, was passiert. Ich will mein Leben lang Ontariowasser saufen, wenn ich nicht mit dem ganzen Gezücht fertig werde!« Der Häuptling rief zweien seiner Krieger eine kurze Bemerkung zu. Die Angerufenen kamen heran und schickten sich an, dem Bootsmann die Hände auf dem Rücken zusammenzubinden. Bob, wütend wie ein gereizter Stier, stieß sie mit einer einzigen Bewegung seiner Schultern beiseite, daß sie torkelten und stürzten. Im Augenblick wurden Büchsen gehoben und Messer gezückt, und hätte ein gellender Ruf des Häuptlings nicht Ruhe geboten, wäre es um Bobs Leben vermutlich geschehen gewesen. Auf einen zweiten Wink An-da-was stürzten sich sechs bis acht rote Krieger auf den ergrimmten Schiffer, und es begann ein gewaltiges Ringen. Die Indianer hatten offensichtlich Befehl, keine Waffen zu gebrauchen, sondern nur ihre Muskelkraft einzusetzen. Bob wehrte sich wie ein grollender Bär, den die Meute anfällt, aber obgleich er mehrmals die Angreifer abschüttelte und zu Boden warf, mußte er der Übermacht schließlich erliegen. Unter einem Dutzend Huronen brach er zusammen und mußte knirschend dulden, daß ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt wurden. Obgleich er übel genug mit ihnen umgesprungen war, warfen die Roten bewundernde Blicke auf den Riesen; seine gewaltige Körperkraft hatte ihnen augenscheinlich Eindruck gemacht. Der Häuptling lächelte. »Mein weißer Bruder ist sehr stark«, sagte er. »Es war geboten, ihn zu binden.« »Geh zum Henker, du Strolch!« tobte Bob Green, der noch immer schwer atmend am Boden lag. »Das ist gegen alles Völkerrecht. Nun, ich werd's euch schon noch eintränken, verlaßt euch darauf!« Zum großen Erstaunen der Indianer trat jetzt Way-te-ta mit wild flackernden Augen auf An-da-wa zu und schrie mit schriller Stimme: »Warum bindet ihr Bob? Bist du ein schleichender Shawano, daß du dich an einem Freunde vergreifst? Sofort binde ihn los, oder ich sage es Schu-wa-na, dem Häuptling, der dich strafen wird.« Höflich, unbewegten Gesichts entgegnete der Hurone: »Mein Bruder möge seinen Zorn begraben. Der Bär der Wälder ist sehr stark; seine Pranke könnte leicht meine jungen Leute verletzen, wenn er gereizt ist. Sie würden dann vielleicht zum Messer greifen, und das will ich nicht.« »Du hast gesagt, du seiest unser Freund, darum hat Way-te-ta dich hierhergeführt«, fuhr der Irre hartnäckig fort, »Way-te-ta sieht nun, daß du ein Feind bist.« »Way-te-ta wird bald erkennen, daß An-da-wa sein und aller Oneida Freund ist«, versetzte der Indianer unentwegt höflich; »er ist auch der Freund des starken Mannes, dem nichts geschehen wird.« Er wandte sich ab, gewillt, dem Gespräch ein Ende zu machen. Die Huronen hatten sich sämtliche Waffen der Weißen angeeignet, indessen war es dem Irren gelungen, heimlich ein Messer unter dem Hemd zu verbergen. Der Häuptling befahl den Aufbruch, und die Kolonne setzte sich in Bewegung. Burns und Richard Waltham waren, ebenso wie der Irre, nicht gebunden worden, doch hatte der Häuptling keinen Zweifel daran gelassen, daß jeder Fluchtversuch mit einer Kugel beantwortet würde. Sie marschierten zunächst zu dem Irokesenlager, in dem John und Ni-kun-tha geweilt hatten. Das Lager war mittlerweile geräumt, nur einige schwach glimmende Feuer zeigten an, daß unlängst erst rote Krieger hier verweilt hatten. Der Häuptling ordnete an, daß die Nacht in dem Lager verbracht werden sollte. Bob wurden für die Nachtruhe die Bande zwar gelockert, doch wurde er dafür mit einem langen Seil an einen Baum gebunden, was seinen Grimm nicht eben verminderte. Da das Seil lang genug war, streckte er sich gleichwohl zum Schlafen aus, und Way-te-ta legte sich neben ihn. Sir Richard und Burns, der wiederholt nach John gefragt und zur Antwort erhalten hatte, dieser befinde sich bei den Irokesen, die inzwischen weitergezogen seien, saßen noch lange wach neben einem der wieder entfachten Feuer und hielten leise Zwiesprache miteinander, bis auch ihnen schließlich vor Erschöpfung und Müdigkeit die Augen zufielen. Flucht ins Franzosenlager Schon bald nach Tagesanbruch wurde der Marsch in südwestlicher Richtung fortgesetzt. Bob Green, dessen hünenhafte Gestalt und gewaltige Kraft den Roten offenbar unauslöschlichen Eindruck gemacht hatte, wurde wieder gebunden. Der schwerfällig gebaute Mann, dem der an sich sehr anstrengende Marsch wegen seines Körpergewichtes besonders mühevoll wurde, machte seinem Zorn und seiner Erbitterung dann und wann in heftigen Verwünschungen Luft, die die Indianer nicht zu hören schienen. Burns und Richard Waltham gingen völlig unbelästigt nebeneinander. Sie dachten allerdings auch nicht an Flucht, die ja in jedem Falle ein von vornherein hoffnungsloses Unternehmen gewesen wäre. Way-te-ta, den man, seines Geisteszustandes wegen, mit einer fast an Ehrfurcht grenzenden Scheu behandelte, ging bald neben seinen weißen Gefährten, bald zwischen den Huronen. Doch tauchte er nach kurzer Zeit immer wieder neben dem gefesselten Bootsmann auf, ihn mit sonderbaren Blicken musternd, wobei seine Stirn sich jedesmal in Falten zusammenzog, als suche er verzweifelt, sich irgendetwas Verlorenes ins Gedächtnis zurückzurufen. Dann und wann zerrte er auch an den Riemen, mit denen der Riese gebunden war, um die einschneidende Fesselung etwas zu lockern. Bei solcher Gelegenheit hörte der Bootsmann ihn einmal flüstern: »Die Huronen sind Hunde. Way-te-ta wird ihre Skalpe nehmen!« Er war offensichtlich heftig erbittert, daß man Bob, dem er besonders zugetan war, gefesselt hatte. Indessen wußte er sich mit einer Klugheit zu verstellen, die man dem doch offensichtlich geistesgestörten Mann nie und nimmer zugetraut hätte. Der alte Farmer war äußerst niedergeschlagen. Zu der bohrenden Sorge um seine Tochter gesellte sich nun noch die um den Sohn. Was hatte er, der lange Jahre hindurch friedlich sein Land bebaut hatte, nicht in kurzer Zeit alles erlebt! In tiefstem Frieden hatte er seine Farm verlassen und war durch eine seltsame Verkettung von Umständen mitten in die Wildnis und in den blutigen Indianerkrieg geschleudert worden. Jetzt, als Gefangener blutgieriger Indianer, den Sohn in gleicher Lage wissend, begannen ihn Verzweiflung und Mutlosigkeit zu erfassen. Nur das im letzten unerschütterliche Gottvertrauen hielt den alten Puritaner noch aufrecht. »Ich weiß zwar nicht viel von indianischen Sitten«, sagte der neben ihm schreitende Waltham, »aber mich dünkt, wollten sie uns töten, so hätten sie es bereits getan.« Der Alte schüttelte den Kopf: »Der Wilde ist unberechenbar. Alles scheint bei ihm möglich. Das Beste für uns wäre gewiß, sie brächten uns in die Nähe regulärer französischer Truppen, die verbrecherischen Mord an wehrlosen Weißen ja wohl kaum dulden würden. Den tapferen Miamihäuptling werden wir freilich in jedem Fall verloren geben müssen, zumal er sich in Händen der Seneca befindet. Der Indianer, den er damals bei der Insel erschoß, war ein Senecahäuptling. Ich kann nur mit Schaudern daran denken, daß John zusammen mit ihm gefangengenommen wurde. Ich bin wahrhaftig kein Freund der Franzosen, aber jetzt wollte ich, ich bekäme so bald als möglich französische Uniformen zu sehen.« »Darin habt Ihr zweifellos recht. Auch ich bin überzeugt davon, daß sie uns ritterlich behandeln würden. Ja, ich möchte annehmen, daß ich bei ihnen auch Schutz gegen meinen sauberen Vetter und seine roten Mordgesellen finden würde.« Burns nickte düster vor sich hin. Waltham, dem plötzlich ein Gedanke kam, sagte: »Was meint Ihr, Mr. Burns, wenn ich den Indianern hier nun ein Lösegeld böte? Ich möchte annehmen, daß sie für Geld und Geschenke empfänglich sind.« »Das sind sie gewiß«, antwortete der Farmer, »nur fürchte ich, mit Versprechen, deren Erfüllung in weiter Ferne liegt, werden sie sich nicht abspeisen lassen. Und was könnt Ihr ihnen im Augenblick bieten?« »Ich will es jedenfalls versuchen«, versetzte der Baronet und, von einem jähen Hoffnungsgefühl befeuert, begab er sich zu dem den Zug anführenden Häuptling und sprach ihn an: »Auf ein Wort, Hurone, ich möchte dich etwas fragen: »Das Blaßgesicht mag sprechen, mein Ohr ist offen«, antwortete An-da-wa. »Kannst du mir sagen, was mit uns geschehen wird?« »Ich sagte es schon: Die Häuptlinge werden darüber bestimmen.« »Ich bin ein reicher Mann, Hurone« – ein Blick des Indianers streifte flüchtig seine verschmutzte und abgerissene Kleidung – »beurteile mich nicht danach, wie ich jetzt aussehe. Ich besitze viele steinerne Wigwams mit Pferden, Büchsen, wollenen Decken, mit Pulver, Silber und goldenen Armbändern. Ich will dem Volk der Huronen sehr reiche Geschenke geben, wenn sie mich frei in meine Heimat ziehen lassen.« Der Indianer lächelte: »Wo sind all diese Dinge? An-da-wa sieht sie nicht.« »Ich bin Pair von England, ein großer Häuptling in meinem Volk und wohne am Ontario. Ich gebe dem Häuptling das Wort eines Edelmannes, daß ich mein Versprechen halten werde.« Die Stimme des Häuptlings hatte einen Unterton leichten Spottes; er antwortete: »Der große weiße Häuptling mag sein Angebot am Ratsfeuer der Huronen wiederholen. Vielleicht findet er bei den weisen Männern seines Volkes Glauben.« »Ich werde mit den Häuptlingen reden«, sagte Waltham und ging zu Burns zurück. »Der brave Hurone scheint meinen Worten nicht zu trauen«, lächelte er, »freilich, ich sehe gegenwärtig nicht eben nach einem großen, begüterten Häuptling aus. Nun setze ich meine Hoffnung auf die Anständigkeit der französischen Offiziere, denen gegenüber ich mich leicht ausweisen kann.« »Ich fürchte, wir werden keinen französischen Offizier zu sehen bekommen«, versetzte Elias Burns müde. »Wenn die Huronen Böses im Schilde führen, werden sie uns sicherlich nicht in die Nähe französischer Truppen bringen.« »Wir müssen es abwarten«, sagte Richard Waltham. Der Irre hielt sich fast unausgesetzt neben dem riesigen Bootsmann, der fluchend und schimpfend durch den Wald torkelte und kaum noch seine massigen Glieder rühren konnte. In einem Augenblick, da gerade kein Hurone zu ihnen herübersah, flüsterte der merkwürdige Mann seinem ungeschlachten Begleiter zu: »Way-te-ta hat ein Messer. Wenn es dunkel ist, wird er deine Fesseln durchschneiden.« »Ich wollte, du tätest es gleich«, stöhnte Bob. »Geht nicht«, antwortete der Irre, »Huronen sehen, nehmen Way-te-ta Messer fort. Müssen Dunkelheit abwarten, Way-te-ta Oneidakrieger; die Huronen sind Hunde.« Er huschte kichernd davon und tauchte gleich darauf neben dem Huronenanführer auf. »Mein Bruder ist sehr weise«, sagte er; sein Gesicht verzerrte ein unheimliches Lächeln, »er ist ein großer Häuptling. Er weiß, was mit den Blaßgesichtern geschehen wird. Er weiß, ob man sie martern wird.« »Der Rat der Alten wird es beschließen«, entgegnete der Hurone höflich, aber unbewegt. »Gut«, kicherte der Irre. »Way-te-ta ist ein Oneidakrieger. Er sieht es gern, wenn Blaßgesichter am Marterpfahl stehen.« »Ist Way-te-ta nicht der Freund des starken Mannes?« fragte der Hurone lächelnd. »Bob? Meinst du Bob? Ja, Bob ist gut. Gab Way-te-ta zu essen, als er Hunger hatte.« Er kicherte wieder, es zuckte in seinem Gesicht, er dämpfte seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern: »Warum heißt der starke Mann Bob, Hurone? Der Häuptling ist klug und weise. Er weiß alles. Warum heißt der starke Mann Bob?« »Wie soll An-da-wa das wissen?«; der Häuptling lächelte unentwegt höflich. »Die Yengeese haben seltsame Namen.« »Ja, seltsam – seltsam –«; das Gesicht des blonden Mannes verfiel in Stumpfheit, wurde leer. Nach einer Weile sagte der Hurone: »Wie kommt der Oneida zu den Blaßgesichtern?« Der Irre kicherte: »Will es dir sagen, Hurone. Schu-wa-na, der große Häuptling, wollte Way-te-ta nicht auf den Kriegszug nehmen. Er befahl ihm, bei den Wigwams zu bleiben. Aber Way-te-ta ist ein Krieger. Er ging den anderen nach, als sie fort waren, und unterwegs traf er, als Hunger ihn quälte, die weißen Männer. Es sind Frenchers und Freunde der Oneida.« »So, du denkst, sie sind Frenchers? Ist Way-te-ta nicht auch ein Frencher?« »Way-te-ta Oneida. Aber die Frencher sind seine Freunde.« »Er wird heute noch viele von ihnen sehen.« Durch den verwirrten Geist des blonden Mannes zogen dann und wann klare Gedanken. Er sah, daß man den starken Bob, dem er eine herzliche Zuneigung entgegenbrachte, gefesselt hatte. Also waren die Huronen ihm Feind. Sie hatten ihn betrogen. Sein Sinnen und Trachten ging jetzt darauf, Bob zu den Franzosen zu bringen, sofern sie nicht auf den Oneidastamm träfen, dem er sich zugehörig fühlte. Er hatte die Huronen oft nach den Oneida gefragt, ohne Auskunft bekommen zu können. Im Laufe des Tages traf die kleine Huronenschar mit einer starken Schar Ottawakrieger zusammen, die gleichfalls nach Süden zogen. Führer der Ottawa war der nachmals weithin berühmte Häuptling Pontiac. Der Ottawa besprach sich kurz mit den Huronen, worauf die Neuankömmlinge ihre Marschrichtung änderten, während die Huronen den bisherigen Weg weiter verfolgten. Richard Waltham bemerkte, nachdem die Indianer unter Pontiac abgezogen waren, mit bitterem Lächeln: »Den Herren Franzosen scheint es gelungen zu sein, die ganze Indianerwelt in Aufruhr zu bringen. Woran erkanntet Ihr übrigens, Mr. Burns, daß es sich bei den Ankömmlingen um Ottawa handelte?« »An ihrer ganzen Ausrüstung, vor allem an den Mokassins. Ihr könnt alle größeren indianischen Völkerschaften an der Fußbekleidung erkennen, außerdem am Kopfschmuck und an der Art ihrer Kriegsbemalung. Ottawa-Indianer sind häufig in unserer Ansiedlung gewesen. Die meisten Ottawadörfer befinden sich zwar nördlich des Eriesees, einzelne Stämme leben aber auch diesseits des Niagara. Ich bin einigermaßen bestürzt, sie auf dem Kriegspfad zu sehen; ich hatte gehofft, sie wenigstens würden ruhig bleiben.« Einige Zeit später kam der Huronenhäuptling zu Burns heran und sagte: »Der weiße Mann hat die Ottawakrieger gesehen?« »Gewiß habe ich das.« Um die schmalen Lippen des Indianers zuckte es wie Hohn: »Die Ottawa haben viele Skalpe genommen. Kommen vom Genesee. Der alte Farmer hatte das Gefühl, zusammenbrechen zu müssen; er atmete keuchend, sein Gesicht wurde leichenhaft blaß. Also waren seine schlimmsten Befürchtungen eingetroffen: Der Wilde war in der Ansiedlung gewesen. »Mein Gott!« preßte er zwischen den Lippen hervor. Der Hurone, die tiefe Erschütterung bemerkend, die seine Mitteilung hervorgerufen hatte, fuhr mitleidslos fort: »Pontiac großer Krieger. Töten die Männer am Genesee, damit sie nicht in die Dörfer der Ottawa fallen, während er mit seinen jungen Leuten auf dem Kriegspfad ist.« »Es ist nicht möglich! Es ist doch nicht möglich!« flüsterte der Farmer. »Mein Gott, mein Kind, meine Mary! Es kann doch nicht sein. Wir haben stets friedlich neben den Ottawa gelebt.« Richard Waltham, neben dem Farmer gehend, biß sich die Lippen blutig; er hätte etwas darum gegeben, hätte er dem alten Mann einen Trost gewußt. Aber was sollte er sagen? Der Hurone war mit langen, federnden Schritten wieder schweigend nach vorn an die Spitze des kleinen Zuges gegangen. Bob, der etwas von dem Gesprochenen gehört haben mochte, kam heran. »Was gibt's, Master?« fragte er, »wie seht Ihr aus?« »Der Wilde war am Genesee!« stöhnte Elias Burns. »Hölle und Teufel!« knirschte der Bootsmann. »Aber es sind da doch Männer in der Ansiedlung«, fuhr er nach einer kurzen Pause dumpfen Schweigens fort, »sie werden Frauen und Kinder rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben.« »Vielleicht«, flüsterte Burns, »vielleicht. Hoffentlich!« – Er schwankte und torkelte wie ein angeschlagener Baum. »Sind in einer verteufelten Lage, Sir«, knurrte der Bootsmann. »Wollte nur, ich hätte die Hände frei. Bin verdammt in der Stimmung, mit dem Gesindel aufzuräumen. Aber ich hab's gleich gesagt: Hätten kämpfen sollen. Immer noch besser, von einer Kugel zu fallen, nachdem man ein halbes Dutzend solcher Bestien in die Hölle geschickt hat, als den Halunken zum blutigen Zeitvertreib zu dienen. Ausrotten müßte man die Pest! Die ganze Rasse sollte man nicht auf der Erde herumlaufen lassen, hab's immer gesagt. Nehm' eine einzige Rothaut aus; wißt schon, welche.« Er knurrte und schimpfte und grollte noch eine ganze Weile, um dann fortzufahren: »Sage Euch übrigens, Sir, wenn der Junge unseren John nicht heraushaut, hab' ich mich in ihm getäuscht; glaub's aber nicht.« »Ni-kun-tha hat sich als prachtvoller Bursche erwiesen, Bob«, versetzte der Farmer, »aber was soll er tun, wenn ihm wie jetzt Euch, die Hände gebunden sind?« »Meine werden irgendwann wieder frei sein, und sei's nur für einen Augenblick. Ich werde ihn nützen, sage ich Euch. Habe keine Lust, mich bei lebendigem Leibe braten zu lassen.« Es wurde mit kurzen Rastpausen fast ununterbrochen marschiert; die Gefangenen keuchten vor Anstrengung und vermochten ihre Glieder kaum weiterzuschleppen. Endlich nahte der Abend. Ein Läufer kam ihnen entgegen und führte die kleine Schar zu einem Lagerplatz, an dem an die fünfzig Huronen um flackernde Feuer versammelt waren. Überall brieten große Fleischstücke über den Feuern, und der Rumbecher kreiste. An-da-wa erstattete einem älteren Häuptling Bericht, der die Gefangenen nur eines flüchtigen Blickes würdigte; die Essenden und Trinkenden nahmen von ihnen überhaupt keine Notiz. Man wies den Weißen einen Platz unter einem breitästigen Baum an und gab ihnen zu essen. Bob wurden zu diesem Zweck die Handfesseln gelöst, dafür wurden vorher seine Füße zusammengebunden und mit einem langen Seil an dem Baum befestigt. Er machte übrigens keine Anstalten, seine Burns gegenüber geäußerte Drohung wahr zu machen; er war viel zu müde, zu erschöpft und zu hungrig. Er duldete auch, daß man ihm die Handgelenke nachher wieder zusammenband. Alle streckten sich nach dem Essen seufzend im Grase aus. Um sie her tobte ein wildes Gelage. Ihre roten Begleiter hatten sich gleich hungrigen Wölfen über die Mahlzeit gestürzt und außerdem manchen Becher Rum geleert. Trotz ihrer ausgelassenen Fröhlichkeit hatten die Huronen freilich nicht versäumt, den Gefangenen unter dem Baum einen Wächter zuzugesellen, einen älteren Krieger mit wildem, narbenzerrissenen Gesicht und tückischen Augen. Aber auch dieser Mann hatte vorher dem Feuerwasser schon ziemlich heftig zugesprochen; er war keineswegs mehr nüchtern. Nach einiger Zeit erst fiel den Männern unter dem Baum auf, daß der Irre nicht bei ihnen, auch sonst nirgends zu erblicken war. »Als wir hier ankamen, war er noch da«, sagte Richard Waltham. »Die Roten lassen ihn frei herumgehen, weil Leute mit verwirrtem Verstand ihnen einen sonderbaren Respekt abnötigen; sie halten ihn wohl auch für ganz und gar ungefährlich«, meinte Burns. »Wenn ich nur wüßte, wo ich das Gesicht schon gesehen habe«, brummte der Bootsmann, »es kommt mir auf eine merkwürdige Weise bekannt vor. Ich zerbreche mir schon fortgesetzt den Kopf deswegen, aber es will mir nichts einfallen. Nun, hoffentlich ist ihm nichts geschehen. Diese roten Barbaren sind in betrunkenem Zustand mit dem Tomahawk leicht bei der Hand. Wenn ich mich nur ein bißchen kräftiger fühlte und die Hände frei hätte, ich wollte sie dutzendweise mit den Köpfen zusammenschlagen.« Way-te-ta blieb verschwunden. Den Huronen schien das weiter keine Sorge zu machen. Obgleich es an den Lagerfeuern ringsum noch lange lärmte, fielen die Erschöpften schließlich in Schlaf. Allgemach ließ das wilde Getobe dann nach; die meisten Huronen lagen, vom Rausch geschlagen, in halber Bewußtlosigkeit, und auch die nicht ganz Betrunkenen wurden schließlich müde und schliefen an den niederbrennenden Feuern ein. Die ganze Bande befand sich in einem Zustand, der sie leicht zur Beute eines entschlossenen Feindes gemacht hätte. Es war kurz vor Mitternacht, als Way-te-ta aus dem dunklen Walde heraustrat und zwischen den niedergebrannten Feuern und den umherliegenden Indianern auf den Baum zugeschritten kam, unter dem die schlafenden Weißen lagen. Hier und da hob ein verschlafener Hurone den Kopf, öffnete die Augen und starrte herüber, sank aber gleich wieder zusammen. Way-te-ta legte sich dicht neben Bob Green auf den Boden. Der wachende Krieger sah ihn an, ließ ihn aber ruhig gewähren, nachdem er erkannt hatte, um wen es sich handelte. Auch er kämpfte schwer mit dem Schlaf. Bobs Hände waren vorn zusammengeschnürt, außerdem hatte man den Riesen mit einem Seil, dessen Länge das Ausstrecken gestattete, an den Baumstamm gebunden. Way-te-ta wälzte sich dicht an ihn heran und stellte sich schlafend. Erst nach einer ganzen Weile berührte er sacht Bobs Schulter und weckte ihn auf. Kaum regte sich der Riese, als der Irre ihm zuflüsterte: »Ganz still sein. Gefahr!« Im Augenblick war der Bootsmann munter. »Stell dich schlafend, Bob«, raunte Way-te-ta, »ich schneide die Riemen durch. Wir müssen fort.« »Fort? Wohin?« flüsterte der Riese zurück. »Zu den Frenchers. Sind nicht weit von hier. Keine Meile. Way-te-ta hat ihr Lager gefunden.« Bob hatte Mühe, einen Schrei zu unterdrücken. Redete der Mann irre? Sprach er die Wahrheit? Hauptsache, er schneidet erst einmal meine Fesseln durch, dachte Bob. Das war schon Sekunden später geschehen. Klugerweise hielt der Bootsmann die entfesselten Arme einstweilen in der gleichen Lage; auch die durchschnittenen Riemen ließ er scheinbar unberührt liegen. Leise stieß er den neben ihm schlafenden Farmer an, weckte ihn und flüsterte ihm zu, was Way-te-ta gesagt hatte. »Müssen's versuchen, Bob«, flüsterte Burns zurück. »Spricht der arme Kerl die Wahrheit, kann's unsere Rettung sein.« Er weckte seinerseits Richard Waltham, der sofort begriff und auch entschlossen war, die Flucht zu wagen. Sie blickten sich vorsichtig um. Die Feuer waren nahezu erloschen, und die Indianer schliefen, anscheinend auch der Mann, dessen Aufgabe es war, sie zu bewachen. Sie lagen am Rande des Lagers unter einer starken Eiche; ein paar Sprünge genügten, um hinter den Büschen unterzutauchen. Aber was dann? War der doch offensichtlich geistesgestörte Mann wirklich in der Lage, sie zu den Franzosen zu geleiten? Würden sie nicht nur in eine andere Falle laufen? Way-te-ta lag ganz ruhig, aber seine Augen funkelten und huschten durch das in nächtlichem Schweigen liegende Lager. Nach einem Weilchen wandte er sich dem Bootsmann zu und zischte: »Jetzt Zeit, Bob. Erst Blondhaar hinter Baum, dann alter Mann! Du neben roten Krieger legen. Wenn er erwacht, Mund halten! Oder töten!« Mit der Geräuschlosigkeit und Geschmeidigkeit einer Katze erhob sich der Irre. Bob brachte sich in eine sitzende Stellung, die Augen auf den neben ihm liegenden Indianerkrieger gerichtet. Aber der Mann schien tatsächlich zu schlafen; er regte sich nicht. Mit aller erdenklichen Vorsicht erhob der Bootsmann sich auf die Knie und richtete sich dann zu seiner ganzen stattlichen Größe auf. Die anderen waren bereits im Baumschatten untergetaucht. Der Krieger regte sich nicht. Da trat auch Bob hinter den Baumstamm. »Hinter mir gehen«, flüsterte Way-te-ta. »Müssen durch den Bach.« Ein langer Sprung brachte den schwerfälligen Bootsmann hinter die Büsche, wo die anderen schon schweratmend warteten. Von Way-te-ta geführt, tappten sie durch die Dunkelheit und fühlten plötzlich das weiche Bett eines seichten Baches unter den Füßen. Es war schon dunkel hier, daß nur das ihre Füße umplätschernde Wasser ihnen die Richtung angab. Der Irre schien im Dunkeln sehen zu können, so unbeirrt sicher ging er seinen Weg. Die Zweige über ihnen rauschten im Nachtwind; sie sprachen kein Wort, ja, sie mühten sich noch, den Atem zurückzuhalten. Jeden Augenblick fürchteten sie, den Alarmruf der Indianer zu vernehmen. Aber nichts unterbrach die Stille. Es war ein düsterer und unebener Weg, den sie mehr hinabtasteten als gingen. Sie kamen nur sehr langsam vorwärts, da sich ihnen fortgesetzt unsichtbare Hindernisse entgegenstellten. Dann wurde es allmählich lichter, sie erblickten den Sternenhimmel über sich und vor sich eine von Büschen durchsetzte Grasebene. Und nun sahen sie – sie hätten schreien mögen – auch die Wachfeuer der Franzosen. »Dort Frenchers, Bob«, flüsterte Way-te-ta, zu den Feuern hinüber deutend. »Dort Skalp sicher. Way-te-ta Oneidakrieger. Sehr schlau!« »Wahrhaftig, mein Junge, das soll wahr sein«, knurrte Bob und drückte dem blonden Manne die Hand, als wolle er sie zerbrechen. Der Irre kicherte: »Huronen Hunde! Nur Oneida sind Krieger! Die Schakale sollen Bobs Skalp nicht haben. Bob – Bob – Bob?« Das Wort hing wie eine Frage in der Luft. Durch eine Art von Büschen gesäumten Hohlweges schritten sie den französischen Wachfeuern entgegen. Sie mochten kaum hundert Schritte gegangen sein, als eine scharfe Stimme sie anrief, während gleichzeitig ein Gewehrhahn knackte: »Qui vive?« »Freunde!« antwortete Richard Waltham in geläufigem Französisch. »Wir suchen den Schutz der französischen Armee.« Der Soldat stieß einen Ruf aus, der von rückwärts und von beiden Seiten erwidert wurde. »Attention!« rief er gleich darauf den Ankömmlingen zu. Sechs Männer mit Kienfackeln in den Händen kamen heran, unter ihnen ein Sergeant. Das Licht der Fackeln beleuchtete die abgerissenen und verdreckten Gestalten der Flüchtlinge; der Sergeant musterte sie mit offensichtlichem Mißtrauen. »Wer seid ihr? Was wollt ihr?« fragte er schließlich. »Wir waren in die Hände von Huronen gefallen und sind ihrem Lager soeben entflohen, Monsieur«, antwortete Waltham, ohne zu zögern. »Wir stellen uns unter das Völkerrecht und erbitten den Schutz der französischen Truppen.« Der Sergeant, auf solche Weise in tadellosem Französisch angeredet, schien eine etwas bessere Meinung zu fassen; er sagte weniger barsch: »Ihr seid Engländer?« »Jawohl, Monsieur, wir sind Untertanen der englischen Kolonie.« »So muß ich euch gefangennehmen, Messieurs!« »Wir fügen uns selbstverständlich und erwarteten nichts anderes.« »Gut. Dann kommt mit.« Der Sergeant ging voran, die mit ihm gekommenen Soldaten nahmen die Flüchtlinge in die Mitte; gemeinsam schritten sie dem Lager entgegen. An niedergebrannten Wachfeuern schliefen rundum französische Liniensoldaten. Der Sergeant ließ die Gruppe bei einem der Feuer halten und begab sich zu einem Zelt, um dem Offizier vom Dienst Bericht zu erstatten. Er kehrte bald darauf mit einem jungen, gut aussehenden Leutnant zurück. Der Offizier schien zunächst nicht weniger mißtrauisch als sein Sergeant; er betrachtete die verwilderten Gestalten mit abschätzigen Blicken, besonders den phantastisch aufgeputzten Irren, in dessen Augen es unstet flackerte. Er wandte sich dann dem jungen Waltham zu, dessen Haltung und Gesichtszüge ihm das meiste Vertrauen einflößen mochten. In kurzen Worten fragte er nach dem Woher und Wohin. »Der Krieg hat uns überrascht, Herr Leutnant«, antwortete Waltham auf Französisch; »er hat uns ohne unser Zutun in die Wälder getrieben. Wir mußten diesen Weg nehmen, da der Ontario, an dem wir wohnen, von Ihren Kriegsschiffen beherrscht wurde. Wir sind einer Abteilung der Ihnen verbündeten Huronen in die Hände gefallen und wurden in das etwa eine Meile von hier befindliche Indianerlager gebracht. Wir hatten in der Gewalt dieser Leute Grund, für unser Leben zu fürchten; deshalb benutzten wir eine günstige Gelegenheit, um zu fliehen und uns unter den Schutz der französischen Flagge zu begeben. Sie sehen friedliche Leute vor sich, die der Krieg unversehens unterwegs überraschte. Dies ist Monsieur Burns, ein Pflanzer vom Genesee, dies Monsieur Green, ein Bootsmann vom Ontario; jener Mann dort ist ein armer Geisteskranker, von dessen Herkunft wir nichts wissen; er schloß sich uns unterwegs an. Ich selbst bin Lord Somerset, Pair von England.« »Wie beliebt?« fuhr der Offizier auf und starrte den Sprechenden an. »Wer sind Sie?« »Lord Somerset, Monsieur. Bis vor wenigen Tagen noch Sir Richard Waltham.« »Sonderbar! So hätten wir zwei Lord Somersets im Lager? Die Familie scheint weit verbreitet zu sein.« Aus den Worten des Offiziers klang leichter Spott. »Es gibt selbstverständlich nur einen Pair dieses Namens«, antwortete Waltham ruhig, »aber ich entnehme Ihren Worten, daß mein Vetter Sir Edmund Hotham in Ihrem Lager weilt. Er hat keinen Anspruch auf den Titel, der ihm nur für den Fall meines Todes zugefallen wäre. Das alles wird sich herausstellen. Übrigens können Ihnen die beiden Männer hier« – er wies auf Burns und Bob Green – »in dieser Beziehung schon einige Auskunft geben.« Waltham hatte das alles mit so ruhiger und dabei selbstbewußter Würde vorgebracht, daß seine Worte ihren Eindruck auf den jungen Franzosen nicht verfehlten. »Eine erstaunliche Sache«, sagte der Leutnant jetzt. Er überflog die Gesichter der Männer; sie schienen ihm keinen schlechten Eindruck zu machen. Mit einem leichten Lächeln im Gesicht und in verbindlichem Ton sagte er: »Ich denke, wir werden das bald klären können. Bitte veranlassen Sie Ihre Begleiter, sich hier niederzulassen, und begleiten Sie mich in mein Zelt. Ich möchte die Geschichte der beiden Lords gern etwas näher untersuchen.« Während Burns, Bob Green und der Irre sich am Feuer niederließen, folgte Waltham dem Leutnant in das Zelt. Der Franzose bat ihn sehr höflich, Platz zu nehmen und stellte sich vor: »Marquis de Brissac, Leutnant im 26. Linienregiment. – Bitte, Monsieur, erzählen Sie jetzt«, sagte er dann. Sir Richard berichtete eingehend und ausführlich über seine Erlebnisse. Der Marquis hörte ihm mit steigender Verwunderung zu. »Und so habe ich denn erst vor zwei Tagen von dem plötzlichen Tode meines Oheims erfahren«, schloß Waltham seinen Bericht. »Der Tod steht leider unumstößlich fest; wie Sie hörten, war der Bootsmann Robert Green persönlich zugegen. Damit aber ist mir nach englischen Erbrecht der Titel zugefallen.« Brissac reichte ihm die Hand und entgegnete: »Sie haben mich völlig überzeugt, Mylord. Übrigens fühle ich mich nur bestätigt. Ich bin ein heimliches Mißtrauen gegen Ihren Herrn Vetter nie los geworden. Sobald der Oberst zu sprechen ist, werde ich ihm Mitteilung machen. Einstweilen betrachten Sie sich bitte als mein Gast. Übrigens« – er lächelte leicht – »wenn es Ihnen recht ist, möchte ich mir mit den bescheidenen mir hier im Feldlager zur Verfügung stehenden Mitteln erlauben, Ihr Äußeres ein wenig aufzufrischen. Mein Diener wird ihnen behilflich sein.« »Sie verpflichten mich zu Dank, Marquis«, lächelte Waltham, »ich hätte nichts dagegen, mich ein wenig zu zivilisieren.« Der von Brissac herbeigerufene Diener führte ihn gleich darauf in ein Verbindungszelt und verschaffte ihm Gelegenheit, sich gründlich zu säubern und zu rasieren. Er reichte ihm dann frische Wäsche und einen derben, der Wildnis angepaßten, aber geschmackvoll geschnittenen Jagdanzug seines Herrn. Der junge Lord kam sich, umgekleidet und erfrischt, wie neu geboren vor. Mittlerweile war es Tag geworden. Richard trat aufatmend in die frische Morgenluft hinaus. Der Marquis kam eben von einer Runde zurück und begrüßte ihn freundschaftlich. »Man sieht wieder einmal: Kleider machen Leute, Mylord«, lachte er. »Ja«, entgegnete Waltham ebenfalls lachend, »ich habe wahrscheinlich einem Straßenräuber ähnlicher als einem Pair von England gesehen. Aber meine Kleidung war auf Waldmärsche und Nachtlager nicht eingerichtet.« »Wir werden nun wahrscheinlich noch einen kleinen Nebenkrieg mit den Huronen ausfechten müssen«, sagte der Leutnant; »sie werden natürlich verlangen, daß wir Sie ihnen wieder ausliefern. Ich muß persönlich sagen, ich bin ein entschiedener Gegner solch zweifelhafter Bundesgenossenschaften, seit ich die roten Herrschaften am Werk gesehen habe; meinem Colonel geht es übrigens nicht anders. Aber wir können die Indianer nicht entbehren und müssen wohl oder übel Rücksicht auf sie nehmen.« »Halten Sie es ernsthaft für möglich, daß man uns wieder ausliefert?« »Nein«, entgegnete der Marquis, »Oberst Clermont ist ein vollkommener Ehrenmann, ich bin sicher, er wird Mittel und Wege finden, es zu verhindern.« Richard Waltham atmete auf. Der junge Offizier lud ihn in sein Zelt, und die Ordonnanz servierte beiden die Morgensuppe, der sie mit Appetit zusprachen. Die Sonne stand bereits am Himmel, und das Lager erwachte allmählich zum Leben. Nach kurzer Zeit wurde Reveille geblasen. Gleich darauf entfaltete sich zwischen den Zelten und Feuern ein bunter und reger militärischer Betrieb. Leutnant de Brissac hatte allen Posten den Befehl zukommen lassen, Indianer, die den Oberst zu sprechen wünschten, zurückzuhalten, bis er als Wachoffizier Erlaubnis zum Eintritt ins Lager erteile. Es lag ihm daran, den Oberst zu unterrichten, bevor die Huronen Gelegenheit hatten, ihm ihre Wünsche vorzutragen. Während er dann zum Zelt des Kommandeurs ging, begab sich Richard zu dem Feuer, an dem seine Gefährten lagerten, die inzwischen durch Signalhörner und Trommeln geweckt worden waren. Sie starrten den äußerlich sehr verwandelten jungen Mann überrascht an, waren aber glücklich, als sie seinen Bericht vernahmen. »Die Musjöhs werden uns doch nicht etwa den roten Bestien ausliefern?« sagte Bob, der nicht viel von den Franzosen hielt. »Ich glaube es nicht«, antwortete Waltham. »Na, eines ist sicher: Lebendig kriegen sie mich nicht«, versetzte der Bootsmann. »In diesem Fall komme mein Blut dann über die Franzosen.« Sie sprachen noch eine Weile miteinander, als eine Ordonnanz erschien und erklärte, der Herr Oberst bitte den Comte de Somerset, ihn in seinem Zelt aufzusuchen. Richard erhob sich und folgte dem Soldaten. In dem geschmackvoll ausgestatteten Kommandeurszelt sah er sich gleich darauf einem älteren, wie es schien, etwas bärbeißigen Offizier gegenüber. Die hellen, klugen Augen des Mannes verrieten indessen zupackende Ehrlichkeit. Er musterte den jungen Mann mit einem scharfen, durchdringenden Blick. »Sind ja tolle Geschichten, Monsieur, die der Leutnant mir da erzählt«, polterte er los, »verwünschte Geschichten! Sie haben gehört, daß hier noch so ein Grünschnabel herumläuft und Ihren Namen spazierenträgt.« Er schnaufte etwas und zerrte an seinem Schnauzbart herum. »Kann nicht sagen, daß der Mann mir gefällt«, fuhr er gleich darauf fort. »Ist uns sozusagen vom Himmel zugefallen, und ich betrachte ihn mir schon einige Zeit mit Mißtrauen. Na, nun erzählen Sie mal!« Er stellte, Richards Bericht häufig unterbrechend, kurze, zupackende Fragen über Herkunft, Familienverhältnisse und über die Vorgänge der letzten Zeit. Richard Waltham gab ruhige und höfliche Antwort, ohne sich irgendwie in Widersprüche zu verwickeln. »Hm, merkwürdige Geschichte das!« knurrte der Oberst. »Hören Sie, Brissac, wollen den Cujon doch mal herholen lassen, ehe er erfährt, daß sein Vetter im Lager ist. Schicken Sie eine Ordonnanz nach ihm.« Der Leutnant entfernte sich, und der Oberst ersuchte Richard, hinter einen Vorhang zu treten. Nicht lange danach betrat Edmund Hotham, von Leutnant de Brissac gefolgt, das Zelt. Der junge Herr mochte einigermaßen erstaunt sein, zu so früher Stunde vor den Kommandeur befohlen zu werden; er ließ sich indessen nichts anmerken, sondern begrüßte den Oberst mit geschmeidiger Höflichkeit. »Hören Sie, Monsieur«, sagte der Kommandeur, »da ist uns ein Engländer eingeliefert worden, der Sie gestern abend flüchtig gesehen hat und der beim Verhör aussagte, Ihr seiet gar nicht Lord Somerset, sondern ein Monsieur de Hotham. Was sagen Sie dazu? Wir haben alle Ursache, Fremden gegenüber mißtrauisch zu sein, insbesondere, wenn sie so überraschend und unvorbereitet bei uns auftauchen wie Sie.« »Mein Name ist Sir Edmund Hotham, Colonel«, antwortete der Befragte sichtlich beunruhigt – wer hatte ihn gesehen? – »indessen ist vor einigen Tagen mein Oheim, Lord Somerset gestorben. Damit ist mir nach englischem Erbrecht der Titel zugefallen, und ich nenne mich seitdem absolut zu Recht Lord Somerset.« »Schön«, entgegnete der Oberst, »der betreffende Mann sagte aber nun weiter, eben nach diesem englischen Erbrecht sei der Titel nicht an Sie, sondern an Ihren Vetter gefallen. Wie steht es damit?« Hotham wußte nicht, was er aus diesen Äußerungen machen sollte, er wurde unter den scharf zupackenden Blicken der Offiziere, deren innere Abneigung er spürte, immer unsicherer. Er vermochte das Unstete in seinen Augen nicht ganz zu verbergen, dennoch erwiderte er, alle Kraft zusammennehmend, so ruhig er konnte: »Auch das wäre richtig, wenn mein Vetter Richard Waltham noch lebte, Colonel. Der Mann, der zu Ihnen davon sprach, dürfte nicht gewußt haben, daß Sir Richard im vergangenen Herbst den Tod auf dem Ontario fand; er ging mit dem DUKE OF RICHMOND unter. Wir trauern noch immer um ihn.« Das nun war mehr, als der junge Mann hinter dem Vorhang ruhigen Blutes anzuhören vermochte; er trat hervor und rief dem schreckensbleich Zurücktaumelnden zu: »So, du trauerst um mich, Edmund Hotham? Du Meuchelmörder! Weiß Gott, deine Spießgesellen bei den Tausend Inseln sind Engel gegen dich!« Die Wirkung dieser in bebendem Zorn herausgestoßenen Worte kam der eines Blitzschlages gleich. An allen Gliedern zitternd, mit aschfahlem Gesicht stand der Überführte da, den so plötzlich vor ihm Aufgetauchten wie eine Erscheinung anstarrend. Der Hut entglitt seiner Hand und fiel zu Boden. Die beiden Offiziere, des Englischen mächtig, hatten genug gesehen und gehört. Der Anblick der beiden Gesichter hätte auch einem Uneingeweihten genügt, um Verbrecher und Opfer unzweideutig zu erkennen. Das Gesicht des Obersten war dunkelrot angelaufen; seine hellen Augen schleuderten Blitze. Mit zornbebender Stimme, in der Ekel und Verachtung mitklangen, sagte er: »Monsieur de Hotham, ich habe genug gesehen und gehört. Ich bedarf Ihrer nicht mehr. Betrachten Sie sich als gefangen. Jeder Ihrer Schritte wird von dieser Minute an bewacht werden. Zur gegebenen Zeit werde ich Sie den englischen Behörden übergeben. Verbrecher finden bei mir keine Zufluchtstätte. Merken Sie sich eins: Trifft Ihren Vetter, Lord Somerset, durch Ihre indianischen Freunde ein Unglück, ist Ihr Leben verwirkt. Unser Profos macht mit Mördern ebenso wenig Umstände wie mit Spionen. Adieu!« Vernichtet, an allen Gliedern schlotternd, wankte Hotham aus dem Zelt. Auf Brissacs Wink folgte ihm eine Ordonnanz. »Pfui Teufel, was für ein Cochon!« knurrte der Oberst, und, sich an Richard Waltham wendend: »Ich muß Sie, Mylord, und Ihre Begleiter einstweilen hierbehalten, bis ich dem General Bericht erstattet habe; ich denke, daß wir ihn morgen erreichen. Dann werden sich wohl Mittel und Wege finden, Sie zu den Ihren zurückzugeleiten. Einstweilen betrachten Sie sich als meine Gäste. Sie, Mylord, darf ich bitten, an meiner Tafel zu speisen.« Richard Waltham verbeugte sich eben dankend, als eine Ordonnanz eintrat und dem Leutnant leise eine Meldung erstattete. »Was gibt's?« fragte der Oberst. »Mehrere Huronen sind bei den Außenwachen und wünschen Herrn Oberst zu sprechen.« Das Gesicht des Kommandeurs verzog sich zu einem sarkastischen Lächeln. »Aha, jetzt kommt's«, sagte er, »na, das wollen wir gleich erledigen. Lassen Sie die ehrenwerten Krieger kommen, Leutnant, und möglichst auch gleich ein paar Flaschen Rum herbeischaffen.« »Warten Sie bitte hier, Mylord«, sagte der Oberst, nachdem die Ordonnanz gegangen war, und verließ, von Brissac gefolgt, gleichfalls das Zelt. Draußen ließ er sich auf einem bereitgestellten Stuhl nieder und sah den drei Huronen entgegen, die durch die Lagergasse auf ihn zukamen. An-da-wa, ein älterer Häuptling und ein jüngerer, ebenfalls mit den Häuptlingsfedern geschmückter Krieger, verneigten sich leicht vor dem Befehlshaber ihrer weißen Bundesgenossen. »Willkommen, große Häuptlinge«, sagte der Oberst, augenscheinlich gut gelaunt, »erlaubt, daß ich euch auf meine Art begrüße.« Auf einen Wink wurde ihm ein großer, mit Rum gefüllter Becher gereicht. Der Oberst nippte daran und reichte ihn dem älteren Häuptling, der einen tiefen Zug nahm und den Becher weitergab. Es war dies Oberst Clermonts übliche Art, mit Indianern umzugehen; er nannte den Rumbecher seine Friedenspfeife. »Also, würdiger Häuptling, sage mir nun, was du auf dem Herzen hast« sagte Clermont. Der Alte antwortete in erträglichem Französisch: »In deinem Lager weilen Gefangene, die uns gehören. Ich bitte dich, sie uns zurückzugeben.« Mit gut gespieltem Erstaunen, das selbst geeignet schien, die hellhörigen Indianer zu täuschen, wandte sich der Oberst dem neben ihm stehenden Marquis zu. »Wie, Brissac«, sagte er, »wir haben Gefangene, die unseren roten Freunden gehören? Was heißt das?« »Ich begreife nichts, mon Colonel«, antwortete der Leutnant mit todernstem Gesicht. »Da muß ein Irrtum vorliegen.« »Ja, Indianer, ihr scheint euch zu irren«, sagte der Oberst. »Nicht irren. Spuren führen in dein Lager«, versetzte der Häuptling. »Wir wissen: Goldhaar, Starker Bär und Alte Eiche sind hier.« »Prachtvolle Namen, die eure Gefangenen da führen«, grinste der Oberst, »aber ich weiß nichts damit anzufangen.« »Wenn Sie gestatten, mon Colonel«, schaltete Brissac sich jetzt ein, »ich bekam vorhin Meldung, daß unsere Vorposten in der Nacht vier Männer gefangennahmen, die sich in verdächtiger Weise in der Nähe des Lagers herumtrieben. Vermutlich handelt es sich um englische Spione.« »Ah so, das ist natürlich etwas anderes!« sagte der Oberst. »Sollten das die Leute sein, die du suchst, Hurone?« Der Indianer lächelte und versicherte, sie seien es ganz gewiß. »Aber das sind dann doch unsere Gefangenen, Brissac«, sagte Clermont. »Oder haben wir sie etwa unseren roten Freunden weggenommen?« »Nein, mon Colonel, es sind zweifellos unsere Gefangenen, im freien Felde ergriffen, als sie das Lager umschlichen.« »Ja aber, mein Freund«, wandte der Oberst sich an den alten Huronenhäuptling, »du kannst doch nicht Gefangene in Anspruch nehmen, die meine Leute aufgegriffen haben. Wo sind denn deine Gefangenen?« »Sie sind hier.« »Aber wie kommen sie hierher?« »Sie sind davongelaufen, während wir schliefen.« »Ja, aber, Häuptling, wie können einem während des Schlafes Gefangene entlaufen? Sowas gibt es doch gar nicht. Ist mir wahrhaftig noch nie passiert. Da hättet ihr eben besser aufpassen müssen. Jetzt handelt es sich da jedenfalls um meine Gefangenen. Ihre Sache wird hier genau untersucht werden, und stellt sich heraus, daß es Spione sind, werden sie nach Kriegsrecht erschossen. Du wirst begreifen, mein Freund, daß ich die Leute unmöglich an dich herausgeben kann. Sie sind von meinen Soldaten gefangengenommen worden, und der große weiße Vater in Montreal würde sehr böse werden, erführe er, daß ich sie euch überlieferte.« »Wenn dir Gefangene davonliefen und wir fingen sie ein, wir würden sie an dich zurückgeben«, sagte der Häuptling. »Vielleicht würdet ihr das. Aber ich würde es gar nicht verlangen. Die Sache ist doch so: In dem Augenblick, wo sie euch entflohen, waren sie nicht mehr eure Gefangenen. Was meine Krieger in dieser Nacht an verdächtigen Gesellen aufgriffen und ins Lager brachten, darf ich nicht herausgeben, ohne daß der große Vater in Montreal es ausdrücklich befiehlt. Auch euch nicht. Aber ich will ihm gleich einen Brief schreiben, und sagt er ja, dann sollt ihr sie haben, vorausgesetzt, daß sie nicht das Lager ausspionieren wollten, denn dann muß ich sie erschießen lassen. Es hat mich sehr gefreut, dich zu sehen, mein tapferer Häuptling, ich werde dir Nachricht geben, verlaß dich darauf.« Er erhob sich, winkte den Indianern lächelnd zu und betrat das Zelt. Verblüfft und schwer enttäuscht verließen die Huronen, von Ordonnanzen geleitet, das Lager. Der Oberst sagte zu Richard Waltham, der der Verhandlung hinter dem Zeltvorhang zugehört hatte: »Sie sehen, Mylord, ein alter Soldat muß sich zuweilen auch auf Diplomatenkniffe verstehen. Ich darf es mit dem roten Volk nicht verderben; bin insoweit leider nicht Herr meiner Entschlüsse. Will den Burschen aber gleich ein paar Bouteillen Rum schicken; das wird sie besänftigen.« Eine Stunde später befand sich die Truppe auf dem Marsch in südwestlicher Richtung. In ihrer Mitte befanden sich Lord Somerset und die Gefährten seiner Abenteuer. Ni-kun-tha – der Fuchs Von sechs stämmigen, muskulösen Senecakriegern bewacht, torkelten John und Ni-kun-tha durch den hochstämmigen Urwald. Der zweite Tag eines bis zur Erschöpfung anstrengenden Waldmarsches neigte sich seinem Ende zu. In Johns Gesicht malten sich außer Ermüdung Zorn und Erbitterung; dazu quälte ihn die Sorge um den Vater, von dem er annehmen mußte, daß er mit den anderen ebenfalls in die Hände der Wilden geraten sei. Das Gesicht des neben ihm schreitenden Indianers war völlig ausdruckslos, nur in seinen dunklen Augen glimmte es zuweilen gefährlich. Sie waren am Vortage mit auf den Rücken gefesselten Händen bis zum Sonnenuntergang marschiert. Während der Nacht waren sie von ihren Wächtern mittels zweier kreuzweise übereinander gelegter Stäbe gefesselt worden. Zu diesem Zweck wurde der eine Stab quer über die Brust gelegt und an die nach rechts und links ausgestreckten Arme gebunden; der zweite Stab führte vom Kopf bis zu den Füßen; an ihm wurden Hals und Knöchel mit Schlingen befestigt. In dieser entsetzlichen Lage hatten die beiden Gefangenen, auf dem Rücken liegend, unfähig zu der geringsten Bewegung, die Nacht verbringen müssen. Der Weitermarsch bedeutete ihnen unter diesen Umständen Erlösung von schrecklicher Qual. Ni-kun-tha ging vor seinem weißen Gefährten zwischen zwei Irokesen. Er hinkte seit dem Morgen und schien äußerste Mühe zu haben, die Beine überhaupt zu bewegen. Doch ließ er keinen Schmerzenslaut hören und gab sich augenscheinlich alle Mühe, mit den anderen Schritt zu halten; trotzdem wurde die Marschgeschwindigkeit durch seinen Zustand erheblich verringert. Den Irokesen mochte das als eine List ihres roten Gefangenen erscheinen; sie trieben ihn jedenfalls immer wieder zur Eile an und bedrohten ihn mehrmals mit dem Tomahawk. Ni-kun-tha schwieg dazu, man sah, wie er die Zähne zusammenbiß und sich mühte, schneller zu gehen. Als einmal einer seiner Wächter einen Zweig abbrach und ihn damit über den Rücken schlug, knirschte er mit den Zähnen, und eine Flamme unverhohlenen Hasses brach aus seinen Augen. Doch kam nicht der geringste Laut über seine Lippen. Allmählich wurde es Zeit, an das Nachtlager zu denken, denn es war offensichtlich, daß der Miami nicht mehr weit kommen würde; er schleppte sich nur noch mühsam dahin. Die Irokesen besprachen sich miteinander und faßten schließlich den Beschluß, am steilen Ufer eines Flusses, der überschritten werden mußte, Halt zu machen und bis zum Morgen zu lagern. Bald loderte ein Feuer empor, und man bot den Gefangenen zu essen an. John nahm das ihm dargereichte Fleisch und aß, Ni-kun-tha dagegen, der gänzlich erschöpft schien, lehnte mit einer schwachen Gebärde ab; er sank mit einem leisen Aufstöhnen zu Boden. John beugte sich, äußerst erschrocken über ihn und fragte: »Falke, was fehlt dir? Bist du krank?« Er erhielt keine Antwort; der Miami atmete schwer und keuchend; er hatte die Augen geschlossen. Bald danach wurden beiden wie am Vorabend Hals, Arme und Beine an kreuzweis übereinander befestigten Stäben gebunden. Nachdem das geschehen war, ließen die Irokesen sich am Feuer nieder, um zu essen und zündeten sich alsdann ihre Pfeifen an. Die Sonne neigte sich stark, doch würden bis zum völligen Einbruch der Dunkelheit immerhin noch drei Stunden vergehen. Der um seinen indianischen Freund ernsthaft besorgte junge Burns erkundigte sich mehrmals nach dessen Befinden, erhielt aber außer einem leisen, dumpfen Stöhnen keine Antwort. Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, als ein Röcheln die Aufmerksamkeit der am Feuer hockenden Krieger auf Ni-kun-tha lenkte. Einer der Indianer erhob sich und näherte sich dem Gefangenen. Auf seinen erstaunten Ruf kamen dann auch die anderen heran. Der Miami lag regungslos, die leicht geöffneten Lippen waren mit Schaum bedeckt, die Augen, von denen fast nur das Weiße zu sehen war, starr nach oben gerichtet, die Züge schienen völlig erschlafft; ein leises Zittern lief durch den ganzen Körper. Einer der Irokesen untersuchte die Schlinge, mit der Ni-kun-thas Hals an den Stab gefesselt war, aber sie saß locker genug; sie konnte den Zustand des Gefangenen nicht herbeigeführt haben. Die Indianer zeigten sich jetzt ernsthaft besorgt; es wäre ihnen außerordentlich schmerzlich gewesen, wenn der Miamihäuptling gestorben wäre, bevor er den Marterpfahl erreichte. Sie wechselten hastig ein paar Worte, dann wurde Ni-kun-tha von der Stabfesselung befreit. Sie versuchten, ihn aufzurichten, aber der augenscheinlich völlig kraftlose Körper brach sogleich wieder zusammen und blieb regungslos wie zuvor liegen, die halb verdrehten Augen glanzlos nach oben gerichtet. Ein alter Seneca, der zweifellos in allen Listen der Wälder geübt war, sagte: »Der Miami will sterben. Es ist besser, er stirbt unter dem Tomahawk eines Kriegers als gleich einem räudigen Hund.« Damit wirbelte er den Tomahawk um den Kopf und ließ ihn mit voller Wucht niedersausen. Der Schlag war mit solcher Geschicklichkeit geführt worden, daß die Schneide der gefährlichen Waffe dicht neben dem linken Ohr des scheinbar fast Toten in die Erde fuhr. Gleichwohl zuckte in dem Gesicht des Jungen Miami nicht eine Wimper; die Züge blieben schlaff und erstarrt, der Mund stand, wie vorher, halb offen. »Er ist vom bösen Geist besessen«, flüsterte der Anführer der kleinen Schar, »setzt ihn dort an den Baum und reibt ihm die Brust.« Zwei Krieger ergriffen den schlaffen Körper des Gefangenen, schleppten ihn nach dem bezeichneten Baum und lehnten ihn in sitzender Stellung mit dem Rücken gegen den Stamm. Sie rieben ihm eifrig Brust und Schläfen, und diese Behandlung schien denn auch Erfolg zu haben, denn nach einem Weilchen begann der offenbar Bewußtlose zu atmen und machte einen freilich vergeblichen Versuch, den Kopf zu erheben. Weiter rieben die Seneca ihm Brust und Rücken. Ein dumpfes Stöhnen entrang sich den halboffen Lippen des Zusammengesunkenen. John, der kein Glied zu rühren vermochte, konnte von dem, was um ihn herum vorging, nur wenig sehen; er befand sich in großer innerer Erregung. Ni-kun-tha saß jetzt aufrecht unter dem Baum. Seine Augen waren geschlossen und sein Atem ging unregelmäßig, dann und wann lief ein krampfhaftes Zittern durch seinen Körper. Wäre der Blitz vom heiteren Himmel herniedergefahren, die Seneca hätten nicht entsetzter sein können, als jetzt, da der allem Anschein nach halbtote Miami plötzlich mit einem Satz, der einem Panther Ehre gemacht hätte, emporschnellte und mit einem zweiten, noch gewaltigeren Sprung über die steil abfallende Uferwand setzte und verschwand. Nur der Alte, der den Tomahawk noch in der Hand hielt, war geistesgegenwärtig genug, ihn dem Entsprungenen nachzuschleudern, ohne ihn freilich zu erreichen. Die anderen standen da wie aus Stein gegossen. Dann aber erhob sich ein ohrenbetäubendes Geheul. Sie griffen zu ihren Büchsen und rannten dem Entsprungenen nach, der einem Federball gleich den Abhang hinabgerollt war und eben im Wasser verschwand. Behende kletterten die Irokesen die steile Böschung hinab, die Augen auf das Wasser des nicht sehr breiten Flusses gerichtet, auf dessen Oberfläche jeden Augenblick der Kopf des Flüchtigen erscheinen mußte. Der Alte blieb allein zurück. John, dem nun klar geworden war, was da vor sich ging, lag in tiefer Erregung in seinen unlösbaren Banden und lauschte. Ni-kun-thas dunkler Kopf erschien jetzt, eine gute Strecke stromab, über dem Wasser, war aber, ehe noch einer der Verfolger die Büchse hoch reißen konnte, schon wieder verschwunden. Die Irokesen liefen am Fluß entlang, als ein gellender Hohnruf vom entgegengesetzten Steilufer sie darüber belehrte, daß der Flüchtige bereits festen Boden unter den Füßen hatte. Augenblicklich sprangen sie ins Wasser und schwammen, die Büchsen, hoch über die Köpfe erhoben, in schnellen Stößen hinüber. Auf der Höhe des gegenüberliegenden Ufers angekommen, sahen sie auf der kleinen Prärie, die sich bis zu einem aus nackten Felsen gebildeten Höhenzug ausdehnte, den Sohn Tana-ca-ris-sons mit den Sprüngen eines Hirsches davoneilen. In wilder Jagd nahmen sie die Verfolgung auf, indessen, die Seneca waren sämtlich schon ältere Männer und dem jungen Miamihäuptling an Behendigkeit weit unterlegen. Sie liefen zudem mit sehr unterschiedlicher Schnelligkeit, so daß sie sich, noch bevor Ni-kun-tha hinter den Felsen untergetaucht war, in eine wohl dreihundert Schritt lange Kette aufgelöst hatten, die an Ausdehnung noch fortgesetzt zunahm. Einer nach dem anderen entschwand dem Blick des Kriegers, der bei John zurückgeblieben war. Der letzte der Verfolger, ein Mann von fast fünfzig Jahren, betrat eben keuchend die Felsenschlucht, in der seine Gefährten verschwunden waren. Er sah ihrer keinen mehr und lief, so schnell er konnte, hinterher. Er mochte wenig mehr als hundert Schritt zurückgelegt haben, als hinter einem etwas höher gelegenen Felsblock Ni-kun-tha hervortrat und dem Keuchenden einem Tiger gleich auf den Rücken sprang, so daß der auf einen solchen Überfall nicht vorbereitete Seneca zu Boden stürzte. Mit einem blitzschnellen Griff riß Ni-kun-tha dem unter ihm Liegenden das Messer aus dem Gürtel und stieß es ihm in den Nacken. Der Mann zuckte zusammen und verröchelte. Der Miami nahm ihm Büchse, Kugelbeutel und Pulverhorn ab, entriß ihm, die Kriegslocke erfassend, den Skalp und eilte mit unglaublicher Gewandtheit quer durch die Felsschlucht, in einer sich darbietenden Spalte untertauchend. Er kletterte einen Felsen hinan, den ein paar magere Büsche krönten, und sah sich, dahinter niederkauernd, nach den anderen Verfolgern um. Er gewahrte ihrer zwei. Statt nun seine eilige Flucht fortzusetzen, jetzt, da er bewaffnet und schon in verhältnismäßiger Sicherheit war, schlug er einen Bogen und brachte sich in den Rücken der Verfolger. Die glaubten natürlich, den Flüchtigen vor sich zu haben, obgleich der harte Felsboden keine Spur erkennen ließ. Ni-kun-tha sagte sich, daß er dem noch gefangenen John nur helfen könne, wenn es ihm gelänge, möglichst viele der Irokesen zu vernichten. Jetzt, da er über eine Büchse verfügte, die er wohl zu gebrauchen verstand, war er im Vertrauen auf seine Kraft und Gewandtheit entschlossen, das Äußerste zu versuchen, um den jungen Weißen zu befreien. Er vermochte von seinem jetzigen Standort aus mehrere Felsschluchten weithin zu überblicken. Die Nacht nahte schnell, und es war klar, daß die Seneca die Verfolgung bald aufgeben und zum Lagerplatz zurückkehren würden. Tatsächlich tauchte bereits einer der Krieger, auf dem Rückweg begriffen, auf und kam auf ihn zu. Ni-kun-tha ließ ihn nahe herankommen, zielte und schoß. Der Mann stürzte zusammen. Der Miami war mit wenigen Sprüngen neben ihm, nahm dem Toten Büchse und Skalp, sprang in eine Seitenschlucht und kletterte über die Felsen, den ziemlich weit zerstreuten Feinden entgegen. Er brauchte nicht lange herumzuspähen, als er zwei von ihnen, die den Schuß gehört haben mochten, die Schlucht zur Rechten herabkommen sah. Er hatte beide Gewehre, über die er jetzt verfügte, schußfertig gemacht. Die Irokesen waren natürlich der Meinung, einer der ihren habe den Flüchtigen entdeckt und nach ihm geschossen. Sie sahen sich scharf um, beachteten aber weiter keine Vorsichtsmaßregeln, die dem waffenlosen Gegner gegenüber ja auch unnötig erschienen. Sobald sie in Schußweite waren, feuerte Ni-kun-tha. Einer der Männer fiel, durch die Brust getroffen, auf das Gesicht, der andere stand ein paar Sekunden wie erstarrt und sah zu dem Felsgipfel empor, von dem der Schuß gefallen war; er mußte den dort aufsteigenden Pulverdampf sehen. In blitzschneller Erkenntnis suchte er Deckung, allein es war zu spät; die Kugel des Miami erreichte ihn noch im Sprung; zwischen die Schulterblätter getroffen, brach er zusammen. Jetzt tauchte fast unmittelbar hinter dem Gefallenen der letzte Verfolger auf. Da er die beiden Krieger in ihrem Blut liegen sah, zuckte er zusammen und sprang, einen leisen Überraschungsschrei ausstoßend, hinter den nächsten Felsen. Ni-kun-tha nahm seine beiden Gewehre, glitt den Felsen hinab, lief in Richtung auf den Fluß, hielt nahe des Ausgangs der Schlucht inne, lud seine Waffen und kletterte am nächsten Felsenhang hoch. Auf dem Gipfel legte er sich nieder und umwand sich den Kopf mit Gräsern und Zweigen. Seine funkelnden Augen durchspähten die sich seinem Blick darbietenden Schluchten und Gipfel. Nach einer Weile gewahrte er auf einem Felsen fast genau gegenüber den Feind in bedrohlicher Stellung. Der Mann mußte ihn gesehen haben, denn die Büchse des Seneca war auf ihn gerichtet. Der Miami vermochte seinerseits nur einen Teil des Kopfes und des rechten Armes seines Gegners zu erkennen. Er schoß trotzdem, erkannte aber sogleich, daß seine Kugel das Ziel verfehlt hatte. Er griff zu der zweiten Büchse und zielte abermals. Zwei Schüsse knallten gleichzeitig, aber weder Ni-kun-tha noch der Irokese traf; der Miami hörte die Kugel dicht an seinem Ohr vorüberpfeifen. Aufspringend eilte der junge Häuptling mit erstaunlicher Schnelligkeit, die abgeschossene Büchse in der Hand, an der Rückseite des Felsens hinab und lief auf die Stellung des Seneca zu, um diesen, bevor er noch laden konnte, zu überraschen und den Kampf mit Messer und Tomahawk zu beenden. Er wußte, daß er diesen Feind nicht entrinnen lassen durfte. Denn kam er heil zum Feuer zurück, war es um John zweifellos geschehen. Die beiden überlebenden Irokesen hätten es nie gewagt, mit einem so gefährlichen Feind auf den Fersen, sich durch einen Gefangenen in der Bewegungsfreiheit hindern zu lassen. Ni-kun-tha hatte einen zweifellos sehr gefährlichen Feind vor sich. Er sah, um eine Felsecke blickend, den Irokesen in kaum fünfzig Schritt Entfernung auf sich zukommen. Offenbar hatte er seine Stellung in der gleichen Absicht wie sein Gegner verlassen. Im Augenblick, da sie sich erblickten, blieben beide Indianer stehen und maßen einander mit haßerfüllten Augen. Der Irokese ließ den Kolben seiner Büchse zur Erde sinken und griff zum Pulverhorn. Ni-kun-tha tat es ihm nahezu gleichzeitig nach. Sich gegenseitig unausgesetzt im Auge behaltend, begannen beide, mit kurzen, genau berechneten Griffen ihre Büchsen zu laden. Beide wußten: derjenige von ihnen, der dem anderen auch nur eine Sekunde Vorsprung ließ, war unweigerlich verloren. Das Pulver war im Lauf; beide schoben gleichzeitig den Pfropf nach. Wie Soldaten auf dem Exerzierplatz zogen sie die Ladestöcke und stießen sie in die Läufe. Blitzschnell griff Ni-kun-tha zur Kugel und wickelte sie in das Pflaster aus weichem Leder, aber der Irokese war ebenso schnell, in der gleichen Sekunde setzten beide die Ladestöcke an, um sie hinabzutreiben. Ein, zwei, drei Stöße – die Kugeln saßen auf der Ladung. Jetzt galt es das Pulver noch auf die Pfanne zu schütten, und die Gewehre waren schußfertig. Bis jetzt war keiner der beiden Gegner dem anderen auch nur um einen Handgriff zuvorgekommen. Ein Gedanke zuckte Ni-kun-tha blitzartig durchs Hirn: in der schnellen Ausführung und im Gelingen lagen Sieg oder Tod: Es mußte möglich sein, durch starkes Aufstoßen des Büchsenkolbens auf den Boden genügend Pulver durch das ziemlich weit gebohrte Zündloch in die Pfanne zu bringen. Gedanke und Ausführung waren nahezu eins. Während der Irokese sein Gewehr hob, um die Pfanne in den Bereich seines Pulverhornes zu bringen, stieß Ni-kun-tha seine Büchse mit hartem Ruck kräftig auf den felsigen Boden, riß sie im gleichen Augenblick an die Wange und schoß. Der Schuß brach; durch das Herz getroffen, sprang der Seneca hoch und fiel nieder auf das Gesicht. Ni-kun-tha wollte eben einen gellenden Siegesschrei ausstoßen, als ihm bewußt wurde, daß er den am Feuer zurückgebliebenen Seneca dadurch warnen würde. Schweigend ging er zu dem Gefallenen, bemächtigte sich der blutigen Siegestrophäe und suchte dann auch noch die beiden anderen Toten auf, um den Skalp an sich zu bringen. Dann wählte er sorgfältig das beste der Gewehre aus, nahm außerdem noch Pulverhorn, Kugelbeutel, Messer und Tomahawk an sich und zog sich in ein Versteck zurück, von dem aus er die Prärie überblicken und das buschige Flußufer wie den dunklen Waldsaum im Hintergrund wahrnehmen und beobachten konnte. Geduldig wartete er, bis die Nacht völlig hereingebrochen war, dann ging er, außer den eigenen auch noch die für John bestimmten Waffen und Ausrüstungsgegenstände tragend, dem Fluß entgegen. Oberhalb der Lagerstelle überquerte er das Gewässer, nachdem er sich für den trockenen Transport der Waffen und des Pulvers ein kleines Floß gebaut hatte, und betrat das jenseitige Ufer. An dem hell lodernden Feuer saß der alte Irokese, bald in die Glut starrend, bald angestrengt lauschend oder auf John blickend, der mit Stäben gefesselt regungslos neben ihm lag. Beide hatten den fernen Widerhall der Schüsse vernommen, John von schmerzlichen Gedanken bewegt, mußte er doch damit rechnen, daß sämtliche Schüsse seinem roten Freunde galten und daß eine Kugel davon ihr Ziel schließlich erreichte. Nun herrschte nachtschwarze Dunkelheit ringsum, und längst war der Kampflärm verstummt. Jeden Augenblick konnten die Verfolger zurückkommen. War Ni-kun-tha gefangen oder gar gefallen, gab es keine Hoffnung mehr. Ein leises Geräusch in seinem Rücken ließ den Irokesen herumfahren. Ein jäher Ausruf des Erstaunens entfuhr ihm, als im Schein des lodernden Feuers, Siegesfreude im bronzenen Antlitz, der verhaßte Miamihäuptling vor ihm stand, den blinkenden Tomahawk wurfbereit in der Hand. So völlig fassungslos und entsetzt war der alte Krieger, daß er sekundenlang zu jeder Bewegung unfähig stand, dem Todfeind in die funkelnden Augen starrend. »Der Sohn Tana-ca-ris-sons grüßt dich, Seneca!« rief Ni-kun-tha. Der Tomahawk, mit unfehlbarer Sicherheit geschleudert, fuhr in die Stirn des reglosen Mannes; lautlos brach der Mann in die Knie und stürzte zusammen. John war heftig zusammengezuckt, als er die ihm so wohlbekannte Stimme vernahm; jetzt entrang sich ein Freudenschrei seinem Mund. Die heftige Bewegung, mit der er sich hochreißen wollte, hätte ihm fast die Kehle zugeschnürt; aufstöhnend sank er zurück. Sekunden später fielen seine Bande; Ni-kun-tha kniete neben ihm und verhalf ihm zu einer sitzenden Stellung. »So, Schnelle Büchse«, lächelte der Häuptling, »Ni-kun-tha wieder da.« »Und die Irokesen?« stammelte John. Der Miami wies auf die frischen Skalpe an seinem Gürtel; der junge Weiße zuckte unwillkürlich zurück; ein Schauer überlief ihn. »Wie hast du das fertiggebracht?« flüsterte er. Ni-kun-tha erstattete in kurzen Worten Bericht. Ein grollendes Lachen ausstoßend, schloß er: »Die Seneca werden künftig heulen, wenn sie den Namen Ni-kun-tha hören. Ni-kun-tha ist der Sohn seines Vaters, ist der König der Miami!« »Ich hielt dich für schwerkrank, beinahe für tot«, sagte John, der die jähe Wendung immer noch nicht zu fassen vermochte. »Ni-kun-tha tat wie der Fuchs«, lächelte der Häuptling. »Du nie gesehen? Fuchs stellen ganz tot. So Ni-kun-tha. Irokesen glauben, er tot – dumme Coyoten!« Er lachte abermals kurz auf. »Jetzt essen«, sagte er, »dann schlafen. Ni-kun-tha sehr hungrig, sehr müde!« Die weiße Squaw Die Sonne stand bereits hell am Himmel, als John erwachte. Er schlug die Augen auf und wandte sie Ni-kun-tha zu, der bereits neben ihm hockte und aufmerksam die Büchsen untersuchte, die er den Irokesen abgenommen hatte. Die für ihn selbst bestimmten neuen Waffen, die der Miami ihm beschafft hatte, lagen bereits neben ihm; der Anblick erfüllte ihn mit Freude und Dankbarkeit und auch mit neuem Mut. »Ni-kun-tha«, begrüßte er den roten Freund, »du bist wahrhaftig ein großartiger Bursche; ich denke, wir werden gute Freunde bleiben, was?« Der Indianer verzog das Gesicht zu einem breiten Lächeln: »Schnelle Büchse und Schneller Falke gut Freund!« bestätigte er. Er kramte in den Jagdtaschen der gefallenen Seneca-Krieger herum und brachte etwas gedörrtes Fleisch zutage, das beide mit gutem Appetit verzehrten. »Was beginnen wir nun, Falke?« sagte John, »ich sorge mich sehr um meinen Vater. Glaubst du, daß die Irokesen ihn gefangen haben?« »Irokesen – Huronen – vielleicht. Beide fort. Weiße Männer nicht klug genug, roten Männern zu entgehen. Vielleicht gefangen.« »Also müssen wir versuchen, den Gefangenen Hilfe zu bringen. Jedenfalls müssen wir sie finden.« Der Indianer starrte scheinbar abwesend vor sich hin. Er hob den Kopf und sah seinen Gefährten mit einem dunklen Blick an. »Ni-kun-tha weiß nicht viel von den Blaßgesichtern – Yengeese und Frenchers«, sagte er. »Beide kamen in das Land des roten Mannes, es zu nehmen. Ni-kun-tha sieht: sie sind groß und mächtig, haben viele Krieger, die großen Väter über dem Wasser schicken immer mehr. Schlimm! Sehr schlimm! Streiten seit vielen Sommern – Inglis und Frenchers, wer mit dem roten Mann handeln soll, im Ohiotal, vom Scioto bis zum Nae-messissipu. Tana-ca-ris-son, Ni-kun-thas Vater, schloß einen Vertrag mit den englischen Vätern und stand zu ihm – ein Miami steht zu seinem Wort – und die Yengeese dankten es ihm mit Treue. Tana-ca-ris-son entstammt der Sippe des großen Mitschi-ki-nikwa; Mitschi-ki-nikwas Sippe herrscht seit vielen, vielen Sommern über die Völker der Miami. Tana-ca-ris-son sandte immer wieder Boten an die englischen Väter in Virginien und Pennsylvanien und sagte ihnen, sie sollten kommen und große, feste Häuser bauen an den Strömen, weil die Frenchers aus den Kanadas immer wieder Händler und Boten mit reichen Geschenken brachten und Unruhe in die Dörfer der Miami trugen. Aber die Inglis kamen nicht; sie ließen ihre roten Freunde allein. Da sagten die Miami: ›Was sollen wir mit Freunden, die nicht kommen, wenn wir sie rufen?‹ Und immer mehr Frenchers kamen, und sie brachten immer mehr Geschenke, und die Herzen der Miami wurden weich.« Der junge Indianer sah über John hinweg, als blicke er in eine endlose Ferne. Er fuhr fort: »Dann kamen die Frenchers mit den Irokesen nach Piqua und verlangten, mein Vater solle ihnen die Yengeese herausgeben, die seine Gäste waren. Tana-ca-ris-son brach den Freunden die Gastfreundschaft nicht, aber die Stämme der Miami standen nicht mehr zu ihm; er mußte mit wenigen Getreuen kämpfen und fiel im Kampf. Piqua sank in Asche. Ni-kun-tha aber mußte mit wenigen Kriegern zu den Shawano fliehen. Die Frenchers hatten die Häupter der Miami vernebelt, sie sahen nicht mehr, was gut und was böse ist. Und Ni-kun-tha tat wie sein Vater: Er sandte Boten an die englischen Väter in Virginien und Pennsylvanien, Hilfe erbittend, und er ging selbst nach Norden an den Ontario. Er wollte den Häuptlingen der Yengeese sagen, sie sollen die Frenchers am Niagara angreifen, bevor sie nach Süden in unser Land ziehen könnten. Ni-kun-tha hat die Grade Zunge gesprochen. Die Grade Zunge hat ihm gesagt, die Yengeese hätten nicht genug Krieger und keine großen Kanus, sie könnten die Frenchers und ihre roten Verbündeten im Norden nicht zurückhalten, nur vom Süden könne Hilfe kommen. Mein weißer Bruder hat selbst gesehen, wie die großen Kanus der Methi-kosche den Ontario beherrschen, wie ihre Krieger mit den Irokesen die Wälder durchziehen, über den Shenandoah und den Mononghahela. Die Frenchers sind sehr schnell, die Yengeese sind langsam wie die Schnecke am Boden. Die Rotröcke leuchten weit in den Wäldern; der Hurone sieht sie, lange bevor sie ihn sehen –.« Der Indianer streifte John mit einem beinahe abwesenden Blick und sagte, indessen ein dunkles Lächeln seine schmalen Lippen umspielte: »Einen weißen Häuptling gibt es, der stark und klug genug ist, mit Frenchers und Irokesen zu kämpfen. Er hat oft am großen Ratsfeuer in Piqua gesessen. Ni-kun-tha kennt ihn. Die Yengeese haben keinen größeren Krieger. Wir nennen ihn Feuerauge. Ni-kun-tha weiß nicht, wie die Inglis ihn nennen, aber er ist stolz und stark und kühn. Er wird den Frenchers entgegentreten, und er wird sie schlagen, wenn die Kolonien ihm Krieger und große Büchsen genug geben. Feuerauge kommt von Südwesten. Alle Frenchers, Irokesen und Huronen ziehen nach Süden. Wenn Nana-bosch will, werden sie mit Feuerauge zusammentreffen. Ist der Vater meines weißen Bruders von Huronen oder Irokesen gefangen, wird er mit nach Süden geführt werden; auch wir müssen nach Süden. Dort kommen die Shawano, bei den Shawano sind Ni-kun-thas Krieger. Ni-kun-tha muß zum Ohio, er muß zu seinem Volk, das in Not ist. Es ist Zeit.« John hatte den langen Ausführungen des jungen Indianers aufmerksam gelauscht. Ni-kun-tha, ein roter Mann, ein »Wilder«, wie die Weißen geringschätzig zu sagen pflegten, übersah die politischen und die kriegerischen Vorgänge an der Grenze besser als er, der Weiße, der sich, auf der stillen Farm am Genesee lebend, um die Ereignisse der Außenwelt kaum gekümmert hatte. »Ni-kun-tha«, sagte John, »ich bin überzeugt, daß du in allem recht hast. Klar ist ohnehin, daß wir uns nicht trennen. Auch denke ich ohne meinen Vater nicht an den Genesee zu gehen. Laß uns also gemeinsam nach Süden ziehen.« Ni-kun-tha nickte: »Nichts Besseres tun. Kämpfen dort gegen Frenchers und Irokesen, suchen alten Mann, Großen Büffel und Goldhaar. Denke, werden sie finden.« Sie nahmen Waffen und Geräte auf und machten sich durch den hochstämmigen Wald auf den Weg. »Wir müssen auf diese Weise aber doch durch die feindlichen Linien«, sagte John. »Meinst du, daß es uns gelingen wird, ungesehen durchzuschlüpfen?« Der Indianer schüttelte den Kopf: »Umgehen ihn. Ich hören, Feuerauge einmal sagen, er greife den von Norden kommenden Feind stets von Westen aus an.« »Feuerauge! Wie das klingt. Wenn es sich um einen so großen englischen Krieger handelt, wie du sagst, müßte ich ihn doch dem Namen nach kennen.« »Mein weißer Bruder kennt seinen Namen gewiß. Ni-kun-tha kann ihn nicht sagen in der Sprache der Inglis. Die Miami sagen: Er Manitus Liebling. Ni-kun-tha hat oft seinen Worten gelauscht, wenn er in Piqua war. Er immer sagen: Rotröcke gut, sehr tapfer. Gut gegen weiße Krieger, nicht gut im Wald. Koloniemann besser. Feuerauge auch Koloniemann.« »Ein Mann der Kolonien ist dein Feuerauge? Ein Offizier der Miliz vielleicht? Nun, ich bin gespannt, zu erfahren, wen du meinst.« »Mein Bruder wird ihn bald sehen, denke ich.« Als die beiden Gefährten nach kurzer Mittagsrast ihren Marsch fortsetzten, kreuzten sie zu ihrer Überraschung plötzlich die Spur zweier Indianer, die augenscheinlich völlig sorglos, wie im tiefsten Frieden, nebeneinander hergewandert waren. Obgleich Irokesen und Huronen und andere ›französische Indianer‹ sehr wahrscheinlich schon sehr viel weiter nach Süden vorgestoßen waren, war größte Vorsicht natürlich nach wie vor geboten; die beiden folgten deshalb mit schußfertigen Büchsen der Spur, jeden Augenblick gewärtig, von den Waffen Gebrauch machen zu müssen. Sie mochten etwa hundert Schritt zurückgelegt haben, als sie auf einer kleinen Lichtung zwei nebeneinander hockende rote Männer gewahrten, vor denen ein kleines Feuer brannte. John hatte mittlerweile immerhin genug Erfahrung gesammelt, um sogleich zu erkennen, daß sie weder Skalplocke noch Kriegsbemalung zeigten. Davon abgesehen ließ ihre ganze sorglose Art darauf schließen, daß sie sich nicht auf dem Kriegspfad befanden. Nachdem sie die beiden Indianer eine Zeitlang stumm beobachtet hatten, sagte Ni-kun-tha leise: »Lenni-Lenape. Schildkröten-Delawaren.« »Freunde der Engländer?« »Vielleicht. Einige Lenni-Lenape Freunde, andere nicht. Sind aber nicht auf dem Kriegspfad.« »Was tun wir, Falke?« »Ni-kun-tha wird mit ihnen reden. Vielleicht wissen und sagen sie, wo Irokesen sind. Mein weißer Bruder bleibe hier. Wenn Ni-kun-tha sich ihm zuwendet und die Hand hebt, mag er kommen. Wenn nicht, bleibe er hier, bis Ni-kun-tha zurückkommt. Zeigen sie sich feindlich, dann schießen.« John nickte, und der Häuptling schlug die Büsche auseinander und ging, die Büchse im Arm, ruhig auf die am Feuer Hockenden zu. Die Delawaren sahen ihn kommen, blickten ihm ruhig entgegen und rührten sich nicht. John sah, wie der Miami sie auf indianische Weise begrüßte und mit ihnen sprach. Nach einiger Zeit wandte Ni-kun-tha das Gesicht und hob die Hand. Auch John trat aus dem Gebüsch heraus und schritt auf das Feuer zu. Er fand neben seinem Freund zwei kräftige, etwas untersetzte braune Gestalten, Männer in den Vierzigern mit dunklen, hart geschnittenen Gesichtern. Einer der beiden reichte dem jungen Weißen nach europäischer Sitte die Hand und sagte in gut verständlichem Englisch: »Die Delawaren vom Totem Schildkröte sind Freunde des Inglis. Das Blaßgesicht ist an unserem Feuer willkommen.« John drückte die dargebotene Hand, begrüßte auch den zweiten Delawaren und ließ sich am Feuer nieder, an dem saftige Stücke eines Rehrückens einen lieblichen Duft verbreiteten. Der Delaware, der ihn zuerst begrüßt hatte, wandte sich jetzt an Ni-kun-tha: »Mein junger Bruder hat schon einen Namen?« »Ni-kun-tha, der Schnelle Falke, ist der Sohn Tana-ca-ris-sons, des großen Sagamoren der Miami-Völker«, antwortete der Angeredete nicht ohne Stolz. Die beiden Delawaren ließen einen leisen Überraschungsruf hören: »Oh, Ni-kun-tha ist der Sohn eines großen Häuptlings, dessen Name allen roten Männern bekannt ist.« Sein Blick streifte den Gürtel des jungen Indianers: »Mein Bruder hat Skalpe genommen?« »Ni-kun-tha und sein weißer Freund waren in die Hände der Seneca gefallen. Sie wollten uns zu ihren Dörfern bringen. Aber der Panther zerreißt seine Schlingen. Ni-kun-tha hat sie getötet und ihre Skalpe und Waffen genommen.« In den Augen der beiden Delawaren blitzte es auf. »Ni-kun-tha wird wie sein Vater ein großer Häuptling werden«, sagte der eine. »Die Seneca sind Hunde!« Sie aßen gemeinsam von dem duftenden Rehfleisch und entzündeten danach die Pfeife, die schweigend kreiste und auch den jungen Weißen nicht überging. Nach einem Weilchen sagte Ni-kun-tha: »Meine Brüder sind weit von ihren Dörfern entfernt. Gingen sie der Spur eines Bären nach?« »Nein«, antwortete einer der Delawaren, »die Häuptlinge sandten uns aus, den Wampun des Friedens zu den Pottawatomi zu bringen, um sie gleich den Lenni-Lenape vom Kampf zwischen Frenchers und Inglis zurückzuhalten. Pottawatomi und Lenni-Lenape sind Freunde.« »Werden die Pottawatomi die Streitaxt begraben halten?« »Die großen Väter in den Kanadas sind sehr mächtig und reich; sie schickten Boten mit vielen Geschenken; die Pottawatomi tanzten wie die Ottawa den Kriegstanz.« Der Miami sah düster vor sich hin. »Wohin wird der junge Häuptling seine Schritte jetzt lenken?« »Ni-kun-tha geht nach Süden zu den Shawano, wo seine Krieger weilen. Er hat den englischen Vätern Treue geschworen und will sie halten. Er will an der Seite der Yengeese kämpfen.« Der Delaware nickte: »Es ist gut. Der junge Häuptling wird Ruhm ernten. Ta-juga wollte, auch die Delawaren hätten die Streitaxt ausgegraben.« Wieder trat eine Weile Schweigen ein, dann fuhr der ältere Delaware fort: »Mein junger Bruder ist kühn und klug, aber er ist fremd hier in den Wäldern; weiß er, daß er, wenn er weiter südwärts geht, auf ein Dorf der Ottawa trifft?« »Was?« fuhr John auf, »sind wir schon so nahe am Erie?« »Erie nicht mehr sehr weit.« »Und wo liegt, von hier aus, der Genesee?« »Genesee im Norden. Wir kommen vom Ontario und haben ihn gekreuzt.« »Und – fandet ihr alles friedlich dort?« »Der Ottawa war dort«, entgegnete der Delaware kurz. John fühlte, wie er blaß wurde; unwillkürlich begann er zu zittern. »Sie waren oft dort«, flüsterte er, »meinst du, auf dem Kriegszug? Ist Blut geflossen?« »Viele Männer und Weiber erschlagen.« John unterdrückte mit Mühe einen Schrei und hatte alle Kraft nötig, um sich zu beherrschen. Er dachte des friedlichen Hauses da oben in den Wäldern, der Schwester – er konnte nicht weiter denken. »Mein Gott!« stammelte er. »Mein weißer Freund hat seinen Wigwam am Genesee«, schaltete Ni-kun-tha sich ein, »er denkt an seine Schwester.« »Ta-juga weiß, die Ottawa haben eine junge weiße Squaw mitgeführt, sie soll das Weib eines großen Häuptlings werden.« »Delaware, du warst am Genesee«, fuhr John in hoher Erregung fort, »warst du dort, wo der See im Tal die scharfe Biegung nach Osten macht?« Der Delaware nickte: »Eben dort. Wir kamen vorbei, als wir zu den Pottawatomi zogen. Die weißen Leute bewiesen uns Gastfreundschaft. Als wir nach Norden gingen, sahen wir die Weiße Rose; als wir zurückkamen, sahen wir sie nicht mehr; man sagte uns, der Ottawa habe sie gepflückt, um damit den Wigwam eines Häuptlings zu schmücken.« »Wie sah das Mädchen aus, das du Weiße Rose nennst? Wohnte sie am Wasserfall bei den Mühlen?« »Am Wasserfall. Sehr schöne Squaw, Haare wie Maisstroh, Augen wie Himmel.« »Es ist kein Zweifel!« murmelte John, aufs äußerste erschüttert. Er sah die ruhigen, ausdruckslosen Augen der Indianer und beherrschte sich. Ni-kun-tha sagte: »Vor uns liegt ein Ottawadorf?« »Mein Bruder erreicht es, bevor noch die Sonne sinkt«, antwortete der Delaware. »Gut. Die Krieger des Dorfes sind gewiß auf dem Weg nach Süden?« »Es wird so sein. Alle Ottawa sind auf dem Kriegszug.« »Waren die Männer jenes Dorfes vorher am Genesee?« »Sie waren es.« »So wäre es also möglich, daß die junge Squaw in einem Wigwam dieses Dorfes weilt?« »Es ist möglich.« Die letzten Fragen und Antworten waren in einem Algonkindialekt gewechselt worden, von dem John nur sehr wenig verstand. Er sah noch immer verstört vor sich hin, sein Gesicht war totenblaß, seine Augen flackerten unruhig. Die beiden Delawaren erhoben sich und erklärten, daß sie sich auf den Weg machen müßten; sie beabsichtigten, in südöstlicher Richtung weiterzugehen. Sie grüßten die beiden Freunde in indianischer Weise mit der Hand auf dem Herzen und gingen über die Lichtung davon. »Mein weißer Bruder ist traurig«, sagte Ni-kun-tha. »Weiße Squaw vielleicht seine Schwester. Mein Bruder mag Mut fassen. Ni-kun-tha wird in das Dorf der Ottawa gehen und sehen, ob die Weiße Rose dort weilt.« »Wie?« fuhr John auf, »du meinst, sie könnte so nahe sein?« »Die Delawaren sagten, es sei sehr gut möglich.« »Aber kannst du dich unter die Ottawa wagen?« »Sie werden Ni-kun-tha für einen Freund halten. Komm!« Fiebernd vor Aufregung folgte der junge Weiße dem voranschreitenden Indianer. Der Himmel begann sich eben im Westen zu röten, als sie die Wigwams des Ottawadorfes erblickten. Ni-kun-tha sah sich nach einem geeigneten Versteck für John um und fand es in der Höhlung eines umgestürzten Baumriesen. »Hier warten«, sagte er kurz und schritt unbekümmert aufrechten Schrittes auf das Dorf zu. Zwischen den ärmlichen Tipis zeigte sich nur wenig Leben. Ein paar Kinder spielten im Gras; hier und da hockte ein älterer Mann pfeiferauchend vor einem Wigwam, da und dort zeigten sich ein paar Frauen. Ni-kun-tha blickte sich um und erkannte die Ratshütte. Zwei alte Krieger saßen davor und sahen ihm forschend entgegen. Der junge Häuptling ging auf die Männer zu, legte die rechte Hand auf das Herz und verneigte sich tief. Dann sagte er im Miami-Dialekt: »Ma-ho-ri, der Miami vom Stamme der Waiwachta, grüßt die Häuptlinge der Ottawa und bittet, ihn an ihrem Feuer schlafen zu lassen.« Die verschiedenen Dialekte der Algonkinvölker – sowohl Miami als Ottawa gehören dieser Sprachgruppe an – machten seine Worte den Häuptlingen ohne weiteres verständlich. In den Blicken der beiden Alten war leises Mißtrauen zu lesen. Der Miami trug keine Kriegsfarben und hatte wohlweislich auch die erbeuteten Skalpe zurückgelassen. »Wie kommt der Miami, noch dazu von Norden her, zu den Wigwams der Ottawa?« fragte der ältere der beiden. »Ma-ho-ri ist der Läufer seines Stammes«, antwortete Ni-kun-tha; »er war ausgesandt, den Kriegswampun zu den Pottawatomi zu tragen, der sie zu den Miami an den Ohio laden soll, um Skalpe der Yengeese zu nehmen.« »Mein Bruder hat dann einen großen Umweg gemacht.« »Er traf bei den Pottawatomi zwei Lenni-Lenape vom Totem Schildkröte, die den Friedenswampun trugen, der die Pottawatomi zu Weibern machen soll; ihnen schloß er sich auf dem Rückweg an. Wir haben uns erst heute getrennt.« Das trug um so mehr den Anschein der Wahrheit, als die beiden delawarischen Sendboten auf ihrer Fahrt nach Norden in diesem Dorf gerastet hatten. »Und«, fragte der Ottawa wieder, »haben die Pottawatomi sich durch die süßen Reden der Delawaren einschläfern lassen?« »Nein, meine Väter. Die Pottawatomi haben den Wampun der Miami genommen und das Beil ausgegraben. Sie sind auf dem Wege, um gegen die Inglis zu kämpfen.« »Das ist gut.« Der alte Ottawa nickte. »Die Delawaren sind Weiber.« Das Mißtrauen der Ottawa schien beschwichtigt, denn der Miamistamm, als dessen Angehöriger Ni-kun-tha sich ausgegeben hatte, war, wie jener wußte, zu den Franzosen übergegangen. Nach kurzem Schweigen sagte der ältere Ottawa: »Der Miami ist an den Feuern der Ottawa willkommen. Man wird ihm zu essen geben und ihm einen Wigwam anweisen.« Nachdem die Pfeife ihren Kreis gegangen war, wurde Ni-kun-tha durch einen herbeigerufenen Knaben zu einem unweit gelegenen Wigwam geführt, der leer stand. Der Miami ließ sich vor dem Eingang des Tipis nieder und sah sich mit ruhigen Blicken um. Rechts und links lagen in regellosem Durcheinander die spitzen Fellhütten; viele von ihnen waren gänzlich vereinsamt, da die Krieger sich auf dem Marsch befanden, andere waren nur von Weibern und Kindern bewohnt. Ihm fast gegenüber erhob sich eine etwas größere und solider gebaute Hütte. Ihre Fellwände waren mit Tier- und Menschengestalten kunstvoll bemalt; augenscheinlich war dies der Wigwam eines großen Häuptlings. Vor der Hütte loderte ein Feuer, über dem ein kupferner Kessel hing, dem Dampf entstieg. Während Ni-kun-tha, anscheinend ermattet vom langen Weg, nur blicklos vor sich hinzustarren schien, entging seinem scharfen Auge nichts von dem, was im Dorf vorging. Aus dem Wigwam gegenüber trat jetzt eine ältere Frau heraus. Sie kam über die Dorfgasse zu ihm herüber und brachte ihm auf großen Blättern angeordnet, gebratenes Fleisch und geröstetes Korn. Höflich erhob sich der Miami, ging der Frau ein paar Schritte entgegen und nahm ihr die Gabe ab. Die alte Ottawasquaw schien ein derartiges Benehmen von Männern nicht gewöhnt zu sein; ihr häßliches Gesicht verzog sich zu einem freundlichen Grinsen; sie sagte: »Der Miami ist ein guter Sohn. Er ist höflich.« »Unsere Väter lehrten uns, einer Squaw ehrerbietig zu begegnen«, versetzte Ni-kun-tha. »Das ist gut. Ich wollte, die Männer der Ottawa dächten ebenso.« Sie überließ ihm die Speisen und watschelte über die Dorfgasse zurück. Ni-kun-tha sah ihr nach und ging dann ein paar Schritte hinter ihr her. Sich umwendend, fragte die Frau: »Willst du noch etwas?« »Würde die gute Mutter mir eine Schale mit Wasser reichen?« sagte der Miami, »Ma-ho-ri ist durstig.« »Warte«, sagte die Frau und trat, das Eingangsfell beiseiteschiebend, in den Wigwam mit den Figuren auf den Fellwänden. Sekundenlang durchdrang Ni-kun-thas Falkenblick das Halbdunkel der Hütte; er glaubte im Hintergrund das blonde Haar einer weißen Frau zu erkennen. Gleichgültig wandte er sich ab. Als die Frau wieder erschien und ihm eine Kürbisschale mit Wasser reichte, sah er in eine ganz andere Richtung. Er setzte die Schale an den Mund, löschte seinen Durst und reichte sie der Alten zurück. »Dein Mann nimmt Skalpe der Inglis?« sagte er. »Mein Mann weilt bereits in den seligen Jagdgründen«, entgegnete die Alte, »ich sorge für Me-kon-tah, den Häuptling.« »Ich hörte, Me-kon-tah ist ein gewaltiger Krieger.« »Das ist er«, versicherte die Squaw, »sein Tomahawk trieft noch vom Blut der Yengeese im Geneseetal.« Ni-kun-tha war überzeugt, sich vorhin nicht versehen zu haben. In diesem Wigwam weilte eine weiße Frau, sicherlich war es eine der Frauen vom Genesee; vielleicht war es Johns Schwester. Da die Alte, von Ni-kun-thas Höflichkeit bestochen, zu plaudern begann, fragte der Miami weiter: »Der große Häuptling der Ottawa hat keine Squaw?« Das Gesicht der Frau verfinsterte sich; sie sagte: »Meine Tochter war seine Squaw. Sie ist tot, und jetzt will er das heulende Blaßgesicht zum Weibe nehmen.« »Oh, das ist nicht gut«, sagte Ni-kun-tha. »Kein roter Mann sollte eine weiße Squaw nehmen. Der Stamm der Kinder Manitus trägt süße und duftende Blüten.« »Nana-bosch weiß, daß du recht hast.« »Der große Häuptling wird es bedenken. Ich will ruhen, Mutter, ich bin müde vom langen Lauf. Ich danke dir für deine Gaben.« Er legte mit einer anmutigen Gebärde die Hand auf das Herz, verneigte sich höflich und schritt zu dem ihm angewiesenen Wigwam zurück, während die alte Frau das Tipi mit den aufgemalten Figuren betrat. Ni-kun-tha legte sich nieder und lugte durch einen Spalt nach dem großen Wigwam hinüber. Nach einiger Zeit kam einer der alten Indianer, die ihn bei seiner Ankunft begrüßt hatten, und rief die Frau an. Sie trat unverzüglich aus dem Tipi heraus. »Weint die Weiße Rose noch?« fragte der Alte. »Sie weint«, antwortete die Frau, »sie ringt die Hände und spricht mit dem Großen Geist.« »Hat sie Speise und Trank zu sich genommen?« »Sehr wenig.« Der Alte brummte etwas vor sich hin, was selbst die vor ihm stehende Squaw nicht verstehen mochte, dann sagte er: »Ist der Miami in dem Wigwam dort?« Er wies auf die gegenüberliegende Hütte, in der Ni-kun-tha lauerte. Die Frau bejahte. »Hat er die weiße Frau gesehen?« »Nein.« »Gut. Er soll sie auch nicht sehen.« »Er wird sie nicht sehen.« Ni-kun-tha hinter seinem Fellvorhang sprang blitzschnell zurück; der Alte hatte sich umgewandt und war auf sein Tipi zugekommen. Der Miami konnte sich eben noch ausstrecken, als der Vorhang schon zurückgeschlagen wurde. Ni-kun-tha atmete tief und regelmäßig. Der Alte nickte befriedigt, ließ den Fellvorhang fallen und trat zurück. Der Miami blieb auf seiner Matte liegen, bis völlige Dunkelheit eingetreten war, dann erhob er sich und lugte durch den Spalt zu dem gegenüberliegenden Tipi hinüber. Das Feuer davor war niedergebrannt, aber innerhalb des Wigwams mußte ein Kienspan brennen. Matter Lichtschimmer drang heraus. Ni-kun-tha horchte; nichts war zu hören. Einer Schlange gleich kroch er unter der Tipiwand hinweg ins Freie. Und wieder lag er reglos und lauschte. Unhörbar, sich zentimeterweise am Boden vorarbeitend, kroch er zu dem Wigwam hinüber, bis er sich an dessen Rückseite befand. Hier wartete er, reglos lauschend, geraume Zeit. Er glaubte nach einer Weile schnelle, unregelmäßige Atemzüge zu hören, dann und wann von einem leisen Seufzer unterbrochen. Er meinte, nur eine Person atmen zu hören. War die Alte fort? Da er keinen Spalt fand, um hineinsehen zu können, schnitt er mit dem Messer eine Öffnung. Und nun sah er in dem von einem Kienspan erzeugten rötlichen Dämmerlicht auf einer Matte aus Maisstroh eine Frau liegen, eine Weiße. Die Frau hatte die Hände vor dem Gesicht; ihre Schultern zuckten zuweilen wie im Krampf; ihr Kopf wurde von langem, blondem Haar umflattert. Von der Alten war nichts zu sehen. Ni-kun-tha überlegte, wie er die Aufmerksamkeit der weißen Frau erregen sollte, ohne sie zu erschrecken und so vielleicht Lärm zu verursachen. Einer plötzlichen Eingebung flüsterte er schließlich: »John? Johns Schwester, – he?« Das Mädchen auf dem Lager fuhr ruckhaft auf; Ni-kun-tha sah in ein Paar schreckgeweitete Augen. »Hört mich Johns Schwester?« fragte er wieder, gedämpft, mit kaum wahrnehmbarer Stimme. »Wer«, flüsterte das Mädchen, »wer spricht da?« »Freund!« raunte Ni-kun-tha, »Freund Johns vom Genesee.« Das Mädchen stieß einen leisen Schrei aus und schlug sich gleich darauf vor den Mund. Was war das? Unzweifelhaft war es ein Indianer, der da mit ihr sprach; sie hörte es an der Aussprache des Englischen. Eine List? Eine Falle? »Weiße Rose sehr vorsichtig«, flüsterte Ni-kun-tha. »Wenn die Ottawa erfahren, daß John und ein Freund hier – alles verloren.« Jetzt hatte das Mädchen – tatsächlich war es Mary Burns – erkannt, woher die Stimme kam. Sie schickte sich an, vom Lager herunterzuklettern. Ni-kun-tha zischte: »Weiße Rose dableiben, hinlegen, Hände vor das Gesicht legen und hören, was Freund sagt.« Wäre das denn möglich? Wäre es wirklich möglich? dachte Mary Burns. Aber sie folgte mehr instinktiv als bewußt den Anweisungen der Stimme, die jenseits der Zeltwand zu ihr sprach. »Kommen in der Nacht – Weiße Rose holen«, flüsterte die Stimme. »Wer – John?« flüsterte Mary zurück, »John Burns? Ist es wirklich wahr?« »Ganz wahr. John in der Nähe versteckt. Kommen später, Schwester holen.« »Mein Gott! Es wäre zu schön, es wäre –«; die Stimme ging in ein wildes Schlucken und Schluchzen über. »Weiße Rose hinlegen – tun als ob schlafen, aber wachen«, sagte von der Tipiwand her die ruhige Stimme. »Hören, wenn Eule schreit. Dann John da. – Pst!« zischte er gleich darauf; er hatte Schritte gehört. Mary, an allen Gliedern vor Aufregung bebend, sank auf das Lager zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Die alte Indianerin betrat das Tipi, sie hatte eine Rumflasche in der Hand. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die ihrer Wachsamkeit Anbefohlene und kauerte sich im Vordergrund nieder. Ni-kun-tha schlich davon. Im Dorf schien alles zu schlafen; nur an einem etwas abseits brennenden Feuer saßen zwei alte Männer vor einer Hütte und ließen den Rumbecher kreisen. Sie mochten das Feuerwasser bei ihrem Zuge nach dem Genesee erbeutet haben. Im weiten Bogen umging der Miami das Feuer. Er wollte eben den Umkreis des Dorfes verlassen, als er eine auf ihn zu torkelnde Gestalt bemerkte. An dem phantastisch aufgeputzten Kopfschmuck und an dem mit allerlei geheimnisvollen Zeichen bedeckten Mantel, der ihm über die Schulter hing, erkannte er, daß er den Medizinmann des Dorfes vor sich habe. Der weise Mann hatte offenbar dem brennenden Wasser zu reichlich zugesprochen, denn er schwankte erheblich, fuchtelte mit den Armen und fiel schließlich zu Boden, wo er regungslos liegen blieb. Ni-kun-tha, dicht an ihn herantretend, hörte ihn gleich darauf schnarchen. Vorsichtig nahm er dem Schlafenden Kopfputz und Mantel ab und versteckte beides in einem Gebüsch, dann verließ er mit hastigen Sprüngen das Dorf, um John aufzusuchen. Es mochte schon bald Mitternacht sein, als die in Unruhe und Erwartung schlaflos auf ihrem Lager liegende Mary einen leisen Eulenschrei vernahm, der so täuschend nachgeahmt war, daß sie zunächst glaubte, den Vogel selbst zu hören. Der fast abgebrannte Kienspan verbreitete ein unheimlich düsteres Licht. Mary richtete sich hastig auf und lauschte. Die alte Frau schien, betäubt von dem wahrscheinlich lange entbehrten Rum, fest zu schlafen. Ein leises Geräusch von der hinteren Zeltwand her lenkte die Aufmerksamkeit des Mädchens dorthin; mit heimlichem Grauen erblickte sie in einer Öffnung der Fellwand einen dunklen Kopf. Gleich darauf stand ein junger, schlanker Indianer aufgerichtet im Tipi, das blanke Messer in der Hand. Mary wagte sich nicht zu regen. Der Indianer winkte ihr nur kurz zu und schlich mit katzenhaften Bewegungen zu dem Lager der Alten, wo er einen Augenblick reglos lauschend verharrte. Der starke Rumgeruch mochte ihm sagen, daß hier nichts zu befürchten sei. Und nun hätte Mary doch beinahe aufgeschrien. Denn in der Öffnung der Tipiwand erschien jetzt Johns Kopf. Sekunden später lag sie fassungslos schluchzend in den Armen des jungen Mannes. Der Indianer löschte den Kienspan; völlige Dunkelheit herrschte im Raum. »Vater? Wo ist der Vater?« flüsterte Mary. »Komm erst, du wirst alles hören«, antwortete John. »Zeit jetzt zu gehen«, mahnte der Miami. Sie verließen das Tipi durch den dafür vorgesehenen Eingang. Ni-kun-tha hing dem Mädchen eine Decke über, die er in der Hütte aufgegriffen hatte. Er selbst hatte den Mantel und den Kopfschmuck des Medizinmannes aus dem Versteck geholt und legte beides jetzt an. John nahm die wiederholt strauchelnde Mary wie ein Kind auf den Arm und folgte mit ihr dem Voranschreitenden. Plötzlich tauchte vor ihnen ein Indianer auf. Der Mann stutzte; als er indessen die Schellen des Medizinmannes hörte und schattenhaft die riesenhaft aufragende Gestalt hinter ihm gewahrte, wankte er mit einem Schreckensruf davon; auch er schien nicht mehr nüchtern. Unbehelligt gelangten alle drei in den Wald und setzten noch in der Dunkelheit unter Aufbietung aller Vorsichtsmaßregeln ihren Weg fort. Wiedersehen in der Schlacht In Gewaltmärschen durchzogen die Franzosen das Shenandoatal. Die Streitmacht war nicht sonderlich groß, aber für die Verhältnisse der Kolonien immerhin beachtlich. An die zwei- bis dreitausend Mann mochten es immerhin sein, die der General Dieskau, ein alter, erprobter Haudegen deutscher Abstammung, zusammengebracht hatte. Dazu kamen etwa achthundert Mann indianischer Hilfstruppen. Die von der schwer beweglichen Truppe mitgeführten sechs Kanonen wurden von Mauleseln gezogen. Die Vorhut bildeten Indianer, auch beide Flanken wurden durch weit ausgeschwärmte rote Spähtrupps gesichert. Unsere Freunde marschierten in der Formation eines Bataillons, dessen Schutz Oberst Clermont sie anvertraut hatte. Nachdem die Truppen das Tal durchzogen hatten, wandten sie sich westwärts und nahmen den Weg über eine wellige, blumenübersäte Prärie. Die Bewegungen wurden durch den mitgeführten starken Train erheblich behindert. Dieskaus Befehl ging, wie unsere Freunde richtig vermutet hatten, dahin, im taktischen Zusammenwirken mit den vom Eriesee herabstoßenden Truppenverbänden, den Vorstoß in das Ohiotal zu führen und alles, was sich ihm dabei in den Weg stellte, rücksichtslos niederzuwerfen. Einstweilen hatte man allerdings noch nicht einmal Fühlung mit dem Gegner, und auch von den aus dem Norden kommenden Abteilungen hatte man bisher nichts gehört und gesehen. Der beim Regiment Clermont weilende Edmund Hotham hatte übrigens inzwischen ein schmähliches Ende gefunden. Oberst Clermont hatte dem General den jungen Lord Somerset vorgestellt und ihm dessen Geschichte erzählt. Dieskau hatte den erbschleicherischen Mordgesellen daraufhin kurzerhand zum Troß verwiesen und ihm ankündigen lassen, daß er bei der geringsten verdächtigen Bewegung erschossen würde. Eines Tages war Hotham verschwunden. Knapp vierundzwanzig Stunden später fand man im Wald seine skalpierte Leiche; vermutlich war er von seinen gedungenen Freunden, den Huronen, umgebracht worden, da diese sich um ihren Lohn geprellt sahen. Der alte Burns bewegte sich nur mühsam vorwärts. Er war in den letzten Tagen um Jahre gealtert; die Sorge um das Ungewisse Schicksal seiner beiden Kinder und der Farm am Genesee nagte unaufhörlich an ihm. Der bärenhafte Bob versuchte ihn immer wieder auf seine Weise zu trösten, obgleich er sich mit seinen massigen Gliedern selbst nur mit großer Anstrengung vorwärtsbewegte. Way-te-ta, der sonderbar schweigsam geworden war, wich kaum noch von seiner Seite. Eben kam Richard Waltham, der eine Zeitlang neben dem weiter vorn marschierenden Leutnant de Brissac gegangen war, zu den Gefährten zurück. »Es sieht so aus, als würden wir bald Kanonendonner hören, Mr. Burns«, sagte er. »Sind die Unseren in der Nähe?« »Man vermutet es.« »Oh, verdammt!« knurrte Bob, »wäre ich doch drüben auf englischer Seite. Nichts gegen die Frenchers hier, sie haben uns gut aufgenommen, aber es sind nun mal Franzosen, und wir gehören nach drüben. Habe offen gestanden, gar keine Lust, zuzusehen, wie sie unsere Leute abknallen, und noch weniger Lust, durch eine englische Kugel ins Gras zu beißen. Und so hoffe ich denn bloß, daß ich zur gegebenen Zeit Gelegenheit finde, mich in die Büsche zu schlagen.« »Wir kommen im Falle einer Gefechtsberührung tatsächlich in eine recht üble Lage«, entgegnete Waltham ernst. »Es wird uns zunächst nichts weiter übrig bleiben, als uns zum Troß zurückzuziehen und dort die Schlachtentscheidung abzuwarten. Auf keinen Fall können wir gegen die Franzosen, die uns wie Gentlemen behandelten, feindlich auftreten. Das wäre in jeder Weise unfair, und ich könnte mich nie dazu entschließen.« »Will keinem Franzosen ans Leder«, brummte Bob, »hab' manches zurückgesteckt, aber wohin der Mensch gehört, dahin will er nun einmal. Na, wir werden ja sehen.« Während der Lord auf den schweigsamen und bedrückten Farmer einredete, den das Ungewisse Schicksal seiner Kinder zu sehr bedrückte, als daß er anderen Dingen zugänglich gewesen wäre, wandte der Bootsmann sich dem geistesschwachen Manne zu, der zu seinem Schatten geworden war. »Was wird nun eigentlich aus dir, Way-te-ta«, sagte er, »ich meine, wenn wir aus dem Schlamassel heraus sind und wieder hingehen können, wo wir wollen?« »Way-te-ta bleibt bei Bob«, sagte grinsend der Irre. »So, Way-te-ta bleibt bei Bob«, brummte der Bootsmann. »Ist ja ganz nett von dir, mein Junge; freu mich über deine Anhänglichkeit; weiß bloß noch nicht recht, wie du dir das vorstellst. Übrigens, du erzählst doch immer, du seiest ein Oneida-Krieger. Willst du denn nicht zu deinen Kopfhautabschneidern?« Das Gesicht des Mannes zog sich in Falten; seine Augen wurden stumpf; er schien ernsthaft nachzudenken. Nach einem Weilchen schüttelte er den Kopf. »Oneida gut«, sagte er, »aber – –«; er fand wohl keine Begründung, sein Kopf ging unruhig hin und her. »Way-te-ta bei Bob bleiben«, schloß er in beinahe trotzigem Ton. »Schön. Also dann bleibst du bei mir. Ein bißchen Verstand scheinst du ja noch behalten zu haben. Mindestens hat's ausgereicht, unsere Skalpe zu retten, und das ist verdammt allerhand. Sowas vergißt Bob Green nicht.« »Bob«, kicherte Way-te-ta, »Bob, Bob, Bob? Hahahaha! Way-te-ta weiß! Weiß alles. Sehr klug!« »Na, es geht an, glaube ich«, grinste der Bootsmann, »ganz so weit her scheint's mir mit der Klugheit nicht zu sein; immerhin –« Ein sonderbares Lächeln erschien auf dem Gesicht des Irren; er tippte sich mehrmals mit dem Finger gegen die Schläfe. »Hieß früher anders, Way-te-ta«, raunte er, »lange her. Da drin irgendwo. Weiß nicht!« Und er tippte sich abermals gegen die Stirn. »Sehr wahrscheinlich, was du da erzählst, mein Junge«, sagte Bob. »Irgendwann scheinen deine ehrenwerten Oneida, die der Satan holen möge, dich deinen christlichen Eltern entführt zu haben. Weiß der Henker, was sie mit dir angestellt haben, daß dir der Grips durcheinander geriet. Sollen hübsche Methoden haben, die Kanaillen, hab' ich mir sagen lassen. Hätt' nicht viel gefehlt, und ich hätt's selbst ausprobieren können. Das werd' ich dir nicht vergessen, Boy. Komm nur erst wieder mit mir unter Christenmenschen, dann wollen wir sehen, ob wir dein bißchen Verstand nicht wieder ins richtige Gleis kriegen. Schade, daß ich nicht Haus und Hof habe. Treib' mich auf dem Ontario herum und hab' auch keine Lust, mein Geschäft aufzugeben. Aber irgendwo werd' ich dich schon unterbringen. Laß das nur Bob Greens Sorge sein.« »Bleibt bei Bob! Way-te-ta bleibt bei Bob!« grinste der Irre. Während des Marsches hatte die Bodengestaltung fortgesetzt gewechselt; gegenwärtig erstreckten sich waldige Höhen vor den Marschierenden, rechts und links zeigten sich kleine Gehölze, von Wiesenflächen unterbrochen, auf denen allerlei kümmerliches Buschwerk wuchs. Plötzlich ließ sich vom Wald her der scharfe Knall zahlloser Büchsen hören. Alles horchte auf; das Gespräch in der Marschkolonne verstummte, überall wurden die Gewehre überprüft. Auf scharfe Kommandos hin wurde das Marschtempo beschleunigt. »Das Gefecht hat begonnen«, sagte Richard Waltham. Die anderen atmeten schwer. Das Gewehrfeuer wurde stärker und kam langsam näher; offenbar waren die vorgeschobenen Indianer zurückgeworfen worden. Jetzt bliesen die Hörner das Haltesignal. Kommandos klangen auf, und die Kompanien zogen sich in Schlachtordnung auseinander. Auf einem Hügel hielt General Dieskau zu Pferde, umgeben von seinen Adjutanten und Ordonnanzen, mit dem Glas den Höhenzug musternd, von dem der Kampflärm herüberdrang. Die an der rechten Flanke vorgehenden Indianer – Huronen und Seneca – erhielten Befehl zum Vorgehen. Sie schienen auf diesen Befehl nur gewartet zu haben; ihr wildes, gellendes »Who-whoop!« tönte schauerlich durch die Wälder. Adjutanten sprengten nach vorn, um Befehle zu überbringen. Die regulären Truppen vollzogen eine Schwenkung und bezogen an einem Gehölz Stellung, das ihnen für den Notfall Deckung zu gewähren vermochte. Dieskau war sich offensichtlich noch nicht klar darüber, welcher Machtgruppierung er gegenüberstand, obgleich schon am Vortage indianische Läufer die Nachricht gebracht hatten, daß englische Linientruppen im Anrücken seien. Dieskau hätte sehr gern die Vereinigung mit den von Norden heranziehenden Truppen abgewartet; den Engländern kam es offensichtlich darauf an, diese Vereinigung zu verhindern und die Korps einzeln zu schlagen. Fiebernd vor Erregung und von einer inneren Unruhe gejagt, standen unsere Freunde am Rande des Gehölzes und lauschten dem unentwegt knatternden Gewehrfeuer. An dem Anschwellen der Salven merkten sie bald, daß die vorgegangenen Indianer Gefechtsberührung hatten. Der General sandte ihnen jetzt zweihundert Flankeurs hinterher, gab aber seine Stellung an dem Gehölz noch nicht auf. Indessen schien das Gefecht vorn zum Stehen gekommen zu sein; eben kamen Adjutanten zurück, die Bericht erstatteten. Plötzlich dröhnten einige dumpfe Kanonenschläge auf; gleich darauf erklangen von rechts her in kurzen Abständen starke Gewehrsalven. Und von dort her kommend, brachen jetzt auch flüchtende Indianerhaufen durch das Holz; man hörte das donnernde »Hurra!« der Engländer und den dumpfen Schlag ihrer Trommeln. Dieskau ließ seine Geschütze nach rechts in Stellung bringen und zwei Kompanien ausgeschwärmt vorgehen. Die Indianer wurden von dem Schwung der regulären Truppen wieder mit nach vorn gerissen. Immer näher kam das Gewehrfeuer. »Die Unseren dringen vor«, flüsterte Richard Waltham. Mit blassen Gesichtern, unschlüssig, was sie tun sollten, standen die anderen, nur Way-te-ta schien der kriegerische Lärm Spaß zu machen; er hüpfte herum und krähte vor Vergnügen wie ein Kind. Die Lage war für die unfreiwilligen Gäste der französischen Truppen um so beunruhigender, als sie keine Ahnung vom Stande der Schlacht hatten und weder die Stärke der Engländer noch die Gefechtspläne der Franzosen kannten. Klar schien nur, daß General Dieskau unerwartet angegriffen worden war und Verteidigungsstellung bezogen hatte. Die nach rechts beorderten zwei Kompanien waren mittlerweile im Kampf begriffen; die Flüchtlinge hörten das gellende »Vive le roi!« der Franzosen und dazwischen das brausende »Hurra!« der Engländer, vermengt mit dem langgezogenen, grausenerregenden »Who-whoop!« der Indianer, zu sich herüberdringen. Die Dinge schienen auch hier für die Franzosen nicht günstig zu stehen, denn Dieskau sandte jetzt noch eine Kompanie hinterher, ließ sämtliche Reservetruppen in das Gehölz eintreten und befahl, an dessen Rand Verhaue anzulegen. Dem Befehl wurde in fieberhafter Eile Folge geleistet. Von der Front her kam der Kanonendonner näher, und auch das Gewehrfeuer aus der Flanke verstärkte sich, ein Zeichen dafür, daß die Engländer von beiden Seiten her Raum gewannen. Jetzt brüllten zum ersten Male die französischen Geschütze, aber da wurden rechts auch schon die leuchtend roten Röcke der englischen Grenadiere sichtbar, die im Begriff waren, die französischen Kompanien mit dem Bajonett zurückzujagen. Way-te-ta gröhlte und krähte; der Kanonendonner, die gellenden Rufe, der dumpfe Ton der Trommeln, die Signalhörner und die unentwegt peitschenden Gewehrsalven schienen ihn um den letzten Rest seines Verstandes gebracht zu haben. Während der Rückzug der französischen Linie auf beiden Seiten sich in regellose Flucht zu wandeln begann und das englische »Hurra!« deutlicher und deutlicher vernehmbar wurde, hatten Burns und seine Begleiter sich weiter zurückgezogen und unter ein paar breitästigen Bäumen auf dem Waldboden niedergelassen. Die Franzosen feuerten jetzt Salve um Salve aus ihrer gedeckten Stellung heraus auf die Angreifer; die Schlacht war an allen Fronten in ein erbittertes Stadium eingetreten. Als ein paar in der Nähe stehende französische Kanonen jetzt mit Donnergetöse ihre Ladung entließen, sprang der Irre auf, raste wie besessen umher und begann aus voller Kehle zu singen. Und zwar sang er sonderbarerweise ein altes englisches Weihnachtslied. Schauerlich gellte es durch das Waffengetöse: »Holy Christmas Merry time ...« Er hatte die ersten Töne kaum über die Lippen gebracht, als Bob Green sich erhob, fassungslos auf den tanzenden und gröhlenden Mann starrte und mit jäh erblaßtem Gesicht stammelte: »Wie kommst du an das Lied, Mann? Wo, um alles in der Welt, hast du das Lied her?« »Holy Christmas Merry time«, gröhlte der Irre. Bobs Augen wollten fast aus den Höhlen; seine Stirn hatte sich über den buschigen Brauen wie in angestrengtem Nachdenken zusammengezogen. Die anderen, die nichts von dem Vorgang begriffen, sahen mit verblüfften Gesichtern zu. »Menschenskind, Ned? Bist du etwa Ned?« schrie der Bootsmann mit beinahe überschnappender Stimme. Der tanzende Sänger hielt ein und sah den Bootsmann aus glasigen Augen an; seine Augen verkniffen sich. »Ned?« sagte er leise, »Ned?« Und plötzlich lief es wie ein Aufleuchten des Begreifens über sein verstörtes Gesicht, ein Funke brach in den Augen auf. »Ned!« rief er, »ja, jetzt weiß ich wieder: Ned! Bob und Ned! Bob und Ned! Eine Frau war da, die rief immer: Bob und Ned! Zu Bett, Bob und Ned! Und dann saß sie am Bett und sang: ›Holy Christmas, Merry time ...‹« Dem bärbeißigen Seemann standen mitten im Gewoge der in allernächster Nähe tosenden Schlacht plötzlich Tränen in den Augen. »Das ist doch nicht möglich, das ist doch fast nicht möglich«, stammelte er ein über das andere Mal. »Ned? Mein Bruder Ned – das ist schon so lange her. Aber ich weiß es nun, da ist gar kein Zweifel mehr möglich, hab' immer schon sowas gefühlt, nach einer Ähnlichkeit gesucht; weiß es nun: Mutters Gesicht, Mutters Gesicht war es, was ich sah. Ach du lieber Gott, Ned, was hat man mit dir denn gemacht?« Er hatte den unglücklichen Geistesverwirrten bei beiden Armen gepackt und starrte ihm ins Gesicht, als vermöchte er es immer noch nicht zu fassen. Die dröhnenden, donnernden, knatternden Geräusche der Schlacht störten ihn nicht mehr. »Ist es denn möglich?« stammelte er immer von neuem, »mein Bruder Ned! Und hat keinen Verstand mehr! Und läuft schon so lange neben mir her! Und ich hatt' immer so ein Gefühl – –«; er schüttelte den Mann, daß ihm die blonden Haare wirr um das Gesicht flatterten; »Ned«, keuchte er, »ist es denn wirklich wahr? Sieh mich doch an, bist du Ned?« »Ned!« lachte der Irre; er wußte das jetzt wieder, aber deswegen war es in seinem Hirn nicht klarer geworden; auch er stammelte, seine Augen glänzten wie im Fieber, er versuchte dem bärtigen Seemann die Wangen zu streicheln. »Bob«, lallte er, »Bob und Ned! Mutter – gute Frau – Holy Christmas – Bob und Ned! Ned bleibt bei Bob! Immer bei Bob!« Immer noch mehr verblüfft als erschüttert standen der alte Burns und der junge Lord neben den beiden Männern. Das Ganze schien so unglaublich, daß sie es hier, im Getümmel der Schlacht, noch nicht zu verarbeiten vermochten. »Das ist wahrhaftig das merkwürdigste Erlebnis, das ich je hatte«, flüsterte Richard Waltham. Dem alten Puritaner aber schien dieses seltsame Wiederfinden zweier seit langer Zeit getrennten Brüder wie ein gutes Omen; er glaubte darin Gottes Hand zu erkennen. O Gott, betete er heimlich, gib mir meine Kinder zurück! Du bist wunderbarer als alles, was Menschenhirn zu erdenken vermag! Inzwischen war die Schlacht weitergegangen. Die Gefährten sahen jetzt flüchtende Franzosen an sich vorüberlaufen, um tiefer im Gehölz Deckung zu suchen; gleich darauf erschienen in Pulverdampf eingehüllt auch schon die scharlachfarbenen Röcke der englischen Infanterie. In weit auseinander gezogener Linie gingen die Grenadiere mit gefälltem Bajonett vor. In dieser Situation vermochte Bob Green, der den wiedergefundenen Bruder zu Boden gerissen hatte, weil die Kugeln über ihnen durch die Zweige pfiffen, sich nicht länger zu halten. »Kommt!« brüllte er den anderen zu, »jetzt oder nie!« Und mit äußerster Lungenkraft, als müsse er einen Orkan an Bord seiner Sloop überbrüllen: »Hurra! Hurra! Hurra für Old-England! Hurra!« Hinter ihm suchten auch die anderen in dichtem Pulverdampf den Weg ins Freie. Nach vorn zu und im Gehölz selbst tobte wilder Kampf. Es war ein Wunder, daß keine der von beiden Seiten kommenden Kugeln sie traf. Sie traten keuchend aus dem Walde heraus und sahen sich einer ausgedehnten Linie englischer Grenadiere gegenüber, deren Bajonette im Sonnenlicht glänzten. Sie liefen auf die Linien zu, fortgesetzt »Hurra!« brüllend und wild mit den Armen gestikulierend. Ein Offizier, den blanken Degen in der Faust, brüllte sie an: »Seid ihr wahnsinnig? Wer seid ihr? Wohin wollt ihr?« »Engländer!« brüllten alle fast gleichzeitig zurück. »Waren Gefangene der Franzosen! Wurden dank eurer Tapferkeit befreit!« »Hinter die Linie!« Der Offizier winkte mit dem Degen. »Zurück! Zurück! Hinter die Linie!« Sie liefen geduckt zwischen den auseinandergezogenen Linien der zum Angriff gestaffelten Infanterie durch, hetzten und liefen mit keuchenden Lungen weiter bis zu einem anderen Gehölz, wo sie auf Miliz-Reservetruppen stießen. Sie waren hier kaum angekommen und wollten sich bei dem befehligenden Offizier melden, als sich im Rücken der Miliz ein wildes Geheul erhob. »Who-whoop!« gellte es; »who-whoop! Who-whoop!« Scharen heulender, tobender Indianer kamen heran. Gleichzeitig hörte man hinter den englischen Linien Kanonengebrüll. Die Miliz hatte im Augenblick Stellung bezogen; ihre Salven fielen, genau abgezirkelt, wie Hammerschläge. Ebenso schnell wie sie gekommen, fluteten die roten Angreifer zurück. An ihrer Stelle aber tauchten jetzt, den Engländern gänzlich unerwartet, lange Reihen französischer Infanterie auf, die sich den Rotröcken mit gellendem »Vive le roi!« entgegenwarfen. In dem Gehölz, in welchem die Gefangenen bis vor kurzem noch geweilt, hatte sich das blutige Spiel durch diesen überraschenden Angriff im Rücken der Front blitzschnell zu Gunsten der Franzosen gewendet; kämpfend und fechtend, unter furchtbaren Verlusten, zäh Schritt für Schritt verteidigend, gingen die Grenadiere zurück. Ins Freie getrieben, gerieten sie zwischen zwei Feuer. Es war kein Zweifel mehr: die aus dem Norden gemeldeten französischen Verbände waren zur Stelle und hatten sofort in den Kampf eingegriffen. Unsere Freunde schlossen sich den Miliztruppen an, die sich, nachdem sie den indianischen Angriff abgewiesen hatten, in einem zweiten Treffen sammelten. In dem anderen Gehölz wütete furchtbar der Kampf. Dort fochten englische Grenadiere jetzt mit ›französischen‹ Indianern, das heißt mit unsichtbaren Feinden; sie fielen haufenweise unter den aus dem Hinterhalt, aus Büschen und Baumkronen abgefeuerten Kugeln. Inmitten der in einzelnen Abteilungen gegliederten Milizen hielt zu Pferde ein junger Mann mit den Abzeichen eines Obersten der Kolonialmiliz. Burns und Waltham sahen ein klares, streng gemeißeltes Profil, ein Gesicht von fast klassischer Schönheit, das von zwei großen, strahlend blauen Augen belebt wurde. Der ganze Mann, mit seinem Pferd zu einer Statue verwachsen, bot das Bild eiserner, unerschütterlicher Ruhe. Er beobachtete das Hin- und Herwogen der Schlacht aufmerksam durch das Glas. Jetzt ließ er den Feldstecher sinken und sagte zu einem der neben ihm haltenden Adjutanten gewandt: »Genau, wie ich es vorausgesagt habe. Dieser verrückte Vorstoß der Regulären hat unsere ganze linke Flanke entblößt; das wird uns noch teuer zu stehen kommen. Reite zu den Pennsylvaniern, Putnam. Sie sollen sich bereithalten, die geworfenen Linientruppen aufzunehmen. Werden sie selbst angegriffen, sollen sie sich geordnet auf das Fort Necessity zurückziehen. Sollen aber keinesfalls die Fühlung mit mir verlieren. Wir werden hier gleich die ganze Meute, Franzosen und Rothäute, auf dem Nacken haben.« »Zu Befehl, Colonel!« Der Adjutant sprengte davon. Der Befehlshaber wandte sich einem anderen Adjutanten zu: »Sprengen Sie zurück, Gates, sagen Sie den Shawano, ich lasse bitten, die Burschen da drüben« – er wies mit der Hand – »in der Flanke zu fassen und den Rotröcken etwas Luft zu verschaffen.« Auch dieser Adjutant sprengte davon. Bewundernd starrten Elias Burns und Richard Waltham auf den jugendlichen Milizkommandeur; dieser Mann sah aus, als vermöchte ihn der in der vorderen Schlachtlinie herrschende Wirrwarr nicht im geringsten zu beunruhigen. Auch seine Männer, durchweg büchsenbewaffnete Farmer, schienen von einer staunenswerten Kaltblütigkeit und Gelassenheit. »Wer ist der Kommandeur?« wandte sich Richard Waltham an einen in der Nähe hockenden Farmer, der dabei war, seine Büchse auf eine Ladehemmung hin zu untersuchen. »Oberst Washington aus Virginien, Sir«, antwortete der Mann. Zur Rechten und Linken rückten die Feinde trotz tapferster Gegenwehr weiter vor. Schon kamen panikartig flüchtende Soldaten zurück. Der Oberst wandte sich an den neben ihm haltenden Hornisten: »Angriffssignal für das erste und zweite Bataillon!« Das Signal erklang. Augenblicklich gingen an die sechshundert Büchsenschützen in aufgelöster Linie vor; zwei andere Bataillone rückten als Reserve an ihre Stelle. »Nicht zu weit vor, Boys!« rief Washington mit weithin schallender Stimme. »Schafft den Rotröcken Luft. Achtet auf die Signale!« »Ay, ay, Sir! Hurra, Oberst Washington!« brüllte es im Chor. Zweihundert Gewehre entluden sich in einer donnernden Salve. In einiger Entfernung von dem Hügel, auf dem der Kommandeur mit seinem kleinen Stabe hielt, und nicht weit entfernt vom Standort unserer Freunde, standen auf einer kleinen Erhöhung unter einer Platane drei Personen und starrten in das wilde Getümmel. Es waren dies John und Mary Burns und Ni-kun-tha, der Miami, der mit funkelnden Augen den Gang der Schlacht verfolgte. Sie waren eben erst hier eingetroffen, und auch sie erblickten nun den berittenen Mann auf dem Hügel, dessen befehlsgewohnte Stimme über das Schlachtfeld schallte. »Feuerauge!« sagte Ni-kun-tha zu John, »sehr großer Krieger! Wir jetzt hinabgehen zu Inglis.« Sie eilten eben auf die in Reservestellung verharrenden Milizen zu, als von dem Hügel hinter ihnen eine stattliche Indianerschar herabgestürmt kam. Da Ni-kun-tha sie erblickte, rief er, indes eine Flamme aus seinem dunklen Auge brach: »Meine Krieger! Jetzt kämpfen! Du gehen zu Feuerauge, schützen Schwester.« John eilte, die zitternde Mary im Arm, weiter, während der junge Häuptling stehenblieb und mit gellender Stimme den Schlachtruf der Miami erschallen ließ. Aus rund fünfzig Kehlen wurde er jubelnd erwidert; im Augenblick sah Ni-kun-tha sich von seinen Männern umringt. Hinter der kleinen Schar der Miami kamen rund hundertfünfzig Shawano heran. Ni-kun-tha ging auf deren Häuptling zu und stellte sich ihm zur Verfügung. Der Shawano, der seine Instruktionen hatte, erklärte kurz Art und Zweck der befohlenen Bewegung und ließ Ni-kun-tha mit seinen fünfzig Miami die Vorhut bilden. Abermals seinen Schlachtruf ausstoßend, sprang der Häuptling, von seinen Kriegern gefolgt, vorwärts, während rechts von ihnen englische Reguläre flüchteten. Gleich darauf verkündeten rollende Salven, daß Miami und Shawano sich im Kampf befanden. John und Mary stolperten über Zweige und Wurzelgestrüpp. Sie strebten der Mitte der Milizformationen zu, als John plötzlich einen Ruf der Überraschung ausstieß: »Vater, Vater! Sieh doch, Mary, der Vater!« Ein Aufschrei von der anderen Seite antwortete. Elias Burns, fassungslos, ungläubig und zunächst nichts begreifend, hatte sich bei Johns Aufschrei von den Freunden gelöst; jetzt sah er neben dem bitter vermißten und in bösen Stunden schon heimlich beklagten Sohn zugleich auch die Tochter stehen. Der alte Mann, da er sah, daß kein Spuk ihn narrte, brach erschüttert in die Knie; seine Schultern zuckten, und Tränen stürzten ihm aus den Augen. Gleich darauf fühlte er die Arme seiner Tochter um seinen Hals. Kampf, Schlacht und Tod waren vergessen. Bob Green mußte sich heftig schneuzen; es war, weiß Gott, ein bißchen viel auf einmal, was da heute zusammenkam. Er hatte das plötzliche Wiederfinden des seit langer Zeit vermißten und längst verlorengegebenen Bruders noch nicht verdaut, jetzt wurde er Zeuge eines anderen Wiedersehens. Er gebrauchte ein großes rotes Sacktuch mit Nachdruck und knurrte irgendetwas in den Bart, das niemand verstand. Der Pulverdampf habe ihm die Augen gerötet, er könne kaum noch sehen, schnaufte er gleich darauf. Die sonderbare Gruppe mit dem hochgewachsenen blonden Mädchen inmitten des Schlachtgetümmels mochte auch Oberst Washington aufgefallen sein, der jetzt herangeritten kam. Richard Waltham stellte sich vor und erklärte in kurzen Worten die Situation. In den blauen Augen des jungen Milizoffiziers leuchtete es kurz auf. »Meinen Glückwunsch«, sagte er, »aber schaffen Sie Ihre Tochter etwas zurück, Mr. Burns, es könnte hier gleich etwas zu turbulent werden.« »Selbstverständlich, Sir«, stammelte der noch immer nahezu fassungslose Vater und führte die an allen Gliedern zitternde Tochter aus der Kampflinie heraus. Richard Waltham stellte sich dem Kommandeur zur Verfügung. Der maß ihn mit einem kurzen prüfenden Blick. »Gut, Sir«, antwortete er, »Sie können mir vielleicht als Adjutant dienen.« Bob hatte einem verwundeten Milizionär die entfallene Büchse abgenommen und sich dessen Patronentasche umgehängt. Ich muß den armen Bengel los werden, dachte er, habe es satt, hier tatenlos herumzustehen. »Hör zu, Ned«, wandte er sich an den Bruder, »bist doch ein Krieger, nicht wahr, warst mal ein großer Oneida, na also, willst du nicht hingehen und den alten Mann und die junge Miß beschützen?« Ned schien die Notwendigkeit solchen Schutzes einzusehen. »Ja, gehen«, antwortete er, »Bob auch?« »Geh nur, ich komme gleich nach.« »Gut. Way-te-ta, – nein – Ned großer Krieger! Geht junge Miß schützen!« Und er sprang hinter dem Farmer und seiner Tochter her, die den eigentlichen Kampfbereich schon verlassen hatten. »So, John, mein Junge, jetzt können wir uns ein bißchen für Old England und die Kolonie betätigen«, wandte er sich dem jungen Burns zu, »hoffentlich nur gegen rote Spitzbuben, möcht' den Frenchers nicht gern was zuleide tun. Haben sich fair benommen, die Leute, alles was recht ist.« Die beiden gesellten sich den Reservemilizen zu und meldeten sich bei einem der Unterführer. Dann teilte Bob dem jungen Mann schnell die näheren Umstände mit, die ihn und seine Gefährten hierhergeführt hatten, und auch John berichtete von seinen und Ni-kun-thas Erlebnissen. Sie sprachen noch angeregt miteinander, als der auf den Tod verwundete Oberkommandierende der englischen Truppen, General Braddock, vorbeigetragen wurde. Washington kam herangesprengt und stieg vom Pferde. »Alles verloren, Oberst«, stöhnte der alte Offizier, »retten Sie, was noch zu retten ist!« Washington drückte dem sterbenden Mann, dessen ungeschickte Führung die bedrohliche Situation verschuldet hatte, sein Bedauern aus und befahl, ihn weiter zurückzutragen. Dann stieg er wieder zu Pferde. Es war nicht mehr zu bezweifeln: Die Schlacht war verloren. Sämtliche regulären Truppen waren geschlagen, zum großen Teil waren sie in den Wäldern von Indianern niedergemacht worden. Ein Linienoffizier kam herangesprengt: »Was tun, Oberst Washington?« »Meine Meinung, Oberst Hove: Sie ziehen sämtliche Regulären aus dem Gefecht und treten den Rückzug nach der von mir angelegten Befestigung an. Ich decke Ihnen mit meinen Milizen den Rückzug.« Es fiel dem Linienoffizier offensichtlich schwer, dem Rat zu folgen, aber er sah keine andere Möglichkeit und gab die entsprechenden Befehle. Was noch an Rotröcken zu sammeln war, wurde aus dem Kampf gezogen, rückwärts geleitet und neu geordnet, während die Milizen von Virginien und Pennsylvanien unter Oberst Washington den Kampf aufnahmen, um den Rückzug nach den aufgeworfenen Verschanzungen zu decken. Die Franzosen drangen samt ihren indianischen Bundesgenossen vor; aber sie hatten es nun mit einem anderen Feinde zu tun: die Koloniemänner fochten ebenso wie die Roten in gedeckter Stellung und verstanden sich meisterhaft in der Taktik des allmählichen Rückzugsgefechtes. Jeder Schuß, den diese samt und sonders im Wald aufgewachsenen Männer abgaben, saß. Als die Franzosen Geschütze nach vorn brachten, schlichen sich einige verwegene virginische Schützen in guter Deckung vor und schossen die gesamte Bedienung zusammen. Oberst Washington ritt im Kugelregen umher, als hätte er zehn Leben, von allen Seiten folgten ihm die bewundernden Blicke seiner Männer. Zwei Adjutanten wurden unmittelbar neben dem jugendlichen Colonel – er zählte erst fünfundzwanzig Jahre – getötet. Dreimal wurde ihm das Pferd unter dem Leibe zusammengeschossen, ihn selbst streifte kein Schuß, und nichts brachte diesen eisernen Mann, der an diesem Tage den Grundstein seiner künftigen Größe legte, aus der Ruhe. Langsam wogte das Gefecht rückwärts. John und Bob kämpften wacker in den Reihen der Milizionäre. Sie erreichten die Höhe und zogen sich in den Wald zurück. Die Vorstöße der Franzosen ließen nach; solchen Gegnern gegenüber wollten sie sich wohl nicht in ein Waldgefecht verwickeln. Ungefährdet erreichten die Kolonietruppen die auf einer Ebene angelegten Verschanzungen, die ihnen und den wenigen noch vorhandenen regulären Soldaten zunächst einigen Schutz gewährten. Auch die zurückgerufenen Miami und Shawano trafen ein; sie erhielten den Befehl, außerhalb der Umwallung eine Vorpostenkette zu bilden. John, Bob und Richard Waltham fanden den alten Burns und seine Tochter, und erhielten nun Gelegenheit, gegenseitig von ihren Erlebnissen in der jüngsten Zeit zu berichten. Der König der Miami Die Nacht verlief völlig ungestört, aber Washington war sich darüber klar, daß er am Morgen mit überlegener Macht angegriffen werden würde, und traf seine Vorsichtsmaßregeln. Vor den starken Verschanzungen lag völlig freies Schußfeld. Zum Glück hatte man zudem vier Geschütze retten können, die der Kommandeur nun sehr sorgsam aufstellen ließ. Englische Linientruppen und Kolonialmiliz zählten zusammen mit ihren indianischen Verbündeten nicht ganz dreitausend Mann. Den Gegner mußte man, nachdem auch die zweite vom Norden kommende französische Streitmacht eingetroffen war, zuzüglich der roten Bundesgenossen auf sechs- bis siebentausend Mann schätzen. Die Situation war zweifellos kritisch. Umso mehr erhielt jedermann Gelegenheit, die Ruhe und Entschlossenheit des jungen Virginiers zu bewundern, auf dessen Schultern jetzt die Verantwortung ruhte. Selbst die englischen Linienoffiziere, die im allgemeinen mit hochmütiger Verachtung auf die Milizen herabzusehen pflegten, mußten mehr oder weniger widerwillig anerkennen, daß nur eben diese sonst so geringschätzig betrachteten Männer und ihr Kommandeur sie vor vollständiger Vernichtung bewahrt hatten. So ordneten sie sich schweigend Washingtons Befehlen unter. Nicht lange nach Sonnenaufgang erhob sich der Kommandeur, der nur wenige Stunden geschlafen hatte, und schritt die Wälle ab, untersuchte alle Verteidigungsanlagen, kontrollierte Waffen und Munition, sprach hier mit einem Offizier, dort mit einem Unterführer, da mit einem der Männer. Er fand wenig zu tadeln, aber er hatte für jeden einen freundlichen Blick und ein gutes Wort. So kam er auch zu der Stelle, wo Elias Burns sich mit seinen Freunden gelagert hatte. Hier stand hoch aufgerichtet ein junger Indianer, dessen dunkle Augen aufleuchteten, als sie Washington erblickten. Mit federnden Schritten trat er auf den Kommandeur zu, legte die Hand auf das Herz und sagte: »Der Sohn Tana-ca-ris-sons grüßt Feuerauge.« »Ni-kun-tha!« rief der Milizoberst überrascht, »wo kommst du her? Ich habe vom Schicksal Tana-ca-ris-sons, deines großen Vaters gehört, er hat seine Treue mit dem Tode besiegelt. Sei uns willkommen, wenn du auch nicht an der Spitze deiner Miami kommst.« »Dort stehen die Krieger der Miamistämme«, sagte Ni-kun-tha, mit der ausgestreckten Hand auf eine sich unweit erhebende Hügelkette weisend. Washington richtete das Glas auf die Bodenerhebung und sah starke Scharen indianischer Krieger dort lagern. Er ließ das Glas sinken; sein Gesicht war sehr ernst geworden. »Auch die Miami also – gegen uns«, sagte er. »Glaubst du, daß sie gegen uns kämpfen werden, wenn der Sohn ihres großen Sagamoren hier bei uns steht?« »Ni-kun-tha wird hingehen und sie fragen«, antwortete der Häuptling schlicht. »Das wäre – das Ende«, murmelte Washington. Sein zupackender Blick nahm den jungen Indianer in die Klammer. »Falke«, sagte er, »wenn du zu erreichen vermöchtest, daß sie sich dem Kampf fernhalten, es wäre viel, vielleicht schon alles gewonnen.« »Der Sohn Tana-ca-ris-sons wird mit ihnen reden«, entgegnete der Häuptling. Washington reichte ihm die Hand: »Gut. Geh, Falke, sprich mit ihnen. Sicherlich werden sie dich anhören und vielleicht –«; er brach ab und winkte Ni-kun-tha verabschiedend zu. Nachdem er noch ein paar freundliche Worte an Burns, seine Tochter und die anderen gerichtet hatte, ging er weiter, die Verteidigungsanlagen zu untersuchen. Ni-kun-tha trug das Haar mit einem scharlachroten Band zusammengewunden; eine Adlerfeder ragte aus der Skalplocke auf. Auf seiner Brust glänzte die Medaille König Georgs, sein linkes Handgelenk wurde von einem schweren goldenen Armband geziert. Das Jagdhemd aus weicher, geschmeidiger Rehhaut war mit allerlei bunten Stickereien verziert; der Schaft seiner Streitaxt – ein Geschenk Washingtons – war reich mit Silber beschlagen. Vom Feind war einstweilen noch nichts zu gewahren; die Ni-kun-tha gehorchenden Miami hatten während der Nacht die äußerste Vorhut gebildet; ihre Späher lagen überall in den Büschen. Bisher war keine Nachricht von ihnen eingetroffen. Seine Büchse zurücklassend, verließ der junge Miami das Lager und ging auf die Hügelkette zu, auf deren Höhen die während der Nacht eingetroffenen Krieger seines Volkes lagerten. Er ging ganz allein, vom Lager ebenso wie von den Hügeln aus zu sehen, über die baumlose Ebene. Die Miamikrieger empfingen ihn schweigend, aller Augen waren auf ihn gerichtet, als er die Lagergassen durchschritt. In der Mitte einer Lichtung unweit der schwach lodernden Ratsfeuer blieb er stehen und sagte, mit herrischer Gebärde die flache Hand ausstreckend, zu einigen herankommenden älteren Kriegern: »Ni-kun-tha, der Sohn Tana-ca-ris-sons, will zum Rat der Alten seines Volkes sprechen.« Einer der Krieger antwortete ruhig und unbewegt: »Der Sohn Tana-ca-ris-sons möge warten. – Mitschi-kalwa wird es den Häuptlingen melden.« Er winkte zwei anderen Kriegern und schritt mit ihnen auf das Ratsfeuer zu. Ni-kun-tha kreuzte die Arme über der Brust und blieb hochaufgerichtet stehen; der Blick seiner dunklen Augen ging über die im Schweigen erstarrte Versammlung hinweg wie in eine unendliche Ferne. Schon nach kurzer Zeit kehrten die drei Krieger zurück und meldeten, die Häuptlinge seien bereit, den Sohn des großen Sagamoren zu hören. Selbstverständlich hatten auch sie den Angekommenen längst bemerkt und sich innerlich vorbereitet. Ni-kun-tha schritt durch die Lagergassen, an den einzelnen Stammeshaufen vorbei; er kam auch zu den Piankeschaws, dem Stamm, dem seine eigene Sippe angehörte; hunderte unruhig glimmende Augen folgten ihm, als er vorüberging. Er trat auf die Lichtung hinaus und in den vor drei schnell errichteten Tipis gebildeten Halbkreis alter Häuptlinge, die am Ratsfeuer versammelt waren. Schweigend empfingen sie den Sohn ihres großen Häuptlings; hochaufgerichtet stand er vor ihnen, sich mit einer Haltung verneigend, die Anmut und Würde unnachahmlich vereinte. Anmutig folgte er der Aufforderung des Ältesten, niederzusitzen; er nahm das Kalumet entgegen, tat einen Zug und gab es, blaue Rauchringe ausstoßend, weiter. Nachdem die Pfeife des Friedens die Runde gemacht hatte, sagte der Älteste in das feierliche Schweigen hinein: »Die Ohren des Miami-Volkes sind weit geöffnet. Der Sohn Tana-ca-ris-sons mag reden.« Geschmeidig, mit federnden Bewegungen erhob sich der Jüngling; sein flammender Blick glitt über die Versammlung. In endlosen Haufen standen hinter den Häuptlingen die bronzenen Gestalten der Krieger. Ni-kun-tha sprach mit leiser, jedoch deutlich akzentuierender Stimme; verhaltene Leidenschaft glühte in seinen Worten: »Sagamoren und Krieger meines Volkes! Zu euch spricht ein Sohn und ein sehr junger Krieger. Durch meinen Mund spricht zu euch Tana-ca-ris-son, der Weise. Hört seine Worte, die aus den ewigen Jagdgründen zu euch dringen. Bei euch ist die Weisheit des Alters und die Erfahrung. Ni-kun-tha ist jung, erst zwanzigmal sah er den Frühling kommen; ein Nichts ist er vor euch, den Weisen seines Volkes. Aber sein Herz schlägt wie das eure, und die Stimme seines großen Vaters dröhnt in seinem Ohr.« Ein leises Gemurmel ließ sich hören, das gleich wieder erstarb. Bewegter nun, dunkler und klingender wurde die Stimme des jungen Indianers, beschwörender klangen seine Worte: »Ein Großer in seinem Volk war Tana-ca-ris-son, der Geist Niwi-ki-nikwas, des Größten aller Miami, war in ihm lebendig. Die Yengeese nannten ihn mit dem Namen ihres Großen Vaters jenseits des Wassers, einen König nannten sie ihn. Ni-kun-tha ist nichts als sein Erbe. Er will seines großen Vaters würdig werden. Tana-ca-ris-son hat mit den englischen Vätern einen Bund geschlossen, er hat sein Totemzeichen unter einen Vertrag gemalt; ein Miami hat nur eine Zunge, nur ein Herz, er kann sterben im Kampf, den Schlachtruf seines Volkes auf den Lippen, aber er kann nicht sein Wort brechen.« Seine Stimme hob sich, und die ausgestreckte Hand wies mit herrischer Gebärde ins Tal: »Dort unten steht Feuerauge, der weiße Häuptling, die Krieger meines Volkes kennen ihn, und sie wissen auch, daß kein Falsch an ihm ist. Feuerauge sprach zu Tana-ca-ris-son, den er einen König nannte: ›Brüder sind wir, Söhne der Erde, die wir lieben, laßt sie uns gemeinsam verteidigen gegen den Fremden, der von Norden, aus den Kanadas kommt.‹ Und Tana-ca-ris-son reichte ihm die Hand und malte sein Totemzeichen auf ein Stück Hirschhaut. – Sagamoren und Krieger der Miami, der Wolf ist in die Hürde gefallen, er hat euch mit gleißnerischen Worten getäuscht. Unten steht Feuerauge, der weiße Mann, der sein Wort niemals brach. Er weist auf das Totemzeichen Tana-ca-ris-sons, und er fragt: Wo sind meine Brüder, die Miami? Reden die Miami mit zwei Zungen? Hat das feurige Wasser der weißen Männer aus den Kanadas sie verwirrt? Der Sohn Tana-ca-ris-sons fragt nicht, und er fordert nicht. Wie ein kleines Kind ist er vor den weisen Männern seines Volkes. Aber er ist ein Miami, und er ist der Sohn seines Vaters. Er steht zu dem feierlich beschworenen Bündnis in der Stunde der Gefahr. Wenn der Kampf anhebt, wird er an der Spitze seiner wenigen Krieger auf Seiten der Yengeese kämpfen und, wenn es sein muß, sterben. Wird Tana-ca-ris-son, der Große, in den ewigen Jagdgründen sehen müssen, wie die Krieger seines Volkes gegen den Sohn kämpfen, der sein Erbe trägt? Manitu wird sein Haupt verhüllen, wenn es geschieht.« – Höher reckte sich der Jüngling, wilder flammte sein Auge. »Ni-kun-tha muß nicht nur seinem Vater folgen, er muß auch seinen Tod an seinen Mördern rächen. Ist einer unter den Kriegern der Miami, der den Tod seines Vaters nicht rächen würde? Hugh! Ni-kun-tha hat mit der Rache begonnen. Sein Tomahawk raucht noch vom Blut der Irokesen. Mona-ka-wache, der Seneca, starb unter seiner Kugel. Im Angesicht von zweihundert seiner Krieger nahm Ni-kun-tha ihm das Leben; siebzehnmal hörten die Wälder den Todesschrei eines Irokesen; ihre Skalpe zieren meinen Gürtel!« Starke Bewegung erhob sich ringsum, hier und da wurden aus den Reihen der dichter drängenden Krieger begeisterte Rufe laut; unbewegt mit maskenhaft verschlossenen Gesichtern saßen die Alten. »Ni-kun-tha war in eine Falle gegangen«, fuhr der Häuptling fort, »sechs auserlesene Krieger sollten ihn gebunden zu den Dörfern der Seneca bringen, in Seneca-Stadt sollte er angesichts heulender Coyoten am Marterpfahl sterben. Wer aber kann einen Miami halten, wenn er frei sein will? Ni-kun-tha sprengte seine Bande; die Gebeine seiner Wächter bleichen in den Wäldern; ihr Fleisch fraßen die Wölfe.« Einer brausenden Woge gleich erhob sich der Jubel; auf den schweigenden Wink eines Alten flaute die Welle wieder ab. Ni-kun-tha fühlte tausende brennender Augen auf sich gerichtet. Er rief: »Ni-kun-tha eilte dem Hirsch gleich durch die Wälder zu den Shawano, bei denen er seine wenigen Krieger zurückgelassen hatte. Er ließ die Krieger aus den Kanadas und ihre erdgeborenen Verbündeten, Irokesen, Huronen, Ottawa und Pottawatomi, hinter sich zurück; denn er wußte, es galt jetzt, zu dem Bündnis zu stehen, das Tana-ca-ris-son, sein Vater, geschlossen. Als sich die Sonne heute in der Frühe erhob, sah er die Kinder seines Volkes hier auf diesem Hügel lagern. Er kam zu ihnen, Trauer im Herzen, sie auf einem Weg zu sehen, auf dem er nicht folgen kann. Er kam, den Weisen seines Volkes zu sagen: Ni-kun-tha, der Falke, wird heute mit seinen Getreuen an der Seite Feuerauges kämpfen und sterben. Er wird zu seinem Vater in die ewigen Jagdgründe eingehen. Sein Herz wird bluten, wenn er sehen wird, daß die Krieger seines Volkes heruntereilen, um an der Seite der Kanadas gegen seine Freunde zu kämpfen. Er selbst wird den Arm nicht gegen die Miami heben!« Noch höher hob sich die Stimme, Zorn und Trauer mischten sich zu einer Anklage gegen das Schicksal: »Wehrlos wird Ni-kun-tha, Tana-ca-ris-sons Sohn, sterben, wenn die Krieger des eigenen Volkes ihm entgegentreten, gegen die er die Hand nicht erheben kann. Dies sollten die weisen Männer meines Volkes wissen. Es ihnen zu sagen, kam Ni-kun-tha hierher. Nun möge Nana-bosch, der Große und Ewige, sie erleuchten. Hugh! Ich habe gesprochen!« Lautlose Stille lag über der Höhe, als der Jüngling sich niedersetzte, den brennenden Blick der dunklen Augen starr in die Flammen des Ratsfeuers senkend. Erst nach geraumer Zeit erhob sich der Älteste des Rates, ein sehr alter Mann, dem das von einem blauen Band gehaltene schlohweiße Haar in den Nacken fiel. Sein Blick glitt über den kauernden Jüngling hinweg, ein schmales Lächeln spielte um seine welken Lippen. Und abermals lag feierliches Schweigen über der Versammlung, als der Alte sprach: »Ni-kun-tha, der Sohn Tana-ca-ris-sons, hat gesprochen wie ein Miami; seine Worte sind nicht nur in unsere Ohren, sondern auch in unsere Herzen gedrungen. Nicht von Tana-ca-ris-son haben die Miami sich abgewendet, sondern von den Inglis, von denen nichts Gutes zu uns kam, auch keine Hilfe, als wir in Not waren. Von den Inglis, die tatenlos zusahen, wie die Männer aus den Kanadas feste Häuser an unseren Flüssen errichteten. Da fragten die Miami: Wo sind unsere Freunde, die Inglis, mit denen Tana-ca-ris-son einen Bund schloß? Sie waren nicht da, wir sahen und hörten sie nicht. Die Männer aus den Kanadas kamen und brachten uns Waffen und Pulver und Decken, kupferne Kessel und Ketten und Ringe für die Weiber. Hier stehen zweitausend Krieger aller Miami-Stämme, gerufen von den kanadischen Vätern. Wir wußten nicht, daß Ni-kun-tha, der Sohn Tana-ca-ris-sons, bei den Inglis steht. Die Alten des Volkes werden das große Ratsfeuer entzünden und werden den Rat Nana-boschs, des Ewigen, herabflehen, sie zu erleuchten. Eines aber ist gewiß: Ni-kun-tha, der junge Häuptling vom Stamm der Piankeschaws, Tana-ca-ris-sons Sohn, wird nicht unter den Büchsen und Tomahawks der Miami sterben; kein Miami wird die Hand gegen ihn erheben. Er steht im Schutz seiner Sippe und seines Volkes.« Brausende Rufe der Zustimmung erschallten ringsum. Der Alte fuhr fort: »Der Rat der Alten wird bedenken, was der junge Häuptling den Kriegern seines Volkes sagte, der bei so großer Jugend schon so große Taten vollbrachte. Die Miami sind stolz, ihn einen der Ihren zu nennen. Ni-kun-tha mag sein Herz in Geduld fassen. Er wird erfahren, was der Rat beschloß.« Wieder kreiste das Kalumet, dann erhob sich der Jüngling. Mit der Hand auf dem Herzen grüßte er Sagamoren und Krieger. »Das Herz Ni-kun-thas ist bei seinem Volk!« rief er mit weithin schallender Stimme. »Manitu erleuchte die weisen Männer der Miami! Er schenke Sieg den Waffen ihrer Krieger!« Abermals verneigte er sich mit würdevoller Anmut und trat aus dem Halbkreis heraus. Als er die Lagergasse durchschritt, sah er sich von Kriegern seiner Sippe umringt: »Wir folgen dir, Ni-kun-tha!« scholl es ihm entgegen. »Führe uns, Sohn Tana-ca-ris-sons!« Ein stolzes Lächeln umflog die dunklen Züge des jungen Häuptlings. »Die Miami sind ein Volk«, rief er den Kriegern zu, »sie werden tun, was der Rat der weisen Männer beschließt. Wenn Manitu will, werden wir heute noch Seite an Seite kämpfen!« Schweigend öffnete sich eine Gasse, aufrecht und federnden Schrittes verließ der junge Häuptling das Lager auf den Hügeln und eilte hinunter ins Tal. Auf seine Bitte wurde er sofort von Oberst Washington empfangen, der ihm ruhig entgegensah. »Was bringt der Häuptling?« fragte er kurz. »Ni-kun-tha hat zu den Herzen seines Volkes gesprochen«, entgegnete der Jüngling. »Die Miami werden nicht gegen uns kämpfen. Alles weitere wird der Rat der Sagamoren beschließen.« »Damit ist schon viel gewonnen«, versetzte Washington, »ich danke dir, Häuptling.« Das befestigte Lager war bereit, den Gegner zu empfangen, von dem aber einstweilen noch nichts zu sehen war. Die Sonne sandte bereits ihre hellen Strahlen über die Ebene, über die schnell aufgeworfenen und mit Verhauen gesicherten Wälle, über die Hügel, auf denen die Miami lagerten und über die rundum schweigenden Wälder. Daß General Dieskau mit der gesamten in seiner Hand vereinigten Macht angreifen würde, war nicht zu bezweifeln; klar war aber auch, daß er in diesem von Washington Necessity benannten Behelfsfort auf zum letzten entschlossene Gegner treffen würde. Bestand der Hauptteil der englischen Streitmacht doch nun aus Miliztruppen, aus Männern also, die im wilden Kampf der Grenze groß geworden waren. Und auch die Führung lag jetzt in anderen Händen als vorher. Oberst Washington war ein Mann, der Entschlußkraft und Kaltblütigkeit mit der harten Erfahrung verband, die er der Grenze und ihren ständigen Gefahren verdankte. Die Indianer: Shawano und Ni-kun-thas wenige Miami-Krieger lagen außerhalb der Umwallung in gedeckten Stellungen. Lord Richard, dem man aus der erstarrten Hand eines Milizoffiziers einen Säbel gegeben hatte, befand sich unter den Adjutanten des Kommandeurs, Bob und John in den Reihen der Virginier. Elias Burns weilte mit seiner Tochter und dem armen Ned inmitten der Befestigung. Mary Burns hatte sich, Grenzertochter, die sie war, von den jüngst überstandenen Schrecken einigermaßen erholt; nur die wilden indianischen Laute, die dann und wann in den Wäldern hörbar wurden, ließen sie noch leicht zusammenzucken. Während Oberst Washington in Begleitung einiger Milizoffiziere, unter denen sich auch der junge Lord befand, die Geschütze besichtigte, äußerte er mit Bedauern, daß es leider an erfahrenen Kanonieren fehle; die meisten Männer, die mit dem Geschütz umzugehen verstanden, seien in den voraufgegangenen Kämpfen gefallen oder schwer verwundet worden. Richard Waltham bemerkte darauf, mit einem Kanonier könne er aushelfen; sein Gefährte Bob Green, einer seiner Retter aus der Piratengefangenschaft, habe praktische Erfahrung im Umgang mit Geschützen. Der Kommandeur ließ den Bootsmann holen, hörte sich lächelnd eine etwas holprige Rede mit an und führte den Riesen persönlich an eines der wichtigsten Geschütze. »Also, Bob Green«, sagte er, »versuch' mit dem Ding fertig zu werden. Wenn du kannst, schieß mir die französischen Kanonen damit zusammen.« »Wollen sehen, was sich tun läßt, Colonel«, entgegnete Bob grinsend, »glaube schon, daß ich mich darauf verstehe. Hab's erst unlängst erproben müssen, als ein paar Brigantinen absolut über den See wollten. Hab's ihnen versalzen.« Bob stand noch nicht lange hinter seiner Kanone, die er sorgfältig untersucht und dann schußfertig gemacht hatte, als aus der Ferne Gewehrfeuer hörbar wurde. Gleich darauf zeigten sich am Waldrand nach Osten zu kleine Rauchwölkchen, die nach und nach zunahmen und sich verdichteten. Jetzt begannen auch die im Freien liegenden Shawano und Miami zu feuern. Dem Befehl gehorchend kamen sie bald darauf, in geduckten Sprüngen zurückgehend, auf die Befestigung zu. Und nun zeigten sich am Waldrand auch schon rechts und links die französischen Bataillone; dahinter sah man, daß die Geschütze in Stellung gebracht wurden. Wie aus dem Boden gewachsen erhoben sich plötzlich aus dem hohen Gras lange Reihen wüst bemalter Indianer; schaurig gellte das langgezogene »Who-whoop!« durch die Ebene. Die Shawano und Miami, die unmittelbar vor den Schanzen im Grase lagen, feuerten eine gut gezielte Salve ab; als der Donner verhallt war und der Pulverdampf sich verzogen hatte, war keiner der feindlichen Indianer mehr zu sehen. Auf einem Wagen stehend, beobachtete Oberst Washington mit dem Glas vor den Augen den Gang des Gefechtes. Dann und wann flog sein Blick zu den Hügeln hinüber, wo einer düsteren Wolke gleich die Scharen der Miami standen. Jetzt sah er, daß zwei französische Offiziere zu den Hügeln hinaufstiegen und zwischen den Indianern verschwanden. Die Milizen hatten die Wälle besetzt, während die zwei schottischen Grenadierbataillone, die den wesentlichen Rest der regulären Armee bildeten, Gewehr bei Fuß inmitten der Umwallung standen, ihres Einsatzbefehls harrend. Den Irokesen und Huronen hatten sich mittlerweile auseinandergezogene Schwärme französischer Flankeurs zugesellt. Vor und zurück wogten die Wellen; die Shawano und Miami hielten sich gut und verteidigten hartnäckig jeden Fußbreit Boden. Jetzt vermochte man auf einem etwas abseits gelegenen Hügel auch den feindlichen General mit seinem Stab zu erblicken; gleichzeitig sah man, wie sich in der Frontlinie und an beiden Flanken starke französische Sturmkolonnen formierten. In den Verteidigungswerken herrschte Totenstille. Neben Bob, der, seinen Zeitpunkt erwartend, hinter seinem Geschütz stand, die Lunte griffbereit, trat jetzt der schwachsinnige Ned. »Scher dich fort!« knurrte der Bootsmann. »Werden hier gleich alle Hände voll zu tun kriegen.« »Ned bei Bob«, versetzte der Irre. »Ned Bob helfen.« »Hock dich meinetwegen hin und halt dich ruhig«, brummte Bob. Ned setzte sich schweigend. Die französische Artillerie war inzwischen weiter nach vorn gebracht worden; man konnte sehen, daß die Kanoniere dabei waren, die Geschütze schußfertig zu machen. Washington, dessen Befehlswagen in der Nähe stand, rief herüber: »Was hast du geladen, Bob Green?« »Vollkugel, Colonel.« »Gut. Glaubst du, eines der feindlichen Geschütze erreichen zu können?« »Denke, es müßte gerade gehen«, versetzte Bob. »Also versuch's!« Mit großer Sorgfalt richtete der Bootsmann das Rohr, hielt dann die Lunte an das Zündloch und trat einen Schritt zurück. Donnernd löste sich der Schuß, eine starke Rauchwolke entwickelnd. Ned sprang auf, lief umher, als hätte er den Veitstanz und brüllte: »Hurra! Hurra für Bob! Bob schafft's!« »Ist mein Bruder, Sir, ein bißchen schwach im Kopf«, rief Bob Green zu dem Befehlswagen hinauf, als er Washingtons erstaunten Blick bemerkte, »war von den Irokesen verschleppt.« Aber Washington hatte sich schon wieder abgewandt. Der Dampf verzog sich, und es zeigte sich, daß eines der französischen Geschütze getroffen und außer Gefecht gesetzt worden war. »Gut gemacht, Bob Green«, rief Washington, »mach weiter so. Die Kolonien werden's dir danken.« »Werd' mein Bestes tun, Colonel.« »Hast du Granaten?« »Jawohl, Colonel.« »Gebrauche sie, wenn es an der Zeit ist.« »Befehl, Colonel.« Bob mühte sich mit Hilfe zweier ihm zugeteilter Leute, das Geschütz wieder in Stellung zu bringen. Ned sprang herbei und griff mit in die Speichen, und es zeigte sich, daß der Irre über erstaunliche Kräfte verfügte. »Na, ist ja ganz schön, dann bleib man hier und fass ein bißchen mit an«, brummte Bob. Das weit aufgelöste Gefecht kam immer näher; die Feinde verstärkten fortgesetzt ihre Reihen, und es war abzusehen, daß die Shawano mit der kleinen Miamischar sich nicht mehr lange würden halten können. Jetzt ließen sich auch die französischen Geschütze vernehmen, aber sie schienen nicht sonderlich gut gerichtet, denn ihre Kugeln richteten keinerlei Unheil an. Die englischen Kanonen antworteten, erzielten aber auch keine sichtbaren Erfolge. Bob war eben im Begriff, eine Vollkugel einzuschieben, als er zur Linken eine starke Indianerschar aus dem Wald hervorbrechen sah, die dem im freien Feld kämpfenden Ni-kun-tha in die Flanke zu fallen drohte. Eilig vertauschte Bob die Kugel mit einer Granate, änderte mit Neds Hilfe die Richtung des Geschützes und löste den Schuß. Er war ebenso gut gezielt wie der erste; als der Pulverdampf sich verzogen hatte, sah man die Rothäute in überstürzter Hast fliehen; an Eisengrüße dieser Art mochten sie nicht gewöhnt sein. »Viechskerle!« knurrte Bob zufrieden, »laßt mir ja den Falken in Ruhe, den einzigen Burschen eurer Farbe, der keine Mordbestie ist!« Aber nun kamen Shawano und Miami zurückgewogt; der Druck des anrückenden Feindes war zu stark; die französischen Sturmkolonnen näherten sich beängstigend, allen voran die Sappeurs, auf beiden Seiten von Indianern gedeckt; am Waldrand formierten sich bereits neue Bataillone. Ni-kun-tha, der nach der Verwundung der führenden Shawano-Häuptlinge draußen allein befehligte, verstand es, seine Schützenlinie immer von neuem zu formieren; Salve um Salve schlug den Angreifern entgegen. Das scharlachrote Band in seinem Haar leuchtete weithin, und immer wieder flog sein Blick wie in stummer Frage zu den Hügeln hinauf, wo die Seinen nach wie vor abwartend verharrten. Dumpfer Trommelschlag begleitete den Marschtritt der anrückenden Bataillone. Die Grenadiere standen, zu Verteidigung und Ausfall bereit, auf den Wällen. Die englischen Granaten rissen große Lücken in die Reihen der Anstürmenden, aber immer wieder schlossen sich die Reihen. Und noch immer hatten die Milizen auf den Wällen keinen Feuerbefehl. Und nun war es soweit: der indianische Widerstand vor den Wällen brach endgültig zusammen, Ni-kun-tha hatte nur noch die Wahl, seine Krieger niederwalzen zu lassen oder sich hinter die Verhaue zurückzuziehen. Er tat das letztere. Katzengleich kletterten die Shawano und Miami über die Barrikaden, im Inneren des Forts ihre Büchsen wieder ladend. Und die Sturmwelle brandete heran. Washington, auf seinem Wagen ungedeckt stehend, hob die Hand mit dem blitzenden Degen. Donnernd entluden sich die Büchsen der Grenzer auf den Wällen, riesige Dampfwolken erzeugend. Die Wolken verzogen sich, und ein furchtbarer Anblick bot sich den Verteidigern: Zu Hunderten wälzten die Angreifer sich in ihrem Blut; jeder einzelne Schuß dieser Salve hatte sein Opfer gefunden. Während die Schützen ihre Büchsen neu luden, traten andere an ihre Stelle. Der Kommandeur der Schotten, ein Major, näherte sich Washington: »Lassen Sie mich raus, Colonel, ich will einen Bajonettausfall machen.« »Gut, Major! Raus mit Ihren Schotten! Der Augenblick ist günstig«, entgegnete der Oberst. Und Ni-kun-tha zuwinkend: »Deck ihnen die Flanke, Häuptling!« Ni-kun-tha rief seinen Kriegern zu, die sich schnell formierten. Von den geschlossenen Formationen der Schotten gefolgt, brach er mit ihnen durch das Tor, das sich hinter ihnen sofort wieder schloß. Bob, schwarz vom Pulverdampf, arbeitete wie ein Urweltriese an seiner Kanone. Sein Bruder, der schnell begriffen hatte, was von ihm verlangt wurde, half ihm getreulich. Immer noch sprang er nach jedem Schuß in die Luft, sein gellendes »Hurra! Hurra, Bob!« herausbrüllend. Schon stöhnten Verwundete hinter den Wällen, auch Tote gab es bereits, aber wo einem Manne der Mut sank, genügte ein Blick auf den unbeweglich auf dem Wagen Stehenden und die Operationen leitenden Milizoberst, um ihn wieder anzufeuern. Zwei der französischen Sturmkolonnen waren in ein Feuergefecht mit den Verteidigern auf den Wällen verwickelt; sie kämpften hinhaltend, die hinter ihnen heranrückende Verstärkung abwartend, um den Sturm von neuem zu beginnen. Die Schotten gingen draußen mit dem Bajonett vor; zu ihrer Rechten jagte Ni-kun-tha mit seinen Kriegern die feindlichen Indianer. Die Schotten waren eben in ein erbittertes Handgemenge mit französischen Linientruppen verwickelt, als wie aus der Erde gewachsen eine starke Schar Seneca vor Ni-kun-tha auftauchte, von zwei französischen Bataillonen gefolgt. Diese so unvermutet eingreifenden Feinde waren im Schutz des Pulverdampfes durch eine Talsenke unbemerkt herangekommen. Mit wildem »Who-whoop!« drangen die Seneca auf die Shawano ein, allen voran ein riesenhafter Häuptling. Gellend ließ Ni-kun-tha den Schlachtruf der Miami erschallen; das rote Band leuchtete in seinem schwarzen Haar; dem Panther gleich sprang er den riesigen Seneca mit geschwungenem Tomahawk an. Bevor jener die Streitaxt noch zu erheben vermochte, begrub sich Ni-kun-thas blitzende Waffe tief in seiner Brust; er brach wie ein Klotz zusammen. Ein furchtbares Getümmel folgte. Die Roten kämpften gegeneinander mit Messer und Beil. Die tapferen Schotten standen wie in den Boden gerammt und gebrauchten die langen Bajonette mit tödlicher Sicherheit, aber es war abzusehen, wie lange sie noch so zu halten vermochten. Sie standen einer fünf- bis sechsfachen Übermacht gegenüber. Von den Wällen donnerten die Kanonen, krachten immer wieder die rollenden Büchsensalven, denn, die wie auf einer Insel kämpfenden Schotten umgehend, drangen die französischen Sturmkolonnen wieder von beiden Seiten gegen die Verschanzungen vor. Schon erstiegen einzelne Franzosen an der Seite, wo Bobs Geschütz stand, den Wall. Der Riese ergriff einen schweren Ladestock und schwang ihn, als sei er eine Weidengerte. An seiner Seite wirbelte Ned, gellende Schreie ausstoßend, die dem Schlachtruf der Oneida gleichen mochten, den Büchsenkolben um den Kopf; es gelang keinem Franzosen, den Wall zu ersteigen. Ni-kun-tha verrichtete Wunder an Tapferkeit. Er war zweimal verwundet worden, er schien es nicht einmal zu bemerken, und auch seine Shawano und Miami hielten sich eisern. Immer noch standen die Schotten wie ein Fels in der Brandung. Auf dem Wall stand jetzt Washington, unbeirrt und kaltblütig die Schützen ermahnend, ruhig zu laden und zu schießen. Plötzlich aber brach der erbitterte Widerstand zusammen; unter der furchtbaren Wucht der immer von neuem vorgetragenen französischen Angriffe begannen sie zu weichen, und auch Ni-kun-thas Indianer wandten sich jetzt zur Flucht. Da immer neue französische Bataillone am Waldrand auftauchten, war es klar, daß sich auch die Verteidiger hinter den Wällen nicht mehr würden halten können; die Schlacht schien verloren. Da, jäh und unvermittelt, wurde von den Hügeln her tausendfältiges Kampfgeschrei vernehmbar. Donnernd schallte der wilde Schlachtruf der Miami über das Feld. Gleich einem unaufhaltsamen Bergstrom ergossen sich zweitausend büchsenbewaffnete Krieger in das Tal, den Franzosen in die Flanke fallend. Salve um Salve, mit unheimlicher Sicherheit abgefeuert, fällt; zu Hunderten stürzen die Angreifer zusammen; Verwirrung kommt in ihre Reihen. Im Augenblick fassen die Schotten neuen Mut, wenden und rücken abermals mit gefälltem Bajonett vor. In der Rücken der Huronen und Irokesen fällt Ni-kun-tha mit den Kriegern der Piankeschaws; unaufhaltsam ist der Sturm, heulend wenden die bisherigen Angreifer sich zur Flucht. »Langsam laden, ruhig schießen!« ruft Oberst Washington, hochaufgerichtet auf dem Wall stehend, »an die Geschütze, Kanoniere! Granaten ins Rohr!« Die Geschütze entluden sich, und die Granaten schleuderten Tod und Verderben in die Reihen der Franzosen, die sich immer noch verzweifelt mühten, wenigstens die Position auf dem Felde zu halten. Die Lage überblickend, ließ Washington zwei Bataillone Miliz zum Angriff rüsten. Sein Pferd besteigend, führte er sie selbst hinaus in das Feuer. »Die Chance nützen, Männer!« rief er, »vernichten wir sie jetzt nicht, müssen wir abermals kämpfen!« Aber es erwies sich bald, daß der Feind, der so plötzlich vom Angriff in die Verteidigung gedrängt worden war, nur noch an einigen Stellen schwachen Widerstand leistete; seine roten Verbündeten hatten das Feld bereits fluchtartig geräumt. Jetzt fiel, von einer gut gezielten Kugel getroffen, auch der tapfere General Dieskau, und das entschied und beendete die Schlacht; es war nun kein Halten mehr. In wilder Flucht stob alles in die Wälder, um hier den mit Messer und Tomahawk kämpfenden Miami in die Hände zu fallen. In einem Gehölz am Rande des Waldes erblickte Sir Richard, der an der Seite von John Burns mit den Milizen vorrückte, ein Häuflein Franzosen, das sich in geschlossener Ordnung vor den angreifenden Miami zurückzog. Er erkannte den Leutnant de Brissac unter ihnen. »John«, rief er, »wir müssen den Leutnant retten. Er hat Euren Vater und mich vor einem grausamen Schicksal bewahrt.« John, sich wie hilfesuchend umblickend, sah Ni-kun-tha an der Spitze einer kleinen Kriegerschar und rief ihn an: »Die Franzosen dort, Falke – wir müssen sie retten, halt' deine Leute zurück. Sie haben meinen Vater vor den Huronen geschützt.« Während der Häuptling seine Krieger in eine andere Richtung dirigierte, drang Richard Waltham bis zu der Gruppe Franzosen vor. »Leutnant de Brissac«, rief er, mit dem Degen winkend, »ergeben Sie sich. Weiterer Widerstand ist sinnlos.« Einen Augenblick stutzte der Leutnant, dessen pulvergeschwärztes Gesicht kaum zu erkennen war, dann mochte er die Stimme erkennen; mit einer kraftlosen Bewegung ließ er den Degen sinken und forderte seine Männer auf, die Waffen niederzulegen. Richard Waltham schloß den Erschütterten in die Arme. »Jetzt sind Sie mein Gefangener, Marquis«, sagte er, »nun will ich Ihnen vergelten, was Sie mir taten.« Mit einem bitteren Lächeln bot Brissac ihm seinen Degen, aber der Lord nahm ihn nicht. »Kommen Sie«, sagte er, »ich werde Sie dem Kommandeur vorstellen.« Eine Stunde später war alles vorbei. Oberst Washington ließ die Bataillone der Regulären und seine Milizen vor der Befestigung antreten und dann Ni-kun-tha mit seinen Kriegern herbeirufen. Dem gelang es, an die fünfhundert der Seinen zu sammeln; die anderen streiften noch in den Wäldern. Vor den angetretenen Offizieren und Männern ging der Oberst auf den jungen Häuptling zu, reichte ihm die Hand und sagte mit weithin vernehmbarer Stimme: »König der Miami! Laß dich so anreden, denn du hast dich heut als ein König erwiesen. Du und dein Volk, ihr habt heute die Kolonien vor dem Verderben gerettet. Ich danke dir und danke allen deinen Kriegern. Die Kolonien und der Große Vater jenseits des Wassers werden euch diesen Tag nie vergessen.« Mit einem stolzen Lächeln entgegnete der Jüngling: »Vielleicht kommt der Tag, Feuerauge, wo das Volk der Miami dich an dieses Wort erinnern wird. Ni-kun-tha hat das getan, was sein Vater ihn lehrte. Es wird seine Aufgabe sein, den Bund der Miamistämme neu zu einen und zu befestigen. Der Miami ist treu. Er erwartet Treue um Treue!« Der brausende Schlachtruf der Indianer mischte sich mit dem schallenden »Hurra!« der Soldaten und Milizen. An Washingtons Seite betrat Ni-kun-tha das Fort. Als die Freunde später drinnen zusammen saßen, der alte Farmer zwischen seinen Kindern, der starke Bob und sein Bruder Ned, John Burns, der junge englische Pair und der junge Kriegshäuptling der Miami, sagte Richard Waltham: »Die Macht der Franzosen dürfte mit diesem Tage für immer gebrochen sein. Wie Oberst Washington mir sagte, sind fünfzehntausend Reguläre und Milizen nach dem Ontario unterwegs; also wird auch dort bald die Entscheidung fallen, und der Friede wird wieder einkehren.« »Du hast mit deinem Volk heut die Schlacht entschieden«, sagte John Burns zu Ni-kun-tha gewandt; »das werden dir die Kolonien nie vergessen.« »So hoffen«, entgegnete trocken der Häuptling. »Feuerauge sagen: Ni-kun-tha König der Miami! Gut! Ni-kun-tha wird sein Volk einigen, er wird es stark machen. Und er wird zu seinem Wort stehen.« Der Abend brach herein, und Ni-kun-tha ging zu seinen Kriegern hinaus, die vor den Wällen lagerten. Die Feuer durchflammten die Nacht; sie wetteiferten mit den Sternen. Friede Der Sieg der Kolonien war vollständig. Die wenigen französischen Truppenteile, die der Vernichtung entgingen, hatten sich nach Norden gerettet. Washington rüstete sich, ihnen zu folgen und die Forts auf dem Wege zum Niagara anzugreifen. Unsere Freunde schlossen sich den nach Norden rückenden Truppen an und trennten sich erst von ihnen, als der Weg zum Genesee abzweigte. Von den in der Nähe siedelnden Indianern, den Ottawa, war nichts mehr zu fürchten, sie hatten sich unterworfen und den Frieden beschworen. Die nördlichen Stämme hatten sich nach der Niederlage bei Fort Necessity in ihre Jagdgründe zurückgezogen. Und so sehen wir denn vierzehn Tage nach der erbitterten Schlacht Elias Burns mit Sohn und Tochter, den jungen Lord Somerset und Bob mit seinem Bruder auf einem Floß zwischen den bewaldeten Ufern des Genesees dahingleiten. Der alte Farmer war glücklich, seine Kinder wieder wohlbehalten neben sich zu wissen; Mary hatte die Schrecken der Vergangenheit wieder völlig überwunden und sah blühender und strahlender aus denn je. Der arme Ned wurde von seinem bärenhaften Bruder wie ein Kind betreut. Der Bootsmann selbst, glücklich, wieder schwimmende Balken unter sich zu wissen, war glänzender Laune. »Sage Euch, Master, aus dem Ned wird noch einmal ein ganz gescheiter Kerl«, äußerte er. »Wollen ihm den Verstand, den die roten Halunken ihm durcheinandergebracht haben, schon allmählich wieder zurechtrücken. Sind die Franzosen erst vom alten Ontario verjagt, nehme ich mein Geschäft wieder auf, dann wird Ned mir an Bord manche Hilfe leisten können.« Elias Burns nickte bedächtig vor sich hin. »Wunderbar genug, daß Ihr Euren Bruder auf solche Weise wiedergefunden habt«, sagte er. »Überhaupt, ist es nicht merkwürdig, wie der Herrgott da oben alles gefügt hat? Hätte John nicht darauf bestanden, den auf dem Ontario umhergetriebenen Indianern das Leben zu retten, wir wären gewiß allesamt nicht mehr am Leben, und der Sieg bei Fort Necessity wäre nicht errungen worden.« »Ein verdammt feiner Bursche, der Falke, alles was recht ist, Master«, stimmte der Bootsmann zu, »eine Rothaut, wie man sie selten findet! Werd' ihn meiner Lebtage nicht vergessen.« Nach mehrtägiger ruhiger Fahrt langten sie bei den Ansiedlungen an. Burns fand sein Anwesen weniger zerstört, als er befürchtet hatte. Rundherum waren die Farmer schon wieder mit dem Neubau ihrer zerstörten Häuser beschäftigt. Der junge Lord hielt sich eine Zeitlang bei seinen Schicksalsgefährten auf und verabschiedete sich dann in herzlichster Weise, nachdem er Elias Burns jeglichen Beistand bei der völligen Wiederherstellung seiner Baulichkeiten zugesagt hatte. Für den Herbst kündigte er seinen Besuch an. Nicht lange danach war auch der Ontario von französischen Kriegsschiffen frei; die englischen Bulldoggen hatten sie nach Frontenac und Montreal gejagt. Bob Green fuhr den Lord mit einem gemieteten Segelboot nach Stacket Harbour. In Somersethouse wurde er von Allan Mac Gregor herzlich willkommen geheißen. »Was fangen wir nun mit dir an, mein Guter«, lächelte der Lord den bärenhaften Bootsmann an, der ihn bis zu seiner Besitzung begleitet hatte. »Och«, lachte der, »denke, man wird für einen Mann wie Bob Green auf dem Ontario schon Verwendung haben. Die Molly freilich ist dahin.« »Eben«, lächelte der Lord, »und ich muß dir sagen, daß mir das gar nicht gefallen will. Deshalb habe ich mir erlaubt, eine neue Sloop für dich zu kaufen. Ich möchte nicht, daß ein alter Kampfgefährte von mir irgendwo Dienste sucht. Sollst wieder dein eigener Herr sein, Bob, wie du es früher warst. Kannst dir die Sloop gleich ansehen, werd' dir die Anweisung ausschreiben. Und dann lädst du sie erst mal voll mit allem, was Vater Burns braucht, und segelst damit nach dem Genesee. Und die Büchse hier« – er öffnete den Waffenschrank und holte eine besonders schöne, mit Silber ausgelegte Waffe hervor – »die bringst du meinem alten Waffengefährten John als Geschenk und zur Erinnerung an gemeinsam bestandene Gefahren.« »Aber – Lord – Mylord – das ist doch nicht möglich«, stammelte der sonst keineswegs auf den Mund gefallene Schiffer und starrte den jungen Mann ziemlich fassungslos an. »Möchte wahrhaftig wissen, warum das nicht möglich sein soll«, lachte der Lord, »das Schiff ist auf deinen Namen gekauft, taufen darfst du es selber. Hoffe, du wirst noch lange damit den Ontario befahren. Und den Lord kannst du dir auch schenken. Für dich ist mein angeborener Name Richard Waltham absolut ausreichend.« Als Bob endlich begriff, lief sein Gesicht rot an. Und dann mußte er sehr schnell sein großes, rotes Sacktuch ziehen. Es müsse ihm etwas in die Augen gekommen sein, meinte er, und schnaufte sich gleichzeitig geräuschvoll die Nase. Nachher mußte Richard Waltham seine Hand vor der gefährlichen Seemannspranke in Sicherheit bringen; Bob Green hatte zuweilen einen recht harten Griff, wenn er jemand seiner unverbrüchlichen Freundschaft versichern wollte. Burns kam mit Unterstützung des Lords schnell wieder zu seinem alten Wohlstand. Bob befuhr noch jahrelang in Gesellschaft seines Bruders den Ontario. Seine Sloop führte den Namen Mary. Der arme Ned erlangte seinen vollen Verstand zwar niemals wieder, aber er gab nichtsdestoweniger, geschickt und zu jeder Arbeit willig, einen brauchbaren Matrosen ab. Mit den Franzosen waren auch die Piraten vom Ontario verschwunden. Von Hollins und seinen Genossen hörte man nichts mehr. Ihre Schlupfwinkel fand man zerstört; es stand zu vermuten, daß die Seeräuber unter den Tomahawks der durch ihre Verluste erbitterten Indianer ihr Leben ausgehaucht hatten. Beim Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges stellte sich Lord Somerset auf die Seite der Provinzialen. Er fiel an Washingtons Seite in der Schlacht bei Bunkershill. Der Sohn Tana-ca-ris-sons, inzwischen der vom Stammesrat seines Volkes gewählte Nachfolger seines großen Vaters und damit der Beherrscher aller Miamistämme, stand mit seinen Kriegern gleichfalls auf Seiten der Kolonien. Auch er fiel an der Spitze der Seinen in der Schlacht. John Burns, der ebenfalls am Befreiungskrieg teilgenommen hatte, lebte nach dem friedlichen Tod seines Vaters noch lange am Genesee. Sein alter Schicksalsgefährte Bob Green besuchte ihn oft. Dann erinnerten sie sich gern der gemeinsamen Erlebnisse und gedachten dabei dankbar ihres indianischen Freundes. In ihren Herzen lebte er fort als Ni-kun-tha, der Schnelle Falke, nach George Washingtons Wort: König der Miami.