Rolla Die Lebenstragödie einer Schauspielerin Richard Voß Es ist nichts Erdachtes und Gedichtetes, was in diesen Blättern erzählt wird, so daß man dabei von keinem Verfasser, sondern nur von einem Herausgeber sprechen kann. Etwaiges Forschen nach der hochsinnigen und unglücklichen Frau, die, eine geniale Schauspielerin, in diesem Trauerspiel als Dichter und Akteur zugleich vor uns tritt, mögen unterlassen bleiben; es wäre verlorene Mühe. Bei der Veröffentlichung dieser Erinnerungen – dieser Bekenntnisse – mußte nämlich so verschweigend, so verhüllend verfahren werden, daß selbst Vermutungen nicht rege werden durften. Aus solchem Grund sah sich der Herausgeber genötigt, das Leben seiner Heldin nicht nur in eine etwas mehr zurückliegende Zeit zu versetzen, sondern auch von den Aufzeichnungen alles dasjenige wegzulassen und zu unterdrücken, was darin die intimsten Verhältnisse gewisser Bühnen und noch lebender Personen berührte. Er tat dies mit dem Bewußtsein, dem Buche gerade den Teil seines Inhaltes nehmen zu müssen, der für viele das größte, ja ausschließlichste Interesse gehabt haben würde. Auch um seiner lieben Idealistin willen, war ihm solches Verfahren eine bedauernswerte Notwendigkeit. Mußte er doch von ihrer Gestalt vieles ablösen und ausscheiden, was so sehr ihr eigenstes Selbst war, daß dadurch an ihrem Bilde mancher liebenswürdige und bedeutende Zug zerstört wurde. Es werden sich demnach in diesen Mitteilungen Lücken bemerklich machen, deren Ausfüllung einer späteren Zeit vorbehalten bleiben mag. Für den Moment erwarte niemand, von dieser Lektüre die angenehme Aufregung etwaiger »Enthüllungen«, dieses heutzutage so beliebten, pikanten literarischen Gewürzes. Es ist in der Tat nur ein tragisches Frauenschicksal mehr, von dem der Leser erfahren wird: eben eine echte wahre Lebenstragödie. Vielleicht nur dadurch besonders erschütternd wirkend, weil »Komödiespielen« zufällig der Beruf der Heldin war. Die Gestalt, in welcher die Schauspielerin in diesem Drama vor das Publikum tritt, ist vor allem die der Frau . Allerdings gibt es keine tragischere Rolle. Also nur Schicksale, nicht Namen! Wozu Namen? Sie bedeuten so wenig, wenn es nur ihre Geschichte ist, durch die sie die Gemüter bewegen – sie bedeuten so viel, wenn man sie der Verleumdung preisgibt. Den Namen unserer Freundin – als solche sei sie hier gleich bezeichnet –- nennt, von unverwelklichem Lorbeer umkränzt, die Geschichte der Schauspielkunst. Ihn nennt ihr Grabstein, den der Rosenstrauch beschattet, welchen die Hand eines treueren Freundes pflanzte, als der Herausgeber dieser Hinterlassenschaft der Verstorbenen sein durfte. Ihren Namen nennt gewiß noch mancher Mund, der ihr einst zujubelte, als sie, jung und schön, die begeisterte Menge fortriß zu Ausbrüchen stürmischen Entzückens. Nun wäre es indessen vielleicht doch möglich, daß dieser oder jener besonders Vertraute sie erkennt. Plötzlich sieht er sie wieder vor sich stehen: als Gretchen und Klärchen; als Desdemona und Ophelia, als Hero und Sappho. Eine ganze Schar leuchtender, unsterblicher Gestalten zieht an ihm vorüber. Doch gewiß wird er schweigen; er weiß ja warum. Streifte doch auch ihr Kleid die Erde! Du aber, beschaulicher Freund, der du als Wanderer das Leben durchschreitest, du magst bei etwaiger Betrachtung dieses vernichteten schönen Daseins mit jenem anderen Wanderer ausrufen: Schätzest du so, Natur, Deines Meisterstücks Meisterstück? Unempfindlich zertrümmerst du Dein Heiligtum. Frascati , Villa Muti, im März 18.. Rolla. Erster Teil. Erstes Kapitel. Schwankende Gestalten. Heute, beim Kramen in alten Papieren, fiel mir ein Paket Photographien in die Hände. Das vergilbte Seidenband, welches es zusammenhielt, löste sich, so daß die einzelnen Blätter sich vor mir ausstreuten. Gedankenlos nahm ich eines der Bilder auf: ein junges Mädchen im altmodischen, weißen Mullkleid, Blumen im Haar, mit großen, sehnsuchtsvollen Augen – – Nachdem ich das Bild lange betrachtet, legte ich es fort, ohne eine der übrigen Photographien angesehen zu haben. Dann stand ich auf, trat zum Spiegel und blickte lange auch mein Spiegelbild an. Aber wie betäubt ließ ich endlich von der Totenschau ab. Beide Hände vor das Gesicht gepreßt, das solche Veränderung erlitten, versuchte ich darüber nachzudenken; und jetzt – es ist tief in der Nacht – sitze ich und beginne die Geschichte jener Wandlung niederzuschreiben.   Ich führe den ungewöhnlichen Namen Rolla, nach meiner Großmutter so genannt, einer schönen, stolzen, unerbittlich strengen Frau, die von meiner Mutter, obgleich ihrer Heirat wegen von ihr verstoßen, schwärmerisch geliebt wurde. Mein Vater war Lehrer an einer Stadtschule und zwar in so bescheidener Stellung, daß er Zeit seines Lebens mit Sorgen zu kämpfen hatte. Er starb in seinen besten Jahren, kurze Zeit nach meiner Geburt. Kaum konnte er das kleine Geschöpf an sein Herz drücken, sich freuend, daß es die blauen, strahlenden Augen der Mutter hatte und allem Anschein nach den trotzigen Mund des Vaters bekommen würde. Diesen frühen Tod des Gatten und Ernährers machten besondere Umstände noch trauriger. Mein Vater hatte sich leidenschaftlich in meine Mutter verliebt, als er in der reichen, nordischen Patrizierfamilie dem schönen Mädchen Unterricht im Zeichnen erteilte. Seine Neigung geheim haltend, denn er war arm und stolz, suchte er eine Empfindung zu unterdrücken, die ihn unglücklich machen mußte. Er beschloß, zu gehen, ging auch, nachdem er beim Abschied erfahren, daß er wieder geliebt werde. Lange Zeit widerstand meine Mutter den Bitten, Vorwürfen und Drohungen der Ihrigen. Ihr Vater starb unterdessen, ebenso einer der Brüder; während ihre einzige Schwester, die eine Konvenienzheirat geschlossen, sich von ihrem Manne scheiden lassen wollte. Doch nichts konnte meine Großmutter erweichen. Sie sah ihre zarte Tochter hinwelken, die Ärzte sprachen sogar von Auszehrung: aber das Rettungsmittel, das so leicht hätte gegeben werden können, wurde der Ärmsten verweigert. Ebenso unerschütterlich blieb ihr Verlobter. Er war ein Handwerkerssohn und besaß keine großen Fähigkeiten, wenigstens nicht zum Lehrberuf. Mit seinem kräftigen Wesen und seiner freien, zuweilen wild ausbrechenden Natur hätte er besser zum Landmann oder Jäger gepaßt. Zu hartnäckig, um aufzugeben, was er einmal angefangen (ein kleines Zeichentalent und drückende Verhältnisse gaben die erste Veranlassung zu seiner Wahl), bekleidete er in der Hauptstadt die Stellung an einer guten Volksschule. Hoffnungslos, jemals das heißgeliebte Mädchen sein Weib nennen zu dürfen, beschwor er dieses, ihn aufzugeben. Er erwartete gerade ihren letzten Brief; da kam sie selber: eine Ausgestoßene, eine Verlorengegebene – eine Gerettete! Aber es dauerte lange, bis Liebe und Glück diese, in ihrem innersten Sein zerrüttete Natur wiederherzustellen vermochten, und erst nach vielen Jahren wurde das erste Kind geboren. Der glückliche Vater sah es und starb. Gottesglaube und Mutterliebe machten es der Witwe möglich weiterzuleben; aber ihr Dasein, das sich eben erst zu einer spaten Blüte hatte entfalten wollen, war für immer geknickt. Solange sie lebte, blieb sie zart und kränkelnd, für ihre schwärmerisch angelegte Tochter in ihrer himmlischen Güte und Holdseligkeit eine fast unirdische Gestalt. Denke ich an meine ersten, schattenhaften Erinnerungen zurück, so sind das Bild meines Vaters und das Grab meines Vaters die ersten starken Eindrücke, auf die ich mich besinnen kann. Wenn ich noch das schöne, stille Antlitz meiner angebeteten Mutter und das freilich minder liebliche unserer getreuen Magd nenne, so habe ich damit die vier großen Empfindungen meiner Kindheit bezeichnet. An sonnigen Sommernachmittagen ging die Mutter, die immer ein schwarzes Gewand trug, zuweilen mit mir zum Tor hinaus. Wie ich mich jedesmal darauf freute! Ich hatte mein Sonntagskleid an und beide Händchen voll Blumen. Wir kamen in einen großen Garten – wie war es da schön! Unter dunklen Bäumen standen viele weiße, schimmernde Steine, viele blasse Bilder, um welche Rosen und Lilien blühten. An kleinen, umgitterten Blumenbeeten knieten Frauen, alle schwarz gekleidet wie die Mutter. Einige weinten. Ringsum war's geheimnisvoll, lautlos und feierlich! Wenn ich über einen Schmetterling, der im Sonnenschein über die Blüten gaukelte, aufjubeln wollte, so ward mir das gleich verwiesen. Dann mußte ich meine Blumen auf einen Stein niederlegen, der ganz voll hübscher, goldiger Zeichen war. Zu Hause spielte ich dann: »Das Grab meines Vaters«. Selbst ein Grab zu haben war damals meine höchste Sehnsucht. Ein solches dünkte mir schöner, als die rosigen Abendwolken und der Sternenhimmel. Seltsam ist, daß jetzt, da ich dieses schreibe, meine heftige Kindersehnsucht wieder zurückkommt: ein Grab mir lieber ist und mir schöner deucht, als der Himmel mit all seinen Seligkeiten. Ich war ein äußerst phantastisches Kind. Leicht konnte ich mir vorstellen, daß die Steine Lichter seien, die allabendlich von den Engeln angezündet wurden. In meinen Träumen sah ich das ganze Firmament mit lichten Gestalten bevölkert. Aber trotz meiner glühenden Vorstellungskraft gab es ein Wesen, dem ich keine Gestalt zu verleihen vermochte; das war Gott. Daß ich mir diesen großen und guten Geist gar nicht denken konnte, verursachte mir seltsamem Kind bereits damals heftigen Schmerz; denn bereits damals hatte ich das dringende Bedürfnis, mir alles, wovon ich hörte und was mich lebhaft beschäftigte, zu verkörpern und dann in diese leuchtenden Erscheinungen mein eignes kleines Ich hineinzuphantasieren. Da mag man sich denn vorstellen, was für mich die Märchen waren. Meine feinsinnige Mutter, tief erschrocken über die heftige Aufregung, in die ich durch jede Geschichte versetzt wurde, versuchte ängstlich, mich vor solchen Erschütterungen zu bewahren. Dennoch wußte ich mir die verbotenen Genüsse zu verschaffen, deren gefährliche Wirkung durch die Heimlichkeit, mit der ich sie genoß, nur verstärkt wurde. Ich sehe mich noch, ein ganz kleines Ding, zitternd vor Erregung, in die Küche schleichen, Luisen, die gute Seele, die mir nichts abschlagen konnte, beschwörend: mir aus »Barmherzigkeit« die Geschichte von dem armen Aschenputtel oder dem lieben Schneewittchen nur »noch ein einziges Mal« zu erzählen. Es bedurfte stets eines großen Aufwands von Liebkosungen und Schmeichelworten, bis ich Luisens Zaudern und Zweifeln überwunden und sie dazu vermocht hatte, mir unter Brummen und Schelten einige Brosamen von ihrem Märchenschatz zuzuwerfen. Die Mutter war vielleicht gerade ausgegangen oder in der Dämmerstunde ein wenig eingenickt. Da hockte ich nun auf meinem kleinen Fußschemel, die Händchen gefaltet, wie ich es beim Gebet tun mußte, mit großen staunenden Augen an den unlieblichen Lippen der Erzählerin hängend. Für meinen heißen Durst erhielt ich wirklich nur tropfenweise gespendet. Nichts weniger als ein weiblicher Cicero, stammelte Luise die einfachen Geschichten so verwirrt her, wie auf der ganzen Welt nur sie allein es fertig bekam. Schon beim drittenmal kannte ich sie besser als meine Fatima selbst. Eine Weile ertrug ich's, bis ich – Luise befand sich vielleicht gerade in einer hoffnungslosen Konfusion über das verwandtschaftliche Verhältnis Schneewittchens zu ihrer Stiefmutter – flehentlich bat: »Willst du es mir nicht sagen, liebste, beste Luise?« Sie sagte mir's, aber gräßlich falsch! Das hielt ich nicht aus. Ich sprang auf. »Ach, Luise, das ist ja nicht wahr!« »So!« rief diese, höchlichst entrüstet, »willst du's besser wissen, kleines Ding? Will das Küchlein schon jetzt klüger sein als die Henne?« »Sei mir nicht böse; aber es war ganz gewiß anders.« Nun erzählte ich das Märchen, wobei ich die Personen stets selbst sprechen ließ. Hatte Dornröschen oder Aschenputtel etwas zu sagen, so stellte ich mich vor Luisen hin, bewegte meine Ärmchen und ließ meine kleinen Heldinnen mit rührender Stimme ihr Leid klagen. Kam es zum Sterben, so konnte ich oft vor Schluchzen nicht weiter; wachte jedoch Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg wieder auf und wurde Aschenputtel zuletzt gar Prinzessin, so war die Freude grenzenlos. Luise, die, zuerst auf das tiefste beleidigt, mächtig mit ihren Tellern und Schüsseln geklappert, war allmählich ganz still geworden. Von Zeit zu Zeit brach sie in begeisterte Ausrufe aus, womit sie mir immer förmlich weh tat. Hatte ich geendet, pflegte sie niederzuknien, mich zu küssen und an sich zu drücken, bis es mir den Atem benahm. In stillem Glück ging ich fort, hinaus in den Garten, wo ich mich unter einem Strauch niederkauerte und noch eine gute Weile Aschenputtel oder Schneewittchen weitererlebte. Ich müßte jetzt von meiner Mutter sprechen – als ob sich's von einer Mutter sprechen ließe! Ich will erzählen, wie sie aussah, was sie tat, wie sie mich liebte. Wie sie aber war, was sie war, das kann ich so wenig erzählen, als sich's erzählen läßt, was Liebe und Güte ist. Ich sehe sie vor mir. Sie trägt ihr schlichtes, dunkles Kleid. Ihr lichtbraunes Haar ist tief über Stirn und Wangen gelegt. Wie blaß diese sind! Oft fährt sie mit ihrer zarten, weißen Hand über den Scheitel hin, den weichen Glanz mit leichter, leiser Bewegung glättend. Was ist's für eine sanfte, gütige Hand! Außer einem, der längst im Grabe ruht, weiß das nur ihr Kind. Während mir die Mutter wie eine meiner Märchengestalten selbst erschien, sah ich sie viele Stunden des Tages eine Arbeit verrichten, die mir, die ich staunend zuschaute, ein Wunder deuchte. Die Blumen, die draußen aufsproßten und dufteten, erblühten vor meinen Augen auf ihrem Schoß, ein ganzer Garten von Knospen und Kelchen! Mit ihrem zarten Gesicht und ihrer schmächtigen, zierlichen Gestalt, sah sie fast jugendlich aus; und das selbst dann noch, als ihr brauner Scheitel bereits zum reinsten Weiß erbleicht war. Das kam allerdings sehr früh. Wie sie später nicht mehr zu sorgen und zu sparen brauchte, vertauschte sie ihr schwarzes Kleid mit einem lichten. Als käme ihr mit dem späten Glück noch einmal die Jugend zurück, sah ich die geliebte Gestalt von da an immer gleichsam von Schimmer umflossen. Und so erblicken meine Augen sie jetzt, wo ich nicht mehr zu dem heiligsten Platz, den der Mensch auf der Welt hat, flüchten kann, zu der Brust der Mutter, um dort auszuruhen und Frieden zu finden.   Zweites Kapitel. Unser Häuschen. Wir wohnten in der großen Stadt in einer Weise, die noch jetzt als das wunderlieblichste Idyll in mir nachklingt. Auch die Residenz hatten einst Mauern umzogen, an denen Gärten und Gemüsefelder lagen oder gar Getreideland anstieß. Allmählich wandelte sich die ganze freie Weite in Stadt um. Wo sich keine Straßen zogen, entstanden Villen oder Fabriken. Von den Feldern blieb nichts übrig, von den Gärten wenig; zuletzt mußte selbst die alte, ehrwürdige Stadtmauer fallen. Aber noch war hier und dort das Häuschen eines Gärtners stehengeblieben und wohl auch der Garten, der nun inmitten hoher, düsterer Wände recht wie ein freundliches, grünes Eiland dalag; auch wie ein solches von dem rauschenden und tosenden Gewühl der Großstadt umbrandet. Ein derartiges, trauliches Asyl war meiner Kindheit und ersten Jugend zur Heimat beschieden. Das kleine niedere Haus lag ganz von Grün umgeben und war bis zum Dach von Efeu umsponnen; im Juni blühte ringsumher hochstämmiger Holunder, und ein prachtvoller Nußbaum überschattete es. Eine schmale Holztreppe führte vom Garten zu dem einzigen Geschoß des Häuschens hinauf. Vor der Tür gab es einen kleinen Altan, den tief überhängende Weinreben zu einer Laube machten. An jedem sonnigen Tag zog sich das Leben des Hauses ins Freie hinaus. Unter Blumen bildete die Mutter ihre Blumen; auf der Türschwelle saß Luise, las das Gemüse oder rührte ihren ewigen Strickstrumpf, indessen ich ab und zu lief, die kleine Brust voller Kinderlust, die mir gewiß aus den Augen strahlte, hell wie der Sonnenschein selbst. Dann wiederum konnte ich stundenlang dasitzen, der Mutter zusehen oder in den leuchtenden Tag hinausträumen, wie dieser auf den Rebenblättern und dem Laub des Baumes seine goldigen Lichter tanzen ließ. Oder ich saß da, die Schreibtafel auf dem Schoß, emsigst deren glänzendes Schwarz mit Hieroglyphen füllend; auf dem Schoß lag auch das Büchelchen, daraus zur stillen Freude der Mutter und zum lauten Entzücken Luisens mit lauter Stimme vordeklamiert wurde. »Nein, was das Ding gescheit ist! Solch ein Kind, wie unseres, gibt's gar nicht mehr. Was aus dem wohl noch einmal werden wird!?« Zu solchen und ähnlichen Ausrufen einer völlig fanatischen Bewunderung meiner hübschen, klugen und wohl auch recht liebenswürdigen, kleinen Person war die Getreue zu jeder Zeit bereit. Es mußte denn sein, daß sie sich gerade in der Stimmung befand, in welcher sie mit großer Entschiedenheit die unbestreitbare Behauptung aufstellte, daß »man doch auch ein Mensch sei«. Unsere gute Luise! Mit feuchten Augen muß ich lächeln. Sie war eine hoch aufgeschossene, überaus schlank gewachsene Jungfrau, schwarzhaarig und schwarzäugig. Von Antonios Wiege waren die Grazien nur fern geblieben; wären diese Huldinnen durch einen unglücklichen Zufall an die Wiege unserer Luise geraten, darin dieses merkwürdige Wickelkind mit hochrotem Gesicht (das sie zeitlebens beibehalten) die Welt anschrie – die entsetzten Göttinnen hätten sich sicher wehklagend geflüchtet. Zu der glücklichen Zeit, da ich die Vortreffliche als »meine Luise« liebte und – fürchtete, führte sie zwar mit ihrer ehrlichen Hand Samstags kräftig genug den Besen; aber daß dieselbe Hand des Sonntags jemals zu karessieren verstanden, wage ich nicht zu behaupten. Sie war aus demselben Dorf, wie mein Vater, den sie vergötterte, und dem sie, schon damals, eine Person in den gesetztesten Jahren, in der Stadt die kleine Wirtschaft führte, Freude und Leid der Familie nicht als Dienerin, sondern als Freundin tragend. Sie hatte mich in die Wiege gelegt, den Vater in den Sarg und war mit den Jahren so sehr zu »unserer« Luise geworden, daß ich mir damals die Welt ohne sie gar nicht zu denken vermochte. Sie war eine schlichte, rechtliche und kräftige Natur, gedankenlos, aber mit ungemeiner Heftigkeit der Empfindung, die sie auf die leidenschaftlichste Weise auszudrücken pflegte. Von den Menschen dachte sie lieber Schlechtes als Gutes, war immer ahnungsvoll, immer mißtrauisch, witterte überall Hinterlist und Tücke, befand sich stets gegen alle Welt in der Defensive. Mit höchstem Pathos bejammerte sie fortwährend die Armen, beneidete sie fortwährend die Reichen, wobei sie sich feierlichst als eine »Demokratin« erklärte. Sie war natürlich sehr fromm, hegte eine leidenschaftliche Vorliebe für alle geistlichen Vereine und Bibelgesellschaften, hielt sich dann und wann für eine arge Sünderin, schluchzte bei jeder Predigt und kritisierte nebenbei den neuen Hut ihrer Nachbarin. Sie glaubte an Geister und Träume, war stets voller »Ahnungen«, prophezeite für jeden Tag in der Woche ein Unglück, buk meisterhaft Schmalzkuchen und machte unübertrefflich Salzgurken ein. In ihrer Küche erhielt der Sonntag noch dadurch eine besondere Weihe, daß sie, eine mächtige Hornbrille auf die stattliche Nase rückend, unter lautem Gestöhn eine Bußandacht abbuchstabierte. Nie hätte sie einem Bärbelchen verziehen, einem Gretchen noch weniger. Trotz solcher gestrengen Sinnesart hatte sie ihre großen Schwächen, deren größeste wohl meine kleine Person war: ihre Rolla ! Dann kam die Mutter: » ihre Frau «! Dann die Küche: » ihre Küche «, bis zum letzten blitzblanken Kessel darin: » ihre Kessel «! Auch auf die stets reinlich leuchtenden Fußböden und schneeweißen Gardinen war sie ganz unchristlich stolz, und, was die ersteren anbetraf, auch wohl christlich unduldsam. Sie besaß eine bedenkliche Neigung für die lebhaftesten Farben, die sie womöglich alle an ihrem eignen Leibe unterzubringen suchte. Mit besonderem Entsetzen entsinne ich mich einer hochroten Flanelljacke, nur um eine Nuance heller als Gesicht und Hände. Da ich sie tagtäglich behaupten hörte, daß jeder Mensch seine Eigenheiten habe, hielt ich bewußtes Konglomerat von Farben: die ihrer Jacke und die ihres Gesichtes für Luisens angeborene Eigenheit und ergab mich darein. Natürlich war nicht die Mutter Herrin und Beherrscherin unseres kleinen Reiches, sondern Luise, Was diese wollte, geschah, was diese nicht wollte, geschah nicht. Sie gebot und wir waren gewöhnlich sehr glücklich und dankbar, wenn es unserer gestrengen Dienerin beliebte, guter Laune zu sein, oder einmal Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Mit mir trieb sie eine Art von Götzendienst. Ich war für sie nämlich ein so schönes, so kluges, so wunderbares Kind, daß mein Dasein sie geradezu fassungslos machte. Offnen Mundes staunte sie das Wunder meiner Existenz an, mit unerschütterlichem Glauben prophezeiend (die gute Seele hatte von ihren Märchen profitiert!), daß sicher noch einmal etwas »Großes« aus mir werden würde; zum Beispiel eine Prinzessin. Ihrer durchaus maßgeblichen Meinung nach brauchte ich nur zu wollen, um mich eines schönen Tages per goldener Kutsche auf irgendeinen gerade vakanten Königsthron befördern zu lassen. Kurz diese »böse- gute, liebe-schlechte« Luise verwöhnte mich gründlichst. Ihr schönen, glücklichen Zeiten! Ihr verklungenen Klänge, noch einmal klingt in mir nach! Kindheit! Kindheit! Ist es denn möglich, daß die Sonne so hell scheinen, eine Blume so duften kann?! Kindheit! Kindheit! Du schönstes Märchen, du wundersamstes Gedicht, bist du auch mir jemals erklungen? Noch immer mit braunem Haar, kann ich kaum noch begreifen, wie der gramvolle Mensch je ein fröhliches Kind gewesen sein soll, das junge Herz so voll Sonnenscheins, daß ihm die trüben Tage nicht dunkler deuchten als die heiteren. Kindheit! Kindheit! Ich erlebe dich wieder und mir wird so wohl, mir wird so weh! Ich schließe die Augen, um einzuschlafen und noch einmal so selig zu träumen. Ein Meer von Strahlen steigt wirbelnd aus dem Dunkel auf. Töne umbrausen, Melodien umrauschen mich. Still, weckt mich nicht! Drittes Kapitel. Junge Talente, junge Freuden und Leiden. Luise mochte mit ihrem staunenden Ausruf, was ich für ein wunderbares Kind sei! nicht Unrecht haben. Wenigstens war ich sicher ein sehr eigentümliches Kind, wohl eines der seltsamsten kleinen Geschöpfe, die jemals Sand und bunte Steine für große Herrlichkeiten hielten und sich mit ihren Puppen herumschleppten, als seien das winzige Menschen. Dabei war ich ein so zärtliches, liebebedürftiges und liebesehnsüchtiges kleines Wesen, daß mich die Heftigkeit meiner Empfindungen oft krank machte. Bei solcher Anlage war es denn nicht verwunderlich, wenn ich mich nicht damit begnügte, mein Mütterchen »gräßlich« und Luise »schrecklich« lieb zu haben; sondern auch einen großen Teil meines Liebesreichtums auf Dinge warf, die entweder Ideen oder leblose Gegenstände waren. Zu der ersten Gattung dieser heiß Geliebten gehörten meine sämtlichen Märchengestalten, zur zweiten natürlich meine Puppen. Meine Einbildungskraft beschenkte sie sowohl wie mich selbst mit allen denkbaren irdischen und unirdischen Herrlichkeiten. Mittels meiner Phantasie konnte ich Wunder vollbringen. Freilich wurden mir diese schimmernden Gebilde durch einen andern skeptischen und auflösenden Zug meines Wesens gewöhnlich wieder auf das Grausamste zerstört. Dann war ich eine Zeitlang ganz elend, bis ich mir eine neue Phantasmagorie hergestellt hatte. Im Idealisieren maßlos, geriet ich nur zu leicht auch in der entgegengesetzten Empfindung völlig ins Extrem. Dieses Doppelwesen meiner Natur wurde in dem Verhältnis zu meinen Puppen am schärfsten ins Licht gesetzt. Hier idealisierte ich, was ich nur konnte. Alles an diesem kümmerlichen Spielzeug sah ich glänzend und prachtvoll. Ich beseelte es mir und ließ dann daraus mein eigenes phantastisches Ich in einer mir selbst unverständlichen Sprache reden und predigen. Durch dieses Vermenschlichen von etwas Leblosem versetzte ich mich in eine geradezu krankhafte Aufregung, bis zuletzt auch hier nach dem Rausch die unbarmherzige Entnüchterung eintrat. Plötzlich sah ich meine herrlichen Gestalten als aus Holz, Leinwand und Pappe verfertigt, mit schlechtem Flitter behangen. Die Engelsmienen waren bemaltes Wachs, die strahlenden Augen Glas, die »goldenen« Locken Seide und Flachs. Einmal bis zu dieser Erkenntnis gelangt, scheute ich mich nicht, meinem schmerzenden Herzen auch den letzten Wahn zu benehmen: die Leiber meiner Puppen zerfielen unter meinen zerrenden Fingern, häßliches Gefüllsel streute sich aus – nun hatte ich Wirklichkeit. Eine Menge ähnlicher Züge beweisen Ähnliches. Ich war eben eine sehr gemischte Natur. Bald übermäßig froh, bald übermäßig traurig; jetzt in ausgelassenen Jubel ausbrechend, dann über die Lust selbst in Schwermut verfallend. In ernsthafteren Dingen zeigte ich mich übrigens einheitlicher. Ich besaß eine große Wahrheitsliebe und früh bemerkte meine Mutter einen leidenschaftlichen Hang zur Grübelei in mir. Mit trotziger Liebeskraft strebte ich allem zu, was mir zu eigen zu machen ich mir vorgenommen. Erkannte ich jedoch die Unmöglichkeit des Besitzes, so war ich gleich bereit, Wunsch und Hoffnung aufzugeben. Es kam oft vor, daß irgendein bescheidenes Vergnügen, worüber ich lange vorher stürmische Freude empfunden, vereitelt wurde oder beim Beginn abgebrochen werden mußte. Wenn ich dann so ruhig, fast gleichmütig entsagte, freute sich meine Mutter über ihr »vernünftiges« Kind. Ich besaß eben ein großes Talent zum Entsagen. Nun, dafür bin ich Frau. Schreiben und Lesen hatte mich die Mutter gelehrt. Später wurde ich Schülerin derselben Anstalt, an der mein Vater sich so viele Jahre lang abgequält. Wohl mochte es meiner Mutter tief wehmütig sein, ihr Kind denselben Weg gehen zu lassen, den täglich der Unvergeßliche zurückgelegt und sich ihre Tochter in denselben Räumen denken zu müssen, welche die Gegenwart des Verstorbenen geweiht. Weil ich wirklich fleißig war, leicht faßte und mit voller Lust arbeitete, ward ich bald von den Lehrern bemerkt und bevorzugt. Doch war das gewiß nicht der Grund, daß ich unter meinen Mitschülerinnen keine Freundin, kaum eine Kameradin fand. Und das ist so geblieben – bis heute! Ich habe niemals eine Freundin gehabt. Forsche ich nach der Ursache dieser befremdenden und traurigen Erscheinung, so muß ich sie wohl oder übel in mir selber finden. Ich fürchte, daß mein Geschlecht mich nicht für liebenswürdig hielt und das wahrscheinlich mit vollem Recht. Ohne mir einfallen zu lassen, mich besser als sie zu dünken, fühlte ich, daß ich anders war. Dieses dumpfe Bewußtsein machte mich trotz meines heißen Bedürfnisses, Zärtlichkeit zu empfangen und zu geben (ich rede von meiner Kinderzeit), scheu und verschlossen. Wie gern hätte ich mich damals mitgeteilt, wie gern meine junge, stürmische Empfindung in ein anderes, ebenso junges, ebenso bewegtes Herz ausströmen lassen! Schüchterne Versuche, die ich machte, mißlangen vollständig. Obgleich ich in meiner natürlichen Sprache zu ihnen redete (wie hätte ich anders können!), war dieselbe ihnen doch eine völlig fremde. Sie verstanden mich nicht und ließen mich allein. Wie darf ich mich darüber beklagen? Später wurde ich dann sehr bald eine zu entschiedene Individualität, um mir damit Freundinnen erwerben zu können. Wir »duldenden« Frauen sind so unduldsam, was Frauen anbetrifft! Wir, für die alles Ungewöhnliche beim Manne einen so gefährlichen Reiz besitzt, fordern von unserem Geschlecht, daß es typisch sein solle. Können wir es doch kaum einer Frau verzeihen, wenn sie sich anders kleidet als andere. Von der Coiffüre bis zur Schleppe soll sich bei uns alles gleichen. Dabei sind wir jedoch sehr bereit, selbst durch einen überraschenden Schnitt aufzufallen, wie wir es denn gewiß weit lieber haben, nachgeahmt zu werden, als nachzuahmen. Dulden wir also selbst nicht bei der Toilette Individualitäten, wie sollten wir uns dann einander Abweichungen und Ausschreitungen in unseren Persönlichkeiten gestatten und vergeben? Mein ganzes Leben lang ohne Freundinnen, möchte ich mir doch jetzt die eine oder die andere zur Freundin erwerben. Ich, die ich nie so glücklich gewesen, einer Frau mein Herz ausschütten zu dürfen, tue das nun in diesen Blättern. Kann doch schließlich nur die Frau die Frau verstehen! So schreibe ich denn diese Aufzeichnungen – diese Bekenntnisse! – für euch, meine Schwestern, nieder. An eure Herzen wende ich mich, zu euren Herzen rede ich. Möchtet ihr mich in meinem Unglück liebenswürdiger finden, als eure Gefährtinnen das taten, da sie mich für glücklich hielten, für überschwenglich, für beneidenswert glücklich! Ich habe mich immer nach euch gesehnt, nach euch, meinen Leidensgenossinnen. Denn das seid ihr! Alle habt ihr ja gelitten! Freilich – ihr werdet meine Liebe Verirrung nennen, mein Leiden die gerechte Buße für eine schwere Schuld. Aber, wenn ich euch mein Herz offen darlege und vor euren Augen seine tiefen, blutigen Wunden rinnen lasse, werdet ihr vielleicht milder denken über Vergehen, in denen wir Frauen – beklagen und bereuen wir es nicht allzusehr! – so leicht zu Sünderinnen werden, sobald wir uns nur gestatten, völlig das zu sein, als was wir geschaffen sind – ein Weib . Nachdem ich mir dies vom Herzen gesprochen, bin ich noch einmal wieder ein Kind.   Von den Lehrgegenständen, die nach und nach meinen kleinen Kopf füllten, war mir Geschichte bei weitem das liebste, Geschichte, deren Helden jetzt die Stelle der Gestalten meiner Märchen einnahmen. Ihre Wirkung auf mich war beängstigend groß. Statt mit Schneewittchen, Dornröschen und Rotkäppchen zu leiden, tat ich das fortan mit Virginia, Lukrezia und Thusnelda. Die beiden Grundzüge meines Wesens: einen Gegenstand zu idealisieren und ihn dann gewaltsam auf seine Realität zurückzuführen, konnten hier friedlich nebeneinander wirken. Wenn ich über den Tod Virginias begeisterte Tränen weinte, ihr mit jedem Gefühl nachstarb, brauchte ich mich danach keinem noch heißeren Schmerz hinzugeben; denn Virginia war eine Tatsache der Geschichte, während schon das Kind vor dem Pfefferkuchenhäuschen der Frau Holle und dem Glaspantoffel Aschenputtels bald nach dem ersten Entzücken qualvolle Unsicherheit empfunden hatte. Ich versuche nicht, die Verzückung Luisens auszumalen, wenn ich, mit einer Decke oder einem Bettuch drapiert, vor sie hintrat, um als Horatia pathetische Klage zu erheben, darüber, daß mein Bruder meinen Geliebten erstochen. Wenn es so weit kam, daß ich bei dem furchtbar großartigen Ausruf Horatios: »So ergehe es jeder Römerin, welche den Feind betrauern wird!« erstochen werden sollte, sank Luise ganz schwach auf einen Stuhl, über das »Ungetüm« von Bruder in wilde Entrüstung ausbrechend. Jedoch meinen größten Triumph errang ich vor diesem empfänglichen Publikum, als ich, in eine weiße Gardine gewickelt, einen Rosenkranz auf, mir vor Luisens eigenen entsetzten Augen deren großes Küchenmesser auf die Brust setzte, um mir als Lucrezia das Herz zu durchstoßen. Laut schreiend stürzte Luise auf mich zu, riß mir die Mordwaffe aus der Hand, brach in eine Flut von Tränen und Vorwürfen aus: ich hätte es auch gar zu natürlich gemacht! Wenn ich nur die Küche als Bühne und nur Luise als Auditorium erwähne, so zeigt das, wie ich dergleichen Vorstellungen vor meiner Mutter geheimhalten mußte. Ich tat es unter den heftigsten Gewissensbissen; aber der Drang zum Schauspielern in mir war so unwiderstehlich, daß ich's nicht zu unterlassen vermochte. Ich konnte es auch nicht für mich allein tun, sondern mußte gehört und gesehen werden, wobei mir jedoch der Beifall nicht nur durchaus Nebensache, sondern im Gegenteil geradezu verhaßt war. Besonders gern hielt ich diese Vorstellungen in Abwesenheit der Mutter auf unserem Altan ab. Die Gartentür war verschlossen, drunten auf einem Stuhl saß feierlichst Luise, den Strickstrumpf zwar in der Hand, aber vor Erregung selten dazu kommend, ihre Nadeln in Bewegung zu setzen. Erwartungsvolle Pause –- dann erschien unter dem grünen Gerank eine kleine, weiße Gestalt, die nun zu sprechen begann. Diese Heimlichkeiten, die Luise nicht nur zugab und begünstigte, sondern zu denen sie mich sogar zuletzt förmlich trieb, machten mein Verhältnis zu ihr immer vertraulicher – immer bedenklicher. Ihre Wirkung auf mich war durchaus nicht mehr harmloser Art. Durch ihre maßlose Bewunderung fing sie an, mir ernsthaften Schaden zu tun. Ich verlor meine schöne Unbewußtheit, wurde eitel, war kein so reines Kind mehr. Meine Mutter bemerkte diese Veränderung mit tiefem Kummer, ahnte vielleicht deren Grund, war aber zu schwach, eine sofortige Abhilfe zu treffen, wozu es auch bereits zu spät gewesen wäre. Indem sie mich inniger und inniger an ihr schönes Herz zog und mir ihre edle Seele zu empfinden gab, hob sie vieles von jenen schlechten Einwirkungen wieder auf. Natürlich wurde mein deklamatorisches Talent auch in der Schule bemerkt und auch hier mit größerer Aufmerksamkeit behandelt, als mir gut war. Jede deutsche Stunde, in der ich ein Gedicht aufsagen durfte, galt als ein Ereignis für die ganze Klasse. Viele hatten es vor mir gesprochen, die meisten nicht gut – jetzt wurde mein Name gerufen. Wie mein Herz pochte! Wie mir alles Blut ins Gesicht stieg! Ich erhob mich. In die Klasse kam lebhafte Bewegung, der Lehrer mußte Ruhe gebieten, alles sah auf mich. Mit bebender Stimme begann ich, bald jedoch hatte ich meine Umgebung vergessen. Noch sensationellere Erfolge erzielte meine junge Kunst bei den öffentlichen Prüfungen, die jede Klasse zweimal des Jahres zu bestehen hatte. Das Sprechen eines Gedichtes war der Höhepunkt dieser Produktion. Jedesmal ward die Deklamation mir übertragen. Sobald der wichtige Tag kam, war die Aufregung im Häuschen groß. Bereits eine Woche vorher, hatte Luise im Waschen und Plätten meines weißen Mullkleides ihr Meisterstück geliefert. Dieses weiße, oft gewaschene Mullkleid! Mit Wehmut erinnere ich mich seiner recht bescheidenen Pracht, die mir damals als die denkbar größte Herrlichkeit erschien. Das köstliche Gewand durfte nur wenige Male des Jahres angelegt werden: an dem Geburtstag der Mutter, des Vaters und Luisens, an meinem eigenen und an eben jenem festlichen Ereignis in der Schule. Zum Glück hatte das Kleid sehr viele Falbeln: von diesen wurde jedes Jahr eine oben abgenommen und unten wieder angesetzt. Dieses liebe köstliche Kleid ward an bewußtem festlichen Tag unter heftigem Applaus Luisens angelegt, durch eine rosaseidene Schärpe prächtig verschönt. Um die braunen Locken, die heute von den liebevollsten Händen mit besonderer Sorgfalt geordnet waren, wand sich ein Rosenkranz, von denselben gütigen Fingern verfertigt. So geschmückt betrat ich den weiten, mit Menschen angefüllten Saal, deklamierte, erhielt unter allgemeinem, oft geradezu stürmischen Beifall den Preis. Was war's für ein Glück, wenn ich, so ausgezeichnet, mit strahlenden Augen nach den Meinen hinübersah. Dort saßen beide! Ich glaubte auf dem sanften Gesichte meiner Mutter einige Freude zu erkennen. Wie eine Päonie glühend, thronte Luise majestätisch im Staatskleid, heftig die Arme bewegend. Nickend und winkend, gestikulierte und pantomimierte sie ihr höchstes Entzücken zu mir herüber, so daß alle im Saale auf sie blickten. Was scherte sie das? Wie schön war der Heimweg, in Luisens Augen der Triumphzug, wobei sie fortwährend auf alle Begegnenden schielte, ob mich auch alle nach Gebühr anstaunten. Welche Entrüstung, wenn sie das nicht taten! Zu Hause gab's dann eine kleine, festliche Mahlzeit, zu welcher Luise einen wunderbaren Kuchen gebacken. Den ganzen Mittag und Abend gestattete sie uns nicht, von irgend etwas anderem zu reden. Ich war vierzehn Jahre alt, als ich zum erstenmal ein Schauspiel sah. Was hatte dieses Wort seit meinem ersten Erinnern für einen geheimnisvollen, mächtigen Klang für mich gehabt! Der Rattenfänger von Hameln hätte mich damit hinter sich her durch die ganze Welt gelockt. Seit meine Mutter ihren lieben Lehrer geheiratet, war sie in kein Theater gekommen. Aber Luise war einigemal dort gewesen und erzählte mir davon, wie man sich denken kann, in nicht weniger wunderlicher Art, als von ihren Märchen. Da erhielt ich denn seltsame Begriffe. Schließlich malte ich es mir in meiner eigenen Weise aus und schuf mir so auf der Welt eine zweite Welt. Und – was soll ich's nicht gestehen – mir deuchte die selbstgeschaffene, die schönere. Jedesmal, wenn ich zur Schule ging, blieb ich an den Straßenecken stehen, wo auf gelben, roten und blauen Zetteln zu lesen stand, welches Stück heute in dem und dem Theater gegeben wurde. Ich las die Titel, die Personen, die Namen der Schauspieler, fabulierte mir daraus die Handlung zusammen, wählte die Gestalt, die ich vorstellen würde, und setzte dahinter meinen Namen: Rolla. Ich fühle noch jetzt die Sehnsucht, die mir in jenen Zeiten wie ein glühender Strom zum Herzen drang; sehe mich noch jetzt an sonnigen und trüben Tagen an den Straßenecken stehen, ein kleines schmächtiges, mehr als einfach gekleidetes Ding. An mir vorüber brauste das Getriebe der Großstadt, rollten die Wagen, drängten sich die Menschen – ich hörte nichts! Vor mir stand mit großen Buchstaben: Die »Jungfrau von Orleans«, oder »Kabale und Liebe«, oder »Faust«. Ich stand, staunte hinauf und vergaß darüber das Leben. Ich hatte auch noch nie ein Schauspiel gelesen, und jetzt sollte ich gar eines sehen ! Erst einen Tag vorher ward mir mein Glück angekündigt: es machte mich fassungslos. Von armen, kleinen Leutchen, die wir waren, konnte für das teure königliche Schauspiel nur ein Billett für die letzte Galerie erschwungen werden. Das Theater (es geschah an einem Sonntag) war ausverkauft: eine berühmte Tragödin gab Maria Stuart. Schon das große, glänzend erleuchtete, von Menschen erfüllte Haus, der dunkelfarbige gewaltige Vorhang, der etwas Geheimnisvolles von uns abschloß, die Klänge des Orchesters, das Schwirren der Stimmen – alles das versetzte mich in einen Zustand von Fieber und Traum. Als der Vorhang aufging, wagte ich kaum hinzusehen und von der ersten Szene zwischen Sir Paulet und der Kennedy verstand ich kein Wort. Als man sagte: »Da kommt sie selbst – den Christus in der Hand, Die Hoffart und die Weltlust in dem Herzen!« erhob ich mich, wie magnetisch angezogen. Die Mutter mußte mich niederdrücken: ich hatte gar nicht gehört, daß die Menschen, die hinter mir saßen, laut über mich murrten. Dann kam sie. Ein Applaus, der das Haus erschütterte, begrüßte sie, ein Regen von Blumen fiel ihr zu Füßen. Noch ehe sie gesprochen, stürzten mir schon die Tränen aus den Augen. Was soll ich weiter sagen? Ohne mich zu regen, saß ich da und starrte in die Tiefe hinab. Wenn die große Tragödin agierte, hätte ich – ich kann es noch heute nicht ausdrücken! Ihr wie eine der Blumen zu Füßen liegen, den Saum ihres Kleides berühren zu dürfen, erschien mir als Glück ohnegleichen. Ich bin durchaus nicht sicher, ob ich mir an jenem Abend bewußt ward, was es eigentlich mit Maria Stuart und Elisabeth von England für eine Bewandtnis habe. Nach dem dritten Akt vergingen mir fast die Sinne. Ich erholte mich und sollte nun durchaus nach Hause. Doch meine Bitte: bleiben zu dürfen, war so beängstigend leidenschaftlich, daß meine Mutter aus Furcht, mich noch mehr zu erregen, sie mir gewähren mußte. Als der Vorhang zum letztenmal fiel und das Publikum klatschte und klatschte, stand ich da, schluchzte und schluchzte, als ob mir das Herz brechen wollte. Wie die Tragödin hervortrat, hätte ich beinahe einen Schrei ausgestoßen: Maria Stuart war ja tot! Dann konnte ich gar nicht begreifen, daß es aus sei und wir fortgehen mußten. Aus Maria Stuarts Kerker wieder in unser Häuschen zu Luise zurück, das erschien mir nicht möglich. Auch von den traumhaften Tagen, die diesem unirdischen Abend folgten, vermag ich nichts niederzuschreiben. Luise zeigte sich ungemein entrüstet, daß ich über das große Ereignis keine Silbe äußerte. Wir waren zu arm, als daß die Seligkeit: von neuem für einen Abend Besitzer von zwei Galerieplätzen zu sein, sich sobald hätte wiederholen können. Trotzdem ich für einen nochmaligen Eintritt gern gestorben wäre, war ich verständig genug, meiner Mutter kein Wort zu sagen. Wußte ich doch, wie weh es ihr getan hätte, den Wunsch ihres Lieblings nicht erfüllen zu dürfen. Und ich wußte auch: manche Mitternacht verging, bis die Mutter in das Kämmerchen kam, darin sie mich in festem Schlummer glaubte, sich endlich gleichfalls zur Ruhe zu legen. Im Wohnzimmer saß sie bei trüber Öllampe und ließ ihre armen, müden Hände rastlos, rastlos Blumen verfertigen. Die Tochter wuchs heran, kostete viel Schulgeld, und obgleich Luise für gar kärglichen Lohn eine so treue Dienerin war, gab es Sorgen genug. So bekam ich denn früh Gelegenheit, mich im Entbehren zu üben. Maria Stuart wurde kein zweites Mal gesehen, wohl aber immer wieder von neuem erlebt, wobei indes der eine Unterschied war, daß die unglückliche schottische Königin statt von der großen Tragödin von der kleinen Rolla gespielt wurde. Im übrigen begnügte ich mich, mit noch mehr Beharrlichkeit als früher, vor den Theaterzetteln zu stehen und sehnsuchtsvoll hinaufzublicken. Den Titeln nach kannte ich bald ganz das Repertoir des königlichen Schauspielhauses auswendig. Trat meine Künstlerin auf – sie war engagiert worden – so war dies, obgleich ich nichts davon zu sehen bekam, ein Ereignis für mich. Als am Weihnachtsabend dieses Jahres die Lichter an unserem Tannenbäumchen brannten, lagen darunter – wie jauchzte ich auf! – Bücher! Bücher: Schillers sämtliche Werke.   Viertes Kapitel. Allerlei Wehmütiges und Sehnsüchtiges. Man wird erstaunt sein, daß mir, der Tochter eines deutschen Lehrers, bis zu meinem vierzehnten Jahre der größte deutsche Dichter in seinen Werken fremd geblieben war; denn was ich in der Schule von ihm kennen lernte, waren nur einige seiner Balladen. Wenn mich diese schon außer mir gebracht hatten, wie mußten da erst die Dramen auf mich wirken! In einer Zeit schwerer Not hatte meine Mutter sich entschließen müssen, die kleine Bibliothek, die heiligste Hinterlassenschaft meines Vaters, zum Antiquar zu tragen; jedoch mit der Bedingung, daß ihr der Rückkauf gestattet sei. Jetzt ging aus den Händen meiner Mutter ein wahrer Frühling hervor, für dessen Erlös nach und nach Band auf Band wieder erworben ward. Auch Luise ließ sich nicht nehmen, den poetischen Blüten meiner Mutter ihre prosaischen Strümpfe hinzuzufügen und so kam es, daß eines Tages in unserem Häuschen ein großes Fest gefeiert werden konnte: das letzte Buch ward zurückgeholt. Unter den Werken befand sich natürlich auch ein Schiller. Wenn ich nun trotzdem nicht dazu kam, weder diesen Dichter, noch irgendeinen andern zu lesen, so hatte das meine ängstliche Mutter verhütet, wohl nicht mit Unrecht eine Steigerung meiner übergroßen Erregbarkeit bis zum entschieden Krankhaften befürchtend. Der Schrank, dessen Inhalt meine Sehnsucht gestillt haben würde, stand mir unverschlossen. Doch herzlich gebeten, seine Türen nicht zu öffnen, tat ich es niemals. Nur was meine heimlichen Deklamationen anbetraf, vermochte ich nicht eine gehorsame Tochter zu sein. Wie ein Dichter schon als Kind reimen muß, so mußte ich, derselben inneren Notwendigkeit zufolge, schauspielern. Wie sehr meine Mutter recht gehabt, zeigte sich nach jenem Weihnachtsabend, der mir den Schiller meines Vaters bescherte. Wenn ich sage, daß ich fast alle Dramen auswendig kannte, wird man mich gewiß der Übertreibung beschuldigen. Und doch war das der Fall. Einmal begonnen, war kein Anhalten, kein Aufhören mehr möglich. Mein ganzes Nervensystem litt darunter und einige Zeit kränkelte ich bedeutend. Aus Furcht, daß mir mein Schiller genommen werden könne, äußerte ich jedoch nie eine Klage. Die Angst der Mutter, der mein blasses Aussehen Besorgnis einflößte, lächelte und scherzte ich hinweg. Den wahren Grund ahnte wohl nur – man denke! – unsere grobsinnige Luise. Ich war gerade eingesegnet worden, als die kleine Familie einen großen Kummer erfuhr. Unser liebes Häuschen, in dem wir inmitten der lärmvollen Stadt, eine schier ländliche Idylle lebten, war Eigentum eines alten Gärtners, der nichts von der neuen Zeit wissen wollte, welche Stadtmauern niederriß und auf dem Felde des Landmanns riesenhohe Schornsteine aufführen ließ. Trotzig gärtnerte er weiter; pflanzte seinen Kohl, zog seine Blumen, ließ seine Frucht reifen, während rings um ihn her Häuser aus den Boden stiegen und sich Straße auf Straße ausdehnte. Man bot ihm für seinen Garten Summen, die ihn mit einem Schlage zum reichen Mann gemacht hätten; aber mein wackerer Gärtner wollte sterben, wie er gelebt hatte: den Boden bebauend, auf dem seine Eltern und Großeltern im Schweiße ihres Angesichts gesäet und geerntet. Der gute Mann, dem ich seinen redlichen Trotz noch heute danke, starb. Ein gleichgültiger, in diesem Fall wirklich lachender Erbe, mochte den Verkaufskontrakt bereits in der Tasche tragen, als er den braven Arbeiter zur Grube geleitete. Wenige Tage nach dem Begräbnis wurde uns angekündigt, daß wir in kürzester Frist das Häuschen zu räumen hätten. Das war ein trauriger Abend, an dem wir zum letztenmal auf dem Altan beisammen saßen. Es war gerade Frühling und noch heute glaube ich den Duft der Holunderblüten zu spüren. Die Zimmer standen bereits ausgeräumt. Es war so öde im Haus, als empfände das alte Gemäuer, daß es mit ihm zu Ende gehe. Die Mutter erzählte uns, wie sie hier mit ihrem Manne gelebt habe: so glücklich, daß sie niemals gesehen, wie niedrig die Decken seien und wie kahl die weiß getünchten Wände. Es war zum erstenmal, daß sie in solcher Art von ihrer Vergangenheit sprach. Ich rückte ihr zu, umfing sie mit beiden Armen, legte meinen Kopf an ihre Brust, und belauschte ihr klopfendes Herz. Auch von meiner Großmutter erfuhr ich an jenem Abschiedsabend zum erstenmal. Nachdem mein Vater gestorben, hatte sie ihrer Tochter – nicht vergeben, sondern eine kleine Jahresrente ausgesetzt, die aber nicht angenommen worden war. Jetzt wußte meine Mutter nicht einmal, ob sie noch lebte. Nie vergesse ich, mit welchem stummen Spiel Luise diese Erzählung begleitete. Zuletzt lief sie in ihre Kammer, wo wir sie sonderbare unartikulierte Laute ausstoßen hörten, so daß die Vermutung nahe lag, sie habe, um ihre laute Rührung zu ersticken, den Kopf unter ihre sämtlichen Betten gesteckt. Am nächsten Morgen ganz früh gingen wir drei noch einmal durch alle Räume. Von unserem Altan pflückte ich mir eine Ranke ab, deren fast zu Staub zerfallenes Laub bei jenen Lorbeerkränzen liegt, die mir durch ihre Spender teuer, ja heilig sind. Als wir unser Häuschen verließen, begriff ich, daß eines Menschen Heimat dort sei, wo er als Kind in unsäglichem Glücke gespielt hat.   Das grüne Laub meiner Kindheit verwelkend mit mir forttragend, begann unser neues Leben, das sich mir zum erstenmal in einer weiten, weiten Welt liegend zeigte. Recht grau lag die Zukunft vor uns. Unser guter alter Gärtner war auch mit seinem Mietzins weit hinter der neuen Zeit zurückgeblieben: mit der kleinen Summe, für die wir unser Häuschen bewohnten, hätten wir kaum eine Dachkammer bezahlen können. In dieser schweren Lage sollte uns von einem guten Menschen unerwartet eine Hilfe kommen, die mit einem Schlage unser äußeres Geschick zum Besseren wendete. Da man das Gute und Edle nennen soll, wo man ihm begegnet, will ich das hier tun. Meine Mutter hatte einen Jugendfreund, dem sie herzlich zugetan war; er aber liebte sie. Wäre mein Vater nicht gekommen, so würden die beiden ohne Zweifel ein Paar geworden sein und gewiß ein recht glückliches. So jedoch gestaltete sich alles anders. Drei Menschen wurden unglücklich und es schien, als könne keinem von ihnen geholfen werden. Viele Jahre lang blieben meine Eltern sich einander getreu – sein ganzes Leben lang blieb das jener edle Mann seiner Jugendliebe. Sobald er von der Neigung meiner Mutter zu einem andern unterrichtet worden, hatte er die Stadt verlassen und sah die Geliebte erst wieder: das eine Mal als glückselige Gattin, das andere Mal als trostlose Witwe. Wiederum nach Jahren bot er, als er glaubte annehmen zu können, daß die Zeit auch an meiner Mutter ihr Wunder getan, der noch immer heißgeliebten Frau seine Hand an. Das zweite Nein, womit sie ihm antworten mußte, war für sie ein viel schmerzlicheres, als es das erste gewesen. Dennoch blieb er meiner Mutter ergebener Freund. Einmal des Jahres erhielt jedes vom andern einen langen Brief. Doch wurde des Freundes Name nie in unserem Hause genannt, so daß ich von allem, was ich hier erzähle, erst in viel späteren Zeiten erfuhr, als meine Mutter schon alt und er schon tot war. Nie hatte der getreue Mann, der für überaus reich galt, sich gestattet, der Mutter eine Unterstützung anzubieten. Sein Zartgefühl ging so weit, daß er sich sogar das Glück versagte, ihrer Tochter Geschenke zu machen. Als dann infolge des Aufgebenmüssens unseres Häuschens unsere Lage mehr als sorgenvoll zu werden drohte, bot er, der stets von allem, was uns anbetraf, genau unterrichtet war, der Mutter ein kleines Darlehen an. Wohl fühlend, daß diesem Mann gegenüber jeder Stolz tiefes Unrecht gewesen wäre, ließ meine Mutter sich von ihm helfen, zugleich darauf bedacht, wie sie mit dem kleinen Kapital sich und ihrer Tochter einen Lebensunterhalt zu schaffen vermöchte. Sie teilte dem Freund ihren Vorsatz mit. Dieser billigte ihn, worauf meine Mutter daran ging, ihn auszuführen, und zwar – wie gleich gesagt sei – mit vollem Erfolge. In der Nähe der Universität wurde eine geräumige Wohnung genommen, ausmöbliert, um sodann in einzelnen Zimmern vermietet zu werden. Bei der ungemein günstigen Lage und dem Wesen meiner Mutter dauerte es nicht lange, bis alles von jungen Studenten aus guter Familie besetzt war. Diese Herren wohnten nicht nur bei uns, sondern hatten sich auch bei der Mutter oder richtiger: bei Luise in Kost gegeben. Zwar bekamen auch jetzt die fleißigen Hände meines Mütterchens keine Ruhe, aber das Gebet um unser tägliches Brot konnte doch leichteren Herzens getan werden. Über mich ward auf den Rat wohlwollender Männer beschlossen, daß ich mich zur Lehrerin ausbilden solle. Ein einziger Abend in meinem Leben wurde jedoch die Ursache, daß ich über mich und mein Leben eigenmächtig entschied. Da die Erwähnung dieses Ereignisses erst hier geschehen sollte, muß ich noch einmal in unser Häuschen zurückkehren – wie gern! Es war kurz vor meiner Einsegnung und unserem Auszug gewesen, als ich zufällig in einem Zeitungsblatt die Notiz las, daß »meine« Tragödin ihrer schwächlichen Gesundheit wegen beabsichtige, sich gänzlich vom Theater zurückzuziehen. Als Iphigenie trat sie zum letztenmal auf. Nach beendigter Lektüre, schien mir undenkbar, weiter leben zu können, ohne dieser Abschiedsvorstellung beigewohnt zu haben. Ich überlegte also, wie ich es anfangen sollte, meinem jungen Dasein längere Dauer zu verleihen. Eine herzliche Bitte an die Mutter wäre das einfachste gewesen, mich vor irgendeiner schrecklichen Todesart zu bewahren. Aber gerade damals kam mir's vor, als ob des Nachts das trübe Lampenlicht in ihrem Zimmer besonders lange brenne. Ich mußte mir diesmal selber helfen. Nachdem ich einige Tage recht trübselig herumgeschlichen, bekamen die Mutter und Luise Gelegenheit, sich höchlichst über meine ausgelassene Heiterkeit zu wundern, zu der kein Grund vorhanden schien. Denn in jeder freien Stunde saß ich, schrieb und schrieb; ja, ich mußte sogar um Erlaubnis bitten, einige halbe Nächte hindurch aufbleiben zu dürfen: der deutsche Aufsatz sei dieses Mal auch gar so schrecklich lang. Endlich war die schriftliche Herkulesarbeit glücklich zu Ende gebracht. Nun hätte die Mutter gern erfahren, was für eine Weisheit ihr Töchterchen auf so viele Bogen ausgekramt habe. Doch das Töchterchen machte ein geheimnisvolles Gesicht, die gute Mutter bekam Küsse in Überfluß, aber weiter auch nichts. Fröhlich begab ich mich an diesem Tag in die Schule. »Nun, was hat denn der Lehrer zu der Wissenschaft meiner Tochter gesagt?« ward die Zurückkehrende von der Mutter befragt. »Daß deine Tochter eine leidlich gute Schrift habe,« erhielt sie mit erkünstelter Gleichmut erwidert. Dann brach es aber doch jubelnd aus mir heraus und meine zarte Mutter mußte sich gefallen lassen, immer von neuem stürmisch in die Arme geschlossen zu werden. An diesem selben Nachmittag mußte ich von Luisens Lippen öfters die pathetische Versicherung hören, daß ich »wieder einmal« ganz verdreht sei! Alle Augenblicke sprang ich hinaus in den Garten, um dort, hinter Gebüschen und Sträuchern versteckt, stets wieder und wieder Geld zu zählen: meinen ersten Verdienst! Wobei ich immer glückselig vor mich hinmurmelte: »Es reicht, es reicht!« Der Erwerb dieses klingenden Glückes, war mir dadurch möglich geworden, daß ich abgeschrieben hatte. In meiner Schule befanden sich viele Töchter unbemittelter Eltern. Da kam es denn oft vor, daß man sich an den Lehrer wandte, ob dieser keine Schülerin mit guter Handschrift zum Kopieren empfehlen könne? Ich hatte mich bis dahin nicht gemeldet, weil in meiner Klasse mehrere Mädchen waren, die weit bedürftiger als ich. Aber jetzt mußte ich Geld haben. Ich trug dem mir sehr wohlwollenden Lehrer meine Bitte vor, und da ich wirklich recht zierlich schrieb, erhielt ich auch sofort einen Auftrag. Ganz frech hatte ich vorher die Bedingung gesetzt, daß ich das Geld zugleich mit der Ablieferung erhalten müsse. Nun hatte ich's! Der nächste Sonntag war der große Tag der Abschiedsvorstellung. Am Abend vorher sagte ich zur Mutter: »Morgen muh ich sehr früh fortgehen.« »Aber, Kind, die Kirche fängt ja erst um neun Uhr an.« »Ich kann morgen nicht in die Kirche gehen.« »Wohin willst du denn?« »Das sollst du morgen mittag erfahren. Sei nicht neugierig, Mütterchen und laß mich gehen.« »Wenn du's durchaus für nötig hältst. Aber ich gebe dir Luise mit.« »Wo denkst du hin? Luise muß ja über die Predigt des Herrn Pfarrers Müller schluchzen und sich über den neuen Hut der Bäckersfrau ärgern. Ich muß durchaus allein gehen.« Erst am Nachmittag kam ich zurück, mit glühendem Gesicht, aber nicht die geringste Müdigkeit verspürend. Viele Stunden hatte ich vor der Kasse des königlichen Schauspielhauses mich herumstoßen lassen. Welche Angst stand ich während der ganzen Zeit aus, kein Billett mehr zu bekommen! Um mich her wurde nur davon geredet, wie voll es heute abend sein werde und was für ein Ereignis diese Vorstellung sei. Jeder, der so glücklich war mit einer Einlaßkarte den Ausgang zu gewinnen, wurde angerufen und gefragt: ob noch Hoffnung wäre, diesen oder jenen Platz zu erlangen. Das entmutigende Achselzucken, die wichtigen Mienen, die bedenklichen: Vielleicht! und: Möglich! waren für mich geradezu furchtbare Zeichen und Worte. Dabei machte mich noch eine andere Empfindung ganz fassungslos: Was muß es sein, zu wissen, daß dort die Menge sich drängt, um dich, du Glückselige, spielen zu sehen! Aber glücklich war auch ich: ich erhielt Billette, drei Stück, numerierter Platz, dritte Galerie. Ich glaube, es waren die letzten. Überlaut brach mein Entzücken aus, als beim Mittagessen die Mutter und Luise auf den Tellern unter ihren Servietten, von Blumen bedeckt, ihre Karten fanden. Von der Vorstellung selbst spreche ich nicht. – – Eine große Schauspielerin zu werden, einmal, ein einziges Mal in meinem Leben das zu empfinden, was die Tragödin empfinden mußte, als sie vor einem Publikum, das außer sich war, die Iphigenie spielte – ein ganzes langes, durch Liebe und Glück verklärtes Dasein hätte ich für eine einzige solche Stunde dahinwerfen mögen, unter Verzicht auf jedes Glück, unter Entsagung alles dessen, was uns sonst das Leben als hohes Gut schätzen läßt. Wie Iphigenie hatte ich meiner hohen Göttin dienen wollen. – Nein, nicht wie Iphigenie! Des Agamemnon hehre Tochter diente der Göttin »mit stillem Widerwillen«. Eine bessere – eine heilige – Priesterin, hätte ich meine Arme erhoben: großen und gütigen Göttern zu danken, daß sie mich gewürdigt, die Opferflamme zu nähren. Denn: Die Unsterblichen lieben der Menschen Weit verbreitete, gute Geschlechter Und sie fristen das flüchtige Leben Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne Ihres eigenen, ewigen Himmels Mitgenießendes, fröhliches Anschauen Eine Weile gönnen und lassen. Fünftes Kapitel. Unser Mietsherr. Kurz nach jener Iphigenien-Vorstellung folgte die Einsegnung, das Verlassen des Häuschens, das Einleben in andere, so völlig neue Zustande. Das letztere nahm eine lange Zeit alle meine Kräfte und Empfindungen ausschließlich in Anspruch. Schon der geringfügige Umstand allein, daß die Mahlzeiten des Sonntags nicht mehr in unserer lieben Dreisamkeit eingenommen werden konnten, kostete das Aufgeben eines Glücks. Luise bezeigte bei der Einrichtung des neuen Hauswesens ein wahrhaft erschreckendes Organisationstalent: war doch der ganze spekulative Plan in dem klugen Kopf dieser Getreuen entstanden! Meine lyrische Mutter befand sich ihrer derben Praxis gegenüber hilfloser als jemals, dabei übrigens dankbar anerkennend, wie gut sie tat, sich schweigend in alles zu fügen, was Luise beschloß und bestimmte. Ich weiß nicht, wer erstaunter war: ob diese, ob meine Mutter, oder ich selbst, als plötzlich auch ich mich zu regen begann und auf einmal ebensogut eine Meinung abgab (und das sogar in Wirtschaftsangelegenheiten!) wie unser beider Befehlshaberin selbst. Lächelnd überließ meine Mutter uns zweien das Reich, sich mit ihren Blumen in ihr freundliches Hinterstübchen zurückziehend. Ihre Tätigkeit in der Haushaltung beschränkte sich fortan darauf die Mieter zu empfangen und denen, die bei uns wohnten, das fremde Haus heimisch zu machen. Luise enthielt sich mit vielem Takt jeder Art von Repräsentation und zwar in einem Maße, daß meine Mutter selbst den Fremden die Stellung bezeichnen mußte, die sie bei uns einnahm. Mit unseren Mietsherren trafen wir es gleich das erstemal äußerst günstig. Auf rohere Naturen und solche, die sich gern gehen ließen, machte das vornehme und dabei so still-sinnige Wesen meiner Mutter gewöhnlich gleich bei der ersten Besichtigung der Zimmer einen derartigen Eindruck, daß sie nicht wiederkamen. Feinere Gemüter dagegen fühlten sich sofort lebhaft angezogen. Das Verhältnis der Mutter zu den meistens sehr jungen Herren war ein überaus liebenswürdiges. Ohne sich im mindesten aufzudrängen, sorgte sie, sobald ihr das am Platz zu sein schien, für das Wohlbefinden eines jeden. Wer für sich tiefere Teilnahme finden wollte, brauchte dieselbe nur zu suchen. Sie präsidierte auch bei Tisch und bewirkte hier durch ihre Gegenwart, daß jeder unwillkürlich, wohl ihm selbst unbewußt, alles das geltend machte, was er an anmutiger Heiterkeit besaß. Teils frohe, teils ernste Gespräche würzten das einfache Mahl und fast immer geschah es, daß ich, die ich still beglückt zuhörte, in so freundlicher Weise die größeste Anregung und Belehrung empfing. Nach kurzer Zeit der Befangenheit hatte ich zu unseren Pensionären diejenige Stellung eingenommen, die der Mutter als die rechte erschien: lag doch in meinem Wesen viel Frohheit und Freudigkeit. Der Mutter war meine harmlose Munterkeit die liebste Stimmung, in der sie ihre Tochter sah; erschien sie ihr doch als die natürlichste. Bei diesem ersten Verkehr mit der Welt tat ich vielleicht in einem sehr unrecht. Meiner heftigen Abneigung: mich allen doch mehr oder minder gleichgültigen Menschen so zu zeigen, wie ich war, völlig nachgebend, unterdrückte ich die ernsthaftere Seite meines Charakters in einem Maße, daß ich es den fremden Männern durchaus nicht hätte übelnehmen können, wenn diese mich zwar recht liebenswürdig, aber doch ziemlich inhaltslos gefunden. Daß sie nichtsdestoweniger meinem hübschen Gesicht und lebhaften Naturell in harmlosester Art huldigten, ist begreiflich. Einen Mietsherrn hatten wir, der nicht nur der Liebling der Mutter, sondern auch derjenigen Luisens war, vor deren gestrengen Augen sonst so leicht kein Mann Gnade fand. Letzterer Vorliebe ließ auf Ausgezeichnetes, wenigstens auf Außergewöhnliches schließen, eben auf ein »Exemplar von Mann«, mit welchem emphatischen Ausruf Luise ihren Gefühlen für Herrn Doktor Axel Fernow bei jeder Gelegenheit Luft zu machen pflegte. Dieser Doktor Axel Fernow war – er mochte etwa dreißig Jahre alt sein – Mediziner und nahm auf der Universität einen Lehrstuhl als Privatdozent ein. Praxis betrieb er nicht. Übrigens war er ein überaus strebsamer und fleißiger Mensch. Befand er sich nicht in der Universität, so saß er auf seinem Zimmer und studierte. Nie kamen Bekannte zu ihm – nie ein Freund. Außer seinem Beruf schien er nur eine einzige Leidenschaft zu besitzen: das Theater. Luise behauptete zu wissen, daß er jeden Abend ins Schauspiel gehe. Mehr als alle seine andern guten Eigenschaften zog mich dies zu ihm hin. In seinem Zimmer befanden sich so viele Bücher, daß die pathetische Luise sich zu der Erklärung veranlaßt fühlte: sie verwahre ihr Hirn gegen die Aufforderung, begreifen zu sollen, wie alles das jemals in eines Menschen Kopf hineingehen könne. Von seiner Familie wußten wir nichts; doch behauptete Luise, daß dieselbe »hochfein« sein müsse; denn »hochfein« sei seine Wäsche. Bei allen unseren anderen jungen Herrn würde diese gestrenge Jungfrau die Zumutung: sich für bewußten Männerartikel zu interessieren mit Entrüstung zurückgewiesen haben. Doktor Axel Fernow machte auch darin von allen anderen eine Ausnahme; ja, sie ging in ihrer Leidenschaft für ihn so weit, daß sie sogar den Bändern an seinen Unterbeinkleidern eine zarte Neigung zuwandte. Um auch ein Wort darüber zu sagen, wie dieses »Exemplar von Mann« aussah, muß bekannt werden, daß Herr Doktor Axel Fernow gerade kein Adonis war. Nichtsdestoweniger gefiel er mir außerordentlich und niemals wäre mir eingefallen zu denken, daß der Doktor kein »hübscher« Mann sei. – – Ein kurzer, dichter Vollbart umdunkelte Wangen, die fast blaß waren. Aber die feingeschnittenen Lippen leuchteten so rot wie die eines Mädchens und lächelte er, was freilich selten geschah, so bekam das ganze Gesicht einen ungemein liebenswürdigen Ausdruck. Über die klaren, dunkelgrauen, glänzenden Augen, die den scharfen, ruhigen Blick des Forschers hatten, legte sich das Brillenglas. Man mag sich Doktor Axel Fernow als die edelste Personifizierung seines Berufes vorstellen: männlich und gütig, ernst und sicher, allein durch seine bloße Gegenwart lindernd und beruhigend wirkend. Es mußte ein Glück sein, ihn zum Arzt zu besitzen; ein noch größeres, ihn zum Freund zu haben. Auffallend fein waren seine Hände, von einer fast frauenhaften Zartheit. Unter unseren Pensionären galt Doktor Fernow als Sonderling, aber zugleich als ein Mann von großer Begabung. Man bedauerte, daß er zu heftig gewissen Ideen anhänge und sagte ihm nach, daß er leidenschaftlich gern experimentiere. Darüber, daß er sich von den Menschen so fern hielt, zuckte man die Achseln und ließ ihn im übrigen seine einsamen Wege gehen. Auch gegen uns verhielt sich Fernow in der ersten Zeit völlig ablehnend. Allmählich jedoch mochte das Wesen der Mutter ihn anziehen, die bei diesem Mieter, ohne erst eine Aufforderung abzuwarten, in ihrer geräuschlosen Weise alles tat, um ihm zu zeigen, wie gern man ihn im Hause habe und wie wert man ihn halte. Eklatanter waren die Gunstbezeugungen Luisens. Doktor Fernow war nämlich der einzige Herr, der das Essen auf sein Zimmer geschickt bekam. Da gingen denn aus Luisens Küche Tag für Tag wahre Meisterwerke hervor. »Das ist für meinen Doktor.« Dieses Wort der Beherrscherin aller Töpfe und Tiegel war täglich zu hören. Der gute Herr ließ es sich denn auch vortrefflich schmecken, völlig ahnungslos darüber, welche Aufregung die Sättigung seiner werten Person in der Küche hervorrief. Über seinen langen Nachtarbeiten verlor Luise beinah jeden Tag ihre eigene nächtliche Ruhe. Manchen Abend, wenn die Mutter und ich noch spat aufsaßen, kam sie aus der Küche zu uns hereingestürmt: »Der Doktor hat noch immer Licht! Der Doktor schläft noch immer nicht!« Manchen Morgen traf ich sie beim Reinigen der Lampen mit tiefbetrübtem Antlitz über die Lampe ihres Doktors gebeugt: »Er muß wenigstens bis drei Uhr aufgesessen sein! Sie hat keinen einzigen Tropfen Öl mehr!« Und sie schenkte den Behälter von neuem voll, kopfschüttelnd und tief schmerzlich seufzend. Auch ich konnte nicht unterlassen, dem so allgemein verehrten Mann mein bescheidenes Gutes zu tun. Ich allein wischte in seinem Zimmer den Staub ab, ich allein begoß in seinem Zimmer die Blumen, die er sehr liebte und zu denen ich aus meinem Stübchen einen guten Teil von meinem kleinen Besitz zu ihm hinübertrug. Länger als ein halbes Jahr war Doktor Fernow in solcher Weise unser Mietsherr gewesen, als ihn der Ton in unserem Hause so zusagen mußte, daß er die Mutter bat, an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilnehmen zu dürfen. Unsere Studenten machten zuerst keine besonders erfreuten Gesichter; bald jedoch war das Verhältnis der Herren zu unserm Freund ein sehr gutes. Fernow ging auf den bestehenden liebenswürdig-munteren Ton ein, ohne deshalb einen Augenblick sich selbst aufzugeben. Unmerklich kam man dazu, allmählich bedeutendere Gespräche zu führen. Ich saß ihm bei Tisch gegenüber und wäre dadurch fast befangen geworden. Da er sich indessen gar nicht um mich bekümmerte, gelang es mir harmlos zu bleiben. Wenn ich dann so recht gedankenlos heiter war (ich hätte mich jetzt gern verständiger gezeigt), begegneten meine Augen zuweilen einem Blick des Doktors, der ernsthaft, wie forschend und fragend, auf mir zu ruhen schien.   Sechstes Kapitel. Große Entscheidungen. »Du sollst Lehrerin werden!« war über mich beschlossen worden und ich hatte dazu nicht nein gesagt. In einiger Zeit sollte meine Ausbildung beginnen. Die Mutter sprach bereits bangvoll von dem ersten Examen. Seit Monaten trug ich's in mir: beängstigend zweifelnd, schwankend, einen Sturm von Empfindungen, den mein Gemüt kaum auszuhalten vermochte. Meine Heiterkeit sollte nur dazu dienen, die Mutter zu täuschen und mich selbst zu betäuben. Immer wieder und wieder fragte ich mich in meinen schlaflosen Nächten: »Sollst du für immer entbehren, für immer entsagen?! Oder sollst du, ehe du das schweigend und ergeben tust, dich erst von der Notwendigkeit einer derartigen Resignation überzeugen?« Ich empfand zu deutlich, daß es sich um mein Lebensglück handle. Zugleich fühlte ich einen mächtigen, wenn auch dunklen Drang, mich, sogar meiner heißgeliebten Mutter gegenüber, als ein freies, über sich selbst entscheidendes Geschöpf hinzustellen. Wie oft hatte ich sie darüber klagen hören, daß mein Vater einen Beruf ergriffen, der gegen seine innerste Natur gewesen. Wie anders hätte er sich entwickelt, wenn er seiner freien, starken Neigung gefolgt wäre und sich nicht durch ›Rücksichten‹ gegen andere, die ebenso viele Verbrechen gegen sich selbst waren, um das volle Glück seines Lebens gebracht haben würde. Volles Lebensglück aber ergab nur ein Lebensberuf, der aus innerlichstem Drang erwählt ward, ein Satz, der ebensogut für die Frau gilt. Bereits damals sah ich ein, daß man jedem Menschen, wie man allein ihn zur Verantwortung für die Folgen seiner Taten zieht, so auch ihm allein die Berechtigung überlassen muß, diese seine Taten selbst zu bestimmen. Um der verhaßten Lehrerin zu entgehen, hätte ich mich demnach nur an das Herz meiner Mutter zu wenden brauchen, um sofort verstanden zu werden. Doch ich bedurfte anderes und mehr, und hier konnte mir meine Mutter mit aller ihrer unendlichen Liebesgewalt nichts helfen. Ich hatte keinen Berater als mich selbst. Nun, ich riet mir. Das erste, was geschehen mußte, war, zu erfahren: hatte ich Talent oder hatte ich keines? Ich natürlich glaubte daran wie ein Priester an seine Mission. Aber meine Berechtigung und Befähigung zu dieser Mission mußte ich von anderen bestätigt hören und zwar von solchen, deren Entscheidung ich als unfehlbaren Richterspruch anerkennen mußte. Luisens pathetische Stimme vermochte ich beim besten Willen nicht für ein Orakel zu nehmen; hegte ich doch sogar gegen den Applaus, der mir während meiner Schulzeit zuteil geworden war, ernstliche Bedenken. Also vor allem Wahrheit, Wahrheit! Und sollte ich auch durch sie hoffnungslos werden. Welcher Mund sollte mir diese Wahrheit geben?! Eines Morgens stand ich in dem Bureau des königlichen Schauspielhauses und erkundigte mich – mit welchem Herzpochen! – bei wem man sich prüfen lassen könnte. Gefällig gab man mir Bescheid, mit der Bemerkung, daß der Mann der berühmteste Vortragsmeister seiner Zeit sei. Nun kannte ich also den Mund, der die große Entscheidung über mich aussprechen würde. Es sollte sogleich geschehen. In einem vornehmen Hause wohnte der große Mann. Ich faßte mir endlich das Herz, an seiner Wohnung die Glocke zu ziehen. Ein Diener öffnete und ließ mich, ohne weiter nach meinem Begehr zu fragen, sogleich ein. Ich trat in ein prächtiges Vorzimmer, das voller Wartender war: meistens Damen, jung und alt, hübsch und häßlich, elegant gekleidet, oder doch wenigstens mit dem Schein von Eleganz. Wie ich sie beneidete, ich, die sonst so Neidlose! Es ging ungemein laut und ungeniert zu. Als der Diener mich eingelassen, trat in dem Geschwirr von Stimmen ein Moment tiefer Ruhe ein. Aller Blicke richteten sich auf mich, musterten mich, wandten sich gleichgültig wieder ab. Sehr bald mußte mir in dieser Versammlung eine große Verschiedenheit des Wesens und Benehmens auffallen. Während einige ängstlich die Wände drückten, benutzten andere die Lehnstühle und Sofas, als befänden sie sich darauf zu Hause. Sie studierten halblaut ihre Rollen, lasen einander aus Theaterzeitungen vor, kritisierten, skandalierten. Ein Herr und eine Dame probierten sogar eine Szene. –- Daß alle diese Überglücklichen ihr Glück so gelassen tragen konnten! Ich begriff es nicht. Auf einer Chaiselongue lag ›hingegossen‹ ein Fräulein im auffallendsten Kostüm, das, einen französischen Chanson trällernd, sich von einem jungen Manne (wohl der Liebhaber einer Vorstadtbühne) den Hof machen ließ, wobei sie frech zu einer majestätischen Schönheit hinüberblickte, die sich von einem fetten Herrn mit ihrem Fächer Kühlung zuwehen ließ. Ich hatte den besten Willen, beide zu bewundern! Jedes Wort, das ich hörte, galt dem Theater. Das Spiel des Herrn X. und des Fräulein Y. wurden ›heruntergerissen‹, die Toiletten verschiedener Damen eingehend besprochen. Ich vernahm, daß der Graf Soundso der Liebhaber bei R. sei, und daß das Rosenbukett, welches neulich der V. zugeworfen worden, vom französischen Gesandten gewesen. Die Rollen eines neuen Stückes waren verteilt worden, mehrere Damen beklagten sich heftig, daß sie infolge der Intrigen der Frau A. schlechte Partien bekommen; andere, daß sie darin gar nicht beschäftigt würden. Ich hatte gern alles unirdisch schön gefunden! Unter den Schweigsamen befanden sich Mütter, hochaufgeputzt und siegesgewiß, welche ihre Töchter dem großen Mann zur Prüfung vorführen wollten. In einer Ecke stand ein alter Mann, beinah ärmlich angezogen; neben ihm seine ganz junge Tochter, ein blasses Mädchen mit großen schwarzen Augen. Ich weiß nicht, warum mir die beiden so sehr leid taten. So oft die Tür sich öffnete und ein zweiter Diener den Nächstfolgenden in das Zimmer des großen Mannes einließ, sah der Alte angstvoll das Mädchen an. Diese legte beruhigend ihre Hand auf seinen Arm. Ich war so mit ihnen beschäftigt, daß ich darüber mich selbst ganz vergaß. Wie die beiden eingelassen wurden, klopfte mir das Herz, als hieße das blasse traurige Mädchen: Rolla. Die Dame auf der Chaiselongue lachte laut auf, als die beiden dürftigen Gestalten an ihr vorübergingen. Nachdem die Tür sich geschlossen, lauschte ich, ob ich etwas vernehmen könne; aber es war nicht möglich. Bereits nach wenigen Minuten öffnete man wieder. »Nicht das geringste Talent!« hörte ich eine barsche Stimme sagen. »Lassen Sie Ihre Tochter Putzmamsell werden; auf der Bühne lacht man sie aus.« »Ach, komm doch, Vater,« sagte das Mädchen, das allein auf der Schwelle stand. Ich hörte etwas wie ein Aufschluchzen, wie eine schüchtern gestammelte Bitte; dann ein noch barscheres: »Adieu!« Die beiden kamen heraus – was für traurige Menschen! Das Fräulein auf der Chaiselongue lachte wieder laut auf, die anderen bekümmerten sich gar nicht um sie. Ich mußte mich zusammennehmen. um nicht an das arme Mädchen heranzutreten und ihr wenigstens still und mitleidsvoll die Hand zu geben. Wußte ich doch, wie ihr zumute war, ging ich doch vielleicht in wenigen Augenblicken selbst mit solch einer zerschmetterten Hoffnung zum Zimmer hinaus. Was sollte denn aus mir werden? Während der ganzen Zeit, die ich nach diesen beiden noch zu warten hatte, mußte ich immerfort an sie denken: wie der alte Mann durch die Straßen schlich, und wie sein Kind ihn nicht zu trösten vermochte: sie hatten beide so fest geglaubt! Endlich, nach fast zwei Stunden Harrens, kam an mich die Reihe. Der Diener machte mir ein Zeichen – ich raffte allen meinen Mut zusammen. Die Tür öffnete sich vor mir, ich schlug einen schweren Vorhang zurück, trat ein – – Noch ein Augenblick und ich stand vor dem großen Mann. »Was wünschen Sie?« »Sie bitten, mich zu prüfen,« brachte ich kaum über die Lippen. »Haben Sie schon gespielt?« »Nein.« »Haben Sie schon einen Lehrer gehabt?« »Nein.« »Wie alt sind Sie?« »Sechzehn Jahre.« »Verfügen Sie über Mittel?« »Nur über geringe.« Eine Pause entstand. Ich glaubte mich hoffnungslos. Dann von neuem, womöglich in noch unfreundlicherer Weise: »Deklamieren Sie etwas!« Ich fühlte wie mich ein Schwindel ergriff; nur mühsam konnte ich fragen: »Was wünschen Sie?« »Sprechen Sie etwas aus Schiller.« Ich sprach etwas aus Schiller, was mir gerade einfiel. Noch heute weiß ich nicht, ob es aus der Jungfrau oder aus Maria Stuart war. Bereits nach einigen Sätzen ward ich unterbrochen: »Es ist gut.« Natürlich glaubte ich. daß es schlecht sei. Ich mußte meine Augen schließen: ich sah lauter Farben, alles war Glanz. Wieder eine Pause, unendlich lang, fürchterlich! Ich hielt mich für verloren. Als ich meine Augen wieder zu öffnen wagte, sah ich den großen Mann in seinem Lehnstuhl lehnen und heftig mit einem goldnen Bleistift spielen. Ich erwartete mein Todesurteil zu hören, als er aufstand, zu einem Bücherschrank ging, einen Band herausnahm, ihn aufschlug und, ihn mir hinreichend, sagte: »Lesen Sie das, die ganze Szene.« Es war Clavigo, der Auftritt zwischen Marie und ihrem Bruder, die schönste und schwerste Prosa der dramatischen Literatur. Ich hatte zu Ende gelesen und bemerkte jetzt, wie der große Mann mich unverwandt auf das Schärfste fixierte. Er erhob sich, ging aufgeregt im Zimmer umher. Plötzlich blieb er vor mir stehen, sah mich von neuem scharf an, dann – ich wagte nicht zu atmen – meinte er: »Sie haben Talent.« Daß ich nicht laut aufjubelte! Daß ich dem Freundlichen, Glück- und Lebenspendenden nicht zu Füßen sank! – – »Sie haben Talent.« Verlangen, Wunsch und Sehnsucht – ich hatte sie nicht vergebens so lange zu meinen schmerzlichen Gefährten gehabt. »Sie haben Talent.« – – Erfüllung, des größesten Vaters schönste Tochter stieg auch zu mir hernieder, Erhörerin meines Gebetes, Geberin meines Glücks. – – »Sie haben Talent.« Die Opferflamme mochte angezündet werden, steigern und lodern. Am Altar stand die junge Priesterin, bereit zum getreuen demütigen, dankenden Dienst. Die Stimme des großen Mannes entriß mich meinem Taumel. »Kommen Sie morgen um diese Zeit wieder. Sie können meine Schülerin werden. Adieu.« Ich schwankte aus dem Zimmer. Meine Audienz hatte so lange gewährt, daß ich von allen böse angestarrt wurde. Ich hätte jedem freundlich zunicken mögen. Der Diener, der mich hinausließ, machte nicht gleich wieder hinter mir zu; er stand wohl und sah mir nach. Auch auf der Straße taten das gewiß viele. Ich fühlte gar nicht, daß ich ging, daß unter mir die Erde war. Ich kam zu Hause an, stürzte in das Zimmer der Mutter, warf mich an ihre Brust: »Mutter, Mutter, Mutter – ich werde Schauspielerin!« Und jetzt brach es aus meinen Augen hervor, ein Strom seliger Tränen, die glücklichsten, die ich jemals geweint. Erst als ich mich beruhigt hatte, gewahrte ich, wie bleich und still meine Mutter dasaß. Sie war auf einen Stuhl niedergesunken und erschien wie entgeistert. Ich kniete vor ihr, aber sie drückte mich nicht an ihre Brust. Sie sah mich an und plötzlich wußte ich's. – – Daß mir jetzt der Schmerz die Besinnung nicht nahm, die mir die Freude gelassen! Aber ich fand sogar noch Kraft zu versuchen, meine Mutter zu beruhigen. »Ich habe es gefürchtet,« sagte sie leise. »Ich habe es immer gefürchtet. Aber ich habe doch immer wieder gehofft.O , Kind! Kind!« »Ich hätte es auch fürchten sollen,« erwiderte ich ebenso leise. »Ich meine deinen Kummer. Aber auch ich habe immer gehofft. Es macht mein Glück sehr traurig; aber dennoch – Gott helfe mir, Mutter, ich kann nicht anders!« »Ich weiß es. – Ach, mein armes, unglückliches Kind!« Und sie legte sich meinen Kopf an ihre Brust, als sei mir ein großes Unglück geschehen. Siebentes Kapitel. Die ersten Lehrjahre. Ich übergehe die Schilderung meiner qualvollen Empfindung: höchstes Glück, gemischt mit höchstem Leid. Obgleich meine Mutter alles tat, mir ihren Kummer zu verbergen, ertrug ich's recht schwer. Sprachlos vor Entrüstung bezeigte sich Luise. Da ich es ihr mitteilte, starrte sie mich zuerst an, als sei ich endlich wirklich von Sinnen gekommen. Nachdem sie begriffen, daß ich diesmal nicht »nur wieder einmal verdreht« sei – was sie zu gewissen Zeiten überhaupt für meinen normalen Zustand hielt – warf sie sich ohne weiteres ihre Schürze über den Kopf und brach in leidenschaftliche Tränen aus. Wie ihr Schluchzen allmählich in Stöhnen und Seufzen überging, kamen auch die Worte: »Schauspielerin will sie werden? Komödiantin? Du mein Gott, so eine! Reden freilich kann sie! Ja, wenn ein Frauenzimmer Pfarrer werden könnte!« – Kurz, Luise war empört und faßte die »Komödiantin« als persönliche Beleidigung auf. Hoch und heilig verschwor sie sich: »Nie wieder in ihrem Leben ein menschliches Geschöpf als Schlange an ihrem Busen nähren zu wollen.« Einige Tage redete sie denn auch wirklich kein Wort mit mir. Da fühlte ich mich eines Abends im Bette heftig umschlungen – ich hatte bereits die Lampe ausgelöscht und lag in halbem Schlaf – und nun flüsterte mir das gute Geschöpf ihre flehentliche Bitte um Verzeihung zu. Besonders zerknirscht zeigte sie sich über die Schlange. Mit der Bewilligung meiner Mutter und Luisens, die sie mir notgedrungen erteilten, ward ich also Schauspielerin. Jener große Mann unterrichtete mich; außerdem trat ich in eine sogenannte Theaterakademie ein, damals die erste und einzige. Zahllose Male bin ich in meinem Leben der Ansicht begegnet, daß ein junges Mädchen nur Talent zu haben brauche, um sofort, gleichsam über Nacht, »Künstlerin« zu werden; ja, daß bei uns Frauen das Talent nicht einmal immer die Hauptsache sei. Es ist so gemein! Etwas anders, tüchtiger und ernsthafter verhält sich die Sache denn doch. Ohne mir anzumaßen, euch überzeugen zu können, laßt euch sagen: daß auch diese Kunst eine große, harte, schwere Arbeit ist. Oder glaubt ihr, daß die Rachel, die Crelinger, die Janauschek direkt vom Himmel auf die Bühne fielen? Von der Schülerin bis zur Meisterin – welche langen, langen Jahre eisernen Strebens, unermüdlichen Bemühens, nie ermattender Ausdauer liegen auch hier zwischen Beginn und Höhepunkt. Da muß man Kräfte haben, da gilt es standhaft sein: physisch und psychisch: Und hat man endlich, vielleicht todmüde, eine gewisse, niedrige Höhe erreicht, die man für sich als »Gipfel« bezeichnen muß, so muß man da droben festen Fußes stehen, Stürmen trotzend, Blitze nicht fürchtend. Dann darf nicht gewankt und gewichen werden. Ist es doch nichts weniger als festgestellt, daß bei einem Schauspieler das Talent immer genügt, um ihm zu einem Erfolge zu verhelfen. Manch einer und manch eine mit sehr tüchtigem Talent und sehr ernstlichem Wollen und Streben gehen dennoch unbarmherzig zugrunde. Fragt man betroffen nach dem Warum, so erhält man zur Antwort: Weil man, um in jener glänzenden Scheinwelt eine Rolle zu spielen, noch eines anderen bedarf, als nur des Talentes. Wer Schauspieler werden will, muß vor allen Dingen Schauspielerblut in den Adern haben, richtiges Komödiantenblut. Keine andere Kunst hat so sehr ihr Geheimnisvolles, Mystisches und Dämonisches wie diese. Auch ich kann von einer langen und schweren Lehrzeit sprechen. Sie begann damals und hat gedauert bis ich, todmüde, nur noch die Heldin meines eigenen Trauerspieles zu spielen vermochte. Die ersten Jahre derselben waren der späteren Lehrzeit gegenüber wie leichtfertiges, tändelndes Spiel im Vergleich zu einer harten, ehrlichen Arbeit. Gerade an diese Zeit, wo ich noch so voller Ideale war, wo ich selbst die nackten Wände des Bühnenraumes mit Glanz und Schimmer überkleidete, selbst die schlechteste Statistin mir eine Art von geweihtem Geschöpf deuchte – gerade an diese ersten traumhaften, berauschenden Jahre denke ich heute sehr ungern zurück, fast mit einer Art von Schamgefühl. Ich, die es an mir erfahren und an vielen andern beobachtet habe, bin zu der Überzeugung gekommen, daß kein künstlerischer Beruf so voll fortgesetzten Kampfes ist, wie der des Schauspielers. Freilich ist ein solcher ein ganz besonders geartetes Wesen, an das man, noch weniger als an andere Künstler, den Maßstab des Allgemeinen anlegen darf. Er atmet in einer Atmosphäre, in der keine andere Existenz dauern könnte – ihm ist sie Lebenselement. Aber trotzdem er sich darin scheinbar frei und leicht, gleichsam wie auf Schwingen bewegt, möge man dem schönen Schein nicht allzusehr trauen. Sollen doch die Bretter die Welt bedeuten! In welcher Welt aber gäbe es Menschen, die unter ihren Füßen nicht den Boden fühlten! Und in jener Welt ist die Erde nicht nur ein recht rauher, unwegsamer und schlüpfriger, sondern oft sogar ein recht – schmutziger Boden! Fittiche sollten den gottbegeisterten, sehnsuchtsvollen Mimen zur Sonne emportragen; doch bei diesem Volk der Ikariden sind die Schwingen aus Wachs. Schon die kümmerliche Glut der Lampen der Soffitten schmilzt die meisten. Ich ging jeden Tag zu dem großen Mann, dessen Vorzimmer mir leider bald so vertraut war, wie mein eigenes, trauliches, blumengeschmücktes Stübchen zu Hause. Bald war ich gründlich in die Mysterien dieses Vorzimmers eingeweiht, wahrlich ohne mich danach gesehnt zu haben. Hielt ich mich doch so sehr zurück, daß das Fräulein von der Chaiselongue eine Zeitlang täglich bei meinem Anblick in ein höhnisches Gelächter ausbrach und sogar ihr junger Galan – es war der Liebhaber einer Vorstadtbühne – mich mit seiner Verachtung strafte. Auch das erbitterte in bewußten heiligen Hallen gegen mich: Meinem sehr einfachen Anzuge nach schien ich nämlich durchaus nicht über ein fürstliches Vermögen verfügen zu können; trotzdem blieb keine so lange bei dem großen Manne wie ich; und war nicht jede Minute Verweilens bei diesem ein Schritt näher zum Ziel der hohen Gagen und Lorbeerkränze? Wie jenes erste Mal, mußte ich zuweilen viele Stunden warten, bis die Reihe an mich kam. Leise meine Rolle memorierend, hörte ich kaum, wie die Dame mit dem Fächer eine laute Bemerkung über mich machte oder der fette Herr mich durch irgendein Zitat moralisch zu vernichten suchte. Selbst die Angriffe einer Heldenmutter, die zu meinem Bedauern an dem Dasein meiner kleinen, stillen Person Anstoß nahm, machten keinen Eindruck auf mich. Ohne daß ich's gewußt, war meine Mutter bei dem großen Manne gewesen und hatte mit demselben Verschiedenes zur Sprache gebracht und geordnet. Da ihr schlichtes schwarzes Kleid den Eindruck einer vornehmen Dame nicht zu mindern vermochte, so hatte er nach dieser Wirkung der Persönlichkeit meiner Mutter seinen Preis gestellt, dessen Höhe ich niemals erfahren. Aber wohl nahm ich wahr, daß in unserer Häuslichkeit, was uns drei anbetraf, energische Einschränkungen gemacht werden mußten. Ich muß hier übrigens gleich sagen, daß ich damals den großen Mann anstaunte, wie einstmals Luise mich. Sein sprühendes Wesen, sein wirklich mächtiges Pathos rissen mich hin. Er nahm mit mir fast sämtliche Schillersche Frauengestalten durch – studierte sie mir ein. Sehr ungern gestattete er den Besuch der Theaterakademie, mußte ihn jedoch des dortigen praktischen Kursus der Aufführungen wegen wohl oder übel zugeben. Ach, diese sogenannte Akademie! So, wie sie war, war sie die Verzerrung dessen, was sie sein sollte: Schule einer edlen Kunst, Vorhalle eines Tempels. Wir waren vielleicht unser zwanzig junge »Akademiker«. Wie viele von diesen wirklich Talent hatten, möge dahingestellt bleiben, zugesprochen worden war es allen; denn sonst hätte man sie ja wohl nicht aufgenommen. Während der ganzen Zeit, in der ich diese »Akademie« besuchte, hörte ich selten oder niemals davon reden, daß jemand die Prüfung, die dem Eintritt voranging, nicht bestanden habe. So muß ich denn heute gestehen, daß der klangvolle Name »Akademie« eben nur eine Geschäftsfirma war, wie andere auch. Man soll hier seine Empörung nicht unterdrücken. Wer das Theater kennt und weiß, wie viel Leben diese große Vergnügungsmaschine zermalmt, der muß in diesen Ruf der Entrüstung mit einstimmen, wenn er sich der Gewissenlosigkeit erinnert, mit welcher gerade diese Kunst ihre Jünger anwirbt, um Hunderte dem offenbaren Untergang in die Arme zu führen. Ich weiß, daß man mich auf die Winkelbühnen verweisen, mir achselzuckend zu verstehen geben wird, daß dabei nichts zu machen sei. Ich gebe dies alles zu. Auch die Welt der Kulissen hat ihr Proletariat, das ich Proletariat bleiben lasse, mich an jene wendend, die in den Rangordnungen der Bühne die sogenannten höheren Stände bedeuten. Man nehme ein Mädchen aus guter Bürgerfamilie. Sie ist hübsch, deklamiert gut, hält sich für ein großes Talent, läßt sich von dem Schimmer des Theaters, das sie nur vom Parkett oder der dritten Galerie aus kennt, berauschen, dringt ihren Eltern die Erlaubnis ab, läßt sich auf einer solchen Theaterakademie prüfen, wird ohne weiteres aufgenommen, bildet sich zur Schauspielerin aus – Verzeihung! Zur »Künstlerin«. Vielleicht hat das Mädchen eine törichte, eitle Mutter, die alle Hoffnungen ihrer Tochter teilt, vielleicht hat die angehende Künstlerin, welche die Luise einstudiert, zu Hause einen ehrlichen Vater, der zusehen muß, wie seine Tochter unehrlich wird. Das Mädchen ist auf der Theaterakademie. Sie hat kein Talent, wenigstens so gut wie keines. Alle wissen es, ihre Lehrer, ihre Mitschüler; halb und halb läßt man's ihr merken, aufrichtig sagt es ihr niemand. So träumt sie sich denn immer tiefer in den Rausch einer zukünftigen Herrlichkeit hinein, aus dem sie einmal schrecklich aufwachen soll. In den Aufführungen der Akademie wirkt sie mit. Sie hat etwas Organ, sieht hübsch aus (das Kleid, was sie trägt, mag nicht bezahlt sein), sie wird etwas beklatscht (alle ihre Freunde sitzen im Parkett), irgendein zerstreuter Rezensent erwähnt ihrer in seinem Bericht über die Vorstellung, als eines vielversprechenden Talentes, bei welcher unvorsichtigen Bemerkung der Herr sich wohl kaum etwas gedacht hat. Dennoch wird auf dieselbe hin die junge Dame an einer kleinen Bühne engagiert. Die Tochter ist für dieses Glück (denn ein solches soll es sein!) durchaus nicht besonders dankbar, da sie mit ihrem Talent und ihrer Person ja eigentlich auf eine weit größere Bühne hingehört hätte. Aber die Mutter triumphiert und selbst der alte, ehrliche Vater fängt an zu glauben und zu hoffen. Sehen wir zu, was aus seinem Glauben und seinem Hoffen schon nach fünf Jahren geworden ist. Seine Tochter ist Schauspielerin, aber eine Künstlerin ist sie nicht. Zuweilen ist sie monatelang ohne Engagement und wird ihr eines durch die Mühen ihres Agenten verschafft, so ist es auf einer Bühne dritten Ranges, wo sie ihre Toilette von bedenklicher Eleganz nicht von ihrer Gage bezahlt – auch nicht bezahlen kann. So gut geht es ihr, solange sie noch jung ist. Hätte ich, als ich damals zum erstenmal im Vorzimmer des großen Mannes wartete, gewußt, was ich jetzt durch zahllose Beispiele weiß, ich hätte jenes blasse Mädchen, mit den großen, traurigen Augen eher glücklich gepriesen als bedauert. Mehr als die Hälfte meiner Kolleginnen waren solche Fräulein. So und so. Ein hübsches Gesicht, Leichtsinn, Lust an Vagabundentum, genügten völlig, sich zur Künstlerin berufen zu fühlen. Mit einer guten Gestalt, die man zu kleiden verstand, erschien eine brillante Karriere zweifellos. Das Theater als Versorgungsanstalt, in der man auf unglaublich leichte Weise zu seidenen Roben und Brasseletts komme, das war so die allgemeine Auffassung ihres Berufes. Übrigens muß man gestehen, daß sich die Damen trefflich dazu qualifizierten. Die meisten hatten schon jetzt, wenn auch nicht gerade ihre Liebhaber, so doch ihre Courmacher, wobei sie eine Routine bewiesen, die doch eigentlich nur das Resultat langer Praxis sein kann. Auch waren die Primadonnen der Akademiebühne bereits so eingeübt in die Intrigen der Kulissen, daß sie als Meisterinnen gelten konnten, ehe sie Schülerinnen gewesen waren. Unter solchen Verhältnissen wurde auf jener Schule Kunst gelehrt. Der Elementarunterricht bestand in der Ausbildung des Organs. Das war natürlich weder für Lehrer noch für Schüler ein besonderes Vergnügen. Die letzteren zeigten sich sogar über die Zumutung, fünf Minuten lang einen Vokal in allen Tonarten sprechen zu sollen, höchlichst entrüstet, fühlten sie sich doch so sehr als geborene Artisten, daß sie ein so läppisches Ding, wie diese Stimmübungen es waren, als eine überflüssige Quälerei, ja, als eine Erniedrigung ihres Genies betrachteten. Für etwas lehrreicher, das heißt um vieles interessanter hielten sie die Lektionen, die uns in Grazie erteilt wurden. Da konnten sie sich drehen und wenden, Attitüden machen und die ganze griechische Plastik darstellen. Aber schließlich war doch eine jede so fest von ihrer Anmut überzeugt, daß ihnen auch das ziemlich überflüssig erschien. So blieb denn als Kern des Ganzen nur das Rollenstudium übrig. Je nach der Richtung ihrer Anlage erhielten die jungen Schönen irgendeine Rolle zuerteilt, die sie mit Mühe und Not auswendig lernten, was sie ›Memorieren‹ nannten. In den Lektionen wurde aufgesagt und sie dabei genau angewiesen, wie Gretchen und Klärchen, wie die Jungfrau, Maria Stuart und Lady Milford aufzufassen seien. Ausdruck, Klangfarbe, Tonfall, Steigerung und Senkung, Emphase, Kunstpause und Atemholen, alles und jedes wurde von den Lehrern uns ›Künstlerinnen‹ so lange gezeigt, bis wir es prächtig – nachmachen konnten, ganz und gar sklavisch-getreue Kopien eines Schauspielers, der seinerseits wiederum Kopie einer ganz andern Kopie war. So kopierten wir uns nach und nach ein ganzes Repertoire zusammen, auf das hin wir später einmal engagiert werden sollten. Gab nun die Akademie eine Vorstellung, so war unter Lehrern und Schülern die Aufregung groß. Lange vorher war das gewählte Stück auf das sorgfältigste einstudiert – eingepaukt worden. Natürlich fehlten die notwendigen Skandale nicht, wie man denn überhaupt bemüht war, nicht nur die Rollen, sondern auch das Wesen unserer großen Vorbilder nachzuahmen, vom Rollenneid der Primadonna an, bis womöglich zur Liebschaft derselben. Mit ausnehmender Wichtigkeit wurde von den Damen die Kostümfrage behandelt. Bei der Toilette durfte weder die falsche Frisur noch die Schleppe fehlen, ob es nun Marie Beaumarchais oder Lady Milford war. Nachdem die Presse über das bevorstehende große Ereignis in die Posaune gestoßen, fand die Vorstellung statt. Das Haus war ausverkauft, Verwandte und Freunde sparten die Kosten einer Claque, die ersten Bänke im Parkett füllten Agenten, die Zeitungsreferenten waren ›in Anbetracht der Sache‹ milde gestimmt. So spielte denn das Schauspiel, das eigentlich eine Farce war, sich köstlich ab. Der Applaus war übergroß. Der Direktor und die Lehrer versicherten einen vollständigen Erfolg, am andern Tage stand in gewissen Blättern zu lesen: Im Akademietheater stiegen am trüben Himmel der Kunst neue Sterne auf. Zögernd und ungern schreibe ich nieder, daß der hellste jener aufsteigenden Steine Rolla genannt wurde. Im übrigen erging es mir in der Akademie wie in der Schule und wie im Vorzimmer des großen Mannes, daran trug ich jedoch allein die Schuld. Meine junge, aber echte Begeisterung litt durch die Erfahrungen dieses Jahres entsetzlich. In den Mädchen, die meine Kolleginnen waren, fühlte ich nicht nur meine Kunst erniedrigt, sondern auch mein Geschlecht. Ich, die ich bis dahin nur die heilige Weiblichkeit meiner Mutter und Luisens rauhe Tugend gekannt, erfuhr plötzlich Dinge, von denen ich freilich nichts begriff, als daß sie sehr – häßlich seien. Natürlich war ich unter meinen Kolleginnen so unbeliebt wie irgend möglich. Ich galt für unausstehlich eingebildet, für stolz und hochmütig. Schließlich bedauerten mich die gutmütigen Geschöpfe auch noch: ich hatte keinen Liebhaber. Meine Unbeliebtheit wuchs, als ich zum erstenmal auftrat. Es geschah dies in der gewöhnlichen ersten Rolle junger, tragischer Liebhaberinnen, in der Luise Miller. Ich spielte in einem dunklen Kattunkleid, welches von meinen freundlichen Kolleginnen mit unendlicher Verachtung betrachtet wurde, eine Empfindung, die schon nach der ersten Szene nicht mehr so ganz harmlos war. Weit mehr als an dem Klatschen derer da draußen merkte ich meinen Erfolg an den Gesichtern hinter den Kulissen. Die Lady Milford wurde lebhaft applaudiert, weil sie ihrem Zorn über die arme Luise einen so natürlichen Ausdruck gab. Meine Mutter befand sich bei dieser Vorstellung nicht unter den Zuschauern, wohl aber Luise; und ich glaube nicht, daß über die matte Limonade von Ferdinands unglücklichen Mädchen jemals so viele bittere Tränen vergossen worden sind. Als ich nach dem Ende des Stückes vortrat, war mir's, als sähe ich eine lange, hohe Gestalt, die wütend ihr Taschentuch nach mir schwenkte. Wäre nicht so laut geklatscht worden, so hätte ich gewiß ein wildes Schluchzen vernommen. Diese ersten Vorstellungen auf den ganz besonders schmutzigen Brettern des Akademietheaters, als wie trübe Bilder sie auch vor mir stehen, durchleuchten doch zwei Strahlen: mein heiliger Ernst und Luisens stürmische Begeisterung, in Wirklichkeit glühend, vom Parkett aus in wahrhaft beängstigender Heftigkeit von ihrem purpurnen Antlitz zu mir auffunkelnd. Sie hatte ihren Platz auf der ersten Bank, leider viel zu nahe und obgleich bereits damals für mich das Publikum kaum vorhanden war – Luise mußte ich ansehen. Wie einst in dem Saal der Schule, mimiert und pantomimierte sie mir auch jetzt alle ihre Gefühle zu. Wie oft war ich nahe daran, durch sie aus der Fassung zu kommen, wenn ich sie bei einer rührenden Stelle seufzen und stöhnen hörte. Ich weiß nicht, welches Schauspiel interessanter war, das auf der Bühne oder das im Parkett. Öfter als einmal kam es vor, daß die Vorstellung durch Ausbrüche ihrer Bewunderung gestört wurde. Sie aber kehrte sich an nichts. Die junge Dame, die so wunderschön aussah und so rührsam spielte, war ihre Rolla und sie wiederum war dieser Rolla ihre Luise: da konnte sie schluchzen, bewundern und die Arme bewegen soviel sie wollte. Ich machte den Versuch, sie hinter die Kulissen zu bringen, in der Hoffnung, daß sie sich dort vielleicht ruhiger verhielte. Aber ihre lebhaften Gefühlsäußerungen richteten da beinahe noch mehr Unheil an. Sie bekam ihren Parkettplatz zurück; doch mit der Drohung, daß er ihr, wenn sie sich nicht mäßige, für immer genommen werden würde. Dieses Gewaltmittel half. Die Mutter kam nie in das Akademietheater. Ich selbst bat sie, es nicht zu tun, sie sollte in einer würdigeren Umgebung an den Genius ihrer Tochter zu glauben beginnen. Daß die Welt nichts Hohes hoch, nichts Reines rein sein läßt, sondern, wo sie nur kann – und wo könnte sie nicht! – entstellt, verzerrt, herabreißt, beschmutzt und vernichtet, das sollte auch ich, so jung ich war, schon damals mit unsäglichem Schmerz erfahren. Was waren es für Menschen! Zu einer Zeit ihres Lebens, wo sie noch von dessen Staub hätten unbefleckt sein sollen, wie eine sich eben zur Blume entfaltende Knospe, waren sie nicht nur selbst ohne Reinheit, sondern sahen bereits die Welt um sich her, statt als grüne, liebliche Flur, voller Kehricht und Schmutz. Unter meinen sogenannten Kolleginnen befanden sich Mädchen, von denen ich mir jetzt vergeblich vorzustellen versuche, wie es für diese Seelen je eine Zeit der Jungfräulichkeit gegeben habe. Und diese Geschöpfe – ohne Pharisäertum kann ich sie so nennen – bei denen mir unverständlich ist, wie sie jemals die Frauen ehrlicher Männer zu werden vermochten, fielen über meine lichte Göttin her, um sie mit ihrem Schmutz zu besudeln. Ich mußte mit anhören, wie der Name meiner Tragödin, schon dadurch entweiht, daß diese Lippen ihn aussprachen, mit einem Lächeln, einem Achselzucken genannt wurde, daß es mir glühend zum Herzen und ins Gesicht stieg. Nicht nur, daß ihre weibliche Ehre von solchen, die das Wesen dieses Wortes wohl nie auch nur als Ahnung empfunden, als Stoff für Skandale herhalten mußte, sogar an die Künstlerin wagten sich diese Karikaturen von Künstlerinnen. Ich geriet außer mir. Ich sagte ihnen Dinge, die ihre Abneigung bis zum Haß steigerten. Aber was half das meinem Schmerz? Man hatte versucht, das, was ich verehrte und hoch hielt, zu beschimpfen und zu erniedrigen. Allein, daß dergleichen in der Welt möglich sei, erschütterte mich in allen meinen Sinnen. Wie jung ich damals war!   Achtes Kapitel. Ein Freund und ein Arzt Es geschah nach einer Vorstellung, in der ich zum erstenmal Maria Stuart spielte. Wie an jedem Abend, wenn ich auftrat, hatten sich auch an diesem unsere Studenten im Theater befunden. Stets sehr taktvoll in ihren Beifallsbezeugungen, ließen sie sich zum erstenmal zu einer Art von Ovation hinreißen. Nach dem dritten Akt ward mir ein großer Lorbeerkranz mit weißer Atlasschleife geworfen, auf der in Goldschnitt mein Name stand. Es war dies im Akademietheater ein unerhörter und eigentlich ganz unerlaubter Fall. Daran dachten aber weder die guten Jünglinge noch die Gefeierte selbst. Mein erster Lorbeerkranz – – Man wird vielleicht begreifen, daß ich das dunkle, ernste Laub inbrünstig an meine Lippen drückte, daß mir der starke Duft dieser geweihten Blätter als berauschende Glut in die Seele drang. Als ich, von der aufgeregten Luise begleitet, zu Hause ankam, fand ich unsere ganze Wohnung erleuchtet und eine Festtafel gedeckt. Man empfing mich und meinen Kranz mit lautem Jubel. Es ward ein froher Abend, an welchem der jungen Tragödin zum erstenmal der bacchantische Schaum des Champagners floß. Übrigens war die ganze Huldigung recht harmlos. Aber auf mein strahlendes Glück fiel ein Schatten. Den Mann, den ich vor allen ehrte, hatte, als man ihn zu der kleinen Feierlichkeit aufgefordert, kurz und schroff abgelehnt. Er sollte im Theater gewesen sein; zurückgekehrt, hatte er sich sofort in sein Zimmer begeben. Er mußte das Gläserklingen und unsere fröhlichen Stimmen deutlich vernehmen. Luise war entrüstet, selbst die Mutter glaubte, ihn entschuldigen zu müssen. Ich fühlte mich schmerzlich berührt, aber nicht gekränkt, noch weniger beleidigt. Ohne mir eines Unrechts bewußt zu sein, hatte ich doch die Empfindung eines solchen. Am andern Mittag traf ich bei Tisch mit Fernow zusammen. Er grüßte höflich wie immer, ich dankte freundlich wie immer. Die Mutter, neben der er saß, zeichnete ihn in ihrer gewöhnlichen Weise aus. Die Unterhaltung an diesem Tag war keineswegs geistreich. Die Herren sprachen von nichts anderem als von meinem gestrigen ›genialen‹ Spiel. Fernow sagte mir kein Wort darüber. Da mir die exaltierten Lobeserhebungen überaus peinlich waren und ich eine gleiche Empfindung bei der Mutter vermuten mußte, versuchte ich dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Zufällig sah ich den Doktor an und begegnete dabei einem seiner ernsten, forschenden, seltsam aufleuchtenden Blicke. Ich wandte die meinen nicht sogleich wieder ab. Als wir vom Tisch aufstanden, trat ich auf Fernow zu und sagte zu ihm, laut, daß es alle hörten: »Ich möchte Sie gern sprechen. Könnten Sie mich heute nach Ihrem Kolleg vielleicht in meinem Zimmer aufsuchen?« Er antwortete nicht, aber verneigte sich. Ich verbrachte einen unruhigen Nachmittag. Ermüdet und abgespannt von den Aufregungen des gestrigen Abends, ward mir selbst das Studium meines geliebten Schiller schwer. Ich hatte die Eboli begonnen und war schlecht zufrieden mit mir. Es dämmerte bereits, als es klopfte und Fernow eintrat. Ich stand auf und ging ihm entgegen, nicht ohne Befangenheit. »Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie kommen. Schon längst wollte ich Sie um diese Unterredung bitten. Sie sind der einzige Mensch, dem ich völlig glaube. Meine gute Mutter versteht ja nichts davon.« Ich hatte mich wieder auf meinen Sitz begeben, Fernow nahm mir gegenüber Platz. Nach einer Pause erwiderte er: »Ihr Vertrauen freut mich herzlich. Aber ich möchte Sie doch bitten, es mit aller Vorsicht anzuwenden. Solcher Glaube könnte Ihnen leicht gefährlich werden und das würde mir sehr leid tun. Überhaupt müßte mein erster, freundschaftlicher Rat sein: hüten Sie sich vor dem Idealisieren! Sie scheinen mir darin ein wahres Genie zu besitzen. Auch mich überschätzen Sie.« Ich konnte ihn jetzt völlig ruhig ansehen und ebenso gelassen sagen: »Ich kann nur meine ersten Worte wiederholen.« Da er stumm blieb, fügte ich hinzu: »Mir kam zuweilen vor, als ob Sie mir freundschaftlich gesinnt wären, ja als ob Sie Teilnahme für mich hätten. Sonst würde ich Sie selbstverständlich nicht um diese Unterredung gebeten haben.« »Sie haben sich nicht getäuscht. Ich bin in der Tat Ihr Freund.« »Und ich bedarf eines Freundes,« sagte ich mit einem tiefen Atemzuge. »Ach, Sie glauben nicht, wie sehr!« Er warf mir einen fragenden Blick zu; ließ mich aber weiter sprechen. »Mir ist, als stünde ich vor einer ganz anderen Gefahr, als diejenige ist, die Sie vorhin andeuteten. Nennen kann ich sie nicht; aber ich fühle, daß sie da ist. Ein Freund könnte mich davor bewahren.« Ich glaube, fast flehend sah ich ihn an. Wieder ließ er mich auf Antwort warten. Den Kopf geneigt, saß er gedankenvoll, überlegend vor mir. Dann sah er auf. Er sagte: »Sie sollen mich nicht minder ernsthaft und ehrlich finden, als Sie selbst es sind. Worin kann ich mich als Ihr Freund erweisen?« »Durch unerbittliche Wahrheit. – – Wo Sie Ihre Teilnahme schenken, muß dafür irgendeine ernste Ursache sein. So werden Sie denn wohl erkannt haben, wie ernst ich es mit meiner Kunst nehme.« »Das habe ich erkannt und Sie haben mir sehr leid getan. Wenn Sie mich heute nicht gerufen hätten, wäre ich morgen wahrscheinlich von selbst gekommen. Auch mir liegt es schon längst schwer auf dem Herzen.« Ich fühlte, daß ich erbleichte. »Ich habe Ihnen leid getan. Warum? Etwa weil – ich konnte es kaum über die Lippen bringen – weil Sie sahen, wie ich mich mit voller Seele einer Kunst hingebe, für die mein Talent nicht genügt, meine Fähigkeiten nicht ausreichen?« »Nein,« versetzte er schnell und stark, »Ihr Talent ist groß.« Ich war aufgestanden. In heftiger Bewegung rief ich: »Jetzt können Sie mir alles sagen, jetzt kann ich alles hören!« »Daran habe ich nie gezweifelt,« versetzte Fernow, wie mir schien nicht ganz in seiner sicheren und überlegenen Weise, mit dem tiefen Wohllaut in seiner Stimme, den er jedesmal hatte, wenn ihn eine Sache erregte. »Sie müssen nämlich wissen, daß ich Sie für ungewöhnlich mutig halte.« »Und doch konnte ich Sie dauern?« »In tiefster Seele! Ihre ganze jetzige Lage ist geradezu ein Unglück für Sie.« »Sie meinen, daß meine Erfolge verfrüht seien? Weiß ich doch, daß Sie gestern selbst jenen harmlosen Lorbeerkranz mißbilligten; ebenso die kleine Feier unserer Herren für sehr überflüssig hielten.« »Ich müßte mich sehr täuschen; aber auch Sie schienen mir durch diese unverdienten Auszeichnungen – ich gebe Ihnen gleich ein abschreckendes Beispiel meiner rauhen Offenheit! – nicht gerade überschwenglich entzückt zu sein.« »Und doch möchte ich mich dazu bekennen.« Fernow lächelte. Sogleich mußte ich ihn unwiderstehlich liebenswürdig finden. »Und doch bin ich meiner Sache sicher! Sie können sich ja schon heute nicht mehr so rein darüber freuen, wie Sie es eigentlich müßten.« Diesmal half es mir nichts: ich mußte ihm recht geben. Seltsamerweise war ich gar nicht besonders unglücklich darüber. »Werden wir uns vor allen Dingen ein wenig übereinander klar, liebe Freundin. Da mögen Sie denn gleich das Ärgste an mir erfahren: nämlich meine leidige Angewohnheit, nicht nur ein bescheidenes kleines Etwas von den Körpern der Menschen wissen zu wollen, sondern auch von ihren Seelen. Welche unziemliche Neugierde, nicht wahr? Das nur so nebenbei. Was nun Sie anbetrifft, so werden Sie sogleich einsehen – denn ich kenne Sie! – daß Sie sich auf dem besten Wege befinden, Ihre ganze Künstlerschaft zu ruinieren. Was Sie bis jetzt gespielt haben, war gar nichts wert.« Ich fühlte, wie ich dunkelrot ward, wandte mich ab und brauchte meine ganze Selbstbeherrschung, um möglichst ruhig sagen zu können: »Bitte, fahren Sie fort.« »Alles, was Sie bei Ihrem Sprachmeister und in jener Akademie gelernt haben, müssen Sie daher so schnell als möglich wieder verlernen. Das scheint Ihnen eine schwere Zumutung; aber bei Ihrer Kraft – – Ich wandte ihm mein Gesicht zu. »Überzeugen Sie sich selbst von meiner Kraft. Ich, die ich mich vorhin rühmte, alles hören zu können, habe gleich im Anfang geweint!« »Das tut auch im vierten Akt die Heldin, die im fünften mit erschreckender Großartigkeit stirbt. Und nun sind wir tapfer!« Er reichte mir seine Hand. »Das sind wir,« bestätigte ich. »Seien Sie also ganz strenger, rücksichtsloser Arzt.« Er stand auf und ging im Zimmer umher. Als er wieder zu mir trat, erschien er mir noch bleicher als sonst. »Wie vermag ich mich zu einer tüchtigen Künstlerin auszubilden?« »Einfach dadurch, daß Sie in Ihrer Kunst dasselbe werden, was Sie als Mensch sind: eine Natur.« »Das klingt mir so geheimnisvoll. Sie müssen es mir in meiner Sprache sagen.« »Ohne auf Goethes Definition dieses mystischen Ausdruckes zurückzugreifen, möchte ich bei einem Menschen dasjenige seine Natur nennen, was sich in ihm entwickelt und gedeiht in derselben notwendigen naturgemäßen Einfachheit, mit derselben rücksichtslosen Vollkraft, mit der die Natur selbst wirkt und ihre eigenen Gesetze erfüllt. Auf den Menschen angewandt, scheint man mir damit nichts anderes bezeichnen zu wollen, als einen ganzen, vollen urkräftigen Menschen. Gebraucht nun solch eine kräftig ausgestattete Menschennatur zu ihrer Veredlung künstliche Mittel, so pflegt sich das gewöhnlich schwer zu rächen. Sie trägt so viel Krankes in sich, entwickelt so vielen Krankheitsstoff! Ein ehrlicher Arzt muß seinen Kopf dazu schütteln und besorgt der modernen Menschheit den Puls fühlen. Sie fiebert! Da sind vor allem unsere modernen Frauen. Wollte man heutzutage mit unseren kranken, schönen Unnaturen ein Spital füllen – es müßte ein Riesengebäude sein! Und denken Sie sich: wenn ich auch Sie als Patientin aufnehmen müßte.« Neuntes Kapitel. Mein lieber Arzt fängt seine Kur an Es war dunkel geworden. Luise brachte die Lampe und schielte mißtrauisch zu uns herüber. Heftig den Kopf schüttelnd, ging sie wieder hinaus. »Aber das wäre ja ein Stümper von Arzt, der nur sagt: Du bist krank und nicht auch: Ich mache dich wieder gesund!« Und mein lieber Arzt fing sogleich seine Kur an, »Als Radikalmittel muß ich sofortiges Verlassen der Akademie anordnen, dieser Brütanstalt künstlerischer Unnatur, über die wir hier kein Wort weiter verlieren wollen. Das ist Gewaltmittel Nummer eins. Mittel Nummer zwei, ebenso gewaltsam, ebenso heilsam: Sofortige Treulosigkeit gegen Ihren großen Mann. Mein liebes Fräulein Rolla, beste Freundin – seien Sie ehrlich, seien Sie tapfer! Was haben Sie bei ihm gelernt? Etwas allerdings: Wie Sie es anfangen müssen, um – keine Künstlerin zu werden. Überlegen Sie es doch einmal selbst. – – Dieser Mann hat einen großen Ruf: Aus allen Gegenden Deutschlands läuft man ihm das Haus ein: ›Verehrter Herr, hier bin ich und ich will ein großer Künstler werden.‹ Die erste gewichtige Frage, die dem eifrigen Kunstjünger höchst kaltblütig gestellt wird, ist: Haben Sie Mittel? Erst die zweite lautet: Haben Sie Talent? Frage Nummer eins kann durch klangvolle Beantwortung erledigt werden; Nummer zwei nur durch Prüfung. ›Sprechen Sie etwas!‹ – – Sie sprechen etwas; vielmehr Sie deklamieren etwas. Es tönt prächtig, pathetisch, wundervoll. Sehr bald unterbricht man Sie: ›Es ist gut, Sie haben Talent!‹ Sie haben vielleicht kein Talent; aber, Sie haben etwas, das besser ist als Talent; Mittel. Oder Ihr großer Mann kann auch sagen: ›Es ist schlecht, Sie sind talentlos.‹ Das sind Sie vielleicht nicht, aber – – Doch bleiben wir bei dem ersten Fall. Seine unausbleibliche Folge ist: Beginnender Künstlerwahnsinn: Der große Mann hat Sie geprüft, der große Mann hat Sie talentvoll gefunden; ergo – Sie fühlen sich bereits, als die Künstlerin, die Sie nie sein werden. Sie, nun – Sie haben Talent und zwar ein so tüchtiges, daß jener große Mann Sie unfehlbar zu seiner Schülerin genommen haben würde, selbst wenn Sie in einem Kattunkleide zu ihm gekommen wären. Er unterrichtet Sie, lehrt Sie, ›bildet Sie aus‹. Lassen Sie uns doch ein wenig näher ansehen, was er Sie lehrt. Er studiert mit Ihnen; das heißt: er nimmt eine gewisse Anzahl von Rollen mit Ihnen durch, je nach Ihrem Talent tragisch oder naiv. In einer merkwürdig meisterhaften Weise werden Sie angeleitet, gewissen Gefühlen gewissen Ausdruck zu geben – – Da stoßen wir bereits auf den bedenklichen Punkt. Wie können Sie in etwas so Innerlichem und Individuellem, wie die Empfindung es ist, ›unterrichtet‹ werden. Sie werden mir antworten: ›Aber ich fühle es ja!‹ Liebes, gutes, harmloses Kind! Mit sechzehn Jahren bildet man sich allerdings ein, und das, wie mächtig! alles Irdische und Unirdische fühlen zu können. Sie sind ergriffen, tief und schmerzlich; Sie sind begeistert, gut und heilig. Aber damit ist es nicht getan. Bedenken Sie doch nur: Sechzehn Jahre! Zitieren Sie sich selbst Lady Milford! Sechzehn Jahre! Der erste Pulsschlag, und so weiter – – Mit diesen wunderschönen, jungen, sechzehn Jahren – Gott erhalte Ihnen Ihre Unschuld! studiert jener große Mann mit Ihnen ein: Maria Stuart, Jungfrau von Orleans, die Eboli und – – Das ist ja Wahnsinn! Einstudieren, tragische Leidenschaften einstudieren! Gefühle, die Sie nicht fühlen – nicht fühlen können, sollen Sie einstudieren, sollen Sie zu einem überzeugenden, erschütternden Eindruck bringen?! Lassen wir jedoch das Problematische jenes Unterrichts völlig fallen und sehen wir nur zu: wie der Mann es macht. Er hat ein Dutzend, zwei Dutzend Schülerinnen. Sind es so viele? Gut! Von diesen vierundzwanzig jungen Damen bereitet der Mann (fürchterlicher Gedanke) etwa zwei Drittel für das tragische Fach vor. Sind es so viele? Gut! Bei diesen sechzehn zukünftigen Bühnengrößen ist von einer künstlerischen und menschlichen Individualität natürlich nicht die Rede – kann nicht die Rede sein. Natur, Individualität! – Sie würden den Herrn Direktor jedenfalls in nicht geringe Verlegenheit setzen. Was sollte der Mann auch damit anfangen?! Ihm ist die Individualitätslosigkeit, die Unnatur seiner Schülerinnen ganz recht; denn die Unfähigkeit, eine Persönlichkeit zu sein, ist ja die erste, notwendige Voraussetzung, unter welcher er jeder, hören Sie wohl, jeder der sechzehn zukünftigen Bühnengrößen seine dramatischen Charaktere einstudieren kann; für alle, hören Sie wohl: für alle immer dieselben! Er, Ihr großer Mann, kennt nur eine Maria Stuart, nur ein Gretchen; er hat einen einzigen Schuh, in den hinein er alle Füße zwängt. Und man kann es dem Mann nicht einmal verdenken. Nun stellen Sie sich diese Versammlung von Gretchen, Luisen und Marien vor. Hundert reichen nicht, die aus der Fabrik des großen Mannes auf alle Bühnen versendet werden: alle ein und dieselben, alle Exemplare einer Gattung, alle mit dem Stempel ihres Fabrikanten. Man braucht den Mann deswegen nicht zu verachten. Er hat ein großes Talent zum Reproduzieren. Die geniale Produktion mußte er anderen überlassen: eben den großen Urbildern seiner Gretchen, Luisen und Marien! Damit ist wohl zur Genüge erklärt, wie fürchterlich typisch so vieles ist, was wir auf den Bühnen an klassischen Figuren zu sehen bekommen. Hat doch dieser große Mann eine ganze Legion anderer Kleinerer hinter sich, die ihm sämtlich mühsam ablauschen, wie er sich räuspert und wie er spuckt. Es ist trostlos! Wie das arme Gretchen immer in blonden Zöpfen und im blauen Kleid gespielt wird – gespielt werden muß! so ist es auch mit der Seele des guten Kindes beschaffen: von jedem Wort ist bestimmt, wie es zu sprechen sei: so und nicht anders! Jede Bewegung, jede Gebärde ist festgesetzt. Sogar jede Spielerei im Spiel – man bezeichnet sie mit dem klangvollen Namen: Nuance – haben die Geistvollen den Geistlosen gegeben. Einer macht es dem anderen nach und keinem fällt dabei ein, sich seiner Kopistenseele zu schämen. Das ganze widerwärtige Wesen macht man sich am besten damit klar: die Rolle wird behandelt wie ein Musikstück. Man hat die Noten vor sich, die, damit der Anfänger sie ja recht zu fassen vermag sämtlich bezeichnet sind: c, d, e – usw. Tonart, Takt, Tempo sind auf das genaueste angegeben. Und damit sich der Schüler ja nicht mit eigener Empfindung anstrengen muß, ist ihm auch diese in reinlicher Schrift vorgezeichnet: dolce, con fuoco, impetuoso, con amore etc. So liegt es auf dem Notenpult vor Ihnen, so wird das Ding eingeübt, eingeübt, eingeübt! Nachdem man sich eine Zeitlang gründlich damit gequält, ist man endlich genugsam vorbereitet, ein verehrungswürdiges Publikum durch sein brillantes empfundenes Spiel in Entzückung zu versetzen. Sie sehen verstört aus. Ich habe Ihnen vieles zertrümmert, werde Ihnen also vieles wieder aufbauen müssen. Jedenfalls sind die Trümmer sehr traurig, und jedenfalls darf ich mich durch den Anblick einer solchen Zerstörung nicht entmutigen lassen. Gewiß nicht. – – Doch ich muß unseren Schutthaufen noch um einige Bruchstücke vermehren. – – Der große Mann hat Ihnen sein ganzes Repertoire einverleibt. Ich bin überzeugt, daß Sie es ganz vortrefflich abspielen; aber niemals sich selbst, sondern stets nur ihn. Man wird Sie eine Künstlerin nennen, aber Sie sind es nicht. Was Sie sind – und dabei mag Ihr Ruhm am glänzendsten sein – ist eine Virtuosin, diese abscheulichste Kunstkarikatur! Sie treten auf, Sie haben Erfolg – wir denken hier nicht an Ihr Akademietheater – Sie sind berauscht, aber nicht glücklich; denn um Sie glücklich zu machen, braucht es eines ganz anderen: wahrer Kunst! wahrer Erfolge! Sie sind sich dessen nicht klar bewußt, sondern fühlen gewissermaßen und instinktmäßig, daß das, was Sie der Welt als Kunst geben, nicht Sie selbst sind, sondern etwas Fremdes, das Ihrem Wesen gewaltsam aufgedrungen worden. Nun reicht Ihr Repertoir natürlich nicht aus. Man verlangt von Ihnen, neue Rollen zu schaffen und jetzt kommt der Konflikt. Dadurch, daß Sie nicht frei gebildet, sondern dressiert worden sind, verfallen Sie unrettbar in Manier; das heißt: Sie geben nie das Wesen, sondern nur Formen und zwar immer dieselben. Durch alle Ihre Gestalten geht ein gemeinsamer Grundzug, der nicht einmal ein freier und großer ist, weil er ganz und gar einem Manne angehört, der nichts weniger ist als frei und groß, nichts weniger als – eine Natur. Sie sehen, wir sind wieder zu dem einen wichtigen Punkt angelangt von dem wir ausgingen.« Er stand auf. »Ich dachte nicht, daß ich als ehrsamer Dozent der Medizin, jemals einer jungen Dame ein Privatissimum über Schauspielkunst lesen würde. Unvorbereitet wie ich es bin, haben wir doch den Gegenstand ziemlich gründlich behandelt. Aber seien Sie ruhig: der Sie so leichtsinnig in dies Wirrwarr gebracht, wird Sie nicht darin umkommen lassen. Es bleibt dabei: Wir sind tapfer, wir verlernen, wir lernen von neuem, wir zerstören und bauen wieder auf. Ja, wir werden krank und wir werden gesund. Arme Patientin! Wir wollen ehrlich doktern und nicht – –« »Experimentieren,« ergänzte ich unwillkürlich, da er nach dem rechten Worte zu suchen schien. Er sah mich mit sichtlicher Betroffenheit an, die auf mich überging. Eine peinliche Pause entstand. Nach einer Weile gab er mir schweigend die Hand. – – Wir fühlten wohl beide, daß damit ein Bund geschlossen ward. Dann ging er. Ich nahm meinen Lorbeerkranz herab, löste das seidene Band, warf das edle Laub zu Boden und ward wieder froh – ja, ganz froh! Zehntes Kapitel. Die Kur wird fortgesetzt. Den Tag, an dem Doktor Fernow mein lieber Arzt und treuester Freund ward, möchte ich in der Geschichte meines Lebens mit Tränen niederschreiben, von denen ich nicht weiß: soll ich sie Freuden- oder Schmerzenstränen nennen. Ich glaube beides: die Schmerzenstränen geweint um ihn, die Freudentränen um mich. Noch heute kann ich stundenlang darüber sinnen und mich in Grübeleien verlieren: daß solch eine einzige Zufälligkeit, wie das Kennenlernen eines Menschen es ist, ein ganzes Leben umgestalten und wandeln kann, sei es nun zum höchsten Glück oder zum tiefsten Leid. Da lebt man in einem Gewühl gleichgültig dahin; Schar auf Schar führt das Leben an einem vorüber: jede Schar einer Welle gleich, vorbeifließend, ohne daß ihr nachgeblickt wird, ohne daß man das Rauschen vernimmt. Da kommt der eine. Er hätte ebensogut vorübergehen können, ohne daß er bemerkt worden wäre, oder bemerkt hätte. Ein Zufall läßt ihn aufsehen. Seine Augen begegnen dem Blick eines anderen Auges. Er bleibt stehen. Ein Wort wird gesprochen, eine Hand wird ausgestreckt, wird erfaßt – und unaufhaltsam muß sich das Schicksal erfüllen. Das nennt man dann je nachdem Vorsehung oder Verhängnis. Niemals in meinem Leben bin ich einer ähnlichen Übereinstimmung von Beruf und Wesen begegnet, wie ich sie bei Fernow fand. Er war Arzt aus derselben innern Notwendigkeit, mit der ich Schauspielerin war. Wie einem Gegenstand diese und jene Eigenschaft innewohnt, ebenso naturgemäß mußte ich schauspielern, mußte er heilen. Hier waren wir uns völlig gleich. Er haßte nichts so sehr wie Dämmerung, und gestattete verhüllte Fenster nur in ganz gewissen Fällen. Licht war ihm das schönste Himmelsgeschenk: Gestaltete sich doch alles im Licht, drängte sich doch alles zum Licht! Ein dunkles Zimmer und ein dunkles Menschengemüt waren ihm unerträglich. Ebenso unerbittlich verhielt er sich gegen Dumpfheit. Daß die Menschen so wenig über sich selbst nachsannen, erfüllte ihn mit Zorn. Er selbst dachte über sich bis zur Grübelei; und so war es denn einer seiner größten persönlichen Wirkungen auf seine Umgebung, daß er sie zum Nachdenken über sich selbst zwang. Oft war er hartnäckig bis zur Starrheit. Für eine gefährliche Wunde dünkte ihm kein Mittel zum ätzen derselben zu scharf. Ehe er einen Schwerkranken aufgab, ward noch ein letztes Mal die gewagteste Kur versucht. Oft hat er so durch seine Kühnheit und seinen Trotz ein Leben dem Tobe abgerungen. Übrigens mutete er einem Leidenden niemals größere Fähigkeit im Ertragen von Schmerzen zu, als seine Natur demselben erlaubte. Er persönlich hatte darin eine solche Stärke, daß er bei einer etwaigen Amputation an sich selbst sicher jedes Betäubungsmittel verschmäht haben würde. Dabei konnte er wieder so weich und innig sein, daß seine Hand war wie die einer zärtlichen Frau: heilend bei ihrer Berührung. Man fühlte sich in seiner Nähe so beruhigt, so sicher! Ich wüßte nicht, was ich nicht hätte ertragen können, mit seinem ruhigen Blick auf mir, welchen schwindelnden Pfad ich nicht hätte wandeln können, von seiner starken Hand geführt, welche Gefahr ich gefürchtet hätte, an meiner Seite den Freund. Er war Arzt; aber er hatte ebensogut Philosoph, Naturforscher – Prediger sein können; oder auch nichts von allen. Wie er einmal war, schien er geschaffen, den Menschen Gutes zu tun. Nur zum Schauspieler war er verdorben. Jamben und Verse las er schlecht, Prosa dagegen vortrefflich. Was Spiel war, wußte er nur an anderen. Aber hier war seine Kenntnis gerade erstaunlich. Trotz seines Untalents zur Darstellung wäre er doch ein großer Lehrer gewesen. Allerdings war seine Methode so eigenartig und absonderlich, daß er schwerlich viele Schüler gefunden. Was ich ihm in dieser Beziehung zu verdanken habe, wird der Leser dieser Aufzeichnungen zur Genüge Gelegenheit haben, kennen zu lernen und nach eigenem Ermessen zu beurteilen. Unterdessen setzte mein lieber Arzt seine Kur fort. Gleich am andern Tag nach jener ersten Unterredung begannen wir mutig zu zerstören. Ich kündigte der Akademie meinen sofortigen Austritt an und begab mich zum gleichen Zweck zu dem großen Mann. Der Direktor jenes Kunstinstitutes war außer sich: ich hätte auf seiner Bühne mein Glück gemacht, ich wäre auf seiner Bühne die Rachel Deutschlands geworden! Als er mich die Rachel so gelassen aufgeben sah, machte er mir sogar das Anerbieten einer Gage, eine für das Akademietheater unerhörte Sache. Ich dankte höflichst und ging. Noch denselben Tag kam er zu meiner Mutter, die ihm jedoch nur bedauernd sagen konnte, daß ihre Tochter ihren eigenen Willen habe. Viel peinlicher war der Austritt bei dem großen Mann. Er machte mir eine förmliche Szene, bei der das Spiel sehr ernst war. Ich erfuhr, daß es mir nur durch ihn möglich wäre, Künstlerin zu werden. Alles, was ich bereits sei, habe ich nur durch ihn gelernt, habe ich nur ihm zu verdanken. Ich mußte hören, wie bescheiden und demütig ich zu ihm einst gekommen, wie er sich mit mir geplagt, mich vor allen anderen bevorzugt – – wie er von mir das geringste Honorar erhalten. Da verließ ich das Zimmer. Zu Hause angelangt, setzte ich mich hin, schrieb ihm einen höflichen Brief und schickte mich mit schweren Herzen eben an, zur Mutter zu gehen, diese um eine goldene Einlage zu bitten, als der Diener des großen Mannes kam mit einem langen Briefe von diesem. Es war kläglich! In einem fast weinerlichen Tone wurde ich um Verzeihung gebeten, wurde ich mit höchstem Pathos beschworen, seine Schülerin zu bleiben. Von Honorar dürfte nicht mehr die Rede sein. Er beteuerte, daß er mir einen wahren Triumphzug über die Bühnen Deutschlands bereiten werde und machte sich anheischig, für mich den Ruhm vom Himmel herabzureißen. Ich ließ den Diener warten, tat den schweren Gang zur Mutter, fügte meinem Brief ein Postskriptum bei, schickte ihn fort. Daß ich es niederschreiben muß! Kaum war eine Stunde vorüber, als der große Mann selber kam. Da er wieder ging, hatte ich mir einen Todfeind gemacht. Wenn Luise mich für »rein toll« erklärte, so war die Mutter tief besorgt und betrübt. Hatte sich doch bereits alles so günstig gestaltet! Und nun sah sie mich alles aufgeben und hinwerfen, und wieder mit dem Anfang zu beginnen. Selbst Fernows ruhige und klare Auseinandersetzung bewirkte nur, daß sie uns – daß sie ihm vertraute, gramvoll genug! Fernow bezeigte sich mit allen diesen Ergebnissen ungemein zufrieden; ich war heiter und zuversichtlich. Das Niederreißen war geschehen; jetzt mußte aufgebaut werden. Eines Morgens, noch in derselben Woche, da dies alles sich begeben, trat Fernow bei mir ein. Er konnte seine Aufregung kaum verbergen. »Was haben Sie?« rief ich ihm entgegen, über eine solche ungewohnte Erregung heftig erschrocken. »Gutes, Bestes! Ich sprach mit dem Intendanten der königlichen Schauspiele über Sie und – Sie werden höchstwahrscheinlich an die Hofbühne kommen!« Ich war bleich geworden, ich zitterte. »An die Hofbühne?« stammelte ich. »Das ist ja nicht möglich!« »Pah, es ist nur das vornehme Wort, das Ihnen den Atem versetzt. Wir sind durchaus nicht schlechter als andere, welche die erhabenen Mitglieder jenes majestätischen Institutes sind. Im Gegenteil! Wir wollen ihnen und uns selbst zeigen, was wir werden wollen: eine ehrliche Künstlerin, kleine Freundin. – Aber jetzt beben Sie nicht, frohlocken Sie auch nicht, sondern jetzt arbeiten Sie! Und das ohne jede Hast, mit aller Ruhe und Gelassenheit. Ich werde mir erlauben, von meinem Rechte, tyrannischer Hausarzt zu sein, den umfassendsten Gebrauch zu machen und mich sogar um das Rollenstudium meiner jungen Primadonna kümmern. Das ist zudringlich, aber ich kann Ihnen nicht helfen. Fangen wir gleich an. – – Sie studierten, als ich kam; was studierten Sie?« Ich reichte ihm das aufgeschlagene Buch hin; er schaute hinein, gab es mir wieder zurück. Dann, nachdem er sich gesetzt, begann er: »Vor allen Dingen, liebe Freundin, legen Sie jetzt Ihren Schiller beiseite. Wie Sie gegenwärtig noch beschaffen sind, kann von Schiller nimmermehr Gutes für Sie kommen. Ich hätte Ihnen Ihren Liebling nennen sollen, als ich damals so eifrig über Natur und Unnatur dozierte. Denn würde mich zum Beispiel irgendein widerwärtiger Kerl fragen: Um Gottes willen, wie kommt Fräulein Rolla zu jenem unerquicklichen Pathos? (Es ist ein unangenehmer Mensch, liebe Freundin), so müßte ich zerknirscht stottern: Durch Friedrich von Schiller, mein Verehrter! – So soll man doch diesen Schiller gleich – hübsch fortlegen.« Damit stand er auf, nahm mein liebes Buch, stellte es in den Schrank zurück. »Er kommt bald wieder zu Ihnen,« suchte er mich zu trösten; »für Sie viel zu bald. Denken Sie doch an Ihre sechzehn Jahre! – Wie, es sind wirklich schon siebzehn? – – Aber ich sehe an Ihrem ernsthaften Gesicht, daß ich auch ein solches machen muß.« Er setzte sich wieder. »Daß Sie viel zu früh mit Schiller begonnen, gehört auch mit zu jenem ›Unglück‹ weswegen ich Sie damals bedauern mußte. Kein Dichter hat so großartig auf das Schauspiel gewirkt, keiner so schädlich auf die Schauspieler. Daß in den Theaterschulen so schrecklich einmütig Schiller bereits im ersten Kursus verbraucht wird, daß die erste, schüchterne Versuchsvorstellung unter zehn Malen neunmal ›Kabale und Liebe‹ ist, erscheint mir äußerst bedenklich. Ich muß mich stärker ausdrücken. Mit Schiller wird ein wahrer Unfug getrieben; man schändet ihn! Jedes jugendliche Talent äußert sich am stärksten in der Emphase, im Pathos. Anstatt, daß nun diese gefährlichen Anlagen von den Lehrern unterdrückt würden, wie Keime zu sittlichen Krankheiten, werden sie durch die gewaltigsten und gewaltsamsten Mittel entwickelt und ausgebildet. Wie heißen dieselben? Schiller! Diese stolzen, prächtigen Jamben, die wie Tonwellen dahinwogen, das muß ja berauschen! Schiller von einem Anfänger ohne ganz übertriebenen – lächerlichen Pathos deklamiert, deucht mir eine Unmöglichkeit. Bei Schiller schwelgt unsere Sprache in Melodie und Wohllaut. Nichts ist leichter, als mit der Deklamation von Schiller einen gewissen Erfolg zu erzielen; nichts ist schwerer, als Schiller wirklich gut zu sprechen. Wie dieser Dichter stets sich selbst von der Gewalt seines eigenen Genius fortreißen läßt, so reißt er wiederum mit seiner dämonischen Schönheit den jungen Schauspieler fort. Da sind nun diese Scharen von sogenannten Kunstjüngern: alle mit leerem Herzen und leerem Hirn; und alle deklamieren sie Schiller! Ihnen darf ich es ja wohl vertrauen: es ist fürchterlich! Und es ist überdies – ich muß es noch einmal sagen – eine Mißhandlung unseres lautersten Genius. Um Schiller mit Würde zu spielen, braucht es des Meisters, der die glühendsten Stoffe beherrscht, so ruhig wie ein Gießer sein feurig flutendes Metall. Der Schüler soll sich achtungsvoll in möglichster Entfernung davon halten: er kann sich damit ernstlichen Schaden antun. Schiller zwingt geradezu zur Emphase und zum Pathos. Beide aber werden nur zu leicht zur Unnatur. Schiller vorsichtiger – respektvoller behandelt, und wir würden mehr Natur auf unseren Bühnen besitzen. Sehen Sie sich doch seine Gestalten an: Schöne Erscheinungen sind es, aber nicht Menschen, die auf Erden wandeln. Sie schweben in Lüften und strecken ihre Arme nach der Sonne aus. Lichte Geister, die sie sind, gebärden sie sich nur wie Menschen, deren verklärte Gestalten sie angenommen haben. Schillers Gebilde kommen mir vor wie wundervolle, unirdische Formen, die der Künstler nur deshalb geschaffen hat, um in sie seine erhabene Seele zu legen. Sie scheinen mir schönen Marmorbildern zu gleichen. Wenigstens stehe ich mit der Empfindung vor ihnen, daß ich Idealbilder bewundere, die wir in Wirklichkeit niemals erleben. Es sind eben Dichtungen und nicht Wahrheiten. So sehr man auch dagegen protestieren mag: der Psycholog und Menschenkenner sieht sich den Gestalten unseres lieben Dichters gegenüber nur allzu oft in Verlegenheit. Denken Sie an Lessing, Goethe und Shakespeare, so werden Sie verstehen, was ich meine. Bitte, sprechen Sie mir doch einmal den Monolog der Maria.« Ich stand ohne weiteres auf, kreuzte, wie das bei Zimmerdeklamationen meine Gewohnheit war, die Arme über der Brust und sprach die gewünschte Stelle. »Besser als auf der Bühne,« urteilte mein Freund. »Haben Sie wohl bemerkt, wie Sie im Klang schwelgten, wie Sie melodiös waren, empathisch, pathetisch! Sagen Sie mutig: ja!« »Es kommt mir heute wirklich so vor, als ob ich den ganzen Monolog eben deklamiert hätte.« »Sehen Sie!« triumphierte der Freund. »Und deklamieren sollen Sie nicht. Sie sollen reden!« »Also, mein lieber Dichter, Ade. Ist deine Freundin verständiger geworden, sehen wir uns wieder.« Ich nickte der kleinen Gipsbüste auf meinem Schreibtisch – sie war mein Heiligtum – freundlich zu und dann ebenso meinem lieben Arzt. »Und was an seiner Statt?« »Lessing,« ward mir erwidert. Elftes Kapitel. Ohne Ruhe und Maß. Wir hatten verabredet, der Mutter die Aussicht bezüglich der Hofbühne noch gänzlich zu verschweigen. Es hätte sie doch sehr aufgeregt und bis jetzt war ja alles nur ein schöner Traum. Wie wir zwei die Freude der Hoffnung allein trugen, wollten wir nötigenfalls auch den Schmerz der Enttäuschung allein überwinden. Während der nächsten Tage sah ich den Freund nur an unserm Mittagstisch. Hier übte seine Gegenwart indessen nicht den geringsten Zwang auf mich aus. Ich verkehrte mit den Herren in meiner alten, frohen Weise weiter. Seine Vorlesungen hielten Fernow ab, dem Vortrag über Schiller einen zweiten über seinen Liebling Lessing folgen zu lassen. Mir war es recht, da ich dem Freunde eine kleine Überraschung zugedacht hatte. Ich schloß mich den ganzen Tag in mein Zimmer ein und studierte, daß ich am Abend förmlich fieberte. Als er mir eines Mittags sagte, daß er in der Dämmerungsstunde zu mir kommen werde, hatte ich meine heimliche Vorfreude. Laßt mich euch an jenem Nachmittag die junge Rolla, den Freund erwartend, in ihrem Zimmer zeigen. Es ist ein Hinterstübchen; nur durch Luisens Küche gelangt man hinein. Sein einziges Fenster sieht auf einen schwermütigen Hof, an den ich noch heute mit stillem Glück zurückdenke: auch hier hatte Mutter Natur meine Jugend mit Grün geschmückt! An meinem Fenster sitzend, blicke ich nicht auf nackte Mauern hinaus, sondern auf hohe, düstre Efeuwände. Seit hundert Jahren mochte das Gerank in fester Umstrickung das Mauerwerk umschließen; denn jeder Fleck der dreistöckigen Häuserwände ist dicht von ihm umschlungen und im Herbst schimmert in dem dunklen Laub die heilige, bacchantische Eppichtraube. Schwärme von Sperlingen nisten in dem dichten Gezweig, freche Gesellen, die sie sind, bereits beim Morgengrauen, den Schläfer aus dem Traum zwitschernd. Mögen in der Welt Frühlingsblumen erblühen, oder der Frost seine eisigen Ranken an die Scheiben hauchen; immer gleich grün und hoffnungsvoll, sehe ich es von meinem Fenster aus und lasse meine Gedanken mit dem lustigen Vögelvolk von Blatt zu Blatt huschen. Und wie traulich ist es drinnen! Da ist vor allem mein kleiner Schreibtisch, mit dem Bild meines Vaters und der Büste meines Dichters, für deren beider Schmuck der Efeu draußen immer frische Ranken hergeben muß! Da ist mein kleiner Bücherschrank in einer Nische, die gleichfalls immergrüne Ranken umziehen, ein kleines Sofa, mit großgeblümtem Wollendamast bezogen, die beiden Rohrlehnstühle; dann der Blumentisch, mein größter Stolz und der alte Teppich, meine höchste Pracht. Mein ganzes liebes Stübchen seh ich wieder vor mir und ich sehe darin mich selbst: im hellen Kleid, die braune Flechte als einzigen Schmuck. In der Küche höre ich Luisen poltern, auf dem Hof die Sperlinge zwitschern. Auch der Brunnen rauscht. Ich gehe auf und nieder, leise vor mich hinredend und gewiß wie in Verzückung aufschauend. So erwarte ich den Freund und – da kommt er! Ich empfange ihn mit der Bitte, sich zu setzen; ich wolle ihm etwas vorsprechen. Er fragt nicht, was es sei und nimmt schweigend am Fenster Platz. Das trübe Zwielicht, das in die kleine Stube hineindämmert, ist gerade die rechte Stimmung dafür. Wie er so vor mir sitzt, halb von mir abgewendet, deucht mir sein edles, blasses Gesicht, in die Schatten der Nacht getaucht, fast schön. Nach einer langen Stille, in der ich mich sammle, trete ich noch mehr zurück; dann beginne ich – die Orsina. Plötzlich wußte ich nichts mehr von mir. Als ich wieder zu mir kam, war es hell im Zimmer. Aber nur der Freund befand sich bei mir. Er hatte mich auf das Sofa gelegt und beugte sich tief über mich. Wie ich die Augen aufschlug, sah ich ihm gerade in die seinen. Als er bemerkte, daß ich ihn gewahrte, änderte er seine Miene. »Was ist mit mir vorgegangen?« Zugleich richtete ich mich auf und fühlte eine große Mattigkeit. »Was mit uns vorgegangen ist? Nichts Besonderes. Nur, daß wir die tolle Gräfin etwas zu toll spielten. Es schadet uns aber nichts. Im Gegenteil: es wird uns guttun; das nächste Mal werden wir viel sänftiglicher mit uns umgehen. Jetzt sind wir noch etwas schwach, aber morgen wollen wir die große Nutzanwendung aus der Sache ziehen. – Nein, ich muß Sie bitten, ruhig liegen zu bleiben: Strafe muß sein! Auch wird man sich Eisumschläge gefallen lassen müssen; aber ich ersuche dringend, erst morgen bereuen zu wollen. – – Herrgott, da kommt Luise von ihrem Butter- und Eiereinkauf zurück. Ich muß es allein mit ihr ausmachen: Einen Augenblick, liebe Rolla.« Ich merkte kaum mehr, daß er mich verließ. Als ich das zweite Mal wieder zu mir kam, lag ich im Bett und die Mutter und Luise befanden sich bei mir. Die Mutter machte mir mit sanfter Hand kalte Umschläge, welche Funktion Luise mit herzbrechendem Seufzen begleitete. Ihr Gesicht kam mir wieder einmal beängstigend rosenrot vor. Ich phantasierte die ganze Nacht und soll gar nicht von der »tollen Gräfin« fortzubringen gewesen sein, wobei ich Luise immer als Marinelli behandelte. Diese entsetzte sich dermaßen, daß sie endlich in ihre Kammer lief, sicher um ihren Kopf unter die Betten zu stecken. Noch eine Woche später belauschte ich sie einmal in der Küche, wo sie beim Spicken eines Kalbsbratens pathetisch die Szene memorierte. So machte denn auch Luise, freilich höchst unfreiwilligerweise, Lessingstudien. Wir kamen dieses Mal mit dem Schreck davon. Bereits am nächsten Vormittag konnte Fernow seine Patientin auf dem Sofa finden. Ich war noch immer sehr matt und fühlte mich etwas beschämt. Fernow jedoch war harmlos heiter; wie mir schien, sogar etwas satirisch. Nachdem er mir den Puls gefühlt, begann er: »Sie können meine Strafpredigt bereits ganz gut vertragen, ich brauche Sie nicht einmal zu ›schonen!‹ – – Aber, beste Rolla, was für Streiche?! Ist es denn schon gar so lange her, daß ich Ihnen Ihre sechzehn – Verzeihung: Ihre siebzehn Jahre zum Vorwurf gemacht?! Siebzehn Jahre und dann eine Gräfin Orsina? Sechs Ladies Milford wären leichter zu ertragen gewesen! Haben Sie denn nicht gewußt – nein, natürlich nicht! – haben Sie denn gar nicht geahnt, daß sich an der Orsina eine Dreißigjährige um den Verstand spielen kann! Sie müssen wirklich Charlotte Ackermann lesen, oder die traurige Geschichte von der armen Aurelie. Womit kann ich Ihnen nur gleich so recht angst machen?« »Verzeihen Sie nur. Ich will es auch gewiß nicht wieder tun,« bat ich, schwach lächelnd. Fernow seufzte. »Wären Sie jetzt doch einer meiner Studenten; da könnte ich Ihnen eine so schöne Vorlesung über Pathologie halten und alles wäre abgetan. Ich würde Ihnen säuberlich ein menschliches Herz und ein menschliches Hirn vorlegen und dann wundervoll drauflos dozieren. Das alles geht nun nicht. So wie die Sache steht, muß ich wohl oder übel Pathologie Pathologie sein lassen und Ihnen als junger, modernen Dame von Ihren Nerven reden. Liebe, junge Freundin, Sie können eine große Künstlerin werden, denn Sie besitzen eine so erschreckend große Phantasie; eine Einbildungskraft, wie sie mir bis dahin noch nie vorgekommen. Das wäre nun alles wunderschön, wenn Sie nicht bewußte unangenehme Nerven hätten, die bei Ihnen, sehr reizbare Damen, einmal großes Unheil anrichten können. Ich gebe Ihnen, wie Sie sehen, keine Medizin, sondern Wahrheit, die Sie ohne Zweifel sehr bitter finden werden. Trotzdem muß ich Ihnen von dieser Mixtur verabreichen, bis Sie davon die notwendige radikale Wirkung erfahren. – – Wissen Sie, daß Sie alle Anlagen haben – erschrecken Sie nicht, oder ja: erschrecken Sie nur! – eines schönen Tages nach einem unvernünftigen Spiel, entweder am Gehirnschlag zu sterben oder mir nichts dir nichts von Sinnen zu kommen? Starren Sie mich nur an, ich kann Ihnen nicht helfen. Das darf nicht länger so fortgehen. Sie haben entschiedenes Talent zur Selbstmörderin und betreiben die Vorbereitungen dazu auf wahrhaft raffinierte Weise. Ich sprach vorhin von der Möglichkeit, daß Sie bei einem völligen Entfesseln Ihrer Affekte eine große Künstlerin werden könnten – ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich meinte: eine große Kunstspezialität. Denn ein großer Künstler ist nur derjenige, der auf das souveränste seine Affekte beherrscht; Sie jedoch lassen sich von Ihren Affekten beherrschen. Ein großer Künstler behandelt seine Rolle wie ein großer Bildhauer seinen Marmorblock: die Hand muß den Meißel so fest und sicher führen, daß die Gestalt, welche sich dem Stein entwindet, auf das genaueste gerade die Form annimmt, die der Künstler zu bilden beabsichtigte. Bei Ihren Gestalten, liebe Rolla, ist von einer solchen Meißelführung noch gar nicht die Rede. Sie haben das mächtige Material unter den Händen und wissen nicht, was Sie damit anfangen sollen. Ebensowenig verstehen Sie Ihre Handwerkszeuge zu gebrauchen. In schönster Bewußtlosigkeit bilden Sie darauflos. Da Sie talentvoll sind, wird auch etwas daraus; aber bei dem Bilden einer Ariadne zum Beispiel hängt es bei Ihnen ganz vom Zufall ab, ob eine Bacchantin oder eine Mänade daraus wird. Sie schaffen in der Stimmung eines Augenblicks, in dem Sie beinahe somnambül sind. Das Resultat mag das Publikum und den Schauspieler selbst in Erstaunen setzen, aber die wahre Kunst ist es eben doch nicht.« »Und da wissen Sie nicht, womit Sie mir so recht von Herzen angst machen sollen?! Armer Freund! Sie wollen Ihrer Patientin so gern helfen, aber ich sehe nicht ein, wie Sie mir helfen können .« »Sie werden erleben, wie ich es kann. Ihre Konstitution ist trotz alledem prächtig. Wir bringen Sie durch! Sehen Sie, dieses Lächeln kam Ihnen schon ganz frisch vom Herzen. – – Sie sollen ja durchaus keine Schauspielerin werden, die, nachdem sie die Medea gespielt, Austern ißt und Sekt schlürft, als ob sie eben einen Kotillon getanzt habe. Künstlerinnen, die mitten in ihren leidenschaftlichsten Momenten noch eine Empfindung für den Fall ihrer Schleppe oder für die Dekoration ihres griechischen Mantels haben, sind mir abscheulich! Nein: seien Sie nach Ihrer Medea gründlichst erschöpft, das kann Sie nur ehren. Aber um Gottes willen nicht dieses nutzlose Hinströmenlassen von Lebensblut. Die ersten Regeln Ihrer Kunst sind: Ruhe, Ruhe! Maß, Maß! Ohne Ruhe und Maß ewig Schüler und Pfuscher – mit Ruhe und Maß Künstler und Meister. Und glauben Sie mir nur: mit einer solchen mächtigen Beherrschung – sie ist schwer, sie ist das Schwerste! – werden Sie dann Wirkungen erzielen, die Sie bis jetzt noch gar nicht zu ahnen vermögen. Sind Sie einmal erst so weit gelangt; völlig ruhig und gelassen einer gewaltigen Leidenschaft vollen Ausdruck zu geben; dann sollen Sie sehen, wie Sie das Publikum hinreißen werden! Dann sollen Sie erleben, wie ein ganzes Haus an Ihren Lippen hängen wird, wie Sie die Seelen von Tausenden erbeben und erzittern machen!« Jetzt hingen meine Augen an seinen Lippen, jetzt machte er meine Seele erzittern. Ich konnte nicht reden, aber ich richtete mich auf und fühlte mich bereit, jene göttliche Ruhe und jenes schöne Maß mir zu eigen zu machen und wäre es auch durch ein Martyrium.   Zwölftes Kapitel. Lehrmethoden Als den ersten Baustein zu dem neuen Kunsttempel, der in mir aufgeführt werden sollte, muß ich jene Stunden bezeichnen, in denen Fernow mit mir Lessing las. Nicht etwa, daß wir gleich mit den Dramen begonnen hätten – bewahre! Zur Einführung in die köstliche Klarheit Lessingschen Geistes wurden die theologischen Streitbriefe gegen Götze gewählt. Diesen folgte Laokoon. Mir ward wundersam groß zumute, als mein Geist, von dem des Freundes geleitet, in diese Welt eintrat. Ungeahntes erschloß sich mir wie mit einem Zauberschlag. Bei Lessing war keine Dämmerung, keine Dumpfheit möglich! Wie Tag strömte es in meine Seele ein, wie höchstes Bewußtsein! Jener eine Zug meiner Doppelnatur erfaßte die wunderbare Lessingsche Realität wie eine Offenbarung. Was der Freund mir prophezeit hatte, geschah: Plötzlich wußte ich, was Natur sei! Ich war nicht berauscht: ich war tief glücklich. Nach Laokoon, der mir die Erleuchtung über Ruhe und Maß gab, folgte zuerst Minna von Barnhelm, danach Miß Sarah, dann Emilia. Erst zuletzt kam Nathan. Laßt mich bei diesen edlen Stunden einige Augenblicke verweilen! In meinem Hinterstübchen saßen wir beide. Mochten im Hof die Sperlinge ein wahres Getös anheben, mochte Luise in der Küche wild mit ihren Tellern klappern – wir hörten nichts! Vor uns Lessings Büste, ein Geschenk des Freundes, und vor uns Lessings Werke, aus der Bibliothek des Vaters, wetteiferten Schülerin und Lehrer miteinander im Glück des Genusses. Es ward dämmerig, es ward dunkel. Ich mußte mich entschließen, aufzustehen und die Lampe zu holen, wobei ich für Luisens satirische Nebenbemerkungen kein Ohr hatte. (Sie sprach in solchen Fallen nur in Paranthesen!) Mein lieber Arzt wußte wohl, von wem er für seine Leidende Hilfe zu erwarten hatte: von dem Gesunden. Wie liebenswürdig war er in diesen Stunden! Wie erfüllt von der Größe seines Dichters, den mit seinen Augen zu sehen er mich lehrte. Er sagte mir nie: das ist groß! sondern ließ es mich selbst fühlen. Nur auf die köstlichsten Feinheiten Lessingscher Prosa ward ich aufmerksam gemacht; aber immer in einer Weise, daß er nur den ersten Anstoß gab. Dann mußte ich weiter suchen und entdecken. »Lessing ist für mich ein Mensch, der immer auf der Erde schreitet und immer zum Himmel aufblickt,« sagte er mir einmal. »So müssen auch Sie sein: eine Künstlerin, die Irdisches mit der Sonne des Schönen verklärt.« Am Vormittag studierte ich nach seiner Anordnung in folgender Weise: Kaum war ich aufgestanden, so machte ich meine Organübungen; nie länger als fünf Minuten! Ich sprach mit voller Stimme alle Vokale, die schwersten Konsonanten und gewisse Worte, die ich mir selbst bildete, mit Lauten darin, die irgendwelche Schwierigkeit für mich hatten. Diesem Tonturnen (es erweckte beständig Luisens grimmige Entrüstung) folgten die gymnastischen Übungen. Erst dann durfte ich frühstücken. Von einem kurzen Spaziergang zurückgekehrt, kam die hauptsächlichste Arbeit des Tages: das Rollenstudium. Ich lasse es zum Beispiel die Emilia Galotti sein. Das ganze Stück war mit dem Freund gelesen und Szene für Szene mit ihm besprochen worden. Ich hatte es ihm erzählen müssen wie eine Geschichte. Emiliens Denkungsart und Empfindung waren mir völlig vertraut; völlig vertraut war mir die bürgerliche Luft in ihrem Elternhause, die wollüstige bei den Grimaldi. Ich kannte ihr Verhältnis zu ihrem starren Vater, zu ihrer gutmütigen Mutter, zu ihrem edlen, aber kühlen Bräutigam, so genau, als wäre sie – wohlverstanden nicht ich selbst, wohl aber meine beste Freundin. Alles mit ihr erlebend und erleidend, betrachtete ich sie durchaus objektiv. Ich wußte von ihr, daß sie den Prinzen lieben würde, daß sie, wenn ihr Vater keinen Dolch gehabt, ihre Haarnadel hätte gebrauchen müssen. Ich dachte viel über sie nach. Wiederum kam ein Gespräch mit dem Freund; dann erst durfte ich das Buch zur Hand nehmen. Im Zimmer auf und ab gehend las ich, sprach ich vor mich hin – nichts weiter! Plötzlich an irgendeinem Nachmittag sagte Fernow: »Wir wollen doch einmal sehen, was unsere Emilia macht.« Er nahm das Buch und jetzt war mein Stübchen ein Zimmer im Hause des Obersten Galotti – und es war das Vorgemach im Lustschloß des Prinzen. Fernow las die anderen Personen, ich sprach die Emilia, so einfach, so harmlos und natürlich wie nur irgend möglich. Eine Szene wurde so lange wiederholt, bis es war, als käme ich wirklich aus der Kirche zurück, wo ich dem Prinzen begegnet, als ginge ich wirklich hinaus, um mir »husch, husch« eine Rose ins Haar zu stecken, die der einzige Schmuck von Appianis Braut sein sollte. Solcher Art lernte ich, baute ich wieder auf. Sehr streng achtete Fernow darauf, daß ich von einem Stück, in dem ich spielen wollte, mehr als meine eigene Rolle kannte. Ja, er verlangte, daß ich jeden Charakter mit der gleichen Aufmerksamkeit behandle, wie denjenigen, den ich selbst darstellte. »Denn,« so sagte er, »bei euch Schauspielern muß man geradezu erstaunen, wie falsch ihr oft ein Stück beurteilt. Das kommt wohl daher, daß die meisten von euch selten ein Stück als Ganzes betrachten, also selten es als ein Kunstwerk respektieren. Indem jeder sich die Gestalt herausreißt, die er für seine schauspielerische Individualität am geeignetsten hält, mit der er für sich die größeste Wirkung zu erzielen hofft, zerstückelt er die Dichtung und es mag vorkommen, daß er von derselben nicht mehr kennt, als seine Rolle. Je nachdem diese ihm persönlich zusagt oder nicht, beurteilt er nun, wirft er sich zum Kritiker auf, der, weil er Schauspieler ist, sich in seiner Meinung über Schauspiele für unfehlbar hält.« Auch bei Stücken, die wir nur lasen, um mich damit bekannt zu machen, mußte ich mir über Fabel und Charakter völlig klar werden. In anmutiger Plauderei führte mich der Freund tiefer in den Stoff ein, zeigte er mir die geheimnisvolle Arbeit des Dichters, sowie Absicht und Zweck der Dichtung selbst. Jede der Personen betrachtete er zuerst als Individuum für sich, dann im Zusammenhang mit den andern. Besonders tüchtig wurde an eine möglichst plastische Hinstellung des Helden und der Heldin gearbeitet. Bei dieser Lektüre unterbrach er mich, sobald ich ihm etwas falsch aufgefaßt oder mich falsch ausgedrückt zu haben schien. Wir gingen erst dann weiter, wenn ich den nach seiner Ansicht richtigen Ton gefunden hatte. Bei dem Sprechen meiner Rollen fand auch das Spiel in Fernows Lehrplan seine Berücksichtigung. Die ersten Male mußte ich Mienenspiel und Gebärden streng unterdrücken. Auch hier waren ihm – namentlich was Bewegung anbetraf – die ersten Bedingungen der Kunst Ruhe und Maß, möglichste Einfachheit, möglichste Großheit. Hierbei war ihm ein Zuwenig lieber als ein Zuviel. Von einem Einstudieren vor dem Spiegel sprach er mit Abscheu. »Wenigen wird hierbei einfallen, darauf zu achten, ob ihre Bewegungen unschön sind, sondern die meisten werden versuchen, ihre schöne Person möglichst unnatürlich zu machen. Sie, liebe Rolla, haben Anmut und Sie haben vor allen Dingen Würde; brauchen also durchaus keinerlei Raffinement anzuwenden, um auf der Bühne schön gefunden zu werden. Streben Sie, wenn Sie sich später Ihre Kreise auswählen können, sich viel in der besten Gesellschaft zu bewegen, wo Sie nur edlen Formen begegnen. In dieser Beziehung ist unsere vornehme Welt eine ganz vorzügliche Bildungsanstalt. Leicht und oberflächlich mag man darin sein, die Form mag das Wesen darin erstickt haben; aber das geht uns hier weiter nichts an. Auch das gereicht Ihnen bei Ihrer Natur zum Vorteil: Ich habe noch nie bemerkt, daß Sie im Negligé gehen, weder an Ihrer Person, noch in Ihrem Wesen; sowie Sie auch des von mir gehaßten sogenannten Sonntagskleides nicht bedürfen, um immer festlich gekleidet auszusehen. Das sind Kleinigkeiten; aber unter Umständen können sie große Wirkungen haben.« In solcher Weise verfloß mein Leben mit dem vortrefflichen Mann. Er blieb sich immer gleich und ebendiese seine schöne Gleichheit war es, die mir in seiner Freundschaft ein so himmlisches Gefühl von Frieden, Ruhe und Sicherheit gab. Ich konnte mir nicht denken, daß dieses ernste, edle Antlitz jemals ohne sein menschenfreundliches Lächeln für mich sein könnte, daß diese sanfte, starke Hand sich einmal nicht ausstrecken würde, die meine zu fassen. Ich mochte mich verändern und verwandeln – er mußte bleiben wie er war. Ich konnte irren und mich verirren, aber ihn würde ich finden: immer gleich hilfreich, edel und gut. Wie diese starke, ernste Empfindung mir guttat, wie sie mich gut machte! Dreizehntes Kapitel. Es wird wahr Es schien doch mehr zu sein als ein schöner Traum. Eines Tages erhielt ich ein höfliches Schreiben von dem Bureau der königlichen Schauspiele mit der Einladung: an einem bestimmten Tage vor der Intendanz Probe zu sprechen. Meine Mutter erfuhr auch jetzt nichts davon. Fernow begleitete mich auf dem schweren Gang. Ich sprach einiges, die Herren waren sehr artig gegen mich; weiter erfuhren wir nichts. Nach ungefähr vier Wochen bangen Harrens ein zweites Schreiben: Vor dem Beginn der Wintersaison ein Gastspiel auf Engagement mit freier Wahl der Rolle . Jetzt kam die schöne Stunde: wir teilten es der Mutter mit. Darauf folgte eine ernste Beratung mit dem Freund. Uns blieb ungefähr noch ein halbes Jahr Frist, also Zeit genug zur Arbeit und Vorbereitung. Zuerst mußte die große Frage beantwortet werden; was sollte ich spielen, von welcher Rolle sollte ich den Erfolg abhängig machen? Durchgenommen hatten wir von Lessing: die Miß, Minna von Barnhelm und Emilia; von Goethe: Marianne, Klärchen und – der Sprache wegen! – Stella; von Shakespeare: Porzia und Katharina. Von Schiller blieb mir nur die Luise gestattet. »Wir müssen mit ungemeiner Vorsicht zu Werke gehen. Wie die Menschen nun einmal sind, urteilen sie nach dem ersten Eindruck. Namentlich leistet unser Theaterpublikum in dieser edlen Angewohnheit Außerordentliches. Wir dürfen uns daher ja nicht einfallen lassen, ungewöhnlich sein zu wollen, sondern müssen vor allem daran denken, das zu bringen, was denen im Parkett und im zweiten Rang am besten gefällt. Also was spielen? Am besten sind Sie entschieden als Minna und Porzia. – – Eine junge tragische Liebhaberin zum ersten Debüt Minna und Porzia – das weise Publikum schüttelt bedenklich sein majestätisches Haupt. Als Marianne sind Sie reizend. Doch ziemt sich auch dieses anmutige Kind für keine zukünftige Tragödin. Der Charakter der Stella ist für Sie glücklicherweise noch zu problematisch. Es ist auch ein gar widerwärtiges Stück! Ebenso ist es mit Lessings Engländerin. Ihre Emilia ist eine sehr tüchtige und wahre Gestalt; aber Sie kommen in dieser Rolle zu wenig aus sich heraus. Und die Luise – das tun Sie Ihrem alten Freunde nicht an! Nun bleibt uns aber noch Shakespeare; auch an Kleist könnten wir denken. Das Käthchen ist aber für Sie viel zu naiv. Ihre Katharina ist scharf und geistvoll; aber Sie sind dazu nicht genug kleine Hexe. Sie könnten Ophelia einstudieren und Cordelia, zur Not auch die Julia. Was man zu diesen Rollen braucht: Jugend, Anmut, Empfindung besitzen Sie; aber es scheint mir dennoch nicht das Rechte zu sein. Die im Parkett wollen – und das mit Recht – mehr von Ihrem Talent sehen, als wie Sie als Ophelia Blumen streuen oder als Tochter des großen Königsnarren sentimental sind. Und die Julia – liebe Freundin, ich fürchte: dieser holden Veroneserin sind Sie doch noch nicht ganz gewachsen. Sie kennen ja mein Prinzip: gutes Spiel muß gute Natur sein. Deshalb müssen Sie auch sobald als möglich aus dieser dumpfen Enge heraus, die für Sie ganz das ›Hüttchen auf dem Alpenfeld‹ ist. Sie müssen erleben – liebe Freundin, Sie müssen leiden. – – Ja, machen Sie nur große Augen, lächeln Sie nur! Wir sprechen uns schon noch darüber. Für heute nur so viel: Um Julia Capuletti gut zu spielen, müssen Sie die Empfindungen dieser lieblichen Gestalten nicht nur deklamieren, sondern – eben empfinden können. So aus dem Buch heraus geht das nicht. Selbst Ihre Einbildungskraft würde hier bei gewissen Stellen nur eine mäßige Kupplerin sein. Nein! Wir müssen lieben und zwar müssen wir unglücklich lieben. Lachen Sie nur, Sie werden noch genug weinen müssen. Ich werde Sie nicht einmal darum bedauern. Wie – ich meine es tragisch und Sie fassen es humoristisch auf?! Diese Auffassung ist falsch, mein Fräulein. Sie sind mir viel zu harmlos, viel zu glücklich. Lassen Sie uns erst Leidenschaft und Entsagung, Jammer und Elend aller Art erlebt haben und Sie sollen sehen, was für eine große Künstlerin aus uns wird. Sehen Sie: Sie lachen schon jetzt nicht mehr. Nein, wie die Sachen heute noch stehen, geht es mit der Julia durchaus nicht. Der erste Auftritt, Balkonszene, Verlobung – ausgezeichnet! Der himmlische Morgen nach der Brautnacht: auch für die berühmte Lerche werden Sie die Töne finden. Aber wie wird es, wenn Sie des Phöbus »feuersprühendes Gespann« hinabwünschen sollen? Darüber traue ich mir kein Urteil zu. Das gutmütige Publikum wird gewiß klatschen und nachsichtige Rezensenten werden Ihre Leistungen für »eine junge Anfängerin« recht rühmlich finden. Aber Sie und ich werden weniger entzückt darüber sein. Nun waren wir mit dem, was wir können, so ziemlich zu Ende; nur das süße, arme Märchen ist noch übriggeblieben. Das können wir, das können wir recht gut. Also spielen wir Klärchen!« »Warum nennen Sie denn Gretchen nicht?« »Weil ich wußte, daß Sie es nennen würden. – – Also nicht Klärchen – Gretchen soll es sein! Nun, ich bin damit einverstanden; aber recht gut will es mir auch mit dem Gretchen nicht scheinen. Wir kommen hier in ein ähnliches Dilemma wie bei der Julia. Mir bangt vor der Kerkerszene! Ein verlassenes, halb sinnloses Weib, das in einer fürchterlichen Erregung sein Kind getötet – welche Saite Ihrer Empfindungen wollen Sie anschlagen, um dafür die richtigen Töne zu finden? Gretchen zu spielen ist durchaus nicht so leicht, als ihr jungen Stürmerinnen meint. Als Beweis hierfür mag die traurige Tatsache dienen, daß ein gutes Gretchen eine Seltenheit ist. Ich habe nur einmal ein solches gesehen, als ganz junger Bursche, das habe ich allerdings noch heute nicht vergessen. – – Nein, das Gretchen ist schwer.« »Lassen Sie es mich dennoch versuchen,« bat ich fast flehend. »Ich werde es spielen können! Halten Sie das nicht für Selbstüberschätzung. Ist mir's doch, als trüg ich das ganze Gretchen in mir. Auch ohne einen Faust zu lieben und ohne von einem Faust verlassen zu werden, werde ich es spielen können.« Ich war aufgesprungen. Ich befand mich in einer Erregung, wie ich sie niemals vorher gefühlt. »Nun, ein Faust ist gerade nicht der Mann, den ich Ihnen wünsche,« murmelte Fernow. »Doch, was ist das für Geschwätz!« »– – Gut, versuchen wir es mit dem guten Ding; aber das sage ich Ihnen im voraus: streng werden wir gegen uns sein, unerbittlich streng.« »Also werde ich noch heute der Intendanz meinen ganz ergebenen Besuch abstatten, um den Herren anzukündigen, daß mit Fräulein Rollas Debüt als Grethen eine neue Ära für die königliche Bühne beginnt!« Vierzehntes Kapitel. Vorbereitungen. Luise schlug die Hände zusammen. Sie sei freilich eine unverständige Person; aber das müsse sie denn doch sagen: wenn das vernünftig sein solle, dann könne ihr armer Kopf sich ja wohl gleich bei Herrn Doktor Axel Fernow in die Kur begeben. »Und der Mann soll Tolle heilen!« schloß sie entrüstet. »Ja tollemachen, das kann er!« Um den dunklen Sinn dieses Satzes zu erläutern, sei hier erwähnt, daß Fernow in der letzten Zeit studiumshalber, zum schaudernden Entsetzen Luisens, viel die Irrenanstalt besucht. Zugleich ist es notwendig, einzugestehen, daß seit kurzem mein lieber Freund in Luisens Augen nicht mehr das »Exemplar von Mann« war. Wenn sie jetzt jeden Morgen über den leeren Ölbehälter seiner Lampe ihre Betrachtungen anstellte, so geschah dies nicht mehr aus Besorgnis über die langen Nachtwachen; sondern im hellen Zorn über seine unerhörte Verschwendung von Brennmaterial. Hätte Fernow noch allein in seinem Zimmer zu Mittag gespeist, so müßte ihn eine empfindlich bemerkbare Abnahme seiner Lieblingsspeisen stutzig gemacht haben. Da es aber schwer zu ermöglichen gewesen, daß er am allgemeinen Mittagstisch einzig und allein einen Teller versalzene Suppe, ein zähes Stück eines allerältesten Ochsen oder verbrannten Kalbsbraten vorgesetzt bekommen hätte (Luise konnte doch unmöglich des einen wegen, ihre »Reputät« als Meisterin der Küche bei allen aufgeben!), so blieb Fernow, wie ehemals über die Gunst, jetzt über die Ungunst unserer Gestrengen völlig im unklaren. Diese unglaubliche Verblendung war allerdings nur durch den Umstand möglich, daß Luisens Neigung durchaus kein lieblicheres Antlitz besaß, als ihre Abneigung. Und wenn sie sich auch im Anfang von ihren Gefühlen für das Exemplar von Mann so weit hatte hinreißen lassen, daß sie ihm bei einer zufälligen Begegnung Augen machte, deren Blick (so sehr dies bei einer Jungfrau von Luisens Tugend möglich war) Zärtlichkeit bedeuten sollte, wobei dann ihre strengen Lippen ein verlegenes, sauer-süßes Lächeln umspielte – so hatte Fernow selbst in jenen holdseligsten Zeiten sie wohl für eine zwar sehr ehrenwerte, aber nicht gerade besonders liebenswürdige Dame gehalten. Ohne sich im mindesten daran zu kehren, daß sich durch seine Schuld ein weiches Frauenherz allmählich verhärtete, lebte Fernow in unserm Hause, als ob es auf der Welt keine so majestätische Repräsentantin des unleugbar sehr wohlklingenden Namens Luise gebe. Tagtäglich durchschritt er mir nichts dir nichts den heiligen Raum ihrer Küche, ohne vor dieser Schwelle irgendwelche Ehrfurcht zu empfinden. Aber in geradezu tödlicher Weise verwundete er Luisens Gefühle, indem er selbst an Sonnabend Nachmittagen sich ohne jede Rücksicht gegen ihren frischgescheuerten Fußboden benahm. Die Mutter und ich hatten fortwährend zu beschwichtigen. Doch bin ich noch heute der festen Überzeugung, daß auch ohne diese Besänftigung kein Ausbruch ihrer Entrüstung erfolgt wäre. Uns, die Mutter und mich, liebte Luise; gab es aber einen Menschen auf der Welt, den sie fürchtete, so war dies Doktor Axel Fernow. Er imponierte ihr gewaltig. Der unglaubliche Umstand, daß ihm ihre stattliche Person so wenig bedeutend erschien, flößte ihr unendlichen Respekt ein. Eben noch in vollem Affekt über eine vermeintliche Beleidigung, bezeigte sie bei dem unerwarteten Eintritt des Doktors die größeste Fassung. Während der Mund stumm blieb, hatte nur das, was sie gerade in den Händen hielt, unter dem vollen Ausdruck ihrer empörten Empfindung zu leiden. Aber wahrhaft unerschöpflich war sie in den Variationen des Themas: was das jetzt für eine Welt sei, in welcher junge Frauenzimmer mit jungen Mannespersonen solches Wesen zusammen betrieben, noch dazu mutterseelenallein! Allerdings: wir »studierten« – ei freilich! Sie könne ja in ihrer Küche jedes Wort hören und oft genug sausten ihr die Ohren davon! Zu was wohl um Himmels willen der Doktor mit der Rolla zu studieren brauche. Das möchte sie, eine dumme Person wie sie sei, denn doch gar zu gern wissen. Studieren – die Rolla studieren ! Als wenn die nicht bloß ihr hübsches Mäulchen aufzutun brauchte, um alle Welt »verplext« zu machen. Verdreht sei der Doktor, verdreht sei die Rolla, verdreht die Mutter, verdreht sie selbst, daß sie nicht alle viere wieder zur Vernunft bringe. Wäre solcherart Luise fast zu Fernows Feindin geworden, so hielt die Mutter, die, wo sie einmal vertraute, das unerschütterlich für immer tat, fest zu ihm. Diese beiden verehrten Menschen so innig miteinander verkehren zu sehen, bereitete mir ein beständiges Glück. Sie verstanden sich, wie zwei edle Gemüter das immer tun; und wenn die Mutter Fernows Methode nicht völlig begriff, so glaubte sie doch nicht minder an den Lehrer, wie die Tochter selbst. Ihre größeste Sorge war, daß Fernow aus Teilnahme für mich zu viel Zeit von seinem Beruf fortnehme. Aber er beruhigte uns beide dadurch, daß er uns bewies, wie die Stunde, welche er mir jeden späten Nachmittag schenkte, seine einzige und beste Erholung sei. Auch gehe er nun nicht mehr, wie er das früher fast jeden Abend getan, in das Theater; sondern genieße dies Vergnügen höchst königlich zu Hause. Er beteuerte uns, daß ihm dies letztere weit besser bekäme, da er früher von einem Stücke doch nur einen oder höchstens zwei Akte habe ablauschen können. Nun wickele sich alles weit gemächlicher für ihn ab. So oft ihm möglich, machte er der Mutter in deren Zimmer einen Besuch. Ich wußte, daß sie in vielem seine Vertraute geworden, worüber ich völlig ununterrichtet war. Alles, was ich von seinen persönlichen Verhältnissen erfahren, war: daß seine wohlhabenden Eltern längst tot und er in seinen Jünglingsjahren eine Art von Wilhelm Meister gewesen. Meine Mutter wußte mehr. Als sie einmal eine Bemerkung hinwarf, die darauf schließen ließ, daß Fernow sehr unglücklich, ja, dem Untergange nahe gewesen sei, fühlte ich einen Schmerz um ihn, der mich seit jenem Augenblick nie wieder verließ. Mit gesteigerter Verehrung beobachtete ich an ihm sein stets gleiches, gemäßigtes Wesen, seine schöne Ruhe, seine ernste Schaffensfreudigkeit. Immer sehnlicher wuchs mein Wunsch, ihm seine Wohltaten nicht dadurch zu lohnen, daß ich ihm, die ich ihn so gern durch meine Freundschaft beglückt hatte, neues Leid brachte. Ich hatte eine Ahnung, als ob er auch hierüber mit der Mutter gesprochen. Nun, diese schien ja beruhigt zu sein. Auch über die Schicksale seines Theaterlebens mußte er sie unterrichtet haben. Sehr fiel mir auf, daß meine stille, sanfte Mutter ganz außer sich geriet, als sie hörte, daß Fernow mit mir das Gretchen studiere. Ich versuchte nicht, über so viel Geheimnisvolles nach zu denken; aber auch ich sollte bemerken, wie die eingehende Beschäftigung mit Gretchen dem Freunde ein süßer Schmerz zu sein schien, eine Erinnerung, in der er schwelgte, trotz der Qual, die sie ihm gab. Ich war im höchsten Grade betroffen und mußte nun oft daran denken, was er mir darüber gesagt hatte: »Ich habe nur einmal ein gutes Gretchen gesehen, als ganz junger Bursch. Das habe ich allerdings niemals vergessen.« Sah ich die Mutter und den Freund zusammen, so wollte mich bedünken, als ob von der Milde der Mutter ordentlich auf den Freund übergehe. Sobald er in ihr Zimmer trat, war er wie in geweihter Stimmung: so sanft und gütig mochte er bei einem seiner Schwerkranken sein! Dafür sah ihm aber auch die Mutter jedesmal mit stillem Lächeln entgegen. Länger als es sonst Sitte ist, ruhten die beiden Hände ineinander; beide so weiß, beide so vornehm! Wenn der Freund uns vorplauderte, immer Gutes und Tüchtiges, fuhr die Mutter fort, ihre Blumen zu machen, für welche Fernow eine Teilnahme zeigte, als ob sie die größten Köstlichkeiten des Lenzes wären. Er brachte der Mutter schöne Vorbilder, seltene und kostbare Blüten aus Gärten und Treibhäusern, oft mit vieler Mühe erworben. Auch für die liebenswürdige Kunst sann er auf neue Lehrmethoden und erreichte dadurch, daß die Blumen der Mutter weit künstlerischer gebildet wurden als diejenigen, welche gerade Mode waren. Meine Mutter erhielt infolgedessen von den ersten Magazinen Bestellung und entschloß sich, nach den Ratschlägen des Freundes, ein förmliches Atelier einzurichten, in welchem sie bald eine große Zahl junger Mädchen ausbildete und beschäftigte. Beglückte mich so die Verehrung, ja Ehrfurcht, mit der ich meine Mutter von dem Freund behandelt sah, konnte ich mich oft nicht enthalten, von ganzem Herzen zu wünschen: wär' er doch ihr Sohn! Aber der Sohn der Mutter hätte mein Bruder sein müssen.   Fernow hatte recht: dem armen Gretchen ward in seiner richterlichen Gegenwart oft angst und bange. Er war unerbittlich, unbestechlich! Seine Natürlichkeitsmanie nahm bei diesem Gretchenstudium einen erschrecklichen Charakter an. »Ach, daß es doch so schwer ist, natürlich zu sein,« war mein täglicher Seufzer. Dabei mußte ich jedoch mehr und mehr einsehen, wie begründet Fernows leidenschaftliche Forderung war und wie sehr beim deutschen Theater gegen die heilige Natur gefrevelt wird. Da schwatzt man auch bei der Schauspielkunst so viel von Idealismus und Realismus und liefert dadurch wieder einmal den Beweis: welche Herkulesarbeit es für die meisten Menschen sein muß, vernünftig zu sein. Muß es denn immer gerade Idealismus sein? Kann denn der Weg nicht auch zwischen diesen beiden Extremen ganz bequem und sanft hinführen? »Wenn Sie Ihr Publikum nicht zu überzeugen vermögen, ist Ihre ganze Kunst wertlos. Diese Überzeugung ist meiner Meinung nach nur dann zu erzielen, wenn Ihr Spiel uns so in die Illusion zu versetzen und in ihr zu erhalten weiß, daß wir, die Wirklichkeit vergessend, Dichtung und Spiel für Wirklichkeit nehmen. Dies ist aber nur dann möglich, wenn auch das Spiel immer bei der Wirklichkeit bleibt. Nun kann jedoch die Wirklichkeit nur zu oft recht häßlich sein: sie ist es. Sie von allem Häßlichen zu befreien und zu reinigen und ihr so die Verklärung des Schönen zu geben, muß Ihr erstes und vornehmstes Bestreben sein. Wenn Sie das tun – und Sie können es, ohne im geringsten die Natur verleugnen zu müssen – so idealisieren Sie Ihren Stoff. Sie bleiben real, denn Sie fußen auf dem Boden der Wirklichkeit – Sie sind ideal, weil Sie mit Ihrem Haupte den Himmel grüßen. Einen vorzüglichen Beleg, zu welchen Irrtümern die absolut reale Richtung, die völlige Natur auf der Bühne verleiten kann, geben die Italiener. Diese Menschen spielen, daß alles Spiel aufhört. Aber was müssen Sie dabei mit in den Kauf nehmen! Gewinsel, Geheul, Sterberöcheln, Todeszuckungen – alles mit solcher Natur wiedergegeben, daß man sich voll Ekels von derartiger niederländischer Malerei abwende. Was im Gegensatz zu diesem die Idealisten dem Schauspiel für Unheil gebracht, davon liefern in ihren klassischen Tragödien die Franzosen ein abschreckendes Beispiel. Da stolziert alles auf dem Kothurn, da sind alle Falten Draperien, da ist jede Bewegung Pose, jedes Wort Pathos. Sehen Sie dagegen einmal im Theater Français Molière spielen und Sie werden von diesem Abend eine Epoche in Ihrer schauspielerischen Entwicklung datieren. Sie erfahren, was Ihre Kunst bei der Vereinigung mit dem Idealisten zu leisten vermag. Allerhöchstes, eben das Kunstwerk. Und nun zu unserm Gretchen. Was nehmen wir heute vor?« »Die Szene nach dem Kirchgang abends zu Haus war an der Reihe.« Ich trat ins Stübchen, setzte die Lampe hin, ging, das Fenster zu öffnen. Mir ist so schwül, mir ist so angst! Ich möchte, daß die Mutter nach Haus käme! Ich schauere, ich schelte mich aus. Die Angst zu verscheuchen, trällere ich ein Lied. Dann finde ich das Kästchen und darin den Schmuck. Ich staune, ich putze mich auf: ich finde mich hübsch. Mein eigner, ungeschmückter, junger Hals fällt mir ein. Ich seufze, ich bedauere mich ... Ich glaubte, recht liebenswürdig gewesen zu sein; aber der Freund schüttelte den Kopf. »Noch weit einfacher!« ermahnte er, »noch weit bürgerlicher und schlichter; Sie machen in dieser Szene noch immer viel zu viel. Das Publikum muß kaum merken, daß Sie gut spielen, so ungemein einfach muß der kleine Vorgang geschehen. Besonders das erste. Ihre ahnungsvolle Empfindung, daß Ihnen etwas geschehen werde, ein großes Glück und ein großer Schmerz, müssen Sie weit unbewußter geben. Ein junges Ding, dem ein wenig bang zumute ist, weiter nichts. – – Also noch einmal.« Es geschah noch viele Male. »Ich bitte Sie um alles,« beschwor mich der Freund, »gebrauchen Sie keine weichen Töne, die Gretchen nun einmal gar nicht verträgt. Der Dichter hat sie so fein und zart geschildert, daß die Schauspielerin sehr vorsichtig zu Werke gehen muß, um nicht durch zu viel Farbe die reinen Konturen zu verwischen, oder mit zu lebhaftem Kolorit auf eigene Hand hineinzumalen. Die Linien sind die einfachsten, klarsten, keuschesten, die jemals gezeichnet worden sind. Vor allen Dingen: keine Sentimentalität! Gretchen ist nicht empfindsam. Das Veilchen auf der Wiese ist es auch nicht, trotzdem es dazu von den klugen Menschen gemacht worden ist. Gretchen ist ein Veilchen: Es blüht bescheiden, aber duftet ganz kräftig. Und Gretchens Geschichte? Sie ist kaum eine andere als Bärbelchens und jedermann weiß, daß das eine sehr alltägliche Geschichte ist: Ein junges, verliebtes Ding verführt und verlassen, verzagend und verzweifelnd – manch einem Mädchen, das hold und gut, abends am Brunnen auf ein gefallenes Bärbelchen schmält und dann vor dem Schlafengehen sehnsüchtig ein Lied von Liebe und Treue singt, ergeht es, wie es dem guten Gretchen ergangen. Freilich der Muttermord und der Brudermord und dann, in einem schrecklichen Augenblick der unfreiwillige Kindesmord – das ist fürchterlich! Der Beilschlag des Henkers ist in dieser Tragödie der notwendige Schluß. Und der notwendige Schluß ist: das gerichtete, das gerettete Gretchen von triumphierenden Engelscharen in die geöffneten Himmel getragen.« Solcherart unterwies mich Fernow in Gretchens Geschichte, und erschloß mir so das volle Verständnis dieser allersüßesten Gestalt. »Ob dem Publikum Ihr Gretchen so gefällt wie mir, das ist allerdings etwas zweifelhaft,« bemerkte er mit einem Gesicht, über das ich lachen mußte. »Schlägt Ihnen das Gewissen, nachdem Sie die Tat verbrochen?« fragte ich ihn mit verstelltem Ernst. »Ich mache Sie für die Folgen verantwortlich!« Er starrte mich ganz erschrocken an. »Verantwortlich – Folgen? – – O weh, Doktor Axel Fernow, was haben wir da angerichtet?!« Aber sofort sprach er sich wieder Mut ein. »Pah, Folgen! Gutes kann nur gute Folgen haben. Unser Gretchen ist ein ganz anderes Geschöpf, als das junge Fräulein im Schleppkleide, welches auf unserem Theater ihrem Heinrich auf dem Kirchgang begegnet. Zuerst ist diese Demoiselle naiv, dann gefühlvoll, zuletzt hochtragisch; und diese Mosaik von Empfindungen heißt dann: ›Entwicklung!‹ Übrigens, wenn Sie meinen, daß ich Ihnen durch meine Gretchenvorträge gerade keinen Freundschaftsdienst erwiesen habe, so könnten wir ja einige pikante Nuancen einschachteln, damit die im ersten Rang das gute Kind nicht gar zu langweilig finden: so einige kräftige Drucker! Es ist gerade nicht schwer und wirkt ungeheuer. Sie können das schließlich, ohne sich dabei von mir helfen zu lassen. Eindruck, Effekt machen Sie jedenfalls mehr damit. Also, überlegen Sie's!« Ich lachte meinen klugen Lehrmeister aus. »Ich bin groß und spiele mein Gretchen: Ihr Gretchen! Und wollen sie uns nicht, nun, so ist man – wieder groß und verachtet. – – Ist es so recht, mein gewaltsamer Herr?« Dem war's recht. Fünfzehntes Kapitel. Die Kerkerszene Ich übte an den Vormittagen den schrecklichen Auftritt ein, wobei Luise jedesmal händeringend zur Mutter kam: jetzt sei ich wahr und wahrhaftig toll geworden! und sich weigerte, allein in der Küche zu bleiben, solange ich daneben »herumrase«. Ganz unglücklich machte sie der Umstand, daß ich mich dazu »hergebe«, ein schlechtes Frauenzimmer vorzustellen und noch dazu so eine, die ihr Kind umgebracht. Kurz: Luise war das Lieschen, die für das arme Gretchen keinen Funken von Mitgefühl besaß. »Das müsse ein sauberer Mann sein, der solche Sachen geschrieben,« meinte sie in höchster, sittlicher Entrüstung. Ohne Fernow wäre ich durchaus der allgemeinen Auffassung gefolgt und hätte Gretchen im Kerker wahnsinnig sein lassen. Er belehrte mich eines Bessern. Der Arzt und Psycholog kann sich keinesfalls mit dem Wahnsinn des armen Kindes einverstanden erklären. Daß unser Publikum sich daran gewöhnt hat, Gretchens Kerker zugleich als die Zelle einer Tollen anzusehen, ist bei unseren Theaterverhältnissen ganz natürlich. Ein wahnsinniges Gretchen gibt ein prächtiges Motiv zu schauspielerischen Effekten aller Art, Überlegen wir uns einmal die Lage des armen Mädchens. Faust hat Gretchen verführt. An dem Schlaftrunk, den sie der Mutter gegeben, damit sie glücklich sein sollten, ist diese gestorben. Ihr Bruder ist von dem Geliebten erstochen, der Mörder entflohen, Gretchen verlassen. Aus dem unschuldigen Kind ward fast über Nacht ein unseliges Weib, dem in der Kirche ehrbare Frauen ausweichen und von dem die Mädchen am Brunnen eine noch viel schlimmere Geschichte erzählen, als sie das Lieschen dem Gretchen vom Bärbelchen erzählt hat. In ihrem verödeten Häuschen, darin sie allein mit dem bleichen Geist ihrer Mutter und dem blutigen Schatten ihres Bruders lebt, mag sie ein Dasein führen, in dem jeder Augenblick ein Jammer ist, von keiner Menschenseele zu fassen. Schon damals mag es halber Wahnsinn gewesen sein. Von Zeit zu Zeit sieht die Kupplerin nach ihr, dann und wann schleicht sie sich zu der Mutter Gottes in den Zwinger hinaus, dieser ihre Seufzer und Blumen zu bringen, deren Tau ihre Tränen sind. Während Faust die Blockberg-Bacchanalie begeht, gebiert sie ihr Kind. Mit Tränen und Küssen mag sie es erstickt, an ihrer Brust mag sie es erdrückt haben. Erst nachdem es geschehen, kommt der entsetzliche Gang: Nachts am Bache hinauf, über den Steg, in den Wald hinein, zum Teich! Die kleine Leiche wird gefunden, zu Gretchen kommt das Gericht – »Kindesmörderin« schreit man sie an. Sie wird vor das Tribunal geschleppt, sie wird verurteilt. Man legt ihr Fesseln an, wirft sie in den Kerker, kleidet sie in ein Sterbehemd. – Das kann auch eine stärkere Vernunft, als das arme Gretchen sie hat, verwirren und zerstückeln. Aber wahnsinnig ist sie deshalb doch nicht! Sie vermag, wozu keine Wahnsinnige imstande ist, über ihren Zustand zu denken. Blicke ich auf meine schauspielerische Entwicklung und die Bühnenerfahrungen vieler Jahre zurück, so kann ich diese Lehrmethode: sich ein Drama zu novellisieren, nicht genug empfehlen. Ich habe niemals eine Rolle gespielt, ohne mir dieselbe vorher als ein Begebnis erzählt zu haben. Indem ich mir die hohe Sprache der Dichter auf diese Weise gewissermaßen in meine eigene übersetzte, ward mein Verhältnis zu den Figuren ein weit vertraulicheres. Die Schicksale meiner Gestalten gewannen durch dieses Verfahren derartig für mich an Wirklichkeit, daß ich fähig gewesen, eine Dichtung mit dem vollsten Ausdruck der Überzeugung als etwas wirklich Geschehenes zu berichten. Das Resultat dieser Erfahrungen in einen Satz zusammengefaßt lautet: jede Auffassung einer Rolle beruhe auf einer gründlichen psychologischen Studie; der Schauspieler entwickle sich seine Gestalten, wie dies vor ihm der Dichter getan. Noch immer war Fernow in der Kerkerszene nicht mit mir zufrieden. Gewisse Töne, die er an manchen Stellen für durchaus nötig hielt, konnte ich nicht finden. »Es ist nicht das rechte, es ist nicht Natur; übrigens ist es gar nicht von Ihnen zu verlangen. Wie sollen Sie einen komplizierten Seelenzustand darstellen können, von dem Sie keine einzige Erscheinung im Leben beobachtet haben. Ich weiß nicht, wie Sie es herausbringen sollen.« Darüber verstrichen Wochen. Zu einer für ihn ganz ungewöhnlichen Zeit (es war vormittags) trat Fernow bei mir ein. »Ich muß Ihnen heute zumuten, einen seltsamen Gang mit mir zu tun.« »In Ihre Irrenanstalt, nicht wahr?« »Ja. Wir können nicht länger damit warten; Gretchen verlangt es.« »Aber Gretchen ist ja nicht wahnsinnig.« »Ihr Besuch gilt auch keiner eigentlich Wahnsinnigen. Ich hätte Ihnen von dem traurigen Fall bereits früher gesprochen, wenn mir Ihre Gemütsverfassung dazu geeignet erschienen wäre. Sie sind jetzt um vieles ruhiger, so daß ich Ihnen die Geschichte der armen Anna nicht nur erzählen, sondern Sie auch zu ihr bringen kann. Können Sie gleich mit mir gehen?« Ich machte mich sofort zurecht. Fernow fuhr fort: »Jeder Schauspieler sollte in einer Irrenanstalt lernen und wäre es auch nur um dort zu sehen, wie er Wahnsinnige – nicht spielen soll. Es wird nicht das einzige Mal bleiben, daß ich Sie dahin führe. Solche Studien nach dem Leben können für Sie nur von Nutzen sein. Ganz abgesehen von dem Vorteil, den die Künstlerin aus solchen Besuchen zieht, schadet es auch Ihrem Menschen nicht, einmal zu erfahren, was es auf der Welt für Elend gibt: ›Des Lebens ganzer Jammer faßt mich an.‹ Manchen Zug werden Sie überdies, wie Sie noch heute erfahren sollen, aus dem Irrenhause geradeswegs auf die Bühne bringen können. Sie bekommen Trauriges zu sehen; also wenn Sie sich fürchten – –« Ich stand bereits in Hut und Mantel vor ihm. »Kommen Sie.« Wir gingen. Nach einer Weile begann Fernow: »Wissen Sie, daß wir zu einem wirklichen Gretchen gehen?« »Sie meinen, zu einem verlassenen Mädchen, das ihr Unglück verstört hat.« »Ich meine viel Schlimmeres. – – Anna ist eine Kindesmörderin und zwar eine, welche die schreckliche Tat mit vollem Bewußtsein beging.« »Nein, nein!« rief ich aus, so daß die Menschen stehenblieben und mich anstarrten. »Wollen Sie fahren?« »Wenn es Ihre Zeit erlaubt, möchte ich lieber zu Fuß gehen; wir wären zu schnell dort. – – Bitte, sagen Sie mir alles.« »Das ist bald geschehen. – – Anna ist eine Waise; sie war Putzmamsell in einem vornehmen Modegeschäft, merkwürdig hübsch und überaus tugendhaft. Wie Heinrichs Gretchen von ihrem Kammerfenster aus über die hohe Stadtmauer hinweg die Wolken ziehen sieht und dabei seufzt, so mag auch dieses Gretchen in ihrem Dachstübchen getan haben. Wenn sie aus Spitzen und Blumen allerlei hübsche Sachen machte, saßen die Gefährtinnen um sie her, einander ihre Liebhaber rühmend. Die eine konnte einen neuen Hut beneiden lassen, die andere sogar eine goldene Kette. Anna hörte still zu; auch dann, wenn sie verspottet wurde, daß sie – ein anständiges Mädchen sei. Sah sie dann des Abends in ihrer Dachkammer, so mochte sie ihre langen, goldblonden Haare geflochten – es ist das schönste Frauenhaar, das ich jemals gesehen – und dabei auch ihr Thulelied gesungen haben. Unter dem Hohn ihrer Gefährtinnen, das Herz voller sehnsüchtiger Gesänge, ward Anna bei ihren Bändern, Blumen und Spitzen dreißig Jahre alt. Mutterseelenallein auf der Welt, sah sie, während sie der eleganten Damenwelt einen unverwelklichen Frühling auf die Hüte steckte, die eigene Jugend verblühen. Ich muß sie mir immer vorstellen, wie sie an Sonntagabenden, während die Bärbelchen des Putzgeschäftes die Heldinnen gewisser Bälle waren, auf der Galerie des Schauspielhauses ihr großes Fest der Woche feierte. Vielleicht wurde gerade Faust gegeben, und sie weinte über das Gretchen im Kerker heiße Tränen. Nun, sie wurde selber zum Gretchen. Bis zum dreißigsten Jahre tugendhaft, war sie es im einunddreißigsten nicht mehr. Ein Schmuck war nicht nötig gewesen, allerdings auch keine Frau Marthe. Still war sie immer gewesen, aber wie sie jetzt stumm und blaß wurde, steckten ihre Gefährtinnen die Köpfe zusammen: ›So ist ihr's endlich recht ergangen.‹ ›– – Das ist das Vornehmtun! Plötzlich war sie fort. Da eines Tages gerieten die Sibyllen, die Lieschen und Bärbelchen des Putzgeschäftes in große Aufregung. Die Besitzerin mußte sogar vor Gericht. Was die Dame dort aussagte, half jedoch nichts. Dreißig Jahre tugendhaft und im einunddreißigsten – Kindesmörderin. Viele Milderungsgründe gab es da nicht! Sie hatte heimlich ihr Kind geboren, es erstickt und den kleinen Leichnam begraben, alles bei voller Vernunft. Doch vor Gericht stand sie als eine von Sinnen Gekommene. Ich wurde als Sachkundiger zugezogen. Ich sollte aussagen: ob ihr Verstand schon vor der Tat oder erst nach der Tat gestört gewesen. Ich mußte aussagen: Erst nach der Tat, hoher Gerichtshof.« »Schrecklich, schrecklich!« »Das sind Lebenstragödien.« »Und ihr Wahnsinn ist – –« »Nur tiefe Verstörtheit, allerdings bis zur Grenze des Wahnsinns. Während wir die Gretchenszene studierten, konnte ich bei ihr merkwürdige Wahrnehmungen machen, die mich in meiner Ansicht, daß Goethe sein Gretchen sich entschieden nicht wahnsinnig gedacht, durchaus bestärkten.« »Aber Sie hoffen doch sicher, sie heilen zu können.« »Sicher.« »Und weiß sie, was sie getan? Es wäre fürchterlich! Dann lieber unheilbarer Wahnsinn.« »Bis jetzt ist sie sich des Geschehenen nur auf Augenblicke bewußt und dann völlig traumhaft. Das wird nun freilich bald aufhören.« »Warum muß sie denn geheilt werden?« rief ich aus. »Lassen Sie sie doch bleiben, wie sie ist! Müßt ihr Ärzte denn immer so unbarmherzig-barmherzig sein?! Sterbende, denen der Tod Erlösung vom Furchtbarsten wäre, wieder zum Leben zurückzubringen; das ist ja unerhört, unmenschlich grausam! Ihr habt gewiß Mittel, von denen ein Tropfen alle Qual für immer beendet – warum spendet ihr diesen Tropfen nicht? – – Seien Sie gut, seien Sie groß und geben Sie dieser Bedauernswürdigen, was sie für immer um den Verstand bringt.« »Sie schwärmen.« Ich konnte ihm nichts darauf erwidern: wir waren vor der Irrenanstalt angelangt. Mich überlief jener Schauer, bei dem der Volksmund sagt: »Jemand geht über unser Grab.« Wenn ich damals gewußt hätte. – – Bemerkend, wie die Stimmung des grauenvollen Ortes sich mir schwer aufs Gemüt legte, führte mich Fernow zuerst in den Garten der Anstalt. Es war gerade die Stunde, in welcher sich die leichteren Geisteskranken in drei streng voneinander gesonderten Abteilungen: Männer, Frauen und Kinder im Freien befanden. Sie trugen graublaue kuttenähnliche Gewänder, und nur den weiblichen Kranken waren als Kopfbedeckung ganz leichte Häubchen gestattet. Beobachtend und bewachend hatten sich die Wärter und Wärterinnen unter sie gemischt. Die meisten wandelten miteinander umher, vertraulich mit verschlungenen Armen. Wer sich einsam hielt, wurde von den Wärtern zu den andern zurückgeführt. Viele kauerten auf den Bänken und starrten blöd vor sich hin. Andere waren mit Gartenarbeit beschäftigt. Sie gruben, pflanzten, jäteten, pflückten Gemüse. Ohne lärmend zu sein, führte manche Gruppe eine lebhafte Unterhaltung. Sie sprachen hastig und abgebrochen, oft halb unverständlich; Gebärden oder Mienenspiel waren bei vielen unheimlich lebendig und ausdrucksvoll. Die meisten Frauen hatten ihre Handarbeit mit herausgebracht. Nicht, daß sie immer bleich und elend ausgesehen hätten; aber ihre stierenden Augen, ihre verschwommenen Züge, ihre ruhelosen Hände, mit denen sie unaufhörlich hin und her fuhren, wobei sie mit welken Lippen wirre Worte vor sich hin murmelten – es waren trostlose Bilder der Zerrüttung des menschlichen Geistes. Hier stand einer, der seinen Gefährten eine pathetische Rede hielt, dort lachte ein Weib blödsinnig auf; eine andere begann zu kreischen und um sich zu schlagen. Sie wurde sofort genommen und hinweggeführt. Unaussprechlich traurig war der Anblick der vielen blödsinnigen Kinder; ich sah kein einziges spielen. Ich ging mit Fernow unter allen umher. Die meisten kannten ihn, viele drängten sich zu ihm. Sie redeten ihn an, klagten laut, beschwerten sich heftig, verlangten leidenschaftlich dieses und jenes, gewöhnlich ihre sofortige Entlassung. Während einige völlig sinnlos plapperten, zeigten andere vollkommnes Bewußtsein und größte Klarheit. Fernow behandelte beinahe jeden anders: Mit dem einen sprach er heiter, mit dem andern streng; den einen tröstete, den andern schalt er. Diesem versprach er Abhilfe seiner Beschwerden, bei jenem ging er auf seine fixen Ideen ein; diese wiederum wies er kalt zurück. Ich war erstaunt, wie viel völlig Vernünftiges ich von diesen Unvernünftigen zu hören bekam. Plötzlich faßte ich Fernows Arm. »Um Gottes willen – hören Sie!« Wilde Schreie, wütendes Gebrüll, Geheul, Gegrunz, völlig bestialische Laute. – »Es ist einer der Tobsüchtigen. Lassen Sie sich nicht zu sehr davon ergreifen. Wo die menschliche Vernunft so zerstört ist, hört das Menschliche auf.« »Wie muß das Geschöpf aussehen, dessen Sprache solche Töne sind?« »Martern Sie Ihre Phantasie nicht mit der Vorstellung. Aber jetzt wollen wir hineingehen.« Auch drinnen wurden mir Ohr und Seele von den entsetzlichen Tönen zerrissen. »Sie haben alle Anlage, eines schönen Tages den Verstand zu verlieren,« hatte der Freund bei Anlaß meiner Orsina-Deklamation gesagt. Und jetzt diese Laute! Es gab auch tobsüchtige Frauen im Hause – warum sollte darunter keine sein, die einst wie ich gewesen, schaudernd bei dem Gedanken, daß es in der Welt Wahnsinn gibt. Wir mußten an der Zelle des Tollen vorbei. Trotzdem die Wände, wie Fernow mir sagte, ausgepolstert waren, meinte ich zu vernehmen, daß er mit dem Kopf gegen die Wand stieß. Fernow sah mich erschrocken an und faßte nach mir. Ich wankte und mochte totenbleich sein. Vor einer der letzten Türen blieben wir endlich stehen. »Wenn Sie sich von dem Eindruck, den das Gebrüll jenes Tiermenschen auf Sie gemacht erholt haben, wollen wir eintreten.« Ich bat, das sogleich zu tun. »Warten Sie, Sie können sie erst vorher sehen.« Er schob geräuschlos eine kleine Holzplatte zurück, die in der Tür eine Öffnung verschloß und blickte hindurch. »Wir treffen es günstig. – – Sehen Sie!« Sie saß am Fenster von Sonnenstrahlen umfunkelt. Ihr Gesicht war von mir abgewendet: aber dem zierlichen Kopf nach mußte es reizend sein. Sie trug weder die Tracht der übrigen Kranken, noch das entstellende Häubchen. Auch die Haare waren ihr nicht abgeschnitten worden. Die Sonne schien darauf und ich hätte beinahe einen Ausruf der Verwunderung getan. Fernow gab ein bestimmtes, leises Zeichen, auf welches hin die Irre am Fenster hastig auffuhr. Da die Tür sich öffnete und die Wärterin heraustrat, sah ich auch jetzt ihr Gesicht nicht. »Es scheint heute recht gut zu gehen?« »Sie hat wieder ihre tolle Idee,« antwortete die Frau gelassen. »Gehen Sie hinunter, gute Marianne. Ich möchte mit der Dame allein bei ihr bleiben.« Die Frau nickte und entfernte sich, ohne mich angesehen zu haben. »Marianne war zwanzig Jahre als Kranke in der Anstalt; sie wurde geheilt, wollte aber nicht wieder fort. Sie ist eine unserer zuverlässigsten Pflegerinnen. – – Damit Ihre unbekannte Gestalt sie nicht erschreckt, werde ich vor Ihnen eintreten.« Mit solchem Antlitz eine Mörderin! – – Gott sei Dank, daß ich in diesen sanften, schwermütigen Augen den starren Blick des Wahnsinns gewahrte, daß ich sah, wie die schlanken, blassen Hände sich ruhelos, ruhelos aneinander rieben, als ob sie von jenem schrecklichen Griffe, den sie getan, immer noch schmerzten. Der Freund redete sie an; aber heute gab ihr der Ton der bekannten Stimme nicht das Bewußtsein seiner Gegenwart. Sie horchte auf, war sichtlich bemüht, sich auf ihn zu besinnen, ohne jedoch eine Erinnerung finden zu können. Auf einmal belebten sich ihre Züge. Ein wundersamer Ausdruck von Entzücken verklärte sie förmlich. Sie lächelte glückselig vor sich hin und fragte uns, ob wir zu ihrer Hochzeit gekommen wären. »Aber, gute Anna, du hast ja deinen Kranz noch nicht fertig gewunden,« wich Fernow der Frage aus. Er sprach laut, langsam und nachdrücklich, damit jedes seiner Worte verstanden und möglichst begriffen werde. »Längst ist er fertig,« murmelte die Verstörte. »Seht meine Hände an: ganz mager sind sie geworden vom langen, langen Winden, ganz weh tun sie mir davon.« Sie hob ihre Hände auf. Die waren so blaß, so zart! »Wo hast du deinen Kranz denn hingetan?« Das verstand sie nicht. »Wo sie nur bleiben?« klagte sie leise, »Myrten habe ich auch nicht mehr. Nur ein Reislein behielt ich übrig. Ich habe es eingepflanzt und nun muß ich warten, bis es wächst und blüht. Ich begieße es alle Tage mit Licht.« Am Fenster stand ein Blumentopf mit einem längst verdorrten Stöcklein darin. Aber Anna sah nicht, daß die Blume verwelkt war. Mit stillem Lächeln war sie hingetreten, winkte uns, ihr zu folgen, Zeigte uns voller Stolz ihren Schatz, hob dann die traurige Scherbe in die Höhe, um ihr Myrtenreis mit »Licht zu begießen«. Mich überlief's. Eine Mutter, die ihr Kind umgebracht, wartet freudvoll, leidvoll darauf, daß aus einem verdorrten Stengel Blumen: »Myrten« erblühen. »Ist die fremde, schöne Dame auch eine Braut?« fragte Anna Fernow überlaut und sah mich unverwandt an. Fernow machte mir ein Zeichen, daß ich nicht verneinen sollte. Ich sagte also, daß ich auch eine Braut wäre. » Seine ?« forschte die Irre weiter, auf Fernow deutend. Ich schüttelte meinen Kopf; aber Anna glaubte mir nicht. »Er hat dich schrecklich lieb: er stirbt ja daran! Er wird ja verrückt daran! Verrückt! Verrückt!« schrie sie auf und brach in ein gellendes Gelächter aus. Plötzlich nahm ihr Gesicht einen unsäglich angstvollen Ausdruck an. Sie griff mit der Hand nach der Stirn und fuhr darauf immer hin und her. Mir grauste. Als der heftige Anfall vorüber, redete sie mich von neuem an. »Geht dir's auch so? Du hast einen Liebsten und – und – und – –« Sie stockte und ließ ihren armen, irren Geist in sich versinken, um im tiefsten Dunkel nach Gestalten zu suchen, die sie einst besessen, dann verloren und die nun manchmal in der Nacht ihres Denkens auftauchten, um sofort wieder in einem Gebraus von Bildern unterzugehen. So mußten wir sie verlassen. »Sie sagten, diese Ärmste sei zu heilen,« versuchte ich mich von dem Freunde beruhigen zu lassen. »Teilen Sie mir nur das eine mit: was wird dann aus ihr?« Fernow zauderte mit der Antwort. Von mir zum Sprechen gedrängt, gab er sie endlich: »Derartige Kranke, die zugleich Verbrecher sind, läßt das Gesetz erst heilen, um sie dann zu bestrafen. Einen Mörder zum Beispiel, der selbst seinem Leben ein Ende machen will, und dem das mißlingt, muß ein Arzt mit aller seiner Kunst dem Leben zu erhalten suchen, um ihn aus seinen Händen vielleicht in die des Henkers zu übergeben. Denn dem Gesetz darf nicht vorgegriffen weiden. Mit Wahnsinnigen ist es zuweilen ebenso.« »Diese soll doch nicht – –« »Gerichtet werden? Gewiß nicht! Nur vier bis fünf Jahre Zuchthaus.« Sechzehntes Kapitel. Umfaßt von meinen Armen Die Folgen dieses Besuches zeigten sich bereits bei unserer nächsten Probe der Kerkerszene. Jene gewissen Töne, die ich gar nicht zu finden vermocht hatte, waren plötzlich da. Fernow hatte recht gehabt: manche Züge übertrug ich direkt aus dem Irrenhaus in mein Spiel, So erwies sich zum Beispiel jene unheimliche Beweglichkeit der Hände, namentlich ihr ruheloses Hin- und Herfahren über die Stirn als von größester Wirkung. Bevor ich indessen fortfahre, muß ich an dieser Stelle von einer andern Episode berichten, welche, wie manche Zwischenspiele in Dramen, so auch für das Trauerspiel meines Lebens sehr folgewichtig sein sollte. Oft war zwischen Fernow und mir von meiner großen Tragödin die Rede. Ich hatte ihm erzählt, wie sich durch diese Gestalt die Frage meines künstlerischen Seins oder Nichtseins entschieden. Denn wäre sie nicht vor mich getreten, ein herrlicher Ausdruck alles dessen, was formlos, gleich einem Nebelbild in mir lag, so hätte ich damals vielleicht doch in der dumpfen Schreibstube eines Seminars gesessen, vor mir die Zukunft eines ewigen Gouvernantentums. Dank mir selbst war es anders geworden. Frei konnte ich meine Schwingen regen und mich von der Erde emporheben lassen, auch einer Sonne zu. Ich hatte Fernow bekannt, wie sie in der Theaterakademie an meiner Heiligen gerissen; worüber dieser gleichmütig die Achseln gezuckt: »Du weißt, es ist gemein.« Meine Begeisterung für die Künstlerin teilte er. »In gewissen Rollen, besonders in der Darstellung vornehmer, kühler Frauennaturen erscheint sie mir unübertrefflich. Ihre Antigone, ihre Iphigenie und die Prinzessin im Tasso sind wohl die edelsten, die höchsten Verkörperungen, die von diesen verklärten Gestalten überhaupt gegeben werden können. Aber wie gesagt: kühl bis ans Herz hinan! Mit Leidenschaften wußte sie nichts anzufangen; ihre Orsina zum Beispiel war völlig verfehlt. So gibt sie denn das überzeugendste Beispiel meiner Theorie: man kann nur das mit mächtiger Wirkung darstellen, was man selbst mächtig empfindet.« »Sie wollen doch nicht behaupten, daß sie überhaupt nicht fähig sei, leidenschaftlich zu fühlen?« »Das weiß ich nicht; jedenfalls gestattet sie es sich nicht und jedenfalls vermochte sie nie, Leidenschaften zu überzeugendem Ausdruck zu bringen.« »Ist sie verheiratet?« »Nein.« »Und jene schändlichen Verleumdungen?« »Beweisen wieder einmal, daß auf dieser Welt alles möglich ist. Wie sagt die alte Sibylle im Faust: »Aus eins mach' zehn.« – – Sie müssen nämlich wissen, daß diese Frau berüchtigt tugendhaft ist.« »Sie scheinen ihr daraus einen Vorwurf zu machen.« »Ich will Ihnen meine Anschauung nicht vorenthalten. Die edelste aller Gestalten ist eine Frau, die aus Tugend tugendhaft ist. So oft ich einer solchen reinsten und höchsten Weiblichkeit begegne, feiere ich das wie ein Fest. Es gibt aber wiederum Fälle im Leben, wo ich die absolute Tugend einer Frau für ihr Unglück halte.« »Und diese große Künstlerin?« – – »Ist eine sehr unglückliche Frau.« »Sie mit ihrem Genius unglücklich!« rief ich aus, ganz Fernows Theorie vergessend. »Unglücklich durch ihre Tugend?! Gehen Sie: das ist ja paradox!« »Sie begreifen das nicht?« meinte Fernow mit einem schwermütigen Lächeln. »Mag es Ihnen immerhin noch eine Weile unbegreiflich bleiben. Heute sage ich Ihnen nur das: hätte Ihre Göttin sich gestattet, mehr Weib zu sein, so wäre sie eine größere Künstlerin geworden als sie es war.« Ein anderes Mal teilte er mir folgendes über sie mit. »Ihr Abtreten von der Bühne war eine Notwendigkeit. Zuerst erkrankte ihr Gemüt, dann ihre Brust. Ich sah sie, wie sie kaum imstande war, ihre Rolle zu Ende zu spielen. Dem Publikum, das die Künstlerin ungemein hoch hielt, war es eine wahre Qual, diesen Kampf zwischen psychischer Stärke und physischer Schwäche als Zuschauer beiwohnen zu müssen. Zuletzt war das Haus leer, wenn sie auftrat. Das machte ihr Übel zu einem tödlichen. Sie wohnten ja wohl ihrer Abschiedsvorstellung bei; es war ein schrecklicher Abend! Das Publikum jauchzte ihr zu, glückselig, daß es die verehrte Künstlerin in einem Zustand von scheinbarer Kraft sah. Ich befand mich an jenem Abend hinter den Kulissen, wissend, daß es die letzte Lebensäußerung einer Sterbenden sei. Ihre Iphigenie war ihr Schwanengesang. In derselben Nacht bekam sie einen Blutsturz. Ihr Arzt schickte sie nach Nizza; ich, den sie auch konsultierte, erklärte mich entschieden dagegen. Es war ja nichts als Verlängerung der Qual. Doch hoffte sie wohl noch immer und so reiste sie denn hin. Sie wissen vielleicht nicht, daß sie wieder hier ist.« »Sie kennen sie, Sie kommen zu ihr, Sie wissen, wie es ihr geht und Sie sagten mir nichts?!« »Gewiß nicht. Sie mußten beruhigt werden, statt aufgeregt.« »Aber jetzt bin ich mit Gretchen fertig. Sie wollen ja, daß ich leide; gönnen Sie mir daher diesen Schmerz!« »Ich kann Ihnen auch nichts anderes sagen als daß sie stirbt.« »Sie ist doch bei ihrer Familie?« »Sie hat keine Familie. – – Aber jetzt fragen Sie mich nichts mehr; denn ich beantworte Ihnen nichts mehr.« »So mögen Sie denn wissen,« rief ich außer mir, »daß ich glücklich sein würde, wenn ich nur ein einziges Mal sie fühlen lassen könnte, wie ein Mensch um sie leidet.« Fernow erwiderte nichts und ging. Einige Zeit nach diesem Gespräch sagte er eines Tages zu mir: »Da Sie fast in jedem Stück zu sterben haben, ist es nicht mehr als billig, daß Sie sich auch einmal ein Sterben ansehen. Heute abend werde ich kommen und Sie mit in das Spital nehmen.« »Zu einer Sterbenden?« »Ja. Fürchten Sie nichts. Es wird nicht grausig sein, sondern feierlich.« »Wer ist es? Ein Mädchen oder eine Frau?« »Eine Frau. Ich möchte Ihnen jedoch das Nähere erst später sagen.« Nachdem er gegangen, bereitete ich mich auf das Ereignis vor... Ich sollte zum erstenmal der Majestät des Todes gegenübertreten, den erhabenen Augenblick erleben, wo eine Menschenseele in jenen Schlummer hinabtaucht, von dem wir nicht wissen, ob er einen Traum hat. Wohl würde es feierlich sein! Es war Nacht, als wir unseren Gang antraten. Keiner von uns sprach. Fernow war so ernst, als gingen wir zu dem Sterbebett seiner Schwester. Im Spital angekommen, führte uns unser Weg durch die Säle. Trüber Lichtschimmer erhellte sie notdürftig. Die langen, weißen Bettreihen bestrahlte es matt: mir kam vor, als sei jedes einzelne ein Sterbelager. Lautlos wandelten die schwarzen Gestalten der Nonnen durch die Gänge. Ich hörte Ächzen und Wimmern, ich sah beim Vorüberschreiten todblasse Gesichter und wieder war es des Lebens ganzer Jammer, der mich packte. Die Sterbende, zu der wir wollten, hatte ein Zimmer für sich. Leise traten wir ein, Fernow zuerst. Auch hier brannte nur ein schwermütiges Nachtlicht. Bei unserem Eintritt erhob sich die Schwester, die am Bett gesessen, kam auf uns zu und flüsterte Fernow Bescheid zu. »Ihr Puls ist kaum noch zu fühlen. Aber sie ist völlig ohne Schmerzen und bei vollem Bewußtsein. Sie erwartet Sie sehnlichst.« »Hat sie einen Wunsch geäußert?« »Ja. Sie möchte erst am Morgen sterben; es soll alles Licht um sie her sein. In dem Fall, daß es früher geschieht, möchte sie es hell im Zimmer haben. Ich konnte es nicht eher besorgen, als bis Sie kamen.« »So besorgen Sie es, wir werden schwerlich bis zum Morgen warten können.« Trotzdem ich, die ich ganz nahe stand, das Flüstern der beiden kaum verstanden hatte, war es von der Kranken gehört worden. Sie rief Fernow. Wir traten an das Bett, wo ich mich auf dem Platz der Nonne niederließ, während sich Fernow zu ihr herabbeugte. »Wie fühlen Sie sich?« Sie hatte die Augen geschlossen. Ihr Gesicht war fahl und jetzt schon wie entgeistert. Ich konnte nicht einmal erkennen, ob die Sterbende jung oder alt sei. Sie zwang die bereits schwer gewordenen Augenlider in die Höhe; ich sah ihren erlöschenden Blick. »Wie ich mich fühle? Selig-schmerzlos – wie niemals. Werde ich noch die Sonne aufgehen sehen?« »Nein.« »Wahr, bis zuletzt.« »Ich erwartete Sie; denn ich möchte Ihnen noch manches sagen.« Ich machte eine Bewegung, um aufzustehen; aber Fernow drückte mich sanft nieder. »Mein ganzes Leben lang war ich eine Wartende und Harrende: ich wollte glücklich sein. Nun werde ich's. Kein Auferstehen, keine Seligkeit. Das ist ja eben das Schöne dabei.« Erschöpft schwieg sie; die Augen fielen ihr wieder zu. Fernow wollte ihr zu trinken reichen; ich nahm ihm das Glas aus der Hand. Er verstand mein Gefühl und ließ mich gewähren. Darauf setzte ich mich wieder. Lange Zeit verharrten wir so. Die Schwester kam herein, wurde aber wieder hinausgeschickt. Wieder warteten wir; eine Stunde und noch länger. Dann schlug sie von neuem die Augen auf. »Ich fühle die Erlösung. Laßt es hell um mich werden.« Fernow rief die Schwester. Diese brachte viele Kerzen, die wir anzündeten. Es war ganz festlich. Ich sah am Kopfende des Bettes, versuchte zu beten, vermochte aber nur meine Hände zu falten. Dabei konnte ich kein Auge von ihr abwenden. Der Tod verklärte ihre Züge, machte sie unirdisch schön. – – Wo hatte ich dieses wundersame Antlitz schon einmal gesehen?! »Ich sterbe – – Doktor, ich will Ihnen etwas verraten: ich sterbe, ohne jemals recht gelebt zu haben. Ich habe immer gedarbt, immer geschmachtet. Und da mir der unermeßliche Krösusschatz in den Schoß strömte; da ich, Tantalide, den vollen Pokal an die Lippen setzen konnte, wies ich beides zurück. Ich stieß die Liebe fort und drückte die Kunst an mein Herz! Ich riß mir die Rosen ab und setzte mir Dornen auf! Wie kalt lag es auf meiner Brust, wie schwer auf meinem Haupt: Jetzt weiß ich's: ich hatte zu einem liebenden Weibe mehr Talent als zur Künstlerin. – – Ich habe viele Trauerspiele gespielt. Wie oft mußte ich sterben und mein gutes Sterben wurde beklatscht. Jetzt fällt der Vorhang, lautlos ist's im Hause, die Lichter verlöschen. – – Stumm liegt die Welt wie das Grab.« Entsetzt hatte ich auf sie hingestarrt. Fernow sah mich an, sein Blick erstickte meinen Schrei. – – Wieder eine lange, lange Pause. Dann und wann durchfuhr ein Schauer ihren Körper. Mit meinem erstickten Wehschrei im Herzen wartete ich auf ihren Tod. Aber noch einmal sprach sie: »Einsam habe ich gelebt, aber ich sterbe nicht einsam. Seitdem Sie wieder mein Arzt geworden sind, war es mein Wunsch, in die ewige Ruhe zu dämmern, Ihre Hand in der meinen. Geben Sie mir sie jetzt.« Fernow umfaßte ihre beiden Hände und hielt sie fest umschlossen. »Vor mir der Tag und hinter mir die Nacht!« Aus der Sterbenden war eine Verzückte geworden. Sie hatte sich aufgerichtet: weit offenen Auges schien sie in unendliche Fernen zu blicken. Ich war aufgestanden, ich warf mich vor dem Bett auf die Knie, ich schlang um sie, die nichts Irdisches mehr sah, meine Arme. – – So hielt ich sie umfaßt, bis alles vorüber war.   Dieser Tod war das tragische Ereignis meiner Jugend. Einst wäre es mir als ein Glück ohnegleichen erschienen, hätte ich vor meiner Heiligen hinknien dürfen, mich durch die Berührung ihres Gewandes weihen zu lassen; und nun – umfaßt von meinen Armen war sie gestorben. Seitdem sie aus dem Süden zurückgekehrt, war sie Fernows Patientin gewesen. Ohne Familie, ohne Freunde hatte sie selbst gewünscht, daß man sie in ein Spital schaffe. Da ich doch nicht hätte zu ihr dürfen und mir überdies meine Ruhe erhalten bleiben mußte, hatte Fernow es mir verschwiegen. Aber er verschaffte mir das leidvolle Glück, an ihrem Sterbebette zu knien. Wenn er dabei noch außerdem seine besonderen Absichten gehabt, so erreichte er diese vollkommen. Mein ganzes Innere war durchwühlt von einem erhabenen Schmerz. »Vor mir der Tag und hinter mir die Nacht!« Mir dieses Wort mit der Inbrunst einer Schwärmerin zu dem Motto meines Lebens machend, wandte sich dieses von nun an mit all seinem Streben dem schönen Himmelslicht zu: einst in die ewige Nacht tauchend, wollte ich hinter mir Tag zurücklassen. An einem Herbsttag ward sie begraben. Fernow bot mir in seinem Wagen einen Sitz an, was ich indessen ausschlug. Rechtzeitig fand ich mich vor der Spitalkirche ein, von wo aus der Trauerzug seinen Weg nehmen sollte. Es war hier als solle eine Königin zu Grabe getragen werden. Die Straße war abgesperrt und ihre Eingänge von Polizisten besetzt. Eine lautlose Menschenmenge drängte sich dort. In unübersehbarer Reihe standen die Wagen, so daß ich mich nur mit Mühe in der Nähe der Kirchentür aufstellen konnte. Da stand ich nun. Vom Himmel, der sich dicht mit grauen Wolkenmassen behängt, rieselte es unaufhörbar herab. Es war unsäglich trübselig! Es tat mir nun doch leid, daß ich Fernows Anerbieten nicht angenommen hatte: dieser Vorgang auf der Straße war nach jenem feierlichen Augenblicke ein zu trostloses Nachspiel! Eine Farce nach einer Tragödie. Ich befand mich nämlich mitten in einen Haufen von Weibern eingeklemmt. Sie gehörten sämtlich dem Theater an: Schließerinnen, Ankleiderinnen, Wäscherinnen. Sie sprachen natürlich über die Verstorbene und waren natürlich ungemein gerührt. Einige benutzten die günstige Gelegenheit, sich den Genuß von Tränen zu gönnen. Nachdem die ersten Stürme ihres Beileids vorüber, suchten sich die Gemüter durch vertrauliche Mitteilungen aus dem Leben der Verstorbenen zu beruhigen. Danach erneuter Ausbruch von Jammer und Tränen, erneutes Beruhigen durch die menschenfreundliche Betrachtung: was das für eine Frau gewesen! Nachdem dies Thema erschöpft, kamen gewisse Anekdoten an die Reihe, die widerwärtigsten Kulissengeschichten! Darauf die Berichte über ihr Sterben, wobei jede etwas wissen wollte: was dieser gehört, was jener gesagt, wie dies gewesen, wie das. Erneuter Gebrauch der Taschentücher und heftiges Schelten: wie lange es dauere! Folgte die eingehendste Kritik des ganzen Begräbnisses. Folgte erneutes Wehklagen. Dann heftiges Drängen bei der Nachricht, daß sie kämen! Als die Wagen anfuhren, wurden diese inspiziert. Daß der Hof Equipagen geschickt, versetzte die ganze Gesellschaft in entzückte Rührung. Noch ehe der Sarg kam, stiegen viele aus dem Trauergeleit ein. Ich erfuhr auf das genaueste, wer sie seien. Sogar eine Durchlaucht war darunter! Von der königlichen Bühne seien die und die nicht erschienen – natürlich nicht! Man wisse warum. Das war die A., das der R., das die B. Daß die C. gekommen, war zu schön von ihr! Die Trauertoiletten wurden bekrittelt, ebenso die Kränze, die bestimmt waren, der Toten ins Grab nachgeworfen zu werden. Dabei wurde in Paranthese von dieser und jener diese und jene pikante Geschichte erzählt. Wie betäubt lehnte ich an der Wand. Mein Schmerz ward durch Widerwillen entweiht. Endlich verstummten in der Kirche Musik und Gesang. – – Erneuertes Drängen und Ausstrecken der Hälse. Ob ein Hochzeitszug, ob ein Leichenzug, ob ein Trauerspiel, ob eine Posse – wenn es nur etwas zu sehen gab! Der Sarg kam. Er war über und über mit Blumen bedeckt und wurde von Schauspielern getragen. Ältere Mitglieder der Bühne, die mit der Toten zusammen gespielt, hielten die Zipfel des Bahrtuches. Wir waren die Augen trüb, so daß ich nicht lesen konnte, was auf den langen Atlasbändern in Goldschrift gedruckt stand. Die Lektüre besorgte meine Umgebung. Unter unmäßiger Bewunderung, von Tränen und Schluchzen unterbrochen, wurden die pathetischen Worte einer großen Künstlerin ins Grab nachgerufen, von den gemeinen Stimmen abbuchstabiert, Gott im Himmel! dann taxierten diese Weiber sogar, wie viel Bänder und Kränze gekostet! Länger ertrug ich's nicht. Es gelang mir, mich durchzudrängen und unter eine andere Gruppe zu flüchten, wo man wenigstens schwieg – – Jetzt begann die dem Sarg vorangehende Trauermusik zu spielen. Der Zug ordnete sich. Endlich konnten Wagen und Fußgänger sich in Bewegung sehen. Als eine der letzten schloß ich mich dem Geleit an. Es war ein weiter Weg nach dem Kirchhof. Der graue Himmel, die schmutzige Straße, die Luft voll nassen Nebelgeriesels – es war gerade die rechte Stimmung! Meinen jungen Kopf füllte ein Gewühl von Gedanken. Auf dem Kirchhof wehte der Herbstwind die letzten braunen Blätter von den Bäumen. Sie raschelten über die Gräber dahin, dahin über welke Kränze, über die vom ersten Frost erstarrten Blüten. Ganz entsetzt blickte ich mich um. – – War dies wirklich derselbe schöne Ort, der das Paradies meiner Kindheit gewesen? Hatte ich mir wirklich einmal nichts sehnlicher gewünscht, als darauf auch ein Grab zu haben?! Eine ungeheure Angst faßte mich. Die majestätischen Klänge des Trauermarsches wühlten mir die Seele auf. Licht, Frühling, Sonnenschein – ich wollte leben! Ich stand entfernt von der Gruft, so daß ich von den vielen Reden, die daran gehalten wurden, nur wenig verstand. Es sprachen: der Geistliche, der Intendant, mehrere Schauspieler. Was ich hörte, klang prächtig und erhaben. Um mich her wurde viel geschluchzt – ich konnte nicht weinen. Als sie den Sarg unter Klängen und Chorlied niedersenkten, grüßte ich still hinüber. Ich mußte denken: Da stehen all die Menschen; jeder mit einem Schmerz prunkend, von dem er nichts fühlt. Und hier bin ich, von allen Trauernden die Bescheidenste und Unscheinbarste und – umfaßt von diesen Armen ist sie gestorben! Ich suchte mit den Blicken den Freund und sah ihn abseitsstehend wie ich. – – Ich grüßte mit den Augen hinüber. Du und ich, wir beide könnten auch eine Rede halten. Dich hat sie erkannt und wohl gewußt, von welcher Hand sie ihre erkalteten Hände fassen ließ. Könnte ich es ihr einmal nachtun! Er hatte mich bis dahin wohl nicht gesehen; jetzt schien auch er etwas zu suchen und zu finden. Während sie auf den Sarg die Kränze hinabwarfen, begegneten sich unsere Blicke. Der Schwarm hatte unsere Tote endlich einsam gelassen; nur Fernow und ich standen noch an dem blumigen Hügel, auf dem ich jetzt auch meine bescheidene Spende niederlegte: all die wenigen Blumen, die mir in meinen Töpfen erblüht waren. »Sie war ein reines Weib und eine wahre Künstlerin. Weil sie eine echte Priesterin war, meinte sie eine Vestalin sein zu müssen. Sie hat ihrer Göttin schwer gedient – ruhe sie aus! Sie aber, liebe Freundin, die auch Sie in Ihrem Herzen ein Opferfeuer entzünden wollen, sollten unserer Hinabgegangenen ein Wort – einen Eid nachrufen, der Sie wie ein Talisman gegen das Unheil schützt, dem dieses schöne Leben zum Opfer gefallen.« Und ich, kaum wissend, was ich sprach, flüsterte hinab: Die Flamme lodert und die Sonne steigt!   Siebzehntes Kapitel. Am Vorabend großer Ereignisse. Der große Tag rückte näher und näher. Bereits bemächtigten sich die Zeitungen der Sache. Um das Publikum für mich zu interessieren, wurde diese und jene Notiz über mich gebracht, sogar mein Privatleben in die Öffentlichkeit gezogen. Da dies jedoch ungemein einfach war, so erwiesen sich gewisse Zutaten als notwendig. Fernow lachte, als er mich darüber bestürzt und empört fand und riet mir, mich beizeiten daran zu gewöhnen. Dieser Anfang sei fabelhaft harmlos! Es werde bald ganz anders kommen. Dergleichen müsse man kühl aufnehmen. »Öffentlich gedruckte Unwahrheiten kühl aufnehmen! Wohl gar Verleumdungen! Und das fordern Sie von mir!« rief ich entrüstet. Fernow lachte laut auf. »Sie sind für eine beginnende Künstlerin polizeiwidrig unschuldig. Hatten Sie denn noch nie einen schauerlichen Traum von der Presse? Gutes Kind, Sie werden noch viel davon träumen! Oder wollen Sie etwa gegen diese Macht zu Felde ziehen? Arme Freundin, Sie würden tausend Niederlagen erleben! Ich will Ihnen einen Rat geben: wenn Sie später des Morgens beim Frühstück nicht mit einer wahrhaft zynischen Gelassenheit in den neuesten Tagesnachrichten gewisser Blätter lesen können: daß Sie mit keinem Zoll eine Künstlerin seien, daß Sie den Erfolg des letzten Abends nur der Bravour Ihrer Claque zu danken gehabt hätten – ich sage: wenn Sie das nicht lesen können, ohne darüber Ihren Kaffee nicht kalt werden zu lassen, so lassen Sie mich noch heute der königlichen Intendanz aufkündigen. Ein Königreich für eine pikante Notiz aus dem Privatleben einer Schauspielerin! Machen Sie sich nur darauf gefaßt, von der Presse Dinge über sich zu hören zu bekommen, von denen Sie selbst ahnungslos sind; je intimer, desto besser! Wahrscheinlich wird man Ihnen sogar sehr bald einen Liebhaber besorgen, der natürlich einer unserer ersten Notabilitäten sein wird.« »Meine arme Mutter! – – Im übrigen halte ich es nicht für nötig, daß Sie sich um meinetwillen noch einmal zur Intendanz bemühen.« Diese letzten Wochen brachten überhaupt noch manche Aufregung. Es war nicht anders möglich, als daß ich mich oft in einem wahren Fieber befand. Wiederum war es Fernow, der überall besänftigte und beruhigte. Er ordnete alles, Dinge bedenkend, die mir nicht eingefallen wären. Im häuslichen Rat kam jetzt die Kostümfrage an die Tagesordnung. Bei unseren beschränkten Mitteln konnten wir die Sachen keinem Theaterschneider übergeben, der es Fernow übrigens schwerlich recht gemacht haben würde. So ward denn im abendlichen Familienkreise mit höchstem Ernst beraten: ob Gretchen in Kaschmir ober in Wollenmusselin zum erstenmal vor ein verehrungswürdiges Publikum treten solle? Luise, die eine gute Schneiderin war und für alle Zeit unglücklich gemacht worden wäre, wenn jemand anders als sie die Kleider genäht hätte, zeigte bei dieser Gelegenheit wieder einmal ihre höchste sittliche Entrüstung. Kaschmir! Wollenmusseline! – – Wenn das königliche Schauspielhaus wirklich etwas gar so Vornehmes sei – Ton und Blick bezeigten vollste Verachtung – so wären Kaschmir und Wollenmusseline etwas viel zu Gemeines. Sie wolle nur von Seide und Samt hören! Als wir ihr sagten, daß Gretchen nur ein armes Mädchen gewesen, wollte sie diesen doch gewiß triftigen Grund nicht gelten lassen. Hartnäckig hielt sie sich an Faust. Wenn der freilich auch nur »so einen Doktor« mache (mit scharfer Betonung und einem vernichtendem Blick auf Fernow), so sei dieser Doktor (Blick und Hohnlachen) doch ein spendabler Mann. Wenn er für seine Liebste einen Schmuck kaufen könne, so sehe sie, Luise, nicht ein, weshalb er ihr nicht auch ein Seidenkleid und eine Samtmantille schenken solle. Sie kenne Mädchen genug, die des Sonntags mit Federhüten in die Kirche gingen, von denen man nur zu gut wisse, wo sie herkämen. Wir mußten ihr leider mitteilen, daß sich der Doktor für sein Gretchen mit Schmucksachen begnügt habe, woraus sie schloß, daß er ein Goldschmiedssohn gewesen sein müsse und sich über diesen Ritter sehr höhnisch ausdrückte. Als wir sie endlich so weit gebracht, sich für Gretchen Wolle gefallen zu lassen, verlangte sie leidenschaftlich, daß die Kleider wenigstens recht »schön bunt« sein sollten, womöglich von ihrer Lieblingsfarbe: hochrot. Auch das wurde ihr von Fernow abgeschlagen. Dieser erklärte sogar, daß er nicht einmal die gewöhnliche Farbe aller Gretchenkleider: Blau dulden werde. Um seiner Opposition die Krone aufzusetzen, rühmte er, daß mein Haar zwar stark und lang, aber von dem simpelsten Braun sei. So werde es denn weder ein blaues noch ein blondes Gretchen geben. Man einigte sich schließlich dahin, daß ich auf dem Kirchgang mein Sonntagsgewand: dunkelviolett mit schwarzem Samt, tragen sollte; mein Werkeltagskleid dagegen war grau mit Kirschbraun besetzt. Im Kerker ward mir ein kuttenähnliches Gewand von ungebleichten Linnen aufgenötigt. Den grimmigsten Kampf hatten wir mit Luise zu bestehen, als diese daran ging, die Stoffe zu zerschneiden. Ihr hauptsächlichster und höchster Begriff vom Theater war nämlich der: wunderschöne Damen, wunderschön angezogen, deklamierten irgend etwas recht Rührendes und schrecklich Schauerliches. Unter ›wunderschön angezogen‹ verstand die Gute, daß die Kleider gewaltig lang auf dem Boden hinschleppten. Nichts imponierte ihr mehr als ein Stück, dessen Heldin in einem Schleppkleide verzweifelte und starb. Ihr größter Kummer war bis dahin gewesen, daß ich dies eigentliche und einzige Attribut einer Primadonna noch immer nicht besessen hatte, ihr größtes Glück, daß ich es jetzt endlich bekommen sollte. Obgleich sie weidlich über das ›vornehme Volk‹ schimpfte, das, es lang habend, es auch lang hängen lasse, verlangte sie dennoch kategorisch auf der Bühne ihre Schleppen zu sehen und empfand ein Fehlen derselben entrüstet als eine Schmälerung ihres theatralischen Genusses. Da im Akademietheater mein höchster Staat in einem neuen weißen Wollkleid bestanden, so befand sie sich noch immer in einigen Zweifeln: ob ich denn auch wahr und wahrhaftig jenes bewußte Wunder von Schauspielerin sei, das sie doch selbst aus mir machte. Endlich ereignete sich das Große: sie sollte ordentlich für mich schneidern dürfen. Nachdem ihr nun Seide und Hochrot unbarmherzig verweigert worden, tröstete sie sich im stillen mit den langen Schleppen, durch welche sie den ärmlichen Kleidern wenigstens einigen Glanz zu verleihen gedachte. Ahnungslos, womit sie uns überraschen und beglücken wollte, wurden ihr die Stoffe übergeben. Nachdem sie noch einmal über die Wolle in ein lautes Lament ausgebrochen, beruhigte sie sich allmählich; ja, fing sogar an, Fernows Abwesenheit benutzend, in ihrer Weise ganz lustig zu werden. Ich ließ sie allein mit der Mutter, ging in mein Zimmer und begann zu studieren. Nach einer Weile stürzte die Mutter herein: ich möchte schnell herüberkommen: Luise sei ja wohl ganz und gar verkehrt geworden. Ich begab mich ins Wohnzimmer und sah nun: – – Mitten in der Stube auf der Diele lagen die Kleider zugeschnitten, mit Schleppen, wie sie vielleicht bei großer Cour getragen werden. Über ihrem Werk kauerte Luise und schwenkte uns triumphierend die Waffe entgegen, mit der sie die Untat begangen. »Mutter, wie konntest du das zugeben?« fragte ich halb lachend, halb ärgerlich. »Aber Kind,« wehklagte diese, »du kennst sie ja. Kein Wort durfte ich sagen. Aber wer konnte denken, daß sie sie so lang machen würde. Was wird der Doktor sagen!« »Der!« rief Luise kampfglühend und ihre Schere wie eine Streitaxt schwingend. »Was hat sich der Mann mit Frauensachen zu bemengen? Noch dazu mit unseren Kleidern und Röcken. Schämen sollte er sich.« »Aber Luise!« stammelte die Mutter ganz entsetzt. »Ach, was da aber Luise. Kein Mensch soll mir nachsagen können, daß sich eine Mannsperson mit unseren Kleidern und Röcken zu schaffen gemacht hat. Und wenn Ihnen das auch partutemank egal ist, so ist das mir nicht partutemank egal. Ehrgefühl muß der Mensch haben und das ist kein Ehrgefühl und Schamgefühl auch nicht, wenn sich ein Frauenzimmer von einem Mann über ihre Kleider insolieren läßt, und ist es auch nur so ein Doktor. Ich rede ihm auch nicht in seine Mixturen und Tollen hinein. Und wenn er unsere Rolla mit seinem Unsinn auch schon verrückt gemacht hat und Sie ihn ja wohl für den leiblichen Herrgott ansehen: mich hat er noch vernünftigermaßen bei Verstand gelassen und als meinen Herrgott kann ich ihn auch nicht ästimieren. Er soll nur kommen!« Er kam. Sofort verstummte Luise. Hand und Schere sanken in den Schoß. Scheuen Blickes schielte sie zuerst auf ihr in seiner ganzen Länge ausgebreitetes Verbrechen; dann auf das ernsthafte Gesicht des Eingetretenen, Dieser sah augenblicklich, was hier geschehen. Ohne eine Miene zu verziehen, holte er sein chirurgisches Besteck aus der Tasche, entnahm demselben irgendein scharfes Instrument, beugte sich, wie um Luisens Werk besser anzusehen, herab und ehe diese eine Hand rühren konnte, machte er mit einer Kaltblütigkeit, als ob es einer Amputation gelte, mitten durch die Schleppe dort, wo sie ansetzte, einen großen, klaffenden Schnitt. Luise war entgeistert. »Und nun, Beste,« redete der Freund die Sprachlose mit ungemeiner Höflichkeit an, »werden Sie die Güte haben, sich zu Ihren Töpfen und Tiegeln zu verfügen. Ich bin überzeugt, daß Ihr Kalbsbraten heute mittag wieder einmal ganz vortrefflich sein wird.« Wie im Traum erhob sich Luise, wie im Traum wandelte sie majestätisch davon. Einige Vormittage später begleitete mich Fernow in die erste Probe. Als wir zum königlichen Schauspielhaus kamen, sah ich vor der Kasse die Menschen sich drängen: am Abend wurde die Jungfrau von Orleans gegeben. Einst hatte auch ich dort gestanden, nach Einlaß verlangend, als gelte es der Schwelle des Paradieses, dessen Allerheiligstes mir wie die Steine so unerreichbar schien. Nun stand ich hier und willig öffneten sich mir die Pforten des Tempels! Und wenn Wunsch und Hoffnung schönste Wahrheit wurden, so konnte einmal ein Tag kommen, an welchem – war es Traum oder Tollheit? – um mich spielen zu sehen, dort die Menschen sich drängten. Vor der Tür, die zu den Bühneneingängen führte, standen Schauspieler, Statisten und sonstiges Personal. Der Portier ließ uns erst eintreten, nachdem Fernow ihm gesagt, wer wir seien. Dann bekümmerte sich niemand weiter um uns. Wir gingen durch allerlei Gänge und Räume, die trübseliges Lampenlicht erleuchtete, kamen zu einer Tür, darauf stand in großen Buchstaben: Aufgang zur Bühne. Jetzt ward es bewegt um uns. Man trug Kulissen und Versatzstücke heraus und herein, lärmte, pochte, hämmerte. Balken schlugen auf, Staub wirbelte in die Höhe. Die Luft des Theaters umfing mich und trotzdem es wahrlich keine elysäische war, fühlte ich mich dennoch der Erde entrückt. Auf einmal öffnete sich mir der Blick in den Zuschauerraum. Ich trat von Fernow hinweg und starrte in die Weite, öde Dämmerung hinein. – – Auf der obersten Galerie, dort, wo gerade ein matter Lichtschein sein Spiel auf der Brüstung trieb, hatte ich bei jener Maria Stuart-Vorstellung an der Seite der Mutter gesessen. Sollte es wirklich kein Traum sein, so würden an manchem Abend zwei dankbare Augen dort hinaufschauen und – wie es auch komme und geschehe; kein Beifall, kein Ruhm sollten dämonisch genug sein, mich jemals vergessen zu machen, wie ich einst von dort oben als das Kind einer armen Witwe niederstaunte auf das erhabene Schauspiel. Nie vergesse ich das Herzklopfen, nie den Schauer, der mich überrieselte, als ich darauf über die dunkle Bühne schritt. Wäre ich allein gewesen – ich wäre niedergekniet, die Bretter zu küssen, die mir fortan die Welt bedeuten sollten und das: welch eine Welt ! Und in dieser wunderbaren Welt ich als das Weib, das liebte und litt, das verzweifelte und starb. Was sollte ich tun, mich dessen würdig zu machen?! Ich konnte es allein durch ein Martyrium. In solcher Stimmung hatte ich für die Blicke, mit denen man mich teils neugierig, teils wenig freundlich fixierte, nicht die geringste Empfindung. Da der Intendant, der Regisseur und die ersten Künstler noch nicht erschienen waren, so führte mich Fernow hinter eine Kulisse, wo schon der Thron des Königs von Frankreich für den Abend bereit stand. Ich setzte mich, er blieb neben mir stehen und wir übersahen von da aus das ganze in mystisches Helldunkel gehüllte Bild. Wieder blickte ich in den öden Raum hinab, darin die Pracht der Samtpolster und der Vergoldungen mit grauen Decken überzogen war. Im Parterre hüstelte ein altes Weib umher und fegte den Boden. In einer Proszeniumsloge saßen einige Herren, die sich wohl die Novize in der Probe ansehen wollten. Auf der Bühne selbst war alles in Bewegung. Die Hinterwand war zurückgeschoben; ich erblickte einen Wirrwarr grauer Gerüste. Die Arbeiter setzten für den Abend die Dekorationen auf; es war das wüsteste Durcheinander von Menschen und Dingen in trübster Beleuchtung, ein Bild Grau in Grau. Hinter den Kulissen stand die edle Schar der Statisten: es wurde geschwatzt und gelacht. Um mich möglichst ruhig zu machen, plauderte Fernow. »Unsere heilige Halle hat eine erschreckende Ähnlichkeit mit einer italienischen Dame vor der Fahrt: bis zum späten Nachmittag schauderhaft; dann aufstrahlend, daß man Madame nicht wieder erkennt. Signoras Anbeter sind entzückt! ... Am Tage Auerbachs Keller, ist diese Welt abends das Feenreich schöner Illusionen. Nehmen Sie zum Beispiel dieses Ding. Es soll einen Rosenstrauch vorstellen und er mag derselbe sein, unter dessen Zweigen Gretchen stets ihre Blume pflückt. Es ist ein Bild des Ganzen. Jetzt so grau und so bestaubt, wird es am Abend denen in Parkett und auf den Galerien wundervoll rosenrot entgegenleuchten: ganz wie natürliche Rosen, wie die Näherin im vierten Rang bewundert. Von diesem liebenswürdigen Völklein da – er meinte die Statisten – kann man leider nicht das gleiche behaupten. Aha, da versammeln sich bereits Ihre Kollegen in spe . Die Dame dort drüben mit dem schauerlichen Federhut und dem riesengroßen Ridiküle ist unsere komische Alte, heute Ihre Frau Marthe. Ich habe nicht die Ehre, Madame zu kennen, fürchte jedoch, mehr Wahrheiten über sie aussagen zu können, als diese gute Seele ihr ganzes Theaterleben lang über eine ihrer Koleginnen zum besten gegeben. Leider wird es sich nicht verhüten lassen, daß Gretchen und Frau Marthe sich sehr genau kennen lernen. Da sie natürlichen Humor hat, gehört sie indessen keineswegs zu den Schlimmsten. – – Der junge Stutzer, der sich dort so geistvoll auf der Väter Thron, der in Gretchens Stübchen zu stehen kommt, umherrekelt, wird wohl unser Valentin sein. Eine Kritik über diesen Burschen steht im Faust selbst geschrieben: ›Du gleichst dem Geist, den du begreifst.‹ – – Dort kommt unser Intrigant! Er soll seine Charge nicht nur auf der Bühne meisterhaft spielen. Gegen Sie wird sich Mephisto vermutlich als berühmter Mann menschlich erweisen, was von einem so großen Herrn gar hübsch ist. – – Und dort ist auch schon unser Faust. Sie schwärmen ja wohl für ihn? Erschrecken Sie daher nicht, wenn er nur des Abends jugendlich aussieht, und was seine Statur anbelangt, etwas gar zu sehr dem Hamlet gleicht. Er ist übrigens einer der besten deutschen Schauspieler. Was er Ihnen für ein Kollege sein wird, müssen wir abwarten. Kommen Sie; wir kuppeln Gretchen und Faust zusammen, ohne einer Frau Marthe und eines Mephisto zu bedürfen.« Er führte mich zu dem großen Künstler und sagte ihm, wer ich sei. Ich wurde höflich begrüßt, und weiter nicht beachtet. Bereits nach der ersten Szene wird man liebenswürdiger gegen uns sein, ward ich getröstet.« Ich lächelte meinem Getreuen zu und sagte ihm, daß ich ganz tapfer sei. Jetzt war der Intendant gekommen, mit ihm der Schauspieler, der gerade die Regie hatte. Die Arbeiter waren fertig, der Bühnenraum leerte sich, der Intendant lief mit seinem Buch umher, der Souffleur stieg in seinen Kasten, Regisseur und Intendant nahmen seitwärts im Vordergrund Platz, der Inspizient klingelte, die Choristen traten weiter zurück, alles wurde still. »Nun behüte Sie unsere Muse! Von ganzem Herzen Glückauf!« Er ging hinter die erste Kulisse. Plötzlich kam ich mir ganz verlassen vor. »Ist das Fräulein da?« fragte der Intendant. Ich trat aus dem Hintergrund vor, jetzt eine Zielscheibe aller Blicke. »Dann kann also angefangen werden,« fuhr der vornehme Mann fort, ohne es der Mühe wert zu halten, mich zu grüßen. »Mit dem ersten Akt, Exzellenz?« fragte der Inspizient devot. »Was erster Akt!« herrschte der vornehme Mann ihn an. »Diese Probe findet, wie Sie sehr wohl wissen, nur des Fräuleins wegen statt. Das Personal soll sich ruhig verhalten!« »Dann also gleich den Kirchgang,« sagte der Inspizient und wandte sich mit einer Art Verbeugung zu mir. »Gretchen tritt aus der letzten Kulisse rechts auf und geht hinter die zweite Kulisse links ab.« Der schwere Auftritt mußte mehreremal probiert werden, bis er dem Regisseur zu Gefallen ging. Obgleich wir gerade dieser Szene ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt, war der Intendant unzufrieden. »Noch kein Gretchen gesehen, welches das gut gemacht hatte. Weiter!« Ich wagte nicht, zu Fernow einen Blick hinüberzuwerfen: hatte er doch mein erstes Auftreten stets als überaus gelungen bezeichnet. Wie würde es mit der Szene: zu Haus nach dem Kirchengang werden, die ich ihm nie rechtmachen konnte! Ich gebot meinem klopfenden Herzen ruhig zu sein und spielte. Fernow nickte mir heftig zu: er war also zufrieden. Ich atmete tief auf und glaubte nun, ohne Bangen die Kritik Seiner Exzellenz und des Regisseurs abwarten zu können; eine solche blieb indessen aus. Ein trockenes »Fortfahren« machte meinen Erfolg bei den beiden Herren sehr zweifelhaft. Ich glaubte zu bemerken, daß sie sich bedeutungsvoll ansahen und mein Faust mich mit einem ganz seltsamen Blick fixierte. Die Szene bei Frau Marthe mußte meinetwegen zweimal gespielt werden. Noch immer vermochte ich nicht zu erkennen, wie man über mich und mein Gretchen dachte. Nun kam die Gartenszene, nun kam die Entscheidung. Ich spielte und wußte kaum, daß ich in die Luft griff, als ich meine Blume pflückte. Der Geist des holden Mädchens beseelte mich und ließ mich die Schauspielerin völlig vergessen, die auf der staubigen Bühne, bei trübem Dämmerlicht, vor einem verödeten Hause, vor Herren mit zugeknöpften Oberröcken eine Probe ihres Talentes ablegen sollte, die über ihr Schicksal entschied. Als es vorüber, stand ich tiefatmend da, kaum bemerkend, daß auch jetzt alles stumm blieb. Da fühlte ich mich bei der Hand gefaßt. Ich blickte auf und sah in das erregte Gesicht meines Faustes. »Das nenne ich gespielt! – – Liebe, liebe Kollegin!« Jetzt kam auch der Regisseur auf mich zu: »Ich wünsche Ihnen Glück, vielmehr: ich wünsche uns Glück!« Darauf begab er sich wieder zum Intendanten zurück. »Sehr ungewöhnlich!« hörte ich diese hohe Persönlichkeit sich äußern. Fernow hielt sich fern. Nun kam Erfolg auf Erfolg. Nach der Kerkerszene feierte die Debütantin ja wohl einen völligen Triumph. Mein Faust war ganz aufgeregt. Er machte mir vor aller Ohren eine förmliche Liebeserklärung: Arm in Arm mit Dir, So fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken! Der Intendant blieb der Kühlste. »Kinder! Eure Begeisterung ist recht schön und gut und ich mache dem Fräulein mein Kompliment (ich erhielt in der Tat ein steifes Kopfnicken); aber es ist das, wie ich wiederholt versichern muß, ein so ungewöhnliches Gretchen, daß ich durchaus nicht sicher bin, ob das Publikum in eure Extase mit einstimmen wird und ihr wißt: auf das Publikum kommt es an – selbst bei einer Hofbühne, mein Fräulein.« »Jedenfalls,« meinte der Regisseur, »ist das Gretchen des Fräuleins eine so bedeutende künstlerische Leistung, daß wir das Urteil des Publikums gelassen abwarten können.« Mein liebenswürdiger Faust äußerte sich fast leidenschaftlich über Publikum, Hofbühnen, und mein Spiel. Gleich nach bei Mutter hatte ich an Fernow gedacht. Jetzt kam er. Ich merkte aber in seinem Gesicht eine so heftige Bewegung, daß ich, um ihm zu ersparen, sich mir weich zu zeigen, ihm nur freundlich zunickte, dann gleich fortging, um mir Hut und Mantel zu holen. Wir verabschiedeten uns und gingen. Vor der Tür stand ein Wagen, Fernow hob mich hinein. Jedes drückte sich schweigend in eine Ecke. Zu Hause angekommen, führte ich ihn zur Mutter und sagte: »Mutter, deine Tochter ist eine Künstlerin und das hast du diesem zu danken!« Dann kam die Vorstellung. Ich hielt mich den ganzen Tag über in meinem Zimmer und ließ selbst mein Mütterchen nicht zu mir. Fernow kam nicht; aber er schrieb mir: gute, treue, starke Worte, wie sie nur von ihm kommen konnten. Er fragte an, ob ich seine Gegenwart hinter den Kulissen wünsche, was ich jedoch dankend ablehnte; ja, ich bat ihn sogar, einen möglichst verborgenen Platz zu nehmen. Auch mußte mir meine Mutter versprechen, der Vorstellung nicht beizuwohnen. Fernow übernahm es, sie nach jedem Akte benachrichtigen zu lassen. Als ich am Theater vorfuhr, strömten die Menschen hinein. Welch eine Empfindung! Das respektvolle Grüßen des Personals war mir seit jener ersten Probe nichts Neues mehr; aber sehr froh war ich, als ich vernahm, daß ich eine Garderobe für mich allein habe. Als ich in den kleinen, hellerleuchteten Raum trat, wußte ich, wem ich das zu danken hatte: alles war geschmückt und bekränzt; sogar von meinem Spiegel dufteten mir Veilchen entgegen. Du sollst mir noch einmal über einen harmlosen Lorbeerkranz Moral lesen, dachte ich lächelnd mit Tränen im Auge. Ich schickte die Ankleiderin und den Friseur fort: was braucht es für Gretchen des Kammerdieners und der Zofe?! Als ich mich anzukleiden begann, begann gerade die Ouvertüre. Ich unterbrach das Flechten meiner Zöpfe, kniete hin. Beide Hände vor das Gesicht gedrückt, hörte ich zu. Als der erste Akt zu Ende, kam der Inspizient an meine Tür, um zu fragen, ob ich fertig sei. Er teilte mir mit, daß das Haus ausverkauft wäre. Ich stand hinter den Kulissen, als mein Faust zu mir geeilt kam, um sich zu erkundigen, wie er sagte, ob seinem Gretchen auch wohl sei. Wieder Musik, der ich lauschte, wie es Gretchen im Dom getan haben mochte, als ihr das Orgelspiel den Atem versetzte. – – Dann tönte die Glocke, der Vorhang rauschte auf – ich trat aus meiner Dämmerung in die Lichtfluten hinein.   Um es gleich zu sagen: ich gefiel nicht. Das Publikum blieb kühl bis ans Herz hinan. Ich kam und ging, der Vorhang wurde aufgezogen und unter totenhaftem Schweigen wieder herabgelassen. Mein guter Faust war ganz verstört, Frau Marthe machte ein hämisches Gesicht, Valentin ein freches, Mephisto war dem armen Gretchen ein fast mitleidiger Teufel. Gartenszene, Gretchen am Spinnrad, im Zwinger, im Dom – – Im Hause blieb's lautlos. »Ich begreife heute das Publikum nicht. Sie sehen so liebenswürdig aus, Sie spielen so merkwürdig vortrefflich; aber Ihr Gretchen ist, um mit dem Intendanten zu sprechen, in der Tat so ungewöhnlich, daß die im Parkett und im Olymp völlig verblüfft sind. (Die anderen verstehen nichts davon.) Mein Gott, wie mir das leid tut!« Es war mein freundlicher Faust, der mir das sagte. Auch der Regisseur trat zu mir. »Ich bin von dieser Aufnahme Ihrer Leistung auf das äußerste betroffen. Sie müßten doch Zoll für Zoll Goethes Gretchen in Ihnen erkennen. Allerdings, eine Leidenschaftlichkeit, wie Sie sie in Ihr: »Meine Ruh' ist hin« hineinlegten, muß wohl selbst diesem Publikum bedenklich erscheinen. Ich erwiderte nichts. In mir war ein ungeheures Gefühl des Schmerzes. Trotz alledem dachte ich in diesem Augenblick mehr an Fernow als an die Mutter – als an mich selbst. Die Kerkerszene! Ich wußte nichts von meinem Spiel. Im Hause war es totenstill und totenstill war es in meiner Brust. Als ich einmal Faust ins Gesicht sah, erschreckte mich dessen Ausdruck. Mephisto erschien. Ich rang mit Faust, ich entriß mich ihm, ich betete, schrie mein schauderndes: »Heinrich, mir graut's vor Dir!« Ich stürzte davon, nichts empfindend als: »Es ist zu Ende, es ist vorbei – alles vorbei!« Da – – Ja, war's denn ein Traum? Ein Applaus, daß es den Boden unter meinen Füßen zu erschüttern schien. Ich war bereits in meine Garderobe geschwankt und hingesunken. Der Inspizient kam gestürzt. – – Es galt also mir: Mit schwindelnden Sinnen raffte ich mich auf. Jetzt kam auch Faust. »Aber kommen Sie doch vor! Welch ein Erfolg!« Ich konnte mich nicht regen, ich war wie gelähmt. Faust ergriff mich beim Arm und zog mich sich nach auf die Bühne. Jubel empfing mich. Ich verneigte mich, ich schwankte fort, um wieder herausgerufen zu werden und wieder und wieder. Wie ich in meine Garderobe zurückkam, wußte ich nicht! Fernow stand dort. Ich wollte auf ihn zu, verlor jedoch in demselben Augenblick das Bewußtsein. Wie im Traum fühlte ich noch, wie seine Arme mich faßten, fühlte ich noch den Wunsch: Könntest du jetzt sterben. Achtzehntes Kapitel. Die junge Hofschauspielerin Nach dem Gretchen spielte ich noch Minna von Barnhelm und Marie Beaumarchais, Ophelia und Luise. Jede Vorstellung war ein neuer Erfolg. So ward ich denn unter den Trompetenstößen der Presse als erste jugendliche, tragische Liebhaberin ein festes Mitglied der Hofbühne. Ich war gerade achtzehn Jahre geworden. Mein junger Ruhm verbreitete sich binnen kurzem durch die ganze Theaterwelt. Der bedeutendste deutsche Kritiker, der Lessing unserer Zeit, schrieb in seinem vornehmen Blatte einen Artikel über mich, worin dieser scharfe, lieber tadelnde als lobende Mann sich in Ausdrücken über mein Talent erging, welche Freunde und Feinde dieser schriftstellerischen Macht durch ihren warmen, ja begeisterten Ton in Erstaunen versetzten. Mit einem Schlage war meine Stellung nach allen Seiten hin befestigt. Auch unsere äußeren Verhältnisse erfuhren die größte Umwandlung. Als das Quartal um war, verließen uns die Herren, die aus unseren Pensionären unsere Freunde wurden. Wir gaben die Wohnung auf und bezogen in der Nähe des Schauspielhauses ein kleines, schönes Quartier. Ein Zug meines Wesens, der bis jetzt keine Gelegenheit gehabt, sich zu entfalten, durfte sich nun frei entwickeln. Luxus hatte mich nicht gereizt – nach Schönheit hatte ich mich immer gesehnt! Edle Stoffe zu tragen, von edlen Gegenständen umgeben zu sein, deuchte mir den Menschen selbst zu veredeln. Plötzlich beinahe reich geworden, wollte ich zwar nicht verschwenden, aber auch nichts weniger als sparen. Man wird sich mein Glück vorstellen können, als ich eines Tages meine Mutter in unsere neueingerichtete Wohnung führen durfte, mein und Fernows heimliches Werk; wo sich nun diese Teure im Alter von dem umgeben sah, was sie in ihrer Jugend besessen und meines Vaters wegen achtlos dahingegeben hatte. Ein kleines Gemach, das an ihr Wohnzimmer stieß, war von uns in ein allerliebstes Miniatur-Atelier umgewandelt worden, wo sie all das schimmernde und flimmernde Material, welches sie zu ihren kleinen Kunstwerken gebrauchte; in zierlichen Kästchen geordnet, vorfand. Eine fast ebenso große Freude gewährte mir die Einrichtung von Luisens Küche, daneben eine ›ordentliche‹ Stube mit einem ›ordentlichen‹ Himmelbett und – Luise sank sofort darauf nieder – einem ›ordentlichen Kanabeh‹, in hochrotem Wollendamast glänzend. Um uns ja keine Überraschung entgehen zu lassen, überraschte mich Fernow im Komplott mit meiner Mutter, mit der Ausstattung meines kleinen Salons. Hier bedeckten Teppiche den Boden, schön gemusterte Vorhänge verhüllten Fenster und Türen. Mein Schreibtisch, mit den Büsten meiner großen Dichter und deren Werken, stand von Blumen umgeben. Sehr beglückten mich einige Abgüsse griechischer Statuen und die vorzüglichen Stiche von Raffaels ›Amor und Psyche‹ aus der Farnesina, welche die Wände schmückten. Herzlich mußte ich lachen, als ich nirgends einen Spiegel entdeckte. Fernow, der dieses Möbel haßte, hatte, wie mir die Mutter erzählte, durchaus nicht einsehen wollen, daß ein solches in dem Zimmer einer jungen Dame weder so sehr ungewöhnlich, noch ganz unnötig sei. Die Mutter hatte bei dem jähen Glückswechsel unseres Schicksales die ganze milde Ruhe und Klarheit ihres Wesens bewahrt. Die zärtlichste Mutter, wie sie das war, konnte sie sich jetzt nicht versagen, auch eine stolze Mutter zu sein. Statt eines braunen Scheitels legte sich ein silberner über ihre blasse Stirn. Da freute sie sich denn der schönen, weißbebänderten Spitzenhäubchen; wie sie sich's auch gönnte, ihr schwarzes Kleid mit den feinen, weißwollenen Gewändern zu vertauschen, die ihr dankbares Kind für sie anfertigen ließ. Wenn mein überreicher Erwerb mich beglückte, so war es hauptsächlich deshalb, daß ich der alten Frau, die seit dreißig Jahren nicht erfahren hatte, was ein sorgenfreier Tag sei, hoffentlich noch viele sorgenfreie Jahre geben konnte und so ihre fleißigen Hände endlich ausruhen durften. Doch die ruhten nicht aus! Nach wie vor sproßte Lenz auf Lenz in ihrem Zimmer auf: alle die vielen Blumen, die ihre Tochter zum Schmuck brauchte, waren von einer lieben, liebsten Künstlerin gefertigt. So schlang die Mutter durch das schnell verdorrende Laub meiner Lorbeerkränze ihre unverwelklichen, leuchtenden Blüten. Und Luise? Ich bekam nicht den Größenwahn: statt meiner bekam ihn Luise. Daß es sie nicht um den letzten Rest ihres Verstandes brachte, als wir plötzlich aus kleinen armen Leutchen ›Herrschaften‹ wurden, ist mir heute noch unklar. Ihr Respekt vor der Hofbühne war plötzlich ins Riesengroße gewachsen. Daß ich dort vor ›Königs‹ spielte, versetzte sie in Ekstase. Ihre neue Küche, in der sich jetzt sogar einiges Silber befand, machte sie lange Zeit fassungslos. Daß ich, die es jetzt lang hatte, es auch lang hängen ließ, war für sie eine ganz besondere Genugtuung. Aber was waren alle Schleppen der Welt, verglichen mit ihrem schwarzen Seidenkleid, das auch gerade bis auf den Boden aufstieß. Was der guten Seele vor allem in ihren nicht allzu starken Kopf stieg, war, daß sie fortan die Oberbefehlshaberin mehrerer Dienstboten sein sollte. Luise des Mittwochs und Sonnabends vormittags, gefolgt von einer Magd mit großem Korb, auf den Markt zu begleiten, hätte ich Dickens gegönnt. Sämtliche Geflügel-, Fisch-, Butter-, Gemüse- und Eierhändlerinnen erfuhren aus ihrem eigenen Munde, daß sie ›die Luise der Rolla sei, die bei Königs Theater spiele‹. Mit welcher Ehrerbietung sie da der ganze Markt bediente, läßt sich denken. Sie handelte nie mehr, während sie früher eines Groschen wegen die erbittertsten Fehden geführt. Man müsse den Leuten doch zeigen, wer man sei! meinte sie und zahlte den Preis. Daß sie jetzt täglich kochen und backen konnte, was früher kaum Festtags auf unseren Tisch gekommen, wurde von ihr mit stets neuem Genusse erlebt. Die Kasse der königlichen Hofbühne als die meine, respektive als die ihre betrachtend, verfuhr sie bei ihren Zuckereinkäufen zu ihren Einmachereien mit wahrhaft großartiger Rücksichtslosigkeit. Des Nachmittags gehörte sie der Kunst an. Hatte ich am Abend zu tun, so packte sie eigenhändig den Garderobekorb oder sie gab der Schneiderin Audienz, ordnete meinen, von ihr stets mit großer Verachtung behandelten Schminkkasten; kurz, sie beschäftigte sich durchaus künstlerisch. Fuhr dann an meinen Spieltagen Punkt fünf Uhr der Theaterwagen vor, so befehligte sie das Herabschaffen des Korbes und begleitete mich in die Garderobe. Bald war sie hinter den Kulissen ebenso bekannt und respektiert, wie in ihrer Küche und auf dem Markt. Selbst der erste Held hegte eine Art von Ehrerbietung für ihre stattliche Person; mit Frau Marthe stand sie auf beständigem Kriegsfuß, unsere Tragödin, die mehr gefeiert wurde wie ich, haßte sie auf das grimmigste. Sie hatte hinter der dritten Kulisse ihren bestimmten Platz, den ihr keiner streitig zu machen wagte. Da stand sie denn während jeder Vorstellung, eine Kritik übend, gegen welche Lessingsche Satire eine Harmlosigkeit war. Leider muß ich gestehen, daß Luise sehr bald blasiert wurde. Höchst unzufrieden bezeigte sie sich mit dem Publikum: im Akademietheater sei es denn doch ganz anders gewesen! War vom Hofe niemand zugegen, so wurde sie in ihren Bemerkungen hierüber geradezu staatsgefährlich. Ich prophezeite ihr, einmal wegen Majestätsbeleidigung gefänglich eingezogen zu werden, konnte ihr jedoch damit nicht die geringste Furcht einflößen. Auf der ersten Bank der letzte Platz an der Mitte, so daß sie nicht aufzustehen brauchte, gehörte der Mutter. Gleich daneben saß Fernow. Wie glücklich war ich damals! Kaum minder freundlich als die häuslichen, waren meine Verhältnisse zur königlichen Bühne. Neid und Kabale bin ich wohl bereits damals begegnet. Da mich jedoch mein großes Glück nichts weniger als übermütig machte, ich mich vollkommen zurückhielt und jeden Anlaß vermied, der gegen mich hätte aufreizen können, so habe ich keine Klage zu führen. Daß die Intendanz mich stark beschäftigte, brachte mein Fach mit sich; daß das Publikum mich auszeichnete, die Presse mich ermutigte, waren wohl die Folgen meines ernsthaften Strebens. Übrigens kam ich gar nicht aus der Weihestimmung heraus, so daß mir die ganze Welt verklärt erschien. Ich spielte in jenen ersten Jahren von Goethe: Gretchen, Klärchen und Marie Beaumarchais; von Schiller: Amalie, Leonore, Thekla, Luise, Eboli, Beatrice; von Lessing: Emilia, Minna, Sara, Recha; von Shakespeare: Desdemona, Ophelia, Cordelia. Gretchen blieb meine bedeutendste Gestalt. Der Fernowschen Manier meines Einstudierens fügte ich manche neue Methode hinzu, die sich mir nun selbst aus der Praxis ergab. Ich eignete mir in derselben sehr bald jene Sicherheit an, die man mit dem unleidlichen Worte ›Routine‹ bezeichnet. Die Tage, an denen ich spielte, brachte ich in größter Sammlung und Einsamkeit zu. Mit Vorliebe legte ich bereits am Morgen ein Gewand meiner Rolle an, um mich in deren Geist so intensiv wie möglich einzuleben. Ich traf jedesmal sehr frühzeitig im Theater ein, kleidete mich allein an, was ich auch, wenn irgend möglich, bei dem Kostümwechseln zwischen den Akten tat. Sobald die Musik begann, mußte ich fertig sein, um die letzten Augenblicke nicht an den Fall meiner Schleppe denken zu brauchen. ›Routiniert‹ wie ich spielte, betrat ich die Bühne dennoch nie ohne die heftigste Erregung, sprach ich das erste Wort nie ohne innerliches Beben. Der Beifall berührte mich immer wieder peinlich. Wenn ich die Überzeugung hatte: du hast gut gespielt, so war mir ein stilles Haus das liebste. Sehr schwer fiel mir jedesmal das Wieder-Ausleben aus meiner Rolle und das mich Wieder-Einleben in die Wirklichkeit. Man wird daher begreifen, daß Fernow mein Spiel noch immer viel zu subjektiv fand; wie ich auch nicht verschweigen will, daß jene Ohnmacht nach der Kerkerszene sich noch nach manchem letzten Akt wiederholte. Kam es auch nicht immer gerade so weit, so war ich doch jedesmal über Gebühr erschöpft, zur ernstlichen Besorgnis der Mutter und, wie mir schien auch Fernows. Außer diesen beiden sah ich nach einer Vorstellung niemals jemand. Wir saßen dann in dem traulichen Zimmer der Mutter. Die Teemaschine brodelte. Wir besprachen Dichtung und Spiel. Schön waren auch die Abende, an denen ich nicht auftrat. Konnte Fernow nicht kommen, so befand ich mich im Zimmer der Mutter, mit dieser und Luisen zusammen. Es war ganz wie einst in meiner glücklichen Kinderzeit und doch wie so ganz anders! Du Rebenlaube an unserem Häuschen, wie grüntest du so schön! – – Die Mutter dämmerte im Lehnstuhl, Luise, prächtig geputzt, rührte ihre Nadeln. Verschleiertes Lampenlicht goß sanften Schein über uns aus. Gewöhnlich las ich vor, gewöhnlich ein Stück, in dem ich nächstens aufzutreten hatte. War Fernow bei uns, so wurde die Sitzung zu mir herüber verlegt. Luise schloß sich aus. Sie war versöhnt, aber sie konnte nicht vergessen. Jener grausame Schnitt in ihre Schleppe war ein Schnitt in ihr Herz gewesen. An diesen Abenden las ich ganz in alter Weise mit Fernow; wie ich denn keine Rolle studierte, ohne dieselbe vorher mit ihm besprochen zu haben: Immer fühlte ich mich als Schülerin. Bei dem Bilden meiner Gestalten erging es mir wie jedem redlichen Künstler: sie erschienen mir stets unvollendet, stets unvollkommen. Niemals erreichte mein Können das Wollen. Oft, ich gestehe es, gab ich der Menge ungern das hin, was so ganz mein eigen war. Ich hatte dann das qualvolle Gefühl: da gibst du Seele von deiner Seele, Leben von deinem Leben und – man beklatscht dich dafür! Pathos, Emphase, Pose hatte ich abgestreift, wie ein Gewand, dem ich entwachsen war. Treue Schülerin meines Meisters, suchte ich in allem nach Wirklichkeit und Wahrheit. Nach wie vor übersetzte ich mir die Dichtung in meine eigene Sprache: das ideale Wort in meine eigene Empfindung. Da mußte ich denn oft erkennen, wie meine Seele nur von einem Echo widerklang, während doch das Wort selbst darin hätte tönen sollen! Ich mußte oft einsehen, wie wahr des Freundes: Erlebe, Erlebe! war. Nur selbst den Stachel im Herzen, vermagst du überzeugend von blutenden Wunden zu sprechen, an blutende Wunden glauben zu machen. Erlebe! Erlebe! So rief denn nicht nur des Freundes Stimme unaufhörlich mahnend mich an, meinen jungen Lorbeerkranz von Dornen durchwinden zu lassen – es war meine eigene Seele, die mich drängte, zu leiden. Wäre ich noch lange fortgefahren, glücklich zu sein, hätte mich mein Glück bald unglücklich gemacht. Neunzehntes Kapitel. Ich lebe! Bevor ich von sehr ernsthaften Stunden zu sprechen beginne, will ich der freundlichen Gänge gedenken, die ich mit Fernow zusammen machte, so oft unser beider Zeit es erlaubte. Sie bezogen sich auf eine neue Lehrmethode des Freundes und führten mich in die Museen und Galerien. Hier lehrte Fernow mich sehen. Man lächle nicht über den wunderlichen Ausdruck. Da viele Hunderte in der Tat gleichsam wie ›blind‹ vor Kunstwerken vorbeigehen, so geht daraus hervor, daß es wirklich nicht so leicht ist, vor Kunstwerken seine Augen zu gebrauchen. Mittels meiner eigenen künstlerischen Natur empfand ich vor einem schönen Bilde oder einer edlen Statue in einer sehr dunklen, ahnenden Weise: das ist schön! Jedoch das Warum und das Weshalb: dieses feine Schmecken des Schönen, war mir eine verborgene Wissenschaft, ein mir völlig fremder Genuß. Meine Bewunderung äußerte sich meistens in dumpfem Staunen, ein Gefühl, das mich wenig befriedigte und daher beinahe mehr Unlust als Lust war. Wie ward mir, als mir von Fernow allmählich die Augen geöffnet wurden! Eine neue Welt erschloß sich mir! Sein Verfahren bei Gemälden und Skulpturen war ganz dasselbe wie bei Dramen. Wir befanden uns dem schönen Gegenstand gegenüber, er sprach mit mir darüber, ließ mich ruhig meine unvollkommene Meinung abgeben, sich von mir sagen, was ich vor mir sah, immer mich ermutigend, nach einem klaren Ausdruck meiner Empfindung und Anschauung zu suchen. Dann erst begann er, mehr unterhaltend als dozierend, mir alles das zu zeigen, was er in dem Kunstwerk erblickte. Worauf sich nun in der Zuhörerin gewöhnlich eine wunderbare Metamorphose vollzog. Indem er mich nur zu dem Besten führte, wußte ich in kurzer Zeit, was das Mittelmäßige sei. Dadurch wurden mir lange Irrwege erspart, auf welchen ich an dem vermeintlich Schönen vorbei, endlich sehr spät zum wirklich Schönen gelangt wäre. Von einem jeden Bilde erfuhr ich nicht nur, mit welchen Anschauungen und Mitteln es gemalt; sondern auch in welcher Zeit, welche Schule es repräsentierte; erfuhr ich die Stellung des Künstlers zur Kunstgeschichte im allgemeinen und zu seiner Epoche im besondern. Ohne Buch und ästhetischen Leitfaden entrollte sich so vor meinen Augen ein klares Bild der gewaltigen, überherrlichen Renaissancezeit. Ich lernte ihre Meister kennen, ihie Bedeutung verstehen. Ausdrücke wie: die Venezianer, die mailändische und toskanische Schule – Namen wie Leonardo da Vinci, Raffael, Michelangelo usw. hörten auf, Schall und Klang für mich zu sein. Kurz, ich fing an, mir einige Kenntnisse anzueignen, die mir mein ganzes Leben lang eine unversiegbare Quelle von Glück bleiben sollten. In unserm Museum befanden sich wenige Antiken, wohl aber die Abgüsse aller berühmten griechischen und römischen Skulpturen. Wenn Fernow nur von seinen Griechen reden konnte! An unseren Abenden lasen wir jetzt Sophokles, dessen Erhabenheit mich überwältigte. Dann war es doppeltes Glück, vor den Abgüssen der Niobiden und Parthenon-Skulpturen zu stehen. Antike Skulptur ward mir zur Verkörperung antiker Dichtkunst, mit deren Geist ich mir jene beseelte. Man wird sich schwer die Wirkung davon vorstellen können, als ich in der Kariatyde des Erechteion die Antigone vor mir zu sehen glaubte, als ich in dem Zeus von Otrikoli und der Juno Ludovisi die Götter Homers erkannte. Weil viele nicht verstehen werden, was diese Studien in der bildenden mit meiner darstellenden Kunst zu tun hatten, sei ihnen gesagt: Während meine Augen den Rhythmus der Gestalten genossen, ging dieser selbst wie schöne Melodien in meine Seele über. Gebärden und Bewegung niemals vor dem Spiegel einstudierend, tat ich das durch den verständnisvollen Anblick aller dieser unsterblich schönen Gestalten. Als später mein junger Ruhm wuchs, bekam ich viel über meine Plastik zu hören. Man bewunderte dabei besonders, daß diese fern von aller Pose sei. Wurde ich gefragt, wie ich das machte, von welcher Fanny Elsner ich das lerne, so erregte meine einfache Antwort: ich sehe mir Kunstwerke an! die spöttische Bewunderung mancher meiner Kolleginnen. Hier sei diesen auf das dringlichste geraten, es mir nachzutun und da die wenigsten das Glück haben werden, einen Freund zu besitzen, wie ich ihn besaß, so mögen sie nicht verschmähen, außer ihren Rollenstudien in diesem oder jenem guten Buch einige bescheidene Kunststudien zu machen. Noch besser wäre allerdings ein edler Verkehr mit Künstlern. Anstatt mit Malern und Bildhauern zu soupieren, sollten wir Schauspielerinnen mit denselben die Galerien besuchen; statt uns von ihnen schmeicheln zu lassen, sollten wir ihre Belehrung suchen. Bei dieser Beschäftigung mit der bildenden Kunst sei hier auf etwas aufmerksam gemacht. Wenn eine gebildete Kritik voll Lobes den ernsten strengen Stil meiner römischen und griechischen Gewänder hervorhob – wenn meine Kolleginnen der Meinung waren, daß ich diese Wirkung nur durch zahlloses Anprobieren vor dem Spiegel zu erzielen imstande sei, so möge man wissen, daß ich auch diese Eindrücke nur meinen kleinen Kunststudien zu danken habe. Als ich die erste antike Figur spielte, ließ sich Fernow von der Mutter einige längliche Linnenstücke geben und legte mir nach dem Vorbilde der Kariatyde und der Pudicizia verschiedene Gewandungen an, die nicht genäht, sondern mittels Spangen einfach zusammengesteckt wurden. Länger als eine Woche vor der Aufführung ging ich auf Fernows Rat zu Hause in dieser edlen Tracht umher. So läßt sich der Erfolg meines »idealen« Kostüms und meiner Plastik leicht erklären. Ich trat in keiner Rolle auf, ohne mein Kostüm nach einem historischen Vorbilde gewählt zu haben. Von der Prinzessin Eboli bis zur Luise Millerin suchten wir nach Vorbildern. Da mir die historischen Kostüme geliefert wurden, gab es dabei manchen harten Kampf. Man könne keine Ausnahme machen usw. Auch das Ensemble wurde vorgeschoben, das dadurch gestört werde; kurz, man tat alles, um sich einer höheren Auffassung dieser Frage zu erwehren. Da ich jedoch zäh war, gern auf Pracht verzichtete und man schließlich, nachdem ich es einigemal durchgesetzt, den Erfolg sah, sollte ich, ober vielmehr Fernow, den Triumph haben, nach und nach in dieser Beziehung vielfache Verbesserungen einführen zu helfen. Ich habe erwähnt, daß ich sehr zurückgezogen lebte; wie sollte ich in meiner Weihestimmung, Gefährtin der Mutter und Fernows, mich nach dem sehnen, was man »Welt« zu nennen beliebt?! Betrachtungen, wie ich sie am Schlusse meiner letzten Aufzeichnung niedergeschrieben, waren wohl mehr Stimmungen als Meinungen. Allerdings wußte ich für gewisse Empfindungen nun einmal die Töne nicht zu finden; wie es mir auch auffallen mußte, daß mir alle Klangfarben der Sehnsucht in einer seltsam starken Weise zu Gebot standen. Das Publikum stutzte; es stutzte die Kritik. Mein Spiel wurde unruhig, ja aufgeregt. Vergebens predigte Fernow: »Mehr Ruhe, mehr Maß!« Von meinen Kollegen war mir nur mein Faust näher getreten. Er war ein strebender Künstler und liebenswürdiger Mensch, besaß also Eigenschaften genug, um ihn zu schätzen und seine Freundschaft zu suchen. Da ich sehr oft mit ihm zu tun hatte, kamen wir ziemlich viel zusammen. Manche unserer Szenen gelangten direkt aus meinem Zimmer auf die Bühne. Auch Fernow war er sympathisch, so daß wir drei viele gute Stunden miteinander verlebten. Welche unschätzbaren Belehrungen empfing ich durch diesen Verkehr: »Ich freue mich, wenn edle Männer sprechen, Daß ich verstehen kann, wie sie es meinen.« Was meine übrigen Kollegen anbetraf, so ward ich ihnen kollegialisch befreundet, menschlich jedoch blieb ich ihnen völlig fremd. Es befanden sich wahre Künstler darunter, aber leider wenig wahre Menschen, und nur solche konnte ich zu Freunden gebrauchen. Sie zogen mich nicht zu sich heran; ich drängte mich ihnen nicht auf. Aber entschieden wies ich zurück, was aus der »Gesellschaft« mich aus meiner Einsamkeit in das Gewühl und Getümmel reißen wollte. Das sollte anders werden. Ich hatte zum erstenmal Hero gespielt und zwar mit einem Erfolg, der den meines Gretchens beinah übertraf. Noch völlig berauscht von der herrlichen Dichtung, befand ich mich nach der Vorstellung mit der Mutter und Fernow in meinem Zimmer. Ich hatte mein liebes weißes Gewand angelegt, ein Schleiertuch um den Kopf geworfen, eine Blüte in das Haar gesteckt. Vor Türen und Fenstern waren die Vorhänge zugezogen, im Kamin brannte das Feuer. Das warf glühenden Schein auf die Blattgewächse und auf den Kopf der Niobe, der hinter meinem Schreibtisch auf einer Marmorsäule stand. Wie der Glanz der Flammen über das blasse Antlitz zuckte! Ich sah es an und dachte: du bist Griechenlands Mater Dolorosa! Wie glücklich war doch Hero! Unterzugehen in der Liebe Wellen, in des Schmerzes Wellen – es ist gewiß nicht das Traurigste. Wir hatten über die Dichtung und mein Spiel hin und her geredet und schwiegen jetzt. Die Mutter war in ihrem Lehnstuhl eingeschlummert, Fernow beschäftigte sich mit der Glut. Er häufte mit der Zange die Kohlen, legte neue Holzscheite auf – prasselnd flammte es empor. Wir sahen beide hinein. Dann wandte sich Fernow meinem Ruhebette zu und sagte, um die Mutter nicht zu stören, mit unterdrückter Stimme: »Erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen an jenem trüben Herbsttage am Grabe unserer Freundin sagte?« »Dergleichen vergißt man nicht. Sie nannten die Tote eine Künstlerin, die, weil sie deshalb Priesterin war, Vestalin sein wollte und zugrunde ging. Wenn ich Sie recht verstanden habe: an ihrer Tugend.« »Sie haben mich recht verstanden. – – Und wie wandte ich der Toten Leben und Sterben auf Sie an?« Ich erbebte innerlich. »Ich sollte sein wie sie und doch nicht sein wie sie. Ich glaube, es war das.« »Das war es. Es klang Ihnen damals mystisch. Heute möchte ich mich darüber verständlicher auslassen.« Ich schloß meine Augen. Es dauerte eine Weile, bis Fernow fortfuhr: »Sie haben heute Hero gespielt und werden in einigen Jahren Sappho spielen: zwei Frauen, die unsere Freundin nicht hätte darstellen können. Als wir von ihrem Sterbebett kamen, sagte ich Ihnen, daß ich Ihnen einmal ihre Geschichte erzählen würde. Sie ist sehr kurz und sie ist diese: Sie liebte einen Mann, der sie aus irgendeinem, aber gewiß triftigen Grund – denn er war ein Ehrenmann – nicht heiraten konnte. Ich weiß nicht, wie viele Jahre er ihr treu blieb, wie viele Jahre er, sich in dieser Leidenschaft verzehrend, tief unglücklich war. Sie war es nicht minder, denn er war das einzige, was sie jemals geliebt. Da jedoch die kirchliche Zeremonie nicht stattfinden konnte, ward sie niemals die Seine. Der Geliebte mußte sie schließlich verlassen – verfiel in Ausschweifung, nahm ein tragisches Ende.« Er schwieg. Nach einer Pause sagte ich, noch immer mit geschlossenen Augen, mit stockender Stimme: »Sie machen ihr also ihre Tugend zum Vorwurf?« »Mehr als das: ich nenne sie ein Verbrechen!« erwiderte Fernow stark. Nach einer Weile vermochte ich möglichst ruhig zu fragen: »So hatte sie, da sie nicht seine Gattin werden konnte, seine – Geliebte werden sollen.« Mit angehaltenem Atem wartete ich auf die Antwort. »Allerdings hätte sie werden sollen, was Sie kaum den Mut haben, zu nennen. Ich versichre Ihnen, daß sie mir in diesem Fall bewunderungswürdiger erschienen wäre, als in dem andern.« Ich lag regungslos und wagte nicht zu denken, was er mit seinem Gespräch bezweckte. Da kam er zu mir. Ich fühlte, wie er sich zu mir herabneigte. Jetzt öffnete ich meine Augen. »Sie haben mir noch mehr zu sagen.« »Ja, es liegt mir schon längst auf dem Herzen. – – Bleiben Sie ruhig! Schließen Sie auch Ihre Augen wieder.« Ich tat es nicht gleich. Ich mußte ihn fest und vertrauungsvoll ansehen. »Sie haben bisher an mich geglaubt und mir damit ein Geschenk gemacht, das ich hüte wie mein Glück. Sie sind mir sehr teuer geworden: eine Schwester, die ihrem Bruder Freundin und Kameradin zugleich ist.« Er verstummte. Dann hörte ich ihn schwer Atem holen. Ich wußte nicht, wie mir geschah; aber plötzlich dauerte er mich so, daß ich mich zusammennehmen mußte, nicht laut aufzuschluchzen. Endlich sprach er weiter: »Sie haben heute Hero gespielt. Priesterin der Liebe, zerreißt sie das heilige Gewebe, das ihre geweihte Seele verhüllt. Anakreon hat nicht griechischer empfunden, als in diesem Gedicht Grillparzer: Hero ist der süßeste Ausdruck jener antiken, unbewußten Sinnlichkeit, die für uns das Griechentum in so idealer Weise zu dem glückseligen Zeitalter schöner Natur macht. Wie eine griechische Statue nichts davon weiß, daß sie nackt ist, so wenig würde diese Hero von ihrem holden Leibe wissen, wenn sie vor Leander ihr heiliges Gewand fallen ließe. Beim Fest sieht sie ihn und da er kommt, gibt sie sich ihm, so unbewußt mit solcher Naturnotwendigkeit, wie eine Knospe sich dem Sonnenstrahl öffnet. Sie haben heut jene köstliche Szene gespielt, wie sie vor Ihnen wahrscheinlich noch niemals gespielt worden ist. Ihnen über Grillparzers Hero dozieren zu wollen, hieße demnach Eulen nach Athen tragen. Ich sage Ihnen also nur das: Ihr Spiel hat mir den Eindruck gemacht, als gäbe es auch für Sie keine priesterliche Bande, von denen Sie Ihre Seele, Ihre Frauennatur fesseln ließen.« Da brach es aus mir hervor. »Nur Ihrer Theorie zuliebe soll ich, um eine gute Künstlerin zu sein, wohl gar – – « »Ein schlechtes Weib werden? Ich glaube nicht, daß dies gerade notwendig ist. Kein besonders glückliches Weib, das wäre leicht möglich, das möchte ich, wie Sie wissen, als Ihr aufrichtiger Freund Ihnen sogar nicht anders wünschen. Also hinaus in die Welt, erlebt und gelitten! Betrachten wir einmal Ihren Zustand, wie Sie sich zu dieser Welt, die Sie so scheuen, verhalten – als Künstlerin selbstverständlich. Da ist vor allem die bürgerliche Gesellschaft. Diese ist die natürliche Gegnerin jeder künstlerischen Extravaganz. Hier ist eine Verständigung, ein Verständnis unmöglich. Hier soll jeder Teil für sich bleiben, seine eigene Sittlichkeit haben, seinen eigenen Prinzipien folgen und in starrer Abgeschlossenheit eine chinesische Mauer um sich her aufführen. Die beiden sind in den gesellschaftlichen Elementen das Wasser und das Feuer: hie Bürgertum, hie Kunst! Was die Gesellschaft an Sittlichkeit und Schicklichkeit fordert, wird in den meisten Fällen der Künstler nicht zugestehen, kann es und soll es auch nicht. Niemals wird das Bürgertum die freie Individualität des Künstlers gelten lassen; immer wird der Künstler sich berechtigt fühlen, diese zu behaupten. Ein kühles Urteil muß seine Meinung dahin abgeben, daß jede der beiden Parteien zu ihren Anforderungen und Anschauungen berechtigt ist, daß jede guttut ihrer eigenen Natur zu folgen und am besten täte, auch die andere ruhig nach ihrer Fasson selig werden zu lassen. Der Künstler wird das immer, sich mit einem Achselzucken über den ›Philister‹ begnügend; das Bürgertum, stets mit einem Anathema bereit, wohl niemals. Ganz anders verhält es sich mit jener Gesellschaft in der Gesellschaft. Hier, wo keine Beschränkung und Enge ist, sind auch, in gewissem Sinn, weniger Vorurteile. Da diese Gesellschaft die Kunst protegiert, wird sie sich stets herablassend zu derselben verhalten. Sich als Mäzen fühlend, betrachtet sie die Kunst immer als ihren Klienten. Da sie sich selbst allerlei Freiheiten erlaubt, gestattet sie übrigens solche auch der Kunst. Über Dinge, über welche die bürgerliche Gesellschaft entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und ein Zetergeschrei anhebt, zuckt jene Aristokratin vornehm die Schultern und macht die Sache mit einer anmutigen Handbewegung ab. Ja, die Künstlerinnen haben in ihren Augen gewissermaßen das Privilegium des Mätressentums. Solange ihre Männer, Brüder und Söhne mit der Kunst vornehm tändeln, ihr Bukette und ihr Billetdoux schicken, begnügt sie sich, von ihrer Loge herab, die Dame zu lorgnettieren. Erst wenn die Sache ernsthafter wird, zeigt man, wer man ist. Auch hier sind also die Gegensätze so schroff wie möglich. ›Erlaubt ist, was gefällt‹ – das ist Tasso, das ist der Künstler; ›erlaubt ist, was sich ziemt‹ – das ist Eleonore, das ist die Gesellschaft – verstehen Sie recht: das ist die gute Gesellschaft! Ich sehe nicht ein, wie zwischen Tasso und Eleonore ein wirklich sicheres Verständnis herbeigeführt werden kann. Stets wird der Künstler für erlaubt halten, was ihm gefällt, stets wird die Gesellschaft nur das gestatten, was sich ziemt (wäre es auch nur der Form nach). Da solch ein geistiger gordischer Knoten sich mit keinem Schwertstreich durchhauen läßt, erkenne ich keine andere Lösung, als auch hier möglichste Trennung der Gegensätze.« »Sie stellen also die Kunst außerhalb der Gesellschaft. Ich begreife, daß es notwendig ist und wünsche nur, die eine von der andern gänzlich unabhängig zu machen.« »Den Klienten unabhängig von dem Mäzen?!« Wieder wallte es heiß in mir auf. »Sie erniedrigen die Kunst! Was sonst machte sie so stolz und so schön, als daß sie frei ist?!« »Sie sind ja wohl Hofschauspielerin, liebe Freundin?« ward mir mit einem feinen Lächeln erwidert. Ich mußte schweigen. »Nein,« fuhr er fort, »die Konflikte sind nicht zu vermeiden, darauf müssen Sie sich vorbereiten.« »Weshalb? Wenn ich bürgerlich – wenn ich gesellschaftlich korrekt lebe?« »Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus. Denken Sie an unsere Tote.« »Sie war unglücklich; könnte ich nicht glücklich sein?« erwiderte ich mit etwas unsicherer Stimme. »Warum könnte ich das nicht?« »Weil das Leben es nicht zulassen wird. Wie stellen Sie sich denn eigentlich Ihren Zustand vor? Sie selbst sehen ein, daß diese Abgeschlossenheit unnatürlich ist, daß sie aufhören muß. Ohne daß Sie wollen, werden Sie erfahren und erleben müssen. Sie werden in die Welt treten, Sie werden gefeiert, Sie werden geliebt werden – Sie werden lieben. Jung und sehnsuchtsvoll, wie Sie sind, werden Sie das bald. Was soll dann geschehen?« »Ich weiß es nicht! Wie soll ich das wissen?' murmelte ich. »Richtig: wie sollen Sie das wissen. Und doch könnte es gut sein, sich in Ihrer Seele darauf vorzubereiten.« Ich stand auf, auch die Mutter regte sich. Fernow war so bleich, daß mir sein Anblick Schmerz machte. Diese Nacht schlief ich nicht. Als der Morgen graute, hielt ich es nicht länger aus. Ich schlich mich in das Schlafzimmer der Mutter, setzte mich an ihr Bett – hier ward ich ruhiger.   Bald nach diesem Gespräch entriß ich mich der Einsamkeit meines Privatlebens. »Frisch hinein in den Wogenschlag!« ermutigte mich Fernow. »Es ist kein Meer, darin ein starker Schwimmer untergehen könnte. Je eher Sie damit anfangen, desto schneller kommen Sie damit Zu Ende. Bis jetzt ist noch zu vieles Illusion für Sie. Diese muß durch Erfahrung zerstört werden, denn bei Illusionen solcher Art wirkt selbst die harmloseste verderblich. Sie gibt falsche Begriffe, also Unwahrheiten.« »Ich denke, daß ich zu sehr Ihre Schülerin bin, um zum Beispiel die Illusion: Gesellschaft, zu besitzen, mein Herr Demokrat. Wenn ich nur deshalb in diese Scylla und Charybdis hinein soll, bleibe ich lieber auf sicherm Lande.« »Es hilft Ihnen nichts – hinein müssen Sie!« meinte der Unerbittliche. »Also die Augen zu und den Sprung getan.« »Ich will mutig sein und die Augen lieber offen behalten.« So geschah es denn auch. Ich ging in die Welt, ließ mich einführen, gab Karten ab, nahm Einladungen an, besuchte Diners und Soupers, eröffnete selbst einen Salon. Wie ich in kurzer Zeit der erklärte Liebling des Publikums geworden, so fuhr man auch jetzt fort, über Gebühr liebenswürdig gegen mich zu sein. So mußte ich denn allerdings meine Augen recht offen behalten, um nicht, entweder mit Undank zu sehen, oder mich durch Schein blenden zu lassen. Ich hatte mir vorgenommen, alles möglichst gelassen zu betrachten. Alles möglichst gemächlich auf mich wirken zu lassen, alles mit Vorsicht, aber ohne Argwohn aufzunehmen. Sehr erstaunt war ich, als mir von verschiedenen Seiten zu verstehen gegeben ward, daß man auch hier wiederum meine ›Routine‹ bewundere. Ich benahm mich zwanglos und natürlich; es war also bei meinem Auftreten nicht die geringste Kunst. Oder glaubte die Gesellschaft, daß sie jedem Neuling imponieren müsse? Imponieren – wodurch? Durch Äußerlichkeiten?! Ohne die Absicht zu haben, mit meinem besseren Wesen zurückzuhalten, mußte ich das doch tun, als ich einsah, daß man dieses Mitteilen meines Ichs durchaus nicht von mir wollte. In eleganter Form wurde Leichtes und Leichtestes ausgegeben und nichts anderes vom anderen verlangt. In dem Bewußtsein meiner Aufrichtigkeit konnte ich gelassen, ja heiter beobachten, wie sie um mich her aufrichtig waren. Es erwies sich, daß ich mich recht erkannt hatte: die Illusion einer Welt, wie sie sich mir auf glattem Parkett, unter Kerzenglanz und Parfüms mit flimmernden Ordensbändern und rauschenden Roben präsentierte, besaß ich nicht, konnte mir also gar nicht zerstört werden. Da ich keine großen Erwartungen mitgebracht hatte, blieben mir große Enttäuschungen erspart. Ich mußte mich fragen: Was wollen diese Menschen, was bezwecken sie? Und mußte mir antworten: Sie wollen ihr Leben genießen und das auf eine Weise, wie sie jedem bequem ist. Da mußte denn vor allem schwerfällige Ernsthaftigkeit und mühsamer Verbrauch von Gedanken und Empfindungen abgetan und verbannt werden. Vor allen Dingen keine Sentimentalität und vor allen Dingen leichte, anmutige Formen! Man wollte nicht unterhalten werden; man redete nicht, sondern man machte Konversation. Statt gründlich zu sein, war man mit Anmut oberflächlich; statt ernsthaft mit Vorsicht, pikant; wie man denn auch statt liebenswürdig galant war und statt in einem schönen Sinne menschlich, im aristokratischen vornehm. Immer bezeigte man sich zufrieden mit Form, niemals forderte man Wesen. Es war für mich, die Schauspielerin, schließlich ganz lustig, zu sehen, wie sie um mich schauspielerten. Die Komödie, oder vielmehr das Spektakelstück: die Gesellschaft, war mit einem Glanz in Szene gesetzt, dagegen sich unsere Regisseure als wahre Pfuscher vorkommen mußten. Die Dekorationen waren kostbar, die Kostüme prachtvoll. Von dem Wirrwarr und dem Unerquicklichen hinter den Kulissen sahen selbst die Akteure nichts. Ganz vortrefflich, geradezu meisterhaft, war das Ensemble. Jeder hatte seine Rolle im Kopf, jeder wußte genau, was er zu sprechen, zu tun – was er zu denken habe. Jeder kannte genau seinen Platz, brauchte weder Souffleur noch Stichwort und spielte seinen übernommenen Saloncharakter, als ob er ihn lebe. Was nun das Stück selbst anbetrifft, so fällt mir nicht ein, mich sittlich darüber zu entrüsten. Daß es den Stempel seiner französischen Mache trug, war allerdings nicht zu leugnen. Die meisten Gestalten waren typisch. Die treulose Frau, die vornehme Verschwenderin, die vornehme, problematische Natur, der Roué, der Parvenü, der aristokratische Gründer, die aristokratische Dirne und was dergleichen stereotype Personen eines »modernen« Sittengemäldes mehr sind. Man pflegt unsere Geselligkeit Zerstreuung zu nennen und gibt damit dem Ding seinen Namen. Alle die Menschen, die sich so geräuschvoll um mich her bewegten, schienen nur von diesem einen Bedürfnis beseelt zu sein. Zugleich hörte ich, wie die Gesellschaft forderte, gewissermaßen als geheiligtes Institut betrachtet zu werden, als Repräsentantin höchster Sittlichkeit. Zu dem Adel des Namens legte man sich mit großem Nachdruck den Adel der Gesinnung bei. Indem man sich für das Zentrum aller Würde und Vornehmheit hielt, warf man sich zu der souveränen Machtgeberin auf, die nicht nur sich selbst ihre Gesetze gab, sondern auch allem, was nicht aristokratisch – also vasallisch – war, vorschreiben wollte: La monde, c'est moi. Was mir persönlich am meisten in dieser distinguierten Gesellschaft auffiel, war der Umstand, daß ich nirgends auf volle und große Empfindungen stieß. Indem man nur nach außen hin lebte, verwahrloste man sein Inneres; indem man alles nur für die Konversation anwandte, sammelte man in sich selbst keinen Inhalt. Wurde zum Beispiel nach einem Buche gegriffen, so taten das die meisten nicht, weil sie Freude oder Genuß an einem guten Werke haben wollten, sondern hauptsächlich deshalb, um darum eine Meinung abgeben zu können, die, um möglichst bedeutend zu sein, möglichst verneinend ausfallen mußte. Denn um Gottes Willen nur keine Begeisterung, nur keinen warmen, unmittelbaren Ton, nur keine rechte Freude an einem Kunstwerk. Ich hatte oft Mitleid mit ihnen. Unsere Sprache hat so schöne Worte, wie ist es da möglich, die Phrase schön zu finden? Warum kann man sich nicht damit begnügen, den Körper Toilette machen zu lassen? Warum gehört zur Salonfähigkeit auch den Geist zu kostümieren. Arme Menschheit! Auch für deinen Geist machst du dir Moden! Ich hatte den besten Willen, unter so vielen Hüllen nach dem reinen Menschen zu suchen – ach, ich fand ihn nicht! Dann sah ich mir diejenigen an, die mir vor der Allgemeinheit als außergewöhnlich schön oder liebenswürdig oder geistvoll bezeichnet wurden. Das erstere ließ ich gern gelten, ihren Anblick wie ein Kunstwerk genießend. Auch von der Liebenswürdigkeit ließ ich mich entzücken, so oft es gehen wollte. Allein bereits bei den ›Geistvollen‹ erlaubte ich mir, ehe ich mit dem bewundernden Ausruf bereit war, ein bescheidenes Fragezeichen dahinter zu setzen. Ähnlich erging es mir bei solchen Frauen, die alle drei Eigenschaften in sich vereinigen sollten. Hier muß ich nun meine Enttäuschung gestehen. Wenn ich von diesen für meine Kunst: Menschen darzustellen, hätte lernen müssen, so wäre es traurig mit mir beschaffen gewesen. Ja, Toiletten, distinguierte Manieren, wie man die Schleppe wirft, den Fächer hält, sein Haupt trägt, mit lässiger Anmut sich in einen Fauteuil schmiegt, mit höchster Kunst der Enthüllung weiße, tief entblößte Schultern zeigt, einen schönen Arm hebt, auf leeres Geschwätz mit leerem Geschwätz antwortet, mit ›vornehmem‹ Nicken dem Gruße eines Herrn dankt, daß ich, wenn ich der Mann wäre, nicht zum zweitenmal den Hut abziehen würde. – Dergleichen konnte ich freilich bis zur Meisterschaft lernen, alles Dinge, die ich indessen für eine Iphigenie oder Brunhilde wenig gebrauchen konnte. Nicht viel besser erging es mir mit den meisten Männern. Viele davon mochten ja sein, was man sie nannte: geistreich, interessant. Ich ließ sie interessante Männer sein, ohne mich für sie interessieren zu können. Gegen diesen Repräsentanten der jeunesse dorée , wie sie in zahlreichen Exemplaren dieser angenehmen Männerspezies frisiert und parfümiert mit gekräuselten Stutzerbärtchen und langen, rosigen Nägeln, mit Binokel und Monokel die typische Staffage aller Salons bilden, besaß ich eine Antipathie, die leider nicht gegenseitig war. Ebensowenig reizvoll erschienen mir unsere jungen Halbgötter mit Sporen und Epauletten, die Helden des Kasinos und Jockeiklubs, die angehenden Diplomaten und angehenden Wüstlinge, die Männer von Welt mit Erfahrungen, welche die Ursache davon waren, daß sie frühzeitig ihre Haare färben und hinter ihren Augengläsern zwinkern mußten, sobald man in ihrer Gegenwart so jugendlich schwärmerisch von tugendhaften Frauen sprach. Fast jedem dieser Herren galt eine Schauspielerin für ein Weib, das auf der Bühne wie im Leben für schätzenswerte Eigenschaften bezahlt werden konnte, dort mit dem Gelde aller für ihre Kunst, hier mit dem Gelde einzelner für ihre Gunst. Darauf war ich nicht gefaßt gewesen; nein darauf nicht! Als ich die Entdeckung machte – machen mußte, war ich ganz außer mir. Ich erschien mir als Künstlerin wie als Weib gleich geschändet. Nicht, daß jene Menschen so schändlich von uns denken konnten, war es, was mich empörte – sie würden es ja nicht, besäßen sie für ihre Meinung keine triftigen Gründe, hätte ihnen mein Geschlecht nicht volle Ursache gegeben, zu glauben, daß jeder Wüstling uns begehren dürfe, jeder Lüsterne seine Hand nach uns ausstrecken könne, ohne befürchten zu müssen, von beleidigter Frauenwürde zurückgewiesen zu werden. Mit bebender Scham empfand ich, wie ich es nur meiner Persönlichkeit zu danken hatte, daß man nicht wagte, sich mir mit jenen abscheulichen Zudringlichkeiten zu nähern, die von anderen meines Berufes nicht immer als nichtswürdig empfunden werden mochten. Es war mir keine Beruhigung, daß man mich äußerlich wenigstens als ein tugendhaftes und stolzes Mädchen zu respektieren schien. Mußte ich doch den Argwohn hegen, daß so und so viele überzeugt waren, wie ich vielleicht nur ebendeshalb tugendhaft sei, weil der Rechte noch nicht gekommen war. Dieser »Rechte« mochte nach der Meinung der Gesellschaft ein Millionenmann oder eine Durchlaucht sein. Und da sollte ich keinen Entrüstungsschrei ausstoßen?! Ich tue es noch heute!   Zwanzigstes Kapitel. Ich lebe Auch die hohe Aristokratie eröffnete mir ihre Salons; das heißt: sie beehrte mich mit Einladungen zu ihren Diners, Soupers und Routs. Aber obgleich man sich sehr liebenswürdig – sehr herablassend gegen mich benahm, war ich für die Auszeichnung wenig dankbar. Sehr bald schlug ich diese Einladungen gänzlich aus. Ich machte nämlich einige recht schlimme Erfahrungen. Wurde ich doch von vielen Herrschaften unter der stillen Voraussetzung gebeten, daß ich die Ehre Trüffelpastete und Mockturtlesuppe mit ihnen speisen zu dürfen, durch eine Deklamation gewissermaßen abzahle. In andern Salons wiederum verwandte man mich lediglich zur Dekoration: ich war die gefeierte Hofschauspielerin. Was ich außerdem etwa sein mochte, war völlig gleichgültig. Oft genug kam es vor, daß man mich für Salonproduktionen honorieren wollte. Diese waren wenigstens noch die Ehrlichen. Aber das verhinderte mich nicht, sie abzuweisen. In diesem ganzen Verkehr mit der großen Welt mußte ich deutlich wahrnehmen, wie jene gewisse rotseidene Schnur, welche ihrer Zeit die französische Aristokratie von der in ihren Salons aufwartenden Kunst trennte, auch hier noch unsichtbar zwischen jenen und meinesgleichen gezogen war. Da ich diese Art von glänzendem Pariatum einfach für abscheulich hielt, ließ ich mich nicht lange dadurch entwürdigen. Ich reflektierte dabei so: War ich eine Künstlerin oder war ich das nicht? Ist die Kunst etwas Schönes, Großes und Geweihtes oder ist sie das nicht?! Und wenn sie das ist – und wer möchte den Glanz der Sonne bezweifeln? – wie sollte sie sich dann nicht dem Besten und Höchsten ebenbürtig fühlen?! Seine liebe ›Idealistin‹ hatte mich Fernow oft genannt; ich erwehrte mich anfangs dieses Namens, da ich mich desselben nicht so würdig hielt. Nun ich die Welt kenne, weiß ich, daß er recht hatte, daß ich damals wirklich Idealistin war; ja, es heute noch bin. Trotzdem ich manche Illusionen gar nicht besaß, blieben doch noch immer genug, um schmerzliche Zerstörungen erleiden zu müssen. Ein junger Mensch ohne Ideale – das wäre ja auch zu traurig! Mit warmem Herzschlag und junger Begeisterung in der Brust an keine beste und schönste Welt zu glauben – wer möchte dann leben? Der Gottheit Göttlichkeit, der Menschheit Menschlichkeit, Würde, Kunst, reines Glück, Treue, wer könnte, wenn er jung ist, dieser schönen Illusionen, dieser ›Ideale‹ entbehren?! Und so vieles davon ist ja auch mehr als nur Ideal und Illusion. Wohl ist es wahr; mancher holde Wahn wird grausam, unerbittlich zerstört, aber ebenso manche glückselige Einbildung in Wirklichkeit verwandelt. Wie vielen, die an der Menschheit verzweifeln müssen, bleibt die Gottheit . Wie viele, die der Jammer des Lebens entsetzt, preisen die Arbeit des Lebens! Und welcher Mensch vermöchte an der Gottheit der Kunst zu rütteln? Sie, die in ihrem Ursprung Glück ohne Leid, Lust ohne Schmerz ist, ist immer Erhabenheit und höchster Ausdruck des besten Wesens der Menschheit! Daß wir noch besitzen, was Phidias geschaffen, daß Raffael seine Madonnen und Michelangelo seine Erschaffung Adams gemalt, daß Sophokles die Antigone, Shakespeare den Hamlet, Goethe den Faust gedichtet – wer kann der Menschheit diesen köstlichen Besitz je schmälern oder gar rauben? Und Liebe und Treue. – Ich habe beides besessen, ich weiß es! Noch heute ist das eine das heilige Feuer, die auf dem Altar meines Herzens als Opferstamme lodert; noch heute ist das andere der feste Stab, auf den ich mich stütze, als reiche mir ein Gott seine Hand – – Vergib mir, ewiges Schicksal, wenn ich jemals in einem ungerechten Augenblick dich angeklagt und mich elend genannt habe.   Vier Jahre war ich an der Hofbühne gewesen, als ich einem guten Menschen einen schweren Schmerz zufügen mußte. – – Mein lieber Faust wollte sich seine Spielkameradin zur Lebensgefährtin gewinnen. Ich konnte das harte Nein, das ich ihm geben mußte, nicht einmal durch ein schwaches Hoffnungswort mildern. Kaum, daß ich für den reichen Schatz, den er mir bot, mit meinem armen Scherflein Freundschaft zu danken vermochte. Der treue Mann war ein gebrochener Mensch! Wie freute ich mich für ihn, daß er seine Kunst hatte, diese Heilerin vieler Wunden. Er konnte seine Verbindung mit dem Hoftheater nicht sofort lösen und ich war noch um vieles strenger gefesselt. Noch ein ganzes halbes Jahr mußte er bleiben und viele, viele Abende spielten wir zusammen. Wie oft mußte er mich beglückt in seine Arme reißen, wie oft neigten unsere Lippen sich zum scheinbaren Kusse zusammen! Gott im Himmel, wie der Mann spielte! Ein vortrefflicher Künstler war er immer gewesen – in jenem halben Jahre ward er ein großer Künstler! Jawohl hatte der Freund recht! Das Haus jubelte ihm zu, der Hof, die Residenz; die Intendanz wollte ihn nicht fortlassen – und ich mußte alles sehen, alles wissen, alles fühlen! Manchmal glaubte ich, es nicht ertragen zu können. Ich bat Gott, mich krank werden zu lassen, um ihm und mir die Qual jener Spielabende zu sparen. Wenn ich ihn anlächeln mußte, zärtlich gegen ihn sein und dabei in seinen Blicken las, dann war mir zumute, daß ich mich oft bezwingen mußte, ihm nicht mitten im Spiel vor die Füße zu stürzen, ihm den grausamen Hohn abzubitten, den ich seinem Herzen antun mußte. Was waren es für Augenblicke, wenn ich in meiner Rolle um ihn verzweifelte und starb! So der letzte Akt in Kabale und Liebe, wo er den Ferdinand spielte, so in Emilia Galotti, wo er den Prinzen gab, so in Romeo und Julie, in Egmont, Othello und vielen anderen Stücken. Unsere Szenen waren daher das Ereignis des Abends; denn auch ich spielte, wie ich niemals früher gespielt hatte. – – Wohl hatte Fernow recht. Ich durfte diesem nichts sagen und mußte nun erleben, wie er immer verwunderter, immer betroffener ward. Endlich mochte er's erraten. Wie soll ich meine Empfindung ausdrücken, als ich eines Tages erfuhr, daß die beiden Freunde geworden. Auch jetzt sprachen wir nicht darüber. Ich bat die Mutter, ihm alles zu sagen. Da ich es nicht ändern konnte, waren Worte überflüssig gewesen. Endlich kam das Schwerste, die Abschiedsvorstellung – Faust. Er war grausam gegen sich und mich, trotzdem bestand er darauf. Das Haus war ausverkauft, der ganze Hof anwesend, die Aufführung selbst eine Festvorstellung. Und er und ich, Faust und Gretchen, Held und Heldin des Abends! Ehe begonnen ward, kam er in meine Garderobe und nahm Abschied von mir. Dann ging er hinaus und spielte. In der Gartenszene konnte ich plötzlich nicht weiter: es war bei der Stelle, wo Faust meine Hände faßte: O schaud're nicht! Laß diesen Blick Laß diesen Händedruck Dir sagen, Was unaussprechlich ist! Das Publikum hielt meine halbe Besinnungslosigkeit für Spiel und wollte in seinem Beifall nicht enden. Dann kam die Kerkerszene. Ich wollte nicht mit ihm fort, er wollte mich nicht lassen. Diesmal spielte ich das Gretchen als Wahnsinnige. Als er mich nicht küßte, aber ich es wußte, gab ich ihm den Abschiedskuß. Das war ein Abend! Das war ein Spiel! Wie er einst mich, so mußte jetzt ich ihn immer wieder und wieder vorführen; mit seiner Hand in der meinen stand ich da, nicht wagend, aufzublicken, um nicht sein totenbleiches Gesicht sehen zu müssen. Als er unter dem Tusch des Orchesters seinen schönsten Lorbeerkranz mir gab und dann, immer sein Auge auf mich geheftet, immer seine Hand in der meinen, dem Publikum mit erstickter Stimme dankte und sagte: wie glücklich er in der Hauptstadt als Künstler und Mensch gewesen sei; da war mir's, als müsse das ganze Haus mir meine Schuld gegen ihn auf der Stirn ablesen können. Nach der Vorstellung gab ihm die Intendanz ein großes Bankett; ich überreichte ihm im Namen aller ein Prachtalbum. Bei der Tafel saß ich neben ihm, reich geschmückt, Blumen im Haar, daß ich hätte als seine Braut gelten können.   Meiner Mutter mußte ich bei meinem gesellschaftlichen Leben ihre häusliche Ruhe erhalten, und konnte ihr nicht zumuten, ihre Tochter als deren Chaperonne in die Salons zu begleiten. Ich hörte, wie mir das von verschiedenen Seiten verübelt wurde, dachte jedoch die Sorge für meine Moral selbst bewachen, nötigenfalls beschützen zu können. In meiner Harmlosigkeit hatte ich dann und wann Fernow aufgefordert, mich zu begleiten. »Wollen Sie als meine Geliebte gelten?« fragte er in seiner rauhen Offenheit. Ich hätte beinahe erwidert: »Und ich bitte Sie dennoch.« Wie ich später die Welt kennen lernte, muß ich zu ihrer Ehre bezweifeln, daß ich dann nirgendwo empfangen worden wäre. Später sollte ich auch erfahren, daß es nicht erst seiner Begleitung bedurft hätte, um mich und ihn zu verleumden. Ich sprach davon, daß auch ich meinen ›Salon‹ eröffnete. Sonnabend war gewöhnlich Lustspielabend, Sonnabends empfing ich also. Erst nach acht Uhr kamen die erstern. Allmählich füllten sich die Zimmer: Gelehrte, Künstler, Schriftsteller, wenig Aristokraten, mehr Männer als Frauen. Man kam und ging mit größter Ungezwungenheit. Die Gesellschaft sonderte sich in wechselnde Gruppen; nur wenn ein Musiker eine Komposition, ein Dichter ein Gedicht vortrug, versammelte man sich im Salon. Hier präsidierte die Mutter. Sie hatte ihren bestimmten Sitz am Teetisch und war so liebenswürdig! Nie waren die Stühle um sie her leer; alle Besseren drängten sich zu ihr, so daß mein kleines, sanftes Mütterchen förmlich Hof hielt. Später begab man sich in das Speisezimmer, wo ein Büfett aufgestellt war. Fernow erschien jeden Sonnabend; aber gewöhnlich nur auf Augenblicke. Er war dann überaus schweigsam und zurückhaltend und hielt sich fast nur im Kreise der Mutter. Diese behandelte ihn nicht wie einen Hausfreund, sondern wie einen Sohn. Und ich – solange er nicht da war, suchten ihn meine Augen bei jedem Öffnen der Tür. Kam er endlich, so merkte er – alle, wie sehnlich er erwartet worden war. Einmal saß Fernow bei mir, zerstreut in die Schale greifend, welche mit Visitenkarten gefüllt, vor ihm stand. Er las mechanisch Namen auf Namen, bei einem schien ihm etwas aufzufallen. Mir die Karte reichend, sagte er: »War diese Dame bei Ihnen?« »Wahrscheinlich, da ihre Karte hier liegt.« »Haben Sie sie empfangen?« »Sie war zweimal hier und verfehlte mich jedesmal. Ich war so unartig, ihren Besuch bis heute noch nicht zu erwidern.« »Wissen Sie, wer sie ist?« »Wie wunderlich Sie sind! Es ist die Gräfin A...« »Sie ist Pariserin.« »Wirklich?« »O, es ist eine merkwürdige Frau!« »Sie interessieren sich für sie? Also werde ich hingehen.« Ich lachte laut auf. »Lachen Sie nicht, die Sache ist ernsthaft.« »Das scheint mir auch so. Der Zufall hat mich doch nicht etwa mit einer Dame zusammengeführt, deren Namen allein Ihnen Herzklopfen verursacht!« »Die Gräfin? Welcher Verdacht!« »Pfui, wer wird eine Dame verleugnen wollen! Oder ist es Diskretion?« »Bei der Gräfin ist Diskretion keine Ehrensache.« »Aber Fernow!« »Sie sind doch nicht etwa neugierig?« »Ich sage nicht nein.« »Haben Sie Mut?« »Ich spiele Heldinnen, mein Herr.« »Also über jeden Zweifel erhaben. – – Wollen Sie mich heute abend zu dieser Dame begleiten?« »Wie kann ich das? Ich habe ihr noch keinen Besuch gemacht.« »Durchaus nicht notwendig, wäre höchst überflüssig.« »Sie machen mich verwirrt. Sind Sie so intim mit ihr?« »Intim mit der Gräfin?! – – Ich bin heute abend zu einem thé dansant bei ihr eingeladen. Da ist dieses Billetdoux! Sehen Sie: Feinstes englisches Papier, wunderbarstes Parfüm, geniale Schriftzüge, liebenswürdiger, schmeichelhafter Inhalt. Wenn Sie der Dame das Glück gönnen wollen, mich heute abend bei sich zu sehen, so müssen Sie mit mir gehen. Sie brauchen sich nur zehn Minuten zu zeigen, sehen genug und werden nicht – zu sehr kompromittiert. Haben Sie noch immer Mut?« »Man wird ja wohl fliehen können?« »Nach zehn Minuten.« »Um wieviel Uhr soll ich bereit sein?« »Nicht viel vor Mitternacht. Wir dürfen erst kommen, wenn man sich dort im vollen Vergnügen befindet.« »Muß man Toilette machen?« »Schwarzes Seidenkleid, keine Blumen im Haar, Es wird wieder eine Lektion sein.« Um elf Uhr holte Fernow in einem Wagen mich ab. »Aber wollen Sie mir nicht vorher ein Wort über die Gräfin sagen?« »Erst die Illustration, dann die Geschichte. Zehn Minuten, wie gesagt, genügen. Nur auf eins möchte ich Sie vorbereiten: seien Sie nicht zu sehr erstaunt, wenn Sie die Wohnung nur mäßig möbliert finden, Madame la Komtesse befindet sich augenblicklich – – « »Im Umzug?« fragte ich lachend. »In unfreiwilligem. Gläubiger sollen nicht immer die höflichsten Leute sein.« »Aber in solchen Situationen gibt man doch gerade keine thés dansants .« »Aber man ist nicht ›man‹ und wie man eben ist, geniert das nicht weiter.« »Aber unter solchen Umständen kann ich wirklich nicht hingehen; nicht um meinetwillen, sondern um der Dame willen.« »Unnötige Empfindsamkeit! Madame wird entzückt sein.« »Nun denn, in Gottes Namen!« »Ihnen wird etwas beklommen zumute? Denken Sie nur immer an die zehn Minuten.« Der Wagen hielt. Es war eine elegante Straße und ein elegantes Haus. Der Portier musterte uns und war nicht gerade sehr respektvoll. Die Gräfin wohnte in der ersten Etage; schon auf den Treppen vernahmen wir die Töne des thé dansant , das ziemlich bacchantisch zu sein schien. Ein Lohndiener öffnete uns. Ich gestehe: schon im Vorzimmer verspürte ich eine heftige Anwandlung, bereits in der ersten Minute schmählich die Flucht zu ergreifen. »Sehen Sie ja nach der Uhr,« bat ich den Freund. Dieser befand sich in der besten Stimmung, sah aber ungemein ehrbar aus – der Heuchler! Das nur von Garderobegegenständen gefüllte Vorzimmer, darin das einzige Möbel, ein Spiegel mit Wachskerzen auf ungeputzten messingnen Leuchtern, bereiteten mich vor. Ein zweiter Lakai riß geräuschvoll die Flügeltüren vor uns auf und meldete uns. Einen Augenblick ward es drinnen stiller, Fernow reichte mir seinen Arm, wir traten in ein weites Gemach, dessen einzige Dekoration die Gesellschaft bildete: sehr viele Herren, sehr wenig Damen. Alle befanden sich in vollständigster Balltoilette. Da rauschte die Wirtin auf uns zu. – – Fernow hatte recht: es war Madame la Komtesse nicht im geringsten unangenehm! Ich wurde mit einem Händeschütteln ganz vertraulich gegrüßt, darauf der Doktor desgleichen. Sodann wurde ich einigen Herren und Damen vorgestellt. Ich hörte jedoch wieder einmal keinen einzigen Namen. Fernow führte mich gleich fort in einen diskreten Winkel, wo wir uns auf – Koffern postierten. Nun sah ich mir die Sache an; das heißt: ich machte heldenmütige Versuche, frei um mich zu sehen. Fernow gab mir den Kommentar; aber ich wagte nicht, ihn anzublicken: diesmal bereute ich doch, ihm gefolgt zu sein. Die Herren waren sämtlich in Zivil. Durchaus nicht alle hatten elegante Manieren, aber fast alle hatten jenes gewisse Etwas, das mich hätte zurückschaudern machen, wenn einer von ihnen mir vertraulich genaht wäre. Es waren Jünglinge darunter. – – Hatten sie denn keinen Mahner, keinen Retter?! Unaussprechlich widerwärtig waren die älteren Herren, die nicht einmal alt zu sein brauchten, um junge Greise zu sein. Wie sie sprachen, welchen Ton sie in der Unterhaltung mit den Frauen wagten. War dergleichen denn möglich?! Allerdings: wenn ich mir diese Damen ansah, so konnte ich es vielleicht begreifen. Keine einzige war jung, keine einzige hübsch. Sie trugen Seidenroben, deren Schleppen durchaus nicht immer über reinliche Böden gerauscht haben mochten (auch das Parkett bei der Gräfin zeigte bedenkliche Spuren!), Geschmeide von zweifelhafter Echtheit umschimmerte sie. Aber wie sie sprachen, wie sie sich bewegten – – Plötzlich verstand ich den Ton der Männer. Für die auffallendsten Gestalten gab mir Fernow die Erklärung. Es war niederländische Malerei; aber der Gegenstand war keiner anderen würdig. Am aufmerksamsten betrachtete ich mir die Wirtin. Diese Dame sprach nicht, sondern schrie. In ihren Gesten schien sie Frauen nachzuahmen, die gewöhnlich nichts weniger als Gräfinnen sein mochten. Einst mochte sie schön gewesen sein. Ich war ihr fast dankbar, daß sie, sowie die meisten anderen, französisch sprach. Das einzige Möbel in diesem Zimmer war ein Klavier. Jeden Augenblick saß ein anderer davor, klimperte dies, trällerte das. Jetzt ward mit vieler Ostentation eine nicht mehr sehr jugendliche, fette Dame hingeführt. Es wurde still. Die fette Dame sang eine Meyerbeersche Arie: prächtige Stimme, abscheulicher Vortrag! Als sie geendet, ward ihr zugejubelt, daß ich glaubte, in einem Zirkus zu sein. In einem Nebenzimmer war ein Büfett aufgestellt, das heißt, auf einem Tisch war ein Wirrwarr von allen möglichen Delikatessen und Leckereien, Weinen und Likören zusammengehäuft. Die Herren schleppten für die Damen herbei. Champagnerpfropfen knallten. Die Damen hatten ihre Teller vor sich auf den Knien oder ließen sie sich von den Herren halten. Als Tafelmusik ward ein leichtfertiger Walzer gespielt. Plötzlich kam die Gräfin ganz wild hereingestürzt, sich heftig beklagend, daß im Nebenzimmer die Dienstboten zu tanzen begonnen. Auf einmal ergriff ich Fernows Arm. »Um Gottes willen sehen Sie: da ist ein Kind!« »Die Tochter der Gräfin,« erklärte Fernow. Es war ein Mädchen von etwa zehn Jahren, in einem rosa Seidenkleid, mit Äpfelblüten garniert. Es hatte das reizendste Engelsköpfchen mit langen blonden Locken. Das kleine Wesen trug Ballschuhe, Fächer und bis an den Ellbogen reichende Handschuhe. Ich war so erschrocken, daß ich nicht ging; trotzdem die zehn Minuten vorüber waren. Es wurde getanzt. Auch das Kind drehte sich kokett in den Armen eines jungen Mannes. Als der Tanz zu Ende, trat die Gräfin unter die Paare und rief mit lebhaften Gestikulationen: es sei ein fades Leben, ein langweiliges Dasein! Sie werde nächsten Winter nach Rom gehen und dort in den Termen des Caracalla im Mondschein lebendige Statue stehen. » N'est-cepas, Mimi ,« wandte sie sich an das Kind, » Mais oui, Maman! « Jetzt wollte ich fliehen. Da kam die Gräfin auf mich zu, die Tochter mit ihr. Ich mußte noch bleiben. Die Dame setzte sich neben mich auf Fernows Platz und begann ein ästhetisch-philosophisches Gespräch. Bei Dingen, auf die ich ihr keine Antwort zu geben gewußt hätte, wandte sie sich an das Kind mit einem stereotypen: » N'est-cepas, Mimi ?« Je nach Laune antwortete dieses kleine Geschöpf: » Mais oui, Maman – mais non, Maman .« Ich stand auf und empfahl mich, dieses Mal ohne die Hand zu nehmen, die mir gereicht ward. Im Vorzimmer hörten wir die Gesellschaft laut lachen. Madame la Komtesse begann eine Deklamation. Als wir fortgingen, kamen neue Gäste: ein ganz junges Mädchen mit ihrer Mutter und einem Herrn, der Fernow grüßte. Er und das Mädchen waren ein Brautpaar! Wir schickten den Wagen fort und gingen auf einem Umweg zu Fuß nach Hause. Ich mußte mich fassen, ich mußte mich reinigen in der stillen Nacht, der klaren Luft, den Sternenhimmel über mir, den Freund an meiner Seite. Fernow erzählte mir die Geschichte dieser Gräfin. Mag sie verschwiegen bleiben, sie ist – aristokratischer Salonschmutz. Aber das Kind! das Kind!   Einundzwanzigstes Kapitel. Der kranke Königssohn Am Hofe lebte ein Prinz, dem Königshause nahe verwandt. Noch sehr jung, war er bereits mit einer fremden Prinzessin verlobt. Er war ein zarter, schöner Jüngling. Ganz der Etikette zuwider, trug er seine schwarzen Locken bis auf die Schultern herabfallend. Für sein blasses Gesicht mit den großen, unirdisch glänzenden Augen schwärmten alle Mädchen. Er war der Liebling des Königs und das ganze sorgenvolle Glück einer überzärtlichen Mutter. Sein Vater war, dem Gerücht zufolge, an der Auszehrung gestorben. Man befürchtete, daß der Sohn die schreckliche Krankheit geerbt habe. Damals war er gerade zwanzig Jahre all. Im Publikum wurde über diesen Prinzen viel gesprochen. Seine Schönheit, sein Leiden, sein Verhältnis zur Mutter, seine Liebenswürdigkeit und viele Züge, die von einer idealen, etwas überschwenglichen Natur sprachen, machten ihn der Menge interessant. Der arme Jüngling hatte seine Braut noch nicht einmal gesehen; man wußte, daß er diese Verlobung verabscheute. Er hatte seinen Aufenthalt in einem alten Lustschlosse genommen, das inmitten großer Gärten und weiter Waldungen in der Nahe der Residenz lag. Hier hielt, so erzählte man sich, der junge Schwärmer auf eine seltsam phantastische Weise Hof. Von seiner Mutter vergöttert, von den Ärzten absichtlich in edle Zerstreuungen gezogen, führte er in jenem köstlichen buen retiro ein Leben, das ihn der Nüchternheit der Zeit sowie der Welt gänzlich entrückte. Seine Erziehung sollte ihn tief in griechisches Wesen eingeführt haben. Er lebte in griechischer Geschichte, Dichtung und Kunst. Er hatte sich seine nächste Umgebung aus einigen jungen Adligen gewählt; vor allem aber aus jüngeren Gelehrten, Künstlern und Dichtern. Seine Mutter war in diesem Kreise die einzige Frau. Es ging die Sage, daß der Prinz mit seinen Gefährten einen »Griechenbund« bildete. – – In einer Marmorhalle versammelte man sich. Diese war nach dem Vorbild von Platos Akademie eingerichtet und auch wie diese benannt: Akademia. Antike Statuen waren darin aufgestellt, die Wände schmückten vortreffliche Kopien pompejanischer Wandgemälde. An gewissen Festtagen erschien man in griechischen Gewändern. Es wurde griechische Philosophie getrieben, es wurden die griechischen Dichter gelesen. Man disputierte. Abends war die Tafel ein Symposion. Man lag auf Polstern, speiste auf der Antike nachgebildeten Geschirren, Wirt und Gäste trugen Rosenkränze. Zum Schlüsse erschien die fürstliche Mutter, aus Liebe zu ihrem Sohn in die edle Laune desselben eingehend und nicht die würdevolle Gewandung einer griechischen Matrone verschmähend. In Gegenwart der hohen Frau erteilte der Erzieher des Prinzen gewisse Themata, über welche die Versammelten frei sprechen mußten. Dem Vortrage folgte wiederum eine Disputation. Der Prinz liebte leidenschaftlich das Schauspiel. Doch Gefahr für seine erregbare Phantasie fürchtend, verboten ihm die Ärzte den Besuch des Theaters. Um seine heftige Sehnsucht zu befriedigen, fanden in dem Theater des Lustschlosses dann und wann kleine Aufführungen statt; ja zuweilen studierten die jungen Leute unter sich auf einer griechischen Scena diesen und jenen Akt von Sophokles oder Äschylus ein. Ich hatte den Prinzen nur einmal gesehen und das in einer Vorstellung des Tasso, wo ich Leonore von Este spielte. Da sein Erscheinen im Theater ein Ereignis war, wurde er mir gezeigt. Durch das Loch im Vorhang betrachtete ich ihn mir genau. Sein blasses Antlitz mit den edlen, schönen Zügen, von langen, dunklen Locken umwallt, kam mir unendlich rührend vor. Alles, was ich von ihm wußte: sein ungewöhnliches, hochpoetisches Wesen, seine unglückliche Brautschaft, sein sicherer früher Tod verursachte, daß der Anblick des Jünglings mich tief erschütterte. Ich fühlte unsägliches Mitleid mit ihm. Im fünften Aufzug, bei der großen Szene mit Tasso, verursachte eine Bewegung im Hause, daß das Spiel fast gestört wurde. Ich sah auf. Mein Blick fiel auf die große königliche Loge mir gerade gegenüber. Dort sah ich den Prinzen stehen. Er war dicht an die Brüstung herangetreten und schien wie entgeistert auf die Bühne hinabzustarren. Im nächsten Augenblick trat seine Mutter zu ihm. Sie wollte ihn sanft niederziehen; aber erst nach einer Weile trat er wieder zurück. An diesem Abend wurde bei uns viel über den jungen Prinzen gesprochen. Die Mutter war ganz außer sich vor mütterlicher Teilnahme. Auch ich ward heftig bewegt, als Fernow uns mitteilte, daß der edle Jüngling wahrscheinlich in kurzer Zeit dahinsiechen würde. In den nächsten Tagen verbreitete sich das Gerücht, daß er nach der Vorstellung des Tasso erkrankt sei. Ich vermochte nicht eher wieder ruhig zu sein, als bis ich von seiner Besserung vernommen. Einige Zeit nach diesem Vorfall besuchte mich der Intendant. Seine Exzellenz überraschte mich durch seine Liebenswürdigkeit. Zweck seines Besuches war, mir mitzuteilen, daß ich die Ehre haben würde, auf der Privatbühne seiner königlichen Hoheit die Antigone zu spielen. Bereits in den nächsten Tagen sollte das Drama auf dem Lustschloß vorgelesen werden. Die Mutter war freudig überrascht, Fernow, als er es hörte, auffallend nachdenklich. Ich dachte an nichts anderes, als daß ich die Antigone spielen sollte. Noch an demselben Abend besprachen wir die wundervolle Gestalt. Bis zu dem Tage der Vorlesung beschäftigte ich mich mit nichts anderm. Fernow hatte mir eingehend die antike Bühne geschildert, so daß ich in ihrem Charakter bewandert war wie ein junger Student. Wie kam mir dies zum Verständnis des Ganzen zustatten! Wie kam mir jetzt zustatten, daß ich wußte, was griechische Kunst sei! So gelang es mir denn auch, den erhabenen Ton der Rolle zu treffen. Von der köstlichen Klarheit der Gestalt ging es in mein Wesen über und zum erstenmal konnte Fernow mein Maß und meine Ruhe loben. Ich war still und glücklich. Die Mutter begleitete mich in die Leseprobe. Wir wurden zuerst der Prinzessin vorgestellt, die den Handkuß der Mutter nicht litt, und mich auf die Stirn küßte. Gleich bei dem ersten Anblick fühlte ich eine tiefe Verehrung für die hohe Frau. Auf ihrem klassisch schönen Antlitz lag ein Ausdruck tiefster Trauer, deren Ursache ich zu kennen glaubte. Sie führte uns in den Saal, wo der Prinz mit den anderen bereits versammelt war. Ich verneigte mich tief. Er stand auf, ging uns entgegen und richtete in einer überaus liebenswürdig-schüchternen Weise einige freundliche Worte an meine Mutter. Mich begrüßte er stumm. Alsbald begann die Vorlesung. Man saß um eine Tafel, ich dem Prinzen gegenüber. Seine Mutter saß neben ihm. So oft ich vom Buche aufsah, begegnete ich dem Blick des Prinzen, mit einem Ausdruck auf mir ruhend, der mir das Herz beklemmte. Die Fürstin hatte ihre Hand auf den Arm des Sohnes gelegt, als müsse sie ihren Liebling vor irgendeiner Gefahr schützen. Nach der ersten Abteilung wurde eine längere Pause gemacht; wir erhoben uns, Lakaien brachten Erfrischungen. Die Prinzessin kam auf mich zu und sagte: »Mein Sohn ist entzückt, liebes Fräulein.« Und dann zu meiner Mutter gewendet: »Was sind Sie für eine glückliche Mutter!« Was bist du für eine unglückliche Mutter! mußte ich denken. Sie führte mich nun selbst zum Prinzen, der mir seltsam befangen vorkam. Auch er sagte mir mit unsicherer Stimme ein paar Worte über meinen Vortrag: nicht Phrase, sondern Empfindung. Darauf stellte er mir einige Herren vor und das Gespräch ward allgemein. Es handelte sich natürlich um das Stück und die Aufführung. Die Bühne sollte in streng griechischer Weise hergerichtet werden. Da man mich in die Unterhaltung zog, gab auch ich meine Meinung ab. Ich sagte nicht viel; aber der Prinz schien doch davon betroffen zu sein. Die beiden Mütter saßen unterdessen zusammen auf einem Ruhebett im eifrigen Gespräch. Als ich mich zu ihnen wandte, verstummten sie. Meine Mutter hatte feuchte Augen, die Fürstin war wieder sehr gütig. Wir lasen weiter. Sehr wider mein Erwarten und Wollen gestaltete sich die Leseprobe für die Darstellerin der Antigone zu einem vollständigen Triumph. Da die Fürstin sich immer liebenswürdiger gegen mich benahm, der Prinz sich in wahrhaft beängstigender Weise begeistert zeigte, mochten es die Kavaliere für ihre Pflicht halten, mir geradezu zu huldigen. Nach der Vorlesung wurde im Palmengarten zur Tafel gegangen. Ich saß neben dem Prinzen. Sein Gesicht war weniger bleich, seine Augen glänzten. Er schien gesund und glücklich zu sein. Durch das Schauspiel angeregt, kamen wir auf griechische Literatur und Kunst zu sprechen und waren beide bald so in dieses Thema vertieft, daß wir darüber unsere Umgebung vergaßen. Die lebhafte Freude des Sohnes hatte sich der Mutter mitgeteilt: lächelnd blickte sie zu uns herüber. Als wir uns empfahlen, umarmte sie mich. Ich war zu erregt, um gleich zu bemerken, wie still die Mutter an meiner Seite im Wagen saß; erst als wir zu Hause angekommen, erkannte ich, daß ihr etwas geschehen sein müsse. »Mutter, was ist dir? Was hast du?« rief ich erschrocken. Aber in einer Bewegung, die ihr zu sprechen verwehrte, verließ sie mich. Später suchte ich sie in ihrem Schlafzimmer auf. Sie schloß mich in ihre Arme und stammelte, wie sie schon einmal getan: »Mein armes, armes Kind.« Ich verstand sie nicht.   Es lag eine drückende Stimmung im Hause, die mir meine Unbefangenheit nahm. In den nächsten Tagen fehlte auf dem Frühstückstisch die Zeitung. Da ich danach fragte, wurde mir irgend etwas entgegnet. Als ich am dritten Abend in meine Garderobe trat, hatte eine menschenfreundliche Hand, wie mir schien, sämtliche Zeitungen der Residenz auf dem Toilettentische aufgelegt. Das, was ich lesen sollte, war schön rot angestrichen. Arglos nahm ich ein Blatt zur Hand und las – – Ein Feuilletonartikel: Die Leseprobe der Antigone bei seiner königlichen Hoheit. Ich las und las – – Das Blatt entsank meinen Händen, ich schlug sie vor mein Gesicht. Welche Welt! Die Klänge der Ouvertüre schreckten mich auf. Hastig kleidete ich mich an, der Inspizient kam. Ich trat heraus und spielte – Emilia Galotti. Ich hatte nie so ruhig gespielt, nie so kühl. Fernow und die Mutter waren im Theater. Das Publikum benahm sich an jenem Abend auffallend zurückhaltend gegen mich, sogar kalt. Nun, ich kannte die Ursache. Trotzdem war man hinter den Kulissen ungemein höflich gegen mich. Seine Exzellenz zeichnete mich mit Ostentation aus. Einige Kolleginnen, zweiten und dritten Ranges, die sich bisher die Freude gemacht hatten, mich anzufeinden, wo sie nur konnten, zeigten sich beinahe liebenswürdig. Dagegen war unsere vorzügliche Tragödin, die Orsina, die mich nicht gerade liebte, hoheitsvoll. Ich blieb durchaus gelassen, bemerkte und beobachtete alles und dachte wieder: Welche Welt! Diesmal jedoch ohne Schmerz. Ich weiß nicht wie es kam; aber ich spielte den letzten Akt durchaus anders als sonst: viel zu unbewegt, viel zu römisch virginenhaft. Das Publikum machte diese völlig neue Auffassung stutzig. Aber nicht nur, daß es beim Schluß lebhaft applaudierte: es bereitete mir eine völlige Ovation. Ich wußte auch davon den Grund. Ohne die ganze Reihe der übrigen Blätter berührt zu haben, begab ich mich nach Haus. Fernow war da. Die Mutter schloß mich zärtlich in die Arme. Dennoch herrschte zwischen uns nicht die alte, innige Stimmung. Da Fernow nicht von meinem Spiel sprach, sprach ich davon. »Trotzdem haben Sie falsch gespielt,« erwiderte er ruhig. »Die Tochter des alten Republikaners Galotti ist weit mehr Weib, als die Tochter des Römers Virginius es war. Emilia Galotti wird den Prinzen lieben und weiß das sehr wohl; wie sie auch sehr wohl weiß, was daraus entstehen wird. Der Dolchstoß des Vaters ist völlig motiviert. Emilia Galotti hat nur die Wahl: entweder die Geliebte des uneigentlichen Mörders ihres Gemahles zu werden, oder zu sterben.« »Mag es falsch sein,« erwiderte ich ebenso gelassen. »Heute abend dünkte mir diese falsche Auffassung die richtige. Sie wird den Prinzen nicht lieben. Bei der nächsten Vorstellung werde ich wieder zu meiner alten Auffassung zurückkehren.« Die Mutter seufzte, Fernow lenkte das Gespräch ab. Eine Zeitlang schien es, als solle die Vorstellung der Antigone nicht stattfinden. Durch die Zeitungen erfuhr ich scharfsinnige, nein: pikante Andeutungen des Warum und Weshalb. Ich las sie so, wie Fernow es für eine Schauspielerin unumgänglich notwendig hielt: ohne darüber meinen Kaffee kalt werden zu lassen. Der Mutter konnte ich diese häßlichen Dinge verbergen. Als ich bereits glaubte, daß die Antigone wirklich unterbleiben würde, ward ich auf das Schloß zur ersten Probe befohlen. Die Mutter wollte mich begleiten; ich bat sie jedoch, mich allein fahren zu lassen. Sie war mehr schmerzlich bewegt als beunruhigt. Ein Kavalier empfing mich. Die Sache nahm ihren Verlauf, weder die Prinzessin noch der Prinz erschienen. Da die artistische Leitung außer dem Regisseur auch noch einem Gelehrten und einem Künstler übertragen worden war, so genoß ich die hohe Freude, die Einstudierung mit einer von mir ungeahnten Vollendung betrieben zu sehen. Die viele Mühe, die es kostete, war wahre Lust für mich und gern ging ich mit dem guten Beispiel voran, mich nicht ermüden zu lassen. Die erste Probe dauerte bis spät in die Nacht hinein. Obgleich recht erschöpft, fühlte ich mich doch sehr glücklich. Es war für uns Schauspieler eine Tafel aufgestellt worden, ich empfahl mich jedoch. Da durch ein Mißverständnis mein Wagen nicht gekommen, fand ich die Equipage des Prinzen auf mich warten. Jetzt folgte Probe auf Probe. Zuweilen sah ich die Fürstin, die wahrhaft mütterlich gegen mich war; seltener traf ich mit dem Prinzen zusammen. Er schien von neuem recht leidend zu sein. Seine blassen Wangen, seine brennenden Augen boten einen unsäglich traurigen Anblick. Trotz aller ihrer Haltung vermochte die Fürstin nicht, ihre wachsende Sorge um den Sohn zu verbergen. Er kam nicht auf die Bühne; aber ich wußte, daß er von einer dunklen Loge aus dem Spiel zusah. Manchmal war mir, als sehe ich auch die Gestalt der Mutter an seiner Seite – – war mir, als vernehme ich ein Flüstern, das wie flehende Bitte klang. Ahnungslos, wie die Dinge in Wahrheit standen, hatte ich, nachdem mir mein Ansuchen, daß unsere Tragödin meine Rolle übernehmen möge, abgeschlagen worden war, eine fingierte Krankheit verschmähend, mir vorgenommen, gleich nach der Aufführung um einen längeren Urlaub einzukommen. Von fast allen deutschen Residenzen, wie auch von Wien waren mir glänzende Anerbietungen gemacht worden. Nach Fernows Wunsch und meiner eigenen Einsicht zufolge hatte ich beständig abgeschlagen. Jetzt jedoch konnte ich weder ihm noch mir helfen. Ich kann hier nicht unterlassen, dem Benehmen der Gesellschaft gegen mich in dieser Zeit flüchtig Erwähnung zu tun. Plötzlich schien ich geradezu in Mode gekommen zu sein. Hatte man mich bis dahin mit Auszeichnung behandelt, so ging dieser höfliche Ton in einigen Salons fast in Huldigung über. Ich war überrascht, von neuem verwirrt und kehrte wieder in meine Zurückgezogenheit zurück, alle Einladungen ablehnend. Fernow, mit dem ich darüber sprach, hatte statt aller Antwort nur ein Achselzucken und ein Lächeln, das mir durchaus nicht gefiel: es war schmerzlich und spöttisch zugleich. So kam denn die Generalprobe. Ich kleidete mich zu Hause an. Ein nicht allzufeiner weißwollener Stoff war zu einem länglichen Tuche zusammengenäht worden und dieses in einfachster Weise um mich geschlagen. Ein schwarzer Schleiermantel vollendete das schöne Kostüm. Diesmal begleitete mich die Mutter. Bereits bei dieser Aufführung hatten wir ein zahlreich geladenes Publikum. Als ich auf die hell erleuchtete Bühne trat, begegnete ich dem Prinzen. Er sah mich an wie tödlich erschreckt, faßte sich, begrüßte mich und bat um Erlaubnis, mir im Namen seiner Mutter eine Erinnerung überreichen zu dürfen. Es war eine große antike Gemme in einen kostbaren Byrill eingeschnitten: ein Antigone. Den wundervollen Stein umschloß die edelste – die einfachste Fassung. Er wollte die Spange selbst an meine Schulter heften; aber seine Hand zitterte derartig, daß er die Gemme fallen ließ. Ich befestigte dann damit die schwere Faltenmasse des Mantels an dem Untergewand. Diese letzte Probe fiel vortrefflich aus. Was bei der Aufführung selbst nicht stattfinden durfte, geschah jetzt: die Künstler ernteten reichlichen Beifall. Dem nun folgenden Bankette konnte ich mich nicht ausschließen; auf den ausdrücklichen Wunsch des Prinzen blieben Schauspieler und Chor in ihren Kostümen. Zwei Tage darauf fand die Festvorstellung statt. Anwesend waren König und Königin, sämtliche Prinzen und Prinzessinnen, die Gesandtschaften und die ganze hohe Aristokratie. Das kleine prächtige Theater strahlte im Glanze der Lüsters. Die Seidenroben rauschten, auf den weißen Nacken funkelten Diamanten, ein feines Parfüm verbreitete sich durch das ganze Haus. Der Prinz erschien in der Uniform seines Regiments. Er führte die Königin. Ich spielte mit beinahe statuenhafter Ruhe. Nach dem ersten Aufzug kam der Prinz auf die Bühne, um uns zu danken, nach dem zweiten der König. In den Pausen begaben sich der Hof und die Geladenen in das Foyer, welches in einen Palmengarten mit Kaskaden und Fontänen umgewandelt worden war. Der Vorstellung schloß sich ein Galadiner an. Für uns Schauspieler ward die Tafel in dem kleinen Bankettsaal serviert. Ich hatte Toilette machen müssen und trug eine mattgelbe Atlasrobe, mit braunroten Blattgewinden besteckt, als einzigen Schmuck die Gemme des Prinzen. Wir hatten zur Tafelmusik ein eigenes Orchester. Nach der Tafel wurden wir den Herrschaften vorgestellt. Wieder führte der Prinz die Königin, der König die Fürstin. Die Königin ignorierte mich völlig. Ich sah, wie dem Prinzen das Blut ins Gesicht stieg; er warf mir einen fast flehenden Blick zu. Der König unterhielt sich längere Zeit mit mir und ich mußte Seiner Majestät meine Mutter bringen. Die Fürstin war in ihrem gütigen Ton gegen mich unverändert. Nachdem diese Zeremonie vorüber, ward uns gestattet, dem Balle der hohen Herrschaften zuzusehen. Ich wollte nach Hause. Wie ich mich nach der Mutter umschaute, fand ich diese nicht. Ich begab mich fort, um sie aufzusuchen. Mein Weg führte mich durch die Gartensäle. Über die Palmendickichte, die Kamelienbosketts, die Rosengänge und Grotten ergoß sich ein matter Glanz wie Mondschein. Es war hier einsam. Eine Fontäne plätscherte; geisterhaft schimmerten durch das dunkle Laub die Statuen, aus dem Ballsaal rauschten die Töne herüber. Es war so schön, daß ich einen Augenblick verweilen mußte. Tief aufatmend kreuzte ich die Arme über der Brust und blieb regungslos stehen. Da hörte ich einen leisen, leichten Schritt hinter mir. Ich wandte mich um, ich wollte mich entfernen – ich stand dem Prinzen gegenüber. Da ich sah, wie er durch meinen unerwarteten Anblick verwirrt wurde, wie er nach Fassung rang, achtete ich nicht des Zeremoniells und redete ihn an. Er erwiderte nichts. Sein Auge starr auf mich geheftet, ergriff er meine Hand und stammelte verzückte, leidenschaftliche, trunkene Worte. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Meines Trauerspieles erster Akt Am nächsten Morgen kam er zu mir. Die Mutter war dabei, als wir zusammen sprachen. Was war es für eine Stunde! Helf mir Gott: ich klagte mein eignes Herz an, das nur Mitleid fühlen wollte, nur Mitleid! Ich hätte ihm so gern eine schwesterliche Hand gereicht, so gern ein schwesterliches Wort gesagt. – – Ich mußte schweigen. Aber er sah, daß ich litt. Ich ließ ihn endlich mit der Mutter allein. Wohl eine Stunde blieben die beiden zusammen; ich sah ihn nicht mehr. Aber noch spät in der Nacht kam sein Adjutant; die Mutter empfing den Herrn. Er kam aus dem Kabinett des Königs. Unter dem Namen einer Baronesse von Hochheim sollte ich dem Prinzen an die linke Hand angetraut werden. Wie erwartete ich an diesem Tage Fernow! Aber er kam nicht; auch den nächsten Tag hoffte ich vergebens. Da schickte ich zu ihm. Er war fort, fort auf ungewisse Zeit, fort, ohne mir ein Wort zurückgelassen zu haben! Ich schrieb ihm und erhielt seine Antwort: groß, stark, herrlich. Nur er konnte so schreiben. Aber er wollte nicht kommen; ich mußte es ohne ihn durchkämpfen. Auch der Leibarzt des Prinzen kam. Ich hörte, wie es mit dem Unglücklichen stand: nur durch mich war er noch länger seiner Mutter zu erhalten. Ich konnte nicht – ich konnte nicht! Ich hatte mein Gesuch um Urlaub eingereicht; aber obgleich ich wußte, daß es mir auf speziellen Befehl Seiner Majestät ausgefertigt worden war, verzögerte sich die Sache dennoch. Um einen Eklat zu vermeiden, mußte ich noch eine Zeitlang aushalten. Das Haus war jetzt immer ausverkauft, wenn ich spielte. Distinguiert, wie das Publikum war, benahm es sich doch nicht immer taktvoll gegen mich. Es wollte mir seine Teilnahme zeigen, aber es tat mir nichts weniger als wohl damit. Die Hofloge war immer leer. Ich spielte gut wie niemals; denn ich litt wie niemals. – – Wie recht er hatte! Ich legte mir den Zwang auf, wieder einige Salons zu besuchen. Immer mehr lernte ich die Welt kennen. Einmal verbreiteten die Zeitungen die Nachricht, daß der Prinz sich vermählen würde. Man gab bereits eine detaillierte Beschreibung des Schleiers, der für die hohe Braut in Brüssel gestickt ward. Ein andermal wiederum hieß es: die Vermählung sei aufgeschoben, der Prinz werde sich zur Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit nach dem Süden begeben. Die letzte Notiz lautete: der Prinz sei schwer erkrankt. Zwischen der Mutter und mir ward nie sein Name genannt; aber ich wußte, wie sie litt und nicht nur um mich. In der Dämmerstunde eines trüben Tages kam ich von einem Spaziergange nach Haus. Vor unserer Tür hielt eine Hofequipage. Zuerst wollte ich umkehren, nahm mich jedoch zusammen und ging hinein. Luise öffnete mir. Ich erhob abwehrend beide Hände, daß sie mir kein Wort sagen sollte. Im Salon war niemand. Ich trat bei der Mutter ein, es war fast dunkel im Zimmer. Meine Mutter kam auf mich zu; jemand war bei ihr, eine Frau – seine Mutter. Was in dieser Stunde gesprochen wurde – ich weiß es nicht mehr. Mein Kopf war wirr, mein Herz schmerzte mich, ich konnte nicht denken, nicht fühlen. Ich hörte mich anrufen, mich anflehen: Mein Sohn stirbt, rette meinen Sohn! Da waren mein Widerstand und meine Kraft gebrochen. Seine Mutter riß mich an ihr Herz, sie weinte, sie dankte mir. Meine Mutter nahm nur leise meine Hand und – küßte sie. Dann sollte ich sofort zu ihm, gleich – gleich – gleich! Sie war so glücklich, daß ich es fast selbst geworden wäre. In mir ward es ruhig, ein Hauch von wundersamem Frieden zog in mir ein. Ich küßte meine Mutter; dann ging ich von ihr. Es war Nacht geworden, als wir in den Wagen stiegen, die Straße bereits einsam. Auf der Seite unseres Hauses kam ein Herr gegangen. Ich glaubte ihn zu erkennen. Ja, er war es! Vor unserem Hause stand er still. Er sah den Wagen, er sah mich, die ich das Fenster aufgerissen hatte; aber er hörte mich nicht mehr; die Pferde zogen an, die Fürstin schloß mich in ihre Arme.   Am nächsten Abend ward ich mit dem Prinzen vermählt.   Zweiter Teil. Erstes Kapitel. »Frau Prinzessin« Gleich nach der Zeremonie begaben wir uns, von der Fürstin begleitet, auf eine Besitzung des Prinzen. Ich unterlasse es, hier irgendwelche Betrachtungen über meinen Zustand anzustellen. Auch damals tat ich es nicht. Wer in einen Strom springt, um ein Menschenleben zu retten, reflektiert dabei auch nicht. Das altertümliche Schloß lag in der Nähe der Residenz in einer lieblichen, waldigen Hügelgegend. Am Rand der Ebene stieg es empor, mit vielen Terrassen und Türmen. Von droben hatte man einen weiten Lug ins Land. In buntem Wechsel folgten sich in dem Bilde Felder, Wälder und Fluren. Ein breiter, Schiffe tragender Strom führte seine silberhelle Flut durch die Landschaft. An beiden Ufern lagen Städte und Dörfer, und Städte und Dörfer waren über die ganze, schimmernde Weite zerstreut. Am Horizont tauchten die Türme der Hauptstadt auf. Mir war es immer wundersam, darüber hinwegzublicken, ein Stück Welt überschauend, daraus kein anderer Ton zu meiner Höhe hinaufdrang, als Sonntags das Geläut der Kirchenglocken. Ich dachte mir das brausende, flutende Leben unter mir und ich in der Höhe, ein vereinzelter Mensch, gewissermaßen zu einem freieren Denken erhoben. – – Dort unten leben und leiden sie alle, alle! Einem jeden erfüllt sich sein Los, ein jeder ist nur eine Welle im Meere des Daseins. Sie rauschen dahin, die einen ruhiger, die anderen bewegter und alle, alle verrinnen. Vom Gefolge war nur der alte Leibarzt mitgenommen worden; aber es ging meinem Gemahl gut. Der Sommer war wunderschön, so daß wir einen großen Teil des Tages im Freien zubringen konnten. Wir besaßen einen Überfluß von Lieblingsplätzen, von denen jeder seine besondere Stimmung hatte. Mit jedem Tage offenbarte sich mir die hoheitsvolle Seele meines Gatten mehr und mehr. Mit tiefem Jammer dachte ich daran, daß sein edles Leben abfallen sollte wie eine Blüte vom Baum. Wie beglückte es ihn, mir das Verhältnis seiner Philosophen zu erschließen; wie beglückte es mich, ihm meinen geliebten Lessing vorzulesen. Wir fuhren viel aus. Dann saß seine Mutter neben ihm. Aber mich sah er immer an. Ich habe die Augen geschlossen, um die Bilder jener Tage an mir vorübergleiten zu lassen. Sie sind so sonnig verklärt durch die höchste Liebe eines edlen Menschen. Ich suche seine Gestalt in der Vergangenheit wie eine Schwester die des Bruders sucht. Ich finde sie. Sie ist mir entrückt und doch so nahe. Gott erbarme sich meiner – durch mich bist du ja gestorben! Eines Sommerabends will ich hier gedenken. Wir, mein Gemahl und ich, saßen auf einer Terrasse und sahen die Sonne untergehen. Langsam, langsam versank das große, strahlende Himmelsauge. Noch glühten von dem letzten Sonnenblick Himmel und Erde. Diese lag da: Entzündet alle Höhen, Beruhigt jedes Tal. Über uns der feierliche Äther, so klar, so licht, daß die Seele sich sehnte, den Körper zu verlassen, um hinaufzustreben in die festliche Freiheit. Die Brunnen plätscherten, die Rosen hauchten ihre Düfte aus. Als es immer dämmerungsvoller, immer friedlicher – immer festlicher um uns ward, trat ich an die Brüstung, hob mein Gesicht auf, sprach Goethes Nachtlied: »Warte nur, balde Ruhest du auch.« Da hörte ich einen Seufzer hinter mir, einen so schmerzlichen Seufzer! Ich eilte zu ihm, ich kniete nieder, ich umfing ihn. Mit beiden Armen drückte ich ihn an mein Herz, mit einem Schmerz, mit einer Angst, wie eine Mutter ihr krankes Kind an sich reißen mag. Mit welchem Blick er mich ansah! Dann sagte er: »Jetzt geh' ich gern bald zur Ruhe. Weiß ich doch jetzt, daß du mich liebst. – – Du liebst mich?« »Ja, ja, ja!« Ich küßte ihn. Und jetzt strahlte die untergehende Sonne seines Lebens noch einmal mit vollem Glanz auf. »Der Tag kommt« jubelte seine Mutter. Aber ich wußte es besser. Ich wußte, noch einmal leuchtet es auf über Himmel und Erde; dann wird es Nacht. In der Residenz begannen die Ferien der Hofbühne. Obgleich ich mir verwehrte, daran zu denken, mußte ich doch im Geist die lustige Gesellschaft, die jetzt nach allen Richtungen hin fröhliche Komödiantenfahrten unternahm, auf ihren heiteren Irrwegen begleiten. Ich hätte auch dabei sein sollen. Im Schlosse befand sich ein Theatersaal. Ich wußte es gar nicht und entdeckte es erst, als ich einmal an den offnen Türen vorüberging und drinnen pochen und hämmern hörte. Ich trat ein. Der Vorhang war aufgezogen, ich sah den öden Bühnenraum. – – Gleich darauf trat ich wieder zurück. Einige Tage später ging ich gegen Abend allein spazieren. Ich wanderte die Landstraße, die durch den Park zum Dorfe hinabführte, das am Fuße des Schloßbergs lag. Plötzlich hörte ich Singen, Lachen, fröhliche Stimmen. Eine Gesellschaft kam durch die Waldung den Fußpfad hinauf. Gewiß Reisende, die nicht wissen, daß der Prinz im Schloß ist, dachte ich und wollte ihnen eben ausweichen, als sie bereits dicht vor mir durch die Dickichte auf die Landstraße traten. Sie sahen mich und brachen in Jubel aus. Erst jetzt erkannte ich sie. Wir eilten aufeinander zu, wir begrüßten uns. Ich wäre dem einen und dem anderen von ihnen am liebsten um den Hals gefallen. »Wie kommt ihr hierher? Herzlich willkommen!« Unser Heldenvater drängte sich zu mir. »Hab' ich's euch nicht gesagt, daß sie eine närrische Freude haben wird, uns zu sehen,« rief er triumphierend. »Hab' ich's euch nicht gesagt, daß sie noch die Alte ist?« Und er faßte meine beiden Hände: »Grüß Gott, liebe, liebe Kollegin!« Ihre Kollegin – – War ich das noch?! – – Schauspielerin, Schauspielerin! »Wie kommt ihr hierher? Ihr Gesindel!« bemühte ich mich zu scherzen. »Natürlich auf einer Komödiantenfahrt!« Einige schienen mir verdutzte Gesichter zu machen; aber unser biederer Alter nahm für alle das Wort. »Natürlich auf einer Komödiantenfahrt! Wir sind mit Sack und Pack aus der Residenz ausgewandert und durchziehen vagabundierend das Land. Gestern spielten wir in dem Nest du drüben. Aber unser jugendlicher Liebhaber war so schauerlich sentimental, daß ich mit dem jungen Manne ein ernstes Wort reden mußte. Denke dir. Rollchen, was er mir gestand – jetzt versucht er zu leugnen! – Da drüben auf dem Schlosse, meinte er, sitze seine jugendliche Liebhaberin und da – – du verstehst. Wie nun heute morgen die Sonne gar so heiter schien, schlug ich vor, unserer lieben Kollegin einen Besuch abzustatten, einen echten Komödiantenbesuch. Nun, und da sind wir! Und einen kräftigen Hunger bringen wir mit. Also, wo ist die Herberge?« »Da man auch den schlechtesten Gast leidlich anständig behandeln muß,« erwiderte ich lachend, »so bemüht euch den Berg noch ein wenig höher hinauf. Freilich wird man droben auf einen solchen Schwarm von Landstreichern nicht vorbereitet sein; aber ich werde dennoch mit aller Würde die Hausfrau spielen.« »Aber, Rollchen, wir sind nicht hoffähig,« bemerkte mein guter, alter Herr und machte ein schelmisches Gesicht. »Wir würden dir droben Schande machen. Wir haben dich gesehen, du hast dich gefreut; so schlage ich denn vor, daß wir ins Dorf zurückkehren. Überdies geht es dahin bergab.« »Nichts da, mein dicker Herr! Helft mir ihn festhalten. Pfui, Deserteur aus Barmherzigkeit! Ohne Gnade bergauf mit ihm!« Lachend wurde der Dicke umringt und zum Fortmarsch gezwungen. »Weißt du, Rollchen,« flüsterte er mir zu, »du solltest mich umkehren und dich mitnehmen lassen: eine Entführung auf der Landstraße. Dort hinauf taugst du doch nicht, wir nehmen dich mit uns in die weite Welt hinaus und heute abend spielst du drunten im Dorf auf der ersten besten Tenne die Luise. Kannst du widerstehen?!« Ich lächelte – nicht so ganz vom Herzen, wie ich wohl fühlte. Hinter uns kamen Wagen; die ersten waren hochbeladen. »Was ist das?« rief ich erstaunt. »Ja, was ist das? Es wird wohl unser Gepäck sein,« erhielt ich gelassen zur Antwort. »Euer Gepäck?« »Wir haben die Gewohnheit, nicht ohne Gepäck zu reisen. »Ganze Wagenladungen voll?!« »Eh, jetzt wird die Sache wohl ernsthaft. – – Sollen wir nicht doch lieber umkehren, Rollchen?« Um seine Mundwinkel spielte der Schelm; aber ich begriff es noch immer nicht. Da brachen alle in schallendes Gelächter aus. Jetzt erkannte ich auch, daß es fürstliche Wagen waren, denen einige Equipagen folgten. »Ja, glaub's nur,« versicherte der Alte. »Wir sind leibhaftige, prinzliche Gäste! Habe Respekt vor uns!« In meiner Freude begrüßte ich alle noch einmal. Das war eine Überraschung! Unter Scherz und Geplauder wurde jetzt zum Schloß hinaufgestiegen. Auf der Terrasse kam uns mein Gemahl entgegen. Ich eilte auf ihn zu. Meine strahlenden Augen sagten ihm wohl, wie beglückt, wie gerührt ich war. Bald waren alle in dem Gastflügel untergebracht und eine Stunde später kam das ganze hungrige Sommervölkchen zur Tafel geflattert. Danach stellte ich sie der Fürstin vor. Noch an demselben Abend wurde unter Präsidentschaft meines Gemahls ein Repertoir zusammengestellt, welches in zwangloser Weise in einem Zeitraum von vier Wochen abgespielt werden sollte. Bei günstiger Witterung sollten die Stücke im Freien aufgeführt werden. Ich durfte wieder spielen, spielen! Was kamen jetzt für gesellige, fröhliche Tage! An den Abenden wurde beraten und eingerichtet, an den Vormittagen in Szene gesetzt und einstudiert. Von der Residenz kam auf speziellen Befehl des Königs ein ganzer Wagenzug voller Requisiten; die neuen Kostüme wurden im Schlosse verfertigt. Mein Gemahl und unser Heldenvater waren Regisseure; doch durfte jeder ein Wort mit dreinreden. Besonders wollte der Prinz alles mit mir beraten haben. Es schien ihm entschieden wohlzutun, so daß auch der Arzt diese Zerstreuung auf das höchste billigte. Die Fürstin war immer liebenswürdig, immer gütig. Nach einigen Tagen traf aus der Residenz der Hofstaat meines Gemahls ein: Die Gelehrten, die Künstler, seine Freunde. Da es des Prinzen wahre Freunde waren, wurden es auch die meinen. Ich erfuhr damals von den Menschen nur Gutes. Unvergleichlich schön waren die Aufführungen im Freien, zu denen unsere Künstler wahre Meisterwerke von Naturdekorationen lieferten. Tasso wurde auf einer Terrasse gespielt, wo die Büsten Vergils und Ariosts unter Palmen und hochstämmigen Lorbeerbäumen aufgestellt waren. Ach, und ich spielte ja damals zum erstenmal die Iphigenie! In dem Gemäuer der Ritterburg gaben wir Szenen aus Götz und Käthchen. Überraschend wirksam erwiesen sich die Aufführungen Goethescher Gelegenheitsstücke, wobei unser herrlicher Eichenwald zum Park von Tiefurt wurde. Einen völligen Erfolg errang die »Fischerin«, in einer warmen Vollmondnacht am Ufer eines Weihers aufgeführt. Das liebe lustige Völklein schwärmte wieder fort. Mein Gemahl hatte es so gut gemeint; ich war gewiß nicht undankbar; aber – – Ich befand mich auf der Terrasse, als sie abreisten. Da hörte ich hinter mir den langsamen, leisen, müden Schritt, den ich so gut kannte. Ich wandte mich nach ihm um. In meinem Gesicht stand mein stiller Kummer gewiß nicht zu lesen, aber er mußte ihn doch kennen. Er sah mich an, so liebevoll, so traurig. »Es dauert nicht mehr lange, Rolla.« Ich fühlte mich als eine Verbrecherin. Als es Herbst ward, erriet ich, daß es schlechter um ihn stand. So sehr ich dem Leibarzt vertraute, empfand ich doch lebhafte Sehnsucht die Meinung Fernows zu hören. Ich wußte, daß der Leibarzt ihn ungemein schätzte und konnte also mit diesem eine Konsultation Fernows besprechen. Der vortreffliche Mann war vollkommen damit einverstanden. Nun galt es, die Fürstin nicht zu erschrecken. Ich hatte meinem Gemahl viel von meinem Freund erzählt und der Prinz häufig den lebhaften Wunsch geäußert, ihn kennen zu lernen. Eine Bemerkung genügte, um an Fernow eine dringende Einladung ergehen zu lassen. Ich schrieb auch und legte ihm meine Sorge ans Herz. Seine Antwort kam umgehend und lautete bejahend: binnen kurzem dürften wir ihn erwarten. An dem Tage, da er eintreffen sollte, schmückte ich sein ganzes Zimmer mit Blumen aus. Auf den Schreibtisch stellte ich eine Schale voller Rosen. Dann zog ich ein Kleid an, das er kannte und gern hatte und ging ihm entgegen. Wie ich so durch den strahlenden Herbsttag dahinschritt, war mir's, als sei ich die Rolla von damals. Ich pflückte einen großen Strauß Herbstzeitlosen und lief wie ein Kind einem Schmetterling nach. Ich hatte mich nicht getäuscht: er ging dem Wagen voraus, den Fußpfad vom Dorf her herauf. Bei meinem Anblick blieb er stehen, ich eilte auf ihn zu, faßte seine beiden Hände aber sagte nichts. Auch er blieb stumm. Wie Gespielen, die lange getrennt gewesen und sich plötzlich wiedergefunden, schritten wir Hand in Hand den Schloßberg hinauf. Er sagte mir, daß ich sehr wohl aussähe; dann berichtete ich ihm von meinem Gemahl und fragte nach meiner Mutter. Der ging es gut, die ließ mich tausendmal grüßen. Meine gute Mutter! – – Und Luise? Um Fernows Lippen zuckte ein Lächeln. »Da folgt uns der Wagen – wollen Sie nicht einsteigen?« Der Wagen kam. Er war zurückgeschlagen und drinnen saß jemand, eine Frau. Als sie mich sah, sprang sie empor, und hätte in ihrem Eifer, den Wagen anzuhalten, den Kutscher beinahe vom Bock gerissen. Und nun erkannte ich auch das gute, liebe Gesicht. Feuerrot leuchtete es mir entgegen und jetzt – – Der Wagen hielt, über den Schlag hinweg sprang sie auf mich zu, in einem Atem lachend und weinend. »Es wäre eine der Taten des Herkules gewesen, sie zurückzuhalten,« bemerkte Fernow. »Sie hat übrigens das feierliche Gelübde ablegen müssen, keine Dummheiten zu machen.« Die gute Seele war gar nicht zu beruhigen. Wir mußten die Equipage vorausschicken, ebenso Fernow. Sie wollte gar nicht von meinem Halse weg, hatte aber die Einbildung, daß ich völlig fassungslos sei und daß sie mich beschwichtigen müsse, wie sie das so oft mit dem Kinde getan. Dabei nannte sie mich abwechselnd bald vertraulich: ihre Rolla, bald mit ungeheurem Respekt: Frau Prinzessin. Fernow erwartete uns am Parkgitter. Mit ernsthaftestem Gesicht berichtete er mir Luisens großartigen Triumph. Diese tue sich nämlich nicht wenig darauf zugute, mir schon als Kind prophezeit zu haben, daß ich einst eine Prinzessin werden würde und sei jetzt fest überzeugt, daß ich nur deshalb einen Prinzen bekommen. Mein Gemahl und Fernow fanden großes Gefallen aneinander. Es wäre ja auch anders nicht möglich gewesen. Fernow hatte viele Gespräche mit dem Leibarzt. Mich suchte er mit der Versicherung zu beruhigen, daß für das erste nichts zu befürchten sei. Er wollte acht Tage bleiben und den Prinzen beobachten. Was war es trotz aller Sorge und Angst für eine glückliche Zeit! Ich hatte ihn wieder, ich hatte ihn wieder! Auch die Fürstin gewann schnell volles Zutrauen zu ihm. So verlebten wir denn die besten, die edelsten Stunden. Er schüttelte eine Fülle von Leben über uns aus; dabei war es, als sei er immer bei uns gewesen, als sei er schon seit Jahren des Fürsten Freund. Diese beiden teuren Menschen so freundschaftlich beisammen zu sehen, war für mich ein Anblick eines sich stets erneuernden Glücks. Zwischen den beiden vornehmen Seelen bestand eine Wahlverwandtschaft, die ihren hauptsächlichen Ausdruck in der gemeinsamen Bewunderung der Griechen fand. Es waren köstliche Gespräche, denen wir Frauen lauschend beiwohnten. Die zwei verstanden sich immer. Oft brauchte der eine nur das erste Wort auszusprechen, um den anderen in seinem eigenen Sinne fortfahren zu hören. Ich merkte Fernow die Erschütterung an, die das Geschick des Prinzen ihm einflößte. Unverhohlen sprach er seine Bewunderung über diesen freien, feinen Geist, diesen wahrhaft fürstlichen Menschen aus. Seine Teilnahme für den Kranken war so tief, so zart, daß die Fürstin dringend zu wünschen begann, den herrlichen Mann bleibend an sich und ihren Sohn zu fesseln. Ich wußte, daß die beiden Männer manche nächtliche Stunde, in Gespräche vertieft, beisammen saßen, die ernsthaftesten Materien erörternd und sich in Disputationen über die höchsten Begriffe verlierend – daß mein Gemahl sich von Fernow auf den Tod vorbereiten ließ und ihm sein Glaubensbekenntnis ablegte; eine Unsterblichkeit in Platons Sinn. Ich hatte es ja immer gesagt, daß mein lieber Arzt auch ein Priester sei. In diesen Tagen war es auch, daß mein Gemahl mir sein größtes Geschenk machte. – – In seinem Beisein fragte ich Fernow einmal nach der armen Anna, die sich noch immer in der Anstalt befand. Der Prinz erfuhr bei dieser Gelegenheit ihre tragische Geschichte, war davon tief bewegt und hatte über den menschlichen, sowie juristischen Fall lange Unterredungen mit Fernow. Sein Geschenk war seine fürstliche Versicherung, daß Anna, falls sie genesen würde, nie und nimmer eine Gefangene werden solle. In solcher Weise angeregt, besprach er mit Fernow den Bau einer Irrenanstalt, die nach mir den Namen erhalten sollte. Mir persönlich teilte er mit, daß er als Direktor dieser Anstalt Fernow einzusetzen gedenke, nach dessen Prinzipien das edle Institut geleitet werden sollte. Aus der einen Woche ward eine zweite. Manchmal, wenn mein Mann zu uns beiden sprach, fühlten wir, daß es sich um den letzten Willen eines Sterbenden handle. Auch mir schenkte der Freund kostbare Stunden. Oft sprachen wir über den Prinzen, selten über meine Kunst, niemals über die Zukunft. Als er einmal ein Buch bei mir liegen fand, schien er mit meiner Lektüre zufrieden zu sein. Es war Shakespeare. Natürlich hatte ich den Prinzen mit Luisen bekannt gemacht. Wahrend Luise Tränen der Rührung über den »Engel von Mann« vergoß, fand mein Gemahl großes Gefallen an ihrer leidenschaftlichen Empfindungsfähigkeit. Manchmal, wenn sie bei mir in meinem Zimmer saß, kam er zu uns herüber und Luise mußte dem »Herrn Prinzen« von »ihrer Rolla«, der jetzigen »Frau Prinzessin«, erzählen. Mein erster Laut, mit dem ich die Welt begrüßt, ward ihm ebenso treulich berichtet, wie meine erste große Deklamation als Lukrezia und Horatia. Mit feuriger Beredsamkeit schilderte ihm Luise mein kindliches Wundertum. Ich höre noch sein herzliches Lachen, als er vernahm, wie ich es nur Luisens Prophezeiung zu danken habe, Frau Prinzessin geworden zu sein. Die Fürstin hatte mich beauftragt, mit Fernow zu reden und diesem in ihrem und des Prinzen Namen eine Stellung in seiner nächsten Umgebung anzubieten. Fernow schlug es aus. »Als Arzt hat er mich nicht nötig und im übrigen besitzt er Sie. Ich habe andere Pflichten zu erfüllen.« Er schied von uns, und ich war es nicht allein, die über sein Scheiden trauerte. Seine letzte Stunde verbrachte er bei dem Prinzen; dann kam er zu mir. »Ich habe Abschied von ihm genommen,« sagte er mit bewegter Stimme. »Sie brauchen es noch nicht. Leben Sie wohl.« Zweites Kapitel. Auf nach Rom! Es war bestimmt worden, daß wir den Winter in Rom zubringen sollten. Die Fürstin begleitete uns, vom Hofstaat ging nur der Leibarzt mit. Wir reisten sehr langsam: durch die Schweiz, über Mailand und Florenz. In der schönsten Stadt der Erde fanden auch wir keine Ruhe. Der Name, der solchen Donnerklang hat, zog auch uns nach jener einzigen Stätte hin, wie Glockengeläute den Gläubigen zur Kirche. Auf der alten klassischen Straße hörten auch wir den berühmten Ruf: Eccola, Roma! Wir ließen die Pferde halten. – Mitten in der erhabenen Öde der Campagna stieg es vor uns auf: die Peterskuppel. Wir bezogen eine Villa in der Nähe der Laterans. Das Landhaus war in die Aquädukte des Nero sozusagen hineingebaut. Zu beiden Seiten türmte sich das gewaltige Gemäuer empor; aber man gewahrte nur einen riesigen Wall von Efeu. Hölzerne Treppen führten zur Höhe hinauf. Wo einst ein Strom von Appennin gefangen nach Rom geführt wurde, saßen wir unter Efeubäumen und blickten rings auf Stadt und Land herab. Ein köstlicher Garten umgab Ruinen und Haus. Über immergrüne Rasenflächen hinweg, auf denen das ganze Jahr hindurch die Blumen nicht verblühten, sah man die alte aurelianische Stadtmauer, mit der Kirche Santa Croce und der Ruine des Rundtempels der Minerva Medica; sah man das esquilinische Trümmerfeld und den wunderbarsten Platz: wo vor dem königlichen Palast des Heiligen auf grüner Wiese Pinien und Eichen stehen, darunter Herden weiden. Über die Mauer hinweg führte es sodann den entzückten Blick in die schimmernde Ferne zum Appenin hinüber und dem schönen Albanergebirge. Am Monte Gennaro glänzte Tivoli auf, an dem tuskulanischen Bergrücken die Palaststadt Frascati. Aus den Vignen und Gärten hervor stiegen die bunten Landhäuser, inmitten der unübersehbaren Weideplätze erhoben sich die braunen Ruinen – inmitten der Wüsteneien lagen wie Oasen die Ölwälder und Pinienhaine mit vereinzelten Tenuten. Darüber hinaus ward die Landstraße immer freier, immer erhabener. Worte sagen es nicht. Unser Landhaus ward berühmt durch seine Rosen, Es schien in der Tat ein in Rosen versenktes Märchen zu sein. Rosen umrankten das Haus, Rosen durchschlangen die Lorbeergänge und die Efeumassen, Rosen umwanden die Säulen, die Statuen, die Trümmer. Der Garten war ein Museum. Jeder Blick fiel auf antike Marmorreste, jeder Schritt stieß auf eine Bildsäule, einen Sarkophag, ein Kapitäl, eine Kaiserbüste, eine Inschriftstafel. Sogar ein kleines Kolumbarium befand sich bei dem Besitz. Der Prinz reiste im strengsten Inkognito unter dem Namen eines Grafen von Fürstenstein. Der Gesandte machte seine Aufwartung, sonst wurde in der ersten Zeit niemand empfangen. Jeden Vormittag brachten wir eine Stunde in einer Galerie zu, jeden Nachmittag fuhren wir in die Campagna hinaus. Abends wurden am Kaminfeuer die Eindrücke des Tages besprochen, von mir aufgezeichnet und Goethes italienische Reise gelesen. Außerdem las mein Gemahl uns Frauen an besonders guten Tagen aus Tacitus vor. Erst als der Prinz sich allmählich mehr und mehr erholte, sahen wir etwas Welt bei uns; ausgezeichnete Männer und Frauen aller Nationen, die sich in Rom jeden Winter zusammenfanden. Auch viele Künstler kamen. Es war ein Salonleben, von dem liebenswürdigsten Geiste durchdrungen. Eines Abends sah ich die Ristori spielen. So verging uns der Winter – traumhaft genug. Plötzlich läuteten über Rom die Osterglocken. In jeder der dreihundert Kirchen Roms war dem Herrn ein Grab bereitet worden. Unter den Klängen des Miserere ward der gekreuzigte Gottessohn begraben – unter Posaunengeschmetter und Jubelchören erstand er wieder. Wir hatten am Charfreitag in der Sistinischen Kapelle den berühmten Lamentationen beigewohnt. Als unter Palästrinas herzdurchwühlenden Klängen eine Kerze nach der andern erlosch und in der Dämmerung über Papst und Kardinälen die Riesenleiber von Michelangelos Auferstandenen sich zu dem gewaltigen Christus hinaufrangen – da mußte ich einen Schrei des Grausens ersticken. Ich faßte den Arm meines Gemahls und hätte ihn am liebsten sogleich hinausgeführt, wo die Sonne schien und das Leben war. Weh, in der Welt war der Tod – auch Christus war gestorben. Und nun läuteten sie in Rom die Auferstehung. Aus den Kirchen hatte die düstere Pracht des Todes weichen müssen, von den Leibern der Heiligen war der Trauerflor herabgesunken, in Kerzenglanz und Goldschmuck erstrahlten die hohen Hallen wie Festsäle. Über die Gruft des Heilands waren Blumenhügel geschüttet und Knabenstimmen jubelten wie Engelchöre. Im Sankt Peter las der Papst die Ostermesse. Umgeben von der ganzen Majestät der Kirche thronte er auf goldenem Stuhl mit umleuchtetem Haupt. Es war die Sonne, die ihn beschien, aber das Volk, das zu Tausenden die marmornen Weiten erfüllte, hielt es für Glorie. Ich sah Pius IX. am Ostersonntag den großen Segen austeilen und staunte über die erhabene Komödie. Mit dem Bewußtsein, daß es ein Schauspiel sei, ward ich, die Schauspielerin, davon hingerissen. Auferstehung! – – Selig, selig die, so da glauben können. Wir fuhren am Ostersonntag auf der Via Appia in die Campagna hinaus. Nach dem festlichen Gewühl in der Stadt wirkte die feierliche Öde um uns desto mächtiger. Nur in Rom sind solche Gegensätze möglich. Wir ließen den Wagen halten und schritten über das einsame Feld. Meinen Gemahl führte seine Mutter. Als ich die beiden vor mir wandeln sah: die Mutter ihren Sohn stützend, der, fast noch ein Jüngling, so bald sterben sollte – da überkam mich, einer Offenbarung gleich, jene Glückseligkeit der Hoffnung, die von allen Religionen nur das Christentum als Glück und Segen ohnegleichen zu geben vermag: Sei getrost, Mutter, dein Sohn lebt. Meine Seele stammelte ein Dankgebet: nicht für mich, sondern für sie, die da glauben konnte. Noch nie hatte mir der Gesang der Lerchen ein so überirdischer, wahrhaft himmlischer gedünkt wie an diesem Osternachmittag. Diese Jubeltöne, hoch über uns in den Lüften, waren die Melodien, die der auferstehenden Natur erklangen. Und siehe: auch hier war das Grab, aus dem das erwachte Leben stieg, mit Blumen geschmückt. Die Fürstin und ich pflückten große Sträuße. Mein Gemahl sah uns zu und wollte wie ein Knabe immer mehr haben. Wir blieben bis zum Sonnenuntergang. Als Himmel und Erde in einem Farbenspiel erglühten, welches kein Maler malen, kein Dichter dichten kann, flüsterte mein Gemahl mir zu: »So wird auch mein Tag in Glanz und Gluten erlöschen. Die Sonne, die mir den Tag brachte, warst du und deine Liebe. Die Nacht, welche meiner wartet, mag kommen.« In den nächsten Tagen weilten wir viel auf einem Lieblingsplatz meines Gemahls. Es war dies San Onofrio. Wenige Schritte von der Lungara entfernt, umgibt den Spaziergänger tiefste, klösterliche Stille. Nichts Eigentümlicheres, als der nahe Anblick der Stadt dicht unter sich bei dieser Weltentrücktheit des Ortes. Noch vor dem Kloster stehend, glaubt man sich bereits von dessen Mauern umschlossen. Von den Gärten der stolzen Lungara steigen die schwarzen trauernden Zypressen empor und Palmen erschließen ihre königlichen Kronen dem Sonnenschein. Auf dem kleinen Platz wuchert Gras, um stark duftenden Thymian schwirren Käfer und Bienen. Ein langhaariges Schaf weidet in dem blumigen Kraut. Seine Hüterin ist ein altes braunes Weib, das unter den Arkaden des Klosters kauert, wo in sanften, lichten Farben Domenichinos Heilige die Andacht erwecken. Die Kirche steht offen. Ganz einsam ist's, wo der große, arme Dichter schläft. Unter ihm ruht auch eine Tote: Roma, die erhabenste Leiche der Welt. Ihr Auferstehen hatte der Dichter des befreiten Jerusalem mit seinen schönsten Klängen gefeiert. Aber Roma antika blieb tot. Tassos Herz ward vom Leben gebrochen und über des Sängers gebrochenem Herzen liegen welke Lorbeerkränze, auf deren braunem Laub die Mittagssonne funkelt. Pinturicchios verklärte Gestalten umgeben das einsame Dichtergrab und zuweilen kommt an den stillen Ort ein Mensch, der es auch so still in der Brust trägt. Dieser wird an dem verlassenen Grabe stehen, von der Empfindung durchschauert: wie der Schoß der Erde Tote empfängt, die nicht des seligen Auferstehens teilhaftig zu werden brauchen, um dennoch unsterblich zu sein. Durch ein Seitenpförtlein durfte ich jedesmal in den Klostergarten einschlüpfen. Wie lieb war mir das Broccolifeld geworden, durch das wir zu dem schönsten aller Ruheorte gelangten, wo die Mönche des heiligen Hieronymus ihr Amphitheater errichtet, von dem aus sie auf das erhabenste und zugleich tragischste Schauspiel der Welt blickten: auf das ganze unter ihnen liegende Rom mit seiner Landschaft. Längst überwuchern Gras und Blumen die verfallenen Sitzreihen. Mit vom Blitz zerschmettertem Stamm steigt darüber die Eiche auf, unter welcher der kranke, schwermütige Dichter so viele Male gesessen hat. Dann mag er wohl sehnsuchtsvoll nach dem Kapitol hinübergespäht haben, dem großen Altar Roms, auf dessen Trümmern auch Tasso die Krone empfangen sollte: das heilige Laub der Dichter und der Helden. Wir sahen im warmen Lenzsonnenschein und blickten schweigend auf Rom. Majestätisch ruhte es im Schoß seiner sieben Hügel: die Niobe der Städte, aber noch immer die Königin der Welt. Hundert Kuppeln ragten unter uns auf. Großartig und ehrwürdig zugleich bedeckte die Stadt der Ruinen, der Kirchen und Paläste ringsum alle Höhen und Tiefen. Dort wölbte sich das Dach, wo: »Künstliche Himmel ruh'n auf schlanken jonischen Säulen Und den ganzen Olymp schließt ein Pantheon ein.« Einst leuchtete es im Glanz seiner vergoldeten Bronzeziegeln zum Jani(?)ulus hinüber. Und zu Füßen lagerte sich mit seinen von Arkaden umschlossenen Höfen und hoch aufsteigenden Gärten die graue Masse des Corsinipalastes. Mit einem düsteren Lorbeerhain an seiner Seite, erhebt sich am Strand des gelblichen Stroms, schön wie ein steinernes Traumgebild, Chigis Gartenhaus, in dessen Saal Amor und Psyche im Olymp ewig Vermählung feiern werden. Ehemals lagen hier die Gärten der Agrippina, später schwelgten hier Leo X. und Raffael. Wo einst die Barken Beros gelandet, ließ Agostino Chigi die goldenen Schüsseln und Becher, darin er seinen Gästen Pfauen von Samos und Falerner vorgesetzt, in den Tiber werfen. – – Jetzt war es dort öde und still. Und drüben am anderen Ufer: Roms stolzester und schönster Palast, so trotzig und gewaltsam, wie das Geschlecht war, das ihn baute; auch ebenso königlich prunkend wie dieses. Das Gesims Michelangelos wie eine Krone über Rom emporhebend, wird der Palast der Farnese dauern, wie das Kolosseum gedauert hat, aus dessen steinernen Riesenwällen er aufgebaut worden, ein Denkmal, das seine Herren für alle Zeiten ihrer Zeit setzten. Grün und schön und freudig erstreckte oberhalb Roms der Pincio seine eleusinischen Gärten Hinter der Villa der Mediceer stieg der borghesische Pinienwald auf, ein wunderbarer Vordergrund in dem Bilde des römischen Gebirges, das seine schneebedeckten Gipfel in das leuchtende Blau emporträgt: den Gennaro mit seiner schimmernden Felspyramide und über blaues Hügelland die königliche Lionessa. Und wer kann in Rom sein, ohne den Soracte schauen und – lieben zu müssen. Rechts und links zog es den Blick in die öde Weite hinaus. Hier ist die von Trümmern übersäte Ebene mit dem wundersamen Albanergebirge und dem pränestinischen Gefilde; dort über das Mausoleum des Hadrians hinweg das vejentinische Land. – – Schimmerndes Bild, so oft gesehen und bestaunt, wie erscheinst du mir wieder in dem grauen Tag meines Daseins, daß ich, in deinen Anblick verloren, diesen vergesse. Aber ach, du zerrinnst! Unter der Tasso-Eiche lasen wir aus dem befreiten Jerusalem und Byrons Childe Harold. Als wir zum letztenmal dort waren, legten wir aus Tassos Grab eine Palme nieder. Dann begab sich mein Gemahl ins Kloster, um noch einmal Leonardo da Vincis Madonna zu betrachten. Das Kloster verlassend, sagte er: »In dieser frommen Stille der Krone des Kapitals zu entsagen und dafür die Palme des Friedens zu erhalten, muß schön sein.« Ohne zu wissen, daß es mein Abschiedsgruß sein sollte, verließ ich den lieben Ort mit unseres Dichters Weihespruch: – – Die Stätte, die ein edler Mensch betrat ...   Mein Gemahl fühlte an jenem Tage heftige Sehnsucht nach der Sistinischen Kapelle. Wir begaben uns also hin; nur er und ich. Es war Mittag, und da die Kapelle eigens für uns geöffnet worden, befanden wir uns ganz allein. – – Von Sonnenglanz überflutet, erstanden Michelangelos Tote, rangen sie sich zum Himmel auf, wurden sie gesegnet und verdammt, stiegen sie ein in die Kreise der Verklärten, stürzten sie hinunter in die ewige Pein. Und unter dem triumphierenden christlichen Jupiter, an dessen Knie sich die zitternde Mutter schmiegte, stießen die Cherubime in die Posaunen, während über ihm die Scharen lichter Jünglinge des Himmels mit den Marterwerkzeugen angestürmt kamen. Wir saßen da, von neuem überwältigt und niedergeschmettert von der Gewalt des Genius, als seien wir zwei jener Unseligen, die niemals die Nähe des Göttlichen erreichen sollten. Starren Auges sah mein Gemahl auf das ungeheure Gewühl der Leiber. Lange rührten wir uns nicht. Dann sprach er so leise, daß ich mich zu ihm hinneigen mußte, um ihn zu verstehen. »Daß ein Mensch dies erdacht und gestaltet hat! – – Wenn einmal die Posaunen erdröhnen, die Gräber aufbersten, die Toten aller Welten und Zeiten auszuspeien und die Massen der Erstandenen gen Himmel drängen, um verdammt ober gesegnet zu werden – so muß dieser ungeheure Vorgang geschehen, wie er hier geschieht: wie Michelangelo ihn gesehen und gebildet hat. Christus ist hier vor allem der grimmige, gerechte Gott, ein Heros des Himmels, der mit eigener Faust die Sünder und die Schuldigen niederschmettern könnte. Kaum, daß die Mutter zu bitten wagt. Welche Schuld darf vor diesem Richter auf Gnade hoffen? Nur ein Riesengeist, der mit den Völkern der Erde Krieg führte, dabei aber in den Fesseln eines starren, fürchterlichen Glaubens lag, konnte dergleichen Übermächtiges ersinnen. Um an diesen Gott Michelangelos zu glauben, und sich nicht von ihm vernichten zu lassen, muß man ein Michelangelo sein. Wehe uns Kleinen und Schwachen! Wir können nicht bestehen vor ihm. Sieh dort, wo die Toten der Erde entfahren und aus ihren Gräbern sich wühlen, das Weib, welches den Mann aus der Gruft zerren will. Aber Dämonen halten den Unglückseligen bei den Füßen gepackt und werden ihn wieder hinunterreißen. Es mögen Gatte und Gattin sein. Nur das Weib wird selig werden. Vom Rand jenes Hügels schwingt sich eine jammernde Gestalt einsam hinauf. Dort siehst du sie die Lüfte durchsausen: in ein Leichentuch gehüllt, in unendlichem Jammer die Hände ausgestreckt, das Gesicht erhoben, dessen verbundene Augen die Herrlichkeit Gottes nicht sehen wollen, da sie sie allein schauen sollen. Aber es ist eine Gerechte und sie wird selig gesprochen werden. – – Dort steht sie zur Rechten Christi, stehend erhebt sie die Hände und blickt hinter sich, wo Gatte und Gattin sich wieder gefunden haben und sich einander zur ewigen Vereinigung in die Arme sinken. Sieh, wie ihre verklärten Leiber sich umfangen, wie ihre seligen Seelen im Kusse zusammenschmelzen. Furchtbar! Die einen Gatten für ewig vereinigt, die anderen für ewig getrennt! Was für ein entsetzlicher Glaube, in welchem das geschehen kann, in welchem ein Gatte nicht den anderen von seiner Schuld loszubitten vermag?!« Er war außer sich. Ich konnte ihn nicht beruhigen und mußte ihn hinausführen. Mit Heftigkeit forderte er Raffael zu sehen. Wir gingen zur Disputa und vor diesen schönen, seligen Gestalten besänftigte sich der Aufruhr in seiner Empfindung. Er warf sich an meine Brust und weinte. Raffael war die Erlösung.   Drittes Kapitel. Sie rückt und weicht. Mit meinem Gemahl ging es besser. Es war beschlossen worden, nach Neapel zu gehen, bis zum Juli in einem Landhause am Posilip zu bleiben und dann in Sorrent Villeggiatur zu nehmen. In einigen Wochen sollte gereist werden. Unser esquilinisches Landhaus erlebte jetzt sein Rosenmärchen. Es lag da, von einem Netz von Rosengewinden umsponnen. Hecken und Laubengänge bedeckte die schöne Glut. Sie umrankte die Stämme und schlug ihre schwankenden Gewinde von Zweig zu Zweig. Die Luft war eitel Wohlgeruch und die Nachtigallen flöteten Tag und Nacht. Es war ein Blühen und Singen ohne Ende. Mein Gemahl wünschte seinen römischen Aufenthalt mit einem Fest zu beschließen. Er hatte im Laufe des Winters viele liebenswürdige und ausgezeichnete Persönlichkeiten bei sich gesehen, welche er, ehe sie nach allen Himmelsgegenden auseinander gingen, noch einmal um sich vereinigen wollte. So entwarf er denn mit uns Frauen und einigen Künstlern, die sich uns besonders genähert hatten, das Festprogramm. Waren die geselligen Freuden meines Gemahles bereits in seiner nordischen Heimat im wahren Sinn des Wortes edle Freuden gewesen, so wollte er sich das Glück gönnen: in Rom sich und anderen eine Feier zu bereiten, die an die glücklichsten Zeiten der Stadt erinnern sollte. Unser Fest bildete das Gespräch der Gesellschaft; unter seinen Vorbereitungen verstrichen mehrere Wochen. An einem der letzten Tage des Mai schien vor der Porta Capena um Grotte und Hain der Egeria das alte Rom wieder auferstanden und ein Teil seines Volkes am Bach Almo versammelt zu sein, dort das Fest der großen Göttin Cybele zu begehen. – – Aus dem Eichenhain wallte der Zug die blumigen Hügel zum heiligen Bach hinunter. Priesterinnen trugen das verhüllte Bildnis der Göttin. Im Festgewand folgten viele edle römische Frauen, Kränze tragend, selbst das Haupt bekränzt. Sie zogen zur Grotte, wo sie das Bild niedersetzten und es mit ihren Gewinden schmückten. Unterdessen war ein zweiter Zug den Hügel herabgekommen: Jünglinge im phantastischen Aufputz, mit Fellen über den Togen, Eppichkränze in den Haaren, umwundene Stäbe schwingend. In ihrer Mitte wurde eine abgehauene Fichte getragen, die mit bunten Bändern und Blumen verziert war. Die lustige Schar umringte den heiligen Baum, ihn zum Feld hinuntergeleitend, wo sie ihn vor der Grotte aufpflanzte und davor ihre Tänze aufzuführen begann. Diese Zeremonie beendet, begaben sich Priesterinnen, Frauen und Corybanten wieder zum Hain hinauf, wo am Rand des düsteren Gehölzes Teppiche ausgebreitet und eine Anzahl von Triklinien aufgestellt waren. Nachdem man sich gelagert, ertönte feierliche Musik von Zimbeln und Flöten. Die Spieler traten aus dem Hain und schritten paarweise geordnet am Festplatz vorüber, über die Wiese den Abhang hinunter. Die Töne verklangen. Jetzt sah man zwischen den Bäumen langsam eine hohe Frauengestalt einherwandeln. Es war Roma selbst im weißen Festgewand, die Purpurtoga umgeschlagen, die Mauerkrone auf dem Haupt. Nachdem sie eine Ansprache gehalten, wandte sie sich und schritt langsam, feierlich davon, hinter dem Hain den Augen der staunenden und entzückten Versammlung entschwindend. Während man noch von der herrlichen Erscheinung ganz überwältigt, ihre rollende Stimme zu vernehmen glaubte, zogen die Spieler von neuem über die Wiese. Auch ließ sich jetzt ein ferner, getragener Gesang vernehmen. Die Stimmen schienen aus dem Wald zu kommen, aber man sah niemand. Noch dauerte Gesang und Spiel fort, als plötzlich ein von Rosen durchranktes Eichengebüsch sich teilte und Egeria, die junge Nymphe des Ortes, hervortrat. Sie unterhielt sich mit ihren unsichtbaren Genien, denen sie mit leiser Klage verkündete, daß sie zum letztenmal ihren sterblichen Gatten Numa erwarte, welcher von ihr fort, zu den Göttern erhoben werden solle, zu denen sie ihm nicht zu folgen vermöge. Dann kam der König. Er fuhr auf einer goldschimmernden Biga, die zwei weiße Rosse zogen, ein einziger Knabe begleitete ihn. Egeria ging ihm entgegen; darauf begannen Gatte und Gattin den Abschied zu feiern... Plötzlich hörte ich einen lauten Schrei seiner Mutter. Ich sah die Verwirrung der Gäste und stürzte hin. – – Der alte Leibarzt beugte sich über ihn, die Fürstin kniete neben ihm: er hatte einen Blutsturz bekommen. Weil wir ihn nicht aufheben und forttragen konnten, mußten alle den Platz verlassen. Nur die Ristori blieb zurück und hielt eine seiner Hände. Die Mutter hatte sich seinen Kopf in den Schoß gelegt. Ich ließ mich von seinem Blut überrieseln und schaute nur immer auf die geschlossenen Augen, ob sie sich noch einmal aufschlagen würden. Er tat es und sein erster Blick fiel auf mich – Gott im Himmel! – was hatte ich getan, daß er mich mit solchem Blick ansehen konnte, sterbend so ansehen konnte! Er hatte die Sprache verloren und schien nichts mehr vom Leben zu erkennen und zu empfinden als mich. Das Flehen seiner Mutter vernahm er nicht. Ich konnte kein Wort hervorbringen. Mit Almowasser reinigten wir ihn vom Blut. Die Ristori deckte ihn mit ihrem purpurfarbenen Mantel zu. Da der Arzt eine neue Blutung befürchtete, konnte er nicht transportiert werden. Nach Rom war um eine Sänfte geschickt worden. Er schien etwas sagen zu wollen; eine Schreibtafel ward ihm untergelegt. »Mit Rolla allein lassen«, schrieben seine zitternden Finger. Die anderen traten zurück. Ich kniete neben ihm und sagte: »Was soll ich tun, um dich am Leben zu erhalten? Was habe ich getan, daß dein Blick mit solchem Vorwurf auf mir ruht? Ich liebe dich ja so herzlich.« Er winkte, daß ich seine Hand leiten solle; von meiner Hand geleitet, schrieb er: Dein Spiel heute hat mir alles verraten; du hast mich nur aus Mitleid geliebt. Ich erhob meine Hände, ich wollte reden, da entrang sich seinen Lippen: »Du darfst nicht auch noch lügen aus Mitleid.« Ich wollte aufschreien. »Nein! Nein!« Da traf mich sein starrer, fast zorniger Blick. Ich verstummte, schlug die Hände vor das Gesicht. Ein schrecklicher Ton machte mich auffahren, ein Röcheln, ein Sterberöcheln. Ich sah ihn an, ich stieß einen Schrei aus. Seine Mutter kam herbeigestürzt, alle anderen. Ich jedoch wußte nichts mehr von mir. – – Mit seinem zornigen Blick auf mich war er gestorben.   Es war Nacht, als wir seine Leiche im Wagen nach Rom brachten. Sie hatten alle ihre Kränze auf ihn gelegt. Seine Mutter wollte sein Haupt nicht aus ihrem Schoß lassen. Ich wagte nicht, ihn zu berühren. Mir war, als müsse er wieder zu bluten beginnen. Von den Tagen, die jetzt kamen, will ich schweigen. Als er einbalsamiert worden, sollte seine Leiche nach Deutschland übergeführt werben. Eines grauenden Morgens brach der Trauerzug auf. Der Sarkophag wurde von sechs Pferden gezogen; ein Baldachin war über ihn ausgespannt, Lorbeerkränze und Palmenzweige bedeckten ihn, Rosen und Veilchen waren darüber geschüttet. Eine päpstliche Ehrenwache schritt neben dem Trauerwagen her, dem sich ein langer Zug Wagen anschloß. Wir, unser Gesandter, die Trauerdeputation fremder Reiche, die Geistlichkeit, unsere Dienerschaft – die Sänger der Sistinischen Kapelle. Die Porta S. Pancrazio, durch welche wir Rom verließen, war schwarz verhängt. Eine lautlose Menge erwartete uns am Tor. Bald darauf empfing unsern Toten die feierliche Ruhe der Campagna, die wir bis Civitavecchia durchzogen.   Wir hatten die Leiche meines Gemahls nach Deutschland übergeführt, wo sie in der Residenz beigesetzt werden sollte. Doch nur seine Mutter durfte den Toten bis zu seiner letzten Ruhestätte begleiten. Bereits an der Grenze, wo Prinzen des königlichen Hauses, Magistrate und Deputationen den Sarg empfingen, mußte ich, deren Gattinnenname plötzlich nichts als eine fürstliche Draperie war, mich von seinem Sarg trennen. In der Nacht nahm ich Abschied. Es geschah heimlich und verstohlen: schien man mir doch selbst das Recht abzusprechen, um ihn trauern zu dürfen. Sein Sarkophag stand noch in dem schwarzen Reisezelt; darauf lagen noch die römischen Palmenzweige und Lorbeerkränze – freilich längst verwelkt. Offiziere seines Regiments hielten Wache bei ihm. Sie kannten mich nicht und ich mußte erst meinen Namen nennen, ehe sie mir gestatteten, an seinen Sarg zu treten. Dann zogen sie sich jedoch vor den Eingang zurück. – Aus den Kandelabern warfen die Pechpfannen wild aufflackernden Glanz ringsum. Ihr glühender Schein fiel auf die fürstlichen Insignien, die der König auf den Sarkophag hatte niederlegen lassen. Ich stand auf den Stufen und mußte immerfort auf den Hermelinmantel und die goldene Krone hinabstarren. O du mein armer, toter Königssohn. – – Sie haben deinen Sarg mit der Pracht deines Lebens belastet. Keiner denkt daran, daß du einen Strauß Blumen schöner gefunden hättest. Für sie freilich ist vor allem der Fürst gestorben! Nur deinem Weibe, das kaum ein Recht hat, sich so zu nennen, starb in dir der Mensch. Ich kannte dich und hätte dich doch besser kennen sollen. Vergib mir! Du lebtest in der Öde. Da fandest du die eine arme Blüte, die einzige, die dich schön dünkte und dir zu duften schien. Du strecktest deine Hand nach ihr aus; du wolltest sie pflücken. Als man dich nicht gewähren ließ, welkte deine Lebensblüte dahin. Da gab man mich dir. Aus Mitleid verschwiegen sie dir, daß es aus Mitleid geschah. Auch ich log die fromme Lüge mit und hätte dich doch besser kennen sollen. Ich hätte wissen sollen, daß du wirklich ein Fürst und ein stolzer Mensch seist, der kein Mitleid dulden durfte, namentlich nicht das Mitleid eines schwachen Mädchens. Vergib mir! Du weißt nicht, was es heißt, wenn eine Mutter für ihren todkranken Sohn bittet. Du kennst nicht das zärtliche, schwankende Gemüt einer Frau, das so leicht und willig in der schönsten menschlichen Empfindung zerschmilzt. Schienen doch deine eigenen traurigen Augen mich um die Lüge anzuflehen. Es ist nicht gut und bringt keinen Segen, daß wir Frauen so gern uns opfern, uns der Menschheit so ungestüm als freiwillige Märtyrerinnen aufdrängen. Vergib mir! Liebe war das Leben, zu dem allein deine sterbende Seele sich hindrängte. – Liebe glaubtest du gefunden zu haben. Zuweilen zweifeltest du; aber immer wieder wußte ich dich zu beruhigen: zu belügen. Zuweilen schrecktest du auf aus deinem Traum; aber immer wieder wußte ich dich einzuschläfern: zu betäuben. Einmal die große Schuld begonnen, mußte ich sie vollenden. Es ist gut, daß du nicht weißt, wie ich gelitten habe. Laß mich's an deinem Sarg aussprechen. Wie ein stolzer Mann durch das Mitleid einer Frau beschimpft und beleidigt wird, so geschieht das der Frau, hat sich diese nicht aus Liebe zur Gattin gegeben. Du, dessen Seele groß war, hättest es gewiß verstanden und mit mir Mitleid gehabt. Was sage ich: Mitleid? Du hättest es nicht geduldet. Du hättest mich von dir gewiesen und wärest in der Hoheit deiner Entsagung gestorben. Hier stehe ich, lege meine Hand auf deinen Sarg und mir ist, als würde ich dir erst jetzt vermählt, als würde ich erst jetzt dein Weib – in der Liebe. Als deine wahre Witwe verlasse ich dich. Von dir fort gehe ich in das Leben hinaus, das von diesem Augenblick an eine Trennung von dir sein wird. Ich schwöre dir nichts, ich gelobe dir nichts: weiß ich doch, daß du das nicht von mir willst. Nur das eine laß mich dir sagen: Bin ich auch nur deine Schwester gewesen, so will ich doch an dich denken, als hätte ich dir Kinder geboren. Lebe Wohl. Du wirst schlafen, aber nicht träumen. Und solltest du einmal erwachen, so wird in dem erschlossenen Himmel, wo du keine Fürstenkrone trägst, sondern die Palme der Menschheit, der Gatte die Gattin finden.   Am Morgen verabschiedete ich mich von der Fürstin. Gern hätte ich mich an ihre Brust geworfen: Umarme die Witwe deines Sohnes; denn jetzt – erst bin ich das. Aber außer der Majestät der trauernden Mutter umkleidete sie der ganze Pomp der trauernden Fürstin, so daß sie mich, die der Tote am meisten geliebt hatte, empfing, als erteile sie mir eine Audienz. Sie redete mich »Baronesse« an und ich küßte ihre Hand. Darauf teilte ich ihr mit, daß ich entschlossen sei, mich auf das Schloß zurückzuziehen, welches mir mein Gemahl zum Witwensitz bestimmt. Noch den Tag vorher hatte ich im Sinne gehabt, das Vermächtnis abzulehnen. Mein Vorhaben wurde von der hohen Frau gebilligt; dann empfing ich noch in ihrer Gegenwart den Adjutanten des Königs, der mir das Beileid Seiner Majestät auszudrücken hatte. Als die Türe sich hinter mir schloß, brauchte mir keiner zu sagen, daß ich von nun an für jene Welt nicht mehr existierte. Auf einer anderen Straße, als der Trauerzug sie nahm, entfernte ich mich von der Grenze. Aber auch zu meinem Weg hinüber tönten die Kirchenglocken, die in allen Dörfern geläutet wurden, durch welche der Zug kam. Jene Empfindung, die ich schon einmal am Grabe der Tragödin gehabt, überschlich mich von neuem: dort trauert ein ganzes Land um ihn und hier bin ich, einsam und unbekannt, in deren Armen er starb, durch die er starb. Ich lag in die Kissen des geschlossenen Wagens gedrückt und sah in den sonnigen Junimorgen hinaus. Diese Wiesen standen voller Blumen, die Landleute mähten. Das Leben tut es auch nicht anders! Lang bevor es Herbst geworden, schreitet der blasse Schnitter dahin, mäht und mäht. Und es sind so viele Blumen darunter. Andere erstarren im frühen Frost, verdorren in heißer Sonnenglut, oder werden zertreten. Ich ließ sehr langsam fahren. War mir's doch bei dem Glockengeläut, als ob ich noch immer dem Toten folge. Da vernahm ich das Rollen eines Wagens hinter uns. Schnell kam es nah und näher. Der Kutscher wurde angerufen, der Wagen hielt – noch einen Augenblick und ich wurde von den teuersten Armen umfaßt, ich hielt die treuesten Hände in den meinen. Sie wußten, was mir not tat, beide wußten es. Meine Mutter saß neben mir, er mir gegenüber und ich erzählte ihnen, nichts verschweigend, auch nicht seine letzten Worte, seinen letzten Blick. Am Abend des zweiten Tages unserer Fahrt tauchte das Schloß vor uns auf. Wir näherten uns demselben vom Gebirge her und überblickten es von einer Höhe mit allen seinen Wäldern und Fluren. Von der höchsten Zinne wehte eine lange Trauerfahne herab. Still zog ich ein, wo sie mich einst an der Seite meines jungen Gatten mit Musik und Jubel empfangen hatten. Ehe ich das Schloß betrat, suchte ich, allein von seinem Geiste begleitet, alle die Plätze auf, wo er an meine Lüge geglaubt hatte und glücklich gewesen war. An jedem Orte flüsterte ich: Vergib mir! Dann sah ich auf der Terrasse dem Sonnenuntergang zu, welcher über die Residenz, die heute seinen Leichnam empfangen, einen Baldachin von Purpur und Gold breitete. Sie rückte und wich.   Viertes Kapitel. Neues Leben. Nach einigen Tagen verließ Fernow mich wieder. Ich hatte ihm meine Seele aufdecken und ihn darin lesen lassen können, wie in einem Buche. Daß er manches verschweigen mußte, wußte ich ja. Luise kam. Sie hatte dem Leichenbegängnis meines Gemahls beigewohnt und war von Rührung und Wehmut noch ganz geschwächt, was sie jedoch nicht hinderte, über den Pomp des Vorganges in höchste Ekstase zu geraten. Sie behandelte mich nach alter Art wie ein krankes Kind und mochte befürchten, daß ich meinem jungen Gatten möglichst schnell am gebrochenen Herzen nachsterben würde. Fernow hatte mich nicht verlassen dürfen, ohne mir über die Mutter, die mir zu leiden schien, völlige Wahrheit zu geben. Ich erfuhr, daß sich ein Herzleiden eingestellt, und er verschwieg mir auch nicht, daß eine heftige Aufregung einen Herzschlag zur Folge haben könne. Wie ein Kind wurde daher meine Mutter von Luisen behandelt. Da ihre hauptsächlichste Anschauung von Kindern die war, daß es kleine, arme, hilflose Wesen seien, die fortwährend eingewickelt und beruhigt werden müßten, so betrieb sie diese Ammenbeschäftigung bei meiner Mutter mit einer wahrhaft fürchterlichen Zärtlichkeit. Wenn sie gegen die zarte, wehrlose Gestalt mit einem Armvoll Tücher und Decken anrückte, mußte ich jedesmal wahre Schlachten liefern, deren Ausgang mein Mütterchen in ihrem Lehnstuhl in stiller Ergebung abwartete. Ich siegte nicht immer. Hier sei gleich erwähnt, daß Luise bedenkliche Gelüste zeigte, noch in ihren alten Tagen Schloßherrin zu werden. Sie war eben ein Charakter. In tiefster Zurückgezogenheit verstrich der Sommer. Dann entschied ich über meine Zukunft: war ich doch wieder Rolla, die Schauspielerin! Unsere Hofbühne blieb mir selbstverständlich verschlossen; aber ich hatte gehört, daß mich das Publikum sehnlichst zurückerwartete, daß also kein Ersatz für mich gefunden worden war. Verschiedene ausgezeichnete Bühnen ließen mir ihre Anerbietungen stellen, die sämtlich überaus ehrenvoll für mich waren. Eine kurze Zeit schwankte ich; dann entschloß ich mich für die Hofbühne einer Residenz, deren eigentlicher Lenker der kunstsinnige Monarch in eigener Person war. Der Intendant kam selbst zu mir gereist, um mir im Namen seines Herrschers die bedeutendsten Vorschläge zu machen. Als auch Fernow mir zusprach, nahm ich, wie gesagt an. Im Herbst siedelten wir über. Da ich ja noch recht jung war, behielt ich mein altes Repertoir völlig bei. Wieder war die erste Rolle, in der ich auftrat, Gretchen. In dem Erfolg, den die Künstlerin errang, schien mir das Haus seine Teilnahme für die Frau versichern zu wollen. Nie vorher hatte man mich so gerühmt. Dennoch wollte mir bedünken, als sei mein Gretchen lange nicht mehr so gut gewesen. Die alte Harmlosigkeit schien mir genommen zu sein, die schöne Unbewußtheit. Ich hatte erlebt und gelitten, ich war reflektierend geworden. Ausführlich schrieb ich darüber an Fernow und bekam von ihm zur Antwort, was ich mir selbst gesagt. Ähnliches geschah mir mit allen alten Rollen. Meine Gestalten waren wie Blumen, die ja noch recht frisch sein mochten; aber mir erschienen sie doch nicht mehr so duftend, als ob sie eben erst gebrochen wären. Gewisse schlichte, innige Töne, die meinen Ruhm begründet, fand ich gar nicht mehr; desto gewaltiger gelang mir der Ausdruck des Leidenschaftlichen. So wandte ich mich denn sehr früh, viel zu früh, dem Tragischen zu. In mein Wesen war etwas gekommen, das meine Mutter erschreckte, mich namenlos quälte und das zuweilen, so sehr ich es auch zu unterdrücken versuchte, einen wilden Ausbruch nahm. Es lag über meiner Seele wie die Eisdecke über dem Bergstrom; die Flut schlägt dagegen. Sie will den kalten Zwang zersprengen, sie will sich entfesseln. Aber noch ist der Frühlingssonnenschein nicht gekommen, der die Bande schmilzt und die Ufer mit Blumen schmückt. In diesen Jahren ersparte ich mir mit jenem Strom des Lebens zu treiben, der mich in den Strudel und die Sturmflut der Gesellschaft hinausgerissen hätte. Ich blieb ruhig am sichern Ufer, ließ sie über mich murmeln und flüstern und die Achseln zucken, allein dem allerdings schmerzlichen Glück meiner Kunst lebend. Aber wie vermißte ich ihn, wie fehlte mir der Freund. Als ob ich nicht gewußt hatte, warum mich meine Mutter so traurig ansah, warum sie oft so tief schmerzlich aufseufzte. Doch ich schüttelte den Kopf. Nein, gute Mutter, das geht nicht, das nicht! Ich sprach es nicht aus; aber sie verstand mich, wie ich sie verstand. Jeden Sommer brachten wir die großen Ferien auf dem Schlosse zu, jeden Sommer besuchte Fernow uns dort. Einmal brachte er mir ein Manuskript mit, das ich lesen sollte. Es war ein Trauerspiel. Als ich nach dem Dichter fragte, hieß es: ich würde später von ihm erfahren. Ich nahm die Blätter des Abends mit mir auf mein Zimmer; sie waren mit einer kühnen, stolzen Schrift beschrieben. Dem Datum nach war das Stück vor zehn Jahren verfaßt worden. Ich hatte mein Nachtkleid angelegt, war allein und begann zu lesen. Mehreremal wollte ich das Manuskript wegwerfen. Schließlich tat ich es auch. Aber ich nahm es doch wieder auf und las bis zu Ende. Mein Gesicht glühte, meine Pulse fieberten, mein Denken war wie zerstückt. Ich war begeistert und empört zugleich; nie war mir Ähnliches geschehen. Ich war außer mir. In meinem Zimmer schritt ich auf und ab, bis eine unverständliche Qual und ein ebensolch unverständliches Entzücken mich in einen Zustand von Bangigkeit versetzten, daß mir's schien, als brächen Wände und Decke über mir zusammen. Ich riß das Fenster auf. Mir war's, als ob ich mich retten müßte. Ich wollte die Mutter wecken; aber da sah ich in Fernows Zimmer noch Licht. Ich nahm den Leuchter und ging durch die lange Reihe stiller Gemächer zu ihm. »Wachen Sie noch?« Statt der Antwort öffnete er mir. »Was ist geschehen? Ist die Mutter krank geworden?« »Die Mutter schläft ruhig; aber ich, glaub' ich, bin krank.« »Sie haben das Manuskript gelesen?« »Können Sie noch fragen. Lassen Sie mich herein.« »Wollen wir nicht – –« »Hinausgehen. Nein, ich muß Licht um mich haben, ich muß Sie ansehen können.« Schweigend ließ er mich an sich vorüber und schloß die Tür. Wir standen uns gegenüber. Ich sah recht gut, wie bleich er war. »In welcher Absicht taten Sie mir das? Denn Sie hatten eine Absicht; Sie tun nichts ohne Absicht.« »Es ist eine geniale Dichtung.« »Es ist eine geniale Dichtung! Sehen Sie nicht, daß ich ganz zermalmt davon bin?« »Sie befinden sich allerdings in einem sonderbaren Zustand.« »Ich leide, also studieren Sie mich nicht! Oder ist es wieder eines Ihrer Experimente?« »Ich bitte Sie – – « »Ruhig zu sein? Hören Sie mich! Dieses dämonische Werk, das mich mit Abscheu und zugleich mit Bewunderung erfüllt, hat einen Sturm in mir aufgewühlt, der sich nicht so leicht wird beschwichtigen lassen. Sie müssen das gewußt haben, denn Sie kennen mich. Während ich las, jauchzte ich dem Dichter zu; aber zugleich schauderte mir vor ihm, warnte mich mein Geist vor ihm! Diese titanische Empfindung, diese prometheische Leidenschaft, diese verbrecherische Kühnheit in glühenden Bildern, gewaltigen Worten auszusprechen, was kaum zu denken gewagt werden darf – –. Wer ist es?« Fernow zauderte mit der Antwort. »Wer ist es?« drängte ich heftig. »Wenn er lebt, muß ich ihn kennen. Ich muß , sage ich Ihnen! Also reden Sie. Nein, reden Sie nicht, ich will es nicht wissen! Was fällt mir plötzlich ein?! Sie haben es doch nicht geschrieben? Was schwatzte ich! Das ist ja nicht möglich!« »Dieser Meinung bin ich auch. Aber in der Aufregung, in der Sie sich befinden, werden Sie kein Wort von mir zu hören bekommen.« »So beruhigen Sie mich. Geben Sie mir ein Gegengift.« »Das wird am besten ein kurzer Spaziergang sein.« Er legte mir ein Tuch um und führte mich hinaus. Wir gingen durch den Garten und Park; die kühle Nachtluft tat mir wirklich wohl. Der Sternenhimmel und das stille, feierliche Dunkel übten ihre alte Wirkung auf mich aus und bald dachte ich an meine leidenschaftliche Erregung wie an einen wüsten Traum zurück. Was hatte mich überkommen, wie konnte ich mich so fortreißen lassen?! Ich schämte mich. »Schelten Sie mich!« bat ich. »Ich fürchte, ich war wieder einmal ganz jenes unvernünftige Ding, das damals die Gräfin Orsina vor Ihnen raste. Anlage zur Tollheit soll ja in meinem Hirn stecken. Ich muß mich wirklich in acht nehmen.« »Das Genie hat Ihnen diesmal einen Streich gespielt« versetzte Fernow heiter. »Ich hätte daran denken sollen, daß man Zoll für Zoll Tragödin ist.« »Freilich! Unsereins ist ja von vornherein bei einer solchen Lektüre unzurechnungsfähig. Lesen wir doch nicht Worte, sondern erleben Tatsachen. Ich will Ihnen nur bekennen, daß ich die ganze Zeit über jene Heldin gewesen bin.« »Natürlich wäre es unmöglich, das Stück zu geben?« »Unmöglich! Welche Schauspielerin sollte das spielen? welches Publikum das anhören? Aber genial ist es; übergenial. Lösen Sie mir das Rätsel. Wie kommt es, daß ich von diesem Mann noch nichts erfahren habe, daß dieser Dichter nicht wie eine Sturmflut in unsere Literatur hereingebraust ist? Hat er noch mehr geschrieben? Ist etwas von ihm gedruckt? Wie kamen Sie zu dem Manuskript?« »Sie muten mir doch nicht zu, auf alle diese Fragen in einem Atem zu antworten?« »Also der Reihe nach. Zuerst und vor allem! Wer ist er?« »Ich denke, Sie wollen nichts mehr von ihm wissen? Es wäre vielleicht auch besser, ich schwiege.« »Befürchten Sie einen Rückfall? Diese Vorsicht kommt nach der Unvorsichtigkeit zu spät. Bekennen Sie also.« »Auf eigene Verantwortung?« »Die nehme ich auf mich.« »Also hören Sie: Der Dichter ist wie seine Dichtung: man muß ihn bewundern und man wird sich gegen ihn empören. Er ist auch als Mensch von jener verbrecherischen Rücksichtslosigkeit, die Sie in seinem Drama zugleich entzückt und verletzt hat. Ich kenne keinen, der so viel geliebt und so viel gehaßt wird.« »Wie, Sie kennen ihn?« »Er ist mein Freund, der einzige, den ich jemals besaß.« »Sie haben einen Freund – einen solchen Freund! Und das erfahre ich jetzt erst! Habe ich mir alle diese Jahre nur eingebildet, Ihre Freundin zu sein? Aber ich tue Ihnen schon wieder unrecht. Sie hatten natürlich Ihre triftigen Gründe, mir von diesem merkwürdigen Menschen nicht zu erzählen.« »Allerdings hatte ich meine triftigen Gründe. Eine derartige, im höchsten Grade problematische, ja dämonische Natur hätte Sie damals nicht nur auf das heftigste beunruhigt, sondern wäre Ihnen auch völlig unverständlich, ja ungeheuerlich erschienen.« »Sie haben recht, vollkommen recht – wie immer,« versetzte ich mit einem schweren Atemzuge. »Aber jetzt werden Sie mir von Ihrem › Freunde‹ erzählen.« »Deshalb gab ich Ihnen das Manuskript zu lesen – Wir studierten zusammen. Lange bevor ich ihn kennen lernte, hatte ich von ihm gehört. Während mein ganzes Empfinden sich gegen die durch seine Persönlichkeit ausgeübte Tyrannei auflehnte, flößte mir dieser Renaissancemensch zugleich die heftigste Bewunderung ein. Er gründete damals eine studentische Vereinigung, welche den kühnsten – den extremsten Freiheitsideen huldigte. Als ich diesem Bunde beitrat, sah ich ihn zum erstenmal. Obgleich ich mich darauf vorbereitet hatte, ihn zu hassen, verging bei seinem Anblick meine Empfindung gegen ihn wie eine Seifenblase. Seiner Schönheit und Liebenswürdigkeit gegenüber war kein Widerstand möglich. Wenn er die Locken seines jungen Jupiterhauptes schüttelte, wenn seine Augen im heiligen Zorne gegen irgendeine Erbärmlichkeit der Welt und des Lebens aufleuchteten, seinen Lippen hinreißende Beredsamkeit entströmte, so kam mir's oft vor: als sei aus einem vergangenen Geschlecht einer übriggeblieben, von einer Kraft und Gewalt, wie diese schwächlich gewordene Menschheit sie nicht mehr hervorbringt. Ein neuer Prometheus, trotzte er den alten Göttern, wollte er vom Himmel den Blitzstrahl der Wahrheit herabreißen, ihn unter die Menschen zu schleudern, womöglich die Welt in Brand zu stecken. Etwas Phrase mochte allerdings dabei sein und jedenfalls viel Sturm und Drang; dennoch war es ein wunderbarer Mensch. Einer seiner Hauptsätze war: es gibt keine Leidenschaft mehr in der Welt. Nun, er führte durch sich selbst den Gegenbeweis. Es gibt in der Welt keine Persönlichkeit mehr, zürnte er und war doch selbst eine volle. Sein Hohn, seine Satire konnten schonungslos sein; doch richtete er sie nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst und das ohne jede Koketterie. Ich fand ihn oft über sich verzweifelnd: Ich bin angekränkelt wie sie alle, und sollte abgehauen werden wie ein fauler Baum. Wozu gibt es Äxte und Messer. Haut zu! Nein, laßt nur! Ein fauler Baum, der über einem Abgrund hängt, stürzt schließlich von selbst hinab. Eine Stunde darauf erhob er sein Haupt in unbegrenztem Selbstbewußtsein von neuem. Demokrat, der er sein wollte, war er doch durch und durch Aristokrat. Als er jedoch in einer Zeit, wo Deutschland das Jahr 1813 noch nicht vergessen hatte, Napoleon öffentlich verherrlichte, konnte er sich nicht länger halten. Dazu kam, daß die Vereinigung von der Universität kassiert wurde; er selbst sollte vor Gericht gezogen werden. Ich überredete ihn zur Flucht. Weil ich mich ihm nicht unterwarf, liebte er mich. Wir haben viel zusammen erlebt. Das Manuskript fand ich kürzlich unter den Erinnerungen jener Zeit. In müßigen Stunden hatte er die ungeheure Tragödie wie im Spiel hingeworfen und sich dann nicht mehr darum gekümmert.« »Aber er lebt doch noch? Wo ist er?« »Als ich Sie kennen lernte, ging er gerade fort. Da in Europa nichts aus ihm geworden war, wollte er sehen, ob in Amerika etwas aus ihm werden würde. Vor etwa einem Jahre erhielt ich nach langem Schweigen wieder den ersten Brief. Er hat Tolles erlebt, scheint mir aber ganz der Alte geblieben zu sein.« Er schwieg. Ich mußte ihn drängen, weiter zu sprechen. »Sie müssen nämlich wissen, daß er vor kurzem zurückgekehrt ist. Ich bin ihm bis Hamburg entgegengereist.« Ich unterdrückte einen Ausruf. »Wie haben Sie ihn gefunden?« »Wie ich erwartet hatte; unzermalmten Herzens, ein trotziger, herrlicher, despotischer Mensch, der gewiß nach wie vor von vielen gehaßt und – von vielen geliebt wird. Natürlich ist er unverheiratet, muß auch unverheiratet bleiben, da bei ihm eine Ehe gegen eine Frau sowohl, wie gegen sich selbst, ein Verbrechen sein würde. Er ist ein Mann, der ein Weib zuerst selig und dann unselig machen muß. Ein zweites, sogenanntes Glück, gibt es bei ihm nicht. – – Er hat die Absicht, mich in diesen Tagen hier aufzusuchen. Ich kann ihm jedoch abschreiben. Fast möchte ich es tun.« »Warum?« fragte ich ihn und sah ihm fest ins Gesicht. Er erwiderte nichts. Nach einer Stunde stand ich in meinem Zimmer am geöffneten Fenster und sah das Morgenrot aufglühen. Den jungen Tag begrüßend schwangen sich die Lerchen auf. »Erst selig, dann unselig, ein zweites gibt es bei ihm nicht.« Da ging die Sonne auf. Licht und Glanz füllte die Welt. Ich grüßte die Himmelsflamme des Lebens.   Welche Schuld war es, die mich an diesem Tag verhinderte, Fernow frei ins Gesicht zu sehen. Auch vermied ich, mit ihm allein zu sein. Keiner berührte den Vorfall und das Gespräch der Nacht, so daß ich alles hätte für einen Traum nehmen können. Aber auf meinem Zimmer lag noch das Manuskript und kaum war es Abend geworden, zog ich mich zurück. Fernow blieb bei der Mutter. Sicher wußte er, was ich jetzt tun würde. Ich ließ die Vorhänge schließen und Lichter anzünden. Aber zu lesen begann ich erst, als ich wußte, daß im Schlosse alle zur Ruhe gegangen. Von neuem versenkte ich mich in die dämonische Dichtung. Ich wollte mit Ruhe lesen: »objektiv«, wohl gar »kritisch«. Was halfen mir Vorsätze! Von neuem faßte mich der Sturm und dieses Mal noch ungestümer, da ich jetzt nicht die Personen des Dramas, sondern den Dichter selbst zu mir reden hörte. Nur eine Frau kann eine solche Sophistin sein! Mit welchem Geschick verstand ich, gewisse Stellen der Dichtung fortzudisputieren und ihrem unzweideutigen Sinn einen anderen unterzuschieben! Mit welcher Kunst verstand ich zu idealisieren und zu apotheosieren! Was mich gestern noch empört hatte, suchte ich heute durch Ausdrücke wie »Byronisch«, »Faustisch« und so weiter, großartig zu machen. Doch großartig blieb er auch dort, wo er unverständlich erschien. Und dann – er hatte ja nicht für ein Publikum geschrieben, sondern nur für sich selbst; wie er selbst auch der Held war. – – Und war die Heldin nicht die Frau, die er gleichsam für sich geschaffen?! Wie geschah mir, als ich in dieser Gestalt Gedanken fand, die ich selber schon gefühlt. Welch ein Rausch ergriff mich! Ich sprach die Heldin und hörte entzückt, wie ich mich selbst sprach. Welche Töne standen mir plötzlich zu Gebot, welch ein übermächtiger Ausdruck! Als sie starb: den Giftbecher, den er ihr reichte, ausschlürfend, wie eine Bacchantin die Schale – wie fühlte ich da ihren Tod als der Wonnen letzte und höchste! Mit welcher mächtigen Überzeugung begriff ich, daß die selige Schuld: mit diesem Manne den Becher einer verbrecherischen Liebe in einem einzigen Zuge bis zur Neige geleert zu haben, ihr als den einzigen Trunk, den sie danach noch schlürfen durfte, den Giftpokal an die Lippen drücken mußte. Und doch warf ich mich außer mir hin, aufschreiend: »Sie ist tot!« Und lange lag ich in halber Besinnungslosigkeit da – – Als Gretchen den Dämon fühlte, graute ihr's; als jene Heldin in dem Geliebten ihren Zerstörer ahnte, jauchzte sie ihm zu. Wieder gab es eine schlaflose Nacht. Fernows Licht brannte nicht mehr; aber wenn auch – schwerlich, daß ich ihn diesmal aufgesucht hätte. Ich schlich mich zum Zimmer der Mutter, wie ich schon einmal getan. Aber heute wagte ich nicht, die Schwelle zu übertreten. Es scheuchte mich fort, ich floh hinaus, um mich draußen wie ein ruheloser Geist todmüde zu irren. Als der Morgen graute, lag ich in tiefster Ermattung angekleidet auf meinem Lager. Und dennoch – obgleich tausend Stimmen in mir zu Mahnern erwachten, sprach ich das Wort nicht aus, das das Verhängnis von mir abgelenkt hätte. Mein Geist lag wie in Banden geschlagen. Willenlos, hilflos ließ ich das Schicksal seinen Weg nehmen, keine Hand dagegen rührend und wenn es mich auch hätte zermalmen sollen. Aber ich sollte dadurch jawohl eine große Künstlerin werden? Wenigstens war das seine Meinung. Wie gleichgültig mir das war! Acht Tage vergingen. Jeden Abend las ich in dem Manuskript und, wenn es menschlichen Kräften überhaupt möglich gewesen, hätte ich hintreten können, die Heldin zu spielen. Trotz meiner wilden Nächte war ich am Tage ruhig, ja gleichmütig. Die Mutter blieb ahnungslos, selbst Fernow zu täuschen gelang mir. Auch das verwirrte mir fast den Verstand: da ist er und liebt dich und gibt dich dem andern. Wenn er nur fortgegangen wäre! Da erfuhr die Mutter, daß Fernow einen Freund erwartete. Auch sie war erstaunt, nie etwas von diesem Freunde gehört zu haben, sie, die doch so vieles von ihm wußte. Sie schien mir betroffen zu sein, gedankenvoll zu werden. Vielleicht verbindet sie, so dachte ich mir, irgendeinen Vorgang aus seinem Leben mit diesem Freunde. Dann aber freute sie sich herzlich auf den Gast und ordnete selbst dessen Zimmer. Fernow und ich sahen uns scheu an. Beinahe wäre es damals um der Mutter willen doch noch unterblieben. Fernow war ihm entgegengefahren; am Abend wurden beide erwartet. Ich schob Kopfschmerz vor und verbrachte den ganzen Tag auf meinem Zimmer. Am Morgen hatte mich die Mutter liebreich gescholten, daß ich mich gegen die große Freude, den einzigen Freund unseres Freundes bei uns zu sehen, so ablehnend verhalte. Als gegen Abend die Mutter kam, um sich besorgt nach meinem Befinden zu erkundigen, behauptete ich, mich besser zu fühlen, begab mich auch mit ihr hinunter. Natürlich kam das Gespräch auf den Erwarteten. Ich erklärte der Mutter, daß ich Mißtrauen gegen seinen Charakter hege: er sei eine problematische Natur. Von neuem glaubte ich bei der Mutter eine Betroffenheit zu bemerken. Von mir darüber befragt, geriet sie in Verwirrung, so daß der alte Verdacht in mir wach wurde: gewiß stand der Fremde mit einem Ereignis aus Fernows Leben im Zusammenhang, von dem sie wußte. Obgleich ich mich heftig nach Einsamkeit sehnte, gab ich meinem Verlangen nicht nach und blieb bei der Mutter. Als sie mich fragte, ob ich nicht den Herren entgegengehen wolle, wies ich dies fast unfreundlich zurück. Es war kühl geworden. Da ich ein leichtes Sommerkleid trug, ging ich hinauf, ein wärmeres anzulegen. Mit einem Trotz, über den ich selbst lächeln mußte, wählte ich ein Kleid, dessen stumpfes Grau mir möglichst unvorteilhaft stand. Damit noch nicht zufrieden, zog ich mir auch die Blumen aus dem Haar, mit denen ich mich täglich schmückte. Das getan, wollte ich mich wieder hinunterbegeben, blieb aber oben. Ich setzte mich, ergriff ein Buch, las aber kein Wort. Ich warf den Band fort, holte meinen Stickrahmen, tat aber keinen Stich. Dann ging ich auf und ab und als mich das von neuem unruhig zu machen drohte, fing ich an, eine Rolle zu memorieren. Darüber vergaß ich mich so, daß ich zusammenschreckte, als draußen plötzlich der Wagen vorfuhr. Vom Fenster aus sah ich ihn aussteigen. Er ging mit Fernow ins Schloß. Ich aber blieb stehen, blickte in das Abendrot, bis dieses erlosch und der Diener mich zur Tafel rief. Fünftes Kapitel. Dämonen. Die Türen wurden vor mir geöffnet; ich trat in die hell erleuchtete Halle. Bereits im Vorzimmer hatte ich die fremde tiefe Stimme vernommen und einen Augenblick auf ihren Wohlklang gelauscht. Er stand am Kamin bei der Mutter, blickte, als ich eintrat, herüber und verstummte. Dann kam er mir entgegen. Fernow stellte mir ihn vor. Wir wechselten einige Worte über die Reise, gleich darauf meldete der Diener, daß serviert sei. Ich ließ mich von Fernow in den Speisesaal führen. An der Tafel saß er neben mir. Die Unterhaltung wurde fast ausschließlich von ihm geführt, wir hörten zu. Niemals vorher hatte ich so sprechen hören! Wie ein Zauber umfing mich seine Stimme. Aber er sollte mich nicht gleich zu seinem Geschöpf machen! Mit einer Art von verachtenden Groll gegen mein Geschlecht, dachte er daran, wie es solch einer tyrannischen Persönlichkeit eine Macht über sich einräumt, deren Despotie das Weib zur Sklavin stempelt. Noch einmal beschloß ich, wenn auch nicht größer, so doch jedenfalls stärker zu sein. Er erzählte von seinem Leben in seinen Weltteilen: Fremdes in einer mir vollständig fremdartigen Auffassung, Großartiges großartig angesehen, in ebensolcher Gesinnung vorgetragen und mit einem wahren Genie der Rede geschildert. Niemals Phrase, war darin eine, die mich wie ein Sturm mit sich fortriß. Er hatte Gewaltiges erfahren, hatte Meere durchschifft und Wüsten durchwandert, in der Wildnis gelebt und die Menschen kennen gelernt in den ungeheuerlichen Zuständen völliger Unkultur, aber von einer Kraft durchdrungen, wie sie nur den Völkern einer mächtigen Natur innewohnen kann. Zuletzt war er in Südaustralien gewesen, wo er deutschen Auswanderern eine Kolonie hatte gründen helfen. Das Land sei köstlich: jungfräulicher Boden, der Wildnis abgerungen; aber das Klima ein wahrer Würgegeist und die Menschen im Kampf mit diesem Todfeind unglaublich unwissend und hilflos. Wenn die junge Kolonie keinen Arzt bekomme, der freilich ein starker und todesmutiger Mann sein müsse, würden bald nur noch ihre Gräber von den Ansiedlern Kunde geben. Hier rissen sich meine Blicke von dem Erzähler los zu Fernow hinüber. Dieser hörte mit einer wahrhaft unheimlichen Aufmerksamkeit zu. Da durchzuckte mich ein Gedanke so heftig, daß ich davon mein Herz schmerzen fühlte: Willst du etwa dieser starke, todmutige Mann sein? Ich saß wie betäubt, bis er mein Hinstarren bemerkte und mir ein Scherzwort zurief. Aber während ich noch gegen den tollen Gedanken rang, ward meine Seele bereits wieder von der Stimme seines Freundes in Banden geschlagen. Er berichtete von einigen Frauen, denen er drüben begegnet; großen, kühnen, freien Naturen, die sich im Denken und Handeln den Männern als ebenbürtige Menschen zur Seite stellten. Er setzte uns seine Ideen über die Stellung der Frau zur Gesellschaft auseinander. O, er dachte groß von meinem Geschlecht! Er sprach ihm die mächtigsten Empfindungen zu, die kühnste Initiative, eine gewaltige Willenskraft und vor allem Leidenschaft, diesen Lebenspuls der Menschheit. Während seiner Rede mußte ich darüber nachgrübeln, wie seltsam es sei, derartigen Ansichten bei einem Manne zu begegnen, der uns Frauen jedenfalls stets nur von unserer schwächsten Seite kennen gelernt. Das Gespräch lenkte sich auf die moderne Ehe. Welcher Entrüstung begegnete ich da, welcher Empörung! Er sprach mit mächtigen Worten die Entwürdigung der Frau aus, ihre tiefste Erniedrigung! Als einziges Motiv der Ehe ließ er die Liebe gelten. Die Konventionsheirat, von der Gesellschaft für höchst sittlich gehalten, sei sittenloser als das Konkubinat. Er schilderte das Wesen der modernen Ehe und bewies, wie sich die Korruption in die heiligsten Institutionen der Gesellschaft einschleiche, bis in das Herz der Familie hinein. Er sprach von der Dumpfheit der meisten Ehen und davon, wie viele, die in ihrem innersten Wesen durch und durch angefault und zerstört seien, nur deshalb nicht getrennt würden, weil eine Ehescheidung im Sinn der Menge ein Skandal sei. Lieber lebe man zeitlebens unglücklich miteinander fort, aneinandergeschmiedet gleich Galeerensklaven, als frei den Irrtum zu bekennen. In derartigen unsittlichen Ehen die Initiative zu ergreifen, sei vor allem Aufgabe der Frau, als des am meisten entwürdigten Teils. Ein Mann, der mit einer solchen fast weiblichen Zartheit zu empfinden vermochte, konnte kein unedler Mensch sein. Die Mutter hatte sich entfernt; es war längst Nacht und die Lichter hereingebracht worden. Ich weiß nicht mehr, wie es gekommen war – aber plötzlich hörte ich mich reden, nur mich. Ich stutzte, ich erschrak über mich selbst. Ich gab aus meinem geheimsten Innern heraus und das mit einer Lebhaftigkeit, einer Begeisterung. – – Ich schwieg und wollte mich sogleich entfernen. Da setzte sich Fernows Freund ans Harmonium und begann zu phantasieren. Die Töne brausten zu den Wölbungen auf und erfüllten für mich die dämmervolle Halle mit Schatten und Geistern. Die Türen, die zur Terrasse führten, standen geöffnet. Von meinem Platz aus sah ich hinaus, wo am dunklen Himmel die Sterne ihre stillen Bahnen dahinzogen. Die kühle Nachtluft wehte herein, die Kerzen flackerten hin und her. – – Er spielte fort, eine Symphonie der Leidenschaft, die über zermalmtes Leben hinweg zustürmt. Und es war doch ein beinahe heiliges Instrument, das er mit so kühner Hand meisterte, geschaffen in Akkorden zu ertönen, deren feierliche Klänge das Gemüt zu offnen Himmeln emportragen sollten. Hier war nichts Himmlisches. Was war aus mir geworden! Welche dunkle Gewalten bemächtigten sich meiner, welche heiße Wallungen schnürten mir die Brust ein, welche Angst faßte mich, Angst vor jenen Tönen, vor der Seele, die darin aufbebte – Angst vor mir selbst. Luft, Licht!   Nach einigen Stunden stand ich in meinem Schlafzimmer am offenen Fenster. Es ging auf die Terrasse hinaus, wo die beiden Freunde Arm in Arm auf und ab schritten. Da sie gedämpft sprachen, konnte ich bleiben, ohne sie zu belauschen. Nur dann und wann mußte ich ein Wort hören: Es betraf jedesmal die australische Kolonie, welcher der Arzt fehlte. »Du darfst nicht fort! Du mußt bleiben!« hätte ich laut hinunterrufen mögen. Ich grüßte stumm hinab – wenn er gewußt hätte, wie schmerzlich! Ach, daß ich dich lieben könnte! Warum kann ich's nur nicht? Warum kann man sein Herz nicht zwingen: Herz! Liebe! Die Frau sollte es doch können; denn was könnte die Frau nicht, wo es zu lieben gilt. So liebe doch, eigensinniges Herz! Wie, du willst nicht, du weigerst dich und weißt doch, daß du glücklich machen und glücklich gemacht würdest?! Dort schlägt das andere Herz für dich, das treueste und stärkste. Ihr zwei zusammen würdet so gute Gefährten geben, so treue Kameraden! Immer würdet ihr zusammen schlagen in Freud und in Leid. Und dann doch nicht! Für einen Schlag Seligkeit willst du unselig werden, sehnst du dich zu brechen? Nun, so geschieht dir recht! So brich denn, du verdienst es nicht besser! Da fingen die beiden drunten an lauter zu sprechen; sein Freund nannte meinen Namen – da riß ich mich vom Fenster zurück. Als ich mich umwandte, hätte ich fast einen Schrei ausgestoßen. Vor mir stand meine Mutter, die jetzt in stillem Jammer meine beiden Hände faßte und mich an ihre Brust zog. Obgleich ich recht gut wußte was ihr fehlte, fragte ich doch: »Was hast du, Mutter, was ist dir?« »Ich wollte dich bitten, morgen mit mir abzureisen.« »Warum?« Sie schwieg. Trotzdem sie mir bei der Dunkelheit nicht ins Gesicht sehen konnte, wandte ich meine Augen von ihr ab, löste auch meine Hand aus den ihren. »Rolla, mein Kind, laß uns morgen abreisen.« »Noch einmal, Mutter: ich verstehe dich nicht.« Sie seufzte und antwortete nichts. »Geh zu Bett, beste Mutter. Es ist schon so spät. Wie kannst du noch auf sein?« »Bist du es doch auch noch. O Tochter! Tochter!« »Was, beste Mutter?« »Hätte er uns doch das nicht angetan!« »Wen meinst du, und was meinst du?« »Rolla, Rolla! Es ist das erstemal, daß du deine Mutter täuschen willst.« »Ich glaube, du täuschest dich, Mutter.« »Wenn ich es dir nur sagen könnte!« rief die alte Frau verzweiflungsvoll. »Ich weiß, was du mir sagen willst. Du willst mir sagen, daß Fernow sehr unrecht getan, uns seinen Freund zu bringen, den du für einen gefährlichen Mann hältst. Wenn du dich erinnerst, hielt ich ihn dafür, noch bevor ich ihn kannte. Du willst mir sagen, daß er alle die Leidenschaften der Frauen, über die er heute sprach, wahrscheinlich selber an sich erfahren, daß jene Frauen wahrscheinlich seine Geliebten gewesen, daß er ein Mann ist, der trotz seiner schönen Worte über die Würde der Frauen mit deren Herzen spielt. Also muß er ein sittenloser Mensch sein. Du willst mir ferner sagen, gute Mutter, daß du fürchtest, ich könne diesen Mann lieben. Sei ruhig, Mutter, ich kenne mein Herz. Es wird nur das geschehen, von dem ich will, daß es geschehen soll. – – Also gute Nacht.« »Du wirst also bleiben?« »Sollte ich fliehen?« »Ich habe dich gewarnt.« »Das hast du.« »Gute Nacht.« Sie zog ihre zitternden Arme von mir ab, tat einige Schritte, blieb stehen, wandte sich noch einmal zu mir zurück. »Ich hoffe, immer eine gütige Mutter gegen dich gewesen zu sein. Solltest du mich heute getäuscht haben, so möge Gott dir verzeihen – ich tu' es nicht.« Sechstes Kapitel. Vor dem Sturm Wir blieben und er blieb. Die Mutter zog sich scheu vor ihm zurück. Übrigens schien sie sich doch zu beruhigen. Ich hielt mich so fern von ihm, mein Ton und Benehmen gegen ihn waren so kühl, so ablehnend; ich reagierte gegen die Gewalt seines Wesens mit solcher Macht, daß es sie wohl verwirren und täuschen konnte. Ob dasselbe auch mit Fernow der Fall war? Mir sagte er es nicht und er war eine viel zu verschwiegene Natur, als daß ich ihn hätte erraten können. Jedenfalls hatte er anderes erwartet und jedenfalls beobachtete er mich. Verdächtig mußte ihm sein, daß ich nie mit ihm über seinen Freund sprach. Dies ängstliche Vermeiden eines vertraulichen Gespräches sah beinahe wie Furcht aus. Ich erkannte das auch völlig, tadelte mich heftig, vermochte aber trotzdem nicht, das erste Wort zu reden. So lebten wir denn in einem recht gespannten Zustand. Mir kam er vor wie die Stimmung des zweiten Altes eines Dramas: die Heldin war stark, aber das Verhängnis war noch stärker. Der dritte Akt brachte notwendigerweise die Katastrophe. Ich rede, als wäre es selbstverständlich gewesen, daß er mich lieben mußte. Gewiß zeigte er mir in seinem Benehmen nichts, was mich zu dieser Vermutung – zu diesem Argwohn berechtigt hatte. Er war immer er selbst, immer merkwürdig, zuweilen mehr als das: wahrhaft bedeutend. Von uns allen tat er allein sich keinen Zwang an. Ich wandelte in allen diesen seltsamen Tagen wie im Traum, mich dabei fortwährend in einem Zustand gespanntester Erwartung von etwas Mächtigem, Außerordentlichem, Wundersamstem befindend. Wann würde es kommen, was würde es sein? Es war so geheimnisvoll, so feierlich! Ich ging, bewegte, mich, sprach, dachte; zugleich mich darüber wundernd, daß ich das alles tat. Stundenlang konnte ich dasitzen, vor mich hinstarrend, sinnend: wie es komme, daß wir so höflich miteinander verkehrten, uns Sie nannten, uns gegenseitig als Fremde behandelten, als einander vollkommen fernstehende, gleichgültige Menschen. Wenn ich ihn kommen sah, begriff ich nicht, warum ich ihm nicht entgegeneilte – wenn er vor mir stand, warum ich mich nicht an seinen Arm hing, mich nicht an seine Brust warf. Wenn er sprach, mußte ich ihm oft starr auf die Lippen blicken, nicht fassend, daß diese mich nicht küßten. Ach, die Lippen vieler Frauen hatten daran gehangen! Was es sein muß, zu wissen: du bist die erste, die des Geliebten Lippen küßt. Ob das wohl oft vorkommt? O gewiß! Ich brauchte gar nicht weit zu suchen. Wenn ich den Mund des Mannes geküßt hätte, der neben ihm stand, so wäre ich wohl die erste gewesen. Aber ich würde nicht die erste sein, die er, von den Armen des andern umschlungen, einem Abgrund zuriß. »Sie ist die erste nicht! Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu fassen, daß mehr als ein Geschöpf in die Tiefe dieses Elends versank, daß nicht das erste genug tat für die Schuld aller übrigen in seiner windenden Todesnot vor den Augen des ewig Verzeihenden! Mir wühlt es Mark und Leben durch, das Elend dieser einzigen; du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin!« Hatte ich das nicht schon einmal zitierend gedacht? Bei welcher Gelegenheit war es doch gleich gewesen? Richtig! Da wir zur armen Anna gingen und ich ihre Geschichte hörte. Auch sie war die erste nicht gewesen, die es um den Verstand gebracht hatte. Die arme Anna! Sollte man glauben, daß ich an dem unseligen Geschöpf etwas zu beneiden fand. Und doch war's so. Sie hatte die schönsten blonden Haare, die ich jemals gesehen und blonde Haare waren sein Entzücken. Ich will bekennen, daß ich einmal vor meinem Spiegel stand, Glut der Scham im Gesicht, mir meine Haare aufflocht, gar nicht damit zufrieden, daß sie mir Nacken und Brust tief umhüllten: ihr stumpfes Braun war so häßlich! Auch will ich bekennen, daß ich längst wieder Blumen im Haar trug und längst nicht mehr mein mißfarbiges graues Kleid. Eitel sind wir doch alle, töricht sind wir doch alle! Die Vormittage brachte ich meistens allein zu. Ich hatte viel zu studieren, denn es war nun entschieden, daß ich völlig in das Fach der Tragödin übergehen sollte. Ich wollte mit Sappho beginnen, und die Jungfrau und Medea folgen lassen. Auch Iphigenie hatte ich von neuem vorgenommen. Mit welcher Heftigkeit hielt ich mir das Glück fest, einen Schimmer der alten Zeiten heraufzubeschwören und mit dem Freund zusammen meine Gestalten zu bilden! Wie bemühte ich mich, ganz in seinem Sinne zu denken, wieder ganz seine Schülerin zu sein! Wie leidenschaftlich sehnte ich mich, ihm jeden Augenblick mein Vertrauen, meine Dankbarkeit und Verehrung, meine treue Schwesterliebe zu zeigen! Ob es ihn glücklich machte? Schlechte Herzenskündigerin, die ich damals war! Als ob ich nicht hätte wissen müssen, welch einen Schmerz es ihm gab; wie ich ihm dadurch gerade das verriet, was ich ihm verschweigen wollte. Ich hatte ihm das Manuskript seines Freundes nicht wieder zurückgegeben! er forderte es auch nicht. Brauche ich zu sagen, daß ich halbe Nächte mit jenem dämonischen Genius verbrachte? Aber die Schauer, die mich jetzt dabei überfielen, waren nur Schauer des Entzückens. Übrigens wußte er nicht, daß ich sein Werk kannte. Auch Nachmittags waren wir nicht immer beisammen. Die Herren ritten aus, wo ich dann entsagte und bei der Mutter zurückblieb. Ich mußte viel an die römische Campagna denken. Ach, einmal mit ihm zusammen die Steppen zu durchjagen! In rasendem Lauf weiter und weiter bis zum Meeresstrand und weiter, in die Fluten hinein, in das Meer hinein! Oft trieb er sich mutterseelenallein in den Waldbergen umher. Sie glichen beinahe Urwäldern und waren voll tiefster Einsamkeit. Er suchte die Köhler auf, an deren Feuer er manchmal übernachtete, schloß Bekanntschaft mit den einsamen Menschen, wie er denn überhaupt auch hier wiederum ein wahres Genie besaß, das Volk an sich zu ziehen. Er war auffallend ruhelos und ich hörte ihn davon reden, Europa wieder zu verlassen. Da er mich um meine Meinung fragte, riet auch ich ihm dazu. Er schien betroffen über mein entschiedenes Ja, warf mir einen seiner blitzenden Blicke zu, dankte für meine Teilnahme an seinem Geschick, setzte sich ans Instrument und tobte sich aus. – – Nein, es war kein Irrtum: in seinen Tönen sagte er es mir jeden Tag. Ich floh in mein Zimmer und sank dort nieder; wäre er jetzt gegangen – mit meinen Armen hätte ich ihn zurückgehalten. Was war es überhaupt für ein Komödienspiel, für eine Farce! Nun, er sprach nicht wieder davon; wie denn auch die australische Kolonie nicht wieder erwähnt wurde. Ich habe bis jetzt unterlassen, seinen Namen zu nennen. So oft ich es auch gewollt – immer von neuem wieder zuckte meine Hand zurück. Mir war's, als würde ich es nicht ertragen können, die Buchstaben vor mir zu sehen; mir war's, als müßte ich aufschreien, daß sein Name, meine Seele durchgellend mich von neuem wieder – – auch das Wort ist schrecklich! Ich will stark sein, ich will es hinschreiben. Doch was ist ein Name? Bereits bei der ersten Lektüre von Franks Tragödie war mir aufgefallen, daß ich mich bei aller Eigenart dieser Dichtung bald an Kleist, bald an Grabbe erinnert fühlte. Da die bedenkliche Neigung zu vergleichen, bei uns Frauen ganz besonders ausgebildet ist und ich darin durchaus keine Ausnahme mache, so brachte ich es denn auch glücklich heraus, daß er eine Vereinigung von Kleist und Grabbe sei. Allerdings war diese geistige Mixtur schlecht gemischt. Die Elemente, anstatt sich zu verbinden, verharrten in feindseliger Trennung voneinander, weshalb denn auch die Wirkung durchaus nicht die eines reinen Kunstwerks war. Daher auch der Sturm von Empfindungen, der meine Seele durchwühlte und den unverständlichen Zwiespalt verursacht hatte, den ich mir jetzt so verständig zu erklären suchte. Bei solcher Betrachtung konnte ich nie über den einen Gedanken hinwegkommen: Da ist das große Talent; aber – wie tragisch! – es fehlt ihm ein kleines Etwas, das ein Gott so leicht hätte geben können, um durch dasselbe Kunstwerke hervorgehen zu lassen, so frei und freudig wie im Lenz Blumen aufsprießen. Was ist nun dieses fehlende Etwas? Ist es Ruhe, Ordnung, Maß? Namen finden sich genug dafür, aber ausdrücken konnte ich es nicht. Es ist da und schuld dieser kleinen Unvollkommenheit ist, daß eine Welt von Schönheit, die aus einem solchen Haupt geboren werden könnte, wie aus der Stirn Jupiters Pallas Athene, erdrückt und erstickt wird. Ist das nicht ein Jammer! Als ich ihn dann kennen lernte, mußte ich dasselbe auf mich selbst anwenden. Wie herrlich hätte der Klang dieser Seele sein können, wenn ihn nicht fortwährend ein Mißton zerrissen! Diese unvermittelten Naturen, die sich in Extremen verzehren, sind wahrhaftig tragische Existenzen. Ebensowenig wie ihr Wesen jemals eine einheitliche Form annehmen kann, ist das mit ihren Werken der Fall. An und für sich eine ewige Dissonanz, vermögen sie nie harmonisch auszuklingen, also nie erquicklich zu wirken. Auch will mir scheinen, als trügen sie den Grund zu ihrem Untergang, der einmal, früher oder später, erfolgen wird, so tief in sich, daß sie sich trotz aller Kraft und aller Gegenwehr nicht zu retten vermöchten. In der Literatur und Kunst sind die Beispiele solcher Zerstörungen zahllos. Die meisten Toten bleiben eben nur namenlos; so daß man die Gräber nicht kennt, die jede Epoche der gefallenen Kämpfer und Ringer der Menschheit zurückläßt. Ich habe diese Worte niedergeschrieben und sie mögen stehenbleiben. Sie werden für mich zeugen, daß ich mir den geliebten Mann als echtes, schwaches Weib, das ich bin, vielleicht verherrlichte, mich aber zugleich über seinen und meinen Zustand in voller Klarheit befand, mehr als dies zum Beispiel bei Fernow der Fall war. Er, der sonst Illusionslose, trug sich entschieden mit einer schönen Täuschung, die ich zu kennen glaubte. Frank hatte mich noch nie vortragen hören oder spielen sehen, mich auch nie darum gebeten. Daher schlug ich denn auch trotzig aus, als Fernow mich bat, mit Frank zusammen, an dem ein großer Schauspieler verdorben sei, Kleists Penthesilea zu lesen. Ich war kleinlich genug, mich zu einer Notlüge herabzulassen und mein vieles Studieren vorzuschützen. Wie oft der Mensch sich doch selbst um die schönsten Stunden betrügt und das aus den erbärmlichsten Gründen! Auch in dieser Art von Selbstqual sind wir Frauen Meisterinnen. Aber daß man uns ja nicht bedaure! Doch konnte ich nicht unterlassen, Fernow zu bitten, uns eines Nachmittags in seiner bekannten novellistischen Art Penthesilea zu erzählen. Er sagte zu und es wurde die Stunde dafür gleich auf den nächsten Tag festgesetzt. Wie ich immer die Lieblingsplätze meines verstorbenen Gemahls aufsuchte, gerade als ob ich nötig hätte, daß der Geist jener Stätten mich schütze, so bestimmte ich auch für diese Zusammenkunft eine jener Stellen, wo mich alles an meinen edlen Toten erinnerte. Diesmal nicht daran denkend, Frank zu gefallen, wollte ich mich für den Dichter und die Dichtung schmücken; denn solche Augenblicke, wo wir ein Kunstwerk genießen, sind unsere wahren Feste. Aber so schwach sind wir: Nach Fernows Vortrag sagte ich von selbst zu, aus Penthesilea sprechen zu wollen. Ich hatte dafür eine herrliche Stelle im Walde erwählt, wo mich die Freunde erwarten sollten.   Ich begab mich auf mein Zimmer, nahm mein griechisches Gewand heraus, legte es an, warf meinen Purpurmantel um und schmückte mich mit dem Diadem. Dann ließ ich mein Pferd satteln, bestieg es, jagte davon. Als das Gold des Abendrots durch den Wald leuchtete, kam ich in der Buchenschlucht an. Ich schwang mich von meinem dampfenden Tier, schlang den Zügel um einen Baumstamm und ging langsam zu der Wiese, wo sie, halb durch Gebüsch versteckt, am Rande des Waldes meiner harrend saßen – – Und ich war Penthesilea! Er naht – Wohlauf, ihr Jungfrauen, denn zur Schlacht! Reicht mir der Spieße treffendsten, o reicht Der Schwerter wetterflammendstes mir her! Die Lust, ihr Götter, müßt ihr mir gewähren, Den einen heißersehnten Jüngling siegreich Zum Staub mir noch der Füße hinzuwerfen. Das ganze Maß von Glück erlaß ich euch, Das meinem Leben zugemessen ist – – Asteria! Du wirst die Scharen führen, Beschäftige den Griechentroß und sorge, Daß sich des Kampfes Inbrunst mir nicht störe. Der Jungfrau'n keine, wer sie immer sei, Trifft den Peliden selbst! Dem ist ein Pfeil Geschärft des Todes, der sein Haupt, was sag' ich! Der seiner Locken eine mir berührt! Ich nur, ich weiß den Göttersohn zu fällen. Hier dieses Eisen soll, Gefährtinnen, Soll mit der sanftesten Umarmung ihn (Weil ich mit Eisen ihn umarmen muß!) An meinen Busen schmerzlos niederziehn. Hebt euch, ihr Frühlingsblumen, seinem Fall. Daß seiner Glieder keines sich verletze, Blut meines Herzens mißt' ich eh'r als seines; Nicht eher ruh'n will ich, bis ich aus Lüften, Gleich einem schöngefärbten Vogel, ihn Zu mir herabgestürzt: doch liegt er jetzt Mit eingeknickten Fittichen, ihr Jungfrau'n, Zu Füßen mir, kein Purpurstäubchen missend: Nun denn, so mögen alle Seligen Daniedersteigen, unsern Sieg zu feiern, Zur Heimat geht der Jubelzug – dann bin ich Die Königin des Rosenfestes euch! Jetzt kommt! Es ward Nacht. Ich eilte fort, fand mein Pferd, führte es zu einem Felsblock, stieg auf, galoppierte in den dunklen Tann hinein. Einmal hörte ich einen Aufschrei. Wahrscheinlich war ich an einem Jäger oder Holzschläger vorübergesaust, der mich für die Waldfrau gehalten haben mochte. Mein Haar flatterte, mein Leib beugte sich tief auf den Hals des Pferdes herab. Ich jagte, als rase ich meinem Glück nach, das vor mir schwebte: dort, wo sich graue Klippen über einem schrecklichen Abgrund auftürmten. Da hörte ich hinter mir Hufschläge und Rossesschnauben. Bald war er dicht an meiner Seite, aber er sagte nichts. Er wußte, daß man dem Sturm nicht gebieten kann, stillzustehen, nicht der Flamme verbieten, zu lodern. Wir stoben dahin. Die düstern Tannen glitten an uns vorbei, durch ihre Wipfel glänzten die Sterne herab. Nachtvögel flatterten auf. Weil mir der rasende Ritt den Atem versetzte, stieß ich einmal einen Schrei aus, den das Echo fünffach zurückgellte. Ich wußte, daß er kein Auge von mir wandte. »Reiß dein Pferd zurück!« rief er mir plötzlich zu. Wir waren auf den Klippen – unter uns tat sich der Abgrund auf. Beide Pferde bäumten hoch auf. »Wollen wir zusammen hinüber?!« » Noch nicht.« Er griff mir in die Zügel und wandte mein Tier. »Also wieder ins Leben zurück.« Wir jagten den steilen Weg hinunter, kein Wort wurde weiter gesprochen. Als wir in den Schloßhof ritten, bat ich ihn. »Sag' es ihm noch nicht. Ich werde es auch noch der Mutter verschweigen. Der Schreck könnte sie töten,« setzte ich in Gedanken hinzu. Wir traten zusammen in die Halle, wo uns beide entgegen kamen. »Aber Kind! Wie habe ich mich um dich geängstigt.« »Das war wirklich nicht nötig, Mutter. Wir standen zwar beide an einem Abgrund, aber du siehst: wir sind nicht hinuntergestürzt. Im Gegenteil! Ich habe einen Gipfel erklommen und von hoch oben auf die Welt herabgeblickt.« Ich hatte auf meine Stimme gelauscht, in der es gewiß jeder Ton verraten mußte. Aber ich sprach ganz ruhig, ich war ganz ruhig. Der Mensch, der eben durch die Berührung eines Gottes geschaffen worden, gerät über das Wunder seines Lebens auch nicht außer sich. Dann wandte ich mich zu Fernow, zu dem ich ebenso gelassen sprach. Ich war gewiß, daß er wußte, wie groß es in meinem Innern aussah, wenn er auch nicht ahnte, was vorgefallen war. Der andere hatte sich ans Klavier gesetzt; in stiller Glückseligkeit hörte ich zu. – – Es war unser rasender Ritt durch den nächtlichen Tann. Die Pferde galoppierten, die Wipfel rauschten, alle Geister des Waldes lebten auf. Und die beiden Einsamen ritten und ritten. Mein Jubelschrei durchjauchzte die Töne und der seine antwortete mir. Dann wieder – welch Seufzen, welch Schluchzen, welch Aufruhr aller Klänge, welch Gebraus und Gegoge! Es war der Geisterritt unserer vereinigten Seelen. Sie jagten dem Glück nach. – War das der Stern, der über uns schimmerte? War das der Strom, der unter uns raste, im durchwühlten Felsenbett? War das Himmel oder Abgrund? Konnte nicht beides vereinigt werden? Der Stern in den Abgrund herabsinken? Er sank und sank! Unter Melodien sank er herab. Wie schön er drunten zerschmetterte und – siehe! Aus seinem strahlenden Tod wuchsen Blumen auf, Gärten, Paradiese, die trugen die leuchtenden Scheiben des zertrümmerten Sternbildes wieder zum Himmel empor. Ich durchwachte die Nacht. Hatte doch auch ich einen Gott, mit dem ich mich besprechen mußte. Ich weiß nicht, ob ich betete. Ich glaube nicht; aber eine einzige große Andacht war es gewiß. Oder bat ich im voraus um Vergebung für ein Verbrechen, das ich zu begehen gedachte? War es Sünde und Schuld, daß ich mein glückseliges Antlitz der Sonne zukehren wollte, um mich von dem Glanz bestrahlen zu lassen? Daß ich mir die heiligste Offenbarung des höchsten Gottes in das Herz gerissen, jene höchste aller Empfindungen, die das Weltall geschaffen und zusammenhält, das göttliche Gefühl, um dessentwillen der Gottessohn am Kreuze gestorben. Mir war zumute, baß ich allen hätte zurufen mögen: Berührt mich nicht, ich bin heilig. Am liebsten hätte ich mein eigenes Bild auf einen Altar gestellt und davor anbeten lassen. Trug ich nicht einen Gott in mir?   Siebentes Kapitel. Der neue Tag. Wie sich meine Seele langsam den Banden des Schlafes und Traumes entwand, bat ich mich selbst, doch noch weiter zu schlafen. Denn ein Traum mußte es gewesen sein, daß ich weit offenen Auges in die Sonne geschaut. Sie schien mir auch jetzt ins Gesicht; aber als ich die Augen öffnete, mußte ich sie gleich wieder schließen: im Traum hatte ich ungeblendet hineinblicken können. Als dann allmählich Besinnung und Bewußtsein kamen, drang das Glück in mir ein, wie ein Strom mich durchglühend und durchflutend. Mit geschlossenen Augen blieb ich noch eine Weile liegen; mußte ich mich doch erst an den Gedanken meines neuen überherrlichen Daseins gewöhnen: ich war nicht tot – ich lebte! »Mein Schwan singt auch im Tod: Penthesilea!« flüsterte ich und tastete mit ersticktem Jubel nach meinem Herzen. Das schlug, als ob es mir die Brust zersprengen wollte. Nun stand ich auf. Als ich das Fenster öffnete, glaubte ich, daß die Welt über Nacht neu geschaffen worden: so schön war sie gestern gewiß nicht gewesen – so schön nicht! Mit unserem ganzen klingenden Wortschwall können wir es doch nicht nennen. Die Blume atmet sich selbst aus in Duft, die Leiche jubiliert sich in den Himmel hinauf, der Mensch kann nur sagen: ich bin glücklich! Es mochte bereits Mittag sein. Ich zog mich gleich fertig an und da ich mich in einer Stimmung befand, in der mir alles zum Symbol wurde, wählte ich ein lichtes, fast weißes Seidenkleid und steckte eine Rose an die Brust, die über Nacht in der Schale aufgeblüht war. Da klopfte die Mutter. Ich öffnete und stand ihr in meinem Schmuck gegenüber. »Was ist denn heut für ein Fest?« fragte sie verwundert. »Kein anderes, als daß solch ein Sonnentag ist.« Und ich küßte ihre liebe Hand. »Ich war schon zweimal an deiner Tür; aber du hörtest nicht. Wir fürchteten schon, dein Spiel und dein toller Ritt haben dir geschadet; du seist krank. Man sollte zwar deine Extravaganzen endlich gewöhnt sein, aber zuweilen treibst du es eben doch zu arg.« »Komödiantenblut, gute Mutter, du mußt es nicht so ernsthaft nehmen.« Ich hatte ihre zarte Gestalt umfaßt und sie ins Zimmer gezogen. »Ist etwas vorgefallen?« rief ich, als ich ihr voll ins Gesicht sah. »Nein, nein. Nur daß Fernow eine Nachricht erhalten hat, die ihn bald von uns fortruft. Vielleicht reist er heute noch.« »Wir haben ihn diesen Sommer lang gehabt; es war eine glückliche Zeit.« Die Mutter sah mich mit ihren klaren Augen groß an. »Für ihn war es eine schwere Zeit.« »Wie meinst du das?« Meine Stimme klang unsicher. »Solltest du das nicht wissen? Solltest du das gar nicht einmal bemerkt haben?« Ich mußte mich abwenden. Gott verzeih mir: ich hatte es wirklich nicht bemerkt! Erst jetzt begriff ich, in welchem Traum und Taumel ich gelebt. In mein junges Glück fiel der Schmerz wie Frost auf Frühlingsblüten. Ich nahm meine Rose ab und entblätterte sie. »Wir wollen hinuntergehen,« ermahnte die Mutter und stand seufzend auf. »Fernow wird dir sonst einen ärztlichen Besuch machen.« »Ja, komm hinunter! Aber ich möchte mir dieses Kleid wieder ausziehen. Es scheint ein trüber Tag zu werden.« »Tu' das, nur eile dich, damit wir noch möglichst lange mit ihm zusammen sind.« So legte ich denn den frohen Glanz wieder von mir. Darauf suchte ich die beiden Freunde im Garten, wo sie in ernsthaften Gesprächen auf und ab gingen. Nur Fernow gab ich die Hand. Aber ich sagte ihm nicht, wie leid es mir tue, daß er uns verlassen müsse. Er teilte mir mit, daß er noch vor Abend abreisen werde, jedoch nicht von Frank begleitet sein wolle; dieser werde noch bleiben. Keiner von uns beiden entgegnete etwas darauf, aber ich dachte: So solltest du dich also doch schuldig fühlen müssen! Wo du geglaubt hast, den Blick frei zum Himmel erheben zu können, kannst du es nicht einmal zu den Augen deines Freundes?! Was dich über die Erde hinausträgt, was du als Gottheit in dir fühlst, solltest du verbergen, vielleicht gar verleugnen müssen?! Aber zuweilen ist Schuldgefühl eine Feigheit? Wie müßtest du vor dem Geliebten erröten, wenn er dich bei dieser Feigheit ertappen würde, er, der keiner Menschheit und keiner Gottheit das Recht zugesteht, einer großen Empfindung Schranken zu ziehen. Und es ist gewiß wahr: wo es sein höchstes Glück gilt, muß der Mensch rücksichtslos sein. Nicht immer ist Entsagung das Größeste. Sein Blick traf mich. Ich senkte meine Augen in die seinen und unsere Seelen begegneten sich in einem Gedanken. Ruhig besprach ich dann mit Fernow in seiner Gegenwart manches, was mir auf dem Herzen lag. Später verließ uns Frank. Die letzten Stunden von Fernows Anwesenheit brachten wir zusammen im Zimmer der Mutter zu. Er lenkte das Gespräch auf seinen Freund. »Ich habe ihn wieder von neuem lieben gelernt. Er ist eine große Natur, an der man sich versündigt, wenn man sie mit allgemeinem Maßstab mißt. Denn da man im Leben meist nur auf Kleinliches stößt, wird notwendigerweise auch unser Maßstab ein kleiner, nur zu oft ein kleinlicher. Tritt uns nun plötzlich ein ganzer, ein voller Mensch entgegen, so geschieht es leicht, daß wir verwirrt, daß wir mißtrauisch werden. Das Maß, unter das wir gewöhnlich die Menschen stellen, reicht hier nicht aus und ehe wir uns bequemen, ein größeres anzulegen, schreien wir lieber, daß wir uns etwas Maßlosem gegenüber befänden: der Mann muß ein gefährlicher Charakter sein, sei es auch nur deshalb, weil wir in Gefahr kommen, uns im Vergleich mit ihm als kleinliche Existenzen fühlen zu müssen. Nur die krasseste Philisterei kann von derartigen Naturen fordern, daß sie in denselben dumpfen Grenzen denken und handeln sollen, wie die liebe Spießbürgerei das tut. Daß solche Menschen große Irrtümer begehen, ja, sich selbst einmal verlieren können, liegt in ihnen. Aber gewiß werden sie sich wiederfinden. »Der gute Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt.« Wenn man trivial sein und beim Faust von einer Tendenz reden will, so ist das Verirren und das sich Wiederzurechtfinden eines guten Menschen die Tendenz dieses höchsten Gedichtes. Er ist gerettet. Und wodurch ist er das? Durch die Liebe eines reinen Weibes.« »Das durch ihn zugrunde geht,« murmelte die Mutter. »Ich bin eine alte Frau und kann es nicht begreifen: wie kann das ein edler Mensch sein, der sich nicht selbst zu retten vermag? Mir hat es immer gegraut vor solchen sogenannten faustischen Naturen, die stets über das Verderben anderer hinweg zu ihrem Glück gelangen, einem Glück, das sie dann schließlich nicht einmal finden. Für mich sind solche Naturen abscheuliche Egoisten, die wahren Verbrecher! Der Himmel möge verhüten, daß mein Kind einem solchen Faust in die Hände falle; denn mich würde man nicht überzeugen können, daß sie keine Schuldigen seien.« Fernow war totenblaß geworden. Bald darauf ging er. Ich begleitete ihn bis an die Stelle des Parkes, wo damals Frank aus dem Gebüsch getreten war. Hier sagte ich ihm Lebewohl und auf Wiedersehen. Frank kam erst am nächsten Tag zurück. Während er fort war, hatte ich Gelegenheit genug, über die Mysterien der Liebe zu staunen. Sie überfällt das Herz und bevor dieses sie empfinden konnte, ist sie schon gewachsen, riesengroß, den Himmel in das Herz herabziehend und es mit einer ganzen Welt erfüllend. Da saß ich nun und lauschte, ob ich nicht seinen Fußtritt, seine Stimme hörte. Dieser Fußtritt, diese Stimme, mir vor kurzem noch so fremd, waren mir plötzlich zu den Lauten geworden, die fortan meine Welt ausmachten, eine Welt, in der allein ich mein Schicksal zu erleben, mein Glück und Unglück zu suchen haben würde. Und da soll es keine Wunder geben? Sie erfüllen sich in jedem Menschenherzen, jedes Herz muß daran glauben! In der Nacht fühlte ich selbst in meinem Traum, daß er fort sei und daß er wiederkommen würde. Wenn ich erwachte, wehrte ich mich dagegen, wieder einzuschlafen, damit ich die überherrliche Wirklichkeit meines Glücks ja recht machtvoll empfände. So sammelte sich in jedem Augenblick ein Dasein, das zu schön war, um lange erlebt werden zu können. Dann kam er zurück. Er brachte uns Fernows letzte Grüße. Wir sprachen den ganzen Abend von ihm; das heißt er und ich. Die Mutter hörte still zu, bis sie plötzlich sagte: »Dieser Mann ist durch eine Eigenschaft großartig, die sonst gewöhnlich nur wir Frauen zu besitzen pflegen.« »Und welche ist das, liebe Mutter?« »Seine Entsagungsfähigkeit.« Nach einer Weile begann sie von neuem: »Du solltest Herrn Frank einmal das Gretchen vorspielen, das Fernow dir einstudiert hat.« Sie sah ihn an, unwillkürlich tat das auch ich. Was bedeutete das? Er war totenblaß geworden. Meine Mutter stand gleich darauf auf. »Ich gehe hinauf; bleibe du nur noch.« »Nicht doch, Mutter. Ich gehe mit dir.« »Bleib!« wiederholte sie fast hart. »Ich will allein sein.« Sie ging. Da wir uns beide erhoben hatten, standen wir uns gegenüber. Plötzlich warf er sich vor mir nieder, umfaßte mich, drückte sein Gesicht gegen meinen Leib, riß sich auf, stürzte hinaus. Beim Tee trafen wir drei wieder zusammen. »Frank wird fortgehen,« flüsterte ich der Mutter zu; aber er wird wiederkommen. Wir waren beide fast heiter. Frank erzählte von einer Wanderung, die er nach seiner Rückkehr von Amerika durch die Schweiz und Tirol gemacht hatte. Er war auf derselben in ein wildes Tal gekommen, wo die Natur so großartig war, daß sie sein Gemüt fast zermalmte. Dennoch wollte er einmal dort leben. In seiner hinreißenden Weise schilderte er die Existenz in der Öde unter einem halbwilden Volk, das er, in stetem Kampf gegen eine feindselige Natur, der Kultur zuführen wollte. Meine Blicke hingen an ihm, gewiß nicht minder strahlend als die seinen. Kaum, daß ich an mich zu halten vermochte, mich ihm nicht an die Brust zu werfen, nicht in einem Atem zu jauchzen und zu schluchzen: du bist groß, du bist gut! Und mich, du Großer und Guter, liebst du! Ich bin die Auserwählte. Ich werde dein sein und werde dir helfen, wie du mir helfen wirst, auch gut und groß zu werden! Nimm mich doch an deine Brust und halte mich fest, fest; denn dort ist für mich auf der Welt der einzige Platz. Er sprach weiter, von seinem zukünftigen Leben in der Bergöde phantasierend. Wir bauten sogar zusammen das Haus in den stolzesten Plänen auf dem Papier, richteten die Zimmer ein, legten die Wege an, führten Bergstraßen aus, hielten Wasserstürze zurück, dämmten Flüsse, retteten Menschenleben, machten ein armseliges, stumpfes Volk von Hirten zu einer blühenden, glücklichen Gemeinde. Darüber ward es Mitternacht. Da setzte er sich an das Klavier und nahm in Tönen Abschied von mir. Ich stand hinter ihm und hörte den Geisterstimmen seiner Seele zu, mit tiefem Seufzer zur Erde wieder zurückkehrend, als sie nicht mehr zu mir sprachen. Jawohl – Abschied war's gewesen, Trennen, Voneinandergehen, Scheiden und Meiden. Ach, und dann Wiedersehen, Wiederfinden, ewige Vereinigung! Dann sah ich in sein Gesicht – nicht zum letztenmal! Dann faßten sich unsere Hände – nicht zum letztenmal! Ich ging mit der Mutter hinaus. Sie warf sich an meine Brust, nannte mich ein über das andere Mal ihr armes, unglückliches Kind, küßte meine Lippen, meine Hände, bat mich um Verzeihung, verhieß mir zum Ersatz ihre doppelte, dreifache Mutterliebe und weinte bitterlich. Ich konnte sie nicht trösten. Achtes Kapitel. Vor der Katastrophe. Wir kehrten nach der Residenz zurück, wo ich versuchte, mein doppeltes Glück zu ertragen: meine Liebe und meine Kraft. Ich trat zum erstenmal als Sappho auf. Nach Beendigung der Vorstellung ließ mir der Regent einen silbernen Lorbeerkranz überreichen. Auf jedem Blatte stand der Name einer meiner Rollen. Bevor ich ein Wort über die künstlerischen Resultate dieses Herbstes und Winters sage, habe ich zu belichten, wie unsere Häuslichkeit um eine vierte Person vermehrt werden sollte. Es war Anna. Bereits seit einem Jahr aus der Anstalt entlassen, war sie in das Haus eines Landgeistlichen gebracht worden, welcher sich der schweren Aufgabe unterzog, die Unselige von neuem an das Leben zu gewöhnen. Nur einem wahren Priester konnte das gelingen. Was Fernow mir darüber erzählte, erfüllte mich mit Bewunderung für den Mann, so daß ich des Freundes Wunsch teilte, den vortrefflichen Seelensorger als Prediger für die »Rolla-Anstalt« zu gewinnen. Diese sollte im Frühling eingeweiht werden und die ersten Kranken empfangen. Ich hatte nichts wieder von Frank gehört, auch Fernow in seinen Briefen seiner niemals erwähnt. Mit welchen Empfindungen sah ich der Ankunft des Freundes entgegen, der, da er mir gewiß Nachricht von dem Geliebten bringen würde, fast wie dieser selbst erschien. Zugleich fürchtete ich mich beinahe, dem Mädchen, das mit ihm kam, gegenüberzutreten. Sie so unglücklich, ich so glücklich; sie eine so schaurige Vergangenheit hinter sich, ich eine so selige Zukunft vor mir! Mein strahlendes Gesicht neben ihrem blassen, schwermütigen, das mußten schreckliche Gegensätze sein. Während aus meinen Augen meine geheime Wonne leuchtete, würden die ihren wohl noch Zuweilen den starren Blick stillen Irrsinns haben. Es tat gewiß nicht gut, uns zwei zusammenzubringen. Fast hätte ich Fernow gebeten, sie noch länger bei dem Geistlichen zu lassen, wo sie so gut aufgehoben war, hätte ich mir nicht zu gleicher Zeit heftige Vorwürfe gemacht, daß ich in meinem Glück nur Glückliche um mich sehen wolle. Das war wenig edel empfunden, wenig hilfreich und menschlich. Weit schöner wäre es gewesen, wenn ich die Gegenwart der Unglücklichen gewünscht hätte, um an ihr meine Liebeskraft zu betätigen. Konnte ich dadurch die brutale Ungerechtigkeit des Schicksals, welche die eine so mit Glanz überschüttet, die andere so mit Jammer, nicht etwas ausgleichen? Ich sollte die trostlose Gestalt des Mädchens als Warnung und Mahnung nehmen, mich in meinem Glück nicht zu überheben, sondern dieses dankbar und demütig zu tragen. Dies mit aller Stärke empfindend, nahm ich mir vor, bei der armen Anna mir selbst zu beweisen, daß ich wirklich zu denen gehörte, zu welchen ich mich im stillen ja doch zählte: nämlich zu den besseren. Sie kamen, über dem Mitleid mit der armen Genesenen unterdrückte ich den Jubel, den Freund wieder zu haben. Während die Mutter Anna wie eine Tochter in die Arme schloß, stand ich mit einem unsagbaren Weh im Herzen daneben. – – Auch diese war einst eine Überglückliche gewesen und was war aus ihr geworden? Eine Mörderin, eine Wahnsinnige! Da nahm ich sie der Mutter sanft fort und führte sie in ihr Zimmer, das wir neben dem meinen für sie eingerichtet hatten. Hier blieb ich lange bei ihr, hier schlossen wir Freundschaft – Schwesterschaft. Anna war von den neuen Eindrücken so ergriffen, daß sie tagelang nicht in unserer Mitte sein konnte. Um sie noch ein letztes Mal zu beobachten, blieb Fernow bei uns. Er beruhigte uns jedoch vollkommen, meinend, daß nur eine geradezu fürchterliche Erschütterung sie in ihren früheren Zustand zurückbringen könne, wo sie dann allerdings rettungslos verloren sei. Das schöne Werk, sie an unsere Liebe zu gewöhnen, vollbrachte die Mutter, die fast ausschließlich in ihrem Zimmer lebte und sich der Ärmsten ganzes Herz gewann. Reizend war es, wie die Mutter sie lehrte, Blumen zu machen und Anna sich gewissermaßen an Blüten in das Leben zurücktastete. Ich mußte an ihr verdorrtes Myrtenstöcklein denken, das ich sie damals hatte zur Sonne aufheben sehen. Sehr behutsam mußten wir sein, sie keine Deklamation hören zu lassen, was sie überhaupt aufregte und ängstigte. Zum Glück war das Gemach, in dem ich meine Übungen hielt, in einem Teil des Hauses gelegen, wohin sie nie kam. Wundervoll war wieder einmal Luise. Zuerst konnte sie nicht Worte genug finden, um ihre Empörung auszudrücken, eine solche Person in das Haus aufzunehmen. Auf das strengste von mir Zurechtgewiesen, schwieg sie, war aber sichtlich so auf Anna erbittert, daß ich mich mit ernsthaften Sorgen trug, wie ich den Rücksichtslosigkeiten, in denen Luise groß war, würde vorbeugen können. Dann kam Anna und bereits am ersten Abend fand ich Luise in Tränen zerfließend. Mit Zorn und Groll gegen die ganze Welt begannen ihre Lamentation, um mit Zorn und Groll gegen sich selbst zu enden. Leidenschaftlich begehrte sie von mir zu wissen: »Wie man so sein könne, da man ja doch von Natur kein Unmensch sei.« Nur schwer gelang es mir, sie wieder mit sich zu versöhnen und bezeigte sie sich noch lange Zeit in Gegenwart unserer neuen Hausgenossin völlig zerknirscht, was sie mit so vielem Schütteln des Hauptes, zornigem Murmeln und Wischen der Augen äußerte, daß die arme Anna auf den Gedanken kommen mußte, sie sei bei uns in eine Privatirrenanstalt geraten. Daß Luise Annas treueste, sorglichste, mütterliche Freundin ward, brauche ich daher wohl nicht zu erwähnen. Noch lange Zeit, nachdem sie unser Haus betreten, erhielt unser Kreis eine weihevolle Stimmung, sobald die Unglückliche unter uns weilte. Ich mußte ihr blasses, rührendes Gesichtchen immer von neuem ansehen, es immer von neuem im Schmuck seiner blonden Flechten bewundern. Wie würden diese Haare ihn entzückt haben! Aber auch sonst war mir Anna eine liebe Erinnerung an Frank. Ich hatte ihm von ihr erzählt, allerdings nur ganz flüchtig, da ich voraussetzte, Fernow würde ihm ihre Geschichte ausführlich berichtet haben. Es hatte einen so starken Eindruck auf ihn gemacht, daß er mich ganz erschütterte. Dann hörte ich jedoch, daß Fernow zu Frank nicht von Anna gesprochen. Nun, es war ja gleichgültig. Er würde sie bei uns finden und mit uns die Sorge um sie teilen. Fernow wußte von ihm nur, daß er wieder in jenem öden Alpentale sei, er hatte diese Nachricht nicht einmal direkt von ihm. Die Rolla-Anstalt sollte, wie schon gesagt, im Frühling eingeweiht werden. Es würde mit großer Feierlichkeit geschehen, mit großem Pomp. Prinzen des königlichen Hauses wurden erwartet, seine Mutter, sogar der König. Da es ein Werk der Liebe meines Gemahls zu mir war, konnte man schließlich nicht unterlassen, auch die Witwe zur Eröffnung einzuladen. Natürlich wollte ich hin. Die Mutter fuhr fort, darüber zu jammern, daß die Anstalt meinen Namen tragen sollte. Es sei ein »Omen«. Ich neckte sie damit. Eine große Freude war mir, daß Fernow mich wieder einmal spielen sah. Gerade in den Wochen seiner Anwesenheit bei uns war ich stark beschäftigt; so sah er mich denn als Sappho, Maria Stuart und Jungfrau. Er war zufrieden, er war glücklich – ja, das war er! Er reiste ab – wie sollte er mich wiedersehen. In diesem Winter erreichte mein Spiel seine künstlerische Höhe, so daß es die Theorie meines Freundes fast umgestoßen hätte: mein Glück erwarb mir meinen edelsten Lorbeerkranz! Ich erhielt endlich jenes Maß, jene Ruhe und Klarheit, die allein den wahren Künstler ausmachen. Statt meine Gestalten gleichsam im Fieber zu schaffen, wie ich das noch im letzten Jahre getan, bildete ich sie jetzt mit einer Heiterkeit, die mir unendlich wohl tat. Ich war entschieden um vieles weniger effektvoll (was die im Parkett sehr wohl bemerkten), aber dafür sicher um vieles wahrer geworden. Ein Hauch von Weihe lag über meinen Gestalten ausgegossen, die sie über die Erde emporhoben. Meine Schöpfungen beseelte eine Feierlichkeit und Festlichkeit, daß ich davon dem ganzen Hause mitteilte; und wenn ich je von einer priesterlichen Kunst reden darf, so durfte ich das damals. Verkündigte ich doch das Evangelium der Kunst: Liebe, Liebe, Liebe! Ich spielte in diesem Winter außer den bereits genannten Rollen die Hermione im Wintermärchen, Lady Macbeth, Kleopatra; ferner Medea, die Perthenia in Halms »Sohn der Wildnis« und Racines Athalie. Wirb man mir nachfühlen können, wenn ich über den Erfolg, der mir zuteil ward, die reinste Freude empfand?! Er galt ja mir, die ich Sein war! Man feierte mich, die ich Ihn feierte! Jede Lorbeerspende schlang ich in das Gewinde meiner Liebe: alles war sein. Neuntes Kapitel. Meines Trauerspiels dritter Akt. Wie ein Maler und ein Bildhauer nicht aufhören können an einem besonders geliebten Werk Tag für Tag Pinsel und Meißel anzulegen, so tat ich das mit dem Bilde meines Geliebten, an dem ich in meinem Herzen formte und formte. Ich schrieb Fernow, bekannte ihm, beichtete. In höchster Erregung erwartete ich seine Antwort; aber sie kam nicht. In einem Brief an die Mutter erfuhr ich, daß er noch unentschlossen sei, ob er jene Stelle als Direktor der Irrenanstalt, die ihm von meinem Gemahl bestimmt worden war, annehmen werde. Als seine hauptsächlichsten Gründe führte er an, daß mit Einrichtung der Anstalt seine Aufgabe erfüllt sei und er für die Stellung als Direktor einen bedeutenderen Arzt, als er selbst war, entdeckt habe. Überdies halte er es für eine Pflicht gegen sich selbst, sich nicht dauernd zu binden, da kein Mensch für sich einstehen könne und er in diesem Augenblick gar nicht wisse, was zu tun ihn einmal reizen werde. Obgleich er uns das alles ganz in seiner klaren Weise auseinandersetzte und des Besten versicherte, ward ich doch von einer namenlosen Angst gefaßt, die mich doppelt quälte, da ich ihr gar keinen bestimmten Ausdruck zu geben vermochte. Ich schrieb ihm wieder – was, weiß ich nicht mehr. Auch auf diesen Brief kam keine Antwort. Da ich seit Monaten wartete und wartete, ward mein Zustand allmählich unerträglich. Ja, ich erwartete. Er hatte mir niemals ein Wort, einen Gruß gesandt, mir niemals ein Lebenszeichen von sich gegeben. Ich wollte es auch nicht anders. Völlig frei von mir, völlig von mir gelöst, sollte er versuchen, ob er ohne mich leben könne. Und nun wartete und wartete ich: jeder Tag konnte ihn zurückbringen, jede Stunde mir ihn schenken! Was half mir mein Unwillen, mein Zorn gegen mich selbst? Ich änderte nichts damit und machte meine Qual, meine Sehnsucht nur noch unerträglicher. Bei jedem Klingelzug dachte ich: jetzt kommt sein Brief! Bei jedem Fußtritt lauschte ich, ob es der seine sei. Ich durchstreifte ruhelos den Park. Mir war, als ob ich ihm dort begegnen müsse. Vor jeder Vorstellung durchspähte ich das Haus nach ihm. Ich spielte wieder unruhig und weit über alles Maß leidenschaftlich. Beinahe, daß ich in meiner tollen Sehnsucht nicht die Stadt verlassen hätte, um nach jenem öden Alpental zu reisen. Denn es begann bereits bei mir zur fixen Idee zu werden, daß ich ihn nirgend anders finden würde als dort. Daß ich mit allen Erinnerungen an ihn, mit seinem Werk, das Fernow mir hatte lassen müssen, einen wahnsinnigen Kult trieb, will ich hier nicht verschweigen. Dabei mußte ich meinen Zustand vor der Mutter streng geheimhalten. Sie war leidend und da ich allen Gefahren entronnen schien, so glücklich, so dankbar – – Längst war es Frühling geworden, in einer Woche sollte jene Einweihung stattfinden. Ich fürchtete mich davor. Mit Empfindungen wie sie mich durchstürmten, das Andenken meines Gemahls zu begehen, mußte die Weihe entweihen. Bereits war ich halb entschlossen, zurückzubleiben. Da erlebte ich etwas Wundersames. Es war an einem Tage, an dem Himmel und Erde in Daseinsglück zu jauchzen schienen. Gleich bei meinem Erwachen war mir so ahnungsvoll selig zumute. Hatte ich doch wieder einmal von ihm geträumt und in diesem Traum so fest an seinem Herzen gelegen, so unentreißbar, daß mich jeder Gedanke in neue Sicherheit und neuen Glauben wiegte. Mir war zumute wie einer Braut am Hochzeitsmorgen. Ich ging hinaus über meine schonen Fluren, zu meinem lieben Strom. Ich pflückte Blumen, sang und nickte der sonnigen Welt zu, hätte sie gern an mein Herz gedrückt. Lange stand ich am Ufer, flüsterte in die Wellen seinen Namen hinab und warf seinem Namen Blüten nach. Dann begab ich mich in die Stadt und machte Einkäufe, Geschenke für die Mutter, für Luise, für Anna. Wieder zu Hause angekommen, drückte ich meine Mutter ans Herz. Ich konnte mich gar nicht losreißen, ihr in Gedanken mein Glück, das sie so unglücklich gemacht hätte, tausendmal abbittend. Endlich verfügte ich mich auf mein Zimmer, schrieb an Fernow, daß ich zur Einweihung kommen werde, wand mir dann selbst aus meinem Strauß den Kranz, den ich am Abend für mein Spiel nötig hatte. Es war die erste Vorstellung eines Dramas, als dessen Dichter ein hoher Herr galt. Ich freute mich darauf, da meine Rolle gut zu meiner bacchantischen Stimmung paßte: es war Ariadne. Nach alter Gewohnheit verbrachte ich den ganzen Nachmittag für mich allein, schwärmend in meinem Zimmer auf und ab schreitend. In meiner Garberobe angekommen, fand ich auf meinem Toilettentisch einen Brief. Da ich vor einer Vorstellung niemals irgend etwas las, wollte ich auch diesen Brief nicht weiter beachten. Ich erkannte Fernows Handschrift. Kaum bedenkend, in welche Erregung ich mich vor dem Spiel versetzen konnte, riß ich den Brief auf, las ihn. Nein, ich las ihn nicht; denn es war ein langer, langer Brief. Sehr bald entsank er meinen Händen: Fernow ging nach Australien! Vor mir lagen die Blätter am Boden, starren Auges sah ich darauf hin. Aber wie – das war ja nicht mehr des Freundes Handschrift, das war ja – – Meine zitternden Hände griffen nach dem Papier; aber ich vermochte nicht gleich zu lesen. Ging er mit? War es auch sein Abschied?! – – Es war sein Willkommen! Er konnte nicht ohne mich leben, er kam, er war bereits da, ganz in meiner Nahe, im Hause selbst: der Brief, der in einem Brief an Fernow für mich eingelegt war, hatte mich bereits vor Tagen darauf vorbereiten sollen. Schon begann das Orchester zu spielen. Der Regisseur klopfte und rief mir zu: der ganze Hof sei versammelt. Was kümmerte mich der Hof?! Ich erhob mich, meine Knie schwankten, ein Schwindel ergriff mich. Würde ich überhaupt spielen können?! Ich mußte: Nicht des ausverkauften Hauses, nicht des Hofes, nicht des königlichen Dichters willen; nein lediglich seinetwegen! Wie – jetzt schwach werden, wo ich ihm als Vermählte eines Gottes im Spiel zurufen konnte: Ich bin deine Braut! Ich würde spielen, als sei ich selbst eine Ariadne. Alles, was ich bisher erlebt, schwand zu blassen Schatten gegen die Sonne dieses Abends. Ich würde das Haus hinreißen, ich würde – – Luft, Luft, mein Glück erstickte mich! Schnell mein Gewand an, den Gürtel um, den Kranz auf. – – Nicht die Kamee mit der Antigone – Antigone hat nichts mit einer Bacchantin zu schaffen! Diese kalte, eisig-kühle Antigone. – – Mich friert! Auch keine Schminke auf deinem Antlitz, du verklärte! Heute keine Falschheit, keine Lüge! – – Und die Klänge, die brausenden Klänge! Mit Zimbel- und Lautenschall wird mein Geliebter begrüßt! Rasselt es schon mit den Schellen, das Heer meiner Bacchanten? Brüllen meine Tiger schon, schwingen meine Korybanten schon ihre Thyrsusstäbe, wartet mein Gott schon? Die Göttin kommt, die Bacchusbraut kommt! Auf die Knie nieder, die Arme aufgehoben! Rufe die höchste Gottheit an. – – Nein, jetzt nicht gefleht, jetzt der höchsten Gottheit getrotzt. Ich bin auch göttlich! – – Dort schwebst du über mir, leuchtender Strahl unsterblichen Glückes. Ich reiße dich herab in meine Brust. Ich habe den Götterfunken gestohlen: Ariadne ist Prometha. Ich schritt hinaus – stolz wie eine Königin! Ich sah ihn, ich grüßte ihn und mich grüßte das begeisterte, das entzückte Haus, immer wieder und immer wieder. Und ich dankte – stolz, wie eine Königin! Danach waren auf der Welt nur er und ich. Und er und ich, die beiden einsamen Menschen, wandelten über die blumigen Fluren, welche die Nacht mit leuchtenden Tränen betaute. Die Wipfel rauschten über uns und Gottes Sternenhimmel schaute zu uns hernieder, unendlich wie die Liebe der Menschen ist. Ich hatte noch mein Göttingewand an, meinen Kranz auf – die Braut trug ihren Hochzeitsschmuck. Zum Fluß führte ich ihn hin und wir lachten über die seufzenden Wellen und dann – ja, und dann gab er mir den ersten Kuß. Noch immer trunken, noch immer sinnlos, führte ich ihn nach Hause. – – Wir traten ins Zimmer. Da stand die Mutter vor uns. »Mutter!« wollte ich aufjubeln. Aber meine Stimme erstickte bei dem Blick, der mich traf, bei diesem starren, zornigen Blick und ehe ich meine Hände erheben konnte, ehe ich aufschreien konnte: »Vergib uns!« stürzte sie hin, lag sie da, tot, tot, tot! Auch sie gestorben mit ihrem zornigen Blick. Aber wie – – War denn im Zimmer noch eine Tochter, die ihre Mutter gemordet und nun so gräßlich aufschrie? Denn ich war's nicht. – – Mit sinnlosem Auge starrte ich sie an, starrte ich ihn an; und, obwohl mir der Wahnsinn schon ins Gehirn stieg, begriff ich's doch gleich. Und was geschah dann mit mir? Laßt mich besinnen! Ich glaube, daß er mich umfaßte. Ich riß mich los, stürzte fort und er hinter mir drein! Aber ich wollte dem Teufel entfliehen, die Nacht war dunkel und ich eine Rasende. So entkam ich ihm. Dann weiß ich noch, daß es Morgen wurde, daß ich am Flusse stand. Aber was ich da tun wollte, das hatte vor mir schon eine andere getan. Ich sah ihr blasses Haupt auftauchen, ihre blonden Haare aufleuchten, sah sie den Strom hinabtreiben. Da sank ich hin und die lange Nacht begann. Daß es die ewige gewesen wäre! Zehntes Kapitel. Ein Erwachen Es ist Nacht geworden. Alles schläft und ruht. Gestern haben sie mich begraben. Die Schollen poltern noch immer auf meinen armen Kopf herab. Es ist recht traurig!   Kann es ein Nichts geben? Alles Vernunftlose muß ein Nichts sein, alles was kein Bewußtsein ist. Das unvernünftige Tier lebt und ist nichts. Der vernünftige Mensch lebt und leidet und legt sich dann hin und stirbt: geht ein in ein Nichts, wird zu nichts. Darin liegt auch kein Sinn und Verstand. Ist diese Schöpfung denn toll?   Warum ist mein Fenster vergittert? Warum umschleichen sie mich? Warum belauern sie mich? Ich bin nicht verrückt. Ich kann denken: Gott hat die Welt geschaffen, ich bin sein Geschöpf, der Mensch soll seinen Schöpfer loben und preisen, wir sind sündig vom Mutterleib an. Sie sehen, lieber Doktor, ich begreife das Unbegreifliche. Soll ich mit Ihnen über die Unsterblichkeit disputieren? Über Glück oder über Liebe? – – Sie müssen kein solch ernstes Gesicht dazu machen, übrigens muß ich Sie kennen. Wo habe ich dieses Gesicht schon einmal gesehen? In meinen Träumen, als ich noch lebte. – – Ach, da ist die dunkle Nacht wieder da! Sie wälzt sich über meinen Kopf, über meine Gedanken; sie zermalmt mich.   Alles ist riesengroß! Meine armen, winzigen Begriffe können an nichts heran. Aus dem Boden wachsen Wolkenwände auf, strahlen Flammen aus. Alles glüht und loht! Die Sonne rast um den Himmel und in meinem Gehirn kreisen wirbelnd alle Planeten. Wer mag mir meinen Kopf mit Rosen geschmückt haben? Wie sie duften! Mein Geist versinkt in Wohlgeruch.   Still, da wird sein Name gerufen! – – Ach, warum ließet ihr die Nachtigallen so laut schluchzen?! Nun habe ich nichts gehört. – – Laßt mich hinaus! Ich will hinauf in die Sonne und dem Gesang der Sphären lauschen. Wer gab euch das Recht, meine göttliche Seele in Fesseln zu legen?!   Welche Leere in meiner Erinnerung! Wenn ich vor Angst versuche, sie auszufüllen, so sinkt es wie unendlicher Nebel auf mein Gedächtnis herab. Ein dichter Schleier scheint ein geheimnisvolles Bild zu verhüllen. Was für eine Gestalt ist es, welche Züge trägt es? Wenn ich darüber nachdenken will, so empfinde ich an dem Schauer, der mich überläuft, daß es etwas Furchtbares sein muß. Ich stehe entsetzt davor. Aber wie ich auch mit gelähmten Lebensgeistern taste und taste, die undurchdringliche Decke zu heben, bleibt es doch bleischwer darüber gelagert. Es mag mein Glück sein. Wo bin ich?   Auch das empfinde ich sonderbar traumhaft. Wenn ich an mein Fenster trete, so sehe ich es vor mir wie das riesengroße Gemälde einer Alpenlandschaft. Bis zum Himmel steigt es empor: schwarze Wälder, graue Felsen, weiße, weite Schneefelder. Jetzt lagert purpurfarbenes Abendgewölk darüber. Im Tale, dicht am Flusse, lang hingestreckt, erkenne ich ein graues Dorf, von einem schlanken Kirchturm überragt; auf den Höhen wenige einzelne Häuser, jedes einsam für sich, mit einem Fleck spärlichen Ackerlandes, einem Streifen Wiese, einem Stücklein Tannenwaldes. Eine einzige Landstraße führt, immer an dem Felsenbett des wildflutenden Stromes entlang, vom Kamme des Gebirges her, zu dem Hügel hin, darauf sich ein Schloß erhebt. Hier hört der Weg auf, indessen der Strom noch eine Weile weiterbraust, bis er in Sumpf und zu zahllosen kleinen Bächen verrinnt.   Noch immer lagert unverrückbar das Wolkengebirge. Der Himmel lastet darüber wie der Deckel eines Sarges, der sich über die sterbende Erde herabsinkt. Ich höre sie ächzen, sehe ihr blasses Antlitz entstellt von Wahnsinnszügen. Über ihren heiligen Leib kriecht die Nacht und würgt alles Licht. Wenn sie tot ist, wollen wir sie unter dunklen Violen und blassen Narzissen begraben. Ob sie wohl wieder aufwachen wird, wenn die Sterne erblassen, der Morgen dämmert und der leuchtende Sonnenjüngling durch den Rosenvorhang in die stille Brautkammer bringt? Mir ist so bang um sie! Wie kann sie je wieder auferstehen mit diesen Felsenmassen auf der Brust? Es erstickt mich! Ich sehe das alles vor mir, aber – seltsam! Es gelingt mir nicht, mich der Wirklichkeit dieses Bildes völlig bewußt zu werden. Eine Welle jenes grauen Nebelmeeres scheint auch hier alles zu überrieseln. Noch wunderbarer ist, wie ich mir selbst ein fremder Gegenstand geworden bin; gerade, als ob außer meinem einen Ich noch ein zweites da wäre, das ich wie ganz von mir losgelöst betrachten und anschauen kann. Alles, was ich empfinde, scheint von diesem gespenstischen Wesen auszugehen und in meine Seele zu dringen. An der Seite dieser Genossin, die mein eigenes Gesicht hat, verbringe ich die Tage, die Wochen, die Monate, in grauenvollem Zusammenleben mit meinem eigenen Selbst, von dem ich mich nicht lossagen kann, was ich auch tue, um diesem Spuk zu entrinnen. Ich bin zu zwei in meinem Zimmer, ich durchwandle zu zwei die Säle. Wenn ich mich bewege, wenn ich gehe, rede, sehe, denke – was ich so denken nenne – so weiß ich ganz genau, daß ich es bin und doch wieder nicht bin, die alle diese Daseinsfunktionen verrichtet. Betrachte ich mich im Spiegel, so rede ich den einen Teil meines Doppelwesens an: »Arme Rolla, wie blaß bist du! Was fehlt dir? Wie – nichts! Es geht dir ganz gut? Du bist glücklich? – – Was sagst du? Du wüßtest es nicht? Gott behüte deinen armen Verstand!   Was ist mit mir geschehen? Wo war ich so lange? Wie komme ich hierher? Ich bin schon einmal hier gewesen; aber wann war das? Alle diese Säle und Gemächer, diese Galerien und Gänge kenne ich. Alle Gegenstände darin sind mir vertraut. Diese Vertäfelungen, diese Malereien, diese Stoffe und Möbel, diese Vasen und Statuen; sogar diese Blumen sah ich schon einmal. Wundersam! Ach, lieber Freund, kannst du mir's nicht sagen?   Ja, dich kenne ich! Wenn du bei mir bist, meine Hand fassest, oder mit der deinen leise und leicht über mein Haar fährst, mit deinen klaren, ernsthaften Augen mich ansiehst – wenn du zu mir redest; dann, ja, dann weiß ich, daß ich bei dir bin, wohl aufgehoben, geborgen, gerettet! Dann weiß ich, daß du immer bei mir warst, auch in jener großen Öde, von der ich alle Erinnerungen verloren. Dann weiß ich, daß wo du bist, der Mensch nie ganz unglücklich sein kann. Aber, liebster Freund, sage mir nur – – Nein, er sagt mir nichts. Nun, er muß es wissen. So will ich denn weiter leben Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr und nichts denken, nichts denken wollen. Es ist alles so öde, draußen die Welt und in mir meine Seele. Ob das wohl noch einmal anders wird? Ob auf den Alpen wohl noch einmal die Schnee- und Eisfelder hinwegschmelzen und ich dort Blumen pflücken kann?   Wenn ich nur wüßte, weshalb ich stundenlang am Fenster stehe und unverwandt hinaussehe, hinab auf den Weg, den einzigen, den ein Wanderer ziehen kann, der von weit, weit her aus der Welt kommt, in dieser Einsamkeit jemand zu suchen. Wen wohl?   Wer seufzte so tief? – – Gewiß, lieber Freund. ich will nicht darüber nachdenken? aber wenn ich nur wüßte – –   Ich muß in meinem Kopf immer nach etwas Verklungenem suchen. Ist es eine Melodie, ist es ein Name? Ich möchte immer Briefe schreiben; aber an wen? Ich möchte immer etwas sagen; aber was? Kann man erleben und vergessen? Führt das Schicksal des Menschen eine so leichte, flüchtige Hand, daß seine Schriftzüge aus unserem Gedächtnis verschwinden könnten, als wären es die schwankenden Buchstaben eines Kindes, die von der Schiefertafel weggelöscht werden? Ach, es gibt so vieles, was Vernunft und Verstand nicht zu fassen vermögen. Vernunft und Verstand – sind dies so festgefügte Kräfte, daß kein Sturm sie erschüttern kann? Sind Vernunft und Verstand nicht zu zerstören und können wir sie wieder finden, wenn wir sie einmal verloren? Es gibt Irrenhäuser, also muß es Wahnsinnige geben, also auch Schicksale, die den Menschen um seine Vernunft bringen. Man hat Beispiele davon. Wenn ich mich nur auf eins besinnen könnte: wenn mir nur jemand die verklungene Melodie, den verklungenen Namen wieder sagte. Ich werde mich noch um den Verstand grübeln!   Um mich wird's lichter. Wenn ich die Augen schließe, so schaue ich bunten Glanz: der Tag bricht an! Wer hat mir von meinem Kopf die Schollen herabgewälzt? Soll ich wieder leben – – Ach, lieber Freund, bist du da? Wir wollen glücklich sein.   Aus dem Nebel tauchen allerlei Gestalten auf, allerlei Gesichter. Ach, meine Mutter!   Wer ist das weiße Antlitz? Wie das blonde Haar daran klebt, wie es auf den grauen Wellen dahintreibt! – – Jetzt taucht es hinab. Margarete. Margarete! – – Unbarmherziger Gott, Frank, du bist es gewesen?   Der Schleier zerreißt; jetzt weiß ich's. Meine Mutter ist tot, Anna hat sich ertränkt, Frank ist fort, ich bin wahnsinnig gewesen. Elftes Kapitel. Neues Leben Wie ein Kind lernte ich wieder leben, Fernow lehrte es mich. Seine Hand führte mich in das neue Dasein ein. Ich brauchte ihn nicht zu fragen: nicht wahr, du warst immer bei mir? Wie ich auch, ohne dah er mir's gesagt hatte, wußte, wo er immer bei mir gewesen: in jenem Hause, das meinen Namen trug, als dessen erster Bewohner ich eingezogen. Wie viele Jahre mag das her sein? Allmählich erriet ich, wo ich mich befand. Wie die Bilder eines alten, lang ausgeträumten Traumes stieg es vor meinen inneren Augen auf. Ich sah zwei Menschen, die sich liebten, die mit ihrem Glück den Neid der Götter erregen wollten. Die Welt kennend, wollten sie aus der Welt flüchten. Ein einsames Alpental sollte die beiden Glücklichen aufnehmen. Dort wollten sie sich ein Haus bauen, dort wollten sie leben, wie es sterblichen Menschen nicht beschieden ist, wie es das Schicksal nicht zuläßt. Das Haus war gebaut worden – wo aber waren die beiden glücklichen Menschen? Fernow konnte mich bald viel allein lassen. Er hatte sich eine Tätigkeit gebildet, die ganz war wie der Mann: aufopfernd, voller steter Selbstverleugnung. Weit und breit gab es keinen Arzt: denn die nächste Stadt lag entfernt und die Gegend ringsum war die ärmste des Landes. Der größte Teil des Tales bestand aus Sumpf und Moor. Das Felsengebirge trug kaum Weideplätze genug, um kümmerlich einige Herden zu ernähren. Die Felder, die in der Nähe des Stromes lagen, wurden regelmäßig alle Frühjahr durch Überschwemmungen verwüstet. In Hütten, die der langen, kalten Winter wegen Höhlen glichen, hausten die Menschen eng beieinander. Überall Mangel und Not, Krankheit und Armut; überall mußte geholfen werden. Das war die Tätigkeit, die in überquellender Lebenskraft ein anderer für sich gewünscht hatte und welche Fernow ganz in demselben Sinn, in dem er in diesem Tal unser Haus gebaut, sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte. Die Straße, die das Tal durchschnitt und dieses mit dem nächsten größeren Orte verband, war sein erstes segensreiches Werk. Ablenkung und Abdämmung der vielen Wildwasser und des Flusses ward begonnen; für Moor und Sumpf Abzugskanäle und Drainierungen in Aussicht genommen. So hoffte man gutes Ackerland und fruchtbare Wiesen zu gewinnen. Das Gebirge sollte von neuem mit Kiefern- und Tannenschlägen bepflanzt werden. Wohin man sah, regte sich neues Leben, welches in der Folge aus einer Wildnis einen Garten machen konnte, Hunderte von Menschen ernährend und zu einem edleren Dasein erziehend. Fernow legte mir alle seine Pläne vor, besprach und beriet alles mit mir. Das waren glückliche Stunden! Wieder erhielt ich aus seiner Hand ein kostbares Geschenk: die Arbeit. Ich sollte ihm in allem helfen, in allem seine Gefährtin sein. Übrigens fand ich seine ganze große Tätigkeit bereits völlig organisiert. Er hatte zu seiner Hilfe tüchtige Leute berufen: Landwirte, Ingenieure, Förster. Für mich war ein bestimmter Teil vorbehalten worden: die Schule. Fernow hatte unter dem Volke ein merkwürdiges Talent zum Zeichnen und Schnitzen entdeckt und baute darauf die schönsten Hoffnungen. Beide Fähigkeiten sollten entwickelt und ausgebildet werden. Eine Mädchenschule sollte direkt unter meiner Aufsicht stehen und ihr im Schlosse selbst einige Zimmer eingeräumt werden. Die Mittel zu allen diesen Anstalten gewährte mir der Verkauf meines fürstlichen Witwensitzes. Wie dankbar war ich jetzt für Güter, die ich sonst so gering geschätzt. Mit jedem Tage ward ich der Welt mehr und mehr zurückgegeben, mit jedem Tage erkannte ich mit tieferer Erschütterung, wie viel mir noch immer übriggeblieben. Man soll uns Frauen doch nicht arm nennen, wenn wir das verloren haben, was man gewöhnlich als unsern Lebenszweck bezeichnet, als unsern Reichtum, als jene hohe Aufgabe, die zu erfüllen wir geboren werden. Wie können wir darben, wo das Leben so reich ist, so reich an Tätigkeit. Und kann man sich die Tätigkeit ohne Glück denken? Ist nicht die Tätigkeit, die in dem Beruf der Frau liegt, so unerschöpflich, so weit und grenzenlos, daß der Mann, der überall der Gedanke ist, wo wir nur die Empfindung, uns um unsere Überfülle schöner und großer Lebensart beneiden könnte? Nicht wenn man uns unsere Liebe nimmt, sind wir Frauen verlorene Geschöpfe – wir werden das erst mit dem Verlust unserer Arbeit. Allmählich lerne ich die Menschen kennen, die außer uns in der Einsamkeit hausen; zuerst freilich nur aus den Schilderungen des Freundes. Da sind vor allem der Pfarrer und seine junge Schwester. Der geistliche Herr ist eines Bauern Sohn aus der Gegend. Als Gaisbub wuchs der Knabe in seinen wilden Bergen auf. Wochenlang sah er oft keinen Menschen. Seine Eltern wollten ihn auch des Winters nicht in die Schule schicken, weil er dem Vater helfen mußte, aus Fichtenholz rohe Kruzifixe und Heiligenbilder zu schnitzen. Jeden der guten Heiligen, denen der Knabe Gestalt und Antlitz verlieh, flehte er inbrünstig an, ihn lesen und schreiben lernen zu lassen. Eine Zeitlang legte sich der kleine Andreas jeden Abend in der festen Überzeugung zu Bett, daß er, wenn er am anderen Morgen aufwachte, werde lesen und schreiben können, wie der hochwürdige Herr Pfarrer selbst. Als das sicher erwartete Wunder sich niemals erfüllte, ward der Knabe vor Kummer fast krank. Er glaubte, die guten Heiligen seien ihm böse, weil er die ganze Zeit über, während er sie nachbildete, sich nach dem Sommer sehnte, nach seinen Bergen, seinen Ziegen, seiner Einsamkeit. Er versuchte, die Erzürnten dadurch zu versöhnen, daß er ihre Gewänder recht schön blau, rot und gelb anstrich; aber sie blieben nach wie vor taub für seine Bitten. Einmal verstieg sich ein vorwitziges Zicklein. Andreas suchte es und kletterte dem entlaufenen Tiere auf einer Felsenwand nach, von welcher weder er noch das Zicklein wieder herunter konnten. Niemand hörte sein verzweifeltes Rufen. Andreas kannte seine Berge. Er wußte, daß sich an diesem Ort selten eines Menschen Fuß verirrte, daß er hier, auch wenn man ihn suchte, nicht gefunden werden würde. Er wußte, daß er sterben mußte, verhungern, verschmachten. Während das Zicklein ganz vergnügt die saftigen Kräuter abweidete, die in den Felsspalten wucherten, bereitete sich der Knabe auf den Tod vor. Von der Welt wußte er nicht viel mehr, als daß es darin Gebirge, Ziegen und arme Gaisbuben gab, die gar zu gern Lesen und Schreiben gelernt hätten. Der letzte ungestillte heiße Wunsch genügte, um ihm den Abschied von der Welt schwer zu machen. Seine Eltern waren harte, kalte Menschen. Lieb hatte den einsamen Jungen nur sein kleines Schwesterchen, ein Kind mit schwarzen krausen Haaren und einem seinen, blassen Gesichtchen, darin die großen, dunklen Augen, bald in ausgelassener Lebenslust, bald in tiefer Schwermut erstrahlten. Und wie sie ihre Gebete hersagte! Daran dachte der verlassene Knabe und fing darüber selbst an, mit lauter Stimme zu beten. Es war der zweite Tag und die Kräfte des Kleinen waren erschöpft. Nur wenige Stunden hatte er schlafen können. Die ganze übrige Zeit kauerte er auf seiner schmalen Klippe über dem Abgrund und starrte über die Tiefe hinweg nach den Felsenhäuptern und grasigen Berglehnen hinüber, über die er mit seiner Ziegenherde so oft frei dahingeschritten war. Adler und Falken flogen an seinem Felsen vorüber, über ihm sangen die Bergfinken und er konnte kein Glied rühren. Oder wenn er es gewagt und nur einen Schritt vorwärts getan, so wäre er hinuntergestürzt. Dicht neben ihm wuchs alles voll Edelweiß. Das hatte es besser als er! Ein wunderliches Gefühl überkam den Knaben: der Mensch schien ihm weit weniger unter Gottes Hand zu stehen, als Tiere und Blumen. Das machte ihn unsäglich traurig. Nachts sah er den Sternen zu, wie sie strahlend über den grauen Massen auftauchten, gerade als sprängen sie aus dem Gestein hervor. Glanzvoll glitten sie die dunkle Himmelsbahn dahin und tauchten flimmernd wieder hinter den Alpen unter. Das verlassene Kind stellte sich vor, daß liebliche Engel dahinschwebten, jedes ein Kerzlein tragend, welches sie sich an dem großen Sonnenlicht angesteckt hatten, um damit dem lieben Herrgott zu Bette zu leuchten. Er freute sich darauf, daß er auch bald dazu gehören werde und suchte sich schon am Himmel den Weg aus, den er mit seinem Lichtlein ziehen wollte: an den hohen Sänten herauf, über seiner Ziegenweide und beim Tale, darin seine Eltern wohnten, wieder herunter. Andreas nahm sich vor, Gott recht herzlich zu bitten, die Menschen ebenso liebzuhaben wie Vögel und Blumen und allen Gaisbuben das Lesen und Schreiben lernen zu lassen. Darauf verfiel er in neue Ermattung. Das Zicklein, das alle Kräuter, zu denen es hingelangen konnte, abgefressen hatte, schmiegte sich angstvoll an seinen treuen Hirten an. Dieser träumte: er glitte Hand in Hand mit seiner kleinen Schwester, von weißen Flügeln getragen, pfeilschnell durch die Sterne dahin. Kalte Morgenluft erweckte den Knaben. Er konnte sich vor Schwäche kaum bewegen, aber es tat ihm nicht mehr weh. Noch vermochte er, wie er's jeden Morgen gewohnt war, hinzuknien, seine Hände zu falten und sein Gebet zu sagen, darin er die Heiligen bat, ihn und seine lieben Gaisen vor Gefahr zu behüten. Das Zicklein, das jämmerlich meckerte; umschloß er mit beiden Armen. So fanden ihn einige Stunden später, bewußtlos an der Felswand lehnend, die Männer, die zwei Tage nach dem Verlorenen gesucht. Dies Ereignis hatte große Folgen für den Knaben. Seine geängstigten Eltern hatten das Gelöbnis getan: wenn der Himmel ihnen den Sohn wiederschenke, diesen Gott und den Heiligen zum Opfer bringen zu wollen. So ward aus dem Hirtenbuben ein Priester: ein Mann, der nicht nur Gottes Wort las und predigte, sondern lebte. Er blieb ein Sohn der Alpen, dessen Herz krank war vor Heimweh, wenn er im Frühling den Donner der Lawinen und an fröhlichen Sommerabenden die Schalmeien der Hirtenknaben nicht hören konnte. Wild und öde wie sein Heimatstal war, liebte er es mit aller Leidenschaft eines starken Gemütes. Ebenso tief war seine Liebe zu seinem Volk gewurzelt, dessen rauhe Tugenden er kannte wie die Schönheit seiner Berge; dessen Dumpfheit und Unwissenheit, dessen Armut und Leiden ihn schmerzten und quälten, wie die rohen Naturgewalten, die so schrankenlos über das Tal die Herrschaft führten und für die er auch keine Abhilfe hatte. Er war stark im Mitleiden, das bei ihm zum Mithandeln wurde, sobald er nur konnte. Dies sagt, welchen Freund, welchen Helfer Fernow in ihm gefunden. Auch das muß ich noch über diesen Mann mitteilen. Der Hauch der freien Natur weht mit dem kräftigen Atemzug der Alpen durch seinen Gottesglauben, den der Knabe am Rande des Abgrundes – am Rande eines Grabes – rein und unentweiht empfangen hatte. Wenn er seiner kleinen Gemeinde predigt, tönt seine Stimme so mächtig, sind seine Worte so einfach und kräftig, als stünde er auf freier Bergeshöhe. Nächstenliebe ist erstes Gebot. Dafür wird er von dem bigotten, fanatisch erregten Volk, trotzdem er daraus hervorgegangen, mit Mißtrauen betrachtet. Seine Schwester Veronika muß nach Fernows Beschreibung ein eigentümliches Mädchen sein, mit etwas Verstecktem, Geheimnisvollem und Unergründlichem in ihrem Wesen. Dabei ist sie sehr schön, eine Gestalt, die wie eine Königin unter dem verkümmerten, armseligen Volke einherschreitet. Ihren Bruder liebt sie schwärmerisch. Sie ist streng katholisch. Fernow hat sie einmal laut beten hören und ist von dem Ton ihrer Stimme, von der unterdrückten Leidenschaft ihres Gebetes tief ergriffen worden. Unter den Talleuten lebt sie ohne Freundin, ohne Kameradin, in stolzer Abgeschlossenheit. Einen unheimlichen Eindruck macht auf mich eine dritte Gestalt, die das Pfarrhaus bewohnt. Es ist dies ein junger Jesuitenpater, welcher dem Pfarrer Andreas zur Beihilfe im Amt zugeteilt worden. Der Pater ist ein Fanatiker und gilt daher bei dem Volk mehr als der Geistliche selbst. Das Verhältnis der beiden Männer kann bei so verschiedener Sinnesart kein freundliches sein. Fernow fürchtet ein schlimmes Ende. Der asketische, leidenschaftliche Priester scheint über die freie, stolze Seele des Mädchens eine Gewalt auszuüben, gegen welche diese sich vergebens zu wehren sucht. Bald sollte ich diese drei Menschen persönlich kennen lernen. Ich weiß jetzt, daß Fernow mich für völlig geheilt hält; aber er wünscht die langsamste Gewöhnung an meine Umgebung und die Menschen. Da meine Teilnahme für beides mit jedem Tag mehr und mehr wachst, fällt mir dieses Zurückhalten schwer. Während des langen Schlafes, darin meine Seele gelegen, konnte so vieles in mir ausruhen; ja mir ist, als seien meine Kräfte gewachsen, als seien neue hinzugekommen. Ich muß an den Acker denken, der Jahre hindurch brach gelegen und den nun die Pflugschar für die neue Saat bestellen soll: wenn der Himmel seinen Segen gibt, kann die Ernte köstlich werden. Ganz wunderbar erscheint mir, wie der Freund wieder das Rechte für mich getroffen. Heute haben wir beide darüber gesprochen; es hat mich nicht einmal so sehr erregt, obgleich Fernow sich deswegen Sorge machte. Mit derselben Ruhe, mit der wir es uns sagten, will ich es hinschreiben. Frank ist fort und wird nicht wiederkommen. Ein Jahr nach der Katastrophe verließ er Europa mit demselben Schiffe, welches Fernow nach Australien bringen sollte. Als ein Pfadfinder für Nachkommende ist er dort in die Wildnis gedrungen. Ob er Wege gefunden und Wege gebahnt hat, wissen wir nicht. Ein Mensch wie er, muß Spuren zurücklassen. Freilich können es Spuren der Zerstörung sein. Er hat mehreremal an Fernow geschrieben und dieser an ihn: kurze Notizen mit Nachrichten über mich, die Fernow damals für unheilbar hielt. Auf sein letztes Schreiben erfolgte keine Antwort; beide halten wir ihn für tot. Unter welchen Riesenbäumen der Wildnis mag sein Grab liegen, welche Hand es ihm geschaufelt haben? Wenn ich sie kennte, würde ich die Welt durchwandern, um sie in der meinen zu halten und sie an meine Lippen zu drücken. Fernow versprach, mir später seine Briefe zu geben – später. Er ist tot! Wie kann er das, da ich ihn so ewig lebendig in meinem Herzen trage? Solange der Mensch geliebt wird, stirbt er nicht. Daß ich in diesem Hause so ganz in ihm lebe, das ist es, was ich als meine vollständige Heilung, als meine Rettung bezeichnen möchte. Und wiederum ist es Fernow, der sie vollbracht. Von seinen vielen gewagten Experimenten war dieses vielleicht das gewagteste: aber es ist ihm gelungen. In jedem Gegenstand besitze ich hier den Verlorenen lebendig; denn jeder Gegenstand bedeutet mir einen seiner lebendigen Gedanken. Der schöne, phantastische Bau ist durchaus nach seinen Plänen ausgeführt worden. Überall umgibt mich sein Geist, überall befinde ich mich in seiner Gegenwart. Wie durchschauert es mich, wenn ich allein schon an der Einrichtung meines Zimmers seine Liebe erkenne. Dieser dunkelfarbige Holzplafond, diese silbergrauen Bekleidungen der Wände, diese vornehme mattgelbe Farbe der Vorhänge und Möbelstoffe, das ist alles ganz in meinem – nein, ganz in seinem Sinne gedacht. Und nun gar die Kunstwerke, mit denen er mein liebes Gemach geschmückt! In der Mitte des Plafonds schwebt Raffaels Psyche zur Wiedervereinigung mit den Geliebten in den leuchtenden Himmel hinein. Wenn ich zu der wundersamen Gestalt aufblicke, so überkommt meine Seele etwas von Psychens stiller Verzückung: sie soll ihn wiedersehen, soll ihn besitzen in ewiger Vermählung. Glückselig, wer da glaubt; wer da glauben kann! Aber auch so ist es schön. An der einen Wand befindet sich eine Kopie von Guidos Aurora. Wie leicht und befreit wird mir zumute, wenn ich diese ewig heitern, unsterblichen Gestalten betrachte! Wie scheint es von den Lichtfluten, die das Haupt des Sonnenjünglings umwogen, in meine Seele zu dringen! Ein einziges Marmorbild leistet mir Gesellschaft: Donatellos heilige Cäcilie. Nur in der leichten Neigung ihres schönen Hauptes, nur an der leisen Biegung ihres schlanken Halses erkennt man, daß sie spielt. Aber mir ist, als höre ich sie. Welche himmlischen Melodien! O Kunst, göttliche Kunst! Aber diese Bücher sind mir von seiner Hand hingelegt worden. Wenn ich sie aufschlage, lese ich mit ihm zusammen: Goethes Lieder, Byrons Kain, die Odyssee. Aber welche andere Hand hat mir meine lieben Meister genommen, meine herrliche Penthesilea, meine süße Julia – Faust. Sollen das auch lauter verklungene Namen für mich sein? Soll ich nie wieder erleben, was ich doch geschaffen habe, was ich doch bin? Sind alle Saiten gesprungen, als in meinem Kopf etwas zerriß, als die fürchterliche Nacht mich umfing?! O mein Arzt, wie soll deine Gerettete leben mit ihrer toten Kunst in der Seele?! Heute stellte Fernow mir den Pfarrer vor. Er ist ganz so, wie ich ihn mir dachte: ein prächtiger Mensch! Er ist noch jung. Die Falten seines geistlichen Gewandes können nicht verbergen, daß in diesem Kleide ein Sohn der Berge steckt. Kräftig und edel wie seine Gestalt ist sein Gesicht, sind seine Bewegungen, seine Worte, seine Gedanken. Er hat des Tirolers hellblondes, reichgelocktes Haar, darin ich mit immer neuem Erstaunen die geschorene Stelle betrachten mußte. Gleich bei unserm ersten Gespräch bemerkte ich, wie seine hellen, blauen Augen leidenschaftlich, in fast düsterem Feuer aufleuchten können. Doch ist das nur ein Augenblick. Er trat mir auf das unbefangenste entgegen wie ein alter Bekannter und bewegte sich in den ihm ungewohnten Räumen in einer Weise, die ich vornehm nennen möchte. Nach einigen Augenblicken saßen wir schon in eifrigem Gespräch zusammen, darin sogleich das erörtert wurde, was uns allen dreien gleich sehr am Herzen lag. Einfach und klar setzte Pfarrer Andreas mir die Verhältnisse des Tales auseinander, wie Fernow sie vorgefunden, wie sie jetzt waren, wie sie werden konnten und mußten. Es war viel getan worden; aber nicht genug. Zahlreiche Schwierigkeiten mußten überwunden werden, bevor man von einem großen Resultate sprechen durfte. Doch das war ja eben die Arbeit! Ernster erschienen andere Hindernisse, die sich unserer gemeinsamen Tätigkeit entgegenstellten. Mit den Ausbrüchen einer wilden Natur hofften wir den Kampf aufnehmen zu können, weniger sicher durften wir unserer Sache bei den Menschen sein und das gerade bei denen, welchen wir Hilfe leisten wollten. Seltsam! Kahle Felsen in Wiese und Wald zu verwandeln, Moor und Sumpf in Acker und Garten – so viel Wunderbares ließ sich durch starkes Wollen vollbringen. Aber das trotzige Gemüt eines in Unwissenheit und Aberglauben verwilderten Bauernstammes für eine höhere Kultur zu gewinnen, für solches Werk war aller guter Wille zu schwach. Wir konnten neue Flußbette graben, Ströme zwischen Dämme einzwängen, über Wildwasser Brücken schlagen, jedoch zu den Herzen des Volkes, für welches alles dies geschah, zu gelangen, seinem Fanatismus Grenzen zu setzen, seinen trotzigen Sinn für Verbesserungen seiner elenden Lage zu beugen, das stand nicht in unserer Gewalt. Ich erkannte die Seelenqual des Mannes, der mir das von einem Volke sagen mußte, dem er selbst angehörte. So sehr er sich auch bezwang, sah ich's in ihm wühlen und verstand sofort, dah dieser Schmerz um sein Volk, das Erkennen seiner Hilflosigkeit, das große Unglück sei, dem dieses starke Gemüt keinen Bibeltrost entgegensetzen konnte. Und aus welcher Quelle kam dieses Unheil? Mit bebenden Lippen mußte er selbst es uns gestehen: aus der Religion, aus derselben Religion, deren gläubiger Sohn und begeisterter Priester er war. Der Born, daraus er schöpfte und für andere schöpfen wollte, Heilsfluten, die so rein sein mußten wie das Wasser seiner Bergquelle dieser Brunnen aller Gnade war von der Kirche zu einem Pfuhl verwandelt worden, der Gift aushauchte. Ich erwähnte des Jesuitenpaters, der als offenkundiger Feind des Pfarrers in dessen Hause lebte. Bei der Nennung dieses Mannes war es, wo ich die hellen Augen so wild aufleuchten sah. Natürlich war Fernow dem wackeren Mann schuldig gewesen, ihn gleich am Anfang seiner Bekanntschaft über seinen religiösen Standpunkt aufzuklären. Einen Christen konnte der geistliche Herr den Freund wohl kaum nennen, wohl aber einen Menschen. Das einfache Wort, das alles sagt, genügte diesem katholischen Bergpfarrer des Menschen Freund zu werden. Mir mußte auffallen, daß Pfarrer Andreas sehr zurückhaltend gewesen, als ich seiner Schwester und das mit Worten erwähnte, die meine aufrichtige Freude ausdrückten, dieselben kennen zu lernen. »Sie wird sicher nicht herkommen,« meinte Fernow. »Dann gehe ich zu ihr. In der Öde muß der Mensch zusammenleben, sonst verödet er. Ich hoffe, mir eine Tochter dieses seltsamen, mißtrauischen Volkes zur Freundin zu erwerben.« – »Die anderen sind scheu,« erklärte er mir den Charakter des Mädchens. »Dieses seltsame Geschöpf aber ist stolz.« Es war mein erster einsamer Ausgang, der mich über die Grenze des Schloßgartens hinausführte. Mir war ganz feierlich zumute. Fortan würde ich wieder dahin wandeln können, ein Mensch unter Menschen. Ich ging die Landstraße, die ich von meinem Fenster aus sah, auf der meine wirren Gedanken so oft dahin gewandert waren: ziellos in die Ferne hinaus, die für meinen gestörten Sinn keine Grenzen hatte. Jetzt war es Hochsommer; aber kaum, daß am Weg einige kümmerliche Blumen standen. Ich pflückte sie. Aus ihren duftlosen Kelchen strömte mir die ganze Poesie meiner Kindheit entgegen. Gar zu gern hätte ich mich auf den schmalen Wiesenrand niedergesetzt und mir aus den großen gelben Butterblumen eine Krone gewunden. Es gab auch Schmetterlinge, sogar ein Hänfling zwitscherte sein bescheidenes Lied. Ach, wie war die Welt so schön! Im Sonnenglanz lagen die Alpen vor mir, eine Schar grauer Felsenwiesen, die sich weiße Königsmäntel über die Schulter geworfen und auf die greisen Häupter leuchtende Kronen gesetzt. Trotzig standen sie da und rissen sich den Himmel auf ihre Stirnen nieder, daß es wie silberne Flocken von ihnen herabhing. Drunten war der Boden purpurfarbener Moorgrund, durch den der Strom sich wälzte. Freilich war es einsam und öde; aber diese Öde war Erhabenheit. Und an dieser stolzen, starren Schönheit hatten seine Blicke gehangen. War's ein Wunder, daß mir die Welt so verklärt erschien? Ich gelangte zum Dorf. Es lag zwischen dem Strom und einem Felsen eng eingezwängt, fast baumlos da. Hier waren Ableitungen und Dämmungen am notwendigsten und deswegen auch schon in Angriff genommen. Die Arbeit mußte liegenbleiben, bis fremde Arbeiter kamen: der Jesuitenpater hatte den Dorfleuten streng das Mitarbeiten untersagt. Nur einige Anhänger des Pfarrers wagten nicht zu gehorchen. Die Dorfstraße bestand aus einer einzigen langen, schmalen Gasse, auf beiden Seiten mit niedrigen Häusern besetzt, die mit ihren ungetünchten Mauern und kleinen Fensteröffnungen einen wahrhaft trostlosen Eindruck machten. Die Straße war ungepflastert und kaum fahrbar. Zerlumpte, lärmende Kinder trieben sich zusammen mit Federvieh und kleinen schwarzen Schweinen vor den Türen umher und verstummten, sobald sie mich sahen. Auch Erwachsene faulenzten auf der Gasse. Sie sahen nicht besser aus als die Kinder, starrten mich feindselig an und dankten meinem Gruß kaum oder gar nicht. Hinter mir her entstand sofort ein Zusammenlauf von Weibern. Ich hörte sie mich die Verrückte nennen. Ein kleines Mädchen lief vor mir fort, stolperte und fiel hin. Ich hob das schreiende Kind auf und wollte es freundlich beruhigen, aber seine Mutter entriß es mir. Ja, die Arbeit würde schwer sein. Die Kirche mit dem Pfarrhaus befand sich mitten im Dorf. Ich trat zuerst in das Gotteshaus. Um den großen, kahlen Raum mit Flittern und ärmlichem Prunk ausstatten zu können, mußten die Leute in ihrer Armut Mangel gelitten haben, übrigens war die Kirche ganz leer. Erschöpft setzte ich mich auf eine der schmalen, braunen Bänke und saß da eine Weile, als ich ganz in der Nähe hinter mir eine unterdrückte Männerstimme heftig und eindringlich reden hörte. Eine Frauenstimme antwortete. Ich horchte hoch auf. Welch ein Klang, welch eine Kraft und Leidenschaft in diesen unterdrückten Tönen! Unwillkürlich hörte ich darauf hin, ohne die Beichtende – denn eine solche war es – sehen zu können. »Ich bin unglücklich! Alles, was ihr mir sagt, hilft mir nichts. Ich soll mich ganz darein versenken, nichts anderes denken, nichts anderes fühlen, nichts anderes lieben – das kann ich nicht! Es ist auch nicht das Rechte; denn es ist nicht das Leben. Gebt mir etwas zu tun, anstatt zu beten. Ich kann euch nicht glauben, daß ich dafür geschaffen sein soll; ich will es nicht glauben! Es liegt etwas in mir, das ich nicht nennen kann. Aber es ist da, es will ausgesprochen werden, will leben. Was ist es? Sind wir denn so stumme Geschöpfe, daß wir nicht einmal nennen können, was doch unsere Seele ist? Was bedeutet dieses Sichängstigen und -quälen, dieses Suchen und Hasten? Kein Mensch hilft mir und Gott sieht auch ruhig zu! Ich fühle wie ich verderbe, wie ich schlecht und sündig werde, wie ich nicht hingelangen kann, wo ich frei bin. Früher besaß ich noch meinen Bruder, den habt ihr mir genommen. Wißt ihr denn nicht, daß ihr mir damit Gott selbst entrissen habt? Wer seid ihr, daß mir vor euch graut und ich euch dennoch gehorchen muß?« »Der wahre Priester des Herrn.« Ich stand auf, verließ die Kirche und ging in das Pfarrhaus hinüber. Es war kaum besser als die andern Häuser. Pfarrer Andreas empfing mich und führte mich in das kleine Gärtchen, das hinter dem Hause, dicht unter dem Felsen lag. Einige Büsche Rosmarin und rote Nelken waren das einzige, was darin blühte. Sie wuchsen vor einem verblaßten Muttergottesbild, das in den Fels eingefügt worden. Veronika war nicht da; ihr Bruder schien nicht zu wissen wo sie sei. Ich hätte es ihm sagen können. Ich wollte eben wieder gehen, da kam sie. Auch die Schwester war geradeso, wie ich mir sie vorgestellt: schön und stolz. Auf dieses Düstere, beinah Großartige in ihrem Wesen hatte ich mich indessen nicht gefaßt gemacht. Ich fühlte mich von der Erscheinung des Mädchens im höchsten Grade gefesselt und angezogen. Sie behandelte mich gelassen und kalt. Bereits auf der Hausflur kehrte ich noch einmal in den Garten zurück, um wenigstens die ersten Versuche einer Annäherung zu machen. Sie ließ jedoch nur mich und ihren Bruder sprechen. Da wurde Pfarrer Andreas von der Magd in das Haus gerufen. Veronika ging, pflückte einige Nelken und etwas Rosmarin und kam damit zurück. »Sie sind eine Schauspielerin, eine Künstlerin, das muß«- – – Sie atmete so schwer, daß sie nicht weiterreden konnte und wurde ganz bleich. »Das muß groß sein!« schloß sie leidenschaftlich mit leuchtenden Augen. Darauf reichte sie mir mit einer fast demütigen Gebärde ihren Strauß. Zwölftes Kapitel. Ich mache Entdeckungen Die fremden Arbeiter sind angekommen, alles befindet sich in voller Tätigkeit. Fernow hat sich im Schloß ein Bureau eingerichtet, darin es ganz kanzleimäßig zugeht. Das Vorzimmer wird nie von Beamten und Anfragenden leer. Es ist eine Lust – nein, es ist ein Glück, ihn so tätig zu sehen. Ich habe es mir denn auch nicht nehmen lassen und es durchgesetzt, daß sein Arbeitszimmer nur durch einen Vorhang von dem meinen getrennt ist. So kann ich jeden Augenblick jenes Glückes teilhaftig werden; auch fange ich an, mich als sein stiller Kompagnon zu betätigen. Das Dorf stellt sich dem Schlosse immer feindlicher gegenüber. Fernow kann für seine Zeichenschule, ich für meine Nähschule nur die geistig wie körperlich völlig verwahrlosten Kinder der übelst beleumdeten Familien bekommen: Menschen, die, während sie ihre Söhne und Töchter von uns nähren, kleiden und unterrichten lassen, nachts die jungen Pflanzungen ausreißen und in den Sümpfen die Drainierungen zerstören. Ich habe es mir nun folgendermaßen gedacht. Wenn wir uns nicht entmutigen lassen, so daß es uns gelingt, diese Allerschlimmsten allmählich zu einer geordneteren Arbeit und besseren Sitte zu erziehen, so wäre damit ein Anfang gemacht, der sich durch nichts wieder zerstören läßt. Wenn die Leute nur erst Erfolge sehen, so müssen ja die besseren unter ihnen unsere gute Absicht erkennen. Sie werden uns dann gewiß nicht länger ihre Kinder vorenthalten: Sind doch die Anfänge eines Geschlechtes nur aus der neuen Generation zu bilden. Mit schwerem Herzen mußte ich Fernow recht geben, daß wahrscheinlich das meiste Gute, was wir den Kindern anzuerziehen hoffen, zu Hause von den Eltern wieder vernichtet werden wird. Das Genie der katholischen Kirche beweist sich wiederum in diesen Prinzipien in fast furchtbarer Weise: Die Jugend, die sie für sich und ihre Zwecke heranbilden will, wird von ihr gänzlich den Eltern entzogen; sie wird vater- und mutterlos und darf fortan keine andere Heimat haben als die Kirche. Über diesen Gedanken kommt mir ein Zweifel, der viele meiner frohesten Hoffnungen erschüttert. – – Was vermag alle Erziehung gegen jene unheimliche geistige Vererbung, die von Mutter und Kind auf längst vergangene Generationen zurückführt und trotz alles Mühens dermaßen auf zukünftige Generationen wirken kann, daß der Urenkel mit dem Antlitz, den Bewegungen, dem hinkenden Fuß oder dem Muttermal seiner Vorfahren auch deren Laster und Leidenschaft ererbt, Laster, von denen seine Eltern rein geblieben waren. Das sind grauenvolle Mysterien der Schöpfung. Fernow sprach mit mir darüber, Veronika für meine Schule zu gewinnen. Ich kann mich jedoch nicht zu der Ansicht entschließen, daß dieses leidenschaftliche Geschöpf für einen solchen Wirkungskreis geeignet sei. Ich denke viel über sie nach und suche in das Geheimnis zu dringen, welches diese scheinbar so starke Natur nicht nur so unfrei macht, sondern sogar ihre Seele den bedenklichen Prinzipien eines fanatischen Jesuitenpaters überläßt. Bei dem nächsten Besuch des Pfarrers will ich mit ihm über seine Schwester reden. Pfarrer Andreas besucht uns oft. Wir fürchten, daß ihm jeder Gang ins Schloß in der Meinung seiner Gemeinde schadet. Daß er sich dadurch nicht von uns zurückhalten läßt, sieht ihm ganz ähnlich. Er ist eben ein Mensch, der seinen Überzeugungen folgt und sich stets selbst getreu bleiben wird. Dabei scheint mir der Kummer, der auf seiner Seele lastet, immer stärker zu werden. Seine Schwester, das einzige Wesen, das dieser Priester außer seinem Gott liebt, wird von einer dunklen Macht immer mehr und mehr von seiner Seele gerissen. Seine Gemeinde, dieses teure Schmerzenskind, versteht ihn nicht, verkennt ihn sogar! Sein Glauben und sein Priestertum, diese beiden großen Leidenschaften seines Lebens, werden ihm durch die Entartungen seiner Kirche und ihrer obersten Diener entheiligt. Das ist genug, um auch das stärkste Gemüt niederzudrücken. Dabei die täglich wachsende Macht des Jesuitenpaters, der das Land durchzieht, um die wilden Gemüter des Volks, das seine Arbeit verläßt, diesem falschen Priester zuzulaufen, noch mehr zu erregen. Fernow riet dem Pfarrer dringend, sich an die Behörde zu wenden.   Gestern habe ich mit dem Pfarrer über seine Schwester gesprochen. Wir waren beide allein in meinem Zimmer, darin es bereits dunkelte, während über den Alpen noch die Glut des Sonnenunterganges lag. Als ich den Namen Veronika nannte, stand der Pfarrer auf, trat ans Fenster und sah hinaus. »Ich weiß es,« antwortete er fast leise. »Sie ist nicht glücklich, sie wird es nie werden. Es gibt Naturen, bei denen das wohl so sein muß, obgleich ich es nicht verstehen kann. Wie aber kommt sie dazu, sie, die Tochter armer Alpenbauern und meine Schwester?! Sie will immer über sich selbst hinaus, nichts genügt ihr, weder ihr Glaube noch ihre Liebe. Denn Sie müssen wissen,« wandte er sich plötzlich nach mir um, »daß Veronika so gut wie verlobt ist.« Ich war überrascht. »Mit wem?« »Natürlich mit einem Sohn unseres Landes, einem echten Kind dieser Berge. Es ist ein prächtiger Jüngling, der meine Schwester liebt, wie – nun, wie sie geliebt zu werden verdient; der Sohn eines unserer wohlhabendsten Bauern; dabei unser junger Meisterschnitzer. Die beiden haben schon als Kind zusammen Braut und Bräutigam gespielt. Aber jetzt – –« Er brach ab und fuhr nach einer Weile fort: »In ihrer Seele muß etwas krank sein, wofür kein Arzt ein Mittel schaffen kann, wofür es auch wohl keines gibt, wenigens kein solches, wie Apotheker und Pfarrer geben können. Sie soll aus dem Hause und der Kirche hinaus auf das Gebirge: wo Gott nicht hilft, hilft vielleicht Gottes Natur. Mir wenigstens hat sie noch immer geholfen. In der Einsamkeit findet der Mensch, wenn auch nicht den verlorenen Himmel wieder, so doch sich selbst zurück. Und sie hat sich selbst verloren,« schloß er mit einem tiefen Atemzuge. »Vielleicht hat Ihre Schwester sich noch niemals selbst besessen,« mußte ich ihm erwidern. Pfarrer Andreas sah mich groß an. Dann trat Fernow ein. Wie gewöhnlich wurde zwischen uns der Fortschritt der Arbeiten verhandelt. Das Thema war zu groß, um bald davon abzukommen. Als unser Freund gegangen war, erzählte Fernow: im Dorfe herrsche große Aufregung. Der Jesuit habe auf freiem Felde gegen den Pfarrer gepredigt und die Dorfleute es ruhig geschehen lassen.   Ich kräftigte mich wunderbar. Da es mich immerwährend aus dem engen Tal hinaus auf die freie Höhe trieb, wurde ein Maultier angeschafft, das mich sicher hinaufträgt, tief in die erhabene Öde der Alpen hinein. Weil Fernow mich nur selten begleiten konnte, erhielt ich einen Führer zuerteilt, der, im Gebirge aufgewachsen, ringsum jeden Weg und Steg kannte. Mein Gefährte in der Alpenwildnis war ein schlanker, hübscher Bursche mit einem kühnen, fast wilden Gesicht, mit trotzigen, düstern Augen, die er gewöhnlich gesenkt hielt. Er lebte Sommers und Winters in der Einsamkeit, wo er mit einer alten Mutter hauste. Nur des Sonntags kam er ins Kirchdorf hinab und mit Menschen zusammen. Er war ein Edelweißsucher. Sobald im Frühsommer der Schnee zu schmelzen begann, war er oben und verbrachte die Tage am Rande von Abgründen, in die er sich oft an Seilen hinunterließ, an Orte, wohin mancher Gemsenjäger sich nicht wagte. Er war so oft in Lebensgefahr gewesen, daß ihm der Tod als etwas vollkommen Gleichgültiges erschien. »Einmal,« so meinte er ganz gelassen, »stürze ich doch hinunter.« Die Blumen, um deren strahlenden Kelche willen in den Alpen so viel Menschenblut fließen muß, wurden von Alois sorgsam gepreßt und von der Mutter weit fort in die Städte des Kaiserreichs getragen. Übrigens wollte man wissen, daß des Alois alte Mutter unter ihren Blüten auch noch anderes zum Verkauf in die Ferne trug: Adlerfedern und den gekrümmten Schweif des Auerhahns. Wenn Alois vor einem Heiligenbild vorüber kam, grüßte er dasselbe mit scheuer Demut. Dem Pfarrer Andreas küßte er, so oft er ihm begegnete, inbrünstig die Hand. Als sich einmal die schwarze Gestalt des Jesuitenpaters in der Ferne zeigte, fiel mir auf, wie der junge, trotzige Bursche in seltsame Aufregung geriet. Meinen staunenden Augen enthüllten sich die Wunder der Alpenwelt. Indem diese für mich ihre Einsamkeit auftat, führte sie mich in ihre Erhabenheiten ein. Wenn das Tal tief unter mir lag, immer mehr und mehr vor meinen Blicken versinkend, aufbrauende Nebel mir es völlig entzogen – wenn rings um mich die Felsenfelder sich dehnten, über mir Klippen und Gletscherwände ins düstere Gewölk empordrangen, mir auch der Himmel entschwunden war, kein Ton die schauerliche Lautlosigkeit unterbrach, so hob mich diese starre Größe mächtig über mich selbst hinaus, daß ich mein kleines Schicksal darüber vergessen konnte und mich ganz in die unendliche Schönheit der Schöpfung verlor. Eines Tages beschloß ich, Veronika aufzusuchen, die unterdessen auf die Alm gezogen. Als ich meinem Führer sagte, wo wir heute hin wollten, benahm sich dieser ganz sonderbar. Ich achtete nicht weiter darauf. Wir hatten einen weiten Weg bis zur Wasserfallalm; derselbe führte uns durch die wildesten Teile des Gebirges. Alois, der sonst dem Maultier weit vorauskletterte und dem ich gewöhnlich nur mit Mühe einige Worte entlocken konnte, kam diesmal nicht von meiner Seite. Er erzählte mir aufgeregt, mit einer wilden Naturpoesie von den Schönheiten seiner Berge. Welche Leidenschaft lag in der Liebe dieses Volkes zu seinem schönen, wilden Heimatsland! Ich begriff, daß sie zum Fanatismus ausarten konnte, gerade wie die Religion. Aber wie schön war hier dies Übermaß leidenschaftlicher Empfindung, die herrliche Mutter der größten Tugenden! Welche Heldentaten vollführte diese wahrhaft heilige Begeisterung; während jene andere, obgleich aus dem Göttlichsten stammend, alle dämonischen Leidenschaften im Menschen entfesselnd, die Erde mit Blut überschwemmt und mit Greueltaten bedeckt hat. Der schmale Pfad lief jetzt immer dicht am Rand von Abgründen entlang. Alois erschreckte mich mehreremal heftig: plötzlich war er vor mir in der Tiefe verschwunden, um gleich darauf wieber mit einem Strauß Edelweiß aufzutauchen. Er schien immer die gefährlichsten Stellen aufzusuchen. Dann und wann brach er in einen wilden Juchzer aus, den das Echo vielfach zurückgab. Ich fing an, müde zu werden. Noch immer war nichts von einer Alm zu erspähen: links gähnte der Abgrund, rechts starrten die Felsen. Auf einmal taten diese sich weit auseinander und wölbten sich zu einem Riesentor. Ich blickte in einen ungeheuren Felsendom, dessen Kuppel der blaue Himmel, dessen Boden eine blumige Wiese, darauf von Tannen umgeben die Sennhütte lag. Im Hintergrund des Alpenkessels stürzte sich von jäher Höhe ein Wasserfall, über dessen Staubwolken ein Regenbogen leuchtete, ins Tal. Kuhglocken läuteten, ein Hirtenknabe blies auf seiner Schalmei. Vor der Hütte sah ich jemand sitzen: Veronika. Als sie uns erblickte, stand sie hastig auf und begab sich ins Haus. Ich stieg ab und durchwandelte mit Entzücken die schöne Wiese, zwischen deren lichtem Grün die Blumenknospen wie darüber hingestreute Edelsteine funkelten. Alois war mit dem Tier vorangegangen. Vor der Hütte angekommen, ließ er dasselbe frei laufen und ging hinein. Als ich mich der Alm näherte, trat er wieder heraus, ohne sein Edelweiß und ganz verstört. Ich fragte ihn, was ihm geschehen sei? Er wandte mir den Rücken und ging in den Wald. In der Hütte fand ich bei Veronika den Jesuitenpater. Ich sah den unheimlichen Menschen zum erstenmal in der Nähe. Das Bild, das ich mir von ihm gemacht hatte, stimmte in keinem Zuge mit der Wirklichkeit überein: eine schmächtige Gestalt, ein feines, blasses, geistvolles Gesicht, vornehme, fast anmutige Bewegungen. Nur an den Augen ließ sich der Fanatiker erkennen. Der Mund war zu sinnlich für einen Priester. Mir fielen sogleich seine weißen, zarten, überaus gepflegten Hände auf. Er erwiderte meinen mehr als kalten Gruß mit weltmännischem Anstand. Veronika war stumm und scheu. Alois' Edelweißstrauß lag achtlos hingeworfen auf einer Bank. Der Jesuit hatte eine Blume genommen, spielte damit, sah nach Veronika hinüber, lächelte. Das schöne Mädchen stand am Herd und schürte die Glut, über welche der Wolkenkessel hing. Ich wollte mich auf die Herdbank setzen; aber sie sagte hastig, ohne dabei aufzusehen: »In der Kammer ist's so niedrig und das Feuer raucht. Ich bitte, gehen Sie hinaus. Ich komme gleich nach.« Sie wollte mich sichtlich nicht in der Gegenwart des Paters lassen. Da ich dasselbe wünschte, so verließ ich ohne weiteres die Hütte. Der Jesuit machte mir eine tiefe Verneigung. Als ich an ihm vorbeiging, duftete mir ein starkes Veilchenparfüm entgegen. Ich blickte ihn nicht an, aber ich war überzeugt, daß er wieder nach Veronika hinübersah und dabei sicher wieder lächelte. Draußen wollte ich meinen Führer aufsuchen, aber er war nirgends zu sehen. Auch auf mein lautes Rufen erhielt ich keine Antwort. Alois suchend, ging ich an dem offenen Fenster der Hütte vorüber. Drinnen wurde leidenschaftlich geflüstert. Ich setzte mich im Schatten auf eine Holzbank, die an einer Seite des Blockhauses entlang lief, und überblickte träumerisch die wunderbare Schönheit des Ortes. Die Blumen und Bergkräuter dufteten zu mir auf, die Tannen strömten kräftigen Harzgeruch aus, Käfer und Schmetterlinge flatterten im Sonnenschein. – – Wo hatte ich das schon einmal erlebt? Ich verlor mich in Sinnen und vermochte doch nicht, mich zu erinnern. Es mußte vor langer Zeil gewesen sein. Vielleicht in meiner Kinderzeit, wo ich glaubte, mit Sonnenstrahlen spielen zu können und meine Händchen nach dem blauen Himmel ausstreckte. Auf einmal stand der Jesuitenpater vor mir und betrachtete mich lächelnd. »Verzeihen Sie, gnädigste Frau, daß ich mir erlaube, Sie Ihren stillen Betrachtungen zu entreißen,« redete mich dieser Mensch mit sanfter, einschmeichelnder Stimme an. »Aber wie ich soeben von unserer guten Veronika gehört habe – nachlässig warf er den Namen hin – sind Sie gleich mir diesem seltsamen Mädchen wohlgesinnt. Dieses gleiche Interesse, welches wir beide an einer und derselben Persönlichkeit nehmen, gestattet mir, mich Ihnen hier selbst vorzustellen.« Er nannte mir seinen Namen und verneigte sich von neuem übertrieben tief. Möglichst gelassen erwiderte ich: »Es verhält sich in der Tat, wie Ihnen Veronika sagt. Ich hege für das Mädchen die lebhafteste Teilnahme, hatte aber bis jetzt leider noch keine Gelegenheit, sie dessen zu versichern. Es freut mich, daß Veronika meine freundschaftlichen Empfindungen für sie bemerkt hat; nur verstehe ich nicht, wie sie dazu kam, hierüber mit Ihnen zu sprechen.« »Ich bin ihr Freund – ihr Priester,« fügte er nach einigem Zaudern hinzu. »Auch das kann ich nicht begreifen,« versetzte ich, ohne eine Miene zu verziehen. »Sie dieses Mädchens Freund und Priester? Sie scheinen zu vergessen, daß Veronika die Schwester des Pfarrers Andreas ist. Wenn sie einen Freund und Priester nötig hat, wird sie denselben bei ihrem Bruder finden.« »Sind Sie, meine gnädige Frau, dessen so gewiß?« Weder durch seine Mienen noch durch den Ton, womit er das sagte, ließ ich mich aus meiner Ruhe bringen. »Vollkommen gewiß! Was ich von dem Mädchen bisher gehört und gesehen, hat mir den Glauben gegeben, daß dieses starke Gemüt sich vielleicht für kurze Zeit verirren – in die Irre führen lassen, aber sich nie verlieren kann. Ihr Bruder wird immer ihr Freund und Priester bleiben – ihr wahrer Priester!« Wir blickten einander an. Er war der erste, der seine Augen zu Boden schlug. Jetzt lächelte ich. Da verlor der kalte, kluge Herr seine Gelassenheit. Sein jesuitisches Prinzip vergessend, rief er: »Was wissen Sie von einen wahren Priester!« »Mein Herr!« Ich erhob mich. »Bleiben Sie und hören Sie mich!« raunte er mir zu. »Ich kenne Sie und Ihre Absicht. Sie wollen mir die Seele dieses Mädchens entreißen, sie ihrer Gottheit entreißen, einer Gottheit, die sich weder Ihnen noch jenem falschen Priester unten im Tal offenbart hat. Ich bin ihr Verkünder auf Erden, ihr Apostel, ihr Prophet. Dieses Mädchen muß auf mich hören! denn was wissen Sie von ihr. Sie, die Fremde, die Gottlose, wo sie mir, ihren Freund und Beichtiger, ein Rätsel bleibt. Aber ich werde sie kennen lernen und dann – –« »Von Ihrer Gottheit zermalmen lassen. Welch einen Zweck Sie dabei haben, vermag ich noch nicht zu erkennen; aber ich kenne die Mittel, die Sie anwenden, um zu Ihrem Zweck zu gelangen. Hüten Sie sich! Ich habe bis jetzt keine Rechte auf dieses Mädchen gewonnen, aber ich werde mir diese gleich heute dadurch zu erwerben suchen, daß ich sie vor Ihnen warne, sie und ihren Bruder. – – Ich bitte, mir aus dem Weg zu gehen.« Ohne ihn anzusehen, schritt ich an ihm vorüber der Hütte zu. Ich hörte ihn etwas murmeln und mußte denken: ob er wohl jetzt noch lächelt? Vor der Tür des Blockhauses stand Veronika regungslos und totenblaß. Als ich zu ihr trat, ergriff sie meine beiden Hände, die sie leidenschaftlich an die Lippen drückte. Ein erstickter Ausruf entrang sich ihrer Brust, sie schien vor mir niedersinken zu wollen. Plötzlich, ehe ich ein Wort finden konnte, war sie aufgetaumelt und fortgestürzt in den Wald hinein. »Veronika!« Ein wilder Ruf war die Antwort. Dann blieb alles still. Als sie nach längerer Zeit nicht wiederkam, ward ich um das leidenschaftlich erregte Mädchen ernstlich besorgt. Der Jesuitenpater war in die Hütte gegangen; ich hörte ihn drinnen ein Gebet deklamieren. Ein Gefühl des Widerwillens ergriff mich, daß ich mich, um dieser Theaterszene zu entgehen, weit vom Hause entfernte. Im Walde begegnete ich Alois, den ich hastig fragte, ob er Veronika gesehen? »Ist sie denn fort?« stieß der Bursche hervor. Ich konnte meine Unruhe nicht verbergen und forschte ihn aus, wohin das Mädchen wohl gegangen sein könne. »Ich glaube es zu wissen.« Er schritt mir voraus, immer tiefer hinein in den Wald, der beinahe einem Urwald glich. Das Brausen des Wasserfalles tönte immer näher und stärker. Bald sah ich über den dunklen Tannenwipfeln die Staube Wolken aufsprühen; nun standen wir dicht davor. Ich begriff nicht, wo wir hier die Gesuchte finden sollten. An der einen Seite der Felswand zog sich ein Herdenpfad empor. Diesen klimmte Alois hinauf, unbekümmert darum, ob ich ihm folgen könne ober nicht. Es gehörte ein ruhiges Auge dazu, um schwindelfrei in den Abgrund sehen zu können, in den sich donnernd der Gischtstrom stürzte. In ziemlicher Höhe wandte sich der Zickzack gerade dem Wasserfall zu. Ich blieb stehen: weiter konnten mir nicht! Doch mein Fühler schritt noch immer vorwärts. Dicht am Fall führte der Pfad in den Felsen hinein. Der Eingang zur Höhle war halb verdeckt von Kräutern und herabfallendem Gerank, welches hier unter dem ewigen Sprühregen des Gießbaches ein gar gedeihliches Leben führte. Ich eilte vor und blieb dann plötzlich stehen, von Grausen gleichsam gebannt, mich mit beiden Händen an Ranken und Gesträuch anklammernd, unmittelbar über den wütenden Wassern. Ich schloß die Augen, ich wankte. Da fühlte ich mich von zwei starken Armen gefaßt und vorwärts gezogen. Allmählich erkannte ich, wo ich mich befand: in einer hohen Grotte, die tief in den Felsen hineinführte. Der Wasserfall mußte sich über meinem Haupte befinden; er erfüllte die Höhle mit dumpfem Dröhnen. Alois, der noch immer meine Hände gefaßt hielt, neigte sich zu mir herab: »Sie ist da!« »Wo?« Er deutete auf einen Felsenvorsprung, hinter dem ein anderer Ausgang zu liegen schien. Ich winkte ihm zurückzubleiben und schritt vor über den schlüpfrigen Grund. Dann sah ich sie. Die Öffnung, welche die Höhle an dieser Stelle hatte, füllte der Wasserfall, der in weitem Bogen darüber hinwegstürzte, eine Wolke feuchten Nebels in die Grotte stäubend. Wie durch ein Kristallgewölbe sah ich das Tageslicht. Der gedämpfte Glanz fiel gerade auf das Haupt des Mädchens, welches an einem rohen Holzkreuz niedergesunken war. Den Kopf auf die Brust geneigt, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, trug ihre ganze Gestalt den Ausdruck eines Seelenschmerzes, der mich an Maria Magdalena erinnerte. »Veronika!« Natürlich konnte sie mich des donnernden Geräusches wegen nicht hören. Ich ging also zu ihr, die nichts von meiner Anwesenheit ahnte, kniete neben ihr nieder, umschlang sie mit beiden Armen. Mit einer Gebärde des Entsetzens fuhr sie auf, machte, halb besinnungslos eine Bewegung dem Abgrund zu, fühlte sich von mir festgehalten, blieb zuerst regungslos, am ganzen Leibe zitternd, sank dann hilflos wie ein Kind an meine Brust. Eine ganze Weile blieben wir so, Haupt an Haupt gelehnt. Ihr Körper zuckte in meinen Armen, ich fühlte ihr heftig pochendes Herz. Endlich raffte ich mich auf, hob die Willenlose sanft empor und führte sie in die Tiefe der Höhle hinein. Hier setzte ich mich auf einen Felsen und wollte sie an meine Seite ziehen. Aber sie warf sich vor mir nieder und verbarg ihr Gesicht in meinen Schoß. Ich wartete bis sie reden würde. Sie begann dann auch flüsternd in kurzen Sätzen, die Worte mühsam hervorstoßend. »Ich habe gehört, was er Ihnen gesagt hat. O, Sie kennen ihn nicht! Er ist ein fürchterlicher Mensch, ein Dämon: über wessen Seele er einmal Gewalt genommen, der hat keine eigene Seele mehr. Wer ihm gehorcht, muß einen Mord tun, wenn er es befiehlt. Für jedes Wort, das ich Ihnen sage, wird er mich Buße tun lassen; aber ich kann nicht anders, ich kann nicht! Ich habe niemand, zu dem ich reden darf. Mein Bräutigam, mein Bruder, mein Gott – zu keinem läßt er mich hin. Ich soll nur zu ihm. Er will mich einer großen Sache weihen. Was ist das! Mich packt Grauen davor, mich verzehrt Sehnsucht danach. Können Sie mir's nicht sagen? Sie, die Sie so gut sind, so rein, so – unglücklich. Sie, die eine große Künstlerin waren, Sie, vor der ich hinknien, zu der ich beten möchte – sehen Sie, so!« Sie hob ihr todblasses Antlitz, ihre beiden Arme zu mir auf und sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an. Die Dämmerung um uns, der Donner des Wasserfalles über uns, die Beichte, die mir abgelegt wurde – es war eine Szene voll unheimlicher Feierlichkeit. Ich sprach zu ihr. Mit tief geneigtem Antlitz hörte sie mich ruhig an. Als ich alles gesagt, was ich zu sagen hatte und sie schließlich bat, mich mit ihrem Bruder reden zu lassen, fuhr sie leidenschaftlich auf. »Nein, nein, kein Wort zu ihm! Es würde ihn nur noch unglücklicher machen und retten kann er mich doch nicht. Retten kann mich niemand. Jeder, der mich liebt, soll sich von mir abwenden. Ich bin meinem Schicksale verfallen.« »Aber der wackere Jüngling, der dich liebt, mit dem du verlobt bist!?« Sie antwortete nicht sogleich. Ein heftiger Kampf schien in ihr vorzugehen; dann setzte sie ihre Beichte fort. »Ich bin ihm gut gewesen, solange ich denken kann. Er dauert mich, denn er liebt mich sehr und wird sehr unglücklich werden. Ich kann ihm nicht helfen. Wenn ich jenem Manne noch immer nicht dahin gefolgt bin, wohin er mich führen will und wo ich meine große Sache – meine Mission, wie er es nennt – finden soll, so habe ich nur des armen Menschen wegen so lange gezögert. Jener weiß das auch. Das ist's ja, was er mir nicht vergeben will, weshalb er mich immer und immer wieder mahnt. Ich soll mein Herz mit jeder Faser von der Welt losreißen, eher bin ich nicht vorbereitet, nicht würdig genug für jenes fürchterliche, unbekannte Große, das ich aus seinen Händen von Gott empfangen soll. Von meinem Bruder hat er mich gelöst, daß ich gar kein Recht mehr besitze, in seinem Hause zu bleiben. Von meinem Bräutigam wird er mich lösen, daß in mir kein Gedanke mehr an ihn zurückbleibt. Aber noch – nein, noch kann ich nicht!« »Unglückliche!« rief ich aus. »Wenn dieser Mensch, den ich nicht Priester nenne, weil dieser Name, zugleich mit dem seinen genannt, entweiht würde; Unglückliche, wenn er noch etwas anderes von dir begehren sollte als deine Seele!« »Noch etwas anderes als meine Seele?« Sie starrte mich verwundert an. »Etwas ganz andere», das ihm zugleich deine Seele überliefert: deinen Leib.« Sie schien mich immer noch nicht zu verstehen. Endlich brachte sie hervor: »Er ist ein Geweihter.« »Ach, Veronika, für einen solchen Geweihten ist es keine Entweihung seines Priestertums, wenn er ein Weib schön findet.« Erst langsam begriff sie mich. Eine große Veränderung ging in ihr vor. Ihr Gesicht nahm einen seltsam starren Ausdruck an. »Darin tun Sie ihm unrecht,« sagte sie ruhig. »Ein Dämon ist er, aber kein Teufel. Und wenn er es wäre – –« Sie endete den Satz nicht, wandte sich ab und blickte nach der Felsenspalte hinüber. »So etwas kann nicht möglich sein auf der Welt,« schloß sie und fuhr sich mit der Hand mehreremal über die Stirn. Ich fühlte einen heftigen Schmerz in mir. Also verloren! dachte ich und beschloß, einen letzten Versuch zu ihrer Rettung zu machen. »Komm zu mir in mein Haus, Veronika, und lebe mit mir,« bat ich herzlich. »Nein,« erwiderte sie kurz und herb. »Ihre Wege sind nicht meine Wege, Ihre Gedanken nicht meine Gedanken. Sagen Sie mir nichts mehr, ich muß meiner Bestimmung folgen.« Wie um jedes weitere nutzlose Wort zu verhindern, entfernte sie sich langsam. Ich sah ihre hohe Gestalt aus der Dunkelheit immer mehr der Felsenspalte sich nähern, aus der ihr das Licht entgegendrang. Mich erwartend blieb sie hier stehen; ich mußte ihr folgen. »Ich danke Ihnen – gehen Sie! Ich komme auch gleich.« Sie wandte sich ab und trat an das Kreuz, das sie mit Alpenrosen bekränzte, die sie im Heraufsteigen gepflückt hatte. Vor dem Ausgang der Höhle stieß ich auf Alois, bei mich an derselben Stelle erwartete, wo ich ihn verlassen hatte. Ich sollte eine neue Entdeckung machen. »Hat sie Euch auch das von ihrem Bräutigam gesagt?« raunte mir der Bursche mit heiserer Stimme zu. »Auch das? Was soll das heißen?« »Nun eben das! Dem Pater hat sie's gebeichtet. Der Pater meint, daß ihre Seele für alle Ewigkeit verloren sei, wenn der Augustin – so hieß Veronikas Verlobter – es nicht büßen tät.« »Woher kannst du wissen, was Veronika dem Pater gebeichtet hat und was ist das alles für wüstes Geschwätz?!« Der Bursche mußte begreifen, daß er schon zu viel gesagt habe; indessen verstand ich ihn damals nicht, Er sah mich mißtrauisch an und murmelte etwas. Dann trat Veronika zu uns. Eine halbe Stunde später befanden wir uns alle drei wieder in der Sennhütte. Der Pater war nicht mehr da. Er hatte der Sennerin für Veronika aufgetragen, daß er am nächsten Sonntag auf den Jägeralmen predigen werde, sie möge ja nicht versäumen, hinüber zu kommen. Es dunkelte bereits, als ich aufbrach. Die Alpen glühten, der Wasserfall brauste wie eine Flammenflut in den düstern Schoß der Tannen hinab. Welch ein Frieden lag um die kleine Hütte gebreitet! Der Kampf der menschlichen Leidenschaft schien hier ein Märchen zu sein. Das Felsentor passierend, trat uns ein schöner Jüngling entgegen. Ei grüßte mich mit einem Anstand, der mir auffiel. Es war eine prächtige Gestalt; langes, hellblondes Haar lockte sich um ein mildes, beinah weiblich sanftes Gesicht. Seltsam unter diesem Volk von Bauern und Hirten ein Christusantlitz! Als er vorüber war und ich mich bei Alois nach ihm erkundigen wollte, sah ich diesen wie angewurzelt stehen und ihm nachblicken. Ich mußte ihn mehreremal rufen, bis er endlich kam. »Wer war das Alois?« »Wer der war?!« Er blieb wieder stehen und sah sich um. »Wer das war? Das war er, der Bräutigam!« Auf dem Heimweg hatte ich genug zu denken. Ich beachtete kaum, wie die Dämmerung immer mehr zur Dunkelheit ward, wie die Schatten aus dem düstern Tal immer höher an den, noch im matten Schein leuchtenden Gebirgen emporkrochen, wie sie sich über die Felsenhäupter hinwegwälzten, die Schneefelder mit Nacht bedeckend, den ganzen Himmel überziehend. An diesem leuchteten die Sterne auf. Unten verhallten die letzten Glockenschläge. Dreizehntes Kapitel. Das Drama wird in Szene gesetzt Am Sonntag predigte Pfarrer Andreas vor leeren Bänken: das ganze Dorf war auf die Jägeralmen gezogen, um den Pater zu hören. Auch einen unserer Beamten trieb die Neugier hinauf; voller Empörung stattete er uns über das Geschehene und Gehörte Bericht ab. Von allen Seiten weit in der Runde war das Volk zusammengeströmt. Mütter hatten ihre Säuglinge mitgebracht, selbst die Alten waren an ihren Stäben hinaufgekeucht. Ein weites, ödes Alpenfeld war die Kirche, Gletscher und kahle Felsen starrten darauf hinab, in der Tiefe lag ein schwarzer See. Auf einem Felsblock unter einer Riesenfichte stand dieser Prediger in der Wüste und verkündete die Lehre des Heils: »Auf gen Rom! Opfert Rom! Opfert Rom eure Häuser, eure Herden, euren Bruder, euer Weib! Rom ist der Born der Gnade. Wer nicht daraus trinkt, ist verloren auf Erden und im Himmel! Wer nicht opfert sein Haus, seine Herde, seinen Bruder und sein Weib, der soll verdursten! Die Feinde Roms sind die Feinde Gottes! Und wäre es die eigene Mutter, die dich mit Schmerzen geboren. Denn unsere Sünde ist groß, wir müssen Buße tun!« So war es fortgegangen und das rauhe Volk der Berge hatte diesen Verkündigungen gelauscht, als seien sie die köstlichsten Verheißungen. »Auf gen Rom!« Sie gaben, was sie geben konnten: der eine von seiner Armut, der andere von seiner Liebe; der eine Geld, der andere einen Freund, einen Bruder, einen Vater, welcher zauderte, mit ›gen Rom‹ zu gehen. Auch Veronika war bei der Predigt zugegen gewesen. Anfänglich hatte sie fernab gestanden, fast am Rande des Sees, ganz einsam, die Augen auf den Boden gesenkt. Der Pater habe immer zu ihr hinüber gesehen. Da sei es denn wunderbar gewesen, wie sie, ohne aufzublicken, gleichsam von seinen Blicken angezogen, ihm langsam näher und näher gekommen. Fast scheu war die Menge der Schwester ihres Pfarrers ausgewichen. Sie jedoch war vorwärts und vorwärts geschritten, bis sie zuletzt dicht unter dem Felsen stehengeblieben. Auch Alois war allgemein aufgefallen. Mit der Miene eines Verzückten hatte der wilde Bursche zugehört. Der redliche Mann, von dem wir alles das erfuhren, befürchtete, daß wir infolge dieser Jesuitenreden unserer besten Arbeiter verlustig gehen würden. Er sollte recht haben. Bis zum Abend hatten wir auf Pfarrer Andreas gewartet. Als es dunkelte und er noch immer nicht kam, wurden wir besorgt und gingen ins Dorf hinab. Unterwegs stießen wir auf die Scharen, die von der Bergpredigt zurückkehrten. Wir begegneten manchem feindseligen Blick. Die Dorfgasse war öde, aus den Wirtshäusern erscholl wüstes Geschrei, Betrunkene taumelten an uns vorüber. Im Pfarrhaus fanden wir die Türen offen, den Freund nicht in seinem Arbeitszimmer. In der Küche am feuerlosen Herd kauerte die Magd, die Perlen ihres Rosenkranzes abzählend; mürrisch wies sie uns, ohne ihr blödsinniges Murmeln zu unterbrechen, in den Garten. Die Alte mochte ärgerlich darüber sein, daß sie um die Predigt des Jesuitenpaters gekommen war. Im Garten trat uns der Pfarrer entgegen. Die Dunkelheit war noch nicht groß genug, uns die Verstörtheit in seinen Zügen zu verbergen. Er grüßte uns in seiner gewöhnlichen Weise; aber die Hand, die er mir reichte, war feucht und kalt. »Ich wußte, daß Sie kommen würden,« begann er, sich mit uns setzend. »Wir wollen es nun mit Ruhe besprechen. Ich fange an, hier unnütz zu werden. Der Pater wird bleiben. Heute habe ich darüber Briefe bekommen. Man macht mir den Vorwurf, zu fortschrittlich zu sein; mich wundert, daß sie es nicht aufgeklärt nannten. Man hat mir Mahnungen und zugleich Warnungen erteilt, zugleich Rügen. Ich kennte dieses Volk nicht, Fremde verstünden es besser. Ich sei bestrebt, es von Rom hinwegführen zu wollen, wohin? Sie sagen es nicht. Wahrscheinlich dem sündigen Fortschritt zu, in die verdammenswerte Aufklärung hinein. Heute zum erstenmal ist mir der Gedanke gekommen, daß ich eben ein unwissender Hirtenknabe gewesen, der die Welt nicht kennt. Sie wollen mich fort haben von hier. Soll ich gehen?« Fernow beruhigte ihn. Er sagte ihm, daß er bleiben müsse, daß er nicht gehen dürfe; man verlasse sein Liebstes nicht gerade dann, wenn es in Gefahr schwebe. Mehr als jemals sei er jetzt hier nötig. »Sie mögen recht haben. Wer weiß auch, ob meine Schwester mich begleiten würde, wenn ich ginge.« Er stand auf. »Wüßte ich nur, welches der Zweck dieses Menschen ist. Um das arme Volk von Hirten und Bauern kann es ihm doch unmöglich zu tun sein. Sehen Sie ihn an, diesen jesuitischen Aristokraten. Was weiß er vom Volk? Er verachtet es ja!« Der zornige Schmerz erschütterte den ganzen Mann. Er vermochte nicht weiter zu reden. »Aber die Regierung!« rief ich endlich aus, nur um etwas zu sagen. »Die Regierung – –« Mit diesem Worte brach es unaufhaltsam aus der Seele unseres Freundes hervor: Grimm, Haß – Verachtung. Als wir endlich gingen, begleitete er uns. Es war beschlossen: ja, er wollte bleiben. Am nächsten Tage hörten wir, daß der Pater das Pfarrhaus verlassen und zu Augustins Eltern übergesiedelt sei. Alois trat zuerst aus unseren Diensten aus. Er verschwand im Gebirge und verwilderte in kurzer Zeit. Veronika blieb auf der Alm. Die Bewohner des Tales hatten früher das Recht besessen, Passionsspiele aufzuführen. Des Unfugs wegen, der bei diesen Vorstellungen stattgefunden, waren sie untersagt worden. Pfarrer Andreas pries dieses Verbot als ein großes Glück für das Volk. Diese Passionsspiele waren zu einem wahren Leiden für das Dorf, zu einem wahren sittlichen Schaden geworden. Bereits Monate vorher wurde jung und alt vom Taumel ergriffen, die Arbeit vernachlässigt; bei vielen blieb sie ganz liegen. Aller Gedanken waren auf das Spiel gerichtet und das in einer Weise, die jede erhebende Wirkung von vornherein ausschloß. Allein schon die Verteilung der Rollen veranlaßte Streitigkeiten. Im Dorf bildeten sich Parteien. Familien verfeindeten sich; es kam zu den abscheulichsten Szenen. Waren endlich die Rollen verteilt, so waren darum Neid und Groll nicht beseitigt. Immer heftiger griff das Fieber um sich. Von jener kindlichen Naivität, jener schönen Unbewußtheit, die allein solchem Spiel die Weihe gibt, empfand man schon seit langem nichts mehr. Diejenigen, welche bei den Aufführungen nicht beteiligt waren, verloren mit den andern jede Lust zur Arbeit und durchzogen schließlich als Bettler die Umgegend. Zur Zeit der Spiele kamen in Monaten mehr Diebstähle vor als sonst in Jahren. Trotz der heiligen Aufführungen hatte das Dorf den bösesten Leumund. Doch alle diese Übelstände waren einer gewissenlosen Geistlichkeit gleichgültig. Durch die Darstellungen ward die religiöse Leidenschaft des Volkes zum Fanatismus gesteigert; also ließ man sie geschehen. Als dann der Staat einschritt, war bereits zu viel verdorben. Diese Spiele nun hatte man der Gemeinde von neuem gewährt und ihr altes Recht dazu bestätigt. Das hatte der Pater durchgesetzt. Die zum Teil selbstverschuldete Armut des Dorfes mußte den Vorwand geben. Denn, indem man durch die Vorstellungen Fremde herbeizulocken hoffte, glaubte man den Grund zu neuem Wohlstand legen zu können. Alle Schritte, die Pfarrer Andreas dagegen getan, hatten keine andere Wirkung gehabt, als ihn von seiner Gemeinde nur noch mehr zu trennen; mit gebundenen Händen mußte er zusehen, wie die Krankheit von neuem die Gemüter ergriff. In diesem Spätsommer nun sollten die ersten Festspiele stattfinden, zu denen jedoch nur das Volk zugelassen wurde. Erst bei den Wiederholungen im nächsten Frühjahr war auch den Fremden der Zutritt gestattet. Augustin stellte Christus dar, Veronika war von dem Pater für Maria Magdalena bestimmt worden. Wir wagten nicht, mit ihrem Bruder darüber zu sprechen. Ich ward mit von der allgemeinen Aufregung ergriffen. War es auch nur ein ärmliches Alpenvolk, so war es doch Spiel. Man stellte Ereignisse dar, verkörperte fremde Gestalten, trat aus sich und seinem engen Dasein hinaus in ein höheres hinein. Wie glücklich sie waren! Wo ich davon reden hörte, horchte ich auf. Wenn ich abends die Dorfbewohner, jeder sein Kostüm unter dem Arm, aus den Proben nach Hause zurückkehren sah, klopfte mir das Herz. Wie ich sie beneidete! Was hätte ich darum gegeben, Maria Magdalena darstellen zu können! Ich schloß mich in mein Zimmer ein, heimlich, als stünde ich im Begriff, ein Verbrechen zu begehen, löste ich mein Haar, warf eine Draperie um und agierte jene tragische Gestalt, dichtend und darstellend zugleich. Welch ein Glück! Ich fühlte, wie das Blut mich heftiger durchströmte, wie meine Gestalt zu wachsen schien, mein Haupt sich in Begeisterung erhob. Angstvoll lauschte ich auf meine Stimme. Aber mein wachsamer Freund war in der Nähe, so daß ich sie dämpfen mußte. Ich konnte ihre Kraft und Gewalt nicht prüfen. Was war aus mir geworden? War dieses schwache, unbiegsame Organ dieselbe Stimme, die einst jede menschliche Empfindung auszudrücken vermochte? Verloren! Verloren! Ich warf mich hin, betäubt vor Schmerz, um mich wieder aufzuraffen, von neuem versuchend, von neuem verzweifelnd. Im Schloß befand sich ein Zimmer, das ich noch niemals betreten; doch wußte ich genau, was es barg: die Reliquien meines toten Glückes. Alle die Gewänder, in die ich mich einst gekleidet, alle die Kränze, welche jenen erhabenen Gestalten, die mir glichen, auf die Stirne gedrückt worden waren, befanden sich dort, verblassend und in Staub zerfallend. Manches Mal hatte ich vor der verschlossenen Tür gestanden und gedacht: Einst wirst du dich mir öffnen. Dann wird es um mich aufleben. Alle Toten werden wieder auferstehen, allen werde ich wieder volles, glühendes Dasein geben und dann, dann – – Jetzt schlich ich an meinem verschlossenen Heiligtum vorüber, ach, so hoffnungslos! Ich hatte alle meine Kraft nötig, um Fernow die Entdeckung, welche ich gemacht zu haben glaubte, zu verheimlichen. Dennoch schien er zu argwöhnen, zu ahnen. Weshalb hatte er mir sonst die Natur und die Arbeit gegeben? Zum Ersatz für meine Kunst. Aber wie – er konnte glauben, mir dafür Ersatz geben zu können? Kannte er mich so schlecht? Es gab Stunden, in denen ich mich voll Ekels von meinem leeren Dasein abwandle. Was sollte ich länger darin? Kein Lebendiger kann von sich sagen, daß er entsagt habe. Der Mensch entsagt erst, wenn er stirbt. Einmal schlich ich mich in die Proben. Der Platz, an dem die Passionsspiele aufgeführt wurden, lag unfern des Dorfes, in einer Schlucht, die sich unmittelbar dahinter auftat. Auf gewundenem Wege stieg man die Enge hinan. Von dem Dorf und dem ganzen Tal war bereits nach einigen Windungen nichts mehr zu sehen; wenige Schritte führten in eine Öde hinein, in welcher nichts gedieh als Alpenrosen. Von weitem gesehen, schienen purpurfarbige Teppiche von den Felsen herab zu hängen und über den Boden gebreitet zu sein. In mäßiger Höhe trat man in ein natürliches Felsen-Amphitheater. Hier war der Festplatz. Die eine Hälfte des Kreises nahm der Zuschauerraum, die andere die Bühne ein. Für diese gab der Berg selbst die Hinterwand, zu beiden Seiten schloß sich ein Fichtenwald an. Die Bäume selbst lieferten die Kulissen. Von niemand gesehen stand ich und blickte auf das seltsame Schauspiel herab. Es wurde gerade die Kreuzigung eingeübt. Von jeder Seite trat aus dem Walde ein Zug: der eine führte die beiden Verbrecher zur Richtstätte, der andere den Heiland. Römische Kriegsknechte und jüdische Priester bildeten die Begleitung, Volk lief nach. Dem Zuge mit dem Heiland folgten in einiger Entfernung die Jünger und die Frauen. Jedem der drei zum Tode Verurteilten war das Kreuz aufgeschnürt, Christus trug die Dornenkrone. Veronika sah als Maria Magdalena prachtvoll aus. Sie trug das faltenreiche Gewand, als sei es ihre gewöhnliche Kleidung. Mit Martha zusammen führte sie Maria. Allein ihre Haltung drückte ein solches Erleben der erhabenen Tragödie aus, daß ich kein Auge von ihr abzuwenden vermochte. Kaum konnte ich erwarten, daß sie reden würde. Die Züge mußten mehreremal abtreten und von neuem aufziehen. Der Pater leitete alles. Seine weiche, tiefe Stimme ward fortwährend hörbar. Ich fühlte an meiner eigenen Aufmerksamkeit, wie sie drunten alle Gemüter beherrschen mußte. Aber wie war ich überrascht, als ich den Pater die Proben mit einem geradezu dramaturgischen Talent abhalten sah. Wie er die Züge anordnete, die Gruppen zusammenstellte, jeder Figur darin einen Charakter zu geben sich bemühte, das allein zeugte von dem feinsten künstlerischen Verständnis. Wo er nicht zufrieden war, zeigte er dem Betreffenden, wie er es zu machen habe.––––Dieser Mensch war ja ein Künstler. Ganz besondere Aufmerksamkeit widmete er der Gruppe der Frauen. Was er aus Maria und ihren Begleiterinnen machte, war erstaunlich. Gar nicht von den Kostümen zu reden, die er jedenfalls auf das genaueste angegeben und bestimmt hatte, schuf er aus den Figuren wahrhaft biblische Gestalten. Aber warum machte er sich so viel mit Maria Magdalena zu tun? Bei dieser konnte er nichts mehr hinzufügen, bei dieser mußte er so gut wissen wie ich, daß alles an ihr vollkommen war: Gestalt und Antlitz, Haltung und Gebärde. Er ordnete den Faltenwurf des dunkelblauen Gewandes, legte eine Strähne des aufgelösten Haares über ihre Brust, berührte ihre entblößten, prachtvollen Arme. Sie ließ alles geduldig und ergeben an sich geschehen, ohne daß sie aufzublicken wagte. Christus stand von fern und sah traurig zu ihr hinüber. Einmal führte einer der Kriegsknechte eine Störung herbei. Er spielte seine Rolle dem Heiland gegenüber so gut, daß er diesen straucheln machte. Der Pater fuhr ihn heftig an. Die wilde Gestalt war Alois. Endlich hatten die Züge es ihrem Regisseur zu Dank gemacht; er erlaubte ihnen, auf der Richtstätte anzulangen. Während Soldaten und Männer aus dem Volk die Kreuze von den Rücken ihrer Träger abschnürten und Christus entkleidet wurde, hoben im Vordergrund die Jünger mit den Frauen eine ergreifende Lamentation an. Aber noch immer blieb Maria Magdalena stumm. Sie stand abseits von den anderen und blickte regungslos starren Auges zu Christus hinüber, mit einem stummen Spiel von einer Größe, die mich ganz fassungslos machte. Wie kam das Mädchen zu dieser Vollkommenheit?! Unterdessen hatte man die drei in der realistischsten Weise an die Kreuze gebunden, die man jetzt langsam aufrichtete. Dieser Moment war von mächtiger Wirkung. In höchster Ergriffenheit sah ich das Kreuz mit dem Heiland vom Boden aufschweben. Aller Fassung beraubt, blickte ich auf den schönen gekreuzigten Leib. Die wilde Landschaft, die großen Volkshaufen, die grausame Wirklichkeit der furchtbaren Szene rissen meine Einbildungskraft fort. Ich wagte nicht, Maria anzusehen, weil ich fürchtete, den Anblick der unseligsten aller Mütter nicht ertragen zu können. Was mußte sie in diesem Moment empfinden?! Hier wurde auch die Mutter des Gottessohnes in jedem Gefühl ein sterbliches Weib. Mein Mitempfinden der Szene betäubte mich fast. Um das Kreuz gelagert, würfelten die Kriegsknechte die Gewänder von Christus aus. Dieser hatte mit den Schächern gesprochen. Alles klang wie aus der Ferne zu mir herüber. Da sprang einer der Kriegsknechte empor, ergriff seinen Speer, stieß dem Herrn damit in die Seite. Ich schrie auf – nein, ich hörte unten jemand aufschreien: eine Frau, und das so fürchterlich, so herzzerreißend, so aller Beschreibung spottend, daß ich von Grausen gepackt ward. Dann sah ich, wie Maria Magdalena vorstürzte, zum Kreuze hin, sich daneben zu Boden warf, es im wilden Schmerz mit beiden Armen umschlang. Da begriff ich's: Veronika war eine große Schauspielerin. Ich konnte nicht erwarten, bis ich es ihr gesagt, es ihr zugejubelt haben würde. Ohne noch einmal hinunterzublicken, verließ ich meinen Platz und erreichte auf einem Umweg den Wald auf der einen Seite der Bühne. Eine Schar von Frauen und Kindern umgehend, die, da sie bei der Kreuzigungsszene unbeschäftigt waren, hier lagerten, schritt ich vorwärts, als ich auf den Pater stieß. Er trat mir aus den Bäumen so plötzlich entgegen, daß ich unwillkürlich zusammenfuhr. Seine Haltung war eine ganz andere, als damals bei unserem Gespräch vor der Sennhütte: sie war gebietend, der Ausdruck des Gesichts stolz und kalt. »Sie wollen gewiß zu Veronika, um ihr zu sagen, daß sie eine große Schauspielerin ist,« sagte der dämonische Mensch und sah mich dabei durchdringend an. »Ich fürchte, es wird Ihnen nichts helfen. Übrigens ist die Szene aus. Sie können zu ihr.« Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ging ich an ihm vorbei und betrat den Spielplatz. Hier lief alles durcheinander. Ich drängte mich durch das bunte Gewühl der Richtstätte zu, wo eben die Kreuzabnahme stattgefunden hatte. Augustin, wieder in seine braune Tunika gehüllt, saß ganz erschöpft auf einem Felsblock, Veronika stand neben ihm. Als sie mich auf sich zukommen sah, ging sie mir entgegen. »Einer der Knechte hat ihn zu stark mit dem Speer getroffen,« sagte Veronika, »daß es ihn heftig schmerzt. Ein Glück, daß das Eisen stumpf war. Bei der Vorstellung muß ihm der Mann eine kleine, mit Blut gefüllte Blase aufstechen, die er an der Seite unter dem Trikot tragt, deshalb muß er sich jetzt auf den Stoß üben. Wenn er blutet, muß es fürchterlich sein,« schloß sie zusammenschauernd. Sie war sehr blaß, in der Verstörung ihres ganzen Wesens noch immer Maria Magdalena. »Veronika, liebes Mädchen, kannst du mich einen Augenblick anhören?« Sie sah mich groß an, zauderte, schien mit den Augen den Pater zu suchen. Dann nickte sie schweigend und schritt mir voran zu einem Platz, wo wir unbeobachtet waren. »Was haben Sie mir zu sagen? Was ist vorgefallen?« Ich warf mich ihr um den Hals und flüsterte ihr zu: »Mädchen, Mädchen, ich will dir Größeres geben als jener Priester: die Kunst .« Ein Schwindel überfiel sie. Mit geschlossenen Augen sank sie gegen meine Brust und lag dort eine Weile regungslos. Dann erholte, dann erhob sie sich. »Sie meinen es gut mit mir. Sie zeigen mir einen Himmel, zu dem ich doch nicht hinauf kann; weit eher ist jener andere für mich erreichbar. Übrigens ist es zu spät. Ich habe heute meinem Verlobten gesagt, daß ich sein Weib werden will. Er ist so glücklich. Mein Platz auf dieser Welt ist fortan an seiner Seite.« »Und der Pater?« »Er will für mich beten, daß mir verziehen werde.« Dann nach einer Pause sehr leise: »Im Frühjahr will er mich mit Augustin trauen und dann will er fort, in die Urwälder, zu den wilden Völkern, wohin ––––« »Du ihn hättest begleiten sollen,« fiel ich ihr ins Wort. »Ach, Veronika, ich bin so froh über dich und zugleich so traurig. Nur das eine will ich dir heute noch sagen: Glaube nicht, daß du fortan dir selbst oder deinem Manne gehörst, mit deinem Talent gehörst du der Kunst, du magst wollen oder nicht: eine große Künstlerin zu werden, das ist deine Bestimmung.« Die Pause war vorüber. Veronika wurde für ihre Hauptszene abgerufen: den Gang zum Grabe. Sie bat mich so dringend, so leidenschaftlich, ihr nicht zuzuhören, daß ich ihr willfahren mußte. Als ich ging, bemerkte ich den Pater im heimlichen Gespräch mit Alois. Er schien dem wilden Burschen Vorwürfe über den zu heftig geführten Speerstoß zu machen. In nicht geringer Aufregung kam ich nach Hause, wo ich Fernow alles erzählte. Wir beschlossen, mit Pfarrer Andreas zu reden. Vierzehntes Kapitel. Das Passionsspiel Noch an demselben Abend besuchten wir unsern würdigen Freund. »Veronika war bei mir,« rief er uns in starker Bewegung entgegen. »Der Pater verliert seine Macht über sie, sie heiratet ihren wackeren Augustin. Welchem guten Engel haben wir diese wunderbare Wandlung zu danken?« Er sah dabei mich an, die ich freudig lächelnd den Kopf schüttelte. »Ihrem eigenen guten Engel, keinem fremden, lieber Freund. Wir teilen Ihr Glück im vollsten Maße; Ihre Schwester ist Ihnen wiedergegeben.« »Mir und ihrem Gott!« rief der Geistliche mit starker Stimme. »Aber woher wissen Sie es bereits?« »Aus ihrem eigenen Munde.« Und ich erzählte ihm alles. »Ich hoffe, daß sowohl ihr Bruder, wie ihr Mann mir helfen werden, dieses große Talent für die Kunst zu gewinnen, gegen welche sie eine hohe Pflicht zu erfüllen hat,« schloß ich in überwallender Empfindung. Dann sprach Fernow, gleichfalls in meinem Sinne, nur ruhiger, verständiger und überzeugender. Der Pfarrer war heftig erschüttert. »Sollte dies die Lösung ihres Wesens sein, das sie für die Ihren und sich selbst unverständlich machte, das sie nach etwas Unbekanntem und scheinbar Unerreichbaren suchen ließ, bis sie sich selbst darüber fast verlor? Eine Künstlerin! Als kleines Kind stand sie da, ihre Gebete sprechend, daß wir sie anstaunten und ihre schwache, törichte Mutter womöglich unserer Familie eine zukünftige Heilige prophezeite. Wie oft, wenn ich meine Ziegen hütete, kam sie zu mir, tage- und wochenlang meine Einsamkeit teilend. Dann holte ich ihr Edelweiß, Alpenrosen und Genzianen, daraus sie sich Kränze wand und Kronen flocht. Wie ward mir, wenn ich sie so festlich geschmückt, feierlich dastehen sah unter den wilden Felsen und sie mir wunderbare Dinge verkündete. Unser Kindertraum damals war, daß ich Lesen und Schreiben lernen sollte. Dann wollte ich ausziehen und sie mit mir, um mit der Macht des göttlichen Wortes Wunder zu vollbringen. Und nun sollte ein Teil dieses Traumes sich wirklich erfüllen? Meine kleine Schwester eine grüße Künstlerin! Ich verstehe nicht viel davon und was ich darüber gehört habe, blieb mir fremd und von mir unbegriffen. Ich glaube nicht, daß meine Schwester glücklich sein würde. Die Sache, wie ich sie auffasse, ist dazu zu groß, zu mächtig. Aber Sie stehen hier und sprechen für sie; so antworte ich Ihnen denn: nicht ich habe das Recht, sie zurückzuhalten. Doch hat sie nicht bereits über sich entschieden? Will sie nicht jenes wackeren Jünglings Weib werden? Ist da nicht ihre erste Pflicht, Gattin und Mutter zu sein? Oder könnt ihr, meine Freunde, euch das eine mit dem andern vereinigt denken? Ich glaube, Veronika hat das Rechte gewählt: das sichere Glück, das nicht ohne Entsagung gekauft werden kann.« »Das sichere Glück, das sie ihrem Gatten bringt,« antwortete Fernow. »Vielleicht wird sie nicht selbst glücklich sein, aber sie wird beglücken.« »Kann man beglücken, ohne selbst glücklich zu sein?« fragte der Geistliche mit einem feinen, liebenswürdigen Lächeln. Ich war voll widerstreitender Empfindungen, und glaubte einen tiefen Blick in Fernows Herz getan zu haben. Also auch dieses starke, unerschütterliche Herz hatte seine Wandlungen durchmachen müssen. Immer wieder klang des Pfarrers Antwort in mir nach: Kann man beglücken, ohne selbst glücklich zu sein? Wir besprachen uns noch, als die Magd eintrat und meldete: Augustin stehe draußen. Ob er hereinkommen dürfe? »Wir wollen ihm vorderhand nichts sagen,« bat Pfarrer Andreas. »Es wäre jedenfalls ein harter Schlag für den guten Jüngling, der wahrlich treu und schwer genug um sein Mädchen geworben hat. Kaum gewonnen, würde er Veronika bereits von neuem für sich verloren betrachten. Ihr glaubt nicht, wie lieb er mir ist. Er ist ein prächtiger Mensch!« »Mir scheint,« meinte Fernow, »daß in ihm alles Gute und Tüchtige Ihres Volkes vereinigt ist, alle jene Instinkte und Regungen, um derentwillen Sie Ihr Volk so begeistert lieben und für dasselbe eine bessere Zukunft hoffen. Gewiß gibt es in diesen Tälern und auf diesen Bergen noch manchen, der dem Jüngling gleicht.« Stumm drückte der Pfarrer Fernows Hand; dann trat Augustin ein. Es war unmöglich, ihn anders als mit höchstem Wohlgefallen zu betrachten. Besonders mir galt er als Beweis einer alten Lieblingsbehauptung, die mich stets in einem edlen Körper eine edle Seele suchen ließ. Namentlich bei Gestalten aus dem Volk, hatte ich in dieser Beziehung schon die größte Freude erlebt. Augustin grüßte zuerst uns und wurde darauf von Veronikas Bruder in die Arme geschlossen. Seine Befangenheit, die ihn nur noch liebenswürdiger machte, schwand bald. Er mochte fühlen, wie herzlich gut wir es mit ihm und Veronika meinten. Als wir das Gespräch auf sie brachten, wurde er förmlich beredt. »Ich bin ihrer ganz unwert,« endete er die Lobpreisungen der Tugenden seines Mädchens. »Der Pater bleibt wohl bei deinen Eltern wohnen?« warf der Pfarrer hin. Es war jedoch leicht zu bemerken, welche Anstrengung ihn diese Äußerung kostete. »Meine Eltern wollen ihn nicht fortlassen,« erwiderte Augustin und sah zu Boden, »Der ganze Hof scheint ihm zu gehören; er braucht nur zu befehlen. Ich weiß auch nicht, wie er es angefangen hat,« setzte er hilflos hinzu. Der Pfarrer verlor seine Selbstbeherrschung. »Dieser Mensch!« rief er mit zuckenden Lippen. »Den Pfarrer treibt er aus der Kirche und die Kinder aus dem Herzen der Eltern.« Er wollte noch mehr sagen, besann sich, schien über sich selbst zu erschrecken. »Da Veronika dich gegen den Willen des Paters zum Manne nehmen will, so können deine Eltern ja unmöglich damit einverstanden sein.« »Ich bin nicht mehr der Sohn meiner Eltern,« antwortete Augustin und wurde totenblaß. Eine lange, peinliche Pause entstand. »Ich hab's ja gesagt,« hörte ich den Pfarrer murmeln. Dann wandte er sich ab. Als ich ihm wieder ins Gesicht blicken konnte, machte mich der starre, düstere Ausdruck desselben betroffen. »Da Veronika noch nicht wieder in das Haus ihres Bruders gezogen ist, so ziehst du herein,« sagte er kurz, fast streng. »Warum wollt ihr eigentlich eure Hochzeit noch so lange hinausschieben? Ich dulde das nicht. Sobald das Passionsspiel vorbei ist, gebe ich euch zusammen. Teile das deiner Braut mit.« Seine Worte ließen keine Entgegnung zu. Augustin stand auf, zauderte jedoch zu gehen. Er mußte noch etwas auf dem Herzen haben. »Sag's nur,« ermunterte ihn der Pfarrer. »Die Herrschaften sind deine Freunde.« »Ich weiß, daß ich Euch mit dem Spiel ein großes Leid angetan habe,« klagte der Jüngling sich an. »Aber Eure Schwester bat mich darum und daß ich der nichts abschlagen kann, das müßt Ihr mir wohl oder übel verzeihen. Mich hat's selber gewundert, daß der Pater es erlaubt hat. Mir graut es, daß ich unsern Herrn und Heiland spielen soll. Ich wage darum gar nicht mehr über die Gasse zu gehen und jemand ins Gesicht zu sehen. Wenn sie mich kreuzigen, komme ich mir wie ein Sterbender vor. Wenn es nur etwas nützen könnte, dann wollte ich ja gerne – –« Er verstummte plötzlich – und griff sich an die Seite, wohin ihn heute der Stoß des Kriegsknechtes getroffen. Um unsere Gedanken auf etwas anderes zu lenken, sprach Fernow von den Wirkungen des Spiels auf das Landvolk, die er unter allen Umständen für außerordentlich stark und ergreifend hielt. Pfarrer Andreas lehnte jedoch jedes Eingehen auf dieses Thema ab. Mit leuchtenden Augen rief Augustin aus: »Wer sollte da nicht glauben müssen? Ach, Maria Magdalena, du allerärmstes Weib, du allerärmste Sünderin! Wie ich heute am Kreuz hing und sie um meinetwillen so aufschrie, da ward ich ganz froh, daß ich um ihretwillen sterben durfte. Mein Tod wird sie gewiß erlösen.« Wir blickten einander erstaunt an. »Ich habe Euch etwas mitgebracht,« sagte Augustin zum Pfarrer, plötzlich ganz verlegen und schüchtern. »Es ist draußen. Darf ich's hereinbringen?« Er ging und kam sogleich wieder zurück, etwas Verhülltes tragend. Das Tuch abnehmend, sprach er demütig: »Es ist für Eure Kirche.« Es war ein großer, gekreuzigter Heiland, auf dunkelbraunem Stamm von blassem Lindenholz geschnitzt. Wir hatten die Kunst des jungen ›Meisterschnitzers‹ bereits vielfach rühmen hören; aber was wir sahen, übertraf jede Erwartung. Nur, daß es kein Heiland, kein Gottessohn war, sondern ein gekreuzigter Mensch. Aber dieser Mensch war wirklich ans Kreuz geschlagen worden, litt wirklich Todesqualen, starb wirklich. Wie war es möglich, ohne jedes Studium des Nackten zu einer solchen Naturwahrheit zu gelangen, zu einem solchen edlen Realismus? Dieser Jüngling mochte kaum einen nackten Körper gesehen haben und hatte einen solchen gebildet, in vollster Linienschönheit, dabei in einer Weise, daß man zu sehen glaubte, wie die Glieder vom Todeskampf durchschauert wurden, wie die Lippen sich schmachtend öffneten, wie die Qual ihnen ein Stöhnen entriß, wie das Antlitz tiefer und tiefer sank, die Züge erstarrten, die Augen brachen – – »Nach welchem Modell habt Ihr dies gearbeitet?« fragte Fernow. »Ich habe mich selbst einigemal angesehen,« antwortete Augustin tief erglühend. »Aber diesen Ausdruck des Sterbens?« »Das habe ich mir so gedacht. Es war gar nicht schwer.« Pfarrer Andreas, hoch erfreut über die herrliche Arbeit, bestimmte das Kruzifiz für den Altar der Kirche. An Augustins und Veronikas Hochzeitstag sollte es feierlich eingeweiht werden. Die Passionsspiele hatten unter einem ungeheuren Zulauf der Gebirgsbevölkerung begonnen. Das Tal widerhallte von den Gebeten der Wallfahrer. Von allen Seiten stiegen die Züge die Felsen hinunter: ein schönes, starkes Menschengeschlecht, aber von religiösen Leidenschaften angekränkelt. Manchmal, wenn ich die schlanken Jünglinge und markigen Männergestalten an mir vorüberschreiten sah, dachte ich: was könntet ihr für ein Volk sein, stark und – frei! In der Nähe des Dorfes, auf der Flußwiese, waren für die vielen fremden Gäste Hütten gebaut worden, darin sie sich je nach ihrem geistlichen Bedürfnis auf kürzere oder längere Zeit niederließen. Verkäufer und Krämer schlugen daneben ihre Buden auf, schlechtes Gesindel kam hinzugelaufen. Abends wurde gezecht und getrunken. Es fehlte nicht an Händeln, die blutig endeten. Die Dorfbewohner, von denen der größte Teil Mitspieler waren, trieben es am wüstesten. Auf den Feldern verdarb der letzte Rest der spärlichen Ernte. Die Kirchenglocken hallten nicht mehr wie sonst über das Tal hinweg, denn Pfarrer Andreas hatte jede besondere Feierlichkeit verweigert. Das Gotteshaus stand verödet. Desto fleißiger ward der heilige Dienst im Lager der Wallfahrer betrieben. Hier predigte der Pater alle Morgen und Abend und übte eine widerstandslose Macht über die Gemüter aus. Bei den Frauen kamen Anfälle von Verzückungen vor. Fernow und die Beamten hatten die größte Mühe, einige treue, wackere Männer bei der Arbeit zu behalten. Die meisten liefen von uns fort, den Spielen und dem Pater zu; kaum daß das Allernotwendigste verrichtet werden konnte. Es war im Dorfe bereits zu lauten Drohungen gegen uns gekommen. Natürlich hatten weder Fernow noch ich einer der Darstellungen beigewohnt; aber wir hörten von nichts anderem reden. Jedesmal geschah irgendein Ausbruch von fanatischer Zerknirschung und Buße. Das Volk warf sich auf die Knie, die Vorstellungen durch die wilden Äußerungen seiner Andacht unterbrechend. Oft trat der Pater selbst auf und donnerte von der Bühne herab, vor den Gestalten der heiligen Handlung, für die Mission. Für Christus mußte jedesmal eine neue Dornenkrone gewunden werden, da sich die Weiber um die Splitter derselben rissen. Am liebsten hätten sie nach jeder Vorstellung auch das Kreuz zertrümmert, um Stücke davon als kostbare Reliquien mit sich nach Hause zu nehmen. Wie vorauszusehen war, bildete der Kreuzigungsakt den Gipfelpunkt der Extase. Danach trat die physische Erschöpfung ein. Christus mußte sich den öffentlichen Huldigungen gewaltsam entziehen, aber Maria Magdalena war durch den Pater beinahe zum Gegenstand eines Kultus geworden. Wir sahen in diesen aufgeregten Tagen weder Augustin noch Veronika; hörten jedoch, daß beide sehr leidend aussehen sollten. Der Bräutigam sei schwermütig, des Mädchens Wesen wußte man vollends nicht zu deuten. Auch das wurde uns erzählt: Alois sei so wüst und wild, spiele bei den Zechgelagen und Schlägereien eine so große Rolle, daß seine polizeiliche Inhaftnahme nur durch den Pater verhindert worden sei. So standen die Sachen, als endlich die letzte Vorstellung stattfinden sollte. Am Tage vorher brach ein heftiges Gewitter los, dem ein starker Regen folgte. Erst gegen Morgen hörten die Güsse auf, aber die Sonne konnte die Wolkenmasse nicht durchdringen. Dicht lagerten die trüben Schichten über dem Gebirge und sanken langsam immer tiefer. Ein ungeheurer aschfarbener Vorhang verhüllte Himmel und Erde. Wo das Gewölk auf den Fels aufstieß, war es nachtschwarz. Eine düstere Sintflut wälzte sich über den Boden dahin, drang in alle Schluchten ein, rieselte in jede Spalte, Die schwüle Luft, durch keinen Windhauch bewegt, drückte herab wie Wüstenodem. Von meinem Fenster aus sah ich die Scharen der Wallfahrer in undeutlichen, schwankenden Zügen den Nebel durchziehen. Sie schienen heute kein Ende zu nehmen. Und wie unheimlich ihre Gebete klangen! Ich stellte mir vor, wie sie durch die Schlucht zogen, auf dem Festplatz anlangten, dort sich schweigend niederließen und nun im Nebel die heiligen Gestalten auftauchten, ein Heer gespenstischer Erscheinungen, die sich, immer von Dunstschleiern umwogt, wie Menschen gebärdeten. Der blasse Christus schritt einher, Maria Magdalena erschien, ihr gelbes Haar von grauen Binden durchschlungen. Plötzlich verschwand alles. Dann ein Schrei – und aus dem Gewölk bäumte sich das Kreuz empor mit dem bleichen, leuchtenden Leib. Fürchterlich war's, wie durch die Nebel das Blut rann! Ich hatte meinen schlimmen Tag; Fernow wich nicht von meiner Seite. Von Angst gefaßt, irrte ich durch alle Zimmer, wie gewöhnlich in laute Phantasien ausbrechend. So verstrichen langsam die Stunden, ohne daß sie hellen Tag gebracht hätten. Ich bat, daß man nach dem Pfarrer schicken, daß man mich hinauslassen möge. Es war Nachmittag, als ich an Fernows Seite dem Erwarteten entgegenging. Da kam uns vom Dorfe her durch den Nebel einer entgegengestürzt. »Was ist geschehen?« »Der Doktor soll gleich kommen. Sie haben den Christus erstochen!« »Das hat Alois getan!« schrie ich auf. Wir liefen zum Schlosse zurück. Fernow raffte sein Verbandszeug zusammen, beschwor mich, möglichst ruhig zu sein und das Haus nicht zu verlassen, eilte davon. Nach einigen nutzlosen Versuchen, auf meinem Zimmer zu bleiben, folgte ich ihm. In der Schlucht angekommen, hörte ich hinter mir meinen Namen rufen. Es war der Pfarrer, der vom Dorfe kam. Ohne ein Wort zu wechseln, eilten wir vorwärts. Andere zurückgebliebene Dorfbewohner, welche das Schauerliche gleichfalls erfahren hatten, liefen an uns vorüber und verschwanden in der dunkeln Nebelschicht, dahinter alles still blieb. Endlich waren wir dort. Das gesamte Volk hatte sich auf die Bühne gedrängt und verharrte hier lautlos. Mit Mühe bahnten wir uns einen Weg durch die Menge. Plötzlich standen wir dicht davor. Sie hatten ihn vom Kreuz herabgenommen und auf die Mäntel der Jünger gelegt, Fernow kniete neben ihm und untersuchte die Wunde, der bereits eine Lache Blutes entquollen war. Veronika hatte seinen Kopf auf ihrem Schoß und schien keiner Empfindung fähig; die düstere Gestalt des Paters sah ich unterm Kreuz stehen. Da stand Fernow auf: es gab keine Hilfe mehr. Dem tiefen Schweigen folgte ein wilder Tumult. Das Volk war außer sich. Einige setzten dem Mörder nach, während der wirkliche Täter noch immer ruhig an das Kreuz gelehnt stand. Unter lauten Lamentationen führten die Frauen die Eltern des ermordeten Jünglings herbei. Der Pfarrer, Fernow und ich beschäftigten uns mit Veronika, ohne ihr jedoch eine Bewegung, ein Wort, einen Blick abgewinnen zu können. Als man ihren Bräutigam von ihrem Schoß aufheben und davontragen wollte, sank sie mit dem Oberleib über ihn, mit ihrer Stirn gerade auf die Wunde. Da trat der Pater zu ihr und bat sie – nein, gebot ihr, aufzustehen. Als sie nicht sofort gehorchte, beugte er sich zu ihr herab und berührte sie am Arm. Von seiner Hand wie magnetisch emporgezogen, erhob sie sich. Ihr Bruder und ich wollten sie in unsere Mitte nehmen, sie aber winkte uns mit dem Haupte fort. Die Szene gestaltete sich immer wilder. Die Dorfleute, fast sämtlich in orientalischen Kostümen, drängten die Fremden zurück. Man befreite jetzt die beiden Schächer, die man so lange hatte hängen lassen, von ihren Banden. Als wäre es nur die Dekoration der Tragödie gewesen, begann das Gewölk sich jetzt allmählich langsam zu heben. Unterdessen hatte man den Toten aufgehoben und mit einem Mantel zugedeckt. Bevor man die Leiche forttrug, trat Pfarrer Andreas dicht vor dieselbe und sagte mit seiner mächtig schallenden Stimme: »Schrecklicher, als an dem Täter, wird dieser Totschlag an dem Urheber gerächt werden.« Dabei heftete der kühne Mann seine Augen fest auf den Pater. Dann setzte sich der traurige Zug in Bewegung; aber anstatt den toten Sohn in das Haus seiner Eltern zu tragen, wurde die Bahre in der Kirche vor dem Altar niedergesetzt, auf welchem Pfarrer Andreas Augustins Kreuz errichtete. Veronikas Zustand war jammervoll. Wir konnten sie weder bewegen, die Kirche zu verlassen, noch ihr blutgetränktes Gewand abzulegen. Ihre Lebensgeister schienen vor Entsetzen erstarrt. Sie kauerte sich wieder zu Häupten der Leiche nieder und sah tränenlos auf dieselbe herab. Der Pater hielt sich vorsichtig zurück. Wenn ich mir ihn dachte: im Hause der Eltern des Erschlagenen, so graute es mir. Auf Alois wurde Jagd gemacht, die indessen völlig nutzlos blieb. Am Morgen des dritten Tages begrub man ihn. Himmel und Erde strahlten. Es war ein Glanz, eine Froheit, eine Schönheit in der Natur, daß darin Nacht und Tod wie Märchen erschienen. Bei dieser Gelegenheit war dem Pfarrer Andreas wiederum ein großer Schmerz zugefügt worden. Augustins Eltern hatten gewünscht, daß der Pater am Grabe die Rede halten solle. Pfarrer Andreas hätte es verhindern können; aber er wollte den Krieg zwischen sich und seinem Feind nicht an einem offenen Grab entbrennen lassen. So begnügte er sich denn damit, der teuren Leiche in der Kirche den Segen zu geben, worauf wir ihn in sein Haus begleiteten. Der Pater hielt eine leidenschaftliche Rede, bei welcher die Gräber zertreten und die Kreuze umgerissen wurden. In der Nacht ging es im Dorfe wie bei einem Aufstand zu. Jungfrauen und Jünglinge zogen mit Fackeln unter Klageliedern noch einmal zu des Gemordeten Grab und verjagten davon eine Büßerin. Fünfzehntes Kapitel. Auf der Wasserfallalm In der Nacht nach dem Begräbnis verschwand Veronika. Von dem Pfarrer angeführt, durchsuchte man das Gebirge nach ihr, ohne sie jedoch zu finden. Auch der Pater wurde vermißt. Um mich nicht unnütz zu ängstigen, verschwieg Fernow mir die Ereignisse; als aber am zweiten Tage vor Einbruch der Nacht Pfarrer Andreas zu Tode erschöpft und aller Fassung beraubt ins Schloß kam, mußte ich die Wahrheit erfahren. »Eben haben sie die Leiche des Alois gefunden,« berichtete unser Freund mit heiserer Stimme. »Man hat ihn ganz zerschmettert in der Nähe der Sennhütte aus dem Bach gezogen.« Mich durchzuckte ein entsetzlicher Gedanke. »Habt Ihr in der Höhle unter dem Wasserfall nach ihr gesucht?« »Die Höhle unter dem Wasserfall! Was ist das?« »So weiß ich, wo sie ist!« rief ich aus. »Nur sie und Alois scheinen diesen seltsamen Ort zu kennen und vielleicht – vielleicht noch ein einziger anderer. O, weshalb habt ihr mich schonen wollen?! Aber laßt uns sogleich aufbrechen.« So schnell ging das nicht, denn Pfarrer Andreas war wie vom Schlage getroffen. »Nur Veronika und Alois wußten davon, der im Wasserfallbach zerschmettert aufgefundene Alois und – und vielleicht noch ein einziger anderer?« Er stöhnte auf, er wankte und mußte sich an Fernow anlehnen. Nach einigen Augenblicken erholte, erhob er sich wieder. »So laßt sie uns suchen!« sagte er stark. »Gott gebe, daß wir sie dort finden, wo sie den Alois herausgezogen haben.« Ich mußte seinem Gebete beistimmen; aber sagen konnte ich nichts. Nach einer Viertelstunde befanden wir uns bereits unterwegs. Ich beschrieb Pfarrer Andreas die Lage der Grotte. Eine dunkle, sternenlose Nacht war angebrochen, auch windete es stark. Wir mußten mit Fackeln ziehen, die im Sturm hoch aufloderten und von denen fortwährend Funken in die Schwärze hineingejagt wurden. Wir hatten unsere zuverlässigsten Leute mitgenommen und uns mit Stricken und Hilfsmaterial versehen. Nur ich ritt. Fernow schritt an meiner Seite, der Pfarrer war uns allen weit voraus. Von Zeit zu Zeit sahen wir ihn, seine Fackel hochhaltend, in greller Beleuchtung. Dann verschwand er wieder hinter den Felsblocken, welche über ihm im Feuerschein erglühten. Auf unser Rufen antwortete er nicht. Wenn jetzt mit der Seele dieses Mannes ein Geist rang, so war es sicher ein Dämon. Je höher wir kamen, desto stärker ward der Sturm, Der wilde Weg schien kein Ende zu nehmen. Jeder Schritt vorwärts, mußte zuerst mit der Fackel beleuchtet werden. Mehr als einmal riß Fernow mein Tier vom Abgrund zurück. Der Pfarrer war unseren Augen entschwunden. Immer heftiger ward meine Angst, immer vorsichtiger mußten wir empordringen. Als wir durch das Felsentor die Alpenwiese erreichten, hörten wir es im Tal in dumpfen Schlägen Mitternacht läuten. Auch hier war nichts von dem Pfarrer zu sehen. Fernow verbot das Rufen und empfahl uns die größeste Ruhe. Doch hätte ich fast laut aufgejubelt, als ich in der Ferne, hoch über dem Tannenwald schwebend, unmittelbar am Rand des Wasserfalls, dessen Gischt geisterhaft die Nacht durchleuchtete, einen schwachen Schein aufglühen sah: die Fackel des Pfarrers. Bei der verschlossenen Alphütte mußten wir über den Bach. Scheu deuteten unsere Leute auf eine dunkle Masse, die neben dem Wasser unweit des Pfades lag. Ich konnte nichts anderes als zusammengehäufte Tannenzweige erkennen; aber an der Gebärde Fernows, mit der er uns vorüber trieb, erriet ich, was darunter lag. Das Gebet des Pfarrers war bis jetzt noch nicht in Erfüllung gegangen. Mühsam drangen wir durch die Tannen vorwärts. Über uns rauschten die sturmbewegten Wipfel wie Meereswogen; darunter war es ruhig, fast unbeweglich. Glühende Bilder tauchten vor uns auf und versanken wieder ins Dunkel. Der Donner des Wasserfalls war uns bereits ganz nahe. Zu seinem Rand hingelangt, ging es von neuem an das Aufwärtsklimmen. Ich mußte vom Maultier absteigen, bei dem einer der Leute zurückblieb. Nun hieß es für das letzte schwierigste Ende die letzten Kräfte aufraffen. Pfarrer Andreas mußte die Höhle gefunden haben. Ringsum war es dunkel. Fernow ging den grausigen Pfad voran, seine Fackel hoch über sich haltend. Ich hielt mich dicht hinter ihm. Unaufhörlich wurden wir von dem Staubgeriesel des Falles benetzt, dessen Wasser zu unseren Füßen wirbelten und kochten. Wenn der Sturm den Sprühregen völlig nach unserer Seite hingetrieben, hätten unsere Fackeln erlöschen müssen und der gefährliche Weg wäre unmöglich zu unternehmen gewesen. Wir hatten uns der Stelle genähert, an der der Pfad aufhörte. Hier war es, wo Fernow plötzlich stehenblieb, lauschte, uns stumm zuwinkte, zurückzubleiben und dann allein vorwärts schritt. Meinen lauten Ruf: um Gottes willen vorsichtig zu gehen, da hier jeder Schritt todbringend sei, schien er nicht zu hören. Nach einigen, in höchster Angst verbrachten Augenblicken sahen wir ihn von neuem stehenbleiben, sich herabbeugen, mit der Fackel eine dunkle Gestalt beleuchten, die dort neben dem Abgrund niedergesunken war. Fast besinnungslos stürzte ich vor, zu Fernow hin. Wie fuhr ich zurück, als ich den Pater erkannte. »Ist er tot?« »Nur bewußtlos. Er hat in einem Kampf um Leben und Tod eine tiefe Wunde empfangen.« »Von dem Pfarrer?« »Das ist unmöglich. Der Blutung nach zu urteilen, muß der Mann schon lange hier liegen, vielleicht schon volle zwei Tage. Es ist ein Wunder, daß er sich nicht verblutet hat; denn dieser Verband, den er sich selbst angelegt haben muß, konnte kaum schützen.« »Das ist gräßlich! Aber um Gottes willen, wo mag der Pfarrer sein?« Da stand er vor uns, mitten im Eingang der Höhle. »Sie ist dort drinnen,« sagte er und keine Miene in seinem Gesicht zuckte, »und sie lebt. Aber sie ist dem Verschmachten nahe. Schnell etwas Wein oder sie stirbt.« Fernow wollte hinein, aber der Pfarrer wies ihn zurück. »Spenden Sie diesem Ihre Hilfe und wenn Sie können, retten Sie ihn. – Folgen Sie mir, liebe Freundin.« Er nahm mir den Krug mit Wein ab, ergriff meine Hand und zog mich sich nach, tief in den Hintergrund der Höhle hinein. Dort hatte er die Fackel zwischen zwei Felsen eingeklemmt; weiterhin, wo ihr blendendes Licht nicht mehr hinfiel, lehnte Veronika gegen das Gestein, das Gesicht darauf gedrückt. Der Pfarrer faßte meinen Arm, daß es mich schmerzte, und raunte mir zu: »Vielleicht sagt sie einer Frau, was sie einem Manne nicht sagen kann und dann – dann – Gehen Sie zu ihr!« Er ließ meinen Arm fahren und trat von mir hinweg. Ich hörte, wie er sich entfernte. Dann begab ich mich zu Veronika. Sie war zu schwach, sich bewegen oder reden zu können: aber sie schlug die Augen auf, um sie indessen sofort wieder zu schließen. Doch mußte sie mich erkannt haben. Wie eine Sterbende sah sie aus. Ich wollte ihr Wein einflößen. Sie preßte jedoch Lippen und Zähne so fest zusammen, daß es unmöglich war. Alle meine Bitten, Vorstellungen, Beschwörungen zeigten sich als vollkommen nutzlos. Da verließ ich sie in meiner Angst und suchte ihren Bruder, den ich bei der Felsenspalte fand, regungslos in die Strudel starrend, die über ihn hinwegbrausten. Ich führte ihn fort, in die Höhle zurück, damit er mich verstehen könne. »Gehen Sie mit mir zu ihr und rufen Sie einigemal ihren Namen; weiter sagen Sie nichts.« »Stirbt sie?!« »Sie wird leben bleiben.« Ich schritt vor, als ich mich von dem Pfarrer zurückgehalten fühlte. »Vielleicht wäre es besser, wir zwängen sie nicht, Wein zu trinken; vielleicht – –« »Kommen Sie zu Ihrer Schwester.« Er folgte mir zu ihr hin, warf sich neben ihr nieder, faßte ihre beiden Hände und rief sie an: »Veronika! Veronika!« Die Wirkung dieser Stimme war mächtig. Ein Schauer durchlief ihren ganzen Leib, dann – wir warteten mit Todesangst – dann öffnete sie die Lippen und schlürfte den ihr gebotenen Wein; zuerst nur tropfenweise, zuletzt ganz gierig. Noch immer auf den Knien, sah der Pfarrer ihr zu, mit dem Ausdruck höchsten Entzückens, als nähme Veronika das Abendmahl. »Jetzt dürfen wir ihr ohne Fernow nichts mehr geben,« flüsterte ich ihm zu. Sie hatte mich gehört und machte eine angstvoll abwehrende Bewegung. Aber ihr Bruder rief sie wieder an: »Veronika! Veronika!« Da seufzte sie tief auf und schien sich zu ergeben. Ihr Bruder wollte aufstehen, Fernow zu rufen; ich bedeutete ihm, daß ich das tun werde. Gerade als ich die Höhle verlassen wollte, kam mir Fernow mit den Leuten entgegen, die den Pater trugen. »Bleibt! Nicht hier hinein!« rief ich unwillkürlich. Die Leute standen still. »Tragt ihn hinein und legt ihn sanft nieder,« gebot Fernow. Dann wandte er sich zu mir. »Wie geht es ihr?« fragte er mich leise. Ich sagte es ihm und auch daß ich ihn hätte holen wollen. Als wir uns anschickten, uns zu entfernen, hörten wir den Pater schrecklich aufstöhnen. Fernow ging schnell zu ihm und kam sogleich wieder zurück. »Er wünscht Sie zu sehen, liebe Rolla.« »Wird er leben bleiben?« fragte ich Fernow, indem ich mich mit ihm zu dem Verwundeten hinbegab. »Das ist schwer zu sagen. Der Mann hat eine mächtige Natur. Als ich ihn aufheben ließ, war er bei vollem Bewußtsein; dennoch, obgleich er geradezu Qualen ausstehen muß, tat er keinen Laut. Sehen Sie nur!« Es war ein furchtbarer Anblick. Von dem wilden Schein der Fackel umloht, sah ich einen mit geronnenem Blut überzogenen Körper bei meinem Nahen sich aufrichten, ein verzerrtes, völlig farbloses Antlitz sich erheben. Aber die Augen, die mich ansahen, waren voll Bewußtsein und glühten in einer unheimlichen Leuchtkraft. Der schreckliche Mensch bedeutete mir, ganz nahe zu ihm hinzutreten und mich zu ihm herabzubeugen. Mein Grausen überwindend, gehorchte ich. »Sagen Sie ihr,« röchelte er, »ich befehle ihr, hören Sie wohl: ich befehle ihr, zu leben. Sie gehört mir.« Damit sank er zurück, um sich zugleich noch einmal aufzurichten, mir mit seinen Blicken seine Worte wiederholend. Schaudernd wich ich, floh ich. »Was hat er Ihnen gesagt? Sie sind totenblaß. Sie zittern.« Ich schüttelte abwehrend den Kopf. »Schnell zu dem unglücklichen Mädchen!« Ich fand den Pfarrer wie ich ihn verlassen, Veronika hatte ihre Lage etwas verändert. Ihr Bruder hielt noch immer ihre beiden Hände. »Sie hat meine Hand küssen wollen,« flüsterte er uns mit erstickter Stimme zu. Veronika mußte ihn verstanden haben, denn sie wiederholte ihren Versuch, wobei sie tief aufseufzte. Nach einer Stunde war sie zu voller Besinnung gekommen und lehnte halb aufgerichtet in ihres Bruders Armen. Fernow, der zwischen dem Mädchen und dem Pater ab und zu ging, betrieb den Rückweg, für welchen unsere Leute zwei rohe Bahren, die mit Tannenreisein und Decken belegt waren, vorbereitet hatten. Der Pater sollte nur bis zur Sennhütte gebracht werden, da jeder weitere Transport ihm sicher das Leben gekostet hätte. Schon bis zur Alm hinunter war die Gefahr für ihn groß; aber Fernow bestand darauf, ihn aus der Luft der Höhle hinwegzuschaffen. Doch sollten die Leute zuerst mit Veronika fort, unterdessen wollte Fernow allein bei dem Verwundeten bleiben.« Wir mußten mit dem Mädchen dicht an seinem Lager vorüber und nicht einmal, daß wir die Fackeln hätten auslöschen oder ihr sonst seinen Anblick entziehen können. Fernow wußte Rat. Die kalte Morgenluft, die bereits am Ausgang der Höhle zu wehen begann, durfte ihr nicht ins Gesicht schlagen. So legte ich denn ein leichtes Tuch über sie. Sorgsam wurde sie auf die Bahre gehoben und davongetragen. Ich bat Fernow und den Pfarrer, mit mir auf die Seite zu gehen, wo der Pater lag. Ihr Bruder hielt nach wie vor ihre Hand. Je mehr wir uns dem Verwundeten näherten, desto heftiger ward meine Unruhe. Ich sollte recht haben: alle unsere Vorsicht erwies sich als nutzlos. Gerade als wir sie an ihm vorübertragen wollten, rief er sie an: »Veronika! Veronika!« Welche Stimme – welche Wirkung! Sie entriß Pfarrer Andreas ihre Hand und sie, die bis dahin völlig kraftlos gewesen, richtete sich mit einem jähen Ruck in die Höhe. Ihre Augen starrten wild um sich. »Rascher!« gebot Fernow den Leuten. »Veronika! Veronika!« wurde uns nachgerufen, zornig, wie eine Verwünschung. Mit einem Schrei sank sie bewußtlos zurück. Im Morgengrauen stiegen wir bis zur Alpenhütte nieder, dort mußten die Männer ausruhen. Als wir das Felsentor passierten, ward es Tag. Die ganze Alpenkette lag vor uns mit rosig erglühenden Gipfeln, darüber sich ein tiefblauer Himmel spannte. Drei Stunden später langten wir im Tal an. Im Dorf standen alle Bewohner versammelt; aber nur Schweigen und finstere Blicke empfingen die Schwester des Pfarrers. Dieser trug die Wiedergefundene hochaufgelichteten Hauptes in sein Haus. Als man im Dorfe hörte, daß auch der Pater gefunden worden und wie er gefunden, widerhallte die Straße vom Jammergeschrei der Frauen. Niemand hatte eine Ahnung davon, was vorgefallen, aber jeder hielt den Alois auch dieser Bluttat schuldig, Veronikas Name wurde nur mit Verwünschungen genannt, obgleich kein Mensch einen Begriff davon hatte, welche Rolle sie in der Tragödie gespielt. Am unheimlichsten gebürdeten sich die Eltern Augustins, die Verwundung des Paters mehr bejammernd als den Tod ihres einzigen, blühenden Sohnes. Am Mittag zog das halbe Dorf auf die Wasserfallwiese. Unterwegs begegneten den Zügen die Träger mit der Leiche des Alois. Kaum daß die Männer diese vor den Mißhandlungen des Volkes zu schützen vermochten. Des Toten alte Mutter, die neben der Bahre hinschlich, mußte mit ihrem Körper den Sohn schützen. Man hätte auch sie am liebsten gesteinigt. Fernow erzählte, daß der Pater bei seinem Eintreffen bei der Sennhütte von den Dorfleuten empfangen worden wäre. Unter dem Wehklagen aller habe er den Verwundeten in dem Blockhause niederlegen lassen; kaum daß seine Leute vor dem Andrang des Volkes hätten die Tür geschlossen halten können. Die meisten seien während der Nacht oben geblieben. Pfarrer Andreas ließ die Leiche des Alois noch spät abends in geweihter Erde begraben. Bereits einige Stunden nachher wurde sie von dem Volk herausgewühlt, im Triumphzug unter Gejohl bei dem Pfarrhaus vorüber getragen und in den Fluß geworfen. Sobald der Zustand des Paters es erlaubte, ließen Augustins Eltern ihn in ihr Haus transportieren. Nur mit Widerstreben und geheimem Haß ward Fernow in Ermanglung eines anderen Arztes die Behandlung des Kranken gestattet. Veronika ging wieder umher, über die Ereignisse in der Höhle kam kein Wort über ihre Lippen. Sechzehntes Kapitel. Herbststimmungen Unerwartet schnell ward es Herbst. Da im Tal Laubbäume zu den Seltenheiten gehörten, erschien er bei uns ohne sein königliches Gewand aus Purpur und Gold. Nur bei vereinzelten einsamen Höfen zog er ein kümmerliches Gewinde von Gelb und Braun um das graue Gemäuer. Am Fluß vergilbten die Weiden und nur die Erlen wollten noch nichts von dem Scheiden des Sommers wissen. Auch die Wiesen grünten auf. Hier schien es vor Winter noch einmal wieder Frühling werden zu wollen. Ganze Beete blaßvioletter Krokusse erblühten, auch die kleinen blauen Genzianen sproßten von neuem. Die während des Sommers vereinsamten Fluren wurden von herabziehenden Herden belebt. Das melodische Geläut der Glocken hörte selbst des Nachts nicht auf. Dann kamen trübe Tage, in denen das ganze Tal in einen grauen Himmel hinausgehoben zu sein schien. Kein Gegenstand, der nicht von Nebel umhüllt war, alles gewann ein gespenstisches Aussehen. Durch das Dunstgewoge schimmerten die Wiesen wie grüne Seen. Nachtschwarz standen die Tannen mit verschleierten Wipfeln. Unaufhörlich kam neues Gewölk gezogen, ballte sich mit dem anderen zusammen, hing nun gleichfalls regungslos an den Klippen. Kalte Feuchtigkeit drang in die Zimmer hinein. Immer verlockender gestalteten sich im Geist die Bilder behaglicher abendlicher Plauderstunden am Kaminfeuer bei herabgelassenen Vorhängen, während es draußen regnete und stürmte. Plötzlich ward alles wie durch Zauberschlag verwandelt. Nach einem trüben Morgen zerteilte sich mittags das Gewölk. Hier wurde durch das Grau ein Stück blauen, strahlenden Himmels sichtbar, dort schwebte ein eisumstarrtes Felsenhaupt über dem Nebelgewirr. Ein Vorhang nach dem andern hob sich, Bild nach Bild tauchte auf. Zuletzt stand alles da, wolkenlos, leuchtend, unsagbar schön! Der frische Schnee, der auf dem Gebirge gefallen, schien von hoch oben herab immer tiefer niederzusinken. Über Nacht war es Winter geworden. Fernow wollte mit mir nach Italien. Ich bat ihn jedoch zu bleiben; ja, ich weigerte mich, zu gehen! Lag hinter diesen Felsen denn überhaupt noch eine Welt für mich? Fremde Gegenden zu sehen, unter fremden Menschen zu leben, überall mein totes Ich mit mir herumschleppen zu müssen – das überstieg meine Kräfte. Sehnsuchtslos dachte ich an die leuchtenden Bilder und Gestalten des Südens. Was war mir jetzt Rom, was galten mir jetzt Michelangelo und Raffael?! Ich durfte nicht mehr genießen, selbst nicht in der edelsten Weise. Arbeiten! Arbeiten! Und ich arbeite. Hoffnungslos verdorbene Kinder lehre ich Sitte und Sittlichkeit; für Familien, die durch Laster völlig verwildert sind, trage ich Sorge, als ob es sich um das Wohl der Menschheit handle. Bei dem einen wie bei dem andern rede ich mich in die Illusion hinein: in Wahrheit etwas nützen und helfen zu können. Ich bin glücklich; nur daß ich vielleicht noch glücklicher sein könnte. Dann kommt mir Fernow in den Sinn und ich muß viel, viel darüber nachdenken. Ist er glücklich? Seine Tage verlaufen in einer ununterbrochenen Folge von Wohltaten – aber: ist er glücklich ? Alte, verblaßte Bilder steigen wieder vor mir auf: Rolla, das Mädchen, fast noch ein Kind und er, das junge Geschöpf belehrend, erziehend, bildend – liebend. Dann Rolla, die Schauspielerin, und er wieder an ihrer Seite, immer liebend, immer – entsagend. Und dann Rolla, das selige Weib, von seiner Hand dem Freunde gegeben; er stumm sich abwendend, still beiseite tretend, wortlos sein Liebstes verloren gebend. Endlich die letzten Gestalten: Rolla, die Wahnsinnige, und er bei ihr, jahrelang! Und jetzt Rolla, die Geheilte, und er bei ihr, jede Stunde bereit, wieder von ihr zu gehen, wenn es zu ihrem Wohl sein sollte. Und ich? Ich habe ihm noch immer nicht zugerufen: nimm sie hin, sie ist dein, wenn du das Geschenk der Unwürdigen überhaupt noch annehmen kannst. Und Frank ist tot! Warum stehe ich wohl noch immer stundenlang an meinem Fenster und blicke die Straße entlang, die keiner kommen wird.   Es dauerte Monate, bis der Pater außer Gefahr war, Fernow ging täglich zu ihm. Er sprach oft mit mir über seinen Patienten, dem er einen großen Charakter, besonders eine beispiellose Energie zusprach. Die heftigsten körperlichen Leiden schien er ebensowenig zu empfinden wie die rauhe Pflege in einem Bauernhause. Die Bequemlichkeiten, die Fernow für ihn als durchaus notwendig erachtete, lehnte er höflich ab. Selbst seine grobe Kost ließ er nicht verbessern. Dabei parfümierte er seine Batisttaschentücher mit Veilchenessenz und konnte durch den Geruch von Talgkerzen einen Nervenzufall bekommen. Fernow interessierte der unheimliche Mensch auf das höchste. Zuweilen ließ sich der Pater herab, mit ihm eine Unterhaltung anzuknüpfen. Fernow entdeckte bei ihm wenig Wissen, aber desto mehr Leidenschaft, über Religion konnte er geradezu frivole Gespräche führen und doch hatte er für seinen Glauben alles geopfert: Familie, Vaterland, Reichtum und Rang. Er war der Sohn eines der ältesten protestantischen Adelsgeschlechter. Seine Konvertion hatte ihrer Zeit eine Aufregung verursacht, die ihren Wellenschlag bis in die politischen Kreise gebracht. Alle Vermittlungen waren umsonst gewesen. Zwischen einem König und einem Kardinal soll seinetwegen ein persönlicher Briefwechsel stattgefunden haben. Ein Ausgestoßener und Paria lebte der vornehme Jüngling jahrelang in einem Elend, dem selbst der Mangel nicht fernblieb. Er wies von jeder Partei jede Hilfe zurück, obgleich es ihm bei dem einen sowohl wie bei dem anderen nur ein Wort gekostet hätte. Dann ließ er sich im Jesuitenkollegium aufnehmen, empfing die priesterlichen Weihen, erhielt seine Mission zuerteilt, die, wie es den Anschein hatte, ihn später unter die Wilden führen sollte. Fernow behauptete, daß er für das Volk eine Verachtung hege, die an russische Gesinnung erinnere, und daß er von einer grenzenlosen Sinnlichkeit sei. Trotzdem habe er noch niemals Frauenliebe genossen. »Was seine Grundsätze anbetrifft, so halte ich den ganzen Mann für eine Verkörperung jenes berüchtigten jesuitischen Mottos: bei ihm heiligt der Zweck das Mittel und wäre dies zehnfacher Mord.« Auffallend war, wie er jetzt seine Volksverachtung ganz unverhohlen zur Schau trug. Er ließ niemand von den Dorfleuten zu sich. Die Eltern, denen er den Sohn getötet und die den Herrgott selbst in ihrer Hütte zu haben glaubten, behandelte er wie Leibeigene. Dennoch kam er in der ganzen Umgegend beinahe in den Ruf eines Heiligen. So übte er fort und fort über alle Gemüter eine Macht aus, die ihm eine schrankenlose Beherrschung derselben gestattete. Es schien ihm nur nicht mehr notwendig – es lag nicht mehr in seinem Zweck – seine Mittel zu gebrauchen. Und was war dieser Zweck? Veronika. Fernow und ich waren fest überzeugt, daß er nur noch ihrethalben blieb, obgleich ihr Name, seitdem er ihn zum letztenmal so dämonisch gerufen, nie wieder von ihm genannt worden war. Als Augustins Mutter dies einmal in seiner Gegenwart tat, bekam er einen Nervenanfall so heftiger Art, daß die entsetzten Leute an Wahnsinn glaubten. Auf Fernows Befragen erzählte die Frau ihm weinend, daß sie nur davon gesprochen, wie des Pfarrers Schwester ihren armen Augustin schon als Kind liebgehabt. Als der Pater außer Gefahr war, sollte er wegen Alois und seiner Verwundung polizeilich vernommen werden. Das Verhör wurde in dem Zimmer des Kranken hinter geschlossenen Türen abgehalten. Nichts von dem, was dabei gesprochen und verhandelt wurde, drang in die Öffentlichkeit. Man befragte nicht einmal die Zeugen, die den Pater vor der Höhle aufgefunden. Ebenso blieb Veronikas Namen ungenannt, zum großen Leidwesen der gesamten Dorfbevölkerung, welche die Schwester ihres Pfarrers gar zu gern womöglich in Ketten fortgeführt gesehen. Später bekam der Pater den Besuch eines Gesandten seines Kollegiums. Die Bauersleute, die den Pater pflegten, berichteten mit Entsetzen, wie unehrerbietig der düstere strenge Fremde mit ihrem Heiligen verfahren sei. Auch hier fanden die Unterredungen in tiefster Heimlichkeit statt. Nach der Abreise des Unbekannten ließ der Pater tagelang keinen Menschen in sein Zimmer, rührte keine Nahrung an und wurde, als er wieder die Türen öffnete, in tiefster Erschöpfung gefunden. Plötzlich hörten wir: der Pater sei bei Nacht und Nebel davongegangen. Niemand wußte wohin. Die Aufregung im Dorf grenzte an Aufstand. An Fernow hatte er einen Brief zurückgelassen, darin er in den gewähltesten Worten seinen Dank aussprach. Dem Briefe war eine Summe beigelegt, welche ein König hätte senden können. Fernow überließ das ganze Geld Augustins Eltern, die in der letzten Zeit tief verschuldet worden, und von denen der Pater nicht einmal Abschieb genommen. So verschwand dieser Mensch aus unseren Augen, aber, wie wir fest überzeugt waren, gewiß nicht für immer. Er würde wiederkommen, war doch noch Veronika da. Diese lebte in dem Hause ihres Bruders, wenn man leben nennen kann, daß sie ging, sich bewegte, auch dann und wann ein Wort sprach, wohl auch dann und wann einen Gedanken hatte. Dabei war sie nicht krank. Im Hause tat sie alle Verrichtungen wie früher, nur in einer Art, als wüßte sie nichts davon. Zuweilen mochte sie es entdecken und schien dann darüber sehr erstaunt. Zu ihrem Bruder sprach sie selten, doch trug sie rührende Sorgfalt um ihn und konnte, wenn sie nichts zu tun hatte, stundenlang sitzen und ihn anschauen. Sie besuchte niemals das Grab ihres Bräutigams, betrat auch die Kirche nicht wieder. Pfarrer Andreas bemerkte nicht, daß sie jemals betete oder eine ihrer früheren Andachten verrichtete. Das priesterliche Amt ihres Bruders schien ihr größte Qual zu bereiten, der Haß der Dorfbewohner jedoch vollkommen gleichgültig zu sein. Oft stand sie im Garten unter der Felswand und betrachtete, in tiefes Sinnen verloren, die Stelle, wo im Sommer die Rosen und Nelken geblüht. Sie mußte schlaflose Nächte haben. Die alte Magd, die unter ihr schlief, hörte sie jede Nacht viele Stunden lang umherwandeln. Einmal faßte sie sich ein Herz aufzustehen, hinaufzugehen und in ihr Zimmer einzutreten. Da sah sie etwas Fürchterliches. Abgewandt von ihr stand Veronika in ihr blutgetränktes Maria Magdalena-Gewand gekleidet und sah sich unverwandt im Spiegel an, mit einem Ausdruck, einem Blick – – Sprachlos vor Entsetzen wich die Magd zurück, ohne von ihr bemerkt worden zu sein. Unterdessen ist es Winter geworden, soll es bald wieder Frühling werden.   Siebzehntes Kapitel. Beglücken und beglückt Seit einigen Tagen bin ich Fernows Weib. Endlich habe ich meine Lebensaufgabe gefunden, die große, erhabene Arbeit aller meiner zukünftigen Tage: den besten, treuesten und edelsten aller Menschen zu beglücken und durch sein Glück beglückt zu werden. Endlich erfüllte ich meine Frauenbestimmung, bin ich geworden, wofür ich geschaffen ward: die Lebensgefährtin eines Mannes, diesem durch die stärksten aller Empfindungen vermählt: unerschöpfliche Dankbarkeit, grenzenloses Vertrauen, höchste Verehrung. Wie eine Binde ist es von meinen Augen gefallen. Erst jetzt sehe ich um mich und in mir den Tag und kann die Dunkelheit nicht mehr fassen, die mir so lange Haupt und Sinne umlagert. Wie war es möglich, daß ich erst jetzt die Seine geworden, daß ich erst jetzt erkannt, was für ihn und mich das einzig Richtige ist, was von vornherein meine schönste Pflicht, mein schönstes Glück gewesen wäre?! Ich mußte erst den Verstand verlieren, um das begreifen zu können. Aber jetzt ist alles, jetzt alles gefunden und erfüllt! Gesegnet sei der Tag, der dir dein Weib in deine Arme führte, mein geliebter Gatte. Ich nenne ihn meinen Gatten und mich sein Weib. Unsere geweihte Liebe kann uns bezeugen, daß wir sind, was wir uns nennen, obgleich wir nicht Hand in Hand vor die Gottheit getreten, wenigstens nicht in der Kirche. Viele werden uns verdammen und nur wenige uns verstehen; zu diesen wenigen sei hier gesprochen. Ich kämpfte lange mit mir, nicht aus Angst und Furcht für mich, sondern für ihn: war ich seiner würdig? Nein, das meine ich nicht, das hatte ich von Anfang an gewußt: als zum erstenmal die Ahnung seiner Liebe in mir aufstieg, wußte ich, daß ich seiner nicht würdig sei, es nie werden konnte. Die Frage war: konnte, durfte ich ihm den traurigen Rest meines Daseins anbieten, nachdem ich mich ihm in der Überfülle meines Lebens verweigert? Beging ich kein Verbrechen gegen ihn, keine Untreue gegen den Toten und gegen mich selbst?! – – Ich hielt tiefste Einkehr in mir, durchforschte jede Falte meines Herzens, forderte von jeder Empfindung, von jedem Gedanken Rechenschaft. Denn nur als eine Streiterin, die völlig überwunden, durfte ich vor ihn hintreten, demütig bittend: drücke der Siegerin die Krone auf das Haupt. Lange zweifelte, lange zauderte ich; plötzlich war ich überzeugt und entschlossen. Ich wollte es ihm gleich sagen. Es war spät in der Nacht, aber in seinem Arbeitszimmer brannte noch Licht. Ich schickte meine Kammerfrau zu Bette und kleidete mich für meinen Verlobungsabend an: ein weißes Kleid – seit vielen Jahren zum erstenmal! Von meinen Blumen war eine dunkelrote Rose aufgeblüht. Diese steckte ich mir ins Haar – seit vielen Jahren zum erstenmal! So geschmückt setzte ich mich an meinen Schreibtisch, schloß auf, zog die Briefe des Toten hervor, verbrannte sie am Kaminfeuer. Nichts behielt ich übrig. Als in der schwarzen Asche der letzte Funken verglommen, ging ich zu ihm. Leise durchschritt ich das dunkle Vorgemach und hob den Vorhang auf. Er saß von mir angewandt an seinem Schreibtisch, in seine Arbeit vertieft. Einen Augenblick stand ich ihn betrachtend da; auch schlug mein Herz so heftig, daß ich mich gegen die Wand lehnen mußte. »Noch ist er ahnungslos,« rief in mir eine warnende Stimme. »Noch ist es Zeit.« Aber noch ehe ich einen anderen Gedanken fassen konnte, raffte ich mich auf, eilte ich vor, rief ich ihn – zum erstenmal bei seinem Vornamen. »Axel!« Er fuhr in die Höhe, sah mich, taumelte auf, hielt sich an der Lehne seines Stuhles, starrte mich an – – Gott im Himmel, mit welchem totenblassen Gesicht, mit welchem Ausdruck! So standen wir uns eine Weile regungslos gegenüber. Ich wollte ihm etwas sagen, ihm etwas zujubeln; aber ich war meiner Sprache nicht mächtig. Langsam näherte ich mich ihm. Am ganzen Körper bebend, streckte er mir wie abwehrend seinen Arm entgegen. Doch schon lag ich an seiner Brust. Da umfaßte auch er mich, stark, gewaltig, unentreißbar.   Er hatte mich endlich verstanden, hatte es endlich gefaßt und seine ganze Besonnenheit, seine ganze Kraft und Ruhe wiedergefunden. Denkt euch, dieser Mann! Er wollte nicht beglückt werden, wollte nicht beglücken! Er verweigerte seiner armen Freundin ihren letzten Ruheort an seiner Brust, wollte seiner lieben, kleinen Rolla – denn das war sie einst gewesen – nicht gönnen, endlich gut und weise zu werden. Ich fürchte, ich hörte sogar etwas von Entsagung und Opfer. So zwang er mich denn wirklich, er tat's! – ihm eine lange, lange Beichte zu stammeln, der er mit angewandtem Gesicht zuhörte. Da mußte denn selbst dieses harte, unbeugsame Herz sich ergeben. Nie hatte ich schwerer gekämpft – niemals schöner gesiegt. Als ich ihn sicher und für immer besaß – wie fühlte ich mich da beruhigt, wie war ich da jetzt schon beglückt! Wir durchwachten die ganze Nacht. Er ließ meine Hand nicht los. Alles wurde von uns besprochen, nichts zurückgehalten ober schweigend übergangen. Wir konnten uns in die Augen sehen und hatten keinen Gedanken, den wir voreinander zu verstecken brauchten. Ein neues, nie empfundenes Lebensgefühl durchdrang mich wie eine Glutwelle: hier konnte nie etwas bereut, nie etwas gebüßt werden. Mein Verlobter sagte mir kein Wort von seiner Liebe. Wie hätte er dafür auch Worte finden sollen?! Sein ganzes Leben war nichts als die Erfüllung jenes einen Ausdrucks gewesen – mein ganzes Leben würde ich meine Liebe erfüllen müssen. Über einen Punkt verständigten wir uns wortlos: unser Bündnis bedurfte keiner Form. Was für die Sittlichkeit der Allgemeinheit ein Gesetz ist, verliert für besondere Existenzen seine Notwendigkeit und seinen Zwang. Wo bleibt die Heiligkeit sogenannter Ehen, wenn die meisten derselben nur unsittliche Verhältnisse sind? Wo bleibt die Lasterhaftigkeit solcher sogenannten, verbrecherischen Verhältnisse, wenn dieselben ihrem Wesen nach heilig geschlossene Ehen sind? Allerdings mag zu bedenken bleiben, daß es schwer, ja unmöglich sein dürfte, für solche besonderen Fälle eine Grenze zu bestimmen; wie es auch eine traurige Wahrheit ist, daß, sobald diese einen allgemeineren Charakter annehmen würden, sie unausbleiblich eine völlige Entartung nach sich ziehen müßten. Der Tag brach an, als wir uns trennten. Ich kehrte wieder auf mein Zimmer zurück, wo ich lange am Fenster stand und die Sonne hinter den Alpen aufsteigen sah. Ich zwang mich, nicht hinunter auf die Landstraße zu blicken, auf die ein Wanderer in das Tal einziehen mußte. Als ich mich endlich von der Morgensonnenglorie, die Gebirg und Tal umleuchtete, losreißen wollte, sah ich Axel aus dem Schlosse treten. Ich öffnete hastig das Fenster und rief hinunter, daß er auf mich warten möge, warf einen Mantel über und eilte hinab. Mit welchem strahlenden Antlitz er mich grüßte. Ich hatte gar nicht gewußt, daß er so schön sei. Wir gingen den Wiesenpfad, der zum Strom führte, und an diesem entlang dem Dorfe zu. Erst vor einigen Tagen war an den sonnigen Stellen der Schnee fortgeschmolzen; noch waren die Wiesen von einem fahlen Braun, aber schon sah man darunter das neue Leben in tausend Knospen und Trieben freudig sich regen. Unter dem Strauchwerk am Fluß blühte bereits der schöne Seidenbast und hinter den Hecken wagten sich schon kecke Anemonen und Primeln hervor. In einigen Tagen würden die Fluren leuchten von Blüten. Es war ein so früher Frühling, wie einen ähnlichen erlebt zu haben sich die ältesten Leute nicht erinnern konnten. Ich mußte denken: wie es auch in dem Herzen des Mannes, der an meiner Seite schritt, gleichfalls über Nacht, plötzlich Frühling geworden. Neben uns tobte und rauschte der wilde Fluß. In tiefem Schweigen schritten wir dahin. Es war noch so früh am Morgen, daß uns kein Mensch begegnete. Als das Dorf vor uns lag, bogen wir wie auf stillschweigende Verabredung in einen Fußweg ein, der uns um das Dorf herum und an den Felswänden dahin in den Pfarrgarten führte. In demselben fanden wir Veronika, einen Strauß Schneeglöckchen und Krokus pflückend. Sie warf einen großen, erstaunten Blick auf mich, grüßte stumm und fremd und ging sogleich ins Haus. Der Anblick des blassen, unglücklichen Mädchens machte uns beide schwermütig und nachdenklich. Nach einigen Augenblicken trat Pfarrer Andreas zu uns. »Veronika sagte mir soeben, daß ein Brautpaar im Garten stehe, und nun – –« Er verstummte, blickte von einem zum anderen, streckte dann beide Hände nach uns aus. »Endlich, endlich! Wie lange habe ich darauf gewartet! Seid gegrüßt! seid gesegnet!« Darauf sagten wir ihm alles, wobei wir in dem kleinen Garten auf und ab gingen, den Freund in unserer Mitte. Schweigend hörte er uns zu. »Als Priester darf ich euch nicht recht geben; aber als Mensch kann ich euch verstehen.« Er schwieg eine lange Weile, in tiefes Sinnen verloren. Dann erhob er sein Haupt. Mit einem Antlitz, darin die stärkste Menschenliebe aufleuchtete, ergriff er unsere Hände, legte sie ineinander und sprach feierlich: »Ich sage es euch noch einmal: Seid gesegnet!« So wurden wir vermählt. Achtzehntes Kapitel. Frühlingsfluten Sonnige Tage folgten. Mein lieber Gatte genießt sein schwer erkämpftes Glück wie ein Jüngling: jeden Tag entdecke ich ein neues Talent in ihm, unser Leben festlich zu machen. Die Wochen vergehen in einer Reihe von Feiertagen. Wer hätte auch denken können, daß der ernste Mann so aus vollem Herzen zu lachen versteht! Oft ist er übermütig wie ein Knabe, von einer heiteren Sorglosigkeit, von einer Daseinslust und Lebensfrohheit, die unwiderstehlich ist. Noch immer behauptet der närrische Mann, es ›nicht begreifen‹ zu können; noch immer staunt er mich und sich selbst wie zwei Traumgestalten an. Wenn ich des Abends, für ihn geschmückt, in sein Zimmer trete, muß ich mir gefallen lassen, jedesmal wie eine Erscheinung angestarrt zu werden. Endlich lache ich laut auf. Er aber sitzt da, still und stumm, mit ernstem Geficht und schüttelt den Kopf. Dann muß ich diesen natürlich mit beiden Händen fassen; ja dieses liebe, wunderliche Haupt ruht nicht eher, als bis ich seine Stirn für ihren Eigensinn durch Küsse bestraft. , So treiben wir es, wie große Kinder, die sich auch nicht allzuviel Gedanken machen. Doch können wir auch ernsthaft sein. Zum Beispiel: etwas tun, anstatt zu spielen. Und es gibt viel zu tun: es gibt viel Arbeit! Einige Beamten müssen gewechselt, neue Arbeiter gedingt werden. Man weiß nicht wo zuerst anfangen, denn überall scheint gleiche Not zu sein. Der Wind hat schrecklich gehaust. Die jungen Bäume sind entweder von den Schneemassen erdrückt oder vom Wild abgenagt worden. Die Wiesen stehen unter Wasser. Aber wie sind uns die Kräfte gewachsen, von welcher Tatkraft sind wir beseelt, wie fällt uns jetzt selbst das Schwerste so leicht! Welche wunderbaren Heilmittel erschließt doch das Leben allüberall seinen Leidenden, Man muß schließlich gesund werden, mag man wollen oder nicht. Eine große Sorge sind für uns die Dammarbeiten am Strom. Dieser ist bereits jetzt ungewöhnlich wild und eine noch größere Zunahme der Wassermassen steht zu befürchten. Dieser Winter hat im Gebirge einen ganz unerhörten Schneefall gebracht und erst wenig ist davon geschmolzen. Unaufhörlich gehen mächtige Lawinen ins Tal, deren Donner rings in der Runde widerhallt. Von allen Seiten rauschen Wasserfälle und kleine Wildbäche hernieder. Das schon mehreremal von den Fluten halb weggerissene Dorf hat noch immer nicht genug Lehrgeld gezahlt. Auch dieses Mal regt man sich nur widerwillig, um Vorkehrungen gegen das drohende Unheil zu treffen. Nur ungenügende Notwälle schützen das Dorf. Schwache Balkenbrücken, die unter dem Fuß des Hinüberschreitenden schwanken, führen von einem Ufer zum andern. Unser wackerer Freund predigt in der halbleeren Kirche gegen eine solche an Stumpfsinn grenzende Gleichgültigkeit. Er geht selbst von Haus zu Haus und bietet die Männer auf, Hand anzulegen. Sein Eifer bleibt auch nicht ohne Wirkung, aber er ist seiner Gemeinde bereits so fremd geworden, daß man seine lautersten Absichten beargwöhnt und verdächtigt. Was man sonst aus vernünftigem Einsehen gewiß getan, unterläßt man jetzt aus Trotz und Haß. Umsonst bieten wir unsere eigenen Arbeiter an; kaum daß wir in Gemeinschaft mit dem Pfarrer erreichen können, wieder aufzurichten und zu verbessern, was der Winter zerstört hatte. Vor einigen Tagen teilte ich unserer alten, getreuen Luise unsere Verbindung mit. Sie lebt in einem kleinen, deutschen Städtchen in einem Kultus des Andenkens an meine Mutter und mich. Ihr Jammer um mich soll herzzerreißend gewesen sein. Monatelang hatte Fernow sie nicht bewegen können, den Ort, wo sich das ›Rollahaus‹ befand, zu verlassen. Daß man sie nicht zu mir lassen wollte, war ein Schmerz, den sie nie überwand. Mein lieber Gatte war ganz ergriffen, wenn er von ihr erzählte. Sie drohte, irgend etwas Gewaltsames zu tun, womöglich die Mauer zu übersteigen, um mich einmal am Fenster zu sehen, als er sie endlich nach langen Kämpfen glücklich fortgeschafft, bekam er doch nicht Ruhe vor ihr. Wöchentlich liefen ihre Postsendungen ein: Briefe von unglaublichem Format, auf deren weißem, blauem, grauem Grund mit zollgroßen Buchstaben, welche die merkwürdige Eigenschaft hatten, nach allen Richtungen hin auseinanderzugehen und alle Augenblicke unter Tränen und Tintenklecksen zu verschwinden, ihrer ›geliebten, einzigen, angebeteten Rolla‹ ewige Treue und Liebe versichert wurde. Atemlos, niemals dem Leser durch ein Komma eine kleine Ruhepause gönnend, jagten die Worte dahin, von Anfang bis zu Ende nur ein einziger Satz: eine einzige Versicherung. Dann und wann wurden diese leidenschaftlichen Ergüsse von Paranthesen unterbrochen, in deren Umklammerung Luise geheimnisvolle, düstere Drohungen ausstieß und die schwärzesten Weltanschauungen entwickelte, die, schließlich in atheistische Ausrufungen ausartend, das ganze Menschengeschlecht in Bann taten. Nach meiner Heilung wurden Fernows Anstrengungen, sie noch eine Zeitlang von mir entfernt zu halten, immer schwieriger. Er mußte sie wie ein Kind behandeln, dem man eine große Zuckertüte verspricht, damit es brav sei. Nun durfte ich ihr zum erstenmal schreiben und ihr zugleich mitteilen, daß ihre Belohnung da sei: daß sie kommen dürfe, um nie wieder fortzugehen. Die Antwort, die ich erhielt, legte ich zu dem letzten Brief meiner Mutter. Wir erwarten sie, sobald das Joch passierbar ist. Das kann jedoch noch einen Monat dauern. Heute erfuhr ich zum erstenmal etwas von der großen Weltkomödie, die sich draußen weit, weit jenseits der Berge abspielt. »In welchem Jahr leben wir denn eigentlich?« fragte ich heute lachend meinen lieben Gatten. »In einem Jahr,« lautete die ernste Antwort, »dessen Klang Europa wie ein Donnerschlag durchhauen wird; es ist ein blutiges, megärenhaftes Jahr, das mit fürchterlicher Notwendigkeit Bruderkriege, Völkerkriege entzünden und Throne umstürzen wird. Möge das Schicksal allen Fürsten und Herrschern gnädig sein! Das Recht ist auf Seiten der Völker.« »Sind vier und acht solche besondere Zahlen, daß du aus ihnen Revolutionen verkündest?« fragte ich, einen inneren Schauer bezwingend. »Wir werden es erleben. Lies diese Zeitung.« Und ich las – – Am Nachmittag brachte Axel den Pfarrer zu mir. Beide Männer waren erregt. »Also wissen Sie es jetzt auch!« rief mir der, Freund entgegen. »Wir wollten es Ihnen so lange als möglich verschweigen; es ward uns wahrlich nicht leicht. Jawohl, der Tag einer großen Vergeltung bricht an. Auch in unseren Tälern lastet es bereits dumpf und schwer auf allen Gemütern. Auch von unserer Brust wird der Alp fortgewälzt werden! Wir werden aufstehen wie ein Mann, um, wenn es sein muß, zu dem verrosteten Schwert unserer Väter zu greifen, ein freies, aber ein treues Volk – treu gegen sich selbst. Ich hoffe viel von der allgemeinen Erhebung der Volkswürde, nicht nur für uns, sondern für alle. Möge die Zeit gekommen sein, in der ich die Prüfung bestehe!« schloß er mit leuchtenden Augen. Bis in die Nacht hinein wurden in meinem Zimmer die erschütternden politischen Ereignisse verhandelt. Die Männer beschlossen, sich auf die Katastrophe vorzubereiten.   Jeder Tag bringt eine Überfülle der aufregendsten Neuigkeiten aus allen Ländern. Auf den Gebirgen sind neue Schneemassen gefallen und die Zeitungen, die weit hergeholt werden müssen, bleiben oft tagelang aus. Nur im Süden ist eine Kommunikation mit andern Alpentälern möglich. Die Spannung und Unruhe werden allgemein immer heftiger. Kaum gelingt es, die Leute bei ihren Arbeiten festzustellen. Von den Unseren sind viele fortgegangen. Am meisten leiden unter diesen Verhältnissen die Dämmungen des Stromes.   Hier eine Nachricht, die uns sehr nachdenklich, sehr betroffen macht: Der Jesuitenpater ist seinen Gelübden untreu geworden. Was er begangen hat, wissen wir nicht. Er ist dort nicht angekommen, wohin er von seinem General geschickt wurde. Jedenfalls verletzte er das strengste Gesetz des Ordens, welches den Jüngern der Gesellschaft Jesu blinde Unterwerfung befiehlt. Das Kolleg läßt den Verbrecher überall suchen. Weder die Regierung noch das Volk unterstützen die Bemühungen der frommen Vater sonderlich. Die unglaubliche Kunde ist zu uns gedrungen, daß die Herrschaft der Jesuiten im Lande Tirol ihrem Ende zugehe. Wäre das möglich?! In unserm Tale wenigstens ist das Andenken an jenen einen noch in aller Herzen, erstreckt sich seine Herrschaft noch über alle Gemüter. Ich müßte mich sehr täuschen, aber ich fürchte, wir brauchen den Entflohenen nicht allzu weit zu suchen. Auch Axel, auch der Pfarrer scheinen diesen Gedanken zu haben; doch scheuen wir uns, ihn einander zu äußern. Alle drei wurden wir geängstigt, als wir erfuhren, welchen Eindruck die Nachricht auf Veronika machte. Sie war davon wie erstarrt. Mir ist es jetzt völlig klar: dieser Mensch gibt seinen Zweck nicht auf. Vielleicht, daß ihm der Zeitpunkt gekommen zu sein scheint, an dem er ihn zu erreichen hofft. Durch welch neue Mittel? Ich habe recht geahnt: Er ist da! Pfarrer Andreas hat ihn gesehen. Die beiden Todfeinde sind sich einander begegnet wie Geßler und Tell. Einer von ihnen mußte ausweichen, um den anderen zwischen sich und dem Abgrund vorbeizulassen. Der Jesuit blieb stehen; aber wohl kaum aus Feigheit. Unser Pfarrer würdigte ihn keines Blickes. Als er vorbei war, rief er ihm, ohne sich umzuwenden, zu: »Sie werden gesucht!« Ja, unser Pfarrer, das ist ein Mann! Veronika soll nichts von dieser Begegnung erfahren.   Jetzt wissen wir auch, wo er sich verborgen hält: in der Höhle unter dem Wasserfall. Es ist übrigens ein öffentliches Geheimnis; im Dorf weiß es jedes Kind. Augustins Eltern sind voller Glückseligkeit und viele andere mit ihnen: Sie haben ihren Heiligen wieder! Wie ich gehört, wollen Frauen und Mädchen in den nächsten Tagen hinauf wallfahrten, um ihm für die Verfolgung, die er zu erdulden hat, eine Ehrengabe zu überreichen. Die Gemeinde hat zu der Wasserfallalp, wo noch hoher Schnee liegt, einen Weg bahnen lassen. Der Pater soll sich in der Höhle so bequem eingerichtet haben, wie es die Umstände gestatten. Die Grotte ist zugleich seine Kirche. Alle Tage predigt er dort dem Volke. Der Text zu seinen leidenschaftlichen Reden ist: Aufruhr, Empörung, Krieg! Auch Veronika hat es jetzt erfahren; doch wußte sie es gewiß schon längst. Sie verläßt nicht das Haus und schließt sich selbst vor ihrem Bruder ab. Nur die Magd darf zu ihr.   Überall bekommen wir von Überschwemmungen und gräßlichen Zerstörungen zu hören. Im Dorf ist man so gut wie hilflos. Die Nähe des Jesuitenpaters hat die letzten Kräfte gelähmt. Pfarrer Andreas scheint innerlich mit mächtigen Entschlüssen zu ringen. Man merkt ihm an, daß er etwas Großes in sich trägt. Jedes Wort, jede Bewegung ist stark und machtvoll. Ruhig harrt er der Dinge, die da kommen werden. Wir sehen uns täglich. Gestern waren wir gerade bei unserm Freund, als die Polizei sich bei ihm erkundigte: ob er wisse, wo sich der Pater versteckt halte. »Sagen Sie Ihrer Behörde, daß ein Pfarrer nicht den Angeber macht.« Mit diesem Bescheid mußten sich die Männer entfernen. Kaum waren sie aus der Tür, als Veronika eintrat. Ohne uns zu beachten, ging sie auf ihren Bruder zu und sagte laut: »Du bist der wahre Priester. Vergib mir.«   Die Polizisten haben unverrichteter Sache das Dorf verlassen müssen. Es fand sich kein einziger Verräter. Wir sind überzeugt, daß die Männer den Aufenthalt des Paters so gut wußten wie wir alle, aber daß kein einziger von ihnen wagte, auch nur das geringste gegen den Flüchtling zu unternehmen.   Eben verließ uns Pfarrer Andreas. Ich bin auf mein Zimmer geeilt, um das Vorgefallene niederzuschreiben; unser Freund kennt Frank ! Er hat bei seinen mehrmaligen Besuchen im Tal bei dem Pfarrer gewohnt. Wir saßen zusammen, als er von ihm zu erzählen begann. »Bei mir hat längere Zeit ein Fremder gewohnt, an den ich jetzt viel denken muß. Es war ein wunderlicher, wundersamer Mensch. Alles an ihm war übertrieben, phantastisch, launenhaft. – Alles edel und groß. Man mußte ihn lieben, so sehr man sich auch dagegen wehren mochte. Er war in allem, was er dachte, empfand und tat, sehr ungestüm und baute eigentlich nur auf, um gleich darauf wieder einzureißen. Was wollte er alles aus diesem Tale schaffen, welche Pläne brütete dieser planlose Geist aus, welche Welt lebte in seinem Kopf! Nun,« schloß er lächelnd, »ein Teil seiner Projekte sieht unter euch seiner Verwirklichung entgegen. Es ist seltsam, wie viele eurer Gedanken ganz die seinen sind und seltsam ist es, daß ich euch noch nicht längst von diesem Manne gesprochen habe.« Axel und ich hatten uns gleich bei den ersten Worten des Freundes angesehen und keinen Blick voneinander abgewandt. Der Pfarrer, mit einer bei ihm seltenen Beredsamkeit, fuhr fort: »Er hatte etwas von einem schönen Dämon an sich. Die Weise, in der er auf seine ganze Umgebung wirkte, möchte ich elementar nennen. Veronika wurde blaß und begann zu zittern, wenn sie seinen Schritt hörte und sie war damals noch ein Kind. In dem Herbst, in welchem er zum erstenmal nicht mehr wiederkam, ward sie todkrank. Dieser sonderbare Mensch besuchte uns nämlich immer erst vor Beginn des Winters. Im Sommer hielt er es nicht aus bei uns; da war ihm unser wildes Tal zu sanft, zu lieblich, zu lyrisch. Ich habe mit ihm im Winter Bergbesteigungen unternommen, von denen wie von Heldentaten erzählt wurde. Für das Volk, das er kannte und verstand, als ob sein Vater ein Bauer gewesen wäre, war er überhaupt ein Held. Er liebte das Volk! Deshalb liebte das Volk auch ihn, deshalb mußte auch ich ihn lieben. Ich tat es, trotzdem dieser wilde Atheist mein ärgster Feind hätte sein müssen. Wie oft waren wir auf unseren Unternehmungen in Gefahr, wie zitterte ich dann für sein Leben mehr als für das meine. Aber er war immer schwindelfreier, sicherer, stärker als ich. Dabei war dieser wahre Volksfreund ein wahrer Aristokrat. Ich habe ihn oft mit dem Pater vergleichen müssen; welche Unterschiede und doch wiederum: welche Ähnlichkeiten! In ihren Wirkungen auf die Menschen gleichen sie sich beinahe ganz. Aber wie rein waren die Wirkungen des einen, wie teuflisch sind sie bei dem anderen. Und nun hört, wie merkwürdig dies ist; die Verehrung des Volkes für beide hat ihren Ursprung in einer gemeinsamen Quelle des Volksgeistes: in seiner Sehnsucht nach einer höheren Existenz. Deshalb seht ihr mich auch noch immer voller Hoffnung. Auch Veronika möchte ich euch bei dieser Gelegenheit verständlicher machen. Ihr Gemüt unterlag der Macht beider Erscheinungen, und das wahrlich aus keinem weniger edlen Grund, als wir ihn bei dem Volk annehmen dürfen: leidenschaftliches Verlangen nach etwas Großem, davon sie Anlagen in sich selbst fühlte. Aber beide Male geriet sie in einen Irrtum. – – Übrigens habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Was mag aus ihm geworden sein?« Ohne die Augen von meinem Gatten zu lassen, antwortete ich: »Er ist verschollen, er ist tot.« »Verschollen, tot, dieser herrliche Mensch?!« Und er fuhr sich mit der Hand nach den Augen, die er bedeckt hielt. »Woher wissen Sie das? Haben Sie ihn gekannt?« rief er nach einer Weile. Diesmal antwortete ihm Axel: »Dieser herrliche Mensch war auch unser Freund, auch wir haben ihn geliebt.« »Das ist seltsam, das ist sehr seltsam – – Und er ist wirklich tot?« »Wirklich tot,« wiederholte ich. Der Pfarrer sagte nichts mehr; nach einer Weile ging er. Daß ich ihm nicht die Hand küssen durfte, die er um seinetwillen an die Augen gedrückt! Dafür küßte ich diejenige meines Mannes. Ob ich ihm auch heute mein Tagebuch bringe? Meine Schrift, dünkt mich, ist heute so unleserlich. Wenn ich Veronika nur einmal umfassen und an mein Herz drücken könnte! Ich habe solche Sehnsucht, ihre Schwester zu werden. Aber sie ist unnahbar für mich und ich kann ihr doch nicht sagen: ich habe ihn auch geliebt. Auch geliebt? Als er zum letztenmal im Pfarrhof weilte, war sie fast noch ein Kind. Aber wer ihn liebt, der ist kein Kind mehr. Veronika, liebe, liebe Freundin.   Die Flut steigt.   Neunzehntes Kapitel. Die Flut steigt Welche Zeit! In diesem unseligen Frühjahr, das so früh kam und strahlend anbrach, wie keines seit Menschengedenken, reißen empörte Fluten noch anderes mit sich fort, als friedliches Ackerland und die Wohnstätten der Menschen. Durch alle Länder rast die Windsbraut, rüttelt an Thronen, zerrt an Purpurmänteln, zerschmettert Kronen, reißt Kirchen und Staatshäuser um, wühlt Gerüste auf, begräbt Menschen und Dinge, fegt über alles Bestehende dahin, daß Europa erbebt. Revolution ! Das Volk wächst riesengroß. Über die Köpfe der Könige und Fürsten hinweg steigt das schreckliche Haupt empor und erstarrt den, der es anblickt. Aber die blutbesteckte Hand weist gen Himmel. Und bis zum Himmel bäumt sich die Sturmflut des empörten Menschengeistes. Auch die falschen Diener der beleidigten Gottheit trifft die Vernichtung. Aus dem Gewölk, das die Ewige Stadt umlagert, zuckt Bannstrahl auf Bannstrahl. Aber die Menschheit schüttelt die Blitze von sich ab, lachend und übermütig wie ein Götterjüngling, nach dem man mit Rosen wirft. Unter dem, was erbebt, befindet sich auch ein hochaufragendes, gewaltiges Haus, das sich einsam und feierlich über der Ewigen Stadt erhebt. Das Geheul seiner Gläubigen erstickt den Jubelruf Tausender. Die Länder treiben ihre gefährlichsten Feinde aus: die Jesuiten müssen fliehen! An ihrer Menge erkennt man erst, wieviel ihrer gewesen, welche Scharen von Todfeinden die Länder beherbergt, überallhin haben sie sich verkrochen, überall werden sie hervorgejagt. Das ist ein Siegesjauchzen: Freiheit, Freiheit! Immer höher steigt der Blutstrom, durch den die Revolution schreitet, nicht immer als Heldin und Göttin. Immer höher und höher steigen die Fluten. Auch in unserem Tal wird es losbrechen. So eng uns auch die Felsen umschließen und von der Welt abschneiden, sind wir doch nicht eingekerkert genug, um nicht den Frühlingsodem dieses Freiheitsjahres herüberwehen zu fühlen. Was bei uns glüht, ist freilich nur ein Funken der Flammen, die jetzt ganz Europa durchlodern.   Heute kam unser Freund zu uns geeilt. »Die Südtiroler wollen das Land vom Reich losreißen. Wir sollen Welsche werden.« Sein Grimm ließ keinen Schmerz aufkommen. Der Priester sah aus wie ein Held. »Was werden die Tiroler tun?« »Tiroler sein und bleiben,« lautete die stolze Antwort. »Kennen die da drüben unsere Art so wenig. Sie ist deutsch: treu und stark. Jetzt fürchte ich nichts mehr. In der Seele des Tirolers wohnen zwei Dinge, um derentwillen er sich das Herz herausreißen ließe: Gott und Vaterland! Das eine mag er sich verzerren und entstellen lassen, an das andere darf keine Hand rühren. Sie sollten das wissen. Der Tiroler hat seine Geschichte mit seinem Herzblut geschrieben. Ehe wir aufhören, Tiroler zu sein, muß es kein Land Tirol mehr geben. Laßt sie kommen! Wir haben unsere Felsen, die wir für sie herabreißen können.« »Und die Dorfleute?« »Die Elenden! Sie sind ihres Namens nicht wert; sie haben vergessen, was sie sind. Aber ich werde sie daran erinnern. Ich werde es ihnen zudonnern; wenn es sein muß, mit dem Schwert in der Hand, anstatt mit dem Kreuz. Fast alle befinden sich im Lager des Feindes. Eben jetzt will ich gehen, sie zurückzuholen. Wehe ihnen, wenn sie zaudern.« »Wir begleiten Sie.« »So kommt.« Ohne noch ein Wort zu sagen, verließen wir das Schloß. Draußen fragte Axel den Pfarrer: »Sie haben doch eine Waffe bei sich?« »Nein.« Wir schlugen die Richtung nach der Wasserfallalp ein. Bei einer Biegung des Weges sahen wir hinter einem Fels eine Frau hervortreten und unbeweglich unsere Ankunft erwarten. Es war Veronika. Ich warf einen Blick auf den Pfarrer, in dessen Gesicht eine mächtige Bewegung arbeitete. Doch sagte er nichts. Als wir dicht bei ihr waren, trat sie vor und blieb vor ihrem Bruder stehen. Axel und ich wollten vorübergehen, um die Geschwister allein zu lassen, wurden jedoch durch einen flehenden Blick Veronikas zurückgehalten. Wir hörten folgendes Gespräch: »Du willst auf die Wasserfallalp?« »Ja.« »Was willst du dort?« »Meine Pflicht tun.« »Sie hören dich nicht.« »Sie werden mich hören.« »Du kennst ihn nicht.« »Wenn du den Jesuitenpater meinst – –« »Ihn meine ich.« »Ich kenne ihn. Er kann sie auf mich hetzen und sie können ihren Pfarrer niederstoßen. Mehr können sie nicht und hören müssen sie doch.« Ein Stöhnen entrang sich Veronikas blassen Lippen. »Geh nicht!« »Willst du mich etwa zurückhalten?« »Nein, nein!« »Also – –« »Ich gehe mit.« »Willst du mich etwa schützen?« Er sprach hart und sah sie mit einem unerbittlichen Blicke an. Dann gebot er ihr: »Du gehst nicht mit, folgst mir auch nicht; sondern begibst dich augenblicklich nach Hause.« Sie zauderte. Ihre gesenkten Augen, ihr geneigtes Haupt gaben ihr den Ausdruck tiefster Demut. Dann, ohne zu wagen noch einmal aufzusehen, verließ sie uns, langsam davonschreitend. Ich wollte ihr nacheilen, doch Pfarrer Andreas rief mich gebieterisch zurück. Wir setzten unseren Weg fort. Es war, als ob wir einem Lager zuschritten. Bewaffnete begegneten uns und Leute, die Proviant hinauftrugen. Meistens waren es Weiber. Sie gingen trotzig an uns vorüber, ohne Gruß, mit feindseligen Blicken. Wir waren überzeugt, daß uns schon Wächter erspäht, die dem Jesuitenpater unser Kommen meldeten. Beim Felsentor angelangt, fanden wir es von Mannschaften besetzt, wild aussehenden Gestalten aus den italienischen Tälern. Sie mußten Befehl erhalten haben, uns durchzulassen. In der Tat konnte man die Wasserfallalm mittels einer einzigen starken Verteidigung der Felsenpforte zu einem beinahe uneinnehmbaren Lagerplatze umwandeln. Der Jesuit schien auch mit Talent und Glück den Feldherrn spielen zu können. Die Alm gewährte einen völlig kriegerischen Anblick. Rings um die Hütte war aus Tannenästen ein Walddorf gebaut. Das Blockhaus selbst mußte die Wohnung des Paters sein, über dem Dache war ein hohes Kreuz errichtet, das ein rotes Tuch umschlang. Als der Pfarrer dies sah, verlor er seine ganze Haltung. »In meinem eigenen Hause!« murmelte er und wollte vorstürzen. Axel hielt ihn zurück. Er stand, wischte sich den Schweiß von der Stirn, atmete tief auf und hatte dann wieder die Herrschaft über sich gewonnen. Bei unserem Nahen liefen die Leute zusammen; überall bildeten sich Gruppen. Am Saum des Waldes wurden die Männer von dem Pater einexerziert. Wir sahen die zierliche, elegante Gestalt ganz ruhig und sicher vor seiner Kompagnie stehen und hörten ihn mit seiner weichsten Stimme kommandieren. Er wandte uns den Rücken. Doch mußte er von unserer Ankunft genau unterrichtet sein; denn als wir nur noch in kurzer Entfernung von der Hütte waren, schickte er einen Mann nach uns ab, der nach unserem Begehr fragte. Auf die Hütte deutend, erwiderte der Pfarrer: »Dieses Haus ist mein Eigentum. Sagt dem, der Euch geschickt hat, daß der Besitzer dieses Hauses gekommen sei und dessen sofortige Räumung geböte.« Der Mann verließ uns. Pfarrer Andreas schritt mit uns auf die Hütte zu, an deren Eingang wir warteten. Die Weiber und Kinder rotteten sich um uns zusammen. Der Pfarrer sah unter dem fremden Volk viele aus seiner Gemeinde. Wir standen bereits eine ganze Weile, als wir den Pater selbst auf uns zukommen sahen, ruhig schlendernd, in nachlässiger Haltung. Er trug hohe Stiefeln und hatte über seinen Priesterrock einen schwarzen Mantel geworfen. Sein dunkler, breitkrempiger Hut saß tief in die Stirn gedrückt. Er sah blaß und leidend aus, seine Augenlider waren tief gesenkt, was seinem Blick etwas Mattes und Müdes gab. Einige Schritte von uns blieb er stehen, grüßte mich leicht, ohne die anderen zu beachten und erwartete unsere Ansprache. »Sie haben gehört, wer ich bin und was ich will,« redete Pfarrer Andreas den Pater wie einen völlig Fremden an. »Der Mann hat es mir allerdings gesagt,« erwiderte der Pater in derselben Weise. »Sie sind der Eigentümer dieses Hauses und fordern dasselbe zurück. Ihr Verlangen ist vollkommen gerechtfertigt; ebenso vollkommen wird meine Besitzergreifung Ihres Eigentums durch die Zeiten entschuldigt. Sie werden das einsehen.« »Durchaus nicht. Ich bitte Sie also –« »Ich fürchte, Sie bitten unnütz,« unterbrach ihn der Unverschämte. »Doch sprechen wir später davon. Zuerst mögen Sie das tun, um dessentwillen Sie heraufgekommen sind. Und sich von uns abwendend, lief er laut über die Wiese hinüber: »Versammelt euch! Dieser Mann hat euch etwas zu sagen.« Er grüßte wiederum nur mich und schritt davon, wie er gekommen war. Nicht einen Augenblick hatte er während des Gesprächs seine blasierte Manier abgelegt oder einen von uns eines Blickes gewürdigt. Der Mensch hatte uns wie Lakaien behandelt. »Bleibt ruhig!« gebot uns der Pfarrer. »Es handelt sich jetzt um Größeres. Gott stehe mir bei!« Er grüßte uns mit den Augen und ging langsam vor, dem Haufen zu, der sich auf Befehl des Paters am Waldsaum gesammelt hatte. In leidenschaftliche! Auflegung ergriff ich Fernows Arm. »Er wird machtlos sein, er wild sich hinreißen lassen! Ein Unglück wild geschehen! Wenn dieser Wann jetzt ruhig zu reden vermag, ist er kein starker, sondern ein großer Geist.« »Er wird nie ruhiger gesprochen haben, als wie er jetzt sprechen wird. Aber es scheint mir kaum möglich zu sein, hier etwas zu erreichen. Still, er fängt an.« »Ihr Männer und Leute! Ich bin heraufgekommen, mit euch zu reden. Ihr habt vergessen, was eure Väter gewesen und was ihr seid – Tiroler ! Es ist mein Amt und meine Pflicht, euch daran zu erinnern; denn ihr möchtet es sonst schwer bereuen. Ihr scheint nicht zu wissen, wie es um das Land steht, das euer Vaterland ist und welches eure Väter und Großväter so sehr liebten, daß sie darum den Heldentod gestorben sind. In Tirol ist jeder Berg ein Denkmal der Liebe des Tirolers zu seinem Lande; denn um jedes dieser Alpenhäupter ist das Blut des Tirolers geflossen. Wißt ihr, weshalb ihr von euren Müttern geboren worden seid? Ist dort unter den Frauen keine Mutter, die es ihrem Sohne sagen kann? Wie es scheint, nein. So will ich's euch denn sagen. Eure Mütter haben euch geboren, um treue Tiroler zu sein; ein treuer Tiroler sein, heißt: sein Vaterland lieben. Das tut keiner von euch. Ich schäme mich, es für euch auszusprechen, aber es ist so. Denn wie könnt ihr euer Vaterland lieben, die ihr helfen wollt, es seinem Feind zu überliefern? Eigentlich müßtet ihr mir ins Gesicht schlagen, daß ich wage, euch solches zu sagen. Ich wollte, ihr tätet es.« Das Murmeln der Menge zwang hier den Pfarrer zu schweigen. Ich drückte krampfhaft meines Gatten Hand. »Habe ich dir's nicht gesagt?« raunte dieser mir zu. »Daß seine Schwester ihn höre!« Die Unruhe unter den Zuhörern wich zu einer andächtigen Stille. Pfarrer Andreas, seine Stimme lauter erhebend, sprach weiter. »In der Geschichte des Landes Tirol steht es geschrieben, wie der Tiroler sein Land liebte, wie treu der Tiroler zum Reich hielt. So oft es vom Reiche auch losgerissen ward, so oft kehrte es wieder dahin zurück, wohin es gehörte. Eure Väter haben es erlebt, wie man sogar den heiligen Stamm Tirol in Südbayern umwandelte. Die Männer unter euch waren damals Jünglinge, die Jünglinge Knaben. Ihr alle wißt also, wie Tirol sich seinen Stamm zurückholte. Es ging durch den Mund der Völker von Land zu Land und half von Land zu Land die Flamme der Freiheit entzünden. Wenn man damals von großen Taten sprach, so sprach man von Tirol und den Tirolern. Denkt an Haspinger und Speckbacher, denkt an Andreas Hofer! Gedenkt der Tage von Innsbruck, Hall und Sterzingen, gedenkt des Berges Isel! Gewiß ist unter euch keiner, der sich nicht rühmen kann, daß ihm damals ein Sohn oder Bruder für Tirol gefallen. Tiroler, gedenkt des 20. Januars 1810. Die Kugel, die in Mantua abgeschossen wurde, traf das Herz aller Tiroler. Soll das für nichts zu Tode verwundet worden sein? Ihr selbst würdet jeden einen Lügner nennen, der euch das sagte.« Wieder mußte er schweigen; dieses Mal viel länger. Ich konnte vor Erregung kaum atmen. In der Ferne sahen wir eine schlanke, dunkle Gestalt in dem Tann verschwinden. Die Männer hatten sich jetzt dicht um den Pfarrer geschart, auch die Frauen drängten näher heran. Mächtig erscholl die Stimme des Predigers über ihren Häuptern dahin. »Ich sagte vorhin: ihr wüßtet nicht, wie es um Tirol stünde. Was könnt ihr dafür? Keiner hat es euch gesagt. Ihr wißt nicht, daß man Tirol wiederum vom Reich losreißen will. Diesmal soll das arme Land an Welschland hingeworfen werden, denkt euch: an Welschland! An das Welschland, ihr Tiroler, von welchem damals an euch der Mord verübt wurde. Ihr wißt nicht, daß der Kaiser nach Innsbruck gegangen ist, um sich von seinen treuen Tirolern gegen seine Feinde verteidigen und schützen zu lassen. Ihr wißt nicht, daß sich auf allen Bergen, in allen Tälern die Tiroler erheben, daß bereits 20000 Mann unter Waffen stehen, daß ihr von euren Brüdern erwartet werdet. Ich bin gekommen, um euch zu ihnen zu führen.« Welche Wirkung? Wie ein Brausen durchfuhr es die Luft. Ungehört verhallten die Drohungen, die Verwünschungen einzelner. Die Menge war zur Begeisterung entstammt. Viele erstickten ihre geheime Scham durch laute Ausbrüche ihrer plötzlich erwachten Vaterlandsliebe. Der Pfarrer wurde durch die Menge unseren Augen entzogen. Eine Zeitlang war nichts Deutliches zu erkennen und zu verstehen. Einige liefen dem Walde zu, darin sich der Pater befand. Die meisten davon waren Frauen. Wir sahen sie heftig auf die Ihrigen einreden, aber nur mit zweifelhaftem Nutzen. Unser Freund hatte herrlich gesiegt. »Laß uns gehen,« sagte Fernow. »Wir müssen ihn den Seinen lassen.« Wenige Augenblicke meines Lebens waren so voll reinen Glückes gewesen wie dieser. Zwanzigstes Kapitel. Sie wächst und wächst Die Flut wächst und wächst. Jede Stunde kann sie die Dämme zerreißen, die Ufer durchbrechen, das Land überschwemmen, zerstören, zermalmen, vernichten. Von der Wasserfallalm zurückgekehrt, begab ich mich sogleich in den Pfarrhof. Veronika hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und ließ mich nicht zu sich. Ich mußte es ihr durch die Tür zurufen. Sie gab mir keine Antwort. Am Abend, kurz vor Einbruch der Nacht, ist der Pfarrer zu uns gekommen. Ich habe mich bei seinem Eintritt an seine Brust geworfen und konnte nicht reden. Wie stark er ist, ein Neugeborener! Er teilte uns das letzte volle Ergebnis seiner Heldenrede mit. Der größere Teil, alle Besseren sind die Seinen geworden, die übrigen auf der Wasserfallalp bei dem Pater zurückgeblieben. Sie gehören fast ausschließlich dem Dorfe an. Das erste, was getan werden muß, ist: in der allerletzten Stunde das Dorf noch so viel als möglich vor den Fluten zu schützen. Man wird die ganze Nacht hindurch arbeiten. Was wir von Leuten behalten haben, schicken wir natürlich hinunter; auch alle Mägde. Werden doch selbst die Kinder helfen müssen. Der Pfarrer freut sich darauf, die Hacke zu schwingen. Sodann gilt es, unsere kleine Heerschar mit Waffen und Munition zu versehen und das so bald als möglich. Ein Transport über das Joch würde zu lange dauern. Man muß also durch die Schluchten in die südlichen Täler hinab und den Einkauf auf feindlichem Gebiet bewerkstelligen. Das will Axel tun. Noch diese Nacht reist er ab, von unserem zuverlässigsten Beamten begleitet. Nachdem dies beschlossen, hat sich Pfarrer Andreas auf ein Pferd geworfen und ist zu den Dämmen gestürmt. Ich muß jetzt alles für das kühne Unternehmen meines liebsten Freundes vorbereiten.   Er ist fort und ich fürchte, ich habe ihm den Abschied schwer gemacht. Mir wurde plötzlich so bang! Als ich seine Sachen zusammenpackte, ertappte ich mich, wie ich denken mußte: wann werde ich sie wieder auspacken? Das wird spätestens in zwei Tagen sein. Ich sagte es mir immer vor, wie um es mir selbst glaublich zu machen. Es ist töricht! Aber glücklich bin ich jetzt, daß ich die letzte Stunde nicht von seiner Seite wich. Es war so schwül in den Zimmern; ich zog ihn hinaus ins Freie, auf den Schloßhof. Auch dort konnte ich nicht aufatmen. Ein heißer Föhn wehte, kein Stern war am Himmel zu sehen, schwarzes Gewölk lag tief herabgesunken. Es war trostlos! Deutlich hörten wir das Rauschen und Brausen des wütenden Stromes. Mich faßte Grausen. Kaum daß ich mir Gewalt antun konnte, Axel meine Sorge und Angst, mein ganz vernunftlos schmerzliches Trennungsgefühl – meine Liebe, nicht merken zu lassen. Immerfort mußte ich von neuem mich an ihn drängen und von ihm umfassen lassen, immerfort ihn von neuem beschwören, an mich zu denken, um meinetwillen so rasch wie möglich wieder zurückzukehren. Er dagegen war nicht im mindesten besorgt ober unruhig, ahnte nicht im mindesten meinen eigentlichen Zustand. Er scherzte und lachte mich aus; er war übermütig wie ein Knabe, ganz ausgelassen, wahrhaftig! Endlich ließ er mich gehen, endlich riß er sich los. Er war mit seinem Begleiter schon fort und ich stand, auf die Hufschläge der Pferde lauschend, als er noch einmal zurückgesprengt kam. Ich eilte ihm entgegen, er sprang vom Pferde, hob mich zu sich auf, drückte mich mächtig an sich, flüsterte: »Mein geliebtes Weib,« ließ mich sanft los – dann im Karriere davon. Lange konnte ich mich nicht entschließen, ins öde Haus zurückzukehren. Über mir rauschten schwermütig die Gipfel der Edeltannen und das Gewölk schien sich immer tiefer herabzusenken. Wäre er jetzt noch einmal zurückgekommen, diesmal hätte ich ihn nicht fortgelassen oder wäre mit ihm gegangen. Warum war ich's überhaupt nicht? Doch jetzt war es zu spät: alle Leute, alle Pferde arbeiteten bei den Dämmen. Die Vorwürfe, die ich mir machte, steigerten meine Unruhe. Der Wind trieb mich ins Haus zurück. Wie verlassen, wie tot alles war! Meine Kammerfrau kam mir entgegen und fing laut zu lamentieren an. Ich schickte sie auf ihr Zimmer. Nun war ich ganz allein. Wie ein Heer von Gespenstern überfielen mich die Gedanken; kein Angstruf konnte sie bannen. Als fürchterliche Wirklichkeiten standen die Erscheinungen vor mir: alle meine Gestorbenen, meine toten Menschen sowohl wie meine toten Wünsche und Hoffnungen. Zuletzt erhob sich warnend, drohend mir zuwinkend, die blasse Hand meiner Mutter. Ich flüchtete ans Fenster. Vom Dorfe her leuchteten durch die Nacht die Feuer der Dammarbeiter herüber. Ich glaubte, die dunklen Gestalten zu erkennen, den wütenden Strom daran vorüberrasen zu sehen. Ich erblickte als schmalen, blassen Streifen, der sich durch die Dunkelheit zog, die Landstraße und starrte so lange darauf hinab, bis sie sich vor meinen Augen zu bewegen, zu mir heraufzuwinden schien, näher und näher.   Ich will mich jetzt aufraffen, mich diesem Bann gewaltsam entreißen. Die Nacht ist immer wilder geworden. Mein liebster Freund muß sich bei dem Sturm die schaurigen Engpässe hindurchkämpfen, der Gefahr entgegen. – – Wenn ich doch nicht an seiner Seite sein kann, weshalb bin ich nicht draußen, dort, wo Gefahr droht?   Eben graut der Morgen, eben bin ich zurückgekommen. Ich bin zu Tode erschöpft, aber ruhen kann ich nicht. So schreibe ich denn. Nur mühsam konnte ich durch den Sturm bis zum Dorf dringen. Mit geschlossenen Augen schwankte ich die Straße dahin, von dem Heulen der Windsbraut, den wilden Stimmen des Wassers betäubt. Als ich in der Dorfstraße ankam, fand ich auch hier überall Fackeln entzündet; aber ich begegnete keinem Menschen. Die Kirche war erleuchtet und stand offen. Ich ging hinein: auch hier alles öde! Doch in der Sakristei schien jemand zu sein. Ich trat ein und erblickte: Den düsteren phantastischen Raum erhellte eine einzige Kerze, deren flackerndes Licht auf die hohen Holzschränke und braunen Kirchengemälde fiel. Das ganze Gemach lag voller alter Rüstungen und Waffen, die man hierher zusammengetragen. Mitten unter den Büchsen, Partisanen und eisenbeschlagenen Kolben stand Veronika, in der Hand eines dieser letzteren furchtbaren Kampfwerkzeuge, das sie eben aus dem Haufen emporgehoben haben mußte. Sie prüfte die Waffe, sie schwang sie. Dann stand sie regungslos, die schwere Keule hoch über ihrem Haupte erhoben, das Gesicht ganz farblos, die Züge hart, beinahe grausam. Mehr sah ich nicht. Schaudernd wich ich zurück, verließ das Gotteshaus und schlug den Weg ein, der zum Strome führte. In wenigen Augenblicken war ich dort. Welch ein Nachtbild! Männer, Weiber und Kinder in voller Arbeit an den braunen Erdwällen, von denen die Pechbrände blutrot aufloderten. Der Wind wehte sie hin und her, graue Qualmsäulen stiegen empor. Alles arbeitete schweigend. Nur dann und wann ertönte ein kurzer Befehl, hineingerufen – hineingeschrien in den Sturm und das Rauschen der Wellen. Immer war es die Stimme des Pfarrers. Er arbeitete mit der Schaufel an dem am meisten gefährdeten Damm. Über alle Gesichter zuckte der Feuerschein, die Haare der Frauen waren vom Sturm gelöst; einige hatten sich ihre Tücher von der Brust genommen und um den Kopf gewunden. Man arbeitete, als gälte es das Leben. Das galt es auch. Ich erklimmte einen der Wälle. Dicht unter mir schossen die Fluten dahin, gelb und schlammig. Entwurzelte Bäume trieben ans Land, schwankten eine Weile hin und her, wurden von den Wirbeln wieder gefaßt und davongerissen. Ganz nah von meinem Standpunkt befand sich die Brücke. Nur noch wenige Zoll Raum war zwischen ihr und dem Wasser. Aber noch hielten die Balken. Vom jenseitigen Ufer war nichts zu erkennen. Ich überlegte, wie lange man bei fortdauerndem Steigen der Flut dieselbe noch vom Dorfe werde abhalten können. Wahrscheinlich zählte es nur nach Stunden. Ich ging zum Pfarrer, der seine Arbeit keinen Augenblick unterbrach. Eine Weile stand ich neben ihm und sah ihm zu. Dann ließ ich mir eine Schaufel geben und arbeitete mit. Ich war ganz glücklich und nickte meinem Gefährten freundlich zu. Der lächelte über meinen Eifer. Plötzlich sah ich Veronika kommen. »Sie hat, was wir an Waffen besitzen, aus allen Häusern in die Sakristei zusammengetragen,« rief Pfarrer Andreas mir zu und sah seine Schwester mit einem leuchtenden Blick an. »Sie ist ein echtes Tiroler Kind.« Dann schaufelten wir weiter, Veronika half uns. So verging eine Stunde, nach welcher wir Ablösung bekamen. Nur der Pfarrer blieb am Platz und war nicht zu bewegen, mit uns auszuruhen. Ich wollte mich nach dem Pfarrhof begeben, um ihm einige Erfrischungen zu holen und sah mich nach Veronika um. Vor einigen Augenblicken befand sie sich noch an meiner Seite, jetzt war sie verschwunden. So trat ich denn ohne sie den Weg ins Dorf an. Plötzlich erblickte ich sie wieder vor mir. Ich rief sie, doch sie hörte mich nicht. Sie wandte sich vom Dorf ab und schlug den Weg zur Brücke ein. Da ich nicht begreifen konnte, was sie dort wollte, folgte ich ihr. Veronika betrat die Brücke und hinter ihr ich. Der Boden schwankte unter meinen Schritten, fürchterlich gurgelte und gluckste es unter uns. Schwindel ergriff mich. Ich hatte die entsetzliche Vision von einem, der in dieser gräßlichen Flut versank und unterging. Ich strauchelte und mußte mich, um nicht zu stürzen, am Geländer festklammern. Dabei blickte ich unter mir in die Wasser hinab. Mir war, als sähe ich daraus ein bleiches Haupt auftauchen, von lichten Locken umwallt, mit den Zügen eines unvergeßlichen Toten. Ich sah dieses Antlitz, ehe die Flut es verschlang, wundersam aufleuchten. Dann schwankte ich weiter und lebte erst auf, als ich unter mir wieder festen Boden fühlte. Ich mußte mich zuerst besinnen, wo ich mich befand. Allmählich erkannte ich das andere Ufer: ein ödes Steinfeld, darüber schwarzes Gewölk lagerte. Ich blieb stehen, spähte nach Veronika aus und entdeckte sie noch immer vor mir, mitten auf dem wilden Gefilde, wie eine Erscheinung dahinwandelnd. Sie schritt geradeswegs auf eine dunkle Gestalt zu, die dicht am Ufer stand. Es war der Pater, der sein Opfer widerstandslos zu sich hinzog. Einmal an seiner Seite und sie war verloren. Eher begrübe er sich mit ihr zusammen in den Fluten, als daß er sie wieder herausgabe. Sie hatte ihn vermutlich vom andern Ufer aus gesehen und mußte nun zu ihm, sie mochte wollen oder nicht. Ich mußte sie retten. Sie stand fast schon vor ihm, als sie dicht hinter sich einen Namen rufen hörte, der sie von ihrem Dämon zurückriß. »Denke an Frank!« Bewirkte mein Herrlicher noch im Tode Wunder, nur dadurch, daß man seinen Namen nannte? Rief die bloße Erinnerung an ihn Sterbende wieder ins Leben zurück? Veronika war stehengeblieben. Ich fühlte es an dem Schauern meiner eigenen Seele, wie sie bei dem Namen erbebte und nun nicht mehr zu jenem anderen hinkonnte , sie mochte wollen oder nicht. »Hierher!« Er rief sie, aber sie hörte ihn nicht mehr, sie hörte nur: »Denke an Frank!« Sie wich zurück, sie wandte sich. Ihr Dämon stürzte auf sie zu; aber schon war ich bei ihr, die sich in meine Arme flüchtete. Ich hielt die Gerettete umschlungen, es ihr noch einmal sagend, diesmal zärtlich flüsternd: »Denke an Frank!« Einundzwanzigstes Kapitel. Es durchbricht den Damm und vernichtet. Heute sind der Jesuitenpater und Frank begraben worden. Rolla ist ruhig und gefaßt. Sie läßt Veronika keinen Augenblick von sich; mich will sie noch immer nicht sehen. Das Feuer ist gelöscht, doch ist das Schloß fast völlig niedergebrannt. Ich schreibe dies im Pfarrhof. Einige Zimmer von mir befinden sich die beiden Frauen. Was ich hier von den geschehenen Ereignissen mitteile, erfuhr ich zum Teil aus dem Munde des an der Spitze der Seinen davongezogenen Pfarrers, zum Teil von Rolla selbst, als ich sie nach meiner Rückkehr Zum ersten- und zum letztenmal an Franks Leiche sah. Da ich nicht weiß, was der morgige Tag bringen kann und ich mit dem Vergangenen abschließen will, so sei das Geschehene als Fortsetzung, vielleicht als Schluß von Rollas Aufzeichnungen erzählt. Eben sagt mir jemand, daß Rolla und Veronika in die durch das Feuer und den Kampf halb zerstörte Kirche gegangen seien, wohin sich die zurückgebliebenen Frauen mit ihren Kindern und ihren geretteten Habseligkeiten geflüchtet haben. Das halbe Dorf liegt in Trümmern, die Fluten sinken mit jeder Minute.   Als Rolla Veronika durch Franks Namen von dem Pater zurückgerufen hatte, verbrachten die beiden Frauen den Rest der Nacht zusammen, eine in den Armen der anderen, sich einander ihre Geschichte zuflüsternd. Bei Tagesanbruch kehrte Veronika zu ihrem Bruder zurück, Rolla nach Hause, wo sie schrieb, sich dann angekleidet aufs Bett warf, aber bereits nach einer Stunde wieder auf war. Das Wetter hatte sich nicht geändert; immer noch wälzte sich Gewölk über das Tal. Die Alpen ragten völlig unverhüllt wie Felseninseln aus den Nebelwellen hervor, ein grauer Himmel spannte sich darüber. Der Wind heulte fort und fort und riß unaufhörlich Lawinen herab. Die Leute kamen von den Dammarbeiten zurück und berichteten, daß man nichts weiter tun könne; es sei kein Material mehr vorhanden und das Wasser werde binnen kurzem die Höhe der Wälle erreichen. Man erzählte von fürchterlichen Verheerungen in den oberen Gegenden. Rolla begab sich nach diesen Nachrichten ins Dorf zum Flusse, wo sie alles so fand, wie die Leute gesagt hatten. Trotzdem war der Pfarrer noch an Ort und Stelle und ließ von den Ausgeruhten das Menschenmögliche leisten. Veronika befand sich im Pfarrhofe. Der Pfarrer fürchtete, daß der Pater ihre Lage benutzen und etwas gegen sie ausführen werde. Um sich gegen einen Überfall zu schützen, hatte er auf dem Weg zur Wasserfallalm Wächter aufgestellt. Sie besprachen sodann die Möglichkeit meiner Rückkehr zu der von mir bestimmten Zeit und daß es notwendig sei, die südlichen Schluchten zu besetzen, da der Pfarrer aus dem Süden Kunde erhalten, wie dort bereits die meisten Täler den Welschen zugefallen. Er hoffte auf eine starke Schar Vaterlandsverteidiger vom Norden her; wahrscheinlich seien die Männer überall durch die Wassersnot aufgehalten. Rolla blieb eine Weile bei dem Freunde, verließ ihn und begab sich ins Dorf, wo die Weiber heulend ihre Häuser ausräumten. In der Kirche sah sie viele Beterinnen. Aber anstatt nach dem Pfarrhof oder dem Schloß zu gehen, schlug sie die entgegengesetzte Richtung ein. Der Pfarrer hatte geäußert, daß er keine Kenntnis habe: ob auch im oberen Tale der Fluß bereits übergetreten sei. Da er keinen Boten abzusenden hatte, wollte Rolla dieses Amt übernehmen. Sie wandert die Straße dahin, den Blick starr vor sich hin gerichtet, jeden Augenblick glaubend, daß die gelbe Schlammflut sich über den Weg wälzen werde. Da sah sie jemand auf sich zukommen, der ihr gewiß über alles genau Bescheid erteilen konnte. Um schneller benachrichtigt zu sein, ging sie ihm entgegen. Zuerst schritt sie langsam, dann eilte sie. Plötzlich stand sie mitten im Wege still. Die Augen weit geöffnet, ließ sie die Erscheinung sich nähern. Sie hatte ihn diese Nacht gerufen und nun kam er. Ihr seit ihrem Wahnsinn fast visionärer Geist erkannte den seinen. In seliger Ungeduld erwartete sie, daß die Gestalt an ihre Seite treten und sie in der gespenstischen Gegenwart hinsinken würde. Auf einmal hörte sie von seiner Stimme ihren Namen rufen, da verlor sie das Bewußtsein. Ihr letzter Gedanke war: »Das ist der Tod, das ist die Vereinigung.« Als sie wieder zur Besinnung kam, lag sie auf blühendem Heidekraut, der Lebendige neben ihr kniend. Es dauerte lange, bis sie es begreifen konnte. Frank war wirklich dort gewesen, wo wir ihn vermutet; meine Briefe hatten ihn sämtlich erreicht. Aus dem letzten erfuhr er Rollas Heilung, trotzdem hielt er sie für sich verloren. Damit sie sich völlig frei glauben sollte, ließ er uns sogar die Nachricht von seinem Tode zugehen, eine Nachricht, die uns nie erreichte. Dann vernahm er nichts mehr von uns. Leidenschaftliche Sehnsucht trieb ihn wieder nach Europa zurück. Er ging nach Frankreich, stürzte sich in die Revolution, wurde verwundet. Kaum genesen, begab er sich durch die Schweiz nach Tirol, wo er in dem Tale leben wollte, darin er für sich und Rolla so stolze Luftschlösser gebaut. Hier war ihm die Geliebte entgegengetreten. Rollas Zustand grenzte an Verzückung. Zum erstenmal in ihrem Leben war sie menschlich schwach; sie sagte ihm nicht, was sie ihm geworden sei. Auch Frank wagte nicht, nach mir zu fragen. Die armen Menschen! Sie stehen auf, fassen sich bei der Hand, gehen auf der Landstraße zurück und auf dieser dem Dorfe zu. Bei einer Wendung des Weges sieht Frank das Schloß. Er glaubt zu träumen. Rolla bricht in ein fröhliches Lachen aus und führt den Sprachlosen weiter. Sie passieren das Dorf, sie kommen dem Schloß näher und näher. Frank fragt nicht, Rolla sagt nichts. Frank sieht alles fertig dastehen, wie es von ihm gedacht worden. Es ist wie ein Wunder! Sie steigen die Anhöhe hinan, treten durch das hohe, gotische Portal unter die Tannen des Schloßhofes, in die Halle. Sie gehen die Treppen hinauf. – Frank erkennt alles. Lange sitzen sie in Rollas Zimmer, wo sie ihm jeden Gegenstand zeigt. Dann führt sie ihn ans Fenster und deutet auf die Landstraße hinab. »Diesen Weg bist du gekommen. Ich habe darauf gewartet – wie viele Jahre wohl?« Auch zum Spiegel tritt sie mit ihm, legt ihre Wange an seine und steht lange in das Anschauen der beiden Gesichter versunken. »Was ist aus uns geworden?« sagte sie leise. Darauf küßte sie ihn. Wortlos holt sie sodann einen Schlüssel, bedeutet den Geliebten, ihr zu folgen, schließt eine Tür auf, die sie noch niemals geöffnet und tritt mit Frank in das Gemach ihrer Erinnerungen ein. Sie öffnet das Fenster und läßt das trübe Tageslicht hineinscheinen, auf die verwelkten Lorbeerkränze, auf das todbleiche Haupt der Niobe. Sie sieht sich alles mit ihm an, dann heißt sie ihn sich niedersetzen, bleibt vor ihm stehen und sagt ihm: »Dies alles hat dein Freund für dich und mich getan. Seit einem Monat bin ich sein Weib. Mit dem Kuß, den ich dir vorhin gab, habe ich die Ehe gebrochen.« Darauf setzte sie sich ihm gegenüber, wendet kein Auge von ihm, antwortet ihm auf nichts, bleibt selbst bei seiner Verzweiflung einer Statue gleich. Nur einmal sagt sie: »Ich bin wahnsinnig gewesen und kann es wieder werden. Daran denke.« Er wirft sich vor ihr nieder, preßt seinen Kopf in ihren Schoß und umfaßt sie. Sie legt ihre Hand auf sein Haupt und streichelt sein Haar. Wieder vergehen Stunden; da schrecken beide auf. Im Dorf wird die Sturmglocke geläutet. Sie hören Schüsse. »Der Fluß hat den Damm durchbrochen, der Jesuitenpater den Pfarrer überfallen.« »Wir müssen hin,« sagte Rolla. Sie gehen und lassen alles offen. Die Kammerfrau kommt ihnen nachgestürzt: die Beamten seien mit den Leuten in das Dorf dem Pfarrer zur Hilfe gezogen, die Mägde sämtlich ins Gebirge gelaufen. Rolla befiehlt der Jammernden, den Geflohenen zu folgen. Als sich die beiden auf der Landstraße befinden, glaubt Frank zu erkennen, wie vom Gebirge her sich ein Trupp dem Schlosse nähert. Er sucht Rolla zu bewegen, mit ihm zurückzukehren, sie jedoch will nicht. »Aber das Haus – –« »Laß sie damit tun, was sie wollen. Was geht das dich und mich an?« Sie gehen weiter, sich mühsam durch den Sturm kämpfend, sie hören im Dorf den Kampf toben und sehen den Fluß übergetreten. Eine wilde Aufregung bemächtigt sich beider. Bald wird die Flut sie erreicht haben. »Wir wollen sterben!« ruft Rolla. »Du mußt leben bleiben,« erwidert ihr Frank. »Denke an deinen Gatten.« »Er kann nicht mehr mein Gatte sein; er ist es nicht mehr. Mit uns dreien ist es vorbei.« Sie sind im Dorfe angelangt und müssen lange suchen, bis sie einen Weg finden, wo sie nicht von den Fluten zurückgedrängt werden. Lautlos, ein schweigend mordendes Ungeheuer, steigt das Wasser an den Häusern hinauf. Wo es einbricht, gerät es in wilde Strudel. Es schluchzt und ächzt, wie ein ertrinkender Mensch. Der Kampf hat sich ganz nach der höher gelegenen Kirche zu und auf den Platz vor den Pfarrhof hingezogen. Durch das Geknatter der Büchsen ist Geschrei und Weibergeheul hörbar. Ein Haus brennt – es brennt das Dorf. Der grelle Schein flackert über die Gruppen der Kämpfenden und die anschwellenden Wasser. Diese haben bereits den Platz erreicht und werden denselben sogleich überfluten. Vor der entfesselten Wut des Elementes muß die der Menschen flüchten. Der Kampf zieht sich in die Kirche hinein, die jetzt auch zu brennen beginnt. Durch beide Türen drangen die Parteien in das Heiligtum; an der Spitze der einen der Pfarrer, an der anderen der Pater. Frank und Rolla suchen gleichfalls hineinzukommen und zu dem Pfarrer zu stoßen. Erstickender Qualm und Dampf schlägt ihnen entgegen. Weiber drängen heraus, die sich vor dem Kampf und dem Feuer retten; aber sie hören die mächtige Stimme des Pfarrers und Frank schafft für sich und Rolla Bahn. Sie dringen durch. Wo sich der Altar befindet, steht alles in Flammen, Aus den lodernden Gluten steigt noch immer Augustins Kreuz auf. Um den Altar tobt der Kampf. Der Pfarrer mit den Seinen sind die Weichenden. Mit verbranntem Gewand und blutigem Antlitz hetzt der Pater die Zaudernden auf den Priester. Dieser erwartet sie. Seine Leute fliehen. – Der Pfarrer steht ganz allein. Da keiner der Männer das Herz hat, den Priester in seinem Heiligtum niederzuschlagen, so dringt der Pater allein auf ihn ein. Er wirft sich auf ihn. Frank erkennt die Todesgefahr, aber es ist nicht möglich, durch die Scharen des Paters zu dem Verlorenen zu dringen. Da sieht er dicht beim Altar ein Weib auftauchen, wie aus den Flammen empor. Es ergreift das brennende Kreuz, reißt dasselbe vom Altar herab, schwingt es. – – Ein schrecklicher Schrei, darauf alles in Flammen und Qualm, darauf allgemeine wilde Flucht. Aber sie leben! Frank hat Rolla aus der Kirche getragen, der Pfarrer seine Schwester. Kaum hat Veronika den Boden berührt, als sie sich von ihrem Bruder losreißt und davonstürzt. Rolla sieht es und ruft Frank zu: »Es ist Veronika. Sie will sterben. Rette sie.« Darauf ein wilder Lauf dem Strome zu. Der Feuerschein beleuchtet den Weg. Der Pfarrer sieht Frank und Rolla seiner Schwester nacheilen und kann ihnen nicht folgen, denn er muß den Kampf entscheiden. Rolla steht auf einem Damm, dem einzigen, der dem Wogenandrang noch Widerstand leistet. Sie starrt auf die Stelle hin, wo sie Frank dem Mädchen sich nachstürzen gesehen. Dort ist alles gelbe, wirbelnde Flut. Sie weiß, er wird sie retten, aber dabei untergehen. Sie wartet darauf. Endlich glaubt sie etwas weiter unten, wo die Brücke zusammengebrochen ist, einen Körper auftauchen zu sehen. Er wird von zwei Armen gewaltig über die Fluten emporgehalten. Rolla schreit auf: »Hierher!« Zwischen Mensch und Element entspinnt sich ein grausiger Kampf; aber der Mensch ist der Stärkere. Frank entreißt Veronika den Fluten, dringt vorwärts und vorwärts, bis zu der Stelle, von wo aus er sich immerfort rufen hört. Mit beiden Armen faßt Rolla Veronikas Leib und zieht sie zu sich empor. Noch einmal sieht sie über dem Wasser das geliebte, schöne Haupt, vom Schein der Flammen beleuchtet. Dann sinkt es unter. Der Pfarrer kommt. Rolla übergibt ihm seine Schwester und sagt ihm, wer sie gerettet. Der Pfarrer stürzt fort und kehrt mit Männern zurück. Es gelingt ihnen, ein Boot aufzutreiben. Der Pfarrer und zwei Männer schiffen sich ein. Sie entzünden Kienspäne und wollen abstoßen. Im letzten Augenblick besteigt auch Rolla den Nachen. Unterdessen bringt man Veronika ins Dorf zurück, daraus die Partei des Paters entflohen. Mit größter Lebensgefahr suchen sie nach Franks Leichnam. Rolla sitzt die ganze Zeit über im Vorderteil, tief über Bord geneigt. Sie leuchtet den Männern. Plötzlich sehen sie vor sich eine hohe Flammensäule auflodern: das Schloß brennt. »Laßt es brennen,« sagt Rolla und sieht nicht auf. Erst am Morgen finden sie ihn. Er war auf die Wiese gespült worden und lag friedlich auf einem blumigen Fleck, von dem sich das Wasser bereits wieder verlaufen hatte. Die Männer trugen ihn in den Pfarrhof, wo Veronika unterdessen wieder zum Leben gekommen war. Sie wollte wissen, wer sie gerettet habe – da führte Rolla sie zu dem Toten. Sie erkannte ihn sofort. Am Nachmittag kam ich mit den Waffen zurück. Ich hatte bereits von dem Brand des Schlosses gehört und mein Pferd fast zu Tode gehetzt. Die Leute waren mit Löschen beschäftigt; von ihnen erfuhr ich, wo Rolla sei. Sie hatte mich erwartet und trat mir im Hausflur entgegen. »Er lebte,« sagte sie kalt und gelassen, »aber jetzt ist er tot. Er starb als Held. Komm mit mir zu ihm.« Sie schritt voran, stumm den Pfarrer hinwegwinkend, der sich an meine Brust werfen wollte. Sie hatten ihn in dem Zimmer des Pfarrers niedergelegt und ganz mit Veilchen und Narzissen überschüttet. Veronika saß zu seinen Füßen und wandte kein Auge von seinem Gesicht. Das war ganz unentstellt, so feierlich schön, so großartig friedlich, von einer solchen erhabenen Ruhe, wie ich es niemals zuvor gesehen. »Das ist seine Sühne für Anna,« sagte Rolla laut und feierlich. Ich trat dicht zu ihm und beugte mich tief auf ihn herab. Als ich wieder aufblickte, war ich mit Rolla allein bei ihm. Sie gebot mir, mich auf Veronikas Platz zu setzen, wandte sich von mir ab dem Toten zu und erzählte mir alles. Sie schloß: »Ich kann dein Weib nicht länger sein. Er hat mir befohlen, leben zu bleiben und ich gehorche ihm. Verlaß mich jetzt und suche es zu tragen.« Dann sah ich sie noch einmal beim Begräbnis wieder. Sie schritt mit Veronika Hand in Hand dicht hinter der Leiche; mich schaute sie nicht an. Da der Kirchhof noch unter Wasser stand, begrub man ihn auf dem Hügel über dem Pfarrhof. Man überblickt von dort aus das ganze Tal, die ganzen Alpen, Pfarrer Andreas sagte mir, daß es sein Lieblingsplatz gewesen sei. Die Rede, die unser Freund an dem offenen Grabe hielt, war des Toten und des Lebenden würdig. Rolla blieb tränenlos.   Eben schreibt mir Rolla, daß Veronika sie begleiten wird. Sie nimmt für immer Abschied von mir. In einer Stunde reise ich ab, Pfarrer Andreas nach, den ich bei der Hauptarmee zu treffen hoffe. Ich werde mein unseliges Weib wiedersehen. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Künstlerin und Virtuosin. H......im November. Vor einigen Tagen sind wir hier angekommen; bereits nach einer Stunde waren wir im Theater zur Probe. Ich hatte mich lange auf diesen Augenblick vorbereitet. Ich fürchtete, außer mir zu geraten. Es ist alles ganz anders gekommen: mir war wie einer Zurückkehrenden zumute. Ich trug eine stille Glückseligkeit in mir. Als ich den dämmerungsvollen Bühnenraum betrat, die Luft der Kulissen atmete, alle die bekannten Gestalten und Gegenstände vor mir sah, in das Dunkel des öden Hauses hineinblickte, begriff ich nicht mehr, daß ich jemals fortgewesen sein sollte. Ich dachte weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft, für mich war nur die Gegenwart: ich sollte spielen ! Man behandelte mich mit großer Ehrerbietung! wahrscheinlich verspricht sich der Direktor von meinem Gastspiel goldene Einnahmen. Mein Name ist ja nicht nur der Name einer Künstlerin, sondern der einer Geschichte: die Überschrift eines Romans. Mein Name ist eine Reklame. Ehe die Probe begann, führte ich Veronika umher, zeigte und erklärte ihr alles. Sie glich einer, die für ein großes Mysterium die ersten Weihen empfängt. Ich sagte ihr: »Auch du hast heute die Welt betreten, in die du gehörst. Verlasse sie niemals mit einem Schritt. Jeder Schritt hinaus in jene andere Welt ist eine Treulosigkeit gegen dich selbst, die nie ungerächt bleibt. Hier wirst du gut, groß, glücklich sein, ein Wesen, das staunend aufhorcht, hört es von dem Elend des Daseins reden – dort wirst du mitleidslos von dem Jammer des Lebens gepackt. In dieser Welt bist du Schöpfer, in jener andern Geschöpf mit allen Qualen eines solchen.« »Wie aber, wenn man nicht geboren ist, um glücklich zu sein, nur glücklich?!« entgegnete mir die junge Pessimistin. »Habe ich davon geredet? Wer will glücklich sein? Wozu braucht eine Künstlerin dieses sogenannte Glück? Sie besitzt Höheres.« Dann begannen die Proben. Ich hatte zu meinem ersten Auftreten Lady Macbeth gewählt. Den Eindruck, den mein Spiel auf der Probe machte und den ich bemerken mußte, überraschte mich. Man war nicht entzückt, sondern verwundert, betroffen. Ich muß mich also doch sehr verändert haben. Wüßte ich nur, worin. Nur einer ist, der es mir sagen könnte. Mit meinem Organ ging es besser als ich dachte. Allerdings habe ich als Lady für den vollen Gebrauch meiner Stimme niemals Anwendung. Die Nachtszene überging ich in der Probe. Veronika saß während der ganzen Zeit in der dunkeln Proszeniumsloge. Sie hörte mich zum erstenmal und konnte gegen mich kein Wort äußern. Ihre Seele rang mit dem Fassen des Gedanken dieser Welt in der Welt. Wie genau kannte ich diesen selig-unseligen Zustand! Ich hätte sie darum beneiden können. Aber auch ich habe gelebt.   Heute abend ist die erste Vorstellung. Ich sah den ganzen Tag niemand, auch Veronika nicht. Wenn nur das Publikum nicht da wäre! Wenn sie nur nicht klatschen wollten! Das wird am schwersten zu ertragen sein. Veronika klopft. Ich muß ins Theater. Während ich dies schreibe, sitzt Veronika zu meinen Füßen und scheint nicht übel Lust zu haben, mich als Heiligenbild anzubeten. Sie ist außer sich. Das übervolle, festliche Haus, das wunderbare Werk, mein Spiel, die Ovationen, die man mir brachte – sie hat keine Ahnung gehabt, daß so etwas möglich sei. Und nun habe ich ihr prophezeit, daß sie das alles an sich selbst erleben soll. Da ist dann solcher Anfall von Schwindel allerdings zu begreifen. Ich habe ihr versprochen, den Unterricht sobald als möglich zu beginnen – sobald es meine Kräfte erlauben. Das soll ein Glück werden! Ich will eine Schülerin zurücklassen, die von mir zeugen soll. Doch wie habe ich heute gespielt? Seltsam, daß ich mir keine Rechenschaft davon ablegen kann; früher war es auch damit ganz anders. Ich weiß nur so viel, daß ich sehr dämonisch gewesen sein muß, zugleich sehr – realistisch. Ich merkte es an dem Schauer, der in der Mordszene das ganze Haus zu durchlaufen schien, an dem Spiel meines Macbeth. In der Bankettszene graute mir vor mir selbst: ich fühlte in meinem Hirn den aufsteigenden Wahnsinn der Lady. Welcher Kopf soll aber auch da bei Verstand bleiben! Dann kam mein Nachtwandeln. Ich hatte mich in mein Bettuch eingewickelt, daß ich kaum schreiten konnte, und ein Tuch um den Kopf gewunden, dicht unter dem Kinn zugeknotet. Beide Arme hielt ich steif ausgestreckt, die Augen weit geöffnet, mit ausdruckslosem Blick. In meinem Gesicht veränderte sich kein Zug. Mein Körper war wie erstarrt, kaum daß ich mich zu bewegen vermochte. Die Hände wusch ich mir, mit weit auseinandergespreizten Fingern. Ich sprach tonlos, ohne mit dem Klang zu wechseln; wusch mir fortwährend das Blut ab, ohne darauf hinzusehen. Zuweilen stöhnte, röchelte ich, wie eine, die der Alp drückt. Beim Abgehen tastete ich mich die Wände entlang. Es muß fürchterlich gewesen sein. Ich bekam, wie gesagt, Ovationen. Die Bühne war ringsum mit Kränzen bedeckt. Das Orchester blies Tusch. Ich wurde so oft gerufen, daß ich zuletzt wankte. Was würde Fernow zu meinem blutigen Spiele sagen? Ich bin durchaus so gewesen, wie er es von mir verlangt: durchaus wahr. Ich fürchte nur, zu wahr.   Ich bin sehr erschöpft; dennoch gedenke ich gleich morgen abend mein Gastspiel fortzusetzen und zwar als Adrienne Lecouvreur. Ich freue mich sehr auf diese Rolle: man kann darin so schön wahnsinnig werden. Ich werde sie so spielen, daß die auf der Galerie glauben sollen, ich sei es wirklich geworden. Und wie ich die vergifteten Rosen küssen will!   Meine Adrienne hat einen unerhörten Erfolg gehabt. Nur meine Rezitation aus der Phädra im dritten Akt wirkte nicht so stark, wie ich glaubte, daß sie wirken würde. Soll ich für solche Leidenschaft nicht mehr über die Töne verfügen können? Dagegen fühlte ich bei meinem Wahnsinn und Tod meine Meisterschaft. Hier fand ich für meine Empfindung einen Ausdruck, der mich erstaunte und zugleich erschreckte. Nachdem ich das Gift aus den verwelkten Rosen getrunken, verwirrten sich meine Gedanken, mein Kopf begann zu schmerzen, ich suchte nach den Worten meiner Rolle und besann mich nicht sofort darauf, ich ward von einer unsagbaren Angst ergriffen, mein Atem ging schwer. Ich meinte ersticken zu müssen. Im Publikum wurde man unruhig, dann wieder ganz lautlos. Ich spielte immer weiter und zwar von der Situation fortgerissen, immer natürlicher und lebenswahrer. Als ich allmählich starb, zuckte mein Körper, verzerrten sich meine Züge, mein letzter Seufzer ward zu einem entsetzlichen Aufschrei. Kaum hatte ich die Kraft, mich vom Stuhl zu erheben und vor dem Publikum zu erscheinen, das mich unzähligemal zu sehen verlangte. Veronika stürzte an meine Brust. »Du bist wirklich nicht gestorben, du lebst wirklich!« stammelte sie, am ganzen Leibe zitternd, vor Entsetzen halbtot. Der Direktor war in Verzückung. Rezensenten und Agenten umlagerten mich; ich konnte durch die Menge, die draußen auf mich wartete, kaum zu meinem Wagen gelangen. Nun bin ich sehr ermattet, sehr beglückt. Einen weiß ich, der mich heute heftig schelten würde, daß ich auf dem besten Wege sei, mich selbst zu zerstören. Guter, armer Mann, diesmal würde deine Schülerin nicht auf dich hören. Sie kann nichts dafür.   Heute ist in allen Zeitungen meine Lady Macbeth besprochen. Ich finde, man ist ungerecht gegen mich. Mein »krasser Realismus«, den man mir vorwirft, ist eben Wahrheit. Die Deutschen können nun einmal keine Wahrheiten auf der Bühne vertragen. Sie nehmen den Laokoon zur Hand und bestimmen die Grenzen der Kunst mit einem Maßstab. Ein Zoll über ihre Linie hinaus heißt bei ihnen bereits Überschreitung aller Gesetze und Regeln der Kunst. Ich kann nicht zugeben, daß wir uns selbst in solche Fesseln schlagen sollen. Wo bleibt bei der Konvention, bei dem Typus – bei solchem Kanon, das freie künstlerische Schaffen, die Eigentümlichkeit, die Individualität des Künstlers?! Die Kunst muß aus dem Allgemeinen hervortreten wo sie es nur vermag. Jeder, der dazu die Kraft in sich fühlt, soll es tun. Ich ahme nicht nach, sondern ich schaffe. Zeigt mir einen Verstoß gegen die Wahrheit, beweist mir, daß ich die Natur karikiere und ich will euch recht geben so sehr und ganz, daß ich die erste bin, die mich nicht mehr eine Künstlerin nennt. Die Ästhetiker tadeln an meiner Lady Macbeth zum Beispiel auf das heftigste, daß ich meinen Mitspieler veranlaßt, in der Mordszene mit blutigem Dolch aus der Kammer des Königs zu stürzen. Aber wie hat dieser blutige Dolch gewirkt! Beredter als der Schauspieler es konnte, schilderte und illustrierte der blutgefärbte Stahl die furchtbare Szene. Erst jetzt glaubte man den König wirklich ermordet, man glaubte diesem Mord selbst beigewohnt zu haben: man sah eben das Blut, der blanke Dolch des Mörders schwächt alles, macht alles unwahrscheinlich und komödienhaft. Als Macbeth den Mord vollbracht und sofort entfloh, hat er gewiß nicht vorher seinen Dolch sorgfältig abgewischt. Der blutige Dolch ist also eine Wahrheit. Wo liegt hier mein Verbrechen? Meine Nachtwandlerszene nennen sie genial, aber auch hier finden sie Übertreibung. Ich sei unschön geworden. Unschön! Wie dieses eine Wort zum Verräter an ihnen wird! Als wenn die Wahrheit immer Schönheit sein könnte? Nun, so seid in Gottes Namen unwahr, aber nur um Himmels willen nicht unschön. Am höchsten stellen sie in der Bankettszene mein Vorbereiten des letzten Aktes. Das dürfen sie auch loben!   Meine Adrienne analysieren sie, wie ein Arzt einen Leichnam seziert. Sie lassen mir alles mögliche gelten, nur nicht mein Bestes, nur nicht eben – meine Wahrheit. Was kann ich dafür, wenn eine schwächliche Dame über mein Sterben in Ohnmacht fiel? Ist der Künstler für die Nerven des Publikums verantwortlich?   Heute abend spiele ich wieder und morgen abend wieder und so alle Tage. Sie sagen: auf solchem Wege würde ich erkranken. Ich werde krank, wenn ich nicht spielen kann.   Von allen Seiten kommen Anerbieten zu glänzenden Engagements, doch gedenke ich auf keins einzugehen. Ich will vollkommen frei bleiben, bald hier, bald dort sein; vielleicht, daß ich mit einer eigenen Gesellschaft reise. Fernow freilich würde dazu den Kopf schütteln.   Veronika hatte heute einen Brief von ihrem Bruder erhalten; seine Wunden heilen langsam. Fernow ist noch immer bei ihm. Beiden geht es gut. Ich wußte es ja: er ist stark – stärker als ich.   Ich bin längst nicht mehr in H ..., sondern unterdessen schon in B... und F... gewesen und werde in einigen Tagen von hier nach W ... abreisen. Es ist, wie ich gesagt habe: wenn ich einmal einen Tag nicht spielen kann, bin ich krank, todkrank! Ich lebe nur auf der Bühne, sobald ich dieselbe verlassen, beginnt meine Scheinexistenz. Dann ist alles Lüge und Komödie, ein widerwärtiges Possenspiel. Mein Repertoir besteht aus folgenden Gestalten: Lady Macbeth, Adrienne, Sara Sampson, Gräfin Orsina, Medea. Hebbels Judith, Maria Magdalena usw. Von Schiller spiele ich nichts, will ich nichts spielen. In alle meine Gestalten nehme ich geistig den blutgetränkten Dolch aus Macbeth mit hinüber. Kritik, Publikum und ich, jedes von uns dreien bleibt bei seiner Ansicht. Wohin ich komme, werde ich in übertriebener Weise gefeiert und in übertriebener Weise angefeindet. Mich kümmert weder das eine noch das andere. Man spricht viel zu viel von mir.   Seit Monaten schon ist Veronika meine Schülerin. Wie ich lehre, wie sie lernt! Doch das ist nicht ganz richtig ausgedrückt: ich versuche zu lehren, aber sie braucht nichts zu lernen. Es ist alles da, liegt alles in ihr verborgen und braucht nur heraufbeschworen zu werden. Ich bin nur der Zauberer, der mit der Wünschelrute anschlägt und den Schatz hebt. Welch ein Talent! Ich muß immer wieder von neuem staunen. Welche Mittel! Diese Gestalt, dieses Organ, diese Bewegungen! Das Mädchen kann von ihren Bergen fast unmittelbar als Tragödin auf die Bühne herabsteigen. Was an dieser mächtigen Natur noch zu sehr – eben Natur ist, laßt ihre Kraft nur um so größer erscheinen. Von einer bestimmten Lehrmethode kann bei dieser Anlage kaum die Rede sein. Ich gebe ihr die Gestalt, das heißt: ich nenne ihr den Namen derselben, schlage vielleicht auch ihren Grundton an; und sogleich hat sie sie erfaßt, und wie richtig, wie großartig! Bin ich einmal anderer Ansicht als sie, so hört sie aufmerksam zu, wobei sie gewöhnlich die Augen schließt; schüttelt, wenn ich geendet habe, vielleicht leise verneinend ihr schönes Haupt und bleibt meistens unbeirrt auf ihrem Weg. So beschränkt sich denn meine Lehrtätigkeit eigentlich nur auf das Technische: die Ausbildung ihres Organs. Und das ist bei dieser Klangfülle leichte Arbeit. Prosa spricht sie übrigens nicht besonders gut; ihr Reich ist der Vers: der Wohllaut. Daher ist denn auch Schiller ihr Gott, Lessing versteht sie nicht, Shakespeare überwältigt sie noch. Nicht gerade zu meiner Freude habe ich bemerkt, daß sie eine große Vorliebe für Racine und Corneille hat. Sie wird daher im Pathetischen größer sein, als ich ihr wünschen möchte. Überhaupt ist es das ideale Gebiet, das sie einmal unumschränkt beherrschen wird. So gehen denn unsere Wege weit auseinander, wenn sie auch dasselbe Ziel haben mögen: die Höhe der Kunst. Ich merke schon jetzt, wie sie mit meiner Auffassung nicht einverstanden ist, wie sie dadurch verwirrt, erschreckt, geängstigt wird – nicht um ihretwillen. In ihr ist alles klar, in sich ruht sie fest. Es bekümmert mich sehr; aber ich kann es nicht ändern. Ich bin eben anders wie sie.   Ich muß viel über den Unterschied zwischen uns beiden nachdenken. Ich erziele meine künstlerischen Resultate weit mühsamer als sie: durch strenge Arbeit, hartes Studium und viel Grübeln – zu viel Grübeln! Ihr wird das Darstellen so leicht, wie dem Vogel sein Lied. Einmal in ihr Lebenselement eingetreten, könnte sie sich nicht auf lange Zeit daraus entfernen, wie zum Beispiel ich es gekonnt, allerdings unter welchen Kämpfen, welchen Qualen. Obgleich sie ihre größten Wirkungen durch Inspiration erzielt, bleibt sie dennoch immer ziemlich kühl und gelassen. Wo es mir ist, als ob mich Flammen verzehrten, scheint sie nur von Flammen beleuchtet. Wo ich mit Bewußtsein und künstlerischer Arbeit mühsam schaffe, folgt sie ihren Instinkten, die ihr das schwerste Spiel zum Spiel machen. So braucht sie denn weder die Schule der Kunst noch die des Lebens durchzumachen, die ich erlitten habe. Der Preis des Künstlers wird ihr in den Schoß sinken, ohne daß sie darum eine Dornenkrone zu tragen braucht. Ich gönne ihn dir, liebe Schwester.   In den Kritiken werde ich gefragt – es klingt fast wie Vorwurf oder Warnung – wohin ich bei meinem entfesselten Spiel dereinst zu gelangen dächte. Bis zu den Grenzen meiner Darstellungskraft, meine Herren. Was wißt ihr davon, weshalb ich so, gerade so spiele. Ich will mir weder Beschränkung auferlegen lassen, noch selbst auferlegen. Ich will von meiner Seele alle Bande abreißen und sie dahinstürmen lassen. Welch ein Gefühl, wenn ich mich in diese leidenschaftlichen Gestalten einwühle bis in die tiefste Faser ihrer Herzen hinein! Welche Wollust für mich, wenn ich für sie wahnsinnig werde, oder statt ihrer sterbe! Ich will es in diesen Dingen zu einer Meisterschaft bringen, wie sie bis jetzt noch nicht dagewesen.   Veronika beschwört mich, mich zu schonen. – Das tun sie alle und alle quälen sie mich damit. Ich will und kann mich nicht schonen. Mich hat das Spielen immer angegriffen; wenn ich also jetzt manchmal matt und erschöpft bin, wer braucht sich darüber zu wundern? Sie sollen mich überhaupt zufrieden lassen. Veronika freilich, wenn sie fünf Stunden mit ganzer Stimme memoriert hat, fühlt sich so kräftig und frisch, als käme sie aus einem Bade. Dafür besitzt sie auch die physische Stärke, so daß sie ebensogut Gemsjägerin wie Schauspielerin sein könnte. Sie scheint sich immer in der Luft der Alpen zu befinden. Wie blaß und zart dagegen bin ich. Ja, wenn ich ihre Mittel hätte. Ich schäme mich, es niederzuschreiben: ich bin sozusagen in Mode gekommen. Die Stadt, in der ich nicht auftrete, hat keine volle Theatersaison. Was man alles mit mir treibt! Trotzdem ich nur bei erhöhten Preisen spiele, ist das Haus doch stets ausverkauft. Jede Aufführung wird für mich zur Festvorstellung. Man kommt, nicht um das Stück zu hören, sondern um mich spielen zu sehen. Ihr göttlichen Geister, die ihr in euren Werken durch mich so gekränkt, so beleidigt, so gelästert werdet, verzeiht mir! Veronika wohnt jetzt selten einer meiner Vorstellungen bei. Sie ist durch und durch ein eigenartiges Geschöpf. Ich lasse sie gewähren.   Man schreibt jetzt Stücke für mich – gerade keine Meisterwerke. Dennoch spiele ich sie, wenn ich nur darin sterben kann. Rolla, Rolla, besinne dich! Komm zu dir, denke an – –   Heute, nach der Vorstellung, haben sie mir die Pferde vom Wagen gespannt. Es hat mich doch eigentümlich erregt ober vielmehr aufgeregt. Die Menge umdrängte mich jubelnd. Veronika fand ich traurig und niedergeschlagen. Nächstens wird sie zum erstenmal auftreten. Fernow soll in der Nähe sein. Dreiundzwanzigstes Kapitel. »Singt: Weide, Weide, Weide.« Fernows Nähe muß ein falsches Gerücht gewesen sein; ich habe keinen Augenblick daran geglaubt. Bin ich denn krank? Stehe ich denn in Gefahr? Nein, meine Zeit ist noch nicht da. Ich habe mein Projekt durchgeführt und eine eigene Gesellschaft engagiert und fühle mich nun weit freier, weit leichter. Natürlich sind die Kräfte nur mittelmäßig, aber doch gut eingeübt. Dem Publikum ist es ja ziemlich gleich: es will mich haben und nichts als mich. Ich gebe dem Publikum also, was es will. Die Presse ist natürlich wieder gegen mich; ich lese keine Zeitungen mehr.   Veronika hat als Maria Stuart debütiert. Der Erfolg war nicht so durchschlagend, als ich erwartet hatte. Ich spielte die Elisabeth. Mir kam Veronika sehr groß vor, ich begreife das Publikum nicht. Doch zeigt mir dieser Vorfall wieder einmal deutlich, wie recht ich habe: sie verstehen eben nicht viel von wahrer Kunst. Veronika benahm sich sehr königlich. Sie hatte allerdings die Rezensenten für sich. Man prophezeite ihr einstimmig große Dinge, wenn sie sich hüte, in meine Fußtapfen zu treten. Die Herren sagten mir damit nichts Neues. Veronika hat als Schauspielerin den Namen ihrer Mutter angenommen.   Dadurch, daß sie bei ihrer Jugend schon so ganz und gar Tragödin ist, kann ich in meiner Gesellschaft kaum Rollen für sie finden. Das ist sehr schlimm. In den meisten Stücken, in denen ich auftrete, weiß ich sie nicht zu beschäftigen. Rollen, wie Emilia Galotti und die Miß sind ihr förmlich zuwider. Es wäre auch ganz gegen ihre Natur, ebenso wie es nicht zu ihrer Gestalt, nicht zu ihrem Organ, nicht zu ihren Bewegungen paßt. Ich lasse also ihretwegen Schiller spielen. Um zu glauben, was sie aus der Luise macht, muß man es sehen. Die abscheuliche Lady wird dagegen immer kläglicher. Trotzdem gebe ich sie; ja und wirke sogar damit. Ich spiele sie aber auch mit einer Leidenschaft, mit einer Realität – –   Ich fürchte, Veronika und ich werden uns trennen müssen; sie muß an eine große Bühne, in ein reineres Element. Sie könnte doch bei mir Schaden nehmen und wie wollte ich das verantworten. Ich schrieb bereits an die Hofbühne von ... und erwartete täglich die Antwort. Wie würde ich mich freuen, wenn sich ihr Talent voll und ganz entfalten könnte. Edles, stolzes Mädchen! Kürzlich erhielt sie Nachricht von ihrem Bruder, die sie sehr froh machte. Pfarrer Andreas fängt an, in seinem Vaterlande eine große politische Rolle zu spielen. Er will nächstens kommen, um seine Schwester auf der Bühne zu sehen. Der wird staunen! Ich will für diese Zeit, so gut es geht, die Jungfrau einstudieren lassen; denn als Jungfrau muß er sie sehen. Veronika ist glücklich. Ich fürchte mich vor diesem Besuch. Er wird doch hoffentlich allein kommen? Bei Fernow ist Luise.   Die Antwort der Hofbühne ist da; Veronika hat Gastspiel auf Engagement erhalten, gerade wie einst ich, und doch wie so ganz anders als ich. Doch daran denkt man nicht mehr. Veronika nahm die Nachricht großartig auf. Auch über unsere baldige Trennung scheint sie sehr gelassen zu denken. Dennoch weiß ich, daß sie mich liebt wie niemand auf der Welt, selbst ihren Bruder nicht ausgenommen. Zwischen uns ist etwas anderes getreten, eigentlich ein reines Nichts – so wenigstens kommt es mir vor. Ich kann es nicht einmal nennen. Sie wird über Nacht berühmt werden, aber niemals glücklich sein. Doch das will sie auch nicht. Seltsam! Wenn ich an unsern Abschied denke, bleibt es auch in mir ziemlich ruhig. Es ist mir ganz unheimlich. Ich werde doch dem Leben nicht schon so abgestorben sein, daß ich nichts mehr betrauern oder beweinen kann? Ich bin doch noch und scheine nicht nur zu sein?! Welche Leere in mir, welche Öde! Wir arbeiteten fleißig an der Jungfrau, Veronika wird herrlich sein. Über ihren dritten Akt war ich heute entzückt und hingerissen. Darin leistete sie das Höchste. Auch in der Szene mit dem Walliser war sie überwältigend, namentlich was das Spiel anbetrifft. Sie ist Zoll für Zoll eine Heldin aus dem Volke. Ihre letzte Szene dagegen ist schlecht. Sie spielt Johannens Tod so unwahr, wie er gedichtet worden. Und wie schön sie ist! Über mich nur so viel: Auch ich habe neulich vor einem Parterre von Fürsten gespielt. Es war mir sehr gleichgültig und zwar so sehr, daß ich es mir merken ließ. Dennoch empfing ich alle möglichen Ehrenbezeugungen. Wie lästig!   In der nächsten Woche erwarteten wir den Pfarrer. Ich werde mich darauf vorbereiten; doch das wird kaum nötig sein. Ich brauche mich im Leben nur noch vor einem zu hüten, was mir gefährlich werden kann: das ist das Denken. Wen der Himmel liebt, den bewahre er vor Gedanken. Da sollte bei Mensch doch lieber gleich ohne Gedanken geboren werden.   Der Pfarrer ist seit einigen Tagen da und wirklich, wirklich – es hat nichts in mir aufgewühlt. Ich bin immer so schwach. Das empfinde ich auch beim Spiel; für den letzten Akt reicht mein Organ nicht mehr aus. Mit halbem Organ und gar keinen Kräften spiele ich das Stück zu Ende. Aber wie spiele ich es! Ihr solltet sehen, wie sie an meinem Munde hängen, wie sie zittern und schaudern. Und dann der Jubel! Gott mein Gott, dieses Leben ist doch schön! Die beiden zusammen zu sehen – ich spreche von Veronika und ihrem Bruder – das tut sogar mir wohl. Merkwürdig, daß der Pfarrer mir so gar nichts von seiner Wirksamkeit erzählt. Ich nehme doch gewiß Anteil daran, oder bildet er sich ein, daß dies nicht mehr der Fall sei, daß ich mich so verändert hätte? Welche Täuschung! Ich bin vielleicht etwas müde, das ist alles! Warum war er so erschrocken, als er mich sah? Warum sprechen die beiden immer heimlich zusammen und verstummen, sobald ich zu ihnen trete? Was ist denn mit mir geschehen! – – Still! Denke daran, nichts denken zu wollen.   Unser Freund hat mich bis jetzt erst einmal spielen sehen und das nicht einmal bis zu Ende: ich wurde nämlich in der Adrienne etwas unwohl und fiel auf der Buhne bewußtlos hin. Das Publikum war sehr erschrocken und verließ lautlos das Haus. Ich glaube, die halbe Stadt hat sich nach meinem Befinden erkundigt; man scheint mich also wirklich gern zu haben. Merkwürdig.   »Wollen Sie sich denn zu Tode spielen?« rief der Pfarrer heute in Verzweiflung aus. Mich zu Tode spielen – könnte ich das? Mich zu Tode spielen – daran habe ich noch gar nicht gedacht – –   Die Vorstellung der Jungfrau hat stattgefunden. Ich saß in der Loge neben dem Pfarrer. Es war ein merkwürdiger Abend. Veronika spielte göttlich. Der Bruder war bewegt, wie ich ihn nie gesehen. Das Publikum benahm sich besser, als ich erwartet hatte und anerkannte das Genie. So war es denn eine gemeinsame Feier. Nach der Vorstellung sind wir drei noch lange beisammen geblieben. Wie gut sie gegen mich sind. Wie sie mich lieben! Rührend ist mir's zu beobachten, wie unserm Freunde seine Schwester beinahe geweiht erscheint. Er spricht ganz anders zu ihr als sonst, beinahe ehrfurchtsvoll.   Warum redet er nur nie von Fernow? Ich kann ihn doch auch nicht nach ihm fragen. Nun bin ich froh, daß er bald wieder fortgeht.   Morgen hoffe ich wieder auftreten zu können. Dann werde ich auch wieder gesund sein. Unser Freund muß doch Fernow von mir erzählen können. Ich will recht gut spielen, recht in seinem Geiste – –   Ich bin sehr traurig: ich habe gespielt, aber nicht so, wie ich hätte spielen sollen, nicht in seinem Geiste. Mein ganzes Sein ist bei dieser Erkenntnis durchzuckt von Weh, so sehr ich eben noch fähig bin, ein Weh zu empfinden. Es geht viel in mir vor, ich weiß nicht was.   Der Pfarrer ist fort, zu Fernow zurückgekehrt – ich muß bleiben. Veronika verläßt mich in den nächsten Tagen – ich muß bleiben. Ich beginne etwas zu begreifen, etwas Fürchterliches!   Jetzt weiß ich's: ich bin keine Künstlerin mehr, ich bin eine Virtuosin geworden.   Gott steh mir bei, aber ich kann den Jammer nicht länger ertragen. Auch du bist mir genommen, auch dich habe ich hingeworfen, heilige Kunst. Zermalme deine treulose Priesterin! »Wollen Sie sich denn zu Tode spielen,« fragte mich jener treue Freund. Das will ich; aber schnell, schnell! Hinweg mit dir, du abscheuliches Sein!   Ich studiere die Heldin in Franks Trauerspiel, ich werde sie spielen, ich werde – – Schicksal, ich danke dir, so schön zu enden habe ich nicht verdient! – –   Fernow ist angekommen.   Ich bin angekommen. Da Rolla diese Aufzeichnungen nicht mehr fortsetzen kann, bringe ich sie zu Ende. Das ist bald geschehen. Ich fand die Unselige in einem entsetzlichen Zustand, vollkommen rettungslos. Ihr wahnsinniges Spiel hatte sie geistig wie körperlich völlig zerstört, ihre Qual war unerträglich. Um sich aufrechtzuerhalten, hatte sie seit längerer Zeit in unglaublichen Quantitäten Opium genommen, unglücklicherweise niemals zu viel. Sie litt namenlos. Dennoch spielte sie; auch ich vermochte nicht, sie davon abzuhalten. Als ich kam, war sie in einer unheimlichen Weise in das Studium von Franks Tragödie versenkt, eine Beschäftigung, außer welcher sie nichts mehr vom Leben zu empfinden schien – kaum meine Anwesenheit. Ich versuchte sie von der Unmöglichkeit einer Aufführung jenes ungeheuerlichen Werkes zu überzeugen, mußte jedoch einsehen, daß hier alles verloren sei. Sie schloß sich mit ihrer Rolle, welche das Maß aller menschlichen Kräfte übersteigt, in ihrem Zimmer ein und ließ mich tagelang nicht vor sich. Sie trat nicht auf, um sich für die eine Aufführung vorzubereiten – auszuruhen, wie sie es nannte. Dazwischen nahm sie immer Opium – leider niemals zu viel. Nichts flößte ihr mehr Teilnahme ein, selbst Veronikas aufsehenerregender Erfolg in der Hauptstadt berührte sie nicht. Mit großer Anstrengung schrieb sie ihr einige Worte: »Werde niemals, was ich geworden bin; wenigstens überlebe es nicht. Laß meinen Namen in dem deinen erlöschen. Lebe wohl.« Wenn sie mit mir sprach, so war es nur über zwei Gegenstände: über ihre neue Rolle und ihr Virtuosentum. »Du sollst sehen, ich sterbe noch einmal als Künstlerin,« sagte sie dann mit einem stillen Lächeln. Die grandiose Gestalt schuf sie mit einer Meisterschaft ohnegleichen. »Ich will ihn unsterblich machen!« Da ihre Rolle das Drama war, so konnten wir das Stück für die Bühne einrichten. Das geschehen, begannen die Proben, die eine unendliche Arbeit kosteten. Rolla kam nicht von der Bühne fort, nachts studierte sie dann. Und sie lebte noch immer! Ich führte das Werk in die Öffentlichkeit ein, schrieb über den Autor, über sein Leben und sein Stück. Meine Mitteilungen machten Aufsehen; alle Welt war in Spannung und in Erwartung. So rückte der verhängnisvolle Tag der Aufführung näher und näher. Schon in den letzten Proben zeigte Rolla sich ihrer kolossalen Aufgabe völlig mächtig. Sie war bewundernswert. Sobald sie nicht sprach, schien sie zusammenbrechen zu müssen. Ich konnte ihren Anblick kaum ertragen. Welche Proben! Das dämonische Werk versetzte das ganze Personal in Fieber; man erwartete einen Erfolg ohnegleichen. In den letzten Tagen besprach Rolla die ganze Vergangenheit mit mir. Es war, als ob sie dieselbe aus einem Buche ablese, so klar war sie sich über alles. Sie hatte willig damit abgeschlossen. Aber wie sie litt! Ohne daß sie es ahnte, belauschte ich sie einmal! Fast kriechend erreichte sie den Ort, wo sie ihre Opiumflasche hatte, trank und konnte dann wieder leben. Ich war feige: ich floh! Die Tragödie wurde gegeben und – fiel durch. Nur Rollas gewaltiges Spiel verhütete einen Skandal. Sie wußte, daß das Stück verloren war. Im dritten Zwischenakt schwankte sie zu mir hin, umklammerte mich und raunte mir zu: »Ich will es nicht überleben, verstehst du mich: ich will nicht!« Sie war bereits im Todeskampf; aber ich wußte, daß sie nicht sterben würde, daß sie sich noch länger quälen müsse. Da entschloß ich mich. Rolla hatte in der letzten Szene mit ihrem Geliebten – mit Frank! – den Giftbecher zu leeren. Ich begab mich in die Garderobe, nahm das Opiumglas, ließ mir im letzten Zwischenakt von dem Inspizienten den Becher geben, schüttete das ganze Glas hinein und setzte den Becher selbst an die Stelle, von welcher Rolla ihn im Spiel fortzunehmen hatte. Dann wartete ich darauf, daß sie es tat. Ich stand hinter der dritten Kulisse in unmittelbarer Nähe des Bechers. Der letzte Akt – man hatte nach dem vierten Zeichen des Unwillens gegeben – nahm seinen Anfang. Nach den ersten Szenen wollten viele das Haus verlassen, denn es war elf Uhr vorüber. Da trat Rolla auf und keiner ging. Sie trug ein weißes Kleid und ein goldenes Stirnband. Ich mußte immer nach dem Schimmer um ihre marmorblasse Stirn blicken. Zuletzt sah ich nichts als Glanz. Ich kannte jedes Wort ihrer Rolle – näher und näher kam sie ihrem letzten Worte. Ehe ich den Gedanken fassen konnte, war es schon so weit. Sie ergriff den Becher – sie nahm ihn. – – Da sah sie mich stehen. Einen Augenblick schaute sie zu mir herüber. Dann – den Becher erhebend und mir mit ihm zunickend, trank sie. Welches Spiel! Die Tragödie war aus, aber die Schauspielerin konnte nicht vor der jauchzenden Menge erscheinen. Der Regisseur mußte sie entschuldigen. Ich brachte die Todmüde nach Hause und wachte die ganze Nacht bei ihr. Hätte ich auf ihr Erwachen warten können! Nein, es ist besser so. – – Ich habe sie sehr geliebt.