Ernst Wichert Ein Schritt vom Wege   Aus: Eduard Blochs »Volkstheater Nr. 45« Berlin 1871.   Lustspiel in vier Aufzügen [Der Einsender hat die Rechtschreibung an die Reform vom 1901 angepaßt. Re.]   Personen Arthur von Schmettwitz , Gutsbesitzer Ella , seine Frau Kurt von Hageln , deren Bruder Egon , ein Reisender Dr. Rathgeber , Badearzt Busch , Badekommissarius und Polizeiverwalter in Kieferthal Badegäste in Kieferthal: Schnepf , Geheimer Registratur Clotilde , seine Frau Bertha , seine Tochter Blanknagel , Kaufmann Rosette Hasenklein , Vorsteherin eines Damenpensionats Peter Schnips , Kellner im Gasthause »Zum goldenen Tannzapfen« Ein Führer Ein Hirte Ein Polizeidiener. Ein Postbote. Ein Blumenmädchen. Badegäste. Ort der Handlung: Bad Kieferthal im Fürstentum Sulzingen und Umgegend. Erster Aufzug Berg und Wald. Der Vordergrund ist als Aussichtsplatte zu denken; darauf einige Bänke. Weiter zurück steigt der Weg, sanft von rechts nach links, an (quer über die Bühne) . Rechts auf der abgewendeten Seite des Weges eine Steinmauer, über welche man in ein Tal sieht. Weiter nach der Mitte hin dichter Wald, zu dem (seitwärts vom Wege) durch Vorsatzstücke ein Gang frei sein muß, der von der Bühne ab –, aber nicht, wie der Weg selbst, sichtbar hinter die Kulissen führt. Man hört in der Ferne von Zeit zu Zeit Herdengeläut. Erster Auftritt Kurt v. Hageln, (junger Mann; leichteste Sommerkleidung, Bergstock) , ein Führer, mit Tüchern und Taschen beladen, hinter ihm von rechts. Kurt (noch außerhalb) . Hoia – ho – o ! (Leises Echo in der Ferne) : »ho – o !« (Näher.) Hoia – ho – o ! (Echo noch leiser) : »ho – o!« (Eintretend) . Ist das alles, lieber Freund? Führer. Bewahre, gnädiger Herr; hier geht's erst los. Kurt. Darum! Wenn dieses die berühmte Dame Echo wäre, die hier in euren Bergen hausen soll, wie ihr versichert, so müsste sie ein schwindsüchtiges Fräulein sein, das den Winter nicht erlebt. – Hoia – ho – o ! (Er horcht.) Das hat sie schon übel genommen; sie piepst nicht einmal mehr. Führer. Eine Dame ist's nicht, gnädiger Herr; und wenn Sie ein schwindsüchtiges Fräulein suchen, das ist allenfalls zu finden, wenn Sie drüben nach Bad Kieferthal hinabsteigen wollen. Haben Sie aber noch zehn Minuten Geduld, so ist's mit dem siebenmaligen Echo schon richtig. Hier sperren die Tannen den Grund. Kurt (zieht die Uhr) . Zehn Minuten? Gut! Arbeiten wir uns noch weiter hinauf im Schweiße unseres Angesichts. Aber jeder edle Tropfen, der umsonst vergossen wird, brenne Eure Seele, Mann, daß sie durchlöchert werde wie ein Sieb. (Wischt mit dem Tuch die Stirn.) Wo sind wir denn hier? Führer. Auf der Bellevue-Platte, gnädiger Herr. Kurt. Wenn ich für jede französische Bellevue auf deutschem Boden einen preußischen Taler hätte, war' ich ein reicher Mann. Was sagst du dazu, mein Mentor? Führer. Ich weiß nicht, gnädiger Herr – wenn ich gemeint bin. Aber man nennt's auch Schillerplatte, weil einmal unten in Bodenbach ein Schulrat gewohnt hat, der hier Gedichte gemacht haben soll. Kurt. Lassen wir also diese heilige Stätte unentweiht. Wohin kommen wir nun? Führer. Nach den Rabensteinen; da durch auf den Hockstein, der hart am Kessel liegt. Kurt. Und in diesem Kessel werden wir völlig geschmort? Führer. Nein, gnädiger Herr; da ist das siebenfache Echo! Kurt. Aha! Ich bin begierig darauf. Meine Passion ist Echosuchen. Der Line reist auf schöne Aussichten, der Andere auf Bauwerke, der Dritte auf Ruinen, der Vierte auf berühmte Biere – ich reise auf Echos. Ich gedenke ein Buch herauszugeben: Echo in Deutschland, Schweiz und Italien. Wenn euer Hockstein am Kessel darin mit einem Stern gedruckt wird, seid ihr gemachte Leute. – Also vorwärts! Führer. Wollen wir nicht auf die anderen Herrschaften warten, gnädiger Herr? Kurt. Ah, die! – (Er tritt an die Steinmauer und sieht über dieselbe hinab.) Vorwärts, vorwärts! Habt ihr schon so schwer an eurem Ehejoch zu schleppen? Nicht so übel, vierzehn Tage nach Ablauf der Flitterwochen. (Kommt zurück.) Ein reizendes Vergnügen, mit einem jungen Ehepaar zu reisen. Nie wieder in meinem ganzen Leben! Erst waren sie sich selbst so interessant, daß ihnen die langweiligste Tour eine wahre Himmelfahrt schien, und dann hatten sie das Reisen so satt, daß ihnen das Interessanteste Gähnen verursachte. – Kommt ihr endlich? Zweiter Auftritt Die Vorigen. Arthur von Schmettwitz (junger Mann Anfangs der Dreißiger, blonder Vollbart, gesetzt, etwas trocken); Ella (sehr jung, im modernsten Reisekostüm); von rechts. Ella. Dieser entsetzliche Weg! Wie mit dem Zirkel abgesteckt. Fünfzig Schritte nach rechts und fünfzig Schritte nach links, und wenn man hundert Mal seinen Fuß inkommodiert hat, ist man glücklich zehn Ellen höher gekommen. Arthur. Du solltest dankbar sein, liebes Kind, daß man's uns so bequem gemacht hat. Ella. Bequem! Ein schreckliches Wort. Überall hat man's dem armen Reisenden so bequem gemacht, daß darüber das letzte Restchen Poesie verloren gegangen ist. Unten am Aufstiege stehen die üblichen Esel mit Herren- und Damensattel; denen mag's zu gönnen sein. Arthur. Du bist auch mit Allem unzufrieden. Ella. Was sich mir aufzwingen will. Kurt. Wollt ihr ausruhen, oder können wir weiter? Ella. Ich verzichte auf die Rabensteine; sie sehen wahrscheinlich genau so aus, wie alle die andern Rabensteine, die wir schon genossen haben. Arthur. Mir ist's recht, wenn wir bleiben. Kurt. So verzeiht, wenn ich euch den Führer entführe. Ich muß mein siebenfaches Echo haben. Ella. Ich könnte für deine Lunge besorgt werden, Kurt, wenn's noch lange so weiter ginge. Daß sich doch endlich Fräulein Echo erbarmte und dich in leibhaftiger Gestalt abfinge. Daß du reif bist für die Ehe, habe ich dir längst gesagt. Kurt. Willst du mir eine Frau wünschen, die mir beständig nachschreit? Ella. Wie garstig: eine Frau, die immer deiner Meinung ist. Ich denke, das könnte dir gefallen – nicht wahr, Arthur? Arthur. Da müsste sich freilich Echo selbst verkörpern. Kurt. Ohne Scherz, ich rechne fest darauf, daß einmal so etwas passiert; und dann ohne Besinnen zugegriffen! Das arme Ding muß erlöst werden. Es erlag der Liebespein und wurde in eine Stimme verwandelt. Was anders kann ihm wieder Gestalt geben, als die Liebe? Arthur. Hätte dich doch Ovid bei seinen Metamorphosen um Rat gefragt! Geh' nur, geh', du – Narziß der Zweite. Kurt. Adieu denn so lange. (Zum Führer.) Dort weiter? Führer. Immer den Weg grade aus. (Kurt und der Führer nach links ab; hinter der Kulisse ruft ersterer noch einmal sein »Hoia – ho – o!«) . Ella (sich umschauend) . Natürlich wieder die üblichen Aussichtsbänkchen für gesittete Naturschwärmer. Ist da nicht ein Mann mit dem Fernrohr in der Nähe? Kein Krüppel, der die Photographie von der reizenden Aussicht feilbietet, die man genießen soll? Kein fliegender Restaurant mit Erquickungen? Nicht einmal ein Invalide mit Leierkasten? Also erst die Anfänge der Kultur, und doch schon unleidlich. Arthur. Setzen wir uns? Ella. Meinetwegen – aber mit dem Rücken nach der schönen Aussicht. Man muß doch einmal Abwechslung haben. Arthur. Du bist übler Laune, Ella. Ella. Im Gegenteil, ich bin bei bestem Humor. Arthur (seufzt) . Ella. Hab' ich unrecht, Männchen? Ist's nicht abscheulich? In den deutschen Bergen, in der Schweiz, in Italien – überall, wo wir die schöne Welt suchten – derselbe langweilige Ausputz. Eisenbahnen, Telegraphenstangen, Wärterhäuschen, eins, zwei, drei – zwanzig, fünfzig, hundert; Hotels von vier Etagen mit Portier, Stubenkellner, Hausmädchen, Table d'hôte – einmal um zwei, einmal um drei Uhr – immer dieselben sechs oder acht Gänge; Droschken mit lahmen Pferden, Omnibus, Pferdebahn nach den Vergnügungsorten; geebnete Wege mit Tafeln an den Bäumen, auf jedem Hügel eine Restauration mit beleibrockten Kellnern, an jedem Berge Sänftenträger, Maultiere, Wegweiser – überall dasselbe Einerlei diesseits und jenseits der Alpen. Man reist Monate lang viele hundert Meilen weit, und doch eigentlich nur von Perron zu Perron, von Hotel zu Hotel; man wechselt die Nordbahn mit der Westbahn, die Post mit dem Dampfboot, das rote Ross mit dem schwarzen Adler – Bellevue mit Belvedere – aber nur der Name wird ein anderer, die Sache ist immer dieselbe, und Städte und Länder, die man zu sehen bekommt, ziehen vorbei, wie die Tableaux im Guckkasten, fern – fern, so nahe man ihnen auch zu kommen meint. Arthur. Du überraschst mich auf unserer letzten Station durch ein sehr eigentümliches Resume deiner Reiseerfahrungen, Kind. Ella. Nenne mich nicht immer Kind – ich bitte dich! Ich bin deine Frau und nach dieser großen Reise gar nicht mehr das kleine dumme Ding aus der Pension, das sich so wenig fühlte, dem Vetter Schmettwitz gleich an den Hals zu fliegen, als er gnädigst die Arme ausbreitete. Arthur (versucht sie zu küssen) . Du loser Schalk. Ella (entzieht sich ihm) . In den Flitterwochen nach unserer silbernen Hochzeit! Arthur. Warte, wenn ich dich erst zu Hause habe! Dann soll das rechte Leben anfangen. Noch einmal auf die langweilige Eisenbahn, eine Nacht durch sich rädern lassen, eine kurze Postfahrt seitab, und wir sind auf unserm lieben Gute Schmettwitz. Ich muß gestehen, es geht mir ähnlich, wie dir; die Reise währt mir schon zu lange, und ich habe eine rechte Freude, die alte Wirtschaft so nahe zu wissen. Ella. Als ob du nicht schon seit Wochen mit allen deinen Gedanken darin stecktest, bester Freund! Mit allen deinen Gedanken –! Ich kann dir nicht helfen. Für deine junge Frau ist nichts geblieben. Arthur. Aber Ella –! Ella. Haben wir ein Feld vorüberfliegen gesehen, ohne daß du an deinen Weizen gedacht hättest? Weidete irgendwo eine Herde, die du nicht mit deinen Oldenburgern vergleichen mußtest? Weshalb hast du die Zeitungen zur Hand genommen, als nach den Wetterberichten und Wollpreisen zu suchen? Wovon hast du unterwegs gesprochen, als von Stallfutterung und Brache? Ach! Du bist ein entsetzlicher Philister geworden. Arthur. Ist mir's zu verdenken? So viel Herrliches man auf Reisen sieht, man sehnt sich nach dem kleinen Fleckchen Erde, dem man durch seine Arbeit Gedeihen gibt. Ella. Wenn ich dich immer so gekannt hätte – ! Aber zu meinem Unglück hatte ich als ganz kleines Mädchen den kreuzfidelen Studenten Arthur von Schmettwitz mit roter Mütze und Schnurrock zu Gesicht bekommen, und der hatte mir so ausnehmend gefallen, daß ich alle die Jahre in der Pension von ihm träumte. Und als er mich nun wirklich zur Frau haben wollte, da meinte ich, nun würde auch für mich das lustige Leben beginnen. (Mustert ihn.) Bist du denn wirklich derselbe? Bist du wirklich einmal jung und Student gewesen – wie? Arthur (lachend) . Vor zehn Jahren – freilich, und ein Bursch von echtem Schrot und Korn; davon wissen Greifswald und Heidelberg zu erzählen. Ella (den Kopfschüttelnd) . Ich glaub's nicht. Arthur. Das flotte Leben muß doch einmal aufhören. Ella. Und bei mir soll's gar nicht anfangen. Aus dem kindischen Mädchen hat gleich eine verständige Frau werden sollen. Wie anders hab' ich mir's gedacht! Auf dieser Reise schon. Und immer so spießbürgerlich fort auf der großen langweiligen Heerstraße aller Reisenden mit dem Baedeker in der Hand, immer dieselben blasierten Reisegesichter heute und morgen; und rechts und links ist's so schön, überall, wo man nicht sein kann. Und nun morgen zu Hause und eigentlich nichts erlebt –! Arthur (bei Seite) . Das sind ja reizende Erfahrungen! So dürfen wir nicht zurück. Ella. Alle Romantik scheint aus der Welt verschwunden; sie ist für Geschäftsleute eingerichtet, die's zu Hause und auf Reisen bequem haben wollen. (Aufstehend.) Gehen wir hinab. Arthur (nachdenklich) . Es tut mir wirklich leid – – Höre, Ella, so dürfen wir nicht in unser Nest zurück; es würde uns schlecht darin behagen. Die Reise-Romantik – die ist leicht zu haben. Ella. Ich zweifle. Arthur. Was gibst du mir, und ich verschaffe dir zu guter Letzt noch die schönsten Abenteuer. Ella. Einen Kuß, wie du ihn noch gar nicht bekommen hast. (Achselzuckend.) Aber du –? Wie solltest du das wohl anfangen? Arthur. Ein Schritt vom Wege, und wir sind in der allerromantischsten Romantik mitten darin. Ella. Ein Schritt vom Wege? Wer so leichtgläubig wäre. Arthur. Wir werfen zum Beispiel von uns, was uns als Herr und Frau von Schmettwitz legitimiert – diese Brieftasche mit meiner Paß- und Visitenkarte. Die Reisekasse hat Kurt bei sich, sie beschwert uns also nicht. Diese kleine Börse geht auch über Bord, sie wird keinen Bettler zum Krösus machen, und ich habe schon so manches Mal mehr Geld fortgeworfen. Und dann – wie lustige Studenten ohne Gepäck und Barschaft – dort in den blauen Wald hinein! Willst Du? Ella. Herrlich, herrlich! Das ist ein köstlicher Einfall. Da höre ich doch einmal wieder den Arthur von Schmettwitz, in den ich mich als Kind sterblich verliebt hatte. Ist's denn dein Ernst, Männchen? Arthur. Mein voller Ernst. Aber du mußt versprechen, mindestens drei Tage lang inkognito auszuhalten, was auch kommen möge. Ella. Ach! So lange du willst! Arthur (hebt Brieftasche und Börse in die Höhe) . Soll ich also? Überleg's wohl. Ella. Ohne Bedenken! Du machst mich ganz glücklich. Arthur (bei Seite, indem er nach der Steinmauer geht) . Das Mittel ist gewagt, aber es kann fürs Leben helfen. (Dicht an der Mauer.) Nun? Ella. Nur zu! Arthur (wirft Brieftasche und Börse hinab) . Du willst es. Ella (klatscht in die Hände) . Prächtig – prächtig! Arthur (kommt zurück) . Wir sind jetzt Vagabunden, also die richtigsten Romantiker von der Welt. Dort fuhrt der Weg links hinauf – also geradeaus in den Wald. Ella. Und bevor Kurt von seinem Echo zurückkommt! Deinen Arm, Herzensmann. Arthur. Mit Vergnügen. (Sie gehen.) Ella. Und ins tiefste Dickicht –ja? Arthur. Durch Dick und Dünn! Du sollst mit mir zufrieden sein. Ella (macht sich von ihm los) . Ich laufe dir voran. Arthur. Nur zu! (Zurückgewandt.) Kurt wird sich wundern. (Beide ab quer über den Weg und geradeaus in den Wald hinauf.) Dritter Auftritt Egon (mit einem leichten Ränzel auf dem Rücken) von rechts. Egon (singt vor sich hin) . »Als ich noch Prinz war von Arkadien, wie lebte ich so frei und froh« – von karger Apanage und Lieutenantsgehalt, vielleicht sorgenfreier und vergnüglicher als der Fürst von Sulzingen, der ein sehr reicher Mann ist und über reelle zehn Quadratmeilen deutscher Erde gebietet. (Wirft das Ränzel auf die Bank und setzt sich daneben.) Kurze Rast und weiter! – Daß mir's immer vor den Ohren schwirrt das dumme Lied vom Prinzen von Arkadien, seit jenem traurigen Theaterabend, an dem ich meine geliebte Eurydike zum letzten Mal singen hörte und dann ohne Abschied in das Schattenreich meiner Jugendtorheiten steigen ließ. Fahre hin – das Schicksal will's. Es gibt höhere Pflichten, als deinen kleinen Fuß zu bewundern und deine Doppeltriller zu beklatschen – (seufzt) schade, jammerschade. Warum mußte über Nacht der unbeachtete Nebenast des Sulzinger Stammbaumes das letzte grüne Reis werden, von dem Früchte zu hoffen sind? O vanitatum vanitas! Was ist der Mensch? Eine melancholische Betrachtung angesichts dieser lachenden Erde, die dem Leichtsinn der Sterblichen so hold ist. Ist's nicht größter Reichtum, sich des Leichtsinns zu entschlagen, ein mäßiges Glück in Freiheit zu genießen, und sich dafür die Lasten eines mediatisierten Großwürdenträgers der Schöpfung aufzubürden? In der kleinbürgerlichen Zehnquadratmeilenwelt die Rolle des geliebten Landesvaters spielen – grausiger Gedanke. Überlegen wir's noch; studieren wir der Sicherheit wegen erst Land und Leute in der unscheinbaren Hülle eines simplen Fußreisenden – es ist nützlich und erquicklich zugleich. Ah! Man fangt doch eigentlich erst an, Mensch zu sein, wenn man sich entschließen kann, einmal nichts zu sein, als – Mensch. Diese Wonne: bergauf, bergab – pah! Auch das muß ein Ende haben. ( Er zieht eine kleine Fotografie hervor und betrachtet sie.) Vielleicht begegnen wir zufällig auch der kleinen Prinzeß Amalie, mit der uns der dienstbeflissene Herr von Schwalbe bekannt zu machen für gut fand. Sollte auch die Sonne den Prinzessinnen schmeicheln können? Das Gesichtchen ist nicht übel. Verliebt sie sich in mich, ohne zu wissen, wer ich bin – (Steht auf.) Weiter! (Summt.) Als ich noch Prinz war von Arkadien – – (Wirft das Ränzel über.) Basta! Er soll mich in Ruhe lassen. (Geht nach dem Wege zurück.) Vierter Auftritt Egon. Ein Hirte (taucht hinter der Steinmauer auf und sieht sich um). Hirt. Heda, Herr! Haben Sie etwas verloren? Egon. Das ist schwer zu wissen. Vielleicht das Kostbarste, was ich besaß. Hirt. Das kann sein, Herr. Ich hab's da unten gefunden, als ich der braunen Liese nachging, die sich hier hinauf verlief. Egon. Wer ist die braune Liese? Hirt. Meine Kuh, Herr, sie gehört zur Bodenbacher Herde. – Es muß Ihnen aus der Tasche gefallen sein, als Sie dort über die Mauer 'nausschauten. (Er zeigt das Taschenbuch und die Börse.) Egon. Zeigt einmal. (Er öffnet das Buch und blättert in demselben.) Reisenotizen. Mailand – Bologna – Rom – Neapel – (liest) »die Pferde lange nicht das, was man sich von der berühmten Neapolitanischen Rasse verspricht« – Wer ist dieser Pferdezüchter? (Sucht in den Taschen.) Rechnungen – Frachtzettel – ah! Visitenkarten. »Arthur von Schmettwitz« – ein pommerscher Junker vermutlich – vielleicht auch Mecklenburg. – Auch gleich die Börse eingebüßt – hm – hm! Hirt. Sind Sie nun der, lieber Herr? Egon. Besser ich nehm's an mich. Vielleicht ist der Verlierer wenig voraus und noch einzuholen, oder man kann's in der nächsten Stadt abgeben. – Es ist richtig. Hirt. Das ist wahr, Herr. Es fehlt wirklich nichts, wenn Sie nachzählen wollen. Egon. Ist man so ehrlich in Bodenbach? Hirt. Die armen Leute wenigstens sind's. Egon. Gehört Bodenbach zum Fürstentum Sulzingen? Hirt. Nein, Herr, aber es liegt an der Grenze. Wir sind auch froh, daß es nicht dazu gehört. Egon. Weshalb? Hirt. Da kann keiner wissen, was wird, seitdem der Erbprinz sich beim Sturz mit dem Pferde das Genick gebrochen hat, und die alte Durchlaucht aus Schreck gleich nachgestorben ist. Es war schon immer eine schlimme Wirtschaft dort, und das Wild in den Wäldern hat's besser gehabt, als die Menschen; aber jetzt weiß keiner so recht, wer der neue Herr ist. Soll aber nichts an ihm dran sein. Egon. So – –? Hirt. Man sagt, am liebsten möchte die gnädige Frau das Fürstentum für ihre Töchter haben. Das soll aber nicht gehen. Egon. Warum? Hirt. Es steht in den alten Briefen. Aber der neue Fürst kann ja allenfalls eine von den Prinzessinnen –Töchtern heiraten. Egon. Sehr freundlich. Hirt. Ihm soll freilich eine vom Theater besser gefallen. Egon. Ihr wißt ja gut Bescheid. Hirt. Es redet sich so herum, Herr. Atjes! Egon. Kommt man hier nach Kieferthal? Hirt. Ja, Herr! Aber tausend Schritte weiter, hinter den drei hohen Tannen, führt ein schmaler Fußsteig ab, auf dem erreichen Sie's ein paar Stunden früher. Sie kommen an der Jägerhütte vorbei. Egon (gibt ihm Geld aus seinem Portemonnaie) . Da ist Fundlohn, weil Ihr ehrlich seid. Bleibt dabei. Hirt. Dank, Herr, Dank. Nun weiß ich doch gewiß, daß Sie der Rechte sind. (Über die Mauer ab.) Egon. O Einfalt! – Also, so schlimm sieht's in Sulzingen aus, und so gut ist der neue Herr bekannt! Nicht übel. Wenn die Großen wüßten, wie die Kleinen über sie denken, vielleicht würden sie sich's gesagt sein lassen. – Wo nun diesen Schmettwitzer finden, der seinen Besitz so sorglos gehütet hat? – Da kommt Jemand die Höhe herunter. Ich will ihn so schlau inquirieren, wie der ehrliche Hirte mich. Fünfter Auftritt Egon. Kurt und der Führer von links. Egon. Guten Tag. Kurt (will rasch vorbei) . Guten Tag. Egon. Haben Sie etwas verloren, Herr? Kurt. Zeit und Mühe, Herr; denn das Echo war jämmerlich. Egon (bei Seite) . Der ist ein Narr. (Laut.) Fassen Sie einmal in Ihre Taschen. Kurt (betastet seine Taschen; etwas verblüfft) . Nun? Egon. Geld und Brieftasche in Sicherheit? Kurt. Alles in Ordnung. Egon. Adieu! (Ab nach links.) Kurt. Glückliche Reise. – (Umschauend.) Nicht mehr hier? Wird ihnen langweilig geworden sein, so lange zu warten. Der Henker hole eure Rabensteine. Führer. Die Luft ist heute zu dick, Herr; es zieht ein schweres Gewitter auf. Kurt. Bald ist die Luft zu dick und bald zu dünn; Ihr habt immer Ausreden. – Kommen wir noch trocken hinab? Führer. Wenn wir kräftig zugehen – – ! Kurt. Fort denn! Schmettwitz sitzt sicher schon beim Kaffee. Er ist doch immer der Kluge. Gehet nur voran. (Beide ab nach rechts.) Zwischenaktsvorhang fällt. Verwandlung. Schon während der Verwandlung ferner Donner, von Zeit zu Zeit heftiger. Bei einem besonders starken Schlage geht der Vorhang auf. Man sieht in eine Waldschlucht, die im Hintergrunde ganz mit Steinen und Bäumen verstellt ist (möglichst abweichend von der ersten Szene, deren Unterbau aber wird benutzt werden können) . Rechts nach hinten zu ein großer Baum mit breiter Krone, darunter ein großer Stein. Sturm, Regen und Gewitter. Halbdunkel, zeitweise von Blitzen erhellt. Sechster Auftritt Arthur und Ella von rechts. Er hat seinen Rock ausgezogen und ihr denselben umgehängt. Ella (stützt sich auf seinen Arm) . Ich kann nicht weiter. Tu', was du willst mit mir, aber weiter kann ich nicht. Ich bin so erschöpft – zum Umsinken. Arthur. Wir hätten unter dem Felsvorsprung bleiben sollen, der uns doch ein Dach gegen den Regen bot. Aber du hattest keine Ruhe und wolltest fort. Ella. Sollte uns die Nacht da überraschen? Der Sturm heulte so schauerlich durch das zerklüftete Gestein. Die Angst trieb mich hinaus. Arthur. Und ist's hier nun besser? Kein Weg, kein Steg. Wohin wir uns wenden, Regenbäche, dichtes Gestrüpp. Ella. Eine wahre Wüstenei! Arthur. Aber doch höchst romantisch. Ella. Spotte nicht! Du bist an allem Unglück Schuld. Wie konntest du auch auf einen so verzweifelten Einfall – (Es blitzt.) Ah! Du mein gütiger Gott! Das muß in der Nähe eingeschlagen haben. Arthur. Nun hab' ich noch Vorwürfe. (Donner.) Perdauz! Toller kann's nicht kommen. – Ich hätte doch darauf schwören mögen, daß ich in dieser Richtung sprechen hörte. Warte einmal, ich will eine Strecke nach dort – Ella (klammert sich fest an ihn) . Keinen Schritt ohne mich! Daß du dich gar noch verirrst und nicht mehr zu mir zurückfindest. Hier allein – ich wäre des Todes. Arthur. Aber wir können doch nicht warten – Ella. Und wer weiß, wen du gehört hast? Wenn gar Räuber – Arthur. In tiefer superkultivierten Gegend? Aber um so besser! Dann wäre das Abenteuer vollständig. Nehmen können sie uns ja nichts, als das Leben. Ella (verzweifelt) . Nichts als das Leben! (ängstlich umherspähend.) Siehst du da nicht etwas? Arthur. Wo? Ella. Dort unten. Es sieht aus, wie zwei feurige Augen. Arthur. Vielleicht ein bengalischer Tiger – Ella. Nun ist's wieder fort. – Aber dort die Gestalt ! Arthur. Ein Baumstumpf. Courage, Liebchen. Ella. Nein, nein – daneben! Ein spitzer Hut mit einer langen Feder – Arthur. Da ist der Räuber fertig. Komm, treten wir unter den großen Baum. Ella (nach rechts zeigend) . Dort öffnet sich der Wald. Arthur. Von dort sind wir ja gekommen. Ella (nach links zeigend) . Nein, von dort, wo es so finster ist. Arthur. Ich versichere dich – Ella. Ich weiß es ganz genau, wir müssen nach jener Richtung. Arthur. Das sicherste ist, wir warten den Tag ab. Ella. Auf keinen Fall. Lieber noch weiter gehen. Komm! (Sie zieht ihn fort nach links.) Arthur (zeigt nach rechts) . Du wolltest ja dort hinaus. Ella. Nein, dort! (Gewitter.) Nur schnell. Arthur (bei Seite) . Das fängt gut an! (Beide ab nach links.) Siebenter Auftritt Von hinten rechts her steigen zwischen den Bäumen und Felsstücken herunter: Geh. Registratur Schnepf und Kaufmann Blanknagel; dann Badekommissar Busch und Bertha Schnepf; endlich zuletzt Dr. Rathgeber, Frau Schnepf und Rosette Hasenklein am Arm führend. Blanknagel (mit einem Regenschirm) . Sehen Sie sich vor beim Herabsteigen; der Boden ist schlüpfrig, Herr Geheimer Rath. Schnepf. Schadet nichts. – (In seiner Erzählung phlegmatisch fortfahrend.) Dieser störrische Büroapplikant Munkelsteiner also – Blanknagel. Bekam eine Nase, das weiß ich schon. Schnepf ( bleibt stehen und hält ihn am Arm fest) . Ganz richtig. Aber wie er die Nase bekam, das muß ich Ihnen noch erzählen. Blanknagel (will weiter) . Ich glaube, Verehrtester, Sie haben mir die Geschichte schon neulich erzählt. Schnepf (hält ihn fest) . Habe ich das? Ja, es ist eine höchst interessante Geschichte; man kann sie sehr gut noch einmal hören. Also der Büroapplikant Munkelsteiner, nachdem er fünf Nummern – sage fünf Nummern im Journal übersprungen hatte – Blanknagel. Aber ich bitte Sie, bei diesem Wetter – – ? Daß ich doch mit meinem verhärteten Rheumatismus in Kieferthal geblieben wäre und die Abendzeitung mit den Kursen abgewartet hätte! Schnepf (zieht ihn am Knopfe fort) . Nachdem er also fünf Nummern – Busch (der mit Bertha folgt) . Herr Blanknagel, wollen Sie wirklich nicht Ihren Schirm an das Fräulein abtreten? So viel Galanterie – Blanknagel. Unmöglich! Bei meinem verhärteten – (Schnepf zieht ihn nach dem Baume fort.) Bertha. Danke, danke! Es wäre wirklich zu hart, wenn Herr Blanknagel sich zwanzig Mal unnütz mit dem Schirme geschleppt haben sollte, um ihn das einige Mal, wo uns wirklich ein Regen überrascht, abzugeben. Busch. Aber die Galanterie – Bertha. Es kann nicht jeder ein Badekornmissarius Busch sein. Busch. O! Sie machen mich durch diese Anerkennung sehr glücklich, mein Fräulein. Ja, ich qualifiziere mich zu diesem schwierigen Posten vielleicht besser, als mancher Andere, weil ich so zu sagen nicht ganz ungewohnt bin, bei Hofe zu verkehren. Die Frau Fürstin Witwe, leider Witwe – Bertha. Ist Ihre gute Freundin. Busch. Hm – hm! Das wäre nun vielleicht etwas zu viel gesagt. Aber ich schmeichle mir allerdings, bei den Damen einen Stein im Brett zu haben. (Süß.) Wenn ich auch bei Ihnen so glücklich wäre, Fräulein Bertha – Bertha. Sehen Sie sich vor, da liegt ein Stein. Busch (stolpernd) . Es ist schon so dunkel – entschuldigen Sie! (Dr. Rathgeber, Frau Schnepf und Rosette treten vor.) Rosette. Halten Sie mich doch nur recht fest, Herr Doktor; es ist ein infernalischer Weg! Frau Schnepf. Ich bin doch wirklich begierig, Herr Doktor, wohin Sie uns eigentlich führen werden? Sie behaupteten, des Weges ganz kundig zu sein, und jetzt geht's planlos die Kreuz und Quer – Rosette. Über Stock und Stein – Dr. Rathgeber. Ja, meine Damen, meine Damen, machen Sie mir keine Vorwürfe. In Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft vergißt man ganz, auf den Weg zu achten. Ich weiß bestimmt, daß die Jägerhütte in dieser Richtung liegt – ganz bestimmt, meine Damen, aber das Ungewitter und der Regen – Frau Schnepf. Habe ich's nicht schon gesagt, als wir von Kieferthal ausgingen? Habe ich nicht gesagt, daß ein Gewitter aufziehe? Kenne ich nicht diese verdächtigen grauen Wolkenköpfe mit den weißen Hauben? Aber der Herr Doktor wollte es ja besser wissen. O, das zieht nach Bodenbach hin ab! Da haben wir's nun. Rosette. Es ist Schicksalstücke. Mein neues Alpacca-Kleid – ein wahrer Jammer! Dr. Rathgeber. Ja, meine Damen, auf dem Lande – Frau Schnepf. Und wer wollte doch an der Schneidemühle umkehren? Wir wären noch trocken hinabgekommen. Aber da hatte niemand Augen. Höchstens ein Regenschauerchen, das man in der Jägerhütte abwarten könnte, um dann auf der Platte den herrlichsten Sonnenuntergang zu genießen. Und wo ist nun die Jägerhütte? Ich wette darauf, Sie finden gar nicht einmal mehr nach Kieferthal hinab. Rosette. Das wäre schrecklich! Blanknagel ( sich von Schnepf losmachend) . Ja, Herr Doktor, der Schirm leckt schon; wo ist die Jägerhütte? Schnepf. Man kann nicht einmal eine Geschichte ins Trockne bringen. Dr. Rathgeber. Steigern Sie nicht noch meine Verzweiflung. Ich muß gestehen, ganz konfus geworden zu sein, meine Herrschaften. Aber die Hütte ist sicher ganz in der Nähe. Nur noch wenige Minuten Geduld – (Geht nach links, die Andern folgen.) Frau Schnepf. Nimm dein Kleid ordentlich auf, Bertha. Busch. Kann ich noch mit einigen Stecknadeln aufwarten? Bertha. Der Regen hat schon nachgelassen, und es ist nichts mehr daran zu verderben. Schnepf (zu Blanknagel) . Um also wieder auf den Büroapplikanten Munkelsteiner zurückzukommen – Blanknagel (verzweifelt). Ist der noch immer störrisch? Ich wünschte, dieses Unwetter wäre ihm in den Leib gefahren! (Alle ab nach links, über eine Wasserpfütze springend.) Achter Auftritt Arthur und Ella vom Hintergrunde her. (Ella hat ihn unter den Arm gefaßt und hinkt.) Arthur. Langsam – langsam. Strenge den Fuß so wenig als möglich an. Schmerzt er noch sehr? Ella. Ich kann nur mit Mühe auftreten. Arthur. Die fatale Wurzel! Du mußt durchaus eine Weile ausruhen – durchaus. Ella (sehr matt) . Wie du willst, Arthur. Arthur. Dort unter dem Baum liegt ein großer Stein, darauf kannst du sitzen. Ella. Komm nur! (Er führt sie nach dem Baum und zum Stein.) Der Wald scheint hier doch etwas lichter und freundlicher. Arthur. Ich möchte darauf schwören, daß wir kürzlich schon auf dieser Stelle gewesen sind. Ella. Ach, wo denkst du hin? Wir sind ja immer geradeaus gegangen. Arthur. Wenigstens bin ich ganz sicher, daß wir einen Fußpfad kreuzten – nicht zwanzig Schritte von hier. Trotz der Dämmerung war der schmale nasse Streifen im Grase zu erkennen. Ella. Wir täuschten uns schon so oft. Arthur. Diesmal nicht. Und mehr noch: Ich glaube auch in einiger Entfernung unter den Tannen das Dach einer Hütte bemerkt zu haben. Ella. Wenn das wäre! Arthur. Der Pfad führt gewiß dahin. Laß mich einmal ausschauen, Liebchen – sei verständig. Ella. Du willst mich wirklich hier allein lassen? Arthur. Wenige Minuten. Wenn ich auf dem Pfad bleibe, finde ich mich ja immer zu dir zurück. Ella (resigniert) . Gut – geh denn! Ich kann ja doch nicht mit dir. Arthur. Armes Liebchen! Ella (weinerlich) . Es tropft recht unangenehm vom Baume, wenn ihn der Wind schüttelt; gib mir dein Taschentuch. Arthur. Setze lieber meinen Hut auf; die breite Krempe wird einigermaßen schützen. Ella. Ich füge mich schon in Alles. (Sie nimmt ihr kleines Hütchen ab.) Arthur (setzt ihr seinen Hut auf) . So – – ! Nun siehst du zur Not aus, wie ein Mann. Ella. Daß ich doch über meine Maskerade lachen könnte! Du aber im bloßen Kopf – Arthur. Was schadet's? Ella. Beeile dich nur. Arthur. So viel ich kann. (Er entfernt sich nach dem Hintergrunde und scheint etwas auf der Erde zu suchen.) Ich habe den Pfad schon. Ade so lange. (Ab nach links.) Ella. Es ist doch eigentlich schrecklich dumm, daß ich mich fürchte. Wovor fürchte ich mich? Es ist nur, daß man nie wissen kann – (Sie reibt den Fuß mit der Hand.) Ich hätte doch lieber mit Arthur – der Schmerz läßt schon nach. (Seufzt.) Wenn wir jetzt trocken in Bodenbach säßen – oder im bequemen Waggon – – gut, daß er mich nicht hört! Das wäre gerade Wasser auf seine Mühle. Hasenherz! – Ob er schon weit fort ist? Wenn ich einmal rufen möchte – ? Aber nein! Wer weiß, wen ich herbeilocke. Eigentlich könnte er schon zurück sein. – Rührt sich da nicht etwas? Ich wage mich gar nicht umzusehen. Hier allein und in diesem Aufzuge – – Neunter Auftritt Ella. Egon von rechts, geht, immer zur Erde schauend, hinter dem Baum vorüber bis gegen den Vordergrund links. Egon. Der Fußweg ist kaum noch zu erkennen. Hier oder dort? Ich glaube, ich bin schon abgekommen. Puh! Ein Wetter. Ella. Wenn er vorbeiginge und mich verfehlte – – ! Bist du's, Arthur? Egon. Da sprach Jemand. – Wer da? Ella. Ach, mein Gott, eine fremde Stimme. Egon (sich dem Baum zuwendend) . Es kam von dort her. Wer da? Ella (steht auf und schleicht um den Baum herum) . Vielleicht bemerkt er mich nicht. Egon. Aha! Der hat ein schlechtes Gewissen. Das Beste ist, man geht ihm zu Leibe. (Er folgt Ella, indem er in einiger Entfernung den Baum umstreift.) Ella (huscht hinten herum und sucht sich hinter dem Baum zu verstecken) . Er ist mir auf der Spur. Egon (tritt links hinter dem Baum vor, immer in einiger Entfernung von demselben) . Ich habe den Kerl ganz deutlich gesehen. Wahrscheinlich ein Wilddieb, der sich das Interregnum zu Nutzen macht. Warte, Bursch! Ich will meinen eigenen Förster spielen. (Er geht auf den Baum zu.) Zum letzten Mal: wer da? Ella (schleicht rechts um den Baum herum) . Egon (folgt ihr und hebt seinen Stock wie eine Flinte auf) . Antwort! Oder ich schieße. Ella. Ach, du mein gütiger Gott! Schießen Sie nicht! Egon. Eine Knabenstimme. Fängt man hier so früh an? Wirf das Gewehr fort, Bursche. Ella. Aber ich habe ja keins. Egon. Das werden wir sehn. (Er zieht Ella am Arm vor.) Einmal hier ins Freie! Ha – ha – ha – ha! Weiberröcke? Immer toller! Ella (zitternd) . Ich weiß nicht, wofür Sie mich halten, mein Herr, aber für das Richtige gewiß nicht. Ich bin im Walde verirrt und warte hier auf meinen Mann. Egon (bei Seite.) Wahrhaftig, ein Dämchen! (Laut.) Aber in dieser Mummerei – – ? Ella (setzt sich erschöpft auf den Stein) . Zum Schutz gegen den Regen – mein Mann war so vorsorglich. Egon. Wo ist er denn jetzt? Ella. Er sucht den Weg. Egon. Darf ich wissen, wohin? Ella. Ja, das wissen wir eben selbst nicht. Egon. Das wissen Sie selbst nicht. (Bei Seite.) Sehr wunderlich. (Laut.) Nach Kieferthal vielleicht? Ella. Wahrscheinlich – ja, ja! Jedenfalls nach Kieferthal. (Bei Seite.) Was sage ich nur? (Laut.) Wir kommen aus Italien – unser Wagen blieb auf der Landstraße – wir meinten, einen angenehmen Fußweg nicht versäumen zu dürfen – verirrten – wurden vom Gewitter überfallen – Egon. Und da hätte ich Sie nun halb aus Versehen als einen argen Wilddieb mit meinem Stocke erschossen – Pardon! Ella. Mit Ihrem Stocke? Ha, ha, ha! Egon. Ja, warum antworteten Sie denn nicht gleich? Ella. Weil Sie mich so erschreckten. Sie sind also wirklich nur – ein ganz harmloser – Fußreisender? Gott sei Dank! Ist's denn weit bis Kieferthal? Egon. Sicher nicht. Darf ich meine Begleitung dorthin anbieten? Ella. Ach nein, mein Mann – – ! Aber wenn Sie die Güte haben wollten, hier so lange zu bleiben, bis er zurückkehrt – ich würde Ihnen sehr dankbar sein. Egon (setzt sich zu ihr) . O, mit dem größten Vergnügen. (Bei Seite.) Ein sympathisches Stimmchen! Ella (steht auf) . Aber ich versäume Sie gewiß. Egon. Nicht im mindesten. Ich gehöre vorläufig noch zu den Leuten, die nichts zu tun haben, als sich zu amüsieren. Ella (lachend) . Dazu wird hier wenig Gelegenheit sein. Egon. O, die schafft man sich leicht. Aber warum behalten Sie nicht ihren Platz? – Sie sind ganz fremde hier? Ella (setzt sich wieder) . Ganz fremde. Egon. Dann war's doch wohl etwas gewagt, so spät Ihren Wagen zu verlassen und in den Wald – (Er bemüht sich, ihr unter den Hut zu sehen.) Schade, daß es schon so dunkel ist. Ella (rückt weiter) . Wo er nur bleibt? (Laut.) Es war freilich verwegen Arthur (außerhalb) . Ho – ho! El – la! Ella (steht auf) . Da ist er. (Sie will Arthur entgegen gehen, scheint sich aber anders zu besinnen.) Halt! Nicht voreilig. Das ist ein glücklicher Einfall – – ! Warte, ich will dir deinen Spott heimzahlen. (Kehrt zu rück.) Mein Herr, Sie waren so gütig – darf ich Sie um eine ganz kleine Gefälligkeit bitten? Egon. O, um die größte. Ella. Nur, daß Sie da noch eine Minute sitzen bleiben, während ich verschwinde. Wollen Sie? Aber rühren Sie sich nicht. ( Sie versteckt sich hinter dem Baum.) Egon. Ein munteres Weibchen, wie's scheint. Was sie nur vorhat. Zehnter Auftritt Die Vorigen. Arthur und Dr. Rathgeber von links; hinter ihnen nach und nach Schnepf und Frau, Busch, Bertha, Rosette, Blanknagel. Arthur. Eilen wir! Meine Frau stirbt vor Angst. (Ruft.) Ella! Sie antwortet nicht. Ella (bei Seite) . Er soll sich wundern, wie munter ich bin. Arthur. Ein Glück, daß ich Ihre Gesellschaft traf! Dr. Rathgeber. Ja, aber wie konnten Sie auch – Arthur (auf den Baum zueilend) . Dort ist der Baum – Ella –! Mein armes Weib! (Er umarmt Egon und prallt zurück.) Was ist das – Egon (aufstehend) . Guten Abend. Arthur. Mein Herr – ! Wo ist die Dame – ? Egon. Welche Dame? (Grüßt und geht.) Auf Wiedersehn in Kieferthal, meine Herrschaften. (Bei Seite.) Man muß Niemand den Spaß verderben! (Ab.) Arthur (in größter Unruhe) . Gewiß mir nachgegangen – verirrt – allein im Walde – ! Ella (hinter dem Baum vor) . Weinst du? Ha, ha, ha! Laß dich auslachen, Männchen. Arthur. Ella – ! Dieser Herr – ? Ella. Wir haben uns sehr gut unterhalten. Arthur. Mich so zu ängstigen – ! Wer war – ? Frau Schnepf. Eine recht angenehme Überraschung für den Herrn Gemahl. Rosette. Sehr emanzipiert, das muß man sagen. Schnepf. Daraus mag ein Anderer klug werden. Dr. Rathgeber. Wenn's den Herrschaften jetzt gefällig ist, direkt nach Kieferthal – der Himmel hat sich völlig aufgeklärt. Ella (zu Arthur) . Du bringst ja große Gesellschaft mit? Darf man wissen – ? Dr. Rathgeber. Kieferthaler Badegesellschaft, meine Gnädigste. Höre, daß Sie gleichfalls die Absicht haben – Sehr erfreulich! (Zieht ein Päckchen Druckschriften vor.) Darf ich mir erlauben, Ihnen meinen Führer durch Bad Kieferthal und Umgebungen – bitte! Ella (ausgelassen munter) . Sehr dankbar. Ihm fehlt nur eine Laterne, mit der er sich selbst beleuchtet und uns den Weg zeigt. Hier deinen Hut und Rock, Arthur. Ich möchte nicht zum zweiten Mal in Gefahr kommen, als Wilddieb angerufen zu werden. Arthur (kleinlaut) . Du bist ja wieder ganz lustig und guter Dinge. Ella. Soll ich nicht? Wer hat nun recht gehabt? Ehe der Mond aufgeht, sind wir in einem zivilisierten Badeort und haben den Führer schon gedruckt in der Tasche! Dr. Rathgeber (dienstfertig zu Ella) . Ihren Arm, meine Gnädigste. Rosette. Neue Badegäste – wir sind vergessen. Faßt eiligst Blanknagel unter. Der Zug setzt sich in Bewegung.) Arthur (seufzend) . Die Hilfe kam zu früh. Schade um das Biwak unter freiem Himmel. Zweiter Aufzug Bad Kieferthal. Links das Kurhaus, zugleich Gasthaus zum goldenen Tannzapfen, auf einer Terrasse, davor der Garten mit Bänken, Tischen, Lauben etc. Auf dem Tisch in der Laube (Mitte) Zeitungen, Fidibus – und Aschbecher; links im Vordergrund ein Tisch mit Stühlen. Rechts bleibt der Raum für die Promenade frei, die sich durch eine um das Kurhaus laufende Allee von jungen Bäumen, Ruheplätzchen, Wegweisern etc. kenntlich macht. Im Vordergrunde rechts die Quelle mit zierlicher Brunneneinfassung von Stein. Im Hintergrunde Dorf und bewaldete Hügel. Erster Auftritt Am Tisch links Arthur und Ella beim Frühstück. Der Kellner Peter Schnips geht ab und zu. Am Tisch in der Laube Kaufmann Blanknagel, Zeitungen lesend (Schlafrock und Pfeife). Auf der Promenade hin und her Badegäste, die ihren Becher an der Quelle füllen und auf- und abgehen. Arthur. Schmeckt's? Ella. Vortrefflich. Arthur. Heda, Kellner! Peter (immer sehr eilig und dienstfertig) . Zu Befehl, Herr. Arthur. Ganz soldatisch in dieser soldatischen Zeit. Haben Sie gedient? Peter. Zu Befehl. Arthur. Wo? Peter. Bei einer Marketenderin. Ich habe den ganzen Feldzug mitgemacht. Ella. Und nicht einmal das eiserne Kreuz mitgebracht? Arthur. Vielleicht am Sonntagsrock. Peter. So mancher hätt's nicht bekommen, wenn ich ihn nicht vorher zur Aktion gestärkt hätte. Arthur. Ja – ja! Stilles Verdienst wird selten belohnt. – Noch ein halbes Dutzend Kiebitzeier! Peter. Zu Befehl, Herr! Ella. Haben Sie auch Forellen? Peter. Bedaure unendlich – Arthur. Also noch einmal Kiebitzeier und eine halbe Champagner. Legen Sie frisches Eis zu. Aber flink. Peter (räumt das Kühlfaß ab) . Zu Befehl, Herr. (Ab ins Haus.) Ella. Wie gefällt dir nun Kieferthal? Arthur. Nicht besser und schlechter, als zwanzig andere kleine Badeorte, die wir bisher nicht der Beachtung wert gehalten haben. Ella. Weil wir blasierte Reisende waren. Das kleine Abenteuer hat mich ganz aufgefrischt. Sage selbst: haben wir auf der ganzen Reise schon ein Frühstück mit solchem Appetit eingenommen? Arthur. Dann wollen wir nur schnell wieder in den Wald und uns müde laufen. Vielleicht ist uns der Himmel günstig und schickt uns wieder ein hübsches Donnerwetterchen. Ella. An dem gestrigen kann's genug sein. Arthur (zu Blanknagel) . Lebt sich's auf die Dauer angenehm hier im Bade? Blanknagel (von der Zeitung aufsehend) . Ja, wissen Sie, das kommt so auf die Umstände an. Mein Hausarzt in Sulzingen behauptet, daß hier für meinen verhärteten Rheumatismus wenig zu holen sei. Aber es ist mir so wegen meines Geschäftes bequem; ich behalte meinen jungen Mann gleichsam immer unter Augen. Täglich Briefe, das Stadtblättchen, Kurszettel – man ist wie zu Hause. Es war ein recht guter Gedanke von Dr. Rathgeber, daß er uns hier das Bad einrichtete. Arthur. Also wohl junge Anlage? Blanknagel. Jüngste Kapitalanlage des Doktors. Was Sie hier sehen, gehört so ziemlich ihm allein. Eine Kleinigkeit hab ich selbst drin stecken. Rentiert sich vielleicht nach einigen Jahren, wenn der neue Fürst etwas für die Sache tut. Ella. Auch einen Fürsten haben Sie hier? Blanknagel. Kieferthal gehört zur Herrschaft Sulzingen – ehemals reichsunmittelbar, aber noch immer ganz ansehnlich. Die Residenz ist in der Nähe; man ist sehr abhängig vom Hofe. Jetzt freilich ist's ganz unsicher – Ein kleines Mädchen (bietet Blumen an) . Ella. Ah! Die wundervollen Rosen! Hier, mein Kind, ich nehme dir den ganzen Vorrat ab. Lieber Arthur, gib der Kleinen etwas. Arthur (sucht in seinen Taschen) . Ob sich noch einige verschlagene Groschen finden sollten? Nicht – nichts – nichts! Ella (ganz mit den Rosen beschäftigt) . Das Mädchen wartet. Arthur (zuckt die Achseln) . Du weißt ja, unser Kleingeld – Ella. Pedant! (Nimmt ein kleines seidenes Tuch vom Halse.) Da, nimm dieses Tüchelchen zum Andenken; es hat reichlich den sechsfachen Wert, so prächtig auch deine Rosen duften. Putze dich aus. (Das Mädchen küßt ihr die Hand und geht ab, nachdem sie auch Blanknagel den Korb vorgehalten, der sie aber mit einer mürrischen Handbewegung abweist.) Arthur. Wenn du noch weiter mit unserer Garderobe so verschwenderisch umgehst, Kind, werden wir uns bald als Venus von Milo und Apoll von Belvedere sehen lassen können. Vergiß nicht, daß unsere Koffer unterwegs nach Schmettwitz sind. Ella. Ach! Im Sommer – ! Peter Schnips ( kommt zurück) . Arthur. Da kommt unser Ritter von der Serviette mit den Kiebitzeiern. Ella. Sie sind vortrefflich. Arthur (gießt Champagner ein) . Auf fröhliche Abenteuer! Ella. Der Wein steigt mir in den Kopf; es wird zu viel. – Arthur. Es geht ja erst los. – (Zum Kellner.) Wie heißen Sie, junger Mann? Peter. Peter Schnips, zu Befehl. Arthur. Peter Schnips, ein vielversprechender Name. Bester Peter Schnips, wenn ich Fürst von Kieferthal wäre, wollt' ich einen neuen Orden stiften – Messer und Gabel gekreuzt am kibitzeifarbigen Bande, und Sie sollten davon den Großcordon erhalten. Peter. Ah! Zu viel Ehre. (Er legt ein großes Buch vor, das er unter dem Arme trägt.) Wollen die Herrschaften gütigst hier ihre Namen eintragen? Ella. Was ist das? Peter. Die Badeliste von Kieferthal, gnädige Frau. Arthur. Wir reisen noch heute wieder ab. Peter. O, das ist schade. Aber es tut sich doch gut, wenn die Liste recht lang ist. Ella (blättert im Buche) . Eine hochansehnliche Gesellschaft. Arthur. Die uns also wird entbehren können. Ella. Da ist auch unser Geheimer Schnepf nebst Frau Gemahlin und Fräulein Tochter. Du solltest uns doch verewigen, Arthur, denn vor Weltuntergang wird dieser dickleibige Band schwerlich gefüllt sein. Arthur. Vergiß nicht unser Inkognito – Peter (aufhorchend, bei Seite) . Inkognito? Das ist was Extrafeines. Kommt auf Rechnung. Arthur und Ella (lesen während des Folgenden im Buche) . Zweiter Auftritt Die Vorigen. Auf der Promenade Frau Schnepf und Rosette, jede einen Becher in der Hand. Frau Schnepf (nach links schielend) . Ich sage Ihnen, meine Verehrteste, viel ist das nicht. Man hat vergebens auf die Equipage gewartet, und nicht einmal ein bescheidener Reisekoffer ist mit der Post angekommen. Rosette. Und dazu dieses freie Benehmen – diese passierte Toilette! Den guten Sitten unseres stillen Kieferthals droht Gefahr. Frau Schnepf. Sehen Sie nicht so auffällig hinüber; die Gute könnte sich einbilden, daß wir über sie sprechen. (Schöpft und trinkt.) Rosette. Herr Blanknagel ist so vertieft in seine Zeitungen, daß er uns nicht einmal einen guten Morgen schenkt. (Schöpft.) Das war also der dritte Becher. Frau Schnepf. Erlauben Sie, es war erst der zweite. Rosette. Sie irren, Beste, der dritte. Frau Schnepf. Ich sage, der zweite. Und wenn ich sage: der zweite, so ist es, als ob mein Mann selbst es gesagt hätte. Rosette. Besinnen Sie sich doch, beim zweiten trafen wir ja – Frau Schnepf. Das war beim ersten. Rosette. Beim zweiten. Frau Schnepf. Beim ersten. (Sie gehen, eifrig streitend und zugleich trinkend, nach dem Hintergründe, wo ihnen Dr. Rathgeber begegnet und mit ihnen spricht.) Dritter Auftritt Die Vorigen. Dr. Rathgeber von der Promenade her. Arthur (die Streitenden beobachtend) . »Holder Friede! Weile, weile lange über dieser Stadt.« (Zu Ella.) Bist du fertig? Ella. Ich kann die ganze Badeliste auswendig mit allen Geheimen und Geheimsten nebst Familie. Arthur (schlägt das Buch zu) . Da, nehmen Sie Ihr Buch zurück, guter Peter Schnips; wir verzichten auf die Ehre. Peter. Aber der Ordnung wegen – und der Herr Polizeiverwalter verlangt – – (geheimnisvoll) . Er hat nach Hofe zu berichten. Arthur. Um so mehr; wir sind durchaus unhöflich. Peter. Wenn wir aber die Rechnung ausschreiben sollen – das Hotel zum goldenen Tannenzapfen muß doch wissen – Arthur. Herrn p. p. Hochwohlgeboren nebst Frau Gemahlin. Beruhigen Sie Ihr Gewissen, Herr Geheimer Oberkellner. Peter (das Buch nehmend, bei Seite) . Wunderliche Leute. Noch nicht vorgekommen, so lange ich im goldenen Tannenzapfen serviere. Muß doch dem Herrn Badekommissarius ein Wörtchen im Vertrauen – hm! hm! Kommt auf Rechnung. (Ab.) Dr. Rathgeber (tritt zu Blanknagel) . Guten Morgen, Herr Blanknagel. Blanknagel. Guten Morgen, lieber Doktor. Dr. Rathgeber. Wie geht's? Wie geht's? Blanknagel. Keinen Appetit, sonst passabel. Dr. Rathgeber. Gewiß wieder Diätfehler. Was haben Sie zu Kaffee gegessen? Blanknagel. Eine unschuldige Semmel. Dr. Rathgeber. Doch mindestens zwölf Stunden alt? Blanknagel. Ich weiß nicht. Dr. Rathgeber. Ja, sehen Sie, da steckt's. Frische Semmel, das reine Gift. Diät – Diät! Wie oft soll man das einprägen? Besuche Sie mittags. Um Himmels willen kein Fett auf der Suppe. Und lassen Sie das Briefschreiben. Beim Brunnen arbeiten – ein Schritt vorwärts, zwei zurück. Blanknagel. Aber das Geschäft – Dr. Rathgeber (als ob er jetzt erst Arthur und Ella bemerkte) . Ah! Meine Verehrtesten. Darf man fragen, wie Sie nach dem gestrigen unfreiwilligen Bade geschlafen haben? Ella. Sehr gut. Das Hotel hat die beste Einrichtung. Dr. Rathgeber. Nicht wahr? Süperb! Alles nach meinen speziellen Angaben. (Ergreift einen Stuhl aus der Laube und setzt sich) . Sie werden sich doch längere Zeit bei uns aufhalten? Arthur. Schwerlich. Dr. Rathgeber. Das Bad ist wirklich zu empfehlen! Und wenn Ihnen das Hotel zu geräuschvoll sein sollte – ich habe in einem meiner Häuser noch ein reizendes Logis frei. Aussicht in den Mordgrund, ziviler Preis – Ella. Gegen welche Krankheiten findet man hier Heilung? Dr. Rathgeber. Eigentlich gegen alle. Insbesondere gegen Katharre aller Art, Rachen – Laryngial –Brust –Katharre, Verschleimungen, Migräne, Congestionen, Schwindel – Arthur. Schwindel? Dann kann es Ihnen heutzutage an Patienten nicht fehlen. Dr. Rathgeber. Hi, hi, hü – Rheumatismen, Asthma, Herzbeklemmungen, Palpitationen – Ella. Nicht auch Nervenkrankheiten? Dr. Rathgeber. Neurosen – ganz unser Feld. Wir machen die wunderbarsten Kuren. Es ist statistisch festgestellt, daß die Bewohner von Kieferthal durchschnittlich drei Jahre länger leben, als die Leute in der Stadt. Kann daher nur raten, sich hier ganz niederzulassen, wenn man sein Leben lieb hat. Ella. Das ist ja erstaunlich. Dr. Rathgeber. Keineswegs. (Steht wieder auf und tritt hinter den Stuhl) . Bedenken Sie: klimatischer Kurort! In erster Reihe dieses brillante Luftbad, das man übrigens ganz umsonst hat. Atmen Sie einmal kräftig auf. So! (Er zieht die Luft mit weitgeöffnetem Munde ein.) Nun? Das ist Luft! Dieses Aroma von Fichtenharz – Arthur. Man muß hier mit der Zeit förmlich innerlich ausgepicht werden. Dr. Rathgeber. Hi, hi, hi! Es ist etwas daran. Dann die Fichtennadelbäder, die Moorbäder von jeder beliebigen Stärke, die Duschen, die Quelle – eine wunderbare Quelle! Arthur. Sicher bereits analysiert. Dr. Rathgeber. Versteht sich. Sind Sie Chemiker? Arthur. Ein wenig. Dr. Rathgeber. Da finden Sie in unserer Quelle vertreten: kohlensaures Natrum, borsaures Natrum, phosphorsaures Natrum – kohlensaures Eisenoxydum, schwefelsaure Magnesia – Ella. Ach! Der Brunnen muß ja entsetzlich sauer werden! Dr. Rathgeber. Zum Glück nicht den Patienten. Glaubersalz, Kohlensäure – fixe und freie – Lithion, Null Komma Null Null Null Eins Sieben – Spuren von Jod und Brom – (sehr wichtig) bemerken Sie: Spuren von Jod und Brom. Arthur. Sehr merkwürdig. Dr. Rathgeber. Temperatur plus zehn Grad. Was sagen Sie? Bekommen Sie Lust? Ella. Wir sind aber durchaus nicht krank. Dr. Rathgeber. Verzeihen Sie, das ist eine sehr gewagte Behauptung, meine Gnädigste. Kein Mensch kann wissen, was ihm eigentlich fehlt und welcher Krankheitsstoff in ihm steckt, um nach Jahren oder Monaten, oft schon nach Tagen und Stunden den ganzen Organismus anzustecken. Man sollte vorsichtiger sein und ein Präservativ brauchen. Ella. Wir sind aber wirklich ganz gesund. Dr. Rathgeber. Dann wohl Ihnen! Aber um so mehr haben Sie Veranlassung, unseren trefflichen Brunnen zu brauchen, um sich dieses höchste Gut des Menschen, seine Gesundheit, kräftig zu konservieren. Haben Sie die Broschüre gelesen, die ich Ihnen gestern überreichte? Ella. Ach! Sie ist gänzlich aufgeweicht, bester Herr Doktor. Dr. Rathgeber (zieht andere Exemplare vor) . Hier sofort ein Ersatz – Arthur. Bemühen Sie sich nicht. Wir sind augenblicklich – nicht bemittelt genug, um uns den Luxus eines Badeaufenthalts gestatten zu dürfen. Dr. Rathgeber (setzt den Stuhl wieder in die Laube) . O, Sie scherzen. Aber gut – Sie wollen nicht. Nehmen Sie dieses Schriftchen immerhin für heilbedürftige Freunde. Pension gut und billig. Arthur (bei Seite) . Der Mensch wird lästig. (Laut.) Gibt es hier eine Sehenswürdigkeit in der Nähe, die nicht mehr als eine halbe Stunde kostet? Dr. Rathgeber. Hm – hm! Da ist der Schloßberg mit Ruine – ich begleite Sie! Arthur. Um Himmels willen! Ihre Patienten dürfen nicht geschädigt werden. Komm, Ella! Eine kleine Motion kann nach diesem trefflichen Frühstück nicht schaden. (Zu ihr bei Seite.) Wir müssen uns von dieser Klette freimachen. Ella (sehr wichtig) . Stehen Esel unten am Schloßberge? Dr. Rathgeber (verdutzt) . Nein, meine Gnädigste; erst im nächsten Jahre wollten wir – Ella. Gelobtes Land, das keine Esel hat! Ich bin bereit, mir für diese Ruine mein geschwächtes Schuhwerk gänzlich zu ruinieren. Deinen Arm, Männchen. (Arthur und Ella ab.) Dr. Rathgeber (ihnen betrübt nachsehend) . Schade, schade! Wäre für Kieferthal recht pikant geworden. Daß das kein richtiges Ehepaar auf Reisen ist, darüber kann kein Zweifel sein. Ein wenig Demimonde – das fehlt uns gerade noch. Die Weiber sind schon ganz aufgeregt. Läßt sich vielleicht doch noch halten. – Ah! Der Postbote mit den neuen Zeitungen. Vierter Auftritt Der Postbote bringt Zeitungen und legt sie auf den Tisch in der Laube. Dr. Rathgeber und Blanknagel fallen sofort darüber her. Von der Promenade Schnepf mit einem Becher. Bald darauf auch Busch. Frau Schnepf, Rosette und Bertha auf der Promenade ab und zu. Schnepf. Guten Morgen, meine Herren. Dr. Rathgeber (nickt und liest weiter, ohne aufzusehen) . Wie geschlafen, Herr Geheimer Rath? Blanknagel (wirft die Zeitungen in dem Augenblick fort, in dem Schnepf sich zu ihm setzt und steht auf). Schnepf. Wollen Sie schon fort? Blanknagel. Notwendige Geschäftsbriefe. (Bei Seite.) Der Mensch hat's auf mich abgesehen mit seinen Geschichten. Schnepf (hält ihn am Arm) . Aber so bleiben Sie doch. Da ist mir in der Nacht eingefallen, daß ich Ihnen gestern doch von dem Büroapplikanten Munkelsteiner – Blanknagel (reißt sich los) . Dieser Munkelsteiner kann einen umbringen! (Ab.) Schnepf. Sehr richtig. – Ein trefflicher Mann, aber entsetzlich beschränkt und einseitig. Was nicht in sein Fach schlägt, interessiert ihn nicht. Dr. Rathgeber (in die Zeitung vertieft) . Hm – hm –! (Rückt weiter.) Schnepf. Habe ich Ihnen schon die Geschichte erzählt, Doktor? Dr. Rathgeber. Hm – hm! Schnepf (rückt ihm nach) . Vor einem Jahre also – Busch (tritt zu) . Dr. Rathgeber. Neueste Neuigkeiten, Herr Badekommissarius. (Gibt ihm das Blatt.) Schnepf. Erlauben Sie – ich spreche. Dr. Rathgeber. Sie werden sprachlos werden vor Verwunderung, wenn Sie von diesem kleinen Artikel Notiz nehmen. Busch. Höchst verwunderlich. Schnepf. Was gibt's denn? Dr. Rathgeber (nimmt wieder das Blatt und liest) . »Prinz Egon Sternheim, dem sehr unerwartet die reiche Herrschaft Sulzingen zugefallen, ist plötzlich von hier verschwunden. Unsere Primadonna, mit der er bekanntlich in sehr intimem Verhältnis stand, scheint ihm nachgereist zu sein. Jedenfalls ist sie kontraktbrüchig geworden und zu derselben Zeit auf- und davongegangen. Wahrscheinlich wird das edle Paar sich an einem verabredeten Ort treffen, um zunächst die Residenz Sulzingen, vielleicht inkognito, zu beglücken. Wir gratulieren den vielgeliebten Untertanen.« Schnepf (hat mit offenem Munde zugehört) . Das sind wir. Dr. Rathgeber. Das sind wir. Zum Glück nur mediatisiert. Busch. So zu sagen. – Die Kränkung für die verehrte Fürstin Witwe –! Sie bleibt keine Stunde. Schnepf. Drauf ist's abgesehen. O tempora, o mores! Dr. Rathgeber. Wird eine lustige Wirtschaft werden. Kieferthal kommt nicht zu kurz dabei. (Reibt sich die Hände.) Wenn sich ein Spielbänkchen durchsetzen ließe –! Schnepf. Eine tüchtige Büroordnung wäre ersprießlicher. Busch. Hab' ich's nicht gleich gesagt, meine Herren, daß wir schweren Zeiten entgegengehen? In meiner Stellung namentlich – man kennt den jungen Fürsten nicht einmal; ich habe mich vergeblich bemüht, sein Bild aufzutreiben. Wer weiß, was für Dummheiten man ganz unwissentlich macht? Schnepf. Höchst bedenklich! (Die Damen erscheinen auf der Promenade; die Herren flüstern unter einander, gehen während des Folgenden langsam nach dem Hause zu, winken nach einer Weile dem Kellner, lassen sich Schnäpschen herausbringen und trinken sie aus.) Frau Schnepf. Aber du bist ja ganz echauffiert, Bertha! Ich glaube gar, du bist wieder durch das Dorf gelaufen. Wann wirst du dir doch ein gesetztes Wesen angewöhnen? Bertha. Verzeih, Mamachen, aber diesmal war's wirklich nicht meine Schuld. Ha – ha – ha! Ich muß noch immer lachen, wenn ich an den köstlichen Spaß denke. Rosette. Was ist Ihnen denn so Spaßhaftes begegnet? Bertha. Ein furchtbar komischer Mensch! Ha – ha – ha – ha! Frau Schnepf. Erzähle vernünftig oder ich werde böse. Bertha. Also ganz vernünftig. Ich war schon früh mit einem Buche auf den Andreasberg gegangen, um die Morgenfrische zu genießen, und lag da unter den Bäumen, nicht weit von der Stelle, wo der Weg ins Tal hinabführt. Da höre ich plötzlich Einen wie versessen »Hoiho!« rufen – Aha, denke ich, der sucht ein Echo. Es bleibt aber Alles still! Wie er nun zum zwanzigsten Mal probiert, kommt mich die Lust an, zu antworten ... Frau Schnepf. Bertha –! (Zugleich.) Rosette. Fräulein –! Bertha. Ja, ich weiß selbst nicht, wie es geschah. Er ruft noch einmal – Frau Schnepf. Er? Wer? Bertha. Ich kenne ihn ja doch nicht – : der furchtbar komische Mensch. – Ich antworte wieder. Das scheint ihm doch verdächtig. Er wendet sich nach der Richtung, aus der die Antwort kommt und geht auf meinen Platz zu. Ich eiligst fort und vergesse mein Buch – über den Weg hinab und jenseits in den Wald hinein. Er ruft wieder »hoiaho« und dann »Schmettwitz.« Ich antworte aus derselben Tonart ihm im Rücken. Es dauert nicht lange, so höre ich ihn sich durch das Gebüsch arbeiten auf mich zu. Aber ich kenne die Pfade besser, husche fort und stehe schon wieder unterhalb des Andreasberges, als er von neuem sein liebliches Gebrüll ertönten läßt. So necke ich ihn eine halbe Stunde durch die Schluchten, bis Kieferthal hinunter. Da an den letzten Bäumen – Frau Schnepf. Ich will nicht fürchten, daß er das große Kind gesehen hat! Bertha. Ich weiß nicht, Mama. Aber ich sah ihn ganz deutlich, wie er keuchend und schweißtriefend an mir Vorüberschoß. Leider wandte er sich noch einmal zurück – Frau Schnepf. Da haben wir's! Rosette. Sehr unbedacht, mein Fräulein. Bertha. Konnte ich denn dafür? Da stand ich nun und gab mir die größte Mühe, ein ernstes Gesicht zu zeigen. Das gelang auch vortrefflich. Er wagte nicht, mich anzusprechen, zog den Hut und ging ganz verdutzt weiter. Frau Schnepf. Da kannst du Leichtsinn von Glück sagen. Bertha. Nicht wahr, Mama? (Bei Seite.) Wenn er nur nicht mein Buch in der Hand gehabt hätte! Schnepf (winkt seiner Frau) . Clotilde! Frau Schnepf. Nun? Bemühe dich zu mir. Schnepf (zeigt eine Zeitung). Eine sehr merkwürdige Neuigkeit. Rosette. Was gibt's denn? (Die Damen treten zu den Herren.) Busch. Fürst Egon Sternheim – Frau Schnepf und Rosette (eifrig). Ach! Etwas von ihm? Busch. Ist mit einer Opernsängerin – Schnepf (auf Bertha hindeutend) .S –st! Das Kind –! Frau Schnepf. Bertha darf nicht hören? Rosette (tritt näher heran) . Gewiß etwas Unsittliches. Also mit einer Opern –? Schnepf. S –st! Ganz leise. Dr. Rathgeber. Wir können ja auf der Promenade – Rosette (faßt den Doktor unter) . Ganz ungestört – Frau Schnepf. Also was ist's mit dem Fürsten? Schnepf (reicht ihr den Arm) . Halte Bertha zurück. Frau Schnepf. Liebe Bertha, setze dich hier und erhole dich ein Weilchen. Du bist erhitzt und es ist Zug auf der Promenade. Busch. Also hören Sie, meine Damen – (Alle ab bis auf Bertha.) Bertha. Was haben Sie nur? Alle fort? Mir schon recht. Ich wollte, sie ließen mich immer allein; ich würde mich schon zu amüsieren wissen. (Setzt sich in die Laube.) Fünfter Auftritt Bertha. Vom Hause her Kurt und Peter. Kurt (ein Buch in der Hand) . Also, Herr und Frau von Schmettwitz sind hier nicht eingetroffen? Peter. Nein, mein Herr. Kurt. Ist das gewiß? Peter. Wenn ich's sage! Höre den Namen zum ersten Mal. Kurt. Gibt's hier noch ein anderes Gasthaus? Peter. Nein, mein Herr; der goldene Tannzapfen ist im Stande, den extravagantesten Anforderungen zu entsprechen. Kurt. Das ist zu arg! Keine Spur von ihnen, und man ist doch hier nicht in Afrika oder Australien. (Sieht Bertha.) Ah! Die junge Dame! Bertha. Da ist er, und mein Buch hat er in der Hand. Kurt (zu Peter) . Wer ist die junge Dame? Peter. Nicht Frau von Schmettwitz. Kurt. Sondern? Peter. Fräulein Bertha Schnepf, einzige Tochter des Herrn Geheimen Registrator Schnepf aus Sulzingen – man tituliert ihn aber Geheimer Rath. Kurt. Badegäste? Peter. Sehr! Kurt (bei Seite) . Ein allerliebstes Mädchen und sicher der neckende Kobold. Ich wag's anzubinden. (Zu Peter.) Geht eine Post von hier? Peter. Zu Befehl! In zehn Minuten nach Sulzingen. Kurt. Besorgen Sie mir einen Platz. Peter. Zu Befehl! (Ab.) Bertha. Er nähert sich verdächtig. – Es geschieht ihnen ganz recht; warum lassen sie mich auch allein! Kurt. Entschuldigen Sie, mein Fräulein, wenn ich unbekannter Weise – Bertha (versucht ernst zu bleiben, es gelingt ihr aber nicht; sie wendet sich ab und kichert in ihr Tuch.) Kurt. Worüber lachen Sie? Bertha. Ich lache nicht. (Versteckt wieder das Gesicht ins Tuch.) Kurt. Gestatten Sie die Frage, ob dieses vielleicht ihr Buch ist, das ich auf der Höhe fand. Bertha (eifrig) . Nein, nein – durchaus nicht. Kurt. Es könnte ja oben vergessen sein. Bertha. Nein, nein – so vergeßlich bin ich nicht. Wie können Sie glauben –? Kurt. Dann gehört das Buch vielleicht einer Freundin oder Bekannten, mein Fräulein, und Sie werden's unterzubringen wissen. Bertha. Was ist's denn? Kurt. Paul Heyse's »moralische Novellen.« Bertha. So? Und weshalb glauben Sie denn, daß gerade eine Dame sie gelesen und vergessen haben muß? Kurt. Ich möchte noch dazu wetten: eine sehr junge Dame. Bertha. Warum – warum? Kurt. Weil die gefährliche Vorrede zu diesen moralischen Novellen sorgsam verklebt ist. Bertha (eifrig und ärgerlich) . Ach! Das hat die Mama auf den Rat des verschrobenen Fräulein Hasenklein getan. Aber ich hatte die Vorrede heimlich schon vorher gelesen das, kann ich versichern – (altklug) und ich stimme durchaus mit den Ansichten des Verfassers überein. Kurt. Also gehört Ihnen doch wohl das Buch? Bertha (bei Seite) . Da hab' ich mich schön verplaudert. (Laut.) Nein, mein Herr, das laß ich nicht gelten. Meinetwegen kann die Vorrede verklebt bleiben bis an den jüngsten Tag – ich bin nicht neugierig. Kurt (legt das Buch auf den Tisch) . So deponiere ich denn hier das Buch für den unbekannten Eigentümer. Bertha. Und ich sage Ihnen namens desselben besten Dank für die Mühe, es vom Andreasberg bis Kieferthal zu tragen, obgleich es oben unter der Linde recht gut aufgehoben war. Kurt. Wie wissen Sie denn, daß es auf dem Andreasberg unter der Linde lag? Bertha. Nein! Was Sie aber auch neugierig sind. Und da schilt man nun uns Frauen wegen dieses häßlichen Fehlers. Wissen Sie übrigens auch, daß Sie mir noch gar nicht vorgestellt sind und daß ich also gar keine Befugnis habe, mit Ihnen zu sprechen? Kurt. Ach! Das ist ja schlimm. Gestatten Sie, daß ich das Versäumte schnell gut mache, indem ich meinen eigenen Herold spiele. (Vorstellend.) Herr Kurt von Hageln, Fräulein – hm – hm – Ihr Name, mein Fräulein? Bertha. Ich glaubte, Sie hätten ihn schon beim Kellner erkundet. Kurt. Ganz richtig. Aber wenn man ganz Auge ist – Bertha. Keine Entschuldigung. Es steht fest, daß Sie mich in drei Minuten gründlich vergessen haben. Kurt. Ihren Namen! Bertha. Ganz recht. Was sollten Sie wohl sonst behalten haben? Kurt. Hm – die Stimme zum Beispiel. Bertha. Wie? Kurt. Das ist hier ein sehr merkwürdiges Echo unter dem Andreasberge- Bertha. So? Kurt. Wissen Sie gar nichts davon? Bertha. Nicht das mindeste. Sie müssen es entdeckt haben. Kurt. Ein höchst merkwürdiges Echo. Einmal rief ich »Schmettwitz«, und es antwortete ganz vernehmlich »ist nicht hier.« Bertha. Ah! Kurt. Seitdem glaub' ich nun steif und fest an Kobolde und Waldgeister in diesem heilkräftigen Winkel Erde. Bertha. Daran tun Sie sehr wohl. Sollten Sie es für möglich halten, daß in unserer unschuldigen Quelle ein Brunnengeist steckt? Kurt. Ist sie so unschuldig? Bertha. Das reinste Wasser! Aber Dr. Rathgeber behauptet es und steht mit ihm auf du und du. Der Brunnengeist tut Wunder. Kurt. Schade, daß ich nicht hierbleiben und auch einmal seine Bekanntschaft machen kann. Bertha. Warum können Sie denn nicht hier bleiben? Kurt. Weil ich die traurige Aufgabe habe, ein Ehepaar zu suchen, das vor langer Weile spurlos verschwunden ist. Bertha. Ihr Schmettwitz? Kurt. Freilich. Wo sie nur ohne Geld – (Posthorn draußen.) Da bläst schon der Postillon. Peter (kommt eilig zurück) . Hier Ihr Billet, Herr! Beeilen Sie sich. Kurt (gibt ihm Geld) . Ich wünschte jetzt fast, ich käme zu spät. (Bei Seite.) Ein reizendes Kind. (Posthorn draußen) . Peter. Er wird schon ungeduldig. Kurt. Mein Fräulein – Bertha. Haben Sie an das Echo noch etwas zu bestellen? Kurt. Daß ich's mein Leben lang nicht vergessen werde, und daß ich – (Posthorn.) Peter. Er fährt wahrhaftig ab. Kurt (verwirrt) . Ja, wo geht man denn am nächsten? Bertha (bricht auf) . Ich mache zufällig denselben Weg und erlaube Ihnen, mir nachzukommen. Kurt (ihr nach) . Wenn Sie mich nur nicht verirren, wie das Echo. Bertha (bei Seite) . Nun wünscht' ich, sie träfen uns zusammen auf der Promenade. (Laut.) Schnell, schnell! (Ab. Kurt folgt ihr.) Peter. Der Postillon wird auf sein Trinkgeld warten. Sechster Auftritt Peter. Egon (vom Hause) . Egon (wirft sich auf einen Stuhl in der Laube) . Also dies ist das berühmte Homburg in der Tiefe. Peter. Entschuldigen Sie, mein Herr, der Ort heißt Kieferthal. Egon. Wird gespielt? Peter. Sehr! Egon. Hoch? Peter. Nein, parterre im Saal steht das Klavier. Egon. Du ahnungsloser Engel du! – Die Speisekarte! Peter. Zu Befehl! (Gibt ihm die Karte.) Egon. Da ist ja Alles ausgestrichen bis auf die unvermeidlichen Koteletts –? Peter. Die sind aber auch delikat. Egon. Wagen wir's also zum zwanzigsten Mal. Eine Flasche Wein dazu! Siebenter Auftritt Die Vorigen. Arthur und Ella (von links) . Peter (ihnen entgegen und präsentiert ein Blatt Papier) . Zu Befehl – Die Rechnung, gnädiger Herr. Arthur. Gut! Egon. Da sind sie. Hübsch – sehr hübsch! Kellner! Peter (zurück) . Mein Herr –? Egon. Nun wird man doch den Namen der Waldnixe erfahren. (Zum Kellner.) Wer ist das? Peter (zuckt die Achseln) . Inkognito. (Ab.) Egon. So – so! (Nimmt eine Zeitung und beobachtet.) Ella. Ich kann gar nicht geirrt haben: im Postwagen saß Kurt. Er hätte uns bemerken müssen, wenn er nicht ganz in die junge Dame vertieft gewesen wäre, die eben fortging. Arthur. Fräulein Schnepf, wenn ich nicht irre. Nun, wenn er von hier abreist, ohne uns gefunden zu haben, sind wir vor ihm sicher. Ella. Der arme Mensch! Glaubt vielleicht gar, daß uns ein Unglück passiert sei. Arthur. Würde er dann so eifrig nach hübschen Mädchen ausgucken? Ella. Findest du Fräulein Bertha Schnepf hübsch? Arthur. Nu – u – u – n – ! Ella. Was die Männer nicht alles hübsch finden! Ein rundes Gesicht, frische Farben, blanke Augen, und man muß sich vorsehen. Arthur. Die vergrämte Echo schildert man so allerdings nicht. – Hier unsre Rechnung. Ella (sieht hinein) . Billig genug. Wir sind auf unserer Reise selten so gut abgekommen. Arthur. Willst du bezahlen? Ella. Ich? Arthur. Ja, daß ich selbst mein Kleingeld über Bord geworfen habe, um uns für die Reiseromantik würdig vorzubereiten, weißt du doch. Ella. Es fällt mir jetzt erst wieder ein. Aber was fangen wir nun an? Arthur. Ja, was fangen wir nun an? Ella. Die Rechnung muß doch bezahlt werden. Arthur. Bitte Ella (unwillig) . Ach! – Die Wirtin wird uns den kleinen Betrag kreditieren. Arthur. Namenlosen Reisenden, die nicht einmal Handgepäck aufweisen können? Und der Betrag ist nicht so klein; wir haben uns nichts abgehen lassen. Ella. Hm – hm – hm –! Das ist ärgerlich. Egon (über das Blatt schielend) . Eine reizende Erscheinung. Heut bei Tage kann ich erst schätzen, was ich gestern eingefangen hatte. – Die Rechnung kommt ihnen bedenklich vor. Ella. Können wir denn nicht etwas in Pfand lassen? Arthur. Vielleicht dein Kleid und meinen Rock. Ella (ablehnend) . Ah! Arthur. Weißt du, Kind, das ist ein prächtiger Gedanke. Wenn wir so in halber Toilette über die Landstraße weiter ziehen, kann es uns an den köstlichsten Abenteuern nicht fehlen. Ella. Du bist närrisch. Was sollten wir denn anfangen, wenn uns abends eine zweite Rechnung präsentiert wird? Arthur. Ja dann – – die Weste herunter. Ella. Du willst mich ärgern. Arthur. Hab ich's nicht gesagt? Ein Schritt vom Wege – ! Ella. Um Himmels willen! Nur keine pedantische Nutzanwendung. Du verdirbst mir damit das ganze Vergnügen. Arthur (zuckt die Achseln) . Dort kommt unser Freund Kellner. Willst du's bei ihm versuchen? Peter (kommt zurück. Arthur und Ella sprechen mit ihm) . Egon. Bei den Inkognitos ist etwas nicht richtig. – Ein feines geistiges Gesichtchen und ein paar Augen voll Weltluft – ah! Das wäre ein Motiv, wieder in die verliebte Torheit zurückzufallen, der wir schon glauben, für alle Zeit Lebewohl gesagt zu haben. Mein Kleinmut soll beschämt werden. Kaum den Fuß in meine langweilige Herrschaft gesetzt und gleich wieder die beste Unterhaltung! Was sie nur verhandeln? Peter. Aber ich bitte Sie, meine Herrschaften, das kann ich ja der Madame gar nicht sagen. Wir lassen hier keinen fort, der nicht seine Zeche bezahlt hat. Egon. Bezahlt –! Aha! Geldverlegenheiten. Ella. Es soll Ihrer Madame ja nicht ein Heller entgehen; nur eine Woche soll sie warten. Peter. Und dann sind Sie, mit Verlaub zu sagen, über alle Berge, und wir haben das Nachpfeifen. Ella. Pfui! Das ist grob! Peter. Ja, wenn man fein behandelt sein will, muß man auch fein Geld haben. Arthur. Da hört auch in Kieferthal die Idylle auf. Ella. Man kann ja doch seine Barschaft verlieren. Peter. Und sich dann nicht einmal in die Badeliste eintragen. Wir merken. Arthur. Keine Unverschämtheiten, lieber Freund. Sprechen Sie mit Ihrer Wirtin. Peter. Das will ich. Und der Herr Badekommissarius und Polizeiverwalter ist ja auch noch in der Nähe. (Ab.) Ella. Das muß man sich sagen lassen. Arthur. Wenn man nicht bezahlen kann. Ein gefülltes Portemonnaie ist doch eine schöne Erfindung. Ella. Und wir haben Kurt mit der Reisekasse wieder abfahren lassen. Arthur. Der Spaß wäre ja aus gewesen, wenn wir ihn angehalten hätten. Was nun? Ella. Ja, was nun? Auf Nachsicht ist kaum zu rechnen. Arthur. Man muß nachdenken, ob man nicht irgend etwas gelernt hat und kann, womit sich auf der Stelle Geld verdienen ließe. Ella. Geld verdienen – wir? Arthur. Und auf noble Weise natürlich. Ella. Es ist ja lächerlich. Arthur. Du bist lange Jahre in der besten Pension gewesen und hast in allen Wissenschaften und freien Künsten die vorzüglichsten Lehrer gehabt. Da wird man doch wohl nach den Zinsen des Kapitals fragen dürfen. Ella. O, Unterricht könnte ich geben gleich der firmsten Gouvernante. Arthur. Dafür ist schon durch Fräulein Hasenklein gesorgt. Ella. Was also? Zeige nun einmal, daß du einen anschlägigen Kopf hast. Arthur. Also denn: wunderschön. Um so besser. Ich begleite leidlich auf dem Klavier – Ella. Mein Himmel! Du willst doch nicht gar ein Konzert geben? Arthur. Allerdings! Die leichteste Art, schnell ein Stück Geld zusammen zu bringen, und Kieferthal wäre gerade der passende Ort, so etwas zu riskieren. Ella. Daraus wird nichts! Ich – und gegen Entree singen! Das geht über den Spaß. Nein, nein! Etwas anderes. Daraus wird nichts. Arthur. Wie du willst, wir haben ja ein höchst einfaches Mittel, dieser kleinen Verlegenheit ein Ende zu machen. Ella. Nun? Arthur. Wir nennen unsern Namen, logieren uns hier fest ein, telegraphieren nach Hause, lassen uns eine Geldanweisung auf Ehren-Blanknagel senden und – kehren wieder auf die bequeme und langweilige Heerstraße zurück. Ella. Mit dem beschämenden Bekenntnis, nicht einmal drei Tage lang in der Freiheit ausgehalten zu haben. Das wär's gerade, was du wünschtest! Noch bei unserer goldenen Hochzeit bekäme ich's zu hören, daß ich einmal eine rechte Närrin gewesen. Nein! Den Triumph sollst du denn doch nicht feiern. Wir haben uns das Wort gegeben, drei Tage lang vom Wege abzugehen, wohin wir auch kommen sollten, und dabei muß es bleiben. Arthur. Ich bin ja durchaus einverstanden. Wenn du dich aber zu dem Konzert nicht bestimmen lassen willst – Ella. Meinst du denn wirklich, daß ich's mit meiner Stimme wagen könnte? Arthur. Ich darf nicht daran zweifeln. Ella. Es hat denn doch seinen Reiz. Arthur. Aha! Ella (lebhafter) . Künstlerinnen sind mir immer sehr beneidenswert erschienen. Wie der Vogel leicht von Zweig zu Zweig ... Aber nein! Man hat doch Rücksichten zu nehmen. Arthur. Findest du? Ella (eifrig) . Freilich kennt uns Niemand, und ich habe sogar italienische und spanische Arien singen gelernt. Arthur. Prächtig. Zum Beispiel: Signora Carina – Mister Ulimann. Ella (sehr munter) . Ha, ha, ha – köstlich! Gastreise durch Deutschland – Konzert in dem weltberühmten Kieferthal. Egon. Konzert? Also reisende Virtuosen. Um so interessanter. Peter (kommt zurück) . Wie ich gesagt habe, meine Herrschaften, nicht anders. Es ist bisher im goldenen Tannzapfen nicht Mode gewesen, daß Jemand Kiebitzeier ißt und Champagner trinkt und hinterher – Arthur (laut) . Ereifern Sie sich nicht, Herr Geheimer Oberkellner in diesem allergeheimsten Bade. Wir haben unsere Dispositionen geändert. Allerdings war's unsere Absicht, direkt von Mailand nach Berlin zu reisen; da aber zufällig ein Sturm uns abgeworfen und ohne Gepäck an diese unwirtliche Küste getrieben hat, so wollen wir das Völkchen der Phäaken eines ganz unverhofften Genusses teilhaftig machen – natürlich gegen klingende Münze. Egon. Richtig. Peter. Hier ist kein solches Völkchen, Herr, und klingende Münze wollen wir selbst sehen, und wenn Sie uns Winkelzüge machen – Ella. Questo cammeriere è un po' troppo sfacciato! Arthur. Verzeihen Sie ihm, Signora, er weiß nicht, was er tut. Peter. Signora? Also doch was Apartes? Arthur. Signora Carina – Primadonna der großen Oper zu Mailand, auf Kunstreisen in Deutschland und den benachbarten Ländern – Ella. Du lügst gut! Arthur (fortfahrend) . – will dieses erbärmliche Nest mit einem Gruße ihrer Kunst beehren. Ihre himmlische Stimme, von den ersten Meistern ausgebildet – Ella. Aber ich bitte dich –! Arthur (bei Seite) . Wenn wir nicht unverschämte Preise nehmen, machen wir nichts. (Laut.) Kieferthal wird Baden-Baden, Homburg, Wiesbaden, Ems, Kissingen und wie die lieben Schwestern alle heißen, durch dieses unerhörte Ereignis so zum Neid reizen, daß dort sämtliche Quellen gallenbitter werden und die Gäste hierher flüchten. Peter. Ja, Sie machen mich ganz dumm. Arthur. Ist das möglich? Egon (sich rasch erhebend) . Ich halte mich nicht länger zurück. (Hinzutretend.) Gestatten Sie, meine Herrschaften, daß ich gleichsam den Dolmetscher spiele und die hohe Sprache der Künstlerwelt, die ich für schweres Geld studiert habe, diesem simplen Menschen in sein geliebtes Deutsch übertrage. Arthur. Sehr gütig, mein Herr! Haben wir nicht schon gestern im Walde – ? Egon. Uns zärtlich umarmt – allerdings. Ella. Ha – ha – ha! Egon. Signora Carina – wenn ich recht verstanden habe – Ella (verneigt sich) . Egon. Wünscht also in Kieferthal ein Konzert zu geben, wird den Saal nebst Flügel zur Verfügung erhalten, ermächtigt Sie, so viel Stühle in Reih' und Glied zu stellen, als eine sofort in Umlauf zu setzende Subskriptionsliste Unterschriften aufweist, tritt der Wirtin vom goldenen Tannzapfen für Saalmiete und Beleuchtung ein Viertel der Einnahme ab und wird diese unbedeutende Rechnung berichtigen, sobald es ihr gefallen wird, ihre Aufmerksamkeit dergleichen Lappalien zuzuwenden. Habe ich Sie richtig verstanden, meine Gnädigste? Ella. Vollkommen (Bei Seite.) Er versteht mehr davon, als ich selbst. (Zu Arthur.) Ein liebenswürdiger Kavalier. Egon. Also schnell die nötigen Vorbereitungen! Benachrichtigen Sie die Wirtin vom goldenen Tannzapfen, ziehen Sie die Honoratioren ins Geheimnis, besorgen Sie einige Bogen Papier zu Listen, numerieren Sie die Stühle – Peter. Aber – Egon. Ich garantiere Ihnen ein Trinkgeld, der Primadonna der großen Oper zu Mailand in Kieferthal würdig. Fliegen Sie! Peter. Aber – Egon. Das heilige Kreuzdonnerwetter soll Ihnen zeitlebens in die Beine fahren, wenn Sie noch abern. Packen Sie sich! Peter (verschüchtert) . Zu Befehl! (Bei Seite.) Der muß ein Offizier in Zivil sein – wahrscheinlich auf Freikarte für deutsche Bäder. (Ab.) Arthur. Gut abgetrumpft. Dürfen wir nun vielleicht auch das Vergnügen haben zu erfahren, wem wir diese liebenswürdige und erfolgreiche Intervention verdanken? Egon. Wem – ? Einem Manne, der sich stets den Verkehr mit der Kunst und ihren Jüngern zur Gewissenssache gemacht hat und der sich nicht wenig freuen würde, einer so schönen und talentvollen jungen Dame reelle Dienste leisten zu können. Ella. Mein Herr – Arthur. Ihren Namen, wenn ich bitten darf. Egon (bei Seite) . Was sag' ich gleich? Ach, ein Gedanke! Das kommt wie gerufen. Ella (zu ihrem Manne) . Er scheint doch sehr ungeniert. Egon (lachend) . Mein Name ist italienischen Ohren nicht leicht faßlich. Man häuft in unserm barbarischen Norden die Konsonanten unausstehlich. Erlauben Sie – (er zieht das Taschentuch vor, das er vom Hirten erhalten hat, und sucht eine Visitenkarte vor) – daß ich fürs Auge – Ella (überrascht, stößt ihren Mann an) . Arthur –! Arthur (ebenso verwundert, aber schnell gefaßt) . Still, laß ihn doch – Egon (suchend) . Erlauben Sie – daß ich – aha! Daß ich Ihnen meine Visitenkarte präsentiere. (Tut's.) Arthur von Schmettwitz. Ella. Das ist denn doch –! Egon. Eigentlich polizeiwidrig, Schmettwitz zu heißen. Aber es ist eine Erbschaft, die man nicht ausschlagen kann, und übrigens – der Name macht nicht den Mann. Ella. Sie heißen Arthur von Schmettwitz und dies ist Ihre Karte? Egon. So wahr Sie erste Sängerin der großen Oper zu Mailand sind. Ella (leise zu ihrem Mann) . Deine eigene – Artur. St! (Laut.) Es freut mich sehr, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, für den ich schon seit langer Zeit nicht wenig eingenommen bin. Ella (bei Seite) . Das glaub' ich. Egon. Sehr verbunden. Arthur. Meine Frau – Egon. Ihre Frau? Arthur. Ich schmeichle mir. Egon (bei Seite) . Man kennt das. Arthur. Meine Frau würde Ihnen gewiß sehr dankbar sein, Herr Baron, wenn Sie die Subskriptionsliste mit Ihrem Namen einführen wollten, der trotz der gehäuften Konsonanten den besten Klang hat. Ella (ängstlich zu Arthur) . Was für Verbindlichkeiten – Egon. Das ist das Wenigste, meine Gnädigste. Ich belege allein zehn Plätze. (Blättert in der Brieftasche.) Geld spielt bei den Schmettwitz gar keine Rolle. Ella (zu Arthur) . Ob er auch deine Geldbörse gefunden hat? Egon. Ich bin in Arrangements dieser Art nicht unbewandert; verfügen Sie nach Gefallen über mich. (Bei Seite.) Das Weibchen ist merkwürdig schüchtern für eine Primadonna. (Laut.) Haben Sie schon ein Programm entworfen? Arthur. Nicht im mindesten. Der Gedanke, hier zu konzertieren, schoß uns nur eben durch den Kopf. Wir haben unsern ganzen Notenvorrat unterwegs nach Berlin und werden uns nun um einen Ersatz bemühen müssen. Egon. Nichts leichter als das. Ich wette darauf, daß wir im Saal auf dem Klavier Noten in Menge finden. Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen bei der Auswahl behilflich sein. Ella. Sehr gütig. Vielleicht ermitteln wir einige bekannte Stücke – Egon. Unzweifelhaft die bekanntesten. Gnadenarie – (Geht hinüber.) Ella. Vortrefflich. Egon. Müllerlieder – Ella. Meine Lieblinge. Egon (ihr ganz nahe) . Vielleicht etwas Offenbach. Ella. Ach nein. Egon. Das hat man überall gern. Sollten Sie nicht die schöne Helena gespielt haben? Oder Eurydike –? Ella. Mein Herr –! Arthur. Sie vergessen: Primadonna – Egon. Der großen Oper zu Mailand. Ha, ha, ha – freilich! Prüfen wir zugleich die Stimmung des Instruments. (Reicht ihr den Arm.) Darf ich bitten? Ella (zögernd) . Arthur –? Arthur. Geniere dich nicht. Eine Künstlerin hat höhere Rücksichten zu nehmen. Egon (führt Ella ab) . Arthur (ihnen nach) . Nur so weiter! (Ab ins Haus.) Achter Auftritt Busch und Dr. Rathgeber aus dem Hause, begegnen den dahin Abgehenden und sehen ihnen neugierig nach. Später von Zeit zu Zeit Klavierspiel innen. Dr. Rathgeber. Also auf ein Konzert kommt's heraus. Dachte doch gleich, daß wir's nicht mit gewöhnlichen Badegästen zu tun hätten. Sehr gut! Wenn man in den Zeitungen lesen wird, Signora Carina habe in Kieferthal ein Konzert gegeben – das lenkt die Aufmerksamkeit hierher. Wir kommen in Aufnahme, werden Mode – (reibt vergnügt die Hände) unsere Aktien steigen. Busch. Hm – hm – sonderbar. Dr. Rathgeber. Was finden Sie daran wieder sonderbar, bester Herr Kommissarius? Kieferthal ist in der Tat ein Ort, der durch Klima – Busch (nimmt die Zeitung auf) . Versteht sich, versteht sich. Aber diese Zeitungsnachricht – es trifft sonderbar zusammen. Dr. Rathgeber. Was trifft sonderbar zusammen? Ich bitte Sie, äußern Sie sich deutlicher. Busch. Natürlich bloßer Zufall. Dr. Rathgeber. Was? Was? Busch. Der junge Fürst hat ein Verhältnis mit einer Sängerin – er verschwindet, sie verschwindet – man vermutet, daß sie sich inkognito nach Sulzingen begeben werden – Dr. Rathgeber. Ah –! Busch. Und in Kieferthal, eine Meile von Sulzingen, treffen inkognito ein Herr und eine Dame ein – Dr. Rathgeber. Und die Dame ist eine Opernsängerin und den Herrn kennen wir nicht. Sehr auffallend. Busch. Ein merkwürdiger Zufall. Nun, dem beabsichtigten Konzert steht nichts entgegen. (Ab nach der Promenade.) Dr. Rathgeber. Wenn das doch mehr als ein Zufall wäre –! Hm – Neunter Auftritt Dr. Rathgeber. Schnepf. Schnepf. Warum so nachdenklich, Doktor? Haben Sie in Ihrer Quelle einen neuen Stoff entdeckt? Ist's mit dem Konzert richtig? Dr. Rathgeber. Es scheint so. Und raten Sie einmal, wer uns das Konzert gibt? Schnepf. Nun? Eine Sängerin von der Oper zu Mailand. Dr. Rathgeber. Pah! Sie spricht das reinste Deutsch. Schnepf. Nun? Dr. Rathgeber. Natürlich bloße Vermutung, aber lohnt doch, drüber nachzudenken. (Zeigt auf das Zeitungsblatt.) Hm? Verstehen Sie? Schnepf. Was – der Fürst? Dr. Rathgeber. Die Geliebte des Fürsten – spurlos verschwunden – inkognito – hm? Schnepf. Herr du meines Lebens! Es fährt mir gleich in die Knie! Dr. Rathgeber. Bloße Vermutung natürlich. Sprechen Sie kein Wort davon. Adieu! (Ab.) Schnepf. So bleiben Sie doch noch. Eine so wichtige Neuigkeit muß man doch – Er ist fort, der Windicus. Was Vermutung? Da ist Zusammenhang – Plan – Absicht. O tempora, o mores! Zehnter Auftritt Schnepf. Frau Schnepf und Bertha. Frau Schnepf. Du bist ja so aufgeregt – was fehlt dir? Schnepf. Gott sei Dank, daß du kommst, Clotilde. Ach, diese frivole Welt! Wer hätte noch vor sechs Monaten so etwas für möglich gehalten? Frau Schnepf. Was denn? Schnepf. Es ist begründete Vermutung – nein! Es ist die größte Wahrscheinlichkeit – Frau Schnepf. So sprich doch! Schnepf. Bertha –! (Er sagt seiner Frau etwas ins Ohr.) Bertha. Ich soll wieder nicht hören. Alle besten Geschichten halten sie geheim. Dafür sollen sie auch nicht wissen, wen ich zur Post begleitet habe, und wenn sie vor Neugierde drei Nächte nicht schlafen können! Frau Schnepf. Das ist ja unerhört. Also der junge Fürst – Schnepf (zischelt ihr wieder ins Ohr) . Elfter Auftritt Die Vorigen. Rosette. Frau Schnepf. Was man nicht erlebt! Schnepf. Hübsch vorsichtig! Meine Stellung – Frau Schnepf. Ach, bestes Fräulein, eine Neuigkeit – (Spricht leise mit ihr.) Schnepf. Begleite mich, Bertha. Bertha. Papa –! Schnepf. Ich will es! – (Zu seiner Frau.) Um Himmels willen, vorsichtig! (Ab mit Bertha.) Rosette. Darüber kann ja gar kein Zweifel sein. Ihr Riechfläschchen! (Sinkt auf einen Stuhl.) Frau Schnepf. Ich will sogleich nach der Brunnenstraße und der Frau Geheimen Acciserätin Mitteilung machen. Ach! Das wir ein interessantes Konzert. (Ab nach rechts und karomboliert dabei mit Busch.) Zwölfter Auftritt Rosette. Busch Rosette (springt auf und ihm entgegen) . Wissen Sie denn schon von dem Konzert, Herr Badekommissarius? Busch. Allerdings! Ich komme deshalb nochmals zurück, um zu fragen, ob man nicht vielleicht gut tut, die Frau Fürstin Witwe zu avertieren? Rosette. Unzweifelhaft! Es ist ja ein Skandal –! Busch. Was? Rosette (verschämt) . Mein Himmel, die Geliebte des Fürsten – Busch. Was wissen Sie davon? Rosette. Zuverlässige Nachrichten. Sie ist ja hier als Signora Carina – Busch. Meine Vermutung. Rosette. Mit dem jungen Fürsten, der selbst inkognito – Busch. Ist es denn richtig? Rosette. Über allen Zweifel hinaus. Busch. Ja, wenn Sie's versichern –! Rosette. Welche Welt! Busch. Berichten wir sofort nach Hofe unter Beifügung dieses Zeitungsblattes: Prinz Egon von Sternheim ist in Kieferthal eingetroffen! Dritter Aufzug Dieselbe Dekoration wie im zweiten Aufzug. Es ist Abend. Die Fenster und die Glastür des Kurhauses sind erleuchtet. Auf dem Platz vor dem Hause Lampions, ebenso auf der Promenade und am Brunnen. Innen Klavierspiel und Gesang Erster Auftritt Busch vom Hause her, hält einen Brief in der Hand. Busch. Das Konzert muß bald zu Ende sein. War das ein Zudrang! Noch nie ist der Saal im goldenen Tannzapfen so gefüllt gewesen. Das macht die Neugierde wegen des Fürsten. Ein stattlicher, liebenswürdiger Mann, man möchte fast sagen: ein gemütlicher Mann, wenn's der Respekt erlaubte. Etwas leicht – hm, hm! Aber Jugend hat keine Tugend. Wenn es mir gelingen sollte Busch, nimm dich zusammen, zeige, was ein feiner Kopf kann, strecke deine Fühlhörner aus, wie eine Schnecke, die herumtastet, wo sie sich sicher anhängen kann. Wenn dir dies gelingt, ist dir ein guter Posten im Direktorium sicher. Was schreibt der Herr Fürstentumsdirektor von Schwalbe? Prägen wir uns Wort für Wort ein. (Hält den Brief unter eine Lampe und liest:) »Bewahren Sie vor allen Dingen aufs Strengste das Geheimnis – « vor mir kann er sicher sein, keine Seele erfährt davon – »Ich selbst eile nach Schloß Wolfshagen, um ganz in der Nähe zu sein, oh ne doch bemerkt zu werden. Ihre Aufgabe ist's nun, lieber Busch – « diese vertrauliche Sprache –! »den Fürsten unter irgend einem Vorwand zu vermögen, sich nach Wolfshagen zu bemühen, wo dann eine geheime Zusammenkunft stattfinden kann. Ich hoffe, daß es mir gelingen würde, ihn von der Unmöglichkeit zu überzeugen, mit der Sängerin in seine Residenz einzuziehen. Halten Sie dieselbe unter allen Umständen zurück – « eine mißliche Aufgabe – hm, hm – »Seien Sie meines besten Dankes versichert.« Gut, das läßt sich hören. Geheimsekretär im Direktorium, dafür wird Fräulein Bertha Schnepf vielleicht nicht unempfindlich sein! Zweiter Auftritt Busch. Peter, gleich darauf Kurt. Peter. Befehlen Sie ein Seidelchen, Herr Badekommissarius? Busch (eilig den Brief versteckend) . Danke, danke. Peter. Frisch vom Fass. Busch. Danke. – Wie weit ist's mit dem Konzert? Peter. Zwei Stück sind Dacapo verlangt –. Busch. Abendpost nach Sulzingen schon angekommen? Peter. Vor fünf Minuten. Busch. Will doch sehen, ob etwa noch Briefe – Wenn das Konzert geschlossen, benachrichtigen Sie mich. (Ab.) Peter. Zu Befehl! Kurt (von der Promenade her. Ein Junge trägt Reisesack und Plaid) . Da wären wir glücklich wieder auf derselben Stelle. Aber müde – müde! In Sulzingen keine Spur von den Beiden. Ich geb's auf, ihnen nachzulaufen; sie sind ja am Ende keine Kinder. Wahrscheinlich sitzen sie schon zu Hause und lachen mich aus. Wenn ich nur wüßte, wie sie ohne Geld – (Zum Kellner.) Ein Zimmer! Peter (wichtig) . Dürfte schwer halten, mein Herr. Kieferthal ist in dieser Saison wahrhaft überschwemmt von Reisenden. Kurt. Was? Und heute Vormittag war das halbe Kurhaus leer? Peter. Ach, Sie waren schon –? Verzeihen Sie, jetzt erst erkenne ich Sie wieder. Ja, für Sie –! Hat doch aber keine Eile? Kurt. Die größeste. Ich bin furchtbar müde und will zur Ruhe. Peter. Darf man wissen, ob Sie uns für längere Zeit die Ehre schenken werden? Wir bestimmen danach das Logis. Kurt. Kann sein, einige Wochen. Sie haben hier ein interessantes Echo, das ich zu studieren beabsichtige. Peter. Ein Echo? Wo, wenn man fragen darf? Kurt. Unter dem Andreasberge; ein höchst interessantes Echo, das mir heute den ganzen Tag in die Ohren geklungen hat. (Bei Seite.) Aufrichtig gesagt: seinetwegen allein komm' ich wieder zurück. Peter. Ein interessantes Echo? Wenn das der Doktor erfährt, schlägt er mit den Preisen auf. Will mir's doch notieren: Merkwürdigkeiten des Orts – interessantes Echo unter dem Andreasberge. (Er schreibt mit einer Bleifeder, die er aus der Westentasche nimmt, auf der Rückseite der Speisekarte, kehrt dieselbe um und streicht etwas aus.) Junges Huhn ist nicht mehr. – Kurt. Nun? Kommen meine Sachen bald hinein? Peter. Schicke sogleich den Hausknecht. Wollen Sie sich nicht indessen das Konzert anhören? Kurt. Konzert? Um Himmels willen! Hat man in der Stadt noch nicht genug von dieser Fittichschlägerei und Trillerei par excellence? Ich danke meinem Schöpfer, daß ich bis zum Winter meine Ohren schonen kann. Wer konzertiert denn? Peter. Etwas ganz Außerordentliches. Man darf darüber eigentlich bei hoher Polizeistrafe gar nicht sprechen. Kurt. Beweisen wir uns also als gute Untertanen, indem wir schleunigst zu Bett gehen. Peter. Wie Sie befehlen. Tee aufs Zimmer? Kurt. Meinetwegen. (Bricht auf.) Peter. Ach, noch Eins, mein Herr. Fragten Sie nicht nach einem Herrn von Schmettwitz? Kurt. Allerdings. Peter. Er hat sich gefunden. Kurt. Wie? Was? Peter. Ein Herr von Schmettwitz logiert hier. Ich habe selbst seine Visitenkarte bei dem – (verschluckt sich) Inkognito gesehen, und sein Name steht auf der Konzertliste obenan. Kurt. Und seine Frau? Peter. Eine Frau? Nee – eine Frau ist nicht dabei. Kurt. Dann ist's jedenfalls mein Mann auch nicht. Wie sieht denn der Herr aus? Groß, klein – schwarz, blond –? Peter. Etwa mittelgroß, schwarzes Haar – Kurt. Unmöglich! Schmettwitz ist blond und trägt einen Vollbart. Peter. Sie irren, mein Herr, er trägt ein ganz feines schwarzes Bärtchen. Kurt. Also ein Anderer. Aber doch ein Schmettwitz – vielleicht aus der Linie Ratzfeld. Geben Sie dem Herrn jedenfalls meine Karte ab (reicht ihm dieselbe) und sagen Sie ihm, daß ich bis zehn Uhr auf meinem Zimmer zu sprechen bin. Sonst würde ich selbst morgen die Schwägerschaft grüßen. Nehmen Sie doch das leichte Gepäck gleich mit. Peter. Darf dem Hausknecht nicht vorgreifen, Herr. Kurt. Er soll trotzdem nicht zu kurz kommen. Peter (nimmt das Gepäck auf) . Das ist etwas Anderes. (Beide ab nach links ) Dritter Auftritt Im Hause lautes Bravorufen und Klatschen. Gleich darauf öffnen sich die Türen und die Konzertgäste treten heraus. Einige nehmen vor dem Hause Platz, andere gehen nach der Promenade. Schnepf, Frau Schnepf, Bertha, Dr. Rathgeber, Blanknagel, Rosette treten vor. Später Busch von rechts. Blanknagel (setzt sich und klopft mit dem Stock auf den Tisch) . Kellner! Ein Glas Bier. Ich hab' einen Durst – Dr. Rathgeber. Aber so spät, Herr Blanknagel? Gegen alle Diät –! Blanknagel. Und wenn's mein letztes sein sollte! Wenn ich zwei Stunden lang singen höre, wird mir jedesmal ganz schwach. Es ist doch eine Menschenquälerei. – Kellner! Dr. Rathgeber (zu Frau Schnepf) . Nun, was sagen Sie, Frau Geheime Rätin? Superb? Was? Frau Schnepf. Hm – die Stimme ist nicht ganz übel. Aber etwas dünn. Rosette. Und die Schule denn doch recht mangelhaft. Schnepf. St! Nicht so laut. Wir dürfen nicht vergessen, daß Durchlaucht – ich sage nichts mehr. Frau Schnepf. Allerdings, man hat Rücksichten zu nehmen. Rosette. Das kann ich durchaus nicht finden. Man muß im Gegenteil deutlich zu verstehen geben, daß man sich nicht durch hohe Protektion blenden läßt und den Mangel an Schicklichkeit empfindet – Dr. Rathgeber und Schnepf (ängstlich umschauend) . Aber, mein Fräulein – Rosette (lauter) . Und wenn sie sänge, wie die heilige Cäcilie selbst, es bleibt doch immer ein höchst unmoralisches Verhältnis – Dr. Rathgeber und Schnepf. Leise – leise! Rosette. Und eine arge Zumutung, uns dasselbe auch nur inkognito gefallen zu lassen. Schnepf. Freilich – in geordneten bürgerlichen Verhältnissen – Bertha. Aber er nennt sie ja immer seine Frau? Schnepf. Herr Gott! Ist das Kind auch da? Das verstehst du nicht, Bertha – allerdings, quasi seine Frau – leider – Rosette. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich den Fürsten bedaure. Offenbar ist er verführt und nun zu großmütig, sie zu verstoßen. Haben Sie wohl bemerkt, wie auffällig sie sich von diesem Herrn von Schmettwitz den Hof machen läßt? Das sieht der Fürst gar nicht. Dr. Rathgeber. In diesen Kreisen nimmt man dergleichen nicht so genau. Es war doch höchst interessant. Busch (zutretend, zu Bertha) . Nun, mein Fräulein, sind Sie befriedigt? Bertha. Recht sehr. Ich finde nur, daß die Dame, die uns durch ihren Gesang erfreute, so gar nichts von einer Opernsängerin an sich hat. Sie trat recht schüchtern auf und zitterte bei den ersten Liedern. Schnepf. Nun hören Sie einmal das Kind! Bildet sich ein, über so etwas ein Urteil zu haben. Frau Schnepf. Wenn du doch lieber schweigen möchtest, Bertha. Blanknagel. Es war wirklich nicht viel fürs Geld, das bleibt wahr. Schnepf. Aber, meine Herrschaften, vergessen Sie nicht, daß jeder Mensch gemeinhin zweierlei bedeutet. Was er durch sich selbst bedeutet, ist Eins, und was er durch seine Beziehungen zu Anderen bedeutet, ist wieder Eins. Verstehen Sie? Beziehungen –! Dabei fällt mir übrigens eine passende Geschichte ein. Als ich noch Bürodiätarius ohne Gehalt war – es kann vor sechsunddreißig Jahren gewesen sein (nachdenklich) oder war's – ? Blanknagel (steht auf) . Ich trinke mein Bier später. Busch. Bleiben Sie doch, es ist ja hier so gemütlich. Blanknagel. Ich muß erst einmal zu Hause nachsehn, ob meine Lebensversicherung in Ordnung ist. Busch (folgt ihm) . Aber – Blanknagel. Herr, wenn Sie ein guter Polizeiverwalter sind, konfiszieren Sie diese lebensgefährlichen Geschichten. Er hat bloß zwei. Die eine behandelt den störrischen Büroapplikanten Munkelsteiner und die andere fängt an: als ich noch Bürodiätarius ohne Gehalt war. Meine Konstitution ist vom Brunnen zu sehr geschwächt, sie hält's nicht aus. (Ab.) Schnepf (geht auf Rathgeber zu) . Dr. Rathgeber (ruft ihm nach) . Nehmen Sie mich mit. (Ab.) Schnepf (verwundert) . Ja, was haben die Herren? Rosette. Ich muß doch einmal durchs Fenster gucken, was sie noch da innen treiben. Wenn ich den Fürsten warnen könnte –! (Geht nach dem Hause.) Schnepf. Ich besinne mich jetzt, es war vor fünfunddreißig Jahren. Frau Schnepf. Nachher, lieber Schnepf. Wenn dir's recht ist, ein Wort unter vier Augen. Ich habe einen Einfall. – (Sie zieht ihn fort. Beide gehen im Gespräch von links nach rechts über die Bühne, dann die Promenade hinauf nach hinten und wieder im Bogen herum nach links vorn.) Busch. Darf ich Sie unterhalten, Fräulein? Bertha. Wenn Ihnen das möglich ist –? Busch. Man hält mich sonst allgemein für sehr unterhaltend. Bertha. Warum geht Ihnen denn bei mir regelmäßig das Licht aus? Busch. Vielleicht, weil Sie's unter den Scheffel Ihrer üblen Laune stellen. Ich gebe mir vergebene Mühe, Ihnen zu gefallen. Bertha. Vielleicht weil Sie zu sehr verliebt in sich selbst sind. Busch. Dem wäre abzuhelfen, wenn Sie mir gestatten wollen, in Sie verliebt zu sein. Bertha. Kann ich Ihnen das verbieten? Busch. Sie wollen mich nicht verstehen. Bertha. Warum geben Sie Rätsel auf? Busch. Ist nicht die Liebe das größte Rätsel des Lebens? Bertha. Eine schöne Sentenz, die mich schwermütig machen könnte, wenn sie ebenso wahr als schön wäre. Busch. Warum? Wenn ich fragen darf. Bertha. Weil ich einen entsetzlich schweren Kopf habe und auch nicht das leichteste Rätsel rate. Busch. Man löst diese Art Rätsel aber gar nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Bertha. Dann bin ich ganz übel daran, denn ich habe mein Herz bereits verloren. Busch (selbstgefällig) . Ich möchte wohl wissen, an wen? Bertha. An ein Echo. Busch. Ah! Schnepf. Unmöglich – rein unmöglich! Frau Schnepf. Aber so bedenke doch – (spricht ihm weiter zu) . Busch. Wohl das berühmte Echo unter dem Andreasberge, von dem der Kellner mir pflichtschuldigst berichtet hat? Bertha. Kann sein. Busch. Fräulein –! Das ist gefährlich. Bertha. Sehr! (Beide gehen die Promenade hinauf und hinten herum nach links vorn) . Schnepf (zu seiner Frau) . Ich sage dir: rein unmöglich. Meine Stellung – mein Alter – meine Würde – Frau Schnepf. Und dein jämmerliches Gehalt. Müssen wir nicht jährlich von dem Meinigen zulegen? Schnepf. Bedenke doch, Clotilde! Ich soll mich so weit erniedrigen, diese lockere Dame um ein Fürwort beim Fürsten zu bitten? Frau Schnepf. Willst du's nicht gleich so laut sagen, daß die ganze Badegesellschaft von Kieferthal es hört? Schnepf (ganz leise) . So etwas bleibt ja doch nicht still. Wer darf sich bei Personen dieser Art auf Diskretion verlassen? Frau Schnepf. Andere werden es ebenso machen, und es hat in solchen Fällen seinen Vorteil, der Erste zu sein. Schnepf. Aber der Geheime Registratur Schnepf – Frau Schnepf. Wie lange wird's dauern, und wir haben unsere Tochter auszustatten. Der Busch macht ihr den Hof. Schnepf. Ich will von dem Busch nichts wissen; er hat nicht einmal einen ordentlichen Titel. Frau Schnepf. Er oder ein Anderer. Sprich mit der Sängerin. Schnepf (die Hände zusammenschlagend) . O tempora, o mores! Bertha. Ich will nichts weiter hören. Rosette (eilig vom Hause) . Sie kommen – sie kommen! Vierter Auftritt Aus dem Hause Ella und Egon. Arthur folgt, einen mit Geld gefüllten Teller tragend. Dr. Rathgeber schließt sich an. Die Badegäste stehen auf und verbeugen sich vor Arthur; ein Teil drängt sich an Ella. Später Peter. Zuletzt Schnepf und Rosette. Dr. Rathgeber. Im Namen der ganzen Badegesellschaft besten Dank für den Hochgenuß, den Sie uns bereitet haben. Die Gäste (durcheinander) . Himmlisch – reizend – unübertrefflich -! Busch. Eine Stimme, wie eine Glasglocke. Schnepf. Sie haben Jugend und Alter gleich bezaubert. Frau Schnepf. Kieferthal verdankt Ihnen einen seiner schönsten Abende. Dr. Rathgeber. Und hofft auf ein eben so glänzendes Dakapo. Ella. In der Tat, Sie beschämen mich, meine verehrten Herrschaften, wenn Sie meinen geringen Leistungen so viel Bedeutung beilegen. Egon. Nur keine Bescheidenheit dem Publikum gegenüber. Ella (den Gästen die Hände schüttelnd) . Ich danke Ihnen – ich danke Ihnen von Herzen. (Wirft sich erschöpft in einen Stuhl.) Ach! Mir ist ein Stein von der Brust gewälzt. Egon (zu den Umstehenden) . Signora Carina ist entzückt, hier so viel guten Kunstgeschmack zu finden, und wird in einer Viertelstunde, die sie sich zur Erholung erbittet, den Herrschaften die Freude machen können, an der Tafel zu erscheinen. (Zu Ella.) Sie nehmen doch meine Einladung an? Ella. Wenn mein Mann – Egon. Ach, ich bitte Sie, das versteht sich ja von selbst. Ella. So? (Die Badegäste sammeln sich um Arthur, halten sich aber doch in gemessener Entfernung.) Dr. Rathgeber (stößt, indem er noch eine letzte Verbeugung vor Ella macht, Arthur an, wendet sich rasch um und dienert) . Dürfen wir gehorsamst und devotest gratulieren? Arthur (klappert mit dem Gelde im Teller) . Bitte, bitte; die Einnahme übertrifft unsre Erwartungen. Frau Schnepf. Wie natürlich er seine Rolle spielt! Rosette. Leider – leider! Busch. Gestatten Sie die Aussprache unseres ehrerbietigsten Dankes – Arthur. O! Keine Ursache. Sie sehen, der bleibende Vorteil ist auf unsrer Seite. Busch (fein lächelnd) . Hm – so zu sagen. Es wäre uns angenehm, wenn Sie mit uns zufrieden sein könnten und sich allezeit mit einigem Vergnügen der Stunden erinnern möchten, die Sie inkognito in Kieferthal zugebracht haben. Arthur. Ich glaube, Sie halten mich für mehr als ich bin. Die Gäste. O –o – o –oh! Arthur (bei Seite) . Kurioses Völkchen. (Laut.) Ich bin doch neugierig, wie viel wir eigentlich eingenommen haben. Lassen Sie mich einmal zählen. (Er zählt das Geld auf.) Schnepf. Ziehen wir uns zurück. (Es geschieht.) Ella (zu Egon) . Sagen Sie mir aufrichtig: habe ich mich blamiert? Egon. Die Primadonna der großen Oper zu Mailand? Ella. Ach! Lassen Sie das. Sie sind nicht der Mann, so etwas für bare Münze zu nehmen. Egon. Jedenfalls vielversprechend. Stimmmaterial vortrefflich; Höhe und Tiefe kann leicht noch ein wenig verstärkt werden, die Mittellage hat bereits vollen Klang. Die Schule ist lobenswert, und die nötige Freiheit des Tones wird sich bei größerer Übung finden. Sie berechtigen zu den schönsten Hoffnungen. Ella. Ha, ha, ha! Sehr freundlich. Egon. Warum lachen Sie? Ella. Weil ich mir's in der Pension nicht habe träumen lassen, daß meine kleinen Künste so viel wert seien. Egon. Ihr Gesang hat etwas über alle Kunst hinaus –: Seele. Ella. Sie könnten mich ganz eitel machen. Egon. Schwerlich – wenn Ihr Spiegel sich vergebens darum bemüht haben sollte. Ella. O! Das ist etwas Anderes. Egon. Allerdings, aber es hat seine Bedeutung. So viel Jugend, Schönheit und Talent vereinigt – es kann Ihnen nicht an Eroberungen fehlen. Ella. Mein Herr –! So etwas sagt man nicht – Egon. So erlauben Sie, daß ich's denke. Ella. Aber weniger laut. Egon (leiser und vertraulicher) . Ich verstehe. Sie haben Verpflichtungen – Ella (heiter) . Die allerernstesten. Egon. Ha, ha, ha! Kontraktlich auf Stempelbogen. Er hat für Ihre Ausbildung gesorgt und sich dafür die Ausbeute Ihres Talents vorbehalten. Man kennt das. Ella. Wer, mein Herr? Arthur. Siebenunddreißig Taler fünfzehn Silbergroschen – aller Ehren wert! Egon. Hören Sie? Arthur. Darunter ein falsches Fünfgroschenstück. Egon (zieht einen Ring ab) . Das ich mir zum Andenken erbitte, wenn Sie dafür diesen Brillantring eintauschen wollen, der die reizende kleine Hand schmücken wird. (Er versucht Ella den Ring aufzuziehen.) Ella (aufstehend) . Arthur – ! Arthur. Nun? Egon. Er hat sicher nichts dagegen. Ella (scheu) . Aber ich verbitte mir – (sie tritt zu Arthur und spricht mit ihm; er sucht sie zu beruhigen) . Peter (zu Egon) . Gnädiger Herr! Egon (ärgerlich) . Was gibt's denn? Peter. O, ich störe – Egon (tritt zur Seite) . Nun – was gibt's? Schnell! Peter. Wollen Sie gütigst diese Visitenkarte in Empfang nehmen? Egon (nimmt die Karte) . Kurt von Hageln? Ganz unbekannt. Peter. Das meinte der Herr auch. Egon. Weshalb schickt er mir denn diese Karte? Peter. Weil er den Herrn von Schmettwitz zu sprechen wünscht. Egon. Ah so – Schmettwitz. Gut! Wo ist er? Peter. Auf Zimmer Nr. 46. Er war sehr müde von der Reise. Egon. Fatale Störung! Machen wir's schnell ab. Vielleicht weiß er et was von dem richtigen Schmettwitz, und ich werde die Brieftasche los. – – Dieses reizende Weibchen bringt meine tugendhaftesten Entschlüsse zum Wanken. (Zu Ella.) Auf Wiedersehen! (Ab mit dem Kellner.) Ella. Ich begreife nicht deine Gelassenheit, Arthur. Arthur (klimpert mit dem Gelde) . Sind wir nun nicht obenauf? Siebenunddreißig Taler fünfzehn Groschen – es ist ein Posten. Als ich dich heiratete Schatz, hätt' ich nicht geglaubt, daß ich jemals mit meiner Frau so viel verdienen würde. Ella (mit Vorwurf) . Arthur –! Arthur. Was meinst du, wenn wir unser Gut verpachten und weiter durch die Welt konzertieren? Die Kunst scheint einträglich zu sein. Es ist doch hübsch, solch ein Goldweibchen zu haben. Ella. Findest du? Arthur. Und das lustige Leben! Alle meine Studentenstreiche gehen mir durch den Kopf. Weißt du, daß wir auch einmal konzertierten, als wir gründlich abgebrannt waren? Ich spielte den Brummtopf mit Virtuosität und erntete viel Beifall, besonders bei den hübschen jungen Mädchen. Aber eine solche Einnahme haben wir selbst an unserem glücklichsten Tage nicht gehabt. (Schüttelt das Geld.) Ella. Höre, Arthur, wir wollen ein ernstes Wort miteinander sprechen. Arthur. Ein ernstes Wort? Du mit mir? Das ist ungeheuer komisch. Ella (erschreckt) . Arthur – Du hast getrunken! Arthur. Getrunken? Natürlich hab' ich getrunken. Der Mann einer fahrenden Sängerin trinkt immer. Das liegt so im Metier. Und nun wird gespielt – (schüttelt das Geld) wir haben's dazu. Ella. Zum Glück ist kein Spieltisch hier. Arthur. Das arrangiert sich leicht. Herr von Schmettwitz, mein famoser Namensvetter, ist sicher kein Unmensch – Ella. Das darf nicht sein. Dieser Herr von Schmettwitz – Arthur. Ein liebenswürdiger Kavalier, ein echter Ritter vom Stegreif. Ella. Laß vernünftig mit dir reden, Arthur; wir müssen fort – eiligst fort! Arthur. Das wäre! Ella. Das Geld reicht aus, unsere Rechnung zu berichtigen und die Eisenbahnfahrt bis nach Hause zu bezahlen. Das ist die beste Verwendung dafür. Arthur. Was? So philiströse sollen wir uns drücken, nachdem wir so burschikos angefangen haben? Wie? Wir haben noch volle vierundzwanzig Stunden zum Abenteuern, und es wäre doch eine wahre Sünde, sie im Postwagen und Eisenbahnwaggon zu verschleudern, nachdem wir so hübsch in den Zug gekommen sind. Ella. Ich erkenne dich gar nicht wieder, Arthur. Es war ja doch immer dein Wunsch, so halb als möglich deine Wirtschaft wieder zu haben. Arthur. Ja, siehst du, Kind! Das war der grauenhafte Philister in mir, der nur an Feld und Wald, Haus und Scheune, Vieh und Pferde dachte. Aber –! »zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust – !« Die eine, die lustige Studentenseele, war eingeschlafen, und nun sie einmal auf geweckt ist, läßt sie sich nicht so leicht wieder die Kissen um die Ohren schlagen. Du sollst einen Mann nach deinem Herzen haben. Ella. Ich bitte dich, Arthur, laß uns abreisen. Arthur. So dringlich, Kind! Was hast du denn plötzlich? Ella. Frage nicht! Ich ängstige mich – Arthur. Aber wovor in aller Welt? Ella. Vor dir – vor mir selbst – vor irgend einem Unglück, das unser Leichtsinn heraufbeschwören könnte – Arthur. Närrchen! Die vierundzwanzig Stunden seitwärts vom Wege werden dir später das ganze Leben lang fehlen. Durch! Es liegt noch etwas in der Luft, das herunter muß. Sie halten uns hier für irgend was Besonderes, ich weiß nicht für was. Gib Acht! Wir bringen's heraus. Ella. Folge mir, Arthur. Arthur. Nein! Noch küsse ich den Pantoffel nicht. – Sieh nur, wie der geheime Schnepf dort um uns in allerhand magischen Kreisen herumstreicht, ich wette drauf, in seinem Vogelgehirn ist irgend eine geistreiche Idee aufgedämmert, die hier ans Tageslicht soll. –Treten Sie doch näher, mein verehrtester Herr Geheimer Rat! Schnepf (zutretend) . O! Sie beglücken mich –! Arthur. Keinen Würdigeren in dieser ehrenwerten Gesellschaft könnte ich mit einer Kommission betrauen, die Umsicht und Lokalkenntnis fordert. Ich habe unsere heutige Konzerteinnahme für die Kieferthaler Annen bestimmt – Ella (aufs Äußerste erschreckt) . Arthur –! Arthur. Und übergebe Ihnen hiermit die Kasse, siebenunddreißig Taler fünfzehn Silbergroschen, wohl gezählt, darunter ein falsches Fünfgroschenstück. Übernehmen Sie gütigst die Verteilung. Schnepf (ganz konsterniert) . Gütiger Herr –! Diese Liberalität – wird Ihnen alle Herzen gewinnen. Arthur. Siehst du, Ella! Schnepf. O, ich dachte ja gleich, daß nur ein Scherz – (Bei Seite.) Nun ist kein Zweifel mehr, daß er der Fürst ist. Arthur. Sie hatten noch etwas auf dem Herzen – wie? Schnepf. Ach, mein Himmel – ein Einfall meiner Frau –! Wie sollte ich sonst die Dreistigkeit – Arthur. Nur heraus damit. Schnepf. Wenn Sie mir ein Wort mit Ihrer – Ihrer – (schluckt krampfhaft) Frau Gemahlin gestatten wollen – Arthur. Immer zu: ich bin nicht eifersüchtig. Schnepf. Ach – es ist auch nicht Ursache – Arthur (zu Ella) . Willst du den Herrn Geheimen Rath – Schnepf. Registratur – Registratur, genauer gesagt. Arthur (klopft ihm auf die Schulter) . Was nicht ist, kann werden. Schnepf (sehr glücklich) . Wenn Sie's versichern –! Darf ich um eine kurze Audienz bitten, meine Gnädigste? Ella (aufstehend und ihm folgend) . Ich stehe zu Diensten. (Bei Seite.) Was wird das wieder sein? Die Sache fängt an unheimlich zu werden. (Ab mit Schnepf nach der Promenade.) Arthur. Sie hat genug! Aber sie muß zu viel haben, wenn uns für immer geholfen werden soll. Wie wird uns das trauliche Schmettwitz behagen, wenn wir dort wie in den schützenden Hafen nach dem Sturm einlaufen? – Da gibt's schon eine neue Anfechtung! Rosette (tritt, nachdem sie sich am benachbarten Tische etwas zu schaffen gemacht, mit vielen Verbeugungen heran) . (Bei Seite.) Ich wage es, dem Fürsten reinen Wein einzuschenken. (Laut.) Darf ich hoffen, nicht zu stören? Arthur. Bitte, mein Fräulein, bitte. Rosette. Wir sind sicher vor Lauscherohren. Was ich zu sagen habe, darf zwar die Zeugenschaft der Menschen so wenig scheuen, als die des Himmels; ich bin jedoch zu wohlerzogen, um die Diskretion zu verletzen, die ein Inkognito fordert, und bitte daher, mich auf Andeutungen beschränken zu dürfen. Arthur (bei Seite) . »Herr, dunkel war der Rede Sinn – « (Laut.) Eine vielversprechende Einleitung, mein Fräulein. Rosette (vertraulich) . Ich darf hinzufügen: Sie sind erkannt. Arthur. Ach! Rosette. Aber es wird von Ihnen abhängen, wann Sie sich einer ehrerbietigen Dienerin decouvrieren wollen. Ich enthalte mich deshalb auch aller Prädikate, die mir ein langer Verkehr mit dem Hofe geläufig gemacht hat, und hoffe um so größeres Vertrauen zu verdienen. Arthur. Wenn Sie mir nur sagen wollten – Rosette. Es ist das langjährige Interesse für die Familie, die – ich darf mich dessen rühmen – freundschaftliche Stellung zu den Damen, die Liebe zu meinem engeren Vaterlande, die mich sprechen heißen. Mein Vater war Hofrath und Sekretär des hochseligen Fürsten, mein Großvater Garderobemeister, mein Urgroßvater Leibkutscher bei dessen Erlauchten Vorfahren. Ich selbst hatte die Ehre, den gnädigen Fräulein Gouvernantendienste leisten zu dürfen. Arthur. Eine rührende Treue. Rosette. O, wenn Sie das fühlen – – ! Aber ich beherrsche mich. Es gibt große Momente im Leben mancher Sterblichen – Arthur. Unzweifelhaft. Rosette. Unvermutet zu Reichtum, Macht, hoher Stellung zu gelangen – ist das nicht ein solcher Moment? Er fordert einen größern Menschen. Welche Verantwortlichkeit, wenn das Schicksal fehlgriff, wenn nicht die Tugend das Glück krönt. Arthur. Sehr schön gesagt; aber ich begreife nicht – Rosette. Die Tugend. O, auch sie ist kein leerer Wahn. In Hütten und Palästen – Arthur. Erlauben Sie, mein Fräulein, ich habe mich bisher für einen leidlich anständigen Menschen gehalten, und kann wirklich nicht finden – (Bei Seite.) Die ist toll! Rosette. In Ihren bisherigen Verhältnissen – ich wage keine Kritik darüber. Aber in Ihr neues Leben Verbindungen mit hinüber zu nehmen, die nach sittlichen Anschauungen – – O! Sie machen es mir so schwer. Arthur. Was für Verbindungen? Rosette. Eine Opernsängerin führen Sie in das Ländchen ein, das von Ihrer Weisheit und Sittenstrenge – Arthur. Ha, ha, ha – köstlich! Rosette. O, lachen Sie nicht, es schneidet mir ins tiefste Herz. ( Ella und Schnepf der noch immer den Teller trägt, werden auf der Promenade sichtbar. Sie gibt sich augenscheinlich Mühe, die Dame zu erkennen, mit der Arthur spricht) . Arthur. Sprechen Sie von meiner Frau? Rosette. Entheiligen Sie nicht dieses hohe Wort. Ein Wesen so tief unter Ihnen – Arthur. Ich muß bitten, mein Fräulein –! Rosette. Unerschrocken stehe ich vor Ihnen, ein weiblicher Marquis Posa – - Arthur. Ich gewähre Ihnen gnädigst Gedankenfreiheit, so viel Sie vertragen können, aber offenbare Invektiven – Rosette. Die Pflicht fordert sie. Selbst hier – sollten Sie nicht bemerken, was jedes zartorganisierte Gemüt wahrhaft erschreckt, diese Vertraulichkeit mit Herrn von Schmettwitz – Arthur. Mit –? Ach so. Rosette. Lassen Sie sich beschwören. Trennen Sie sich von diesen unseligen Banden, um ganz Ihrer großen Aufgabe zu leben, kehren Sie zurück zu Tugend –! Ella (tritt wieder mit Schnepf in den Vordergrund und sucht sich von ihm loszumachen) . Das Gespräch scheint sehr intim. Rosette (komisch erregt) . Wir sind behorcht – ich scheide. Lassen Sie mich die Hoffnung mitnehmen, daß ich nicht umsonst gesprochen habe. Arthur. Beim besten Willen rein unmöglich. Rosette. Unglückliches Land! (Ab.) Ella (zu Schnepf) . Ich kann nur immer dasselbe wiederholen. Wenn ich Gelegenheit haben sollte, Ihren Fürsten zu sprechen, will ich gern in Ihrem Interesse – (Wendet sich ab.) Der Mensch kann einen mit seinem unverständlichen Zeug zur Verzweiflung bringen. Schnepf (wischt sich den Schweiß) . O, Clotilde! (Ab.) Ella. Was war das für eine Dame, Arthur, mit der du dich so angelegentlich unterhalten hast? Arthur. Sehr angelegentlich. Ella. Sie schien die Flucht zu ergreifen, als ich mich näherte. Arthur. Es hat den Anschein. Ella. Nein, es ist gewiß. – Was wollte sie denn von dir? Arthur. Allen Ernstes mich bestimmen, daß ich mich von dir scheiden lasse. Ella. Ah –h! Das muß ich sagen, du machst interessante Bekanntschaften. Arthur. Ich erstaune aber auch, was ich selbst für ein interessanter Mensch sein muß. Ella. Wirklich? Arthur. Du hast bisher gar nicht gewußt, was du an mir hast. Ella. Die Leute sind hier im Stande, dem Besonnensten den Kopf zu verdrehen; es ist gefährlich in ihrer Nähe. Bei diesem Herrn Schnepf scheint's nicht ganz richtig; er hält mich für die Geliebte seines Fürsten. Arthur. Hab' ich dir nicht gesagt, daß es noch toller kommt? Wir erleben in diesen vierundzwanzig Stunden noch etwas. Ella. Ich will fort. Arthur. So energisch? Ich glaube gar, du bist eifersüchtig. Ella. Ich wollte, du wärst es. Arthur. Ich? Da müsste ich meine Frau nicht kennen. Ella. Oder – da müsste deine Frau dir weniger gleichgültig sein. (Mit ihrem Ärger kämpfend.) Wären wir doch nur nach Hause gereist! Arthur (für sich) . Nun kommt die Katastrophe. Ella. Ich singe auf keinen Fall zum zweiten Mal. Arthur. Natürlich, wer wird denselben Spaß zweimal machen? Ella. Er ist mir schon das erste Mal verdorben. Arthur. Ein munteres Souper wird dich wieder aufrichten. Ella. Ich spiele meine Rolle nicht weiter. Arthur. So wird man erst recht glauben, daß du eine Rolle spielst. Die Kieferthaler sind hieb- und stichfest. Ella. Du wird es bereuen, Arthur. Fünfter Auftritt Die Vorigen. Egon. Busch. Egon. Entschuldigen Sie mein langes Ausbleiben, meine Verehrtesten! Ein unbekannter Herr schickt mir eine Karte und wünscht mich zu sprechen. Ich bin so höflich, ihn aufzusuchen, statt mich aufsuchen zu lassen, klopfe aber vergeblich an die Tür. Wie ich nun das Ohr ans Schlüsselloch lege, um mich zu überzeugen, ob das Zimmer bewohnt ist, höre ich ein lautes – Schnarchen. Wie finden Sie das? Arthur. Impertinent. Egon. Und inzwischen gerät unsere Wirtin vom goldenen Tannzapfen in gelinde Verzweiflung, weil unser lukullisches Mahl kalt wird. (Zu Ella.) Darf ich um Ihren Arm bitten, Signora? Ich führe Sie zur Tafel. Ella (bei Seite) . Wenn's ihn nur ärgerte. (Laut.) Du bist ja wohl schon engagiert, lieber Arthur? Arthur. Sei meinetwegen ganz unbesorgt. Egon. Ich habe den Platz gegenüber für Sie belegt. (Mit Ella ab.) Arthur. Sehr dankbar. Busch (heimlich zu Arthur) . Mein Herr –! Arthur. Nun? Busch. Ich komme in einer diplomatischen Mission. Arthur (bei Seite) . Wieder einer. (Laut.) Von welchem Hofe akkreditiert? Busch. So zu sagen, von dem von Sulzingen. Arthur. Sehr schmeichelhaft. Busch. So zu sagen –! Ich hoffe verstanden zu sein. Arthur. Vollkommen. Busch. Man wagte zwar nicht, die geheimen Motive eines hohen Inkognitos enträtseln zu wollen, darf sich doch aber mit der Vermutung tragen, daß dasselbe den Zweck möglichst eingehender Information nicht ganz ausschließen dürfte. Arthur. Sehr wahrscheinlich. Busch (bei Seite) . Er beißt an. (Laut.) Dazu wäre nun die trefflichste Gelegenheit, wenn Sie sich eine Viertelstunde weit bemühen wollten – Arthur. Was – ich? Busch. In Anbetracht und geneigter Würdigung der besonderen Rücksichten auf hohes Inkognito, die den Herrn Fürstentumsdirektor von Schwalbe hindern, hier seine Aufwartung zu machen. Arthur. Schwalbe – so, so! Busch. Er ist ein sehr unterrichteter Mann und im Stande, bei Sonderung des Allodialvermögens der jungen Prinzessinnen die wichtigsten Dienste zu leisten. Ich würde danach sehr glücklich sein, wenn ich den Weg nach dem Wolfenhagener Jagdschlößchen zeigen dürfte. Arthur. Wie? Jetzt zur Nacht? Busch. Der größeren Heimlichkeit wegen – ich stelle gehorsamst anheim. Arthur (bei Seite) . Das wird bunt. Bisher habe ich mir eingebildet, die Marionettendrähte in der Hand zu haben; jetzt fühle ich plötzlich selbst ein sehr verdächtiges Zupfen am Rockkragen. (Laut.) Eine Viertelstunde, sagen Sie? Busch. Kaum, und wir haben den herrlichsten Mondschein. Arthur (bei Seite) . Ich bin doch neugierig. Für Ella steigert sich der Effekt, wenn ich auf einige Stunden verschwinde, und ihre Eifersucht verdient wirklich eine kleine Buße. (Laut.) Aber unser Souper? Busch. O! Wir finden sicher in Wolfshagen die Tafel bedeckt. Arthur. Gut denn – ! Ich gehe mit Ihnen. Haben Sie vielleicht ein Blatt Papier bei der Hand? Busch (reißt ein Blatt aus seiner Brieftasche und reicht es ihm) . Arthur. Ein paar Worte für meine Frau. (Schreibt.) So! Wir schicken's durch den Kellner hinein. –A propos! Kennen Sie diesen Herrn von Schmettwitz, der sich so groß aufspielt? Busch. Habe bisher nicht das Vergnügen gehabt. Arthur. Er ist mir verdächtig. Ich habe Grund zu der Annahme, daß er sich einen falschen Namen beilegt. Busch. Ach! Das muß untersucht werden. Arthur (bei Seite) . Dem soll das Tourmachen eingetränkt werden. (Laut.) Vorsichtig! Busch. Verlassen Sie sich auf mich, gnädiger Herr. Arthur. Was gibt's denn dort? (Im Hintergrund hat sich die Badegesellschaft gesammelt. Dr. Rathgeber, den Teller mit dem Gelde in der Hand, tritt vor. Peter, schwenkt vom Balkon des Hauses aus die Serviette als Fahne.) Dr. Rathgeber. Dem edlen Wohltäter, dem Freunde der Armen ein donnerndes Hoch! Die Gesellschaft. Hoch soll er leben! Hoch soll er leben! Er lebe hoch! Vierter Aufzug Dieselbe Dekoration wie im ersten und zweiten Aufzug. Es ist Morgen. Erster Auftritt Busch. Dr. Rathgeber. Schnepf. Dr. Rathgeber. Aber ich bitte Sie, Herr Badekommissarius, wir sind ja alte Freunde. Schnepf. Und verschwiegen, wie die Gräber. Busch (sich ihrer erwehrend) . Meine Herren, meine Herren –! Diplomatisches Geheimnis. Dr. Rathgeber. Wir wissen ja doch die Hälfte schon. Schnepf. Ich nehm's auf meinen Amtseid. Busch. Nein unmöglich! Quälen Sie mich nicht. Vermuten Sie, was Sie wollen, aber verlangen Sie von mir nicht die Bestätigung. Es kann so sein – – und es kann so sein, meine Zunge ist unter Schloß und Riegel –. Dr. Rathgeber. Nachdem wir gestern das Hoch ausgebracht haben, gehen wir zu Tisch und denken, Sie werden mit dem Fürsten – Busch. S –st! Dr. Rathgeber. Mit Ihm nachkommen. Weit gefehlt. Der Signora wird ein Billet überbracht; sie liest es und wird kreidebleich. Nach dem dritten Gange steht sie auf und verläßt den Saal. Man bemerkt auf ihrem Zimmer Licht bis ein Uhr. Offenbar erwartet sie den – (verschluckt sich) Ihn, aber er kommt nicht. Es heißt, er habe mit dem Herrn Badekommissarius Kieferthal verlassen. Das geben Sie als richtig zu, auch daß Sie in der Nacht allein zurückgekehrt sind. Wo Er aber geblieben ist – Busch. Diplomatisches Geheimnis. Schnepf. Es ist, als ob Einem im Bureau ein Aktenstück verschwunden wäre: man hat keine Ruhe, bis es gefunden worden. Busch. Machen Sie sich keine Gedanken, meine Herren; ich darf versichern, daß der hohe Gast vortrefflich gegessen und noch besser getrunken – wahrscheinlich auch eben so gut geschlafen hat und sich wohlbehalten in der Nähe befindet. Ob er noch einmal hierher zurückkehren wird, ob wir die Freude haben sollen, ihm offiziell in Sulzingen aufzuwarten – (zuckt die Achseln, sehr wichtig) ja, sehen Sie, das weiß ich selbst nicht. Dr. Rathgeber (enttäuscht und ärgerlich) . Mein Himmel! Wie Sie wollen. Man wird ja zeitig genug erfahren, daß die Geschichte nicht des Aufhebens wert war. Ich mache den Rundgang bei meinen Patienten. Guten Morgen. (Ab.) Busch (ganz ruhig) . Guten Morgen, Herr Doktor. Schnepf (jetzt ihn vertraulich unter den Arm) . Wir sind allein, bester Busch, und ganz unter uns. Nun werden Sie sich doch nicht weigern – Busch. Aber ich bitte Sie, Verehrtester, es ist gegen Pflicht und Gewissen. Schnepf. Sie interessieren sich für meine Tochter Bertha. Busch. Freilich – freilich – ! Und ich hoffe, bald in der Lage zu sein, wagen zu dürfen – Schnepf. Hoffen Sie – wagen Sie! Was mich anbetrifft, ich verliere kein Wort. Meine Frau ist Ihnen geneigt. Busch. Sie beglücken mich durch Ihr Vertrauen. Schnepf. Gut denn: Vertrauen gegen Vertrauen, lieber Busch. Busch. Ah so –! Schnepf. Ich habe gestern – auf Anraten meiner Frau – eine Unterredung gehabt, die mich ganz perplex gemacht hat. Eine sehr unruhige, schlaflose Nacht ist die Folge davon gewesen. Ich brauche durchaus etwas zur Erfrischung, und da es nun gleichsam in der Verwandtschaft bleibt – hm – hm –! Busch. So zu sagen. – Hören Sie denn: der Fürst – so zu sagen, der Fürst – ist in Wolfshagen. Schnepf. Ah! Busch. Wohin Herr von Schwalbe geeilt war, um sein Schäfchen möglichst schnell ins Trockne zu bringen. Sie verstehen mich. Schnepf. Dacht' ich's doch! Busch. Der hat sich nun die erstaunlichste Mühe gegeben, den hohen Herrn zu vermögen, sein Inkognito fallen zu lassen. Schnepf. Vergebens? Busch. Vergebens trotz exquisitem Rheinwein und Champagner. Er will im Gegenteil von seiner Fürstlichkeit durchaus nichts wissen. Schnepf. Um sich im Stillen noch gründlicher über die Verhältnisse zu informieren. Busch. Wahrscheinlich. Es blieb also nichts übrig, als einen Expressen nach Sulzingen zu schicken und die verwitwete Fürstin, seine Quasi-Tante, zur Rekognition einzuladen. Sie hat ihn vor Jahren einmal gesehen. Schnepf. Ah! Sehr fein. Busch. Die Kunst war nun, ihn bis zu ihrem Eintreffen in Wolfshagen zurückzuhalten. Es scheint gelungen zu sein. Schnepf. Und Sie? Busch. Ich erhielt ganz im Geheimen eine weitere Mission – Schnepf. Sagen Sie doch –? Busch. Aber Sie schwören – Schnepf. Bertha ist Ihnen sicher. Busch. Es gilt, die Sängerin auf irgend eine Weise, gut oder übel, fortzuschaffen, um ihn diesem offenbar verderblichen Einfluß zu entziehen. Schnepf. Ah – ah! Eine mißliche Sache. Busch. Bedenken Sie, man rechnet auf die Verbindung mit Prinzessin Amalie. Der Skandal muß, so zu sagen, lokalisiert werden. Schnepf. Welche Aufregung! (Bei Seite.) Clotilde wird außer sich geraten, wenn sie das erfährt. (Laut.) Wünsche Glück. Busch. Aber Verschwiegenheit! Und wegen Fräulein Bertha-? Schnepf (kühl) . Gelegentlich, lieber Busch. Ich muß fort. Mein Himmel, man versäumt ja über diesen Neuigkeiten ganz den Brunnen. Auf Wiedersehen! (Ab.) Busch. Macht der alte Fuchs schon Hakenschläge? Warte! Zweiter Auftritt Busch. Kurt (aus dem Hause). Kurt (aufgeregt) . Mein Herr –! Busch. Sie wünschen? Kurt. Man sagt mir, daß Sie in Kieferthal neben dem Amt eines Badekommissarius auch das eines Polizeiverwalters exekutieren. Busch. Sehr richtig. Kurt. In dieser letzteren Eigenschaft wünsche ich Sie zu sprechen. Erlauben Sie, daß ich mich selbst vorstelle: Kurt von Hageln. Busch. Sehr verbunden. Kurt. Lassen Sie sich erzählen, was mir begegnet ist. Ich befinde mich seit mehreren Monaten auf Reisen mit meiner Schwester und deren Mann, einem Herrn von Schmettwitz auf Schmettwitz. Busch. Schmettwitz? Kurt. Wie ich sage. In Bodenbach benutzen wir einen mehrstündigen Bahnaufenthalt, um in die Berge hinaufzusteigen. Ich gehe einem, übrigens nichtsnutzigen, Echo nach und lasse den Schwager und meine Schwester auf der Schillerplatte zurück. Als ich nach einer Viertelstunde wieder dorthin komme, sind Beide spurlos verschwunden. Busch. Wahrscheinlich nach Bodenbach hinabgestiegen. Kurt. Das denke ich anfangs auch. Aber ich suche sie dort – suche sie bald überall vergebens. Sie sind wie in die Erde gesunken. Busch. Sehr merkwürdig. Kurt. Nicht wahr? Endlich erfahre ich gestern hier vom Kellner, daß sich ein Herr von Schmettwitz in Kieferthal aufhält. Busch. Ganz recht. Kurt. Aber ohne Frau und mit der Beschreibung nicht übereinstimmend. Ich lasse mir heute früh vom Kellner die Karte zeigen, die er abgegeben hat – es ist die Karte meines Schwagers. Busch. Ah! Kurt. Ich statte ihm der Sicherheit wegen meine Visite ab, finde ihn aber nicht mehr auf seinem Zimmer. Auf dem Tische neben seinem Bette liegt die Brieftasche meines Schwagers und dessen kleine Geldbörse – Busch. Was Sie sagen! Kurt. Der Kellner bezeichnet mir vom Fenster aus einen Herrn, der eben das Haus verläßt, und ich erinnere mich nun, daß ich denselben Herrn auf der Schillerplatte getroffen habe, als ich von den Rabensteinen zurückkam. Er entfernte sich damals eilig. Busch. Gleichsam vom Orte der Tat. Kurt. Sie meinen also? Busch. Herr du meines Lebens, es liegt ja, so zu sagen, auf der Hand. Spurloses Verschwinden – Besitz von Gegenständen der Vermißten – Betreffen am Ort der Tat – mir stehen die Haare zu Berge! Kurt. Es wäre doch aber möglich – Busch. Möglich – möglich! Die Polizei läßt sich auf Möglichkeiten gar nicht ein, wo sie solche Beweise hat. Und da fällt mir ein, daß schon Seine Durchlaucht warnte, der Mensch gebe sich einen falschen Namen. Kurt. Jawohl, er nennt sich Schmettwitz. Busch. Wie sein Opfer. Die Sache ist klar, sonnenklar! Kurt. Sie erschrecken mich. Ich will doch nicht furchten – Busch. Lieber Herr, das weiß die Polizei besser. Auf so etwas verstehen wir uns. – Mein Kopf – wo habe ich denn meinen Kopf? Ach! Sie ahnen gar nicht, was darin rumort. Der Fürst und die Sängerin und nun noch diese Geschichte –! Hu! Kurt. Ich bitte, behandeln Sie den Fall vorsichtig. Es könnte doch sein – Busch. Vorsichtig! Lieber Herr, das brauchen Sie mir nicht ans Herz zu legen. Er soll uns nicht durchbrennen! Vorsichtig und fein, das ist die Hauptsache – ganz fein. Wir werden im Geheimen unsere Maßregeln treffen, beobachten, aufpassen. Lassen Sie sich's einmal vom Herrn Geheimrath Schnepf erzählen, wie ich im vorigen Jahre den Zunderfried eingefangen habe, der sechs Häuser in Brand gesteckt hatte – fein! Sag' ich Ihnen. Hinterher ist der Kerl leider von den Geschworenen freigesprochen. – Sie bleiben doch hier? Kurt. Jawohl. Busch. Gut! Halten Sie sich möglichst verborgen; ich rufe Sie, wenn die Schlinge zugezogen ist. Geschäfte über Geschäfte. Nicht einmal das bißchen Bad gönnen uns die verdammten Spitzbuben. (Ab.) Kurt. Wenn man den hört, kann Einem ganz graulich werden. Ich hoffe noch, es klärt sich gut auf. Jedenfalls muß er doch Auskunft geben, wie er in den Besitz der Brieftasche gekommen ist. Vielleicht war's übereilt, gleich die Polizei – Seh' ich recht? Mein Echo vom Andreasberge. Dritter Auftritt Kurt. Bertha (von der Promenade her, geht an den Brunnen und schöpft Wasser). Bertha (abgewendet) . Da ist er wahrhaftig wieder zurück. Nun, zum zweiten Male spediere ich ihn nicht zur Post, darauf kann er sich verlassen. Kurt. Sie sieht gar nicht her; ich wette darauf, daß sie mich vorhin bemerkt hat. Bertha. Ob er doch wieder anbinden wird? Kurt (ganz leise) . Hoi – a –ho! Bertha. Aha! Das gilt mir. Du kannst lange warten. Kurt. Hoia – ho – oh! Bertha. Ein furchtbar komischer Mensch. (Sie tut so, als ob sie Wasser schöpft und ruft in den Brunnen hinein:) Schmettwitz! Kurt. Nun ist's sicher. (Geht näher.) Mein Fräulein – Bertha (anscheinend sehr verwundert) . Mein Herr – ? Kurt. Haben Sie Schmettwitz gerufen? Bertha. Bewahre! Kurt. Aber ich hörte doch – Bertha. Das muß aus dem Brunnen gekommen sein. Wahrscheinlich der Brunnengeist des Dr. Rathgeber. Kurt. Ein merkwürdiger Brunnengeist. Hm –! Sie kennen mich doch noch? Bertha. Noch? Mein Gedächtnis ist entsetzlich kurz – ich glaube noch kürzer als das Ihrige. Kurt. Und haben doch nicht vergessen, daß ich mich einer kleinen Vergeßlichkeit gegen sie schuldig machte. Ist dafür denn gar nicht Absolution zu erlangen, Fräulein Bertha? Bertha. Wo haben Sie den Namen gefunden, nachdem Sie ihn verloren hatten? Kurt. Am Andreasberge. Als die Postkutsche vorüberkeuchte, bog ich mich aus dem Fenster und schickte ein sehnsüchtiges Hoiho in die Fichten – Bertha. Es kam aber keine Antwort. Kurt. Doch! Ganz leise und wie aus weiter Ferne klang mir's zurück: Bertha. Bertha. Ach, wenn Sie sich da nicht verhört haben – ! Kurt. Fragen Sie den Postillon. Bertha. Ich werde mich hüten. – Was führt Sie denn eigentlich wieder nach Kieferthal? Kurt. Offen gestanden: das Echo, das mir gar nicht mehr aus dem Sinn kommt. Es ist mir recht sonderbar gegangen, mein Fräulein. Von der Schillerplatte über Bodenbach steige ich zu den Rabensteinen auf, um ein berühmtes Echo zu suchen, und verliere dabei meinen Schwager Schmettwitz und seine Frau, meine Schwester. Um sie zu suchen, komme ich nach Kieferthal und finde statt ihrer am Andreasberge ein wunderbares Echo. Wie ich es haschen will, verpasse ich es; entdecke dafür eine junge Dame, die von nichts wissen will, und verliere dabei mein Herz. Wie ich nun wieder zurückkomme, um mein Herz zu suchen, höre ich, daß Schmettwitz doch hier ist. Wie ich ihm meine Visite mache, ist's ein ganz Anderer unter sehr verdächtigen Umständen, und wie ich endlich deshalb den Polizeiverwalter Busch aufsuche, finde ich – Sie. Sind das nicht sonderbare Schicksale? Bertha. Kein Mensch kann Sie zusammenreimen. Kurt. Nicht wahr? Das einzig sichere Resultat bei alledem ist, daß ich Sie gefunden habe. Sehr fraglich bleibt dagegen, ob ich auch mein Herz und meinen Schwager Schmettwitz wiederfinde, und wenn –? In welcher Beschaffenheit. Bertha. Da soll ich Ihnen wohl gar suchen helfen? Kurt. Ach! Das wäre sehr liebenswürdig. Wegen meines Schwagers Schmettwitz möchte ich Sie schon nicht bemühen, aber mein Herz – Bertha. Das müssen wir dem diebischen Echo wieder abjagen. Kurt. Viel einfacher scheint's, wenn wir das Echo selbst einfangen. Wissen Sie denn gar nicht, wo es geblieben ist? Bertha. Was wollen Sie denn damit anfangen, wenn Sie's eingefangen hätten? Kurt. Gar nicht mehr loslassen wollt ich's, bis es sich in ein reizendes Mädchen verwandelt hätte, das mir sein Herz schenkte für das meinige. Bertha. Davon weiß die griechische Mythologie nichts. Kurt (fast rasch ihre Hand) . Halt! Ich hab's. Bertha. Ach, Sie erschrecken mich. Kurt. Gestehen Sie! Bertha. Ich bin unschuldig. Kurt. Sie würden mir aber einen rechten Gefallen tun, wenn Sie sich schuldig bekennen wollten. Bertha. Daß Sie ein paar Schritte weiter ein Echo entdecken, das Ihnen besser gefällt, und mich am Andreasberge sitzen lassen! Nein, ich bin verstockt. Kurt (drückt ihre Hand) . Bertha –! Bertha. Lassen Sie mich los! Ich habe gar keine Luft, immer zu antworten, wie Sie rufen. Kurt. Aber nur einmal! Vierter Auftritt Die Vorigen. Frau Schnepf und Rosette von der Promenade. Frau Schnepf. Bertha –! Rosette. Fräulein –! Bertha. Ach –! Die Mama. Frau Schnepf. Ich bin verwundert, dich hier mit einem fremden Herrn Bertha. Ich – ich – (schnell) ich soll ja doch Brunnen trinken, Mama. Frau Schnepf. Mein Herr –! Kurt (sehr verwirrt und verlegen) . Gnädige Frau – ich wollte mich nur erkundigen – – (entschlossen) ich wollte nur Ihren Herrn Gemahl sprechen. Frau Schnepf (verwundert) . Meinen Mann? Darf ich vielleicht wissen –? Kurt. Sehr wichtige Mitteilungen. (Bei Seite zu Bertha.) Verleugnen Sie mich nicht. Frau Schnepf. Schnepf sitzt auf dem Balkon und studiert die Sulzinger Nachrichten; stelle also anheim, ihn dort aufzusuchen. Kurt. Besten Dank! (Verbeugt sich und geht ab nach links.) Bertha. Rechts – rechts! Kurt (ändert die Richtung) . Jawohl! (Ab.) Frau Schnepf. Was ist der Herr eigentlich, Bertha? Bertha. Was er ist? Ein sehr komischer Mensch, Mama; sonst weiß ich's wirklich nicht. Rosette. Unsere Lehren scheinen auf unfruchtbaren Boden gefallen zu sein, mein Fräulein. Bertha. Aber ich kann ja nicht dafür – Rosette. Ich lege wenig Ehre ein mit meiner Pensionatsschülerin. Einem wildfremden Mann auf der Promenade – Bertha. O, ich weiß, wie er heißt. Frau Schnepf. Das ist das Wenigste. Was ist er – was hat er? Darauf kommt es an. Rosette (seufzt) . Wie schwer ist die Erziehung zur Tugend! Frau Schnepf. Du bleibst jetzt bei uns, Bertha, und rührst dich nicht von unserer Seite. Hat jemand reelle Absichten, so wird er dich auch da zu finden wissen. Bertha (schmollend) . Ihr schickt mich ja selbst immer fort, wenn ihr euch etwas zu erzählen habt. Frau Schnepf. Das ist etwas andres. Du hast nicht immer die Ohren zu spitzen. Rosette (nach dem Hause sehend) . Die Sängerin! Sehr schwermütig, wie es scheint. Ja, ja – es hat sich manches verändert seit gestern. Meine Ermahnungen haben doch Erfolg gehabt. Fünfter Auftritt Die Vorigen. Ella aus dem Hause. Ella (sehr unruhig) . Er kommt noch immer nicht. Ohne Abschied fortgehen – nach jenem heimlichen Gespräch mit einer Dame – die ganze Nacht wegbleiben – mich in Angst und Sorge zurücklassen – es ist herzlos! Ich soll's recht empfinden, daß ich einmal meinen Willen durchgesetzt habe. – Wenn ihm nur nichts Widerwärtiges begegnet ist? Und wie sie mich alle ansehen, halb mitleidig, halb schadenfroh! Wären wir nur erst fort. – Guten Morgen, meine Damen. Frau Schnepf und Rosette (sehr reserviert) . Guten Morgen. Bertha (tritt zu Ella und reicht ihr die Hand) . Sie sehen so besorgt aus, Signora. Ella. Ich bin's. Ach, ich habe eine schlaflose Nacht gehabt. Bertha. O – oh! Ich bedaure. Die gestrige Anstrengung wahrscheinlich. Rosette (zu Frau Schnepf) . Wollen Sie nicht das Kind –? Frau Schnepf (streng) . Bertha! Bertha. Mama –? (Zu Ella.) Ich würde Ihnen gern Gesellschaft leisten, aber sie halten mich wie am Bindfaden. Frau Schnepf. Wir wollen gehen. (Zieht Bertha hinüber.) Rosette (spitzig) . Wann gedenken Sie abzureisen, Signora? Ella. Sobald mein Mann zurückkommt; je eher, je lieber. Rosette (lächelnd) . Ihr Mann? – Hm – darauf werden Sie am Ende lange warten können. Ella. Wie? Sie wissen? Rosette. Ich vermute, daß er den männlichen Entschluß gefaßt hat, sich dem entnervenden Einfluß eines unlauteren Umganges zu entziehen, um fortan ganz seinen höhern Pflichten zu leben. Ich darf stolz sein, diesen Gedanken in seine große Seele geworfen zu haben. Ella. Ich verstehe Sie nicht! Von wem sprechen Sie denn? Rosette. Von dem Manne, der in der Finsternis irrte und zum Licht erweckt ist. Eilen Sie fort, damit kein Schatten auf seinen Weg falle. Ella. Ich? Welche Zumutung? Rosette. Und wenn Sie dem Himmel eine Seele retten wollen, klopfen Sie reuig an ein Kloster, Signora. (Ab.) Frau Schnepf. Hätte ich das geahnt, meinem Mann wäre eine Demütigung erspart worden. – Komm, Bertha! (Ab mit Bertha.) Rosette (sich zurückwendend) . An ein Nonnenkloster! Ella. Hängt das mit den Tollheiten des alten Schnepf zusammen? Man könnte in dieser Gesellschaft den Verstand einbüßen, wenn man sie längere Zeit leiden müsste. Oder wissen sie wirklich etwas von meinem Mann, was sich mir verbirgt? Ich zittre vor jedem Wort. Sechster Auftritt Ella. Busch Busch. Signora – ! Ella. Der macht wieder ein höchst verfängliches Gesicht. Mein Herr? Busch. Ist es Ihnen genehm, mir für einige Minuten Gehör zu schenken? Ella (ängstlich) . Was soll ich erfahren? Busch. So schwer es mir wird, einer so schönen und liebenswürdigen jungen Dame – Ella. Zur Sache, mein Herr! Busch. Eine unangenehme Nachricht zu bringen – Ella. Eine unangenehme Nachricht? Mein Himmel – ! Etwa von Arthur? Busch. So zu sagen. Sie belieben, ihn so zu nennen, und er mag Gründe gehabt haben, sich so nennen zu lassen. Jedenfalls werden Sie begreifen, daß ich mir eine gleich vertrauliche Bezeichnung nicht gestatten darf. Ella (ärgerlich) . Was soll's? Busch. Mit einem Wort, meine Gnädigste, Sie müssen in einer Stunde diesen Ort verlassen. Ella. Wie? Ohne meinen Mann? Busch. So zu sagen. Obgleich es besser wäre, wenn Sie mir gegenüber ein Spiel aufgeben möchten, das ja doch nicht länger haltbar ist. Ella. Ein Spiel? (Verlegen.) Allerdings – wir sind nicht, wofür wir uns in einer übermütigen Laune ausgegeben haben. Busch. Es freut mich, daß Sie mir mit Aufrichtigkeit entgegenkommen. Ella. Aber das ist doch kein Grund, mich mit einer Nichtachtung zu behandeln, die nicht einmal erklärlich wäre, wenn Sie unser Spiel für Ernst nähmen. Ich finde es mindestens sehr unhöflich, daß Sie die Zeit meiner Abreise bestimmen wollen. Busch (zuckt die Achseln) . Ich bin Badekommissarius und Polizeiverwalter, meine Gnädigste, habe Pflichten – und kurz: Sie sind ohne jede Legitimation, gestehen selbst, sich einen unrichtigen Namen und Charakter beigelegt zu haben. – Es ist wirklich die gelindeste Maßregel, wenn wir Sie ersuchen, abzureisen. Ella. Dieses Ersuchen kommt einer Ausweisung gleich; ich bin keine Landstreicherin, mein Herr! Busch. Vielleicht würde es Ihnen schwer werden, die Mittel zu Ihrem Unterhalt nachzuweisen; aber ich nehme so viel Rücksicht, nicht danach zu fragen. Noch mehr: ich stelle Ihnen einen entsprechenden Teil der Badekasse zur Disposition, wenn Sie etwa wegen des Reisegeldes in Verlegenheit sein sollten. Mehr kann ich nicht tun. Ella. Mein Herr, Sie werden mich nicht ungestraft beleidigen dürfen. Busch (achselzuckend) . Die Dinge haben sich seit gestern sehr verändert: der Fürst ist in sichern Händen. Ella. Was geht mich der Fürst an? Busch. Ich wünschte, nichts. Und deshalb eben – in einer Stunde, wenn ich bitten darf. Ella. Es muß durchaus ein Irrtum obwalten. Busch. Auf Ihrer Seite, wie es scheint. Es ist allerdings, so zu sagen, verzeihlich, daß Sie den Umschwung der Verhältnisse nicht begreifen wollen. (Im Protektorton.) Ich hoffe, daß für Sie auskömmlich gesorgt werden wird. Ella. Statt aller weiteren Verhandlungen dies: ich werde mich nur mit meinem Manne von hier entfernen. Busch. Diese Zähigkeit im Festhalten ist hier nicht gut angebracht, meine Gnädigste. Es sollte mir aufrichtig Leid tun, Gewalt brauchen zu müssen. Ella (mit Tränen kämpfend) . Gewalt? Gegen eine Dame? Busch. Die Polizei kennt leider keine Damen. Ella. Ist man denn hier außerhalb der zivilisierten Welt? Busch. So zu sagen. Wir haben hier zum Glück noch Naturzustände, um die man uns beneiden kann. Also eine halbe Stunde Bedenkzeit, meine Gnädigste, und ich frage wieder nach, ob Sie sich besonnen haben. Empfehle mich so lange. Siebenter Auftritt Die Vorigen. Dr. Rathgeber. Dr. Rathgeber (sehr eilig) . Hat man den Spitzbuben schon? Busch. Noch nicht. Aber die Netze sind gestellt, er kann nicht hinaus. Verschwiegenheit! (Ab.) Ella. Was ist geschehen? Dr. Rathgeber. Ach, mein Gott, eine wunderliche Geschichte. Es ist Jemand spurlos verschwunden. Ella. Wer? Dr. Rathgeber (immer sehr flüchtig) . Ein Herr von Schmettwitz. Ella (erschreckt) . Schmettwitz? Dr. Rathgeber. Spurlos verschwunden – wird gesucht. Ella. Mein Mann? Dr. Rathgeber. Ich sage ja, ein Herr von – Ella. Der Herr, der unter diesem Namen seit einigen Tagen hier im Bade? Dr. Rathgeber. Gott bewahre! Das ist der Falsche. Ella. Ganz richtig. So sprechen Sie doch –! Dr. Rathgeber. Polizeiliches Geheimnis – darf nicht. Adieu! Muß zu meinen Patienten. (Eilig ab.) Ella. Aber bester Doktor –! Er hört nicht. (Wankt nach der Laube und sinkt auf die Bank.) Alles flieht mich, verläßt mich. Was anfangen? Wenn Arthur wirklich etwas begegnet wäre! Aber man kennt ja seinen Namen nicht. Wohin in dieser Bedrängnis? Eine Frau allein! Und kein Freund in der Not? (Egon bemerkend.) Ach! Der unzuverlässigste von allen. Achter Auftritt Ella. Egon. Egon. Treffe ich Sie endlich hier, Signora carissima? Vergebens promeniert, im Saal gewartet, auf Ihrem Zimmer nachgefragt. Fürchtete schon, daß ein ernstes Unwohlsein – und ich finde Sie wirklich etwas bleich und abgespannt, wie nach einer schlecht verbrachten Nacht. Wissen Sie auch, daß Sie uns gestern das ganze Vergnügen gestört haben? Man aß ja nur Ihretwegen in großer Gesellschaft, und die Wirtin vom goldenen Tannzapfen hatte wirklich übermenschliche Anstrengungen gemacht. Ella. Ich bedaure; aber Sie erfuhren ja, daß mein Mann – Egon (lachend) . Ihr Mann! Ha, ha, ha! Dem scheint's zu einsam in Kieferthal geworden zu sein – er reißt aus. Ella. Scherzen Sie nicht: ich bin in großer Sorge um ihn. Egon. Aber ich bitte Sie! Er wird Ihnen morgen oder übermorgen schreiben, daß er vorausgereist sei, um irgend eine andere Wasserheilquelle auf ihren Goldgehalt zu untersuchen, ein Engagement zu vermitteln und dergleichen: er wird Sie bitten, sich acht bis vierzehn Tage bestens zu trösten – Ella (entsetzt) . Acht bis vierzehn Tage? (Ruhiger.) Ach, ich vergesse, daß Sie Vermutungen aufstellen, die sich von selbst widerlegen. Egon. Sollte er nicht so rücksichtsvoll sein? Nun, er weiß Sie ja jedenfalls im Schutz eines Freundes, der sich glücklich schätzen würde, seine Stelle vertreten zu können. (Setzt sich zu ihr) . Ella. Wenn ich diesem Freunde vertrauen dürfte – ! Egon (ergreift ihre Hand) . Gebieten Sie über mich! Ella (macht sich los) . Mein Herr –! – Sie wissen nicht, was mich bedroht. Ich befinde mich in der unglücklichsten Lage. Egon. Um so besser. Ich bin ganz der Mann, unglücklichen jungen Damen Ritterdienste zu leisten. Ella. Man benutzt die Abwesenheit meines Mannes, um mich aufs Empfindlichste zu kränken. Ich weiß nicht, wofür man mich hält, oder sich den Anschein gibt, mich zu halten, aber man treibt die Unverschämtheit so weit, mir –ich möchte weinen vor Ärger und Scham – einen Ausweisungsbefehl zugehen zu lassen. Egon. In der Tat stark! Wer ist dieser ridicule Sicherheitskommissarius? Ella. Der Polizeiverwalter Busch. Egon. Ein konfiszierter Kerl mit einem wahren Galgengesicht. Ella. In einer Stunde soll ich fort – er droht mit Gewalt, wenn ich nicht gutwillig gehe. Und mein Mann läßt mich im Stich – (In ihr Tuch weinend.) Ach! Ich bin hart bestraft für meinen Leichtsinn. Egon (bei Seite) . Ob diese Tränen naß sind? (Laut.) Aber um Himmels willen! Weinen Sie doch nur nicht. Jeder Tropfen aus den schönen Augen ist ja sündhaft verschleudert. Ich will mit dem Nimrod von Kieferthal ein Wörtchen reden, und Sie sollen sehen, daß er bald zahm sein wird wie die hiesige Quelle. Ella. Ach! Glauben Sie das nicht – es ist fürchterlicher Ernst. Egon. Lehren Sie mich diese Sorte Menschen kennen, Signora! Sie hält die Hand auf. Ella. Ich bitte Sie, mein Herr, nennen Sie mich nicht länger Signora. Ich kann das Wort nicht ohne die schmerzlichsten Empfindungen hören, und namentlich in Ihrem Munde hat es einen Klang – als ob Sie sich über mich lustig machten – – oder noch Schlimmeres. Egon (überrascht bei Seite) . Was ist das? Ella. Ich bin nie Sängerin gewesen, werde nie ein zweites Konzert geben – nie! Eine bloße Laune – nein, das war's doch nicht. Ein wunderlicher Zug aus dem Regelrechten ins Ungewöhnliche, aus dem Verkünstelten in die Freiheit der Natur, aus dem Konventionellen ins Abenteuerliche – wie soll ich's nennen? Haben Sie einmal etwas empfunden von jener leidenschaftlich wehmütigen Sehnsucht in die blaue Ferne, daß Sie hätten aus dem Wagen springen, allen Ihren lästigen Besitz fortwerfen und wegelos fortstürmen mögen ins Ungewisse hinein? Das war's! Egon (bei Seite) . Sie ist reizender, als je. Ella. Eine Frau freilich soll dergleichen Sturm- und Dranggedanken in sich gar nicht aufkommen lassen – sie rächen sich an ihr selbst. Aber wenn man jung ist und in der Pension klösterlich erzogen und plötzlich in die große weite Welt hinausgeführt und doch wieder in Schranken gebannt, die nun erst recht unleidlich scheinen – ich will nicht entschuldigen; aber erklären läßt sich's doch, wenn so eine blaue Sehnsucht auch einmal übermächtig wird und in die Tat umgesetzt sein will, was auch daraus folge. Egon. Wenn Sie ahnten, wie Sie in meiner Verehrung wachsen durch das Bekenntnis, daß Sie die Stimme der Natur in sich stärker fühlten, als die gesellschaftliche Regel, die das Weib zur Sklavin jämmerlicher Rücksichten macht. Warum sollte das Weib nicht frei seinen Neigungen folgen dürfen wie der Mann? Dieser Trieb ins Weite, ins Ferne, ins Regellose, in die Freiheit – er befreit uns von dem Druck der Alltäglichkeit, er führt uns an die Tafel des Genusses, er – Ella. O schweigen Sie! Sie zeigen mir nur, wie weit ich mich schon verirrte. Nein, nicht weiter! Sie überschätzen meinen Mut und meine Kraft. Oder vielleicht – – Sie wissen nicht, wer ich bin. Ich will's Ihnen sagen – zu meiner eigenen Beruhigung. Ich habe in Ihrer Hand eine Brieftasche gesehen. Egon (bei Seite) . Was soll das? Ella. Sie haben sie unweit Bodenbach gefunden – da, wo man zur Platte aufsteigt. Egon. Ja, ja – wie wissen Sie? Ella. Vielleicht war auch eine kleine Geldbörse dabei. Egon (mehr und mehr überrascht) . Freilich. Sollten Sie –? Ella. Mein Mann warf diese Gegenstände fort, um meinen törichten Wünschen entgegenzukommen, einmal die Welt seitwärts der großen Heerstraße zu sehen. Egon. Sie sind – Frau von Schmettwitz – ? Und ich – welche bedeutungsvolle Schicksalsfügung! Auch mich wandelte die Lust an, vor dem Eintritt in eine sehr verantwortliche Stellung noch einmal mich in voller Freiheit und Selbstbestimmung zu fühlen. Und ich gerade muß diese Brieftasche finden, hier mit Ihnen zusammentreffen, unwissentlich ein Spiel weitertreiben, bei dem ich doch selbst nur der Würfel in einer kleinen mächtigen Hand bin – ! O, das ist entzückend, das ist ein Glücksfall, auf den der verwegenste Spieler nicht rechnet, das überrascht mich selbst in dieser Stunde, die doch an Überraschungen schon so reich war. Neunter Auftritt Die Vorigen. Arthur (von der Promenade her, will eilig nach dem Hause, hört sprechen, wird aufmerksam und schleicht hinter die Laube). Ella. Auch Sie – ? In der Tat – wunderbar. Egon. Nicht wahr? Ist das nicht Schickung, so ist Alles in der Welt blinder Zufall. Arthur (bei Seite) . Ich komme zu rechter Zeit. Ella. Ich will's dafür ansehen, und darf nun gewiß auf Ihren freundschaftlichen Schutz in meiner Bedrängnis rechnen. Egon. Können Sie zweifeln? O, ich bitte jedes unvorsichtige Wort ab, das der fahrenden Sängerin galt. Jetzt erst kenne ich Sie, jetzt erst begreife ich ganz mein Gefühl. Sie sind eine ungewöhnliche Frau; Sie werden diese kleinen Sünden gegen den guten Geschmack zu verzeihen wissen, die doch nur ein anderer Beweis meiner Verehrung waren. Nichts mehr in jenem Ton. Ella. Ich danke Ihnen. Egon. Dafür aber die Versicherung, daß ich nicht von Ihrer Seite weiche, bis sich ganz erfüllt hat, was uns vorbestimmt ist. Sie haben jedenfalls ohne Liebe geheiratet – Ella. Mein Herr – ! (Zugleich.) Arthur (bei Seite) . Nicht übel. Egon. Widersprechen sie nicht. Dieses Taschenbuch lehrt mich Ihren Mann kennen und würdigen. In der Schweiz, in Italien, wo sich sonst auch der trockenste Mensch höher und freier gestimmt fühlt, Notizen über Milchwirtschaft und Pferdezucht, sorgsame Aufzeichnungen selbst über die gezahlten Bettelgroschen. Arthur. (bei Seite) . Eine gute Lektion. Ella. Sie verkennen ihn, mein Herr – er hat das beste Herz. Arthur (bei Seite) . Wirklich? Egon. Das beste Herz! Aber nicht den feinsten Verstand und nicht eine Spur jener leidenschaftlichen Neigung, die einer Frau Ihrer Art tiefstes Bedürfnis sein muß. Nannten Sie sich nicht selbst unglücklich? Ella. Weil er mich gestern verlassen hat, weil ich nicht aus noch ein wußte – Egon. Daß er Sie verlassen konnte, ist das nicht das glänzendste Zeugnis seiner Gleichgültigkeit? O, mich täuscht er nicht. Aber was hindert Sie, ihm zu vergelten? Man weist Sie aus – gut! Wir gehen. Wir suchen uns ein Fleckchen Erde, auf dem wir glücklich sein können. –! Ella (steht auf) . Mein Herr! Sie wagen – Egon. Das Bekenntnis, daß ich Sie anbete –! (Ergreift ihre Hand.) Ella. Lassen Sie mich los – ! (Zugleich.) Arthur (bei Seite) . Das geht weit. Egon. Sie müssen mich hören – müssen erfahren, wer sich Ihnen zu Füßen wirft – Ella ( macht sich los) . Sie erzürnen mich ernstlich. Egon. Ich bin – der Fürst dieses Ländchens – Ella (in äußerstem Erstaunen) . Sie wären –! (Zugleich.) Arthur (bei Seite) . Dieser Aufschneider! Egon. Nichts als der zufällige Erbe eines mediatisierten Fürstentums, aber immerhin ein Mann, mit dem zu teilen lohnt. Ich bekenne mich als Ihren Vasallen, angebetete Frau – ich liebe Sie – Ella (außer sich) . Und wenn Sie mir eine Krone zu bieten hätten – ich gehöre zu meinem Mann! (Tritt eilig vor.) Arthur. Spielen wir den letzten Trumpf aus. – (Vortretend.) Mein Herr –! Nicht weiter. Ella (auf ihn zueilend) . Arthur –! Arthur (sie abwehrend) . Das später! – Zunächst – Egon. Sie scheinen gehorcht zu haben, mein Herr; ich beneide Sie nicht darum. Ein Wort für viele: diese Dame steht in meinem Schutz. Ella (nähert sich Arthur wieder) . Nein! Bei meinem Manne – Arthur (wehrt sie ab) . Das später! – Sie haben gewagt, meiner Frau einen Antrag zu machen, mein Herr! Egon. Gewagt? Arthur. Das ist beleidigend für mich. Ella. Für mich, Arthur! Arthur. Das später. – Wer Sie auch sein mögen, Sie werden mir Genugtuung nicht weigern. Egon. Bestimmen Sie die Waffen. Ella. Um Himmels willen! Meinetwegen kein Blutvergießen. Arthur (immer martialisch) . Einer von uns Beiden verläßt diesen Ort nicht lebendig. Egon. Tot wird er ihn wahrscheinlich ebenso wenig verlassen. Arthur. Das Spaßen wird Ihnen vergehen, mein Herr, wenn die Pistolen – Ella (wirft sich an Arthurs Brust) . Nein, das darfst du nicht, Arthur – wenn du mich liebst, Arthur –! Arthur. Gerade wenn ich dich liebe, muß ich mich schießen, Kind. Es wäre ja jammerschade um unser Abenteuer seitwärts vom Wege, wenn es nicht mit einem hübschen Knalleffekt schließen sollte. Ella. Beschäme mich nicht noch tiefer, Arthur; (bittend) Arthur –! Arthur. Dort steht der Mann, der einer großen Leidenschaft fähig ist. Mein Herz ist ein Gletscher gegen diesen Vulkan, der Fürstentümer auswirft, wie elende Feuersteine. Egon (bei Seite) . Er macht sich über uns lustig – das fehlte noch. Ella. Ich bin dir ja sicher fürs ganze Leben, höre mich doch nur an! Arthur. Später, sag' ich dir. Erst muß geschossen werden. Ich rase vor Eifersucht – mach Platz! Willst du uns die Pistolen laden? Das würde die Romantik bedeutend erhöhen. Ella. Du treibst Scherz mit meiner Angst. (Zu Egon.) Mein Herr, können Sie so schweres Unglück verschulden wollen? Ich liebe meinen Mann, wahr und aufrichtig. Egon. Es scheint für mich wenig Gewinn abzufallen, wenn ich's noch länger bezweifle. Ich fürchte, gnädige Frau, unsere Partie ist keinen Schuß Pulver wert. Ella. Da hörst du's, Arthur. Er hat ganz recht, sie ist keinen Schuß Pulver wert. Egon. Übrigens stehe ich jederzeit zu Diensten. Sie wissen, wo ich zu finden bin. Für jetzt – empfehle ich mich. (Wendet sich zum Abgehen.) Zehnter Auftritt Die Vorigen. Busch mit einem Polizeidiener; hinter ihm Dr. Rathgeber, Blanknagel, Frau Schnepf, Bertha, Rosette, zuletzt ganz schüchtern Peter Schnips. Busch (martialisch) . Halt, mein Herr – nicht vom Platz! Egon. Was soll das? Busch. Polizeidiener, observieren Sie ihn, daß er nicht entwische. (Zu Arthur sehr devot) . Sie sollen mit mir zufrieden sein, gnädiger Herr. Egon (zu Arthur) . Haben Sie mir die Polizei auf den Hals gehetzt? Sehr freundlich. Arthur. Ich treffe soeben erst von Wolfshagen ein, wo man mich förmlich festhielt, so daß ich mich schließlich halb mit Gewalt losmachen mußte. Egon (zu Busch) . Was wünschen Sie also? Busch. Was ich wünsche?! Diese Impertinenz übersteigt alle Grenzen. Polizeidiener, legen Sie Hand an den Schurken! Egon. Rühren Sie mich nicht an, ich rat's Ihnen! Busch. Im Namen des Gesetzes; ich verhafte Sie wegen dringenden Verdacht des Raubmordes. Die Gesellschaft (drückt durch Zeichen und Laute ihre Verwunderung und Befriedigung aus.) Egon. Mich? Sind Sie toll? Busch. Ob ich toll bin?! Nein, hören Sie mal, das geht über den Spaß. Herr Doktor, ob ich toll bin?! Polizeidiener, visitieren Sie ihn! Egon. Wen in aller Welt soll ich denn geraubmordet haben? Busch (imperatorisch) . Ihre Brieftasche und Geldbörse, Herr! Egon (der zu begreifen anfängt) . Ah –! Busch. Ja – ah! Nun haben wir ihn. Die Brieftasche und Geldbörse – da verstummt er. Nur heraus mit der Sprache: wo haben Sie die Leichen des Herrn und der Frau von Schmettwitz verscharrt? Artur und Ella. Die Leichen –! Ha, ha, ha, ha! Busch. Sie belieben zu lachen, gnädiger Herr, aber es ist leider entsetzlicher Ernst. Arthur (immer lachend) . Herr und Frau von Schmettwitz – Busch. Sind spurlos verschwunden und dürften ermordet sein. Arthur. Das müssen wir besser wissen! Busch und die Gesellschaft. Wie – wie –? Arthur (den Arm seiner Frau in den seinigen legend) . Herr und Frau von Schmettwitz – sind wir selbst. Busch. Sie belieben zu scherzen, Durchlaucht. Egon. Die Durchlaucht bin ich. Busch (zurücktaumelnd) . Wa – a – a – as? Egon. Ich bin der Fürst von Sulzingen. (Bewegung in der Gesellschaft.) Rosette (zu Frau Schnepf) . Halten Sie mich! Busch (sich fassend) . Das kann Jeder sagen! So kommen Sie uns hier nicht durch. Nehmen Sie ihn fest, Polizeidiener! Egon. Meine Herrschaften, wenn ich ein echter Komödienfürst wäre, würde ich in diesem großen Moment den Paletot öffnen und den Stern auf meiner Brust zeigen. Leider bin ich wirklich, wofür ich gelten will. Ich kam inkognito hierher, um mir meine Leute anzusehen und das ist über Erwartung gut gelungen. Busch. Lassen Sie sich nicht imponieren – er will sich ausreden. Ich kenne solche Schliche. Arthur. Die fürstliche Tante ist ja in Wolfshagen. Mich hat sie nicht rekognosziert, das kann ich versichern. Egon (die Fotografie zeigend) . Und dieses Bild sollten Sie wohl auch kennen. (Bei Seite.) Ich wäre gerade in der rechten Stimmung, mich standesgemäß zu verloben. Rosette. Prinzessin Amalie. Ja, er ist's. O, mein Fürst – ! Busch. So zu sagen. Aber das Bild kann ja auch wie Brieftasche und Geldbörse – Halt! Da fällt mir ein: wir haben ja einen klassischen Zeugen. Wo ist denn der Herr Denunziant? (Zu Schmettwitz.) Er muß doch wissen, ob Sie der Ermordete sind oder nicht. Ella. Richtig. Busch. Ich will sogleich – Ah! Da kommt er zur rechten Zeit. (Zu Schmettwitz.) Bitte, treten Sie dort zur Seite. (Es geschieht.) Elfter Auftritt Die Vorigen. Kurt und Schnepf. Schnepf (das Gespräch fortsetzend) . Was sagen Sie nun zu diesem störrischen Menschen? Kurt. Sehr merkwürdig – außerordentlich merkwürdig. Aber erlauben Sie mir nun endlich mein Anliegen – Schnepf. Hören Sie mal, da fällt mir noch eine zweite Geschichte ein. Als ich noch Bürodiätarius ohne Gehalt war – Kurt (macht sich los und eilt auf Bertha zu) . Mein Fräulein, ich habe Unglück. Ich wollte bei Ihrem Herrn Vater um Ihre Hand anhalten, bin aber nicht dazu gekommen, da er mir bis jetzt die Geschichte vom störrischen Büroapplikanten Munkelsteiner erzählte. Frau Schnepf. Anhalten? Was muß ich hören? Schmettwitz (tritt vor) . Kurt? Kurt. Schmettwitz – Ella! Ihr hier? (Umarmung. Bewegung der Gesellschaft.) Busch (ganz matt) . Schmettwitz? Sind das wirklich die Gemordeten? Kurt. Die Gemordeten? Ach so! Aber wo habt Ihr denn gesteckt? Schmettwitz. In tiefster Romantik. Kurt. Kinder – Euch hier zu treffen –! Nun fehlt nichts zu meinem Glück. Denkt euch – ich habe mein Echo gefunden. Bertha – darf ich sagen, meine liebe Braut? Bertha (auf ihre Eltern deutend) . Das Echo hat diesmal keine Stimme. (Schnepf und Frau, Kurt und Bertha sprechen leise mit einander.) Peter (tritt vor und besieht Arthur und Ella) . Nicht geraubmordet? Kommt auf Rechnung. ( Wichtig ab.) Egon (zu Arthur) . Einer Satisfaktion meinerseits wird es wohl nicht bedürfen –: Sie sind der Glückliche. Arthur (schüttelt Egon die Hand) . Ich verzichte auf die Ehre, von Ihnen noch einmal ums Leben gebracht zu werden, Durchlaucht. Busch (ganz deprimiert) . Ach! Ich Esel! Rosette (sich vordrängend) . Durchlaucht, ich bitte um eine Audienz. Kurt. Hoia – ho – oh! Verlobung – wir feiern noch heute die Verlobung. Ella. Und dann fort, fort! Und mit leichtem Herzen der lieben Heimat zu. Ach! Was hab' ich erlebt in diesen drei Tagen! Arthur (Ella umarmend) . Ein Schritt vom Wege!   Ende