David Christie Murray Der Bischof in Not Einleitung. Ob mich wohl mein Freund, der Verleger, dadurch zu Danke verpflichten wird, daß er die Lärmtrommel für mich schlägt? Im voraus besten Dank, mein Herr! Meine Damen und meine Herren! Ich bitte ergebenst um Ihre freundliche Aufmerksamkeit. Das Ziel meiner Reise ist Balsora, und das ist, wie alle Welt weiß, die Heimat der Abenteuer. In Balsora kann alles vorkommen. Dort sind die Damen so schön, daß man sich auf den ersten Blick in sie verliebt, und so überaus gütig und treu, daß kein wahrer Liebender vergeblich seufzt. Abenteuer gibt es in jeder Ecke dieser staunenswerten Stadt, und ich bin in alle Geheimnisse der Abenteurer eingeweiht. Balsora ist der Ort, wo die Tugend stets belohnt und das Laster unfehlbar bestraft wird; in Balsora braucht man nur ein kühnes und ehrliches Herz zu haben, und die Tochter des Großveziers ist ohne Zögern bereit, mit einem zur Moschee zu gehen und einen großen Beutel der prachtvollsten Edelsteine nebst einer langen Karawane von Kamelen mitzubringen, die alle mit blanken Zechinen beladen sind. In Balsora gibt es die abgefeimteste Art von Schurken; aber ihre Ränke enden mit Niederlagen, und sie sind nur da, um zur Freude und Erbauung der Guten Prügel zu bekommen. Nirgends gibt es ein gleich grausames und erbarmungsloses Volk als in Balsora, nirgends ein sanfteres und edelmütigeres. Die Mütter der ganzen Welt beten die Kinder von Balsora an, deren unschuldiger Reiz über alles Lob erhaben ist, und die Männer der Stadt haben die Gabe »des schönen Lachens voll offener Fröhlichkeit und liebenswürdigen Spottes«, dessen Seltenheit bei den Völkern unsrer Zeit so tief vom französischen Dichter beklagt worden ist. Meine Damen und meine Herren! Sie sehen diesen Teppichstreifen, den ich Ihnen zur Besichtigung hinhalte. Obgleich gegenwärtig von sehr geringen Abmessungen, hat er doch wunderbare Eigenschaften, denn er ist nichts andres, als der echte fliegende Teppich, mit dessen Hilfe sich sein Besitzer an jeden beliebigen Ort versetzen kann. Auch Freunde und Bekannte, die den Mann begleiten wollen, darf er mitnehmen. Wie jeder andre Müßiggänger, meine lieben Freunde, muß auch ich von meinem Geschäfte leben, aber der Preis für einen Platz auf dem fliegenden Teppich ist gering, und es ist Raum genug für alle vorhanden. Also einsteigen nach Balsora, Balsora, Balsora! Wer will mit nach Balsora? Keineswegs, mein verehrter Herr! Ich bin weder so einfältig, noch so undankbar, auch nur einen Augenblick zu behaupten, daß es nicht noch mehr Teppiche in der Welt gäbe, indes viele ihrer Besitzer haben in der letzten Zeit ihre Reisen nach Balsora eingestellt, zum Beispiel Sie selbst. Sie sind so gütig, mir eine Fahrt auf eine hohe Bergspitze anzubieten; allein ich muß danken, denn ich gehe nach Balsora. Und Sie auch, mein Herr. Für manche genußreiche Reise in Ihrer Gesellschaft bin ich Ihnen dankbar, dessen dürfen Sie sich versichert halten. Wenn unser Weg derselbe ist, kenne ich keinen besseren Zauberer zum Wandergenossen; aber in der letzten Zeit wollen mir die Orte, die Sie aufgesucht haben, nicht gefallen, ebensowenig die Kameraden, denen Sie mich dort vorgestellt haben. Mit aller Freundlichkeit, aber auch mit aller Festigkeit muß ich es aussprechen, ich will nicht nach Christminster gehen. Mein Ziel ist Balsora. Und Sie, verehrungswürdiger Freund! Ihr weiches Haar und ihr Bart und Ihre etwas zornig blickende Brille kommen mir bekannt vor. Hochschätzbare Rose von Norwegen, Sie haben keinen Paß für Balsora und das ist mein Ziel. Was? Sind wir alle beisammen? Alle Reisenden für Balsora? Mein lustiger Gentleman von Frankreich, heben Sie mir einen Platz für Ihre nächste Reise auf; und Sie, Freund Sherlock, Sie sollen keine Fahrt mehr ohne mich machen. Holla! Meine offizielle Frau! Keine Botschaft für Mr. Barnes von New Jork, Sie, reizende Miß Niemand? Und ihr würdigen Frauen, Mrs. Lecks und Mrs. Aleshine, wann wollt ihr die Schwimmgürtel wieder anlegen und majestätisch gen Balsora schweben, um der Schwiegermutter eure schnurrige Geschichte zu erzählen? Gott sei mit euch! Beim Himmel, meine Herren, Sie machen mich stolz auf mein Geschäft! Aber ich muß auch darauf passen. Wollen Sie so gefällig sein, meine Damen und meine Herren, auf den Teppich zu treten? Platz ist für alle. Euer Gnaden werden nicht vom Schornsteinfeger rußig und vom Bäcker weiß gemacht werden Es ist hinlänglich Raum vorhanden und ein Coups erster Klasse für jeden Teilnehmer an unsrem Ausflug bereit gestellt Zum letztenmal, liebe Freunde! Balsora! Wer will mit nach Balsora? Vorwärts! * Wie ihr seht, sind wir im Londoner Teil der großen Stadt der Abenteuer, die, wie ich euch erklären muß, eine getreue Nachbildung jeder Stadt, jedes Fleckens und jedes Dorfes der bewohnten Erde enthält. Wir gehen die Straße hinab, die Regent Street genannt wird, und es ist halb drei Uhr an einem Sommernachmittag. Seht ihr, der Fahrdamm ist voll Wagen und die Bürgersteige gedrängt voll von Fußgängern, denn die Saison hat ihren Höhepunkt erreicht. In der ganzen Menge ist nicht ein einziger Mann, keine Frau und kein Kind, die nicht einen Faden hinter sich herschleppten. Diese Faden sind von den verschiedenartigsten Stoffen, allen möglichen Farben und ganz ungleich an Stärke. Einige sind von Gold und doch so leicht wie Sommerfaden, andre von Hanf und sehr schwer. Manche sind von Eisen und gewichtig, oder leicht, je nach dem Charakter der Träger. Die einzelnen Menschen, die die Menge bilden, winden sich ein und aus, trage und geschäftige, vornehme und geringe, grausame und gütige, schöne, häßliche, reiche und arme, wechselnd, immer wechselnd, und doch bleibt das Bild für kurze Zeit dasselbe. Die Fäden werden, wie ihr wißt, jedem Hans und jedem Gretchen schon in der Wiege angehängt, und immer schleppen sie sie nach, bis sie am Rande des Grabes abreißen. Diese Faden verweben sich unaufhörlich zu einem Muster, und auch mein Teppich ist aus ihnen gewoben. Wem sollen wir folgen? Natürlich den Leuten, die die beste Geschichte haben. Ich für meine Person wähle dort den Mann mit den gefärbten Haaren, Augenbrauen und Schnurrbart, der einen Hanfstrick hinter sich herzieht. Auch den jungen Herrn mit dem vielfarbigen Seidenfaden nehme ich mit, denn ich kenne ihn als treuen Liebhaber; ebenso das hübsche Mädchen mit dem nachschleifenden Goldfaden, vor allem aber den Bischof von Stockestithe im Priesterhut und mit der Schürze, Die höheren Geistlichen der englischen Kirche tragen zu ihrem gewöhnlichen Anzüge eine kleine weiße Schürze, die der der Freimaurer in der Loge gleicht. Anmerk. d. Uebers. und den schrecklichen Strolch, seht ihr ihn? mit seinem unglaublichen, von einem Düngerhaufen aufgelesenen Hute und dem Faden von versengtem Packseil. Sie alle wandeln verschiedene Wege, aber ihre Fäden verwickeln sich und fangen an, sich zu einem Muster zu verweben, das gewiß seltsam werden wird. Erstes Kapitel Wie viele Hunderte von schönen Mädchen sind schon die Regent Street hinabgegangen? Wie viele Tausende? Wie vielmal Zehntausend? An einem sonnigen Nachmittage der Londoner Saison kann man sie schockweise sehen, dunkel und blond, groß und klein, zierlich und stattlich, ja, ich bin so kühn, zu glauben, daß es keine Straße in der Welt gibt, wo sich Herz und Auge am Anblick schöner Mädchen so erquicken können, und daß die strahlende, frische, gesunde, und ehrliche Schönheit der englischen Mädchen auf der ganzen Welt nicht ihresgleichen findet. Natürlich sind unsre reizenden Cousinen in den Kolonieen und der großen amerikanischen Republik mit eingeschlossen. Ohne Besorgnis, auf Widerspruch zu stoßen, dürfen sich die englisch sprechenden Nationen der Welt rühmen, daß ihre Töchter die schönsten unter den Töchtern der Menschen sind. Das oder etwas Aehnliches war es, was ich meinem jungen Freunde Tom Finch sagte, als wir an einem Nachmittage Mitte Mai 1894 die Regent Street hinabgingen. Das alles oder etwas sehr Aehnliches habe ich schon vielen andern Leuten gesagt, denn es ist eine meiner Lieblingsbehauptungen, eine der wenigen Flüchte langjähriger Reisen. »Jawohl, Verehrtester,« sagte ich, vielleicht durch meine eigene Beredsamkeit zu ungewöhnlicher Begeisterung entflammt, »dieses glückliche Pflaster ist schon von Hunderttausenden der schönsten Mädchen der Welt betreten worden.« »Sehr richtig,« entgegnete Tom, »und dort kommt das schönste von allen.« Weniger als eine halbe Minute später stand die in so schmeichelhafter Weise beschriebene junge Dame vor ihm, und ihre fein behandschuhte Hand ruhte in der seinen. Tom grüßte und ließ seinen kurz geschorenen und sauber gebürsteten Kopf unbedeckt. Er sowohl, wie das junge Mädchen war errötet. Vielleicht stimmte ich der übertriebenen Lobrede, die er soeben gehalten hatte, nicht ganz bei; denn möglicherweise war ich der Ansicht, daß es noch schönere Mädchen gebe. Ihre Züge waren nicht besonders regelmäßig, aber sie hatte die Hautfarbe, die man nur bei Mädchen unsrer Rasse und bei Blumen sieht, das süße Rot der Gesundheit und das Weiß der Reinheit, wie das einer weißen Rose. Sie war geschmeidig wie eine Weidenrute oder der Stengel einer Lilie, ihre Augen waren offen und unerschrocken, furchtlos und treuherzig, wie die eines Knaben. Auch an Form und Farbe waren sie schön, und was ihre Zähne anlangte, so »hieße es, die Schönheit von Fleisch und Blut und Elfenbein verleumden, wenn man von Korallen und Perlen sprechen wollte«. Diesen Satz, dessen Wahrheit ich oft empfunden habe, entleihe ich mit Dank und Gruß einem älteren Schriftsteller, Wenn demnach die junge Dame den Lobeserhebungen meines Freundes nicht ganz entsprach, so machte sie doch einen reizenden Versuch, es zu thun, und wenn ich mich nicht selbst Hals über Kopf in sie verliebte, so kann ich als Milderungsgrund geltend machen, daß ich fünfzig Jahre alt bin und mir mein ältester Junge diesen Zweig des Familiengeschäftes aus der Hand genommen hat. Mir wurde die Ehre zu teil, diesem reizenden Mädchen vorgestellt zu werden, und dadurch erfuhr ich, daß sie die Tochter eines alten Bekannten, des Bischofs von Stockestithe, war, und als mir plötzlich einfiel, daß ich etwas zu thun hatte, und mit der nächsten Droschke nach dem Klub fuhr, um als Viertel bei einem Rubber Whist einzuspringen, hatte ich durchaus keine bösen Absichten gegen den Frieden dieses würdigen Kirchenfürsten. Ich habe Tom gern, und ich hoffe, er wird mir erlauben, ihn immer gern zu haben; auch hatte er mich schon ins Vertrauen gezogen, wogegen ich, offen gestanden, gar keine Sympathie für den Bischof fühlte. So lange nämlich Toms Onkel, Sir Alfred Finch, unverheiratet geblieben war – und er war schon über sechzig Jahre alt, als er sich verheiratete – war der Bischof sehr entgegenkommend gegen Tom gewesen. Dieser hatte die Aussicht, Baronet zu werden und ein hübsches Vermögen zu erben, und war mit Einwilligung von Lucy Durgans Vater mit ihr verlobt gewesen. Jetzt hatte aber der Baronet einen unmittelbaren Erben, während Tom nichts in der Welt besaß als seinen hellen Verstand, seine männliche Natur und dreihundert Pfund Jahreseinkommen, das zur Grundlage seines weiteren Fortkommens dienen mußte. Deshalb war seine Lordschaft verschnupft, wie die Leute sagen, und hatte Tom die Thür seines bischöflichen Palastes gewiesen und ihm zu verstehen gegeben, es sei fortan seine Christenpflicht, diese nur noch von außen zu betrachten. Allein der junge Mann dachte anders und lehnte es rundweg ab, das Versprechen zu geben, das der ältere Herr von ihm forderte. Von diesem Auftritt kam er geradeswegs nach London und zu mir. »Ich habe ihm gesagt,« erzählte Tom, der für den Augenblick viel zorniger auf den Bischof war, als zu sein er das Recht hatte, »daß ich derselbe Mann sei, den er für würdig gehalten habe, der Gatte seiner Tochter zu werden. Ich bin's freilich nicht.« Dies sprach er in Parenthese. »Niemand ist das, allein das habe ich ihm nicht gesagt. Ich habe ihn nur darauf aufmerksam gemacht, daß ich kein andrer geworden sei und daß ich mich auch nicht zu verändern gedenke, außer zum Bessern. Lucy und ich hätten schon über die Sache geredet und wären übereingekommen, zu warten. Sie habe mir versprochen, daß nichts auf Erden uns trennen solle, und habe mir gesagt,« – hier stieg ein tiefes Rot in seine Wangen – »daß sie mich liebe und fest zu mir stehen wolle. Lucy ist ein Prachtmädel, das schneidigste Mädchen, das ich je kennen gelernt habe, und zuverlässig wie Bayards Schwert, so daß ich mir nach dieser Richtung hin gar keine Sorgen mache. Ihr Vater kann thun, was er mag, und außer daß sie viel zu leiden haben wird, die Aermste, bleibt alles beim alten. Ich versichere Ihnen, ich werde vorwärts kommen in der Welt, und es wird mir schon gelingen, von irgend einer abgelegenen Ecke dieses alten Planeten ein paar goldene Späne abzuhauen Der alte Durgan« – das war die Art, wie er vom Bischof sprach – »forderte ein Versprechen von mir, daß ich weder an sie schreiben, noch versuchen wolle, sie zu sehen, und verlangte, ich solle mit untergeschlagenen Armen der Vernichtung meiner Hoffnungen zusehen. Aber ich habe ihm geantwortet: nein, mein verehrter Herr, und habe ihm gesagt, daß ich Lucy ihre Freiheit angeboten, daß sie mich aber ausgelacht hatte, und daß ich meinen Abschied nur von ihren eigenen Lippen annehmen würde und von niemand sonst. Wenn sie mir sagte, wir müßten uns trennen, würde ich sofort gehorchen, bis dahin aber bliebe ich ihr Liebhaber, ihr gehorsamer Diener und ihr Verlobter. Mit allen Kräften wolle ich danach streben, einen eigenen Herd für sie zu gründen, und dann wolle ich sie heimführen, damit sie dessen Sonne sei, und ich wolle ihn heilig halten bis zu meinem letzten Augenblick, und das würde ich durchsetzen trotz aller Bischöfe der Welt.« Im ganzen genommen mußte ich Tom recht geben, aber ich veranlaßte ihn doch, einen Brief zu schreiben, worin er sein Bedauern über gewisse Dinge aussprach, die er in der Hitze des Augenblicks gesagt halte. Der Brief wurde abgeschickt, und es kam eine sehr steife und förmliche Antwort darauf. Kurz danach hatte der hochwürdige Herr seine Tochter zu ihrer Tante geschickt, mit der sie ein Jahr in Brüssel und an der Riviera gelebt hatte. Während dieser Zeit hatte sie mehrere Ries Papier zu Briefen an Tom verbraucht, und dieser mehrere Ries zu Briefen an sie. Die erzählte Begegnung in der Regent Street war das erste wirkliche Zusammentreffen seit dem beklagenswerten Vorfalle in Stockestithe; denn Tom hatte sie nach ihrer Rückkehr zwar einmal gesehen, aber nur einen Gruß mit ihr wechseln können. Noch an demselben Abend brachte ich die ganze Geschichte aus ihm heraus, oder es wäre wohl richtiger, zu sagen, er brachte die ganze Geschichte in mich hinein: denn ich war weiter nichts als das Gefäß, worein sich seine Erzählung ergoß. Er müsse sprechen, sonst würde er platzen, sagte Tom, worauf ich ihn ersuchte, lieber nicht zu platzen, so daß ich mich also für die andre Wahl entschied. Lucy sei das reizendste Mädchen, sie sei auch das schneidigste und hätte sich nicht um ein Haar verändert. Das würde sie auch nicht thun, denn sie wisse ja gar nicht, was es heiße, ungetreu zu sein. Ob sie nicht ein schönes Mädchen sei? Ob ich jemals ein schöneres gesehen hätte? Darauf nannte ich meine Frau, die dreiundvierzig Jahre alt war; und Tom brach in ein brüllendes Gelächter aus, wurde aber gleich darauf sehr verlegen und bat mich in schmerzlicher Zerknirschung um Entschuldigung. Es war ein peinlicher Auftritt – für Tom, und ich sagte ihm mit gebührendem Ernst, daß ich ein Vierteljahrhundert früher jeden, der sich in dieser Weise benommen hätte, durchgeprügelt haben würde. Wie bereits erwähnt, mag ich Tom gern leiden, und das thun die meisten Leute. Allerdings prahlt er ein bißchen und hält sehr viel von sich, aber er ist ehrlich wie der Tag, ein guter, hochherziger, durch und durch ehrenwerter junger Mann von vierundzwanzig Jahren. Die Eitelkeit, die einstweilen sein einziger Fehler ist, aber nie eine verletzende Form annimmt, wird ihm das Leben schon austreiben, wie es das mehr oder weniger bei jedem thut. Thatsächlich ist sie weiter nichts als die Folge der Jugend, der Gesundheit, der überströmenden Lebensgeister und überschwenglichen Hoffnungsseligkeit. Er will in der Welt vorwärtskommen und zweifelt nicht daran, daß er sie besiegen und sich einen Platz darin erringen kann. Die Tochter des Bischofs betet er an, ist aber dabei doch ehrlich genug, von ganzem Herzen anzuerkennen, daß sie zu gut für ihn ist. Das ist ein sehr gutes Zeichen, denn ein Mann, der nicht das Zeug dazu in sich hat, wenigstens einmal in seinem Leben ein Weib aufrichtig anzubeten, ist nicht viel wert. Sein kräftiger und entschlossener Schritt gefällt mir, ebenso sein Gesicht mit dem frischen, knabenhaften Ausdruck. Auch seine jugendliche Begeisterung und seine zuversichtliche Sprechweise, die vollkommen aufrichtig ist, gefallen mir. Sein Haß gegen alle Weltlichkeit und Heuchelei, Kälte des Herzens, Selbstsucht, Feigheit und alles Gemeine sprechen mich an, seine achtungsvolle Ehrerbietung gegen Aeltere, eine Tugend, die ihm der Bischof ohne Zweifel nur in geringem Maße zuerkennt, und seine ritterliche Aufmerksamkeit gegen alte und häßliche Frauen ziehen mich zu ihm hin. Wenn ich ihn auffahren sehe und gegen tausend Dinge losdonnern höre, die seinen Zorn erregen, so macht nur das Freude. Ich sehe es gern, wenn er mitten in einer solchen Rede abbricht, um mit den kleinen Eindringlingen aus der Kinderstube unterm Tische Bär zu spielen, denn in einem seinen jungen Herrn von vierundzwanzig Jahren, der kleine Kinder wahrhaft und ungeheuchelt gern hat, steckt nichts Böses, und das kann man auch von Tom sagen. Deshalb nehme ich in gewissem Maße Toms Partei gegen den Bischof, und diesem Umstände verdanke ich es, daß ich jetzt in der Lage bin, diese seltsame und höchst merkwürdige Geschichte so zu erzählen, als ob sie sich von Anfang bis zu Ende vor meinen Augen zugetragen hatte. – * »Tom,« sprach Lucy, nachdem ich die beiden verlassen hatte, »ich möchte gern frühstücken. Führe mich irgend wohin, wo wir ungestört sind und ruhig sprechen können, denn ich habe dir hunderterlei zu sagen.« Tom führte sie in ein seines Restaurant, wo zu dieser Tageszeit wenig Verkehr herrschte. Dort bestellte er ein ausgesuchtes kleines Frühstück für die Dame seines Herzens, die sich überreden ließ, ein einziges Glas Champagner anzunehmen, während Tom den Rest der kleinen Flasche als seinen Anteil am Mahle trank. Ihre Plätze hatten sie am Ende eines Tisches in einer Art Nische gewählt, die mit Palmen und Blumen geschmückt war. Ich kenne die Ecke sehr gut und bin überzeugt, daß sie ihren Zwecken vollkommen entsprach. Außer ihnen war niemand als eine Kellnerin im Saale anwesend, und die kam nur, wenn sie gerufen wurde. Als die junge Dame den Handschuh von ihrer einem Rosenblatte gleichenden Hand abgestreift hatte, hielt sie errötend, aber stolz und mit einem Blicke hübscher Zuversicht in den Augen einen Finger in die Höhe. Toms Verlobungsring glänzte an der Stelle, wohin er ihn vor achtzehn Monaten gesteckt hatte. Wir dürfen wohl annehmen, daß Tom den Ring und die Hand, die ihn trug, küßte, wenn sich die Kellnerin in diesem Augenblick am andern Ende des Saales aufhielt. Die Leutchen bildeten einen sehr anziehenden Gegenstand der Beobachtung in ihrer geschützten Ecke: zwei getreue, warmherzige junge Liebende, die ein Jahr getrennt gewesen sind, mit den höheren Gewalten auf Kriegsfuß stehen und viel gelitten haben, wie junge Leute eben leiden können. Obgleich ich weder Mordbrenner, noch Anarchist, noch ein Aufwiegler bin, hat doch diese Art von Widerstand meinen Beifall. Der gute Junge und sein liebes kleines Mädchen haben die Erlaubnis gehabt, einander zu lieben, der väterliche Segen war ihnen zu teil geworden, und ihre aufrichtige Liebe war von allen Seiten begünstigt und gebilligt worden. Und nun kommt die weltliche Klugheit und predigt dem Herzen des Mädchens Verrat. »Er war früher eine gute Partie, aber er ist das nicht mehr. Die schönen Hoffnungen, die zu hegen er fast von der Wiege an gelehrt worden war, sind zu Wasser geworden; also gib ihn auf. Benutze diesen Augenblick seiner Entmutigung, um ihm zu sagen, daß das einzige Geschöpf, das er liebt und schätzt, eine kalte und herzlose kleine Person ist, die eine reiche Verbindung höher schätzt als alles andre in der Welt.« Kann man sich wundern, wenn sie dies für niedrig und grausam hält, daß ihr Herz sich in leidenschaftlich zärtlichem Widerspruch gegen diese weltliche Selbstsucht auflehnt? Kann man sich wundern, wenn er sie für ein Muster von Beständigkeit hält und sie nur noch inniger liebt? Eine himmlische, glückliche Stunde saßen sie beisammen, erneuerten ihr Gelübde, besprachen Toms Pläne und wandelten dann wie auf Luft aus diesem märchenhaften Restaurant nach der Regent Street zurück. Als sie diese erreicht hatten, standen sie plötzlich Angesicht zu Angesicht dem Bischof gegenüber. Tom und das junge Mädchen wurden kreideweiß, der Bischof purpurrot und Lucys Tante, die neben dem Bischof im Wagen faß, wurde gelbgrau. Tom nahm den Hut ab, und der Bischof sah ihn wütend an. »Ich habe mit Mr. Finch gefrühstückt, Papa,« sprach Lucy ruhig, indem sie an den Wagen trat, »Du entsinnst dich doch Mr. Finchs noch?« fragte sie, denn der Bischof ließ Toms Gruß in seinem entrüsteten Erstaunen unerwidert. »Steig ein, Lucy,« sagte Mrs. Raimond, »ich fahre nach Hause.« »Mr. Finch wird so freundlich sein, mich nach Hause zu begleiten, liebe Tante,« entgegnete Lucy. »Heute nicht,« fiel ihr Vater ein. »Es ist schon lange her, seit ich Gelegenheit hatte, mit Mr. Finch zu sprechen, und ich habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen.« Lucy, in deren Wangen die Farbe zurückgekehrt war, reichte Tom die Hand. »Dann adieu für heute, liebster Tom,« sprach sie dabei. »Adieu, mein Liebling,« antwortete Tom auf dieses Stichwort. Mrs. Raimond fuhr mit einem Ruck in die Höhe, wie man auffährt, wenn man eine zu große Gabe einer starken Medizin genommen hat, und Lucys Vater sah seine Tochter an, konnte aber vor Aerger kein Wort hervorbringen. Der Wagen hatte nur wegen einer augenblicklichen Stockung des Verkehrs gehalten und setzte sich jetzt wieder in Bewegung, wobei er Miß Durgan entführte und ihren Vater am Randstein des Bürgersteigs stehen ließ Obgleich von schlanker Gestalt und nur mittlerer Größe, war der Bischof doch ein Mann von sehr würdevoller Haltung, einer von den Leuten, die die Fähigkeit haben, unausstehlich höflich und in ihrer Höflichkeit so kalt und schneidend zu sein wie ein Ostwind. Nach wenigen Schritten war seine Kälte unter den Gefrierpunkt gesunken. »Wir sind nicht weit von Portland Place,« begann er, »und dort ist es gewöhnlich sehr ruhig, so daß wir ohne Störung werden sprechen können, Mr. Finch.« Mr. Finch neigte das Haupt in achtungsvoller Zustimmung, worauf die beiden schweigend nebeneinander weiter schritten, bis sie aus der drängenden und schlendernden Menschenmenge heraus waren und die Sahara von Sandsteinen und Macadam erreicht hatten, die so still in der Nahe lag. »Bei unserm letzten Meinungsaustausch, Mr. Finch,« sprach der Bischof, »glaube ich Ihnen mit hinreichender Deutlichkeit zu verstehen gegeben zu haben, daß ich Ihren Verkehr mit meiner Tochter nicht dulden könne.« Als ob er eine Antwort erwartete, hielt er inne, aber Mr. Finch gab keine, außer einer kaum merklichen Neigung des Kopfes. »Ich habe diesen Wunsch so deutlich und klar ausgesprochen,« fuhr er demnach fort, »als es mit Worten nur möglich ist.« Mr. Finch neigte wieder das Haupt, und der Bischof stieg innerlich auf einen weit über dem Gefrierpunkt liegenden Hitzegrad, wahrend er äußerlich immer eisiger wurde. »Wollen Sie die Güte haben, Mr. Finch, mir zu sagen, ob es mir damals nicht gelungen ist, meine Wünsche verständlich zu machen?« »Sie haben Ihr Verlangen vollkommen verständlich gemacht,« entgegnete Tom, der durch diese direkte Frage gezwungen war, sein Schweigen zu brechen. »Dann, Mr. Finch,« fuhr der Bischof fort, »werden Sie so gütig sein, mir zu sagen, warum ich von neuem die Wahrnehmung machen muß, daß Sie sich meiner Tochter aufdrängen.« »Euer Lordschaft bedienen sich eines falschen Ausdrucks,« erwiderte Tom. »Aufdringlich zu sein, ist gar nicht meine Art.« »Auf Wortklaubereien werde ich mich nicht mit Ihnen einlassen, Herr,« versetzte der Bischof. »Ich habe von Ihnen verlangt, daß Sie die Verfolgung meiner Tochter einstellen. Ein Mann von Ehre, Mr. Finch, pflegt ein solches Verlangen zu berücksichtigen.« »In der Regel wird ein Herr nicht beschuldigt, die Dame, mit der er verlobt ist, zu verfolgen,« antwortete Tom, der das Gefühl hatte, daß der Bischof im Begriffe sei, seine Ruhe zu verlieren, und daß es für ihn um so notwendiger sei, die seine zu bewahren. »Ich hatte mich der Hoffnung hingegeben, daß dieser Unsinn abgethan sei,« fuhr Miß Durgans Vater fort. »Wenn Sie mir gestatten, Mylord,« erwiderte Tom, »so muß ich Ihnen mit aller Hochachtung und von dem Wunsche beseelt, Sie nicht zu verletzen, sagen, daß es kein Unsinn, sondern eine sehr ernste Thatsache und weit davon entfernt ist, abgethan zu sein, wie Sie sich ausdrücken.« Diese Antwort reizte den Vater so, daß es ihn große Mühe kostete, ruhig zu bleiben, aber es gelang ihm, wieder unter den Gefrierpunkt zu sinken, ehe er antwortete: »Mit der ganzen Gewalt und dem Ansehen, die mir als Vater zustehen, verbiete ich Ihnen, Mr. Finch, meine Tochter in ihrer Auflehnung gegen meinen Willen zu bestärken.« Des jungen Mannes Herz war von den besten Gesinnungen gegen den Bischof erfüllt gewesen, aber es wurde bitter wie Wermut, bitterer, als es zu sein das Recht oder einen Grund hatte, denn Tom war seiner Lucy sicher, und er hätte, als auf der siegenden Seite stehend, großmütig sein können. »Miß Durgan hat sich mit Euer Lordschaft Zustimmung mit mir verlobt,« sagte er. »Ich habe nichts gethan, was mich Lucys oder Ihrer, oder irgend eines Menschen Achtung weniger würdig gemacht hätte. Allein es scheint so, als ob es zwei Arten von Ehrenmännern in der Welt gäbe, die verschiedene Gesetze für ihr Handeln aufstellen. Ich bin offenbar deshalb kein Mann von Ehre, weil ich ein gegebenes Versprechen, dessen Erfüllung von mir erwartet wird, nicht brechen will, und ich werde mich auch ferner so lange für dazu verpflichtet halten, bis ich davon entbunden werde.« »Sie sind davon entbunden, Mr. Finch,« entgegnete der Bischof kurz. »Ich entbinde Sie hiermit davon.« »Dazu haben Sie gar nicht das Recht,« antwortete Tom, worauf die beiden Herren etwa hundert Schritte schweigend weiter gingen. »Mr. Finch,« hob der Bischof nach dieser Pause wieder an, und er sprach mit einem unheilverkündenden Ernst, »ich will Sie mit einer Thatsache bekannt machen, die Ihnen doch Veranlassung geben dürfte, nachzudenken. Meine Tochter hat mir bestimmt versprochen, nie ohne meine Zustimmung zu heiraten.« »Das hat sie mir heute nachmittag ebenfalls mitgeteilt,« erwiderte Tom. »Und trotzdem, daß Sie das wissen, beharren Sie in Ihrem Betragen?« fuhr der Bischof fort. »Miß Durgan hat mir noch mehr gesagt,« erwiderte Tom. »Und das wäre?« fragte der ältere Herr. »Sie hat mir gesagt, daß sie niemals einen andern Mann heiraten werde.« Beim Gedanken an ihre Treue, die ihm diese Worte so lebhaft vor die Seele stellten, erfüllte ihn eine solche Glut, daß er selbst gegen ihren Vater wärmer wurde und in etwas freundlicherem Tone sprach. »Ich sehe nicht ein, was dieser Streit nützen kann,« sagte er, »Lucy ist bereit, zu warten, und ich werde warten und arbeiten. Sie sind besser, als Sie sich anstellen, glaube ich, und wenn ich mir erst eine Stellung errungen habe, werden Sie diese Mißhelligkeiten vergessen.« Das war ohne Zweifel der Augenblick, wo der Bischof unerbittlich wurde. Daß man ihm ins Gesicht sagte, er sei besser, als er sich anstelle, war eine Beleidigung, die er selbst als Hilfsgeistlicher nicht ruhig hingenommen hätte, denn, so unglaublich es auch erscheinen mag, auch Bischöfe sind einmal Hilfsgeistliche gewesen. Als Pfarrer würde er den Menschen, der so zu ihm zu sprechen gewagt hätte, durch Kälte vernichtet haben, als ländlicher Dekan wäre ihm ein solches Vorkommnis unmöglich erschienen, und jetzt, wo er Bischof war, sagte es dieser junge Mann ganz unverfroren, lächelte dazu und versank vor seinem entrüsteten Blick nicht in den Erdboden »Ihr Benehmen, mein Herr,« sagte er, »ist unverschämt. Ich muß es ablehnen, eine Unterredung fortzusetzen, die einen solchen Ton angenommen hat, aber ich wiederhole, ich verbiete Ihnen jeden weiteren Verkehr mit meiner Tochter.« Damit wandte er sich ab und ging einige Schritte weiter, kam aber sogleich wieder zurück. »Ich verbiete ihn, mein Herr; ich verbiete ihn!« schrie er. Nun entfernte er sich und kam nicht wieder, während Tom unbeweglich stehen blieb und ihm mit einer Mischung von Aerger, Bekümmernis und Verwirrung nachsah. Was den Bischof zu der Beschuldigung der Unverschämtheit veranlaßt hatte, war ihm ganz unerfindlich. Nie habe ich einen jungen Mann gekannt, der von Natur ehrerbietiger gewesen wäre, aber – wie es kam, weiß ich nicht – der Bischof von Stockestithe war ihm nie ehrfurchtgebietend vorgekommen. Noch ehe er sich wieder vollkommen gesammelt hatte, sah er, wie der Vater seiner Geliebten am andern Ende von Portland Place stehen blieb und mit einem vorübergehenden Herrn einen Händedruck wechselte. Als dieser dann näherkam, erwies er sich als ein sehr militärisch aussehender Herr, der, wie Tom meinte, etwas stutzerhaft gekleidet war und etwas gemein aussah. Er trug einen prachtvollen Schnurrbart, den er beim Gehen unablässig liebkoste. Als er an Tom vorüberkam, sah er den jungen Mann an und wandte sich sogar noch einmal nach ihm um. Auch Tom blickte dem Fremden nach und ertappte ihn so beim Umdrehen, worüber ihm einfiel, daß er schon fünf oder sechs Minuten an derselben Stelle stand. Langsam schlenderte er in derselben Richtung weiter, die der windbeutelhafte militärische Herr, der einen Händedruck mit dem Bischof gewechselt, eingeschlagen hatte; aber er ahnte nicht – niemand thut das – daß er an einem wichtigen Wendepunkte seines Lebens angekommen sei. Hätte sich der militärisch aussehende Herr nicht nach ihm umgesehen, so würde Tom keinen weiteren Gedanken an ihn verschwendet und ihn später nicht wiedererkannt haben. Allein es war sehr wesentlich für sein Glück, wie sich herausstellte, daß er ihn wiedererkannte; und deshalb drückten die Schicksalsgöttinnen dem militärisch aussehenden Herrn ein Zeichen auf, ein so seltsames und in seiner Art so eigentümliches Zeichen, daß es nicht leicht zu vergessen war. Gesenkten Hauptes und die Spitze seines Regenschirmes auf den Steinplatten nachschleifend, schlenderte Tom weiter und dachte, wie wenig er bis jetzt eigentlich gethan hatte, was ihn Lucy hätte näherbringen können. Allerdings war er als Rechtsanwalt zugelassen, aber er hatte bisher in seinem ganzen Leben noch nicht einen Pfennig Geld verdient, und mit einem Einkommen von sechs Pfund wöchentlich konnte er doch nicht wohl eine Bischofstochter bitten, sein Los zu teilen. In immer düsterer werdenden Gedanken wanderte er weiter, bis das liebe Antlitz vor seinem geistigen Auge stand und das tapfre »Adieu für heute, liebster Tom,« vor seinem geistigen Ohre ertönte. Das kleine Wort »liebster« war gleichsam ein allen Hindernissen Trotz bietender Trompetenstoß, denn es war offenbar absichtlich vor den Ohren ihres Vaters ausgesprochen worden. Damit hatte sie die Flagge der Liebe an den Mast genagelt. Beim Himmel, er wollte für sie kämpfen und würde schon vorwärts kommen. Bei diesem Gedanken warf er den Kopf in den Nacken, reckte sich in den Schultern und marschierte mit ganz andern, entschlossenen Schritten weiter. Nach fünf Minuten oder noch weniger war er bereits Justizminister und beantwortete vom Regierungstische aus die im Parlament an ihn gerichteten Fragen, um gleich darauf, vollkommen erwacht, in Regents Park einen Stromer anzustarren, der ihn angesprochen hatte. Anfangs konnte er kaum glauben, daß das der Mann sei, der ihn angeredet hatte; denn dessen Stimme hatte ihm wie die eines Menschen von Erziehung geklungen, während der Strolch das trostloseste und am tiefsten heruntergekommene Geschöpf war, das Tom seit Jahren gesehen hatte. Der junge Mann gab ihm fünfzig Pfennig, und der Bettler torkelte weiter. Die Stiefel, die er trug, waren um mehrere Nummern zu groß für ihn. Bei jedem Schritte, den er that, klappte eine der Sohlen herab und ließ des Trägers schmutzige, nackte Ferse sehen, und jedesmal, wenn er die Füße auf die Erde setzte, drangen aus zahlreichen Rissen der Stiefel kleine weiße Staubwölkchen hervor. Der fürchterliche alte Rock des Strolches war trotz der herrschenden Hitze bis oben hinauf zugeknöpft. Auch schien er geölt zu sein, aber nicht mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit, sondern nachlässig, so daß sich ein unregelmäßiges Muster von Fettflecken gebildet hatte. Seine schäbigen, ebenfalls fettigen Beinkleider beutelten sich an den Knieen und waren unten zu flatternden Lumpen ausgefasert. Sein Hut sah aus, als ob er ihn auf einem Düngerhaufen aufgelesen hätte, sein Bart war offenbar in den letzten vierzehn Tagen nicht rasiert worden, und nicht eine Spur von Wäsche war sichtbar. So watschelte er weiter, während sich Tom auf eine nahe Bank setzte und wieder in seine Träume versank. Diese hatten ihn fast bis zum Wollsack Der Sitz des Lordkanzlers im Oberhause. Anmerk. d. Uebers. geführt, als er durch eine Stimme in der Nähe aufgeschreckt wurde, die »Donnerwetter« rief. Er sah auf und erblickte den Strolch wieder, und vor diesem stand der stutzerhafte militärische Herr, der dem Bischof von Stockestithe die Hand geschüttelt hatte, und starrte den Strolch an, als ob er am hellen Tage einen Geist sähe. »Wie geht's, alter Junge?« fragte der Strolch. »Wer, zum Teufel, sind Sie denn?« entgegnete der militärisch aussehende Herr. »Ausgezeichnet!« rief der Stromer, »ausgezeichnet gespielt! Hättest du mir das im ersten Augenblick an den Kopf geworfen, ich glaube, ich wäre verblüfft gewesen, aber ich las Erkennen in deinen Fenstern, ehe du die Vorhänge herabließest.« Der militärische Herr hatte Tom gesehen, der Strolch aber nicht. Jener drehte sich auf dem Absatz um und ging weiter, während der andre eine Frage stellte, die eine geheimnisvolle Macht zu haben schien, denn sie hatte eine seltsame Wirkung auf den Hörer. »Wie bist du denn aus Portland entkommen?« lautete sie. Der militärische Herr blieb stehen, als ob ihn ein Schuß getroffen hätte, und all seine Herrlichkeit und all seine Windbeutelei ließen ihn im Stiche. Sein Kinn sank ihm auf die Brust, sein Rücken krümmte sich, seine Beine schienen ihm den Dienst versagen zu wollen, und seine Kniee schlotterten. Wenigstens drei Zoll war er kleiner geworden; sein Mund stand offen und sein Gesicht war leichenblaß. Tom sah das alles mit grenzenlosem Erstaunen. Und dieser Herr, der durch den geschilderten Vorgang so erschreckt war, hatte mit dem Bischof von Stockestithe einen Händedruck gewechselt! Zweites Kapitel Toms Interesse war durch das Vorgefallene in solchem Grade erregt worden, daß seine Beobachtungsgabe eine ungewöhnliche Schärfe gewonnen hatte. Die glänzende Erscheinung, die durch die Frage nach dem Gefängnis von Portland so in Bestürzung geraten war, hatte sich sofort wieder gefaßt, und rasch wie der Blitz erschien ein warnender Blick in seinem Gesicht, der zuerst die Augen des Strolches traf, und dann dahin flog, wo Tom saß. Auch der Strolch warf einen raschen Blick auf diesen und wurde sofort wieder zu dem kriechenden, elenden Bettler von vorhin. Der militärische Herr nahm seinen hochmütigen Husarenschritt wieder an, schwang seinen Spazierstock und drehte seinen Schnurrbart so selbstbewußt wie zuvor, aber doch anders. Seine Haltung war unnatürlich, als ob er mit Mühe ein Zittern unterdrücke, und seine Glieder bewegten sich steif und mechanisch, als ob sie von einem Uhrwerk getrieben würden. So ging er weiter, während ihm der Strolch hinkend, gebeugt und mit nach richtiger Strolchweise in die Aermel seines schmierigen Rocks gesteckten Händen folgte. Verwundert sah Tom dem seltsamen Paare nach. Ein Mann, dessen gesellschaftliche Stellung so ist, daß er mit Bischöfen Händedrücke wechselt, wird natürlich für achtbar, höchst achtbar gehalten, aber warum fährt ein hochachtbarer Mann zusammen, wenn ein ungewöhnlich heruntergekommener Strolch innerhalb seiner Hörweite Portland erwähnt? Portland ist ein Wort voll von schrecklichen Erinnerungen oder entsetzlicher Furcht für Uebelthäter, aber nur ein Mensch, bei dem ein wunder Punkt getroffen wird, fährt bei dem Worte zusammen; achtbare Leute läßt es kalt. Nichts konnte demnach klarer sein, als daß der militärische Herr eine verdächtige Persönlichkeit war. In diesem Falle war der Bischof von Stockestithe getäuscht worden, wie Tom annahm; eine Annahme, die viel Wahrscheinlichkeit für sich hatte, und dann konnte es sich sehr der Mühe lohnen, der Sache auf den Grund zu gehen. Vielleicht kam Tom in die Lage, seiner Lordschaft einen großen Dienst zu leisten, und wer weiß, was das für Folgen hatte? Alles das war ihm durch den Kopf geschossen, noch ehe der Strolch dem Manne, dem er einen Schreck eingejagt hatte, einen Schritt gefolgt war, aber unser junger Freund blieb ruhig sitzen und begnügte sich damit, dann und wann hinter den beiden herzuschielen. Nachdem er sich eine Cigarette angezündet hatte, zog er Papiere aus der Tasche hervor und that so, als ob er eifrig darin blättere und (mit einem Zahnstocher) darin schreibe. Damit wollte er den Strolch täuschen, der sich anfangs nicht enthalten konnte, sich umzuschauen, um zu sehen, ob er beobachtet werde. Als er anscheinend in dieser Hinsicht beruhigt war, erhob sich Tom und schlenderte weiter, aber in einer Richtung, daß es nicht so aussah, als ob er den andern folge. Gleich darauf wandte sich der Strolch noch ein letztes Mal um, schien aber nichts Verdächtiges in Toms Bewegung zu sehen, und dieser, der inzwischen im Schutze eines Gebüsches angelangt war, folgte dem weiteren Vorgange mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Der militärische Herr knöpfte seinen feinen Gehrock auf und zog ein Taschenbuch hervor, das er öffnete und dem er ein Stück Papier entnahm. Dieses faltete er mehrmals zusammen, so daß es ganz klein wurde, steckte sein Taschenbuch wieder ein und knöpfte seinen Rock zu. Nachdem er sich sodann auf eine Bank gesetzt hatte, trat der Strolch mit dem Hute in der Hand zu ihm. Niemand war in der Nähe. Der seine Herr schien den Strolch anzuhören und reichte ihm nach einiger Zeit das zusammengefaltete Stück Papier, das dieser verstohlen öffnete, ansah und dann zurückgab. Der feine Herr steckte es wieder in die Tasche, erhob sich und ging weiter, während der Strolch ihm folgte. Das war alles, aber es war gerade genug, um den Appetit nach weiteren Entdeckungen zu reizen. Tom Finch ließ das Paar einen beträchtlichen Vorsprung gewinnen und folgte sodann. Der feingekleidete Herr kehrte nach Portland Place zurück, während sein schäbiger Begleiter ziemlich dicht hinter ihm herging, und der Liebhaberdetektiv behielt beide im Auge, bis das seltsame Paar zu seinem größten Erstaunen ins Hotel Langham eintrat. Hatte sich die Straße vor ihnen geöffnet, sie verschlungen und sich wieder geschlossen, ohne eine Spur von ihnen zurückzulassen, Tom hätte nicht mehr überrascht sein können. In Wirklichkeit war der Vorfall jedoch sehr einfach. Als der militärische Herr auf der Bank in Regents Park saß, näherte sich ihm der Bettler, und wenn dieser dabei auch den Hut abnahm und ein sehr demütiges Benehmen zur Schau trug, so kniff er doch schlau ein Auge zu und lächelte wie ein alter Bekannter. »Na, das muß ich sagen,« sprach er, »du scheinst mir ja sehr schön in der Wolle zu sitzen.« »Und ich muß sagen,« entgegnete der andre, »daß du der einfältigste Esel bist, der mir je vorgekommen ist.« »Ich dachte, wir wären allein, Johnny,« antwortete der Strolch, »und dann glaubte ich auch, du wolltest mir Sand in die Augen streuen. Das ist eine famose Verkleidung, wenn auch vielleicht ein bißchen übertrieben, aber mich konnte sie doch nicht hinters Licht führen. Die Liebe dringt durch alle Verkleidungen.« Anscheinend sehr zufrieden mit seinem Witze, blinzelte er wieder. »Wir dürfen hier nicht im Gespräche gesehen werden,« erwiderte der Geck. »Da, nimm das, verschaffe dir anständige Kleider, und dann komm heute abend um neun Uhr zu mir nach Darcys Hotel in St. James. Frage nach Oberst Varndyke.« »Oberst Varndyke?« sprach der Strolch. »Darcys Hotel? Neun Uhr? Aber damit kann ich nichts machen, alter Junge. Was kann eine Zehnpfundnote einem Manne nützen, der so aussieht wie ich? Sie würden mich ja sofort einspinnen, wenn ich das Geld zum Vorschein brächte.« »Das ist richtig,« entgegnete Oberst Varndyke, »das habe ich übersehen. Folge mir nach dem Hotel Langham, und ich werde mich wie ein Vater gegen dich benehmen.« Nach diesen Worten erhob er sich und ging davon, während ihm sein schrecklicher Freund folgte. Dieses seltsame Paar hatte eine auffallende Eigentümlichkeit: Oberst Varndykes Sprache war geziert, aber von gemeinem Tone, und, so gut er auch gekleidet war, sah er doch nicht wie ein vornehmer Mann aus. Wenn dagegen der heruntergekommene Strolch die Lippen öffnete, so konnte man ihn für nichts andres als einen Mann von Erziehung halten. Sah man ihn schärfer an, so entdeckte man auch unter seinem Schmutze, seinen Lumpen und seinen Borsten die unverkennbaren Zeichen guten Herkommens. Als Oberst Varndyke ins Hotel Langham eintrat und der schäbige Mensch ihm folgte, stand einer der Angestellten des Hotels im Hausflur und strich sich das Kinn. »Ich bin eben einem Freunde begegnet,« sprach der Oberst zu diesem, nachdem er ihn beiseite geführt hatte, »einem ehemaligen Offizier und Kameraden in den traurigsten Verhältnissen, und ich möchte ihm gerne zehn Pfund geben, damit er sich anständig kleiden kann, aber solange er so aussieht, nimmt niemand eine Zehnpfundnote von ihm an. Wollen Sie so gut sein, mir diese zu wechseln?« Der Angestellte war sehr höflich und verbindlich und durch das, was weiter geschah, augenscheinlich ergriffen. Als er dem Oberst den Betrag der neuen Zehnpfundnote gebracht hatte, ließ dieser menschenfreundliche Offizier den kleinen Goldstrom in die Hand des Strolches gleiten. »In dein Versprechen der Besserung setze ich zwar nicht viel Vertrauen,« sprach er dabei, »aber ich kann nicht vergessen, daß du dereinst ein Gentleman warst. Ich helfe dir gern, Clarence, aber bedenke wohl, daß dies das letzte Mal ist, wenn ich nicht wirkliche Anzeichen der Umkehr sehe.« Der Strolch verbarg das Gesicht in den Händen und schluchzte, wobei ein paar Sovereigns zwischen seinen Fingern zu Boden fielen, wahrend der Oberst seinen armen Freund gütig auf die Schultern klopfte. »Gott segne Sie, Herr Oberst,« sprach der Bettler mit vor Bewegung erstickter Stimme, »Gott segne Sie!« Der Herr, der die Banknote gewechselt hatte, war tief bewegt und der Oberst ebenfalls. »Gottes Segen sei mit dir, mein armer Clarence,« antwortete dieser gute Freund, indem er sein wohlduftendes Taschentuch hervorzog und sich wiederholt die Augen betupfte, während ein Diener, der die zu Boden gefallenen Münzen aufgehoben hatte, sie dem Unglücklichen, dessen Not in so großmütiger Weise abgeholfen worden war, reichte. Dieser verließ immer noch schluchzend das Hotel, Der Oberst aber sprach dem Angestellten seinen Dank aus, wobei es ihm gelang, seiner Bewegung, wie es einem britischen Soldaten ansteht, Herr zu werden, und ging dann ebenfalls seiner Wege. Die Zehnpfundnote aber, die er zurückgelassen hatte, war eine so vollendete Nachahmung, daß es niemand im Traume einfiel, sie für verdächtig zu halten, bis sie im Laufe der Zeit die Bank erreichte, wo sie einem ganz ansehnlichen Häuflein gleicher Art hinzugefügt wurde. Vier und eine halbe Stunde später fragte ein Herr im Gesellschaftsanzug in Darcys Hotel nach dem Oberst Varndyke. Da er erwartet worden war, wurde er gleich ins Privatzimmer des Obersten geführt, wo er diesen, ebenfalls im Frack, eine Cigarre rauchend und ein Glas Whisky mit Selterswasser schlürfend, vorfand. Der Besucher war sauber rasiert und frisiert, seine Haltung aufrecht, sein Gesicht leicht gerötet. Die Kleider, die er trug, waren weder ganz neu, noch alt und saßen ihm wie angegossen. Seine Leibwäsche hatte den Glanz der Neuheit, außerdem war sein Anzug tadellos, so daß er einen entschieden vornehmen Eindruck machte. »Aha,« sprach der Oberst Varndyke, »Richard ist wieder er selbst.« »Das wird er sein,« antwortete der andre, »sobald er erst eine Cigarre zwischen den Lippen und ein Glas schottischen Whisky mit Selters getrunken hat.« Bei diesen Worten steckte er sich ein Monocle ins Auge und betrachtete den Oberst, der in Lachen ausbrach, sich erhob und auf dem Absätze herumdrehte, als ob er seinem Freunde eine genaue Besichtigung erleichtern wollte. »Du findest doch nie das richtige Maß,« sagte der eben Gekommene in vollkommen gebildeter Sprechweise. »Immer übertreibst du, wie ich dir schon so oft gesagt habe. Auch heute nachmittag warst du zu auffallend gekleidet, und dein Anzug schmeckte etwas nach dem roturier , Jack. Wirklich!« »Ach, geh' doch zum Teufel,« entgegnete der Oberst Varndyke. »Lieber Freund, ich kenne deine Geschichte ganz genau,« erwiderte sein Besucher. »Du hast als Bäckerjunge angefangen und Brot ausgetragen, dann hast du dich selbst gebildet und erzogen, und das macht dir alle Ehre, denn das Ergebnis ist im ganzen bewundernswert. Aber schließlich, mein Junge, bist du doch nur ein Schauspieler, allerdings ein ganz ausgezeichneter, sehr, sehr vorzüglicher, das gebe ich zu, aber eine Schauspielerleistung bleibt dein Benehmen darum doch. Du mußt mir erlauben, dich ein wenig in die Schule zu nehmen.« »Na, ich möchte doch wissen, was du hieran auszusetzen hast?« erwiderte der Oberst, indem er mit einer Handbewegung auf seinen Anzug deutete. »Der Gesellschaftsanzug,« versetzte der Kritiker, »bietet zwar nur wenig Gelegenheit, Fehler zu machen, aber das seidene Futter an den Brustaufschlägen, Jack, und das Dings da an den Hosen, der Besatz –« »Ach, zum Kuckuck!« rief der Oberst, »Das trägt ja jetzt jedermann!« »Nicht jedermann,« erwiderte der Kritiker mit einer gewissen Strenge, »Leute von feinem Geschmack, Leute, die Verständnis für derartige Dinge haben, tragen das nicht.« »Und das sagt mir ein Mensch,« entgegnete der Oberst belustigt, »der noch heute morgen in einem Paar schiffbrüchiger Boote statt der Stiefel und einem Hute in der Stadt umherging, den ich keiner Vogelscheuche angeboten hätte!« »Du hast die Wahl, mein alter Freund,« antwortete der Kritiker, »während ich keine hatte. Aber du kannst dich auf mich verlassen, es wird mir schon gelingen, dir den nötigen Schliff beizubringen, Johnny. Du hast die Vorteile nicht gehabt, die mir in meiner Jugend zu teil geworden sind. Nach dem Leben, das ich geführt habe, steht es mir allerdings nicht an, mich zu rühmen, aber die Thatsache bleibt doch bestehen, daß ich als Gentleman geboren bin. Und eins laß dir sagen, lieber Junge, das Blut macht sich unter allen Umständen geltend und ist in unserm Geschäft ebensoviel wert als überall sonst in der Welt. So, nun sag' mir mal, was hast du denn jetzt für ein Spielchen an der Hand?« »Dies habe ich an der Hand,« entgegnete der Oberst Varndyke, indem er ein auf dem Kaminsims liegendes Taschenbuch herbeiholte, es öffnete und eine Zehnpfundnote daraus entnahm, die sein Gast ergriff und mit der größten Sorgfalt untersuchte. Er hielt sie gegen das Licht, um das Wasserzeichen besser sehen zu können, rieb sie mit den Fingern vor den Ohren, um ihr Knistern zu hören, und prüfte die Zeichnung aufs genaueste. »Ganz erstaunlich!« sagte er endlich ehrfurchtsvoll. »Ich habe nie etwas so Vollendetes gesehen. Das Papier ist einfach wundervoll!« Oberst Varndyke kicherte leise in sich hinein und machte seinem Besucher ein Zeichen mit dem gekrümmten Zeigefinger. Als dieser der Gebärde gefolgt war, legte der Oberst seinem Gaste beide Hände auf die Schultern und beugte sich vor. »Das Papier ist echt!« flüsterte er ihm ins Ohr. »Papier der Bank von England?« fragte der andre, indem er in instinktiver Vorsicht ebenfalls leise sprach, wobei aber in seiner Stimme und seinem Gesicht doch maßloses Erstaunen zum Ausdruck kam. »Ja, Papier der Bank von England,« entgegnete der Oberst in triumphierendem Flüstern. »Roß hat die Sache eingefädelt, und wir haben zusammen fünf Ries gelandet. Vier Noten auf den Bogen macht nahe an hunderttausend Pfund.« Auf den Besucher machte diese kaum faßbare Mitteilung einen solchen Eindruck, daß er auf einen Stuhl sank und des Obersten Whisky und Selters austrank. »Na, das muß ich sagen,« sagte er, als er sich wieder gefaßt hatte. »Nun wundere ich mich freilich nicht mehr, daß du mich heute nachmittag abzuschütteln versuchtest. Aber ich kann euch doch von Nutzen sein, mein lieber Junge; ich kann meinen Anteil verdienen.« »Mortimer,« versetzte der Oberst, »es war durchaus nicht meine Absicht, dich abzuschütteln; ich war im Gegenteil froh, dich zu treffen, denn für die Arbeit auf dem Festland brauchen wir einen wirklich feinen Vogel. Ich erwarte Roß jeden Augenblick, und er wird gewiß ebenso erfreut sein als ich.« »Lieber Johnny,« entgegnete der Besucher, »werde nur ja nicht salbungsvoll, ich bitte dich, werde nicht salbungsvoll, denn dann traue ich dir nicht. Du nimmst mich, weil du im Augenblick nicht anders kannst. Aber jetzt habe ich einmal die Finger in der Pastete und nehme meinen Teil davon, thue jedoch auch meinen Teil der Arbeit. Uebrigens nebenbei gesagt, wie bist du denn aus –?« Ohne seinen Satz zu beenden, sah er den Oberst lächelnd durch sein Monocle an. »Das hat Roß gemacht. Hat einen der Aufseher bestochen,« antwortete der Oberst. »War eine verflucht teure Geschichte und wäre doch beinahe schief gegangen. Aber, wie zum Teufel, bist du nur dazu gekommen, diesen verdammten Ort heute nachmittag zu nennen?« fragte er mit einem Schauder, der nicht ganz gemacht war, obgleich er sich gern den Anschein gegeben hätte. »Hast du denn den jungen Menschen nicht bemerkt, der kaum drei Schritte von dir saß? Mir war zu Mute, als ob mich ein Schuß getroffen hätte. Ein Glück, daß er nichts gehört hat!« »Da hast du recht,« stimmte Mr. Mortimer zu, »aber ich habe ihn wirklich erst gesehen, nachdem ich gesprochen hatte. Anfangs glaubte ich, er hätte etwas gehört, aber nach einer Weile stand er ja auf und ging weiter.« »Ich werde nie an diese Minute denken können, ohne das Gefühl zu haben, als ob mir ein Strom eiskalten Wassers den Rücken hinunterliefe.« Gerade als er diese Behauptung aufstellte, wurde an die Thür geklopft, und ein Kellner meldete Mr. Roß. Dieser, ein Schotte von seiner glänzenden Glatze bis zu seinen plumpen Stiefeln, trat ein. Seine grauen Augen lagen hinter einem ungeheuren Paar buschiger Augenbrauen im Hinterhalt, und sein oval geschnittener Backenbart umrahmte ein Gesicht, dem die Natur den Typus des Schotten und der Achtbarkeit gegeben hatte. Aber er war noch mehr; er war geradezu das fleischgewordene Bild der Ehrbarkeit und des Schottentums und dabei röter als ein Fuchs. Mr. Mortimer begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. »Ich bin außerordentlich glücklich, meine Bekanntschaft mit Ihnen zu erneuern,« sprach er, »und zum erstenmal. Ihr Mitarbeiter bei einem Unternehmen zu sein. Der Plan scheint mir recht vielversprechend.« »Es freut mich,« entgegnete Mr. Roß, »daß er Ihren Beifall hat.« Freilich sah er bei diesen Worten aus, als ob er durch Mr. Mortimers Begrüßung etwas peinlich berührt sei, aber der Oberst flüsterte ihm etwas ins Ohr, wie »Mann von Familie«, »ganz unverkennbar das Aeußere und das Benehmen eines Menschen von Bildung«, »sehr nützlich bei einer solchen Geschichte«, und noch einige ähnliche Redensarten, die Mr. Mortimer hörte und auch hören sollte. Mr. Roß nickte wiederholt und legte dann einen kleinen schwarzen Beutel auf den Tisch. »Darf ich also annehmen,« fragte er, »daß Mr. Mortimer einer der Unsern ist?« »Ganz entschieden,« entgegnete Mr. Mortimer. »Selbstverständlich. Wo hast du denn die Getränke, Johnny?« Als Oberst Varndyke ein in der Ecke des Zimmers stehendes Schränkchen bezeichnet hatte, schlenderte Mortimer auf dieses zu. »Unser Unternehmen ist nicht derart,« begann Mr. Roß, »daß es eine unbegrenzte Beteiligung vertragen könnte, aber, wie Sie sehr richtig sagen, Oberst Varndyke, Mr. Mortimers Kenntnis fremder Sprachen und sein weltmännisches Auftreten werden für uns von Wert sein.« »Was zu trinken?« fragte Mortimer, der mit einer Flasche in der Hand an den Tisch trat. »Herr,« sprach Mr. Roß, »rühren Sie das Unreine nicht an, schmecken Sie es nicht, geben Sie sich nicht damit ab; ausgenommen,« fügte er hinzu, »mit großer Mäßigkeit. Ach, ich dachte, ich wäre zu Hause, wo ich geistige Getränke nie anrühre, es sei denn in der Stille meines Kämmerleins.« »Ich habe mir die Sache überlegt,« sagte der Oberst Varndyke, während er Mr. Roß ein großes Glas einschenkte. Dieser Herr hielt wachsam und wie abwehrend die Hand über das Glas, als ob er nicht dulden wolle, daß mehr, als was sein Gewissen erlaubte, eingegossen werde, aber er gab das Zeichen, inne zu halten, nicht eher, als bis das große Sodawasserglas wenigstens zur Hälfte voll war. »Ich kann London übernehmen,« sprach der Oberst inzwischen weiter, »und ich meine, es wäre gut, wenn Mortimer nach Paris ginge. Für London brauche ich nur einen Tag, und dann müssen wir die Sache sechs Monate ruhen lassen. Wenn Mortimer morgen abend abreist, kann er zwei volle Tage in Paris bleiben. Wir müssen zu derselben Stunde beginnen.« »Warum zwei Tage für Paris und nur einen für London?« fragte Roß. »Das will ich euch erklären,« entgegnete der Oberst. »Einige der Noten, die ich hier in London in Umlauf setze, gelangen ganz bestimmt noch an demselben Tage an die Bank, während sie von Paris frühestens am nächsten Morgen ankommen können.« »Aber ein Telegramm der Bankbehörden nach Paris?« antwortete Roß, seinen roten Bart streichend und um seine Finger wickelnd. »Nein, mein Sohn, ich bin über die Jahre ungestümer und tollkühner Jugend hinaus und habe es gelernt, die Wege der Vorsicht zu wandeln.« Während er die roten Fäden seines Bartes spann wie ein alter schottischer Hexenmeister, sah er hinter seinen buschigen Augenbrauen so aus, als ob er in der That gelernt habe, die Wege der Vorsicht zu wandeln. »Gut,« erwiderte der Oberst, »dann also sowohl für London, als für Paris nur einen Tag und hierauf sechs Monate Ruhe, damit sich die Aufregung und Wachsamkeit der Bankbehörden etwas legen kann. Danach werden wir beide sechs Tage in den Vereinigten Staaten arbeiten, und dann wieder sechs Monate Ruhe hatten. Haben wir dann unsern Vorrat noch nicht ganz untergebracht, so kann Mortimer nach Wien oder Berlin gehen, und dann ist die Sache zu Ende.« »Sehr gut, wirklich sehr gut,« sprach Mr. Roß, »und nun noch ein ernstes Wort zu euch beiden. Als ich durch die Gnade der Vorsehung in den Besitz von fünf Ries des Bankpapiers gelangte, sah ich, daß mein Glück gemacht war. Nach diesem Erfolge ziehe ich mich in den wohlverdienten Ruhestand zurück, denn ich finde die stete Besorgnis doch etwas angreifend, meine Herren, und ich fange an, alt zu werden. Deshalb beabsichtige ich, mich dem otium cum dignitate hinzugeben. In allen Umständen des Lebens, meine Freunde, in jedem Alter und in allen Kreisen der Gesellschaft ist die Wurzel alles Verkehrs das Vertrauen von Mensch zu Mensch, und in einer Unternehmung, wie die, womit wir beschäftigt sind, ist ebenfalls das Vertrauen von Mensch zu Mensch unerläßlich.« Nach dieser Rede, worin sich Sittlichkeit, Spitzbüberei und gesunder Menschenverstand bei jedem Atemzuge gemischt hatten, öffnete er den Beutel, den er auf den Tisch gelegt hatte. Die Tugend hat einen langen Arm und klopft gelegentlich auch einmal einen Spitzbuben auf die Schulter. Nachdem der Beutel geöffnet und sein knisternder Inhalt von neuen Banknoten unter die beiden Abenteurer verteilt worden war, deren Aufgabe es sein sollte, sie umzusetzen, klingelte der Oberst nach dem Abendessen. Natürlich und der Sachlage entsprechend war das Mahl so gut, als es der Gasthof nur liefern konnte, ebenso die große Flasche Champagner, die dazu aufgetragen wurde. Mr. Mortimer zog den Rock aus und machte den Salat an, während der Oberst den Wein in Eis kühlte. »Niemand versteht einen bessern Salat zu machen als Jimmy,« sagte er. »Allerdings,« gab Mortimer zu. »Ich bin auch etwas eitel auf meinen Salat, So etwas,« – er maß den Essig mit vorsichtiger Hand und scharfem Auge – »liegt in der Familie. Mein Urgroßvater ist der eigentliche Erfinder des Maraschinopunsches, obgleich die Erfindung irrtümlicherweise dem Prinz-Regenten zugeschrieben wird.« »Mr. Mortimer,« warf Roß jetzt ein, »ich möchte sehr gern etwas von Ihrer Lebensgeschichte kennen lernen.« »Ich sehe nicht ein, wozu,« antwortete Mortimer nickend. »Ich wünsche häufig, ich könnte sie vergessen. Jetzt bin ich der einfache Jimmy Mortimer, und das ist ein ebenso guter Name (um damit zum Teufel zu gehen) als irgend ein andrer. Jedenfalls habe ich den guten Geschmack, meine Angehörigen nicht durch meine Thaten bloßzustellen. Ich habe meinen alten Namen rein erhalten, und was auch kommen mag, ich werde nie versuchen, mich dahinter zu verkriechen.« Eine reich bemessene Menge Champagner hatte selbst Mr, Roß gefühlvoll gemacht, und in Mr. Mortimers Wesen, ebenso wie in seiner äußeren Erscheinung lag etwas, was seine Teilnahme erregte. Ein Spitzbube, der aus hoher gesellschaftlicher Stellung herabgesunken ist, hat für seine Spießgesellen niedrigerer Herkunft immer etwas Interessantes. Und Mr. Mortimers Mutter hatte gebackene Fische in Clerkenwell verkauft. James selbst kannte die Welt, wie nur wenige Menschen sie kennen. Als Junge hatte er sich in den Straßen umhergetrieben, er war Laufbursche, Kammerdiener eines unverheirateten Millionärs, Haushofmeister ohne Livree in drei vornehmen Familien gewesen, er hatte viel gelesen, einige fremde Sprachen erlernt und verfügte über ein so gewandtes Benehmen und eine so feine Redeweise als nur irgend ein Herr im Adelskalender. Seine Mutter, die dereinst sehr hübsch gewesen war und als ehrbares Mädchen in einer Garnisonstadt gelebt hatte, hatte ihm immer gesagt, sein Vater sei von Adel. Diese Familienlegende lag in James' Blut, und er glaubte, seine Abstammung verrate sich in seinen Händen, seinen Füßen, seiner Haltung, seiner Stimme wie in seiner ungewöhnlichen Gewandtheit, sich jeder möglichen kostspieligen Lebensweise anzupassen, eine Gewandtheit, die ihn zum Schurken gemacht halte. Die drei Spitzbuben tranken noch eine Flasche, diesmal eine kleine, denn selbst bei einer solchen Gelegenheit war Mr. Roß zur Vorsicht geneigt, und dann wurde Mr. Mortimer empfindsam. »Seht euch dies mal an, ihr Herren!« rief er, indem er seine schön geformte Hand ausstreckte. »Sie ist in einem viehischen Zustande. Sieben Wochen sind vergangen, seit ich meine Nägel habe behandeln lassen, aber morgen werde ich zu einem Handdoktor gehen.« »Lassen Sie mal sehen, Mann,« sprach Roß. »Was für eine schöne Hand Sie haben! Gerade wie eine Damenhand.« »Die ist angeerbt,« erwiderte James. »Sie können sie auf allen unsern Familiengemälden sehen.« »Gewiß, gewiß,« antwortete Mr. Roß, »daran zweifle ich nicht.« Und er zweifelte wirklich nicht, trotzdem daß er Schotte und in politischer Hinsicht ein wütender Radikaler und durch und durch mißtrauisch war, aber er glaubte an James' vornehme Herkunft. Das that auch der Oberst Varndyke, und als Mr. Mortimer eins der schönen Schlösser seiner Vorfahren beschrieb – eins der drei, wo er als Haushofmeister ohne Livree gedient hatte – seine Gärten, seine Hundezwinger, seine Pferdeställe, seine Türme und Hallen, waren die beiden Zuhörer halb trunken darüber. »Um eins beneide ich meine Familie,« sprach James, »und das ist ein echter Paul Veronese in der langen Galerie. Mein Vater hat mir immer versprochen, daß ich das Bild haben sollte. Es stellt – doch nein, ich will lieber nicht mehr davon sprechen. Also morgen reise ich nach Paris ab und fange am folgenden Tage an? Gut, dann will ich jetzt gehen.« Nachdem er seinen beiden Gefährten die Hände gedrückt hatte, entfernte er sich ziemlich traurig und niedergeschlagen durch die Erinnerungen an seine Jugend und ihren Gegensatz zu den gegenwärtigen häßlichen Tagen eines ehrlosen Abenteurerlebens. Als sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte, schüttelte der Oberst sein nicht mehr ganz klares Haupt über ihn und meinte, daß vornehmes Blut doch viel für einen Menschen bedeute, und daß er es achten müsse, wo es ihm begegne, und daß es bei keinem Menschen deutlicher zu sehen sei als beim alten Jimmy. Drittes Kapitel Der Bischof von Stockestithe war sehr ärgerlich. Alle Leidenschaften befinden sich in gasförmigem Aggregatzustande und sind folglich dehnbar, und während er dem Hause seiner Schwester am Eccleston Square zuschritt, schwoll seine beleidigte Würde so in ihm an, daß er manchmal glaubte, ersticken zu müssen. Nach seiner Ankunft dort fragte er sofort nach Lucy, und als diese seinem Rufe Folge leistete und bei ihm eintrat, war sie ebenso würdevoll als ihr Vater und zum Kampfe bereit. Eine Schlacht – mit ihrer Tante – hatte sie bereits ausgefochten, ein leichtes Plänklergefecht, woraus sie ohne Mühe als Siegerin hervorgegangen war, aber jetzt stand ihr der Feind in voller Stärke gegenüber, und der Kampf versprach ernst zu werden. Im Innersten seines Herzens fürchtete sich der Bischof, allein er hoffte, die feindliche Stellung durch einen kühnen Handstreich erobern zu können. »Ich habe mit Mr. Finch gesprochen,« begann er, »und ich wünsche, dich davon in Kenntnis zu setzen, daß ich ihm ein ausdrückliches und klares Verbot gegeben habe. Ich habe ihm eröffnet, daß ich jeden Versuch, sich dir wieder aufzudrängen, vollständig und endgiltig untersage.« »Ich verstehe,« entgegnete Lucy. »Und was hat Tom darauf geantwortet?« »Jede Besprechung muß ich ablehnen,« erwiderte der Vater. »Ich habe Mr. Finch allen Verkehr mit dir verboten, und dir verbiete ich jeden ferneren Verkehr mit Mr. Finch. Das ist, wohlverstanden, keine Bitte, die ich an dich und an ihn richte, sondern ein bestimmter Befehl, und ich werde dafür Sorge tragen, daß wenigstens du mir gehorchst.« »Ich fürchte,« versetzte Lucy, »daß wir uns gegenseitig Kummer machen werden.« »Mein liebes Kind,« unterbrach der Bischof sie, »durch eine Besprechung ist gar nichts zu gewinnen. Ich verlange deinen Gehorsam, und wenn du ihn nicht freiwillig leistest, werde ich Maßregeln treffen, ihn zu erzwingen.« Bei diesen Worten fuhr das junge Mädchen in so lebhafter und stolzer Auflehnung auf, daß ihr Vater für einen Augenblick seine kalte Ruhe verlor. Er erwartete Sturm; aber sie wußte sich so weit zu beherrschen, daß es ihr gelang, einen ironischen Ton anzuschlagen. »Wir leben in England, Papa, und stehen am Vorabend des zwanzigsten Jahrhunderts.« Bei diesen Worten blieb dem Bischof geradezu der Atem stehen, während sie in einer Weise dicht vor ihn trat, der man ansah, daß sie sich vollkommen in der Gewalt hatte. »Du sagst, durch eine Besprechung sei nichts zu gewinnen, Papa? Vielleicht ist aber doch etwas zu erreichen, wenn wir Geduld miteinander haben.« »Ich lehne jede Besprechung ab, meine Liebe,« entgegnete der Vater mit eisiger Kälte, aber sie beachtete seine Worte nicht. »Für dich ist es eine Angelegenheit von geringer Wichtigkeit, Papa ...« »Für mich?« fragte der Bischof erstaunt. »Von geringer Wichtigkeit für mich? Für mich?« »Im Vergleiche zu dem Interesse, das sie für mich hat, Papa, ist das deine ganz geringfügig.« Mit einem Lächeln des Aergers und der Geringschätzung schob er sie beiseite. »Mein liebes Kind,« sprach er dabei, »du bist ja geradezu abgeschmackt!« »Ich bin die einzig mögliche Beschützerin meiner Selbstachtung,« antwortete sie, »und diese werde ich nicht auf Befehl irgend eines Menschen in der Welt opfern.« Das sprach sie ernst, langsam und mit schmerzlich bewegter Stimme, und ihr Vater fühlte, daß sie ihm, was das Benehmen anbetraf, bis dahin überlegen sei, und das brachte ihn aus der Fassung. »Ohne deine Zustimmung hatte ich mich nicht mit Mr. Finch verloben können,« fuhr sie fort, »aber ich habe nun einmal mein Wort verpfändet, und nichts in der Welt soll mich dahin bringen, diesem Worte untreu zu werden.« »Machst du dir auch klar, daß du dich in offenen und unmittelbaren Widerspruch mit deinem Vater setzest?« fragte er; und obgleich ihm diese außerordentliche Erscheinung schon vor einem Jahre vor Augen getreten war, hatte er sein Erstaunen darüber inzwischen wieder vergessen. »Dein Benehmen überrascht mich, Lucy,« rief er entrüstet. »Es ist mir unbegreiflich.« »Papa! Wie kannst du etwas so Grausames und Sündhaftes von mir verlangen?« »Eine Handlungsweise vorzuschreiben, die diese harten Bezeichnungen verdiente, ist nicht meine Gewohnheit,« erwiderte er. »Ich verlange weiter nichts, als daß du der Stimme der gesunden Vernunft Gehör gibst und die Achtung nicht vergißt, die ein Kind seinem besten und liebevollsten Ratgeber schuldet.« »Du verlangst von mir, daß ich Toms Herz brechen soll,« rief sie stürmisch, »und du verlangst, daß ich mein eigenes breche. Du forderst von mir etwas so Niedriges, daß ich mich ewig verabscheuen und verachten müßte, wenn ich auch nur einen Augenblick daran dachte, es zu thun.« Damit hatte der Bischof entschieden einen Punkt gewonnen, und er beeilte sich, Nutzen daraus zu ziehen. »Du kennst mich doch, so lange du lebst,« sprach er, »und du willst dich selbst verabscheuen, wenn du dich auch nur herablaßt, meine Ansichten in Erwägung zu ziehen? Ueberlege dir doch einmal in einem ruhigen Augenblicke, was das heißt, und dann sollst du selbst entscheiden, ob das, was du gesagt hast, den Geboten der Liebe und der Gerechtigkeit entspricht.« Das war eine gute Karte, allein Lucy war boshaft genug, sie zu übertrumpfen. »O!« rief sie, »ich habe dich also mißverstanden?« Durch diese Worte geriet er so augenscheinlich außer Fassung, daß sie lachen mußte. »Wenn es mit aller Achtung aus ist, so ...« sprach er mit einer Handbewegung, als ob er allem weiteren ein Ende machen wolle. »Wenn es mit aller Achtung aus wäre,« antwortete sie, »so wäre das ein großes Unglück für uns beide. Ich bin nicht anders geworden, lieber Papa, und ich kann auch nicht anders werden. Wenn du die Sache nur besprechen wolltest wie der liebe, verständige alte Papa, der du früher warst, könnte doch noch etwas Gutes dabei herauskommen. Aber du reitest dein Steckenpferd in so komisch feierlicher Weise und bedrohst ein junges Mädchen des neunzehnten Jahrhunderts, ein Mädchen, das in Girton studiert hat, mit Dragonern und der Bastille. O, du bist wirklich gar zu gelungen! Allein ich werde über einen solchen Unsinn keine tragische Miene aufsetzen. Tom liebt mich und ich liebe ihn, und damit basta!« »Du bist schamlos!« rief der Bischof. »Ich bin nicht schamlos!« erklärte seine Tochter entrüstet. »Und wenn mir das ein andrer Herr sagte, würde ich ihn ohrfeigen. Tom hatte mir keinen Antrag gemacht, wenn er mich nicht liebte, und ich würde nicht Ja gesagt haben, wenn ich ihn nicht liebte. Ich werde eins von zwei Dingen thun, Papa: ich werde Tom heiraten, oder ich werde als alte Jungfer sterben.« »Mädchen!« schrie der empörte Vater, Er hatte sein eigenes Kind zu kennen geglaubt, aber so hatte sie ihn doch noch nie behandelt. »Mein lieber Papa,« antwortete sie, »wenn du hochtrabend sein willst, werde ich Tante rufen lassen: ich meinerseits bin für den Rest meines Lebens dafür unempfänglich. Falls du es mir möglich machst, werde ich dich lieben und dir eine gute Tochter sein; wenn nicht, werde ich meine Liebe für – meinen zukünftigen Gatten aufsparen.« Inmitten dieses fröhlichen Ausbruchs von Trotz (der erstaunlich echt aussah, so plötzlich er auch gekommen war) erschien die Bitte: »wenn du es mir möglich machst, werde ich dich lieben,« mit einer so reizenden, ernsten Anmut, daß sie einen weniger wütenden und erstaunten Vater entwaffnet haben würde. »Lucy!« rief jedoch der Bischof, »diese Leichtfertigkeit ist durchaus ungehörig.« »Mein lieber Papa,« entgegnete sie, »die Sache ist viel zu abgeschmackt, als daß man noch viel darüber reden könnte. Du gabst mich Tom mit deinem Segen und wirst als Ehrenmann dein Wort halten. Ich habe mich Tom verlobt und werde als ehrenhaftes Mädchen auch mein Wort halten, und wenn du dich nur entschließen könntest, lieb und vernünftig zu sein, wollte ich gern vergeben und vergessen. Einstweilen, lieber Papa, habe ich einen Befehl zu erteilen, und wenn du mir erlaubst, werde ich klingeln.« »Lucy!« rief der Bischof, »das wird dir eines Tages sehr leid thun.« Selbst als ein Zwischenruf war das schwach, kläglich schwach, und der Bischof fühlte es. »Leid thun?« erwiderte Lucy. »Glaubst du, daß sich eine Tochter freuen könnte, wenn ihr Vater eigensinnig bei einem Benehmen verharrt, das ihn ihrer Achtung beraubt?« Die Notwendigkeit, diesen treffenden Hieb zu beantworten, blieb Doktor Durgan durch den Eintritt eines Dieners erspart. »Bitte, sagen Sie doch unten,« sagte Lucy, »daß Miß Durgan für Mr. Finch stets zu Hause ist.« Der Mann verbeugte sich und verschwand. »Gerechter Himmel!« stöhnte der Bischof verzweifelt, indem er auf einen Stuhl sank und den Kopf auf die Hand stützte. Das that er vollkommen natürlich und ungekünstelt, aber als er eine Weile so dagesessen hatte, verblieb er in dieser Stellung, weil er von ihr eine außerordentliche Wirkung auf seine Tochter erhoffte. Lucy würde genötigt sein, das Gespräch wieder zu beginnen, und dann konnte er in dieser vorteilhafteren Stellung den Kampf erneuern. Endlich jedoch verlor er die Geduld, und als er aufsah, fand er sich allein. Darüber war er aufs neue erstaunt und entrüstet, denn er hatte gute fünf Minuten eine rührende und wirksame Haltung verschwendet. Ihm war zu Mute wie einem Schauspieler, der für die Galerie gespielt hat, dem es aber nicht gelungen ist, deren Beifall zu erringen. Nun zog er die Klingel, und als der Bediente wieder eintrat, trug er ihm auf, zu Mrs. Raimond zu gehen. »Sagen Sie ihr, ich ließe sie um die Ehre ihrer Gesellschaft hier bitten.« »Zu Befehl, Mylord,« entgegnete der Mann und ging, bis zum Gefrierpunkt angefröstelt, hinaus. Gleich darauf trat Mrs. Raimond raschelnd ein und erhob Hände und Augen, als sie von Lucys Auflehnung hörte. Der größte Teil der Komödie des Lebens wird in vollem Ernst gespielt, und das eben macht sie so außerordentlich komisch, oder schmerzlich traurig, je nach der Stimmung des Zuschauers, Der Bischof spielte seine Rolle mit der erfrischenden Unbefangenheit des vollendeten Egoisten. »Ich habe es für meine Pflicht gehalten, mit dem ganzen Gewicht und Nachdruck meiner Vaterwürde, meiner Verantwortlichkeit, meines Alters und meines heiligen Amtes zu sprechen, und, meine liebe Amalie, einen Augenblick hätte man wahrhaftig glauben können, daß sie sich über mich lustig machte.« Selbst ihren Gatten, den Richter Raimond, hatte Amalie stets für weniger würdevoll gehalten als ihren Bruder, und ihr empörtes Erstaunen nach dieser Mitteilung wirkte wie ein warmer Umschlag auf die verwundete Eitelkeit des Bischofs. »Mein lieber Hubert,« sprach seine Schwester, »ich bin ganz mit dir einverstanden. Das väterliche Ansehen muß unter allen Umstanden aufrecht erhalten werden. Wenn du es wünschest, will ich morgen mit ihr nach Paris zurückkehren.« »Ein ganz ausgezeichneter Vorschlag,« stimmte der Bischof zu, »ein höchst wertvoller und willkommener Vorschlag. Wenn es dir nur keine Unbequemlichkeiten verursacht, daß du nur so kurze Zeit zur Vorbereitung hast.« Mrs. Raimond versicherte, daß die Zeit völlig ausreiche, und nachdem dies festgestellt war, ließen sie Lucy rufen. »So kehren wir denn also in den Pferch der Unschuld und Sicherheit zurück,« sprach die junge Dame, »und Tante Raimond wird wieder Schäferhund spielen, Gut, dann muß ich mich beeilen und an den Wolf schreiben.« »Bitte,« sagte Papa, »erkläre mir doch einmal, an wen du schreiben willst.« »Ich will an Tom schreiben,« antwortete sie. »Das verbiete ich dir!« rief der Bischof. »Ausdrücklich, bestimmt und endgültig verbiete ich es.« »Ich verstehe,« erwiderte Lucy, »Ausdrücklich, bestimmt und endgültig. Aber ich werde trotzdem schreiben.« »Kind!« stieß der Bischof entsetzt hervor, »Du erfüllst mich mit Erstaunen, Schmerz und Verdruß!« »Mit Erstaunen, Schmerz und Verdruß erfüllt zu sein, ist höchst unbehaglich,« versetzte Miß Lucy, »Wenn du ganz artig und reumütig sein willst, werde ich dir etwas Angenehmeres und Wohlschmeckenderes vorsetzen.« Diese Worte sprach sie im Tone liebenswürdigen Spottes, aber sie hatte sie kaum beendet, als sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichtete, einen Knicks stolzer Geringschätzung machte und wie eine beleidigte Königin aus dem Zimmer segelte. Das war ein kleiner Auftritt aus dem Trauerspiel der Natur. »Hubert,« stöhnte Mrs. Raimond, »ich fürchte, ich werde nicht mit ihr fertig.« »Das kann unmöglich so weiter gehen,« entgegnete der Bischof mit äußerer Festigkeit. »Ich selbst,« fügte er hinzu, als ob er einen Gegner mit einem Zuge matt setze, »ich selbst werde euch nach Paris begleiten.« Dieser unter dem Einfluß des Augenblicks gefaßte Entschluß wurde Lucy nicht mitgeteilt, so daß diese junge Dame in dem Briefe, worin sie dem Wolf ihre bevorstehende Rückkehr nach Paris meldete, nichts davon erwähnte, daß ihr Vater mit zur Reisegesellschaft gehören werde. Hatte sie das gewußt, so würde der Geist der Aufsässigkeit sie nicht veranlaßt haben, zu schreiben, daß sie sich auf das Gesicht freue, das ihre Tante machen werde, wenn es der Zufall so fügen sollte, daß sich Tom ihnen in Dover zugeselle. Aber das sprach sie wirklich in ihrem Briefe aus, und Tom war sofort Feuer und Flamme für diesen Gedanken. Sie wurden wieder auseinandergerissen, – »auseinandergerissen« ist Toms eigenes Wort und bei weitem kräftiger und ausdrucksvoller, als »getrennt«, – und wenn er sich auch verständigerweise eine Reise auf das Festland für wer weiß wie lange nicht erlauben durfte, so konnte er doch versuchen, vielleicht ein paar Stunden in Lucys Gesellschaft an Bord des Schiffes zu sein. Der Gedanke war verführerisch, und Tom gab nach. Tante Raimond konnte Seereisen durchaus nicht vertragen und würde wohl gleich in der Kajüte verschwinden, um sich dort ihren Leiden zu überlassen, während Tom mit Lucy auf dem Verdeck spazieren gehen und ihr und sich eine Erinnerung schaffen wollte, woran sie während der Zeit ihrer Trennung zehren konnten. Demnach begab sich Tom nach der Bank, erhob etwas Geld und packte eine Handtasche für den Fall, daß er genötigt würde, eine Nacht in Calais zu bleiben. Am folgenden Tage fuhr er mit einem frühen Zuge nach Dover und erwartete dort die Stunde der Abfahrt des Bootes. * Auch Mortimer verbrachte den Tag mit den Vorbereitungen zu seiner Reise nach dem Festlande. Nicht weit von Seven Dials liegt ein großes Geschäft, das mit neuen und alten Kleidern handelt, ein Geschäft, das wahrscheinlich jedem Schauspieler in London bekannt ist. In diesem Laden kann man sich in einer halben Stunde mit einem für jeden beliebigen Beruf passenden Anzüge versehen. Das Theatergeschäft bildet die eigentliche Grundlage, aber jeder mittellose Bruder Leichtfuß in der Stadt kennt den Laden und kleidet sich mit seiner Hilfe in billige Herrlichkeit. Mr. Mortimer kannte ihn natürlich auch und fand nach einer halben Stunde eifrigen Suchens einen unauffälligen, anständigen Herrenanzug, der ihm vollkommen paßte und außerdem den Vorzug hatte, nicht zu neu auszusehen. Sodann fuhr er in der Stadt umher und kaufte sich die besten Hüte, Handschuhe und Halsbinden, die mit Geld und Geschmack zu beschaffen waren, sowie seine Leibwäsche. Ferner besorgte er sich eine zierliche Krawattennadel mit einem Diamanten und einen Ring, worin ein großer Pariser Similibrillant funkelte, ferner ein gebrauchtes Reisenecessaire, dessen Geräte mit echtem Silber beschlagen waren, und eine ganze Anzahl von Regenschirmen, Stöcken und Riemen, kurz, er verbrachte den Tag mit Einkäufen und einem Besuche beim Handdoktor und war so stolz auf seine neuen Besitztümer, daß er dem Oberst Varndyke und Mr. Roß, die ihn vor seiner Abreise auf seinem Zimmer in Darcys Hotel besuchten, eine kleine Vorlesung darüber hielt. »Hier,« begann er, »ist ein Koffer von gutem Leder. Er ist, wie Sie sehen, an einigen Stellen etwas beschädigt, aber gerade nur genug, um zu zeigen, daß sein Besitzer viel reist, und nicht so viel, daß er unanständig aussähe. Die Zettel, womit er beklebt ist, sind die der besten Hotels, sowohl in England als auch im Auslande. Sein Aussehen muß Vertrauen zu seinem Besitzer erwecken. Die Geräte in diesem Reisenecessaire sind mit echtem Silber beschlagen. Wegen des Monogramms, das, wie Sie gesehen, jeder der Gegenstände trägt, habe ich es billig bekommen. Freilich ist das nicht mein Namenszug, aber das Ganze kann ja recht gut eine Art von Familienerbstück sein. Zum Beispiel könnte es meinem Onkel mütterlicherseits gehört haben, der während des indischen Aufstandes einen so tragischen Tod fand. Stöcke und Regenschirme in reicher Auswahl. Wenige Dinge machen auf Reisen mehr Eindruck. Das zusammenlegbare Bad ist ein ausgezeichnetes Behältnis zur Aufnahme gebrauchter Wäsche, aber es ist mehr als das: es ist ein Zeugnis, daß sein Besitzer ans Reisen gewöhnt ist. Unter den Sachen eines jüngeren Mannes könnte es geziert aussehen, allein für einen Mann in meinen Jahren ist es ganz natürlich und charakteristisch, daß er sein gewohntes Bad auch auf Reisen nicht entbehren mag. Aha, du siehst dir meinen Ring an, Johnny. Den habe ich mir heute aus dem Gewahrsam meiner ›Tante‹ geholt. Zwei Jahre, neun Monate und vierzehn Tage habe ich die Zinsen für das darauf erhaltene Geld bezahlt. Er ist das einzige meiner Erbstücke, das nicht auf Nimmerwiedersehen in ihrem unersättlichen Rachen verschwunden ist.« Die drei Spitzbuben speisten sehr ruhig und verständig zusammen, und darauf fuhr James mit seinen Einkäufen allein nach dem Bahnhofe von Charing Croß. Seinen Droschkenkutscher bezahlte er mit der Freigebigkeit eines Verschwenders, ebenso wie er den Gepäckträgern großartige Trinkgelder gab, wie das Leute zu thun pflegen, die an jähe Wechsel in ihren Vermögensverhältnissen gewöhnt sind. Die Freibeuter der Welt, Hochstapler, Einbrecher und Taschendiebe, Leute, die von Wetten leben, und die alte, jetzt fast verschwundene gewisse Art von Künstlern und Schauspielern sind alle in dieser Weise freigebig. Natürlich reiste James erster Klasse und machte es sich mit einer großen Menge von Zeitungen und Monatsschriften in einem Armstuhle der Raucherabteilung bequem. Er führte eine mit den besten Cigarren gefüllte große Dose und eine silberne Flasche mit vorzüglichem altem schottischem Whisky bei sich und erwartete, sich auf seiner Reise ausgezeichnet zu unterhalten. Der Zug hatte sich schon in Bewegung gesetzt, als auf dem Bahnsteig Lärm und erregte Stimmen hörbar wurden. Gleich darauf schob ein riesenhafter Schaffner einen ältlichen Herrn so heftig in den Wagen, daß dieser hilflos hineinstolperte und hingefallen wäre, wenn Mr. Mortimer nicht geschickt zugegriffen hätte. Auch den Hut, eine Kopfbedeckung, wie sie die Bischöfe der englischen Kirche tragen, hob er ihm auf. Dabei sah James, daß auch der Rock, die Schürze und die Strümpfe an den mageren Beinen damit übereinstimmten. »Sehr verbunden,« sprach der Bischof von Stockestithe. Die einfachsten Dinge von der Welt lassen sich auf sehr verschiedene Weise aussprechen, und die Worte selbst sind verhältnismäßig viel weniger wichtig als der Ton des Sprechenden. Im Benehmen des Bischofs kam deutlich zum Ausdruck, daß der Herr, der ihm geholfen hatte, soviel er wisse, eine ganz achtbare Persönlichkeit sein möge, aber daß er, der Bischof, wirklich Bischof sei, der seine Würde bewahren und in Hinsicht auf seinen Verkehr vorsichtig sein müsse. Viele Engländer verstehen es, dieses glückliche und liebenswürdige Wesen zur Schau zu tragen, aber wenige sind so vollkommen zu Hause darin als unsre Geistlichen, und selbst unter diesen konnten sich nur wenige mit dem Bischof von Stockestithe vergleichen. Nun war James ja allerdings ein Spitzbube, aber er war auch ein Mann von Welt. Als der Bischof sagte: »Sehr verbunden,« klemmte sich James den Kneifer ins Auge und entgegnete in der wohlerzogensten Art: »Keine Ursache,« wobei indessen im Tone seiner Stimme etwas lag, als ob er aussprechen wollte, er sei keineswegs sicher, daß der Bischof das Recht habe, das geistliche Gewand zu tragen. »Mein Einsteigen war wohl etwas plötzlich und störend?« sprach der Bischof. »O, bitte, gar nicht,« entgegnete James, indem er wieder zum Kneifer griff und seine Zeitung auf dem Knie ausbreitete, als ob er dem Bischof die Erlaubnis geben wollte, weiter zu sprechen. »Um ein Haar hätte ich den Zug verpaßt,« ließ sich seine Lordschaft endlich zu sagen herab. »Ich sah mich nach meinem Bedienten um, der, wie ich fürchte, wirklich nicht mitgekommen ist.« »Seltsam,« erwiderte James lächelnd, »in der That seltsam. Ich habe meinen Bedienten auch verloren und kann gar nicht begreifen, was aus dem Menschen geworden ist. Die Fahrkarten und die Zeitungen hat er richtig besorgt, und dann ist er vollständig verschwunden. Ist Ihnen vielleicht eine Abendzeitung gefällig?« Bei diesen Worten hielt er seinem Reisegefährten eine Handvoll Zeitungen hin, die dieser auch mit einer zu nichts verpflichtenden Verbeugung annahm, worauf beide Herren zu lesen begannen. Nach einer halben Stunde zog James seine Cigarrendose hervor und wählte mit großer Sorgfalt eine Cigarre. Nur einen Augenblick sah der Bischof von Stockestithe nach der Dose hin, aber James entging der Blick nicht. Es war eine sehr hübsche Tasche von Krokodilleder, mit einer großen vergoldeten viereckigen Platte verziert, worauf ein Namenszug graviert war. Er hatte sie am Nachmittag bei einem Pfandleiher des Westens entdeckt und gekauft. »Gefällig ...?« sprach er, indem er dem Bischof die Dose hinhielt. Dieser betrachtete sie schwankend. »Ich kann für den Tabak bürgen,« fuhr James fort, »denn ich ziehe ihn selbst auf einer kleinen Besitzung, die ich in der Havana habe.« »Hm,« entgegnete der Bischof, »außer in der Zurückgezogenheit meines Privatzimmers ... Sie sind wirklich zu freundlich, mein Herr ... Allerdings.« Dies letzte Wort war die Antwort auf eine Handbewegung James', womit dieser andeutete, daß sie allein im Wagen seien. »Ich kann Ihr freundliches Anerbieten wohl annehmen. Danke sehr,« schloß der Bischof. James hatte ein Streichholz angezündet, und der Bischof fand den Tabak ausgezeichnet. Als nämlich Lucy gehört hatte, daß ihr Vater sie nach Paris begleiten wolle, war sie sehr unliebenswürdig gewesen. Die Reisenden hatten sehr zeitig speisen müssen, um den Zug zu erreichen, und in der dadurch hervorgerufenen Hast, die noch durch eine Predigt, die Lucys Benehmen nötig gemacht hatte, vergrößert worden war, hatte seine Lordschaft die Cigarren vergessen. Nach jahrelanger Gewohnheit war das eine Entbehrung für ihn, und er hatte selten ein besseres Kraut geschmeckt, als dasjenige, welches ihm James gegeben hatte, so daß er auftaute und seine Meinung über die Cigarre aussprach. »Ja, sehen Sie,« antwortete James, »ich habe es sehr schwierig gefunden, wirklich guten Tabak zu bekommen, so daß ich mich endlich entschloß, meinen Tabak selbst zu bauen. Ein paar Jahre lang war der Versuch sehr mühsam, aber schließlich glaube ich doch, zu einem ganz annehmbaren Ergebnis gelangt zu sein.« An dem einzigen Haltepunkte zwischen London und Dover verließ James den Wagen und redete den Schaffner an, den er schon durch ein reiches Trinkgeld gewonnen hatte. »Wer ist der Bischof, Schaffner? Kennen Sie ihn?« »Ja,« entgegnete der Schaffner, »das ist Doktor Durgan, der Bischof von Stockestithe.« »Stockestithe?« wiederholte James, um sich zu versichern, daß er den Namen richtig verstanden hatte. »Ja, Stockestithe,« wiederholte auch der Schaffner. »Bitte, einsteigen.« Auch eine Flasche Selterswasser hatte Mortimer in seiner Handtasche, und als sie ein paar Meilen weiter gefahren waren, brachte er diese zum Vorschein. »Vielleicht?« sprach er mit seinem Freimaurerlächeln. »Hm,« machte der Bischof wieder, »Ich weiß wirklich nicht, ob ich so viel Freundlichkeit von einem Fremden annehmen darf.« »O!« rief James. »Der Bischof von Stockestithe ist einem Angehörigen der englischen Kirche kein Fremder.« Doktor Durgan hielt das für eine sehr hübsche, sehr höfliche und sehr passende Antwort und nahm die Einladung an. Mr. Mortimer trank nach ihm. Hierauf zog der Bischof sein weltmännisches Register und fing ein politisches Gespräch an, worauf er Mortimer versicherte, daß Homerule tot und begraben sei. »Wissen Sie wohl,« entgegnete James, indem er mit seiner jetzt wohlgepflegten Hand, woran der Brillantring funkelte, den Tabaksdampf bei Seite wehte, »daß ich seit anderthalb Jahren nicht einen Pfennig Pachtgelder von meinen irischen Besitzungen bezogen habe? Nicht einen Pfennig!« schloß er mit Nachdruck, man könnte beinahe sagen: mit unterdrückter Leidenschaft. »Das überrascht mich keineswegs,« antwortete der Bischof, »wirklich, keineswegs. Einer meiner persönlichen Freunde, niemand anders, in der That, als der Herzog von ...« Kurz, sie wurden vortrefflich miteinander fertig, und noch ehe sie an Bord des Dampfbootes waren, hatte James den Bischof vollständig in der Tasche. Grundsätze hatte er nicht, der arme James, aber es gab wenig Leute, die liebenswürdiger sein konnten. Wenn er im Gefängnis saß, verliebten sich sogar die Aufseher förmlich in ihn und verhätschelten ihn. Hatte er Geld und ging es ihm gut, wie das nach dem glücklichen Zusammentreffen mit dem Oberst Varndyke der Fall war, dann war er der fröhlichste Bandit, den man sich denken konnte, und seine Gemütlichkeit, seine Munterkeit und der ihn umgebende zarte Hauch einer seinen Erziehung, seine Lügen, die er mit solcher Liebenswürdigkeit an den Mann brachte, erregten in ihm ein Gefühl, als ob er ein Prinz von Geblüt wäre, und er genoß seine Freiheit, die für die meisten Menschen etwas Selbstverständliches ist, als ein unschätzbares und zur Freude berechtigendes Gut. Zur fahrplanmäßigen Zeit fuhr der Zug am Hafendamm in Dover an. Tom war schon an Bord des Dampfers, wo er in einem Zustande freudiger Spannung wartete. Als er Doktor Durgan und seinen bischöflichen Hut im Gedränge auf der Landungsbrücke erblickte, sprang er rasch aus dem Lichtkreis zurück und machte in einer abgelegenen Ecke seinem Grimm und seiner Enttäuschung Luft. Die Glocke ertönte, die Maschinen begannen unten zu arbeiten, das Boot entfernte sich vom Hafendamm, und der Bischof mit seiner Tochter und Schwester und seinem Freunde, dem Galgenvogel, und dem Geliebten seiner Tochter fuhren einer Reihe der unglaublichsten, unerwartetsten Abenteuer entgegen, die jemals, so lange die Welt steht, einem geistlichen Würdenträger begegnet sind. Viertes Kapitel Daß seine Schwester Seereisen nicht vertragen könne, wußte der Bischof. Deshalb überließ er sie ihrer Jungfer, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß sein Bedienter wirklich zurückgeblieben war, begann er mit seinem neuen Freunde auf dem Verdeck auf und ab zu gehen. Dieser gewandte und anziehende Missethäter war einmal Kammerdiener bei einem ländlichen Dekan gewesen, und da er seine scharfen Augen immer offen, seine guten Diebsohlen stets gespitzt und seine fünf Sinne immer beisammen hielt, so hatte er eine Menge Kleinigkeiten aufgeschnappt, wovon Laien nie etwas hören. Ueber die beiden Richtungen, die sich in der modernen Kirche bekämpfen, hatte er seine eigenen Ansichten; er war zum Beispiel in Beziehung auf den Ornat Sachkenner und mit den Kunstausdrücken vollkommen vertraut. Der Bischof war ganz entzückt von ihm, und Tom teilte diese Empfindung, denn James beschäftigte den Bischof so ausschließlich, daß Tom eine volle, wenn auch ängstliche Stunde mit Lucy sprechen konnte. »Wer ist denn der Freund deines Vaters?« fragte er. »Der Herr ist mir fremd,« antwortete Lucy, »aber es muß jemand sein, den er genau kennt, denn Papa ist sonst sehr zurückhaltend. Jedoch, wer es auch sein mag, ich bin ihm sehr dankbar.« »Ich desgleichen,« entgegnete Tom mit Inbrunst, während er im Schutze der Dunkelheit Lucys Hand drückte, und sie den Druck erwiderte. Dieses gewagte Stelldichein unter den Augen des Drachen war so entzückend. Entzückend? O, glückliche, glückliche Jünglinge und Jungfrauen, ihr allein wißt, wie süß ein verstohlener Blick ist! Aber während das jugendliche Pärchen sich seiner unbeachteten Einsamkeit erfreute, ging irgend etwas auf dem Verdeck vor, was den Bischof und seinen Begleiter veranlaßte, von dem Wege, den sie sich ausgesucht hatten, abzuweichen. Dabei gingen sie ein paarmal so dicht an Lucy und Tom vorbei, daß sie sie thatsächlich streiften. Zufällig hielt James beim ersten Vorübergehen eine längere Rede, und seine Stimme schlug an Toms Ohr. »Den Menschen muß ich kennen,« sprach Tom bei sich. »Wer kann es nur sein?« Als der Bischof und James zurückkamen, sprach dieser noch immer. In seiner Stimme lag etwas Bemerkenswertes. Sie war weich und einschmeichelnd, aber sie hatte ihre besondere Eigentümlichkeit, einen gewissen Beigeschmack, eine ausgeprägte Physiognomie. Tom war sich bewußt, daß er sie kannte, aber er zerbrach sich vergeblich den Kopf, wo er sie schon gehört haben mochte. »Wo soll ich sie hinthun?« fragte er sich. »An wen erinnert sie mich?« Nichts greift störender in den Gedankengang ein, als solche nicht festzuhaltenden Blitze der Erinnerung. Wenn man einmal angefangen hat, darauf zu achten, mißbrauchen sie die ihnen erwiesene Herablassung in der schamlosesten Weise und nehmen eine lächerlich wichtige Miene an. Sie bestehen darauf, daß man sich mit ihnen beschäftigt, selbst zum Schaden viel wichtigerer Dinge, als sie sind. Tom saß dort im Dunkel und hielt verstohlen Lucys Hand in der seinen, aber für den Augenblick hatte er sie vergessen. Der Bischof und Mortimer waren nach ihrem ursprünglichen Wege, der wieder frei geworden war, zurückgekehrt, aber Toms Ohr war noch immer von der unfaßbaren Aehnlichkeit der Stimme mit einer andern, die er schon irgendwo gehört hatte, erfüllt, und er befand sich in dem Gemütszustande, in dem das Denkvermögen eines Menschen mit der Frage »Wo, zum Kuckuck?« anfängt und aufhört. Allein Lucy, die mit ihrer Hand in der seinen neben ihm saß, hatte den fernen Schimmer des Leuchtturms von Calais schon erblickt und wußte, daß die Stunde der Trennung nahe war. In demselben Augenblick, wo ihr Geliebter zerstreut neben ihr saß und sich ihrer Nähe kaum bewußt war, war ihr Herz von Zärtlichkeit und Mut erfüllt. Es strömte in züchtigem, süßem Wogen über und flüsterte sein einziges Geheimnis in sein Ohr. »Ja, mein Liebchen,« antwortete Tom in so nüchternem Tone, als ob sie ihn gefragt hätte, wie viel Uhr es sei. Hätte er ihr einen Schlag versetzt, so würde sie kaum mehr überrascht und verletzt gewesen sein. Jäh entzog sie ihm ihre Hand und erhob sich. »Haben Sie gehört, was ich Ihnen gesagt habe, Mr. Finch?« fragte sie spitz. »Ja, Liebchen,« entgegnete Tom verwirrt. »Nein, Liebchen, ich –« Rasch wandte sie sich ab und entfernte sich, und er erwachte aus seinen Träumereien und sprang in äußerster Bestürzung auf, als ihre Stimme mit einem leichten Beben darin an sein Ohr schlug. »Nun, gefällt dir dein Spaziergang, Papa?« fragte sie. Jetzt stieg eine unklare Ahnung in ihm auf, daß er etwas Furchtbares verbrochen haben müsse, denn es war keine Selbstüberhebung, wenn er sich bewußt war, daß in ihren Augen seine Gesellschaft der ihres Vaters, mit dem sie sich um seinetwillen überworfen hatte, bei weitem vorzuziehen war. Sich ihr zu nähern und eine Erklärung herbeizuführen, war unmöglich, denn er hatte ausdrücklich versprochen, sein Bestes zu thun, um unsichtbar zu bleiben. Der Leuchtturm von Calais war schon ganz nahe und warf seine ungeheuren, sich langsam drehenden Strahlen auf den Nebel, wie ein großes, träges Feuerrad. Durch eigene Schuld hatte sich Tom um seinen Abschied gebracht, das Lebewohl, das mit fortzunehmen er hierher gekommen war. Absichtlich hatten sie es bis auf den letzten Augenblick verschoben, dann sollten die Worte: »Du hast mein Versprechen, und ich habe das deine,« trotz allem und allem den Bund ihrer Herzen noch einmal besiegeln. Wie ein unachtsamer Feinschmecker, dessen Teller plötzlich weggerissen wird, noch ehe er seine bonne bouche beendet hat, kam er sich vor, allein es war viel schlimmer als das, Kleinigkeiten haben manchmal eine große Aehnlichkeit mit wichtigen Dingen. Inzwischen war auch Mrs. Raimond, in Shawls gehüllt und von ihrer Jungfer begleitet, an Deck erschienen. Sie und Lucy überschritten die Landungsbrücke zusammen, dann folgte der Bischof, und Mr. Mortimer mit seiner Handtasche und seinem Bündel Stöcke und Regenschirme machte den Beschluß. Tom hörte ihn wieder sprechen, und wieder fragte er sich betroffen, woher ihm die Stimme so bekannt klinge. »Hol' ihn der Henker, wer er auch sein mag,« dachte der junge Herr ärgerlich, »Wenn ich nicht angefangen hatte, über ihn zu grübeln, würde ich Lucy nicht beleidigt haben.« Aber mit diesem unaufgelösten Mißklang konnte er sich nicht von ihr trennen und wollte das auch nicht. Rasch eilte er zum Schalter, nahm sich eine Fahrkarte nach Paris und verbarg sich in einem Coupé für Raucher, wobei er weder vom Bischof, noch von Mrs. Raimond gesehen, wohl aber von Lucy bemerkt wurde. Dadurch war der Friede sofort wieder hergestellt, und sie bereute, daß sie sich vom Aerger hatte fortreißen lassen. Während der ganzen Fahrt nach Paris schwelgte sie in dem Gedanken, daß Tom in ihrer Nähe sei, obgleich der Bischof und Mrs. Raimond schweigsam und feierlich wie ein paar Götzenbilder waren und ihr ganzes Wesen ihr ungemildertes Mißfallen über Lucys Verhalten ausdrücken sollte. Das ganze Abenteuer war so anregend und drollig, der Gedanke, daß Tom nur wenige Schritte von ihr sitze, während Papa so ahnungslos war, belustigte sie, so daß sie trotz ihrer Bemühungen, ihre Ruhe zu bewahren, lachen mußte. Bei diesem Ausbruch der Heiterkeit schaute der Papa mit so steinerner Heiligkeit auf, daß sie wieder lachen mußte. Kaum hatte sie sich beruhigt, so blickten sich Bruder und Schwester mit großen Augen, emporgehobenen Augenbrauen und herabgezogenen Mundwinkeln an und sahen sich dabei in so komischer Weise ähnlich und erschienen so einfältig und verwundert, daß Lucy allen weiteren Widerstand aufgab und lachte, bis ihr die Thronen über die Wangen liefen. Die drei hatten ein Coupé für sich, sonst hätte dieser ungehörige Ausbruch der Heiterkeit nicht stattgefunden. Obgleich der Bischof nicht streng orthodox war, hatte er doch ernste Zweifel, ob es sich hier nicht um einen Fall von Besessenheit handle, und war nahe daran, seinen bisherigen Anschauungen untreu zu werden, so unglückschwanger und furchtbar erschien ihm seiner Tochter Betragen. Inzwischen spielte sich in Toms Raucherabteilung ein Vorfall ab, der für unsre Geschichte von größerer Bedeutung ist, denn hier hatte auch Mr. Mortimer mit seinem Bündel Stücke und Regenschirme in aller Einfalt seines Herzens seinen Platz gewählt. Als er Tom erblickte, wäre er gerne sofort wieder ausgestiegen, wenn er Zeit gehabt hätte, denn er erkannte seinen Reisegefährten auf den ersten Blick. Lange Jahre der Vorsicht hatten ihm Luchsaugen, Hasenohren und die Nase eines Hundes gegeben, aber Tom sah ihn über seine Pfeife hinweg an, und kein Zeichen des Wiedererkennens erschien in seinen Zügen. Nur eine Minute etwa hatte er James als widerlichen, schmutzigen, zerlumpten und unrasierten Strolch gesehen, und jetzt war dieser tadellos gekleidet, fuhr erster Klasse und stand mit einem Bischof auf vertrautem Fuße. Allerdings erklang die Stimme immer noch in Toms Ohren, auch sah er James so häufig und prüfend an, daß dieser sich eines Gefühls des Unbehagens nicht erwehren konnte. Nach einiger Zeit gewann die Neugier die Oberhand in Tom Finch, und er versuchte, ein Gespräch mit seinem Reisegefährten anzuknüpfen. Zunächst bat er ihn um Feuer und zwar in englischer Sprache, denn in dieser hatte er ihn mit der Leichtigkeit und Betonung eines geborenen Engländers sprechen hören. Deshalb war sein Erstaunen groß, als Mortimer mit emporgezogenen Augenbrauen antwortete: » Plaiît-il ?« Nun wiederholte Tom seine Bitte auf Französisch und erhielt auch Feuer, aber dieser Vorfall setzte ihn in noch größere Verwirrung. Hätte James gewußt, daß ihn der junge Mann während der Ueberfahrt länger als eine Stunde beobachtet hatte, so würde er diese Täuschung nicht versucht haben, aber er wollte natürlich dem Strolch von vorgestern so unähnlich als nur möglich sein. »Bitte um Verzeihung,« sagte Tom in seinem besten Französisch; »allein ich habe Sie englisch angeredet, weil ich Sie auf dem Boote diese Sprache sprechen zu hören glaubte.« »Ein kleiner erreur « entgegnete Mr. Mortimer mit vollkommenem Ernst. »Ick sein eine große Bewundrer von Ihre schöne Sprack aber ick sie nicht sprecken.« Etwas so Erstaunliches war Tom denn doch noch nicht vorgekommen. Daß dies der Mann war, den er mit dem Bischof hatte reden hören und sehen, konnte gar keinem Zweifel unterliegen; Anzug, Gestalt und Stimme, alles erkannte er wieder, und in einer unerklärlichen Weise schien ihm sogar das Gesicht bekannt zu sein. Allein er verbeugte sich und zog sich in seine Ecke zurück, obgleich er seine Blicke nicht von Mortimer abzuwenden vermochte. Der schlaue James war klug genug, sich den Anschein zu geben, als ob er seinem Gegenüber nicht die geringste Beachtung schenke, aber dessen gelegentliche scharfe Blicke waren ihm doch höchst beunruhigend. »Dieser Herr scheint mir ein etwas seltsamer Vogel zu sein,« sprach Tom bei sich. »Natürlich ist alles in Ordnung, oder er würde nicht so vertraut mit dem Bischof sein; aber, bei Gott, der Bischof hat sehr sonderbare Bekannte, Vorgestern der Mensch im Park –« Seine Gedanken schossen mit solcher Schnelligkeit durcheinander, daß es ihm nicht einmal in den Sinn kam, seinen Satz zu vollenden. Er schlug sich mit der rechten Hand aufs Knie, daß es schallte, und erhob sich. »Hören Sie mal,« sagte er in der ihm eigenen, sich überstürzenden Weise, »ich habe Sie schon einmal gesehen. Was für ein Spiel Sie spielen, weiß ich nicht, und es liegt mir auch nichts daran. Soviel ich bis jetzt sehe, geht es mich nichts an, aber Sie sprechen ebenso gut englisch, als ich.« Wenn wir sagen wollten, daß Mr. Mortimer bei diesem plötzlichen Ausbruch keine Ueberraschung verraten hätte, würden wir seiner Geistesgegenwart ein zu gutes Zeugnis ausstellen, aber als Tom später über die Sache nachdachte, mußte er zugestehen, daß sein Reisegefährte nicht mehr Betroffenheit gezeigt hatte, als zu der Rolle paßte, die er spielte. »Pardon?« fragte James mit einem Achselzucken, das ebenso vollendet französisch war, als seine Aussprache. »Ach, machen Sie doch keine Fissematenten,« rief Tom, »Wie hat's Ihnen denn vorgestern in Regents Park gefallen, he?« »Monsieur,« erwiderte James in ausgezeichnetem Französisch, »ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich nicht englisch spreche. Gestatten Sie mir, hinzuzufügen, daß Sie wie ein junger Mann von guter Erziehung aussehen, daß Sie sich aber benehmen wie ein Verrückter.« »Und wie hing denn das zusammen, daß Ihr Freund das Wort ›Portland‹ nicht vertragen konnte?« fuhr Tom, unbeirrt durch diesen Vorwurf, fort. »Sie lasen Erkennen in seinen Fenstern, ehe er die Vorhänge herabließ, nicht wahr? Nun, ich habe Erkennen in den Ihren gelesen, mein werter Herr.« »Na, denn gut,« erwiderte Mortimer in seiner Muttersprache, »na, denn gut, mein Herr. Und was weiter?« Nichts andres wäre im stande gewesen, Tom so in Erstaunen zu setzen, wie die Unverschämtheit dieses Eingeständnisses. »Ihre Beobachtungsgabe,« fuhr James fort, »ist größer als meine Verstellungskunst. Ich leugne nicht mehr, aber was weiter?« Zwar sprach er mit einer gewissen Schärfe, aber von Fassungslosigkeit war in seinem Benehmen nichts zu bemerken, so daß Tom zunächst nicht wußte, was er sagen sollte. »Sie müssen mich entschuldigen,« sprach Mortimer weiter, »wenn ich Ihnen sage, daß Leute von meinem Berufe eine gewisse amour propre haben, die durch ein Erkennen dieser Art empfindlich verletzt wird.« »Ihres Berufes?« »Ja, meines Berufes, mein Herr,« fuhr Mortimer fort, indem er gleichzeitig die Beine übereinanderschlug und seine Cigarrentasche hervorzog. »Sie scheinen mir allerdings ein etwas hitzköpfiger junger Mann zu sein, und das sind Leute, denen man nicht allzu gern sein Vertrauen schenkt. Mein Beruf ist der eines Agenten der Regierung. Mit einem Wort, mein Herr, ich bin ein Mann von Familie, dessen beschränkte Verhältnisse ihn gezwungen haben, sich eine gewisse Kenntnis fremder Sprachen, Menschen und Sitten zu nutze zu machen und eine Stellung im Geheimdienste der Republik anzunehmen. Das ist eine Thatsache, die ich nicht gerade gerne von den Dächern schreie, denn jeder Mensch hat seinen eigenen Stolz. Oft passiert es mir übrigens nicht, daß ich entlarvt werde,« fügte er mit seiner leichtherzigen Gutmütigkeit hinzu, »aber wenn es vorkommt, ärgert es mich; das gebe ich zu.« In dem Humor, womit er seine Niederlage hinnahm, lag etwas Unwiderstehliches, und kein junger Mann in ganz Europa war dafür empfänglicher, als Tom. »Aber wirklich, mein Herr,« sprach er, »das thut mir aufrichtig leid, und ich bitte um Verzeihung. Nicht einen Augenblick habe ich mir eingebildet, daß ich ein Recht hätte, in Ihr Geheimnis einzudringen, aber es war alles so sonderbar. Und – und – und,« fügte er erörternd hinzu, »Sie haben mich angebettelt, wissen Sie.« »Ja,« antwortete James mit einem lustigen Lächeln, worin nur Freude über einen gelungenen Scherz zum Ausdruck kam; »ich glaubte, beobachtet zu werden, und mußte meiner Verkleidung entsprechend handeln. Darüber fällt mir ein, daß ich Ihnen fünfzig Pfennig – nicht wahr? – schulde.« Bei diesen Worten zog er eine Handvoll Gold- und Silbermünzen aus der Tasche, durchsuchte sie, bis er ein Fünfzigpfennigstück gefunden hatte, und reichte es Tom lachend hin, der nichts andres zu thun wußte, als es, ebenfalls lachend, anzunehmen und in die Tasche zu stecken. »Und da wir nun quitt sind,« fuhr James fort, »erlauben Sie mir, Ihnen eine Cigarre anzubieten.« Auch dieses Entgegenkommen nahm Tom an, denn es wurde in so liebenswürdiger Weise geboten, daß er, wenn man alles in allem in Betracht zog, nicht wohl anders konnte. »Außerdem,« sprach Mortimer weiter, »habe ich einen vorzüglichen alten schottischen Whisky und, wie ich glaube, eine Flasche Selterswasser.« Kurz, der schmiegsame James wußte sich in die neuen Umstände zu schicken, wie er sich während seiner Raubtierlaufbahn schon in viele zu schicken gehabt hatte. Er zog Tom ins Vertrauen und erzählte ihm Geschichten aus seinem Berufsleben, wobei er natürlich alle Namen mit der größten Vorsicht unterdrückte. Satz auf Satz erfand er im Laufe seiner Erzählung mit so vollkommener Natürlichkeit, daß es ihm nicht ein Lügner unter zehntausend hätte gleichthun können. Aber James hatte den Vorteil, daß er von der Wiege an ein Lügner gewesen war, und er hatte diese seine natürliche Gabe fast bis zur Vollendung ausgebildet. Tom Finch war überrascht über die Kürze der Reise, die unter dem Zauber der Unterhaltung seines Gefährten wie im Fluge vergangen war. »Wir werden uns voraussichtlich nicht wieder begegnen,« sprach James, als er dem Genossen, mit dem ihn der Zufall auf eine Stunde zusammengeführt hatte, die Hand schüttelte, »aber wenn es doch der Fall sein sollte und Ihre beobachtenden Augen erkennen den wirklichen Menschen unter seiner augenblicklichen Hülle, dann, bitte, verraten Sie mich nicht. Das wäre abgemacht, nicht wahr?« Nach diesen Worten ging er nach der Zollabfertigungsstelle, während Tom an einem dunkeln Platze des Bahnsteigs stehen blieb, um vom Bischof nicht bemerkt zu werden. Lucy sah sich nach ihm um und machte ihm ein Zeichen des Erkennens, woraus er deutlich entnehmen konnte, daß ihm seine Unart verziehen war. Da er wußte, daß die Familie des Bischofs im Hotel Continental absteigen wollte, begab er sich nach dem ruhigen Hotel Liverpool in derselben Straße, und als er zu Bett ging, frohlockte er über die romantische Färbung, die sein kleines Abenteuer angenommen hatte. Fünftes Kapitel Auch Mr. Mortimer begab sich nach dem Hotel Continental, und das Schicksal fügte es so, daß ihm dort ein Zimmer angewiesen wurde, das neben dem des Bischofs von Stockestithe lag. Seine Lordschaft wünschte James gute Nacht, als dieser in sein Zimmer ging, und dreiviertel Stunden später, als James vor die Thür trat, um seine Sachen zum Reinigen hinauszuhängen, sah er auf einem neben der Thür des Bischofs stehenden Stuhle den Rock, die Weste, die Beinkleider und die Gamaschen des hochwürdigen Herrn liegen. James hatte inzwischen die Flasche ausgezeichneten schottischen Whiskys geleert und dazu eine von seinen großen Cigarren geraucht, so daß er sich in ganz ungewöhnlich lustiger und übermütiger Laune befand. Als er das Gewand der Würde so nahe seiner eigenen Thür erblickte, schoß ihm ein höchst unehrerbietiger Gedanke durchs Hirn, und er machte, geräuschlos lachend, in Schlafrock und Pantoffeln eine tiefe Verbeugung. Nachdem er sich hierauf vergewissert hatte, daß er allein war und von niemand gesehen wurde, als vom Himmel, woran ihm nicht ein Pfifferling lag, ergriff er die heiligen Gewänder des Bischofs von Stockestithe und schlich damit in sein eigenes Zimmer. Hier schloß er sich ein, zündete hierauf das Gas zu beiden Seiten des großen Spiegels an, worin er seine ganze Gestalt sehen konnte, und begann sich mit den Kleidern des Bischofs bis zu den Oxforder Schuhen herab zu schmücken, wobei er fand, daß ihm alles wie angemessen paßte. »Heiliger Bimbam!« rief er, vor Lachen fast erstickend. »Was für eine Verkleidung!« Bei diesen Worten tanzte er einen wilden Cancan vor dem Spiegel, warf sich aufs Bett und wälzte sich ganz ausgelassen vor Vergnügen darauf herum. Als er sich wieder etwas beruhigt hatte, betrachtete er sich noch einmal im Spiegel, wobei er allerhand würdevolle und rednerische Stellungen einnahm. »Es ist eine brennende Schmach«, sprach er bei sich, »einem Menschen ein solches Gesicht und eine solche Haltung zu geben, und alles das an einen gewöhnlichen Laien zu verschwenden. Was für eine Figur hätte ich als Geistlicher gemacht! Wenn ich nur auch den Deckel hätte; ich fühle, daß ich ohne den nicht vollständig bin.« Als er sein Mütchen gekühlt hatte, zog er den ehrwürdigen Anzug wieder aus, faltete jedes Stück sorgfältig zusammen und legte die Sachen an ihren Platz zurück. Hierauf hing er seine eigenen Kleider vor die Thür und ging friedlich zu Bett. Daß in der eben von ihm begangenen Handlung frivoler Leichtfertigkeit die Saat einer furchtbaren Heimsuchung für den armen Bischof von Stockestithe verborgen lag, ließ er sich nicht träumen, und wenn er es gethan hatte, würde es ihm wahrscheinlich gar nichts ausgemacht haben. Am nächsten Morgen erhob sich Mr. Mortimer beizeiten und begab sich nach einem eiligen Frühstück mittels einer Droschke nach einem ihm bekannten Hause am andern Ufer der Seine. Hier nahm er in einem Privatzimmer gewisse Veränderungen mit seiner äußeren Erscheinung vor, wobei ihn ein im Hause wohnender Künstler unterstützte. Sein blondes Haar wurde unter der Wirkung einer gefärbten Pomade rotbraun, seine hellen Augenbrauen nahmen dieselbe Farbe an, ein Vorderzahn verschwand hinter einem Stückchen schwarzen englischen Pflasters, so daß ein Beobachter, der ihn hätte lächeln sehen, darauf geschworen haben würde, er habe eine Zahnlücke, und auf seine Oberlippe wurde eine kleine, aber in die Augen fallende Narbe gemalt. Diese sah, selbst bei genauer Prüfung, unvergänglich aus, als ob sie schon seit Jahren dort gewesen wäre. Kein rechter Spitzbube, der sein Handwerk versteht, nimmt diese Art von Verkleidung nach vollbrachter That an; die Kunst eines solchen besteht darin, besondere Kennzeichen zu schaffen, die ein Zeuge beschreiben kann, die sich aber nachher leicht wieder entfernen lassen. So ausgerüstet, machte er sich an sein Geschäft, das er den ganzen Tag über mit Erfolg besorgte. Ehe die Bank- und Wechselgeschäfte an diesem Tage geschlossen wurden, hatte er sämtliche nachgemachten Banknoten, die er bei sich führte, in französische umgesetzt, alle, bis auf fünf, die zufällig in seine Westentasche geraten waren, wo er sie vergaß. Sie sollten eine Rolle in dem furchtbaren Verhängnis spielen, das den Bischof erwartete. Spät am Nachmittag fuhr er wieder nach dem Hause, das er morgens besucht hatte, und kam unverkleidet wieder heraus, worauf er in sein Hotel zurückkehrte, sich ankleidete, dinierte und das Theater besuchte, von wo er todmüde heimkam, denn selbst für einen abgehärteten Schurken ist eine Arbeit, wie die, womit er beschäftigt gewesen war, angreifend. Inzwischen war mit dem Nachtzuge von London ein bleicher, glatt rasierter Mann, der auf Krücken ging, angekommen und hatte dem Nachtportier des Hotels Continental ein Briefchen an Mr. Decimus Bailey übergeben, dessen sofortige Bestellung er trotz der vorgerückten Stunde verlangte. Nachdem der Portier zunächst eine elektrische Klingel in Mr. Baileys Zimmer in Bewegung gesetzt hatte, stieg er mit dem Briefchen die Treppe hinan. Mr. Mortimer erwartete ihn erschrocken und bleich. »Was gibt's denn?« fragte er. »Ein eben angekommener Herr hat mich beauftragt, Ihnen dies sofort zu übergeben.« Mr. Mortimer nahm den Brief, öffnete und las ihn und dachte einen Augenblick nach. »Führen Sie den Herrn hierher in mein Zimmer,« sagte er nach einer Weile, und der Portier verbeugte sich. »Und noch eins, Portier, bringen Sie doch eine Flasche schottischen Whisky und etwas Sodawasser. – Ich muß etwas auf diesen Schreck trinken,« setzte er für sich hinzu. »Was mag das nur zu bedeuten haben?« Noch einmal las er: »Verrate keine Ueberraschung. Ich muß Dich sprechen. – Johnny.« Darunter stand das Wort: »Dringend!« dreimal unterstrichen. Inzwischen hatte der Portier den bleichen, sauber rasierten Herrn, der auf Krücken ging, ins Zimmer geführt. »Wie geht's dir, Decimus, mein armer alter Freund?« hob dieser sogleich an. »Mit Mabels Befinden ist es plötzlich viel schlimmer geworden; die letzte Hoffnung ist dahin, und wenn du sie noch am Leben treffen willst, mußt du mit dem ersten Morgenzug nach London zurückkehren. Ein Telegramm war zu unsicher, da ich nicht wußte, ob es dich gleich finden würde, deshalb bin ich selbst ...« Der Portier mochte inzwischen wohl das Ende des Ganges erreicht haben, Mortimer hatte Varndyke an seiner Stimme erkannt, sonst würde er mehr als einmal genau haben zusehen müssen, ehe er über die vor ihm stehende Persönlichkeit im klaren gewesen wäre. »Was ist denn los?« fragte er, während er mit den Füßen in seine Pantoffeln schlüpfte und sich in seinen Schlafrock hüllte. »Nichts, was dich zu beunruhigen brauchte,« entgegnete Varndyke. »Kommt der Kerl wieder?« Mortimer nickte. »Gut, dann mußt du Geduld haben, bis er wieder dagewesen ist, aber mach dir keine Sorgen. Es ist gar nichts, was dich zu ängstigen brauchte; nur eine Vorsichtsmaßregel.« Schweigend entnahm Mortimer seiner Dose eine Cigarre, und als das Klirren von Gläsern und Metall auf dem Gange hörbar wurde, begann Varndyke wieder mit seinem tiefen, rollenden Baß zu sprechen. »Als ich abreiste, war sie bewußtlos, aber die Aerzte meinten, sie würde wieder zu sich kommen. Gegen sechs Uhr abends erwachte sie und fragte nach dir. ›Wo ist Decimus?‹ sagte sie. ›Wenn ich nur meinen armen lieben Decimus noch einmal sähe, dann könnte ich ruhig sterben.‹« »Ich danke dir, mein alter Freund,« antwortete Mortimer mit gebrochener Stimme, stützte die Ellbogen auf den Tisch und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Der Portier beobachtete ein teilnahmvolles Schweigen, denn seine Sache war es nicht, sich in einem so traurigen Augenblick bemerkbar zu machen. Er war verheiratet und Bretone. »Auch die Vornehmen haben ihren Kummer,« dachte er beim Hinausgehen. »Nun heraus damit!« rief Mortimer. »Du kannst was zu trinken einschenken, während du sprichst, und mußt mich entschuldigen, wenn ich mich wieder zu Bett lege.« »Roß hat einen Wink bekommen,« berichtete Varndyke. »Das Papier haben die Bankbeamten natürlich schon lange vermißt, und sie wissen, daß wir mit der Verbreitung angefangen haben. Großen Lärm können sie zwar nicht schlagen, denn sie dürfen das Vertrauen in ihr eigenes Papier nicht erschüttern, aber sie sind entschlossen, Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, um uns abzufassen, und haben eine geheime Warnung über die ganze Welt verbreitet. Diese werden die Banken hier heute morgen erhalten, und das Wechseln eines so ansehnlichen Betrages, wie du ihn gestern untergebracht hast, wird natürlich ihren Verdacht erregen. Bist du mit deiner Arbeit fertig?« »Vollständig!« antwortete Mortimer. »Was sollen wir nun weiter thun?« »Ich für meine Person,« erwiderte Oberst Varndyke, »gehe nach Monte Carlo.« »Warum soll ich dich nicht begleiten?« fragte James und sprang bei diesen Worten so plötzlich aus dem Bett, daß der Oberst erschrak, »Wart' einmal, da kommt mir ein prächtiger Gedanke.« Leise schlich er auf den Gang hinaus und kehrte gleich darauf mit einem Bündel auf dem Arme zurück. Dann schlich er noch einmal hinaus, um abermals gleich wieder zurückzukehren, diesmal mit einem Priesterhut und ein Paar Oxforder Schuhen. »Wahrhaftig, ich habe den richtigen Deckel erwischt!« rief er in jubelndem Flüstertöne, »ich habe den richtigen Deckel!« James erklärte seinem Freunde, dessen Neugier natürlich durch dieses Gebaren erregt worden war, was er vorhabe, und begann sofort, sich zum zweitenmal mit dem Gewand des Bischofs zu bekleiden. Sein Spießgeselle sah kichernd zu, und als Mortimer seinen Anzug beendet hatte und mit dem Hute bedeckt und mit schwarzen Handschuhen bekleidet vor ihm stand, mußte er eine Ecke des Kopfkissens in den Mund stecken, um einen lauten Ausbruch der Heiterkeit zu ersticken. Der wirkliche Eigentümer hatte seine Kleider nie mit größerer Würde getragen, noch war er von ihnen mit größerer Würde umhüllt worden. »Wem gehören denn die?« fragte Varndyke, immer noch mit unterdrücktem Lachen. »Wo hast du sie her?« »Sie gehören,« versetzte James, »oder vielmehr sie gehörten meinem Nachbar im nächsten Zimmer, dem Bischof von Stockestithe, Ein ehrlicher Tausch ist kein Diebstahl, und Seine Lordschaft soll meinen Zivilanzug haben. Er hat mich nie in diesem Anzug, den ich nur für die gestrige Arbeit mitgenommen habe, gesehen, und er eignet sich ausgezeichnet für einen Bischof, der sich verkleiden will, denn er ist die Achtbarkeit selbst.« Während er sprach, beschäftigte er sich damit, die Kleider, die er am vorhergehenden Tage getragen hatte, säuberlich zusammenzulegen, wobei er gleichzeitig ihre Taschen durchsuchte. Es war ein tragischer Schelmenstreich des Geschicks, daß er dabei die rechte Westentasche, worin das kleine Päckchen gefälschter Zehnpfundnoten verborgen war, übersah. »Stockestithe?« fragte der Oberst in halbersticktem Flüstern, »Ist der hier? Den kenne ich,« fuhr er fort, nachdem James die Frage durch ein Nicken beantwortet hatte. Dieser, der ganz vom Geschäft des Augenblicks in Anspruch genommen war, ging, seine Sachen zusammensuchend, im Zimmer hin und her, und Varndyke folgte ihm dabei, um nicht zu laut sprechen zu müssen. »Der alte Roß hat mich ihm vorgestellt,« zischelte er James ins Ohr, »und der Bischof hat mich um einen Zehner für die Gesellschaft zur Unterstützung verarmter Kirchendiener angezapft. Du willst doch nicht in dem Anzüge umherlaufen?« »Erst, wenn wir in Monte Carlo sind,« antwortete James. »Sind wir dort, dann hoffe ich mich so zu benehmen, daß die Kirche stolz auf mich sein kann.« Während er so sprach, entkleidete er sich rasch wieder, faltete seine Beute zusammen und verpackte sie in seinem Koffer. Hierauf legte er seinen eigenen Anzug nebst seinem Hute auf den Stuhl neben der Thür des Bischofs, wohin er auch seine Stiefel stellte, und kleidete sich zu der bevorstehenden Reise an. Während James fertig packte, studierte Varndyke einen Fahrplan und stellte eine Rundreise nach Monte Carlo über Calais, Antwerpen, Brüssel und den indischen Postzug bis Basel zusammen und von da durch die Schweiz und die lombardische Ebene nach Genua. Sie frühstückten noch bei Gaslicht und reisten mit dem Frühzuge anscheinend nach London ab. Und der Bischof erwachte, als sie schon weit entfernt waren, und entdeckte, daß irgend jemand ein ganz unglaubliches Versehen gemacht hatte, aber als seine erste Entrüstung und Ueberraschung verraucht waren, begann ein Gefühl geheimer Befriedigung in seiner Brust zu erwachen. »Weshalb,« fragte sich der Bischof von Stockestithe, »weshalb sollte ich nicht von diesem ganz ungesuchten und unerwarteten Zufall Gebrauch machen und mich für einige Zeit einer harmlosen Freiheit erfreuen? Warum soll ich nicht die mir gebotene Gelegenheit benutzen, etwas tiefer in die Gedanken und die Thätigkeit meiner Mitmenschen einzudringen?« Hätte die Zukunft ihm nur antworten können! Aber die Zukunft antwortet niemand. Sechstes Kapitel Natürlich kam der Bischof nicht auf diesen Gedanken, bevor er umfassende Nachforschungen veranlaßt hatte und bevor festgestellt worden war, daß sich die vermißten Kleider im Augenblick nicht mehr herbeischaffen ließen. Wie ein Anzug, der von dem gewöhnlicher Menschen so sehr abwich, verwechselt werden konnte, war schwer zu begreifen, aber die Annahme, daß er gestohlen und dafür ein zwar bescheidener, jedoch ganz anständiger Anzug zurückgelassen worden sei, lag noch ferner. Nachdem der Bischof (in Schlafrock und Pantoffeln) den Hotelbesitzer und dieser seine Dienerschaft befragt hatte, blieb die Angelegenheit noch immer in tiefes, geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Der Bischof hatte nur höchstens einige Tage von Hause fortbleiben wollen und deshalb keinen zweiten Anzug mitgenommen, so daß er sich jetzt Hemden und Halsbinden, wie sie Laien tragen, in der Stadt besorgen lassen mußte. Anfangs kam er sich etwas fremd in dem Anzuge vor, aber er konnte doch offenbar kein Gefangener im Hotel bleiben, bis ihm Kleider von London nachgeschickt waren, und ebenso unmöglich war es, das Verlorene im Augenblick in Paris zu ersetzen. Der Anzug, den Mortimer zurückgelassen hatte, bestand aus einem grauen Jackett modernen Schnitts nebst Beinkleidern und Weste von demselben Stoffe. Er war außerordentlich anständig, aber als sich der Bischof im Spiegel betrachtete, wurde er sich doch eines Mangels an Würde bewußt. Ein neckischer Zauber schien über ihn gekommen zu sein und ihn aller erhabenen Anmut, deren er sich mit Recht rühmen konnte, beraubt zu haben. Ein Durchschnittsmensch, der in die Lage gekommen wäre, einen Priesterhut, Bäffchen, Wadenstrümpfe und Oxforder Schuhe anzulegen und in dieser Gewandung unter seine Mitmenschen zu treten, würde sich entschieden dadurch beengt fühlen, wogegen der Bischof von Stockestithe, als er sich der äußeren Erscheinung, die lange Gewohnheit ihm zur zweiten Natur gemacht hatte, entkleidet sah, sich verlegen fühlte, sich lächerlich vorkam und die Empfindung nicht los werden konnte, daß jeder, der ihn ansehe, ihn als verkleidet erkennen werde. Besonders unbehaglich war es ihm um die Beine zu Mute; er kam sich nur halb angekleidet vor und schämte sich dessen. Schon zweimal hatte Mrs. Raimond einen Kellner mit der Nachricht geschickt, daß das Frühstück bereit sei, und als der Bischof endlich den Mut fand, dem Rufe Folge zu leisten, saßen seine Schwester und seine Tochter bereits am Tische. »Aber wirklich, Hubert,« sagte Mrs. Raimond in dem Tone, den gekränkte Damen anzunehmen pflegen, »du kommst heute morgen sehr spät. Ich fürchte, der Fisch ist ganz kalt und ungenießbar.« Da veranlaßte sie ein Blick verständnislosen, ungläubigen Erstaunens in Lucys Antlitz sich umzuwenden. Mit einem Schrei sprang sie auf und starrte ihren Bruder mit zusammengepreßten Händen und einem Blick fassungsloser Verwunderung an. Auch Lucy war aufgesprungen, und der Bischof errötete. »Mir ist,« begann er stotternd, »ein kleiner Unfall zugestoßen.« Lucy fing an zu lachen, allein er machte durch einen strengen Blick diesem unziemlichen Benehmen ein Ende. »Deine Heiterkeit ist hier gar nicht am Platze,« sprach er feierlich. »Lieber Hubert!« rief Mrs. Raimond, und das war alles, was sie hervorbringen konnte. Ein englischer Bischof in Zivil ist etwas ganz Unerhörtes. Könige gehen ohne ihre Krone umher, Lordkanzler lassen Perücke und Hermelinmantel zu Hause, wenn sie sich nicht im Dienst befinden, aber ein Bischof! Ein Bischof läßt sich nie ohne seine Amtstracht sehen. Ein kirchlich gesinntes Gemüt ist entsetzt bei dem Gedanken an einen Bischof in langen Hosen; so etwas ist, geradezu gesagt, undenkbar. Geistliche Würde, wie sie durch die bekannte Amtstracht zum Ausdruck kommt, ist keineswegs eine so oberflächliche Vorstellung, daß sie sich so leicht verwischen ließe. Sie ist ein eingewurzelter Grundsatz, vielleicht verhüllt, aber darum nicht weniger wirklich, denn sie hat sich auf dem Boden der sagenhaften Vergangenheit zu schöner und kräftiger Blüte entwickelt. Niemand fühlte das lebhafter, als der Bischof von Stockestithe, und seine Verlegenheit würde nur um weniges größer gewesen sein, wenn er genötigt gewesen wäre, in einem modernen Badeanzug in der Umgebung des Münsters von Stockestithe umherzugehen. »Mir ist ein kleiner Unfall zugestoßen,« wiederholte er. »Infolge eines ganz unerklärlichen Versehens, wie ich anzunehmen gezwungen bin, scheint irgend jemand das Hotel in meinem Anzuge verlassen zu haben, so daß ich zeitweilig gezwungen bin, diese ungewohnte Gewandung zu tragen.« »Was für ein seltsames Vorkommnis!« rief Mrs. Raimond. »Aber du kannst dich darauf verlassen, mein lieber Hubert, daß das kein Zufall ist. Das ist ganz unmöglich.« »Ich weiß doch nicht,« erwiderte der Bischof verschämt, »denn ich vermag nicht einzusehen, was meine Kleider einem andern nützen können, oder weshalb sie absichtlich weggenommen sein sollten. Die Thatsache bleibt bestehen, daß sie verschwunden sind, und daß diese – hm – Gegenstände an ihrer Stelle zurückgelassen worden sind. Es ist sehr unangenehm, insofern als –« Schon war er im Begriffe, zu sagen, daß die Beweggründe, welche ihn veranlaßten, diese Verkleidung zu tragen, von tadelsüchtigen Leuten mißverstanden werden könnten, aber er ließ den Satz unausgesprochen, denn er stimmte mit seinen eigenen geheimen Gedanken zu sehr überein, und die Thatsache, daß er sich scheute, davon zu sprechen, hätte ihm sagen können, wie ernstliche Macht die Versuchung schon über ihn gewonnen hatte. Wirklich hatte er das Gefühl, daß es, nachdem sich ihm einmal eine so unerwartete Gelegenheit geboten hatte, ganz hübsch sein müsse, wenn er sich einmal ein paar Tage frei bewegen und gewöhnlichen Menschen, sowie den Gedanken gewöhnlicher Menschen näher treten könne, als er es that oder zu thun hoffen durfte, solange er das Gewand der Würde und seines Amtes trug, das alle Menschen kannten. Auch Harun-al-Raschid entledigte sich manchmal seines Glanzes, und obgleich der lustige alte Mohammedaner kein passendes Vorbild für einen christlichen Bischof war, hatte der Gedanke an seine freien und durch keine Rücksichten beschränkten Wanderungen doch viel Romantisches und reizte zur Nachahmung. Ich will nur gleich hinzufügen, daß es in seiner Art keinen würdigeren Herrn gab, als den Bischof von Stockestithe, und daß sein Bewußtsein, er mache seiner erhabenen Stellung stets Ehre, durchaus berechtigt war. Meine Achtung für seine besseren Eigenschaften wird nicht im geringsten dadurch vermindert, daß er im Begriffe war, in eine Klemme zu geraten, die in der Geschichte der Kirche nicht ihresgleichen findet. Seine Beweggründe sind mir bekannt, und ich muß sie als ehrenhaft anerkennen. Wenn er sich (selbst im gegenwärtigen frühen Zeitpunkt) schon halb entschlossen hatte, etwas von der Welt zu sehen, so war es doch seine Absicht, die Erfahrungen, die er auf diese Art sammelte, in vollkommen passender Weise auszunützen, und Leute, die auf eine Skandalgeschichte hoffen, seien hiermit benachrichtigt, daß sie anderswohin gehen müssen. So ließ er sich denn am Frühstückstisch nieder und verbarg sich hinter einer Londoner Abendzeitung vom gestrigen Tage, während er in der gewohnten Ruhe sein geröstetes Brot verzehrte und seinen Thee schlürfte. Mrs. Raimond warf als Einspruch gegen Lucys Lächeln unmutig die Lippen auf und zog die Mundwinkel herunter. Die junge Dame war noch in höchster Ungnade, denn sie hatte an diesem nämlichen Frühstückstische ganz offen einen Brief von Mr. Finch in Empfang genommen, geöffnet und gelesen, und dieser Brief trug zu Mrs. Raimonds grenzenlosem Entsetzen den Pariser Poststempel. »Kannst du mir nicht einen Augenblick deine Aufmerksamkeit schenken, Hubert?« fragte Mrs. Raimond, nachdem ihr Bruder seine zweite Tasse Thee ausgetrunken hatte und anfing, seine Zeitung zusammenzufalten. »Gewiß, meine Liebe,« antwortete der Bischof. »Ich habe einen Brief von Madame de Boisbrulé erhalten, worin sie mir mitteilt, daß heute abend alles zu unsrer Aufnahme bereit sei,« fuhr Mrs. Raimond fort, »und ich sehe deshalb keinen Grund, weshalb wir noch länger in diesem teuren Hotel bleiben sollen.« »Nein,« erwiderte der Bischof, »das ist allerdings nicht nötig, wenn Madame bereit ist, euch aufzunehmen.« »Ein weiterer Grund zur Beschleunigung unsrer Abreise dürfte daraus herzuleiten sein, daß Mr. Finch hier in Paris zu sein scheint.« – Mrs. Raimond gestaltete den Stil ihrer Sprache nach dem Vorbilde ihres Bruders. – »Ich halte es für meine Pflicht,« fügte sie hinzu, »dich davon in Kenntnis zu setzen.« »Mr. Finch ist uns nicht gefolgt,« warf Lucy ein, »er ist mit uns gekommen. Ich habe ihn in Dover getroffen, und wir hatten an Bord des Dampfers eine köstliche Unterredung zusammen. Auf der Fahrt nach Paris saß er im nächsten Coupé, und das war der Grund, mein lieber Papa, warum ich so lachen mußte.« »Hubert,« sprach Mrs. Raimond, indem sie sich erhob, »ich fühle mich versucht, dich um Enthebung von der Verantwortung zu bitten, die du mir auferlegt hast. Sie ist wirklich zu schwer für meine Schultern.« »Ich hoffe, meine liebe Amalie,« versetzte der Bischof, »daß du den Posten der Pflicht nicht verlassen wirst. Deine Treue in der Vergangenheit hat mich zu Dank verpflichtet. Ich rechne auch für die Zukunft darauf und erlaube mir, dich daran zu erinnern, daß Dankbarkeit bei mir meist eine greifbare Form anzunehmen pflegt. Und was dich anlangt, Lucy,« fügte er hinzu, »so will ich das Gewicht meines Tadels nicht durch eine Wiederholung abschwächen, die bei dir doch nur auf unfruchtbaren Boden fiele.« »Für diese Nachsicht bin ich dir dankbar, Papa, das kannst du mir glauben,« antwortete das junge Mädchen. »Die Sache ist auch so weit gediehen, daß nichts mehr darüber zu sagen ist. Da ist Toms Brief, falls du ihn lesen willst. Soweit es in meiner Macht liegt, soll es keine Geheimnisse geben.« »Ich danke dir,« erwiderte der Vater mit bitterer Höflichkeit; »ich habe nicht den Wunsch, den Brief zu lesen.« Um seiner selbst willen war das schade, denn wenn er ihn gelesen hätte, würde er anders gehandelt haben, und dann hätte er nicht in eine solche schlimme Lage geraten können. Lucy neigte das Haupt und steckte den Brief in die Tasche. »Gut,« sagte sie dabei. »Wenn wir heute nachmittag abreisen wollen, muß ich meinem Mädchen Anweisung geben, zu packen. Guten Morgen, Papa.« Nach diesen Worten verließ sie das Zimmer, wo der Bischof, in tiefe Gedanken versunken, zurückblieb. Mrs. Raimond beobachtete ihn und sah, wie seine Hand zerstreut über seine Weste wanderte, als ob er selbst in seiner Träumerei etwas Fremdes in ihrer Form und in ihrem Stoffe fände. Die wandernde Hand erreichte auch die rechte Tasche und zog etwas daraus hervor, das der Bischof zunächst geistesabwesend und, ohne es zu erkennen, betrachtete. »Meine liebe Amalie,« sprach er endlich. »Was ist denn das?« »Was?« fragte Mrs. Raimond. Der Bischof wickelte ein kleines Papierpäckchen auseinander und blickte mit verdutzter Miene bald seine Schwester, bald das Päckchen an. »Sieh dir das einmal an!« rief er, indem er sich erhob. Mrs. Raimond betrachtete den Gegenstand, den ihr der Bischof vor die Augen hielt, und erkannte ein kleines Bündel neuer englischer Banknoten. »Gehören Sie denn nicht dir?« fragte sie. »Nein,« antwortete der Bischof. »Das ist doch höchst merkwürdig. Da sind fünf Noten der Bank von England, jede zu zehn Pfund, der überzeugendste Beweis, wenn es noch eines solchen bedürfte, daß die Vertauschung der Kleider nicht mit Absicht geschehen ist. Lieber Himmel! Es ist sehr möglich, daß der Eigentümer dieser Noten durch ihren Verlust in große Verlegenheit gerät.« »Allerdings,« erwiderte Mrs. Raimond, »fünfzig Pfund sind ein ansehnlicher Betrag.« »Ein sehr ansehnlicher Betrag,« entgegnete der Bischof. »Ich muß sofort mit dem Wirte reden.« Auf sein Klingeln erschien der Kellner, dem er seinen Wunsch aussprach, worauf nach wenigen Minuten der Besitzer des Hotels eintrat. »Sie haben ja bereits von der seltsamen Verwechselung dieses Anzugs mit meinem eigenen gehört,« begann er. Der Wirt verbeugte sich mit einem fragenden Lächeln. Für ihn war die Angelegenheit nicht so wichtig, und er wäre ganz zufrieden gewesen, wenn er von der ganzen Geschichte nichts mehr vernommen hätte. »Inzwischen ist eine weitere Verwickelung eingetreten. Ich habe soeben diese fünf Noten in der Westentasche gefunden, fünf Noten der Bank von England, jede zu zehn Pfund.« »Wollen Sie mir das Geld in Verwahrung geben?« fragte der Wirt. »Nein, das nicht,« erwiderte der Bischof, »denn ich habe ein Interesse daran, die Noten so lange zu behalten, bis das Benehmen des Eigentümers aufgeklärt ist. Allein, ich werde sofort an meinen Sachwalter schreiben, ihn von dem Vorgefallenen benachrichtigen und ihn beauftragen, die Auffindung des Geldes durch die Zeitungen bekannt zu machen und es der zuständigen Person, nachdem er sich von deren Berechtigung gehörig überzeugt hat, auszuzahlen. Ihnen werde ich die Adresse meines Sachwalters geben, und falls sich jemand bei Ihnen wegen des Geldes meldet, können Sie den Betreffenden an ihn verweisen. Wenn Sie wollen, mögen Sie sagen, daß der Bischof von Stockestithe es vorziehe, die Noten so lange zu behalten, bis er wieder in den Besitz seines Eigentums gelangt und bis eine zufriedenstellende Erklärung über dessen Verschwinden gegeben worden sei.« Nach dieser Rede schrieb der Bischof die Adresse seines Sachwalters auf und überreichte sie dem Wirt, der sich mit vielen Verbeugungen zurückzog, aber gleich wieder eintrat. »Mir ist soeben eingefallen, Mylord,« sprach er, »daß der Herr, der das neben dem Euer Lordschaft gelegene Zimmer während der letzten Nacht bewohnt hat, einen Anzug trug, der dem für den Ihrigen zurückgelassenen sehr ähnlich sah. Der Herr, ein Mr. Decimus Valley, ist in großer Eile von einem Freunde, der mit dem Nachtzuge von London gekommen war, abgeholt worden und ist, soviel ich weiß, heute morgen mit dem ersten Zuge nach England abgereist.« »Danke Ihnen,« entgegnete seine Lordschaft. »Darf ich mir die Frage erlauben, ob Ihnen Mr. Decimus Baileys Adresse bekannt ist?« »Der Herr war mir ganz fremd, Mylord,« versetzte der Wirt. »Er ist ganz plötzlich durch die Nachricht von einem schweren Krankheitsfall in seiner Familie abgerufen worden, und das Versehen ist vielleicht infolge seiner Aufregung und Eile vorgekommen.« »Diese Auffassung hat viel für sich,« sprach der Bischof, worauf sich der Wirt zurückzog, diesmal, um nicht wiederzukommen, während sich seine Lordschaft hinsetzte und sofort an seinen Sachwalter schrieb. Dem Briefe schloß er einen Check über fünfzig Pfund mit der Anweisung bei, daß der Betrag nur dann ausbezahlt werden solle, wenn alles gehörig aufgeklärt, die unvermeidlichen Auslagen erstattet und sein Eigentum wieder herausgegeben sei. Hierauf warf er den Brief eigenhändig in den im Flur des Hotels hängenden Briefkasten und machte einen Spaziergang nach dem Arc de Triomphe, um sich an den Eindruck seiner neuen Erscheinung zu gewöhnen. Er erregte gar kein Aufsehen, und obgleich er selbst keinen Grund gewußt hätte, weshalb die Leute ihm hätten nachsehen sollen, war es ihm doch eine Beruhigung, daß sie es nicht thaten. Der Gedanke, daß er nicht mehr auffallend, sondern nur einer der großen Menge sei und hingehen könne, wohin, und thun könne, was er wolle, verursachte ihm eine geheime Freude. Auch der Umstand, daß Mrs. Raimond und Lucy ihn in wenigen Stunden von ihrer Gegenwart befreien würden, war seinen halbgefaßten Plänen günstig. Das Auffinden der Banknoten stellte sich ebenfalls als ein glücklicher Zufall dar, denn es ersparte ihm die Mühe, sich bar Geld zu verschaffen. Der Betrag, den er mitgebracht hatte, wäre, wenn auch für seine ursprüngliche Absicht vollkommen ausreichend, doch für die ausgedehntere Reise nicht genügend gewesen. Auch die Thatsache, daß sein vertrauter Diener den Zug auf dem Bahnhofe von Charing Croß versäumt und daß er – der Bischof – ihn benachrichtigt hatte, er brauche ihm nicht zu folgen, arbeitete ihm in die Hände. Nun wollte er einmal die Luft der Freiheit genießen. Sein Herz erweiterte sich bei diesem Gedanken, und er überließ sich Träumen, die in unbestimmter Weise von der Romantik und dem Geiste der Jugend gefärbt waren. Als er von seinem Spaziergang zurückkehrte, hatte er seinen Entschluß gefaßt, und er war sich auch über Ziel und Zweck seiner Reise klar. Nachdem er die unter seiner Obhut stehenden Damen zur Bahn begleitet halte, war er ein freier Mann. Er packte seinen Koffer, speiste und fuhr nach dem Bahnhofe, wo er sich eine Fahrkarte nach Monte Carlo löste. Siebentes Kapitel Wie es Tom fertig brachte, ein Briefchen in Lucys Hände gelangen zu lassen, worin er sie zu einem Stelldichein beim Rond Point einlud, wie sie Mrs. Raimond entschlüpfte und ihn dort traf, wie sie in den Elysäischen Feldern, die trotz ihrer irdischen Kahlheit für manches glücklich liebende Paar paradiesisch gewesen sind, spazieren gingen und sich aussprachen: das alles muß der Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben. Die jungen Leute versöhnten sich rasch, und die vorübergehende Entzweiung wäre überhaupt von gar keiner Bedeutung gewesen, wenn sie nicht Toms Reise nach Paris veranlaßt und ihn so den Abenteuern entgegengeführt hatte, die seiner harrten. Nachdem sich Tom von Lucy getrennt hatte, kehrte er in der bestimmten Absicht nach seinem Hotel zurück, noch an demselben Abend wieder nach London abzureisen. Allein im Flur hörte er seinen Namen rufen, und als er sich umwandte, erkannte er seinen alten Bekannten Draker. Dieser junge Herr war einer der besten Freunde Toms, mit dem er einen großen Teil des Lebensweges gemeinsam zurückgelegt hatte. Schon die Schule hatten sie zusammen durchgemacht, ebenso die Universität Oxford, und schließlich waren sie an demselben Tage zur Advokatur zugelassen worden. Draker hatte, ebenso wie Tom, nur ein bescheidenes Einkommen, und er glich Tom auch darin, daß er noch nie einen Prozeß geführt hatte. Im übrigen war er einer von den gutgekleideten, kräftigen, unbeschäftigten Herren von London, wie man sie an einem schonen Sommertage zu Hunderten trifft. »Von allen lustigen Brüdern, die ich kenne,« sagte der junge Draker, »bist du gerade derjenige, welchen ich in diesem vielverheißenden Augenblick am dringendsten herbeiwünschte.« Während er dies sprach, streichelte und tätschelte er einen in braunes Papier gehüllten Gegenstand, den er unter dem Arme trug, mit so erfreuter und geheimnisvoller Miene, daß sich Tom veranlaßt sah, zu fragen, was es sei. »Ja, ja,« entgegnete Draker, »wenn du wußtest, was das ist!« Gern wäre er noch rätselhafter gewesen, allein dazu war sein Herz zu voll. »Komm mit auf mein Zimmer,« fuhr er fort, »dann werde ich's dir zeigen.« Zu packen brauchte Tom für seine Heimreise nicht, und er hatte noch vier Stunden Zeit, so daß er der Aufforderung willig Folge leistete und Draker auf sein Zimmer begleitete. Als sie dieses erreicht hatten, verschloß Draker die Thür, machte den in der Mitte des Zimmers stehenden Tisch frei, indem er alles, was darauf lag, in einem unordentlichen Haufen auf sein Bett warf, und begann nickend, blinzelnd und lächelnd sein Päckchen zu enthüllen, woraus ein zusammengerolltes Stück Wachstuch, eine Pappschachtel und ein Säckchen, das etwa einen halben Liter fassen mochte, zum Vorschein kamen. Nachdem er das Wachstuch auf dem Tische auseinandergerollt hatte, war dieser in einen Spieltisch verwandelt, der Pappschachtel entstieg ein kleines Roulette, und aus dem Söckchen schüttelte er einen Haufen weißer Bohnen auf den Tisch. »Jetzt werde ich dir was Feines zeigen,« sprach er dabei. »Ich werde fünfzig von diesen Bohnen nehmen, und du sollst den ganzen Rest behalten. Du hältst Bank und drehst das Rad, und in einer Stunde werde ich dich vollständig ausgebeutelt und deine Bank gesprengt haben,« schloß er und trällerte das Lied: »Und der Mann, der im Nu die Bank gesprengt ...« »Na, denn los damit,« entgegnete Tom. Damit zogen sie die Röcke aus, denn es war heiß, und machten sich an die Arbeit. »Ich habe diesen Kniff in den feierlichen Stunden der Nacht herausspintisiert,« erklärte der junge Draker. »Während der letzten sechs Monate habe ich daran gearbeitet, und du, Finch, bist der einzige Mensch in der Welt, dem ich mein Geheimnis anvertraue.« Augenscheinlich nahm er die Sache ganz ernsthaft und glaubte wirklich, das Geheimnis entdeckt zu haben, mühelos reich zu werden. Daß schon Hunderte von Leuten dasselbe Geheimnis vor ihm entdeckt hatten, ahnte er nicht. Hunderte? Tausende! Wenn es nicht Leute gäbe, die dieses Geheimnis fortwährend entdeckten, so könnten die Spielhalter ruhig die Bude zumachen. Die Zeitgenossen von Drakers Großvater gingen mit dem großartigen Plane nach Baden-Baden, Schwärme und Schwärme von ihnen, und ließen ihn dort mit einer gewaltigen Menge ihres eigenen Geldes. Solange noch ein Spieltisch besteht, werden die Leute fortfahren, diese große Entdeckung zu machen, und es später bereuen, sie gemacht zu haben. Wie alle seine Vorgänger hatte auch Draker alles ganz allein herausgetüftelt und wollte jetzt seinen Plan praktisch zur Ausführung bringen, nachdem er ihn nach allen Richtungen hin geprüft hatte. Mit der Leitung dieser Angelegenheiten ist ein kleiner Höllengeist ganz besonders beauftragt, und dieser richtet die Sache immer so ein, daß alle Probeversuche, die der Entdecker anstellt, vollkommen gelingen. Draker und Tom fanden, daß das System ausgezeichnet arbeite, und Draker sprengte wirklich in der angegebenen Zeit die Bohnenbank. Dann fand er, daß er gerade noch Zeit hatte, zu packen und den Zug bequem zu erreichen. Während er seine Sachen in den Koffer warf, erzählte er Tom, was er mit seinem Gewinst vorhabe. Für seinen Feldzug gegen die Bank hatte er fünfzig Pfund bei sich, außerdem eine Rückfahrkarte nach London und noch zehn Pfund für seine sonstigen Ausgaben. Mit fünftausend Pfund wollte er zurückkehren, mehr beabsichtigte er nicht zu gewinnen, denn er war ja nicht habgierig und konnte außerdem jederzeit zurückkehren und sich mehr holen, aber er kannte einen Rechtsanwalt mit einer guten Praxis, dessen Gunst er zu gewinnen wünschte. Dieser hatte eine Tochter, deren Gunst er schon gewonnen hatte, und wenn er ein bißchen Geld besaß, würde der Vater wohl auch nicht mehr unerbittlich sein und ihm eine helfende Hand reichen. »Alles, was mir bis jetzt gefehlt hat, war eine Gelegenheit,« meinte Draker; »jetzt habe ich eine, und ich werde sie weise benutzen.« Kurz, Draker war Feuer und Flamme, und Tom war Berg, und es konnte also nicht fehlen, daß die beiden jungen Leute in Brand gerieten. Tom stürzte davon, um nach Geld und Kleidern zu telegraphieren, und darauf fuhren sie mit dem Nachtschnellzuge nach Monte Carlo. Südfrankreich fanden sie am nächsten Tage heiß wie einen Backofen, aber dadurch ließen sie sich nicht abschrecken. Marseille war ein glühender Rost, allein sie würden sogar die Hitze des Aequators gemütlich gefunden haben. Die prächtige Küste des Mittelmeeres flog unbeachtet an ihren Augen vorüber, während sie schwitzend die »Permanenzen« studierten, die über die Nummern berichten, welche an den verschiedenen Tischen in einer gegebenen Zeit am häufigsten herausgekommen sind. Tom kam sich sehr sündhaft vor, denn obgleich er durchaus kein Musterknabe war, war er doch ein sehr braver Mann, der sich bis jetzt ziemlich unbefleckt durch die sündhafte Welt geschlagen hatte. Dem mochte nun sein, wie ihm wolle: das Geheimnis, das Draker entdeckt hatte, war gerade das, was ihn Lucy näher bringen konnte, und um ihretwillen wäre er ganz gern bereit gewesen, sich noch sündhafter vorzukommen, als er es schon that. In den Gasthöfen von Monte Carlo, wo der Puls des Lebens während der Hauptsaison so fieberhaft schlägt, war es still; in den großen Spielsälen weckten die Füße, die sie durchschritten, lauten Widerhall, die Hälfte der Tische war entfernt, und an den übrigen saßen die Croupiers meist schlaff und müde und hatten nichts Besseres zu thun, als Eislimonade unter sich auszuspielen. Weder in den vergoldeten Hallen noch in den prächtigen Garten gab es Konzerte. Die kleine, aber verzweifelte Schar, die das ganze Jahr hindurch spielt, war zwar anwesend, aber außerdem tröpfelte nur ein dünnes Bächlein von Fremden in die sonnendurchglühte Stadt und wieder hinaus. Tom und Draker vereinigten ihre Hilfsquellen, und der Entdecker des wunderbaren und unfehlbaren Systems spielte für beide, während Tom über den Gang des Spieles genau Buch führte. Natürlich gewannen sie im Anfang, sogar erstaunlich gewannen sie. Drei Nächte hintereinander trugen sie Päckchen von Noten und Haufen von Goldstücken nach Hause, so daß sie fast fürchteten, die Eigentümer der Spielbank würden es sich bald nicht mehr gefallen lassen, zur Zielscheibe ihres unfehlbaren Feuers zu dienen. Dann aber wandte sich das Blatt, und das System wurde häufig gegen das Maximum auf die Probe gestellt, woraus es nicht ohne ernstlichen Schaden hervorging. Hierauf kam eine Zeit, wo sie vom schwankenden Glück wie auf einem bewegten Meere umhergeschleudert wurden. Bald schwammen sie stolz auf dem Kamme einer Woge, bald im tiefen, finsteren Wellenthale. Das ist die Zeit, wo es sich in der Regel herausstellt, ob das Spielfieber heilbar ist oder nicht, je nach der sittlichen Kraft des Kranken. Da geschah es, daß eines Abends, wo die beiden Verbündeten zusammen an der Arbeit saßen und das Wachsen und Abnehmen ihres Haufens beobachteten, der zufällig gerade ziemlich bedeutend war, ein würdig aussehender Engländer in die Spielsäle trat und sich mit gehaltener Neugier umsah. Er trug einen dunkeln Anzug von grauem, dünnem Stoff und hielt in der einen Hand ein seidenes Taschentuch. Dieses schien er immer dann zu gebrauchen, wenn er merkte, daß er angesehen wurde, und ein Beobachter hatte dadurch auf den Gedanken kommen können, daß er nicht erkannt zu sein wünschte. Der würdevolle ältliche Engländer setzte sich an einen Tisch und beobachtete die Spieler. Der Chef de parti, der auf seinem hohen Stuhle hinter dem Croupier thronte, welcher das Rad bediente, fing ein- oder zweimal seinen Blick auf, und der Engländer schien zu schwanken. Wieder sah ihn der Chef de parti an, und diesmal errötete der Engländer, erhob sich und schlich auf den Fußspitzen um den Tisch herum, während er mit den Fingern einer Hand etwas in der Westentasche zu suchen schien. Als er den Chef erreicht hatte, errötete er wieder, zog ein kleines Päckchen von Noten der Bank von England hervor und bat, eine davon zu wechseln. Der Beamte wies ihn an den Schalter, wo fremdes Geld gewechselt wird. Als er zurückkehrte, setzte er sich wieder auf seinen Platz und schien unschlüssig zu sein, steckte aber schließlich die kleine Hand voll Gold, die er mitgebracht hatte, in die Tasche. Die Kugel klapperte im Rad, und er nahm eine erregte Bewegung am andern Ende des Tisches wahr. Dort, wo die Spieler dichter zusammengedrängt saßen als an dem Ende, wo der ältliche Engländer seinen Platz gewählt hatte, erhob sich ein Murmeln. Sein Nachbar stand auf, und er folgte diesem Beispiele. Wie es schien, wurde die Aufregung durch das Spiel von zwei jungen Engländern hervorgerufen, von denen einer sprach: »Da haben wir ihnen wieder einmal das Maximum abgeknöpft; dreimal nacheinander.« Der würdevolle Engländer fiel auf seinen Stuhl zurück, als ob ihn ein Schuß getroffen hätte, aber in demselben Augenblick legte sich eine Hand auf seine Schulter, und als er sich umwandte, sah er sich einem fremden Herrn im schwarzen Gehrock und mit gekräuseltem Schnurrbart gegenüber. »Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen?« sprach der fremde Herr. Der ältliche Engländer sah betroffen und ein bißchen ärgerlich aus. Ein großer Schweizer in Uniform, der beobachtende Blicke auf ihn richtete, stand in der Nähe. Der Fremde wiederholte seine Aufforderung in etwas dringlicherem Tone, und der Engländer sah noch betroffener aus, erhob sich jedoch und schritt, einer Handbewegung seines Führers folgend, nach dem Schalter, wo er die Note gewechselt hatte. Bei seiner Annäherung wurde die Thür vor ihm geöffnet. Der große Schweizer trat mit ein und schloß die Thür hinter sich. »Vor noch nicht fünf Minuten haben Sie diese Banknote gewechselt, nicht wahr?« fragte der fremde Herr. » C'est vrai ,« antwortete der Engländer mit sehr merkbarer englischer Betonung. »Wollen Sie mir gefälligst Ihren Namen angeben?« Der würdevolle Engländer antwortete zögernd und etwas ärgerlich, und was er sagte, war nicht recht zu verstehen, da ihm das Französische offenbar viel Schwierigkeiten machte, allein so viel war doch zu entnehmen, daß er erklärte, er wolle seinen Namen nicht angeben. »Gut,« entgegnete der fremde Herr, »das ist Ihre Sache: aber, bitte, folgen Sie mir.« Der würdige Engländer, dem die Sprache immer größere Schwierigkeiten zu machen schien, fragte, warum und wohin. »Was das Warum anlangt,« versetzte der fremde Herr, »so ist diese Banknote gefälscht.« »Gerechter Himmel!« rief der Engländer und sank zum zweitenmal auf einen Stuhl, als ob ihn ein Schuß getroffen hätte. »Ich bedauere unendlich,« sprach der Fremde, »aber da Sie sich geweigert haben, Ihren Namen anzugeben, bleibt mir nur eins übrig: Sie müssen sich die Mühe nehmen, mich nach der Gendarmerie zu begleiten.« »Ick sein eine Edelmann,« entgegnete der unglückliche Engländer im heftigsten Kampfe mit der Sprache. »Ick sein eine Edelmann,« Er meinte »Gentleman«, aber er scheiterte ebenso am Geschlecht, als am Worte selbst. »Mag sein, aber ...« entgegnete der Fremde achselzuckend. »Thun Sie nicht sprecke inglisch?« rief der Engländer. »Um Gottes uillen suchen Sie eine Mensch, der spricht inglisch!« Der Fremde flüsterte dem Schweizer etwas zu und entfernte sich, worauf dieser sich mit dem Rücken gegen die Thür stellte, und nun vergingen einige furchtbare Minuten, bis der fremde Herr, von einem zweiten fremden Herrn begleitet, zurückkehrte. » Alla rita (All right) !« sagte dieser, »ick spreck das Anglisch. Was woll Sie?« »Hier ist ein furchtbarer Irrtum vorgefallen,« antwortete der Engländer. »Wie es scheint, ist eine Note der Bank von England, die zu wechseln ich das Unglück hatte, nicht gut.« »Ja, ganze reck,« erwiderte der zuletzt Gekommene. »Ick verstehen. Fahr Sie weiter!« »Man hat mich nach meinem Namen gefragt, aber ich muß gestehen, daß ich ihn nur sehr ungern nennen würde, denn ich habe in der That die besten und triftigsten Gründe, die Welt nicht erfahren zu lassen, daß ich einen Ort dieser Art betreten habe. Natürlich bin ich sehr wohl in der Lage, die Gründe, die mich dazu bewogen haben, zu erklären, oder ich würde in der Lage sein, wenn diese Gründe vor zuständigen Richtern in Frage gestellt werden sollten.« »Ja, ganz reck,« entgegnete der Dolmetscher wieder, »fahr Sie weiter!« »Ich bin,« fuhr der Engländer fort, »ein Geistlicher der englischen Kirche, ja, ich nehme eine Stellung hoher Würde in dieser Kirche ein, und schon aus diesem Grunde allein, und um einen Skandal unter meinen schwächeren Brüdern zu vermeiden, möchte ich meinen Namen nicht angeben. Wäre ich der Bewahrung meines Geheimnisses sicher, so würde ich keinen Augenblick zögern, mich zu nennen, aber dieser Herr wird gewiß anerkennen, daß eine solche Enthüllung nicht ratsam wäre, wenn die Gefahr der Veröffentlichung vorliegt. Niemand kann diesen unglücklichen Umstand aufrichtiger bedauern als ich selbst.« »Nun?« fragte der erste Fremde. »Was sagt er?« »Die gewöhnliche Litanei,« antwortete der Dolmetscher, der als solcher mit beträchtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. »Eine unklare Geschichte ohne Anfang und Ende.« Er hatte keine drei Worte verstanden. »Will er seinen Namen nennen?« »Will Sie sack Ihres Nam?« »Mein lieber Herr,« antwortete der unglückliche Bischof von Stockestithe, »ich habe Ihnen ja schon auseinandergesetzt, wie wenig ratsam ein solches Verfahren sein würde, und ich bitte Sie, mir zu glauben, daß es für einen Mann, der, wenn er auch noch so unwürdig ist, eine hohe Stellung in der anglikanischen Kirche einnimmt, viel leichter ist, durch ein anscheinend unpassendes Betragen einen Skandal heraufzubeschwören, als diesen durch eine noch so klare und aufrichtige Darlegung seiner Beweggründe wieder aus der Welt zu schaffen.« »Nun?« fragte der fremde Herr. »Er sagt,« entgegnete der Dolmetscher, »wir könnten uns alle zum Teufel scheren. Er sei eine angesehene Persönlichkeit und wisse nicht, wie die Banknote in seinen Besitz gelangt sei.« » Eh bien !« sprach der Fremde, indem er dem Schweizer ein Zeichen machte, worauf dieser den Engländer an der Schulter faßte. »Wie können Sie sich erfrechen!« rief der Bischof. »Wenn Sie darauf bestehen, meinen Namen zu erfahren, so bleibt mir nichts andres übrig, als ihn zu nennen. Ich bin Hubert William Ronald Durgan, Bischof von Stockestithe.« Ganz gegen Seiner Lordschaft Erwarten sank niemand tot zu Boden. » Va! « rief der fremde Herr. Der große Schweizer, der nur auf diesen Befehl gewartet zu haben schien, schob den unglücklichen Würdenträger aus dem Bureau wie ein kleines Kind und führte ihn durch den großen Spielsaal, wo die Leute bei dem ungewöhnlichen Anblick aufsprangen, denn sonst geht es dort so anständig zu wie im Empfangszimmer eines Bischofs. Von da schleppte er ihn in die Vorhalle, wo er des Bischofs Hut suchte und ihm auf den Kopf stülpte, und dann ging es die Stufen hinab. Und dort am Fuße der großen Freitreppe erblickte der Bischof die Gestalt eines Engländers, eine Gestalt, die auch beim flüchtigsten Blick als die eines Engländers erkennbar gewesen wäre, selbst wenn man ihr in der Wildnis von Kamtschatka oder Timbuktu begegnet wäre, denn sie war in einen Rock von einem Schnitt gekleidet, wie ihn nur ein Engländer trägt, und war mit einem Priesterhut bedeckt, und hatte Wadenstrümpfe und Oxforder Schuhe an den Füßen. O gnädige Fügung der Vorsehung! Das Herz des Bischofs schlug voll Hoffnung, voll Gewißheit! »Herr!« rief er, »Sie sind ein Geistlicher der englischen Kirche! Sie müssen mich kennen; ich bitte um ein Wort.« Die Gestalt wandte sich um und trat einen einzigen Schritt näher, und dem Bischof kam die Gestalt bekannt vor. Allein eine Sekunde später, noch ehe die Gestalt einen zweiten Schritt näher kommen konnte, wurde sie von einem Gefährten, der ihr hastig einige Worte ins Ohr flüsterte, am Arme ergriffen, worauf die beiden zum größten Schrecken des Bischofs im Dunkel verschwanden. Von diesem Augenblick an ließ er sich nicht nur ohne Widerstand, sondern mit einer Art von dumpfer Ergebung in alles, was kommen mochte, weiterführen. Der Himmel war eingestürzt, die Welt dem Untergange nahe. Das würdevollste Glied der würdevollsten Körperschaft der Welt war verkleidet unter der Anklage verhaftet worden, in der berüchtigtsten Spielhölle der Welt falsche Banknoten in Umlauf gesetzt zu haben! In der Seele des Bischofs herrschte das Chaos. Inmitten all dieses Schreckens war er aber doch im stande, sich Rechenschaft darüber abzulegen, daß er sein Unglück zum großen Teil seiner Unkenntnis einer Sprache zu verdanken habe, worin die meisten Engländer seiner gesellschaftlichen Stellung sich mit Leichtigkeit verständlich machen können. Hätte es sich um Lateinisch oder Griechisch oder selbst Hebräisch gehandelt, so wäre er nicht in Verlegenheit geraten, denn in seinem Fache war er ein Gelehrter, allein wenn er Französisch zu sprechen versuchte, sah er sich wieder in die Jahre seiner Kindheit versetzt und konnte sich nur gebrochen und falsch ausdrücken. Sein scharfer Verstand war nutzlos, seine große Gelehrsamkeit war nicht mehr wert als ebenso große Unwissenheit, und seine ansehnliche Redegabe war gelähmt. Bis zu dieser Stunde, das fühlte er, hatte er das Entsetzen, das die Erbauer des Turms von Babel zur Zeit der Sprachverwirrung befiel, nicht annähernd richtig gewürdigt. Auf der Gendarmerie wartete seiner eine neue Demütigung: er wurde durchsucht. Seine Uhr, sein Kneifer, seine Lesebrille, seine Börse, sein Federmesser und sein Taschenbuch, alles wurde ihm abgenommen, und gemeine Hände wühlten in seinen Taschen, als ob diese öffentliches Eigentum gewesen wären. Der Bischof sah den rohen Beamten, der thatsächlich seine Pflicht mit der größtmöglichen Höflichkeit erfüllte, entrüstet an. »Ich fürchte,« sprach er, »ich habe bis jetzt die Gewalt der Versuchung, der die Leute der unteren Stände am meisten ausgesetzt sind, nicht richtig ermessen. In Zukunft werde ich in meinem Urteil über diejenigen, welche unter der Wirkung einer heftigen Aufregung im Gebrauche gotteslästerlicher Flüche Erleichterung suchen, nachsichtiger sein,« woraus wir wieder einmal ersehen, daß nichts menschlicher stimmt, als Erfahrung. Dem Gendarmen war diese Rede böhmisch, und der empfindungslose und gleichgültige Beamte beendete seine Durchsuchung des Bischofs mit berufsmäßiger Gründlichkeit, Endlich stießen seine forschenden Finger auch auf das Päckchen Banknoten in der rechten Westentasche, und der fremde Herr, der, nachdem er die Verhaftung des Bischofs veranlaßt hatte, nach der Gendarmerie gefolgt war, stürzte sich sogleich auf sie und machte den Gendarmen darauf aufmerksam, daß sie und die bereits beschlagnahmte Note fortlaufende Nummern trügen. Auch der sogenannte Dolmetscher war gefolgt, allein als er versuchte, sich einzumischen, wies ihn der Bischof würdevoll zurück. »Die Behauptung dieses Menschen, Englisch zu verstehen,« sprach er, »ist offenbar abgeschmackt, lächerlich und unbegründet, Comprenny paw (Comprends pas) «, fügte er hinzu, als ihn der Dolmetscher anredete, und jetzt, wo er sich einigermaßen wieder gesammelt hatte, war er so erhaben, daß dieser ganz zerschmettert war und zugestehen mußte, das Englisch des Bischofs sei zu schwungvoll und vielleicht auch zu gelehrt für seine bescheidenen Sprachkenntnisse. »Ein Gentleman kann in eine seiner unwürdige Lage geraten, wird aber dabei doch im stande sein, seine Selbstbeherrschung wie seine Selbstachtung zu bewahren,« und obgleich niemand als er selbst diese schöne Rede verstand, machte sie ihm doch Mut, und er benahm sich wie ein braver Mann, der mit widrigen Umständen zu kämpfen hat. Als er nunmehr nach Namen, Alter und Stand gefragt wurde, antwortete er, wie es einem unerschrockenen und sich seiner Unschuld bewußten Mann zukommt, einfach und mit Würde und unterzeichnete das Protokoll mit seinem vollen Namen: Hubert William Ronald Durgan, Evêque de Stockestithe, Angleterre. Freilich krümmte sich seine Seele in ihm, als er diesen ehrenvollen Titel auf dieses schmachvolle Papier setzte, und sie krümmte sich abermals, als er in einen kahlen, nur mit einer Pritsche, worauf ein den unteren Klassen ungehöriger Betrunkener schnarchte, ausgestatteten Raum geschoben wurde. Achtes Kapitel Es war noch nicht viel nach neun Uhr abends, und der Bischof fühlte keine Neigung zu schlafen, sondern suchte seine wirren Gedanken zu ordnen, so gut er konnte, und nach einem Ausweg aus seiner Klemme Umschau zu halten. Im Spielsaal hatte er Tom Finch gesehen, und die Furcht, von diesem erkannt zu werden, hatte ihn veranlaßt, sich so rasch zu setzen. Daß Tom fließend französisch sprach, wußte er, und es war ihm auch vollkommen klar, daß ihm der junge Mann von großem Nutzen sein könne, allein er verwarf den Gedanken, ihn um Hilfe zu bitten, sofort und entschieden. Daß dieser gottlose Thunichtgut spielte, war ihm nicht entgangen, und obgleich er selbst, natürlich nur aus Neugier, fast im Begriffe gewesen war, einem augenblicklichen Triebe in derselben Richtung nachzugeben, war er doch im stande, einen Unterschied zwischen seinen Beweggründen und denen Tom Finchs zu machen. Deshalb war seine Ansicht über Tom ungünstiger als je, und bei ihm Hilfe nachzusuchen, war offenbar unmöglich. Allein dann begann er, an seinen würdigen Amtsbruder zu denken, den er einen Augenblick am Fuße der Kasinotreppe gesehen und vergeblich um Hilfe angerufen hatte. Warum hatte sich der Gefährte dieses Herrn eingemischt? Und warum waren beide so rasch verschwunden? Und wo hatte er doch das Gesicht des Trägers jenes Hutes und jener Wadenstrümpfe schon gesehen? In seinem Geiste stolperte er durch alle möglichen dunklen Orte, bis ihm endlich die Wahrheit wie ein elektrischer Schlag vor Augen stand. Der Träger dieser Wadenstrümpfe war niemand anders, als der ansprechende und gebildete Herr, mit dem er von Charing Croß nach Calais gereist war und der ihm die Reise so angenehm gemacht hatte, derselbe Herr, der im Hotel Continental das neben dem seinen gelegene Zimmer bewohnt hatte. Und nun kam wie ein zweiter elektrischer Schlag, der ihn noch mehr erschütterte und erstaunte, als der erste, die Ueberzeugung, daß dieser gebildete und gewandte Herr ein Schwindler war, und daß die Kleider, die er, der Bischof, trug, dem andern gehörten, während dieser seine, des Bischofs, Kleider, anhatte. In der That war es der unwürdige Mortimer gewesen, dem Seine Lordschaft begegnet war, und der Oberst Varndyke war es gewesen, der James auf die Persönlichkeit des verhafteten Herrn, der seine Hilfe angerufen, aufmerksam gemacht hatte. »Mach, daß du hier fortkommst, du Dummkopf,« hatte der Oberst geflüstert, »das ist ja der Bischof.« Und James war, wie wir gesehen haben, im Dunkel verduftet. Wie er dem Oberst in Augenblicken gemütlicher Geselligkeit anvertraute, hatte er sich nie im Leben so köstlich unterhalten, als in diesen letzten Tagen. Er hatte die Geistlichen der Umgegend aufgesucht und sie alle durch seine liebenswürdige Herablassung, ebenso wie durch seine vollkommene Vertrautheit mit ihrer Muttersprache, sein lebhaftes Interesse für kirchliche Altertümer und ähnliche Freundlichkeiten bezaubert. Als ein gelehrter Pater eine lateinische Unterhaltung mit ihm anfangen wollte, war er geschickt ausgewichen, indem er darauf aufmerksam gemacht hatte, daß die von den barbarischen Gelehrten Englands gebrauchte Aussprache des Lateinischen dieses in den Ohren der Gelehrten des Festlandes zu einer fremden Sprache mache. Einige vornehme Familien des Ortes hatten ihn sogar eingeladen, und er hatte bei ihnen einen weit günstigeren Eindruck hinterlassen, als es der echte Bischof gethan haben würde. Er war höflich und gewandt und steckte voll von einer seltsamen Weltweisheit, die bei einem Manne seines Amtes erstaunlich war. Besonders verstand er, prachtvoll zu lügen, und warf mit Einladungen nach dem bischöflichen Palast in Stockestithe nur so um sich. Eine von diesen wurde später zur großen Verlegenheit des wirklichen Bischofs wie des unbekannten Gastes ernst genommen, und weitere Besuche werden erwartet und befürchtet, denn der Bischof von Stockestithe wird jede Erinnerung an jene furchtbare Zeit bis an sein seliges Ende fürchten. Als die beiden Spießgesellen gesehen hatten, wie der Bischof abgeführt wurde, trat Mr. Mortimer zu einem der Schweizer und erkundigte sich nach der Ursache des Aufsehen erregenden Vorfalles. Der Mann wußte nichts, aber der höfliche Herr in dem sonderbaren Anzuge nötigte ihn, ein Fünffrankenstück anzunehmen, worauf sich der Schweizer entfernte und bald mit den gewünschten Nachrichten zurückkehrte. James dankte und sprach die Ansicht aus, es sei doch traurig, daß ein Mann, der wie ein ehrbares Glied der menschlichen Gesellschaft ausgesehen habe, auf einem so faulen Pferde ertappt worden sei. Hierauf kehrte er, fast vor Lachen erstickend, zu Varndyke zurück und erzählte diesem, was vorgefallen war. »Der alte Schwerenöter hatte meine Sachen an,« sprach James, der vor Lustigkeit beinahe in Lachkrampf verfiel. »Entsinnst du dich noch der fünfzig Pfund, wovon ich nicht wußte, was daraus geworden war? Ich muß die Noten in einer der Taschen haben stecken lassen, und dieser sündhafte Pfaffe ist hierher nach Monty gekommen, um sich damit einen lustigen Tag zu machen. O, die Verderbtheit der Menschen! – Da übrigens der echte Heilige hier aufgetaucht ist,« fuhr er etwas ernster fort, »wäre es, glaube ich, besser, wenn ich mich dieses Zeugs entledigte und mich hier dünne machte. Ich werde mich nach dem Hotel verfügen und dort umkleiden, und dann wollen wir mit einem Wagen nach Nizza fahren.« So kam es, daß Mortimer allein nach dem Hotel de Paris zurückkehrte und in der Thür mit Tom Finch zusammenstieß. »Holla!« rief Tom, der ihn augenblicklich erkannte. »Bst!« entgegnete Mortimer und eilte mit erhobenem Zeigefinger und einer Miene geheimnisvoller Geschäftigkeit an ihm vorbei. »Sie da!« fragte Tom einen gerade durch den Flur gehenden Kellner, »wissen Sie, wer das ist?« » Mais oui, « erwiderte dieser, » un ecclésiastique anglais, l'évêque de ... de ... de Stockestithe .« »Ich will mich hängen lassen, wenn er das ist,« antwortete Tom und sprang, drei Stufen auf einmal nehmend, hinter Mortimer die Treppe hinan. James, der wachsame und aalglatte, hörte die springenden Schritte hinter sich und spitzte die Ohren. Er ahnte, daß sein ungestümer junger Bekannter ihm folge, und verfluchte im Herzen sein Pech. »Hören Sie mal,« rief Tom, indem er ihm eine Hand auf die Schulter legte. »Ich habe ein Wörtchen mit Ihnen zu reden und muß Sie ersuchen, sich in mein Zimmer zu bemühen.« »Aber mein lieber junger Herr,« antwortete James, »Sie sind wirklich lästig; verzeihen Sie, daß ich es ausspreche, Sie sind außerordentlich lästig. Ich bin im Augenblick dringend beschäftigt und kann Ihnen auch nicht den geringsten Bruchteil meiner Zeit zur Verfügung stellen.« »Mein verehrter Herr,« entgegnete Tom hartnäckig, »ich habe ein Wörtchen mit Ihnen zu reden und werde mich nicht abweisen lassen.« Tom war bedeutend größer als James und außerdem auch jünger und kräftiger, so daß dieser es für geraten hielt, einem so dringend ausgesprochenen Verlangen nachzugeben. Deshalb gehorchte er, wenn auch unter Verwahrung. »Es paßt mir für meine Zwecke nicht, mich in diesem Augenblick in irgend eine Art von Streit oder lauten Zank einzulassen,« entgegnete Mr. Mortimer, »aber ich halte es doch für geboten, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn Sie mich in der Ausübung meiner Pflicht stören, es in meiner Macht steht, Ihren Aufenthalt in diesem kleinen Fürstentum nicht nur zu verkürzen, sondern auch höchst unangenehm zu machen.« »Das mag sein,« erwiderte Tom trocken, »aber für den Augenblick werden Sie mich verpflichten, wenn Sie hier eintreten.« Mortimer gehorchte, aber er that das nur, weil Flucht und Widerstand gleich aussichtslos waren. Er war ganz auf seine diplomatische Gewandtheit und seine Erfindungsgabe angewiesen und außerdem erschrocken und überrascht. Tom drehte das elektrische Licht an und verschloß die Thür seines Zimmers, so daß James seine Lage immer weniger gefiel und er sich fragte, was für eine Art von Schlag er wohl abzuwehren haben werde. »Wenn Sie sich in einen beliebigen Anzug verkleiden,« begann Tom, »so geht mich das gar nichts an. Das scheint Ihr Geschäft zu sein, und ob es das eines ehrenhaften Mannes oder das eines Schubiacks ist, weiß ich nicht und es ist mir auch gleichgültig. Allein gegenwärtig scheinen Sie sich darin zu gefallen, sich als einen meiner besten und geachtetsten Freunde aufzuspielen, und ich wollte Ihnen nur eröffnen, daß ich einen Mißbrauch seines Namens für Ihre Zwecke nicht dulden werde, und muß Sie um Aufklärung ersuchen, warum Sie sich dieses Namens bedienen!« »Darf ich zunächst um Ihren Namen bitten, mein junger Herr?« versetzte James, der vor allem Zeit gewinnen wollte, um dem Wild den Wind wegzunehmen, wie die Jäger sagen. »Der steht Ihnen gern zu Diensten,« antwortete Tom. »Ich heiße Finch, Thomas Finch, und bin Rechtsanwalt.« »Sie sind sehr jung,« erwiderte James nachdenklich, »ganz auffallend jung.« »Das mag ganz wahr sein,« sprach Tom, »aber das ist keine Antwort auf meine Frage.« »Aller Wahrscheinlichkeit nach sind Sie in diesem Augenblick der Mitschuldige – der unbewußt Mitschuldige, wie ich zugebe – eines der gefährlichsten Verbrecher, der je unsrer Behörde Mühe gemacht hat,« fuhr Mortimer fort. »Wenn er mir jetzt infolge der Verzögerung, die Sie mir hier aufzwingen, durch die Finger schlüpft, muß ich Sie dafür verantwortlich machen.« »Das kann wahr sein, oder auch nicht,« sprach Tom; »aber Sie sehen in diesem Augenblick meiner Ansicht nach selbst ganz wie ein Mensch aus, der verbrecherische Absichten verfolgt. Sie haben sich verkleidet, so daß Sie äußerlich einem Herrn gleichen, dessen Namen Sie überdies führen, einem Herrn, für den zu handeln ich vollkommen berechtigt bin, bis Sie mir eine befriedigende Erklärung über Ihre Absichten geben, und es ist mein fester Vorsatz, Sie nicht aus den Augen zu verlieren.« »Sie sind jung, Mr. Finch, Sie sind sogar lächerlich jung,« antwortete James, dem seine Aussichten immer schlechter gefielen. »Wie ich Ihnen schon sagte, bin ich in der Verfolgung eines der gewandtesten und gefährlichsten Verbrecher in Europa begriffen. Eine Verkleidung war für meine Zwecke unerläßlich, und ich habe diese gewählt, weil ich sie gerade zur Hand hatte. Ich habe sie samt dem wirklichen Namen angenommen, dem Namen eines Herrn, den ich gerade wie Sie, zufällig kenne, weil es verderblich für meine Zwecke hätte sein können, wenn ich einen Namen eigener Erfindung hätte wählen wollen.« »Gut,« sprach Tom. »Wenn Sie sind, was Sie zu sein behaupten, werden Sie jedenfalls Legitimationspapiere bei sich führen und auf der Polizei Ihre bona fides zu beweisen im stande sein.« »Ich muß wirklich sagen, mein Herr,« rief James, »daß Sie einem Manne gegenüber, von dem Sie gar nichts wissen, einen sehr seltsamen Ton anschlagen.« »Für meine Zwecke weiß ich genug von Ihnen,« erwiderte Tom mit großer Entschiedenheit. »Sie führen einen Namen und tragen eine Kleidung, worauf Sie kein Recht haben. Ich halte es zufällig für meine Pflicht, diesen Namen vor Verunglimpfung zu schützen, und wenn Sie mir nicht beweisen können oder wollen, daß Sie zu berechtigten Zwecken von diesem Namen Gebrauch machen, muß ich Sie der Polizei als Betrüger anzeigen.« »Mein lieber Mr. Finch,« entgegnete James, »Sie müssen natürlich thun, was Sie für Recht halten. Ich habe nicht die Macht, Sie daran zu verhindern, zu handeln, wie es Ihnen gut dünkt, so schwerwiegend die Folgen auch für meine höchst wichtige Angelegenheit sein mögen. Sie sind noch jung, Mr. Finch, wie ich zu bemerken schon einigemal Veranlassung genommen habe, aber Sie haben gewiß hinreichende Welterfahrung, einzusehen, daß ein Mann in meiner Stellung der Polizei dieses kleinen Fürstentums seine Amtsgeheimnisse nicht anvertrauen kann. Es ist vollständig wahr, daß ich mich nur zu erkennen zu geben brauche, um mich vor jeder weiteren Belästigung, die Sie mir vielleicht zugedacht haben, sicherzustellen, allein es entspricht meinen Zwecken nicht, meine Anwesenheit hier bekannt werden zu lassen. Sehr gegen meinen Willen muß ich offen gegen Sie sein. Hier befinde ich mich auf fremdem Boden, und wenn ich meinen Mann nicht dazu verlocken kann, die Grenze zu überschreiten, habe ich nicht die Befugnis, ihn zu verhaften. Sie haben es in der Hand, mein Herr, meine seit einem halben Jahre mit der größten Geduld verfolgten Pläne im letzten Augenblick zum Scheitern zu bringen. Unglücklicherweise bin ich in Ihrer Gewalt, allein ich habe Ihnen meine Lage, soweit es sich mit meiner Pflicht gegen meine Regierung verträgt, erklärt und habe weiter nichts zu sagen.« Das war eine vollkommen glaubliche und mögliche Geschichte, die überdies mit Mortimers früheren Angaben im Einklang stand, und Tom hatte nicht den Wunsch, irgend jemand zu schädigen. Allerdings hatte er seine Zweifel, aber ein Zweifel ist keine Gewißheit, und er fühlte, daß er ohne Gewißheit nicht das Recht habe, zu handeln. »Ich bitte um Entschuldigung, Mr. – Ich habe nicht den Vorzug, Ihren Namen zu kennen,« sagte er. »Staunton,« erwiderte James, »Arthur Staunton.« »Ich bitte um Verzeihung, Mr. Staunton,« fuhr Tom fort, während er James' Verbeugung ernst erwiderte, »aber ich bekenne, daß ich noch nicht ganz zufriedengestellt bin. Jedenfalls nehme ich mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, den Namen, den Sie angenommen haben, fallen zu lassen und von jetzt an unter einem andern zu reisen.« »Zufällig, Mr. Finch,« versetzte James, »war ich gerade im Begriffe, zu keinem andern Zwecke in mein Zimmer zu gehen, als um mich umzukleiden. Dieser Anzug und der Name haben ihren Dienst gethan, und ich gebe sie beide auf. In einer halben Stunde verlasse ich Monte Carlo. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Mr. Finch.« Unter diesen Umständen blieb Tom nichts andres übrig, als seine Thür zu öffnen und Mr. Staunton hinauszulassen. Das that er unter starkem Zweifel über die Weisheit seines Handelns, aber immerhin ließ er seinen Gefangenen frei und sah ihm nach, wie er über den Gang ging. »Ich weiß nicht – ich weiß nicht,« sprach er zu sich selbst. James atmete erleichtert auf, als er sein Zimmer erreichte, aber er fühlte doch das Bedürfnis, seinen Handkoffer zu öffnen und seine Zuflucht zu der silberbeschlagenen Flasche zu nehmen, ehe er sich umzukleiden begann. »Etwas Ernstes hätte ja nicht vorkommen können,« sprach er bei sich, »aber solche Dinge gefallen mir durchaus nicht; sie sind mir ganz außerordentlich zuwider.« Darauf klingelte er und ließ sich seine Rechnung kommen, die er mit guten Napoleons bezahlte. Sodann kleidete er sich um, packte und bestellte einen Wagen nach Nizza. Varndyke wartete schon auf ihn, und die beiden fuhren zusammen ab, aber sie hatten schon vier oder fünf Meilen zurückgelegt, ehe James den Mut fand, seinem Begleiter zu erzählen, was vorgefallen war. Tom kehrte nach dem Spielsaal zurück, wo er seinen Bundesgenossen gelassen hatte. Dem Erfinder des unfehlbaren Systems war es inzwischen sehr schlecht ergangen, so schlecht, daß er den Mut verloren und sich entschlossen hatte, das Glück diesen Abend nicht weiter auf die Probe zu stellen. Er begegnete Tom in der Thür. »Nun?« fragte Tom. »Wie ist es gegangen?« »Wie ein Krebs,« antwortete Mr. Draker, »rückwärts. Wir haben heute zehntausend Franken verloren.« »Hm,« erwiderte Tom, mit einem leisen Pfeifen, »dann haben wir nicht viel mehr, als das Kapital, womit wir angefangen haben.« »Kaum das Kapital, womit wir angefangen haben,« bestätigte Draker, »Hätten wir nur vor drei Tagen aufgehört, wie?« »Ja, wahrhaftig,« entgegnete Tom, »das wollte ich auch.« Schweigend gingen sie eine Weile auf der Terrasse auf und ab. »Eins muß ich dir doch erzählen,« begann Draker plötzlich, »eine sehr gelungene Geschichte ist passiert. Du hast doch den alten Herrn gesehen, den sie vor etwa einer Stunde aus dem Spielsaal abgeführt haben? Sie haben ihn verhaftet, weil er eine gefälschte Banknote gewechselt hat, und wer, in aller Welt, glaubst du wohl, daß er zu sein vorgibt?« »Wie soll ich das wissen?« fragte Tom. »Er behauptet,« fuhr Draker fort und begann zu lachen, und zwar so von Herzen, daß Tom einstimmen mußte, obgleich er den Grund der Heiterkeit seines Freundes noch gar nicht kannte. »Er behauptet, er sei der Bischof von Stockestithe.« »Was?« rief Tom aus. »Noch einer?« Natürlich mußte er nun Draker sein Abenteuer erzählen, und dieser gab zu, daß es die erstaunlichste Geschichte sei, die er jemals gehört habe – die allererstaunlichste. »Also zwei von diesen Spitzbuben spielen sich als denselben achtbaren alten Knaben in derselben Stunde und in demselben Dörfchen auf. Hör' mal, Alterchen, wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich mal ein bißchen nach der Gendarmerie bummeln und mir Nr. 2 ansehen. Du kannst seinen Lügen wenigstens ein Ende machen, und auch mit Nr. 1 würde ich schnell zu Ende kommen, glaube ich.« »Das ist ganz richtig,« antwortete Tom, »aber, siehst du, in gewisser Art habe ich Nr. 1 mein Wort gegeben. Nr. 2 will ich mir indessen doch mal betrachten. Gehst du mit?« »Hm, nein,« erwiderte Draker. »Ich gehe lieber wieder in den Spielsaal und versuche es noch einmal mit dem System. Die Unterbrechung kann dem Pech ein Ende gemacht haben.« »Gut,« versetzte Tom, »aber wenn das Glück ungünstig ist, sei vorsichtig.« So kehrte also Draker an den Spieltisch zurück, während sich Tom nach der Gendarmerie durchfragte. Als er dort angelangt war, gab er seine Karte ab und erklärte den Zweck seines Kommens. »Sie haben hier einen Menschen in Haft, der eine gefälschte Banknote gewechselt hat. Wie ich höre, ist er ein Engländer und gibt sich für den Bischof von Stockestithe aus.« Ob es der vierte oder der achte Teil der Landstreitkräfte des Fürstentums ist, der sich stets im Dienste befindet, habe ich vergessen. Der wievielte Teil es aber auch sein mochte, der Mann antwortete, daß Toms Vermutung begründet sei. »Gut,« entgegnete Tom. »Ich kenne zufällig den Bischof von Stockestithe ganz genau, und wenn Sie mir erlauben wollen, mir den Verhafteten einmal einen Augenblick anzusehen, kann ich zweifellos dieser lächerlichen Behauptung ein Ende machen. Ich habe triftige Gründe zu glauben, daß sich der Bischof von Stockestithe gegenwärtig in Paris aufhält.« Der Vertreter der Landstreitkräfte des Fürstentums Monaco wußte nicht genau, ob er die Befugnis habe, dieses Verlangen zu bewilligen, allein der Anblick eines Fünffrankenstückes beseitigte seine Bedenken, und Tom erhielt die Erlaubnis, sich Nr. 2 anzusehen. Nr. 2 saß mit in den Händen vergrabenem Gesicht auf der Pritsche, und der Beamte berührte ihn mit der Säbelscheide. » Holla! Il y a un m'sieur ici – « Weiter kam er nicht; denn der Gefangene sah empor und sprang auf, sowie er Tom erblickte. Dieser aber fuhr mit einer Gebärde des Erstaunens zurück, wie er sie noch nie im Leben zu machen sich veranlaßt gesehen hatte. »Allmächtiger Gott, Herr!« schrie er. »Wie hat ein so einfältiger Irrtum nur vorkommen können?« »Mr. Finch,« antwortete der Bischof, »lassen Sie sich damit genügen, daß ich diese Einmischung zurückweise; ich weise sie zurück, mein Herr!« »Aber,« rief Tom, indem er sich dem Beamten zuwandte, »dieser Herr ist wirklich der Bischof von Stockestithe, ein Herr von höchstem Ansehen und Mitglied des Oberhauses. Wissen Sie überhaupt, was ein englischer Bischof ist, Sie Schildkröte? Haben Sie eine Ahnung davon, was Sie thun, indem Sie einen Herrn von seinem Charakter und seiner Stellung hier einsperren? Das ist der blödsinnigste, lächerlichste, einfältigste –. Wer hat denn hier etwas zu sagen? Ist der Fürst von Monaco zu Hause? Mit wem muß ich sprechen, damit dieser ungeheuerlichen Dummheit ein Ende gemacht wird?« Toms Franzosisch war ihm von großem Nutzen, denn er sprach es wirklich ziemlich fließend, war aber für gewöhnlich etwas blöde damit und nicht ganz sicher in den Konjugationen und den Geschlechtsregeln. In seiner jetzigen Aufregung dachte er jedoch nicht an diese kleinlichen Schwierigkeiten und kam sich wirklich beredt vor. Allein der Wächter des Bischofs hatte seine Zweifel über diese Erkennungsscene, die seiner Ansicht nach etwas nach dem Theater schmeckte. Verdrießlich und brummig befahl er Tom, das Gefängnis zu verlassen, wo er den Verhafteten wieder einschloß, und gab auf leine Fragen mehr Antwort. Als Tom wieder auf der Straße war, drehte sich ihm alles im Kopfe herum. »Ich bin verrückt!« sprach er bei sich, »rein ratzentoll! Das ist die ganze Geschichte. Ich habe den Bischof gar nicht gesehen, ich bin gar nicht in der Gendarmerie gewesen. Auch Staunton war ein Hirngespinst, und alles ist Kraut und Rüben, alles, alles von A bis Z! Nachher werden sie mir ein Pflaster auf den Kopf legen, und dann werde ich wohl wieder in Ordnung kommen, denn vor fünf Minuten war ich ja noch ganz vernünftig.« Das alles war nur ein Wortschwall, wodurch sich seine Aufregung Luft machte, denn er war sich vollkommen klar darüber, daß das Abenteuer Wirklichkeit war, allein für den Augenblick war die Vorstellung von Nutzen, denn sie verhinderte, daß er von dem Ungeheuerlichen überwältigt wurde. In sehr kurzer Zeit begann sein Verstand wieder zu arbeiten, und er sing an, sich klar zu machen, daß, wie sich der Bischof von Stockestithe auch in diese verzweifelte Klemme gebracht haben mochte, es vielleicht in seiner, Toms, Macht stehe, seine Lordschaft daraus zu befreien, und es schadet nichts, wenn wir hinzufügen, daß er meinte, das könne ihm möglicherweise von Nutzen sein. Die Gelegenheit, dem Bischof einen Dienst zu leisten, die ihm das Geschick in den Weg geworfen hatte, hieß er willkommen. Rasches Handeln und Vorsicht, damit nichts von dieser lächerlichen Geschichte in die Oeffentlichkeit drang, war ebenso seine Pflicht, wie es sein Vorteil sein mußte. Aber wie sollte er handeln? Er erinnerte sich eines alten Universitätsfreundes, der jetzt Attaché bei der britischen Botschaft in Paris war. Diesem eine ausführliche Darstellung des Vorfalls zu telegraphieren, ihm Verschwiegenheit zur Pflicht zu machen, aber ihn auch gleichzeitig zu veranlassen, den Botschafter in Bewegung zu setzen, konnte sich der Mühe verlohnen. In einer Stunde mußte das Telegramm in Paris sein, und wenn es gleich in die Hände seines Freundes gelangte, war es nicht unmöglich, daß der Bischof noch in der Nacht befreit wurde. Ein solches Verfahren versprach gewiß rascheren Erfolg, als Verhandlungen mit einer Menge alberner Beamten von Monte Carlo. So begann er also den Wortlaut seines Telegramms zusammenzustellen und würde es sofort abgesandt haben, wenn er nicht im Augenblick kein Geld bei sich gehabt hatte. Seine letzte Hundertfranknote hatte er Draker zum Spielen gegeben und vergessen, sie zurückzuverlangen. Rasch rannte er nach dem Kasino, wo er seinem Geführten auf der Terrasse begegnete. Sofort erzählte er diesem seine furchtbare Geschichte, aber Draker schien weniger Ueberraschung und Interesse an den Tag zu legen, als man hatte erwarten sollen. »Was ist denn in dich gefahren, Mensch?« fragte Tom. »Aber das hat Zeit. Ich muß an unsre Botschaft in Paris telegraphieren und diese einfältige Geschichte in Ordnung bringen. Du mußt mir die hundert Franken wiedergeben, alter Freund!« Regungslos und stumm wie ein Fisch und mit auf die Brust gesunkenem Kinn stand Draker auf der Terrasse. »Komm,« fuhr Tom fort, »laß mich nicht so lange warten! die Geschichte muß sogleich geordnet werden.« Aber der junge Draker rührte sich noch immer nicht und sprach kein Wort. »Draker!« rief Tom in unbestimmter Besorgnis. »Was fehlt dir denn?« »Ich fürchte sehr, lieber Tom,« antwortete Draker endlich, »daß, wenn es auf meine Hilfe ankommt, der arme alte Durgan noch weiter im Loche schmachten muß.« »Du willst doch nicht sagen –?« fragte Tom und hielt inne. »Ja, ich will sagen –,« entgegnete Tom. »Aber dazu war ja die Zeit viel zu kurz,« warf Tom ein, dem es kalt ums Herz wurde. »Ach Gott, nein, massenhaft Zeit hatte ich,« antwortete Draker. »Ich bin am Maximum gescheitert und schiffbrüchig geworden. Komm und setze mir was zu trinken vor, ehe ich sterbe, denn ich habe nicht mehr so viel, um mir ein Schuhband zwischen hier und London zu kaufen.« »Ich auch nicht,« erwiderte Tom. »Ich habe nicht einen roten Heller in der Tasche.« Draker brach in ein wildes Gelächter aus, und Tom ergriff ihn am Arme und führte ihn nach dem Hotel. Dort setzten sie sich hin und bestellten sich Cigarren, Cognac und Sodawasser. Der Kellner führte die Bestellung aus und wartete auf Bezahlung. »Ach was, ankreiden!« sagte Draker stöhnend. »Setzen Sie es auf unsre Rechnung,« übersetzte Tom, und der Kellner entfernte sich. In wenigen Minuten kehrte er mit der Rechnung zurück, die er auf einem Teller überreichte. Sie steckten die Köpfe zusammen und betrachteten den Gesamtbetrag, dann sahen sie einander an und brachen in ein trostloses Gelächter aus. Nun leerte Draker sein Glas und erhob sich. »Ich habe die Suppe eingebrockt,« sprach er, »also muß ich sie auch auslöffeln.« »Ach was,« entgegnete Tom, »dafür kann kein Mensch etwas; ich will mit dir gehen.« So gingen sie denn zusammen zum Wirt, der schon seit fünf Minuten wußte, was die Glocke geschlagen hatte. »Wir sind zwei englische Staatsangehörige,« begann Draker, »die auf dem Trocknen sitzen. Wenn Sie so gut sein wollen, ein Telegramm für mich nach London zu schicken, kann ich bis morgen Geld genug haben, um alles zu bezahlen, und dann will ich verduften.« »Unglück beim Spiel, meine Herren?« fragte der Wirt, Sie nickten düster, und der Wirt lächelt«. Diese Leute in Monte Carlo haben eine wunderbare Gabe, zu erkennen, mit wem sie es zu thun haben. Gegen einen anständigen Herrn sind sie niemals ungefällig, während sie einem zweifelhaften Charakter sehr, sehr selten allzuviel trauen. Dort in der Höhle der Reichen und Armen, an dem Orte, wo geknickte Hoffnungen in einer Stunde wieder aufgerichtet oder völlig vernichtet werden, wo sich unehrliche Beamte und junge Kaufleute, die mit ein paar hundert Mark durchgebrannt sind, für einen Tag Einkommen verschaffen, die diejenigen Vanderbilts und Rothschilds in Schatten stellen, dort, wo leichtfertige Millionäre manchmal so leere Taschen haben, als ob sie nicht einen Pfennig in der Welt besäßen: dort ein Hotel zu halten, muß eine seltsame Schule der Weltweisheit sein. »Schon gut, meine Herren,« sagte der Wirt, nachdem sie die Adressen ihrer Bankiers und die Beträge, die sie übersandt zu haben wünschten, genannt hatten; »und bis dahin, meine Herren, befehlen Sie nur alles, was Sie bedürfen.« Sie fühlten, daß sie zunächst etwas mehr Cognac und Sodawasser bedürften, ließen sich diese Tröster kommen und schlürften sie traurig. »Du, Finch,« begann Draker nach einer langen Pause des Schweigens, »ich halte nicht mehr so viel von dem verfluchten System, als früher.« Tom antwortete nicht. Er war fromm erzogen worden und fühlte, daß er seine Meinung über das System unmöglich aussprechen könne, ohne seiner Erziehung Schande zu machen. »Aber warum, zum Henker,« fragte Draker, »klappte es denn immer, bis wir anfingen, es mit Geld zu versuchen?« »Das weiß ich nicht,« entgegnete Tom, »und es liegt mir überhaupt nicht ein Pfifferling an dem System. Soweit ich in Betracht komme, ist das System tot und begraben. Ich denke an den armen alten Durgan.« »Ach ja,« erwiderte Draker, der ganz bereit war, in allem Trost zu finden, »wir haben uns schön hineingeritten, aber wir sitzen doch wenigstens nicht im Loch, und das ist immerhin ein Trost.« »O, diese elende Zeit!« rief Tom. »Diese arge Zeit der billigen Dinge für die große Menge!« »Was hat dir denn die Zeit zuleide gethan?« fragte Draker, »und was haben billige Dinge für die große Menge mit uns zu thun?« »Na,« antwortete Tom, »wenn wir in einer soliden, sich selbst achtenden Zeit lebten, hätten wir nie rein ausgebeutelt werden können. Du hast eine drei Dollars werte amerikanische Fabrikuhr, die am Ende eines schwarzen Bandes hängt, in der Tasche, und ich ihr Gegenstück. Vor nur einem Dutzend Jahren war die Uhr eines anständigen Herrn noch etwas wert, und nun kann ich nicht einmal die Kosten eines Telegramms nach Paris aufbringen, und Lucys Vater sitzt im Loch!« »Ja, es ist schauderhaft!« entgegnete Draker. Sie befanden sich in dem von ihnen gemeinsam bewohnten Zimmer mit zwei Betten, worin sie an den drei Abenden, wo ihnen das Glück hold gewesen war, ihren Gewinst gezählt hatten. Tausende und Tausende und Tausende von Franken! Tausend Franken sind freilich nur vierzig Pfund in englischem Gelde, und Zahlwörter in Verbindung mit Münzbezeichnungen klingen auf dem Festlande viel großartiger als in England, aber was für ein Haufen Geld scheinen selbst die Lappalie tausend Franken zu sein, wenn man zufällig gar nichts hat! Und sie hatten eine ganze Menge von Tausendfrankennoten gehabt, deren hundertundfünfzig oder sechstausend Pfund Sterling, und nun war alles dahin! Das war es, was Draker durch den Kopf ging, während Tom an Doktor Durgan denken mußte. »Das System war schließlich gar nicht so übel,« sagte jener nach einer Weile, »wenn wir nur verstanden hätten, zur rechten Zeit aufzuhören.« »Ach, zum Henker mit dem System!« entgegnete Tom. »Es sollte gespießt, gehenkt und gevierteilt werden, dein System. Laß uns an ein System denken, wie wir dem Bischof aus der Patsche helfen können, worin er sitzt.« »Veranlasse doch den Wirt, an die Botschaft zu telegraphieren,« antwortete Draker, »das ist der einzige Ausweg, der mir einfällt.« »Dann komm,« sprach Tom mutlos. »Ich glaube zwar nicht, daß er's thut, aber versuchen können wir's ja einmal.« Zum zweitenmal traten sie dem Wirt gegenüber, aber als dieser ihre Geschichte gehört hatte, war er zunächst geneigt, sein in sie gesetztes Vertrauen zu bereuen. »Der Bischof von Stockestithe?« fragte er Tom. »Mein lieber Herr, es ist kaum eine Stunde her, daß der Bischof von Stockestithe seine Rechnung hier bezahlt und einen Wagen nach Nizza bestellt hat.« »Das war ein Betrüger,« antwortete Tom hitzig. »Mir hat der Mensch gesagt, er sei ein französischer Detektiv.« »Ich habe darauf weiter nichts zu erwidern,« versetzte der Wirt, »als daß er hier von den vornehmsten Leuten besucht und von diesen auch in ihren Häusern empfangen worden ist.« »Aber ich kenne den Bischof ganz genau,« antwortete Tom; »schon seit Jahren kenne ich ihn.« »Mir scheint es,« hielt der Wirt dem entgegen, »daß ein Mann, der offen unter einem wohlbekannten Namen reist und eine Kleidung trägt, die jedermann kennt, im ganzen die Wahrscheinlichkeit für sich hat, daß er auch der Mann ist, der zu sein er behauptet.« »Aber er ist es nicht!« rief Tom. »Er ist ebensowenig Bischof, als ich es bin.« »Und ferner scheint es mir,« fuhr der Wirt fort, »daß ein Mensch, der in einem gewöhnlichen Anzug reist und in dessen Besitz gefälschte Noten gefunden werden, wahrscheinlich kein Würdenträger der Kirche ist. Ich urteile nach dem, was ich sehe.« »Daß die Sache brenzlich aussieht, kannst du nicht in Abrede stellen, Tom,« bemerkte Draker. »Wenn ich ein Fremder wäre, würde ich sie für außerordentlich faul halten. Aber hören Sie mal, alter Freund,« wandte er sich an den Wirt, der über die Vertraulichkeit der Anrede nicht sehr erfreut zu sein schien, »Mr. Finch kennt den Bischof, verstehen Sie denn nicht? Wir sind beide rein ausgeplündert, und Mr. Finch möchte ein Telegramm an die britische Botschaft nach Paris schicken. Ein so unglaublicher Esel, daß er ohne triftige Gründe an den Botschafter telegraphieren würde, wird er doch nicht sein. Sie werden nicht bankerott, wenn Sie das Telegramm bezahlen, das wissen Sie sehr wohl. Wir sind doch schon in Ihrer Schuld, und komme ich über den Hund, so komme ich auch über den Schwanz. So hängen die Gurken, mein Freund.« »Das belieben Sie zu sagen,« erwiderte der Wirt. »Daß Doktor Durgan einen gewöhnlichen Anzug trägt und gefälschte Banknoten bei sich führt, ist allerdings seltsam und unerklärlich,« gab Tom zu. »Nie im Leben bin ich so erstaunt gewesen, aber daß er es wirklich ist, darüber ist gar kein Zweifel möglich, und er wird die Sache wohl aufklären können.« »Das belieben Sie zu sagen,« wiederholte der Wirt. »Aber heiliger Bimbam!« rief Tom. »Wir haben doch nicht den geringsten Grund, Sie zu betrügen.« »Das belieben Sie zu sagen,« sprach der Wirt zum drittenmal. »Der unglückliche Herr, der hier in Haft ist, ist ein persönlicher Freund des Botschafters,« versuchte Tom zu erklären. »Ein Telegramm kann doch nichts schaden.« »Die Federn, die Tinte und das Papier des Hotels stehen Ihnen zu Diensten, mein Herr.« »Mir kommt eine Idee,« fiel hier Draker ein. »Sie können mich wegen meiner Rechnung einsperren, bis morgen mein Geld kommt. Dann haben Sie mich jedenfalls sicher, und Sie können das Telegramm absenden, ohne Gefahr zu laufen, etwas dadurch zu verlieren. Das ist ein guter Gedanke, meinst du nicht auch, Finch?« »Bitte, schicken Sie das Telegramm ab,« drängte Tom. »Eine kurze Mitteilung an den englischen Botschafter wird ja nicht viel kosten, und ein größerer Schaden als diese Kosten kann Ihnen doch schlimmstenfalls nicht entstehen, aber selbst der ist ganz ausgeschlossen. Denken Sie doch nur einmal, ein ältlicher Herr, ein Mitglied des Oberhauses! Bei Gott, es ist zu furchtbar!« »Was wünschen Sie denn zu telegraphieren?« fragte der Wirt. »O, ich danke Ihnen!« rief Tom, und nachdem ihm ein Telegrammformular, Feder und Tinte gebracht worden waren, schrieb er: »Lord Lorrimer, englische Botschaft, Paris. Doktor Durgan, Bischof von Stockestithe, ist infolge eines seltsamen Mißverständnisses wegen Verausgabung falscher Banknoten verhaftet worden. Bitte, die nötigen Schritte zu thun. Thomas Finch.« »Aber der englische Botschafter heißt ja gar nicht Lord Lorrimer,« wandte der Wirt ein. »Nein,« entgegnete Tom, »Lord Lorrimer ist nur einer der Attachés, aber er ist ein persönlicher Freund von mir und weiß, daß ich genau mit dem Bischof bekannt bin.« »Gut,« erklärte der Wirt. »Ich kann dies zwar nicht vor morgen früh abschicken, aber es soll so bald als möglich geschehen.« Hierauf gingen Tom und sein Gefährte zu Bett und vergaßen bald die Not des Bischofs und ihre eigene. Neuntes Kapitel Am nächsten Morgen trafen Nachrichten von London ein. Es sei dort bekannt, besagten sie, daß sich die Herren Thomas Finch und Robert Draker in Monte Carlo aufhielten, und ihre Checks könnten zu dem angegebenen Betrage ohne Gefahr honoriert werden. Die beiden jungen Herren wären demnach in der Lage gewesen, nach Hause abzureisen, allein, schrecklich zu berichten, von Paris kam keine Antwort. Lord Lorrimer war auf Urlaub abwesend, und Toms Telegramm lag uneröffnet in seinem Zimmer. Tom geleitete Draker nach dem Bahnhofe, aber er selbst fühlte sich verpflichtet, noch in Monte Carlo zu bleiben. »Der alte Durgan haßt mich zwar, wie die Sünde,« sprach er, »aber ich kann ihn doch nicht im Stiche lassen. Hier hast du einen Check, den ich bitte, sofort nach deiner Ankunft einzulösen, und dann laß mir das Geld telegraphisch überweisen. Wahrhaftig, Draker, mein kleiner Haufen wird gewaltig zusammenschmelzen, und ich weiß nicht, wie ich bis zum nächsten Vierteljahrsanfang leben soll.« Traurig sagte ihm sein Freund lebewohl und kehrte nach London zurück, während Tom in Monte Carlo blieb, um das Ende des sonderbaren Trauerspiels abzuwarten und den Bischof auf geradem oder krummem Wege zu befreien. Zum erstenmal in seinem Leben hatte Doktor Durgan in seinen Kleidern geschlafen. Nicht nur aus Gewohnheit, sondern auch von Natur war er ein Mensch der äußersten Reinlichkeit, so daß er sich unglücklich und körperlich unbehaglich fühlte, als er erwachte und sah, daß er schmutzig und sein Leinenzeug zerknittert war, und daß er sein gewohntes Bad entbehren mußte. In dieser Jahreszeit und dem herrschenden Wetter litt alle Welt unter der Hitze. Selbst in großen, luftigen Zimmern hatten leicht und passend gekleidete Leute sich unruhig umhergeworfen, und der Gefangene war gezwungen gewesen, auf einer Pritsche mit einem hölzernen Kopfkissen in einem gänzlich ungelüfteten Räume zu liegen. Soviel mir bekannt, ist der Thatendurst der Mücken an der Riviera zur Zeit der Sommersonnenwende noch nicht besungen worden. In der Lage, behaupten zu können, daß an andern Orten nicht ihresgleichen gefunden werde, bin ich zwar nicht, allein ich habe einen großen Teil meines Lebens auf Reisen zugebracht und habe keine gefunden, die sich mit ihnen messen könnten. In den Läden an der Riviera wird eine Art von Räucherkerzchen verkauft, die den schönen Namen führt: » Sonni tranquilli «, und wenn man diese in solchen Massen verbrennt, daß man in Gefahr gerät, im Rauche zu ersticken, dann verbergen sich die Mücken in den Ecken. Wagt man aber, wenn man beinahe vergiftet ist, mit dem Räuchern aufzuhören, so kommen sie wieder hervor und beginnen ihr Werk mit unglaublicher Unerschrockenheit und Schneidigkeit von neuem. Aber dem Gefangenen stand nicht einmal dieses zeitweilige und unangenehme Verteidigungsmittel zu Gebote, und die geflügelten Plagegeister sangen ihm die ganze Nacht ihr schreckenerregendes Lied in die Ohren und marterten ihn. Wenn die Mücke weniger drohte, könnte sie zweimal so viel stechen und würde noch eher Gnade in unsern Augen finden. Gerade dieser drohende Gesang, diese unaufhörliche Verkündigung blutdürstiger Absichten, diese schwirrende Kriegsmusik nie gestillten Hasses und nimmersatter Gier sind es, die sie so furchtbar machen. »Der Anblick eines guten Menschen, der mit widrigen Umständen kämpft, ist den Göttern angenehm.« Wirklich? Jeder, der sich die Lage des Bischofs klar macht, erkennt, daß der Satz von einem Heiden geschrieben worden ist. Die niederträchtigen Kerbtiere bearbeiteten seine Fußgelenke, seine Hände, seine Nase und ganz besonders das eine Augenlid, und wenn er diese Körperteile vorsichtig im Dunkeln berührte, konnte er fühlen, wie sie merkbar anschwollen. Er malte sich aus, was für ein Bild er am Morgen bieten werde, und erblickte sich unrasiert, ungekämmt und mit Anschwellungen im Gesicht, die den Knuppen eines Gewohnheitsgrogtrinkers glichen, und einem häßlichen, unfreiwilligen, aber unaufhörlichen Blinzeln. So niederschmetternd dieses Phantasiegebilde für sein Gemüt war, so war es doch keineswegs übertrieben, denn lange bevor der Tag dämmerte, hatte dieser würdigste unter den Menschen aufgehört, auch nur achtbar auszusehen. Seine Absicht war gewesen, die unerwartete Gelegenheit zu benutzen, die Welt von einer Seite kennen zu lernen, die ihm gewöhnlich verschlossen und deshalb fremd war. Nun hatte er, was er gesucht hatte, nur etwas zu viel davon. In gewisser Art litt er unter embarras de richesse . Schon in frühester Kindheit machen wir die Erfahrung, daß es keine Stelle an unserm Körper gibt, wo ein Geschwür angenehm ist. Und so ist niemals jemand in einer schlimmen Lage gewesen, ohne zu denken, daß er eine andre schlimme Lage leichter ertragen könnte. Wäre es das Geschick des Bischofs gewesen, in unruhigen Zeiten zu leben und seiner religiösen oder politischen Ueberzeugung wegen in den Tower geworfen zu werden, so würde er sein Los mit Würde auf sich genommen und mit Seelenstärke getragen haben. Das hätte wenigstens in Uebereinstimmung mit der Überlieferung gestanden. Allein unter der Anklage wegen eines gemeinen Verbrechens in einem sehr heißen, dumpfen, übelriechenden Raum eingesperrt und von summenden Mücken und ihrem stummen Verbündeten, dem Floh, zu Tode gebissen zu werden, hat weder etwas Ueberlieferungsmäßiges, noch überhaupt etwas Begeisterndes, Die Dinge waren in einen falschen Gesichtswinkel gerückt, und das machte sie so ganz besonders unleidlich. Unglücksfälle, die über Männer in erhabener Stellung hereinbrechen, sollten wenigstens wichtig, bedeutungsvoll und ergreifend sein und Ungebildete wie Gebildete mit scheuer Ehrfurcht erfüllen. Die Schicksalsgöttinnen hatten den Bischof an seinem verwundbarsten Punkte getroffen, wie das so ihre Art ist, wenn sie es darauf anlegen, boshaft zu sein. Wozu sollten sie sich auch die Mühe geben, zu schlagen, wenn der Schlag nicht wehe thun soll? Aber selbst wenn sie am grausamsten ist, hat die Natur doch noch einen Rest von Erbarmen. Der Bischof schlief endlich ein und schlummerte schmerz- und traumlos, wie es, wenn die Ueberlieferung nicht trügt, Männer und Frauen selbst auf der Folterbank schon gethan haben. Am Morgen brachte der Vertreter der Landstreitkräfte eine Schale mit Wasser und ein Handtuch, das schon zu seltsamen Dingen gebraucht zu sein schien. Ob vielleicht ein unklares Gerücht von der englischen Leidenschaft, sich zu waschen, an sein Ohr gedrungen war und ihn zu dieser Handlung veranlaßt hatte, ziemt uns nicht, zu untersuchen, aber mit diesen beiden Dingen als einzigen Hilfsmitteln mußte der Bischof seine Toilette machen. Die Natur hatte ihn dazu bestimmt gehabt, einen prächtigen Bart zu tragen, und es war seine Gewohnheit, sich täglich zweimal zu rasieren. Einen Spiegel hatte er nicht, aber er wußte, daß sein Kinn und seine Wangen die Farbe einer reifen Pflaume haben mußten. Der traurige Raum wurde mit jeder fliehenden Stunde heißer und heißer. Gegen Mittag war er wie ein türkisches Bad, und der Gefangene war so schlaff geworden wie seine eigene Leibwäsche, Er wußte, daß er mit jeder verrinnenden Stunde in Hinsicht auf seine äußere Erscheinung sich selbst unähnlicher wurde. Schreiben oder telegraphieren, um sich Rechtsbeistand zu verschaffen, konnte er nicht, denn all sein Geld war ihm abgenommen worden. Ueberhaupt konnte er mit der Außenwelt nicht in Verbindung treten, denn sein Wächter sprach eine Mundart, die ihm vollkommen unverständlich war. Nur das Bewußtsein, daß er jedenfalls früher oder später erkannt und in Freiheit gesetzt werden müsse, hielt ihn aufrecht, wenn er auch noch Tage tiefer Demütigung vor sich sah und manchmal vor Zorn überkochte. Aber was nützt das Ueberkochen, wenn nichts im Topfe ist? Als der Tag verging, begann er zu bereuen, daß er Tom nicht erlaubt hatte, etwas für ihn zu thun. Dieser junge Mann hatte viel mehr Recht auf seiner Seite, als der Bischof anerkennen wollte, und das war ein ausgezeichneter Grund, eigensinnig und ärgerlich auf ihn zu sein. Aber Tom hätte bei alledem doch von Nutzen sein können, und wie unwillkommen Doktor Durgan auch Hilfe von dieser Seite sein mochte, so mußte er doch bei sich einräumen, daß ihm andre nicht zur Verfügung stand. Er wünschte, er hätte den jungen Mann nicht so schroff abgewiesen, aber noch bevor dieser Wunsch eine bestimmte Gestalt angenommen hatte, durchlebte er im Geiste einen Auftritt, worin er ihn mit noch größerer Strenge abfallen ließ. Ueber die Tageszeiten konnte er nur Vermutungen anstellen, und wenn nicht der über den Fußboden kriechende Sonnenschein gewesen wäre, hätte er geglaubt, es sei Mitternacht. Endlich senkte sich die Dämmerung herab, die übelriechende Lampe wurde angezündet und an einen Balken gehängt, und die Mücken begannen wieder zu erwachen. Der Gefangene sah der kommenden Nacht so heldenmütig entgegen, als er konnte. Er hatte einen Wolfshunger. Noch nie war er so hungrig gewesen, aber er hätte von den ihm angebotenen Nahrungsmitteln nichts anrühren können, und wenn sein Leben davon abgehangen hätte. Endlich, als sein Mut am tiefsten gesunken war und seine Fähigkeit, zu dulden, ihre Grenze erreicht hatte, hörte er Schritte und eine Stimme vor der Thür. Beide waren die Tom Finchs, und einen Augenblick fühlte der Bischof den Trieb, sich zu erheben und seinen Feind zu umarmen. Allein er unterdrückte diesen Trieb sofort, wenn er auch die Thatsache, daß er ihn gefühlt hatte, nicht aus der Welt schaffen konnte. Tom hatte etwas mehr Geld erhoben, als er selbst bedurfte, so daß er sogar ein Fünffrankenstück für den Wächter des Bischofs übrig hatte. Ernst und schweigsam trat er ein, und der Bischof nahm alle seine Würde zusammen, aber die Verlegenheit war für beide Teile groß. »Ich gab mich der Hoffnung hin,« begann Tom. »daß diese unselige Geschichte schon früher aufgeklärt sein würde. Inzwischen habe ich an die englische Botschaft in Paris telegraphiert und erwarte die Antwort jeden Augenblick.« Gern hätte der Bischof geschwiegen, allein nur verdrießlich und übellaunig zu erscheinen, wäre seiner auch nicht würdig gewesen. »Ich habe Ihnen bereits zu verstehen gegeben, Mr. Finch,« erwiderte er, »daß mir Ihre Einmischung in meine Angelegenheiten nicht angenehm ist. Allerdings verhehle ich mir die Thatsache nicht, daß meine gegenwärtige Lage sowohl lächerlich, als auch höchst peinlich ist. Trotzdem bin ich genötigt, Ihnen zu versichern, daß ich es vorziehen würde, sie fortdauern zu sehen, als meine Befreiung daraus Ihnen zu verdanken.« »Ja,« entgegnete Tom, »das ist wohl natürlich, aber Sie müssen doch auch meine Seite der Frage in Betracht ziehen. Ich kann Sie nicht hier sitzen lassen, ohne einen Versuch zu machen, Ihnen zu helfen. Wenn Sie die Güte haben wollten, mich als vollständig Fremden anzusehen und überzeugt zu sein, daß ich diesen verrückten Zustand nicht zu benutzen beabsichtige, um mir Ihre Gunst zu erschleichen, würden Sie mich zu großem Danke verpflichten.« »Diese männliche Gesinnung macht Ihnen Ehre, Mr. Finch,« versetzte der Bischof, denn wenn man alles in allem nimmt, so war er ein Gentleman und konnte nicht zulassen, daß alle Großmut auf seiten seines Gegners sei. »Ich danke Ihnen,« antwortete Tom einfach, und in diesem Augenblick trat der Wächter des Bischofs mit der Abendmahlzeit für den Gefangenen ein. »Nehmen Sie das Zeug weg,« rief der Bischof mit einem Erröten des Aergers und der Demütigung, »nehmen Sie es weg.« »Bitte um Entschuldigung,« sagte Tom, »aber sind das die Speisen, die anzunehmen man Ihnen zugemutet hat?« »Seit meinem gestrigen Mittagessen habe ich keinen Bissen angerührt,« erwiderte der Bischof steif. »Das habe ich wahrhaftig ganz vergessen!« rief Tom. »Ich bitte um Verzeihung, aber an so etwas habe ich gar nicht gedacht. Den ganzen Tag bin ich in so elender, gespannter Erwartung der Antwort auf mein Telegramm umhergelaufen, daß ich für weiter nichts Sinn hatte. In zehn Minuten bin ich wieder hier.« Hastig wechselte er einige Worte mit dem Wächter und rannte, ohne vollkommen sicher zu sein, ob er verstanden worden war, eiligen Laufes nach dem Hotel. Hier versorgte er sich mit einigen gebratenen Tauben, einem halben Meter französischen Weißbrots und einer Flasche Wein. Sein letztes Geldstück verpfändete er für Messer und Gabel, ein Tischtuch, ein Glas, einen Teller und ein Salzfaß, und so ausgerüstet rannte er nach dem Gefängnis zurück, wo er ganz außer Atem anlangte. Das mitgebrachte Mahl setzte er dem Bischof vor und forderte ihn auf, zuzulangen. Seine Lordschaft hätte vielleicht lieber abgelehnt, allein der innere Trieb war zu stark. Tom hatte ein Taschenmesser bei sich, aber er hatte es schon für immer durch den Versuch verdorben, die Drähte der Weinflasche damit zu lösen. Die Tauben waren zart und saftig, der Wein kühl und wohlschmeckend, und nie hatte dem Bischof etwas so köstlich gemundet. Sein Herz öffnete sich für Tom, und wenn dieser junge Herr nur ein wenig im Unrecht gewesen wäre, so würde er ihm vergeben haben, allein er war ganz unleidlich im Recht, und einem Feinde zu verzeihen, dem man eigentlich nichts vorzuwerfen hat, das geht über die menschliche Natur. Der Bischof mußte also sein Herz verhärten, aber es kostete ihn Mühe. Außerdem schämte er sich wegen seines großen Hungers, was Tom nicht entging. »Wenn Sie mir gestatten, will ich draußen eine Cigarette rauchen,« sagte er, »und in ein paar Minuten wieder hereinkommen.« Was für ein herrliches Bankett die Tauben und das französische Brot abgaben und wie belebend der Wein durch die Adern strömte! Mit dem ersten Bissen war es, als ob die kleinen Knochen im Rücken seiner Herrlichkeit, die zuerst einer nach dem andern ihrer Tragkraft beraubt und dann alle verschwunden zu sein schienen, zurückkehrten. Sein Geist war von der unklaren und widerspruchsvollen Empfindung erfüllt, daß Tom Finch ein sehr ritterlicher junger Mann sei, und daß er, der Bischof, aber doch wünsche, Tom säße auf dem Blocksberge. Und als Tom zurückkam, verursachte der Kampf zwischen dem Bestreben, seine Würde zu bewahren, und dem Verlangen, seinem Feinde die Hand zu schütteln, seiner Herrlichkeit großes Unbehagen. Tom bot ihm eine Cigarre an, die der Bischof auch nicht ausschlugt und das Rauchen brachte ein so seliges Wohlbefinden hervor, daß seine Lordschaft meinte, er habe das Leben noch nie so genossen. Dann aber fiel ihm seine Lage wieder ein, und er wußte, daß er noch nie so elend gewesen war. »Wie ich Ihnen bereits gesagt, habe ich an die englische Botschaft telegraphiert,« begann Tom wieder. »Ich habe meine Mitteilung an Lord Lorrimer gerichtet, weil wir alte Freunde sind, aber wenn ich nicht morgen früh beizeiten Antwort erhalte, muß ich annehmen, daß er abwesend ist! und dann werde ich an den Botschafter selbst telegraphieren.« Der Bischof gab keine Antwort, obgleich er gern gesagt hatte, daß, alles in allem genommen, Tom sehr freundlich sei. »Inzwischen ist aber einiges vorgefallen,« fuhr Tom fort, »wovon Sie in Kenntnis zu setzen, mir wesentlich erscheint. Ich bitte um Erlaubnis, Ihnen die entsprechenden Mitteilungen zu machen.« »Einen Grund, weshalb ich es ablehnen sollte, Sie anzuhören, Mr. Finch,« erwiderte der Bischof, »wüßte ich nicht anzuführen.« »Ich nehme an,« sprach Tom weiter, »daß Sie den Herrn, mit dem Sie sich an Bord des Dampfers zwischen Dover und Calais so angelegentlich unterhielten, nicht vergessen haben.« »Allerdings entsinne ich mich des Herrn, auf den Sie hinweisen, vollkommen,« entgegnete der Bischof. »Er war mir fremd, aber er erwies mir auf der Reise einige kleine Gefälligkeiten, und ich fand ihn recht unterhaltend und gebildet.« »Ich bin sehr geneigt, ihn für einen ungewöhnlich geriebenen Schurken zu halten,« sprach Tom. »Hat er Ihnen zufällig seinen Namen genannt?« »Gewiß,« versetzte der Bischof, »und ich erinnere mich des Namens auch noch. Er war ein Mr. Decimus Balley und deutete an, daß er Grundbesitz in Irland und der Havana habe. Im Hotel Continental bewohnte er das dem meinen zunächst gelegene Zimmer.« Als der Bischof den letzten Satz aussprach, hatte Tom genau das Gefühl, wie ein Mensch, der in einem dunkeln Raume Licht macht und alles, was ihn umgibt, bekannt findet, während er geglaubt hatte, an einem unbekannten Orte zu sein. Der Fremde im Anzüge eines Bischofs, der Bischof in gewöhnlichen Kleidern! Ihm war zu Mute, als ob er die Antwort auf seine nächste Frage schon wisse, noch ehe er sie gestellt hatte. »Verzeihen Sie, Mylord, aber ist Ihnen vielleicht in Paris ein Anzug abhanden gekommen?« »Allerdings,« antwortete der Bischof, »aber darf ich fragen, worauf Sie mit all diesen Erkundigungen hinauswollen?« Die Worte waren in den Wind gesprochen, denn Tom rannte, mit den Händen in der Luft umherfuchtelnd, wie besessen im Zimmer umher und rief ein übers andre Mal, er sei ein Dummkopf, ein Hornvieh, ein Esel, ein Narr! »So fassen Sie sich doch, Mr. Finch,« ermahnte der Bischof. »Gestern abend hatte ich den Halunken in meinen Händen!« schrie Tom. »Ich hatte ihn ganz fest und war blödsinnig genug, ihn wieder laufen zu lassen!« »Wollen Sie sich nicht naher erklären, Mr. Finch?« fragte der Bischof streng. »Gewiß will ich das,« erwiderte Tom, »natürlich will ich das. Der Mensch, der sich Ihnen als Mr. Decimus Bailey und mir als Mr, Arthur Staunton vorgestellt hat, ist hier in der Gegend als Bischof von Stockestithe aufgetreten.« »Als der Bischof von Stockestithe?« stieß Seine Herrlichkeit hervor. »Der Bischof von –« »Ich habe ihn in Ihrem Anzuge getroffen,« sagte Tom trübselig, »und habe von einem Kellner im Hotel in Erfahrung gebracht, daß er sich als Bischof von Stockestithe ins Fremdenbuch eingeschrieben hatte. Darauf habe ich ihn gezwungen, mir in mein Zimmer zu folgen, und habe eine Erklärung von ihm verlangt. Er behauptete, Geheimpolizist im Dienste der französischen Regierung zu sein, und rechtfertigte seine Verkleidung mit der Angabe, daß er einen abgefeimten, gefährlichen Verbrecher verfolge. Und darauf habe ich ihn laufen lassen, ich habe ihn laufen lassen!« »Gott steh mir bei!« rief der Bischof. »Ich hatte selbst Grund, den Menschen für verdächtig zu halten – aber ist es denn möglich? Er schien wirklich ein so liebenswürdiger und gebildeter Mensch zu sein und entwickelte so gesunde Ansichten über die kirchliche Frage, daß ich ganz überrascht war, einen Laien so vertraut damit zu sehen. Mein lieber Mr. Finch, der Mensch hat eine bessere Erziehung genossen, als viele Gentlemen.« »Das ist auch mein einziger Trost,« entgegnete Tom, »daß er ein ungewöhnlich geriebener Spitzbube ist. Allein ich möchte noch über eine andre Sache mit Ihnen reden und mir die Frage erlauben, ob Sie sich des Nachmittags entsinnen, wo wir unsre letzte Unterredung am Portland Place hatten?« »Ganz genau,« versetzte Doktor Durgan. »Wenige Minuten, nachdem Sie mich verlassen hatten,« fuhr Tom fort, »begrüßten Sie einen Herrn von militärischem Aussehen – einen militärischen Hanswurst.« »Ja,« sagte der Bischof. »Nun, was hat es mit dem für eine Bewandtnis?« »Ich möchte nur wissen, ob Sie der Ehrenhaftigkeit des Menschen sicher sind, das ist alles. Zufällig habe ich nämlich gehört, wie ihn Ihr Freund, Mr. Decimus Bailey, fragte, auf welche Weise er aus dem Gefängnis von Portland entkommen sei.« »Gott steh mir bei!« rief der Bischof zum zweitenmal. »Der Herr, der mich begrüßt hat, ist mir von einem ungemein achtbaren Manne vorgestellt worden, von Mr. Roß, den ich seit zwei Jahren als Sekretär einer ausgezeichneten Missionsgesellschaft im östlichen Teil von London kenne. Mr. Roß hat mir den in Rede stehenden Herrn als Oberst Varndyke vorgestellt.« »Das mag sein,« versetzte Tom. »Jedenfalls habe ich noch nicht eine halbe Stunde, nachdem er Ihnen die Hand gedrückt hatte, gehört, wie ihn Mr. Decimus Bailey fragte, auf welche Weise er aus Portland entkommen sei, bei welcher Frage der andre bleich wurde und an allen Gliedern schlotterte.« »Gott steh mir bei!« rief Doktor Durgan zum drittenmal. »Ich werde nicht versäumen, Mr. Roß zu warnen. Bei der nächsten Versammlung der Missionsgesellschaft führe ich den Vorsitz und werde diese Gelegenheit benutzen. Roß ist ein Mensch von zweifelloser Rechtschaffenheit.« Nun erzählte Tom die ganze Geschichte, die der Bischof in sprachlosem Erstaunen anhörte. »Ich fange an, einzusehen,« sagte er, als Tom geendet hatte, »daß der Kleidertausch, den ich für einen Zufall hielt, mit Ueberlegung und Absicht bewerkstelligt worden ist.« »Das fange ich auch an, einzusehen,« erwiderte Tom trocken. »Aber, Mr. Finch,« rief der ältere Herr, »eine solche Frechheit! Man – man – man könnte beinahe von Entweihung reden, Haben denn diese Leute gar keine Ahnung von dem, was sich schickt? Fürchten sie die Entdeckung nicht?« Am nächsten Morgen schickte Tom einen Vorrat reiner Wäsche ins Gefängnis und trug Sorge, daß der Gefangene ein gutes Frühstück erhielt, worauf er ihn etwas getröstet verließ. Sobald das Telegraphenamt geöffnet war, telegraphierte Tom noch einmal, und zwar diesmal unmittelbar an den Vertreter Ihrer britischen Majestät und bat um sofortige Antwort. Diese kam auch im Laufe des Nachmittags und enthielt das Versprechen, daß die nötigen Schritte alsbald gethan werden sollten, und die Bitte um weitere Einzelheiten. Toms Geld war inzwischen wieder zur Neige gegangen, allein als der Hotelbesitzer das Telegramm des Botschafters sah, legte er die weiteren Kosten mit der größten Bereitwilligkeit aus und versprach, dafür zu sorgen, daß es dem Gefangenen an nichts fehle. Ein zweites Telegramm der Botschaft an die Behörden, das durch die Vermittelung des englischen Konsuls in Marseille kam, führte dazu, daß der Bischof gegen Bürgschaft aus der Haft entlassen wurde. Das alles sah sehr vielversprechend aus, allein gegen fünf Uhr nachmittags tauchte ein sehr freundlicher Herr auf, der ein rotes Bändchen im Knopfloch trug. Dieser erklärte, er habe den Auftrag, den Verhafteten nach Paris zu bringen. Die Behörden hatten sich wegen des Falles mit der Bank von England in Verbindung gesetzt, diese mit der Polizei von Scotland Yard, und Scotland Yard hatte sich an die Polizei von Paris gewandt, und nun war die Pariser Polizei zur Stelle, freundlich, höflich würdevoll, aber unerbittlich. Tom suchte den Herrn auf und setzte ihm die Verhältnisse auseinander. »Seine Herrlichkeit wäre natürlich sehr gern bereit, Sie nach Paris zu begleiten,« sprach er, »aber – –« »Eine Frage der Bereitwilligkeit ist es gar nicht,« entgegnete der Beamte. »Nun, das mag dahingestellt bleiben,« fuhr Tom fort. »Wenn es eine Frage der Bereitwilligkeit wäre, würde er sehr erfreut sein, Sie zu begleiten. Aber ich habe hier ein Telegramm der britischen Botschaft, bitte, lesen Sie es, woraus hervorgeht, daß ein Herr, der den Bischof kennt, heute abend von Paris abreist, um die Persönlichkeit festzustellen.« »Meiner vorgesetzten Behörde ist, soviel ich weiß, eine derartige Mitteilung nicht zugegangen,« sagte der Beamte. »Ich muß morgen früh mit dem ersten Zuge nach Paris zurückkehren, und der Gefangene muß mich begleiten.« Da langsam gesprochen wurde, verstand der Bischof so viel, daß ihm klar wurde, was dieser großartige Herr sagte. »Ich muß nach Paris zurückkehren, Mr. Finch,« sprach er, »und vielleicht ist es, je früher ich dorthin komme, um so besser. Möglicherweise könnte ein an den von der Botschaft abgeschickten Herrn en route gerichtetes Telegramm diesen erreichen und seine Weiterreise verhindern, so daß wir ihn an dem Orte träfen, wo er das Telegramm erhält.« Tom verdolmetschte das, und der Beamte willigte mit einer Miene ein, als ob er es für eine seine Ausflucht hielte, die das Aufgeben des Widerstandes verdecken sollte. »Ich habe die Ehre,« sagte Tom, »mit einem anständigen Herrn zu sprechen, und brauche wohl kaum darum zu bitten, daß Sie Seine Lordschaft rücksichtsvoll behandeln.« »Seine Herrlichkeit wird mit aller gebührenden Rücksicht behandelt werden,« erwiderte der Franzose. »Er wird unter der Obhut eines Beamten in Zivil zweiter Klasse fahren.« »Wird Seiner Herrlichkeit gar nicht einfallen,« antworte Tom, »Seine Herrlichkeit wird erster Klasse fahren.« »Nur auf seine eigenen Kosten,« versetzte der Beamte. »Natürlich auf seine eigenen Kosten,« sagte Tom, »und wenn Seine Herrlichkeit und Sie mir einstweilen die Ehre erweisen wollen, mit mir zu speisen, können Sie vielleicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden.« Mit Rücksicht auf die zugestandene Anwesenheit des Beamten in Zivil wurde die Einladung angenommen. Der Bischof von Stockestithe war nie würdevoller gewesen, als bei diesem Diner, und Tom niemals ehrfurchtsvoller, denn er wollte einen Eindruck auf den Beamten machen. Wenn er seinen ehemaligen Feind anredete, nannte er ihn stets »Mylord«, und er war so unterwürfig und achtungsvoll, daß der Bischof eine ganz gute Meinung von ihm bekam und bedauerte, daß ein junger Mann, der sich so gut zu benehmen wußte, sich jemals zur Widersetzlichkeit gegen berechtigtes Ansehen hatte hinreißen lassen. Und das stattliche Benehmen des Bischofs und Toms Unterwürfigkeit und seine Lebhaftigkeit in der Unterhaltung hatten in der That die Wirkung, daß in dem Beamten doch ein Schimmer von Zweifel am verbrecherischen Charakter seines Gefangenen aufzusteigen begann. »Nun lassen Sie mal hören, mein Herr,« begann Tom, nachdem eine Flasche ausgezeichneten Burgunders zweimal die Runde gemacht hatte, »werden wir denn auch einen gehörigen Spaß für unser Geld haben? Ist die Fälschung, wobei Seine Herrlichkeit beteiligt sein soll, denn auch der Rede wert? Wir wollen hoffen, daß sie wenigstens ansehnlich ist.« »Wenn es Ihnen Befriedigung gewahrt, das zu wissen,« entgegnete der Beamte, »so will ich Ihnen mitteilen, daß sie ganz riesig ist. Die Bank von England hat bereits gefälschte Noten im Betrage von einer halben Million angehalten.« »Einer halben Million!« rief Tom, dem der Atem stehen blieb, denn er dachte natürlich, es handle sich um eine halbe Million Pfund Sterling. »Eine halbe Million,« wiederholte der Beamte, indem er seinen Wein schlürfte. »Da die Noten auf das echte Papier der Bank gedruckt sind, ist es unmöglich, die Fälschung zu erkennen, außer an den Nummern.« »Sie haben wenigstens die Genugthuung, Mylord,« wandte sich Tom an den Bischof, »zu wissen, daß dieses außerordentliche Abenteuer Ihnen einen Blick in die Geheimnisse gewährt, womit ein ungeheuerliches Verbrechen umgeben ist. Niemals kann etwas Aehnliches vorkommen.« Tom sprach dies vollkommen unbefangen und ohne tiefere Absichten, aber hätte er sich auch die ganze Nacht besonnen, er würde nichts gefunden haben, was dem Bischof so angenehm gewesen wäre. Es entsprach in der That dem ersten Gedanken, der diesem gekommen war, wenn es auch nicht zur Aufklärung der häßlichen Seite seines Mißgeschicks diente. Ein Blick in den inneren Zusammenhang eines ungeheuren Verbrechens zu thun, das war immerhin etwas, und er begann darüber nachzudenken, ja, er überraschte sich dabei, wie er einen Teil der Geschichte einer erstaunten Tischgesellschaft bei einem zukünftigen Diner erzählte: »Ich habe zufällig Gelegenheit gehabt, einen Blick in den inneren Zusammenhang eines ungeheuren Verbrechens zu thun. In einem Hotel des Festlandes waren mir meine Kleider von einem Banknotenfälscher gestohlen worden, der wahrscheinlich in dieser Verkleidung der Aufmerksamkeit der Polizei für die notwendige Zeit zu entgehen hoffte,« und so weiter. Es gab also eine Art, wie man die Geschichte wirksam erzählen konnte, ohne einen der wesentlichen Umstände zu unterdrücken. Aber dennoch –. Nun, schließlich war es vielleicht doch besser, nichts davon zu sagen. Aber es lag doch etwas Tröstliches in dem Gedanken, und das beschäftigte ihn den ganzen Abend, selbst als der Beamte, der jetzt ganz höflich geworden war, um Entschuldigung bat, daß er ihn in seinem Schlafzimmer einschließen müsse. Der Gedanke besänftigte ihn auch am folgenden Tage und auf der ganzen Reise nordwärts. Und als er etwa halbwegs zwischen Marseille und Paris den von der Botschaft abgesandten Herrn traf und der Beamte ihn mit vielen Entschuldigungen aus der Haft entließ, beschäftigte ihn der Gedanke immer noch. Ein Blick in das innere Getriebe eines ungeheuren Verbrechens! Von diesem Gesichtspunkt aus zog er vor, die Angelegenheit zu betrachten. Das war jedenfalls angenehmer, als an die Mücken und Flöhe und an das schmutzige Handtuch und den groben Schweizer zu denken, der ihn an der Schulter gefaßt und durch die Straßen von Monte Carlo geschoben hatte, wie einen ungezogenen Jungen, der beim Aepfelstehlen ertappt worden ist. »Bei einer Persönlichkeit von Monseigneurs Stellung und Ansehen,« sprach der Beamte, »ist es leicht zu sehen, was für einen unbegreiflichen Mißgriff diese Provinzialbeamten gemacht haben. Meinerseits werden Monseigneur eine Entschuldigung wohl kaum für notwendig halten.« Doktor Durgan schüttelte ihm mit königlicher Herablassung die Hand, und sie fuhren alle zusammen nach Paris. Dort erwartete sie der vertraute Diener des Bischofs, den er von Monte Carlo aus telegraphisch bestellt hatte, und im Hotel war er endlich in der Lage, wieder seine gewöhnliche äußere Erscheinung anzunehmen. »Wenn ich auch die Meinungsverschiedenheit, die uns trennt, nicht vergessen darf, Mr. Finch,« sprach er, »so kann ich mich dennoch nicht enthalten, Ihnen für die mir geleisteten Dienste meinen aufrichtigsten Dank zu sagen.« »Gar keine Ursache,« antwortete Tom. Jetzt, wo diese Dienste geleistet waren, war der Bischof also wieder auf seinen alten Standpunkt zurückgekommen. »Ich habe gethan, was ich konnte, aber es war nicht viel, und ich würde das für jeden gethan haben.« In diesen Worten lag etwas wie eine Kriegserklärung, und der Bischof nahm sie so auf, wie sie Tom gemeint hatte. Seine Herrlichkeit reiste nach London ab und ließ sein Abenteuer hinter sich. Er betrachtete die Geschichte als beendet, während die merkwürdigste Wendung noch vor ihm lag. Zehntes Kapitel Doktor Durgan kehrte nach Stockestithe zurück, erzählte aber niemand etwas von seinen Erfahrungen. Einen Monat blieb er zu Hause und begab sich dann nach London, um den Vorsitz in der Ausschußsitzung der Missionsgesellschaft im Osten der Stadt zu führen, wovon er gesprochen hatte. Schon frühzeitig machte er sich auf den Weg, denn er hatte die Absicht, mit Mr. Roß, den er dort zu treffen erwartete, über den Oberst Varndyke zu sprechen, der sicherlich für einen achtbaren Menschen eine sehr wenig wünschenswerte Bekanntschaft war, wenn es nicht gelang, ihn von dem ausgesprochenen Verdacht zu reinigen. Auch Mr. Roß fand sich beizeiten zu der Versammlung ein, da er seinen Bericht als Sekretär vorzubereiten hatte, Doktor Durgan traf ihn in der Sakristei der Kirche, wo die Sitzungen abgehalten wurden. Mr. Roß. so durch und durch schottisch und so durch und durch achtbar, wie nur je, schüttelte Seiner Herrlichkeit die Hand mit einer Mischung von Ehrerbietung und Zuneigung, die unbedingt das Richtige war, und wünschte ihm Glück zu seinem guten Aussehen. »Mr. Roß,« begann der Bischof, »ich würde Ihnen ganz besonders verbunden sein, wenn Sie mir einige Minuten Ihrer Zeit widmen könnten. Ich habe mich beeilt, hierher zu kommen, um einige Worte im Vertrauen mit Ihnen zu reden, ehe wir an die Geschäfte gehen.« »Gewiß, Mylord,« antwortete Mr. Roß, »ich stehe Eurer Herrlichkeit ganz zu Diensten.« »Darf ich Sie also fragen – und ich will gleich zugeben, daß ich wichtige Gründe zu dieser Frage habe –, darf ich also fragen, ob Sie schon seit längerer Zeit mit dem Herrn bekannt sind, den Sie mir vor kurzem als Oberst Varndyke vorgestellt haben?« »Persönlich,« entgegnete Mr. Roß, der Unrat witterte, aber ganz unbefangen aussah, »habe ich noch nicht lange die Ehre der Bekanntschaft des Herrn Obersten, aber geschäftlich kenne ich ihn schon länger durch meine Agenten in Kalkutta.« »Ach so!« sprach der Bischof. »Aber sind Sie ganz sicher, Mr. Roß – ich stelle diese Frage nicht ohne Absicht – sind Sie ganz sicher, daß der Herr, den Sie als Oberst Varndyke kennen, ein Recht auf den Namen hat, den er führt?« Mr. Roß sah bei dieser Frage so unschuldig erstaunt aus, als er selbst es nur wünschen konnte. »Die Art, wie Eure Herrlichkeit fragen,« sagte er, »scheint einen Zweifel anzudeuten.« »Ich habe sehr wenig Zweifel, Mr. Roß,« erwiderte der Bischof ernst. »Ich halte es für meine Pflicht als Bürger – nur als Bürger, um nicht von höheren Rücksichten zu sprechen – Ihnen mitzuteilen, daß es vielleicht geraten wäre, genaue Nachforschungen nach dem Charakter des Obersten und seinem Vorleben anzustellen. Wissen Sie vielleicht, wo er sich gegenwärtig aufhält?« Zufällig hatte Mr. Roß den Oberst an demselben Vormittage getroffen, aber er hielt es nicht für der Mühe wert, das zu erwähnen. »Als ich zuletzt von ihm hörte,« antwortete er deshalb, »machte er eine kleine Reise auf dem Festland.« »Vielleicht thue ich ihm ein schweres Unrecht an,« fuhr der Bischof fort, »aber die Sache läßt sich so leicht widerlegen, wenn sie unwahr ist, daß eine Erwähnung meines Verdachtes nichts schaden kann. Es gibt Anklagen, die so ungeheuerlich sind, daß sie ihre Widerlegung schon in sich selbst tragen; andre, die an sich weniger schrecklich sind, können doch schädlicher wirken, weil ihre Widerlegung schwieriger ist. Um ganz offen mit Ihnen zu sein, lieber Mr. Roß, will ich Ihnen sagen, daß man mir mitgeteilt hat, der Mensch, der sich Oberst Varndyke nennt, sei ein ganz gewöhnlicher Abenteurer, und daß er gegenwärtig eine Strafe wegen eines Verbrechens verbüßen würde, wenn es ihm nicht gelungen wäre, aus dem Gefängnis auszubrechen.« In Mr. Roß' Gesicht wechselten alle möglichen Farben, aber sein Auge blieb an dem des Bischofs haften, und er wußte sehr wohl, daß die Aufregung, die er nicht unterdrücken konnte, für Ueberraschung gehalten werden würde. »Sehen Sie,« sprach der Bischof weiter, »wenn der Oberst Varndyke ein Mann von Ehre ist, wenn sein Leben keine Nachforschungen zu scheuen hat, so kann diese Andeutung ihm nicht den geringsten Schaden thun. Ist er dagegen das, was zu sein ich ihn im Verdacht habe, so brauche ich Ihnen wohl kaum zu sagen, daß ich einfach meine Pflicht thue, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache.« »Ganz gewiß, Mylord, ganz gewiß,« versetzte Mr. Roß. Sein geistiges Gleichgewicht war nicht im geringsten gestört, aber seine Nerven ließen ihn im Stiche, denn körperliche Feigheit und geistiger Mut vertragen sich manchmal ganz gut zusammen. Seine ganz ansehnlichen Beine vermochten ihn kaum zu tragen, er wurde abwechselnd kreideweiß und dunkelrot, und sein Atem war fast keuchend. »Sie wissen vielleicht nicht,« fuhr der Bischof fort, »daß eine ungeheure Fälschung gegen die Bank von England begangen worden ist, und ich habe einen starken Verdacht, daß der Oberst Varndyke seine Hand dabei im Spiele gehabt hat. Wäre mir sein Aufenthalt bekannt, so würde ich keinen Augenblick Anstand nehmen, den Herrn der Aufmerksamkeit der Polizei zu empfehlen.« Hätte Doktor Durgan ohne vorherige Warnung Mr. Roß einen heftigen Schlag auf die Nase versetzt, er hatte ihn kaum mehr überraschen können, aber diese Ueberraschung erschien ganz natürlich, und der Bischof war eigentlich durch die Wirkung, die seine Worte hervorgebracht hatten, ganz zufriedengestellt. Jedermann hat es gern, wenn der Hauptpunkt seiner Geschichte wirkt, aber Mr. Roß wurde so bleich, und seine Kniee schlotterten so heftig, daß der Erzähler über seinen eigenen Erfolg erschrocken war und sich beeilte, ihm ein Glas Wasser einzuschenken. »Ein Betrug gegen die Bank von England?« flüsterte Roß mit erstickter Stimme. »Und der Oberst dabei beteiligt? Du lieber Herrgott! Ich bin geradezu entsetzt und weiß nicht, ob ich auf den Füßen stehe oder auf dem Kopfe!« Hierauf erzählte der Bischof von Stockestithe Mr. Roß von dem ungeheuren Verbrechen, in dessen inneres Getriebe einen Blick zu werfen ihm vergönnt gewesen war, doch wenn man sich die Sache richtig überlegt, so hieß das Eulen nach Athen tragen. Oeffentliches Eigentum war die Geschichte noch nicht, denn die Bank machte die äußersten Anstrengungen, sie geheimzuhalten. Den Wert ihrer eigenen Noten herabzusetzen, kann nie ihre Sache sein. Mr. Roß hörte zu und faßte nach und nach wieder Mut, aber dieser glich etwas dem Mute der Verzweiflung. »Es ist mir bekannt, Mr. Roß,« begann der Bischof wieder, »daß Sie ein ausgedehntes Geschäft haben, und ich kann nur die Hoffnung aussprechen, daß Sie durch Vorspiegelungen dieses Menschen nicht zu Unvorsichtigkeiten verführt worden sind.« »Ja, sehen Sie, Mylord,« entgegnete Roß, »wenn mich mein Vertrauen und meine Einfalt zum Narren gemacht haben, so ist es jetzt zu spät, darüber zu klagen, und dann, Mylord, will ich lieber das Opfer, als der Spitzbube sein. Denken Sie doch nur einmal an das Gewissen dieses elenden Menschen! Aber vielleicht hat er gar keins, und das wäre das Schlimmste von allem.« »Ich fürchte sehr, daß ich Ihnen eine böse Nachricht überbracht habe,« sprach der Bischof. »Hm, sie ist nicht so gut, als sie hatte sein können,« antwortete Roß, »das ist wahr, allein auf meinen weltlichen Angelegenheiten hat im ganzen der Segen des Himmels geruht. Ich will nicht klagen, denn ich bin nicht zu Grunde gerichtet.« Jetzt traten zwei andre Mitglieder des Ausschusses ein, und die Unterhaltung mußte aufhören. Doktor Durgan war sehr erbaut über die Art, wie Mr. Roß seinen Verlust trug, und zollte ihr innerlich seinen ganzen Beifall. Es lag auf der Hand, daß dieser schlechte soi-disant , Oberst Mr. Roß hintergangen hatte, und während der Bischof diesen Biedermann beobachtete, wurde die Ueberzeugung immer fester in ihm, daß der Schwindler den würdigen Freund des Bischofs schwer geschädigt habe; denn Mr. Roß, der gewöhnlich, wenn es sich um Zahlen bei der Rechnungsablage handelte, die Klarheit selbst war, legte heute eine solche Verwirrung an den Tag, daß es kaum möglich war, aus seinem Vortrage klug zu werden. Der würdige Herr saß auf seinem Stuhle, hielt ein altmodisches, zu einem Balle zusammengedrehtes seidenes Taschentuch in der Hand und wischte sich während der ersten halben Stunde der Sitzung fortwährend den Schweiß von der Stirn. Später erholte er sich einigermaßen, aber er saß wie auf Nadeln und konnte den Schluß der Versammlung kaum erwarten. Als diese endlich ihr Ende erreicht hatte, raffte er eilig seine Papiere zusammen und entfernte sich mit einem hastigen Abschiedsgruß, ohne auf den Dank für seine Dienste zu warten, den ihm die Gesellschaft bei dieser Gelegenheit auszusprechen pflegte. Sowie er auf der Straße angelangt war, lief er fast, bis ihm eine Droschke begegnete, die er anrief, um eiligst davonzufahren. Das Wetter war wunderschön, so daß sich der Bischof, der einen Besuch zu machen hatte, verführen ließ, zu Fuß zu gehen. Das Arbeitsfeld der Mission lag zwar im östlichen Teil von London, allein der Ausschuß hielt seine Sitzungen im Westend ab, um es seinen Mitgliedern bequemer zu machen. Es gibt Tage, wo diese Gegend von London so schön ist, als nur irgend eine Stadt der Welt, und dies war einer von den Tagen. Alle die Kästen, die vor den Fenstern standen, waren voll bunter Blumen, Schlingpflanzen bedeckten die Londoner Mauern, die Straßen, die den Park begrenzen, glichen grünen Lauben, und das ganze Aussehen der Stadt war heiter, frisch und glücklich. Die langen feuchten Streifen, die die Sprengwagen hinter sich ließen, verbreiteten eine angenehme Kühle, die Thüren der glänzenden Wagen spiegelten die Farben des Bildes wieder, und die Vollblutpferde, womit dieselben bespannt waren, glänzten wie Glas. Massen von hübschen Gesichtern belebten die Bürgersteige, und die jungen Männer erfreuten sich dieses Anblicks. Während der Bischof seines Weges ging, mußte er fortwährend ehrfurchtsvolle Grüße erwidern. Seine Gedanken waren aber noch bei Mr. Roß, und er wunderte sich teilnahmsvoll, um wie viel dieser hochachtbare Mann wohl durch den Oberst Varndyke geschädigt worden sei. Von Mr. Roß durch den Oberst Varndyke zu Mr. Decimus Bailey war nur ein kleiner Gedankensprung, und von Mr. Decimus Bailey war es für den Geist des Bischofs leicht, zu der ihm durch seine Verhaftung in Monte Carlo zugefügten Schmach zu gelangen, und er war wirklich überrascht, wie ärgerlich er noch darüber war. Er dachte an den glatten, feinen Schurken, der so glaubhaft log und der ihm seinen Anzug gestohlen hatte und damit bekleidet umhergegangen war. Seine Empfindungen gingen mit ihm durch, so daß sein Blut einen geräuschvollen Zapfenstreich an der Krempe seines Hutes trommelte und er es für nötig hielt, zu seiner eigenen Beruhigung den Gegenstand aus seinen Gedanken zu verbannen und sich zu sammeln. Mit überlegter Absicht begann er, an etwas andres zu denken, aber ehe er es selbst wußte, stand Mr. Decimus Bailey wieder vor seinem Geiste, und dann fing der Bischof wieder an, mit ungewöhnlicher Schnelligkeit zu gehen. Wie, wenn es der Vorsehung gefiele, ihn mit diesem so vornehm aussehenden Schurken zusammenzuführen! Seine behandschuhte Hand umfaßte den Griff seines schön zusammengerollten Regenschirms fester, und er marschierte, als ob er das Haupt der streitbaren Kirche sei und eine Sturmkolonne führe. Plötzlich aber blieb er wie angewurzelt stehen, denn auf der andern Seite der Straße sah er gerade den Mann, mit dem sich alle seine Gedanken beschäftigten. Unser Freund James, der ausgezeichnet gekleidet war und eine Orchidee im Knopfloch trug, war im Begriff, in eine Droschke zu steigen. Der Bischof stürzte vor, um über die Straße zu eilen, allein er war genötigt, einem eleganten Wagen auszuweichen, der um die Straßenecke zu seiner Linken bog und auch ein zweiter Versuch wurde in derselben Weise verhindert. Er sah, wie der Droschkenkutscher, der eine große rote Nase hatte und auffallende orangefarbige Handschuhe trug, sich auf seinem Bock zurechtsetzte, die Zügel ordnete, die Peitsche aus der Hülse zog und davonfuhr. Aber zum Glück war eine leere Droschke ganz in der Nähe. Diese rief der Bischof an, sprang auf den Tritt und gab dem Kutscher seine Anweisungen. »Folgen Sie dem Kutscher mit dem weißen Hut! Sehen Sie ihn?« »Jawohl, Mylord,« erwiderte der Kutscher. »Steigen Sie nur ein.« Der Bischof setzte sich und schloß die Thür. Einige Minuten lang versperrte ihm eine Reihe aufeinanderfolgender Wagen die Aussicht, und der als Leitstern dienende weiße Hut war für ihn verschwunden. Dann bog seine Droschke um eine Ecke, und der weiße Hut kam wieder in Sicht, aber schon in weiter Entfernung. Unsres Freundes James' Droschke war viel besser bespannt als die seines Verfolgers, aber die Zufälligkeiten der Straßen von London sind in dieser Hinsicht ebenso unberechenbar als in jeder andern. Das führende Fuhrwerk stieß hie und da auf Hindernisse, und der Wagen des Bischofs kam langsam näher. Hoffnung und Furcht versetzten diesen in eine fieberhafte Aufregung, und obgleich er an Dutzenden von Schutzleuten vorbeikam, wagte er doch nicht, seine Droschke anhalten zu lassen, um einen von ihnen anzurufen. Jetzt war der weiße Hut nur wenige Schritte entfernt, dann wieder ganz außer Sicht des Bischofs, ob gleich ihn sein Kutscher von seinem hohen Sitze aus von Anfang an fast nie aus den Augen verlor. Jetzt waren sie am überfüllten östlichen Ende von Piccadilly angelangt und der »Zirkus« bildete ein vollständiges Wirrsal von Fuhrwerken aller Art. Nun kam Leicestersquare, und der weiße Hut war ganz verschwunden! bei Sharing Croß war er wieder sichtbar, allein dem Bischof wollte es scheinen, als habe dieser Hut nicht ganz dieselbe Form, wie der ursprüngliche, bis ihn eine plötzliche Bewegung, wodurch ein orangefarbiger Handschuh sichtbar wurde, wieder beruhigte. Nun fuhren sie auf kurze Zeit über den »Strand«, wo sie mit dem Hute, der als Führer diente, Verstecken spielten. In der Wellington Street gewann das besser bespannte Fuhrwerk mit jeder Umdrehung der Räder einen größeren Vorsprung, und als sie über die Waterloobrücke fuhren, hatte der weiße Hut schon zwei Drittel ihrer Länge zurückgelegt, als der verfolgende Wagen erst ihren Anfang erreichte. Nun fuhr die erste Droschke um eine Ecke nach rechts und ging in der Dork Street verloren; doch die Verfolger erreichten die Ecke gerade zur rechten Zeit, um den weißen Hut wieder um eine Ecke biegen zu sehen. Als sie an dieser anlangten, kam ihnen eine leere Droschke entgegen, und sie sahen die Gestalt unsres Freundes James gerade noch in einer Hausthür verschwinden. Der Kutscher des Bischofs fuhr vor der Hausthür vor, und dieser sprang aus dem Wagen. Das Haus sah ganz anständig aus, ein Geschäftshaus mit Laden und Comptoir im Erdgeschoß und einer nach oben führenden Treppe. James war an dem Comptoir vorbeigegangen und die Treppe emporgestiegen, und der Bischof lächelte wie ein Krieger, der die Gewißheit hat, daß ihm sein Feind in die Hände gegeben ist. Nachdem er seinen Kutscher freigebig bezahlt hatte, stieg er ebenfalls die Treppe hinan. In einem so anständigen Hause war er der Hilfe, deren er etwa bedürfen konnte, sicher. Am ersten Treppenabsatz blieb er stehen, und stehe da, die Treppe führte nicht weiter. Dadurch wurden seine Nachforschungen sehr vereinfacht, denn es war nur eine Thür vorhanden, woran er klopfen konnte. Sie klaffte, und auf der matten Glasscheibe, die die obere Hälfte bildete, las er: »Alexander Roß \& Co., Exporthandlung und Generalagentur«. Mit einiger Verwunderung über die Uebereinstimmung des Namens mit dem des Herrn, den er vor kurzem verlassen hatte, trat er ein. Der Herr, mit der Orchidee im Knopfloch, niemand anders als unser Freund James, stand hinter einem Ladentisch und zog gerade seinen rechten Handschuh aus. Der Bischof schloß die Thür, und Mr. Mortimer wandte sich um und starrte ihn an. Wie Millionen andre Leute hatte Doktor Durgan noch nie Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, ob er mutig sei oder nicht, wenn er auch schon manchmal über diese Frage nachgedacht hatte, wie das aufrichtige und zur Selbstprüfung geneigte Menschen wohl thun. Das an dem Orte herrschende tiefe Schweigen sagte ihm, daß er mit Mr. Decimus Balley allein sei, und er wußte, daß der vor ihm stehende Mann ein Verbrecher und wahrscheinlich zur Verzweiflung getrieben war, aber sein Herz klopfte nicht um einen Pulsschlag schneller, ja er fühlte ein gewisses Frohlocken, das er noch nie empfunden hatte, das ihn aber angenehm berührte. Er verlieh ihm sogar einen ihm sonst fremden Humor. »Mr. Decimus Bailey, wenn ich nicht irre,« begann der Bischof in beinahe schelmischem Tone. James sah erst ihn, dann die Thüre an, und der Bischof stemmte seinen Regenschirm, den er dabei immer mit beiden Händen fest umklammert hielt, auf den Ladentisch. »Mr. Decimus Bailey, wenn ich nicht irre,« wiederholte er. »Eure Lordschaft hier zu sehen, ist ein so unerwartetes Vergnügen, daß ich zunächst an eine optische Täuschung glaubte,« sprach James. »Ich wollte hier den Auftrag eines Freundes ausrichten, da ich gerade in der Nähe war.« »Ich habe Ihre Droschke von Park Lane aus verfolgt,« entgegnete der Bischof, »denn ich habe schon seit einem Monat das dringende Verlangen, Sie zu treffen. Es wird mir ein ganz besonderes Vergnügen machen, Sie der Polizei zu übergeben.« »Der – Polizei?« fragte James, als ob er die Bemerkung für einen Scherz halte und nur auf nähere Aufklärung warte, um darüber zu lachen. »Ja, der Polizei, Mr. Bailey,« wiederholte der Bischof. »Erstens wegen des Diebstahls meiner Kleider im Hotel Continental in Paris, und zweitens, und das ist die wichtigere Anklage, wegen Beteiligung an dem riesenhaften Betrüge gegen die Bank von England.« Einen Augenblick starrte James vor sich hin. »O ja, natürlich,« sagte er darauf. »Betrug gegen die Bank von England? Sehr richtig! Also Sie wollen mich verhaften lassen? Ganz recht, ganz recht. Dann wollen wir uns doch gleich auf den Weg machen. – Ich muß auf seine Wahnvorstellung eingehen,« fügte er wie für sich hinzu. »Der arme alte Herr! Wie traurig!« »Wissen Sie wohl, Mr. Bailey,« sagte der Bischof, »daß Sie ein ganz unverfrorener Spitzbube sind?« »Da haben Sie ganz recht,« erwiderte James. »(Ich darf seinen Wahnvorstellungen nicht widersprechen.) Wir wollen einen Schutzmann suchen, Mylord, und dann können wir zusammen nach Eurer Herrlichkeit Wohnung fahren, wo Sie sagen können, was Sie wollen. Aber jetzt, bitte, bitte, regen Sie sich nicht auf: ich werde ganz ruhig mitgehen. Daß Sie hinter meine Schliche gekommen sind, ist wirklich ganz erstaunlich. (Ich muß auf seine Wahnvorstellungen eingehen).« James' leise Bemerkungen waren natürlich vollkommen hörbar, wie das auch in seiner Absicht lag, und wenn der Bischof seiner Sache weniger sicher gewesen wäre, würde Mortimers Benehmen nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben sein. »Ich will Sie nicht bemühen, erst nach meiner Wohnung zu fahren, Mr. Bailey,« versetzte Doktor Durgan. Diese Begegnung lag ganz außerhalb des Kreises seiner Erfahrungen und enthüllte ihm Charakterzüge, die ihm bisher fremd gewesen waren. Die nutzlose List des gewandten Schurken bereitete ihm sogar einen gewissen humoristischen Genuß. »Ich muß Sie ersuchen, mit mir zu gehen, bis wir einem Schutzmann begegnen. Ihr Vorgeben, mich als geisteskrank zu betrachten, ist in der That von Ihrem Standpunkt aus außerordentlich geschickt, obgleich ich nicht daran zweifle, daß Sie in Ihren Mußestunden Zeit genug finden, sich in derartigen Listen zu üben und auszubilden. Und darf ich Sie bitten, Mr. Bailey, mir zu gestatten, daß ich Sie leicht am Kragen nehme, während wir durch die Straßen gehen?« »Hm,« entgegnete James, »das ist zwar scheußlich unbequem, aber wir wollen kein Aufhebens deswegen machen.« Auf einen Kampf brauchte sich der Bischof also nicht vorzubereiten. James wehrte sich niemals. Selbst seine Fähigkeit, sich zu winden und zu krümmen, war nur geistiger Art, und wenn er sah, daß sein Fall hoffnungslos lag, rief er die Philosophie zu Hilfe und suchte allem die beste Seite abzugewinnen, und so hatte er seine zahlreichen Verhaftungen alle mit derselben heiteren Demut und Entsagung hingenommen. »Nur aus Neugier, Mylord,« sagte er, »mochte ich mir die Frage erlauben, welcher Art eigentlich Ihr Verdacht ist.« »Ihre Neugier soll befriedigt werden,« versetzte der Bischof, indem er James mit der rechten Hand fest am Kragen faßte. »Ich habe Sie gesehen, als Sie in Monte Carlo in meinen Kleidern umhergingen, und habe fünf falsche Banknoten, jede zu zehn Pfund, in der Tasche der Weste, die zurückzulassen Sie so gütig waren, gefunden. Außerdem habe ich Gründe zu der Annahme, daß Sie in Verbindung mit einem Menschen stehen, der sich Oberst Varndyke nennt und der aus dem Gefängnis von Portland entsprungen ist. Und nun, wenn es Ihnen gefällig ist, Mr. Bailey?« In diesem Augenblick wurde das Geräusch eiliger Schritte auf der Treppe hörbar, die Thür wurde aufgerissen, ein großer, glatt rasierter, aber dem Bischof unbekannter Mensch stürzte herein, dem zum unbegrenzten Erstaunen des Bischofs Mr. Roß auf dem Fuße folgte. Als dieser ihn erblickte, schloß er die Thür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. In seinen Augen erschien ein wütender und verwunderter Blick, und der Bischof erkannte in dem zuerst eingetretenen bei näherer Betrachtung den Oberst Varndyke. »Aha,« sprach er zu Mr. Roß, »Sie haben Ihren Mann gefunden, und ich den meinen.« Mr. Roß zitterte so, daß er sich kaum auf den Beinen halten konnte, aber er zog einen Schlüssel aus der Tasche und verschloß die Thür von innen. Sodann lehnte er sich, schwer und geräuschvoll atmend, wieder dagegen, und seine Augen wurden fast unsichtbar hinter der Deckung seiner buschigen Augenbrauen, die finster zusammengezogen waren, daß sein Gesicht einen so drohenden Ausdruck annahm, wie der Bischof nie im Leben einen gesehen hatte. »Ich bedaure,« begann Roß mit unsicherer Stimme, »ich bedaure sehr, aber Sie sind in diesem Augenblick der grüßte Pechvogel von ganz London.« »Das ist eine seltsame Sprache, Mr. Roß,« erwiderte der Bischof. »Ja, ja,« antwortete Mr. Roß, der seine Fassung etwas wiedergefunden hatte, »das mag Ihnen wohl seltsam klingen, wie ich sehr gut begreife. Herr, ich hatte eine Art von Achtung und Zuneigung zu Ihnen, aber, wie gesagt, Sie sind in diesem Augenblick der größte Pechvogel von ganz London.« Bei diesen Worten legte er seinen Hut auf den Ladentisch und wischte sich seine schweißbedeckte Stirn mit dem rotseidenen Taschentuche. »Oberst,« fuhr er mit einem Seufzer der Aufregung fort, der seine Stimme fast unverständlich machte, »einer solchen Lage habe ich noch nie gegenübergestanden, und mir ist schwach, ganz schwach. Reich' mir doch mal die Whiskyflasche dort aus der Schieblade.« Langsam gehorchte der Oberst, und des Bischofs Blick wanderte vom Gesicht Varndykes, das aufs schrecklichste verzerrt war, zu dem des Mr. Roß. »Sind Sie,« fragte er diesen, »der Spießgeselle dieser beiden Menschen?« »Schweigen Sie,« entgegnete Roß, »Sie haben keine Zeit zu müßigen Fragen. O, Mann, Mann, Mann! Warum sind Sie hierhergekommen? Ich weiß sehr wohl, daß ich keine glückliche Stunde mehr im Leben haben werde – – Ja, mein Junge, das ist die Flasche. Reich' sie her.« Den vorstehenden Kork zog er mit den Zähnen aus, ließ ihn auf den Fußboden fallen und that einen tiefen Zug, während der Bischof Mortimer noch immer am Kragen festhielt, aber das that er mehr unbewußt und halb, um sich zu stützen. »Hätten Sie nicht diesen albernen Dummenjungenstreich gemacht,« fuhr Roß zu Mortimer gewandt fort, »so wären wir nie in diese Lage gekommen. Wie kann ein Mann, der ernste und gefährliche Arbeit zu thun hat, nur so leichtfertig sein?« Der Bischof fühlte, wie Mortimer unter seiner Hand erzitterte, als ob der Fußboden unter ihm den Schwankungen einer starken Feder folge. »Ich warne Sie,« rief James, »ich will mit dem, was Sie beabsichtigen, nichts zu thun haben!« »Schweigen Sie, Sie Dummkopf!« rief Roß. »Wollen Sie, der Sie uns so weit gebracht haben, uns auch noch Schwierigkeiten machen?« »Also das ist es, was Sie meinen?« fragte der Bischof, indem er einen Schritt auf Roß zuthat. »Ja,« entgegnete Roß, »Sie scheinend begriffen zu haben.« »Sie können ihm ja einen Eid abnehmen,« schlug Mortimer vor. »In einer solchen Sache würde ich dem Eide eines Apostels kein Vertrauen schenken,« erwiderte Roß. »Sie haben dem meinen vertraut,« antwortete Mortimer, »und ich bin kein Apostel. Wenn Sie Ihre Absicht ausführen – deutlicher brauche ich wohl nicht zu werden – dann können Sie auch gleich ein Ende mit mir machen. Das versichere ich Ihnen, wenn Sie das thun, so werde ich nicht dazu schweigen. Sowie ich frei bin, werde ich die Wahrheit bekannt machen, so wahr ein Gott über uns lebt!« »Sie glauben also, daß ein Gott über uns lebt?« fragte der Bischof. »Sie etwa nicht?« versetzte Mortimer. »Varndyke!« sprach Roß. »Ich bin auch nicht dafür,« entgegnete Varndyke, »und bin es nie gewesen. Hören Sie mich an,« fuhr er fort, indem er sich mit gewichtiger Miene an den Gefangenen wandte, »schwören Sie, daß Sie alles, was Sie hier erlebt haben, vergessen wollen, dann werden sowohl ich, als auch Mortimer für Sie sprechen. Ich bin bereit, es darauf ankommen zu lassen, aber ich muß Ihren Eid schriftlich haben.« »Ich werde keinerlei Versprechen geben, zu schweigen,« versetzte der Bischof. »Dann,« erwiderte Varndyke, »geht mich die Sache weiter nichts an. Jimmy, bist du dumm genug, dich um eines Narren willen, der nicht schweigen will, lebenslänglich einsperren zu lassen?« »Euer Lordschaft Weigerung versetzt mich in eine schwierige Lage,« sprach Mortimer, »eine seltsame und schreckliche Lage. Ich bitte Sie, sich die Sache noch einmal reiflich zu überlegen.« »Ich werde keinerlei Verpflichtung übernehmen, zu schweigen,« wiederholte der Bischof. »Ueberlegen Sie, Mylord, überlegen Sie,« drängte Mortimer. »Wenn ich mich auf Ihren Standpunkt stelle, sehe ich wohl ein, was Ihnen Ihre Pflicht als Staatsbürger gebietet, aber ist dieser Standpunkt nicht etwas einseitig? Ist er nicht ein wenig überspannt? Kann man vernünftigerweise annehmen, daß drei Männer freiwillig ihre Freiheit auf Lebenszeit, und alles, was das Dasein wünschenswert macht, aufgeben und sich bis zu ihrem Tode den Schrecken des Gefängnisses überliefern werden, nur um den Gewissensbedenken eines Herrn Rechnung zu tragen, dem ihre Wohlfahrt überaus gleichgültig ist?« »Sie sind ohne Zweifel ein ausgezeichneter Teufelsadvokat,« erwiderte der Bischof, »aber mein Gewissen ist meine Sache. Ich werde keine Verpflichtung übernehmen, zu schweigen.« »Genug geredet,« fiel hier Roß ein. »Es thut mir furchtbar leid, aber ich werde es nicht so weit kommen lassen, daß meiner Frau das Herz über die Schande bricht, nur um Euer Lordschaft seine Empfindungen zu schonen, ebensowenig werde ich ins Zuchthaus wandern, weil es Ihnen so gefällt. Wir bieten Ihnen Gnade; Sie können sie annehmen oder zurückweisen, wie es Ihnen gefällt.« »Mein lieber Roß,« sagte Mortimer, »sofortiges Handeln ist gar nicht notwendig. Die Lage ist freilich furchtbar, und ich mag sie mir gar nicht klar machen. Indessen wollen wir Seiner Lordschaft Bedenkzeit lassen. In ein paar Stunden ist er vielleicht besser im stande, einzusehen, wie sündhaft es von ihm ist, sein eigenes Verderben heraufzubeschwören.« »Vielleicht ziehen Sie in Betracht, Mylord,« nahm Roß das Wort, »daß die sittliche Auffassung wechselt, je nach der Anschauung des einzelnen. Drei von den hier Anwesenden betrachten die Bank von England als gesetzmäßig jagdbares Wild. Wir setzen unsre Freiheit gegen ihre unermeßlichen Schätze aufs Spiel. Gewinnen wir, so thun wir niemand Schaden, verlieren wir, so ist unser Verlust ungeheuer.« »Zwischen einem ehrlichen Manne und einem Spitzbuben gähnt ein solcher Abgrund, Mr. Roß,« versetzte der Bischof von Stockestithe, »daß Ihre Augen ihn nicht ermessen können. Alle Verbrechen sind die Frucht moralischer Kurzsichtigkeit. Ich wünschte, Sie machten sich klar, daß ich mein letztes Wort gesprochen habe und daß Sie nur Ihre Zeit verschwenden, wenn Sie erwarten, daß ich zu einem andern Entschlusse kommen würde. Ich danke Gott, daß ich für alles bereit bin, was zu thun Sie wagen können.« »Darf ich Euer Lordschaft bitten, sich hierher zu bemühen?« fragte Roß, indem er das Zimmer mit unsicheren Schritten durchmaß und eine dem Eingang gegenüberliegende Thür öffnete. Ohne ein Wort zu sprechen folgte der Bischof und trat in eine schmale, lange Kammer, die nur durch ein kleines Oberlicht erleuchtet wurde und worin eine Kupferdruckpresse stand, wie der Bischof erkannte, da er vor einigen Jahren einmal eine solche gesehen hatte. Hier waren, wie er annahm, die falschen Noten gedruckt worden. »Hier sind Sie sicher,« sagte Roß, indem er sich in dem Zimmer umsah. Darauf wandte er sich ab und verließ die Kammer. Die Thür zog er hinter sich zu, und der Bischof hörte, wie der Schlüssel im Schlosse knirschte. »Was sollen wir thun?« fragte Roß seine Spießgesellen. »Thun?« sprach Varndyke. »Wir lassen ihn dort und kneifen aus. Es wird ihn schon jemand zur rechten Zeit finden.« »Mann,« rief Roß, »das ist zehnmal schlimmer, als irgend etwas, was mir jemals in den Sinn gekommen ist. Du freilich, der frei und unbehindert ist, hast gut von Flucht reden. Ich aber habe ein Haus, ein Geschäft und eine Familie,« schloß er händeringend und ging stöhnend im Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor Wut knirschend vor Mortimer stehen. »O, ich kann es nicht!« rief er, »Ich kann meine Hände nicht damit besudeln!« »Mr. Roß,« sagte Mortimer, »wenn ich als Mann, der viel gereist ist und Erfahrungen gesammelt hat, wagen darf, Ihnen einen Rat zu geben...« »Hol' Sie der Teufel!« schrie Roß grimmig. »... so würde ich vorschlagen,« fuhr der andre unbeirrt fort, »Seine Lordschaft unter meiner Obhut ein paar Tage hier zu lassen. Inzwischen könnten Sie Ihre Vorbereitungen zur Abreise treffen, Varndyke kann für sich sofort verduften, und wenn ich auskneife, werde ich dafür Sorge tragen, daß die richtigen Leute benachrichtigt und von der gegenwärtigen Adresse Seiner Lordschaft in Kenntnis gesetzt werden. Meine eigene Lebhaftigkeit scheint für den augenblicklichen peinlichen Stand der Angelegenheit verantwortlich zu sein, und deshalb ist es nicht mehr als billig, daß ich einige Unbequemlichkeiten auf mich nehme, um das Uebel einigermaßen wieder gut zu machen. Ich habe einen kleinen Privatschlupfwinkel, wo ich bekannt bin und geachtet werde und wo ich mich lange Zeit verbergen kann, da ich ja nicht ohne Mittel bin. Ein Mord wäre so lächerlich, daß davon gar nicht die Rede sein kann, ganz abgesehen von der moralischen Seite der Frage, die natürlich unerträglich wäre.« »Ich kann's nicht!« rief Roß wieder, die Hände ringend, als ob sie schon befleckt wären. »Natürlich können Sie's nicht,« erwiderte Mortimer, »ich kann's auch nicht! überhaupt kann's keiner von uns dreien. Ich werde hier bleiben, bis heute abend alles ruhig ist, und will morgen früh mal nach ihm sehen. Wenn er sich die Sache beschlafen hat, kommt unser geschätzter Freund vielleicht doch noch zu einer andern Ansicht. Außerdem schulde ich euch etwas dafür, daß ihr gerade im richtigen Augenblick hier ankamt. Ich hatte mich schon verloren gegeben, als mich Seine Lordschaft hier abfaßte. Wie kam das, daß ihr so zur rechten Zeit zur Stelle wäret?« »Roß hat den Bischof heute nachmittag in einer Ausschußsitzung getroffen,« erwiderte Varndyke mit einem ziemlich verunglückten Versuche, zu lächeln. »Der Bischof hat mich auf irgend eine Art erkannt, wie, weiß ich nicht, aber er wußte viel zu viel, unter anderm auch die Geschichte von Portland. Er hat Roß gewarnt, und Roß kam zu mir und warnte mich. Wie du weißt, sind einige Sachen hier, die besser beiseite geschafft werden, und deshalb sind wir gekommen.« »Das war ein glücklicher Zufall für mich,« sagte Mortimer. »Ich bin etwas Fatalist, das liegt in der Familie, und nachdem ich eben so mit genauer Not entkommen bin, fühle ich mich eine Zeit lang sicher. Befolgen Sie meinen Rat, Mr. Roß, und verschwinden Sie. Ich glaube, ich würde es mit Aberdeen versuchen, wenn ich an Ihrer Stelle wäre. Daß Sie Schotte sind, wird wahrscheinlich dort nicht auffallen.« Hierauf durchsuchte Roß, immer noch von Zeit zu Zeit stöhnend, mit Hilfe Varndykes Schränke und Schiebladen nach den Sachen, die sie beiseite schassen wollten, und als sie alles gefunden hatten, ließen sie James allein. Dieser verschloß die Thür hinter ihnen, setzte sich auf den Ladentisch und rauchte eine von den Cigarren, deren Tabak auf seiner Besitzung in der Havanna wuchs. Inzwischen ging der Bischof von Stockestithe mit festen Schritten in dem engen Raume, worin er eingeschlossen war, auf und ab. Von den milderen Beschlüssen, die inzwischen halb und halb gefaßt worden waren, wußte er nichts, weshalb er sich aufs Schlimmste vorbereitete. Elftes Kapitel An demselben Abend, während der Bischof noch in seinem engen Gefängnis auf und ab ging und James, sein Wächter, im Nebenzimmer auf dem Ladentische saß und seine große Cigarre rauchte, erhielt der junge Draker mit der Post die erste Prozeßvollmacht seines Lebens, und als er seinen Büreaudiener, den er mit zwei andern Herren gemeinsam hielt, entlassen hatte, tanzte, sang und frohlockte er. Hierauf wusch er sich die Hände und verließ sein Büreau – ein Büreau bleibt ein Büreau, auch wenn dreißig Herren nur eins gemeinsam haben – bereit, die ganze Welt zum Diner einzuladen. Beim Verlassen des Hauses begegnete ihm Tom Finch, und natürlich lud er diesen ein, und Tom nahm ebenso natürlich an, Drakers Börse war ziemlich leer, wenn auch sein Herz voll war, und deshalb gingen die zwei Freunde in eine bescheidene Wirtschaft, wo sie ein Hammelsrippchen mit einer mehligen Kartoffel aßen und eine Flasche billigen Rotweins dazu tranken. Während sie beim Essen saßen, trat noch ein emporstrebender Rechtsanwalt ein, dessen Namen ich vergessen habe, ein Freund Drakers, der, wie es sich herausstellte, mit dem Eilzuge um acht Uhr fünfzehn Minuten auf einige Zeit nach Paris fahren wollte, um sich einen lustigen Tag zu machen. Da das Wetter an diesem Juliabend sehr schön war, beschlossen Draker und Tom, ihn nach dem Bahnhofe zu begleiten, und die drei wanderten vergnüglich plaudernd über den Strand nach Charing Croß, wo der Reisende seine Karte nahm und den Freund traf, der mit ihm fahren wollte und das Gepäck schon besorgt hatte. Draker und Tom versahen sich mit Bahnsteigkarten, um die Reisenden bis an den Wagen geleiten zu können. Während sie scherzend auf dem Bahnsteig standen, ging ein glattrasierter Herr von militärischem Aussehen so dicht an ihnen vorüber, daß er Tom anstieß. Die Reisenden waren bereits in ein Rauchcoupé zweiter Klasse gestiegen, und Draker hatte den Kopf durchs Fenster gesteckt und sprach mit ihnen. Als Tom den Stoß fühlte, wandte er sich um, während der militärisch aussehende Herr mit zurückgenommenen Schultern in strammem Husarenschritt weiterging. »Eine Million gegen eins, wenn das nicht der Oberst Varndyke ist!« rief Tom und lief hinter dem Fremden her. »Wohin du auch reisen möchtest, mein christlicher Freund,« fuhr er bei sich fort, »aber weit von London kommst du diese Nacht nicht.« Noch während ihm dies durch den Kopf ging, wandte sich der Herr halb um, so daß Tom sein Profil sehen konnte, und dies veranlaßte diesen, plötzlich stehen zu bleiben. Es war doch nicht sein Mann. »Ich weiß nicht,« dachte Tom, »ein abgenommener Bart kann ein Gesicht zwar merkwürdig verändern, aber auf den Gang könnte ich schwören. Ich muß ihn mir doch noch einmal näher ansehen.« Der Fremde bestieg einen Wagen erster Klasse, und nachdem der Schaffner, der seine Karte prüfte, sich entfernt hatte, trat Tom herzu und blickte durchs Fenster, als eine Stimme rief: »Zurücktreten!« und sich der Zug in Bewegung setzte. In diesem Augenblick sah der Reisende im Wagen auf und seine Blicke begegneten denen Toms. Ein weiterer Irrtum war unmöglich, es war der Mann, der mit dem Strolch gesprochen hatte, der Mann, dem die Frage nach Portland so unangenehm gewesen war. Schon hatte der Zug seine Fahrt beschleunigt, aber Tom sprang aufs Trittbrett, drehte den Griff, riß die Thür auf und schwang sich hinein. Warnendes und scheltendes Geschrei wurde hinter ihm hörbar, aber er achtete nicht darauf. Wie wir wissen, war er ein ungestümer junger Mann, und seine Art war es stets gewesen, erst zu handeln und dann zu überlegen. Das ist eine Handlungsweise, die den Menschen, der sie sich zur Regel macht, leicht in Unannehmlichkeiten verwickeln kann, und Tom darf seinem Schöpfer danken, daß er meist Trieben folgt, die er zu rechtfertigen vermag. »Ich habe ein Wörtchen mit Ihnen zu reden,« begann Tom ganz kalt, indem er sich dem großen Herrn, der einen in die Augen fallenden Versuch machte, ihn zu »schneiden«, gegenübersetzte. »So?« sprach der Oberst. »Ich wüßte nicht, daß ich das Vergnügen hätte, Sie zu kennen.« »O doch, das Vergnügen haben Sie,« entgegnete Tom. »Ich las Erkennen in Ihren Augen, ehe Sie die Vorhänge herabließen, und wie ich sehe, erinnern Sie sich auch dieser Worte.« »Ich weiß nicht, wer, zum Teufel, Sie sind,« sprach Oberst Varndyke, »oder aus welchem Irrenhause Sie entsprungen sind. Ich kenne Sie nicht und verlange nicht nach Ihrer Gesellschaft.« »O, das glaube ich schon,« entgegnete Tom, »aber Sie werden sich nichtsdestoweniger das Vergnügen meiner Gesellschaft bis zum nächsten Haltpunkt und dann zurück nach Bow Street gefallen lassen müssen.« In diesem Augenblick flog Oberst Varndykes linke Hand mit gewaltiger Kraft und Gewandheit vorwärts, aber Tom wich ihr aus, so daß der Schlag das gepolsterte Kissen traf. Nun begann ein wütendes Ringen, und Tom hatte Gelegenheit, sich zu freuen, daß er die Gesundheit verleihende, Selbstbeherrschung lehrende und überhaupt bewundernswerte Kunst des Boxens erlernt hatte und auch ein paar Kniffe der Ringkunst kannte. Es war ein wilder Kampf, zuerst Hand gegen Hand, dann Brust an Brust, Hüfte an Hüfte. Schon aus dem ersten Griffe hatte Tom erkannt, daß ihn sein Gegner aus dem Fenster werfen wollte, wenn er könnte. An Körpergewicht und Muskelkraft war ihm Varndyke überlegen, aber Tom war gewandt und geschickt und wußte sich zu verteidigen. Dem größeren Manne begann bald der Atem auszugehen, so daß es Tom gelang, sich frei zu machen, und nun wurde aus dem Ringkampf ein Faustkampf. Dem Oberst Varndyke brauchte nicht zum zweitenmal gesagt zu werden, daß seine Freiheit vom Ausgange dieses Kampfes abhing, und Tom Finch wußte ganz genau, daß sein Leben auf dem Spiele stand, denn das las er deutlich in dem verzweifelten Hasse, der in den Augen seines Gegners glühte. Deshalb kämpften sie beide mit Vorsicht, ohne sich viel auf Ausweichen und nur wenig auf Finten einzulassen, denn jeder wußte, daß er es mit einem Gegner zu thun hatte, der seine Sache verstand. Der Spitzbube zielte nach dem Kopfe und Tom nach dem Rumpfe, doch er war der ruhigere von beiden. »Er hat nicht viel an Atem zuzusetzen,« sagte er sich, »und das ist die Schwäche, die ich ausnützen muß.« Tom warf seinen Kopf bald nach rechts, bald nach links, und so gelang es ihm, allen Schmiedehammerschlägen Varndykes bis auf einen auszuweichen, während er diesen immer in der Gegend der Uhrkette traf. Endlich gelang es ihm, einen Schlag mit solcher Wucht anzubringen, daß sich Varndyke zusammenkrümmte, und nun folgte ein zweiter gewaltiger Schlag von oben herunter, der den Oberst zu Boden streckte. Jetzt stieß Tom mit dem Ellbogen die Scheibe der Wagenthür ein und zog die Notleine. Es war die höchste Zeit, denn in seinem Kopfe begann es sich zu drehen, und wenn der andre nur eine Minute länger kampffähig geblieben wäre, hätte sich der Sieg ihm zuneigen können. Der Zug verminderte seine Geschwindigkeit, aber er war in voller Fahrt gewesen, und es dauerte einige Zeit, bis er zum Stehen gebracht wurde. »Dieser Mensch da,« sprach Tom zu dem erscheinenden Zugführer, »nennt sich Varndyke, ist aber ein aus Portland entsprungener Sträfling.« Oberst Varndyke erwiderte nichts, der Zugführer gab das Zeichen, daß der Zug weiter fahren könne, und setzte sich zwischen die beiden Gegner. Die Lokomotive gewann wieder ihre Geschwindigkeit, und der Zug rasselte mit seiner alten ungestümen Einförmigkeit weiter, während sich der Oberst allmählich zu erholen begann. »Das sollen Sie teuer bezahlen, Sie infamer Hund,« begann er, und von diesem Augenblick an machte er seiner Wut in einem ununterbrochenen Redestrom Luft. Es sei ganz unerhört, erklärte er, daß ein anständiger Mann auf diese Weise von einem offenbar verrückten Menschen überfallen werde, und es sei Pflicht der Eisenbahngesellschaft, ihre Reisenden vor solchen Unannehmlichkeiten zu schützen. Auch über seine eigene hohe persönliche Stellung sprach er und verkündete seinen Entschluß, Sühne für den Vorfall dieser Nacht zu erlangen, und wenn es ihn tausend Pfund koste. Zu all diesem Geschwätz schwieg Tom und versuchte zu lächeln, was ihm jedoch nur schlecht gelang, da sich sein Mund in wahrhaft grotesker Weise nach einer Seite verzogen hatte. Schon oft hatte er sich die bittersten Vorwürfe gemacht, daß er sich den Spießgesellen dieses Menschen hatte durch die Finger schlüpfen lassen, aber jetzt fühlte er, daß ihm das Glück Gelegenheit gegeben habe, seinen Fehler wieder gut zu machen und seine Selbstachtung wieder zu erringen. Zwei Stunden später fuhren unsre Reisenden wieder nach London zurück, diesmal in Begleitung eines Polizeibeamten der Grafschaft Kent, Ihr Ziel war das Polizeigefängnis in Bow Street. In dieser großen Börse der Spitzbüberei mußte Tom seine Anklage begründen. Der Oberst spielte den tief gekränkten Ehrenmann, aber bei der ersten Erwähnung des Ausbruchs aus dem Gefängnis von Portland blickte der Inspektor, der vor einem dicken Buche saß, empor und schaute ihn mit einem väterlichen Lächeln an. »Sieh da, Eves!« rief er. »Was haben Sie denn mit sich angestellt, daß ich Sie nicht gleich erkannt habe? Aha, ich sehe, Sie haben Ihr Haar gefärbt, und dann diese Augenbrauen! Gar nicht übel, wirklich, gar nicht übel!« »O ja,« entgegnete der Gefangene, »Sie sehen so lustig und schlau aus, als ob Sie die Sache selbst gemacht hätten. Aber ich habe doch eure ganze Bande an der Nase herumgeführt, und wenn ich nicht dieses infame Pech gehabt hätte, wäre ich schon längst überm Wasser.« »O,« antwortete der Inspektor freundlich, »Sie dürfen es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich freue, Sie wiederzusehen.« Während die Hand eines Beamten ihn durchsuchte, stand der Oberst ganz stille. Uhr, Uhrkette, Krawattennadel, Börse, Taschenbuch, für alles hatte er einen wehmütigen Blick, als die Sachen auf einen Tisch gelegt und in eine Liste eingetragen wurden, die er unterzeichnen mußte. Hierauf wurde sein Eigentum in einen kleinen Leinenbeutel gethan und in ein Pult verschlossen. Schon stand ein Beamter bereit, ihn in seine Zelle zu führen, als sich der Gefangene räusperte. »Wenn Sie und dieser junge Herr mitkommen wollen,« sprach er, »möchte ich Ihnen eine Mitteilung machen.« Der Inspektor ersuchte Tom, zu folgen, worauf sie beide den Oberst in seine neue Wohnung begleiteten. »Verraten werde ich niemand,« sprach der Gefangene hier, »wenn ich es vermeiden kann, aber es ist doch vernünftig, wenn ich mich nicht noch tiefer hineinreite. Ich verlasse mich auf Sie beide,, meine Herren, daß die Mitteilung, die ich Ihnen zu machen im Begriffe bin, an zuständiger Stelle zu meinen Gunsten verwertet wird.« »Das ist Ihre Sache,« entgegnete der Inspektor. »Sie kennen die Vorschriften ja aus Erfahrung, und ich bin verpflichtet, Sie zu warnen, daß alles, was Sie sagen, als Beweismittel gegen Sie gebraucht werden kann.« »Von amtlichem Standpunkt aus ist das richtig,« erwiderte der Oberst, »aber wir sind alle Menschen, und ich hoffe doch auf ein wenig Dank. Nicht sehr weit von hier ist ein Mann,« – er befeuchtete seine Lippen mit der Zunge – »ein Herr, ein Mitglied des Oberhauses eingesperrt und befindet sich in diesem Augenblicke in Lebensgefahr.« »O,« machte der Beamte, »das sieht ja ernst aus, und ich möchte Ihnen raten, in Ihrer Aussage vorsichtig zu sein.« »Ich wußte es schon diesen Nachmittag,« fuhr der Oberst fort, »und wenn ich entkommen wäre, würde ich heute abend an die Polizei telegraphiert haben. Ich hatte mir alles überlegt, wie ich es ohne Gefahr hätte thun können, und ich hätte es auch ausgeführt. Der Herr, von dem ich spreche, weiß zufällig etwas zu viel, und er versuchte heute nachmittag, mit eigener Hand eine Verhaftung vorzunehmen, allein er wurde selbst gefangen. Jetzt ist er eingesperrt und wartet, was mit ihm geschehen wird. Nun könnte gesagt werden, ich sei mit dabei beteiligt, aber ich will etwas Derartiges nicht auf dem Gewissen haben, und ebensowenig habe ich Lust, für etwas zu baumeln, was ein andrer in der Verzweiflung thun mag.« »Sie werden langweilig, Eves,« fiel ihm der Inspektor ins Wort. »Kommen Sie doch endlich zur Hauptsache.« »Vergessen Sie nicht,« begann der Oberst wieder, »daß ich niemand verrate, und ich verlange auch keine Anerkennung dafür, denn derartige Dinge entsprechen einfach meinen Neigungen nicht. Andrerseits habe ich, wie gesagt, keine Lust, mir den Hals ausrecken zu lassen für etwas, was ein andrer vielleicht hinter meinem Rücken thut. Ich sage ›vielleicht thut‹, bitte ich zu bemerken. Die Gefahr liegt vor, sonst würde ich nicht sprechen.« »O, so kommen Sie doch endlich zur Sache,« wiederholte der Inspektor. »Gut,« entgegnete der Oberst, indem er sich seine trockenen Lippen wieder anfeuchtete. »Gegen Sie nach Nr... in der ... straße. Dort werden Sie den Bischof von Stockestithe in einem Hinterzimmer des ersten Stockes eingeschlossen finden.« »Den Bischof von Stockestithe?« rief Tom. »Ja, den Bischof von Stockestithe,« wiederholte der Oberst, »und ich hoffe, meine Herren, daß Sie in Berücksichtigung – –« Soweit Tom in Betracht kam, verhallte der Rest dieser Worte ungehört. Zwei Minuten später saß er mit einem Polizeisergeanten in einer Droschke und nach weiteren sechs Minuten hielt diese in der vom Oberst genannten Straße vor dem betreffenden Hause. Der Sergeant zog einen Bund Schlüssel aus der Tasche, und gleich darauf standen die beiden vor der Thür im ersten Stock. Hier beleuchtete der Sergeant das Schlüsselloch mit seiner Laterne, und binnen kurzem hatte er auch dieses Schloß geöffnet, worauf Tom und sein Begleiter ein kahles Zimmer betraten, worin ein Ladentisch und mehrere Gestelle mit Schiebladen standen. »Jemand hier?« rief der Sergeant laut und ermutigend. »Mylord!« schrie Tom. »Wo sind Sie?« »Hier, hier,« antwortete die Stimme des Bischofs. Nun wurde auch die letzte Thür im Handumdrehen geöffnet, und der Bischof erschien in dem von der Laterne ausgehenden Lichtstreifen. »Gott sei gepriesen, daß wir zur rechten Zeit gekommen sind,« sprach Tom, indem er die Hand des Bischofs ergriff und kräftig drückte, und Seine Lordschaft erwiderte den Druck von ganzem Herzen. Allerdings war seine Gefahr nicht so furchtbar gewesen, als er glaubte, und wenn er seinem Geschick auch ohne Zagen entgegengesehen hatte, so war er doch über seine Rettung erfreut. Alle drei lehrten nun nach Bow Street zurück, wo der Bischof seine Geschichte erzählte. »Nun, Mylord,« sagte der Inspektor, als der Bischof geendet hatte, »nächst der Hilfe der Vorsehung verdanken Sie Ihr Leben diesem jungen Herrn. – Sergeant, haben Sie dafür gesorgt, daß das Haus bewacht wird?« »Selbstverständlich,« entgegnete der Sergeant. »Mr. Finch,« sprach der Bischof, »ich wohne im Hause meiner Schwester, Mrs. Raimond, und würde mich Ihnen zu Danke verpflichtet fühlen, wenn Sie mich dahin begleiten wollten.« »Mit dem größten Vergnügen,« entgegnete Tom, und nun folgte eine abermalige Droschkenfahrt. Als sie am Ziele angelangt waren, wechselte der Bischof den Anzug, setzte sich sodann zu seinem Befreier und ließ sich die Geschichte der letzten Nacht erzählen. »Ihr Gesicht ist etwas entstellt,« sagte der Bischof, als Tom geendet hatte. »O, das hat nichts zu sagen,« erwiderte Tom. »Der Oberst ist ein sehr tüchtiger Boxer.« »Wollen Sie mich gütigst entschuldigen, wenn ich einen Brief schreibe?« fragte der Bischof. »Ganz gewiß,« entgegnete Tom, der sich über die Gelassenheit des Bischofs etwas wunderte. »In Anbetracht der Umstände,« sprach er bei sich, »könnte er etwas mehr Empfindung zeigen. Er strömt nicht gerade von Dankbarkeit über.« Inzwischen hatte sich seine Lordschaft an einen Schreibtisch gesetzt und angefangen, zu schreiben. Abgesehen vom Kratzen der Feder und vom Ticken einer auf dem Kamin stehenden Uhr herrschte für einige Minuten vollkommene Stille im Zimmer. »Seien Sie so freundlich, dies zu lesen, Mr. Finch, während ich den Umschlag überschreibe,« sprach der Bischof endlich. Etwas überrascht nahm Tom den dargereichten Brief und las: »Meine liebe Amalie! Ich würde Dir sehr zu Danke verpflichtet sein, wenn Du, sobald Du es einrichten kannst, mit Lucy nach London zurückkehrtest. Diese Bitte wird Dir wahrscheinlich überraschend kommen, allein ich habe mich entschlossen, der Verlobung Lucys mit Mr. Finch nicht länger im Wege zu stehen. Mr. Finch hat sich, wie Du Lucy sagen kannst, in einer Angelegenheit, die meine Wohlfahrt sehr nahe anging, mit einem so hervorragenden Pflichtbewußtsein als Staatsbürger und dabei auch mit bewundernswertem Mute benommen, daß ich es nicht leicht finde, meine Meinung über sein Verhalten auszusprechen. Bitte, teile mir auf telegraphischem Wege mit, daß Du diesen Brief erhalten hast und wann ich Dich und Lucy hier erwarten darf. Dein Dich liebender Bruder Hubert.« Schweigend mit dem raschelnden Blatt in der Hand stand Tom da. Der Bischof nahm es wieder an sich, steckte es in den Umschlag und klingelte. »Besorgen Sie dies sofort zur Post,« befahl er dem eintretenden Diener. Dann wandte er sich nach Tom um und streckte ihm die Hand entgegen. »Ein für allemal, Mr. Finch,« sprach er, »ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank, und ich ... ich möchte hinzufügen, daß ich nicht ganz ohne Einfluß bin. Es wird mir eine große Freude sein, von diesem Einfluß, wo es immer möglich ist, zu Ihren Gunsten Gebrauch zu machen.« »Und ich werde ebenfalls mein Bestes thun, vorwärts zu kommen,« erwiderte Tom, der angesichts der ungeheuren Veränderung der Sachlage seine Fassung noch nicht ganz wiedergefunden hatte. »Ich fürchte, die Verletzung in Ihrem Gesicht ist etwas schmerzhaft, Mr. Finch,« sagte der Bischof. »O, das ist gar nichts,« antwortete Tom. »Man bemerkt es wohl, aber es sieht viel schlimmer aus, als es ist. In einem Faustkampfe lohnt es sich nicht der Mühe, das Gesicht des Gegners bunt zu malen. Wenn ich meine Zeit damit verschwendet hätte, würde mich der Oberst auf den Rücken gelegt haben.« »Was Sie sagen!« entgegnete der Bischof. »Haben Sie – hm – Erfahrungen in derartigen – hm – Zusammenstößen?« »Einigermaßen,« erwiderte Tom lächelnd, und das machte sein geschwollenes Gesicht so komisch, daß der Bischof laut lachen mußte. »Es würde eine Verleugnung meiner wahren Empfindungen sein,« sprach er, »wenn ich Bedauern über Ihre Tüchtigkeit in dieser Hinsicht aussprechen wollte, indessen –« »O, unter Freunden und im Spaß gibt es kein größeres Vergnügen,« versetzte Tom. »Nun ja, das mag sein,« antwortete der Bischof. »Können Sie sich so einrichten, daß Sie nächsten Donnerstag hier mit uns speisen? – Gut, dann will ich Ihnen jetzt gute Nacht sagen, lieber Freund, und vergessen Sie nicht, daß Sie das Recht haben, auf mich zu zählen.« Gab es im ganzen großen London wohl einen glücklicheren Menschen, als Tom, während er im Lichte der Gaslaternen und unter den funkelnden Sternen nach Hause wanderte? Und wer malt sein Entsetzen, als er, da der selige Donnerstag endlich gekommen war, fand, daß die Spuren von Varndykes Faust noch zu bemerken waren, und daß sein Gesicht aussah, wie ein Wasserspeier? Und wessen Verlegenheit kam der Toms gleich, als ihm Mrs. Raimond um den Hals fiel und öffentlich vor Rührung über ihn, als den Retter ihres lieben, lieben B–b–b–bruders schluchzte? Und wer war so schüchtern glücklich, wie derselbe Tom Finch, da Lucy im geheimen über ihn weinte, wobei sie die Arme um seinen Hals gelegt hatte und trotz all seines Widerspruchs darauf bestand, daß er ein Held sei?... * Unser Freund James hatte so lange vor dem Zimmer des Bischofs Wache gestanden, als er es für ratsam hielt. Darauf war er zu Roß gegangen. »Varndyke ist ausgerissen, und ich gehe auch,« sagte er, »Und Sie thäten gut, es ebenso zu machen. Ich habe mir die Sache überlegt, lieber Freund, und in der Einsamkeit Ihres kleinen Comptoirs ein Briefchen an einen Freund geschrieben. Sie müssen nämlich wissen, daß Seine Lordschaft mir in einer Droschke gefolgt war, und wenn in einigen Tagen eine so hervorragende Persönlichkeit wie ein Bischof vermißt wird, so wird sich der Droschkenkutscher, der ihn gefahren hat, der Sache und auch der Nummer des Hauses erinnern, Ihr Name steht groß und breit an der Thür. Diese Thatsachen müssen Sie im Auge behalten, mein lieber, guter Herr, und sich ins Unvermeidliche finden.« »Von was für einem Briefchen sprechen Sie denn?« fragte Roß stöhnend. »Eine kleine Mitteilung an einen meiner Freunde,« entgegnete James, »worin ich ihn benachrichtige, wo sich der Bischof gegenwärtig befindet, und wodurch ich ihn ersuche, denen, die es angeht, Nachricht zukommen zu lassen.« »Mann,« antwortete Mr. Roß, »das ist ein trauriges Ende einer geachteten Laufbahn.« »Mr. Roß,« erwiderte James ernst, »das ist Kriegsglück, und das muß jedermann hinnehmen. Freilich ist es nur ein Krieg zwischen Insekten, aber wir sind es uns doch selbst schuldig, daß wir etwas Mut zeigen. Wir sind Spitzbuben, Sie und ich, Mr. Roß, und wir können nicht erwarten, daß ehrliche Leute uns gern haben.« »Mensch,« rief Mr. Roß, »wollen Sie mich mit Ihrem albernen Geschwätz verrückt machen? Ich bin ein wohlbekannter Mann und kann mich nicht verkleiden oder verstecken. Ich bin verloren. Ich bin verloren!« »Nun,« versetzte James, »wir sind Kameraden gewesen, und wenn Sie wollen, können wir auch ferner Kameraden bleiben. Falls Sie sich meiner Führung anvertrauen wollen, werde ich mein Möglichstes thun, Sie in Sicherheit zu bringen. Sie werden den Vorschlag, den ich Ihnen machen will, vielleicht für eine Verletzung Ihrer Würde halten, aber ich versichere Ihnen, es ist durchaus nicht so gemeint.« »O!« rief Mr. Roß, »ich denke nicht an meine Würde.« »Diese Versicherung,« fuhr James fort, »macht mir Mut, zu sprechen. Sie sind ohne Ausnahme der achtbarste Mann, den ich kenne, und Sie würden für einen Herrn in meiner Stellung als vertrauter Kammerdiener von unermeßlichem Werte sein. Wenn Sie keinen Anstoß daran nehmen, für meinen Bedienten und Begleiter gehalten zu werden, sollen Sie in vierundzwanzig Stunden in Sicherheit sein.« »Das ist ein guter Gedanke!« sprach Roß. »Das ist wirklich guter Gedanke!« »Dann reichen Sie mir die Hand,« erwiderte James. »Sie anhänglicher, treuer Diener! Meines Großvaters bescheidener, aber geschätzter Freund! Für den Augenblick zeigt uns das Glück ein finsteres Gesicht, aber Sie und ich lassen uns dadurch nicht schrecken.« Thatsächlich wurde die ehemalige Firma Roß, Varndyke H Mortimer in diesem Augenblick aufgelöst und die neue Firma Mortimer \& Roß ins Leben gerufen. Ihre Abenteuer harren noch des Chronisten. Lucy und Tom sind im gegenwärtigen Jahre 1898 glücklich verheiratet, und Tom hat einen bescheidenen Anfang gemacht, als Rechtsanwalt emporzukommen.   Ende.